das  „Bewußtsein  des  Rechten“,  wie  der  alte  Heidelberger
Paulus  meinte,  dem  Menschen  Gesetz  ist.  Was  er  nicht
annehmen  will,  das  bleibt  verworfen.  „Im  echten  Protestantismus
  richtet  jeder  sein  Verhältnis  zu  unserem  Herrgott,
  wie  er  will,  nicht  wie  Gott  will.“  Mit  Leid  gedenken
  wir  derer,  die  nur  von  einem  verkümmerten  und
verkrüppelten  Luther  zu  reden  wissen,  der  nie  das  geworden
  ist,  was  er  hätte  werden  sollen  und  können  und
vielleicht  auch  wollen.  Die  Kutte  war  zu  schwer,  der
Glaubensstrick  zu  hart  und  zu  fest.

Aber  wir  verstehen  sie  doch  noch  eher  als  die  ästhetischen
  Seelen,  denen  der  Bauer  Luther  zu  wenig
geistlich,  zu  rüde  und  zu  gewöhnlich  ist,  die  einen  Reformator
  eher  aus  dem  aristokratischen  Holze  eines  Calvin
oder  aus  den  zierlichen  und  zarten  Abbés  des  18.  Jahrhunderts
  sich  ersehnen.  Das  matte  Zeug  ohne  Saft  und
Kraft  wie  lauter  welke  Blüten  und  Kamillenblümlein,  wie
Mörike  einmal  sagt,  will  diesen  empfindsamen  Leuten  eher
zusagen,  als  die  kraftvolle,  reisige,  derbe,  zuweilen  auch
rohe  Art  Luthers,  der  mit  beiden  Füßen  auf  der  Erde,
auf  fränkischer  Erde  stand,  ein  rechtschaffener  Bauer  auch
im  Priesterroch  und  im  Professorentalar  blieb  und  bleiben
wollte.  „Der  Bär  brummt  eben  immer  nach  der  Höhle,
in  der  er  geboren  ward“  sagt  Goethe  einmal.  Wir  entschuldigen
  Luthers  Derbheit  nicht  und  ahmen  sie  auch  nicht
nach,  doch  sind  zu  Zeiten  goldene  Rüchsichtslosigkeiten  erquichlich
  und  wirken  befreiend.  Noch  weniger  freilich
sammeln  wir  aus  seinen  ÖSchriften,  den  Gelegenheitsworten
und  Tischreden  alle  Kynismen  —  Kaulbach  hat  in  einer
Zeichnung  von  den  vier  Haimonskindern  und  dem  nachlaufenden
  Manne,  der  aufliest,  was  das  Pferd  nach  seiner
Art  der  Straße  gibt,  die  rechte  Kritik  darüber  gesprochen.
Es  hat  ja  auch  nicht  gefallen  können,  als  Gladstone  aus
allen  Enunziationen  Pius  IX.  die  Scheltworte  sammelte.
—  Nein,  weil  Luther  oft  derb  redete,  darum  redete  er  be-9

