28  IL.  Kapitel  Über  Kartelle  und  Trusts  im  allgemeinen.

man  sich  darauf,  daß  der  Produktionsüberschuß  auf  dem  Inlandsmarkte
  sowieso  nicht  abgesetzt  werden  könnte.  Falls  die  Fabriken
ihre  vollständige  Produktionsfähigkeit  nicht  ausnützten,  würden
die  Produktionskosten  derart  steigen,  daß  die  Inlandspreise  noch
höher  wären  als  die  jetzigen.  Das  Zeugenverhör  der  Industrial
Commission  hat  auch  gezeigt,  daß  von  den  Trusts  unabhängige
Fabrikanten  und  sogar  die  Konkurrenten  derselben  ebenfalls  den
billigen  Export  als  Lebensbedürfnis  der  Industrie  betrachtet  und
auch  ausgeübt  haben.

Zweifellos  ist  der  billige  Export  eine  Folge  der  Zusammenwirkung
  von  Schutzzoll  und  Kartell:  ohne  Kartell  kann  der
billigere  Export  nicht  bestehen,  denn  infolge  der  Konkurrenz
sinken  die  Inlandspreise  auf  das  Niveau  der  Auslandspreise  herunter;
  in  Ermangelung  des  Schutzzolles  aber  —  abgesehen
von  dem  Fall  eines  tatsächlichen  Monopols  oder  übermäßiger
Transportkosten  —  wird  die  ausländische  Konkurrenz  die  Preise
herunterdrücken.  Wegen  der  ausländischen  billigen  Preise  wurden
die  Kartelle  öfters  angegriffen.  Vielfach  wird  behauptet,  das
Kartell  schraube  die  Inlandspreise  in  die  Höhe  und  verderbe  die
Auslandspreise,  schädige  hiermit  die  inländischen  Konsumenten
empfindlich  und  verschiebe  die  wirtschaftliche  Bilanz  zu  Gunsten
des  Auslandes.  Gegen  die  Angriffe,  welche  sich  im  Laufe  der
deutschen  und  amerikanischen  Enquete  öfters  wiederholten,  hat
insbesondere  Liefmann  Stellung  genommen  und  betont,  daß  nicht
der  ausländische  niedere,  sondern  der  inländische  hohe  Preis  es
sei,  der  den  Kartellen  zur  Last  fällt.  Seiner  Ansicht  nach  ist  es
eine  irrige  Auffassung,  daß  das  Kartell  durch  künstliche  Erzeugung
  einer  Warenknappheit  die  Preise  in  die  Höhe  treibt.  Monopolistische
  Organisationen  bedürften  dieser  Mittel  nicht,  denn  sie
könnten  ja  ohne  Rücksicht  auf  die  Nachfrage  ihre  Preise  bestimmen.

Allerdings  wird  durch  die  künstliche.  Erhaltung  schwacher
Unternehmungen  die  Produktion  und  das  Quantum  des  Exportes
gesteigert;  die  Steigerung  des  Exportes  ist  jedoch  nicht  ein  Mittel
zur  Erzeugung  der  Warenknappheit  und  Preiserhöhung,  sondern
umgekehrt,  die  Folge  des  hohen  Preises  und  der  Überproduktion.

Tritt  in  irgend  einer  Industrie  das  Stadium  der  Überproduktion
  ein,  so  ist  der  billige  Verkauf  auch  vom  privatrechtlichen
Standpunkt  weniger  schädlich  als  die  Einschränkung  oder  Einstellung
  der  Produktion,  wodurch  die  in  den  Betrieb  investierten