Noch  eine  persönliche  Erinnerung.  Ein  ehrenwerter
Priester  war  mit  mir  an  derselben  Klasse  tätig  —  er  hatte
Abteilung  A,  ich  die  Klasse  B  —.  Heimgekehrt  von  der
Feier  des  400jährigen  Geburtstages  Luthers,  an  der  die
evangelische  Gesamtgemeinde  Regensburg  trotz  aller  ihrer
Gegensätze  einheitlich  in  die  Erscheinung  getreten  war,  traf
ich  meinen  Kollegen,  der  mir  —  ich  glaube  aus  einem
Brevierabschnitt  —  die  Jesajasworte  auf  Nebuhadnezar
für  Luther  zitierte:  Wie  bist  du  vom  Himmel  gefallen,
du  schöner  Morgenstern!  —  Der  in  den  Abgrund  Verstoßene
  —  der  mit  den  Ehren  des  Bekenners  gnadenreich
gekrönte  Konfirmator  deuscher  Lande  —  hier  war  wiederum
keine  Vermittlung  möglich.  So  aber  ist's  geblieben  und
wird's  bleiben,  bis  Gott  ins  Mittel  tritt:  Den  Geist  dämpft
nicht,  die  Weissagung  verachtet  nicht!  Janssen  und  Grisar,
Denifle  und  selbst  Majunke  haben  in  gutem  Glauben  gehandelt,
  aber  selbst  ihre  Objektivität  ist  Verurteilung.  Das
Dogma  muß  die  Geschichte  korrigieren.

Warum  haben  wir  Luther  lieb?  Unsere  hatholischen
Mitbürger  verstehen  das  nicht  und  können  es  nicht  begreifen
  —  wir  verstehen  diese  Befremdung.  Nicht  recht
aber  verstehen,  vielmehr  tief  behlagen  werden  wir,  wenn
Kinder  der  Reformation  ihn  nicht  lieben  und  unsere
Liebe  belächeln  und  verwunderlich  finden.  Da  gibt  es
etliche  Protestanten,  denen  Luther  der  Mönch  ist,  dem  die
mittelalterliche  Kutte  um  die  Jüße  schlägt.  Seine  Anschauungen
  und  Glaubensmeinungen,  seine  Lehre  und
Predigt  sind  befangene,  gebundene,  einseitig  beschränkte
Gedanken,  denen  er  sich  einmal,  etwa  um  1520,  mit
kühnem  Ruch  entreißen  wollte.  Aber  der  Riß  in  der
Kutte  war  nicht  ihre  Ablegung  und  der  Anlauf  zur  wahren
Freiheit,  zur  Bekenntnislosigkeit  blieb  eben  ein  Anlauf.
Das  mönchisch  befangene  Wesen  trat  lähmend  und  fesselnd
wieder  herzu.  Ihr  echter  Luther  müßte  etwa  bei  denen
um  Ostwald  zu  suchen  sein,  wo  nur  noch  das  Gewissen,