330  VI.  Kapitel.  Vorschläge  zur  Lösung  des  Problems.

die  Verhinderung  unberechtigter  Preissteigerungen.  Als  Mittel
wurden  bald  die  Nichtigkeit  der  preissteigernden  Kartellvereinbarungen!),
  bald  die  Entziehung  staatlicher  Begünstigungen  ?),
bald  eine  schwere  Besteuerung  der  großen  Industrieunternehmer,
bald  die  Herabsetzung  der  Schutzzölle®),  bald  der  Ausschluß  der
Kartelle  von  öffentlichen  Submissionen*),  bald  die  Einschränkung
des  Unternehmergewinnes?),  bald  die  Enteignung  des  ganzen
Industriezweiges®)  und  andere  unzählige  Reformen  postuliert.  Die
meisten  dieser  Vorschläge  scheitern  an  dem  einen  Punkt,  welcher
bisher  nicht  unschädlich  zu  machen  war,  daß  nämlich  jede  Belastung
  der  kartellierten  Industrie  im  Endergebnis  den  Konsumenten
  bedrückt;  denn  solange  das  Kartell  sich  im  Besitz  des
Monopols  befindet,  überwälzt  es  die  Belastung  in  der  Form  einer
Preiserhöhung  auf  das  konsumierende  Publikum.

Die  Reformvorschläge  dürften  demnach  nicht  so  sehr  die
Belastung  der  kartellierten  Industrie  als  die  Erhöhung  der  Kaufkraft
  des  Konsumenten  vor  Augen  halten.  Gelingt  dies,  so  ist
derselbe  wirtschaftliche  Zweck  auf  eine  der  Allgemeinheit  günstigere
Weise  erreicht,  denn  es  wird  die  Staatsgewalt  nicht  gezwungen,
mit  der  einen  Hand  zu  zerstören,  was  sie  mit  der  andern  schuf.
Vielmehr  wird  es  ihr  möglich,  die  in  den  letzten  Jahrzehnten  so
weit  vorgeschrittene  Industrieschutzpolitik  mit  derselben  Energie
weiter  zu  verfolgen  und  den  Konsumenten  doch  dieselbe  wirtschaftliche
  Lage  zu  sichern,  als  fände  eine  allgemeine  Preisermäßigung
  statt.  Die  Belastung  der  Großindustrie  wird  hierbei
allerdings  nicht  zu  vermeiden  sein;  doch  sie  wird  nicht  als  eine
industriefeindliche  Repressivmaßregel  erscheinen,  sondern  als  bloßes
Mittel  zur  Herbeischaffung  der  Kosten  der  Reform  und  wird  sich
eben  deshalb  zwischen  den  hierdurch  gezogenen  mäßigen  Grenzen
bewegen.

1)  So  Kleina.a.  O.  Bd.  III  S.  314;  Hirsch  aa  O.  S.  ı2;  Boyens
a.  a.  O.  Bd.  III  S.  331.

T)  Liefmanna,a,  OÖ.  S.  197;  Grunzela.  a.  0.  S.  ı71ı.

®)  So  die  Handelskammer  zu  Kiel,  in  ihrem  Bericht  1901,  S.  72;  Pohle
a.2.0.S.  128;  Grunzela.a.0.S.67;  Hitschmann  a.2.0.S.  14;  Eberstadt
  a.a.O.S.  30;  Lotz  a.a.0O.  S.  27.  Vergl.  auch  „Nation“,  1902  S.  713;
Bericht  des  Deutschen  Reichstages,  X.  Legislaturperiode,  2.  Session,  207.  Sitzung.

*%  Poble  aa.  O.S.  129;  Grunzela  a.  O.  S.  270.

)  May  a.a.  O.S.  57.

©)  Liefmanna.a.  O.  S.  196;  Hückinghausa.  a.  O.S.  29,