84  IH.  Kapitel.  Die  Kartell-  und  Trustbewegung.

gestellt  werden  konnten.  Die  meisten  Syndikate  fallen  auf  die
Montan-,  Eisen-  und  Metallindustrie,  auf  die  chemische  und
Textilindustrie.  Bei  letzteren  Industriezweigen  kann  jedoch  nicht
von  höheren  organisierten  Syndikaten,  sondern  eher  von  Preisvereinbarungen
  und  Produktionskontingentierungen  bezüglich  gewisser
  Waren  gesprochen  werden.

Die  dem  Reichstage  vorgelegte  Denkschrift  über  das
Kartellwesen  (1.  Teil)!)  enthält  eine  am  30.  September  1905  abgeschlossene
  ausführliche  Kartellstatistik,  welche  385  kartellähnliche
  Vereinbarungen  umfaßt.  Die  Syndikate  werden  nach
Industriezweigen  in  folgende  ı5  Gruppen  eingeteilt:  Kohlenindustrie
  ı9  Verbände,  Eisenindustrie  62,  Metallindustrie  ıı,
chemische  Industrie  46,  Textilindustrie  31,  Leder-  und  Kautschukwarenindustrie
  6,  Holzindustrie  5,  Papierindustrie  6,  Grlasindustrie
10,  Ziegelindustrie  ı32,  Industrie  der  Steine  und  Erden  27,  Tonwarenindustrie
  4,  Nahrungs-  und  Genußmittelindustrie  ı7,  Elektroindustrie
  2,  sonstige  7.

Diese  385  Syndikate  vereinigen  beiläufig  12000  Betriebe.
Die  gegenwärtig  bestehenden  Verbände  sind,  abgesehen  von
einigen  Vereinigungen  (Weißblechsyndikat,  Kalisyndikat,  Bromkonvention),
  seit  1880  begründet  worden.  Bis  1895  nimmt  die
Bewegung  allmählich  und  gleichmäßig  zu.  Von  da  ab  ist  die
Zahl  der  Kartelle  im  raschen  Steigen  begriffen  und  im  Jahre  1904
übersteigt  die  Zahl  der  in  diesem  Jahre  begründeten  Verbände
die  der  bisher  bestandenen.

In  folgendem  geben  wir,  der  Gruppierung  der  Denkschrift
folgend,  eine  kurze  Übersicht  der  deutschen  Kartellbewegung.?)

A)  Das  wichtigste  deutsche  Kartell  ist  das  Rheinisch-W  estfälische
  Kohlensyndikat,  dessen  Ursprung  bis  auf  die  1870er
Jahre  zurückgeleitet  werden  kann.  Wie  überall,  so  trachtete
man  auch  hier  anfangs  mit  loseren  Konventionen  die  Übel  der
Überproduktion  zu  beseitigen,  welche  sich  jedoch  als  ungenügend

2)  Denkschrift  über  das  Kartellwesen  (I.  Teil)  nebst  einem  Anlageband,  dem  Reichstage
  (II.  Legislatur-Periode  ;  II.  Session  1905/1906)  vorgelegt  am  28.  November  1905.

7)  Bei  dieser  Zusammenstellung  haben  wir  das  Hauptgewicht  darauf  gelegt,  die
durch  die  bisherigen  eingehenden  Forschungen  gelieferten  Daten  zusammenzufassen,
Selbstverständlich  bilden  die  Protokolle  der  kontradiktorischen  Verhandlungen  und
der  erste  Teil  der  Denkschrift  die  Grundlage.  Deshalb  sind  auch  eingehender  bloß
diejenigen  Kartelle  berücksichtigt,  über  welche  bereits  verhandelt  wurde;  unsere
Darstellung  bietet  eine  Zusammenfassung  und  Auszug  der  Verhandlungen.