$  ı2.  Österreichisch-ungarische  Kartelle.  119

Das  Zuckerkartell  hat  sich  nach  seinem  Ablauf  am  30.  Oktober
  ı902  infolge  der  Brüsseler  Zuckerkonvention  nicht  erneuert,
  und  nur  Verkaufsbureaus  setzten  ihre  Wirksamkeit  resp.
die  Abwickelung  ihrer  Geschäfte  fort;  so  das  „Zentralverkaufsbureau
  der  Chropiner  Zuckerfabrik-Aktiengesellschaften  für  Zuckerverkäufe
  der  österreichischen  Zuckerraffinerie“  und  das  Verkaufsbureau
  von  40  ungarischen  Zuckerraffinerien.  Es  treten  jedoch
bereits  Bestrebungen  zutage,  die  einen  neuen  Zusammenschluß
der  Interessenten  bezwecken.

Die  statistischen  Daten  der  Zuckerproduktion  und  des  Zuckerexportes
  beweisen  zweifellos  die  rasche  Entwicklung  der  ungarischen
  Zuckerindustrie.  So  betrug  die  Zuckerproduktion  Ungarns  in
der  Kampagne  1894/95  1083473  Meterzentner,  in  der  Kampagne
1901/1902  2920555  Meterzentner;  nach  Abschluß  der  Brüsseler
Konvention  zeigt  die  Produktion  eine  sinkende  Tendenz  und  beträgt
  in  der  Kampagne  1904/1905  2090000  Meterzentner.  Der
Zuckerexport  des  gemeinsamen  Zollgebietes  erreichte  im  Jahre
1901  seinen  Maximalbetrag  mit  beiläufig  7  000000  Meterzentner
im  Werte  von  176000000  Kr.,  woran  Ungarn  mit  26,22°/,  beteiligt
  war.  Der  Brüsseler  Konvention  ist  es  zuzuschreiben,  daß
im  Jahre  1904  bereits  nur  5  Millionen  Meterzentner  exportiert
wurden.

Die  Wirkung  des  Zuckerkartells  und  seiner  Schicksale
auf  die  Preisbewegung  veranschaulicht  nachstehende  graphische
Zeichnung  (Tafel  II  auf  S.  ı20).  Die  unterste  Linie  zeigt  den  Preis
der  zur  Produzierung  eines  Meterzentner  Zucker  nötigen  Rübe.!)
Die  Differenz  des  Rohzuckers  (Notierung  Außig)  und  des  Rübenpreises
  mit  Abzug  der  Produktionskosten  ergibt  den  Reingewinn
der  Rohzuckerfabrikanten.  Die  Differenz  zwischen  Rohzuckerund
  Zuckerraffiinade,  die  sog.  Spannung,  zeigt  den  Bruttogewinn
der  Zuckerraffinerie.

Die  Untersuchung  der  Preisbildung,  der  Exportverhältnisse
und  des  Konsums  weist  darauf  hin,  daß  die  Zuckerkartelle  ihre
günstige  Lage  in  vielen  Richtungen  mißbrauchten,  und  ihre

1)  Dieser  ändert  sich  selbstverständlich  nach  dem  Zuckergehalt  und  dem  Preis
der  Rübe,  so  daß  diese  Ziffer  durch  Multiplikation  des  jährlichen  Rübenpreises  und
Zuckerinhaltsprozentes  gewonnen  wurde.  Im  Durchschnitt  sind  7'/,  Meterzentner
Rüben  zur  Produktion  von  ı  Meterzentner  Rohzucker  nötig.  Da  der  Rübendurchschnittspreis
  2.10  K.  per  ı  Meterzentner  beträgt,  gewinnen  wir  einen  Durchschnittseinheitspreis
  von  15.75  K.  (Die  Preise  schwanken  zwischen  14'/),—ı8  Kronen).