101
Nied  und  an  der  Saar  geschlagen  werden  sollte.  Aber  man  ging
noch  weiter.

Man  verbiß  sich  darauf,  in  die  sogenannte  „Troué  de  Charmes“
eindringen  zu  wollen,  um  auch  den  rechten  Flügel  der  Franzosen  zu
umfassen.  „Aus  der  großen  Umgehung  durch  Belgien  und  Nordfrankreich“,
  schreibt  General  der  Infanterie  von  Kuhl,  „sollte  nun
eine  Umfassung  rechts  und  links,  eine  Einkreisung  werden.  Sie  mißlang
  auf  beiden  Seiten.“  Am  eigenen  linken  Flügel  gelang  es
—  wie  vorauszusehen  war  —  nicht,  die  Cinie  der  französischen  Sperrbefestigungen
  zu  durchbrechen.  Man  legte  nur  eigene  Kräfte  fest,
ohne  feindliche  fesseln  zu  können.  Am  rechten  Flügel  aber  kam  man,
wie  wir  sahen,  viel  zu  schwach  vor  Haris  an,  um  an  eine  weite
Unigehung  denken  zu  können.  Man  wollte  zwar  die  französische
Armee  nach  Südosten  abdrängen,  aber  man  war  viel  zu  schwach,
um  zugleich  Haris  und  die  Engländer  am  Eingreifen  zu  verhindern.
So  kam  es,  daß  man  infolge  widerspruchsvoller  Befehlsgebung  auch
die  einzelnen  Armeen  zu  widerspruchsvollem  Handeln  verleitete,
sich  zum  Rückzug  entschließen  mußte  und  den  Feldzug  verloren  gab.
Man  hat  ferner  viel  zu  spät  daran  gedacht,  die  7.  Armee  aus
dem  Elsaß  auf  den  rechten  Flügel  heranzuziehen  und  sie  der  Angriffsarmee
  als  Flügelstaffel  folgen  zu  lassen.  Als  solche  hat  man  sie
überhaupt  nicht  verwenden  können,  wie  es  doch  dringend  nötig  gewesen
  wäre;  sondern  man  hat  sie  brauchen  müssen,  um  noch
im  letzten  Moment,  als  die  Franzosen  eigentlich  schon  durchgebrochen
waren,  die  Lücke,  die  zwischen  der  I.  und  2.  Armee  schon  vor  Haris
entstanden  war,  an  der  Aisne  auszufüllen  und  so  den  allgemeinen
Susammenbruch  zu  verhüten.  Nur  dem  äußersten  Heldenmut  der
Truppe  ist  es  zu  verdanken,  daß  das  überhaupt  gelang.  Auch  die
Kräfte  der  6.  Armee  sind  viel  zu  spät  auf  den  linken  Flügel  gezogen
worden.  Sbenso  hat  man  viel  zu  spät  erkannt,  daß  das  ganze
Schwergewicht  des  Feldzuges,  besonders  da  England  an  dem  Kricge
teilnahm,  auf  dem  rechten  Flügel  lag,  daß  alles  darauf  ankam,  diesen
so  stark  wie  möglich  zu  machen  und  den  Krieg  überhaupt  nach  dem
ursprünglichen  Schlieffenschen  Hlan  zu  gewinnen.  Man  hat  den  Feldmarschall
  nachzuahmen  gesucht,  aber  seinen  Geist  hatte  man  nicht
geerbt.  In  seinem  Sinne  zu  handeln,  das  war  der  deutschen  Obersten
Beeresleitung  nicht  gegeben.  Sie  ließ  sich  durch  Rebenrücksichten
von  der  logischen  Durchführung  des  Hauptgedankens  abwendig
machen,  unterschätzte  vollständig  die  Widerstandsfähigkeit  der  französischen
  Befestigungen  auf  deren  rechtem  Flügel  und  kam  schließlich
dazu,  den  wichtigsten  Friederizianischen  Grundsatz  zu  verletzten,  den
der  große  König  überall  durchgeführt  hat:  Wer  alles  decken  will,
deckt  nichts.

So  war  der  Feldzug  gründlich  verfahren  und  die  Masse  des
Reeres  in  falschen  Richtungen  verwendet,  als  General  von  Falkenhayn
  das  Kommando  übernahm,  und  man  kann  gewiß  nicht  leugnen,