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Er  hatte,  wie  wir  sahen,  unbekümmert  um  alle  handgreiflichen
Anzeichen  des  Gegenteils,  auf  Englands  dauernde  Neutralität  vertraut
  und  sah  sich  nun  in  allen  seinen  politischen  Zerechnungen
getäuscht.  Wir  haben  das  Seugnis  des  Großadmirals  von  Cirpitz,
der  damals  Staatssekretär  der  Marine  war,  dafür,  daß  er  unter  diesen
Umständen  völlig  den  Kopf  verlor  und  überhaupt  nicht  mehr  wußte,
was  er  zu  tun  habe;  da  er  außerdem  den  Kaiser  nur  mangelhaft
unterrichtet  hatte  und  dieser  während  der  entscheidenden  Wochen  auf
ausdrücklichen  Wunsch  des  Kanzlers  abwesend  war,  mußte  das
Deutsche  Reich  diese  schwersten  Tage  seiner  staatlichen  Eristenz
ohne  eigentliche  Leitung  verbringen.  Es  wurde  sogar  versäumt,
Jtalien,  mit  dem  man  doch  verbündet  war,  über  die  Sachlage
rechtzeitig  zu  unterrichten.  So  ist  es  auch  völlig  unverständlich,  aus
welchem  Grunde  man  RKußland  und  Frankreich  den  Krieg  erklärt!
hat.  Gegen  Rußland  beabsichtigte  man  überhaupt  zunächst  nicht
offensiv  zu  verfahren.  Daß  einige  Hatrouillen  sofort  über  die  Grenze
gehen  sollten,  ist  vom  Generalstabschef  direkt  geleugnet  worden.
Sudem  war  es  vollständig  überflüssig.  Die  französische  Grenze
sollte  zunächst  auch  nicht  überschritten  werden.  Daß  französischerseits
  einige  Grenzverletzungen  vorgekommen  waren,  konnte  man
einfach  totschweigen.  Man  erreichte,  nirgends  einen  Vorteil,  indem
man  gewohnheitsmäßig  den  Krieg  erklärte;  wohl  aber  gab  man
Italien  den  Dorwand,  uns  Deutsche  als  Angreifer  hinzustellen  und
daraufhin  seine  Mitwirkung  am  Kriege  zu  versagen.  Nötig  war  nur
eine  Kriegserklärung  gegen  Belgien,  und  die  war  in  aller  For
erfolgt.

Wie  man  übrigens  einen  Dormarsch  durch  Belgien  vorbereiten.
konnte,  ohne  anzunehmen,  daß  man  damit  England  auf  den  Hlan
rufen  werde,  bleibt  an  sich  unverständlich.  Jedem  Einsichtigen
mußte  es  klar  sein,  daß  man  Englands  Feindschaft  herausforderte,
wenn  man  Belgien  zum  deutschen  Vormarschgebiet  wählte.  Im
Aufmarsch  kam  das  jedenfalls  nicht  zum  Ausdruck.  Auf  Jtaliens
Neutralität  war  man  übrigens  gefaßt.  Es  hatte  schon  früher  mitgeteilt,
  daß  es  dem  Dreibund  nur  beitreten  könne,  wenn  England
den  Schutz  seiner  Wittelmeerküsten  übernehme.  Es  war  dann
trotzdem  beigetreten,  obgleich  die  englische  Flotte  in  der  Nordsee
konzentriert  wurde,  und  hatte  noch  im  Frühjahr  1914  versprochen,
im  Fall  eines  Krieges  Truppen  nach  Süddeutschland  zu  schicken;
doch  konnte  man  natürlich  nicht  wissen,  wie  weit  es  die  Verräterei
treiben  würde.  Hatte  doch  der  König  von  Ztalien  aus  freien
Stücken  dem  Kaiser  von  Ssterreich  mitteilen  lassen,  daß  er  die
Schwierigkeiten  Esterreich-Ungarns  nicht  zum  eigenen  Vorteil  ausnutzen
  würde.

Im  übrigen  entwickelte  sich  die  Lage  nun  äußerst  schnell.  Am
6.  August  trat  Esterreich-Ungarn  in  den  Kriegszustand  mit  Rußland,
  nachdem  es  schon  vorher  am  28.  Juli  an  Serbien  den  Krieg