$  ı2.  Österreichisch-ungarische  Kartelle.  109

triebseinrichtungen  verbessern  konnten.  Allerdings  waren  auch
Reibungen  mit  dem  österreichischen  Kartell  nicht  immer  zu  vermeiden.
  Die  Spannung  hat  im  Jahre  ı900  sich  zu  einem  förmlichen
  Kartellkrieg  entwickelt,  der  nach  2jährigem  Kampfe  durch
Abschluß  eines  neuen  Kartellvertrags  beendet  wurde.  Die  Geschichte
  dieses  höchst  interessanten  Kartellkampfes  ist  folgende:
Die  Hernadthaler  Eisenindustrie-Aktiengesellschaft  hat  mit  einem
Aktienkapital  von  ıo  Millionen  Kronen  ein  bedeutendes  Eisenwerk
  gegründet  und  wollte  ihre  Aufnahme  in  das  Kartell  auf
dem  Wege  einer  forcierten  Konkurrenz  erzwingen.  Dies  ist
nicht  gelungen,  die  (Gresellschaft  selbst  arbeitete  sogar  mit
empfindlichem  Verlust.  Diese  Sachlage  hat  die  Rimamuränyer
Aktiengesellschaft,  das  größte  ungarische  Eisenwerk,  zur  Erweiterung
  seines  Machtkreises  benützt,  indem  es  die  Aktien  der
Hernadthaler  Gesellschaft  ankaufte.!)  Jedoch  selbst  nach  diesem
Vorgang  wurden  die  Erzeugnisse  der  Hernadthaler  Gesellschaft
zu  billigen  Preisen  nach  Österreich  exportiert.  In  diesem  Vorgehen
  der  Rimamuränyer  Aktiengesellschaft  hat  das  österreichische
Kartell  eine  kontraktswidrige  Handlung  erblickt  und  hielt  sich
für  gezwungen,  den  Preis  herabzusetzen  und  schließlich  das
Kartell  am  20.  Oktober  1900  zu  kündigen.  Gleichzeitig  hat
auch  die  österreichische  Staatsbahngesellschaft  als  Eigentümerin
der  Eisenwerke  Resicza  das  ungarische  Schienenkartell  gekündigt.

Die  Preisreduktion  wurde  von  den  österreichischen  Eisenwerken
  begonnen,  die  in  Budapest  Stabeisen  für  ı8  Kronen  anbieten
  ließen.  Im  Laufe  des  weiteren  Konkurrenzkampfes  sind
die  Preise  der  Träger  auf  ı7  Kr.  die  der  Bleche  auf  23  Kr.
gesunken,  was  beiläufig  den  deutschen  Eisenpreisen  entspricht,
während  unter  normalen  Verhältnissen  die  österreichisch-ungarischen
  Preise  infolge  des  Zollsatzes  um  5—8  Kronen  höher  sind.?)

Nach  langwierigen  Unterhandlungen  wurden  endlich  beide
Kartelle,  so  das  österreichische,  wie  das  ungarische,  im  Jahre
I90o2  erneuert  und  im  Mai  desselben  Jahres  ist  auch  eine  Ver-1)

  Zur  selben  Zeit  hat  die  Rimamuränyer  Aktiengesellschaft  sämtliche  Aktien
der  Biechfabrik  „Union“  angekauft,  um  sich  der  Konkurrenz  dieser  Aktiengesellschaft,
die  zu  billigem  Preise  lieferte,  zu  entledigen.

7)  Die  Wirkung  des  Konkurrenzkampfes  ist  auch  aus  der  Preisnotierung  der
Rimamuränyer  Aktien  ersichtlich.  Die  Preisnotierungen  betrugen  (I.  Januar):  im
Jahre  1899  665  K.,  1900:  479.50K.,  1901:  468  K.,  1902:  468  K.,  1903:  485.56  K.,
1904:  502  K.,  1905:  519.50  K.