67

2.  Armee  am  9.  September  überhaupt  nicht  angegriffen  worden  ist,
daß  der  linke  durchaus  siegreich  focht  und  kein  erkennbarer  Grund
vorliegt,  weshalb  der  rechte  Slügel  nicht  hätte  aus  dem  linken  verstärkt
  werden  können.  Ein  unmittelbarer  taktischer  Grund  zum  Rückzuge
  lag  jedenfalls  nicht  vor,  und  der  englische  Führer,  General
French,  hat  selbst  die  Ansicht  ausgesprochen,  daß  die  Deutschen  mit
Uberlegung  abgezogen  seien.

Trotzdem  hat  Oberstleutnant  Hentsch  den  Mut  gehabt,  den
Rückzug  bei  der  2.  Armee  zu  billigen,  ohne  den  Sustand  der  I.  Armee
aus  eigener  Anschauung  zu  kennen,  und  ihn  bei  der  1.  Armee  zu  befehlen,
  obgleich  er  hier  den  Sieg  vor  Augen  sah.  Formell  war  er
zweifellos  dazu  berechtigt.  Dielleicht  aber  wäre  es  richtiger  gewesen,
  alles  an  alles  zu  setzen  und  die  Marne  trotz  allem,  wenn
auch  im  Angriff,  zu  behaupten.  Dazu  aber  reichte  die  eigene  Suversicht
  offenbar  nicht  aus,  und  so  entschloß  man  sich  zum  Rückzug.

Man  mag  nun  über  diese  Frage  denken  wie  man  will:  darüber
jedoch  kann  man  sich  keinen  Augenblick  im  Sweifel  sein,  daß  mit  dem
efehl  zum  Rückzuge  eine  weltgeschichtliche  Entscheidung  getroffen  wurde.

Der  am  9.  gegebene  Befehl  hat  die  bisher  stets  siegreichen  deutschen
  Armeen  in  neue  Bahnen  gelenkt,  die  Deutschlands  Söhne  in
einem  neuen,  wenn  auch  nicht  weniger  glänzendem  CLichte  zeigen
sollte.  Die  Entscheidungsschlacht  wurde  abgebrochen  und  damit  die
Entscheidung  selbst  hinausgeschoben.  Waren  die  deutschen  Armeekorps
  bisher  stets  siegreich  vorgedrungen  und  konnten  hoffen,  unter
den  Mauern  der  feindlichen  Hauptstadt  den  Krieg  mit  einem  gewaltigen
  Schlage  wenigstens  zu  einem  gewissen  Abschluß  zu  bringen,
um  sich  dann  mit  ganzer  Kraft  gegen  Rußland  zurückzuwenden,  wie
es  ihr  Kriegsplan  wollte,  so  mußten  sie  jetzt  einem  neuen  Feldzuge
entgegensehen,  in  dem  man  gegen  Rußland  und  Frankreich  zugleich
Front  machen  mußte,  zu  einem  Kriege,  in  dem  auch  die  Engländer
ein  gewaltiges  Wort  mitzusprechen  haben  würden.

Niemand  konnte  für  seine  Führung  einen  festen  Plan  machen.
Männer  waren  nötig,  die  den  Augenblick  zu  nutzen  verstanden.  Die
neue  Lage  barg  unendlich  viele  Möglichkeiten.

Der  Zückzug  sollte  zunächst  mit  dem  rechten  Flügel  hinter  die
Aisne  gehen,  dort  hoffte  man  mit  Erfolg  wieder  Front  machen  zu
können.  Der  linke  Flügel  —  die  4.  und  5.  Armee  —  aber  sollte  in
seiner  vorgeschobenen  Stellung  zunächst  festgehalten  werden  und
sogar  die  Offensie,  wenn  möglich,  wieder  ergreifen.  Das  stellte  sich
aber  bald  als  unmöglich  heraus.  Der  linke  Flügel  mußte  begreiflicherweise
  zurückgehen,  weil  sich  der  rechte  nicht  behaupten  konnte,
wenn  er  auch  selbst  bisher  siegreich  gefochten  hatte.  Er  wäre  sonst
von  allen  Seiten  umfaßt  worden.

Bei  dem  ebenfalls  von  Derdun  aus  umfaßten  äußersten  linken
Flügel  des  deutschen  Angriffsheeres,  bei  der  5.  Armee,  war  die
Angriffsbewegung  trotz  der  ungeheuren  Schwierigkeit  der  Aufgabe