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        <title>Wegweiser durch Bismarcks Gedanken und Erinnerungen.</title>
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            <forname>Horst</forname>
            <surname>Kohl</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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            <idno>bismarck_gedanken_1899_ww</idno>
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        Von
Dorst  Kobl

 

...
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        <pb n="4" />
        <pb n="5" />
        Wegweiser
durch

Bis  marcks

Gedanken  und  Erinnerungen.

Von

Horst  Kohl.

 

Geipsig.
G.  J.  Göschen'sche  erlagshandlung.
1899.
        <pb n="6" />
        4

Das  Recht  der  Uebersetzung
wird  vorbehalten.

*
        <pb n="7" />
        Dem  Anßenken

des

Fürsten  Otto  von  Wismarck.
        <pb n="8" />
        <pb n="9" />
        7
—

Vorwort.

Der  „Wegweiser  durch  die  Gedanken  und  Erinnerungen
des  Fürsten  Otto  von  Bismarck"“  verdankt  seine  Entstehung
einer  Anregung,  die  mir  durch  die  Redaction  des  Leipziger
Tageblatts  gegeben  wurde.  Sie  bat  mich,  die  Leser  dieses
Blattes  mit  dem  Inhalte  des  bedeutenden  Werkes  bekannt  zu
machen,  und  so  schrieb  ich  eine  größere  Anzahl  von  Aufsätzen
zur  Einführung  in  die  Lectüre.  Sie  fanden  mehr  Anklang,
als  ich  selbst  erwartet  hatte:  von  vielen  Seiten,  darunter  auch
von  Männern,  deren  Urtheile  ich  besonderes  Gewicht  beilege,
wurde  ich  aufgefordert,  die  Aufsätze  zu  erweitern  und  zum
Buche  zusammenzufassen  und  dadurch  den  zahlreichen  Lesern
der  „Gedanken  und  Erinnerungen",  die  dem  erlauchten  Geschichtsschreiber
  nicht  überall  zu  folgen  vermögen,  weil  ihnen
die  vorausgesetzte  Kenntniß  der  historischen  Entwickelung  fehlt,
einen  Leitfaden  in  die  Hand  zu  geben,  der  es  ihnen  ermöglicht,
das  Werk  mit  dem  Gewinn  zu  studiren,  den  es  für  die  Erziehung
  des  deutschen  Volkes  zu  historischem  und  politischem
Denken  bringen  soll.  Aus  diesem  Gesichtspunkte  will  das  Buch
betrachtet  sein.  Es  bietet  in  knapper  Zusammenfassung  das
Wissenswürdigste  des  großen  Werkes,  überbrückt  durch  historische
Erzählung  gewisse  Lücken,  die  Fürst  Bismarck  mit  vollem  Bewußtsein
  gelassen  hat,  weil  er  die  Geschichte  seiner  Zeit  überhaupt
  nicht  schreiben  wollte,  nimmt  Stellung  zu  den  mancherlei
gehässigen  Angriffen,  die  des  Fürsten  Werk  durch  seine  politischen
  Gegner  erfahren  hat,  und  bekräftigt  durch  die  eingeschalteten
  Beweisstücke  die  Darstellung  des  Fürsten,  wo  ihre
        <pb n="10" />
        VI  Vorwort.

geschichtliche  Wahrhaftigkeit  angezweifelt  wurde.  Indem  das
Buch  so  mancherlei  Neues  bringt,  wird  es  für  die  Besitzer  der
„Gedanken  und  Erinnerungen“  eine  erwünschte  Ergänzung  sein.
Der  großen  Masse  derjenigen  aber,  die  nicht  im  Stande  sind,
sich  das  Werk  des  Fürsten  zu  kaufen,  wird  der  „Wegweiser“
zu  einem  „Schatzkästlein“  der  politischen  Weisheit,  die  in  den
„Gedanken  und  Erinnerungen“  niedergelegt  ist.  Hier  habe  ich
in  erster  Linie  an  die  Jünglinge  unserer  Gymnasien  und  Hochschulen
  gedacht  und  an  die  große  Zahl  junger  Kaufleute,  die
sich  nach  der  Arbeit  des  Tages  gern  auch  einmal  an  ernster
Lectüre  erfreuen,  wenn  sie  ihnen  in  einer  dem  Maße  ihrer
wissenschaftlichen  Bildung  entsprechenden  Form  geboten  wird.
So,  hoffe  ich,  wird  mein  Buch  mancherlei  Nutzen  stiften;  den
größten  Nutzen  aber  würde  es  stiften,  wenn  es  recht  viele
Deutsche,  die  das  Werk  Bismarcks  noch  nicht  besitzen,  veranlaßte,
sich  in  die  „Gedanken  und  Erinnerungen“  zu  vertiefen  und  durch
immer  erneutes  Studium  sich  den  Reichthum  dieses  Werkes
zu  eigen  zu  machen.  Dadurch  wird  das  deutsche  Volk  am
besten  beweisen,  daß  es  des  großen  Staatsmannes  werth  war,
der  ihm  ein  solches  Werk  zum  Erbtheil  hinterließ.

Chemnitz,  15.  Februar  1899.

Horst  Kohl.
        <pb n="11" />
        —  —  —

VI.
VII.
VIII.
.Die  Stärke  des  dynastischen  Elements  in  Deutsch-—

  —

XI.
XII.

—  #—

XIII.
XIV.
XV.

XV

—

Inhalt.

.  Zur  Abwehr

II.
III.
IV.
.  Die  Revolution  von  1848  und  Friedrich  Wilhelms  IV.

Zur  Entstehung  des  Werkes
Die  „Gedanken  und  Erinnerungen“  als  Geschichtswert
Bis  zum  Ersten  Vereinigten  Landtage

deutsche  Bestrebungen
Aus  der  Frankfurter  Zeit
Petersburg  —  Paris  —  Berlin

Ein  Rückblick  auf  die  preußische  Politik

land.  —  Das  Conflictsministerium

uDie  Convention  vom  8.  Februar  1863.  —  Preßverordnung.

  —  Frankfurter  Fürstentag.  —  Ludwig  II.
Die  Erwerbung  von  Schleswig-Holstein

Die  Verhandlungen  von  Nikolsburg  und  der  Norddeutsche
  Bund

Die  Emser  Depesche.  Begründung  des  Deutschen  Reichs
Der  Culturkampf

Bruch  mit  den  Conservativen.  —  Intrigen.  —  Die
Ressorts

Der  Berliner  Congreß

69

76
89

113
130

164
        <pb n="12" />
        VIII  Inhalt.

XVII.  Der  Dreibund

XVIII.  Rußlands  zukünftige  Politik

XIX.  Die  Wiederherstellung  des  Staatsraths
XX.  Kaiser  Wilhelm  I.  —  Kaiser  Friedrich

Kubang.

1.  Uebersetzung  der  fremdsprachigen  Ausdrücke  und  Stücke
in  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“  .

2.  Uebersetzung  der  dem  „Wegweiser“  eingefügten  fremd—
sprachigen  Stücke

3.  Berichtigungen  zu  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“

–  38%

Berichtigung:
S.  204,  Z.  4  v.  o.  lies:  Kar'#ßogx##.

176
185
191
194

202

215
226
        <pb n="13" />
        J.

Sur  Zbwehr.

Jüngst  erschien  in  einem  angesehenen  Leipziger  Blatte!:)
mit  halbamtlichen  Charakter  ein  Artikel,  betitelt:  „Gedanken
und  Erinnerungen  des  Fürsten  Bismarck  in  französischer  Beleuchtung.“
  In  ziemlich  absprechender  Weise  urtheilte  der
Verfasser  über  ein  Werk,  das  er  selbst  noch  nicht  kennt,  im
Anschluß  an  einen  in  der  „Revue  des  Revues“  erschienenen
Aufsatz  eines  französischen  Schriftstellers,  der  das  nachgelassene
Werk  des  Fürsten  Bismarck  gelesen  zu  haben  vorgiebt  und  es
geradezu  als  eine  Mystification  bezeichnet.  Es  ist  sehr  bedauerlich,
  daß  sich  ein  Deutscher  dazu  hergegeben  hat,  Verbreiter
  französischer  Bosheiten  zu  sein,  noch  bedauerlicher,  daß
er  sich  nicht  gescheut  hat,  allerhand  Scheingründe  vorzubringen,
die  geeignet  sein  könnten,  das  französische  Urtheil  zu  erhärten
und  das  Werk  des  Fürsten  Bismarck  zu  discreditiren,  noch
ehe  es  erschienen  ist.  Solchen  Angriffen  gegenüber  halte  ich
es  für  eine  Pflicht  der  Pietät,  aus  der  Zurückhaltung  herauszutreten,
  die  ich  mir  bisher  auferlegt  hatte,  und  da  ich  die
„Gedanken  und  Erinnerungen“  seit  Jahren  kenne,  sie  wieder
und  wieder  gelesen,  jede  ihrer  Angaben  kritisch  nachgeprüft
habe,  so  wird  mir  das  Recht  zu  einer  sachlichen  Beurtheilung
kaum  abgesprochen  werden  können.

Ehe  ich  dazu  übergehe,  habe  ich  die  Pflicht,  einige
Aeußerungen  jenes  oben  erwähnten  Artikels  zu  entkräften;

1)  Leipziger  Zeitung,  7.  November  1898.
Kohl,  Wegweiser.  1
        <pb n="14" />
        2  I.  Zur  Abwehr.

mein  Schweigen  könnte  sonst  leicht  als  Zugeständniß  aufgefaßt
werden.  Es  heißt  da:  „Der  Einfluß  Herbert  Bismarcks  ist
sicher  ebenso  schwerwiegend  für  die  Gestaltung  der  „Gedanken
und  Erinnerungen“  gewesen,  wie  der  Besuch  des  deutschen
Kaisers  in  Friedrichsruh  1895.“  Was  der  Verfasser  des
Artikels  hier  als  „sicher"  hinstellt,  ist  eine  durchaus  willkürliche
  Unterstellung.  Dem  Fürsten  Herbert  Bismarck  sind  die
Aufzeichnungen  überhaupt  erst  nach  dem  Tode  seines  Vaters
im  Zusammenhange  bekannt  geworden,  er  hat  nicht  den  geringsten
  Einfluß  auf  ihre  Gestaltung  gehabt,  auch  keinerlei
Streichung  im  Texte  vorgenommen.  Es  heißt  der  Wahrheit
einen  schlechten  Dienst  erweisen,  wenn  man  als  „sicher“  hinstellt,
was  nur  das  Ergebniß  eigener  Einbildung  ist.  Ebensowenig
hat  der  Besuch  des  deutschen  Kaisers  im  Jahre  1895  in  irgend
welcher  Weise  auf  die  Gestaltung  des  Werkes  eingewirkt.  Zu
dieser  Zeit  war  es  bereits  fertig,  und  Fürst  Bismarck  hat  in
einem  langen  Leben  bewiesen,  daß  Fürstengunst  für  ihn  nicht
das  höchste  der  Gefühle  war.  Er  hat  immer  nur  der  Wahrheit
  gedient,  und  wer  voraussetzt,  daß  ihn  ein  Besuch  des
Kaisers  hätte  bestimmen  können,  auch  nur  einen  Strich  an  dem
zu  ändern,  was  er  nach  reiflicher  Erwägung  seinen  „Gedanken
und  Erinnerungen“  einverleibt  hatte,  der  beurtheilt  ihn  nach
dem  eigenen  Empfinden,  die  sittliche  Größe  dieses  Mannes  aber
vermag  er  nicht  zu  erfassen.  Den  Verleger  gegen  die  französische
  Unterstellung,  die  der  deutsche  Artikelschreiber  sich  zu
eigen  macht,  zu  vertheidigen,  daß  er  als  „Geheimer  Rath“
sicherlich  kein  Werk  in  Verlag  genommen  haben  würde,  „das
irgendwie  geeignet  wäre,  bei  Hofe  oder  in  Regierungskreisen
Anstoß  zu  erregen“,  habe  ich  kaum  nöthig,  da  dieser  Herr
Manns  genug  ist,  sich  seiner  Haut  zu  wehren.  Wie  unhaltbar
  die  Annahme  ist,  wird  ohne  Weiteres  klar,  wenn  man
sich  des  Datums  des  Verlagsvertrages  erinnert  (6.  Juli  1890).
Zu  dieser  Zeit  war  das  Märchen  vom  „grollenden“  Bismarck
fast  zu  einer  Wahrheit  geworden.  Ueberall,  in  amtlichen  und
nichtamtlichen  Zeitungen,  las  man  von  dem  Alten  im  Sachsenwalde,
  der  Böses  sinne  Tag  und  Nacht  und  ein  teuflisches
Vergnügen  daran  finde,  das  Werk  seines  Geistes  und  seiner
        <pb n="15" />
        Angriffe  auf  den  Werth  des  Werkes.  3

wunderschaffenden  Hände,  das  Deutsche  Reich,  zu  zerstören.
Wie  hätte  Herr  Kröner  vermuthen  sollen,  daß  die  noch  gar
nicht  geschriebenen  Denkwürdigkeiten  des  Fürsten  Bismarck  so
zahm  und  loyal  ausfallen  würden,  daß  er  als  „Geheimer
Rath“  vor  dem  Kaiser  mit  solchem  Werke  bestehen  könnte?
Daß  er  froh  ist,  das  Werk  von  Moritz  Busch  nicht
verlegt  zu  haben,  wird  ihm  kein  Mensch  verdenken.  Niemand
aber  hat  ein  Recht,  daraus  zu  schließen,  daß  er  sich  gesträubt
haben  würde,  Bismarcks  „Gedanken  und  Erinnerungen“  ungeändert
  zu  verlegen,  wenn  sie  Bemerkungen  enthielten,  die
in  Hof=  und  Regierungskreisen  verstimmen  könnten.  Enttäuschungen,
  „die  man  in  Deutschland  noch  stärker  als  im
Ausland  empfinden  wird“,  dürfte  Bismarcks  Werk  nur  bei
Denen  hervorrufen,  welche  darin  suchen,  was  sie  darin  nicht
finden:  den  Scandal.  Fürst  Bismarck  war  jederzeit  ein  Feind
aller  Sensation,  und  er  sollte  sich  dazu  hergegeben  haben,
„sensationelle  Enthüllungen  zu  bringen,  politische  Geheimnisse
auszuplaudern“",  und  dadurch  den  Beweis  zu  führen,  daß  er
der  „wohldisciplinirte“  Staatsmann  nicht  sei,  als  den  er  sich
früher  einmal  bezeichnet  hat?1)  Wahrlich,  wir  Deutsche  haben
allen  Grund,  dem  Fürsten  Bismarck  dankbar  zu  sein,  daß  er
bei  seinen  Aufzeichnungen  nicht  die  „Sensation“,  die  schnell
vergeht  wie  das  Leben  der  Eintagsfalter,  sondern  die  politische
Belehrung  im  Auge  hatte,  er  hat  uns  damit  ein  politisches
Testament  hinterlassen  von  unvergänglichem  Werthe,  einen
„Besitz  für  die  Ewigkeit“,  wie  ihn  Thucydides  den  Athenern  in
seinem  Werke  über  den  peloponnesischen  Krieg  schaffen  wollte.

1)  Vgl.  Rede  vom  17.  December  1873,  Politische  Reden  VI,  131.
        <pb n="16" />
        II.

Sur  Sntstehnng  des  Werkes.

Ueber  die  Art  und  Weise,  wie  das  Werk  entstanden  ist,  habe
ich  mich/  in  dem  Vorwort  kurz  ausgesprochen.  Die  erste  An—
regung  gab  dem  Fürsten  Bismarck  eine  von  einem  Verlagsangebote
begleitete  Anfrage  des  Cottaschen  Hauses.  Fürst  Bismarck  war
am  18.  März  1890  seiner  Aemter  entlassen  worden.  Die  aufgezwungene
  Muße  mußte  dem  an  angestrengte  Thätigkeit  gewöhnten
  Manne  doppelt  schwer  fallen,  und  der  treue  ärztliche
Berather,  Professor  Schweninger,  war  nicht  ohne  Sorge,
wie  sein  Patient  den  herben  Schlag  verwinden  werde.  Fürst
Bismarck  selbst  verglich  sich  einem  Baum,  dem  man  das  Spalier
entzogen  hat  und  der  nun  ohne  Halt  hin  und  her  schwankt,
bis  ein  Sturm  ihn  knickt.  Um  ihm  über  die  erste  Zeit  des
Grolles  und  der  Beschäftigungslosigkeit  hinweg  zu  helfen,  rieth
ihm  Schweninger  zu  Aufzeichnungen  aus  der  reichen  Geschichte
seines  Lebens  und  wurde  dabei  auf's  Beste  von  Lothar  Bucher,
dem  geschichtskundigen  Diplomaten,  unterstützt,  der  dem  Fürsten
Bismarck  nach  Friedrichsruh  gefolgt  war,  um  Monate  lang
als  stiller  und  gern  gesehener  Gast  im  Hause  seines  fürstlichen
Freundes  zu  weilen.  Nachdem  am  6.  Juli  1890  zwischen  dem
Fürsten  Bismarck  und  dem  Vertreter  der  Cottaschen  Buchhandlung
  ein  Abkommen  getroffen  worden  war,  durch  welches
diesem  Hause  für  den  Fall,  daß  der  Fürst  Erinnerungen  aus
seinem  Leben  niederschriebe,  das  Verlagsrecht  übertragen  wurde,
hat  sich  Lothar  Bucher  das  größte  Verdienst  dadurch  erworben,
daß  er  den  Fürsten  Bismarck  in  seinem  Entschlusse  zur  Nieder-
        <pb n="17" />
        Erste  Anregung.  —  Buchers  Mitarbeit.  5

schrift  seiner  Erinnerungen  und  seiner  politischen  Gedanken
bestärkte  und  dessen  Ausführung  vorbereitete.  Dem  Fürsten
war  freilich  die  unreinliche  Arbeit  mit  Tinte  immer  unsympathisch,
und  sehr  schwer  würde  es  gehalten  haben,  ihn  zu  einer  systematischen
  Aufzeichnung  seiner  Erinnerungen  zu  bringen.  Es
mußte  also  ein  anderer  Weg  gesucht  werden,  auf  dem  das
gleiche  Ziel  erreicht  werden  konnte,  und  er  fand  sich.  Fürst
Bismarck  war  eine  mittheilsame  Natur,  und  wenn  er  nach  dem
Frühstück  oder  nach  dem  Diner  seinen  Gästen  den  reichen
Schatz  seiner  Erlebnisse  und  seiner  politischen  Ideen  erschloß,
hing  Alles  an  seinen  Lippen.  Gelang  es,  diese  Erinnerungen
und  Gedanken  in  einer  gewissen  systematischen  Folge  aus  ihm.
herauszulocken  und  die  spontanen  Aeußerungen  mit  dem  flüchtigen
  Griffel  des  Stenographen  festzuhalten,  so  war  die  Grundlage
  zu  einem  auto-biographischen  Werke  geschaffen.  Das  war
freilich  nicht  so  ganz  leicht;  der  Redende  ließ  sich  im  Zuge
seiner  Gedanken  nicht  gern  unterbrechen,  und  oft  genug  führten
ihn  diese  von  Gegenständen  der  Vergangenheit  hinüber  in  die
Gegenwart,  in  der  er  auch  nach  seiner  Entlassung  mit  voller
Seele  lebte.  Aber  Bucher  wurde  nicht  müde,  die  einzelnen
Steine  zu  dem  großen  Mosaikbilde  zu  sammeln  und  jeden  an
seinem  Platze  einzusetzen.  Er  hatte  sich  den  reichen  Stoff  nach
den  Capitelüberschriften  zerlegt,  die  im  Werke  selbst  geblieben
sind.  Nachdem  die  Lücken  gefüllt  waren,  schrieb  er  die  Capitel
nieder  in  möglichst  getreuem  Anschluß  an  seine  stenographischen
Aufzeichnungen,  ergänzte  sie  nach  dem  Dictate  des  Fürsten,
wo  solche  Ergänzung  nothwendig  erschien,  und  überwies  sie
dann  dem  Fürsten  zur  eigenhändigen  Redaction.  Der  Fürst
widmete  sich  dieser  Arbeit  mit  regem  Eifer;  das  beweisen  nicht
bloß  die  zahlreichen  stilistischen  Verbesserungen,  sondern  noch
mehr  die  oft  seitenlangen  Ergänzungen,  die  er  mit  Beleistift
den  einzelnen  Capiteln  hinzufügte.  Immer  und  immer  wieder
kehrte  er  zu  dieser  Arbeit  zurück,  und  der  Kundige  kann  leicht
an  einzelnen  Capiteln  eine  drei-,  ja  selbst  vierfache  Redaction
nachweisen.  So  sind  die  „Gedanken  und  Erinnerungen“  sein
eigenstes  Werk,  nicht  Buchers  Werk,  wie  Uebelwollende
haben  behaupten  wollen.  Bucher  war  nur  der  treue  Gehilfe
        <pb n="18" />
        6  II.  Zur  Entstehung  des  Werkes.

und  hat  auch  nie  etwas  anderes  sein  wollen.  Er  fühlte,  obwohl
  er  selbst  ein  sehr  gelehrter  Mann  war,  die  Ueberlegenheit
des  Genies  und  beugte  sich  vor  ihm  in  demüthiger  Bewunderung;
mit  Zorn  und  Ekel  würde  er  sich  von  einem  Werke  abgewendet
haben,  wie  es  M.  Busch  nicht  zu  Ehren,  sondern  zur  Verunglimpfung
  seines  Herrn  geschrieben  hat.  1)  Bis  zum  Jahre  1893
war  das  Werk  im  Wesentlichen  abgeschlossen.  Die  schwere
Krankheit,  die  den  Fürsten  im  Sommer  dieses  Jahres  in
Kissingen  befiel,  gab  die  nächste  Veranlassung  dazu,  das
Manuscript  abzusetzen.  Doch  erschien  es  ihm  selbst  noch  nicht
druckreif,  und  so  dienten  die  mit  breiten  Rändern  versehenen
„Fahnen“  als  neues  Manuscript.  Mit  größerer  Bequemlichkeit
  konnte  nun  der  Fürst  an  die  nochmalige  Durchsicht  gehen,
und  sie  gab  ihm  noch  oft  genug  Gelegenheit  zu  Umänderungen
und  Berichtigungen,  zur  Einfügung  politischer  Reflexionen,  zur
Milderung  einzelner  Ausdrücke,  namentlich  dann,  wenn  es  sich
um  die  Beurtheilung  von  Persönlichkeiten  handelte.  Die
Neigung,  überall  in  meliorem  partem  auszulegen,  nahm  bei
dem  alten  Fürsten  mit  jedem  Jahre  zu:  die  Güte  seines  Herzens
offenbarte  sich  in  den  letzten  Jahren  in  der  oft  überraschenden
Zartheit  seines  Empfindens.  Er  wollte  bewußt  Niemand  wehe
thun,  und  das  „littera  scripta  manet“  bestimmte  ihn,  in  der  Beurtheilung
  von  Menschen  und  Ereignissen  vorsichtig  den  Ausdruck
zu  wägen,  um  nicht  durch  ein  „Zuviel“  ungerecht  zu  werden.

Der  Tod  Buchers  (12.  October  1892)  hatte  die  nachtheilige
  Wirkung,  daß  die  Zufügung  neuer  Capitel  unterblieb.

1)  Ich  halte  die  seit  einiger  Zeit  in  der  Zeitschrift  „Das  neue  Jahrhundert“
  veröffentlichten  Aufzeichnungen  Lothar  Buchers  über  Gespräche
mit  Bismarck  für  apokryph.  Nach  einer  Erklärung  des  in  Wien  lebenden
Bruders  Lothar  Buchers  sind  Aufzeichnungen  irgend  welcher  Art  im  Nachlasse
  des  Verstorbenen  nicht  gefunden  worden.  So  lange  der  Echtheitsbeweis
  dieser  anonym  herausgegebenen  Bruchstücke  nicht  in  überzeugender
Weise  erbracht  ist,  wird  man  gut  thun,  ihre  Echtheit  zu  bezweifeln.  —  Das
Eintreten  des  Herrn  Joh.  Grunow  für  M.  Busch  in  den  „Grenzboten“
1899  Heft  1  ist  eine  recht  bedauerliche  Illustration  zu  dem  Satze:  virtus
post  nummos!  Geradezu  unwürdig  sind  die  Angriffe  auf  die  Männer,  welche
in  den  letzten  Jahren  Bismarcks  Vertrauen  genossen  haben.  Keiner  derselben
  hat  es  bisher  auch  nur  annähernd  gemißbraucht  wie  Grunows
Schützling.
        <pb n="19" />
        Die  Arbeit  des  Fürsten  an  dem  Werke.  Seine  Bedeutung.  7

Aus  einzelnen  Randbemerkungen  ist  zu  entnehmen,  daß  der
Fürst  beabsichtigte,  gewisse  Lücken,  die  er  selbst  als  solche
empfand,  durch  besondere  Capitel  auszufüllen.  So  hätte  er
gern  die  Ereignisse  von  1866—70  neben  dem  die  Organisation
des  Norddeutschen  Bundes  behandelnden  Capitel  in  einem  besonderen
  Abschnitte  dargestellt;  aber  es  fehlte  seit  Buchers  Tod
die  antreibende  Kraft.  Auch  war  Bucher,  der  über  ein  umfassendes
  Gedächtniß  gebot  und  als  Mitarbeiter  des  Fürsten
in  alle  politischen  Vorgänge  eingeweiht  war,  durch  Niemand
zu  ersetzen.  Dazu  kamen  als  Hemmnisse  die  Leiden  des  Alters
und  eine  nach  solchen  Leistungen  wohl  erklärliche  Müdigkeit,
der  Tod  der  über  Alles  geliebten  Gattin,  die  tägliche  Unterbrechung
  durch  Einzelbesuche  und  Massenempfänge  und  die  Beschäftigung
  mit  der  Tagespolitik,  zu  alledem  noch  eine  private
Correspondenz  in  Briefen  und  Telegrammen,  deren  Umfang
mit  jedem  Jahre  wuchs  und  eine  Fülle  von  Zeit  und  geistiger
Kraft  in  Anspruch  nahm,  die  für  die  retrospective  Arbeit  des
Historikers  nur  ein  bescheiden  Theil  übrig  ließ.  Und  doch,
welche  Tiefe  der  Gedanken,  welche  Reife  des  Urtheils,  welche
Klarheit  der  Sprache,  welche  Schönheit  des  Ausdrucks,  welche
prophetische  Weisheit  bei  der  Erörterung  zukünftiger  Gestaltungen!
  Der  französische  Kritiker  sagt  zwar  —  und  der
deutsche  schreibt's  ihm  mit  einer  Art  Genugthuung  nach  —,  „die
Gedanken  seien  nicht  einmal  bedeutender  Natur,  und  das  Werk
könne  einen  Vergleich  weder  mit  den  Memoiren  Marmonts
noch  Pasquiers,  geschweige  denn  Guizots  aushalten“;  ich  aber
behaupte,  daß  es  in  der  ganzen  politischen  und  historischen
Litteratur  des  19.  Jahrhunderts  ein  zweites  Werk  von  ähnlicher
  Bedeutung  gar  nicht  giebt,  und  daß  die  Deutschen  stolz
darauf  sein  können,  ein  solches  monumentum  aere  perennius
zu  besitzen.  Gewiß,  gar  manchen  wird's  enttäuschen,  wie  viele
Zeitgenossen  Goethes  fast  jedes  einzelne  Werk  des  geistigen
Riesen  unbefriedigt  ließ.  Der  große  Haufe,  der  von  einem
Buche  nur  leichten  und  flüchtigen  Genuß  erwartet,  wird  vergebens
  nach  dem  Schmutze  und  den  Piquanterien  suchen,  die
Varnhagens  Tagebücher  in  so  reicher  Fülle  bieten.  Aber  die
ernsten  Leute,  die  nach  Belehrung  und  Erbauung  streben,
        <pb n="20" />
        8  II.  Zur  Entstehung  des  Werkes.

werden  finden,  was  sie  begehren;  und  mit  jedem  Jahre  —
des  bin  ich  sicher  —  wird  die  Gemeinde  Derer  wachsen,  die
in  Bismarcks  Aufzeichnungen  ein  liebes  Hausbuch  sehen,  in
dem  sie  gern  studiren,  weil  immer  neue  Tiefen  der  Weisheit
und  der  Erkenntniß  sich  ihnen  erschließen.  Und  wie  der  einst
nicht  verstandene  „Goethe“  heutzutage  ein  Gemeingut  des
deutschen  Volkes  ist,  so  werden  die  Deutschen  des  20.  Jahrhunderts
  in  Bismarcks  „Gedanken  und  Erinnerungen“  eine
politische  Bibel  erkennen,  die  ihnen  Rath  und  Trost  giebt,  so
oft  sie  deren  bedürfen.  An  jeden  Deutschen  aber,  dem  es
ernstlich  um  seine  politische  Erziehung  zu  thun  ist,  ergeht  die
Mahnung,  die  einst  nach  der  Legende  Augustin  aus  der  Höhe
empfing:
Tolle,  lege:  nimm  uns  lies!
        <pb n="21" />
        II.
Hie  „Gezanken  und  Frinnerungen  als  Eeschichtswerk.

Ist  Bismarcks  Werk  ein  tendenziöses  Werk?  Darf  es  als
Geschichtsquelle  benutzt  werden  oder  hat  man  ihm  mit  dem
Mißtrauen  gegenüberzutreten,  das  bei  so  manchen  Memoirenwerken
  angebracht  ist?  Diese  Fragen  werden  selbstverständlich
aufgeworfen  werden,  sind  auch  bereits  von  den  politischen
Gegnern  des  Fürsten  Bismarck  in  einem  ihm  abgünstigen  Sinne
beantwortet  worden.  Ich  kann  versichern,  daß  den  Fürsten
Bismarck  immer  nur  die  eine  Absicht  geleitet  hat,  die  Wahrheit
zu  sagen  und  in  der  Beurtheilung  objectiv  zu  bleiben,  so
weit  es  dem  Menschen  gegeben  ist,  dieser  höchsten
Forderung  der  Geschichtswissenschaft  nachzukommen.
Fürst  Bismarck  ist  immer  ein  wahrer  Mensch  gewesen,  alles
verlogene,  unehrliche  Wesen  prallte  an  seinem  vornehmen  Wahrheitssinne
  ab,  und  wenn  auch  seine  politischen  Gegner  es  an
Versuchen  nicht  haben  fehlen  lassen,  ihn  der  Lüge,  der  Doppelzüngigkeit,
  der  Unwahrhaftigkeit  zu  zeihen,  so  hat  der  Vorwurf
doch  nie  erwiesen  werden  können,  immer  wieder  schnellte  der
Pfeil  auf  den  Schützen  zurück.  Und  so  hat  der  Geist  der
Wahrheit  auch  in  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“  die  Feder
geführt.  Nirgends  macht  Fürst  Bismarck  den  Versuch,  zu  beschönigen
  und  zu  verhüllen.  Er  hat's  nicht  nothwendig,  irgend
etwas,  was  er  gethan  hat,  abzuleugnen;  er  bekennt  ruhig,  wo
er  sich  geirrt  hat,  wo  seine  Berechnungen  sich  als  irrig  erwiesen,
  und  bleibt  auch  in  diesem  Punkte  dem  Grundsatze  treu,
den  er  so  oft  betont  hat,  daß  der  Mensch  —  und  vor  Allem
der  Staatsmann  —  nicht  aufhören  dürfe  zu  lernen,  daß  alles
        <pb n="22" />
        10  III.  Die  „Gedanken  und  Erinnerungen“  als  Geschichtswerk.

doctrinäre  Wesen  nur  zur  Versteinerung  führe  oder,  wie  er  mit
Goethes  Wort  zu  sagen  pflegte,  alle  Theorie  grau,  des  Lebens
gold'ner  Baum  aber  grün  sei.  Das  nachgelassene  Werk  Bismarcks,
  las  ich  jüngst  in  einem  Artikel,  ist  besonders  groß  in
dem,  was  es  nicht  sagt.  Das  klingt  geistreich,  ohne  es  zu
sein.  Denn  wenn  zum  Beweise  tendenziösen  Schweigens  angeführt
  wird,  daß  Fürst  Bismarck  kein  Wort  vom  deutschfranzösischen
  Kriege  sage,  so  frage  ich:  Was  in  aller  Welt
sollte  denn  Fürst  Bismarck  über  den  Verlauf  des  deutschfranzösischen
  Krieges  sagen?  Seine  Absicht  war  ja  nicht,  ein
Geschichtsbuch  zu  schreiben,  das  über  Alles  und  Jedes  Rechenschaft
  giebt,  was  zu  seiner  Zeit  geschehen  ist,  er  hatte  nur  das
Bedürfniß,  über  die  leitenden  Gedanken  seiner  Politik  sich  auszusprechen,
  über  das,  was  er  erstrebte,  was  er  erreichte  und
was  er  von  der  Zukunft  erhoffte.  Ueber  die  Ursachen  und
die  Veranlassungen  des  deutsch-französischen  Krieges  giebt  das
Capitel  von  der  Emser  Depesche  jede  nothwendige  Auskunft;
die  Geschichte  dieses  Krieges  zu  schreiben,  konnte  gar  nicht  der
Beruf  des  Diplomaten  sein,  und  über  die  den  Krieg  begleitenden
diplomatischen  Verhandlungen  darf  der  Historiker  aus  einer
solchen  Fülle  deutscher  und  nichtdeutscher  Quellen  schöpfen,
daß  Fürst  Bismarck,  der  ja  selbst  in  umfangreichen  Denkschriften
über  seine  Verhandlungen  in  Ferrières,  Versailles  2c.  vor  der
breitesten  Oeffentlichkeit  Bericht  erstattet  hat,  in  seinen  „Gedanken
  und  Erinnerungen“  kaum  wesentlich  Neues  hätte  melden
können.  Dieses  Schweigen  ist  also  keineswegs  auffällig.!)  Der
französische  Kritiker  findet  es  tendenziös;  auch  noch  eine  andere
Tendenz  glaubt  er  gefunden  zu  haben:  „In  dem  ganzen  Werke“,
sagt  sein  deutscher  Nachbeter,  „soll  sich,  wenn  auch  nicht  klar
ausgesprochen,  so  doch  zwischen  den  Zeilen  deutlich  erkennbar,
das  Bestreben  zeigen,  à  diminuer  la  grandeur  du  premier
Kaiser“  —  „die  Größe  des  Kaisers  Wilhelm  I.  zu  verkleinern“.

1)  Am  wenigsten  für  mich.  Als  ich  den  Fürsten  Bismarck  im
Jahre  1893  fragte,  ob  er  nicht  die  Vorgeschichte  des  deutschen  Krieges  von
1866  ausführlicher  darstellen  wolle,  lehnte  er  es  ab  unter  Hinweis  auf
die  zahlreichen  Depeschen,  die  von  preußischer  und  österreichischer  Seite
darüber  veröffentlicht  worden  seien  —  er  wolle  nicht  die  Geschichte  seiner
Zeit  schreiben,  dazu  fehle  ihm  auch  das  Actenmaterial.
        <pb n="23" />
        Der  Vorwurf  tendenziöser  Geschichtsschreibung.  11

Wie  sagt  doch  Goethe  in  den  zahmen  Xenien:
Im  Auslegen  seid  frisch  und  munter!
Legt  ihr's  nicht  aus,  so  legt  was  unter!
Da  hätten  wir  ja  eine  ganz  wundervolle  Tendenz,  so  recht
geeignet,  den  Fürsten  als  einen  kleinen  Menschen  an  den
Pranger  zu  stellen,  den  der  Neid  zu  gehässiger  Kritik  trieb,
um  sich  die  Ehre  des  Triumphes  vor  der  Nachwelt  zu  sichern.
Mir  ist  die  Röthe  des  Zornes  in  die  Wange  gestiegen,  nicht
darüber,  daß  der  Franzose  dies  geschrieben  hat,  wohl  aber
darüber,  daß  der  deutsche  Referent  kein  Wort  des  Einspruchs
gefunden  hat,  auch  ohne  die  „Gedanken  und  Erinnerungen"  zu
kennen.  Er  hat  den  ersten  Reichskanzler  in  einem  langen
Leben  beobachten  können,  mußte  wissen,  daß  Niemand  bereitwilliger
  als  Fürst  Bismarck  die  eigenen  Erfolge  seinem  Könige
zurechnete,  mit  seinem  Leibe  jeden  gegen  seinen  alten  Herrn
gerichteten  Angriff  parirte,  und  hatte,  gestützt  auf  diese  Kenntniß,
die  nationale  Pflicht,  dem  Fremden  gegenüber  auf's  Schärfste
gegen  eine,  noch  dazu  so  verclaufulirte  Beschuldigung  des
größten  Sohnes  unseres  Volkes  zu  protestiren.  Fürst  Bismarck
  ist  bis  an  seinen  Tod  der  treue  deutsche  Diener
Kaiser  Wilhelms  l.  gewesen.  Aber  die  Treue  zeigt  sich
nicht  in  dem  Bestreben,  die  Dinge  auf  den  Kopf  zu  stellen  und
die  entscheidende  That  dem  Herrscher  zuzuweisen,  der  unter
den  so  mannigfach  sich  kreuzenden  Einflüssen  des  festen  unbeugsamen
  Rathgebers  bedurfte  und  —  darin  liegt  seine
wahre  Größe  —  in  edler  Selbstbescheidung  dem  kühnen
Rathe  des  überlegenen  Genies  sich  unterordnete;  sie  zeigt  sich  in
der  liebevollen  Hingebung,  mit  der  Bismarck  immer  wieder  von
seinem  „alten  Herrn“  spricht,  der  warmblütigen  Schilderung
seiner  Herzens=  und  Charaktereigenschaften,  dem  ehrlichen  Danke,
den  er  zollt  für  jeden  Beweis  gnädiger  Gesinnung,  die  der
Kaiser  ihm  gegenüber  an  den  Tag  legte.  Ist  es  nicht  rührend
zu  lesen,  wenn  Fürst  Bismarck  schreibt,  daß  die  Kämpfe,  die
er  mit  dem  Könige  in  Nikolsburg  durchzufechten  hatte,  und
analoge  Vorgänge  bei  ihm  keinen  andern  Eindruck  hinterlassen
hätten  als  die  schmerzliche  Erinnerung,  daß  er  einen  Herrn,
den  er  persönlich  liebte  wie  diesen,  so  habe  verstimmen
        <pb n="24" />
        12  III.  Die  „Gedanken  und  Erinnerungen“  als  Geschichtswerk.

müssen?  Wahrlich,  hätte  Fürst  Bismarck,  dem  Beispiele  gehorsamer
  Hofhistoriographen  folgend,  in  seinen  „Gedanken  und
Erinnerungen"  dem  leitenden  Minister,  der  für  alle  Regierungs-Handlungen
  seines  Königs  verfassungsmäßig  verantwortlich
war,  die  Rolle  des  fügsamen  Werkzeuges  gegeben,  das  nur
dem  Drucke  des  Meisters  folgt,  er  wäre  mit  einer  Unwahrheit
aus  dem  Leben  gegangen,  die  die  Geschichte  ihm  nie  verziehen
hätte.  Er  hatte  das  Bewußtsein  und  durfte  es  haben,  der
Schöpfer  des  Deutschen  Reiches  gewesen  zu  sein;  aber  nirgends
verleitet  ihn  dieses  Bewußtsein  zu  eitler  Ueberhebung  und
Selbstbespiegelung.  Immer  giebt  er  dabei  dem  Könige,  was
dem  Könige  gebührt,  und  bescheiden  bekennt  er,  daß  er  ohne
des  Königs  tapfere  Mitwirkung  nicht  habe  ausführen  können,
was  ihm  dann  so  herrlich  gelang.  Ich  bin  überzeugt,  daß
jeder  Leser  der  „Gedanken  und  Erinnerungen“  von  der  Person
Kaiser  Wilhelms  I.  das  Bild  eines  wahrhaft  großen  Monarchen
  gewinnen  wird,  nicht  in  dem  Sinne,  wie  man  das
Prädicat  früher  gebrauchte  und  gebrauchen  durfte,  weil
alle  That  aus  der  Initiative  des  Herrschers  hervorging,
  sondern  in  einem  höheren,  edleren  Sinne.  Ich  behaupte,
und  Niemand  wird  das  Gegentheil  erweisen  können,  daß  den
Fürsten  Bismarck  kein  anderer  Trieb  leitete,  als  der,  der
geschichtlichen  Wahrheit  zu  dienen,  nichts  zu  beschönigen,  nichts
zu  verhüllen,  und  für  die  Beurtheilung  von  Menschen  und
Dingen,  Bestrebungen  und  Ereignissen  ein  Material  zur  Verfügung
  zu  stellen,  wie  es  nur  seiner  reichen  persönlichen
Erfahrung  zu  Gebote  stand.  Steht  dies  aber  fest,  dann
werden  auch  die  „Gedanken  und  Erinnerungen“  zu  einem
Quellenwerke  ersten  Ranges,  das  kein  Historiker  des
19.  Jahrhunderts  fürderhin  außer  Acht  lassen  darf.

Es  könnte  noch  der  Einwand  erhoben  werden,  daß  der
Fürst  bei  der  rückschauenden  Betrachtung  der  Dinge  unbewußt
die  Anschauungen  des  Greises  hineingetragen  habe  in  die  Vergangenheit,
  die  er  schilderte.  Er  wiegt  leicht  gegenüber  den
vorliegenden  Zeugnissen  der  Sicherheit,  mit  der  Fürst  Bismarck
sich  noch  in  seinem  hohen  Alter  bei  der  wunderbaren  Kraft
seines  Gedächtnisses  von  früheren  Gedankengängen  Rechenschaft
        <pb n="25" />
        Ein  Quellenwerk  ersten  Ranges.  Bismarcks  Gedächtnißstärke.  13

zu  geben  wußte.  Als  ich  einst  bei  den  Vorarbeiten  zur  Herausgabe
  der  politischen  Reden  auf  eine  im  stenographischen  Bericht
verballhornte  Stelle  stieß,  deren  Verbesserung  mir  nicht  gelingen
  wollte,  genügte  es,  den  Fürsten  mit  der  damaligen
Situation  vertraut  zu  machen,  und  nach  einer  auf  seinem  Gesichte
  bemerkbaren  gewaltigen  Gedankenarbeit  quoll  aus  seinem
Innern  heraus  die  Rede,  die  er  damals  gehalten  hatte,  während
ich  in  dem  gedruckten  Texte  nachlas  bis  weit  über  die  entstellte
  Stelle  hinaus,  die  Fürst  Bismarck  nun  mit  unfehlbarer
Sicherheit  im  mündlichen  Vortrag  verbesserte.  Auf  einen  ähnlichen
  Fall  habe  ich  in  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“
anmerkungsweise  hingedeutet  (Bd.  I,  257).  Am  26.  Juni  1862
hatte  Bismarck  eine  Unterredung  mit  Napoleon  in  Fontainebleau.
Ueber  diese  Unterredung  berichtete  er  seinem  vorgesetzten
Minister,  dem  Grafen  A.  Bernstorff,  in  einem  Briefe  vom
28.  Juni  1862,  dessen  Original  bis  zum  Frühjahre  1898  im
Bernstorffschen  Familienarchive  geruht  hat  und  erst  jüngst  im
Bismarck-Jahrbuche  (Bd.  VI,  152  ff.)  von  mir  veröffentlicht
worden  ist.  Keinerlei  Abschrift  war  in  den  Händen  Bismarcks
geblieben,  und  doch  war  die  Unterredung  mit  Napoleon  so
deutlich  seiner  Seele  eingeprägt,  daß  er  nach  30  Jahren  frei
aus  dem  Gedächtniß  ihren  Inhalt  in  seinen  „Gedanken  und
Erinnerungen“  wiederzugeben  vermochte,  oft  mit  genau  denselben
  Worten,  in  denen  er  in  seinem  Briefe  berichtet  hat.  Ich
stelle  zum  Beweis  den  betreffenden  Theil  des  Briefes  neben
den  Text  der  „Gedanken  und  Erinnerungen“:

Brief  vom  28.  Juni  1862.  Gedanken  und  Erinnerungen
B.-J.  VI,  152.  I.  256.
Der  Kaiser  hatte  mich  gesternt)  Am  26.  Juni  hatte  der  Kaiser
nach  Fontainebleau  eingeladen  mich  nach  Fontainebleau  einund
  machte  nach  meiner  Ankunft  geladen  und  machte  mit  mir  einen

 

1)  Das  würde  den  27.  als  Tag  der  Audienz  ergeben,  doch  liegt
hier  ein  Versehen  vor,  wahrscheinlich  nur  ein  Verschreiben.  In  einem
vorausgehenden  Briefe  Bismarcks  vom  selben  Tage  (28.  Juni)  an  Bernstorff
(Bismarck-Jahrbuch  VI.  151)  heißt  es:  „Vorgestern  beim  Kaiser  kam  ich
etwas  in  die  Lage  Josephs  bei  der  Frau  von  Potiphar.  Er  hatte  die
unzüchtigsten  Bündnißvorschläge  auf  der  Zunge“  rc.
        <pb n="26" />
        14  ILII.  Die  „Gedanken  und  Erinnerungen“  als  Geschichtswerk.

einen  längeren  Spaziergang  mit
mir.  Im  Laufe  der  Unterhaltung
über  politische  Fragen  des  Tages
und  der  letzten  Jahre  fragte  er
mich  unerwartet:  Croyez-vous
due  le  Roi  serait  disposé  à  con-Clure
  une  alliance  avec  moi?
Ich  antwortete  etwa:  Les  dis-Positions
  dont  le  Roi  est  animé
pour  la  personne  de  Votre  Majesté,
sont  les  plus  amicales,  et  les
Prejugés  dui  autrefois  chez  nous
régissaient  Topinion  publique  à
Tégard  de  la  France,  ont  à  peu
pres  disparu.  Mais  les  alliances
ne  sont  fécondes  en  résultats,
dufen  tant  qu’elles  sont  le  produit
  naturel  des  circonstances
dui  en  déterminent  le  besoin
ou  Futilité;  pour  une  alliance  ü
faut  un  motif  ou  un  but.  Der
Kaiser  fand  diese  Antwort  nicht
immer  zutreffend;  il  y  ades
Duissances,  fuhr  er  fort,  qui
sont  amies  l’une  de  F’autre,  il  y
en  a  qui  le  sont  moins;  en  vue
d'un  avenir  incertain  on  doit
placer  quelque  part  sa  confiance.
  Ce  n’est  pas  à  Tintention
  de  duelque  projet  aventureux
  due  je  parle  ’'alliance;
mais  je  trouve  à  la  Prusse  et  à  la
France  tant  de  conformité  Tiinté-Fts,
  du'il  doit  y  avoir  les  61éments
d’'une  entente  intime  et  durable,
des  duc  les  préjuges  et  les  partis
Pris  n')  font  pas  obstacle.  Ce

längeren  Spaziergang.  Im  Laufe
der  Unterhaltung  über  politische
Fragen  des  Tages  und  der  letzten
Jahre  fragte  er  mich  unerwartet,
ob  ich  glaubte,  daß  der  König
geneigt  sein  würde,  auf  eine
Allianz  mit  ihm  einzugehen.
Ich  antwortete,  der  König
hätte  die  freundschaftlichsten
Gesinnungen  für  ihn,  und  die
Vorurtheile,  die  früher  in  der
öffentlichen  Meinung  bei  uns
in  Betreff  Frankreichs  geherrscht
hätten,  seien  so  ziemlich  verschwunden;
  aber  Allianzen  seien
das  Ergebniß  der  Umstände,
nach  denen  das  Bedürfniß  oder
die  Nützlichkeit  zu  beurtheilen
sei.  Eine  Allianz  setze  ein
Motiv,  einen  bestimmten  Zweck
voraus.  Der  Kaiser  bestritt
die  Nothwendigkeit  einer  solchen
Voraussetzung;  es  gäbe  Mächte,
die  freundlich  zu  einander
ständen,  und  andere,  bei  denen
das  weniger  der  Fall  sei.  Angesichts
  einer  ungewissen  Zukunft
müsse  man  sein  Vertrauen  nach
irgend  einer  Seite  richten.  Er
spreche  von  einer  Allianz  nicht  mit
der  Absicht  eines  abenteuerlichen
Projectes;  aber  er  finde  zwischen
Preußen  und  Frankreich  eine
Conformität  Interessen
und  darin  die  Elemente  einer
entente  intime  et  durable.  Es

der
        <pb n="27" />
        Ein  Quellenwerk  ersten  Ranges.  Bismarcks  Gedächtnißstärke.  15

serait  une  grande  faute  due  de
vouloir  créer  des  Cvenements,
mais  ils  arrivent  bien  sans  nous,  et
sans  due  nous  puissions  en  calculer
  la  direction  et  la  force;  1
faut  donc  se  prémunir  en  avisant
auf  moyens  pour  yfaire  face  et
pour  en  profiter.  Der  Gedanke
einer  „diplomatischen“  Allianz,
in  welcher  man  die  Gewohnheit
  gegenseitigen  Vertrauens  annähme
  und  für  schwierige  Lagen
aufeinander  rechnenlernte,  wurde
vom  Kaiser  in  Anwendung  auf
uns  noch  weiter  ausgesponnen,
bis  er  nach  einer  Pause  plötzlich
stehn  blieb  und  sich  mit  den
Worten  zu  mir  wandte:  CVous
ne  sauriez  vous  figurer,  quelles
singulières  ouvenures  m'a  fait
faire  IAutriche  1ly  a  peu  de  jours.
II  paraft  due  votre  nomination
et  Parrivée  simultanée  de  M.  de
Budberg  à  Paris,  ont  produit  une
espece  de  panique  à  Vienne;  le
Prince  Metternich  m'a  fait  entrevoir
  les  appréhensions  de  son
gouvernement  en  ajoutant,  qu’il
Venait  de  recevoir  des  instructions
d'une  po#tée  tellement  vaste,
du’il  en  tait  effrayé  lui-méme,
et  du’'il  osait  à  peine  en  signaler
I’étendue;  due  j'avais  à  le  regarder
  Ccomme  l’ambassadeur  „le
Plus  puissant“  et  muni  sur  toutes
les  questions  due  je  voudrais
aborder,  des  pouvoirs  les  plus

würde  ein  großer  Fehler  sein,
die  Ereignisse  schaffen  zu  wollen;
man  könne  ihre  Richtung  und
Stärke  nicht  vorausberechnen,
aber  man  könne  sich  ihnen  gegenüber
  einrichten,  se  prémunir,  en
avisant  aus  moyens  pour  y  faire
face  et  en  profiter.  Dieser  Gedanke
  einer  „diplomatischen
Allianz“,  in  welcher  man  die
Gewohnheit  gegenseitigen  Vertrauens
  annähme  und  für
schwierige  Lagen  auf  einander
zu  rechnen  lernte,  wurde  von
dem  Kaiser  weiter  ausgesponnen.
Dann  plötzlich  stehen  bleibend,
sagte  er:  „Sie  können  sich  nicht
vorstellen,
rouvertures  m’'a  fait  faire  IAutriche,
  ll  y  a  peu  de  jours.
Es  scheint,  daß  das  Zusammentreffen
  Ihrer  Ernennung  und  der
Ankunft  des  Herrn  von  Budberg
in  Paris  einen  panischen  Schrecken
in  Wien  erzeugt  hat.  Der  Fürst
Metternich  hat  mir  gesagt,  er
habe  Instructionen  erhalten,  die
so  weit  gingen,  daß  er  selbst
darüber  erschrocken  sei;  er  habe
unbegrenzte  Vollmachten,  wie
sie  je  ein  Souverain  seinem

duelles  singulieres

Vertreter  anvertraut,  in  Betreff
  aller  und  jeder  Frage,
die  ich  anregen  würde,  sich
        <pb n="28" />
        16  III.  Die  „Gedanken  und  Erinnerungen“  als  Geschichtswerk.

illimités  qu'un  souverain  edt  jamais
  Conférés  à  son  représentant.
Voild  une  déclaration  qui  m'a  mis
dans  Tembarras,  je  ne  sayais,
duelle  réponse  lui  donner;  il  se
dit  autorisé  à  s'arranger  à  tout
prik  et  sans  scrupule;  mais  moi,
à  part  PTincompatibilité  des  intéeréts
  des  deux  pays,  j'éproube
une  repugnance  presque  superstitieuse
  à  étre  associé  aux  destinées
  de  UAutriche.,

mit  mir  um  jeden  Preis  zu
verständigen.  Ich  wurde  durch
diese  Eröffnung  in  einige  Verlegenheit
  gesetzt,  denn  abgesehen
von  der  Unverträglichkeit  der
Interessen  beider  Staaten,  habe
ich  eine  fast  abergläubische  Abneigung
  dagegen,  mich  mit
den  Geschicken  Oesterreichs  zu
verflechten."

Wer  möchte  angesichts  dieses  Beweises  einer  Gedächtnißtreue
  ohne  Gleichen  noch  zweifeln,  daß  der  Fürst  in  voller
ungetrübter  Kenntniß  der  Vergangenheit  seine  „Gedanken  und

Erinnerungen“  niederschrieb?
        <pb n="29" />
        IV.
Bis  zum  Ersten  Tereinigten  Kanstage.

Nach  den  mehr  einleitenden  Bemerkungen  zur  Abwehr
ungerechter  Angriffe  und  zur  Feststellung  des  Werthes  der
Bismarckschen  Aufzeichnungen  gehe  ich  zu  einer  Analyse  des
Inhalts  über.

Ueber  die  Jahre  der  Kindheit  macht  Fürst  Bismarck
keinerlei  Mittheilungen;  der  Biograph  wird  hier  auf  die  mehr
anekdotischen  Erzählungen  angewiesen  bleiben,  die  von  Hesekiel  in
der  ersten  größeren  Lebensbeschreibung  Bismarcks,  dem  „Buche
vom  Grafen  Bismarck“,  niedergelegt  worden  sind  und  meist
auf  die  Erzählungen  des  Fürsten  selbst  zurückgehen  dürften.
Das  erste  Capitel  (Bis  zum  Ersten  Vereinigten  Landtageg  setzt
ein  mit  der  Entwickelung  der  religiösen  und  politischen  Anschauungen,
  denen  der  Jüngling  beim  Uebergang  vom  Gymnasium
  auf  die  Universität  huldigte.  In  religiöser  Beziehung
fühlte  sich  Jung-Bismarck  als  Pantheist,  in  politischer  Hinsicht
als  Monarchist  mehr  aus  Gewöhnung  als  aus  Ueberzeugung.
Deutsch-nationale  Eindrücke  waren  in  der  Plamannschen  Erziehungsanstalt,
  die  nach  Jahnschen  Grundsätzen  geleitet  wurde,
an  ihn  herangetreten,  doch  nicht  nahe  genug,  um  die  angeborenen
preußisch=  monarchischen  Gefühle  in  ihm  zu  ersticken.  Zwar
erregte  jeder  deutsche  Fürst,  der  vor  dem  dreißigjährigen  Kriege
dem  Kaiser  widerstrebte,  seinen  kindlichen  Groll,  vom  Großen
Kurfürsten  an  aber  war  er  „parteiisch  genug,  antikaiserlich  zu
urtheilen  und  es  natürlich  zu  finden,  daß  der  siebenjährige
Krieg  sich  vorbereitete.“  Immerhin  war  in  ihm  das  nationale

Kohl,  Wegweiser.  2
        <pb n="30" />
        18  IV.  Bis  zum  Ersten  Vereinigten  Landtage.

Gefühl  so  lebendig,  daß  er  auf  der  Universität  zunächst  zur
Burschenschaft  in  Beziehung  trat,  die  die  Pflege  des  nationalen
Gedankens  als  ihren  Zweck  bezeichnete.  Was  ihn  der  Burschenschaft
  entfremdete,  lag  mehr  im  Bereich  der  Aeupßerlichkeiten:
die  Weigerung,  Satisfaction  zu  geben,  erschien  ihm  als  Mangel
an  männlichem  Muthe,  die  Gleichgültigkeit  gegen  die  aus  guter
Erziehung  hervorgehenden  gesellschaftlichen  Formen  beleidigte
den  feinfühligen  Aristokraten.  Wenn  auch  der  Glaube,  daß
die  Entwickelung  der  nächsten  Zukunft  uns  zur  deutschen  Einheit
  führen  werde,  in  ihm  soweit  mächtig  blieb,  daß  er  mit
seinem  amerikanischen  Freunde  Coffin  wettete,  daß  sie  in
20  Jahren  erreicht  werden  würde,  so  fühlte  er  sich  doch  durch
tumultuarische  Aeußerungen  des  nationalen  Gefühls  nach  Art
der  Hambacher  Feier  (27.  Mai  1832)1)  und  des  Frankfurter
Putsches  (3.  April  1833)2)  derart  abgestoßen,  daß  er  mit
weniger  liberaler  Gesinnung  nach  Berlin  zurückkehrte.  Lebendig
aber  blieb  in  ihm  der  Haß  gegen  die  Franzosen.  Beim  Blicke
auf  die  Landkarte  ärgerte  ihn  der  französische  Besitz  von  Straßburg,
  und  der  Besuch  von  Heidelberg,  Speier  und  der  Pfalz
stimmte  ihn  rachsüchtig  und  kriegslustig.

Sein  Wunsch,  in  die  diplomatische  Laufbahn  einzutreten,
fand  von  Seiten  des  Ministers  Ancillon  wenig  Ermuthigung.
Ancillon  war  der  Meinung  —  und  Bismarck  hat  sie  durch
spätere  Erfahrungen  bestätigt  gefunden  —,  daß  der  preußische
Landadel  in  seiner  hausbackenen  Gediegenheit  nicht  die  für

1)  Auf  den  Ruf  deutscher  Republikaner  versammelten  sich  zu
Pfingsten  1832  an  20  000  Menschen,  darunter  auch  polnische  und  französische
Zugvögel  der  Revolution,  auf  dem  Hambacher  Schlosse,  um  für  die  Wiedergeburt
  Deutschlands  in  der  Form  einer  Republik  Propaganda  zu  machen.
Die  thörichte  Demonstration  hatte  die  unwillkommene  Folge,  daß  der
Bundestag  auf  den  Antrag  Oesterreichs  und  Preußens  am  28.  Juni  1832
strenge  Beschlüsse  gegen  die  Preß-  und  Versammlungsfreiheit  faßte.

2)  Am  3.  April  1833  machten  unter  dem  Commando  des  hannöverschen
Flüchtlings  Rauschenplat  die  Frankfurter  Republikaner  den  Versuch,  den
Bundestag  aufzuheben,  um  dadurch  das  Zeichen  zu  einer  über  ganz  Deutschland
  sich  erstreckenden  revolutionairen  Schilderhebung  zu  geben.  Das
Unternehmen,  unzulänglich  vorbereitet  und  ohne  Halt  in  der  Stimmung
des  Volkes,  mißlang  kläglich,  schien  aber  den  Bundestag  zu  weiteren
reactionairen  Beschlüssen  zu  berechtigen.
        <pb n="31" />
        Jugendanschauungen.  Preußischer  Adel.  Auscultator.  19

die  preußische  Diplomatie  erwünschten  Kräfte  hervorbrächte,
und  daß  die  dieser  Classe  entnommenen  Bewerber  sich  aus
dem  engeren  Gesichtskreise  ihrer  mehr  provinziellen  Anschauungen
  schwer  loslösen  ließen.  Diese  Leute  waren  allenfalls
  als  preußische  Bureaukraten  innerhalb  der  deutschen
Diplomatie  Preußens  zu  verwenden,  nicht  aber  als  Vertreter
Preußens  an  den  europäischen  Höfen;  zu  solchen  wählte  man
damals  lieber  Männer  ausländischer  Herkunft  oder  Diplomaten,
die  vor  ihrem  Uebertritt  in  preußischen  Dienst  an  kleinen  Höfen
sich  die  erwünschte  „assurance“  im  höfischen  Verkehr  erworben
hatten  und  die  für  die  interne  wie  externe  diplomatische  Verwendung
  damals  unbedingt  nöthige  Sicherheit  im  Gebrauch
der  französischen  Sprache  besaßen.  Unter  diesem  an  sich  nicht
unberechtigten  Vorurtheil  mußte  auch  Bismarck  leiden:  Ancillon
rieth  ihm,  zunächst  das  Examen  als  Regierungsassessor  zu
machen  und  dann  auf  dem  Umwege  durch  die  Zollvereinsgeschäfte
  Eintritt  in  die  deutsche  Diplomatie  Preußens  zu  suchen.
Diesem  Rathe  folgend  bestand  Bismarck  am  20.  Mai  1835
bei  dem  Kammergericht  zu  Berlin  das  erste  juristische  Examen
und  trat  am  4.  Juni  als  Auscultator  beim  Criminalgerichte
ein.  Nachdem  er  dort  vier  Monate  lang  das  Protokoll  geführt
hatte,  wurde  er  an  das  Stadtgericht  zu  selbständiger  Thätigkeit
  versetzt.  Aus  einer  unglaublichen  Gedankenlosigkeit  allein
läßt  sich's  erklären,  daß  gerade  die  Ehescheidungs-Angelegenheiten
  den  jüngsten  Auscultatoren  überwiesen  wurden.  Der
dirigirende  Rath  der  Abtheilung  Prätorius  war  ein  bequemer
Herr,  der  am  liebsten  ungefragt  blieb  und  jede  Bitte  um  Rath,
den  die  jungen  Leute  in  diesen  ihrem  Gesichtskreise  so  fern
liegenden  Dingen  an  ihn  richteten,  als  lästige  Störung  seiner
Ruhe  empfand.  Köstlich  liest  sich  die  Schilderung  eines  Sühneversuchs,
  für  den  sich  der  rathlose  Auscultator  Bismarck  die
Unterstützung  seines  Vorgesetzten  erbat;  aber  man  wird  auch
der  Bemerkung  Bismarcks  beipflichten,  daß  für  die  Verordnung
Friedrich  Wilhelms  IV.  über  das  Verfahren  in  Ehescheidungen,
durch  welche  in  den  Provinzen  des  Allgemeinen  Landrechts
der  Staatsanwalt  als  desensor  matrimonü  eingeführt  wurde,
eine  unbestreitbare  Nothwendigkeit  vorhanden  war.  Nach  Ab-27
        <pb n="32" />
        20  IV.  Bis  zum  Ersten  Vereinigten  Landtage.

solvirung  des  dritten  Stadiums  der  Vorbildung,  der  Bagatellprocesse,
  suchte  und  fand  Bismarck  Aufnahme  als  Referendar!)
in  der  Aachener  Regierung,  deren  würdiger  Oberpräsident,
Graf  v.  Arnim-Boitzenburg,  sich  des  ihm  anvertrauten  jungen
Mannes  mit  väterlicher  Freundlichkeit  annahm,  wenn  es  ihm
auch  nicht  gelang,  ihm  einen  vortheilhafteren  Eindruck  von
Einrichtungen  und  Personen  beizubringen,  als  er  ihn  in  Berlin
hatte  gewinnen  können.  Auch  die  Mitglieder  der  Potsdamer
Regierung,  zu  der  sich  Bismarck  1837  versetzen  ließ,  um  in
das  Wesen  der  indirecten  Steuern  Einblick  zu  erhalten,
machten  ihm  in  ihrer  Gesammtheit  den  „Eindruck  von  Zopf

 

 

1)  Die  zur  Erstehung  der  Referendariatsprüfung  erforderlichen  Arbeiten
  schrieb  Bismarck  noch  in  Berlin.  Die  Themata,  die  ihm  von
Aachen  aus  mitgetheilt  wurden,  lauteten:

1.  Ueber  die  Natur  und  die  Zulässigkeit  des  Eides  im  Allgemeinen  und
nach  seinen  verschiedenen  Arten  aus  dem  Gesichtspunkte  der  philosophischen
Rechts=  und  Tugendlehre,  mit  Berücksichtigung  der  Lehre  des  Christenthums.

2.  Ueber  Sparsamkeit  im  Staats-Haushalte,  ihr  Wesen  und  ihre
Erfolge  —  auch  durch  geschichtliche  Beispiele  erläutert.

Die  Themata  wurden  ihm  unter  dem  18.  Februar  1836  zugesandt,
am  20.  Mai  1836  schickte  Bismarck  die  beiden  Arbeiten  mit  der  vorgeschriebenen
  eidesstattlichen  Versicherung  ein,  daß  er  sie  ohne  fremde
Beihülfe  selbst  gefertigt  und  eigenhändig  geschrieben  habe.  Die  mit  der
Prüfung  betrauten  Räthe  Besserer  bez.  Reinike  fällten  über  die  Aufsätze,  die  ich
im  2.  Bande  des  Bismarck-Jahrbuchs  veröffentlicht  habe,  folgende  Urtheile:

ad  1.  Ich  trage  kein  Bedenken,  dieser  Abhandlung  das  Prädicat
„recht  gut“"  zuzuerkennen.  Im  Ganzen  herrscht  darin  Würdigkeit  und
Klarheit  der  Ansicht,  ein  geregelter  Ideengang  und  eine  gute  Diction,  und.
sie  giebt  verhältnißmäßig  nur  zu  wenig  Ausstellungen  Anlaß.

ad  2.  Die  vorliegende  Arbeit  verdient  m.  E.  in  der  Anlage  wie
in  der  Ausführung  Beifall.  Sie  zeugt  von  einer  guten  Grundlage  staatswirthschaftlicher
  und  geschichtlicher  Kenntnisse,  und  wenn  sie  schon  auf  erschöpfende
  Behandlung  des  sehr  umfassenden  Themas  nicht  Anspruch  erheben
kann,  so  darf  sie  doch  ihrem  Zweck  nach  als  „gelungen“  anerkannt  werden.

Am  30.  Juni  1836  bestand  Bismarck  vor  der  aus  Consistorial-  und
Schulrath  Claessen,  Regierungsrath  Heyse  und  Kammergerichtsassessor  Fürth.
bestehenden  Prüfungscommission  die  mündliche  Prüfung.  Auf  Grund  ihres.
Ergebnisses  (s.  das  Protokoll  in  Bismarck-Jahrbuch  1II  12  ff.)  wurde  er
nach  einstimmigem  Urtheil  als  sehr  gut  befähigt  erachtet,  „um  zum
Regierungsreferendariat  befördert  zu  werden.“  Nach  seiner  Vereidigung
  —  am  5.  Juli  —  trat  er  bei  der  Aachener  Regierung  als
Referendar  ein.

„2)  Ueber  die  Gründe  seines  Abgangs  von  Aachen  geben  die  in  Bismarck-Jahrbuch
  III  abgedruckten  Acten  jede  nur  wünschenswerthe  Auskunft-
        <pb n="33" />
        Regierungsreferendar.  Uebergang  zur  Landwirthschaft.  21

und  Perrücke“.  Als  er  1839  unter  Aufgabe  seiner  anfänglichen
  Pläne  aus  dem  Staatsleben  schied,  um  sich  auf  Wunsch
seines  Vaters  der  durch  mißlungene  Speculationen  einigermaßen
festgefahrenen  Bewirthschaftung  der  pommerschen  Familiengüter
(Kniephof,  Külz,  Jarchelin)  in  Gemeinschaft  mit  seinem  Bruder
Bernhard  zu  widmen,  nahm  er  eine  nur  geringe  Meinung
von  dem  Werthe  der  preußischen  Bureaukratie  und  eine  —  wie
er  selbst  meint  —  vielleicht  zu  große  Neigung  zur  Kritik  mit
in  das  Landleben  hinüber.  Indem  Bismarck  von  dieser  innern
Wandlung  erzählt,  die  aus  dem  Referendar  einen  praktischen.
Landwirth  machte,  kann  er  nicht  umhin,  in  einem  Excurs
seine  Gedanken  über  die  Bureaukratie  überhaupt  zu  entwickeln
und  der  Bureaukratie  der  Vergangenheit  die  der  Gegenwart
vergleichend  gegenüberzustellen.  Der  Vergleich  fällt  nicht  zu
Gunsten  des  heutigen  Zustandes  aus,  und  überaus  lehrreich
ist  der  Nachweis,  daß  die  moderne  „Selbstverwaltung“  nur
zu  einer  Verschärfung  der  Bureaukratie,  zur  Vermehrung  der
Beamten,  ihrer  Macht  und  ihrer  Einmischung  in's  Privatleben
geführt  habe,  diese  Entwickelung  aber  begünstigt  worden  sei
durch  die  Umgestaltung  des  Landrathsamtes  in  eine  Unterstufe
  der  staatlichen  Hierarchie,  während  früher  der  Landrathsposten
  von  Kreiseingesessenen  verwaltet  wurde,  deren  einziger
Ehrgeiz  darin  bestand,  das  Amt  lebenslänglich  zu  verwalten.
Und  eine  recht  ernste  Mahnung  enthält  der  Satz:  „Die  alten
Regierungsbeamten  zeigten  sich,  wenn  sie  mit  der  regierten
Bevölkerung  in  unmittelbare  Berührung  traten,  pedantisch  und
durch  ihre  Beschäftigung  am  grünen  Tische  den  Verhältnissen
des  praktischen  Lebens  entfremdet,  hinterließen  aber  den  Eindruck,
  daß  sie  ehrlich  und  gewissenhaft  bemüht  waren,  gerecht
zu  sein.  Dasselbe  läßt  sich  von  den  Organen  der  heutigen
Selbstverwaltung  in  Landstrichen,  wo  die  Parteien  einander
schärfer  gegenüberstehen,  nicht  in  allen  Stufen  voraussetzen;
das  Wohlwollen  für  politische  Freunde,  die  Stimmung  bezüglich
  des  Gegners  werden  leicht  ein  Hinderniß  unpartelüscher
Handhabung  der  Einrichtungen.“

Es  war  in  den  Zeiten  der  liberalen  Hochfluth,  die  dem
Sturme  des  Jahres  1848  vorausging,  und  in  den  Zeiten  des
        <pb n="34" />
        22  IV.  Bis  zum  Ersten  Vereinigten  Landtage.

Conflicts  unter  der  Herrschaft  der  Fortschrittsphrase  üblich,
Herrn  v.  Bismarck  die  „Vorurtheile  seines  Standes“  anzuheften
und  als  Ausgangspunkt  und  Triebfeder  seiner  innern  Politik
die  Erinnerung  an  die  frühere  Bevorrechtigung  des  Adels  zu
bezeichnen.  Das  Wort  „Junker“  war  in  liberalem  Munde
eine  Art  Brandmal,  das  den  davon  Betroffenen  als  „beschränkt"“
im  weitesten  Sinne  des  Wortes  kennzeichnen  sollte.  Bismarck
macht  darauf  aufmerksam,  wie  wenig  die  Eindrücke  seiner
Kindheit  geeignet  waren,  ihn  zu  verjunkern.  Sein  Vater,  der
Rittmeister  Ferdinand  v.  Bismarck,  war  von  aristokratischen
Vorurtheilen  frei,  und  seine  Mutter  Wilhelmine,  die  Tochter
des  höchst  liberal  gesinnten  Cabinetsraths  Friedrichs  des
Großen,  Friedrich  Wilhelms  II.  und  III.,  Mencken,  war  von
reactionairen  Anschauungen  so  weit  entfernt,  daß  Bismarck
überzeugt  ist,  daß  er  für  die  Richtung  seiner  ministeriellen
Thätigkeit  niemals  die  Billigung  seiner  Mutter  gefunden  haben
würde.  Brachte  er  also  aus  dem  Elternhause  keinerlei  angeborenes
  oder  anerzogenes  Standesgefühl  mit,  so  ließ  die
harte  Erziehung  der  Plamannschen  Schule  und  die  Abneigung
der  Mitschüler  und  Lehrer  gegen  Träger  adliger  Namen,  unter
der  er  auf  dem  Gymnasium  zum  Grauen  Kloster  zu  leiden
hatte,  noch  weniger  ein  Gefühl  in  ihm  aufkommen,  das  ihm
von  Natur  fremd  war.  Ebensowenig  war  Herr  v.  Bismarck
jemals  eingeschworen  auf  den  Absolutismus  des  preußischen
Königthums.  Wenn  er  auf  dem  Vereinigten  Landtage  als
Vorkämpfer  der  Rechte  der  preußischen  Krone  auftrat,  so  geschah
es,  weil  er  ihr  das  Recht  freihalten  wollte,  ohne  Ueberstürzung
selbst  das  Maß  ihrer  Beschränkung  zu  bestimmen.  Die  durch
Presse  und  Parlament  geübte  Kritik  hielt  schon  der  Bismarck
von  1847  für  ein  nothwendiges  Correctiv  monarchischer  Einrichtungen,
  „um  den  Monarchen  vor  der  Gefahr  zu  behüten,
daß  Weiber,  Höflinge,  Streber  und  Phantasten  ihm  Scheuklappen
  anlegten,  die  ihn  hinderten,  seine  monarchischen  Aufgaben
  zu  übersehen  und  Mißgriffe  zu  vermeiden  oder  zu
corrigiren.“  Sein  Ideal  war  immer  eine  monarchische  Gewalt,
welche  durch  eine  unabhängige  —  ständische  oder  berufsgenossenschaftliche
  —  Landesvertretung  soweit  controllirt  wäre,
        <pb n="35" />
        „Junker“  Bismarck.  Einberufung  zum  Vereinigten  Landtag.  23

„daß  Monarch  oder  Parlament  den  bestehenden  gesetzlichen
Rechtszustand  nicht  einseitig,  sondern  nur  communi  consensu
ändern  können,  bei  Oeffentlichkeit  und  öffentlicher  Kritik  aller
staatlichen  Vorgänge  durch  Presse  und  Landtag“.

Nach  dem  Tode  des  Vaters  (22.  November  1845)  übernahm
  Bismarck  neben  den  beiden  pommerschen  Gütern  Kniephof
und  Jarchelin,  die  er  seit  1841  allein  verwaltete,  während
sein  Bruder  Bernhard  die  Bewirthschaftung  von  Külz  übernommen
  hatte,  das  Stammgut  Schönhausen.  Er  fand  hier
ziemlich  verworrene  Verhältnisse,  viel  Schulden  und  wenig
Geld,  sie  zu  bezahlen.  Gleichwohl  wies  er  ein  ihm  von  Berlin
aus  gemachtes  Anerbieten,  im  Dienste  des  Staates  sich  in
Wartenburg  in  Ostpreußen  „als  Sr.  Majestät  Commissarius
bei  dortigen  Meliorationsarbeiten“  anstellen  zu  lassen,  zurück,
weil  ihm  die  Hoffnung,  Deichhauptmann  und  später  an  Stelle
des  kränklichen  und  geschäftsunkundigen  Herrn  v.  Alvensleben
Landrath  zu  werden,  mehr  lockte,  als  die  ihm  eröffnete  Aussicht
  auf  einen  interessanten  Wirkungskreis  und  schnelle  Beförderung
  im  Staatsdienste.  So  blieb  er  Landwirth.  Das
höchste  Ziel  seines  Ehrgeizes  war,  als  Abgeordneter  der  Ritterschaft
  in  den  Landtag  der  Provinz  Sachsen  gewählt  zu  werden.
Gerade  diese  Wahl  führte  ihn  auf  die  rechte  Bahn.  Durch
die  Patente  vom  3.  und  8.  Februar  1847  berief  Friedrich
Wilhelm  IV.  die  acht  Provinziallandtage  der  Monarchie  auf
den  11.  April  zum  Ersten  Vereinigten  Landtage  nach
Berlin,  um  von  den  Ständen  eine  Anleihe  zum  Baue  von
Eisenbahnen  beschließen  zu  lassen,  zu  deren  Aufnahme  nach
dem  Edicte  Friedrich  Wilhelms  III.  vom  17.  Januar  1820  die
Bürgschaft  von  Reichsständen  erforderlich  war.  Als  Stellvertreter
  des  Deichhauptmanns  von  Brauchitsch,  der  durch
Krankheit  verhindert  war,  sein  Mandat  als  Mitglied  der
Ritterschaft  der  Provinz  Sachsen  persönlich  auszuüben,  wurde
Herr  v.  Bismarck  einberufen:  am  11.  Mai  wohnte  er  der
ersten  Landtagssitzung  bei,  am  15.  Mai  ergriff  er  zum  ersten
Male  zu  einer  kurzen,  sachlichen  Erklärung  das  Wort.

Unter  seinen  Standesgenossen  galt  Bismarck  damals  für
„liberal“,  im  Sinne  der  Unzufriedenheit  mit  der  Bureaukratie;
        <pb n="36" />
        24  IV.  Bis  zum  Ersten  Vereinigten  Landtage.

aber  die  Opposition  des  „politischen“  Liberalismus,  der  ihm
auf  dem  Vereinigten  Landtage  in  Männern  wie  v.  Saucken-Tarputschen,
  Alfred  v.  Auerswald,  v.  Beckerath,  v.  d.  Heydt,
Mevissen,  v.  Vincke  gegenübertrat,  fand  nicht  seine  Zustimmung;
ihre  Reden  mutheten  ihn  auch  in  seinen  alten  Tagen  noch  an
wie  „importirte  Phrasen-Schablone“.  Es  ist  charakteristisch,
daß  Bismarck  alsbald  mit  den  Liberalen  des  Vereinigten
Landtags  über  die  Frage  in  Conflict  gerieth,  aus  welchen
Gründen  die  Erhebung  des  preußischen  Volkes  im  Jahre  1813
erfolgt  sei.  Dem  nackten  Materialismus,  der  „dem  Könige
dafür,  daß  die  Nation  sich  selbst  befreit  habe,  eine  in  Verfassungsparagraphen
  zahlbare  Rechnung  überreichen  wollte",
stellte  er  den  Idealismus  eines  warmfühlenden  Patrioten
gegenüber,  dem  der  Zorn  über  die  Fremdherrschaft  die  Waffen
in  die  Hand  drückt,  ohne  zu  fragen,  ob  sein  Kampf  für  die
Freiheit  einer  liberaler  gerichteten  Verfassung  die  Bahn  brechen
wird.  Der  Sturm,  den  seine  Aeußerung  hervorrief,  gab  ihm
Gelegenheit,  seine  kaltblütige  Verachtung  der  Majorität  in  unnachahmlicher
  Weise  zu  bekunden:  in  einer  auf  der  Tribüne
liegenden  Zeitung  blätternd,  wartete  er,  bis  der  tobende  Lärm
sich  gelegt  hatte  und  er  seine  Rede  beenden  konnte.  Seine
Haltung  im  Landtage  aber  gewann  ihm  das  Vertrauen  und
die  Gunst  seines  Königs  Friedrich  Wilhelm  IV.  Unter  den
Augen  des  Landtags  freilich  mied  der  König  den  tapfern
Kämpen  für  die  Rechte  der  Krone  in  augenfälliger  Weise,  so  daß
Bismarck  glaubte,  durch  seine  Haltung  als  royalistischer  Heißsporn
  die  Grenzen  überschritten  zu  haben,  die  der  König  selbst
sich  gesteckt  hatte.  Aber  fern  von  Berlin  wagte  er  sich  offen  zu
dem  streitbaren  Junker  zu  bekennen.  Als  er  im  Theater  zu
Venedig  (Septbr.  1841),  das  Bismarck  auf  der  Hochzeitsreise
berührte,  seiner  ansichtig  wurde,  beschied  er  ihn  für  den  folgenden
Tag  zur  Audienz  und  zog  ihn  zur  Tafel,  befahl  ihm  aber  auch,
sich  im  Laufe  des  Winters  bei  ihm  zu  melden.  Dadurch  kam
Bismarck  in  persönliche  Beziehungen  zum  Hohengollernschen
Hause,  die  für  die  Zukunft  von  größter  Bedeutung  werden  sollten.

—  —
        <pb n="37" />
        V.

Die  Kevolution  von  1848  uno  Friedrich  Vilhelms  IV.
deutsche  Bestrebungen.

Das  zweite  Capitel  ist  dem  Jahre  1848  gewidmet.  Es
ist  weniger  reich  an  neuen  Mittheilungen  zur  Geschichte  der
Berliner  Märzbewegung  als  an  Erzählungen  von  dem  persön—
lichen  Antheil,  den  Bismarck  an  den  Dingen  nahm.  Auch  der
Humor  kommt  zu  seinem  Rechte.  So  gleich  zu  Anfang  in  dem
Berichte  von  der  Abfertigung,  die  die  Schönhauser  Bauern  auf
den  Rath  ihres  „gnädigen“  Herrn  den  Deputirten  aus  Tangermünde
  zu  Theil  werden  ließen,  als  sie  unter  Androhung  von  Gewalt
  die  Entfaltung  der  schwarz-roth-goldenen  Fahne  erzwingen
wollten:  unter  eifriger  Betheiligung  der  Weiber  wurden
die  Städter  aus  dem  Dorfe  gejagt,  und  auf  dem  Thurme  wurde
zum  Zeichen  der  königstreuen  Gesinnung  der  Bauern  eine  weiße
Fahne  mit  schwarzem  Kreuze  aufgezogen,  die  noch  heute  vorhanden
  ist.  Charakteristisch  ist  Bismarcks  Bemerkung,  daß  er
von  vornherein  für  die  politische  Tragweite  der  Berliner  Vorgänge
  nicht  so  empfänglich  gewesen  sei  wie  für  die  Erbitterung
über  die  Ermordung  preußischer  Soldaten  in  den  Straßen.
Er  war  überzeugt,  daß  das  preußische  Königthum  des  Aufstandes
  ohne  große  Mühe  Herr  werden  würde,  wenn  man  nur
dem  Könige  die  Freiheit  der  Bewegung  zurückgäbe.  Auf  die
nachher  zu  Tage  tretende  Schwäche  des  Königs,  der  auf  den
Rath  feiger  oder  verrätherischer  Minister  vor  der  Revolution
capitulirte  in  dem  Augenblicke,  da  er  durch  die  todesmuthige
        <pb n="38" />
        26  V.  Die  Revolution  u.  Friedrich  Wilhelms  IV.  deutsche  Bestrebungen.

Tapferkeit  seiner  Soldaten  des  Sieges  über  den  Aufruhr  sicher
war,  ist  er  offenbar  nicht  gefaßt  gewesen,  und  sehr  sonderbar
mußte  es  ihn,  den  königstreuen  Mann,  berühren,  daß  innerhalb
der  königlichen  Familie  selbst  Pläne  erwogen  wurden,  die  die
Abdankung  des  Königs  und  den  Verzicht  des  Prinzen  von  Preußen
auf  die  Krone  zur  Voraussetzung  hatten:  aus  dem  Munde  der
Prinzessin  Augusta  mußte  er  vernehmen,  daß  sie  es  für  ihre
wichtigste  Pflicht  halte,  die  Rechte  ihres  Sohnes  zu  wahren.
Wie  er  diese  Bestrebungen  auffaßte,  lehrt  die  schroffe  Abweisung,
die  er  der  sondirenden  Frage  Georgs  v.  Vincke  zu  Theil  werden
ließ,  ob  die  Rechte  in  der  Kammer  einen  Antrag  auf  Herstellung
einer  Regentschaft  der  Prinzessin  Augusta  für  ihren  minderjährigen
  Sohn  unterstützen  werde:  er  erklärte,  einen  Antrag
dieses  Inhalts  mit  dem  Antrage  auf  gerichtliches  Verfahren
wegen  Hochverrathes  zu  beantworten,  und  bewirkte  dadurch,  daß
die  Linke  ihren  Plan  fallen  ließ.  Bismarck  hat  nie  erfahren,
ob,  wie  man  ihm  damals  versicherte,  der  Prinz  von  Preußen
mit  den  politischen  Bestrebungen  seiner  Gemahlin  einverstanden
gewesen  ist,  ob  die  eventuelle  Verzichtserklärung  des  Prinzen,
auf  die  man  sich  damals  berief,  jemals  existirt  hat.  Zwischen
den  Zeilen  liest  man  den  Zweifel.  Um  so  höher  ist  die  Verschwiegenheit
  zu  ehren,  die  Bismarck  über  seine  damaligen
Erlebnisse  seinem  hohen  Herrn  gegenüber  auch  in  späteren
Zeiten  bewahrt  hat,  als  er  in  der  Königin  Augusta  den
Gegner  erkennen  mußte,  „der  seine  Fähigkeit,  zu  vertreten,
was  er  für  seine  Pflicht  hielt,  auf  die  schwerste  Probe  gestellt
  hat"“.

Die  politische  Lage  war  an  sich  für  Preußen  bis  zum
19.  März  nicht  ungünstig.  Der  König  hatte  den  Aufstand
niedergeschlagen.  Wenn  er  ihn  nicht  wieder  aufkommen  ließ,
so  würde  eine  durch  Preußen  bewirkte  haltbare  Neuordnung
Deutschlands  nach  Bismarcks  Meinung  bei  dem  Zaren  Nikolaus
keine  Schwierigkeiten  gefunden  haben,  da  dessen  politische  Sympathien
  ursprünglich  mehr  nach  Berlin  als  nach  Wien  gerichtet
waren.  Indem  aber  der  König  den  Abzug  der  Truppen  befahl
und  durch  den  Umritt  in  den  Farben  der  Burschenschaft
(21.  März  1848)  die  Bestrebungen  förmlich  anerkannte,  gegen  die
        <pb n="39" />
        Regentschaftspläne.  Schwäche  Friedrich  Wilhelms  IV.  27

seine  Truppen  gekämpft  und  gesiegt  hatten,  verdarb  er  die  Lage
zum  Nachtheile  Preußens:  in  den  Augen  der  Welt  und  vor
Allem  auch  in  den  Augen  der  deutschen  Fürsten,  die  eben  noch
in  ihrer  eigenen  Bedrängniß  Schutz  bei  dem  starken  Preußenkönig
  gesucht  hatten,  stand  er  fortan  an  der  Spitze  der  Barrikadenkämpfer.
  Freilich  sind  Bismarcks  Zweifel  wohlberechtigt,
ob  es  Friedrich  Wilhelms  IV.  weicher,  gegen  jeden  Druck  nachgiebiger
  Natur  gelungen  sein  würde,  eine  haltbare  Einheit  des
deutschen  Volkes  zu  schaffen.  1)  Auch  bildet  das  im  Kampfe
gegen  den  Erbfeind  unserer  Nationalität  vergossene  Blut  einen
festeren  Kitt,  als  es  der  Sieg  über  die  Revolution  und  die
„Helden“  der  Barrikaden  hätte  sein  können.  Und  gewiß  wird
heute  jeder  Bismarck  beistimmen,  wenn  er  sagt:  „Es  ist
vielleicht  für  unsere  Zukunft  besser  gewesen,  daß  wir  die  Irrwege
  in  der  Wüste  innerer  Kämpfe  von  1848  bis  1866  wie
die  Juden,  bevor  sie  das  gelobte  Land  erreichten,  noch  haben
durchmachen  müssen.  Die  Kriege  von  1866  und  1870  wären
uns  doch  schwerlich  erspart  worden,  nachdem  unsere  1848  zusammengebrochenen
  Nachbarn  in  Anlehnung  an  Paris,  Wien
und  anderswo  sich  wieder  ermuthigt  und  gekräftigt  haben
würden.  Es  ist  fraglich,  ob  auf  dem  kürzeren  und  rascheren
Wege  des  Märzsieges  von  1848  die  Wirkung  der  geschichtlichen
Ereignisse  auf  die  Deutschen  dieselbe  gewesen  sein  würde  wie
die  heute  vorhandene,  die  den  Eindruck  macht,  daß  die  Dynastien

i)In  diesem  Zusammenhange  findet  sich  (Bd.  1  42,  Z.  11  ff.  v.  u.)
ein  Satz,  der,  wie  mir  mehrere  Anfragen  beweisen,  manchen  in  seinem
Sinne  nicht  ganz  klar  ist.  Derselbe  lautet:  „Ich  wage  keine  Vermuthung
darüber,  welche  Einwirkung  auf  die  Haltung  des  Königs,  die  Romantik
mittelalterlicher  Reichserinnerungen  Oesterreich  und  den  Fürsten  gegenüber
und  das  vorher  und  später  so  starke  fürstliche  Selbstgefühl  im  Inlande
das  Bewußtsein  geübt  haben  würde,  den  Aufruhr  definitiv  niedergeschlagen
zu  haben,  der  ihm  gegenüber  allein  siegreich  blieb  im  außerrussischen  Continent."“
Der  Sinn  wird  sofort  klar,  wenn  die  Präposition  „auf“  wiederholt  wird:

Ich  wage  keine  Vermuthung  darüber,  welche  Einwirkung  (Obiject)

a)  auf  die  Haltung  des  Königs,
b)  (auf)  die  Romantik  mittelalterlicher  Reichserinnerungen  Oesterreich
und  den  Fürsten  gegenüber,  und
c)  (auf)  das  vorher  und  später  so  starke  fürstliche  Selbstgefühl  im  Inlande

das  Bewußtsein  (Subject)  gehabt  haben  würde,  2c.
        <pb n="40" />
        28  V.  Die  Revolution  u.  Friedrich  Wilhelms  IV.  deutsche  Bestrebungen.

und  gerade  die  früher  hervorragend  particularistischen  reichsfreundlicher
  sind  als  die  Fractionen  und  Parteien.“

Seiner  Verstimmung  über  die  selbstverschuldete  Niederlage
  des  Königthums  gab  Bismarck  bei  seinem  ersten  Besuche
in  Sanssouci  (Anfang  Juni  1848)  Ausdruck,  als  er  ganz  gegen
seine  Erwartung  zum  Könige  befohlen  ward  und  der  Einladung
widerwillig  folgte,  da  des  Königs  Liebenswürdigkeit  ihm  keine
Ausflucht  gestattete.  Aber  die  Güte  Friedrich  Wilhelms  IV.,
der  indirect  die  Fehler  seiner  Politik  zugab,  der  thätigen  Hingebung
  aber  mehr  zu  bedürfen  erklärte  als  der  Kritik,  entwaffnete
  den  Grollenden,  und  während  er  in  der  Stimmung
eines  Frondeurs  gekommen  war,  dem  es  gerade  recht  gewesen
wäre,  wenn  der  König  ihn  ungnädig  fortgeschickt  hätte,  ging
er  mit  dem  Entschlusse,  seinem  Könige  nach  bester  Ueberzeugung
zu  dienen.  Freilich,  zu  einer  festen  Wahrnehmung  seiner  Macht
gegenüber  der  Nationalversammlung  vermochte  er  den  König
für's  Erste  nicht  zu  bewegen.  Bismarck  vermuthet,  daß  der
König  dabei  nicht  sowohl  durch  den  Zweifel  an  seiner  Macht
geleitet  worden  sei,  als  durch  die  Hintergedanken,  „ob  nicht
die  Berliner  Versammlung  und  der  Friede  mit  ihr  und  ihrem
Rechtsboden  unter  irgend  welchen  Constellationen  direct  oder
indirect  nützlich  werden  könne,  sei  es  in  Combinationen  mit
dem  Frankfurter  Parlament  oder  gegen  dasselbe,  sei  es,  um
nach  andern  Seiten  hin  in  der  deutschen  Frage  einen  Druck
auszuüben,  und  ob  der  formale  Bruch  mit  der  preußischen
Volksvertretung  die  deutschen  Aussichten  compromittiren  könne.“
Erst  als  die  Entwickelung  der  Dinge  keine  Gelegenheit  bot,
die  Berliner  Versammlung  für  die  deutsche  Sache  nutzbar  zu
machen,  ihre  Uebergriffe  dagegen  mit  jedem  Tage  wuchsen,
reifte  bei  dem  Könige  der  Gedanke,  sie  an  einen  andern  Ort
zu  verlegen  oder  aufzulösen.  Die  Schwierigkeit  war,  ein
Ministerium  zu  finden,  das  die  Verantwortung  zu  übernehmen
bereit  war.  Nach  mannigfachen  vergeblichen  Bemühungen,
Führer  der  ehemaligen  Opposition  des  vereinigten  Landtages,
wie  Georg  v.  Vincke,  v.  Beckerath,  Harkort  zu  gewinnen,  lenkte
sich  des  Königs  Blick  auf  Graf  Brandenburg,  der  in  militairischem
  Gehorsam  sich  des  Amtes  nicht  weigerte,  obwohl
        <pb n="41" />
        In  Sanssouci.  Ministerium  Brandenburg.  Ursachen  des  Mißerfolgs.  29

Politik  und  Staatsrecht  nicht  seine  Sache  waren.  Als  „Kornak“
wünschte  er  sich  Otto  v.  Manteuffel,  Director  im  Ministerium
des  Innern,  und  Bismarck  war  es,  der  in  mehrstündiger
Unterredung  die  Abneigung  Manteuffels  gegen  den  Kampf
auf  der  Bresche  überwand.1)  Das  neue  Ministerium  trat  am
9.  November  vor  die  Kammer;  am  10.  Nachmittags  rückte
Wrangel  ein.))  Daß  er  die  Bürgerwehr  durch  Verhandlungen
zum  Abzug  bewog,  statt  sie  durch  Waffengewalt  dazu  zu
zwingen,  erklärt  Bismarck  für  einen  politischen  Fehler,  nicht
minder,  daß  der  König  die  Nationalversammlung  nicht  auflöste,
sondern  unter  gleichzeitiger  Vertagung  nach  Brandenburg  verlegte.
  Es  war  immer  Friedrich  Wilhelms  IV.  Schwäche,
halbe  Arbeit  zu  thun.  Zu  dieser  Schwäche  aber  kam  noch  ein
Zweites:  der  „latente  deutsche  Gedanke  Friedrich  Wilhelms
  IV.“"

Fürst  Bismarck  erörtert  im  ersten  Abschnitte  des  dritten
Capitels  (Erfurt,  Olmütz,  Dresden)  die  Ursachen  der  Mißerfolge
  Preußens  auf  dem  Gebiete  der  deutschen  Politik.  „Der
König  hoffte,  das  Wünschenswerthe  würde  kommen,  ohne  daß
er  seine  legitimistischen  Traditionen  zu  verletzen  brauchte.“  Er
hatte  nicht  den  Muth,  die  Macht,  die  ihm  der  Sieg  des  Ministeriums
  Brandenburg  und  die  Niederwerfung  des  badischen
Aufruhrs  gaben,  zunächst  in  Preußen  selbst  gegen  die  Revolution
zu  verwerthen,  weil  er  die  Besorgniß  hegte,  „dasjenige  Maß
von  Wohlwollen  in  nationaler  und  liberaler  Richtung  zu  verlieren,
  auf  dem  die  Hoffnung  beruhte,  daß  Preußen  ohne  Krieg
und  in  einer  mit  legitimistischen  Vorstellungen  verträglichen.
Weise  das  Vorgewicht  in  Deutschland  zufallen  würde.“  Diese
Hoffnung,  die  bis  in  die  Anfänge  der  Neuen  Aera  hinein  in
der  Phrase  von  dem  deutschen  Berufe  Preußens  Ausdruck  fand,
beruhte  auf  einem  doppelten  Irrthum:  einer  Unterschätzung

1)  Auch  Bismarcks  Name  fand  sich  auf  einer  der  Ministerlisten.  Der
König  hatte  dazu,  nach  Gerlachs  Mittheilung,  an  den  Rand  geschrieben:
„Nur  zu  gebrauchen,  wenn  das  Bayonett  schrankenlos  waltet.“

2)  Interessante  Einzelheiten  berichten  die  beiden  Briefe  Bismarcks
an  seinen  Bruder  vom  10.  und  11.  November,  Bismarckbriefe,  7.  Aufl.,
S.  68f.  69  ff.
        <pb n="42" />
        30  V.  Die  Revolution  u.  Friedrich  Wilhelms  IV.  deutsche  Bestrebungen.

der  Lebenskraft  der  deutschen  Dynastien  und  ihrer  Staaten
seitens  der  Frankfurter  Versammlung  und  einer  Ueberschätzung
der  revolutionairen  Kräfte  und  der  revolutionairen  Agitation
seitens  des  Königs.  Die  Achtung  vor  der  „Legitimität“,  die
Furcht  vor  der  „Barrikade“  ließen  den  König  den  rechten  Augenblick
  versäumen,  an  der  Spitze  der  deutschen  Fürsten  nach  siegreicher
  Niederwerfung  der  Revolution  ein  deutsches  Einheitsgebilde
  herzustellen;  zur  Ablehnung  der  von  der  Frankfurter
Versammlung  ihm  angebotenen  Kaiserkrone  (3.  April  1849)  bestimmte
  ihn  hauptsächlich  der  revolutionaire  oder  doch  parlamentarische
  Ursprung  des  Anerbietens  und  der  Mangel  eines  staatsrechtlichen
  Mandats  des  Frankfurter  Parlaments  bei  mangelnder
Zustimmung  der  Dynastien.  Im  Rückblick  auf  die  damalige
Lage,  Personen  und  Zustände  muß  Fürst  Bismarck  das  Preußen
Friedrich  Wilhelms  IV.  für  nicht  reif  erklären  zur  Uebernahme
der  Führung  in  Deutschland,  aber  er  macht  kein  Hehl  daraus,
daß  diese  aus  dem  Verlaufe  der  geschichtlichen  Entwickelung
gewonnene  Ansicht  nicht  mit  gleicher  Klarheit  damals  in  ihm
lebendig  war.  Seine  Freude  über  die  Ablehnung  der  Kaiserkrone
beruhte  weniger  auf  einer  genauen  Kenntniß  des  Charakters
Friedrich  Wilhelms  IV.,  als  auf  dem  Mißtrauen  in  den  parlamentarischen
  Ursprung  des  preußischen  Erbkaiserthums  und
die  ganze  Entwickelung  der  Dinge  seit  den  Barrikaden  von  1848
mit  ihren  parlamentarischen  Consequenzen.  Er  folgte  darin
den  Anschauungen  seiner  politischen  Freunde,  der  Führer  seiner
Fraction,  als  Parteimann,  der  in  verba  magistri  schwörend
jedem  Gegner  mit  Mißtrauen  oder  Feindschaft  begegnet.  Indem
Bismarck  dieses  Bekenntniß  ablegt,  nimmt  er  die  Gelegenheit
wahr,  das  Fractionsleben  sonst  und  jetzt  zu  vergleichen,  und
recht  aufmerksam  sollten  die  goldenen  Worte  gelesen  werden:
„Das  politische  Streberthum  hat  heute  mehr  Antheil  an  dem
Bestehen  und  Verhalten  der  Fractionen  als  vor  40  Jahren;
die  Ueberzeugungen  waren  damals  aufrichtiger  und  ungeschulter,
wenn  auch  die  Leidenschaften,  der  Haß  und  die  gegenseitige
Mißgunst  der  Fractionen  und  ihrer  Führer,  die  Neigung,  die
Landesinteressen  den  Fractionsinteressen  zu  opfern,  heut  vielleicht
stärker  entwickelt  sind  Byzantinismus  und  verlogene  Specu-
        <pb n="43" />
        Unreife  Preußens.  Fractionswesen.  Dreikönigsbündniß.  31

lation  auf  Liebhabereien  des  Königs  wurden  wohl  in  kleineren,
höheren  Kreisen  betrieben,  aber  bei  den  parlamentarischen
Fractionen  war  der  Wettlauf  um  die  Gunst  des  Hofes  noch
nicht  im  Gange."

Auch  die  zweite  günstige  Gelegenheit,  die  sich  dem  Könige
von  Preußen  durch  die  Niederwerfung  des  Dresdener  Aufstandes
und  die  Herstellung  des  Dreikönigsbündnisses  (26.  Mai  1849)
bot,  blieb  bei  dem  Mangel  klarer  und  praktischer  Ziele  und
entschlossenen  Handelns  unbenutzt:  man  verlor  die  Zeit  mit
Erwägungen  über  Einzelheiten  der  künftigen  Verfassung,  unter
denen  eine  der  breitesten  Stellen  die  Frage  von  dem  Gesandtschaftsrecht
  der  deutschen  Fürsten  neben  dem  des  Deutschen
Reiches  einnahm.  Während  man  über  alles  andere  schon  hinreichend
  einig  war,  wurde  der  Abschluß  durch  diese  Frage  um
Monate  hingehalten.  „Darüber  verfloß  das  tempus  utile,  und
es  kamen  rauhe  Winterstürme,  in  denen  diese  jungen  Frühlingsschößlinge
  nicht  mehr  gedeihen  konnten".1)  Statt,  unter  Verzicht
auf  Beifall  und  Popularität  bei  verwandten  Fürstenhäusern,
Parlamenten,  Historikern  und  in  der  Tagespresse,  auf  militairischem
  Gebiete  die  bei  Oesterreichs  Schwäche  unbestrittene
Führung  in  Deutschland  zu  übernehmen,  ließ  Preußen  Oesterreich
  erstarken  und  kämpfte  auf  dem  Erfurter  Reichstage  eigentlich
  nur  für  den  Rückzug,  nachdem  Sachsen  und  Hannover
unter  österreichischem  Einflusse  bereits  wieder  dem  Bunde  mit
Preußen  untreu  geworden  waren.  Unbeantwortet  bleibt  auch
für  Bismarck  die  Frage,  „ob  der  Einfluß  des  Generals  von
Radowitz  aus  katholisirenden  Gründen  in  einer  auf  den  König
wirksamen  Gestalt  verwendet  worden  ist,  um  das  evangelische
Preußen  an  der  Wahrnehmung  der  günstigen  Gelegenheit  zu
hindern  und  den  König  über  dieselbe  hinwegzutäuschen“.  Als
gewiß  bezeichnet  er  es,  daß  Radowitz  den  „geschickten  Garderobier
der  mittelalterlichen  Phantasie  des  Königs  machte  und  dazu
beitrug,  daß  der  König  über  historischen  Formfragen  und  reichsgeschichtlichen
  Erinnerungen  die  Gelegenheit  zu  praktischem
Eingreifen  in  die  Entwickelung  der  Gegenwart  versäumte.“

1)  Politische  Reden  VII,  181.
        <pb n="44" />
        32  V.  Die  Revolution  u.  Friedrich  Wilhelms  IV.  deutsche  Bestrebungen.

Die  Auflösung  des  Dreikönigsbundes,  das  nach  der  schweren
Niederlage  doppelt  staunenswerthe  Erstarken  Oesterreichs,  die
mangelnde  Kriegsbereitschaft  Preußens,  die  Kriegsdrohungen
Rußlands  —  Alles  wirkte  zusammen  zu  der  durch  den  Namen
Olmütz  gebrandmarkten  Niederlage  Preußens.  Man  hat  es
dem  Abgeordneten  von  Bismarck  verdacht,  daß  er  am  3.  December
1850  die  Politik  von  Olmütz  vertheidigt  hat;  aber  wer  seinen
Ausführungen  zu  folgen  verstand,  konnte  schon  damals  erkennen,
  daß  nur  ernste  Bedenken  ihn  abhielten,  eine  kriegerische
Politik  zu  befürworten,  wie  sie  die  Mehrheit  der  Liberalen
wünschte,  weil  diese  Politik  das  militairisch  unfertige  Preußen
in  eine  schwere  Krisis  hätte  bringen  müssen.  Die  Rede  ist
ein  diplomatisches  Meisterstück,  und  ihr  richtiges  Verständniß
erschließt  Fürst  Bismarck  durch  die  Mittheilungen  über  die  an
leitender  Stelle  herrschende  Ueberzeugung  von  der  Unmöglichkeit
eines  sofortigen  Krieges  mit  Oesterreich.  Die  Schuld  an  der
militairischen  Gebundenheit  Preußens,  wie  sie  der  Kriegsminister
v.  Stockhausen  dem  Abg.  v.  Bismarck  schilderte,  lag  nicht  etwa
an  der  Unfähigkeit  dieses  Generals,  von  dessen  Sachkunde  und
Ehrliebe  im  Gegentheil  Bismarck  überzeugt  ist,  sie  lag  „an  der
Planlosigkeit,  mit  der  die  preußische  Politik  auf  militairischem
Gebiete  sowohl  wie  auf  diplomatischem  in  und  seit  den  Märztagen
  mit  einer  Mischung  von  Leichtfertigkeit  und  Knauserei
geleitet  worden  war.“  Was  in  den  letzten  Jahren  versäumt
worden  war,  konnte  Stockhausen  nicht  im  Verlaufe  weniger
Wochen  wieder  gut  machen:  die  Entscheidung  auf  die  Spitze
des  Schwertes  zu  stellen,  ehe  Preußen  kriegsbereit  war,  wäre
ein  Verbrechen  gewesen,  zu  dem  weder  Stockhausen  noch
Brandenburg  die  Hand  bieten  mochten.  Zeit  zu  gewinnen  —
war  die  Parole;  und  jederzeit  hätte  in  den  an  Olmütz  sich  anschließenden
  Verhandlungen  von  Dresden  die  Möglichkeit  zum
Kriege  gefunden  werden  können,  wenn  nur  die  damalige
preußische  Diplomatie  auf  der  Höhe  ihrer  Aufgabe  gestanden
hätte.  Von  wem  die  auffällige  Beschränkung  der  Ziele  Preußens
in  Dresden  ausgegangen  ist,  ob  vom  Könige  oder  von  Herrn
von  Manteuffel,  dem  neuen  Minister  des  Auswärtigen,  ist
Bismarck  nie  klar  geworden.  Er  hatte  damals  nur  den  Ein-
        <pb n="45" />
        Die  Niederlage  von  Olmütz.  Dresdener  Verhandlungen.  33

druck,  daß  Manteuffel  nach  seinem  ganzen  Vorleben  als  Landrath,
Regierungspräsident  und  Director  im  Ministerium  des  Innern
sich  in  der  Sicherheit  seines  Auftretens  durch  die  renommistischen,
vornehmen  Verkehrsformen  des  Fürsten  Schwarzenberg  einschüchtern
  ließ.  Die  Art,  wie  ein  Staat  seine  Gesandten  an
fremden  Höfen  auftreten  läßt,  ist  nicht  ohne  Einfluß  auf  seine
Einschätzung  in  den  Augen  der  Völker,  und  es  hätte  eine
stärkere  und  seines  Werthes  und  der  Bedeutung  des  preußischen
Staates  bewußtere  Persönlichkeit  als  Manteuffel  dazu  gehört,
um  sich  dem  Vertreter  Oesterreichs  gegenüber  zu  behaupten,
der  durch  glänzende  gesellschaftliche  Repräsentation  die  Ueberlegenheit
  des  Kaiserstaates  in  augenfälliger  Weise  darthat.
Der  preußische  Unterhändler  hatte  nicht  den  Muth,  auf  die
militairische  Kraft  seines  Staates  gestützt,  dem  preußischen  Willen
Achtung  zu  verschaffen,  und  gab  kleinlaut  in  allen  Punkten  den
österreichischen  Forderungen  nach.  Als  Grundirrthum  der  damaligen
  preußischen  Politik  aber  bezeichnet  es  Bismarck  am
Schlusse  des  Capitels,  daß  man  glaubte,  Erfolge,  die  nur  durch
Kampf  oder  durch  Bereitschaft  dazu  gewonnen  werden  konnten,
würden  sich  durch  publicistische,  parlamentarische  und  diplomatische
  Heucheleien  in  der  Gestalt  erreichen  lassen,  daß  sie  als
Preußens  tugendhafter  Bescheidenheit  zum  Lohne  oratischer  Bethätigung
  seiner  deutschen  Gesinnung  aufsgezwungen  erschienen.
Man  nannte  das,  fügt  er  hinzu,  später  „moralische  Eroberungen“:
  „es  war  die  Hoffnung,  daß  Andere  für  uns  thun
würden,  was  wir  selbst  nicht  wagten“.

Kohl,  Wegweiser.  3
        <pb n="46" />
        VI.
Aus  der  Frankfurter  Seit.

Die  Capitel  4—9  (Diplomat;  Wochenblattspartei,
Krimkrieg;  Sanssouci  und  Coblenz;  Unterwegs
zwischen  Frankfurt  und  Berlin;  Besuch  in  Paris;
Reisen,  Regentschaft)  enthalten  eine  Nachlese  zu  der  durch
amtliche  und  private  Publicationen  in  weiterem  Umfang  bekannt
gewordenen  Frankfurter  Zeit  Bismarcks.  Die  Ernennung
Bismarcks  zum  Legationsrath  bei  der  wiederhergestellten  Gesandtschaft
  Preußens  am  Bundestag  rief  in  der  amtlichen
Welt  Berlins  lebhaftes  Staunen  hervor.  Wie  konnte  man
einen  nicht  durch  die  Weihe  staatlicher  Examina  hindurchgegangenen
  Rittergutsbesitzer,  dessen  „vorsündfluthliche“  Anschauungen
  im  Vereinigten  Landtage  und  in  der  zweiten  Kammer
die  Heiterkeit  der  Liberalen  erweckt  hatten,  auf  einen  der  verantwortungsreichsten
  Posten  stellen?  Durfte  man  von  ihm,
der  eben  noch  als  Vertheidiger  der  Politik  von  Olmütz  aufgetreten
  war,  erwarten,  daß  er  die  Rechte  Preußens  am
Deutschen  Bunde  wahrnehmen  würde?  war  nicht  vielmehr  zu
befürchten,  daß  die  Mediatisirung  Preußens  unter  Oesterreich
durch  ihn  um  ein  Bedeutendes  gefördert  werden  würde?  So
fragten  besorgt  die  preußischen  Patrioten;  die  abgünstigen
Leute  aber  wunderten  sich  über  die  Kühnheit,  mit  der  der
außerhalb  der  bureaukratischen  Hierarchie  stehende  Neuling
in  diplomaticis  sich  zur  Uebernahme  des  Amtes  bereit
erklärte.  Dem  Könige,  von  dem  der  Vorschlag  ausgegangen
war  und  den  doch  der  schnelle  Entschluß  Bismarcks  einiger-
        <pb n="47" />
        Ernennung  zum  Bundestagsgesandten.  Sendung  nach  Wien.  35

maßen  befremdete,  antwortete  Bismarck:  „Der  Muth  ist  ganz
auf  Seiten  Eurer  Majestät,  wenn  Sie  mir  eine  solche  Stellung
anvertrauen;  indessen  sind  Eure  Majestät  ja  nicht  gebunden,
die  Ernennung  aufrecht  zu  erhalten,  sobald  sie  sich  nicht  bewährt.
Ich  selbst  kann  keine  Gewißheit  darüber  haben,  ob  die  Aufgabe
meine  Fähigkeit  übersteigt,  ehe  ich  ihr  näher  getreten  bin.
Wenn  ich  mich  derselben  nicht  gewachsen  finde,  so  werde  ich
der  Erste  sein,  meine  Abberufung  zu  erbitten.  Ich  habe  den
Muth,  zu  gehorchen,  wenn  Eure  Majestät  den  haben,  zu  befehlen.“
  Der  König  versuchte  die  Sache,  und  im  Juli  1851
rückte  Bismarck  aus  der  Stellung  des  Legationsrathes  in  die
durch  Rochows  Rückversetzung  auf  den  Petersburger  Posten
freigewordene  des  Bundestagsgesandten  ein.  Bald  genug
überzeugte  sich  nun  der  bisherige  Vertreter  einer  dualistischen
Politik  von  der  Abneigung  der  österreichischen  Staatsmänner
gegen  Preußen;  über  die  Unmöglichkeit  eines  freundlichen  Zusammengehens
  der  beiden  Großstaaten  belehrte  ihn  der  Einblick
in  die  berüchtigte  Schwarzenbergsche  Depesche,  in  der  als
Programm  der  österreichischen  Politik  die  Schwächung  und
demnächstige  Zerstörung  Preußens  aufgestellt  wurde.  Fortan
stand  Herr  v.  Bismarck  auf  der  Bresche  zur  Abwehr  jedes
Uebergriffes,  den  die  Präsidialgesandten  (Graf  Thun,  Frhr.
von  Prokesch-Osten,  Graf  Rechberg)  unter  der  Maske  der  Harmlosigkeit
  und  Bonhomie  versuchten,  und  mußte  den  Ruf  eines
Störenfriedes  und  Händelsuchers  auf  sich  nehmen,  während  er
doch  nur  die  Rechte  seines  Königs  und  seines  Staates  wahrnahm.
  Unter  diesen  Umständen  war  seine  außerordentliche
Sendung  nach  Wien,  im  Juni  1852,  ein  besonderer  Prüsstein
seiner  diplomatischen  Befähigung,  und  er  hat  der  Erwartung,
die  sein  König  in  ihn  setzte,  vollständig  entsprochen.  Auf's
Beste  durch  einen  eigenhändigen  Brief  Friedrich  Wilhelms  IV.
bei  Kaiser  Franz  Joseph  eingeführt,  lenkte  Herr  v.  Bismarck
die  fast  unparlamentarisch  gewordenen  Verhandlungen  wieder
in  Formen  hinüber,  die  in  guter  Gesellschaft  üblich  sind,  ohne
doch  nur  ein  Tüttelchen  von  dem  zuzugestehen,  was  die  Oesterreicher
  forderten:  den  Eintritt  Oesterreichs  in  den  Deutschen
Zollverein.  Was  Bismarck  bei  dieser  Gelegenheit  über  die
.  3*
        <pb n="48" />
        36  VI.  Aus  der  Frankfurter  Zeit.

Voraussetzungen  einer  solchen  Zollgemeinschaft  sagt,  bedarf  der
ernstesten  Beachtung  seitens  der  mit  der  Vorbereitung  von
Handelsverträgen  beauftragten  Commission.  Wir  lesen  da:
„Zu  den  nothwendigen  Unterlagen  einer  Zollgemeinschaft  gehört
ein  gewisser  Grad  von  Gleichartigkeit  des  Verbrauchs;  schon
die  Unterschiede  der  Interessen  innerhalb  des  Deutschen  Zollvereins
  zwischen  Nord  und  Süd,  Ost  und  West  sind  schwer
und  nur  mit  dem  guten  Willen  zu  überwinden,  der  der  nationalen
  Zusammengehörigkeit  entspringt;  zwischen  Ungarn  und
Galizien  einerseits  und  dem  Zollverein  andererseits  ist  die
Verschiedenheit  des  Verbrauchs  zollpflichtiger  Waaren  zu  stark,
um  eine  Zollgemeinschaft  durchführbar  erscheinen  zu  lassen.
Der  Vertheilungsmaßstab  für  die  Zollverträge  würde  stets  für
Deutschland  nachtheilig  bleiben,  auch  wenn  die  Ziffern  es  für
Oesterreich  zu  sein  schienen.  Letzteres  lebt  in  Cis=  und  mehr
noch  in  Transleithanien  vorwiegend  von  eigenen,  nicht  von
importirten  Erzeugnissen.“  Die  Zollgemeinschaft  zwischen
Oesterreich  und  dem  Deutschen  Reich  ist  auch  heutzutage  noch
das  letzte  Ziel  der  österreichischen  Handelspolitik  und  wird  von
großdeutschen  Schwärmern  aus  idealistischen  Gründen  empfohlen;
aber  wir  werden  besser  bewahrt  bleiben,  wenn  wir  dem  Rathe  des
nüchternen  Realpolitikers  folgen,  dem  der  Caprivianische  Handelsvertrag
  immer  als  einer  der  schwersten  Fehler  unserer  Epigonen-=politik
  erschienen  ist.  Er  hat  dem  Deutschen  Reiche  schon  erkleckliche
  Millionen  gekostet,  unserer  Industrie  nicht  die  erhofften
Früchte,  unserer  Landwirthschaft  aber  schwere  Nachtheile  gebracht.

Der  König  betrachtete  den  Wiener  Posten  als  die  hohe
Schule  der  Diplomatie  und  wünschte,  daß  Herr  v.  Bismarck
sich  in  denselben  hineinleben  sollte  in  der  Zeit,  da  er  den  erkrankten
  Grafen  v.  Arnim-Heinrichsdorf  dort  vertrat.  Aber
Bismarck  hatte  keine  Lust  dazu.  Er  würde,  meinte  er,  das
Gefühl  haben,  an  seine  Gegner  ausgeliefert  zu  sein.  Der  König
wieder  wollte  nicht  befehlen,  und  so  kehrte  Bismarck  nach
Frankfurt  zurück.  Durch  ärgerliche  Zuträgereien,  die  auf  den
ränkesüchtigen  Generalsteuerdirector  Klentze  in  Hannover  zurückzuführen
  waren,  wurde  er  in  Folge  der  Wiener  Mission  seinem
Minister  verdächtig,  was  sich  trotz  der  alsbald  von  ihm  be-
        <pb n="49" />
        Abneigung  gegen  den  Ministerposten.  Bei  Georg  V.  37

wirkten  Richtigstellung  in  einer  merklichen  Abkühlung  der  persönlichen
  Beziehungen  fühlbar  machte.  Und  doch  beherrschte
weder  damals  noch  später  Bismarck  der  Ehrgeiz,  Minister  zu
werden,  wenn  er  auch  in  patriotischer  bewegten  Augenblicken
seine  „beiden  Ohren“  dafür  gegeben  hätte,  seine  politischen  Ansichten
  durchzusetzen.  )  Er  war  überzeugt,  daß  er  dem  Könige
gegenüber  als  Minister  eine  für  ihn  haltbare  Stellung  nicht
erlangen  würde.  Er  sagt  darüber:  „Daß  die  Ziele  der  preußischen
  auswärtigen  Politik,  welche  mir  vorschwebten,  sich  mit
denen  des  Königs  nicht  vollständig  deckten,  war  mir  klar,
ebenso  die  Schwierigkeit,  welche  ein  verantwortlicher  Minister
dieses  Herrn  zu  überwinden  hatte,  bei  dessen  selbstherrlichen
Anwandlungen  mit  oft  jähem  Wechsel  der  Ansichten,  bei  der
Unregelmäßigkeit  in  Geschäften  und  bei  der  Zugänglichkeit  für
unberufene  Hintertreppeneinflüsse  von  politischen  Intriganten,
wie  sie  von  den  Adepten  unserer  Kurfürsten  bis  auf  neuere
Zeiten  in  dem  regierenden  Hause,  sogar  bei  dem  strengen  und
hausbackenen  Friedrich  Wilhelm  I.  Zutritt  gefunden  haben.
Die  Schwierigkeit,  gleichzeitig  gehorsamer  und  verantwortlicher
Minister  zu  sein,  war  damals  größer  als  unter  Wilhelm  I."“

In  die  ersten  Jahre  des  Frankfurter  Aufenthalts  fällt
ein  Versuch  des  Königs  Georg  V.  von  Hannover,  Bismarck  in
die  Dienste  der  Welfenkrone  als  Minister  zu  ziehen.  Er  stellte
als  Bedingung  seines  Eintritts  ein  enges  Zusammengehen
Hannovers  mit  Preußen  in  allen  wichtigeren  Fragen  der
deutschen  Politik.  Bismarck  hatte  mit  dem  Könige  Georg
mehrere  geheime  Conferenzen,  doch  kam  die  Frage  der  Berufung
Bismarcks  in's  Ministerium  dabei  nicht  zur  Erörterung,  der
König  verlangte  nur  den  Rath  des  preußischen  Bundestagsgesandten
  in  der  Frage  einer  Revision  der  hannöverschen  Verfassung
  mit  Hilfe  von  Bundesbeschlüssen.  Was  Bismarck  bei
dieser  Gelegenheit  von  der  Verlassenheit  des  Königs  Georg
erzählt,  der  infolge  seiner  Blindheit  keine  Ahnung  von  der
Wichtigkeit  der  auf  und  unter  seinem  Tische  liegenden  amt-1)

  Brief  an  den  Bruder  vom  10.  Juli  1854,  Bismarckbriefe,  7.  Aufl.,
S.  177.
        <pb n="50" />
        38  VI.  Aus  der  Frankfurter  Zeit.

lichen  und  privaten  Papiere  hatte,  wirkt  wie  eine  Illustration
zu  dem  Satze  der  Treitschkeschen  Politik,  daß  von  allen  körperlichen
  Gebrechen  die  Blindheit  das  einzige  sei,  was  die  Regierungsfähigkeit
  ausschließe.)

Der  Ausbruch  des  Krimkrieges  1854  offenbarte  einen  am
preußischen  Hofe  schon  lange  im  Geheimen  vorhandenen  Gegensatz
zwischen  dem  leitenden  Minister  Manteuffel  und  der  auch  „Wochenblattspartei“
  genannten  Fraction  Bethmann-Hollweg,  die  in  dem
Grafen  Robert  von  der  Goltz  einen  geschickten  „Impresario“
gefunden  hatte.  Die  scharfe  Verurtheilung  der  Politik  von
Olmütz  und  die  Schilderung  ihrer  Folgen,  das  war  die  erste
Waffe,  mit  welcher  Manteuffel  von  Goltz  angegriffen,  gleichzeitig
aber  auch  der  Partei  die  Sympathie  des  Prinzen  gewonnen
wurde.  Denn  in  dem  soldatischen  Gefühle  des  Prinzen  war
Olmütz  eine  wunde  Stelle,  die  bei  der  leisesten  Berührung
schmerzte.  Der  Krimkrieg  schien  die  Möglichkeit  zu  bieten,  die
Scharte  auszuwetzen,  die  durch  die  Olmützer  Punctation  in
das  preußische  Schwert  geschlagen  war,  und  die  Wochenblattspartei
  drängte  zu  einer  activen  russenfeindlichen  Politik.  Anderer
Meinung  aber  war  Herr  v.  Manteuffel,  anderer  Herr  von
Bismarck.  Der  Erstere  war  der  entschiedene  Gegner  jedes
Bruchs  mit  Oesterreich  und  ging  in  seiner  Gefälligkeit  für
Oesterreich,  die  nur  immer  neue  Zumuthungen  und  Forderungen
an  den  preußischen  „Leporello“  zeitigte,  soweit,  daß  Herr  von
Bismarck  in  Frankfurt  sich  der  Beschämung  und  Erbitterung
nicht  erwehren  konnte,  wenn  er  sah,  wie  Preußen  auf  Commando
Oesterreichs  jede  eigene  Politik  und  jede  selbständige  Ansicht
opferte  und  unter  dem  Drucke  der  Inferiorität,  in  Furcht  vor
Frankreich  und  in  Demuth  vor  England,  im  Schlepptau  Oesterreichs
  Schutz  suchte:  das  Schutz=  und  Trutzbündniß  zwischen
Preußen  und  Oesterreich  vom  20.  April  1854,  das  Preußen
unter  gewissen  Voraussetzungen  zur  Theilnahme  am  Kriege  als
Bundesgenosse  Oesterreichs  verpflichtete,  war  der  Triumph  der
Bestrebungen,  die  preußischen  Kräfte  den  politischen  Wünschen
des  Hauses  Habsburg  dienstbar  zu  machen.  Der  Letztere  dagegen

i)  Politik  II,  153.
        <pb n="51" />
        Krimkrieg.  Gegensätze  der  Meinungen  am  preußischen  Hofe.  39

hielt  die  Gelegenheit  für  günstig,  um  Preußen  aus  der  secundären
  und  unwürdigen  Lage  herauszuheben  und  an  die  Spitze
der  deutschen  Mittel=  und  Kleinstaaten  zu  stellen,  die  gegenüber
dem  österreichisch-westmächtlichen  Drucke  bei  Preußen  Schutz
suchten  und  nur  in  einer  von  Preußen  gedeckten  Neutralität
ihr  Interesse  gewahrt  sahen.  Wenn  der  König  auch  für  den
Plan,  den  Bismarck  ihm  entwickelte,  nicht  unempfänglich  war,
so  siegten  doch  bei  ihm  die  Bedenken  gegen  eine  Initiative  im
Sinne  einer  selbständigen  preußischen  Politik.  Die  Worte:
„Liebeken,  das  is  sehr  schöne,  aber  es  is  mich  zu  theuer“
kennzeichnen  zur  Genüge  die  thatlose  Schwäche  dieses  geistreichsten
  aller  preußischen  Könige.

Die  Leiter  der  Wochenblattspartei  wiegten  sich  in  dieser
Zeit  in  großen  Entwürfen,  die  sie  in  umfangreichen  Denkschriften
entwickelten,  für  die  sie  aber  auch  die  Mitwirkung  Bismarcks
zu  gewinnen  suchten.  Unter  dem  Einflusse  der  Haxthausenschen
Theorie  —  daß  die  drei  Zonen  mit  ihren  einander  ergänzenden
Producten  den  hundert  Millionen  Russen,  wenn  sie  vereinigt
blieben,  das  Uebergewicht  über  Europa  sichern  müßten  —,  planten
sie  nichts  Geringeres  als  eine  Zerstückelung  Rußlands  zu
Gunsten  Preußens  und  Schwedens,  die  Herstellung  einer
Republik  Polen  im  Umfange  von  1772  und  die  Zersetzung  des
Restes  durch  Theilung  zwischen  Groß=  und  Kleinrussen.  Herr
v.  Bismarck  war  für  dergleichen  Utopien,  wie  sie  der  preußische
Gesandte  in  London,  Herr  v.  Bunsen,  selbst  seinem  Minister
in  umfänglichen  Denkschriften  zu  entwickeln  wagte,  nicht  zu
haben;  er  versuchte  auch  den  Prinzen  von  Preußen  aus  dem
Bannkreise  der  politischen  Theorien  zu  befreien,  in  denen  er
unter  häuslicher,  englischer  und  Bethmann-Hollwegscher  Einwirkung
  befangen  war,  mußte  aber  bemerken,  daß  der  Einfluß
der  Frau  Prinzessin  auf  den  Gatten  stärker  war  als  die  von
ihm  vorgetragene  Auffassung.  Der  Prinz  blieb  einer  activen,
gegen  Rußland  gewendeten  preußischen  Politik  zugeneigt.
Bismarcks  Argumente  gegen  eine  russenfeindliche  Politik  gelten
auch  heute  noch,  es  lohnt  ihnen  nachzudenken.  Deutschland
hat,  wie  Bismarck  auch  später  immer  wieder  betont  hat,  an  der
orientalischen  Frage  kein  Interesse,  das  einen  Krieg  mit  Rußland
        <pb n="52" />
        40  VI.  Aus  der  Frankfurter  Zeit.

oder  auch  nur  das  Opfer  seiner  guten  Beziehungen  zu  Rußland
  rechtfertigen  könnte;  „im  Gegentheil,  jeder  siegreiche  Krieg
gegen  Rußland  unter  unserer  nachbarlichen  Betheiligung  beladet
  uns  nicht  nur  mit  dem  dauernden  Revanchegefühl  Rußlands,
  das  wir  ohne  eignen  Kriegsgrund  angefallen,  sondern
zugleich  mit  der  sehr  bedenklichen  Aufgabe,  die  polnische  Frage
in  einer  für  Preußen  erträglichen  Form  zu  lösen.“

Die  Westmächte  und  das  mit  ihnen  verbündete  Oesterreich
gaben  ihren  Aerger  über  Preußens  Haltung  im  Krimkriege,
die,  einzelne  Schwankungen  abgerechnet,  russenfreundlich  blieb,
dadurch  kund,  daß  sie  Preußen  von  den  Pariser  Conferenzen
von  1856  ausschlossen  und  ihm  nur  gestatteten,  den  von  den
Theilnehmern  gefaßten  Beschlüssen  seine  Unterschrift  beizufügen.
Bismarck  hat  die  damalige  Politik  des  Ministeriums  Manteuffel
immer  als  eine  unglückselige,  als  eine  Art  von  Canossa  bezeichnet,
  für  das  er  niemals  die  Verantwortung  hätte  übernehmen
  mögen.  Wie  gewaltig  ihm  der  Zorn  über  die  Selbsterniedrigung
  Manteuffels,  der  um  die  Zulassung  zu  dem  Congresse
  bettelte,  statt  durch  stolze  Zurückhaltung  den  Mächten  das
Spiel  zu  verderben  und  Preußen  die  Hand  für  künftige  Anfechtung
  der  ohne  seine  Mitwirkung  geschlossenen  Verträge  frei
zu  halten,  die  Nerven  erregte,  lehrt  mehr  noch  als  die  amtliche
  Correspondenz  der  private  Brief  an  Leopold  v.  Gerlach  vom
11.  Februar  1856:  die  ersten  24  Stunden  nach  Empfang  der
„Chamade  schlagenden  Instruction",  durch  welche  Preußen  seine
„Abdication“  erklärte,  litt  er  unter  fortwährenden  Anfällen
gallichten  Erbrechens  und  einem  beständigen  Fieber.  Nur  in
der  Erinnerung  an  den  Frühling  1848  fand  er  das  „Analogon“
seiner  körperlichen  und  geistigen  Stimmung,  und  nirgends  entdeckte
  er  etwas,  woran  sein  preußisches  Ehrgefühl  sich  aufrichten
  konnte.  Er  wußte,  daß  hinter  dem  von  England  gestellten
  Antrage  auf  Ausschluß  Preußens  Oesterreich  stand,  daß
Oesterreich  die  vorläufige  Anerkennung  der  Präliminarien  durch
Preußen  und  den  Bund  nur  darum  so  eifrig  betrieb,  um  auf
dem  Congreß  als  alleinige  Schutzmacht  Deutschlands  die
deutschen  Interessen  zu  vertreten,  soweit  sie  mit  den  österreichischen
  zusammenfielen;  aber  er  forderte  vergebens  seine
        <pb n="53" />
        Manteuffel  antichambrirt.  Prinzessin  Augusta.  41

Regierung  zu  muthigen  Entschlüssen  auf:  Manteuffel  antichambrirte
  so  lange  bei  den  Mächten,  bis  er  die  nachträgliche
Einladung  preußischer  Bevollmächtigter  erbettelt  hatte.  Mochte
er  darin  einen  Triumph  sehen  und  König  Friedrich  Wilhelm  IV.
ihm  dafür  den  Orden  vom  Schwarzen  Adler  verleihen  —  in
Wirklichkeit  hatte  Preußen  eine  Niederlage  erlitten,  die  der  von
Olmütz  gleichkam.  Wie  diese  Vorgänge  auf  Bismarck  wirkten,
lehrt  der  Schlußsatz  des  fünften  Capitels:  „Der  Eindruck,  daß
wir  in  den  Formen  wie  in  der  Sache  von  Oesterreich  geringschätzig
  behandelt  wurden,  und  daß  wir  uns  diese  geringschätzige
Behandlung  nicht  gefallen  lassen  durften,  ist  nicht  ohne  Folgen
geblieben  für  die  spätere  Gestaltung  der  preußisch-österreichischen.
Beziehungen.“  Zehn  Jahre  später  erfolgte  auf  den  Schlachtfeldern
  Böhmens  die  große  Abrechnung  mit  den  Schwarzenberg-Buolschen
  Tendenzen.

Am  preußischen  Hofe  war  die  westmächtliche  Stimmung
hauptsächlich  durch  die  Prinzessin  Augusta  vertreten.  Unter
ihrem  Einfluß  gerieth  der  Prinz  von  Preußen  in  eine  Art
Oppositionsstellung  zu  seinem  Bruder,  die  seinen  militairischen
Instincten  an  sich  fern  lag.  Bismarck  giebt  bei  dieser  Gelegenheit
  eine  interessante  Charakteristik  dieser  bedeutenden
Frau,  die  leider  nur  zu  sehr  von  dem  Drange  zu  herrschen
sich  leiten  ließ.  Die  weimarische  Prinzessin  hat  sich  die  Vorliebe
für  das  Fremde,  vornehmlich  für  das  Französische  und  Englische,
  die  an  unsern  kleinen  Höfen  ihre  besondere  Heimstätte
fand,  bis  an  ihr  Lebensende  bewahrt.  Ein  Ausländer  gewann
bei  ihr  leichter  Zutritt  als  ihre  Landsleute,  da  „was  weit  her
war“  in  ihren  Augen  höheren  Werth  besaß,  als  was  der
deutschen  Heimath  entsprang.  Nur  gegen  Rußland  hatte  sie
eine  angeborene  Abneigung,  die  sie  während  des  Krimkriegs
auch  sichtbar  zu  äußern  pflegte,  während  sie  in  den  Zeiten
Friedrich  Wilhelms  III.  ihren  antirussischen  Gefühlen  Zwang
auferlegt  hatte.  Dem  Verfasser  der  Gedanken  und  Erinnerungen
fehlt  für  diese  Erscheinung  die  rechte  psychologische  Erklärung,
er  vermuthet,  daß  sie  in  dem  Dissense  zwischen  der  hochbegabten,
social  und  politisch  russischen  Mutter,  der  Großherzogin  Maria
Paulowna  von  Weimar,  und  ihren  russischen  Besuchern  und
        <pb n="54" />
        42  VI.  Aus  der  Frankfurter  Zeit.

dem  lebhaften  Temperament  einer  erwachsenen  und  zur  Uebernahme
  der  Führung  in  ihrem  Kreise  geneigten  Tochter,  vielleicht
  auch  in  einer  Idiosynkrasie  gegen  die  präpotente  Persönlichkeit
  des  Kaisers  Nicolaus  begründet  lag.  Ihr  geschickter
Amanuensis  war  Herr  v.  Schleinitz,  der  als  Specialpolitiker  der
Prinzessin  und  nachmaligen  Königin  und  Kaiserin  in  ihrem
Auftrage  Briefe  und  Actenstücke  zu  beschaffen  oder  auch  ad  hoc
zu  redigiren  hatte,  die  zur  Beeinflussung  des  Gemahls  erwünscht
waren.  Seitdem  der  Prinz  von  Preußen  im  Jahre  1849  als
Gouverneur  der  Rheinprovinz  seine  Residenz  dauernd  nach
Coblenz  verlegt  hatte,  verdichtete  sich  allmählich  die  gegenseitige
  Stellung  der  beiden  Höfe  von  Sanssouci  und  Coblenz
zu  einer  geheimen  Gegnerschaft.  An  jenem  hatte  die  nach  dem
Tode  des  Generals  v.  Rauch  vom  General  Leopold  v.  Gerlach
geleitete  sogenannte  Camarilla,  zu  der  die  Grafen  Anton  Stolberg,
  Friedrich  zu  Dohna,  Karl  v.  d.  Gröben,  Frhr.  Edwin
v.  Manteuffel,  Cabinetsrath  von  Niebuhr,  während  des  Krimkriegs
  auch  Graf  Münster  gehörten,  das  Heft  in  Händen,  an
diesem  die  Prinzessin  von  Preußen,  die  in  den  Rheinlanden
mehr  und  mehr  katholisirenden  Einflüssen  unterlag.  Zum  Glück
fand  das  staatliche  Interesse  am  prinzlichen  Hofe  in  der  Abwehr
  von  Schädigungen  durch  weibliche  Einflüsse  einen  festen
und  klugen  Vertreter  an  Gustav  von  Alvensleben,  der  sich  die
Aufrechterhaltung  des  Friedens  zwischen  beiden  Höfen  zur  Aufgabe
  machte  und  glücklicherweise  in  der  Treue  seines  prinzlichen
  Herrn  einen  starken  Halt  fand  gegenüber  allen  auf  seine
Beseitigung  gerichteten  Ränken.

Herr  v.  Bismarck  ist  in  den  Jahren  seiner  Frankfurter
Gesandtschaft  mehr  als  einmal  der  Candidat  des  Königs  für
den  eventuellen  Ersatz  Manteuffels  gewesen,  richtiger  vielleicht:
der  König  benutzte  die  Drohung  mit  der  Berufung  Bismarcks
zur  „Territion“  Manteuffels,  um  diesen  immer  wieder  zum
Gehorsam  zu  zwingen.  Denn  der  König  wollte  gehorsame
Minister  und  konnte  sich  offenbar  in  die  Rolle  eines  constitutionellen
  Monarchen  nicht  hineinleben,  der  in  der  Verantwortlichkeit
  der  Minister  die  beste  Bürgschaft  für  die  Dauer  der
dynastischen  Rechte  besitzt.  Manteuffel  als  Ministerpräsident
        <pb n="55" />
        Mittel  zur  „Territion“  Manteuffels.  43

und  Minister  des  Auswärtigen  befand  sich  in  keiner  beneidenswerthen
  Lage.  Der  König  liebte  es,  auf  eigene  Faust  Politik
zu  machen,  oft  in  einem  den  Anschauungen  seines  verantwortlichen
  Ministers  entgegengesetzten  Sinne.  Er  bediente  sich
dabei  der  Gesandten,  die  als  Untergebene  des  Ministers  dadurch
wieder  in  eine  schiefe  Stellung  zu  ihrem  Chef  geriethen,  mit
Vorliebe  Bismarcks.  Da  diesem  ein  ehrgeiziges  Streben  nach
dem  Ministerposten  fern  lag,  so  benutzte  er  das  Vertrauen  des
Königs,  um  immer  wieder  zu  vermitteln.  Zur  Zeit  des  Krimkrieges
  häuften  sich  die  Differenzen  zwischen  dem  Könige  und
Manteuffel  derart,  daß  Bismarck,  wie  er  erzählt,  auf  den
Reisen  zwischen  Berlin  und  Frankfurt  über  Guntershausen  in
einem  Jahre  2000  Meilen  zurücklegte,  „damals  stets  die  neue
Cigarre  an  der  vorhergehenden  entzündend  oder  gut  schlafend."
Der  König  erforderte  dann  nicht  nur  seine  Ansicht  über  Fragen
der  deutschen  und  auswärtigen  Politik,  sondern  beauftragte
ihn  auch  gelegentlich,  wenn  Entwürfe  des  Auswärtigen  Amtes
vorlagen,  mit  der  Ausarbeitung  von  Gegenentwürfen.  Mitunter
verwirrten  sich  die  Dinge  noch  mehr,  wenn  der  König  den
Grafen  Albert  Pourtales  zu  Rathe  zog,  den  er  auch  gern
gegen  Manteuffel  ausspielte,  wenngleich  der  Reichthum  des
Grafen,  der  ihm  die  Unabhängigkeit  der  persönlichen  Meinung
gestattete,  in  den  Augen  des  Königs  seine  Berufung  zum
Minister  erschwerte.  „Es  kam  vor“,  erzählt  Bismarck,  „daß
nothwendige  Depeschen  nicht  von  Manteuffel,  sondern  von  dem
Grafen  Albert  Pourtalès  entworfen  wurden,  daß  der  König
mir  dessen  Entwürfe  zur  Revision  gab,  daß  ich  über  die  Amendirung
  wieder  mit  Manteuffel  Fühlung  nahm,  daß  der  den
Unterstaatssecretair  Le  Coq  zuzog,  daß  dieser  die  Fassung  aber
lediglich  von  dem  Standpunkte  französischer  Stilistik  prüfte  und
eine  tagelange  Verzögerung  mit  der  Anführung  rechtfertigte,
er  habe  den  genau  angemessenen  französischen  Ausdruck  noch
nicht  gefunden,  der  zwischen  dunkel,  unklar,  zweifelhaft  und
bedenklich  die  richtige  Mitte  hielte."“

Auch  in  den  Fragen  der  inneren  Politik  bediente  sich  der
König  gern  der  Beihilfe  Bismarcks,  so  in  dem  Streite,  der
zwischen  ihm  und  den  Führern  der  conservativen  Partei  über
        <pb n="56" />
        44  VI.  Aus  der  Frankfurter  Zeit.

die  Bildung  der  Ersten  Kammer  sich  erhob.  Der  König
wünschte  eine  Art  Oberhaus  zur  Stütze  der  königlichen  Autorität,
die  conservative  Partei  der  Zweiten  Kammer  eine  durch  Wahlen
zusammenzusetzende  Erste  Kammer.  Herr  v.  Bismarck,  der  in
dieser  Frage  damals  noch  keine  persönliche  Ueberzeugung  hatte,
nahm  es  auf  sich,  die  Wünsche  des  Königs  seinen  Fractionsgenossen
  gegenüber  geltend  zu  machen,  wenn  er  sich  auch  bei
dem  Widerstande  der  Parteileitung  keinen  rechten  Erfolg  davon
versprach.  Indem  er  nicht  sowohl  für  die  vorliegende  Auffassung
  des  Königs,  als  für  das  grundsätzliche  Zusammenhalten
mit  ihm  eintrat,  gelang  es  ihm,  die  Fraction  für  seinen  Gedanken
  zu  gewinnen:  bei  der  Abstimmung  blieb  die  Fractionsleitung
  isolirt.  Im  Rückblick  auf  diese  Dinge  muß  Bismarck
zugeben,  daß  die  Fractionsführer  im  Grunde  dem  Könige
gegenüber  Recht  hatten,  wenn  sie  ein  aus  königlicher  Berufung
hervorgehendes  Herrenhaus  als  ein  ungeeignetes  Organ  parlamentarischer
  Mitregierung  im  constitutionellen  Staate  betrachteten.
  „Die  Erste  Kammer  war  zur  Lösung  der  Aufgaben,
welche  einer  solchen  im  constitutionellen  Leben  zufallen,  befähigter
  als  das  heutige  Herrenhaus.  Sie  genoß  in  der  Bevölkerung
  eines  Ansehens,  welches  das  Herrenhaus  sich  bisher
nicht  erworben  hat.  Das  letztre  hat  zu  einer  hervorragenden
politischen  Leistung  nur  in  der  Conflictszeit  Gelegenheit  gehabt
und  sich  damals  durch  die  furchtlose  Treue,  mit  der  es  zur
Monarchie  stand,  auf  dem  defensiven  Gebiete  der  Aufgabe
eines  Oberhauses  völlig  gewachsen  gezeigt.  Es  ist  wahrscheinlich,
daß  es  in  kritischen  Lagen  der  Monarchie  dieselbe  tapfre  Festigkeit
  beweisen  wird.  Ob  es  aber  für  Verhütung  solcher  Krisen
in  den  scheinbar  friedlichen  Zeiten,  in  denen  sie  sich  vorbereiten
können,  denselben  Einfluß  ausüben  wird,  wie  jene  Erste  Kammer
gethan  hat,  ist  mir  zweifelhaft.  Es  verräth  einen  Fehler  in
der  Constitution,  wenn  ein  Oberhaus  in  der  Einschätzung  der
öffentlichen  Meinung  ein  Organ  der  Regierungspolitik  oder
selbst  der  königlichen  Politik  wird.  Nach  der  preußischen  Verfassung
  hat  der  König  mit  seiner  Regierung  an  und  für  sich
einen  gleichwerthigen  Antheil  an  der  Gesetzgebung  wie  jedes
der  beiden  Häuser;  er  hat  nicht  nur  sein  volles  Veto,  sondern
        <pb n="57" />
        Streit  über  die  Umwandlung  der  1.  Kammer  in  ein  Herrenhaus.  45

die  ganze  vollziehende  Gewalt,  vermöge  deren  die  Initiative
in  der  Gesetzgebung  factisch  und  die  Ausführung  der  Gesetze
auch  rechtlich  der  Krone  zufällt.  Das  Königthum  ist,  wenn
es  sich  seiner  Stärke  bewußt  ist  und  den  Muth  hat,  sie  anzuwenden,
  mächtig  genug  für  eine  verfassungsmäßige  Monarchie,
ohne  eines  ihm  gehorsamen  Herrenhauses  als  einer  Krücke  zu
bedürfen.  Auch  wenn  das  Herrenhaus  in  der  Conflictszeit
sich  für  die  ihm  zugehenden  Etatsgesetze  die  Beschlüsse  des  Abgeordnetenhauses
  angeeignet  hätte,  so  wäre  immer,  um  ein
Etatsgesetz  zu  Stande  zu  bringen,  die  Zustimmung  des  dritten
Factors,  des  Königs,  unentbehrlich  gewesen,  um  dem  Etat
Gesetzeskraft  zu  geben.“  Bismarck  vertritt  die  Ansicht,  daß
auch  eine  Erste  Kammer  den  Beschlüssen  des  Abgeordnetenhauses
  nicht  nur  nicht  beigetreten  sein,  sondern  durch  ihre
sachlichen  und  leidenschaftslosen  Debatten  mäßigend  auf  das
Abgeordnetenhaus  eingewirkt  und  seine  Ausschreitungen  zum
Theil  verhindert  haben  würde.  Indem  die  öffentliche  Meinung
geneigt  war,  in  den  Beschlüssen  des  Herrenhauses  nur  „eine
parallele  Ausdrucksform  des  königlichen  Willens  zu  sehen“,
legte  sie  seinem  Widerspruch  nicht  die  Bedeutung  bei,  die  ihm
in  sachlicher  Hinsicht  gebührte.

Bismarck  hat  einige  der  für  die  Beibehaltung  der  Ersten
Kammer  sprechenden  Gründe  auch  dem  Könige  Friedrich
Wilhelm  IV.  gegenüber  geltend  gemacht,  sie  fanden  aber  so
wenig  Anklang  bei  ihm,  daß  er  im  Glauben  an  die  Ueberlegenheit
  der  Einsicht  des  Königs  die  eigene  Meinung  zurückdrängte.
  Wäre  die  Frage,  ob  die  Erste  Kammer  in  ein  Herrenhaus
  umzuwandeln  sei,  20  Jahre  später  an  ihn  herangetreten,
so  würde  er  von  der  Beibehaltung  der  Ersten  Kammer  sein
Verbleiben  im  Amte  abhängig  gemacht  haben.

Gnade  und  Ungnade  lagen  bei  Friedrich  Wilhelm  IV.
nahe  bei  einander.  Auch  über  Herrn  v.  Bismarck  lachte  nicht
immer  die  Sonne  der  königlichen  Gunst.  Im  August  1854
berief  der  König  Herrn  v.  Bismarck  nach  Putbus,  um  seine
Feder  für  die  Beantwortung  der  Depesche  des  Grafen  Buol
vom  10.  August  zu  benutzen,  da  ihm  der  Manteuffelsche  Entwurf
zu  österreichisch  erschien.  Nachdem  Bismarck  die  Arbeit  ge-
        <pb n="58" />
        46  VI.  Aus  der  Frankfurter  Zeit.

than  hatte,  drängte  er  zur  Abreise,  da  üble  Nachrichten  über
das  Befinden  der  Gattin  ihn  beunruhigten.  Der  König  suchte
ihn  zu  halten,  indem  er  ihn  —  ein  Beweis  großer  Gunst  —
auf  das  Gefolge  übertrug,  war  aber  um  so  mehr  gereizt,  als
Bismarck  dennoch  reiste.  Die  Ungnade  des  Königs  erstreckte
sich  auch  auf  die  von  Bismarck  aufgesetzte  Depesche.  Obwohl
der  Entwurf  bereits  abgegangen  war,  wurde  er  doch  telegraphisch
  angehalten  und  dann  geändert.

Eine  ernstere  Verstimmung  machte  sich  geltend  nach
dem  Besuche  Bismarcks  in  Paris.  Er  begab  sich  im  August
1855  dorthin,  um  als  Gast  des  preußischen  Gesandten,  des
Grafen  Maximilian  v.  Hatzfeldt,  der  Feier  des  Napoleonstages
  (15.  August)  beizuwohnen  und  die  Industrieausstellung
zu  sehen.  Am  französischen  Hofe  durch  seinen  Gastgeber
eingeführt,  stand  er  zum  ersten  Male  dem  Imperator  gegenüber.
  Bei  den  verschiedenen  Besprechungen,  die  er  damals
mit  dem  Kaiser  hatte,  gab  Napoleon  nur  in  allgemeinen
Worten  seinen  Wunsch  und  seine  Absicht  im  Sinne  einer
französisch-preußischen  Intimität  zu  erkennen:  er  meinte,  daß
diese  beiden  benachbarten  Staaten,  die  vermöge  ihrer  Bildung
und  ihrer  Einrichtungen  an  der  Spitze  der  Civilisation  ständen,
auf  einander  angewiesen  seien.  Wenn  Herr  v.  Bismarck
aus  Gründen  der  Politik  die  Anknüpfung  freundschaftlicher  Beziehungen
  zu  dem  Oberhaupte  des  französischen  Staates  seinem
Könige  empfahl,  so  geschah  es  in  der  Hoffnung,  durch  staatsmännische
  Erwägungen  persönliche  Abneigungen  überwinden  zu
können,  die  am  preußischen  Hofe  geflissentlich  gegen  Napoleon,
als  Träger  der  Revolution,  von  den  starren  Vertretern  des
Legitimitätsprinzips  gepflegt  wurden.  Die  Hoffnung  betrog
ihn,  er  selbst  wurde  verdächtig  und  mußte  sich  in  einer  langen,
den  „Gedanken  und  Erinnerungen“  einverleibten  Correspondenz
mit  dem  General  L.  v.  Gerlach  über  den  Begriff  der  Legitimität
auseinandersetzen,  ohne  den  Gegner  von  der  Verkehrtheit  seiner
Anschauungen  zu  überzeugen.  Die  Briefe  Bismarcks,  die  von
mir  schon  früher  in  den  „Briefen  Bismarcks  an  den  General
L.  v.  Gerlach“"  herausgegeben  worden  sind,  sind  wahre  Cabinetsstücke
  in  ihrem  gesunden  politischen  Realismus  und  in  Bezug
        <pb n="59" />
        Verstimmung  gegen  Bismarck.  Bismarck  in  Paris.  47

auf  die  historische  Begründung  seiner  Auffassung  von  dem  Unwerthe
  legitimistischer  Bedenklichkeiten.

Auf  einem  Balle  in  Versailles  wurde  Bismarck  auch  der
Königin  Victoria  von  England  und  dem  Prinzen  Albert  vorgestellt.
  Der  letztere  trat  ihm  mit  kühler  Zurückhaltung  entgegen,
  da  ihm  Bismarcks  antiwestmächtliche  Gesinnung  nicht
unbekannt  war  und  er  den  Grund  dafür  nicht  in  politischen
Erwägungen,  sondern  in  der  Vorliebe  des  preußischen  Junkers
für  den  Absolutismus  Rußlands  suchte.  Die  Königin  Victoria
behandelte  ihn  nicht  unfreundlich,  wenn  Bismarck  auch  zu  bemerken
  glaubte,  daß  sie  in  ihm  einen  „wunderlichen  Kauz“
sah.  Daß  die  Abneigung  der  Eltern  gegen  den  „Reactionair"“
auch  auf  die  Tochter  sich  vererbte,  die  im  Jahre  1858  sich  mit
dem  Kronprinzen  von  Preußen  vermählte,  darf  nicht  Wunder
nehmen.  Man  konnte  von  ihr  füglich  kein  Verständniß  für  die
so  ganz  anders  gearteten  preußischen  Verhältnisse  erwarten,
sie  hat  es  auch  wohl  niemals  gewonnen,  und  in  den  ernsten
Jahren  des  Conflicts  bildete  der  von  englischen  Einflüssen  umgebene
  kronprinzliche  Hof  das  Hauptquartier  aller  liberalen
Gegner  Bismarcks.

Am  Hofe  Napoleons  fand  Bismarck  nicht  mehr  die
Feinheit  der  gesellschaftlichen  Sitten,  die  den  Hof  der  Bourbonen
  zur  Schule  der  Cavaliere  gemacht  hatte.  Bei  einem
Souper  in  Versailles,  dem  er  beiwohnte,  „kamen  körperliche
Zusammenstöße  der  gestickten  und  bebänderten  Herrn  und  reich
eleganten  Damen  vor,  die  in  Handgreiflichkeiten  und  Verbalinjurien
  übergingen,  wie  sie  bei  uns  im  Schlosse  unmöglich
wären."“

Im  Jahre  1856  näherte  sich  der  König  Herrn  v.  Bismarck
abermals,  was  bei  Herrn  v.  Manteuffel,  wohl  auch  bei  den
Mitgliedern  der  Camarilla,  die  Besorgniß  weckte,  Bismarck
möchte  wieder  am  Hofe  größeren  Einfluß  gewinnen.  Auf
Weisung  Friedrich  Wilhelms  IV.  mußte  Manteuffel,  scheinbar
aus  eigenem  Antriebe,  Herrn  v.  Bismarck  fragen,  ob  er  als
Finanzminister  eintreten  wolle,  um  später  das  Finanzministerium
an  Manteuffel  abzutreten  und  dafür  das  Ministerium  des  Auswärtigen
  einzutauschen.  Die  Sache  scheiterte  auch  diesmal  an
        <pb n="60" />
        48  VI.  Aus  der  Frankfurter  Zeit.

der  Abneigung  Bismarcks  gegen  den  Ministerposten  überhaupt
und  in  dem  Bewußtsein  mangelnder  Vorbildung  für  das  Amt
des  Finanzministers  im  Besonderen.

Das  Jahr  1857  führte  Bismarck  abermals  nach  Paris,
wo  zu  dieser  Zeit  die  Conferenzen  zur  Schlichtung  des  zwischen
Preußen  und  der  Schweiz  ausgebrochenen  Streites  abgehalten
wurden.  Diesmal  trat  Napoleon  offener  mit  seinen  Wünschen
hervor:  die  petite  rectification  des  frontières,  das  4  und  K  der
späteren  Napoleonischen  Politik,  spielte  schon  damals  eine  Rolle
in  seinen  Erörterungen,  ohne  eine  conditio  sine  qua  non  zu
sein.  Aber  er  schien  sie  noch  nicht  am  Rheine  zu  suchen,  sondern.
in  Italien.  Als  Ergebniß  eines  nächsten  Krieges  dachte  er  sich
ein  Verhältniß  der  Intimität  und  Abhängigkeit  Italiens  zu
Frankreich,  vielleicht  die  Erwerbung  einiger  Küstenpunkte.  Für
die  Ausführung  dieses  Programms  erschien  ihm  Preußens  Zustimmung
  erwünscht;  als  Preis  stellte  er  Preußen  die  Erwerbung
  Hannovers  und  der  Elbherzogthümer  in  Aussicht,
die  ihm  die  Unterlage  einer  stärkeren  Seemacht  verschaffen
würden.  In  weiterer  Perspective  deutete  er  auf  eine  Vereinigung
  der  Seemächte  zweiten  Ranges  mit  Frankreich  als
Gegengewicht  gegen  die  englische  Ueberlegenheit  hin.  Bismarck
nahm  die  Eröffnungen  entgegen,  erklärte  sich  aber  außer  Stande,
sie  seinem  Könige  mitzutheilen,  da  Friedrich  Wilhelm  IV.  sich
unmöglich  auf  derartige  Pläne  einlassen  könne;  ja,  er  versprach,
absolutes  Stillschweigen  darüber  zu  bewahren,  um  den  Kaiser
vor  den  Unannehmlichkeiten  zu  schützen,  die  aus  indiscreten
Mittheilungen  seiner  politischen  Pläne  an  andere  Höfe  ihm
erwachsen  könnten.  Dem  Kaiser  war  der  Gedanke  eines  solchen
„Verraths“  höchst  unbequem;  aber  Herr  v.  Bismarck  wußte
zu  schweigen  und  hat  nur  obenhin  über  das  Gespräch  berichtet,
ohne  den  Kaiser  bloßzustellen  —  eine  Saat  in  die  Zukunft:
in  den  für  Preußen-Deutschland  entscheidenden  Jahren  1863
bis  1866  hat  das  Vertrauen  Napoleons  auf  Bismarcks  Freundschaft,
  das  er  damals  gewann,  reiche  Frucht  getragen.

Während  der  Ferien  des  Bundestags  unternahm  Bismarck
als  Gast  des  Prinzen  Friedrich  von  Hessen  einen  Jagdausflug
nach  Dänemark  und  Schweden.  Er  zog  sich  dabei  am  17.  August
        <pb n="61" />
        Napoleonische  Eröffnungen.  Jagdausflug.  Erkrankung  des  Königs.  49

durch  einen  Sturz  eine  schwere  Verletzung  des  linken  Schien—
beins  zu,  die  er  leider  vernachlässigte,  um  einer  Einladung  zur
Jagd  nach  Kurland  zu  folgen,  von  der  er  erst  Mitte  September
über  Berlin  nach  Frankfurt  zurückkehrte.

In  Berlin  hatte  sich  mittlerweile  eine  Wendung  vorbereitet.
  Im  Juli  1857  war  der  König  auf  der  Rückreise  von
Schönbrunn  in  Pillnitz  erkrankt;  nach  der  Rückkehr  nach  Sanssouci
  bemerkte  seine  Umgebung  an  ihm  eine  geistige  Ermüdung,
die  sich  in  den  folgenden  Wochen  und  Monaten  noch  verstärkte,
bis  ein  im  October  erfolgender  Schlaganfall  eine  nahe  Katastrophe
  erwarten  ließ.  In  dieser  Zeit  —  am  19.  October  —
hatte  Bismarck  mit  dem  Prinzen  von  Preußen,  dem  sich  die
Möglichkeit  einer  sofortigen  Thronbesteigung  eröffnete,  auf  einem
langen  Spaziergang  in  den  neuen  Anlagen  eine  interessante
Unterredung,  die  beweist,  wie  besonnen  der  angebliche  „Junker“
alle  heißspornigen  reactionairen  Gedanken  ablehnte.  Der  Prinz
schien  nicht  abgeneigt,  im  Falle  seiner  Thronbesteigung  die
Verfassung  abzulehnen,  oder  doch  eine  Revision  derselben  zu
fordern.  Bismarck  rieth  ihm  aus  Gründen  der  Politik,  nicht
an  der  Sache  zu  rühren,  denn  man  dürfe  nicht  die  Befürchtung
der  Möglichkeit  eines  Systemwechsels  bei  jedem  Thronwechsel
hervorrufen.  Preußens  Ansehen  in  Deutschland  und  seine
europäische  Handlungsfähigkeit  würde  durch  einen  Zwist  zwischen
der  Krone  und  dem  Landtage  gemindert  werden,  die  Parteinahme
  gegen  den  beabsichtigten  Schritt  im  liberalen  Deutschland
  allgemein  sein.  Man  wußte  bereits  aus  einem  Briefe
Bismarcks  an  den  General  L.  v.  Gerlach),  daß  die  lange
Unterredung  zwischen  dem  Prinzen  und  Bismarck  den  Zorn
Edwins  v.  Manteuffel  erregte,  der  sich  in  hochfahrenden  Worten
gegen  Bismarck  Luft  machte.  Des  Fürsten  Erinnerungen  geben
einige  weitere  Beiträge  zu  dem  damaligen  Intrigenspiel  der
Camarilla,  die  den  ihr  unbequemen  Prinzen  gar  zu  gern
eliminirt  hätte  und  für  eine  unter  der  Controle  der  Königin
geführte  Regierung  des  kranken  Königs  thätig  war.  Durch
Bismarcks  entschlossene  Haltung,  den  man  vergebens  für  den

1)  Vom  19.  December  1857,  Briefe  Bismarcks  an  L.  v.  G.  S.  337  ff.
—  Gerlachs  Antwort  vom  22.  Dec.  s.  Bismarck-Jahrbuch  II,  250ff.

Kohl,  Wegweiser.  4
        <pb n="62" />
        50  VI.  Aus  der  Frankfurter  Zeit.

Plan  einer  solchen  „Haremsregierung“  zu  gewinnen  suchte,
wurde  der  Plan  vereitelt:  am  26.  October  1858  —  die  Ordre
des  Königs  datirte  vom  23.  October  —  übernahm  Prinz  Wilhelm
  die  Regentschaft.  Eine  seiner  ersten  Handlungen  war
die  Entlassung  Manteuffels  (6.  November)  und  die  Berufung
des  Ministeriums  der  neuen  Aera  unter  der  Leitung  des  Fürsten
Anton  von  Hohenzollern-Sigmaringen.

Für  Herrn  v.  Bismarck  schlug  jetzt  die  Stunde  des  Abschieds
  von  Frankfurt.  Auf  einem  Balle  bei  Moustier  oder  Karolyi
erhielt  er  durch  Graf  Stillfried  („aus  dem  Jesuitenlager")
im  Januar  1859  die  erste  Mittheilung  von  seiner  geplanten
Versetzung  nach  Petersburg.  Sie  paßte  wenig  zu  seinen  Wünschen,
zumal,  da  er  sich  eben  erst  mit  großen  Kosten  in  Frankfurt  neu
eingerichtet  hatte  und  der  Ueberzeugung  war,  daß  er  am  Bundestage
  nützlicher  wirken  könne,  als  auf  irgend  einem  andern  Posten.
Er  gab  dem,  was  ihn  bewegte,  Ausdruck  in  einer  Unterredung
mit  dem  Prinzen,  deren  Verlauf  er  uns  lebendig  in  Rede  und
Gegenrede  schildert.  An  der  Sache  selbst  konnte  er  nichts
ändern.  Der  Nachfolger  war  schon  bestimmt:  Herr  v.  Usedom,
der  wegen  seiner  durch  ihre  Tactlosigkeiten  überall  Anstoß  erregenden
  Frau  an  keinem  Hofe  untergebracht  werden  konnte,
als  Mitglied  des  Freimaurerordens  aber  unter  dem  besonderen
Schutze  des  Prinzen  stand.  Bismarck  benutzt  Usedoms  Erwähnung
  zu  einer  Abschweifung  über  die  spätere  Thätigkeit  dieses
Mannes,  die  mit  seiner  Entlassung  aus  dem  Staatedienst
endete  (1869),  freilich  erst,  nachdem  der  Widerstand  des  Königs
durch  Einreichung  eines  ausführlich  begründeten  Abschiedsgesuches
  überwunden  worden  war.

Die  Audienz  endete  für  Bismarck  mit  der  Gewißbeit,
daß  seine  Versetzung  beschlossene  Sache  sei,  aber  auch  „mit  dem
Gefühle  ungetrübter  Anhänglichkeit  an  den  Herrn  und  gesteigerter
  Geringschätzung  gegen  die  Streber,  deren  von  der
Prinzessin  unterstützten  Einflüssen  er  damals  unterlag.“  Drei
Tage  nachher  —  am  29.  Januar  1859  —  erfolgte  die  Ernennung
  nach  Petersburg.  Am  6.  März  verließ  Bismarck
Frankfurt,  am  23.  März  Berlin;  am  1.  April  —  seinem  44.  Geburtstage
  —  trat  er  sein  neues  Amt  am  Hofe  Alexanders  II.  an.
        <pb n="63" />
        Regentschaft  des  Prinzen.  Versetzung  nach  Petersburg.  Levinstein.  51

Kurz  vor  der  Abreise  sollte  er  noch  erfahren,  mit  welchen
Mitteln  die  österreichische  Diplomatie  arbeitete,  um  ihr  un—
bequeme  Leute  sich  dienstbar  zu  machen.  Der  jüdische  Banquier
Levinstein,  Manteuffels  besonderer  Vertrauensmann,  erschien
bei  ihm,  um  ihn  durch  Zusicherung  eines  bedeutenden  Geldbetrages
  (20—300000  Thaler  jährlich)  zu  bestimmen,  die  Vertretung
  der  preußischen  Politik  in  St.  Petersburg  mit  den
österreichischen  Interessen  in  Einklang  zu  bringen.  Bismarcks
drohender  Hinweis  auf  die  Steilheit  der  Treppe  und  seine
körperliche  Ueberlegenheit  ließ  den  Versucher  unter  drohender
Rede  („Sehen  Sie  sich  vor,  es  ist  nicht  angenehm,  die  Kaiserliche
Regierung  zum  Feinde  zu  haben“")  das  Hotel  verlassen.  Seine
Geschäftsfreunde  versuchten  später,  als  Bismarck  Minister  geworden
  war,  die  Verbindung  Levinsteins  mit  dem  Auswärtigen
Ministerium,  die  über  Manteuffels  Zeit  hinaus  bestanden  hatte,
wieder  anzuknüpfen.  Vergebens;  im  Gegentheil  trat  Bismarck
der  in  den  Unterbeamten  des  Ministeriums  durch  Levinsteins
Trinkgelder  geschaffenen  Bestechlichkeit  kräftig  entgegen.  Levinstein
  erfreute  sich  der  Gönnerschaft  hochgestellter  Persönlichkeiten
aus  der  Umgebung  der  Prinzessin.
        <pb n="64" />
        VII.
Petersburg  —  Paris  —  Berlin.

In  Petersburg  (Cap.  10)  fand  Bismarck  die  Stimmung
nicht  ungünstig  für  Preußen.  Zur  Zeit  des  Kaisers  Nikolaus
war  das  anders  gewesen.  Dieser  selbstherrlichste  aller  Zaren
hatte  mehr  Zuneigung  für  den  jungen  Kaiser  Franz  Joseph
von  Oesterreich,  der  den  Kampf  gegen  die  Revolution  mit
Entschlossenheit  aufnahm,  als  für  Friedrich  Wilhelm  IV.,  der
die  in  seiner  Hand  liegende  militairische  Kraft  nicht  zum
Nutzen  der  monarchischen  Einrichtungen  zu  verwenden  gewußt
und  der  Revolution  in  Preußen  recht  eigentlich  zum  Siege
verholfen  hatte.  In  dem  Bewußtsein,  von  Gott  selbst  zum
Hüter  des  Monarchismus  in  Europa  berufen  zu  sein,  hatte
er  es  für  seine  Pflicht  gehalten,  auch  ungebeten  dem  zerbrochenen
österreichischen  Staate  zu  Hilfe  zu  kommen,  hatte  mit  russischen
Waffen  das  Ansehen  des  Königthums  in  dem  empörten  Ungarn
wieder  hergestellt  und  solchen  Dienst  ohne  jeden  Eigennutz
geleistet.  Die  gleiche  selbstlose  Freundschaft  hatte  er  1850
Oesterreich  in  Olmütz  gewahrt,  wo  nur  unter  russischem  Zwange
Preußen  die  demüthigende  Rolle  des  Besiegten  auf  sich  nehmen
mußte.  Aber  er  hatte  dafür  Undank  geerntet.  Im  Krimkrieg
hatte  sich  Oesterreich  an  die  Westmächte  angeschlossen  und  war
nur  durch  Preußens  Abneigung  gegen  den  Krieg  mit  Rußland
verhindert  worden,  sich  thätig  daran  zu  betheiligen.  In  Petersburg
  war  man  über  Oesterreichs  Undank  tief  verstimmt,  diese
Verstimmung  aber  kam  Herrn  v.  Bismarck  zu  Gute:  er  fand
am  Hofe  Alexanders  lII.  die  freundlichste  Aufnahme  und  be-
        <pb n="65" />
        Nikolaus  I.  Petersburger  Gesellschaft.  Straßenleben.  53

nutzte  das  Vertrauen,  das  ihm  entgegengebracht  wurde,  im
Sinne  der  Wiederherstellung  innigerer  Beziehungen  zwischen
den  beiden  nahe  verwandten  Höfen.

In  der  damaligen  Petersburger  Gesellschaft  ließen  sich,
wie  Fürst  Bismarck  erzählt,  drei  Generationen  unterscheiden.
Die  vornehmste,  die  europäisch  und  classisch  gebildeten  Crands
Seigneurs  aus  der  Regierungszeit  Alexanders  I.,  vertreten
durch  Mentschikow,  Woronzow,  Bludow,  Nesselrode  und  —
nach  Geist  und  Bildung  —  auch  durch  Gortschakow,  war  im
Aussterben  begriffen.  Die  zweite  Generation,  Zeit=  und  Gesinnungsgenossen
  des  Kaisers  Nikolaus,  pflegte  sich  in  der
Unterhaltung  auf  Hofangelegenheiten,  Theater,  Avancement
und  militairische  Erlebnisse  zu  beschränken.  Zu  ihr  gehörten
der  charaktervolle,  höfliche  und  zuverlässige  Orlow,  die  Grafen
Adlerberg,  Vater  und  Sohn,  Graf  Peter  Schuwalow,  Fürst
Suworow,  der  Eisenbahngeneral  Tschewkin  und  Baron  Peter
v.  Meyendorff,  der  Gatte  einer  der  liebenswürdigsten  Frauen,
einer  Schwester  des  Grafen  Buol,  „die  in  noch  höherem  Grade
als  ihre  Schwester,  Frau  v.  Vrints  in  Frankfurt,  den  Beweis
lieferte,  daß  in  der  gräflichen  Familie  Buol  der  erbliche  Verstand
  ein  Kunkellehn  war“.  Die  dritte  Generation  war  die
der  jungen  Herren,  die  ihre  Stärke  darin  suchten,  durch
schlechte  Manieren  und  durch  eine  gern  zur  Schau  getragene
Abneigung  gegen  deutsche,  insbesondere  preußische  Elemente,
zu  imponiren,  auf  Fragen  in  deutscher  Sprache  gar  nicht  zu
antworten  und  Bürgerlichen  gegenüber  unter  das  Maß  von
Höflichkeit  herabzugehen,  welches  sie  in  den  Uniform  oder
Orden  tragenden  Kreisen  unter  einander  beobachteten.

Wie  in  einem  früheren  Capitel  über  das  Straßenleben
in  Paris,  so  macht  Fürst  Bismarck  auch  über  das  Straßenleben
  in  Petersburg  Mittheilungen  von  allgemeinerem  Interesse.
  Hier  wie  dort  spielte  der  monsieur  décoré  eine  wichtige
Rolle;  das  Abzeichen  irgend  eines  Ordens  verschaffte  dem
Träger  ein  Ansehen,  dessen  Bethätigung  er  in  der  Behandlung
erfuhr,  die  ihm  von  Vorübergehenden,  Kutschern  und  Organen
der  öffentlichen  Ordnung  zu  Theil  wurde.  „Schon  zu  Pferde,
wenn  in  Civil  und  ohne  Reitknecht,  lief  man  Gefahr,  von  den
        <pb n="66" />
        54  VII.  Petersburg  —  Paris  —  Berlin.

durch  ihr  Costüm  kenntlichen  Kutschern  der  höheren  Würdenträger
  wörtlich  und  thätlich  angefahren  zu  werden,  wenn  man
mit  ihnen  in  unvermeidliche  Berührung  gerieth;  und  wer
hinreichend  Herr  seines  Pferdes  war  und  eine  Gerte  in  der
Hand  hatte,  that  wohl,  sich  bei  solchen  Conflicten  als  gleichberechtigt
  mit  dem  Insassen  des  Wagens  zu  legitimiren."
Auch  im  gesellschaftlichen  Verkehre  mit  Mitgliedern  der  jüngeren
Generation  machte  sich  in  Ton  und  Manieren  ein  Rückgang
gegen  die  Zeiten  Nikolaus'  I.  und  Alexanders  I.  bemerkbar.
In  der  dem  Hofe  nahestehenden  Gesellschaftsschicht  war  die
antideutsche  Gesinnung  durch  Gortschakow  vertreten,  doch  äußerte
sie  sich  zur  Zeit  von  Bismarcks  Petersburger  Gesandtschaft
weniger  stark  als  später,  wo  verletzte  Eitelbeit  und  der  Neid
gegen  den  glücklicheren  Collegen  Gortschakows  Wohlwollen  für
den  jüngeren  lernbegierigen  Diplomaten  in  sein  Gegentheil
verkehrt  hatte.  Fürst  Bismarck  läßt  es  dahingestellt  sein,  ob
diese  Wandlung  erst  nach  1870  begann  oder  ob  sie  vor  diesem
Jahre  schon  vorhanden  war  und  sich  nur  seiner  Wahrnehmung
entzog.  Im  ersteren  Falle  glaubt  er  als  ein  achtbares  und
für  einen  russischen  Kanzler  berechtigtes  Motiv  den  Irrthum
der  Berechnung  in  Anschlag  bringen  zu  können,  daß  die  Entfremdung
  zwischen  Oesterreich  und  Preußen  auch  nach  1866
dauernd  fortbestehen  werde.  An  sich  aber  sieht  Fürst  Bismarck
keinerlei  Grund  zur  Feindschaft  zwischen  Deutschland  und
Rußland,  und  es  liegt  eine  für  unsere  Diplomaten  beherzigenswerthe
  Mahnung  zu  vorsichtiger  Schonung  der  russischen
Freundschaft  in  den  Sätzen:  „Es  liegt  nicht  in  unserem  Interesse,
Rußland  in  der  Verwendung  seiner  überschüssigen  Kräfte  nach
Osten  hin  hinderlich  zu  sein;  wir  sollten  froh  sein,  wenn  wir
in  unserer  Lage  und  geschichtlichen  Entwickelung  in  Europa
Mächte  finden,  mit  denen  wir  auf  keine  Art  von  Concurrenz
der  politischen  Interessen  angewiesen  sind,  wie  das  zwischen
uns  und  Rußland  bisher  der  Fall  ist.  Mit  Frankreich  werden
wir  Frieden  haben,  mit  Rußland  nie  die  Nothwendigkeit  des
Krieges,  wenn  nicht  liberale  Dummheiten  oder  dynastische
Mißgriffe  die  Situation  fälschen.“  An  beiden  hat  es  nicht
gefehlt,  um  unser  Verhältniß  zu  Rußland  zu  trüben;  auf  die
        <pb n="67" />
        Gortschakow.  Bismarcks  Stellung  am  russischen  Hofe.  55

liberale  Dummheit  der  Unterstützung  des  Battenbergers  freilich
ließ  sich  Fürst  Bismarck  nicht  ein,  und  die  in  den  ersten  Jahren
des  neuen  Curses  vorhandenen  dynastischen  Verstimmungen
scheinen  nach  Caprivis  Rücktritt  wieder  ausgeglichen  worden
zu  sein.  Als  üble  Erinnerung  daran  ist  die  russisch-französische
Verbrüderung  geblieben  —  eine  beständige  Mahnung,  daß
wir  nicht  ungestraft  von  den  Bahnen  der  Bismarckschen  Politik
abweichen  können.

Am  russischen  Hofe  nahm  Bismarck  ganz  die  Stellung
eines  Familiengesandten  ein;  das  äußerte  sich  auch  in  der
Art,  wie  er  in  Zarskoe  oder  Peterhof  aufgenommen  ward,
und  nicht  ohne  Vergnügen  wird  man  seine  Erzählungen  von
der  Gastfreiheit  des  zarischen  Hofes  lesen  und  von  dem  großfürstlichen
  enlant  terrible,  das  Bismarck  auf's  Freundlichste
begrüßte,  sich  aber  weigerte,  einem  miteingeladenen  russischen
General  gleiche  Freundlichkeit  zu  erweisen,  und  nach  dem
Grunde  der  Weigerung  gefragt,  mit  Bezug  auf  Bismarck  antwortete:
  „Der  ist  lieb“  (on  milü),  mit  Bezug  auf  den  General:
„Der  stinkt“  (on  wonjact).  Ernster  stimmen,  wegen  der  daraus
zu  erschließenden  Verderbniß  der  höheren  Gesellschaftsclassen,
die  Berichte  von  den  Unterschleifen,  die  sich  die  Beamten  des
kaiserlichen  Hofhalts  zu  Schulden  kommen  ließen,  sowie  von
den  unlauteren  Mitteln,  die  die  damalige  russische  Diplomatie
anwendete,  um  hinter  die  Geheimnisse  der  andern  Mächte  zu
kommen.  Auf  wie  tiefer  Linie  die  sittlichen  Anschauungen
selbst  in  den  führenden  Kreisen  standen,  lehrt  Alexanders  II.
naive  Klage  über  seine  deutschen  Vettern,  die  in  ihren  Briefen
an  kaiserliche  Familienglieder  die  russische  Politik  kritisirten
und  die  Briefe  mit  der  Post  schickten,  damit  ihre  Grobheiten
sicher  zu  seiner  persönlichen  Kenntniß  gelangten.  Der  Zar
hielt  es  für  sein  unstreitbares  Recht,  jeden  mit  der  russischen
Post  eingehenden  Brief  ohne  Weiteres  zu  öffnen,  um  von
dem  Inhalte  Kenntniß  zu  nehmen.  In  Oesterreich  freilich
und  im  Postgebiet  von  Thurn  und  Teaxis  stand  es  zur  damaligen
  Zeit  nicht  besser,  und  mancherlei  Erfahrungen  der
letzten  Jahre  lassen  den  Verdacht  nicht  unbegründet  erscheinen,
daß  auch  jetzt  noch  nicht  das  Briefgeheimniß  überall  vor  den
        <pb n="68" />
        56  VII.  Petersburg  —  Paris  —  Berlin.

Eingriffen  der  politischen  Polizei  so  sicher  ist,  als  die
strengen  gesetzlichen  Bestimmungen  zu  seinem  Schutze  es  erwarten
  lassen.

Eine  üble  Erinnerung  an  Petersburg  hat  den  Fürsten
Bismarck  begleitet  bis  an  sein  Lebensende.  Im  Juni  1859
zog  er  sich  nach  anhaltendem  Reiten  in  einer  überheizten  Reitbahn
  einen  Rheumatismus  in  allen  Gliedern  zu,  der  sich  zwar
nach  einiger  Zeit  wieder  verlor,  aber  in  dem  durch  den  Sturz
in  Schweden  1857  beschädigten  linken  Bein  einen  geringen
Schmerz  zurückließ.  Ein  von  der  früheren  Großherzogin  von
Baden  empfohlener  Dr.  Walz,  ein  ärztlicher  Charlatan,  der
es  durch  Gunst  vornehmer  Gönner  bis  zu  der  Stellung  eines
Dirigenten  sämmtlicher  Kinderhospitäler  in  Petersburg  gebracht
hatte,!)  beredete  Bismarck  zur  Anwendung  eines  Pflasters,
das  den  zur  Herstellung  spanischer  Fliegen  verwendeten  Stoff
in  einer  so  starken  Gabe  enthielt,  daß  die  fressende  Wirkung
des  Giftes  auch  noch  fortdauerte,  nachdem  der  Pfeudo-Arzt

 

 

1)  Dieser  Dr.  Walz  war  jedoch  nicht,  wie  Fürst  Bismarck  1  235  auf  Grund
späterer  Ermittelungen  erzählt,  der  Sohn  des  Universitätsconditors
Waltz  in  Heidelberg,  sondern  der  Sohn  des  Ministerialraths  Walz
in  Karsruhe.  Ich  verdanke  diese  Berichtigung  dem  Herrn  Dr.  med.
Gustav  Waltz  in  Heidelberg,  dem  Sohne  des  Universitätsconditors  Waltz.
Die  Herkunft  des  Staatsraths  Dr.  Walz  aus  Karlsruhe  hat  Professor
Kußmaurl  festgestellt,  der  mit  ihm  in  Freiburg  in  Berührung  gekommen  ist.
Die  „Berliner  Neuesten  Nachrichten“  vom  14.  Januar  1899  (No.  23  M.-A.)
stellen  auf  Grund  einer  größeren  Zahl  von  Zuschriften  über  die  Persönlichkeit
  des  Dr.  Walz  fest:  Der  genannte  ehemalige  Petersburger  Arzt  lebt
78  Jahre  alt  seit  mehr  als  einem  Vierteljahrhundert  in  Frankfurt  a.  O.
als  Homöopath.  Er  ist  am  2.  October  1820  im  Großherzogthum  Baden
geboren,  heißt:  Karl  Friedrich  Walz,  und  führt  den  Titel:  Dr.  med.,  Kaiserl.
russischer  Staatsrath  a.  D.,  praktischer  Arzt.  Herr  Walz  hat  in  Deutschland
  kein  Staatsexamen  gemacht.  Er  wurde  durch  den  Leibarzt  des  Kaisers
Nikolaus  I.,  Staatsrath  Dr.  Mandt,  nach  Petersburg  gezogen,  ward  dort
Arzt  einer  Großfürstin  und  hat  lange  Jahre  in  Petersburg  gelebt.  1866
oder  67  kehrte  er  in  sein  badisches  Heimathland  zurück,  erhielt  dort  auf
hohe  Verwendung  die  Erlaubniß  zum  Prakticiren,  ohne  das  Staatsexamen
gemacht  zu  haben,  im  2.  Theil  des  Börnerschen  Medicinalkalenders  steht  er
als  im  Jahre  1867  „approbirt“  verzeichnet.  In  Folge  der  Freizügigkeit
konnte  ihm  in  Preußen  die  in  Baden  erlangte  Zulassung  zur  ärztlichen
Praxis  nicht  versagt  werden.  Er  ließ  sich  zunächst  im  Westen  nieder,  siedelte
aber  1872  oder  73  nach  Frankfurt  a.  O.  über,  wo  er  noch  heute  eine  große
Praxis  als  Homöopath  betreibt.
        <pb n="69" />
        Ein  ärztlicher  Charlatan.  Schleinitz  gegen  Bismarck.  57

die  schwarze  Pflastermasse  aus  der  handgroßen  Wunde  durch
Schaben  mit  einer  metallischen  Klinge  zu  entfernen  versucht
hatte.  Um  bei  deutschen  Aerzten  Hilfe  zu  suchen,  reiste  Bismarck
  im  Juli  nach  Berlin,  von  da  nach  Nauheim,  wo  ihn
die  Behandlung  des  Professors  Benecke  soweit  herstellte,  daß
er  gehen  und  reiten,  im  October  auch  den  Prinz-Regenten
nach  Warschau  zur  Zusammenkunft  mit  dem  Zaren  begleiten
konnte.  Aber  noch  im  selben  Jahre  trat  der  Tod  nahe  an
ihn  heran.  Der  Thrombus,  der  sich  in  der  zerstörten  Vene
gebildet  und  festgesetzt  hatte,  riß  sich  los,  gerieth  in  den  Blutumlauf
  und  verursachte  eine  Lungenentzündung,  die  von  den
Aerzten  für  tödtlich  gehalten,  aber  Dank  der  kräftigen  Constitution
  Bismarcks  in  einem  Monate  langen  Siechthum  überwunden
  ward.  Vom  November  1859  bis  März  1860  lag  er
krank  in  Hohendorf,  von  seinem  treuen  Freunde  v.  Below  mit
immer  gleicher  Liebe  und  Aufopferung  gepflegt.

In  dieser  Zeit  regten  der  Fürst  von  Hohenzollern  und
Rudolf  von  Auerswald  bei  dem  Regenten  Bismarcks  Ernennung
zum  Minister  des  Auswärtigen  an  (Cap.  11:  Zwischenzustand).
  Der  Regent  mochte  sich  der  Anregung  nicht  entziehen,
  war  aber,  wie  es  scheint,  schon  vor  der  Erörterung
der  Frage  entschlossen,  sich  von  dem  Schützling  der  Prinzessin,
Herrn  von  Schleinitz,  nicht  zu  trennen.  Das  Verhältniß  zu
Oesterreich  bildete  den  Kernpunkt  der  Unterhandlung,  die  in
einer  Art  von  Conseil  im  Palais  stattfand.  Herr  v.  Bismarck,
aufgefordert,  sein  Programm  zu  entwickeln,  bezeichnete  als
schwächste  Seite  der  preußischen  Politik  ihre  Schwäche  gegen
Oesterreich,  von  der  sie  seit  Olmütz  und  besonders  in  den
letzten  Jahren  während  der  italienischen  Krisis  beherrscht
gewesen  sei.  Man  müsse  Oesterreich  zeigen,  daß  man  den
Bruch  nicht  fürchte,  daß  Preußen  nöthigen  Falls  auch  gegen
Oesterreich  Krieg  führen  werde,  um  seine  Stellung  in  Deutschland
  mit  seinen  Interessen  in  Einklang  zu  bringen.  In  Wien
habe  man  sich  auf  der  in  Olmütz  errungenen  Grundlage  als  auf
einer  dauernden  eingelebt  und  ganz  vergessen,  daß  die  Olmützer
Vereinbarung  lediglich  der  Verzettelung  der  preußischen  Cadres
und  dem  Drucke  der  zu  Gunsten  Oesterreichs  zur  Geltung
        <pb n="70" />
        58  VII.  Petersburg  —  Paris  —  Berlin.

gebrachten  russischen  Macht  zu  verdanken  gewesen  sei.  Preußen
habe  sich  der  österreichischen  Politik  in  einer  Weise  unterworfen,
welche  an  den  Versuch  erinnere,  ein  Huhn  durch  einen
Kreidestrich  zu  fesseln;  wage  Preußen,  den  Zauber  des  Kreidestrichs
  zu  brechen,  so  werde  Graf  Buol  die  starke  Stellung
nicht  fernerhin  mißachten  können,  in  der  sich  Preußen  thatsächlich
  befinde.  Schleinitz  antwortete  in  einem  wohlvorbereiteten
Vortrage,  daß  Friedrich  Wilhelm  III.  in  seinem  Testament  den
engen  Anschluß  an  Oesterreich  seinen  Nachfolgern  empfohlen
habe,  und  schilderte  beredt  die  Bedenken  und  Gefahren,  die
von  Frankreich  und  im  Innern  drohten,  wenn,  trotz  aller
berechtigten  Gründe  zur  Empfindlichkeit,  die  Beziehungen  zu
Oesterreich  nicht  erhalten  würden.  In  seiner  Begründung
spielte  die  Gefahr  einer  russisch-französischen  Verbindung  eine
ebenso  wichtige  Rolle,  wie  die  Abneigung  der  öffentlichen
Meinung  gegen  eine  russisch-preußische  Allianz,  und  diesen
Beweisgründen  gegenüber,  die  geschickt  auf  die  Gefühle  des
Prinzen  berechnet  waren,  erklärte  sich  der  Regent  kurzer  Hand
für  die  Beibehaltung  der  Schleinitzschen  Politik:  der  Eintritt
Bismarcks  war  damit  unvereinbar.

Das  Jahr  1861  brachte  in  das  Ministerium  der  neuen
Aera  einen  Streit  grundsätzlicher  Natur.  König  Wilhelm  wollte
sich  in  alter  Weise  huldigen  lassen,  die  Mehrzahl  seiner  Minister
hielt  die  Erneuerung  der  Erbhuldigung  für  einen  Angriff  auf
die  Verfassung  und  verweigerte  die  Mitwirkung.  Die  Frage
spitzte  sich  schnell  genug  zu  einer  Ministerkrisis  zu,  in  der  nur
der  Kriegsminister  Roon  zum  König  hielt.  Dieser  glaubte,
vor  dem  Willen  der  Mehrheit  seiner  Minister  nicht  zurückweichen
  zu  können,  ohne  der  Monarchie  etwas  zu  vergeben,
und  fürchtete  doch  die  Anknüpfung  von  Beziehungen  zu  den
Männern  der  Rechten,  (die  Roon  empfahl),  um  nicht  den
mühsam  erworbenen  Ruhm  eines  „liberalen“  Fürsten  zu  verlieren.
  Erst  nach  einigem  Zögern  gestattete  er  Roon,  mit
Bismarck  über  die  Frage  seines  Eintritts  in's  Ministerium
in  Verhandlung  zu  treten.  Dies  geschah  in  einem  Briefe  vom
27.  Juni  1861,  der,  von  mir  schon  früher  im  Bismarck-Jahrbuch
  veröffentlicht,  in  die  „Gedanken  und  Erinnerungen"“
        <pb n="71" />
        Die  Ministerkrisis  von  1861  und  ihre  Beilegung.  59

zusammen  mit  Bismarcks  Antwort  vom  2.  Juli  ausgenommen
worden  ist,  und  in  scharfen  Umrissen  die  Sachlage  zeichnet.
Auf  Roons  Ruf  „an  die  Pferde“  machte  sich  Bismarck  alsbald
  auf  den  Weg,  um  sich  dem  Könige  zur  Verfügung  zu
stellen;  aber  ehe  er  (am  9.  Juli)  nach  Berlin  kam,  war  dort
die  Krisis  beigelegt.  Am  3.  Juli  hatte  der  König  das  Manifest
  erlassen,  daß  er  das  Herkommen  der  Erbhuldigung  zwar
festhalte,  in  Betracht  der  Veränderungen  aber,  die  in  der
Verfassung  der  Monarchie  unter  der  Regierung  seines  Bruders
eingetreten  seien,  beschlossen  habe,  anstatt  der  Erbhuldigung
die  feierliche  Krönung  zu  erneuern,  durch  welche  die  erbliche
Königswürde  begründet  sei.  Es  war  ein  schlecht  verhüllter
Rückzug  der  Krone,  und  eine  tiefe  moralische  Depression  spricht
aus  dem  Briefe,  in  dem  Roon  seinem  treuen  Freunde  den
Verlauf  der  Krisis  schildert.  Nur  das  eiserne  Pflichtgefühl
des  Vasallen  hielt  damals  Roon  auf  seinem  Posten  fest:  „Ich
sehe  keine,  keine  Rettung“,  klagt  er,  „wenn  uns  Gott  der
Herr  nicht  hilft.  In  dem  Proceß  der  allgemeinen  Zersetzung
vermag  ich  nur  noch  einen  widerstandsfähigen  Organismus
zu  erkennen,  die  Armee;  sie  unverfault  zu  erhalten,  das  ist
die  Aufgabe,  die  ich  noch  für  lösbar  erachte,  aber  freilich  nur
noch  für  einige  Zeit.  Auch  sie  wird  verpestet  werden,  wenn
sie  nicht  zu  Thaten  kömmt,  wenn  ihr  nicht  von  oben  gesunde
Lebensluft  zugeführt  wird,  und  das,  auch  das  wird  alle  Tage
schwieriger“.  Unter  den  veränderten  Umständen  war  dem
Könige  das  Erscheinen  Bismarcks,  der  sich  auf  Weisung  des
Ministers  Schleinitz  am  10.  Juli  nach  Baden  an  den  Hofhalt
begab,  unbequem;  doch  lud  er  ihn  zur  Tafel  und  gewährte
ihm  den  erbetenen,  dreimonatigen  Urlaub:)  bis  über  die
Krönung  hinaus,  der  Bismarck  am  18.  October  in  Königsberg
  beiwohnte,  gegen  die  Kälte  durch  eine  dicke  Militairuniform
und  eine  Perücke  geschützt,  „gegen  die  Bernhards  nur  den

 

 

1)  Während  desselben  arbeitete  er  die  Denkschrift  über  die  deutsche
Frage  aus,  deren  Entwurf  er  dem  Könige  in  Baden  vorgelegt  hatte;  vgl.
die  Briefe  vom  18.  Sept.  und  2.  October  1861,  Bismarckbriefe  7.  Aufl.
S.  313  ff.  321,  die  Denkschrift  Bismarck-Jahrbuch  Ill  193  ff.,  Bismarckbriefe
  7.  Aufl.  S.  315  ff.
        <pb n="72" />
        60  VII.  Petersburg  —  Paris  —  Berlin.

Namen  einer  Locke  verdient“.)  Von  dort  kehrte  er  nach  Peters—
burg  zurück.

Aber  seine  Zeit  kam.  Im  Mai  1862  wurde  Bismarck
vom  Grafen  Bernstorff,  der  an  Schleinitzs  Stelle  im  October  1861
das  Ministerium  des  Auswärtigen  übernommen  hatte,  abermals
  nach  Berlin  berufen,  um  zur  Hand  zu  sein,  falls  die  Entscheidung
  des  Königs  falle.  An  der  Spitze  des  Ministeriums  stand
damals  —  dem  Namen  nach  als  Vertreter  des  Ministerpräsidenten
Fürsten  von  Hohenzollern,  in  Wirklichkeit  als  sein  Nachfolger  —
Prinz  Adolf  von  Hohenlohe-Ingelfingen,  seiner  Stellung  weder
körperlich  noch  geistig  gewachsen  und  von  dem  dringenden
Wunsche  beseelt,  so  bald  als  möglich  von  der  Last  seines
Martyriums  erlöst  zu  werden.  Er  bestürmte  Bismarck  um
diesen  Dienst,  fand  aber  bei  ihm  wenig  Geneigtheit  dazu,
in  das  Ministerium  einzutreten.  Sicherlich  nicht,  weil  er
nicht  den  Muth  hatte,  gegen  die  liberale  Opposition  des  Abgeordnetenhauses
  zu  kämpfen,  sondern  weil  er  nicht  wußte,
wie  weit  der  König  ihm  zu  folgen  bereit  war.  Auch  der
König  konnte  sich  nicht  entschließen,  durch  Bismarcks  Berufung
die  Brücke  hinter  sich  abzubrechen,  und  so  blieb  die  Frage
einstweilen  offen:  Herr  v.  Bismarck  wurde  vorläufig  zum  Gesandten
  in  Paris  ernannt  und  übergab  am  1.  Juni  in  den
Tuilerien  sein  Beglaubigungsschreiben.  Monate  vergingen,
ein  Hangen  und  Langen  in  schwebender  Pein.  Bismarck  reiste
während  der  Sommermonate  in  die  Pyrenäen,  immer  von
der  quälenden  Sorge  verfolgt,  ob  er  in  Paris  oder  London
sich  dauernd  niederlassen  dürfte,  wie  er  wünschte,  oder  dem
Rufe  des  Königs  folgend,  den  Kampf  um  die  bedrohten  Rechte
der  preußischen  Krone  auf  sich  nehmen  müsse.  Die  dem  Werke
einverleibte,  in  ihren  Hauptstücken  schon  bekannte  Correspondenz
zwischen  Roon  und  Bismarck  und  der  von  mir  im  6.  Bande
des  Bismarck-Jahrbuchs  veröffentlichte  Briefwechsel  zwischen
Bernstorff  und  Bismarck  geben  alle  erwünschte  Auskunft  über
die  Verschärfung  des  Streites  wegen  der  Armeereorganisation,
die  wachsende  Rathlosigkeit  des  Königs,  Bernstorffs  Un- 



1)  Brief  an  die  Schwägerin,  Bismarckbriefe  7.  Aufl.  S.  322  ff.
        <pb n="73" />
        Bismarck  als  Gesandter  in  Paris.  Berufung  nach  Berlin.  61

entschlossenheit  und  Roons  immer  erneutes  Eintreten  für
Bismarcks  Berufung.  Endlich  gab  der  König  soweit  nach,
daß  Bismarck  nach  Berlin  berufen  wurde,  Roons  Depesche!)
vom  18.  September:  „Periculum  in  mora.  Dépéchez-vous“  aber
ward  zum  Wendepunkt  in  der  preußischen  und  deutschen  Ge—
schichte.  Wie  Bismarck  dann  am  22.  September?)  mit  dem
Könige  in  Babelsberg  die  entscheidende  Unterredung  hatte,  wie
er  ihn  von  dem  Gedanken  der  Abdankung  zurückbrachte  und
durch  die  Erinnerung  an  seine  Königspflicht  des  Widerstandes
gegen  parlamentarische  Herrschaftsgelüste  den  muthlos  Verzagenden
  zur  Aufnahme  des  Kampfes  bestimmte,  das  muß
man  in  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“  selbst  lesen:  an
diesem  Tage  ward  zwischen  Herrn  und  Diener  ein  Treubund
geschlossen,  der  bestanden  hat,  bis  die  Schatten  des  Todes
Beider  Augen  umnachteten.  Am  23.  September  erfolgte  als
Antwort  auf  den  die  ferneren  Ausgaben  für  die  Armeereorganisation
  ablehnenden  Beschluß  des  Abgeordnetenhauses  Bismarcks
  Ernennung  zum  Staatsminister  und  interimistischen
Vorsitzenden  des  Staatsministeriums,  am  8.  October  die  definitive
Ernennung  zum  Ministerpräsidenten  und  Minister  der  Auswärtigen
  Angelegenheiten.

 

 

Die  Unterschrift  TonclIe  de  Maurice  Henning  meint  Roon  als
Oheim  des  Moritz  Henning  von  Blanckenburg.

2)  Die  in  den  Bismarckregesten  1  185  zum  20.  September  erwähnte
Audienz  beim  Könige  ist  doch  wohl  apokryph,  obwohl  ich  sie  in  einer
Zeitung  berichtet  fand.
        <pb n="74" />
        VIII.
Ein  Büchblich  auf  die  preußische  Politik.

Die  Darstellung  der  eigenen  Ministerschaft  eröffnet  Fürst
Bismarck  in  dem  12.  Capitel  mit  einem  Rückblick  auf  die
preußische  Politik.  Das  Capitel  wird  mancherlei  Widerspruch
  von  Seiten  der  Historiker  erfahren,  weil  Bismarcks
Auffassung  der  preußischen  Politik  in  den  Jahren  1786  bis
1862  zu  der  landläufigen  Beurtheilung  —  theilweise  wenigstens
—  in  scharfem  Gegensatze  steht.  Aber  Fürst  Bismarck  besaß
für  die  Bewerthung  der  preußischen  Politik  ein  Organ,  das
einem  großen  Theil  der  berufsmäßigen  Historiker  in  ihrer  engen
Studirstube  verloren  geht,  den  politischen  Sinn,  und  jeder
Historiker  kann  an  diesem  Capitel  von  dem  praktischen  Politiker
lernen,  wie  Geschichte  zu  studiren  ist.  Fürst  Bismarck  vermißt
  an  der  preußischen  Politik  seit  dem  Tode  Friedrichs  des
Großen  die  Klarheit  der  Ziele;  wo  Ziele  vorhanden  waren,
waren  sie  „entweder  ungeschickt  gewählt  oder  ungeschickt  betrieben“.
  Bis  zum  vollen  Ausbruch  der  französischen  Revolution
vermag  er  keinerlei  Andeutung  einer  national-beutschen  Richtung
  zu  erkennen;  die  Idee  eines  preußischen  Kaiserthums
innerhalb  der  durch  eine  Demarcationslinie  von  dem  übrigen
kämpfenden  Europa  abgegrenzten  norddeutschen  Staaten  erwuchs
auf  dem  Boden  preußisch-particularistischer  Bestrebungen.
Preußen  dachte  damals  weniger  an  die  Stärkung  seiner
Stellung  in  Deutschland,  als  an  die  Erwerbung  polnischer
Gebietstheile,  und  doch  lag  die  Zukunft  seiner  Machtentwickelung
nicht  in  dem  Streite  mit  Oesterreich  über  ein  Mehr  oder
        <pb n="75" />
        Fehler  und  Versäumnisse  der  preußischen  Politik  seit  1786.  63

Weniger  vom  zerfallenden  Polenreiche,  sondern  in  dem  Streite
um  die  Vorherrschaft  in  Deutschland.  Von  diesem  Standpunkte
aus  stellt  sich  dem  Politiker  die  Convention  von  Reichenbach
(27.  Juli  1790),  die  meist  in  vollen  Tönen  als  ein  Triumph  der
preußischen  Staatskunst  gefeiert  wird,  weil  sie  Oesterreich  schmerzliche
  Verzichte  auferlegte,  nur  als  eine  zwecklose  Verpuffung  der
von  Friedrich  dem  Großen  ererbten  Autorität  dar,  als  ein
„Act  unfruchtbaren  Selbstgefühls  nach  Art  des  französischen
Prestige“,  von  dem  Preußen  keinen  nutzbaren  Vortheil  hatte.
Fürst  Bismarck  ist  der  Meinung,  daß  es  im  Interesse  Preußens
gelegen  haben  würde,  Oesterreich  und  Rußland  in  ihren  orientalischen
  Bestrebungen  eher  zu  fördern  und  zu  befestigen,  als
sie  darin  zu  stören,  um  en  veclette  stehend  sein  schlagfertiges
Heer  bei  manchen  späteren  Gelegenheiten  nutzbar  machen  zu
können,  sei  es  für,  sei  es  gegen  eine  der  streitenden  Parteien.
Preußen  versäumte  durch  die  Convention  von  Reichenbach  eine
Gelegenheit  zu  materiellem  Gewinn,  für  welchen  Verlust  der
diplomatische  Triumph  keinen  Ersatz  bieten  konnte.  Hätte
Preußen  für  die  Förderung  des  Ehrgeizes  Oesterreichs  und  Rußlands
  in  der  Richtung  auf  den  Orient  materielle  Zugeständnisse
verlangt,  sei  es  auch  nur  auf  dem  Gebiete  der  polnischen
Frage,  und  seine  Forderung  durch  den  Hinweis  auf  seine  100  000
schlagfertigen  Soldaten  unterstützt,  so  hätte  es  nach  Bismarck
in  der  damaligen  Lage  Besseres  erreichen  können.

Auch  im  Jahre  1805  wurde  eine  günstige  Gelegenheit
versäumt:  „was  1806  post  lestum  geschah,  konnte  1805  von
entscheidender  Wirkung  sein“.  Nur  mußte  Preußen  an  der
Spitze  von  150  000  Mann  die  Bedingungen  seines  Beistandes
zu  Gunsten  Oesterreichs  und  Rußlands  militairisch  durch  einen
Feldherrn,  nicht  diplomatisch  durch  einen  Schwächling,  wie
Haugwitz  durchzusetzen  den  Muth  haben.  Die  Niederlage  von
1806  war  die  schärfste  Kritik  der  preußischen  Saumseligkeit.

Rußland  gegenüber  gefiel  sich  Preußen  bis  zum  Krimkriege
  in  der  Rolle  eines  Vasallen,  obwohl  die  russische  Hilfe
von  1813  vergolten  worden  war  durch  Preußens  vermittelndes
Eintreten  zur  Zeit  der  Nothlage  der  Russen  bei  Adrianopel  1829
und  durch  sein  Verhalten  in  Polen  1831.  Besonders  scharf
        <pb n="76" />
        64  VIII.  Ein  Rückblick  auf  die  preußische  Politik.

trat  diese  Vasallenschaft  Preußens  in  den  Zeiten  Nikolaus'  J.
hervor,  wo  Preußen  „in  allen  europäischen  Constellationen  von
1831—1850  russische  Wechsel  acceptirt  und  honorirt  hat,  bis
nach  1848  der  junge  österreichische  Kaiser  dem  russischen  besser
gesiel  als  der  König  von  Preußen“  und  der  russische  Schiedsrichter
  „kalt  und  hart“  in  Olmütz  gegen  Preußen  und  seine
deutschen  Bestrebungen  entschied.  Seine  Neutralität  im  Krimkriege,
  seine  wohlwollende  Haltung  im  Polenaufstande  1863
gaben  Preußen  Rußland  gegenüber  ein  Saldo,  das  den  Anspruch
  auf  russische  Gegenleistungen  gerechtfertigt  haben  würde,
wenn  man  nur  das  Selbstgefühl  besessen  hätte,  ihn  kräftig
geltend  zu  machen.  Dieses  Selbstgefühl  aber  fehlte  in  den
Zeiten  Friedrich  Wilhelms  IV.  ganz,  obwohl  die  militairischen
Einrichtungen  Preußens  denen  Rußlands,  Oesterreichs  und
selbst  Frankreichs  überlegen  waren  und  mit  voller  Genauigkeit
arbeiteten.  „Aber",  sagt  Bismarck,  „eine  selbständige  preußhische
  Politik  hat  in  der  Zeit  von  1806  bis  in  die  vierziger
Jahre  überhaupt  nicht  bestanden;  unsere  Politik  wurde  abwechselnd
  in  Wien  und  in  Petersburg  gemacht.  Soweit  sie
in  Berlin  von  1786  bis  1806  und  von  1842  bis  1862  selbständig
  ihre  Wege  suchte,  wird  sie  vor  der  Kritik  vom  Standpunkte
  eines  strebsamen  Preußen  kaum  Anerkennung  finden.“
Preußen  wollte  als  Großmacht  gelten,  und  war  es  bis  1866
doch  nur  mehr  dem  Namen  als  der  That  nach;  es  war  zwar
ängstlich  bemüht,  den  Schein  aufrecht  zu  erhalten,  und  suchte
durch  Eindrängen  in  den  Pariser  Congreß  die  Anerkennung
seiner  Großmachtstellung  von  den  übrigen  Mächten  zu  erzwingen,
bewies  aber  gerade  dadurch  unzweideutig,  daß  es  noch  weit
davon  entfernt  war,  eine  Großmacht  zu  sein.  Statt  sich  im
Bewußtsein  seiner  Stärke  auf  sich  selbst  zurückzuziehen  und
seinen  Vortheil  abzuwarten,  band  es  sich  durch  die  nachträgliche
  Unterschrift  der  Congreßbeschlüsse  selbst  die  Hände  und
schuf  sich  dadurch  Unbequemlichkeiten,  die  sich  der  deutschen  Politik
in  den  Londoner  Besprechungen  von  1870  über  die  Aufhebung
der  Schwarzen-Meer-Bestimmung  unangenehm  fühlbar  machten.

Im  Zusammenhang  damit  erörtert  Fürst  Bismarck  die
Frage,  wer  für  die  Fehler  in  der  Politik  eines  Staates  ver-
        <pb n="77" />
        Preußen  und  Rußland.  Minister-Verantwortlichkeit.  65

antwortlich  zu  machen  sei.  Für  die  Zeitgenossen,  meint  er,
werde  es  meist  sehr  schwer  sein,  die  Verantwortlichkeit  sofort
richtig  zu  vertheilen,  da  die  Ausschüttung  der  Archive  und
die  Denkwürdigkeiten  Mithandelnder  und  Mitwissender  gewöhnlich
  erst  50  bis  100  Jahre  später  die  öffentliche  Meinung
in  den  Stand  setzten,  für  die  einzelnen  Mißgriffe  die  Gabelung
auf  den  unrichtigen  Weg  zu  erkennen.  Von  dem  reichen  Erbe
an  Autorität  und  Glauben  an  die  preußische  Politik  und
Macht,  das  Friedrich  der  Große  hinterließ,  „konnten  seine
Erben  —  wie  heute  der  neue  Curs  von  der  Erbschaft
des  alten  —  zwei  Jahrzehnte  zehren,  ohne  sich  über  die
Schwächen  und  Irrthümer  ihrer  Epigonenwirthschaft  klar
zu  werden;  noch  in  die  Schlacht  von  Jena  hinein  trugen  sie
sich  mit  der  Ueberschätzung  des  eigenen  militairischen  und
politischen  Könnens.  Erst  der  Zusammenbruch  der  folgenden
Wochen  brachte  den  Hof  und  das  Volk  zu  dem  Bewußtsein,
daß  Ungeschick  und  Irrthum  in  der  Staatsleitung  obgewaltet
hatten.  Wessen  Ungeschick  und  wessen  Irrthum  aber,  wer
persönlich  für  diesen  gewaltigen  und  unerwarteten  Zusammenbruch
  die  Verantwortlichkeit  trug,  darüber  kann  selbst  heute
noch  gestritten  werden.“  Im  absoluten  Staate  liegt  die  Verantwortlichkeit
  in  letzter  Instanz  immer  bei  dem  Souverain,
dessen  Entschlüsse  unanfechtbare  Willensacte  sind,  die  die
Minister  auszuführen  haben.  Im  constitutionellen  Staate  sind
der  Theorie  nach  freilich  die  Minister  verantwortlich,  aber  die
Ministerverantwortlichkeit  ist  von  dem  Willen  des  verantwortlichen
  Monarchen  nicht  unabhängig.  Fürst  Bismarck  hat  —
und  das  zeichnet  ihn  vor  allen  Staatsmännern  unserer  Zeit
aus  —  ein  Bewußtsein  von  der  Pflicht  seiner  Verantwortlichkeit
  gehabt,  wie  man  es  sobald  nicht  wieder  finden  wird.
Vor  seinem  Rücktritt  erwog  er  die  Frage,  ob  er  nicht  vor  der
Geschichte  eine  schwere  Verantwortung  für  alle  üblen  Folgen
seines  Ausscheidens  auf  sich  nehme,  und  da  er  sie  sich  vor
seinem  Gewissen  bejahend  beantworten  mußte,  unterließ  er  die
Einreichung  des  Entlassungsgesuches,  bis  ein  stricter  Befehl
des  Kaisers  ihn  dazu  zwang.  Eine  weitere  Einschränkung
erfährt  die  Ministerverantwortlichkeit  im  constitutionellen

Kohl,  Wegweiser.  5H
        <pb n="78" />
        66  VIII.  Ein  Rückblick  auf  die  preußische  Politik.

Staate  durch  „die  collegiale  Form  des  Staatsministeriums
mit  ihren  Majoritätsabstimmungen“,  die  den  leitenden  Minister
zu  Compromissen  und  zur  Nachgiebigkeit  seinen  Collegen  gegenüber
  täglich  nöthigt.  Darum  hat  Fürst  Bismarck  sich  jederzeit
im  Reiche  der  Bildung  von  gleichberechtigten  Reichsministerien
widersetzt,  und  wir  sollten  ihm  dankbar  dafür  sein,  statt  ihm
als  Herrschsucht  und  Streben  nach  einer  Majordomus-Stellung
auszulegen,  was  einzig  und  allein  ein  Beweis  seines  hochgespannten
  Pflichtbewußtseins  und  Verantwortlichkeitsgefühls
war.  Denn  verantwortlich  im  eigentlichen  Sinne  des  Wortes
kann  nur  Einer  sein.  Bei  Majoritätsabstimmungen  eines
Ministercollegiums  hat  jeder  Einzelne  die  Möglichkeit,  sich
auf  die  Vota  derer  zu  berufen,  die  ihn  überstimmt  haben;
für  die  meisten  wird  dann  die  kbnigliche  Unterschrift  eine
Deckung,  hinter  der  sie  gegen  den  lästigen  Zwang  persönlicher
Verantwortung  Schutz  suchen.

Zum  Thema  der  versäumten  Gelegenheiten  zurücklenkend,
gedenkt  Bismarck  der  Haltung  des  Regenten  im  italienischen
Kriege.  Die  preußische  Politik  vermochte  sich  auch  damals
nicht  zur  Selbständigkeit  aufzuraffen  und  die  Verwendung
der  preußischen  Kriegsmacht  zu  Gunsten  Oesterreichs  von
Zugeständnissen  in  der  deutschen  Bundespolitik  abhängig  zu
machen.  „Die  Situation“,  sagt  Bismarck,  „wurde  nicht  unter
dem  Gesichtspunkte  einer  vorwärtsstrebenden  preußischen
Politik  betrachtet,  sondern  in  dem  gewohnheitsmäßigen  Streben,
sich  den  Beifall  der  deutschen  Fürsten,  des  Kaisers  von  Oesterreich
  und  zugleich  der  Presse  zu  erwerben,  in  dem  unklaren
Bemühen  um  einen  idealen  Tugendpreis  für  Hingebung  an
Deutschland,  ohne  irgend  eine  klare  Ansicht  über  die  Gestalt
des  Zieles,  die  Richtung,  in  der,  und  die  Mittel,  durch  die
es  zu  suchen  wäre.“  Unter  dem  Einflusse  seiner  Gemahlin  und
der  Wochenblattspartei  war  der  Regent  nahe  daran,  sich  an
dem  Kriege  gegen  Frankreich  als  Bundesgenosse  Oesterreichs
zu  betheiligen.  Das  hätte  unzweifelhaft  die  Wirkung  gehabt,
daß  der  französisch-österreichische  Krieg  zu  einem  französischpreußischen
  am  Rhein  geworden  wäre,  in  welchem  Oesterreich
die  Rolle  des  tertius  gaudens  gespielt  haben  würde.  Zu  einer
        <pb n="79" />
        Der  italienische  Krieg.  „Eisen  und  Blut“.  67

preußischen  Politik  rieth  damals  Bismarck,  ohne  bei  dem
Regenten  und  seinem  Rathgeber  Schleinitz  dafür  Verständniß  zu
finden.  Getreu  der  Mahnung  Friedrichs  des  Großen:  toujours
en  vedette  mußte  Preußen  rüsten,  dann  aber  Oesterreich  ein
Ultimatum  stellen,  entweder  Preußens  Bedingungen  in  der
deutschen  Frage  anzunehmen  oder  seinen  Angriff  zu  gewärtigen.
In  ängstlicher  Scheu  vor  der  öffentlichen  Meinung,  wie  sie  in
Parlamenten,  Vereinen  und  Presse  sich  breit  machte  und  durch
Herrn  von  Schleinitz  und  die  Prinzessin  wirksam  zur  Bekämpfung
  jeder  Regung  zu  selbständiger  Politik  zur  Geltung
gebracht  wurde,  blieb  der  Regent  bei  halben  Maßregeln.
Erst  die  Erfahrung  der  neuen  Aera,  erst  die  Verschärfung
und  Zuspitzung  des  Streites  bis  zur  Abdankung  „übten  auf
das  Gemüth  und  das  gesunde  Urtheil  des  Königs  den  nöthigen
Einfluß,  um  seine  monarchischen  Auffassungen  von  1859  über
die  Brücke  der  dänischen  Frage  zu  dem  Standpunkte  von  1866
überzuleiten,  vom  Reden  zum  Handeln,  von  der  Phrase
zur  That.“

Den  Schluß  des  Capitels  bildet  die  Erzählung  eines
Gespräches,  das  Bismarck  mit  dem  Könige  auf  der  Fahrt  von
Jüterbogk  bis  Berlin  in  den  ersten  Tagen  des  October  1862
hatte.  Er  hatte  am  30.  September  in  der  Budgetcommission
die  bekannte  Aeußerung  von  „Eisen  und  Blut“  gethan,  die
seine  parlamentarischen  Gegner  wacker  gegen  ihn  ausnützten,
um  ihn  vor  der  Oeffentlichkeit  als  einen  rauflustigen  Cavalier
darzustellen,  dem  Gewalt  vor  Recht  gehe.  Bismarck  hatte
gewagt,  der  Politik  der  Phrasen  gegenüber  eine  Politik  der
That  zu  befürworten,  und  für  eine  solche  kräftige  nationale
Politik  die  Mitwirkung  des  Abgeordnetenhauses  erbeten,  aber
für  seinen  Appell  kein  Verständniß  gefunden.  Um  den  König
über  den  Sinn  seiner  in  der  Presse  entstellten  Aeußerungen
aufzuklären,  war  er  dem  von  Baden  Zurückkehrenden  bis
Jüterbogk  entgegengefahren.  Er  fand  den  König  in  gedrückter
Stimmung.  Man  hatte  ihn  in  Baden  weidlich  durch  die
Hinweise  auf  Ludwigs  XVI.  Schicksal  geängstigt,  während
man  ihm  Bismarck  in  der  Beleuchtung  eines  Polignac  und
Strafford  gezeigt  hatte,  deren  Rathschläge  ihren  Herren  ver-5*
        <pb n="80" />
        68  VIII.  Ein  Rückblick  auf  die  preußische  Politik.

derblich  geworden  waren.  Aber  Bismarck  fand  die  rechten
Worte,  die  bösen  Geister  zu  bannen,  die  des  Königs  Muth
gefangen  hielten.  Er  packte  ihn  bei  der  Ehre  des  preußischen
Offiziers,  der  einen  ihm  übertragenen  Posten  vertheidigt,  ohne
Rücksicht  auf  die  Gefahr  für  Leib  und  Leben,  und  je  länger
er  in  diesem  Sinne  sprach,  „desto  mehr  belebte  sich  der  König,
und  fühlte  sich  in  die  Rolle  des  für  Königthum  und  Vaterland
  kämpfenden  Offiziers  hinein.“  So  auf  den  rechten
Standpunkt  gestellt,  gewann  er  „in  wenigen  Minuten  die
Sicherheit  wieder,  um  die  er  in  Baden  gebracht  worden  war,
und  selbst  seine  Heiterkeit.“  Sie  äußerte  sich  in  der  fröhlichen,
kampflustigen  Stimmung,  in  der  er  die  ihn  empfangenden
Minister  und  Beamten  auf  dem  Berliner  Bahnhofe  begrüßte.
        <pb n="81" />
        LX.

Kie  Stärke  des  öpnastischen  Klements  in  Heutschlanb.  —
Das  Gonflictsministerinm.

„Niemals,  auch  in  Frankfurt  nicht,  bin  ich  darüber  in
Zweifel  gewesen,  daß  der  Schlüssel  der  deutschen  Politik  bei
den  Fürsten  und  Dynastien  lag,  und  nicht  bei  der  Publicistik
in  Parlament  und  Presse,  oder  bei  der  Barrikade.“  Mit  diesem
Satze  hebt  das  13.  Capitel  der  Gedanken  und  Erinnerungen  an,
das  die  Ueberschrift  Dynastien  und  Stämme  trägt.  Er  steht
im  scharfem  Gegensatze  zu  der  Anschauung  der  Demokraten
und  der  fortschrittlichen  Kryptorepublikaner,  daß  die  deutsche
Einheit  nicht  das  Werk  dynastischer  Politik,  sondern  das  Ergebniß
  der  auf  Turner-,  Schützen=  und  Sängerfesten  gepflegten
deutsch-nationalen  Gesinnung  sei,  daß,  wie  Liebknecht  im  vorigen
Jahre  einmal  im  Kreise  seiner  Parteigenossen  sagte,  nur  zufällig
  Bismarck  dem  Drange  nach  Einheit  den  Sieg  verschaffte,
doch  ohne  jedes  persönliche  Verdienst:  „denn  wäre  Bismarck
nicht  gekommen,  so  hätte  irgend  ein  Müller  oder  ein  Schulze
dasselbe  gethan.“  Aber  Bismarck  steht  das  Zeugniß  der  Geschichte
  zur  Seite.  Er  hat  mit  vollem  Bewußtsein  für  die
Herstellung  der  deutschen  Einheit  unter  preußischer  Führung
gearbeitet,  seitdem  er  sich  von  der  Unmöglichkeit  einer  dualistischen
Leitung  der  im  Deutschen  Bunde  vereinigten  Staaten  überzeugt
  hatte.  Aber  niemals  hat  er  dabei  von  der  Mitwirkung
der  in  Parlament  und  Presse  thätigen  Kräfte  etwas  erhofft,
sondern  nur  von  dem  Könige  von  Preußen  und  seinem  schlag-
        <pb n="82" />
        70  K.  Das  dynastische  Element  in  Deutschland.  Conflictsministerium.

fertigen  Heere.  Denn  deutscher  Patriotismus  ist  von  anderer
Art  als  der  Patriotismus  anderer  Nationen.  Er  bedarf,  um
thätig  und  wirksam  zu  werden,  der  Vermittelung  dynastischer
Anhänglichkeit;  unabhängig  von  letzterer  kommt  er  praktisch
nur  in  seltenen  Fällen  zur  Hebung,  wenn  auch  theoretisch
täglich,  in  Parlamenten,  Zeitungen  und  Versammlungen.  Fürst
Bismarck  führt  diesen  Gedanken  weiter  aus,  und  wer  die
Entwickelung  der  deutschen  Geschichte  kennt,  wird  um  Beweise
für  die  Richtigkeit  seiner  Behauptungen  nicht  verlegen  sein.
Wir  Deutsche  sind  ausgeprägte  Particularisten;  unser  Patriotismus
  trägt  immer  in  erster  Linie  die  Farbe  des  Staates,  dem
wir  durch  die  Geburt  angehören,  und  die  Farbe  der  Dynastie,
die  über  uns  herrscht.  Die  Anhänglichkeit  an  die  Dynastie
erweist  sich  bei  uns  stärker  als  das  Stammesgefühl,  stärker
als  das  national-deutsche  Bewußtsein.  Das  bayerische  Volk
setzt  sich  aus  Bruchstücken  verschiedener  Stämme  zusammen,
aus  Bajuvaren,  Schwaben,  Alemannen  und  Mainfranken,  aber
Alle  nennen  sich  mit  Genugthuung  Bayern,  weil  sie  durch
eine  gemeinschaftliche  Dynastie  verbunden  sind.  So  ist  es  auch
anderwärts  in  Deutschland:  die  deutsche  Vaterlandsliebe  bedarf
eines  Fürsten,  auf  den  sich  ihre  Anhänglichkeit  concentrirt.
Würden  sämmtliche  deutsche  Dynastien  plötzlich  beseitigt,  so
wäre  es  wahrscheinlich  vorüber  mit  der  Existenz  einer  selbständigen
  deutschen  Nation;  in  den  Reibungen  europäischer
Politik  würden  die  Deutschen  an  ihrem  Nationalgefühl  keinen
Halt  finden.  Und  nicht  einmal  die  bisher  in  staatlichem  Verbande
  vereinigten  deutschen  Gebietstheile  würden  zusammenhalten,
  wenn  man  sich  die  Dynastien  verschwunden  denkt.
Dieses  Vorwiegen  der  dynastischen  Anhänglichkeit  und  die  Unentbehrlichkeit
  einer  Dynastie  als  Bindemittel  für  das  Zusammenhalten
  eines  bestimmten  Bruchtheiles  der  Nation  unter
dem  Namen  der  Dynastie  ist  eine  specifisch  reichsdeutsche  Eigenthümlichkeit,
  kein  anderes  europäisches  Volk  bedarf  für  seinen
Patriotismus  und  für  sein  Nationalgefühl  einer  solchen  Vermittelung.
  Spanier,  Franzosen,  Italiener,  Polen,  Ungarn
würden  auch  ohne  Dynastie  sich  in  ihrer  nationalen  Eigenart
fühlen  und  zusammenhalten;  die  Deutschen  aber  würden  diesen
        <pb n="83" />
        Dynastisches  und  Nationalgefühl  bei  den  Deutschen.  71

fester  geschmiedeten  Nationen  zur  Beute  fallen.  Weil  aber
der  Deutsche  im  Wesentlichen  dynastisch  empfindet,  so  läßt  er
sich  auch  leicht  bestimmen,  mit  dem  Landsmann  auf  Leben
und  Tod  zu  kämpfen,  „wenn  in  Folge  von  Streitigkeiten,  die
ihm  selbst  unverständlich  sind,  der  dynastische  Befehl  dazu
ergeht.“

Wie  urtheilt  nun  Fürst  Bismarck  über  den  dynastischen
Sinn  der  Deutschen?  In  ihm  selbst  ist  jeder  Zeit  ein  starkes
Gefühl  für  die  Dynastie  der  Hohenzollern  lebendig  gewesen;
er  stand  zu  seinem  Könige  und  Herrn  immer  mit  der  Treue
des  kurbrandenburgischen  Lehnsmannes.  Deshalb  mußte  ihm
die  gleiche  Gesinnung  sympathisch  sein,  wo  er  ihr  bei  Andern
begegnete.  Und  so  verhehlt  er  nicht,  daß  er  für  die  Anhänglichkeit
  der  heutigen  welsischen  Partei  an  die  alte  Dynastie
volles  Verständniß  habe.  Aber  in  Concurrenz  mit  dem
dynastischen  Gefühle  ist  bei  Bismarck  von  Jugend  auf  das
deutsch-nationale  Gefühl  vorhanden  gewesen,  und  dieses  Element
vermißt  er  in  der  kurbraunschweigischen  Vasallentreue.  Er
sieht  in  dem  deutschen  Nationalgefühl  immer  die  stärkere  Kraft
überall,  wo  sie  mit  dem  Particularismus  in  Kampf  geräth,
weil  der  letztere,  auch  der  preußische,  selbst  doch  nur  entstanden
ist,  „in  Auflehnung  gegen  das  gesammtdeutsche  Gemeinwesen,
gegen  Kaiser  und  Reich,  im  Abfall  von  beiden,  gestützt  auf
päpstlichen,  später  französischen,  in  der  Gesammtheit  welschen
Beistand,  die  alle  dem  deutschen  Gemeinwesen  gleich  schädlich
und  gefährlich  waren.“  Dynastischen  Interessen  erkennt  er  in
Deutschland  nur  insoweit  Berechtigung  zu,  als  sie  sich  dem
allgemeinen,  nationalen  Interesse  anpassen;  wo  das  nicht
geschieht,  wo  uns  dynastische  Interessen  mit  neuer  Zersplitterung
  und  Ohnmacht  der  Nation  bedrohen  sollten,  da  müssen
sie  auf  ihr  richtiges  Maß  zurückgeführt  werden,  denn  „das
deutsche  Volk  und  sein  nationales  Leben  können  nicht  unter
fürstlichen  Privatbesitz  vertheilt  werden.“  Es  war  eine  providentielle
  Fügung,  daß  Fürst  Bismarck  in  König  Wilhelm  l.
einen  Monarchen  fand,  der  trotz  seines  starken  dynastischen
Bewußtseins  doch  immer  wieder  den  nationalen  Erfordernissen
sich  zugänglich  zeigte,  so  hart  und  schwer  auch  in  einzelnen
        <pb n="84" />
        72  K.  Das  dynastische  Element  in  Deutschland.  Conflictsministerium.

Fällen,  wie  z.  B.  in  Nikolsburg,  der  Kampf  war,  den  der
leitende  Minister  gegen  die  von  allen  Seiten  geltend  gemachten
particularistischen  Strebungen  zu  führen  hatte.  Noch  im  Kriege
von  1866  zeigte  sich  das  dynastische  Gefühl  in  Deutschland
stärker  als  das  zur  Einheit  drängende  Nationalgefühl,  das  in
der  Presse  und  den  Parlamenten  hier  und  da  zum  Ausdruck
kam:  das  sächsische,  hannöversche,  hessische  Blut  floß
nicht  für  die  deutsche  Einheit,  sondern  es  ward  im
dynastischen  Kampfe  gegen  die  deutsche  Einheit  vergossen.


Im  14.  Capitel  (Conflictsministerium)  lernen  wir  die
Herren  näher  kennen,  mit  denen  zusammen  Herr  v.  Bismarck
den  Kampf  für  die  Rechte  der  Krone  gegen  die  Herrschaftsbestrebungen
  des  Abgeordnetenhauses  unternahm.

An  die  Spitze  des  Finanzministeriums  wurde  Karl  v.
Bodelschwingh  gestellt,  Bruder  des  im  März  1848  abgetretenen
  Ministers  Ernst  v.  Bodelschwingh.  Da  er  schon  unter
Manteuffel  sieben  Jahre  lang  die  Finanzen  geleitet  hatte,  hätte
man  meinen  sollen,  daß  er  seine  Befähigung  dazu  bereits  erwiesen
hätte.  Aber  er  war  in  keiner  Hinsicht  seiner  Aufgabe  gewachsen.
Seine  Räthe  wußten  in  allen  Fragen  der  Finanzverwaltung
genauer  Bescheid  als  er  selbst;  er  fand  demnach  seine  Aufgabe
  im  Wesentlichen  darin,  zu  unterschreiben,  was  ihm  von
den  Decernenten  seines  Ministeriums  vorgelegt  wurde,  und  die
Divergenzen  möglichst  auszugleichen,  in  die  die  Beschlüsse  „der
theils  liberalen,  theils  in  engen  Ressortgesichtspunkten  befangenen
  Räthe  mit  der  Politik  des  Königs  und  des  Staatsministeriums
  gerathen  konnten.“  Da  die  Räthe  zumeist  der
liberalen  Opposition  zugeneigt  waren  und  ihre  Anschauungen
ihrem  Chef  gegenüber  bei  dessen  mangelnder  Sachkunde  oft
siegreich  vertraten,  so  geschah  das  Unerwartete,  „daß  Herr
v.  Bodelschwingh,  der  unter  den  Ministern  seiner  persönlichen
Stellung  nach  die  äußerste  Rechte  darstellte,  mit  seinem  Votum
meist  die  äußerste  Linke  bildete."“  v

Graf  Itzenplitz,  der  Handelsminister,  war  seinem  vielverzweigten
  Amte  noch  weniger  gewachsen,  als  der  Finanzminister:
  er  befand  sich  stets  in  der  Abhängigkeit  von  seinen
        <pb n="85" />
        Bodelschwingh.  Itzenplitz.  Eulenburg.  Roon.  Mühler.  73

technischen  Berathern,  vornehmlich  Delbrück,  und  wagte  in
dem  Bewußtsein  der  eigenen  Unfähigkeit  nicht,  gegen  verdächtige
  Beamte  seines  Ressorts  einzuschreiten,  weil  er  ihrer
technischen  Leistungen  nicht  entbehren  zu  können  meinte.  Für
Bismarcks  Politik  hatten  beide  Männer  kein  sonderliches  Verständniß,
  noch  für  ihn  selbst  persönliches  Wohlwollen,  da  sie
ihn  als  Eindringling  betrachteten  und  sich  nur  ungern  dem
jüngeren  Manne  fügten.

Der  Minister  des  Innern,  Herr  v.  Jagow,  der  anfänglich
  auch  dem  Ministerium  Bismarck  angehörte,  mußte  bald
durch  den  Grafen  Friedrich  zu  Eulenburg  ersetzt  werden.  Es
war  eine  glückliche  Wahl,  zu  der  Bismarck  dem  Könige  rieth.
Denn  wenn  Eulenburg  auch  zu  Zeiten  arbeitsscheu  und  vergnügungssüchtig
  war,  so  war  er  doch  auch  gescheidt  und
schlagfertig  und  darum  für  den  Kampf  gegen  die  Worthelden
des  Abgeordnetenhauses  wie  geschaffen.  Nächst  Roon,  dem
Kriegsminister,  war  er  Bismarcks  treuester  Gehilfe  und  ihm
auch  persönlich  ein  ergebener  Freund.

In  besonders  warmem  Tone  ist  die  Charakteristik  Roons
gehalten:  „Er  war  unerreicht  in  der  Treue,  Tapferkeit  und
Leistungsfähigkeit,  womit  er  vor  und  nach  meinem  Eintritt
die  Krisis  überwinden  half,  in  die  der  Staat  durch  das
Experiment  der  neuen  Aera  gerathen  war;  er  verstand  und
beherrschte  sein  Ressort,  war  der  beste  Redner  unter  uns,  ein
Mann  von  Geist  und  unerschütterlich  in  der  Gesinnung  eines
ehrliebenden  preußischen  Offiziers.“  Es  blieb  immer  eine
schmerzende  Wunde  im  Gemüthe  Bismarcks,  daß  es  in  späteren
Zeiten,  da  Roon  innerlich  nicht  mehr  dem  Hochflug  der  Bismarckschen
  Politik  zu  folgen  vermochte,  ehrgeizigen  und  ränkesüchtigen
  Strebern,  wie  Harry  v.  Arnim,  gelang,  die  Saat  des
Mißtrauens  auszustreuen,  so  daß  sich  der  alte  „Freund  und
Kamerad“"  von  dem  treuen  Genossen  der  Conflictsjahre  mehr
und  mehr  zurückzog.

Herr  v.  Mühler,  der  Cultusminister,  war  nicht  ganz  Herr
seiner  Entschlüsse:  er  stand  unter  der  Herrschaft  seiner  „gescheidten,
und,  wenn  sie  wollte,  liebenswürdigen“  Frau  Adelheid,  die
in  den  Conflictsjahren  durch  ihr  energisches  Eingreifen  in  das
        <pb n="86" />
        74  K.  Das  dynastische  Element  in  Deutschland.  Conflictsministerium.

Ressort  ihres  Gatten  dem  Kladderadatsch  ein  willkommenes
Stichblatt  für  seine  neckischen  Angriffe  bot.  Das  wäre  an  sich
nicht  bedenklich  gewesen,  wenn  Frau  v.  Mühler  ihren  Einfluß
auf  den  Gatten  immer  zu  Gunsten  der  von  Bismarck  vertretenen
  Politik  des  Königs  geltend  gemacht  hätte.  Allein  sie
empfing  ihre  politische  Direction  von  der  Königin  Augusta;
durch  Liebenswürdigkeit  leicht  gewonnen,  wurde  sie  eine  bereitwillige
  Dienerin  der  „persönlichen,  der  Staatsraison  gewöhnlich
  zuwider  laufenden  Politik“  dieser  hohen  Frau,  zu  deren
Vertretung  im  Ministerium  sich  Herr  v.  Mühler  im  Interesse
des  Hausfriedens  bestimmen  ließ,  selbst  auf  Kosten  der  Staatspolitik,
  wenn  es  in  unauffälliger  Weise  geschehen  konnte.

Am  wenigsten  sympathisch  muthet  der  Graf  zur  Lippe
als  Justizminister  an.  Er  konnte  „das  Schärfste  mit  lächelnder
  Miene“  sagen,  „mit  einem  höhnischen  Ausdruck  von  Ueberlegenheit“",
  der  die  Collegen  und  die  Parlamente  verstimmte.
In  seinen  politischen  Ansichten  stand  er  auf  der  äußersten
Rechten,  brachte  sie  auch  in  seinem  Ressort  zur  Geltung,  da
seine  Sachkunde  ihm  gestattete,  seiner  persönlichen  Ueberzeugung
zu  folgen.

Auf  eine  Darstellung  des  Conflicts  selbst  läßt  sich  Fürst
Bismarck  in  seinen  „Gedanken  und  Erinnerungen“  nicht  ein.
Das  Material  zur  Beurtheilung  der  staatsrechtlichen  Frage
und  ihrer  Auffassung  seitens  des  Ministeriums,  speziell  Bismarcks,
  liegt  in  den  Reden  vor,  die  Herr  v.  Bismarck  in  den
Jahren  1862—1866  im  Abgeordnetenhause  und  im  Herrenhause
  gehalten  hat.  Er  hätte  darüber  nichts  sagen  können,
was  er  nicht  früher  schon  gesagt  hat  —  wozu  Eulen  nach
Athen  tragen?  Die  Unbelehrbaren  würde  er  nie  belehren,
die  Lernbegierigen  aber  haben  schon  früher  eingesehen,  wo  im
Conflicte  das  höhere  Recht  lag,  und  viele  der  streitbarsten
Gegner  haben  durch  ein  ehrliches  pater  peccari  ihre  damalige
Schuld  getilgt.  Daß  Bismarck  in  diesem  Streite  aber  nicht
bloß  seine  persönliche  Meinung  vertrat,  wie  seine  fortschrittlichen
  Gegner  so  gern  glauben  zu  machen  suchten,  indem  sie
von  dem  schlecht  unterrichteten  König  an  den  besser  zu  unterrichtenden
  appellirten,  beweist  das  in  den  „Gedanken  und  Er-
        <pb n="87" />
        Graf  zur  Lippe.  Grundgedanke  des  Conflicts.  75

innerungen“  abgedruckte  Schreiben  des  Königs  an  den  Oberstlieutenant
  Freiherrn  v.  Vincke-Olbendorf  vom  2.  Januar  1863:
der  König  gab  zwar  zu,  daß  der  von  den  Gegnern  immer
wieder  herangezogene  §  99  der  preußischen  Verfassung  zu  Recht
bestehe,  betonte  aber  scharf,  daß  er  wegen  des  Verhaltens  des
Abgeordnetenhauses  in  Sachen  der  Armeereorganisation  gezwungen
  sei,  „als  guter  Hausvater“  das  Haus  auf  eigene
Verantwortung  weiter  zu  führen,  um  später  Rechenschaft  zu
geben.
        <pb n="88" />
        X.

Die  Convention  vom  8.  Februar  1863.  —  Preßveroroͤnnng.
Frankfurter  Fürstentag.  —  Cn5wig  II.

In  die  aufregenden  parlamentarischen  Kämpfe  über  die
Frage  der  Heeresreorganisation  fiel  die  Kunde  von  dem  Abschluß
einer  preußisch--russischen  Convention  zu  gemeinsamer  Politik
gegenüber  dem  polnischen  Aufruhr  (15.  Capitel:  Die  Alvenslebensche
  Convention).  Ein  Sturm  der  Entrüstung  brach
los  in  den  Reihen  der  Liberalen.  Für  die  Polen  zu  schwärmen,
war  von  jeher  das  Vorrecht  des  deutschen  Philisters  gewesen.
Man  vergaß  nur  zu  leicht  oder  wußte  es  überhaupt  nicht,
mit  welchem  Drucke  die  polnische  Herrschaft  auf  den  durch
das  deutsche  Schwert  eroberten,  durch  deutsche  Cultur  zu  Civilisation
  und  Wohlstand  gebrachten  Gebieten  des  Ostens  gelastet
hatte,  und  weinte  in  echt  deutscher  Gefühlsseligkeit  die  Thräne
des  Mitleids  zu  Gunsten  des  polnischen  Volkes,  das  durch  die
eigene  Zuchtlosigkeit  und  durch  den  Mangel  aller  staatserhaltenden
  Tugenden  zu  Grunde  gegangen  war.  Der  Aufstand  der
unter  russischer  Herrschaft  stehenden  Polen,  der  am  1.  Januar  1863
zum  Ausbruch  kam,  fand  in  Preußen  bei  den  Liberalen  lebhafte
Theilnahme,  weil  jede  Einbuße  Rußlands  als  ein  weiterer
Schritt  zum  Siege  des  Liberalismus  in  Europa  betrachtet
wurde.  Die  Versicherung  der  Polen,  daß  dem  Aufstande  keinerlei
weitere  Absicht  zu  Grunde  liege  als  die,  sich  gegen  die  russische
Knutenherrschaft  zu  wehren,  wurde  bereitwillig  geglaubt;  und
doch  lag  es  für  den  Kenner  der  Geschichte  auf  der  Hand,  daß
der  Sieg  der  russischen  Polen  den  Aufruhr  im  ganzen  Um-
        <pb n="89" />
        Der  polnische  Aufstand.  Die  Convention.  77

kreis  des  ehemaligen  polnischen  Staates  entflammen  werde.
Dem  verantwortlichen  Leiter  der  preußischen  Politik  erwuchs
aus  dieser  Erkenntniß  die  Pflicht,  zur  Sicherung  des  eigenen
Staates  dem  gefährdeten  Nachbar  hilfreiche  Hand  zur  Abwehr
des  gemeinsamen  Feindes  zu  leisten,  mindestens  den  guten
Willen  zu  eventueller  Hilfeleistung  zu  beweisen.  In  dieser
Absicht  betrieb  Bismarck  den  Abschluß  der  Convention  vom
8.  Februar  1863,  die  von  den  Liberalen  in  den  härtesten
Ausdrücken  als  eine  Schmach,  als  eine  Versündigung  am
Geiste  der  Menschlichkeit,  als  ein  Act  preußischer  Vasallenschaft
gegenüber  Rußland  verurtheilt  und  bekämpft  wurde,  obwohl
Niemand  den  Text  der  Convention  kannte.  Auch  bis  heute  noch
ist  der  Wortlaut  der  Convention  nicht  bekannt  gegeben  worden,
wenn  auch  der  Inhalt  kein  Geheimniß  mehr  ist.  Und  dieser  Inhalt
steht  streng  genommen  im  umgekehrten  Verhältniß  zu  dem  Aufwande
  von  sittlichem  Pathos,  das  uns  in  den  Reden  von  Sybel,
Twesten,  Parrisius  begegnet.  Auf  Ersuchen  des  russischen  und
des  preußischen  Oberbefehlshabers  oder  der  beiderseitigen  Grenzbehörden
  sollten  die  beiderseitigen  Truppenführer  bevollmächtigt
werden,  sich  gegenseitig  Hilfe  zu  leisten  und  nöthigenfalls  auch
die  Grenze  zu  überschreiten  zur  Verfolgung  der  Rebellen,  die  aus
dem  einen  Lande  in  das  andere  überträten.  Besondere  Offiziere
beider  Theile  sollten  den  Hauptquartieren  der  Höchstcommandirenden
  und  der  Corpsführer  beigegeben  und  in  Kenntniß  aller
Bewegungen  erhalten  werden.  Auf  Gortschakows  Betrieb  wurde
dem  Entwurfe  am  Schlusse  noch  die  Clausel  hinzugefügt,  daß
diese  Vereinbarung  so  lange  in  Kraft  bleiben  sollte,  als  die
Lage  der  Dinge  es  erforderte  und  die  beiden  Höfe  es  angemessen
  erachteten.  Nahmen  diese  Worte  an  sich  der  Convention
  schon  den  Charakter  eines  Vertrages,  so  verlor  sie
solchen  vollends  durch  die  Thatsache,  daß  sie  von  den  Monarchen
nicht  unterzeichnet  und  dadurch  niemals  aus  dem  Stadium
des  Entwurfs  herausgekommen  ist.  Sie  blieb  immer  nur  auf
dem  Papiere  —  und  bedeutete  doch  einen  großen  Sieg  der
Bismarckschen  Diplomatie.  Sehr  willkommen  sind  die  Aufschlüsse,
  welche  Fürst  Bismarck  in  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“
  über  die  leitenden  Erwägungen  giebt.
        <pb n="90" />
        78  X  Convention.  Preßverordnung.  Fürstentag.  Ludwig  II.

Am  russischen  Hofe  stritten  damals  Polonismus  und
Absolutismus  mit  einander.  In  den  höheren  Kreisen  der
russischen  Gesellschaft  war  im  Anfange  der  sechziger  Jahre  das
Verlangen  nach  einer  Verfassung  lebendig;  es  wurde  gern
befürwortet  durch  den  Hinweis  auf  die  Polen,  denen  man  in
Anbetracht  ihrer  hohen  geistigen  Bildung  nicht  wohl  zumuthen
könnte,  sich  dem  Drucke  des  russischen  Absolutismus  zu  fügen
und  an  der  Regierung  des  Landes  ohne  denjenigen  Antheil
zu  bleiben,  den  die  in  der  Bildung  gleichstehenden  Völker
Europas  außerhalb  Rußlands  besäßen.  Gortschakow,  der  in
einem  Parlamente  ein  geeignetes  Feld  zur  Entfaltung  seiner
Redegabe  und  zur  Pflege  seines  Popularitätsbedürfnisses
gefunden  hätte,  war  diesen  Bestrebungen  nicht  feind  und  redete
im  Cabinet  des  Kaisers  einer  panslavistischen  antideutschen
Verbrüderung  zwischen  Russen  und  Polen  das  Wort.  Kam
diese  Richtung  zum  Siege,  so  lag  darin  eine  Gefahr  für  Preußen,
da  eine  polenfreundliche  Politik  Rußlands  selbstverständlich  zu
einer  Annäherung  des  Zarenreichs  an  Frankreich  geführt  hätte,
das  die  national-polnischen  Bestrebungen  von  jeher  gefördert
hatte.  Das  Interesse  der  preußischen  Politik,  für  deren  deutsche
Bestrebungen  die  Haltung  Rußlands  eine  Frage  von  hoher
Bedeutung  war,  forderte  die  Bekämpfung  der  polnischen
Sympathien  am  Hofe  und  im  Cabinet  des  Zaren,  und  diesem
Zwecke  diente  die  Alvenslebensche  Convention.  Sie  war  dem
Zaren  ein  Freundschaftsbeweis,  dessen  Werth  er  um  so  höher
anschlug,  als  die  feindliche  Haltung  Frankreichs,  Englands  und
Oesterreichs  und  das  Eintreten  dieser  Staaten  zu  Gunsten  der
polnischen  Rebellen  ihn  fast  vor  die  Nothwendigkeit  eines
Krieges  gegen  Europa  stellte.  In  militairischer  Hinsicht  war
die  Convention  so  gut  wie  wirkungslos  —  „ein  Bedürfniß
dafür  war  an  Ort  und  Stelle  nicht  vorhanden;  die  russischen
Truppen  waren  stark  genug,  und  die  Erfolge  der  Insurgenten
existirten  zum  großen  Theil  nur  in  den  von  Paris  bestellten,
in  Myslowitz  fabrizirten,  bald  von  der  Grenze,  bald  vom
Kriegsschauplatze,  bald  aus  Warschau  datirten,  zuweilen  recht
märchenhaften  Berichten,  die  zuerst  in  einem  Berliner  Blatte
erschienen  und  dann  ihre  Runde  durch  die  europälsche  Presse
        <pb n="91" />
        Bedeutung  der  Convention.  Preßverordnung.  79

machten“  —,  aber  sie  war  ein  diplomatischer  „Schachzug,
der  die  Partie  entschied,  die  innerhalb  des  russischen  Cabinets
der  antipolnische  monarchische  und  der  polonisirende  panslavistische
  Einfluß  gegen  einander  spielten."“

Die  durch  die  Convention  mit  Rußland  noch  verschärfte
Feindschaft  gegen  das  Ministerium  Bismarck  äußerte  sich  in
der  von  der  liberalen  Strömung  beherrschten  Presse  in  so
gehässiger  Weise,  daß  die  Regierung,  von  dem  durch  die  Verfassung
  ihr  gewährleisteten  Rechte  Gebrauch  machend,  durch
königliche  Verordnung  der  zügellos  gewordenen  Presse  Beschränkungen
  auferlegte,  die  im  letzten  Abschluß  keinen  anderen
Zweck  hatten,  als  den  unparlamentarisch  gewordenen  Ton  der
Kritik  wieder  auf  den  Ton  einer  anständigen  und  sachlichen
Polemik  zurückzustimmen.  Der  gesammte  Liberalismus  innerhalb
  und  außerhalb  Preußens  sah  in  der  Preßverordnung
vom  1.  Juni  1863  einen  verfassungswidrigen  Angriff  auf  das
Heiligthum  der  Preßfreiheit,  und  selbst  ein  so  besonnener
politischer  Denker  wie  Heinrich  von  Treitschke  hat  damals  in
heiligem  Zorne  gegen  den  neuen  Polignac  flammende  Artikel
geschrieben.  )  Ein  scharfer  Protest  kam  jedoch  von  einer  Seite,
von  der  die  Staatsraison  schweigende  Duldung  erwartet  hatte
und  erwarten  mußte,  vom  Kronprinzen  von  Preußen  (16.  Capitel:
Danziger  Episode).  Unter  dem  Einflusse  seiner  Gemahlin
stehend,  die  englische  Auffassungen  in  preußische  Verhältnisse
hinübertrug  und  den  Bestand  der  monarchischen  Einrichtungen
in  Preußen  nur  in  einer  der  englischen  analogen  Entwickelung
gesichert  wähnte,  ließ  er  sich  bestimmen,  am  5.  Juni  im  Rathhause
  zu  Danzig  seine  Mißbilligung  der  ohne  seinen  Antheil
geschehenen  Anordnungen  öffentlich  auszusprechen  und  dadurch
auf's  Schärfste  eine  Politik  zu  verurtheilen,  die  die  des  Königs,
seines  Vaters,  war.  Die  Presse  sorgte  dafür,  daß  das  „Ereigniß"
  in  alle  Welt  hinausgetragen  und  der  liberal  gesinnte
Thronfolger  auf  Kosten  des  im  Dienste  der  Reaction  handelnden
  Königs  gepriesen  wurde.  König  Wilhelm  fühlte  sich  durch

1)  Vgl.  den  Aufsatz:  Das  Schweigen  der  Presse  in  Preußen,  Grenzboten

  22.  Jahrg.  (17.  Juli  1863)  S.  111  ff.,  Historische  und  politische  Aufsätze
  Bd.  IV  126  ff.
        <pb n="92" />
        80  X.  Convention.  Preßverordnung.  Fürstentag.  Ludwig  II.

das  Vorgehen  seines  Sohnes  tief  gekränkt  und  erwog  Maßregeln,
  „die  an  Friedrich  Wilhelm  I.  und  Küstrin  erinnerten.“
Bismarck  dagegen  verstand  es,  die  väterliche  Entrüstung  durch
die  Staatsraison  zu  besänftigen,  daß  in  dem  vorliegenden
Kampfe  zwischen  Königthum  und  Parlament  ein  Zwiespalt
innerhalb  des  königlichen  Hauses  abgestumpft,  ignorirt  und
todtgeschwiegen  werden  müsse.  Er  erreichte  dadurch,  daß  der
König  dem  Sohne  die  erbetene  Verzeihung  gewährte,  sein
Gesuch  um  Entlassung  aus  allen  seinen  Aemtern  mit  Stillschweigen
  überging  und  ihm  für  die  Zukunft  die  öffentliche
Kundgabe  seiner  persönlichen  Meinung  in  Staatsangelegenheiten
  untersagte.  Der  häusliche  Streit  schien  beigelegt,  da
brachten  die  „Times“  Mittheilungen  aus  dem  Briefwechsel
zwischen  Vater  und  Sohn,  die  den  Verdacht  eines  groben
Vertrauensbruchs  nahelegten.  Fürst  Bismarck  ist  der  Ueberzeugung,
  daß  der  Kronprinz  ihm  persönlich  durchaus  fernstand;
er  weist  aber  auch  mit  der  Ruhe  des  guten  Gewissens  den  in
einem  Briefe  des  Kronprinzen  an  Duncker  geäußerten  Verdacht
zurück,  daß  „man  sich  Bismarckscher  Seits  in  Besitz  von  Abschriften
  des  Briefwechsels  zwischen  ihm  und  dem  Könige
gesetzt  habe“,  und  bringt  Beweise  für  die  Wahrscheinlichkeit
vor,  daß  der  zur  Umgebung  der  Königin  Augusta  gehörende
Legationsrath  Meyer  der  Vermittler  des  „Times“-Artikels
gewesen  sei.

Außerhalb  der  Einflüsse,  die  im  eigenen  Hause  auf  ihn
wirkten  und  ihm  seinen  Kampf  gegen  das  Ministerium  Bismarck
  unter  dem  Gesichtspunkte  eines  Kampfes  für  die  Rechte
seiner  Kinder  erscheinen  ließen,  zeigte  sich  der  Kronprinz  den
Gründen  Bismarcks  nicht  unzugänglich;  aber  die  Reue  hielt
nicht  vor,  und  auf  die  freundliche  Aussprache  in  Gastein
(Aug.  1863)  folgte  die  briefliche  Absage  vom  3.  September
und  die  scharfe  mündliche  Auseinandersetzung,  in  der  Bismarck
dem  Kronprinzen  zu  verstehen  gab,  daß  er  zwar  der  treue
Diener  seines  Vaters  sei,  nie  aber  der  Minister  des  Sohnes
sein  werde,  diesem  jedoch  wünsche,  daß  er  jeder  Zeit  so  treue
Diener  finden  möge,  als  er  für  seinen  Vater  gewesen  sei.
Die  in  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“  zum  ersten  Male
        <pb n="93" />
        Protest  des  Kronprinzen.  Oesterreichische  Machtbestrebungen.  81

veröffentlichten  Randbemerkungen  zu  einer  Denkschrift  des
Kronprinzen,  in  welcher  er,  unter  gleichzeitiger  Rechtfertigung
seines  Danziger  Verhaltens,  die  Erlaubniß  erbat,  von  den
Sitzungen  des  Staatsministeriums  fortan  fern  zu  bleiben,
enthalten  eine  überaus  werthvolle  Beleuchtung  der  staatsrechtlich
wichtigen  Frage  über  das  Maß  der  dem  Thronfolger  zustehenden
  Rechte  und  seiner  Gehorsamspflicht  gegenüber  dem  regierenden
  Haupte.

In  engem  Zusammenhange  mit  den  parlamentarischen
Streitigkeiten,  die  in  Preußen  die  öffentliche  Meinung  ganz
gefangen  nahmen  und  darum  im  Auslande  als  Vorboten
einer  nahen  Revolution  betrachtet  wurden,  steht  ein  Versuch
Oesterreichs,  die  Führung  in  Deutschland  zu  gewinnen  (17.  Capitel:
Der  Frankfurter  Fürstentag).  Bismarck  hatte  den  Gedanken
an  einen  friedlichen  Dualismus,  der  die  Leitung  Deutschlands
zu  gleichem  Rechte  in  die  Hände  der  beiden  Großmächte  gelegt
hätte,  noch  nicht  ganz  aufgegeben,  als  er  Minister  wurde,  so
wenig  ermuthigend  seine  Frankfurter  Erfahrungen  in  dieser
Hinsicht  für  ihn  waren.  Er  hatte  seine  Bereitwilligkeit,  mit
Oesterreich  zu  besseren  Beziehungen  auf  dem  Fuße  der  Gleichberechtigung
  zu  gelangen,  dem  Grafen  Karolyi  noch  am
4.  December  1862  in  offener  Aussprache  entwickelt,  fand  aber
auf  Seiten  Oesterreichs  kein  Entgegenkommen.  Hier  wurde
1863  die  Schwarzenbergsche  Politik  in  neuer  Drapirung  aufgenommen:
  das  Siebzig-Millionenreich  sollte  hergestellt  werden
unter  österreichischer  Führung  und  unter  Zurückdrängung
Preußens  auf  den  Stand  eines  deutschen  Mittelstaates.  In
Wien  hatte  man  seit  Olmütz  und  Dresden  und  dem  Uebergewicht
  Schwarzenbergs  eine  irrige  Ansicht  gewonnen:  man
hatte  sich  gewöhnt,  Preußen  für  schwach  und  namentlich  für
furchtsam  zu  halten,  und  dachte  nicht  daran,  daß  der  Uebergang
  der  Regierung  von  Friedrich  Wilhelm  IV.  auf  Wilhelm  I.
auch  einen  Wechsel  der  politischen  Anschauungen  bedeutete.
Gewiß,  auch  König  Wilhelm  trennte  sich  nicht  leicht  von  den
väterlichen  Ueberlieferungen,  die  das  Zusammengehen  mit
Oesterreich  empfahlen,  „aber  wenn  er  einmal  unter  der  Leitung
seines  Ehrgefühls,  dessen  Empfindlichkeit  ebenso  in  dem  preußischen

6

Kohl,  Wegweiser.
        <pb n="94" />
        82  X.  Convention.  Preßverordnung.  Fürstentag.  Ludwig  II.

Porte-épée  als  im  monarchischen  Bewußtsein  lag,  zu  Entschlüssen
  .  .  .  sich  gezwungen  gefühlt  hatte,  so  war  man
sicher,  wenn  man  ihm  folgte,  in  keiner  Gefahr  von  ihm  im
Stiche  gelassen  werden.“  Zudem  überschätzte  man  in  Wien
die  abschwächende  Wirkung,  welche  der  innere  Conflict  auf
Preußens  auswärtige  Politik  und  seine  militairische  Leistungsfähigkeit
  haben  konnte.  Statt  der  von  Preußen  angebotenen
Einigung  über  eine  dualistische  Leitung  des  Deutschen  Bundes
ging  Oesterreich  gegen  Preußen  zum  Angriff  über  durch  die
Berufung  eines  Fürstencongresses  zum  Zwecke  einer  festeren
Einigung  der  deutschen  Staaten  unter  der  Oberleitung  des
österreichischen  Kaisers.  Die  Einladung  dazu  kam  dem  Könige
von  Preußen,  der,  von  Bismarck  begleitet,  zur  Kur  in  Gastein
weilte,  völlig  unerwartet,  aber  da  der  Kaiser  sie  persönlich
überbrachte  und  in  einer  auf  sein  fürstliches  Solidaritätsgefühl  berechneten
  Form  begründete,  so  hatte  er  zunächst  nicht  das  Gefühl
der  Unterschätzung.  Der  Gedanke,  die  preußisch-österreichische
Nebenbuhlerschaft  in  eine  gemeinsame  Bekämpfung  der  Revolution
  und  des  Constitutionalismus  zu  verwandeln,  hatte  für
ihn,  der  die  Schwierigkeiten  des  parlamentarischen  Systems
an  sich  selbst  erfuhr,  etwas  Anziehendes;  aber  er  gab  doch,
wenn  auch  nicht  leicht,  den  Vorstellungen  seines  Ministers
Gehör  und  blieb  dem  Frankfurter  Tage  fern,  so  schwer  ihm
der  persönliche  Versuch  des  Königs  Johann  von  Sachsen  in
Baden  die  Entschließung  gemacht  hatte.  Es  ist  bekannt  und
wird  durch  die  „Gedanken  und  Erinnerungen“  bestätigt,  wie
Bismarck  damals  mit  dem  Könige  gerungen  hat,  um  ihn  aus
dem  Kreise  dynastisch-fürstlichen  Gemeingefühls  herauszulösen
und  auf  den  Standpunkt  des  preußischen  Staatsinteresses  zu
heben,  aber  es  bleibt  der  Ruhm  des  Königs,  daß  er  sich  immer
der  überlegenen  Einsicht  seines  Berathers  fügte,  nicht  als  ein
willenloser  Sclave,  sondern  nach  eigenem  Entschlusse  in  reiflicher
  Erwägung  der  von  dem  Minister  geltend  gemachten
politischen  Gründe,  die  seinem  Gedankenkreise  an  sich  ferner
lagen.  Was  Bismarck  vorausgesehen  hatte,  geschah.  Die
übrigen  deutschen  Fürsten,  die  vollzählig  in  Frankfurt  erschienen
waren,  knüpften  den  Beitritt  zu  der  österreichischen  Reform-
        <pb n="95" />
        Die  Einladung  nach  Frankfurt.  Dualistische  Politik.  83

vorlage  an  die  Bedingung  der  preußischen  Zustimmung  oder
erneuter  Unterhandlungen  mit  Preußen,  verletzten  aber  durch
diese,  Oesterreich  völlig  unerwartete  Rücksichtnahme  auf  Preußen
den  Grafen  Rechberg  dergestalt,  daß  er  drohend  äußerte,  der
Weg  nach  Berlin  sei  für  Oesterreich  nicht  weiter  und  nicht
schwieriger  als  für  die  Mittelstaaten,  und  alsbald  diesen  Weg
einer  Verständigung  mit  Preußen  im  Widerspruch  zu  der
bundestägigen  Auffassung  betrat.

Der  Tod  des  Königs  von  Dänemark,  Friedrich  VII.
(15.  November  1863),  gewährte  der  dualistischen  Führung  des
Deutschen  Bundes  eine  glänzende  Bethätigung  in  den  gemein—
samen  Kämpfen  an  der  Schlei,  dem  gemeinsamen  Einrücken
in  Jütland  und  dem  gemeinsamen  Friedensschluß  mit  Dänemark.
  Das  preußisch-österreichische  Bündniß  zeigte  sich,  trotz
der  Verstimmung  der  übrigen  Bundesstaaten,  stark  genug,  die
andern  Großmächte,  unter  deren  Deckung  Dänemark  dem
gesammten  Deutschthum  den  Handschuh  hatte  hinwerfen  können,
von  Feindseligkeiten  abzuhalten.  Der  freundliche  Dualismus
hätte  für  beide  Staaten  noch  weitere  Früchte  tragen  können,
wenn  auf  Seiten  des  Königs  von  Preußen  immer  der  preußische
Standpunkt  behauptet  worden  wäre.  Gleich  bei  der  ersten
zwischen  Oesterreich  und  Preußen  auftauchenden  Streitfrage
aber  hatte  er  nicht  den  Muth,  das  Interesse  des  preußischen
Staates  mit  derjenigen  Entschiedenheit  zur  Geltung  zu  bringen,
welche  die  Vorbedingung  des  Sieges  ist.  Bismarck  hatte  ihm
die  Bahn  dazu  geebnet,  indem  er  am  22.  August  1864  in
Schönbrunn  dem  Kaiser  die  Ueberlassung  der  Elbherzogthümer
an  Preußen  empfohlen  hatte  als  eine  Art  Pränumerandozahlung
  auf  ein  zukünftiges,  unter  Preußens  Mitwirkung  zu
erwerbendes  Aequivalent  innerhalb  der  österreichischen  Interessensphäre.
  Der  Kaiser  schien  den  vorgebrachten  Gründen
nicht  unzugänglich  zu  sein  und  fragte,  ob  Preußen  entschlossen
sei,  die  Herzogthümer  zu  preußischen  Provinzen  zu  machen.
Ein  entschlossenes  „Ja“  des  Königs  hätte  die  Dinge  wahrscheinlich
  in  die  rechte  Bahn  geleitet,  statt  dessen  bemerkte  er
zögernd,  daß  er  an  sich  kein  Recht  auf  die  Herzogthümer  habe
und  gar  keinen  Anspruch  darauf  erheben  könne.  Diese  Aeuße-6“
        <pb n="96" />
        84  X.  Convention.  Preßverordnung.  Fürstentag.  Ludwig  II.

rung  kam  einer  verlorenen  Schlacht  gleich.  Bismarck  trat
demnächst  noch  für  das  Festhalten  der  Einigkeit  beider  deutschen
Großmächte  ein,  und  es  wurde  eine  dieser  Richtung  entsprechende
kurze  Redaction,  in  der  die  Zukunft  Schleswig-Holsteins  unentschieden
  blieb,  von  Rechberg  und  Bismarck  entworfen  und
von  beiden  hohen  Herren  genehmigt.

Bald  darauf  (27.  October  1864)  mußte  Graf  Rechberg,
nicht  ohne  die  Schuld  preußischer  Ministerialbureaukraten,  die
die  Interessen  ihres  Ressorts  über  die  großen  politischen  Gesichtspunkte
  stellten,  seinen  Abschied  nehmen.  Rechberg  hätte  sich
gegenüber  der  feindlichen  Haltung  Schmerlings  im  Ministerium
nur  behaupten  können,  wenn  es  ihm  gelang,  von  Preußen
ein  Versprechen  für  die  künftige  Wiederaufnahme  der  Verhandlungen
  über  Oesterreichs  Eintritt  in  den  Zollverein  zu  erhalten.
  Bismarck  war  geneigt,  sich  auf  ein  pactum  cde  contrahendo
  einzulassen,  da  es  ihn  für  die  Zukunft  zu  keinerleie
Zugeständnissen  verpflichtete,  für  die  gegenwärtige  politische
Lage  aber  von  Nutzen  war.  Er  reiste  am  5.  October  nach
Biarrits  ab,  in  der  Meinung,  daß  der  König  an  der  von
seinem  Minister  vertretenen  Anschauung  festhalten  werde.  In
seiner  Abwesenheit  aber  gelang  es  Delbrück  und  Pommer-Esche,
  denen  sich  auch  Bodelschwingh  und  halb  wider  seinen
Willen,  ohne  feste  Ueberzeugung,  auch  Itzenplitz  gesellten,  den
König  durch  den  Hinweis  auf  das  „Geschrei“,  das  solches
Entgegenkommen  gegen  Oesterreich  unter  den  Zollvereinsgenossen
hervorrufen  müsse,  umzustimmen  und  selbst  auf  die  Möglichkeit
eines  Bruches  mit  Oesterreich  hin  seine  Einwilligung  zum  Abbruch
  der  Verhandlungen  zu  erhalten.  Bismarck  konnte  an
diesem  Beschluß,  den  er  für  einen  argen  politischen  Fehlerhielt,
  nichts  ändern,  aber  er  sagte  sich  in  einem  Briefe  an
Roon  vom  16.  October  1864  1  von  aller  Verantwortung  für  die
Rückwirkung  dieses  Fehlers  auf  Preußens  auswärtige  Politik  los.

In  der  That  leitete  Rechbergs  Entlassung,  der  im  Auswärtigen
  Amte  durch  den  Grafen  Mensdorff  ersetzt  wurde,
das  Ende  der  preußisch-österreichischen  Allianz  ein.  Mit  dem

1)  Bismarckbriefe  7.  Aufl.  S.  405  f.
        <pb n="97" />
        Rechbergs  Sturz.  Werth  der  österreichischen  Freundschaft.  85

Ministerium  Schmerling  kam  in  Wien  eine  Richtung  zur  Herrschaft,
die  der  Fortdauer  der  dualistischen  Politik  nicht  günstig  war.

An  die  Erzählung  dieser  Dinge  knüpft  Fürst  Bismarck
eine  Erörterung  über  den  fragwürdigen  Werth  der  österreichischen
  Freundschaft  in  der  kurzen  Periode  des  freundlichen
Dualismus,  die  auch  für  die  gegenwärtigen  Beziehungen  der
beiden  verbündeten  Reiche  des  Interesses  nicht  entbehrt.  Ich
gebe  sie  in  Bismarcks  Worten:  „Der  Kaiser  Franz  Joseph  ist
eine  ehrliche  Natur,  aber  das  österreichisch-ungarische  Staatsschiff
  ist  von  so  eigenthümlicher  Zusammensetzung,  daß  seine
Schwankungen,  denen  der  Monarch  seine  Haltung  an  Bord
anbequemen  muß,  sich  kaum  im  Voraus  berechnen  lassen.  Die
centrifugalen  Einflüsse  der  einzelnen  Nationalitäten,  das  Ineinandergreifen
  der  vitalen  Interessen,  die  Oesterreich  nach
der  deutschen,  der  italienischen,  der  orientalischen  und  der
polnischen  Seite  hin  gleichzeitig  zu  vertreten  hat,  die  Unlenksamkeit
  des  ungarischen  Nationalgeistes  und  vor  allem  die
Unberechenbarkeit,  mit  der  beichtväterliche  Einflüsse  die  politischen
Entschließungen  kreuzen,  legen  jedem  Bundesgenossen  Oesterreichs
  die  Pflicht  auf,  vorsichtig  zu  sein  und  die  Interessen
der  eigenen  Unterthanen  nicht  ausschließlich  von  der  österreichischen
  Politik  abhängig  zu  machen.  Der  Ruf  der  Stabilität,
den  die  letztere  unter  dem  langjährigen  Regimente  Metternichs
gewonnen  hatte,  ist  nach  der  Zusammensetzung  der  Habsburgischen
  Monarchie  und  nach  den  bewegenden  Kräften  innerhalb
  derselben  nicht  haltbar,  mit  der  Politik  des  Wiener  Cabinets
vor  der  Metternichschen  Periode  gar  nicht,  und  nach  derselben
nicht  durchweg  in  Uebereinstimmung.  Sind  aber  die  Rückwirkungen
  der  wechselnden  Ereignisse  und  Situationen  auf  die
Entschließungen  des  Wiener  Cabinets  für  die  Dauer  unberechenbar,
  so  ist  es  auch  für  jeden  Bundesgenossen  Oesterreichs  geboten,
auf  die  Pflege  von  Beziehungen,  aus  denen  sich  nöthigenfalls  andere
Combinationen  entwickeln  lassen,)  nicht  absolut  zu  verzichten.“

Das  18.  Capitel  (König  Ludwig  II.  von  Bayern),
das  den  Schluß  des  ersten  Bandes  bildet,  bringt  eine  kurze

1)  Man  denke  an  den  Sondervertrag  mit  Rußland  von  1887  neben
dem  deutsch-österreichischen  Defensivbund.
        <pb n="98" />
        86  X.  Convention.  Preßverordnung.  Fürstentag.  Ludwig  II.

Charakteristik  des  unglücklichen  Königs  Ludwig  II.  von  Bayern,
den  Bismarck  nur  einmal  in  seinem  Leben  (während  des  Aufenthalts
  in  Nymphenburg  am  16.  und  17.  August  1863  bei
der  Durchreise  des  Königs  von  Gastein  nach  Baden),  also
einige  Monate  vor  seiner  Thronbesteigung  gesehen  hat,  und
im  Anschluß  daran  die  wichtigsten  Stücke  des  Briefwechsels
beider  Männer,  für  beide  das  beste  Zeugniß  ihrer  freundschaftlichen
  Beziehungen:  des  Vertrauens  des  bayerischen
Monarchen  in  die  ehrliche  bundestreue  Leitung  des  Deutschen
Reiches  und  seiner  Bewunderung  für  den  großen  Staatsmann,
der  ehrfurchtsvollen  Hingabe  des  ersten  Reichskanzlers  an  die
Interessen  der  Bundesfürsten  in  unbedingter  Anerkennung  des
föderalistischen  Prinzips,  auf  dem  das  Reich  erbaut  ist.  An
die  Gegenwart  klingt  aus  diesen  Briefen  eine  Mahnung  heraus
  zu  sorgfältiger  Schonung  der  Beziehungen  zu  den  Einzelstaaten,
  damit  nicht  die  Verstimmung  der  Dynastien  eine
zersetzende  Wirkung  übe  auf  unsere  schwer  errungene  nationale
Einheit.  Auszüge  aus  dem  Briefwechsel  zu  geben,  unterlasse
ich,  um  dem  Leser  der  „Gedanken  und  Erinnerungen“  nicht
die  Freude  an  der  Lectüre  des  Ganzen  zu  verkümmern.  Aber
ich  schalte  hier  den  Brief  vom  27.  November  1870  ein,  der
in  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“  nur  nach  dem  Entwurf
gegeben  werden  konnte,  im  Wortlaute  der  Reinschrift  im  Januarheft
  der  „Deutschen  Revue“  veröffentlicht  worden  ist.“)
Versailles,  27.  November  1870.
„Allerdurchlauchtigster,  Großmächtigster  König!

Für  die  huldreichen  Eröffnungen,  welche  mir  Graf
Holnstein  nach  Befehl  Eurer  Majestät  gemacht  hat,  bitte
ich  Allerhöchstdieselben,  den  ehrfurchtsvollen  Ausdruck
meines  Dankes  gnädig  entgegen  nehmen  zu  wollen;  mein
Gefühl  der  Dankbarkeit  gegen  Eure  Majestät  hat  einen
tiefern  und  breitern  Grund  als  den  persönlichen  in  der
amtlichen  Stellung,  in  welcher  ich  die  hochherzigen  Ent- 



 

1)  Eine  vor  einigen  Jahren  von  Friedrichsruh  aus  an  die  gegenwärtige
  Besitzerin  des  Originals  (Frau  Luise  von  Kobell)  gerichtete  Bitte
um  Einsendung  des  Briefes  zur  Entnahme  einer  Abschrift  für  das  Archiv
des  Fürsten  wurde  abschlägig  beschieden.
        <pb n="99" />
        Bismarcks  Brief  vom  27.  November  1870.  87

schließungen  zu  würdigen  berufen  bin,  durch  welche  Eure
Majestät  bei  dem  Beginn  und  bei  dem  bevorstehenden
Ende  dieses  großen  Nationalkrieges  der  Einigkeit  und
der  Macht  Deutschlands  den  Abschluß  gegeben  haben.
Aber  es  ist  nicht  meine,  sondern  die  Aufgabe  des  deutschen
Volkes  und  seiner  Geschichte,  dem  durchlauchtigen  Bayrischen
Hause  für  Eurer  Majestät  deutsche  Politik  und  für  den
Heldenmuth  Ihres  Heeres  zu  danken.  Ich  kann  nur  versichern,
  daß  ich,  so  lange  ich  lebe,  Eurer  Majestät  in  ehrfurchtsvoller
  Dankbarkeit  anhänglich  und  ergeben  sein  und
mich  jederzeit  glücklich  schätzen  werde,  wenn  es  mir  vergönnt
  wird,  Eurer  Majestät  zu  Diensten  sein  zu  können.

Bezüglich  der  deutschen  Kaiserfrage  ist  es  nach  meinem
ehrfurchtsvollen  Ermessen  vor  Allem  wichtig,  daß  deren
Anregung  von  keiner  andern  Seite  wie  von  Eurer  Majestät
und  namentlich  nicht  von  der  Volksvertretung  zuerst  ausgehe.
  Die  Stellung  würde  gefälscht  werden,  wenn  sie
ihren  Ursprung  nicht  der  freien  und  wohlerwogenen
Initiative  des  mächtigsten  der  dem  Bunde  beitretenden
Fürsten  verdankt.

Ich  habe  mir  erlaubt,  dem  Grafen  Holnstein  den  Entwurf
  einer  etwa  an  meinen  allergnädigsten  König  und,
mit  den  nöthigen  Aenderungen  der  Fassung,  an  die  andern
Verbündeten  zu  richtenden  Erklärung  auf  seinen  Wunsch
zu  übergeben.  Demselben  liegt  der  Gedanke  zu  Grunde,
welcher  in  der  That  die  deutschen  Stämme  erfüllt:  der
deutsche  Kaiser  ist  ihr  Landsmann,  der  König  von  Preußen
ihr  Nachbar;  nur  der  deutsche  Titel  bekundet,  daß  die
damit  verbundenen  Rechte  aus  freier  Uebertragung  der
deutschen  Fürsten  und  Stämme  hervorgehen.  Daß  die
großen  Fürstenhäuser  Deutschlands,  das  Preußische  eingeschlossen,
  durch  das  Vorhandensein  eines  von  ihnen
gewählten  deutschen  Kaisers  in  ihrer  hohen  europäischen
Stellung  nicht  beeinträchtigt  wurden,  lehrt  die  Geschichte.

In  tiefer  Ehrfurcht  ersterbe  ich
Eurer  Majestät  unterthänigster  treugehorsamster  Diener

v.  Bismarck.“
        <pb n="100" />
        88  X.  Convention.  Preßverordnung.  Fürstentag.  Ludwig  II.

Die  Veröffentlichung  der  Reinschrift  gestattet  die  Berichtigung
  eines  kleinen  Irrthums.  Bismarck  erzählt  Bd.  II
118,  daß  er  der  Hauptlinie  seiner  Argumentation  im  Schreiben
an  den  König  von  Bayern  noch  persönliche  Argumente  hinzugefügt
  habe,  in  Erinnerung  an  das  besondere  Wohlwollen,
  welches  die  bayrische  Dynastie  zu  der  Zeit,
wo  sie  in  der  Mark  Brandenburg  regierte,  während
mehr  als  einer  Generation  seinen  Vorfahren  bethätigt
habe.  Diese  „persönlichen  Argumente“  finden  sich  nicht  in
diesem  Briefe,  wohl  aber  in  einem  noch  nicht  veröffentlichten.
Briefe  an  König  Ludwig  aus  dem  August  1880.  Der  König
nimmt  in  seiner  Antwort  vom  1.  September  1880  (Bd.  1  372)
darauf  Bezug.
        <pb n="101" />
        XI.
Hie  Erwerbung  von  Schleswig-olftein.

In  Bezug  auf  die  Lösung  der  Herzogthümerfrage  (19.
Cap.:  Schleswig-Holstein)  hat  Bismarck  stets  an  dem
„Klimax“  festgehalten,  „daß  die  Personalunion  besser  war  als
das,  was  existirte,  daß  ein  selbständiger  Fürst  besser  war  als
die  Personalunion,  und  daß  die  Vereinigung  mit  dem  preußischen
Staate  besser  war  als  ein  selbständiger  Fürst.“  1)  Für  den
verantwortlichen  Leiter  der  preußischen  Politik  war  selbstverständlich
  das  zuletzt  bezeichnete  Ziel  das  erwünschteste,  aber
ob  es  erreicht  werden  würde,  hing  nicht  von  ihm  allein  ab.
Die  öffentliche  Meinung,  selbst  in  Preußen,  wo  sie  in  der
Presse  und  im  Hause  der  „Phrasen“  zum  beredten  Ausdruck
gebracht  wurde,  sprach  sich  fast  einstimmig  für  das  Recht  des
Augustenburgers  aus,  so  wenig  ein  solches  nach  dem  auf
einen  Verzicht  hinauslaufenden  Vergleichsvertrage  mit  Dänemark
  vom  Jahre  1852  geltend  gemacht  werden  konnte,  und
fand  am  preußischen  Hofe  einen  warmen  Fürsprecher  in  dem
Kronprinzen  und  seiner  Gemahlin,  die  unter  englischem  und
coburgischem  Einflusse  allen  Erwägungen  der  politischen  Seite
der  Frage  vom  preußischen  Standpunkte  aus  sich  verschlossen.
Bismarck  stand  mit  seiner  Ansicht,  daß  Preußen  den  Tod  des
Königs  von  Dänemark  und  die  dadurch  eröffnete  Erbfolgefrage,
  wenn  möglich,  zur  Erwerbung  der  Herzogthümer  benutzen
  müsse,  allein;  auch  bei  dem  Könige  fand  er  keine

1)  Rede  vom  20.  December  1866,  Politische  Reden  III  104.
        <pb n="102" />
        90  XI.  Die  Erwerbung  von  Schleswig-Holstein.

Neigung  zu  einer  solchen  Lösung,  als  er  ihn  in  einem  Conseil!:)
bald  nach  dem  Tode  des  Königs  Friedrich  VII.  daran  erinnerte,
  daß  jeder  seiner  Vorfahren  bis  zum  Großen  Kurfürsten
hinauf  für  den  Staat  einen  Zuwachs  gewonnen  habe,  und  ihn
ermunterte,  ein  Gleiches  zu  thun.  Der  König  trug  Sorge,
daß  die,  wie  er  meinte,  unter  den  Nachwirkungen  eines  allzu
reichlichen  Frühstückes  gethane  Aeußerung  seines  auswärtigen
Ministers  aus  dem  Protokolle  weggelassen  wurde,  doch  bestand
Bismarck  auf  der  nachträglichen  Einschaltung.  Selbst  die
seinem  Ressort  unterstellten  preußischen  Gesandten  hatten  für
die  Auffassung  ihres  Chefs  kein  Verständniß,  ja,  einzelne,
wie  Graf  Goltz,  durchbrachen  die  Schranken  der  dienstlichen
Disciplin  so  weit,  daß  sie  in  Immediateingaben  dem  Könige
Ansichten  vortrugen,  die  denen  des  leitenden  Ministers  diametral
entgegenstanden.  In  dieser  Lage  mußte  Bismarck  auch  die
andern  Möglichkeiten  erwägen;  er  that  es,  ohne  das  höchste
Ziel  —  die  Annexion  —  aus  den  Augen  zu  lassen.  Die
eine  war  die  Einsetzung  des  Augustenburgers,  dem  die  Zuneigung
  der  deutschen  Bevölkerung  der  Herzogthümer  und  der
Souveraine  der  deutschen  Mittel=  und  Kleinstaaten  gehörte,
die  andere  die  Herstellung  einer  Personalunion,  die  den
Herzogthümern,  unter  Aufrechterhaltung  des  politischen  Verbandes
  mit  Dänemark,  die  dem  „up  ewig  ungedeelt“  entsprechende
  Sonderstellung  gewährleistete.  In  die  Bildung
eines  neuen  Mittelstaates  konnte  Preußen  nur  einwilligen,
wenn  die  preußischen  und  deutsch-nationalen  Interessen  sichergestellt
  wurden  in  dem  Umfange,  wie  sie  in  den  sogenannten

 

 

)  Wahrscheinlich  geschah  es  in  dem  Conseil  vom  2.  und  3.  Januar
1864,  von  dem  Jansen,  Schleswig-Holsteins  Befreiung  S.  193  f.  erzählt,
wie  er  anmerkungsweise  bemerkt:  nach  den  Aufzeichnungen  eines  preusischen
  Staatsmannes.  Nach  der  Vermuthung  von  E.  Marcks  dürfte  der
Berichterstatter  der  Kronprinz  gewesen  sein.  —  Bismarck  verlegt  das
Conseil  Bd.  II  11  in  den  Dezember  1863,  doch  dürfte  ihn  hier  das  Gedächtniß
  getäuscht  haben.  Die  Angaben  bei  Jansen-Samwer  über  den
Verlauf  des  Conseils  stimmen  so  genau  mit  Bismarcks  Aufzeichnungen
überein,  daß  man  kaum  zweifeln  kann,  daß  an  beiden  Stellen  von  demselben
  Conseil  die  Rede  ist.  Das  Ministerconseil  vom  2.  und  3.  Januar
1864  ist  auch  durch  die  amtlichen  Mittheilungen  in  den  Zeitungen  von
1864  gesichert  (vgl.  Kohl,  Bismarckregesten  1  216).
        <pb n="103" />
        Streit  der  Meinungen.  Bismarcks  Klimax.  91

Februarbedingungen  nachmals  aufgestellt  worden  sind;  die
Personalunion  mit  Dänemark  fordern  hieß  der  aufgeregten  öffentlichen
  Meinung  gegenüber  die  Sache  des  Dänenthums  vertreten
—  und  doch  empfahl  sich  gerade  dieser  Weg  als  der  gangbarste,
um  eine  anderweitige,  den  deutsch-nationalen  Interessen  mehr
entsprechende  Lösung  vorzubereiten.  Die  Rechte  der  Herzogthümer
  waren  durch  das  Londoner  Protokoll  gewährleistet,
Preußen  und  Oesterreich  gehörten  zu  den  Garanten  des  Vertrages
  und  hatten  gar  nicht  das  Recht,  sich  ohne  einen  stichhaltigen
  Grund  von  den  Londoner  Abmachungen  loszusagen,
wohl  aber  als  Schutzmächte  des  Deutschen  Bundes  die  Pflicht,
Dänemark  zur  Erfüllung  seiner  Pflichten  gegenüber  den  Herzogthümern
  anzuhalten,  deren  eines  (Holstein)  zum  Verbande  des
Deutschen  Bundes  gehörte.  Lehnte,  wie  der  dänische  Chauvinismus
  erwarten  ließ,  der  neue  König  Christian  IX.,  dessen
Recht  im  Grunde  nur  auf  dem  Londoner  Protokolle  beruhte,
unter  dem  Drucke  der  populairen  Agitation  die  Zurücknahme
der  Gesammtverfassung  ab,  so  waren  Preußen  und  Oesterreich
vollberechtigt,  an  Dänemark  den  Krieg  und  das  Londoner
Protokoll  fortan  für  unverbindlich  zu  erklären.  Voraussetzungen
  einer  solchen  Politik  waren  die  unbedingte  Einigkeit
der  beiden  deutschen  Großmächte,  da  sie  in  ihrer  Verbindung
eine  Macht  darstellten,  die  jeder  Möglichkeit  einer  europäischen
Coalition  gewachsen  war,  ferner  die  Ausschließung  des  Deutschen
  Bundes,  der  die  ohne  seine  Mitwirkung  zu  Stande  gekommenen
  Beschlüsse  der  Londoner  Conferenz  nie  anerkannt
und,  ohne  Rücksicht  auf  die  europäische  Situation,  sich  für
Begründung  eines  Großherzogthums  unter  einer  neuen
Augustenburgischen  Dynastie  festgelegt  hatte.  Die  Freundschaft
  Preußens  und  Oesterreichs  zu  gemeinsamer  Großmachtspolitik
  herzustellen,  gelang  unter  den  Nachwirkungen  des  mißglückten
  Frankfurter  Fürstentages  leichter,  als  Bismarck  erwartet
  haben  mochte:  die  Ausschließung  der  deutschen
Mittel=  und  Kleinstaaten  entsprach  dem  österreichischen  Interesse,
den  Kleinen,  die  sich  eben  noch  so  unfügsam  gegenüber  den
Wünschen  der  Präsidialmacht  gezeigt  hatten,  einen  handgreiflichen
  Beweis  ihrer  politischen  Nichtigkeit  in  Fragen  von
        <pb n="104" />
        92  XI.  Die  Erwerbung  von  Schleswig-Holstein.

europäischem  Gewichte  zu  geben;  sie  entsprach  nicht  minder
dem  Interesse  der  Herzogthümer  selbst:  „Ich  habe  nie“,  sagt
Bismarck,  „in  der  Ueberzeugung  geschwankt,  daß  Preußen,
gestützt  nur  auf  die  Waffen  und  Genossen  von  1848,  öffentliche
Meinung,  Landtage,  Vereine,  Freischaaren  und  die  kleinen
Contingente  in  ihrer  damaligen  Verfassung,  sich  auf  ein
hoffnungsloses  Beginnen  eingelassen  und  unter  den  großen
Mächten  nur  Feinde  gefunden  hätte.  Ich  hätte  den  Minister
als  Schwindler  und  Landesverräther  betrachtet,  der  in  die
falsche  Politik  von  1848,  1849,  1850  zurückgefallen  wäre,  die
uns  ein  neues  Olmütz  bereiten  mußte.  Sobald  aber  Oesterreich
  mit  uns  war,  schwand  die  Wahrscheinlichkeit  einer  Coalition
der  andern  Mächte  gegen  uns.“

Die  Befreiung  der  Herzogthümer  von  dänischer  Herrschaft
  war  der  Preis  des  Sieges;  nun  aber  heischte  die  Frage
Antwort,  was  aus  dem  gemeinschaftlich  erworbenen  Besitzthum
  beider  deutschen  Großmächte  werden  sollte.  Bismarck
trat  bei  dem  Könige  lebhaft  für  die  preußische  Besitznahme  ein,
stieß  aber  auch  jetzt  noch  auf  harten  Widerstand.  Der  König
behauptete,  kein  Recht  auf  die  Herzogthümer  zu  haben,
fürchtete  sich  auch  vor  der  Mißbilligung,  die  er,  wenn  er  den
Augustenburger  aufgab,  bei  seiner  Gemahlin,  bei  dem  kronprinzlichen
  Paare,  bei  verschiedenen  Dynastien  und  bei  Denen
zu  erwarten  hatte,  welche  damals  in  seiner  Auffassung  die
öffentliche  Meinung  bildeten.  Erst  die  Mißhelligkeiten,  die  der
Gemeinbesitz  herbeiführte,  zwangen  ihn,  der  Frage  einer  Besitzergreifung
  näher  zu  treten;  die  Verwaltungstheilung,  die
der  Gasteiner  Vertrag  (14./20.  August  1865)  herstellte,  konnte
die  Bahn  für  eine  Erwerbung  wenigstens  von  Schleswig  ebnen.
Die  Antwort  des  Königs  auf  Bismarcks  Brief  vom  1.  August
1865  —  beide  Stücke  sind  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“
einverleibt  —  zeigt  einen  bedeutenden  Fortschritt  von  der
Augustenburgischen  zur  preußischen  Auffassung  hinüber,  lehrt
freilich  auch,  wie  schwach  sein  Glaube  an  eine  wirkliche  Eigenthumstheilung
  auch  damals  noch  war.  Der  Gasteiner  Vertrag,
der  Preußen  das  Herzogthum  Lauenburg  gegen  eine  Geldzahlung
  zum  Besitz  überwies,  bedeutete  einen  Wendepunkt  im
        <pb n="105" />
        Gasteiner  Vertrag.  Haltung  der  Fortschrittspartei.  93

Empfindungsleben  des  Königs  Wilhelm.  Nach  Bismarcks
Wahrnehmung  fand  nach  der  Besitznahme  von  Schleswig  und
Lauenburg  ein  psychologischer  Wandel,  ein  Geschmackfinden  an
Eroberungen  statt,  wenn  auch  mit  vorwiegender  Befriedigung
darüber,  daß  dieser  Zuwachs,  der  Hafen  von  Kiel,  die  militairische
  Stellung  in  Schleswig  und  das  Recht,  einen  Canal
durch  Holstein  zu  bauen,  in  Friede  und  Freundschaft  mit
Oesterreich  erworben  worden  war.

Während  der  König  den  großen  Erfolg  seines  auswärtigen
  Ministers  durch  seine  Erhebung  in  den  erblichen  Grafenstand
  ehrte,  schmähten  diesen  die  preußischen  Liberalen;  ihr  Haß
gegen  Bismarck  war  stärker  als  das  Interesse  für  die  deutsche
Flotte,  und  es  schien  fast,  als  ob  die  „Fortschrittspartei  die
neu  erworbenen  Rechte  Preußens  auf  Kiel  und  die  damit  begründete
  Aussicht  auf  unsere  maritime  Zukunft  lieber  in  den
Händen  des  Auctionators  Hannibal  Fischer  als  in  denen  des
Ministeriums  Bismarck  gesehen  hätte“.  Auf  ihren  Antrag
lehnte  das  Haus  der  Abgeordneten  die  Vorlage,  betr.  eine
Anleihe  zur  Verstärkung  der  preußischen  Marine,  ab.  Die
Betrachtung,  die  Fürst  Bismarck  an  die  damalige  Haltung
seiner  parlamentarischen  Gegner  knüpft,  berührt  einen  der
wundesten  Punkte  unseres  deutschen  Parteilebens  und  einen
der  schwersten  Fehler  unseres  Volkscharakters  und  verdient
darum  ganz  besonders  beherzigt  zu  werden:  „Es  liegt  im
Rückblick  auf  diese  Situation  ein  bedauerlicher  Beweis,  bis  zu
welchem  Maße  von  Unehrlichkeit  und  Vaterlandslosigkeit  die
politischen  Parteien  bei  uns  auf  dem  Wege  des  Parteihasses
gelangen.  Es  mag  Aehnliches  anderswo  vorgekommen  sein,
doch  weiß  ich  kein  Land,  wo  das  allgemeine  Nationalgefühl
und  die  Liebe  zum  Gesammtvaterlande  den  Ausschreitungen
der  Parteileidenschaft  so  geringe  Hindernisse  bereitet  wie  beie
uns.  Die  für  apokryph  gehaltene  Aeußerung,  welche  Plutarch
dem  Cäsar  in  den  Mund  legt,  lieber  in  einem  elenden  Gebirgsdorfe
  der  Erste  als  in  Rom  der  Zweite  sein  zu  wollen,
hat  mir  immer  den  Eindruck  eines  echt  deutschen  Gedankens
gemacht.  Nur  zu  viele  unter  uns  denken  im  ößffentlichen
Leben  so  und  suchen  das  Dörschen,  und  wenn  sie  es  geo-
        <pb n="106" />
        94  XI.  Die  Erwerbung  von  Schleswig-Holstein.

graphisch  nicht  finden  können,  die  Fraction,  resp.  Unterfraction
und  Coterie,  wo  sie  die  Ersten  sein  können.  Diese  Sinnesrichtung,
  die  man  nach  Belieben  Egoismus  oder  Unabhängigkeit
  nennen  kann,  hat  in  der  ganzen  deutschen  Geschichte  von
den  rebellischen  Herzögen  der  ersten  Kaiserzeiten  bis  auf  die
unzähligen  reichsunmittelbaren  Landesherren,  Reichsstädte,
Reichsdörfer,  -Abteien  und  -Ritter  und  die  damit  verbundene
Schwäche  und  Wehrlosigkeit  des  Reiches  ihre  Bethätigung  gefunden.
  Einstweilen  findet  sie  im  Parteiwesen,  welches  die
Nation  zerklüftet,  stärkeren  Ausdruck  als  in  der  rechtlichen
oder  dynastischen  Zerrissenheit.  Die  Parteien  scheiden  sich
weniger  durch  Programme  und  Prinzipien,  als  durch  die
Personen,  welche  als  Condottieri  an  der  Spitze  einer  jeden
stehen  und  für  sich  eine  möglichst  große  Gefolgschaft  von  Abgeordneten
  und  publicistischen  Strebern  anzuwerben  suchen,
die  hoffen,  mit  dem  Führer  oder  den  Führern  zur  Macht  zu
gelangen.“

Die  Einsetzung  des  Augustenburgers  hat  Bismarck  anfangs
als  eine  der  Möglichkeiten  ernstlich  erwogen,  ohne  auf  die
Rechtsfrage  dabei  sonderlich  Gewicht  zu  legen.  Daß  die  Augustenburger
  ein  juristisches  Recht  nicht  geltend  machen  konnten,
war  ihm  unbestreitbar.  War  aber  die  preußische  Annexion
nicht  zu  erreichen,  so  konnte  die  Augustenburgische  Dynastie
bei  der  Vergebung  des  eroberten  Landes  berücksichtigt  werden,
wenn  sie  Preußen  gewisse  Hoheitsrechte  einräumte.  Dazu
hatte  aber  der  Erbprinz  Friedrich  keine  Neigung.  Ohne  irgend
etwas  für  die  Wahrnehmung  seines  „Rechtes“  gethan  zu
haben,  verlangte  er  die  volle  Souverainetät  und  sträubte  sich
vor  allem  gegen  jede  Landabtretung  an  der  Bucht  von  Kiel,
die  Preußen  zur  Anlage  von  Befestigungen  forderte.  Er  erscheint
  so  recht  als  der  Typus  des  deutschen  Kleinfürsten,  der
sich  dem  großen  preußischen  Nachbar  als  Fürst  „von  Gottes
Gnaden“  ebenbürtig  dünkt  und  doch  in  beständiger  Angst  lebt,
von  den  Krallen  des  preußischen  Adlers  zerfleischt  zu  werden.
Seit  der  Unterredung  vom  1.  Juni  1864,  in  der  der  Erbprinz
sich  den  preußischen  Forderungen  durchaus  unzugänglich  erwies,
war  er  aus  den  Bismarckschen  Erwägungen  auzgeschlossen.
        <pb n="107" />
        Deutscher  Parteigeist.  Friedrich  VIII.  Nord-Ostsee-Canal.  95

Die  Bedingungen,  die  Preußen  im  Februar  1865  formulirte,
deckten  sich  im  Wesentlichen  mit  denen,  die  der  Kronprinz
von  Preußen  in  seiner  Denkschrift  vom  Februar  1864  als
sachlich  begründete  Forderungen  anerkannt  hatte,  galten  aber
nicht  mehr  für  den  Augustenburger,  sondern  für  etwaige
andere  Prätendenten:

„Was  man  von  der  Minute  ausgeschlagen,

Giebt  keine  Ewigkeit  zurück.“

Heute  wird  kein  Verständiger  in  Deutschland  mehr  beklagen,
  daß  Schleswig-Holstein  in  preußischen  Besitz  gekommen
und  die  an  sich  schon  so  bunte  Karte  von  Deutschland  nicht
um  einen  Farbenton  bereichert  worden  ist;  in  der  neuen
Provinz  selbst  freut  man  sich  des  ungeahnten  materiellen  Fortschrittes,
  den  der  Anschluß  an  den  Großstaat  dem  kleinen
Lande  gebracht  hat,  und  gedenkt  der  Augustenburg-Schwärmerei
wie  einer  jugendlichen  Thorheit,  die  glücklicherweise  ohne
Folgen  geblieben  ist:  die  Wallfahrt  der  Holsteiner  nach  Friedrichsruh
  war  der  versöhnende  Ausklang  eines  erbitterten  Kampfes
der  Meinungen  und  Bestrebungen  und  eine  Huldigung  für
die  politische  Einsicht  des  Gefeierten.

Ein  dauerndes  Denkmal  von  Bismarcks  Fürsorge  für
Preußens  und  Deutschlands  Machtstellung  an  Nord=  und  Ostsee
  ist  der  Nord-Ostsee-Canal,  dessen  Bau  im  Wesentlichen
auf  seine  Anregungen  zurückzuführen  ist.  So  lebhaft  im
Jahre  1848  sich  das  Verlangen  nach  einer  deutschen  Flotte
und  nach  der  Möglichkeit  geäußert  hatte,  die  auf  Nord=  und
Ostsee  vertheilten  Streitkräfte  zur  See  durch  einen  beide
Meere  verbindenden  Canalbau  vereinigen  zu  können,  so
wenig  war  davon  zu  spüren,  nachdem  die  beiden  Länder  in
preußischen  Besitz  übergegangen  waren.  Bismarcks  Anregungen
stießen  auf  Widerstand  bei  der  Landesvertheidigungs-Commission,
deren  Vorsitzender  der  Kronprinz  war,  während  die  eigentliche
  Leitung  in  Moltkes  Händen  lag.  Die  Behauptung  der
Militairs,  daß  ein  so  kostspieliges  Werk,  wie  der  Canal,
im  Kriegsfalle  durch  einen  allzu  großen  Bruchtheil  des  Landheeres
  geschützt  werden  müsse,  war  dem  Verständniß  des
Königs  einleuchtender,  als  Bismarcks  Einwand,  daß  Kiel  mit
        <pb n="108" />
        96  XI.  Die  Erwerbung  von  Schleswig-Holstein.

seinen  Anlagen,  Hamburg  und  der  Weg  von  dort  nach  Berlin
immer  werde  gedeckt  werden  müssen,  auch  wenn  kein  Canal
vorhanden  sei.  Erst  um  das  Jahr  1885  schwächte  sich  der
Widerstand  der  Landesvertheidigungs-Commission  insoweit  ab,
daß  der  Canalbau  auch  die  Zustimmung  der  militairischen
Kreise  fand.  Für  Bismarck  sollte  der  Nord-Ostsee-Canal  nur
der  Anfang  eines  großen  Canalsystems  sein,  durch  welches  Kiel
mit  den  Mündungen  der  Elbe,  Weser,  Jahde  und  Ems  verbunden
  werden  sollte,  damit  ein  blockirender  Feind  gezwungen
würde,  in  jedem  der  beiden  Meere  ein  unserer  ganzen  Flotte
gleichkommendes  Geschwader  zu  erhalten,  weil  er  nicht  weiß,
aus  welcher  von  den  fünf  Ausfallspforten  unsere  ganze  Flotte
herausbricht.

Der  Erwerbung  von  Helgoland,  die  dem  Grafen  von
Caprivi  werthvoll  genug  erschien,  um  dafür  den  besten  Theil
unseres  hoffnungsreichen  ostafrikanischen  Colonialbesitzes  einzutauschen,
  steht  Fürst  Bismarck  mit  sehr  gemischten  Empfindungen
  gegenüber;  die  Richtigkeit  seiner  Befürchtungen
dürfte  ein  zukünftiger  Krieg  mit  Frankreich  zu  unserem  Nachtheil
  erweisen.  Die  Deckung  der  Insel  durch  die  englische
Neutralität  war  für  uns  nützlicher  als  ihr  Besitz,  der  uns
im  Frieden  schwere  finanzielle  Lasten  aufbürdet  und  im  Kriege
uns  zu  einer  Vertheidigung  des  Felsens  nöthigt,  die  einen
nicht  unwesentlichen  Theil  unserer  kleinen  Flotte  in  Anspruch
nehmen  wird.
        <pb n="109" />
        XII.

Die  VerhanSlungen  von  Nikolsburg  und  der  Norodentsche
Buns.

Der  Gasteiner  Vertrag  war  nur  ein  Nothbehelf.  Der  in
der  Tiefe  gärende  Gegensatz  zwischen  Oesterreich  und  Preußen
drängte  zum  Kriege;  mit  gebieterischer  Nothwendigkeit  brach
er  im  Juni  1866  aus.  Fürst  Bismarck  verliert  in  den  „Gedanken
  und  Erinnerungen“  kein  Wort,  weder  über  die  unmittelbaren
  Veranlassungen  zum  Kriege  noch  über  seinen
Verlauf:  die  Acten  liegen  offen  vor  Jedermanns  Augen  in  den
diplomatischen  Correspondenzen  und  den  kriegsgeschichtlichen
Darstellungen  der  am  Kriege  betheiligten  Staaten.  Das
20.  Capitel:  Nikolsburg  handelt  nur  von  der  politischen  Lage
nach  der  Schlacht  bei  Königgrätz  und  von  den  diplomatischen
Erwägungen,  die  für  Bismarcks  Rathschläge  entscheidend  waren;
darin  aber  liegt  gerade  der  besondere  Reiz.  Durch  Sybel  )
ist  verbürgt,  daß  Bismarck  am  Abend  des  Sieges  von  Königgrätz
  zum  Könige  sagte:  „Die  Streitfrage  ist  entschieden;  jetzt
gilt  es,  die  alte  Freundschaft  mit  Oesterreich  wieder  zu  gewinnen“
  —  ein  staatsmännisches  Wort,  frei  von  jedem  militairischen
  und  politischen  Chauvinismus,  und  darum  so  ganz
charakteristisch  für  Bismarck,  der  immer  nur  das  Erreichbare
erstrebte  und  dadurch  so  große  Erfolge  erzielte.  Es  leitete
ihn  bei  der  Aufstellung  der  Bedingungen,  die  Oesterreich  im

1)  Die  Begründung  des  Deutschen  Reichs  V,  203.
Kohl,  Wegweiser.  7
        <pb n="110" />
        98  XII.  Nikolsburg  und  der  Norddeutsche  Bund.

Friedensschlusse  aufzuerlegen  seien,  und  in  den  schwierigen
Verhandlungen  mit  dem  Könige,  der  im  Rausche  des  Sieges
und  unter  den  Einwirkungen  ehrgeiziger  Militairs  den  klaren
Blick  für  das  Mögliche  sich  trüben  ließ.  Die  an  sich  einfache
Lage  verwickelte  sich  durch  die  von  Oesterreich  angerufene  Vermittelung
  Frankreichs,  die  Napoleon  III.  willkommene  Gelegenheit
  gab,  Wasser  in  den  preußischen  Wein  zu  gießen.  In  seinem
Auftrage  erschien  der  Botschafter  in  Berlin,  Graf  Benedetti,
in  der  Nacht  vom  11.  zum  12.  Juli  im  Hauptquartier  zu
Zwittau.!)  Der  französische  Kaiser  hatte  das  Duell  zwischen
Oesterreich  und  Preußen  gern  gesehen  in  der  Erwartung,  daß
bei  der  vorausgesetzten  Gleichheit  der  militairischen  Kräfte  die
Entscheidung  ihm  anheimfallen  werde;  seine  Dienste  wollte  er
sich  dann  in  gewohnter  Weise  bezahlen  lassen.  Der  schnelle
Sieg  Preußens  fand  ihn  noch  ungerüstet,  immerhin  hätte  eine
französische  Kriegserklärung  vor  Beilegung  des  österreichischen
Krieges  und  unter  dem  beängstigenden  Fortschritt  der  Cholera
alle  Erfolge  des  böhmischen  Feldzuges  in  Frage  stellen  und
den  Rheinbundsgelüsten  der  deutschen  Kleinfürsten  einen  mächtigen
  Rückhalt  geben  können.  Bei  den  Militairs  begegnete
Bismarck  einer  Unterschätzung  Frankreichs  und  seiner  militairischen
  Kraft,  die  er  nicht  theilen  konnte,  und  keinem  Verständniß
  für  seine  Bedenken:  Moltke  hielt  Preußen  für  stark

 

1)  Daß  er  unerwartet  ankam,  geht  wohl  daraus  hervor,  daß  für
seine  Aufnahme  keinerlei  Vorkehrungen  getroffen  waren;  er  mußte  die
Stube  mit  Abeken  theilen,  während  sein  Secretär  Keudells  Bett  theilte
(Abeken,  Ein  schlichtes  Leben,  S.  332).  Graf  Benedetti  hat  einem  Berichterstatter
  des  „Berl.  Local-Anzeigers“,  der  das  Bedürfniß  empfand,  das
Urtheil  des  Franzosen  über  Bismarcks  Werk  einzuholen,  die  thatsächliche
Berichtigung  ertheilt:  „Bismarck  wurde  zweifellos  von  seinem  Gedächtnisse
im  Stiche  gelassen,  als  er  schrieb,  daß  ich  unerwartet  und  unerwünscht  in
Nikolsburg  auftauchte.  Vielleicht  wollte  er  mir  sogar  ein  Compliment
machen,  indem  er  hinzufügte,  daß  es  mir  gelungen  sei,  die  Aufmerksamkeit
der  Wachtposten  zu  täuschen,  welche  beauftragt  waren,  mich  nicht  ins
Schloß  gelangen  zu  lassen.“  Entweder  hat  der  Graf  die  Gedanken  und
Erinnerungen  nur  flüchtig  gelesen,  oder  der  Berichterstatter  hat  unrichtig
gehört.  Tertium  non  datur.  Bismarck  sagt  II,  42:  „Inzwischen  hatte  ich
in  den  Conferenzen  mit  Karolyi  und  mit  Benedetti,  dem  es  Dank  dem
Ungeschick  unserer  militairischen  Polizei  im  Rücken  des  Heeres
gelungen  war,  in  der  Nacht  vom  11.  zum  12.  Juli  nach  Zwittau
        <pb n="111" />
        Französische  Einmischung.  Bismarcks  Erwägungen.  99

genug,  den  Krieg  gegen  Oesterreich  defensiv  an  der  Elblinie
weiter  zu  führen  und  die  Hauptmasse  seines  Heeres  gegen
Frankreich  zu  werfen  und  zwar  in  der  Offensive.  Die  lange
Dauer  des  deutsch-französischen  Krieges,  in  dem  die  numerisch
überlegenen  Heere  des  vereinigten  Deutschland  die  glänzendsten
Siege  davontrugen  und  dann  einen  Monate  langen,  in  einzelnen
Momenten  sehr  schwierigen  Krieg  gegen  die  fast  unerschöpflichen
Vertheidigungskräfte  der  Republik  zu  führen  hatten,  hat  bewiesen,
daß  die  Bedenken  Bismarcks  begründeter  waren,  als  die  Siegesgewißheit
  des  Strategen.  Bismarck  wurde  durch  die  militairische
Aussicht  eines  nach  zwei  Seiten  hin  zu  führenden  Krieges  zu
lebhafteren  Anstrengungen  im  Sinne  des  Friedens  bestimmt.

Der  Politiker  muß  die  Zukunft  im  Auge  haben,  eine
allzu  scharf  gespannte  Senne  platzt.  Für  unsere  späteren  Beziehungen
  zu  Oesterreich  kam  es  Bismarck  darauf  an,  kränkende
Erinnerungen  nach  Möglichkeit  zu  verhüten,  wenn  es  sich  ohne
Beeinträchtigung  der  deutschen  Politik  thun  ließ.  Darum  war
er  gegen  einen  siegreichen  Einzug  des  preußischen  Heeres  in
die  feindliche  Hauptstadt,  der  zwar  dem  Ehrgeize  der  militairischen
  Führer  geschmeichelt,  gleichzeitig  aber  das  Ehrgefühl
des  Ueberwundenen  empfindlich  verletzt  hätte,  sowie  gegen  Abtretung
  von  Land  und  Leuten  des  österreichischen  Staates,
durch  welche  dieser  beständig  an  seine  Niederlage  erinnert

zu  gelangen  und  dort  plötzlich  vor  meinem  Bette  zu  erscheinen,  die  Bedingungen
  ermittelt,  unter  denen  der  Friede  erreichbar  war.“  Nach  Nikolsburg
  wurde  das  Hauptquartier  erst  am  18.  Juli  verlegt;  Benedetti  traf
dort  von  Wien  aus  am  19.  Juli  ein.  Bismarck  kam  alles  darauf  an,
mit  den  Oesterreichern  abzuschließen,  ehe  die  Franzosen  sich  einmischten;
es  ist  ganz  glaublich,  daß  er  es  dem  Ungeschick  der  militairischen  Polizei
zuschrieb,  wenn  Benedetti  verhältnißmäßig  so  schnell  das  Hauptquartier
erreichte.  Vorwände,  die  Reise  eines  unbequemen  Diplomaten  durch  die
Linien  eines  kriegführenden  Heeres  zu  hemmen,  sind  leicht  zu  finden.  Nur
fehlte  wohl  die  entsprechende  Weisung  und  auf  Seiten  der  militairischen
Polizei  der  Muth  der  Verantwortung,  umsomehr,  da  Benedetti  Botschafter
eines  nominell  befreundeten  Staates  war.  Benedetti  hat  dem  Berichterstatter
  erzählt,  daß  ihm  von  Berlin  aus  ein  preußischer  Offizier  als
Geleit  mitgegeben  worden  sei.  Das  mag  richtig  sein,  aber  es  beweist  nicht,
daß  es  auf  Bismarcks  Weisung  geschah.  Daß  dieser  den  französischen  Botschafter
  höflich  empfing,  versteht  sich  von  selbst.  Welchen  Nutzen  hätte  es
gehabt,  ihn  durch  brüskes  Betragen  zu  beleidigen?
77
        <pb n="112" />
        100  XII.  Nikolsburg  und  der  Norddeutsche  Bund.

worden  wäre.  Als  vorausschauender  Politiker  mußte  er  mit
der  Wahrscheinlichkeit  eines  französischen  Krieges  rechnen  und
mit  der  Möglichkeit  eines  russischen.  In  beiden  Fällen  war
ein  auf  den  Tod  verfeindetes  Oesterreich  der  natürliche  Bundesgenosse
  der  Feinde  Preußens,  ein  mild  behandeltes  dagegen
blieb  vermuthlich  neutral,  konnte  sogar  unter  Umständen  zum
Kampfgenossen  gegen  Frankreich  oder  Rußland  gewonnen  werden.
Für  solche  Erwägungen  fand  Bismarck  beim  Könige  zunächst
kein  Gehör.  Der  König  skizzirte  unmittelbar  nach  Eingang  des
Telegrammes  Napoleons  die  Friedensbedingungen  in  folgender
  Weise:  Bundesreform  unter  preußischer  Leitung,  Erwerb
Schleswig-Holsteins,  Oesterreichisch-Schlesiens,  eines  böhmischen
Grenzstriches,  Ostfrieslands,  Ersetzung  der  feindlichen  Souveraine
von  Hannover,  Kurhessen,  Meiningen,  Nassau  durch  ihre  Thronfolger;
  später  wuchsen  noch  seine  Wünsche:  er  wollte  Theile
von  Sachsen,  Hannover,  Hessen  annectiren,  besonders  aber
Ansbach  und  Bayreuth,  deren  Rückerwerb  ihm  sein  starkes
Familiengefühl  nahelegte.  Die  Annexion  sächsischen  Gebietes
freilich  machte  die  bestimmte  Erklärung  des  Grafen  Karolyi  unmöglich,
  daß  Oesterreich  die  Integrität  Sachsens  als  unerläßliche
  Bedingung  festhalten  müsse,  die  Annexion  Oesterreichisch-Schlesiens
  verbot  die  Weigerung  Oesterreichs,  irgend  einen  Theil
seines  Gebietes  abzutreten;  mit  um  so  größerer  Zähigkeit  hielt
der  König  an  der  Forderung  fest,  die  fränkischen  Fürstenthümer
  für  Preußen  zu  gewinnen,  obwohl  Bismarck  ihn  darauf
aufmerksam  machte,  daß  in  diesen  Gebieten  die  Liebe  zur
bayerischen  Dynastie  fester  wurzele  als  die  Erinnerung  an
die  vorübergehende  Herrschaft  der  Hohenzollern,  und  daß  ein
verstümmeltes  Bayern  bei  dem  starken  Selbstbewußtsein  des
bajuwarischen  Stammes  und  seiner  Wittelsbachischen  Dynastie
schwer  zu  versöhnen  sein  und  also  ein  Hinderniß  der  zukünftigen
  Einigkeit  Deutschlands  werden  würde.  Noch  am  24.  Juli.
1866,  nachdem  schon  die  Friedensverhandlungen  mit  Oesterreich.
in  Nikolsburg  ihren  Anfang  genommen  hatten,  war  der  Widerstand
  des  Königs  gegen  eine  schonende  Behandlung  Bayerns
ohne  Gebietsabtretung  so  stark,  daß  Minister  v.  d.  Pfordten.
unverrichteter  Dinge  wieder  abreisen  mußte.
        <pb n="113" />
        Die  Wünsche  des  Königs.  Bedenken  Bismarcks.  101

Tags  zuvor  war  Nikolsburg  der  Schauplatz  eines  Ringkampfes
  zwischen  König  und  Minister  gewesen,  in  dem  es  sich
thatsächlich  um  die  höchsten  Fragen  der  deutschen  Zukunft
handelte.  Der  „Questenberg  im  Lager“  war  den  Militairs,
die  das  Ohr  des  Königs  mehr  besaßen  als  der  Diplomat,  ein
unbequemer  Verderber  ihrer  militairischen  Erfolge.  Im  Kriegsrath
  (oder  Generalsvortrag)  vom  23.  Juli  platzten  die  Meinungen
  hart  aufeinander.  Bismarck  blieb  mit  seiner  Ueberzeugung,
  daß  auf  die  von  Oesterreich  angebotenen  Bedingungen
(des  Austrittes  aus  dem  Bunde,  der  Anerkennung  aller  durch
Preußen  in  Norddeutschland  zu  treffenden  Einrichtungen,  vorbehaltlich
  der  Integrität  Sachsens)  der  Friede  geschlossen  werden.
müsse,  allein;  der  König  trat  der  militairischen  Mehrheit  bei.
Da  vermochten  Bismarcks  Nerven  dem  Drange  der  auf  sie
einstürmenden  Gefühle  nicht  mehr  zu  widerstehen:  er  ging
schweigend  in's  anstoßende  Schlafzimmer,  warf  sich  auf  sein
Bett  und  schluchzte  im  Weinkrampf  wie  ein  Kind.  Unterdeß
entfernte  sich  der  Kriegsrath.  Bismarck  brachte  alle  Erwägungen,
  die  für  den  Friedensschluß  sprachen,  zu  Papier  und
bat  den  König,  bei  Weiterführung  des  Krieges  ihn  seiner
Aemter  zu  entheben.  Mit  diesem  Schriftstücke  begab  er  sich
am  24.  Juli  zu  dem  Könige  und  entwickelte  ihm  noch  einmal
alle  politischen  und  militairischen  Gründe,  die  gegen  die  Fortsetzung
  des  Krieges  und  für  eine  schonende  Behandlung  Oesterreichs
  sprachen.  Der  König  gab  das  Gewicht  seiner  Bedenken
zu,  erklärte  aber  die  vorliegenden  Bedingungen  für  ungenügend,
da  Oesterreich  und  seine  deutschen  Verbündeten  wegen  ihrer
Feindschaft  gegen  Preußen  streng  bestraft  werden  muüßten.
Bismarcks  Einspruch,  daß  Preußen  eine  deutsch-nationale  Einheit
  unter  Leitung  des  Königs  von  Preußen  herzustellen  oder
anzubahnen,  nicht  aber  des  Richteramtes  zu  walten  habe,  blieb
ohne  Eindruck,  ja  der  Widerstand  des  Ministers  gegen  die
Wiederaufnahme  des  Krieges  reizte  den  König  so,  daß  Bismarck
  die  Erörterung  abbrach  und  in  dem  Gefühle,  daß  seine
Auffassung  abgelehnt  sei,  das  Zimmer  verließ.  Heimgekehrt
in  seine  Wohnung,  war  ihm  zu  Muthe,  als  ob  er  durch  Sturz
aus  dem  Fenster  sein  Leben  enden  sollte;  er  kehrte  sich  nicht
        <pb n="114" />
        102  XII.  Nikolsburg  und  der  Norddeutsche  Bund.

um,  als  er  die  Thüre  öffnen  hörte.  Der  eintretende  Kronprinz
  ward  sein  rettender  Engel.  Die  Hand  ihm  auf  die
Schulter  legend,  sprach  er:  „Sie  wissen,  daß  ich  gegen  den
Krieg  gewesen  bin,  Sie  haben  ihn  für  nothwendig  gehalten
und  tragen  die  Verantwortlichkeit  dafür.  Wenn  Sie  nun  überzeugt
  sind,  daß  der  Zweck  erreicht  ist  und  jetzt  Friede  geschlossen
  werden  muß,  so  bin  ich  bereit,  Ihnen  beizustehen  und
Ihre  Meinung  bei  meinem  Vater  zu  vertreten.“  Nach  einer
kleinen  halben  Stunde  brachte  er  die  Zustimmung  des  Königs
in  einem  Marginale  zu  einer  von  Bismarcks  letzten  Eingaben,
dessen  Wortlaut  dem  Fürsten  Bismarck  im  Gedächtniß  geblieben
ist.  Es  lautete:  „Nachdem  mein  Ministerpräsident  mich  vor
dem  Feinde  im  Stiche  läßt  und  ich  hier  außer  Stande  bin,
ihn  zu  ersetzen,  habe  ich  die  Frage  mit  meinem  Sohne  erörtert,
und  da  sich  derselbe  der  Auffassung  des  Ministerpräsidenten
angeschlossen  hat,  sehe  ich  mich  zu  meinem  Schmerze  gezwungen,
nach  so  glänzenden  Siegen  der  Armee  in  diesen  sauren  Apfel
zu  beißen  und  einen  so  schmachvollen  Frieden  anzunehmen.“
Bismarck  stieß  sich  nicht  an  die  unverbindliche  Form,  hat  die
harten  Worte  dem  König,  den  er  liebte,  auch  niemals  nachgetragen:
  „Von  dem  erwähnten  Marginale“,  schreibt  er  in
den  „Gedanken  und  Erinnerungen“,  „blieb  mir  als  einziges
Residuum  die  Erinnerung  an  die  heftige  Gemüthsbewegung,
in  die  ich  meinen  alten  Herrn  hatte  versetzen  müssen,  um  zu
erlangen,  was  ich  im  Interesse  des  Vaterlandes  für  geboten
hielt,  wenn  ich  verantwortlich  bleiben  sollte.“  Wer  könnte  ohne
Rührung  diese  schlichten  Worte  lesen,  dieses  Bekenntniß  einer
Liebe  zu  seinem  „Herrn“,  die  im  Interesse  der  Sache  des
Vaterlandes  auch  den  härtesten  Vorwurf  schweigend  erträgt,
ohne  zu  grollen?

Nach  Unterzeichnung  der  Präliminarien  mit  Oesterreich
fanden  sich  auch  die  Bevollmächtigten  von  Württemberg,  Baden
und  Großherzogthum  Hessen  in  Nikolsburg  ein.  Während  die
der  beiden  letzten  Staaten  empfangen  wurden,  mußte  sich  Herr
von  Varnbüler,  der  bei  Ausbruch  des  Krieges  Preußen  ein
drohendes  Vac  victis!  zugerufen  hatte,  zunächst  eine  Abweisung
gefallen  lassen.  Bismarck  traute  der  württembergischen  Politik
        <pb n="115" />
        Der  König  giebt  nach.  Friedensschluß.  103

Rheinbundsgelüste  zu,  die  bei  den  nahen  verwandtschaftlichen
Beziehungen  des  württembergischen  Hauses  zu  der  Napoleonischen
  Dynastie  und  bei  der  französischen  Gesinnung  der  Königin
von  Holland,  einer  württembergischen  Prinzessin,  nahe  genug
lagen.  Vielleicht  hat  gerade  die  ablehnende  Haltung  Bismarcks
bewirkt,  daß  sich  Herr  von  Varnbüler  bei  den  späteren  Verhandlungen
  in  Berlin  den  preußischen  Forderungen  auch  in
deutsch-nationaler  Beziehung  gegenüber  um  so  entgegenkommender
  zeigte:  er  war  der  Erste,  der  am  13.  August  1866
seinen  Namen  unter  einen  der  Schutz=  und  Trutzverträge  setzte,
durch  welche  die  außerhalb  des  Norddeutschen  Bundes  stehenden
  süddeutschen  Staaten  sich  für  den  Fall  eines  französischen
Angriffes  zu  gemeinsamer  Abwehr  verpflichteten.

Dank  der  Napoleonischen  Einmischung,  die  den  Einfluß
Preußens  in  Deutschland  durch  die  Mainlinie  beschränkte,
konnte  sich  nur  erst  das  nördliche  Deutschland  in  festerem  Bunde
zusammenschließen  (21.  Capitel:  Der  Norddeutsche  Bund).
Das  Provisorische  eines  solchen  Zustandes  wurde  von  Jedermann
  empfunden,  am  meisten  von  Bismarck  selbst.  Daß  aber
das  letzte  Ziel,  die  Einigung  Deutschlands,  ohne  einen  Waffengang
  mit  Frankreich  nicht  zu  erreichen  sein  würde,  lag  auf
der  Hand  für  jeden  Kenner  der  Napoleonischen  Prestigepolitik,
wie  viel  mehr  für  einen  Staatsmann  vom  Schlage  Bismarcks.
Bei  allen  Fragen  der  inneren  Politik  hatte  er  demnach  die
auswärtigen  Beziehungen  im  Auge  zu  behalten.  Den  Krieg
mit  Frankreich  zu  provociren,  lag  nicht  im  Interesse  Preußens
und  des  Norddeutschen  Bundes,  er  mußte  von  selbst  kommen,
wenn  die  Unhaltbarkeit  der  durch  den  Krieg  von  1866  und
die  französische  Einmischung  geschaffenen  Lage  sich  offenbarte,
aber  er  durfte  nicht  zu  früh  kommen.  Daher  vermied  Bismarck
  Alles,  was  das  mißgünstige  Ausland  reizen  konnte,  und
widmete  sich  nach  Kräften  der  Befestigung  des  Norddeutschen
Bundes  und  des  durch  stattlichen  Zuwachs  erweiterten  preußischen
  Staates.  Mißgünstig  aber  war  nicht  Frankreich  allein,
das  im  Falle  des  Krieges  auf  den  Bund  von  Oesterreich  und
Italien  rechnen  konnte,  mißgünstig  war  auch  Rußland,  wo
Fürst  Gortschakow  nach  glaubhafter  Ueberlieferung  im  Juli  1866
        <pb n="116" />
        104  XII.  Nikolsburg  und  der  Norddeutsche  Bund.

einen  gemeinsamen  Protest  Rußlands  und  Frankreichs  gegen
die  Beseitigung  des  Deutschen  Bundes  anregte,  der  nur  unterblieb,
  weil  Napoleon  seine  Mitwirkung  ablehnte.  Die  Freundschaft
  Englands  aber,  die  sich  niemals  zu  thätiger  Theilnahme
an  einem  Kriege  auf  preußischer  Seite  verdichtet  hätte,  konnte
in  ihrer  platonischen  Form  europäischen  Coalitionen  gegenüber
nichts  nützen.  Unter  dem  Einflusse  dieser  Erwägungen  auf
dem  Gebiete  der  auswärtigen  Politik  entschloß  sich  Bismarck,
„jeden  Schachzug  im  Innern  danach  einzurichten,  ob  der  Eindruck
  der  Solidität  unserer  Staatskraft  dadurch  gefördert  oder
geschädigt  werden  könnte“.  Darum  betrieb  er,  entgegen  den
reactionairen  Anträgen  der  äußersten  Rechten,  die  an  sich  dem
Könige  sympathisch  waren,  die  Versöhnung  im  Innern  durch
die  Indemnitätsvorlage,  die  der  fortschrittlichen  Opposition
auf  dem  Gebiete  der  Theorie  Recht  gab,  nachdem  sie  soeben
durch  die  Praxis  von  der  Thorheit  ihres  Widerstandes  gegen
die  Armeereorganisation  überzeugt  worden  war;  darum  widerstrebte
  er  jeder  breiteren  Erörterung  des  nationalen  Zieles,
die  das  Ausland  reizen  konnte  und  auch  beim  Könige  Anstoß
erregte,  weil  er  eben  nur  König  von  Preußen  sein  wollte  und
ohne  jede  ehrgeizige  Berechnung  nach  der  deutschen  Seite  hin
war;  darum  warf  er  aber  auch  „die  damals  stärkste  der  freiheitlichen
  Künste,  das  allgemeine  Wahlrecht,  mit  in  die  Pfanne“,
„um  das  monarchische  Ausland  abzuschrecken  von  Versuchen,
die  Finger  in  unsere  nationale  Omelette  zu  stecken.“  Wie  oft
ist  gerade  aus  der  Einführung  des  allgemeinen  Wahlrechtes
dem  Fürsten  Bismarck  ein  schwerer  Vorwurf  gemacht  worden;
man  vergißt  dabei,  daß  er  es  gab  als  „eine  Waffe  im  Kampfe
gegen  Oesterreich  und  weiteres  Ausland,  im  Kampfe  für  die
deutsche  Einheit,“  zugleich  als  „eine  Drohung  mit  letzten
Mitteln  im  Kampfe  gegen  Coalitionen“,  und  in  der  Hoffnung,
daß  das  deutsche  Volk  stark  und  klug  genug  sein  werde,  sich
von  dem  allgemeinen  Wahlrechte  wieder  frei  zu  machen,  wenn
es  dasselbe  als  eine  schädliche  Einrichtung  erkannt  haben  würde;
man  vergißt  weiter,  daß  die  Heimlichkeit  der  Wahl  erst  durch
den  Antrag  Fries  in  das  Wahlgesetz  hineingebracht,  dadurch
aber  der  Agitation  die  weiteste  Möglichkeit  zur  Verhetzung  der
        <pb n="117" />
        Mißgunst  der  Mächte.  Indemnität.  Allgemeines  Wahlrecht.  105

Massen  gegeben  worden  ist.  Fürst  Bismarck  hält  auch  noch
in  seinen  „Gedanken  und  Erinnerungen“  dafür,  daß  das  all—
gemeine  Wahlrecht,  sobald  nur  die  Heimlichkeit  beseitigt  werde,
ein  nicht  bloß  theoretisch,  sondern  auch  praktisch  berechtigtes
Prinzip  sei.  Es  gewährt  den  Begehrlichen  und  den  Besitzenden
  zwar  gleiches  Recht,  aber  die  Oeffentlichkeit  der  Wahl
würde  gegen  die  unter  den  Massen  wirksame  Rhetorik  geschickter
  und  ehrgeiziger  Führer  ein  Gegengewicht  schaffen  in
dem  Einflusse  der  Gebildeten  und  Besitzenden  auf  die  Mindergebildeten
  und  Abhängigen.  Ein  Staatswesen,  dessen  Regierung
  in  die  Hände  der  Begehrlichen,  der  novarum  rerum
cupici,  und  der  Redner  fällt,  „wird  stets  zu  einer  Unruhe
der  Entwickelung  verurtheilt  sein,  der  so  gewichtige  Massen,
wie  staatliche  Gemeinwesen  sind,  nicht  folgen  können,  ohne  in
ihrem  Organismus  geschädigt  zu  werden“.  Es  wird  in  den
Wirbel  des  französischen  Kreislaufes  gerathen,  der  von  der
Monarchie  durch  alle  Stadien  der  republikanischen  Entwickelung
  hindurch  zu  Dictatur,  Gewaltherrschaft  und  Absolutismus
zurückführt.  Den  Absolutismus  hält  Fürst  Bismarck,  theoretisch
  betrachtet,  wegen  der  ihm  eigenen  Stetigkeit  für  die
ideale  Verfassung  für  europäische  Staatsgebilde,  „wenn  der
König  und  seine  Beamten  nicht  Menschen  blieben  wie  jeder
Andere,  denen  es  nicht  gegeben  ist,  mit  übermenschlicher  Sachkunde,
  Einsicht  und  Gerechtigkeit  zu  regieren“.  Da  auch  die
einsichtigsten  und  wohlwollendsten  Monarchen  menschlichen
Schwächen  und  Unvollkommenheiten  unterliegen,  so  bedarf
auch  „der  idealste  Monarch,  wenn  er  nicht  in  seinem  Idealismus
  gemeinschädlich  werden  soll“,  der  Kritik,  um  sich  an  deren
Stacheln  zurechtzufinden,  „wenn  er  den  Weg  zu  verlieren  Gefahr
  läuft.“  Diese  Kritik  aber  kann  nur  durch  eine  freie  Presse
und  durch  Parlamente  im  modernen  Sinne  geübt  werden;
nur  dürfen  beide  Corrective  ihre  Wirkung  nicht  durch  Mißbrauch
  abstumpfen  und  schließlich  verlieren.  Der  Regierung
liegt  die  Verpflichtung  ob,  Presse  und  Parlamente  in  denjenigen
  Schranken  zu  halten,  die  die  Rücksicht  auf  das  Staatswohl
  vorschreibt.  Sie  bedarf  in  diesem  Kampfe  eines  hohen
Maßes  politischen  Tactes:  ein  Zuviel  würde  die  dem  Lande
        <pb n="118" />
        106  XII.  Nikolsburg  und  der  Norddeutsche  Bund.

unentbehrliche  Controle  der  Regierung  hindern,  ein  Zuwenig
könnte  sie  zur  Herrschaft  werden  lassen.  Fürst  Bismarck  hebt
rühmend  hervor,  daß  Wilhelm  l.  das  rechte  Augenmaß  dafür
in  einem  nach  menschlicher  Unvollkommenheit  überhaupt  erreichbaren
  Grade  besessen  habe,  indem  er  Minister,  die  die  entsprechenden
  Eigenschaften  (Tact  und  Augenmaß)  besaßen,  „sowohl
  gegen  gelegentliche  Majoritäts-Abstimmungen  als  auch
gegen  Hof=  und  Camarilla-Einflüsse  zu  halten“  wußte.
Anknüpfend  an  die  aus  revolutionairem  Kreise  an  den
König  gebrachten  Anträge,  den  Sieg  über  Oesterreich,  der,
wie  die  Neuwahlen  vom  3.  Juli  1866  lehrten,  auch  den  Sieg
über  die  Fortschrittspartei  bedeutete,  zur  Revision  der  preußischen
  Verfassung  im  Sinne  des  Absolutismus  zu  benutzen,
erörtert  Bismarck  einen  Vorschlag  des  Zaren  Alexander  II.  aus
dem  Jahre  1863,  durch  einen  gemeinschaftlichen  Krieg  gegen
die  Westmächte  und  Oesterreich  den  innern  Conflict  zugleich
mit  der  deutschen  Frage  zu  erledigen.  Das  Anerbieten  erschien
auf  den  ersten  Blick  verlockend  genug.  Zwei  so  starke  Militairmächte
  wie  Preußen  und  Rußland  im  Bunde  hätten  ein  Uebergewicht
  gebildet,  gegen  das  die  übrigen  Mächte  nicht  hätten
aufkommen  können.  Aber  der  größere  Nutzen  des  Bundes
wäre  Rußland  zugefallen.  Bismarck,  dem  der  König  den
Brief  des  Zaren  zum  Entwurf  der  Antwort  überwies,  hat  in
einer  ausführlichen  Denkschrift  den  russischen  Antrag  beleuchtet
und  diejenigen  Momente  hervorgehoben,  die  vom  preußischen
Standpunkte  aus  dagegen  sprachen:  „daß  ein  gemeinsamer
Krieg  gegen  die  Westmächte  in  seiner  schließlichen  Entwickelung
sich  wegen  der  geographischen  Verhältnisse  und  wegen  der
französischen  Begehrlichkeit  nach  den  Rheinlanden  nothwendig
zu  einem  preußisch-französischen  condensiren  müsse,  daß  die
preußisch-russische  Initiative  zu  dem  Kriege  unsere  Stellung  in
Deutschland  verschlechtern  werde,  daß  Rußland,  entfernt  von
dem  Kriegsschauplatze,  von  den  Leiden  des  Krieges  weniger
betroffen  sein,  Preußen  dagegen  nicht  nur  die  eigenen,  sondern
auch  die  russischen  Heere  materiell  zu  erhalten  habe,  und  daß
die  russische  Politik  dann  an  dem  längeren  Arme  des  Hebels
sitzen  würde  und  uns,  auch  wenn  wir  siegreich  wären,  ähnlich
        <pb n="119" />
        Der  russische  Bündnißantrag  von  1863.  107

wie  in  dem  Wiener  Congreß  und  mit  noch  mehr  Gewicht  werde
vorschreiben  können,  wie  unser  Friede  beschaffen  sein  solle.“
Da  ein  preußisch-russischer  Krieg  gegen  Oesterreich  und  seine
Verbündeten  unter  den  Mittel=  und  Kleinstaaten  nicht  in  der
Linie  der  nationalen  Entwickelung  gelegen  hätte,  die  deutsche
Einheit  unter  preußischer  Führung  nur  durch  die  eigene  nationale
  Kraft  ohne  fremde  Unterstützung  geschaffen  werden  durfte,
so  empfahl  sich  auch  aus  diesem  Grunde  das  Offensivbündniß  mit
Rußland  nicht.  Für  die  Beilegung  des  innern  Conflicts  aber
glaubte  der  König  stark  genug  zu  sein,  seitdem  er  Minister
gefunden  hatte,  die  die  Sache  der  Krone  den  parlamentarischen
Machtbestrebungen  gegenüber  mit  Entschlossenheit  und  doch  mit
der  Maßhaltung  vertraten,  die  dem  besonnenen  Staatsmann
die  Ueberlegenheit  über  die  Leidenschaft  des  Parteimanns
sichert.  Fühlte  der  König  von  Preußen  die  Kraft,  etwaige
revolutionaire  Erhebungen  im  eigenen  Lande  durch  Waffengewalt
  niederzuschlagen,  so  wäre  eine  Ablenkung  der  Leidenschaften
  nach  außen  durch  den  Krieg  gegen  Frankreich  oder
Oesterreich  eine  Frivolität  gewesen,  die  mehr  französischer  als
deutscher  Auffassung  von  den  Regentenpflichten  eines  Fürsten
entsprochen  hätte.  Auch  die  Frage  mußte  sich  Bismarck  vorlegen,
  ob  Preußen  nach  dem  Siege  über  Frankreich  und  Oesterreich
  auf  seine  Rechnung  kommen  würde.  Er  mußte  sie  in
Erinnerung  an  Tilsit,  Erfurt,  Olmütz  verneinen.  Es  war
wahrscheinlich,  daß  sich  Rußland  mit  Preußen  nicht  über  die
Zukunft  Oesterreichs  einigen  würde,  ebenso  wahrscheinlich,  daß
es  sich  einer  Verstärkung  der  Westgrenze  Deutschlands  widersetzen
  würde,  um  Preußen  für  künftige  Kriege  gegen  Frankreich
  unterstützungsbedürftig  zu  erhalten  und  durch  Abhängigkeit
  seinen  Ehrgeiz  zu  zügeln.  Ob  je  die  Zeit  kommen  wird,
da  diese  Denkschrift  dem  Dunkel  der  Archive  entnommen,  der
Oeffentlichkeit  unterbreitet  wird  als  ein  Zeugniß  Bismarckscher
Staatskunst?  Es  widerstrebt  dem  Historiker,  an  die  von  Fürst
Bismarck  berührte  Möglichkeit  zu  glauben,  es  könnte  die  angeregte
  Zerstörung  der  Documente  sich  vollziehen,  die  von
seiner  politischen  Thätigkeit  Kunde  geben.  Mit  solcher  Barbarei
  wäre  weder  dem  deutschen  noch  dem  dynastischen  Interesse
        <pb n="120" />
        108  XII.  Nikolsburg  und  der  Norddeutsche  Bund.

gedient;  im  Gegentheil  müßte  man  fragen,  ob  nicht  das
Deutsche  Reich  in  die  Periode  seines  Niederganges  getreten  sei,
wenn  solche  Bestrebungen  sich  hervorwagen  dürften,  ohne  sofort
von  leitender  Stelle  aus  auf's  Schärfste  zurückgewiesen  zu
werden.  Die  Ehre  Bismarcks  ist  die  Ehre  des  Hohenzollernhauses
und  des  deutschen  Volkes.

Durch  Bismarcks  Ausführungen  überzeugt,  lehnte  der
König  den  russischen  Antrag  ab:  das  nationale  Ehrgefühl  und
der  gesunde  Menschenverstand  in  der  Politik  siegten  bei  ihm
über  die  empfindliche  Kränkung,  welche  sein  monarchisches
Bewußtsein  durch  die  maßlosen  Angriffe  der  Fortschrittspartei,
sein  preußisches  Gefühl  durch  die  in  dem  Frankfurter  Fürstentag
  gipfelnden  österreichischen  Bestrebungen  nach  einer  kaiserlichen
  Oberherrschaft  in  Deutschland  erfahren  hatte.

Ganz  leicht  wurde  dem  Könige  im  Jahre  1866  der  Verzicht
  auf  eine  Revision  der  Verfassung  nicht,  und  nicht  den
„versöhnlichen  Anschauungen“  des  Monarchen,  sondern  den
staatsmännischen  Erwägungen  Bismarcks  war  es  zu  danken,
wenn  sich  der  Conflict  nicht  auf  breiterer  Grundlage  entwickelte
und  Preußen  sich  in  den  Augen  Deutschlands  mit  dem  Makel
der  Reaction  befleckte.  Dem  Kriege  gegen  Oesterreich  wäre
dadurch  sein  nationaler  Charakter  genommen  worden,  die  Feindschaft
  des  süddeutschen  Liberalismus  gegen  das  Preußenthum
hätte  in  den  Augen  der  Welt  eine  Berechtigung  gewonnen,  die
ihr  bisher  gefehlt  hatte,  und  Alles,  was  in  Preußen  selbst
liberal  dachte,  wäre  in  einen  Kampf  auf  Leben  und  Tod  eingetreten
  zur  Aufrechterhaltung  der  bedrohten  Freiheit.  Selbst
wenn  die  Regierung  aus  Artikel  118  der  Verfassung  das  Anrecht
  entnommen  hätte,  die  preußische  Verfassung  nach  der  erst
zu  entwerfenden  des  Norddeutschen  Bundes  umzugestalten,  und
diesen  Umguß  nach  den  Rathschlägen  der  reactionairen  Partei
vollzogen  hätte,  würde  ihr  der  Vorwurf  des  Verfassungsbruches
kaum  erspart  geblieben  sein.  Ein  ehrliches  Bekenntniß  zu  der
Verfassung  und  die  theoretische  Anerkennung  des  Artikels  99
mußte  dagegen,  im  Augenblicke  des  Sieges  gegeben,  die  Feinde
der  Regierung  entwaffnen  und  alle  Befürchtungen  vor  dem
Hereinbruch  einer  Reaction  zerstreuen,  die  die  deutschen
        <pb n="121" />
        Sinn  der  Indemnitätsforderung.  Die  Annexionen.  109

Liberalen  von  dem  siegreichen  Preußen  erwarteten.  Auf  der
langen  Eisenbahnfahrt  von  Prag  nach  Berlin  (4.  August)  entwickelte
  Bismarck  dem  Könige  seine  Gedanken,  ohne  dafür  so
leicht  Verständniß  zu  finden:  dem  Könige  erschien  die  Bitte
um  Indemnität  wie  eine  Demüthigung  vor  dem  Abgeordnetenhaus,
  wie  ein  Schuldbekenntniß,  zu  dem  nach  seiner  Auffassung
nicht  der  geringste  Anlaß  vorlag.  Schließlich  gab  er  doch  nach.
Ich  weiß  nicht,  ob  Bismarck  damals  die  Cabinetsfrage  gestellt  hat;
vielleicht  genügte  der  Hinweis  auf  die  Einigkeit  sämmtlicher
Minister  in  der  Ueberzeugung  von  der  politischen  Nothwendigkeit
  einer  Schließung  des  Conflicts  —  kurz:  die  Thronrede
vom  5.  August  enthielt  die  Bitte  um  Indemnität,  und  Bismarck
  sorgte  dann  dafür,  daß  die  Indemnitätsforderung  als
das  freiwillige  Geschenk  eines  großmüthigen  Siegers  erschien,
das  den  Gegnern  der  Regierung  Gelegenheit  geben  wollte,  sich
auf  dem  gemeinsamen  Boden  des  Vaterlandes  mit  ihr  zu  gedeihlicher
  Arbeit  zusammenzuschließen.

Inwieweit  Bismarck  selbst  für  Annexionen  deutscher  Länder
gewesen  ist,  lassen  die  „Gedanken  und  Erinnerungen"  mit  ziemlicher
  Sicherheit  erkennen.  Bismarck  erklärte  sich  gegen  die
Verstümmelung  einzelner  deutscher  Staaten,  die  dem  Könige
sympathischer  gewesen  wäre  als  Annexionen  ganzer  Staatsgebiete;
  gegen  Annexionen  in  größerem  Umfange  hatte  er  sicher
prinzipiell  nichts  einzuwenden,  da  er  in  dieser  Zeit  nichts
anderes  sein  durfte  als  preußischer  Staatsmann,  als  solcher
aber  eine  so  günstige  Gelegenheit  nicht  vorübergehen  lassen
durfte,  ohne  die  Unbill  der  Vergangenheit  wieder  gut  zu  machen.
Der  Theoretiker  in  ihm  ließ  die  Einziehung  aller  durch  den
Krieg  überwundenen  Staaten  als  das  gute  Recht  Preußens
betrachten,  aber  der  staatsmännische  Verstand  hieß  ihn  Beschränkung
  auf  das  unbedingt  Nothwendige  üben.  Preußen
hatte  mit  der  Mißgunst  Europas  zu  rechnen,  und  mußte  deshalb
  seine  Annexionsgelüste  auf  das  Maß  des  Unentbehrlichen
beschränken.  Unentbehrlich  aber  war  für  Preußen  die  Herstellung
  einer  Verbindung  zwischen  dem  östlichen  und  westlichen
Theile  der  Monarchie;  es  war  ein  Unding,  daß  Westphalen
und  Rheinprovinz,  zwei  so  werthvolle  Perlen  der  preußischen
        <pb n="122" />
        110  XII.  Nikolsburg  und  der  Norddeutsche  Bund.

Krone,  von  dem  Kerne  der  Monarchie  durch  die  feindlichen
Gebiete  von  Hannover,  Kurhessen,  Nassau  und  Frankfurt  getrennt
  waren,  und  eben  noch  hatte  der  Krieg  bewiesen,  wie
nothwendig  die  Herstellung  eines  festen  territorialen  Zusammenhanges
  im  Norden  Deutschlands  für  Preußens  Sicherheit  war.
Wir  dürfen  als  gewiß  annehmen,  daß  Bismarck  für  die  Annexion
  dieser  Gebiete  bei  dem  Könige  unbedingt  eingetreten
ist,  ob  von  vornherein  oder  erst,  nachdem  die  französische  Einmischung
  Preußen  einen  Theil  des  durch  seinen  Sieg  Errungenen
wieder  entriß,  läßt  sich  mit  voller  Klarheit  nicht  entscheiden.
Im  Rückblick  auf  diese  Zeit  giebt  Bismarck  zu,  daß  Preußen
die  Annexionen  habe  entbehren  und  Ersatz  dafür  in  der  Bundesverfassung
  suchen  können,  und  nach  dem  Wortlaut  der  „Gedanken
  und  Erinnerungen“  wird  man  annehmen  müssen,  daß
sich  Bismarck  anfangs  für  diesen  Modus  verwendet  hat;  aber
schwerlich  hat  des  Königs  Wunsch  nach  einer  Abrundung  des
preußischen  Staatsgebietes  bei  ihm  auf  eine  grundsätzliche  Abneigung
  gestoßen.  Das  Wort:  „Ich  bin  meinem  Fürsten  treu
bis  in  die  Vendée,  aber  gegen  alle  andern  fühle  ich  in  keinem
Blutstropfen  eine  Spur  von  Verbindlichkeit,  den  Finger  für
sie  aufzuheben“  ist  ein  Glaubensbekenntniß,  das  sicher  im
Jahre  1866  für  Bismarck  noch  höhere  Geltung  besaß  als  1861,
da  er  es  in  einem  Briefe  an  Roon  ablegte.  Der  König  dagegen
  hatte  legitimistische  und  dynastische  Bedenken  gegen  die
Annexion  ganzer  Staaten  und  wollte  sich  an  Gebietsabtretungen
jedes  einzelnen  an  Preußen  genügen  lassen.  Ohne  Zweifel  war
die  Anschauung  des  Ministers,  aus  dem  politischen  Standpunkte
betrachtet,  richtiger  als  die  des  Königs,  und  wenn  der  König
ihr  anfangs  widerstrebend  folgte,  so  scheint  er  sich  doch  schnell
genug  mit  dem  Grundgedanken  so  vertraut  gemacht  zu  haben,
daß  er  mehr  forderte,  als  dem  Minister  aus  politischen  Erwägungen
  nothwendig  erschien.  Schließlich  hat  er  sich  an  der
Erwerbung  Schleswig-Holsteins  und  der  oben  erwähnten
norddeutschen  Staaten,  sowie  an  der  Abtretung  einiger  Großherzoglich
  hessischen  Gebiete  genügen  lassen.

Den  süddeutschen  Staaten  Bayern,  Württemberg  und
Baden  blieb  Landverlust  erspart.  Außer  einer  Verkleinerung
        <pb n="123" />
        Maß  der  Annexionen.  Die  Welfenlegion.  111

Bayerns  durch  Abtretung  von  Ansbach  und  Bayreuth  wünschte
der  König  auch  eine  Vergrößerung  der  Hohenzollernschen  Lande
auf  Kosten  Württembergs.  Beiden  Wünschen  trat  der  Staatsmann
  mit  Erfolg  entgegen.  Die  von  badischer  Seite  vorgeschlagene
  Lostrennung  der  Pfalz  von  Bayern,  die,  dem
badischen  Gebiete  zugefügt,  das  Großherzogthum  zum  unmittelbaren
  Grenznachbar  Preußens  gemacht  haben  würde,  konnte
für  Bismarck  ein  Gegenstand  ernstlicher  Erwägung  überhaupt
nicht  sein.  Preußen  hatte  nicht  badische  Hauspolitik  auf  Kosten
der  zukünftigen  Entwickelung  zu  treiben.  Diese  aber  wäre
entschieden  gefährdet  worden,  wenn  Bayern  mit  Gewalt  auf
die  Bahn  des  Widerstandes  gegen  eine  deutsch-nationale  Entwickelung
  gestoßen  worden  wäre.  Seine  Unzufriedenheit  würde
es  für  alle  österreichischen  und  französischen  Revanchepläne  zum
stets  bereiten  Bundesgenossen  gemacht  haben.

Wie  bereitwillig  Frankreich  alle  der  Neuordnung  Deutschlands
  feindlichen  Bestrebungen  förderte,  lehrt  der  Schutz,
den  es  der  Welfen  legion  gewährte.  Sie  ist,  Dank  Bismarcks
Bemühungen,  im  deutsch-französischen  Kriege  nicht  zur  Wirksamkeit
  gekommen;  den  deutschen  Truppen  ist  erspart  geblieben,
gegen  Landsleute  zu  kämpfen  und  dadurch  ein  Element  der
Verbitterung  in  einen  Kampf  hineinzutragen,  dessen  Ziel  die
Versöhnung  aller  innerhalb  der  deutschen  Nation  noch  bestehenden
  Gegensätze  sein  sollte.  Die  freudige  Theilnahme  der  ehemaligen
  Hannoveraner,  Hessen,  Nassauer,  Frankfurter  und
Schleswig-Holsteiner  am  Kriege  gegen  Frankreich  war  ein
wichtiges  Moment  des  Fortschritts  zur  nationalen  Einheit;
eine  feindliche  Erhebung  der  welfischen  Partei  in  Hannover
hätte  vergiftend  gewirkt  wie  Meltau  auf  die  jungen  Pflanzen.
Indem  Bismarck  durch  Aufwendung  reichlicher  Geldmittel  die
welfische  Agitation  bekämpfte,  ehe  sie  zu  fester  Organisation
gelangt  war,  trieb  er  eine  „prophylaktische“"  Politik,  die  Deutschland
  vor  schweren  inneren  Erschütterungen  bewahrt  hat.

Als  sich  Bismarck  nach  dem  Abschlusse  der  Friedensverhandlungen
  mit  Oesterreich  und  seinen  Gegnern  unter  den
deutschen  Staaten  in  Urlaub  begab,  um  nach  den  aufreibenden
  Kämpfen  des  vergangenen  Jahres  und  den  Strapazen  des
        <pb n="124" />
        112  XII.  Nikolsburg  und  der  Norddeutsche  Bund.

Feldzugs  mit  seinen  nervenerschütternden  diplomatischen  Verhandlungen
  längerer  Erholung  zu  pflegen,  dauerten  die  Verhandlungen
  über  die  Stellung  Sachsens  im  Nordbunde  noch
fort.  Mit  dem  schließlichen  Ergebniß,  das  sich  durch  persönliche
Entschließungen  des  Königs  Wilhelm  in  militairischer  Beziehung
günstiger  gestaltete,  als  der  Präliminarvertrag  erwarten  ließ,
scheint  Bismarck  damals  nicht  ganz  zufrieden  gewesen  zu  sein;
aber  er  enthält  sich  in  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“  der
Kritik,  nachdem  die  geschickte  und  ehrliche  Politik  der  beiden
letzten  sächsischen  Könige  die  gemachten  Zugeständnisse  gerechtfertigt
  habe.  Im  sächsischen  Stamme  aber  hat  der  Reichsgedanke
  so  feste  Wurzeln  geschlagen,  daß  particularistische  Bestrebungen
  künftiger  Träger  der  Wettiner  Krone  kaum  irgend
welche  nennenswerthe  Unterstützung  aus  dem  Volke  heraus
erfahren  dürften.  Der  Bund  mit  Oesterreich  wurde  schon  1866
von  dem  denkenden  Theile  des  sächsischen  Volbes  als  ein  arger
Fehler  empfunden;  heut  zu  Tage  würde  jede  dynastische  Politik
außerhalb  des  Rahmens  der  deutschen  keinen  Boden  in  der
Gesinnung  des  Volkes  finden.
        <pb n="125" />
        XIII.

Hie  Emser  Depesche.  Begründung  des  Dentschen  Keichs.

Wie  nahe  die  Möglichkeit  eines  Krieges  mit  Frankreich
lag,  bewies  der  Streit  über  Luxemburg,  der  im  Frühjahr  1867
die  öffentliche  Meinung  lebhaft  beschäftigte.  Frankreich  hatte
gleich  nach  dem  Kriege  den  Anspruch  auf  eine  Compensation
erhoben,  und  Bismarck  hatte  das  Bedürfniß  Frankreichs  nach
einem  Zuwachs  an  Land  und  Leuten  im  Gespräch  mit  Benedetti
anerkannt,  jeden  Versuch  dagegen,  solche  Entschädigung  auf
deutschem  Gebiete  zu  gewinnen,  in  unzweideutiger  Form  abgelehnt.
  Die  Lage  des  noch  in  der  Bildung  begriffenen
Norddeutschen  Bundes  erheischte  doppelt  diplomatische  Vorsicht,
und  kein  billig  Denkender  wird  es  Bismarck  verdenken,  wenn
er  die  Frage  dilatorisch  behandelte,  den  Franzosen  es  überließ,
ihre  Compensationswünsche  zu  formuliren,  und  diese  dann  in
wohlwollender  Form  mit  ihrem  Berliner  Repräsentanten  erörterte.
  Wenn  Moralisten  in  dieser  Behandlung  eine  dem
deutschen  Charakter  fremde  Art  finden  wollen,  so  beweisen  sie
damit  nur,  daß  sie  von  dem  A-B-C  der  diplomatischen  Kunst
keine  Ahnung  haben.  Es  wäre  eine  geradezu  strafbare  Plumpheit
gewesen,  wenn  Bismarck  den  französischen  Wünschen  ein  unbedingtes
  Nein  entgegengestellt  und  dadurch  den  Krieg  provocirt
hätte;  genug,  daß  er  die  Abtretung  deutschen  Gebiets  bestimmt
ablehnte.  Bei  jedem  andern  Erwerb,  den  Frankreich  in  Europa
zu  machen  wünschte,  hatten  die  europäischen  Mächte  mitzusprechen:
  das  machte  die  Sache  für  Frankreich  unbequem.
Angesichts  der  Möglichkeit  einer  europäischen  Verwickelung

Kohl,  Wegweiser.  8
        <pb n="126" />
        114  XlIII.  Emser  Depesche.  Begründung  des  Deutschen  Reichs.

stimmte  Napoleon  seine  Wünsche  bedeutend  herab:  er  wollte
Luxemburg  durch  Kauf  von  Holland  erwerben  und  brachte
auch  den  König  von  Holland  durch  Ueberredung  und  Drohung
zum  Abschluß  eines  Kauf-Vertrags.  Der  Norddeutsche  Bund
konnte  an  sich  auf  Luxemburg  Rechtsansprüche  nicht  erheben;
aber  das  deutsche  Nationalgefühl  äußerte  sich  damals  in  einer
so  lebhaften  Form,  daß  Bismarck  darin  einen  starken  Verbündeten
  fand  für  seine  diplomatische  Action,  die  Luxemburg
vor  französischer  Begehrlichkeit  sicherstellte  und  seiner  zukünftigen
  Neutralität  die  Bürgschaft  der  europäischen  Großmächte
  verschaffte.

Seit  diesem  Mißlingen  dachte  Napoleon  an  den  Krieg
mit  Preußen;  die  Reform  des  französischen  Heeres,  seine  Neuorganisation
  und  bessere  Bewaffnung  wurde  mit  Eifer  betrieben,
  und  fleißig  hielten  seine  Berather  Ausschau  nach
Bundesgenossen  und  nach  einem  Vorwande,  der  die  Kriegserklärung
  in  den  Augen  Europas  rechtfertigen  konnte.  Die
preußische  Politik  aber  hielt  sich  in  so  correcten  Bahnen,  sie
war  so  ehrlich  beflissen,  die  Friedlichkeit  ihrer  Ziele  zu  betonen
und  die  Bestimmungen  des  Prager  Friedens  hinsichtlich  der
süddeutschen  Staaten  auch  allen  pandeutschen  Bestrebungen
gegenüber  zur  Geltung  zu  bringen,  daß  Frankreich  sich  schon
den  Vorwand  schaffen  mußte,  wenn  es  zum  Kriege  gelangen
wollte:  die  Candidatur  des  Erbprinzen  Leopold  von  Hohenzollern
  bot  hierzu  willkommene  Gelegenheit  (22.  Capitel:  Die
Emser  Depesche).

Die  Franzosen  werden  nicht  müde,  zu  behaupten  —  und
die  deutschen  Franzosenfreunde  unter  den  Socialdemokraten
stimmen  ihnen  bei  —,  daß  die  Hohenzollernsche  Candidatur
von  Bismarck  eigens  erfunden  worden  sei,  um  die  Franzosen
zum  Kriege  zu  reizen.  Daß  das  eine  Lüge  sei,  ist  schon
tausendmal  bewiesen  worden,  und  vor  der  Geschichte  wird  auch
die  Lüge  keinen  Bestand  haben.  Der  Antrag,  König  von
Spanien  zu  werden,  ist  dem  Erbprinzen  Leopold  von  Spanien
aus  gemacht  worden.  Die  ganze  Sache  ging  nur  Spanien  und
den  Erbprinzen  bez.  dessen  Vater  als  Familienhaupt  des
Hohenzollern  =  Sigmaringischen  Hauses  an,  den  König  von
        <pb n="127" />
        Frankreichs  Compensationswünsche.  Hohenzollernsche  Candidatur.  115

Preußen  nur  in  seiner  Eigenschaft  als  Chef  des  Hohenzollernschen
  Gesammthauses,  insoweit  ihn  die  fürstliche  Linie  in  ihren
Familienangelegenheiten  als  solchen  anerkannte.  Weder  der
preußische  Staat  noch  der  Norddeutsche  Bund  konnte  sich  mit
der  Frage  der  Besetzung  des  spanischen  Thrones  befassen,  und
wenn  Bismarck  in  dieser  Angelegenheit  dem  Fürsten  Anton
und  seinem  Sohne  auf  ihr  Befragen  Rathschläge  gab,  so  that
er  es  nicht  in  seiner  Eigenschaft  als  Kanzler  des  Norddeutschen
Bundes,  sondern  als  Privatmann  ohne  jede  Verbindlichkeit
für  Preußen  und  den  von  ihm  geleiteten  Bund.  Gewiß  ist  —
und  er  hat  es  nie  bestritten  —,  daß  er  dem  Prinzen  gerathen
hat,  Spaniens  Wunsch  zu  erfüllen,  aber  ebenso  gewiß  ist,  daß
er  diesen  Rath  nicht  gab  in  der  Hoffnung,  dadurch  zum  Kriege
mit  Frankreich  zu  gelangen.  Er  glaubte  im  Gegentheil,  daß
die  Wahl  des  Prinzen,  der  dem  Napoleonischen  Hause  näher
verwandt  war  als  den  Hohenzollern  in  Preußen,  in  Paris  auf
Widerstand  nicht  stoßen  würde,  und  hielt  es  für  ganz  selbstverständlich,
  daß  der  Prinz  als  König  von  Spanien  danach
streben  würde,  die  Fühlung  mit  der  kaiserlich  französischen
Politik  zu  gewinnen,  die  zu  den  Vorbedingungen  gehörte,  unter
denen  er  Spanien  regieren  konnte.  1)  Daß  er  die  spanische
Thronfolge  unter  dem  Gesichtspunkte  der  deutschen  Interessen
erwog,  war  seine  Pflicht,  aber  er  dachte  zunächst  mehr  an
wirthschaftliche  als  an  politische  Beziehungen,  denen  ein  König
von  Spanien  deutscher  Abstammung  förderlich  sein  konnte:
„Ein  uns  befreundetes  Element  in  der  spanischen  Regierung
wäre  ein  Vortheil  gewesen,  den  a  limine  abzuweisen  in  den
Aufgaben  der  deutschen  Politik  kein  Grund  vorhanden  war,
es  sei  denn,  daß  man  die  Besorgniß,  Frankreich  könne  unzufrieden
  werden,  als  einen  solchen  gelten  lassen  wollte.“  Die

 

 

1)  Dem  widerspricht  nicht  die  Geheimhaltung  der  Candidatur  vor
Frankreich:  sie  geschah  auf  Prims  ausdrücklichen  Wunsch,  der  fremden
Einfluß  auf  die  rein  spanische  Angelegenheit  nach  Möglichkeit  fernhalten
wollte.  Es  ist  kaum  zulässig,  von  einem  rücksichtslosen  Verfahren
Bismarcks  Frankreich  gegenüber  in  der  Frage  der  Candidatur  zu  sprechen,
wie  Erich  Marcks,  Wilhelm  I.  (S.  288)  thut.  Bismarck  war  nicht  berechtigt,
  die  Geheimnisse  der  spanischen  Regierung  an  Frankreich  mitzutheilen.


8*
        <pb n="128" />
        116  XIII.  Emser  Depesche.  Begründung  des  Deutschen  Reichs.

Haltung  Spaniens  im  deutsch-französischen  Kriege  hat  gezeigt,
wie  wenig  Deutschland  in  politischer  Hinsicht  von  Spanien  erwarten
  durfte:  die  Nachkommen  des  Cid  sahen  „Gewehr  bei
Fuß“"  zu,  wie  sich  die  deutschen  Truppen  mit  den  Franzosen
schlugen  um  die  Freiheit  der  spanischen  Königswahl  und  ließen
ohne  Murren  die  Fälschung  der  Frage  aus  einer  spanischen
in  eine  deutsche  geschehen,  statt  ihrerseits  Frankreich  wegen
seiner  Einmischung  in  eine  spanische  Angelegenheit  zur  Rechenschaft
  zu  ziehen.

Wenn  Frankreich  sein  Interesse  durch  die  Wahl  des  Hohenzollernschen
  Prinzen  gefährdet  glaubte,  so  hatte  es  sich  nach
Madrid,  nicht  nach  Berlin  zu  wenden;  indem  es  seiner  peinlichen
  Ueberraschung  im  Auswärtigen  Amte  zu  Berlin  Ausdruck
gab,  bewies  es,  daß  es  den  gesuchten  Vorwand  zum  Kriegsfall.
mit  Preußen  gefunden  zu  haben  glaubte.  Die  Antwort,  die
Herr  von  Thile  dem  französischen  Geschäftsträger  gab,  war  ohne
Zweifel  correct:  dem  preußischen  Ministerium  war  die  durchaus
als  Familiensache  behandelte  Angelegenheit  amtlich  fremd;  denn
das  in  den  Denkwürdigkeiten  des  Königs  von  Rumänien  erwähnte
  Ministerconseil  im  Schlosse  zu  Berlin  hat  nach  Bismarcks
Zeugniß  niemals  stattgefunden,  die  spanische  Candidatur  ist
dort  höchstens  im  Tischgespräch  berührt,  niemals  aber  amtlich
verhandelt  worden.  In  Paris  machte  man  kein  Hehl  daraus,
worauf  es  bei  der  ganzen  Komödie  abgesehen  war:  Preußen
sollte  entweder  zur  Zurückziehung  der  Candidatur,  zu  der  es
nur  durch  die  Person  seines  Königs  als  eines  Mitgliedes  des
Hohenzollernschen  Hauses  in  Beziehung  stand,  gedemüthigt
oder  zum  Kriege  getrieben  werden.  Ließ  es  sich  demüthigen,
so  hatte  Frankreich  einen  diplomatischen  Erfolg  errungen,  der
sein  durch  1866  verlorenes  Prestige  mit  einem  Schlage  wieder
herstellte,  lehnte  es  die  geforderte  Genugthuung  ab,  so  hoffte
man  es  zu  schlagen  und  rechnete  dabei  auf  die  Mitwirkung
der  süddeutschen  Staaten,  sowie  derjenigen  unzufriedenen
Elemente  des  Nordbundes,  die  aus  ihrer  französischen  Gesinnung
  kein  Hehl  machten.  Die  französischen  Minister  „lebten,
rechneten  und  handelten  in  Rheinbundserinnerungen“,  „der
deutsch-nationale  Aufschwung,  welcher  der  französischen  Kriegs-
        <pb n="129" />
        Französische  Unverschämtheiten.  Bismarck  und  die  Emser  Vorgänge.  117

erklärung  folgte,  vergleichbar  einem  Strome,  der  die  Schleußen
bricht,  war  für  die  französischen  Politiker  eine  Ueberraschung“.
Das  Ministerium  Gramont-Ollivier  überstürzte  die  Dinge:  der
unberechtigten  Anfrage  vom  4.  Juli,  die  Bismarck  als  eine
„internationale  Unverschämtheit“  bezeichnet,  „die  für  uns  die
Unmöglichkeit  involvirte,  auch  nur  um  einen  Zoll  breit  zurückzuweichen“,
  folgte  am  6.  die  „amtliche  internationale  Bedrohung
mit  der  Hand  am  Degengriff“  durch  die  Erklärungen  der  beiden
Minister  im  gesetzgebenden  Körper  und  die  Fluth  von  amtlich
autorisirten  Beschimpfungen  Preußens  in  der  französischen  Presse
über  das  Thema:  „La  Prusse  cane“  (Preußen  kneift!)
Bismarck  wurde  durch  den  Sturn  kriegerischer  Leidenschaft,
den  das  Bekanntwerden  der  Hohenzollernschen  Candidatur  an
der  Seine  entfesselt  hatte,  in  Varzin  überrascht;  hatte  er  den
ersten  Aeußerungen  in  der  französischen  Presse  kein  besonderes
Gewicht  beigelegt,  so  belehrte  ihn  die  amtliche  Erklärung  der
Minister  in  Verbindung  mit  der  Thatsache,  daß  der  Botschafter
Graf  Benedetti  Weisung  erhalten  hatte,  in  Ems  unmittelbar  beim
Könige  von  Preußen  vorstellig  zu  werden,  daß  an  dem  Ernst
der  Lage  nicht  zu  zweifeln  sei.  Er  verließ  am  12.  Juli  Varzin,
um  sich  nach  Ems  zu  begeben  und  bei  dem  Könige  die  Berufung
  des  Reichstages  zum  Zwecke  der  Mobilmachung  zu
befürworten.  Er  gab  die  Reise  nach  Ems  auf,  als  er  in  Berlin
aus  den  eingegangenen  Telegrammen  ersah,  daß  der  König
auch  nach  den  französischen  Bedrohungen  in  Presse  und  Parlament
  fortfuhr,  mit  Benedetti  zu  verhandeln,  „ohne  ihm  in
kühler  Zurückhaltung  an  seine  Minister  zu  verweisen.“  Die
am  Abend  eintreffende  Nachricht  von  der  Entsagung  des  Prinzen
von  Hohenzollern  bestärkte  ihn  in  seinem  Entschlusse,  aus  dem
Dienste  zu  scheiden,  „weil  er  nach  allen  beleidigenden  Provocationen,
  die  vorhergegangen  waren,  in  diesem  erpreßten  Nachgeben
  eine  Demüthigung  Deutschlands  sah“,  die  er  amtlich
nicht  verantworten  wollte.  Moltke  und  Roon,  die  an  diesem
(wie  auch  am  folgenden)  Abend  bei  ihm  zu  Tisch  waren,  hatten
gleich  ihm  das  Gefühl,  daß  Preußen  durch  seine  Nachgiebigkeit
eine  Niederlage  erlitten  habe,  die  der  von  Olmütz  gleichkam.
Die  Dinge  waren  durch  die  persönlichen  Verhandlungen  des
        <pb n="130" />
        118  XIII.  Emser  Depesche.  Begründung  des  Deutschen  Reichs.

Königs  mit  Benedetti  auf  einen  falschen  Strang  gekommen;
er  hätte  vollständig  correct  gehandelt,  wenn  er  den  zudringlichen
  und  unbequemen  Fragesteller  an  den  Minister  verwiesen
hätte,  dem  es  zukam,  politische  Verhandlungen  zu  führen.  In
aufrichtiger  Friedensliebe  hatte  er  sich  ehrlich  bemüht,  die
französische  Aufregung  zu  dämpfen,  und  war  sicher  der  festen
Ueberzeugung,  der  Würde  seines  Staates  nichts  vergeben  zu
haben.  Sein  Minister  war  anderer  Meinung.  Im  constitutionellen
  Staate  ist  nicht  das  Staatsoberhaupt,  sondern  der
Minister  verantwortlich,  und  das  Triumphgeheul  der  französischen
  Presse  über  den  diplomatischen  Sieg  Frankreichs
beweist  zur  Genüge,  daß  man  dem  Ministerium  Bismarck  und
der  durch  dasselbe  vertretenen  preußischen  Ehre  einen  tödtlichen
Streich  zugefügt  zu  haben  glaubte.  Da  war  es  eine  besondere
Fügung,  daß  der  König  den  Minister  am  13.  Juli  ermächtigte,
die  Thatsache,  daß  die  neue,  geradezu  unerhörte  Forderung
einer  bindenden  Bürgschaft  für  die  Zukunft  vom  Könige  zurückgewiesen
  worden  sei,  sowohl  den  Gesandten  wie  in  der  Presse
mitzutheilen.  Die  Form  war  Sache  des  Ministers,  und  es  ist
eine  ganz  ungqualificirbare  Unverschämtheit  unserer  vaterlandslosen
  Socialdemokraten,  daß  sie  immer  von  Neuem  von  einer
Fälschung  der  Emser  Depesche  sprechen,  während  Bismarck
nur  in  Erfüllung  eines  königlichen  Auftrages,  unter  Zustimmung
von  Moltke  und  Roon,  handelte  und  unter  dem  Zwange  eines
hochgespannten  Ehrgefühls,  wie  wir  es  in  entscheidenden
Stunden  bei  jedem  verantwortlichen  Leiter  der  deutschen  Politik
zu  finden  wünschen  müßten.  Bismarck  übersah  den  uneinbringlichen
  Nachtheil  einer  weiteren  Nachgiebigkeit  für  unsere
Entwickelung  zur  Einheit,  und  überzeugt,  „daß  die  Kluft,  die
die  Verschiedenheit  des  dynastischen  und  Stammesgefühls  und
der  Lebensgewohnheiten  zwischen  dem  Süden  und  dem  Norden
des  Vaterlandes  im  Laufe  der  Geschichte  geschaffen  hatte,  nicht
wirksamer  überbrückt  werden  könne,  als  durch  einen  gemeinsamen
  nationalen  Krieg  gegen  den  seit  Jahrhunderten  aggressiven
  Nachbar“,  gab  er  der  Mittheilung  an  die  Oeffentlichkeit
  eine  Fassung,  die  die  Franzosen  in  die  Zwangslage
brachte,  ihrerseits  den  Krieg  zu  erklären  oder  die  Ohrfeige
        <pb n="131" />
        Redaction  der  Emser  Depesche.  119

einzustecken,  die  ihnen  Bismarck  versetzte.  „Der  Unterschied  in
der  Wirkung  des  gekürzten  Textes  der  Emser  Depesche  im
Vergleich  mit  der,  welche  das  Original  hervorgerufen  hätte,
war  kein  Ergebniß  stärkerer  Worte,  sondern  der  Form,  welche
diese  Kundgebung  als  eine  abschließende  erscheinen  ließ,  während
die  Redaction  Abekens  nur  als  ein  Bruchstück  einer  schwebenden
und  in  Berlin  fortzusetzenden  Verhandlung  erschienen  sein  würde.“

Es  ist  echt  deutscher  Doctrinarismus  und  deutsche  Nörgelei,
  wenn  immer  von  Neuem  gemäkelt  wird  an  der  Art,  wie
der  Krieg  zum  Ausbruche  kam.  Statt  dem  Hüter  unserer
nationalen  Ehre  zu  danken,  daß  er  den  Muth  der  Verantwortlichkeit
  besaß,  die  sein  Amt  von  ihm  forderte,  kassen  wir
ihn  von  Buben  und  gefühlvollen  Schwätzern  beschimpfen  und
helfen  so  selbst  mit  den  Ast  absägen,  auf  dem  wir  sitzen.  Ist
der  Krieg  durch  deutsche  Schuld  zum  Ausbruch  gekommen,  so
sind  die  Franzosen  ganz  berechtigt,  über  rohe  Gewalt  zu  klagen
und  Elsaß-Lothringen  zurückzufordern,  das  als  Kampfespreis
in  deutschen  Händen  blieb.  Daß  die  freiwillige  Rückgabe  dieser
durch  deutsches  Blut  in  einem  aufgezwungenen  Kriege  erkauften
Gebiete  von  deutschen  Gelehrten  ernsthaft  erwogen  werden  kann,
beweist,  wie  wenig  stark  noch  unser  nationales  Empfinden
selbst  in  Kreisen  ist,  die  die  geistigen  Führer  der  Nation  sein
sollten.  Bismarck  hat  den  Krieg  nicht  herbeigeführt  —  er  war
jederzeit  gegen  Präventivkriege,  weil  „man  der  Vorsehung  nicht
in  die  Karten  sehen  kann,  um  der  geschichtlichen  Entwickelung
nach  eigener  Berechnung  vorzugreifen“  —,  aber  er  ist  ihm
nicht  ausgewichen,  als  er  ohne  Ehrverlust  nicht  mehr  zu  vermeiden
  war  —  und  das  ist  sein  größtes  geschichtliches
Verdienst.

Während  des  französischen  Krieges  (23.  Capitel:  Versailles)
  machte  sich  Bismarck  gegenüber  eine  Rivalität  der  militairischen
  Ressortbehörden  geltend,  deren  erste  Spuren  sich  schon  in
Böhmen  gezeigt  hatten.  Die  Militairs  waren  darüber  empfindlich,
  daß  in  Nikolsburg  der  Rath  des  auswärtigen  Ministers,  den
Angriff  auf  die  Floridsdorfer  Linien  durch  den  Uebergang  der
Donau  bei  Preßburg  zu  vermeiden,  die  Zustimmung  des  obersten
        <pb n="132" />
        120  XII.  Emser  Depesche.  Begründung  des  Deutschen  Reichs.

Kriegsherrn  gefunden  hatte,  und  konnten  es  ihm  nicht  vergessen,
  daß  er  den  Siegeslauf  des  preußischen  Heeres  hemmte,
als  die  französische  Einmischung  die  Beendigung  des  österreichischen
  Krieges  ihm  räthlich  erscheinen  ließ.  Den  höchsten
Spitzen,  Roon  und  Moltke,  lag  solche  Ressortfeindschaft  und
Ressortbeschränktheit  selbstverständlich  fern,  aber  sie  wurde
förmlich  gepflegt  im  Kreise  der  „Halbgötter",  wie  man
die  höheren  Generalstabsoffiziere  damals  nannte.  Sie  setzten
es  beim  Könige  durch,  daß  Bismarck  nicht  nur  zu  den  militairischen
  Berathungen  nicht  zugezogen,  sondern  ihm  gegenüber
  auch  strenge  Geheimhaltung  aller  militairischen  Maßregeln
und  Absichten  als  Regel  aufgestellt  wurde.  Das  hatte  seinen
großen  Nachtheil  für  die  Führung  der  politischen  Geschäfte,
die  vom  Kriege  unzertrennlich  waren,  und  Bismarck  nimmt  in
den  „Gedanken  und  Erinnerungen“  Gelegenheit,  seine  damaligen
Erfahrungen  zum  Besten  der  Zukunft  mitzutheilen  und  in
einigen  lapidar  gehaltenen  Sätzen  das  Verhältniß  von  Heerführung
  und  politischer  Leitung  zu  einander  zu  charakterisiren.
Nur  zu  leicht  lassen  die  leitenden  Militairs  aus  dem  Auge,
daß  der  Zweck  des  Krieges  die  Erkämpfung  des  Friedens  unter
Bedingungen  ist,  die  der  von  dem  Staate  verfolgten  Politik
entsprechen,  daß  die  Feststellung  und  Begrenzung  der  Ziele,
die  durch  den  Krieg  erreicht  werden  sollen,  die  Berathung  des
Monarchen  in  Betreff  derselben  während  des  Krieges  wie  vor
demselben  eine  politische  Aufgabe  ist,  deren  Lösung  dem  verantwortlichen
  auswärtigen  Minister  zufällt,  daß  die  Art  ihrer
Lösung  aber  auch  nicht  ohne  Einfluß  auf  die  Art  der  Kriegführung
  sein  kann.

Eine  der  Fragen,  in  welcher  nach  Bismarcks  Ansicht  von
den  Militairs  zu  wenig  das  politische  Moment  erwogen  wurde,
betraf  die  Beschießung  von  Paris.  Bismarck  wünschte  dringend
die  Eröffnung  des  Bombardements,  um  den  Parisern  die
Nothwendigkeit  des  Friedensschlusses  nahezulegen,  die  ihnen
erst  greifbar  wurde,  wenn  sie  die  ganze  Furchtbarkeit  des
Krieges  am  eigenen  Leibe  verspürten.  Er  lebte  in  beständiger
Sorge  vor  der  Einmischung  der  neutralen  Mächte,  die  aus  der
keineswegs  rosigen  Lage  der  Deutschen  vor  Paris  und  aus  der
        <pb n="133" />
        Bismarck  und  die  Militairs.  Beschießung  von  Paris.  121

Entwickelung  ungeahnter  Vertheidigungskräfte  im  mittleren  und
südlichen  Frankreich  eine  Ermuthigung  schöpfen  konnten,  in  einer
gemeinsamen  Vorstellung  die  Beilegung  des  Krieges  auf  dem
Wege  einer  europäischen  Conferenz  zu  fordern,  deren  Beschlüsse
dafür  gesorgt  haben  würden,  daß  die  deutschen  Bäume  nicht
in  den  Himmel  wuchsen.  Seine  Befürchtungen  waren  durchaus
nicht  ohne  Grund.  Graf  Beust,  der  nach  1866  die  Leitung  des
österreichischen  Staates  übernommen  und  den  Gedanken  eines
mit  Frankreich  gemeinschaftlichen  Krieges  gegen  Preußen  erst
nach  den  glänzenden  Siegen  der  deutschen  Waffen  aufgegeben
hatte,  war  eifrig  bemüht,  unter  der  heuchlerischen  Maske  der
Menschlichkeit  eine  „collective  Mediation  der  Neutralen“  zu
Stande  zu  bringen;  um  so  dringlicher  erschien  es  Bismarck,
mit  Frankreich  abzuschließen,  bevor  eine  Verständigung  der
neutralen  Mächte  über  ihre  Einflußnahme  auf  den  Frieden
erfolgt  war.  Es  war  ihm  nicht  unbekannt,  daß  in  Italien  bei
dem  König,  in  Rußland  bei  Gortschakow  hilfbereites  Wohlwollen
  für  Frankreich  vorhanden  war,  und  „daß  wir  in  den
maßgebenden  Kreisen  eines  so  gewichtigen  Factors  wie  England
über  zuverlässige  Sympathien,  und  namentlich  über  solche,
welche  bereit  gewesen  wären,  sich  auch  nur  diplomatisch  zu  bethätigen,
  nicht  verfügen  konnten.“  Was  auf  dem  Spiele  stand,
wenn  die  Einmischung  der  Neutralen  Deutschland  den  Siegespreis
  beschnitt,  sah  Bismarck  klarer  voraus  als  die  Militairs:
der  gewaltige  Krieg  mit  seinen  Siegen  und  seiner  Begeisterung
blieb  dann  ohne  die  Wirkung,  die  er  für  unsere  nationale
Einigung  haben  konnte;  gelang  es  nicht,  ihn  zum  vollen  Abschluß
  zu  bringen,  „so  waren  weitere  Kriege  ohne  vorgängige
Sicherstellung  unserer  vollen  Einigung  in  Sicht.“  Der  gleichen
Ansicht  wie  Bismarck  in  der  Frage  der  Beschießung  von  Paris
war  Roon,  aber  ihm  standen  andere  militairische  Autoritäten
gegenüber,  die  einer  sofortigen  Beschießung  sich  widersetzten,  so
lange  die  schweren  Belagerungsgeschütze  mit  ihrer  Munition
nicht  zur  Stelle  seien.  Es  zeigte  sich  aber  auch  nicht  der  gute
Wille,  sie  so  schnell  wie  möglich  zur  Stelle  zu  bringen,  und
diese  Verzögerung  einer  vom  militairischen  wie  politischen
Standpunkte  so  nothwendigen  Maßregel  führt  Bismarck  auf
        <pb n="134" />
        122  XIII.  Emser  Depesche.  Begründung  des  Deutschen  Reichs.

englische  Einwirkungen  zurück,  die  durch  Vermittelung  hoher
Damen  in  Berlin  an  maßgebender  Stelle  zur  Geltung  gebracht
wurden  und  im  Wesentlichen  in  der  Anschauung  gipfelten,
daß  aus  Menschlichkeitsrücksichten  dem  „Mekka  der  Civilisation“
die  zerstörenden  Wirkungen  einer  Beschießung  erspart  bleiben
müßten.  Aus  Humanitätsrücksichten  für  die  hungernden  Pariser
ließ  man  zur  selben  Zeit,  da  die  schweren  Geschütze  aus  Mangel
an  Eisenbahnmaterial  nicht  herangeschafft  werden  konnten,  800,
nach  andern  1500  Achsen  mit  Lebensmitteln  festlegen,  die  bei
der  Uebergabe  der  Stadt  den  Franzosen  überlassen  werden
sollten,  nachmals  aber  von  ihnen  verschmäht  wurden.  Die
deutschen  Truppen  verbrauchten  dann  mit  Widerstreben  den
durch  lange  Lagerung  ranzig  gewordenen  Speck.

Die  Frucht  des  Krieges  wurde  die  Erneuerung  des
Kaisertitels,  die  Begründung  eines  alle  deutschen  Staaten  umfassenden
  Deutschen  Reiches  auf  föderativer  Grundlage.  Bismarck
kannte  den  Zauber,  den  der  Name  des  Kaisers  auf  deutsche  Herzen
in  Erinnerung  an  frühere  Größe  übte,  und  hielt  die  Annahme
des  Titels  durch  den  König  von  Preußen  bei  Erweiterung  des
Norddeutschen  Bundes  für  ein  politisches  Bedürfniß.  König
Wilhelm  dagegen  widerstrebte  einem  Titel,  den  er  geringschätzig
  als  „Charaktermajor“  bezeichnete,  und  hatte  in  seinem
starken  dynastischen  Gefühle  vielmehr  den  Wunsch,  die  hohe
Bedeutung  des  preußischen  Königthums  vor  der  Welt  zur
Geltung  zu  bringen.  Der  Kronprinz  stand  unter  dem  Einflusse
„politischer  Phantasten",  die  von  der  Annahme  des  Kaisertitels
die  Rückkehr  zur  Politik  „des  römischen  Kaiserthums“  mit
seiner  antinationalen  Richtung  befürchteten,  und  begeisterte  sich
für  den  Titel  eines  „Königs  der  Deutschen“  für  den  bisherigen
König  von  Preußen,  dem  dann  die  übrigen  deutschen  Fürsten
unterthan  sein  sollten,  die  Könige  unter  Ablegung  des  königlichen
  Titels,  den  sie  gegen  den  herzoglichen  eintauschen  sollten.
Gegen  die  Abneigung  des  Königs,  wie  gegen  die  auf  eine  unrichtige
  Schätzung  der  politischen  Realitäten  gegründete  Anschauung
  des  Kronprinzen  hatte  Bismarck  einen  schweren  Kampf
zu  bestehen.  Es  ist  fraglich,  ob  er  in  diesem  Kampfe  siegreich
geblieben  wäre  und  die  deutsche  Einheit  unter  Dach  gebracht
        <pb n="135" />
        Die  Erneuerung  des  Kaisertitels.  Kronprinzliche  Denkschrift.  123

hätte,  wenn  er  sich  nicht  des  Königs  von  Bayern  bedient  hätte,
um  einen  Druck  auf  die  Abneigung  seines  hohen  Herrn  gegen
den  Kaisertitel  auszuüben.  Er  ließ  ihm  durch  den  Grafen
Holnstein  den  Entwurf  eines  Schreibens  an  den  König  von
Preußen  zugehen,  in  welchem  der  König  von  Bayern  erklärte,
die  zugesagten,  aber  noch  nicht  ratificirten  Zugeständnisse  nur
dem  deutschen  Kaiser,  nicht  aber  dem  Könige  von  Preußen
machen  zu  können.  Dieser  Brief  des  Königs  von  Bayern  gab
Bismarck  ein  wichtiges  Argument  zur  Ueberwindung  des  Widerstandes.
  Aber  ein  neues  Hemmniß  erhob  sich  in  der  Forderung
des  Königs,  Kaiser  von  Deutschland  genannt  zu  werden  und
nicht  bloß  deutscher  Kaiser.  Allen  Einwänden  Bismarcks  gegen
die  sachliche  Unzulässigkeit  eines  Titels,  der  ein  nicht  vorhandenes
  Besitzrecht  des  preußischen  Königs  auf  alle  nicht  preußischen
  Territorien  in  sich  schloß,  blieb  der  König  unzugänglich,
und  noch  am  17.  Januar  1871  erklärte  er  als  seine  Willensmeinung,
  nur  den  Titel  eines  Kaisers  von  Deutschland  anzunehmen.
  Der  Großherzog  von  Baden  umging  am  18.  Januar
die  Schwierigkeit,  indem  er  das  Hoch  auf  den  Kaiser  Wilhelm
ausbrachte,  die  nähere  Qualification  des  Titels  aber  unterließ.
Der  Kaiser  gab  seinen  Groll  gegen  Bismarck  dadurch  zu  erkennen,
  daß  er  am  Tage  der  Proclamation  seiner  neuen  Machtstellung,
  die  er  nicht  zum  geringsten  Theile  der  Thätigkeit  seines
ersten  Rathgebers  verdankte,  zwar  den  hinter  dem  Kanzler
stehenden  Generalen,  nicht  aber  diesem  selbst  die  Hand  reichte.
Einen  Blick  in  die  Ideenwelt  des  Kronprinzen  von
Preußen  gestattet  eine  Denkschrift,  die  er  aus  dem  Hauptquartier
Blämont  am  14.  August  1870  dem  Grafen  Bismarck  übersandte.
Sie  sollte  nach  dem  Wunsche  des  Fürsten  Bismarck  den  „Gedanken
  und  Erinnerungen“  einverleibt  werden,  fand  aber
schließlich  keine  Verwendung.  Ich  gebe  sie,  nach  einer  von  dem
Original  genommenen  Abschrift  mit  den  von  Bismarck  beigefügten
  Randbemerkungen:
H.  O.  Blämont  Lothringen  14./8.  70.
Beifolgend  sende  ich  Ihnen  meine  Gedankenspähne
für  den  Fall  eines  Friedens,  wie  auch  für  die  endliche
Feststellung  der  deutschen  Gesammt-Einheit.
        <pb n="136" />
        124  XII.  Emser  Depesche.  Begründung  des  Deutschen  Reichs.

Meine  Zeilen  tragen  den  Charakter  des  Feldlebens,
wollen  also  demgemäß  beurtheilt  werden,  zumal  mir  nicht
viel  freie  Zeit  zum  Bearbeiten  und  Niederschreiben  bleibt,
und  beständige  Unterbrechungen  den  begonnenen  Faden
zerreißen.

Nachsicht  also  für  redaction  und  calligraphie.

Gott  gebe  uns  ferner  Erfolge  wie  bisher!  Mir  will
die  Tragweite  der  Siege,  daß  wir  tiefer  nach  Frankreich
hineindringen,  gewichtiger  erscheinen,  als  ich's  ursprünglich
glaubte.  Die  recht  artigen  Elsasser  und  Lothringer  sprechen
sich  mit  Gleichmuth  über  den  baldigen  Sturz  des  Kaiserthums,
  das  ausgespielt  habe,  aus  und  sehen  gleichgültig
der  neuen  Herrschaft  entgegen,  wenn  nur  der  Friede  gewahrt
  bleibt,  dabei  erkennen  sie  gern  dasjenige  Gute  an,  was
der  Napoléon  dem  Lande  gebracht  hat,  sagen  aber  zugleich,
es  ginge  einmal  auf  die  Dauer  mit  solchen  corrumpirten
Leuten  nicht,  wie  die  es  sind,  welche  ihn  umgeben.

Mich  freut's,  daß  die  augenblickliche  europ.  Constellation
uns  nicht  ungünstig  erscheint,  und  hoffe  ich,  daß  wir  bald
zum  Abschluß  gelangen.

Meiner  Ansicht  nach  müssen  wir  die  Augen  schärfer
denn  je  auf  die  süddeutschen  cabinette  gerichtet  behalten,
die  nur  an  separatistische  Selbständigkeit  nach  dem  Frieden
denken.  Ueber  Dalwigk  höre  ich  fortdauernd  nur  Schlechtes;
Varnbühler  kann  man  überhaupt  nicht  trauen.

Volk  und  Soldaten  werden  freilich  anders  denken,
aber  sie  legen  kein  entscheidendes  Gewicht  in  die  Waagschaale!

ergebenster
Ef.  Bismarck  Schönhausen.  Friedrich  Wilhelm,  Kopz.

Kurze  Denkschrift  für  den  Fall  eines  Friedens.
Für  den  Fall  eines  glücklichen  Ausgangs  des  begonnenen
und  mit  siegreichen  Erfolgen  bereits  begünstigten  Krieges  ist
es  Pflicht,  sich  bei  Zeiten  klar  zu  werden:
I.  Unter  welchen  Bedingungen  Frieden  mit  Frankreich  geschlossen
  werden  kann,
        <pb n="137" />
        Denkschrift  des  Kronprinzen.  125

II.  Welche  Vortheile  das  bereits  durch  den  Kriegsausbruch
moralisch  geeinigte,  gesammte  deutsche  Vaterland  gewinnen
  muß.

J.
Friedensbedingungen.

Es  ist  eine  berechtigte  Forderung:  Frankreich  müsse  also
geschwächt  werden,  daß  es  auf  lange  Zeit  verhindert  wird,
einen  entscheidenden  Einfluß  auf  das  Geschick  der  Völker  auszuüben,
  namentlich  aber  durch  seine  Ansprüche  den  europäischen
Frieden  zu  stören.

Dennoch  würde  es  sich  als  unmöglich  erweisen,  einen
Staat,  dessen  Bevölkerung  zahlreicher  ist  als  die  des  Bundesgebiets,
  dessen  Hülfsquellen,  Bodenreichthum  und  Industrie
nicht  geringer  sind  als  die  unseren,  und  dessen!)  besonders
glückliche  geschlossene  geographische  Lage  durch  ein  starkes
Nationalgefühl  seiner  Bewohner  getragen  wird,  auf  die  Dauer
durch  aufgelegten  Druck  und  Verminderung  seiner  Hülfsquellen
zur  Ohnmacht  herabzubringen.

Auch  die  vielfach  geforderte  Neutralisirung  eines  neuen
Landes  zwischen  Deutschland  und  Frankreich,  also  des  Elsaß's
und  Saar-Gebietes,  würde  eine  feindliche  Politik  Frankreichs
nicht  fern  halten,  nur  die  Möglichkeit  künftiger  Strafe  dafür
uns  erschweren.  Unter  diesen  ungünstigen  Umständen  würden
die  deutschen  Forderungen  bei  einem  Friedensschluß  nach  glücklichem
  Kampfe  sich,  den  Kaiser  Napoléon  als  friedenschließenden
Gegner  gedacht,  zunächst  auf  folgende  Punkte  beschränken:

1.  Frankreich  muß  die  gesammte  Last  der  Deutschland

auferlegten  Kosten  dieses  Krieges  zahlen.

2.  Frankreich  muß  in  seinem  Ländergebiet  vermindert
werden,  jedoch  ohne  daß  gerade  Deutschland  oder
Preußen  hierdurch  vergrößert  zu  werden  brauchen.
Der  Rückerwerb  des  deutschen  Elsaß  ist  eine  Herzenssache
  des  deutschen  Volkes  geworden,  welcher  die
Politik  nur  schwer  wird  widerstehen  können.

1)  Org.:  dessen.
        <pb n="138" />
        126  XIII.  Emser  Depesche.  Begründung  des  Deutschen  Reichs.

3.

II.

12.

Jegliches  Anerbieten  seitens  des  Kaisers  Napoléon,
Frieden  zu  schließen,  ohne  Bedingungen  in  obigem
Sinne  anzunehmen,  wird  ohne  Weiteres  abgewiesen.

.Vermittelungsversuche  seitens  neutraler  Großmächte

mögen  angehört  werden,  können  aber  in  keiner  Weise
auf  den  Marsch  unserer  Truppen  einwirken.)

Sollte  Napoléon  selber  erscheinen,  um  wie  im  Jahre

1859  in  Villalranca  persönlich  zu  verhandeln,  so  würde
von  Souverain  zu  Souverain  nichts  schriftlich  festgestellt
  werden.

Nicht  europäische  Truppen  dürfen  nicht  wieder  zur

französischen  Armee  auf  europäischem  Boden  geführt
werden  (Turcos).

Deutsche  Kunst=  und  Litteraturschätze,  welche  seit  den

Raubzügen  Ludwigs  XIV.  trotz  der  Freiheitskriege
noch  in  den  Staatssammlungen  liegen  geblieben  sind,
werden  ausgeliefert.

Der  Offensiv-  und  Délensiv-Vertrag  mit  Italien  wird

aufgehoben.

Nizza  und  Savoyen  werden  an  Italien  zurückgegeben.
10.

Die  interprétation  des  Prager  Friedens  wird  zurückgenommen.-)


Die  Freiheit  des  Handels  in  Kriegszeiten  mit  Ausnahme
  von  Kriegscontrebande  wird  anerkannt.
Frankreich  verpflichtet  sich  zur  Ertheilung  der  Erlaubniß
  des  Baues  einer  Verbindungsbahn  von  dem
deutschen  Bahnsystem  mit  dem  südfranzösischen  zwischen

Mühlheim  und  Belfort.

Sollte  Kaiser  Napoleon  Frankreich  verlassen  oder  abdanken

wollen,

so  hat  Deutschland  zu  erklären,  daß  es  sich  um  die

Wiederbesetzung  des  vacanten  Thrones  nicht  kümmere,  vielmehr

1)  Am  Rand  mit  Bleistift  von  Bismarcks  Hand:  ??  gebe  Gottl

-

«  «  «  »  »  «  »  vorhanden

)  77  77  77  7  «  «  «  w  elche  ?
        <pb n="139" />
        Denkschrift  des  Kronprinzen.  127

sobald  sein  Verlangen  nach  Kriegskostenerstattung  und  Abtretung
  eines  Landestheils  befriedigt  sei,  es  nur  wolle,  daß  die
Verbannungsdecrete  gegen  die  Häuser  Bourbon  und  Orléans
aufgehoben  würden.  Ist  dies  erreicht,  so  behalten  deutsche
Truppen  Elsaß  und  Lothringen  z.  B.  bis  auf  Weiteres  besetzt,
und  man  überläßt  dann  genannten  fürstlichen  Häusern  sowohl
wie  auch  der  französischen  Landesvertretung  die  Regelung
ihrer  eigenen  Angelegenheiten.

Wollte  man  noch  weiter  in  die  inneren  Angelegenheiten
Frankreichs  eingreifen  wollen,  so  könnte  auf  décentralisation
der  Regierung  des  Landes  Gewicht  gelegt  werden.  Die  Einsetzung
  einer  provisorischen  Regierung  könnte  zu  solchem  Zweck
brauchbarer  erscheinen,  als  ein  Verhandeln  mit  den  geschlagenen
Bonapartes  oder  den  oben  zugelassenen  Bourbons-Orléans.

Noch  eine  andere  Maßregel  könnte  überlegt  werden,  ob
nämlich  nicht  eine  ganz  in  sich  selbständige  Organisation  der
Provinzen  einzuführen  wäre,  etwa  in  folgender  Art:

Normandie  mit  Rouen,

Bretagne  mit  Nantes,

Guienne  mit  Bordeaux,

Toulouse,

Languedoc  mit  Lyon,

Bourgogne  mit  Düjon,

Lorraine  mit  Nanc),

Paris  als  neutralisirte  oder  freie  Hauptstadt  des
Bundes.

Den  sieben  Staaten  oder  Provinzen  bliebe  überlassen,  sich
durch  ein  fécératives  Band  zu  einigen  und  sich  beliebig  die
dynastie  zu  wählen  oder  aber  sich  republicanisch  zu  organisiren
  .  .  .  .)

1)  Bemerkung  Bismarcks:  fließen  schnell  wieder  zusammen.  —  Die
Punkte  am  Schlusse  dieses  wie  am  Anfang  des  folgenden  Abschnittes  finden
sich  auch  im  Original.
        <pb n="140" />
        128  XIII.  Emser  Depesche.  Begründung  des  Deutschen  Reichs.

..Doch  sind  dies  kühne  Gedankensprünge,  deren  Verwirklichung
  am  Besten  den  Franzosen  überlassen  bleibt.:)

II.
Die  endliche  Einigung  Deutschlands.

Es  ist  zu  diesem  herrlichen  Zwecke  unumgänglich  nothwendig
  und  erforderlich,  die  gegenwärtige  großartige  nationale
  Begeisterung,  welche  durch  die  ersten  glücklichen  Erfolge
der  verbündeten  Waffen  womöglich  noch  gehoben  oder  fester
geworden  ist,  nicht  verrauchen  zu  lassen.

Sobald  mit  Gottes  Hülfe  ein  Sieg  über  die  gesammte
französische  Armee  errungen  ist,  muß  sofort  an's  Werk  gegangen
  werden.

1.  Zunächst  muß  noch  auf  der  blutigen  Wahlstatt
mit  sämmtlichen  süddeutschen  Staaten  eine  Militärkonvention
geschlossen  werden,  durch  welche  die  Leitung  und  Verwaltung
des  gesammten  Militärwesens  in  Deutschland  dem  König  von
Preußen  als  oberstem  Bundesfeldherrn  übertragen  wird.

Es  giebt  von  jenem  Tage  an  nur  ein  Heer  mit  einem
reglement,  einer  Art  der  Bewaffnung  und  Ausrüstung
  und  einem  Prinzip  des  Avancements  und
Ersatzwesens.

2.  Die  süddeutschen  Staaten  treten  in  den  Bund  derjenigen
  deutschen  Staaten  ein,  die  bisher  der  „Norddeutsche
Bund“  genannt  wurden,  unter  Wahrung  der  Titulatur  und
aller  persönlichen  Ehrenrechte  und  Würden  der  deutschen  Souveraine
  sowie  ihrer  Häuser  nebst  derjenigen  unwesentlichen
Dinge,  welche  seitens  derselben  als  Zeichen  der  Selbständigkeit
betrachtet  werden,  wie  z.  B.  Gesandtschaften  zu  halten  und
zu  besetzen.

Es  würde  sich  empfehlen,  wenn  die  deutschen  Fürsten
Gelegenheit  erhielten,  durch  persönliche  Theilnahme  an  einzelnen
  großen  acten  der  Gesetzgebung,  bei  Bundesrath  und

1)  Orig:  bleiben.
        <pb n="141" />
        Denkschrift  des  Kronprinzen.  129

Reichstag  ihren  patriotischen  Antheil  an  dem  deutschen  Staate
zu  bethätigen.
[Es  sei  hier  eingeschaltet,  daß  unter  Umständen  vielleicht
die  deutschen  souverainen  Fürsten  ihrerseits  eine
Urkunde  an  den  präsidirenden  Fürsten  einreichen
könnten,  kraft  welcher  sie  um  persönliche  Aufnahme
in  irgend  eine  Vertretung  des  deutschen  Volks  (Reichstag
  oder  Zollparlament)  bitten,  um  vielleicht  mit
den  Häuptern  der  ehemaligen  reichsunmittelbaren
und  reichsständischen  Geschlechter  ein  Oberhaus  zu
bilden.

Die  weitere  Regelung  der  Angelegenheiten  Deutschlands
geschieht  mit  Hülfe  der  bereits  bestehenden  Gesammtvertretung,
welche  als  Zollparlament  wiederholt  getagt  hat.  Dieses  Haus
würde  sofort  zu  einer  constituirenden  Versammlung  berufen
werden  müssen,  da  dieselbe  zu  Recht  besteht,  also  ohne  Octroyirung
  oder  Wahlgesetzberathung  tagen  kann.

Der  Norddeutsche  Reichstag  würde  keine  Gesammtververtretung
  unter  solchen  Umständen  vorstellen  können.

Es  wäre  baldmöglichst  dafür  Sorge  zu  tragen,  daß  die
matricular-Beiträge  der  Bundesstaaten  insoweit  anders  geregelt
  würden,  als  das  Drückende  des  gegenwärtigen  Verhältnisses
  gehoben  würde,  wofür  die  souverainen  Fürsten  sich  freiwillig
  gewisser  Rechte  begeben  würden,  welche  ihnen  Lasten
auferlegen,  die  auf  die  oberste  leitende  Bundesbehörde  überzugehen
  hätten.  So  z.  B.  Geistliche  und  Schulangelegenheiten.

Jedem  deutschen  Staat  bleibt  es  unzweifelhaft  gestattet,
nach  wie  vor  seine  inneren  Angelegenheiten  zu  verwalten,
und  zu  diesem  Zweck  Vertreter  des  Landes  zu  berufen,  deren
Zusammensetzung  und  deren  Rechtsbefugniß  lediglich  den  localen
Verhältnissen  anzupassen  sein  werden,  und  von  denen  die
Bundesverwaltung  nicht  berührt  wird.

S  —

Kohl,  Wegweiser.  9
        <pb n="142" />
        XIV.
Ser  Culturkampf.

In  Versailles  empfing  Bismarck  im  November  1870  den
Grafen  Ledochowski,  Erzbischof  von  Posen  und  Gnesen
(24.  Capitel:  Culturkampf).  Der  hohe  Geistliche  kam,  um
die  Hilfe  des  Norddeutschen  Bundes  zu  Gunsten  der  weltlichen
  Herrschaft  des  Papstes  zu  erbitten,  die  nach  dem  Abzuge
der  Franzosen  aus  Rom  an  die  Italiener  verloren  gegangen
war.  Bismarck  lehnte  nicht  direct  ab,  er  machte  dem  Grafen
Ledochowski  und  später  auch  dem  Cardinalerzbischof  Bonnechose
  von  Rouen  den  Vorschlag,  sie  möchten  durch  den  Papst
auf  die  französische  Geistlichkeit  im  Sinne  des  Friedens  einwirken,
  worauf  der  Norddeutsche  Bund  auch  die  Interessen
des  Papstes  dem  italienischen  Königthume  gegenüber  wahrnehmen
  werde.  Beide  Kirchenfürsten  waren  in  diesem  Sinne
thätig,  konnten  aber  Bismarck  nur  von  einer  kühlen,  ablehnenden
  Aufnahme  ihrer  Schritte  berichten:  die  am  Hofe  des
Papstes  maßgebenden  Jesuiten  hatten  entweder  nicht  die
Kraft  oder  nicht  den  guten  Willen,  den  päpstlichen  Einfluß
zum  Besten  des  Friedens  zur  Geltung  zu  bringen.  Die
Einmischung  zu  Gunsten  des  Papstes  unterblieb,  und  die
Thronrede  zur  Eröffnung  des  deutschen  Reichstages  (21.  März
1871)  ertheilte  allen  Bestrebungen,  die  Macht  des  Deutschen
Reiches  für  andere  als  deutsche  Interessen  in  Bewegung  zu
setzen,  eine  runde  Absage.

Um  eine  Frage  von  großer  Bedeutung  für  die  Stärkung
der  katholischen  Kirche  in  Deutschland  handelte  es  sich  bei  dem
        <pb n="143" />
        Ultramontane  Wünsche.  Bildung  des  Centrums.  131

Antrage  des  Bischofs  Ketteler  von  Mainz,  in  die  Reichsververfassung
  die  Artikel  der  preußischen  Verfassung  aufzunehmen,
welche  das  Verhältniß  der  katholischen  Kirche  im  Staate
regelten  und  ihr  in  Preußen  eine  in  protestantischen  Staaten
sonst  nicht  vorhandene  Freiheit  der  Bewegung  gestatteten.
Bismarck  konnte  solchen  Anträgen  nicht  stattgeben,  weil  die
Ordnung  des  Verhältnisses  zwischen  Kirche  und  Staat  der
Landesgesetzgebung  zufiel,  nicht  einheitlich  durch  die  Reichsverfassung
  geregelt  werden  konnte.

Die  Verstimmung  über  die  Nichtberücksichtigung  von
Wünschen,  deren  Erfüllung  im  kirchlichen  Machtinteresse  lag,
führte  zur  Neubildung  der  1860  gegründeten,  jetzt  Centrum
genannten  katholischen  Fraction  durch  die  Herren  von  Savigny
und  Mallinckrodt,  die  sich  „auf  dem  Schlachtfelde  parlamentarischer
  und  publicistischer  Kämpfe  innerhalb  Deutschlands“
bald  genug  stärker  erweisen  sollte  als  der  Papst.  Nicht  der
Staat  hat  den  Kampf  gegen  die  Kirche  begonnen,  die  katholische
  Kirche  machte  vielmehr  mobil  gegen  den  Staat  und
zwang  diesen  zur  Vertheidigung  seiner  Hoheitsrechte  gegen
die  Herrschaftsgelüste  der  Hierarchie.  Der  uralte  Streit
zwischen  Königthum  und  Priesterthum  erhob  sich  unmittelbar
nach  den  herrlichen  Siegen  des  vereinigten  Deutschland  in
neuer  Gestalt,  auf  Jahre  hinaus  den  confessionellen  Frieden
vergiftend.  Die  Ultramontanen  sprechen  gern  von  Bismarcks
Feindschaft  gegen  die  Kirche  und  suchen  in  ihr  den  Grund
zum  Streit.  Nichts  thörichter  als  diese  Behauptung!
Bismarck  war  jederzeit  in  confessioneller  Beziehung  duldsam,
und  in  solcher  Duldsamkeit  hat  er  allem  Drängen  heißsporniger
Protestanten  gegenüber,  die  ihn  zu  einem  Protest  gegen  das
Vaticanum  von  1870  bewegen  wollten,  eine  ablehnende
Haltung  bewahrt.  Aber  ebenso  energisch  trat  er  den  Ansprüchen
  der  römischen  Kirche  auf  Betheiligung  an  weltlicher
Herrschaft  entgegen  —  und  das  war  seine  staatsmännische
  Pflicht.

Der  Beginn  des  Culturkampfes  war  übrigens  für  ihn
überwiegend  bestimmt  durch  seine  polnische  Seite.  Das
schnelle  Wachsthum  der  polnischen  Nationalität,  der  Rückgang

97
        <pb n="144" />
        132  XIV.  Der  Culturkampf.

der  deutschen  Bevölkerung  in  Posen  und  Westpreußen,  die
Polonisirung  des  bis  dahin  stramm  preußischen  Elements
der  „Wasserpolacken“  bedeuteten  eine  unleugbare  Gefahr  für
den  preußischen  Staat.  Es  stellte  sich  heraus,  daß  die  Hauptschuld
  an  dem  Fortschritt  der  Polonisation  gerade  diejenige
Behörde  trug,  die  den  Beruf  hatte,  die  Rechte  des  Staates
gegenüber  der  katholischen  Kirche  wahrzunehmen,  unter  dem
Einflusse  ihres  derzeitigen  Leiters  Krätzig  1)  und  der  bei  Hofe
mächtigen  Familie  der  Radziwill  aber  zu  einem  Organ
polnischer  Bestrebungen  und  römischer  Interessen  geworden
war.  Fürst  Bismarck  beantragte  demnach  die  Aufhebung
der  „katholischen  Abtheilung“  und  setzte  sie  auch  gegen  den
Widerstand  der  Radziwillschen  Familie,  der  Kaiserin  Augusta
und  des  unter  ehelichem  Einflusse  unfreien  Ministers  Mühler
durch;  der  letztere  mußte  bald  nachher  (17.  Januar  1872)  seinen
Abschied  nehmen:  „zur  decorativen  Platirung  seines  Abganges.
wurde  eine  Differenz  über  eine  die  Verwaltung  der  Museen
betreffende  Personalfrage  benutzt;  in  der  That  fiel  er  über
Krätzig  und  den  Polonismus,  trotz  des  Rückhaltes,  den  er
und  seine  Frau  durch  Damenverbindungen  am  Hofe  hatten“.
Am  22.  Januar  wurde  der  Geh.  Ober-Justizrath  Falk  als
sein  Nachfolger  in  das  Cultusministerium  berufen.

Die  Ultramontanen  nennen  Bismarck  gern  den  „Vater
der  Maigesetze“;  mit  Unrecht:  „die  juristische  Detailarbeit  der

1)  Die  Familie  Radziwill  hat  die  von  Bismarck  einmal  gebrauchte
Bezeichnung  Krätzigs  als  eines  „Leibeigenen“  der  Radziwills  benutzt,  um
die  Glaubwürdigkeit  der  „Gedanken  und  Erinnerungen“  Bismarcks  anzuzweifeln,
  sie  hat  behauptet,  daß  K.  niemals  Radziwillscher  Privatbeamter
gewesen  sei.  Ich  weiß  nicht,  ob  die  Angabe  Bismarcks,  daß  K.  vor  dem
Eintritt  in  den  Staatsdienst  Radziwillscher  Beamter  gewesen,  richtig  ist,
daß  aber  die  katholische  Abtheilung  unter  Krätzigs  Leitung  das  Organ
einiger  polnischen  Familien  geworden  sei,  hat  Bismarck,  ohne  von  dieser
Seite  Widerspruch  zu  erfahren,  öffentlich  am  28.  Januar  1886  (Politische
Reden  XI,  433)  ausgesprochen.  Wahrscheinlich  kommt  es  bei  der  Radziwillschen
  Erklärung  auf  eine  Wortklauberei  hinaus.  Es  ist  anzunehmen,
daß  Bismarck  über  das  Vorleben  des  Herrn  Krätzig  genaue  Erkundigungen
eingezogen  hat,  ehe  er  sich  so  über  ihn  äußerte  und  seine  Abhängigkeit
von  den  Radziwills  auch  in  seinen  Vorträgen  vor  dem  Kaiser  betonte.
Daß  das  Wort  „Leibeigner“  nicht  im  polnischen  Sinne  zu  verstehen  ist,
liegt  auf  der  Hand.
        <pb n="145" />
        Aufhebung  der  katholischen  Abtheilung.  Die  Maigesetze.  133

Maigesetze“  war  das  Werk  Falks,  der  sein  Cultusressort  mit
Unabhängigkeit  verwaltete  und  Eingriffe  in  dasselbe  jederzeit
zurückwies.  Zudem  hatte  Bismarck  als  Kanzler  in  der  Wahrnehmung
  des  auswärtigen  Dienstes  und  im  inneren  Ausbau
des  Reiches  wahrlich  genug  zu  thun,  um  nicht  das  Bedürfniß
zu  fühlen,  einem  so  fähigen  und  tapferen  Genossen  im  Kampfe
für  die  Rechte  des  Staates,  wie  Falk  es  war,  durch  Controle
oder  Correctur  das  Amt  zu  erschweren.  Erst  durch  die
Praxis  überzeugte  sich  Bismarck,  „daß  die  juristischen  Einzelheiten
  psychologisch  nicht  richtig  gegriffen  waren“.  Falk  wurde
durch  Kränkungen,  denen  er  und  seine  Frau,  namentlich  durch
die  der  Kaiserin  Augusta  nahestehenden  Kreise,  am  Hofe  ausgesetzt
  waren,  und  durch  ungnädige  Handschreiben  des  Kaisers,
„die  weniger  an  den  Culturkampf  als  an  die  Beziehungen
des  Cultusministers  zum  Oberkirchenrath  und  zur  evangelischen
  Kirche  anknüpften“,  im  Jahre  1879  bewogen,  den  Abschied
  zu  nehmen.  —  Ich  schalte  an  dieser  Stelle  die  Actenstücke
ein,  die  Falk  selbst  im  Januarheft  der  „Deutschen  Revue“  über
seinen  Abgang  veröffentlicht  hat;  sie  erwähnen  selbstverständlich
  die  persönlichen  Anfeindungen  nicht,  die  Falk  und  seine
Frau  am  Hofe  erfahren  haben  —  Rücksichten  der  Courteisie
gebieten,  persönliche  Momente  in  amtlichen  Eingaben  zurückzudrängen
  —  aber  in  allen  anderen  Hinsichten  bestätigen  sie
durchaus  die  Angaben  Bismarcks,  vor  allen  die,  daß  Falks
Rücktritt  nicht  von  ihm  herbeigeführt  worden  ist,  um  über
ihn  hinweg  zum  Frieden  mit  Rom  zu  kommen.
Der  Rücktritt  Faklks.

Die  Gründe,  welche  den  Genannten  im  Jahre  1879  zum
Rücktritte  von  dem  Ministeramte  bestimmten,  und  die  daran
sich  knüpfenden  amtlichen  Erörterungen  ergeben  sich  aus  folgenden
  Schriftstücken:

Entlassungsgesuch  an  Seine  Majestät  den  Kaiser  und

König  vom  29.  Juni  1879  (am  29./6.  N.-M.  3¾  Uhr

zur  Cab.-Exped.  für  Ems  gesandt):

Eurer  Kaiserlichen  und  Königlichen  Majestät  bitte  ich  allerunterthänigst
  das  Folgende  ehrfurchtsvoll  vortragen  zu  dürfen.
        <pb n="146" />
        134  XIV.  Der  Culturkampf.

Allerhöchstdieselben  und  mit  Ihnen  alle  Freunde  des
Vaterlandes  wünschen  die  Herstellung  friedlicher  Zustände
auf  kirchenpolitischem  Gebiete.  Seit  langem  schon  neigte  ich
zu  der  Ueberzeugung,  daß  meine  Person  für  eine  gedeihliche
Mitwirkung  zur  Erreichung  dieses  Zieles  nicht  geeignet  sei,
vielmehr  hierfür  ein  ernstes  Hinderniß  abgeben  müsse.  Die
seit  dem  Sommer  vorigen  Jahres  gemachten  Erfahrungen
haben  in  dieser  Beziehung  mir  jeden  Zweifel  beseitigt.

Sodann  hat  die  Entwickelung  der  öffentlichen  Verhältnisse
überhaupt  die  allgemeinen  Anschauungen,  die  Parteien  im
Lande  und  im  Parlamente,  ihre  Bedeutung,  ihre  Stellung  zu
einander  und  zu  Eurer  Majestät  Regierung  derartig  verändert,
  daß  ich  auch  aus  diesem  Grunde  mich  der  Erkenntniß
nicht  verschließen  kann  noch  darf,  wie  ein  anderer  Mann  an
meine  Stelle  gehört.

Ich  erfülle  daher  meine  Pflicht  gegen  Eure  Majestät,
das  Land  und  gegen  mich  selbst,  wenn  ich  das  mir  huldreichst
anvertraute  Amt  in  die  Allerhöchsten  Hände  zurücklege.

Ich  würde  diesen  Schritt  schon  eher  gethan  haben,  wenn
ich  nicht  besorgt  hätte,  daß  dies  vielleicht  auf  die  Durchführung
  der  wirthschaftlichen  und  finanziellen  Pläne  der  verbündeten
  Regierungen  im  gegenwärtigen  Reichstage  von  unerwünschtem
  Einflusse  sein  könne.  Diese  Besorgniß  glaube  ich
jetzt  nicht  mehr  hegen  zu  sollen.

Indem  Eurer  Majestät  ich  den  tiefempfundenen  Dank
für  die  Gnade  unterthänigst  ausspreche,  mit  welcher  Allerhöchstdieselben
  mir  vor  länger  als  sieben  Jahren  einen  großen
Wirkungskreis  zu  eröffnen  geruhten,  und  für  die  reichen
unvergeßlichen  Beweise  allerhöchster  Huld,  deren  Eure  Mcajestät
mich  in  diesen  Jahren  theilhaftig  machten,  bitte  ich  ehrfurchtsvoll,

mich  aus  meinem  Amte  als  Minister  der  geistlichen,  Unterrichts=
  und  Medizinalangelegenheiten  in  Gnaden  entlassen  und
mir  die  Competenzen  huldreichst  gewähren  zu  wollen,  welche  mir
für  diesen  Fall  nach  32  jähriger  Dienstzeit  gesetzlich  zustehen.
In  tiefster  Ehrfurcht  Eurer  Majestät
allerunterthänigster
Fakk.
        <pb n="147" />
        Die  Acten  über  Falks  Rücktritt.  135

Abschrift  vorstehenden  Gesuches  ist  am  29.  Juni  1879,
Nachmittags  6  Uhr,  „an  den  Präsidenten  des  Königlichen
Staatsministeriums  Herrn  Fürsten  v.  Bismarck"  mittels
folgenden  Schreibens  abgesandt  worden:

II.

Am  Anfange  dieses  Monats  habe  ich  dem  Herrn  Staatsminister
  von  Bülowt)  eine  eingehende  Mittheilung  über  die
Gründe  gemacht,  aus  welchen  ich  meine  Stellung  als  Minister
der  geistlichen  2c.  Angelgenheiten  für  unhaltbar  erachten  müsse.
Ich  darf  voraussetzen,  daß  Hochdieselben  hiervon  Kenntniß
erhalten  haben  und  daß  daher  mein  Entlassungsgesuch  Eurer
Durchlaucht  weder  überhaupt,  noch  im  Hinblick  auf  die  Klärung,
welche  die  schwebenden  Reichsangelegenheiten  gefunden  haben,
der  Zeit  nach  unerwartet  kommt.  Ebenso  glaube  ich  in  der
Annahme  nicht  zu  irren,  daß  auch  Sie  meinen  Rücktritt  aus
dem  Amte  für  angezeigt  erachten.  Jedenfalls  ist  derselbe  für
mich  eine  Nothwendigkeit.

Die  Dankbarkeit,  welche  Eurer  Durchlaucht  ich  aus  so
vielen  Anlässen  schulde,  würden  Hochdieselben  erhöhen,  wenn
Sie  —  wie  ich  bitte  —  Seiner  Majestät  zu  einer  baldigen
Gewährung  meines  Gesuches  geneigtest  rathen  wollten.  Nicht
bloß  der  Wunsch,  meine  persönlichen  Verhältnisse  neu  ordnen
zu  können,  dictirt  diese  Bitte,  sondern  auch  die  Gewißheit,
daß  bei  Hinausschiebung  der  erbetenen  Allerhöchsten  Entschließung
  die  Eurer  Durchlaucht  bekannten  Differenzen
zwischen  Seiner  Majestät  und  mir,)  wie  die  Dinge  leider
wieder  liegen,  in  neuer  Schärfe  hervortreten  würden.  Daß
es  aber  mir  am  Herzen  liegen  muß,  nicht  auch  unter  solchen
Differenzen  aus  dem  Amte  zu  scheiden,  wird  niemand  stärker
empfinden,  als  Eure  Durchlaucht.

Wollen  Hochdieselben  mir  schließlich  noch  die  Bemerkung
gestatten,  daß  ich  um  die  Entlassung  aus  Seiner  Majestät
Dienste  überhaupt  habe  bitten  müssen,  weil  zunächst  dieselben

 

 

1)  Vertreter  des  Fürsten  v.  Bismarck.

2)  Dieselben  bezogen  sich  auf  Angelegenheiten  der  evangelischen
Kirche  und  hatten  im  Jahre  vorher  sogar  zu  einem  von  Seiner  Majestät
allerdings  schließlich  zurückgewiesenen  Entlassungsgesuche  meinerseits  geführt.
        <pb n="148" />
        136  XIV.  Der  Culturkampf.

Gründe,  welche  mich  zum  Rücktritte  aus  dem  Ministeramte
nöthigen,  und  sodann  meine  Vermögensverhältnisse  mir  die
Uebernahme  eines  anderen  entsprechenden  Staatsamtes  nicht
gestatten.

Wie  immer  in  unwandelbarer  aufrichtiger  Verehrung

Eurer  Durchlaucht
ganz  ergebener
Fakk.
III.

In  meinen  tagebuchartigen  Auszügen  findet  sich  unter
dem  2.  Juli  1879  Folgendes  eingetragen:

Vorgestern  gegen  Mittag  sandte  Bismarck  seinen  Sohn
Herberti)  zu  mir,  um  mich  zu  einer  Unterredung  einzuladen.
Dieselbe  fand  um  1½  Uhr  statt  und  dauerte  beinahe
1½  Stunden;  zuletzt  wurde  sie  in  Gegenwart  Eulenburgs:)
gepflogen.  Es  ist  schwer,  vielleicht  gar  nicht  möglich,  den
Lauf  einer  so  springenden  Unterhaltung  zu  skizziren,  es  kommt
auch  nicht  auf  die  Einzelheiten  an,  sondern  auf  Hauptsachen
und  Ergebnisse.

Bismarck  zeigte  sich  anfangs  verletzt.  Er  warf  mir  vor,
daß  ich  die  Demonstr.  (ation)  der  National-Liberalen  unterstütze,
da  ich  gerade  jetzt  den  Antrag  stelle,  der  ihm  unerwartet
komme.  Bei  meiner  Gegenausführung  ward  er  ruhig,  und
von  da  bewegte  sich  die  Unterhaltung  in  freundlichstem  Wege.
Ich  gewann  den  bestimmten  Eindruck,  daß  er  an  sich  mein
Demissionsgesuch  erwartet  habe  und  nur  durch  die  Wahl  des
Zeitpunktes  unangenehm  berührt  sei.  Namentlich  erklärte  er,
man  werde  ihm  Aufgabe  der  Position  gegen  Rom,  resp.
„Verschacherung“  meiner  Person  an  das  Centrum  „für  30
Silberlinge“  vorwerfen,  und  wünschte  von  mir  einen  Brief,
in  welchem  er  eine  Bescheinigung  hierüber  und  die  Aussprache
über  die  Gesichtspunkte  wünschte,  welche  für  meinen  Schritt
maßgebend  waren.  Diesen  Brief  habe  ich  B.  gestern  gesandt,
selbstredend  nach  einem  zurückbehaltenen  Concept.

 

 

1)  Der  jetzige  Fürst  Bismarck.
2)  Graf  Botho  Eulenburg.
        <pb n="149" />
        Die  Acten  über  Falks  Rücktritt.  137

—  —  —  Die  folgenden  4½  Zeilen  beziehen  sich  auf
die  gleichzeitig  zurücktretenden  Minister  Hobrecht  und  Friedenthal
  —  —.

Auf  B.s  Wunsch  erklärte  ich  mich  dann  bereit,  daß  mein
Ausscheiden  erst  mit  dem  Schlusse  des  Reichstages  erfolge.

Dann  kam,  fortgesetzt  in  Eulenburgs  Gegenwart,  die
Erörterung,  daß  ich  Justizminister  werden  solle,  wenn  —  was
ich  übrigens  für  zweifelhaft  hielt  —  Leonhardt  bald  ausscheide.
  B.  forderte  mich  ebenso  wie  Eulenburg  auf,  dies
Ministerium  zu  übernehmen.  Ich  lehnte  ab,  betonend,  daß
ich,  nachdem  ich  so  lange  ein  politisches  Ministerium  geführt,
mich  unmöglich  in  die  Mauern  des  Ressorts  einbannen  könne,
und  daß  ich  ebensowenig  durch  Ueberstimmtwerden  geschehen
lassen  könne,  daß  Grundsätze,  für  welche  ich  mit  ganzer  Kraft
eingetreten  und  die  für  das  Volk  wichtigste  Fragen,  das
deutsche  Volk  geradezu  an  Herz  und  Nieren  berührende
Fragen  beträfen,  auf  den  Kopf  gestellt  würden.  Noch  weniger
sei  es  mir  möglich,  wie  es  zum  Beispiel  bei  der  Civilehe  sei,
in  dieser  Richtung  positiv  mitzuwirken.  Ueberhaupt  würde  ich
vielfach  so  vereinzelt  dastehen,  daß  ich  nach  kurzen  Monaten
wieder  auf  den  jetzigen  Standtpunkt  käme.  B.  und  E.  hatten
den  Vorschlag  wohl  nicht  ohne  Ernst  gemacht,  indessen  war
der  Gang  und  Ton  der  Unterredung  doch  so,  daß  ich  nur  annehmen
  konnte,  daß  sie  das  ablehnende  Resultat  vorausgesehen
hatten.

IV.

Schreiben  vom  1.  Juli  1879  an  den  Fürsten  Bismarck:

Eure  Durchlaucht  gaben  bei  unserer  gestrigen  Unterredung
  der  Meinung  Ausdruck,  daß  mein  Entlassungsgesuch
den  Schein  erwecken  werde,  als  stehe  dasselbe  mit  Verhandlungen
  in  Beziehung,  welche  Ew.  Durchlaucht  mit  Bezug  auf
die  im  Reichstage  schwebenden  Fragen  mit  der  Centrumsfraction
  gepflogen  hätten,  oder  als  hätten  Hochdieselben  den
grundsätzlichen  Standpunkt  aufgegeben,  welchen  Sie  —  um  mich
kurz  auszudrücken  —  bisher  Rom  gegenüber  innegehalten  haben.

Ist  dem  so,  dann  habe  ich  die  Pflicht,  einer  solchen  Auffassung
  entgegenzutreten,  wo  sich  mir  Gelegenheit  dazu  bietet.
        <pb n="150" />
        138  XIV.  Der  Culturkampf.

Denn  ich  allein  kann  ja  bezeugen,  daß  ich  mit  der  Einreichung
jenes  Gesuches  nur  einen  seit  längerer  Zeit  feststehenden  Entschluß
  ausführte,  der  sich  auf  die  Ueberzeugung  von  der  Unhaltbarkeit
  meiner  ministeriellen  Stellung  gründete,  und  daß
ich  den  jetzigen  Zeitpunkt  aus  einem  Grunde  zu  wählen  gezwungen
  war,  der  zwar  auf  amtlichen  Gebieten  beruht,  aber
weder  mit  der  römischen  Frage  noch  mit  Eurer  Durchlaucht
Person  im  Entferntesten  zu  thun  hat.  Und  ferner  kann  niemand
  mit  mehr  Kenntniß  und  Sicherheit  bekunden,  daß  in
den  vielen  Jahren,  in  welchen  ein  hervorragender  Theil  meiner
Amtsthätigkeit  in  der  Wiedergewinnung  der  Stellung  bestand,
welche  der  Staat  vordem  der  römischen  Kirche  gegenüber
hatte,  zwischen  Eurer  Durchlaucht  und  mir  stets  grundsätzliches
Einverständniß  bestand,  daß  ich  niemals  Ihrer  dankbar
empfundenen  Unterstützung  entbehrte,  und  daß  die  Verhandlungen,
  welche  Eure  Durchlaucht  seit  dem  Sommer  vorigen
Jahres  mit  Organen  des  päpstlichen  Stuhles  pflegen,  in
einem  Sinne  eingeleitet  und  fortgeführt  sind,  welcher  dem
entspricht,  was  in  dieser  Beziehung  zwischen  uns  verhandelt
worden  ist.

Ich  sollte  meinen,  daß  es  für  jeden,  der  die  Entwickelung
unserer  öffentlichen  Verhältnisse  in  den  letzten  Zeiten  einigermaßen
  verfolgt  hat,  nicht  schwer  sein  könnte,  zu  erkennen,
warum  ich  meine  amtliche  Stellung  nicht  ferner  für  haltbar
erachte.  In  der  That  haben  Stimmen  geachteter  Preßorgane,
freundliche  und  gegnerische,  bei  den  verschiedenen  Gelegenheiten,
  welche  Erörterungen  über  meinen  etwaigen  Rücktritt
aus  dem  Amte  oder  mein  ferneres  Verbleiben  in  demselben
veranlaßten,  darauf  hingewiesen,  daß  die  Gesammtheit  der
Situation  hierüber  entscheiden  werde.  Und  so  ist  es.  Die
gestrige  Unterredung  wird  Eurer  Durchlaucht  gezeigt  haben,
daß  nicht  dieses  oder  jenes  einzelne  Moment  meinen  Entschluß
herbeiführte,  sondern  die  Gesammtheit  aller  für  mich  wesentlichen
  Punkte.  Wenn  es  schon  in  mündlicher  Darlegung  nicht
möglich  war,  alles  Einflußreiche  zu  erwähnen,  so  ist  dies
schriftlich  noch  weniger  ausführbar,  denn  daß  ich  in  den
Grenzen  eines  Briefes  bleiben  und  nicht  in  das  Gebiet  einer
        <pb n="151" />
        Die  Acten  über  Falks  Rücktritt.  139

Abhandlung  überschweifen  will,  das  werden  Hochdieselben  wohl
finden.  Ich  muß  mich  darum  begnügen,  einige  hervorspringende
Punkte  zu  berühren.

Die  schweren  Kämpfe  auf  kirchenpolitischem  Gebiete  haben
weder  Eure  Durchlaucht  noch  ich  geführt  um  ihrer  selbst
willen,  sondern  —  wie  wir  ja  so  oft  aussprachen  —  behufs
eines  Friedens,  der  solche  Kämpfe  fürder  nicht  nöthig  mache.
Von  dem  Augenblicke  an,  wo  ich  die  Frage  zu  erwägen  hatte,
ob  ich  die  zur  Herbeiführung  solcher  friedlichen  Zustände  geeignete
  Person  sei,  habe  ich  die  Frage  verneint.  Der  Grund
dafür  liegt  in  der  Auffassung,  welche  weite  Kreise  der  katholischen
  Bevölkerung  von  meiner  Person  gewonnen  haben,  der
Empfindung,  welche  sich  mir  gegenüber  in  ihnen  gebildet  und
gefestigt  hat.  Die  aus  solcher  Auffassung  und  Empfindung
entspringenden  Consequenzen  sind  psychologischer  Natur  und
bedürfen  darum  für  jeden  Ueberlegenden  keiner  weiteren  Ausführung.
  Für  mich  haben  dieselben  den  Grund  zu  der  Ueberzeugung
  gelegt,  daß  meine  Person  ein  ernstes  Hinderniß  für
die  Herstellung  der  erwünschten  friedlichen  Verhältnisse  sei.
Die  Richtigkeit  dieser  Auffassung  ist  mir  von  vielen,  von  maßgebenden
  Seiten  bestritten  worden.  Wird  sich  dieselbe  mit
Erfolg  noch  bestreiten  lassen,  wenn  die  Vorkommnisse  des
letzten  Jahres  in  Betracht  gezogen  werden?  Eure  Durchlaucht
wollen  sich  geneigtest  erinnern  an  die  Einmüthigkeit  der
Presse  der  Centrumspartei,  an  die  Haltung  ihrer  Führer  im
Landtag  und  Reichstag,  in  Plenum  und  Commission,  vor
Monaten  und  in  den  letzten  Tagen,  an  das,  was  zu  wiederholten
  Malen  von  berufensten  Vertretern  der  Curie,  ja  von
dem  Papste  selbst  über  meine  Person  geäußert  worden  ist!

Seit  den  Verhandlungen  über  die  Zollfragen  ist  die
Stellung  der  Centrumspartei  zu  den  Regierungen,  auch  zur
preußischen  Regierung,  eine  andere  geworden  als  bisher.
Diese  Partei  bildet  einen  wesentlichen  Theil  der  Majorität,
welche  den  auch  von  mir  im  Großen  für  heilsam  erachteten
Plänen  der  verbündeten  Regierungen  zur  Geltung  verhilft.
Sie  hat  sich  damit  —  ich  fasse  nur  die  objective  Thatsache
in's  Auge  —  ein  Verdienst  um  Reich  und  Land  erworben,  das
        <pb n="152" />
        140  XIV.  Der  Culturkampf.

zu  ignoriren  keine  Regierung,  wie  ich  meine,  das  Recht  und
—  die  Macht  hat.  Schon  die  nächsten  Landtagswahlen
werden  zeigen,  welchen  Einfluß  dies  äußerlich  und  innerlich
auf  die  Bedeutung  der  genannten  Partei  übt.

Ganz  dasselbe  gilt  von  einem  anderen  Theile  der  Ma—
jorität,  welche  im  Reichstage  den  verbündeten  Regierungen
zur  Seite  steht  —  von  den  Alt=  oder  Hochconservativen  evangelischer
  Confession.  Ja,  ich  denke,  daß  das  Gewicht,  welches
sie  in  der  neugebildeten  preußischen  Landesvertretung  in  die
Wagschale  werfen  werden,  im  Vergleich  zu  jetzt  ein  noch  viel
größeres  sein  wird  als  das  der  Centrumspartei.  Die  Strömung
im  Lande  bürgt  dafür.

Nun  sind  es  aber  gerade  diese  beiden  Parteien,  welche
seit  Jahren,  fast  seit  dem  Beginne  meiner  Amtsführung,  meine
Maßnahmen  auf  dem  Gebiete  der  Kirche  und  Schule  angegriffen,
  ja  leidenschaftlich  bekämpft  haben  —  wobei  ich  dahin
gestellt  sein  lasse,  bei  welcher  Partei  das  größere  Maß  von
Leidenschaft  sich  entwickelt  hat.

Bisher  ist  —  so  scheint  es  mir  wenigstens  —  ein  bestimmter
  Rapport  zwischen  den  beiderseitigen  Angriffen  nicht
klar  zu  erkennen  gewesen.  Sie  waren  eben  nur  thatsächlich
ähnliche  oder  gleiche.  Jetzt  wird  es  anders.

Auf  dem  Gebiete  der  Schule  entwickelt  sich  eine  gemeinsame
  Agitation  gegen  die  von  mir  vertretenen  Grundsätze,  und,
da  ich  an  diesen  festhalten  werde  und  festhalten  muß,  weil  ich
von  ihrer  Richtigkeit  und  Nothwendigkeit  durchdrungen  bin,
gegen  mich  selbst.  Der  in  dieser  Beziehung  im  Reichstage  an
die  evangelischen  Conservativen  von  dem  Führer  der  Centrumspartei
  erlassene  Appell  hat  in  evangelischen  Kreisen  weiten
Nachhall  gefunden,  zu  meinem  Bedauern  auch  in  Kreisen,
welche  ich  nicht  zu  den  erwähnten  Conservativen  zählen  kann.
Es  ist  eine  offenkundige  Thatsache,  daß  der  Widerstand  in
der  bevorstehenden  Generalsynode  organisirt  werden  soll.  Und
wenn  ich  darauf  hinweise,  daß  derjenige  Mann,  welcher  im
vergangenen  Winter  die  Einreichung  einer  Menge  Petitionen
gegen  jene  meine  Grundsätze  bei  dem  Herrenhause  veranlaßte
—  er  hat  auch  die  Agitation  gegen  das  Civilstandsgesetz  ein-
        <pb n="153" />
        Die  Acten  über  Falks  Rücktritt.  141

geleitet  —  eine  Ernennung  zu  der  Generalsynode  erhalten
hat,  so  wird  die  ernste  Bedeutung  jenes  Widerstandes  Jedermann
  einleuchten.

In  solchen  Verhältnissen  kann  auch  ein  Mann,  dem
Pflichtbewußtsein  und  gutes  Gewissen  Muth  und  Ausdauer
geben,  nicht  feststehen,  wenn  ihm  nicht  sichere  und  ausreichende
Stützen  zur  Seite  sind.  Für  mich  kenne  ich  keine  solchen.
Ich  habe  Ihnen  gestern  dies  theilweise  dargelegt,  theilweise
ist  Ihnen  meine  Auffassung  ohne  Weiteres  klar,  wenn  Sie  auf
die  Zerklüftung  der  mir  befreundeten  Parteien  sehen.

Lassen  Sie  mich  hier  abbrechen.  Das  Vorstehende  genügt
  einigermaßen,  die  Natur  der  Gründe  zu  bezeichnen,
welche  meinen  Entschluß  bestimmten.

Wer  das  voraussieht,  was  ich  andeutete,  der  ist  —  und
Sie  haben  das  gestern  gleichfalls  anerkannt  —  nicht  verpflichtet,
  auf  seinem  Posten  so  lange  zu  bleiben,  bis  sein
Rücktritt  ein  durchweg  unfreiwilliger  wird,  er  darf  sich  die
Freiheit  des  Handelns  wenigstens  in  Bezug  auf  die  Zeit
desselben  wahren  —  und  das  habe  ich  gethan.

Wie  immer  in  aufrichtiger  Verehrung
Eurer  Durchlaucht
ganz  ergebenster
Falk.

Auf  vorstehenden  Brief  ist  Fürst  Bismarck  noch  einmal
amtlich  zurückgekommen.  Im  Jahre  1880  legte  die  Staatsregierung
  dem  Landtage  einen  Gesetzentwurf,  betreffend  Abänderung
  der  kirchenpolitischen  Gesetze,  vor.  Ich  war  damals
Mitglied  des  Hauses  der  Abgeordneten  und  hielt  es  für  meine-Pflicht,
  diesen  Gesetzentwurf  zu  bekämpfen.  Dies  geschah  in
der  Sitzung  vom  28.  Mai  1880  —  Stenographische  Berichte
1879/80,  Seite  2051/58,  —,  74.  Sitzung.

Mit  Bezug  auf  meine  Aeußerungen  ging  mir  seitens.
des  Fürsten  Bismarck

V.

das  nachstehende  Schreiben  vom  31.  Mai  1880  zu:
        <pb n="154" />
        142  XIV.  Der  Culturkampf.

Eigenhändig  Seiner  Excellenz
dem  Staatsminister  Herrn  Dr.  Falk.

Eure  Excellenz  hatten  die  Güte,  bei  Ihrem  Rücktritt
vom  Amte  sich  auf  meinen  Wunsch  schriftlich  darüber  zu
äußern,  ob  meine  Stellung  zu  Ihrem  Ressort  und  zu  Ihrer
Leitung  desselben  Antheil  an  Ihrem  Entschluß  zum  Rücktritt
habe.  Eure  Excellenz  erkannten  damals  das  Bedürfniß  an,
welches  ich  haben  könnte,  über  meine  Beziehungen  zu  den  von
Ihnen  vertretenen  Grundsätzen  auch  in  der  Oeffentlichkeit  jeden
Zweifel  zu  beseitigen.  Solche  Zweifel,  wenn  sie  überhaupt
bestanden,  sind  mir  bisher  nicht  von  der  Bedeutung  erschienen,
um  ihnen  Eurer  Excellenz  Zeugniß  gegenüberzustellen.  Die
Sitzung  des  Abgeordnetenhauses  vom  28.  d.  M.  hat  in  dieser
Sachlage  aber  eine  Aenderung  hervorgebracht.  Die  Kritik,
welcher  Eure  Excellenz  die  Regierungsvorlage  unterziehen,
trifft  auch  meine  amtliche  Stellung  zu  letzterer,  wie  sie  durch
die  veröffentlichten  Instructionen,  die  ich  nach  Wien  gerichtet
habe,  sich  kennzeichnet.

Ich  glaube  mit  der  Unterstützung  dieser  Vorlage  keine
andre  Richtung  eingeschlagen  zu  haben,  als  diejenige,  welche
ich  sieben  Jahre  lang  gemeinsam  mit  Eurer  Excellenz  und,
nach  Herstellung  der  nöthigen  Verfassungsänderungen,  soviel
ich  mich  erinnere  ohne  Meinungsverschiedenheiten  zwischen
uns  vertreten  habe.  Innerhalb  dieser  Richtung  fanden
namentlich  auch  die  Erwägungen  Raum,  denen  Eure  Excellenz
in  Ihrem  Abschiedsgesuch  dahin  Ausdruck  geben,  daß  alle
Freunde  des  Vaterlandes  die  Herstellung  friedlicher  Zustände
auf  kirchenpolitischem  Gebiete  wünschen  und  daß  Eure  Excellenz
zu  der  Ueberzeugung  gelangen  müssen,  Sie  seien  für  eine
gedeihliche  Mitwirkung  zur  Erreichung  dieses  Zieles  nicht
geeignet,  würden  vielmehr  hierfür  ein  ernstes  Hinderniß  bilden.
Mit  dieser,  nicht  meiner,  sondern  Ihrer  Meinung  motivirten
Eure  Excellenz  Ihren  Rücktritt.

Wenn  nun  die  Art,  wie  Eure  Excellenz  die  Vorlage  der
Regierung  kritisirt  haben,  bei  dem  Gewicht,  welches  Ihrem
Wort  innewohnt,  den  Werth,  den  die  Regierungsvorlage,
falls  sie  angenommen  wird,  für  die  Staatsregierung  und
        <pb n="155" />
        Die  Acten  über  Falks  Rücktritt.  143

insbesondere  für  die  liberale  Partei  hat,  erheblich  geschädigt
und  heruntergedrückt  hat,  so  kann  ich  daran  nichts  ändern.
Wenn  aber  nach  dem  oben  Gesagten  die  Empfindungen,
welchen  Sie  Ausdruck  gegeben  haben,  nothwendig  auch  auf
die  Beurtheilung  meiner  Stellung  zur  Sache  und  zur  Person
Eurer  Excellenz  zurückwirken  müssen,  so  halte  ich  es  heute
im  sachlichen  und  staatlichen  Interesse  für  geboten,  durch
Veröffentlichung  Ihres  hierfür  von  Hause  aus  bestimmten
Schreibens  vom  1.  Juli  1879  den  Beweis  zu  liefern,  daß
Ihr  Abschiedsgesuch  durch  Meinungsverschiedenheiten  zwischen
uns  nicht  veranlaßt  worden  ist.  Ich  habe  meine  Ansichten
auch  in  der  Zwischenzeit  nicht  gewechselt.
Genehmigen  Eure  Excellenz  die  Versicherung  meiner
ausgezeichneten  Hochachtung.
v.  Bismarck.
Auf  diese  Zuschrift,  welche  ich  am  Abend  des  1.  Juni
1880  erhielt,  erwiderte  ich  in  Folgendem  dem  Fürsten  Bismarck
  zur  eigenhändigen  Eröffnung  am  Morgen  des  2.  Juni
1880  Folgendes:
VI.
Berlin  W.,  Landgrafenstr.  9  II.
Eure  Durchlaucht  wollen  meinen  ganz  ergebenen  Dank
für  die  besondere  Aufmerksamkeit  geneigtest  entgegennehmen,
welche  ich  in  der  mir  gestern  zugegangenen  sehr  gefälligen
Mittheilung  vom  31.  Mai  d.  J.  —  Nr.  278  —  zu  erkennen
habe.  Ich  empfinde  dieselbe  um  so  lebhafter,  als  es  zweifellos
  von  vornherein  die  Absicht  war,  Eure  Durchlaucht  zu
jedem  Gebrauche  meines  Briefes  vom  1.  Juli  1879,  an  dessen
Fassung  ich  auch  im  Rückblicke  nichts  zu  ändern  wüßte,  zu
ermächtigen,  welcher  Hochdenselben  dienlich  erscheinen  würde.
Gestatten  Eure  Durchlaucht  mir  noch  gütigst  den  Ausdruck
  höchster  Verehrung  hinzuzufügen.  Falt
alk.
Eine  Veröffentlichung  des  Briefes  vom  1.  Juli  1879  hat
nicht  stattgehabt.  Was  zu  ihrer  Unterlassung  bestimmte,  ist
mir  nicht  bekannt.
Hamm  i.  W.,  3.  December  1898.
        <pb n="156" />
        144  XIV.  Der  Culturkampf.

Nach  Falks  Rücktritt  trat  an  Bismarck  die  Frage  heran,  „ob
und  wie  weit  er  bei  der  Wahl  eines  neuen  Cultusministers  die
mehr  juristische  als  politische  Linie  Falks  im  Auge  behalten  oder
seinen  mehr  gegen  Polonismus  als  gegen  Katholicismus  gerichteten
  Auffassungen  ausschließlich  folgen  sollte“.  Maßgebend
für  die  Entscheidung  war  die  parlamentarische  Lage.  Seitdem
die  Fortschrittspartei  mit  fliegenden  Fahnen  in's  Centrumslager
  übergegangen  war,  mit  Ultramontanen,  Polen,  Welfen
und  Franzosenfreunden  aus  den  Reichslanden  im  Bunde  eine
Opposition  bildete,  die  die  Regierungspolitik  auf  Schritt  und
Tritt  lähmte,  seitdem  die  Conservativen  immer  dringender  den
Frieden  mit  der  römischen  Kirche  forderten,  weil  sie  —  in
hochkirchlich-protestantischen  Anschauungen  befangen  —  manchem
der  kirchenpolitischen  Gesetze  innerlich  fremd  gegenüberstanden,
war  Bismarck  verpflichtet,  zu  erwägen,  ob  der  nationale
Schaden  bei  Fortdauer  des  Culturkampfes  nicht  größer  werden
könnte  als  bei  Verzicht  auf  den  seiner  Ansicht  nach  entbehrlichen
  Theil  der  Falkschen  Gesetzgebung.  Für  nicht  entbehrlich
  hielt  er  die  durch  Gesetz  vom  18.  Juni  1875  erfolgte  Beseitigung
  der  Artikel  15,  16  18  der  preußischen  Verfassung,
die  Kampfmittel  gegen  den  Polonismus  und  vor  allem  die
Herrschaft  des  Staates  über  die  Schule.  Die  Verständigung
freilich  über  die  Grenze,  bis  zu  der  der  Curie  entgegengekommen
  werden  dürfte,  war  nicht  so  leicht.  Herr  v.  Puttkammer,
wenn  er  auch  im  Prinzip  mit  Bismarck  einig  war,  hatte  doch
gegen  die  „culturkampfgewöhnten“  Räthe  seines  Ministeriums
einen  schweren  Stand,  nicht  minder  gegen  die  hohe  evangelische
Geistlichkeit,  deren  Einfluß  auf  Se.  Majestät  damals  stärker
war  als  vordem  der  katholisirende  der  Kaiserin.  Nach  jahrelanger
  Arbeit  gelang  es,  ohne  neue  Cabinetskrisen  die  Revision
der  Maigesetzgebung  einzuleiten  und  bis  zum  Jahre  1886
durch  Beseitigung  der  „maigesetzlichen  Verbote  geistlicher
Thätigkeit“  und  des  „juristischen  Fangapparates  für  widerstrebende
  Priester“  „den  modus  vivendi  zu  erreichen,  der
immer  noch,  verglichen  mit  dem  status  quo  vor  1871,  ein  für
den  Staat  günstiges  Ergebniß  des  ganzen  Culturkampfes
aufweist“.
        <pb n="157" />
        Revision  der  Maigesetze.  145

Natürlich  lebte  Fürst  Bismarck  nicht  in  der  Illusion,
daß  der  Friede  von  ewiger  Dauer  sein  werde.  Alles  Leben
ist  Kampf,  und  auch  der  Streit  der  beiden  Gewalten  wird
niemals  ganz  zum  Abschluß  gelangen,  so  lange  nicht  eine  die
andere  definitiv  ihrer  Herrschaft  unterworfen  hat.  Insonderheit
  protestantischen  Staaten  gegenüber  kann  Rom  wohl  aus
politischen  Gründen  zu  Zeiten  den  Kampf  ruhen  lassen,  „bei
jedem  modus  vivendi  aber  wird  es  eine  evangelische  Dynastie
und  Kirche  als  eine  Unregelmäßigkeit  und  Krankheit  betrachten,
deren  Heilung  die  Aufgabe  der  Kirche  sei.  Ein  ewiger  Friede
mit  Rom  liegt  nach  den  gegebenen  Lebensbedingungen  ebenso
außerhalb  der  Möglichkeit,  wie  ein  solcher  zwischen  Frankreich
und  dessen  Nachbarn“.

Als  Episode  ist  diesem  Capitel  eine  Erzählung  eingefügt,
die  für  den  feinen  politischen  Tact  Bismarcks  ebenso  Zeugniß
ablegt,  wie  gegen  die  von  seinen  Gegnern  so  oft  behauptete
Habgier.  Im  September  1873  weilte  König  Victor  Emanuel
einige  Tage  in  Berlin,  um  die  nach  den  Ereignissen  von
1866  gelockerte  Verbindung  zwischen  Italien  und  Preußen
wieder  enger  zu  knüpfen.  Die  ultramontane  Partei  sah  selbstverständlich
  in  dieser  Anlehnung  Italiens  an  das  Deutsche  Reich
einen  gegen  das  Papstthum  gerichteten  Schlag,  um  so  mehr  mußte
Bismarck  alles  zu  vermeiden  suchen,  was  den  Gegnern  Anlaß
zu  gehässiger  Verdächtigung  geben  konnte.  Nun  hatte  König
Victor  Emanuel  dem  italienischen  Gesandten  in  Berlin  eine
mit  kostbaren  Steinen  gefüllte  Dose  mit  dem  Auftrage  übersandt,
  sie  dem  Reichskanzler  als  Geschenk  seines  Monarchen
zuzustellen.  Ehe  sich  Graf  Laungay  seines  Auftrages  entledigte,
zeigte  er  die  Dose  mit  Angabe  des  Werthes,  der  auf  mehr
als  50  000  Francs  geschätzt  wurde,  dem  Baron  Pergler  von
Perglas,  der  als  bayerischer  Gesandter  nahe  Beziehungen  zur
ultramontanen  Partei  unterhielt.  Die  Gefahr  lag  also  nahe,
den  Kanzler  zu  beschuldigen,  daß  die  Dose  ein  Gratial  des
italienischen  Königs  sei,  für  das  Bismarck  die  Freundschaft
des  Deutschen  Reichs  dem  Feinde  des  Papstes  verkauft  habe.
Bismarck  bat  deshalb  den  Kaiser  Wilhelm,  die  Annahme
des  Geschenkes  ablehnen  zu  dürfen,  und  fand  —  wenn  auch

Kohl,  Wegweiser.  10
        <pb n="158" />
        146  XIV.  Der  Culturkampf.

nicht  sofort  —  mit  seinen  Einwänden  Gehör.  Die  Dose  wurde
durch  ein  Bild  des  Königs  und  eine  Alabastervase  von  unge—
wöhnlicher  Größe  und  Schönheit  ersetzt,  deren  sichere  Verpackung
  und  Beförderung  bei  der  überstürzten  Räumung  der
Berliner  Amtswohnung,  zu  der  Herr  v.  Caprivi  Bismarck  im
Jahre  1890  nöthigte,  nicht  ohne  Schwierigkeit  war.

In  einem  letzten  Abschnitt  dieses  Capitels  widerlegt
Bismarck  die  Behauptung  der  „Germania“,  daß  er  es  gewesen
sei,  der  den  Widerstand  des  Kaisers  gegen  die  Civilehe  gebrochen
  habe.  Die  Zustimmung  zur  Einführung  der  Civilehe
wurde  dem  Kaiser  durch  die  Majorität  der  unter  Roons
Präsidium  versammelten  Minister  zu  einer  Zeit  abgedrungen,
da  Bismarck  in  Varzin  weilte  (1873).  Vor  die  Frage  eines
Ministerwechsels  gestellt,  entschied  sich  der  Kaiser  auf  Bismarcks
Rath  nach  dem  Beschlusse  der  Mehrheit  seiner  Minister.
Prinzipieller  Gegner  der  Civilehe  war  Bismarck  allerdings
nicht;  er  „hielt  mit  Luther  die  Eheschließung  für  eine  bürgerliche
  Angelegenheit“,  und  sein  „Widerstand  gegen  Anerkennung
dieses  Grundsatzes  beruhte  mehr  auf  Achtung  vor  der  bestehenden
  Sitte  und  der  Ueberzeugung  der  Massen  als  auf  eigenen
christlichen  Bedenken“.;)

 

1)  Zu  vgl.  ist  die  Rede  vom  17.  December  1873,  Politische  Reden
VI  124  ff.
        <pb n="159" />
        XV.
Bruch  mit  den  Gonservativen.  —  Intrigen.  —  Hie  Rehorts.

Die  conservative  Partei,  die,  wie  schon  hervorgehoben
wurde,  im  Culturkampfe  die  Regierung  in  ihren  Maßregeln
gegen  den  Polonismus  nur  lau  unterstützte,  ja  in  wichtigen
Fragen,  wie  in  der  des  Aufsichtsrechtes  des  Staates  über  die
Schule,  geradezu  bekämpfte,  war  schon  seit  dem  Jahre  1866
nicht  mehr  eines  Sinnes  mit  Bismarck  (25.  Capitel:  Bruch
mit  den  Conservativen).  Sie,  die  mit  der  Regierung  zusammen
  in  den  Jahren  des  Conflicts  den  Kampf  gegen  die
Herrschaftsgelüste  des  Abgeordnetenhauses  geführt  hatte,  konnte
nicht  begreifen,  daß  Bismarck  den  Sieg  nicht  zu  einer  Revision
der  preußischen  Verfassung  benutzte,  noch  weniger,  daß  er  dem
gemäßigten  Liberalismus  Zugeständnisse  machte  und  die  kräftige
  Unterstützung  der  neugebildeten  nationalliberalen  Parteie
bei  der  Verfassungsarbeit  zum  Ausbau  des  Norddeutschen
Bundes  sich  gefallen  ließ.  Schon  im  Jahre  1868  zeigten  sich
die  Vorboten  des  Bruches  mit  der  conservativen  Partei,  der
1872  mit  Geräusch  vollzogen  wurde,  in  den  Debatten  über
die  Begründung  eines  Provinzialfonds  für  die  Provinz  Hannover.
Die  Regierung  hatte  sich  den  Hannoveranern  gegenüber  durch
ein  Versprechen  gebunden,  das  sie  durch  eine  entsprechende
Vorlage  beim  Landtage  einlöste;  allein  sie  begegnete  bei  der
durch  Heißsporne,  wie  v.  Brauchitsch,  v.  Diest  u.  A.,  geleiteten
  conservativen  Partei  einem  solchen  Widerstande,  daß  das
Gesetz  nur  mit  einer  knappen  Mehrheit  zur  Annahme  gelangte.
Die  conservative  Partei  verkannte,  daß  ihre  Aufgabe  nach  dem

10“
        <pb n="160" />
        148  XV.  Bruch  mit  den  Conservativen.  Intrigen.  Die  Ressorts.

Kriege  eine  andere  sein  mußte,  als  zur  Zeit  des  Conflictes:
damals  galt  es,  dem  demokratischen  Fortschritt  und
demagogischer  Ueberstürzung  einen  Hemmschuh  anzulegen,  nach
1866  hätte  sie  sich  umwandeln  müssen  in  eine  Partei  des
conservativen  Fortschrittes.  Indem  sie  das  versäumte,
drängte  sie  selbst  Bismarck  zum  Anschluß  an  die  liberale
Partei,  der  für  die  höchste  seiner  Aufgaben,  die  Consolidirung
der  neuen  Ordnung  vor  dem  zu  erwartenden  Kriege  gegen
Frankreich,  die  Hilfe  nehmen  mußte,  wo  sie  sich  ihm  bot.
Nicht  bei  allen  seinen  conservativen  Gegnern  konnte  Bismarck
  „achtbare  prinzipielle“  Gründe  ihrer  Gegnerschaft  erkennen,
  „die  in  dem  Einzelnen  eine  stärkere  Triebkraft  ausübten,
  als  ihr  mehr  preußisches  wie  deutsches  Nationalgefühl.“
Bei  den  einen  lag  das  Motiv  der  Opposition  im  Streberthum,
so  bei  Harry  v.  Arnim,  R.  v.  d.  Goltz  u.  A.,  die  sich  klüger
dünkten,  als  Bismarck:)  bei  den  andern,  den  Standesgenossen
vom  Landadel,  im  Neid  über  die  außergewöhnliche  Carriere
eines  der  Ihrigen,  der  es  vom  schlichten  Landjunker  über  die
auch  Andern  zugängliche  „Excellenz“  hinaus  zur  „Durchlaucht“
gebracht  hatte,  so  wenig  Bismarck  jemals  etwas  Anderes  sein
wollte,  als  der  Landedelmann,  der  er  nach  Geburt  und  Erziehung
  war.  Die  Gegnerschaft  der  Conservativen  fand  ihren
Ausdruck  in  der  verurtheilenden  Kritik  der  Bismarckschen
Politik  bei  Gelegenheit  des  Schulaussichtsgesetzes  im  Jahre  1872
durch  den  damaligen  Führer  der  Partei,  Herrn  v.  Kleist-Retzow.
  Bei  dem  hervorragend  politischen  Zwecke  des  Schulaufsichtsgesetzes
  war  es  eine  ausgesuchte  Thorheit  der  conservativen
  Partei,  die  Regierung  im  Stiche  zu  lassen,  und  Fürst
Bismarck  ist  bis  an  den  Tod  der  in  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“
  ausgesprochenen  Ueberzeugung  treu  geblieben,
daß  Herr  v.  Kleist-Retzow,  indem  er  seine  Parteigenossen  —
gleichgültig  aus  welchen  Gründen  —  zu  solchem  Widerstand
verleitete,  das  Land  und  die  conservative  Sache  schwer  geschädigt
habe.  „Wenn  die  conservative  Partei“,  sagt  er  im  Rückblick

 

 

1)  Bekannt  ist  der  Ausspruch  von  Goltz:  „Nun  macht  der  Mensch
meine  Politik  und  macht  sie  falsch!“
        <pb n="161" />
        Zerfall  Bismarcks  mit  den  Conservativen.  149

auf  diesen  ihm  schmerzlichen  Vorgang,  „anstatt  mit  mir  zu
brechen  und  mich  mit  einem  Fanatismus  zu  bekämpfen,  worin
sie  keiner  staatsfeindlichen  Partei  etwas  nachgab,  der  Regierung
des  Kaisers  geholfen  hätte,  in  ehrlicher  gemeinsamer  Arbeit
die  Reichsgesetzgebung  auszubauen,  so  würde  der  Ausbau  nicht
ohne  tiefe  Spuren  solcher  conservativen  Mitarbeit  geblieben
sein.  Ausgebaut  mußte  werden,  wenn  die  politischen  und
militairischen  Errungenschaften  vor  Zerbröckelung  und  centrisugaler
  Rückbildung  geschützt  werden  sollten.“  Ob  das  schließlich
  in  mehr  conservativen  oder  in  mehr  liberalen  Formen
geschah,  darauf  konnte  es  einem  Staatsmanne  nicht  ankommen,
der,  nicht  durch  Parteidoctrinen  verblendet,  das  Wohl  des
Deutschen  Reichs  allein  im  Auge  hatte  und  das  Zutrauen
zum  deutschen  Volke  hegte,  daß  es  Auswüchse  und  Fehler  der
nationalen  Einrichtungen  heilen  und  ausmerzen  werde,  sobald
es  sich  das  Recht  der  freien  Selbstbestimmung  durch  Herstellung
einer  zum  Selbstschutze  hinreichend  starken  Einheit  gewonnen
haben  würde.

Der  engere  Anschluß  Bismarcks  an  die  Nationalliberalen
steigerte  die  Feindschaft  der  Conservativen  bis  zu  den  berüchtigten
  Aera-Artikeln  der  „Kreuz-Zeitung“,  in  denen  gegen  den
Fürsten  Bismarck,  allerdings  in  einer  für  den  Strafrichter
schwer  faßbaren  Weise,  die  gehässigsten  Verdächtigungen  ausgestreut
  wurden,  und  den  schamlosen  Angriffen  der  „Reichsglocke“,
  eines  Blattes,  das  seine  Mitarbeiter  in  den  höchsten
Kreisen  des  preußischen  Adels  hatte  und  durch  Vermittelung
des  Ministers  v.  Schleinitz  selbst  am  Hofe  des  Kaisers  Wilhelm
mit  Eifer  verbreitet  wurde.  Fürst  Bismarck  knüpft  an  die
Erzählung  über  die  Form,  in  der  sich  die  Feindschaft  äußerte,
allgemein  gültige  Bemerkungen  über  die  Rohheit  des  Parteikampfes
  überhaupt,  die  ich  den  Lesern  dieser  Blätter  nicht
vorenthalten  will:  „Jeder,  der  in  heutiger  Zeit  in  politischen
Kämpfen  gestanden  hat,  wird  die  Wahrnehmung  gemacht
haben,  daß  Parteimänner,  über  deren  Wohlerzogenheit  und
Rechtlichkeit  im  Privatleben  nie  Zweifel  aufgekommen  sind,
sobald  sie  in  Kämpfe  der  Art  gerathen,  sich  von  den  Regeln
des  Ehrgefühles  und  der  Schicklichkeit,  deren  Autorität  sie
        <pb n="162" />
        150  XV.  Bruch  mit  den  Conservativen.  Intrigen.  Die  Ressorts.

sonst  anerkennen,  für  entbunden  halten  und  aus  einer  karikirenden
  Uebertreibung  des  Satzes  salus  publica  suprema  lex  die
Rechtfertigung  für  Gemeinheiten  und  Rohheiten  in  Sprache
und  Handlung  ableiten,  durch  die  sie  sich  außerhalb  der
politischen  und  religiösen  Streitigkeiten  selbst  angewidert  fühlen
würden.  Diese  Lossagung  von  allem,  was  schicklich  und  ehrlich
  ist,  hängt  undeutlich  mit  dem  Gefühle  zusammen,  daß
man  im  Interesse  der  Partei,  das  man  dem  des  Vaterlandes
unterschiebt,  mit  anderem  Maße  zu  messen  habe,  als  im  Privatleben,
  und  daß  die  Gebote  der  Ehre  und  Erziehung  in  Parteikämpfen
  anders  und  loser  auszulegen  seien,  als  selbst  im
Kriegsgebrauch  gegen  ausländische  Feinde  .  .  Welcher  gebildete
und  wohlerzogene  Deutsche  würde  versuchen,  im  gewöhnlichen.
Verkehr  auch  nur  einen  geringen  Theil  der  Grobheiten  und
Bosheiten  zur  Verwendung  zu  bringen,  die  er  nicht  ansteht,
von  der  Rednertribüne  vor  hundert  Zeugen  seinem  bürgerlich
gleich  achtbaren  Gegner  in  einer  schreienden,  in  keiner  anständigen
  Gesellschaft  üblichen  Tonart  in's  Gesicht  zu  werfen?
Wer  würde  es  außerhalb  des  politischen  Parteitreibens  mit
der  von  ihm  selbst  beanspruchten  Stellung  eines  Edelmannes
von  gutem  Hause  verträglich  halten,  sich  in  den  Gesellschaften,
wo  er  verkehrt,  gewerbsmäßig  zum  Colporteur  von  Lügen
und  Verleumdungen  gegen  andere  Genossen  seiner  Gesellschaft
und  seines  Standes  zu  machen?  ..  BSobald  man  aber  vor
dem  eigenen  Gewissen  und  vor  der  Fraction  sich  damit  decken
kann,  daß  man  im  Parteiinteresse  auftritt,  so  gilt  jede  Gemeinheit
  für  erlaubt  oder  doch  für  entschuldbar.“

Als  Bismarck  die  Verleumdungen  der  „Kreuzzeitung“
öffentlich  vor  dem  Reichstage  brandmarkte  (9.  Februar  1876)
und  die  Conservativen  aufforderte,  sich  von  einem  solchen
Blatte  loszusagen,  )  antwortete  ihm  die  Kundgebung  der  sog.
Declaranten,  meist  evangelische  Geistliche,  die  dadurch  in
Bismarcks  Augen  sich  zu  Eideshelfern  der  „Kreuzzeitungslügen“
  machten  und  Bismarcks  Mißtrauen  „gegen  Politiker
in  langen  Kleidern,  weiblichen  und  priesterlichen“,  durch  ihr

1)  Politische  Reden  VI  351.
        <pb n="163" />
        Parteigehässigkeit.  Kreuzzeitungs-Declaranten.  151

Eintreten  für  die  frivolsten  Verleumdungen  des  ersten  Beamten
des  Deutschen  Reiches  nur  verstärken  mußten.  Bismarck  zog
die  selbstverständliche  Folgerung:  zwischen  ihm  und  allen
„Declaranten“  war  das  Tischtuch  zerschnitten;  er  mußte  mit
manchen  Männern  brechen,  die  ihm  früher  in  inniger  Freundschaft
  verbunden  gewesen  waren,  und  die  Wunde,  die  dadurch
seinem  Herzen  geschlagen  wurde,  ist  nie  ganz  vernarbt.
Leider  fand  Bismarck  bei  den  Nationalliberalen  nicht
vollen  Ersatz  für  das,  was  er  aufgab;  es  blieb  ihm  die  bittere
Erinnerung  daran,  daß  die  nationalliberale  Partei  sich  durch
die  rohen  und  unwürdigen  Angriffe  auf  seine  persönliche  Ehrenhaftigkeit
  nicht  bewogen  fand,  ihm  in  der  Abwehr  irgendwie
beizustehen,  ja  aus  manchen  Zeichen  wollte  er  schließen,  daß
man  in  ihren  Reihen  den  Angriff  der  conservativen  Partei
mit  einer  gewissen  Genugthuung  begrüßte  und  sich  bemühte,
den  Bruch  zu  erweitern  und  ihm  den  Stachel  tiefer  einzudrücken.
Fürst  Bismarck  sieht  die  Ursachen  dieser  Haltung  in  der  Fractionsbeschränktheit,
  die  immer  nur  fragt:  was  nützt  der  Fraction?
und  nicht:  was  ist  im  gegebenen  Falle  dem  Vaterlande  nützlich?
  Der  durch  die  „parlamentarischen  Condottieri“  geübte
Zwang  schüchtert  die  einzelnen,  minder  redegewandten  Mitglieder
  der  Fraction  ein,  ihre  Meinung  frei  zu  äußern,  und
so  dienen  sie  schließlich  nur  den  Herrschaftsgelüsten  der  Parteiführer,
  deren  letztes  Ziel  immer  der  Posten  des  leitenden
Ministers  sein  wird.  Das  ist  menschlich  natürlich,  mußte  aber
einen  Charakter  wie  Bismarck  abstoßen,  der,  über  alles  Parteiwesen
  hinausgewachsen,  immer  nur  ein  Ziel  kannte:  das  Beste
des  Vaterlandes,  bei  den  Parteien  aber  für  seine  Bestrebungen
nicht  die  erhoffte  Förderung  fand,  weil  jede  den  Vorwurf
  scheute,  „ministeriell  zu  sein“,  so  lange  die  leitende
Stellung  in  „festen“  Händen  war.  „Dieser  Vorwurf  hörte
sofort  auf,  den  Conservativen  und  andern  Fractionen  empfindlich
  zu  sein“,  als  durch  Bismarcks  Entlassung  die  regierende
Stelle  vacant  geworden  war,  „und  jeder  Parteiführer,  in  der
Hoffnung,  bei  ihrer  Wiederbesetzung  betheiligt  zu  werden,  bis
zur  unehrlichen  Verleugnung  und  Boycottirung  des  früheren
Kanzlers  und  seiner  Politik  servil  und  ministeriell  wurde."
        <pb n="164" />
        152  XV.  Bruch  mit  den  Conservativen.  Intrigen.  Die  Ressorts.

Aufreibender  fast  als  der  Kampf  auf  politischem  und
parlamentarischem  Gebiete  ist  für  Bismarck  der  Kampf  gegen
die  Intrige  gewesen,  der  sich  hinter  den  Coulissen  abspielte
und  ihm  oft  genug  die  Galle  in's  Blut  getrieben  hat.  Das
26.  Capitel  der  „Gedanken  und  Erinnerungen“  Intrigen)
giebt  davon  ausführliche  Kunde.  Obenan  in  der  Reihe  der
ränkesüchtigen  Streber  steht  Graf  Harry  v.  Arnim,  der  einmal
in  der  Weinlaune  dem  Fürsten  Bismarck  sagte,  daß  er  jeden
Vordermann  in  der  Carrieère  als  seinen  persönlichen  Feind
ansehe  und  demgemäß  behandle.  Er  benutzte  seine  Stellung
als  Botschafter  in  Paris,  um  in  Privatbriefen  an  den  Kaiser
auf  eigene  Faust  politische  Vorschläge  zu  machen,  die  den  Anschauungen
  des  verantwortlichen  Reichskanzlers  zuwiderliefen,
indem  er  einer  Wiederherstellung  des  französischen  Königthums
das  Wort  redete,  während  nach  Bismarcks  Ansicht  die  Fortdauer
  der  im  monarchischen  Europa  bündnißunfähigen  Republik
Deutschland  den  Frieden  sicherte.  Glücklicherweise  versäumte
der  Kaiser  nicht,  Arnims  Briefe  dem  Fürsten  Bismarck  mitzutheilen,
  wodurch  dieser  Gelegenheit  erhielt,  „der  politischen
Einsicht,  man  könnte  sagen,  dem  gesunden  Verstande  des  Herrn
die  Schäden  und  Gefahren  der  Rathschläge  darzulegen,  denen
wir  auf  dem  von  Arnim  empfohlenen  Wege  der  Herstellung
der  Legitimität  in  Frankreich  entgegengehen  würden.“  Das
Verfahren  gegen  Graf  Arnim,  das  von  den  Gegnern  Bismarcks
so  gern  aus  dem  Gesichtspunkte  persönlicher  Rachsucht  betrachtet
wird,  war  von  ihm  selbst  herausgefordert  durch  die  Weigerung,
amtlichen  Instructionen  Folge  zu  leisten  und  zweifellos  amtliche
  Bestandtheile  der  Botschaftsacten,  die  er  bei  seiner  Abberufung
  von  Paris  dem  Archiv  entnommen  hatte,  zurückzugeben.
  Bismarck  verfolgte  dabei  nur  den  Zweck,  als  Vorgesetzter
  die  amtliche  Autorität  zu  wahren,  ein  Straferkenntniß
gegen  Arnim  hat  er  weder  erstrebt  noch  erwartet  und  würde,
nachdem  ein  solches  erfolgt  war,  wirksam  für  eine  Begnadigung
eingetreten  sein,  „wenn  dieselbe  in  der  durch  das  Contumacial=Erkenntniß
  geschaffenen  Lage  juristisch  zulässig  gewesen  wäre".
Eine  Strafe  von  5  Jahren  Zuchthaus  hält  Fürst  Bismarck
für  durchaus  ungerechtfertigt:  „die  Verurtheilung  im  zweiten
        <pb n="165" />
        Harry  v.  Arnim.  Gontaut  Biron.  153

Proceß“,  sagt  er  in  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“,  „ist
nur  dadurch  möglich  geworden,  daß  der  regelmäßige  Strafrichter
  nicht  in  der  Lage  ist,  die  Sünden  der  Diplomatie  in
internationalen  Verhandlungen  mit  vollem  Verständniß  zu  beurtheilen."“
  !)

Der  von  Arnim  vertretene  Gedanke  einer  Herstellung
der  Monarchie  in  Frankreich  hatte  in  Berlin  einen  warmen
Förderer  in  dem  damaligen  französischen  Botschafter  Gontaut
Biron,  der  der  legitimistisch-katholischen  Partei  von  Natur
angehörte  und  auch  als  Botschafter  der  Republik  in  ihrem
Interesse  thätig  war.  Während  Graf  Arnim  die  Wünsche  der
Legitimisten  bei  dem  Kaiser  zur  Geltung  zu  bringen  suchte,
wirkte  Gontaut  Biron  auf  die  Kaiserin  ein,  der  er  als  Franzose
  und  als  Katholik  persönlich,  aber  auch  in  seinen  politischen
Zielen  sympathisch  war.  Fürst  Bismarck  ist  der  festen  Ueberzeugung,
  daß  die  Rückkehr  Frankreichs  zu  monarchischen  Institutionen
  die  Erneuerung  des  Krieges  gegen  Deutschland  zur
Folge  gehabt  haben  würde,  und  die  Begünstigung  dieser  Pläne
durch  die  römische  Curie  zeigte  ihm  im  Hintergrunde  eine
katholische  Reaction,  die  im  Falle  eines  französischen  Sieges  zu
einem  Entscheidungskampfe  der  Bekenntnisse  „auf  dem  Sande
der  Mark“  geführt  haben  würde.

Gontaut  Biron  spielte  auch  eine  Rolle  in  der  Kriegskomödie
  von  1875;  Fürst  Bismarck  gedenkt  ihrer  an  dieser
Stelle  seiner  „Gedanken  und  Erinnerungen".  Von  wem  der
Gedanke  ausgegangen  ist,  weiß  Fürst  Bismarck  nicht  zu  sagen.
Zusammen  wirkten  in  dem  Spiele  der  Minister  des  Auswärtigen
  von  Frankreich,  Duc  de  Decazes,  die  Botschafter
Gontaut  in  Berlin,  Le  Flé  in  Petersburg  und  Fürst  Gortschaltov,
  dem  die  Rolle  des  Friedensengels  zufiel.  Die
Komödianten  behaupteten,  Fürst  Bismarck  beabsichtige,  das
wehrlose  Frankreich  mit  Krieg  zu  überfallen,  um  ihm  jede
Revanche  unmöglich  zu  machen,  und  flehten  für  ihr  schwer
bedrohtes  Vaterland  um  Rußlands  Schutz,  den  ihnen  Gortschakow
bereitwillig  zusagte.  Thatsache  und  unwiderleglich  bewiesen

1)  Man  vgl.  auch  die  Aeußerungen  Bismarcks  bei  Berathung  des
s.  g.  Arnimparagraphen,  am  3.  Dec.  1875,  Politische  Reden  VI  318  ff.
        <pb n="166" />
        154  XV.  Bruch  mit  den  Conservativen.  Intrigen.  Die  Ressorts.

ist,  daß  Fürst  Bismarck  niemals  den  Gedanken  gehabt  hat,
einen  Präventivkrieg  zu  führen,  und  allen  militairischen  An—
regungen  dieser  Art  schroff  entgegentrat.  Das  Deutsche  Reich
hatte  von  Anbeginn  seine  große  Macht  in  den  Dienst  des
Friedens  gestellt;  der  Kaiser,  der  schon  den  Krieg  von  1870
gern  vermieden  hätte,  wäre  nie  zu  bewegen  gewesen,  angriffsweise
  gegen  Frankreich  vorzugehen,  ganz  abgesehen  von  den
fast  einem  Verbote  gleichkommenden  Schwierigkeiten,  die  die
deutsche  Reichsverfassung  einer  deutschen  Kriegserklärung  entgegenstellt.
  Und  welchen  Nutzen  hätte  ein  solcher  Krieg  haben
können?  Selbst  wenn  es  uns  gelungen  wäre,  Frankreich  abermals
  zu  schlagen,  so  würde  doch  die  Frivolität  einer  Kriegserklärung
  ohne  stichhaltigen  Grund  eine  Verbindung  von  Rußland,
  Oesterreich  und  England  herbeigeführt  haben  zu  activem
Vorgehen  gegen  das  neue,  noch  nicht  consolidirte  Reich,  das
mit  seinen  Angriffe  auf  den  ungerüsteten  Nachbar  in  die
Bahnen  Napoleonischer  Prestige-Politik  eingelenkt  wäre.  Als
Gortschakow  im  Mai  1875  im  Gefolge  des  Kaisers  Alexander  II.
in  Berlin  erschien,  klärte  ihn  die  Unterredung  mit  Bismarck
über  die  gänzliche  Unhaltbarkeit  der  französischen  Kriegsbefürchtungen
  auf;  gleichwohl  war  er  unehrlich  genug,  durch
ein  von  Berlin  aus  versendetes  Telegramm  (dessen  Wortlaut,
wenn  ich  recht  unterrichtet  bin,  Fürst  Bismarck  erst  einige
Zeit  nachher  durch  den  König  von  Schweden  erfuhr)  die  Welt
glauben  zu  machen,  daß  nunmehr  —  also  durch  sein  Eingreifen
  —  der  Friede  gesichert  sei.  Auf  Gortschakow  lastete
eine  starke  Hypothek  von  Eitelkeit  und  Neid  gegen  Bismarck;
in  seinem  Bestreben,  eine  Rolle  zu  spielen,  ließ  er  sich  verleiten,
„hinterrücks  auf  Bismarcks  Schultern  zu  springen,  um  dort
eine  Circusvorstellung  zum  Besten  zu  geben“.  Mit  bitterer
Satire  strafte  Bismarck  den  „Schutzengel  Frankreichs“  und
führte  Klage  über  ihn  beim  Zaren.  Alexander  bat  ihn  zwar,
die  greisenhafte  Eitelkeit  seines  Kanzlers  nicht  zu  ernst  zu
nehmen,  versäumte  aber,  seiner  Mißbilligung  „einen  hinreichend
authentischen  Ausdruck“  zu  geben,  um  die  Legende  von  Deutschlands
  Absicht,  1875  Frankreich  zu  überfallen,  aus  der  Welt
zu  schaffen.  Für  den  Unbefangenen  freilich  wird  das  früher
        <pb n="167" />
        Kriegskomödie  von  1875.  Friedrich  zu  Eulenburg.  155

schon  von  mir  veröffentlichte,  !)  jetzt  auch  in  die  „Gedanken
und  Erinnerungen“  ausgenommene  Schreiben  Bismarcks  an
den  Kaiser  vom  13.  August  1875  ein  vollgültiges  Zeugniß
der  Unschuld  Deutschlands  an  den  damaligen  Kriegstreibereien
  sein.

Graf  Friedrich  zu  Eulenburg  hatte  während  der
Conflictszeit  treu  zu  Bismarck  gestanden,  schien  ihm  auch
freundschaftlich  zugethan.  Aber  auch  er  blieb  nicht  frei  von
Eifersucht,  als  der  schnelle  Aufstieg  den  bisherigen  Collegen
weit  über  den  Kreis  der  „Gespielen“  hinaushob.  Der  Wunsch,
populair  zu  werden,  packte  ihn  und  ließ  ihn  die  Verwaltungsreform
  in  Angriff  nehmen,  auf  liberaler  Grundlage,  um  sich
die  Unterstützung  des  Liberalismus  zu  sichern.  Das  brachte
ihn  in  Conflict  mit  der  conservativen  Partei,  aber  auch  mit
Bismarck,  der  in  der  Bureaukratisirung  des  Landrathspostens
einen  schweren  Fehler  der  Reform  erkannte.  Ein  längerer
Urlaub,  den  Eulenburg  im  Sommer  1877  nahm,  weil  er  sich
körperlich  bankerott  fühlte,  bereitete  seinen  Uebergang  in  den
Ruhestand  vor;  dieser  vollzog  sich  aber  nicht  ohne  einen  Act
der  Gehässigkeit  gegen  Bismarck,  der  fast  zu  einem  Zerwürfnisse
  zwischen  dem  Kaiser  und  seinem  ersten  Berather  geführt
hätte.  Ich  erzähle  kurz,  was  sich  ziemlich  ausführlich  in  den
„Gedanken  und  Erinnerungen“  darüber  berichtet  findet.  Bismarck
hatte  als  Ersatz  für  Eulenburg  den  Führer  der  Nationalliberalen
  Rudolf  v.  Bennigsen  in's  Auge  gefaßt  und  unterhandelte
  während  des  Jahres  1877  zweimal,  im  Juli  und
December,  über  seinen  Eintritt  mit  ihm.  Bennigsen  suchte
der  Verhandlung  weitere  Ausdehnung  zu  geben,  indem  er,  in
der  Meinung,  daß  es  sich  um  einen  durch  die  politische  Lage
gebotenen  Systemwechsel  handle,  die  gleichzeitige  Berufung
zweier  seiner  Parteigenossen,  v.  Forckenbeck  und  v.  Stauffenberg,
  forderte.  Bismarck  machte  ihn  darauf  aufmerksam,  daß
nur  Eulenburgs  Posten  vacant  sei,  daß  es  schon  einige  Schwierig-·

  1)  Bismarck-Jahrbuch  IV  35  ff.  —  Vgl.  dazu  den  Aufsatz:  Frankreichs
  angebliche  Bedrohung  im  Jahre  1875,  Berl.  Neueste  Nachrichten
27.  August  1895  Nr.  401  (M.-A.).
        <pb n="168" />
        156  XV.  Bruch  mit  den  Conservativen.  Intrigen.  Die  Nessorts.

keit  kosten  werde,  den  König  zur  Ernennung  Bennigsens  zu
bewegen,  daß  es  aber  ganz  aussichtslos  sein  würde,  ihm  eine
Neubildung  des  Ministeriums  unter  größerer  Betheiligung
der  nationalliberalen  Partei  vorzuschlagen.  Bennigsen  aber
schien  zu  glauben,  daß  es  ihm  auch  als  Minister  gestattet  sein
werde,  Führer  der  Nationalliberalen  zu  bleiben  und  seine
Partei  zur  regierenden  zu  machen,  die  fortan  dem  preußischen
Staate  die  Minister,  dem  Reiche  die  Staatssecretaire  der
Reichsämter  zu  liefern  hätte,  und  blieb  unzugänglich  für  die
Auseinandersetzung  Bismarcks,  daß  es  sich  vorläufig  gar  nicht
um  liberal  und  conservativ  handle,  sondern  einzig  um  die
Befestigung  unserer  nationalen  Sicherheit,  die  bei  der  Stärke
der  nationalliberalen  Partei  leichter  mit  dieser  als  mit  der
conservativen  Partei  zu  erreichen  sei,  da  diese  ihrem  ganzen
Wesen  und  ihrer  geographischen  Verbreitung  nach  niemals  zu
einer  nationalen  Majorität  werden  könne.  So  wurde  die
Verhandlung  abgebrochen,  von  Bismarck  in  der  Ueberzeugung,
daß  sie  gescheitert  sei,  von  Bennigsen  in  der  Hoffnung,  daß  sie
wieder  ausgenommen  und  auch  auf  Forckenbeck  und  Stauffenberg
  ausgedehnt  werden  würde.  Aber  schon  hatte  die  geschäftige
Fama  das  Gerücht  vom  Eintritt  Bennigsens  nach  Berlin  getragen
  und  zur  Thatsache  verdichtet,  was  nur  Gegenstand  der
Erwägung  gewesen  war.  Eulenburg,  dem  die  Abneigung  des
Königs  gegen  Bennigsen  nicht  unbekannt  war,  trug  das  Gerücht
  zum  Könige,  der,  über  die  Eigenmächtigkeit  des  Reichskanzlers
  erzürnt,  ihm  schriftlich  seine  lebhafte  Entrüstung  über
die  Zumuthung  kund  gab,  daß  er  aufhören  sollte,  „conservativ“
zu  regieren.  Bismarck  ließ  dem  Kaiser  durch  Bülowi),  der
gerade  als  geschäftlicher  Beistand  in  Varzin  bei  ihm  weilte,
antworten,  er  könne  ihm  einen  Nachfolger  Eulenburgs  doch
nicht  vorschlagen,  ohne  sich  vorher  von  der  Bereitwilligkeit  des
Vorzuschlagenden  überzeugt  zu  haben.  Diese  Ueberzeugung
habe  er  bei  den  Verhandlungen  mit  Bennigsen  nicht  gewonnen
und  würde  darum  überhaupt  Anstand  genommen  haben,  ihn

1)  Nicht  durch  Roon,  wie  in  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“
steht.  Im  Manuscript  war  der  Name  nur  durch  B.  angedeutet,  dieses
wurde  vom  Abschreiber  als  R.  gelesen  und  zu  Roon  ergänzt.
        <pb n="169" />
        Nationalliberale  Hoffnungen  und  Wünsche.  157

Sr.  Majestät  als  Ministercandidat  zu  präsentiren;  die  ungnädige
  Verurtheilung  aber,  die  er  durch  das  keiserliche
Schreiben  erfahren  habe,  nöthige  ihn,  sein  Abschiedsgesuch  vom
Frühjahr  zu  erneuern.  Der  Kaiser  erwiderte  darauf,  daß  er
falsch  berichtet  worden  sei,  und  bat  Bismarck,  den  Brief  als
ungeschrieben  zu  betrachten.  Dieser  gab  infolge  dessen  dem
Abschiedsgesuch  keine  weitere  Folge.  Die  Nervenaufregung
aber,  die  der  ganze  Vorgang  ihm  verursachte,  führte  zu  einem
Rückfall  seiner  Krankheit.  Bennigsen  blieb  die  Abneigung  des
Kaisers  gegen  seine  Person  verborgen,  er  hielt  die  Frage
seines  Eintritts  noch  für  eine  schwebende,  als  Bismarck  im
Februar  1878  nach  Berlin  zurückgekehrt  war,  und  lehnte  erst
am  22.  Februar  definitiv  ab,  als  ihm  der  Reichskanzler  das
Tabaksmonopol  als  Ziel  seiner  Steuerpolitik  bezeichnete.

Die  Nationalliberalen  gaben  darum  die  Hoffnung  nicht
auf,  Einfluß  auf  die  Regierungspolitik  zu  gewinnen.  Sie
knüpften  zu  diesem  Zwecke  Beziehungen  zu  mehreren  von  Bismarcks
  Collegen  an,  wie  Friedenthal  und  Botho  zu  Eulenburg,
welcher  letztere  das  Ohr  des  Grafen  Otto  von  Stolberg,  des
stellvertretenden  Ministerpräsidenten,  besaß.  Fürst  Bismarck
glaubte  sich  in  dieser  Zeit  einem  System  der  Abdrängung  von
den  Geschäften  seiner  amtlichen  Stellung  gegenüber  zu  befinden,
das  sich  ihm  in  allerlei  heimlichen,  ohne  sein  Vorwissen  getroffenen
  Abreden  mit  den  Präsidien  von  Land=  und  Reichstag,
  sowie  parlamentarischen  Parteiführern  und  in  der  Nichteinholung
  seines  Votums  in  materiellen  Vorlagen  während  seiner
Abwesenheit  äußerte.  In  der  Conseilsitzung  vom  5.  Juni  1878,
die  wegen  der  schweren  Verwundung  des  Kaisers  unter  dem
Vorsitz  des  Kronprinzen  abgehalten  wurde,  erlebte  er  es,  daß
mehr  als  die  Hälfte  seiner  Collegen  seinem  Antrage  auf  Auflösung
  des  Reichstages  nicht  zustimmte,  weil  der  Reichstag
sicher  bereit  sein  werde,  das  nach  dem  Hödelschen  Attentat
(11.  Mai  1878)  verweigerte  Ausnahmegesetz  jetzt  nach  dem
Nobilingschen  Mordversuch  (2.  Juni  1878)  zu  bewilligen.  Es
kam  den  Ministern  offenbar  unerwartet,  daß  sich  der  Kronprinz
  für  Bismarcks  Ansicht  entschich  und  die  Auflösung  guthieß;
  hätte  er  sich,  wie  man  erwartet  hatte,  der  Mehrheit
        <pb n="170" />
        158  XV.  Bruch  mit  den  Conservativen.  Intrigen.  Die  Ressorts.

gefügt,  so  glaubten  sie  ihr  Ziel,  Bismarcks  Beseitigung,  zu  erreichen.
  Aber  gerade  damals  war  Bismarck  entschlossen  zu
bleiben,  nicht  aus  Herrschsucht,  sondern  in  der  auf  gewissenhafter
  Erwägung  beruhenden  Ueberzeugung,  daß  er  im  Falle
des  Todes  Kaiser  Wilhelms  I.  verpflichtet  sei,  seinem  Nachfolger
  die  Dienste  nicht  zu  versagen,  die  er  ihm  vermöge  des
Vertrauens  und  der  Erfahrung  leisten  konnte,  die  er  sich  erworben
  hatte.  Die  Nationalliberalen  haben  Bismarck  damals  das
Wort  in  den  Mund  gelegt:  er  werde  sie  an  die  Wand  drücken,
bis  sie  „quietschten“.  Fürst  Bismarck  hat  schon  früher  bestritten,
jemals  eine  solche  Aeußerung  gethan  zu  haben,  die  übrigens  so
ganz  dem  vornehmen  Ton  widerspricht,  in  dem  er  sich  zu  äußern
pflegte;  in  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“  erneuert  er
diesen  Protest  und  stellt  als  Quelle  der  Redensart  die  Memoiren
des  Grafen  Beust  fest.  Nach  seiner  Ansicht  haben  vielmehr  die
Nationalliberalen  darnach  getrachtet,  seine  Erbschaft  anzutreten,
und  sich  mit  einigen  seiner  Collegen  und  Leuten  von  Einfluß
am  Hofe  und  im  Centrum  über  die  Theilung  der  Beute  verständigt.
  Im  neuen  Ministerium  sollten  sich,  wie  im  Ministerium
  Gladstone,  Liberalismus  und  Katholicismus  die  Hand
reichen;  General  von  Stosch  hatte  den  Auftrag,  im  Palais
des  Kaisers  und  des  Kronprinzen  der  neuen  Combination  die
Wege  zu  ebnen.

Man  rechnete  dabei  vornehmlich  auf  den  Grafen  Botho
zu  Eulenburg,  der  seit  dem  31.  März  1878  Minister  des
Innern  und  am  Hofe  durch  alte  Familienbeziehungen  persona
grata  war.  Er  war  gegen  Bismarck  verstimmt  durch  die  geschäftliche
  Behandlung  einer  zwischen  ihm  und  dem  Reichskanzler
  schwebenden  Differenz,  obwohl  das  Versehen  weniger
auf  Seiten  Bismarcks  als  auf  Seiten  des  Geheimraths  Tiedemann
  beruhte,  der  einen  ihm  zu  Theil  gewordenen  Auftrag
ungeschickt  ausgeführt  hatte.  Alle  Bemühungen  freilich,  das
Vertrauen  des  alten  Kaisers  zu  seinem  bewährten  Berather
zu  erschüttern,  scheiterten  an  der  unwandelbaren  Treugesinnung
des  alten  Herrn,  der  durch  sein  „Niemals“  unter  Bismarcks
Abschiedsgesuche  vom  März  1877  den  Bund  vom  22.  September
  1862  erneuert  hatte.  Im  Jahre  1881  nahm  Graf
        <pb n="171" />
        Abdrängung  Bismarcks.  Botho  zu  Eulenburg.  159

Botho  Eulenburg  seinen  Abschied  aus  einem  ähnlichen  Anlaß,
wie  er  seiner  in  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“  mitgetheilten
  Beschwerde  über  geringschätzige  Behandlung  zu  Grunde
lag.  An  seinen  Namen  knüpft  sich  ein  Briefwechsel  zwischen
dem  Kaiser  und  Bismarck,  der  in  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“
  zuerst  veröffentlicht  worden  ist.  In  Antwort  auf
einen  Brief  des  Kaisers,  der  über  einen  Traum  berichtete,  in
dem  Graf  Eulenburg  eine  Rolle  spielte,  erzählt  Bismarck  von
einem  Traume,  der  ihm  in  den  schwersten  Conflictstagen  des
Jahres  1863  wie  in  einer  göttlichen  Offenbarung  den  zukünftigen
  Ausgang  der  Spannung  auf  den  böhmischen  Schlachtfeldern
  zeigte.  Die  Stelle  ist  so  schön,  daß  ich  es  mir  nicht
versagen  kann,  sie  im  Wortlaute  mitzutheilen:  „Mir  träumte,
und  ich  erzählte  es  sofort  am  Morgen  meiner  Frau  und  andern
Zeugen,  daß  ich  auf  einem  schmalen  Alpenpfad  ritt,  rechts
Abgrund,  links  Felsen;  der  Pfad  wurde  schmaler,  so  daß  das
Pferd  sich  weigerte,  und  Umkehr  und  Absitzen  (war)  wegen
Mangel  an  Platz  unmöglich;  da  schlug  ich  mit  meiner  Gerte  in
der  linken  Hand  gegen  die  glatte  Felswand  und  rief  Gott
an;  die  Gerte  wurde  unendlich  lang,  die  Felswand  stürzte
wie  eine  Coulisse  und  eröffnete  einen  breiten  Weg  mit  dem
Blick  auf  Hügel  und  Waldland  wie  in  Böhmen,  preußische
Truppen  mit  Fahnen  und  in  mir  noch  im  Traume  der  Gedanke,
  wie  ich  das  schleunig  Eurer  Majestät  melden  könnte.
Dieser  Traum  erfüllte  sich,  und  ich  erwachte  froh  und  gestärkt
aus  ihm.“  .

Die  erwähnten  Zerwürfnisse  mit  Eulenburg,  das  Gefühl,
bei  äußerlich  achtungsvollen  Kundgebungen  persönlichen  Wohlwollens
  thatsächlich  boycottirt  zu  sein,  erschöpften  Bismarcks
Nerven  mehr  als  die  Arbeit,  die  der  durch  den  Brief  an  den
Freiherrn  von  Thüngen  symptomatisch  gekennzeichnete  Uebergang
  zum  Schutzzollsystem  ihm  verursachte;  er  verfiel  in  einen
„Gesundheitsbankerott“,  dem  die  behandelnden  Aerzte  rathlos
gegenüberstanden,  bis  Dr.  Schweninger  die  Krankheit  „richtig
erkannte  und  richtig  behandelte“  und  dem  Fürsten  Bismarck
ein  relatives  Gesundheitsgefühl  verschaffte,  wie  er  es  seit  Jahren
nicht  mehr  gekannt  hatte.
        <pb n="172" />
        160  XV.  Bruch  mit  den  Conservativen.  Intrigen.  Die  Ressorts.

Als  einen  Vorstoß  gegen  die  Autorität  des  Ministerpräsidenten
  und  des  ganzen  Staatsministeriums  mußte  es
Bismarck  auch  betrachten,  wenn  im  Juni  1877  plötzlich  einer
seiner  Gegner  von  der  Frankfurter  Zeit  her,  Herr  v.  Gruner,
der  bald  nach  dem  Eintritte  Bismarcks  in  das  Ministerium
aus  der  bisher  von  ihm  bekleideten  Stellung  des  Unterstaatssecretairs
  im  Auswärtigen  Amte  entlassen  und  zur  Disposition
gestellt  worden  war,  in  das  Hausministerium  berufen  und
gleichzeitig  ohne  Gegenzeichnung  eines  verantwortlichen  Ministers
zum  Wirklichen  Geheimen  Rathe  ernannt  wurde.  Verstärkt
wurde  die  Verstimmung  Bismarcks  über  die  Auszeichnung
eines  notorischen  Gegners  seiner  Politik  durch  die  vom  Minister
von  Schleinitz  geforderte  Aufnahme  der  Ernennung  Gruners
in  das  amtliche  Organ  des  preußischen  Staatsministeriums
und  des  Reichskanzlers,  den  Reichs=  und  Staatsanzeiger.
Entschlossen,  die  in  solcher  Ernennung  liegende  deminutio  capitis
nicht  anzunehmen,  schrieb  Bismarck  von  Kissingen  aus  einen
geharnischten  Protest  unter  gleichzeitiger  Stellung  der  Cabinetsfrage
  und  erreichte  dadurch,  daß  die  Publication  der  Ernennung
dieses  dem  „Reichsglocken"-Ring  angehörigen  Gegners  im  Reichsanzeiger
  unterblieb.  Die  Empfindlichkeit  für  das  Gefühl  amtlicher
  Ehre  entsprach  bei  Bismarck  dem  Bewußtsein  einer  durch
keinerlei  höhere  Deckung  zu  mindernden  Verantwortlichkeit.

Bedeutende  Menschen  —  und  insbesondere  überragende
Persönlichkeiten  wie  Bismarck  —  werden  immer  nur  von
Wenigen  verstanden  werden;  auf  ihre  Umgebung  wirkt  ihre
geistige  Ueberlegenheit  als  ein  lästiger  Druck,  doppelt,  wenn
der  Ueberlegenheit  des  Geistes  sich  die  Ueberlegenheit  des  sittlichen
  Charakters  zugesellt.  Dem  Fürsten  Bismarck  ist  die
Wahrnehmung  nicht  erspart  geblieben,  daß  eigentlich  alle  seine
Collegen  seinen  Austritt  aus  den  Geschäften  als  eine  Erlösung
empfanden  (27.  Capitel:  Die  Ressorts),  obwohl  er  den
meisten  von  ihnen  das  Aufsteigen  aus  zum  Theil  geringen
Stellen  ermöglicht  und  sich,  so  weit  thunlich,  der  Einmischung
in  die  Geschäfte  ihrer  Ressorts  enthalten  hatte.  Freilich,  ganz
zu  umgehen  war  solche  Einmischung  nicht;  sie  geschah  jedoch
nur,  „wenn  ein  großes  öffentliches  Interesse  Gefahr  lief,  unter
        <pb n="173" />
        Gruners  Ernennung.  Ressortpatriotismus.  161

Sonderinteressen  zu  leiden“.  Dem  Fürsten  Bismarck  ist  alle—
zeit  der  „Ressortpatriotismus“  fremd  geblieben,  der  alles  außerhalb
  des  Ressorts  Stehende  als  Ausland  ansieht,  dem  man
jeden  Schaden  anthun  kann,  wenn  nur  das  Ressort  Nutzen
davon  hat.  Auch  „der  Neigung,  neue  eingreifende  Gesetze  oder
Organisationen  zu  machen,  der  Neigung,  vom  grünen  Tische
aus  zu  reglementiren“,  ist  er  bei  seinen  Collegen  nicht  selten
entgegengetreten,  weil  er  wußte,  „daß,  wenn  nicht  sie  selbst,
so  doch  ihre  Räthe  die  Gesetzmacherei  übertrieben,  und  daß  so
manche  vortragenden  Räthe  in  den  inneren  Ressorts  seit  dem
Examen  her  Projecte  in  ihren  Fächern  haben,  durch  die  sie
die  Unterthanen  des  Reiches  zu  beglücken  suchen,  sobald  sie
einen  Chef  finden,  der  darauf  eingeht".  Man  muß  wünschen,
daß  auch  in  Zukunft  an  der  Spitze  des  Reiches  und  der
Einzelstaaten  Minister  stehen,  die  nicht  vergessen,  daß  sie  nicht
bloß  Ressortminister,  sondern  zugleich  St#aatsminister  sind,
daß  jedes  Ressort  seine  Sonderinteressen  nur  insoweit  verfolgen
darf,  als  sie  nicht  mit  den  allgemeinen  Interessen  des  Staates,
mit  dem  Staatszweck,  collidiren.  Dazu  aber  bedarf  es  der
regulirenden  Autorität,  im  Einzelstaate  des  Ministerpräsidenten,
im  Reiche  des  Reichskanzlers,  und  wenn  seit  1890  die  Anschauung
  mehr  und  mehr  Boden  gewonnen  hat,  als  seien  die
Reichsämter  selbständige  Organe  der  Reichsregierung,  die  unter
eigener  Verantwortlichkeit  in  Fragen  ihres  Ressorts  entscheiden.
könnten,  so  steht  dies  im  Widerspruche  mit  der  Reichsverfassung,
in  die  Fürst  Bismarck  mit  gutem  Grunde  die  alleinige  Verantwortlichkeit
  des  Reichskanzlers  ausgenommen  hat.

In  welchem  Sinne  Fürst  Bismarck  bei  den  Ressorts  der
Anwalt  des  praktischen  Lebens  gewesen  ist,  hat  er  zu  Nutz  und
Frommen  der  nachkommenden  Geschlechter  in  den  „Gedanken
und  Erinnerungen“"  festgelegt.  Hoffen  wir,  daß  die  Zeit  kommt,
da  auch  diesen  Gedanken  der  Sieg  über  bureaukratische  Beschränktheit
  zufällt:  Bismarck  selbst  ist  es  nicht  beschieden  gewesen,
  sie  innerhalb  des  preußischen  Staatsministeriums  zur
Geltung  zu  bringen.

Auf  dem  Gebiete  der  Schule  besitzt  der  preußische
Cultusminister  noch  heute  eine  Vollmacht,  wie  sie  kein  anderer

Kohl,  Wegwelser.  11
        <pb n="174" />
        162  TXV.  Bruch  mit  den  Conservativen.  Intrigen.  Die  Ressorts.

Verwaltungszweig  besitzt:  ohne  Gesetz  und  ohne  sich  an  das
vorhandene  Schulvermögen  zu  binden,  kann  er  auf  Grund
eines  noch  immer  gültigen  Rescripts  des  Ministers  v.  Raumer
auf  dem  Verwaltungswege  bestimmen,  wieviel  jede  Gemeinde
zur  Schule  beizutragen  habe.  Es  ist  Bismarck  nicht  gelungen,
einen  seiner  Collegen  vom  Cultusministerium  zur  Aufgabe
eines  usurpirten  Rechtes  zu  bringen,  das  nur  im  zarischen
Absolutismus  seines  Gleichen  findet.  Da  sie  vielmehr  bestrebt
waren,  ihre  Macht,  über  das  Vermögen  einer  Gemeinde  bis
zu  deren  Existenzunfähigkeit  zu  verfügen,  durch  ein  Schulgesetz
als  dauernde  Institution  dem  preußischen  Staate  aufzulegen,
hat  Bismarck  jedem  der  ihm  gelegentlich  vorgelegten  Schulgesetze
  seine  Zustimmung  versagt.

Auf  dem  Gebiete  der  Finan  zen  hat  Bismarck  immer
den  Gedanken  vertreten,  daß  die  von  dem  Vermögen  des
Zahlenden  unabhängigen  directen  Steuern  —  wie  Grund=  und
Gebäudesteuer  —  nicht  als  Maßstab  für  jährliche  Zuschläge
zu  benutzen  seien.  Ferner  trat  er  für  Selbsteinschätzung,  höhere
Besteuerung  des  aus  ausländischen  Papieren  gewonnenen,  sowie
  des  von  selbst  flüssigen  Einkommens,  geringere  Heranziehung
  des  durch  tägliche  Arbeit  zu  gewinnenden  ein.  Einigen
dieser  Forderungen  ist  die  Miquelsche  Steuerreform  gerecht
geworden,  wenn  sie  auch  durch  die  Ueberspannung  des  fiscalischen
  Interesses  den  lebhaften  Widerspruch  Bismarcks  herausgefordert
  hat.

Auf  dem  Gebiete  der  Landwirthschaft  war  Bismarck
zu  sehr  Autorität,  um  nicht,  so  lange  er  selbst  im  Amte  war,
einen  maßgebenden  Einfluß  auf  dieses  Ressort  auszuüben,
namentlich  in  den  letzten  zehn  Jahren  seiner  Thätigkeit,  in
denen  der  Schutz  der  landwirthschaftlichen  Interessen  ein  wichtiger
Grundsatz  seiner  Socialpolitik  war.  Sein  Abgang  ist,  wie  er
nicht  ohne  bittere  Ironie  sagt,  den  kranken  Schweinen  und
Viehseuchen  zu  Gute  gekommen,  nicht  minder  den  höheren  und
niederen  Beamten,  denen  bisher  die  Aufgabe  zufiel,  vor  dem
Parlament  und  dem  Lande  die  Agitationslüge  von  der  Vertheuerung
  der  Lebensmittel  zu  bekämpfen.  Der  Zweck,  billiges
Schweinefleisch  zur  Volksernährung  zu  beschaffen,  wird  auf
        <pb n="175" />
        Bismarck  als  Anwalt  des  praktischen  Lebens.  163

die  Dauer  nicht  durch  laxe  Behandlung  der  Ansteckungsgefahr
erreicht  werden.

Von  den  Reichsämtern  erfreute  sich  das  Reichspostamt
größerer  Bewegungsfreiheit  als  die  übrigen.  Bismarck  hat
allezeit  die  technischen  Fähigkeiten  seines  ersten  Leiters  Stephan
anerkannt  und  ihn  selbst  gegenüber  der  Ungnade  des  Königs
gehalten,  um  seine  hervorragende  Befähigung  für  die  postalischen
Einrichtungen  des  Deutschen  Reichs  nutzbar  zu  machen.

11*
        <pb n="176" />
        XVI.
Der  Berliner  Congreß.

Freundschaft  mit  Rußland  zu  halten,  war  einer  der
Angelpunkte  von  Bismarcks  europäischer  Politik  (28.  Capitel:
Berliner  Congreß).  So  lange  die  deutsche  Frage  nicht  entschieden
  war,  mußte  Preußen  die  Anlehnung  an  Rußland  suchen,
weil  die  russische  Freundschaft  ihm  bei  dem  Kampfe  um  die
Vorherrschaft  in  Deutschland  förderlich  sein  konnte.  Die  Hilfeleistung
  zur  Zeit  des  polnischen  Aufstandes,  wenn  sie  sich  auch
mehr  auf  dem  Gebiete  der  Theorie  als  dem  der  Praxis  hielt,)
verschaffte  Preußen  einen  Anspruch  auf  das  russische  Wohlwollen
  und  trug  bei  der  aufrichtig  freundschaftlichen  Gesinnung
Alexanders  II.  für  seinen  Oheim  Wilhelm  I.  gute  Früchte  bei
der  Neuordnung  der  deutschen  Verhältnisse  im  Anschluß  an  die
Kriege  von  1866  und  1870/71.  Nach  dem  französischen  Kriege
war  Bismarck  ehrlich  bestrebt,  den  Bund  der  drei  Ostmächte,
der  Europa  fast  50  Jahre  den  Frieden  verbürgt  hatte,  auf
neuer  Grundlage  wieder  herzustellen,  und  da  allen  drei  Staaten
das  wichtigste  Interesse  —  die  Aufrechterhaltung  des  Monarchismus
  gegenüber  den  starken  republikanischen  Unterströmungen
—  gemeinsam  war,  so  überwand  Oesterreich  die  seit  1866  vorhandene
  Verstimmung  und  trat  mit  dem  Deutschen  und  dem
Russischen  Reiche  in  freundschaftliche  Beziehungen  ein,  die  durch
die  Zusammenkunft  der  drei  Kaiser  in  Berlin  (September  1872)
vor  aller  Welt  besiegelt  wurden.  Deutschland  fiel  in  diesem

)  S.  o.  S.  76  f..
        <pb n="177" />
        Der  Bund  der  drei  Kaiser.  Anfragen  des  Zaren.  165

Bunde  der  drei  Ostmächte  die  Aufgabe  zu,  zwischen  Oesterreich
und  Rußland  in  ihren  mancherlei  zusammenstoßenden  Interessen
zu  vermitteln,  und  Bismarck  widmete  sich  ihr  mit  dem  Eifer
des  „ehrlichen  Maklers“.  Allein  er  konnte  nicht  verhüten,  daß
sich  im  Laufe  des  Jahres  1876  doch  wieder  die  Dinge  zwischen
Oesterreich  und  Rußland  zuspitzten  bis  zur  Drohung  mit  offenem
Kriege.  In  diesem  Jahre  erwies  sich  die  Macht  des  Deutschen
Reiches  zum  ersten  Male  als  ein  Hemmniß  für  die  russischen
Eroberungspläne.  Wollte  Rußland  Oesterreich  angreifen,  so
mußte  es  der  deutschen  Neutralität  sicher  sein;  fiel  Deutschlands
Gewicht  zu  Gunsten  Oesterreichs  in  die  Wagschale,  so  schnellte
Rußlands  Schale  leicht  empor.  Um  Klarheit  zu  erhalten,
wendete  sich  der  Zar  auf  Antrieb  Gortschakows  durch  den
deutschen  Militairbevollmächtigten,  General  v.  Werder,  im
Herbste  1876  telegraphisch  an  Bismarck  mit  der  Frage,
ob  Deutschland  bei  einem  russisch-österreichischen  Kriege  neutral
bleiben  würde.  Die  gewählte  Form  war  durchaus  ungewöhnlich.
  Der  deutsche  Militairbevollmächtigte  war  nicht  dazu  da,
diplomatische  Anfragen  der  russischen  Regierung,  deren  Organ
er  nicht  war,  nach  Berlin  weiterzugeben,  noch  dazu  in  Angelegenheiten
  von  solcher  Bedeutung.  Fürst  Bismarck,  der  in
Varzin  weilte,  lehnte  zunächst  ab,  sich  ohne  höhere  Ermächtigung
  zu  äußern,  und  empfahl  auf  wiederholtes  Drängen,
die  Frage  auf  amtlichem  Wege  durch  den  russischen  Botschafter
in  Berlin  im  Auswärtigen  Amte  zu  stellen.  Neue  Interpellationen
  durch  Werdersche  Telegramme  schnitten  indeß  diesen
ausweichenden  Weg  ab,  und  da  die  Frage  schließlich  auch  noch
direct  durch  den  Zaren  selbst  unter  Betheiligung  der  russischen
Botschaft  in  Berlin  wiederholt  und  ihre  vertrauliche  Beantwortung
  auf  Grund  der  bestehenden  persönlichen  Beziehungen
erbeten  wurde,  so  blieb  Bismarck  keine  weitere  Ausflucht.  Er
beschied  den  deutschen  Botschafter,  General  v.  Schweinitz,  zu
sich  und  hieß  ihn  die  Antwort  persönlich  nach  Livadia  bringen.
Sie  war  ein  Meisterstück  diplomatischer  Feinheit  und  entsprach
ganz  der  vermittelnden  Haltung,  die  sich  Deutschland  zur  Richtlinie
  seiner  Politik  genommen  hatte.  Bismarck  betonte,  daß
Deutschlands  erstes  Bedürfniß  sei,  die  Freundschaft  zwischen
        <pb n="178" />
        166  XVI.  Der  Berliner  Congreß.

den  großen  Monarchien  zu  erhalten,  die  der  Revolution  gegenüber
  mehr  zu  verlieren,  als  im  Kampfe  untereinander  zu  gewinnen
  hätten.  Sei  der  Friede  zwischen  Rußland  und  Oesterreich
  nicht  aufrecht  zu  erhalten,  so  könnte  Deutschland  zwar
ertragen,  daß  seine  Freunde  gegen  einander  Schlachten  verlören
  oder  gewönnen,  aber  nicht,  daß  einer  von  beiden  so
schwer  verwundet  oder  geschädigt  werde,  daß  seine  Stellung
als  unabhängige  und  in  Europa  mitredende  Großmacht  gefährdet
  würde.  So  wohlwollend  diese  Antwort  auch  für  den
Fall  russischer  Niederlagen  lautete,  die  man  freilich  in  Petersburg
  kaum  für  möglich  gehalten  haben  dürfte,  so  gab  sie  doch
Gortschakow  willkommene  Gelegenheit,  dem  Zaren  die  deutsche
Freundschaft  als  zu  „platonisch"  zu  verdächtigen  und  ihn  zu
einer  friedlichen  Auseinandersetzung  mit  Oesterreich  zu  bewegen,
die  nicht  ohne  Spitze  gegen  Deutschland  war.  Die  Verhandlungen
  zwischen  Rußland  und  Oesterreich,  die  schon  bei  einer
Zusammenkunft  der  Kaiser  beider  Reiche  am  8.  Juli  1876  in
Reichstadt  eingeleitet  worden  waren,  wurden  jetzt  wieder  aufgenommen
  und  zu  Ende  geführt.  Sie  gewährten  Rußland  die
Erlaubniß  zu  einem  Kriege  gegen  die  Türkei  für  die  „Befreiung“
  Bulgariens  und  verschafften  Oesterreich  als  Preis  der
Neutralität  den  Besitz  von  Bosnien  und  Herzegowina.  Daß
Rußland  die  Geheimhaltung  der  Convention  von  Reichstadt
vor  Deutschland  zur  Bedingung  machte,  beweist  das  Mißtrauen
gegen  den  bisherigen  Freund.  Gleichwohl  ließ  sich  Bismarck
nicht  verstimmen;  Deutschland  bewahrte  während  des  Krieges
durchaus  die  wohlwollende  Neutralität,  die  es  Rußland  zugesagt
  hatte,  und  als  der  Friede  von  San  Stefano  die  Möglichkeit
  eines  Krieges  von  England  und  Oesterreich  gegen  Rußland
  nahe  rückte,  ließ  Bismarck  auf  Ersuchen  Rußlands  und
unter  Zustimmung  Englands  und  Oesterreichs  die  Einladung
zu  einem  Congreß  in  Berlin  ergehen  zu  friedlichem  Ausgleich
  der  auf  der  Balkanhalbinsel  zusammenstoßenden  Interessen
  der  europäischen  Großstaaten.  Gortschakow  spielte  auf
dem  Congreß  eine  eigenthümliche  Rolle;  er  hatte  seine  Entsendung
  nach  Berlin  dem  Zaren  förmlich  abgedrungen,  während
der  eigentliche  Träger  des  russischen  Votums  der  Graf  Peter
        <pb n="179" />
        Convention  von  Reichstadt.  Berliner  Congreß.  167

Schuwalow  war,  und  war  nun  eifrig  bemüht,  nach  außen  hin
seine  Unzufriedenheit  mit  dem  Gange  der  Congreßverhandlungen
  und  selbst  der  definitiven  Beschlüsse  kund  zu  thun,
denen  Schuwalow  im  Auftrage  des  Zaren  seine  Stimme  und
Unterschrift  lieh.  „Er  suchte“,  sagt  Bismarck  (23.  Capitelhd,
„seine  russische  Popularität  im  Sinne  der  „Moskauer  Zeitung"“
frei  zu  halten  von  den  Rückwirkungen  russischer  Concessionen,
und  bei  Congreßsitzungen,  wo  solche  in  Aussicht  standen,  blieb
er  aus  unter  dem  Vorwande  des  Unwohlseins,  trug  aber
Sorge,  sich  am  Parterrefenster  seiner  Wohnung  unter  den
Linden  als  gesund  sehen  zu  lassen.  Er  wollte  sich  die  Möglichkeit
  wahren,  vor  der  russischen  „Gesellschaft“  in  Zukunft  zu
behaupten,  daß  er  an  den  russischen  Concessionen  unschuldig
wäre:  ein  unwürdiger  Egoismus  auf  Kosten  seines  Landes."“
Dabei  war  es  eine  unehrliche  Fiction,  wenn  Gortschakow
behauptete,  daß  Rußland  auf  dem  Congresse  schlecht  abgeschnitten
  habe,  und  eine  offene  Lüge,  wenn  die  russischen  Zeitungen,
  ohne  von  der  die  Presse  sonst  so  sehr  zügelnden  russischen
  Regierung  berichtigt  zu  werden,  Deutschland  beschuldigten,
die  Sache  der  Feinde  Rußlands  gefördert  zu  haben.  Von
beidem  ist  das  Gegentheil  wahr:  „Der  russische  Abschluß  blieb
auch  nach  dem  Congresse  immer  noch  einer  der  günstigsten,
wenn  nicht  der  günstigste,  den  Rußland  jemals  nach  türkischen.
Kriegen  gemacht  hat“",  und  „kein  russischer  Wunsch  ist  auf  dem
Berliner  Congresse  ausgesprochen  worden,  den  Deutschland
nicht  zur  Annahme  gebracht  hätte;  unter  Umständen  durch
energisches  Auftreten  bei  dem  englischen  Premierminister  (Lord
Beaconsfield)),  obwohl  letzterer  krank  und  bettlägerig  war."“
Die  von  Gortschakow  geförderte  Preßhetze  führte  zu  einer  Entfremdung
  zwischen  Rußland  und  Deutschland,  für  die  weder
im  Interesse  des  einen  noch  des  andern  dieser  großen  Nachbarreiche
  das  mindeste  Bedürfniß  vorlag.  Sie  äußerte  sich  in  der
Anmaßung,  mit  der  man  in  Petersburg  bei  den  diplomatischen
Verhandlungen  über  die  Ausführung  der  Congreßbeschlüsse  die
unbedingte  Förderung  jedes  russischen  Interesses  durch  Deutschland
  erwartete,  in  der  „nörgelnden  Mißbilligung“",  der  man
auch  dann  Ausdruck  gab,  wenn  die  deutsche  Diplomatie  der
        <pb n="180" />
        168  XVI.  Der  Berliner  Congreß.

russischen  Politik  freiwillig  einen  Beweis  ihrer  Freundschaft  gegeben
  zu  haben  glaubte.  Die  Anmaßung  steigerte  sich  bis  zu
dem  unbilligen  Verlangen,  Deutschland  solle  seine  Commissare  anweisen,
  bei  allen  Divergenzen  über  die  Auffassung  der  Congreßbestimmungen
  grundsätzlich  der  russischen  Auffassung  beizutreten,
d.  h.  die  Macht  des  Deutschen  Reiches  unbedingt  in  den  Dienst
der  russischen  Interessen  zu  stellen,  während  es  Deutschland
doch  nur  darauf  ankommen  mußte,  die  Stipulationen  des
Congresses  ehrlich  auszulegen  und  seine  Beziehungen  zu  den
übrigen  Großmächten  nicht  durch  parteiisches  Verhalten  in
Localfragen  zu  stören,  die  ein  deutsches  Interesse  nicht  berührten.
  Als  Deutschland  ein  solches  Ansinnen  zurückwies,
bestimmte  Gortschakow  den  Zaren  zu  einem  eigenhändigen
Schreiben  an  Kaiser  Wilhelm,  das  an  zwei  Stellen  unzweideutige
  Drohungen  enthielt,  etwa  des  Inhalts:  „Wenn  die
Weigerung,  das  deutsche  Votum  dem  russischen  anzupassen,
festgehalten  wird,  so  kann  der  Friede  zwischen  uns  nicht
dauern.“  Ich  schalte  das  Schreiben  des  Zaren,  welches  für
die  Vorgeschichte  des  Dreibundes  eine  so  große  Bedeutung
hat,  hier  ein:)
Zarskoe-Selo,  le  3/15  Acüt  1879.
Cher  Oncle  et  Ami,

II  me  tient  à  cceur  de  Vous  remercier  encore  par  écrit  pour
Votre  bonne  lettre  du  2)  juillet,  ainsi  du'  Auguste,  pour  Tenvoi,
de  Votre  part  à  tous  les  deux,  de  la  charmante  médaille,  en
s  ouvenir  de  Votre  noce  Tor,  à  laquelle  hélas!  les  circonstances
ne  m'ont  pas  permis  d’assister,  omme  je  m'en  faisais  une  féte.

Jai  été4  heureuk  d’apprendre  due  Vous  ayez  bien
supporté  toutes  les  fatigues  des  Cérémonies,  et  Jespere  due
la  cure  de  Gastein  Vous  aura  donné  de  nouvelles  lorces  pour
affronter  celles  des  reuvues  militaires  due  Vous  avez  en  perspective.

La  mort  de  mon  Aide-de-camp  CGénéral  de  Keutern,  dui
avait  eu  Phonneur  d’étre  attaché  ces  dernières  années  à  Votre
personne  et  pour  lequel  Vous  avez  eu  tant  de  bonté,  Vous
aura  sürement  lait  de  la  peine  Ccomme  à  moi.  Je  tächerai  de

1)  Die  Uebersetzung  s.  im  Anhang  2.
        <pb n="181" />
        Russische  Forderungen.  Brief  des  Zaren  Alexander  II.  169

lui  trouver  un  remplacant  dui  puisse  Vous  Convenir,  et  ne
manquerai  pas  de  demander  préalablement  Votre  consentement
des  dque  j’aurai  fait  un  choix.  Encouragé  par  T’amitié  que  Vous
WVvavez  Cessé  de  me  témoigner,  permettez-moi  de  Vous  parler
en  toute  franchise  d’'un  sujet  délicat  ct  qui  ne  cesse  de  me
préoccuper.  II  sagit  de  Tattitude  des  diflérents  agents  diplomatiques
  allemands  en  Turquie,  qdui  depuis  duelque  temps  se
maniseste  malheureusement  d’'une  manieère  hostile  envers  la
Russie,  ce  dui  est  en  contradiction  compleète  avec  les  traditions
des  rapports  d’amitié  qui  depuis  plus  C’un  siecle  avaient
guidé  la  politique  de  nos  deux  gouvernements  et  qui  étaient
tout  à  fait  d’accord  avec  leurs  intéréts  communs.  Cette
Conviction  n’'a  pas  varié  en  moi  et  je  la  conserve  en  entier,
en  me  flattant  du’elle  est  aussi  la  Vötre.  Mais  le  monde  juge
d’apres  les  faits.  Or  Comment  expliquer  cette  attitude  des
agents  allemands  qdui  nous  devient  de  plus  en  plus  hostile  en
Orient,  ou  d’apres  le  dire  du  P.  Bismarck  lui-méme,  Allemagne
n'a  pas  d'intérêts  à  elle  à  sSauvegarder,  tandis  due  nous  en  avons  de
fort  sérieux.  Nous  venons  de  terminer  une  guerre  glorieuse  qui
Davait  pas  de  conquétes  en  vue,  mais  uniquement  T’amélioration
du  sort  des  Chrétiens  en  Turquie.  Nous  venons  de  le  prouver
en  évacuant  les  provinces  due  nous  avions  occupées  apres
la  guerre,  mais  nous  tenons  à  ce  due  les  résultats  obtenus  au
Prix  de  notre  sang  et  de  notre  argent,  ne  restent  pas  lettres
mortes.  II  ne  s'agit  plus  qu'a  mettre  à  exécution  ce  qui
avait  é44  convenu  au  Congres  de  Berlin,  mais  il  faut  que
cela  se  fasse  Consciencieusement.  Or  les  Turcs,  soutenus
Dar  leurs  amis,  les  Anglais  et  les  Autrichiens,  dui  en  attendant
Occupent  de  pied  ferme  deux  provinces  turques,  envahies  par  eux
en  temps  de  paix,  pour  ne  jamais  les  rendre  à  leur  Souverain
lIgitime,  ne  cessent  de  soulever  des  difficultés  de  détails,  dui
sont  de  la  plus  grande  importance  tant  pour  les  Bulgares
due  pour  les  braves  Monténégrins.  —.  Les  Roumains  en  font
autant  vis-à-vis  de  la  Bulgarie.  —  La  majorité  des  commissaires
européens  doit  les  décider.  Ceux  de  France  et  d'ltalie  se
joignent,  presque  dans  toutes  les  qduestions,  aux  ntres,  tandis
  due  ceux  de  HAllemagne  semblent  avoir  recu  le  mot
        <pb n="182" />
        170  XVI.  Der  Berliner  Congreß.

d'ordre  de  soutenir  toujours  l'opinion  des  Autrichiens  qui
nous  est  systématiquement  hostile,  et  cela  dans  des  questions
dul  W’intéressent  PAllemagne  en  rien,  mais  qui  sont  tres
importantes  pour  nous.

Pardonnez-moi,  mon  cher  Oncle,  la  franchise  de  mon
langage  basé  sur  des  laits,  mais  je  crois  de  mon  devoir  de
porter  Votre  attention  sur  les  tristes  conséquences  due  cela
pourrait  amener  dans  nos  rapports  de  bon  voisinage  en
aigrissant  nos  deux  nations  Pune  contre  l’autre,  comme  la
presse  des  deux  pays  commence  à  le  laire.  —  Jy  voeis  le
travail  de  nos  ennemis  Ccommuns,  des  mémes  qui  ne  pouvaient
digérer  alliance  des  trois  Empereurs.  —  Vous  vous  souviendrez
due  nous  en  avons  parlé  plus  Fiune  lois  avec  Vous  et  combien.
étais  heureuk  de  me  persuader  due  nos  Convictions  à  dessus
étaient  les  mémes.  Je  comprends  parlaitement  due  Vous
tenez  à  Conserver  Vos  bons  rapports  avec  I’Autriche,  mais  je
ne  Ccomprends  pas  Tintérét  de  P’Allemagne  à  Sacrifier  celui
de  la  Russie.  —  Estce  digne  d’'un  véritable  homme  d’Etat
de  faire  entrer  dans  la  balance  une  brouille  personnelle,  duand
il  s'agit  de  l'intérèt  de  deux  grands  Etats  faits  pour  vivre  en
bonne  intelligence  et  dont  l'une  a  rendu  à  Tautre,  en  1870,
un  service  due,  d’après  Vos  pPropres  expressions,  Vous  disiez
woublier  jamais.  Je  ne  me  serais  pas  permis  de  Vous  les
rappeler,  mais  les  circonstances  deviennent  trop  graves  pour
due  je  puisse  Vous  Ccacher  les  craintes  qgui  me  préoccupent
et  dont  les  Conséquences  pourraient  devenir  désastreuses  pour
nos  deux  pays.  Que  Dieu  nous  en  préserve  et  Vous  inspire!
La  santé  de  ma  femme  nous  a  donné  de  sérieuses  inquiéGtudes
  tout  ce  dernier  temps.  Dieu  donne  due  Tair  natal
Duisse  lui  laire  du  bien.

Ne  m'en  voulez  pas,  mon  cher  Orcle,  pour  le  contenu
de  cette  lettre  et  Croyez  aufx  sentiments  d’invariable  attachement
  et  d'affection  sincère

de
Votre  tout  dévoué
neveu  et  ami
AlexKandre.
        <pb n="183" />
        Brief  des  Zaren.  Briefwechsel  Schuwalow-Bismarck.  171

Gleichzeitig  gab  Rußland  durch  Anhäufung  von  Truppen
an  seiner  Westgrenze  zu  verstehen,  daß  seine  Drohungen  ernst
gemeint  seien,  und  aus  Paris  kam  Bismarck  die  sichere  Kunde,
daß  Rußland  Frankreich  einen  gemeinsamen  Krieg  gegen  Deutschland
  vorgeschlagen  habe  und  dort  nur  wegen  mangelnder  Kriegsbereitschaft
  abschlägig  beschieden  worden  sei.

Die  von  Rußland  jetzt  geforderte  Wahl  Deutschlands
zwischen  der  österreichischen  und  der  russischen  Freundschaft
war  schon  zur  Zeit  des  Balkankrieges  einmal  nahe  gelegt
worden  durch  Graf  Peter  Schuwalow,  der  brieflich  Bismarck
den  Vorschlag  eines  festen  Bundes  zwischen  Deutschland  und
Rußland  gemacht  hatte.  Fürst  Bismarck  theilt  in  seinen  „Gedanken
  und  Erinnerungen“  zwei  Stücke  aus  seiner  Correspondenz
  mit  Schuwalow  mit,  denen  nicht  bloß  ein  hervorragendes
historisches,  sondern  auch  ein  eminent  politisches  Interesse  zukommt.
  Veranlassung  zu  Bismarcks  Brief  vom  15.  Februar
gab  der  folgende  Brief  Schuwalows,  der  den  „Gedanken  und
Erinnerungen“  nicht  einverleibt  ist:!)

Londres,  le  3  Févr.  1877.
Mon  brince
Je  tiens  à  vous  exprimer  ma  vive  et  sincère  reconnaissance
Ppour  les  témoignages  de  votre  bon  et  bienveillant  souvenir
due  le  Comte  de  Münster  m'a  transmis  à  plus  d'une  occasion.

Je  tiens  aussi  à  vous  assurer  de  Tinutilité  des  efforts  qui
Pourraient  étre  tentés  pour  me  détacher  de  convictions  trop
lermement  établies  en  moi  pour  étre  jamais  ébranlées.

TFai  pensé  de  tous  temps,  due  TPunion  étroite  de  nos
deux  Empires  cConstituait  un  „qduantum  de  forces  si  grand,
qdu’aucune  autre  puissance  isolée  ou  coalisée  ne  pourrait  lutter
avec  avantage  contre  cette  force,  qui  tiendra  ainsi  en  échec  le
reste  de  IEurope.

Lorsque  les  premières  bases  de  Pentente  à  trois  lurent
jetées  à  Berlin  en  1872,  je  nai  vu  pour  ma  part  dans  le
troisième  qu’une  jeune  branche  entéc  sur  le  tronc  robuste  et

1)  Die  Uebersetzung  s.  im  Anhang  2.
        <pb n="184" />
        172  XVI.  Der  Berliner  Congreß.

solide  de  notre  ancienne  amitié;  due  ce  rameau  nouveau
prospère  —  je  ne  dis  pas  #nonc,  mais  seulement  qdu’il  wWabsorbe
  pas  à  son  profit  la  sève  de  Tarbre.

Je  pense  enfin  due  le  but  principal  de  notre  accord  à
deux  doit  consister:

En  ce  due  la  Russie  ne  permette  ni  ne  souffre  jamais
la  coalition  Contre  FAllemagne,  lorsque  celle-ci  serait  engagée
à  TPoccident,  ct  due  Allemagne  nous  rende  I’équivalent  en  Orient.

Si  IEurope  était  convaincue  de  ce  sait,  bien  des  compli-Cations
  de  Favenir  seraient  CGvitées!

C'est,  mon  cher  Prince,  parceque  ce  sont  là  mes  convictions
  primordiales,  que  je  n'ai  cessé  de  déplorer  le  peu  de
Consistance,  qufa  montré  Fentente  des  trois  cours  dans  la  crise
actuelle.  Notre  accord  ne  s'est  maniflesté  ni  en  réalité  ni
meme  en  apparence.

Si  P’Angleterre  y  avait  cru,  elle  aurait  suivi  une  politique
plus  ferme  vis  à  vis  de  la  Turquie.

Si  la  Porte  en  avait  été  convaincue,  elle  M’'aurait  point
Persisté  dans  son  obstination  et  sa  résistance.

Enfin,  si  les  trois  Empires  dui  forment  cet  accord,  u'’en
eussent  pas  douté  maintes  fois  eux  mémes,  „every  thing  would
have  been  seitled  a  long  time  agoc.

Excusez-moi,  mon  cher  Prince,  pour  cette  petite  profession
de  foi,  dont  vous  n'avez  nullement  besoin.  Qucique  vous  ne
soyez  pas  un  prétre  Ccatholique,  jéprou##e  néanmoins  la
nécessité  de  vous  faire  ma  confession.

Veuillez  agréer,  mon  cher  Prince,  Phommage  sinceère  de
mon  respectuenk  dévouement.  Schouvalof.

Die  Antwort  Bismarcks  konnte  in  den  „Gedanken  und
Erinnerungen“  nur  nach  dem  in  Friedrichsruh  liegenden  Entwurfe
  gegeben  werden;  nach  der  Reinschrift  wurde  vergebens
Umfrage  gehalten.  Erst  vor  kurzem  theilte  mir  Herr  Consistorialrath
  Dalton  in  Berlin  mit,  daß  Graf  Peter  Schuwalow  ihm
seinerzeit  den  eigenhändigen  Brief  Bismarcks  geschenkt  habe,
und  hatte  die  Liebenswürdigkeit,  mir  eine  Abschrift  zu  gestatten.
Die  abschließende  Fassung,  die  der  Brief  erhalten  hat,  weicht
        <pb n="185" />
        Briefwechsel  zwischen  Schuwalow  und  Bismarck.  173

so  stark  von  dem  „Entwurf“  ab,  daß  sie  einen  durchaus  selbständigen
  Werth  besitzt,  wenn  auch  die  Grundgedanken  die  des
Entwurfs  sind.  Ich  bringe  sie  hier  zum  Abdruck  unter  stillschweigender
  Verbesserung  einiger  Schreibfehler,  die  die  Urschrift

aufweist:t
fweist:  )  Berlin  le  15  Fevrier  1877.

Cher  Comte,

Je  vous  remercie  des  bonnes  paroles  que  vous  avez  bien
voulu  m'écrire  et  je  sais  gré  au  Cte  Münster  d'avoir  si  bien
interprété  en  cette  occasion  les  sentiments,  qui  dès  notre  première
  connaissance  ont  formé  entre  nous  un  lien  qui  survivra
aux  relations  politiques,  dui  aujourd’hui  nous  mettent  en  rap-Port.
  Parmi  les  regrets  due  me  laissera  la  vie  officielle,  celui
dui  naitra  du  souvenir  de  mes  conversations  avec  vous,  sera
des  plus  vils.

Quel  due  soit  T’avenir  politique  de  nos  deux  pays,  la
Part  que  j'ai  prise  à  Fhistoire  de  leur  passé,  me  laissera  la
satislaction,  durau  sujet  de  leur  alliance,  jai  de  tout  temps  été
d’accord  avec  Hhomme  d’état  le  plus  aimable  parmi  mes  amis
politigues.  Tant  qdue  je  resterai  en  place,  je  serai  fidele  aux
traditions  dui  m'ont  guidé  depuis  25  ans  et  dui  sont  identiques
aux  idées  développées  dans  votre  lettre  au  sujet  des  services
due  la  Russie  et  I’Allemagne  peuvent  se  rendre  et  se  sont
rendus  mutuellement  depuis  plus  d'un  siècle  sans  due  les  intéréts
  particuliers  à  Fune  et  à  lautre  en  aient  souffert.  Deux
Voisins  en  Europe  qui,  pendant  plus  d'un  siecle,  ny’ont  pas
éProuyé  la  moindre  démangeaison  d’hostilité,  devraient  de  ce
fait  seul  tirer  la  Conclusion,  qu'il  n'y  a  pas  d’intéréts  divergents
entre  eux.  Voild  la  conviction  due  fai  suivie  en  1848,  en  34,
een  63  et  dans  la  situation  actuelle,  et  due  j’ai  lait  partager  à
la  grande  majorité  de  mes  cCompatriotes.  C'est  une  ceuyre  duil
sera  peut-étre  plus  lacile  de  détruire  qu’il  n’a  été  de  la  créer,
surtout  dans  le  Cas  ou  mes  successeurs  ne  mettraient  pas  la
méme  constance  due  moi  à  cultiver  des  relations  dont  Phabitude
  leur  manquera  et  pour  le  maintien  desquelles  il  faut

1)  Herr  Consistorialrath  Dalton  beabsichtigt  die  Urschrift  demnächst
im  Facsimile  reproduciren  zu  lassen.
        <pb n="186" />
        174  XVI.  Der  Berliner  Congreß.

quelquesois  saire  abnégation  d'amour  -  propre  et  subordonner
ses  susceptibilités  aux  intéréts  de  son  maitre  et  de  son  pays.
Jen  sais  duelque  chose,  mais  je  ne  tiens  pas  compte  des  petites
niches  due  me  lait  mon  ancien  ami  et  tuteur  de  Fétersbourg,
ni  de  ses  aflirtations?  avec  Paris  ou  de  celles  TOrlow.  Un
vienX  routier  de  ma  trempe  ne  se  laisse  dérouter  par  de
fausses  alarmes,  mais  sera-t-il  de  méme  avec  les  Chancceliers
dui  me  suivront,  et  auxquels  je  ne  puis  pas  léGguer  mon  sangfroid
  et  mon  expérience  il  semble  peut-étre  plus  lacile  d’égarer
  leur  jugement  politigque  par  des  journaux  olficienx,  par
des  propos  malveillants,  par  des  lettres  privées  due  l'on  sait
Circuler.  Un  ministre  allemand,  auqduel  on  fait  entrevoir  la  facilité
  d'une  coalition  sur  la  base  de  la  revanche,  effrayé  par
Pidée  de  Tisolément,  pourra  tenter  de  se  prémunir  par  des
engagements  maladroits,  funestes  méme,  mais  difficiles  à  résoudre
  après  Coup.  II  y  a  tant  de  force  et  de  sécurité  dans
une  alliance  des  deux  empires,  due  je  me  läche  à  Tidée  seule,
du’'’elle  pourrait  Eétre  Compromise  un  jour  sans  la  moeindre  raison
  politique,  uniquement  par  la  volonté  de  duelqdue  homme
FT’état  qui  aime  à  varier  ou  dui  trouve  le  Français  plus  aimable
due  I’Allemand;  sur  Ccela  je  serais  parlaitement  de  son  avis,
mais  sans  y  subordonner  la  politigue  de  mon  pays.  Aussi
longtemps  due  je  serai  à  la  téte  de  nos  affaires,  vous  aurez
de  la  dilficulté  à  vous  Géfaire  de  notre  alliance,  mais  ce  ne
sera  plus  long  temps.  Ma  santé  s'en  va  rapidement.  Je  tächerai
de  tenir  téte  à  la  diète  qui  s'ouvrira  dans  duelques  jours  et  qui
ne  peut  durer  duc  qduelques  semaines.  Immédiatement  apres  la
clöture  je  m’en  irai  aux  eaux  pour  ne  plus  rentrer  aux  aflaires.
Je  tiens  le  certificat  de  la  faculté  Teétre  suntaugliche,  terme
technique  pour  T’admission  forcée  à  la  retraite  el  dui  dans  cette
Circonstance  ne  dit  due  la  triste  Vérité.

Si  Dieu  me  permet  de  jouir  de  duelques  années  de  re-Dos
  dans  la  vie  privée,  je  vous  demande  la  permission  de
Continuer  les  bonnes  relations  d’amitié  avec  vous,  Cher  Comte,
due  la  vie  olficielle  m'a  permis  de  nouer,  et  en  attendant  je
vous  prie  d'’agréer  Texpression  des  sentiments  avec  lesquels  je
vous  suis  sincèrement  dévoné.  von  Bismarck.
        <pb n="187" />
        Brief  Bismarcks  an  Schuwalow.  175

Je  vous  demande  pardon  du  retard  de  ma  réponse;  f’ai
eu  pendant  une  quinzaine  de  jours  bien  de  la  difficulté  à  écrire
de  ma  main,  une  espece  de  cCrampe,  qdui  me  géne  encore,
comme  vous  le  verrez  à  mon  écriture.  Je  n'ai  pas  voulu  cependant
  me  servir  de  la  main  chun  autre  pour  vous  Ccrire.

Schuwalow  hatte  seinen  Antrag  auf  Abschluß  eines
preußisch-russischen  Schutz=  und  Trutzbündnisses  kurz  vor  dem
Berliner  Congreß  erneuert,  doch  hatte  Bismarck  die  geforderte
Absage  an  Oesterreich  abgelehnt,  da  ein  festes  unerschütterliches
Bündniß  mit  Rußland  „bei  acuten  Vorkommnissen  von  französischer
  und  österreichischer  Revanchelust“  das  Deutsche  Reich
bei  seiner  exponirten  Lage  in  eine  gefährliche  Abhängigkeit  von
Rußland  bringen  würde;  er  hatte  den  Bund  der  drei  Kaiser
empfohlen  oder  doch  die  Pflege  des  Friedens  zwischen  ihnen.
        <pb n="188" />
        XVII.
Der  Hreibnn.

Der  Brief  des  Zaren  und  andere  Anzeichen  lehrten,  daß
die  Zeit  des  Einvernehmens  der  drei  Ostmächte,  das  schon
durch  die  Gortschakowsche  Intrige  von  1875  getrübt  worden
war,  vorüber  sei,  und  nöthigten  Bismarck,  auf  neue  Combinationen
  zu  sinnen,  durch  die  das  Ziel  der  deutschen  Politik,
die  Aufrechterhaltung  des  europäischen  Friedens,  auf  anderem
Wege  erreicht  werden  konnte  (29.  Capitel:  Der  Dreibund).
Der  Gedanke  an  eine  Verbindung  der  Deutschland  feindlichen
oder  doch  mißgünstig  gesinnten  Mächte  verursachte  ihm  Alpdrücken,
  le  cauchemar  des  coalitions,  wie  P.  Schuwalow
gesagt  hatte.

Deutschland  hatte  gegen  zwei  der  europäischen  Großmächte
siegreiche  Kriege  geführt;  es  kam  darauf  an,  wenigstens  einen
der  beiden  Gegner  der  Versuchung  zu  entziehen,  im  Bunde
mit  andern  Mächten  Revanche  zu  nehmen.  Selbstverständlich
konnte  Frankreich  hierbei  nicht  in  Frage  kommen,  wohl  aber
Oesterreich,  das  mit  Deutschland  große  geschichtliche  Erinnerungen
  und  wichtige  Interessen  gemeinsam  hat  und  gegen  einen
möglichen  Angriff  Rußlands  bei  Deutschland  die  natürliche
Anlehnung  suchen  muß.  Bismarck,  in  der  Sorge  vor  Erneuerung
  der  alten  Kaunitzschen  Coalition  von  Frankreich,
Oesterreich  und  Rußland,  auf  die  mancherlei  hinzudeuten  schien,
beschloß,  die  Stimmung  des  Grafen  Andrassy  zu  erkunden,  und
traf  mit  ihm  am  27.  August  1879  in  Gastein  zusammen,  zur
selben  Zeit,  da  Kaiser  Wilhelm  —  gegen  den  Wunsch  seines
        <pb n="189" />
        Le  cauchemar  des  coalitions.  Das  deutsch-österreichische  Bündniß.  177

Reichskanzlers  —  sich  zur  Fahrt  nach  Alexandrowo  rüstete,
um  seinen  kaiserlichen  Neffen  von  Rußland  zu  begütigen.  Er
entwickelte  ihm  die  politische  Lage,  die  bedrohliche  Annäherung
  Rußlands  an  Frankreich,  und  ließ  ihn  die  Folgerung
selbst  ziehen:  gegen  ein  russisch-französisches  Bündniß  war  der
natürliche  Gegenzug  ein  österreichisch-deutsches.  Beide  Staatsmänner
  einigten  sich  leicht  über  ein  rein  defensives  Bündniß
gegen  einen  russischen  Angriff  auf  einen  von  beiden  Theilen,
dagegen  lehnte  Andrassy  die  von  Bismarck  vorgeschlagene  Ausdehnung
  des  Bundes  auch  auf  andere  als  russische  Angriffe  ab.

In  Oesterreich  wie  in  Deutschland  wurde  das  Bündniß,
das  sich  den  Augen  des  Volkes  als  die  Wiederherstellung  einer
alten  völkerrechtlichen  Verbindung  darstellte  und  das  Siebzigmillionenreich
  der  großdeutschen  Schwärmer  von  1848  in  einer
andern  Form  zu  schaffen  schien,  mit  lautem  Jubel  begrüßt:
auf  allen  Stationen,  die  Bismarck  auf  der  langen  Fahrt  von
Gastein  nach  Wien  berührte,  äußerte  sich  die  Freude  über  die
Herstellung  engerer  Beziehungen  zum  Deutschen  Reiche  in  Kundgebungen
  von  elementarer  Kraft.

Beim  Kaiser  Franz  Joseph  fand  Bismarck  huldvolle  Aufnahme
  und  die  Bereitwilligkeit  zum  Abschluß  eines  Bündnisses
  mit  dem  Deutschen  Reiche;  schwieriger  war  es,  die  Zustimmung
  Wilhelms  I.  zu  gewinnen.  „Der  Abschluß  eines
Vertrages,  dessen,  wenn  auch  defensives,  doch  kriegerisches  Ziel
ein  Ausdruck  des  Mißtrauens  gegen  den  Freund  und  Neffen
war,  mit  dem  er  eben  in  Alexandrowo  (3.  September)  von
Neuem  unter  Thränen  und  in  der  vollsten  Aufrichtigkeit  des
Herzens  die  Versicherungen  der  althergebrachten  Freundschaft
ausgetauscht  hatte,  lief  zu  sehr  gegen  die  ritterlichen  Gefühle,
mit  denen  der  Kaiser  sein  Verhältniß  zu  einem  ebenbürtigen
Freunde  auffaßte.“  Daher  waren  auch  alle  Erwägungen  und
Argumente,  die  Bismarck  schriftlich  aus  Gastein,  Wien  und
demnächst  aus  Berlin  zu  Gunsten  der  neuen  Combination
unterbreitete,  ohne  die  gewünschte  Wirkung.  Bismarck  mußte
schließlich  zu  dem  für  ihn  peinlichen  Mittel  eines  eventuellen
Abschiedsgesuches  greifen,  um  die  Zustimmung  des  Kaisers  zu
dem  Vertragsentwurf  zu  gewinnen:  Graf  Stolberg  führte  per-Kohl,

  Wegweiser.  12
        <pb n="190" />
        178  XVII.  Der  Dreibund.

sönlich  die  Verhandlungen  in  Baden  zum  glücklichen  Ende.
Freilich  war  der  Kaiser  von  den  politischen  Argumenten  nicht
überzeugt  worden,  sondern  ertheilte  das  Versprechen,  den  Vertrag
zu  ratificiren,  nur  aus  Abneigung  gegen  einen  Personenwechsel
im  Ministerium.  Es  entsprach  der  Ritterlichkeit  seiner  Gesinnung,
  daß  er  den  Zaren  Alexander  von  dem  Wandel  der
Beziehungen  unterrichtete,  damit  er  nicht  etwa  irrthümlich  annehme,
  Oesterreich  allein  angreifen  zu  können.  Er  that  es  in

folgendem  Briefe:  4
Berlin,  l#e  4  Novembre  1879.

A  Tempereur  Alexandre.
P
Mon  cher  neveu  et  ami,

Lamitié  de  cceur  qui  nous  unit  depuis  de  si  longues  années
et  dui  nous  a  dicté  une  politique  basée  sur  Ces  sentiments,
me  fait  un  devoir  de  vous  écrire  dans  le  moment  ou  je  Vous
transmets  un  mémorandum,  Ccomme  résultat  des  rommunications
verbales  entre  le  Prince  Bismarck  et  le  Comte  Andrässy  à
Gastein  et  à  Vienne.  Ce  dernier  s'était  rendu  à  Gastein  pour
donner  des  explications  sur  les  motils  de  sa  démission  des
affaires  auxquelles  il  avait  présidé  Tune  maniere  si  distinguée
dui  lui  avait  valu  la  confiance  de  P’REurope  entière.  Les
pourparlers  des  deux  chanceliers  se  sont  dirigés  nommément
sur  les  relations  entre  I’Allemagne  et  I’Autriche  à  la  suite  des
éCvénements  depuis  H’anneé  1848.  Le  sort  des  armes  a  décidé,
due  dorénavant  la  Prusse  serait  placée  à  la  téte  de  IAllemagne
unie.  La  confédération  allemande  étant  dissoute,  I’Autriche
Cessait  d’étre  liéce  par  des  traités  avec  PAllemagne  reconstituce;
mais  Falliance  entre  la  Prusse,  I’Autriche  et  les  Etats  Allemands
subsiste  dans  Topinion  publique  de  H’Allemagne  qui  tend  à  la
remplacer  par  Punion  morale  des  deux  Empires,  dans  T’esprit
Pacifique  desquels  on  voit  un  gage  du  maintien  de  la  paix
de  PEurope.  Je  ne  parle  de  la  sagesse,  avec  laquelle  Vous
avez  si  Huissamment  contribuc  au  maintien  de  cette  paix
malgré  les  guerres  partielles  dont  IEurope  était  le  théätre  des
dernières  20  années.  —  La  démission  du  Comte  Andrässy,
dui  par  sa  pPersonne  avait  maintenu  la  marche  susdite,  pouvait
avoir  des  suites  graves  ducl  duc  füt  son  successeur,  parce  due
        <pb n="191" />
        Ratification  des  Bündnisses.  Schreiben  des  Kaisers.  179

la  confiance  n’est  point  un  acte  d’héritage.  Les  deux
chanceliers  tombèerent  donc  d’accord  de  couvrir  par  une
nouvelle  entente  de  PAllemagne  et  de  DAutriche  le  vide  laissé
par  Tabolition  de  la  Confédération  germanique,  qui  avait
Pendant  un  demi  siecle  représenté  Talliance  de  la  Prusse,  de
IAutriche  ct  des  souverains  allemands.  Cette  entente  est
Hformuléee  dans  le  mémorandum  ci-annezé.

J'aime  à  me  dire  due  les  principes  concus  dans  cette
Piece  importante,  seront  appréciés  par  Vous,  et  due  Vous  voudrez
  y  adhérer  Ccomme  raffermissement  de  Tentente  des  trois
Empereurs  qdui  depuis  année  1873  a  rendu  des  services  si
signalés  à  [Europe.  F’ai  remarqué  non  sans  Satisfaction,  due,
apres  notre  entrevue  à  Alexandrowo,  la  presse  dans  nos  pays
s'est  Calmé;  j'ai  pourtant  rencontré  dans  un  journal  de  Moscou
un  articke  qui  parle  ouvertement  de  la  guerre  panslaviste
Contre  IAllemagne  Comme  fait  arrété,  sans  due  le  gouverneur
général  #’ait  saisi  ce  journal,  dont  il  était  en  plein  droit  avec
les  pouvoirs,  qu'il  possede.  Je  Crains  le  parti  nihiliste,  dui
de  concert  avec  le  panslavisme  tient  un  langage  hostile  contre
les  pays  voisins,  afin  de  profiter  de  tout  mauvais  conflit  pour
ses  plans  subversils.  Si  ces  plans  révolutionnaires  pouvaient
aboutir  par  leur  pression  à  entrainer  ou  à  compromettre  le
gouvernement  dans  ses  relations  politiques,  il  rencontrerait,  je
ne  puis  Vous  le  cCacher,  mon  cher  neveu,  une  Sclidarité  de
résistance  dans  les  pays  voisins.  Le  langage  menagçant  joint
à  Taugmentation  si  frappante  de  Votre  armée  apres  les  succes
d'une  guerre  glorieuse  dqui  semblait  devoir  assurer  la  paikx,
tient  [IEEurope  en  suspens,  tandis  du'une  lerme  cxpression  de
Votre  volonté  pacifique  pourrait  cCalmer  les  inquiétudes  et
ramener  les  esprits  dans  la  bonne  voie.

Voici,  mon  cher  neveu,  Cce  qdui  me  tenait  à  cceur  de
Vous  dire  avec  la  franchise  et  la  conhance,  qdue  Vous  me
Connaissez;  mais  je  dois  y  ajouter  encore  un  regret  tout
Personnel  au  sujet  de  la  Coincidence  fächeuse  de  notre  entrevue
amicale  avec  les  déemarches  qui  ont  é1é  hätées  par  la  démission
imprévue  du  Comte  Andrássy  et  par  les  circonstances  en
duestion.

127
        <pb n="192" />
        180  XVII.  Der  Dreibund.

Vous  savez  due  j’ai  eu  la  grande  satislaction  de  revoir
TImpératrice  et  de  pouvoir  lui  exprimer  verbalement  mes
vœux  lervents  pour  sa  santé,  due  j'ai  trouvée  meilleure,  gräce
à  Dieu,  due  je  ne  m'y  attendais.  .

’qJ  y  Guillaume.

Die  Antwort  des  Zaren  Alexander  lautete:
Livadia,  le  2/14  Novembre  1879.

Mon  cher  Oncle  et  ami,

Je  ne  saurais  assez  Vous  remercier  pour  Votre  lettre  du
4  Novembre  qui  vient  de  me  parvenir.  En  y  joignant  le
texte  du  mémorandum,  signé  à  Vienne,  Vous  m'avez  donné
une  nouvelle  preuve  de  Votre  cordiale  franchise  et  avcz
pressenti  le  besoin  de  mon  cœur  d'écarter  de  nos  rapports
jusqu'au  moindre  semblant  du  doute.

II  est  certain  que  le  voyage  du  Prince  de  Bismarck  à
Vienne,  suivi  de  la  conclusion  de  Tacte  précité,  semblait  en
dueldue  sorte  servir  de  cContrepoiJds  à  notre  entrevue
d’Alexandrowo  et  ne  pouvait  dque  produire  une  impression
Pénible,  de  nature  à  dérouter  opinion  publique.  Ma  confiance
Personnelle  ne  s'’en  est  point  émue  et  je  suis  heurenx  de  constater
  aujourd’hui  due  cette  transaction  politigue  ne  contient
absolument  rien  de  contraire  à  mes  verux.  Elle  tend  à
consolider  la  puissance  de  la  Grande-Allemagne  à  la  réunion
de  laquelle  jai  applaudi,  et  elle  cherche  à  liquider  pacifiquement.
les  stipulations  du  traité  de  Berlin,  dont  la  fidele  exécution
n'a  jamais  cessé  d’étre  la  base  de  ma  politique.

Jadhere  donc  pleinement  aux  principes  Conçus  dans  le
mémorandum  due  Vous  avez  bien  voulu  me  communiquer  et
en  m’'asscciant  ainsi  à  l’accord  établi  entre  IAllemagne  et
I’Autriche,  j’aime  à  y  voir  le  retour  à  cette  parlaite  entente
des  trois  Empereurs,  dui,  Comme  Vous  Tobservez  avec  tant  de
justesse,  a  rendu  les  plus  grands  services  à  IEurope.

Vous  W’ignorez  pas  d’ailleurs,  mon  cher  Oncle,  combien
’étais  prét  aller  au  devant  de  Ccette  entente,  et  mes  efforts.
d'y  arriver  par  une  entière  communauté  de  vue  entre  nous
doivent  Vous  eétre  Cconnus.  Afin  de  faciliter  les  rapports  dui
        <pb n="193" />
        Antwort  des  Zaren  Alexander  II.  181

en  découlent,  en  destinant  mon  Ambassadeur  actuel  à  Berlin
à  d'autres  sonctions,  je  me  suis  décidé  à  le  remplacer  par
Mr.  de  Sabourow,  dont  les  récentes  entrevues  avec  le  Pr.  de
Bismarck  ont  défini  la  täche.  Si  ce  choix  Vous  agrée,  Vous
voudrez  bien  me  le  dire,  et  espere  due  Sabourow  saura  se
rendre  digne  de  toute  la  confiance  qdue  je  tiens  tant  à  voir
présider  aux  relations  entre  nos  deux  Etats.  «

A  cet  égard,  je  ne  puis  Vous  cacher,  mon  cher  Oncle,
combien  je  regrette  que  Vous  ayez  pu  attribuer  le  caractère
d'une  menace  à  la  série  de  mesures  militaires  nécessitées  par
la  transsormation  de  mon  armée.  —  Je  croyais  que  mes  explications
  verbales  et  celles  que  mon  Ministre  de  la  Guerre,
Cte  Milutin,  a  eu  Phonneur  de  Vous  soumettre,  à  Alexandrowo,
en  avaient  sulfisamment  releyé  le  sens  pacifique  pour  éclaircir
dGéfinitivement  cette  question.

Je  ne  regrette  pas  moins  de  Vous  voir  admettre  que
les  tendances  panslavistes  et  autres  qui  se  lont  jour  dans  la
Dublicité,  puissent  exercer  une  pression  sur  mon  gouvernement.
T’opinion  dévoyéc  de  dueldu’'écrivain,  fütlil  méme  le  re-Présentant
  d’'un  Ccercle  plus  ou  moins  étendu  (’adeptes,
n’acquiert  jamais  en  Russie  la  signification  d'un  programme
politique.  Aussi  ’il  arrive  qu'un  écart  de  la  presse  échappe
au  contröle  de  mon  gouvernement,  c'est  précisément  par  c#e
due  la  conscience  de  sa  force  lui  en  fait  atténuer  la  portée.

QOuant  aux  menées  subversives  du  parti  nihiliste,  Vous
savez  due  je  M’ai  pas  hésité  à  recourir  auk  moyens  les  plus
Cnergiques  pour  les  combattre  des  due  les  circonstances  en
ont  démontré  la  nécessité.  Ces  mesures  ne  sont  pas  restées
sans  résultats.  Vous  y  voyez  la  preuve  due  ma  ferme  volonté
ne  tolérera  jamais  la  moindre  tentative  de  nature  à  compro--mettre
  Tordre  et  la  paix.  II  me  reste  à  espérer,  mon  ckher
Oncle,  due  cette  assurance  venant  de  ma  part,  pourra  dissiper
Vos  doutes.

J'ai  été  fort  aise  d'apprendre  que  la  nomination  de  mon
Aide-de-camp,  Colonel  P.  Dolgorucky,  ,  comme  attaché  militaire
auprès  de  Votre  personne  Vous  convient;  en  le  recommandant
à  Votre  bienveillance,  j'espère  qu'il  saura  la  meriter.
        <pb n="194" />
        182  XVII.  Der  Dreibund.

Je  tiens  à  Vous  exprimer  tous  mes  remerciements  pour
Paccueil  plein  de  bonté  dque  Vous  avez  fait  à  mes  fils.

L'Impératrice  a  été  bien  contente  de  Vous  revoir  un
instant  à  son  passage  par  Oos.  Sa  santé  laisse  malheureusement
  encore  beaucoup  à  Gésirer.

Croyez,  mon  cher  Oncle,  aus  sentiments  d'invariable
attachement  et  d’aflection  sinceère

de  Votre  tout  dévoué

Neveu  et  Ami
Alexandre.i)

Die  Gefahr  einer  Erneuerung  der  Kaunitzschen  Coalition
ist  auch  durch  den  von  Zeit  zu  Zeit  kündbaren  Bund  zwischen
Deutschland  und  Oesterreich  nicht  dauernd  beseitigt.  Bismarck
erwog  darum  einen  organischen  Verband  zwischen  beiden
Reichen,  der  nicht  wie  gewöhnliche  Verträge  kündbar,  sondern
der  Gesetzgebung  beider  Reiche  einverleibt  und  nur  durch  einen
neuen  Act  der  Gesetzgebung  eines  derselben  lösbar  wäre;  aber
er  ließ  den  Gedanken  fallen  in  Anbetracht  der  mancherlei  Bedenken,
  die  eine  solche  feste  Verbindung  zweier  Reiche  mit
großen  selbständigen  Interessen  hat.  Die  Vertragstreue  großer
Staaten  findet  ihre  Begrenzung  in  der  Rücksicht  auf  ihre  Selbsterhaltung.
  Niemand  kann  erwarten,  daß  ein  Volk  um  der
Treue  zu  einem  Vertrage  willen,  der  unter  ganz  andern  Verhältnissen
  geschlossen  wurde,  sein  Bestehen  opfere;  „und  eben
so  wenig  läßt  sich  durch  einen  Vertrag  das  Maß  von  Ernst
und  Kraftaufwand  sicherstellen,  mit  dem  die  Erfüllung  geleistet
werden  wird,  sobald  das  eigene  Interesse  des  Erfüllenden  dem
unterschriebenen  Texte  und  seiner  früheren  Auslegung  nicht
mehr  zur  Seite  steht.“  Gerade  die  vertragsmäßige  Sicherstellung
  solcher  gegenseitigen  Verpflichtungen  erscheint  als  eine
Feindin  ihrer  Haltbarkeit.  Ein  festerer  Schutz  der  Einigkeit
zwischen  Deutschland  und  Oesterreich  liegt  darin,  daß  „der  Weg
für  Deutschland  nach  Petersburg  frei  bleibt“.  „Unsere  Aufgabe
  ist"  —  und  damit  wendet  sich  Bismarck  an  Gegenwart

1)  Die  Uebersetzung  beider  Stücke  s.  Anhang  2.
        <pb n="195" />
        Bedeutung  des  Dreibundes.  Aufgabe  der  deutschen  Politik.  183

und  Zukunft  —,  „unsere  beiden  kaiserlichen  Nachbarn  in  Frieden
zu  erhalten.  Die  Zukunft  der  vierten  großen  Dynastie  (in
Italien)  werden  wir  in  demselben  Maße  sicher  zu  stellen  im
Stande  sein,  in  dem  es  uns  gelingt,  die  drei  Kaiserreiche  einig
zu  erhalten  und  den  Ehrgeiz  unserer  beiden  östlichen  Nachbarn
entweder  zu  zügeln  oder  in  beiderseitiger  Verständigung  zu
befriedigen.  Jeder  von  Beiden  ist  für  uns  nicht  nur  in  der
europäischen  Gleichgewichtsfrage  unentbehrlich  —  wir  könnten
keinen  von  beiden  missen,  ohne  selbst  gefährdet  zu  werden  —
sondern  die  Erhaltung  eines  Elementes  monarchischer  Ordnung
in  Wien  und  Petersburg,  und  auf  der  Basis  beider  in  Rom,
ist  für  uns  in  Deutschland  eine  Aufgabe,  die  mit  der  Erhaltung
der  staatlichen  Ordnung  bei  uns  selbst  zusammenfällt.“

Eine  ausgesprochene  Feindschaft  zwischen  Deutschland  und
Rußland  läßt  Oesterreichs  Ansprüche  an  das  verbündete  Deutschland
  wachsen  „erstens  in  Erweiterung  des  casus  loederis,  der
sich  bisher  nach  dem  veröffentlichten  Texte  doch  nur  auf  die
Abwehr  eines  russischen  Angriffs  auf  Oesterreich  erstreckt,  und
zweitens  in  dem  Verlangen,  dem  bezeichneten  casus  loederis
die  Vertretung  österreichischer  Interessen  im  Balkan  und  im
Orient  zu  substituiren.“  Immer  und  immer  wieder  weist
Bismarck  darauf  hin,  daß  es  zwischen  Deutschland  und  Rußland
  keine  Verschiedenheit  der  Interessen  giebt,  welche  die  Keime
von  Conflicten  und  eines  Bruches  unabweislich  in  sich  trüge,
daß  das  Bündniß  mit  Oesterreich  und  das  weitere  Bündniß
mit  Italien  keine  aggressive  Tendenz  hat  und  haben  sollte.
Zudem  bietet  der  Ausblick  in  die  Zukunft  Oesterreichs  keinerlei
Bürgschaft  für  die  Beständigkeit  des  deutsch  österreichischen
Bundes.  Die  Politik  für  „Pflicht  gehaltener  Undankbarkeit",
deren  Schwarzenberg  sich  Rußland  gegenüber  rühmte,  kann  sich
in  dem  Oesterreich  der  Zukunft  unter  den  zersetzenden  Wirkungen
  des  Kampfes  der  Völker  um  die  Herrschaft  leicht  wiederholen,
  wenn  sie  auch  ausgeschlossen  erscheint,  so  lange  der  gegenwärtige
  Kaiser  an  der  Spitze  Oesterreich-Ungarns  steht.  Eine
vorschauende  deutsche  Politik  muß  mit  diesen  Möglichkeiten
rechnen,  darf  sich  nicht  von  Vorliebe  oder  Verstimmungen
leiten  lassen,  sondern  immer  nur  von  objectiver  Erwägung  der
        <pb n="196" />
        184  XVII.  Der  Dreibund.

nationalen  Interessen:  „es  ist  unvernünftig  und  ruchlos,  sagt
Bismarck,  die  Brücke,  die  uns  eine  Annäherung  an  Rußland
gestattet,  aus  persönlicher  Verstimmung  abzubrechen.“  Bismarck
ist  es  gelungen,  die  freundschaftlichen  Beziehungen  zwischen
Deutschland  und  Rußland  aufrecht  zu  erhalten,  auch  nach  dem
Abschlusse  des  Vertrags  mit  Oesterreich.  Wie  Alexander  II.  so
hatte  auch  Alexander  III.  Vertrauen  in  den  friedlichen  Charakter
  der  deutschen  Politik,  und  der  russisch-deutsche  Neutralitätsvertrag,
  den  gerade  der  letztere  im  Jahre  1887  abschloß,
beweist,  wie  aufrichtig  er  von  der  rein  defensiven  Bedeutung
des  Bündnisses  überzeugt  war.  Dieser  Vertrag  aber  ist  kein
Gelübde  für  die  Ewigkeit;  er  gilt,  wie  alle  Staatsverträge,
nur  unter  der  Clausel:  rebus  sic  stantibus.  Deutschland  wird
immer  der  besonnenen  Einschätzung  eingedenk  sein  müssen,  die
Bismarck  dem  Dreibunde  zu  Theil  werden  läßt  in  den  folgenden,
  das  29.  Capitel  schließenden  Sätzen:  „Der  Dreibund
ist  eine  strategische  Stellung,  welche  angesichts  der  zur  Zeit
seines  Abschlusses  drohenden  Gefahren  rathsam  und  unter  den
obwaltenden  Verhältnissen  zu  erreichen  war.  Er  ist  von  Zeit
zu  Zeit  verlängert  worden,  und  es  mag  gelingen,  ihn  weiter
zu  verlängern;  aber  ewige  Dauer  ist  keinem  Vertrage  zwischen
Großmächten  gesichert,  und  es  wäre  unweise,  ihn  als  sichere
Grundlage  für  alle  Möglichkeiten  betrachten  zu  wollen,  durch
die  in  Zukunft  die  Verhältnisse,  Bedürfnisse  und  Stimmungen
verändert  werden  können,  unter  denen  er  zu  Stande  gebracht
wurde.  Er  hat  die  Bedeutung  einer  strategischen  Stellungnahme
  in  der  europäischen  Politik  nach  Maßgabe  ihrer  Lage
zur  Zeit  des  Abschlusses;  aber  ein  für  jeden  Wechsel  haltbares,
ewiges  Fundament  bildet  er  für  alle  Zukunft  ebenso  wenig,
wie  viele  frühere  Tripel=  und  Quadrupel-Allianzen  der  letzten
Jahrhunderte  und  insbesondere  die  Heilige  Allianz  und  der
Deutsche  Bund.  Er  dispensirt  nicht  von  dem  toujours  en
vedette!“
·9  —
        <pb n="197" />
        XVIII.
Rußlanss  zukünftige  Politik.

Das  30.  Capitel  des  Werkes,  das  überschrieben  ist:
Zukünftige  Politik  Rußlands,  ist  eines  der  bedeutsamsten,
  denn  es  behandelt  eine  Frage  von  hervorragender
Wichtigkeit,  die  in  einer  verhältnißmäßig  nahen  Zukunft  an  uns
herantreten  wird.  Seit  1879  hat  Rußland  eine  Verschiebung
seines  Truppenstandes  vorgenommen,  die  mit  ihren  Truppenanhäufungen
  an  den  Grenzen  von  Deutschland  und  Oesterreich
deutlich  die  Absicht  wahrnehmen  läßt,  zu  gegebener  Zeit  Europa
gegenüber  seine  militairische  Stärke  zur  Geltung  zu  bringen.
Die  Unruhe,  die  sich  über  diese  bedrohliche  Erscheinung  der
Gemüther  in  Deutschland  bemächtigte,  hat  sich  einigermaßen
gelegt,  seitdem  Fürst  Bismarck  in  der  gewaltigsten  seiner
politischen  Reden,  der  Rede  vom  6.  Februar  1888,1)  als
Staatsmann  sich  über  den  Zusammenhang  der  Truppenanhäufungen
  mit  Rußlands  zukünftigen  politischen  Zielen  äußerte.
Der  Leser  der  „Gedanken  und  Erinnerungen“  muß  bei  der
Lectüre  des  30.  Capitels  sich  die  Ausführungen  von  1888
gegenwärtig  halten.  Ich  setze  sie  (im  Auszug)  hierher:  „Es
hat  ja  sehr  leicht  den  Anschein,  als  ob  die  Anhäufung  russischer
Truppen  .  .  in  der  Nähe  der  deutschen  und  österreichischen
Grenzen  ..  nur  von  der  Absicht  eingegeben  werden  könnte,
eines  der  Nachbarländer  unvorbereitet  zu  überfallen  und
anzugreisen.  Nun,  das  glaube  ich  nicht.  Einmal  liegt  es

1)  Politische  Reden  XII  440  ff.
        <pb n="198" />
        186  XVIII.  Rußlands  zukünftige  Politik.

nicht  im  Charakter  des  russischen  Volleos  und  dann
würde  der  Zweck  davon  ganz  außerordentlich  schwer  verständlich
  sein.  Rußland  kann  keine  Absicht  haben,  preußische
Landestheile  zu  erobern;  ich  glaube  auch  nicht  österreichische.
Ich  glaube,  daß  Rußland  reichlich  so  viel  polnische  Unterthanen
besitzt,  wie  es  zu  haben  wünscht,  und  daß  es  keine  Neigung
hat,  die  Zahl  derselben  zu  vermehren.  Etwas  anderes  von
Oesterreich  zu  annectiren,  wäre  noch  schwieriger.  Es  liegt
gar  kein  Grund  vor,  kein  Vorwand,  der  einen  europäischen
Monarchen  veranlassen  könnte,  nun  ganz  plötzlich  über  seine
Nachbarn  herzufallen.  Und  ich  gehe  soweit  in  meinem  Vertrauen,
  daß  ich  überzeugt  bin,  selbst  dann,  wenn  wir  uns
durch  irgend  eine  explosive  Erscheinung  in  Frankreich  .  in
einen  französischen  Krieg  verwickelt  fänden,  daß  daraus  der
russische  nicht  unmittelbar  folgen  würde;  umgekehrt,  würden
wir  in  einen  russischen  Krieg  verwickelt,  so  würde  der  französische
ganz  sicher  sein;  keine  französische  Regierung  würde  stark  genug
  sein,  ihn  zu  hindern,  auch  wenn  sie  den  guten  Willen
dazu  hätte.  Sie  werden  fragen:  Wozu  denn  die  russischen
Truppenaufstellungen  in  dieser  kostspieligen  Form?  Ja,  das
sind  Fragen,  auf  die  man  von  einem  auswärtigen  Cabinet,
welches  dabei  betheiligt  ist,  nicht  leicht  eine  Aufklärung  fordern
kann  ..  Truppenaufstellungen  sind  Erscheinungen,  über
die  man  nicht  ..  kategorische  Erklärungen  fordert,  sondern
denen  gegenüber  man  mit  derselben  Zurückhaltung  und  Vorsicht
  seine  Gegenmaßregeln  trifft.  Ich  kann  also  über  die  Motive
  dieser  russischen  Aufstellungen  keine  authentische  Erklärung
geben;  aber  ich  kann  mir  doch  als  Jemand,  der  mit  der  auswärtigen
  und  auch  mit  der  russischen  Politik  seit  einem
Menschenalter  vertraut  ist,  meine  eigenen  Gedanken  darüber
machen;  die  führen  mich  dahin,  daß  ich  annehme,  daß  das
russische  Cabinet  die  Ueberzeugung  hat  ..,  daß  in  der  nächsten
europäischen  Krisis  das  Gewicht  der  russischen  Stimme
in  dem  diplomatischen  Areopag  von  Europa  um  so  schwerer
wiegen  wird,  je  stärker  Rußland  an  der  europäischen  Grenze
ist,  je  weiter  westlich  die  russischen  Armeen  stehen.  Rußland
ist  als  Verbündeter  und  als  Gegner  um  so  schneller  bei  der
        <pb n="199" />
        Zweck  der  russischen  Truppenanhäufungen.  187

Hand,  je  näher  es  seinen  westlichen  Grenzen  steht  mit  seinen
Haupttruppen  oder  wenigstens  doch  mit  einer  starken  Armee.“

Die  Lage  ist  bis  heute  im  Wesentlichen  dieselbe  geblieben.
Denn  wenn  auch  das  Bündniß  zwischen  Rußland  und  Frankreich
  nach  der  Verbrüderung  von  Kronstadt  zum  Abschluß  gekommen
  sein  sollte,  was  actenmäßig  bekanntlich  nicht  feststeht,
so  liegt  doch  Rußland  an  sich  ein  Angriff  auf  Deutschland
fern.  Was  könnte  es  dabei  gewinnen?  Rußland  vermag
kaum  den  deutschen  Bestandtheil  seiner  baltischen  Provinzen
zu  vertragen,  wie  sollte  es  danach  trachten,  das  für  gefährlich
gehaltene  deutsche  Element  durch  einen  so  kerndeutschen  Stamm,
wie  es  die  Ostpreußen  sind,  zu  verstärken?  Auch  an  polnischer
Bevölkerung  hat  es  mehr,  als  es  brauchen  kann.  Ebensowenig
dürfte  Rußland  zum  Angriff  auf  Oesterreich  ohne  Grund
übergehen,  wenn  seine  Aufstellungen  im  Westen  beendet  sind.
Denn  nicht  an  seinen  Westgrenzen,  sondern  auf  der  Balkanhalbinsel
  und  in  Asien  liegen  die  Interessen,  deren  Wahrnehmung
  die  Zukunft  von  Rußland  gebieterisch  fordert.  Bismarck
  ist  der  Meinung,  daß  die  Truppenaufstellung  im
russischen  Westen  auf  keinen  directen  Angriff  gegen  Deutschland
  oder  Oesterreich  berechnet  ist,  sondern  nur  auf  Vertheidigung
  im  Falle,  daß  Rußlands  Vorgehen  gegen  die  Türkei
die  westlichen  Mächte  zur  Abwehr  bestimmen  sollte.  Er  hält
für  wahrscheinlich,  daß  Rußland  nach  Beendigung  seiner
Rüstung  zu  Wasser  und  zu  Lande  dem  Sultan  eine  Bürgschaft
seiner  Stellung  in  Konstantinopel  und  den  ihm  verbliebenen
Provinzen  anbietet,  wenn  er  Rußland  den  Schlüssel  zum
Schwarzen  Meere  in  Gestalt  eines  russischen  Verschlusses
des  Bosporus  gewährt,  und  die  Möglichkeit,  daß  ein  solcher  Vorschlag
  durch  den  Sultan  angenommen  werde,  scheint  ihm  nicht
ausgeschlossen,  nachdem  England  und  Oesterreich  —  das  eine
durch  die  Gladstoneschen  Kundgebungen,  das  andere  durch  die
Besitzergreifung  von  Bosnien  und  Herzegowina  —  sich  von
ihrer  überkommenen  Politik  der  Erhaltung  des  türkischen
Reiches  offen  losgesagt  haben.  Sollte  der  Sultan  das
russische  Anerbieten  abweisen,  so  würde  Rußland  vermuthlich
mit  seiner  neugebildeten  Schwarzen-Meer-Flotte  die  Stellung
        <pb n="200" />
        188  XVIII.  Rußlands  zukünftige  Politik.

am  Bosporus  mit  Gewalt  nehmen  und  abwarten,  ob  sich
irgend  eine  Macht  findet,  die  sie  ihm  streitig  macht.  Wie  hat
sich  Deutschland  in  solchem  Falle  zu  verhalten?  Hat  es
England  oder  Oesterreich  mit  den  Waffen  zu  unterstützen,
wenn  sie  versuchen  sollten,  Rußland  durch  Krieg  zur  Rückgabe
seines  Raubes  zu  zwingen?  Bismarck  verneint  diese  Frage
unbedingt.  Es  würde  im  Gegentheil  für  Deutschland  nützlich
sein,  wenn  die  Russen  sich  physisch  oder  diplomatisch  in
Konstantinopel  festsetzten:  „wir  würden  dann  nicht  mehr  in  der
Lage  sein,  von  England  und  gelegentlich  auch  von  Oesterreich
als  Hetzhund  gegen  russische  Bosporusgelüste  ausgebeutet  zu
werden,  sondern  abwarten  können,  ob  Oesterreich  angegriffen
wird  und  damit  unser  casus  belli  eintritt.“

Darf  Oesterreich  die  Festsetzung  der  Russen  in  Konstantinopel
  zulassen?  Bismarck  beantwortet  diese  Frage  bejahend,
und  die  österreichischen  Staatsmänner  der  Zukunft  werden
gut  thun,  den  Gründen  nachzudenken,  die  Bismarck  für  seine
Ansicht  beibringt.  Oesterreichs  Betheiligung  an  der  türkischen
Erbschaft  kann  nur  im  Einverständniß  mit  Rußland  geregelt
werden,  „und  der  österreichische  Antheil  wird  um  so  größer
ausfallen,  je  mehr  man  in  Wien  zu  warten  und  die  russische
Politik  zu  ermuthigen  weiß,  eine  weiter  vorgeschobene  Stellung
einzunehmen.  England  gegenüber  mag  die  Position  des
heutigen  Rußland  als  verbessert  gelten,  wenn  es  Konstantinopel
beherrscht,  Oesterreich  und  Deutschland  gegenüber  ist  sie
weniger  gefährlich,  so  lange  es  in  Konstantinopel  steht“.

Lehnt  Deutschland  ab,  neutral  zu  bleiben,  so  lange
Oesterreich  nicht  gefährdet  wird,  so  wird,  meint  Bismarck,
Rußland  versuchen,  Oesterreich  zum  Genossen  zu  gewinnen,
das  Spiel  von  Reichstadt  wird  sich  wiederholen.  Rußland
hat  zu  Anerbietungen  an  Oesterreich  ein  weites  Gebiet;  es
kann  solche  machen  auf  Kosten  der  Pforte  im  Orient,  aber
auch  auf  Kosten  Deutschlands,  und  im  letzteren  Falle,  „gegenüber
  solchen  Versuchungen,  wird  die  Zuverlässigkeit  unseres
Bündnisses  mit  Oesterreich-Ungarn  nicht  allein  von  dem  Buchstaben
  der  Verabredung,  sondern  auch  einigermaßen  von  dem
Charakter  der  Persönlichkeiten  und  von  den  politischen  und
        <pb n="201" />
        Konstantinopel  in  russischen  Händen.  189

confessionellen  Strömungen  abhängen,  die  dann  in  Oesterreich
leitend  sein  werden“.

Den  deutschen  Staatsmännern  der  Zukunft  darf  der
richtige  politische  Blick  nicht  fehlen,  um  das  Schiff  des
Deutschen  Reiches  durch  die  mancherlei  Fährlichkeiten  hindurchzusteuern,
  die  als  Klippen  und  Untiefen  das  Meer  der  Weltpolitik
  unsicher  machen.  Die  Politik  der  „Liebenswürdigkeiten
und  wirthschaftlichen  Trinkgelder“,  die  Graf  Craprivi  mit  dem
österreichischen  Handelsvertrag  eröffnete,  wird  bei  dieser
Gelegenheit  von  Bismarck  scharf  verurtheilt,  weil  sie  den  Gefahren
  der  Zukunft  nicht  vorbeugt,  sondern  nur  die  Begehrlichkeit
  unserer  einstweiligen  Freunde  und  ihre  Rechnung  auf
unser  Gefühl  sorgenvoller  Bedürftigkeit  steigert.  „Meine  Befürchtung
  ist",  sagt  der  weise  Mahner,  „daß  auf  dem  eingeschlagenen
  Wege  unsere  Zukunft  kleinen  und  vorübergehenden
Stimmungen  der  Gegenwart  geopfert  wird“,  und  im  Hinblick
auf  Graf  Caprivi,  der  auch  als  allein  verantwortlicher  Reichskanzler
  sich  in  Fragen  der  Reichspolitik  auf  die  Pflicht  des
militairischen  Gehorsams  gegenüber  dem  obersten  Kriegsherrn
berief,  heißt  es  bei  Bismarck  als  eine  Mahnung  an  die
höchste  Stelle:  „Frühere  Herrscher  sahen  mehr  auf  Befähigung
als  auf  Gehorsam  ihrer  Rathgeber;  wenn  der  Gehorsam  allein
das  Kriterium  ist,  so  wird  ein  Anspruch  an  die  universelle
Begabung  des  Monarchen  gestellt,  dem  selbst  Friedrich  der
Große  nicht  genügen  würde,  obschon  die  Politik  in  Krieg  und
Frieden  zu  seiner  Zeit  weniger  schwierig  war  wie  heute."“

In  allen  Fragen  der  orientalischen  Politik  hat  Deutschland
  den  Vortheil,  durch  kein  unmittelbares  Interesse  an  der
Lösung  des  Besitzstreites  über  die  Balkanhalbinsel  betheiligt
zu  sein,  es  kann  in  der  Hinterhand  bleiben  und  darf  sich
durch  „keine  Ungeduld,  keine  Gefälligkeit  auf  Kosten  des
Landes,  keine  Eitelkeit  oder  befreundete  Provocation  vor  der
Zeit  aus  dem  abwartenden  Stadium  in  das  handelnde  drängen
lassen".  Gleiche  Enthaltsamkeit  muß  die  deutsche  Politik  aber
auch  in  allen  andern  Fragen  der  europäischen  Politik  beobachten,
eingedenk  der  centralen  und  ausgesetzten  Lage  Deutschlands,
der  Ausdehnung  seiner  Vertheidigungsfronten  und  der  Leichtig-
        <pb n="202" />
        190  XVIII.  Rußlands  zukunftige  Politik.

keit  antideutscher  Bündnisse.  Auch  für  die  Zukunft  bleibt
Deutschlands  Hauptinteresse  die  Erhaltung  des  Friedens,
zumal  da  das  Deutsche  Reich  keinerlei  geheime  Wünsche  auf
Erweiterung  seines  Gebietes  hat,  die  nur  durch  Krieg  verwirklicht
  werden  könnten.  Alle  Bestrebungen  im  Sinne  des
Pangermanismus  enthalten  den  Keim  zu  schweren  politischen
Verwickelungen,  sie  führen  zu  einer  Prestigepolitik  nach
Napoleonischem  Muster,  reizen  die  Nachbarn  und  zerstören
das  Vertrauen,  „daß  die  deutsche  Politik,  nachdem  sie  die
injuria  temporum,  die  Zersplitterung  der  Nation,  gut  gemacht
hat,  friedliebend  und  gerecht  sein  will“.  Durch  Ehrlichkeit,
Offenheit  und  Versöhnlichkeit  im  Falle  von  Reibungen  hat
Bismarck  dieses  Vertrauen  nicht  nur  der  mindermächtigen
europäischen  Staaten,  sondern  auch  der  großen  Mächte  dem
Deutschen  Reiche  erworben.  Trotz  der  drei  Kriege,  zu  denen
er  gerathen  hat,  war  seine  Politik  doch  nicht  von  Eroberungsabsichten
  geleitet;  diese  Kriege  waren  nothwendig,  um  Preußen
und  hernach  Deutschland  aus  dem  Zustande  der  Unfertigkeit
und  Ohnmacht  herauszuheben  in  die  Reihe  der  „saturirten“
Staaten,  deren  wichtigstes  Bedürfniß  ist,  unter  dem  Schutze
der  eigenen  Stärke  die  geistige  und  materielle  Wohlfahrt  aller
Staatsgenossen  zu  entwickeln  und  die  nationale  Kraft  zu  den
höchsten  Leistungen  auf  dem  Gebiete  der  Civilisation  zu
befähigen.
        <pb n="203" />
        XIX.
Die  Viederherstellung  des  Staatsraths.

Bis  an  seinen  Tod  ist  Fürst  Bismarck  der  Anwalt  des
praktischen  Lebens  gewesen  gegenüber  den  Doctrinären  vom
grünen  Tisch,  wie  sie  die  moderne  Bureaukratie  in  erschrecken-—
der  Masse  hervorbringt  (31.  Capitel:  Der  Staatsrath).
In  seiner  amtlichen  Thätigkeit  führte  ihn  der  seinen  Collegen
und  auch  den  Berufsparlamentariern  im  deutschen  Reichstage
unbequeme  Trieb,  sich  bei  Männern  des  praktischen  Lebens
nach  den  Erfordernissen  der  Gesetzgebung  und  nach  der  Wirksamkeit
  beschlossener  Gesetze  zu  erkundigen,  zur  Wiederherstellung
des  Staatsrathes  und  zur  Einberufung  eines  preußischen  Volkswirthschaftsrathes,
  den  zu  einem  deutschen  auszugestalten  ihn
die  Eifersucht  des  deutschen  Reichstages  gehindert  hat.  In
Folge  des  Widerspruchs  des  Reichstages,  der  in  einem  Volkswirthschaftsrath
  einen  gefährlichen  Concurrenten  erblickte,  mußte
auch  der  preußische  Volkswirthschaftsrath  fallen,  und  der  Staatsrath
  führt  auch  nur  ein  papiernes  Dasein  im  preußischen
Staatshandbuch,  das  Jahr  für  Jahr  gewissenhaft  seine  Mitglieder
  aufführt.

Der  Staatsrath  war  im  absoluten  Staate  ein  Organ  zur
Berathung  des  Königs;  im  constitutionellen  Staat,  in  dem  die
Berathung  des  Königs  verfassungsmäßig  dem  Staatsministerium
obliegt,  haben  die  Berathungen  des  Staatsrathes  den  Zweck,
den  Ministern  das  zu  ihrer  Belehrung  nothwendige  Material
zur  Vorbereitung  der  Gesetzentwürfe  zu  liefern.  Denn  die
Vorbereitung  der  Gesetzentwürfe  durch  das  Staatsministerium
        <pb n="204" />
        192  XIX.  Die  Wiederherstellung  des  Staatsraths.

ist  nach  Bismarcks  langjähriger  Erfahrung  unvollkommen.  Nur
wenige  Minister  sind  in  der  Lage,  die  Bedürfnisse  der  ihrem
Ressort  zugetheilten  Zweige  des  praktischen  Lebens  genau  zu
kennen;  in  vielen  Fällen  sind  sie  allein  auf  die  Vorschläge
ihrer  vortragenden  Räthe  angewiesen,  die  die  Frucht  nicht
brechen  vom  grünen  Baume  der  Erfahrung,  sondern  von  den
dürren  Aesten  der  Theorie,  und,  im  Bewußtsein  der  eigenen
Unkenntniß,  blind  vertrauend  auf  die  Fähigkeit  der  Herren,
die  ihnen  die  Gesetzentwürfe  in  oft  recht  stattlichen  Reihen  von
Paragraphen  und  wohl  motivirt  fertig  in  die  Hand  legen,
geben  sie  ihre  Zustimmung  zu  gesetzgeberischen  Maßregeln,
von  deren  Tragweite  auf  dem  Gebiete  des  praktischen  Lebens
sie  keine  Ahnung  haben.  Was  dem  Ressortminister  fremd  ist,
wird  den  übrigen  Ministern,  die  mit  jenem  zusammen  das
Staatsministerium  bilden,  erst  recht  fremd  sein,  namentlich
wenn  sie  auf  der  Stufenleiter  der  bureaukratischen  Hierarchie
zu  dem  Ministersessel  emporgestiegen  sind.  Dazu  kommt,  daß
die  meisten  Minister  vergessen,  daß  sie  „Staatsminister
mit  solidarischer  Verantwortlichkeit  für  die  Gesammtpolitik“
  sind,  und  sich  „auf  das  Bestreben“  beschränken,
  ihr  Ressort  einwandfrei  zu  verwalten,  die  Geldmittel
dazu  von  dem  Finanzminister  und  dem  Landtage  bewilligt  zu
erhalten  und  parlamentarische  Angriffe  auf  ihr  Ressort  mit
Beredsamkeit  und  nach  Bedürfniß  unter  Preisgebung  ihrer
Untergebenen  erfolgreich  abzuwehren.“  Auch  im  Landtage  und
im  Reichstage  werden  ungeschickte  Gesetzentwürfe  nicht  immer
richtig  gestellt;  selbst  „ministerieller  Unsinn“  geht  mitunter
„glatt  durch  die  parlamentarischen  Stadien,  namentlich  wenn
es  dem  Verfasser  gelingt,  den  einen  oder  andern  einflußreichen
oder  beredten  Freund  für  sein  Erzeugniß  zu  gewinnen.“  Man
täusche  sich  doch  ja  nicht  über  die  Arbeitslust  und  Befähigung
unserer  Parlamentarier.  „Die  meisten  Abgeordneten  lesen  und
prüfen  nicht,  sondern  fragen  die  für  eigene  Zwecke  arbeitenden
und  redenden  Fractionsführer,  wann  sie  in  die  Sitzung  kommen
und  wie  sie  stimmen  sollen.“  Das  ist  leider  bittere  Wahrheit,
und  nichts  hat  unser  parlamentarisches  Leben  in  der  Achtung
der  Nation  so  heruntergebracht,  als  die  Pflichtvergessenheit
        <pb n="205" />
        Die  Vorbereitung  der  Gesetzentwürfe.  193

Derer,  die  das  Vertrauen  des  Volkes  berief,  mitzuarbeiten  an
dem  Ausbau  unserer  Institutionen  durch  Acte  der  Gesetzgebung.
Die  leeren  Bänke  des  Reichstags,  die  wiederholt  festgestellte
Beschlußunfähigkeit  der  hohen  Körperschaft  bei  Vorlagen  von
höchster  Bedeutung,  die  elende  Schacherei  nach  dem  Grundsatz
des  do  ut  des  geben  den  Beweis  für  die  Behauptung  Bismarcks,
  die  von  den  Parteigötzen  freilich  für  eine  arge  Verleumdung
  ausgegeben  werden  wird.  Diesen  Thatsachen  gegenüber
  wird  man  es  beklagen  müssen,  daß  Bismarck  seine  Absicht,
weitere  Kreise  zur  Mitwirkung  an  der  Vorbereitung  der  Gesetze
heranzuziehen,  wie  sie  im  Staatsrath  und  im  Volkswirthschaftsrath
  gegeben  war,  gegenüber  ministerieller  oder  monarchischer
Ungeduld  nicht  hinreichend  hat  zur  Geltung  bringen  können,
trotz  der  guten  Erfahrungen,  die  man  im  Jahre  1884  mit  den
streng  sachlichen  Berathungen  des  neu  berufenen  Staatsrathes
gemacht  hatte.  Das  mene  mene  tekel  upharsin,  das  Fürst
Bismarck  der  ministeriellen  Bureaukratie  hier  geschrieben  hat,
enthält  eine  Mahnung,  die  man  in  Berlin  und  auch  in  andern
deutschen  Staaten  nicht  überhören  sollte.

Kohl,  Wegweiser.  13
        <pb n="206" />
        XX.
KGaiser  Vilhelm  I.  —  Kaiser  Friedrich.

Die  beiden  letzten  Artikel  des  Werkes  (32.  Capitel:  Kaiser
Wilhelm  lI.,  33.  Capitel:  Kaiser  Friedrich  III.)  sind  den
beiden  Fürsten,  Vater  und  Sohn  gewidmet,  denen  Bismarck
sechsundzwanzig  Jahre  lang  rathend  zur  Seite  stand.  Sie
sind  auf  den  Grundton  der  Pietät  gestimmt,  die  Fürst  Bismarck
  allezeit  seinem  „alten  Herrn“  entgegengebracht  hat  und
die  er  auch  dem  Sohne  niemals  versagte,  seitdem  dieser,  nach
Beilegung  des  Verfassungsstreites,  seinen  Frieden  mit  dem
treuen  Berather  des  Vaters  abgeschlossen  und  dessen  selbstlose
Hingabe  an  die  Interessen  des  Hohenzollernhauses  achten  gelernt
  hatte.

Der  erste  Abschnitt  des  32.  Capitels  handelt  von  Wilhelms  I.
letzten  Zeiten.  Um  die  Mitte  der  siebziger  Jahre  machten  sich
bei  Wilhelm  I.  die  Zeichen  des  Alters  bemerkbar,  die  Auffassung
  fremder  Vorträge,  die  Entwickelung  eigener  Gedanken
wurde  ihm  schwerer,  zuweilen  verlor  er  den  Faden  im  Zuhören
  und  Sprechen.  Das  Nobilingsche  Attentat  brachte  darin
eine  Besserung,  so  daß  der  alte  Herr  selbst  zu  scherzen  pflegte,
Nobiling  habe  besser  als  die  Aerzte  gewußt,  was  ihm  fehle:
ein  tüchtiger  Aderlaß.  Die  letzte  Krankheit  war  von  kurzer
Dauer,  sie  begann  am  4.  März  1888;  am  8.  Mittags  hatte
Bismarck  die  letzte  Unterredung  mit  dem  Kaiser.  Er  verlangte
von  ihm  die  Ermächtigung  zur  Veröffentlichung  der  Ordre  vom
17.  November  1887,  durch  welche  Prinz  Wilhelm  in  Abwesenheit
  seines  schwerkranken  Vaters  mit  der  Stellvertretung
        <pb n="207" />
        Das  Ende  Wilhelms  I.  195

des  Monarchen  beauftragt  wurde  in  den  Fällen,  wo  Se.  Majestät
einer  solchen  zu  bedürfen  glaubte,  und  versprach  dem  Kaiser
auf  seine  Bitte,  daß  er  seinen  Nachfolgern,  Sohn  und  Enkel,
mit  seinem  Rathe  treu  zur  Seite  stehen  wolle.  Ein  fühlbarer
Druck  der  Hand  dankte  ihm.  In  den  folgenden  Fieberphantasien
beschäftigte  den  Kaiser  das  Verhältniß  zu  Rußland,  und  indem
er  seinen  Enkel  anzureden  glaubte,  sagte  er  plötzlich  zu  Bismarck:
  „Mit  dem  russischen  Kaiser  mußt  Du  immer  Fühlung
behalten,  da  ist  kein  Streit  nothwendig.“  Nachdem  die  Sinnestäuschung
  vorüber  war,  nahm  er  mit  den  Worten:  „Ich  sehe
Sie  noch“  Abschied  von  Bismarck.  Dieser  war  zwar  noch
am  Nachmittag  und  in  der  Nacht  zum  9.  März  am  Sterbebette
seines  Herrn,  glaubt  aber  nicht,  daß  der  Sterbende  ihn  unter
den  Umstehenden  erkannt  habe.  Die  letzte  Wiederkehr  des
Bewußtseins  war  am  Abend  des  8.  März  erfolgt;  da  hatte
der  Kaiser  noch  klar  und  zusammenhängend  mit  den  sein
Bett  Umstehenden  sprechen  können:  „es  war  das  letzte  Aufleuchten
  dieses  starken  und  tapferen  Geistes.  Um  8  Uhr
30  Minuten  that  er  den  letzten  Athemzug“.)

In  meisterhafter  Weise  läßt  Bismarck  darauf  von  diesem
edlen  Fürsten  ein  Bild  vor  uns  erstehen,  in  dem  Ehrfurcht
und  Liebe  in  Verbindung  mit  dem  Sinne  für  geschichtliche
Wahrhaftigkeit  den  Stift  geführt  haben.  Ich  vermag  hier  nur
die  Umrisse  zu  geben  und  verweise  meine  Leser  auf  das
Buch  selbst,  wo  sie  das  fein  durchgearbeitete  Gemälde  bewundern
können.  «

Von  den  Söhnen  Friedrich  Wilhelms  III.  war  nur  der
älteste  für  die  Staatsgeschäfte  vorgebildet,  der  zweite  wurde

1)  Daß  Kaiser  Wilhelm  auf  seinem  letzten  Krankenlager  den  Ausspruch
  gethan  habe,  „er  habe  keine  Zeit,  müde  zu  sein“,  dürfte  in  das
Gebiet  der  Legende  gehören.  Ich  berichte,  was  ich  aus  Bismarcks  Munde
darüber  gehört  habe.  Als  Bismarck  dem  Kaiser  die  Ordre  zur  Unterschrift
vorlegte,  durch  welche  der  Reichstag  geschlossen  werden  sollte,  äußerte  der
Kranke:  „Ach,  lassen  Sie  mich,  ich  bin  so  müde“.  Auf  die  Bitte  des
Kanzlers,  die  Ordre  nur  mit  einem  W.  zu  unterzeichnen,  überwand  er
durch  die  ihm  eigene  Pflichttreue  die  Schwäche  so  weit,  daß  er  den  vollen
Namen  unter  das  Schriftstück  setzte.  Aus  den  Worten  an  den  Kanzler  in
Verbindung  mit  der  That  entstand  dann  das  Wort  der  Legende.

137
        <pb n="208" />
        196  XX.  Kaiser  Wilhelm  I.  Kaiser  Friedrich.

dem  militairischen  Berufe  überwiesen.  Die  Kinderlosigkeit
Friedrich  Wilhelms  IV.  ließ  den  Prinzen  Wilhelm  in  den  Rang
des  Thronfolgers  einrücken,  aber  auch  jetzt  noch  blieben  ihm
die  staatlichen  Einrichtungen,  soweit  sie  außerhalb  des  Kreises
seines  militairischen  Berufes  standen,  so  gut  wie  unbekannt.
Diese  Unkenntniß  empfand  er  erst  als  Lücke  seiner  Vorbildung,
als  er  die  Last  der  Regentschaft  für  den  erkrankten  Bruder
übernehmen  mußte.  Alsbald  war  er  bemüht,  sie  auszufüllen
in  treuer  Arbeit  Tag  und  Nacht.  Mit  vollem  Ernste  und
voller  Gewissenhaftigkeit  widmete  er  sich  den  Staatsgeschäften,
las  alle  Eingänge,  gleichgültig,  ob  sie  ihn  anzogen  oder  nicht,
und  studirte  selbst  die  Verträge  oder  Gesetze,  um  sich  ein
selbständiges  Urtheil  zu  bilden.  Er  las  weder  Romane  noch
rauchte  er;  die  einzige  Erholung,  die  er  sich  gönnte,  war  der
Besuch  des  Theaters,  aber  selbst  dort  nahm  er  in  dem  kleinen,
vor  der  Loge  gelegenen  Zimmer  Vorträge  entgegen,  ohne
jemals  über  Störung  zu  klagen.  Des  Staates  erster  Diener,
war  er  auch  in  der  Nacht  jederzeit  auf  dem  Posten,  wenn
schwierige  Verhältnisse  schneller  Entschließung  bedurften.  In
seinen  Entscheidungen  unterstützte  ihn  „ein  ungewöhnliches
Maß  von  klarem,  durch  Erlerntes  weder  unterstütztem  noch
beeinträchtigtem  gesunden  Menschenverstande“;  erschwert  wurde
die  Verhandlung  mit  ihm  durch  „fürstliche,  militairische  und
locale  Traditionen“,  an  denen  er  mit  Zähigkeit  hing.  Aber
diese  Zähigkeit  entsprang  nicht  dem  Eigensinn,  sondern  der
höchsten  seiner  fürstlichen  Tugenden,  der  Treue,  mit  der  er
an  alten  Gewohnheiten,  Menschen  seiner  Umgebung,  wie  Dingen
des  Gebrauches  und  Erinnerungen  der  Jugend  festhielt.  Es
kostete  ihm  darum  jedesmal  einen  schweren  Kampf,  ehe  er  sich
entschloß,  neue  Bahnen  zu  gehen.  Hatte  er  sich  von  der  Nothwendigkeit
  überzeugt,  in  neue  Geleise  einzulenken,  weil  Pflicht
und  Ehre  es  ihm  geboten,  so  kamen  etwaige  Gefahren,  die  auf
dem  neuen  Wege  liegen  konnten,  für  ihn  nicht  in  Betracht:
die  Furchtlosigkeit  des  preußischen  Offiziers,  der  mit  einem
„zu  Befehl“  in  den  Tod  geht,  war  dem  Könige  eigen,  sobald
er  im  Kampfe  stand.  Aber  er  scheute  die  „Manoeuvrekritik“",
die  seine  Gemahlin  an  seinen  Entschließungen  übte,  und  ihr
        <pb n="209" />
        Charakterbild  Kaiser  Wilhelms  I.  197

Einfluß  erwies  sich  in  manchen  Fällen  stärker  als  alle  Beweisgründe
  des  Kanzlers  und  der  Minister.  Der  Kaiser  litt  oft
„unter  dem  Kampfe  zwischen  seinem  Verstande  und  seinem
königlichen  Pflichtgefühl  einerseits  und  dem  Bedürfniß  nach
häuslichem  Frieden  und  weiblicher  Zustimmung  zur  Politik
andererseits“,  aber  sein  ritterliches  Gefühl  der  Gemahlin,
seine  mystischen  Empfindungen  der  Königin  gegenüber  gestatteten
  ihm  nicht,  ihr  jede  Beeinflussung  seiner  Entschließungen
in  Sachen  der  Staatsinteressen  zu  untersagen.  Da  Kaiserin
Augusta  jederzeit  zu  den  Gegnern  Bismarcks  gehörte,  wie  sie
denn  bei  ihren  katholisirenden  Neigungen  nahe  Beziehungen
zum  Centrum  unterhielt,  so  wird  man  es  verstehen,  wenn
Fürst  Bismarck  den  Kampf  hinter  den  Coulissen  jederzeit  als
den  aufreibendsten  Theil  seiner  amtlichen  Thätigkeit  bezeichnete.

Wilhelm  I.  war  eine  „königlich  vornehme“  Erscheinung,
frei  von  aller  Eitelkeit,  die  Monarchen  leicht  verleitet,  nach
kriegerischem  Ruhm  oder  volksbeglückender  Thätigkeit  zu  streben.
„Niemand  hätte  gewagt,  ihm  eine  platte  Schmeichelei  zu
sagen;  in  dem  Gefühle  königlicher  Würde  würde  er  gedacht
haben:  wenn  Einer  das  Recht  hätte,  mich  in's  Gesicht  zu  loben,
so  hätte  er  auch  das  Recht,  mich  in's  Gesicht  zu  tadeln.  Beides
gab  er  nicht  zu“.  Ein  „gentleman  in's  Königliche  übersetzt“,
hielt  er  auf  Treue  und  Ehre  nicht  nur  Fürsten,  sondern  auch
seinen  Dienern  gegenüber  bis  herab  zum  Kammerdiener.  Auch
wenn  er  heftig  wurde,  was  in  der  Discussion  leicht  geschah,
wenn  die  sachlichen  Gründe  der  Minister  durch  die  unsachlichen
Einwirkungen  der  Gemahlin  entkräftet  wurden,  blieb  er  der
König  durch  die  vornehme  Art,  wie  er  wieder  gut  zu  machen
pflegte,  was  er  im  Uebereifer  etwa  gefehlt  hatte.  Auch  Bismarck
  hat  solche  Ausbrüche  königlichen  Zornes  erlebt:  in  Nikolsburg,
  in  Versailles,  in  der  Zeit  des  Culturkampfes  und  auch
später  noch,  aber  sie  wirkten  auf  ihn  nicht  „contagiös,  sondern
abkühlend".  Seine  persönliche  Liebe  zu  Kaiser  Wilhelm  J.
ließ  niemals  Groll  in  ihm  aufkommen,  auch  wenn  er  sich  ungerecht
  behandelt  fühlte:  „ein  Herrscher“,  sagte  er,  „der  mir
in  dem  Maße  Vertrauen  und  Wohlwollen  schenkte,  wie
Wilhelm  I.,  hatte  in  seinen  Unregelmäßigkeiten  für  mich  die
        <pb n="210" />
        198  XX.  Kaiser  Wilhelm  I.  Kaiser  Friedrich.

Natur  einer  vis  major,  gegen  die  zu  reagiren  mir  nicht  gegeben
sei,  etwa  wie  das  Wetter  oder  die  See,  wie  ein  Naturereigniß,
auf  das  ich  mich  einrichten  müsse“.  Mit  der  Pietät  eines
Sohnes  gedenkt  Bismarck  in  Reue  und  Mißbilligung  des
passiven  Widerstandes,  zu  dem  er  sich  gelegentlich  „in  der
Stimmung  einer  durch  fortgesetzten  Kampf  erzeugten  Nervosität"
durch  sachliche,  politische  Interessen  verleiten  ließ,  für  die  er
bei  dem  alten  Herrn  entweder  kein  Verständniß  oder  eine  vorgefaßte
  Meinung  vorfand.  Die  Wärme  seines  edlen  Herzens,
die  sich  auch  in  seinen  Ansprachen,  Proclamationen,  Briefen
nicht  verleugnet,  die  Treue,  die  er  Jedem  gewährte,  der  zu
ihm  in  nähere  Beziehungen  trat,  erzeugten  bei  seinen  Dienern
bis  zu  den  Ministern  hinauf  eine  Hingabe  auf  Leben  und
Tod,  wie  sie  die  Gefolgschaften  germanischer  Fürsten  des  Alterthums
  zum  Staunen  der  Römer  bewährten.  Und  nicht  ohne
Grund  nennt  sich  Fürst  Bismarck  in  seiner  Grabschrift  einen
treuen  Diener  Wilhelms  I.  Er  fühlte  sich  als  Diener
dieses  Herrn,  der  freudig  anerkannte,  wie  vieles  er  seinem
bewährten  Rathgeber  verdankte,  und  frei  von  aller  Eifersucht
auf  seine  großen  Erfolge  der  Erste  war,  ihm  bei  der  Feier
des  70.  Geburtstages  Ehren  zu  erweisen,  wie  sie  noch  niemals
ein  gekröntes  Haupt  einem  Minister  freiwillig  entgegengetragen
hat.  „Treue  um  Treue“  —  das  ist  das  Merkmal  dieses  in
der  Geschichte  einzig  dastehenden  Verhältnisses  zwischen  König
und  Minister;  dies  Wort  darf  auch  als  Motto  über  den  Briefen
Wilhelms  J.  stehen,  die  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“  als
ein  Zeugniß  von  unantastbarer  Beweiskraft  einverleibt  sind.
Den  Schluß  des  Capitels  bildet  ein  Brief  der  Kaiserin
Augusta  vom  Ende  des  Jahres  1888:  er  zeigt,  daß  der  alternden
Kaiserin  doch  auch  ein  dankbares  Empfinden  für  die  Selbstlosigkeit,
  mit  der  Bismarck  ihrem  Gatten,  ihrem  Sohne  und  nun
schon  dem  Enkel  diente,  nicht  fremd  war.  „Sie  haben  mir  in
bitteren  Stunden  Theilnahme  bewiesen,  deshalb  fühle  ich  mich
berufen,  Ihnen,  bevor  ich  dieses  Jahr  beschließe,  nochmals  zu
danken  und  dabei  auf  die  Fortdauer  Ihrer  Hilfe  zu  rechnen,
mitten  unter  den  Widerwärtigkeiten  einer  vielbewegten  Zeit“.
So  klingt  in  milden  und  versöhnlichen  Tönen  die  an  Kämpfen
        <pb n="211" />
        Charakterbild  Wilhelms  I.  Nachfolge  Friedrichs  III.  199

und  Stürmen,  aber  auch  an  herrlichen  Erfolgen  reiche  Zeit
Wilhelms  I.  aus.

Die  Meinung,  daß  der  Regierungsantritt  Friedrichs  III.
mit  einem  Ministerwechsel  verbunden  sein  müsse,  dem  auch
Bismarck  zum  Opfer  fallen  werde,  war  weit  verbreitet,  und
doch  war  sie  irrig.  Die  frühere,  aus  liberalisirenden  und
englischen  Einflüssen  hervorgegangene  Abneigung  des  Kronprinzen
  war  längst  einem  unbedingten  Vertrauen  gewichen,
das  auch  allen  Versuchen  gegenüber,  es  zu  erschüttern,  Stand
hielt.  Schon  seit  1885  wußte  Bismarck,  daß  er  im  Falle  eines
Thronwechsels  Kanzler  bleiben  würde;  und  als  das  Ableben
Wilhelms  I.  den  dem  Tode  geweihten  Erben  der  Kaiserkrone
aus  dem  milden  Süden  nach  dem  rauhen  Norden  rief,  da
konnte  der  Gedanke,  Bismarck  zu  entlassen  und  damit  dem
Reichsschiff  den  kundigen  Steuermann  zu  nehmen,  weder  in
dem  Herzen  Friedrichs  III.  noch  in  dem  seiner  Gemahlin  Platz
greifen.  Denn  so  schroff  der  Gegensatz  auch  war  zwischen  den
Anschauungen  der  Kaiserin,  die  immer  mit  Zähigkeit  die  Institutionen
  ihres  Vaterlandes  für  die  allein  mögliche  Form  des
modernen  Staatslebens  gehalten  hat,  und  denen  des  Kanzlers,
dem  die  preußische  Krone  immer  der  „Mittelpfeiler  des  Staatsgebäudes“
  war,  so  war  sie  doch  überzeugt,  daß  Bismarcks  Beibehaltung
  im  Nutzen  der  Dynastie  liege.

Die  Nachfolge  Friedrichs  III.  entsprach,  trotz  seiner  unheilbaren
  Krankheit,  der  preußischen  Verfassung,  die  durch
keinerlei  Bestimmung  einen  schwerkranken  Kronprinzen  von
der  Thronfolge  ausschließt.  Da  die  Reichsverfassung  nur  die  Bestimmung
  enthält,  daß  der  Titel  eines  deutschen  Kaisers  erblich
dem  jeweiligen  Träger  der  preußischen  Krone  zukommt,  so  war
der  neue  König  von  Preußen  auch  rechtmäßiger  deutscher  Kaiser.
Bismarck  hat  es  nöthig  gefunden,  dies  in  den  „Gedanken  und
Erinnerungen“  zu  constatiren,  sowie  der  in  einem  englischen
Werke  über  Kaiser  Wilhelm  II.  aufgestellten  Behauptung  zu
widersprechen,  daß  Friedrich  III.  schon  1887  urkundlich  zu
Gunsten  seines  Sohnes  auf  die  Nachfolge  Verzicht  geleistet
habe.  In  die  ärztliche  Behandlung  des  Dulders  hat  Bismarck
nur  einmal  Einspruch  erhoben,  als  die  Aerzte  Ende  Mai  1887  eine
        <pb n="212" />
        200  XX.  Kaiser  Wilhelm  I.  Kaiser  Friedrich.

Exstirpation  des  Kehlkopfes  vornehmen  wollten,  ohne  den
Kranken  befragt  zu  haben;  er  verlangte,  daß  außer  dem
Patienten  auch  der  Kaiser  als  Familienhaupt  gehört  werde,
worauf  die  Operation  unterblieb.

Von  den  Erörterungen  staatsrechtlicher  Natur,  die  Fürst
Bismarck  mit  Kaiser  Friedrich  III.  während  seiner  kurzen  Regierungszeit
  gehabt  hat,  erwähnt  er  einer,  um  einige  Betrachtungen
  über  die  Reichsverfassung  daran  zu  knüpfen.  Es
handelte  sich  um  den  Beschluß  des  preußischen  Landtages  wie
des  Reichstags,  die  Legislaturperiode  in  Preußen  und  im
Reiche  von  drei  auf  fünf  Jahre  zu  verlängern.  Der  Kaiser
war  geneigt,  den  Beschlüssen  seine  Zustimmung  zu  versagen:
er  gab  bezüglich  des  Reichstagsbeschlusses  seinen  Widerstand
auf,  als  er  sah,  daß  die  Reichsverfassung  ihm  ein  veto  übereinstimmenden
  Beschlüssen  des  Bundesraths  und  des  Reichstags
  gegenüber  nicht  einräume,  als  König  von  Preußen  hielt
er  seine  Unterschrift  unter  dem  für  Preußen  gültigen  Gesetzentwurf
  zurück,  um  sie  erst  einige  Wochen  später  zu  geben.

Die  Vollmacht,  die  der  König  von  Preußen  hat,  als
selbständiger  und  gleichberechtigter  Factor  der  Gesetzgebung
Beschlüssen  des  Herren=  und  des  Abgeordnetenhauses  seine  Zustimmung
  zu  versagen,  fehlt  ihm  als  deutschem  Kaiser.  Fürst
Bismarck  gesteht,  daß  er  dem  verbissenen  Parteitreiben  der
achtziger  Jahre  gegenüber,  das  eine  aus  den  verschiedenartigsten,
  unter  sich  feindlichen  Elementen  zusammengesetzte
Coalition  von  Gegnern  der  Regierung  zu  einer  um  jeden  Preis
feindlichen  Reichstagsmehrheit  hervorbrachte,  den  Gedanken
einer  Verfassungsänderung  erwogen  habe,  die  zu  einer  Steigerung
  der  kaiserlichen  Autorität  führen  sollte  durch  stärkere  Anlehnung
  an  die  Unterlagen,  die  die  preußische  Krone  und  Verfassung
  dem  Träger  der  Kaiserkrone  gewährt.  Die  Hoffnung,
daß  die  eigentliche  Stütze  des  Reiches  der  Reichstag  sein  werde,
hat  sich  nicht  erfüllt,  die  Herrschsucht  der  Parteiführer  war
alle  Zeit  größer  als  ihr  Patriotismus,  und  mit  einem  kräftigen
get  you  home,  vou  fragments,  weist  Bismarck  diese  engherzigen
Parteityrannen  in  ihr  Nichts  zurück.  Nur  bei  der  Centrumspartei
  findet  Bismarck  eine  fähige  Führung,  aber  leider  nicht
        <pb n="213" />
        Eine  staatsrechtliche  Erörterung.  Schluß.  201

das  Interesse  und  die  Freude  am  Reiche,  sondern  nur  das
Bestreben,  das  unbequeme  Gebilde  eines  Deutschen  Reiches
mit  evangelischem  Kaiserthum  zu  zerstören.  Gleichwohl  lebt
er  der  Hoffnung  —  und  Gott  gebe,  daß  sie  nicht  trügt  —
„daß  in  Kriegszeiten  das  Nationalgefühl  stets  zu  der  Höhe
anschwellen  wird,  um  das  Lügengewebe  zu  zerreißen,  in  dem
Fractionsführer,  strebsame  Redner  und  Parteiblätter  in  Friedenszeiten
  die  Massen  zu  erhalten  wissen.“

So  klingt  in  ernster  Mahnung  an  das  deutsche  Volk
dieses  Werk  des  nationalen  Heros  aus.  Ich  bin  am  Ende
meiner  Ausführungen.  Unter  Hunderttausenden  von  deutschen
Christbäumen  ist  dieses  Bismarck-Werk  gefunden  worden,  das
einer  der  edelsten  deutschen  Fürsten,  der  ehrwürdige  Großherzog
Carl  Alexander  von  Sachsen-Weimar,  in  einem  an  mich  ge—
richteten  Schreiben  ein  „ebenso  eigenartiges  als  werthvolles
Vermächtniß“  genannt  hat.  In  welchem  Geiste  die  Deutschen
an  die  Lectüre  dieses  politischen  Testamentes  gehen  sollen,  das
mag  derselbe  Fürst  sie  lehren,  dessen  Aeußerung  öffentlich  mitzutheilen
  ich  für  eine  Pflicht  nationaler  Dankbarkeit  halte:

„Das  Interesse,  das  ich  diesem  Werke  entgegen
bringe,  entspricht  vollkommen  meiner  dankbaren  Verehrung
  für  den  großen  Entschlafenen,  dessen  Name
alle  Zeiten  überdauern  wird.  Es  entspricht  insbesondere
  der  treuen  persönlichen  Erinnerung,  die
ich  dem  genialen  Geiste  bewahre,  den  Gott  dem
Vaterlande  in  Bismarck  gegeben  hat.“

Wenn  solche  Gesinnung,  vom  Throne  herab  verkündigt,
in  den  Herzen  des  Volkes  weiter  greift,  dann  wird  ein  Geschlecht
  heranwachsen,  das,  in  Bismarcks  Geiste  erzogen,  die
Dauer  dessen  uns  verbürgt,  was  er  uns  geschaffen  hat  in  einem
Leben  voll  harter  Kämpfe.  In  seinen  „Gedanken  und  Erinnerungen“
  hat  er  uns  zu  Erben  eines  Capitals  gemacht,
aus  dessen  Reichthum  die  kommenden  Geschlechter  noch  schöpfen
werden  zum  Segen  unseres  geliebten  Vaterlandes.
        <pb n="214" />
        Anhang  1.

Kebersetzung  der  fremösprachigen  Zussrüche  und  Ktücke
in  den  „Gebanken  und  Frinnerungen“.

Band  I.
S.  4,  Z.  12  v.  v.:  ad  Regem  =  an  den  König  (gerichtet).
S.  5,  Z.  3  v.  o.:  assurance  —  Sicherheit  des  Auftretens.
S.  8,  3Z.  17  v.  o.:  defensor  matrimonül  —  Vertheidiger

S.  11,  Z.  2  v.  u.:  contribuens  plebs  =  das  steuerzahlende
Volk;  zur  Herkunft  des  Ausdrucks  vgl.  Büchmann,  Geflügelte  Worte
19.  Aufl.  (1898)  S.  441.

S.  13,  Z.  4  v.  o.:  a  priori=  von  vornherein.

S.  16,  Z.  1  v.  o.:  communi  consensu  =  in  gemeinsamem
Einverständniß.

S.  21,  Z.  12,  11  v.  u.:  „Sprechen  Sie  nicht  mit  mir.“
—  „Die  Bauern  erheben  sich  bei  uns.“  —  „Für  den  König?"“  „Ja.“

S.  54,  Z.  7  v.  o.:  mention  honorable  =  ehrenvolle  Erwähnung.


S.  59,  Z.  4  v.  o.:  In  jedem  Falle  verliert  der  Teufel
nichts  dabei.

S.  61,  Z.  11  v.  u.:  rerum  novarum  cupidi  =  die  Neuerungssüchtigen,
  die  Partei  des  Umsturzes.

S.  65,  Z.  4  v.  o.:  tempus  utile  =  die  nützliche  Zeit,  der
günstige  Augenblick.

S.  67,  Z.  13  v.  u.:  Roma  locuta  est  =  Rom  hat  gesprochen,
d.  h.  die  Streitfrage  ist  durch  päpstlichen  Spruch  entschieden  (causa
finita  est),  vgl.  Büchmann,  Geflügelte  Worte  S.  429.  Z.  13  v.  u.:
Jupiter  tonans  =  der  donnernde  Jupiter.
        <pb n="215" />
        Erläuterungen  zu  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“.  203

S.  81,  Z.  8  v.  u.:  Ich  überlasse  sie  Ihnen  alle,  vorausgesetzt,
  daß  Sie  mir  eine  lassen,  um  meine  diplomatischen  Blößen
zu  bedecken.

S.  88,  Z.  6  v.  u.:  pharmacopolae,  balatrones,  hoc  genus
omne  =  Quacksalber,  Schwätzer,  Leute  dieses  Schlages,  Citat  aus
Horatü  Satir.  1  2,  1  f.

S.  106,  Z.  7  v.  u.:  Pelu  de  7  millions  =  der  Erwählte
von  7  Millionen  nannte  sich  Napoleon  seit  der  Volksabstimmung
vom  November  1852  gern  (vgl.  S.  181,  Z.  4  v.  o.).

S.  107,  Z.  12  v.  o.:  coup  d’état  =  Staatsstreich.

S.  108,  Z.  12  v.  v.:  The  king  can  do  no  wrong  -der
König  kann  kein  Unrecht  begehen.

S.  118,  Anm.  ":  Die  kriegführenden  Mächte  behalten  sich
das  Recht  vor,  welches  ihnen  gehört,  in  europäischem  Interesse
besondere  Bedingungen  über  die  vier  Bedingungen  hinaus  aufzustellen.


S.  126,  Z.  13  v.  o.:  Es  scheint,  daß  ich  hier  überflüssig  bin.

S.  129,  Z.  9  ff  v.  o.:  Die  Politik,  die  Sie  treiben,  wird
Sie  nach  Jena  führen.  —  Warum  nicht  nach  Leipzig  oder  Roßbach?
—  Schließlich  hat  jedes  Volk  Schlachten  gewonnen  und  verloren.
Ich  bin  nicht  gekommen,  um  mit  Ihnen  Geschichte  zu  treiben.

S.  131,  Z.  1  v.  ov.:  pure  =  rein,  ungeändert.

S.  133,  Z.  15  v.  o.:  bellum  omnium  contra  omnes  =  ein
Krieg  aller  gegen  alle,  Citat  aus  Hobbes,  De  cive,  s.  Büchmann,
Geflügelte  Worte  S.  352.  Z.  16  v.  v.:  nolens  volens  —  nicht
wollend  (oder)  wollend,  gutwillig  oder  gezwungen.

S.  134,  Z.  9  v.  u.:  vis  inertiae  —  Kraft  der  Trähgheit,
Beharrungsvermögen.

S.  146,  Z.  12  v.  o.:  cum  spe  succedendi  =  mit  der  Hoffnung,
  sein  Nachfolger  zu  werden.

S.  151,  Z.  8  v.  v.:  Um  Hasenpfeffer  zu  machen,  bedarf
man  eines  Hasen,  und  für  eine  Monarchie  bedarf  man  eines  Königs.

S.  152,  Z.  14  v.  u.:  Aber  Sie  werden  ohne  Karte  nicht
hereinkommen.

S.  159,  Z.  4  v.  u.:  Der  ich  alle  Anstrengungen  machte,
um  aus  diesem  System  einer  allzustraff  gespannten  Centralisation
herauszukommen,  die  an  letzter  Stelle  einen  Geheimpolizisten  zur
Stütze  hat  und  die  ich  als  eine  der  Hauptursachen  für  das  Unglück
Frankreichs  ansehe.

S.  162,  Z.  9  v.  o.:  rebus  sic  stantibus  =  wenn  die  Dinge
so  liegen,  unter  den  obwaltenden  Umständen.
        <pb n="216" />
        204  Anhang  1.

S.  174,  Z.  17  v.  o.  (vgl.  185,  3.  7  v.  u.):  Die  siegreiche
Sache  gefiel  den  Göttern,  die  unterliegende  dem  Cato,  Citat  aus
Lucan,  Pharsalia  I,  128.

S.  175,  Z.  7  v.  u.:  Karséo  —  vorzugsweise.

S.  176,  Z.  5  v.  u.:  glorious  revolution  nennen  die  Engländer
die  Staatsumwälzung  von  1688,  die  ohne  Blutvergießen  die  Stuarts
stürzte.  Z.  13  v.  u.  (vgl.  S.  187,  Z.  11  v.  o.):  Was  von  Anfang  an
fehlerhaft  ist,  kann  durch  den  Verlauf  der  Zeit  nicht  besser  werden
(eigentlich:  gesunden)  Citat  aus  Corp.  Jur.  Rom.  Digest.  De  diversis
regulis  juris  antiqui  (50,  17)  fr.  29:  Paulus  libro  octavo  ad  Sabinum:
Quod  initio  vitiosum  est,  non  potest  tractu  temporis  convalescere.

S.  181,  B.  16  v.  uv.:  Fheureux  soldat  héritier  de  la  révolution
  —  der  glückliche  Soldat  (und)  Erbe  der  Revolution,  Beiname
Napoleons  I.

S.  186,  Z.  16  v.  o.:  in  casu  concreto  =  im  Falle  der
Wirklichkeit  (in  der  Praxis).  Z.  1  v.  u.:  donnent  dans  le  Bonapartisme
  =  dem  Bonapartismus  huldigen.

S.  188,  Z.  4  v.  v.:  Treibe  mit  Knütteln  hinaus  die  Natur,
sie  kehret  doch  wieder,  Citat  aus  Horatil  Satir.  I,  10,  24.  Z.  6u.
4  v.  u.:  jus  divinum  =  göttliches  Recht.

S.  190,  Z.  1  u.  2  v.  o.:  Wenn  die  ganze  Welt  verrückt
geworden  ist.

S.  192,  Z.  2  v.  u.:  würde  den  Bund  (der  Mächte)  erzeugen.

S.  193,  Z.  1  v.  o.:  (würde)  ein  Depot  (sein),  welches  das
verbündete  Europa  eines  Tages  zurückziehen  würde.  Z.  6  v.  o.:
eine  kleine  Berichtigung  der  Grenzen.  Z.  14  v.  o.;  aber  ungefähr.
Z.  7  v.  u.:  Wir  werden  in  den  Krieg  getrieben.

S.  195,  Z.  1  v.  o.:  Aber  das  würde  kein  Vertrauensbruch
mehr  sein,  das  wäre  ein  Verrath.  Z.  3  v.  v.:  Sie  würden  in
den  Sumpf  gerathen  (in  die  Patsche  kommen).

S.  202,  Z.  6  v.  o.:  Ueber  rauhe  Pfade  zu  den  Sternen
(d.  h.  durch  Kampf  zum  Sieg).

S.  203,  Z.  14  v.  o.:  prime  -  autier  nennen  die  Franzosen
einen  Menschen,  der  den  ersten  Eingebungen  folgt.

S.  221,  Z.  7  v.  u.:  coups  de  pied  =  Fußtritte.

S.  222,  Z.  1  uv.  v.:  pas  gymnastique  =  Laufschritt.  Z.  2
v.  v.:  Nun  gut,  dort  muß  man  einhauen.

S.  231,  Z.  5—7  v.  öv.:  Da  Kaunitz  nicht  ermitteln  konnte,
welcher  von  seinen  vier  Beamten  ihn  verrathen  hatte,  so  ließ  er
sie  alle  vier  ertränken  vermittelst  eines  mit  Fallboden  (Klappe)  versehenen
  Bootes.
        <pb n="217" />
        Erläuterungen  zu  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“.  205

S.  232,  Z.  14  ff.,  233f.;

Moskau,  den  2.  Juni  1859.

Als  Ew.  Execellenz  letzthin  die  Alterthümer  von  Moskau
besuchten,  haben  Sie  den  Denkmälern  unseres  ehemaligen  politischen
und  moralischen  Lebens  große  Aufmerksamkeit  gewidmet.  Die
alten  Bauten  des  Kreml,  die  Gegenstände  aus  dem  häuslichen
Leben  der  Zaren,  die  werthvollen  griechischen  Handschriften  der
Bibliothek  der  russischen  Patriarchen  —  kurz  alles  hat  Ihre  Wißbegierde
  erregt.  Die  gelehrten  Bemerkungen  Ew.  Excellenz  mit
Bezug  auf  diese  Denkmäler  haben  bewiesen,  daß  Sie  mit  Ihren
großen  diplomatischen  Kenntnissen  auch  noch  ebenso  gründliche  archäologische
  verbinden.  Eine  solche  Aufmerksamkeit  von  Seiten  eines
Ausländers  für  unsere  Alterthümer  ist  mir  doppelt  lieb,  als  Russe
wie  als  Mann,  der  seine  Mußestunden  archäologischen  Untersuchungen
  widmet.  Erlauben  Sie  mir,  Ew.  Excellenz  als  Erinnerung
  an  Ihren  kurzen  Aufenthalt  in  Moskau  und  die  angenehme
  Bekanntschaft,  die  ich  in  Ihnen  zu  machen  die  Ehre  gehabt
habe,  ein  Exemplar  der  „Beschreibung  der  Wahl  und  Thronbesteigung
  des  Zaren  Michael  Feodorowitsch“  anzubieten.  Sie
werden  auf,  wenn  auch  wenig  kunstreichen,  doch  um  ihres  Alters
willen  merkwürdigen  Abbildungen  dieselben  Gebäude  und  Gegenstände
  erblicken,  die  Sie  so  sehr  im  Kreml  interessirten.

Genehmigen  Sie  2c.  2c.  P.  M.  Obolenski.

Petersburg,  Juli  1859.

Ich  würde  sehr  undankbar  sein,  wenn  ich  nach  allen  Beweisen
  von  Güte,  mit  denen  Sie  mich  in  Moskau  überschüttet
haben,  vier  Wochen  ohne  wichtige  Gründe  hätte  verstreichen  lassen,
bevor  ich  auf  den  Brief  antwortete,  mit  dem  Ew.  Excellenz  mich
beehrt  haben.  Ich  bin  nach  meiner  Rückkehr  von  einer  schweren
Krankheit  befallen  worden,  einer  Art  von  Gicht,  die  mich  durch
heftige  rheumatische  Schmerzen  seit  fast  einem  Monat  an's  Haus
gefesselt  hat,  mit  kleinen  Unterbrechungen,  die  durch  die  im  Rückstand
  gebliebenen  laufenden  Geschäfte  in  Anspruch  genommen
wurden.  Noch  heute  bin  ich  außer  Stande,  zu  laufen,  befinde
mich  aber  im  ganzen  besser,  so  daß  ich  einem  Befehle  meiner
Regierung  zu  gehorchen  versuchen  werde,  die  mich  nach  Berlin
        <pb n="218" />
        206  Anhang  1.

beruft.  Verzeihen  Sie  diese  Einzelheiten,  mein  Fürst,  aber  sie
sind  nothwendig,  um  mein  Schweigen  zu  erklären.

Ich  hatte  gehofft,  daß  ich  durch  diese  Verzögerung  meiner
Antwort  in  den  Stand  gesetzt  werden  würde,  ihr  die  Antwort
beizufügen,  die  ich  von  Berlin  erwarte  auf  die  Sendung  an  Se.
Majestät  den  König,  mit  ber  Sie  so  gütig  waren,  mich  zu  beauftragen.
  Ich  habe  sie  noch  nicht  erhalten,  aber  ich  kann  nicht  abreisen,
  mein  Prinz,  ohne  Ihnen  zu  sagen,  wie  angenehm  berührt
ich  von  der  würdigen  und  zugleich  liebenswürdigen  Art  bin,  in  der
Sie  das  Amt,  welches  Sie  leiten,  und  die  Hauptstadt  vertreten,
die  Sie  bewohnen,  indem  Sie  dem  Fremden  ein  vornehmes  Beispiel
der  nationalen  Gastlichkeit  zeigen.  Das  herrliche  Werk,  das  Sie
die  Güte  hatten,  mir  zu  schenken,  wird  immer  eine  kostbare  Zierde
meiner  Bibliothek  bleiben  und  ein  Gegenstand,  an  den  sich  die
Erinnerung  an  einen  russischen  Edelmann  knüpft,  der  die  Erleuchtung
  des  Gelehrten  so  wohl  mit  den  Eigenschaften  zu  vereinigen
  weiß,  die  den  grand-seigneur  auszeichnen.

Genehmigen  Sie  2c.  2c.  v.  Bismarck.

S.  256,  Z.  1  v.  u.:  sich  im  Voraus  sichern,  indem  man
auf  die  Mittel  bedacht  ist,  um  ihnen  (den  Ereignissen)  die  Stirn
zu  bieten  und  davon  Nutzen  zu  ziehen.

S.  257,  Z.  6  v.  o.:  welche  eigenthümlichen  Eröffnungen
mir  Oesterreich  vor  wenigen  Tagen  hat  machen  lassen.

S.  262,  Z.  10  v.  v.:  misère  générale  =  allgemeine  Erbärmlichkeit.


S.  266,  Z.  15  v.  v.:  Gefahr  im  Anzug.  Beeilen  Sie  sich.

Der  Onkel  von  Moritz  Henning.

S.  271,  Z.  9  v.  u.:  show  of  power  =  Schaustellung  der
Macht.

S.  272,  Z.  3  u.  16  v.  u.:  en  vedette  =  auf  Posten,  in
Kampfbereitschaft.

S.  273,  Z.  8  v.  u.:  post  festum  =  nach  dem  Fest,  zu  spät,
vgl.  Büchmann,  Gefl.  Worte  S.  351.

S.  274,  Z.  9  v.  v.:  status  duco  ante  =  Zustand  vor  dem  Kriege.

S.  276,  Z.  10  v.  u.:  eine  Großmacht  wird  nicht  anerkannt,
sie  giebt  sich  (selbst  als  solche)  zu  erkennen.

S.  277,  Z.  11  v.  o.:  victa  Catoni  f.  zu  S.  174.

S.  282,  Z.  15  v.  v.:  Es  giebt  jemand,  der  mehr  Geist
hat  als  Herr  von  Talleyrand,  das  ist  „jedermann“.
        <pb n="219" />
        Erläuterungen  zu  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“.  207

S.  284,  Z.  2  v.  u.:  „Und  nachher,  Majestät?“

S.  288,  Z.  7  v.  u.:  capitis  deminutio  —  Machtverminderung.

S.  289,  Z.  11  v.  u.:  avilir  puis  démolir  =  erst  schwächen,
dann  vernichten.

S.  314,  Z.  16  v.  v.:  anodyn  =  schmerzlos,  bedeutungslos.

S.  324,  Z.  5  v.  u.:  Entschließungen  ab  irato  =  Entschließungen
unter  Einwirkung  des  Zorns.

S.  326,  Z.  11  v.  u.:  status  =  Stellung.

S.  331,  Z.  10  v.  u.:  Mauvais  coucheur  =  einer,  mit  dem
nicht  gut  Kirschen  essen  ist.

S.  337,  Z.  7  v.  u.  (Bd.  II.,  S.  135,  Z.  5  v.  v.,  Z.  6  v.  u.):
modus  vivendi=  Weg,  miteinander  auszukommen.

S.  338,  Z.  3  v.  u.:  pactum  de  contrahendo  =  ein  Vertrag
über  künftige  Vereinbarungen.

S.  339,  Z.  5  v.  u.:  à  courte  chéance  =  auf  kurze  Sicht.

S.  347,  Z.  6  v.  u.:  Spiritus  rector  =  leitender  Geist.

S.  349,  Z.  11  v.  v.:  splenetic  and  rash  =  launisch  und

aufbrausend.  Z.  13  v.  u.:  „Wir  werden  Europa  durch  unsere
Undankbarkeit  in  Erstaunen  setzen.“

Band  II.

S.  6,  Z.  10  v.  u.:  la  critique  est  aisée  =  die  Hritik  ist  leicht.

S.  13,  Z.  13  v.  o.:  petite  rectification  des  frontières  —=kleine
  Berichtigung  der  Grenzen.

S.  41,  Z.  4  v.  v.:  conditio  sine  qua  non  =  unerläßliche  Bedingung.


S.  48,  Z.  6  v.  u.  (S.  89,  Z.  7  v.  o.):  Vae  victis!  —
Wehe  den  Besiegten!  (Ausruf  des  siegreichen  Brennus  der  Gallier
nach  Livius  V  48,  vgl.  Büchmann,  Geflügelte  Worte  S.  454.)

S.  54,  Z.  7  v.  u.:  obiter  =  obenhin.

S.  55,  Z.  11  v.  u.:  entente  cordiale  =  herzliches  Einverständniß,
  vgl.  Büchmann,  Gefl.  Worte  S.  497.

S.  56,  Z.  9  v.  u.:  black-mail  —  Räubersold,  Lösegeld.

S.  63,  Z.  1  ff.  v.  o.:  Ob's  edler  im  Gemüth,  die  Pfeil'
und  Schleudern!  Des  wüthenden  Geschicks  erdulden,  oderSich
waffnend  gegen  eine  See  von  Plagen,!  Durch  Widerstand  sie  enden.
Citat  aus  Shakespeare,  Hamlet  III  1.

S.  69,  Z.  2  v.  o.  (S.  160,  Z.  1  v  o.):  status  qduo
gegenwärtiger  Zustand.  Z.  6.  v.  u.:  rebus  sic  stantibus  —  unter
den  obwaltenden  Verhältnissen  (s.  zu  J  162).
        <pb n="220" />
        208  Anhang  1.

S.  70,  Z.  22  v.  o.:  In  verbis  simus  faciles  —  In  den  Worten
laßt  uns  gefällig  sein.

S.  77,  Z.  5  v.  o.:  publici  juris  —  öffentlichen  Rechts,  allgemein
  bekannt.

S.  81,  Z.  14  ff.  v.  v.:  une  ercellente  chose  —=  eine  ausgezeichnete
  Sache,  opportune  —=  günstig,  àa  un  moment  donné  =  in
einem  gegebenen  Augenblicke.

S.  83,  Z.  7  v.  o.  (vgl.  S.  169,  Z.  4  v.  o.):  gesta  Dei
per  Francos  —  Thaten  Gottes  durch  die  Hand  der  Franzosen,  Titel
eines  Werkes  von  Bongars  über  die  Kreuzzüge.

S.  84,  Z.  10  v.  o.  (S.  89,  Z.  15  v.  o.):  La  Prusse  cane  —
Preußen  zieht  sich  feig  zurück  (eigentlich:  wie  eine  Ente  untertauchen).


S.  90,  Z.  13  v.  v.:  mutatis  mutandis  =  mit  den  erforderlichen
  Abänderungen.

S.  93,  Z.  2  v.  o.:  anticipando  =  durch  Vorwegnahme.

S.  95,  Z.  6  v.  u.:  ipsissima  verba  regis=  eigenste  Worte
des  Königs.

S.  100,  Z.  4  v.  u.:  le  moment  d’intervenir  est  peut-étre
venu—  der  Augenblick  zur  Einmischung  ist  vielleicht  gekommen.

S.  101,  Z.  2  v.  u.:  mitiger  etc.  —  die  Forderungen  des
Siegers  herabmindern,  die  Bitterkeit  der  Gefühle  mildern,  welche
den  Besiegten  zu  Boden  drücken  müssen.  Z.  17  v.  o.:  levées  en
masse  =  Erhebungen  in  Masse.

S.  105,  Z.  13  v.  u.:  „Ich  kann  jedoch  vor  den  heiligen
Petrus  im  Himmel  nicht  treten,  ohne  irgend  etwas  in  Europa
geleitet  zu  haben.“  Z.  9  v.  u.:  pompous  =  hochtrabend.  Z.  4
v.  u.:  „Wenn  ich  mich  zurückziehe,  will  ich  nicht  verlöschen  wie
eine  blakende  Lampe,  sondern  ich  will  untergehen  wie  ein  Stern.“

S.  107,  Z.  8  v.  o.:  Polskaja  mat  =  polnische  Mutter.

S.  108,  Z.  13  v.  o.:  „Er  spiegelt  sich  in  seinem  Tintenfaß."
Z.  11  v.  u.:  Ecrivez  =  Schreiben  Sie.

S.  118,  Z.  15  v.  u.  (vgl.  S.  125,  Z.  1  v.  u.):  argumentum
ad  hominen  =  ein  auf  die  menschlichen  Empfindungen  berechneter
Grund.  6

S.  120,  Z.  4  v.  v.:  pater  familias  =  Familienvater.

S.  126,  Z.  12  v.  u.:  désaveu—-Mißbilligung.

S.  127,  Z.  2  v.  v.:  gouvernement  absolu  tempéré  par
le  régicide  —  eine  durch  den  Königsmord  beschränkte,  unumschränkte
Regierung.

S.  132,  Z.  7  v.  o.:  summus  episcopus  =  höchster  Bischof.
        <pb n="221" />
        Erläuterungen  zu  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“.  209

S.  138,  Z.  6ff.  v.  o.:  Dem  Fürsten  Bismarck.

Berlin,  26.  September  1873.
Ihr  wohlgeneigtester  Vetter
Victor  Emanuel.

(Die  Mitglieder  des  höchsten  italienischen  Ordens,  der  heil.
Annunziata,  heißen  „Vettern“  des  Königs.)

S.  147,  Z.  15  v.  o.:  in  nuce  =  in  einer  Nuß,  d.  i.  kurz
zusammengedrängt.  Z.  3  v.  u.:  öte-toi  que  je  m')  mette  =  Pack
dich  fort,  damit  ich  mich  hinstelle,  vgl.  Büchmann,  Gefl.  Worte  S.  44.

S.  149,  Z.  1  v.  u.:  tabula  rasa=  abgewischte  Schreibtafel
(reiner  Tisch),  vgl.  Büchmann,  Gefl.  Worte  S.  335.

S.  150,  Z.  14  v.  u.:  parti  pris=  Voreingenommenheit.

S.  154,  Z.  11  v.  u.:  salus  publica  suprema  lex  =  das  Gemeinwohl
  (sei)  das  oberste  Gesetz.

S.  165,  Z.  6  v.  v.:  Oratores  Caesareae  Majestatis  =  Gesandte
  der  kaiserlichen  Moajestät.

S.  168,  Z.  7  f.  v.  o.:  Dieser  Mensch  hat  mir  viel  Böses
gethan,  viel  mehr  sogar,  als  Herr  v.  Bismarck  weiß  und  denkt.

S.  169,  Z.  14  v.  u.:  fiche  de  consolation  —  Entschädigung.

S.  172,  Z.  2  v.  u.:  Quos  ego!  =  Wart,  ich  will  euch!
Citat  aus  Virgilll  Aen.  1  135.

S.  173,  Z.  7  v.  o.:  wie  einen  Bedienten,  der  nicht  schnell.
genug  aufspringt,  wenn  man  ihm  geklingelt  hat.  Z.  4  v.  u.:  Roma
locuta  est,  s.  z.  Bd.  1  67.

S.  174,  Z.  7  v.  v.:  en  mission  extraordinaire  =  in  außerordentlicher
  Sendung.  Z.  10  v.  u.:  Jetzt  ist  der  Friede  gesichert.
S.  175,  Z.  5  v.  o.:  Gortschakow  beschützt  Frankreich.

S.  176,  Z.  8  v.  u.:  tolerari  posse  =  geduldet  werden  können.

S.  178,  Z.  14  v.  o.:  sans  nous  dire  gare  =  ohne  uns  zuzurufen:
  ausgepaßt!

S.  180,  Z.  10  v.  u.:  ad  nutum  =  auf  den  Wink.

S.  184,  Z.  11  v.  v.:  in  suspenso  =  in  der  Schwebe.

S.  188,  3.  2  v.  v.:  Wenn  dies  geschieht,  werden  die  Slaven
in  die  Enge  getrieben,  d.  h.  gezwungen,  sich  zu  erklären.

S.  194,  Z.  5  v.  u.:  Pexces  du  mal  en  devient  le  remede
das  Uebermaß  des  Uebels  wird  zum  Heilmittel  desselben.

S.  201,  Z.  11  v.  u.:  promiscue  =  vermischt.

S.  215,  Z.  10  v.  o.:  trop  plein  —  Uebermaß.

S.  218,  Z.  8  v.  v.:  Votre  amitié  est  trop  platonique  —  Ihre
Freundschaft  ist  zu  platonisch  (d.  h.  nicht  zur  That  bereit).

Kohl,  Wegweiser.  14
        <pb n="222" />
        210  Anhang  1.

S.  219,  Z.  7  v.  u.:  Ich  hätte  wohl  den  Krieg  gewollt,
aber  Frankreich  hat  andere  Absichten.

S.  220—224:  Briefwechsel  zwischen  Bismarck  und  Schuwalow:

Berlin,  den  15.  Februar  1877.
Lieber  Graf,

ich  danke  Ihnen  für  die  freundlichen  Worte,  die  Sie  die  Güte
hatten  mir  zu  schreiben,  und  bin  dem  Grafen  Münster  zu  Dank
verpflichtet,  daß  er  bei  dieser  Gelegenheit  so  richtig  die  Gefühle
ausgelegt  hat,  die  seit  unfrer  ersten  Bekanntschaft  zwischen  uns
ein  Band  gebildet  haben,  welches  die  politischen  Beziehungen  überdauern
  wird,  die  uns  heute  verbinden.  Unter  den  Schmerzen,  die
mir  das  amtliche  Leben  hinterlassen  wird,  wird  der  aus  der
Erinnerung  an  meine  Beziehungen  zu  Ihnen  hervorgehende,  einer
der  fühlbarsten  sein.

Wie  sich  auch  immer  die  politische  Zukunft  unserer  beiden
Länder  gestalten  mag,  so  wird  mir  der  Antheil,  den  ich  an  der
Vergangenheit  gewonnen  habe,  die  Genugthuung  lassen,  daß  ich
in  Bezug  auf  die  Nothwendigkeit  ihres  Bundes  jederzeit  mit  dem
liebenswürdigsten  Ihrer  Landsleute  in  Einklang  gewesen  bin.  So
lange  ich  am  Ruder  bleibe,  werde  ich  den  Ueberlieferungen  treu
sein,  die  mich  seit  25  Jahren  geleitet  haben  und  deren  Grundsätze
  zusammenfallen  mit  den  in  Ihrem  Briefe  entwickelten  Gedanken
  über  die  Dienste,  die  Rußland  und  Deutschland  sich  leisten
können  und  sich  gegenseitig  seit  mehr  als  einem  Jahrhundert
geleistet  haben,  ohne  daß  die  Sonderinteressen  des  einen  oder  des
andern  darunter  gelitten  hätten.  Diese  Ueberzeugung  hat  mich  geleitet
  im  Jahre  1848,  im  Jahre  54,  im  Jahre  63,  wie  in  der  gegenwärtigen
  Lage,  und  es  ist  mir  gelungen,  dafür  die  Meinung  der
großen  Mehrheit  meiner  Landsleute  zu  gewinnen.  Dieses  Werk  wird
vielleicht  leichter  zu  zerstören  sein,  als  es  zu  schaffen  war,  besonders
in  dem  Falle,  daß  meine  Nachfolger  nicht  mit  derselben  Beharrlichkeit
  wie  ich  die  Ueberlieferungen  pflegen  sollten,  deren
Kenntniß  ihnen  abgehen  wird,  und  vielleicht  nicht  mit  dem  Verzicht
  auf  Eigenliebe,  deren  man  bedarf,  um  den  Schein  dem
Wesen  der  Dinge,  die  Empfindlichkeiten  den  großen  monarchischen
Interessen  unterzuordnen.  Ein  alter  Praktikus  meines  Schlags
        <pb n="223" />
        Erläuterungen  zu  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“.  211

läßt  sich  nicht  leicht  durch  blinden  Lärm  aus  dem  Geleise  bringen,
und  im  Interesse  meines  Herrn  und  meines  Landes  weiß  ich  die
Verdrießlichkeiten  zu  vergessen,  die  mir  während  der  beiden  letzten
Jahre  von  eurer  (russischer)  Seite  nicht  erspart  geblieben  sind;  ich
führe  nicht  Buch  über  die  „Liebeleien“,  die  mein  ehemaliger  Freund
und  Vormund  von  Petersburg  und  mein  junger  Freund  in  Paris
dort  unterhalten,  aber  was  die  Kanzler  betrifft,  die  mir  folgen
werden,  so  wird  es  vielleicht  leichter  sein,  ihr  politisches  Urtheil
irre  zu  leiten,  wenn  man  ihnen,  wie  man  es  seit  drei  Jahren
gethan  hat,  die  Leichtigkeit  durchblicken  läßt,  mit  der  man  bei
euch  eine  Coalition  auf  der  Basis  der  Revanche  schaffen  könnte.
Die  Kaltblütigkeit,  mit  der  ich  die  Möglichkeit  in's  Auge  fasse,
werde  ich  meinem  Nachfolger  nicht  hinterlassen  können.  Was  die
Drohungen  offiziöser  Zeitungen,  was  die  Pariser  Schmeicheleien
in  Feuilletons  und  Briefen  an  politische  Damen  anbelangt,  so  wird
es  nicht  allzuschwer  sein,  eines  Tages  einen  deutschen  Minister,
den  der  Gedanke  der  Isolirung  schreckt,  in  eine  falsche  Richtung
zu  drängen,  und  um  sie  (die  Isolirung)  zu  vermeiden,  wird  er  ungeschickte
  Verbindlichkeiten  eingehen,  die  nachträglich  schwer  zu  lösen
sind.  In  keinem  Falle  werde  ich  das  sein;  denn  sobald  als  ich
so  gut  als  möglich  den  Forderungen  des  Reichstags  genügt  haben
werde,  der  den  22.  eröffnet  werden  und  nur  wenige  Wochen
dauern  wird,  werde  ich  mich  in's  Bad  begeben,  um  nicht  wieder
zu  den  Geschäften  zurückzukehren.  Ich  habe  das  Zeugniß  der
medizinischen  Facultät,  daß  ich  „untauglich“  bin;  „untauglich“  ist
der  amtliche  Ausdruck  für  die  Zulässigkeit  der  Entlassung;  er  sagt
unter  diesen  Umständen  nur  die  traurige  Wahrheit.  Ich  mache
mir  nichts  mehr  daraus.

Vor  diesem  Zeitpunkt  werde  ich  auf  das  letzte  Räthsel  eurer
(der  russischen)  Politik  zu  antworten  haben;  ich  bin  nicht  geschickt,
Räthsel  zu  lösen,  ich  bedarf  der  Aufklärung  in  Betreff  eines  geheimen
  Gedankens,  den  ich,  wie  es  scheint,  in  der  Vergangenheit
falsch  ausgelegt  habe.  Erhalte  ich  weder  Wink  noch  Weisung,  so
kann  ich  die  schmale  Linie  zwischen  dem  Vorwurf,  den  Türken  zu
unterstützen,  indem  ich  von  Frieden  rede,  und  dem  Verdacht,
verrätherischer  Weise  zum  Kriege  zu  drängen,  nicht  finden.  Ich
bin  soeben  durch  das  Feuer  dieser  entgegengesetzten  Anklagen

14•
        <pb n="224" />
        212  Anhang  1.

hindurchgegangen  und  habe  keine  Lust,  mich  ihm  von  neuem  auszusetzen
  ohne  Lotsen  und  ohne  Leuchtthurm,  der  mir  den  Hafen
anzeigte,  zu  dem  ihr  wünscht  uns  gelangen  zu  sehen.

v.  Bismarck.

London,  den  25.  Februar  1877.
Mein  lieber  Fürst,

Ich  bin  auf's  Tiefste  durch  Ihren  so  gütigen  Brief  gerührt
worden  —  nur  fühle  ich  wahre  Gewissensbisse,  wenn  ich  an  die
Mühe  denke,  die  Sie  sich  gegeben  haben,  ihn  zu  schreiben  und  an
die  kostbare  Zeit  (wenn  es  die  Ihrige  ist),  die  er  Sie  gekostet  hat.

Dieser  Brief  wird  eine  der  besten  Erinnerungen  an  meine
politische  Laufbahn  sein,  und  ich  werde  ihn  meinem  Sohne
vermachen.

Seit  einem  Jahre  fern  von  Berlin  und  Petersburg,  hatte
sich  der  Zweifel  meiner  bemächtigt.

Ich  dachte,  daß  das,  was  existirt  hatte,  vielleicht  nicht  mehr
existirte.  Sie  geben  mir  den  Beweis  des  Gegentheils.  Ich  freue
mich  darüber  als  guter  Russe  und  von  ganzem  Herzen.

Wenn  ich  nicht  in  Ihnen,  lieber  Fürst,  den  Mann  wiedergefunden
  hätte,  der  niemals,  weder  in  der  Politik  noch  in  seinem
Wohlwollen  für  seine  Freunde  sich  ändert,  so  würde  ich  diesmal
meine  russischen  Papiere  verkauft  haben,  wie  Sie  vor  3  Jahren
thun  wollten,  weil  Sie  eine  zu  hohe  Meinung  von  mir  hatten.

Ich  habe  einige  Stellen  Ihres  Briefes  abgeschrieben  und
meinem  Kaiser  geschickt.  Ich  weiß,  daß  es  ihm  Vergnügen  machen
wird,  sie  zu  lesen.  Jedesmal,  wenn  er  sich  mit  Ihnen  in
directer  Berührung  befunden  hat,  ist  etwas  Gutes  und  Nützliches
daraus  hervorgegangen;  liest  er,  was  Sie  jemandem  schreiben,
den  Sie  mit  dem  Titel  eines  Freundes  beehren,  so  ist  es  für  den
Kaiser,  als  wenn  er  in  directen  Beziehungen  (mit  Ihnen)  wäre.

Ich  brauche  nicht  hinzufügen,  daß  ich  alles  weggelassen  habe,
was  Gortschakow  betraf,  denn  ich  betrachtete  Ihre  auf  ihn  bezüglichen
  Anspielungen  als  einen  Beweis  Ihres  Vertrauens  in
meine  Verschwiegenheit.  Ganz  schlecht  unterrichtet,  wie  ich  bin
(und  das  aus  guten  Gründen),  über  das,  was  man  in  Petersburg
  will,  erschienen  mir  Vertagung  und  Abrüstung  wahrscheinlich.
        <pb n="225" />
        Erläuterungen  zu  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“.  213

Der  Friede  mit  Serbien  und  Montenegro  wird  jetzt  geschlossen
  werden,  sagt  man.  Der  Großvezier  hat  Briefe  an  Decazes
und  Derby  gerichtet,  um  ihnen  zu  erklären,  daß  der  Sultan  verspricht,
  freiwillig  alle  von  der  Conferenz  geforderten  Reformen
auszuführen.  Europa  wird  uns  bitten,  der  Türkei  Zeit  zu  gewähren.
  Wäre  dies  für  uns  der  günstige  Augenblick,  den  Krieg
zu  erklären  und  uns  noch  mehr  die  Gefühle  Europas  zu  entfremden?


Besondere  Geschäfte  fordern  gebieterisch  meine  Anwesenheit
in  Rußland;  ich  beabsichtige,  um  einen  kurzen  Urlaub  zu  bitten,
sobald  als  eine  Entscheidung  bei  uns  gefaßt  sein  wird  in  einem
oder  dem  andern  Sinne.  Ich  hoffe,  mein  lieber  Fürst,  daß  Sie
mir  erlauben  werden,  Sie  bei  meiner  Durchreise  durch  Berlin  zu
sehen  —  ich  rechne  ungeheuer  darauf.

Verzeihen  Sie  die  Länge  dieses  Briefes  damit,  daß  Sie
nicht  ein  einziges  Wort  darauf  zu  antworten  haben.

Empfangen  Sie  noch  einmal,  lieber  Fürst,  meinen  heißen
Dank  für  Ihre  Güte  und  für  Ihren  Brief,  bezüglich  dessen  ich
nur  einen  einzigen  Einwurf  erhebe,  nämlich  wegen  der  Art,  wie
Sie  unglücklicherweise  über  Ihre  Gesundheit  sprechen.  —  Gott
wird  dieselbe  kräftigen,  wie  Er  alles  erhält,  was  Millionen  von
Menschen  und  der  Erhaltung  großer  und  wichtiger  Interessen
nützlich  ist.

Seien  Sie  versichert,  lieber  Fürst,  daß  Sie  immer  in  mir
noch  mehr  als  einen  Bewunderer  finden  werden,  deren  Zahl  groß
genug  ist  ohne  mich,  kurz  gesagt:  einen  Mann,  der  Ihnen  aufrichtig
anhänglich  und  von  ganzem  Herzen  ergeben  ist.  Schuwalow.

S.  224,  Z.  7  v.  u.:  vous  avez  le  cauchemar  des  coalitions
Die  Furcht  vor  Coalitionen  verursacht  Ihnen  Alpdrücken.  Z.  6
v.  v.:  nécessairement  =  nothwendigerweise.

S.  226,  Z.  11/12  v.  v.:  Vous  oublierez  etc.  —  Sie  werden
vergessen,  was  Sie  nicht  lesen  durften.

S.  228,  Z.  3  v.  o.:  Pempereur  est  fon  irrite  =  Der  Kaiser
ist  sehr  gereizt.  Z.  4  v.  o.:  Eh,  le  mien  donc  =  Gewiß,  der  meinige!
Z.  5  v.  v.:  Conschakoff  est  un  animal  .  il  n’a  aucune  influence
—  Gortschakow  ist  ein  Vieh  (dummer  Kerl)  er  hat  keinen
Einfluß.
        <pb n="226" />
        214  Anhang  1.

S.  229,  Z.  6.  v.  u.:  circulus  vitiosus  =  fehlerhafter  Schluß.

S.  247,  Z.  13  v.  u.:  force  majeure  =  die  zwingende  Gewalt.

S.  249,  Z  1  v.  u.:  ultra  posse  nemo  obligatur  =  Ueber
sein  Können  hinaus  ist  niemand  verpflichtet,  vgl.  Büchmann,
Gefl.  Worte  428.

S.  250,  Z.  12  v.  o.:  toujours  en  vedette  =  immer  auf
dem  Posten!

S.  252,  Z.  10  u.  7  v.  u.:  casus  foederis  =  Bündnißfall.

S.  263,  Z.  9  v.  u.:  casus  belli  =  Kriegsfall.  Z.  3  v.  u.:
à  T’amiable  =  auf  gütliche  Weise.

S.  264,  Z.  13  v.  o.:  plectuntur  Achivi  =  müssen  die  Achäer
(das  Volk)  büßen,  Citat  aus  Horati#  Epist.  I,  2,  4.

S.  267,  Z.  9  v.  u.:  injuria  temporum  —  Unbill  der  Zeiten.
Z.  5  v.  u.:  untoward  events  =  unerwartete  Ereignisse.

S.  269,  Z.  11  v.  o.:  rudis  indigestaque  moles  =  eine  rohe,
verworrene  Masse,  Citat  aus  Ovidü  Metamorph.  I  7.

S.  270,  Z.  2  v.  o.:  placet  =  die  Zustimmung.

S.  288,  Z.  2  v.  v.:  Pas  trop  mal  à  la  veille  d’'une  bataille
—  Nicht  zu  übel  am  Vorabende  einer  Schlacht.  Z.  8  v.  u.:
noblesse  oblige  =  Adel  legt  Verpflichtungen  auf.

S.  289,  Z.  10  v.  u.:  vis  major  =  eine  höhere  Macht.

S.  291,  Z.  3  v.  v.:  I.  était  de  relation  süre  —  man  konnte
sich  auf  ihn  verlassen.

S.  309,  Z.  3,  2  v.  u.:  Get  you  home,  Vvou  fragments
Trollt  euch  heim,  ihr  Pack,  Citat  aus  Shakespeare,
Coriolan  III  3.
        <pb n="227" />
        Auhang  2.

Aebersetzung  der  demVegweiser  eingefügten  fremsprachigen
  Stücke.
Seite  168  fl.

Zarskoe-Selo,  den  3./15.  August  1879.
Lieber  Oheim  und  Freund,

Es  liegt  mir  am  Herzen,  Dir  noch  schriftlich  für  Deinen
gütigen  Brief  vom  27.  Juli  zu  danken,  ebenso  Augusta,  für  die
Sendung,  Eurerseits  an  beide,  der  entzückenden  Denkmünze  zur
Erinnerung  an  Eure  goldene  Hochzeit,  der  beizuwohnen  mir
leider  die  Umstände  nicht  erlaubt  haben,  wie  ich  mir  ein  Fest
daraus  machte.

Ich  bin  glücklich  gewesen  zu  erfahren,  daß  Du  alle  Strapazen
der  Feiern  gut  ertragen  hast,  und  hoffe,  daß  die  Gasteiner  Kur
Dir  neue  Kräfte  gegeben  hat,  um  den  Strapazen  der  militairischen
Musterungen  die  Stirn  zu  bieten,  die  Du  in  Aussicht  hast.

Der  Tod  meines  Flügeladjutanten  General  von  Reutern,
welcher  die  Ehre  hatte,  in  den  letzten  Jahren  Deiner  Person  attachirt
zu  sein  und  für  den  Du  so  viel  Güte  hattest,  wird  Dir  sicher
Kummer  bereitet  haben  wie  mir.  Ich  werde  für  ihn  einen
Ersatzmann  zu  finden  suchen,  der  Dir  passen  könnte,  und  nicht  verfehlen,
  vorher  Deine  Zustimmung  einzuholen,  so  baldb  als  ich  eine
Wahl  getroffen  habe.  Ermuthigt  durch  die  Freundschaft,  welche
Du  nicht  aufgehört  hast  mir  zu  bezeugen,  erlaube  mir,  Dir  in
aller  Freimüthigkeit  von  einer  heikeln  Angelegenheit  zu  sprechen,
        <pb n="228" />
        216  Anhang  2.

die  mich  unaufhörlich  beschäftigt.  Es  handelt  sich  um  die  Haltung
der  verschiedenen  deutschen  diplomatischen  Agenten  in  der  Türkei,
die  seit  einiger  Zeit  sich  unglücklicherweise  feindlich  gegen  Rußland
  zeigt,  was  in  vollständigem  Widerspruch  mit  den  Ueberlieferungen
  der  freundschaftlichen  Beziehungen  steht,  die  seit  mehr
als  einem  Jahrhundert  die  Politik  unserer  beiden  Regierungen
geleitet  haben  und  die  durchaus  im  Einklange  waren  mit  ihren
gemeinschaftlichen  Interessen.  Diese  Ueberzeugung  hat  sich  bei
mir  nicht  gewandelt,  und  ich  halte  sie  auch  ungeschmälert  fest,  da
ich  mir  schmeichle,  daß  es  auch  die  Deinige  ist.  Aber  die  Welt
urtheilt  nach  den  Thatsachen.  Wie  soll  ich  mir  nun  diese  Haltung
der  deutschen  Agenten  erklären,  die  uns  mehr  und  mehr  feindlich
wird,  im  Orient,  wo,  nach  dem  Ausspruche  des  Fürsten  Bismarck
selbst,  Deutschland  kein  eigenes  Interesse  wahrzunehmen  hat,
während  wir  dort  sehr  ernste  Interessen  haben.  Wir  haben
soeben  einen  ruhmreichen  Krieg  beendigt,  der  keine  Eroberungen
zum  Zwecke  hatte,  sondern  einzig  und  allein  die  Verbesserung  des
Schicksals  der  Christen  in  der  Türkei.  Wir  haben  es  soeben  bewiesen,
  indem  wir  die  Provinzen  räumten,  die  wir  nach  dem  Kriege
besetzt  hatten,  aber  wir  bestehen  darauf,  daß  die  um  den  Preis
unseres  Blutes  und  unseres  Geldes  erlangten  Ergebnisse  nicht
todte  Buchstaben  bleiben.

Es  handelt  sich  um  weiter  nichts,  als  die  Vereinbarungen
des  Berliner  Congresses  zur  Ausführung  zu  bringen;  aber  das
muß  mit  Gewissenhaftigkeit  gethan  werden.  Nun  aber  erheben
die  Türken,  unterstützt  von  ihren  Freunden,  den  Engländern  und
den  Oesterreichern,  die  inzwischen  in  den  von  ihnen  im  Frieden  besetzten
  türkischen  Provinzen  festen  Fuß  fassen,  um  sie  niemals
ihrem  rechtmäßigen  Herrn  zurückzugeben,  unaufhörlich  Schwierigkeiten
  über  Einzelheiten,  die  ebenso  für  die  Bulgaren  wie  für  die
tapferen  Montenegriner  von  der  größten  WMichtigkeit  sind.  —
Ebenso  thun  die  Rumänen  Bulgarien  gegenüber.

Die  Mehrheit  der  europäischen  Commissare  muß  sie  entscheiden.
  Diejenigen  von  Frankreich  und  Italien  verbinden  sich
fast  in  allen  Fragen  mit  den  unserigen,  während  diejenigen  von
Deutschland  die  Parole  empfangen  zu  haben  scheinen,  immer  die
Meinung  der  Oesterreicher  zu  unterstützen,  die  uns  systematisch
        <pb n="229" />
        Uebersetzung  der  fremdsprachigen  Stücke  aus  dem  „Wegweiser“.  217

feindlich  ist,  und  das  in  Fragen,  welche  Deutschland  in  keiner
Hinsicht  interessiren,  aber  für  uns  sehr  wichtig  sind.

Verzeihe  mir,  mein  lieber  Oheim,  die  Freimüthigkeit  meiner
auf  Thatsachen  gegründeten  Aussprache,  aber  ich  halte  es  für
meine  Pflicht,  Deine  Aufmerksamkeit  auf  die  traurigen  Folgen  zu
lenken,  die  das  in  unseren  freundnachbarlichen  Beziehungen  herbeiführen
  könnte,  wenn  unsere  beiden  Nationen  einander  reizen,  wie
die  Presse  der  beiden  Länder  es  zu  thun  beginnt.  —  Ich  sehe
darin  die  Arbeit  unserer  gemeinsamen  Feinde,  derselben,  welche
den  Bund  der  drei  Kaiser  nicht  verdauen  konnten.  Du  erinnerst
Dich,  daß  wir  mehr  als  einmal  mit  Dir  darüber  gesprochen
haben,  und  wie  glücklich  ich  war,  mich  zu  überzeugen,  daß  unsere
Ueberzeugungen  darüber  die  gleichen  waren.  Ich  verstehe  vollkommen,
  daß  Du  darauf  hältst,  Deine  guten  Beziehungen  mit
Oesterreich  aufrecht  zu  erhalten,  aber  ich  verstehe  nicht,  welches
Interesse  Deutschland  haben  könnte,  das  Rußlands  zu  opfern.  —
Ist  es  eines  wirklichen  Staatsmannes  würdig,  eine  persönliche
Verstimmung  in  die  Wagschale  zu  werfen,  wenn  es  sich  um  das
Interesse  zweier  großer  Staaten  handelt,  die  geschaffen  sind,  mit
einander  in  gutem  Einvernehmen  zu  leben,  und  von  denen  der
eine  dem  andern  im  Jahre  1870  einen  Dienst  geleistet  hat,  den
Du  nach  Deinen  eigenen  Worten  niemals  vergessen  zu  wollen  erklärtest.
  Ich  würde  mir  nicht  erlaubt  haben,  Dich  daran  zu  erinnern,
  aber  die  Umstände  werden  zu  ernst,  als  daß  ich  Dir  die
Befürchtungen  verhehlen  könnte,  die  mich  beschäftigen,  und  deren
Folgen  unheilvoll  für  unsere  beiden  Länder  werden  könnten.
Gott  schütze  uns  davor  und  berathe  Dich!  Die  Gesundheit  meiner
Frau  hat  uns  ernste  Besorgnisse  die  ganze  letzte  Zeit  über  verursacht.
  Gott  gebe,  daß  die  Luft  der  Heimath  ihr  Besserung
verschaffen  könne.

Zürne  mir  nicht,  mein  lieber  Oheim,  wegen  des  Inhalts
dieses  Briefes  und  glaube  an  die  Gefühle  unwandelbarer  Anhänglichkeit
  und  aufrichtiger  Liebe

Deines
ganz  ergebenen
Neffen  und  Freundes
Alexander.
        <pb n="230" />
        218  Anhang  2.
Seite  171  ff.

London,  den  3.  Februar  1877.
Mein  Fürst,

Es  liegt  mir  daran,  Ihnen  meinen  lebhaften  und  aufrichtigen
Dank  für  die  Zeugnisse  Ihres  gütigen  und  wohlwollenden  Gedenkens
  auszudrücken,  die  der  Graf  von  Münster  mir  bei  mehr
als  einer  Gelegenheit  übermittelt  hat.

Es  liegt  mir  auch  daran,  Sie  der  Nutzlosigkeit  der  Anstrengungen
  zu  versichern,  die  versucht  werden  könnten,  um  mich
von  Ueberzeugungen  loszureißen,  die  zu  fest  in  mir  begründet
sind,  als  daß  sie  jemals  erschüttert  werden  könnten.

Ich  habe  zu  allen  Zeiten  gedacht,  daß  das  enge  Bündniß
unserer  beiden  Reiche  ein  so  großes  „Quantum“  von  Kräften
bildete,  daß  keine  andere  Macht,  einzeln  oder  verbündet,  mit  Aussicht
  auf  Erfolg  gegen  diese  Macht  kämpfen  könnte,  die  so  das
übrige  Europa  in  Schach  halten  wird.

Als  die  ersten  Grundlagen  des  Dreibundes  im  Jahre  1872
zu  Berlin  gelegt  wurden,  habe  ich  für  meinen  Theil  in  dem  Dritten
nur  einen  jungen  Zweig  gesehen,  der  auf  den  starken  und  festen
Stamm  unserer  alten  Freundschaft  gepfropft  wurde;  daß  dieser
neue  Zweig  gedeiht  —  will  ich  nicht  in  Abrede  stellen,  aber  er
möge  nur  nicht  zu  seinem  Nutzen  den  Saft  des  Baumes  aufsaugen.

Ich  denke  kurz  gesagt,  daß  der  Hauptzweck  unseres  Bundes
zu  zweien  muß  bestehen:

Darin,  daß  Rußland  niemals  den  Bund  gegen  Deutschland
erlaubt  noch  leidet,  wenn  dieses  im  Westen  engagirt  sein  sollte,
und  daß  Deutschland  uns  die  Gegenleistung  im  Orient  gewährt.

Wenn  Europa  von  dieser  Thatsache  überzeugt  wäre,  so
würden  sehr  viele  Verwickelungen  der  Zukunft  vermieden  werden!

Weil  dies,  mein  lieber  Fürst,  meine  Ueberzeugungen  von
Anfang  an  sind,  so  habe  ich  nie  aufgehört,  die  geringe  Festigkeit
zu  beklagen,  die  das  Einvernehmen  der  drei  Mächte  in  der  gegenwärtigen
  Krisis  gezeigt  hat.  Unsere  Einigkeit  hat  sich  weder  in
Wirklichkeit  noch  selbst  dem  Scheine  nach  offenbart.

Wenn  England  daran  geglaubt  hätte,  so  würde  cs  eine
festere  Politik  der  Türkei  gegenüber  befolgt  haben.
        <pb n="231" />
        Uebersetzung  der  fremdsprachigen  Stücke  aus  dem  „Wegweiser“.  219

Wenn  die  Pforte  davon  überzeugt  gewesen  wäre,  so  hätte
sie  nicht  auf  ihrer  Hartnäckigkeit  und  ihrem  Widerstande  bestanden.

Schließlich,  wenn  die  drei  Reiche,  welche  diesen  Bund  bilden,
nicht  selbst  zu  wiederholten  Malen  daran  gezweifelt  hätten,  würde
alles  schon  vor  langer  Zeit  geordnet  worden  sein.

Entschuldigen  Sie  mich,  mein  lieber  Fürst,  wegen  dieses  kleinen
Glaubensbekenntnisses,  dessen  Sie  keineswegs  bedürfen.  Obwohl
Sie  kein  katholischer  Priester  sind,  so  fühle  ich  doch  die  Nothwendigkeit,
  Ihnen  zu  beichten.

Genehmigen  Sie,  mein  lieber  Fürst,  die  aufrichtige  Huldigung
  meiner  ehrfurchtsvollen  Ergebenheit.

Schuwalow.

Seite  173  ff.

Berlin,  den  15.  Februar  1877.
Lieber  Graf,

Ich  danke  Ihnen  für  die  gütigen  Worte,  die  Sie  so  liebenswürdig
  waren  mir  zu  schreiben,  und  ich  weiß  es  dem  Grafen
Münster  Dank,  daß  er  bei  dieser  Gelegenheit  so  wohl  die  Gefühle
ausgelegt  hat,  welche  seit  unserer  ersten  Bekanntschaft  zwischen
uns  ein  Band  gebildet  haben,  das  die  politischen  Beziehungen
überdauern  wird,  die  heute  uns  in  Verbindung  setzen.  Unter  den
Schmerzen,  welche  das  amtliche  Leben  mir  hinterlassen  wird,  wird
der  durch  die  Erinnerung  an  meine  Unterhaltungen  mit  Ihnen
verursachte  zu  den  lebhaftesten  gehören.

Welches  auch  immer  die  politische  Zukunft  unserer  beiden
Länder  sein  mag,  so  wird  mir  der  Antheil,  den  ich  an  der  Geschichte
  ihrer  Vergangenheit  genommen  habe,  die  Genngthuung
lassen,  daß  ich,  in  Bezug  auf  ihren  Bund,  jederzeit  im  Einverständniß
  gewesen  bin  mit  dem  liebenswürdigsten  Staatsmann
unter  meinen  politischen  Freunden.  So  lange  ich  am  Ruder
bleiben  werde,  werde  ich  den  Ueberlieferungen  treu  sein,  die  mich
seit  25  Jahren  geführt  haben  und  die  mit  den  Gedanken  übereinstimmen,
  die  Sie  in  Ihrem  Briefe  mit  Rücksicht  auf  die  Dienste
entwickelt  haben,  welche  Rußland  und  Deutschland  sich  leisten
können  und  sich  gegenseitig  seit  mehr  als  einem  Jahrhundert  geleistet
  haben,  ohne  daß  die  besonderen  Interessen  des  einen  und
        <pb n="232" />
        220  Anhang  2.

des  andern  darunter  gelitten  hätten.  Zwei  Nachbarn  in  Europa,
die  seit  mehr  als  einem  Jahrhundert  nicht  das  geringste  Gelüst
nach  Feindseligkeit  bewiesen  haben,  sollten  aus  dieser  Thatsache
allein  den  Schluß  ziehen,  daß  es  divergirende  Interessen  zwischen
ihnen  nicht  giebt.  Dieser  Ueberzeugung  bin  ich  im  Jahre  1848,
54,  63  und  in  der  gegenwärtigen  Lage  gefolgt,  und  ich  habe  sie
zum  Gemeingut  der  großen  Mehrheit  meiner  Landsleute  gemacht.
Ein  solches  Werk  wird  es  vielleicht  leichter  sein  zu  zerstören,  als
zu  schaffen,  besonders  in  dem  Falle,  daß  meine  Nachfolger  nicht
die  gleiche  Beharrlichkeit  daran  setzen  sollten,  wie  ich,  Beziehungen
zu  pflegen,  deren  Gewohnheit  ihnen  fehlen  wird  und  für  deren
Aufrechterhaltung  man  bisweilen  seiner  Eigenliebe  entsagen  und
seine  Empfindlichkeiten  den  Interessen  seines  Herrn  und  seines
Landes  unterordnen  muß.  Ich  weiß  etwas  davon  zu  sagen,  aber
ich  führe  nicht  Buch  über  die  kleinen  Possen,  die  mir  mein  ehe—
maliger  Freund  und  Vormund  von  Petersburg  spielt,  noch  über
seine  „Liebeleien“  mit  Paris  oder  über  die  Orlows.  Ein  alter
Praktikus  meines  Schlags  läßt  sich  durch  blinden  Lärm  nicht  aus
dem  Geleise  werfen,  aber  wird  es  ebenso  sein  mit  den  Kanzlern,
die  mir  folgen  werden  und  denen  ich  meine  Kaltblütigkeit  und
meine  Erfahrung  nicht  vererben  kann?  Es  erscheint  vielleicht
leichter,  ihr  politisches  Urtheil  zu  verwirren  durch  offiziöse
Zeitungen,  durch  übelwollende  Aeußerungen,  durch  private  Briefe,
die  man  in  Umlauf  setzt.  Ein  deutscher  Minister,  dem  man  die
Leichtigkeit  einer  Coalition  auf  der  Basis  der  Revanche  durchblicken
  läßt,  wird,  erschreckt  durch  den  Gedanken  der  Isolirung,
sich  durch  ungeschickte,  vielleicht  sogar  unheilvolle  Verbindungen
zu  decken  suchen,  die  nachher  schwer  zu  lösen  sind.  Es  liegt
soviel  Kraft  und  Sicherheit  in  einer  Allianz  der  beiden  Reiche,
daß  mich  der  bloße  Gedanke  entsetzt,  daß  sie  eines  Tages  ohne
den  geringsten  politischen  Grund  auf's  Spiel  gesetzt  werden  könnte,
einzig  und  allein  durch  den  Willen  irgend  eines  Staatsmannes,
welcher  die  Abwechselung  liebt  oder  der  den  Franzosen  liebenswürdiger
  sindet  als  den  Deutschen;  in  diesem  Punkte  würde  ich
vollkommen  seiner  Meinung  sein,  aber  ohne  die  Politik  meines
Landes  dieser  Anschauung  unterzuordnen.  So  lange  als  ich  an
der  Spitze  unserer  Geschäfte  stehen  werde,  werdet  ihr  (die  Russen)
        <pb n="233" />
        Uebersetzung  der  fremdsprachigen  Stücke  aus  dem  „Wegweiser“,  221

Schwierigkeiten  haben,  von  unserer  Allianz  euch  loszumachen,
aber  das  wird  nicht  lange  mehr  dauern.  Meine  Gesundheit  verbraucht
  sich  mit  rasender  Schnelligkeit.  Ich  will  versuchen,  dem
Reichstage  Stand  zu  halten,  der  in  einigen  Tagen  eröffnet  werden
wird  und  nur  einige  Wochen  dauern  kann.  Unmittelbar  nach
dem  Schlusse  werde  ich  in's  Bad  reisen,  um  nicht  wieder  zu  den
Geschäften  zurückzukehren.  Ich  besitze  das  Zeugniß  der  medizinischen
  Facultät,  „untauglich“  zu  sein,  es  ist  dies  der  technische
Ausdruck  für  die  unausweichliche  Nothwendigkeit  des  Rücktritts,
der  in  diesem  Falle  nur  die  traurige  Wahrheit  sagt.

Wenn  Gott  mir  erlaubt,  noch  einige  Jahre  der  Ruhe  im
Privatleben  zu  genießen,  so  bitte  ich  Sie  um  die  Erlaubniß,  die
guten  freundschaftlichen  Beziehungen  mit  Ihnen,  lieber  Graf,  fortzusetzen,
  die  das  amtliche  Leben  mir  erlaubt  hat  anzuknüpfen,  und
einstweilen  bitte  ich  Sie  den  Ausdruck  der  Gefühle  zu  genehmigen,
mit  denen  ich  Ihnen  aufrichtig  ergeben  bin.  v.  Bismarck.

Ich  bitte  um  Verzeihung  wegen  der  Verspätung  meiner
Antwort,  ich  habe  während  eines  Zeitraumes  von  14  Tagen  sehr
viel  Schwierigkeit  gehabt,  eigenhändig  zu  schreiben,  eine  Art
Krampf,  die  mich  noch  genirt,  wie  Sie  es  an  meiner  Schrift
sehen  werden.  Doch  habe  ich  mich  nicht  der  Hand  eines  andern
bedienen  wollen,  um  Ihnen  zu  schreiben.

Zu  S.  178  ff.

Berlin,  den  4.  November  1879.

Dem  Kaiser  Alexander.

Mein  lieber  Neffe  und  Freund,

Die  Herzensfreundschaft,  welche  uns  seit  so  langen  Jahren
verbindet  und  die  uns  eine  auf  diesen  Gefühlen  begründete  Politik
dictirt  hat,  macht  es  mir  zur  Pflicht,  Dir  zu  schreiben  in  dem
Augenblicke,  wo  ich  Dir  eine  Denkschrift  übersende  als  Resultat
der  zwischen  dem  Fürsten  Bismarck  und  dem  Grafen  Andrassy  in
Gastein  und  Wien  stattgehabten  Unterredungen.  Der  Letztere
hatte  sich  nach  Gastein  begeben,  um  Aufklärungen  über  die  Gründe
seines  Rücktritts  von  den  Geschäften  zu  geben,  die  er  in  einer
so  ausgezeichneten  Weise  geleitet  hatte,  die  ihm  das  Vertrauen  ganz
        <pb n="234" />
        222  Anhang  2.

Europas  eingebracht  hatte.  Die  Besprechungen  der  beiden  Kanzler
haben  sich  namentlich  auf  die  Beziehungen  zwischen  Deutschland
und  Oesterreich  im  Laufe  der  Ereignisse  seit  dem  Jahre  1848  gerichtet.
  Das  Schicksal  der  Waffen  hat  entschieden,  daß  Preußen
an  die  Spitze  des  geeinigten  Deutschlands  gestellt  wurde.  Nachdem
  der  Deutsche  Bund  aufgelöst  war,  hörte  Oesterreich  auf,  durch
Verträge  mit  dem  wiederhergestellten  Deutschland  verbunden  zu
sein;  aber  der  Bund  zwischen  Preußen,  Oesterreich  und  den  deutschen
  Staaten  besteht  in  der  öffentlichen  Meinung  Doutschlands,
die  ihn  zu  ersetzen  strebt  durch  eine  moralische  Vereinigung  der
beiden  Reiche,  in  deren  friedlichem  Geiste  man  eine  Bürgschaft
der  Aufrechterhaltung  des  Friedens  von  Europa  sieht.  Ich  spreche
nicht  von  der  Weisheit,  mit  der  Du  so  mächtig  zur  Aufrechterhaltung
  dieses  Friedens  beigetragen  hast,  trotz  der  einzelnen
Kriege,  deren  Schauplatz  Europa  in  den  letzten  20  Jahren  war.
—  Die  Entlassung  des  Grafen  Andrassy,  der  für  seine  Person  die
obenerwähnte  Richtung  eingehalten  hatte,  konnte  ernste  Folgen
haben,  wer  auch  immer  sein  Nachfolger  war,  weil  das  Vertrauen
kein  Erbstück  ist.  Die  beiden  Kanzler  kamen  also  überein,  durch
eine  neue  Verständigung  zwischen  Deutschland  und  Oesterreich  die
Lücke  zu  füllen,  die  durch  die  Beseitigung  des  Deutschen  Bundes
gelassen  war,  der  während  eines  halben  Jahrhunderts  den  Bund
Prcußens,  Oesterreichs  und  der  deutschen  Fürsten  repräsentirt  hatte.
Dieses  Einverständniß  ist  in  der  beigeschlossenen  Denkschrift  formulirt.

Ich  sage  mir  gern,  daß  die  in  diesem  wichtigen  Stücke  zusammengefaßten
  Grundsätze  von  Dir  werden  anerkannt  werden,
und  daß  Du  ihnen  gern  beistimmen  wirst  als  Wiederherstellung
des  Einvernehmens  der  drei  Kaiser,  welches  Europa  seit  dem  Jahre
1873  so  bedeutende  Dienste  geleistet  hat.  Ich  habe  nicht  ohne
Genugthuung  bemerkt,  daß  nach  unserer  Zusammenkunft  in  Alexandrowo
  die  Presse  in  unseren  Ländern  sich  beruhigt  hat;  ich  bin
jedoch  in  einer  Moskauer  Zeitung  einem  Artikel  begegnet,  welcher
offen  von  dem  panflavistischen  Kriege  gegen  Deutschland  redet  wie
von  einer  beschlossenen  Sache,  ohne  daß  der  Generalgouverneur
diese  Zeitung  beschlagnahmt  hätte,  wozu  er  im  vollen  Rechte  gewesen
  wäre  mit  den  Vollmachten,  die  er  besitzt.  Ich  fürchte  die
nihilistische  Partei,  welche  im  Einklang  mit  dem  Panflavismus
        <pb n="235" />
        Uebersetzung  der  fremdsprachigen  Stücke  aus  dem  „Wegweiser“.  223

eine  feindselige  Sprache  gegen  die  benachbarten  Länder  führt,  um
aus  jedem  schlimmen  Conflict  für  ihre  Umsturzpläne  Nutzen  zu
ziehen.  Wenn  diese  revolutionären  Pläne  durch  ihren  Druck  dahin
führen  könnten,  die  Regierung  in  ihren  politischen  Plänen  fortzureißen
  oder  bloßzustellen,  so  würde  man,  ich  kann  es  Dir  nicht
verhehlen,  mein  lieber  Neffe,  in  den  benachbarten  Ländern  einem
gemeinschaftlichen  Widerstande  begegnen.  Die  drohende  Sprache
in  Verbindung  mit  der  so  auffälligen  Verstärkung  Deines  Heeres
nach  den  Erfolgen  eines  ruhmreichen  Krieges,  der  den  Frieden
sichern  zu  sollen  schien,  hält  Europa  in  Unsicherheit,  während
ein  fester  Ausdruck  Deiner  friedlichen  Gesinnung  die  Beunruhigungen
stillen  und  die  Geister  auf  den  richtigen  Weg  zurückführen  könnte.

Es  lag  mir,  mein  lieber  Neffe,  am  Herzen,  Dir  das  mit
der  Offenheit  und  dem  Vertrauen  zu  sagen,  das  Du  an  mir
kennst;  aber  ich  muß  dazu  noch  ein  ganz  persönliches  Bedauern
hinzufügen  mit  Bezug  auf  das  ärgerliche  Zusammentreffen  unserer
freundschaftlichen  Zusammenkunft  mit  den  Schritten,  die  durch  die
unvorhergesehene  Entlassung  des  Grafen  Andrassy  und  die  fraglichen
  Umstände  beschleunigt  worden  sind.

Du  weißt,  daß  ich  die  große  Genugthuung  gehabt  habe,  die
Kaiserin  wieder  zu  sehen  und  ihr  mündlich  meine  heißen  Wünsche
für  ihre  Gesundheit  ausdrücken  zu  können,  die  ich,  Gott  sei  Dank,
besser  gefunden  habe,  als  ich  vermuthete.  Wilhelm.

Livadia,  den  2./14.  November  1879.
Mein  lieber  Oheim  und  Freund,

Ich  kann  Dir  für  Deinen  Brief  vom  4.  November,  der  mir
soeben  zugekommen  ist,  nicht  genug  danken.  Indem  Du  den  Text
der  in  Wien  unterzeichneten  Denkschrift  beischlossest,  hast  Du  mir
einen  neuen  Beweis  Deiner  herzlichen  Offenheit  gegeben  und  das
Bedürfniß  meines  Herzens  vorherempfunden,  aus  unseren  Beziehungen
  auch  den  geringsten  Schein  des  Zweifels  zu  beseitigen.

Es  ist  sicher,  daß  die  Reise  des  Fürsten  Bismarck  nach  Wien,
der  der  Abschluß  des  vorerwähnten  Vertrags  folgte,  einigermaßen
als  Gegengewicht  unserer  Zusammenkunft  in  Alexandrowo  zu  dienen
schien  und  nur  einen  peinlichen  Eindruck  hervorrufen  konnte,  der
        <pb n="236" />
        224  Anhang  2.

die  öffentliche  Meinung  verwirren  mußte.  Mein  persönliches  Vertrauen
  ist  keineswegs  erschüttert  worden,  und  ich  bin  glücklich,
heute  constatiren  zu  können,  daß  diese  politische  Verhandlung
durchaus  nichts  enthält,  was  meinen  Wünschen  zuwiderliefe.  Sie
bezweckt,  die  Macht  Groß-Deutschlands  zu  befestigen,  dessen  Vereinigung
  ich  Beifall  gezollt  habe,  und  sie  sucht  in  friedlicher  Weise
die  Bestimmungen  des  Berliner  Vertrages  zu  erfüllen,  deren  treue
Ausführung  nicht  aufgehört  hat,  die  Grundlage  meiner  Politik  zu  sein.

Ich  stimme  also  vollständig  den  Grundsätzen  der  Denkschrift
zu,  die  Du  so  gütig  warst,  mir  mitzutheilen,  und  indem  ich  mich
so  dem  zwischen  Deutschland  und  Oesterreich  geschlossenen  Bunde
anschließe,  sehe  ich  darin  gern  die  Rückkehr  zu  der  vollkommenen
Verständigung  der  drei  Kaiser,  die,  wie  Du  mit  so  viel  Richtigkeit
bemerkst,  Europa  die  größten  Dienste  geleistet  hat.

Du  weißt  übrigens  sehr  wohl,  mein  lieber  Oheim,  wie
bereit  ich  war,  dieser  Verständigung  entgegen  zu  kommen,  und
meine  Bemühungen,  dahin  zu  gelangen  durch  eine  völlige  Uebereinstimmung
  der  Anschauungen  unter  uns,  dürfen  Dir  bekannt  sein.
Um  die  Beziehungen  zu  erleichtern,  die  sich  daraus  herleiten,  habe
ich  mich,  indem  ich  meinen  gegenwärtigen  Botschafter  in  Berlin
zu  andern  Functionen  bestimmte,  entschlossen,  ihn  durch  Herrn
v.  Saburow  zu  ersetzen,  dessen  jüngste  Zusammenkünfte  mit  dem
Fürsten  v.  Bismarck  die  Aufgabe  begrenzt  haben.

Wenn  diese  Wahl  Dir  genehm  ist,  so  wirst  Du  wohl  so  gut
sein,  es  mir  zu  sagen;  und  ich  hoffe,  daß  Saburow  sich  des  ganzen
Vertrauens  würdig  machen  wird,  das  ich  so  gern  in  den  Beziehungen
  zwischen  unsern  beiden  Staaten  obwalten  sehen  möchte.

In  dieser  Hinsicht  kann  ich  Dir  nicht  verhehlen,  mein  lieber
Oheim,  wie  sehr  ich  bedaure,  daß  Du  der  Reihe  militairischer
Maßregeln,  die  durch  die  Umbildung  meines  Heeres  geboten  waren,
den  Charakter  einer  Drohung  hast  beilegen  können.  Ich  glaubte,
daß  meine  mündlichen  Erläuterungen  und  diejenigen,  welche  mein
Kriegsminister  Graf  Milutin  die  Ehre  gehabt  hat  in  Alexandrowo
Dir  zu  unterbreiten,  genugsam  den  friedlichen  Sinn  derselben
hervorgehoben  hätten,  um  endgültig  diese  Frage  aufzuklären.

Ich  bedaure  nicht  weniger,  daß  Du  annimmst,  die  panslavistischen
  Bestrebungen  und  andere,  die  in  der  Oeffentlichkeit  sich
        <pb n="237" />
        Uebersetzung  der  fremdsprachigen  Stücke  aus  dem  „Wegweiser“.  226

breit  machen,  könnten  einen  Einfluß  auf  meine  Regierung  ausüben.
  Die  irrige  Meinung  irgend  eines  Schriftstellers,  wäre  er
selbst  der  Vertreter  eines  mehr  oder  weniger  ausgedehnten  Kreises
von  Adepten,  gewinnt  niemals  in  Rußland  die  Bedeutung  eines
politischen  Programms.  Selbst  wenn  es  geschieht,  daß  ein  Verstoß
der  Presse  der  Controle  meiner  Regierung  entgeht,  so  geschieht  es
gerade,  weil  das  Bewußtsein  ihrer  Stärke  sie  die  Tragweite  derselben
  abschwächen  läßt.

Was  die  den  Umsturz  bezweckenden  Anschläge  der  nihilistischen
Partei  betrifft,  so  weißt  Du,  daß  ich  nicht  gezaudert  habe,  zu  den
energischsten  Mitteln  zu  greifen,  um  sie  zu  bekämpfen,  sobald  als
die  Umstände  die  Nothwendigkeit  dazu  erwiesen  haben.  Diese
Maßregeln  sind  nicht  ohne  Ergebnisse  geblieben.  Du  siehst  darin
den  Beweis,  daß  mein  fester  Wille  niemals  den  geringsten  Versuch
dulden  wird,  der  die  Ordnung  und  den  Frieden  auf's  Spiel  setzen
könnte.  Ich  muß  hoffen,  mein  lieber  Oheim,  daß  diese  von  meiner
Seite  kommende  Versicherung  Deinen  Zweifel  wird  zerstreuen
können.

Ich  bin  sehr  glücklich  gewesen  zu  erfahren,  daß  die  Ernennung
meines  Flügel-Adjutanten,  Oberst  P.  Dolgorucky,  zum  Militairattaché
  bei  Deiner  Person  Dir  zusagt;  indem  ich  ihn  Deinem
Wohlwollen  empfehle,  hoffe  ich,  daß  er  verstehen  wird,  es  zu
verdienen.

Ich  drücke  Dir  gern  meinen  herzlichen  Dank  aus  für  den
huldreichen  Empfang,  den  Du  meinen  Söhnen  bereitet  hast.

Die  Kaiserin  ist  sehr  zufrieden  gewesen,  Dich  einen  Augenblick
  bei  ihrer  Durchreise  durch  Oos  wiederzusehen.  Ihre  Gesundheit
  läßt  unglücklicherweise  noch  viel  zu  wünschen.

Glaube,  mein  lieber  Oheim,  an  die  Gefühle  unveränderter
Anhänglichkeit  und  aufrichtiger  Liebe

Deines  ganz  ergebenen
Neffen  und  Freundes
Alexander.
0·99

Kohl,  Wegweiser.  15
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        Anhang  3.

Verichtigungen  zu  den  „Hedanken  und  Frinnerungen“.

Band  I.

S.  5,  Z.  14  v.  o.:  ergänze  hinter  „trat“:  bei  den  Diplomaten

  preußischer  Abkunft.

S.  81,  Z.  7  v.  u.  lies:  pourvu  due  vous  m'en  laissie  une.
S.  129,  Z.  10  v.  o.  lies:  Iléna  statt  Jna.  Z.  11  v.  o.

lies:  Rosbach  statt  Rossbach.

S.  159,  Z.  2  v.  u.  lies:  gendarme  secretaire  statt  gend’arme

séCrétaire.

lies:

S.  187,  Z.  6  v.  u.  lies:  Ficvée  statt  Fievée.
S.  225,  Z.  2  v.  o.  lies:  Zarskoe  statt  Sarskoe.
S.  226,  Z.  11  v.  v.  lies:  on  wonjaet  statt  on  wonzjet.

S.  233,  Z.  20  v.  u.  lies:  retour  statt  rétour.  Z.  2  v.  u.
ornement  statt  ornament.
S.  234,  Z.  4  v.  u.  lies:  Karlsruhe
statt  Heidelberg.  vgl.  S.  56
S.  235,  Z.  9  v.  u.  lies:  des  Ministerial-]  Anm.  dieses  Buches.
raths  Walz  in  Karlsruhe.
S.  236,  Z.  8  v.  v.  lies:  Thrombus  statt  Trombus.
S.  263,  Z.  14  v.  u.  lies:  Paris  statt  Berlin.

Band  II.

S.  11,  Z.  3  v.  u.  lies:  Januar  1864  statt  December  1863.
S.  27,  Anm.  3  lies:  701  Beil.  14  statt  601  Beil.  13.
S.  67,  Z.  2  v.  v.:  Die  Frage,  ob  Straßburg  Bundesfestung

werden  solle,  ist  im  1.  und  2.  Pariser  Frieden,  jedoch  nicht  in
Wien  verhandelt  worden.
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        Berichtigungen  zu  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“.  227

105,  Z.  8  v.  u.  lies:  pompous  statt  pompons.

138  Anm.-,  Z.  2  lies  1873  statt  1872.

183,  Z.  9  v.  u.)  lies:  Bülow  statt  Roon.

184,  Z.  3  v.  o.]  vgl.  S.  156  Anm.  dieses  Buches.
204,  Z.  16.  15  v.  u.  sind  die  Worte  „und  schließlich
auch  im  Lande“  zu  streichen.  Z.  14  v.  u.  lies:  am  Hofe  und
schließlich  auch  im  Lande.

S.  206,  Z.  3  v.  u.  lies:  Reichs-Eisenbahnbeamte.

S.  221,  Z.  9  v.  o.  lies:  amour-propre  statt  amour  propre.
Z.  12  v.  o.  lies:  coincident  statt  coincident.

S.  222,  Z.  4  v.  o.  lies:  sang-froid  statt  sangfroid.  Z.  9
v.  u.  lies:  tratreusement  statt  traitreusement.

S.  232,  Z.  13  v.  u.  ist  zu  lesen:  nicht  wie  im  Januar  1815
als  Bundesgenossen  auf  unfrer  Seite,  auch  nicht,  wie
während  des  deutsch-französischen  Krieges,  wohlwollend
neutral.

S.  255,  Z.  17  v.  u.  lies:  bis  nahe  zum  Kriege  gegen
(nicht  zwischen)  Rußland  und  Preußen.

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        In  unserem  Verlage  erschienen:

Bismarck-Jahrbuch

herausgegeben  von

Horst  Kohl.
1.  Band  brosch.  M.  10.—,  geb.  M.  14.—.  2.  Band  brosch.  M.  12.—,  geb.  M.  16.—.
3.  Band  brosch.  M.  10.—,  geb.  M.  14.—.  4.  Band  brosch.  M.  8.—,  geb.  M.  11.—.
5.  Band  brosch.  M.  8.—,  geb.  M.  11.—.  6.  Band  brosch.  M.  8.—,  geb.  M.  11.—.

(Jedes  Jahr  erscheint  ein  Band.)

Bismarckreden.

1847—  1895.

Herausgegeben  von  Horst  Kohl.
Broschiert  M.  5.—,  in  Halbfranz  gebunden  M.  6.75.

an  den  General  Leopold  von  Gerlach.
Mit  Genehmigung  Sr.  Durchlaucht  des  Fürsten  von  Bismarck

herausgegeben  von

Horst  Kohl.

Broschiert  M.  6.—,  in  Leder  gebunden  M.  9.—.
G.  J.  Göschen'sche  Verlagshandlung  in  CTeipyzig.

Druck  von  Hugo  Wilisch  in  Chemniz.  "
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