46

Die  Regelung  des  Lebensmittelverkehrs.  Dieser  Unter—
schiedlichkeit,  nicht  jener  Gleichheit  sind  die  ersten  Kriegsmaßz—
nahmen  angepaßt  gewesen.  Bei  den  Lebensmitteln  gab
man  sich  im  Anfang  des  Krieges  dem  Gefühl  der  Sicherheit
hin,  daß  der  Kampf  nicht  lange  dauern  würde  und  daß  Lebensmittel
  völkerrechtlich  nicht  Kriegskonterbande  wären,  die  Mengenzufuhr
  erschien  also  völlig  gesichert.  Andererseits  machte  sich  bald
geltend,  daß  allein  schon  durch  die  Steigerung  der  Seefracht  und
durch  die  Störungen,  welche  der  Handel  überhaupt  erlitt,  starke
Preiserhöhungen  eintraten.  Dies  wurde  umso  unlsebsamer  empfunden,
  als  gerade  in  den  ersten  Wochen  des  Krieges  bei  weiten
Schichten  der  Bevölkerung  das  Einkommen  beträchtlich  herunterging.
  Da  erscholl  zuerst  der  Ruf  nach  einer  Preisregelung,
man  wollte  den  Handel  aus  der  Funktion  der  Preisbildung  ausschalten.
  Dem  wurde  dann  durch  die  Festsetzung  der  Höchstpreise
nachgegeben,  während  man  die  Mengenfrage  zunächst  ohne  Regelung
  und  deshalb  den  Handel  als  Mengenverteiler  unbehelligt  ließ.

Allerdings  machte  sich  von  Anfang  an  eine  Strömung  geltend,
welche  umgekehrt  in  erster  Linie  die  Mengenfrage  betont  sehen
wollte,  sie  forderte,  daß  man  die  Preisbildung  freiließe,  um  durch
das  Hochgehen  der  Preise  den  Konsum  der  Lebensmittel  an  die
erwartete  Einfuhrminderung  anzupassen.  Das  Ziel  war  damit
richtiger  erkannt  als  bei  fener  ersten  Strömung,  aber  der  Weg
wäre  verhängnisvoll  geworden.  Diese  zweite  Forderung  ließ  nämlich
ganz  außer  acht,  daß  der  Konsum  an  Lebensnotwendigkeiten  —  wie
oben  bereits  dargelegt  —  in  seiner  Größe  zunächst  nicht  von  den
Preisen  maßgeblich  bestimmt  wird,  sondern  vom  physiologischen
Nahrungsbedürfnis.  Man  hätte  also  das  zu  erstrebende  Ziel  einer
starken  Konsumeinschränkung  nur  dann  erreichen  können,  wenn  die
Preise  so  hoch  getrieben  worden  wären,  daß  vom  Einkommen  der
großen  Masse  unseres  Bolkes,  auch  nach  Vortfallen  aller  einigermaßen
  entbehrlichen  Bedürfnisse,  nicht  mehr  genug  zur  Deckung
des  Nahrungsbedarfs  übrig  blieb,  während  gleichzeitig  die  gut
gestellten  Schichten  sich  kaum  einer  Einschränkung  in  ihrer  Ernährung
zu  unterwerfen  brauchten  —  ein  Zustand,  der  nicht  nur  in  der  Zeit
des  Krieges,  wo  alle  für  alle  einzustehen  haben,  sedem  sozialen
Empfinden  widersprochen,  der  auch  unsere  Kriegführung  sicherlich
sofort  lahmgelegt  hätte.  Irgendwie  handeln  mußte  man  also  schon.
Und  wieder  einmal  ergab  sich  die  Richtigkeit  des  alten  militärischen
Grundsatzes,  daß  falsch  handeln  besser  ist  als  garnicht  handeln.
Denn  die  Festsetzung  der  Höchstpreise,  die  sicherlich  ohne  gleichzeitige
  Regelung  des  Mengenproblems  ein  Fehler  war,  erwies  sich