282

—  —

ohne  Wissen  des  deutschen  Kaisers  —  mit  dem  Ausgange  des  Krieges
spielten,  und  läßt  erkennen,  wie  wenig  die  HBeeresleitungen  von  sittlichen
  Motiven  geleitet  waren  und  wie  vollständig  beide  Staaten  den
Ernst  der  Cage  verkannten.

Es  war  allerdings  schwer  für  den  deutschen  Generalstabschef
richtig  zu  beurteilen,  wann  der  Augenblick  gekommen  sei,  im  Westen
zum  entscheidenden  Angriff  überzugehen.  Die  Siege,  die  man  über
die  russische  Armee  davongetragen  hatte,  wurden  wesentlich  überschätzt,
  ebenso  wie  die  Widerstandskraft  Gsterreichs.  Auch  konnte  man
mit  der  Revolution  in  Rußland  keineswegs  rechnen,  deren  Bedeutung
  für  den  Derlauf  des  Krieges  uns  KNachlebenden  bekannt  ist.
Immerhin  aber  hätte  man  zunächst  Jtalien  vernichten  und  mit
Rumänien  vollkommen  ins  reine  kommen  müssen,  ehe  man  sich  zu
einem  entscheidenden  Angriff  in  Frankreich  entschied.

So  können  wir  den  Angriff  auf  Derdun  immer  nur  als  ein  völliges
  Derkennen  der  Lage  betrachten.

Ahnlich  lagen  die  Verhältnisse  zur  See.  Hier  hatte  Deutschland
schon  im  September  1015  den  unbeschränkten  U-Zoot-Krieg  um
England  aus  Rücksicht  auf  Amerika  aufhören  lassen  und  angeordnet,
daß  nur  bewaffnete  Handelsschiffe  als  Kriegsschiffe  zu  behandeln
seien  und  demnach  torpediert  werden  dürften;  doch  sah  der  Chef
des  deutschen  Generalstabes  sehr  wohl  ein,  daß  ein  wirklich  durchschlagender
  Erfolg  gegen  England  nur  erzielt  werden  könne,  wenn
der  D-Boot-Krieg  in  unbeschränkter  Weise  geführt  werden  könne.
Er  forderte  daher  die  sofortige  Eröffnung  des  nunmehr  unbeschränkten
  U-Boot-Krieges  gegen  alle  ZBandelsschiffe,  die  im  Sperrgebiet  erschienen.
  Dem  widersetzte  sich  jedoch  der  Reichskanzler,  der  ihn  bis
Anfang  April  1016  hinausgeschoben  wissen  wollte,  um  damit  vermeintlich
  die  Seit  zu  gewinnen,  Amerika  günstig  zu  stimmen.  Auch  der
derzeitige  Admiralstabschef  von  Holtzendorff  erklärte  sich  hiermit  einverstanden.
  Der  Großadmiral  von  Cirpitz,  der  Schöpfer  unserer
Klotte,  wurde  überhaupt  nicht  zu  Rate  gezogen  und  reichte  deshalb
seinen  Abschied  ein,  der  am  le.  März  angenommen  wurde.  Sein
Vachfolger  war  der  nichtssagende  Admiral  von  Capelle.  Auch  der
Chef  des  Marinekabinetts,  Admiral  von  Müller,  der  den  unmittelbaren
  Dortrag  beim  Kaiser  hatte,  scheint  in  der  ganzen  so  überaus
wichtigen  Frage  eine  wenig  segensreiche  Tätigkeit  entwickelt  zu  Raben.
Er  war  ein  Gegner  des  unbeschränkten  U--Boot--Krieges.  Als  dann
am  24.  März  der  unbewaffnete  Dampfer  „Sussex“  im  Kanal  torpediert
  wurde,  richtete  Amerika  eine  unerhört  grobe  Note  an  Deutschland,
  die  jedem  die  Augen  über  die  wahre  Gesinnung  seiner  Regierung
  hätte  öffnen  können.  Der  deutsche  Reichskanzler  aber  verlor
darüber  völlig  die  Nerven  und  versprach  Amerika  die  Einstellung
des  U--Boot-Randelskrieges,  ohne  den  Generalstabschef  überhaupt
zu  befragen,  obgleich  es  sich  doch  wahrlich  um  eine  Handlung  von
größter  militärischer  Tragweite  handelte.  Dieser  hielt  es  dennoch