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        <title>Das Buch von unsern Kolonien.</title>
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            <forname>Ottomar</forname>
            <surname>Beta</surname>
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        </author>
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          <msIdentifier>
            <idno>beta_kolonien_1908</idno>
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        Das  Buch
von  unsern  Kolonien

von

Ottomar  Beta

Mit  8  farbigen  Kunstbeilagen  nach  Originalen  von

Rudolf  Hellgrewe,  107  Bildern  im  Text  und

2  farbigen  Karten  des  Deutschen  Kolonialbesitzes
Neubearbeitung

Ferdinand  Hirt  &amp;amp;  Sohn  in  Leipzig
1908
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        Alle  Rechte  auf  Text  und  Bilder  vorbehalten.
(Gesetz  vom  19.  Juni  1901  und  9.  Jannar  1907.)
        <pb n="3" />
        Germans  to  the  kront!

Das  Verhältnis  des  deutschen  Mutterlandes  zu  seinen  Schutzgebieten
befindet  sich  in  fortwährendem  Fluß.  Nur  das  Bleibende  in  der  Er—
scheinungen  Flucht,  die  Natur  der  unserer  Pflege  anvertrauten  Tropen—
länder,  die  Geschichte  ihrer  Erwerbung  ließ  sich  in  dem  engen  Rahmen
eines  Buches  für  jedermann  zusammenfassen.  Der  Herausgeber  stützte  sich
bei  der  Lösung  dieser  schwierigen  Aufgabe  auf  die  Vorarbeit  bedeutender
Kenner  jener  Gebiete  und  ihrer  Bewohner.

Es  haben  in  diesem  Buche  auch  die  zum  Teil  sehr  tragischen  und
durchweg  spannenden  Ereignisse  der  letzten  Jahre,  die  heldenhafte  Haltung
unserer  Truppen  auf  dem  heißumworbenen  Boden  Chinas,  die  siegreich
beendeten  dreijährigen  Kämpfe  gegen  Hereros  und  Hottentotten,  gegen
Wüstensand,  Sonnenbrand,  Krankheit  und  Entbehrung  in  „Südwest“
eine  möglichst  eingehende  Würdigung  erfahren,  da  sie  für  die  Weltmacht—
stellung  unseres  teuren  Vaterlandes  von  so  hervorragender  Bedeutung
waren.

Die  schwer  erworbenen  Schutzgebiete  zu  beleben  und  für  das  Vater—
land  fruchtbar  zu  machen,  dazu  brauchen  wir,  außer  billigem  und  be—
reitwilligem  Kapital,  mutige,  selbstbewußte  Männer,  Pioniere,  Grenzer,
Hinterwäldler,  Vorkämpfer.  Wer  ans  dem  Nichts  etwas  schaffen  und
aufbauen  will,  der  muß  auch  aus  sich  selbst  etwas  machen  dürfen.  Das
Vaterland  muß  ihm  dieselbe  Überlegenheit  zugestehen,  ihm  denselben  Rückhalt
  gewähren,  welche  den  Engländer  vor  aller  Welt  auszeichnen.  Dies
ist  der  Wunsch  aller  wirklichen  Kenner  des  kolonialen  Wesens  und  gelangt
  hier  zum  Ausdruck.

So  möge  denn  auch  die  Neubearbeitung  dieses  Werkes  dem  für  uns
so  ehrenvollen  Rufe  ein  Echo  geben,  der  inmitten  der  Gefahr  und  im
Angesicht  des  Todes  so  oft  gehört  worden  ist  und  der  auch  die  Überschrift
  zu  diesem  Vorwort  bildet.

Berlin,  im  Sommer  1907.

Der  Verfasser.
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        iehender  Haussa-Karawane.

inz

ismarckburg,  Togo,  mit  ei

Dorf  bei
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        Vorgeschichte.

An  der  Goldküste  in  Westafrika  erschallte  am  1.  Januar  1683  der
Klang  von  Drommeten  und  Pauken.  In  der  Nähe  des  Berges  Mamfro
und  des  Dorfes  Pokeson  lagen  im  Hafen  zwei  Schiffe,  von  deren  Mastspitzen
  der  rote  Adler  im  weißen  Felde  wehte.  Es  waren  branden—
burgische  Schiffe,  und  mit  Musik  und  unter  dem  Donner  der  Kanonen
wurde  die  brandenburgische  Flagge  von  Bord  des  Schiffes  „Kurprinz“
ans  Land  gebracht.  Die  unter  Gewehr  stehende  brandenburgische  Be—
satzung  erwies  dieser  Flagge,  als  sie  geheißt  wurde,  militärische  Ehren,
und  die  „Kabusier“,  der  Negerstamm,  der  an  jener  Küste  wohnte,  begrüßte
die  Flagge  mit  lautem  Geschrei.

Friedrich  Wilhelm,  Kurfürst  von  Brandenburg,  der  mit  Recht
in  der  Geschichte  den  Namen  des  Großen  Kurfürsten  trägt,  hatte  mit
tiefem  Verständnis  für  die  Zukunft  seines  Volkes  und  einer  Einsicht,  mit
der  er  seinen  Zeitgenossen  um  zweihundert  Jahre  voraus  war,  mit  dem
Vorbilde  Hollands  vor  Augen  und  unter  dem  Beirat  des  Admirals
Gijsels  van  Lier,  sowie  des  Kapitäns  Raule,  die  Überzeugung  aus—
gesprochen,  daß  nur  durch  den  Verkehr  über  See,  durch  den
Handel  und  die  denselben  schützenden  Kriegsschiffe  die  Macht
Brandenburgs  und  Preußens  gehoben  werden  könnte.

Er  hatte  schon  im  Jahre  1674  eine  Anzahl  von  Schiffen  ausgerüstet,
und  zwar  den  „Friedrich  Wilhelm“  mit  40  Kanonen,  120  Matrosen
und  40  Soldaten;  die  „Dorothea“  mit  32  Kanonen,  100  Matrosen
und  40  Soldaten;  den  „Roten  Löwen“  mit  20  Kanonen,  70  Matrosen
und  20  Soldaten;  den  „Fuchs“  mit  20  Kanonen,  65  Matrosen  und
20  Soldaten;  die  „Berlin“  mit  16  Kanonen,  50  Matrosen  und  20  Soldaten,
  und  den  „Salamander“,  einen  Brander,  mit  10  Matrosen
        <pb n="6" />
        —  6  —

bemaunt.  Mit  dieser  Flotte  bekriegte  der  Große  Kurfürst  zum  Erstaunen
der  ganzen  Welt  die  Spanier,  die  ihm  zwei  Millionen  Taler  schuldeten,
und  die  brandenburgische  Flotte  unternahm  es  nicht  nur,  im  Kanal
spanische  Handels-  und  Kriegsschiffe  aufzubringen,  sondern  sie  ging  sogar
bis  in  den  Golf  von  Mexiko,  bestand  dort  ehrenvolle  Gefechte  und  kehrte

 

 

 

 

 

Friedrich  Wilhelm,  der  Große  Kurfürst.

reich  an  Beute  nach  Pillau  zurück.  Die  Spanier  wurden  gezwungen,
ihren  Verpflichtungen  nachzukommen,  und  das  erstaunte  Europa  sah,  wie
das  kleine  Brandenburg  einen  Anlauf  nahm,  sich  zu  einer  Seemacht  zu
entwickeln.

Am  1.  Januar  1682  genehmigte  der  Große  Kurfürst  die  Satzungen
einer  Gesellschaft,  welche  in  der  Nähe  des  Kaps  der  drei  Spitzen,  auf
        <pb n="7" />
        —  7  —

dem  Gebiete  der  heutigen  britischen  Ashantikolonie,  westlich  von  dem  nunmehr
  deutschen  Togo,  an  der  Goldküste  Handel  treiben  sollte.  Trotzdem
die  Holländer,  die  sich  plötzlich  in  ihren  Handels=  und  Schiffahrtsinteressen
  bedroht  sahen,  allerlei  Schwierigkeiten  machten,  gelang  es,  in
Afrika  festen  Fuß  zu  fassen.  Es  war  mit  einigen  Negerfürsten  ein  Vertrag
  abgeschlossen  worden,  und  zwei  Fregatten,  der  „Kurprinz“,  kommandiert
  von  Kapitän  Voß,  und  der  „Morian“,  kommandiert  von
Kapitän  Blonck,  stachen  von  der  Elbe  aus  Ende  1682  in  See,  um  den
mit  den  Negern  geschlossenen  Vertrag  zur  Ausführung  zu  bringen.  Die
Urkunde,  durch  welche  der  Kurfürst  von  den  Ländereien  in  Afrika  Besitz
nahm,  war  in  goldenen  Buchstaben  geschrieben.  Um  dieses  Dokument
zu  überreichen,  eine  Festung  anzulegen  und  zu  kolonisieren,  wurde  mit
den  beiden  Fregatten  der  Kammerjunker  Otto  Friedrich  von  der
Groeben  mitgesendet,  der  schon  größere  Reisen  nach  Agypten  und  nach
dem  Gelobten  Lande  gemacht  hatte.

Glücklich  gelangte  man  gegen  Ende  des  Jahres  1682  an  der  Küste
an.  Die  Neger,  denen  man  freundlich  und  friedlich  entgegentrat,  erklärten
sich  nicht  nur  bereit,  die  brandenburgische  Oberhoheit  anzuerkennen,
sondern  waren  auch  gewillt,  sich  fest  anzusiedeln,  Ackerbau  zu  treiben
und  in  den  Sold  der  brandenburgischen  Kolonialmacht  zu  treten.  Sie
halfen  sechs  dreipfündige  Geschütze  auf  die  Spitze  des  Berges  bringen,
der  dazu  bestimmt  war,  in  ein  Fort  umgewandelt  zu  werden.  An  jenem
Neujahrstage  1683  verkündeten  die  Kanonen  an  Afrikas  Küste  vom
Berge  und  vom  Bord  der  Schiffe  her  eine  neue  Zeit,  unter  deren  Banne
wir  heute  noch  stehen.  Groeben  taufte  den  Berg  nach  dem  Namen
seines  kurfürstlichen  Herrn  „Großfriedrichsberg“,  und  die  Festung,  die
später  auf  dem  Berge  errichtet  wurde,  bekam  den  Namen  „Großfriedrichsburg“.
  Um  auch  den  „Kabusiern“  und  ihren  Häuptlingen  die  Feierlichkeit
  des  Augenblicks  klar  zu  machen,  entschloß  sich  Groeben  nach  seinem
Bericht,  mit  ihnen  „Festesie  zu  saufen“,  das  heißt,  es  wurde  eine  Schale
mit  Branntwein  gefüllt  und  in  diesen  Schießpulver  hineingerührt.  Dann
tranken  daraus  Groeben  und  nach  ihm  die  beiden  Häuptlinge.  Mit  dem
Rest  dieser  Flüssigkeit  wurde  allen  anwesenden  männlichen  Negern  die
Zunge  bestrichen,  damit  auch  sie  teil  an  der  Verabredung  und  an  dem
Vertrage  hätten.  Außerdem  trank  Groeben  noch  mit  dem  Altesten  der
Kabusier-Häuptlinge  besondere  Freundschaft,  und  wie  er  meldete,  steckte
ihm  dieser  Häuptling  einen  Löffel,  gefüllt  mit  Branntwein,  Wermut  und
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        —  8  —

Violensaft,  in  den  Hals,  so  daß  der  brandenburgische  Freiherr  vermeinte,
„für  sechs  Wochen  von  dem  Geschmack  genug  gehabt  zu  haben“.  Schon
am  nächsten  Tage  begann  der  Bau  der  Schanzen,  und  es  entwickelte  sich
ein  reges  Leben  an  der  Küste,  dem  Landstrich  von  Axim.  Groeben
hatte  Handwerker  mitgebracht,  welche  die  Neger  im  Gebrauch  von  Werkzeugen
  unterrichteten,  und  die  Eingeborenen  zeigten  sich  nicht  nur  sehr
gutmütig,  sondern  auch  anstellig.

Die  Holländer  versuchten,  diese  brandenburgische  Ansiedelung  nach
Kräften  zu  stören.  Der  holländische  Gouverneur  von  Axim  erschien  an
der  Spitze  einer  holländischen  Abordnung,  um  Einspruch  gegen  die  Ansiedelung
  zu  erheben.  Aber  Groeben  berief  sich  auf  seinen  Vertrag.
Daraufs  hetzten  die  Holländer  die  umliegenden  Negerstämme  gegen  Groeben
und  die  Kabusier  auf,  und  die  feindlichen  Neger  unternahmen  einen
Angriff.  Dieser  wurde  jedoch  mit  Leichtigkeit  durch  einen  einzigen
Kanonenschuß  abgewehrt.  Groeben  hatte  noch  die  Freude,  daß  bald
nach  der  Besitzergreifung  ein  dänisches  und  dann  auch  ein  englisches
Schiff  in  den  Hafen  der  Kolonie  einliefen,  hier  mit  Kanonenschüssen  die
brandenburgische  Flagge  auf  dem  Großfriedrichsberg  salutierten  und
dadurch  das  Besitzrecht  Brandenburgs  auf  dieses  Stück  afrikanischen
Landes  anerkannten.  «

Wir  haben  an  diesem  Vorgang  ein  Bild  der  Art  und  Weise,  wie
sich  auch  heute  noch  solche  Bündnisse  und  Besitzergreifungen  zu  voll—
ziehen  pflegen.

Später  wurde  die  Goldküstenkolonie  durch  Länderkauf  wesentlich
erweitert  und  durch  drei  andere  Schanzen,  die  Dorotheenschanze,  die
Forts  Sophie  Luise  und  Taccarary,  verstärkt.  Endlich  erwarb  der
Kapitän  Kornelius  Reers  1687  auf  dem  Gebiete  von  Arguin  einen
Küstenstrich,  der  dem  kleinen  Brandenburg  und  seinem  jetzt  wieder  zu
Ehren  und  Ansehen  kommenden  Freihafen  zu  Emden  eine  hervorragende
Stellung  im  Kautschukhandel  gab.  Auch  stiftete  Friedrich  Wilhelm  ein
Seebataillon  von  vier  Kompagnien.

Trotz  des  widrigen  Geschicks,  welches  später  diese  ersten  Versuche
traf,  bleibt  von  der  Kolonisation  des  Großen  Kurfürsten  zu  rühmen,  daß
sie  Kultur,  Bildung  und  Wohlstand  den  Negern  brachte,  die  sich  Branden—
burgs  Oberhoheit  unterworfen  hatten.  Noch  nachdem  die  afrikanische
Besitzung  Brandenburgs  wieder  verloren  gegangen  war,  bekundeten  die
Holländer  und  Engländer,  daß  sich  die  Neger,  die  unter  brandenburgischer
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        hij

8  6r  54%
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9

 

Groß-Friedri  sburg.
        <pb n="10" />
        Herrschaft  gewesen  waren,  durch  Ordnung,  Betriebsamkeit,  Gutmütigkeit  und
Ehrlichkeit  vor  allen  anderen  Negern  Westafrikas  vorteilhaft  auszeichneten.

Im  Jahre  1688  starb  Friedrich  Wilhelm,  der  Große  Kurfürst,  ehe
er  noch,  wie  er  beabsichtigte,  den  Holländern  den  Krieg  erklären  konnte,
und  seine  Nachfolger  waren  durch  andere  Aufgaben  gefesselt.  Friedrich
Wilhelm  J.  war  einer  der  sparsamsten  Monarchen,  den  jeder  Groschen
Geld  reute,  den  er  außerhalb  des  Landes  ausgeben  sollte.  Im  Jahre
1717  verkaufte  er  für  7200  Dukaten  die  ganzen  Kolonien  in  Afrika  an
die  Holländer  und  war  hochbeglückt,  daß  er  von  ihnen  noch  ein  Dutzend
Neger  erhielt,  welche  als  Trommler  und  Pfeifer  bei  der  langen  Garde
angestellt  wurden.  Damit  war  der  erste  Versuch,  den  Brandenburg
gemacht  hatte,  um  Kolonien  im  Auslande  zu  begründen,  zu  Ende  ge—
gangen,  und  zweihundert  Jahre  sollte  es  dauern,  bis  sich  das  Deutsche  Reich,
durch  den  glorreichen  Krieg  von  1870/71  neu  erstanden  und  geeint,  auf
seine  Pflicht  in  kolonialer  Beziehung  zu  besinnen  vermochte,  die  ihm
seine  Weltstellung  und  die  Entwicklung  von  Handel  und  Gewerbe  auferlegen.

Der  Dreißigjährige  Krieg,  der  Deutschland  in  den  Abgrund  des
Verderbens  stürzte,  aus  dem  es  sich  jahrhundertelang  nicht  herausarbeiten
  konnte,  war  schuld,  daß  sich  für  die  Flotten=  und  Kolonisationsbestrebungen
  des  Großen  Kurfürsten  in  Deutschland  so  gar  kein  Interesse
vorfand.  Deutschland  war  eben  zu  einem  „geographischen  Begriff“  hinabgesunken,
  dasselbe  Deutschland,  welches  die  Wiege  und  das  Mutterland
fast  aller  europäischen  Völker  gewesen  ist.  Von  Deutschland  hat  sich  in
den  ersten  Jahrhunderten  der  christlichen  Zeitrechnung  die  Völkerwanderung
nach  Westen,  Süden  und  Osten  ergossen.  Die  deutschen  Stämme  der
Angelsachsen,  der  Franken,  der  Sueven  und  der  Goten  gründeten  im
heutigen  England,  Frankreich,  Spanien,  in  Italien,  auf  der  Balkanhalbinsel,
  ja  sogar  in  Nordafrika  neue  Staaten  auf  den  Trümmern  des
Römischen  Reiches.  Aber  es  fehlte  dem  deutschen  Volke  an  Zusammenhang,
  an  Einigkeit,  an  Selbstbewußtsein.  Das  Deutsche  Reich  geriet  in
Abhängigkeit  von  Rom,  es  geriet  in  Abhängigkeit  von  dem  römischen
Recht,  von  der  römischen  Gesetzgebung,  die  alle  deutsche  Eigenart
erstickten.  Die  Uneinigkeit  der  Deutschen  war  auch  schuld,  daß  die  vorzüglichen
  Küstenverhältnisse  Deutschlands  nicht  ausgenützt  wurden,  und
daß  man  nicht  eine  einheitliche  Flotte  errichtete,  ja,  daß  man  sogar  den
Hansabund  deutscher  Handelsstädte  trotz  seiner  ruhmreichen  Vergangenheit
—  als  „Staat  im  Staate“,  der  gar  nicht  vorhanden  war,  —  verpönte.
        <pb n="11" />
        So  konnten  Spanien,  Frankreich,  Holland  und  England  in  der  ganzen
Welt  Kolonien  anlegen  und  Handel  treiben,  während  Deutschland  ein
Binnenland  wurde  und  gar  keine  Interessen  und  gar  keine  Beziehungen
mehr  für  überseeische  Unternehmungen  und  zu  überseeischen  Staaten  hatte.
Dafür  wurde  es  der  Schauplatz,  auf  dem  jahrhundertelang  alle  religiösen
  und  politischen  Kämpfe  ausgefochten  wurden.

Trotzdem  blieb  unser  Vaterland  doch  der  Urquell,  aus  dem  sich  ein
Strom  von  Auswanderern  alljährlich  in  das  Ausland  ergoß.  Man  darf
annehmen,  daß  während  des  jüngst  verflossenen  Jahrhunderts  etwa  zehn
Millionen  Deutsche  ihre  Heimat  verlassen  haben,  um  über  das  Meer  zu
ziehen  und  fremde  Staaten  bevölkern  und  bilden  zu  helfen.  (Man  zählte
allein  im  Jahre  1881  lediglich  in  den  deutschen  und  niederländischen
Häsen  220798  deutsche  Auswanderer  und  im  ganzen  2686000  von
1871  bis  1906.)  Den  Grundstock  für  die  jetzt  so  mächtig  gewordenen
Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  haben  die  Deutschen  geliefert.
Die  deutschen  Auswanderer  galten  gewissermaßen  als  der  „Dünger  auf
dem  Acker  fremder  Kultur“,  in  Wahrheit  waren  sie  Baumaterial,  aus
dem  sich  neue  Staaten  bildeten.  Und  ein  Amerikaner  nannte  sie  „die
besten  Bürger  seines  Landes“.  Diese  Auswanderung  hat  besonders
im  vergangenen  Jahrhundert  und  wiederum  vornehmlich  in  der  zweiten
Hälfte  desselben  die  Aufmerksamkeit  und  den  Schmerz  aller  Patrioten
erregt.  Man  sah  jährlich  Hunderttausende  von  kräftigen  Händen  in
das  Ausland  gehen.  Man  sah,  wie  Deutschland  seine  Kinder  verlor,
die  hingingen,  um  fremde  Staaten  groß  und  reich  zu  machen.  Der
Gedanke  lag  mahe,  daß  es  viel  besser  sein  würde,  diese  Auswanderer,
die  nun  einmal  nicht  mehr  in  der  überfüllten  Heimat  bleiben  wollten,  nach
deutschen  überseeischen  Gebieten  zu  leiten,  wo  sie  dem  Vaterlande  mit
ihrer  Kraft  und  ihrem  Herzen  erhalten  blieben,  anstatt  durch  sie  die
wenig  deutschfreundlichen  amerikanischen  Staaten  zu  stärken,  wo  die
Deutschen  schon  in  der  zweiten  Generation  vollständig  ihre  Nationalität
und  ihre  deutsche  Eigenart  zu  verlieren  pflegten,  um  sich  mit  Eifer  den
Aufgaben  zu  widmen,  die  ihnen  die  neue  Heimat  stellte.

Es  begann  sich  im  deutschen  Volke  etwas  zu  regen,  was  hier  seit
Jahrhunderten  geschlummert  hatte:  das  Interesse  an  den  überseeischen
Beziehungen,  das  Interesse  am  Besitz  von  Kolonien.  Vorläufig  wurde
die  Aufmerksamkeit  des  deutschen  Volkes  durch  Männer  erregt,  welche
nach  dem  politischen  Aufschwunge  der  Jahre  1866  bis  1871  öffentlich
        <pb n="12" />
        —  12  —

ihre  Stimme  erhoben,  damit  für  die  Auswanderer,  die  nach  Amerika
gingen,  größere  Fürsorge  getroffen  wurde.  Man  begann  sich  wenigstens
für  das  Schicksal  dieser  Unglücklichen  zu  interessieren,  die,  von  schurkischen
Agenten  betört,  nach  Nord-  und  Südamerika  gingen,  um  hier  zu  weißen
Sklaven,  zu  willenlosen  Knechten  der  Leute  zu  werden,  mit  denen  sie
Verträge  abgeschlossen  hatten,  deren  weittragende  Bedeutung  sie  vorher
nicht  kannten.  Unter  diesen  Männern  verdient  besonders  J.  J.  Sturz
hervorgehoben  zu  werden.  Er  opferte  die  fette  Stellung  eines  brasilianischen
  Generalkonsuls  und  nicht  unbeträchtliche  ihm  gebotene  „Kopfgelder“,
  um  seine  Landsleute  vor  dem  Schicksal  der  Parceria-Sklaverei
(Halbpartpacht)  auf  den  brasiltanischen  Kaffeeplantagen  zu  bewahren,
Er  schrieb  u.  a.  eine  Schrift,  deren  Titel  allein  genügt,  um  die  Lage
grell  zu  beleuchten.  Sie  hieß:  „Die  deutsche  Auswanderung  und  ihre
Verschleppung“.  Und  seine  Forderung,  daß  Afrika  ein  „gemeinsames
Indien“  der  europäischen  Völker  werden  solle,  führte  im  Jahre  1885
zur  Bildung  des  Kongostaats  als  einer  beständig  neutralen  Kolonie,
wenn  auch  unter  belgischem  Protektorat  und  neuerdings  belgischer
Suzeränität.

Es  muß  zur  Ehre  unseres  Volkes  erwähnt  werden,  daß  Sturz  durch
eine  öffentliche  Sammlung  und  durch  ein  festes  Gehalt  von  1000  Talern
seitens  des  preußischen  Auswärtigen  Amts  für  seine  Opfer  schadlos  gehalten
  wurde.  Volk  und  Regierung  bekundeten  dadurch,  daß  sie  der
Tatsache  der  deutschen  Auswanderung  nicht  mehr  achtlos  gegenüberstehen
wollten.  Südamerika,  wo  sich  in  den  gemäßigten  Provinzen  Brasiliens,
dtio  Grande  do  Sul  und  Santa  Catharina,  und  in  den  La  Plata-Ländern
größere  deutsche  Siedlungen  gebildet  hatten,  die  unter  fremder,  zum
Teil  drückender  Herrschaft  den  heimatlichen  Pflug  führten  und  z.  B.  von
Porto  Alegre  aus  emsig  die  Küstenschiffahrt  betrieben,  begann  den  Einfluß
  eines  aufstrebenden  Deutschen  Reiches  zu  fühlen  und  ihm  durch
größere  Duldung  Rechnung  zu  tragen.

Dies  führte  endlich  im  Jahre  1896  zu  der  Wiederaufhebung  des
ursprünglichen,  aus  dem  Jahre  1859  stammenden  sog.  van  der  Heydtschen
Reskripts,  durch  welches  die  Auswanderung  nach  Brasilien  durchweg
verboten  worden  war,  was  weit  über  die  Vorschläge  von  Sturz  hinausging.

Man  schätzt  zurzeit  die  Zahl  der  Deutschen  in  jenen  „Teilen“  auf
etwa  250  000  Seelen,  und  dem  Wunsche  des  deutschen  Botschafters  in
Washington,  des  Freiherrn  Speck  v.  Sternburg,  daß  diese  deutsche  Be-
        <pb n="13" />
        —  13  —

völkerung  auch  dort,  wie  in  Nordamerika,  nicht  als  eine  „deutsche  Gefahr“
betrachtet  werden  möchte,  beginnt  seitens  der  südamerikanischen  Republiken
immer  mehr  Genüge  zu  geschehen.

Auf  das  innigste  zu  beklagen  bleibt  dabei  der  Umstand,  daß  sich
unsre  Arbeitskraft  dort,  in  Chile  und  anderwärts,  fast  ausschließlich  auf
das  billigere  englische  Kapital  angewiesen  sieht.  Aber  dieser  Teil  einer
zielbewußten  Kolonialpolitik,  der  nur  durch  innere  Reformen  auf  deutschem
Boden  zu  lösen  ist,  darf  uns  hier  nicht  beschäftigen.

Besonders  aber  wurde  Afrika,  das  in  dem  wenig  begehrten
Aquatorialgebiet  noch  so  reich  war  an  herrenlosem  Land,  in  der  Berliner
Wilhelmstraße  ins  Auge  gefaßt,  um  so  mehr,  da  zahlreiche  deutsche
Forschungsreisende  ermunternde  Kunde  von  dort  heimbrachten,  und  große,
täglich  mit  der  Entwicklung  unserer  Industrie  wachsende  Bezugs=  und
Handelsinteressen  auf  dem  Spiele  standen.

Inzwischen  waren  auch  die  freien  Reichsstädte  Bremen  und  Hamburg,
die  letzten  Träger  der  großen  Überlieferungen  des  alten  Hansabundes,
tätig  gewesen.  Hatten  sie  doch  den  Hauptvorteil  von  der  Auswanderung
gehabt.  Auch  waren  sie  von  dem  Unglück  des  „Hinterlandes“  am
wenigsten  berührt  worden.  Unternehmende  Kaufleute  aus  Bremen  und
Hamburg  waren  hinausgegangen  in  alle  Welt  und  hatten  Faktoreien
gegründet,  Plantagen  angelegt  und  es  ohne  Hilfe  der  deutschen  Kriegsflagge
  verstanden,  ganze  Küstengebiete  und  Inselgruppen  dem  deutschen
Einfluß  untertänig  zu  machen  und  für  sich  selbst  einen  mehr  oder  minder
großen  Verdienst  aus  diesen  Neugründungen  herauszuziehen.  Insbesondere
in  der  Südsee  und  in  Afrika  waren  solche  Faktoreien  erwachsen,  und  die
Hansestädte  unterstützten  diese  Unternehmungen  einzelner  ihrer  Bürger,
weil  sie  durch  diese  deutschen  Ansiedelungen  und  Handelsplätze  wiederum
Frachten  und  Rückfrachten  für  ihre  Schiffe  erhielten.

Man  muß  bedenken,  daß  das  Meer  die  billigste  Fahrstraße  ist,  die
sich  jedem  Bedarf  an  Einfuhr  und  Ausfuhr  umsonst  bietet.  Unsere
großen  Häfen  sind  offenen  Türen  gleich,  um  so  mehr,  da  die  ehemaligen
Hansa=  und  freien  Reichsstädte  zugleich  Freihäfen  und  deshalb  auch
Stapelplätze  sogar  für  die  Waren  des  Auslandes  bildeten.  Englische
und  im  englischen  Besitz  befindliche  heimische  Waren  lagerten  namentlich
in  Hamburg,  um  nach  allen  Enden  der  Welt  versandt  zu  werden,  wo
sich  ein  guter  Absatz  bot.  Es  mußte  sich  in  diesen  Freihäfen  eine  bedeutende
  Kapitalskraft  bilden,  die  sich  von  den  ungesunden  und  teuern
        <pb n="14" />
        —  14  —

Kapitalbildungs=  und  trübseligen  Bankverhältnissen  des  Inlandes  völlig
unabhängig  erhielt.  Hamburgs  Schiffsverkehr  stieg  von  ½  Million
Registertonnen  im  Jahre  1851  auf  6,7  Millionen  im  Jahre  1897,  die
Anzahl  seiner  Dampfschiffe  von  42  auf  345  im  Jahre  1896,  wovon
etwa  30  auf  englische  Dampferkompagnien  entfielen.  Ahnlich  entwickelte
sich  der  Norddeutsche  Lloyd.  Die  hanseatischen  Firmen  Woermann,
Jantzen  und  Thormählen,  O'Swald  und  Hansing,  Hernsheim,  Godeffroy
erwuchsen  zu  Weltmächten  mit  einem  Interessenkreise,  der  die  Häfen  aller
Ozeane  umfaßte.  Und  man  rechnete  schon  damals,  daß  in  überseeischen
Ländern  über  1½  Milliarden  Mark  deutschen  Kapitals  angelegt  oder
durch  unsern  Fleiß  entstanden  waren,  davon  100  Millionen  allein  in
Afrika.  Alle  diese  Werte  und  Interessen  standen  auf  dem  Spiele,  wenn
sich  ihnen  der  politische  Schutz  versagte.

Da  war  es  denn  allerdings  kaum  noch  ruhig  zu  ertragen,  daß
überall,  wo  deutsche  Unternehmung  sich  Absatz  erschloß  und  Faktoreien
gründete,  die  Engländer  sofort  ihre  Flagge  heißten  und  die  betreffenden
Gebiete  für  die  englische  Krone  in  Beschlag  nahmen.

Ein  solcher  Fall  ereignete  sich  im  Jahre  1874  auf  den  Fidschi-Inseln,
wo  dann  alle  deutschen  Rechte  für  erloschen  erklärt  wurden,  und  es  kaum
gelang,  den  Betroffenen  eine  Entschädigung  auszuwirken.

Der  Altreichskanzler  Fürst  Bismarck  hat  zweifellos  dieser  beschämenden
Sitnation  das  größte  Verständnis  entgegengebracht.  Er  verschaffte  dem
Reich  im  Jahre  1979  die  Häfen  von  Saluafata,  Jaluit  und  Mioko  als
Kohlenstationen  in  der  Südsee  und  war  1880  sogar  bereit,  der  in  Bedrängnis
  geratenen  Hamburger  Firma  Godeffroy  durch  eine  Zinsgarantie
des  Reichs  ihren  Besitz  auf  den  Inseln  der  Salomogruppe  zu  sichern.
Aber  der  Reichstag  erwies  sich  als  rückständig.  Leute  wie  Bamberger
stellten  sich  der  Triebkraft  des  Volkes  feindselig  entgegen,  und  die  betreffende
  Vorlage  wurde,  wenn  auch  nur  mit  geringer  Majorität,  abgelehnt.

Das  deutsche  Volk  brauchte  Zeit,  um  sich  zu  besinnen,  und  es  bedurfte
  Hunderter  von  Broschüren,  um  es  aus  seinem  binnenländischen
Schlafe  aufzurütteln.  Leute  von  Gewicht,  der  Bizeadmiral  Livonius,
der  Missionsdirektor  Fabri  erhoben  ihre  Stimme,  und  besonders  machte
sich  die  Kolonialgesellschaft  um  diese  Weckarbeit  verdient.  Sie  entstand
aus  der  Verschmelzung  des  1882  gegründeten  Kolonialvereins  und  der
1884  gegründeten  Gesellschaft  für  deutsche  Kolonisation.  Sie  zählt  zurzeit
  322  Zweigvereine  in  allen  Gauen  Deutschlands.  Auch  Antwerpen,
        <pb n="15" />
        —  15  —

Paris,  London,  Palermo,  Chicago,  Apia,  Tokio,  Batavia  und  Bagamoyo
sind  Sitze  solcher  Zweigvereine.  Und  in  letzter  Stunde  gelang  es  dann
durch  den  so  geschaffenen  Druck  oder,  besser  gesagt,  durch  den  dem
Reichskanzler  auf  solche  Weise  gebotenen  Rückhalt,  die  Reichsregierung
zum  Zugreifen  zu  bewegen,  noch  ehe  alle  erwerbbaren  Gebiete  der  Welt
von  England,  Frankreich,  Italien  und  Amerika  in  beschleunigtem  Zeitmaß
mit  Beschlag  belegt  sein  würden.  Es  geschah  stellenweise  förmlich  im
Wege  des  Wettrennens,  und  in  wenigen  Jahren  entstanden  90  private
Erwerbsgesellschaften  mit  170  Millionen  Mark  und  einem  Umsatz  von
63  Millionen  unter  dem  endlich  gewährten  politischen  Schutz  des  Reichs.

Speziell  an  deutschen  Gesellschaften  werden  35,  daven  11  auf  Aktien,
aufgezählt,  mit  einem  größtenteils  voll  eingezahlten  Kapital  von  150  Millionen
  Mark,  von  denen  einige,  wie  die  Jaluit-Gesellschaft  ungewöhnlich
hohe  Dividenden,  bis  zu  20  Proz.,  gezahlt  haben.

Hier  ist  auch  die  Stelle,  um  sogleich  auf  die  Entwickelung  des  Eisenbahnwesens
  in  Afrika  hinzuweisen.  Unsere  Karte  läßt  erkennen,  in  welchem
Umfange  diese  in  kürzester  Zeit  sich  vollzogen  hat.  Es  geschah  selbstverständlich
  unter  Vorgang  Englands,  welches  seine  Kriege  ebenso  sehr
mit  Eisenbahnen  wie  mit  Kanonen  und  Schnellfeuergewehren  ausfocht.
Und  ihm  schloß  sich  Frankreich  an.  Deutschland  mußte  erst  durch  Erfahrung
  klug  werden.  Die  schlimme  Rinderpest  des  Jahres  1897,  welche
den  Verkehr  mit  Ochsenwagen  von  Swakopmund  ins  Innere  von  Südwestafrika
  unmöglich  machte,  führte  zum  Bau  der  betreffenden  Staatsbahn
  nach  Windhuk,  der  sich  die  Otavibahn  bis  Tsumeb  in  die  Kupferregion
  als  private  Unternehmung  anschloß.  Und  der  Aufstand  der
Hottentotten  gab  Anlaß  zu  dem  weiteren  Ausbau  der  Bahn  Lüderitzbucht—Keetmannshoop,
  der  noch  jetzt  im  Gange  ist.

Ebenso  mußte  erst  unser  Handel  in  Deutschostafrika  durch  die  englische
  Ugandabahn  im  Norden  und  durch  die  portugiesische  Schiffahrt
auf  dem  Schirefluß  im  Süden  nahezu  brach  gelegt  werden,  ehe  man  sich
entschloß,  das  Seengebiet  mit  der  Küste  durch  eigene  Bahnen  zu  verbinden:


Und  wir  müssen  gleich  eingangs  darauf  hinweisen,  daß  auch  diese
znew  departure“,  wie  man  einen  solchen  ruckweisen  Anlauf  in  England
nennt,  hauptsächlich  der  innerpolitischen  Katastrophe,  nämlich  der  kolonialfeindlichen
  Reichstagsabstimmung  vom  Januar  1907  zu  verdanken  ist,
die  endlich  einen  neuen  Mann,  Bernhard  Dernburg,  in  einem  neu
        <pb n="16" />
        —  16  —

geschaffenen  Kolonialministerium  ans  Ruder  brachte,  der  die  ungemein
große  Bedeutung  des  Eisenbahnwesens  für  die  Entwicklung  der  Kolo—
nien  programmatisch  der  Nation  ins  Bewußtsein  rief.  Auch  die  Reise,

 

 

     
        
 
 

      

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Karte  der  wichtigsten  Eisenbahnen  Afrikas  und  Schiffslinien  nach  unsern  Kolonien.

welche  Staatssekretär  Dernburg  noch  im  Sommer  desselben  Jahres  nach
„Deutsch-Ost“  unternahm,  galt  vornehmlich  der  Erkundung  nötiger  Eisenbahnverbindungen,
  sowie  der  Hebung  des  Plantagenbaus,  insbesondere
der  Baumwolle.  Man  darf  rechnen,  daß  Deutschland  zur  Zeit  noch  eine
        <pb n="17" />
        17

Milliarde  jährlich  an  das  Ausland  zahlt,  die  seinen  Kolonien  zugute  kommen
würde,  wenn  den  Dernburgschen  Anregungen  Folge  geleistet  wird.  Und
es  scheint,  als  ob  insbesondere  dem  Baumwollanbau  endlich  vonseiten
der  beteiligten  Industrie  die  nö—
tigen  Kapitalien  zur  Verfügung
gestellt  würden.

Die  Ziffern,  welche  auf  allen
diesen  Gebieten  anzugeben  wären,
bewegen  sich  in  aufsteigender
Linie.  Sie  sind  zurzeit  noch  be—
schämend  gering,  wenn  man  sie
in  Beziehung  setzt  zu  den  Größen—
verhältnissen  unserer  Kolonien,
welche  an  Umfang  fast  fünfmal
die  des  Mutterlandes  übertreffen.
Die  untenstehende  Zeichnung  gibt
ein  Bild  derselben.

Es  darf  nicht  vergessen  wer—
den,  daß  sich  für  Afrika,  wenigstens
  in  Deutschland,  in  den
letzten  Jahrzehnten  des  abgelausenen
  Jahrhunderts  ein  bedeutendes
  Interesse  dadurch  herausgebildet
  hatte,  daß  eine  Anzahl  von  deutschen  Forschern  Leben  und  Gesundheit
  auf  das  Spiel  setzten,  um  diesen  so  wenig  erforschten  Erdteil,

 

Staatssekretär  Bernhard  Dernburg.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DEUTSCHEUTSCH-OSTAERIKAISWANPFRKAILEUTSCBES


ooo  REI  KAIERUN  TOSCO  KUESCHOU
995  Obo  drm.  835000  Uddion.  BP.  5oooJJo  JJm,  *  37000  pJitn.  ö18  dikm.

Vergleichende  Darstellung  der  Ausdehnung  unserer  Kolonien  im  Verhältnis
zum  Mutterlande.

den  man  den  „schwarzen"  nannte,  und  der  ziemlich  weiß  auf  der  Landkarte
  aussah,  zu  durchziehen  und  der  ganzen  gebildeten  Welt  Kunde  zu
bringen  von  Land  und  Leuten,  von  Sitten  und  Erzeugnissen,  von  Verhältnissen,

  welche  zum  Teil  ganz  neu  für  alle  Welt  waren,  zum  Teil  nur
Beta,  Das  Buch  von  unsern  Kolonien.  2
        <pb n="18" />
        —  18  —

bestätigten,  daß  die  Angaben  der  ältesten  Schriftsteller,  wie  Herodot,
und  die  der  Bibel  über  das  sagenhafte  Land  Ophir  auf  wahrheitsgemäßen
  Schilderungen  beruhten.  Eine  Liste  der  deutschen  Forschungsreisenden
  auf  dem  heißen  Boden  des  „schwarzen  Kontinents“  ist  sehr
lehrreich.  Sie  erreicht  gerade  in  der  kritischen  Zeit  des  endlichen  Zugreifens,
d.  h.  in  den  siebziger  und  achtziger  Jahren,  ihren  Höhepunkt.

Wir  geben  sie  in  alphabetischer  Ordnung:  Heinrich  Barth  1845
bis  1855,  Bastian  1857,  Baumann  1886—1892,  Böhm  und  Bernsmann
1877,  Bohndorff  1880—1883,  Brenner  1867,  Buchner  1878—1881,
Burckhardt  1813—1814,  Büttner  1885,  v.  d.  Decken  1860—1865,
Dölter  1880—1881,  Emin  Pascha  (Schnitzer)  1877—1889,  Fischer  1883
bis  1886,  Flegel  1880—1884,  Frangois  1888—1891,  Güßfeldt  1873
bis  1875,  Hahn  (mit  Rath)  1857—1866,  Hartert  (und  Staudinger)
1885—1886,  Heuglin  1856—1876,  Hildebrandt  1872—1873,  Höhnel
1887—1888,  Hornemann  schon  1798,  Hübner  1870,  Junker  1875—1883,
Kaiser  (mit  Böhm  und  Reichard)  1883—1884,  Klunzinger  1863—1875,
Knothe  1888,  Krapf  1845—1852,  Kund  (und  Tappenbeck)  1885—1889,
Lenz  1874—1880,  Lepsius  1845,  Mauch  1866—1872,  Mechow  1880,
H.  Meyer  1887—1889,  Mohr  1870,  Morgen  1889—1891,  Munzinger
1861—1871,  Nachtigal  1869—1874,  Peters  1889—1890,  Pogge  1875,
Pohle  1885,  Rath  (mit  Hahn)  1857,  Rebmann  1847,  Reichard  1883
bis  1884,  Rohlfs  1862—1881,  Roscher  1860,  Rußegger  1837—1839,
Rutenberg  1877—1878,  Schiuz  1885,  Schmidt  1886,  Schnitzer  (s.  Emin),
Schran  1885—1890,  Schweinfurth  1864—1886,  Soyaux  (mit  Güßfeldt)
1873—1879,  Stecker  1881—1882,  Steinäcker  1888,  Steudner  1861—1863,
Stocker  1888,  Vogel  1854—1856,  Wellsted  1834,  Wissmann  (mit  Pogge)
1881—1882,  derselbe  (mit  Frangçois)  1885,  Wolf  1885—1886  und  1888
bis  1889,  Zeuner  1889,  Zintgraff  1888—1889,  Zweifel  1879.

Und  zwar  fallen  für  Zentralafrika  von  diesen  Reisenden  die  folgenden
als  Träger  und  Anreger  des  kolonialen  Gedankens  in  jenen  kritischen
Jahren  zeitlich  geordnet  namentlich  ins  Gewicht:

Roscher,  v.  d.  Decken,  Güßfeldt,  Nachtigal,  Lenz,  Pogge,  Barth,
Buchner,  Soyaux,  Wissmann  und  Francois,  Böhm,  Reichard,  Kaiser,
Wolf,  Fischer,  Schmidt,  H.  Meyer  und  Peters.

Diese  kleine,  noch  durch  viele  andere  Reisende,  z.  B.  Prof.  G.  Fritsch,
dem  wir  sehr  eingehende  ethnographische  Studien  verdanken,  zu  ergänzende
Liste  umfaßt  gut  ein  Drittel  aller  namhaften  Afrikaforscher,  wie  denn
        <pb n="19" />
        auch  die  Wissenschaft  der  Geographie  gerade  in  Deutschland  die  vor—
nehmste  Pflege  erfuhr,  und  wie  man  anerkennend  sagen  muß,  auch  vielfach
  mit  englischer  Unterstützung.  Die  übrigen  sind  vornehmlich  Engländer,
  mit  denen  kolonisatorisch  Hand  in  Hand  zu  gehen,  wie  man
meint,  leider  nun  einmal  Gebot  unserer  durch  viele  Umstände  bedingten
und  immer  noch  eingeengten  Politik  ist.

Diese  Forscher  wurden  auf  ihren  gefahrvollen  Fahrten  von  den
Sympathien  des  gesamten  Deutschlands  begleitet;  sie  wurden  verdientermaßen
  gefeiert  als  die  Helden  und  Herven  der  Neuzeit,  und  die  am
2.  März  1885  aufgestellte  Forderung  des  Fürsten  Bismarck,  daß  der
Regierung  eine  Initiative  auf  dem  Boden  der  Kolonialpolitik  nur  möglich
wäre,  wenn  sie  durch  Entschlossenheit  und  Überzeugung  des  ganzen  Volkes
getragen  würde,  ward  dadurch  erfüllt.

2
        <pb n="20" />
        8  Erster  Teil:  Afrika.  8

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Allgemeines  über  die  Bevölkerung  Afrikas.

Wir  haben  uns  in  erster  Linie  mit  den  Schutzgebieten  zu  beschäftigen,
die  räumlich  und  vielleicht  auch  politisch  und  wirtschaftlich  am  meisten  ins
Gewicht  fallen  und  zeitlich  die  ersten  waren.  Es  sind  dies  die  Kolonien
Afrikas,  welches  gleichsam  den  tropischen  Ergänzungserdteil  Europas
bildet  und  ausersehen  zu  sein  scheint,  die  Industrie  des  Mutterlandes
mit  den  ihr  am  wenigsten  entbehrlichen  Rohstoffen  zu  versehen.

Der  sogenannte  schwarze  Erdteil  ist  wenig  gegliedert.  Er  lud  die
Eingeborenen  nicht  zur  Schiffahrt  ein.  Sein  Meer  ist  die  Wüste,  und
das  Schiff  der  Wüste  ist  ein  Wiederkäuer  auf  vier  Beinen,  das  Kamel.
Selbst  die  Ströme  Afrikas  sind  wenig  schiffbar,  da  sie  auf  ihrem  Wege
zur  Küste  über  eine  Reihe  von  Gebirgs-  und  Hochlandsterrassen  hinab—
fallen.  Die  Küste  selbst  ist  flach,  unwirtlich,  von  Nebeln  und  fieber—
schwangeren  Sümpfen  umlagert.  Eine  Sonne  brennt  auf  Nord-  und
Mittel-Afrika  herab,  unter  deren  Strahlen  nur  Menschen  existieren  können,
die  äußerlich  mit  einem  „Schutzpigment“  umkleidet  sind,  welches  ihren
Organismus  gleichsam  beschattet,  und  die  sich  auch  geistig  in  einen
engen,  sehr  materiell  gearteten  Horizont  einschließen.  Große  Anstrengungen,
idealer  Aufschwung  sind  unter  diesem  Himmel  nicht  möglich.  Mit  Ausnahme
  Ägyptens,  wo  schon  früh  eine  Mischung  alter  Kulturen  der  Vor—
zeit  sich  herstellte,  zeigt  sich  das  ganze  übrige  Afrika  von  Naturvölkern
bewohnt,  die  nach  unserer  Vorstellung  eine  Art  von  Traumleben  führen.
Weder  große  Bauwerke  noch  große  Staatenbildungen  konnten  bei  ihnen
entstehen,  geschweige  denn  höhere  Religionsauffassungen.

Auch  Ackerbau  und  Industrie  blieben  auf  niedriger  Stufe,  da  die
Natur  überall,  wo  das  Wasser  nicht  mangelt,  reichliche  Früchte  zeitigt,
        <pb n="21" />
        —  21  —

und  sich  andere  Bedürfnisse  als  die  der  Nahrung  kaum  erhoben.  Statt
Arbeit  und  Arbeitsteilung,  die  uns  in  rauheren  Klimaten  die  Grundlage
der  Existenz  geben,  wachsen  dort  u.  a.  der  Brotbaum  und  die  Banane,
die  eine  immerwährende  Ernte  ohne  Mühe  erlauben.

Einer  etwaigen  Übervölkerung  begegneten  diese  Naturmenschen,  nicht
wie  dies  in  Europa  geschieht,  durch  höhere  Gütererzeugung,  sondern
durch  Raubzüge,  welche  den  Fang  von  Menschen  zum  Zweck  hatten,  die
dann  geopfert  wurden,  zum  Teil  auch  durch  Massenabschlachtungen  wie
in  Dahome.  Sogar  der  Kannibalismus  herrscht  noch  heute  im  sogenannten
„Herzen“  von  Afrika,  dem  Hochlande,  das  seine  Riesenströme,  Nil,  Kongo,
Sambesi,  Senegal,  Niger,  nach  allen  Weltmeeren  entsendet.  Und  den—
selben  Kannibalismus  werden  wir  auch  im  fernen  Osten  der  Südsee  als
eine  der  schauderhaftesten  Naturerscheinungen  wiederfinden.  Er  wird
instinktiv  und  naiv  geübt.  Dieselben  Leute,  die  noch  vor  kurzem  ihren
erschlagenen  Feind  in  ihrem  Leib  begruben,  sind  heute  schon  Träger
der  Kultur,  des  Christentums  und  einer  neuen  Herrschaft  mit  neuen
Sitten.

An  den  Kannibalismus  reiht  sich  die  Sklaverei,  der  Verkauf  der
Kriegsgefangenen,  ja  selbst  der  nächsten  Angehörigen,  namentlich  der
Frauen,  die  als  Kapitalanlage  galten,  oder  ganzer  Völkerschaften.  Die
Sklavenjagden  waren  bis  vor  kurzem  im  Sudan,  der  Region  südlich  der
Sahara,  gang  und  gäbe.  Sie  wurden  auch  durch  die  fremden  Gäste
an  den  Küsten,  die  Araber  und  Portugiesen,  begünstigt  und  belohnt.
Selbst  die  brandenburgischen  Kolonisten  der  Goldküste  durften  sich  am
Sklavenhandel  bereichern.

Gelegentlich  dieser  Sklavenjagden,  mit  denen  die  Jagd  nach  Elfenbein
  Hand  in  Hand  ging,  fand  eine  starke  Wanderung  und  Vermischung
aller  Volkselemente  statt,  und  zwar  zeigt  diese  Bewegung  eine  gewisse
Regelmäßigkeit.  Die  höhere  Kultur  überwältigt  die  niedere.  Der  Nordosten,
  welcher  am  stärksten  und  frühesten  äußeren  Einflüssen  unterworfen
war,  sandte  seinen  Überschuß  von  Energie  nach  Süden  und  Westen.
Und  so  finden  wir  denn  die  Urbevölkerung  überall  vom  Berber=  und
Arabertum  durchsetzt,  wodurch  zugleich  der  Grund  einer  höheren  Gottesauffassung
  gelegt  wurde.  Der  Islam  ist  über  die  Sahara  hinweg  schon
bis  an  die  Küsten  des  Atlantischen  Ozeans  vorgedrungen;  wir  begegnen
ihm  im  Herzen  unserer  Schutzgebiete  Togo  und  Kamerun  als  Hindernis
gegenüber  der  Tätigkeit  unserer  christlichen  Missionen.  Es  ist  das  ein
        <pb n="22" />
        —  22  —

Gegensatz,  der  hoffentlich  mehr  zum  edeln  Wetteifer  als  zum  verheerenden
Widerstreit  Anlaß  geben  wird.

  
  

   
 
     

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Hottentott.

 

Buschmannfrau.  Buschmann.

Am  wenigsten  macht  sich  der  Einfluß  des  Islam  natürlich  geltend,
wo  die  Verlockung  zu  den  Raubzügen  am  geringsten  war  und  in  den
vom  Nordosten  entferntesten  Gebieten.  Ein  solches  ist  der  Fall  in  unserer
        <pb n="23" />
        —  23  —

zeitlich  ersten  Kolonie  Südwestafrika,  deren  Bewohner  aber  im  übrigen
auch  nicht  gerade  viel  Erfreuliches  bieten.  Die  dort  heimischen  Hotten—
totten  (Stotterer,  so  genannt  wegen  der  Schnalzlaute  ihrer  Sprachen)
und  Buschmänner  galten  als  die  niedrigste  Erscheinungsform  der
Menschheit  und  nebst  den  mit  ihnen  verwandten,  niemals  aus  den
Finsternissen  ihrer  Urwälder  sich  hervorwagenden  Zwergmenschen,  mit
denen  wir  im  Hinterlande  von  Kamerun  in  Fühlung  kommen,  als  die
eigentlichen  Urbewohner  dieses  Weltteils.  Sie  sind  meistens  noch  reine
Jagdvölker,  die  auch  schon  zur  ausgedehnten  Viehzucht  sich  aufgeschwungen
haben,  aber  zur  Gründung  fester  Heimsitze  nicht  leicht  gelangen.

d8

—
§

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Buschmänner.

Eine  zweite  und  bedeutend  höhere  Rasse  sind  die  Kaffern,  denen
sich  die  Hereros  oder  Damara,  und  Ovambos  von  „Südwest“  zugesellen,
während  die  Berg-Damara  eine  Zwischenform  bilden  und  auch  die
Hottentottensprache  angenommen  haben.  Sie  sollen  den  eigentlichen
Negern  am  Benue  sehr  ähnlich  sein.  Die  Kaffern  sind  Bantu,  die  man  als
vlieshaarig  bezeichnet.  Man  nennt  die  Hottentotten  dagegen  büschelhaarig.
Auch  die  Bantu  sind  in  gewissem  Sinne  Waldbewohner,  aber  sie  roden
den  Wald  aus,  indem  sie  Feuer  an  die  Stämme  legen,  und  treiben  nun
in  den  auf  solche  Weise  urbar  gemachten  Lichtungen  eine  Art  von  Hack—
        <pb n="24" />
        —  24  —

kultur.  Den  Pflug  findet  man  bei  ihnen  nirgends.  Ihre  Dörfer,  aus
Schilfhütten  bestehend,  wandern  gewissermaßen  mit  den  Lichtungen  durch
den  Urwald,  der  sich  hinter  ihnen  wieder  schließt.  Auch  sie  bringen  es
nicht  zu  festen  Wohnsitzen.  Wir  lernen  sie  als  die  Eroberer  und  der—

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Berg-Damara.

zeitigen  Herren  in  unseren  ost=  und  westafrikanischen  Schutzgebieten  nördlich
  des  Aquators  kennen.  Ihnen  nahe  stehen  die  ebenfalls  vlieshaarigen
eigentlichen  Neger,  welche  viel  schwärzer,  ja  wie  die  Kru  fast  blauschwarz
sind.  Sie  bewohnen  den  Sudan,  jene  vielumstrittene  und  von  Karawanen
durchkreuzte  Region  südlich  der  Sahara,  auch  die  Gebiete  zwischen  Niger
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        —  25  —

und  Senegal.  Sie  sind  Mohammedaner,  treiben  Pferdezucht  und  haben
berittene  Truppen.

Die  Haussaneger  im  Hinterlande  von  Togo  und  am  Benus  im
Hinterlande  von  Kamerun  beherrschen  den  Handel.  Ihre  Sprache  ist
die  Trägerin  des  Verkehrs.  Die  Kruneger  aus  Liberia,  ohne  die  wir
gegen  die  störrischen  Kameruner  nicht  viel  hätten  anfangen  können,  bewähren
  sich  als  Matrosen  und  Lastträger.  Sie  bilden  den  Kern  der  dortigen
  Schutztruppen.

Eine  dritte,  oder  vierte  Gruppe  sind  die  lockenhaarigen  Nubavölker,
  von  kaffeebrauner  Hautfarbe.  Deren  Urtypus  sind  die  Nubier

 

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Haussaneger.  Herero.

und  die  menschenfressenden  Monbuttu  zwischen  Nil  und  Kongo.  Auch
das  Jägervolk  der  Schuli  am  Albertsee  gehört  ihnen  zu.  Schweinfurth,
der  drei  Jahre  lang  unter  den  Monbuttu  und  den  ihnen  verwandten
Niam-Niam  im  „Kulturlande  des  Kannibalismus“  gelebt  hat,  hält  sie
für  echte  und  reine  Semiten.  Dagegen  sind  die  sehr  wenig  umgänglichen
Somali  und  die  Suaheli  des  Ostens  ein  Mischvolk,  dem  man  sogar  indogermanische
  Züge  abgelauscht  haben  will.  Uns  interessieren  besonders  die
Suaheli,  weil  sie  die  Küste  unseres  ostafrikanischen  Schutzgebietes  bewohnen.
Suaheli  heißt  in  der  Tat  nichts  anderes  als  Küstenbewohner.  Ihre
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        —  26  —

Sprache  ist  die  Verkehrssprache  dieser  Gebiete,  und  zwar  ein  mit  vielem
Arabischen  versetztes  Bantu,  das  nun  einen  regelmäßigen  Unter—
richtsgegenstand  an  dem  orientalischen  Seminar  in  Berlin  bildet.  Die
fein  gegliederte,  wortreiche  Bantusprache  ist  der  beste  Beweis  für  die
geistige  Begabung  des  Negers,  die  vornehmlich  linguistisch  ist,  der  sich
eine  Neigung  zur  Mimik  hinzugesellt,  die,  verbunden  mit  kindlichem
Frohsinn,  den  schwarzen  Erdteil  mit  einem  auch  den  verstocktesten  Europäer
anmutenden  Leben  erfüllt.

Bantudialekte  werden  durch  ganz  Zentralafrika  gesprochen.  Sie
sind  eine  Familie  wie  die  indogermanischen  Sprachen:  Sanskrit,  Griechisch,
Lateinisch,  Deutsch  usw.  Sie  haben  eine  reiche  Deklination  und  zeichnen
sich  durch  eine  Anzahl  von  Vorsilben  aus.  So  heißt  utu  Mensch,  umuntu
  ein  Mensch,  aba-ntu  viele  Menschen.  Der  Name  Bantu  bedeutet
also  nicht  viel  mehr  als  Volk,  Leute.  Solche  Vorsilben  (es  sind  deren
achtzehn  bis  zwanzig)  drängen  sich  in  jedes  Wort  ein.  Sie  kennzeichnen
auch  alle  auf  denselben  Gegenstand  bezüglichen  Worte  in  einem  jeden
Satz.  Man  faßt  die  Bantusprache  deshalb  unter  einem  besonderen  Namen
zusammen.  Man  nennt  sie  die  „präfixzpronominale“  Sprachfamilie  und
zählt  deren  168  mit  zahlreichen  Dialekten.  Daß  aber  diese  Umständlichkeit
der  Sprache  kein  Vorteil  ist,  daß  vielmehr  die  formeneinfachste  Sprache
den  Sieg  über  die  verwickelteren  davonzutragen  berufen  ist,  mag  nebenbei
gesagt  sein.  Denn  zum  Teil  erklärt  sich  daraus  das  überall  bemerkbare
Vordringen  des  Englischen,  das  in  seiner  Abart  als  Pigeon-,  Küstenoder
  See-Englisch  sogar  von  den  Muschiks  und  Chinesen  entlang  der
mandschurischen  Grenze  gesprochen  wird.

Die  geistige  Begabung  der  Bantu  bekundet  sich  ferner  in  ihrer
Trommelsprache.  Eingeweihte  wissen  sich  durch  Trommellaute  auf  große
Entfernungen  Mitteilungen  zu  machen  und  in  wenigen  Stunden  alle
Angehörigen  eines  Volkes  von  Dorf  zu  Dorf-von  wichtigen  Vorgängen
zu  unterrichten.

Trotz  ihrer  sehr  materiellen  Auffassung  aller  Dinge,  mit  wenigen
Ausnahmen  sogar  so  hoher  wie  der  Religion,  die  sich  in  einem  bloßen
Fetischdienst  unter  nicht  selten  geradezu  mörderischer  Tyrannei  von  Zauberern
verliert,  sind  die  Neger  im  Grunde  genommen  gutartigen  Gemüts.  Der
große  Livingstone  saß  einst  inmitten  der  Geographischen  Gesellschaft  in
London.  Da  fragte  ihn  ein  christlicher  Bruder:  „Herr  Doktor,  wo  sind
Sie  lieber,  hier  unter  uns  oder  wieder  in  Ihrem  Kaffernkraal?“  Und
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        —  27  —

er  antwortete  ohne  Zögern:  „Lieber  dort,  die  Kaffern  sind  die  besseren
Menschen.“

Der  große  Reisende,  Arzt  und  Missionar  hat  seine  Meinung  durch
die  Tat  besiegelt,  da  er  unter  den  „Wilden“  sein  Leben  zu  Ende  führte.
Die  Naturvölker  ahnen  von  der  Tragweite  der  ihnen  von  den  Europäern
aufgenötigten  Schutzverträge,  die  ihre  Häuptlinge  bei  einem  Glase
steifen  Grogs  —  wie  Peters  es  schildert  —  mit  irgend  einem  Zeichen
versehen,  so  gut  wie  nichts.  Sie  sind  uns  nicht  rechtlich  untertan,  sondern
nur  kraft  unsrer  höheren  Kultur.  Diese  hat  die  leitenden  Völker  Europas
vereinigt,  und  diese  Vereinigung  unterliegt  einem  Sittengesetz,  das
die  Greuel  früherer  Zeitläufte  ausschließt.  Auch  den  neuen,  namentlich
dem  Alkoholismus,  wird  sie  ein  Ziel  setzen.  Entgegen  den  vielen  gegen
sie  gerichteten  Angriffen  darf  sich  die  deutsche  Kolonialverwaltung  rühmen,
die  Schnapseinfuhr  überall  aufs  strengste  unterdrückt  zu  haben;  nichts
wirkt  auf  die  Eingeborenen  demoralisierender  und  gibt  zu  Unruhen  mehr
Anlaß  als  der  Schnaps.  Auch  den  Europäern  ist  in  heißen  Klimaten
nichts  schädlicher.  Nur  in  Togo  und  Kamerun  läßt  sich  diese  Fürsorge
noch  immer  nicht  durchsetzen,  weil  die  benachbarten  Kolonien  den  Schnaps
als  den  lohnendsten  Tauschartikel  verwenden.

Den  vereinten  Bemühungen  der  Mission  und  der  Regierung  wird
es  gelingen,  auch  hier  eine  Besserung  herbeizuführen.

Die  geschlossenen  Verträge  haben  aber  eine  große  Bedeutung.  Die
Naturvölker  werden  damit  dem  einen  Staat  unter  Ausschluß  aller  andern
zur  Beherrschung  überantwortet.  Sie  werden  in  erster  Linie  unter  dessen
besonderen  Schutz  gestellt.

Wie  schwer  es  aber  fällt,  die  einander  entgegenstehenden  Ansprüche
und  Lebensauffassungen  der  Europäer  und  sder  Eingeborenen,  die  sich
zum  Teil  als  „Herrenvölker“  fühlen,  in  Einklang  zu  bringen,  das  beweisen
die  jüngsten  Ereignisse  in  „Südwest“,  wie  unser  Schutzgebiet  Deutsch-Südwest-Afrika
  jetzt  einfach  genannt  wird.  Es  gilt  den  Eingeborenen
eine  höhere  Lebenshaltung  entgegenzubringen,  in  die  sie  sich  willig  einsügen.
  Vor  allem  durch  Schaffung  von  Eisenbahnen.  Und  hierin
bleibt  Deutschland  leider  noch  immer  sehr  weit  hinter  England  zurück.

Auf  die  Ursachen  unserer  Rückständigkeit  ist  bereits  verwiesen  worden.
Auch  vertrösten  die  Engländer  nicht  auf  den  Landmesser  als  Pionier
(Reichstagssitzung  vom  6.  März  1907),  wenn  sich  kleinere  private  Kapitalisten
  zur  Ansiedlung  melden.
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        —  28  —

Daß  auch  handelspolitische  Beweggründe  zur  Erwerbung  von  Kolonien
Anlaß  geben,  ist  selbstverständlich,  und  sie  sind  zugleich  dessen  Rechtfertigung.
Wenn  sich  Deutschland  nicht  völlig  und  auf  immer  von  diesen  Küsten,
den  Vorratskammern  so  vieler  unentbehrlicher  Rohprodukte  —  man  denke
nur  in  dieser  Zeit  der  Elektrizität  allein  an  den  Kautschuk  —  ausschließen
lassen  wollte,  so  mußte  es  in  den  Wettlauf  der  übrigen  Mächte  nach  den
hergebrachten  Bräuchen  desselben  eintreten.  In  dieser  Weise  sind  zur
Zeit  dem  Deutschen  Reiche  in  Afrika  insgesamt  2417000  qkm  überliefert
worden.  Die  Gebiete  Portugals,  der  unter  belgischem  Schutz  stehende
Kongostaat,  das  Überbleibsel,  das  sich  die  Türkei  erhalten  hat,  sind
ungefähr  von  gleicher  Größe.  Englands  Anteil  ist  doppelt  so  groß,
Frankreich  steht  mit  3338216  qkm  in  der  Mitte.  Die  Anteile  Italiens
und  Spaniens  betragen  etwa  je  ein  Drittel,  816000  und  710  000  qkm.)

Am  schönsten  scheint  die  Union  von  Amerika  dazustehen,  die  an
der  Westküste,  der  sogenannten  Pfefferküste,  schon  am  Anfang  des  vorigen
Jahrhunderts  den  Negerfreistaat  „Liberia“  gründete,  wo  vielleicht  die
in  der  Union  selbst  als  freie  Bürger  sich  wenig  bewährenden  früheren
Sflaven  (meist  Bantu)  Gelegenheit  finden,  ein  naturgemäßes  Leben  aufs
neue  zu  beginnen,  während  sie  sich  in  die  Kultur,  die  sie  in  den  Vereinigten
  Staaten  umgibt,  nicht  einleben  zu  können  scheinen.  Sie  verfallen
dort  dem  ständigen  Proletariat  und  der  landesüblichen  Lynchjustiz.
Ideal  sind  die  Zustände  in  Liberia  freilich  auch  nicht.  Doch  liefert  diese
Republik  gute  Arbeiter  und  Soldaten  auch  für  unseren  Bedarf  in  Kamerun.

Noch  ein  Wort  über  die  Mission.

Der  Islam  hat  das  im  Norden  Afrikas  bereits  eingebürgert  gewesene
Christentum  wieder  verdrängt,  und  die  christliche  Mission  hat  gegen  ihn
einen  schweren  Stand.

Es  ist  eine  gar  gewaltige  Erscheinung,  diese  Mission,  an  der  sich
alle  Völker  beteiligen.

*)  Man  pflegt  Rußland  als  kolonisierende  Macht  nicht  in  Betracht  zu  ziehen.
Und  auf  dem  Boden  Afrikas  scheint  dieses  gewaltige  Reich  in  der  Tat  auf  jeden
Einfluß  verzichtet  zu  haben.  Man  darf  das  dem  Umstande  zuschreiben,  daß  Rußland
seine  „Ergänzungszone“  in  Asien  sucht  und  vorläufig  mit  der  Kolonisierung  Nordasiens
  vollauf  beschäftigt  ist.  Sibirien  allein  umfaßt  ein  Gebiet  von  12500  000  qkm.
Es  ist  nicht  verwunderlich,  wenn  Rußland  immer  wieder  den  Versuch  macht,  dieses
Riesengebiet  durch  Gewinnung  von  eisfreien  Häsen  am  Stillen  Ozean  handelspolitisch
zu  beleben.  Und  auch  Deutschland  dürfte  an  der  Aufschließung  desselben  ein  Interesse
  haben.
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        —  29  —

Nach  Grundmann  unterhielt  die  protestantische  Kirche  im  Jahre  1890
600  Stationen  mit  680  Missionaren  und  einem  Budget  von  30  Millionen
Mark,  die  katholische  zu  derselben  Zeit  26  Stationen  mit  269000  Heidenchristen.
  Seitdem  ist  eine  sehr  erhöhte  Tätigkeit  entwickelt  worden,  zum
Teil  auch  durch  das  Hinzutreten  von  Regierungsschulen.

Nach  den  Angaben  des  Missionsdirektors  Herrn  D.  C.  Buchner
unterhält  man  zurzeit  in  unseren  eigenen  Kolonien  von  evangelischer
Seite  30  höhere  und  1053  Volksschulen  mit  43390  Schülern  und  von
katholischer  Seite  486  Schulen  und  117  Erziehungshäuser  mit  26654
Schülern.)  Der  Umstand,  daß,  trotz  der  Ereignisse  in  Südwest,  die  Ansiedler
  ihre  früheren  eingeborenen  Arbeiter,  die  auf  den  Missionsschulen
erzogen  waren,  wieder  zu  erhalten  suchen,  beweist,  daß  diese  Anstalten
segenbringend  wirken.  Ebenso  muß  rühmend  hervorgehoben  werden,  daß
die  Missionare  vielfach  als  Friedensvermittler  sich  bewährt  haben,  und
daß  sie  von  den  Aufständischen  meist  geschont  wurden.  Der  Ausdruck
„Weiße  Teufel“  bezieht  sich  mehr  auf  jene  Art  von  Europäern,  die  dem
auf  den  weißen  Mann  gekommenen  Vermächtnis  durch  den  Verkauf  von
Schnaps  zu  genügen  glaubte.

*)  Dazu  erscheinen  auf  deutschem  Boden  gegen  hundert  Missionsblätter.  An
sonstigen  Zeitungen  bieten  uns  unsere  offiziellen  Kolonien  außer  den  Amtsblättern
die  folgenden:  1)  die  „Deutsch=  Südwestafrikanische  Zeitung“,  Swakopmund;  2)  die
„Usambara-Post“,  Tanga;  3)  die  „Deutsch-Ostafrikanische  Zeitung",  Daressalam;
4)  die  „Deutsch-Asiatische  Warte“,  Tsingtau;  5)  die  „Tsingtauer  Neuesten  Nachrichten“,
ebenda;  6)  die  „Samoanische  Zeitung“,  Apia;  alle  wöchentlich,  bis  auf  Nr.  5,  welche
täglich  erscheint.

Daneben  empfehlen  sich  die  heimatlichen  kolonialen  Zeitungen:  „Afrika“,  „Afrikapost“,
  „Beiträge  zur  Kolonialpolitik  und  Kolonialwirtschaft“,  „Deutsche  Kolonialzeitung“,
  „Deutsches  Kolonialblatt“,  „Koloniale  Zeitschrift“,  „Mitteilungen  der  Nachtigalgesellschaft",
  „Mitteilungen  von  Forschungsreisenden  und  Gelehrten  aus  den
deutschen  Schutzgebieten“,  „Der  Tropenpflanzer“.

Endlich  besteht  eine  „Brücke  zur  Heimat“  (Bremen),  welches  Blatt  den  Deutschen
im  Auslande,  z.  B.  in  den  südamerikanischen  Ländern,  wo  die  Entartung  besonders
drohend  zutage  tritt,  ihr  Deutschtum  zu  erhalten  sich  bemüht.

Ferner  erscheint  seit  1907  in  New  York  ein  Monatsblatt  „Der  deutsche  Vorkämpfer“,
  welches  die  Übersiedlung  von  amerikanischen  Deutschen  nach  Südwest
befürwortet.
        <pb n="30" />
        Lüderitzland  und  Südwest-Afrika.

Der  Bremer  Kaufmann  Adolf  Lüderitz  erwarb  im  Frühjahr  1883
die  Bucht  von  Angra  Pequesta  in  Südwest-Afrika  für  geringes  Geld
und  ein  paar  Gewehre  von  einigen  Hottentotten-Häuptlingen.  Er  erbat

 

Adolf  Lüderitz.

sich,  unter  dem  Hinweis,
daß  diese  im  gemäßigten
Klima  liegende  Region
Afrikas  Gelegenheit  zur
Ansiedlung  eines  Kerns
deutscher  Bevölkerung
gäbe,  für  seine  Erwerbung
  den  Schutz  des
Reiches.  England  dagegen
  erhob  Anspruch
auf  die  ganze  Westküste,
vom  Oranjefluß  bis  zum
Flusse  Kunene,  der
Grenze  des  portugiesischen
  Gebiets.  Da
hierfür  kein  anderes
Recht  als  das  gewohnheitsmäßiger
  und  unangefochtener
  Anmaßung
sich  finden  ließ,  so  entschloß
  sich  Fürst  Bismarck

  zu  einer  angesichts  unserer  schwachen  Seewehr  recht  kühnen  Tat.

Am  24.  April  1884  sandte  er  dem  Reichskons

folgende  Depesche:

ul  in  der  Kapstadt  die

„Nach  Mitteilung  des  Herrn  Lüderitz  zweifeln  die  englischen  Kolonialbehörden,
  ob  seine  Erwerbungen  nördlich  vom  Oranjestrom  auf  deutschen
        <pb n="31" />
        Schutz  Anspruch  haben.  Sie  wollen  amtlich  erklären,  daß  er  und  seine
Niederlassungen  unter  dem  Schutz  des  Reiches  stehen.“

Es  war  dies  ein  entscheidender  und  einschneidender  Schritt.  Deutschland
  gab  damit  endlich  seine  Visitenkarte  auf  dem  Boden  der  Kolonialpolitik
  ab.  Das  erstaunte  England  hatte  nun  zu  erklären,  ob  es  die
teutonischen  Vettern  zulassen  oder  ein  für  allemal  aus  den  Gefilden  der
Weltpolitik  verbannen  wollte.

Nun,  England  erholte  sich  von  seiner  Verwunderung.  Es  beugte  sich
der  geschaffenen  Tatsache,  trotzdem  bereits  englische  Kapitalanlagen  dort
bestanden,  auch  leuchtete  es  unsern  britischen  Vettern  wohl  ein,  daß  eine
Nation  wie  die  unsre  mit  etwa  900.000  Seelen  jährlichen  Bevölkerungszuwachses
  nicht  ohne  Gefahr  dauernd  von  jeglichem  Anteil  an  Kolonialund
  Seeherrschaft  sich  ausschließen  lassen  würde.  England  behielt  sich
aber  die  Herrschaft  über  die  an  der  Küste  entlang  liegenden  Inselchen,
die  sogenannten  Guano-Inseln  vor,  ebenso  die  Walfisch=  und  die  Luciabai.
  Auch  entsandte  es  schleunigst  eine  Expedition,  um  sich  das  Hinterland
  am  schiffbaren  Molopostrom  und  das  gewaltige  Betschuanaland  und
im  Norden  davon  das  Gebiet  bis  zum  Tonke  unter  dem  Namen  Britisch-Sambesia
  zu  sichern,  offenbar  zu  dem  Zwecke,  jede  Verbindung  zwischen
der  deutschen  Machtsphäre  und  den  damals  noch  halbwegs  unabhängigen
Burenrepubliken  zu  verhindern.

In  einem  Abkommen  vom  Jahre  1885  wurde  dann  alles  Land  von
der  Küste  nach  innen  bis  zum  20.  resp.  22.  und  25.  Grade  östlicher
Länge  der  deutschen  Oberherrschaft  unterworfen.  Ein  Gebiet  von  1500  km
Länge,  was  ungefähr  der  Küstenstrecke  zwischen  Genua  und  Gibraltar
entspricht,  und  von  400  bis  800  km  Tiefe  war  damit  der  deutschen
Unternehmung  gesichert.  Es  umfaßt  eine  Fläche  von  835000  qkm  und
ist  nächst  Ost-Afrika  unsere  größte  Kolonie.  Der  Flächeninhalt  des
Deutschen  Reichs  beträgt  vergleichsweise  nur  540  000  qdkm.

Man  unterscheidet  in  Deutsch-Südwest-Afrika  das  Groß-Namaland
im  gemäßigten  Süden  in  der  Höhe  der  Lüderitzbucht,  wo  es  durch  den
Oranjefluß  vom  englischen  Kapland  getrennt  ist;  ferner  in  der  Höhe  der
Walfischbai  unterm  Wendekreis  des  Steinbocks  das  Damaraland  und
im  Norden,  schon  in  der  Region  der  Tropen  das  Kaoko=  und  Ovamboland
  mit  dem  Kunene  als  Grenzstrom  gegen  das  portugiesische-Gebiet.
Im  Osten  findet  unser  Schutzgebiet  seine  Grenze  an  der  Kalahari-Wüste,
und  vom  22.  Grad  südlicher  Breite  an,  wo  uns  eine  Erweiterung  bis
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        zum  21.  Grade  östlicher  Länge  gesichert  wurde,  stößt  es  an  das  Flußgebiet
  von  Tonke  oder  Tiogo.  An  der  nördlichen,  also  portugiesischen
Grenze  längs  des  Tschobiflusses  und  über  diesen  hinaus  schiebt  sich  eine
breite  Zone  deutschen  Gebiets  bis  an  den  Sambesi,  die  Hauptverkehrsader
  von  Süd-Ost-Afrika,  unter  dem  25.  Grade  östlicher  Länge  heran.
Es  ist  das  die  spöttisch  sogenannte  „Bleistiftspitze“,  auch  der  Caprivizipfel,
eine  der  sonderbarsten  Gebietsgestaltungen,  die  in  der  Weltgeschichte  je
vorgekommen  sind,  aber  offenbar  nicht  in  dem  Maße  nutzlos,  wie  man
annimmt.  Denn  gerade  hier  fand  sich  der  bekannte  blaue  Grund,  welcher
diamantführend  ist.  An  Häfen  finden  sich  außer  der  Lüderitzbucht  (Angra
Pequena,  was  auf  portugiesisch  kleiner  Hafen  bedeutet)  nur  der  Sandwichshafen
  und  der  neuerrichtete  Hafen  von  Tschoatschaut  oder  Swakopmund.
  Die  beiden  letzteren  begrenzen  die  britische  Walfischbai  nördlich
und  südlich.  Sie  bilden  gleichsam  jeder  für  sich  ein  exotisches  Altona,
sind  aber  mit  besserem  Erfolg  verbunden,  da  der  den  Briten  gehörige
Hafen  zusehends  versandet,  so  daß  britische  Guanoschiffe  bereits  sich  genötigt
  sehen,  den  Schutz  von  Swakopmund  aufzusuchen.

Vom  Meere  aus  gesehen  gewinnt  der  Ankömmling  vorerst  den  Eindruck
  einer  Wüste  mit  vorliegenden,  stark  umbrandeten  und  aufgewühlten
Dünen.  Erst  in  einer  Entfernung  von  60  bis  150  km  von  der  Küste
liegen  1000  m  hohe  und  namentlich  im  Norden  sich  schroff  auf  einige
tausend  Fuß  erhebende  Gebirgspartien  vulkanischen  Ursprungs.  Die
höchste  Erhebung  befindet  sich  im  Damaraland  und  beträgt  2300  m.
Im  Innern  aber  dehnen  sich  zwischen  den  verschiedenen  Höhenzügen  und
Kopjes  weite  Grasflächen,  Savannen  oder  Steppen  aus,  die  sich  wenigstens
ebenso  vorzüglich  wie  die  von  Transvaal  zur  Viehzucht  eignen.  Das
wird  zur  Genüge  durch  die  vorhandenen  großen  Herden  der  Eingeborenen
bewiesen.  Auch  gelangten  eine  Anzahl  deutscher  Ansiedler  durch  Viehzucht
hier  in  wenigen  Jahren  zu  großem  Reichtum.  Dieses  Flachland  wird
von  sogenannten  Regenflußbetten  durchzogen,  welche  während  der  Regenzeit
  in  gefahrdrohender  Weise  anschwellen.  Sie  werden  zwar  ebenso
schnell  wieder  trocken,  im  Untergrunde  aber,  oft  nur  wenige  Fuß  tief,
unter  dem  auflagernden  Sand  späterer  Bildung,  erhält  sich  ein  Grundwasserstrom,
  der  durch  sogenannte  Galeriewälder  bezeichnet  und  durch
Brunnen  leicht  nutzbar  zu  machen  ist.  Die  hier  gedeihende  Vegetation
treibt  ihre  Wurzeln  20—30  m  tief  und  hat  so  saftreiche  Blätter,  daß
die  Schafherden  nur  aller  zwei  oder  drei  Jahr  einmal  zur  Tränke  getrieben
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        —  33  —

werden.  Auch  hat  die  Natur  an  vielen  Stellen  durch  quer  gelagerte
Riffe  für  Stauwasser  gesorgt,  und  außerdem  gibt  es  periodische  Regenlachen
  und  salzhaltige  Pfannen,  die  Laagdes,  Vleys  und  Pans  der  Kapholländer.
  Solche  Pans  sind  z.  B.  der  Ngamisee  in  Britisch-Sambesia
und  die  Etoscha-Pfanne  im  Owambolande.  Es  ist  zweifellos,  daß  menschliche
  Kunst  diesen  Naturanlagen  in  großem  Maßstabe  nachhelfen  kann,
und  daß  ausgedehnte  Strecken  scheinbarer  Wüsten  durch  Stauwerke  und
artesische  Brunnen  der  Kultur  gewonnen  werden  können,  ebensogut  wie
die  früher  sogenannte  „Wüste“  Nordamerikas.  Nur  gehört  dazu  reich- 



 
   

    

  
 

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Die  neue  Mole  und  die  Reede  von  Swakopmund.  Carl  Müller  phot.

liches  und  sehr  billiges  Kapital,  wie  es  das  deutsche  Volk  im  Übermaße
  sich  schaffen  könnte,  wenn  es  angemessene  Bodengesetze  hätte,
ähnlich  denen  Englands.  Bevorzugt  ist  besonders  der  zentrale  Teil
unseres  Schutzgebiets,  das  vielumstrittene  Owahereroland,  wo  sich  zahlreiche
  ergiebige  Quellen  befinden.  Und  diese  Gegend  bildete  denn  auch
bisher  das  Einbruchstor  unserer  Siedlungen.  Erst  später  bahnte  sich  im
Süden  eine  gleiche  Entwicklung  an.

Aber  selbst  in  den  Wüsten,  z.  B.  der  Kalahari,  d.  h.  die  „Quälende“,
finden  sich  wasserreiche  Senkungen.  Nur  das  Dünenland,  die  Namib

Beta,  Das  Buch  von  unsern  Kolonien.  3
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        genannt,  ist  tatsächlich  hoffnungsloses  Steingeröll,  so  daß  also  Südwest—
Afrika  als  Land  fast  ausschließlicher  Binnenkultur  sich  darstellt,  welches
durch  Eisenbahnen  mit  der  Küste  in  Verbindung  gebracht  werden  muß.
Wo  die  Bewässerungsverhältnisse  einigermaßen  günstig  sind,  gedeihen
unsere  Feldfrüchte,  Gemüse,  Weizen  (bei  Okahandja  36  Ztr.  pro  Morgenl),
namentlich  auch  Mais.  Alle  nützlichen  Arten  von  Palmen  sind  hier
einheimisch.  Bekannt  durch  die  Vorträge  des  Staatssekretärs  Bernhard
Dernburg  ist  die  auf  dem  Baiwege  zwischen  Lüderitzort  und  Keetmannshoop
  von  einem  Ochsenwagen  verlorene  Dattelkiste,  welche  einem  Haine
von  Dattelpalmen  zur  Entstehung  verhalf.  Nach  Bebel  können  auf  einem
Morgen  600  Palmen  gedeihen.  Der  Tabak-,  besonders  auch  der  Wein-,
Obst=  und  Gemüsebau  scheint  eine  große  Zukunft  zu  haben,  und  die
zahlreichen  Anbauversuche,  welche  in  unseren  Hauptstationen  in  besonderen
botanischen  Gärten  seitens  der  Kolonialbehörden,  Missionen  und  Farmer  angestellt
  wurden,  erwiesen  sich  für  Zypressen,  Eukalyptus,  Akazien  und  andere
zur  Aufforstung  der  kahlen  Hochebene  geeignete  Hölzer  durchaus  dankbar.
Sehr  lästig  wird  allerdings  vielfach  die  Heuschreckenplage,  der  man
durch  weite  Verbreitung  eines  Impfgiftes  zu  begegnen  gedenkt,  von  dem
im  letzten  Berichtsjahre  in  Windhuk  1500  Tuben  verteilt  wurden.  Auch
Pferde  scheinen  nicht  zu  gedeihen.  Inwieweit  im  Lande  selbst  gezüchtete
Pferde  sich  bewähren  werden,  bleibt  abzuwarten.  Gr.  Spitzkopjas  bei
Warmbad  soll  als  Pferdezuchtplatz  schon  eines  guten  Rufes  sich  erfreuen;
es  liegt  1200  m  hoch  und  kommt  zugleich  als  Luftkurort  in  Betracht.
Beweiskräftiger  ist,  daß  die  Eingeborenen  durchweg  gut  beritten  sind.
Ferner  halten  sich  die  eingeführten  Kamelhengste,  denen  die  vorhandene
Vegetation  ein  bekömmliches  Futter  bietet.  Der  Transport  wird  durch  Reitochsen
  und  Ochsenkarren  bewirkt,  auf  dem  Baiwege  durch  Esel  und  Maultiere.
Die  Savannen  sind  nicht  etwa  eintönig,  sondern  durch  Bergketten,
Kopjes  und  Tafelländer  unterbrochen,  welche  zum  Teil,  wie  der  Waterberg,
die  Ontjati=  und  Komasberge,  die  Naukluft,  die  Tiras=  und  Karasberge
als  Gebirgsfesten  der  Aufständischen  berühmt  geworden  sind.  Von  ihnen
entspringen  zahlreiche  Wasserläufe,  und  der  südliche  Einschnitt  ist  reich  an
heißen  Quellen,  die  schon  jetzt  wegen  ihrer  Heilkraft  oft  genannt  werden.
Die  Ortschaften  Otyikango,  Windhuk,  Rehoboth,  Gibeon,  Keetmannshoop,
  Warmbad  usw.,  in  Meereshöhen  von  700—1700  m  gelegen,  bezeichnen
  diesen  „Graben“  als  der  Ansiedelung  besonders  günstig.
Auch  die  Flußgebiete  sind  durch  den  letzten  Krieg  zu  Ruhm  und
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        37

 

 

 

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Sanddünen  im  Küstengebiet  von  Deutsch-Südwestafrika.

35
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        —  36  —

Bedeutung  gekommen.  Nach  Süden,  dem  britischen  Molopo  und  Oranje
zu,  streben  meist  unterirdisch  der  Fischfluß  mit  dem  Konkip,  der  Auob,
Elefantenfluß,  große  und  kleine  Nosseb;  Damara  und  Kaoko  senden  ihre
Regenflüsse  Hoanib,  Hu  ab  (ein  Name  mit  den  Schnalzlauten,  die  den
Hottentotten  eigentümlich  sind),  Eisib,  Toakhaub,  Kuiseb  dem  Ozean  zu.
Der  Okavango  mit  den  Nebenflüssen  Uovambo  und  Uomatako  entführt
das  Wasser  des  nordöstlichen  Schutzgebieis  zum  Ngamisee,  dem  Sammelbecken
  von  Britisch-Sambesia.  Das  Hochland  von  Windhuk  ist  die  gemeinsame
  Wasserscheide  dieser  drei  Gebiete.  An  jagdbarem  Wild  ist  kein
Mangel.  Antilopen,  Zebras,  Gemsen  und  Steinböcke  bevölkern  das  Feld
und  die  Gebirge.  Die  Hyäne,  der  Leopard  und  der  Schakal  sind  die
einzigen  störenden  Gäste,  abgesehen  von  den  räuberischen  und  zum  Trunke
neigenden  Eingeborenen  selbst.  Diese  sind  bisher  vom  Islam  nicht  berührt
  worden,  da  sie  dem  Sudan  zu  fern  liegen,  und  die  Europäer  im
Süden  und  Osten  scheinen  ihnen  bis  jetzt  wenig  mehr  als  ihre  Untugenden
gebracht  zu  haben.  Den  Deutschen  ist  also  hier  eine  große  Erziehungsaufgabe
  gestellt.  '

Wir  haben  uns  diese  erste  Kolonie  noch  nachträglich  in  heißen
Kämpfen  erobern  müssen,  welche  weit  eher  als  die  heimischen  den  Namen
„Kulturkämpfe“  verdienen.  Es  wird  viel  Mühe  und  Geduld  erfordern,
sie  jenes  Charakters  zu  entkleiden,  welchen  die  Kämpfe  der  frommen  Puri—
taner  in  Nordamerika  mit  den  Rothäuten  trugen,  die  sehr  brutale  Ausrottungskriege
  waren.  In  unserm  technischen  Zeitalter  gebietet  die  Kultur
freilich  über  ganz  andre  und  majestätischere  Mittel,  denen  auch  der  Wilde
sich  beugt.  Nur  die  feigen  und  raubmörderischen  Buschmänner  dürften  ihrer
erhabenen  Sprache  unzugänglich  sein.

Eine  besondere  Episode  bildete  zunächst  unser  Krieg  gegen  die  Hottentotten
  vom  Witboistamme,  welche  vom  Viehraube  lebten  und  allem  Anschein
nach  auf  Anreizung  von  englischer  Seite  den  neuen  Herren  sich  feindlich
entgegenstellten.  Mit  Hilfe  des  englischen  Waffenschmuggels  waren  diese
Hochlandsstämme  in  der  Lage,  600  wohl  ausgerüstete  und  berittene
Krieger  ins  Feld  zu  stellen.  Die  Deutschen  zögerten  lange,  ehe  sie  ihnen
den  förmlichen  Krieg  ankündigten.  Der  Zustand  mußte  sich  erst  bis  zur
Unleidlichkeit  zuspitzen,  ehe  das  Reich  1893  sich  entschloß,  eine  deutsche
Schutztruppe  von  340  Mann  unter  dem  neuernannten  Landeshauptmann
Major  Kurt  v.  Frangois  den  bedrängten  Ansiedlern  zu  Hilfe  zu  schicken.
v.  Frangois  erstürmte  die  feste  Stellung  der  Witbois  bei  Hoornkrans,
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        und  öffnete  damit  einem  langwierigen  Guerillakrieg  die  Tore.  Hendrik
Witboi,  ein  sehr  gewandter  und  energischer  Halbblutneger,  begann  nun
gegen  uns  einen  Krieg,  der  dem  später  in  Transvaal  geführten  sehr
ähnlich  war.  Er  entwickelte  gegen  uns  die  Taktik  der  Buren.  Er  vernichtete
  unsere  Versuchsstation  bei  Kubub,  unsere  Transporte  und  Herden.
Unsere  eingeborenen  Treiber  ließ  er  ohne  weiteres  erschießen.  Er  galt
bei  den  Hottentotten  als  eine  Art  von  Prophet  und  fand  immer  wieder
neuen  Anhang,  bis  der  Major  und  jetzige  Oberst  Leutwein,  der  1894  dem
Major  v.  Frangois  gefolgt  war,  diesen  Hottentottenpatrioten  endlich  in
der  Naukluft  südlich  von  Hoornkrans  umzingelte  und  gefangen  nahm.

Hendrik  blieb  zunächst  unser  Freund,  obwohl  wir  noch  jahrelang
mit  den  Hereros  unter  ihrem  Führer  Kapitän  Lambert  in  heiße  Kämpfe
verwickelt  blieben.  Im  Jahre  1896  kam  es  auch  mit  diesem  zu  einem
trügerischen  Frieden.  Dem  fürchterlichen  Endkampf,  den  wir  mit  diesen
Stämmen  zu  führen  hatten,  widmen  wir  ein  besonderes  Kapitel.

Was  die  Ovambos  betrifft,  so  steht  uns  deren  Angewöhnung  an
die  deutsche  Verwaltung  noch  bevor,  und  die  Nähe  der  Otavi-Kupferminen
  macht  es  nötig,  auch  diese  Aufgabe  bald  in  Angriff  zu  nehmen.
Es  befinden  sich  unter  ihnen  schon  1300  Christen  unter  der  Pflege  der
finnischen  und  der  rheinischen  Missionen,  und  es  stehen  2000  Schüler  unter
40  einheimischen  Lehrern,  auch  erscheint  sonntäglich  eine  Zeitung  „Osondaha“
in  ihrer  Sprache.

Den  Segen  der  neuen  Herrschaft  waren  die  Eingeborenen  sofort  zu
ermessen  in  der  Lage.  Denn  ohne  strenge  Grenzsperre,  die  seitens  unserer
Schutztruppe,  damals  540  Mann  stark,  durchgeführt  wurde,  und  ohne  die
damit  Hand  in  Hand  gehende  Maßregel  der  Impfung  würde  auch  das
Ovamboland  zweifellos  von  der  Rinderpest  ebenso  heimgesucht  worden
sein  wie  der  angrenzende  Süden  und  Osten,  wo  das  ganze  Volk  der
Basutos  in  einem  Gebiet,  ebensogroß  wie  das  unsere,  unter  englischem
Schutz  an  den  Bettelstab  kam.

Ebenso  haben  die  Ovambos  als  sehr  anstellige  Arbeiter  beim  Bau  der
600  Km  langen  Otavibahn  sich  erwiesen.  Von  den  17  Millionen  Mark,
die  diese  kostet,  ist  ihnen  gewiß  ein  gut  Teil  zugeflossen.  Es  ist  aber
wohl  möglich,  daß  die  zu  ihnen  geflüchteten  stammverwandten  Hereros,
welchen  für  ihr  geraubtes  Vieh  Land  angewiesen  wurde,  ihnen  den
Rachekrieg  predigen  werden.  Wir  müssen  uns  dann  damit  trösten,  daß
selbst  die  Engländer,  die  den  Ruf  haben,  das  Kolonisieren  aus  dem  ff  zu
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        —  38  —

verstehen,  nicht  ohne  sieben  Kaffernkriege  ausgekommen  sind,  von  dem
ungeheuerlichen  Burenkriege  ganz  abgesehen.

Auch  von  den  Okavangos  nördlich  des  Kaukaufeldes  am  Kubango  droht
Gefahr.  Sie  verübten  im  Juli  1903  eine  Reihe  von  Greueltaten,  denen
die  Reisenden  Emmerich  und  Lang  und  die  Familie  Praasch  zum  Opfer
fielen,  und  plünderten  die  Station  Amutoni.  ·

Hoffen  darf  man,  daß  die  Eisenbahn,  die  eine  höhere  Lebenshaltung
in  diese  Bezirke  trägt,  ihren  friedenstiftenden  Einfluß  ausüben  wird.
Und  es  muß  ferner  bemerkt  werden,  daß  auch  die  Hereros  von  Omaruru,
Otjimbingue  und  Ovinaua  nach  der  Flucht  vom  Waterberge  sich  unterworfen
  haben  und  fleißig  an  der  Bahn  mitarbeiten.

Die  Erforschung  der  Hottentottengebiete  ging  Hand  in  Hand  mit
der  des  Oranjeflusses  und  des  Sambesi.  Die  Holländer,  welche  am  Kap
zuerst  sich  festsetzten,  verfolgten  eine  Kolonialpolitik,  die  der  geographischen
Forschung  wenig  günstig  war.  Erst  England  warf  die  Tore  offen.
Sehr  vieles  hat  der  große  Livingstone  zur  Aufschließung  dieser  Breiten
beigetragen,  der  in  den  vierziger  Jahren  namentlich  die  später  von  den
Burenkriegen  verwüsteten  Länder  bereiste.  Andersson  folgte  vom  Oranjestrom
  und  der  Walfischbai  aus  1851—58,  ferner  Hahn  und  Rath  1857,
Böhm  und  Bernsmann  1877,  Mago  1882,  Capello  und  Ivers  1884,
Schinze,  Büttner  und  Pohle  1885,  v.  Steinäcker  1888,  v.  Frangois  1891.

In  die  Zeit  der  Kämpfe  mit  den  Witbois  und  Hereros,  1891—95,
fällt  ferner  eine  Reihe  von  Erforschungen  unter  F.  J.  v.  Bülow,  E.  v.
Uechtritz,  Graf  Pfeil,  Dr.  K.  Dove,  Dr.  R.  Hindorf  und  Dr.  Hartmann.

Die  ganze  Westküste  Afrikas  ist  eine  sogenannte  Kaltwasserküste.
Sie  wird  durch  den  Auftrieb  der  Meerestiefen  kühl  erhalten.  Das  hat
leider  die  weitere  Folge,  daß  die  wassergeschwängerten  Seewinde  hier
ihre  Feuchtigkeit  in  schweren  Nebeln  ablagern,  die  wenig  zuträglich  sind.
Im  Innern  dagegen  herrscht  ein  starker  Temperaturwechsel,  der  oft
nächtlicherweile  das  Wasser  gefrieren  läßt,  während  bei  Tage  eine  Hitze
von  450  C.  herrscht.  Das  Ganze  ist  ein  verhältnismäßig  trockenes  Hochland
  mit  vielfach  fast  verschwindendem  Regenfall.  Dieser  hält  sich  in
der  Gegend  von  Klein-Windhuk  auf  393,5  mm  jährlich.  Das  Klima
des  südlichen  Teils  dürfte  im  wesentlichen  mit  dem  von  Transvaal  übereinstimmen.
  Es  ist  gesund  zu  nennen,  und  die  unvermeidlichen  Fieber
treten  in  milderer  Form  auf  als  in  den  ägquatorialen  Gebieten.

Die  Weißen  zählten  nach  dem  Regierungsbericht  von  1900  3388  Köpfe.
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        —  39  —

Inzwischen  sind  infolge  des  Krieges  die  Häfen  Swakopmund  und  Lüderitzbucht
  ins  Kraut  geschossen.  Von  den  Schutztruppen  haben  sich  über  1000
zur  Ansiedelung  bereit  erklärt.  Und  neues  Leben  blüht  aus  den  Ruinen!

Nach  dem  Bericht  1906  zählte  die  weiße  Bevölkerung  6366  Köpfe,
davon  717  Frauen  und  807  Kinder,  und  diese  verteilte  sich  auf  die  einzelnen
  Bezirke  in  folgender  Weise:  Omaruru  273,  Lüderitzbucht  433,
Gobabis  35,  Swakopmund  1819,  Windhuk  1918,  Outjo  73,  Gibeon  270,
Grootfontein  und  Karibib  694,  Keetmannshoop  851.  In  Kriegszeiten
kann  eine  solche  Statistik  keinen  Anspruch  auf  unbedingte  Vollständigkeit
machen.  Am  stabilsten  erscheint  der  Bezirk  von  Windhuk  nebst  dem  von
Keetmannshoop,  welches  letztere  als  Hauptstadt  des  Südens  betrachtet
werden  kann.  Die  frühere  Statistik  wies  ein  Drittel  Nichtdeutsche  auf,
nämlich  850  Buren,  128  Engländer,  186  Kapländer,  und  ferner  eine
Anzahl  Schweden,  Russen,  Amerikaner  und  Schweizer.

In  Windhuk  befindet  sich  ein  imposantes  Fort  und  eine  Reihe
großer  Geschäfte  in  massiven  Gebäuden.  Die  Eingeborenen,  Berg-Damara,
  Hottentotten  und  Mischlinge,  wohnen  in  Pontoks,  Hartebeesthäusern
  aus  Kies  und  Lehm  mit  Schilfdächern.

Otjikonho,  auch  Großbarmen,  einwärts  von  Swakopmund  erfreut
sich  eines  massiven  Stationsgebäudes.  Die  Rheinische  Missionsgesellschaft
  ist  dort  schon  seit  1884  tätig.  Die  Schwefelquellen  dieses  Ortes
werden  sehr  gerühmt.  Hier  gedeiht  die  Dattelpalme.  Früher  war
hier  der  Schauplatz  heftiger  Kämpfe  zwischen  den  Nama-Hottentotten
und  den  Hereros.

Die  Hottentotten  sind  ein  sehr  erregbares  Völkchen,  leichtgläubig,  leicht
enttäuscht  und  dann  rachsüchtig  und  hochmütig.  Obwohl  die  Bibel  durch
unsern  Landsmann  Krönlein  in  ihre  eigenartige,  durch  Klicks  oder  Schnalzlaute
  bereicherte  und  schwer  zu  erlernende  Sprache  übersetzt  ist,  haftet
das  Christentum  bei  ihnen  nicht  so  fest  wie  bei  den  Hereros.  Aber  sie
sind  trotzdem,  wie  ihre  Kriegführung  bewies,  die  bei  weitem  intelligenteren.
Die  Erbfehde  beider  Stämme  hat  eine  eigentümliche  Ursache.  Sie  dreht
sich  um  die  Eroberung  desselben  Gebiets,  um  das  auch  wir  so  viel  kostbares
  Blut  einsetzen  mußten.  Es  kann  deshalb  nicht  so  schlecht  sein  wie
der  Ruf,  den  die  Kolonialfeinde  ihm  bereiten,  wenn  es  auch  kein  Schlaraffenland
  ist.

Die  Hereros  sind  stattliche  Menschen,  ein  sogenanntes  „Herrenvolk“,
schwerfällig,  aber  verschlagen.  Milch  ist  ihre  Hauptnahrung.  Sie  lassen
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        —  40  —

ihr  Vieh  lieber  an  Altersschwäche  eingehen,  ehe  sie  es  schlachten  oder  verkaufen.
  Sie  hängen  an  ihren  alten  Sitten;  auf  die  deutsche  Kultur
blickten  sie  verachtungsvoll  herab  und  hielten  für  Schwäche,  was  Nachsicht
  und  Schonung  war').  Nun  hat  die  Kultur  ihre  furchtbare  Majestät

 

Hererofrauen.

*)  Hauptmann  K.  Schwabe  in  seinem  vorzüglichen  Werke  „Der  Krieg  in  Deutsch-Südwestafrika“
  zitiert  den  Missionar-Inspektor  v.  Rhoden  über  die  Herero:  „Die
unverschämtesten  Bettler  und  geriebensten  Betrüger  finden  sich  nicht  etwa  hier  und
da  unter  ihnen,  sondern  die  ersten  Missionare  meinten,  das  ganze  Volk  scheine  gar
keinen  Begriff  davon  zu  haben,  daß  Lügen  und  Stehlen  Sünde  sei.  Ganz  so  schlimm
hat  sichs  bei  näherer  Bekanntschaft  doch  nicht  herausgestellt,  und  es  finden  sich  hier
und  da  noch  Spuren  von  Dankbarkeit,  Treue  und  Erbarmen.  Aber  diese  Spuren
sind  selten,  und  im  allgemeinen  ist  ihnen  die  roheste  Grausamkeit  natürlich.  Sie
schneiden  ihren  Gefangenen  Hände  und  Füße  ab,  schlitzen  Kindern  den  Bauch  auf,
als  müßte  es  nur  so  sein  und  wundern  sich,  daß  die  Europäer  sich  über  solche
Greuel  entsetzen.“

Statt  noch  sollte  es  wohl  besser  heißen  schon;  denn  uns  Deutschen  liegt  es  ob,
die  Ansätze  solcher  Tugenden  bei  unseren  Schutzbefohlenen  zu  entwickeln.
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        an  ihnen  bewiesen  und  sie  hinweggeräumt.  Der  Anzug  ihrer  Weiber  ist
höchst  seltsam.  Er  besteht  aus  einem  Schmuck  von  Eisenperlen,  die  in
zahlreichen  Schnüren  um  die  Hüften  geschlungen  werden,  einem  Mieder
aus  Lederschnüren  mit  Plättchen  von  Straußeneierschalen  und  wohl—
riechenden  Wurzeln  und  dazu  einer  Art  von  Mantel  und  einer  höchst
seltsamen  Kopfbedeckung.

Windhuk  bildet  den  Mittelpunkt  unseres  Schutzgebiets.  Unter  dem
Wendekreis  des  Steinbocks,  etwa  250  km  östlich  von  der  Walfischbai
gelegen,  ist  es  bereits  durch  eine  im  Jahre  1897  eröffnete  Eisenbahn  mit
Swakopmund  verbunden.  Es  ist  Sitz  der  Regierung,  und  neben  anderen
Gesellschaften  hat  hier  ihren  Hauptplatz  die  Siedelungsgesellschaft  für
Deutsch-Südwestafrika,  welcher  große  Ländereien  verliehen  wurden.  Um
diese  „Konzessionen“  entbrannte  gelegentlich  der  Aufstände  ein  heftiger  Streit.
Man  empfiehlt  deren  Aufhebung  und  Einführung  eines  Systems  langer
Pachten,  das  in  Kiautschou  sich  bewährt  und  den  Beifall  so  hervorragender
  Männer  wie  Hermann  von  Wissmann  und  v.  Frangois  gefunden
  hat.

Die  Verkehrsverhältnisse  haben  sich  sehr  entwickelt.  Post  und  Telegraphie
  sind  allgemein  eingerichtet,  von  Windhuk  findet  zweimal  täglich
Briefbeförderung  nach  Swakopmund  statt,  das  seit  dem  Kriege  eines  regen
Dampferverkehrs  sich  erfreut.  Aber  zurzeit  stehen  die  Verhältnisse  noch
nicht  friedensgemäß  fest.  Zum  Glück  ist  der  Bahnbau  endlich  in  Fluß
gekommen.  Sehr  im  argen  liegen  noch  die  Landungsverhältnisse  auf  der
Reede  von  Swakopmund.  Der  Absatz  dieses  Gebiets,  bislang  fast  nur
in  Vieh  bestehend,  vollzieht  sich  vornehmlich  über  Land  nach  Kapstadt.

Der  Viehstand  erlitt  durch  die  Rinderpest  des  Jahres  1897,  dann
durch  den  Aufstand  großen  Abbruch.  Man  ist  aber  zu  der  Hoffnung
berechtigt,  daß  der  überseeische  Absatz  von  Häuten,  Molkereiprodukten,
Fleischkonserven  usw.  großer  Steigerung  fähig  sein  werde.  Die  Regierung
  schafft  jetzt  Kapvieh  heran,  das  sich  hier  bewährt.  Auch  scheint
es,  daß  die  Schafzucht,  die  man  in  Deutschland  aufzugeben  sich  genötigt
sieht,  hier  ein  vorteilhaftes  Entwicklungsfeld  finden  werde.  Angora  und
Fettschwänze  gedeihen  vorzüglich.  Dem  Mutterlande  würden  dadurch

*)  Mindestens  würde  sich  dies  System  aus  einer  Reihe  tieferliegender  Gründe
als  eine  ergänzende  Einrichtung  empfehlen,  es  setzt  aber  besondere  Krediteinrichtungen
nach  Art  der  Preußischen  Zentralgenossenschaftskasse  voraus.
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        42

 

Jodd  rannu#  jav

aabvjaoaaaa  uia  aqunabaaqaog;  un  Intauig
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        Carl  Müller  phot.

Station  im  Khangebirge.
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        große  Summen  erspart,  die  jetzt  für  Wolle  ins  Ausland  gehen  und
namentlich  Australien  bereichern.

Eine  Reihe  von  ergiebigen  Quellen  ist  bereits  durch  Regierungsbohrkolonnen
  erschlossen,  bei  Swakopmund  wurde  ein  unterirdischer  Strom
gefunden.

Dazu  kommen  die  Kupferfunde  südlich  vom  Sandwichshafen  in
Gorod  nahe  Naramas  und  im  Otavigebiet,  bei  Tsumeb,  der  vorläufigen
Endstation  der  Otavibahn,  mit  16  prozentigem  Erz.  Dies  Metall  verdient
  infolge  der  elektrischen  Industrie  besondere  Aufmerksamkeit,  sein  Preis
ist  durch  Trusts  sehr  gesteigert  worden.

Bemerkt  soll  hier  werden,  daß  die  in  Afrika  übliche  Spurweite  meist
nur  1,0668  m  beträgt,  während  vergleichsweise  die  Normalspur  in  Deutschland
  1,435  m  und  die  Schmalspur  0,75  m  mißt.

Im  tropischen  Norden  glaubt  man  nach  den  Berichten  des  Leutnants
Dr.  Hartmann  die  Stätte  für  ausgedehnte  Kakaopflanzungen  gefunden
zu  haben,  also  für  eine  Kultur,  deren  Absatz  nahezu  unbegrenzt  ist.

Die  Entwicklungsfähigkeit  dieser  ersten  Kolonie  des  Deutschen  Reichs
wird  durch  die  Tatsache  bekundet,  daß  die  aus  Transvaal  vertriebenen
Buren  in  steigender  Zahl  hier  unter  deutschem  Zepter  eine  Zuflucht  suchen.

Die  Regierung  hat  Bedingungen  gestellt,  durch  welche  die  Unantastbarkeit
  des  Deutschtums  gewahrt  wird.  Andrerseits  hat  man  für  eine
möglichst  gedeihliche  Entwicklung  der  Ansiedler  Sorge  getragen  und  legt
auf  gute,  geordnete  Vermögensverhältnisse  besonderes  Gewicht.  Eine
Farm  sollte  nicht  ohne  ein  Kapital  von  etwa  30  000  Mark  unternommen
werden.  Das  Handwerk  hat  auch  hier  überall  einen  guten  Boden.

Die  in  Frage  kommenden  Buren  waren  bis  jetzt  nur  Kapholländer,
die  nach  Ausbruch  des  Krieges  gegen  die  Engländer  nach  Amsterdam
geflüchtet  waren  und  sich  von  dort  größtenteils  nach  Swakopmund  eingeschifft
  haben.  Sie  gehören  den  gebildeten  Ständen  an,  befanden  sich
zum  Teil  in  angesehenster  Stellung,  waren  Besitzer  großer  Farmen,
namentlich  auch  Straußenfarmen,  für  deren  Anlage  unser  Schutzgebiet
vortreffliches  Gelände  bietet.

Über  diesen  Vogel  einige  Worte.  Der  Strauß  ist  ein  armer  Geselle,  der
im  Kampf  ums  Dasein  sich  so  schlecht  zu  behaupten  versteht,  daß  der  Mensch
sich  seiner  wird  annehmen  müssen.  Es  empfiehlt  sich  dies  um  so  mehr,  als
die  Zucht  dieses  Vogels  sich  als  höchst  einträglich  erwiesen  hat,  wie  dies
Nachrichten  aus  der  Kapkolonie  und  aus  den  La  Plataländern  bestätigen.
        <pb n="45" />
        —  45  —

Straußeneier,  Straußenbraten  und  -suppe  gehören  zu  den  ge—
schätztesten  Gegenständen  der  Tafel  bei  den  Antipoden.  Was  aber  die
Federn  betrifft,  so  sind  diese  zu  einem  Haupthandelsartikel  jener
Länder  geworden  und  trotz  des  gesteigerten  Angebots  immer  mehr  im
Preise  gestiegen,  da  die  Mode  sich  ihrer  gnädig  annimmt.  Sehr  hoch
im  Preise  stehen  die  weißen  Federn  aus  den  Flügeln,  die  Schwungfedern,
während  die  grauen  aus  dem  Schwanz  und  die  schwarzen  sehr  viel  billiger
sind,  bis  herab  zu  2  Pfund  Sterling  das  Pfund  Federn.  Aber  ebenso—
wenig  wie  bei  Blumen  und  Juwelen,  mit  denen  diese  Naturprodukte
rangieren,  dürfte  eine  Entwertung  bei  ihnen  jemals  eintreten.  Die  Zucht
dieses  schätzbaren  Tiers,  dessen  Haut  übrigens  auch  die  schönsten  Handschuhe
  gibt,  und  dessen  hohle  Beinknochen  zu  Pfeifenrohren  verarbeitet
werden,  ist  also  lohnend.  Der  Strauß  wird  so  zahm,  daß  er  mit  den
Schafen  auf  die  Weide  läuft.  Er  scheint  sich  seiner  Verwandtschaft  mit
diesem  gleichgesinnten  Vierfüßler  bewußt  zu  sein,  denn  er  ist  gewissermaßen
  das  Schaf  oder  doch  das  Lama  der  Vogelwelt.

In  der  Zucht  dieses  Vogels  dürften  also  die  Buren  unsere  Lehrmeister
  werden.

Die  Gegend  am  Kunene-Fluß  an  der  Nordgrenze  eignet  sich  mehr
für  die  Anlage  von  Plantagen  als  von  Farmen.

Zurzeit  herrscht  hier  eine  unheimliche  Teuerung.  Kapstadt  muß
uns,  statt  wir  es,  versorgen.  Nachdem  nun  aber  der  Krieg  am  31.  März
1907  als  endgültig  geschlossen  erklärt  worden  ist,  und  die  Schutztruppe,
als  Gendarmerie  forterhalten,  dem  Lande  die  erforderliche  Sicherheit
gewährleistet,  wird  ein  Teil  unsrer  Auswanderung  zweifellos  seinen  Weg
nach  dem  gemäßigten  Süden  dieses  aussichtsvollsten  Siedlungsgebietes
unter  der  deutschen  Kaiserkrone  nehmen  und  sich  mit  dem  fördersamen
und  verwandten  batavischen  Elemente  verschmelzen  lassen.

Aber  noch  viel  Kapital  wird  nötig  sein,  um  das  Land  völlig  zu
erschließen,  das  vom  Mutterlande  der  Tochterkolonie  als  Darlehen  zugewandt
  wird.  Nächst  dem  Bahnbau  kommt  die  systematische  Wassererschließung
  in  Betracht.  Durch  Anlage  großer  Stauwerke  und  artesischer
Brunnen  hofft  man  immer  weitere  Gebiete  dieser  gewaltigen  mit  unserm
Blut  eroberten  Kolonie  für  eine  Kultur  zu  gewinnen,  die  dem  deutschen
Ansiedler  zusagt  und  der  deutschen  Nation,  wie  man  zu  sagen  pflegt,  ihren
Platz  an  der  Sonne  und  eine  Wohnung  im  neuen  Hause  sichert.  Keine  andere
Kolonie  in  unserem  Besitz  bietet  dazu  eine  gleich  günstige  Gelegenheit.
        <pb n="46" />
        Der  Krieg  in  Südwest.
Der  Herero-Aufstand.

Südwest,  so  nennen  wir  jetzt  kurz  und  bündig  dieses  deutsche  Schutzgebiet,
  bot  den  Naturvölkern  vorzügliche  Viehweiden.  Als  Hirtenstämme
durchzogen  die  farbigen  Bewohner  dessen  weite  Steppen  und  schlugen

 

Samuel  Maharero.

ihren  Kraal  bald  am  Fuß  der
Gebirge,  bald  in  den  trockenen
  Flußtälern  auf,  je  nach
dem  Wechsel  der  Jahreszeit
und  des  Regenfalles.  Sie
standen  in  beständigen  Kämpfen
  miteinander.  Die  Hereros,

  ein  Bantustamm,  aus

dem  Norden  kommend,  vertrieben
  die  Damara-Buschmänner
  in  die  Gebirge  und
die  Hottentotten,  welche  man
für  ein  Mischvolk  von  arabischen
  und  ureingesessenen  Negern
  hält,  nach  dem  Süden.
Deren  Nationalheld  war  Hendrik
  Witboi,  unter  dessen  und
seiner  aus  der  Kapkolonie  stammenden
  Vorfahren  Führung
zahlreiche  Raub=  und  Rachezüge

  gegen  die  Hereros  unternommen  wurden.  Und  auch  diese  wieder
hatten  viele  Häuptlinge,  die  einander  bekriegten.  Erst  die  Deutschen
schafften  Ruhe.  Sie  schlugen  die  Witbois  bei  Naukluft,  schlossen  einen
        <pb n="47" />
        —  47  —

dauerhaften  Frieden  mit  Hendrik  und  verschafften  dem  sogenannten
Kapitän  Maharero  die  Vorherrschaft  im  Damaralande.  Die  Kunst
des  divide  et  impera,  der  unser  Volk  so  oft  erlegen  war,  vereinigt  sich
nicht  mit  seinen  soldatischen  Tugenden.

Trotzdem  blieben  Bantu  und  Kaffern  unstete  Gesellen,  die  den  Be—
mühungen  der  Missionare,  welche  in  diesem  Gebiete  seit  einigen  Menschen—
altern  mit  Erfolg  tätig  sind,  sie  an  Seßhaftigkeit  und  Ackerbau  zu
gewöhnen,  nur  äußerlich  nachgaben.

Im  Oktober  1903  fand  wieder  ein  Aufstand  statt,  den  wir  wohl
der  Nähe  der  englischen  Grenze  zuzuschreiben  haben.  Die  Bondelswarts
am  Oranjefluß  erhoben  sich  und  belagerten  Warmbad.  Ihr  Führer

 

 

 

Palast  von  Samuel  Maharero.

war  Johannes  Christian.  Wie  wenig  den  Deutschen  irgendwelche  Unterdrückungsabsichten
  innewohnten,  geht  schon  daraus  hervor,  daß  damals
in  diesem  gewaltigen  Schutzgebiet,  das  Deutschland  an  Größe  weit  übertrifft,
  nur  729  Mann  mit  27  Offizieren  standen.  Das  Gebiet  der  Bondelswarts
  hatte  nur  eine  Besatzung  von  12  Reitern.

Nachdem  nun  die  disponibeln  Truppen  dorthin  entsandt  und  die
Bondelswarts  durch  das  tapfre  Eingreifen  der  Hauptleute  v.  Koppy  und
v.  Burgsdorff,  der  eine  Abteilung  von  Witbois  mobil  gemacht  hatte,
zur  Vernunft  gebracht  worden  waren,  erschütterte  plötzlich  am  12.  Januar
1904  eine  schreckliche  Kunde  alle  deutschen  Herzen.  Die  mit  Mühe  von
uns  vereinigten  Hereros  hatten,  die  Abwesenheit  der  Truppen  benutzend,
        <pb n="48" />
        —  48  —

unter  Führung  des  von  uns  begünstigten  Maharero  sämtliche  deutschen
Ansiedler  in  ihrem  Bereich  auf  grausamste  Weise  hingemordet.

Bei  der  Schwäche  unserer  Seewehr  hatten  wir  in  jenen  Gewässern
damals  nur  das  kleinere  Kanonenboot  „Habicht“,  das  sofort  von  Kapstadt
aus  herbeidampfte.  Dessen  Mannschaft  landete  am  19.  Januar  in
Swakopmund  und  stieß  längs  der  Bahn  nach  Karibib  vor.  Entsetzliche
Bilder  der  Zerstörung  trafen  ihre  Augen.  Nichts  als  rauchgeschwärzte
Trümmer  und  verstümmelte  Leichen!  In  Waterberg  waren  sämtliche  Weiße
des  Orts  hingeschlachtet  worden,  unter  ihnen  Legationsrat  Höpner  und
Ingenieur  Watermeyer;  Gobabis,  Okahandja,  Otsoasu,  Omaruru,  Karibib,
Grootfontein,  Ontjo,  Windhuk  waren  Schauplatz  gleicher  Greuel  gewesen.
Im  ganzen  waren  159  Personen,  darunter  123  unserer  Landsleute,
Farmer  und  Händler,  auch  5  Frauen,  der  Mordlust  jener  entsetzlichen
Bantus  zum  Opfer  gefallen.  Der  sonstige  Schaden  an  Bauclichkeiten
und  geraubtem  Vieh  wird  auf  7  Millionen  veranschlagt.

Der  Gouverneur,  Oberst  Leutwein,  hatte  inzwischen  mit  den  Bondelswarts
  bei  Kalkfontein  notgedrungen  Frieden  geschlossen.  Er  glaubte
Hendrik  Witbois  sicher  zu  sein,  der  soeben  erst  vom  Deutschen  Reich  die
goldene  Verdienstmedaille  erhalten  hatte  und  ein  Gnadengehalt  bezog.
Er  sandte  seine  Truppen  nach  dem  Norden.  Verschiedene  Kolonnen
unter  Hauptmann  Franke,  der  in  Gibeon  sofort  Kehrt  gemacht  hatte,
und  Oberleutnant  v.  Zülow  drangen  in  Eilmärschen  in  das  Hererogebiet
ein,  um  zu  retten,  was  zu  retten  war.  Die  Hereros  erwiesen  sich  nun
als  sehr  gefährliche  Feinde.  Sie  befanden  sich  im  Besitz  der  besten
Schußwaffen,  welche  meist  über  die  englische  Grenze  von  Betschuanaland
eingeschmuggelt  worden  waren.  Auch  waren  sie  stets  gut  beritten,
während  unsere  Truppen  vielfach,  durch  die  Pferdesterbe  ihrer  Reittiere
beraubt,  zu  Fuß  operieren  mußten.  Nur  „gesalzene“,  akklimatisierte
Pferde  sind  den  Strapazen  und  Krankheitskeimen  dieses  Landes  gewachsen.
Anderes  kam  hinzu,  namentlich  die  Schwierigkeit  der  Verpflegung  und
Wasserversorgung,  um  den  Krieg  für  die  Einheimischen  als  sehr  aussichtsvoll
  erscheinen  zu  lassen.  Ihre  Fechtweise  war  die  der  Buren.
Hinter  Kopjes,  im  Steingeröll,  in  Schluchten  und  Dünen  oder  im
Dorngebüsch  versteckt,  ja  auf  Bäumen  lauernd,  ließen  sie  den  Feind
vorüberziehen  und  beschossen  ihn  dann  von  allen  Seiten.  Nur  durch
Sturm  mit  gefälltem  Bajonett  konnten  sie  vertrieben  werden.  Dann
verschwanden  sie  in  dem  unwegsamen  Gelände.  Mancher  Erkundungsritt,
        <pb n="49" />
        Patrouille  der  Schutztruppe  bei  Windhuk.
        <pb n="50" />
        <pb n="51" />
        Beta,  Das  Buch  von  unsern  Kol

onien.

 

 

 

 

 

 

Reiter  der  Schutztruppe.

49
        <pb n="52" />
        so  der  bei  Owikokorero,  brachte  den  Unsern  schwere  Verluste.  Und  wehe
dem  Unglücklichen,  der  den  Hereros  lebend,  wenn  auch  vielleicht  zu  Tode
verwundet,  in  die  Hände  fiel,  denn  an  Grausamkeit  kamen  diese  Schwarzen
den  Rothäuten  Amerikas  sehr  nahe.  Trotzdem  drangen  unsere  tapferen
Truppen  bis  Okahandja  und  Omaruru  vor  und  entsetzten  Windhuk.
Nur  Grootfontein  blieb  monatelang  abgeschnitten.

Wie  es  bei  diesem  Entsatz  vielfach  zuging,  mögen  die  Kämpfe  um
Omaruru,  zu  deutsch  Bitterfeld,  uns  vergegenwärtigen.  Jetzt  ist  es  die  wich- 



 

 

 

 

Schützenlinie  im  Feuer.

tigste  Station  an  der  Otavibahn  Swakopmund—Tsumeb,  damals  bestand  es
aus  wenigen  Häusern  und  Farmen,  zu  deren  Anlage  ein  Flußbett  verlockte,
worin  beständige  Quellen  sich  fanden.  Es  ist  ein  dicht  mit  Boldern  und  Kopjes
besätes  Land.  Zu  beiden  Seiten  des  Flußbetts  erheben  sich  Kirche,  Schule,  Kaserne
  und  die  Pontoks  der  Eingeborenen,  in  ihrer  Nähe  die  Werften  der  Händler.
  Die  kleine  Besatzung  war  abgezogen.  Oberarzt  Kühn  führte  den  Befehl.

Anfang  Januar  gewannen  die  Ansiedler,  etwa  zweihundert  Seelen,
die  Überzeugung,  daß  die  Schwarzen  Schlimmes  im  Schilde  führten.
Ihr  Benehmen  in  den  „Stores“,  den  Verkaufsläden,  wurde  ungebührlich
        <pb n="53" />
        —  51  —

und  frech.  Endlich  überfielen  sie  sogar  einen  Transport  und  vertrieben  die
herbeieilenden  Deutschen  mit  Schüssen.  Aus  diesem  Anlaß  wurde  die  weiße
Bevölkerung  in  der  abseits  liegenden  Kaserne  konzentriert.  Dies  geschah
am  17.  Januar.  Nur  die  Händler  suchten  im  Missionshause  Schutz,  welches
hier  wie  an  anderen  Orten  von  den  Hereros  geschont  wurde.  Alle  zurückgelassenen
  Vorräte,  namentlich  die  Munition  und  Spirituosen,  wurden  verbrannt.
  Dann  verrammelte
man  Türen  und  Fenster  mit
Sandsäcken  und  schuf  Schießscharten,
  den  von  den  Schwarzen
  eröffneten  Gewehrkampf
fleißig  erwidernd.  Auch  konnten
die  Schwarzen  nicht  verhindern,
  daß  Boten  nach  Karibib
entsandt  wurden,  um  Hilfe  zu
heischen.  Diese  traf  am  4.  Februar
  endlich  ein.  Und  zwar
war  es  Hauptmann  Franke,
der  sie  brachte.  Unermüdlich
mit  seiner  Schar,  seit  Wochen
Tag  und  Nacht  durch  Hitzeund
  Durstgebiete  marschierend,
  war  er  von  Siedlung
zu  Siedlung  geeilt,  um  denn
Aufständischen  ihre  Opfer
entreißen.  Kanonendonner  verkündete
  das  Herannahen  des
Entsatzes.  Zwanzig  Mann
der  Eingeschlossenen  machten  Hauptmann  Franke.

einen  Ausfall,  gerade  rechtzeitig,

  um  den  Hereros,  die  sich  den  Truppen  mit  Macht  entgegenstellten,  in
den  Rücken  fallen  zu  können.  Der  Kampf  endete,  nach  Verlusten  auf  beiden
Seiten,  mit  dem  fluchtartigen  Rückzug  der  Schwarzen,  die  einem  Bajonettangriff
  niemals  standzuhalten  vermögen.  Sie  wußten  nur  zu  gut,  daß  die
Deutschen  im  gegebenen  Momente  ihrem  Feinde  Mann  gegen  Mann
entgegentreten.  Und  sich  in  einen  solchen  Endkampf  einzulassen,  dazu
sind  zum  Glück  für  uns  diese  raubsüchtigen  und  grausamen  Wilden  zu

47
        <pb n="54" />
        —  52  —

feige.  Sie  flüchten  wie  der  schwarze  Panther  vor  dem  Löwen,  sobald
sie  ihre  Munition  verschossen  haben.

Inzwischen  landeten  weitere  Nachschübe  aus  Deutschland  in  Swakopmund,
  wo  auch  Oberst  Leutwein  über  Port  Nolloth  am  13.  Februar
eingetroffen  war  und  mit  vielem  Eifer  die  Operationen  begann.

Major  v.  Estorff  schlug  die  Hereros  am  25.  Februar  bei  Otzi-Hinama-Parero,
  am  16.  März  bei  Omusama-Okatjembo.  Und  Major
v.  Glasenapp  vertrieb  sie  unter  kolossalen  Strapazen  zu  Fuß  von  Gobabis,
das  sie  belagert  hatten.  Als  er  sie  aber  am  13.  März  bei  Owikokorero

 

 

——3
F
"  “

 

Gräber  unserer  Soldaten  in  Karibib.

in  der  Meinung,  ihre  Nachhut  vor  sich  zu  haben,  angriff,  wurde  er
unter  schweren  Verlusten  abgewiesen.  Wiederum  wurde  er  auf  dem
Marsche  am  3.  April  bei  Okaharni  überrascht,  und  es  bedurfte  ungeheurer
Opfer  und  Anstrengungen,  den  Feind  zu  werfen.  Ebenso  geriet  Oberst
Leutwein,  der  die  Ontjatiberge  nehmen  wollte,  nachdem  er  die  Scharen
Mahareros  am  3.  April  bei  Onganjira  geschlagen  hatte,  am  13.  April
zwischen  die  an  Zahl  weit  überlegenen  Scharen  unter  dem  Häuptling
Kajata  und  mußte  sich  in  der  Nacht  nach  Otjosasu  zurückziehen.  Solche
Lehren  zwangen  uns  zur  Vorsicht  und  behüteten  uns  vor  Unterschätzung
des  Feindes,  welche  dessen  bester  Verbündeter  ist.
        <pb n="55" />
        —  53  —

Es  wurde  ersichtlich,  daß  der  Feind  mindestens  4000  Gewehre  stark
war,  und  daß  wir  ihm  mit  nur  800  Berittenen  nicht  beikommen  konnten.
Malaria  und  Typhus  taten  das  übrige.

Inzwischen  waren  daheim  unter  den  Majoren  v.  d.  Heyde  und
v.  Mühlenfels  2  Bataillone  zu  3  Kompagnien  mit  3  Batterien  aus  Freiwilligen
  gebildet  worden,  und  im  Mai  2  weitere  Bataillone  unter
Oberst  Deimling.  Im  ganzen

 

zogen  wir  mit  20  Kompagnien,
in  zwei  Regimenter  geteilt,
und  dem  nötigen  Ersatz  ins
Feld,  die  mit  ihrem  Train
und  ihren  Pferden  in  Swakopmund,
  wo  wir  keinen  Hafen,
sondern  nur  eine  dem  Ansturm
der  Ozeanwelle  preisgegebene
Reede  haben,  sehr  großen
Landungsschwierigkeiten  begegneten.


Kurz,  man  darf  sagen
mit  Virgil:  „tantae  molis
erat!“,  und  die  verschiedenen
Hemmnisse  wuchsen  im  Laufe
der  Zeit,  anstatt  sich  zu  vermindern,
  und  lassen  diesen
Krieg  als  einen  ganz  einzigartigen
  erscheinen.

Aber  auch  die  Hereros
hatten  vor  unsrem  Elan  und
unsrer  Zähigkeit  Respekt  be-  Major  von  Glasenapp.
kommen.  Sie  wurden  mehrfach
  geschlagen,  so  bei  Barmen,  Lievenberg  und  anderen  Orten,  und
Samuel  Maharero  beschloß,  das  ganze  Hererovolk  bei  den  Wasserstellen
des  Waterberges  zusammenzuziehen,  immer  noch  hoffend,  die  Deutschen
würden  ihm  erlauben,  sich  dort  des  ruhigen  Genusses  seines  Raubes
erfreuen  und  vielleicht  nach  Norden  zu  den  stammesverwandten  Ovambos
und  auf  die  in  der  Regenzeit  fruchtbaren  Gebiete  westlich  der  Etoscha-Pfanne,
  das  Kaukaufeld,  flüchten  zu  können.
        <pb n="56" />
        —  54  —

So  leichten  Kaufs  indessen  sollte  er  nicht  davon  kommen.  Seine
Mordtaten  sollten  ihre  fürchterliche  Sühne  finden.  Die  Deutschen
warteten  nur  auf  das  Eintreffen  genügender  Verstärkungen.  Diese
wurden  endlich  im  Juni  auf  1500  Gewehre  mit  30  Geschützen  und

 

 

 

 

Lager  der  Schutztruppe  in  der  Nähe  des  Waterberges.

12  Maschinengewehren  gebracht,  über  die  der  aus  China  zurückkehrende
Generalleutnant  v.  Trotha  den  Oberbefehl  erhielt.

Langsam  umschloß  er  die  festungsartige  feindliche  Stellung,  ein  Sandsteinplateau,
  das  sich  bis  zu  500  m  aus  der  Ebene  erhebt.  Ein  konzentrischer
  Angriff  wurde  vorbereitet,  und  diese  Taktik  blieb  auch  in  der
        <pb n="57" />
        —  55  —

Folgezeit  die  Regel,  da  der  flinkfüßige  Sohn  der  Wildnis  sonst  mit
Leichtigkeit  einem  entscheidenden  Stoße  auszuweichen  verstand.

Unsere  Positionen  waren  uns  durch  die  Wasserstellen  vorgezeichnet,
die  oft,  wie  z.  B.  Otjenje,  Outjo,  Naidau,  wo  die  Abteilungen  Fiedler
und  Volkmann  den  Weg  nach  Norden  abschnitten,  50  km  voneinander
entfernt  waren  und  nur  durch  den  Heliographen  mit  einander  in  Verbin—
dung  blieben.  Auch  die  Funkentelegraphie  erwies  sich  für  das  Zu—
sammenwirken  der  drei  Abteilungen  Mueller,  Heyde,  Estorff  sehr  nützlich,
die  je  20—30  km  auseinanderlagen.  Die  Hereros  verstanden  sich  auf
diese  europäischen  Errungenschaften  nicht.  Sie  haben  die  Drähte  im
Lande  unbeachtet  gelassen,  während  später  die  Hottentotten  mit  Bedacht
diese  durchschnitten  und  die  Patrouillen  abschossen,  welche  Reparaturen
vornahmen.  Das  waren  dort  tägliche  Vorkommnisse.  Der  Feind  lag
auch  hier  verborgen  in  den  Dornbüschen,  und  wehe  den  Patrouillen,  die
in  seinen  Bereich  gelangten.  Es  galt  nun  durch  Angriffe  von  vier  Seiten
aus  nach  einem  Punkte  hin  den  Umfassungskreis  zu  verengen.  Am
11.  Angust  stieß  die  Abteilung  Mueller  unter  Major  v.  Mühlenfels  vor,
mitten  in  den  Busch  hinein,  sich  konzentrischem  Feuer  aussetzend.  Es
gelang  ihm,  den  Feind  nach  Hamakari  zurückzuwerfen.  Schon  hierbei
blieb  viel  Vieh,  meist  geraubtes,  in  unseren  Händen.  Dann  griff  die
Abteilung  v.  Estorff  bei  Otjosongombe  ein,  in  westlicher  Richtung  vorstoßend.
  Oberst  Deimling  gewann  die  Stellung  bei  Omuvoroumue  und
erzwang  den  Paß  ins  Gebirge.  Abends  stürmte  er  die  stark  verschanzte
Station  Waterberg.  Dann  griff  er  am  folgenden  Morgen  Hamakari
an,  wo  sich  der  Feind  in  dichtestem  Dornbusch  am  Tage  zuvor  behauptet
hatte  und  sich  mit  außerordentlicher  aber  erklärlicher  Zähigkeit  verteidigte.
Die  Kämpfenden  standen  einander  auf  Hörweite  gegenüber,  und  die
Hereros  schrien  den  Unsern  in  gebrochenem  Deutsch  Schmähungen  zu.
Allmählich  aber  belehrten  sie  unfre  Maschinengewehre,  daß  mit  uns
nicht  zu  spaßen  ist.  Diese  Maschinen  sind  imstande,  500  Schuß  in
der  Minute  abzufeuern,  und  die  Hereros  machten  Erfahrungen  ähnlich
denen  der  Derwische  bei  Omdurman.

Endlich  brach  zum  zweiten  Male  die  Nacht  herein,  und  alle  Abteilungen
  blieben  erwartungsvoll  in  ihren  Stellungen.  Da  plötzlich
erfüllte  Geschrei  und  Getöse  die  Ohren  der  ermüdeten  Truppen.  Das
ganze  Hererovolk,  dessen  Zahl  nie  genau  festgestellt  worden  ist,  setzte  sich
in  Bewegung  und  rollte  wie  ein  reißender  und  eingedämmter  Strom  in
        <pb n="58" />
        <pb n="59" />
        “  6
5

"4.
—
1

.
8  ##  6  6  9

—

 

 

Verteidigung  eines  Geschützes  der  Abteilung  v.  d.  Heyde  in  den  Küämpfen  zegen  die  Hertros  amn  Waterberg  um  11.  August  100.
        <pb n="60" />
        —  58  —

östlicher  Richtung  davon,  alles  vor  sich  überrennend.  Weiber,  Kinder,
die  Männer  zu  Pferde,  zum  Teil  auf  Wagen,  Groß-  und  Kleinvieh,
drängten  unaufhaltsam  vorwärts,  in  wildester  Flucht  und  sich  steigernder
Hast.  Die  Straße,  die  das  Volk  zog,  war  vorerst  nur  allzu  schrecklich
gekennzeichnet.  Überall  lagen  Verschmachtete,  verlassene  Kinder,  verlorenes
  Eigentum,  verendetes  Vieh,  meilenweit.  Denn  die  Furcht  vor
der  unerbittlichen  Vergeltung,  die  hier  geübt  wurde,  hatte  sich  des  bis
dahin  so  hochmütigen  Hirtenvolkes  bemächtigt.  Und  Generalleutnant
v.  Trotha  wollte  sich  nicht  vorwerfen  lassen,  nur  halbe  Arbeit  getan  zu
haben.  Ohnehin  gingen  von  Waterberg  aus  vereinzelte  Trupps  flüchtiger
Feinde,  ein  Zug  Witbois  z.  B.,  bis  zu  Hendrik  im  fernen  Namaland
und  verkündeten,  daß  die  Macht  der  Deutschen  durch  Samuel  Maharero
gebrochen  wäre.

Wochenlang  nahm  die  Verfolgung  alle  Kräfte  der  Unsern  völlig  in
Anspruch,  die,  wie  der  dankbare  Feldherr  bestätigte,  auch  hungernd  und
durstend  nie  versagten.  Zahlreiche  Scharmützel  fanden  statt.  Am  9.  September
  stieß  Major  v.  Estorff  bei  Owinaua-Naua  auf  die  im  Abzuge
begriffene  Werft  des  Anstifters  all  dieses  Unheils,  Mahareros  selbst,
und  obwohl  der  dichte  Dornbusch  den  Angriff  erschwerte,  blieben  doch
50  Feinde  tot  am  Platze.

Die  einzige  Zuflucht  des  nach  allen  Richtungen,  besonders  nach  Süden
hin  den  Durchbruch  versuchenden  Feindes  blieb  zuletzt  nur  noch  das  Sandfeld,
  die  Omaheke,  d.  h.  die  „Quälende“".  Aber  selbst  hierhin  folgten  ihm
unerbittlich  die  Unsern.  Sie  fanden  viele  in  Hast  und  Verzweiflung  in
den  Sand  gegrabene  Löcher,  oft  zehn,  zwanzig  Meter  tief,  an  deren
Grunde  vielleicht  ein  wenig  ungenießbares  Sickerwasser  sich  sammelte.
Da  hatte  der  Herero  gehofft,  sein  Vieh  noch  einmal  tränken  zu  können.
Weiter  in  der  Wüste  wächst  eine  melonenartige  Frucht  in  großen  Massen
und  dem  Kundigen  als  kleine  Wasserreservoire  bekannt.  Der  Sohn
Hendrik  Witbois  hat  später  erzählt,  daß  er  sieben  Monate  lang  nur
von  dem  Naß  dieser  Früchte  seinen  Durst  gestillt,  sogar  Kaffee  damit  gekocht
  habe.  Und  daß  die  Hereros  ihr  Leben  zu  fristen  verstehen,  beweisen
die  zahlreichen  Versuche  kleiner  Trupps  ihres  Volkes,  ihren  Weg  nach
Westen  zurückzunehmen,  wo  sie  raubend  umherziehen.  Meist  stoßen  sie  an
den  Wasserstellen  auf  die  Unseren  und  fliehen,  oder  sie  ergeben  sich,
um  in  den  Sammelstellen,  wo  16000  Hereros  von  uns  unterhalten  werden,
Unterkunft  zu  erbitten.  Sie  finden  nun  beim  Garten=  und  Bahnbau
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        Eine  Schutztruppenabteilung  an

 

einer  Wasserstelle.

 

 

59
        <pb n="62" />
        —  60  —

Verwendung.  Es  hat  den  Anschein,  daß  sie  anfangen,  der  Arbeit  Geschmack
  abzugewinnen.  ·

Von  den  Unsern  fielen  in  diesen  Kämpfen  eine  Reihe  tapferer
Offiziere,  so  Graf  Wolf  v.  Arnim  auf  dem  Vormarsch  auf  Hamakari,
indem  er  einem  Verwundeten  Hilfe  brachte,  Hauptmann  v.  Bagensky
und  Oberleutnant  Reiß  mit  7  Mann  im  Gefecht  bei  Owiumbo,  Hauptmann
  Gansser  und  Leutnant  Leplow  mit  10  Mann,  Oberleutnant  Lekow
mit  7  Mann  am  Waterberg.  Auch  Hauptmann  v.  Francois,  der  Farmer

 

Hererokinder  im  Gefangenenlager.  Carl  Müller  phot.

geworden  war,  und  Baron  v.  Stempel  wurden  getötet,  um  nur  einige  zu
nennen,  dazu  kamen  viele  Verwundete  und  vielleicht  noch  eine  größere
Zahl,  die  den  Strapazen  und  den  schlechten  Wasserverhältnissen  erlagen.

Doch  den  Schrecken  des  Hererokrieges  sollten  sich  neue  hinzugesellen,
welche  den  verdienten  Obersten  Leutwein  veranlaßten,  nach  zehnjähriger
aufopfernder  Tätigkeit  am  17.  November  1904  sein  Amt  als  Gouverneur
niederzulegen.  Der  Generalkonsul  in  Kapstadt  v.  Lindequist  wurde  sein
Nachfolger.
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Gefangene  Hereros.
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        Der  Hottentotten-Aufstand.

Anfang  Oktober  1904  traf  über  Kapstadt  die  Nachricht  ein,  daß  im
Süden  unseres  Schutzgebiets  sich  dieselbe  Tragödie  abgespielt  hätte  wie
im  alten  Damaraland.  Die  Lichtnachrichten  von  Gibeon  hatten  plötzlich
aufgehört.  Hendrik  Witboi,  auf  dessen  Treue  Oberst  Leutwein  sich  ganz
fest  verlassen  zu  können  glaubte,  und  der  seit  zehn  Jahren,  seit  dem
Frieden  zu  Naukluft  im  September  1894,  sich  für  den  leutseligsten  Freund
der  Deutschen  ausgegeben  hatte,  zeigte  uns  plötzlich  sein  wahres,  in
Gegensätzen  sich  bewegendes  Wesen.  Schriftlich  kündete  er  den  Unsern
den  Krieg.  Selbst  der  Bezirkschef  von  Gibeon,  Hauptmann  v.  Burgsdorff,
hatte  dies  für  unglaublich  gehalten.  Er  ritt  sofort  meilenweit  allein,
von  Gibeon  nach  Rietmont,  um  den  greisen  Hendrik  zu  besuchen,  ihm
Vorstellungen  zu  machen.  Aber  in  dessen  Werft  wurde  er  hinterrücks
erschossen,  und  der  Mörder,  der  später  in  der  Müste  elendiglich  verschmachten
  sollte,  wurde  von  Hendrik  belobigt.  Gerade  der  Umstand,
daß  zehn  Jahre  des  Friedens  verflossen  waren,  gibt  nun  zugleich  die
Erklärung  für  Hendriks  Verhalten  ab.  Denn  diese  Zeitspanne  spielt  bei
den  Kaffern  eine  große  Rolle.  „Die  Zeit  hat  sich  erfüllt,“  so  schrieb
Hendrik  selbst,  „wo  er  große,  lang  gehegte  Entschlüsse  auszuführen  sich
anschicken  müsse.“

Die  Witbois  stammen  aus  der  Kapkolonie,  aus  kühlerem  Klima  und
zeichnen  sich  durch  eine  hellere  Hautfarbe  aus.  Daher  ihr  Name
(Witboois,  auch  Witbois,  Hellfarbige).  Die  Engländer  nennen  die
eiger  im  allgemeinen  Boys,  Jungen.  Es  sind  fanatische  Christen;  sie
würden  fanatisch  sein,  auch  ohne  ihr  Christentum.  Man  sagt  am  Kap,
kein  Weißer  könnte  verstehen,  was  in  einem  Kaffernschädel  vor  sich  geht.
Um  eben  jene  Zeit  kam  nun  ein  Stammesgenosse  Klas  Shepherd,  genannt
Stürmann,  zu  dem  betagten  Häuptling,  und  predigte  ihm  und  allen  den
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        —  63  —

Krieg  gegen  die  Weißen,  nach  dem  Motto  der  Afrikander:  Afrika  für  die
Schwarzen!  Und  Hendrik  vergaß  alle  Wohltaten  der  deutschen  Freunde
und  folgte  diesem  Ruf
nur  zu  willig,  da  ihm
dies  Gelegenheit  gab,
den  Weißen  ihr  Vieh
zu  rauben.  Flüchtlinge
vom  Waterberg  hatten
ihm  vorgelogen,  die
deutsche  Macht  läge  am
Boden.  Hendriks  Sohn,
Samuel  Isaak,  ein
Verächter  Stürmanns,
stand  ihm  entgegen.
Ihm  ist  es  vermutlich
zu  verdanken,  daß  die
Greuel,  die  nun  ins
Werk  gesetzt  wurden,
einen  Rest  von  Menschlichkeit
  behielten.  Nur
die  Männer  wurden  ermordet,
  die  Frauen  und
Kinder  geschont  und
zum  Teil  von  den
Hottentotten  selbst  nach
Gibeon  gebracht,  wo
gegen  200  Frauen  und
Kinder  unter  dem  Schutz
einer  kleinen  Besatzung
sich  befanden.
Fünfunddreißig

Männer,  unter  ihnen
der  verdiente  Missionar
Holzapfel  —  ein  Opfer
Stürmanns  —,  der
ehrwürdige  Ansiedler  Hermann,  der  Regierungslandmesser  Gärtner,  der
Schäfereiverwalter  Hußfeld,  bekannt  durch  seine  Erfolge  mit  der  Zucht

 

 

 

 

Hendrik  Witboi.
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        —  64  —

der  Fettschwänze,  auch  Engländer  und  Buren,  wurden  hingeschlachtet.
Sie  ließen  die  Leute  halb  tot  tagelang  liegen  und  schlugen  sie  dann  erst
vollends  tot.  An  Grausamkeit  gaben  die  Witbois  den  Hereros  wenig  nach.
Zunächst  stellte  Hendrik  600  Gewehre  ins  Feld.  Er  wurde  durch
die  rote  Nation,  durch  Franzmanns,  Bethanier  und  Feldschuhträger
(Veldschoendräger)  Chauas,  Bovi,  Grootdode  2c.  verstärkt.  Dann  stießen
noch  150  Hereros  zu  ihm.  Alle  jene  Leute  waren  gut  beritten.  Erst
am  22.  November  konnten  wir  ihm  eine  genügende  Truppe  unter  Oberst
Deimling  entgegenstellen,  die  ihn  bei  Kub  und  am  4.  Dezember  bei  Naris
aufs  Haupt  schlug.  Er  verlor  60  Mann  an  Toten  und  fast  alles  Vieh,
15000  Stück.  Major  Meister  folgte  ihm  mit  drei  Kompagnien  und
einer  Batterie  über  Gochas  und  Kalkfontein  bis  Stamprietfontein  am
trockenen  Flußbett  des  Auob.  Auch  hier  wieder  ein  konzentrischer  Angriff.
Bei  Groß-Nabas  am  Auob  standen  die  Witbois  Schulter  an  Schulter
mit  den  Hereros  unter  Maharero,  1000  Mann  stark,  dem  von  Norden
her  angreifenden  Major  Meister  mit  300  Mann  54  Stunden  lang
gegenüber.  Ohne  Nahrung  und  Wasser,  so  feierten  die  Unsern  jenen
Silvester  1906.  Einige  unserer  Leute  wurden  vor  Durst  wahnsinnig.
Völlig  erschöpft,  halb  tot  gingen  sie  endlich  zum  Sturm  über  und  trieben
den  übermächtigen  Feind  dem  von  Süden  her  heranmarschierenden,  durch
neue  Truppen  verstärkten  Oberst  Deimling  in  die  Arme.  Bei  dieser  in
der  Kriegsgeschichte  einzig  dastehenden  Tat  fielen  18  Mann  und  4  Offiziere,
  42  Mann  und  5  Offiziere  wurden  verwundet,  148  Zugtiere  erlagen
  den  Strapazen  und  Geschossen.  70  Schwarze  blieben  als  Leichen
in  ihren  Verstecken.  Hendrik  floh  ins  Sandfeld.  Erst  am  29.  Oktober
1905  erhielt  der  Nationalheld  der  Hottentotten  bei  Faalgras  die  tödliche
Wunde.  Sein  Sohn  Samuel  Isaak  ergab  sich  später  den  Deutschen.
Aber  außer  mit  den  Witbois  hatten  wir  auf  sechs  anderen  Kriegsschauplätzen
  in  Groß-Namaland  zu  kämpfen,  gegen  die  Kapitäne  Morenga,
Morris,  Simon  Koppers,  Manasse,  Cornelius,  Elias  Andreas,  die  alle
dem  Propheten  Stürmann  aufs  Wort  geglaubt  hatten,  daß  sich  nun  die
Zeit  erfüllet  hätte.  Die  Weissagung  mag  zutreffen,  aber  in  anderem  Sinne.
Man  staunt,  wenn  man  die  verschiedenen  Kreuz=  und  Querzüge  auf
der  Karte  verfolgt,  die  unsere  braven  unermüdlichen  Truppen  unter
Oberst  Deimling,  Major  Ritter  und  Lengerke,  Meister,  Maercker  und
anderen  trefflichen  Führern  in  steten  Eilmärschen  und  Zickzacklinien  überstehen
  mußten.  Zwischen  den  Klippen  und  Schluchten  der  Tiras-,  Zwiebel-
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        Generalmajor  von  Deimling.  H.  Noack  phot.

Beta,  Das  Buch  von  unsern  Kolonien.
        <pb n="68" />
        —  66  —

und  Karasberge  im  Westen  und  den  englischen  Grenzen  im  Süden  und
Osten,  Betschuanaland  und  dem  Oranjestrom  vollzieht  sich  die  Hetzjagd.
Cornelius  wurde  7  Monate  lang  über  1300  km  weit  verfolgt.

Unser  schlimmster  Feind  in  dieser  Gegend  war  Morenga,  ein  Hottentottenbastard
  von  unglaublicher  Anschlägigkeit,  dem  viel  abenteuerndes
Volk,  auch  von  jenseit  des  Oranjeflusses,  zulief  und  sich  in  den  Karasbergen
  zu  Narudas  eine  förmliche
  Festung  eingerichtet  hatte.
Er  war  ebenso  wie  die  Brüder
Morris  wegen  Mordes  gelegentlich
  des  früheren  Aufstandes
  der  Bondelswarts  geächtet
  worden.  Auch  die  Morris
  waren  Bastards,  Söhne
eines  Engländers  und  einer
Hottentottin.  Morenga  überfiel
Werften,  das  Vieh  raubend,
belagerte  Warmbad,  beschlich
und  beschoß  das  Lager  ermüdeter
  Truppen  und  entführte
ihnen  die  Zugtiere.  Endlich
im  März  1905  unternahm
Oberst  Deimling  auch  gegen
diesen  Feind  einen  konzentrischen
  Angriff.  Vier  Kolonnen,
  Kirchner,  Kamptz,  Koppy,
Lengerke,  zusammen  1100  Gewehre,
  gingen  von  Keetmanns-Major

  Meister.  hoop  gegen  die  Karasberge

vor;  Morenga  war  durch  die

ihm  Nachrichten  zutragende  Bevölkerung  vorbereitet,  sie  zu  empfangen  und
den  Spieß  umzukehren,  nämlich  den  Vorteil  der  inneren  Linie  wahrzunehmen.
Morris-Brothers  und  Stürmann  dienten  ihm  als  Unterfeldherren.  Und
fast  wäre  ihm  sein  Plan  gelungen,  aber  die  zuerst  überfallene  Abteilung
Kirchner  hielt  ihn  durch  die  Zähigkeit  ihres  Widerstandes  zu  lange  auf,
und  Hauptmann  v.  Koppy,  mit  den  Gebrüdern  Morris  bald  fertig,  kam
gerade  eine  Minute  früher  als  Morenga  vor  der  Narudasschlucht  an.
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        Der  Fanatiker  Stürmann  wiederum  versagte  an  dem  dritten  Punkte
vollständig,  so  daß  die  Abteilung  Kamptz,  bei  der  sich  Oberst  Deimling
befand,  zur  Not  der  Koppyschen  hätte  die  Hand  reichen  können.  Das
wirkte  entmutigend.  Morengas  Leute  gingen  zur  wilden  Flucht  über
und  ließen  endlich  auch  alles  Vieh  im  Stich,  an  12000  Häupter;  auch
fand  man  130  Tote.

 

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Eine  Wasserstelle  in  der  Narudasschlucht.

Unter  den  unsererseits  schon  im  ersten  Jahr  auf  diesem  Teile  des
Kriegsschauplatzes  Gefallenen  nennen  wir  nur  die  Leutnants  v.  Stempel,
Eick,  Haack,  v.  Mosch,  Giesselmann,  Schmidt,  v.  Heydebreck,  Schultze,
v.  d.  Marwitz,  Roßbach,  Oberbeck,  v.  Vollard-Bokelberg,  Ahrens,
Fürbringer,  Hauptmann  Wehle  und  Kirchner,  Major  v.  Nauendorff  und
den  Oberarzt  Meyer,  außerdem  150  Mann,  ohne  die  zahlreichen  Vermißten
  und  den  Krankheiten  erlegenen.

Solchen  Taten  konnten  die  Hottentotten  nicht  dauernd  widerstehen.
Ein  Stamm  nach  dem  andern  gab  endlich  klein  bei.  Eine  hereische

55
        <pb n="70" />
        —  68  —

Maßregel  des  Obersten  Deimling,  die  südlichen  Grenzgegenden  völlig
von  Vieh,  das  die  Raubsucht  der  Abenteurer  reizen  konnte,  zu  entblößen,
trug  hierzu  wesentlich  bei.  Zuletzt,  am  23.  Dezember,  konnte  Oberst
v.  Estorff  mit  den  Bondelswarts  einen  auch  für  diese  erträglichen  Frieden
eingehen,  in  welchem  sogar  die  Morris,  Christian  und  die  Stürmanns-Leute,
  wenn  auch  nicht  dieser  selbst,  mit  eingeschlossen  sein  sollten.

Dieser  Vertrag  von  Ukamas  ist  ebenso  wie  der  frühere  von  Kalkfontein
  (27.  Januar  1904)  von  den  „Know--nothings“,  deren  auch  Deutschland
  sich  erfreut,  arg  getadelt  worden.  Was,  rufen  sie,  nach  128  Gefechten,
nach  dem  Verlust  von  343  Toten,  315  Verwundeten,  nachdem  bei  Hartbeestmund,
  bei  Roisvlag  (13.  März  und  4.  Mai  1906)  der  Feind  vernichtet,
  auf  englisches  Gebiet  gedrängt  worden,  noch  diese  gnädigen  Bedingungen,
  Landgewährungen,  Versorgung  mit  Vieh  usw.?!

Man  vergißt,  daß  eben  die  Konkurrenz  mit  den  Engländern,  welche
unsre  Feinde  an  unsern  Grenzen  ansiedeln,  hier  mit  in  Rechnung  tritt,
daß  man  dem  Feinde  nicht  bloß  goldene  Brücken  bauen,  sondern  auch
Heimstätten  bieten  muß,  wo  man  ihn  unter  Aufsicht  hat.  Und  selbst
diese  Vergünstigungen  haben  die  Anhänger  Christians  nicht  bewegen
können,  die  Freiheit  in  der  „Quälenden“  mit  dem  Frieden  zu  vertauschen.
Immerhin  dürften  sie  wohl  keine  Großtaten  mehr  verüben  und  sich
völlig  auf  englisches  Gebiet  zurückziehen.  Mit  dem  unheilvollen  Propheten
  selbst  haben  die  Engländer  später  kurzen  Prozeß  gemacht,  als  er
ihnen  auf  eigenem  Gebiet  zu  viel  raisonierte.  Im  Mai  1907  wurde  er
von  ihnen  dem  Galgen  überliefert.

Morenga  überschritt  im  August  1907  mit  einer  Anzahl  bewaffneter
Anhänger  die  Grenze  des  Kaplandes,  wo  er  nach  der  Niederwerfung
des  Aufstandes  einen  Zufluchtsort  gefunden  hatte.  Allein  infolge  der
sofort  von  den  Deutschen  ergriffenen  Gegenmaßregeln  kündigte  er  bereits
im  September  seine  Unterwerfung  unter  den  den  Bondelswarts  gestellten
Bedingungen  an.

Wenn  man  bedenkt,  daß  sich  die  Feinde  stets  auf  englischem  Boden
rekrutieren  konnten,  während  uns  in  diesem  Stadium  des  Krieges  von  der
Kapkolonie  her  jede  Zufuhr  verweigert  wurde,  so  sind  diese  Erfolge  sehr
achtbar.  Unsere  Truppen  mußten  von  der  Lüderitzbucht  her  auf  dem  Baiwege
verpflegt  werden,  neuerdings  mit  Zufuhren,  die  auf  Kamelen  herangeschafft
wurden.  Der  Mann  im  Felde  kostete  uns  unter  solchen  Umständen  jährlich
  10000  Mark,  etwa  so  viel,  wie  das  Gehalt  eines  Geheimrats  erster
        <pb n="71" />
        —  69  —

Klasse  beträgt.  Wahrlich,  Volk  und  Regierung  haben  hier  eine  Kraftprobe
abgelegt,  die  allen  anderen  Völkern  Respekt  einflößen  muß  und  endlich  auch
die  Engländer  bewog,  uns  gegen  gutes  und  nicht  zu  wenig  Geld  dieselben
Vorteile  zu  gewähren  wie  den  aufständischen  und  mörderischen  Schwarzen.

Und  dabei  sind  die  Briten  immer  noch  entgegenkommender  gewesen
als  der  eigene  Reichstag.  Sie  haben  den  Grundsatz:  Right  or  wrong,
my  country!  —  während  man  bei  uns  bislang  den  Bambergerschen
Überlieferungen  treu  blieb.  Das  führte  zu  einer  Neuwahl,  bei  der  das
deutsche  Volk  sein  Herz  für  die  Kolonien  und  für  seine  tapferen  Schutztruppen
  durch  eine  zuvor  noch  nie  dagewesene  Beteiligung  bekundete.

Eine  halbe  Milliarde  sollte  nicht  pro  nihilo  ausgegeben  worden
seein.  Blut  und  Leben  von  300  Mann  und  40  Offizieren,  die  vorm
Feinde  fielen,  von  denen  ganz  abgesehen,  die  der  tückische  Typhus  dahinraffte,
  sollten  nicht  umsonst  geopfert  worden  sein.  Das  bedeuteten  die
Wahlen  vom  25.  Januar  1907.  Danach  erst  konnte  die  Eisenbahnverbindung
  des  Groß-Namalandes  mit  dem  Weltmeer,  der  Hauptstraße
der  Völker,  hergestellt  werden.  Es  war  post  kestum.  Were  diese  Verbindung
  schon  anfangs  schnell  vollendet  worden,  so  wäre  vermutlich  der
Aufstand,  der  uns  schon  zehnmal  mehr  kostete,  als  die  ganze  Bahn,  und
Opfer  auferlegte,  die  sich  ziffernmäßig  nicht  abschätzen  lassen,  verhindert
oder  im  Keime  erstickt  worden.  Auch  hinsichtlich  der  Entschädigungen
der  Farmer  hat  der  Reichstag  ähnlichen  Anschauungen  gehuldigt.  Von
karg  bemessenen  7½  Millionen  wurden  zunächst  nur  5  bewilligt.  Man
nennt  das  penny-wise  and  pound--foolish.  Und  diesen  Fehler  in  Zukunft
  zu  vermeiden,  auch  das  wäre  ein  Sieg,  auf  den  die  deutschen
Politiker  stolz  sein  könnten,  ein  Sieg  über  sich  selbst,  ein  Sieg  über  den
kleinlichen  Parteigeist.

Wir  schließen  dieses  Kapitel  mit  einem  Verse  des  beliebten  Schutztruppenliedes:


Ich  bin  ein  junges  Reiterblut  in  kaiserlichem  Sold,

Trag  auf  dem  Ohre  keck  den  Hut,  frag  nicht  nach  Lieb  und  Gold;
Hab  unter  mir  ein  flottes  Pferd  und  führ  ein  gut  Gewehr  —

Was  sonst  der  Himmel  mir  beschert,  das  wiegt  bei  mir  nicht  schwer.
Wir  dienen  dir,  lieb  Vaterland,  in  Südwestafrika  —

Schutztruppe  werden  wir  genannt,  zum  Schutze  sind  wir  dal
        <pb n="72" />
        Togo.

Auf  die  7  Grad  nördlich  vom  Aquator  westöstlich  verlaufende  Küste
von  Ober-Guinea,  die  Pfeffer-,  Elfenbein-,  Sklaven-  und  Goldküste,  legte
England,  nachdem  es  aus  Gründen,  die  wir  nicht  untersuchen  wollen,
die  verdienstliche  Tat  vollbracht  hatte,  den  portugiesischen  Sklavenhandel
zu  unterdrücken,  seine  schwere  Hand.  Aber  auch  deutsche  und  französische
Kaufleute  hatten  hier  eine  ergiebige  Quelle  des  Reichtums  gefunden.
Ol,  Kautschuk,  Elfenbein,  Farbhölzer,  Ebenholz,  Mahagoni,  Kaffee,
Früchte  aller  Art  gingen  von  dieser  Küste  aus  in  alle  Welt.  Es  ist
erklärlich,  daß  unsere  Kaufleute  schließlich  ins  Gedränge  kamen  und  sich
nach  einem  ähnlichen  Schutz  und  Rückhalt  sehnten,  wie  ihn  die  britischen
Konkurrenten  genossen,  welche  überall  die  englische  Flagge  heißten  und
fremden  Händlern  Zölle  und  Gesetze  auferlegten.  Auch  verstanden  sie  sich
vorzüglich  auf  die  Aufhetzung  der  Eingeborenen.

Sieht  man  sich  die  Karte  dieser  Küste  an,  so  erblickt  man  eng  eingekeilt
  zwischen  englisches  Gebiet  im  Osten  und  im  Westen  zwei  scheinbar
geringfügige  Einsprengsel  mit  den  Farben  Frankreichs  und  Deutschlands.
Letzteres  ist  die  Kolonie  Togo,  die  unmittelbar  an  das  von  den  Franzosen
  in  heißen  Kämpfen  eroberte,  durch  fürchterliche  Menschenmassenopfer
  berüchtigte  Dahome  grenzt.

Togo  ist  der  Zeit  nach  Deutschlands  zweite  Kolonie.  Der  Reichskanzler
  hatte  infolge  einiger  unliebsamer  Vorkommnisse  erwähnter  Art
im  Jahre  1883  die  Hansestädte  aufgefordert,  über  Maßnahmen  zur
Sicherung  deutscher  Handelsinteressen  zu  berichten.  Danach  erhielt  der
berühmte  Afrikareisende  und  Kaiserliche  Generalkonsul  in  Tunis,  Dr.  Gustav
Nachtigal  Vollmachten,  mit  der  „Möwe“  nach  Westafrika  zu  eilen  und
nach  Abschluß  eines  Schutz=  und  Trutzbündnisses  mit  dem  sogenannten
Könige  von  Togo  die  deutsche  Kriegsflagge  zu  heißen.  Es  geschah  am
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5.  Juli  1884.  Im  Dezember  1885  erreichte  das  Auswärtige  Amt  Abmachungen
  mit  England  und  Frankreich,  welche  am  14.  November  1899
gelegentlich  des  Samoavertrages  weiter  befestigt  wurden.

Togo  ist  unser  kleinstes  Schutzgebiet  auf  afrikanischem  Boden,  etwa
so  groß  wie  das  Königreich  Bayern.  Es  zählt  zurzeit  87  200  qkm

 

Markt  in  Anecho.

mit  einer  Million  Einwohnern  nach  ungefährer  Schätzung.  Von  der
Küste  ist  uns  nur  ein  schmaler  Strich  von  52  km  Länge  zugefallen.
Im  Osten  grenzt  es  an  Dahome  unter  französischem,  im  Westen  an  die
Aschanti=  oder  Goldküste  unter  englischem  Schutz.  Es  dehnt  sich  nach
Norden  zwischen  den  Flüssen  Volta  und  Mono  fächerartig  aus,  ohne
den  Niger  zu  erreichen.  Die  beiden  genannten  Flüsse  sind  schiffbar  und
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        —

    

 

 

 

Panorama  von  Lome,

werden  von  Engländern  und  Franzosen  mit  kleinen  Dampfern  bis  zu  den
höher  liegenden  Umladeplätzen  befahren,  von  denen  namentlich  Kete
Kratschi  am  westlichen  Grenzfluß,  dem  Volta,  wichtig  ist.  Aber  sie  münden
auf  fremden  Gebieten,  wären  also  für  die  Zwecke  deutschen  Handels  ohne
großen  Wert,  wenn  es  nicht  gelingt,  hier  ebenso  wie  auf  dem  Niger-Benue
  die  freie  Schiffahrt  durchzuführen  und  die  Zollplackereien  an  den
Mündungen  zu  mildern.  Erfreulich  ist  es,  daß  der  Mono  einen  Seitenarm
nach  Anecho  entsendet  und  auf  diesem  von  deutscher  Seite  erreicht  werden
kann.  Aber  auch  ohnedies  ist  die  Schiffahrt  hier  mit  vielen  Schwierigkeiten
  verknüpft.

Unser  Hauptanlegeplatz  ist  Lome  unmittelbar  an  der  Grenze  des
englischen  Aschantilandes.  Seit  1897  ist  es  Sitz  des  Kaiserlichen  Landeshauptmannes.
  Es  hat  eine  starke  eiserne  Landungsbrücke  erhalten,  und
zwei  Bahnen  verbinden  es  mit  dem  Innern  und  dem  wetteifernden  Hafen
Anecho.  Auch  die  Straßen  sind  gut,  besonders  die  nach  dem  wichtigen
Kete  Kratschi.  Anecho  hieß  früher  Klein-Popo  (von  Pueblo,  portugiesisch
für  Volk).  Namhaft  sind  ferner  Misahöhe,  Kpandu,  Paratau  und
Sansanne-Mangu.  Zwischen  diesen  bestehen  regelmäßige  Postverbindungen,
welche  von  den  Eingeborenen  besonders  gewürdigt  werden.  Porto  Seguro
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        der  Hauptstadt  von  Togo.  Verlag  der  Deutschen  Togogesellschaft.

(portugiesisch:  sicher),  der  frühere  Hochsitz  des  Sklavenhandels,  ist  ganz  in
den  Hintergrund  getreten.

Eine  Eigentümlichkeit  dieser  Küste  sind  die  Lagunen,  welche  an  die
baltischen  Haffs  erinnern.  Sie  sind  mit  dem  Stauwasser  vieler  kleiner
Flüsse  angefüllt  und  bis  zu  10  km  breit.  Sie  erleichtern  den  Querverkehr
  von  Hafen  zu  Hafen,  sind  aber  auch  böse  Malaria-Brutstätten.
Die  Küste  ist  mit  Kokospalmen  besetzt,  welche  die  Portugiesen  hier  eingeführt
  haben.

Dahinter  erhebt  sich  ein  Wellenland  mit  sogenannter  Obstgartensteppe,
Parklandschaft,  Galeriewäldern  (an  den  Flußläufen)  mit  3  m  hohem
Grase.  Es  steigert  sich  zum  Fetisch=  oder  Opossum-Gebirge  von  500  bis
1000  m  Höhe.  Dies  ist  ein  Schiefergebirge  und  soll  an  den  deutschen
Harz  erinnern.  v

Togo  ist  Handelskolonie  und  durch  den  direkten  Bezug  von  Palmöl
und  Kautschuk  für  uns  von  Wichtigkeit.  Die  Ausfuhr  letzteren  Artikels
hat  sich  schnell  verdreifacht.  Ihr  Wert  betrug  1905  über  eine  Million.
Mais  steht  mit  566  844  Mark,  Getreide,  Hülsenfrüchte  stehen  mit  einer
halben  Million,  Baumwolle  mit  100  000  Mark,  ferner  Ebenholz,  Elfenbein,
  auch  etwas  Gold  auf  der  ziemlich  umfangreichen  Liste  ihrer
        <pb n="76" />
        —  74  —

Ausfuhrartikel.  Sie  werden  für  baumwollene  Gewebe,  Spirituosen,  Salz,
das  für  die  Eingeborenen  ein  Luxusartikel  ist,  und  für  die  vielbegehrte
Kolanuß  eingetauscht,  welche  uns  die  deutsche  Schwesterkolonie  von  Togo,
Kamerun,  liefert  und  deren  Anbau  auch  in  Togo  selbst  sich  lohnt.  Die
Olpalme,  der  Kaffeebaum,  die  Gummiliane  wachsen  hier  wild,  werden
aber  neuerdings  künstlich  angebaut,  ebenso  alle  Arten  unserer  Gemüse,
die  hier  vortrefflich  gedeihen.  Einheimisch  sind  ferner  und  werden  fleißig
angebaut:  Yams,  Erdnuß,  Sorghum  (Negerhirse),  Bataten,  Bananen,
Ananas,  Kakao,  Kaffee,  endlich  die  Weinpalme,  welche  den  Eingeborenen
ihr  Lieblingsgetränk  liefert.  Dies  wird  teils  frisch  genossen,  teils  gegoren
  als  nicht  ungefährliches,  alkoholhaltiges  Getränk.  Auch  die  Viehzucht
  trägt  zur  Ausfuhr  bei.  Auf  der  Liste  des  Jahres  1898  zählen
wir  ferner  64  Pferde  und  171  Esel.  Die  Gesamtausfuhr  wird  in  dieser
Denkschrift  auf  2582  000  Mark  beziffert  gegen  eine  Einfuhr  von  3270  000
Mark.  Im  Jahre  1905  sind  diese  Ziffern  auf  3,96  und  7,75  Millionen
gestiegen.  Dreiviertel  dieses  Umsatzes  kommen  auf  Deutschland.  Die
Einfuhr  setzte  sich  1905  aus  46  Artikeln  zusammen,  nach  den  Baumwollwaren
  überragen  infolge  des  Bahnbaus  Eisenwaren,  Roheisen  und  Transportmaschinen
  die  Spirituosen,  welche  noch  1904  an  zweiter  Stelle  standen.
Deren  Einfuhr  ist  1905  um  etwa  zwei  Drittel  gegen  das  Vorjahr  gesunken.
  Dann  folgen  Tabak,  Kleider,  Pulver  usw.  Außerdem  fallen  ins
Gewicht  Drogen,  Salz,  Geld,  Glas,  Wäsche,  Leinen  und  Leinenwaren,
Petroleum,  Seife,  Parfümerien,  Tonwaren,  Wasserfahrzeuge.

Die  Ausgaben  der  Kolonie  für  1905  belaufen  sich  auf  5,77  Millionen,
wovon  4,47  auf  die  Bahn  Lome-Palime  entfallen,  die  als  Reichsdarlehen
figurieren.  Allem  Anschein  nach  wird  die  Bahn  sich  gut  verzinsen,  denn
die  Einwohnerzahl  beträgt  nach  annähernder  Schätzung  11  Seelen  auf
den  Quadratkilometer.  In  Deutschland  rechnet  man  112  auf  dieselbe  Fläche.

Wir  haben  es  hier  also  mit  einer  im  Vergleich  zu  unsern  übrigen
afrikanischen  Kolonien  verhältnismäßig  dichten  Bevölkerung  zu  tun.  Das
durfte  man  schon  aus  dem  Umstande  folgern,  daß  hier  ehedem  die  Massenschlächtereien
  und  die  Massenausfuhr  von  Sklaven  möglich  waren.  Jetzt
tritt  die  Sklaverei,  wie  bemerkt  werden  muß,  in  einer  sehr  gelinden  Form
auf.  Der  Haussklave  wird  gut  behandelt,  in  gewissem  Sinne  wie  ein  Kind
des  Hauses.  Er  fühlt  sich  nicht  als  Sklave,  nennt  seinen  Herrn  „Vater“  und
ist  sogar  erbberechtigt.  Die  Bezeichnung,  die  er  hier  führt,  würde  am  besten
mit  dem  Namen  Hörig  oder  noch  treffender  Zugehörig  zu  übersetzen  sein.
        <pb n="77" />
        Von  der  Dichtigkeit  der  Bevölkerung  zeugen  die  vielen  Städte  oder
Straßenknotenpunkte  Tschamba,  Bassari,  Bafilo  usw.,  wo  man  40—50000
Einwohner  gezählt  haben  will.  Der  mehrerwähnte  Handelsplatz  Kete
Kratschi  hat  es  auf  30  000  Einwohner  gebracht.  An  Markttagen  wimmelt
es  dort  von  ebensovielen  Besuchern.  Täglich  treffen  dort  tausendköpfige
Haussa-Karawanen  vom  Nigergebiete  ein,  die  ihre  Waren  dem  Schiffsverkehr
  auf  dem  Voltastrom  und  damit  allerdings  auch  dem  englischen
Handel  überliefern.  Die  Haussasprache  ist  für  den  Sudan  dasselbe,  was

 

 

 

Kakaosaatbeete  unter  Olpalmen  (Agupflanzung  der  Deutschen  Togogesellschaft).

für  Asien  das  Pigeon-Englisch  ist.  Auch  hier  steht  das  besondere  Nigger-Englisch
  in  starker  Konkurrenz  mit  den  einheimischen  Idiomen  und  dem
sehr  viel  weniger  leichten  und  bequemen  Deutsch  unserer  Beamten  und
Missionare.  Einige  portugiesische  Sprachreste  fehlen  nicht,  um  den  sprachlichen
  Wirrwarr  vollständig  zu  machen.  Ganz  entsprechend  ist  die  Kleidung
dieser  lebhaften,  lustigen  und  geschwätzigen  Negerwelt.  Fez,  Chapeau
claque,  Pickelhaube  (verkehrt  getragen,  den  Adler  nach  hinten),  Panamahut
und  Ballonmütze,  Badehosen,  Stehkragen,  Schlafröcke,  Husarenjacken,
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        —  76  —

grellfarbige  Damenunterröcke  usw.,  alles  findet  in  buntem  Durcheinander
und  halb  im  Humor  —  den  der  Neger  nicht  so  leicht  verliert  —  angemessene
  Verwendung.  Von  der  Schlichtheit  und  Würde  etwa  des  Arabers
der  afrikanischen  Nordküste  hat  der  Sudan  nichts  übernommen.

Erhebliche  Unruhen  sind  in  dieser  Kolonie  nicht  vorgekommen,  obwohl
  mohammedanische  Wanderprediger  aus  den  französischen  und  englischen
  Schutzgebieten  Sokoto  und  Saberma  in  Mangu,  Sokodé  und
Kratschi  ihr  Wesen  trieben.

 

 

Töpferei  der  Eingeborenen  in  Amelame,  Mitteltogo.  Phot.  Hupfeld.

Die  Bevölkerung  ist  von  großer  Mannigfaltigkeit.  Der  Evhe-Neger
zeichnet  sich  als  Schmied,  Sattler,  Gerber,  Töpfer,  Weber,  Färber,
Pflanzer  und  Viehzüchter  aus.  Er  gelangt  oft  zu  großem  Reichtum.
In  den  Hafenstädten  hat  er  zum  Teil  bereits  die  alte  Wohnart  in  Schilfhütten
  aufgegeben  und  genießt  die  Annehmlichkeit  luftiger,  massiver  einoder
  zweistöckiger  Häuser  aus  Zementsteinen.  In  Anecho  zählt  man  bereits
  50  solcher  Negerhäuser  europäischen  Stils.  Der  Evphe-Typus  ist
nicht  unedel,  seine  Hautfarbe  licht  bis  ins  Hellgelbe,  seine  Sprache,  dem
        <pb n="79" />
        —  77  —

im  ganzen  Sudan  herrschenden  Bantustamme  zugehörend,  ist  fließend
und  wohlklingend,  seine  Geschichte  weit  zurückreichend;  seine  Sitten,  Gesetze
  und  Gebräuche  sind,  abgesehen  von  den  erwähnten  Ausnahmen
kaum  einer  Anderung  bedürftig.  Er  ist  reinlich,  fleißig,  gastfrei,  friedfertig
und  gütig.  Er  beobachtet  scharf,  seine  Phantasie,  seine  Beredsamkeit  sind
ebenso  entwickelt  wie  seine  Klugheit  und  Berechnung.  Dabei  ist  er  ein
geborener  Kaufmann.  Er  hat  Erziehungshäuser  für  die  Jugend,  Gerichtsverhandlungen
  (Palaver),  wo,  ohne  geschriebenes  Recht,  ähnlich  wie
in  England  nach  Billigkeit,  Überlieferung,  Herkommen  und  sogenannten
„Präzedenzfällen“  entschieden  wird.  Es  wäre  eitel  Torheit,  hierher  einen
Assessor  mit  dem  Bürgerlichen  Gesetzbuch  senden  zu  wollen.

Ein  Versuch  in  dieser  unheilvollen  Richtung,  unter  Aufhebung  des
internationalen  Billigkeits=  (Equity.)  Gerichtshofes  in  der  Schwesterkolonie
  von  Togo,  Kamerun,  nach  Paragraphen  alles  zu  richten  und  zu
schlichten,  endete  denn  auch  in  Empörung  und  Chaos.  Zurzeit  ist  man
klüger  geworden.  Man  läßt  die  Eingeborenen  möglichst  selbst  Recht
sprechen.  Ein  Appell  an  die  Bezirkshauptmänner  steht  aber  in  jedem
Falle  offen.

Trotzdem  ist  man  ja  dabei,  für  unsere  Schutzgebiete  ein  besonderes
Strafgesetz  zu  verfassen.  Wahrscheinlich  geschieht  dies  ebenso  zur  Zügelung
  der  Weißen  wie  der  Schwarzen,  welche  dies  Klima  gewöhnt  sind
und  ihre  normale  Empfindungsweise  nicht  so  leicht  verlieren.  Bei  den
Weißen  dagegen  stellt  sich  zuweilen  der  sogenannte  „Tropenkoller“  ein,
besonders  bei  einer  nicht  angemessenen  Lebensweise.  Dieser  Zustand,
der  rein  pathologisch  ist,  erklärt  so  manches  ruchbar  gewordene  Argernis
und  darf  hier  nicht  unerwähnt  bleiben.  Die  Hygiene,  vernünftige  Vorschriften
  bezüglich  der  Lebensweise  sollten  daher  in  einem  Tropengesetzbuch
  eine  ähnlich  große  Rolle  spielen  wie  im  mosaischen  Gesetz  und  im
Koran.

Übrigens  hat  der  Evhe-Neger  den  Deutschen  bereits  einen  Besuch
abgestattet.  Denn  auch  die  Amazonen  von  Dahome,  welche  unsere
Städte  bereisten  und  uns  ihre  Kriegstänze  vorführten,  gehören  demselben
Stamme  an.

Anders  geartet  sind  die  den  Buschmännern  näher  stehenden  Bewohner
  des  Buschlandes  und  der  Gebirge,  die  Kebu,  Adeli,  Aposso,  welche
Miene  machten,  uns  die  Handelswege  im  Innern  zu  verlegen  oder  doch
ihr  aus  der  Zeit  der  Sklavenjagden  stammendes  Monopol  und  Durch-
        <pb n="80" />
        —  78  —

gangszollwesen  sich  zu  erhalten.  Sie  neigen  zur  Gewalttätigkeit.  Durch
Raubzüge  und  Sklavenjagden  suchen  sie  ihrer  Armut  abzuhelfen.  Um
diese  Bergbewohner  zu  bändigen,  wurde  unter  Wolfs  Leitung  die  Feste
Bismarcksburg  angelegt,  20  Tagemärsche  von  der  Küste  entfernt.
Nach  der  Lage  auf  der  Karte  gemessen,  wären  das  nur  etwa  240
Kilometer.  So  schwierig  ist  hier  der  Verkehr.  Der  Plan,  den  Handel
von  dem  Volta  abzulenken  und  hier  einen  binnenländischen  Verkehrs—

 

 

 

 

 

Häuptlingshaus  in  Dako,  Nordtogo.  Phot.  Hupfeld.

mittelpunkt  zu  schaffen,  wird  sich  erst  durch  die  Fortführung  der  Eisen—
bahn  verwirklichen  lassen.

In  den  weniger  gebirgigen  Gegenden  des  Ostens  und  des  neutralen
Gebiets  bildet,  wie  erwähnt,  der  Haussahändler  aus  dem  Sudan  den
Kulturträger.  Er  hat  den  Islam  in  diese  entfernten  Gebiete  gebracht,
und  so  mancher  Eyhe  ist  ihm  über  Land  bis  nach  Mekka  gefolgt.  Hier
lebt  der  pferdezüchtende  Tschautio,  der  eselzüchtende  Mossi.  Die  Häuptlinge
  haben  berittenes  Kriegsvolk.  Ein  reger  Marktverkehr  besteht.  Die
Wege  sind  durchweg  vorzüglich.
        <pb n="81" />
        Tier-  und  Pflanzenwelt  sind  reich.  Man  zählt  nicht  weniger  als
279  Vogelarten.  Affen,  Schlangen,  Flußpferde,  Krokodile,  Büffel,  Antilopen,
  Löwen,  Leoparden,  Wildkatzen,  Hyänen,  Schakale,  Elefantenherden
durchstreifen  die  Savannen  und  die  Gebirge.  Guineawürmer,  Moskitos,
Wanderameisen,  Termiten,  Sandflöhe  sind  dagegen  eine  wenig  wünschenswerte
  Zugabe.

Die  Temperatur  ist  ziemlich  gleichmäßig,  da  auch  dies  eine  Kaltwasserküste
  ist,  deren  Winde  abkühlend  wirken.  In  Bismarcksburg  auf
halber  Höhe  wurden  im  Februar  26,10  C.,  im  Juli  21,0  0,  durchschnittlich
  23,7%  gemessen.  Obgleich  Togo  auf  der  nördlichen  Erdhälfte
liegt,  herrscht  doch  das  Jahreszeitengesetz  des  Südens.  Die  Regenhöhe,
600  —700  mm,  ist  wenig  größer  als  die  Mitteleuropas.  Die  eigentliche
Regenzeit  fällt  in  die  Monate  März  bis  Juni,  eine  spätere  gelindere  in
unseren  Herbst.  Saharawinde  wechseln  mit  Seebrisen.

Als  Ansiedlungsgebiet  für  Europäer  kommt  Togo  kaum  in  Betracht.
Dazu  ist  das  Klima  zu  ungünstig,  die  Bevölkerung  zu  dicht  und  in  ihren
Sultanaten  zu  gut  organisiert,  um,  wie  dies  in  Lüderitzland  der  Fall
ist,  dem  Andrange  zu  weichen.  Die  europäische  Bevölkerung  hatte  sich
verringert,  hat  aber  jetzt  wieder  etwas  zugenommen  und  betrug  am
1.  Januar  1906  243  Seelen,  darunter  nur  35  Frauen  und  7  Unerwachsene,
fast  ausnahmslos  deutsche  Reichsangehörige.  Davon  wohnen  122  in  der
Hafenstadt  Lome,  38  im  Bezirk  Anecho,  44  Misahöhe,  15  Atakpame,
4  Kete  Kratschi,  4  Sokode-Basari,  5  Mangu-Jandi.  Das  ist  sehr  wenig
gegenüber  einer  Eingeborenenzahl,  die  für  Sokode  auf  360  000,  für
Mangu-Jandi  auf  250000  beziffert  wird.  Der  Beamtenschaft  gehören
von  den  Weißen  64  an,  der  Geistlichkeit  43,  10  sind  Farmer,  Pflanzer
und  Gärtner,  11  Techniker,  20  Handwerker,  45  Kaufleute,  Gastwirte  und
Frachtführer.  Bei  nur  8  Todesfällen  im  Jahre,  32  auf  das  Tausend,
kann  der  Gesundheitszustand  verhältnismäßig  befriedigend  genannt  werden.

Schwarzwasserfieber,  Malaria,  Darmkrankheiten  sind  die  wesentlichen
endemischen  Plagen.  Die  Chinin-Prophylaxe  (Vorbeugungskur),  1  g  aller
vier  Tage,  hilft  auch  hier  die  verderbliche  Herrschaft  des  Fiebers  stark
beschränken.

Das  größte  Ansehen  genießt  unsere  Post  unter  zwei  deutschen  Fachbeamten,
  sechs  eingeborenen  Telegraphisten  und  neun  eingeborenen  Unterbeamten.
  Sowohl  das  englische  wie  das  französische  Kabel  bieten  Anschluß.
Die  Postverbindung  wird  durch  die  Woermann-Dampfer  vermittelt,  die
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        —  80  —

dreimal  monatlich  anlaufen;  auch  durch  die  französische  Linie  Cotonon—
Marseille  einmal.  Man  zählte  1905  208800  Briefe,  6000  Pakete,  9200
Anweisungen  im  Betrage  von  2150000  Mark,  16000  Telegramme,  3535
Ferngespräche  der  Küstenorte  untereinander  und  669  Zeitungsabonnements.

Die  Reeden  Togos  wurden  1905  von  247  Schiffen  mit  zusammen
419261  Registertons  angelaufen,  wovon  auf  Lome  133  deutsche,  38  englische,
  30  französische  Dampfer  und  3  amerikanische  Segler,  auf  Klein-Popo,
jetzt  Anecho,  und  zugunsten  Lomes  geschlossen,  27  deutsche,  7  englische
und  12  französische  Dampfer  entfielen.

 

—  —  E  —

Wohnhaus  in  Bismarckburg.

 

In  Lome  befindet  sich  eine  vierklassige  deutsche  Regierungsschule,
welche  früher  47,  jetzt  100  Schüler  hat,  von  denen  57  im  Internat  (Kostschüler)
  waren.  Ferner  eine  Regierungsschule  in  Sebevi  mit  103  (44)
Schülern.  Man  unterrichtet  Evhe,  die  Eingeborenensprache,  und  später
Deutsch.  Der  Andrang  ist  sehr  groß.  Eine  Handwerkerschule  in  Lome
für  Tischler,  Schmiede,  Maurer,  Schneider,  zählt  nur  24  Schüler.  Die
Steyler  Mission  zählt  bereits  über  tausend  Proselyten,  und  die  Protestanten
  der  Bremer,  Wesleyaner  und  Basler  Gesellschaften  wohl  nicht
weniger.  Ihre  Hauptaufgabe  dürfte  sein,  untereinander  mit  den  ein—
heimischen  Förderern  des  Islam  in  edlem  Wetteifer  der  Förderung  alles
        <pb n="83" />
        —  81  —

Guten  zu  leben.  Je  weniger  bemerkbar  ihre  am  Ende  erklärliche  Eifer—
sucht  ist,  um  so  wohltätiger  und  segensreicher  kann  ihre  Wirksamkeit
sich  gestalten.  Es  ist  eine  Freude,  aus  den  Berichten  der  Missionsgesellschaften
  ersehen  zu  können,  daß  ihre  Stationen  und  Schulen,  gegen
50  an  der  Zahl,  bereits  über  2000  Schüler  zählen,  die  alle  dem  Fetischdienst
  entrissen  wurden.

Allerdings  auf  einschneidende  Umgestaltung  der  bestehenden  Gebräuche
wird  diese  Lehr=  und  Bekehrungstätigkeit  wohl  verzichten  müssen.  So
wenig  wie  man  die  Palme  in  eine  Eiche  verwandeln  kann,  so  wenig  wird
man  aus  dem  Neger  einen  Arier  machen.  Auch  könnte  es  leicht  kommen,
daß  ein  „Höriger“,  der  nicht  mehr  als  Hauskind  betrachtet  werden  soll,
noch  schlechter  behandelt  würde  als  der  ehemalige  Bantu,  der  als  Handelsware
  in  die  finstern  Kerker  der  portugiesischen  Sklavenschiffe  verstaut,
und,  wenn  es  wegen  Sturmes  oder  auf  der  Flucht  vor  englischen  Kreuzern
sein  mußte,  zu  Hunderten  über  Bord  geworfen  wurde.  Daß  man  dieser
Scheußlichkeit  Herr  geworden  ist,  dankt  der  Eingeborene  dieser  gesegneten
Küste  der  treibenden  Kraft  des  Christentums.  Andere  Beweggründe,  die
zu  dem  Eingreifen  Englands  wohl  auch  Anlaß  gaben,  wird  er  sich  nicht
vorstellen  können.  Der  Hinweis  auf  diese  Befreiung  und  Erlösung  wird
es  am  letzten  Ende  der  Christenmission  leicht  machen  —  sofern  sie  nur
unter  sich  den  Frieden  bewahrt  —,  auch  dem  Islam  siegreich  zu  begegnen.
Aber  alles  dies  muß  geschehen,  wie  es  der  Heiland  verlangt,  der  uns
die  Lehre  gab:  Seid  klug  wie  die  Schlangen  und  sanft  wie  die  Tauben.

An  Geschichtlichem  ist  folgendes  nachzuholen.

Die  große  Mehrzahl  der  Erforscher  dieses  Gebiets  folgte  dem
großen  Nigerstrom.  Auch  bot  das  Hinterland  von  Dahome  und  Aschanti
größere  Anziehung.  Schon  zu  Anfang  und  in  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts
  wurde  es  von  Mungo  Park,  Clapperton,  Lander,  Vogel,
Overweg,  Richardson  und  Barth  durchzogen.  Dann  folgten  in  den  sechziger
bis  achtziger  Jahren  Hornberger,  Nachtigal,  Rohlfs,  Lenz  und  Flegel.

Das  deutsche  Gebiet  wurde  erst  nach  der  Besitzergreifung  fleißiger
in  Angriff  genommen.  Doch  verdanken  wir  dem  Franzosen  Bonnat
(1875—76)  wertvolle  Aufschlüsse  über  den  Voltastrom;  1884  folgte  Hugo
Zöller,  1885  Pater  Baudin,  1887  Henrici.  Die  Regierung  sandte  dann
1888—1890  drei  Expeditionen  aus,  um  mit  den  Eingeborenen  Verträge
abzuschließen.  Hauptmann  Kurt  von  Francois  gelangte  bis  Salaga,
Gambaga  und  Mossi  und  kehrte  über  das  Adeliland  zurück.  Auf  einer

Beta,  Das  Buch  von  unsern  Kolonien.
        <pb n="84" />
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zweiten  Reise  wurde  er  in  Salaga  abgerufen,  um  den  Oberbefehl  im
Witboikriege  zu  übernehmen.  Dr.  Ludwig  Wolf  eröffnete  den  Osten
des  Togolandes,  gründete  Bismarckburg,  durchzog  das  nördliche  Dahome
bis  an  den  Niger.  Dort  erlag  er  in  Dabari  einer  tödlichen  Krankheit,
wie  man  vermutet  dem  Gifte,  das  in  der  Hand  der  Fetischgläubigen  eine
unheimliche  Rolle  spielt.  Sein  Nachfolger,  Hauptmann  Kling  erlag  den
Einwirkungen  des  Klimas.  Ihm  folgten  Hering,  Herold  und  Büttner
(1890—92).  Ersterer  gründete  in  zentraler  Lage  zwischen  Bismarckburg,
Kratschi  und  Lome  die  Feste  Misahöhe.  Die  Aufgabe  der  Besatzung
dieser  Plätze  ist  namentlich,  die  völlige  Ausrottung  der  Kautschukpflanzen
zu  verhindern.  Dr.  Hans  Gruner  endlich,  der  durch  eine  Privatgesellschaft,
  das  deutsche  Togokomitee  unter  dem  Konsul  Ernst  Vohsen,
ausgerüstet  wurde,  war  beauftragt,  den  Franzosen  in  ihrem  Wettlaufe
nach  dem  Niger  zuvorzukommen  und  uns  das  Hinterland  zu  sichern.
Mit  Dr.  Döring  und  Leutnant  v.  Crarnay-Quernheimb  drang  er  1894
in  Eilmärschen  bis  Sansanne-Mongu  vor  und  schloß  mit  den  Sultanen
von  Mongu,  Gurma  und  Gando  Schutzverträge  ab,  welche  zu  dem  deutschfranzösischen
  Togo-Abkommen  vom  10.  Oktober  1897  führten.  Wir
verloren  zwar  hierbei  die  Verbindung  mit  dem  Niger,  da  Frankreich
ältere  und  bessere  Rechtstitel  auf  Gurma  nachzuweisen  hatte,  erhielten
aber  die  Straßen  nach  Kratschi  und  das  Mündungsland  des  Mono
zugesichert.  Dies  hat  zur  Folge,  daß  eine  Reihe  der  großen  französischen
Faktoreien  von  Groß-Popo  nach  Klein-Popo  (Anecho)  jetzt  übersiedeln
werden.  Von  der  Gesamtausfuhr  dieser  Gebiete  beträgt  die  des  Kautschufs
etwa  ein  Drittel;  Palmkerne,  Mais  und  Palmöl  folgen  auf  der  Liste
des  Jahres  1905  und  ergeben  zusammen  ebenfalls  etwa  ein  Drittel  des
Exports.  Da  es  sich  hier  um  Erzeugnisse  des  Küstenstrichs  handelt,  kann
unser  Abkommen  immerhin  als  ein  Erfolg  für  Deutschland  gelten,  dessen
ganze  Kraft  durch  die  Aufgaben,  die  ihm  die  Aufschließung  Afrikas  stellt,
ohnehin  zur  Genüge  in  Anspruch  genommen  ist.

Nach  Niederwerfung  der  aufsässigen  Dagomba  1897  durch  Oberleutnant
  v.  Massow  ist  durch  die  Anlage  von  weiteren  Stationen  bei
Kpando,  Baßari,  Bafilo,  Paratau,  Dadaura,  Sansanne  der  friedlichen
Entwicklung  dieses  reichen  und  zugleich  konsumfähigen  Gebiets  ein  dauernder
Rückhalt  gegeben  worden.

Auch  zurzeit  sind  wir  nicht  untätig.  Der  Oberleutnant  Dominik
warb  in  Liberia  Kruleute,  um  von  Sanaga  aus  nordwärts  durch
        <pb n="85" />
        —  83  —

Adamaua  nach  dem  Benuẽ  vorzudringen.  Und  einige  Nachschübe,  zu  denen
geraten  wird,  sollen  den  Haussanegern,  die  als  die  besten  Soldaten  im
westlichen  Sudan  geschätzt  werden,  zeigen,  daß  sie  unsrer  Macht  vertrauen
können  und  in  deren  Dienst  sich  wohl  befinden  werden.

Dies  ist  die  Methode,  mit  der  Frankreich  große  Erfolge  erzielte.
Besonders  ist  dem  Wegebau  alle  Förderung  zuteil  geworden.  Über
500  km  konnte  man  schon  1903  mit  dem  Rad  fahren.  Reisende  rühmen
ferner  die  mit  allen  Erfordernissen  und  Vorräten  versehenen  Rasthäuser,
welche  auf  je  20—30  km  angelegt  sind.  Inbezug  auf  den  Bahnbau
ging  uns  Frankreich  durch  die  Ausführung  seiner  Dahomebahn  mit
gutem  Beispiele  voran.

Am  27.  Januar  1907  fand  auch  unfrerseits  die  Eröffnung  der  mehrerwähnten
  Bahn  Lome-Palime  statt;  eine  andere  Lome-Anecho  bestand
bereits.  Sie  sind  zusammen  mit  der  Landungsbrücke  dortigen  Interessenten
in  die  Pacht  gegeben  worden.

Die  Eröffnungsfeierlichkeit  bezog  sich  gleichzeitig  auf  eine  Ausstellung,
wie  eine  solche  in  Deutsch-Ostafrika  schon  1904  stattfand,  als  ein  Fest  für
die  solchen  Veranstaltungen  besonders  dankbar  entgegenkommenden  Eingeborenen.


Geben  wir  dem  Amtsblatt  für  Togo  zum  Schluß  dieses  Abschnittes
darüber  das  Wort:

Ursprünglich  sollte  nur  eine  Baumwoll-Ausstellung  veranstaltet
werden.  Dem  gemeinsamen  Bemühen  des  Gouverneurs  Grafen  Zech  und
des  Kolonialwirtschaftlichen  Komitees  war  es  zu  verdanken,  daß  eine  große
allgemeine  Ausstellung  zuwege  gebracht  wurde,  die  mit  der  Feier  des
Geburtstages  des  Kaisers  und  mit  einem  für  die  ganze  Kolonie  hochbedeutsamen
  Ereignis,  der  Eröffnung  des  Betriebes  auf  der  Eisenbahn
von  Lome  nach  Palime,  zeitlich  zusammengelegt  ward.  Der  Eisenbahnzug,
  der  an  diesem  Tage  mit  14  Wagen  die  Gäste  aus  dem  Küstengebiet
  zuführte,  vermochte  nur  ein  Viertel  der  zur  Mitfahrt  herbeigeströmten
Leute  mitzunehmen.  Die  Gesamtzahl  der  Besucher  am  27.  Januar  wird
auf  wenigstens  15000  geschätzt.

Im  Mittelpunkt  der  Ausstellung  stand  die  Baumwollproduktion
des  Landes.  Die  beste  Baumwolle  lieferte  der  Bezirk  Misahöhe.  Unter
den  ausgestellten  Früchten  nahmen  die  Bananen  den  größten  Wert  für
sich  in  Anspruch.  Besonderes  Interesse  erregte  das  Bananenbrot,  bestehend

aus  einem  Teil  Weizenmehl  und  zwei  Teilen  Bananenmehl.  Bei  einem
6*
        <pb n="86" />
        —  84  —

naturgemäß  bedeutend  billigeren  Preis  als  Weizen-  oder  Roggenbrot  hat
es  einen  guten,  unserm  heimischen  Pumpernickel  ähnlichen  Geschmack
und  hält  sich  anscheinend  sehr  lange  frisch.  Die  Viehschau  war  von
116  Ausstellern  gut  beschickt,  die  Abteilung  Federvieh  so  gut,  daß  den
Preisrichtern  hier  eine  schwere  Aufgabe  gestellt  war.  In  der  reichhaltigen
Sammlung  von  Nutzhölzern,  an  der  193  Aussteller  beteiligt  waren,  kam
den  Gerb-  und  Farbhölzern  besonderer  Wert  zu.  Die  Gesamtzahl  aller
Beschicker  der  Ausstellung  betrug  3705.  Es  wurden  15  Ehrendiplome
und  7  Goldene  Medaillen  verteilt.
        <pb n="87" />
        Kamerun.

Wir  haben  erfahren,  daß  Dr.  Nachtigal  auf  der  „Möve“  nach
Togo  ging  und  dort  die  deutsche  Flagge  heißte.  Sein  nächstes  Ziel
war  nun  das  weiter  östlich  im  innersten  Winkel  der  Bai  von  Guinea
liegende  Kamerun.  Dieser  Winkel  heißt  die  Bai  von  Biafra.  Die
hanseatischen  Firmen  Woermann,  Jantzen  und  Thormälen  waren  hier
schon  seit  1868  und  1874  als  Pioniere  tätig  gewesen.  Sie  errichteten
Faktoreien,  erwarben  1884  von  den  Häuptlingen  Hoheitsrechte  und  übertrugen
  diese  auf  das  Reich,  worauf  der  Bevollmächtigte  Nachtigal
im  Juli  1884  dies  Gebiet  „unter  deutschen  Schutz“  stellte  —  wie  die
unsererseits  angenommene,  für  die  bestehenden,  zum  Teil  recht  achtbaren
Gewalten  und  Gesellschaftsordnungen  schonende  Formel  lautet.  Zwei
Tage  nach  der  „Möve“  traf  auch  ein  englisches  Kriegsschiff  ein  und
erhob  gegen  die  Flaggenheißung  der  Deutschen  Einspruch.  Jedenfalls
behielten  die  Engländer  einstweilen  den  wichtigen,  im  Herzen  des  Busens
gelegenen  Hafen  Viktoria.  Da  die  „Möve“  nach  Angra  Pequen#ia  weiter
eilen  mußte,  um  auch  dort  die  Reichsflagge  zu  heißen,  und  da  sich  einer
der  Erforscher  Kameruns,  ein  spolonisierter  Deutscher  namens  Scholz-Bogozinski
  auf  die  Seite  der  Briten  stelltet,  so  wurde  der  deutschfreundliche
  und  sehr  vermögende  König  Bell  in  Joßtown  verjagt  und
der  Vertreter  des  Hauses  Woermann  ermordet.  Nur  das  zeitige  Eintreffen
  des  Admirals  Knorr  mit  den  Kriegsschiffen  „Bismarck“  und  „Olga“
rettete  das  deutsche  Ansehen,  um  das  noch  während  der  folgenden
Jahre  heiß  gekämpft  werden  mußte.  Erst  1885  wurden  die  Verhältnisse
auf  diplomatischem  Wege  geregelt.  „King“  Bell  wurde  wieder  eingesetzt,
England  gab  Viktoria  heraus,  und  so  gehört  denn  dem  Deutschen  Reiche
auch  hier  ein  Küstenstreifen  von  320  km  und  ein  dahinter  sich  ebenfalls
        <pb n="88" />
        —  86  —

fächerartig  ausbreitendes,  zum  Teil  noch  völlig  unerforschtes  Schutzgebiet
von  495000  aqkm,  fast  so  groß  wie  das  Mutterland.  Es  dehnt  sich
bis  zum  Scharifluß  und  dem  Tsadsee  aus,  vermeidet  aber  jede  Berührung
  mit  dem  westlich  von  Yola  beginnenden  schiffbaren  Teil  des
Benuk  oder  Nigerstroms.  Die  vorliegende
  Insel  Fernando  Po  blieb  in
spanischem  Besitz.

Die  Bevölkerung,  die  sich  aus
einer  großen  Zahl  verschiedener  Volksstämme
  zusammensetzt,  wird  auf  3⅛  Millionen
  geschätzt.  Kamerun  ist  also  sehr
viel  weniger  dicht  bevölkert  als  Togo.

Der  Name  Kamerun  ist  portugiesisch
und  bedeutet  Krabben,  von  welchen
Geschöpfen  der  hier  mündende  Rio  dos
Camardos  (engl.  Cameroons)y  in  gewissen
Jahreszeiten  wimmelt.  Auch  der  angrenzende,
  steil  ins  Meer  abstürzende

Dr.  Gustav  Nachtigal.  vulkanische  Gebirgsstock  trägt  diesen
Kamen.  Seine  höchste  Erhebung  ist

die  Albertspitze,  deren  Höhe,  4100  m,  fast  die  des  Montblanc,  4810  m,
erreicht.  Die  Eingeborenen  nennen  ihn  Mongo  ma  Loba  oder  Götterberg,
  der  Schiffer  einfach  Kamerun  Pik.  Er  weicht  an  Höhe  nur  dem
ebenfalls  Deutschland  eingeräumten  Kilimandscharo,  dem  Mondgebirge  der
Alten  in  Deutsch-Ostafrika,  ist  aber  bei  weitem  ausgedehnter.  Er  deckt
eine  Fläche  von  2000  qkm  oder  36  Quadratmeilen  und  zählt  28  fast
erloschene  Vulkane.  Vereint  mit  dem  ebenfalls  vulkanischen  Clarence
Pik  auf  der  vorliegenden  Insel  Fernando  Po,  2580  m,  ist  er  die  vornehmste
  Landmarke  der  gesamten  afrikanischen  Küste.  Diese  riesige
vulkanische  Basalterhebung  findet  in  den  nördlichen  noch  unerforschten
Rumbibergen  und  in  den  vorliegenden  Inseln  ihre  Fortsetzung.  Alle
Klimate  sind  auf  diesen  Gipfeln  fast  unterm  Aquator  vereinigt,  und  dazu
kommt  der  vorzügliche  Hafen  der  Kamerunmündung,  so  daß  hier  die
tropenmüden  Menschen  eine  gleich  gute  Zuslucht  haben  wie  die  Seefahrer.

Die  erste  Besteigung  des  Kamerungipfels  fand  1861  durch  den
berühmten  Engländer  Kapitän  Burton  und  den  deutschen  Botaniker
Gustav  Mann  statt.  Sie  fanden  das  höchste  Dorf  Mapampa  auf
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        1000  Meter  unter  Wäldern  von  Palmen,  Akazien,  Feigen,  Kardamomen,
Bananen  (Pisang),  Kolanußbäumen  und  afrikanischen  Eichen.  Die
Weinpalme  lieferte  das  Material  für  die  Hütten  und  zugleich  für  das
tägliche  Getränk,  da  die  Kürbisflasche  über  Nacht  auf  ihrem  Wipfel
angebracht  des  Morgens  stets  aufs  neue  sich  füllt.  Auch  Olpalmen
wachsen  hier  noch.

Dann  folgten  Wälder  von  Baumfarnen.  Auf  1500  Meter  fand
sich  ein  großes  Lavafeld.  Der  höher  gelegene  kleine  Krater  mißt
100  Meter  im  Durchmesser.  Bei  2400  Meter  fand  sich  eine  herrliche
Quelle,  die  Manns-Spring  getauft  wurde.  Dann  wurde  der  2800  Meter
hohe  Helenenberg  erklommen.  In  dieser  Höhe  beginnen  üppige  Moosstreifen
  und  unsere  Gebirgspflanzen,  Erika,  Bärlapp,  Veronika  die
Schlackenfelder  zu  bekleiden.  Der  mühsam  erreichte  Viktoria  Pik  bildet
den  Rand  eines  Doppelkraters,  der  mit  Asche,  Basalt=  und  Quarz-Geröll
gefüllt  ist.  Auf  dem  Albert  Pik  fanden  die  kühnen  Reisenden  eine
rauchende  Schwefelquelle.  Auch  hat  man  Flammen  aus  dem  ewigen
Schnee  aufflackern  sehen.  Ein  noch  tätiger  Krater  wurde  1905  entdeckt.

Die  Gestaltung  des  Landes  und  die  klimatischen  Verhältnisse  sind
denen  der  Schwesterkolonie  Togo  sehr  ähnlich.  An  der  Küste  beträgt  die
Jahrestemperatur  etwa  26°  C  und  fällt  im  September  etwa  auf  23°  C
Im  Hinterlande  schwankt  sie  zwischen  32,5  und  6°  C.  Mit  Ausnahme
der  Nebenflüsse  des  Schari,  der  mit  dem  Tsadsee  die  Nord=  und  Nordwestgrenze
  unseres  Schutzgebietes  bildet,  ergießen  sich  alle  Ströme  in
den  Golf  von  Biafra.  Unter  ihnen  ist  der  Lom,  auch  Mwelle,  im  Südosten
  der  größte.  Sein  Gebiet  ist  wohl  dem  der  Donau  an  Ausdehnung
gleich.  Sein  Oberlauf  mit  vielen  Nebenflüssen  liegt  in  dem  für  uns
wichtigen  und  sehr  kulturfähigen  Hochlande  Adamaua.  Sein  Unterlauf,
Sanaga,  erreicht  eine  Breite  von  1200—2000  und  eine  Tiefe  von  16  m.
Er  gibt  einen  breiten  Mündungsarm  an  den  Kamerun  ab,  dessen  Haff
ein  förmliches  Sammelbecken  von  Flüssen  ist.  Auch  der  Njong  und  der
Lokundje,  weiter  südlich,  sind  bedeutende  Ströme.  Alle  sind  aber  inland
durch  Stromschnellen  und  oft  800  m  hohe  Abstürze  vom  Meere  abgeschnitten.
  Nur  der  Wuri,  der  sich  ebenfalls  in  die  Kamerunmündung
ergießt,  ist  bis  50  km  aufwärts  schiffbar.  Und  um  den  vielfach  schiffbaren
  Oberlauf  dieser  Ströme  zu  gewinnen,  wird  man  in  späteren  Zeiten
denselben  Ausweg  wählen  müssen  wie  am  Kongo  und  Benue,  nämlich
den  der  Errichtung  von  Eisenbahnen  bis  zu  einer  passend  gelegenen
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        —  88  —

Umladestelle.  Einstweilen  ist  es  gelungen,  mit  dem  östlichsten  Teil  des
Schutzgebiets  eine  Wasserverbindung  herzustellen,  die  nur  einen  eintägigen
Landmarsch  erfordert.  Auch  besteht  bereits  eine  Pflanzungsbahn  der
Westafrikanischen  Gesellschaft  Viktori,  von  Buéka  bis  Sappo,  und  die
Bahn  Duala  ins  Manenguba-Gebirge,  von  Bonaberi  aus,  ist  im  Bau
begriffen.  Für  diese  ist  eine  Reichsgarantie  geschaffen  worden.

Der  Küste  ist  ein  dichter,  sumpfiger  Urwaldgürtel  eigentümlich,  in
welchem  aufbaumende  Riesenschlangen,  Riesenfledermäuse,  Elefanten  und
der  Schrecken  der  Neger,  die  menschenähnlichen  Affen:  Gorilla  und

 

 

 

 

Partie  am  Kamerunfluß.  Phot.  Carl  Müller.

Schimpanse,  ebenfalls  von  riesiger  Größe,  hausen.  Giftige  Nattern  sind
nicht  selten.  Die  Käfer=  und  Schmetterlingswelt  wetteifert  mit  Orchideen
und  anderen  großblumigen  Pflanzen  an  Buntheit.  In  der  Tiefe  herrscht
eine  unerträgliche  feuchtheiße  Finsternis.  Die  hohen  Wipfel  der  Palmen
und  anderer  Riesenbäume  verdecken  den  Himmel  vollständig.  Der  Mensch
wird  von  einem  peinlichen  Drange  erfaßt,  das  Freie  zu  gewinnen  und
das  himmlische  Licht  wieder  zu  sehen.  Im  Sommer  strömen  hier  unerschöpfliche
  Regenmassen  hernieder.  Die  regenreichere  Zeit  fällt  in  die
Monate  April  bis  November.  Der  Regenfall  schwankt  zwischen  1021  mm
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        —  89  —

im  Juli  und  42  mm  im  Dezember.  Er  beträgt  im  ganzen  Jahre  nicht
weniger  als  4355,7  mm  gegen  700  mm  in  Deutschland.  Auf  den
Höhen  von  Adamaua  ist  er  kaum  halb  so  groß.  Der  März  ist  dort
der  regenreichste  Monat.  Die  Savannen,  die  Galeriewälder  an  den
Wasserläufen  und  der  Gebirgswald  gleichen  denen  von  Togo,  das  annähernd
  in  gleicher  Breite  liegt.  Die  Küste  beider  Schutzgebiete  läuft
auf  dem  3.  bis  6.  Grade  nördlicher  Breite  dem  Aquator  parallel,  und
beide  erreichen  im  Innern  etwa  den  12.  Grad  nördlicher  Breite.

Allerlei  Katzenarten,  die  Zibetkatze,  Leoparden,  zahlreiche  Affenarten,
Makis  und  Meerkatzen,  Galagos,  Buschantilopen,  Ratten,  Mäuse  und
andere  Nager,  Schuppentiere  treten  in  Massen  auf;  Schafe,  Schweine,
Rinder  und  auch  Pferde  werden  in  Adamauga  gezüchtet,  der  Hund  wird
als  Masttier  behandelt.  Die  Flüsse  wimmeln  von  Fischen  und  Austern,
an  den  Mündungen  auch  von  Krokodilen.  Millionen  von  Pelikanen,
Flamingos  und  anderen  Schwimm=  und  Stelzvögeln,  Papageien,  Eis-,
Weber=  und  Nashornvögeln  bevölkern  die  Tiefen  des  Urwaldes  bis  in
die  höchsten  Wipfel  und  die  vorliegenden  stelzwurzligen  Mangrovesümpfe.
Geier  und  Seeadler  schweben  in  den  Höhen.  Man  zählt  über  260  Vogelarten
  in  Kamerun,  also  einige  weniger  als  in  Togo.

Und  nun  ist  es  gelungen,  auch  diesen  oft  300  km  breiten  Urwaldgürtel
  zu  einer  Quelle  von  Reichtümern  zu  machen,  die  er  namentlich
in  Gestalt  von  Gummilianen  enthält.  Sie  sind  in  den  Bezirken  Kribi,
Lalo,  Ebolowa  und  Jaunde  schon  so  ziemlich  ausgerottet.

Dr.  Anton  Reichenow  entwirft  ein  recht  anschauliches  Bild  dieser
Gegend.  Die  Küstenlandschaft  zeigt  den  Charakter  des  Deltas.  Der
Kamerun,  Bimbia  und  Quaqua  haben  hier  ihren  Schlamm  abgelagert,
durch  welchen  sich  mühsam  die  Gewässer  in  Furchen  meerwärts  drängen.
Mangrovenwälder,  deren  oberirdisches,  dichtes  Wurzelgeflecht  dem  hohlen
Fuße  unserer  Altarleuchter  gleicht,  und  die  sich  durch  zigarrenförmige
Früchte  fortpflanzen,  welche  pfeilartig  ins  Erdreich  eindringen,  halten  in
ihrem  dichten  Wurzelwerk  zur  Zeit  der  Ebbe  zahllose  Schal-,  Weichund
  Krustentiere  fest,  welche  absterben  und  sich  zersetzend,  die  Luft  oft
unatembar  machen.  Schlangenhalsvögel,  Pelikane,  Flamingos  finden
hier  reichliche  Nahrung.  Gewaltige  Krokodile  strecken  auf  fortgeschwemmten
Riesenstämmen  ihren  Panzerleib.  Weiße  Seeadler  und  Reiher  streichen
darüber  hin.  Die  Hügellandschaft  trägt  tropischen  Wald.  Farne,
Orchideen,  die  auf  faulenden  Stämmen  wurzeln,  Schlingpflanzen  mit
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        —  90  —

herrlichen  Blumen  schwingen  sich  girlandenhaft  von  Baum  zu  Baum;  der
Brotfruchtbaum  mit  melonenartigen  Früchten,  Olpalmen,  Orangen  blicken
den  Europäer  fremdartig  aun.  Und  alle  überragt  der  27  m  hoch  emporstrebende
  Wollbaum.

Da  werfen  Termiten  (weiße  Ameisen)  ihre  Hügel  auf,  und  wehe  der
Vorratskammer,  die  ihnen  verfällt.  Deshalb  sind  die  Häuser  der
Europäer  auf  Pfähle  gestellt,  fast  wie  die  der  Papuas,  und  die  Pfähle
selbst  stehen  in  eisernen  Gefäßen,  welche  mit  Wasser  gefüllt  erhalten
werden.  In  Millionen  rücken  auch  die  schwarzen  Wanderameisen  an

 

 

 

Faktorei  am  Kamerunfluß.

und  treiben  ganze  Negerkolonien  vor  sich  her.  Kein  Wunder  also,  daß
diese  ihre  Hütten  eifersüchtig  gegen  alles  Insektenleben  schützen  und  durch
freigelegte  Flächen  isolieren.  In  den  Pflanzungen  lauern  Puffotter  und
Brillenschlange,  an  die  Tränke  schleicht  sich  der  geschmeidige  Leopard
und  stürzt  sich  auf  die  schön  gezeichnete  Antilope.  Der  Elefant  trottet
in  Herden  durch  den  Sumpfwald,  Stoßzähne  von  150  Pfund  als  Wehr
tragend.  Das  Pinselohrschwein  sammelt  die  abgefallenen  Kerne  der
Olpalme.  Auf  den  dürren  Asten  der  Wollbäume  sitzt  der  Nashornvogel,
und  das  Chamäleon  läßt  harmlos  unter  lärmenden  Papageien  seine
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Mangrovendickicht  bei  Ebbe.
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        —  92  —

bunten  Farben  spielen.  Die  rotköpfige  Eidechse,  riesige  Fledermäuse,
Eichhörnchen,  Honigsauger,  die  Kolibris  der  Alten  Welt,  farbenprächtige
Schmetterlinge  und  gelbe  Webervögel  vervollständigen  dieses  lärmende
und  bunte  durcheinanderschwirrende  Gesamtbild.

Überall  aber  bis  weit  hinein  sehen  wir  das  mächtige  Felsentor  des
Kamerungebirges  und  der  Insel  Fernando  Po.

Die  in  Togo  begehrte  Kolanuß,  der  Kaffeebaum  wachsen  hier  wild.
Der  eigentliche  Dorfbaum  ist  die  Banane,  wohl  von  allen  Nährpflanzen
die  ertragreichste.  Sie  bedarf  keiner  Pflege  und  übertrifft  dennoch,  nach
der  Grundfläche  berechnet,  die  Kartoffel  40=  und  den  Weizen  130  fach.
Ihre  oft  zentnerschweren  Trauben  mit  nahe  an  200  Früchten,  die  wie
kantige  Gurken  aussehen  und  ein  nahrhaftes,  süßes  und  duftiges  Mehl
enthalten,  sind  auch  in  Europa  schon  bekannt  genug.  Die  Banane  bildet
ganze  Wälder.  Sie  ist  einjährig,  sendet  aber  aus  derselben  Knolle
dreimal  jährlich  neue  baumartige  Stauden.  Mit  Recht  heißt  sie  die
paradiesische:  Musa  paradisiaca.  Auch  der  Saft,  die  Stengel,  das  Holz
sind  verwertbar.  Sie  liefert  eine  Art  von  Manilahanf.  Ihr  zur  Seite
steht  die  Olpalme,  die  hier  ebenso  wie  die  Reispalme  gedeiht.  Sie  trägt
bis  800  Früchte  in  einer  Traube  und  überall  im  Inlande  werden
große  Bestände  entdeckt.

Angebaut  werden  Mais,  Bataten,  Maniok,  Yams,  Kakao,  Erdnüsse,
Ananas,  Zichorien,  Orangen,  Mango,  Papawa.  Diese  und  andere
Früchte  werden  in  Massen  zu  Markte  gebracht.  Tabak  wird  zurzeit  im
Schutzgebiet  selbst  verbraucht,  auch  die  Ausfuhr  von  Kaffee  hat  ziemlich
aufgehört.  Ingwer,  Vanille,  Zimmet  und  Baumwolle  sind  von  den
deutschen  Plantagen-Unternehmern  eingeführt  worden,  und  ihr  Anbau
lohnt  zum  Teil  in  überraschender  Weise.  Ebenso  wird  der  an  20  m  hohe
Guttaperchabaum,  der  den  Gummi  oder  Kautschuk  liefert  und  der  Ausrottung
  zu  verfallen  droht,  jetzt  regelrecht  angebaut.  Somit  ist  denn
dieser  Kolonie  der  Stempel  der  Plantagenwirtschaft  ausgedrückt,  und
Gebiete  so  groß  wie  ganz  Bayern  sind  nach  langen  Verhandlungen  an
große  Kompagnien,  die  Nordwest-Kamerun-,  die  Süd-Kamerun-,  die
Kamerun-Hinterland-Gesellschaft,  ferner  an  die  Deutsch-Ostafrikanische
Handelsgesellschaft  zur  Aufschließung  und  Bewirtschaftung  überlassen
worden.  Deren  Konzessionen  sind  aber  zum  Teil  einer  nachträglichen
Revision  unterworfen  worden.

Unter  den  Eingeborenen  des  Küstengebiets  sind  die  Duala  das
        <pb n="95" />
        —  93  —

herrschende  Geschlecht.  Es  sind  große  schöne  Leute.  Sie  gehören  zu
dem  großen  Stamme  der  Bantuneger  und  sind  hier  um  1706  als
Fischervolk  eingedrungen.  Es  wird  ihnen  nicht  viel  Gutes  nachgesagt.
Rach=  und  Raubsucht  sollen  ihre  hervorstechendsten  Eigenschaften  sein.
Ihr  Bemühen  ging  dahin,  den  Handel  völlig  zu  monopolisieren.  Jedoch
ihre  ofsenbare  Lernbegierde,  die  sich  durch  den  starken  Zudrang  zu  den
Regierungs=  und  Missionsschulen  bekundet,  läßt  uns  besser  von  ihnen
denken  und  Besseres  von  ihnen  hoffen,  als  sie  ihren  neuen  Gebietern  bisher
geboten  haben.  Nichts  lernt  sich  schwerer  als  gehorchen,  wo  man  befohlen  hat.

Schon  im  15.  Jahrhundert  faßten  Portugiesen  hier  festen  Fuß,  da
die  noch  heute  vergleichsweise  sehr  großen  Elefantenherden  der  Urwaldregion
  eine  ergiebige  Ausbeute  an  Elfenbein  boten.  Die  Hauptrolle  spielt
aber  das  Ol.  Hießen  doch  die  hier  mündenden  Ströme  früher  geradezu
die  Olflüsse.  Die  Portugiesen  nannten  das  Gebiet  das  Hochland  des
Amboses.  „Eine  Erfrischung  für  den  Seemann“  nennt  es  Dapper
(Amsterdam,  1670).  Auch  die  Holländer,  namentlich  aber  die  Engländer
nisteten  sich  hier  ein  und  trieben  von  ihren  Hulks,  im  Strom  verankerten
alten  Schiffen,  aus  einen  regen  Tauschhandel.  Alte  Uniformen,  Messingringe,
  Messer,  Baumwollenzeuge  reizen  die  Begehrlichkeit  der  Naturkinder.
  Für  billige  Zierate,  Perlen,  Spiegel  und  Schnaps  gaben  die
Neger  ihre  Schätze  willig  her.  Der  sogenannte  Negerrum  ist  das  schädlichste
  aller  Gifte.  Es  hat  nichts  so  verderbenbringend  auf  diese  Bevölkerung
  gewirkt  wie  die  Bekanntschaft  mit  dem  Alkohol,  und  wirklich
nennt  denn  auch  Hugo  Zöller  vor  etwa  zwanzig  Jahren  insbesondere
die  Bewohner  des  englischen  Hafens  Viktoria  die  faulste  und  heuchlerischste
  Sippe,  die  es  gäbe.  Noch  mehr  gilt  dies  von  dem  nahen  Bimbia.

Hieraus  erklärt  sich  zum  Teil  die  Möglichkeit  jener  Wirren,  die
unter  dem  Regiment  unerfahrener  Bureaukraten  entstanden,  aus  denen
aber  das  Bild  der  aufopferungsvollen  Krankenpflegerin,  der  Schwester
Anna  Margarete  Hesse,  geb.  Leue,  um  so  versöhnender  hervorleuchtet.
Diese  Dame  starb  am  24.  Juni  1906  zu  Werder  a.  H.

Aber  die  Natur  dieses  Gebirgslandes  ist  so  gewaltig,  daß  dies  hier
wohnende  Volk  immer  wieder  aus  ihrem  Jungbrunnen  neue  Kräfte
schöpfen  kann.

Auch  die  Missionare  haben  der  Verderbnis  tapfer  entgegengearbeitet.
Sie  sind  seit  1840  hier  tätig.  Und  zwar  waren  es  englische  Baptisten
unter  Saker,  die  durch  die  Spanier  von  Fernando  Po  vertrieben,  die
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        —  94  —

Station  Viktoria,  und  fpäter  auch  dort  vertrieben,  Bethel  Town  stifteten
und  den  Duala  die  Bibel  in  ihrer  eigenen  Sprache  darboten.  Daß  die
Neger  Reis,  Curry  und  Fleisch,  auch  bare  Bezahlung  für  ihre  Bekehrung
forderten,  ist  allerdings  für  deren  materiellen  Sinn  kennzeichnend.  Von
den  Duala  ist  also  wenig  zu  hoffen.  Ihre  gewerbliche  Betriebsamkeit  ist  sehr
gering.  Als  gleichsam  privilegierte
  Händlerkaste  überlassen
  sie  die  Ausübung  der  verschiedenen
  Handwerkszweige
den  wegen  ihrer  Geschicklichkeit
namentlich  als  Schmiede  an
der  ganzen  Küste  berühmten
Ephe,  unsern  Schutzbefohlenen
von  Togo.  Diese  sind  freie
Leute  und  behaupten  sich
selbstbewußt  und  stolz  neben
den  Duala,  um  so  mehr,  da
unter  ihnen  nicht  wenig  portugiesische
  Mischlinge  sich  befinden.


Anders  die  eigentlichen
Feldarbeiter.  Dazu  dienen
den  Duala,  als  den  Grund-Anna

  Margarete  Hesse,  geb.  Leue.  herren,  aus  dem  Innern  herangeholte
  Sklaven,  die  ehedem

bekanntlich  gerade  hier  ein  beliebter  Exportartikel  waren.  Sie  werden
in  besonderen  Dörfern  angesiedelt  und  in  einer  Art  von  Feudalherrschaft
erhalten,  welche  an  die  Parceria-Sklaverei,  die  Halbpartwirtschaft,  erinnert,
  denen  sich  die  nach  Brasilien  verschleppten  Deutschen  unterwerfen
mußten.  Diese  Sudanneger  haben  es  vielleicht  noch  besser  als  damals
die  Deutschen.  Sie  können  sich  freikaufen  und  selbständiges  Eigentum
erwerben,  sind  auch  an  dem  Besitz  ihres  Gebieters  zum  Teil  erbberechtigt.

Andererseits  sind  die  Duala,  von  denen  die  Hälfte,  gegen  15000,
allein  in  und  um  den  Hafen  von  Kamerun  zusammengedrängt  lebten,
außerordentlich  gute  Kaufleute,  welche  ihr  Handelsmonopol  sehr  lange
gegen  die  eindringenden  Weißen  zu  behaupten  verstanden.  So  gestatteten
sie  früher  den  Weißen  keine  festen  Niederlassungen  —  an  Land.  Hierin
        <pb n="97" />
        —  95  —

haben  wir  erst  Wandel  geschaffen,  und  zwar,  wie  wir  in  dem  folgenden
Abschnitt  schildern,  mit  den  Waffen  in  der  Hand.

Zurzeit  stehen  erst  etwa  eine  halbe  Million  der  Einwohner  dieses
großen  Schutzgebiets  mit  den  neuen  Herren  in  Berührung.  Die  Sudanund
  Haussaneger  des  inneren  Hochlandes  sind  ähnlich  selbständig  wie
die  des  inneren  Togogebietes.  Auch  sie  sind  zum  großen  Teil  für  den
Islam  gewonnen  und  von  arabischen  und  berberischen  Beimischungen
durchsetzt.  Ihr  Einfluß  ist  im  Wachsen  begriffen,  je  mehr  der  Handel
mit  dem  Innern  zunimmt.

Weit  weniger  zugänglich  für  unsere  Kultur  dürften  sich  die  eigentlichen
  Urbewohner  dieses  Gebiets,  die  Bojasli,  erweisen,  welche  die
Zwerghaftigkeit  der  Akkaneger  im  sogenannten  großen  Urwald  des  Kongo
mit  der  gelben  Hautfarbe  der  Dahomeneger  vereinigen.  Wie  die  Akka
sind  auch  die  Bojaeli  außerordentlich  scheu.  Sie  leben  als  Jäger  im
Urwald  ohne  festen  Wohnsitz,  und  auch  ihren  Tauschhandel  betreiben  sie,
ohne  sich  mit  den  Europäern  einzulassen.

Die  Viehzucht  ist  ganz  in  Händen  der  Bakwiri,  die  an  Zahl  etwa
den  Duala  gleichkommen.  Sie  sind  ursprünglich  ein  ebenso  unruhiger
und  kriegerischer  Stamm,  haben  sich  aber  in  letzter  Zeit  als  friedliche,
willige  und  tüchtige  Lohnarbeiter  bewährt  und  die  Duala  zu  ihrem
Beispiel  bekehrt.  Sie  vertrauen  dem  Gouvernement  in  allen  Streitigkeiten
  mit  weißen  Händlern  und  erbitten  Rat  bei  Anlage  guter  Straßen.
Auch  fangen  sie  an,  guten  Löhnen  Geschmack  abzugewinnen,  um  so  mehr,
da  ihnen  ihr  beträchtlicher  Gewinn  am  mühelosen  Zwischenhandel  durch
die  von  der  Firma  Woermann  im  Inneren  angelegten,  mit  Waffengewalt
gehaltenen  Faktoreien  zum  großen  Teil  entzogen  wurde.  Infolgedessen
wird  der  sehr  teure,  wenn  auch  außerordentlich  schätzbare  blauschwarze
Kruneger  aus  Liberia  immer  mehr  entbehrlich.  Aus  diesen  rekrutierten
sich  bisher  unsere  Schutztruppe  und  unsere  Trägerkolonnen.  Sein  Element
  ist  vielmehr  die  See,  wo  er  sich  als  der  beste  Matrose  dieser
Küsten  bewährt  und  sie  äußerst  ungern  verläßt.

Auch  die  Weineger  werden  als  Arbeiter  eingeführt  und  bewähren
sich  für  den  Dienst  im  Binnenlande.

Unter  den  Eingeborenen  unterscheidet  man  noch  den  Bomboko,
Bantanga,  Malimba,  Edia  und  Bakoko,  der  am  Mwelle  angesessen  ist.

Bei  allen  herrscht  die  Vielweiberei.  Die  Frauen  werden  hier  ebenso
wie  in  Togo  gekauft.  Sie  gelten  als  Kapitalanlage.  Da  hier  der
        <pb n="98" />
        —  96  —

Geldwert  ein  geringerer  ist  als  in  Togo,  so  ist  auch  der  Preis  der  Frau
hier  ein  vielfach  höherer.  Indessen  ebenso  wie  der  Feldsklave  genießt
auch  die  Frau  einen  hohen  Grad  von  Selbständigkeit.  Freilich  muß  sie
sichs  gefallen  lassen,  nicht  bloß  ge-  und  verkauft,  sondern  auch  in  Pfand
gegeben  zu  werden.  Es  gibt  Duala,  die  an  hundert  Frauen  ihr  eigen
nennen,  was  ungefähr  einem  Vermögen  von  ebenso  vielen  tausend  Mark
gleichgeachtet  wird.  Und  wenn  der  glückliche  Ehemann  Geld  braucht,  so

 

 

 

 

 

Kanuhafen  in  Duala.  Phot.  Carl  Müller.

nimmt  er  gleichsam  eine  Hypothek  auf  diese  seine  „besseren  Hälften“  auf.
Bleiben  Ertrag  und  Zins  aus,  so  wandern  die  Frauen,  die  außerordentlich
  flotte  Arbeiterinnen  sind,  in  den  zeitweiligen  Besitz  des  Gläubigers
über,  der  sie  dann  vermieten  kann.  Ebenso  wird  oder  wurde  die  Frau
als  Pfand  für  Steuern  und  Geldstrafen  in  Zahlung  genommen.  Hierauf
begründet  sich  die  Einrichtung  der  sogenannten  „Pfandweiber“,  welche
im  Falle  des  Kanzlers  Leist  eine  so  bedeutende  Rolle  spielte.  Deutscherseits
  ist  diese  Einrichtung  seitdem  in  Verruf  gekommen.  Ebenso  ist  von
seiten  der  deutschen  Schutzbehörde  den  Dualas  das  Recht  über  Leben
und  Tod  ihrer  Sklaven  aberkannt  worden.  Daß  aber  dadurch  den
        <pb n="99" />
        —  97  —

leider  hier  noch  üblichen  Menschenopfern  ein  Ziel  gesetzt  worden  wäre,
wird  wohl  noch  nicht  so  unbedingt  ausgesprochen  werden  können.

So  erzählt  Oberleutnant  Radtke  im  „Kolonial-Blatt“  von  einem
zahlreichen  Stamm  von  Menschenfressern  in  Kamerun,  und  man  erkennt
aus  dessen  Schilderung,  daß  es,  wie  schon  Schweinfurth  berichtete,  auch
den  Kannibalen  keineswegs  an  Kultur  fehlt.  Und  auch  anderes  in  seiner
Schilderung  ist  für  die  Verhältnisse  dieser  kleinen,  von  uns  vielfach  aufgehobenen
  Königreiche  bezeichnend.  Er  brach  im  Januar  1901  auf,  um.
mit  den  Byrrehäuptlingen  jenseit  des  Sanaga  Verbindung  anzuknüpfen.
Doadorf,  ihr  Hauptort,  liegt  auf  einer  etwa  2  km  langen,  zumeist
300  bis  600  m  breiten,  zur  Hälfte  bewaldeten  Insel  im  Sanaga;  dicht
oberhalb  befindet  sich  noch  eine  unbewohnte  bewaldete  Insel.  Das
Wasser  ist  stark  mit  Felsen  durchsetzt,  doch  ist  eine  Durchfahrt  für  Kähne
überall  vorhanden.  Das  Dorf,  gut  gebaut,  zählt  gegen  800  Seelen.
Das  Gebiet  oder  „Königreich“  Doas  erstreckt  sich  westlich  und  östlich
des  Sanaga  je  einen  reichlichen  Tagemarsch  ins  Land  hinein,  am  Sanaga
entlang  nach  Norden  etwa  einen  Tagemarsch,  nach  Süden  etwa  zwei
Tagemärsche.  Die  Bevölkerung  besteht  aus  einem  Gemisch  von  Wutevolk
mit  Keperre=  und  Sekebumvölkern;  in  dem  Gebiete  östlich  von  Sanaga
sitzen  kleine  Byrrehäuptlinge,  die  von  Doa  schon  lange  unterworfen  sind
und  sich  unter  seiner  Herrschaft  wohlfühlen.  Doas  Farmen  jenseit
des  Sanaga  sind  gut  angebaut,  zahlreiche  Olpalmen,  auch  Gummipflanzen
sind  vorhanden.  Bei  seinem  Volke  ist  Doa  zweifellos  beliebt,  bei  den
freien  Byrrevölkern  ist  er  seiner  zahlreichen  Fehden  wegen  sehr  gefürchtet.
Von  Doadorf  marschierte  Radtke  nach  Maja.  Überall  ist  das  hügelige,
von  wenig  Busch  durchzogene  Byrreland  reichlich  angebaut.  Wasser  ist
genügend  vorhanden,  wohin  man  sieht,  liegen  Höfe,  umgeben  von  großen
Farmen.  Diese  Sitte  des  Wohnens  sowie  auch  die  Bauart  der  Häuser
entspricht  der  der  verwandten  Jaundes.  Nach  der  Wutegrenze  zu  findet
man  runde  Hütten  zahlreicher,  sonst  sind  sie  vereinzelt.  Nur  der  Hof
der  Häuptlinge  verdichtet  sich  zu  einem  kleinen  Dorf.  Der  Menschenreichtum
  ist  groß;  in  allen  Dörfern  erscheinen  die  Häuptlinge  von  mehreren
  hundert  Männern  begleitet.  Anfangs  war  die  Furcht  groß,  einen
Weißen  hatte  man  noch  nicht  gesehen.  Lief  man  nicht  fort,  so  erwartete
man  ihn  wenigstens  in  dichtgedrängten  Menschenknäueln,  die  Augen  schen
zu  Boden  geschlagen.  Sobald  sie  aber  Zutrauen  gefaßt  und  den  Zweck
der  Expedition  erfahren  hatten,  schlug  ihre  Scheu  in  laute  Begeisterung

Beta,  Das  Buch  von  unsern  Kolonien.  7
        <pb n="100" />
        um.  Unser  Offizier,  der  gekommen  war,  um  den  ewigen  Fehden  ein
Ende  zu  machen,  wurde  wiederholt  von  mehreren  hundert  Menschen
stundenlang  begleitet,  die  nicht  müde  wurden,  ihm  zuzurufen:  „He,  He,
Hem  bon“,  was  etwa  bedeutet:  „Heil,  Heil  dem  Häuptling!“  Die
Byrres  sind  in  wenige  Stunden  auseinanderliegende  Stämme  gegliedert,
die  untereinander  in  der  Regel  in  Fehde  leben;  daher  auch  die  öden
Grenzstreifen  zwischen  den  Stämmen,  wo  der  Weg  zuweilen  aufhört.
Wer  in  der  Fehde  gefangen  oder  getötet  wurde,  wird  verzehrt.  Die
Köpfe  dieser  Schlachtopfer  dienen  dann,  teils  in  die  Erde  vergraben,
teils  auf  Pfähle  gesteckt,  zur  Abgrenzung  des  Versammlungsplatzes.
Beschränkt  sich  diese  Sitte  im  allgemeinen  wohl  auf  seltenere  Gelegenheitsfälle,
  so  scheint  sie  hier  im  Nangalande  einen  recht  erheblichen  Umfang
gewonnen  zu  haben.  Das  Nangavolk  ist  ja  wohl  nur  ein  eigenartig
entwickelter  Zweig  des  Byrrevolkes;  die  Spuren  ihrer  verheerenden
Sklavenraubzüge  hat  Radtke  im  Byrrelande  wiederholt  getroffen.  Häuptling
  Abalekanga  hatte  kurz  vor  Radtkes  Ankunft  einen  Haussahändler
mit  sechs  Trägern  aufgegessen,  der  bei  Beginn  des  Wokkefeldzuges  hierher
geflohen  war;  Knochenreste  fanden  sich  noch  im  Versammlungshaus.
Trotzdem  hält  Oberleutnant  Radtke  die  Byrres,  denen  Gewehre  noch
völlig  unbekannt  sind,  für  verhältnismäßig  leicht  zu  leiten,  vorläufig
allerdings  sind  sie  noch  sehr  scheu.

Die  Duala  haben  keine  Religion  neben  dem  grausamen  Fetischdienst.
Sie  sind  außerordentlich  abergläubisch  und  ganz  der  unberechenbaren
Willkür  der  Zauberer  und  Giftmischer  untertan.  Auch  erkennen  sie  kein
gemeinsames  Oberhaupt  an.  Ihre  Kings  oder  Könige  sind  Dorsschulzen
und  Großhändler,  unter  denen  wenig  Zusammenhang  besteht.  Diese
Zersplitterung  gibt  am  letzten  Ende  den  mohammedanischen  Sudanesen,
die  weit  geschlossenere  Staatengebilde  haben  und,  da  sie  Pferdezüchter
sind,  mit  einer  gut  geschulten  Reiterei  auftreten,  das  politische  Übergewicht.
  Jedoch  behaupten  die  Bantuneger  das  Waldland,  dessen  Rand
als  Grenze  zwischen  den  Bantu  und  dem  Sudanstamme  angesehen
werden  kann.

Eine  gewisse  Staatenbildung,  mit  der  wir  zu  rechnen  haben,  ist  durch
die  eindringenden  Sudanesen  hier  geschaffen  worden,  welche  sich  das  uns
so  wichtige  Hochland  Adamaua  unterwarfen.  Die  Kultur  des  Islam  ist
diesen  Naturvölkern  außerordentlich  sympathisch,  und  die  mohammedanische
  Priesterschaft  mit  ihren  Sultanen  setzen  sich  ohne  weiteres  zu
        <pb n="101" />
        —1

Fetischtä

nzer

und  Götzenbild.

 

99
        <pb n="102" />
        —  100  —

politischen  Gebilden  zusammen.  So  erkennen  die  Fulbe  die  Oberherrschaft
des  Emirs  von  Yola  am  Benuẽ  an,  und  dieser  entrichtet  einen  Tribut  an
den  Sultan  von  Ssokoto  zwischen  Benuẽ  und  Niger.  Dr.  Kurt  Hassert  in
seinem  trefflichen  und  ausführlicheren  Buche  „Deutschlands  Kolonien“
bezeichnet  diesen  letzteren  geradezu  als  Fulbekaiser.  Sein  Einfluß  soll  aber
dem  Deutschen  zu  weichen  beginnen  und  ihn  veranlassen,  sich  auf  das
Gouvernement  zu  stützen.  Die  Ursache  liegt  nahe.  Die  Engländer  haben
vor  zehn  Jahren  den  Emir  von  Yola,  der  ihrem  Handel  sich  hinderlich
in  den  Weg  stellte,  vertrieben  und  dafür  einen  Bruder  desselben  eingesetzt.
Danach  ist  man  zu  der  Annahme  berechtigt,  daß  diese  Herrscher  Innerafrikas
  in  Zukunft  gelindere  Saiten  aufziehen  werden,  welche  der  Bereitwilligkeit
  ihrer  Völker  entsprechen,  mit  den  Weißen  und  untereinander  in
Frieden  zu  leben.

Ihre  Karawanen  machen  in  unseren  Häfen  ein  gutes  Geschäft  mit
Gummi,  Elfenbein,  Lederarbeiten,  Pferden  und  Eseln.

Adamaua  bildet  die  Wasserscheide  zwischen  dem  Benuék  und  den  dem
Schari  und  Tsadsee  zufließenden  Strömen.  Es  zählt  viele  volkreiche
Städte.  So  hat  Ngaundere  30  000,  Yola  200000,  Tibati  12000  Einwohner;
  Tikar,  Banyo,  Bubandjika  sind  ebenfalls  namhaft.  Es  sind
Brennpunkte  des  Verkehrs  und  Warenumsatzes  und  durch  Wall  und
Graben  befestigt,  welche  zugleich  das  nötige  Ackerland  mit  einschließen.
Die  Fulbe  üben  die  Herrschaft  über  die  umwohnenden  Bouluneger  aus
und  verkaufen  diese  als  Sklaven  nach  dem  Sudan.  Die  große  Expedition
unter  Hauptmann  Dominik,  welche  1901  ins  Werk  gesetzt  wurde,  hat
darüber  Klarheit  verschafft,  inwieweit  Deutschland  auf  dem  eigenen  Gebiet
  hiergegen  einzuschreiten  haben  wird.

Im  Mai  1904  fand  am  Croßfluß  nahe  der  englischen  Grenze  ein
Aufstand  statt;  die  Banyoncho  töteten  den  Grafen  v.  Pückler-Limpurg,
der  dorthin  eine  Expedition  unternommen  hatte;  auch  die  Angestellten
der  Nordwest-Kamerun-Gesellschaft  ereilte  ein  gleiches  Schicksal.  Viele
Faktoreien  wurden  zerstört.

Hier  stellte  der  Bezirkshauptmann  Geo  A.  Schmidt  von  Edea  die
Ordnung  wieder  her.

Auch  fand  April  1905  bei  Kam  im  Sango-Ngoko-Gebiet,  zwischen
Njong  und  Dsesa  ein  Aufstand  statt.  Die  Jebekolle  erhoben  sich.  Die
Dampferexpedition  der  Gesellschaft  Süd-Kamerun  hatte  diese  Bevölkerungen
  erschreckt.
        <pb n="103" />
        Gerichtsverhandlung  in  Kamerun.

p

hot

 

Carl  Müller.

101
        <pb n="104" />
        Im  großen  und  ganzen  aber  läßt  sich  die  Bevölkerung  gut  an.  Be—
sonders  genoß  der  Bezirkshauptmann  Dominik  von  Jaunde  ihr  Zutrauen,
dem  es  1907  gelang,  die  Makka-Häuptlinge  am  Njong  zu  einer  friedlichen
Unterwerfung  zu  bringen.  Er  begann  eine  für  Automobile  fahrbare
Strasße  Nangobokko-Bertua  an  die  Quellen  des  Gume.

Dem  Auto  scheint  in  unserer  Kolonie  überhaupt  eine  große  Zukunft
bevorzustehen.

 

 

Negerhäuptlinge  bei  einer  Gerichtssitzung.  Phot.  Carl  Müller.

Die  verdienstvolle  Firma  Randad  &amp;amp;  Stein,  welche  bei  Dehane  am
Njong  eine  Pflanzung  hat,  dehnt  ihre  Handelsbeziehungen  bis  an
den  Tsadsee  aus,  der  erst  jüngst  von  dem  englischen  Leutnant  Boyd-Alexander
  zum  ersten  Mal  von  der  englischen  bis  zur  französischen  Seite
durchquert  wurde.  Es  ist  eine  Wüstenei  von  Schilf  und  Moskitos.  Der
Forscher  mußte  nächtelang  stehend  im  Wasser  zubringen,  um  sich  gegen
diese  Plage  zu  schützen.

In  diesen  Regionen  von  Bornu  finden  auch  noch  Grenzregulierungen
  statt.
        <pb n="105" />
        —  103  —

Auch  hier  bilden  wie  in  Togo  Kautschuk  und  Palmkerne  die  Haupt—
ausfuhrartikel.  Es  folgen  dann  Kakao,  Elfenbein  und  Palmöl  mit  be—
trächtlichen  Ziffern.  Ferner  werden  kostbare  Hölzer,  darunter  das  Farbund
  Ebenholz,  Kopalholz,  Mahagoni,  Kokosnüsse,  Balsam,  etwas  Kaffee
und  Kalabarbohnen  exportiert.  Im  ganzen  betrug  die  Ausfuhr  des
Jahres  1905  über  9  Millionen  Mark  gegen  7½  im  Jahre  1904.  Die
Einfuhr  betrug  13  Millionen  Mark  gegen  9  im  Vorjahre.  Deutschland
nimmt  mit  83  und  73  Prozent  daran  teil.  Die  Zölle  belaufen  sich
auf  2,5  Millionen  und  der  Reichszuschuß  auf  2,9  Millionen  Mark.  Die
Steuern  mit  237000  Mark  kommen  kaum  in  Betracht.  Leider  sind  Bier
und  Spirituosen  dabei  nicht  wenig  beteiligt.  Der  Verkehr  mit  Europa  wird
durch  die  Woermann-Linie,  die  British  and  African  Steam  Navigation
und  die  African  Steamship  Company  vermittelt,  welche  monatlich  je
einmal  hier  anlaufen,  im  Inland  durch  unsere  Post  mit  der  Hauptstation
  Kamerun  und  den  Agenturen  in  Kribi,  Rio  del  Rey,  Buéa  und
Viktoria.  Sie  vermittelte  während  des  letzten  Betriebsjahres  392000
Briefe  usw.,  3  Millionen  Mark  in  Anweisungen  und  14000  Pakete.

Infolge  der  Anregungen  des  Kolonialwirtschaftlichen  Komitees  sind
viele  Millionen  auf  Kautschukanpflanzungen  verwendet  worden,  gestützt
auf  die  Erfolge  in  den  Versuchsgärten  namentlich  in  Viktoria.  Dort
wurde  auch  eine  Landungsbrücke  und  ein  Schwimmdock  gebaut.  Die
Küste  ist  mit  Leuchtfeuern  ausgestattet.  ·

Außer  den  schon  genannten  Gesellschaften  bestehen  in  diesem  Schutzgebiet
  noch  die  Geschäftshäuser  der  Basler  und  der  Baptistenmissionen,
ferner  die  Firmen  J.  Weiler  und  Woermann  &amp;amp;  Co.,  beide  in  Malinde,
Randad  &amp;amp;  Stein  in  Campo  und  Lungji,  Karl  Maaß  und  die  Bremer
West-Afrika-Gesellschaft,  beide  in  Kribi,  Küderling  &amp;amp;  Co.  in  Campo,  außerdem
  drei  deutsche  Plantagen  und  acht  englische  Faktoreien.

Die  weiße  Bevölkerung  betrug  am  1.  Januar  1906  890  Personen,
gegen  826  im  Vorjahr  und  528  im  Jahre  1901.  Darunter  befanden
sich  nur  102  weibliche  Personen  und  37  Unerwachsene.  773  sind  Deutsche,
45  Engländer,  39  Amerikaner  und  16  Schweizer.  Ansiedler  und  Pflanzer
sind  es  141  gegen  108  im  Vorjahr,  Kaufleute  283  gegen  268.  Die
Zahl  der  Handwerker  ging  von  33  auf  22  zurück,  weil  die  Eingeborenen
sich  des  Handwerks  mit  Eifer  und  Geschick  annehmen  und  in  unseren
Schulen  herangebildet  werden.  Die  Schutztruppe  wird  auf  10  Kompagnien
gebracht.
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        —  104  —

Die  Weißen  verteilen  sich  auf  Duala  156,  Viktoria  159,  Kribi  74,
Edea  30,  Jaunde  41,  Busa  97,  Rio  del  Rey  12,  Campo  12,  Ossindinge
und  Bascho  18,  Johann-Albrechtshöhe  22,  Jabassi  10,  Lolodorf  21,  Ebolowa
  33,  Bamenda  22,  Fontemdorf  12,  Banja  6,  Joko  9,  Ssangangoko  40,
Adamaua-Bornu  20.

Auch  die  Gesundheitsverhältnisse  unter  den  Weißen  haben  sich  dank
der  vorbeugenden  Chininanwendung  gehoben.  Die  Pockenimpfung  wird
eifrigst  betrieben.  Dysenterie,  Malaria  und  Schwarzwasserfieber  kommen
am  meisten  vor.  Es  starben  1905/6  nur  6  (gegen  17  im  Vorjahr),  was

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Das  Krankenhaus  in  Kamerun.

einer  Sterblichkeit  von  13  auf  das  Tausend  entspricht.  Edea  scheint  ganz
immun  zu  sein,  und  die  Gebirgsgegend  von  Mao  Kam  für  Weiße  ein
wahres  Eden.

Die  Pflanzungen  beschäftigen  zurzeit  schon  7000  einheimische  und
fremde  Arbeiter  ohne  die  Weißen.

In  Viktoria  und  Duala  befindet  sich  je  eine  Regierungsschule  mit
je  über  200  Schülern,  einem  weißen  und  mehreren  eingeborenen  Lehrern.
Dazu  eine  Fortbildungsschule.  «

Auf  dem  Missionsfelde  standen  52  Männer,  24  Frauen  und  drei
Fräulein  mit  250  eingeborenen  Gehilfen  auf  223  Außenstationen.
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Kamerun.

Die  Bucht  von  Viktoria,
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        Der  erste  Kampf  in  Kamerun.

Am  19.  Dezember  1884  lagen  vor  der  Mündung  des  Kamerun—
Flusses  die  deutschen  Kriegsschiffe  „Olga“  und  „Bismarck“  unter  dem
Kommando  des  Admirals  Knorr.  Endlich,  endlich  waren  deutsche  Kriegsschiffe
  hier  erschienen,  als  Helfer  in  höchster  Not,  leider  nicht  als  Retter.
Auf  den  Kriegsschiffen  herrschte  unter  den  Mannschaften  eine  gewaltige
Erregung.  Man  wußte  es,  daß  am  nächsten  Tage  eine  Strafexpedition
  gegen  verschiedene  Häuptlinge  an  Land  unternommen  werden
würde,  und  die  Bemannung  der  Schiffe  freute  sich  auf  den  Moment,
in  dem  sie  zum  erstenmal  ein  wirkliches  Landungsmanöver  gegen  einen
wirklichen  Feind  mitmachen  sollte.  Die  Häuptlinge  von  Yoß-Stadt,  von
Dido-Stadt,  Eckre-Stadt  und  Aqua-Stadt  mit  ihren  schwarzen  Scharen
führten  Säbel,  Revolver  und  sogar  vortreffliche  Hinterlader,  die  sie
sehr  gut  zu  handhaben  wußten.  Sie  hatten  auch  Munition  im  Überfluß,
  und  so  waren  sie  denn  ganz  gefährliche  Gegner,  mit  denen  man
keine  leichte  Arbeit  haben  würde.  Dazu  kam,  daß  sie  natürlich  das
Terrain  besser  kannten  als  die  Matrosen,  und  dieses  Terrain  war  so  recht
geeignet,  einem  Angreifer  Fallen  zu  stellen.  Es  war  bergig,  sehr  stark
mit  Buschwerk,  mit  Palmenwäldern  und  mit  abscheulichen  Mangrove-Bäumen
  bewachsen,  welche  von  ihren  Asten  Wurzeln  nach  abwärts  senden,
aus  denen  wieder  neue  Stämme  emporwachsen,  bis  ein  ganz  undurchdringliches
  Dickicht  entsteht,  in  das  nicht  einmal  die  Sonne  hineinzudringen
  vermag.  Auf  dem  Achterdeck  des  Kriegsschiffes  „Olga“  waren
gegen  Abend  in  der  Freizeit  die  Mannschaften  versammelt  und  lauschten
der  Erklärung,  die  ihnen  von  einem  Bootsmannsmaat  zum  Verständnis
der  kommenden  Dinge  gegeben  wurde.

„Doktor  Nachtigal  ist  also  voriges  Jahr  im  Juli  hier  gewesen  und
hat  die  deutsche  Flagge  geheißt.  Er  hat  mit  den  Häuptlingen  Verträge
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        —  106  —

abgeschlossen,  die  auch  von  allen  unterschrieben  worden  sind.  Am  entgegenkommendsten
  hat  sich  der  Häuptling  der  Bell-Stadt,  der  sogenannte
„King  Belle  gezeigt  und  nicht  allein  für  sich,  sondern  auch  für  die  unter
ihm  stehenden  Häuptlinge  den  Vertrag  mit  dem  Deutschen  Reich  unterschrieben.
  Dort  drüben  liegt  die  Bell-Stadt,  und  King  Bell  mit  seinen
Leuten  ist  noch  heute  unser  Freund.  Er  hat  sogar  wegen  der  Freundschaft
  mit  Deutschland  mancherlei  Böses  erlitten  und  viel  Schaden  gehabt.
Dort  drüben  auf  der  anderen  Seite  des  Kamerun-Flusses  liegt  die  Stadt
Eckre,  deren  Häuptling  ein  Untergebener  des  Königs  Bell  ist.  Dieser
Häuptling  war  nicht  anwesend,  als  der  Vertrag  unterschrieben  wurde,
und  behauptet,  gegen  das  Deutsche  Reich  keine  Verpflichtungen  zu  haben.
Unter  den  verschiedenen  Häuptlingen  in  Kamerun,  welche  sich  gern  Könige
nennen,  herrscht  viel  Eifersucht,  und  alle  Monate  gibt  es  Krieg.  Bald
gehen  Aqua-Stadt  und  Bell-Stadt  gegen  Yoß-Stadt  und  Dido-Stadt,
dann  wieder  Dido=  und  Yoß-Stadt  gegen  Aqua  und  Eckre.  Bei  den
Kriegen  geht  man  nur  darauf  aus  zu  plündern,  ein  paar  Leute  totzuschlagen
  und  den  weißen  Leuten,  die  hier  wohnen,  das  Leben  schwer  zu
machen.  Der  Häuptling  von  Eckre  wollte  sich  schon  lange  vom  König
Bell  freimachen.  Er  stiftete  deshalb  die  Häuptlinge  von  Dido,  Yoß  und
Aqua  zu  einem  Kriege  an.  Es  sind  hier  auch  wahrscheinlich  von  englischer
  Seite  allerlei  falsche  Nachrichten  über  Deutschland  verbreitet  worden.
Die  englische  Regierung  trägt  wohl  nicht  die  Schuld  daran;  aber  die
hiesigen  Engländer  wollen  es  nicht  dulden,  daß  Deutschland  hier  Besitz
hat.  Sie  haben  den  Negerhäuptlingen  vorgeredet,  daß  Deutschland  keine
Kriegsschiffe  besäße  und  überhaupt  über  kein  anderes  Schiff  als  die
„Möve“,  mit  der  Doktor  Nachtigal  hier  war,  verfüge.  Die  dummen
Kerle  haben  das  geglaubt  und  haben  sich  infolgedessen  zu  einem  Bündnisse
zusammengezogen,  das  sich  sowohl  gegen  den  König  Bell  und  die  Deutschen
wie  am  letzten  Ende  gegen  die  Weißen  überhaupt  richtet.  Die  verschiedenen
Häuptlinge  sind  zu  einer  Verschwörung  zusammengetreten,  und  dabei  sollen
sie  eine  Sklavin  lebendig  verbrannt  haben,  und  jeder  der  anwesenden
Häuptlinge  hat  sich  etwas  von  der  Asche  auf  die  Zunge  gestreut,  zum
Zeichen,  daß  er  über  das  Geheimnis  schweigen  wolle.  Das  sind  die
schönen  Kulturblüten  ihres  Fetisch=  und  Zauberwesens.  Dann  haben  sich
die  Häuptlinge  von  Yoß,  Eckre,  Aqua  und  Dido  durch  Sangele-Trinken
miteinander  vereinigt,  sie  haben  sich  jeder  in  den  Arm  geritzt  und  die
anderen  Blut  aus  der  Wunde  trinken  lassen.  Den  König  Bell  haben  sie
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        —  107  —

in  seiner  Stadt  wiederholt  bedroht.  Sie  haben  Bell-Leute  gefangen  ge—
nommen,  haben  Boote  der  Bell-Leute  auf  dem  Fluß  überfallen  und  be—
raubt,  sie  haben  auch  untersagt,  daß  die  Deutschen  mit  König  Bell  Handel
trieben,  und  haben  verschiedene,  den  Faktoreien  gehörige  Kutter,  die  mit
Waren  beladen  waren,  geplündert.  Die  deutsche  Faktorei  gehört  Woermann
in  Hamburg,  und  ein  gewisser  Pantänius  aus  Lübeck  ist  Vorsteher  der
Faktorei.  Dieser  hat  es  verstanden,  sich  bisher  der  Neger,  unter  denen
die  Yoß-Leute  die  schlimmsten  sind,  zu  erwehren.  Sie  sind  wiederholt
bei  ihm  erschienen  und  haben  ihn  mit  dem  Tode  bedroht,  wenn  er  ihnen
nicht  größere  Quantitäten  Rum  ausliefere.  Zweimal  haben  sie  versucht,
ihn  zu  überfallen,  zum  Glück  kam  immer  Hilfe,  das  erstemal  war  es  ein
englisches  Kanonenboot,  ein  anderesmal  befand  sich  auf  der  Faktorei  als
Besuch  ein  Basler  Afrikareisender,  welcher  80  zuverlässige  Neger  aus
Ober-Guinea  bei  sich  hatte.  Auch  gegen  die  anderen  Weißen  haben  sich
die  Yoß-Neger  große  Unverschämtheiten  erlaubt.  Sie  haben  den  Handel
ganz  und  gar  verboten,  sie  haben  auch  einen  englischen  Kaufmann  gefangen
  genommen,  bis  ein  wegen  einer  Schuld  von  einem  anderen  Engländer
  gefangen  genommener  Neger  aus  Dido-Stadt  freigelassen  wurde.
Es  muß  den  Negern  gezeigt  werden,  daß  Deutschland  kräftig  genug  ist,
seine  Kaufleute  zu  schützen.  Wir  werden  deshalb  morgen  eine  Landung
machen,  um  diejenigen  zu  ermitteln,  welche  den  Handel  stören  und
überall  die  Nachricht  verbreiten,  das  Deutsche  Reich  habe  keine  Schiffe,
und  man  brauche  ihm  nicht  zu  gehorchen.  Gewalt  wird  nur  angewendet
werden,  wenn  die  Neger  selbst  Gewalt  gegen  uns  gebrauchen.“

Mit  leicht  begreiflicher  Erwartung  begab  sich  die  Besatzung  der
Kriegsschiffe  „Olga“  und  „Bismarck“  an  jenem  Tage  zur  Ruhe.  Der
nächste  Tag  brachte  vielleicht  ein  Gefecht,  wenn  die  Neger  töricht  genug
waren,  sich  der  Landung  der  Deutschen  zu  widersetzen.  Als  am  nächsten
Morgen  „Reise“  (d.  h.  rise,  aufstehen)  und  „Hängematten  auf“  befohlen
wurde,  eilten  selbst  die  Langschläfer  sogleich  an  Deck,  weil  man  jeden
Augenblick  den  Befehl  zum  Landen  vom  Flaggschiff  erwartete.  Aber  erst
lange  Zeit  nach  dem  Frühstück,  gegen  9  Uhr  morgens,  ging  das  Flaggensignal
  auf  dem  „Bismarck“,  auf  dem  sich  Admiral  Knorr  befand,  in  die
Höhe.  Auf  den  Kriegsschiffen  wurden  die  Boote  ausgesetzt  und  mit
Geschützen,  Handwaffen,  Munition,  Wasser,  Proviant,  Segeln,  Masten,
Verbandzeug,  Tragbahren  usw.  versehen.  Es  waren  330  Mann  mit  vier
Landungsgeschützen,  welche  in  den  Pinassen,  Barkassen  und  Kuttern  an
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        —  108  —

Land  gingen.  Zwei  kleine  gemietete  Dampfer  schleppten  die  Kutter.  Der
Weg  ging  auf  die  Stadt  Eckre  zu,  wo  man  am  Tage  vorher  noch  eine
ziemlich  starke  Bewegung  der  Eingeborenen  beobachtet  hatte.  Man  er—
wartete  schon  bei  der  Landung  beschossen  zu  werden;  aber  es  ließ  sich
kein  Feind  sehen.  Schnell  wurden  die  Geschütze  ausgeschifft  und  in  die
Landungslafetten  gesetzt.  Matrosen  spannten  sich  vor,  und  die  Landungs- 



Landung  der  Mannschaften  von  der  „Olga“  unter  Kapitänleutnant  Riedel  zur
Rettung  des  Woermannschen  Agenten  Pantänius  in  Bell-Stadt.

kompagnien  formierten  sich  zum  Gefecht.  Rasch  avancierte  die  Truppe
auf  Eckre,  das  von  den  Deutschen  besetzt  wurde,  ohne  daß  sie  Widerstand
  fanden.  Die  Stadt  erwies  sich  als  eine  außerordentlich  saubere
Negeransiedelung,  deren  Hütten  aus  sauber  geflochtenen  Matten  bestanden
und  im  Schatten  von  Kokospalmen  und  Pisangbäumen  lagen.  Majoka
und  Yamsfelder  sowie  Bananen-Anpflanzungen  bewiesen,  daß  die  Neger
auch  etwas  vom  Ackerbau  verstanden.  Während  man  noch  in  Eckre
        <pb n="113" />
        —  109  —

wartete,  was  geschehen  sollte,  kam  ein  Bote  vom  König  Bell  mit  der
Mitteilung,  daß  die  Yoß-Leute  Bell-Stadt  überfallen  und  besetzt,  den
Faktoreivorsteher  von  Woermann,  den  bereits  genannten  Kaufmann  Pan—
tänius,  gefangen  genommen  und  mit  sich  geschleppt  hätten.  Sofort  setzten
sich  60  Mann  unter  Kapitänleutnant  Riedel  mit  voller  Fahrt  nach  Bell-Stadt
  zu  in  Bewegung.  Bell-Stadt  liegt  oben  auf  einem  Plateau.  Als
man  an  dessen  Fuße  landete,  knallte  und  krachte  es  aus  allen  Büschen
und  von  der  Stadt  her;  die

feuer  empfangen.  Schon  bei
der  Landung  stürzte  tödlich  getroffen
  der  freiwillige  Matrose
Bugge  zu  Boden,  und  bald
lagen  weitere  Schwerverwundete
  niedergestreckt.  Die  Landungsgeschütze
  sprachen  ein
ernstes  Wort  mit  und  feuerten
mit  gutem  Erfolg  nach  Bell-Stadt
  und  auf  die  Büsche,
hinter  denen  die  Neger  sich
verborgen  hielten.  Die  Deutschen
  mußten  aber  auf  das
Plateau  hinauf  und  waren
dabei  ganz  ungedeckt.  Sieben
Verwundete  ließen  sie  zurück,
ehe  sie  das  Plateau  erreichten,
  und  hier  wurden  sie  von  —  —  .
einer  zehnfachen  Übermacht  Rudolf  Bugge  aus  Detmold.

von  allen  Seiten  beschossen.

Die  Munition  beginnt  den  Deutschen  knapp  zu  werden,  sie  haben  zu  befürchten,
  daß  der  Rückzug  zu  ihren  Booten  ihnen  abgeschnitten  wird.
Da  erscheint  Hilfe  vom  „Bismarck“,  und  jetzt  fliehen  die  Neger  nach
allen  Seiten,  Tote,  Verwundete  und  Gefangene  zurücklassend.  Aber  noch
ist  die  Arbeit  nicht  vollendet.  Jetzt  nachdem  die  Neger  kriegsmäßig
Widerstand  geleistet  hatten,  nachdem  brave  deutsche  Jungen  als  Opfer
gefallen  sind  und  ihr  Blut  vergossen  haben,  heißt  es,  dem  Feind  einen

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        —  110  —

gehörigen  Denkzettel  geben,  und  besonders  gilt  es,  die  Yoß-Leute  zu
züchtigen.  Sofort  wenden  sich  die  Kolonnen  nach  Yoß-Stadt  hinüber
und  stoßen  auch  bald  auf  den  Feind,  der  den  Aufstieg  zum  Plateau,  auf
dem  die  Yoß-Stadt  liegt,  streitig  macht.  Hier  sind  es  aber  die  wohlgezielten
  Granaten  der  Landungsgeschütze,  welche  den  Yoß-Leuten  klar
machen,  daß  die  Flucht  für  sie  das  Beste  ist.  Sie  fliehen  hinauf  nach
der  Stadt,  und  auch  diese  wird  mit  stürmender  Hand  von  den  Deutschen
genommen.  Leider  gelingt  die  Rettung  des  Faktoreivorstehers  Pantänius

 

 

 

 

King  Bells  Palast.

nicht.  Die  Schwarzen  schleppen  ihn  mit  sich  und  ermorden  ihn.  Die
Yoß-Stadt  geht  in  Flammen  auf!  Eine  Brandstelle  bezeichnet  den  Ort,
an  welchem  die  Yoß-Leute  früher  wohnten  und  den  Kampf  gegen  die
deutsche  Macht  beschlossen.  Von  den  verwundeten  Deutschen  starb  zum
Glück  keiner,  und  stolz  auf  ihre  Erfolge  kehrten  die  Landungsmannschaften
auf  ihre  Schiffe  zurück.  Um  aber  auch  den  Eckre-Leuten  einen  Denkzettel
zu  geben,  wurde  schon  zwei  Tage  darauf  auch  gegen  sie  eine  Strafexpedition
  unternommen.  Der  Ort  wurde  durch  Granaten  in  Brand
gesteckt  und  dem  Erdboden  gleichgemacht.  Am  Nachmittage  dieses  Tages
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        —  111  —

lieferten  die  zur  Vernunft  gekommenen  Häuptlinge  die  Anstifter  der  Ver—
schwörung  und  der  Feindseligkeiten  gegen  die  Deutschen  aus,  und  natür—
lich  verfielen  die  Rädelsführer  der  verdienten  Strafe.  Die  Kriegsschiffe
blieben  vor  Kamerun,  bis  sie  durch  die  „Ariadne“  und  die  „Gneisenau“,
die  von  Sansibar  her  ganz  Afrika  umsegeln  mußten,  abgelöst  wurden.
Nachdem  auch  noch  die  Kreuzer  „Habicht“  und  „Carola“  vor  Kamerun
gewesen  und  hier  ihre  Macht  gezeigt  hatten,  sahen  die  Häuptlinge  und
ihre  Leute  ein,  daß  Deutschland  doch  noch  über  andere  Schiffe  verfügt
als  über  die  „Möve“,  und  wohl  imstande  ist,  Frevel,  die  an  seinen
Untertanen  verübt,  und  Beleidigungen,  die  einem  Deutschen  zugefügt
wurden,  mit  starker  Hand  zu  strafen.
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        Deutsch-Ostafrika.

Im  Osten  des  afrikanischen  Erdteils,  unmittelbar  südlich  vom  Äquator,
bis  zum  12.  südlichen  Breitengrade,  liegt  unser  größtes  Schutzgebiet.
Im  Osten  begrenzt  es  der  Indische  Ozean,  an  dem  wir  eine  Küste  von
mehr  als  700  km,  der  Länge  des  deutschen  Rheins  entsprechend,  besitzen.
Im  Westen  begrenzen  unser  Gebiet  die  großen  innerafrikanischen  Seen,
der  Tanganyika  und  der  Nyassa.

Es  ist  beinahe  zweimal  so  groß  wie  das  Deutsche  Reich  und  umfaßt
nahezu  eine  Million,  genauer  995  000  qkm.  Im  Norden  schließt  es
Afrikas  höchstes  Gebirge,  den  bis  zu  6000  m  hohen  Kilimandscharo  und
die  Hälfte  des  Viktoria  Nyansa,  auch  bloß  Viktoria  oder  Ukerewe  genannten
  Sees  mit  ein.  Im  Süden  bildet  der  ganze  Lauf  des  Ruwuma
die  Grenze.  Unser  Gebiet  stößt  also  im  Süden  an  das  portugiesische
Mosambik  und  an  Britisch-Zentralafrika,  im  Westen  an  den  Kongostaat,
von  dem  es  durch  den  langhingestreckten  Tanganyika  getrennt  ist,  und  im
Norden  wiederum  an  ein  Stück  Britisch-Ostafrika.  Die  vorliegenden
Inseln  Pemba  und  Sansibar  hat  sich  England  gesichert.  Uns  ist  dagegen
die  allerdings  wenig  wertvolle  Insel  Mafia  gegenüber  dem  Delta  des
schiffbaren  Rufidschi  verblieben.

Auch  an  der  Küste,  der  Mrima,  hatten  zuerst  die  Portugiesen  im
Kampfe  mit  den  Arabern  ihre  Handelsmacht  errichtet  und  waren  1740
durch  den  Iman  von  Maskat  und  Sansibar  vertrieben  worden,  dessen
Herrschaft  sich  indessen  nicht  auf  das  Innere  erstreckte.  Die  Häuptlinge
dieser  Stämme  waren  also  in  der  Lage,  mit  der  späteren  „Deutsch-Ostafrikanischen
  Gesellschaft“",  welche  1884  durch  den  Grafen  Behr-Bandelin
  und  den  damals  27  jährigen  Karl  Peters  in  Berlin  ins  Leben  gerufen
  worden  war,  Verträge  abzuschließen.  Dr.  Peters,  Graf  Pfeil  und
        <pb n="117" />
        Beta,  Das  Buch  von  unsern  Kolonien.  8

2  2-Gefangene

  arabische  Sklavenjäger.
        <pb n="118" />
        —  114  —

Dr.  Jühlke  hatten  im  Auftrage  dieser  Gesellschaft  die  Häuptlinge  von
Useguha,  Nguru,  Usagara  und  Ukami  am  Rufidschi  besucht  und  sie  zu  einem
Abkommen  bewogen.  Die  Reichsregierung  hatte  darauf  der  Gesellschaft
für  diese  Erwerbungen  am  27.  Februar  1885  einen  Kaiserlichen  Schutzbrief
  erteilt.

Was  die  friedliebenden  Negervölker  vor  allem  veranlaßte,  den  ihnen
gebotenen  Schutz  gern  anzunehmen,  war  der  Umstand,  daß  sie  sich  unter
der  Herrschaft  der  arabischen  Karawanenführer  außerordentlich  unglücklich
fühlen  mußten.  Die  Araber  durchstreiften  mit  Hunderten  bis  Tausenden
bewaffneter  Unholde  das  Land  bis  an  den  Kongo,  führten  ganze  Völkerschaften,
  nachdem  sie  nach  Gutdünken  gemordet  und  durch  Martern  die
Hergabe  des  etwa  vorhandenen  und  vergrabenen  Elfenbeins  erzwungen
hatten,  der  Küste  zu  und  verkauften  sie  als  Sklaven  nach  Sansibar,  von
wo  sie  nach  Arabien,  Persien  und  Kleinasien  verschifft  wurden.  Aus
jener  Zeit  stammt  die  leider  zutreffende  Außerung,  daß  jeder  Billardball
mindestens  ein  Menschenleben  gekostet  habe.  Mehr  als  100  000  Sklaven
wurden  auf  diese  Weise  in  einzelnen  Jahren  ihrer  Heimat  entrissen.
Fruchtbare  Landstriche,  wo  Millionen  friedlich  und  auskömmlich  hätten
leben  können,  lagen  entvölkert.  Die  drei  deutschen  Männer,  welche
Abschaffung  dieser  Greuel  in  Aussicht  stellten,  waren  deshalb  überall
willkommen.

Der  Sultan  von  Sansibar  hatte  der  Gesellschaft  1888  pachtweise
die  Verwaltung  der  Küstenzölle  übertragen,  allerdings  erst,  nachdem  ein
deutsches  Geschwader  ihm  die  achtunggebietende  Macht  des  Deutschen
Reiches  vor  Augen  stellte,  das  der  friedlichen  Arbeit  der  Gesellschaft
den  Rückhalt  bot.  Ihre  Aufgabe  war  von  Dr.  Peters  in  folgende
Formel  zusammengefaßt  worden:  „Erwerb,  Besitz,  Verwaltung
und  Verwertung  von  Ländereien,  Ausbeutung  von  Handel
und  Schiffahrt  durch  Selbstbetrieb  oder  Übertragung  an
andere  Gesellschaften,  sowie  Kolonisation  im  Osten  Afrikas.“

Eine  solche  Ausbeutung  schien  also  aufs  beste  in  die  Wege  geleitet
und  auch  mit  4  Millionen  Mark  Gesellschaftskapital  begründet  zu  sein.
Es  berührt  aber  schmerzlich,  daß  hier  von  einer  Pflege  guter  Beziehungen
zu  den  vorhandenen  Organisationen,  Missionen  usw.  keine  Rede  ist.  Auch
fehlte  es  an  der  nötigen  Mäßigung  in  der  Ausbeutung  der  Vorrechte,
welche  wohl  zuweilen  unter  Verletzung  mancher  hergebrachten  Rechte  ins
Werk  gesetzt  wurde.  Das  führte  dahin,  daß  sogar  die  an  sich  friedlichen
        <pb n="119" />
        —  115  —

und  vom  Joch  der  Araber  befreiten  Eingeborenen  dem  deutschen  Schutze
dieser  Art  wieder  abhold  wurden.

Auch  die  an  dieser  Küste  herrschende  Geldmacht  der  für  sehr  wucherisch
geltenden  indischen  Kaufleute,  ebensowohl  wie  die  von  alters  her  einflußreichen
  Engländer  trugen  das  ihrige  dazu  bei,  einen  allgemeinen  Aufstand
gegen  das  deutsche  Beamtentum  zu  erregen,  einen  Aufstand,  der  lediglich
politische  und  wirtschaftliche  Ursachen  hatte.  Die  Interessen  unserer
seit  vielen  Jahren  hier  tätigen  Missionen  gerieten  erst  in  zweiter  Reihe
auf  tragische  Weise  in  Mitleidenschaft.

Die  Seele  dieses  Aufstandes  war  der  Halbblutaraber  Buschiri  ben
Salim,  ein  Sklavenjäger  schlimmsten  Rufes.  Er  eroberte  Ende  September
1888  alle  festen  Küstenplätze  bis  auf  Bagamoyo  und  Daressalam,  wo  die
Bezirkschefs  Freiherr  v.  Gravenreuth  und  Leue,  unterstützt  durch  deutsche
Kriegsschiffe,  ihm  standhielten.  Eine  Reihe  deutscher  Beamter  und  Missionare,
  auch  nichtdeutsche,  verloren  hierbei  ihr  Leben.

Inzwischen  hatte  Deutschland  sich  ermannt.  Die  ablehnende  Richtung,
welche  alle  Kolonialpolitik,  alles  Zusammengehen  mit  den  europäischen
Mächten  auf  diesem  Gebiete  für  eitel  Schwärmerei  erklärte,  fand  keinen  Halt
mehr.  Der  Reichstag  bewilligte  am  2.  Februar  1889  zwei  Millionen  Mark
für  Ostafrika,  und  der  später  geadelte  Hauptmann  Hermann  Wissmann,
welcher  bereits  in  den  Jahren  1884—87  als  erster  Deutscher  ganz
Zentralafrika  zweimal  durchquert  und,  wie  Bismarck  sagte,  „mit  der
weißen  Weste“  aus  allen  Fährnissen  hervorgegangen  war,  wurde  mit  der
Aufgabe  betraut,  die  deutsche  Herrschaft  in  diesen  Gebieten  wiederherzustellen.)
  Er  bildete  in  Agypten  eine  Reichstruppe  aus  Sudanesen  und
Zulus  in  Stärke  von  etwa  1000  Mann  unter  20  deutschen  Offizieren
nebst  200  Marinesoldaten  und  einer  Garde  von  40  Deutschen.  Im  Mai
1889  erstürmte  er  das  feste  Lager  Buschiris  bei  Bagamoyo  und  verfolgte
ihn  mit  1500  Soldaten  und  300  Trägern  nach  der  400  km  von  der
Küste  entfernten  Station  Mpuapua.  Auch  hier  gelang  es  Buschiri  zu

*)  Nach  Wissmanns  eigener  Aussage  war  geographisch  und  wirtschaftlich  die
erste  Reise  zur  Erforschung  des  Kassai  (eines  Nebenflusses  des  Kongo,  der  selbst
größer  als  die  Donauy  seine  erfolgreichste.  Der  König  von  Belgien  fürchtete  offenbar,
daß  deutsche  Ansprüche  entstehen  könnten,  darum  ließ  er  von  den  Ergebnissen  dieser
Expedition  möglichst  wenig  aufkommen.  Sie  war  ganz  deutsch,  ist  deutsch  beschrieben,
und  alle  Sammlungen  sind  der  deutschen  Wissenschaft  zugute  gekommen.  Wissmann
übernahm  diese  wichtige  Arbeit  auf  Veranlassung  des  hochherzigen  damaligen  Kronprinzen
  Friedrich.

8*
        <pb n="120" />
        —  116  —

entkommen,  bis  ihn  Dr.  Rochus  Schmidt  in  seiner  Schamba  in  Pangani
gefangennahm  und  verdientermaßen  aufknüpfen  ließ.  Buschiris  Bundesgenosse
  Bana  Heri  wurde  gemäß  der  einsichtsvollen  Politik  Wissmanns,
den  unterworfenen  Feind  an  sich  zu  fesseln,  mit  der  deutschen  Oberherr—
schaft  versöhnt.  In  kürzester  Zeit  wurde  endlich  auch  der  Süden  des
Schutzgebiets  zurückerobert,  um  so  eher,  da  die  Eingeborenen  den  neuen
deutschen  Führer  überall  als  Befreier  begrüßten.  Eine  weitere  Folge

 

 

—  —  —

 

 

 

 

Hermann  v.  Wissmann.

war,  daß  der  Sultan  von  Sansibar  allen  im  letzten  Jahre  eingeführten,
  also  schon  unter  deutschem  Schutz  stehenden  Sklaven  die  Freiheit
wiedergab.

Zur  Nyassa-Expedition  hatte  Wissmann  selbst  in  drei  Monaten  in
Deutschland  über  200  000  Mark  zusammengebracht.  Da  dies  nicht  ausreichte,
  wurde  er  auf  dem  in  Deutschland  üblichen,  aber  traurigen  Wege
einer  Kolonial-Lotterie  unterstützt.  Man  hielt  das  zu  jener  Zeit  für  sehr
        <pb n="121" />
        teuer,  es  galt  aber  einen  vielseitigen  Zweck  zu  erfüllen.  Der  damals
gebaute  Dampfer  „Hermann  v.  Wissmann“  ist  noch  heute  der  beste  und
größte  auf  diesem  mächtigen  See  und  erzielt  dadurch,  daß  er  auch

 

 

 

 

 

Der  zerlegbare  Dampfer  „Hermann  v.  Wissmann.“

Privatpersonen  und  Lasten  befördert,  so  hohe  Einnahmen,  wie  bisher  in
ganz  Deutsch-Ostafrika  kein  einziges  Unternehmen.

Nachdem  Wissmann  die  riesige  Expedition  mit  etwa  9000  Trägerlasten
  bis  zur  Werft  am  Nyassa  gebracht  hatte,  und  nun  der  rein  technische
  Teil,  der  Bau  des  Schiffes,  begann,  ging  er  mit  dem  hierbei  nicht
brauchbaren  Teil  der  Expedition  nach  dem  bis  dahin  noch  nicht  besuchten
        <pb n="122" />
        —  118  —

Teil  im  Süden  Deutsch-Ostafrikas  zwischen  den  beiden  Seen  und  verschaffte
hier  der  deutschen  Flagge  Achtung.

Er  gründete  und  baute  die  Station  Langenburg  am  Nyassa,  stiftete
Ruhe  und  Ordnung  in  dem  Gebiete,  welches  jetzt  von  der  Berliner
Mission  besetzt  ist,  bestrafte  in  einem  dreitägigen  Gefechte  den  sich  außergewöhnlich
  tapfer  wehrenden  Häuptling  Sunda  und  machte  vor  allem
den  seit  Jahrzehnten  wiederkehrenden  Einfällen  des  kriegerischen  Stammes
der  Wawemba  ein  Ende.  Dieser  Stamm  kam  vom  englischen  Gebiete

und  raubte  jedes  Jahr  Sklaven  und  Vieh  aus  dem  südwestlichen  Teile
unserer  Kolonie.

Während  des  folgenden  Jahres  ließ  er  den  die  deutschen  Siedelungen
unausgesetzt  belästigenden  Matschemba  von  der  Schutztruppe  bestrafen,
welche  unter  dem  neben  dem  Gouverneur  eingesetzten  Kommandanten  von
Trotha  stand,  der  sich  später  in  China  und  „Südwest“  mit  Ruhm  bedeckte.
Matschemba  hat  sich  später  noch  des  öfteren  erhoben.

Dagegen  streckte  der  Araber  Mabruk,  der  sich  ein  ganzes  Jahr  lang
in  Britisch-Ostafrika  gegen  die  Engländer  gehalten  hatte  und  sich  mit
seinem  ganzen  Anhange  auf  deutsches  Gebiet  rettete,  die  Waffen.  Er
wurde  bei  Daressalam  angesiedelt.

Wissmann  bewährte  sich  auch  als  Friedensherrscher.  Er  griff  in
der  Landfrage  in  dem  Sinne  ein,  daß  der  Regierung  möglichst  freie
Hand  gelassen  wurde,  große  Gesellschaften  auf  die  ihren  Mitteln  und
Leistungen  entsprechenden  Anforderungen  zu  beschränken,  daneben  dem
kleineren  Unternehmer  möglichst  günstige  Bedingungen  zu  bieten,  und
vor  allem  die  Eingeborenen  für  Generationen  hinaus  sicherzustellen.

Sein  Grundsatz  war,  das  Land  mehr  durch  Erbpacht  als  durch
Kauf  zu  vergeben  und  sonst  in  jeder  Weise  die  Belastung  des  Grund
und  Bodens  zu  verhindern,  wenn  er  auch  nicht  so  weit  ging,  wie
Herr  von  Frangois  dies  in  einem  Heft  „Staat  oder  Gesellschaft“  vorschlägt.


Wir  werden  sehen,  in  welcher,  freilich  auch  Anfechtungen  ausgesetzten
Weise  die  Kolonialregierung  in  dem  Pachtgebiet  von  Kiautschou  diesem
gesunden  Gedanken  Folge  geleistet  hat.

Wie  aus  dem  Tätigkeitsberichte  des  späteren  Gouverneurs,  General
von  Liebert  zu  ersehen  ist,  hat  Wissmann  auch  eine  direkte  Besteuerung
(Hüttensteuer)  der  Eingeborenen  vorbereitet.  Seine  Absichten  und  deren
        <pb n="123" />
        —  119  —

Begründung  finden  sich  in  den  Veröffentlichungen  der  Gesellschaft  für
vergleichende  Rechtswissenschaft  und  Volkswirtschaft.?)

Mit  England  und  Portugal  bestand  schon  seit  1886  ein  Abkommen.
Dies  wurde  nun  durch  den  Vertrag  mit  England  vom  1.  Juli  1890
ergänzt.  Es  ist  dies  der  vielangefochtene  Sansibar=  oder  Hosenknopfvertrag,
  der  aber  wohl  das  Außerste  umfaßt,  was  sich  zu  jener  Zeit  angesichts
  der  allgemeinen  Anfeindungen  unseres  kolonialen  Vorgehens  und
der  Schwäche  unserer  Flotte,  sowie  der  bei  uns  herrschenden  Fahrlässigkeit
bezüglich  Bildung  und  nationaler  Verpflichtung  des  Kapitals  erreichen
ließ.  Deshalb  sollte  man  sich  von  den  wechselnden  Stimmungen  der
öffentlichen  Meinung  in  der  Verurteilung  dieses  Vertrages  nicht  zu  weit

*)  Wissmann,  geb.  zu  Lauterberg  am  14.  September  1853,  starb  am  15.  Juni
1905  infolge  eines  Jagdunfalles  auf  seinem  Gute  Weißenbach  in  Steiermark.  Ein
Denkmal  ist  seinem  unvergänglichen  Ruhme  in  seinem  Geburtsort  errichtet.  Er  lebt
fort  im  Herzen  seiner  Freunde,  aller  derer,  denen  er  wohlgetan,  und  denen  er  als
Sieger  Milde  erwiesen.  Er  lebt  fort  in  seinen  Werken  und  Schriften,  von  denen
wir  nur  folgende  nennen:  „Über  die  in  Innerafrika  stattgehabten  Völkerverschiebungen
am  Tanganyikasee“  (Zeitschrift  für  Ethnologie,  1883);  „Im  Innern  Afrikas,  die
Erforschung  des  Kassai  1883—85“;  „Unter  deutscher  Flagge  quer  durch  Afrika  von
West  nach  Ost“,  Berlin  1889,  8.  Aufl.  1902  (Kleine  Ausgabe  1892).

Major  Rochus  Schmidt,  ein  ehemaliger  Mitkämpfer  Wissmanns,  sagte  über
dessen  erste  Durchquerung  Nov.  1879  bis  Ende  1881,  die  damals  für  unmöglich  galt,
im  Vergleich  zu  dem  vielgerühmten  Stanley:  „Wissmann  hatte  wenig  Begleiter,
Stanley  zog  mit  Hunderten  von  Bewaffneten  aus;  die  Reise  Wissmanns  kostete  ganze
30  000  Mark,  Stanley  brauchte  das  Zehnfache.  Während  Stanley  zunächst  betretene
Wege  ging  und  dann  zumeist  den  bequemeren  Wasserweg  wählte,  lernte  Wissmann
weit  besser  Land  und  Leute  kennen,  da  er  zumeist  zu  Lande  reiste  und  gänzlich  unbekannte
  Gegenden  durchforschte.  Der  größte  Gegensatz  zwischen  diesen  beiden  Afrikareisenden
  bestand  aber  in  der  Methode  der  Behandlung  der  Eingeborenen.  Wissmann
durchquerte  Afrika,  ohne  einen  einzigen  Schuß  gegen  die  Eingeborenen  abgegeben  zu
haben.  Stanleys  Weg  dagegen  wurde  fortgesetzt  durch  Gewalttaten  und  Konflikte
mit  den  Eingeborenen  bezeichnet.  Während  Wissmann  immer  Rücksicht  nahm  auf
etwa  Nachfolgende,  Missionare  oder  Forscher,  kannte  Stanley  nur  das  eine  Ziel,
seinen  Zweck  unter  allen  Umständen,  auch  mit  Gewalt,  zu  erreichen,  unbekümmert
um  die  Folgen  seines  Vorgehens.  Als  Mensch  wie  als  Forscher  war  Wissmann  der
Größere,  und  seiner  Methode,  die  Eingeborenen  zu  behandeln,  ist  er  allzeit  treu  geblieben;
  ihr  verdankte  er  das  Vertrauen,  das  er  bei  der  eingeborenen  Bevölkerung
genoß,  ihr  verdankte  er  nicht  zum  wenigsten  seine  Erfolge.“

Wissmanns  Anschauungen  über  die  Behandlung  der  Negervölker  sollten  jetzt,
wo  deren  Erhaltung  wieder  mehr  in  den  Vordergrund  der  Erwägungen  tritt,  mehr
studiert  und  beachtet  werden.  Die  Rechtsnormen  des  Islam  (nicht  die  Religion  als
solche)  hielt  er  für  diesen  Zweck  für  geeigneter  als  die  Pandekten,  namentlich  inbezug
auf  die  rechtliche  Behandlung  des  Grundeigentums.
        <pb n="124" />
        —  120  —

fortreißen  lassen.  Galt  es  doch,  Gebiete,  viermal  so  groß  wie  das
Deutsche  Reich,  der  deutschen  Herrschaft  endgültig  zu  sichern  und  eine
gegenseitige  Abgrenzung  der  Ansprüche  mit  dem  mächtigsten  Kolonial—
reiche,  das  je  bestanden  hat,  allem  gegenseitigen  Widersinn  der  betreffen—
den  beiden  Völker  zum  Trotz  zu  begründen.  Zunächst  wurde  auch  die
Herrschaft  des  Sultans  von  Sansibar  über  diese  Küste  gegen  4  Millionen
Mark  ein  für  allemal  abgelöst.  Ferner  wurde  Witu,  ein  etwa  1500  qkm
großes  Gebiet  unter  dem  Äquator,  dessen  Sultan  auf  den  Rat  der  dort
mit  großen  Siedlungen  interessierten  Gebrüder  Denhardt  1885  den
deutschen  Schutz  gegen  den  Sultan  von  Sansibar  angerufen  hatte,  der
Interessensphäre  Englands  zugewiesen.  Leider  gereichte  dies  sehr  zum
Schaden  des  Sultans  Fumo  Omari,  der  die  neue  Herrschaft  nicht  an—
erkennen  wollte  und  deshalb  vertrieben  wurde.

Die  Deutsch-Ostafrikanische  Gesellschaft  besteht  in  andrer  Form
weiter.  Sie  erhält  jährlich  600  000  Mark  aus  dem  Ertrage  der  Zölle,
die  unter  Reichsverwaltung  stehen.  Graf  Pfeil  riet  sehr,  diese  Abgabe
abzulösen.  Auch  verdanken  wir  dieser  Gesellschaft  die  „Phantasiemünze“,
nämlich  die  in  britischen  Teilen  nicht  gangbare  Rupie  zu  1.40  Mark,  statt
der  ehedem  hier  gebräuchlichen
Maria-Theresia-Thaler.

Wir  gelangen  nun  dazu,  uns
in  diesem  ausgedehnten  Gebiete
umzusehen.  Eine  Dhaw  (spr.  Dau),

-·--«  —  das  ist  ein  kleiner  arabischer  Zwei—
Munze  d  der  Deutsch-  Ostaftikanischen  master,  bringt  den  Reisenden  in
Gesellschaft  kurzer  Zeit  von  Sansibar,  der  Resiz
  I
denz  des  Sultans,  einer  Großstadt  mit  100  000  Einwohnern,  nach  dem
gegenüber  an  grünendem  Gestade  unter  Palmen  gelegenen  Bagamoyo,
von  wo  die  Karawanen  ihren  Weg  ins  Innere  nehmen.  Nach  kurzer
Wanderung  über  den  nur  einige  Meilen  breiten  Wüstensaum  ersteigt  man
das  bis  zu  1600  m  hohe  ostafrikanische  Plateau.  Von  dort  her  eilt  uns
der  durch  den  Mgeta  verstärkte  Kingani  entgegen,  welcher  bei  Bagamoyo
mündet.  Er  scheidet  die  Landschaften  Usaramo  und  Useguha,  welches
vom  Wami  durchflossen  wird,  dem  Entwässerer  des  Ngurugebirges.  Dieses
Hochland  ist  mit  Baum=  und  Graswuchs  besetzt,  und  die  aus  kegelförmigen
Grashütten  bestehenden  Dörfer  sind  dünngesät.
Die  Bewohner  derselben  sind  kleine,  gedrungene,  leicht  aufbrausende
        <pb n="125" />
        —  121  —

Leute,  die  zur  Araberzeit  vornehmlich  von  Sklavenraub  und  einem  von  den
Handeltreibenden  erpreßten  Durchgangszoll  lebten.  Sie  bemalen  sich  mit
rotem  Ton,  mehr  vielleicht  zum  Schutz  gegen  die  Sonne  als  aus  Eitel—
keit.  Die  Aschenhäufchen  bei  ihren  Siedelungen  deuteten  auf  den  Gebrauch
hin,  unschuldige  Weiber  als  Hexen  zu  verbrennen.  Und  die  tiefen  Gräben
sind  Zeichen  ihres  Eifers  auf  der  Suche  nach  dem  Kopalharz,  das  sich
in  der  Erde  findet  wie  bei  uns  der  Bernstein.

Im  Westen  von  Usogo  erstreckt  sich  die  Landschaft  Usagara,  die  bis
an  den  Rufidschi  reicht.  Sie  steigt  in  drei  Stufen  an,  die  zwischen  500
und  5000  Fuß  hoch  sind.  Tiefe  Schluchten  und  Furchen  bilden  Wege
und  Pässe.  Feigen,  Reis,  Korn,  Palmen,  Bambus,  Pisang  wachsen  in
den  fleißig  angebauten  Tälern,  und  an  den  Abhängen  finden  zahlreiche
Rinderherden  ausgiebige  Weide.  Nur  der  höchste  Teil  ist  Halbwüste,  wo
Aloe  und  Dorn  zwischen  Steinen  wachsen.  Die  Wasseradern  versiegen
hier  nie.  In  den  Überschwemmungsgebieten  steht  der  dichte  Urwald
zwischen  November  und  April  im  schlammigen  Untergrund,  das  sind  die
Dschungeln.  Und  sie  bildeten  in  der  Araberzeit  die  vornehmlichste  Zuflucht
  der  armen  Bantu,  denen  die  Jagd  galt.  Wir  haben  ihnen  auf
unseren  Plantagen  reichlich  lohnende  Arbeit  gegeben,  dazu  die  Sicherheit
für  den  Ertrag  ihrer  eigenen  Anlagen.  Weinbau,  Maulbeer=  und  Seidenzuchten,
  Tabakpflanzungen  bedecken  jetzt  das  paradiesische  Gelände.  Man
wirbt  Wangwana  und  Chinesen,  auch  Irwanesen,  um  der  Kultur  von
Tee,  Kaffee,  Zucker  und  Kakao  Eingang  zu  verschaffen.  Bohnen,  Erbsen,
Kraut,  Kohl,  Melonen,  Gurken,  alle  Obstsorten,  Getreide,  Mais,  Baumwolle,
  Mohn,  Indigo  bisher,  ehe  die  chemische  Synthese  auf  heimischem
Boden  weit  besseres  künstliches  Indigo  schuf,  auch  dieses  Färbemittel,
ferner  Vanille,  Pfeffer  und  Gewürze  aller  Art,  geben  reichliche  Erträge.
In  den  Wäldern  sind  noch  unangebrochene  Bestände  von  Riesenstämmen
ungeheuren  Wertes,  wie  des  Cedro-,  Teak-,  Baobab=  und  Mahagonibaumes.


Auch  in  Deutsch-Ostafrika  haben  wir  es  mit  einem  ausgedehnten
Hochland  zu  tun,  welches  durch  südnördlich  verlaufende  breite  Verwerfungen
  oder  „Gräben“  mit  stellenweise  2000  m  tiefen  Abstürzen,  in  denen
das  Seengebiet  eingebettet  ist,  begrenzt  und  durch  vielfache  westöstlich
verlaufende  Regenströme  zerklüftet  ist.  Das  Hochland,  reich  an  meist
erloschenen  Vulkanen,  bildet  die  Wasserscheide  zwischen  dem  Nil,  Kongo
und  Sambesi.  Die  Steppe  liegt  durchschnittlich  in  8o0  m  Meereshöhe.
        <pb n="126" />
        —  122  —

Die  Gebirge  schwanken  zwischen  3000  und  6000  m.  Der  gletscherbedeckte
Kilimandscharo  hat  eine  Höhe  von  rund  6000  m.  Er  wurde  1889  von
Dr.  H.  Meyer  und  Dr.  Purtscheller  zum  erstenmal  erstiegen  und  Kaiser-Wilhelmsspitze
  getauft.  Der  einheimische  Name  dieses  höchsten  Berges
in  dem  sonnendurchglühten  Erdteil  ist  Kibo,  der  Helle.  Er  ist  das  geheimnisvolle
  Mondgebirge  der  Alten  und  erhielt  diesen  Namen  wegen
der  Sichelform  seiner  Schneekuppe.  Er  war  als  Vater  der  Nilquellen
berühmt.  Ostlich  ihm  gegenüber  steht  der  Mawensi,  der  Dunkle,  mit
5355  m  Höhe.  Zwischen  beiden  Höhen  etwa  liegt  die  tropische  Schneegrenze.
  Der  nördlich,  schon  auf  englischem  Gebiete  liegende  Kenia  oder
Ruwanzero  mit  5600  m  trägt  ebenfalls  eine  Schneekuppe.  Sie  sind
Brüder  der  im  Westen  des  Viktoria  Nyansa  sich  erhebenden,  noch  tätigen
Gruppe  von  Vulkanen  an  der  Grenze  unseres  Gebiets  und  des  Kongostaates,
  mit  dem  4000  m  hohen  Mfumbiro.

Die  Küste  besteht  aus  Korallen.  Parallel  mit  ihr  zieht  sich  ein
breiter  Gürtel  von  mittlerer  Höhe,  das  Randgebirge  mit  Vorbergen  und
Hügeln  hin.  Es  ist  zum  großen  Teile  ebenso  wie  die  uns  gehörige  Insel
Mafia  (523  qkm)  der  Sitz  von  Fiebersümpfen.

Die  Mrima  (Küste)  ist  sandig,  mit  mächtigen  kaum  bewachsenen
Dünen.  Dahinter  staut  sich,  wie  an  den  Flachküsten  des  Westens,  vielfach
  auch  hier  das  Süßwasser,  in  welchen  mit  hohen  Stelzwurzeln  unser
alter  Bekannter,  der  Mangrovebaum  wuchert,  dessen  Holz  dem  Anschein
nach  zu  nützlicher  Verwendung  kommen  wird,  und  dessen  Rinde  als
Gerbstoff  Aufnahme  fand.  Die  Böschungen  sind  mit  Busch  und  Bäumen
bewachsen,  darunter  die  erst  in  späteren  Zeiten  eingeführte  Ol=  oder
Kokospalme,  deren  Kultur  alle  Förderung  erfährt.  Die  Araber  haben
hier  auch  den  Mangobaum  aus  Indien  heimisch  gemacht,  dessen  wohlschmeckende
  Steinfrüchte  bis  zu  1  kg  schwer  werden.  Die  Rinde  enthält
Tannin,  das  Holz  ist  dem  der  Eiche  ähnlich.  Die  Samen  sind  ölhaltig
und  werden  auf  Martinique  zu  Stärkemehl  verarbeitet.  Der  Kopalbaum
ist  ebenfalls  häufig.  Das  Handelsprodukt  wird,  wie  erwähnt,  aus
der  Erde  gegraben.  Agaven  liefern  einen  vorzüglichen  Hanf.  Reis,
Zuckerrohr,  Mais,  Maniok,  Durra  werden  in  dieser  Küstenregion  fleißig
angebaut.  Es  ist  eine  fruchtbare  Niederung,  die  sich  im  Süden  unseres
Gebiets  sogar  weit  inland  bis  zum  Nyassasee  ausbreitet.  Dahinter
dehnt  sich  die  Steppe  bis  an  das  meist  steil  abfallende  Randgebirge.
Auf  deren  Rücken  befindet  sich  eine  tafelförmige  Hochebene,  welche  in
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Der  Kilimandscharo  von  Moschi  aus  gesehen.
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        —  123  —

etwa  1000  m  Meereshöhe  sich  über  das  ganze  Innere  des  schwarzen
Kontinents  erstreckt.  Alle  ursprünglichen  Gebirgsbildungen  dieser  Region
sind  durch  schroffen  Temperaturwechsel,  Regengüsse  und  Sonnenbrand  in
ein  großes  Stein-  und  Trümmerfeld  verwandelt,  das  von  Lehm  über—
lagert  und  durchsetzt  ist.  Wegen  seiner  Härte  und  der  roten,  dem  Eisen—
gehalt  entsprechenden  Farbe  führt  es  den  Namen  Laterit  (later,  der
Ziegel).  Auch  die  Sahara  ist  ein  Teil  desselben.  Der  rote  Staub,  den
der  Samum  von  ihm  auffegt,  gibt  zu  dem  sogenannten  Blutregen  Anlaß,
den  der  Sirocco  über  das  Mittelmeer  und  zuweilen  sogar  bis  in  unsere
Breiten  führt.  Einige  Einsenkungen,  die  Niederungen  und  Talsohlen
sind  mit  fettem  Ton  erfüllt  und  in  der  Regenzeit  äußerst  fruchtbar.
Die  Hochebene  selbst  dagegen  wird  als  eine  Steinwüste  bezeichnet.  Sie
liegt  im  „Regenschatten“  der  östlichen  Gebirge.

Die  Regenzeit  verteilt  sich  ähnlich  wie  in  Westafrika  auf  zwei
Perioden,  die  ebenfalls  in  unseren  Winter  fallen,  trotzdem  wir  uns  bis
11°  südlich  des  Aquators  befinden.  Sie  werden  durch  die  Passate  bedingt,
  welche  die  Feuchtigkeit  des  Indischen  Ozeans  an  den  Gebirgen
abladen.  Sie  herrschen  vom  November  bis  zum  April,  verteilen  aber,
wie  wir  sehen,  ihren  Segen  in  sehr  verschiedener  Weise.  Die  östlich  der
Gebirge  liegenden  Gebiete  sind  bevorzugt,  die  westlichen  nicht  selten  völlig
regenlos.  Der  Juli  ist  der  Kälte-,  der  Februar  der  Wärmemonat,  der
Unterschied  an  der  Küste  aber  gering.  Die  Mitteltemperatur  beträgt
250  C.  Im  trockenen  Steppenlande  dagegen  gibt  es  tägliche  Schwankungen,
ähnlich  denen  in  Südwestafrika,  zwischen  45  und  4°  C.

Wie  in  Südwestafrika  wird  das  Terrain  kreuz  und  quer  durch
Bruchspalten  durchzogen,  die  reich  an  heißen  Quellen  sind.

Abgesondert  von  dieser  Steppe  hat  sich  im  Norden  unseres  Schutzgebietes
  ein  großer  Teil  des  Urgebirges  erhalten,  das  ostafrikanische
Schiefergebirge,  welches  den  Viktoria-Nyansa  umschließt.  Die  Landschaften
Usambara,  Pare  mit  dem  Kilimandscharo  und  Guru  sind  der  Schweiz
vergleichbar  und  bieten  dem  Europäer  viele  klimatische  Vorteile.

Auf  den  Höhen  dieses  Schiefergebirges  entspringen  zahlreiche  Ströme,
die  zum  größeren  Teil  nach  Osten,  dem  Indischen  Ozean,  zum  Teil  auch
den  Seen  des  Innern  zufließen.  Zu  letzteren  gehört  der  Mlagarassi
mit  einem  ausgedehnten  Netz  von  Zuflüssen,  die  den  Tanganyika-See
bereichern.  Ferner  die  in  den  Viktoria-Nyansa  sich  ergießenden  zahlreichen
kleineren  Flüsse,  die  als  die  eigentlichen  Nilquellen  gelten  können.  Als  Haupt-
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        —  124  —

quelle  des  Nil  gilt  indessen  der  Kagera,  ein  bedeutender  Strom  innerhalb
unseres  Gebiets  zwischen  Tanganyika  und  Viktoria.  Nach  unserer  Küste
hin  fließt  der  Pangani  oder  Rufu,  welcher  den  Rhein  an  Länge  übertrifft,
  der  Wami,  Kingani,  Rufidschi  und  Rovuma,  die  einer  gedeihenden
und  zahlreichen  Bevölferung  den  Halt  geben,  und  in  deren  Tälern  die
Karawanenstraßen  sich  hinziehen,  welche  den  Ozean  mit  dem  Seengebiet
verbinden.

Auch  diese  Ströme  sind  leider  wie  die  von  Westafrika  fast  durchweg
Regenströme  und  reich  an  Abstürzen.  In  der  trockenen  Jahreszeit  sind
sie  seicht,  wenn  nicht  völlig  versiegt.  Für  die  Schiffahrt  kommt  namentlich
  der  Rufidschi  in  Betracht,  der  das  Kohlenbecken  dieser  Region  im
Norden  des  Nyassasees  erschließt.  Und  nach  ihm  der  Pangani,  der
das  fruchtbare  Gebirgsland  des  Nordens  von  der  Massaisteppe  scheidet.
Zurzeit  ist  er  nur  auf  etwa  40  km  schiffbar.

Dieses  Gebirgsland  ist  ununterbrochen  wasserreich,  da  es  die  ganze
Feuchtigkeit  der  östlichen  Winde  in  sich  aufnimmt  und  den  westlich  liegenden
  Steppen  entzieht.  Auch  der  südliche,  uns  zugefallene  Teil  des
Viktoria-Nyansa  nimmt  an  dieser  Steppennatur  teil,  während  sein  Norden,
Uganda  am  Somerset-Nil,  das  die  Engländer  bereits  durch  eine  Bahn
mit  ihrem  Hafen  Mombas  verbunden  haben,  das  fruchtbarste  und  aussichtsvollste
  Stück  Afrika  genannt  wird.

Ein  besonderes  Interesse  nehmen  die  großen  binnenländischen  Seen
in  Anspruch.  Der  Viktoria-Nyansa  oder  Ukerewe  hat  75000  qkm,  der
Tanganyika  40000  qkm,  der  Nyassa  27000  qkm.  Den  Rikwa  usw.  dazugerechnet
  sind  diese  Seen  zusammen  fast  so  groß  wie  das  ganze  Königreich
Preußen.  Sie  liegen  1200,  800  bzw.  480  m  über  dem  Meeresspiegel
und  hängen  als  Quellseen  mit  dem  Nil,  dem  Kongo  und  dem  Schire,
einem  Nebenfluß  des  Sambesi,  zusammen,  so  daß  ihre  Wasser  dem
Mittelmeer,  dem  Atlantischen  und  dem  Indischen  Ozean  zuströmen.

Diese  Seen  bilden  eine  Welt  für  sich.  Ihre  Ufer  sind  fruchtbar
und  dicht  bevölkert.  Auf  dem  südlichsten,  dem  Nyassa,  verkehren  bereits
zehn  Dampfer,  darunter  der  Wissmann-Dampfer.  Der  Tanganyika  wird
hauptsächlich  durch  uns  mit  Fahrzeugen  versehen  werden,  und  zwar
bietet  der  Schirefluß  und  der  Nyassa  hierzu  den  besten  Zugang.  Der
jetzt  den  Tanganyika  befahrende  Dampfer  „Hedwig  v.  Wissmann“  ist  durch
500  Träger  unter  Leitung  des  Oberleutnants  Schloiser,  des  Beauftragten
des  Tanganyika-Dampferkomitees,  in  Stücken  auf  diesem  Wege  hierher
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        Die  Kihuhni-Brücke  der  Bahnstrecke  Tengeni—Sigi  der  „Sigi“  Export-Gesellschaft.  Die  Bahn  verbindet  die  Regierungsbahn  mit  dem
Hochplateau  von  Ost-Asambara  und  beginnt  an  der  Station  Tengeni,  wo  sich  Bahnhöfe  beider  Bahnen  befinden.

125
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        —  126  —

gebracht  worden.  Der  nördliche  Viktoria  ist  den  Engländern  auf  dem
Nilwege  zugänglich  und  wird  von  ihnen  in  einer  Weise  aufgeschlossen
und  befahren,  daß  die  wirtschaftliche  Herrschaft  über  den  nördlichen  Teil
unsrer  Kolonie  unsren  Händen  zu  entgleiten  droht.  Felsenuser,  Untiefen
und  Stürme  beeinträchtigen  die  Schiffahrt  auf  diesen  Seen  freilich  in
hohem  Maße.

Dieselbe  Eigenart  der  Wasserläufe,  die  uns  in  Südwestafrika  auf—
fiel,  finden  wir  hier  wieder,  nämlich,  daß  sie  in  der  trockenen  Jahreszeit
versinken  und  unterirdisch  ihren  Weg  nehmen.  Das  hat  die  Bildung
großer  Höhlen,  ja  förmlicher  unterirdischer  Deltas  zur  Folge  gehabt.

Eine  solche  Höhle,  zwei  Stunden  von  unserem  nördlichsten  Hafen
Tanga,  im  Delta  des  Pangani  wird  von  dem  belgischen  Missionar
Chandois  im  „Mouvement  Géographique“  in  lebhafter  Darstellung
geschildert:

Sie  liegt  in  einer  herrlichen,  waldbedeckten  Landschaft.  Der  Haupt—
eingang  hat  die  Form  eines  ungeheuren  Spitzbogens  von  über  zehn
Meter  Höhe,  unter  dem  sich  ein  Strom  aus  dem  Erdinnern  ergießt.
Unmittelbar  darüber  erhebt  sich  das  Gewölbe  domartig  in  mehreren
Schiffen  nebeneinander,  deren  gewaltige  Höhe  zwischen  40  und  80  m
schwankt.  Der  Hauptgang  führt  zu  einem  ungeheuren  Saal,  dessen
Flächenraum  dem  eines  großen  städtischen  Platzes  gleichkommt.  Von  ihm
zweigt  sich  ein  Labyrinth  anderer  Gänge  ab,  die  zu  Sälen  geringerer
Größe  führen.  Wegen  des  verworrenen  Durcheinanders  dieser  unter—
irdischen  Räume  ist  es  äußerst  schwierig,  sich  darin  zurechtzufinden.  Ein
Besuch  der  Höhle  wird  aber  noch  durch  ein  weit  größeres  Hindernis
erschwert,  die  Fledermäuse,  die  in  so  großer  Zahl  das  Innere  der  Grotten
bewohnen,  daß  man  nicht  weiß,  ob  man  sie  nach  Millionen  oder  Milliarden
schätzen  soll.  Die  Gewölbe  sind  mit  ihnen  buchstäblich  austapeziert,  so
daß  sie  auf  den  ersten  Blick  mit  einer  schwarzen  Schicht  überzogen
scheinen.  Einige  von  ihnen  erreichen  eine  geradezu  kolossale  Größe.
Tausender  solcher  Tiere,  durch  die  nie  gesehene  Erscheinung  einer  Fackel
aus  ihrer  ewigen  Nacht  aufgeschreckt,  umflattern  wie  wild  die  Stören—
friede.  Prachtvolle  Bildungen  von  Sickerkalken,  Stalaktiten  und  Stalagmiten
  sind  vorhanden.  Der  Boden  wird  von  Geröll  und  Hinterlassenschaften
  der  Fledermäuse  gebildet.  Da  einige  der  Gänge  eine  nahezu
unüberwindliche  Steigung  besitzen,  ist  anzunehmen,  daß  die  Höhle  aus
mehreren  Stockwerken  aufgebaut  ist.  Der  untere  Teil  der  Grotten  wird
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        —  128  —

unseren  westlichen  Schutzgebieten.  Antilopen  aller  Art,  Giraffen,  Gnus,
Zebras,  Büffel  und  das  Nashorn  bevölkern  die  weiten  Steppen,  das
Nilpferd  die  Schilfgründe.  Der  Elefant,  der  sonst  die  Höhen  des
Kilimandscharo  bevorzugte,  ist  infolge  der  unablässigen  Nachstellungen  der
Elfenbeinjäger  schon  ein  seltener  Gast  geworden.  Das  mag  den  Pflanzern
für  ihre  Plantagen  sehr  erwünscht  sein,  war  aber  auch  ein  Hauptanlaß,
daß  der  Gouverneur  Hermann  v.  Wissmann  energisch  für  Schutzmaßregeln
  gegen  die  Ausrottung  des  jagdbaren  Wildes  eintrat.  An  Raubtieren
  finden  sich  Leopard  und  Hyäne  weit  verbreitet,  der  Löwe  mehr
vereinzelt  in  den  wüstesten  Regionen  der  trockenen  Massailänder.  Neuerdings
  jedoch  stimmt  die  „Deutsch-Ostafrikanische  Zeitung“  wieder  ein
Klagelied  an,  welches  beweist,  daß  in  der  Gegend  von  Daressalam  die
Zahl  der  Löwen,  die  sich  in  die  Nähe  der  menschlichen  Behausungen
wagen  und  auf  Menschen  jagen,  noch  immer  sehr  groß  ist.  Mit  Vorliebe
wählt  sich  der  Löwe  bei  seinen  Einbrüchen  mangelhaft  gebaute  und  schlecht
erhaltene  Hütten  der  Eingeborenen.  So  brach  ein  Löwe  in  eine  Hütte
bei  Kurasini  gegen  Mitternacht  ein  und  schleppte  einen  Suahelineger  in
den  nahen  dichten  Busch  mit  sich  fort.  Der  Verunglückte  muß  sich  verzweifelt
  gewehrt  und  furchtbare  Schmerzen  auszuhalten  gehabt  haben,
denn  fast  zehn  Minuten  lang  wurde  sein  lautes  Geschrei  in  den  jetzt  nur
noch  von  wenigen  Leuten  bewohnten  Arbeiterhäusern  der  Pflanzung
Temeke  gehört.  In  einem  anderen  Falle  hatte  ein  Inder  zwei  Stück
Vieh  in  eine  hohe  Dornumzäunung  gestellt.  In  der  Nacht  übersprang  ein
ungewöhnlich  starker  Löwe  die  Boma,  schlug  einen  Ochsen  und  drückte  mit
diesem,  da  er  auf  demselben  Wege  mit  seiner  Beute  nicht  wieder  zurückkonnte,
die  Dornhecke  von  innen  nach  außen  auseinander,  den  Ochsen  dabei
mit  großer  Kraft  gleichsam  als  Mauerbrecher  benutzend.  In  der  Nähe
der  Boma,  im  Busch,  fraß  er  die  Eingeweide  und  die  Weichteile  des
Tieres  auf,  den  übrigen  Körper  ließ  er  liegen.  Am  nächsten  Abend
lauerten  der  Fährenpächter  Sabatte,  ein  anderer  gerade  die  Fähre  benutzender
  Europäer  und  der  Inder  dem  Räuber  auf,  aber  dieser  kehrte
nicht  zu  seiner  Beute  zurück.  Da  das  Schußfeld  durch  Busch  stark  behindert
  war,  so  vergiftete  man  am  Tage  darauf  den  Kadaver  und  setzte
die  Eingeborenen  davon  in  Kenntnis.  Am  Morgen  des  dritten  Tages
fand  man  den  einen  Schenkel  des  toten  Ochsen  abgefressen  und  daneben
den  Leichnam  eines  großen  männlichen  Löwen  mit  starker  Mähne,  die
bei  den  Küstenlöwen  sonst  nur  wenig  entwickelt  ist.
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        129

addaio  aaq  ui  svagag

 

 

 

 

 

 

 

Beta,  Das  Buch  von  unsern  Kolonien.
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        —  130  —

Das  Krokodil  ist  von  den  Gewässern  der  Tropen  unzertrennlich,  die
außerdem  von  zahllosen  Wasservögeln  bevölkert  sind.  Unter  diesen  sind
der  Pelikan  und  der  Flamingo,  der  Marabu,  der  Ibis  und  der  Kormoran
hier  heimisch,  während  viele  Arten  von  Gänsen,  Enten,  Reihern,  Strandläufern,
  Regenpfeifern,  Schwalben  als  Zugvögel  auftreten.  Alle  Gewässer
Afrikas  sind  sehr  fischreich.  Bekannte  Plagen  sind  Termiten  und  Heu—
schrecken.  Die  der  Viehzucht  so  gefährliche  Tsetsefliege  ist  glücklicherweise
selten  und  nur  in  einigen  Gegenden  zu  finden.

Einer  französischen  Jagdzeitung  wird  über  den  Zustand,  in  welchem
sich  der  berühmte  Wildstand  Afrikas  befindet,  folgendes  berichtet:

Die  Zeit  ist  vorüber,  wo  Südafrika  das  Paradies  der  Jäger  war.
Die  zahllosen  Herden  wilder  Tiere,  welche  die  Kapkolonie  und  den
Oranje-Freistaat  durchstreiften,  hatten,  da  sie  beständig  dieselben  Wege
einschlugen,  förmliche  Pässe  festgelegt.  Im  Vordertreffen  lief  ein  Schwarm
Strauße,  darauf  geschlossene  Bataillone  aller  Arten  von  Antilopen  in
bedeutender  Tiefe.  Diese  Infanterie,  die  ihre  Hörner  als  Bajonette  ge—
brauchte,  wurde  von  einer  starken  Kavallerie  geleitet,  in  welcher  die
Quaggas  im  Rennen  mit  den  Zebras  wetteiferten.  Eine  zahlreiche  Nachhut
  von  Büffeln  und  Elefanten  mit  würdevollen  Bewegungen  deckte  den
Marsch  des  Heeres,  während  Hunderte  von  Löwen  dem  Zuge  der  Dickhäuter
  dicht  folgten  und  die  Nachzügler  verzehrten.  Von  dieser  wundervollen
  afrikanischen  Tierwelt,  die  vor  50  bis  60  Jahren  noch  ihren  ersten
Glanz  bewahrt  hatte,  ist  wenig  mehr  geblieben.  Wie  in  ein  paar  Jahren
die  7  bis  8  Millionen  Büffel,  die  in  den  nordamerikanischen  Steppen
umherschwärmten,  bis  auf  wenige  armselige  Reste  ausgerottet  sind,  ebenso
unbarmherzig  hat  die  Kugel  des  Jägers  unter  den  afrikanischen  Dickhäutern
  aufgeräumt.  Von  1893  bis  1899  hat  in  der  englischen  Kolonie
der  Goldküste  eine  Million  Affen  die  Schönheit  ihres  schwarzen,  seidenschillernden
  Pelzes  mit  ihrem  Leben  bezahlen  müssen.  An  afrikanischen
Elefanten  werden  jährlich  über  50  000  von  den  Elfenbeinjägern  erlegt,  und
wenn  nicht  schleunigst  Schutzmaßregeln  ergriffen  werden,  so  kann  man
den  Tag  vorherbestimmen,  wo  den  afrikanischen  Elefanten  das  Schicksal
des  Mammuts  ereilt  hat.  In  das  größte  Erstaunen  wurde  der  Sultan
von  Sansibar  versetzt,  als  er  im  Londoner  Zoologischen  Garten  dem  berühmten
  Jumbo  begegnete,  wie  er  vom  Morgen  bis  zum  Abend  eine
fröhliche  Schar  Kinder  auf  seinem  Rücken  durch  den  Garten  trug.  Der
afrikanische  Machthaber  konnte  nicht  begreifen,  daß  noch  niemand  versucht.
        <pb n="136" />
        —  131  —

hatte,  die  Elefanten  seines  Landes  zu  zähmen.  Bevor  man  daran  denken
könnte,  von  neuem  die  verschiedenen  Anlagen  dieser  alten  Mithelfer  an
der  karthagischen  Zivilisation  auszunutzen,  müßte  man  dem  systematischen
Vernichtungskampf,  der  gegen  sie  geführt  wird,  Einhalt  tun.  In  Deutsch-Ostafrika
  kostet  ein  Jagdschein,  der  nur  das  Recht  gibt,  2  Elefanten  und
2  Nashörner  zu  töten,  500  Mark.  Diese  Summe  ist  nicht  groß  genug,
die  englischen  Touristen  aufzuhalten,  denen  es  auf  ein  paar  Pfund
Sterling  mehr  oder  weniger  nicht  ankommt,  wenn  sie  einen  kostspieligen
Streifzug  ins  Innere  des  dunklen  Erdteils  unternehmen,  und  noch  weniger
bildet  sie  ein  Hindernis  für  die  eingeborenen  Wilddiebe.  Die  einzige
wirksame  Maßregel  zum  Schutze  der  afrikanischen  Dickhäuter  wäre  ein
absolutes  Verbot  jeder  Art  von  Jagd  auf  einem  Gebiet  von  einer  Größe,
die  für  die  Existenz  der  Tiere  ausreicht.  Mit  Hilfe  dieses  Mittels  ist
den  Flußpferden  in  Natal  das  Leben  gerettet  worden.  Eine  kleine  Herde
dieser  Dickhäuter  hatte  sich  in  der  Nähe  von  Durban  in  einen  Sumpf
geflüchtet.  Die  englische  Regierung  nahm  die  flüchtigen  Flußpferde  unter
ihren  Schutz.  Die  Herde  wuchs  und  vermehrte  sich  zusehends,  da  drang
eines  Tages  ein  junges  Flußpferd  in  eine  Zuckerrohrpflanzung  ein,  und
am  folgenden  Tage  kam  das  Flußpferd  in  Begleitung  mehrerer  Genossen
wieder.  Von  dem  Tage  an  wurde  der  Anbau  von  Zuckerrohr  unmöglich.
Nun  wollte  die  englische  Regierung  die  Zerstörer  einer  blühenden  ländlichen
  Industrie  nicht  länger  beschützen,  und  die  Flußpferde  in  Natal
wurden  ausgerottet.  Die  wenigen  noch  in  Südafrika  vorhandenen
Flußpferde  haben  sich  ins  Zululand  geflüchtet,  wo  der  Zuckerrohrbau
unbekannt  ist.

Das  Rhinozeros,  von  dem  früher  eine  große  Anzahl  in  der  Kapkolonie,
  im  Oranje-Freistaat  und  in  Transvaal  gedieh,  wird  täglich  seltener.
Die  merkwürdigste  Spielart  dieses  Dickhäuters,  das  weiße  Rhinozeros
mit  viereckigem  Maul,  lebt  heutzutage  fast  nur  noch  in  der  Erinnerung.
Fünfzehn  dieser  seltenen  Tiere  wurden  in  der  Zeit  von  1886  bis  1893
getötet,  zwei  Exemplare,  vielleicht  die  beiden  letzten  ihrer  Gattung,  kamen
nach  Europa,  das  eine  in  das  Britische  Museum,  das  zweite  in  das
Lord  Walter  Rothschild  gehörige  Museum  Tring  der  englischen  Grasschaft
Herefordshire.  Das  Verschwinden  von  Nashorn  und  Flußpferd  ist
kein  unersetzlicher  Verlust,  dagegen  ist  die  gänzliche  Ausrottung  der
Quaggas  ein  Unglück  für  die  afrikanische  Kolonisation.  Von  allen  Zebraarten
  ist  das  Quagga  dem  Pferde  am  ähnlichsten.  Es  ist  nicht  gestreift,

9*
        <pb n="137" />
        —  132  —

hat  einen  gut  gebauten  Körper  und  tragkräftige  Beine;  es  wäre  schwierig,
unter  den  zahlreichen  Arten  wilder  Esel,  die  auf  dem  afrikanischen  Kon—
tinent  leben,  ein  Tier  zu  entdecken,  das  sich  rascher  an  den  Menschen
gewöhnt  und  leichter  zähmen  läßt.  Als  Reit-  und  Zugtier  leistet  das
Quagga  schon  jetzt  ausgezeichnete  Dienste,  und  es  sieht  dabei  schöner  aus
und  ist  genügsamer  als  das  Maultier.  Eine  Giraffenart  mit  kurzem
Hals  und  schönem,  braunbehaartem  Fell,  sowie  gestreiften  Beinen  wie
ein  Zebra,  das  Opaki,  ist  jetzt  ebenfalls  mit  dem  Untergang  bedroht.

 

 

 

 

 

Nashorn.

Die  Eingeborenen  sind  meist  Bantuneger,  deren  Stämme,  u.  a.  die
Zulu,  vom  Sudan  aus  bis  an  den  Oranjefluß  und  die  Drachenberge
vordrangen,  während  sie  hier  durch  Araber  und  Somali  von  der  Küste
aus  bedrängt  wurden.

Die  Bantu  bauen  Durra,  Bohnen,  Mais,  Maniok,  Bataten,  Zuckerrohr,
  Erdnüsse,  Bananen,  Tabak,  Hanf,  Sesam,  Baumwolle,  Dattel-,
Kokos=  und  Weinpalmen.  Sie  haben  Fruchtfolge,  Brache,  Bodenbeschattung
  und  reichliche  Bewässerungsanlagen.  Auf  das  Pflügen  verstehen
sie  sich  nicht,  sondern  bearbeiten  den  Boden  mit  der  Hacke,  wozu  das
        <pb n="138" />
        —  133  —

Eisen  aus  den  Erzen  des  Gebirges  gewonnen  wird.  Die  Hacke  ist  allgemeines
  Zahlungsmittel  im  Seengebiet.

Die  Bantu  züchten  Rinder,  Ziegen,  Hühner  und  neuerdings  auch
Schweine.  Wir  wollen  hier  gleich  erwähnen,  daß  sie  sich  sehr  gelehrig
zeigen  und  unter  europäischer  Anleitung  den  Anbau  unserer  Früchte,
Zitronen,  Orangen,  Mandeln,  Guyaven,  Erd-  und  Stachelbeeren,  Wein
und  aller  nennbaren  Obst-  und  Gemüsesorten  in  Angriff  genommen
haben.  Ob  man  mit  dem  Anbau  von  Baumwolle,  Mohn  und  Kaffee  gute
Erfahrungen  machen  wird,  steht  noch  dahin.  Die  Teestaude  verspricht
dagegen  recht  gute  Erträge,  ebenso  die  Agave,  die  einen  vorzüglichen  Hanf
liefert.  Ferner  wird  der  Kautschukbaum  (Manihot)  mit  Erfolg  gebaut.

Auch  die  Einführung  anderer  Rinderrassen  ist  unsererseits  in  Angriff
genommen  worden.  Die  Viehzucht  ist  namentlich  am  Viktoria-Nyansa
ein  blühendes  Gewerbe.  Sie  liefert  bereits  der  Deutsch-Ostafrikalinie
ihren  ganzen  Bedarf  an  frischem  Fleisch.  Sehr  lohnend  scheint  sich  ferner
die  Eselzucht  gestalten  zu  wollen.

Von  Mai  bis  September  wird  Ostafrika  durch  Südwinde,  Passate,
vom  November  bis  März  durch  den  Nordost-Monsun  beherrscht.
Dies  sind  die  sogenannten  Tradewinds  (Handelswinde),  weil  sich  die
Schiffahrt  nach  ihnen  richtet.  Auch  in  der  Südsee  werden  wir  dieselbe
Erscheinung  wiederfinden.  Hier  hatte  sie  zur  Folge,  daß  die  Araber  und
Inder  einen  regelmäßigen  Verkehr  mit  dieser  Küste  aufrecht  erhielten,
dessen  Entstehung  Tausende  von  Jahren  zurückliegt.

Eine  schwere,  aber  vielleicht  unerläßliche  Aufgabe  der  Deutschen
wird  es  sein  müssen,  sich  mit  diesen  Elementen  gut  zu  stellen,  namentlich
mit  den  Arabern,  welche  auf  dem  Wege  von  Maskat  über  Sansibar
Karawanenstraßen  ins  Innere  organisiert  haben.  Das  Ziel  derselben
war  der  Tanganyika  und  über  diesen  hinaus  der  Kongo.  An  den  Mischlingen
  fanden  sie  willige  Helfershelfer  ihrer  Sklaven=  und  Elefantenjagden,
  willige  Träger  und  Arbeiter  auf  ihren  Plantagen.  Auch  die
Massai,  ein  Hirtenvolk  in  der  regenarmen  Senke  westlich  des  Pangani
(infolge  der  Rinderpest  des  Jahres  1891  völlig  verarmt),  leisteten  den
Arabern  gutbezahlte  Heerfolge,  und  ebenso,  wie  wir  es  selbst  zu  unserem
Schaden  erlebten,  die  Wahehe.  Das  gleiche  kann  von  den  Wahuma  und
den  Mahenge  gesagt  werden,  welche  von  den  friedliebenden  Bewohnern
der  fruchtbaren  Gebiete  wegen  ihres  oft  lächerlich  kriegerischen  Gebarens
mit  dem  Namen  Affen  der  Zulu  belegt  worden  sind.
        <pb n="139" />
        —  134  —

Aus  diesen  Stämmen  setzte  sich  die  Gefolgschaft  der  großen  arabischen
Karawanen  zusammen.  Unternehmer,  von  denen  wir  Tippu-Tip  durch
Stanley,  Buschiri  durch  H.  v.  Wissmann  kennen  gelernt  haben,  waren
mehr  Heerführer  und  Räuberhauptmänner  als  Handelsleute  und  beherrschten
  die  Straßen  von  Sansibar  bis  Nyangwe  am  Kongo.  In  welcher
Weise  sie  ihre  Herrschaft  ausübten,  das  haben  wir  eingangs  dieses

 

 

 

Massaikrieger.

Kapitels  erwähnt.  Aber  sie  stifteten  auch  manches  Gute,  von  der  Einführung
  des  Islam  abgesehen,  und  haben  uns  inbezug  auf  den  Plantagenbau,
  ebenso  wie  auf  Organisierung  eines  förmlichen  Trägervolkes  von
Tausenden  von  Köpfen  in  den  Hafenplätzen  in  einer  Weise  vorgearbeitet,
daß  es  ein  Prüfstein  unseres  eigenen  Könnens  sein  wird,  diese  Einrichtungen
auf  ihrer  Höhe  zu  erhalten.
        <pb n="140" />
        —  135  —

Besonders  würde  es  sich  empfehlen,  die  Araber  von  den  indischen
Geldleihern  und  Kaufleuten  unabhängig  zu  machen,  die  einen  schonungslosen
  Wucher  üben,  und  denen  die  verarmten  Karawanenunternehmer
jetzt,  wo  die  Sklavenjagden  aufgehört  haben,  und  das  Elfenbein  anfängt
selten  zu  werden,  scheinbar  hilf=  und  hoffnungslos  verfallen  sind.

Solche  Inder,  die  englische  Untertanen  sind,  gibt  es  jetzt  etwa  10000
in  den  ostafrikanischen  Küstenstädten.  Sie  lenken  den  Handel  nach  Mombas,
Bombay,  Alexandrien  und  London  hin  ab.

Das  vornehmste  Objekt  des  Karawanenhandels  ist  jetzt  der  Kautschuk.
Es  ist  nicht  gerade  erhebend,  zu  erfahren,  daß  diese  kostbare  Ware  ihren
Weg  über  Sansibar  nimmt,  und  daß  die  englische  Ugandabahn  ebenso
wie  die  portugiesische  Schiffahrt  auf  dem  Schire  unsern  Handel  mit  dem
Seengebiet  abzapfen  und  lahmlegen.

Von  demselben  Gesichtspunkte  aus  ist  die  Angabe  der  Regierungsdenkschrift
  von  1900  bemerkenswert,  daß  die  Maschinen,  u.  a.  Zuckerpressen,
im  französischen  Mauritius  billiger  zu  beschaffen  sind  als  bei  uns,  und
daß  das  Absatzgebiet  z.  B.  für  den  Zucker  vornehmlich  in  Arabien,  Persien
und  Indien  gefunden  wird.  Solche  Verhältnisse  deuten  auf  die  Bildung
eines  Kulturzentrums  der  Zukunft  hin,  das  von  dem  Mutterlande  sehr
unabhängig  dasteht  und  deshalb  so  wenig  wie  möglich  „fiskalisch“  behandelt
  werden  sollte.

Der  Weg  den  Sambesi  hinauf  nach  dem  Tanganyikasee  ist  bereits
außerordentlich  gangbar.  Eine  englische  Dame,  Miß  Helen  Caddik,  hat
ihn  völlig  ohne  Begleitung  eines  Weißen  zurückgelegt.  Sie  wurde  in
ihrer  Hängematte  (machilla)  durch  Wälder  und  über  Ströme  getragen,
und  dazu  genügten  jedesmal  zwei  Neger  (boys  oder  Jungen  genannnt).
Sie  hatte  nicht  ein  einziges  unangenehmes  Abenteuer,  wie  denn  die  Konde
zwischen  den  Seen  am  Kiwirastrom  auch  von  anderer  Seite  als  ein  höchst
gutartiges  Volk  geschildert  werden.  „Nur  einmal“,  so  erzählte  sie,  „waren
meine  boys  müde,  und  ein  Trupp  des  Weges  kommender  Neger  machte
sich  über  sie  lustig.  Plötzlich  ergriffen  zwei  von  ihnen  die  Tragestange
und  liefen  mit  mir  davon,  steile  Felsen  hinauf  und  hinab,  die  ich  zu  erklettern
  nie  gewagt  haben  würde.  Die  anderen  liefen  singend  und  lachend
nebenher  und  lösten  die  freiwilligen  Träger  nach  einer  Weile  ab.  Das
dauerte  über  eine  Stunde.  Endlich  setzten  sie  mich  ans  Ufer  eines  Stromes
nieder  und  liefen  lachend  davon.  Meine  Träger  trafen  nach  einer  Weile
        <pb n="141" />
        —  136  —

auch  ein.  Es  war  eine  Art  freiwilliger  Hilfe  gewesen,  für  die  nichts
gefordert  wurde.“

Auch  die  Kinder  sind  in  dieser  Weise  uneigennützig.  Miß  Caddik
warf  ihnen  oft  Biskuits  zu  und  sah,  wie  die  glücklichen  Fänger  dann
ihre  Beute  ganz  verstohlen  unter  die  anderen  verteilten.

In  dem  Zmwischenseengebiet  fand  sie  in  allen  Dörfern  die  Neger

 

Haartrachten  der  Kondeneger.

fleißig  bei  der  Arbeit.  Der  Boden  um  die  Hütten  wurde  auf  das  sorgsamste
  rein  erhalten.  Die  geringe  Kleidung,  welche  die  Naturkinder  tragen,
zu  flicken  und  in  Ordnung  zu  erhalten,  ist  Sache  der  Männer.  Nachlässigkeit
  in  der  Erfüllung  dieser  Aufgabe  gilt  den  Frauen  als  Scheidungsgrund.
  Baden  und  Waschen  ist  eine  Lieblingsbeschäftigung  dieser
Schwarzen.  Die  Höfe  und  Straßen  Londons,  wo  die  armen  Leute  wohnen,
sind  höllische  Orte,  verglichen  mit  den  Dörfern  dieser  Neger,  die  man
        <pb n="142" />
        Ei

1
1

n  Dorf  der  Kondeneger

’orr.
        <pb n="143" />
        —  138  —

ehedem  als  herrenlose  und  vogelfreie  Leute  der  arabischen  Sklavenjäger
betrachtete.

Über  die  Bantusprache  ist  schon  einiges  gesagt  worden.  Wir  fügen
hinzu,  daß  das  System  der  bezeichnenden  Vorsilben  auch  sachliche  Bedeutungen
  umfaßt.  U  heißt  z.  B.  Land,  Wa  Volk,  Ki  Sprache;  daher
Ugogo  das  Land  der  Wagogo,  Kisuaheli  die  Sprache  der  Suaheli.  Diese
ist  durch  halb  Zentralafrika  die  herrschende  Verkehrssprache  und  ebenso
wie  die  Suaheli,  d.  h.  Küstenbewohner,  selbst  stark  mit  arabischen  Elementen
  durchsetzt.

Die  Bantu  haben  eigenartige  Industrien.  So  ziehen  sie  ihren  Kupferdraht,
  der  als  Schmuck  getragen  wird,  indem  sie  ein  durchlochtes  Eisen
in  einem  durchbohrten  Baumstamm  anbringen.  Das  Ende  des  Kupferdrahtes
  wird  durch  dieses  Loch  gesteckt,  mit  einer  Zange  ergriffen,  und
dann  ziehen  ihrer  zehn,  ja  zwanzig  an  diesem  Ende  und  wiederholen  den
Vorgang  mit  engeren  Eisen,  bis  die  gewünschte  Feinheit  erreicht  ist.

Miß  Caddik  beschreibt  die  Kaffeeplantagen,  Wege,  Stationen,  Kirchen
und  Schulen  dieser  Neger,  auch  ihre  Märkte.  In  jedem  Dorf  entfaltete
sie  ihre  Schätze,  hauptsächlich  Kaliko,  zum  Eintausch  für  Lebensmittel
und  bekundet,  nie  übervorteilt,  geschweige  denn  bestohlen  worden  zu  sein.
Die  Neger  dieser  Gebiete  erblicken  im  Weißen  ihren  Befreier  und  verehren
  ihn.  Möge  es  immer  so  bleiben!

Die  Tatsache,  daß  eine  unbeschützte  einzelne  Dame  (und  sie  hat
Nachahmer  gefunden)  Tausende  von  Meilen  durch  Innerafrika  zurücklegen
konnte,  ist  wohl  geeignet,  uns  gegenüber  den  Schilderungen  stutzig  zu
machen,  die  in  der  afrikanischen  Urbevölkerung  uns  nichts  erblicken  lassen
wollen  als  die  Träger  todeswürdiger  Erbsünde.

Allerdings  muß  der  Kulturmensch  Europas  sich  damit  abfinden,  daß
seine  Neuordnungen  auf  Widerstand  stoßen.  Wie  in  Kamerun  eine
Dampferexpedition  einen  Aufstand  hervorrief,  der  um  so  weniger  verwunderlich
  ist,  da  selbst  im  Herzen  Deutschlands  der  erste  Dampfer  vom
heimischen  Pöbel  zerstört  wurde,  nämlich  der  Papin'sche  bei  Münden
1707,  so  stößt  jede  Neuerung,  die  Menschenarbeit  erspart  oder  in  andere
Bahnen  lenkt,  auf  Widerstand,  die  vis  inertiae,  die  allen  Dingen  und
Wesen  innewohnt.  Auch  gibt  es  Bevölkerungen,  die  in  solchen  Neuerungen
eine  Beeinträchtigung  ihrer  alten  Sitten  und  Bräuche  finden.  Ferner  hat
der  Kolonisator  mit  dem  Bewußtsein  der  Alteingesessenen  zu  kämpfen,
daß  seine  Herrschaft  über  den  altererbten  Boden  beeinträchtigt  würde.
        <pb n="144" />
        —  139  —

Endlich  ist  die  Religion  ein  steter  Streitapfel  gewesen,  und  noch  schlimmer
wirken  die  Rechtssatzungen,  welche  eine  rücksichtslose  Eintreibung  leichtsinnig
  gemachter  Schulden  gestatten.  Diese  sollen  in  Südwest  den  ersten
Anlaß  zu  jenem  Kriege  gegeben  haben,  dem  wir  ein  besonderes  Kapitel
widmeten.

Es  sollte  bedacht  werden,  daß  zu  einem  leichtsinnigen  Schuldenmacher
  ein  entweder  selbst  leichtsinniger  oder  einfach  wucherischer  Kreditgeber
  und  Verführer  gehört,  und  daß  es  falsch  ist,  nur  diesen  des
staatlichen  Schutzes  für  würdig  zu  halten.  Denn  allein  diesem  einseitigen
Grundsatz  entspringen  alle  jene  Übelstände,  die  schließlich  dem  Gedeihen
des  Ganzen  den  Boden  entziehen.

Alle  diese  Dinge  wirkten  wohl  zusammen,  auch  auf  dem  heißen
und  vielumworbenen  Boden  des  Ostens  einen  Aufstand  hervorzurufen,
der  fast  ein  Drittel  des  Schutzgebiets,  nämlich  das  südliche,  heimsuchte.
Die  Matumbi  am  Nyassa  erhoben  sich  im  Juli  1905  und  zerstörten  die
indische  Küstenansiedlung  Ssamanga,  wobei  ein  europäischer  Ansiedler  in
Mtumbei  seinen  Tod  fand.  Im  August  mordeten  die  Wandonde  den
Bischof  Cassian  Spieß  und  vier  Begleiter  und  zerstörten  die  Bezirksnebenstelle
  Liwale  im  Hinterlande  von  Kilwa.  Auch  im  südlichen  Teile  des
Bezirks  Daressalam  am  Rusidschi,  oder  Rufidji,  meldete  sich  ein  rebellischer
Geist.  Obwohl  die  Unseren  nur  eine  Kompagnie  stark  waren,  die  in  Irriga
stand,  der  einige  Matrosen  des  Kreuzers  „Bussard“  nebst  einer  Abteilung
Askari  zu  Hilfe  eilten,  gelang  es  doch,  Mahenga  und  Ssongea  bald  zu
entsetzen.  Ein  Detachement  der  Kompagnie  in  Bismarckburg  nahm  an
dieser  Aktion  teil.  Im  September  und  Oktober  trafen  die  Kreuzer  „Seeadler“
  und  „Thetis“  ein  mit  einer  Kompagnie  Marine-Infanterie  und
230  in  Massauah  geworbenen  Sudanesen.  Bis  Januar  1906  trieben
dann  die  Moajore  Johannes  und  Freiherr  v.  Schleinitz,  ersterer  in  den
Vidundabergen  und  im  Bergland  Upangwa,  die  vereinigten  Wandonde,
Wangindo  und  Wagoni  völlig  zu  Paaren.  Außerordentlich  tapfer  erwiesen
sich  die  Missionare  Gröschel  und  Hahn  in  Pangira,  auch  Jacobi  genannt,
und  Schumann  aus  Lupembe,  die  nach  hartem  Kampf  die  Häuptlinge  in
ihrem  Bereich  in  der  Treue  gegen  Deutschland  erhielten.  Solche  Einflüsse
  und  schnelles  Handeln  verhinderten  die  weitere  Ausbreitung  dieser
gefahrdrohenden  Erhebung.  Wir  verloren  an  Toten  4  Mann  der  Schutztruppe,
  7  Matrosen,  66  Askaris  und  245  Hilfskrieger.

Das  Herz  unseres  Schutzgebiets  blieb,  wohl  dank  seinem  regen  Ver-
        <pb n="145" />
        Askari.

 

 

kehr,  ruhig.  Als  solches  kann
man  die  Gegend  von  Ta—
bora  bezeichnen.

Unsere  Karawanenstraßen
gehen  von  der  Küste  den  Ru—
fidschi  hinauf  und  den  Mlagarassi
  hinab  zum  Tanganyika.
Auf  der  Wasserscheide  zwischen
beiden  Gebieten  liegt  jene  bedeutende
  Stadt.  Hier  kreuzt
sich  auch  die  südnördliche
Straße  mit  der  ostwestlichen
und  führt  nach  dem  Viktoria-Nyansa
  und  dem  britischen
Uganda.  Eine  andere  Handelsstraße
  führt  den  Ruvuma
hinauf  zum  Nyassa.  An  dessen
Spitze  liegt  der  Hafenort  Langenburg
  mit  Wangemannshöh,
das  durch  die  in  der  Nähe
gefundenen  großen  Kohlen-=lager
  eine  hervorragende  Bedeutung
  gewinnt.  Von  dort
aus  gabeln  sich  zwei  Straßen
nach  dem  Rikwasee  und  dem
Tanganyikasee.  Endlich  führt
eine  Straße  den  Pangani
hinauf  zum  Kilimandscharo,
dessen  Südhänge  mit  Uganda
an  Fruchtbarkeit  wetteifern
und  dessen  Höhen  die  vornehmsten
  Zufluchtsorte  vor  den
Verheerungen  des  Fiebers  für
den  Europäer  bilden.  Usambara,
  nördlich  des  Pangani,
ist  zurzeit  unser  Hauptplantagengebiet,
  findet  aber  durch
        <pb n="146" />
        —  141  —

die  Station  Wilhelmstal  einen  Abfluß  seines  Handels  nach  dem  britischen
Mombas,  mit  welchem  die  deutschen  Häfen  von  Tanga  und  Pangani  in
regem  Wetteifer  stehen.  Ersterer  ist  Ausgangspunkt  unserer  ersten  Eisenbahn,
  die  vorläufig  nur  bis  Korogwe  am  Panganifluß  geführt  worden  ist.
Der  Bau  einer  sogenannten  ostafrikanischen  Zentralbahn  von  Daressalam
bis  Mrogoro  schreitet  vorwärts.  Die  Bahn  ist  zurzeit  bis  Km  55  befahrbar.
  Ihre  Fortsetzung  über  Tabora  bis  Udjidji  am  Tanganyika  ist

 

 

 

 

Offiziere  der  Schutztruppe  auf  Zebras.

nur  eine  Frage  der  Zeit.  Freilich  ist  auch  jeder  Tag  verloren,  der  bis
dahin  verstreicht.  Auch  ist  eine  Expedition  ausgerüstet  worden,  die  unter
Führung  des  Ingenieurs  Mavrocordato  von  Daressalam  aus  über
Kilossa  bezw.  Mpapua  die  Führung  einer  Bahnlinie  nach  der  Südspitze
des  Tanganyika  Sees  studiert.

Weiter  südlich,  dem  blühenden  Handelszentrum  Sansibar  gegenüber,
liegen  unsere  Häfen  Saadani,  Bagamoyo  und  Daressalam,  die  frühere
Ausfallspforte  des  Sklavenhandels.  Auf  der  südlichen  Hälfte  unserer
        <pb n="147" />
        —  142  —

Küste  sind  ferner  erwähnenswert  Kilwa-Kivindje,  Lindi  an  der  Mün—
dung  des  Lukutedi,  Kionga  an  der  des  Ruvuma  und  zwischen  beiden
Milandami.

Alle  übrigen  namhaften  Orte  liegen  an  den  Karawanenstraßen.  Unter
ihnen  ist  Mpapwa  als  die  letzte  Ruhe=  und  Ausrüstungsstation  am  Rande
der  Wüste  Ugogo  auf  dem  Wege  nach  Tabora  besonders  beachtenswert,
ferner  eine  Reihe  von  Häfen  an  den  großen  Binnenlandseen,  wie  Kirando,
Albertville,  gegenüber  dem  Abfluß  des  Tanganyika  in  den  Kongo,  dem
Lukuga,  Udjidji  bei  der  Mündung  des  Mlagarassi  und  Usige  an  der
Spitze  jenes  merkwürdigen  Sees.

Die  Zahl  der  Eingeborenen  beträgt  nach  neuesten  Schätzungen  sehr
viel  über  6  Millionen,  von  denen  die  Hälfte  allein  auf  den  Bezirk  Udjidji
kommt.  Auch  Tabora  mit  einer  halben  Million,  ferner  Bukoba,  Muanja,
Langenburg  und  Lindi  zeichnen  sich  durch  Dichtigkeit  der  Bevölkerung
aus.  Die  Zahl  der  Weißen  beträgt  2465.  Sie  hat  sich  während  der
letzten  drei  Jahre  kaum  verdoppelt,  was,  wie  Graf  Götzen,  der  frühere
Gouverneur,  dem  Deutschen  Landwirtschaftsrat  1907  klagte,  wohl  auf  ein
noch  zu  geringes  Interesse  in  Deutschland  für  unfre  Kolonien  hinweist.
Vor  allen  Dingen  fehle  es  hier  an  praktischen  Landwirten,  doch  blühe
die  Forstkultur,  die  staatlich  geregelt  ist.

Von  jenen  2465  Weißen  sind  1499  Deutsche,  441  Engländer,
davon  366  Südafrikaner,  148  Griechen,  90  Franzosen,  88  Italiener,
61  Osterreicher  und  Ungarn,  35  Holländer,  25  Türken  und  Montenegriner,
  21  Schweizer  und  57  „Sonstige“.

Die  Zahl  der  Frauen  ist  auf  361  gestiegen,  16  Ehen  wurden  dort
geschlossen  und  sogar  45  weiße  Weltbürger  geboren.

Die  Verteilung  zeigt  ein  rasches  Anwachsen  von  Daressalam  mit
771  und  Moschi  mit  463  Weißen,  in  letzterem  Bezirk  dank  der  Bureneinwanderung.
  Langenburg  hat  infolge  der  Unruhen  verloren,  116  gegen
124  im  Vorjahre.  Tanga  zählt  202,  Wilhelmstal  116  Weiße.  Von
diesen  sind  nur  284  Ansiedler  und  Farmer,  125  Handwerker,  Bergleute
und  Arbeiter,  131  Techniker  und  Gewerbetreibende,  dagegen  Händler  196,
Beamte  243,  Schutztruppler  207,  Geistliche  298.  Die  Zählungen  der
farbigen  Bevölkerungen  sind  unzuverlässig.  Tanga  wurde  früher  mit
weit  über  6000  Einwohnern  angegeben.  Jetzt  hat  man  den  Nordbezirk
neu  begrenzt  und  zählt  nur  5689,  in  Tabora  nur  37000.  Der  Westen
des  Viktoriasees  ist  ferner  weit  volkreicher  als  man  annahm.  Am  Ostufer
        <pb n="148" />
        uabaoagvavquivln  uoq  un  agdvagluauvaivav
        <pb n="149" />
        —  144  —

des  Tanganyika  findet  eine  Ansiedlung  aus  dem  Kongostaat  statt.
Morogoro  ist  neu  angelegt  und  zählt  jetzt  schon  868  Einwohner.  Ferner
haben  Daressalam  24.000,  Udjidji  14000,  Bagamoyo  4578,  Kilwa  4477,
Lindi  3800,  Pangani  3200,  Sadani  1744,  Mikindani  1460  Einwohner.

In  neuerer  Zeit,  1907,  ist  eine  Ansiedlung  von  aus  Rußland  vertriebener
  Deutsch-Russen  am  Maruberge  mit  Erfolg  ins  Werk  gesetzt
worden.  Der  alte  Afrikaner,  Hauptmann  a.  D.  Leue,  berichtet  darüber:
Einige  Hektar  hatte  jeder  Ansiedler  schon  unter  Kultur  genommen.  Bei

 

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Das  Kaiserliche  Bezirksamt  in  Daressalam.

meiner  Anwesenheit  war  der  Leiter  der  Bezirksnebenstelle  Arescha,  Bezirksamtssekretär
  Zenke,  damit  beschäftigt,  den  Leuten  noch  weiteres  Ackerland,
  bis  zu  50  Hektar  pro  Familie,  über  die  Flüsse  hinaus  zuzumessen.
Großes  Gewicht  legten  die  Ansiedler,  als  frühere  Weinbauern,  auf  den
Anbau  von  Wein,  von  dem  einige  schon  gegen  120  Stöcke  angepflanzt
hatten.  Die  Reben  sind  so  gut  gediehen  und  so  schnell  gewachsen,  daß
sie  nach  Ansicht  der  Besitzer  schon  im  nächsten  Jahre  tragen  dürften.  Die
Feldprodukte,  die  die  Siedler  bisher  geerntet  haben,  vor  allem  die  europäischen
  Kartoffeln,  waren  erster  Qualität.  Im  größeren  Stile  gedenken
        <pb n="150" />
        —  145  —

die  Deutsch-Russen  Kaffeegärten  anzulegen,  da  die  Kaffeekultur  sich  im
Kilimandscharo-Gebiet  als  ganz  besonders  ergiebig  erweist  und  sehr  wohl
für  die  Siedler  als  Einnahmequelle  dienen  kann.  Jeder  Ansiedler  ist
ferner  im  Besitz  von  sechs  bis  sieben  Rindern,  zwanzig  Stück  Kleinvieh
und  einer  Menge  von  Enten  und  Hühnern.  Surrah  und  Texasfieber  sind
bis  jetzt  nicht  vorgekommen.  Das  Klima  des  Landes  ist  herrlich.  Trotzdem
  ich  mich  auf  der  Siedlung  im  heißesten  Monat  des  Jahres  auf—
hielt,  so  sah  ich  mich  doch  morgens  und  abends  gezwungen,  über  meine
weiße  Tropenkleidung  einen  europäischen  Rock  anzuziehen.  Im  Zelte
beobachtete  ich  um  diese  Zeit  stets  120  R.,  und  nur  um  die  Mittagszeit
nahm  die  Temperatur  einen  mehr  tropischen  Charakter  an.  Über  Nacht
wurde  ich  kaum  unter  zwei  Kamelhaardecken  warm!  Nach  Aussage  der
Deutsch  -Russen  soll  es  überhaupt  am  Meru  lange  nicht  so  heiß  sein,
wie  sie  es  vom  Kaukasus  her  gewöhnt  sind.  Moskitos  gibt  es  nicht.
Das  Wasser  der  selbst  in  der  Trockenheit  fußtiesen  Quellflüsse,  aus  denen
die  Ansiedler  ihren  Bedarf  schöpfen,  ist  so  kalt,  wie  man  es  nur  wünschen
kann.  Dabei  ist  es  kristallklar  und  im  Geschmack  erfrischend.  Kein  Wunder,
wenn  unter  diesen  Umständen  der  Gesundheitszustand  auf  der  Siedlung
ein  vorzüglicher  ist.  Abgesehen  von  der  Sandflohplage,  unter  der  die
Leute  anfangs  gelitten  haben,  hat  sie  kein  Übel  betroffen.  —  —  Wie
wohl  sich  die  Deutsch-Russen  in  Ostafrika  fühlen,  zeigt  schon  der  Umstand,
  daß  sowohl  die  erste  wie  die  zweite  Partie  ihre  Verwandten  nachkommen
  lassen  will  und  daß  zwischen  beiden  Gruppen  infolgedessen  eine
gewisse  Rivalität  herrscht.  Mit  der  Bevölkerung  stehen  sich  die  Ansiedler
  aufs  beste.  Die  Arbeiterverhältnisse  sind  sehr  günstige  zu  nennen.
Die  Wameru  kommen  sehr  gern  zur  Arbeit  und  der  Lohn  beträgt  nur
10  Heller  =  13  Pfennige  pro  Tag  und  Kopf.

Was  den  Gesundheitszustand  im  allgemeinen  anbetrifft,  so  zeigen
die  53  Todesfälle  auf  2465  Weiße  nichts  anormales.  Der  Bahnbau
nach  Morogoro  zeitigte  viele  Fieberfälle,  die  aber  gutartig  blieben.  Auch
hat  die  Pest  in  Sansibar,  die  Schlafkrankheit  am  Viktoria-Nyansa  und
Tanganyika  an  unsern  Grenzen  Halt  gemacht.  Unser  großer  Bakteriologe
Koch  hat  sogar  gegen  die  letztere  ein  Spezifikum  gefunden,  dem  unfre
Krankenanstalten  Ruhm  und  Zulauf  verdanken.

Die  Einnahmen  der  Kolonie  betrugen  im  Jahre  1905  5⅛  Millionen
und  fast  6  Millionen  Reichszuschuß.

Der  Wert  des  Gesamthandels  hielt  sich  bis  1902  zwischen  10  und

Beta,  Das  Buch  von  unsern  Kolonien.  10
        <pb n="151" />
        —  146  —

16  Millionen  Mark.  Er  stieg  1905  auf  27,6  Millionen,  17,65  Einfuhr
und  9,95  Ausfuhr.  Und  zwar  kommt  von  der  letzteren  eine  Steigerung
im  Betrage  von  3,74  Millionen  lediglich  auf  Rechnung  der  englischen
Ugandabahn  und  die  Häfen  am  Viktoriasee.

Erfreulich  ist,  daß  Sansibar  sehr  merklich  zurücktritt.  Aber  die  Pest
dort  und  die  Eisenbahn  hier  beeinflussen  das  Bild  sehr  wesentlich.  Bei  der
Einfuhr  steht  Bagamoyo  mit  1,8  Millionen  voran,  Tanga  folgt  mit  1,4,
Daressalam  mit  1,25,  während  es  bei  der  Einfuhr  mit  4,85  Millionen

 

 

Kirche  in  Rungue.

an  erster  Stelle  steht.  Es  folgen  Kilwa,  Pangani,  Lindi,  Muanza.
Udjidji  steht  ganz  unten  und  wird  von  Bismarckburg  mit  21000  Mark
Ausfuhr  überflügelt.

Vom  Gesamthandel  entfielen  1905  auf  Deutschland  50,  auf  Sansibar
31,5,  auf  Indien  10  Prozent.  Der  Verkehr  vollzieht  sich  ausschließlich
in  Rupien  (1,40  Mark),  von  denen  im  Jahr  1905  eine  Million  neu  ausgeprägt
  wurde.

Wie  es  scheint,  „thesauriert“  die  Bevölkerung  das  Silber  ähnlich  wie
in  Indien,  was  dem  Silberkurse  gute  Dienste  leisten  würde.  Geklagt
        <pb n="152" />
        wird  über  den  Mangel  an  einem  Kreditinstitut.  Die  bestehende  Deutsch-Ostafrikanische
  Bank  gibt  sich  zu  solchen  Diensten  nicht  her,  macht  aber
fleißig  Papiergeld.

Von  der  Ausfuhr  entfielen  1905  in  Millionen  Mark  auf  Kautschuk  2,26,
Kopra,  Sesam  und  Erdnüsse  (d.  s.  Olfrüchte)  1,3,  Häute  und  Felle  1,5,
Hanf,  Flachs,  Bast  1,07  (dazu  Baumwolle  0,2),  Wachs,  Kaffee  (abnehmend)
  0,5,  Elfenbein  0,5,  lebendes  Vieh  0,2,  Kopal  0,  13.

 

 

Kultur  in  Deutsch-Ostafrika.

Das  Schürfen  nach  Gold  scheint  so  ziemlich  aufgehört  zu  haben.
Dagegen  findet  eine  Ausfuhr  von  Glimmer  aus  den  Vitimiribergen  statt,
welches  technisch  mit  5  Mark  das  kg  bewertet  wird.  Auch  Salz  wird
gewonnen.

Die  Einfuhrliste  deutet  auf  steigende  Kaufkraft  der  Eingeborenen
hin:  Textilwaren  6,8,  Metallwaren  3,2,  Reis  usw.  1,6,  Genußmittel  0,5,

10*
        <pb n="153" />
        —  148  —

Stein-,  Ton=  und  Glaswaren  0,35  Millionen  Mark.  Das  in  Daressalam
gebraute  leichte  Bier  fängt  an  die  schwereren  Importbiere  zu  verdrängen.
Die  Getränke  fielen  auf  dieser  Liste  um  100000  Mark  gegen  das
Vorjahr.  «

Die  Schiffahrt  vollzieht  sich  durch  die  Deutsche  Ostafrikalinie  in
vierzehntägigen  Fahrten  und  zahlreiche  einheimische  und  indische  Daus.

 

 

 

 

 

Deutsch-Ostafrikanerinnen.

Einmalige  Sonderfahrten  mehren  sich.  Auch  englische  Schiffe  aus  Sansibar
laufen  an,  ebenso  französische.  In  Daressalam  befindet  sich  ein  Schwimmdock
  und  eine  Kaianlage.

Die  Postanstalten  haben  sich  auf  32  vermehrt;  davon  liegen  23
im  Innern,  mit  sehr  verschiedenen  Bestellungszeiten.  Zwei  bis  dreimal
monatlich  findet  die  Versendung  von  Daressalam  nach  den  Küstenplätzen
statt.  Die  Beförderungsdauer  nach  Usambara  beträgt  40  Tage.  Die
        <pb n="154" />
        —  149  —

Briefsendungen  usw.  beliefen  sich  auf  2  Millionen,  die  Geldsendungen
auf  über  14  Millionen  Mark.

Die  Missionen  sind  sehr  zahlreich.  In  vielen  wird  Deutsch  ge—
lehrt.  Sie  haben  in  den  letzten  Jahren  heroisch  gegen  die  Verheerungen
der  Hungersnot  und  Seuchen  angekämpft  und,  wie  schon  angegeben,
während  des  Aufstandes  tapfer  eingegriffen.  Die  „Weißen  Väter“  haben
besonders  schwer  gelitten.  Der  Deutsche  Frauenverein  für  Kranken—

pflege  schloß  sich  ihnen  aufopferungsvoll  an.

 

Straße  in  Tanga.

Nichts  wirkt  auf  die  Eingeborenen  versöhnender  als  solche  Pflege
und  ärztliche  Hilfe.  Es  wird  den  Weißen  daher  leicht,  durch  rationelle
Heilkunde  sich  an  die  Stelle  der  bösartigen  Fetischpriester  zu  setzen.  Emin
Pascha,  Livingstone,  H.  v.  Wissmann  und  die  erfolgreichen  Missionare
haben  sich  dieser  Hilfe  hauptsächlich  bedient.  Die  Eingeborenen  leiden
besonders  an  Wunden  und  Geschwüren,  die  sie  sich  durch  ihre  Achtlosigkeit
  gegen  die  gefährlichen  Hautschmarotzer,  Sandflöhe  usw.  zuziehen.
Unserer  Heilkunde  gelingt  es  leicht,  hier  lindernd  und  heilend  beizuspringen.
Aber  auch  unsere  Medizinen  werden  von  den  kindlichen  Negern  gern  ge-
        <pb n="155" />
        —  150  —

nommen,  denen  der  gute  Glaube  mehr  hilft  als  das  Mittel  selbst.  Wer
mit  wirklichem  Erfolg  bei  den  Eingeborenen  arbeiten  will,  der  wird  sich
dieses  Winkes  gewiß  mit  Vorteil  erinnern.

Ferner  besteht  ein  System  der  Freilassungen  von  Sklaven,  die  als
solche  nicht  vererbt  und  verkauft  werden  können.  Im  Jahre  1905  wurden
2825  Freibriefe  erteilt  und  4  Personen  wegen  Sklavenhandels  verurteilt.

Die  Regierungsschulen  in  Tanga,  Bagamoyo,  Mlingokini  und
Mbweni  mit  Hinterland=  und  Handwerkerschulen  zählen  zurzeit  etwa
3265  Schüler  und  48  Lehrlinge.  Die  Anstelligkeit  und  Lernbegierde  der
Eingeborenen  erfahren  großes  Lob.  Die  Koranschulen  haben  ihre  Tätigkeit
  eingestellt.

Es  läßt  sich  nicht  leugnen,  daß  wir  noch  immer  aus  dem  Rohen
nicht  heraus  sind.  Das  Wachs  z.  B.,  welches  zum  Export  gelangt,  wird
von  den  Eingeborenen  durch  Fällen  der  Bäume  gewonnen,  auf  denen
die  Bienen  nisten.  Mit  dem  Anbau  der  Baumwolle  will  es  nicht  recht
vorwärts  gehen,  obwohl  das  am  Rufidschi  gewonnene  Produkt  erstklassig  ist
und  mit  102  Mark  der  Zentner  bewertet  wird.  Das  kolonialwirtschaftliche
  Komitee  hat  jetzt  ein  paar  Lokomobilen  und  Dampfpflüge  dahin
gesandt.

Am  schlimmsten  ist  der  Mangel  an  Verkehrsstraßen.  Darunter
leiden  besonders  unfre  Seengebiete.

Ein  wertvolles  Ergebnis  der  kolonialen  Studienreise  unfres  Reichstagsabgeordneten
  Dr.  Arendt  ist  folgendes  Detail,  die  deutschen  Stationen
am  Viktoriasee  betreffend.  Der  gesamte  Handel  im  Seengebiete  stieg
innerhalb  zweier  Jahre  von  446  300  auf  3723392  Mark,  d.  i.  auf  mehr  als
das  Achtfache.  Diese  glänzende  Entwicklung,  die  sich  noch  fortsetzt,  ist
eine  Folge  der  Eröffnung  der  englischen  Ugandabahn  und  der  Eröffnung
einer  englischen  Dampfschiffahrt  auf  dem  Viktoriasee.  Die  Engländer
haben  dadurch  den  Handel  unserer  Kolonie  entwickelt;  ja  sie
haben  sogar  das  Geld  gegeben  für  den  Bau  des  Piers  in
Muanza.  Sonst  hätte  diese  Station,  die  1905  einen  Handel  von  fast
2½  Millionen  Mark  hatte,  noch  keine  ordentliche  Landungsgelegenheit.
Auch  haben  die  Engländer  eine  Automobil-Verbindung  zwischen  ihrer
Bahn  und  unserm  Kilimandscharo  hergestellt.  Unser  Verkehr  mit  diesem
gewaltigen  Entwicklungsgebiet  vollzieht  sich  immer  noch  auf  schmalem
Fußpfad,  wobei  die  Träger  je  60  Pfund  auf  dem  Kopfe  tragen.  Zum
Tanganyika  dauert  ein  solcher  Marsch  90  Tage.
        <pb n="156" />
        —
–

 

—  —
—

Karawanenpfad  und  Flußübergang  in  der  Regenzeit.
        <pb n="157" />
        —  152  —

Wohl  nicht  mit  Unrecht  spricht  man  unter  solchen  Umständen  von
einer  Versündigung  des  „deutschen“  Kapitals  gegen  unsre  wertvollste
Kolonie.

Freilich  handelt  es  sich  hier  um  sehr  jungfräulichen  Boden.  Erst
1856  entdeckten  Burton  und  Speke  den  Tanganyika  und  1860  Speke
und  Grant  den  Viktoriasee.  Das  Geheimnis  der  Nilquellen,  das  den
Jahrtausenden  widerstanden  hatte,  erfuhr  damit  seine  Lösung.  Baron
v.  d.  Decken  drang  1861  mit  Thornton  bis  zum  Kilimandscharo  vor.
Er  wurde  1865  bei  Bardera  ermordet.  Cameron  ging  auf  Livingstones
Spuren  1873  über  den  Tanganyika  bis  Angola,  Stanley  1874  nach
Uganda  zum  Albert  Nyansa  und  fuhr  vom  Tanganyika  aus  den
Lualaba  abwärts  zum  Kongo.  Der  Rikwasee  wurde  1878—80  von
J.  Thomson  entdeckt,  ebenso  das  Aberdaregebirge.  Den  Kilimandscharo
zu  ersteigen  gelang  erst  1887  und  1888  den  Deutschen  Hans  Meyer  und
Baumann  sowie  dem  Österreicher  Grafen  Teleki.  Dann  wurden  eine
Reihe  von  Expeditionen  unter  Fischer,  Peters,  Swayne,  Jackson,  Pigott  usw.
ausgesendet,  um  die  durch  den  Mahdi-Aufstand  abgeschnittenen  Forscher
Emin  Pascha  (Schnitzer),  Junker,  Casati  und  Lupton  zu  befreien.  Sie
brachten  zwar  nicht  Emin,  aber  so  manche  neue  Kunde  heim.  Erst
Stanley  erreichte  Emin  vom  Kongo  aus  und  brachte  ihn  im  Mai  1889
nach  Bagamoyo.  Unserm  Wissmann  gelang  es,  den  lange  gesuchten  und
viel  umworbenen  Mann  in  deutsche  Dienste  zu  nehmen.  Er  zog  aber
eigenwillig  über  den  Tanganyika  und  wurde  in  der  gefahrvollen  Zone
der  früheren  Sklavenjagden  ermordet.  Die  Insel  Ukerewe  auf  dem  gleichnamigen
  See  (Viktoria)  wurde  1891  von  Dermott  durchsucht,  und  Baumann
  entdeckte  1892  den  150  km  langen  und  30—50  km  breiten  Salzsee
Eyassi  und  den  Lgarriasee,  welche  Zeugnis  dafür  ablegen,  daß  in  diesem
Gebiet  ehedem  viele  ausgedehntere  Binnenwasserflächen  vorhanden  gewesen
  sind.
        <pb n="158" />
        MSBiuaeiter  Teil:  Im  Stillen  Ozean.

 

 

 

Neu-Guinea  oder  Kaiser-Wilhelmsland.

Wir  versetzen  uns  nun  um  etwa  hundert  Grad  nach  Osten.  Zwischen
Deutsch-Ostafrika  und  unserem  Schutzgebiet  in  der  „Südsee“  liegt  so
ziemlich  die  ganze  Länge  Asiens.

Neu-Guinea  ist  die  größte  Insel  der  Erde,  wenn  man  Australien
als  Erdteil  rechnet.  Sie  ist  die  nordöstlichste  der  gewaltigen  Inselgruppe,
welche  von  den  Philippinen  und  den  Großen  Sundainseln  bis  Neu-Seeland
  ein  Areal  bedeckt  fast  so  groß  wie  Afrika.  Es  reicht  von  Wendekreis
  zu  Wendekreis,  und  Neu-Guinea  selbst  stößt  mit  seiner  Nordwestspitze
  an  den  Aquator.

Mit  dem  Namen  Kaiser-Wilhelmsland  bezeichnet  man  den  deutschen
Teil  von  Neu-Guinea.  Sein  Flächeninhalt  beträgt  etwa  halb  so  viel
wie  der  des  Königreichs  Preußen.  Auch  dieses  Schutzgebiet  ist  ein
tropisches  und  teilt  in  vielen  Dingen  die  Natur  der  bisher  geschilderten
Landstriche.

Ebenso  bietet  der  Werdegang  dieser  Erwerbung  ähnliche  Phasen.
Hanseatische  Reeder  und  Kaufßherren  hatten  Faktoreien  angelegt,  die  sich
auf  die  Küste  von  Neu-Guinea  erstreckten,  dessen  westliche  Hälfte  bereits
durch  die  Holländer  von  den  benachbarten  Sundainseln  aus  in  ihr
Interessenbereich  gezogen  worden  war.  Zugleich  hatte  eine  1884  in
Berlin  durch  den  Bankier  von  Hansemann  gebildete  Gesellschaft  den
Reisenden  Dr.  Otto  Finsch  entsandt,  der  im  Bismarck-Archipel  (unseren
nördlich  von  Neu-Guinea  liegenden  Inseln)  und  auf  Neu-Guinea  selbst
die  deutsche  Flagge  heißte.  Auch  hier  erhob  England,  und  zwar  auf
heftige  Vorstellungen  Australiens,  Einspruch,  und  auch  hier  gelangte  es
mit  uns  zu  einem  Abkommen.  Danach  wurde  die  östliche  Hälfte  Neu-Guineas
  durch  eine  Mittellinie  zwischen  Deutschland  und  England  geteilt.
        <pb n="159" />
        —  154  —

Die  Größenverhältnisse  sind:  holländisch  397,  englisch  229  und
deutsch  181  Tausend,  genauer  181  659  qkm,  ohne  die  vorliegenden
Inseln.  Durch  kaiserlichen  Schutzbrief  vom  17.  Mai  1885  wurde  diese
Erwerbung  mit  allen  Rechten  der  genannten  Gesellschaft  übertragen,  der
sich  die  Deutsche  Handels=  und  Plantagengesellschaft  der  Südsee  und  die
Firma  Hernsheim  und  in  einem  späteren  Stadium  die  kapitalkräftigere
Astrolabe-Gesellschaft  anschlossen.  Nur  die  Regelung  der  internationalen
Beziehungen  verblieb  einstweilen  dem  Reich.

Am  5.  November  1885  wurde  Finschhafen,  später  der  gesündere
Friedrich-Wilhelmshafen  Sitz  der  Verwaltung  unter  einem  Landeshauptmann.
  Weitere  Stationen  sind  Hatzfeldt-Hafen,  Stephansort,
Erima,  Jomba,  Marago.  Etwa  in  der  Mitte  der  Küste  liegt
die  große  Astrolabe-Bai  mit  mehreren  guten  Häfen,  dem  Konstantin-Hafen,
  Friedrich-Wilhelmshafen,  Prinz-Heinrich-Hafen,  und  an  der
Nordgrenze  die  Humboldt-Bai.  Es  fehlte  auch  hier  dem  deutschen
Kapital,  welches  den  Geburtsfehler  der  zu  teuren  Entstehung  nicht  verleugnen
  kann,  die  nachhaltige  Kraft.  Die  Ausgaben  betrugen  1891
allerdings  8  Millionen  Mark,  denen  nur  geringe  Einnahmen,  etwa
600  000  Mark,  gegenüberstanden,  so  daß  sich  endlich  am  1.  April  1899
das  Reich  ins  Mittel  legte  und  die  Verwaltung  und  Landeshoheit  wieder
übernahm.

Auch  äußere  Ursachen  wirkten  zu  diesem  Versagen  der  privaten
Kräfte  mit.  Die  übrigen  Kolonien  ziehen  einen  großen  Teil  ihrer  Einnahmen
  aus  dem  Tauschhandel  mit  den  Eingeborenen.  Auf  Neu-Guinea
versagte  diese  Einnahmequelle.  Die  Eingeborenen  entzogen  sich  jedem
Verkehr  mit  den  neuen  Gebietern.  Dazu  kam,  daß  außer  einer  geringen
Ernte  von  Kokosnüssen,  Trepang,  Perlmutter  usw.  nennenswerte  Tauschartikel
  nicht  vorhanden  sind.  An  die  kostbaren  Hölzer  in  den  die  Gebirge
bedeckenden  Urwäldern  konnte  man  zu  jener  Zeit  noch  nicht  heran.  Der
gangbarste  Wertmesser  scheint  in  den  Bälgen  der  Paradiesvögel  zu  bestehen,
  die  dieser  und  den  vorliegenden  Inseln  des  Bismarck-Archipels
ausschließlich  eigen  sind.  In  solchen  entrichtet  z.  B.  der  holländische  Teil
der  Bevölkerung  seinen  Tribut  an  den  Sultan  von  Tibora;  auch  ist  das
Bild  dieses  Vogels  den  von  der  Astrolabe-Gesellschaft  geschaffenen
Münzen  (Neu-Guinea-Mark  aufgeprägt.  Diese  Gesellschaft  versuchte  sich
im  Plantagenbau.  Mit  Hilfe  von  chinesischen  Kulis,  Javauern  und
Kanaken  von  den  Salomons-Inseln  wird  außer  etwas  Reis  und  Mais
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        —  156  —

ein  immerhin  schon  ziemlich  lohnender  Baumwollen-  und  Tabakbau  be—
trieben.  Auch  die  Viehzucht  hat  bereits  günstige  Ergebnisse  aufzu—
weisen.

Das  Innere  von  Kaiser-Wilhelmsland  ist  noch  wenig  bekannt.  Es
liegt  im  Norden  des  die  ganze  Insel  durchziehenden,  bis  zu  5000  m
ansteigenden,  vielzerklüfteten,  zum  Teil  schneebedeckten  Gebirgszuges,
der  Seitenarme  bis  an  die  Küste  aussendet,  wo  sie  an  der  Astrolabe-Bai
  noch  bis  zu  3400  m  hoch  sind.  Ahnlich  wie  in  Afrika,  stürzen
auch  hier  mächtige  Regenströme  von  Terrasse  zu  Terrasse.  Man  zählt
sechzehn  solcher  Terrassen,  die  mit  Korallen  besetzt  sind,  also  nacheinander

 

Papuamädchen.

über  die  Meeresfläche  gehoben  sein  müssen.  Im  Westen  tritt  das  Gebirge
  wesentlich  zurück  und  macht  einem  großen  Tieflande  Platz,  das  vom
Kaiserin-Augustafluß  durchströmt  wird,  der  bis  zu  seinem  Oberlauf
von  den  größten  Schiffen  befahren  werden  kann.  Er  ist  auch  im  Mittellauf
  noch  24  m  tief.  Seine  Länge  ist  der  der  Oder  gleich.  Demselben
übrigens  dichtbevölkerten  Flachlande  gehört  auch  der  Ramu  oder  Jagei
an,  der  im  Unterlauf  den  Namen  Ottilienfluß  führt.  Er  ist  schon  bis
450  km  aufwärts  mit  einem  mittleren  Dampfer  befahren  worden.

Das  Klima  dieser  Insel  galt  bisher  für  noch  weniger  günstig  als
das  der  übrigen  deutschen  Kolonien.  Prof.  Koch  hat  aber  durch  die
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        —  157  —

Chinin-Prophylaxe  oder  Vorkehrungslehre  die  Malariagefahr  so  gut  wie
beseitigt.  Auch  die  Eingeborenen,  die  Papua,  von  denen  man  auf  unserem
Gebiet  etwa  einen  auf  den  Quadratkilometer  rechnet,  leiden  darunter.
Sie  fallen  den  klimatischen  Krankheiten,  Ruhr,  Malaria  und  den  schwer—
heilenden  Geschwüren,  die  durch  den  Ringwurm  herbeigeführt  werden,
vielfach  zum  Opfer.  Sie  sind  wenig  zutraulich  und  trotz  aller  Kindlichkeit
voll  Heimtücke,  so  daß  die  Reisen  ins  Innere  schon  viele  Opfer  gekostet
haben.  Von  allen  Melanesiern,  Leuten  mit  schokoladenfarbiger  Haut  und
von  untersetztem  Körperbau  und  korkzieherartig  gedrehtem  langem  Lockenhaar,
  sind  sie  die  am  wenigsten  wirtschaftlichen.  Sie  haben  keine  Bedürfnisse.
Der  Brotfruchtbaum  gibt  ihnen  Nahrung  und  das  wenige,  was  sie  zur
Kleidung  brauchen.  Sie  besteht  aus  einem  rotgefärbten  Lendengürtel
für  die  Männer  und  einem  Schurz  für  die  Frauen.  Dieser  ist  in  der
ganzen  Südsee  „Tabu“.  Alles,  was  „Tabu“  ist,  wird  in  der  ganzen
Südsee  mit  nachahmenswerter  frommer  Scheu  und  Gewissenhaftigkeit
heilig  gehalten  und  ist  so  diebessicher  wie  bei  uns  nicht  einmal  ein
eiserner  Geldschrank.  Man  könnte  fast  von  einer  Tabureligion  reden.
Dieser  Schurz  wird  mit  vieler  Geschicklichkeit  aus  Fasern  gewebt,  welche
die  Sagopalme  liefert.  Er  wird  auch  nur  bei  besonderen  Gelegenheiten
getragen,  etwa  wie  die  Schuhe  unserer  Spreewälderinnen.  Die  Frauen
legen  ihn  erst  an,  wenn  sie  ein  festliches  Haus  betreten.  Die  gesamte
Südsee  starrt  von  Zieraten  aller  Art,  die  man  aus  Muscheln,  Hundsund
  Eberzähnen  herstellt,  auch  aus  farbigen  Gräsern,  welche  die  Papuafrauen
  vorzüglich  zu  flechten  verstehen,  ebenso  wie  ihr  langes  krauses
Haar.  Die  Frisur,  die  Färbung  ihres  Leibes  mit  farbigen  Erden,  auf
den  Inseln  auch  die  Tätowierung,  ist  ihre  vornehmste  Sorge.  Solche
Tätowierungen  nehmen  viele  Jahre  in  Anspruch  und  bekunden  Rang
und  Reichtum  des  betreffenden  Opfers  dieser  nebenher  schmerzhaften
Operation.  Ein  Bananenblatt  dient  ihnen  als  Schirm.  Die  Papua
wohnen  in  kleinen  Dorfgemeinden,  in  Häusern,  die  leicht  und  luftig  aus
Bambusstäben  aufgerichtet  und  mit  Matten  aus  Palmblattrippen  gedeckt
werden,  und  in  denen  als  Schutz  gegen  die  Stechfliegen  und  Moskitos
—  die  Träger  der  Malaria-Infektion  —  ewige  Feuer  schwelen.

Ein  vornehmster  Gegenstand  des  Handels  sind  die  zierlichen  gebrannten
  Tongeräte,  die  auf  den  Inseln  der  Astrolabe-Bai  angefertigt
werden.  Mit  diesen  fahren  die  Männer  in  ihren  langen  schmalen  Einbäumen
  oder  „Lakatois“  weithin  übers  Mcer,  und  jedesmal  gibt  es
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Tabuhaus  auf  Bilibili.
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        —  159  —

große  Abschieds-  und  Wiedersehensfeste  mit  Trommelklang,  Gesang  und

wilden  Tänzen.
Die  Papuas  sind  zur  Fröhlichkeit  geneigt.
Palmwein  und  andere  berauschende
Getränke.  Trotz  der  Vielweiberei
haben  sie  eine  strenge  Eheführung.
Sie  glauben  an  böse  Geister,  denen
sie  an  abgelegenen  Orten  opfern  und
mit  Masken  und  Blasinstrumenten
huldigen.  Frauen  und  Kinder  sind
von  diesem  Kultus  ausgeschlossen.
Ob  sie  wie  die  große  Mehrzahl
der  Südseeinsulaner  Kannibalen
sind,  ist  nicht  bekannt.  Aber  es
gibt  einen  besonderen  Stamm  grau- 



Auch  lieben  sie  den

samer  Kopfjäger  unter  ihnen,  die  Tätowierte  Frau.

Tugeri,  die  mit  Naturmessern,  welche

eine  Bambusart  liefert,  ihrem  mörderischen  Sport  nachgehen.
berichtet  der  englische  Schmetterlingsforscher  A.  Pratt  auch  von  dem

liebenswürdigen
Volk  der  Hannabada,
  die  sehr
musikalisch  sind
und  mit  helltönenden,
  genau  abgestimmten
  Rufen
eine  Art  von  drahtloser
  Telegraphie
ausüben,  ähnlich
wie  die  Bantu  mit
Trommeln.  Pratt
lebte  mit  seinem
Sohne  zwei  Jahre

  

            
    
 
 
 
   
  

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ungefährdet  unter

Tätowierte  Hand.

diesen  Wilden.  Der  Häuptling  hatte  ihn  „Tabu“  erklärt  und  zu  dieser
Feierlichkeit  expreß  einen  roten  englischen  Waffenrock  über  seine  braune  Haut
gezogen.  Er  trug  ihm  auch  selbst  seine  Kisten  meilenweit  durch  die  Schluchten
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        —  160  —

und  Urwälder.  Dann  sammelte  er  Netze  von  einer  haselnußgroßen  Spinnenart,
  die  so  zäh  sind,  daß  sich  Vögel  und  Fische  darin  fangen.  Pratt

—

 

Vorderseite
Schädelmasken.

erzählt  von  770  Vogelarten  auf  Neu-Guinea.

 

Rückseite

Kein  Wunder,  daß

schon,  um  den  zahllosen  Insekten  zu  entgehen,  die  Eingeborenen  selbst

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Musikinstrument.

 

auf  hohen  Bäumen
horsten.

Bis  jetzt  verhin—
derte  der  Mangel  an
Wegen  eine  Ausdehnung
  der  Ansiedlungen,
es  wird  aber  fleißig
an  ihnen  gearbeitet,
und  die  Europäer  fangen
  an,  ihre  Wohnsitze
  von  den  Küsten
auf  die  gesünderen
Höhen  zu  verlegen.  Zu
diesen  Bauten  werden
die  Eingeborenen  als
Fronarbeiter  tüchtig

herangezogen.  Die  Trasse  Barawon  —  Dawaun  für  die  Straße  von
Herbertshöhe  nach  Simpsonhafen—Matupit  zieht  sich  an  den  steil  ins
        <pb n="166" />
        —  161  —

Meer  abfallenden  Bergabhängen  hin.  Der  Bau  des  Weges  zum  künf—
tigen  Sitz  des  Kaiserlichen  Gouvernements  auf  dem  Höhenrücken  zwischen

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Ein  Baumhaus  auf  Neu-Guinea.

der  „Mutter“  und  „Nordtochter“  im  Simpsonhafen  ist  eine  großartige
Arbeit.  Auch  am  Ratawul-Paß  ist  man  fortgesetzt  beschäftigt.  An  der

Küste  bestehen  die  Berge  aus  Korallenkalk  und  weisen  oft  seltsame  Formen
Beta,  Das  Buch  von  unsern  Kolonien.  11
        <pb n="167" />
        —  162  —

auf.  So  erscheint  das  Festungskap  vom  Meere  aus  dem  Schiffer  wie  eine
wirkliche  Festung,  an  der  man  sogar  Wälle  und  Kanonen  zu  erkennen  glaubt.
An  der  Küste  trifft  man  wie  in  Afrika  Sümpfe  und  Lagunen,  welche

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Eingeborene  von  Neu-Guinea  auf  der  Paradiesvogeljagd.

dadurch  entstehen,  daß  die  Flut  Steingeröll  und  Sand  zu  mächtigen
Dämmen  anspült,  hinter  denen  sich  das  von  den  Bergen  herabrinnende
Wasser  sammelt.
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        —  163  —

Wasserreichtum,  Wärme  und  fruchtbarer  Boden  zeitigen  eine  mannigfaltige
  Pflanzenwelt.  Die  Täler  sind  reich  an  Kokos=  und  Sagopalmen.
Die  Brotfrucht,  Zuckerrohr  und  eßbare  Knollengewächse  sind  reichlich
vorhanden;  die  Berge  sind  bis  zu  den  höchsten  Gipfeln  mit  Wäldern
bedeckt.  Diese  weisen  keine  geschlossenen  Gruppen  einheitlichen  Bestandes
auf,  sondern  sind  durchweg  aus  allen  möglichen  Baum=  und  Straucharten
  gemischt  und  von  Lianen  überwuchert,  ähnlich  wie  in  den  wasser- 



Handelskanu,  mit  Tonwaren  beladen  (vgl.  S.  157).

reichen  Teilen  Ostafrikas.  Anbauversuche  mit  Gemüse,  Tabak,  Mais,
Baumwolle,  Kakao  und  Kaffee  lohnen  zum  Teil  vorzüglich.

Raubtiere  sind  nicht  vorhanden,  dagegen  Känguruhs  und  einige
Arten  von  Beutelratten.  Unter  den  Vögeln  finden  die  schon  erwähnten
Paradiesvögel  hier  den  Mittelpunkt  ihrer  Verbreitung,  dazu  Papageien,
prachtvolle  Tauben,  besonders  die  Kronentaube.  Von  den  Repiilien
überwiegen  die  ungiftigen  Schlangen,  die  Boa  Constrictor,  von  Amphibien
die  Frösche.  Auch  an  Insekten  ist  diese  Insel  sehr  reich.

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        —  164  —

Tropischer  Pflanzenwuchs  von  wildester  Uppigkeit  bedeckt  die  Ufer.
Palmen  kund  Farne  tauchen  ihre  riesigen  Wedel  in  den  Wasserspiegel,
Schlingpflanzen  mit  glänzenden  Blüten  hängen  darüber  hinab.  Es
sind  dies  Orchideen,  von  denen  zurzeit  noch  immer  neue  Arten  entdeckt
werden,  sowohl  hier,  auf  Neu-Guinea  wie  in  dem  Urwalde  Kameruns.
Englische  Firmen  opfern  solchen  Orchideenexpeditionen  große  Summen,

 

Dorf  Suam  bei  Finschhafen.  Im  Vordergrunde  ein  Götzenbild.

die  nicht  selten  infolge  der  Verderbnis  der  Pflanzen  auf  der  Heimreise
völlig  verloren  gehen.  Man  kann  sagen,  an  jedem  neuen  Funde  dieser
Art  hängt  ein  Dutzend  Menschenleben,  denn  das  Sumpffieber  an  den
Standorten  dieser  seltsamen  proteischen  Blume  rafft  so  manchen  Orchideenjäger
  hin.  Ihr  Duft,  ihre  Farbenpracht  üben  einen  hinreißenden  Zauber
auf  den  Beschauer  aus.  Und  mit  ihnen  wetteifern  die  bunten  Vögel,
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        —  165  —

weiße  und  blaue  Königsfischer,  kleine  funkelnde  Kolibris,  kreischende
Sittiche,  mit  denen  wieder  die  Großfußhühner  im  Geschrei  um  die  Krone
ringen.  Der  rauschende  Fluß  und  das  rauhe  Schreien  der  Nashornvögel
  aber  schlägt  sie  alle.  Tausende  von  Tauben,  deren  es  40  Arten
gibt,  umschwärmen  die  riesigen  Wollbäume,  aus  deren  Stämmen  die
Papuas  ihre  langen  Kanus  verfertigen,  in  denen  ihrer  zwanzig  Ruderer
hintereinander  sitzen.
Ihr  Girren  klingt  seltsam
  und  ernst  in  dieses
Orchester  hinein.  Dann
dringt  ein  fernes  Tosen
an  das  betäubte  Ohr,
und  nach  kurzer  Fahrt
erblickt  man  den  Hundertevon
  Meternhohen
Felsenabhbang,  über
welchen  der  Reiesenstrom
  mit  einem  Riesensprung
  den  Weg  zum
Meere  sucht.  In  diesen
  schönen  Wildnissen
wachsen  Betelpfeffer,
Muskat,  Eben=  und

 

 

Sandelholz,  danebern  4  “  46½  ##5  46
eine  Reihe  harter,  zi  6  ,  »f-»  ,  X-Kunstmöbeln
  geeigneter  9  X  XX  WX  XX  -  “  -  ;  -·
kostbarer  Hölzer.  n  5  %%%%%

Man  zählt  nicht  «  ««  —-weniger
  als  76  Arten  Scheinangriff  —  am  Finschhafen.

Papageien,  16  Arten
Eisvögel,  den  Kasuar,  Salangane,  deren  Nester  die  berühmten  Leckerbissen
chinesischer  Feinschmecker  liefern.  Diesen  wird  auch  der  Trepang  in
ganzen  Flotten  gebracht,  während  Europa  die  5—6  Zentner  wiegenden
Schildkröten  (Turtles)  und  die  das  Schildkrot  liefernden  Karetts  vorzieht,
die  zur  Zeit  noch  reichlich  vorhanden  sind.

Der  einzige  Fleischfresser  der  Insel  ist  der  Palmroller,  eine  Art  von
Zibetkatze.  Das  fliegende  Opossum  und  das  Baumkänguruh  deuten  auf
        <pb n="171" />
        —  166  —

den  früheren  Zusammenhang  der  Insel  mit  dem  australischen  Festland.
In  der  Tat  ist  die  Meeresstraße  auch  heut  noch  sehr  flach,  nirgends
über  12  Faden  tief.

Das  heiße  Klima  wird  durch  die  Einwirkung  des  Ozeans  und  die
Erhebung  des  Bodens  gemäßigt.  Die  mittlere  Küstentemperatur  be—
trägt  260  C,  das  Thermometer  steigt  nicht  über  35°0.  Der  gelindeste
Monat  ist  der  Juni,  der  heißeste  der  Februar.  Regen  fällt  das  ganze
Jahr  zwischen  30  und  364  mm.  Die  Hauptregenzeit  währt  vom  November
  bis  April.

Die  Papuas  sind,  wie  wir  schon  von  Mr.  Pratt  erfuhren,  ein  sehr
gemischtes  Völkchen.  Wenige  Meilen  auseinander  Wohnende  unterscheiden
sich  derart,  daß  sie  einem  ganz  anderen  Stamme  anzugehören  scheinen,
und  keiner  des  andern  Sprache  versteht.  Es  gibt  neben  den  Baumauch
  Sumpfbewohner,  die  fast  amphibische  Entartungen  aufweisen  sollen.

Man  unterscheidet  nämlich  in  Ozeanien  außer  den  Australiern  und
Tasmaniern:

1)  Die  Melanesen  auf  Neu-Guinea,  Neu-Britannien  (Bismarck-Archipel),
  Neu-Kaledonien,  den  Neuen  Hebriden,  Salomon=  und  Fidschi-Inseln.


2)  Die  Mikronesen  auf  Jap-,  den  Mortlock,  Palau-,  den  Gilbert-,
Karolinen-,  Ruck=  und  Marschall-Inseln.

3)  Die  Polynesen  auf  den  Tonga-,  Hervey-,  Markesas=  und  Gesellschafts-Inseln.
  Zu  ihnen  rechnet  man  auch  die  Maoris  auf  Neuseeland,
ferner  die  Samoaner  und  Tuamotu=  oder  Paumotuaner.

Die  Nahrung  der  Papuas  besteht  fast  nur  aus  Pflanzenkost,  und
zwar  bildet  die  Yamwurzel,  unserer  Kartoffel  ähnelnd,  deren  Hauptbestandteil.
  Nur  bei  Festlichkeiten  genießt  der  Papua  Fleisch  von  Schweinen,
Beuteltieren  und  Fischen;  letztere  werden  auch  geräuchert  und  sind  auch
bei  Europäern  beliebt.  Der  Hund  ist  ein  treuer  Hausgenosse  der  Papuas,
während  er  den  Chinesen  bekanntlich  gemästet  einen  über  alles  geschätzten
Braten  liefert.

Der  Ackerbau,  soweit  von  einem  solchen  die  Rede  sein  kann,  ist
Sache  der  Frauen.  Ein  paar  von  ihnen  gepflanzte  Brotfruchtbäume
genügen  für  eine  Familie.  Der  Glaube  an  ein  Fortleben  nach  dem
Tode  besteht  auch  unter  den  Papuas.  Man  gibt  den  Verstorbenen
Speise  und  Trank  mit  in  das  Grab.  Die  Verstorbenen  genießen  göttliche
  Verehrung.  Ihre  Schädel,  die  eingetrockneten  Mumien  von  Kindern
        <pb n="172" />
        werden  wie  Hausgötzen  bewahrt;  auch  Bäumen,  Steinen,  Tieren  werden
göttliche  Kräfte  zugeschrieben.  Die  ganze  Natur  ist  dem  Papua  von
Göttern  belebt.  In  den  Dörfern  sieht  man  zuweilen  auf  freien  Plätzen
große  Bildsäulen  aus  Holz  mit  riesigem  Maule  und  großen  Augen,  und
vor  ihnen  knien  die  Eingeborenen  scharenweise,  zu  diesen  ihren  Schutzgöttern
  betend.  Ihr  Familienleben  ist  gut.  Man  hat  Beispiele  inniger
Eltern-  und  Geschwisterliebe.  Die  Witwe  läßt  sich  nicht  selten  erdrosseln
und  mit  ihrem  Gatten  begraben.  Den  Europäern  gegenüber  zeigen  sich
die  Eingeborenen  feindselig,  und  zum  Arbeiten  in  den  deutschen  Pflanzungen
sind  sie  kaum  zu  bewegen.  Man  hat  versucht,  die  Melanesen  in  Ostafrika
  gelegentlich  des  dortigen  Aufstandes  zu  verwenden,  mußte  sie
aber  sehr  bald  wieder  in  ihre  Heimat  zurückbringen.  Man  konnte  sie
nicht  einmal  als  Hauswachen  brauchen.  Die  Aufstände  in  Neu-Guinea
sind  völlig  lokaler  Natur,  eine  nationale  Sache  kennen  die  Melanesen
nicht.  Ihre  Anschauungen  sind  die  der  Steinzeit.  Aber  sie  hassen  die
chinesischen  Kulis,  und  deren  Einführung  hat  daher  aufgegeben  werden
müssen.  Der  innere  Frieden  wird  durch  gelegentliche  Strafexpeditionen
des  Bezirkshauptmanns  aufrechterhalten,  die  damit  enden,  daß  sich  die
gedemütigten  Häuptlinge  um  Hut  und  Stab  bewerben,  die  Insignien
des  Kaiserlich  deutschen  Dorfschulzen.  Mit  dem  Stab  halten  sie  dann
selbst  ihre  Untertanen  in  Ordnung.  Dieses  britisch-indische  Prinzip  hat
sich  bewährt.  Auch  ist  die  Eintreibung  der  sehr  geringen  Hüttensteuer
glatt  verlaufen,  selbst  in  Neu-Hannover,  das  erst  unlängst  unter  bureaukratischen
  Schutz  genommen  wurde,  und  hat  1906  ganze  5000  Mark  eingebracht.
  Dieser  Fortschritt  ist  besonders  dem  Einfluß  der  evangelischen
und  der  katholischen  Mission  zuzuschreiben,  die  bereits  seit  fünfzig  Jahren
hier  in  fünf  Niederlassungen  an  der  Küste  unseres  Schutzgebietes  wirken.

Das  Gesamtareal  der  Pflanzungen  im  Bismarck-Archipel  und  Kaiser-Wilhelmsland
  beträgt  89000  ha,  wovon  aber  zurzeit  erst  etwa  3800  ha
ertragsfähig  sind.  Es  sind  aber  eine  Million  Kokospalmen  angepflanzt,
dazu  Gummibäume  (Ficus,  Castilloa  und  Hevea),  auch  Kaffee,  der  jedoch
gegen  den  Südamerikas  im  Preise  nicht  konkurrieren  kann.  Dagegen
verspricht  der  Hanf  der  Sisalagave  guten  Ertrag.  Am  Bainingebirge
sind  zehn  Farmer  aus  Nord-Queensland  mit  deren  Anbau  beschäftigt.
An  der  Astrolabe-Bai  bestehen  bereits  mehrere  Tabakpflanzungen,  in  denen
ein  Tabak  gedeiht,  der  auch  bei  uns  schon  seinen  Markt  findet.
Baumwolle  wird  hier  wie  auf  der  Gazellen-Halbinsel,  wo  die  Neu-
        <pb n="173" />
        —  168  —

Guinea-Gesellschaft  in  Herbertshöhe  eine  Pflanzung  hat,  fleißig  angebaut.
Die  Arbeiter  werden  von  den  Salomon-Inseln  eingeführt.  Diese  sind  mit
Neu-Guinea,  den  Karolinen  und  den  Marianen  zu  einem  Verwaltungsgebiet
  vereinigt  worden,  während  die  Marschall-Inseln  und  Samoa  je
eine  besondere  Verwaltung  besitzen.  Die  Zahl  der  Weißen  im  sog.
„alten  Schutzgebiet“,  Deutsch-Neuguinea  und  „die  mit  diesen  gleichzuachtenden
  Personen“,  wie  der  Ausdruck  lautet,  belief  sich  am  1.  Januar
1906  auf  532,  das  sind  66  mehr  als  im  Vorjahr.  Davon  kommen
383  auf  den  Bismarck-Archipel  und  149  auf  Kaiser-Wilhelmsland.
Unter  ihnen  befinden  sich  120  Frauen  und  51  Unerwachsene.  Die  Deutschen
zählten  397  (I  49),  dazu  58  Engländer,  15  Osterreicher  und  2  Holländer.
Dem  Beruf  nach  waren  39  Beamte,  137  Missionare,  mit  15  Frauen,
49  Missionsschwestern,  56  Pflanzer,  68  Kaufleute  und  Gastwirte,  51  Seeleute,
  17  Techniker  und  4  Handwerker.

Die  Gesamtausfuhr  von  1905  betrug  1  178644  Mark,  der  eine
Einfuhr  von  2271  300  Mark  gegenüberstand.  Und  zwar  hat  sich  der
Gesamtaußenhandel  um  eine  halbe  Million  gegen  1904  gehoben,  die
Kopraausfuhr  allein  um  395.000  Mark.  Sie  wird  fast  ganz  von  Marseille
aufgenommen.

Die  Schiffe  der  Austral-Japanlinie  (Sydney,  Hongkong,  Yokohama,
Manila)  laufen  den  Simson=  und  den  Friedrich-Wilhelmshafen  regelmäßig
  an.  Dieselbe  Gesellschaft  —  der  Norddeutsche  Lloyd  —  unterhält
  auch  drei  große  Küstendampfer.  Die  Postverbindung  erfolgt  aller
drei  Wochen.

Eine  Straferpedition  auf  Neu-Guinea.

Im  Jahre  1884  hatte  England  den  südöstlichen  Teil  von  Neu-Guinea
  mit  Beschlag  belegt,  und  kurze  Zeit  darauf  heißte,  wie  bereits
erwähnt,  auf  dem  nordöstlichen  Teile  Deutschland  seine  Flagge.  Der
ganze  Westen  der  riesigen  Insel  war  schon  seit  1828  von  den  Holländern
in  Besitz  genommen  worden.  Leider  hatten  die  Holländer  wenig  oder  nichts
getan,  um  die  wilden  Papuas  der  Westhälfte  Neu-Guineas  im  Zaum
zu  halten.  Die  Raublust  der  westlichen  Stämme,  insbesondere  des
Tugeristammes,  sollten  die  Engländer  bald  kennen  lernen.  Aller  zwei
        <pb n="174" />
        —  169  —

Jahre  erschienen  nämlich  die  Tugeris,  die  in  Niederländisch-Neu—
guinea  saßen,  und  zwar  in  einer  Stärke  von  50  bis  60  Kanus,  mit  je
10  Mann  Besatzung,  also  gegen  600  Mann  stark,  an  der  britischen
Küste  und  verwüsteten  sie  systematisch.  Vom  Baxterfluß  aus,  am  ganzen
Papuagolf  entlang,  machten  die  Tugeri  ihre  Raubzüge,  brannten
die  Ortschaften  nieder,  stahlen  und  plünderten,  was  ihnen  wertvoll  schien,
und  schlugen  in  ihrer  Raub-  und  Mordlust  möglichst  viel  unschuldige
Eingeborene  tot.  Die  Versuche,  die  die  Engländer  gemacht  hatten,  die
Eingeborenen  zum  Widerstande  gegen  die  Tugeri  anzustiften,  waren  vergeblich
  geblieben.  Die  britische  Regierung  wandte  sich  mit  einer  Beschwerde
  an  die  niederländische  Regierung,  aber  diese  besaß  keine  Gewalt
über  die  Tugeri.  Besonders  schlimm  waren  die  Raubzüge  in  den  Jahren
1892  und  1894  ausgefallen.  Missionare  und  britische  Beamte  am
Papuagolf  waren  von  den  Tugeri  erschlagen,  die  Missions=  und  Handelsstationen
  geplündert,  Hunderte  von  Ortschaften  verwüstet  und  viele  Hunderte
von  Eingeborenen  umgebracht  worden.  Unmittelbar  nach  dem  letzten  Überfall
  von  1894  beschlossen  die  britische  und  die  niederländische  Regierung
gemeinsam,  Vorkehrungen  zu  treffen,  um  bei  dem  nächsten  Raubzug
den  Tugeri  einen  gebührenden  Empfang  zu  bereiten.  Diesen  Plan  auszuführen,
  war  indes  nicht  leicht,  da  die  Küste  sumpfig,  mit  Mangrovewäldern
  und  Dickicht  besetzt,  ein  geordnetes  Operieren  mit  bewaffneten
Mannschaften  nicht  zuläßt.  Die  Tugeri  sind  außerordentlich  geschickte
Ruderer,  und  wenn  es  gilt,  übertreffen  sie  alle  anderen  Stämme  der
Papuas  an  Ausdauer  und  Kraft.  Große  Dampfschiffe  konnten  aber
nicht  verwendet  werden,  weil  das  Wasser  an  der  Küste  sehr  flach  ist,
und  zahlreiche  Sandbänke  und  Untiefen  nur  sehr  flachgehenden  Fahrzeugen
  das  Einlaufen  gestatten.  Zwischen  der  Yorkhalbinsel  im  Norden
Australiens  und  dem  Teile  von  Britisch-Neuguinea,  in  welchem  der
Baxterfluß  in  die  Torresstraße  mündet,  befindet  sich  eine  Gruppe
von  Inseln,  welche  im  britischen  Besitz  sich  befindet.  Ein  Jahr  lang
wurden  auf  diesen  Inseln  Proviant  und  Kohlen  aufgehäuft,  Verträge
zur  Bewachung  der  Vorräte  mit  den  Eingeborenen  abgeschlossen.  Dann
wurde  die  Insel  Daru  zum  Sammelpunkt  für  die  holländischen  und
englischen  Mannschaften  bestimmt,  welche  an  der  Expedition  gegen  die
Tugeri  teilnehmen  sollten.  Endlich  wurden  verschiedene  Boote  beschafft,
welche  zum  Transport  von  Munition  und  Mannschaften  dienen  sollten.
Die  Holländer  waren  außerstande,  militärische  Kräfte  zur  Verfügung
        <pb n="175" />
        —  170  —

zu  stellen.  Sie  entsandten  nur  einige  Beamte  und  stellten  einen  großen
Segelkutter  sowie  zwei  große  Walfischfängerboote  zur  Verfügung.  Die
Engländer  stellten  ebenfalls  einen  Regierungskommissarius,  30  gut  be—
waffnete  und  ausgebildete  Eingeborene,  die  in  Australien  Polizeidienste
mit  großem  Erfolg  verrichteten,  eine  Anzahl  von  weißen  Anführern  so—
wie  von  Ingenieuren,  eine  Dampfbarkasse  und  Eingeborene  als  Heizer
für  diese.  Im  Jahre  1896,  um  die  Zeit,  zu  welcher  programmäßig
die  Tugeri  ihren  Raubzug  an  der  Mündung  des  Baxterflusses  zu  beginnen
  pflegten,  versammelte  sich  die  Expedition  auf  der  Insel  Darn
und  machte  sich  auf  eine  Expedition  von  dreißig  Tagen  gefaßt.  Der
Segelkutter,  die  „Juanita“,  hatte  die  Aufgabe,  Kohlen  und  Proviant
für  die  Expedition  herbeizuschaffen.  Die  Dampfbarkasse,  ebenso  die
großen  Walfischfängerboote  wurden  mit  Munition,  Kochgeschirr,  Proviant,
Zelten,  Verbandzeug,  dem  Gepäck  der  Weißen  und  mit  Waffen  beladen.

Die  Barkasse  war  45  englische  Fuß  lang  und  7  Fuß  breit.  Sie
hatte  eine  besondere  Erhöhung  des  Außenbords,  einerseits  um  das
Hinüberbrechen  der  Wellen  zu  verhindern,  dann  aber  auch  um  den
Mannschaften  Schutz  gegen  die  vergifteten,  sehr  gefährlichen  Pfeile  der
Tugeri  zu  gewähren.  Die  Dampfbarkasse  nahm  die  beiden  mit  Mannschaften
  und  Vorräten  beladenen  Walfischboote  ins  Schlepptau  und  ging
nach  Saibai.  Hier  fanden  sich  bereits  Flüchtlinge  von  der  westlich  gelegenen
  Küste,  welche  meldeten,  daß  die  Tugeri  im  Anzuge  wären.  Gewaltige
  Rauchwolken  über  den  Wäldern  verrieten  die  menschenvernichtende
Tätigkeit  der  Tugeri.  Mit  den  Weißen  verfügte  die  Expedition  ungefähr
über  vierzig  Bewaffnete.  Es  war  dies  gegen  600  mit  vergifteten  Pfeilen
bewaffnete  tapfere  Eingeborene  nicht  viel.  Im  Kriegsrat  wurde  daher
beschlossen,  das  Hauptaugenmerk  auf  die  Fortnahme  der  Boote  der
Tugeri  zu  richten.  Die  Kanus  sind  aus  einem  Stück  geschnitzt,  und  bei
den  einfachen  Werkzeugen  jener  Insulaner  dauert  es  zwei  bis  drei  Jahre,
bis  ein  solches  Kanu  hergestellt  ist.  Natürlich  sollten  die  Feinde  die  Macht
der  Europäer  kennen  lernen,  nachdem  sie  bisher  leichtes  Spiel  mit  den  meist
wehrlosen  Eingeborenen  gehabt  hatten.  Nun  begab  sich  die  Expedition
nach  der  Insel  Boigu,  die  vor  der  Mündung  des  Baxterflusses  liegt.
Posten  wurden  aufgestellt,  und  am  nächsten  Tage  sah  man  in  langer
Reihe  die  Kanus  der  Tugeri  sich  nähern.  Man  wartete,  bis  sie  auf
gleicher  Höhe  mit  der  Insel  waren,  dann  wurden  die  Walfischboote,
welche  von  den  eingeborenen  Polizisten  gerudert  wurden,  nach  Westen
        <pb n="176" />
        —  171  —

entsandt,  während  die  Dampfbarkasse,  nur  mit  einem  Dutzend  Bewaffneter
besetzt,  unter  denen  sich  meist  Weiße  befanden,  östlich  um  die  Insel
herumfuhr  und  plötzlich  den  Kanus  den  Weg  verlegte.  Das  Manöver
gelang  nicht  vollkommen,  da  die  schweren  Walfischboote,  trotz  der  übermenschlichen
  Anstrengung  der  australischen  Ruderer,  nicht  genügend  schnell
vorwärts  kamen,  so  daß  es  den  letzten  zehn  Kanus  der  Tugeri  möglich
wurde,  zu  entwischen.  Den  andern  aber  schnitten  die  Ruderboote  den
Weg  nach  Westen  ab,  während  der  Dampfer  den  Weg  nach  Osten  verlegte.
  Es  blieb  den  Tugeri  nichts  anderes  übrig,  als  sich  vorläufig  in
den  Baxterfluß  hinein  zu  flüchten.  Sie  ruderten  eilfertig  in  ihn  hinein,
und  die  ihnen  nachgeschickten  Gewehrschüsse  taten  ihnen  keinen  Schaden.
Man  hatte  aber  jetzt  die  Räuber  in  der  Falle;  denn  es  war  nicht  anzunehmen,
  daß  sie  ihre  Kanus  im  Stich  ließen  und  zu  Fuß  weiter
marschieren  würden.  Während  der  ganzen  Nacht  hielt  die  Dampfbarkasse
  mit  den  Ruderbooten  Wache  vor  der  Baxtermündung.  Sobald
es  hell  wurde,  drang  man  in  den  Baxterfluß  hinein.  Man  stieß  zuerst
auf  10  Kanus,  gewissermaßen  die  Vorposten  der  Hauptmacht,  und  griff
sie  ohne  weiteres  an.  Die  Kanus  gingen  an  das  östliche  Ufer,  die  Insassen
  sprangen  aus  den  Booten  heraus  und  flüchteten  sich  in  das
Mangrovendickicht.  Als  sich  die  Ruderboote  den  verlassenen  Kanus
näherten,  wurden  die  Insassen  der  Boote  von  einem  Hagel  vergifteter
Pfeile  überschüttet;  zum  Glück  aber  wurde  niemand  verletzt.  Trotz  der
Gefahr  landeten  die  Mannschaften  der  Ruderboote  und  machten  einen
Angriff  auf  die  Tugeri,  wobei  ungefähr  zwanzig  fielen.  Die  anderen
entflohen  landeinwärts,  am  Flußufer  entlang.  Der  Dampfer  war
unterdes  weiter  stromaufwärts  gefahren,  und  bei  einer  Biegung  des
Flusses  sah  er  noch  die  letzten  dreißig  Kanus  vor  sich.  Es  galt
durch  einen  raschen  Angriff  die  Tugeri  zu  erschrecken,  und  trotzdem
sich  nur  wenige  Bewaffnete  auf  dem  Dampfer  befanden,  gingen  diese
mit  vollem  Dampf  auf  die  feindliche  Flottille  zu.  Leider  geriet  dabei
der  Dampfer  auf  Grund  und  blieb  sitzen.  Vergeblich  arbeitete  die
Maschine  nach  rückwärts,  der  Dampfer  legte  sich  auf  die  Seite.  Kaum
hatten  die  Tugeri  bemerkt,  daß  der  Dampfer  sich  in  Not  befand,  so
sah  man  sie  mit  ihren  Kanus  von  allen  Seiten  herankommen,  um  ihrerseits
  den  Dampfer  anzugreifen.  Jetzt  bewährten  sich  die  Schießscharten
in  der  Erhöhung  der  Bordwand  als  eine  vortreffliche  Einrichtung,  die
Besatzung  des  Dampfers  wäre  sonst  verloren  gewesen.  Nun  aber
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        —  172  —

eröffnete  sie  mit  ihren  Winchester-Repetier-Gewehren  ein  verheerendes  Feuer,
durch  das  eine  Anzahl  von  Tugeri  fiel.  Trotzdem  wäre  der  Dampfer
eine  Beute  der  Tugeri  geworden,  weil  einzelne  Kanus  am  hinteren  Teile
des  Schiffes  anzulegen  und  es  zu  entern  versuchten.  Zum  Glück  kamen
aber  im  gefährlichsten  Augenblick  die  Ruderboote  gerade  um  die  Biegung
des  Flusses  und  eröffneten  ein  vernichtendes  Feuer  auf  die  Insassen  der
Kanus.  Die  Tugeri  flohen,  und  mit  Hilfe  der  beiden  Ruderboote  kam
der  Dampfer  wieder  los.  Die  Tugeri  wendeten  sich  ebenfalls  auf  das
östliche  Ufer  des  Baxterflusses,  wo  der  Rest  ihrer  Stammesgenossen  sich
befand,  und  mit  außerordentlicher  Geschwindigkeit  folgten  ihnen  die  Weißen
und  die  australischen  Polizisten.  Mannshohes  Gras  verbarg  die  Tugeri;
aber  die  australischen  Polizisten  und  die  Weißen  bildeten  eine  lange  Linie
und  feuerten  ununterbrochen  Salven  in  das  wogende  Grasfeld  hinein.
Ein  panischer  Schrecken  bemächtigte  sich  der  Feinde.  Schließlich  wurde
das  mächtige  Grasfeld  angezündet,  und  unterdes  wurden  sämtliche  Kanus
zerbrochen  und  versenkt.  Als  man  das  Grasfeld  später  absuchte,  fand
man  nicht  nur  zahlreiche  Leichen  von  Tugeri,  sondern  auch  die  Beweise
ihrer  panikartigen  Flucht.  Haufenweise  lagen  Keulen,  Pfeile,  Bogen  und
Speere  im  Grase  umher.

Mit  Windesgeschwindigkeit  verbreitete  sich  an  der  ganzen  Papuaküste
die  Nachricht  von  der  völligen  Niederlage  der  Tugeri  und  belebte  den
Mut  der  Eingeborenen,  so  daß  der  Rest  der  Tugeri  auf  ihrer  Flucht
landeinwärts  von  den  Eingeborenen,  deren  Geißel  sie  bisher  gewesen,
niedergemacht  wurde.  Man  nimmt  an,  daß  keiner  von  den  im  Baxterfluß
  eingeschlossenen  Kopfjägern  die  Heimat  wiedersah.  Schon  nach  drei
Tagen  kehrte  die  Strafexpedition  nach  Saibai  zurück,  und  die  harte
Lehre,  welche  die  Tugeri  erhalten  hatten,  war  so  wirkungsvoll,  daß  nie
wieder  ein  Raubzug  von  ihnen  in  jenen  Gegenden  unternommen  wurde.
        <pb n="178" />
        —  173  —

Der  Bismarck-Archipel.

Der  Archipel  gehört  zu  dem  Verwaltungsgebiet  Neu-Guinea,  und
wir  haben  das  Wesentliche  über  ihn  in  wirtschaftlicher  Hinsicht  bereits
mitgeteilt.  Man  faßt  unter  diesem  Namen  die  zahlreichen  Inseln  zusammen,
  die  in  weitem  Kreise  nordöstlich  von  Kaiser-Wilhelmsland,
südlich  vom  Aquator  liegen.  Die  beiden  größten  sind  die  durch  den
St.  Georgskanal  getrennten  Inseln  Neu-Pommern  und  Neu-Mecklenburg.
  Der  nördlichste  Teil  der  erstgenannten  Insel  führt  den
Namen  Gazellen-Halbinsel;  der  Insel  Neu-Mecklenburg  ist  im  Nordwesten
  die  Insel  Neu-Hannover  vorgelagert.  Von  den  zahlreichen  übrigen
Inselgruppen  des  Bismarck-Archipels  ist  die  bedeutendste  die  der  Admiralitäts-Inseln
  nördlich  von  Kaiser-Wilhelmsland.  Ihr  Areal  schätzt  man
auf  40  000  qdkm.

Die  größeren  dieser  Inseln  sind  gebirgig.  Überall  sind  tätige
Vulkane,  deren  Ausbrüche  auf  Hunderte  von  Meilen  Sturzwellen  verursachen,
  welche  zuzeiten  die  Pflanzungen  der  Küstengebiete,  ja  ganze
Inseln  überfluten.  Den  zwei  höchsten  Vulkanen  auf  Neu-Pommern  gab
man  den  Namen  Vater  und  Sohn,  während  man  die  vulkanischen  Bergkegel
  auf  der  Gazellen-Halbinsel  Mutter  und  Töchter  taufte.  Auch  Neu-Mecklenburg
  wird  von  einer  Gebirgskette  durchzogen,  die  sich  in  einzelnen
  Gipfeln  höher  als  das  Riesengebirge  erhebt;  die  kleinen  Inselchen  sind
meist  sog.  Atolle,  Korallenriffe,  die  sich  nur  einige  Meter  über  das  Meer
erheben.  Flüsse  gibt  es  der  geringen  Ausdehnung  wegen  wenige,  aber
Hunderte  von  Bächen  und  sickernden  Quellen  bewässern  die  Täler.  Der
Süden  und  Westen  Neu-Pommerns  haben  mehrere  schiffbare  Flüsse,  deren
Lauf  von  dichtem  Urwalde  umsäumt  ist.

Die  Temperatur  im  Bismarck-Archipel  schwankt  zwischen  24°%  und
330  C.  Der  Regen  fällt  das  ganze  Jahr  hindurch  ziemlich  gleichmäßig.
Orkane  gibt  es  hier  nicht,  Stürme  sind  selten.  Die  Gesundheitsverhältnisse
  sind  besser  als  in  Kaiser-Wilhelmsland.  Das  Fieber  verläuft
rasch  und  gutartig.  Die  Pflanzen=  und  Tierwelt  gleicht  der  von  Kaiser-Wilhelmsland.
  Manche  Inseln,  deren  Strand,  Berge  und  Täler  in
        <pb n="179" />
        —  174  —

üppigstes  Grün  gekleidet  sind,  bilden  eine  einzige  große  Kokospflanzung.
Auf  der  Gazellen-Halbinsel  gedeihen  Baumwolle  und  Tabak.

Die  hier  heimischen  Papuas  sind  durchschnittlich  mittelgroß,  nur
auf  Neu-Mecklenburg  von  hohem  Wuchse.  Ihre  Kleidung  ist  die  allerdürftigste.
  Männer  und  Frauen  tätowieren  und  bemalen  sich  mit  den  ver—
schiedensten  Figuren.  Nasenflügel  und  Nasenknorpel  werden  von  ihnen
durchbohrt,  jene  mit  dem  Federkiel  vom  Kasuar,  diese  auf  jeder  Seite
mit  abstehenden  Dornen  oder  Hölzern  verziert.  Auch  auf  ihren  Waffen,
die  aus  Keulen,  Schleudern  und  harten  Speeren  bestehen,  bringen  sie
allerhand  Verzierungen  an.  Ihre  Hütten  bestehen  aus  Stangen  und
Palmblättern,  ihre  Nahrung  hauptsächlich  aus  Taro,  der  äußerst  nahrhaften
  Wurzelknolle  einer  Staude,  oder  aus  Sago,  dem  Mark  der  Sagopalme.
  Auch  genießen  sie  Kokosnüsse,  die  Frucht  des  Brotfruchtbaums,
Melonen,  Mandeln,  eine  Kohlart,  Hühner,  wilde  Tauben,  Schildkröten
und  Fische.

Angebaut  werden  Yams,  Kokospalmen  und  Zuckerrohr.  Deutsche
Handelshäuser  haben  auf  der  Gazellen  -Halbinsel  Baumwolle=  und
Kaffeepflanzungen  angelegt.  An  den  Küsten  herrscht  ein  lebhafter
Handel.  Alle  Tage  werden  Märkte  abgehalten.  An  Stelle  des  Geldes
gebraucht  man  an  lange  Schnüre  gereihte  Muscheln,  die  nach  der  Länge
des  Armes  gemessen  werden,  auch  geschliffene  Muschelplättchen  und  Perlen.

Seit  die  Inseln  unter  deutscher  Schutzherrschaft  stehen,  sind  diesen
Melanesen,  die  im  Geruch  des  Kannibalismus  stehen,  Europäer  nicht  zum
Opfer  gefallen,  ja  sie  werden  von  den  Eingeborenen  sogar  recht  freundlich
aufgenommen.  Die  eigenen  Toten  werden  mit  großem  Gepränge  in  der
Nähe  der  Hütten  begraben.  Die  Schädel  älterer  Personen  gräbt  man
nach  einiger  Zeit  wieder  aus  und  trägt  sie  als  Halsschmuck.  Eine
merkwürdige  Sitte  ist  der  Umzug  der  Duk-Duk-Leute.  Diese  Leute  tragen
schreckliche  Masken  und  sind  bis  an  die  Knie  mit  Laubkränzen  bedeckt.
Acht  Tage  lang  ziehen  sie  gewöhnlich  tanzend  von  Haus  zu  Haus.
Verliert  einer  während  des  Tanzes  die  Maske,  so  wird  er  getötet;  andererseits
  üben  sie  aber  eine  Art  Femgericht  und  können  Verklagte  straflos
  töten.

Englische  Missionare  haben  hier  fünfzehn  Kirchen  und  vierzig  Schulen,
und  französische  zwei  Kirchen  und  zwei  Schulen  errichtet,  denen  es  an
Zuspruch  nicht  fehlt.  In  nicht  zu  langer  Zeit  werden  christliche  Sitten
an  die  Stelle  der  barbarischen  Gebräuche  treten.
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        –—  —–'’'..—–n..  —

 

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Pfahlbauten  auf  den  Admiralitätsinseln.
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        —  175  —
Nicht  ausrotten  aber  sollte  man  den  schon  erwähnten  Begriff  des

„Tabu“.  Auf  einigen  Inseln  sind  gewisse  Speisen  Tabu,  bald  für  die
Männer,  bald  für  die  Frauen,  bald  für  alle  außer  dem  Häuptling  und

 

Tanz  der  Duk-Duk-Leute.

seinem  Duk-Dukmanne,  der  eine  Art  von  unverantwortlichem  Lord-Oberrichter
  und  zugleich  Scharfrichter  in  einer  Person  darstellt.  Den  Bruch
des  Tabu-Bannes  sucht  er  unerbittlich  heim,  obwohl  er  manchmal  zu
weit  geht  und  den  armen  Untertanen  an  Speise  nicht  sehr  viel  mehr
übrig  läßt  als  Muscheln  und  Menschenfleisch.
        <pb n="183" />
        —  176  —

Die  Salomo-Inseln.

Die  ebenfalls  zu  diesem  Verwaltungsgebiet  gehörenden  Salomo-Inseln
  oder  Salomonen  schließen  sich  im  Süden  an  den  Bismarck-Archipel
an.  Sie  bestehen  aus  einer  doppelten  Inselreihe,  die  in  südöstlicher
Richtung  vom  5.  bis  11.  Grad  südlicher  Breite  geht.  Gelegentlich  der
Erwerbung  von  Samoa  sind  die  beiden  Inseln  Choiseul  und  Isabel  an
England  abgetreten  worden.  Von  den  großen  Inseln  verblieb  uns  nur
Bougainville.  Das  deutsche  Gebiet
  wird  auf  10  560  qkm  mit
40  000  Einwohnern  geschätzt.

Auch  die  Salomonen  sind
gebirgig.  Auf  Bougainville  erreichen
  die  Gebirge  eine  Höhe
von  2—3000  m.  Man  hat  sie
Kaiser=  und  Kronprinz-Gebirge
genannt.  Auf  einigen  Inseln
finden  sich  noch  tätige  Vulkane;
Erdbeben  kommen  ziemlich  häufig
vor.  Fast  alle  Inseln,  besonders
die  kleineren,  sind  von  Korallenriffen
  umgeben.  Die  zahllosen
Bäche  begünstigen  einen  üppigen
Pflanzenwuchs,  vornehmlich  aus
Palmenarten.  Die  Tierwelt  und

—  das  Klima  gleichen  demjenigen
Salomo-Insulaner  in  der  Kriegstracht,  von  Kaiser-Wilhelmsland.

(vor  der  Stirn  eine  Muschelschale).  Die  Eingeborenen,  ebenfalls
Melanesier,  sind  kleine  kräftige  Gestalten  von  tiesschwarzer  Farbe.  Ihr
wolliges  Haar  tragen  sie  kurz  oder  in  Zöpfen.  Die  Liebe  zum  Schmuck
aller  Art  teilen  sie  mit  fast  allen  Insulanern  der  Südsee.  Sie  tätowieren
  sich  und  bemalen  den  Körper  mit  rotem  Ocker.

Ihre  viereckigen  Hütten  mit  Wänden  aus  Rohr,  deren  Dach  weit
über  die  Wände  hervorragt,  sind  mit  Malerei  und  Schnitzwerk,  auch
mit  Schädeln  verziert.  BMams,  Bananen,  Kokosnüsse,  Fische,  Schildkröten
  und  Schweine,  leider  auch  Menschenfleisch  geben  die  Nahrung  ab.
Letzteres  wird  auf  unablässigen  Kriegszügen  erbeutet.  Bei  dem  kanni-N



 

.  sp«  -.—«--.-«s-«  —.
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        —  177  —

balischen  Schmause,  der  an  heiligen  und  entlegenen  Stätten  in  den  Wäldern
stattfindet,  und  an  dem  Frauen  und  Kinder  nicht  teilnehmen  dürfen,  werden
religiöse  Lieder  gesungen.  Palmwein  und  Tabak  sind  beliebte  Genußmittel.

Bei  jedem  Dorfe  sind  sorgfältig  umzäunte  und  wohlgepflegte  Felder.
Ihre  Fahrzeuge  bauen  sich  diese  Insulaner  selbst  mit  den  einfachsten
Werkzeugen  und  geben  ihnen  durch  seitliche  Flöße  Stabilität.  Solche
Doppelschiffe  heißen  Katamaran.  Auch  in  der  Anfertigung  von  allerlei
Gegenständen  aus  Rohr  und  Perlmutter  zeigen  sie  große  Geschicklichkeit.
Ihre  Waffen  sind  Bogen  und  giftige  Pfeile  mit  Widerhaken,  Keule  und
Schild.  Sie  bewähren  sich  als  Arbeiter  und  werden  mit  Vorliebe  für
Kaiser-Wilhelmsland  angeworben.

Die  Salomo-Insulaner  teilen  sich  in  einzelne  Stämme  unter  je
einem  Häuptling,  der  im  höchsten  Ansehen  steht.  Die  Frau  wird  gekauft.
Drei  Schweine  sollen  ein  gern  angenommenes  Gebot  für  eine  Frau  sein.

Sie  verehren  Götzenbilder,  welche  in  den  Gemeindehäusern  und  auf
den  öffentlichen  Plätzen  aufgestellt  sind.  Die  Toten  legt  man  auf  Gerüsten
  aus.  Das  Skelett  wird  mit  großem  Gepränge  bestattet.  In
neuerer  Zeit  haben  hier  farbige  Missionare  von  anderen  Inseln  die
Ausbreitung  des  Christentums  mit  Erfolg  in  Angriff  genommen.

Die  Salomo-Inseln  wurden  1562  von  dem  Spanier  Mendang  entdeckt.

Die  Karolinen.

Die  Karolinen,  so  genannt  nach  König  Karl  II.  von  Spanien,  ziehen
sich  in  einem  Bogen  nördlich  von  Neu-Guinea  zwischen  den  Marschall-Inseln
  und  den  Philippinen  hin.  Sie  sind  dem  Verwaltungsgebiet  Deutsch-Neuguinea
  angeschlossen,  ebenso  wie  die  Marianen,  und  offiziell  als
Ost=  und  West-Karolinen  mit  Ponape  und  Jap  als  Vororten  unterschieden.
Es  sind  etwa  500  größere  und  kleinere  Inselchen,  insgesamt  etwa  1450
qkm  groß  und  von  etwa  36000  Menschen  bewohnt.  Die  größte  kommt
noch  nicht  der  Insel  Rügen  gleich.  Man  unterscheidet  die  Palau-Inseln,
7  bewohnte  und  etwa  20  unbewohnte  Inseln,  darunter  Babeltaob  mit
200  qkm  Fläche,  und  Jap  mit  einem  trefflichen  Hafen.  Die  mittlere
Abteilung  sind  Atolls,  unter  diesen  die  Lamotrek=  und  Ruck-Gruppe.
Die  östliche  Gruppe  umfaßt  die  Seniavina-Inseln  mit  Ponape  und
Kusaie,  letztere  mit  zwei  schönen  Häfen.

Beta,  Das  Buch  von  unsern  Kolonien.  12
        <pb n="185" />
        —  178  —

Die  genannten  fünf  Inseln  sind  Kinder  einer  erloschenen  vulkanischen
Tätigkeit.  Die  höchste  Erhebung  ist  der  Tolokulm  oder  Montesanto  auf
Ponape,  892  m.

Die  höheren  Juseln  haben  eine  reiche  Flora.  In  üppigen  Wäldern
finden  sich  die  Arekapalme,  Bambus,  die  Orange,  süße  Bataten  und  die
Tarowurzel,  auch  viele  nutzbare  Hölzer.  Zuckerrohr  und  Baumwolle
geben  gute  Ernten.  Riesige  Schildkröten,  Delphine,  Kruster,  große
Tintenfische  (Kraken  genannt),  leider  auch  der  Hai,  beleben  die  Gewässer;
alle  aber  sind  nützlich,  selbst  der  Hai  wird  seiner  eßbaren  Flossen  wegen
geschätzt.  An  Säugetieren  finden  sich  nur  fliegende  Hunde.  Die  Taube
ist  heimisch.  Die  üblichen  Haustiere  sind  von  Europäern  eingeführt.

 

 

Hafen  von  Jap.

Das  Klima  ist  tropisch,  durch  die  See  gemäßigt.

Die  Zahl  der  Bewohner  beträgt  36000,  darunter  1000  Weiße,
meist  deutsche  Händler,  auch  Amerikaner,  Spanier  und  Japaner.

Die  Eingeborenen,  Mikronesier,  gehören  zum  Stamme  der  Malaien,
sind  stattlich  gebaut,  von  nußbrauner  Hautfarbe  auf  den  östlichen,  von  dunkelkupferfarbiger
  auf  den  Palau-Inseln.  Sie  haben  schwarzes,  glattes  Haupthaar,
  das  sie  kurz  tragen.  Viele  gehen  ganz  nackt,  die  Bewohner  der  Mortlockund
  Ruckgruppe  kleiden  sich  in  Mäntel  aus  Pflanzenfasern.  Eingeführte
Baumwollenstoffe  werden  bevorzugt.  Das  Tätowieren  wird  schon  in  der
Kindheit  begonnen  und  jahrelang  nach  kunstvollen  Mustern  fortgesetzt.

Die  viereckigen  Häuser  auf  steinernen  Fundamenten  haben  vier  bis
        <pb n="186" />
        —  179  —

fünf  Abteilungen.  Vor  den  Häusern  der  Häuptlinge  befinden  sich  gepflasterte
  Plätze  für  die  Feste  und  Tänze.

So  ursprünglich  uns  die  Zustände  auf  den  Inseln  auch  erscheinen,
so  haben  doch  auch  diese  schon  ihr  Altertum.  Auf  mehreren  Inseln
werden  die  Besucher  durch  das  Vorhandensein  gewaltiger  uralter  Steinbauten
  überrascht.  Die  bekanntesten  sind  die  auf  Ponape,  „die
Ruinen  von  Naumatal“,  wo  sie,  in  Vierecken  aufgeführt,  einen  Raum
von  über  40  Hektar  bedecken.  Nach  Kubary  dienten  sie  einstmals
Wohnungen,  die  über  das  Wasser  hinausragten,  als  Fundament.  Ein
anderer  Basalthaufen,  der  aus  Blöcken  von  fast  4000  kg  Gewicht  aufgebaut
  ist,  war  die  Gruft  eines  Häuptlings,  in  der  man  Menschenknochen,
Steinäxte  und  Schmucksachen  gefunden  hat.  Mit  welchen  Mitteln  die
Insulaner  Blöcke  von  so  ungeheuerm  Gewicht  zehn  Meter  hoch  zu  heben
vermochten,  ist  uns  unerklärlich.  Vielleicht  sind  diese  vulkanischen  Inseln
Reste  eines  versunkenen  Kontinents.  Jedenfalls  haben  wir  künftig  von
der  „Archäologie  unserer  Südsee-Inseln“  noch  manche  interessante  Aufklärung
  zu  erwarten.  So  weist  Paul  Sarasin  in  der  „Zeitschrift  für
Ethnologie“  auf  die  Übereinstimmung  der  Bauelemente  des  dorischen
Tempels  und  der  Pfahlbauten  hin,  die  in  der  Südsee  noch  üblich  sind,
und  W.  Hentschel  leitet  sogar  die  europäischen  Rassen  von  den  Maoris
auf  Neuseeland  und  den  Malayen  ab.

Die  Eingeborenen  sind  gutartig,  aber  zeremoniös.  Ihre  Kriege
verlaufen  meist  unblutig;  schon  ein  Toter  entscheidet  den  Ausgang.
Man  rühmt  ihre  Dankbarkeit  und  Gastfreundschaft,  die  sich  nach  der
noch  zu  erwähnenden  Katastrophe  vom  April  1906  allerdings  nicht  bewährte.
  Ohne  deutsche  Hilfe  wären  deren  Folgen  unübersehbar  schrecklich
  gewesen.  Bis  vor  kurzem  waren  sie  noch  arge  Kannibalen.  Die
Priester  liefen  zuzeiten  nach  langem  Fasten  und  Beten  „amuck“.  Dann
töteten  sie  jeden,  den  sie  antrafen.  Das  währte  drei  Tage,  worauf  die
Leichen  gesammelt  und  rituell  auf  den  heiligen  Waldstätten  verzehrt
wurden.  Dieselben  Leute  sieht  man  jetzt,  wie  Stephenson  erzählt,  in
europäischer  Kleidung  den  Dandy  spielen  und  den  Erlös  der  Waren  in
europäische  Luxusgegenstände  umwandeln.  Die  Bewohner  der  Palaus
gelten  für  hinterlistig  und  habgierig.

Die  Kähne  dieser  Insulaner,  aus  dem  Holz  des  Brotfruchtbaumes
als  Katamaran  gebaut,  sind  zu  weiten  Seereisen  tauglich.  Sie  dienen  dem
Fischfang,  der  mit  der  Schleppangel,  mit  Reuse  und  Netz  betrieben  wird.

12*
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        —  180  —

Der  Acker-  und  Gartenbau  beschränkt  sich  auf  die  Batate,  Brotfrucht—
und  Kokospalme.  Auch  hier  ist  der  wichtigste  Ausfuhrartikel  die  Kopra.

Die  Frauen  sind  dem  Manne  gleichberechtigt.  Auf  den  Palau-Inseln
haben  sie  sogar  ihre  eigene  Regierung;  eine  Anzahl  von  Frauenhäuptlinginnen
  stehen  den  Häuptlingen  der  Männer  zur  Seite.  Das  Eheleben
ist  zerrüttet,  und  unter  den  Ledigen  herrscht  große  Sittenlosigkeit.  Sie  haben
zwei  Stände:  die  Häuptlinge  mit  dem  Adel  und  das  gemeine  Volk.  Mehrere
Häuptlinge  stehen  zuweilen
unter  einem  gemeinsamen  Könige.
  Er  ist  ihr  Lehnsherr,
dem  sie  im  Falle  des  Krieges
Truppen  stellen.  Der  König
verleiht  auch  einen  Orden,  den
um  das  Handgelenk  zu  tragenden
  Wirbel  der  Meerknuh.
Man  glaubt  an  unsichtbare
Götter,  denen  man  unblutige
Opfer  bringt,  treibt  Ahnenund
  Geisterkult.

Kopra,  Schildpatt,  Brotfrucht
  und  Taro  werden  für
Glasperlen,  Eisen,  Werkzeuge
und  Gewehre  eingetauscht.
Daneben  gibt  es  Palaugeld,
kleine  Stückchen  gebrannter
Erde  oder  geschliffenen  Glases.
Die  heutigen  Bewohner  können
  es  gar  nicht  herstellen,

Junge  Krieger  von  Jap.  da  sie  weder  das  Material

noch  die  Kunst  des  Schleifens

kennen.  Einige  Formen  und  Stücke  dieses  Geldes  haben  heute  einen  Wert
bis  15000  Mark.  Auch  große  Mühlsteine  standen  bisher  hoch  im  Wert.

Die  weiße  Bevölkerung  beläuft  sich  auf  77  Köpfe  im  Ost=  und  73  im
Westbezirk,  einschließlich  Palau.  Dazu  kommen  in  diesem  34  Japaner
und  5  angesessene  Chinesen  und  eine  Anzahl  Philippiner  und  Chamorros.
Man  schätzt  die  Zahl  der  Eingeborenen  auf  13000  Köpfe  in  jedem
Gebiet.  "
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Versammlungshaus  und  Geldsteine  auf  der  Insel  Jap.
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        —  182  —

Der  Handel  liegt  vornehmlich  in  den  Händen  der  deutschen  Jaluit—
Gesellschaft,  die  20  Faktoreien  hat.  Sie  exportiert  Kopra,  Schwämme,
Perlschalen,  Schildpatt,  Brotfrucht  und  eßbaren  Trepang.  Die  wirt—
schaftliche  Entwicklung,  unter  der  spanischen  Wirtschaft  gehemmt,  hat  sich
unter  dem  Schutze  des  Deutschen  Reiches  schnell  gehoben,  namentlich
durch  den  Plantagenbau,  der  Zuckerrohr  und  Tabak  zum  Gegenstande
hat,  durch  öffentliche  Bauten,
Dämme,  Brücken  und  Einfüh—
rung  einer  reicheren  Pflanzenund
  Tierwelt.)

Auf  Ponape,  Jap,  Truk
(Karolinen)  und  Saipan  (Marianen)
  befinden  sich  Postagenturen
  nebenamtlich  in  den
Händen  der  Stationsleiter  der
Jaluit-Gesellschaft,  auch  bildet
sich  seit  1905  ein  Mittelpunkt
des  Kabelnetzes  Menado  (Celebes)
  —  Guam  —Schanghai,
das  der  Deutsch-Niederländischen
  Gesellschaft  in  Cöln
a.  R.  gehört.

Der  Norddeutsche  Lloyd
hat  zwei  Dampferlinien,  von
Singapore  und  Hongkong,  die
Jaluit-Gesellschaft  eine  solche
von  Jaluit  nach  Ponape.

Einzelne  dieser  Inseln
wurden  schon  zu  Anfang  des
16.  Jahrhunderts  durch  den  Portugiesen  Diego  de  Rocha  entdeckt.  Erst
1827  und  1828  wurde  die  ganze.Inselgruppe  von  dem  russischen  Kapitän
Lüttke  erforscht.  Am  25.  August  1885  heißte  S.  M.  S.  „Iltis“  auf  Jap
die  deutsche  Flagge.  Spanien  protestierte,  ein  Schiedsgericht  des  Papstes
entschied  am  22.  Oktober  zu  dessen  Gunsten.  Als  Spanien  aber  1899

 

Eine  Schönheit  von  Jap  mit  dem  aus
geschlitzten  Bananenblättern  bestehenden  Rock.

*)  So  wurden  u.  a.  1000  Marienkäferchen  eingeführt,  um  der  Schildlaus,
dem  Schädling  der  Kokos,  Abbruch  zu  tun.
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        —  183  —

die  Philippinen  an  Amerika  verlor,  trat  es  am  30.  Juni  1899  die  Ka—
rolinen,  Palau-Inseln  und  Marianen  gegen  16  Millionen  Mark  an
Deutschland  ab.

Als  Regierungssitze  dienen  Ponape,  Jap  und  Saipan.

Vom  19.  bis  zum  22.  April  1906  brauste  ein  fürchterlicher  Taifun  oder
Wirbelsturm  in  einer  Breite  von  55  Seemeilen  über  die  Ost-Karolinen
dahin,  wobei  46  Menschenleben  verloren  gingen.  Sämtliche  Häuser,
Fahrzeuge  aller  Art  und  die  Baumbestände,  Kokos=  und  Brotfrüchte
wurden  zerstört.  Die  Weißen  allein  verloren  eine  halbe  Million.  Der
Regierungsdampfer  „Ponape“  konnte  wieder  abgebracht  werden.  Alle
Fische  verschwanden.  Eine  Hungersnot  raffte  noch  120  Eingeborene
hinweg.  Auch  in  Truk  starben  80  Leute  an  der  Beriberikrankheit.
Regierungsseitig  geschah  alles,  um  die  Not  zu  lindern  und  neue  Pflanzungen
zu  schaffen.  Viele  japanische  Nutzpflanzen  wurden  mit  Erfolg  eingeführt.

Eine  weitere  Verheerung  richtete  dann  der  Taifun  am  Karfreitag
desselben  Jahres  auf  den  Ululsi-Inseln,  nordöstlich  der  Nord-Karolinen,
an;  230  von  800  Eingeborenen  blieben  tot,  und  viele  der  Überlebenden
wurden  von  unseren  Dampfern  „Planet“  und  „Germania“  nach  den
Palaus  und  Marianen  übergesiedelt.

Die  Entwaffnung  der  Eingeborenen  ging  in  friedlicher  Weise  vor  sich.
Auch  gilt  der  Geburtstag  des  Kaisers  bereits  als  nationaler  Festtag.

Seit  1696  bemühten  sich  die  Spanier,  das  Christentum  einzuführen.
Doch  erst  im  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts  gelang  es  protestantischen
Missionaren  von  Hawati,  hier  festen  Fuß  zu  fassen.  Die  Methodisten
besitzen  auf  Kusaie  und  auf  der  Ruckgruppe  zwei  Haupt=  und  13  Nebenstationen.
  Auf  Ponape  und  Jap  wirken  die  Kapuziner.

Die  Marschall-Inseln.

Die  Marschall-,  offiziell  die  Marshall-Inseln,  zwischen  dem  4.  und
15.0  nördlicher  Breite  und  dem  162.5  bis  174.0  östlicher  Länge,  bilden
mit  den  Karolinen-,  Marianen=  und  den  Gilbert-Inseln  jene  große  Inselgruppe,
  die  wegen  der  äußeren  Erscheinung  der  Bewohner  unter  dem
Namen  Mikronesien  zusammengefaßt  wird.  Die  Marschall-Inseln  bestehen
aus  zwei  Inselketten,  von  denen  Ralik  die  innere  und  Ratak  die  äußere  ist.
        <pb n="193" />
        —  184  —

Die  mit  Handelsstationen  besetzten  größeren  Inseln  heißen  Milli,
Arno,  Mejuru,  Maloelab,  Mejit,  Ebon,  Namrik,  Alingelabab,  Lieking.
Eine  400  Seemeilen  entfernte  Insel  Nauru,  welche  außerordentlich  große
Phosphatlager  enthält,  die  seit  Anfang  1907  ausgebeutet  werden,  gehört
in  dieses  Verwaltungsgebiet.  Sie  betragen  insgesamt  etwas  mehr  als
440  qkm  mit  15000  Einwohnern.

Alle  diese  Inseln  sind  sogenannte  Atolle,  d.  h.  jede  besteht  aus
mehreren  oft  sehr  schmalen,  flachen,  von  der  Brandung  zerrissenen  Riffen,
die  mehr  oder  weniger  eiförmig  eine  Lagune  umschließen.

 

 

Atoll.

Die  Korallentierchen,  die  diese  Riffe  aufbauen,  bevorzugen  solche
Lagen,  wo  Wind  und  Strömungen  ihnen  Nahrung  zuführen.  Daher
sind  die  Außenkanten  nach  der  See  und  namentlich  in  der  Richtung  der
Passate  und  Meeresströmungen  hin  höher  als  die  nach  dem  Innern  der
Lagune  zu  gelegenen.  Sturm  und  Flut  zerreißen  den  unregelmäßigen
Ring  und  schaffen  dadurch  Einfahrten  mit  unter  Umständen  gefährlichen
Strömungen.  Die  Brandung  löst  ganze  Blöcke  heraus  und  wirft  sie
auf  das  Riff,  dessen  Oberfläche  durch  Wind  und  Sonne  in  einen  feinen
Sand  aufgelöst  wird.  Im  Laufe  der  Zeit  bildet  sich  eine  dürftige
Erdschicht,  worauf  die  durch  die  Strömung  angeschwemmten  Samen
Wurzel  fassen.  Kokospalmen,  Brotfruchtbäume,  niedriges  dorniges  Buschwerk,
  die  an  allen  tropischen  Küsten  vorhandene  stelzfüßige  Mangrove,
grobes  Schilf,  mancherlei  duftende  Blumen  siedeln  sich  an.
        <pb n="194" />
        —  185  —

Die  Tierwelt  besteht  aus  prachtvollen  Tauben,  Strandläufern,
Eidechsen,  Schmetterlingen.  Schweine,  Hühner,  Enten,  allerlei  kleine  Nager,
Hunde  und  Katzen  haben  den  Menschen  begleitet.  Das  Klima  ist  mild.

Die  Bewohner  sind  klein,  schmächtig,  von  gelber  oder  schwarzbrauner
Farbe.  Sie  kleiden  sich  in  schön  geflochtene  Matten,  der  Mann  auch
wohl  in  einen  aus  Pflanzenbast  gefertigten  Rock.  Das  lange  Haar  wird
zu  einem  Knoten  auf  dem  Wirbel  geschlungen.  Beide  Geschlechter  schmücken
sich  mit  Blumen  und  Blättern  und  tätowieren  sich  je  nach  ihrer  Vornehm—
heit.  Ihre  Wohnungen  bestehen  aus  Dächern  von  Kokosblättern  auf
mannshohen  Pfählen.  Als  Kopfkissen  dienten  ihnen  hölzerne  Böcke
zum  Schutz  für  die  Frisur,  wie  schon  die  alten  Ägypter  sie  kannten,  und
wie  auch  die  Japaner  sie  in  Gebrauch  haben.  Sie  nähren  sich  von
Kokosnüssen,  Palmenkohl,  Brotfrucht,  Reis,  Fischen,  die  in  diesen
Gewässern  reichlich  vorhanden,  zum  Teil  überaus  bunt  und  schillernd,
aber  auch  namentlich  in  der  Laichzeit  sehr  giftig  sind,  und  vom  Fleisch  der
Schildkröten,  Hühner  und  Tauben.  Aus  dem  Saft  der  Palmen  bereiten
sie  Sirup,  Essig  und  auch  ein  gefährlich  berauschendes  Getränk,  weshalb
das  Anzapfen  der  kostbaren  Bäume,  die  danach  eingehen,  vielfach  unter
Strafe  gestellt  ist.

Das  Hauptprodukt  dieser  Insel  ist  die  Kopra,  die  lufttrockene  Schale
der  Kokosnuß,  die  ein  gutes  Ol  liefert  und  von  deutschen,  amerikanischen
und  englischen  Händlern  für  europäische  Waren  eingetauscht  wird.  Gepreßter
  Tabak  dient  als  gangbare  Münze,  um  welche  die  Eingeborenen
auch  gern  zu  spielen  pflegen.

Sonst  geben  diese  Inseln  wenig  Gelegenheit  zu  gewinnbringender
Arbeit,  außer  daß  in  einigen  Lagunen  nach  Perlen  und  Perlmutter  gesischt
  wird.  Der  Boden  zur  Anlage  von  Gärten  muß  zu  Schiff  als
Ballast  herangeschafft  werden  und  findet  willige  Abnahme.  Doch  ist  die
Schiffahrt  an  die  Passatwinde  gebunden,  die  ebenso  wie  der  Regen
manchmal  ausbleiben.  Zuweilen  geht  auch,  wie  dies  im  Jahre  1906  der
Fall  war,  eine  Sturmflut  über  die  niedrigen  Atolle  hinweg  und  richtet
das  Werk  vieler  Geschlechter  zugrunde.  Dann  herrscht  hier  große  Not,
der  unsere  Regierung  abzuhelfen  sich  bemüht.

Die  Insulaner  der  ganzen  Südsee  haben  strenge  Standesunterschiede.
Die  Grundbesitzer  unter  Erbhäuptlingen  bilden  eine  Aristokratie,  welche
die  Besitzlosen  beherrscht.  Aus  der  Zahl  der  Häuptlinge  wird  der  König
gewählt,  der  den  Handel  nicht  selten  in  seinen  Händen  vereinigt.
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        —  186  —

Die  Mikronesier  sind  ein  fröhliches,  gutartiges  Völkchen.  Ihre
Spiele  und  Tänze  sind  kunstvoll  und  anmutig,  auch  ihr  Gesang  ist  nicht
zu  verachten.  Ehedem  waren  sie  kühne  Seefahrer.  Die  Segnungen
einer  Kultur,  die  bisher  von  Menschenräubern,  den  sog.  Kidnappern,
und  den  nicht  immer  sehr  christlich  verfahrenden  Besitzern  kleiner  Schiffe
an  diesen  Strand  getragen  wurden,  haben  aber  wenig  Gutes  gezeitigt.
Diebstahl,  Trunksucht  und  Laster  aller  Art  räumen  unter  dem  Volke  auf
und  zwingen  zu  der  Annahme,  daß  es  dem  Untergange  geweiht  sei.

Sein  höchster  Gott,  Avis,  ist  ein  Geist.  Er  soll  sich  indessen  in  die
Kronen  ihm  geweihter  heiliger  Bäume  sichtbarlich  niederlassen.  Neben
ihm  gibt  es  eine  Menge  anderer  Götter,  ja  jedes  Menschenkind  bildet
sich  ein,  einen  besonderen  Schutzgeist  unter  den  Himmlischen  zu  besitzen.
Jeder  Vogel,  jedes  Geräusch  erregt  abergläubische  Vorstellungen  bei
diesen  Kindern  der  gewaltigen  Meereseinsamkeit.  Jedes  wichtige  Unternehmen,
  sogar  die  Fischzüge  werden  durch  Opfer  eingeleitet.  Seit
mehreren  Jahrzehnten  sind  französische  und  amerikanische  Missionare  auf  den
Marschall--Inseln  tätig  und  haben  Eingeborene  mit  Erfolg  zu  Missionaren
und  Lehrern  herangebildet,  die  das  Missionswerk  in  ihrer  Weise  eifrig
fortsetzen.  Zurzeit  sind  noch  drei  weiße  Missionare  hier  ansässig,  zwei
katholische  deutsche  und  ein  protestantischer  Amerikaner.

Die  Inselgruppe  erhielt  ihren  Namen  nach  dem  Engländer  Marshall,
der  sie  1788  entdeckte.  Seit  1878  befindet  sich  auf  der  Insel  Jaluit  eine
deutsche  Kohlenstation,  seit  1885  ist  die  Gruppe  deutsch.

Die  Gesamtzahl  der  Weißen  beträgt  zurzeit  73,  davon  10  Frauen
(auf  Jaluit  allein  61),  45  hiervon  sind  Deutsche,  4  Engländer,
3  Amerikaner;  von  diesen  gehören  13  der  Mission  an,  16  sind  Kaufleute.
Die  übrigen  verteilen  sich  fast  auf  alle  Nationalitäten  der  Welt.  Besonders
  sind  die  Chinesen,  wie  in  der  ganzen  Südsee,  stark  vertreten.  Sie
haben  fast  alle  Stellungen  als  Handlungsgehilfen,  Köche  usw.  inne.
Für  junge  Europäer  solcher  Stellungen  ist  dies  kein  Gebiet.

Auf  Jaluit,  das  seit  1888  auch  einen  Kaiserlichen  Kommissar
und  eine  Kaiserliche  Postagentur  beherbergt,  befinden  sich  24  Deutsche.
Sowohl  die  Hamburger  Jaluitgesellschaft  wie  die  Pacific-Islands“=Company
  in  London,  ebenso  unsere  Kriegsschiffe  befördern  die  Postsendungen,
  die  erste  Gesellschaft  von  Sydney  über  Jaluit,  Ponape,  Ruck,
Jap  nach  Palau  und  zurück.  Die  Post  findet  in  Ponape  Anschluß  an  den
Reichspostdampfer  der  Zweiglinie  Hongkong-Sydney.  Die  Postverbindung
        <pb n="196" />
        —  187  —

findet  3  mal  jährlich  über  Sydney  statt.  Im  Jahre  1905  betrug  die
Zahl  der  Briefsendungen  6087  nebst  8000  Zeitungen.  Die  sogenannten
Nachnahmen  wurden  sämtlich  eingelöst.  Der  schnellste  Weg  über  San
Francisco  nimmt  etwa  fünfzig  Tage  in  Anspruch.  An  Pflanzungen  sind
2480  ba  vorhanden.

Die  Ausfuhr,  Kopra,  belief  sich  1905  auf  3,47  Millionen  kg  im
Werte  von  695  000  Mark,  die  Einfuhr  insgesamt  auf  651  000  Mark,  meist
in  Verzehrungsgegenständen,  Geweben  und  Eisenwaren  bestehend,  in  deren
Beschaffung  sich  Deutschland  mit  England,  Australien,  China  und  Amerika
teilt.  Ein  großer  Teil  der  Kopra,  1,3  Millionen  kg,  geht  nach  Chile,
und  fast  ebensoviel  nach  Frankreich.  Für  5000  Mark  Haifischflossen  nimmt
China  auf;  13  Dampfer  (6  deutsche)  und  41  deutsche  Segler  liefen  1905
Jaluit  an,  mit  zusammen  160000  Registertonnen.  Auch  der  kleine  Kreuzer
„Seeadler“  (1650  T.)  stattete  den  entlegenen  Inseln  einen  Besuch  ab.

Die  Boston-Mission  hat  auf  Nauru  einen  deutschsprechenden  Missionar
eingesetzt.  Die  katholische  Mission  vom  Heiligen  Herzen  Jesu  unterhält
eine  Schule  auf  Jabwor  mit  18  Schülern.

Die  Marianen.

Die  Marianen  wurden  durch  den  Vertrag  vom  17.  November  1899
von  Spanien  an  Deutschland  abgetreten.  Sie  liegen  zwischen  130  und
21°  N.,  1410  und  1520  O.  Nur  die  Insel  Guam  ist  innerhalb  dieser
Grenzen  amerikanisch.  Der  Hauptzug  der  Gruppe  geht  von  Guam  fast
direkt  nordwärts  und  bildet  mit  den  Vulkan=  und  Bonin-Inseln  die  Brücke
zwischen  Japan  und  Australien.

Die  Marianen  sind  durchweg  vulkanischen  Ursprungs.  Der  Basaltkern
  der  meist  aus  einem  Bergkegel  bestehenden  Inseln  oder  auch  der
Gruppengebirge  (Saipan,  Tinian,  Pagan)  ist  indessen  wie  bei  den  Gebirgen
  in  Neu-Guinea  bis  hoch  in  die  Gipfel  von  Korallenfelsen  umgeben.
Das  gemeinschaftliche  Verwitterungsprodukt  ist  ein  schwerer,  roter  Ton,
der  die  Täler  und  Gebirgsfalten  bedeckt  oder  sich  auf  den  Stufen  der  zu
Terrassen  abwitternden  Bergkegel  lagert.

Die  Vulkane  sind  erloschen,  nur  auf  Pagan  erhebt  sich  ein  mächtiger
Feuerberg,  dessen  steile  und  kahle  Hänge  mit  Asche  bedeckt  sind,  und  der
        <pb n="197" />
        —  188  —

breite,  jüngst  erstarrte  Lavaströme  in  die  erloschenen  Krater  älterer,  fast
bis  zur  Meereshöhe  versunkener  Vulkane  sendet.  Auch  auf  Asuncion
(Assungong)  soll  sich  noch  ein  tätiger  Vulkan  besinden.  —  Eine  hohe
Brandung  steht  um  die  Küsten  fast  aller  Inseln,  und  die  Landung  ist
zuweilen  schwierig.  —  Geschützte  Häfen  sind  auf  Saipan  und  Pagan.
Das  Klima  ist  tropisch  mit  einer  von  Mai  bis  Oktober  dauernden
Regenzeit.  Dauerflüsse  gibt  es  nur  auf  Rota  (vier)  und  auf  Saipan
(sechs),  aber  diese  fließen  nach  der  Seite,  wo  sich  die  Hauptsiedelung
nicht  befindet.  Ein  wirklicher  Wassermangel  macht  sich  indessen  bei  den
reichlichen  Regenfällen  nicht  bemerkbar,  der  schwere  Ton  hält  die
Feuchtigkeit  lange  fest  und  erzeugt  eine  üppige  Pflanzenwelt.  Die  meisten
Inseln  sind  bis  in  die  Gipfel  mit  wertvollem  Walde  bedeckt;  auf  größeren
Lichtungen  erscheint  mannshohes  Gras,  das  die  Eingeborenen  seither
immer  wieder  anzuzünden  pflegten,  wobei  jedesmal  der  Waldrand  mit
verbrannte  und  die  Savanne  sich  vergrößerte.  Dieses  Absengen  ist  jetzt
bei  Strafe  verboten,  und  es  ist  zu  hoffen,  daß  hierdurch  und  eine  neu
erlassene  Forstordnung  der  gefährlichen  Waldverwüstung  vorgebeugt  wird.
Die  Savannen  selbst  sollen  mit  Kasuarinen  oder  auch  mit  Kokosbäumen,
welche  beide  Arten  sehr  genügsam  sind,  neu  bepflanzt  werden.  Im  Walde
finden  sich  ausgedehnte  Kokosbestände,  die  dem  Staate  gehören,  aber
seit  jeher  von  den  Eingeborenen  ausgenützt  wurden.  Jeder  schnitt  Kopra
und  Blätter  zu  Bedachungen,  soviel  und  wann  es  ihm  beliebte,  daher
befinden  sich  diese  „Kokale“  in  traurigem  Zustande.  Die  Deutschen  haben
sogleich  eine  neue  Ordnung  der  Dinge  eingeführt.  Jetzt  müssen  die  Gemeinden
  als  solche  die  Ernten  und  Neuanpflanzungen  vornehmen  und
den  Erlös  der  Kopra  nach  Einbehaltung  von  10  Prozent  für  unvorhergesehene
  Gemeindebedürfnisse  unter  die  Familien  gleichmäßig  verteilen.

Der  sehr  gemischte  und  für  alle  Teile  der  Südsee  typische  Bevölkerungszustand
  ergibt  sich  aus  folgender  Übersicht:  3  Deutsche,
3  Spanier,  12  Japaner,  13  Malaien,  4  Tagalen  (Philippiner),  650  Karoliner,
  1253  Chamorro,  in  Summa  1938  Köpfe.

Die  Urbevölkerung  oder  vielmehr  ihre  spärlichen  Reste  sind  eben
diese  Chamorro,  die  nach  ihrer  Sprache  mit  den  Malaien,  nach  ihrem
Gesichtsschnitt  mit  den  Mongolen  verwandt  sind.  Ihre  Zahl  wurde  bei
der  Ankunft  der  Spanier  1669  auf  hundert=  bis  hundertfünfzigtausend
geschätzt,  und  die  Spuren  volkreicher  Niederlassungen:  Gefäßtrümmer,
Steinmauern  und  hohe  Säulen  mit  mächtigem  Kapitäl  finden  sich  auf
        <pb n="198" />
        —  189  —

allen,  auch  auf  den  kleinen  Inseln.  Der  spanische  Gouverneur  General
Madrazo  aber  ließ  1698  die  Bewohner  sämtlicher  Inseln  zwangsweise
nach  Guam  bringen,  um  sie  dort  bequemer  taufen  lassen  zu  können.  Nur
die  Entvölkerung  von  Rota  gelang  nicht  vollkommen,  dank  ihren  zahlreichen,
  geräumigen  Höhlen.  Die  Bewohner  dieser  Insel  sind  daher
heute  nach  Gestalt  und  Sprache  als  die  einzigen  unvermischten  Reste  der
alten  Chamorro  anzusehen.

Krankheiten  oder  andere  unbekannte  Ursachen  haben  dann  auch  den
Rest  der  Urbevölkerung  dahingerafft.  Das  Einwohnerverzeichnis  von
1710  weist  eine  Gesamtbevölkerung  der  beiden  allein  noch  bewohnten
Inseln  Guam  und  Rota  von  3678,  das  von  1790  eine  solche  von  nur  1639
Köpfen  auf.  Im  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  stieg  die  Zahl  durch
Zuwanderung  von  Tagalen  und  Ruck-Karolinern.  Die  letzteren,  überaus
kräftige,  schöne  Menschen,  haben  den  Brauch  ihrer  Heimat  bewahrt.  Sie
gehen  fast  nackt,  feiern  ihre  heimischen  Tänze  und  Gesänge,  ihren  Totenkult
und  andere  geheimnisvolle  Bräuche  und  sind  wohl  nur  Namen-Christen,
im  übrigen  aber  durchaus  gehorsame  und  gutmütige  Menschen.  Neben
ihrer  Muttersprache  verstehen  und  sprechen  alle  das  Chamorro.  Sie
neigen  zu  früher  Heirat  und  starker  Vermehrung,  nur  auf  Rota  geht
ihre  Zahl  zurück.  Die  ehemaligen  Niederlassungen  befanden  sich  auf  den
Höhen,  am  Ufer  der  Flüsse,  die  sie  zur  Bewässerung  höchst  kunstvoll
angelegter  Reisfelder  benutzten.  Die  spanischen  Mönche  bauten  ihre
Kirche  und  sammelten  ihre  Gemeinde  fernab  vom  frischen  Wasser  auf
einer  sandigen  Landzunge.  Die  Folge  war  eine  Verringerung  der  mit
Reis  bestellten  Fläche,  schlechtere  Ernährung,  schlechtes  Wasser,  Dysenterie,
Empfänglichkeit  für  Lepra,  Lupus,  Blattern  und  andere  Hautkrankheiten.
Das  ist  ein  Beispiel  spanischer  Kolonisationskünste.

Der  Gesundheitszustand  auf  Rota  ist  sehr  schlecht,  von  116  zur
Arbeit  verpflichteten  Männern  sind  nur  22  arbeitsfähig.

Das  Hauptgewicht  bei  der  Bekämpfung  der  Krankheiten  wird  auf
vorbeugende  Maßregeln  gelegt.  Neben  der  Isolierung  der  ansteckenden
Kranken  gewährt  die  obligatorische  Schule  die  Möglichkeit,  alle  kranken
Kinder  der  ärztlichen  Behandlung  zu  unterwerfen.  —  Der  besonders  von
den  Karolinern  geübte  Mißbrauch  der  „Tuba“,  des  gärenden,  nicht
destillierten  Palmsaftes,  ist  durch  die  Verordnung  eingeschränkt,  daß  jeder
Familie  nur  zwei  Kokosbäume  zur  Herstellung  von  Essig,  Hefe  und
Sirup  auf  Grund  einer  schriftlichen  Erlaubnis  des  Bezirksamtes
        <pb n="199" />
        —  190  —

freigegeben  sind.  Die  Bereitung  von  Tuba  als  Getränk  ist  verboten.  Von
höchster  Bedeutung  für  die  Gesundheit  ist  die  Wasserfrage.  Wie  erwähnt
fließen  die  Dauerflüsse  nach  der  unbesiedelten  Ostküste.  Um  nun  die  für
die  Insel  so  wichtige  Reiskultur  auf  die  frühere  Höhe  zu  heben,  soll
durch  Verwaltungsmaßregeln:  dreijährige  Steuerbefreiung,  unentgeltliche
Überlassung  von  Land,  Wegebau,  die  Bevölkerung  an  die  Orte  zurückgeführt
  werden,  wo  ihre  gesünderen  Vorfahren  einst  gelebt  haben.  Die
Gesundheit  der  Europäer  ist  fortdauernd  günstig.  Malaria  ist  hier  unbekannt;
  Dysenterie  in  leichter  Form  ist  dagegen  unter  den  Eingeborenen
häufig.  In  Guam  sollen  auch  die  amerikanischen  Truppen  schwer  darunter
leiden.  Das  Wasser  hier  ist  mit  großer  Vorsicht  zu  verwenden.

Die  weiße  Bevölkerung  zählt  23  Personen,  davon  18  deutsche;
die  Japaner  sind  auf  21  zurückgegangen,  die  Spanier  auf  5.  Ruck=  und
Boninleute  finden  sich  hier  ein,  um  den  hohen  Tagelohn  von  1  Mark  zu
verdienen,  und  kehren  dann  mit  Vorräten,  die  hier  billig  sind,  wieder  heim.

An  der  Spitze  jeder  Gemeinde  —  auch  der  bloßen  Arbeitergemeinden
der  nördlichen  Inseln  —  steht  der  „Ortsschulze“  und  ein  „Vertreter“.
Die  Dörfer  sind  in  Bezirke  eingeteilt,  für  die  je  ein  „Aufseher“  ernannt
ist.  Er  erhebt  die  Steuern  und  bestimmt  die  aus  seinem  Bezirk  für  die
öffentlichen  Arbeiten  zu  stellende  Mannschaft.  Die  Gemeindebeamten
werden  vom  Bezirksamt  ernannt,  wobei  indessen  die  Wünsche  der  Bevölkerung
  berücksichtigt  werden,  so  daß  jeder  Aufseher  zugleich  der  Vertrauensmann
  seines  Bezirkes  ist.  Sie  erhalten  eine  monatliche  Belohnung.
Mit  dem  System  sowie  mit  den  Personen  sind  seither  nur  günstige  Erfahrungen
  gemacht  worden,  wie  überhaupt  bemerkt  werden  soll,  daß  die
deutsche  Verwaltung  bei  jeder  Gelegenheit  und  von  seiten  aller  Eingeborenen
  ohne  Ausnahme  das  freudigste  und  eifrigste  Entgegenkommen  findet.

Die  Haupterwerbsquelle  der  Eingeborenen  —  Chamorro  wie
Karoliner  —  ist  die  Gewinnung  der  Kopra,  die  von  japanischen  Händlern
zum  Preise  von  120  bis  140  Mark  die  Tonne  aufgekauft,  in  vielen  Fällen
gegen  Waren  eingetauscht  wird.  Infolge  der  Taifune  ging  die  Ausfuhr  von
154  000  Mark  im  Jahre  1904  auf  95  000  Mark  zurück.  Hier  wie  auch  auf
den  Karolinen  tritt  dagegen  eine  sehr  große  Einfuhr  in  die  Erscheinung,
die  indessen  nur  den  bedeutenden  Anstrengungen  unsrer  Regierung  zuzuschreiben
  ist,  die  Fehler  der  Vergangenheit  und  die  Schäden  der
Gegenwart  wieder  gut  zu  machen.  So  schreitet  der  Anbau  von  Feldfrüchten
  rüstig  fort.  Bisher  verließen  sich  die  Eingeborenen  auf  die
        <pb n="200" />
        —  191  —

Brotfrucht,  die  der  Wald  in  reichlicher  Menge  liefert.  Beiden  Stämmen
fehlt  eine  gewisse  lebensnotwendige,  wenn  auch  philosophisch  zu  zügelnde
Freude  am  Gelderwerb  und  Geldersparen.  Im  Verein  mit  angeborener
oder  erworbener  Trägheit  wirkt  dies  der  Fortentwicklung  sehr  entgegen.

Die  Viehzucht  hebt  sich.  Die  Rinder  dienen  vornehmlich  als  Zug—
und  Reittiere.  Bei  Futteranbau  und  Pflege  hat  eine  geregelte  Vieh-  und
Milchwirtschaft  nach  deutscher  Art  sich  auch  hier,  wie  in  unsern  anderen
südlichen  Schutzgebieten,  einrichten  lassen.  Auf  Saipan  wurde  eine  staatliche
  Viehwirtschaft  mit  zunächst  etwa  vierzig,  auf  Rota  eine  solche  mit
zunächst  sieben  Stück  Rindvieh  begründet.

Daß  der  Viehstand  früher  hier  reichlich  vorhanden  gewesen  sein  muß,
beweist  eine  verwilderte  Herde  von  etwa  500  Stück  Rindvieh  neben
Tausenden  von  Schweinen  und  Hühnern  auf  Tinian.  Jetzt  darf  wöchentlich
nur  ein  abgängiges  Tier  geschossen  werden.

Auf  Rota  befindet  sich  ein  Bestand  prächtiger  Hirsche.  Es  wurde
eine  mehrjährige  Schonzeit  angeordnet.

In  früheren  Zeiten  blühte  hier  der  Fischfang.  Mit  ihren  Segelbooten,
  deren  eigentümliche  Form  den  Entdecker  Magalhaes  veranlaßte,
die  Inseln  die  der  „lateinischen  Segel“  zu  nennen,  fuhren  die  Chamorros
ins  Meer  hinaus  und  unterhielten  einen  lebhaften  Verkehr  zwischen  den
einzelnen  Inseln.  Der  Gebrauch  solcher  Segelkanus  wurde  vom  spanischen
Gouvernement  verboten!

Der  Unterricht  wird  in  der  Chamorrosprache  erteilt,  die  von  allen,
auch  von  den  drei  deutschen  Beamten  gut  verstanden  und  das  Spanische
bald  ganz  verdrängt  haben  wird.  Man  zählt  schon  300  Schüler  und
Schülerinnen  mit  fünf  einheimischen  Lehrern.

Dank  der  Verpflichtung  zur  öffentlichen  Arbeit  wird  es  nicht  schwer
sein,  die  Eingeborenen  zur  Ausführung  größerer  gemeinschaftlicher  Kulturarbeiten
  im  eigenen  Interesse  zu  veranlassen.

Die  Inseln,  welche  zu  Beginn  der  spanischen  Herrschaft  wenigstens
50  000  Bewohner  hatten,  beherbergen  heute  nur  deren  2000.  Möglich,
daß  auch  Katastrophen  zu  dieser  Entvölkerung  beigetragen  haben.  Orkane
sind  häufig.  Besonders  vom  7.  bis  zum  9.  November  1905  wurden  in
Saipan  sämtliche  Amtsgebäude  zerstört.  Das  barometrische  Minimum  betrug
  700  mm.  Nur  die  japanischen  Holzhäuser  mit  schweren  Ziegeldächern
bewährten  sich  gegen  diese  Windsbraut,  die  auch  die  Erntehoffnungen
auf  zwei  Jahre  vernichtete.  Unsre  Behörden  ließen  sofort  Mais  und
        <pb n="201" />
        —  192  —

Süßkartoffeln  anbauen,  so  daß  wieder  ein  Überfluß  an  Nahrungsmitteln
vorhanden  ist.  Auch  die  Amerikaner  in  Guam  erwiesen  sich  als  sehr
hilfsbereit.  In  Anbetracht  der  den  Marianen  vermutlich  bevorstehenden
Bedeutung  für  den  Weltverkehr  sollen  die  verlassenen  Inseln  neu  be—
siedelt,  und  die  Einwanderung  aus  Guam,  wohin  nur  spärliche  Transportgelegenheit
  vorhanden  ist,  soll  möglichst  begünstigt  werden.  Die
Segler  der  Hiki-Kompagnie  zu  Tokio  und  eines  in  Japan  ansässigen
Engländers  vermitteln  zurzeit  etwa  aller  zwei  Monate  eine  Verbindung
Saipans  mit  Yokohama,  Rota,  Guam,  und  etwa  aller  vier  Monate  auch
mit  Jap.  Der  Dampfer  der  Jaluitgesellschaft  läuft  diese  Inseln  auf  dem
Wege  Hongkong-Sydney  dreimal  hin  und  her  an.

Die  Marianen  liegen  im  Schnittpunkte  der  großen  Verkehrsstraßen
der  Zukunft:  Japan—  Australien,  San  Francisco—Philippinen,  Ostasien—
Panama.  Und  wenn  sich  auch  zunächst  das  amerikanische  Guam  rascher
entwickeln  wird,  so  ist  doch  dem  deutschen  Handel  und  Verkehr  in  den
Marianen  die  Möglichkeit  gegeben,  sich  einen  Stützpunkt  zu  schaffen,  der
vor  Guam  manches  voraus  haben  wird,  vor  allem  den  besseren  Hafen
von  Tanapag  auf  Saipan.

Die  Samoga-Iuseln.

Ein  Blick  auf  die  Landkarte  zeigt  uns  die  kleine  Inselgruppe  von
Samoa  (auch  Irrigatoren=  oder  Schiffer-Inseln)  zwischen  dem  168.  und
173.0  westlicher  Länge  und  dem  13.  und  14.5  südlicher  Breite,  und  zwar
als  östlichen  Abschluß  unseres  gesamten  Schutzgebietes  und  in  der  Fortsetzung
  der  Salomo-Inseln.

Die  Reichsregierung  hatte  schon  im  Jahre  1874  auf  die  große  Bedeutung
  dieser  Gruppe  in  ihrer  zentralen  Lage  hingewiesen  und  sich  bereit
erklärt,  die  Besitzungen  und  Plantagen  von  etwa  53.000  ha  Umfang  der
in  Geldverlegenheiten  geratenen  deutschen  Seehandelsgesellschaft  Godeffroy
in  Hamburg  zu  übernehmen  und  eine  deutsche  Schutzherrschaft  dort  zu
errichten.  Fürst  Bismarck  vollzog  damals  den  ersten  Schritt  auf  dem
Wege  dieser  folgenreichen  Politik.  Seine  Vorlage  aber  wurde  am  24.  April
1880  im  Reichstage  abgelehnt.  Es  geschah  mit  knapper  Mehrheit  seitens
eines  inneren  Interessenkreises,  der  ahnungsvoll  durch  solche  „romantischen
        <pb n="202" />
        —  193  —

Unternehmungen“  seinen  monopolartigen  Halt  über  die  finanzielle  Entwicklung
  des  deutschen  Volkes  gefährdet  sah  und  Deutschland  selbst  nur
als  Kolonie  betrachtete.

Diese  Inseln  haben  dank  ihrer  Lage  eine  Bedeutung  wie  etwa  Honolulu
  im  nördlichen  und  Auckland  im  südlichen  Gebiet  des  Großen  Ozeans.
Um  so  mehr,  nachdem  es  uns  gelungen  ist,  unsere  Stellung  in  China
zu  befestigen.

Die  Ablehnung  war  also  gewiß  ein  harter  Schlag  für  den  weitausblickenden
  Staatsmann  und  für  die  kühnen  Reeder,  welche  die  deutsche
Unternehmung  in  Reih  und  Glied  mit  denen  anderer  europäischer  Völker
stellen  wollten.  Aber  die  Zielbewußtheit  unserer  auswärtigen  Politik
wurde  dadurch  nicht  beeinträchtigt.

Die  inneren  Verhältnisse  Samoas  gab  seit  jeher  zu  einem  Eingreifen
  fremder  Mächte  Anlaß.  Auf  dem  Kreuzpunkte  der  verschiedensten
Ozeanwege  liegend,  sind  die  Samoa--Inseln  so  wichtig,  daß  die  Wirren
auf  denselben  auch  auf  Handel  und  Verkehr  der  Südsee  einwirken  müssen.
Und  deren  Entwicklung  kann  sich  kein  Volk  mehr  entziehen  oder  der  Welt
abschließend  sich  gegenüberstellen.  Auch  stehen  uns  die  Samoaner  bei
weitem  näher  als  die  Bewohner  der  übrigen  Südsee.

Samoa,  d.  h.  die  heilige  Erdmitte,  besteht  aus  acht  größeren  und
fünf  kleineren  Inseln.  Von  Osten  nach  Westen  gehend  heißen  die  ersteren
Manua,  Olosenga,  Ofu,  Tutuila,  Upolu,  Manono,  Apolima  und  Saweii.
Am  Ostende  von  Upolu  liegen  die  drei  kleineren  Inseln  Nautele,  Fanuatapu
  und  Namuag.  Am  Ostende  von  Tutuila  liegt  Anuu,  weiter  ab  die
Korallen-Insel  Rosa.  Sie  umfassen  zusammen  2812  qkm,  wovon  auf  Sawalü
1797,  auf  Upolu  842,  auf  Tutuila  164  und  auf  Manua  52  qkm  kommen.

Die  interessante  Gruppe  wurde  schon  im  Jahre  1722  von  dem
Holländer  Roggeveen  angelaufen  und  Baumanns-Inseln  getauft.  Der
französische  Reisende  Bougainville,  dessen  Namen  heute  noch  eine  der
deutschen  Inseln  des  Bismarck-Archipels  trägt,  nannte  sie  1768  Schifferinseln;
  genauer  erforscht  wurden  sie  erst  durch  John  Williams  1830  und
neuerdings  durch  den  Deutschen  Gräffe  im  Dienste  der  Deutschen  Handelsund
  Plantagengesellschaft.

Auch  diese  Inseln  sind  vulkanisch.  Sie  erheben  sich  senkrecht  bis  zu
1200  m  aus  dem  Meere  und  haben  deshalb  Mangel  an  Häfen.  Sawaii
ist  von  zwei  Kraterketten  durchzogen,  deren  höchster  Gipfel,  der  Mua  oder

Glühende,  noch  vor  hundert  Jahren  tätig  war.  Auch  hat  sich  1905  auf  der
Beta,  Das  Buch  von  unsern  Kolonien.  13
        <pb n="203" />
        —  194  —

Nordseite  von  Sawaii  ein  neuer  Vulkan  gebildet,  der  mehrere  Dorfschaften
verheerte.  Trotz  zahlreicher  schwarzer  Lavafelder  ist  das  Innere  mit
üppigem  Urwald  bedeckt,  der  zahlreiche  Ströme  und  Wasserfälle  aussendet,
die  wie  Silberfäden  zwischen  dem  Grün  der  Farne  und  Lianen  sich
ausnehmen.

Die  regelmäßigen  Regenschauer  erhalten  das  Land  in  steter  Feuchtigkeit.
  Im  Innern  von  Upolu  liegen  zwei  große  schöne  Bergseen.

Das  Thermometer  steigt  im  September  und  Oktober  bis  29°  und
sinkt  im  Juni  und  Juli  bis  170  C.  Die  Regenzeit  währt  von  November
bis  März.  Dann  herrschen  Orkane,  wie  einem  solchen  zwei  unserer
Kriegsschiffe  zum  Opfer  fielen.

 

 

 

 

 

Apia.

Nur  die  Küste  ist  bewohnt.  Apolima  und  Manono  hat  sich  die
samoanische  Aristokratie  erhalten,  welche  keinen  Boden  veräußert.  Für
den  Handel  ist  Upolu  am  wichtigsten  und  Sitz  der  Europäer.  An  dessen
Nordküste  liegt  Saluafata  in  einer  weiten  Bucht,  welche  die  Inseln  der
Seligen  mit  den  Mausoleen  früherer  Krieger  unter  Palmen  und  Hainen
beherbergt.

Hier  steht  auch  das  größte  evangelische  Missionshaus.  Weniger
günstig  ist  der  Hafen  von  Apia  an  derselben  Küste,  dessen  Einfahrt  durch
Korallenriffe  eingeengt  ist,  und  der  nur  eine  Tiefe  von  8  bis  16  m  hat.
Apia  beherbergt  außer  Warenlagern  Villen  der  deutschen,  amerikanischen
und  englischen  Konsulate,  die  englische  Mission,  eine  evangelische  und
eine  katholische  Kirche,  die  großen  Hallen  der  ursprünglich  Godeffroyschen
        <pb n="204" />
        —  195  —

Handels=  und  Plantagengesellschaft  und  das  im  europäischen  Stil  erbaute
Empfangshaus  des  Königs.  An  der  Südküste  Upolus  liegt  das  4000
Einwohner  zählende  Falealili.

Die  beiden  größten  und  bevorzugtesten  Inseln,  Sawaii  und  Upolu,
mit  den  dazwischen  liegenden  Apolima  und  Manono  sind  nunmehr
deutsch  geworden.

Sehen  wir  uns  in  Apia  um.  Es  ist  ein  erhebendes  Gefühl,  das
den  Sohn  des  deutschen  Vaterlandes  anwandelt,  wenn  er  in  einem  weltfremden
  Hafen  landend  die  schwarz-weiß-rote  Flagge  flattern  sieht  wie

 

 

Der  Königspalast  in  Apia.

hier  auf  dem  Grundstück  der  Handelsgesellschaft.  Es  ist  eine  ganze  Gruppe
von  imposant  wirkenden  Bauten,  unter  denen  die  Lagerhäuser  wohl  die
interessantesten  sind.  Dort  sind  alle  jene  Artikel  aufgestapelt,  die  von
der  Gesellschaft  an  ihre  auf  den  Inseln  verteilten  etwa  hundert  Stationen
zu  Gewinn  bringendem  Austausch  versandt  werden.  Man  muß  sich  einmal
  vergegenwärtigen,  um  welche  Dinge  es  sich  da  handelt.  Wir  finden
sie  in  Grubes  Buch:  „Geographische  Charakterbilder“  aufgezählt.  Sie
füllen  viele  Seiten,  und  dennoch  fehlt  so  viel  des  Neueren,  wie  es  z.  B.
die  jüngste  Technik,  die  elektrische  wie  die  chemische,  mit  sich  bringt.  Ein
13“
        <pb n="205" />
        —  196  —

wenig  sich  in  diesem  scheinbaren  Chaos  umzusehen,  bringt  reichlichen
Gewinn.  Wir  sehen  schwarze  Missionsröcke  in  Lüster,  Hosen  in  Tuch  oder
Lüster,  weiße  Anzüge,  Ledergürtel  zum  Teil  mit  Taschen  und  Messerscheiden.
Diese  ersparen  dem  schwitzenden  Europäer  das  Tragen  der  bei  uns  üblichen
Weste.  Ferner  Schirting  zu  Hemden,  ganz  leichte  Stoffe  zu  Moskitonetzen,
  gefärbte  und  bedruckte  Kattune  zu  Frauenkleidern,  aus  einem  Stück
bestehend  und  um  die  Hüften  zu  schlingen,  leichte  Wollenstoffe,  Seiden
und  andere  teurere  Waren  für  den  Bedarf  der  weißen  Damen,  fertige
Hemden,  Wäsche  aller  Art,  wollene  Hemden,  Taschentücher,  Damenschals,
wollene  Decken,  ferner  alles,  was  zum  Schiffsbedarf  gehört:  Seile,  Leinen,
Segeltuch,  Werg,  Nägel,  Schrauben,  Bleche,  Fischhaken  bis  zum  größten
Haifischhaken,  Draht,  Mastbäume,  wie  man  solche  selbst  bei  Whitely
in  London,  der  alles  hat,  sogar  Lokomotiven,  nicht  sieht.  Dazu  kommt
dann  allerlei  Hausbedarf,  ja  alle  Teile  eines  zerlegbaren  Hauses,  Glasscheiben,
  Steingut,  Pinneberger  Töpfe,  Schüsseln,  Pfannen,  sächsische
emaillierte  Blechwaren,  Leimpinsel,  Bürsten,  Harburger  Kämme,  venezianische
  und  böhmische  Glasperlen,  vergoldete  Fingerringe,  Uhrketten,
sämtliche  Sorten  bei  uns  außer  Betrieb  gesetzter  Uhren,  deren  Gang
auch  unter  den  neuen  Himmeln  nicht  immer  mit  dem  der,  Gestirne  übereinstimmt,
  Petroleumlampen,  Laternen,  Regenschirme,  von  denen  für
die  Eingeborenen  solche  in  den  verschiedensten  Farben  für  alle  Felder
vorhanden  sind,  Regenmäntel,  Musikinstrumente,  besonders  die  mit  Recht
so  beliebten  Maultrommeln  von  riesiger  Größe,  Harmonikas,  Leierkästen,
neuerdings  auch  automatische  Polyphone  mit  Drehscheiben,  Pianos  mit
Drehwerk  für  die  ebenfalls  nicht  immer  bis  zum  Virtuosentum  ausgebildeten
  musikalischen  Salondamen  europäischer  Abkunft.  Das  ganze  Reich
der  „Kurzwaren“  findet  sich  hier  entfaltet,  das  mit  dem  des  Sattlers
und  Koffermachers  ebenso  eng  verwandt  ist  wie  mit  dem  des  Bijoutiers
in  Offenbach,  dazu  Schlösser,  Gewehre  und  Revolver  ältester  und  neuester
Bauart.  Die  für  die  Eingeborenen  sind  zum  Teil  noch  mit  Steinschlössern
versehen  und  können  am  meisten  dem  schaden,  der  sie  handhabt.  Sie
finden  aber  trotzdem  reißenden  Absatz,  soweit  nicht  eine  allgemeine  Entwaffnung
  der  Bevölkerung  im  Interesse  des  öffentlichen  Friedens  vorgeschrieben
  ist.  Munition  darf  nicht  fehlen.  Aber  auch  die  Werkzeuge  des
Geistes  und  des  Friedens  sind  reichlich  vorhanden,  namentlich  Schreibmaterialien,
  Fibeln,  Bilderbücher  und  Grammatiken.  Denn  der  Samoaner
ist  sprachlich  sehr  begabt  und  lernt  zurzeit  mit  Vorliebe  das  bessere
        <pb n="206" />
        —  197  —

Deutsch  statt  des  elenden  „Pigeon-Englisch“,  welches  die  Schiffer-  und
Handelssprache  der  Südsee  ist.  Man  nennt  es  „Küstenenglisch“,  seine
Herrschaft  hat  sich  aber  bis  an  die  chinesisch-russische  Grenze  ausgedehnt.

Alle  diese  Beobachtungen  und  sehr  viele  damit  verknüpfte  Gedanken
drängen  sich  uns  angesichts  eines  solchen  Warenlagers  auf,  das  den
Charakter  eines  Museums  der  Lebenden  trägt.  Auch  ist  unsere  Liste
noch  keineswegs  erschöpft.  Denn  das  Reich  der  Eisenwaren,  Werkzeuge
und  Maschinen  fehlt  noch:  Äxte,  Messer  bis  zum  38  cm  langen  Buschmesser,
  Scheren,  Schlosser-,  Schmiede-,  Zimmermanns=  und  Teischlerwerkzeuge,
  tragbare  Schmiedeherde,  Ambosse,  Maisschäl=  und  Schrotmaschinen,
  Baumwollreinigungsmaschinen,  auch  Lokomobilen  und  Fahrräder.
  Dann  kommt  das  Reich  der  Drogen  und  Apothekerwaren  und
Einrichtungen  für  Arzte,  Chirurgen  und  Heilanstalten.  Firnisse  und
Farben  spielen  eine  große  Rolle,  Seifen  und  wohlriechende  Ole,  die  von
den  Eingeborenen  bevorzugt  werden.  Leider  nehmen  auch  die  Spirituosen
einen  großen  Raum  ein,  neben  Proviant,  Konserven,  Schiffszwieback,
Biskuits  und  Pfefferkuchen  bis  zu  den  feinsten  Genußmitteln.

Auch  hiermit  ist  die  Liste  eines  solchen  exotischen  Warenhauses  noch
lange  nicht  andeutungsweise  erschöpft.  Zahllos  sind  die  Eroberungsmittel,
mit  denen  sich  Deutschland  auf  friedlichem  und  zugleich  förderndem  Wege
hier  und  überall  seinen  ihm  so  lange  streitig  gemachten  „Platz  an  der
Sonne“  sichert.  Es  sind  die  besseren.  Man  achte  sie  und  die  tapferen
Männer,  welche  sie  handhaben,  nicht  so  gering,  wie  es  selbst  im  deutschen
Reichstage  noch  geschah,  als  die  „Samoa-Vorlage“  abgelehnt  wurde.

Dank  dieser  Ablehnung  sind,  nachdem  England  verzichtete,  da  es
ohnehin  den  Löwenanteil  des  Handels  infolge  seiner  billigen  Kapitalsbildung
  auch  hier  monopolisiert,  Tutuila  und  die  Manua-Gruppe  (Tau,
Olosenga  und  Ofu)  amerikanisch.  Ihre  Hauptplätze  sind  der  Hafen
Pago-Pago  und  die  Handelsstadt  Leone.

Die  Kokospalme  wächst  in  ganzen  Wäldern,  und  die  Plantagen  sind
daher  leicht  angelegt.  In  den  Zwischenräumen  der  Kokos  wird  Baumwolle
  gepflanzt,  die  von  wvorzüglichster  Güte  ist.  Zuckerrohr  wächst  wild,
ebenso  Kaffee  und  Tabak,  während  Reis,  Indigo,  Taro,  Yams,  Bananen,
Tee,  Kakao,  Ananas,  Brotfrucht,  Pfeffer,  Zimt  reichliche  Erträge  liefern.
Auch  hier  harren  kostbare  Hölzer  in  den  Urwäldern  der  Verwertung.

Die  Bewohner,  jetzt  gegen  35  000  Seelen,  haben  eine  hellbraune
Hautfarbe  und  die  Männer  einen  schlanken,  kraftvollen  Wuchs.  Die
        <pb n="207" />
        —  198  —

Frauen,  obwohl  etwas  untersetzt,  sind  wegen  ihrer  Schönheit  und  natür—
lichen  Anmut  berühmt.

An  den  wenigen  Arbeiten,  die  der  Lebensunterhalt  in  dieser  reichen
Natur  nötig  macht,  beteiligen  sich  Männer  und  Frauen  gemeinsam.  Nur
die  Anpflanzung  der  Bananen,  des  Taro,  des  Brotbaums,  die  bei  keinem
Hause  fehlen,  erfordert  einige  Pflege.  Selbst  an  der  Herstellung  der
Kleiderstoffe  und  feinen  Matten  wirken  die  Männer  mit.

Die  Wohnungen  aus  Kokos-  und  Zuckerrohrblättern,  im  Schatten
mächtiger  Brotfruchtbäume,  auf  hübsch  gearbeiteten  Baumstämmen,  deren
Zwischenräume  nachts  durch  Matten  verschlossen  werden,  sind  sauber,
mit  erhöhtem  Fußboden  aus  Kieselsteinen.

Die  Häuser  liegen  zerstreut  oder  um  einen  von  Bäumen  beschatteten
Grasplatz,  auf  dem  sich  das  Faletele,  ein  zu  öffentlichen  Versammlungen
und  Festen  bestimmtes  Haus,  erhebt.

Außer  in  Apia  und  den  Missionsstationen,  wo  die  europäische  Klei—
dung  vorherrscht,  beschränken  sich  die  Männer  auf  den  Fransengürtel
von  Dracänenblättern.  Die  Frauen  leisten  sogar  auch  hierauf  Verzicht.
Netze  mit  Nautilusschalen  sind  ein  Zeichen  der  Vornehmheit,  Kämme,
Arm=  und  Halsbänder  von  Schildpatt,  Haifisch=  und  Schweinezähne  oder
Perlmutterschalen,  Korallen,  Blumen  und  Federn  dienen  den  anmutigen
Samoadamen  zum  Zierat.

Hell  wie  der  Sonnenschein  ihrer  Inseln  ist  das  Gemüt  dieses  Naturvolkes.
  Und  sie  sind  keineswegs  die  Kannibalen,  als  welche  sie  früher
erschienen  waren,  weil  sie  gegen  räuberische  Schiffer  gerechte  Vergeltung
übten.  Singen,  Tanzen,  Märchenerzählen,  die  Pflege  ihrer  Sagen  und
Legenden,  pantomimische  Darstellungen,  allerlei  Spiele  nehmen  freilich
den  bei  weitem  größeren  Teil  ihres  Tages  ein.  Doch  sind  sie  vorzügliche
  Schiffer  und  Fischer,  und  ihre  Frauen  erfreuen  sich  einer  großen
Achtung  und  Schonung.  Mehrfach  schon  haben  sich  diese  als  vorzügliche
  Gattinnen  auch  gebildeter  Europäer  durchaus  bewährt.  Auch
besteht  eine  weibliche  Erbfolge  in  den  „Taupou“,  den  altadligen  Ehrenjungfrauen,
  welche  für  besonders  vornehm  gilt,  und  eine  Würde  der
Dorfjungfrau,  die  den  Besuchern  und  Gästen  gegenüber  neben  den
Häuptlingen  die  Ehren  der  Ortschaft  vertritt.

Die  Verbreitung  des  Christentums  verdankt  Samoa  in  erster  Linie
den  Wesleyanern,  die  hier  seit  1822  wirken.  Seit  1850  ist  die  Bibel
in  das  vokalreiche  Idiom  der  Samoaner  übersetzt.  Wohl  bei  keinem
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        8

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        —  200  —

anderen  Volke  ist  die  neue  Religion  so  sehr  als  Erlösung  empfunden  und
empfangen  worden.  Die  Christen  nannten  sich  „Söhne  des  Worts“.

Allerdings  liegt  auch  ein  Zug  der  Grausamkeit  in  dieser  Bevölkerung.
Aus  dem  Jahre  1830  berichtet  der  berühmte  Apostel  der  Südsee,  John
Williams,  über  eine  Schreckensepisode  aus  dem  Kriege  zwischen  dem
Priesterkönig  Tamafainga  und  dem  König  Malietoa  von  Upolu.  Die
Bewohner  von  Aana  im  Westen  jener  Insel  waren  von  denen  der  Nachbarinsel
  Manono  überwältigt  worden,  und  die  Sieger  hoben  eine  weite
Grube  aus,  die  mit  Brennholz  gefüllt  wurde.  In  das  so  hergestellte
Feuermeer  warfen  sie  zwei  Tage  und  zwei  Nächte  hindurch  die  gefangenen
Alten,  Weiber  und  Kinder,  zwischen  200  und  400  unschuldige  Wesen.
Eine  kreisrunde  Fläche  mit  Korallensand  und  Holzkohle  überdeckt  be—
zeichnet  noch  heute  diese  Stätte.

Auch  genügte  jede  Kleinigkeit,  oft  nur  ein  mißverstandenes  Wort,
um  einen  Krieg  anzufachen.  Und  die  Parteiungen  zwischen  hoch  und
niedrig  sind  erbittertster  Art.

Dies  erklärt  zur  Genüge  den  raschen  Niedergang  dieser  sonst  so
glücklich  veranlagten  Insulaner.

Da  sie  zu  angestrengter  Arbeit  unfähig  sind,  so  führte  das  Haus
Godeffroy  von  den  melanesischen  Inseln  fremde  Arbeiter  ein,  die  frei—
willig  sich  meldeten  und  oft  mehrere  Vertragszeiten  von  je  fünf  Jahren
hier  blieben  und  mit  reichem  Lohn  auf  die  heimischen  Inseln  zurückkehrten.
Zurzeit  zählt  man  1100  solcher  Lohnarbeiter  auf  Upolu.

Hierbei  drängt  sich  uns  eine  Betrachtung  über  das  voraussichtliche
Schicksal  dieses  Völkchens  und  der  Naturvölker  überhaupt  auf,  die  nicht
ganz  ohne  ihre  rückwirkende  Bedentung  ist.

Es  heißt  darüber  in  einem  unserer  kolonialen  Blätter:

„Schreiben  und  lesen  können  fast  alle  Samoaner  der  jüngeren
Generationen,  aber  es  hat  sich  noch  keiner  dazu  verstanden,  Stammbäume
oder  Sagen  durch  schriftliche  Aufzeichnungen  vor  Vergessenheit  zu  bewahren;
  Europäer  mußten  daher  statt  ihrer  dieses  vollbringen.  Sind
erst  die  Sagen  dem  Gedächtnis  der  Eingeborenen  entschwunden,  so  hört
das  samoanische  Volk  auf,  ein  Volk  zu  sein,  und  dann  noch  fünfzig  Jahre
weiter,  und  kein  Vollblutsamoaner  bewohnt  noch  diese  Inseln.  Die
Stammbäume  allein  und  die  Sagen  vermögen  es,  die  Samoaner  vor
Mischehen  mit  Weißen  und  Halbweißen  zu  bewahren.  Bisher  noch
wollte  jeder  seinen  Stammbaum  nur  mit  Samoanern  aufbauen.  Dies
        <pb n="210" />
        —  201  —

wird  dann  anders  werden,  sobald  mit  dem  Invergessenheitgeraten  der
Stammbäume  und  Sagen  auch  das  Interesse  an  der  Reinerhaltung  der

 

Altes  samoanisches  Doppelkriegskanu.

Rasse  schwindet.  Es  bleibe  dahingestellt,  ob  das  Verschwinden  dieses
Volkes  oder  das  Aufsgehen  desselben  in  die  Zivilisation  der  Weißen  ein
Vorteil  oder  Nachteil  genannt  werden  muß.“
        <pb n="211" />
        —  202  —

Gewiß  richtig  scheint  zu  sein,  was  ein  Engländer,  von  den
Samoanern  sprechend,  vor  sechzehn  Jahren  sagte:

„Jedes  Volk  hat  sein  Pfund,  den  Grund  und  Boden,  auf  dem  es
lebt,  von  der  Natur  erhalten,  mit  welchem  es  wuchere,  es  verbessere,
nicht  aber  es  verringere.  Wenn  ein  Volk  diesen  Schatz  nicht  schützt,
nicht  zu  verwerten  weiß,  so  kommt  ein  Klügerer  und  bemächtigt  sich
desselben  (oder  wie  die  Bibel  sagt:  das  Pfund  wird  von  ihm  genommen
und  einem  anderen  gegeben),  und  das  Volk
verschwindet.  —  Dieses  sind  die  Auspizien  für
Samoa!“

Aber  vielleicht  nicht  so  ganz.  Die  Grundlage
  der  politischen  Verhältnisse  ist  hier  die
Familie.  Das  Grundeigentum  der  Familie
ist  unveräußerlich.  Die  Dörfer  haben  einen
Häuptling  mit  erblicher  Würde  und  ein  gemeinsames
  Versammlungs=  und  Vergnügungshaus,
  das  Faletele.  Größere  Bezirke  halten  einen
Tupu,  eine  Ratsversammlung  der  Altesten,  und
haben  einen  Tui,  König.  Die  Familien  Tamafainga
  auf  Sawaii  und  Malietoa  auf  Upolu
und  auch  einige  andere  standen  einander  mit
Ansprüchen  auf  die  Gesamtherrschaft  gegen—
über,  was  ebenso  wie  die  Parteiungen  Taimuna
und  Puletua  demokratischer  und  aristokratischer,
zugleich  fremdenfreundlicher  und  -feindlicher
Richtung  zu  steten  Bürgerkriegen  führte.

Die  britische  Kolonie  Neuseeland  beantragte
  deshalb  schon  im  Jahre  1872  die  Annektierung
  Samoas,  als  die  Vereinigten  Staaten
eingriffen  und  sich  den  Hafen  von  Pago-Pago  auf  Tutuila  sicherten.  Im
Jahre  1877  heißte  der  dortige  Vertreter  der  Union,  Oberst  Steinberger,
sogar  das  Sternenbanner,  indem  er  sich  an  die  Spitze  der  Partei  der
Taimunoa  stellte  und  sie  zum  Abfall  von  den  heimischen  Königen  verleitete.

Nun  hatte  aber,  wie  gesagt,  das  Hamburger  Haus  Godeffroy  großen
Grundbesitz  bei  Apia  auf  Upolu  und  auf  Sawaii  erworben  und  dort
Plantagen  mit  gegen  1200000  Kokosbäumen  angelegt.  Kein  Wunder
also,  daß  Deutschland  sich  mit  England  in  seinem  Widerspruch  gegen

 

König  Tamasese.
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        <pb n="214" />
        —  203  —

diese  offene  Annektierung  vereinigte.  Was  der  Reichstag  versagte,  wurde
auf  diplomatischem  Wege  weiter  verfolgt.  Nacheinander  erschienen  die
deutschen  Kriegsschiffe  „Gazelle“,  „Hertha“,  „Augusta“,  „Ariadne“  und
„Bismarck“  im  Hafen  von  Apia  an  der  Nordküste  von  Upolu,  um  das
deutsche  Ansehen  zu  wahren.  Auch  gelang  es  dem  deutschen  Konsul
Weber  und  dem  Kommandanten  der  „Augusta“  Kapitän  Hassenpflug,
am  3.  Juli  1877  einen  Vertrag  abzuschließen  und  dem  von  den  Deutschen
bewohnten  Landstriche  die  Neutralität  und  den  deutschen  Handel  gegen
jede  Beeinträchtigung  durch  Verträge  mit  anderen  Staaten  zu  sichern.
Als  aber  trotzdem  der  Union  Sondervorteile  zugestanden  wurden,  belegte
Kapitän  v.  Werner  von  der  „Ariadne“  die  Häfen  Saluafata  und  Felealili
mit  Beschlag  und  erzwang  dadurch  den  Vertrag  vom  24.  Januar  1878,
durch  welchen  uns  der  beste  Hafen  der  Gruppe,  Saluafata,  als  Kohlenstation
  und  das  Meistbegünstigungsrecht  zugestanden  wurde.

Leider  durchbrach  der  folgende  König  Malietoa  Laupepa  diesen
Vertrag.  Die  Deutschen  wurden  beraubt  und  eine  Genugtuung  verweigert,
  sodaß  eine  deutsche  Abteilung  von  Marinesoldaten  im  August
1887  landete,  den  König  gefangennahm  und  in  die  Verbannung  auf  die
Marschall-Inseln  fortführte.  Dagegen  wurde  der  Gegenkönig  Tamasese
anerkannt.  Gegen  diesen  erhob  sich  nun  unter  dem  Schutze  der  Briten
und  Amerikaner  ein  neuer  König,  Mataafa,  der  in  Malietoas  Fußstapfen
trat.  Ein  neuer  Streiszug  wurde  deutscherseits  ausgesandt.  Die  Mannschaften
  der  Stationsschiffe  „Eber“,  „Adler“  und  „Olga“  drangen  am
18.  Dezember  1888  in  die  Schluchten  von  Vailele  vor  und  fielen  angesichts
  des  schönen  Wasserfalls  von  Utumaptn#  in  einen  ihnen  unter  Führung
eines  Amerikaners  gelegten  Hinterhalt.  Mit  Verlust  von  2  Offizieren
und  15  Mann  nebst  40  Verwundeten  mußten  sich  unfre  Leute  zurückziehen.
  Diese  Scharte  wurde  auf  das  nachdrücklichste  ausgewetzt.  Doch
schon  nahte  ein  neues  Verhängnis.  Ein  furchtbarer  Orkan  warf  am
16.  März  1889  unsre  Kriegsschiffe  „Adler“  und  „Eber“  auf  die  Riffe
des  Hafens  von  Apia,  wobei  95  brave  Seeleute  ihr  nasses  Grab  fanden.
Ein  schlechter  Trost  war's,  daß  auch  zwei  amerikanische  Kriegsschiffe  ein
gleiches  Los  fanden  und  50  ihrer  Leute  ertranken.

Nun  endlich  traten  die  Bevollmächtigten  der  drei  Länder  in  Berlin  zu
der  sogenannten  Samoakonferenz  zusammen  und  setzten  Malietoa  Laupepa
wieder  ein.  Die  Rechtspflege  wurde  einem  Lord-Oberrichter  übertragen,
den  der  König  von  Schweden  zu  berufen  hatte.  Daneben  aber  dauerte
        <pb n="215" />
        —  204  —

der  Bürgerkrieg  fort,  und  erst  1893  konnte  Mataafa,  der  britische  Kron—
kandidat,  endgültig  beseitigt  werden.

Auch  heute  noch  wird  die  Ruhe  dieser  paradiesischen  Inseln  nur
durch  die  fremden  Kriegsschiffe  aufrecht  erhalten;  noch  1904  mußte  der
Unbotmäßigkeit  mehrerer  Häuptlinge  durch  Umgestaltung  der  inneren  Ver—

 

Mataafa.

fassung  und  Aufhebung  des  ununterbrochen  tagenden  Parlaments  zu
Mulinisu  gesteuert  werden.  Jetzt  tagt  nur  zweimal  im  Jahre  das  Ober—
haus,  Faipule,  und  die  Selbstverwaltung  ist  auf  die  Gemeinden  über—
gegangen.  Wir  selbst  dagegen  haben  eine  freiwillige  Feuerwehr  und  Militär—
vereine,  dazu  eine  Reihe  wissenschaftlicher  Institute  dort  ins  Leben  gerufen,
        <pb n="216" />
        —  205  —

in  erster  Linie,  wie  überall,  ein  Observatorium.  Unsre  Regierungsschule
wurde  von  80  Kindern  besucht.  Inzwischen  ist  der  Handel  großenteils
in  englische  Hände  übergegangen,  obwohl  sich  seit  dem  November  1899
England  jedes  politischen  Einflusses  begeben  hat  und  auch  der  Amerikas
auf  ein  Geringes  beschränkt  worden  ist.  Die  größere  Macht  liegt  aber
immer  beim  billigeren  Kapital,  und  das  vom  deutschen  Volke  reichlich
  erzeugte  Kapital  ist  zur  Billigkeit  noch  nicht  erzogen  worden.)

Am  1.  Januar  1906  wohnten  auf  den  Samoa-Inseln  454  Weiße,
darunter  80  Frauen  und  54  Kinder.  Die  Deutschen,  die  heute  noch  auf
Upolu  8000  Acker  (à  0,405  ha)  Land  besitzen,  gegen  9500  in  amerikanischen
  und  9000  in  englischen  Händen,  zählen  249.  Von  diesen  sind  32
Regierungsbeamte,  6  Geistliche,  62  Farmer,  49  Kaufleute,  16  Handwerker
  und  Techniker.  Auch  22  deutsche  privatisierende  Damen  werden
aufgezählt,  Todessälle  nur  29.  Von  den  25  Handelsfirmen  haben  24  in
Apia  ihren  Sitz.  Der  Norddeutsche  Lloyd  und  die  Deutsch-Australische
Dampfsschiffahrts-Gesellschaft  vermitteln  die  Verbindung  mit  Europa  über
Sydney.

Die  Ein=  und  Ausfuhr  hob  sich  1905  von  4  Millionen  auf  5,5  Millionen,
  hauptsächlich  infolge  der  Zunahme  der  Zahlungsfähigkeit  der
Einheimischen,  guter  Kopraernten  und  guter  Preise  dafür.  Die  Anwesenheit
  von  800  Kulis  half  dem  nach.  Die  Einfuhr  von  Verzehrungsgegenständen
  stieg  auf  fast  eine  Million  und  von  Geweben  usw.  auf
750  000  Mark.  Die  Ausfuhr  stieg  auf  2  Millionen,  um  350000  Mark
gegen  das  Vorjahr.  Davon  kommen  auf  Kopra  3200  Tons  von  unsern
Plantagen  —  die  Eingeborenen  lieferten  5400  Tons  —,  2712  Tons
auf  Kakao  der  besten  Qualität,  und  4000  Mark  auf  Ananas.  Allerdings
haben  Australien  und  Neuseeland  einen  großen  Anteil  an  diesem  Handel,
während  derjenige  Amerikas  zurückgeht,  ebenso  wie  der  Umlauf  seiner  und
der  englischen  Münzen.  Das  Fehlen  einer  Bank  wird  auch  hier  vermerkt.

An  direkten  Steuern  liefen  ein:  146000  Mark,  an  Zöllen  320  000
Mark.  Die  Ausgaben  werden  auf  840  000  Mark  veranschlagt.

Das  Postamt  Apia  wird  durch  eine  Reihe  von  Hilfsstellen  in
Fagamalo,  Mulifanua,  Valelavalu,  Palauli  und  Salailua  unterstützt.
Ein  Fernsprechnetz  ist  im  Bau.  In  je  drei  Wochen  verkehrt  ein  Dampfer

*)  Dies  leidige  Thema  des  zu  teuren  und  wenig  bereiten  Kredits  seitens  des

„deutschen“  Kapitals  findet  der  interessierte  Leser  in  desselben  Verfassers  Werk:
„Deutschlands  Verjüngung“  weiter  ausgeführt.  (Selbstverlag  des  Verfassers.)
        <pb n="217" />
        —  206  —

der  Francisco  Oceanic  Steamship  Company  über  Auckland,  Sydney,
Pago-Pago  und  aller  vier  Wochen  der  Union  New-Zealand-Dampfer.
An  Briefsendungen  wurden  befördert  171254,  dazu  1066  Pakete,  200000
Zeitungen  und  etwa  1  Million  Geld.  Die  Kriminalistik  dieser  Bevölkerung
ist  annähernd  gleich  Null.

Es  ist  sehr  lehrreich,  wie  sich  unser  bewährter  Gouverneur  Dr.  Solf
in  die  blumen=  und  bilderreiche  Redeweise  des  Völkchens  eingelebt  hat.
Ein  Berichterstatter  hatte  Gelegenheit,  den  Verhandlungen,  die  zwischen
dem  Gouverneur  und  den  Eingeborenen  wegen  der  Neueinteilung  der
Verwaltung  stattfanden,  beizuwohnen.  Einige  Orte,  an  der  entferntesten
Küste  von  Sawait  gelegen,  waren  bisher  noch  keinem  Bezirk  zugeteilt
worden,  weil  die  Häuptlinge  von  drei  verschiedenen  Bezirken  die  Herrschaft
  über  sie  beanspruchten.  Beim  Eintreffen  des  Gouverneurs  fand
zunächst  die  übliche  Begrüßung  statt.  Hören  wir  zu:

Eingeborene:  „Dein  Name  ist  „Tineitanas  (Hort  des  Friedens).
Deine  Person  und  dein  Tun  entsprechen  dem  Namen.  Wir  geben  dir
tausend  Dank.“

Gouverneur:  „Nur  eine  kurze  Antwort  auf  eure  freundlichen  Reden
und  Begrüßungen.  Der  heutige  ist  ein  Tag  voll  Sonnenschein  äußerlich
am  Himmel  und  innerlich  in  unseren  Herzen.  Euer  Willkommen  begann
nicht  erst  hier  auf  dem  mit  Gewinden  prachtvoll  geschmückten  Dorfplatz,
sondern  schon  auf  der  Grenze,  wo  wir  eure  fein  gesäuberten  Wege  betraten.
  Wir  wandelten  wie  auf  Teppichen,  es  war  wirklich  ein  Unterschied
  gegen  die  schwarzen  Felsen  von  Fafa  wie  von  Hölle  und  Himmel.
Meinen  Dank  allem  Volke  von  Tafu,  Neiafu  und  Falelima!“

Nachdem  dem  Gouverneur  neben  einer  Riesen-Awa-Bowle  ein
Sprecherstab  und  Häuptlingswedel  überreicht  worden  waren,  fuhr  er  fort:
„Herzlichen  Dank  für  alle  eure  Aufmerksamkeiten.  Im  Besitze  dieses
Wedels  und  dieses  Stabes  will  ich  einige  Worte  an  euch  richten  und
eine  Entscheidung  treffen,  die,  wie  ich  hoffe,  euren  Beifall  finden  wird.
Ich  sehe  es  auf  euren  Gesichtern,  daß  ihr  voller  Erwartung  meiner
Entscheidung  über  die  Zukunft  dieser  drei  prachtvollen  Städte  harrt.
Eure  Wünsche  sind  mir  nur  zu  gut  bekannt;  aber  ihr  wißt,  wenn  ich
eine  Bitte  gewähre,  sofort  tauchen  eine  ganze  Reihe  anderer  auf,  also
daß  ich  in  Betrachtung  einer  einzigen  Angelegenheit  über  viele  andere
nachdenken  muß,  von  denen  ihr  nichts  wißt.  Meine  Arbeit  ist  schwieriger
als  der  Wegebau  hier,  und  in  meinem  Wege  liegen  mehr  Steine  als-
        <pb n="218" />
        —  207  —

an  eurer  felsigen  Küste.  Es  gibt  nun  Leute,  die  sprengen  die  Steine
mit  Pulver  und  Dynamit,  aber  das  macht  großen  Lärm  und  ist  gefahrvoll.
  Ich  arbeite  lieber  einzig  mit  meiner  Hand  und  finde  es  besser,
um  einen  Stein,  der  mit  Gewalt  zu  sprengen  wäre,  herum  zu  wandern
und  gleichwohl  meinen  Weg  fortzusetzen.  Versteht  ihr  mich?  Ein
Stein  in  meinem  Wege  ist  die  Herrschaft  über  eure  drei  Städte.  Drei
verschiedene  Bezirke  beanspruchen  sie,  und  vom  ersten  Tage  meiner  Anwesenheit
  hier  bin  ich  immerfort  um  die  Entscheidung  dieser  Ansprüche
angegangen  worden.  Zuerst  in  Salealua.  Dort  reichten  sie  mir  lange
Briefe  ein,  die  von  alter  Geschichte  viel  besagten.  Da  dachte  ich,  das
ist  ein  großer  Stein  in  meinem  Wege.  In  Waisigano  machte  ich  dieselbe
Erfahrung.  Dort  riefen  alle:  Bitte,  bitte,  das  Land  ist  unser,  und
unsere  Herzen  werden  brechen,  wenn  wir  es  verlieren!  Der  Stein
wuchs.  Ich  bin  überzeugt,  wenn  ich  nun  nach  Satupaitea  gehe,  der
Stein  wird  wachsen  wie  das  Vorgebirge  an  der  Höhle  Fafa.  Was  soll
ich  tun?  Wollt  ihr  gehören  zu  Salealua,  Waisigano  oder  zu  Satupaiten?
  (Tiefe  Stille.)  Ihr  wünscht  zu  keinem  dieser  Bezirke  zu  gehören?
  (Nein,  nein!)  Ihr  wollt  eine  eigene  Verwaltung?  (Ja,  jal)
Ihr  seid  nicht  die  einzigen  Städte  in  Samoa,  die  denselben  Wunsch
haben,  und  wenn  ich  den  eurigen  gewähre,  werden  andere  mit  demselben
Verlangen  zu  mir  kommen.  Von  Anfang  an  habe  ich  versucht,  die
alten  guten  Samoa-Verhältnisse  aufrecht  zu  erhalten,  und  ich  beratschlagte
  mit  Personen,  welche  die  Geschichte  dieses  Landes  am  besten
kennen.  Ich  teilte  Upolu  in  vier  Bezirke  und  vereinte  die  Inseln  Apolima
und  Manono  zu  einem  Bezirk.  Viel  schwieriger  war  die  Einteilung
Sawaiis.  Als  ich  aber  die  Bezirke  eingerichtet  hatte,  so  daß  alle  Städte
wie  Fische  im  Netze  darin  eingeschlossen  waren,  da  begannen  die  Fische
aus  dem  Netz  herauszuspringen.  Der  erste  Fisch  war  Lialatele,  das
selbständig  sein  wollte.  Ich  habe  das  nicht  zugelassen,  sondern  das
Dorf  dem  Bezirk  Salealua  zugewiesen.  Ob  sie  damit  wirklich  zufrieden
sind,  oder  ob  sie  sich  mir  zu  Gefallen  nur  so  stellen,  das  weiß  ich  nicht.
Der  zweite  Fisch  war  Felialupo.  Nun  komme  ich  zu  euch,  meine
Freunde.  Ihr  gebt  mir  eine  harte  Nuß  zu  knacken,  aber  ich  hoffe,  ihr
werdet  mit  bestem  Willen  mir  entgegenkommen.  Ich  weiß  von  eurem
Streit  mit  Felialupo,  aber  er  fand  statt  vor  der  Flaggenheißung,  und
ich  will  nicht  darauf  zurückkommen,  noch  ein  Richter  sein  über  Mordtaten
  aus  vergangener  Zeit.  Ich  weiß,  daß  eure  Herzen  seither  wund
        <pb n="219" />
        —  208  —

sind,  und  daß  darin  der  Grund  liegt,  warum  ihr  nicht  zu  jenen  ge—
hören  wollt.  Ich  weiß  auch  von  eurer  Verstimmung  gegen  Satupaitea,
aber  ich  weiß  auch,  daß  ihr  dorthin  gehört  von  alter  Zeit  her.  Als
der  alte  Häuptling  Aziata  starb,  da  hat  er  euch  vorher  noch  ermahnt,
immer  treu  zu  Satupaitea  zu  halten.  Ich  mache  euch  darauf  besonders
aufmerksam.  Wenn  ihr  unbedingt  die  alten  Samoa-Verhältnisse  aufrecht
  erhalten  wollt,  dann  solltet  ihr  nach  Satupaitea  gehören.  Nun
sagt  ihr  aber:  „Der  alte  Häuptling  ist  tot,  so  sind  auch  seine  Worte
tot!#  und  das  nennt  ihr  dann  samoanische  Sitte.  Ich  habe  die  Erfahrung
  gemacht,  daß  sich  die  Samoaner  immer  dann  auf  ihre  Samoasitte
  berufen,  wenn  sie  Wünsche  haben.  Indessen  will  ich  euch  dafür
nicht  tadeln  an  dem  heutigen  schönen  Tage.  Alles  in  allem  ersehe  ich,
daß  eure  Herzen  gegen  die  sämtlichen  drei  Bezirke  sind.  Da  wir  nun  in
einer  Lage  sind  ähnlich  der,  wenn  ein  Mann  und  ein  Weib  gezwungen
werden  sollen,  einander  zu  heiraten  und  miteinander  zu  leben,  obgleich
sie  sich  nicht  lieben  und  nicht  miteinander  leben  wollen,  so  will  ich  euch
auch  nicht  zwingen,  zusammenzugehören  mit  solchen,  die  ihr  nicht  liebt.
Ich  gebe  darum  den  folgenden  Befehl:  Tafu,  Neiafu  und  Falelima
sollen  ihre  eigenen  Angelegenheiten  selbst  regeln.  Kein  Bezirkshäuptling
soll  ihnen  darein  reden,  noch  soll  ein  Richter  eines  anderen  Gebiets  hier
Gericht  halten.  Toola  sei  euer  Richter.  Da  ich  euch  keinen  Bezirkshäuptling
  geben  will,  um  keinen  andern  Bezirk  zu  verletzen,  so  sollen
eure  Städte  regiert  werden  von  dem  Richter  und  den  Dorshäuptlingen
mit  den  Polizisten.  Wenn  ihr  einmal  nicht  fertig  werdet  mit  euren
Angelegenheiten,  dann  kommt  zu  mir,  ich  will  euch  Rat  geben;  oder
wendet  euch  an  den  Amtmann  Williams,  der  mich  hier  vertritt.  Somit
  habe  ich  euch  alles  gewährt,  was  ich  gewähren  konnte.  (Rufe:
Dank,  viel  Dankl)  Ihr  alle  ruft  euren  Dank,  aber  ich  will  abwarten,
bis  ihr  ihn  durch  die  Tat  beweiset.  Gehet  nicht  umher  in  anderen
Städten  und  brüstet  euch  mit  den  Vorrechten,  die  ihr  heute  erhalten
habt,  bleibt  ruhig  und  bescheiden  zu  Hause.  Dies  ist  meine  Rede,  mit
der  ich  Stab  und  Wedel  übernehme.“

Eingeborene:  „Obgleich  du  uns  keinen  eigenen  Bezirkshäuptling
eingesetzt  hast,  sind  unsere  Wünsche  doch  erfüllt.  Aber  der  Richter  Toola
ist  von  Waisigano  und  nicht  von  hier!“

Gouverneur:  „Darauf  lege  ich  keinen  Wert,  ihr  mögt  einen  andern
wählen.  (Rufe:  Uso.)  Diejenigen,  die  den  Uso  zum  Richter  wählen,
        <pb n="220" />
        —  209  —

erheben  ihre  Hand.  (Alle  erheben  die  Hände.)  Uso,  du  bist  gewählt,
versieh  dein  Amt  wohl!“

Eingeborene:  „Dank,  vielen  Dank!  Die  Worte  des  alten  Häuptlings
waren  Unsinn,  um  so  mehr,  als  wir  nicht  gelobt  haben,  sie  zu  befolgen.
Der  heutige  Tag  ist  ein  Glückstag  für  uns,  denn  unser  Schiff,  das  von
wilden  Stürmen  bedroht  wurde,  ist  heute  in  einen  sicheren  Hafen  gelangt.
Unsere  Herzen  sind  voll  Dankes,  und  dein  Name  ist  für  immer  darin
eingeschrieben.  Du  hast  uns  große  Vorrechte  heute  gegeben,  wir  wollen
uns  ihrer  würdig  erweisen.  Möge  Gott  mit  dir  sein!“

Mögen  den  kindlichen  und  zutraulichen  Bewohnern  dieser  schönen
Inseln  unter  Deutschlands  gerechtem  Schutz  endlich  bessere  Zeiten  er—
blühen,  als  sie  sie  selbst  unter  der  Herrschaft  ihrer  eigenen  Könige  je
genossen  haben!

Händlerleben  in  der  Südsee.

Die  Händler,  welche  in  der  Südsee  zuerst  festen  Fuß  gefaßt  haben,
welche  die  ersten  Verbindungen  mit  den  Eingeborenen  anknüpften  und
die  ersten  Versuche  machten,  Handelsstationen  zu  gründen,  haben  Heldentaten
  verübt,  die  gewiß  würdig  wären,  dereinst  in  der  Geschichte  der
Entwicklung  jener  Länder  aufbewahrt  zu  werden.  Deutsche,  Engländer,
Amerikaner  und  Holländer  waren  diese  ersten  Händler,  und  ihre
Aufgabe  war  um  so  schwieriger,  als  die  Besitzverhältnisse  in  ganz
Ozeanien  nicht  feststanden,  daher  auch  die  Weißen,  die  sich  auf  den
verschiedenen  Inselgruppen  und  auf  Neu-Guinea  ansiedelten,  in  keiner
Weise  auf  den  Schutz  ihres  Heimatlandes  rechnen  konnten.  Der  Willkür
und  Habsucht  der  Häuptlinge  preisgegeben,  welche  zumeist  auch  noch
Menschenfresser  waren,  in  beständigem  Verkehr  mit  blutgierigen,  wortbrüchigen
  Eingeborenen,  angewiesen  auf  sich  selbst,  auf  ihre  Klugheit
und  auf  ihren  Mut,  leidend  unter  den  Einflüssen  eines  schädlichen  Klimas,
dürfen  diese  Männer  als  heroische  Vorkämpfer  gelten  und  sind  als  Opfer
gefallen  für  die  Erschließung  ganz  Ozeaniens,  die  vor  allem  durch  die
Händler  und  später  erst  durch  die  Missionare  erfolgt  ist.  In  folgendem
geben  wir  nach  den  Berichten  eines  Augenzeugen  und  eines  Mannes,

der  die  Verhältnisse  in  der  Südsee  genau  kennt,  einen  Bericht  über
Beta,  Das  Buch  von  unsern  Kolonien.  14
        <pb n="221" />
        —  210  —

das  Schicksal  zweier  amerikanischer  Ansiedler,  die  sich  vor  einer  ganzen
Reihe  von  Jahren  auf  den  Neuen  Hebriden  festgesetzt  hatten.  Auf
der  Insel  Oba  gab  es  unter  den  Kannibalen  zwei  angesehene  Häupt—
linge,  Lui  und  Holi,  die  sich  beständig  bekriegten.  Die  meisten  Fehden
entstanden  durch  Menschenraub,  und  Gefangene  wurden  lediglich  gemacht,
um  sie  zu  fressen.  Die  Eingeborenen  der  Hebriden  und  insbesondere
von  Oba  sind  im  übrigen  tapfer  und  tüchtige  Handelsleute.

Zwei  Nordamerikaner  namens  Johnston  und  Caffin  siedelten  sich
vor  einer  Reihe  von  Jahren  auf  Oba  an,  und  es  gelang  ihnen,  trotz
aller  Gefahren  des  Klimas  und  der  Eingeborenen,  sich  eine  ganze  Zeitlang
  zu  halten.  Mit  dem  Häuptling  Holi  standen  sie  in  bestem  Einvernehmen,
  besonders  war  Johnston  mit  ihm  befreundet.  Eines  Nachts
erwachte  Caffin  von  einem  Geräusch  an  der  Wand  der  Hütte,  und  als
er  aufblickte,  bemerkte  er  im  Mondschein,  daß  sich  durch  das  Fenster  ein
Gewehrlauf  schob.  Mit  einem  gellenden  Schrei  weckte  Caffin  seinen
Genossen,  aber  im  nächsten  Augenblick  krachte  ein  Schuß,  und  Johnston
war  im  Schlafe  erschossen.  Niemand  anders,  als  Holi,  der  Häuptling,
hatte  seinen  Freund  Johnston  in  einem  Anfall  von  Argerlichkeit  oder
Laune  niedergeknallt.  Caffin  erhob  sich  und  feuerte  auf  Holi  und  seine
beiden  Begleiter.  Sie  entkamen  aber  unverletzt,  und  Caffin  blieb  nichts
weiter  übrig,  als  seinen  Genossen  zu  begraben.  Sein  eigenes  Leben  war
jetzt  nicht  einen  Pfennig  mehr  wert.  Er  hatte  zu  erwarten,  daß  er  in
kurzem  von  Holi  ebenfalls  aus  der  Welt  geschafft  werden  würde.  Caffin
war  ein  Mann  ohne  Anhang,  ohne  Verwandte  und  ohne  besondere  Lust
am  Leben.  Er  hatte  sich  durch  den  Aufenthalt  auf  den  Hebriden  die
Schwindsucht  geholt  und  wußte,  daß  sein  Leben  nur  noch  nach  Monaten
zählte.  Er  weihte  sein  Leben  der  Rache,  selbst  wollte  er  aber  den  Tod
seines  Kameraden  an  dem  Mörder  Holi  nicht  rächen.  Er  wartete  darauf,
daß  einmal  ein  amerikanisches  Kriegsschiff  zufälligerweise  in  die  Gegend
käme,  um  dann  durch  dieses  den  Tod  Johnstons  rächen  zu  lassen.  Zwei
Jahre  wartete  Caffin  vergebens.  Sein  Leben  hing  an  einem  Haar.
Jeden  Abend  mußte  er  vollkommen  mit  seiner  Existenz  abschließen;  denn
er  wußte  nicht,  ob  er  den  andern  Morgen  erleben  würde.  Es  gelang
ihm  allerdings,  sich  die  Freundschaft  des  Häuptlings  Lui  zu  erwerben,
indem  er  diesem  eine  große  Anzahl  von  Gewehren  und  Munition  schenkte.
Aber  auch  Lui  konnte  ihn  nicht  immerfort  bewachen  und  hatte  selbst  zu
tun,  um  sich  gegen  die  Krieger  Holis  zu  wehren.
        <pb n="222" />
        —  211  —

Eines  Tages  lief  ein  englisches  Kanonenboot  Oba  an,  und  Caffin
glaubte  jetzt  die  Zeit  gekommen,  um  mit  Holi  abzurechnen.  Aber
der  englische  Kommandant  interessierte  sich  für  den  Tod  eines  Amerikaners
nicht.  Er  machte  wohl  dem  Häuptling  Holi  Vorwürfe  wegen  der  Tötung
des  Weißen;  aber  er  ließ  sich  begütigen,  als  Holi  ihm  zwanzig  fette
Schweine  für  die  Mannschaft  des  Kanonenbootes  schenkte.  Der.  Kommandant
  schlug  Caffin  vor,  die  Insel  zu  verlassen,  da  sein  Leben  nicht
einen  Tag  sicher  wäre.  Caffin  blieb  aber  auf  seinem  Platze;  denn  er
behauptete,  er  habe  den  Tod  seines  Genossen  zu  rächen.  Ungefähr  ein
halbes  Jahr  nach  der  Anwesenheit  des  englischen  Kanonenbootes  kam
unser  Gewährsmann  mit  einem  Segelboot,  das  mit  bewaffneten  Eingeborenen
  besetzt  war,  auch  nach  Oba  und  wollte  hier  landen,  um
Lebensmittel  einzukaufen.  Als  sich  der  Segelkutter  der  Küste  näherte,
bekam  er  derartig  Feuer  aus  Gewehren,  daß  sich  der  Kommandant
des  Kutters,  ein  englischer  Regierungsbeamter  aus  Australien,  mit
seinem  Fahrzeug  in  eine  Bucht  flüchtete.  Zufälligerweise  war  dies  die
Bucht,  an  der  die  Ansiedlung  der  beiden  Amerikaner  lag.  Caffin
freute  sich,  nach  Monaten  wieder  einmal  einen  Weißen  zu  sehen  und
englisch  sprechen  zu  können.  Er  orientierte  den  Engländer  über  alle
Verhältnisse  und  teilte  ihm  auch  mit,  daß  in  wenigen  Stunden  wieder
einmal  ein  Krieg  zwischen  Holi  und  Lui  ausbrechen  würde,  weil  Holi
vor  einigen  Tagen  wieder  einen  Mann  vom  Stamme  Lutis  erschlagen
hatte,  um  ihn  aufzufressen.

Ich  bewunderte,  schreibt  der  englische  Gewährsmann,  den  Mut
Caffins,  der  hier  seit  zwei  Jahren  in  beständiger  Todesgefahr  lebte,  und
fragte,  ob  er  mit  zu  Holi  gehen  würde,  da  ich  die  Absicht  hätte,  den  alten
Schuft,  dessen  Leute  auf  mich  geschossen  hatten,  zur  Rede  zu  stellen.

„Das  Dorf,  in  welchem  Holi  wohnt,  ist  kaum  tausend  Schritt  von
hier  entfernt  2,  sagte  Caffin.  „Ich  darf  mich  aber  dort  nicht  zeigen,  weil
ich  zu  Lui  halte.  Mein  Diener  Sambo  hat  mir  gesagt,  daß  Holi  den
Zaun,  der  sein  Dorf  umgibt,  heute  früh  weiß  anstreichen  ließ,  zum  Zeichen,
daß  die  Einwohner  des  Dorfes  bereit  sind,  bis  zum  letzten  Blutstropfen
zu  fechten.  Ich  möchte  Ihnen  abraten,  den  Schuft  Holi  aufzusuchen,  Sie
begeben  sich  in  höchste  Gefahr.“

„Ich  will  von  dem  Kerl  Auskunft  haben,  weshalb  er  ohne  alle  Veranlassung
  auf  mich  schießen  ließ.  Mein  Diener  Rango  ist  ein  Hebriden-Insulaner
  und  wird  mir  als  Dolmetscher  dienen.  Gerade  weil  in  wenigen

14*
        <pb n="223" />
        —  212  —

Stunden  der  Krieg  ausbrechen  soll,  möchte  ich  vorher  noch  einmal  den
Schurken  Holi  zur  Rede  stellen.“

Ich  hatte  acht  bewaffnete  Leute  außer  Rango  im  Boote,  und  diese
ließ  ich  bei  Caffin  zurück,  der  mit  seinem  bewaffneten  Diener  Sambo
nunmehr  zehn  mit  Schießgewehren  bewaffnete  Leute  zur  Verfügung  hatte.
Lui  sollte  mit  seinen  Leuten  in  einer  Stunde  eintreffen,  und  Caffin
wollte  ihm  von  seinem  Vorrat  zwanzig  Schießgewehre  mit  Munition
zur  Verfügung  stellen,  um  dann  das  Dorf  Holis  anzugreifen.  Ich
mußte  also  in  einer  Stunde  zurück  sein.

Mit  seinen  Bewaffneten  gab  mir  Caffin  das  Geleit  bis  an  ein
Gebüsch,  von  welchem  man  nur  noch  etwa  500  Schritt  bis  zu  dem
Dorfe  Holis  hatte.  An  dem  Gebüsch  nahm  Caffin  mit  den  Leuten  Aufstellung,
  damit  ich  mich  hierher  im  Falle  der  Gefahr  zurückziehen  könnte.
Ich  begab  mich,  gefolgt  von  meinem  braunen  Diener  Rango,  in  das
Dorf,  und  man  hatte  dort  so  wenig  die  Ankunft  eines  Weißen  erwartet,
daß  ich  mitten  im  Dorfe  war,  bevor  die  Eingeborenen  etwas  ahnten.
Ich  traf  den  alten  Häuptling  unter  einem  Baum  mitten  im  Dorfe  sitzend.
Hier  war  der  Versammlungsplatz,  wie  ich  später  erfuhr.  Ich  hatte  meinen
Revolver  schußfertig  in  der  Hand  und  befahl  meinem  Diener  Rango,  er
solle  Holi  sagen,  wenn  ihm  sein  Leben  lieb  wäre,  solle  er  sich  nicht  vom
Platze  rühren.

"  Sage  deinem  Weißen,  er  solle  seinen  Revolver  einstecken,  antwortete
Holi,  #ich  bin  ein  unbewaffneter  Mann,  und  er  ist  ein  Fremder  hier  im  Dorfe.

Ich  steckte  den  Revolver  weg,  lockerte  aber  das  Winchestergewehr  im
Riemen,  das  über  meiner  Schulter  hing.  Zwischen  mir  und  Holi  entspann
  sich  nunmehr  folgendes  kurze  Gespräch,  welches  mein  Diener  Rango
vermittelte.

„Warum  haben  deine  Leute  auf  mich  geschossen?  Ich  kam  in
friedlicher  Absicht,  und  es  sind  auf  mein  Boot  gegen  fünfzig  Schüsse
abgegeben  worden.“  1

„  Wir  brauchten  Menschenfleisch.  Ich  bin  es  gewöhnt,  jeden  Monat
einen  Menschen  zu  essen,  und  ich  kümmere  mich  gar  nicht  darum,  ob  es
ein  Weißer  oder  ein  Schwarzer  ist.“

Diese  freche  Antwort  machte  mich  unvorsichtig.  Ich  riß  mein
Winchestergewehr  von  der  Schulter,  machte  es  schußfertig  und  befahl  meinem
braunen  Diener,  der  zitternd  neben  mir  stand,  Holi  folgendes  zu  sagen:

„Ich  könnte  dich  jetzt  niederschießen,  wenn  ich  nicht  wüßte,  daß  ein
        <pb n="224" />
        —  213  —

schlimmeres  Los  dir  noch  bevorsteht.  Du  hast  erst  vorgestern  einen  von
Luis  Leuten  gefressen,  was  willst  du  von  mir  und  meinen  Leuten?“

Holi  saß  zitternd  unter  dem  Baume,  und  ich  schwankte  einen  Augenblick,
  ob  ich  ihn  nicht  niederknallen  sollte.  Dann  warf  ich  mein  Gewehr
über  die  Schulter  und  sagte:

„Du  wirst  noch  von  mir  hören.  Ich  kam  in  keiner  anderen  Absich,
als  um  gegen  gute  Bezahlung  Lebensmittel  zu  kaufen.  Ich  werde  dir
ein  Kriegsschiff  herschicken,  dessen  Kommandant  sich  nicht  durch  ein
Geschenk  von  Schweinen  versöhnen  läßt.“

Dann  machte  ich  kehrt  und  verließ  den  Ort.  Aber  sobald  ich
den  Zaun  hinter  mir  hatte,  wurde  mein  Schritt  immer  schneller,  bis
Rango  und  ich  im  vollsten  Laufen  waren.  Das  war  auch  gut;  denn
man  hörte  aus  dem  Dorfe  das  Kriegsgeschrei  der  Leute  Holis.  Bald
erreichten  wir  das  schützende  Gebüsch,  und  als  wir  aus  demselben  bis
zur  Ansiedelung  Caffins  marschiert  waren,  stießen  wir  auf  die  Leute  Luis,
welche  im  Anmarsch  waren.  Eine  halbe  Stunde  später  fielen  ungefähr
dreißig  Schüsse  hintereinander  auf  das  Dorf  Holis,  und  meine  Bootsbesatzung
  beteiligte  sich  mit  am  eifrigsten  am  Beschießen.  Holi,  der  alte
Fuchs,  sah  wohl  jetzt  ein,  daß  er  die  Übermacht  gegen  sich  hatte,  denn
es  erschienen  plötzlich  Unterhändler,  die  sowohl  mit  mir  als  mit  Lui
Frieden  schließen  sollten.  Holi  ließ  mir  sagen,  ich  könne  unbehindert  in
seinem  Revier  Lebensmittel  nehmen  und  brauchte  sie  nicht  einmal  zu
bezahlen,  und  Lui  bot  er  für  den  erschlagenen  und  aufgefressenen  Mann
seines  Stammes  zwanzig  Schweine,  die  von  Lui  mit  Vergnügen  angenommen
  wurden.  Eine  halbe  Stunde  später  war  der  Krieg  wieder
beendet.

„Kommen  Sie  mit  mir,“  sagte  ich  zu  Caffin,  „was  wollen  Sie
hier?  Jetzt  erst  recht  wird  Holi  sich  an  Ihnen  zu  rächen  versuchen“.

„Ich  habe  nur  noch  wenige  Monate  zu  leben,“  erklärte  Caffin,
ound  diese  will  ich  hier  zubringen.  Bevor  Holi  Hand  an  miich  legt,
stirbt  er,  und  seine  Leute  trauen  sich  nicht  an  mich  heran.e

Ich  lichtete  den  Anker,  fest  überzeugt,  daß  Caffin  in  wenigen
Tagen  nicht  mehr  am  Leben  sein  würde.  Ich  täuschte  mich  aber,  er
blieb  noch  ein  halbes  Jahr  unbehelligt  und  ging  dann  schwer  an  der
Schwindsucht  leidend  mit  seinem  Diener  Sambo  nach’  Australien,  weil
er  das  Klima  nicht  mehr  vertrug.  Aber  hier  unter  den  Weißen,  umgeben
  von  allen  Bequemlichkeiten,  vergaß  Caffin  das  Grab  seines
        <pb n="225" />
        —  214  —

Freundes  und  Genossen  Johnston  nicht  und  dachte  daran,  daß  er  mit
Holi  abzurechnen  habe.  Todkrank  und  mit  der  letzten  Kraft  schleppte
sich  Caffin  auf  einen  Segelkutter,  der  von  Australien  nach  den  Hebriden
ging.  Der  Kommandant  des  Kutters  ahnte  nicht,  zu  welchem  Zweck
Caffin  seine  letzte  Kraft  einsetzte.  Als  man  auf  der  Höhe  von  Oba  war,
riet  Caffin  dem  Kommandanten,  Lebensmittel  von  den  Eingeborenen  zu
kaufen,  und  schickte  Sambo  an  Land  zu  Holi,  um  ihm  mitzuteilen,  er
möge  zu  ihm  an  Bord  kommen,  er  wolle  sich  bei  ihm  bedanken,  daß
Holi  das  Grab  Johnstons  so  gut  gepflegt  habe.  Holi  kam  in  seinem
Galakriegskanu,  begleitet  von  einer  ganzen  Flottille  von  Kanus.  Es
waren  wohl  300  Krieger  mit  ihm,  sämtlich  bewaffnet  mit  Bogen  und
Pfeil,  während  Holi  allein  außer  dem  Speer  noch  einen  Hinterlader
trug.  Das  Paradekann  kam  längsseit  des  Kutters.  An  Deck  stand
Caffin  mit  Aufbietung  seiner  letzten  Kräfte.  Er  hatte  in  den  letzten
Tagen  nur  noch  gelegen,  da  ihm  die  Kraft  zum  Umhergehen  fehlte.  Er
rief  Holi  eine  Begrüßung  zu,  und  dieser  sprang  aus  dem  Kanu  an  Bord.
Im  nächsten  Augenblick  schoß  ihn  Caffin  mit  dem  bereitgehaltenen  Revolver
  durch  das  Herz.  Der  Besitzer  des  Kutters  und  selbst  Caffins
Diener  Sambo  waren  starr  vor  Schrecken  über  diese  Tat,  die  im  Angesicht
  von  300  Kriegern  Holis  verübt  wurde.  Aber  Caffin  kannte  den
Charakter  der  Eingeborenen  besser  als  alle  andern  an  Bord  Befindlichen.
Als  Holi  mit  einem  Schrei  emporsprang  und  niederstürzte,  stießen  seine
300  bewaffneten  Begleiter  einen  einzigen  furchtbaren  Schreckensschrei
aus  und  flohen,  ohne  daran  zu  denken,  den  Tod  ihres  Häuptlings  zu
rächen.  Caffin  schleppte  sich  bis  zu  dem  toten  Holi,  hob  ihn  mit  übermenschlicher
  Gewalt  auf  und  warf  den  Leichnam  ins  Wasser.  Die  Haisische,
  welche  um  den  Kutter  schwammen,  zerrissen  im  nächsten  Augenblick
den  Körper  des  schurkischen  Häuptlings.  Die  Kraftanstrengung  aber,
womit  der  todkranke  Caffin  den  Leichnam  des  Häuptlings  aufgehoben
und  über  Bord  geworfen  hatte,  war  das  letzte  Aufflackern  seines  Lebens.
Ein  Blutstrom  drang  aus  dem  Munde  Caffins,  und  tot  sank  er  wenige
Sekunden  später  auf  Deck  nieder.  Sein  Blut  mischte  sich  mit  dem  Holis,
den  er  gerichtet  hatte,  weil  kein  anderer  Richter  und  Rächer  sich  fand.

Aug  um  Auge,  Zahn  um  Zahn,  war  das  Gesetz,  das  die  Weißen,  die  in
der  Südsee  als  Pioniere  tätig  waren,  sich  im  Verkehr  mit  den  Eingeborenen
gemacht  hatten,  und  zu  dem  sie  gezwungen  waren  durch  den  Blutdurst  und
die  Unehrlichkeit  dieser  Wilden,  die  keinen  Herrn  über  sich  erkannten.
        <pb n="226" />
        8  Dritter  Teil:  Asien.  8

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Allgemeines  über  Ur-China,  seine  Sprache  und  Entwicklung.

Die  Chinesen  sind  stolz  auf  alle  ihre  berechtigten  und  auf  einige
nicht  berechtigten  Eigentümlichkeiten,  vielleicht  sogar  auf  ihre  vernachlässigten
  Verkehrswege  und  unergründlichen  Kotstraßen,  die  zugleich  als
Senkgruben  dienen.  Insbesondere  auch  bilden  sie  sich  auf  ihre  Schrift
etwas  ein,  die  allein  genügt,  um  ein  Volk  aus  dem  großen  Reiche  der
Zukunft,  dessen  Bildung  auf  „Evolution“,  d.  h.  Entwicklung  beruht,
völlig  auszuschalten.  Denn  sie  müssen  ihre  ganze  Geisteskraft  auf  das
Studium  dieses  einen  Gegenstandes  verwenden,  so  daß  für  alle  anderen
Aufgaben  des  öffentlichen  Lebens  davon  nichts  mehr  übrig  bleibt.  Aber
über  Herkunft  und  Entstehung  dieser  Schrift  wissen  sie  nichts.  In  China
selbst  findet  man  keine  Beweise  ihrer  Anfänge.  Keine  Inschrift  existiert
in  Erz  und  Stein,  die  sie  uns  in  ihrer  ersten  rudimentären  Form  zeigte.
Ehe  die  Chinesen  sie  brauchten,  hatte  sie  bereits  das  hieroglyphische
Kindheitsstadium  überschritten.  Sie  stammt  also  von  andern  Völkern.
Selbst  dieses,  ihr  höchstes  Gut  ist  nicht  ihr  eigenes  geistiges  Eigentum.
Die  erste  Kombination  von  Linien,  geraden  und  gebrochenen,  welche  auf
eine  Schrift  hindeuten,  finden  sich  in  chinesischen  Geschichtswerken  aus  den
Jahren  2852  bis  2737  v.  Chr.  Sie  werden  einem  gewissen  Fuh-ho  zugeschrieben.
  Es  sind  wohl  Diagramme,  die  aber  in  nichts  an  die  heutige
Schrift  der  Chinesen  erinnern,  sondern  eine  Nachbildung  der  Kwei-Schrift
sein  sollen.

Die  Kweis  sind  Urbewohner  des  Landes,  deren  Nachkommen  noch
heute  die  Ufer  des  Ho  und  des  Lohflusses  bewohnen.  Der  Ho  (Strom)
ist  der  Huangho,  der  Gelbe  Fluß,  und  Loh  sein  Hauptnebenfluß.
Und  an  dessen  Felsenufern  eingegraben  findet  sich  die  Urschrift  dieses
        <pb n="227" />
        —  216  —

Volksstammes,  der  indo-germanischen  Ursprungs  sein  soll,  was  wir  ja
geneigt  sind,  für  einen  besonderen  Vorzug  zu  halten.  Man  kommt  denn
auch  auf  den  Gedanken,  daß  die  Kwei-Schrift  den  Schnüren  der  nordischen
Völker  entspricht,  in  denen  durch  Knoten  bestimmte  Schriftzeichen  zum
Ausdruck  kamen.  Ja,  sie  erinnert  sogar  an  die  Morseschrift.  Nichts
Neues  unter  der  Sonne.  Die  Schrift  dagegen,  welche  wir  heute  als
die  chinesische  kennen,  hat  mit  den  Kweis  nichts  zu  tun.  Sie  hängt
vielmehr,  so  darf  man  annehmen,  mit  der  Keilschrift  des  westlichen  Asiens
zusammen  und  wurde  den  Völkern  des  heutigen  Chinas  durch  Eroberer
gebracht  und  aufgezwungen,  die  aus  eben  jenen  Gegenden  stammten.
Die  Entzifferer  der  assyrischen  Keilschriften,  u.  a.  Dr.  J.  Oppert,  finden,
daß  der  oberste  Gott  der  alten  mächtigen  Elamiten  Mesopotamiens,  deren
Hauptstadt  Susa  war,  Nakhunti,  identisch  wäre  mit  dem  Sohne  des
Himmels  und  Begründers  des  chinesischen  Reiches  Hwang-ti  (2697  bis
2597  v.  Chr.).  Sie  bringen  eine  gewaltige  politische  Umwälzung  in
Susa,  welche  im  24.  oder  23.  Jahrhundert  vor  unserer  Zeitrechnung
stattfand,  und  von  der  die  Keilschriften  erzählen,  mit  der  Gründung  des
chinesischen  Feudalreichs  in  Zusammenhang.  Damals,  wie  drei  Jahrtausende
  später,  fand  eine  Art  von  Völkerwanderung  statt,  deren  Folge
war,  daß  turanische  und  mongolische  Horden  von  Norden  her  in  das
Gebiet  des  heutigen  China  einbrachen  und  sich  dort  festsetzten,  ganz  ähnlich
  wie  noch  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts  600  000  Kalmücken  aus
russischem  Gebiet  nach  China  hin  ausbrachen.  Und  jene  Elamiten  sind
es,  denen  das  chinesische  Volk  seine  Schrift  verdankt.

Jene  alten  Turanier  oder  Elamiten  wurden  auch  von  Herodot
als  vorzügliche  Bogenschützen  gerühmt.  Mit  dieser  Waffe  trieben  sie  alles
vor  sich  her.  Sie  folgten  dem  Laufe  des  Gelben  Stromes  und  eroberten
zunächst  Schansi  und  Honan.  Sie  führten  in  China  die  Zeiteinteilung
ihrer  mesopotamischen  Heimat  ein,  das  Jahr  von  360  Tagen  zu  zwölf
Monaten,  mit  einem  Schaltmonat  in  jedem  zwölften  Jahr.  Diese  Einrichtung
  schreiben  die  Chinesen  Hwangz-ti  zu,  der  aber,  wie  gesagt,
niemand  anders  ist  als  der  alte  Gott  der  Suser.  Eben  dieser  gründete
angeblich  auch  die  älteste  chinesische  Sternwarte  Luig-tai.  Luig-tai  ist
aber  eine  Nachbildung  des  babylonischen  Ziggurata.  Auch  die  Namen,
die  Hwang-ti  den  fünf  damals  bekannten  Planeten  gab,  sind  die  der
Babylonier.  Nur  Merkur  trägt  bei  beiden  Völkern  verschiedene  Namen,
woraus  gefolgert  wird,  daß  er  von  beiden  Völkern  erst  später  unab-
        <pb n="228" />
        —  217  —

hängig  voneinander  aufgefunden  wurde.  Die  Übereinstimmungen  sind
zahlreich.  Elam  war  ursprünglich  ein  Feudalreich,  auch  China  wurde
als  ein  solches  von  seinen  Eroberern  eingerichtet.  Der  Hauptgott  Elams
hat  alle  Attribute  Jehovas.  Sein  Zeichen  ist  der  siebenarmige  Leuchter,
und  das  chinesische  Zeichen  für  den  obersten  Gott  oder  für  den  obersten
Herrn  im  Lande,  Hwang“t,  sieht  fast  ebenso  aus,  nur  in  gewissem
Sinne  stilisiert.

Die  ältesten  Urkunden  Chinas  sind  Schi-ki,  die  Chronologie  der
ersten  Dynastien.  Es  ist  nun  auffallend,  wie  sehr  diese  mit  den  „astrologischen
  Tafeln“  übereinstimmen,  die  uns  Professor  Sayes  aus  den
Keilschriften  Babylons  übersetzt  hat.  In  beiden  kommt  der  Ausdruck
vor:  „Gold  wird  in  Zahlung  genommen.“  Das  ist  die  erste  Anspielung
auf  die  Einführung  der  Goldwährung.  Heute  ist  China  bekanntlich
höchstens  ein  Silberland  zu  nennen.  Und  das  ist  ein  Umstand,  der
aus  Gründen,  auf  die  wir  hier  nicht  weiter  eingehen  können,  sehr  viel
zu  den  jetzigen  Wirren  in  Ostasien  beigetragen  hat.  #

Die  Zustände,  die  sich  in  Alt-China  entwickelten,  waren,  so  wird
uns  wenigstens,  vielleicht  nur  im  dynastischen  Interesse,  versichert,  nicht
erfreulich.  Sie  glichen  ungefähr  denen,  die  sich  in  Italien  und  Afrika
unter  der  Herrschaft  der  Goten  und  Vandalen  bildeten.  Sie  waren  hochgradig
  chaotisch.  Die  feudalen  Verbände  lösten  sich.  Jede  Hand  erhob
sich  gegen  jeden,  und  auch  die  vortrefflichen  Lehren  eines  Konfutse  und
Menzius  konnten  dem  nicht  Einhalt  tun.  Das  währte  so  lange,  bis
ein  neuer  Hwang-ti  entstand,  der  Chi-Hwangz-ti  (246—209  v.  Chr.)
aus  der  siegreichen,  alle  übrigen  ausrottenden  Dynastie  der  Tsin,  dessen
gewaltige  Hand  alles  Eigenleben  der  Völker  erdrosselte.  Er  schuf  die
chinesische  Mauer,  die  den  Chinesen  in  fatalistische  Gleichgültigkeit  gegen
militärische  Tugenden  einlullte,  er  überlieferte  die  gesamte  Literatur  der
Vorzeit  so  weit  wie  möglich  der  Vernichtung  und  schuf  die  Staatssprache,
die  nicht  flektiert  und  alles  Reflektieren  annähernd  unmöglich  macht.
Diese  gleichsam  „moderne“  Sprache  ist  keineswegs,  wie  etwa  das  Deutsche
in  Osterreich,  ein  lebendiges  Sprachwesen,  das  von  einem  starken  und
regsamen  Volke  getragen  wird;  denn  die  Sprache  der  Herrscher  Chinas,
der  Mandschu,  ist  eine  völlige  andere,  mit  mehrsilbigen  Worten,  die  auch
konjugiert  und  dekliniert  werden.  Das  Staatschinesisch  dagegen  ist  eine
monosyllabe,  starre  und  flektionslose.  Sie  ist  eine  Art  von  Volapük,
und  zwar  hauptsächlich  ein  schriftliches  Volapük.  Sie  wird  einheitlich
        <pb n="229" />
        —  218  —

geschrieben;  aber  in  den  verschiedenen  Teilen  Chinas  ganz  verschieden
gesprochen.  Ihr  Zweck  ist,  China  zu  vereinheitlichen,  geistig  und  administrativ.
  Das  ist  der  Grund,  warum  die  Ausbildung  in  dieser  Kunstund
  Staats=  oder  Reichssprache  die  Grundlage  aller  chinesischen  Bildung
ausmacht.

Wohin  führt  das?  Russische  Diplomaten  sagen  aus,  daß  der  Chinese,
sobald  er  mit  fremden  Völkern  in  Verkehr  tritt,  sich  hilflos  sieht.  Er
kriecht  aus  seiner  Einsiedlerschale  heraus  und  bedient  sich  einer  ganz
neuen  Sprache,  die  den  Vorzug  hat,  lebendig  und  naturwüchsig  zu  sein,
und  das  ist  das  schon  ganz  Polynesien  beherrschende  Küsten=  oder
pigeon-Englisch,  das  auch  den  Russen  genehm  und  bequem  ist.  Pigeon
(Taube)  ist  aber  nichts  als  Korruption  des  Wortes  business,  Geschäft.
Und  so  wird  denn  dieses  Geschäftsenglisch  bis  tief  nach  Sibirien  hinein
bereits  gesprochen.  Das  Mandarinentum,  selbst  eine  Marionette,  ist  bemüht,
  die  Massen  des  Volkes  an  seinen  Kunstschnüren  wie  eine  Marionette
tanzen  zu  lassen.  Es  ist  über  derartige  Neubildungen  empört.  Sie  auszurotten,
  stürzt  es  sich  nun  in  einen  fürchterlichen  Verzweiflungskampf.
Aber  auf  die  Dauer  wird  es  dem  Andrang  des  Volkslebens  nicht  widerstehen
  können;  das  Gesetz  der  Evolution  wird  sich  auch  auf  diesem  Boden
Bahn  brechen.  Denn  was  helfen  uns  alle  Berufungen  auf  urväterliche
Überlieferungen  und  selbst  auf  die  Tugenden,  wenn  sie  uns  den  Weg
der  Entwicklung  verschließen?  Der  Stand,  der  dieses  Prinzip  sich  aneignet,
  ist  mächtiger  als  alle  anderen  Wesen  und  Gewalten,  die  sich
sträuben,  wie  Shakespeare  sagt,  dem  lieben  Gott  zu  gehorchen,  weil  es
ihnen  der  Teufel  befiehlt.  Das  wollen  doch  und  haben  auch  wir  endlich
begriffen  und  sind  nun  bemüht,  dem  inneren  Feind  auf  dem  Wege  der
Entwicklung  in  die  Flanke  zu  fallen  und  ihm  den  Vorrang  streitig  zu
machen.  Und  zwar  nach  englischem,  nicht,  wie  bisher,  nach  gallischem
Vorbilde.

Das  Hirn  der  chinesischen  Völker  ist  ausgeschaltet  worden.  Und
wenn  Europa  sie  jetzt  aus  diesem  Zustande  der  Hypnose  befreit,  so  werden
sie  ihm  dafür  deteinst  sicherlich  dankbar  sein  können.  Nur  bleibt  die  Frage
offen,  ob  das  Chinesentum  imstande  ist,  unter  dem  Einflusse  des  Verkehrs
und  der  geistigen  Erweckung  einen  ähnlichen  moralischen  Vorteil  zu  ziehen
wie  Japan  und  selbst  Bokhara,  von  woher  dem  Roten  Kreuz  100000
Rubel  gestiftet  wurden.
        <pb n="230" />
        —  219  —

Die  Kiautschou-Bucht.

Rußland,  England,  Frankreich,  Japan,  auch  Portugal  hatten  schon
seit  1842  eine  Reihe  großer  Konzessionen  von  China  sich  erzwungen,  als
Deutschland  noch  diesem  maßgebenden  Boden  zukünftiger  handelspolitischer
Entwicklung  fernblieb.  Daneben  aber  hatte  der  deutsch-chinesische  Handel
bereits  einen  Riesenaufschwung  genommen.  Er  steht  an  zweiter  Stelle,
hinter  dem  englischen.  Wir  hatten  nur  in  Tientsin  am  Peiho  und  in
Hankau  am  Nangtsefluß  zwei  kleine  Gebiete  als  Kronkonzessionen  inne,
die  aber  unserer  Kriegsflotte,  wie  sie  zum  Schutze  des  Handels  erforderlich
ist,  keinen  Stützpunkt  boten.  Freiherr  von  Richthofen  hatte  schon  1870
auf  die  Kiautschou-Bucht  hingewiesen,  und  auch  der  Vater  unseres  jetzigen
Kaisers  hatte  die  Notwendigkeit  betont,  daß  wir  an  Chinas  Küste  einen
Hafen  besitzen  müßten.  Der  Geheime  Marinebaurat  G.  Franzius  prüfte
die  Verwendbarkeit  der  sonst  wenig  begehrten  und  von  China  völlig  vernachlässigten
  Kiautschou-Bucht  für  diesen  Zweck,  und  Verhandlungen  mit
dem  Tsungli-YDamen,  dem  Auswärtigen  Amte  zu  Peking,  wurden  eingeleitet.
Trotzdem  ging  der  Friedensschluß  von  Schimonoseki  zwischen  China  und
Japan,  bei  dem  wir  das  bedrängte  China  auf  diplomatischem  Wege
nachdrücklichst  unterstützt  hatten,  vorüber,  ohne  daß  unserem  nach  Lage
der  Sache  durchaus  gerechtfertigten  Verlangen  nach  einer  gewissen  Gleichstellung
  mit  anderen  Mächten  genügt  worden  wäre.

Da  geschah  es  im  November  1897,  daß  zwei  deutsche  katholische
Missionare  in  Schantung  ermordet  wurden,  und  das  gab  den  Anlaß,
daß  Admiral  Diederichs  am  14.  November  mit  drei  Kriegsschiffen  die
Einfahrt  zur  Kiautschou-Bucht  besetzte.  Die  dort  stationierten  chinesischen
Truppen,  etwa  2000  Mann,  zogen  sich  ohne  Schwertstreich  zurück.  Die
Besetzung  der  gesamten  Bai  erfolgte  ohne  tragisches  Ereignis.

Ein  Panzergeschwader  unter  dem  Prinzen  Heinrich  folgte,  und  am
6.  März  1898  kam  ein  Vertrag  zustande,  durch  den  uns  China  die  Provinz
  Schantung  als  Einflußsphäre  überließ  und  auf  99  Jahre  die  Kiautschou-Bai
  bis  zur  Hochwassergrenze,  dazu  die  vorliegenden  Inseln  Toloschan,
Thsalientau,  Tschiposan,  Tsintau  (Potato-lsland)  usw.  sowie  die  Hauptinseln
  Lauscha  und  Hwangtau  in  Pacht  gab.  Das  ganze  Gebiet  umfaßt
mit  der  Wasserfläche  920  qkm,  und  die  neutrale  Zone  von  50  km  Breite
mit  der  Stadt  Kiautschou,  innerhalb  welcher  China  nur  mit  Zustimmung
        <pb n="231" />
        —  220  —

Deutschlands  seine  Anordnungen  treffen  darf,  wird  auf  7100  qkm  angegeben.
  Die  ganze  Provinz  ist  etwa  halb  so  groß  wie  das  Königreich
Preußen.  .

Deutschland  hat  sich  für  diesen  Schritt  der  Zustimmung  der  be—
teiligten  Mächte  versichert,  die  ihrerseits  ähnliche  Abtretungen  sich  erwirkten.
Rußland  erhielt  Liautung,  die  Bucht  von  Talienwan  mit  Port  Arthur,
welche  es  inzwischen  wieder  nach  einem  fürchterlichen  Kriege  an  Japan
verloren  hat;  England  erhielt  Weihaiwei,  Frankreich  die  Kwangtschoubucht
und  das  Vorkaufsrecht  auf  die  große  Insel  Hainan.  Die  Zahl  der  Vertragshäfen
  stieg  von  25  auf  28.

China  hat  durch  diese  Pachtverträge  mit  den  europäischen  Mächten
den  Vorteil,  daß  seine  Integrität  gewahrt  und  seine  mineralischen  Schätze,
in  Schantung  z.  B.  die  reichlichen  Kohlenlager,  endlich  aufgeschlossen
werden.  Aus  eigener  Energie  und  Initiative  scheint  es  das  nie  erreichen
zu  können,  da  indolente,  anpassungsunfähige  Volksmassen  seiner  Entwicklung
  entgegenstehen.  Und  diese,  verbunden  mit  ihrem  Anhang  in
der  Umgebung  des  jungen  Kaisers,  dessen  Willen  durch  die  fremdenfeindliche
  Kaiserin-Mutter  vollständig  lahmgelegt  wurde,  sind  es  denn
auch  gewesen,  die  den  im  Sommer  1900  erfolgten  Aufstand  erregten,
welcher  zur  Niedermetzelung  von  Tausenden  von  chinesischen  Christen,  der
Ermordung  unseres  Gesandten  Freiherrn  von  Ketteler  in  Peking,  der
Belagerung  der  fremden  Gesandtschaften  und  den  danach  ausbrechenden
Wirren  führte,  Ereignissen,  die  wir  nachstehend  ausführlich  schildern
werden.

An  unserem  Besitzstand  haben  diese  nichts  zu  schmälern  vermocht.

Die  Provinz,  Schansi  genannt,  ist  eine  der  dichtest  bevölkerten  des
Reiches  der  Mitte.  Man  schätzt  ihre  Bevölkerung  auf  25  Millionen,
das  sind  173  auf  den  qkm,  gegen  nur  etwa  112  in  Deutschland.  Schansi
beherbergt.  große  Metall=  und  Kohlenschätze.  v.  Richthofen  hielt  diese
letzteren  für  so  bedeutend,  daß  sie  den  Bedarf  der  gesamten  Welt  auf
Jahrtausende  decken  könnten.  Dieser  beträgt  nach  ungefährer  Schätzung
zurzeit  eiwa  ½  Milliarde  Tous  jährlich.  Über  diesem  Reichtum  hocken
und  verhungern  die  Chinesen.  Sie  essen  das  Gras,  welches  auf  der
zum  Teil  zutage  liegenden  Kohle  wächst,  diese  selbst  lassen  sie  unberührt
oder  tragen  sie  nur  in  kleinen  Körben  in  die  nächste  Umgebung.  Dabei
bezahlen  sie  einen  enormen  und  teuren  Kohlenimport,  besonders  aus  Japan,
woher  z.  B.  noch  1903  allein  in  Schanghai  700000  Tons  neben  nur
        <pb n="232" />
        —  221  —

100  000  Tons  eigener  Kohle  aus  Hankow  und  Kaiping,  gelöscht  wurden.
Daß  ein  solches  Volk  in  unserer  Zeit  des  Verkehrs  der  Anspornung  und
Führung  energischerer  Völker  bedarf,  liegt  auf  der  Hand.  An  wirklich
verfügbarem  Land  hat  das  Deutsche  Reich  hier  zusammen  5—6  Quadratmeilen
  in  Pachtbesitz.  Und  diese  Form  des  Besitzes  bedingt  auch,  daß
die  Weiterbegebung  unter  ähnlichen  Normen  stattfindet  wie  in  England,
d.  h.  unter  Zeit=  und  Erbpacht.  Die  Hälfte  des  Kaufpreises  bleibt  als
Reallast  auf  den  veräußerten  Grundstücken  stehen,  und  dieser  Betrag  wächst
mit  deren  Wertzuwachs.  Auch  behält  die  Regierung  das  Vorkaufsrecht.
Über  die  von  chinesischen  Bauern  käuflich  erworbenen  Grundstücke  sind
wir  nicht  unterrichtet.  Jedenfalls  steht  auch  dieser  Erwerb  unter  anderen
als  den  bei  uns  leider  üblichen  römischen  Besitzuormen.  Die  Stadt  Kian
(alter  Volksstamm)  Tschou  (Provinzstadt)  zählt  200000  Einwohner.  Auf
dem  Landgebiet  wohnen  ferner  noch  60  000—80  000  Chinesen,  fast  ausschließlich
  in  der  Niederung,  da  der  Chinese  das  Wohnen  auf  den  Bergen
scheut.  An  Europäer  waren  bereits  im  Jahre  1902  40  ha  in  Pacht  und
40  000  qm  für  gemeinnützige  Zwecke  unentgeltlich  abgegeben  worden.

Über  die  weitere  Entwicklung  der  Grundbesitzverhältnisse  noch  folgendes:


Im  Rechnungsjahre  1905/6  wurden  32  Grundstücke  in  der  Größe
von  9h#64  a  zum  Preise  von  76224  Doll.  (Dollar  zu  2,38  Mark  bei  steigendem
  Kurs)  verkauft.  Daß  auch  Wiederveräußerungen  stattfinden,
lehrt  die  Angabe,  daß  das  Drittel  der  Wertsteigerung,  welches  bei  Umsätzen
  dem  Fiskus  zufällt,  in  jenem  Jahre  2102  Doll.  betrug.  Der  Fiskus
bekommt  außerdem  6  Prozent  Pacht  vom  ursprünglichen  Kaufpreis,  die  von
je  3  zu  3  Jahren  erhöht  wird,  d.  h.  er  bleibt  (bei  6  Proz.  Ortszins)  zur
Hälfte  Mitbesitzer.  An  solchen  Pachtgeldern  gingen  1905/6  für  336  ha
91à  36471  Doll.  ein.  Man  zählte  194  chinesische  und  210  nichtchinesische
Grundeigentümer.  Auch  bestellte  der  Fiskus  eine  Hypothek  von
1115000  Mark  zur  Unterstützung  einer  Firma,  welche  die  Erbauung
von  Wohn=  und  Arbeiterhäusern  übernommen  hat.

Schon  seit  dem  1.  Juni  1888  bestand  eine  „Schantung-Eisenbahngesellschaft“
  zu  Berlin,  welche  die  Konzession  auf  den  Bau  der  Bahn  Tsingtau
über  Weihsien  nach  Isi-man-fu  und  nach  Po-schan  übernommen  hatte.  Auch
hat  sich  bereits  unter  der  Bezeichnung:  „Deutsche  Gesellschaft  für  Bergbau
und  Industrie  im  Auslande“  in  Tsingtau  eine  Aktiengesellschaft  gebildet,
die  zunächst  dem  Bergbau  in  Schantung  sich  widmen  soll.
        <pb n="233" />
        —  222  —

Was  den  Charakter  der  Chinesen  anbetrifft,  mit  denen  wir  durch
die  neueste  Entwicklung  unserer  Weltpolitik  in  so  enge  Beziehungen  ge—
bracht  worden  sind,  so  wird  dieser  vom  europäischen  Standpunkte  aus
nicht  eben  gerühmt.  Daß  aber  der  Handel  mit  China  so  große  Dimen—
sionen  angenommen  hat,  obwohl  die  chinesische  Regierung  ihn  nicht  be—
günstigte,  zeigt  zur  Genüge,  daß  eine  Interessengemeinschaft  zwischen  den
westlichen  und  östlichen  Völkern  besteht,  die  eine  gute  Grundlage  für  das
Gedeihen  dieses  deutschen  Freihafens  abgeben  kann.  In  China  ist  alles
auf  den  Handel  zugeschnitten,  und  es  gibt  wohl  kein  Volk  der  Erde,  das
für  den  Warenaustausch,  der  ja  die  Seele  der  Arbeitsteilung  und  Gütererzeugung
  ist,  so  bedeutend  veranlagt  wäre.

Grube  sagt:  „Der  Chinese  ist  im  höchsten  Grade  geldgierig  und
gewinnsüchtig,  er  liebt  die  Spekulation  und  wuchert  gern,  sein  ganzes
Wesen  ist  pfiffig  und  verschlagen,  er  ist  abgefeimt  usw.“

Aber  dieses  Urteil  ist  doch  nicht  ganz  gerecht,  wie  wir  aus  der  unten
folgenden  Schilderung  Zabels  ersehen.  Und  besonders  die  Bewohner
Schantungs  weichen  hierin  ab.

Sie  sind  vermutlich  Turanier,  da  dies  die  erste  Provinz  war,  in
welcher  die  aus  Susa  und  Babylon  stammenden  Eroberer  Chinas  sich
niederließen.

Auch  ist  das  Handelsgenie  unserer  Schutzbefohlenen  in  Schansi  sehr
gering.  Sie  sind  dunkler  und  haben  weniger  geschlitzte  Augen.  Darum
sind  sie  keineswegs  weniger  gesittet.  Vor  allem  sind  sie  vorzügliche  Arbeiter.

Reisebeobachtungen  in  diesem  Gebiet  sind  bisher  noch  spärlich.  Doch
liefert  uns  Herr  R.  Zabel  ein  recht  anschauliches  Bild  von  Land  und
Leuten.  Er  freut  sich  über  die  Gastfreundschaft,  die  er  gefunden  hat,
und  die  manchen  Europäer  beschämen  könnte!  „Die  Leute,  selbst  durchaus.
nicht  etwa  wohlhabende  Leute,  und  trotz  der  von  ihnen  als  Hausindustrie
betriebenen  Silberschmiederei  doch  eigentlich  nur  einfache  Bauern,  räumten
uns  sofort  die  drei  von  ihnen  bewohnten  Räume  ein  und  guartierten  sich
in  ein  elendes  Hinterstübchen.  Gebracht  und  angeboten  wurde  uns,  was
in  ihrer  Möglichkeit  stand.  Wie  oft  habe  ich  nun  nicht  schon  in  Chinesenhäusern
  geschlafen,  und  wie  oft  bin  ich,  in  früherer  Zeit,  als  friedlicher
Wanderer  gekommen  und  habe  chinesische  Gastfreundschaft  in  Anspruch
nehmen  müssen,  ich  erinnere  mich  aber  nicht,  jemals  einen  so  freundschaftlichen
  Empfang  gehabt  zu  haben  wie  hier  in  diesem  kleinen  Bauernhof.
Originell  war  die  Ausstattung  der  drei  kleinen  Räume,  der  Empfangs-
        <pb n="234" />
        —  223  —

halle  mit  buntem  Tempelschrein  und  der  beiden  Schlafzimmer,  nicht
wegen  des  chinesischen  Möblements,  sondern  gerade  wegen  der  europäischen
Reliquien,  die  wir  hier  fanden.  Zunächst  war  man  sehr  stolz  auf  eine
Sammlung  europäischer  Flaschen,  die  bekanntermaßen  in  den  Fremdenniederlassungen
  gewöhnlich  Eigentum  der  Boys  und  von  diesen  zu  fünf
bis  zehn  Cent  das  Stück  an  den  Trödler  verkauft  werden.  Da  fanden
sich  Flaschen  mit  der  Etikette  Löwenbräus  (mir  lief  das  Wasser  im
Munde  zusammen),  dann  eine  amerikanische,  eigentlich  kalifornische  Rotweinflasche,
  mehrere  Mineralwasserflaschen  und  mehrere  Medizinfläschchen.
Darauf  schien  der  Silberschmied  besonders  stolz  zu  sein.  Dann  befand
sich  an  der  Wand  ein  buntes,  in  Ruppiner  Art  gedrucktes  Christusbild,
daneben  ein  Blatt  aus  der  Modenwelt,  irgendwo  herausgerissen,  aber
der  schönen  Bilder  wegen  aufbewahrt,  ferner  ein  Blatt  aus  einer  englischen
  Missionsschrift,  auch  des  Bildes  wegen  an  die  Wand  geklebt.
Den  Glanzpunkt  der  europäischen  Ausstellung  bildete  aber  eine  Petroleumhängelampe.


Natürlich  zeigte  er  uns  auch  die  Produkte  seiner  Arbeit,  hübsche
Ohr=  und  Armringe,  Fingerringe  mit  Berlocken  an  Silberkettchen,  Haarschmuck
  usp.  Mehr  noch  als  dieses  interessierte  uns  ein  anderer  Zweig
der  häuslichen  Produktionstätigkeit,  der  seinen  Ursprung  ebenfalls  den
Missionaren  verdankt,  nämlich  die  Spitzenindustrie.  Die  gesamte  Produktion
  der  zum  Teil  wundervoll  gemusterten  Schantung-Seidenspitzen
ist  von  Anfang  bis  zu  Ende  Hausindustrie,  und  zwar  wird  diese  von
den  weiblichen  Mitgliedern  des  Hauses  versehen.  Diese  züchten  die
Seidenraupen,  pflegen  und  füttern  sie,  warten  ihr  Einspinnen  ab,  spinnen
die  Seide  ab,  spinnen  sie  zu  Fäden  und  klöppeln  die  Spitzen.  Die  an
sich  cremefarbene  Seide  braucht  in  der  Farbe  nicht  weiter  bearbeitet  zu
werden.  Das  Klöppelbrett  ist  ein  gewöhnliches  Brett  mit  einer  Rolle
und  einer  großen  Anzahl  von  Spulen,  die  von  den  geschickten  Händen
der  Klöpplerin  hin  und  her  geworfen  werden,  so  daß  sie  schließlich  das
gewünschte  Muster  erzeugen.  Man  versprach  mir  ein  Muster  fertig  zu
klöppeln,  eine  prachtvolle  mehr  als  handbreite  Spitze  von  mehreren  Ellen
Länge,  die  ich  später  zum  Preise  von  zwei  Dollar  kaufte.  Unser  Hauswirt
  gab  uns  das  Geleit  zum  Dorfe  hinaus.  Wir  überstiegen  nun  einen
kleinen  Höhenzug,  um  alsdann  wieder  in  eine  langgestreckte  Talmulde
hinabzusteigen,  die  am  Horizont  abgeschlossen  wurde  durch  einen  Höhenzug,
  der  in  seiner  höchsten  Spitze,  dem  charakteristischen  Hauptberg  von
        <pb n="235" />
        —  224  —

Ay-schan-tang,  etwa  600  m  Höhe  erreichen  mag.  Diese  Spitze  von
Ay--schan-tang  ist  ein  höchst  charakteristisch  geformter  Kegel,  oben  drei—
gespalten,  der  der  ganzen  Gegend  seine.  Silhouette  aufdrückt,  und  der
uns  fast  den  ganzen  Weg  als  vorzüglicher  trigonometrischer  Punkt  und
Wegweiser  diente.  Ay-schan-tang  selbst  ist  ein  kleiner  Ort,  der  hoch
an  diesem  Berge  liegt  und  sich  nur  deswegen  einer  gewissen  Berühmtheit
erfreut,  weil  dort  heiße  Schwefelquellen  sind,  die  von  den  Chinesen  eifrig
benutzt  werden.

Der  Typus  der  Landschaft  ist  kaum  unterschieden  von  dem  in
Petschili  und  der  Mandschurei.  Die  Höhen  sind  waldlos,  was  sich
freilich  nach  Westen  hin  etwas  ändert,  insofern  als  hier  eine  Art  Zwergkiefer
  auftritt,  eine  Art  degenerierter  Fichte,  die  in  dünnen,  natürlich
völlig  ungepflegten  Beständen  die  Höhenzüge  bewaldet.  Aber  höchst
charakteristisch  ist  für  die  Gegend  die  große  Menge  von  ausgetrockneten
Flußbetten.  Da  es  vielfach  keine  Wege  gab,  und  wir  nach  Möglichkeit
die  kürzesten  Wege  uns  aussuchten,  so  fanden  wir  es  häufig  für  geraten,
dem  Laufe  eines  dieser  trockenen  Flußbetten  zu  folgen.  Dabei  machte
ich  eine  nicht  uninteressante  Beobachtung,  die  sich  bei  diesen  Flüssen
regelmäßig  wiederholte.  Wenn  wir  nämlich  den  Fluß  weiter  hinaufkamen,
  traten  zunächst  feuchte  Stellen  hervor,  und  schließlich  kleine
Wasserrinnchen,  und  je  weiter  wir  nach  oben  kamen,  um  so  mehr  nahm
das  fließende  Wasser,  das  uns  entgegenkam,  zu,  bis  es  schließlich  das
ganze  sandige  Flußbett  mit  einer  einige  Zoll  hohen  Wasserdecke  überzog.
Die  Flüsse  zeigen  also  die  eigentümliche  Erscheinung,  daß  ihr  Wasser,
das  der  keineswegs  versiegten  Quelle  entströmt,  im  Mittellauf  im  Sande
versickert  und  erst  viel  weiter  unten  wieder  an  die  Oberfläche  tritt.  Daß
das  Wasser  tatsächlich  im  Laufe  des  Flußbettes,  und  zwar  im  Sande
weitersickert,  ohne  doch  zu  der  in  Australien  vielbeobachteten  Erscheinung
des  sogenannten  „Quicksandes“  zu  führen,  konnte  leicht  nachgewiesen
werden,  wenn  man  im  Flußbett  ein  Loch  grub,  in  dem  sich  alsbald
klares  Wasser  ansammelte.  Löcher  und  Sandaufschüttungen  waren  die
Zeichen  dafür,  daß  die  Chinesen  im  Flußbett  Gold  gewaschen  haben.

Weit  mehr  Flußläufe,  als  man  im  allgemeinen  annehmen  dürfte,
enthalten  Gold,  und  die  gleiche  Methode  des  Goldwaschens  habe  ich
persönlich  in  Nordchina  wie  in  Südchina  beobachten  können.  Auch  aus
den  Goldgegenden  der  Mandschurei  lauten  die  Berichte  übereinstimmend.
Man  darf  sich  darüber  nicht  wundern.  Denn  erstens  einmal  befindet
        <pb n="236" />
        —  225  —

man  sich  in  einem  Lande,  in  dem  jeder  Stuhl,  jeder  Tisch,  jeder  Karren
und  jede  Pflugschar  dieselben  Maße  aufweist,  einerlei  ob  in  der  nördlichen
  Mandschurei  oder  in  Indochina,  und  dann  sind  auch  die  einfachsten
Methoden  des  Goldwaschens  an  sich  nicht  allzu  sehr  voneinander  verschieden.

Der  Chinese  steigt  in  den  Fluß  hinein,  holt  mit  dem  Spaten  die
Sandschicht,  in  der  sich  das  edle  Metall  findet,  heraus,  häuft  dieses  zusammen
  und  beginnt,  wenn  er  eine  genügende  Menge  davon  zusammen
hat,  mit  dem  eigentlichen  Waschen.  Entweder  benützt  er  hierzu  die  erwähnte
  Molle  oder  die  schiefe  Ebene  aus  Steinen.  Hat  er  eine  solche
Holzmolle,  so  tut  er  eine  Quantität  der  Golderde  in  die  Molle,  steigt
in  den  Fluß  hinein  und  läßt  nun  die  Molle  abwechselnd  voll
Wasser  fließen,  wühlt  das  Gestein  und  den  Sand  darin  auf  und
läßt  dann  das  Wasser  mitsamt  dem  gerade  durch  das  Umwühlen  nach
oben  getriebenen  Sand  über  den  Rand  der  Molle  in  den  Fluß  hineinfließen.
  Das  wird  solange  fortgesetzt,  bis  in  der  Molle  nur  noch  ein
Restbestand,  aus  den  spezifisch  schwersten  Bestandteilen  der  aufgenommenen
Sandmassen  sich  zusammensetzend,  vorhanden  ist.  Da  Gold  von  allen
das  schwerste  spezifische  Gewicht  besitzt,  so  sinkt  es  nach  unten  und  bleibt
schließlich  in  dem  letzten  Restbestande  zurück.  Dieser  Restbestand  wird
nun  mit  ganz  besonderer  Vorsicht  weitergewaschen,  bis  auch  die  schwarzen
meist  metallischen  Bestandteile  über  Bord  gegangen  sind,  und  schließlich
nur  noch  das  Gold  als  Schwerstes  in  der  Molle  zurückbleibt,  vorausgesetzt,
  daß  in  dem  aufgenommenen  Quantum  etwas  darin  war.  Ein
Teil  geht  wohl  auch  bei  größter  Vorsicht  immer  mit  über  Bord.  Das
zurückbleibende  Gold  besteht  meistens  aus  ganz  dünnen  feinen  Plättchen,
zum  Teil  sogar  Staubkörnchen,  die  den  Namen  „Goldstaube  rechtfertigen.
Größere  Stücken  sind  selten,  kommen  aber  vor.“  ·

Daß  die  Kohle  dieser  Provinz  alles  Gold  wert  ist,  welches  auf
solche  wenig  lohnende  Weise  gewonnen  wird,  ist  den  Chinesen  schwer
beizubringen.

Seit  dem  2.  September  1898  ist  der  Freihafen  Tsingtau  dem  Handel
aller  Völker  geöffnet,  und  es  hat  sich  ein  reger  Verkehr  mit  dem  Hinterlande
  bereits  entwickelt.  Baumwollengarn,  Schirting,  Drell  sind  die
vornehmsten  Bedarfsartikel.  Das  Opium,  dieser  schlimmste  Feind  der
chinesischen  Entwicklung,  wird  einer  scharfen  Kontrolle  unterworfen,
ebenso  wie  das  jetzt  auch  in  Samoa  geschieht.  Schon  bestehen  deutsche
Ziegeleien,  Steinbrüche,  Kalköfen,  elektrische  Sägewerke  und  Zentralen,

Beta,  Das  Buch  von  unsern  Kolonien.  15
        <pb n="237" />
        —  226  —

Maschinenschlossereien  und  sogar  5  Buchdruckereien.  Die  katholische
Druckerei  hat  chinesische  Typen  und  ist  mit  Aufträgen  zur  Herstellung
von  Anzeigen,  Plakaten  usw.  überladen.  Die  Schiffahrt  ist  schon  jetzt
in  starker  Zunahme  begriffen.  Gegen  100  subventionierte  und  14  nicht
subventionierte  deutsche  Dampfer  trafen  schon  im  ersten  Jahre  ein,  außer—
dem  37  englische  und  10  japanische.

Im  Jahre  1906  wurde  Tsingtau  von  424  Dampfern  angelaufen
und  hat  das  seit  1863  bestehende  Chefoo  eingeholt.  Es  ist  für  tiefgehende
  Schiffe  der  beste  Hafen  an  der  Ostküste.  Die  Reederei  M.  Jebsen
in  Apenrade  unterhält  den  Verkehr  mit  Schanghai,  über  Tsingtau,  Tschifu
nach  Tientsin.  Im  Jahre  1906  betrug  der  Schiffsverkehr  476  667  Tons
(+  56000  gegen  das  Vorjahr),  der  Eisenbahnverkehr  stieg  von  780228
auf  811285  Personen  und  von  280  000  auf  378000  Tons,  davon  fast
14  000  Waggons  Kohle.

Im  Verhältnis  zu  dem  bei  uns  Üblichen  weisen  die  Löhne  eine
erfreuliche  Billigkeit  auf.  Die  Arbeiter  erhalten  20  bis  30  Pfennig  in
Käsch  (durchlochten  Bronzemünzen)  pro  Tag.  Für  den  Handel  dienen
die  Noten  (1—50  Dollars)  vieler  privater  Banken,  unter  denen  die
Deutsch-Asiatische  einen  hervorragenden  Platz  einnimmt.  Jede  hat  einen
anderen  Kurs.  Neben  dem  mexikanischen  Dollar  gilt  der  chinesische
Silber-Tael  als  Werteinheit,  welcher  nach  Ort  und  Zeit  sehr  schwankend
ist.  Gemeinhin  soll  er  etwas  über  3  Mark  gelten.  Vielleicht  empfiehlt
sich  auch  für  uns  die  Ausprägung  eines  Handelsdollars  zu  4  Mark,  wie
ihn  Amerika,  Japan,  England  und  andere  Staaten  bereits  haben.
Von  der  genannten  durchlochten,  auf  Schnüren  aufgereihten  Kupferoder
  Bronzemünze,  dem  Käsch,  prägen  die  verschiedenen  Provinzen  nach
Belieben.  China  verbrauchte  infolgedessen  1905  an  40  000  Tons  Kupfer
und  setzte  7  ½  Milliarden  Zehn-Käsch-Stücke  in  Umlauf.  Dazu  35  Millionen
  Silberdollars  und  silberne  Scheidemünzen.  Die  Silber-Taels
kamen  nicht  in  Aufnahme.  Das  Chaos  bei  diesem  sonst  so  pedantischen
Volke  bricht  sich  auf  dem  Währungsgebiete  fast  vulkanisch  Bahn.  Denn
das  Silber  wird  nach  Gewicht  bezahlt,  so  daß  die  ausgeprägten  Münzen,
die  als  solche  einen  geringeren  Wert  haben  als  das  inländische  „Hacksilber“,
  sofort  wieder  zerstört,  in  kleine  Stücke  zerschnitten  werden,  um
ihre  Kaufkraft  zu  erhöhen.  Der  Chinese  geht  mit  einer  Wage  auf  den
Markt  und  wiegt  darauf  beim  Kauf  das  geforderte  Silber  ab.  Trotzdem
  hat  sich  der  Trade-Dollar  bewährt.
        <pb n="238" />
        Tsingtau  vom  Gouvernementsberge  aus  gesehen.
        <pb n="239" />
        <pb n="240" />
        Es  wäre  unentschuldbar  gewesen,  wenn  das  schon  überall  sonst  auf
das  Nachsehen  und  die  Nachlese  angewiesene  Deutschland  auch  boer  gewartet

  hätte,  bis  nichts  mehr  übrig
war.  Aber  die  Deutschen  sind  zum
Teil  noch  selbst  in  so  binnenländischer
  Befangenheit  aufgewachsen,
daß  es  noch  immer  weite  Kreise
gibt,  die  die  frische  Initiative  nicht
verstehen,  mit  welcher  Kaiser  Wilhelm
  II.  ein  fait  accompli  schuf
und  uns  die  Tore  der  Weltpolitik
öffnete.  Ein  kleines  Zuwarten
würde  auch  in  Ostasien  für  uns
eine  ähnliche  Situation  haben  entstehen
  lassen  wie  in  Afrika,  in
Australien  und  in  der  Südsee.

Zurzeit  ist  namentlich  der  Hafen

  von  Kiautschon  von  Bedeutung,
  wie  gesagt,  der  beste  in
Nord-China.  Er  ist  zwar  seit
Jahrtausenden  der  Versandung
anheimgefallen,  und  die  alte  Hafenstadt
  selbst  eine  Binnenstadt  geworden,
  aber  deutscher  Geist,  deutscher
  Fleiß  haben  jetzt  schon
Wandel  geschafft.  Tsingtau,  früher
ein  Dorf  am  Nordrande  der  Bai,
ist  befestigt,  und  die  Straßen
sind  gepflastert  worden.  Das  ist
in  China  etwas  Unerhörtes.  Und
man  darf  sagen,  daß  die  Boxer,
welche  die  Entwicklung  des  Verkehrswesens
  bekämpfen,  weil  sie
dadurch  ihre  Arbeit,  das  Tragen
von  Lasten,  verlören,  sehr  gut

 

Die  heutigen  Verkehrsmünzen  von
Schantung,  alle  von  gleichem  Wert.
(Natürliche  Größe.)

auf  ein  Jahrhundert  hinaus  allein  schon  mit  dem  Pflastern  der  Straßen
beschäftigt  werden  könnten.  Und  auch  sonst  würde  es  nicht  an  Arbeit

15*
        <pb n="241" />
        —  228  —

fehlen,  wie  das  gute  Beispiel  zeigt,  das  unsererseits  gegeben  wird.  Krankenhäuser
  werden  errichtet  und  hygienische  Maßregeln  aller  Art  getroffen.
Die  Handelsstadt  erhebt  sich  gegenüber  dem  Eingange  der  Bai.  Als
Stapelplatz  für  den  Handel  mit  Korea,  Japan  und  den  Inseln  der  Südsee
und  dem  unmittelbaren  Hinterland  kann  sie  sich  zu  ungeahnter  Bedeutung
aufschwingen.

Das  Gebirge  von  Schantung  steigt  stellenweise  bis  zu  1550  m  an.  Die
Kohlenformation  bei  Itschoufou,  Weishien,  Tschangkuischien,  Ihsien  usw.
liegt  in  dem  den  Granit  überragenden  Kalk=  und  Sandstein.  Sie  ist
eingebettet  in  den  gewaltigen  Sedimenten  des  Huangho,  des  Gelben
Flusses.  Leider  ist  das  westliche  Schansi  den  furchtbaren  Überschwemmungen
  dieses  Riesenstromes  ausgesetzt,  der  während  der  Regenzeit  oft
plötzlich  seinen  Lauf  ändert  und  dann  Millionen  von  Menschen  verschlingt.


Er  heißt  also  nicht  mit  Unrecht  der  „Kummer  Chinas“,  um  so  mehr,
da  er  wenig  schiffbar  ist.  Die  Provinz  ist  deshalb  zu  ihrer  Hebung
auf  den  Bau  von  Bahnen  angewiesen,  die  von  deutscher  Seite  in  Angriff
genommen  worden  sind.

Schon  jetzt  besagt  ein  Bericht:  Die  deutsche  Schantung-Eisenbahn
mit  einem  Jahresertrag  von  2  Millionen  Dollars  hat  der  Provinz,  die
in  früheren  Zeiten  recht  reich  gewesen  sein  muß,  zu  neuer  Blüte  verholfen.
  Die  Stadt  Tsinanfu  am  Huangho,  mit  ihren  Teehäusern,
darunter  eine  Stiftung  Li-Hung-Changs,  und  Lotosteichen,  entfaltet  eine
ungeahnte  wirtschaftliche  Lebenskraft,  welche  wir  als  direkten  Ableger  der
deutschen  Betätigung  und  des  deutschen  Unternehmungsgeistes  mit  Freuden
begrüßen  können.  Was  das  deutsche  Volk  einmal  unternommen  hat,
wenn  es  auch  spät  geschah,  das  hält  es  fest  und  arbeitet  daran  mit
heiligem  Ernst.  Möge  diese  nachhaltige  Kraft  gut  machen,  was  unsere
politische  und  wirtschaftliche  Zerrissenheit  uns  bisher  versäumen  ließ.

Auch  sonst  findet  ein  Aufschwung  sondergleichen  in  Tsingtau  statt.
Ein  Schwimmdock,  das  fremde  Schiffe  von  16000  Tons  Deplacement
aufsuchen  können,  eine  Zuckerraffinerie  mit  15  Millionen  Mark  Umsatz,
Wasserleitungen,  elektrische  Kraftkabel  und  Beleuchtung,  vorzügliche  Gesundheitsverhältnisse
  an  einem  ehedem  verseuchten  Ort,  ein  Außenhandel,
der  sich  im  ersten  Vierteljahr  1906  um  2000000  Taels  hob  —  eine
Zunahme  von  60  Prozent  gegen  das  Vorjahr  —,  während  Tientsin  zurückgeht,
  eine  Schiffahrt  von  einer  halben  Million  Registertonnen,  einen
        <pb n="242" />
        ——  —  —
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Einrädriger  Segelkarren.

229
        <pb n="243" />
        —  230  —

Durchgangshandel  von  33  Millionen  (1904—05),  die  Entwicklung  eines
Badeorts  auf  diesem  Boden,  von  dem  zu  ermäßigtem  Preise  in  demselben
Jahre  für  108000  Dollars  abgegeben  wurde,  ein  Regierungsgymnasium,
die  großartige  Vermehrung  der  Missionsschulen  und  Krankenhäuser,  eine
eigene  Banknotenausgabe  von  1—50  Dollars  oder  1—20  Taels  durch
die  unter  Staatsüberwachung  stehende  Deutsch-Ostasiatische  Bank,  alles
dies  deutet  darauf  hin,  daß  hier  ein  Brennpunkt  des  pazifischen  Verkehrs
in  Entwicklung  begriffen  zu  sein  scheint.

Als  Ausfuhrartikel  kommen  zurzeit  hauptsächlich  Seide  von  Weishien
und  zwar  die  des  Eichenspinners,  Strohborten,  Farbstoffe,  Glaswaren,
keramische  Artikel  (Porzellane  und  Majoliken),  endlich  Cloisonn“  oder
Schmelzwaren  von  Poschan  in  Betracht.

Im  ganzen  überwiegt  die  Landwirtschaft  in  den  fruchtbaren  Tälern
des  Schantunggebirges.  Dieses  selbst  ist  aber  völlig  entwaldeter  Karst,
und  die  deutsche  Regierung  wird  sich  durch  Wiederaufforstungen  ein
großes  Verdienst  erwerben  können.

Das  Klima  von  Kiautschou  ist  dem  Mitteleuropas  ähnlich,  obwohl
es  auf  dem  36.0  nördlicher  Breite  liegt,  also  in  der  Breite  von  Tunis
und  Algier.  Der  Regenfall  beträgt  603  mm  und  ist  im  Sommer  sehr
stark.  Man  baut  alle  Körnerfrüchte,  Gemüse,  Bohnen,  Reis,  Baumwolle,
Olpflanzen,  Hanf  und  Tabak.  Die  zahllosen  Dörfer  sind  reich  an
Fruchtbäumen,  darunter  die  chinesische  Dattel  und  die  Kaki,  eine  apfelgroße
  Beerenfrucht.  An  Haustieren  werden  Esel,  Maultiere,  Schweine
und  Geflügel  gezüchtet.  Der  Kormoran  dient  als  Gehilfe  beim  Fischfang.

Der  Gütertransport  findet  zurzeit  auf  den  in  China  üblichen  einrädrigen
  Karren,  im  Gebirge  auf  Saumtieren  statt  und  ist  dem  jetzt
schon  vorhandenen  Bedarf,  z.  B.  an  Kohle,  nicht  gewachsen.  Daher  ist
der  Bau  von  drei  Bahnen  vertragsmäßig  konzessioniert,  welche  das
Gebirge  in  weitem  Bogen  umkreisen.  Diese  Trassen  berühren  die  Kohlenreviere,
  den  Kaiserkanal,  der  den  Huangho  mit  dem  Jangtse  verbindet,
und  auch  ersteren  Strom  selbst.  Die  industriellen  und  landwirtschaftlichen
  Gebiete  werden  durch  sie  für  den  Seehandel  erschlossen  werden.
Sie  haben  eine  Länge  von  etwa  600  km  und  lehnen  sich  an  den  ebenfalls
  geplanten  Schienenweg  Peking—Hankau  an.  Wenn  diese  Pläne
zur  Ausführung  kommen,  dann  wird  Tsingtau  neben  den  übrigen  Häfen
am  Gelben  Meer  und  am  Busen  von  Tschili,  Tschifu,  Tientsin  usw.
bald  ebenbürtig  dastehen.
        <pb n="244" />
        —- 



 

 

 

«  Panorama  von  Tsingtau.

In  vorstehendem  Bilde  sind  wir  in  der  Lage,  unseren  Lesern  ein  Panorama  von  Tsingtau  nach  einer  chinesischen  Zeichnung  vor  Augen  zu  führen,  welches
gerade  in  gegenwärtiger  Zeit  von  allgemeinstem  Interesse  sein  dürste.  Tsingtau  ist  bekanntlich  der  Hauptort  in  unserer  chinesischen  Niederlassung  in  der  Kiautschon
Bucht,  die  Zeichnung  leidet  nach  unseren  Begriffen  an  manchen  Mängeln,  gibt  aber  immerhin  eine  gute  Übersicht  und  läßt  uns  erkennen,  welch  große  und  schnelle
Fortschritte  unsere  dortige  Verwaltung  gemacht  hat.  1.  Höhenlager.  2.  Strandlager.  3.  Dorf  Topatau.  4.  Innerer  Hafen.  5.  Exerzierplatz.  6.  Brückenlager.
7.  Alte  chinesische  Laudungsbrücke.  8.  Lazaret.  9.  Arkona-Insel  10.  Jebsendampfer.  11.  Deutsches  Kriegsschiff.  12.  Chluesisches  Zollamt.  13.  Alter  Tempel.
14.  Langestraße.  15.  Marktplatz.  16.  Marktstraße.  17.  Poststraße.  18.  Postagentur.  19.  Zivilkommissariat.  20.  Intendantur.  21.  Yamenplatz.  22.  Yamen
des  Gouverneurs.  23.  Yameulager.  24.  Offizlerskasino  des  Yamenlagers.  25.  Yamenstraße.  26.  Gerichtsgebäude.  27.  Tsingtaubucht.  28.  Strandhotels.  29.  Tsingtauhafen.
  30.  Klarabucht.  31.  Artilleriedepöt.  32.  Ziegelei.  33.  Erstes  europäisches  Haus.  34.  Kleintsingtau.  35.  Ostlager.  36.  Weg  zum  Pulvermagazin.  37.  Pulvermagazin.
  38.  Artillerielager.  39.  Den  Chinesen  abgenommene  Salutbatterie.  40.  Bismarckshöhe.  41.  Truppelsberg,  Signalstation.  42.  Diederichsstein.  43.  Dynamitstation.

  41.  Heidentafel.  45.  Neue  Artillerieka  serne.  46.  Artilleriekasino.  ·

231
        <pb n="245" />
        —  232  —

Es  herrschen  friedliche  Aussichten.  Die  chinesische  Regierung  schickt
sich  an,  in  Hankon  eine  Weltausstellung  vorzubereiten.  Unfre  Besatzungsbrigade
  ist  aufgelöst.  Es  bleiben  in  Ostasien  rund  26  Offiziere  und
700  Mannschaften  als  Schutzwache  für  die  Gesandtschaft  in  Peking  und
als  Reserve  in  Tientsin.

Seit  dem  1.  Januar  1906  ist  auch  ein  neuer  Vertrag  in  Kraft  getreten,
wonach  das  chinesische  Zollamt  eine  Pauschalsumme  von  20  Prozent  der
Einnahmen  des  Kiautschou-Zollamts  an  das  Deutsche  Reich  abführt.
Damit  wird  unfre  Grenze,  d.  h.  des  gesamten  Schutzgebiets,  gegen  das
Inland  frei.

Für  unsere  dortigen  industriellen  Anlagen  ist  dies  von  großer
Wichtigkeit.

Die  deutsche  Schule  in  Tsingtau  zählte  1906  78  Schüler,  darunter
5  Mädchen;  die  Missionsschulen  zählen  100  protestantische  und  74  katholische
  Schüler.  Dazu  kommen  Schulen  auf  der  Insel  Buitau,  in  Tschutscheng
  und  Kiautschou,  Yentschoufu  und  Tsining,  auch  eine  Mädchenschule
  der  Franziskanerinnen  in  Tsingtau  selbst.  Sehr  besucht  wird  das
Erholungsheim  Mecklenburghaus,  nämlich  von  1039  Personen  im  Jahre
1906.  Auch  als  Badeort  kommt  Tsingtau  allgemein  in  Aufnahme  und
beherbergt  Ärzte  aller  Nationen.  Auch  wollen  wir  in  Tsinanfu  für  die
Chinesen  eine  Bergwerksschule  errichten.

Der  Postverkehr  hat  sich  durch  die  Sibirische  Bahn  ungemein  gehoben.
Postsachen,  die  am  20.  Juni  1906  in  Berlin  aufgegeben  wurden,  konnten
schon  am  31.  Juli  früh  in  Tsingtau  verteilt  werden.  Im  Jahre  1906
zählte  man  2  807.000  Briefsendungen  und  13000  Postanweisungen  im
Gesamtbetrage  von  673000  Mark,  auch  2701.000  Zeitungsnummern.

Kiautschou  kann  eine  Quelle  des  Reichtums  werden  für  China  wie
für  uns.  Auch  Hongkong  war  noch  vor  einem  halben  Jahrhundert  nichts
als  ein  öder  Fels  im  Meer  und  setzt  heute  eine  Milliarde  Mark  an
Waren  um.  Und  so  sagt  ein  englisches  Sprichwort:  There  are  better
fish  in  the  sea  than  ever  came  out  of  it.  Es  gibt  noch  bessere  Fische
im  Meere,  als  je  gefangen  wurden.

Möge  dies  verheißungsvolle  Wort  auch  für  uns  seine  Kraft  bewähren!
        <pb n="246" />
        —  233  —

Wirren  und  Kämpfe  in  China.
Wie  es  dazu  kam.

Obwohl  die  Chinesen  nach  Art  der  Kinder  auf  ihre  uralte  und  von
uns  genügend  gekennzeichnete  marionettenhafte  Kultur,  sogar  auf  den
ihnen  eignen  Mangel  an  jeder  soldatischen  Tugend  ungemein  stolz  sind,
sind  sie  doch  nie  aus  den  Wirren  herausgekommen.  Revolutionen,  Aufstände
  waren  bei  ihnen  an  der  Tagesordnung.  Auch  glaubten  sie,  es
wäre  zur  Erhaltung  des  Reiches  nötig,  alle  zwei  Jahrhunderte  mindestens
eine  neue  Dynastie  zu  haben.  Willkür,  Bestechlichkeit,  Schmutz,  Habgier
und  Grausamkeit  sind  ihre  hervorstechendsten  Eigenschaften,  und  dazu
gesellt  sich  ein  fanatischer  Haß  gegen  alles  Fremde,  um  so  mehr,  da  sich
ihre  eigene  mit  der  fremden  Kultur  nicht  messen  kann.

Die  Chinesen  glaubten,  uns  mit  ihren  Waren  zu  ihrer  Bereicherung
überschütten,  sich  aber  einem  wechselseitigen  Austausch  entziehen  zu  dürfen.
So  sehr  sie  im  Recht  gewesen  wären,  wenn  sie  der  Opiumeinfuhr  aus
Britisch-Indien  sich  verschlossen  —  falls  sie  nämlich  auch  den  Opiumgenuß
im  Innern  verboten  hätten  —,  so  wenig  waren  sie  im  Recht,  die  Einfuhr
für  Waren  aller  Art  zu  erschweren,  mit  denen  Europa  ihren  Tee,  ihre
Seide  usw.  bezahlen  mußte.  Denn  ein  einseitiges  Verhältnis  zweier
Produktionsgebiete,  wo  das  eine  nur  in  bar  zahlen  soll,  ist  unhaltbar.

Die  Unredlichkeit  Chinas  gegenüber  den  früheren  Handelsverträgen
der  Jahre  1842  und  1857  mit  England  führte  schon  im  Jahre  1859
zum  Einmarsch  der  Engländer  und  Franzosen.  Taku  wurde  genommen,
50000  Tataren  bei  Palikao  am  21.  September  geschlagen  und  der
Sommerpalast  in  Peking  durch  Lord  Elgin  zur  Strafe  für  die  überaus
grausame  Behandlung  der  Kriegsgefangenen  in  Asche  gelegt.

Dann  folgte  der  Krieg  Chinas  mit  Frankreich,  das  die  Oberherrschaft
über  Anam  und  Tonkin  erhielt.  Rußland,  Amerika,  Japan,  alle  fielen
wie  Adler  über  das  Reich  der  Mitte  her.

Wir  haben  schon  erzählt,  wie  es  kam,  daß  auch  Deutschland  endlich
  sich  genötigt  sah,  gegen  China  vorzugehen.  Den  letzten  Anstoß  gab
die  Ermordung  der  katholischen  Missionare  Nies  und  Henle  zu  Jentschofu.
in  der  Provinz  Schantung.

Der  deutsche  Kaiser  gab  Befehl,  daß  unser  ostasiatisches  Geschwader,
        <pb n="247" />
        —  234  —

die  Schiffe:  „Prinzeß  Wilhelm“,  „Arkona“,  „Cormoran“  und  „Irene“
unter  Kontreadmiral  v.  Diederichs  den  Hafen  von  Kiautschou  besetzte.

Am  14.  November  1897  legten  sich  die  deutschen  Schiffe  in  der  Bucht
vor  Anker  und  landeten  ihre  Truppen,  687  Mann  mit  30  Offizieren  an
verschiedenen  strategischen  Punkten.  Eine  Proklamation  wurde  angeschlagen,
  worin  kundgegeben  ward,  daß  Deutschland  Chinas  Freund
gewesen  und  bleiben  werde,  und  der  chinesische  General  durch  Schreiben
des  Geschwaderchefs  veranlaßt,  seine  Truppen  in  das  15  km  inland
gelegene  Dorf  Tsintau  zu  verlegen.  Die  Räumung  vollzog  sich  ohne
Zwischenfall.  Schon  kurz  nach  Mittag  wurde  die  deutsche  Flagge  auf
dem  Ostfort  geheißt.

Die  chinesische  Regierung  erließ  eine  Mitteilung  an  ihre  Gesandtschaften
  mit  folgenden  Sätzen:  „Banditen  haben  in  Ku-Yah  zwei
deutsche  Missionare  getötet.  Dem  Gouverneur  von  Schantung  wurde
auferlegt,  den  hohen  Beamten  der  Provinz  den  Befehl  zur  Verhaftung
und  Bestrafung  der  Schuldigen  zu  erteilen.“  Schon  am  folgenden  Tage
berichtete  der  Gouverneur  telegraphisch,  daß  vier  Verhaftungen  erfolgt
wären.

Da  aber  der  Gouverneur  selbst  in  dem  Verdachte  stand,  die  Ermordung
  der  Missionare  begünstigt  zu  haben,  so  konnte  diese  nachträgliche
Verhaftung  einiger  armer  Schächer,  die  vielleicht  nach  Art  der  Chinesen
ihr  Leben  verkauft  hatten,  um  ihre  Familie  zu  bereichern,  uns  keine
Sicherheit  gewähren,  daß  nicht  das  Leben  der  Missionare  und  ihrer
christlichen  Anhänger  und  das  unserer  zahlreichen  Kaufleute  in  Hankau
und  anderen  Orts  wieder  so  vogelfrei  sein  würde  als  bisher.

Baron  Heyking,  unser  Gesandter  in  Peking,  forderte  daher
entsprechende  Garantien.  Gleichzeitig  rüstete  man  daheim  ein  zweites
größeres  Geschwader  aus.  Es  bestand  aus  dem  Kreuzer  I.  Klasse
„Deutschland“  mit  dem  Prinzen  Heinrich  an  Bord,  „Kaiserin  Augusta“
(Kr.  II.  Kl.)  und  „Gefion“  (Kr.  III.  Kl.).

Der  Kaiser  entließ  seinen  Bruder  u.  a.  mit  folgenden  Worten:
„Die  Fahrt,  die  Du  antreten  wirst,  und  die  Aufgabe,  die  Du  zu  erfüllen
hast,  bedingen  an  sich  nichts  Neues;  sie  sind  die  logischen  Konsequenzen
dessen,  was  Mein  hochseliger  Herr  Großvater  und  Sein  großer  Kanzler
politisch  gestiftet  und  was  Unser  herrlicher  Vater  mit  dem  Schwerte  auf
deim  Schlachtfelde  errungen  hat;  es  ist  weiter  nichts,  wie  die  erste
Betätigung  des  neugeeinten  und  neuerstandenen  Deutschen
        <pb n="248" />
        —  235  —

Reiches  in  seinen  überseeischen  Aufgaben.  Dasselbe  hat  in  der
staunenswerten  Entwickelung  seiner  Handelsinteressen  einen  solchen  Umfang
gewonnen,  daß  es  Meine  Pflicht  ist,  der  neuen  deutschen  Hansa  zu  folgen
und  ihr  den  Schutz  angedeihen  zu  lassen,  den  sie  vom  Reich  und  vom
Kaiser  verlangen  kann.“

Trotzdem  war  diese  Entsendung  keine  kriegerische.  Es  gelang  dem
Baron  Heyking,  die  unsererseits  erfolgte  Besitzergreifung  von  Kiautschou
auf  dem  Wege  des  Pachtvertrages,  wie  schon  erzählt,  befriedigend  zu
lösen.  Prinz  Heinrich  wurde  überall  in  China,  auch  vom  Kaiser  in
Peking,  wie  ein  Friedensbote  empfangen.  Die  Waffen  schwiegen.  Und
man  hatte  sich  mit  der  Hoffnung  eingewiegt,  daß  nunmehr  eine  Friedensperiode
  gekommen  wäre.

Die  Greuel  in  Peking.

Da  liefen  am  Montag,  den  2.  Juli  1900,  im  Auswärtigen  Amt
zu  Berlin  vom  deutschen  Konsul  in  Tschifu  folgende  Nachrichten  ein:

„Unser  Gesandter  in  Peking  am  18.  Juni  ermordet.  Die  Fremdenkolonie
  wird  in  den  Gesandtschaften  belagert.  Die  Situation  ist  verzweifelt.
  Eilt  Euch!“

Und  ein  Telegramm  des  Chefs  des  deutschen  Geschwaders  vor
Taku,  Kontre-Admiral  Bendemann,  vom  30.  Juni  meldete,  daß  am
25.  Juni  nur  noch  das  deutsche,  französische  und  englische  Gesandtschaftsgebäude
  unzerstört  geblieben  wären.  Der  Kommandeur  der  Schutztruppe
und  die  Ausländer  wären  in  der  englischen  Gesandtschaft  verbarrikadiert
von  Boxern  und  etwa  30  000  chinesischen  Soldaten  belagert.  Auch  auf
Tientsin,  wo  sich  eine  deutsche  Kolonie  befindet,  rückten  diese  vor.  Die
Kaiserin-Witwe  Tsu-Si  wäre  entflohen.

Am  5.  Juli  endlich  kam  aus  Schanghai  die  fürchterliche  Nachricht:
Alle  Fremden,  1000  an  der  Zahl,  einschließlich  400  Soldaten  und  100
Zollbeamten,  Frauen  und  Kinder,  hätten  in  der  britischen  Gesandtschaft
ausgehalten,  solange  Munition  und  Lebensmittel  reichten.  Sie  und  Tausende
  von  chinesischen  Christen  wären  dann  von  den  Boxern  niedergemetzelt
  worden.  Auch  die  Kaiserin  wäre  ermordet.  6

Entsetzen  und  Hoffnungslosigkeit  erfüllten  die  gesamte  zivilisierte  Welt.

Schon  seit  Jahresfrist  hatten  Kenner  Chinas  einen  solchen  Ausbruch
der  Volkswut  prophezeit.  Drohend  war  ein  solcher  zu  jeder  Zeit
        <pb n="249" />
        —  236  —

gewesen.  Und  den  schon  früher  hervorgehobenen  Ursachen  des  Fremden—
hasses  gesellte  sich  noch  ein  weiterer  sehr  beachtenswerter  Umstand  hinzu.

Der  junge  Kaiser  Kwangssü  war  völlig  abhängig  von  der  Kaiserin—
Witwe,  seiner  Tante.  Nach  dem  unglücklichen  Kriege  mit  Japan  beeilte
er  sich,  allerlei  Reformen  herbeizuführen,  schlechte  Beamte  abzusetzen  und
namentlich  den  Bau  von  Eisenbahnen  zu  betreiben.  Besonders  diese
Neuerung  war  es,  welcher
  die  Chinesen  sich
entgegenstellten.  Zahllose
  Lastträger  und
Schiffer  aus  den  Flüssen
und  Kanälen  wurden
  brotlos,  und  sie
aus  eigenem  Unternehmungsgeist
  heraus
gewinnbringend  zu  beschäftigen,
  durch  Straßhenbau
  und  Kanalisa-*

  *8  ttionen  in  den  Städten,
11  5  durch  Minenbetrieb

Wr
#

«  IWW  4  nunsw.,  dazu  waren  die
2  Chinesen  unfähig.  Ihre
Geistesträgheit,  ihr
Dünkel  vereinigte  sich
mit  dem  Fanatismus
hungernder  Massen,
denen  die  Bahnen  wohl
hie  und  da  die  überall
nach  Willkür  umher-Zur
  Tötung  der  Europäer  aufreizender  Maueranschlag.  liegenden  Ahnengräber
zerstört  hatte.  Im
September  1898  vollzog  sich  ein  Staatsstreich,  durch  den  P'u  Ts'uan,  der
Sohn  des  fremdenfeindlichen  Prinzen  Tuan,  von  der  Kaiserin-Witwe  zum
Nachfolger  eingesetzt  wurde.  Zugleich  begannen  die  Verfolgungen  aller
Reformfreunde.
Der  Tatarengeneral  Yu-Hien  wird  als  der  eigentliche  Vater  der
Boxerbewegung  genannt,  eines  weitverzweigten  Geheimbundes,  der  die
        <pb n="250" />
        —  237  —

Volksmassen  aufwiegelte  und  sie  gegen  die  Fremden  ausrüstete.  Sie
nennen  sich  selbst  I-ho-chüäan,  auch  Dahauhuo,  das  große  Messer,
welches  auch  ihre  Hauptwaffe  ist.

Prinz  Li,  genannt  Schito,  ferner  der  Reformator  der  Nordarmee,
Yunglu,  und  sein  Kollege  im  Kriegsministerium,  Kangji,  waren  die  Hauptbetreiber
  der  Fremdenverfolgungen,  falls  eine  solche  Volksbewegung  überhaupt
  einzelnen  zur  Last  gelegt  werden  kann.  Hier  wenigstens  liegen  ihr
große  wirtschaftliche  Umwälzungen  zugrunde.

Durch  solche  Bewegungen  wird  die  Verantwortlichkeit  der  Gebildeten
und  Regierenden  nicht  gemindert,  an  deren  Unverstand  der  blinde  Haß
der  Massen  Unterstützung  und  Nahrung  fand.  Plakate  aufrührerischen
Inhalts  hingen  an  allen  Wänden,  Fanatiker  predigten  offen  das  „Tötet
die  Fremden,  die  Seemenschen!“  Eingeborene  Christen  und  fremde
Missionare  wurden  in  Massen  ermordet.

Ein  vom  28.  Mai  1900  datiertes  Schreiben  eines  Leutnants  wirft
ein  grelles  Schlaglicht  auf  die  Sachlage.  Es  heißt  da  u.  a.:  „Als  wir
zum  erstenmal  von  Tientsin  nach  Peking  fuhren,  wurde  gerade  ein
Kavallerieregiment  verladen,  das  gegen  die  Boxer  ziehen  sollte.  Danach
war  es  auf  fünf  Wochen  ruhig,  doch  wurden  fortwährend  zum  Morde
der  Fremden  aufreizende  Flugblätter  verteilt.  Die  Gesandten  beschwerten
sich,  und  man  versprach  Abhilfe.  Es  wird  jetzt  an  der  Bahn  gebaut,
die  die  Belgier  von  Peking  nach  Hankau  am  Yangtse  bauen.  Sie  ist
bis  Paotingfu  fertig.  Dort  sitzen  die  Boxer  hauptsächlich.  Vor  vierzehn
Tagen  wurde  dort  ein  Christendorf,  25  km  südlich  von  Peking,  von
Boxern  überfallen  und  über  siebzig  Christen  ermordet,  die  meisten  in  der
Kirche  verbrannt.  Dies  geschah,  während  wir  zu  den  Rennen  in  Tientsin
waren.  Auch  wird  mitgeteilt,  daß  siebzig  Soldaten  und  ein  Oberst
von  den  Boxern  im  Hinterhalt  überfallen  und  getötet  wurden.  Seit
35  Jahren  wäre  die  Lage  noch  nicht  so  ernst  gewesen;  auch  nicht  vor
dem  Blutbade  von  Tientsin  1870.“  Auch  andere  Hiobsposten  trafen  ein.
In  Tuijuanfu  wurden  gegen  60  Europäer,  darunter  2  Bischöfe,  19  Franziskanermissionare
  und  8  Schwestern  ermordet.  Die  Truppen,  die  vom
Vizekönig  Tschang-Tschi-Tung  zu  deren  Schutz  entsandt  worden  waren,
hatte  der  Mandarin  von  Tschitsu  zurückgehalten.

Deie  mahnenden  Berichte  der  Gesandten  hatten  dazu  geführt,  daß
sich  schon  im  Anfang  April  1900  im  Golf  von  Petschili  ein  internationales
Geschwader  sammelte.  Und  im  Mai  richtete  das  diplomatische  Korps  in
        <pb n="251" />
        —  238  —

Peking  eine  gemeinsame  Note  an  das  Tsungli-Yamen,  worin  auch
eine  Verstärkung  der  Schutzwachen  für  die  Gesandtschaften  angekündigt
wurde.

Die  Regierung  des  Kaisers  von  China  protestierte  und  versprach
allerlei.  Aber  es  war  nur  zu  bekannt,  daß  der  Kaiser  Kwangssü  lediglich
ein  willenloses  Werkzeug  seiner  Tante,  und  daß  Prinz  Tuan  das  geistige
Oberhaupt  der  Boxer  wäre.

Die  Boxer  hatten  am  28.  Mai  die  Hunan-Bahn  zerstört,  die
Schienen  aufgerissen  und  viele  Angestellte  der  Bahn  getötet.  Darauf
hatten  die  Mächte  von  ihren  auf  der  Reede  zu  Taku  an  der  Mündung
des  Peiho  ankernden  Schiffen  Englands,  der  Vereinigten  Staaten,
Rußlands,  Frankreichs,  Italiens  und  Japans  334  Mann  mit  22  Offizieren
  und  5  Schnellfeuergeschützen  nach  Peking  entsandt,  denen  eine
geringe  Anzahl  deutscher  und  österreichischer  Truppen  bald  folgte.
Trotzdem  kam  es  fast  täglich  zu  Gefechten  der  Boxer  und  der  Regulären
und  am  20.  Juni  wurde  der  deutsche  Gesandte  sogar  von  Kaiserlichen
ermordet.  Während  nun  die  riesigen  Taku-Forts  an  der  Mündung  des
Peiho  mit  neuesten  Kruppschen  Geschützen  und  mit  gutgedrillten,  von
deutschen  Offizieren  ausgebildeten  und  mit  deutschen  Gewehren  bewaffneten
Kaiserlich  chinesischen  Truppen  besetzt  und  die  Flußmündung  selbst  mit
Torpedos  dicht  belegt  waren,  steigerte  sich  die  Volkswut  und  führte  Ende
Juni  und  Anfang  Juli  1900  zu  den  Ereignissen,  deren  allerdings  zum
Teil  übertriebene  Meldung  ganz  Europa  erstarren  machte.

Peking  war  von  aller  Welt  abgeschnitten,  Bahnen  und  Brücken
zerstört,  und  die  gesamte  Fremdenkolonie  in  der  Hauptstadt,  wenn  nicht
auch  in  Tientsin,  Canton  und  anderen  Handelsemporien  Chinas  der
Wut  der  aufständischen  Boxer  und  der  mit  ihnen  fraternisierenden,
menterischen  regulären  Truppen  verfallen.

Die  Belagerung  der  Gesandtschaften  und  die  Ermordung  des
Freiherrn  von  Ketteler.

Eine  eigenartigere  und  an  Spannung  reichere  Lage  hat  es  kaum
je  zuvor  in  der  Weltgeschichte  gegeben  als  die  unserer  Angehörigen  in
Peking  während  jener  Tage,  man  kann  sagen  Monate  ihrer  Abschließung
inmitten  der  nach  ihrem  Blute  lechzenden,  niedrigsten  und  entartetsten
Bevölkerung  des  asiatischen  Riesenreichs.
        <pb n="252" />
        —  239  —

Eine  amerikanische,  zur  Gesandtschaft  gehörige  Dame  hat  über  diese
Schreckenstage  Buch  geführt.  Sie  erzählt:  Schon  am  29.  Mai  wurde
der  Timeskorrespondent  Dr.  Morrison  von  den  Torwächtern,  etwa  25  Regulären,
  fast  gesteinigt.  Und  daß  eine  solche  Wache  die  Boxer  nicht
fernhalten,  sondern  ihnen  sofort  die  Tore  öffnen  würde,  lag  auf  der
Hand.  Ein  Prinz  von  Geblüt  hatte  uns  gewarnt  (am  20.  Mai).  Der
Gesandte  bestand  darauf,  daß  die  Damen  Peking  verlassen  sollten.  Am
5.  Juni  warteten  wir  auf  dem  Bahnhof  von  11  bis  3  Uhr,  bis  uns
endlich  gesagt  wurde,  daß  keine  Züge  mehr  abgelassen  werden  könnten.
Das  chinesische  Volk  aber,  das  uns  umdrängte,  verriet  durchaus  keine
Feindseligkeit.  Mr.  Pethick,  der  seit  30  Jahren  in  China  gelebt  und
sogar  chinesische  Kleidung  inklusive  Zopf  trug,  der  auch  für  Li-Hung-Chang,
  den  Vizekönig  der  Provinz  Petschili,  durchs  Feuer  ging,  vertrieb
uns  die  Zeit  mit  Anekdoten  über  diesen  Bismarck  Chinas.  Er  war
dessen  Sekretär  und  sollte  ihn  nach  Canton  begleiten.  Nach  Peking  zu
kommen,  dazu  war  Li-Hung-Chang  zu  vorsichtig.  Als  einem  Freunde
der  Fremden  und  der  Reform  hätte  ihm  die  Partei  der  Kaiserin-Witwe
dasselbe  Schicksal  bereitet  wie  andern  hohen  Würdenträgern.  Sie  waren
zum  Tode  verurteilt  worden.  Ihre  Hinrichtung  bestand  darin,  daß  man
sie  der  Länge  nach  mitten  durchsägte.  Der  ganze  Aufruhr  ging  unmittelbar
  von  der  Hofpartei  aus.  Am  12.  Juni  wurde  der  Sekretär  der
japanischen  Gesandtschaft  ermordet,  und  am  13.  zogen  die  Boxer  in
Scharen  durch  die  Tore.  Auf  dem  Yamen  lachte  man  die  Boten  der
Gesandten  aus.  „Wir  können  Ihnen  nicht  helsen.  Die  Stadt  ist  in
den  Händen  der  Boxer.  Wir  müssen  froh  sein,  wenn  man  uns  nichts
tut.“  Dabei  verloren  die  Europäer  keineswegs  ihre  Zuversicht.  Einige
deutsche  Soldaten,  so  berichtet  die  Amerikanerin,  hatten  die  Verwegenheit,
einige  Boxer  mitten  aus  dem  tobenden  Mob  herauszugreifen  und  in  die
deutsche  Botschaft  zu  schleppen.  Dort  las  ihnen  Freiherr  v.  Ketteler
gründlich  den  Text.  Dann  sandte  er  auf  das  Yamen  und  verlangte,
daß  seine  Gefangenen  abgeholt  und  bestraft  würden.  Die  Folge  war,  daß
die  Volksmassen  die  Gesandtenstraße  zu  stürmen  Miene  machten.  Durch
einige  blinde  Schüsse  aus  den  Coltkanonen  seitens  der  Amerikaner
wurden  sie  vertrieben.  Aber  ein  riesiger  Feuerschein  ließ  erkennen,  daß
die  Boxer  ihre  Arbeit  der  Zerstörung  begonnen  hatten.  In  der  äußeren
Stadt  brannte  es  an  zwei  Stellen.

Peking  ist  von  gewaltigen  Mauern  in  einer  Länge  von  24  km
        <pb n="253" />
        —  240  —

umgeben.  Es  besteht  aus  zwei  Oblongen,  von  denen  das  nördliche  die
Tataren-,  das  südliche  die  Chinesenstadt  beherbergt.  Die  Mauern  bilden
den  einzigen  gangbaren  Promenadenweg,  den  die  Europäer  benutzen
können.  Alles  andere  ist  Staub  und  Kot.  Von  dort  aus  allein  hat
man  auch  einen  Blick  über  die  Stadt  und  ihre  Gärten,  die  sich  in  der
Ferne  zu  einem  dichten  Wald  zu  vereinigen  scheinen.  ·

Da  alle  Häuser  so  ziemlich  gleich  hoch  oder  niedrig  sind,  so  treten
die  Minaretts  der  Moscheen  am  meisten  hervor,  dazu  die  Tempel  der
Sonne  und  der  Erde  und  der  schnörkeligen  Dörfer  des  Kaiserpalastes
in  der  sogenannten  verbotenen  Stadt.  Drunten  aber  liegen  viele  herren—
lose  Häuser.  Es  ist  eine  Stadt,  die  ihre  Blütezeit  längst  hinter  sich  hat.
Sie  zerfiel  mit  der  Macht,  die  sie  schuf.

Fürchterliche  Hitze  wechselt  mit  schrecklichen  Staubwinden  ab  und
gibt  dem  hier  herrschenden  Klima  einen  wenig  angenehmen  Charakter.

Ernst  von  Hesse-Wartegg  gibt  uns  eine  Beschreibung  der  Gesandtenstraße.
  Sie  steht  auf  einer  Höhe  mit  der  Behandlung,  welche  die  Gesandten
  selbst  bei  Hof  erfuhren,  wo  sie  nur  in  einer  besonderen  Halle
empfangen  wurden.  Auch  erhielten  sie  kaum  jemals  den  offiziellen  Besuch
  eines  offiziellen  Würdenträgers.  Sie  waren  ja  nur  „die  Sendlinge
der  Vasallenstaaten“.  „Die  Gesandtenstraße  ist  urchinesisch.  Sie  unterscheidet
  sich  durch  nichts  von  irgend  einer  anderen  Straße  der  Tatarenstadt.
  Staub,  Schmutz,  Unrat;  fensterlose,  graue  Mauern  und  geschlossene
Tore.  Halb  erstickt  von  dem  schwarzen  unflätigen  Staub,  eingeschachtelt
zwischen  den  schmutzigen  Nachkommen  der  tatarischen  Horden,  welche
das  chinesische  Reich  erobert  haben,  verborgen  in  einem  Labyrinth
meilenlanger  Straßen  der  ungeheuren  Stadt,  wohnen  die  Exzellenzen
und  Geheimräte,  die  Vertreter  der  Großmächte  der  Erde.  Hier  ist  der
Sitz  des  diplomatischen  Korps,  das  sonst  überall  in  der  Welt  an  der
Spitze  der  Gesellschaft  steht  und  in  Palästen  der  vornehmsten  Stadtteile
residiert.“

Und  nun  war  man  drauf  und  dran,  diese  Vertreter  unfrer  Staaten,
die  überall  sonst  in  der  zivilisierten  Welt  für  unantastbar  gelten,  von
einem  eigens  herbeigeholten  Mob  umbringen  zu  lassen.

In  den  Gesandtschaften,  welche  in  hochummauerten  Gehöften  in
einem  ziemlich  geschlossenen  Komplex  gelegen  sind,  bereitete  man  sich  auf
das  Schlimmste  vor.  Hunderte  von  chinesischen  Christen  suchten  hinter
ihren  Mauern  Zuflucht  und  wurden  von  unsern  Seesoldaten  aus  den
        <pb n="254" />
        —  241  —

Kirchen  heraus  gerettet,  wo  die  Boxer  sie  abzuschlachten  drohten.  Die
Seesoldaten  der  Mächte  hatten  Tag  und  Nacht  zu  tun,  um  diese  Unglücklichen
  auf  die  Gelände  der  Botschaften  zu  retten.  Unter  ihnen  befanden
  sich  viele  mit  schweren  Wunden  von  den  Messern  und  Spießen
der  Boxer.  Viele,  namentlich  auch  die  Säuglinge,  siechten  unter  den
nun  folgenden  Entbehrungen  dahin  oder  verendeten  unter  den  Geschossen,
die  von  den  regulären  Truppen  zahllos  auf  die  Botschaften  abgefeuert
wurden.  Selbst  die  kaiserlichen  Wachen  feuerten  auf  ihre  Schutzbefohlenen.

Hinter  den  Gehöften  zieht  sich  die  breite  Mauer  entlang,  welche
die  beiden  Pekingstädte  trennt.  Auch  diese  mußte  nun  in  das  Verteidigungsgebiet
  mit  hineingezogen  werden,  da  die  Wachen  sie  erstiegen  und  mit
Barrikaden  und  Geschützen  versehen  hatten.  In  der  Nacht  vom  14.  zum
15.  Juni  feuerten  unsere  deutschen  Schutzgarden  von  dieser  Mauer  herab
und  töteten  sieben  Boxer,  welche  unter  dem  Beifall  der  Massen  in  der
Chinesenstadt,  die  von  der  Tatarenstadt  getrennt  ist,  ihre  Carmagnole
tanzten.  Da  sie  mit  heiligen  Amuletten  versehen  für  unverwundbar
galten,  so  wurde  hierdurch  der  sie  umgebende  Zauber  zerstört  und  ihr
blinder  Fanatismus  durch  die  dem  Chinesen  näher  liegende  Sorge  um
das  liebe  Leben  erheblich  gedämpft.  Zehn  andere  Boxer  wurden  in  der
russischen  Botschaft  gefangen  gehalten,  um  den  Behörden  überliefert  zu
werden,  einige  auf  der  Flucht  erschossen.

Währenddessen  rückte  die  Feuersbrunst  in  der  Tatarenstadt  immer
näher.  Sämtliche  Klöster  und  die  Mehrzahl  der  christlichen  Kirchen,  die
Methodistenmission  und  die  Zollgebäude  wurden  ein  Raub  der  Flammen.
Es  lag  auf  der  Hand,  daß  auch  der  gesamten  Fremdenkolonie  das  gleiche
Schicksal  zugedacht  worden  war.

Das  chinesische  Auswärtige  Amt  zog  sich  inzwischen  von  allen  Verhandlungen
  zurück;  es  erfüllte  keine  seiner  Zusagen.

Unter  diesen  Umständen  entschloß  sich  Freiherr  v.  Ketteler,  ein  noch
jugendlicher,  bewährter  und  hoffnungsvoller  Diplomat,  Gatte  einer
amerikanischen  Dame  und  Vertreter  des  Deutschen  Reichs,  im  Vertrauen
auf  seine  Beliebtheit  bei  den  Chinesen  und  der  Versicherung  trauend,
daß  seine  geweihte  Person  selbst  dem  Pöbel  unantastbar  wäre,  der  ebenso
unwürdigen  wie  beispiellosen  Lage  ein  Ende  zu  machen.  Auch  lehnte
er  jede  Begleitung  seitens  der  Schutztruppe  ab.  Es  kam  ihm  darauf
an,  den  Tsungli-YBamen  dazu  zu  zwingen,  Farbe  zu  bekennen  und  die

chinesische  Regierung  vor  ihre  volle  Verantwortlichkeit  zu  stellen.  In
Beta,  Das  Buch  von  unsern  Kolonien.  16
        <pb n="255" />
        —  242  —

einer  Sänfte  begab  er  sich  am  20.  Juni  in  die  von  kaiserlichen  Truppen
dichtbesetzte  Chinesenstadt.  Da  geschah  das  Ungeheuerliche,  daß  nahe
dem  Yamen  ein  chinesischer  Sergeant  auf  seine  Sänfte  zutrat  und  ihn
mit  einem  wohlgezielten  Schuß  tötete.  Es  geschah,  wie  er  später  aus—
sagte,  auf  Befehl  eines  hohen  militärischen  Vorgesetzten.

Der  Mörder  war  ein  Bannersoldat  in  voller  Uniform  mit  Mandarin—
hut,  mit  Knopf  und  blauer  Feder,  unter  dem  Befehl  Tschung-Lis,  des
Kommandanten  von  Peking.  Die  Einnahme  der  Taku-Forts  am  14.
wird  als  Ursache  des  Umschwungs  in  den  offiziellen  Kreisen  zu  ungunsten
der  Fremden  bezeichnet.

Dem  in  einer  anderen  Säufte  folgenden  Dolmetscher  Dr.  Cordes
gelang  es,  sich  zu  retten,  da  das  Volk  seine  gewöhnliche  Friedfertigkeit
während  all  dieser  Zeit  nicht  verleugnete.  Er  war  verwundet.  Auch
auf  ihn  schoß  das  Militär.  Aber  der  „Pöbel“  ließ  ihn  unbekümmert
seines  Weges  eilen.

Der  im  Sinne  des  Völkerrechts  unerhörte  Akt  ist  später  durch  die
Hinrichtung  des  Mörders,  die  Hinrichtung  einer  Reihe  hoher  Würdenträger
  und  die  Mission  des  jüngeren  Bruders  des  Kaisers  nach  Berlin
gefühnt  worden.

Für  die  von  aller  Welt  abgeschnittenen  Fremden  in  Peking  aber
schwand  hiernach  jede  Hoffnung  auf  Schutz  seitens  der  chinesischen  Behörden
  und  Machthaber.  Mit  Ausnahme  der  Deutschen  zogen  sie  sich
am  21.  Juni  in  die  britische  Gesandtschaft  zurück,  die  mit  15  Fuß
hohen  Manern  und  zwei  Brunnen  versehen  war,  und  schenkten  der
perfiden  Weisung  des  Tsungli-Yamen,  daß  alle  Fremden  ohne  Ausnahme
Peking  sofort  verlassen  sollten,  keine  Beachtung.  Denn  die  Befürchtung
war  nur  zu  sehr  gerechtfertigt,  daß  sie  alle  auf  der  Reise  zur  Küste,  die
man  auf  Mauleseln  und  Pferden  hätte  antreten  müssen,  den  Boxern  zum
Opfer  gefallen  sein  würden.

Die  Schrecken  der  Belagerung  begannen  nun  im  vollen  Ernst.  Die
Boxer  erkletterten  Bäume,  Mauern  und  Dächer.  Das  Militär  beschoß
die  Gesandtschaften  mit  Granaten.  Die  Damen  verbrachten  ihre  Zeit
mit  der  Pflege  der  Kranken  und  Verwundeten,  auch  fertigten  sie  Sandsäcke
  für  die  Barrikaden.  Alles  Zeug,  die  feinsten  Tisch=  und  Bettzeuge,
selbst  die  von  der  Kaiserin  geschenkten  kostbaren  Seidenstoffe  wurden
hierzu  verwendet.  Sturm  auf  Sturm  wurde  abgeschlagen.  Heimliche
Boten  für  Unsummen  geworben,  die  Nachricht  nach  Tientsin  bringen  oder
        <pb n="256" />
        —  243  —

von  den  Flotten  vor  Taku  Entsatz  heischen  sollten.  Sie  mußten  nachts
über  die  Stadtmauer  gelassen  werden  und  brauchten  Wochen,  um  sich
durch  die  Boxerscharen  durchzuschleichen.  Die  Gräben  lagen  voller
Leichen,  die  letzten  Luxushunde,  die  edelsten  Rennpferde  wurden  geschlachtet,
um  für  die  armen  chinesischen  Christen  Nahrung  zu  schaffen.  Aber  kein
Entsatz  ließ  sich  blicken.

Der  Zug  Seymours.

Und  doch  wurde  während  all  der  Zeit  fieberhaft  an  der  Aufgabe
des  Entsatzes  gearbeitet.  Sofort  nach  der  ersten  Nachricht  von  der  be—
drohlichen  Wendung  der  Dinge  in  Peking  hatte  das  internationale
Geschwader  vor  Taku  eine  starke  Truppe  gelandet,  die  von  den  Forts
unbehelligt  blieb.  Es  waren  915  Engländer,  350  Deutsche,  300  Russen,
158  Franzosen,  104  Amerikaner,  51  Japaner,  40  Italiener  und  25
Osterreicher,  die  sich  unter  den  Befehl  des  englischen  Admirals  Seymour
stellten.  Wir  besitzen  aus  der  Feder  des  Korvettenkapitäns  Schlieper
von  der  „Hertha“  eine  packende  Schilderung  des  kühnen  und  bis  dahin
einzigartigen  Zuges  der  zweitausend  Mann  aller  Kulturnationen,  der
fast  an  den  Zug  der  zehntausend  Griechen  unter  Kenophon  gemahnt.

Die  Bahn  Taku—Tientsin—Peking  schien  die  Expedition  leicht  zu
machen,  und  in  Tientsin,  wo  eine  große  Fremdenkolonie  besteht,  fand  ein
glänzender  Empfang  statt;  aber  von  dort  aus  mußte  man  unter  stetem
Halt  vorrücken.  Überall  waren  Schienen  aufgerissen,  und  schwelten  die
Schwellen.  Bei  Langfang  am  14.  Juni  wurden  die  Boxerhorden  zurückgeworfen,
  wobei  Kapitän  von  Usedom  verwundet  wurde.  Ohne  Wagen
und  Pferde  und  ohne  Kavallerie  sah  sich  die  Expedition  bald  am  Ende
ihrer  Kräfte.  Am  18.  kamen  die  Züge  vor  der  zerstörten  Brücke  über
den  Peiho  bei  Yangsun  zum  Stillstand,  konnten  weder  rück=  noch  vorwärts.
  Große  Massen  kaiserlicher  Truppen  mit  schwerem  Geschütz  und
bewaffnet  mit  den  modernsten  Gewehren  mit  rauchlosem  Pulver,  während
unsere  Matrosen  noch  das  alte  Modell  1871/84  führten,  rückten  von
Peking  her  ins  Treffen  ein.  Zwar  ließen  die  Chinesen  etwa  500  Tote
auf  der  Walstatt;  aber  auch  die  Verbündeten  waren  am  Ende  ihrer
Kräfte.  Die  Eisenbahn  mußte  aufgegeben  werden.  Die  kostbaren  Waggons
wurden  von  den  Chinesen  verbrannt.  Zum  Glück  hatte  Oberleutnant

Röhr  vier  große  Dschunken  erobert,  auf  denen  die  Boxer  Eisenbahn-16“
        <pb n="257" />
        —  244  —

material  davonführen  wollten.  Auf  diesen  schiffte  sich  nun  die  zusammen—
geschmolzene  Schar  ein  und  steuerte  langsam  unter  stetem  Kugelregen
den  Peiho  hinunter,  immer  in  Gefahr,  durch  die  Granaten  in  den  Strom
versenkt  zu  werden.  Am  21.  gab  es  eine  Schlacht,  wobei  Kapitän
Schlieper  verwundet  wurde.  Am  24.  landete  die  Schar  angesichts  des
starken  Arsenals  von  Hsiku  und  nahm  es  mit  stürmender  Hand.  Hier
ertönte  zuerst  der  Ruf:  „The  Germans  to  the  front“  der  seitdem  jedes
deutsche  Herz  höher  schlagen  läßt.  Unser  Korvettenkapitän  Buchholz  ließ
bei  diesem  Sturm  sein  Leben.  Die  Expedition  zählte  bereits  62  Tote,
231  Verwundete  und  mußte  notgedrungen  in  dem  eroberten  Arsenal  auf
Entsatz  warten.  Dieser  traf  am  25.  ein;  1600  russische  Kosaken,  Deutsche
und  Japaner  hielten  ihren  Einzug  von  Tientsin  her,  wo  man  am  26.
wieder  eintraf.  Auch  dieser  Ort  bot  aber  das  Bild  einer  zerstörten  Stadt
mit  Trümmerhaufen  und  verkohlten  Leichen.  Und  mit  schweren  Gefühlen
hörten  unsere  braven  Jungens  die  Nachricht  von  dem  Morde  des  Freiherrn
  von  Ketteler  in  Peking.  Alle  Mühe,  alle  Opfer  von  Blut  und
Schweiß  während  der  vergangenen  Wochen  schienen  umsonst  gewesen
zu  sein.

Unser  oberster  Kriegsherr  hat  dem  Seymourzug  seine  volle  Anerkennung
  gezollt.  Er  verlieh  dem  Kapitän  zur  See  von  Usedom  den
Kronenorden  II.  Klasse  mit  Schwertern  und  sprach  telegraphisch  den
Seesoldaten,  die  auch  zu  Lande  eine  so  schwere  Probe  bestanden  hatten,
seine  hohe  Genugtuung  aus.  Trotz  des  unglücklichen  Endes  war  die
Zerstörung  der  Feste  Hsiku  und  ihrer  reichen  Vorräte  an  Waffen  und
Munition  ein  großer  Gewinn  für  die  Europäer.

Tientsin  und  die  Taku-Forts.

Der  Peihofluß  bei  Tientsin  bot  ein  Bild  des  Entsetzens.  Hunderte
von  Chinesenleichen  trieben  in  dessen  Fluten  hinab.  Meist  waren  es
solche  von  Christen,  die  der  Wut  der  Boxer  zum  Opfer  fielen.  Auch
hatten  chinesische  Familienväter,  am  Entkommen  der  Ihrigen  verzweifelnd,
diese  mit  eigener  Hand  ertränkt.  Die  Furcht  vor  den  „weißen  Teufeln“
war  dabei  nicht  geringer  als  die  vor  den  heimischen  Feinden.  Frauen
sprangen  vor  Angst  in  die  Brunnen  und  mußten  von  unseren  braven
Jungen  mit  Gefahr  des  eigenen  Lebens  herausgesischt  werden.  Es  wird
aber  lange  währen,  ehe  der  Chinese  erkennen  lernt,  daß  die  westlichen
        <pb n="258" />
        —  245  —

Kulturvölker  an  den  Grausamkeiten  seiner  Boxerhorden  sich  kein  Vorbild
nehmen,  und  daß  er  seinerseits  von  uns  nicht  bloß  den  Drill,  sondern
auch  menschlichere  Sitten  im  grimmen  Kriegshandwerk  annehmen  kann.

Tientsin  war  mit  einer  Handvoll  von  Verteidigern,  zum  Teil  Frei—
willigen  aus  der  Kolonie,  von  Boxern  und  Koaiserlichen  eng  unschlossen,
und  die  Wucht  der  Angriffe  wuchs  täglich.  Die  nach  Taku  entsandten
Barkassen  mußten  unverrichteter  Sache  zurückkehren.  Am  20.  Junischien
die  Lage  hoffnungslos.  Das  Blutbad  von  1860  schien  sich  wiederholen
zu  sollen.  Da  erbot  sich  Jim  Watts,  einer  der  besten  Herrenreiter  unter
den  des  Sports  beflissenen  Europäern  von  Tientsin,  Entsatz  aus  Taku
herbeizuholen.  Um  8  Uhr  abends  verließ  er,  von  drei  Kosaken  begleitet,
mit  einem  Handpferd  die  Befestigungen.  Ihre  Straße  führte  den  Peiho
entlang.  Ein  Kosak  ritt  voran,  die  anderen  folgten  dem  Reiter.  Das
erste  Dorf  durchflogen  sie  im  Galopp  unter  dem  Feuer  der  Chinesen.
Dann  folgten  sie  dem  „deutschen  Richtweg“  durch  die  offene  Ebene,  hinter
sich  das  Geschrei  und  Getümmel  der  Boxer,  stets  das  gellende  Tal  Tal
(Töte!  Tötel)  im  Ohr.  Man  rief  seinen  Namen.  Ein  chinesischer  Reitknecht
  hatte  ihn  erkannt.  So  ging  es  weiter  durch  ein  zweites  Dorf,
wo  die  Reiter  in  eine  Sackgasse  gerieten.  Watts  Pferd  stürzte  beim
Wenden  und  blieb  liegen.  Die  Kosaken  erschossen  drei  herbeieilende
Chinesen.  Mit  der  Geschwindigkeit  des  Blitzes  hatte  Watts  das  Handpferd
  gesattelt,  und  weiter  ging's  in  voller  Flucht  vor  dem  verfolgenden
Feinde  durch  die  pechschwarze  Nacht.  So  gelangten  sie  in  einer  Schleife
zurück  an  eine  Stelle,  die  sie  längst  passiert  hatten.  Watts  wollte  den
Ritt  aufgeben,  aber  die  Kosaken  machten  das  Zeichen  des  Erhängens.
Sie  wollten  sagen,  daß  sie  nicht  zurückkehren  dürften,  ohne  der  schmachvollen
  Todesstrafe  zu  verfallen.  Das  war  russisches  Kommando.

Also  wiederum  vorwärts,  die  Taku-Straße  links  liegen  lassend,
bis  an  den  großen  Kanal  bei  Peitang-Kau.  Diesen  durchschwammen  sie.
Abermals  unter  Feuer  genommen  gelangten  sie  nach  Shiensi-Kau,  an
schlafenden  Posten  vorbei,  den  Kanal  bald  auf  Brücken  kreuzend,  bald
durchschwimmend,  bald  vorsichtig  tastend,  bald  flüchtig  wie  der  Vogel,
bis  sie  endlich  am  Morgen,  zwölf  Stunden  nach  ihrem  Ausritt,  die  bereits
in  Händen  der  Europäer  befindlichen  Forts  erreichten.  Das  seltsamste
war,  daß  eine  aus  Taku  flüchtende  Truppe  von  Kaiserlichen  ehrfurchtsvoll
salutierte  und  ihnen  auf  der  Taku-Road  bescheidenst  Platz  machte.  Sie
hatten  in  Taku  eine  Lektion  bekommen.
        <pb n="259" />
        —  246  —

Watts  setzte  es  durch,  daß  unverweilt  eine  größere  Truppe  von
Taku  entsandt  wurde.  Es  waren  15000  Mann  Kosaken,  deutsche  und
andere  Seesoldaten  unter  General  Stoeßel,  die  denn  auch  am  26.  Juni
der  Expedition  Seymour  Hilfe  bringen  konnten.

Erst  am  14.  Juli  jedoch  gelang  es,  die  Chinesen  vollends  aus  den
Forts  von  Tientsin  hinauszuwerfen.  Es  geschah  unter  großen  Opfern.
Einige  unserer  Kompagnien  verloren
  25  Prozent  ihrer  Mannschaft
  an  einem  Tage.  Auch
hier  wurden  kolossale  Vorräte
von  Waffen  und  Munition  den
Chinesen  entwunden.

Das  internationale  Geschwader
  vor  Taku  hatte  schon  am
17.  Juni  die  Besatzung  des  Forts
aufgefordert  sich  zurückzuziehen.
Die  Antwort  war  der  Beginn
eines  Bombardements,  welches
von  der  Flotte  sofort  erwidert
wurde.  Hierbei  gewann  das
deutsche  Kanonenboot  „Iltis“
unvergängliche  Lorbeeren,  da  es
sich  den  Fluß  hinaufbegab  und
die  Forts  in  den  Rücken  nahm.
Kapitänleutnant  Lanswurde
schwer  verwundet,  Leutnant  Hollmann
  in  Stücke  zerrissen,  und
sieben  brave  deutsche  Seeleute
—  .  siarben  den  Heldentod.  Der

 

 

 

 

 

 

Der  Oberbesehlshaber  der  Takn-Forts.  „Iltis“  bot  das  Bild  eines
Wracks.  Kapitän  Lans  erhielt

für  diese  seine  glänzende  Waffentat  den  hohen  Orden  Pour  le  mérite.
Die  Chinesen  hatten  sich  auch  nach  ihrer  Art  bis  zum  Sturmlauf
tapfer  gewehrt.  Auch  der  „Giljak“,  ein  russisches  Kanonenboot,  war
schwer  beschädigt.  Es  hatte  einen  Schuß  in  den  Kessel  bekommen  und
viele  brave  Teerjacken  verloren.
Die  mächtigen,  jedenfalls  aufs  beste  armierten,  wenn  auch  nach
        <pb n="260" />
        —  247  —

chinesischer  Weise  sehr  unsolide  aus  Lehm  aufgeschichteten  Taku-Forts,  der
Stolz  Chinas,  trugen  jetzt  die  Flaggen  aller  Nationen  statt  des  drei—
eckigen,  gelben  Drachenbanners.  Auch  hier  hatte  es  geheißen:  Germans
to  the  front!  Unser  Kapitän  zur  See,  Pohl,  hatte  die  Sturmkolonne
der  Landungsreservekorps  zum  Siege  geführt.  Nachdem  die  Kanonen—
boote  am  17.  morgens  die  Geschütze  der  Forts  zum  Schweigen  gebracht
hatten,  stürmten  die  vereinigten  Reservelandungskorps,  300  Japaner,
150  Russen,  200  Deutsche  und  300  Briten,  unter  Pohls  Führung  und
Vortritt  das  Nordwestfort,  das  hartnäckig  verteidigt  wurde.  Die  übrigen
Forts  wurden  verlassen  gefunden.  Die  Deutschen  verloren  den  Leutnant
Friedrich  und  8  Mann  nebst  11  Schwer=  und  18  Leichtverwundeten.

Die  weiter  nördlich  gelegenen  Peitang-Forts,  welche  den  mächtigen
Schienenweg  nach  Niutschwang  decken,  wurden  dann  am  19.  September
von  den  Russen  unter  General  von  Stackelberg  mit  deutscher  Hilfe  genommen.
  Hier  räumte  General  Li  sehr  bald  das  Feld.

Anfang  August  erfolgte  der  Abmarsch  des  20000  Mann  starken
Expeditionskorps  von  Taku  unter  dem  russischen  General  Linewitsch,  das
bereits  am  5.  bei  Peitsang  in  blutiger  Schlacht  mit  den  Chinesen  sich
messen  mußte.  Der  Sieg  war  so  vollständig,  daß  nun  dem  Marsch  nach
Peking  nichts  mehr  im  Wege  zu  stehen  schien.  Es  begann  ein  förmliches
internationales  Wettrennen  der  verbrüderten  Truppen,  wie  es  die  Welt
noch  nie  zuvor  erlebt  hatte.

Die  Befreiung.

Kehren  wir  nun  zu  den  Bedrängten  in  Peking  zurück.  Der  Gang
der  Ereignisse,  das  Niederbrechen  des  Widerstandes  der  eigenen  Truppen
trotz  ihrer  Ausrüstung  mit  dem  Besten  an  Kriegsmaterial,  was  durch
Geld  sich  beschaffen  ließ,  der  Verlust  so  vieler  Forts,  Geschütze,  Munition
und  Vorräte,  der  sie  schon  in  diesem  Vorspiel  zu  einem  wirklichen  Kriege
betroffen,  hatte  die  zuversichtlichen  Leute  im  Tsungli-amen  zu  Peking
denn  doch  stutzig  gemacht.

Bald  setzten  sie  alles  daran,  um  ihren  grausamen  Zweck  zu  erreichen,
und  bald  fingen  sie  an,  gelindere  Saiten  aufzuziehen.  Die  Belagerten
hatten  vergeblich  ihre  geheimen  Boten  ausgesandt.  Keiner  kam  zurück.
Sie  erfuhren  nur,  daß  die  kaiserlichen  Truppen  die  Stadt  verlassen
hätten,  und  daß  sie  ganz  der  Gnade  der  Boxer  unter  Tung-Fu-Changs
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Führung  ausgesetzt  wären.  Und  mit  diesen  setzte  sich  der  alltägliche
Tanz  fort.  Die  Barrikaden  auf  der  Mauer  rückten  näher  und  näher
aneinander.  Es  gab  täglich  Tote  auf  beiden  Seiten.  Fahnen  wurden
von  unseren  tapferen  Schutztruppen  heimgebracht.  Spione,  die  sich  ein—
schlichen,  wurden  erschossen.  Aber  einen  Sturm  wagten  die  Boxer  nicht.
Sie  hatten  sich  schon  zu  oft  blutige  Köpfe  geholt.

Graf  Soden,  Oberleutnant  und  Führer  der  25  Mann  Schutztruppen,
hatte  am  12.  Juli  gegen  500  Boxer  von  der  deutschen  Gesandtschaft
zurückgeschlagen.  Er  hatte  mit  seiner  kleinen  Truppe  einen  Ausfall

 

A

 

 

 

Barrikaden  zwischen  der  deutschen  Gesandtschaft  und  dem  Hotel  Peking.

gemacht  und  ihnen  eine  Fahne,  Gewehre  und  Munition  abgenommen.
Während  die  italienische  Gesandtschaft  in  Flammen  aufging  und  die
Franzosen  und  Osterreicher  sich  auf  die  britische  Gesandtschaft  zurückzogen,
  wurde  die  deutsche  allen  Angriffen  zum  Trotz  gehalten.

Endlich  am  17.  Juli  erreichte  die  Belagerten  ein  Lebenszeichen  vom
Tsungli-Damen.  Man  sandte  ihnen  ein  altes  Kabeltelegramm  aus
Washington  ohne  Datum  und  Unterschrift,  während  die  sonstigen  offiziellen
Depeschen  von  den  Chinesen  bisher  unterschlagen  worden  waren.  Dieser
Akt  scheinbarer  Freundlichkeit  wurde  von  den  Belagerten  richtig  gedeutet.
Die  um  den  Prinzen  Tuan  fingen  an  Angst  zu  haben.  Am  18.  Juli
        <pb n="262" />
        —  249  —

kam  endlich  ein  geheimer  Bote  aus  Tientsin  zurück.  Seine  Nachricht
besagte:  „Japaner,  Russen,  Briten,  Amerikaner,  Franzosen,  Deutsche
brechen  am  20.  Juli  auf,  um  euch  zu  befreien.“

Mit  Kavallerie,  Artillerie  und  Genie  befanden  sich  im  Anmarsch
7500  Japaner,  welche  von  allen  die  größte  Rührigkeit  und  Widerstandsfähigkeit
  bewiesen.  Auch  ermöglichten  sie  durch  ihren  energischen  Angriff
auf  die  Nordseite  Pekings  den  schleunigen  und  ungehinderten  Einmarsch
der  übrigen  Truppen  von  Süden  her.  Ihnen  folgten  3500  Russen,
2100  Briten,  meist  Sikhs  aus  Indien,  450  Franzosen  und  1800  Amerikaner.

Die  etwa  300  Deutschen  hatten  gleichsam  die  Nachhut  und  hatten
damit  eine  unter  den  obwaltenden  Umständen  keineswegs  unwichtige
Aufgabe.

Auch  der  Tsungli-Yamen  wußte  bereits  von  dieser  Expedition.  Denn
tags  darauf  versorgte  er  die  Belagerten  mit  Eis,  Früchten,  Eiern  auf
einen  Tag.  Auch  versicherte  ein  offizieller  Bote  des  Amts,  daß  die
Christen  in  der  Nordkirche  (Pei  Tang)  noch  am  Leben  wären.  Dann
erfuhr  man,  daß  Li-Hung-Chang  von  Kanton  zurückberufen  wäre,  um  zu
verhandeln.  Am  25.  Juli  schlug  die  Stimmung  wieder  um.  Der  Kampf
auf  den  Barrikaden  lebte  wieder  auf.  Und  so  schleppte  sich  der  feige
Ansturm  hin,  bis  man  endlich  am  12.  August  erfuhr,  daß  das  chinesische
Militär  mit  allen  auftreibbaren  Fuhrwerken  Peking  verließ.  Die  Boxer
erneuerten  ihre  wütenden  Angriffe  und  setzten  den  Sturm  die  ganze  Nacht
vom  12.  zum  13.  August  fort.  Ihrer  40  fielen  auf  einer  Barrikade
allein  unter  den  Streichen  der  Deutschen  auf  der  Mauer.  Am  14.  August
ließen  sie  ihre  großen  Kanonen  spielen,  während  die  Belagerten  bereits
den  Donner  der  Geschütze  ihrer  Befreier  vernahmen.  Am  15.  endlich
gegen  3  Uhr  nachmittags  erzwangen  sich  diese  den  Zugang  durch  die
Tore,  ja  durch  die  Abzugskanäle  um  Peking,  und  die  Sikhs,  die  indischen
Truppen,  waren  die  ersten,  die  das  belagerte  Fremdenviertel  unter  unermeßlichem
  Jubel  betraten.  Sie  hatten  die  Kanonade  der  Boxer  in  der
vorigen  Nacht  gehört  und  ihr  Vordringen  beschleunigt.

Der  zwölftägige  Marsch  fand  unter  dem  Wetteifer  der  Nationen  und
beispiellosen  Anstrengungen  bei  380  C.  statt.  Handwagen,  Kamele,  Kühe,
Kähne  und  Dschunken  auf  dem  Peiho,  alles  wurde  in  Bewegung  gesetzt,
um  den  Troß  zu  bewältigen.  Man  lief  mehr,  als  daß  man  ging,  und
in  so  zerstreuter  Ordnung,  daß  ein  Flankenangriff  genügt  hätte,  den
ganzen  Knäuel  internationaler  Truppen  aufzurollen  und  zu  werfen.  Die
        <pb n="263" />
        —  250  —

Straße  war  bedeckt  mit  den  Leichen  von  Menschen  und  Pferden,  die  den
Strapazen  erlegen  waren.  Die  Truppen  boten  ein  Bild  völliger  Erschöpfung.
  Zerzaust,  unter  einer  Schmutzkruste  konnten  sie  sich  kaum  noch
dahinschleppen.  Für  die  eingeschlossenen  aber,  die  58  Tage  lang  alle
Greuel  und  Entbehrungen  einer  Belagerung  seitens  der  Leute  vom
„Großen  Messer“  ertragen  hatten,  kam  der  Entsatz  kaum  früh  genug.

Von  den  beteiligten  414  Zivilpersonen  und  314  Marinesoldaten  nebst
86  Freiwilligen  unter  dem  Befehl  des  Kapitäns  Poole  erlitten  11  Zivil—
personen,  54  Marinesoldaten  und  Matrosen  den  Tod,  130  Personen
waren  verwundet,  darunter  auch  zwei  Frauen.  Der  Garten  der  Gesandtschaft
  war  ein  Kirchhof  geworden.

Eine  Medaille  mit  der  Inschrift:  „Menschen,  nicht  Mauern  machen
ein  Stadt“  verewigt  die  heldenhafte  Verteidigung.

Beides,  Belagerung  und  Entsatz,  gehören  zu  den  denkwürdigsten
Ereignissen  der  Weltgeschichte.

Am  18.  August  schon  fand  man  die  Leiche  des  Freiherrn  v.  Ketteler
unter  einem  Sandhaufen  nahe  der  Mordstelle.  Erst  jetzt  gab  die  unglückliche
  Witwe  ihre  stets  genährte  Hoffnung  auf,  daß  ihr  Gatte  nur
gefangen  gehalten  würde.  So  unsicher  waren  alle  Berichte,  die  aus  der
Menge  und  aus  dem  Tsungli-Damen  kamen.  Man  veranstaltete  eine
imposante  Trauerfeierlichkeit  in  der  deutschen  Botschaft,  bei  der  das
gesamte  diplomatische  Korps  und  alle  Offiziere  der  Entsatztruppen  zugegen
waren.  Eine  gleiche  Feier  fand  in  Tientsin  und  anderen  Orts  statt.

Das  Ende  des  Krieges.

Der  Schleier,  hinter  dem  sich  das  offizielle  China  so  lange  verborgen
  hatte,  war  zerrissen.  Man  wußte  jetzt,  daß  die  Kaiserin  Tsusi,
daß  Prinz  Tuan  die  Seele  des  Aufstandes  waren.  Aus  den  „Wirren“
wurde  der  Krieg  ohne  Phrase.  In  Deutschland  waren  das  1.  und
2.  Seebataillon  mobil  gemacht  und  durch  Freiwillige  auf  Kriegsstärke
gebracht  worden.  Generalmajor  von  Höpfner  übernahm  das  Kommando.
Durch  die  gegen  unsern  Gesandten  geübte  Schandtat  war  dem  Deutschen
Reich  die  Initiative  in  der  Weiterführung  des  Krieges  zugefallen.
Kaiser  Wilhelm  verfügte  die  Mobilmachung  weiterer  12000  Mann
Landungstruppen  und  die  Indienststellung  der  ersten  Division  des  ersten
Panzergeschwaders.
        <pb n="264" />
        —  251  —

Die  Kunde  von  der  Ermordung  des  deutschen  Geschäftsträgers
erweckte  im  Herzen  jedes  Deutschen  gerechte  Erbitterung.  Der  berufene
Führer  unserer  Nation,  Kaiser  Wilhelm  II.,  war  sich  der  vollen  Tragweite
  der  Ereignisse  bewußt,  das  beweist  seine  vom  tiefsten  sittlichen
Ernste  durchdrungene  Ansprache,  die  er  an  die  nach  Ostasien  ausziehenden
Seebataillone  gehalten  hat:

„Mitten  in  den  tiefsten  Frieden  hinein,  für  Mich  leider  nicht  unerwartet,
  ist  die  Brandfackel  des  Krieges  geschleudert  worden.  Ein
Verbrechen,  unerhört  in  seiner  Frechheit,  schaudererregend  durch  seine
Grausamkeit,  hat  Meinen  bewährten  Vertreter  getroffen  und  ihn  dahingerafft.
  Die  Gesandten  anderer  Mächte  schweben  in  Lebensgefahr,  mit
ihnen  die  Kameraden,  die  zu  ihrem
Schutze  entsandt  waren,  vielleicht
haben  sie  schon  heute  ihren  letzten
Kampf  gekämpft.  Die  deutsche
Fahne  ist  beleidigt  und  dem
Deutschen  Reiche  Hohn  gesprochen
worden.  Das  verlangt  exemplarische
  Bestrafung  und
Rache.  Die  Verhältnisse  haben
sich  mit  einer  furchtbaren  Geschwindigkeit
  zu  tiefem  Ernst  gestaltet,
  und  seitdem  Ich  euch
unter  die  Waffen  zur  Mobilmachung
  berufen,  noch  ernster.
Was  Ich  hoffen  konnte,  mit  Hilfe
der  Marine-Infanterie  wieder  herzustellen,
  wird  jetzt  eine  schwere
Aufgabe,  die  nur  durch  geschlossene
Truppenkörper  aller  zivilisierten  Staaten  gelöst  werden  kann.  Schon
heute  hat  der  Chef  des  Kreuzergeschwaders  mich  gebeten,  die  Entsendung
einer  Division  in  Erwägung  zu  nehmen.  Ihr  werdet  einem  Feinde
gegenübertreten,  der  nicht  minder  todesmutig  ist  wie  ihr.  Von  europäischen
  Offizieren  ausgebildet,  haben  die  Chinesen  die  europäischen
Waffen  brauchen  gelernt.  Gott  sei  Dank,  haben  eure  Kameraden  von
der  Marine-Infanterie  und  Meiner  Marine,  wo  sie  mit  ihnen  zusammengekommen
  sind,  den  alten  deutschen  Waffenruf  bekräftigt  und  bewährt

 

 

 

 

Prinz  Tuan,  Haupt  der  Boxerpartei.
        <pb n="265" />
        —  252  —

und  mit  Ruhm  und  Sieg  verteidigt  und  ihre  Aufgabe  gelöst.  So  sende
Ich  euch  nun  hinaus,  um  das  Unrecht  zu  rächen,  und  Ich  werde
nicht  eher  ruhen,  als  bis  die  deutschen  Fahnen  vereint  mit
denen  der  anderen  Mächte  siegreich  über  den  chinesischen
wehen  und  auf  den  Mauern  Pekings  aufgepflanzt  den  Chinesen
  den  Frieden  diktieren.  Ihr  habt  gute  Kameradschaft  zu
halten  mit  allen  Truppen,  mit  denen  ihr  dort  zusammenkommt.  Russen,
Engländer,  Franzosen,  wer  es  auch  sei,  sie  fechten  alle  für  die  eine
Sache,  für  die  Zivilisation.  Wir  denken  auch  noch  an  etwas  Höheres,
an  unsere  Religion,  und  die  Verteidigung  und  den  Schutz  unserer
Brüder  da  draußen,  welche  zum  Teil  mit  ihrem  Leben  für  ihren  Heiland
eingetreten  sind,  denkt  auch  an  unsere  Waffenehre,  denkt  an  diejenigen,
die  vor  euch  gefochten  haben,  und  zieht  hinaus  mit  dem  alten  brandenburgischen
  Fahnenspruch:

Vertrau'  auf  Gott,  dich  tapfer  wehrs,
Daraus  besteht  dein’'  ganze  Ehr'!
Denn  wer's  auf  Gott  herzhaftig  wagt,
Wird  nimmer  aus  der  Welt  gejagt.  —

Die  Fahnen,  die  hier  über  euch  wehen,  gehen  zum  erstenmal  ins.
Feuer.  Daß  ihr  Mir  dieselben  rein  und  fleckenlos  und  ohne
Makel  zurückbringt!  Mein  Dank  und  Mein  Interesse,  Meine
Gebete  und  Meine  Fürsorge  werden  euch  nicht  fehlen  und  euch  nicht
verlassen,  mit  ihnen  werde  Ich  euch  begleiten.“

Die  Rede  des  Kaisers  machte  gewaltigen  Eindruck.  Bei  der  ganzen
Bevölkerung  Kiels  fand  der  brausende  Jubelruf,  mit  dem  die  Seesoldaten
ihrem  Kaiser  antworteten,  begeisterten  Widerhall.

Graf  Bülow  erließ  ein  Rundschreiben  vom  11.  Juli,  worin  jede
Aufteilung  Chinas  abgelehnt  und  die  Aufrechterhaltung  des  Einverständnisses
  mit  den  Mächten  als  Vorbedingung  für  die  Wiederherstellung
  des  Friedens  angestrebt  wurde.

Das  Bedürfnis  nach  einem  einheitlichen  Oberbefehl  führte  zur  Ernennung
  des  Generalfeldmarschalls  Grafen  Waldersee  zum  Generalissimus.
Er  reiste  am  20.  August  von  Berlin  über  Rom  und  Neapel  und  übernahm
  am  27.  September  den  Oberbefehl  über  die  Truppen  in  Petschili.
Trotz  des  Ausscheidens  Rußlands  und  der  Union  aus  dem  Konzert  der
Mächte  nahm  der  Krieg  seinen  Lauf.  General  v.  Höpfner  mit  den
        <pb n="266" />
        —  253  —

deutschen  Seebataillonen  nahm  am  11.  September  das  20  km  sidlich
von  Peking  gelegene  Liangsiang  und  am  11.  Oktober  auch  das  nordöstlich
  liegende  Boxernest  Paotingfu.  Bis  über  die  Große  Mauer  hinweg
wurden  die  Feinde  vertrieben.
Dadurch  war  der  Boden  für
einen  günstigen  Friedensschluß
endlich  gewonnen.

Diese  Strafexpeditionen
waren  darauf  berechnet,  den
entsetzten  Christen  Chinas
einige  Zuversicht  wieder  zu
geben.  Die  Boxer  hatten
fürchterlich  unter  ihnen  gewütet.
  In  einem  Christendorf
nahe  Peking  hatten  sie  die
gesamte  Bevölkerung,  gegen
fünfhundert  Unglückliche,  ausgerottet.
  Sie  hatten  zweihundert
  ihrer  christlichen  Landsleute
  lebendig  in  die  Brunnen
  geworfen  und  diese  dann
mit  Erde  zugeschüttet.  Solchen
Bestien  gegenüber  schweigt  die
Politik,  da  gibt  es  nur  noch
eine  Frage  der  Menschlichkeit.
Es  galt,  die  chinesische  Regierung
  hiervon  ein  für  allemal
  zu  überzeugen.  Was  muß
das  für  eine  Religion  sein,  die

solche  Greuel  erlaubt?

Ein  Zwischenfall  war
der  Brand  im  Winterpalast
zu  Peking,  bei  welchem  auch
das  vielbesprochene  „feuersichere“  Asbesthaus  des  Generalissimus  ein  Raub
der  Flammen  wurde.  Leider  verlor  dabei  der  Adjutant  des  Grafen  sein
Leben.

Auch  der  aussichtsreiche  Oberst  Graf  York  von  Wartenburg  wurde

 

 

Die  Visitenkarte  des  Prinzen  Tschun.
        <pb n="267" />
        —  254  —

auf  einem  der  verhängnisvollen  chinesischen  liegenden  fen,  die  als
Schlafstätte  dienen,  tot  gefunden.

Die  um  alle  ihre  Hoffnungen  betrogene  Kaiserin-Witwe  Tsu-Si
war  gleich  nach  dem  Fall  Pekings  geflohen.  Sie  erreichte  die  alte
Kaiserstadt  in  der  Provinz  Schensi,  Singanfu,  in  dürftigster  Verfassung.
Die  dreißig  Gepäckwagen  hatten  sich  in  den  Händen  ihrer  getreuen
Untertanen  „verkrümelt“.

Der  Kaiser  Kwangssü  vermied  jeden  Verkehr  mit  dieser  Ate  jenes
unglückseligen  Krieges.  Aber  der  zum  Thronfolger  bestimmte  Tanokuo,
Sohn  des  berüchtigten  Boxerführers  Tuan,  befand  sich  in  dem  Zuge.

Ihre  blutrünstigen  Berater  Tschifu  und  Hsutschengyn  waren  an  die
Verbündeten  ausgeliefert  worden.  Sie  wurden  an  derselben  Stelle,  an
der  sie  vor  Jahresfrist  die  fremdenfreundlichen  Minister  hatten  zersägen
lassen,  hingerichtet.

Danach  übernahm  die  chinesische  Regierung  selbst  wieder  die  Unterdrückung
  des  Aufstandes  in  Kanfu,  und  Graf  Waldersee  befahl  die  Einstellung
  der  verschiedenen  Strafexpeditionen.

Ein  Briefwechsel  zwischen  den  Kaisern  von  China,  Japan  und  Deutschland
  führte  endlich  zu  einem  leidlichen  Frieden  und  zur  Sühnemission
des  Prinzen  Tschun,  des  jungen  Bruders  des  Kaisers,  nach  Berlin.
Die  Kosten,  die  Deutschland  aus  diesem  Kriege  erwuchsen,  beliefen  sich
auf  240  Millionen  Mark,  und  ebenso  hoch  bezifferte  sich  der  Anteil  Deutschlands
  an  der  China  auferlegten  Kriegsentschädigung.

Erst  jetzt,  kann  man  sagen,  ist  unsere  Position  in  Kiautschou  ebensowie
  die  unseres  Handels  in  den  Vertragshäfen  wirklich  gesichert.  Auch
die  übrigen  Kulturvölker  genießen  denselben  Vorteil,  an  dessen  Erringung
Kaiser  Wilhelms  Initiative  und  die  deutschen  Waffen  einen  so  großen
Anteil  haben.  Es  war  ein  saures  und  böses  Stück  Arbeit,  dessen  Früchte
nicht  wieder  aufge  geben  werden  dürfen.  Sie  sind  für  die  gesamte
  Menschheit  ein  dauernder  Gewinn.
        <pb n="268" />
        Inhaltsübersicht.

Vorgeschichte  ..  ...
Erster  Teil:  Afrika.
Allgemeines  über  die  Bevölkerung  Afrikas
Lüderitzland  und  Südwestafrika
Der  Krieg  in  „Südwest"“

Der  Herero-Aufstand

Der  Hottentotten-Aufstand
Togo
Kamerun

Der  erste  Kampf  in  ganerim.
Deutsch-Ostafrika

Zweiter  Teil:  Im  Stillen  Ozean.

Neu-Guinea  oder  Kaiser-Wilhelmsland
Eine  Strafexpedition  auf  Neu-Guinea

Der  Bismarck-Archipel

Die  Salomo-Inseln

Die  Karolinen

Die  Marschall-Inseln

Die  Marianen

Die  Samoas-Inseln  .
Händlerleben  in  der  Südsee

Dritter  Teil:  Asien.

Allgemeines  über  Ur-China,  seine  Sprache  und  Entwicklung

Die  Kiautschou-Bucht

Wirren  und  Kämpfe  in  China
Wie  es  dazu  kooaoa.
Die  Greuel  in  Peking

Die  Belagerung  der  Gesandtschaften  und  die  Ermordung  des  Freiherrn

v.  Ketteler
Der  Zug  Seymours
Tientsin  und  die  Taku-Forts.
Die  Befreiung
Das  Ende  des  Krieges

Seite

20
30

46
62
70
85
105
112

215
219

233
235

238
243
244
247
250
        <pb n="269" />
        Druck  von  J.  B.  Hirschfeld  in  Leipzig.
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U□##  mit  meh  als  20000  Einm,  c  Ort  mit  wenighr  als  200000Di#.
5  Evungelische  und  6  Katrrolische  Missionsstation.Eisenbm
—EWenbahm,  um  Bau#od.  projektiert,  —  Telegraphæenxobel,
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Berggipf#l,  SLirfk  u.  Bdrke,.  Deutschte
Darnpferlinic,  Brik.-Fritisch,  Tort.  ·  Foruiqiesisch,
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        Jugendschriften  und  Geschenkwerke

aus  dem  Verlage  von  Ferdinand  Hirt  &amp;amp;  Sohn  in  Leipzig

 

 

Neuigkeit  Weihnachten  1907

In  vollständig  neuer  Bearbeitung  und  Ausstattung  erschien  soeben:

Das  Buch  von  unsern  Kolonien

Ottomar  Beta

Mit  8  farbigen  Bildern  nach  Originalen  von  Rud.  Hellgrewe,
2  farbigen  Karten  der  Deutschen  Schutzgebiete  und  89  erläuternden  Textbildern.

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Häuptlinge  bei  einer  Gerichtsverhandlung  in  Kamerun.

as  Betasche  Buch  will  eine  zusammenhängende  Ubersicht  über  unsere  Schutzgebiete

geben.  Der  Verfasser  beschränkt  sich  in  der  Neubearbeitung  nicht  auf  einen  historischen
Abriß  der  Erwerbung  des  deutschen  Kolonialbesitzes,  er  schildert  vor  allem  seine  heutige
wirtschaftliche  Bedeutung  und  begründet  diese  durch  Darlegung  der  geographischen  und
politischen  Verhältnisse  der  einzelnen  Schutzgebiete.  Die  Mühen  und  Kämpfe  unserer  tapferen
Truppen  erfahren  gerechte  Würdigung.  Zahlreiche,  meist  neuerworbene  Photographien
sowie  8  in  feinstem  Farbendruck  ausgeführte  Bilder  des  bekannten  Orientmalers  Hellgrewe
helfen  ein  anschauliches  Bild  jeder  einzelnen  Besitzung  zu  entwerfen.  Das  Werk
wird  von  der  reiferen  Jugend  mit  Interesse  gelesen  werden,  es  wendet  sich  aber  auch  an
alle  Kolonialfreunde  und  ist  deshalb  keineswegs  als  reine  Jugendschrift  zu  betrachten.

In  Prachtband  4  Mark,  geheftet  3  Mark
Nr.  27  1
        <pb n="276" />
        Für  die  reifere  männliche  Jugend

 

Neuigkeit  Weihnachten  1907

Deutschlands  Ehr'  im  Weltenmeer

von  R.  von  Werner,  Vizeadmiral

Neubearbeitung  von  Konteradmiral  z.  D.  Holzhauer
Mit  4  farbigen  Bildern  nach  Originalen  von  Willy  Stöwer  und
Johs.  Gehrts,  einem  Durchschnitt  des  Linienschiffes  Lothringen,

2  farbigen  Flaggentafeln  und  96  Kopfleisten  und  Bildern  im  Text.

 

 

 

 

 

Turnen  an  Bord.

Das  dem  Titel  nach  nicht  unbekannte  Werk  erscheint  in  völlig  neuer  Gestalt.  Eine
durchgreifende  bis  guf  die  letzte  Zeit  ergänzte  Bearbeitung  und  ein  zum  größten  Teil
erneuter  moderner  Bilderschmuck  wirken  zusammen,  um  ein  in  jeder  Hinsicht  auf  der  Höhe
der  Zeit  stehendes  neues  Flottenbuch  zu  schaffen,  das  die  allgemeinste  Beachtung  verdient.
  Im  ersten  Teile  des  Buches  wird  die  Entwicklung  der  deutschen  Seefahrt  von  den
Zeiten  der  Wikinger  bis  auf  unsere  Tage  in  lebendiger  aber  knapper  Darstellung  geschildert.
Ein  breiter  Raum  ist  dagegen  im  zweiten  Teile  der  Darstellung  unserer  heutigen  Seemacht
gewidmet.  In  anschaulicher  Weise  wird  uns  von  der  Ausbildung  der  deutschen  Matrosen
erzählt,  von  Dienst=  und  Feierstunden.  Das  sprichwörtliche  Erzählertalent  der  weitgereisten
Seebären  kommt  in  mehreren  eingeflochtenen  Erzählungen  zu  seinem  Rechte.  Kapitel  über
das  Rettungs=  und  Signalwesen  und  den  Russisch-Japanischen  Krieg  beschließen  das  Buch.
Besondere  Beachtung  verdient  die  reiche  und  durchaus  moderne  Illustration.  —

Wenn  auch  in  erster  Linie  für  die  reifere  männliche  Jugend  bestimmt,  eignet  sich  das
Buch  seiner  ganzen  Anlage  nach  für  die  weitesten  Kreise.

In  Prachtband  5  Mark,  geheftet  4  Mark
        <pb n="277" />
        Für  die  reifere  männliche  Jugend

Schriften  von  Oskar  Höcker

Jeder  Band  ist  selbständig  und  einzeln  käuflich.
Gesamtverbreitung  rund  ¼  Million  Exemplare.

Das  Ahnenschloß

Kulturgeschichtliche  Erzählungen  aus  vier  Jahrhunderten

In  neuen  Einbänden  und  mit  neuen  Bildern  von  Johannes  Gehrts

I.  Band:  Der  Erbe  des  Pfeiferkönigs  (Aus  dem  Reformationszeitalter)

1II.  „  In  heimlichem  Bunde  (Aus  dem  Jahrhundert  des  großen  Krieges)
III.  „  Zwei  Riesen  der  Garde  (Aus  der  Zeit  des  Zopfes  und  der  Wachtparade)
IV.  „  Deutsche  Treue,  welsche  Tücke  (Aus  der  Zeit  der  Befreiungskriege)

Im  „Ahnenschloß,“  hat  Höcker  überaus  gewandt  die  Entwicklung  deutschen  Volks=  und
Fürstenlebens  mit  den  Oeschicken  zweier  Familien  aus  dem  Elsaß  verflochten.  Den
Nachkommen  dieser  Familien  begegnen  wir  immer  wieder  in  den  einzelnen  Erzählungen,  deren
jede  einen  wichtigen  Geschichtsabschnitt  umfaßt,  wie  dies  die  vorstehenden  Titel  kennzeichnen.
Es  ist  dem  Verfasser  in  dieser  Jugendschriftenreihe  meisterhaft  gelungen,  im  Rahmen
fesselnder  Erzählungen  die  Jugend  mit  wichtigen,  noch  für  uns  bedeutungsvollen  Ereignissen
aus  der  Geschichte  der  letzten  vier  Jahrhunderte  vertraut  zu  machen.

In  Prachtband  je  3  Mark,  geheftet  je  2,25  Mark

 

 

 

Der  Sieg  des  Kreuzes

Kultur=  und  religionsgeschichtliche  Bilder  von  der  Entwicklung  des  Christentums

I.  Band:  Unter  dem  Joche  der  Cäsaren  (Aus  der  Zeit  des  Kaisers  Hadrian)
II.  „,  Durch  Kampf  zum  Frieden  (Zeit  der  Christenverfolgung  unter  Diokletian)
III.  „  Zwei  Streiter  des  Herrn  (Aus  der  Zeit  der  Merowinger)
IV.  „  Ein  deutscher  Apostel  (Aus  der  Zeit  des  heiligen  Bonifatius)

V.  „  Wodans  Ende  (Aus  der  Zeit  Karls  des  Großen)

ie  „Bilder“,  die  hier  auf  Grund  der  zuverlässigsten  Quellen  geboten  werden,  sind  keine  kurzen,

zusammenhangslosen  Schilderungen.  Nach  wohlüberlegtem  Plane  entwickelt  der  Verfasser,
berufen  wie  kaum  ein  anderer  Jugendschriftsteller,  in  fesselnden  Erzählungen  die  unaupfhaltsame
  Ausbreitung  der  Lehre  Christi  bis  zu  ihrer  festen  Begründung  auch  im  Nordwesten  unseres
Vaterlandes,  bei  den  kernigen,  halsstarrigen  Sachsen.  Jeder  Band  behandelt  einen  bestimmten
Zeitabschnitt  des  Beginns  unserer  Kirchengeschichte.

In  Prachtband  je  3  Mark,  geheftet  je  2,25  Mark
        <pb n="278" />
        Für  die  reifere  männliche  Jugend

Schriften  von  Oskar  Höcker

Jeder  Band  ist  selbständig  und  einzeln  käuflich.
Gesamtverbreitung  rund  ¼  Million  Exemplare.

Merksteine  deutschen  Bürgertums

Kulturgeschichtliche  Bilder  aus  Mittelalter  und  Neuzeit

I.  Band:  Die  Brüder  der  Hansa  (Blütezeit  des  norddeutschen  Kaufmannsbundes)
II.  „  Auf  der  Wacht  im  Osten  (Aus  den  Zeiten  der  Polenkämpfe  im  14.  Jahrh.)
III.  „  Stegreif  und  Städtebund  (Zeit  der  Gründung  des  Rheinischen  Städtebundes)
IV.  „  Im  goldenen  Augsburg  (Blütezeit  des  Handels  und  Gewerbes  im  Mittelalter)

„  Im  Zeichen  des  Bären  (Aus  Berlins  Vergangenheit)

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Weährend  der  Hohenstaufen-Kriege  und  vor  allem  in  der  „kaiserlosen,  schrecklichen  Zeit“  war
im  Reiche  große  Verwilderung  und  Rechtlosigkeit  eingerissen.  Rudolf  von  Habsburg
führte  zwar  vorübergehend  bessere  Zustände  herbei;  unter  seinen  Nachfolgern  jedoch  fühlte
der  Bürgerstand  wieder  die  Gewalttaten  mächtiger  Frevler.  So  wurden  die  Städte  zur
Selbsthilfe  gedrängt;  sie  vereinigten  sich  zu  großen  Bündnissen,  die  am  kraftvollsten  an  der
Ostsee  waren,  und  hier  sich  im  Hansabunde  zusammengeschlossen  hatten.  Aber  nirgends
wurde  auch  deutsche  Sitte,  deutsches  Recht,  deutsche  Wahrhaftigkeit  so  hoch  gehalten,  wie
in  den  Städten  der  Hansa,  deren  Macht  vom  Rhein  bis  zur  Wolga  herrschte,  deren  Schwert
in  England  ebenso  gefürchtet  wurde  wie  in  Norwegen  und  Dänemark.  So  war  die  Hansa  in
den  Zeiten,  da  die  deutschen  Kaiser  an  den  Nordgrenzen  des  Reiches  machtlos  waren,  das
sicherste  Bollwerk  deutschen  Unternehmungsgeistes.  Dieses  Wirken  der  Hansa,  die  freilich
auch  gegen  ihre  eigenen  Führer,  wenn  sie  schuldig  erschienen,  mit  blutiger  Strenge  vorging,
schildert  Höcker  imersten  Bande:  „Die  Brüder  der  Hansa“.  (Man  wolle  auch  beachten
S.  16:  Die  deutsche  Hanse  von  Prof.  Th.  Lindner.)

Im  zweiten  Bande:  „Auf  der  Wacht  im  Osten“  versetzt  er  uns  in  die  Kämpfe
deutscher  Bürger  gegen  polnische  Ubergriffe.  Der  Schauplatz  dieses  Ringens  ist  vornehmlich
Breslau,  dessen  handelsmächtige  Patrizier  in  all  den  stürmischen  Tagen  deutsches  Wesen  kraftvoll
  zu  schützen,  deutschem  Handel  neue  Bahnen  zu  eröffnen  wußten.  Die  Sicherung  Schlesiens
vor  polnischen  Herrschgelüsten  war  die  schönste  Frucht  dieses  Kämpfens.

Der  dritte  Band:  „Stegreif  und  Städtebund“  schildert  die  Gründung  des  Städtebundes
  am  Rhein.  Hier,  in  den  gesegnetsten  Gauen  unseres  Vaterlandes,  erwuchsen  während
der  letzten  Jahrzehnte  des  13.  Jahrhunderts  dem  friedlichen  Bürger  die  schlimmsten  Feinde
in  den  Raubrittern.  Endlich  schlug  auch  hier  die  Stunde  der  Vergeltung,  und  auch  hier
fanden  die  Bürger  der  Städte  in  festem  Zusammenschlusse  die  sichere  Abwehr  der  Gewalttaten.

Im  vierten  Bande:  „Im  goldenen  Augsburg“  wird  uns  ein  Bild  von  dem  großartigen
  Handel  Süddeutschlands  entrollt.  Hier  hob  sich  vor  allem  Augsburg  empor,  mit
dessen  Aufschwung  das  Wirken  des  Fuggerschen  Hauses  eng  verbunden  ist.  Wir  lesen
in  diesem  Bande  von  der  Tatkraft  der  Fugger  und  von  den  weitausgedehnten  Unternehmungen
  dieser  klugen  Kaufherren  und  ihren  Verbindungen,  namentlich  mit  Venedig.

Der  fünfte  Band:  „Im  Zeichen  des  Bären“,  Oskar  Höckers  letztes  Werk,  versetzt
  uns  in  verhältnismäßig  nahe  Zeiten:  unsere  Reichshauptstadt  Berlin  kann  nicht  auf
eine  Blütezeit  im  Mittelalter  zurückblicken.  Aber  auch  ihr  fehlt  es  keineswegs  an  fesselnden
Erinnerungen,  und  sie  spielt  in  den  Jahrhunderten  nach  dem  Dreißigjährigen  Kriege  eine
bedeutende  Rolle  in  der  Entwicklung  unseres  Volkes.  Die  Erzählungen  dieses  letzten  Bandes
behandeln  Ereignisse  und  Zustände  aus  den  Tagen  Friedrichs  I.  und  Friedrich  Wilhelms  III.

In  Prachtband  je  4  Mark,  geheftet  je  3  Mark
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Probe  der  neuen  Bilder  aus:  Höcker,  Deutsche  Treue,  welsche  Tücke.  S.  Seite  3.
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Für  die  reifere  männliche  Jugend

Schriften  von  Oskar  Höcker

Jeder  Band  ist  selbständig  und  einzeln  käuflich.
Gesamtverbreitung  rund  ¼  Million  Exemplare.

Preußens  Heer—Preußens  Ehr'I
Militär=  und  kulturgeschichtliche  Bilder  aus  drei  Jahrhunderten

1.  Band:  Kadett  und  Feldmarschall  (Der  Große  Kurfürst  und  seine  Paladine)

II.  „  Husarenkönig  und  Kürassiergeneral  (Aus  der  Zeit  des  „Alten  Fritz“)
I1II.  „  Mit  Gott  für  König  und  Vaterland  (Aus  den  Tagen  der  Befreiungskriege)
IV.  „  Im  Rock  des  Königs  (Aus  den  Jahren  1864,  1866  und  1870/71)

Diese  Militärgeschichten  haben  sich  bei  der  deutschen  Jugend  als  Lieblingsbücher  dauernd
eingebürgert;  da  jedoch  die  äußere  Ausstattung  dem  heutigen  Geschmack  nicht  mehr
recht  entsprach,  wurden  die  ersten  drei  Bände  mit  neuen  prächtigen  Bildern  von  Professor
Hans  W.  Schmidt,  die  ganze  Serie  außerdem  mit  neuen  stilvollen  Einbänden  versehen.

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Friedrich  der  Große
als  Feldherr  und  Herrscher
6.  Auflage,  mit  zwei  illustrierten  Anhängen:
Das  Heer  und  die  bedeutendsten  Generale  Friedrichs  des  Großen

Der  alte  Fritz“  ist  noch  heutzutage  volkstümlich  wie  kaum  ein  zweiter  Herrscher.  Seine
„Lebenggeschichte  wird  immer  wieder  gern  gelesen,  und  es  liegt  bei  ihm  nahe,  über
den  großartigen  kriegerischen  Erfolgen  seine  unermüdliche  Tätigkeit  im  Frieden  zu  übersehen.
  Aber  auch  nach  letzterer  Seite  hin  wird  der  Verfasser  dem  großen  König  gerecht.
Neben  den  ruhmgekrönten  Feldherrn  tritt  der  kluge  Staatsmann,  der  sorgende  Landesvater.

Unsere  Deutsche  Flotte

von  der  Flagge  des  großen  Brandenburgers  bis  zur  Schwarz-Weiß-Roten
Kriegs=  und  kulturgeschichtliche  Bilder

I.  Bd.:  Der  Schiffsjunge  des  Großen  Kurfürsten  (Erzählung  aus  dem  17.  Jahrh.)  7.  Aufl.
II.  „  Der  Seekadett  von  Helgoland  (Erzählung  aus  unsern  Tagen.)  7.  Auflage

Der  weitblickende  Große  Kurfürst  hatte  die  Wichtigkeit  einer  Kriegsflotte  und  überseeischer
  Besitzungen  klar  erkannt.  Seine  Unternehmungen  in  dieser  Hinsicht  schildert
der  erste  Band.  Der  Held  der  Erzählung  ist  Erich  Woke,  der  sich  vom  Schiffsjungen
bis  zum  Kapitän  emporarbeitet.  Fast  zweihundert  Jahre  aber  vergingen,  ehe  das  Samenkorn,
  das  der  Große  Kurfürst  gelegt  hatte,  Früchte  trug.  Jetzt  weht  Deutschlands  Flagge
auf  allen  Meeren,  und  weite  Gebiete  stehen  unter  Deutschlands  Herrschaft.  Freud’  und
Leid  unserer  Seeleute,  Scherz  und  Ernst  des  Schiffslebens  lernen  wir  im  zweiten  Bande
kennen;  sein  Inhalt  fesselt  besonders  dadurch,  daß  er  uns  einen  Sohn  Helgolands  vorführt,
  das  ein  wichtiger  Stützpunkt  unserer  Flotte  geworden  ist.

Jeder  der  obigen  Bände  kostet  in  Prachtband  4  Mark,  geheftet  3  Mark
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        Für  die  reifere  männliche  Jugend

 

Geschichtliche  und  militärische  Bilder  von  der  Entwicklung
J  Jederzeit  amp  erei  d  euichen  Unter  Mitwirkung  militärischer

männer  von  Oskar  Höcker  und  Arnold
Ludwig.  Mit  vielen  Abbildungen  und  Schlachtplaͤnen  a  einem  von  Armeemärschen.  2.  Auflage.
In  Prachtband  8  Mark,  geheftet  6  Mark

Se.  Majestät  der  Kaiser  hat  das  Such  in  großer  Zahl  zu  persönlichen  Geschenken  verwandt;  es  sollte
in  keiner  patriotisch  gesinnten  Familie  fehlen.

 
 

 
 
  

Probe  der  kleineren  Abbildungen  aus:
„Jederzeit  kampfbereit!“

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Der  Königsurlauber,  h  i  e  erd  heeen

8.  Auflage.  Gebunden  1,60  Mark,  geheftet  1  Mark.

Deutscher  Kaiser  und  König  von  Preußen.  Ein  Lebensbild,
Frie  ri  Er  ri  e,  ng  und  alt  gewidmet  von  D.  Bernhard  Rogge,  Kal.  Hofediger.
  Mit  dem  Bildnis  des  Kaisers  und  vielen  andern

Abbildungen.  5.  Auflage.  Reich  gebunden  3  2  #estet  2,25  Mark.

Bilder  aus  der  Zeit  der  Erniedrigung

#nier  der  ei  e  es  Koren  und  der  Erdebung  Detschlande.  Rac

den  Erinnerungen  seines  Großvaters

erzählt  von  M.  Hübner.  Mit  Bildern  von  A.  v.  Roeßler.  2.  Auflage.  Prachtband  5  Mark,  geheftet  3,50  Mark.

Zusturgeschichesche  Erzählungen  aus  der  Zeit  Kaiser
Für  ai  er  un  ei  Heinrichs  IV.  von  Ferdinand  Sonnenburg,  Mit

vielen  Bivem  von  Johs.  Gehrts.  2.  Auflage.
Zwei  selbständige  Bände.  In  Prachtband  je  3  Mark,  geheftet  je  2,25  Mark.

l  Band:  Berthold  der  Getreue.  Die  Mär  von  des  Königs  wehrhaftem  Vogt.
l.  „Irnfried  und  Erwin.  Wie  dem  Kaiser  die  Treuen  dienten  in  den  Warzbergen  und  am  Rheinstrom.

 

 

 

 

3  Wie  er  ein  Ritter  ward,  und  wie  er  den  Freimut  geschwungen  hat.
einz  reuaug  Der  heranwachsenden  Jugend  geschildert  von  A.  Helms.  Mit  vielen
Bildern.  5.  Auflage.  In  Prachtband  4  Mark,  geheftet  3  Mark.

 

lichen  Bildern  der  reiferen  Zugend  erzählt  von  J.  Pederzani-Weber.  Mit  vielen  Abbil-Kunstudt

  Die  Siege  der  Helden  der  Marienburg  über  die  eiden  des  Ostens.  In  kulturgeschichtdungen
  von  Johs.  Gehrts.  2.  Auflage.  In  Prachtband  3  Mark,  geheftet  2,25  Mark.

 

Erzählung  aus  des  Vaterlandes  Vorzeit.  Der  reiferen

3  3  ibil
Rinold  und  TuiskomarVober

In  Prachtband  3  Mark,  geheftet  2,25  Mark.

 

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        <pb n="282" />
        Für  die  reifere  männliche  Jugend

ften  von  Karl  Tanera

Neuigkeit  Weihnachten  1907
Wolf  der  Drag  oner  Kriegsgeschichtliche

  Erzählung.
des  Prinzen  Eugen
nungen  von  E.  Zimmer.

Dieses  Buch  bildet  eine  Kotehung  zu  der  1906  erschienenen
Jugendschrift:

Wolf  der  Junker  geonn
Zeit  Ludwigs  XIV.  Mit  8  Bildern  nach  Zeichnungen

von  E.  Zimmer.  6.  Auflage.

Die  Kriegserzählung  ist  von  jeher  das  ureigenste  Schaffensgebiet
Taneras  gewesen,  und  auf  ihm  hat  er  die  höchsten  Lorbeeren
als  Schriftsteller  errungen.  Dies  beweist  auch  die  Neuherausgabe
der  vorliegenden  beiden  Erzählungen,  die  vor  längeren  Jahren  als
Romanserie  unter  dem  Titel  „Durch  ein  Jahrhundert“"  erschienen.
In  dem  ersten  Bande  „Wolf  der  Junker“  bildet  eine  der  trübsten
Episoden  der  heimischen  Geschichte,  die  Besetzung  der  Rheinlande
und  die  Zerstörung  der  unglücklichen  Stadt  Speyer  durch  die
Truppen  Ludwigs  XIV.  den  Hintergrund  zu  einer  spannenden  Erzählung.  Der  zweite  Band  „Wolf  der
Dragoner"  zeigt  uns  den  Sohn  des  Helden  der  ersten  Erzählung,  wie  er  unter  dem  ritterlichen  Prinzen  Eugen
kämpft  und  reiche  Lorbeeren  erntet.  Ein  dritter  (Schluß-)  Band  soll  1908  erscheinen.

In  Prachtband  je  3,560  Mark,  geheftet  je  2,50  Mark

—

Schr

 

 

 

 

 

 

 

 

Erzählung  aus  unsern  Tagen.  Mit

Der  Freiwillige  des  Iltis  8  Tonbildern  nach  Zeichnungen  von

E.  Zimmer.  10.  Auflage.
Erzählung  aus  unsern  Tagen.  Mit

Aus  der  Prima  nach  Tientsin  :  Zeichnunqen

von  E.  Zimmer.  5.  Auflage.

Auch  in  diesen  beiden  Werken  hat  sich  das  Erzählertalent  Taneras  trefflich  bewayrt:  vielseitige,  geradezu
unerschöpfliche  Gestaltungskraft  in  Anlage,  Fortführung  und  Abschluß  der  Handlung  und  ein  warmer  vaterländischer
  Hauch  treten  in  den  Erzählungen  aufs  glänzendste  hervor.  —  „Aus  der  Prima  nach  Tientsin“  bildet
eine  völlig  selbständige  Fortsetzung  der  Erzählung:  „Der  Freiwillige  des  Iltis“;  beide  Bücher  ergänzen  die  auf
Seite  6  angezeigte  bekannte  Sammlung  Oskar  Höckers:  „Unsere  Deutsche  Flotte“.

 

Eine  Erzählung  für  die  reifere  Jugend.  Mit

Heinz  der  Brasilianer  8  Bildern  nach  Zeichnungen  von  E.  Zimmer,

H.  Deppermann,  H.  M.  Lemme.  2.  Auflage.

3  Kriegserzählung  aus  den  Jahren

Raupenhelm  und  Pickelhaubbe,  eabe
nach  Zeichnungen  von  E.  Zimmer.  4.  Auflage.

«  üge  di  ä  b  teil  der  st  Wahrheit  des  Geschilderten,  da
Diesoder#n  Baors  ugedieser  Erzählngen  berusen  e  us  usde  Lerngen  Fhr  bein  Esosbschiler  mu  der

die  Personen  und  Ereignisse  dem  Leser  entgegentreten.  Durch  diese  Vorzüge  haben  die  vorstehenden  Erzählungen
des  leider  zu  früh  verstorbenen  Verfassers  in  den  weitesten  Kreisen  ungeteilte  Anerkennung  gefunden.

 

Die  vorstehenden  4  Bücher  kosten  in  reich  ausgestatteten  Prachtbänden
je  5  Mark,  geheftet  je  3,50  Mark
        <pb n="283" />
        Für  die  reifere  männliche  Jugend

 

 

Probeabbildung  aus:
Tanera,  Wolf  der  Dragoner  des  Prinzen  Eugen.
        <pb n="284" />
        Für  die  reifere  männliche  Jugend

 

Im  Banne  des  Scherifen

mRannedes  Icherifen  Eine  Erzählung  aus  Marokko  von
kEkrähl  #
—  Dr.  Alfred  Funke
Mit  8  Vollbildern  von  Johs.  Gehrts.  2.—4.  Auflage.

Neuigkeit  Weihnachten  1906

as  Land  des  „Scherifen“  hält  fortgesetzt  die  europäische

  Welt  in  Spannung.  Immer  von  neuem  macht
sich  der  Haß  der  fanatischen  Mauren  gegen  die  „Christenhunde“
  in  blutigen  Taten  Luft.  Auf  dem  Schauplatz  der
jüngsten  Unruhen,  in  Casablanca,  beginnt  die  spannende
Erzählung,  die  uns  auf  Grund  authentischer  Aufzeichnungen
  des  jetzt  wieder  viel  genannten  Dr.  Jannasch
von  Alfred  Funke.  von  den  Erlebnissen  der  ersten  deutschen  Handelsexpedition
  nach  Marokko,  von  ihren  unsäglichen  Leiden  bei
den  wilden  Stämmen  der  Kabylen,  von  glüclich  überstandenen
  Gefahren  und  ihrer  endlichen  Rettung  berichtet.  Dabei  erfahren  wir  viel  Interessantes
  von  dem  Leben  und  Treiben  in  den  Hafenstädten  und  am  Hofe  des  jetzigen
und  des  vorigen  Sultans;  insbesondere  greift  der  durch  die  jüngsten  Ereignisse  bekannt  gewordene
  Kaid  Mac  Lean,  der  Gefangene  Raisulis,  wesentlich  in  den  Gang  der  Handlung  ein.

In  Prachtband  5  Mark,  geheftet  3,50  Mark

 

     

 

 

 

 

 

 

Nach  J.  F.  Cooper  frei  für  die  deutsche  Jugend
Der  Le  te  der  Mo  ikaner  bearbeitet  von  A.  Helms.  Mit  12  Tonbildern
und  sehr  vielen  Textabbildungen.  2.  Auflage.

In  Prachtband  4  Mark,  geheftet  3  Mark.

Ausstattung  und  Bearbeitung  sind  bei  dieser  Ausgabe  des  unvergänglichen  Werkes  besonders  wertvoll;  bei
Bestellung  wolle  man  deshalb  ausdrücklich  angeben:  Verlag  von  Hirt,  Leipzig.

 

.  Erlebnisse  eines  Deutschen  in  Alaska.  Von
Das  Goldland  am  Klondike  ee

band  3  Mark,  geheftet  2,25  Mark.

 

3  B3  Szenen  aus  dem  Leben  in

Kalulu,  Prinz,  König  und  Sklave,  n  dn

»  Stanley.  Für  die  deutsche

Jugend  bearbeitet  von  L.  Mannheim.  Mit  17  Tonbildern.  7.  Auflage.  Prachtband  4  Mark,  geheftet  3  Mark.

In  dem  Stanleyschen  Buche  werden  die  „Schwarzen"  nach  ihren  guten  und  schlechten  Eigenschaften  geschildert,

auch  die  Araber  und  ihre  greuelvollen  Sklavenjagden  lernen  wir  kennen.  Ein  groher  Teil  der  Gebiete,  in
denen  die  Erzählung  spielt,  ist  inzwischen  unter  deutsche  Schutzherrschaft  (Deutsch-Ostafrika)  gekommen.

3  **  2  Szenen  aus  dem  ostindischen  Leben

a  1  er  Schlangenbändiger  von  L.  Rousselet.  Für  die  deutsche

«  «  Jugend  bearbeitet  von  L.  Mannheim.
  Mit  zahlreichen  Bildern.  4.  Auflage.  In  Prachtband  4  Mark,  geheftet  3  Mark.

Rousselets  „Mali“  versetzt  uns  in  die  wichtigste  überseeische  Besitzung  der  Engländer.  Die  geschichtliche  Grund-Alage,

  auf  der  die  Erzählung  sich  aufbaut,  bildet  der  furchtbare  Aufstand,  den  der  berüchtigte  Nena  Sahib

im  Jahre  1857  hervorrief.  So  findet  die  deutsche  Jugend  in  dem  Buche  einerseits  ein  sonst  bei  uns  weniger

bekanntes  Stück  der  Weltgeschichte,  anderseits  wird  ihr  darin  die  fremdartige  Wunderwelt  Indiens  mit  seinen

Riesenbergen,  seinen  geheimnisvollen  Urwäldern,  seinem  unerschöpflichen  Tierleben,  seinen  prachtschimmernden.

Städten  am  heiligen  Ganges  in  farbenreichen  Bildern  dargestellt.

10

 

 

v
        <pb n="285" />
        Auf  einem  prächtigen  Schimmel  ritt  Sultan  Muley  Abdelasis  in  das  Lager  der  Tolba  ein.
Probeabbildung  aus:  Funke,  Im  Banne  des  Scherifen.

 

11
        <pb n="286" />
        Für  die  reifere  männliche  Jugend

 

Schriften  von  Friedr.  J.  Pajeken

Bob  der  Fallensteller  #.  au
Bob  der  Städtegründer  #
Bob  der  Millionär  ausoge
Ein  Held  der  Grenze  #.  Alage

Mit  vielen  Tonbildern  in  Holzschnitt
nach  Zzeichnungen  von  Johs.  Gehrts

Vier  selbständige  Erzählungen  aus  Nordamerika

ajeken,  der  viele  Jahre  unter  den  Indianern  gelebt,
mit  ihnen  verkehrt,  sie  mit  scharfem  Auge  beobachtet
hat,  schildert  uns  wirkliche  Rothäute,  wie  sie  denken  und
handeln.  Wahrheitsgetreu,  wie  das  Leben  und  Tun  der
Indianer,  malt  uns  Pajeken  auch  das  der  Weißen  im
fernen  Westen,  wo  mancher  ein  verfehltes  Dasein  mit
Schrecken  beschließt,  wenn  es  ihm  nicht  gelingt,  durch
eiserne  Willenstraft  sich  emporzuringen.  Die  spannenden  Erzählungen  beruhen  streng  auf
Wahrheit,  —  ein  besonderer  Vorzug  gegenüber  zahlreichen  Büchern  ähnlichen  Inhalts.

,  In  Prachtband  je  4  Mark,  geheftet  je  3  Mark

 

 

 

 

Schriften  von  Bruno  Garlepp
Jenseit  der  Grenzpfähle

Kulturbilder  aus  weniger  bekanntem  Volksleben,  besonders  Europas
Mit  Abbildungen  nach  Zeichnungen  von  Johannes  Gehrts

I.  Band:  Durch  Steppen  und  Tundren  Erzählung  aus  Südrußland  und  Ostsibirien.

Mit  farbigem  Titelbild  und  6  Tonbildern  von  Johs.  Gehrts.  2.  Auflage.

1II.  „  Halbmond  und  Griechenkreuz  Erzählung  aus  der  Türkei  und  Griechenland.

Mit  8  Tonbildern  nach  Zeichnungen  von  Johs.  Gehrts.  2.  Auflage.

III.  „  Heiduckenkämpfe  Erzählung  aus  dem  Balkanleben  der  Neuzeit.  Mit  8  Tonbildern
  nach  Zeichnungen  von  Johs.  Gehrts.

„  Der  Pußtenkönig  Erzählung  aus  dem  ungarischen  Steppenleben.  Mit  8  Tonbildern
  nach  Zeichnungen  von  Johs.  Gehrts.

Die  russische  Revolution  sowie  die  politischen  Ereignisse  auf  der  Balkanhalbinsel  und  den
angrenzenden  Ländern  lenken  von  neuem  die  Aufmerksamkeit  auf  die  fesselnden  Erzählungen
  Garlepps,  die  uns  ein  anschauliches  Kulturbild  jener  Länder  geben  und  uns
deren  Bewohner  mit  ihren  Vorzügen  und  Fehlern,  ihren  Sitten  und  Gebräuchen  in
greifbarer  Klarheit  vor  Augen  führen.

IV.

 

In  4  selbständigen,  einzeln  käuflichen  Bänden:  In  Prachtband  je  5  Mark,  geheftet  je  3,50  Mark
12
        <pb n="287" />
        Für  die  reifere  männliche  Jugend

Schriften  von  Flodatto

Lustige  und  ernste  Geschichten  aus  den  deutschen  Alpen.  Mit  8  Separat-Alpenzauber

  bildern  und  zahlreichen  Abbildungen  im  Text  von  Hugo  Engl.  2.  Auflage.

In  Prachtband  5  Mark,  geheftet  3,50  Mark.

Die  große  und  stetig  wachsende  Vorliebe,  welche  heutzutage  für  die  Schönheiten  der  Hochgebirgswelt  vorhanden
  ist,  hat  der  Erzählung  „Alpenzauber“  zahlreiche  Leser  zugeführt.  Der  Umstand,  daß  auch  der
unerschöpfliche,  harmlos  neckische  Humor  der  Alpenbewohner  zur  vollen  Geltung  kommt,  verleiht  dem  Buche
einen  ungemein  frischen  Zug,  der  den  Leser  von  Anfang  bis  zu  Ende  fesselt.

Ernste  und  heitere  Erlebnisse,  Reise=  und  Jagdabenteuer.  Mit  6  Ton-Durch

  Dah  ome  bildern  von  Johannes  Gehrts.  2.  Auflage.  In  Prachtband  5  Mark,
geheftet  3,50  Mark.

In  die  Jacktborscheft  einer  unserer  westafrikanischen  Kolonien  versetzt  uns  die  Erzählung  „Durch  Dahome“.

Ein  köstlicher,  gesunder  Frohsinn  durchdringt  alle  Abschnitte  des  Buches,  und  zwar  nicht  allein  die,  welche

sich  im  schönen  Bayerlande  abspielen,  sondern  auch  diejenigen,  die  das  ferne  Afrika  zum  Schauplatz  haben.

Schriften  von  J.H.  O.  Kern

S  Bilder  aus  allen  Meeren  und  Kämpfe  mit  Wind  und  Wellen.
In  S  ßtrm  un  10  Den  Berichten  von  Seeleuten  für  die  männliche  Jugend  nacherzählt.

  Mit  einem  erläuternden  Anhang  der  seemännischen
Ausdrücke  und  vielen  Abbildungen  von  Johs.  Gehrts.  6.  Auflage.  In  Prachtband  3  Mark,  geheftet  2,25  Mark.

Sorgfältig  ausgewählte  Schilderungen  aus  dem  Leben  der  Seeleute  enthält  „In  Sturm  und  Not“.  Ob  im
Kampfe  mit  Sturm  und  Wellen  oder  mit  habgierigen  Seeräubern,  immer  und  überall  treffen  wir  auf
kernige,  wetterfeste  Gestalten,  die  teilweise  freilich  noch  manchmal  in  sonderbarem  Aberglauben  befangen  sind,
trotz  der  wohlüberlegten  Maßregeln  und  Kunstgriffe,  welche  die  Kapitäne  anwenden,  um  ihre  Leute  scheinbar
ganz  ohne  Absicht  eines  Besseren  zu  belehren.  So  gewinnt  der  Leser  ein  treues  Bild  des  Lebens  der  Seefahrer.

3  3  33  Leben  und  Taten  eines  Freibeuters  der  Jetztzeit,  der  reiseren

1f0  ei  e  er  u  ee  Jugend  erzählt.  Mit  12  Tonbildern  von  Johs.  Gehrts.

3.  Auflage.  In  Prachtband  5  Mark,  geheftet  3,50  Mark.

as  uns  in  der  „Geißel  der  Südsee“  erzählt  wird,  liest  sich  wie  Märchen,  wie  Gestaltungen  einer  lebhaften
Einbildungskraft,  die  mit  Tatsachen  nicht  in  Einklang  zu  bringen  sind.  Und  doch  ist  der  Inhalt  des
außerordentlich  spannenden  Buches  Wahrheit,  er  beruht  auf  festgestellten  Tatsachen;  der  belesene  und  seekundige

Verfasser  erzählt  uns  getreu  das  Tun  und  Treiben  eines  Seeräubers  der  Südsee.  Nebenher  werden  aber  auch
Land  und  Leute  der  Südsee-Inseln  geschildert,  insonderheit  der  nunmehr  deutschen  Samoa-Gruppe.

Schriften  von  S.  Wörishöffer

Bilder  aus  dem  Seeleben.  Mit  be-Das
  Bu  vom  braven  Mann  sonderer  Berücksichtigung  der  Gesellschaft

  zur  Rettung  Schiffbrüchiger.
Mit  16  Tonbildern  von  Johs.  Gehrts.  7.  Auflage.  In  Prachtband  5  Mark,  geheftet  3,50  Mark.

JJm  „Buch  vom  braven  Mann“"  folgen  wir  dem  Helden  der  Erzählung  von  der  deutschen  Hafenstadt  hinaus

in  die  Nordsee  und  in  den  atlantischen  Ozean,  in  die  Mangroven-Dickichte  und  zu  den  Bewohnern  des
„Schwarzen  Erdteils“,  um  zuletzt  das  heldenmütige  Wirken  der  braven  Seeleute  kennen  zu  lernen,  die  ihr
Leben  einsetzen,  um  das  der  Schiffbrüchigen  zu  retten.

Erlebnisse  und  Abenteuer  einer  verbannten  deutschen

Gerettet  aus  Sibirien  Familie.  Auf  Grund  einer  Erzählung  von  Améro  r

Tissot  für  die  reifere  deutsche  Jugend  bearbeitet.
vielen  Tonbildern  und  Textabbildungen.  7.  Auflage.  In  Prachtband  5  Mark,  geheftet  3,50  Mark.

erettet  aus  Sibirien“  führt  die  jugendlichen  Leser  in  die  eisigen,  menschenarmen  Einöden  Nordasiens.
½%  Die  Schilderung  der  Schicksale  unschuldig  Verurteilter  bringt  besonders  spannende  Momente  in  die  Erzählung.

13
        <pb n="288" />
        Für  die  reifere  männliche  Jugend

 

"1a  Erzählung  aus  dem  altrömischen  Leben.  Der  reiferen
Virtus  Romana  Jugend  gewidmet  von  Ludwig  Gurlitt.  Mit  8  Bildern
nach,  Zeichnungen  von  Johannes  Gehrts.  2.  Auflage.

 

 

 

Ausschnitt  aus  dem  Bilde:  Eine  stürmische  Senatssitzung.

Im  Verlauf  einer  spannenden  Handlung,  deren  Mittelpunkt  der  sittenstrenge  aber  vielfach
  angefeindete  Censor  Cato  und  dessen  Sohn  Markus  bilden,  führt  uns  der  Verfasser
  in  das  Leben  und  Treiben  der  Glanzperiode  des  alten  römischen  Freistgates,  in
„Roms  Heldenzeit“  ein.  Durchweg  auf  wissenschaftlicher  Forschung  und  alter  Uberlieferung
  beruhend,  bietet  das  Buch  ein  verläßliches  Bild  des  bedeutendsten  Staatsmanns  und
Redners  seiner  Zeit  und  fördert  das  allgemeine  Verständnis  für  die  römische  Geschichte.

In  Prachtband  5  Mark,  geheftet  3.50  Mark
Für  die  Hausbibliothek

Neuigkeit  1907
"1  2  von  Dr.  Wilhelm  Waetzoldt.  Mit  80  Bildern.
Die  Kunst  d  es  Porträts  Geheftet  ca.  10  M.;  in  Geschenkband  ca.  12  M.
An  einer  kurzgefaßten  Monographie  über  die  Kunst  des  Porträts  hat  es  bisher  gefehlt.  Das  Buch  wird
daher  nicht  nur  in  den  Kreisen  der  Künstler  und  Kunstgelehrten,  sondern  auch  bei  allen  kunstliebenden

Laien  Anklang  finden,  namentlich  auch  mit  Rücksicht  auf  den  sachkundig  ausgewählten  Bilderschmuck,  der  80
teils  wenig  bekannte  Porträts  in  vorzüglicher  Wiedergabe  enthält.

14
        <pb n="289" />
        Für  die  Hausbibliothek

 

F.  Hirts  Bilderschatz  zur  Länder=  und  Völkerkunde

432  Abbildungen  nebst  erläuterndem  Text,  für  die  Belehrung  in  Haus  und  Schule  zusammengestellt  von  Prof.  Dr.
Alwin  Oppel  und  Arnold  Ludwig.  Folio.  25.  bis  29.  Tausend.  Steif  geh.  3  Mark,  in  Leinwandband  4  Mark.

Inhaltsübersicht:  l.  Allgemeine  Erdkunde.
10  Taseln.  II.  Landschaftskunde.  21  Tafeln.  III.
Völkerkunde.  35  Tafeln.  IV.  Wirtschaftskunde  und
Verkehrswesen.  20  Tafeln.

Von  hohen  Schulbehörden  ist  dies  Werk
für  die  heranwachsende  Jugend  ausdrücklich
empfohlen  worden.

Das  Verständnis  dieses  reichen  Bildermaterials
wird  sehr  erleichtert  durch  die

Erläuterungen  zu  F.  Hirts

#71  für  Haus  und  Schule  von  R.  Leite.
Bilderscha  8..  3.  Auflage.  Gebund.  1,50  Mk.

 

Allgemeine  Erdkunde
in  Bildern

Mit  Berücksichtigung  der  Völkerkunde  und  Kulturgeschichte
  unter  Mitwirkung  hervorragender  Fachmänner
  herausgegeben,  von  Prof.  Dr.  Alwin  Oppel
und  Arnold  Ludwig.  Dritte  Auflage,  enthaltend
30  Tafeln  und  346  Abbildungen  in  Schwarzdruck  und
28  Abbildungen  in  vielfachem  Farbendruck,  sowie
17  Seiten  erläuternden  Text.  Steif  geheftet  6,50  Mark,
Schiffer  aus  Neapel  (Aus:  Hirts  Bilderschatz)  in  Leinwandband  8,50  Mark.

in  seinen  charakteristischen  Zügen  und  seinen  Beziehungen  zu

as  den  &amp;amp;  Land  Esschichte  und  Leben  der  Menschen.  Von  Prof.  Dr.  J.  Kutzen.

4.  Auflage,  gänzlich  umgearbeitet  von  Dr.  Victor  Steinecke.  Mit

116  Karten  und  Abbildungen  in  Schwarzdruck,  sowie  5  Karten  und  4  Taseln  in  vielfachem  Farbendruck.  gr.  80.

602  Seiten.  Geheftet  10  Mark,  gebunden  12,50  Mark.

 

 

Bilder  des  deutschen  Landes

Umsch  au  in  der  deutschen  Heima  und  des  deutschen  Volkes  von

Prof.  Dr.  Hentschel  und  Prof.
Dr.  Märkel.  Mit  127  erläuternden  Abbildungen  in  Schwarzdruck  und  2  Tafeln  in  vielfachem  Farbendruck.
2.,  verbesserte  und  erweiterte  Auflage.  Geheftet  4  Mark,  gebunden  5  Mark.

Erschien  früher  unter  dem  Titel  „Umschau  in  Heimat  und  Fremde  l.  Teil“.

Ein  bewährtes  geographisches  Handbuch  und  zugleich  ein  wertvolles  Geschenk  ist:
;  it  284.K  d  erläuternden  Abbild
„Der  Große  Seydlitz,,n  νrν  ν

Farbendruck.  24.  Bearbeitung,  unter  Mitwirkung  vieler
Fachmänner  besorgt  von  Prof.  Dr.  E.  Oehlmann.  gr.  8°.  700  S.  Leinwandband  5,25  Mk.,  Halbfranzband  6  Mk.

Durch  Indien  ins  verschlossene  Land  Nepal

Ethnographische  und  photographische  Studienblätter  von  Dr.  Kurt  Boeck.  Mit  36  Separatbildern,  einem  Panorama

und  240  Abbildungen  im  Text,  sämtlich  nach  photographischen  Aufnahmen  des  Verfassers,  sowie  mit  einer

Kartenskizze.  XVI  u.  320  S.  Lex.  80.  In  elegantem  Leinwandband  10  Mark.

In  fesselnder  Form  führt  der  Verfasser  seine  Erlebnisse  und  die  bemerkenswertesten  Vorkommnisse  seiner  vier
großen  Reisen  in  allen  Teilen  Indiens,  einschließlich  Birmas,  Ceylons  und  des  geheimnisvollen  Landes  Nepal

vor.  In  zwanglosem,  oft  humoristisch  gefärbtem  Plaudertone,  aber  stets  mit  echt  wissenschaftlichem  Endzweck  entrollt

er  ein  vollständiges  Bild  aller  für  das  große  Publikum  interessanten  Kulturverhältnisse  des  modernen  Indiens.

15
        <pb n="290" />
        Für  die  Hausbibliothek

·  J  —  4
Grundriß  der  Kunstgeschichte,
Bohnemann.  Mit  197  Textbildern  und

einer  farbigen  Tafel.  2.  Auflage.  In  Geschenkband  4  Mark.

WBohnemanns  Kunstgeschichte  stellt  sich  die  Aufgabe,  in  anschaulicher,  fließender  Schilderung  unter  Vermeidun
alles  gelehrten  Beiwerks  einen  Uberblick  über  das  gesamte  Gebiet  der  bildenden  Künste  zu  geben,  sie  will  zuglei
dem  Anfänger  sowie  demjenigen,  der  sich  mit  dem  Studium  größerer  Werke  nicht  befassen  kann,  als  kurzgefaßtes
Nachschlagebuch  dienen.  Da  auf  dem  Gebiete  der  Kunst  die  Anschauung  fast  alles  bedeutet,  so  ist  in  richtiger
Erkenntnis  dieser  Tatsache  auf  die  Auswahl  und  die  technische  Vervollkommnung  des  Bildermaterials  größte  Sorgfalt
  verwendet  worden.  In  möglichst  vollendeter  Wiedergabe  sind  die  charakteristischen  Kunstwerke  der  einzelnen
Epochen  dargestellt  und  bieten  so  die  beste  Ergänzung  zu  dem  mit  großer  Fachkenntnis  bearbeiteten  Texte.  Mit
Rücksicht  auf  die  zunehmende  Verbreitung  des  Grundrisses  als  Lehrbuch  an  höheren  Schulen,  hat  der  Verfasser
von  der  Aufnahme  aller  sich  für  diesen  occh  nicht  eignenden  Abbildungen  abgesehen.

 

 

.  von  Theodor  Lindner.  Ihre  Geschichte  und  Bedeutung.  Für  das
Die  deut  e  an  e  deutsche  Volk  dargestellt.  3.  Auflage.  Mit  Titelbild,  72  Abbildungen
im  Text  und  einer  Karte  in  Farbendruck.  Geheftet  2.25  Mark.

In  Geschenkband  3  Mark.

Bei  dem  stetig  steigenden  Interesse  für  unser  See=  und  Handelswesen  verdient  eine  so  zeitgemäße  Arbeit  aus
berufener  Feder  um  so  mehr  die  allgemeinste  Beachtung,  als  die  Geschichte  und  die  Bedeutung  der  Hanse
viel  zu  wenig  bekannt  sind  und  es  vielfach  nicht  genug  gewürdigt  wird,  was  deutscher  Mut  und  deutsche  Intelligenz
  in  den  glorreichen  Tagen  der  Hanse  Großes  gcleistet  haben.  Um  so  erwünschter  muß  es  deshalb  sein,
daß  allgemein  die  Gründe  bekannt  werden,  die  zu  den  großen  Erfolgen  der  Hanse,  wie  später  zu  ihrem  Niedergange
  geführt  haben.  Zahlreiche  Abbildungen,  zum  Teil  nach  schwer  zugänglichen  Quellen  beschafft,  und  eine
ferbige  Karte,  die  das  Gebiet  der  Hanse  um  1400  darstellt,  geben  dem  Werke  besonderen  Wert  und  erleichtern
eine  Benutzung.  Bibliotheken  und  Lesehallen  werden  dasselbe  nicht  entbehren  können,  aber  auch  im  Hause,  in
der  Familie  sollte  dieses  in  der  neuen  Ausgabe  so  preiswerte,  für  jung  wie  alt  gleich  lehrreiche  und  interessante
Buch,  das  sich  in  dem  geschmackvollen  Einbande  auch  trefflich  zum  Geschenk  eignet,  nicht  fehlen.

 

 

Für  den  fremdsprachlichen  Unterricht

 

Für  die  Jugend,  aber  auch  für  Erwachsene  interessant  und  lehrreich  ist

Thora  Goldschmidt=Sprachunterricht

  auf  Grundlage  der  Anschauung

 

Bildertafeln  für  den  Unterricht  im  Französischen  ö.  Auflage
Bildertafeln  für  den  Unterricht  im  Englischen  3.  neubearb.  Auflage
Bildertafeln  für  den  Unterricht  im  Italienischen

Je  26  Anschauungsbilder,  bzw.  52  in  der  italienischen  Ausgabe,  mit  erläuterndem  Text,  Textübungen
  und  ausführlichem  systematischen  Wörterverzeichnis.  Für  die  deutschen  Sprachgebiete
autorisierte  Ausgaben.  Kleinquart.  Kart.  je  2,50  Mark.  Geschenk-Ausg.  Geb.  je  3  Mark.

Bei  dem  Goldschmidtschen  Lernverfahren,  das  den  ersten  fremdsprachlichen  Unterricht  weiterführen  und  vertiefen
  soll,  leisten  Auge  und  Vilder,  die  als  Gedankenvermittler  in  Anspruch  genommen  werden,  wichtige
Dienste.  Konversations=  und  Sprechübungen  befestigen  das  Gesehene  und  Gelernte  und  fördern  schnell  den
praktischen  Gebrauch  der  zu  erlernenden  Sprache.  Die  neu  erschienenen  Bildertafeln  zur  Erlernung  des
Italienischen  sollen  insbesondere  den  zahlreichen  Reisenden,  die  alljährlich  Italien  aufsuchen,  als  wirklich
praktisches  Lehrbuch  und  zugleich  als  Sprachführer  dienen.  Für  diesen  Zweck  ist  ein  biegsamer  Leinenband
(Geschenkausgabe)  geschaffen  worden,  der  auf  der  Reise  leicht  mitgeführt  werden  kann.

 

Druck  von  Breitkopf  &amp;amp;  Härtel  in  Leipzig.
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