34  L  Kapitel.  Über  Kartelle  und  Trusts  im  allgemeinen.

in  engem  Zusammenhang  stehende  Industrie  (insbesondere  die
Mühlen-  und  Holzindustrie)  dadurch  leiden  würde,  daß  ihr  Absatz
  nach  Österreich  erschwert  wäre,  wie  dies  insbesondere
Matlekovics  hervorhebt.

Im  Falle  eines  selbständigen  Zollgebietes  würden  die  ungarischen
  Kartelle  eine  ganz  neue  Entwicklung  erfahren.  Für  die
rein  ungarischen  Kartelle  würde  das  selbständige  Zollgebiet  eine
Befreiung  von  der  österreichischen  Konkurrenz  bedeuten.  In
jenen  Industriezweigen,  in  welche  die  österreichischen  Kartelle
die  ungarische  Industrie  bis  heute  nicht  aufgenommen  haben,
könnten  neue  selbständige  Kartelle  gegründet  werden.  Schließlich
würde  das  selbständige  Zollgebiet  auch  denjenigen  Industrien
zu  gute  kommen,  in  denen  derzeit  gemeinsame  Kartelle  existieren,
  denn  Ungarn  müßte  nicht  den  Kartellnutzen  mit  Österreich
  teilen  und  wäre  nicht  gezwungen,  der  größeren  Produktionsfähigkeit
  der  österreichischen  Industrie  Opfer  zu  bringen  und
hierdurch  seine  eigene  Produktionserweiterung  d.  h.  seine  eigene
industrielle  Entwicklung  einzuschränken.

Ein  selbständiges  Zollgebiet  würde  demnach  voraussichtlich  —
in  Ermangelung  von  gesetzlichen  Repressivmaßregeln  —  für
Ungarn  einen  Aufschwung  der  Kartellierung  verursachen.  Ob
diese  Entwicklung  für  Ungarns  Industrie  und  im  allgemeinen  für
seine  wirtschaftliche  Existenz  günstig  oder  wünschenswert  wäre,
ist  eine  andere  Frage.  Gegenüber  Österreich  würde  die  Lage
seiner  Industrie  sich  derart  gestalten,  daß  den  zwei  Zollgebieten
entsprechend  zwei  Kartellgebiete  einander  gegenüberstünden.
Das  Österreichs  mit  der  Überlegenheit  seiner  entwickelten
Industrie  und  mit  seiner,  den  Absatz  bedeutend  übersteigenden
Produktion,  die  derzeit  von  Ungarn  konsumiert  wird;  das  andere
Kartellgebiet  mit  einer  halbentwickelten  Industrie  und  mit  einem
Konsumentenpublikum,  das  an  den  Ankauf  ausländischer  Produkte
  gewöhnt  ist.  Falls  eine  Konkurrenz  dieser  zwei  Kartellgebiete
  entsteht,  wäre  Ungarn  augenscheinlich  der  schwächere
Teil;  und  Österreich  müßte  gezwungenerweise,  um  nicht  durch
seine  eigene  Überproduktion  erdrückt  zu  werden,  in  einem
Export  zu  Schleuderpreisen  Rettung  suchen,  um  den  ungarischen
Markt  auch  auf  Kosten  von  Verlusten  beizubehalten.  Dieses
Entwicklungsstadium  tritt  notwendig  überall  ein,  wo  der
Markt  einer  Industrie  plötzlich  knapper  wird.  Und  die  Politik