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aber  hatte  nur  dann  eine  zweifellose  Berechtigung,  wenn  dieser
Vormarsch  im  Schlieffenschen  Sinne  unternommen  wurde.  Das  war,
nachdem  die  Gesamtoperation  einen  andern  Charakter  angenommen
hatte,  gewiß  nicht  mehr  der  Fall.  Solange  die  Offensive  in  Flandern
  einen  bestimmten,  wenn  auch  nur  beschränkten  Sweck  verfolgte,
  kann  man  noch  darüber  im  Sweifel  sein,  ob  es  nicht  zweckmäßig
  gewesen  wäre,  dieser  Offensive  zuliebe,  d.  h.  um  mehr-Truppen
  für  Flandern  frei  zu  machen,  sich  mit  der  VDerteidigung  auf
die  Rheinschranke,  die  Breuschlinie  und  den  Donon  zu  beschränken
und  das  übrige  Elsaß  dem  Feinde  preiszugeben;  nachdem  aber  die
Offensive  im  Westen  überhaupt  aufgegeben  war,  erscheint  eine  Derteidigung
  des  Dogesenkammes  durchaus  zweckmäßig.  Sie  fesselte
mehr  Truppen  des  Feindes,  als  man  selbst  zu  verwenden  brauchte,
und  schützte  deutsches  Land.

Im  allgemeinen  sieht  man,  daß  die  deutsche  Oberste  Beeresleitung
  der  gewaltigen  Aufgabe  nicht  gewacksen  war,  die  das  Schicksal
  an  sie  stellte,  teilweise  wohl  wegen  der  Erkrankung  des  Generals
von  Moltke,  jedenfalls  aber  aus  menschlich  durchaus  erklärlichen
Gründen.  Das  Urteil  über  den  Aufmarsch  und  die  ersten  Operationen
  aber  muß  unter  allen  Umständen  außerordentlich  hart  sein.
Doch  ist  dabei  zu  bedenken,  daß  es  ein  Urteil  ist,  das  nachträglich
gefällt  wird,  nachdem  die  Ergebnisse  der  einzelnen  Handlungen  bekannt
  geworden  sind.  Im  Drange  des  Augenblicks  jedoch,  wo  tausend
  verschiedene  Rücksichten  auf  den  Feldherrn  einstürmen,  ist
es  sehr  schwer,  das  Richtige  zu  tun.  Niemand  kann  sagen,  was  den
Bandelnden  im  Augenblick  des  Tuns  bestimmt  hat;  welche  Einflüsse
sich  geltend  machten;  welche  politischen  Verhältnisse  das  militärische
Tun  bedingten;  welche  Gedanken  den  einzelnen  Zandlungen  zugrunde
  liegen;  wer  in  letzter  Linie  die  Derantwortung  für  das  Geschehene
  trägt:  schwerlich  Rat  der  Generalstabschef  ganz  frei  nach
seinen  Eingebungen  und  Erwägungen  handeln  könnnen.  Die  Vergangenheit
  ist  immer  für  uns  ein  Buch  mit  sieben  Siegeln.

Nockh  weniger  konnte  Joffre  die  Derhältnisse  überschauen.  Aber
er  wußte  zwei  Dinge:  zunächst,  daß  die  Deutschen  an  der  Marne
keineswegs  geschlagen  waren.  Er  konnte  das  wenigstens  aus  dem
Widerstande  erkennen,  den  sie  ihm  an  der  Aisne  leisteten,  und  den
Angriffszwecken,  die  sie  in  Klandern  verfolgten.  Dann  aber  auch
daraus,  daß  sie  Truppen  nach  dem  Csten  beförderten.  Um  so  mehr
mußte  er  bestrebt  sein,  sie  zu  schlagen,  solange  ihre  Zauptoffensirkraft
  im  Osten  beschäftigt  war.  Auch  hat  er  sich  zu  dieser  Überzeugung
  durchgerungen  und  hat  sein  möglichstes  getan,  um  ihr
gerecht  zu  werden.  Auch  die  Engländer  haben  den  richtigen  Schluß
aus  den  Derhällnissen  gezogen.  Das  Dolk  sah  ein,  daß  die  Kräfte,
die  es  bisher  aufgeboten  hatte,  nicht  genügten,  um  die  Deutschen
zu  besiegen,  daß  es  vielmehr  der  größten  Anstrengungen  bedürfe,  um
ihrer  Herr  zu  werden,  trotz  der  erdrückenden  Überzahl  ihrer  Feinde.

v.  Bernhardli,  Deutschlands  Heldenkampf.  6