$  21.  Die  Wirkung  der  Kartelle  und  Trusts  auf  die  Stellung  der  Arbeiter.  209

Selbstgefühl  hat,  welches  nichts  beschämender  und  erniedrigender
findet  als  das  Geständnis,  so  unbeholfen  zu  sein,  um  nicht  einmal
sein  tägliches  Brot  zu  verdienen.  Es  wird  demnach  für  die  Trusts
ebensogut  wie  für  die  europäischen  Kartelle  behauptet  werden
können,  daß  sie  Arbeiterkrisen  zu  verschärfen,  ja  heraufzubeschwören
  vermögen.  Ja  sie  müssen  es  sogar,  wenn  sie  ihre
Funktion,  nämlich  die  Anpassung  des  Angebots  an  die  jeweilige
Nachfrage  und  die  Beseitigung  oder  wenigstens  Milderung  der
Krisen,  erfüllen  wollen.  Wie  wir  noch  eingehender  sehen  werden,
geschieht  dies  eben  durch  Einschränkung  der  Produktion  und
Ersparnisse  an  Produktionskosten,  um  eine  Überfüllung  der  Warenvorräte
  verhüten  und  eine  mäßige  Preisreduktion  durchführen  zu
können.  Die  Krise  wird  jedoch  hierdurch  nur  teilweise  beseitigt,  teilweise
  aber  auf  die  Arbeiter  abgewälzt.  Die  Produktionseinschränkung
  bedingt  die  Entlassung  einer  Anzahl  von  Arbeitern  und  verschlechtert
  dadurch  den  Stand  des  Arbeitermarktes.  Greschieht
die  Entlassung  massenhaft,  zufolge  Einstellung  ganzer  Betriebe,
so  ist  eine  schwere  Krise  kaum  zu  vermeiden;  geht  sie  aber  langsam
  vor  sich,  so  wird  zwar  ein  weniger  fühlbarer,  aber  um  so
anhaltenderer  Druck  auf  die  Löhne  ausgeübt.  Allerdings  muß
im  allgemeinen  all  dies  Übel  noch  geringer  bezeichnet  werden,
als  wenn  eine  allgemeine  Geschäfts-  oder  Industriekrise  das  jähe
Untergehen  von  ganzen  Unternehmungen  verursacht);  doch
könnten  eventuell  Wege  gefunden  werden,  die  den  durch  derartige
Entlassungen  verursachten  Schaden  wenigstens  teilweise  auf  die
Unternehmer  oder  durch  diese  auf  die  Konsumenten  zurückwälzen,
und  vollends  gerechtfertigt  ist  das  Postulat,  daß  die  schweren
Folgen  von  Massenentlassungen  nicht  ausschließlich  durch  die
Arbeiter  getragen  werden.?)

Allerdings  scheint  es,  daß  der  Arbeiter  sich  in  günstigen
Zeiten  leichter  zum  Verlassen  seiner  Anstellung  als  der  Arbeitgeber
  bei  ungünstiger  Konjunktur  zur  Entlassung  von  Arbeitern
entschließt.  Nach  Groetzke®)  weist  das  Verhältnis  der  angestellten
und  entlassenen  Arbeiter  auf  dem  Gebiet  des  Knappschaftsvereins
zu  Bochum  folgende  Zahlen  auf:

!)  Vergl  Landesberger  a.  a.  O.  S.  343,  344.
9)  Vergl.  Klein  a,  a.  O.  S.  494.
®)  Das  Rheinisch-westfälische  Kohlensyndikat,  Essen  1905,  S.  136.

Baumgarten-Meszlöny.  14