22

ufer  vorgehen  würden.  Er  sollte  sich  in  allen  Punkten  verrechnet
haben  und  scheiterte  gerade  daran,  daß  einerseits  die  Deutschen,  wie
wir  sehen  werden,  auf  dem  nördlichen  Maasufer  sehr  viel  stärker
waren,  als  er  irgend  angenommen  hatte,  und  er  sich  von  ihnen  völlig
überraschen  ließ,  andererseits  die  3.  und  4.  Armee  trotz  ihrer  von
Joffre  selbst  zugegebenen  Hberlegenheit  platterdings  geschlagen
wurden.  «

Kür  einen  eventuellen  Rückzug  war  übrigens  so  weit  als  tunlich
gesorgt.

Der  französische  Vormarsch  war  so  angelegt,  daß  der  Armee  im
Falle  des  Mißerfolges  der  Rückzug  auf  Paris  unter  allen  Umständen
gesichert  blieb.  Allerdings  mußte  auch  die  englische  Armee,  wenn
sie  nicht  die  Gefahren  eines  Rückzuges  in  der  Richtung  auf  England
und  der  Trennung  von  den  Franzosen  auf  sich  nehmen  wollte,  in  der
gleichen  Richtung  zurückgehen  wie  diese.  Dafür  aber  mußten  die
Deutschen,  wenn  sie  zum  Rückzuge  gezwungen  wurden,  zwischen  der
holländischen  und  deutschen  Grenze  in  arges  Gedränge  kommen.  Auch
hoffte  man  zuversichtlich  auf  den  Sieg  der  Entente,  der  seit  Jahren
ausgezeichnet  vorbereitet  war,  und  schließlich  auf  die  russische  Dampfwalze,
  die  einen  deutschen  Dormarsch,  wenn  er  ja  eintreten  sollte,
nur  allzubald  zum  Stehen  bringen  und  den  ganzen  Derlauf  der
Kriegshandlung  ändern  mußte.

Rußland  hatte  mit  seiner  Mobilmachung  schon  viel  früher  angefangen,
  als  Deutschland  etwas  davon  erfuhr.  Auch  hatte  es  die
rasche  Versammlung  seiner  Armee,  wie  unserem  Generalstabe  wohl
bekannt  war,  in  zweckmäßiger  Weise  vorbereitet  und  damit  seinen
Aufmarsch  wesentlich  beschleunigt.  Man  war  daher  deutscherseits
auf  eine  anfängliche  Hreisgabe  Ostpreußens,  wie  wir  sahen,  durchaus
  gefaßt.  Dennoch  war  RZußland,  als  der  Krieg  ausbrach,  mit
seinem  Aufmarsch  viel  weiter  vorgeschritten,  als  man  allem  Anschein
nach  diesseits  annahm.  Auch  GEsterreich  war,  wie  wir  sahen,  dem
gleichen  Irrtum  verfallen.  Wie  stark  zudem  die  Russen  eigentlich
waren,  läßt  sich  nach  dem  heutigen  Stande  der  Cuellen  noch  gar
nicht  ũbersehen.  Jedenfalls  sind  sie  nach  Millionen  zu  zählen.  Sie
sollen  im  ganzen  an  die  12  Millionen  Mann  allmählich  unter  die
Waffen  gerufen  haben.

Der  russische  Aufmarsch  verfolgte,  den  politischen  Absichten  des
Reichs  entsprechend,  einen  doppelten  Sweck.  Die  Kauptkräfte  wurden
gegen  Esterreich  eingesetzt,  gegen  Ostpreußen  aber  wurden  zwei
Armeen  aufgestellt,  die  man  für  stark  genug  hielt,  die  in  dieser
Drovinz  versammelten  Kräfte  zu  schlagen.  Sie  wurden  geführt  von
General  von  Rennenkampf,  der  etwa  aus  der  Linie  Milna—Grodno
gegen  Königsberg  vorgehen,  und  vom  General  Samsonow,  der  über
Ortelsburg,  Reidenburg  und  Soldau  in  Cstpreußen  einfallen  sollte.
Die  ersse,  die  ZTjemen-Armee,  war  zusammengesetzt  aus  sechs  Armee-