8  ı2.  Österreichisch-ungarische  Kartelle.  131

der  ausländischen  und  hauptsächlich  der  amerikanischen  Konkurrenz
  wurde  das  Aktienkapital  der  Ersten  Pester  Spodiumund
  Leimfabrik  A.-G.  in  der  Generalversammlung  vom  27.
März  ı903  durch  Emission  von  5000  Stück  Aktien  auf  3000000  Kr.
erhöht  und  die  Aktien  der  fünf  mit  ihr  konkurrierenden  ungarischen
  Fabriken  angekauft.

Unter  diesen  stellte  die  Temesvarer  und  Pozsonyer  Fabrik
den  Betrieb  ein;  die  erstere  wegen  ihres  veralteten  Systems
letztere  wegen  Mangels  an  Rohmaterial.  (Auch  das  erinnert  an
das  Vorgehen  der  Trusts.)  In  Betrieb  blieben  bloß  die  Budapester,
Fiumaner  und  Liptöszentmiklöser  Fabrik.  Zu  demselben  Zwecke
wurde  die  Wiener  Aktiengesellschaft  für  chemische  Industrie
  gegründet,  die  mit  einem  Aktienkapital  von  14000000  Kr.
ı9  ähnliche  österreichische  Fabriken  ankaufte!),  welche  jährlich
120000  Meterzentner  produzierten.  Beide  Aktiengeselischaften
schlossen  sodann  ein  Kartell.  Die  Aktionäre  der  ungarischen
wie  der  österreichischen  Aktiengesellschaft  sind  abrigens  dieselben,
so  daß  diese  Gesellschaften  auch  durch  die  Interessengemeinschaft
miteinander  verknüpft  sind  (community  of  interest).  Die
Wiener  Zentralstelle  kollationiert  die  Preise,  stellt  den  Schlüssel
der  Materialbeschaffung  und  der  inländischen  Lieferungen  fest
und  zwar  im  Verhältnis  von  ?/,  für  Ungarn,  ®/,  für  Österreich.
Der  Export  ist  frei,  jedoch  infolge  des  hohen  Zolles  besonders
nach  Rußland  und  Rumänien  erschwert;  der  englische  und
französische  Markt  ist  hingegen  offen,  da  die  Ware  daselbst  zollfrei
  ist.?)

Vor  der  Fusion  im  Jahre  1903  bestanden  Kartellübereinkommen
  aus  dem  Jahre  1898.

Der  Preis  für  Leim  betrug  vor  dem  Jahre  1898  65—70  Kr.,
von  1899—1902  60  Kr.,  seit  April  1903  (seit  der  Vereinigung)
55  Kr.

Der  Preis  des  Rohmaterials,  der  Knochen,  schwankt  zwischen
6,20  und  6,80  Kr.  Durchschnittlich  wird  aus  6  Meterzentner
Knochen  ı  Meterzentner  Leim  hergestellt.?)

1)  Die  Statuten  der  Gesellschaft  bezeichnen  die  Herstellung  chemischer  Produkte
und  die  finanzielle  Beteiligung  an  ähnlichen  Unternehmungen  als  ihren
Zweck.

N)  Der  Importzoll  in  Österreich-Ungarn  beträgt  4  Gulden  in  Gold.

9)  Das  Knochenkartell  siehe  unter  den  internationalen  Kartellen.

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