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        <title>Gedanken und Erinnerungen. Neue Ausgabe. Erster Band.</title>
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            <forname>Otto von</forname>
            <surname>Bismarck</surname>
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        </author>
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            <idno>bismarck_gedanken_1913_001</idno>
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        J.  v.  Lenbach  Inns.  VUbotographte  und  Verlag  von  Franz  Panfstaengl  in  Muncken
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        Gedanken  und  Erinnerungen
Von
Otto  Fürst  von  Biomarck

Neue  Ausgabe

Erster  Band

 

Stuttgart  und  Berlin  1913
J.  G.  Cotta'sche  Buchhandlung  Nachfolger
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        Alle  Rechte,  insbesondere  das  Uebersetzungsrecht,  vorbehalten

Copyright  1898  by  J.  G.  Cotta'sche  Buchhandlung  Nachfolger

Druck  der  Union  Deutsche  Verlagsgesellschaft  in  Stuttgart
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        Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

Fürst  Bismarck  begann  die  Aufzeichnungen  seiner  „Gedanken
  und  Erinnerungen“,  bald  nachdem  ihm  durch  die  Entlassung
  aus  seinen  ruhmreich  geführten  Aemtern  —  wie  er
selbst  wiederholt  gesagt  hat  —  das  Spalier  entzogen  war,  an
dem  sich  sein  Leben  bisher  emporgerankt  hatte.  Die  erste  Anregung
  gab  ihm  eine  von  einem  Verlagsangebote  begleitete
Anfrage  des  Cotta'schen  Hauses;  schon  am  6.  Juli  1890  wurde
zwischen  dem  Fürsten  und  dem  Vertreter  der  Cotta'schen  Buchhandlung
  ½  ein  Abkommen  getroffen,  durch  welches  diesem  Hause
für  den  Fall,  daß  der  Fürst  Erinnerungen  aus  seinem  Leben
niederschriebe,  das  Verlagsrecht  übertragen  wurde.  Lothar
Bucher,  der  geschichtskundige  Diplomat,  der  nach  des  Fürsten
Entlassung  Jahre  lang  mit  kurzen  Unterbrechungen  in  Friedrichsruh
  oder  Varzin  als  stiller  Hausgast  weilte,  hat  das  Verdienst,
  den  Fürsten  Bismarck  in  seinem  Entschlusse  zur  Niederschrift
  seiner  Erinnerungen  und  seiner  politischen  Gedanken  bestärkt
  und  ihn  in  täglichen  Gefsprächen  bei  dem  begonnenen
Werke  festgehalten  zu  haben.  Bucher's  stenographische  Nachschriften
  nach  dem  Dictate  des  Fürsten  bildeten  den  Grundstock  zu
der  ersten  Ausarbeitung,  mit  der  sich  der  Fürst  Jahre  lang  eifrig
beschäftigte,  indem  er  die  in  Kapitel  eingetheilten  und  systematisch
  geordneten  Aufzeichnungen  immer  von  neuem  durchsah

1)  Adolf  Kröner.
        <pb n="8" />
        IV  Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

 

und  durch  eigenhändige  Nachträge  ergänzte.  Um  ihm  diese
Arbeit  zu  erleichtern,  wurden  die  „Gedanken  und  Erinnerungen“
schon  im  Jahre  1893  als  Manufkript  gedruckt  mit  allen  Aenderungen,
  die  der  Fürst  an  dem  ersten  Entwurf  angebracht  hatte.
Dieses  neue  Manuskript  hat  Fürst  Bismarck  dann  noch  zweibis
  dreimal  durchgearbeitet  und  sorgfältiger  Nachprüfung  unterzogen,
  in  der  ihn  sein  fast  untrügliches  Gedächtniß  aufs  beste
unterstützte.  Ganze  Kapitel  hat  er  noch  in  den  letzten  beiden
Jahren  in  neue  Formen  umgoegossen.

Die  zunehmenden  Leiden  des  Alters  und  eine  gewisse  Scheu
vor  der  Mühe  des  Schreibens  ließen  die  Arbeit  zuweilen  ins
Stocken  gerathen,  aber  ein  großer  Theil  ist  fertig  geworden
und  bildet  ein  kostbares  Erbe  der  deutschen  Nation.  Aus  dieser
reichfließenden  Quelle  werden  auch  noch  in  künftigen  Jahrhunderten
  unsere  Staatsmänner  und  Geschichtsschreiber  Belehrung
  schöpfen,  unser  ganzes  Volk  aber  wird  sich  noch  bis  in
die  fernsten  Zeiten,  wie  an  den  Werken  seiner  Klassiker,  an
dem  Buche  erbauen,  das  sein  Bismarck  ihm  hinterlassen  hat.

Pflicht  des  Herausgebers,  der  hierin  einem  vom  Fürsten
Otto  von  Bismarck  selbst  herrührenden  Auftrage  nachkam,
mußte  es  sein,  die  eingestreuten  Schriftstücke,  die  oft  aus
mangelhaften  Drucken  übernommen  worden  waren,  nach  den
Urschriften  richtig  zu  stellen,  kleine  Irrthümer  in  der  Angabe
von  Daten  oder  der  Schreibung  von  Namen,  die  der  Mangel
an  amtlichem  Material  verschuldete,  zu  bessern,  in  Fußnoten
auf  ähnliche  Aeußerungen  des  Fürsten  in  seinen  politischen
Reden  aufmerksam  zu  machen  und  literarische  Nachweise  zu
geben.  Nirgends  aber  ist  der  Text  geändert  oder  gekürzt
worden  —  die  Pietät  gebietet  einem  solchen  Todten  gegenüber
doppelte  Zurückhaltung.
        <pb n="9" />
        Vorwort  zur  neuen  Ausgabe.  V

 

Anmerkungen  von  der  Hand  des  Fürsten  sind  durch  Sternchen
  (#e),  solche  des  Herausgebers  durch  Ziffern  kenntlich  gemacht.


Chemnitz,  21.  October  1898.

Horst  Kohl.

Vorwort  zur  neuen  Ausgabe.

Dieser  neuen  Großoktav-Ausgabe  habe  ich  den  Text  der
Volks-Ausgabe  von  1905  zu  Grunde  gelegt,  die  Anmerkungen
erneuter  Durchsicht  unterzogen  und  an  vielen  Stellen  ergänzt,
neue  hinzugefügt,  wo  es  im  Interesse  des  Verständnisses  politischer
  oder  geschichtlicher  Vorgänge  erwünscht  erschien.  Das
Register  habe  ich  neu  bearbeitet  und  nach  den  verschiedensten
Richtungen  hin  ergänzt  und  erweitert;  fremdsprachliche  Ausdrücke,
  die  unter  dem  Texte  nicht  erläutert  sind,  wolle  der
fremder  Sprachen  nicht  kundige  Leser  im  Register  nachschlagen.

Wie  bei  der  Volks-Ausgabe  hat  mich  auch  bei  dieser  neuen
Ausgabe  Herr  Professor  Dr.  A.  Eigenbrodt  in  Heimarshausen
(Waldeck)  in  freundlichster  Weise  mit  Rath  und  That  unterstützt;
ihm  soll  auch  an  dieser  Stelle  mein  Dank  nicht  fehlen.

Leipzig,  15.  October  1912.
Horst  Kohl.
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        <pb n="11" />
        Inhaltsverzeichniß.

Erstes  Kapitel:  Bis  zum  Ersten  Vereinigten  Landtage  1—22

1.  Die  religiösen  und  politischen  Anschauungen  des  Jünglings  1.
Erste  deutsch-nationale  Eindrücke  (Plamann)  1.  Beziehungen  zur
Burschenschaft  2.  Rückwirkung  der  Hambacher  Feier  und  des
Frankfurter  Putsches  auf  die  deutsch-nationale  Gesinnung  und  den
Liberalismus  Bismarck's  2.  Gedanken  des  Jünglings  über  auswärtige
  Politik  3.  Schwierigkeit  des  Emporkommens  für  einen
Kammergerichtsauscultator  und  Regirungsreferendar  ohne  Protection
  3.  Neigung  zur  diplomatischen  Laufbahn  4.  Ancillon's  Ideal
eines  Diplomaten  4.  Mangel  an  geeignetem  Material  für  die  Diplomatie
  im  preußischen  Landadel  und  Ursache  dieser  Erscheinung  4.
Die  Kenntniß  des  Französischen  als  genügende  Empfehlung  für  den
diplomatischen  Dienst  5.  Die  Ausländer  in  der  damaligen  preußischen
Diplomatie  und  im  Heere  6.  Ancillon's  Rath  7.  Personen  und
Einrichtungen  der  damaligen  preußischen  Justiz  7.  Als  Auscultator
beim  Criminal=  und  Stadtgericht  7.  „Ich  stimme  wie  der  College
Tempelhof“  8.  Ein  Sühneversuch  des  Herrn  Prätorius  8.  Bedürfniß
  einer  Verordnung  über  das  Verfahren  in  Ehescheidungen  9.
Beschäftigung  in  der  Abtheilung  für  Bagatellprozesse  9.  Uebergang
  zur  Verwaltung  10.  Die  rheinischen  Regirungscollegien,
Persönlichkeiten  und  Geschäfte  10.  Fortsetzung  des  Referendariats
bei  der  Regirung  zu  Potsdam  11.  Abneigung  gegen  „Zopf  und
Perrücke“  der  damaligen  Bürokratie  11.  Ungerechtigkeit  in  der
Beurtheilung  der  damaligen  Bürokratie  gegenüber  dem  Bürokratismus
  der  heutigen  Zeit  12.  Der  Landrath  sonst  und  jetzt  13.
Größere  Unparteilichkeit  der  früheren  Regirungsbeamten,  parteipolitische
  Beeinflussung  der  Richter  in  unfrer  Zeit  14.  Verzicht
auf  die  Beamtenlaufbahn,  Eintritt  in  die  Bewirthschaftung  der
pommerschen  Güter  15.  —  2.  Bismarck's  angebliches  „Junkerthum“"
  16.  Vater  und  Mutter  16.  Bismarck  frei  von  den  „Vorurtheilen
  seines  Standes“  17.  Die  unumschränkte  Autorität  der  alten
preußischen  Königsmacht  nicht  das  letzte  Wort  seiner  Ueberzeugung  17.
        <pb n="12" />
        VIII  Inhaltsverzeichniß.

 

Gefahren  des  Absolutismus  17.  Die  adlige  Geburt  für  Bismarck“  ue
kein  Ersatz  für  mangelnde  Tüchtigkeit,  sein  Eintreten  für  die  Landwirthschaft
  war  nur  durch  staatliche  Rücksichten  bestimmt  18.  Bismarck's
  Ideal  einer  monarchischen  Gewalt  18.  Der  uncontrollirte
Absolutismus  nicht  die  geeignete  Reglrungsform  für  deutsche  Unterthanen
  18.  Beobachtungen  am  Hofe  Friedrich  Wilhelm's  IV.  19.
Conflicte  mit  der  Bürokratie  19.  Bismarck  contra  Bismarck  19.
Die  Opposition  auf  dem  Ersten  Vereinigten  Landtag  20.  Conflict
Bismarck's  mit  der  Opposition  aus  Anlaß  der  Rede  vom  17.  Mai
1847  21.  Zurückhaltung  des  Königs  und  der  Prinzessin  von
Preußen  21.  Zusammentreffen  mit  Friedrich  Wilhelm  IV.  auf  der
Hochzeitsreise  22.

Zweites  Kapitel:  Das  Jahr  188  323360

1.  Erster  Eindruck  der  Ereignisse  des  18.  und  19.  März  23.  Vertreibung
  der  Tangermünder  Deputirten  durch  die  Schönhauser
Bauern  23.  Ihre  Bereitschaft  zum  Zuge  nach  Berlin  24.  Bismarck
  in  Potsdam:  Unterredung  mit  Bodelschwingh,  Möllendorf,
Prittwitz  24.  Bismarck  bei  der  Prinzessin  von  Preußen  25,  beim
Prinzen  Friedrich  Karl  26.  Bismarck  versucht  in's  Schloß  zu
Berlin  zu  gelangen,  wird  abgewiesen  26.  Bismarck's  Brief  an
den  König  die  erste  Sympathiekundgebung  27.  In  den  Straßen
von  Berlin  28.  Unterredung  mit  Prittwitz  und  Möllendorf  über
die  Möglichkeit  eines  selbständigen  militärischen  Handelns  28.  Bismarck
  in  Magdeburg  mit  Verhaftung  bedroht  29.  Bismarck  mit
einer  Deputation  Schönhauser  Bauern  in  Potsdam  29.  Ansprache
des  Königs  an  die  Offiziere  des  Gardecorps  30.  Schreiben  Bismarck's
  an  Generallieutenant  v.  Prittwitz  30.  Mittheilungen  zur
Geschichte  der  Märzbewegung  aus  Gesprächen  mit  Polizeipräsident
v.  Minutoli  32  und  General  v.  Prittwitz  33.  Bodelschwingh  als
Urheber  des  Befehls  zum  Abmarsch  der  Truppen  34.  Fürst  Felix
Lichnowski  35.  —  2.  Bismarck's  Erklärung  gegen  die  Adresse  36.
Schreiben  an  eine  Magdeburger  Zeitung  36.  Ein  Zeitungsartikel:
„Aus  der  Altmark“  38.  Bismarck  gegen  den  Antrag  v.  Vincke,
betr.  die  Abdankung  des  Königs  und  Berufung  der  Prinzessin  von
Preußen  zur  Regentschaft  41.  Begegnung  mit  dem  Prinzen  von
Preußen  bei  dessen  Rückkehr  aus  England  43.  Erste  Begegnung
mit  dem  Prinzen  43.  Beim  Prinzen  in  Babelsberg  44.  Soldatenlied
  44.  Erste  Beziehungen  zur  Prinzessin  von  Preußen  und  dem
Prinzen  Friedrich  Wilhelm  45.  —  3.  Friedrich  Wilhelm's  IV.
„teutsches“  Nationalgefühl  46.  Schutzbedürftigkeit  der  deutschen
Fürsten  gegenüber  der  Revolution,  von  Friedrich  Wilhelm  IV.
        <pb n="13" />
        Inhaltsverzeichniß.  IX

Seite
nicht  im  unitarischen  Sinne  ausgebeutet  46.  Der  Umzug  vom
21.  März  48.  Würde  ein  Sieg  Friedrich  Wilhelm's  IV.  über  die
Revolution  dauernde  Erfolge  auf  national-deutschem  Gebiete  gehabt
  haben?  48.  Erster  Besuch  in  Sanssouci  49.  Gespräch  mit
dem  Könige  50.  Rechtsauffassung  des  Königs  51.  Mögliche  Hintergedanken
  des  Königs  bei  seinem  Verhalten  gegenüber  der  Nationalversammlung
  53.  Die  Camarilla  53.  Leopold  und  Ludwig  v.  Gerlach
  53.  General  v.  Rauch  54.  —  4.  Auf  der  Suche  nach  einem
neuen  Ministerium  56.  Uebernahme  des  Präsidiums  durch  Graf
Brandenburg  57.  Otto  v.  Manteuffel  wird  von  Bismarck  bewogen,
in  das  Ministerium  Brandenburg  einzutreten  57.  Die  neuen
Minister  vor  der  Nationalversammlung  58.  Vorkehrungen  zu  ihrer
Sicherung  58.  Die  militärische  Besetzung  der  Wohnung  des  Grafen
Knyphausen  58.  Kritik  des  Verhaltens  Wrangel's  59.  Hintergedanken
  des  Königs  bei  Verlegung  der  Nationalversammlung  59.

Drittes  Kapitel:  Erfurt,  Olmütz,  Dresdden  61-—88

1.  Der  latente  deutsche  Gedanke  Friedrich  Wilhelm's  IV.  hat  die
Mißerfolge  der  preußischen  Politik  nach  1848  verschuldet  61.  Die
Phrasen  von  dem  deutschen  Berufe  Preußens  und  von  moralischen
Eroberungen  62.  Die  Dynastien  und  die  Barrikade  62.  Selbsttäuschung
  der  Frankfurter  Versammlung  63.  Stärke  des  dynastischen
  Gefühls  in  Preußen  63.  Die  Ablehnung  der  Kaiserkrone
durch  Friedrich  Wilhelm  IV.  64.  Bismarck's  Urtheil  über  die  damalige
  Lage  jetzt  und  im  Jahre  1849  64.  Seine  damalige  Auffassung
  gegründet  auf  Fractionsbeurtheilung  65.  Fractionsleben
sonst  und  jetzt  66.  Das  Dreikönigsbündniß  67.  Gunst  der  Lage
für  Preußen  67.  Täuschung  der  leitenden  Kreise  in  Preußen  über
die  realen  Machtverhältnisse  68.  Bedenken  Friedrich  Wilhelm's  IV.  68.
—  2.  Die  preußischen  Truppen  in  Pfalz  und  Baden  70.  Bismarck's
Vertraun  auf  Preußens  militärische  Kraft  im  Kampfe  gegen  die
Revolution  71.  Halbheit  der  damaligen  preußischen  Politik  72.
General  v.  Radowitz,  der  Garderobier  der  mittelalterlichen  Phantasie
des  Königs  72.  Das  Erfurter  Parlament:  Graf  Brandenburg
versucht  Bismarck  für  die  Erfurter  Politik  zu  gewinnen  75.  Bismarck
  und  Gagern  76.  Die  Familien  Gagern  und  Auerswald  77.
Kriegsminister  Stockhausen  heißt  Bismarck  abwiegeln  78.  Preußens
militärische  Gebundenheit  und  ihre  Ursachen  80.  Bismarck's  Rede
vom  3.  December  1850  82.  Leitender  Gedanke  der  Rede  85.  Ruhigere
Auffassung  der  deutschen  Revolution  in  St.  Petersburg  im  November
  1850  86.  Baron  v.  Budberg  96.  —  3.  Geringer  Ertrag
der  Dresdner  Verhandlungen  87.  Fürst  v.  Schwarzenberg  und
        <pb n="14" />
        X  Inhaltsverzeichniß.

 

Selt
Herr  v.  Manteuffel  in  Dresden  87.  Grundirrihum  der  damaligen
preußischen  Politik  88.

Viertes  Kapitel:  Diplomat  .  89—104

Ernennung  zum  Legationsrath  bei  der  Bundestags-Gesandschaft  89.
Ernennung  zum  Bundesgesandten  91.  Verstimmung  des  Herrn
v.  Rochow  91.  Erste  Studien  über  das  Ordenswesen,  gemacht  am
General  v.  Peucker  92.  Bismarck's  Gleichgültigkeit  gegen  Ordensdecorationen
  93.  Der  monsieur  décoré  in  Paris  und  Petersburg  94.
Das  tanzlustige  Frankfurt  95.  Abneigung  des  Königs  Wilhelm  I1.
gegen  tanzende  Minister  95.  Sendung  nach  Wien  auf  die  „hohe
Schule  der  Diplomatie“  96.  Einführungsschreiben  vom  5.  Juni
1852  96.  Aufnahme  in  Wien  98.  Schwierigkeiten  einer  Zollgemeinschaft
  mit  Oestreich  98.  Klentze'sche  Verdächtigungen  99.
Abneigung  Bismarck's  gegen  den  Wiener  Posten  und  den  Ministerposten
  100.  Schwierigkeiten  einer  Ministerstellung  unter  Friedrich
Wilhelm  IV.  101.  Bismarck  bei  König  Georg  V.  von  Hanover  102.
Verlassenheit  Georg's  V.  103.  Ein  preußischer  Consul  als  östreichischer
  Agent?  104.

Fünftes  Kapitel:  Wochenblattspartei.  Krimkrieg.  105—137

1.  Die  Fraction  Bethmann-Hollweg  und  der  Prinz  v.  Preußen  105.
Graf  Karl  v.  d.  Goltz  105.  Graf  Robert  v.  d.  Goltz  als  Impresario
der  Bethmann-Hollweg'schen  Fraction  106.  Das  „Preußische
Wochenblatt“  106.  Rudolf  v.  Auerswald  107.  Bismarck  lehnt  es
ab,  der  Wochenblattspartei  beizutreten  107.  Olmütz  in  den  Empfindungen
  des  Prinzen  v.  Preußen  108.  Goltz  als  Ministercandidat
  108.  Manteuffel's  Abneigung  gegen  einen  Bruch  mit
Oestreich  110.  Das  preußisch--östreichische  Schutz=  und  Trutzbündniß
vom  20.  April  1854  110.  Bismarck  schlägt  dem  Königc  vor,  die
Gelegenheit  des  russisch-westmächtlichen  Kriegs  zu  einer  Hebung
des  preußischen  Ansehns  in  Europa  zu  benutzen  durch  eine  Truppenaufstellung
  in  Oberschlesien  111.  Der  Deutsche  Bund  unter  dem
Drucke  einer  östreichisch-französischen  Allianz  112.  Aeußerung  des
Königs  Wilhelm  I.  von  Würtemberg  112.  „Liebeken,  das  is  sehr
schöne,  aber  es  is  mich  zu  theuer“"  113.—  2.  Auszüge  aus  Briefen
des  Generals  v.  Gerlach  114.  Ein  Brief  des  Cabinetsraths  v.  Niebuhr
  118.  Weitere  Auszüge  aus  Briefen  Gerlach's  119.  Manteuffel'8
  Abnelgung  gegen  eine  active  anti-östreichische  Politik  124.
Gewöhnlicher  Verlauf  der  Cabinetskrisen  124.  Graf  Alvensleben
als  Ministercandidat  124.  —  3.  Doppelspiel  der  Wochenblattspartei
  125.  Ihr  politisches  Programm  125  und  dessen  Kritik  126.
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        Inhaltsverzeichniß.  XI
ite

Ein  gefälschtes  Memoire  127.  Denkschrift  Bunsen's  über  die  Neus:
gestaltung  der  Karte  von  Europa  128.  Unterredung  des  Prinzen
von  Preußen  mit  Bismarck  über  Preußens  Stellung  im  Krimkriege,
  speciell  zu  Rußland  129.  Was  spricht  gegen  einen  Krieg
Preußens  gegen  Rußland?  130.  Der  Depeschen=  und  Briefdiebstahl
  131.  Selbstverrath  Hinckeldey's  132.  —  4.  Ein  Brief  Bismarck's
  an  Gerlach  über  die  Abdankung  Preußens  von  seiner
europäischen  Stellung  durch  Antichambriren  vor  den  Thüren  des
Pariser  Congresses  132.

 

Sechstes  Kapitel:  Sanssouci  und  Coblenz.  138—145

Der  Prinz  von  Preußen  unter  dem  Einflusse  seiner  Gemalin  138.
Hinneigung  der  Prinzessin  (und  Kaiserin)  Augusta  für  alles
Französische  und  Englische  188.  Ihre  Abneigung  gegen  alles
Russische  139.  Herr  v.  Schleinitz  140.  Frühstücksvorträge  der
Prinzessin  (und  Kaiserin)  Augusta  und  ihre  Einwirkungen  140.
Gegnerschaft  der  Höfse  von  Sanssouci  und  Coblenz  141.  Königin
Elisabeth  142.  Hinneigung  der  Prinzessin  (und  Kaiserin)  Augusta
zum  Katholicismus  142.  Ihre  Popularität  im  Rheinland  148.
Ihre  Verehrung  für  Papst  Pius  IX.  143.  Ihre  Differenzen
mit  dem  Oberpräsidenten  v.  Kleist-Retzow  144.  Der  Generalstab
des  Hofes  von  Sanssouci  144.  Gustav  v.  Alvensleben  als  Vertreter
  des  staatlichen  Interesses  am  Coblenzer  Hofe  145.

Siebentes  Kapitel:  Unterwegs  zwischen  Frankfurt
und  Berlin  14—170

1.  Bismarck  zur  „Territion“  Manteuffels  entboten  146.  Marquis
Moustier  sucht  Bismarck  in  westmächtlichem  Sinne  zu  beeinflussen
  149.  Goltz  und  Pourtaleès  als  gelegentliche  Vertraunsmänner
  des  Königs  gegen  Manteuffel  149.  —  2.  Manteuffel  im
Streite  mit  der  Kreuzzeitungspartei  über  Rhino  Quehl  148.  Briefe
Gerlach's  in  Sachen  dieses  Streites  149.  Manteuffel  schmollt  156.
Graf  Albrecht  v.  Alvensleben  als  „Schreckbild“,  Bismarck  als
Friedensbote  156.  Bismarck  befreit  Manteuffel  von  Quehl  und
den  beim  Depeschendiebstahl  benutzten  Agenten  157.  Auffassung
Friedrich  Wilhelm's  IV.  von  der  Stellung  eines  Ministers  158.
—  3.  Ein  Schreiben  Manteuffel's  und  ein  Schreiben  Friedrich  Wilhelm's
  IV.  über  die  Zusammensetzung  der  Ersten  Kammer  158.  159.
Bismarck  als  königlicher  Vertraunsmann  in  den  Verhandlungen
mit  der  conservativen  Partei  der  Zweiten  Kammer  159.  Zorn
des  Königs  über  Bismarck's  Säumen  160.  Eine  Internirung  im
Schlosse  zu  Charlottenburg  160.  Wiederannahme  zu  Gnaden  161.
        <pb n="16" />
        XII  Inhaltsverzeichniß.

 

Seite
Umstimmung  der  conservativen  Fraction  durch  Bismarck  162.  Erste  "

Kammer  oder  Herrenhaus?  162.  Bismarck's  Vorschlag  für  die
Bildung  des  Herrenhauses  164.  —  4.  Widerspruch  Manteuffel's  und
der  Camarilla  gegen  eine  Ernennung  Bismarck's  zum  Minister  165.
Bismarck  und  die  Führer  der  conservativen  Fraction  165.  Bismarck
  als  Redactor  diplomatischer  Depeschen  166.  In  Putbus  167.
Kleine  Ursachen,  große  Wirkungen  170.

Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Parie  171—217

1.  Graf  Hatzfeldt  ladet  Bismarck  nach  Paris  ein  171.  Umschlag  in
der  Stimmung  des  Königs  171.  Königin  Victoria  und  Prinz  Albert
in  Paris  171.  Eingenommenheit  des  Prinzen  Albert  und  der  Kronprinzessin
  Victoria  gegen  Bismarck  172.  Gespräch  mit  der  Kronprinzessin
  über  die  Zukunft  der  Monarchie  172.  Haltung  der
Königin  Victoria  173.  Ein  Souper  in  Versailles,  Bismarck  als
Tischkartenvertheiler  173.  Plebejische  Sitten  der  französischen  Hofgesellschaft
  des  zweiten  Kaiserreichs  175.  Erste  Begegnung  mit
Kaiser  Napoleon  III.  176.  Der  Berliner  Hof  ist  verstimmt  gegen
Bismarck  wegen  seiner  Pariser  Reise  176.  Aeußerung  dieser  Verstimmung
  177.  Bismarck's  Urtheil  über  Napoleon  III.  177.  Aufnahme
  dieses  Urtheils  durch  Friedrich  Wilhelm  IV.  177.  General
v.  Canitz  Üüber  Napoleon  I.  178.  —  2.  Der  Legitimitätsbegriff  178.
Mittheilungen  aus  der  Correspondenz  Bismarck's  und  Gerlach's
über  Legitimität  und  Bonapartismus  178.

Neuntes  Kapitel:  Reisen.  Regentschaaft.  218—246

1.  Neue  Annäherung  des  Königs  218.  Herrn  v.  Bismarck  wird
das  Finanzministerium  angeboten  218.  Napoleon's  Gedanke  einer
preußisch-französischen  Intimität  zur  Sicherung  der  preußischen  Neutralität
  für  den  Fall  eines  Krieges  mit  Oestreich  über  Italien  219.
Bismarck's  Antwort  auf  Napoleon's  Vorschlag  221.  —  2.  Jagdausflug
  nach  Dänemark  und  Schweden  222.  Audienz  bei  König
Friedrich  VII.  von  Dänemark  222.  Abneigung  der  Schleswig-Holsteiner
  gegen  Bildung  eines  neuen  Kleinstaates  223.  Sturz  in
Schweden,  Rückkehr  nach  Berlin,  Reise  zur  Jagd  nach  Kurland  223.
Erste  Erkrankung  des  Königs  224.  Schlaganfall  224.  Unterredung
mit  dem  Prinzen  von  Preußen  225.  Bismarck  räth  dem  Prinzen
ab,  seinen  Regirungsantritt  mit  einer  Ablehnung  der  Verfassung
zu  eröffnen  225.  Des  Prinzen  Stellvertretung  226.  Intrigue  gegen
den  Prinzen  226.  Bestellung  des  Prinzen  zum  Regenten  227.
Manteuffel's  Brief  über  den  Verlauf  der  Stellvertretungsfrage  227.
Manteuffel's  Entlassung  230.  —  3.  Andeutungen  einer  bevor-
        <pb n="17" />
        Inhaltsverzeichniß.  XII
Seite
stehenden  Versetzung  von  Frankfurt  230.  Unterredung  mit  dem
Prinzen  von  Preußen  wegen  der  Ernennung  zum  Gesandten  in
Petersburg  231.  Usedom  und  Frau  231.  Episode:  Usedom  in
Florenz,  das  Entlassungsgesuch  von  1869  233.  Briefe  des  Königs
Wilhelm  an  Bismarck  234,.  Beilegung  der  Differenz  240.  —
4.  Unterredung  mit  dem  Prinzen  von  Preußen  (Fortsetzung):  das
Ministerium  der  neuen  Aera  ein  Ministerium  der  Mittelmäßigkeiten
  240.  Prinzessin  Augusta  als  Begründerin  und  Patronin
des  neuen  Ministeriums  241.  Graf  Schwerin  erzwingt  die  Unterschrift
  des  Regenten  242.  —  5.  Bankier  Levinstein  als  östreichischer
Agent  und  als  Vertraunsmann  im  Ministerium  Manteuffel  242.
Corruption  im  auswärtigen  Ministerium  245.

 

Zehntes  Kapitel:  Petersbuüurtss  4247—270

1.  Freundschaft  des  Kaisers  Nicolaus  I.  für  Oestreich  1849  und  zu
Olmütz  247.  Mißtraun  des  Zaren  gegen  seine  eignen  Unterthanen
  248.  Nicolaus'’  Vorliebe  für  Franz  Joseph  249.  Die  damalige
  Petersburger  Gesellschaft  249.  Noch  einmal  der  monsieur
décoré  in  Paris  und  St.  Petersburg  252.  Petersburger  Straßenleben
  252.  Gesellschaftlicher  Ton  der  jüngern  Generation  253.
Ihre  antideutsche  Stimmung  fühlbar  auf  dem  Gebiete  der  politischen
Beziehungen  254.  Fürst  Gortschakow  als  Gönner  und  als  Gegner
Bismarck's  254.  Ursache  der  Verstimmung  Gortschakow's  254.
Hat  Deutschland  einen  Krieg  mit  Rußland  nöthig?  255.  —  2.  Gastlichkeit
  auf  den  kaiserlichen  Schlössern  255.  Ein  großfürstliches
enfant  terrible  257.  Unterschleife  der  Hofdienerschaft  257.  Eine
kaiserliche  Talgrechnung  257.  Russische  Beharrlichkelt:  der  Posten
aus  der  Zeit  Katharina's  II.  258.  —  3.  Einflußlosigkeit  Bismarck's
auf  die  Entschließungen  in  Berlin  259.  Die  Genauigkeit  seiner
Berichte  wird  dem  Regenten  verdächtigt  259.  Graf  Münster  als
Inspicient  Bismarck's  in  St.  Petersburg  259.  Politische  Schachzüge
  der  russischen  Diplomatie  259.  Verletzung  des  Briefgeheimnisses
  ein  monarchisches  Recht  260.  Oestreichische  Praxis  260.  Der
einfache  Postbrief  an  den  preußischen  Gesandten  in  Wien  oder
Petersburg  als  Form  der  Insinuation  einer  unangenehmen  Mittheilung
  an  die  östreichische  oder  russische  Regirung  260.  Das
Briefgeheimniß  in  der  Post  von  Thurn  und  Taxis  260.  Mißbräuchliche
  Gewohnheiten  der  preußischen  Gesandschaft  in  Wien
bis  zum  Jahre  1852  262.  Oestreichische  Gewaltthätigkeiten  gegen
ungetreue  Beamte  des  auswärtigen  Dienstes  262.  Russisches
Mittel,  unzufriedene  Beamte  zufrieden  zu  machen  263.  —  4.  Erinnrungen
  an  den  Besuch  in  Moskau  263.  Briefwechsel  mit  dem
        <pb n="18" />
        XIV  Inhaltsverzeichniß.

 

eite

Fürsten  Obolenski  264.  —  5.  Erkrankung  und  Behandlung  der
Krankheit  durch  Dr.  Walz  267.  Im  Bade  Nauheim  269.  Langes
Krankenlager  an  Lungenentzündung  in  Hohendorf  270.  Gedanken
eines  sterbenden  Preußen  über  Vormundschaft  270.

Elftes  Kapitel:  Zwischenzustnd  271—307

1.  Bismarck  wird  dem  Regenten  zum  Minister  des  Auswärtigen
vorgeschlagen  271.  Bismarck  entwickelt  sein  Programm  271.  Das
Programm  von  Schleinitz  272.  Der  Regent  erklärt  sich  für  die
Schleinitz'sche  Auffassung  273.  —  2.  R.  v.  Auerswald  274.  Ministerkrists
  aus  Anlaß  der  Huldigungsfrage  274.  Roon's  Brief  vom
27.  Juni  1861  274.  Bismarck's  Antwort  276.  Seine  Reise  nach
Berlin  280.  Verlauf  der  Krisis  nach  Roon's  Brief  vom  24.  Juli
1861  280.  Bismarck  in  Baden-Baden  283.  Krönung  Wilhelm's  I.  284.
Gespräch  mit  der  Königin  Augusta  über  die  deutsche  Politik
Preußens  284.  —  3.  Ministerielle  Wechselreiterei  285.  Prinz  Hohenlohe-Ingelfingen
  als  stellvertretender  Ministerpräsident  285.  Berufung
  Bismarck's  von  Petersburg  nach  Berlin,  April  1862  285.
Seine  Ernennung  nach  Paris  286.  Brief  Bismarck's  an  Roon  286.
Brief  Roon's  an  Bismarck  288.  Antwort  Bismarck's  289.  Unterredung
  mit  Napoleon  III.,  Vorschlag  eines  preußisch-französischen
Bündnisses  292.  Oestreichs  Anträge  bei  Napoleon  III.  293.  Reise
in  Südfrankreich,  Briefwechsel  mit  Roon  294.  Berufungsdepesche
vom  18.  September  303.  Audienz  beim  Kronprinzen  303.  Audienz
in  Babelsberg  304.  Ernennung  Bismarck's  zum  Staatsminister
und  interimistischen  Vorsitzenden  des  Staatsministeriums  307.

Zwölftes  Kapitel:  Rückblick  auf  die  preußische  Politik  308—328

Mangel  an  Selbständigkeit  und  Energie  in  der  auswärtigen  und
deutschen  Politik  Preußens  seit  der  Zeit  Friedrich's  des  Großen  308.
Particularistischer  Charakter  der  preußischen  Politik  308.  Bestimmender
  Einfluß  der  polnischen  Frage  309.  Die  Reichenbacher
Convention  und  ihre  Bedeutung  309.  Die  versäumten  Gelegenheiten
  in  der  Geschichte  Preußens  311.  Die  Fehler  der  Vermittlung
  von  1805  312.  Preußen  als  Vasallenstaat  Rußlands  unter
Nicolaus  I.  312.  Preußen  im  Vorschuß  gegen  Rußland  durch  seine
Haltung  im  Krimkriege  und  während  des  Polenaufstandes  von
1863  313.  Ursachen  des  Abhängigkeitsgefühls  am  Berliner  Hofe  314.
Ueberlegenheit  Preußens  gegenüber  Rußland  und  Oestreich  auf
dem  Gebiete  militärischer  Rüstungen  315.  Preußen  antichambrirt
in  Paris,  um  als  Großmacht  zur  Unterzeichnung  zugelassen  zu
werden  316.  Fehlerhaftigkeit  der  damaligen  Politik  316.  Das  Erbe
        <pb n="19" />
        Inhaltsverzeichnik.  XV

 

lsie

Friedrich's  des  Großen  unter  den  Händen  seiner  Epigonen  3u
Wer  trägt  in  der  absoluten  Monarchie  die  staatliche  Berantwortlichkeit?
  318.  Die  Ministerverantwortlichkeit  im  Berfassungsstaat
  318.  Wen  trifft  die  Verantwortung  für  die  preußische  Politik
unter  Friedrich  Wilhelm  IV.?  319.  Warum  Bismarrck  nicht  Minister
unter  Friedrich  Wilhelm  IV.  werden  mochte  320.  Vorzug  des
reinen  Absolutismus  ohne  Parlament  vor  dem  durch  gefügige
Parlamente  unterstützten  321.  Der  italienische  Krieg  321.  Planlosigkeit
  der  damaligen  preußischen  Politik  unter  der  dominirenden
Herrschaft  der  Prinzessin  Augusta  und  des  Herrn  von  Schleinitz  321.
Quertreibereien  gegen  Bismarck's  Leitung  der  auswärtigen  Politik
  323.  Eisen  und  Blut  324.  Auf  der  Fahrt  von  Jüterbogk  nach
Berlin  325.  Muthlosigkeit  des  Königs  325.  Bismarck  richtet  den
muthlosen  König  auf  durch  die  Erinnrung  an  das  Porte-épée  bes
preußischen  Offiziers  325.  Ernst  der  Situation  328.

Dreizehntes  Kapitel:  Dynastien  und  Stämme  320—339

Die  Dynastien  in  ihrem  Verhalten  zur  deutsch-nationalen  Frage  329.
Preußens  Stellung  im  Bunde  330.  Der  Traum  einer  dualistischen
Politik  im  Einvernehmen  Oestreichs  und  Preußens  wird  zerstört
durch  Schwarzenberg's  Depesche  vom  7.  December  1850:  ein
Wendepunkt  in  Bismarck's  Anschauungen  330.  Preußen  als  „nominelle“
  Großmacht  331.  Deutscher  Patriotismus  bedarf  der  Vermittlung
  dynastischer  Anhänglichkeit  331.  Stärke  des  Nationalgefühls
  bei  andern  Nationen  334.  Deutscher  Stammes--Particularismus
  335.  Die  dynastische  Anhänglichkeit  der  Welfen  336.  Für
Bismarck  ist  das  deutsche  Nationalgefühl  die  stärkere  Kraft  336.
Inwieweit  haben  dynastische  Interessen  in  Deutschland  Berechtigung?
  336.  Kämpfe  Bismarck's  mit  dem  preußischen  Particularismus
  337.  Die  unbeschränkte  Staatssouveränetät  der  Dynastien
eine  revolutionäre  Errungenschaft  auf  Kosten  der  Nation  und  ihrer
Einheit  338.  Unnatürliche  Zerreißung  des  deutschen  Volkes  durch
dynastische  Grenzen  338.

Vierzehntes  Kapitel:  Conflicts-Ministerinm  310—319

1.  Karl  v.  Bodelschwingh  340.  Graf  Itzenplitz  341.  v.  Jagow  341.
v.  Selchow  342.  Graf  Fr.  zu  Eulenburg  342.  v.  Roon  342.
v.  Mühler  344.  Graf  zur  Lippe  345.  —  2.  Schreiben  des  Königs
an  v.  Vincke-Olbendorf  über  die  Urheber  des  Conflicts  346.

Fünfzehntes  Kapitel:  Die  Alvenslebem'sche  Convention  350—361

Polonismus  und  Absolutismus  im  Streite  miteinander  am  russischen
  Hofe  350.  Russisch-polnische  Verbrüderungsbestrebungen  351.
        <pb n="20" />
        XVI  Inhaltsverzeichniß.

 

Seite
Alexander  II.  über  die  Unsicherheit  des  polnischen  Besitzes  352.
Alexander  II.  fordert  Bismarck  auf,  in  russische  Dienste  überzutreten
  353.  Nutzen  der  russischen  Freundschaft  für  die  deutschen
Einheitsbestrebungen  353.  Haltung  Oestreichs  während  des  polnischen
  Aufstands  355.  Napoleon's  III.  Haltung  in  der  polnischen
Frage  356.  Ein  Schreiben  des  Grafen  Goltz  356.  Schwierigkeit
der  polnischen  Frage  für  Preußen  358.  Bedeutung  der  Alvensleben'schen
  Militärconvention  358.  Gortschakow's  Stellung  zur
polnischen  Frage  360.  Erste  Begegnung  mit  Herrn  Hinzpeter  360.

Sechzehntes  Kapitel:  Danziger  Episode  362—378

1.  Bismarck  und  Kaiser  Friedrich  362.  Erlaß  der  Preßverordnung
  363.  Die  Danziger  Rede  des  Kronprinzen  363.  Seine  Beschwerdeschrift
  und  die  Antwort  des  Königs  364.  Bismarck  hält
den  König  von  extremen  Schritten  gegen  den  Sohn  zurück  365.
Die  Indiscretionen  der  „Times“  3606.  Vermuthungen  über  die
Urheber  dieser  Veröffentlichung  367.  —  2.  Unterredung  mit  dem
Kronprinzen  in  Gastein  369.  Neuer  Protest  des  Kronprinzen  3869.
Spannung  zwischen  dem  König  und  dem  Kronprinzen  370.  Aussprache
  Bismarck's  mit  dem  Kronprinzen  370.  Denkschrift  des
Kronprinzen  und  die  daran  anschließende  Correspondenz  des  Königs
mit  Bismarck  371.

Siebzehntes  Kapitel:  Der  Frankfurter  Fürstentag  379—401

1.  Graf  Rechberg  379.  Wie  Bismarck  Rechberg's  Vertraun  gewann
  380.  Versuch,  zu  einer  gesammtdeutschen  Union  auf  der
Basis  des  Dualismus  zu  gelangen  381.  Wahrscheinliche  Wirkung
einer  solchen  Gestaltung  381.  Welche  Wirkung  würde  die  Begründung
  der  östreichischen  Vorherrschaft  gehabt  haben?  382.  Das
Einvernehmen  Preußens  und  Oestreichs  die  Voraussetzung  gegen
englisch-europäisches  Eingreifen  in  der  dänischen  Frage  382.  Erörterung
  der  preußisch-östreichischen  Beziehungen  zwischen  Bismarck
und  Graf  Karolyi  383.  Geringschätzung  Preußens  in  Wien  384.
Unterschiede  im  Charakter  Friedrich  Wilhelm's  IV.  und  Wilhelm's
  I.  394.  Ueberschätzung  der  abschwächenden  Wirkung  des
Conflicts  auf  Preußens  äußere  Politik  und  militärische  Leistungsfähigkeit
  385.  Der  Glaube  an  die  militärische  Ueberlegenheit
Oestreichs  386.  —  2.  Abneigung  Oestreichs  gegen  einen  friedlichen
Dualismus  387.  Einladung  zum  Frankfurter  Fürstentag  388.
Kaiser  Franz  Joseph  in  Gastein  388.  Erster  Eindruck  der  Einladung
  auf  den  König  388.  Bismarck  gegen  den  Besuch  des
Fürstentags  389.  König  Johann  von  Sachsen  in  Baden  389.
        <pb n="21" />
        Inhaltsverzeichniß.  XVII

 

te

Sei

Wirkung  des  preußischen  Fernbleibens  auf  die  deutschen  Mittelstaaten
  390.  Rechberg  nähert  sich  Preußen  391.  —  3.  Tod  Friedrich's
  VII.  von  Dänemark  392.  Glänzender  Anfang  der  dualistischen
  Politik  392.  Gefährdung  des  Zusammengehns  mit  Oestreich
durch  militärische  Einflüsse  392.  Culmination  und  Wendepunkt  des
Versuchs  eines  freundlichen  Dualismus  394.  Unterredung  der
beiden  Monarchen  und  ihrer  Minister  in  Schönbrunn  394.  Antwort
  des  Königs  Wilhelm  auf  die  Frage  des  Kaisers  396.  —
4.  Rechberg's  Stellung  erschüttert  396.  Verhandlungen  über  eine
zuklinftige  Aufnahme  Oestreichs  in  den  Zollverein  397.  Bismarck
ist  für  ein  pactum  de  contrahendo  aus  politischen  Erwägungen,
aber  Gegner  einer  Zolleinigung  397.  Durchkreuzung  der  Bismarck'schen
  Politik  durch  Bodelschwingh,  Itzenplitz  und  Delbrück  398.
Rechberg  wird  entlassen  und  durch  Graf  Mensdorff  ersetzt  398.
Auszüge  aus  Briefen  von  Thiele,  Abeken,  Goltz  398.  —  5.  Unsicherheit
  und  Wandelbarkeit  der  östreichischen  Freundschaft  399.

Achtzehntes  Kapitel:  König  Ludwig  II.  von  Baiern  402—422

Am  Münchner  Hofe  402.  Kronprinz  Ludwig  402.  Zur  Charakteristik
  des  Königs  Ludwig  II.  403.  Mittheilungen  aus  der  Correspondenz
  des  Königs  Ludwig  mit  Bismarck  404.

II
        <pb n="22" />
        <pb n="23" />
        Den  Söhnen  und  Enkeln
zum  Verständniß  der  Vergangenheit
und  zur  Lehre  für  die  Zukunft
        <pb n="24" />
        <pb n="25" />
        Erstes  Kapitel.
Bis  zum  Ersten  Vereinigten  Landtage.

1.

A-  normales  Product  unfres  staatlichen  Unterrichts  verließ
ich  Ostern  1832  die  Schule  )  als  Pantheist  2),  und  wenn
nicht  als  Republikaner,  doch  mit  der  Ueberzeugung,  daß  die
Republik  die  vernünftigste  Staatsform  sei,  und  mit  Nachdenken
über  die  Ursachen,  welche  Millionen  von  Menschen  bestimmen
könnten,  Einem  dauernd  zu  gehorchen,  während  ich  von  Erwachsenen
  manche  bittre  oder  geringschätzige  Kritik  über  die
Herrscher  hören  konnte.  Dazu  hatte  ich  von  der  turnerischen
Vorschule  mit  Jahn'schen  Traditionen  (Plamann),  in  der  ich
vom  sechsten  bis  zum  zwölften  Jahre  gelebt,  deutsch-nationale
Eindrücke  mitgebracht.  Diese  blieben  im  Stadium  theoretischer
Betrachtungen  und  waren  nicht  stark  genug,  um  angeborne
preußisch-monarchische  Gefühle  auszutilgen.  Meine  geschicht-1)

  Das  Gymnasium  zum  Grauen  Kloster  in  Berlin.  Vgl.  die  als
Manufkript  gedruckten  Erinnerungsblätter:  Dem  Fürsten  Bismarck  zur
Erinnerung  an  seine  letzten  Schuljahre  am  80.  Geburtstage  ehrfurchtsvoll
  überreicht  von  den  Lehrern  des  Berlinischen  Gymnasiums  zum
Grauen  Kloster.  Dr.  L.  Bellermann,  Direktor.  Berlin  1895.  —  Ueber
Bismarcks  Schulzeit  auf  dem  Friedrich-Wilhelms-Gymnasium  siehe  die
Mittheilungen  in  den  „Annalen  und  Historien".  Mittheilungen  des
Vereins  ehemaliger  Schüler  des  Königl.  Friedrich-Wilhelms--Gymnasiums.
XI7V.  Jahrg.  No.  1—52.  Berlin,  Januar  1896.

2)  Vgl.  über  die  Stellung  des  jungen  Bismarck  zur  Religion  die
Selbstzeugnisse  in  den  Briefen  an  Herrn  v.  Puttkamer  von  Ende  Dezember
  1846  und  4.  Januar  1847  in  Fürst  Bismarcks  Briefen  an  seine
Braut  und  Gattin,  herausg.  vom  Fürsten  Herbert  Bismarck  (Stuttgart
1900,  J.  G.  Cotta'sche  Buchh.  Nachf.)  S.  1  ff.  5  ff.  No.  1  u.  2.

Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  1
        <pb n="26" />
        2  Erstes  Kapitel:  Bis  zum  Ersten  Vereinigten  Landtage.

 

lichen  Sympathien  blieben  auf  Seiten  der  Autorität.  Harmodius
und  Aristogiton  sowohl  wie  Brutus  waren  für  mein  kindliches
Rechtsgefühl  Verbrecher  und  Tell  ein  Rebell  und  Mörder.
Jeder  deutsche  Fürst,  der  vor  dem  30jährigen  Kriege  dem
Kaiser  widerstrebte,  ärgerte  mich;  vom  Großen  Kurfürsten  an
aber  war  ich  parteiisch  genug,  antikaiserlich  zu  urtheilen  und
natürlich  zu  finden,  daß  der  siebenjährige  Krieg  sich  vorbereitete.
Doch  blieb  mein  deutsches  Nationalgefühl  so.  stark,  daß  ich  im
Anfang  der  Universitätszeit  zunächst  zur  Burschenschaft  in  Beziehung
  gerieth,  welche  die  Pflege  des  nationalen  Gefühls  als
ihren  Zweck  bezeichnete.  Aber  bei  persönlicher  Bekanntschaft
mit  ihren  Mitgliedern  mißfielen  mir  ihre  Weigerung,  Satisfaction
  zu  geben,  und  ihr  Mangel  an  äußerlicher  Erziehung
und  an  Formen  der  guten  Gesellschaft,  bei  näherer  Bekanntschaft
  auch  die  Extravaganz  ihrer  politischen  Auffassungen,  die
auf  einem  Mangel  an  Bildung  und  an  Kenntniß  der  vorhandnen,
  historisch  gewordnen  Lebensverhältnisse  beruhte,  von
denen  ich  bei  meinen  siebzehn  Jahren  mehr  zu  beobachten  Gelegenheit
  gehabt  hatte  als  die  meisten  jener  durchschnittlich  ältern
Studenten:  ich  hatte  den  Eindruck  einer  Verbindung  von
Utopie  und  Mangel  an  Erziehung.  Gleichwohl  bewahrte  ich
innerlich  meine  nationalen  Empfindungen  und  den  Glauben,
daß  die  Entwicklung  der  nächsten  Zukunft  uns  zur  deutschen
Einheit  führen  werde;  ich  ging  mit  meinem  amerikanischen
Freunde  Coffin  die  Wette  darauf  ein,  daß  dieses  Ziel  in  zwanzig
Jahren  erreicht  sein  werde.

In  mein  erstes  Semester  fiel  die  Hambacher  Feier  (27.  Mai
1832)  ,  deren  Festgesang  mir  in  der  Erinnrung  geblieben  ist,

1)  Unter  dem  Hambacher  Fest  versteht  man  die  große  Volksversammlung,
  die  am  27.  Mai  1832  auf  dem  Schlosse  Hambach  (jetzt  Maxburg)
bei  Neustadt  a.  d.  H.  abgehalten  wurde;  vor  etwa  30000  Menschen  entwickelten
  hier  die  Volksredner  Wirth  und  Siebenpfeiffer  ihr  politisches
Programm  einer  Einigung  Deutschlands  unter  den  Formen  der  Republik
        <pb n="27" />
        Polit.  Anschauung.  d.  Jünglings.  Auscultator  u.  Regirungsreferendar.  3

 

in  mein  drittes  der  Frankfurter  Putsch  (3.  April  1833)  0.  Diese
Erscheinungen  stießen  mich  ab,  meiner  preußischen  Schulung
widerstrebten  tumultuarische  Eingriffe  in  die  staatliche  Ordnung;
ich  kam  nach  Berlin  mit  weniger  liberaler  Gesinnung  zurück,
als  ich  es  verlassen  hatte,  eine  Reaction,  die  sich  wieder  abschwächte,
  nachdem  ich  mit  dem  staatlichen  Räderwerke  in  unmittelbare
  Beziehung  getreten  war.  Was  ich  etwa  über  auswärtige
  Politik  dachte,  mit  der  das  Publikum  sich  damals  wenig
beschäftigte,  war  im  Sinne  der  Freiheitskriege,  vom  preußischen
Offizierstandpunkt  gesehn.  Beim  Blick  auf  die  Landkarte  ärgerte
mich  der  französische  Besitz  von  Straßburg,  und  der  Besuch
von  Heidelberg,  Speier  und  der  Pfalz  stimmte  mich  rachsüchtig
und  kriegslustig.

In  der  Zeit  vor  1848  war  für  einen  Kammergerichts-Auscultator
  und  Regirungs-Referendar,  dem  jede  Beziehung  zu
ministeriellen  und  höhern  amtlichen  Kreisen  fehlte,  kaum  eine
Aussicht  zu  einer  Betheiligung  an  der  preußischen  Politik  vorhanden,
  so  lange  er  nicht  den  einförmigen  Weg  zurückgelegt
hatte,  der  durch  die  Stufen  der  bürokratischen  Laufbahn  nach
Jahrzehnten  dahin  führen  konnte,  an  den  höhern  Stellen  bemerkt
  und  herangezogen  zu  werden.  Als  mustergültige  Vordermänner
  auf  diesem  Wege  wurden  mir  im  Familienkreise  damals
Männer  wie  Pommer-Esche  und  Delbrück  vorgehalten,  und  als

und  einer  Einigung  aller  europäischen  Staaten  auf  föderativer  Grundlage.
  Der  Bundestag  gründete  auf  die  an  sich  harmlose  Bekundung
seine  reaktionären  Beschlüsse  vom  28.  Juni  und  5.  Juli  1832.

1)  Im  Frankfurter  Putsch  versuchten  Mitglieder  des  sog.  Männerbundes
  am  3.  April  1833  abends  9⅛  Uhr  durch  Ueberfall  der  Hauptwache
  und  der  Constablerwache  den  Bundestag  zu  sprengen  und  eine
provisorische  Regirung  einzusetzen.  Das  Unternehmen  scheiterte  an  der
Weigerung  der  Frankfurter  Bevölkerung  wie  der  Soldaten,  sich  dem
Aufstand  anzuschließen.  Die  vom  Bundestag  am  20.  Juni  1833  eingesetzte
  Centraluntersuchungs-Commission  ließ  eine  große  Zahl  „Verdächtiger",
  namentlich  Mitglieder  der  Burschenschaften  verhaften  und
verurtheilte  viele  von  ihnen  zu  langjährigen  Freiheitsstrafen.
        <pb n="28" />
        4  Erstes  Kapitel:  Bis  zum  Ersten  Vereinigten  Landtage.

 

einzuschlagende  Richtung  die  Arbeit  an  und  in  dem  Zollvereine
empfohlen.  Ich  hatte,  so  lange  ich  in  dem  damaligen  Alter
an  eine  Beamtenlaufbahn  ernstlich  dachte,  die  diplomatische  im
Auge,  auch  nachdem  ich  von  Seiten  des  Ministers  Ancillon
bei  meiner  Meldung  dazu  wenig  Ermuthigung  gefunden  hatte.
Derselbe  bezeichnete  nicht  mir,  aber  hohen  Kreisen  gegenüber
als  Musterbild  dessen,  was  unsrer  Diplomatie  fehle,  den  Fürsten
Felix  Lichnowski,  obschon  man  hätte  vermuthen  sollen,  daß  diese
Persönlichkeit,  wie  sie  sich  damals  in  Berlin  zur  Anschauung
brachte,  der  anerkennenden  Würdigung  eines  der  evangelischen
Geistlichkeit  entstammenden  Ministers  nicht  grade  nahe  stände.

Der  Minister  hatte  den  Eindruck,  daß  die  Kategorie  unsres
hausbacknen  preußischen  Landadels  für  unsre  Diplomatie  den
ihm  wünschenswerthen  Ersatz  nicht  lieferte  und  die  Mängel,
welche  er  an  der  Gewandtheit  des  Personalbestandes  dieses
Dienstzweiges  fand,  zu  decken  nicht  geeignet  war.  Dieser  Eindruck
  war  nicht  ganz  ohne  Berechtigung.  Ich  habe  als  Minister
stets  ein  landsmannschaftliches  Wohlwollen  für  eingeborne
preußische  Diplomaten  gehabt,  aber  im  dienstlichen  Pflichtgefühle
  nur  selten  diese  Vorliebe  bethätigen  können,  in  der
Regel  nur  dann,  wenn  die  Betheiligten  aus  einer  militärischen
Stellung  in  die  diplomatische  übergingen.  Bei  den  rein  preußischen
  Civil-Diplomaten,  welche  der  Wirkung  militärischer  Disciplin
  garnicht  oder  unzureichend  unterlegen  hatten,  habe  ich
in  der  Regel  eine  zu  starke  Neigung  zur  Kritik,  zum  Besserwissen,
  zur  Opposition  und  zu  persönlichen  Empfindlichkeiten
gefunden,  verstärkt  durch  die  Unzufriedenheit,  welche  das  Gleichheitsgefühl
  des  alten  preußischen  Edelmanns  empfindet,  wenn
ein  Standesgenosse  ihm  über  den  Kopf  wächst  oder  außerhalb
der  militärischen  Verhältnisse  sein  Vorgesetzter  wird  1).  In  der
Armee  sind  diese  Kreise  seit  Jahrhunderten  daran  gewöhnt,

)  Vgl.  Bd.  II,  S.  171.0
        <pb n="29" />
        Was  den  Diplomaten  preußischer  Herkunft  fehlt.  5

 

daß  das  geschieht,  und  geben  den  Bodensatz  ihrer  Verstimmung
gegen  frühere  Vorgesetzte  an  ihre  spätern  Untergebenen  weiter,
sobald  sie  selbst  in  höhere  Stellen  gelangt  sind.  In  der  Diplomatie
  kommt  dazu,  daß  diejenigen  unter  den  Aspiranten,  welche
Vermögen  oder  die  zufällige  Kenntniß  fremder  Sprachen,
namentlich  der  französischen  besitzen,  schon  darin  einen  Grund
zur  Bevorzugung  sehn  und  deshalb  der  obern  Leitung  noch
anspruchsvoller  und  zur  Kritik  geneigter  gegenübertreten  als
Andre.  Sprachkenntnisse,  wie  auch  Oberkellner  sie  besitzen,
bildeten  bei  uns  leicht  die  Unterlage  des  eignen  Glaubens  an
den  Beruf  zur  Diplomatie,  namentlich  so  lange  unfre  gesandschastlichen
  Berichte,  besonders  die  ad  Regem,  französisch  sein
mußten,  wie  es  die  nicht  immer  befolgte,  aber  bis  ich  Minister
wurde  amtlich  in  Kraft  stehende  Vorschrift  war.  Ich  habe
manche  unter  unsern  ältern  Gesandten  gekannt,  die,  ohne  Verständniß
  für  Politik,  lediglich  durch  Sicherheit  im  Französischen
in  die  höchsten  Stellen  aufrückten;  und  auch  sie  sagten  in  ihren
Berichten  doch  nur  das,  was  sie  französisch  geläufig  zur  Verfügung
  hatten.  Ich  habe  noch  1862  von  Petersburg  französisch
amtlich  zu  berichten  gehabt,  und  die  Gesandten,  welche  auch
ihre  Privatbriefe  an  den  Minister  französisch  schrieben,  empfahlen
  sich  dadurch  als  besonders  berufen  zur  Diplomatie,  auch
wenn  sie  politisch  als  urtheilslos  bekannt  waren.

Außerdem  kann  ich  Ancillon  nicht  Unrecht  geben,  wenn  er
von  den  meisten  Aspiranten  aus  unserm  Landadel  den  Eindruck
hatte,  daß  sie  sich  aus  dem  engen  Gesichtskreise  ihrer  damaligen
Berliner,  man  könnte  sagen  provinziellen  Anschauungen  schwer
loslösen  ließen,  und  daß  es  ihnen  nicht  leicht  gelingen  würde,
den  specifisch  preußischen  Bürokraten  in  der  Diplomatie  mit
dem  Firniß  des  europäischen  zu  übertünchen.  Die  Wirkung
dieser  Wahrnehmungen  zeigt  sich  deutlich,  wenn  man  die  Rangliste
  unsrer  Diplomaten  aus  damaliger  Zeit  durchgeht;  man
wird  erstaunt  sein,  so  wenig  geborne  Preußen  darin  zu  finden.
        <pb n="30" />
        6  Erstes  Kapitel:  Bis  zum  Ersten  Vereinigten  Landtage.

 

Die  Eigenschaft,  der  Sohn  eines  in  Berlin  accreditirten  fremden
Gesandten  zu  sein,  gab  an  sich  einen  Vorzug.  Die  an  den
kleinen  Höfen  erwachsenen,  in  den  preußischen  Dienst  übernommnen
  Diplomaten  hatten  nicht  selten  den  Vortheil  größrer
assurance  in  höfischen  Kreisen  und  eines  größern  Mangels  an
Blödigkeit  vor  den  eingebornen.  Ein  Beispiel  dieser  Richtung
  war  namentlich  Herr  von  Schleinitz.  Dann  finden  sich
in  der  Liste  Mitglieder  standesherrlicher  Häuser,  bei  denen  die
Abstammung  die  Begabung  ersetzte.  Aus  der  Zeit,  als  ich
nach  Frankfurt  ernannt  wurde,  ist  mir  außer  mir,  dem  Freiherrn
  Karl  von  Werther,  Canitz  und  dem  französisch  verheiratheten
  1)  Grafen  Max  Hatzfeldt  kaum  der  Chef  einer  ansehnlichen
  Mission  preußischer  Abstammung  erinnerlich.  Ausländische
  Namen  standen  höher  im  Kurse:  Brassier,  Perponcher,
Savigny,  Oriola.  Man  setzte  bei  ihnen  größre  Geläufigkeit
im  Französischen  voraus,  und  sie  waren  „weiter  her“,  dazu
trat  lbei  den  Diplomaten  preußischer  Abkunft]:)  der  Mangel
an  Bereitwilligkeit  zur  Uebernahme  eigner  Verantwortlichkeit
bei  fehlender  Deckung  durch  zweifellose  Instruction,  ähnlich
wie  im  Militär  1806  bei  der  alten  Schule  aus  Friedericianischer
  Zeit.  Wir  züchteten  schon  damals  das  Offiziersmaterial
bis  zum  Regiments-Commandeur  in  einer  Vollkommenheit  wie
kein  andrer  Staat,  aber  darüber  hinaus  war  das  eingeborne
preußische  Blut  nicht  mehr  fruchtbar  an  Begabungen  wie  zur
Zeit  Friedrich's  des  Großen  selbst.  Unfre  erfolgreichsten  Feldherrn,
  Blücher,  Gneisenau,  Moltke,  Goeben,  waren  keine  preußischen
  Urproducte,  ebensowenig  im  Civildienste  Stein,  Hardenberg,
  Motz  und  Grolman.  Es  ist,  als  ob  unfre  Staatsmänner
wie  die  Bäume  in  den  Baumschulen  zu  voller  Wurzelbildung
der  Versetzung  bedürften.

1)  Graf  Maximilian  v.  Hatzfeldt  war  mit  Gräfin  Pauline  de  Castellane
  vermählt.
2)  Die  in  Klammer  gesetzten  Worte  sind  von  dem  Herausgeber  ergänzt.
        <pb n="31" />
        Ausländer  in  der  preußischen  Diplomatie.  Die  preußische  Justiz.  7

 

Ancillon  rieth  mir,  zunächst  das  Examen  als  Regirungs-Assessor
  zu  machen  und  dann  aus  dem  Umwege  durch  die  Zollvereinsgeschäfte
  Eintritt  in  die  deutsche  Diplomatie  Preußens
zu  suchen;  einen  Beruf  für  die  europäische  erwartete  er  also
bei  einem  Sprößlinge  des  einheimischen  Landadels  nicht.  Ich
nahm  mir  seine  Andeutung  zu  Herzen  und  beabsichtigte,  zunächst
  das  Examen  als  Regirungs-Assessor  zu  machen.

Die  Personen  und  Einrichtungen  unfrer  Justiz,  in  der  ich
zunächst  beschäftigt  war,  gaben  meiner  jugendlichen  Auffassung
mehr  Stoff  zur  Kritik  als  zur  Anerkennung.  Die  praktische
Ausbildung  des  Auscultators  begann  damit,  daß  man  aufs  dem
Criminalgericht  das  Protokoll  zu  führen  hatte,  wozu  ich  von
dem  Rathe,  dem  ich  zugewiesen  war,  Herrn  von  Brauchitsch,
über  die  Gebühr  herangezogen  wurde,  weil  ich  damals  über
den  Durchschnitt  schnell  und  lesbar  schrieb.  Von  den  „Untersuchungen“,
  wie  die  Criminalprozesse  bei  dem  damals  geltenden
Inquisitionsverfahren  genannt  wurden,  hat  mir  eine  den  nachhaltigsten
  Eindruck  hinterlassen,  welche  eine  in  Berlin  weit
verzweigte  Verbindung  zum  Zweck  der  unnatürlichen  Laster
betraf.  Die  Klubeinrichtungen  der  Betheiligten,  die  Stammbücher,
  die  gleichmachende  Wirkung  des  gemeinschaftlichen  Betreibens
  des  Verbotnen  durch  alle  Stände  hindurch  —  alles
das  bewies  schon  1835  eine  Demoralisation,  welche  hinter  den
Ergebnissen  des  Prozesses  gegen  die  Heinzeschen  Eheleute
(October  1891)  nicht  zurückstand.  Die  Verzweigungen  dieser
Gesellschaft  reichten  bis  in  hohe  Kreise  hinauf.  Es  wurde  dem
Einflusse  des  Fürsten  Wittgenstein  zugeschrieben,  daß  die  Akten
von  dem  Justizministerium  eingefordert  und,  wenigstens  während
  meiner  Thätigkeit  an  dem  Criminalgerichte,  nicht  zurückgegeben
  wurden.

Nachdem  ich  vier  Monate  protokollirt  hatte,  wurde  ich  zu
dem  Stadtgerichte,  vor  das  die  Civilsachen  gehörten,  versetzt
und  aus  der  mechanischen  Beschäftigung  des  Schreibens  unter
        <pb n="32" />
        8  Erstes  Kapitel:  Bis  zum  Ersten  Vereinigten  Landtage.

 

Dietat  plötzlich  zu  einer  selbständigen  erhoben,  der  gegenüber
meine  Unerfahrenheit  und  mein  Gefühl  mir  die  Stellung  erschwerten.
  Das  erste  Stadium,  in  welchem  der  juristische  Neuling
  damals  zu  einer  selbständigen  Thätigkeit  berufen  wurde,
waren  nämlich  die  Ehescheidungen.  Offenbar  als  das  Unwichtigste
  betrachtet,  waren  sie  dem  unfähigsten  Rathe,  Namens
Prätorius,  übertragen,  und  unter  ihm  der  Bearbeitung  der
ganz  grünen  Auscultatoren  überlassen  worden,  die  damit  in
corpore  vili  ihre  ersten  Experimente  in  der  Richterrolle  zu
machen  hatten,  allerdings  unter  nomineller  Verantwortlichkeit
des  Herrn  Prätorius,  der  jedoch  ihren  Verhandlungen  nicht
beiwohnte.  Zur  Charakterisirung  dieses  Herrn  wurde  uns
jungen  Leuten  erzählt,  daß  er  in  den  Sitzungen,  wenn  behufs
der  Abstimmung  aus  einem  leichten  Schlummer  geweckt,  zu
sagen  pflegte:  „Ich  stimme  wie  der  College  Tempelhof“,  und
gelegentlich  darauf  aufmerksam  gemacht  werden  mußte,  daß
Herr  Tempelhof  nicht  anwesend  sei.

Ich  trug  ihm  einmal  meine  Verlegenheit  vor,  daß  ich,
wenige  Monate  über  20  Jahre  alt,  mit  einem  aufgeregten
Ehepaare  den  Sühneversuch  vornehmen  solle,  der  für  meine
Auffassung  einen  gewissen  kirchlichen  und  sittlichen  Nimbus
hatte,  dem  ich  mich  in  meiner  Seelenstimmung  nicht  adäquat
fühlte.  Ich  sand  Prätorius  in  der  verdrießlichen  Stimmung
eines  zur  Unzeit  geweckten  ältern  Herrn,  der  außerdem  die
Abneigung  mancher  alten  Bürokraten  gegen  einen  jungen
Edelmann  hegte.  Er  sagte  mit  geringschätzigem  Lächeln:  „Es
ist  verdrießlich,  Herr  Referendarius,  wenn  man  sich  auch  nicht
ein  bischen  zu  helfen  weiß;  ich  werde  Ihnen  zeigen,  wie  man
das  macht.“  Ich  kehrte  mit  ihm  in  das  Terminszimmer  zurück.
  Der  Fall  lag  so,  daß  der  Mann  geschieden  sein  wollte,
die  Frau  nicht,  der  Mann  sie  des  Ehebruchs  beschuldigte,  die
Frau  mit  thränenreichen  Declamationen  ihre  Unschuld  betheuerte
  und  trotz  aller  Mißhandlung  von  Seiten  des  Mannes
        <pb n="33" />
        Als  Auscultator  beim  Stadtgericht.  Ein  Sühneversuch.  9

 

bei  ihm  bleiben  wollte.  Mit  seinem  lispelnden  Zungenanschlage
sprach  Prätorius  die  Frau  also  an:  „Aber  Frau,  sei  sie  doch
nicht  so  dumm;  was  hat  sie  denn  davon?  Wenn  sie  nach
Hause  kommt,  schlägt  ihr  der  Mann  die  Jacke  voll,  bis  sie  es
nicht  mehr  aushalten  kann.  Sage  sie  doch  einfach  Ja,  dann
ist  sie  mit  dem  Säufer  kurzer  Hand  auseinander.“  Darauf
die  Frau  weinend  und  schreiend:  „Ich  bin  eine  ehrliche  Frau,
kann  die  Schande  nicht  auf  mich  nehmen,  will  nicht  geschieden
sein.“  Nach  mehrfacher  Replik  und  Duplik  in  dieser  Tonart
wandte  sich  Prätorius  zu  mir  mit  den  Worten:  „Da  sie  nicht
Vernunft  annehmen  will,  so  schreiben  Sie,  Herr  Referendarius,“
und  dictirte  mir  die  Worte,  die  ich  wegen  des  tiefen  Eindrucks,
welchen  sie  mir  machten,  noch  heut  auswendig  weiß:  „Nachdem
der  Sühneversuch  angestellt  und  die  dafür  dem  Gebiete  der
Moral  und  Religion  entnommnen  Gründe  erfolglos  geblieben
waren,  wurde  wie  folgt  weiter  verhandelt.“  Mein  Vorgesetzter
erhob  sich  und  sagte:  „Nun  merken  Sie  sich,  wie  man  das
macht,  und  lassen  Sie  mich  künftig  mit  dergleichen  in  Ruhe.“
Ich  begleitete  ihn  zur  Thüre  und  setzte  die  Verhandlung  fort.

Die  Station  der  Ehescheidungen  dauerte,  so  viel  ich  mich
erinnre,  vier  bis  sechs  Wochen,  ein  Sühneversuch  kam  mir  nicht
wieder  vor.  Es  war  ein  gewisses  Bedürfniß  vorhanden  für
die  Verordnung  über  das  Verfahren  in  Ehescheidungen,  auf
welche  Friedrich  Wilhelm  IV.  sich  beschränken  mußte,  nachdem
sein  Versuch,  ein  Gesetz  über  Aenderung  des  materiellen  Eherechts
  zu  Stande  zu  bringen,  an  dem  Widerstande  des  Staatsraths
  gescheitert  war.  Dabei  mag  erwähnt  werden,  daß  durch
jene  Verordnung  zuerst  in  den  Provinzen  des  Allgemeinen
Landrechts  der  Staatsanwalt  eingeführt  worden  ist  als  defensor
matrimonü#  und  zur  Verhütung  von  Collusionen  der  Parteien.

Ansprechender  war  das  folgende  Stadium  der  Bagatellprozesse,
  wo  der  ungeschulte  junge  Jurist  wenigstens  eine
Uebung  im  Aufnehmen  von  Klagen  und  Vernehmen  von  Zeugen
        <pb n="34" />
        10  Erstes  Kapitel:  Bis  zum  Ersten  Vereinigten  Landtage.

 

gewann,  wo  man  ihn  im  Ganzen  aber  doch  mehr  als  Hülfsarbeiter
  ausnutzte,  als  mit  Belehrung  förderte.  Das  Local
und  die  Procedur  hatten  etwas  von  dem  unruhigen  Verkehre
an  einem  Eisenbahnschalter.  Der  Raum,  wo  der  leitende  Rath
und  die  drei  oder  vier  Auscultatoren  mit  dem  Rücken  gegen
das  Publikum  saßen,  war  von  hölzernen  Gittern  umgeben,
und  die  dadurch  gebildete  viereckige  Bucht  war  von  der  wechselnden
  und  mehr  oder  weniger  lärmenden  Menge  der  Parteien
rings  umfluthet.

Mein  Eindruck  von  Institutionen  und  Personen  wurde  nicht
wesentlich  modificirt,  nachdem  ich  zur  Verwaltung  übergegangen
war.  Um  den  Umweg  zur  Diplomatie  abzukürzen,  wandte  ich
mich  einer  rheinischen  Regirung,  der  Aachner  zu,  deren  Cursus
sich  in  zwei  Jahren  abmachen  ließ,  während  bei  den  altländischen
  wenigstens  drei  erforderlich  waren  7.

Ich  kann  mir  denken,  daß  bei  Besetzung  der  rheinischen
Regirungscollegien  1816  ähnlich  verfahren  worden  war  wie
1871  bei  der  Organisation  von  Elsaß-Lothringen.  Die  Behörden,
  welche  einen  Theil  ihres  Personals  abzugeben  hatten,
werden  nicht  auf  das  staatliche  Bedürfniß  gehört  haben,  für
die  schwierige  Aufgabe  der  Assimilirung  einer  neu  erworbenen
Bevölkerung  den  besten  Fuß  vorzusetzen,  sondern  diejenigen
Mitglieder  gewählt  haben,  deren  Abgang  von  ihren  Vorgesetzten
  oder  von  ihnen  selbst  gewünscht  wurde;  in  den  Collegien
fanden  sich  frühere  Präfektur-Sekretäre  und  andre  Reste  der
französischen  Verwaltung.  Die  Persönlichkeiten  entsprachen
nicht  alle  dem  unberechtigten  Ideale,  das  mir  in  dem  Alter
von  21  Jahren  vorschwebte,  und  noch  weniger  that  dies  der
Inhalt  der  laufenden  Geschäfte.  Ich  erinnre  mich,  daß  ich  bei

1)  Vgl.  die  Akten  des  Aachner  Aufenthalts  in  Bismarck-Jahrbuch  III,
die  Probearbeiten  zum  Referendariats-Examen  in  Bismarck-Jahrbuch  II,
herausg.  von  Horst  Kohl.  (Stuttgart,  J.  G.  Cotta'sche  Buchhandlung
Nachfolger.)
        <pb n="35" />
        Uebergang  zur  Verwaltung.  Rhein.  Regirungscollegien.  Aachen.  11

 

vielen  Meinungsverschiedenheiten  zwischen  Beamten  und  Regirten
  oder  innerhalb  jeder  dieser  beiden  Kategorien,  Meinungsverschiedenheiten,
  deren  polemische  Vertretung  jahrelang  die
Akten  anschwellen  machte,  gewöhnlich  unter  dem  Eindrucke
stand,  „ja,  so  kann  man  es  auch  machen,“  und  daß  Fragen,
deren  Entscheidung  in  dem  einen  oder  dem  andern  Sinne  das
verbrauchte  Papier  nicht  werth  war,  eine  Geschäftslast  erzeugten,
die  ein  einzelner  Präfekt  mit  dem  vierten  Theile  der  aufgewandten
  Arbeitskraft  hätte  erledigen  können.  Nichtsdestoweniger
  war,  abgesehn  von  den  subalternen  Beamten,  das  tägliche
  Arbeitspensum  ein  geringes  und  besonders  für  die  Abtheilungs-Dirigenten
  eine  reine  Sinecure.  Ich  verließ  Aachen
mit  einer,  abgesehn  von  dem  begabten  Präsidenten  Grafen
Arnim-Beitzenburg,  geringen  Meinung  von  unfrer  Bürokratie
im  Einzelnen  und  in  der  Gesammtheit.  Im  Einzelnen  wurde
meine  Meinung  günstiger  durch  meine  demnächstige  Erfahrung
bei  der  Regirung  in  Potsdam,  zu  der  ich  mich  im  Jahre  1837
versetzen  ließ,  weil  dort  abweichend  von  den  andern  Provinzen
die  indirecten  Steuern  zum  Ressort  der  Regirung  gehörten
und  grade  diese  wichtig  waren,  wenn  ich  die  Zollpolitik  zur
Basis  meiner  Zukunft  nehmen  wollte.

Die  Mitglieder  des  Collegiums  machten  mir  einen  würdigern
  Eindruck  als  die  Aachner,  aber  doch  in  ihrer  Gesammtheit
  den  Eindruck  von  Zopf  und  Perrücke,  in  welche  Kategorie
meine  jugendliche  Ueberhebung  auch  den  väterlich-würdigen
Oberpräsidenten  von  Bassewitz  stellte,  während  der  Aachner
Regirungspräsident  Graf  Arnim  zwar  die  generelle  Staatsperrücke,
  aber  doch  keinen  geistigen  Zopf  trug.  Als  ich  dann#)
aus  dem  Staatsdienste  in  das  Landleben  überging,  brachte  ich
in  die  Berührungen,  welche  ich  als  Gutsbesitzer  mit  den  Behörden
  hatte,  eine  nach  meinem  heutigen  Urtheil  zu  geringe
Meinung  von  dem  Werthe  unfrer  Bürokratie,  eine  vielleicht

1)  22.  Oktober  1839.
        <pb n="36" />
        12  Erstes  Kapitel:  Bis  zum  Ersten  Vereinigten  Landtage.

 

zu  große  Neigung  zur  Kritik  mit.  Ich  erinnre  mich,  daß  ich
als  stellvertretender  Landrath  über  den  Plan,  die  Wahl  der
Landräthe  abzuschaffen,  gutachtlich  zu  berichten  hatte  und  mich
so  aussprach,  die  Bürokratie  sinke  in  der  Achtung  vom  Landrath
  aufwärts;  sie  habe  dieselbe  nur  in  der  Person  des  Landraths
  bewahrt,  der  einen  Januskopf  trage,  ein  Gesicht  in  der
Bürokratie,  eins  im  Lande  habe.

Die  Neigung  zu  befremdendem  Eingreifen  in  die  verschiedensten
  Lebensverhältnisse  war  unter  dem  damaligen  väterlichen
  Regimente  vielleicht  größer  als  heut,  aber  die  Organe
zum  Eingreifen  waren  weniger  zahlreich  und  standen  an  Bildung
  und  Erziehung  höher  als  ein  Theil  der  heutigen.  Die
Beamten  der  Königlichen  hochlöblichen  Regirung  waren  ehrliche,
  studirte  und  gut  erzogne  Beamte,  aber  ihre  wohlwollende
Thätigkeit  fand  nicht  immer  Anerkennung,  weil  sie  sich  ohne
locale  Sachkunde  auf  Details  zersplitterte,  in  Betreff  deren  die
Ansichten  des  gelehrten  Stadtbewohners  am  grünen  Tische
nicht  immer  der  Kritik  des  bäuerlichen  gesunden  Menschenverstandes
  überlegen  waren.  Die  Mitglieder  der  Regirungs-Collegien
  hatten  damals  multa,  nicht  multum  zu  thun,  und
der  Mangel  an  höhern  Aufgaben  brachte  es  mit  sich,  daß  sie
kein  ausreichendes  Quantum  wichtiger  Geschäfte  fanden  und  in
ihrem  Pflichteifer  sich  über  das  Bedürfniß  der  Regirten  hinaus
zu  thun  machten,  in  die  Neigung  zur  Reglementirerei,  zu  dem,
was  der  Schweizer  „Befehlerle“  nennt,  geriethen.

Man  hatte,  um  einen  vergleichenden  Blick  auf  die  Gegenwart
  zu  werfen,  gehofft,  daß  die  Staatsbehörden  durch  die  Einführung
  der  heutigen  localen  Selbstverwaltung  an  Geschäften
und  an  Beamten  würden  entbürdet  werden;  aber  im  Gegentheile,
  die  Zahl  der  Beamten  und  ihre  Geschäftslast  sind  durch
Correspondenzen  und  Frictionen  mit  den  Organen  der  Selbstverwaltung
  von  dem  Provinzialrathe  bis  zu  der  ländlichen  Gemeindeverwaltung
  erheblich  gesteigert  worden.  Es  muß  früher
        <pb n="37" />
        Bürokratie  und  Selbstverwaltung.  Der  Landrath  sonst  und  jetzt.  13

 

oder  später  der  wunde  Punkt  eintreten,  wo  wir  von  der  Last
der  Schreiberei  und  besonders  der  subalternen  Bürokratie  erdrückt
  werden.  Daneben  ist  der  bürokratische  Druck  auf  das
Privatleben  durch  die  Art  der  Ausführung  der  „Selbstverwaltung“
  verstärkt  worden  und  greift  in  die  ländlichen  Gemeinden
schärfer  als  früher  ein.  Vorher  bildete  der  der  Bevölkerung
ebenso  nahe  als  dem  Staate  stehende  Landrath  den  Abschluß
der  staatlichen  Bürokratie  nach  unten;  unter  ihm  standen  locale
Verwaltungen,  die  wohl  der  Controlle,  aber  nicht  in  gleichem
Maße  wie  heut  der  Disciplinargewalt  der  Bezirks=  oder  Ministerial-Bürokratie
  unterlagen.  Die  ländliche  Bevölkerung  erfreut
  sich  heut  vermöge  der  ihr  gewährten  Selbstregirung  nicht
etwa  einer  ähnlichen  Autonomie  wie  seit  lange  die  der  Städte,
sondern  sie  hat  in  Gestalt  des  Amtsvorstehers  einen  Vorstand
erhalten,  der  durch  Befehle  von  oben,  vom  Landrathe,  unter
Androhung  von  Ordnungsstrafen  disciplinarisch  angehalten
wird,  im  Sinne  der  staatlichen  Hierarchie  seine  Mitbürger  in
seinem  Bezirke  mit  Listen,  Meldungen  und  Zumuthungen  zu
belästigen.  Die  regirte  contribuens  plebs  hat  in  der  landräthlichen
  Instanz  ungeschickten  Eingriffen  gegenüber  nicht  mehr  die
Garantie,  welche  früher  in  dem  Verhältniß  lag,  daß  die  Kreiseingesessenen,
  die  Landräthe  wurden,  dies  in  ihrem  Kreise
lebenslänglich  zu  bleiben  in  der  Regel  entschlossen  waren  und
die  Leiden  und  Freuden  des  Kreises  mitfühlten.  Heut  ist  der
Landrathsposten  die  unterste  Stufe  der  höhern  Verwaltungslaufbahn,
  gesucht  von  jungen  Assessoren,  die  den  berechtigten
Ehrgeiz  haben,  Carrière  zu  machen;  dazu  bedürfen  sie  der
ministeriellen  Gunst  mehr  als  des  Wohlwollens  der  Kreisbevölkerung
  und  suchen  erstre  durch  hervorragenden  Eifer  und
Anspannung  der  Amtsvorsteher  der  angeblichen  Selbstverwaltung
  bei  Durchführung  auch  minderwerthiger  bürokratischer
Versuche  zu  gewinnen.  Darin  liegt  zum  großen  Theil  der
Anlaß  zur  Ueberlastung  ihrer  Untergebenen  in  der  localen
        <pb n="38" />
        14  Erstes  Kapitel:  Bis  zum  Ersten  Vereinigten  Landtage.

 

„Selbstverwaltung“.  Die  „Selbstverwaltung“  ist  also  Verschärfung
  der  Bürokratie,  Vermehrung  der  Beamten,  ihrer
Macht  und  ihrer  Einmischung  in's  Privatleben.

Es  liegt  in  der  menschlichen  Natur,  daß  man.  von  jeder
Einrichtung  die  Dornen  stärker  empfindet  als  die  Rosen  und
daß  die  erstern  gegen  das  zur  Zeit  Bestehende  verstimmen.
Die  alten  Regirungsbeamten  zeigten  sich,  wenn  sie  mit  der
regirten  Bevölkerung  in  unmittelbare  Berührung  traten,  pedantisch
  und  durch  ihre  Beschäftigung  am  grünen  Tische  den  Verhältnissen
  des  praktischen  Lebens  entfremdet,  hinterließen  aber
den  Eindruck,  daß  sie  ehrlich  und  gewissenhaft  bemüht  waren,
gerecht  zu  sein.  Dasselbe  läßt  sich  von  den  Organen  der  heutigen
  Selbstverwaltung  in  Landstrichen,  wo  die  Parteien  einander
  schärfer  gegenüberstehn,  nicht  in  allen  Stufen  voraussetzen;
  das  Wohlwollen  für  politische  Freunde,  die  Stimmung
bezüglich  des  Gegners  werden  leicht  ein  Hinderniß  unpartelüscher
Handhabung  der  Einrichtungen.  Nach  meinen  Erfahrungen
aus  jener  und  der  spätern  Zeit  möchte  ich  übrigens  den  Vorzug
der  Unparteilichkeit  im  Vergleiche  zwischen  richterlichen  und
administrativen  Entscheidungen  nicht  den  erstern  allein  einräumen,
  wenigstens  nicht  durchgängig.  Ich  habe  im  Gegentheil
  den  Eindruck  behalten,  daß  Richter  an  den  kleinen  und
localen  Gerichten  den  starken  Parteiströmungen  leichter  und
hingebender  unterliegen  als  Verwaltungsbeamte;  und  es  ist
auch  kein  psychologischer  Grund  dafür  erfindlich,  daß  bei  gleicher
Bildung  die  letztern  a  priori  für  weniger  gerecht  und  gewissenhaft
  in  ihren  amtlichen  Entscheidungen  gehalten  werden  sollten
als  die  erstern.  Wohl  aber  nehme  ich  an,  daß  die  amtlichen
Entschließungen  an  Ehrlichkeit  und  Angemessenheit  dadurch
nicht  gewinnen,  daß  sie  collegialisch  gefaßt  werden;  abgesehn
davon,  daß  Arithmetik  und  Zufall  bei  dem  Majoritätsvotum
  an  die  Stelle  logischer  Begründung  treten,  geht  das
Gefühl  persönlicher  Verantwortlichkeit,  in  welcher  die  wesentliche
        <pb n="39" />
        Parteiwesen  und  Richter.  Austritt  aus  dem  Staatsdienste.  15

 

Bürgschaft  für  die  Gewissenhaftigkeit  der  Entscheidung  liegt,  sosort
  verloren,  wenn  diese  durch  anonyme  Majoritäten  erfolgt  0.

Der  Geschäftsgang  in  beiden  Collegien,  in  Potsdam  wie  in
Aachen,  war  für  meine  Strebsamkeit  nicht  ermuthigend  gewesen.
Ich  fand  die  mir  zugewiesene  Beschäftigung  kleinlich  und  langweilig,
  und  meine  Arbeiten  auf  dem  Gebiete  der  Mahlsteuerprozesse
  und  der  Beitragspflicht  zum  Bau  des  Dammes  in  Rotzis
bei  Wusterhausen  haben  mir  kein  Heimweh  nach  meiner  damaligen
Thätigkeit  hinterlassen.  Dem  Ehrgeiz  der  Beamtenlaufbahn
entsagend,  erfüllte  ich  gern  den  Wunsch  meiner  Eltern,  in  die
festgefahrne  Bewirthschaftung  unsrer  pommerschen  Güter  einzutreten
  2).  Auf  dem  Lande  dachte  ich  zu  leben  und  zu  sterben,  nachdem
  ich  Erfolge  in  der  Landwirthschaft  erreicht  haben  würde,  vielleicht
  auch  im  Kriege,  wenn  es  einen  gäbe.  Soweit  mir  auf  dem
Lande  Ehrgeiz  verblieb,  war  es  der  des  Landwehr-Lieutenants  #5.

1)  Vgl.  dazu  G.  v.  Wilmowski,  Meine  Erinnerungen  an  Bismarck
(Breslau,  Ed.  Trewendt,  1900)  S.  181;  er  citirt  als  Aeußerung  Bismarcks
aus  dem  Nov.  1868:  „Ist  etwas  nicht  richtig,  so  ist  niemand  da,  der  verantwortlich
  ist  und  der  sich  zur  Verantwortlichkeit  unzweifelhaft  bekennen  muß.
Man  kann  keinen  fassen  und  wird  von  einer  unsichtbaren  Hand  geohrfeigt.“

2)  Vgl.  Brief  Bismarcks  an  Scharlach  vom  9.  Januar  1845  (Vom
jungen  Bismarck.  Weimar,  Alex.  Duncker  Verlag,  1912.  S.  87  f.):  „Ich  trat
darauf  bei  der  Regirung  in  Potsdam  in  Dienst,  suchte  mich  durch  Spiel
und  Trunk  zu  zerstreuen,  machte  unverhältnißmäßige  Schulden,  wurde
Militär,  um  meiner  Dienstpflicht  zu  genügen,  gerieth  in  üble  Zwiste
mit  meinem  Chef  und  ergriff  unter  diesen  Umständen  mit  Begierde  und
mit  der  frohen  Hoffnung,  die  ein  Ausweg  aus  einer  ruinirten  Stellung
in  neue  Verhältnisse  gewährt,  das  Anerbieten  meines  Vaters,  seine
hiesigen  Güter  zu  übernehmen,  die  groß,  stark  verschuldet  und  so  verwirthschaftet
  waren,  daß  sie  fraßen,  statt  einzubringen.“

?)  Bismarck  übernahm  die  väterlichen  Güter  Kniephof,  Külz  und
Jarchelin  zu  Ostern  1839,  wenn  er  auch  noch  —  als  beurlaubt  —  bis  zum
October  im  Staatsdienst  blieb;  nach  dem  Tode  seines  Vaters  (2.  Nov.  1845)
verlegte  er  seinen  Wohnsitz  nach  Schönhausen.  Noch  am  31.  Januar  1851
schrieb  er,  nachdem  er  den  Ministerposten  in  Anhalt-Bernburg  abgelehnt
hatte,  seiner  Gattin,  daß  er  nur  etwa  Landrath  in  Schönhausen,  Kniephof
  oder  Reinfelb  (Heimath  der  Frau  v.  Bismarck)  werden  wolle.
        <pb n="40" />
        16  Erstes  Kapitel:  Bis  zum  Ersten  Vereinigten  Landtage.

 

2.

Die  in  meiner  Kindheit  empfangnen  Eindrücke  waren  wenig
dazu  angethan,  mich  zu  verjunkern.  In  der  nach  Pestalozzischen
  und  Jahn'schen  Grundsätzen  eingerichteten  Plamann'schen
Erziehungsanstalt  war  das  „von“  vor  meinem  Namen  ein
Nachtheil  für  mein  kindliches  Behagen  im  Verkehre  mit  Mitschülern
  und  Lehrern.  Auch  auf  dem  Gymnasium  zum  Grauen
Kloster  habe  ich  einzelnen  Lehrern  gegenüber  unter  dem  Adelshasse
  zu  leiden  gehabt,  der  sich  in  einem  großen  Theile  des
gebildeten  Bürgerthums  als  Reminiscenz  aus  den  Zeiten  vor
1806  erhalten  hatte.  Aber  selbst  die  aggressive  Tendenz,  die
in  bürgerlichen  Kreisen  unter  Umständen  zum  Vorschein  kam,
hat  mich  niemals  zu  einem  Vorstoße  in  entgegengesetzter  Richtung
  veranlaßt  ).  Mein  Vater  war  vom  aristokratischen  Vorurtheile
  frei,  und  sein  innres  Gleichheitsgefühl  war,  wenn
überhaupt,  nur  durch  die  Offizierseindrücke  seiner  Jugend,
keineswegs  aber  durch  Ueberschätzung  des  Geburtsstandes  modificiert.
  Meine  Mutter  war  die  Tochter  des  in  den  damaligen
Hofkreisen  für  liberal  geltenden  Cabinetsraths  Friedrich's  des
Großen,  Friedrich  Wilhelm's  II.  und  III.  aus  der  Leipziger
Professorenfamilie  Mencken  2),  welche  in  ihren  letzten,  mir  vor-1)

  Vgl.  Rede  vom  24.  Oktober  1849,  Politische  Reden  des  Fürsten
O.  v.  Bismarck,  herausgeg.  von  Horst  Kohl  (J.  G.  Cotta'sche  Buchh.
Nachf.)  Bd.  I,  153:  „Ich  habe  die  hohe  Versammlung  um  Entschuldigung
zu  bitten,  daß  ich  im  Ganzen  mehr  pro  dowo  als  de  republica  gesprochen
habe,  indem  ich  mich  bemüht  habe,  einen  Stand,  dem  ich  die  Ehre  habe
anzugehören,  gegen  die  ungerechtfertigten  Angriffe  zu  vertheidigen,  deren
Ziel  er  in  den  letzten  Tagen  von  dieser  Tribüne  aus  gewesen  ist.  Ich
habe  mich  zu  dieser  Vertheidigung  in  dem  Grade  für  berechtigt
  gehalten,  als  ich  mir  bewußt  bin,  daß  ich  diesen
Stand  nie  durch  Anmaßung  oder  Geringschätzung  anderer
entehrt  habe."

2)  Anastasius  Ludwig  Menckeln),  geb.  2.  Aug.  1752,  gest.  5.  Aug.  1801,
war  Cabinetssecretär  unter  Friedrich  d.  Gr.,  Cabinetsrath  unter  den
beiden  folgenden  Königen.
        <pb n="41" />
        Vater  und  Mutter.  Bismarck  weder  „Junker“  noch  „Absolutist“.  17

 

hergehenden  Generationen  nach  Preußen  in  den  auswärtigen
und  den  Hofdienst  gerathen  war.  Der  Freiherr  vom  Stein
hat  meinen  Großvater  Mencken  als  einen  ehrlichen,  stark  liberalen
  Beamten  bezeichnet.  Unter  diesen  Umständen  waren  die
Auffassungen,  die  ich  mit  der  Muttermilch  einsog,  eher  liberal
als  reactionär,  und  meine  Mutter  würde,  wenn  sie  meine
ministerielle  Thätigkeit  erlebt  hätte,  mit  der  Richtung  derselben
kaum  einverstanden  gewesen  sein,  wenn  sie  auch  an  den  äußern
Erfolgen  meiner  amtlichen  Laufbahn  große  Freude  empfunden
haben  würde.  Sie  war  in  bürokratischen  und  Hofkreisen  groß
geworden;  Friedrich  Wilhelm  IV.  sprach  von  ihr  als  „Mienchen“
  im  Andenken  an  Kinderspiele.  Ich  darf  es  darnach  für
eine  ungerechte  Einschätzung  meiner  Auffassung  in  jüngern
Jahren  erklären,  wenn  mir  „die  Vorurtheile  meines  Standes“
angeheftet  werden  und  behauptet  wird,  daß  die  Erinnrung  an
Bevorrechtigung  des  Adels  der  Ausgangspunkt  meiner  innern
Politik  gewesen  wäre.

Auch  die  unumschränkte  Autorität  der  alten  preußischen
Königsmacht  war  und  ist  nicht  das  letzte  Wort  meiner  Ueberzeugung.
  Für  letztre  war  allerdings  auf  dem  Ersten  Vereinigten
  Landtage  diese  Autorität  des  Monarchen  staatsrechtlich
vorhanden,  aber  mit  dem  Wunsche  und  dem  Zukunftsgedanken,
daß  die  unumschränkte  Macht  des  Königs  selber  ohne  Ueberstürzung
  das  Maß  ihrer  Beschränkung  zu  bestimmen  habe.
Der  Absolutismus  bedarf  in  erster  Linie  Unparteilichkeit,  Ehrlichkeit,
  Pflichttreue,  Arbeitskraft  und  innre  Demuth  des  Regirenden;
  sind  sie  vorhanden,  so  werden  doch  männliche  oder
weibliche  Günstlinge,  im  besten  Falle  die  legitime  Frau,  die
eigne  Eitelkeit  und  Empfänglichkeit  für  Schmeicheleien  dem
Staate  die  Früchte  des  Königlichen  Wohlwollens  verkürzen,
da  der  Monarch  nicht  allwissend  ist  und  nicht  für  alle  Zweige
seiner  Aufgabe  gleiches  Verständniß  haben  kann.  Ich  bin  schon
1847  dafür  gewesen,  daß  die  Möglichkeit  öffentlicher  Kritik  der

Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  2
        <pb n="42" />
        18  Erstes  Kapitel:  Bis  zum  Ersten  Vereinigten  Landtage.

 

Regirung  im  Parlamente  und  in  der  Presse  erstrebt  werde,
um  den  Monarchen  vor  der  Gefahr  zu  behüten,  daß  Weiber,
Höflinge,  Streber  und  Phantasten  ihm  Scheuklappen  anlegten,
die  ihn  hinderten,  seine  monarchischen  Aufgaben  zu  übersehn
und  Mißgriffe  zu  vermeiden  oder  zu  corrigiren.  Diese  meine
Auffassung  hat  sich  um  so  schärfer  ausgeprägt,  je  nachdem  ich
mit  den  Hofkreisen  mehr  vertraut  wurde  und  gegen  ihre  Strömungen
  und  gegen  die  Opposition  des  Ressortpatriotismus  das
Staatsinteresse  zu  vertreten  hatte.  Letztres  allein  hat  mich
geleitet,  und  es  ist  eine  Verleumdung,  wenn  selbst  wohlwollende
Publizisten  mich  beschuldigen,  daß  ich  je  für  ein  Adelsregiment
eingetreten  sei.  Die  Geburt  hat  mir  niemals  als  Ersatz  für
Mangel  an  Tüchtigkeit  gegolten;  wenn  ich  für  den  Grundbesitz
eingetreten  bin,  so  habe  ich  das  nicht  im  Interesse  besitzender
Standesgenossen  gethan,  sondern  weil  ich  im  Verfall  der  Landwirthschaft
  eine  der  größten  Gefahren  für  unsern  staatlichen
Bestand  sehe.  Mir  hat  immer  als  Ideal  eine  monarchische
Gewalt  vorgeschwebt,  welche  durch  eine  unabhängige,  nach
meiner  Meinung  ständische  oder  berufsgenossenschaftliche  Landesvertretung
  soweit  controllirt  wäre,  daß  Monarch  oder  Parlament
  den  bestehenden  gesetzlichen  Rechtszustand  nicht  einseitig,
sondern  nur  communi  consensu  ündern  können,  bei  Oeffentlichkeit
  und  öffentlicher  Kritik  aller  staatlichen  Vorgänge  durch
Presse  und  Landtag  7.

Die  Ueberzeugung,  daß  der  uncontrollirte  Absolutismus,
wie  er  durch  Louis  XIV.  zuerst  in  Scene  gesetzt  wurde,  die

1)  Die  hier  und  an  andern  Stellen  des  Werkes  niedergelegten  Ansichten
  Bismarcks  über  Absolutismus,  Parlamentarismus,  Ministerstellung,
  Regirung  im  Innern  hat  Fürst  Bismarck  schon  als  leitender
Staatsmann  amtlich  und  auch  im  Privatverkehr  geäußert.  Ein  prinzipieller
  Gegner  des  Parlamentarismus  ist  Bismarck  nicht  gewesen,  wohl
aber  sah  er  eine  bloß  auf  Kammermehrheiten  gestützte  Regirung  für
ebenso  unmöglich  an  wie  den  monarchischen  Absolutismus,  vol.  Wilmowski,
  Meine  Erinnerungen  an  Bismarck.  S.  161  ff.
        <pb n="43" />
        Bismarcks  Verfassungsideal.  Abneigung  gegen  die  Bürokratie.  19

 

richtigste  Regirungsform  für  deutsche  Unterthanen  sei,  verliert
auch  der,  welcher  sie  hat,  durch  Specialstudien  in  den  Hofgeschichten
  und  durch  kritische  Beobachtungen,  wie  ich  sie  am
Hofe  des  von  mir  persönlich  geliebten  und  verehrten  Königs
Friedrich  Wilhelm's  IV.  zur  Zeit  Manteuffel's  anstellen  konnte.
Der  König  war  gläubiger,  gottberufner  Absolutist,  und  die
Minister  nach  Brandenburg  (waren)  in  der  Regel  zufrieden,  wenn
sie  durch  Königliche  Unterschrift  gedeckt  waren,  auch  wenn  sie
persönlich  den  Inhalt  des  Unterschriebenen  nicht  hätten  verantworten
  mögen.  Ich  erlebte  damals,  daß  ein  hoher  und  absolutistisch
  gesinnter  Hofbeamter  in  meiner  und  mehrer  seiner
Collegen  Gegenwart  auf  die  Nachricht  von  dem  Neuchsteler
Aufstand  der  Royalisten  )  in  einer  gewissen  Verblüffung  sagte:
„Das  ist  ein  Royalismus,  den  man  heut  zu  Tage  doch  nur
noch  sehr  fern  vom  Hofe  erlebt.“  Sarkasmen  lagen  sonst  nicht
in  der  Gewohnheit  dieses  alten  Herrn.

Wahrnehmungen,  welche  ich  auf  dem  Lande  über  Bestechlichkeit
  und  Chicane  von  Bezirksfeldwebeln  und  subalternen
Beamten  machte,  und  kleine  Conflicte,  in  welche  ich  als  Kreisdeputirter
  und  Stellvertreter  des  Landraths  mit  der  Regirung
in  Stettin  gerieth,  steigerten  meine  Abneigung  gegen  die  Herrschaft
  der  Bürokratie.  Von  diesen  Conflicten  mag  der  eine
erwähnt  sein.  Während  ich  den  beurlaubten  Landrath  vertrat,
erhielt  ich  von  der  Regirung  den  Auftrag,  den  Patron  von
Külz,  der  ich  selbst  war,  zur  Uebernahme  gewisser  Lasten  zu
bewegen.  Ich  ließ  den  Auftrag  liegen,  um  ihn  dem  Landrathe
bei  seiner  Rückkehr  zu  übergeben,  wurde  wiederholt  excitirt,
und  eine  Ordnungsstrafe  von  einem  Thaler  wurde  mir  durch
Postvorschuß  auferlegt.  Ich  setzte  nun  ein  Protokoll  auf,  in
welchem  ich  erstens  als  stellvertretender  Landrath,  zweitens  als
Patron  von  Külz  als  erschienen  aufgeführt  war.  Comparent

1)  In  der  Nacht  vom  2.  zum  3.  September  1856  unter  Führung  des
Grafen  Friedrich  v.  Pourtales.
        <pb n="44" />
        20  Erstes  Kapitel:  Bis  zum  Ersten  Vereinigten  Landtage.

 

machte  in  seiner  Eigenschaft  ad  1  sich  die  vorgeschriebene  Vorhaltung;
  entwickelte  dagegen  in  der  ad  2  die  Gründe,  aus
denen  er  die  Zumuthung  ablehnen  müsse;  worauf  das  Protokoll
von  ihm  doppelt  genehmigt  und  unterschrieben  wurde.  Die
Regirung  verstand  Scherz  und  ließ  mir  die  Ordnungsstrafe
zurückzahlen.  In  andern  Fällen  kam  es  zu  unangenehmern
Schraubereien.  Ich  wurde  zur  Kritik  geneigt,  also  „liberal“
in  dem  Sinne,  in  welchem  man  das  Wort  damals  in  Kreisen
von  Gutsbesitzern  anwandte  zur  Bezeichnung  der  Unzufriedenheit
  mit  der  Bürokratie,  die  ihrerseits  in  der  Mehrzahl  ihrer
Glieder  liberaler  als  ich  war,  aber  in  andrem  Sinne.

Aus  meiner  ständisch-liberalen  Stimmung,  für  die  ich  in
Pommern  kaum  Verständniß  und  Theilnahme,  in  Schönhausen
aber  die  Zustimmung  von  Kreisgenossen  wie  Graf  Wartensleben-Carow,
  Schierstädt-Dahlen  und  Andern  fand,  denselben
Elementen,  die  zum  Theil  zu  den  später  unter  der  neuen  Aera
gerichtlich  verurtheilten  Kirchen-Patronen  gehörten,  aus  dieser
Stimmung  wurde  ich  wieder  entgleist  durch  die  mir  unsympathische
  Art  der  Opposition  des  Ersten  Vereinigten  Landtags,
zu  dem  ich  erst  für  die  letzten  sechs  Wochen  der  Session  wegen
Erkrankung  des  Abgeordneten  von  Brauchitsch  als  dessen  Stellvertreter
  einberufen  wurde  ).  Die  Reden  der  Ostpreußen
Saucken-Tarputschen,  Alfred  Auerswald,  die  Sentimentalität
von  Beckerath,  der  rheinisch-französische  Liberalismus  von  Heydt
und  Mevissen  und  die  polternde  Heftigkeit  der  Vincke'schen
Reden  waren  mir  widerlich,  und  auch  wenn  ich  die  Verhandlungen
  heut  lese,  so  machen  sie  mir  den  Eindruck  von  importirter
  Phrasen-Schablone.  Ich  hatte  das  Gefühl,  daß  der  König
auf  dem  richtigen  Wege  sei  und  den  Anspruch  darauf  habe,  daß
man  ihm  Zeit  lasse  und  ihn  in  seiner  eignen  Entwicklung  schone.

1)  Vgl.  Fürst  Bismarck's  Briefe  an  seine  Braut  und  Gattin.  Herausgegeben

  vom  Fürsten  Herbert  Bismarck  (Stuttgart,  J.  G.  Cotta'sche
Buchhandlung  Nachfolger,  1000)  S.  84  f.
        <pb n="45" />
        Erster  Verein.  Landtag.  Rede  v.  17.  Mai  1847.  Friedr.  Wilhelm  IV.  21

 

Ich  gerieth  mit  der  Opposition  in  Conflict,  als  ich  das  erste
Mal  zu  längrer  Ausführung  das  Wort  nahm,  am  17.  Mai  1847,
indem  ich  die  Legende  bekämpfte,  daß  die  Preußen  1813  in
den  Krieg  gegangen  wären,  um  eine  Verfassung  zu  erlangen,
und  meiner  naturwüchsigen  Entrüstung  darüber  Ausdruck  gab,
daß  die  Fremdherrschaft  an  sich  kein  genügender  Grund  zum
Kampfe  gewesen  sein  solle  1).  Mir  schien  es  unwürdig,  daß
die  Nation  dafür,  daß  sie  sich  selbst  befreit  habe,  dem  Könige
eine  in  Verfassungsparagraphen  zahlbare  Rechnung  überreichen
wolle.  Meine  Ausführung  rief  einen  Sturm  hervor.  Ich
blieb  auf  der  Tribüne,  blätterte  in  einer  dort  liegenden  Zeitung
und  brachte,  nachdem  der  Lärm  sich  ausgetobt  hatte,  meine
Rede  zu  Ende.

Bei  den  Hoffestlichkeiten,  die  während  des  Vereinigten  Landtags
  stattfanden,  wurde  ich  von  dem  Könige  und  der  Prinzessin
von  Preußen  in  augenfälliger  Weise  gemieden,  jedoch  aus  verschiednen
  Gründen,  von  der  letztern,  weil  ich  weder  liberal
noch  populär  war,  von  dem  erstern  aus  einem  Grunde,  der
mir  erst  später  klar  wurde.  Wenn  er  bei  Empfang  der  Mitglieder
  vermied,  mit  mir  zu  sprechen,  wenn  er  im  Cercle,
nachdem  er  der  Reihe  nach  jeden  angeredet  hatte,  abbrach,  sobald
  er  an  mich  kam,  umkehrte  oder  quer  durch  den  Saal  ab-1)

  Die  politischen  Reden  des  Fürsten  Bismarck  (Stuttgart  und  Berlin,
J.  G.  Cotta'sche  Buchhandlung  Nachfolger)  Bd.  1  9  (vgl.  Bd.  XIV  3),  vgl.
auch  Brief  an  Frl.  v.  Puttkamer  vom  18.  Mai  1847:  „Ich  .  erregte
gestern  einen  unerhörten  Sturm  des  Mißfallens,  indem  ich  durch  eine
nicht  deutlich  genug  gefaßte  Aeußerung  über  die  Natur  der  Volksbewegung
  von  1813  die  mißverstandne  Eitelkeit  vieler  von  der  eignen
Partei  verletzte  und  natürlich  das  ganze  Halloh  der  Opposition  gegen
mich  hatte.  Die  Erbitterung  war  groß,  vielleicht  grade,  weil  ich  die
Wahrheit  sagte,  indem  ich  auf  1813  den  Satz  anwandte,  daß  Jemand
(das  preußische  Volk),  der  von  einem  andern  (den  Franzosen)  so  lange
geprügelt  wird,  bis  er  sich  wehrt,  sich  daraus  kein  Verdienst  gegen  einen
Dritten  (unsern  König)  machen  kann.“  Weiter  ist  zu  vgl.  v.  Keudell,
Fürst  und  Fürstin  Bismarck  (Berlin  1901)  S.  ff.
        <pb n="46" />
        22  Erstes  Kapitel:  Bis  zum  Ersten  Vereinigten  Landtage.

 

schwenkte:  so  glaubte  ich  annehmen  zu  müssen,  daß  meine  Haltung
  als  royalistischer  Heißsporn  die  Grenzen  überschritt,  die
er  sich  gesteckt  hatte.  Daß  diese  Auslegung  unrichtig,  erkannte
ich  erst  einige  Monate  später,  als  ich  auf  meiner  Hochzeitsreise
Venedig  berührte  ).  Der  König,  der  mich  im  Theater  erkannt
hatte:),  befahl  mich  folgenden  Tagss)  zur  Audienz  und  zur  Tafel,
mir  so  unerwartet,  daß  mein  leichtes  Reisegepäck  und  die  Unfähigkeit
  der  Schneider  des  Ortes  mir  nicht  die  Möglichkeit
gewährten,  in  correctem  Anzuge  zu  erscheinen.  Mein  Empfang
war  ein  so  wohlwollender"!)  und  die  Unterhaltung  auch  auf
politischem  Gebiete  derart,  daß  ich  eine  aufmunternde  Billigung
meiner  Haltung  im  Landtage  daraus  entnehmen  konnte.  Der
König  befahl  mir,  mich  im  Laufe  des  Winters  bei  ihm  zu
melden,  was  geschah.  Bei  dieser  Gelegenheit  und  bei  kleinern
Diners  im  Schlosse  überzeugte  ich  mich,  daß  ich  bei  beiden
allerhöchsten  Herrschaften  in  voller  Gnade  stand  und  daß  der
König,  wenn  er  zur  Zeit  der  Landtagssitzungen  vermieden
hatte,  öffentlich  mit  mir  zu  reden,  damit  nicht  eine  Kritik  meines
politischen  Verhaltens  geben,  sondern  nur  seine  Billigung  den
Andern  zur  Zeit  nicht  zeigen  wollte.

1)  Die  Vermählung  Bismarcks  mit  Frl.  Johanna  v.  Puttkamer  erfolgte
  am  28.  Juli  1847;  seit  dem  6.  September  1847  weilten  die  Neuvermählten
  in  Venedig,  das  sie  am  9.  September  verließen.

2)  6.  September  1847.

2)  7.  September  1847.

1)  Vgl.  Brief  Bismarcks  an  seinen  Bruder  Bernhard  vom  10.  September
  1847,  Bismarckbriefe,  herausg.  von  Horst  Kohl  (8.  Aufl.)  S.  ö1.
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        Zweites  Kapitel.
Das  Jahr  1848.

1.

Die  erste  Kunde  von  den  Ereignissen  des  18.  und  19.  März
1848  erhielt  ich  im  Hause  meines  Gutsnachbarn,  des  Grafen
von  Wartensleben  auf  Carow,  zu  dem  sich  Berliner  Damen
geflüchtet  hatten.  Für  die  politische  Tragweite  der  Vorgänge
war  ich  im  ersten  Augenblick  nicht  so  empfänglich  wie  für  die
Erbitterung  über  die  Ermordung  unfrer  Soldaten  in  den
Straßen.  Politisch,  dachte  ich,  würde  der  König  bald  Herr
der  Sache  werden,  wenn  er  nur  frei  wäre;  ich  sah  die  nächste
Aufgabe  in  der  Befreiung  des  Königs,  der  in  der  Gewalt  der
Aufständischen  sein  sollte.

Am  20.  meldeten  mir  die  Bauern  in  Schönhausen,  es  seien
Deputirte  aus  dem  dreiviertel  Meilen  entfsernten  Tangermünde
angekommen,  mit  der  Aufforderung,  wie  in  der  genannten
Stadt  geschehn  war,  auf  dem  Thurme  die  schwarz-roth-goldne
Fahne  aufzuziehn,  und  mit  der  Drohung,  im  Weigerungsfalle
mit  Verstärkung  wiederzukommen.  Ich  fragte  die  Bauern,  ob
sie  sich  wehren  wollten:  sie  antworteten  mit  einem  einstimmigen
und  lebhaften  „Ja“,  und  ich  empfahl  ihnen,  die  Städter  aus
dem  Dorfe  zu  treiben,  was  unter  eifriger  Betheiligung  der
Weiber  besorgt  wurde.  Ich  ließ  dann  eine  in  der  Kirche  vorhandne
  weiße  Fahne  mit  schwarzem  Kreuz,  in  Form  des  eisernen,
  auf  dem  Thurme  aufziehn  und  ermittelte,  was  an  Gewehren
  und  Schießbedarf  im  Dorfe  vorhanden  war,  wobei
        <pb n="48" />
        24  Zweites  Kapitel:  Das  Jahr  1848.

 

etwa  fünfzig  bäuerliche  Jagdgewehre  zum  Vorschein  kamen.
Ich  selbst  besaß  mit  Einrechnung  der  alterthümlichen  einige
zwanzig  und  ließ  Pulver  durch  reitende  Boten  von  Jerichow
und  Rathenow  holen.

Dann  fuhr  ich  mit  meiner  Frau  auf  umliegende  Dörfer
und  fand  die  Bauern  eifrig  bereit,  dem  Könige  nach  Berlin
zu  Hülfe  zu  ziehn,  besonders  begeistert  einen  alten  Deichschulzen
Krause  in  Neuermark,  der  in  meines  Vaters  Regiment  „Carabiniers“
  Wachtmeister  gewesen  war.  Nur  mein  nächster  Nachbar
sympathisirte  mit  der  Berliner  Bewegung,  warf  mir  vor,  eine
Brandfackel  in  das  Land  zu  schleudern,  und  erklärte,  wenn  die
Bauern  sich  wirklich  zum  Abmarsch  anschicken  sollten,  so  werde
er  auftreten  und  abwiegeln.  Ich  erwiderte:  „Sie  kennen  mich
als  einen  ruhigen  Mann,  aber  wenn  Sie  das  thun,  so  schieße
ich  Sie  nieder.“  —  „Das  werden  Sie  nicht,“  meinte  er.  —
„Ich  gebe  mein  Ehrenwort  darauf,“  versetzte  ich,  „und  Sie
wissen,  daß  ich  das  halte,  also  lassen  Sie  das.“

Ich  fuhr  zunächst  allein  nach  Potsdam,  wo  ich  am  Bahnhofe
  Herrn  von  Bodelschwingh  sah,  der  bis  zum  19.  Minister
des  Innern  gewesen  war.  Es  war  ihm  offenbar  unerwünscht,
im  Gespräch  mit  mir,  dem  „Reactionär“,  gesehn  zu  werden;
er  erwiderte  meine  Begrüßung  mit  den  Worten:  „Ne  me
parlez  pas.“  —  „Les  paysans  se  levent  chez  nous,“"  erwiderte
ich.  „Pour  le  Roi?  —  „Oui.“  —  „Dieser  Seiltänzer,“  sagte
er,  die  Hände  auf  die  thränenden  Augen  drückend.  In  der
Stadt  fand  ich  auf  der  Plantage  an  der  Garnisonkirche  ein
Bivouak  der  Garde-Infanterie;  ich  sprach  mit  den  Leuten  und
fand  Erbitterung  über  den  befohlnen  Rückzug  und  Verlangen
nach  neuem  Kampfe.  Auf  dem  Rückwege  längs  des  Kanals
folgten  mir  spionartige  Civilisten,  welche  Verkehr  mit  der
Truppe  gesucht  hatten  und  drohende  Reden  gegen  mich  führten.
Ich  hatte  vier  Schuß  in  der  Tasche,  bedurfte  ihrer  aber  nicht.
Ich  stieg  bei  meinem  Freunde  Roon  ab,  der  als  Mentor  des
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        Bismarck  in  Potsdam:  v.  Bodelschwingh  und  Prittwitz.  25

Prinzen  Friedrich  Karl  einige  Zimmer  in  dem  Stadtschlosse
bewohnte,  und  besuchte  im  „Deutschen  Hause“  den  General
von  Möllendorf,  noch  steif  von  den  Mißhandlungen,  die  er
erlitten,  als  er  mit  den  Aufständischen  unterhandelte,  und
General  von  Prittwitz,  der  in  Berlin  commandirt  hatte.  Ich
schilderte  ihnen  die  Stimmung  des  Landvolks,  sie  gaben  mir
dagegen  Einzelheiten  über  die  Vorgänge  bis  zum  19.  Morgens.
Was  sie  zu  berichten  hatten  und  was  an  spätern  Nachrichten
aus  Berlin  hergelangt  war,  konnte  mich  nur  in  dem  Glauben
bestärken,  daß  der  König  nicht  frei  sei.

Prittwitz,  der  älter  als  ich  war  und  ruhiger  urtheilte,  sagte:
„Schicken  Sie  uns  keine  Bauern,  wir  brauchen  sie  nicht,  haben
Soldaten  genug;  schicken  Sie  uns  lieber  Kartoffeln  und  Korn,
vielleicht  auch  Geld,  denn  ich  weiß  nicht,  ob  für  die  Verpflegung
und  Löhnung  der  Truppen  ausreichend  gesorgt  werden  wird.
Wenn  Zuzug  käme,  würde  ich  aus  Berlin  den  Befehl  erhalten
und  ausführen  müssen,  denselben  zurückzuschlagen.“  —  „So
holen  Sie  den  König  heraus!“  sagte  ich.  Er  erwiderte:  „Das
würde  keine  große  Schwierigkeit  haben;  ich  bin  stark  genug,
Berlin  zu  nehmen,  aber  dann  haben  wir  wieder  Gesecht;  was
können  wir  thun,  nachdem  der  König  uns  befohlen  hat,  die
Rolle  des  Besiegten  anzunehmen?  Ohne  Befehl  kann  ich  nicht
angreifen.“

Bei  diesem  Zustand  der  Dinge  kam  ich  auf  den  Gedanken,
einen  Befehl  zum  Handeln,  der  von  dem  unfreien  Könige  nicht
zu  erwarten  war,  von  einer  andern  Seite  zu  beschaffen,  und
suchte  zu  dem  Prinzen  von  Preußen  zu  gelangen.  An  die
Prinzessin  verwiesen,  deren  Einwilligung  dazu  nöthig  sei,  ließ
ich  mich  bei  ihr  melden,  um  den  Aufenthalt  ihres  Gemals  zu
erfahren  (der,  wie  ich  später  erfuhr,  auf  der  Pfaueninsel  war).
Sie  empfing  mich  in  einem  Dienerzimmer  im  Entresol,  auf
einem  sichtnen  Stuhle  sitzend,  verweigerte  die  erbetne  Auskunft
und  erklärte  in  lebhafter  Erregung,  daß  es  ihre  Pflicht  sei,
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        26  Zweites  Kapitel:  Das  Jahr  1848.

 

die  Rechte  ihres  Sohnes  zu  wahren  ½.  Was  sie  sagte,  beruhte
auf  der  Voraussetzung,  daß  der  König  und  ihr  Gemal  sich  nicht
halten  könnten,  und  ließ  auf  den  Gedanken  schließen,  während  der
Minderjährigkeit  ihres  Sohnes  die  Regentschaft  zu  führen.  Um
für  diesen  Zweck  die  Mitwirkung  der  Rechten  in  den  Kammern
zu  gewinnen,  sind  mir  formelle  Eröffnungen  durch  Georg  von
Vincke  gemacht  worden:).  Da  ich  zum  Prinzen  von  Preußen
nicht  gelangen  konnte,  machte  ich  einen  Versuch  mit  dem  Prinzen
Friedrich  Karl,  stellte  ihm  vor,  wie  nöthig  es  sei,  daß  das  Königshaus
  Fühlung  mit  der  Armee  behalte,  und  wenn  Se.  Mojestät
unfrei  sei,  auch  ohne  Befehl  des  Königs  für  die  Sache  desselben
handle.  Er  erwiderte  in  lebhafter  Gemüthsbewegung,  so  sehr
ihm  mein  Gedanke  zusage,  so  fühle  er  sich  doch  zu  jung,  ihn  auszuführen,
  und  könne  dem  Beispiel  der  Studenten,  die  sich  in  die
Politik  mischten,  nicht  folgen,  er  sei  auch  nicht  älter  als  die.  Ich
entschloß  mich  dann  zu  dem  Versuche,  zu  dem  Könige  zu  gelangen.

Prinz  Karl  gab  mir  im  Potsdamer  Schlosse  als  Legitimation
  und  Paß  das  nachstehende  offne  Schreiben:

Ueberbringer  —  mir  wohlbekannt  —  hat  den  Auftrag,  sich
bei  Sr.  Majestät  meinem  Allergnädigsten  Bruder  persönlich
nach  Höchstdessen  Gesundheit  zu  erkundigen  und  mir  Nachricht
zu  bringen,  aus  welchem  Grunde  mir  seit  30  Stunden  auf
meine  wiederholten  eigenh.  Anfragen  „ob  ich  nicht  nach  Berlin
kommen  dürfe“  keine  Antwort  ward.

Potsdam  21.  Maerz  1848

1  Uhr  N.  M.
Carl  Prinz  v.  Preußen.

1)  Die  Prinzessin  Augusta  war  nach  den  Ereignissen  des  18.  März
am  Morgen  des  19.  mit  ihrem  Gemal  über  Spandau  nach  der  Pfaueninsel
  geflohen.  Dort  trennten  sich  die  Gatten  am  22.  März;  die  Prinzessin
  begab  sich  nach  Potsdam  und  bezog  mit  ihren  Kindern  das  Stadtschloß.
  Die  Unterredung  Bismarcks  mit  der  Prinzessin  Augusta  kann
also  vor  dem  23.  März  nicht  stattgefunden  haben.

2)  S.  u.  S.  41f.
        <pb n="51" />
        Bei  der  Prinzessin  Augusta.  Versuch  zum  König  zu  gelangen.  27

 

Ich  fuhr  nach  Berlin.  Vom  Vereinigten  Landtage  her
vielen  Leuten  von  Ansehn  bekannt,  hatte  ich  für  rathsam  gehalten,
  meinen  Bart  abzuscheeren  und  einen  breiten  Hut  mit
bunter  Kokarde  aufzusetzen.  Wegen  der  gehofften  Audienz  war
ich  im  Frack.  Am  Ausgange  des  Bahnhofes  war  eine  Schüssel
mit  einer  Aufforderung  zu  Spenden  für  die  Barrikadenkämpfer
aufgestellt,  daneben  ein  baumlanger  Bürgerwehrmann  mit  der
Muskete  auf  der  Schulter.  Ein  Vetter  von  mir  ,  mit  dem
ich  beim  Aussteigen  zusammengetroffen  war,  zog  die  Börse.
„Du  wirst  doch  für  die  Mörder  nichts  geben,“  sagte  ich,  und
auf  einen  warnenden  Blick,  den  er  mir  zuwarf,  „und  Dich  vor
dem  Kuhsuß  nicht  fürchten?"  Ich  hatte  in  dem  Posten  schon
den  mir  befreundeten  Kammergerichtsrath  Meier  erkannt,  der
sich  auf  den  „Kuhfuß“  zornig  umwandte  und  dann  ausrief:
„I  Jotte  doch,  Bismarck!  wie  sehn  Sie  aus!  Schöne  Schweinerei
  hier!“

Die  Bürgerwache  im  Schlosse  fragte  mich,  was  ich  dort
wolle.  Auf  meine  Antwort,  ich  hätte  einen  Brief  des  Prinzen
Karl  an  den  König  abzugeben,  sagte  der  Posten,  mich  mit  mißtrauischen
  Blicken  betrachtend,  das  könne  nicht  sein;  der  Prinz
befinde  sich  eben  beim  Könige.  Erstrer  mußte  also  noch  vor
mir  von  Potsdam  abgereist  sein.  Die  Wache  verlangte  den
Brief  zu  sehn,  den  ich  hätte;  ich  zeigte  ihn,  da  er  offen  und
der  Inhalt  unverfänglich  war,  und  man  ließ  mich  gehn,  aber
nicht  in's  Schloß.  Im  Gasthof  Meinhard,  parterre,  lag  ein
mir  bekannter  Arzt  im  Fenster,  zu  dem  ich  eintrat.  Dort  schrieb
ich  dem  Könige,  was  ich  ihm  zu  sagen  beabsichtigt  hatte.  Ich
ging  mit  dem  Briefe  zum  Fürsten  Boguslaw  Radziwill,  der
freien  Verkehr  hatte  und  ihn  dem  Könige  übergeben  konnte.
Es  stand  darin  u.  A.,  die  Revolution  beschränke  sich  auf  die
großen  Städte  und  der  König  sei  Herr  im  Lande,  sobald  er

1)  v.  Bismarck-Briest.
        <pb n="52" />
        28  Zweites  Kapitel:  Das  Jahr  1848.

 

Berlin  verlasse.  Der  König  antwortete  nicht,  hat  mir  aber
später  gesagt,  er  habe  den  auf  schlechtem  Papier  schlecht  geschriebenen
  Brief  als  das  erste  Zeichen  von  Sympathie,  das
er  damals  erhalten,  sorgfältig  aufbewahrt.

Auf  meinen  Gängen  durch  die  Straßen,  um  die  Spuren
des  Kampfes  anzusehn,  raunte  ein  Unbekannter  mir  zu:  „Wissen
Sie,  daß  Sie  verfolgt  werden?"  Ein  andrer  Unbekannter
flüsterte  mir  unter  den  Linden  zu:  „Kommen  Sie  mit“;  ich
folgte  ihm  in  die  Kleine  Mauerstraße,  wo  er  sagte:  „Reisen
Sie  ab,  oder  Sie  werden  verhaftet.“  „Kennen  Sie  mich?“
fragte  ich.  „Ja,“  antwortete  er,  „Sie  sind  Herr  von  Bismarck.“
Von  welcher  Seite  mir  die  Gefahr  drohn  sollte,  von  welcher
die  Warnung  kam,  habe  ich  nie  erfahren.  Der  Unbekannte  verließ
  mich  schnell.  Ein  Straßenjunge  rief  mir  nach:  „Kiek,  dat  is
och  en  Franzos,“  eine  Aeußerung,  an  die  ich  durch  manche
spätre  Ermittlung  erinnert  worden  bin.  Mein  allein  unrasirter
langer  Kinnbart,  der  Schlapphut  und  Frack  hatten  dem  Jungen
einen  exotischen  Eindruck  gemacht.  Die  Straßen  waren  leer,
kein  Wagen  sichtbar;  zu  Fuß  nur  einige  Trupps  in  Blusen  und
mit  Fahnen,  deren  einer  in  der  Friedrichstraße  einen  lorbeerbekränzten
  Barrikadenhelden  zu  irgend  welcher  Ovation  geleitete.

Nicht  wegen  der  Warnung,  sondern  weil  ich  in  Berlin  keinen
Boden  für  eine  Thätigkeit  fand,  kehrte  ich  an  demselben  Tage
nach  Potsdam  zurück  und  besprach  mit  den  beiden  Generalen
Möllendorf  und  Prittwitz  noch  einmal  die  Möglichkeit  eines
selbständigen  Handelns.  „Wie  sollen  wir  das  anfangen?“  sagte
Prittwitz.  Ich  klimperte  auf  dem  geöffneten  Klavier,  neben
dem  ich  saß,  den  Infanteriemarsch  zum  Angriff.  Möllendorf
siel  mir  in  Thränen  und  vor  Wundschmerzen  steif  um  den  Hals
und  rief:  „Wenn  Sie  uns  das  besorgen  könnten!“  „Kann  ich
nicht,“  erwiderte  ich;  „aber  wenn  Sie  es  ohne  Befehl  thun,
was  kann  Ihnen  denn  geschehn?  Das  Land  wird  Ihnen
danken  und  der  König  schließlich  auch.“  Prittwitz:  „Können
        <pb n="53" />
        In  den  Straßen  v.  Berlin.  In  Magdeburg  b.  General  Hedemann.  29

 

Sie  mir  Gewißheit  schaffen,  ob  Wrangel  und  Hedemann  mitgehn
  werden?  wir  können  zur  Insubordination  nicht  noch  Zwist
in  die  Armee  bringen.“  Ich  versprach  das  zu  ermitteln,  selbst
nach  Magdeburg  zu  gehn  und  einen  Vertrauten  nach  Stettin  zu
schicken,  um  die  beiden  kommandirenden  Generale  zu  sondiren.
Von  Stettin  kam  der  Bescheid  des  Generals  von  Wrangel:
„Was  Prittwitz  thut,  thue  ich  auch.“  Ich  selbst  war  in  Magdeburg
  weniger  glücklich.  Ich  gelangte  zunächst  nur  an  den  Adjutanten
  des  Generals  von  Hedemann,  einen  jungen  Major,
dem  ich  mich  eröffnete  und  der  mir  seine  Sympathie  ausdrückte.
Nach  kurzer  Zeit  aber  kam  er  zu  mir  in  den  Gasthof  und  bat
mich,  sofort  abzureisen,  um  mir  eine  Unannehmlichkeit  und  dem
alten  General  eine  Lächerlichkeit  zu  ersparen;  derselbe  beabsichtige,
mich  als  Hochverräther  festnehmen  zu  lassen.  Der  damalige
Oberpräsident  von  Bonin,  die  höchste  politische  Autorität  der
Provinz,  hatte  eine  Proclamation  erlassen  des  Inhalts:  „In
Berlin  ist  eine  Revolution  ausgebrochen;  ich  werde  eine  Stellung
über  den  Parteien  nehmen.“  Diese  „Stütze  des  Thrones“  war
später  Minister  und  Inhaber  hoher  und  einflußreicher  Aemter.
General  Hedemann  gehörte  dem  Humboldt'schen  Kreise  an  y.

Nach  Schönhausen  zurückgekehrt,  suchte  ich  den  Bauern  begreiflich
  zu  machen,  daß  der  bewaffnete  Zug  nach  Berlin  nicht
thunlich  sei,  gerieth  aber  dadurch  in  den  Verdacht,  in  Berlin
von  dem  revolutionären  Schwindel  angesteckt  zu  sein.  Ich
machte  ihnen  daher  den  Vorschlag,  der  angenommen  wurde,
daß  Deputirte  aus  Schönhausen  und  andern  Dörfern  mit  mir
nach  Potsdam  reisen  sollten,  um  selbst  zu  sehn  und  den  General
von  Prittwitz,  vielleicht  den  Prinzen  von  Preußen  zu  sprechen.
Als  wir  am  25.  den  Bahnhof  von  Potsdam  erreichten,  war  der
König  eben  dort  eingetroffen  und  von  einer  großen  Menschenmenge
  in  wohlwollender  Stimmung  empfangen  worden.  Ich

1)  Er  war  Schwiegersohn  Wilhelms  v.  Humboldt.
        <pb n="54" />
        30  Zweites  Kapitel:  Das  Jahr  1848.

 

sagte  meinen  bäuerlichen  Begleitern:  „Da  ist  der  König,  ich
werde  Euch  ihm  vorstellen,  sprecht  mit  ihm.“  Das  lehnten  sie
aber  ängstlich  ab  und  verzogen  sich  schnell  in  die  hintersten
Reihen.  Ich  begrüßte  den  König  ehrfurchtsvoll,  er  dankte,
ohne  mich  zu  erkennen,  und  fuhr  nach  dem  Schlosse.  Ich  folgte
ihm  und  hörte  dort  die  Anrede,  welche  er  im  Marmorsaale
an  die  Offiziere  des  Gardecorps  richtete  ).  Bei  den  Worten:
„Ich  bin  niemals  freier  und  sichrer  gewesen  als  unter  dem
Schutze  meiner  Bürger"“  erhob  sich  ein  Murren  und  Ausfstoßen
von  Säbelscheiden,  wie  es  ein  König  von  Preußen  in  Mitten
seiner  Offiziere  nie  gehört  haben  wird  und  hoffentlich  nie  wieder
hören  wird  #c).

Mit  verwundetem  Gefühl  kehrte  ich  nach  Schönhausen  zurück.

Die  Erinnrung  an  das  Gespräch,  welches  ich  in  Potsdam
mit  dem  General-Lieutenant  von  Prittwitz  gehabt  hatte,  veranlaßte
  mich,  im  Mai  folgendes,  von  meinen  Freunden  in  der
Schönhauser  Gegend  mitunterzeichnetes  Schreiben  an  ihn  zu
richten:

„Jeder,  dem  ein  preußisches  Herz  in  der  Brust  schlägt,  hat
gewiß  gleich  uns  Unterzeichneten  mit  Entrüstung  die  Angriffe
der  Presse  gelesen,  welchen  in  den  ersten  Wochen  nach  dem
19.  März  die  Königlichen  Truppen  zum  Lohn  dafür  ausgesetzt
waren,  daß  sie  ihre  Pflicht  im  Kampfe  treu  erfüllt  und  auf
ihrem  befohlnen  Rückzuge  ein  unübertroffnes  Beispiel  militärischer
  Disciplin  und  Selbstverleugnung  gegeben  hatten.  Wenn
die  Presse  seit  einiger  Zeit  eine  schicklichere  Haltung  beobachtet,

X)  Die  meiner  Erinnrung  und  sich  unter  einander  widersprechenden
Berichte  der  Allgemeinen  Preußischen,  der  Vossischen  und  der  Schlesischen
  Zeitung  liegen  mir  vor.  (Wolff,  Berliner  Revolutions-Chronik
Band  1  424.)

1)  Sie  findet  sich  nach  den  Aufzeichnungen  eines  Offiziers  in  den
Denkwürdigkeiten  aus  dem  Leben  Leopold's  von  Gerlach.  (Berlin  1891.)
1  148  f.;  vgl.  Prinz  Kraft  zu  Hohenlohe-Ingelfingen,  Aus  meinem  Leben
(Berlin.  E.  S.  Mittler  und  Sohn).  1897.  I1  68f.
        <pb n="55" />
        Die  Schönhauser  Bauern  in  Potsdam.  Schreiben  an  Prittwitz.  31

 

so  liegt  der  Grund  davon  bei  der  dieselbe  beherrschenden  Partei
weniger  in  einer  ihr  seither  gewordnen  richtigen  Erkenntniß
des  Sachverhältnisses  als  darin,  daß  die  schnelle  Bewegung
der  neuern  Ereignisse  den  Eindruck  der  ältern  in  den  Hintergrund
  drängt  und  man  sich  das  Ansehn  giebt,  den  Truppen
wegen  ihrer  neuesten  Thaten  3#)  die  frühern  verzeihn  zu  wollen.
Sogar  bei  dem  Landvolk,  welches  die  ersten  Nachrichten  von
den  Berliner  Ereignissen  mit  kaum  zu  zügelnder  Erbitterung
aufnahm,  fangen  die  Entstellungen  an  Consistenz  zu  gewinnen,
welche  von  allen  Seiten  und  ohne  irgend  erheblichen  Widerspruch,
  theils  durch  die  Presse,  theils  durch  die  bei  Gelegenheit
der  Wahlen  das  Volk  bearbeitenden  Emissäre  verbreitet  worden
sind,  so  daß  die  wohlgesinnten  Leute  unter  dem  Landvolk  bereits
  glauben,  es  könne  doch  nicht  ohne  allen  Grund  sein,  daß
der  Berliner  Straßenkampf  von  den  Truppen,  mit  oder  ohne
Wissen  und  Willen  des  vielverleumdeten  Thronerben,  vorbedachter
  Weise  herbeigeführt  sei,  um  dem  Volke  die  Concessionen,
welche  der  König  gemacht  hatte,  zu  entreißen.  An  eine  Vorbereitung
  auf  der  andern  Seite,  an  eine  systematische  Bearbeitung
  des  Volkes,  will  kaum  einer  mehr  glauben.  Wir  fürchten,
daß  diese  Lüge,  wenigstens  im  Bewußtsein  der  untern  Volksschichten,
  auf  lange  Zeit  hin  zu  Geschichte  werde,  wenn  ihr
nicht  durch  ausführliche,  mit  Beweisen  belegte  Darstellungen
des  wahren  Hergangs  der  Sache  entgegengetreten  wird,  und
zwar  sobald  als  möglich,  da  bei  dem  außer  aller  Berechnung
liegenden  Lauf  der  Zeit  heut  und  morgen  neue  Ereignisse  eintreten
  könnten,  welche  die  Aufmerksamkeit  des  Publikums  durch
ihre  Wichtigkeit  dergestalt  in  Anspruch  nähmen,  daß  Erklärungen
über  die  Vergangenheit  keinen  Anklang  mehr  fänden.

Es  würde  unfrer  Meinung  nach  von  dem  erheblichsten  Einfluß
  auf  die  politischen  Ansichten  der  Bevölkerung  sein,  wenn

X)  Am  23.  April  hatten  sie  Schleswig  besetzt.
        <pb n="56" />
        32  Zweites  Kapitel:  Das  Jahr  1848.

 

sie  über  die  unlautre  Quelle  der  Berliner  Bewegung  einigermaßen
  aufgeklärt  werden  könnte,  sowie  darüber,  daß  der  Kampf
der  Märzhelden  zur  Erreichung  des  vorgeschützten  Zweckes,
nämlich  der  Vertheidigung  der  von  Sr.  Majestät  versprochnen
constitutionellen  Institutionen,  ein  unnöthiger  war.  Ew.  Excellenz
  als  Befehlshaber  der  ruhmwürdigen  Truppen,  welche  bei
jenen  Ereignissen  thätig  waren,  sind  unfres  Erachtens  vorzugsweise
  berufen  und  im  Stande,  die  Wahrheit  über  dieselben
auf  überzeugende  Weise  ans  Licht  zu  bringen.  Die  Ueberzeugung,
  wie  wichtig  dies  für  unser  Vaterland  sein  und  wie
sehr  der  Ruhm  der  Armee  dabei  gewinnen  würde,  muß  uns
zur  Entschuldigung  dienen,  wenn  wir  bei  Ew.  Excellenz  so
dringend  als  ehrerbietig  bitten,  eine,  insoweit  die  dienstlichen
Rücksichten  es  gestatten,  genaue  und  mit  Beweisstücken  versehne
  Darstellung  der  Berliner  Ereignisse  vom  militärischen
Standpunkt  so  bald  als  möglich  der  Oeffentlichkeit  übergeben
zu  lassen  ½.“

Der  General  von  Prittwitz  ist  auf  diese  Anregung  nicht
eingegangen.  Erst  am  18.  März  1891  hat  der  General-Lieutenant
  z.  D.  von  Meyerinck  in  dem  Beiheft  des  „Militär-Wochenblatts“
  eine  Darstellung  zu  dem  von  mir  bezeichneten  Zwecke
geliefert?),  leider  so  spät,  daß  grade  die  wichtigsten  Zeugen,
namentlich  die  Flügeladjutanten  Edwin  von  Manteuffel  und
Graf  Oriola,  inzwischen  verstorben  waren.

Als  Beitrag  zu  der  Geschichte  der  Märztage  seien  hier  Gespräche
  aufgezeichnet,  welche  ich  einige  Wochen  danach  mit  Personen
  hatte,  die  mich,  den  sie  als  Vertrauensmann  der  Conservativen
  betrachteten,  aufsuchten,  die  einen,  um  sich  über  ihr
Verhalten  vor  und  an  dem  18.  März  rechtfertigend  auszusprechen,
  die  andern,  um  mir  die  gemachten  Wahrnehmungen
mitzutheilen.  Der  Polizeipräsident  von  Minutoli  beklagte  sich

1)  Bismarck-Jahrbuch  VI  8  ff.
2)  Neu  herausgegeben  in  Voigtländers  Quellenbüchern  (1912)  No.  7.
        <pb n="57" />
        Aus  Gesprächen  mit  Minutoli  und  Prittwitz.  33

 

dabei,  daß  ihm  der  Vorwurf  gemacht  werde,  er  habe  den  Aufstand
  vorausgesehn  und  nichts  zur  Verhinderung  desselben  gethan,
  und  bestritt,  daß  irgend  welche  auffallende  Symptome
zu  seiner  Kenntniß  gekommen  wären.  Auf  meine  Entgegnung,
mir  sei  in  Genthin  von  Augenzeugen  gesagt  worden,  daß  während
  der  Tage  vor  dem  18.  März  fremdländisch  aussehende
Männer,  meistens  polnisch  sprechend,  einige  offen  Waffen  mit
sich  führend,  die  andern  mit  schweren  Gepäckstücken,  in  der  Richtung
  nach  Berlin  passirt  wären,  erzählte  Minutoli,  der  Minister
von  Bodelschwingh  habe  ihn  Mitte  März  kommen  lassen  und
Besorgniß  über  die  herrschende  Gährung  geäußert;  darauf  habe
er  denselben  in  eine  Versammlung  vor  den  Zelten  geführt.
Nachdem  Bodelschwingh  die  dort  gehaltnen  Reden  angehört,
habe  er  gesagt:  „Die  Leute  sprechen  ja  ganz  verständig,  ich
danke  Ihnen,  Sie  haben  mich  vor  einer  Thorheit  bewahrt.“
Bedenklich  für  die  Beurtheilung  Minutoli's  war  seine  Popularität
  in  den  nächsten  Tagen  nach  dem  Straßenkampfe.  Sie
war  für  einen  Polizeipräsidenten  als  Ergebniß  eines  Aufruhrs
unnatürlich.

Auch  der  General  von  Prittwitz,  der  die  Truppen  um  das
Schloß  befehligt  hatte,  suchte  mich  auf  und  erzählte  mir,  mit
ihrem  Abzuge  sei  es  so  zugegangen:  Nachdem  ihm  die  Proclamation
  „An  meine  lieben  Berliner“  bekannt  geworden,  habe
er  das  Gefecht  abgebrochen,  aber  den  Schloßplatz,  das  Zeughaus
  und  die  einmündenden  Straßen  zum  Schutze  des  Schlosses
besetzt  gehalten.  Da  sei  Bodelschwingh  an  ihn  mit  der  Forderung
  herangetreten:  „Der  Schloßplatz  muß  geräumt  werden.“
„Das  ist  unmöglich,“  habe  er  geantwortet,  „damit  gebe  ich  den
König  preis.“  Darauf  Bodelschwingh:  „Der  König  hat  in
seiner  Proclamation  befohlen,  daß  alle  „öffentlichen  Plätze"  ##)
geräumt  werden  sollen;  ist  der  Schloßplatz  ein  öffentlicher  Platz

X)  Die  Proclamation  sagt:  „alle  Straßen  und  Plätze“.

Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  3
        <pb n="58" />
        34  Zweites  Kapitel:  Das  Jahr  1848.

 

oder  nicht?  Noch  bin  ich  Minister,  und  ich  habe  es  wohl  auswendig
  gelernt,  was  ich  als  solcher  zu  thun  habe.  Ich  fordre
Sie  auf,  den  Schloßplatz  zu  räumen.“

„Was,“  so  schloß  Prittwitz  seine  Mittheilung,  „was  hätte
ich  darauf  anders  thun  sollen  als  abmarschiren?"“  „Ich
würde“  antwortete  ich,  „es  für  das  Zweckmäßigste  gehalten
haben,  einem  Unteroffizier  zu  befehlen:  „Nehmen  Sie  diesen
Civilisten  in  Verwahrung.“  Prittwitz  erwiderte:  „Wenn  man
vom  Rathhause  kommt,  ist  man  immer  klüger.  Sie  urtheilen
als  Politiker;  ich  handelte  ausschließlich  als  Soldat  auf  Weisung
des  auf  eine  unterschriebene  allerhöchste  Proclamation  sich
stützenden  dirigirenden  Ministers.“  —  Von  andrer  Seite  habe
ich  gehört,  Prittwitz  habe  diese  seine  letzte  im  Freien  stattfindende
  Unterredung  mit  Bodelschwingh  damit  abgebrochen,
daß  er  blauroth  vor  Zorn  den  Degen  in  die  Scheide  gestoßen
und  die  Auffordrung  gemurmelt  habe,  die  Götz  von  Berlichingen
dem  Reichscommissar  durch  das  Fenster  zuruft  ).  Dann  habe
er  sein  Pferd  links  gedreht  und  sei  durch  die  Schloßfreiheit
schweigend  und  im  Schritt  abgeritten.  Durch  einen  vom  Schlosse
gesendeten  Offizier  nach  dem  Verbleib  der  Truppen  gefragt,
habe  er  bissig  geantwortet:  „Die  sind  mir  durch  die  Finger
gegangen,  wo  Alle  mitreden“.  #)

Von  Offizieren  aus  der  nächsten  Umgebung  Sr.  Mojestät
habe  ich  Folgendes  gehört.  Sie  suchten  den  König  auf,  der

X)  Das  Schreiben  des  Pastors  von  Bodelschwingh  vom  8.  November
  1891  (Kreuzzeitung  vom  18.  November  1891,  Nr.  539)  und  die
Denkwürdigkeiten  aus  dem  Leben  Leopold's  von  Gerlach  sind  mir  bekannt?).


1)  Goethe,  Götz  v.  Berlichingen  Akt  III  Szene  17.

2)  Daß  in  der  That  der  Befehl  zum  Abzug  der  Truppen  durch  den
Minister  v.  Bodelschwingh  gegeben  worden  ist,  bezeugt  der  Brief  des
Prinzen  Wilhelm  v.  Preußen  an  seine  Schwester  Charlotte  vom
28.  März  1848,  vgl.  Berner,  Reden,  Briefe  und  Berichte  Wilhelms  des
Großen  (Berlin,  Mittler  u.  S.  1906)  I,  173  ff.
        <pb n="59" />
        Wer  ist  schuld  am  Abmarsch  der  Truppen?  Lichnowsti.  —  Adreßdebatte.  35

 

momentan  nicht  zu  finden  war,  weil  er  aus  natürlichen  Gründen
sich  zurückgezogen  hatte.  Als  er  wieder  zum  Vorschein  kam
und  gefragt  wurde:  „Haben  Ew.  Majestät  befohlen,  daß  die
Truppen  abmarschiren?“  erwiderte  der  König:  „Nein.“  —
„Sie  sind  aber  schon  auf  dem  Abmarsch,“  sagte  der  Adjutant
und  führte  den  König  an  ein  Fenster.  Der  Schloßplatz  war
schwarz  von  Civilisten,  hinter  denen  noch  die  letzten  Bajonette
der  abziehenden  Soldaten  zu  sehn  waren.  „Das  habe  ich  nicht
befohlen,  das  kann  nicht  sein,“  rief  der  König  aus  und  hatte
den  Ausdruck  der  Bestürzung  und  Entrüstung  ½.

Ueber  den  Fürsten  Lichnowski  wurde  mir  erzählt,  daß  er
abwechselnd  oben  im  Schlosse  einschüchternde  Nachrichten  über
Schwäche  der  Truppen,  Mangel  an  Lebensmitteln  und  Munition
  verbreitet  und  unten  auf  dem  Platze  den  Aufständischen
deutsch  und  polnisch  zugeredet  habe  auszuhalten,  oben  habe
man  den  Muth  verloren.

2

In  der  kurzen  Session  des  Zweiten  Vereinigten  Landtags
sagte  ich  am  2.  April?:

„Ich  bin  einer  der  wenigen,  welche  gegen  die  Adresse  stimmen
werden,  und  ich  habe  um  das  Wort  nur  deshalb  gebeten,  um
diese  Abstimmung  zu  motiviren  und  Ihnen  zu  erklären,  daß
ich  die  Adresse,  insoweit  sie  ein  Programm  der  Zukunft  ist,
ohne  Weitres  acceptire,  aber  aus  dem  alleinigen  Grunde,  weil
ich  mir  nicht  anders  helfen  kann.  —  Nicht  freiwillig,  sondern
durch  den  Drang  der  Umstände  getrieben,  thue  ich  es;  denn
ich  habe  meine  Ansicht  seit  den  sechs  Monaten  nicht  gewechselt;
ich  glaube,  daß  dies  Ministerium  das  einzige  ist,  welches  uns
aus  der  gegenwärtigen  Lage  einem  geordneten  und  gesetz-1)

  Diese  Angaben  werden  durch  den  Brief  des  Prinzen  Wilhelm
voll  bestätigt.
2)  Politische  Reden  Bd.  I  S.  45  f.;  vgl.  XIV  8  fl.
        <pb n="60" />
        36  Zweites  Kapitel:  Das  Jahr  1848.

 

mäßigen  Zustande  zuführen  kann,  und  aus  diesem  Grunde
werde  ich  demselben  meine  geringe  Unterstützung  überall  widmen,
  wo  es  mir  möglich  ist.  Was  mich  aber  veranlaßt,  gegen
die  Adresse,  zu  stimmen,  sind  die  Aeußerungen  von  Freude  und
Dank  für  das,  was  in  den  letzten  Tagen  geschehn  ist.  Die
Vergangenheit  ist  begraben,  und  ich  bedaure  es  schmerzlicher
als  Viele  von  Ihnen,  daß  keine  menschliche  Macht  im  Stande
ist,  sie  wieder  zu  erwecken,  nachdem  die  Krone  selbst  die  Erde
auf  ihren  Sarg  geworfen  hat.  Aber  wenn  ich  dies,  durch  die
Gewalt  der  Umstände  gezwungen,  acceptire,  so  kann  ich  doch
nicht  aus  meiner  Wirksamkeit  auf  dem  Vereinigten  Landtage
mit  der  Lüge  scheiden,  daß  ich  für  das  danken  und  mich  freuen
soll  über  das,  was  ich  mindestens  für  einen  irrthümlichen  Weg
halten  muß.  Wenn  es  wirklich  gelingt,  auf  dem  neuen  Wege,
der  jetzt  eingeschlagen  ist,  ein  einiges  deutsches  Vaterland,
  einen  glücklichen  oder  auch  nur  gesetzmäßig  geordneten
Zustand  zu  erlangen,  dann  wird  der  Augenblick  gekommen
sein,  wo  ich  dem  Urheber  der  neuen  Ordnung  der  Dinge
meinen  Dank  aussprechen  kann,  jetzt  aber  ist  es  mir  nicht
möglich.“

Ich  wollte  mehr  sagen,  war  aber  durch  innre  Bewegung
in  die  Unmöglichkeit  versetzt,  weiter  zu  sprechen,  und  verfiel
in  einen  Weinkrampf,  der  mich  zwang,  die  Tribüne  zu  verlassen.


Wenige  Tage  zuvor  hatte  mir  ein  Angriff  einer  Magdeburger
  Zeitung  Anlaß  gegeben,  an  die  Redaction  das  nachstehende
  Schreiben  zu  richten,  in  welchem  ich  eine  der  Errungenschaften,
  das  stürmisch  geforderte  und  durch  die  Aufhebung
  der  Censur  gewährte  „Recht  der  freien  Meinungsäußerung“,
  auch  für  mich  in  Anspruch  nahm,  nicht  ahnend,  daß
mir  dasselbe  42  Jahre  später  1)  würde  bestritten  werden.

1)  Durch  den  Erlaß  Caprivi's  vom  23.  Mai  1890.
        <pb n="61" />
        Erklärung  v.  2.  Apr.  1848.  Das  Recht  d.  freien  Meinungsäußerung.  37

 

„Eure  Wohlgeboren

haben  in  die  heutige  Nummer  Ihrer  Zeitung  einen  „Aus  der
Altmark“  datirten  Artikel  ausgenommen,  der  einzelne  Perfönlichkeiten
  verdächtigt,  indirect  auch  mich,  und  ich  stelle  daher
Ihrem  Gerechtigkeitsgefühl  anheim,  ob  Sie  nachstehende  Erwiderung
  aufnehmen  wollen.  Ich  bin  zwar  nicht  der  in  jenem
Artikel  bezeichnete  Herr,  welcher  von  Potsdam  nach  Stendal
gekommen  sein  soll,  aber  ich  habe  ebenfalls  in  der  vorigen
Woche  den  mir  benachbarten  Gemeinden  erklärt,  daß  ich  den
König  in  Berlin  nicht  für  frei  hielte,  und  dieselben  zur  Absendung
  einer  Deputation  an  die  geeignete  Stelle  aufgefordert,
ohne  daß  ich  mir  deshalb  die  selbstsüchtigen  Motive,  welche
Ihr  Correspondent  anführt,  unterschieben  lassen  möchte.  Es  ist
1)  sehr  erklärlich,  daß  jemand,  dem  alle  mit  der  Person  des
Königs  nach  dem  Abzug  der  Truppen  vorgegangnen  Ereignisse
bekannt  waren,  die  Meinung  fassen  konnte,  der  König  sei  nicht
Herr,  zu  thun  und  zu  lassen,  was  er  wollte;  2)  halte  ich  jeden
Bürger  eines  freien  Staates  für  berechtigt,  seine  Meinung
gegen  seine  Mitbürger  selbst  dann  zu  äußern,  wenn  sie  der
augenblicklichen  öffentlichen  Meinung  widerspricht:  ja  nach  den
neusten  Vorgängen  möchte  es  schwer  sein,  jemand  das  Recht
zu  bestreiten,  seine  politischen  Ansichten  durch  Volksaufregung
zu  unterstützen;  3)  wenn  alle  Handlungen  Sr.  Moajestät  in  den
letzten  14  Tagen  durchaus  freiwillig  gewesen  sind,  was  weder
Ihr  Correspondent  noch  ich  mit  Sicherheit  wissen  können,  was
hätten  dann  die  Berliner  erkämpft?  Dann  wäre  der  Kampf
am  18.  und  19.  mindestens  ein  überflüssiger  und  zweckloser  gewesen
  und  alles  Blutvergießen  ohne  Veranlassung  und  ohne
Erfolg;  4)  glaube  ich  die  Gesinnung  der  großen  Mehrzahl  der
Ritterschaft  dahin  aussprechen  zu  können,  daß  in  einer  Zeit,
wo  es  sich  um  das  sociale  und  politische  Fortbestehn  Preußens
handelt,  wo  Deutschland  von  Spaltungen  in  mehr  als  einer
Richtung  bedroht  ist,  wir  weder  Zeit  noch  Neigung  haben,
        <pb n="62" />
        38  Zweites  Kapitel:  Das  Jahr  1848.

 

unfre  Kräfte  an  reactionäre  Versuche  oder  an  Vertheidigung
der  unbedeutenden  uns  bisher  verbliebenen  gutsherrlichen  Rechte
zu  vergeuden,  sondern  gern  bereit  sind,  diese  auf  Würdigere
zu  übertragen,  indem  wir  dieses  als  untergeordnete  Frage,  die
Herstellung  rechtlicher  Ordnung  in  Deutschland,  die  Erhaltung
der  Ehre  und  Unverletzlichkeit  unfres  Vaterlandes  aber  als  die
für  jetzt  alleinige  Aufgabe  eines  jeden  betrachten,  dessen  Blick
auf  unfre  politische  Lage  nicht  durch  Parteiansichten  getrübt  ist.

Gegen  die  Veröffentlichung  meines  Namens  habe  ich,  falls
Sie  Vorstehendes  aufnehmen  wollen,  nichts  einzuwenden.  Genehmigen
  Sie  die  Versicherung  der  größten  Hochachtung,  mit
der  ich  bin

Schönhausen  bei  Jerichow,  30.  März  1848

Eurer  Wohlgeboren
ergebenster
Bismarck.“

Ich  bemerke  dazu,  daß  ich  mich  von  Jugend  auf  ohne  „v“
unterschrieben  und  meine  heutige  Unterzeichnung  v.  B.  erst  aus
Widerspruch  gegen  die  Anträge  auf  Abschaffung  des  Adels  1848
angenommen  habe  ½.

Der  nachstehende  Artikel,  dessen  Concept  in  meiner  Handschrift
  sich  erhalten  hat,  ist,  wie  der  Inhalt  ergiebt,  in  der  Zeit
zwischen  dem  Zweiten  Vereinigten  Landtage  und  den  Wahlen
zur  Nationalversammlung  geschrieben.  In  welcher  Zeitung  er
erschienen  ist,  hat  sich  nicht  ermitteln  lassen?).

„Aus  der  Altmark.

Ein  Theil  unfrer  Mitbürger,  welcher  sich  unter  dem  System
der  ständischen  Sonderung  einer  starken  Vertretung  erfreute,

1)  Entspricht  in  dieser  Formulirung  nicht  voll  den  Thatsachen;  in
den  Jugendbriefen  Bismarcks  findet  sich  fast  durchweg  das  „von“  vor
dem  Namen.

2)  Bismarck-Jahrbuch  VI  10  ff.
        <pb n="63" />
        Ein  Zeitungsartikel:  Gegensatz  zwischen  Stadt  und  Land.  39

 

nämlich  die  Bewohner  der  Städte,  fangen  an  zu  fühlen,  daß
bei  dem  neuen  Wahlmodus,  nach  welchem  in  fast  allen  Kreisen
die  städtische  Bevölkerung  mit  einer  der  Zahl  nach  sehr  überwiegenden
  ländlichen  zu  concurriren  haben  wird,  ihre  Interessen
  gegen  die  der  großen  Massen  der  Landbewohner  werden
zurückstehn  müssen.  Wir  leben  in  der  Zeit  der  materiellen
Interessen,  und  nach  Feststellung  der  neuen  Verfassung,  nach
Beruhigung  der  jetzigen  Gährung,  wird  sich  der  Kampf  der
Parteien  darum  drehn,  ob  die  Staatslasten  gleichmäßig  nach
dem  Vermögen  getragen,  oder  ob  sie  überwiegend  dem  immer
steuerbereiten  Grund  und  Boden  aufsgelegt  werden  sollen,  der
die  bequemste  und  sicherste  Erhebung  gestattet  und  von  dessen
Umfang  nie  etwas  verheimlicht  werden  kann.  Es  ist  natürlich,
daß  die  Städter  dahin  streben,  den  Steuererheber  von  der
Fabrikindustrie,  von  dem  städtischen  Häuserwerth,  von  dem
Rentier  und  Capitalisten  so  fern  als  möglich  zu  halten  und  ihn
lieber  auf  Acker  und  Wiesen  und  deren  Producte  anzuweisen.
Ein  Anfang  ist  damit  gemacht,  daß  in  den  bisher  mahlsteuerpflichtigen
  Städten  die  untersten  Stufen  von  der  neuen
directen  Steuer  frei  bleiben,  während  sie  auf  dem  Lande  nach
wie  vor  Klassensteuer  zahlen.  Wir  hören  ferner  von  Maßregeln
  zur  Unterstützung  der  Industrie  auf  Kosten  der  Staatskassen,
  aber  wir  hören  nicht  davon,  daß  man  dem  Landmanne
zu  Hülfe  kommen  wolle,  der  wegen  der  kriegerischen  Aussichten
auf  der  Seeseite  seine  Producte  nicht  verwerthen  kann,  aber
der  durch  Kündigung  von  Capitalien  in  dieser  geldarmen  Zeit
seinen  Hof  zu  verkaufen  genöthigt  wird.  Ebenso  hören  wir
mit  Bezug  auf  indirecte  Besteuerung  mehr  von  dem  Schutzzollsystem
  zu  Gunsten  inländischer  Fabrication  und  Gewerbe
sprechen  als  von  dem  für  die  ackerbautreibende  Bevölkerung
nöthigen  freien  Handel.  Es  ist  wie  gesagt  natürlich,  daß  ein
Theil  der  städtischen  Bevölkerung  mit  Rücksicht  auf  die  beregten
Streitpunkte  kein  Mittel  scheut,  bei  den  bevorstehenden  Wahlen
        <pb n="64" />
        40  Zweites  Kapitel:  Das  Jahr  1848.

 

das  eigne  Interesse  zur  Geltung  zu  bringen  und  die  Vertretung
der  Landbewohner  zu  schwächen.  Ein  sehr  wirksamer  Hebel  zu
letzterem  Zweck  liegt  in  den  Bestrebungen,  der  ländlichen  Bevölkerung
  diejenigen  ihrer  Mitglieder  zu  verdächtigen,  deren
Bildung  und  Intelligenz  sie  befähigen  könnte,  die  Interessen
des  Grund  und  Bodens  auf  der  Nationalversammlung  mit
Erfolg  zu  vertreten;  man  bemüht  sich  daher,  eine  Mißstimmung
gegen  die  Rittergutsbesitzer  künstlich  zu  befördern,  indem  man
meint,  wenn  man  diese  Klasse  unschädlich  macht,  so  müssen  die
Landbewohner  entweder  Advokaten  oder  andre  Städter  wählen,
die  nach  den  ländlichen  Interessen  nicht  viel  fragen,  oder  es
kommen  meist  schlichte  Landleute,  und  die  denkt  man  durch  die
Beredsamkeit  und  kluge  Politik  der  Parteiführer  in  der  Nationalversammlung
  schon  unvermerkt  zu  leiten.  Man  sucht  daher
die  bisherige  Ritterschaft  als  solche  Leute  zu  bezeichnen,  die
den  alten  Zustand  erhalten  und  zurückführen  wollen,  während
die  Rittergutsbesitzer  wie  jeder  andre  vernünftige  Mensch  sich
selbst  sagen,  daß  es  unsinnig  und  unmöglich  wäre,  den  Strom
der  Zeit  aufhalten  oder  zurückdämmen  zu  wollen;  ssogar  der
ultraconservative  Herr  von  Thadden  vergleicht  einen  solchen,
der  für  die  Vergangenheit  kämpft,  mit  dem  irrenden  Ritter,
der  gegen  Windmühlen  sicht  und  dem  die  Mühlenflügel  die
Knochen  zerschlagen)  ).  Man  sucht  ferner  auf  den  Dörfern  die
Vorstellung  zu  wecken  und  zu  bestärken,  daß  jetzt  die  Zeit  gekommen
  sei,  sich  von  allen  den  Zahlungen,  die  nach  den  Separationsrecessen
  an  Rittergüter  zu  leisten  sind,  ohne  Entschädigung
  loszumachen;  aber  man  verschweigt  dabei,  daß  eine  Regirung,
  die  Recht  und  Ordnung  will,  nicht  damit  anfangen
kann,  eine  Klasse  von  Staatsbürgern  zu  plündern,  um  eine
andre  zu  beschenken,  daß  alle  Rechte,  die  auf  Gesetz,  Erkenntniß
oder  Vertrag  beruhn,  alle  Forderungen,  die  Einer  an  den

1)  Dieser  in  der  Redaction  von  1898  fehlende  Satz  ist  dem  Manustript
  des  Artikels  entnommen.
        <pb n="65" />
        Ein  Zeitungsartikel:  Gegensatz  zwischen  Stadt  und  Land.  141

 

Andern  haben  mag,  alle  Ansprüche  auf  hypothekarische  Zinsen
und  Capitalien  denen,  die  sie  haben,  mit  demselben  Rechtstitel
genommen  werden  können,  mit  welchem  man  den  Rittergütern
ihre  Renten  ohne  volle  Entschädigung  nehmen  möchte;  lman
bedenkt  nicht,  daß  diese  Renten  und  Hypothekenanleihen  den
Sparpfennig  mancher  Wittwe  verbürgen,  daß  endlich  mit  demselben
  Recht,  mit  welchem  diese  Renten  abgeschafft  werden
könnten,  auch  alles,  was  die  bäuerlichen  Besitzer  seit  der  Regulirung
  zum  Behuf  von  Ablösungen  an  Capital  gezahlt  oder
an  Land  abgetreten  haben,  zurückgegeben  werden  müßte,  so
daß  eine  Beraubung  aus  der  andern  und  schließlich  Unsicherheit
  jedes  verbrieften  Besitzes  folgen  würde.  Aber  wie  gesagt,
man  wendet  diese  Mittel  an,  um  die  ländliche  Bevölkerung
derjenigen  kräftigen  Vertretung  ihrer  Interessen  zu  berauben,
welche  sie  durch  fähige  und  geschäftskundige  Mitglieder  der  ehemaligen
  Ritterschaft  haben  könnte]  !).  Man  täuscht  den  Landmann
  darüber,  daß  er  mit  dem  Rittergutsbesitzer  das  gleiche
Interesse  des  Landwirthes  und  den  gleichen  Gegner  in  dem
ausschließlichen  Industriesysteme  hat,  welches  seine  Hand  nach
der  Herrschaft  in  dem  preußischen  Staate  ausstreckt;  gelingt
diese  Täuschung,  so  wollen  wir  hoffen,  daß  sie  nicht  lange
dauert,  daß  man  ihr  durch  eine  schnelle,  gesetzliche  Abschaffung
der  bisherigen  politischen  Rechte  der  Rittergüter  ein  Ende
mache  und  daß  der  ländlichen  Bevölkerung  nicht  erst  dann,
wenn  es  an's  Bezahlen  geht,  dann  aber  zu  spät,  die  Augen
darüber  aufgehn,  wie  fein  sie  von  den  klugen  Städtern  überlistet
  ist."

Während  der  Zweite  Vereinigte  Landtag  zusammentrat,
nahm  Georg  von  Vincke  im  Namen  seiner  Parteigenossen  und
angeblich  in  höherem  Auftrage  meine  Mitwirkung  für  den  Plan

1)  Diese  in  der  Redaction  von  1898  fehlenden  Sätze  sind  dem  Manuskript
  des  Artikels  entnommen.  ·
        <pb n="66" />
        42  Zweites  Kapitel:  Das  Jahr  1848.

 

in  Anspruch,  den  König  durch  den  Landtag  zur  Abdankung  zu
bewegen  und  mit  Uebergehung,  aber  im  angeblichen  Einverständniß
  des  Prinzen  von  Preußen,  eine  Regentschaft  der  Prinzessin
  für  ihren  minderjährigen  Sohn  herzustellen  1.  Ich  lehnte
sofort  ab  und  erklärte,  daß  ich  einen  Antrag  des  Inhalts  mit
dem  Antrage  auf  gerichtliches  Verfahren  wegen  Hochverraths
beantworten  würde.  Vincke  vertheidigte  seine  Anregung  als
eine  politisch  gebotne,  durchdachte  und  vorbereitete  Maßregel.
Er  hielt  den  Prinzen  wegen  der  von  ihm  leider  nicht  verdienten
  Bezeichnung  „Kartätschenprinz“  für  unmöglich  und  behauptete,
  daß  dessen  Einverständniß  schriftlich  vorliege.  Damit
hatte  er  eine  Erklärung  im  Sinne,  welche  der  ritterliche  Herr
ausgestellt  haben  soll,  daß  er,  wenn  sein  König  dadurch  vor
Gefahr  geschützt  werden  könne,  bereit  sei,  auf  sein  Erbrecht  zu
verzichten.  Ich  habe  die  Erklärung  nie  gesehn,  und  der  hohe
Herr  hat  mir  nie  davon  gesprochen.  Herr  von  Vincke  gab  seinen
Versuch,  mich  für  die  Regentschaft  der  Prinzessin  zu  gewinnen,
schließlich  kühl  und  leicht  mit  der  Erklärung  auf,  ohne  Mitwirkung
  der  äußersten  Rechten,  die  er  als  durch  mich  vertreten
ansah,  werde  der  König  nicht  zum  Rücktritt  zu  bestimmen  sein?).

1)  S.  o.  S.  26.

:)  Man  vgl.  dazu  Fürst  Chl.  v.  Hohenlohe,  Denkwürdigkeiten  Bd.  II
135  f.  zum  24.  Oktober  1874:  „Er  (Bismarck)  erzählte  mir  noch  vieles
über  die  Kaiserin.  Z.  B.  im  April  1848  kam  G.  Vincke  zu  Bismarck
und  sagte  ihm,  der  Vereinigte  Landtag  wolle  und  müsse  darauf  antragen,
  daß  der  König  abdanke,  der  Prinz  von  Preußen  auch  und  daß
die  Prinzessin  von  Preußen  Regentin  an  Stelle  ihres  Sohnes  werde.
Bismarck  widersprach  und  sagte,  daß  das  Volk  diese  Manipulation  nicht
verstehen  würde.  Als  Vincke  insistirte,  sagte  Bismarck:  „Wenn  Sie
morgen  den  Antrag  einbringen,  so  gebe  ich  Ihnen  mein  Ehrenwort,
daß  ich  den  Antrag  stellen  werde,  Sie  als  Hochverräter  zu  arretiren.“
Darauf  Vincke:  „Ja,  dann  muß  die  Sache  aufgegeben  werden.“  Bismarck:
  „Ja,  sagen  Sie  das  Ihrer  Prinzessin,“  worauf  Vincke  lächelnd
abging.  Schon  vorher  hatte  die  Prinzessin  mit  Bismarck  in  einem
Tone  gesprochen,  der  ihm  klarmachte,  daß  sie  gegen  ihren  Mann  intrigirte.“
        <pb n="67" />
        Plan  einer  Regentschaft.  Bismarck  und  der  Prinz  v.  Preußen.  43

 

Die  Verhandlung  fand  bei  mir  im  Hötel  des  Princes,  parterre
rechts,  statt  und  enthielt  beiderseits  mehr,  als  sich  niederschreiben
  läßt.

Von  diesem  Vorgange  und  von  der  Aussprache,  welche  ich
von  seiner  Gemalin  während  der  Märztage  in  dem  Potsdamer
Stadtschlosse  zu  hören  bekommen  hatte,  habe  ich  dem  Kaiser
Wilhelm  niemals  gesprochen  und  weiß  nicht,  ob  Andre  es  gethan
  haben.  Ich  habe  ihm  diese  Erlebnisse  verschwiegen  auch
in  Zeiten  wie  die  des  vierjährigen  Conflicts,  des  östreichischen
Krieges  und  des  Culturkampfs,  wo  ich  in  der  Königin  Augusta
den  Gegner  erkennen  mußte,  welcher  meine  Fähigkeit,  zu  vertreten
  was  ich  für  meine  Pflicht  hielt,  und  meine  Nerven  auf
die  schwerste  Probe  im  Leben  gestellt  hat.

Dagegen  muß  sie  ihrem  Gemal  nach  England  geschrieben
haben,  daß  ich  versucht  hatte,  zu  ihm  zu  gelangen,  um  seine
Unterstützung  für  eine  contrarevolutionäre  Bewegung  zur  Befreiung
  des  Königs  zu  gewinnen;  denn  als  er  auf  der  Rückkehr
  am  7.  Juni  einige  Minuten  auf  dem  Genthiner  Bahnhof
verweilte  und  ich  mich  in  den  Hintergrund  gezogen  hatte,  weil
ich  nicht  wußte,  ob  er  in  seiner  Eigenschaft  als  „Abgeordneter
für  Wirsitz“"  mit  mir  gesehn  sein  wollte,  erkannte  er  mich  in
den  hintersten  Reihen  des  Publikums,  bahnte  sich  den  Weg
durch  die  vor  mir  Stehenden,  reichte  mir  die  Hand  und  sagte:
„Ich  weiß,  daß  Sie  für  mich  thätig  gewesen  sind,  und  werde
Ihnen  das  nie  vergessen.“

Meine  erste  Begegnung  mit  ihm  war  im  Winter  1834/35
auf  einem  Hofballe  gewesen.  Ich  stand  neben  einem  Herrn
von  Schack  aus  Mecklenburg,  der,  wie  ich,  lang  gewachsen  und
auch  in  Justiz-Referendarien-Uniform  war,  was  den  Prinzen
zu  dem  Scherz  veranlaßte,  die  Justiz  suche  sich  jetzt  die  Leute
wohl  nach  dem  Gardemaße  aus.  Dann  zu  mir  gewandt,  fragte
er  mich,  weshalb  ich  nicht  Soldat  geworden  sei.  „Ich  hatte
den  Wunsch,“  erwiderte  ich,  „aber  die  Eltern  waren  dagegen,
        <pb n="68" />
        44  Zweites  Kapitel:  Das  Jahr  1848.

 

weil  die  Aussichten  zu  ungünstig  seien.“  Worauf  der  Prinz
sagte:  „Brillant  ist  die  Carrière  allerdings  nicht,  aber  bei  der
Justiz  auch  nicht.“  Während  des  Ersten  Vereinigten  Landtags,
dem  er  als  Mitglied  der  Herrencurie  angehörte,  redete  er  mich
in  den  vereinigten  Sitzungen  wiederholt  in  einer  Weise  an,
die  sein  Wohlgefallen  an  der  damals  von  mir  angenommnen
politischen  Haltung  bezeugte.

Bald  nach  der  Begegnung  in  Genthin  lud  er  mich  nach
Babelsberg  ein.  Ich  erzählte  ihm  mancherlei  aus  den  Märztagen,
  was  ich  theils  erlebt,  theils  von  Offizieren  gehört  hatte,
namentlich  über  die  Stimmung,  in  der  die  Truppen  den  Rückzug
  aus  Berlin  angetreten  und  die  sich  in  sehr  bittern,  auf
dem  Marsch  gesungnen  Versen  Luft  gemacht  hatte.  Ich  war
hart  genug,  ihm  das  Gedicht  vorzulesen,  welches  für  die  Stimmung
  der  Truppen  auf  dem  befohlnen  Rückzuge  aus  Berlin
historisch  bezeichnend  ist:

1.  Das  waren  Preußen,  schwarz  und  weifß  die  Farben,
So  schwebt’  die  Fahne  einmal  noch  voran,
Als  für  den  König  seine  Treuen  starben,
Für  ihren  König,  jubelnd  Mann  für  Mann.
Wir  sahen  ohne  Zagen
Fort  die  Gefall'nen  tragen,
Da  schnitt  ein  Ruf  in's  treue  Herz  hinein:
„Ihr  sollt  nicht  Preußen  mehr,  sollt  Deutsche  sein.“

2.  Doch  wir  mit  Liebe  nahten  uns  dem  Throne,
Fest  noch  im  Glauben  und  voll  Zuversicht,
Da  zeigt  er  uns,  wie  man  die  Treue  lohne,
Uns,  seine  Preußen,  hört  ihr  König  nicht.
Da  lösten  sich  die  Bande,

Weh'  meinem  Vaterlande!
Seit  er  verstoßen  seine  Vielgetreu'n,
Brach  unser  Herz  und  seine  Stütze  ein.

3.  Da,  wie  der  Sturm  sein  theures  Haupt  umbrauset,
Verwünscht,  verlästert  von  des  Pöbels  Wuth,
Der  jetzt  auf  unfrem  Siegesfelde  hauset,
Das,  was  Ihn  schützte,  war  der  Truppen  Muth.
        <pb n="69" />
        Soldatenlied.  Bismarck  und  die  Prinzessin  Augusta.  45

 

Sie  standen  ohne  Beben

Und  setzten  Blut  und  Leben

Für  ihren  Herrn,  für  ihren  König  ein,
Ihr  Tod  war  füß,  und  ihre  Ehre  rein.

4.  Und  wo  sie  fielen,  Deine  Tapfern,  Treuen,
Vernimm  die  Schandthat,  heil'ges  Vaterland,
Sieht  man  des  Pöbels  schmutz'ge  Schlächterreihen
Um  jenen  König  stehen  Hand  in  Hand.

Da  schwören  sie  auf's  Neue

Sich  Liebe  hal  und  Treue.

Trug  ist  ihr  Schwur

Und  ihre  Freiheit  Schein,

Heil  uns,  sie  wollen  nicht  mehr  Preußen  sein.

5.  Schwarz,  Roth  und  Gold  glüht  nun  im  Sonnenlichte,
Der  schwarze  Adler  sinkt  herab  entweiht:

Hier  endet,  Zollern,  Deines  Ruhms  Geschichte,
Hier  fiel  ein  König,  aber  nicht  im  Streit.

Wir  sehen  nicht  mehr  gerne

Nach  dem  gefall'nen  Sterne.

Was  Du  hier  thatest,  Fürst,  wird  Dich  gereu'n,
So  treu  wird  Keiner,  wie  die  Preußen,  sein.

Er  brach  darüber  in  so  heftiges  Weinen  aus,  wie  ich  es
nur  noch  einmal  erlebt  habe,  als  ich  ihm  in  Nikolsburg  wegen
Fortsetzung  des  Krieges  Widerstand  leistete  7.

Bei  der  Prinzessin,  seiner  Gemalin,  stand  ich  bis  zu  meiner
Ernennung  nach  Frankfurt  so  weit  in  Gnade,  daß  ich  gelegentlich
  nach  Babelsberg  befohlen  wurde,  um  ihre  politischen  Auffassungen
  und  Wünsche  zu  vernehmen,  deren  Darlegung  mit
den  Worten  zu  schließen  pflegte:  „Es  freut  mich,  Ihre  Meinung
gehört  zu  haben,“  obschon  ich  nicht  in  die  Lage  gekommen  war,
mich  zu  äußern.  Der  damals  18=  und  19jährige,  aber  jünger
aussehende  spätre  Kaiser  Friedrich  pflegte  in  solchen  Fällen
seine  politische  Sympathie  mir  dadurch  zu  erkennen  zu  geben,
daß  er  mich  im  Dunkel  der  abendlichen  Abfahrt  beim  Einsteigen
  in  den  Wagen  mit  lebhaftem  Händedruck  freundlich  be-1)

  S.  Kapitel  20.
        <pb n="70" />
        46  Zweites  Kapitel:  Das  Jahr  1848.

 

grüßte  in  einer  Art,  als  ob  ihm  eine  offne  Bekundung  seiner
Gesinnung  bei  Licht  nicht  gestattet  wäre  y.

3.

Die  Frage  der  deutschen  Einheit  war  in  den  letzten  beiden
Jahrzehnten  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  nur  in  Gestalt  der
burschenschaftlichen  Strebungen  und  deren  strafrechtlicher  Repression
  in  die  äußre  Erscheinung  getreten.  Friedrich  Wilhelm's
  IV.  deutsches  oder,  wie  er  schrieb,  „teutsches“  Nationalgefühl
  war  gemüthlich  lebhafter  wie  das  seines  Vaters,  aber
durch  mittelalterliche  Verbrämung  und  durch  Abneigung  gegen
klare  und  feste  Entschlüsse  in  der  praktischen  Bethätigung  gehemmt.
  Daher  versäumte  er  die  Gelegenheit,  die  im  März  1848
günstig  war;  und  es  sollte  das  nicht  die  einzige  versäumte
bleiben.  In  den  Tagen  zwischen  den  süddeutschen  Revolutionen,
einschließlich  der  Wiener  2),  und  dem  18.  März,  so  lange  es  vor
Augen  lag,  daß  von  allen  deutschen  Staaten,  Oestreich  inbegriffen,
  Preußen  der  einzige  feststehende  geblieben  war,  waren
die  deutschen  Fürsten  bereit,  nach  Berlin  zu  kommen  und
Schutz  zu  suchen  unter  Bedingungen,  die  in  unitarischer  Richtung
  über  das  hinausgingen,  was  heut  verwirklicht  ist;  auch
das  bairische  Selbstbewußtsein  war  erschüttert.  Wenn  es  zu
dem,  nach  einer  Erklärung  der  preußischen  und  der  östreichischen
Regirung  vom  10.  März  auf  den  20.  März  nach  Dresden
berufnen  Fürstencongreß  gekommen  wäre,  so  wäre  nach  der

1)  Vgl.  Bismarcks  Brief  an  die  Gattin  vom  12.  September  1849
(Briefe  an  Braut  und  Gattin  S.  153):  „Vor  der  Parade  gestern  ritt  ich
mit  dem  Sohn  des  Prinzen  von  Preußen  herein;  es  war  komisch,  wie
der  junge  Herr  im  Kampf  war  zwischen  dem  Wunsch,  mir  seine  Zufriedenheit
  auszudrücken,  und  der  Furcht  vor  seinem  daneben  reitenden
Mentor,  dem  etwas  schwarzrothgoldnen  Oberst  Fischer.“

2)  Die  Wiener  Revolution  kam  am  13.  März  1848  zum  Ausbruche;
am  gleichen  Tage  begannen  die  Unruhen  in  Berlin,  die  Vorläufer  der
Revolution  des  18.  März.
        <pb n="71" />
        Die  deutsche  Einheit  und  Friedrich  Wilhelm  IV.  47

 

Stimmung  der  betheiligten  Höfe  eine  Opferwilligkeit  auf  dem
Altar  des  Vaterlandes  wie  die  französische  vom  4.  August  1789y
zu  erwarten  gewesen.  Diese  Auffassung  entsprach  den  thatsächlichen
  Verhältnissen;  das  militärische  Preußen  war  stark  und
intact  genug,  um  die  revolutionäre  Welle  zum  Stehn  zu  bringen
und  den  übrigen  deutschen  Staaten  für  Gesetz  und  Ordnung
in  Zukunft  Garantien  zu  bieten,  welche  den  andern  Dynastien
damals  annehmbar  erschienen.

Der  18.  März  war  ein  Beispiel,  wie  schädlich  das  Eingreifen
roher  Kräfte  auch  den  Zwecken  werden  kann,  die  dadurch
erreicht  werden  sollen.  Indessen  war  am  19.  Morgens  noch
nichts  verloren.  Der  Aufstand  war  niedergeschlagen.  Führer
desselben,  darunter  der  mir  von  der  Universität  her  bekannte
Assessor  Rudolf  Schramm,  hatten  sich  nach  Dessau  geftüchtet,
hielten  die  erste  Nachricht  von  dem  Rückzuge  der  Truppen  für
eine  polizeiliche  Falle  und  kehrten  erst  nach  Berlin  zurück,
nachdem  sie  die  Zeitungen  erhalten  hatten.  Ich  glaube,  daß
mit  fester  und  kluger  Ausnutzung  des  Sieges,  des  einzigen,
der  damals  von  einer  Regirung  in  Europa  gegen  Ausfstände
erfochten  war,  die  deutsche  Einheit  in  strengrer  Form  zu  erreichen
war,  als  zur  Zeit  meiner  Betheiligung  an  der  Regirung  schließlich
  geschehn  ist.  Ob  das  nützlicher  und  dauerhafter  gewesen
wäre,  lasse  ich  dahingestellt  sein.

Wenn  der  König  im  März  die  Empörung  in  Berlin  definitiv
  niederwarf  und  auch  nachher  nicht  wieder  aufkommen  ließ,
so  würden  wir  von  dem  Kaiser  Nicolaus  nach  dem  Zusammenbruch
  Oestreichs  keine  Schwierigkeiten  in  der  Neubildung  einer
haltbaren  Organisation  Deutschlands  erfahren  haben.  Seine
Sympathien  waren  ursprünglich  mehr  nach  Berlin  als  nach
Wien  gerichtet,  wenn  auch  Friedrich  Wilhelm  IV.  persönlich

1)  In  der  Nachtsitzung  vom  4.5.  August  1789  beschloß  die  französische
  Nationalversammlung  auf  den  Antrag  der  Rechten  die  Abschaffung
oder  Ablösbarkeit  aller  feudalen  Rechte.
        <pb n="72" />
        48  Zweites  Kapitel:  Das  Jahr  1848.

 

diese  nicht  besaß  und  bei  der  Verschiedenheit  der  Charaktere
nicht  besitzen  konnte.

Der  Umzug  durch  die  Straßen  in  den  Farben  der  Burschenschaft
  am  21.  März  war  am  wenigsten  geeignet,  das  wieder  einzubringen,
  was  im  Innern  und  nach  Außen  verloren  war.  Die
Situation  wurde  dadurch  dergestalt  umgedreht,  daß  der  König  nun
an  der  Spitze  nicht  mehr  seiner  Truppen,  sondern  der  Barrikadenkämpfer,
  derselben  unlenkbaren  Massen,  stand,  vorderen  Bedrohung
die  Fürsten  einige  Tage  zuvor  bei  ihm  Schutz  gesucht  hatten.  Der
Gedanke,  eine  Verlegung  des  geplanten  Fürstencongresses  von
Dresden  nach  Potsdam  als  einziges  Ergebniß  der  Märztage  zu
behandeln,  verlor  durch  den  würdelosen  Umzug  jede  Haltbarkeit.

Die  Weichlichkeit,  mit  der  Friedrich  Wilhelm  IV.  unter  dem
Drucke  unberufner,  vielleicht  verrätherischer  Rathgeber,  gedrängt
durch  weibliche  Thränen,  das  blutige  Ergebniß  in  Berlin,  nachdem
  es  siegreich  durchgeführt  war,  dadurch  abschließen  wollte,
daß  er  seinen  Truppen  befahl,  auf  den  gewonnenen  Sieg  zu
verzichten,  hat  für  die  weitre  Entwicklung  unfrer  Politik  zunächst
den  Schaden  einer  versäumten  Gelegenheit  gebracht.  Ob  der
Fortschritt  ein  dauernder  gewesen  sein  würde,  wenn  der  König
den  Sieg  seiner  Truppen  festgehalten  und  ausgenutzt  hätte,
ist  eine  andre  Frage.  Der  König  würde  dann  allerdings  nicht
in  der  gebrochnen  Stimmung  gewesen  sein,  in  der  ich  ihn
während  des  Zweiten  Vereinigten  Landtags  gefunden  habe,
sondern  in  dem  durch  den  Sieg  gestärkten  Schwunge  der  Beredsamkeit,
  die  er  bei  Gelegenheit  der  Huldigung  1840,  in  Köln
1842)  und  sonst  entwickelt  hatte.  Ich  wage  keine  Vermuthung
darüber,  welche  Einwirkung  auf  die  Haltung  des  Königs,  laufj))
die  Romantik  mittelalterlicher  Reichserinnrungen  Oestreich  und
den  Fürsten  gegenüber  und  sauf]:)  das  vorher  und  später  so

1)  Huldigung  in  Königsberg  10.  September  1840,  Dombaufest  in  Köln
4.  September  1842.
:)  Ergänzt  vom  Herausgeber.
        <pb n="73" />
        Umzug.  Schwäche  Friedr.  Wilhelms  IV.  Besuch  in  Sanssouct.  49

 

starke  fürstliche  Selbstgefühl  im  Inlande  das  Bewußtsein  geübt
haben  würde,  den  Aufruhr  definitiv  niedergeschlagen  zu  haben,
der  allein  ihm  gegenüber  (nicht)  )  siegreich  blieb  im  außerrufsischen
  Continent.  Eine  auf  dem  Straßenpflaster  erkämpfte  Errungenschaft
  wäre  von  andrer  Art  und  von  mindrer  Tragweite
gewesen  als  die  später  auf  dem  Schlachtfeld  gewonnene.  Es  ist
vielleicht  für  unfre  Zukunft  besser  gewesen,  daß  wir  die  Irrwege
  in  der  Wüste  innrer  Kämpfe  von  1848  bis  1866  wie  die
Juden,  bevor  sie  das  gelobte  Land  erreichten,  noch  haben  durchmachen
  müssen.  Die  Kriege  von  1866  und  1870  wären  uns
doch  schwerlich  erspart  worden,  nachdem  unfre  1848  zusammengebrochnen
  Nachbarn  in  Anlehnung  an  Paris,  Wien  und  anderswo
  sich  wieder  ermuthigt  und  gekräftigt  haben  würden.  Es
ist  fraglich,  ob  auf  dem  kürzern  und  raschern  Wege  des  Märzsieges
  von  1848  die  Wirkung  der  geschichtlichen  Ereignisse  auf
die  Deutschen  dieselbe  gewesen  sein  würde,  wie  die  heut  vorhandne,
  die  den  Eindruck  macht,  daß  die  Dynastien,  und  grade
die  früher  hervorragend  particularistischen,  reichsfreundlicher
find  als  die  Fractionen  und  Parteien.

Mein  erster  Besuch  in  Sanssouci  kam  unter  ungünstigen
Aspecten  zu  Stande.  In  den  ersten  Tagen  des  Juni,  wenige
Tage  vor  dem  Abgange  des  Ministerpräsidenten  Ludolf  Camphausen),
  befand  ich  mich  in  Potsdam,  als  ein  Leibjäger  mich
in  dem  Gasthofe  aufsuchte,  um  mir  zu  melden,  daß  der  König
mich  zu  sprechen  wünsche.  Ich  sagte  unter  dem  Eindruck  meiner
frondirenden  Gemüthsstimmung,  daß  ich  bedauerte,  dem  Besehle
  Sr.  Majestät  nicht  Folge  leisten  zu  können,  da  ich  im
Begriffe  sei,  nach  Hause  zu  reisen,  und  meine  Frau,  deren  Ge-1)

  Der  Sinn  verlangt  die  Negation;  in  Wahrheit  war  König  Friedrich
Wilhelm  im  Kampfe  gegen  die  Revolution  siegreich  geblieben,  wenn  auch
durch  den  von  ihm  nicht  befohlenen  Abzug  der  Truppen  der  Erfolg  des
Sieges  verkümmert  wurde.

2)  Ludolf  Camphausen  ging  am  20.  Juni  1848  ab.

Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  1
        <pb n="74" />
        50  Zweltes  Kapitel:  Das  Jahr  1848.

 

sundheit  besondrer  Schonung  bedürfe,  sich  ängstigen  würde,
wenn  ich  länger  als  verabredet  ausbliebe.  Nach  einiger  Zeit
erschien  der  Flügeladjutant  Edwin  von  Manteuffel,  wiederholte
die  Aufforderung  in  Form  einer  Einladung  zur  Tafel  und
sagte,  der  König  stelle  mir  einen  Feldjäger  zur  Verfügung,
um  meine  Frau  zu  benachrichtigen.  Es  blieb  mir  nichts  übrig,
als  mich  nach  Sanssouci  zu  begeben.  Die  Tischgesellschaft  war
sehr  klein,  enthielt,  wenn  ich  mich  recht  erinnre,  außer  den
Damen  und  Herrn  vom  Dienste  nur  Camphausen  und  mich.
Nach  der  Tafel  führte  der  König  mich  auf  die  Terrasse  und
fragte  freundlich:  „Wie  geht  es  bei  Ihnen?“  In  der  Gereiztheit,
  die  ich  seit  den  Märztagen  in  mir  trug,  antwortete  ich:
„Schlecht.“  Darauf  der  König:  „Ich  denke,  die  Stimmung
ist  gut  bei  Ihnen.“  Darauf  ich,  unter  dem  Eindrucke  von  Anordnungen,
  deren  Inhalt  mir  nicht  erinnerlich  ist:  „Die  Stimmung
  war  sehr  gut,  aber  seit  die  Revolution  uns  von  den  königlichen
  Behörden  unter  königlichem  Stempel  eingeimpft  worden,
ist  sie  schlecht  geworden.  Das  Vertraun  zu  dem  Beistande  des
Königs  fehlt.“  In  dem  Augenblicke  trat  die  Königin  hinter
einem  Gebüsche  hervor  und  sagte:  „Wie  können  Sie  so  zu  dem
Könige  sprechen?"  —  „Laß  mich  nur,  Elise,“  versetzte  der  König,
„ich  werde  schon  mit  ihm  fertig  werden,“  und  dann  zu  mir
gewandt:  „Was  werfen  Sie  mir  denn  eigentlich  vor?"  —  „Die
Räumung  Berlins.“  —  „Die  habe  ich  nicht  gewollt,“  erwiderte
der  König.  Und  die  Königin,  die  noch  in  Gehörsweite  geblieben
  war,  setzte  hinzu:  „Daran  ist  der  König  ganz  unschuldig,
er  hatte  seit  drei  Tagen  nicht  geschlafen.“  —  „Ein  König  muß
schlafen  können,“  versetzte  ich.  Unbeirrt  durch  diese  schroffe
Aeußerung  sagte  der  König:  „Man  ist  immer  klüger,  wenn
man  von  dem  Rathhause  kommt;  was  wäre  denn  damit  gewonnen,
  daß  ich  zugäbe,  „wie  ein  Esel“  gehandelt  zu  haben?
Vorwürfe  sind  nicht  das  Mittel,  einen  umgestürzten  Thron
wieder  aufzurichten,  dazu  bedarf  ich  des  Beistandes  und  thätiger
        <pb n="75" />
        Unterredung  mit  dem  Könige  in  Sanssouci.  51

 

Hingebung,  nicht  der  Kritik.“  Die  Güte,  mit  der  er  dies  und
Aehnliches  sagte,  überwältigte  mich.  Ich  war  gekommen  in
der  Stimmung  eines  Frondeurs,  dem  es  ganz  recht  sein  würde,
ungnädig  weggeschickt  zu  werden,  und  ging,  vollständig  entwaffnet
  und  gewonnen.

Auf  meine  Vorstellungen,  daß  er  Herr  im  Lande  sei  und
die  Macht  besitze,  die  bedrohte  Ordnung  überall  herzustellen,
sagte  er,  er  müsse  sich  hüten,  den  Weg  des  formellen  Rechtes
zu  verlassen;  wenn  er  mit  der  Berliner  Versammlung,  dem
Tagelöhnerparlamente,  wie  man  sie  damals  in  gewissen  Kreisen
nannte,  brechen  wolle,  so  müsse  er  dazu  das  formelle  Recht  auf
seiner  Seite  haben,  sonst  stehe  seine  Sache  auf  schwachen  Füßen
und  die  ganze  Monarchie  laufe  Gefahr,  nicht  blos  von  innern
Bewegungen,  sondern  auch  von  außen  her.  Vielleicht  hat  er
dabei  an  einen  französischen  Krieg  unter  Betheiligung  deutscher
Aufstände  gedacht.  Wahrscheinlicher  aber  ist  mir,  daß  er  grade
mir  die  Besorgniß,  seine  deutschen  Aussichten  Preußens  zu
schädigen,  in  dem  Moment,  wo  er  meine  Dienste  gewinnen
wollte,  nicht  aussprach.  Ich  erwiderte,  daß  das  formale  Recht
und  seine  Grenzen  in  der  vorliegenden  Situation  verwischt
erschienen  und  von  den  Gegnern,  sobald  sie  die  Macht  hätten,
ebenso  wenig  respectirt  werden  würden  wie  am  18.  Märzz,  ich
sähe  die  Situation  mehr  in  dem  Lichte  von  Krieg  und  Nothwehr
  als  von  rechtlichen  Argumentationen.  Der  König  beharrte
  jedoch  dabei,  daß  seine  Stellung  zu  schwach  werde,  wenn
er  von  dem  Rechtsboden  abweiche,  und  der  Eindruck  ist  mir
geblieben,  daß  er  dem  von  Radowitz  bei  ihm  gepflegten  Gedankengange,
  dem  schwarz-roth-goldnen,  wie  man  damals  sagte,
die  Möglichkeit  der  Herstellung  der  Ordnung  in  Preußen  zunächst
  unterordnete.

Aus  den  zahlreichen  Gesprächen,  die  auf  jenes  erste  folgten,
ist  mir  das  Wort  des  Königs  erinnerlich:  „Ich  will  den  Kampf
gegen  die  Tendenzen  der  Nationalversammlung  durchführen,
        <pb n="76" />
        52  Zweites  Kapitel:  Das  Jahr  1848.

 

aber  wie  die  Sache  heut  liegt,  so  mag  ich  zwar  von  meinem
Rechte  vollständig  überzeugt  sein,  es  ist  aber  nicht  gewiß,  daß
Andre  und  daß  schließlich  die  großen  Massen  es  auch  sein
werden;  damit  ich  dessen  gewiß  werde,  muß  die  Versammlung
sich  noch  mehr  und  in  solchen  Fragen  in's  Unrecht  setzen,  in
denen  mein  Recht,  mich  mit  Gewalt  zu  wehren,  nicht  nur  für
mich,  sondern  allgemein  einleuchtend  ist."

Meine  Ueberzeugung,  daß  die  Zweifel  des  Königs  an  seiner
Macht  unbegründet  seien  und  daß  es  deshalb  nur  darauf  ankomme,
  ob  er  an  sein  Recht  glaube,  wenn  er  sich  gegen  die
Uebergriffe  der  Versammlung  wehren  wolle,  konnte  ich  bei  ihm
nicht  zur  Anerkennung  bringen.  Daß  sie  richtig  war,  ist  demnächst
  dadurch  bestätigt  worden,  daß  den  großen  und  kleinen
Aufständen  gegenüber  jede  militärische  Anordnung  unbedenklich
und  mit  Eifer  durchgeführt  wurde,  und  zwar  unter  Umständen,
wo  die  Bethätigung  des  militärischen  Gehorsams  schon  von
Hause  aus  mit  dem  Niederwerfen  bereits  vorhandnen  bewaffneten
  Widerstandes  verbunden  war,  während  eine  Auflösung
der  Versammlung,  sobald  man  ihre  Wirksamkeit  als  staatsgefährlich
  erkannte,  in  den  Reihen  der  Truppen  die  Frage
des  Gehorsams  gegen  militärische  Befehle  nicht  berührt  haben
würde.  Auch  das  Einrücken  größrer  Truppenmassen  in  Berlin
nach  dem  Zeughaussturme  )  und  ähnlichen  Vorgängen  würde
nicht  blos  von  den  Soldaten,  sondern  auch  von  der  Mehrheit
der  Bevölkerung  als  dankenswerthe  Ausübung  eines  zweifellosen
  königlichen  Rechts  aufgefaßt  worden  sein,  wenn  auch  nicht
von  der  Minderheit,  welche  die  Leitung  führte;  und  auch  wenn
die  Bürgerwehr  sich  hätte  widersetzen  wollen,  so  würde  sie  bei
den  Truppen  nur  den  berechtigten  Kampfeszorn  gesteigert
haben.  Ich  kann  mir  kaum  denken,  daß  der  König  im  Sommer
an  seiner  materiellen  Macht,  der  Revolution  in  Berlin  ein

1)  14.  Juni  1848.
        <pb n="77" />
        König  u.  Nationalversammlung.  Die  Camarilla:  Rauch  u.  Gerlach.  53

 

Ende  zu  machen,  Zweifel  gehabt  haben  sollte,  vermuthe  vielmehr,
  daß  Hintergedanken  rege  waren,  ob  nicht  die  Berliner
Versammlung  und  der  Friede  mit  ihr  und  ihrem  Rechtsboden
unter  irgend  welchen  Constellationen  direct  oder  indirect  nützlich
  werden  könne,  sei  es  in  Combinationen  mit  dem  Frankfurter
  Parlamente  oder  gegen  dasselbe,  sei  es,  um  nach  andern
Seiten  hin  in  der  deutschen  Frage  einen  Druck  auszuüben,
und  ob  der  formale  Bruch  mit  der  preußischen  Volksvertretung
die  deutschen  Aussichten  compromittiren  könne.  Den  Umzug
in  den  deutschen  Farben  setze  ich  allerdings  nicht  auf  Rechnung
solcher  Neigungen  des  Königs;  er  war  damals  körperlich  und
geistig  so  angegriffen,  daß  er  Zumuthungen,  die  ihm  mit  Entschiedenheit
  gemacht  wurden,  wenig  Widerstand  entgegensetzte.

Bei  meinem  Verkehr  in  Sanssouci  lernte  ich  die  Personen
kennen,  die  das  Vertrauen  des  Königs  auch  in  politischen
Dingen  besaßen,  und  traf  zuweilen  in  dem  Cabinet  mit  ihnen
zusammen.  Es  waren  das  besonders  die  Generale  Leopold
von  Gerlach  und  von  Rauch,  später  Niebuhr,  der  Cabinetsrath.

Rauch  war  praktischer,  Gerlach  in  der  Entschließung  über
actuelle  Vorkommnisse  mehr  durch  geistreiche  Gesammtauffassung
angekränkelt,  eine  edle  Natur  von  hohem  Schwung,  doch  frei
von  dem  Fanatismus  seines  Bruders,  des  Präsidenten  Ludwig
von  Gerlach,  im  gewöhnlichen  Leben  bescheiden  und  hülflos
wie  ein  Kind,  in  der  Politik  tapfer  und  hochfliegend,  aber  durch
körperliches  Phlegma  gehemmt.  Ich  erinnre  mich,  daß  ich  in
Gegenwart  beider  Brüder,  des  Präsidenten  und  des  Generals,
veranlaßt  wurde,  mich  über  den  ihnen  gemachten  Vorwurf  des
Unpraktischen  zu  erklären  und  das  in  folgender  Weise  that:
„Wenn  wir  drei  hier  aus  dem  Fenster  einen  Unfall  auf  der
Straße  geschehn  sehn,  so  wird  der  Herr  Präsident  daran  eine
geistreiche  Betrachtung  über  unsern  Mangel  an  Glauben  und
die  Unvollkommenheit  unfrer  Einrichtungen  knüpfen;  der  General
  wird  genau  das  Richtige  angeben,  was  unten  geschehn
        <pb n="78" />
        54  Zweites  Kapitel:  Das  Jahr  1848.

 

müsse,  um  zu  helfen,  aber  sitzen  bleiben;  ich  würde  der  Einzige
sein,  der  hinunter  ginge  oder  Leute  riefe,  um  zu  helfen.“  So
war  der  General  der  einflußreichste  Politiker  in  der  Camarilla
Friedrich  Wilhelm's  IV.,  ein  vornehmer  und  selbstloser  Charakter,
  ein  treuer  Diener  des  Königs,  aber  geistig  vielleicht
ebenso  wie  körperlich  durch  das  Schwergewicht  seiner  Person
an  der  prompten  Ausführung  seiner  richtigen  Gedanken  behindert.
  An  Tagen,  wo  der  König  ungerecht  oder  ungnädig
für  ihn  gewesen  war,  wurde  in  der  Abendandacht  im  Hause
des  Generals  wohl  das  alte  Kirchenlied  gesungen:

Verlasse  Dich  auf  Fürsten  nicht,

Sie  sind  wie  eine  Wiege.

Wer  heute  Hosianna  spricht,

Ruft  morgen  crucifige  .

Aber  seine  Hingebung  für  den  König  erlitt  unter  diesem
christlichen  Erguß  seiner  Verstimmung  nicht  die  mindeste  Abschwächung.
  Auch  für  den  seiner  Meinung  nach  irrenden  König
setzte  er  sich  voll  mit  Leib  und  Leben  ein,  wie  er  schließlich
seinen  Tod  dadurch  fast  eigenwillig  herbeiführte,  daß  er  hinter
der  Leiche  seines  Königs  bei  Wind  und  sehr  hoher  Kälte  stundenlang
  in  bloßem  Kopfe,  den  Helm  in  der  Hand,  folgte.
Dieser  letzten  formalen  Hingebung  des  alten  Dieners  für  die
Leiche  seines  Herrn  unterlag  seine  schon  länger  angegriffne
Gesundheit;  er  kam  mit  der  Kopfrose  nach  Hause  und  starb
nach  wenigen  Tagen  ).  Durch  sein  Ende  erinnert  er  an  das
Gefolge  eines  altgermanischen  Fürsten,  das  freiwillig  mit  ihm
stirbt.

Neben  Gerlach  und  vielleicht  in  höherem  Grade  war  Rauch
seit  1848  von  Einfluß  auf  den  König.  Sehr  begabt,  der  fleischgewordne
  gesunde  Menschenverstand,  tapfer  und  ehrlich,  ohne
Schulbildung,  mit  den  Tendenzen  eines  preußischen  Generals

1)  Kreuzige!

:)  10.  Januar  1801.
        <pb n="79" />
        Leopold  v.  Gerlach.  General  v.  Rauch.  55

 

von  der  besten  Sorte,  war  er  wiederholt  als  Militärbevollmächtigter
  in  Petersburg  in  der  Diplomatie  thätig  gewesen.
Einmal  war  Rauch  von  Berlin  in  Sanssouci  erschienen  mit
dem  mündlichen  Auftrage  des  Ministerpräsidenten  Grafen
Brandenburg,  von  dem  Könige  die  Entscheidung  über  eine
Frage  von  Wichtigkeit  zu  erbitten.  Als  der  König,  dem  die
Entscheidung  schwer  wurde,  nicht  zum  Entschluß  kommen  konnte,
zog  endlich  Rauch  die  Uhr  aus  der  Tasche  und  sagte  mit  einem
Blick  auf  das  Zifferblatt:  „Jetzt  sind  noch  zwanzig  Minuten,
bis  mein  Zug  abgeht;  da  werden  Ew.  Majestät  doch  nun  befehlen
  müssen,  ob  ich  dem  Grafen  Brandenburg  Ja  sagen  soll
oder  Nee,  oder  ob  ich  ihm  melden  soll,  daß  Ew.  Mgjestät  nich
Ja  und  nich  Nee  sagen  wollen.“  Diese  Aeußerung  kam  heraus
in  dem  Tone  der  Gereiztheit,  gedämpft  durch  die  militärische
Diseiplin,  als  Ausdruck  der  Verstimmung,  die  bei  dem  klaren,
entschiednen  und  durch  die  lange  fruchtlose  Discussion  ermüdeten
General  erklärlich  war.  Der  König  sagte:  „Na,  denn  meinetwegen
  Ja“,  worauf  Rauch  sich  sofort  entfernte,  um  in  beschleunigter
  Gangart  durch  die  Stadt  zum  Bahnhof  zu  fahren.  Nachdem
  der  König  eine  Weile  schweigend  dagestanden  hatte,  wie
wenn  er  die  Folgen  der  widerwillig  getroffnen  Entscheidung
noch  erwöge,  wandte  er  sich  gegen  Gerlach  und  mich  und  sagte:
„Dieser  Rauch!  Er  kann  nicht  richtig  Deutsch  sprechen,  aber
er  hat  mehr  gesunden  Menschenverstand  als  wir  Alle,“  und
darauf  gegen  Gerlach  gewandt  und  das  Zimmer  verlassend:
„Klüger  wie  Sie  ist  er  immer  schon  gewesen.“  Ob  der  König
darin  Recht  hatte,  lasse  ich  dahingestellt;  geistreicher  war  Gerlach,
  praktischer  Rauch.

4.

Die  Entwicklung  der  Dinge  bot  keine  Gelegenheit,  die
Berliner  Versammlung  für  die  deutsche  Sache  nutzbar  zu  machen,
während  ihre  Uebergriffe  wuchsen;  es  reifte  daher  der  Gedanke,
        <pb n="80" />
        56  Zweites  Kapitel:  Das  Jahr  1848.

 

sie  nach  einem  andern  Orte  zu  verlegen,  um  ihre  Mitglieder
dem  Drucke  der  Einschüchterung  zu  entziehn,  eventuell  sie  aufzulösen.
  Damit  steigerte  sich  die  Schwierigkeit,  ein  Ministerium
zu  Stande  zu  bringen,  welches  diese  Maßregel  durchzuführen
übernehmen  würde.  Schon  seit  der  Eröffnung  der  Versammlung
  war  es  dem  Könige  nicht  leicht  geworden,  überhaupt
Minister  zu  finden,  besonders  aber  solche,  welche  auf  seine  sich
nicht  immer  gleichbleibenden  Ansichten  gefügig  eingingen  und
deren  furchtlose  Festigkeit  zugleich  die  Bürgschaft  gewährte,  daß
sie  bei  einer  entscheidenden  Wendung  nicht  versagen  würden.
Es  find  mir  aus  dem  Frühjahre  mehre  verfehlte  Versuche  erinnerlich:
  Georg  von  Vincke  antwortete  auf  meine  Sondirung,
er  sei  ein  Mann  der  rothen  Erde,  zu  Kritik  und  Opposition
und  nicht  zu  einer  Ministerrolle  veranlagt.  Beckerath  wollte
die  Bildung  eines  Ministeriums  nur  übernehmen,  wenn  die
äußerste  Rechte  sich  ihm  unbedingt  hingebe  und  ihm  den  König
sicher  mache.  Männer,  welche  in  der  Nationalversammlung
Einfluß  hatten,  wollten  sich  die  Aussicht  nicht  verderben,  künftig,
nach  Herstellung  geordneter  Zustände,  constitutionelle  Majoritätsminister
  zu  werden  und  zu  bleiben.  Ich  begegnete  unter
anderm  bei  Harkort,  der  als  Handelsminister  in  das  Auge
gefaßt  war,  der  Meinung,  daß  die  Herstellung  der  Ordnung
durch  ein  Fachministerium  von  Beamten  und  Militärs  bewirkt
werden  müsse,  ehe  verfassungstreue  Minister  die  Geschäfte  übernehmen
  könnten;  später  sei  man  bereit.

Die  Abneigung,  Minister  zu  werden,  wurde  verstärkt  durch
die  Vorstellung,  daß  persönliche  Gefahr  damit  verbunden  sein
könne,  wie  das  Vorkommen  körperlicher  Mißhandlung  conservativer
  Abgeordneter  auf  der  Straße  schon  gezeigt  habe.  Nach
den  Gewöhnungen,  welche  die  Straßenbevölkerung  angenommen
habe,  und  bei  dem  Einflusse,  den  Abgeordnete  der  äußersten
Linken  auf  sie  besäßen,  müsse  man  auf  größre  Ausschreitungen
gefaßt  sein,  wenn  die  Regirung  dem  demokratischen  An-
        <pb n="81" />
        Umschau  nach  einem  Ministerium.  Brandenburg  u.  Manteuffel.  57

 

dringen  Widerstand  zu  leisten  und  in  festre  Wege  einzulenken
versuche.

Als  der  Graf  Brandenburg,  gleichgültig  gegen  solche  Besorgnisse,
  sich  bereit  erklärt  hatte,  das  Präsidium  zu  übernehmen,
kam  es  darauf  an,  ihm  geeignete  und  genehme  Collegen  zu
gewinnen.  In  einer  Liste,  welche  dem  Könige  vorgelegt  wurde,
fand  sich  auch  mein  Name;  wie  mir  der  General  Gerlach  erzählte,
  hatte  der  König  dazu  an  den  Rand  geschrieben:  „Nur
zu  gebrauchen,  wenn  das  Bayonett  schrankenlos  waltet“  #).
Der  Graf  Brandenburg  selbst  sagte  mir  in  Potsdam:  „Ich
habe  die  Sache  übernommen,  habe  aber  kaum  die  Zeitungen
gelesen,  bin  mit  staatsrechtlichen  Fragen  unbekannt  und  kann
nichts  weiter  thun,  als  meinen  Kopf  zu  Markte  tragen.  Ich
brauche  einen  „Kornak',  einen  Mann,  dem  ich  traue  und  der
mir  sagt,  was  ich  thun  kann.  Ich  gehe  in  die  Sache  wie  ein
Kind  in's  Dunkel,  und  weiß  Niemanden  als  Otto  Manteuffel
(Director  im  Ministerium  des  Innern),  der  die  Vorbildung
und  zugleich  mein  persönliches  Vertrauen  besitzt,  der  aber  noch
Bedenken  hat.  Wenn  er  will,  so  gehe  ich  morgen  in  die  Versammlung;
  wenn  er  nicht  will,  so  müssen  wir  warten  und  einen
Andern  finden.  Fahren  Sie  nach  Berlin  hinüber  und  bewegen
Sie  Manteuffel.“  Dies  gelang,  nachdem  ich  von  9  Uhr  bis
Mitternacht  in  ihn  eingeredet  und  es  übernommen  hatte,  seine
Frau  in  Potsdam  zu  benachrichtigen,  und  die  für  die  persönliche
  Sicherheit  der  Minister  im  Schauspielhause  und  in  dessen
Umgebung  getroffnen  Maßregeln  dargelegt  hatte.

Am  9.  November  früh  Morgens  kam  der  zum  Kriegsminister
  ernannte  General  v.  Strotha  zu  mir  ),  weil  ihn

NX)  Gerlach  ist  zuverlässiger  als  die  Quelle,  aus  welcher  der  Graf
Vitzthum  von  Eckstädt  geschöpft  haben  muß,  wenn  er  —  „Berlin  und
Wien“  S.  247  —  die  Randbemerkung  so  giebt:  „Rother  Reactionär,
riecht  nach  Blut,  später  zu  gebrauchen.“

1)  Bismarck  wohnte  damals  bei  R.  von  der  Goltz,  Leipziger  Platz  14;
s.  Bismarck's  Briefe  an  seine  Braut  und  Gattin  S.  118.
        <pb n="82" />
        58  Zweites  Kapitel:  Das  Jahr  1848.

 

Brandenburg  an  mich  gewiesen  hatte,  um  sich  die  Situation
klar  machen  zu  lassen.  Ich  that  das  nach  Möglichkeit  und
fragte:  „Sind  Sie  bereit?"  Er  antwortete  mit  der  Gegenfrage:
  „Welcher  Anzug  ist  bestimmt?“  —  „Civil  “  erwiderte
ich.  —  „Das  habe  ich  nicht,“  sagte  er.  Ich  besorgte  ihm  einen
Lohndiener,  und  es  wurde  glücklich  noch  vor  der  festgesetzten
Stunde  ein  Anzug  aus  einer  Kleiderhandlung  beschafft.  Für
die  Sicherheit  der  Minister  wurden  mannigfache  Vorsichtsmaßregeln
  getroffen.  Zunächst  waren  im  Schauspielhause  selbst
außer  einer  starken  Polizeitruppe  ungefähr  dreißig  der  besten
Schützen  des  Garde-Jäger-Bataillons  so  untergebracht,  daß  sie
auf  ein  bestimmtes  Signal  im  Saale  und  auf  den  Gallerien
erscheinen  und  mit  ihren  der  größten  Genauigkeit  sichern  Schüssen
die  Minister  decken  konnten,  wenn  sie  thätlich  bedroht  wurden.
Es  ließ  sich  annehmen,  daß  auf  die  ersten  Schüsse  die  Insassen
den  Saal  schnell  räumen  würden.  Entsprechende  Vorkehrungen
waren  an  den  Fenstern  des  Schauspielhauses  und  in  verschiednen
  Gebäuden  am  Gensdarmenmarkt  getroffen,  in  der
Absicht,  den  Rückzug  der  Minister  aus  dem  Schauspielhause
gegen  etwaige  feindliche  Angriffe  zu  decken;  man  nahm  an,  daß
auch  größre  etwa  dort  versammelte  Massen  sich  zerstreuen
würden,  sobald  aus  verschiednen  Richtungen  Schüsse  fielen.
Herr  von  Manteuffel  machte  noch  darauf  aufmerksam,  daß
der  Eingang  zum  Schauspielhause  in  der  dort  engen  Charlottenstraße
  nicht  gedeckt  sei;  ich  erbot  mich,  zu  bewirken,  daß  die
ihm  gegenüber  liegende  Wohnung  des  beurlaubten  hanöverschen
Gesandten,  Grafen  Knyphausen,  von  Militär  besetzt  würde.
Ich  begab  mich  noch  in  der  Nacht  zu  dem  Obersten  von  Griesheim
  im  Kriegsministerium,  der  mit  den  militärischen  Anordnungen
  betraut  war,  stieß  aber  bei  ihm  auf  Bedenken,  ob  man
eine  Gesandschaft  zu  solchem  Zwecke  benutzen  dürfe.  Ich  suchte
nun  den  hanöverschen  Geschäftsträger,  Grafen  Platen,  auf,  der
das  dem  Könige  von  Hanover  gehörige  Haus  unter  den  Linden
        <pb n="83" />
        Das  neue  Ministerium.  Wrangels  Einmarsch.  59

 

bewohnte.  Derselbe  war  der  Ansicht,  daß  das  amtliche  Domizil
  der  Gesandschaft  zur  Zeit  in  seiner  Wohnung  unter  den
Linden  sei,  und  ermächtigte  mich,  dem  Obersten  von  Griesheim
zu  schreiben,  daß  er  die  Wohnung  „seines  abwesenden  Freundes“,
  des  Grafen  Knyphausen,  für  polizeiliche  Zwecke  zur  Verfügung
  stelle.  Spät  zu  Bett  gegangen,  wurde  ich  um  7  Uhr
Morgens  durch  einen  Boten  Platen's  mit  der  Bitte,  ihn  zu
besuchen,  geweckt.  Ich  fand  ihn  sehr  erregt  darüber,  daß  eine
Abtheilung  von  etwa  100  Mann  im  Hofe  seiner  Wohnung,
also  grade  dort,  wo  er  den  Sitz  der  Gesandschaft  bezeichnet
hatte,  aufmarschirt  war.  Griesheim  hatte  wahrscheinlich  den
durch  meine  Mittheilung  veranlaßten  Befehl  irgend  einem  Beamten
  ertheilt,  der  das  Mißverständniß  angerichtet  hatte.  Ich
ging  zu  ihm  und  erwirkte  den  Befehl  an  den  Führer  der  Abtheilung,
  die  Knyphausensche  Wohnung  zu  besetzen,  was  denn
auch  geschah,  nachdem  es  schon  Tag  geworden,  während  die
Besetzung  der  übrigen  gewählten  Häuser  in  der  Nacht  heimlich
erfolgt  war.  Vielleicht  bewirkte  grade  der  zufällige  Anschein
offner  Entschlossenheit,  daß  der  Gensdarmenmarkt,  als  die
Minister  sich  in  das  Schauspielhaus  begaben,  ganz  leer  war.

Als  Wrangel  an  der  Spitze  der  Truppen  eingezogen  war
(10.  November),  verhandelte  er  mit  der  Bürgerwehr  und  bewog
sie  zum  freiwilligen  Abzuge.  Ich  hielt  das  für  einen  politischen
Fehler;  wenn  es  zum  kleinsten  Gefecht  gekommen  wäre,  so
wäre  Berlin  nicht  durch  Capitulation,  sondern  gewaltsam  eingenommen,
  und  dann  wäre  die  politische  Stellung  der  Regirung
eine  andre  gewesen.  Daß  der  König  die  Nationalversammlung
nicht  gleich  auflöste,  sondern  auf  einige  Zeit  vertagte  und  nach
Brandenburg  verlegte  und  den  Versuch  machte,  ob  sich  dort
eine  Majorität  finden  würde,  mit  der  ein  befriedigender  Abschluß
  zu  erreichen  war,  beweist,  daß  in  der  politischen  Entwicklung,
  die  dem  Könige  vorschweben  mochte,  die  Rolle  der
Versammlung  auch  damals  noch  nicht  ausgespielt  war.  Daß
        <pb n="84" />
        60  Zweites  Kapitel:  Das  Jahr  1848.

 

diese  Rolle  auf  dem  Gebiete  der  deutschen  Frage  gedacht  war,
dafür  sind  mir  einige  Symptome  erinnerlich.  In  Privatgesprächen
  der  maßgebenden  Politiker  während  der  Vertagung
der  Versammlung  trat  die  deutsche  Frage  mehr  in  den  Vordergrund
  als  vorher,  und  innerhalb  des  Ministeriums  wurden  in
dieser  Beziehung  große  Hoffnungen  auf  den  Sachsen  von  Carlo-=witz
  gesetzt,  dessen  anerkannte  Beredsamkeit  in  deutsch-nationalem
  Sinne  wirken  würde.  Wie  der  Graf  Brandenburg  über
die  deutsche  Sache  dachte,  darüber  habe  ich  damals  von  ihm
unmittelbare  Mittheilungen  nicht  erhalten.  Er  gab  nur  seine
Bereitwilligkeit  zu  erkennen,  mit  soldatischem  Gehorsam  zu  thun,
was  der  König  befehlen  würde.  Später  in  Erfurt  sprach  er
sich  offner  zu  mir  darüber  aus  7.

1)  S.  u.  S.  75  f.
        <pb n="85" />
        Drittes  Kapitel.
Erfurt,  Olmütz,  Dresden.

1.

Der  loatente  deutsche  Gedanke  Friedrich  Wilbelm's  IV.  trägt
mehr  als  seine  Schwäche  die  Schuld  an  den  Mißerfolgen  unfrer
Politik  nach  18418.  Der  König  hoffte,  das  Wünschenswerthe
würde  kommen,  ohne  daß  er  seine  legitimistischen  Traditionen
zu  verletzen  brauchte.  Wenn  Preußen  und  der  König  garkeinen
  Wunsch  nach  irgend  etwas  gehabt  hätten,  was  sie  vor
1848  nicht  besaßen,  sei  es  auch  nur  nach  einer  historischen
mention  honorable,  wie  es  die  Reden  von  1840  und  1842  vermuthen
  ließen;  wenn  der  König  keine  Ziele  und  Neigungen
gehabt  hätte,  für  deren  Verfolgung  eine  gewisse  Popularität
nützlich  war:  was  hätte  ihn  dann  abgehalten,  nachdem  das
Ministerium  Brandenburg  festen  Fuß  gefaßt,  den  revolutionären
  Errungenschaften  im  Innern  Preußens  in  ähnlicher  Weise
entgegenzutreten  wie  dem  badischen  Aufstande  und  dem  Widerstande
  einzelner  preußischer  Provinzialstädte?  Der  Verlauf
dieser  Erhebungen  hatte  auch  denen,  die  es  nicht  wußten,  gezeigt,
  daß  die  militärischen  Kräfte  zuverlässig  waren;  in  Baden
hatte  sogar  die  Landwehr  aus  Districten,  die  für  unsicher  galten,
ihre  Schuldigkeit  nach  Kräften  gethan.  Die  Möglichkeit  einer
militärischen  Reaction,  die  Möglichkeit,  wenn  man  einmal  eine
Verfassung  octroyirte,  das  zu  Grunde  gelegte  belgische  Formular
  schärfer,  als  geschehn  ist,  im  monarchischen  Sinne  zu  amendiren,
  lag  ohne  Zweifel  vor.  Die  Neigung,  diese  Möglichkeit
auszunutzen,  muß  im  Gemüthe  des  Königs  zurückgetreten  sein
        <pb n="86" />
        62  Drittes  Kapitel:  Erfurt,  Olmütz,  Dresden.

 

vor  der  Besorgniß,  dasjenige  Maß  von  Wohlwollen  in  nationaler
  und  liberaler  Richtung  zu  verlieren,  auf  dem  die  Hoffnung
  beruhte,  daß  Preußen  ohne  Krieg  und  in  einer  mit
legitimistischen  Vorstellungen  verträglichen  Weise  das  Vorgewicht
in  Deutschland  zufallen  würde.

Diese  Hoffnung  oder  Erwartung,  die  bis  in  die  „Neue
Aera“  hinein  in  Phrasen  von  dem  deutschen  Berufe  Preußens
und  von  moralischen  Eroberungen  einen  schüchternen  Ausdruck
fand,  beruhte  auf  dem  doppelten  Irrthum,  der  vom  März  1848
bis  zum  Frühjahr  des  folgenden  Jahres  in  Sanssouci  wie  in
der  Paulskirche!))  bestimmend  war:  einer  Unterschätzung  der
Lebenskraft  der  deutschen  Dynastien  und  ihrer  Staaten,  und
einer  Ueberschätzung  der  Kräfte,  die  man  unter  dem  Wort
Barrikade  zusammenfassen  kann,  so  daß  darunter  alle  die  Barrikade
  vorbereitenden  Momente,  Agitation  und  Drohung  mit
dem  Straßenkampfe,  begriffen  sind.  Nicht  in  diesem  selbst  lag
die  Gefahr  des  Umsturzes,  sondern  in  der  Furcht  davor.  Die
mehr  oder  weniger  phäakischen  Regirungen  waren  im  März,
ehe  sie  den  Degen  gezogen  hatten,  geschlagen,  theils  durch  die
Furcht  vor  dem  Feinde,  theils  durch  die  innre  Sympathie
ihrer  Beamten  mit  demselben.  Immerhin  wäre  es  für  den
König  von  Preußen  an  der  Spitze  der  Fürsten  leichter  gewesen,
durch  Ausnutzung  des  Sieges  der  Truppen  in  Berlin  ein
deutsches  Einheitsgebilde  herzustellen,  als  es  nachher  der  Paulskirche
  geworden  ist;  ob  die  Eigenthümlichkeit  des  Königs  nicht
eine  solche  Herstellung  auch  bei  Festhalten  dieses  Sieges  gehindert
  oder  das  hergestellte,  wie  Bodelschwingh  im  März
fürchtete,  wieder  unsicher  gemacht  haben  würde,  ist  allerdings
schwer  zu  beurtheilen.  In  den  Stimmungen  seiner  letzten
Lebensjahre,  wie  sie  auch  aus  den  Aufzeichnungen  Leopold's
v.  Gerlach  und  aus  andern  Quellen  ersichtlich  find,  steht  die

1)  D.  h.  der  in  der  Frankfurter  Paulskirche  tagenden  deutschen
Nationalversammlung.
        <pb n="87" />
        Ursachen  der  Mißerfolge  Preußens  nach  1848.  63

 

ursprüngliche  Abneigung  gegen  constitutionelle  Einrichtungen,
die  Ueberzeugung  von  der  Nothwendigkeit  eines  größern  Maßes
freier  Bewegung  der  Königlichen  Gewalt  als  das  in  der
preußischen  Verfassung  gegebene  wieder  im  Vordergrunde.  Der
Gedanke,  die  Verfassung  durch  einen  „Königlichen  Freibrief“
zu  ersetzen,  war  in  der  letzten  Krankheit  noch  lebendig.

Die  Frankfurter  Versammlung,  in  demselben  doppelten
Irrthum  befangen,  behandelte  die  dynastischen  Fragen  als
überwundnen  Standpunkt,  und  mit  der  theoretischen  Energie,
welche  dem  Deutschen  eigen  ist,  auch  in  Betreff  Preußens  und
Oestreichs.  Diejenigen  Abgeordneten,  welche  in  Frankfurt  über
die  Stimmung  der  preußischen  Provinzen  und  der  deutschöstreichischen
  Länder  kundige  Auskunft  geben  konnten,  waren
zum  Theil  interessirt  bei  der  Verschweigung  der  Wahrheit;  die
Versammlung  täuschte  sich,  ehrlich  oder  unehrlich,  über  die
Thatsache,  daß  im  Falle  eines  Widerspruchs  zwischen  einem
Frankfurter  Reichstagsbeschluß  und  einem  preußischen  Königsbefehl
  der  erstere  bei  sieben  Achtel  der  preußischen  Bevölkerung
leichter  oder  garnicht  in's  Gewicht  fiel.  Wer  damals  in  unsern
Ostprovinzen  gelebt  hat,  wird  heut  noch  die  Erinnrung  haben,
daß  die  Frankfurter  Verhandlungen  bei  allen  den  Elementen,
in  deren  Hand  die  materielle  Macht  lag,  bei  allen  denen,  welche
in  Conflictsfällen  Waffen  zu  führen  oder  zu  befehlen  hatten,
nicht  so  ernsthaft  aufgefaßt  wurden,  wie  es  nach  der  Würde
der  wissenschaftlichen  und  parlamentarischen  Größen,  die  dort
versammelt  waren,  hätte  erwartet  werden  können.  Und  nicht
nur  in  Preußen,  sondern  auch  in  den  großen  Mittelstaaten
hätte  damals  ein  monarchischer  Befehl,  der  die  Masse  der  Fäuste
dem  Fürsten  zu  Hülfe  aufrief,  falls  er  erfolgte,  eine  ausreichende
Wirkung  gehabt;  nicht  überall  in  dem  Maße,  wie  es  in  Preußen
der  Fall  war,  aber  doch  in  einem  Maße,  welches  überall  dem
Bedürfniß  materieller  Polizeigewalt  genügt  haben  würde,  wenn
die  Fürsten  den  Muth  gehabt  hätten,  Minister  anzustellen,  die
        <pb n="88" />
        64  Drittes  Kapitel:  Erfurt,  Olmütz,  Dresden.

 

ihre  Sache  fest  und  offen  vertraten.  Es  war  dies  im  Sommer
1848  in  Preußen  nicht  der  Fall  gewesen;  sobald  aber  im  November
  der  König  sich  entschloß,  Minister  zu  ernennen,  welche
bereit  waren,  die  Kronrechte  ohne  Rücksicht  auf  Parlamentsbeschlüsse
  zu  vertreten,  war  der  ganze  Spuk  verschwunden  und
nur  noch  die  Gefahr  vorhanden,  daß  der  Rückschlag  über  das
vernünftige  Maß  hinausgehn  werde.  In  den  übrigen  norddeutschen
  Staaten  kam  es  nicht  einmal  zu  solchen  Conflicten,
wie  sie  das  Ministerium  Brandenburg  in  einzelnen  Provinzialstädten
  zu  bekämpfen  hatte.  Auch  in  Baiern  und  Würtemberg
erwies  sich  das  Königthum  trotz  antiköniglicher  Minister  schließlich
  stärker  als  die  Revolution.

Als  der  König  am  3.  April  1849  die  Kaiserkrone  ablehnte,
aber  aus  dem  Beschlusse  der  Frankfurter  Versammlung  „ein
Anrecht“  entnahm,  dessen  Werth  er  zu  schätzen  wisse,  war  er
dazu  hauptsächlich  bewogen  durch  den  revolutionären  oder  doch
parlamentarischen  Ursprung  des  Anerbietens  und  durch  den
Mangel  eines  staatsrechtlichen  Mandats  des  Frankfurter  Parlaments
  bei  mangelnder  Zustimmung  der  Dynastien.  Aber
auch  wenn  alle  diese  Mängel  nicht,  oder  doch  in  den  Augen
des  Königs  nicht,  vorhanden  gewesen  wären,  so  würde  unter
ihm  eine  Fortbildung  und  Kräftigung  der  Reichs-Institutionen,
wie  sie  unter  Kaiser  Wilhelm  stattgefunden  hat,  kaum  zu  erwarten
  gewesen  sein.  Die  Kriege,  welche  der  Letztre  geführt
hat,  würden  nicht  ausgeblieben  sein,  nur  würden  sie  nach  der
Constituirung  des  Kaiserthums,  als  Folge  derselben,  und  nicht
vorher,  das  Kaiserthum  vorbereitend  und  herstellend,  zu  führen
gewesen  sein.  Ob  Friedrich  Wilhelm  IV.  zur  rechtzeitigen
Führung  derselben  hätte  bewogen  werden  können,  weiß  ich
nicht;  es  war  das  schon  schwierig  bei  seinem  Herrn  Bruder,
in  dem  die  militärische  Ader  und  das  preußische  Offiziersgefühl
vorwiegend  waren.

Wenn  ich  die  damaligen  preußischen  Zustände,  persönliche
        <pb n="89" />
        Ablehnung  der  Kaiserkrone.  Parteileben  sonst  und  jetzt.  65

 

und  sachliche,  als  nicht  reif  zur  Uebernahme  der  Führung  in
Deutschland  in  Krieg  und  Frieden  bezeichne,  so  will  ich  damit
nicht  gesagt  haben,  daß  ich  damals  die  Voraussicht  davon  mit
derselben  Klarheit  gehabt  habe,  wie  heut  im  Rückblick  auf  eine
40  jährige  seitdem  verflossene  Entwicklung.  Meine  damalige
Befriedigung  über  die  Ablehnung  der  Kaiserkrone  durch  den
König  lag  nicht  in  der  vorstehenden  Beurtheilung  seiner  Person,
eher  in  einer  stärkern  Empfänglichkeit  für  das  Prestige  der
Preußischen  Krone  und  ihres  Trägers,  noch  mehr  aber  in  dem
instinctiven  Mißtrauen  gegen  die  Entwicklung  seit  den  Barrikaden
  von  1848  und  ihren  parlamentarischen  Consequenzen  7.
Den  letztern  gegenüber  war  ich  mit  meinen  politischen  Freunden
  unter  dem  Eindruck,  daß  die  leitenden  Männer  in  Parlament
  und  Presse  das  Programm  „es  mufß  alles  ruinirt  werden“
  zum  Theil  bewußt,  zum  größern  Theile  unbewußt  förderten
  und  ausführten  und  daß  die  vorhandnen  Minister  nicht
die  Männer  waren,  welche  die  Bewegung  leiten  oder  hemmen
konnten.  Mein  Standpunkt  dazu  unterschied  sich  damals  nicht
wesentlich  von  dem  noch  heut  in  Kraft  stehenden  eines  parlamentarischen
  Fractionsmitgliedes,  begründet  auf  Anhänglichkeit
an  Freunde  und  Mißtrauen  oder  Feindschaft  gegen  Gegner.
Die  Ueberzeugung,  daß  der  Gegner  in  Allem,  was  er  vornimmt,
  im  besten  Falle  beschränkt,  wahrscheinlich  aber  böswillig
und  gewissenlos  ist,  und  die  Abneigung,  mit  den  eignen  Fractionsgenossen
  zu  dissentiren  und  zu  brechen,  beherrscht  noch  heut
das  Fractionsleben;  und  damals  waren  die  Ueberzeugungen,
auf  denen  diese  dem  Staatsleben  gefährlichen  Erscheinungen
beruhn,  sehr  viel  lebhafter  und  ehrlicher,  als  sie  heut  sind.  Die
Gegner  kannten  sich  damals  wenig,  sie  haben  seitdem  40  Jahre
lang  Gelegenheit  gehabt,  sich  kennen  zu  lernen,  da  der  Personalbestand
  der  im  Vordergrunde  stehenden  Parteimänner  sich

1)  Man  vergl.  die  Rede  vom  21.  April  1849  in  Bismarck's  politischen

  Reden  1  85  ff.
Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  5
        <pb n="90" />
        66  Drittes  Kapitel:  Erfurt,  Olmütz,  Dredden.

 

nur  langsam  und  wenig  zu  ändern  pPflegt.  Man  hielt  sich  damals
  wirklich  gegenseitig  für  entweder  dumm  oder  schlecht,
man  hatte  wirklich  die  Gefühle  und  Ueberzeugungen,  die  man
heutzutage  behufs  Einwirkung  auf  die  Wähler  und  auf  den
Monarchen  zu  haben  vorgiebt,  weil  sie  zu  dem  Programm
gehören,  auf  welches  hin  man  in  einer  bestimmten  Fraction
Dienst  genommen  hat,  „eingesprungen“  ist,  indem  man  an
deren  Berechtigung  geglaubt  und  ihren  Führern  vertraut  hat.
Das  politische  Streberthum  hat  heut  mehr  Antheil  an  dem
Bestehn  und  Verhalten  der  Fractionen  als  vor  40  Jahren;
die  Ueberzeugungen  waren  damals  aufrichtiger  und  ungeschulter,
wenn  auch  die  Leidenschaften,  der  Haß  und  die  gegenseitige
Mißgunst  der  Fractionen  und  ihrer  Führer,  die  Neigung,  die
Landesinteressen  den  Fractionsinteressen  zu  opfern,  heut  vielleicht
  stärker  entwickelt  sind.  En  tout  cas  le  diable  n’y  perd
rien!).  Byzantinismus  und  verlogne  Speculation  auf  Liebhabereien
  des  Königs  wurden  wohl  in  kleinen  höhern  Kreisen
betrieben,  aber  bei  den  parlamentarischen  Fractionen  war  der
Wettlauf  um  die  Gunst  des  Hofes  noch  nicht  im  Gange;  der
Glaube  an  die  Macht  des  Königthums  war  irrthümlicher  Weise
meist  geringer  als  der  an  die  eigne  Bedeutung;  man  fürchtete
nichts  mehr,  als  für  servil  oder  für  ministeriell  zu  gelten  ?.
Die  Einen  strebten  nach  eigner  Ueberzeugung  das  Königthum
zu  stärken  und  zu  stützen,  die  Andern  glaubten  ihr  und  des
Landes  Wohl  in  Bekämpfung  und  Schwächung  des  Königs  zu
finden;  es  liegt  darin  ein  Beweis,  daß,  wenn  nicht  die  Macht,
doch  der  Glaube  an  die  Macht  des  preußischen  Königthums
damals  schwächer  war  als  heut  zu  Tage.  Die  Unterschätzung
der  Macht  der  Krone  erlitt  auch  durch  die  Thatsache  keine
Aenderung,  daß  der  persönliche  Wille  eines  nicht  sehr  willens-1)

  Sprichwörtliche  Redensart,  vgl.  Dictionnaire  de  I/Académie  unter

diable.
2)  VUgl.  Bismarck's  politische  Reden  IV  165;  IX  158.
        <pb n="91" />
        Damaliges  Parteileben.  Drei-Königs-Bündniß.  67

 

starken  Monarchen  wie  Friedrich  Wilhelm's  IV.  hinreichte,  der
ganzen  deutschen  Bewegung  durch  Ablehnung  der  Kaiserkrone
die  Spitze  abzubrechen,  und  daß  die  sporadischen  Aufstände,  die
demnächst  für  die  Durchführung  nationaler  Wünsche  ausbrachen,
von  der  Königlichen  Gewalt  mit  Leichtigkeit  unterdrückt  wurden.

Die  günstige  Situation,  welche  für  Preußen  in  der  kurzen
Zeit  von  der  Niederlage  des  Fürsten  Metternich  in  Wien  ½)
bis  zum  Rückzuge  der  Truppen  aus  Berlin  )  bestanden  hatte,
erneuerte  sich,  wenn  auch  in  schwächern  Umrissen,  dank  der
Wahrnehmung,  daß  der  König  und  sein  Heer  nach  allen  Mißgrifsen
  noch  stark  genug  waren,  den  Aufstand  in  Dresden
niederzuwerfen  )  und  das  Drei-Königsbündniß")  zu  Stande
zu  bringen.  Eine  schnelle  Ausnutzung  der  Lage  im  nationalen
Sinne  war  vielleicht  möglich,  setzte  aber  klare  und  praktische
Ziele  und  entschlossenes  Handeln  voraus.  Beides  fehlte.  Die
günstige  Zeit  ging  verloren  mit  Erwägungen  von  Einzelheiten
der  künftigen  Verfassung,  unter  denen  eine  der  breitesten  Stellen
die  Frage  von  dem  Gesandschaftsrecht  der  deutschen  Fürsten
neben  dem  des  Deutschen  Reiches  einnahm  3).  Ich  habe  damals
  in  den  mir  zugänglichen  Kreisen  am  Hofe  und  unter  den
Abgeordneten  die  Ansicht  vertreten,  daß  das  Gesandschaftsrecht
nicht  die  Wichtigkeit  habe,  die  man  ihm  beilegte,  sondern  der
Frage  von  dem  Einflusse  der  einzelnen  Bundesfürsten  im  Reiche
oder  im  Auslande  untergeordnet  sei.  Wäre  der  Einfluß  eines
solchen  auf  die  Politik  gering,  so  würden  seine  Gesandschaften
im  Auslande  den  einheitlichen  Eindruck  des  Reiches  nicht  abschwächen
  können;  bliebe  sein  Einfluß  auf  Krieg  und  Frieden,
auf  die  politische  und  finanzielle  Leitung  des  Reiches  oder  auf

1)  13.  März  1848.

2)  19.  März  1848.

2:)  9.  Matl  1849.

!)  26.  Mai  1849.

5)  Vgl.  Bismarck's  Aeußerung  in  der  Reichstagsrede  vom  8.  März
1878,  Politische  Reden  VII  184  f.
        <pb n="92" />
        68  Drittes  Kapitel:  Erfurt,  Olmütz,  Dresden.

 

die  Entschließungen  fremder  Höfe  stark  genug,  so  gebe  es  kein
Mittel,  zu  verhindern,  daß  fürstliche  Correspondenzen  oder
irgend  welche  mehr  oder  weniger  distinguirte  Privatleute,  bis
in  die  Kategorie  der  internationalen  Zahnärzte  hinein,  die
Träger  politischer  Verhandlungen  würden.

Mir  schien  es  damals  nützlicher,  anstatt  der  theoretischen
Erörterungen  über  Verfassungsparagraphen  die  vorhandne
lebenskräftige  preußische  Militärmacht  in  den  Vordergrund  zu
stellen,  wie  es  gegen  den  Aufstand  in  Dresden  geschehn  war
und  in  den  übrigen  außerpreußischen  Staaten  hätte  geschehn
können.  Die  Dresdner  Vorgänge  hatten  gezeigt,  daß  in  der
sächsischen  Truppe  Disciplin  und  Treue  unerschüttert  waren,
sobald  die  preußische  Verstärkung  die  militärische  Lage  haltbar
machte.  Ebenso  erwiesen  sich  bei  den  Kämpfen  in  Frankfurt
die  hessische,  in  Baden  die  mecklenburgische  Truppe  zuverlässig,
sobald  sie  überzeugt  waren,  daß  eine  bewußte  Leitung  stattfand
und  einheitliche  Befehle  gegeben  wurden,  und  sobald  man  ihnen
nicht  zumuthete,  sich  angreifen  zu  lassen  und  sich  nicht  zu  wehren.
Hätte  man  damals  von  Berlin  aus  die  eigne  Armee  rechtzeitig
und  hinreichend  verstärkt  und  mit  ihr  die  Führung  auf  militärischem
  Gebiete  ohne  Hintergedanken  übernommen,  so  weiß
ich  nicht,  was  zu  Zweifeln  an  einem  günstigen  Erfolge  hätte
berechtigen  können.  Die  Situation  war  nicht  so  klar  in  allen
Rechts-  und  Gewissensfragen  wie  Anfangs  März  1848,  aber
politisch  immerhin  nicht  ungünstig.

Wenn  ich  von  Hintergedanken  spreche,  so  meine  ich  damit
den  Verzicht  auf  Beifall  und  Popularität  bei  verwandten
Fürstenhäusern,  bei  Parlamenten,  Historikern  und  in  der  Tagespresse.
  Als  öffentliche  Meinung  imponirte  damals  die  tägliche
Strömung,  die  in  der  Presse  und  den  Parlamenten  am  lautesten
rauscht,  aber  nicht  maßgebend  ist  für  die  Volksstimmung,  von
der  es  abhängt,  ob  die  Masse  den  auf  regelmäßigem  Wege  von
oben  ergehenden  Anforderungen  noch  Folge  leistet.  Die  geistige
        <pb n="93" />
        Bedenken  und  Hintergedanken  Friedrich  Wilhelms  IV.  69

 

Potenz  der  obern  Zehntausend  in  der  Presse  und  auf  der  Tribüne
  ist  von  einer  zu  großen  Mannigfaltigkeit  sich  kreuzender
Bestrebungen  und  Kräfte  getragen  und  geleitet,  als  daß  die
Regirungen  aus  ihr  die  Richtschnur  für  ihr  Verhalten  entnehmen
  könnten,  so  lange  nicht  die  Evangelien  der  Redner
und  Schriftsteller  vermöge  des  Glaubens,  den  sie  bei  den
Massen  finden,  die  materiellen  Kräfte,  die  sich  „hart  im  Raume“  h)
stoßen,  zur  Verfügung  haben.  Ist  dies  der  Fall,  so  tritt  vis
major  ein,  mit  der  die  Politik  rechnen  muß.  So  lange  diese
in  der  Regel  nicht  schnell  eintretende  Wirkung  nicht  vorliegt,
so  lange  nur  das  Geschrei  der  rerum  novarum  cupich  in  größern
Centren,  das  Emotionsbedürfniß  der  Presse  und  des  parlamentarischen
  Lebens  den  Lärm  machen,  tritt  für  den  Realpolitiker
  die  Betrachtung  Coriolan's  über  populäre  Kundgebungen?)
  in  Kraft,  wenn  auch  in  ihr  die  Druckerschwärze  noch
keine  Erwähnung  findet.  Die  leitenden  Kreise  in  Preußen
ließen  sich  aber  damals  durch  den  Lärm  der  großen  und  kleinen
Parlamente  betäuben,  ohne  deren  Gewicht  an  dem  Barometer
zu  messen,  den  ihnen  die  Haltung  der  Mannschaft  in  Reih  und
Glied  oder  der  Einberufung  gegenüber  an  die  Hand  gab.  Zu
der  Täuschung  über  die  realen  Machtverhältnisse,  die  ich  damals
  bei  Hofe  und  bei  dem  Könige  selbst  habe  constatiren
können,  haben  die  Sympathien  der  höhern  Beamtenschichten
theils  für  die  liberale,  theils  für  die  nationale  Seite  der  Bewegung
  viel  beigetragen  —  ein  Element,  das  ohne  Impuls
von  oben  wohl  hemmend,  aber  nicht  thatsächlich  entscheidend
in's  Gewicht  fallen  konnte.

Gegenüber  der  Versuchung,  die  in  der  Situation  lag,  hatte
der  König  ein  Gefühl,  welches  ich  dem  Unbehagen  vergleichen
möchte,  von  dem  ich,  obwohl  ein  großer  Liebhaber  des  Schwim-1)

  Vgl.  Schiller,  Wallenstein's  Tod  II  2:  „Leicht  bei  einander  wohnen
die  Gedanken  ]  Doch  hart  im  Raume  stoßen  sich  die  Sachen.“
2)  Vgl.  Shakespeare,  Coriolan  1.  Aufz.  1.  Auftr.
        <pb n="94" />
        70  Drittes  Kapitel:  Erfurt,  Olmütz,  Dresden.

 

mens,  ergriffen  wurde,  wenn  ich  an  einem  kalten  stürmischen
Tage  den  ersten  Schritt  in  das  Wasser  thun  wollte.  Seine
Bedenken,  ob  die  Dinge  reif  seien,  wurden  unter  anderm  ge—
nährt  durch  die  geschichtlichen  Erörterungen,  die  er  mit  Radowitz
  pflog,  nicht  nur  über  das  sächsische  und  hanöversche  Gesandschaftsrecht,
  sondern  auch  über  die  Vertheilung  der  Sitze
im  „Reichstage“  zwischen  Regirenden  und  Mediatisirten,  zwischen
  Landesherrn  und  Personalisten,  recipirten  und  nicht  recipirten
  Grafen  unter  den  verschiednen  Kategorien  der  Reichstagsmasse,
  wobei  die  Specialität  des  Freien  Standesherrn  von
Grote-Schauen  zu  untersuchen  war.

2.

Den  militärischen  Vorgängen  stand  ich  damals  weniger  nahe
als  später,  glaube  aber  nicht  zu  irren,  wenn  ich  annehme,  daß
für  die  Truppenbewegungen  zur  Unterdrückung  der  Aufstände
in  der  Pfalz  und  in  Baden  mehr  Cadres  und  Stämme  verwendet
  wurden,  als  rathsam  und  als  erforderlich  gewesen  wäre,
wenn  man  feldmäßig  mobile  Truppen  hätte  marschiren  lassen.
Thatsache  ist,  daß  mir  der  Kriegsminister  zur  Zeit  der  Olmützer
Begegnung  ½/  als  einen  der  zwingenden  Gründe  für  den  Frieden
oder  doch  Ausschub  des  Krieges  die  Unmöglichkeit  angab,  den
großen  Theil  der  Armee  rechtzeitig  oder  überhaupt  zu  mobilisiren,
  dessen  Stämme  sich  in  Baden  oder  sonst  außerhalb
ihrer  Stand=  und  Mobilmachungs-Bezirke  unvollzählig  befanden.
  Wenn  wir  im  Frühjahr  1849  die  Möglichkeit  einer  kriegerischen
  Lösung  im  Auge  behalten  und  unfre  Mobilmachungsfähigkeit
  durch  Verwendung  keiner  andern  als  kriegsbereiter
Truppen  intact  erhalten  hätten,  so  wäre  die  militärische  Kraft,
über  welche  Friedrich  Wilhelm  IV.  verfügte,  ausreichend  gewesen,
  nicht  nur  jede  aufständische  Bewegung  in  und  außer

————..

1)  v.  Stockhausen.
        <pb n="95" />
        Verzettlung  der  preuß.  Truppen.  Unentschlossenheit  des  Königs.  71

 

Preußen  niederzuschlagen,  sondern  die  aufgestellten  Streitkräfte
hätten  zugleich  das  Mittel  gewährt,  uns  1850  auf  die  Lösung
der  damaligen  Hauptfragen  in  unverdächtiger  Weise  vorzubereiten,
  falls  sie  sich  zu  einer  militärischen  Machtfrage  zuspitzten.
  Es  fehlte  dem  geistreichen  Könige  nicht  an  politischer
Voraussicht,  aber  an  Entschluß,  und  sein  im  Princip  starker
Glaube  an  die  eigne  Machtvollkommenheit  hielt  in  concreten
Fällen  wohl  gegen  politische  Rathgeber  Stand,  aber  nicht
gegen  finanzministerielle  Bedenken.

Ich  hatte  schon  damals  das  Vertraun,  daß  die  militärische
Kraft  Preußens  genügen  werde,  um  alle  Aufstände  zu  überwältigen,
  und  daß  die  Ergebnisse  der  Ueberwältigung  zu  Gunsten
der  Monarchie  und  der  nationalen  Sache  um  so  erheblicher  sein
würden,  je  größer  der  zu  überwindende  Widerstand  gewesen
wäre,  und  vollständig  befriedigend,  wenn  alle  Kräfte,  von  denen
Widerstand  zu  erwarten  war,  in  einem  und  demselben  Feldzuge
  überwunden  werden  konnten.  Während  der  Aufstände  in
Baden  und  der  Pfalz  war  es  eine  Zeit  lang  zweifelhaft,  wohin
  ein  Theil  der  bairischen  Armee  gravitiren  würde.  Ich
erinnre  mich,  daß  ich  dem  bairischen  Gesandten,  Grafen  Lerchenseld
  ),  als  er  grade  in  diesen  kritischen  Tagen  von  mir  Abschied
nahm,  um  nach  München  zu  reisen,  sagte:  „Gott  gebe,  daß  auch
Ihre  Armee,  so  weit  sie  unsicher  ist,  offen  abfällt;  dann  wird
der  Kampf  groß,  aber  ein  entscheidender  werden,  der  das  Geschwür
  heilt.  Machen  Sie  mit  dem  unsichern  Theil  Ihrer
Truppen  Frieden,  so  bleibt  das  Geschwür  unterköthig.“  Lerchenfeld,
  besorgt  und  bestürzt,  nannte  mich  leichtsinnig.  Ich  schloß
das  Gespräch  mit  den  Worten:  „Seien  Sie  sicher,  wir  reißen
Ihre  und  unfre  Sache  durch;  je  toller  je  besser.“  Er  glaubte
mir  nicht,  aber  meine  Zuversicht  ermuthigte  ihn  doch,  und  ich

1)  Gustav  Anton  Freiherr  v.  Lerchenfeld  wohnte  in  den  am  17.  Mai

1849  unter  Radowitz's  Vorsitz  eröffneten  Unionsverhandlungen  bei  als
bayrischer  Bevollmächtigter.
        <pb n="96" />
        72  Drittes  Kapitel:  Erfurt,  Olmütz,  Dresden.

 

glaube  noch  heut,  daß  die  Chancen  für  eine  wünschenswerthe
Lösung  der  damaligen  Krifis  noch  besser  geworden  wären,  wenn
vorher  die  badische  Revolution  durch  den  damals  befürchteten
Abfall  auch  eines  Theils  der  bairischen  und  würtembergischen
Truppen  verstärkt  worden  wäre.  Freilich  würden  sie  auch
dann  vielleicht  unbenutzt  geblieben  sein.

Ich  lasse  unentschieden,  ob  an  der  Halbheit  und  Schüchternheit
  der  damals  den  ernsten  Gefahren  gegenüber  ergriffnen
Maßregeln  nur  finanzielle  Minister-Aengstlichkeiten  oder  dynastische
  Gewissensbedenken  und  Unentschlossenheit  an  höchster
Stelle  Schuld  waren  oder  ob  in  amtlichen  Kreisen  eine  ähnliche
  Sorge  mitwirkte  wie  die,  welche  in  den  Märztagen  bei
Bodelschwingh  und  Andern  die  richtige  Lösung  verhinderte,
nämlich  die  Befürchtung,  daß  der  König  in  dem  Maße,  in  dem
er  sich  wieder  mächtig  und  sorgenfrei  fühlen  würde,  auch  eine
absolutistische  Richtung  einschlagen  könnte.  Ich  erinnre  mich,
diese  Besorgniß  bei  höhern  Beamten  und  in  liberalen  Hofkreisen
  wahrgenommen  zu  haben.

Unbeantwortet  ist  die  Frage  geblieben,  ob  der  Einfluß  des
Generals  von  Radowitz  aus  katholisirenden  Gründen  in  einer
auf  den  König  wirksamen  Gestalt  verwendet  worden  ist,  um
das  evangelische  Preußen  an  der  Wahrnehmung  der  günstigen
Gelegenheit  zu  hindern  und  den  König  über  dieselbe  hinweg
zu  täuschen.  Ich  weiß  noch  heut  nicht,  ob  er  ein  katholisirender
  Gegner  Preußens  war  oder  nur  bestrebt,  seine  Stellung
bei  dem  Könige  zu  halten  ).  Gewiß  ist,  daß  er  den  geschickten

X)  Der  General  von  Gerlach  hat  im  August  1850  niedergeschrieben
(Denkwürdigkeiten  1  514):

„Die  Verehrung  des  Königs  für  Radowitz  beruht  auf  zwei  Dingen:
1)  seinem  scheinbar  scharf  logisch-mathematischen  Raisonnement,  bei  dem
seine  gedankenlose  Indifferenz  es  ihm  möglich  macht,  jeden  Widerspruch
mit  dem  Könige  zu  vermeiden.  Nun  sieht  der  König  in  dieser  seinem
Ideengange  ganz  entgegengesetzten  Denkart  die  Probe  für  das  Exempel,
was  er  sich  zusammengerechnet,  und  hält  sich  so  seiner  Sache  gewiß.
        <pb n="97" />
        Radowitz'  Einfluß  auf  den  König.  73

 

Garderobier  der  mittelalterlichen  Phantasie  des  Königs  machte
und  dazu  beitrug,  daß  der  König  über  historische  Formfragen
und  reichsgeschichtliche  Erinnrungen  die  Gelegenheiten  zu  praktischem
  Eingreifen  in  die  Entwicklung  der  Gegenwart  versäumte.
Das  tempus  utile  für  Einrichtung  des  Dreikönigsbundes  wurde
dilatorisch  mit  nebensächlichen  Formfragen  ausgefüllt,  bis
Oestreich  wieder  stark  genug  war,  um  Sachsen  und  Hanover
zum  Rücktritt  zu  vermögen,  so  daß  beide  Mitbegründer  dieses
Dreibundes  in  Erfurt  ausfielen.  Während  des  Erfurter  Parlaments
  ½,  in  einer  von  dem  General  von  Pfuel  geladnen
Gesellschaft,  kamen  vertrauliche  Nachrichten  einiger  Abgeordneten
  zur  Sprache  über  die  Stärke  der  östreichischen  Armee,
die  sich  in  Böhmen  sammelte  und  dem  Parlament  als  Gegengewicht
  und  Correctiv  dienen  sollte.  Es  wurden  verschiedne
Zahlen,  80000  und  130  000  Mann,  angegeben.  Radowitz  hörte
eine  Zeit  lang  ruhig  zu  und  sagte  dann  mit  dem  ihm  eignen
Ausdruck  unwiderleglicher  Gewißheit  auf  seinen  regelmäßigen
Zöügen  in  entscheidendem  Tone:  „Oestreich  hat  in  Böhmen
28254  Mann  und  7132  Pferde.“  Die  Tausende,  die  er  angab,
  sind  mir  obiter  in  Erinnrung,  die  übrigen  Ziffern  setze
ich  nach  Gutdünken  hinzu,  nur  um  die  erdrückende  Genauigkeit
der  Angaben  des  Generals  anschaulich  zu  machen.  Natürlich
brachten  diese  Zahlen  aus  dem  Munde  des  amtlichen  und  competenten
  Vertreters  der  preußischen  Regirung  einstweilen  jede

2  Der  König  hält  seine  Minister  und  auch  mich  für  Rindvieh,  schon
darum,  weil  jene  mit  ihm  currente  und  praktische  Geschäfte  abmachen
müssen,  welche  nie  seinen  Ideen  entsprechen.  Er  traut  sich  nicht  die
Fähigkeit  zu,  diese  Minister  sich  folgsam  zu  machen,  auch  nicht  die,  andre
zu  finden,  er  giebt  also  diesen  Weg  auf  und  glaubt,  in  Radowitz  einen
gefunden  zu  haben,  von  Deutschland  aus  Preußen  zu  restauriren,  wie
das  Radowitz  in  „Deutschland  und  Friedrich  Wilhelm  IV.  geradezu
eingesteht.“

1)  20.  März  bis  29.  April  1850.

:)  Generallieutenant  v.  Radowitz  leitete  als  erster  Commissar  des
Berwaltungsraths  der  Union  die  Verhandlungen  des  Erfurter  Parlaments.
        <pb n="98" />
        74  Drittes  Kapitel:  Erfurt,  Olmütz,  Dresden.

 

abweichende  Meinung  zum  Schweigen!).  Wie  stark  die  östreichische
Armee  im  Frühjahr  1850  in  Böhmen  gewesen  ist,  wird  heut

1)  Ueber  Radowitz  urtheilt  Bismarck  in  einem  Brief  an  Scharlach
vom  4.  Juli  1850:  „Ueber  Radowitz  eristirt  viel  Irrtum  in  dieser
Welt.  Die  meisten  halten  ihn  für  eine  dämonische  Natur  von  großartigen
  geistigen  Hülfsquellen,  die  irgend  welche  geheime  Zwecke  mit
überlegener  Geisteskraft  und  Energie  verfolgt;  das  Düstre  seiner  südslavischen
  Physiognomie,  das  Geheimnißvolle,  in  welches  er  sein  Wesen
zu  drapiren  beliebt,  bestärken  in  dieser  Ansicht.  Wenn  ich  auch  von
ihm  nicht  sagen  will,  wie  jener  preußische  General  von  Napoleon:  uf
Ehre,  en  seelensguter  Kerl,  aber  domm,  domml!  so  ist  doch  Radowitz  ein
Mann,  der  sich  in  nichts  über  das  Niveau  der  Gewöhnlichkeit  erhebt
als  in  einem  erstaunlichen  Gedächtniß,  vermöge  dessen  er  brockenweis
ein  umfangreiches  Wissen  in  ihm  der  That  nach  fast  unbekannten  Fächern
affectirt  und  recht  gute  Reden  für  die  Gallerie  und  das  Centrum  auswendig
  lernt,  auch  hat  er  die  schwachen  Seiten  unfres  allergnädigsten
Herrn  gut  studirt,  weiß  ihn  durch  Miene  und  große  Worte  zu  imponiren
  und  seinen  Edelmuth  und  Schwäche  auszubeuten.  Im  Uebrigen
ist  R.  als  Privatmann  eine  anständige  Persönlichkeit,  ein  vortrefflicher
Familienvater,  als  Politiker  aber  ohne  irgend  eine  eigne  Idec,  von
kleinen  Expedients  lebend,  nach  Popularität  und  Beifall  haschend,  getrieben
  von  einer  immensen  persönlichen  Eitelkeit,  von  Zeitungsdeklamationen
  und  von  der  sogenannten  öffentlichen  Meinung,  die  doch  nichts
ist  als  die  Oberflächlichkeit  derjenigen  constitutionellen  Schreier,  die  sich
am  unverschämtesten  geltend  zu  machen  wissen  ..  Ich  würde  in  meinem
Urtheil  über  R.  weniger  sicher  sein,  wenn  es  nicht  durch  das  von  sehr
gescheuten  Leuten  bestätigt  würde,  welche  ihn  seit  einem  Menschenalter
sehr  genau  kennen.“  (Vom  jungen  Bismarck.  Ein  Briefwechsel,  Weimar,
  Alex.  Duncker  Verlag,  1912  S.  112  f.)  Vgl.  dazu  Brief  Bismarcks
an  seinen  Bruder  vom  12.  Oktober  1850  (Bismarckbriefe,  herausgegeben
von  Horst  Kohl,  8.  Aufl.  S.  90:  „Radowitz,  von  dem  ich  noch  immer
logl.  Brief  an  Frau  v.  Bismarck  vom  29.  Sept.  1850:  der  große  Betrüger,
  der  eigentlich  ein  edler,  ctwas  beschränkter  Mensch  istl,  behaupte,
daß  er  ein  edler  Mensch  ist,  aber  etwas  bornirt")  und  sein  Urtheil  über
Radowitz  als  Redner  in  der  Rede  vom  21.  Mai  1869,  Politische  Reden
IV  234.  —  Nach  Keudell,  Fürst  und  Fürstin  Bismarck  S.  37  urtheilte
Bismarck  im  März  1862  bei  einem  kleinen  Diner  über  die  Bestrebungen
von  Radowitz  günstiger  als  früher:  wenn  er  im  Jahre  1849  die  seit
13  Jahren  gewonnene  politische  Erfahrung  gehabt  hätte,  würde  er
Radowitz  unterstützt  haben.  Nur  habe  seiner  Politik  die  unerläßliche
Voraussetzung  eines  befriedigenden  Zustandes  der  Armee  gefehlt.  Bei
        <pb n="99" />
        Radowitz.  Bismarck  und  Grai  Brandenburg.  75

 

wohl  feststehn;  daß  sie  zur  Olmützer  Zeit  erheblich  mehr  als
100000  Mann  betrug,  habe  ich  annehmen  müssen  nach  den
vertraulichen  Mittheilungen,  die  mir  der  Kriegsminister  im
November  desselben  Jahres  machte  ½).

Die  nähere  Berührung,  in  welche  ich  in  Erfurt  mit  dem
Grafen  Brandenburg  trat,  ließ  mich  erkennen,  daß  sein  preußischer
  Patriotismus  vorwiegend  von  den  Erinnrungen  an  1812
und  1813  zehrte  und  schon  deshalb  von  deutschem  Nationalgefühl
  durchsetzt  war.  Entscheidend  blieb  indeß  das  dynastische
und  borussische  Gefühl  und  der  Gedanke  einer  Machtvergrößrung
  Preußens.  Er  hatte  von  dem  Könige,  der  schon  damals
auf  seine  Weise  an  meiner  politischen  Erziehung  arbeitete,  den
Auftrag  erhalten,  meinen  etwaigen  Einfluß  in  der  Fraction
der  äußersten  Rechten  für  die  Ersurter  Politik  zu  gewinnen,
und  versuchte  das,  indem  er  mir  auf  einem  einsamen  Spaziergange
  zwischen  der  Stadt  und  dem  Steigerwalde  sagte:  „Was
kann  bei  der  ganzen  Sache  Preußen  für  Gefahr  laufen?  Wir

der  großen  Mehrzahl  der  Abgecordneten  und  auch  bei  Personen  der
leitenden  Kreise  habe  der  unbegreifliche  Irrthum  geherrscht,  daß  sich
Oesterreich  ohne  Kampf  aus  Deutschland  würde  verdrängen  lassen.  —
Bei  den  Freunden  Bismarck's  hieß  Radowitz  „der  große  Magier“
(Brief  an  Frau  v.  Bismarck  vom  26.  Sept.  1850):  „der  große  Betrüger"
  (Brief  an  Frau  v.  Bismarck  vom  29.  Sept.  1850),  „le  mauvais
génie  de  la  Prusse“  (Brief  an  den  Bruder  vom  23.  Jan.  1850).  —  In
den  Briefen  Bismarcks  tritt  der  Zweifel  an  dem  Gelingen  des  Dreikönigsbündnisses,
  genau  entsprechend  der  oben  im  Texte  in  den  Worten
tempus  utile  enthaltenen  Darstellung  erst  mit  dem  Ende  des  ungarischen
Aufstandes  und  dem  damals  von  Oesterreich  veranlaßten  Abfall  Sachsens
und  Hannovers  auf  (Brief  an  Frau  v.  Bismarck  vom  22.  August  1849,
an  den  Bruder  vom  8.  September  1819);  in  der  Folge  wirkte  Bismarck
in  der  Kammer  (6.  September  1849),  in  Zeitungsartikeln  (Brief  an  Frau
v.  Bismarck  vom  31.  August  1810)  und  sonst  gegen  die  Radowitzischen
Pläne.  —  Sympathische  Urtheile  über  die  Person  von  Radowitz  s.  bei
Abeken,  Ein  schlichtes  Leben  S.  207  (zum  3.  November  1850)  und
S.  225  (zum  10.  Januar  1854).
1)  S.  u.  S.  78  f.
        <pb n="100" />
        76  Drittes  Kapitel:  Erfurt,  Olmütz,  Dresden.

 

nehmen  ruhig  an,  was  uns  an  Verstärkung  geboten  wird,
„Viel  oder  Wenig“,  unter  einstweiligem  Verzichte  auf  das,  was
uns  nicht  geboten  wird.  Ob  wir  uns  die  Verfassungsbestimmungen,
  die  der  König  mit  in  den  Kauf  zu  nehmen  hat,  auf
die  Dauer  gefallen  lassen  können,  das  kann  nur  die  Erfahrung
lehren.  Geht  es  nicht,  „so  ziehn  wir  den  Degen  und  jagen  die
Kerls  zum  Teufel'.“  Ich  kann  nicht  leugnen,  daß  dieser  militärische
  Schluß  seiner  Auseinandersetzung  mir  einen  sehr  gewinnenden
  Eindruck  machte,  hatte  aber  meine  Zweifel,  ob  die
Allerhöchste  Entschließung  im  entscheidenden  Augenblicke  nicht
mehr  von  andern  Einflüssen  abhängen  würde  als  von  diesem
ritterlichen  Generale.  Sein  tragisches  Ende  hat  meine  Zweifel
bestätigt  ½.

Auch  Herr  von  Manteuffel  war  von  dem  Könige  zu  dem
Versuche  veranlaßt  worden,  die  preußische  äußerste  Rechte  für
Unterstützung  der  Regirungspolitik  zu  gewinnen  und  in  diesem
Sinne  eine  Verständigung  zwischen  uns  und  der  Gagern'schen
Partei  anzubahnen.  Er  that  das  in  der  Weise,  daß  er  Gagern

1)  Vgl.  zum  Tode  Brandenburgs  und  der  Ursache  seines  Todes
Abeken,  Ein  schlichtes  Leben  S.  209  (Brief  vom  7.  Nov.  1850):  „Ein
tief  schmerzliches  Ereigniß  ist  der  Tod  des  Grafen  Brandenburg.  Er
war  einer  der  besten,  edelsten,  liebenswürdigsten  Männer,  die  ich  gekannt...
  Ich  bin  beinah  noch  der  letzte,  der  ihn  vor  seiner  Krankheit
gesehen:  am  Sonnabend  Abend  halb  zehn  Uhr  verließ  ich  ihn,  nachdem
ich  ihm  noch  eine  Arbeit  vorgelegt,  die  er  billigte;  am  Morgen  um  5  Uhr
brach  das  Fieber  aus,  das  ihn  in  so  kurzer  Zeit  dahinraffte.  In  der
Nacht  um  2  Uhr  war  er  noch  durch  Markus  Niebuhr  mit  einer  Botschaft
  vom  Könige  geweckt  worden,  und  vielleicht  hat  die  Erkältung  dabei
  den  unmittelbaren  Ausbruch  beschleunigt.  Aber  der  tiefere  Grund
der  Krankheit  war  die  gesammte  geistige  Aufregung  der  beiden  letzten
Jahre;  der  nähere  die  angreifende  Reise  nach  Warschau  und  die  furchtbare
  Spannung  während  der  Krisis.“  Am  gleichen  Tage  schrieb  Bismarck,
  noch  in  Unkenntniß  von  dem  bereits  erfolgten  Tode  Brandenburgs,
  an  Wagener  (Bismarckbriefe  S.  103):  „Mit  dem  armen  Brandenburg
  scheint  es  schwach  zu  gehen,  offenbar  Folge  von  Aerger  und  Gemüthsbewegung.“
        <pb n="101" />
        Graf  Brandenburg.  Bismarck  und  H.  von  Gagern.  77

 

und  mich  allein  zu  Tisch  einlud  und  uns  beide,  während  wir
noch  bei  der  Flasche  saßen,  allein  ließ,  ohne  uns  eine  vermittelnde
  oder  einleitende  Andeutung  zu  hinterlassen.  Gagern
wiederholte  mir,  nur  minder  genau  und  verständlich,  was  uns
als  Programm  seiner  Partei  ½)  und  etwas  abgemindert  als  Regirungsvorlage
  bekannt  war.  Er  sprach,  ohne  mich  anzublicken,
schräg  weg  gegen  den  Himmel  sehend.  Auf  meine  Aeußerung,
wir  royalistische  Preußen  befürchteten  in  erster  Linie,  daß  mit
dieser  Verfassung  die  monarchische  Gewalt  nicht  stark  genug
bleiben  werde,  versank  er  nach  der  langen  und  declamatorischen
Darlegung  in  ein  geringschätziges  Schweigen,  was  den  Eindruck
machte,  den  man  mit  Roma  locuta  est  übersetzen  kann.  Als  Manteusfel
  wieder  eintrat,  hatten  wir  mehre  Minuten  schweigend
gesessen,  ich,  weil  ich  Gagern's  Erwidrung  erwartete,  er,  weil
er  in  der  Erinnrung  an  seine  Frankfurter  Stellung  es  unter
seiner  Würde  hielt,  mit  einem  preußischen  Landjunker  anders
als  maßgebend  zu  verhandeln:  er  war  eben  mehr  zum  parlamentarischen
  Redner  und  Präsidenten  als  zum  politischen
Geschäftsmann  veranlagt  und  hatte  sich  in  das  Bewußtsein
eines  Jupiter  tonans  hineingelebt.  Nachdem  er  sich  entfernt
hatte,  fragte  Manteuffel  mich,  was  er  gesagt  habe.  „Er  hat
mir  eine  Rede  gehalten,  als  ob  ich  eine  Volksversammlung
wäre,“  antwortete  ich.

Es  ist  merkwürdig,  daß  in  den  beiden  Familien,  welche  damals
  in  Deutschland  und  in  Preußen  den  nationalen  Liberalismus
  vertraten,  Gagern  und  Auerswald,  je  drei  Brüder  vorhanden
  waren,  unter  denen  je  ein  General,  daß  diese  beiden
Generale  die  praktischeren  Politiker  unter  ihren  Brüdern  waren
und  beide  in  Folge  der  revolutionären  Bewegungen  ermordet
wurden,  deren  Entwicklung  jeder  von  ihnen  in  seinem  Wir-1)

  Das  Gagern'sche  Programm  forderte  Ausschluß  Oesterreichs  aus
Deutschland,  Zusammenschluß  des  übrigen  Deutschland  zu  einem  Bundesstaat,
  der  mit  Oesterreich  in  einem  Unionsverhältniß  stehen  sollte.
        <pb n="102" />
        78  Drittes  Kapitel:  Erfurt,  Olmütz,  Dresden.

 

kungskreise  in  gutem  patriotischen  Glauben  gefördert  hatte.
Der  General  von  Auerswald,  der  am  18.  September  1848
bei  Frankfurt  ermordet  wurde,  wie  man  sagt,  weil  er  für
Radowitz  gehalten  wurde,  hatte  sich  zur  Zeit  des  Ersten  Vereinigten
  Landtags  gerühmt,  daß  er  als  Oberst  eines  Kavallerie-Regiments
  hunderte  von  Meilen  zu  Pferde  zurückgelegt  habe,
um  oppositionelle  Wahlen  der  Bauern  zu  fördern?).

Im  November  1850  wurde  ich  gleichzeitig  als  Landwehr-Offizier
  zu  meinem  Regimente  und  als  Abgeordneter  zu  der
bevorstehenden  Kammersession  einberufen  ).  Auf  dem  Wege
über  Berlin  zu  dem  Marschquartier  des  Regiments  meldete
ich  mich  bei  dem  Kriegsminister  von  Stockhausen  ?),  der  mir
persönlich  befreundet  und  für  kleine  persönliche  Dienste  dank-1)

  General  Friedrich  von  Gagern  wurde  am  20.  April  1848  von
den  Kugeln  badischer  Freischärler  bei  Kandern  getödtet,  als  er  von
einer  erfolglosen  Unterredung  mit  Hecker  zu  seiner  Truppe  zurückritt.

2)  Nach  einer  Randbemerkung  im  Manuscripte  beabsichtigte  Fürst
Bismarck  an  dieser  Stelle  ein  Erlebniß  einzuschalten,  dessen  er  wiederholt
  in  seinen  Tischgesprächen  gedacht  hat.  Ich  gebe  die  Erzählung,
wie  sie  mir  im  Gedächtniß  haftet.  Als  Bismarck  sich  mit  der  Einberufungsordre
  in  der  Tasche  auf  dem  Wege  nach  Berlin  befand,  stieg
ein  pommerscher  Schulze,  des  Namens  Stranzke,  zu  ihm  in  den  Postwagen.
  Das  Gespräch  lenkte  sich  selbstverständlich  bald  auf  die  politischen
  Ereignisse.  Als  Stranzke  von  der  Einberufungsordre  hörte,  fragte
er  ganz  naiv:  „Wo  steiht  de  Franzos?"  und  war  sichtlich  enttäuscht,  als
ihm  Herr  v.  Bismarck  mittheilte,  daß  es  diesmal  nicht  gegen  die  Franzosen,
  sondern  gegen  die  Oestreicher  gehn  werde.  „Das  sollte  mir  doch
leid  thun,  wenn  wir  auf  die  weißen  Collets“  schießen  sollten,“  meinte
er,  „und  nicht  auf  die  Hundsfötter  von  Franzosen.“  So  lebendig  war  in
ihm  die  Erinnerung  an  die  Leidenszeit  Preußens  nach  der  Niederlage  von
Jena  und  an  die  preußisch-östreichische  Waffenbrüderschaft  von  1813/14.

:)  Vgl.  Brief  vom  16.  Nov.  1850  an  Frau  v.  Bismarck.  Danach
traf  Bismarck  am  14.  Nov.  Abends  10  Uhr  in  Berlin,  von  Reinfeld
kommend,  ein,  und  suchte  noch  in  der  Nacht  Stockhausen  auf,  traf  ihn
aber  nicht.  Vermuthlich  fand  die  Unterredung  am  nächsten  Tage  statt.
Auch  Manteuffel  hatte  schon  am  Abend  des  14.  Nov.  Bismarck  ersucht,
nicht  nach  Stendal  zu  reisen,  „da  die  Kammermenschen  hier  nöthig  gebraucht
  würden“.
        <pb n="103" />
        Gagern  und  Auerswald.  Mangelnde  Kriegsbereitschaft  Preußens.  79

 

bar  war.  Nachdem  ich  den  Widerstand  des  alten  Portiers
überwunden  hatte  und  vorgelassen  war,  gab  ich  meiner  durch
die  Einberufung  und  den  Ton  der  Oestreicher  etwas  erregten
kriegerischen  Stimmung  Ausdruck.  Der  Minister,  ein  alter,
schneidiger  Soldat,  dessen  moralischer  und  physischer  Tapferkeit
ich  sicher  war,  sagte  mir  in  der  Hauptsache  Folgendes:

„Wir  müssen  für  den  Augenblick  den  Bruch  nach  Möglichkeit
  vermeiden.  Wir  haben  keine  Macht,  welche  hinreichte,
die  Oestreicher,  auch  wenn  sie  ohne  sächsische  Unterstützung  bei
uns  einbrechen,  aufzuhalten.  Wir  müssen  ihnen  Berlin  preisgeben
  und  in  zwei  Centren  außerhalb  der  Hauptstadt,  etwa  in
Danzig  und  in  Westfalen,  mobilisiren;  vorwärts  Berlin  können
wir  erst  in  14  Tagen  etwa  70000  Mann  haben,  und  auch  die
würden  nicht  reichen  gegen  die  Streitkräfte,  die  Oestreich  jetzt
schon  gegen  uns  in  Bereitschaft  hat.“  Es  sei,  fuhr  er  fort,
vor  Allem  nöthig,  wenn  wir  schlagen  wollten,  Zeit  zu  gewinnen,
  und  deshalb  zu  wünschen,  daß  die  bevorstehenden  Verhandlungen
  im  Abgeordnetenhause  nicht  den  Bruch  beschleunigten
  durch  Erörterungen  und  Beschlüsse,  wie  man  sich  deren
nach  den  herrschenden  Stimmen  in  der  Presse  versehn  müsse.
Er  bäte  mich  daher,  in  Berlin  zu  bleiben  und  auf  die  bereits
anwesenden  und  nächstens  eintreffenden  befreundeten  Abgeordneten
  vertraulich  im  Sinne  der  Mäßigung  einzuwirken.  Er
klagte  über  die  Verzettlung  der  Stämme,  die  in  ihrer  Friedensformation
  ausgerückt  und  verwendet  wären  und  sich  nun  fern
von  ihren  Ersatzbezirken  und  Zeughäusern  befänden,  theils  im
Inlande,  zum  großen  Theil  aber  im  Südwesten  Deutschlands,
also  in  Oertlichkeiten,  wo  eine  schleunige  Mobilmachung  auf
Kriegsfuß  sich  schwer  ausführen  lasse  7.

Die  badischen  Truppen  hatte  man  damals  auf  wenig  gang-1)

  Vgl.  die  Reichstagsrede  Bismarck's  vom  24.  Januar  1882,  Politische

  Reden  IX  234;  diese  Mittheilungen  geben  den  Schlüssel  zum  richtigen
  Verständniß  der  Rede  vom  3.  December  1850.
        <pb n="104" />
        80  Drittes  Kapitel:  Erfurt,  Olmütz,  Dresden.

 

baren  Wegen  mit  Benutzung  des  braunschweigischen  Weserdistricts
  nach  Preußen  kommen  lassen  —  ein  Beweis  von  der
Aengstlichkeit,  mit  welcher  man  damals  die  Gebietsgrenzen  der
Bundesfürsten  respectirte,  während  sonstige  Attribute  ihrer
Landeshoheit  in  den  Verfassungsentwürfen  für  das  Reich  und  den
Dreikönigsbund  mit  Leichtigkeit  ignorirt  oder  abgeschafft  wurden:
man  ging  in  den  Entwürfen  bis  nahe  an  die  Mediatifirung,  aber
man  wagte  nicht,  ein  Marschquartier  außerhalb  der  vertragsmäßig
  vorhandnen  Etappenstraßen  zu  beanspruchen.  Erst  bei
Ausbruch  des  dänischen  Krieges  1864  wurde  in  Schwartau  mit
dieser  schüchternen  Tradition  gebrochen  und  der  niedergelassene
oldenburgische  Schlagbaum  von  den  preußischen  Truppen  beseitigt.

Die  Erwägungen  eines  sachkundigen  und  ehrliebenden  Generals
  wie  Stockhausen  konnte  ich  einer  Kritik  nicht  unterziehn
und  vermag  das  auch  heut  noch  nicht.  Die  Schuld  an  unfrer
militärischen  Gebundenheit,  die  er  mir  schilderte,  lag  nicht  an
ihm,  sondern  an  der  Planlosigkeit,  mit  der  unfre  Politik  auf
militärischem  Gebiete  sowohl  wie  auf  diplomatischem  in  und
seit  den  Märztagen  mit  einer  Mischung  von  Leichtfertigkeit  und
Knauserei  geleitet  worden  war.  Auf  militärischem  namentlich
war  sie  von  der  Art,  daß  man  nach  den  getroffnen  Maßregeln
voraussetzen  muß,  daß  eine  kriegerische  oder  auch  nur  militärische
  Lösung  der  schwebenden  Fragen  in  letzter  Instanz  in
Berlin  überhaupt  nicht  in  Erwägung  gezogen  wurde.  Man
war  zu  sehr  mit  öffentlicher  Meinung,  Reden,  Zeitungen  und
Verfassungsmacherei  präoccupirt,  um  auf  dem  Gebiete  der  auswärtigen,
  selbst  nur  der  außerpreußischen  deutschen  Politik  zu
festen  Absichten  und  praktischen  Zielen  gelangen  zu  können.
Stockhausen  war  nicht  im  Stande,  die  Unterlassungssünden  und
die  Planlosigkeit  unfrer  Politik  durch  plötzliche  militärische
Leistungen  wieder  gut  zu  machen,  und  gerieth  so  in  eine  Situation,
  die  selbst  der  politische  Leiter  des  Ministeriums,  Graf
Brandenburg,  nicht  für  möglich  gehalten  hatte.  Denn  derselbe
        <pb n="105" />
        Preußens  militärische  Gebundenheit.  Bismarck  wiegelt  ab.  81

 

erlag  der  Enttäuschung,  welche  sein  hohes  patriotisches  Ehrgefühl
  in  den  letzten  Tagen  seines  Lebens  erlitten  hatte  1).  Es
ist  Unrecht,  Stockhausen  der  Kleinmüthigkeit  anzuklagen,  und
ich  habe  Grund  zu  glauben,  daß  auch  König  Wilhelm  I.  zu
der  Zeit,  da  ich  sein  Minister  wurde,  meine  Auffassung  bezüglich
  der  militärischen  Situation  im  November  1850  theilte  7.
Wie  dem  auch  sei,  mir  fehlte  damals  jede  Unterlage  zu  einer
Kritik,  die  ich  als  conservativer  Abgeordneter  einem  Minister
auf  militärischem  Gebiete,  als  Landwehr-Lieutenant  dem  General
  gegenüber  hätte  ausüben  können.

Stockhausen  übernahm  es,  mein  in  der  Lausitz  liegendes
Regiment  zu  benachrichtigen,  daß  er  dem  Lieutenant  von  Bismarck
  befohlen  habe,  in  Berlin  zu  bleiben).  Ich  begab  mich
zunächst  zu  meinem  Landtagscollegen  Justizrath  Geppert,  der
damals  an  der  Spitze  zwar  nicht  meiner  Fraction,  aber  doch
derjenigen  Zahlreichen  stand,  welche  man  das  rechte  Centrum
hätte  nennen  können,  und  die  zur  Unterstützung  der  Regirung
geneigt  waren,  aber  die  energische  Wahrnehmung  der  nationalen
Aufgabe  Preußens  nicht  nur  prinzipiell,  sondern  auch  durch
sofortige  militärische  Bethätigung  für  angezeigt  hielten.  Ich
stieß  bei  ihm  in  erster  Linie  auf  parlamentarische  Ansichten,
die  mit  dem  Programme  des  Kriegsministers  nicht  überein-1)

  S.  o.  S.  76  Anm.  1.

2)  Im  November  1850  war  der  Prinz  für  den  Krieg;  val.  Brief
Bismarck's  vom  16.  Nov.  1850,  Bismarck's  Briefe  an  seine  Braut  und
Gattin  S.  213.  —  In  einer  Auseinandersetzung  zwischen  dem  Prinzen
von  Preußen  und  dem  Kriegsminister,  bei  welcher  der  erstere  den
letzteren  „schwer  beleidigte“,  sagte  Stockhausen  dem  Prinzen:  „Ich  kenne
keine  Ehre,  die  da  anfängt,  wo  der  gesunde  Menschenverstand  aufhört“
(Brief  Bismarcks  an  Frau  v.  Bismarck  vom  24.  Nov.  1850,  S.  218);
im  Nachwort  zu  diesem  Briefe  vom  25.  spricht  Bismarck  von  der  die
Friedensaussichten  bedrohenden  Kriegshitze  des  Prinzen  von  Preußen.

2)  Vgl.  Brief  vom  16.  Nov.  a.  a.  O.:  „Meine  Stelle  in  der  Schwadron
wird  besetzt  werden,  und  ich  erhalte,  wenn  es  wider  Erwarten  doch  noch

losgehn  sollte,  anderweite  Verwendung.“
Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  6
        <pb n="106" />
        82  Drittes  Kapitel:  Erfurt,  Olmütz,  Dresden.

—

stimmten,  mußte  mich  also  bemühn,  ihn  von  einer  Auffassung
abzubringen,  die  ich  selbst  vor  meiner  Unterredung  mit  Stockhausen
  in  der  Hauptsache  getheilt  hatte  und  die  man  als  natürliches
  Erzeugniß  eines  verletzten  nationalen  oder  preußischmilitärischen
  Ehrgefühls  bezeichnen  kann.  Ich  erinnre  mich,
daß  unfre  Besprechungen  von  langer  Dauer  waren  und  wiederholt
  werden  mußten  0.  Ihre  Wirkung  auf  die  Fractionen  der
Rechten  läßt  sich  aus  der  Adreßdebatte  entnehmen.  Ich  selbst
habe  am  3.  December  meine  damalige  Ueberzeugung  in  einer  Rede
ausgesprochen,  der  die  nachstehenden  Sätze  entnommen  sind#:

„Das  preußische  Volk  hat  sich,  wie  uns  Allen  bekannt  ist,
auf  den  Ruf  seines  Königs  einmüthig  erhoben,  es  hat  sich  in
vertrauensvollem  Gehorsam  erhoben,  es  hat  sich  erhoben,  um
gleich  seinen  Vätern  die  Schlachten  der  Könige  von  Preußen
zu  schlagen,  ehe  es  wußte,  und,  meine  Herrn,  merken  Sie  das
wohl,  ehe  es  wußte,  was  in  diesen  Schlachten  erkämpft  werden
sollte;  das  wußte  vielleicht  Niemand,  der  zur  Landwehr  abging.

Ich  hatte  gehofft,  daß  ich  dieses  Gefühl  der  Einmüthigkeit
und  des  Vertrauns  wiederfinden  würde  in  den  Kreisen  der
Landesvertretung,  in  den  engern  Kreisen,  in  denen  die  Zügel
der  Regirung  auslaufen.  Ein  kurzer  Aufenthalt  in  Berlin,
ein  flüchtiger  Blick  in  das  hiesige  Treiben  hat  mir  gezeigt,  daß
ich  mich  geirrt  habe.  Der  Adreßentwurf  nennt  diese  Zeit  eine
große;  ich  habe  hier  nichts  Großes  gefunden  als  persönliche
Ehrsucht,  nichts  Großes  als  Mißtrauen,  nichts  Großes  als
Parteihaß.  Das  sind  drei  Größen,  die  in  meinem  Urtheile
diese  Zeit  zu  einer  kleinlichen  stempeln  und  dem  Vaterlands-1)

  Vgl.  Bismarcks  Brief  an  die  Gattin  vom  18.  November  1850,
S.  214:  „Ich  habe  gestern  den  ganzen  Tag  Centrum  bearbeitet  und
mit  ungehofftem  Erfolg,  vornehmlich,  weil  ich  durch  diplomatische  Mittheilungen
  in  den  Stand  gesetzt  war,  ihre  volle  Unbekanntschaft  mit
der  Sachlage  aufzuklären.“  Die  Besprechung  Bismarcks  mit  Geppert
fand  also  am  17.  November  statt.

:)  Politische  Reden  1  201  ff.
        <pb n="107" />
        Bismarck's  Rede  vom  3.  December  1850.  83

 

freunde  einen  trüben  Blick  in  unfre  Zukunft  gewähren.  Der
Mangel  an  Einigkeit  in  den  Kreisen,  die  ich  andeutete,  wird
in  dem  Adreßentwurfe  locker  verdeckt  durch  große  Worte,  bei
denen  sich  Jeder  das  Seine  denkt.  Von  dem  Vertraun,  das
das  Land  beseelt,  von  dem  hingebenden  Vertraun,  gegründet
auf  die  Anhänglichkeit  an  Seine  Moajestät  den  König,  gegründet
auf  die  Erfahrung,  daß  das  Land  mit  dem  Ministerium,  welches
ihm  zwei  Jahre  lang  vorsteht,  gut  gefahren  ist,  habe  ich  in
der  Adresse  und  in  ihren  Amendements  nichts  gespürt.  Ich
hätte  dies  um  so  nöthiger  gefunden,  als  es  mir  Bedürfniß
schien,  daß  der  Eindruck,  den  die  einmüthige  Erhebung  des
Landes  in  Europa  gemacht  hat,  gehoben  und  gekräftigt  werde
durch  die  Einheit  derer,  die  nicht  der  Wehrkraft  angehören,  in
dem  Augenblicke,  wo  uns  unfre  Nachbarn  in  Waffen  gegenüberstehn,
  wo  wir  in  Waffen  nach  unsern  Grenzen  eilen,  in
einem  Augenblicke,  wo  ein  Geist  des  Vertrauns  selbst  in  solchen
herrscht,  denen  er  sonst  nicht  angebracht  schien;  in  einem  Augenblicke,
  wo  jede  Frage  der  Adresse,  welche  die  auswärtige  Politik
berührt,  Krieg  oder  Frieden  in  ihrem  Schoße  birgt;  und,  meine
Herrn,  welchen  Krieg?  Keinen  Feldzug  einzelner  Regimenter
nach  Schleswig  oder  Baden,  keine  militärische  Promenade  durch
unruhige  Provinzen,  sondern  einen  Krieg  in  großem  Maßstabe
gegen  zwei  unter  den  drei  großen  Continentalmächten,  während
die  dritte  beutelustig  an  unsern  Grenzen  rüstet  und  sehr  wohl  weiß,
daß  im  Dome  zu  Köln  das  Kleinod  zu  finden  ist,  welches  geeignet
wäre,  die  französische  Revolution  zu  schließen  und  die  dortigen
Machthaber  zu  befestigen,  nämlich  die  französische  Kaiserkrone

Es  ist  leicht  für  einen  Staatsmann,  sei  es  in  dem  Cabinete
oder  in  der  Kammer,  mit  dem  populären  Winde  in  die  Kriegstrompete
  zu  stoßen  und  sich  dabei  an  seinem  Kaminfeuer  zu
wärmen  oder  von  dieser  Tribüne  donnernde  Reden  zu  halten
und  es  dem  Musketier,  der  auf  dem  Schnee  verblutet,  zu  überlassen,
  ob  sein  System  Sieg  und  Ruhm  erwirbt  oder  nicht.
        <pb n="108" />
        84  Drittes  Kapitel:  Erfurt,  Olmütz,  Dresden.

 

Es  ist  nichts  leichter  als  das,  aber  wehe  dem  Staatsmann,
der  sich  in  dieser  Zeit  nicht  nach  einem  Grunde  zum  Kriege
umsieht,  der  auch  nach  dem  Kriege  noch  stichhaltig  ist.  ...

Die  preußische  Ehre  besteht  nach  meiner  Ueberzeugung  nicht
darin,  daß  Preußen  überall  in  Deutschland  den  Don  Qutxote
spiele  für  gekränkte  Kammer-Celebritäten,  welche  ihre  locale
Verfassung  für  gefährdet  halten.  Ich  suche  die  preußische  Ehre
darin,  daß  Preußen  vor  Allem  sich  von  jeder  schmachvollen
Verbindung  mit  der  Demokratie  entfernt  halte,  daß  Preußen
in  der  vorliegenden  wie  in  allen  andern  Fragen  nicht  zugebe,
daß  in  Deutschland  etwas  geschehe  ohne  Preußens  Einwilligung,
daß  dasjenige,  was  Preußen  und  Oestreich  nach  gemeinschaftlicher
  unabhängiger  Erwägung  für  vernünftig  und  politisch
richtig  halten,  durch  die  beiden  gleichberechtigten  Schutzmächte
Deutschlands  gemeinschaftlich  ausgeführt  werde.

Die  Hauptfrage,  die  Krieg  und  Frieden  birgt,  die  Gestaltung
  Deutschlands,  die  Regelung  der  Verhältnisse  zwischen
Preußen  und  Oestreich  und  der  Verhältnisse  von  Preußen  und
Oestreich  zu  den  kleinern  Staaten,  soll  in  wenigen  Tagen  der
Gegenstand  der  freien  Conferenzen  werden,  kann  also  jetzt
nicht  Gegenstand  eines  Krieges  sein.  Wer  den  Krieg  durchaus
will,  den  vertröste  ich  darauf,  daß  er  in  den  freien  Conferenzen
jederzeit  zu  finden  ist:  in  vier  oder  sechs  Wochen,  wenn
man  ihn  haben  will.  Ich  bin  weit  davon  entfernt,  in  einem
so  wichtigen  Augenblicke,  wie  dieser  ist,  die  Handlungsweise
der  Regirung  durch  Rathgeben  hemmen  zu  wollen.  Wenn  ich
dem  Ministerium  gegenüber  einen  Wunsch  aussprechen  wollte,
so  wäre  es  der,  daß  wir  nicht  eher  entwaffnen,  als  bis
die  freien  Conferenzen  ein  positives  Resultat  gegeben  haben;
dann  bleibt  es  noch  immer  Zeit,  einen  Krieg  zu
führen,  wenn  wir  ihn  wirklich  mit  Ehren  nicht  vermeiden
können  oder  nicht  vermeiden  wollen  ?.

1)  Dieser  Rath  Bismarcks  wurde  nicht  befolgt;  Schwarzenberg  hatte
        <pb n="109" />
        Bismarck's  Rede  vom  3.  December  1850.  85

 

Wie  in  der  Union  die  deutsche  Einheit  gesucht  werden  soll,
vermag  ich  nicht  zu  verstehn;  es  ist  eine  sonderbare  Einheit,
die  von  Hause  aus  verlangt,  im  Interesse  dieses  Sonderbundes
einstweilen  unfre  deutschen  Landsleute  im  Süden  zu  erschießen
und  zu  erstechen;  die  die  deutsche  Ehre  darin  findet,  daß  der
Schwerpunkt  aller  deutschen  Fragen  nothwendig  nach  Warschau
und  Paris  fällt.  Denken  Sie  sich  zwei  Theile  Deutschlands
einander  in  Waffen  gegenüber,  deren  Machtverschiedenheit  nicht
in  dem  Grade  bedeutend  ist,  daß  nicht  eine  Parteinahme  auf
einer  Seite  auch  von  einer  geringern  Macht  als  Rußland  und
Frankreich  ein  entscheidendes  Gewicht  in  die  Wagschale  legen
könnte,  und  ich  begreife  nicht,  mit  welchem  Recht  Jemand,  der
ein  solches  Verhältniß  selbst  herbeiführen  will,  sich  darüber  beklagen
  darf,  daß  der  Schwerpunkt  der  Entscheidung  unter  solchen
Umständen  nach  dem  Auslande  fällt.“

Mein  leitender  Gedanke  bei  meiner  Rede  war,  im  Sinne
der  Ueberzeugung  des  Kriegsministers  für  den  Aufschub  des
Krieges  zu  wirken,  bis  wir  gerüstet  sein  würden.  In  seiner
Klarheit  konnte  ich  aber  den  Gedanken  nicht  öffentlich  aussprechen,
  ich  konnte  ihn  nur  andeuten.  Es  wäre  kein  übermäßiger
  Anspruch  an  die  Geschicklichkeit  unfrer  Diplomatie
gewesen,  von  ihr  zu  verlangen,  daß  sie  den  Krieg  nach  Bedürfniß
  verschieben,  verhüten  oder  zum  Ausbruch  bringen  solle.

Zu  jener  Zeit,  November  1850,  war  die  russische  Auffassung
  der  revolutionären  Bewegung  in  Deutschland  schon  eine
viel  ruhigere  als  bei  dem  ersten  Ausbruche  im  März  1848.
Ich  war  befreundet  mit  dem  russischen  Militär-Attacheé  Grafen
Benckendorf  und  erhielt  1850  im  vertrauten  Gespräche  mit
ihm  den  Eindruck,  daß  die  deutsche  einschließlich  der  polnischen
Bewegung  im  Petersburger  Cabinete  nicht  mehr  in  demselben
Maße  wie  bei  ihrem  Ausbruche  in  Petersburg  beunruhigte  und

zu  Olmütz  Abrüstung  vor  Beginn  der  freien  Conferenzen  verlangt,
und  Preußen  rüstete  am  10.  Dezember  1850  ab.
        <pb n="110" />
        86  Drittes  Kapitel:  Erfurt,  Olmütz,  Dresden.

 

als  eine  militärische  Gefahr  im  Kriegsfalle  aufgefaßt  wurde.
Im  März  1848  erschien  den  Russen  die  Entwicklung  der  Revolution
  in  Deutschland  und  Polen  noch  als  etwas  Unberechenbares
  und  Gefährliches.  Der  erste  russische  Diplomat,  der  in
Petersburg  durch  seine  Berichte  eine  andre  Ansicht  vertrat,
war  der  damalige  Geschäftsträger  in  Frankfurt  am  Main,
spätre  Gesandte  in  Berlin,  Baron  von  Budberg.  Seine  Berichte
  über  die  Verhandlungen  und  die  Bedeutung  der  Paulskirche
  waren  von  Hause  aus  satirisch  gefärbt,  und  die  Geringschätzung,
  mit  welcher  dieser  junge  Diplomat  von  den  Reden
der  deutschen  Professoren  und  von  der  Machtstellung  der  Nationalversammlung
  in  seinen  Berichten  sprach,  hatte  den  Kaiser
Nicolaus  dergestalt  befriedigt,  daß  Budberg's  Carriere  dadurch
gemacht  und  er  sehr  schnell  zum  Gesandten  und  Botschafter
befördert  wurde.  Er  hatte  in  ihnen  vom  antideutschen  Standpunkte
  eine  analoge  politische  Schätzung  zum  Ausdruck  gebracht,
wie  sie  in  den  altpreußischen  Kreisen  in  Berlin,  in  denen  er
früher  gelebt  hatte,  in  landsmannschaftlicher  und  besorgter
Weise  herrschend  war,  und  man  kann  sagen,  daß  die  Auffassung,
als  deren  erster  Erfinder  er  in  Petersburg  Carrière  machte,
dem  Berliner  „Casino“  1)  entsprungen  war.  Seitdem  hatte
man  in  Rußland  nicht  nur  die  militärische  Stellung  an  der
Weichsel  wesentlich  verstärkt,  sondern  auch  einen  geringern  Eindruck
  von  der  damaligen  militärischen  Leistungsfähigkeit  der
Revolution  sowohl  wie  der  deutschen  Regirungen  gewonnen,
und  die  Sprache,  welche  ich  im  November  1850  bei  dem  mir
befreundeten  russischen  Gesandten  Baron  Meyendorff  und  seinen
Landsleuten  hörte,  war  eine  im  russischen  Sinne  vollkommen
zuversichtliche,  von  einer  persönlich  wohlwollenden,  aber  für

1)  „Casino“  war  damals  die  Bezeichnung  für  die  conservativen  Mitglieder
  der  preußischen  Kammern,  die  sich  auf  Grund  ihrer  gemeinschaftlichen
  politischen  Anschauungen  und  Bestrebungen  clubartig  zusammengeschlossen
  hatten.
        <pb n="111" />
        Umschlag  der  Stimmung  in  Petersburg.  Dresdner  Conferenzen.  87

 

mich  verletzenden  Theilnahme  für  die  Zukunft  des  befreundeten
Preußens  durchsetzt.  Sie  machte  mir  den  Eindruck,  daß  man
Oestreich  für  den  stärkern  und  zuverlässigern  Theil  und  Rußland
  selbst  für  stark  genug  hielt,  um  die  Entscheidung  zwischen
beiden  in  die  Hand  zu  nehmen.

3.

Mit  den  Mitteln  und  Gewohnheiten  des  auswärtigen
Dienstes  noch  nicht  so  vertraut  wie  später,  war  ich  doch  als
Laie  nicht  zweifelhaft,  daß  der  Krieg,  wenn  er  für  uns  überhaupt
  geboten  oder  annehmbar  erschien,  auch  nach  Olmütz  in
den  Dresdner  Verhandlungen  0  jederzeit  gefunden  und  durch
Abbruch  derselben  herbeigeführt  werden  konnte.  Stockhausen
hatte  mir  gelegentlich  sechs  Wochen  als  die  Frist  bezeichnet,
deren  er  bedürfte,  um  fechten  zu  können,  und  es  wäre  nach
meiner  Ansicht  nicht  schwer  gewesen,  das  Doppelte  derselben
durch  geschickte  Leitung  der  Verhandlungen  in  Dresden  zu  gewinnen,
  wenn  bei  uns  die  momentane  Unsfertigkeit  der  militärischen
  Rüstungen  der  einzige  Grund  gewesen  wäre,  uns  eine
kriegerische  Lösung  zu  versagen.  Wenn  die  Dresdner  Verhandlungen
  nicht  dazu  benutzt  worden  sind,  im  preußischen
Sinne  entweder  ein  höheres  Resultat  oder  einen  berechtigt
erscheinenden  Anlaß  zum  Kriege  zu  gewinnen,  so  ist  mir  niemals
  klar  geworden,  ob  die  auffällige  Beschränkung  unfrer
Ziele  in  Dresden  von  dem  Könige  oder  von  Herrn  von  Manteuffel,
  dem  neuen  auswärtigen  Minister  ),  ausgegangen  ist.  Ich
habe  damals  nur  den  Eindruck  gehabt,  daß  letztrer  nach  seinem
Vorleben  als  Landrath,  Regirungs-Präsident  und  Director  im
Ministerium  des  Innern  sich  in  der  Sicherheit  seines  Auftretens
  durch  die  renommirenden  vornehmen  Verkehrsformen
des  Fürsten  Schwarzenberg  genirt  fühlte.  Schon  die  häusliche

1)  23.  Dezember  1850  bis  15.  Mai  1851.

:)  Otto  v.  Manteuffel,  seit  8.  November  1848  Minister  des  Innern,
übernahm  Nov.  1850  nach  dem  Rücktritt  des  Ministers  v.  Radowitz  provi-
        <pb n="112" />
        88  Drittes  Kapitel:  Erfurt,  Olmütz,  Dresden.

 

Erscheinung  Beider  in  Dresden  —  Fürst  Schwarzenberg  mit
Livreen,  Silbergeschirr  und  Champagner  im  ersten  Stock,  der
preußische  Minister  mit  Kanzleidienern  und  Wassergläsern  eine
Treppe  höher  )  —  war  geeignet,  auf  das  Selbstgefühl  der  betheiligten
  Vertreter  beider  Großmächte  und  auf  ihre  Einschätzung
  durch  die  übrigen  deutschen  Vertreter  nachtheilig  für
uns  zu  wirken.  Die  alte  preußische  Einfachheit,  die  Friedrich  der
Große  seinem  Vertreter  in  London  mit  der  Redensart  empfahl:
„Sage  Er,  wenn  Er  zu  Fuß  geht,  daß  100000  Mann  hinter
ihm  gehn,“  bezeugt  eine  Renommage,  die  man  dem  geistreichen
Könige  nur  in  einer  der  Anwandlungen  von  übertriebener
Sparsamkeit  zutraun  kann  ).  Heut  hat  jeder  100000  Mann,
nur  wir  hatten  sie,  wie  es  scheint,  zur  Dresdner  Zeit  nicht
verfügbar.  Der  Grundirrthum  der  damaligen  preußischen
Politik  war  der,  daß  man  glaubte,  Erfolge,  die  nur  durch
Kampf  oder  durch  Bereitschaft  dazu  gewonnen  werden  konnten,
würden  sich  durch  publicistische,  parlamentarische  und  diplomatische
  Heucheleien  in  der  Gestalt  erreichen  lassen,  daß  sie  als
unfrer  tugendhaften  Bescheidenheit  zum  Lohn  oratorischer  Bethätigung
  unsfrer  „deutschen  Gesinnung“  aufgezwungen  erschienen.
  Man  nannte  das  später  „moralische“  Eroberungen:
es  war  die  Hoffnung,  daß  Andre  für  uns  thun  würden,  was
wir  selbst  nicht  wagten.

sorisch  die  Leitung  des  Ministeriums  des  Auswärtigen;  am  19.  Dezember
  1850  wurde  er  Ministerpräsident  und  gleichzeitig  endgültig
Minister  des  Auswärtigen.

1)  Beide  wohnten  im  Prinzenpalais  am  Taschenberge,  vgl.  Beust,  Aus
drei  Vierteljahrhunderten  Bd.  I,  141  und  Brief  Friedrich  Wilhelm's  IV.  an
den  Prinzen  Johann  von  Sachsen  vom  25.  Dezember  1850  (Briefwechsel
zwischen  König  Johann  von  Sachsen  und  den  Königen  Friedrich  Wilhelm
  IV.  und  Wilhelm  I.  von  Preußen,  herausg.  von  Johann  Georg,
Herzog  zu  Sachsen,  Leipzig,  Quelle  u.  Meyer  1911)  S.  270.

:„)  Vgl.  Bismarck's  Aeußerung,  Politische  Reden  II  (2.  Aufl.)  144.
654;  V  160.  168.
        <pb n="113" />
        Viertes  Kapitel.
Diplomat.

Nachdem  die  preußische  Regirung  sich  entschlossen  hatte,  den
von  Oestreich  reactivirten  Bundestag  9  zu  beschicken  und  dadurch
vollzählig  zu  machen,  wurde  der  General  von  Rochow,  der  in
Petersburg  accreditirt  war  und  blieb,  provisorisch  zum  Bundestags-Gesandten
  ernannt.  Gleichzeitig  wurden  zwei  Legationsräthe
  für  die  Gesandschaft  auf  den  Etat  gebracht,  ich  selbst  und
Herr  von  Gruner.  Mir  wurde  durch  Se.  Majestät  und  den
Minister  von  Manteuffel  vor  meiner  Ernennung  zum  Legationsrath
  die  demnächstige  Ernennung  zum  Bundestags-Gesandten
in  Aussicht  gestellt:).  Rochow  sollte  mich  einführen  und  anlernen,
  konnte  aber  selbst  nicht  geschäftsmäßig  arbeiten  und
benutzte  mich  als  Redacteur,  ohne  mich  politisch  au  fait  zu
halten.

Das  meiner  Ernennung  vorhergehende  Gespräch  mit  dem
Könige,  kurz  gegeben  in  einem  Briefe  meines  verstorbenen

1)  Die  Wiederherstellung  des  Bundestags  erfolgte  durch  Wiedereröffnung
  seiner  Sitzungen  unter  östreichischem  Präsidium  am  1.  September
  1850.  Preußen,  das  sich  mit  den  Staaten  der  Union  zunächst
geweigert  hatte,  ihn  zu  beschicken,  verzichtete  in  den  Dresdener  Conferenzen
  auf  ferneren  Widerstand  und  forderte  am  23.  März  1851  die
Mitglieder  der  gesprengten  Union  auf,  seinem  Beispiel  folgend  wieder
in  den  Bundestag  einzutreten.

)  Die  erste  Erwähnung  einer  beabsichtigten  Ernennung  Bismarck's
nach  Frankfurt  findet  sich  im  Briefe  an  die  Gattin  vom  24.  April  1851,
Bismarck's  Briefe  an  seine  Braut  und  Gattin,  S.  263;  der  Brief  vom
28.  April,  S.  266,  enthält  Mittheilungen  über  die  Vorgeschichte  der  Ernennung,
  vgl.  Gerlach,  Denkwürdigkeiten  Bd.  I  S.  618  (zum  16.  April),
620  (zum  16.  April).
        <pb n="114" />
        90  Viertes  Kapitel:  Diplomat.

 

Freundes  J.  L.  Motley  an  seine  Frau#,  verlief  folgendermaßen.
  Nachdem  ich  auf  die  plötzliche  Frage  des  Ministers
Manteuffel,  ob  ich  die  Stelle  eines  Bundesgesandten  annehmen
wolle,  einfach  mit  Ja  geantwortet  hatte,  ließ  der  König  mich
zu  sich  bescheiden  und  sagte:  „Sie  haben  viel  Muth,  daß  Sie
so  ohne  Weitres  ein  Ihnen  fremdes  Amt  übernehmen.“  Ich
erwiderte:  „Der  Muth  ist  ganz  auf  Seiten  Eurer  Majestät,
wenn  Sie  mir  eine  solche  Stellung  anvertraun,  indessen  sind
Eure  Majestät  ja  nicht  gebunden,  die  Ernennung  aufrecht  zu
erhalten,  sobald  sie  sich  nicht  bewährt.  Ich  selbst  kann  keine
Gewißheit  darüber  haben,  ob  die  Aufgabe  meine  Fähigkeit
übersteigt,  ehe  ich  ihr  näher  getreten  bin.  Wenn  ich  mich  derselben
  nicht  gewachsen  finde,  so  werde  ich  der  erste  sein,  meine
Abberufung  zu  erbitten.  Ich  habe  den  Muth  zu  gehorchen,
wenn  Eure  Majestät  den  haben  zu  befehlen.“  Worauf  der
König:  „Dann  wollen  wir  die  Sache  versuchen.“

Am  11.  Mai  1851  traf  ich  in  Frankfurt  ein.  Herr  von
Rochow  mit  weniger  Ehrgeiz  als  Liebe  zum  Behagen,  des
Klimas  und  des  anstrengenden  Hoflebens  in  Petersburg  müde,
hätte  lieber  den  Frankfurter  Posten,  in  dem  er  alle  seine
Wünsche  befriedigt  fand,  dauernd  behalten,  arbeitete  in  Berlin
dafür,  daß  ich  zum  Gesandten  in  Darmstadt  mit  gleichzeitiger
Accreditirung  bei  dem  Herzog  von  Nassau  und  der  Stadt
Frankfurt  ernannt  werde,  und  wäre  vielleicht  auch  nicht  abgeneigt
  gewesen,  mir  den  Petersburger  Posten  im  Tausch  zu
überlassen:  er  liebte  das  Leben  am  Rhein  und  den  Verkehr
  mit  den  deutschen  Höfen.  Seine  Bemühungen  hatten  indessen
  keinen  Erfolg.  Unter  dem  11.  Juni  schrieb  mir  Herr
von  Manteuffel,  daß  der  König  meine  Ernennung  zum  Bundestagsgesandten
  genehmigt  habe  :).  „Es  versteht  sich  dabei  von

1)  S.  Motley's  Brief  vom  27.  Juli  1855,  Briefwechsel  von  J.  L.  Motley,
  übersetzt  von  A.  Eltze  (Berlin,  O.  Janke.  1890)  I  175.

*)  Das  Schreiben  ist  vollständig  im  Anhang  zu  den  Gedanken  und
Erinnerungen  mitgetheilt,  Bd.  II  7  ff.
        <pb n="115" />
        Bismarck's  Ernennung  zum  Bundestagsgesandten.  v.  Rochow.  91

 

selbst,“  schrieb  der  Minister,  „daß  man  Herrn  von  Rochow
nicht  brusquement  wegschicken  kann;  ich  beabsichtige  daher,  ihm
heute  noch  einige  Worte  darüber  zu  schreiben,  und  glaube  Ihres
Einverständnisses  gewiß  zu  sein,  wenn  ich  in  dieser  Sache  mit
aller  Rücksicht  auf  Herrn  von  Rochow's  Wünsche  verfahre,  dem
ich  es  in  der  That  nur  Dank  wissen  kann,  daß  er  die  schwierige
und  undankbare  Mission  angenommen  hat  im  Gegensatz  zu
manchen  andern  Leuten,  die  immer  mit  der  Kritik  bei  der  Hand
sind,  wenn  es  aber  auf  das  Handeln  ankommt,  sich  zurückziehen.
Daß  ich  Sie  damit  nicht  meine,  brauche  ich  nicht  zu  versichern,
denn  Sie  sind  ja  auch  mit  auf  die  Bresche  getreten  und  werden
sie,  so  denke  ich,  auch  allein  vertheidigen.“

Unter  dem  15.  Juli  erfolgte  meine  Ernennung  zum  Bundestagsgesandten.
  Ungeachtet  der  Rücksicht,  mit  welcher  er  behandelt
  wurde,  war  Herr  von  Rochow  verstimmt  und  ließ  mich
die  Vereitlung  seines  Wunsches  entgelten,  indem  er  Frankfurt
eines  Morgens  früh  verließ,  ohne  mich  von  seiner  Abreise
unterrichtet  und  mir  die  Geschäfte  und  die  Akten  übergeben  zu
haben.  Von  andrer  Seite  benachrichtigt,  kam  ich  zur  rechten
Zeit  nach  dem  Bahnhofe,  um  ihm  meinen  Dank  für  das  mir
bewiesene  Wohlwollen  auszudrücken.  —  Ueber  meine  Thätigkeit
und  meine  Wahrnehmungen  am  Bundestage  ist  so  viel  Amtliches
  und  Privates  veröffentlicht  worden  1),  daß  mir  nur  eine
Nachlese  übrig  bleibt.

1)  Preußen  im  Bundestage  1851—1859.  Documente  der  K.  Preuß.
Bundestags-Gesandtschaft.  Herausgeg.  von  Dr.  Ritter  v.  Poschinger.
4  Bde.  (Leipzig,  S.  Hirzel.  1882—1884).  —  Bismarck's  Briefe  an  den
General  Leopold  v.  Gerlach.  Herausgeg.  von  Horst  Kohl.  (Berlin,
O.  Häring)  1896  (jetzt  Verlag  der  J.  G.  Cottaschen  Buchh.  Nachf.)  —.
Briefe  des  Generals  L.  v.  Gerlach  an  Otto  v.  Bismarck.  Herausgeg.
von  Horst  Kohl.  (Stuttgart  u.  Berlin,  J.  G.  Cotta'sche  Buchh.  Nachf.
1912.)  —  Bismarck's  Briefe  an  seine  Braut  und  Gattin.  —  Bismarckbriefe.
  Herausgeg.  von  Horst  Kohl.  (8.  Auflage.  Bielefeld,
Velhagen  &amp;amp;  Klasing.  1900.)  S.  106  ff.  —  Aus  den  Briefen  des  Grafen
Prokesch  1849—1855.  (Wien,  C.  Gerold's  Sohn.  1896.)
        <pb n="116" />
        92  Viertes  Kapitel:  Diplomat.

 

Ich  fand  in  Frankfurt  zwei  preußische  Commissarien  aus
der  Zeit  des  Interim  1),  den  Oberpräsidenten  von  Beoetticher,
dessen  Sohn  später  als  Staatssekretär  und  Minister  mein  Beistand
  sein  sollte,  und  den  General  von  Peucker  5),  der  mir  Gelegenheit
  zu  meinen  ersten  Studien  über  das  Ordenswesen
gab.  Er  war  ein  gescheidter,  tapfrer  Offizier  von  hoher  wissenschaftlicher
  Bildung,  die  er  später  als  Generalinspecteur  des
Militär-Erziehungs=  und  Bildungswesens  verwerthen  konnte.
Im  Jahre  1812  in  dem  Nork'schen  Corps  dienend,  hatte  er
durch  Diebstahl  seinen  Mantel  eingebüßt,  den  Rückzug  in  der
knappen  Unifsorm  machen  mühssen,  sich  die  Zehn  erfroren  und
durch  die  Kälte  anderweitige  Schäden  erlitten.  Trotz  seiner
äußerlichen  Unschönheit  gewann  dieser  kluge  und  tapfre  Offizier
die  Hand  einer  hübschen  Gräfin  Schulenburg,  durch  welche
später  das  reiche  Erbe  des  Hauses  Schenck  von  Flechtlingen
in  der  Altmark  an  seinen  Sohn  gelangte.  In  merkwürdigem
Contrast  mit  seiner  geistigen  Bedeutung  stand  seine  Schwäche
für  Aeußerlichkeiten,  die  den  Berliner  Jargon  um  einen  Ausdruck
  bereicherte.  Von  Jemand,  der  zu  viele  Orden  gleichzeitig
trug,  sagte  man  „er  peuckert“.

Bei  einem  Morgenbesuche  fand  ich  ihn  vor  einem  Tische
-’y  Als  Interim  bezeichnete  man  den  Vertrag,  der  am  30.  September
  1849  zwischen  Preußen  und  Oesterreich  abgeschlossen  wurde
zwecks  Einsetzung  einer  aus  je  zwei  Bevollmächtigten  der  beiden  Staaten
zu  bildenden  Bundescentralcommission,  deren  Aufgabe  es  sein  sollte,
bis  zur  endgültigen  Regelung  der  deutschen  Verfassungsfrage  —  spätestens
  bis  zum  1.  Mai  1850  —  die  Bundesgeschäfte  zu  führen,  insonderheit
  das  Bundeseigenthum  zu  verwalten.  Mitglieder  der  Commission
waren  für  Oesterreich  v.  Kübeck  und  General  v.  Schönhals,  für
Preußen  v.  Radowitz  —  für  den  dann  v.  Peucker  eintrat  —  und
Präsident  Boetticher.  (Der  Adel  wurde  erst  dem  Sohne,  dem  Minister
Karl  Heinrich  v.  B.  verliehen.)  Die  Commission  wurde  infolge  von
Meinungsverschiedenheiten  erst  am  20.  Dezember  1849  installiert,  worauf
  der  Reichsverweser  Erzherzog  Johann  sein  Amt  niederlegte.

?)  Generallieutenant  v.  Peucker  war  seit  December  1850  preußischer
Commissar  in  Cassel.
        <pb n="117" />
        General  v.  Peucker.  Bismarck  und  das  Ordenswesen.  93

 

stehend,  auf  welchem  seine  wohlverdienten,  zuerst  auf  dem
Schlachtfelde  gewonnenen  Orden  ausgebreitet  lagen,  deren  herkömmliche
  Ordnung  auf  der  Brust  durch  die  eben  erfolgte  Verleihung
  eines  neuen  Sterns  gestört  war.  Nach  der  Begrüßung
sprach  er  mir  nicht  etwa  von  Oestreich  und  Preußen,  sondern
verlangte  mein  Urtheil  von  dem  Standpunkte  künstlerischen
Geschmacks  über  die  Stelle,  wo  der  neue  Stern  einzuschieben
sei.  Die  Gefühle  anhänglicher  Achtung,  die  ich  aus  meinen
Kinderjahren  für  den  hochverdienten  General  überkommen
hatte,  bestimmten  mich,  in  voller  Ernsthaftigkeit  auf  das  Thema
einzugehn  und  seine  Erledigung  herbeizuführen  ,  ehe  wir  auf
Geschäfte  zu  sprechen  kamen.

Ich  gestehe,  daß  ich  mich,  als  ich  (1842)  meine  erste  Auszeichnung,
  die  Rettungsmedaille,  erhielt  ),  erfreut  und  gehoben
fühlte,  weil  ich  damals  ein  in  dieser  Beziehung  nicht  blasirter
Landjunker  war.  Im  Staatsdienste  habe  ich  diese  Ursprünglichkeit
  der  Empfindung  schnell  verloren;  ich  erinnre  mich  nicht,
bei  spätern  Decorirungen  ein  objectives  Vergnügen  empfunden
zu  haben,  sondern  nur  die  subjective  Freude  über  die  äußerliche
  Bethätigung  des  Wohlwollens,  mit  welchem  mein  König
meine  Anhänglichkeit  erwiderte  oder  andre  Monarchen  mir  den
Erfolg  meiner  politischen  Werbung  um  ihr  Vertraun  und  ihr
Wohlwollen  bestätigten.  Unser  Gesandter  von  Jordan  in
Dresden  antwortete  auf  den  scherzhaften  Vorschlag,  eine  seiner
vielen  Decorationen  abzutreten:  „Je  vous  les  cede  toutes,
pourvu  que  vous  m'en  laissiez  une  pour  couvrir  mes  nudités
diplomatiques.“  In  der  That  gehört  ein  grand  cordon  zur
Toilette  eines  Gesandten,  und  wenn  es  nicht  der  des  eignen
Hofes  ist,  so  bleibt  die  Möglichkeit,  wechseln  zu  können,  für
elegante  Diplomaten  ebenso  erwünscht  wie  für  Damen  bezüg-1)

  Bismarck  rettete  am  24.  Juni  1842  seinen  Reitknecht  Hildebrand
mit  eigener  Lebensgefahr  von  dem  Tode  des  Ertrinkens  im  Lippehner  See.
        <pb n="118" />
        94  Viertes  Kapitel:  Diplomat.

 

lich  der  Kleider.  In  Paris  habe  ich  erlebt,  daß  unverständige
Gewaltthaten  gegen  Menschenmassen  plötzlich  stockten,  weil  sie
auf  „un  monsieur  décoré“  stießen.  Orden  zu  tragen  ist  für
mich,  außer  in  Petersburg  und  Paris,  niemals  ein  Bedürfniß
gewesen;  an  beiden  Orten  muß  man  auf  der  Straße  irgend
ein  Band  am  Rock  zeigen,  wenn  man  polizeilich  und  bürgerlich
mit  der  wünschenswerthen  Höflichkeit  behandelt  werden  will  w.
Sonst  habe  ich  in  jedem  Falle  nur  die  durch  die  Gelegenheit
gebotnen  Decorationen  angelegt;  es  ist  mir  immer  als  eine
Chinoiserie  erschienen,  wenn  ich  wahrnahm,  wie  krankhaft  der
Sammlertrieb  in  Bezug  auf  Orden  bei  meinen  Collegen  und
Mitarbeitern  in  der  Bürokratie  entwickelt  war,  wie  Geheime
Räthe,  welche  schon  die  ihnen  aus  der  Brust  quellende  Ordenscascade
  nicht  mehr  gut  beherrschen  konnten,  den  Abschluß  irgend
eines  kleinen  Vertrages  anbahnten,  weil  sie  zur  Vervollständigung
  ihrer  Sammlung  noch  des  Ordens  des  mitcontrahirenden
Staates  bedurften.

Die  Mitglieder  der  Kammern,  welche  1849/50  die  octroyirte
Verfassung  zu  revidiren  hatten,  entwickelten  eine  sehr  anstrengende
  Thätigkeit;  es  gab  von  8  bis  10  Uhr  Commissionssitzungen,
  von  10  bis  4  Plenarsitzungen,  die  zuwcilen  auch  noch
in  später  Abendstunde  wiederholt  wurden  und  mit  den  langdauernden
  Fractionssitzungen  abwechselten.  Ich  konnte  daher
mein  Bewegungsbedürfniß  nur  des  Nachts  befriedigen  und  erinnre
  mich,  manche  Nacht  zwischen  dem  Opernhause  und  dem
Brandenburger  Thore  in  der  Mitte  der  Linden  auf=  und  abgewandelt
  zu  sein.  Durch  einen  Zufall  wurde  ich  damals  auf
den  gesundheitlichen  Nutzen  des  Tanzens  aufmerksam,  das  ich
mit  27  Jahren  aufgegeben  hatte  in  dem  Gefühle,  daß  dieses
Vergnügen  nur  „der  Jugend“  anstehe.  Auf  einem  der  Hofbälle
  bat  mich  eine  mir  befreundete  Dame,  ihren  abhanden

)  Vgl.  u.  S.  222.
        <pb n="119" />
        Le  monsieur  décoré.  Bismarck  und  der  Tanz.  95

 

gekommnen  Tänzer  für  den  Cotillon  zu  suchen  und,  da  ich
ihn  nicht  fand,  zu  ersetzen.  Nachdem  ich  die  erste  Schwindelbesorgniß
  auf  dem  glatten  Parket  des  Weißen  Saales  überwunden
  hatte,  tanzte  ich  mit  Vergnügen  und  fand  nachher  einen
so  gesunden  Schlaf,  wie  ich  ihn  lange  nicht  genossen  hatte.  In
Frankfurt  tanzte  alle  Welt,  voran  der  65jährige  französische
Gesandte  Monsieur  Marquis  de  Tallenay,  nach  Proclamirung
des  Kaiserthums  in  Frankreich:  Monsieur  le  Marquis  de  Tallenay,
  und  ich  fand  mich  leicht  in  diese  Gewohnheit,  obschon
es  mir  am  Bunde  nicht  an  Zeit  zum  Gehn  und  Reiten  fehlte.
Auch  in  Berlin,  als  ich  Minister  geworden  war,  versagte  ich
mich  nicht,  wenn  ich  von  befreundeten  Damen  aufgefordert  oder
von  Prinzessinnen  zu  einem  Tanze  befohlen  wurde,  bekam  aber
stets  sarkastische  Bemerkungen  des  Königs  darüber  zu  hören,
der  mir  zum  Beispiel  sagte:  „Man  macht  es  mir  zum  Vorwurf,
  einen  leichtsinnigen  Minister  gewählt  zu  haben.  Sie
sollten  den  Eindruck  nicht  dadurch  verstärken,  daß  Sie  tanzen.“
Den  Prinzessinnen  wurde  dann  untersagt,  mich  zum  Tänzer
zu  wählen.  Auch  die  andauernde  Tanzfähigkeit  des  Herrn
von  Keudell!)  hat  mir,  wenn  es  sich  um  seine  Befördrung
handelte,  bei  Seiner  Majestät  Schwierigkeit  gemacht.  Es  entsprach
  das  der  bescheidnen  Natur  des  Kaisers,  der  seine  Würde
auch  durch  Vermeiden  unnöthiger  Aeußerlichkeiten,  welche  die
Kritik  herausfordern  könnten,  zu  wahren  gewöhnt  war.  Ein
tanzender  Staatsmann  fand  in  seinen  Vorstellungen  nur  in
fürstlichen  Ehrenquadrillen  Platz;  im  raschen  Walzer  verlor  er
bei  ihm  an  Vertraun  auf  die  Weisheit  seiner  Rathschläge.
Nachdem  ich  mich  auf  dem  Frankfurter  Terrain  zu  Hause

1)  Robert  v.  Keudell,  1863  als  Hilfsarbeiter  in  das  Ministerium  des
Auswärtigen  berufen,  gehörte  bis  zum  Jahre  1872  zur  nächsten  amtlichen
  Umgebung  Bismarcks,  in  dessen  Haus  er  viel  verkehrte.  Vgl.
R.  v.  Keudell,  Fürst  und  Fürstin  Bismarck.  Erinnerungen  aus  den
Jahren  1846—1872  (Berlin  und  Stuttgart,  W.  Spemann  190  1).
        <pb n="120" />
        96  Viertes  Kapitel:  Diplomat.

 

gemacht  hatte,  nicht  ohne  harte  Zusammenstöße  mit  dem  östreichischen
  Vertreter  ),  zunächst  in  der  Flottenangelegenheit,  in
welcher  er  Preußen  autoritativ  und  finanziell  zu  verkürzen  und
für  die  Zukunft  lahm  zu  legen  suchte,  beschied  der  König  mich
nach  Potsdam  und  eröffnete  mir  am  28.  Mai  1852,  daß  er
sich  entschlossen  habe,  mich  nunmehr  auf  die  hohe  Schule  der
Diplomatie  nach  Wien  zu  schicken,  zunächst  als  Vertreter,  demnächst
  als  Nachfolger  des  schwer  erkrankten  Grafen  Arnim  ?.
Zu  dem  Zwecke  übergab  er  mir  das  nachstehende  Einführungsschreiben
  an  Se.  Majestät  den  Kaiser  Franz  Joseph  vom
5.  Juni  ?):

„Eure  Kaiserliche  Majestät  wollen  es  mir  gütig  gestatten,
daß  ich  den  Ueberbringer  dieses  Blattes  mit  einigen  eigenhändigen
  Schriftzügen  an  Ihrem  Hoflager  introduzire.  Es  ist
der  Herr  von  Bismarck-Schönhausen.  Er  gehört  einem  Ritter-Geschlecht
  an,  welches,  länger  als  mein  Haus  in  unsern  Marken
seßhast,  von  jeher  und  besonders  in  ihm  seine  alten  Tugenden
bewährt  hat.  Die  Erhaltung  und  Stärkung  der  erfreulichen
Zustände  unfres  platten  Landes  verdanken  wir  mit  seinem
surchtlosen  und  energischen  Mühen  in  den  bösen  Tagen  der
jüngst  verflossenen  Jahre.  Ew.  Majestät  wissen,  daß  Herr
von  Bismarck  die  Stelle  meines  Bundesgesandten  bekleidet.
Da  jetzt  der  Gesundheits-Zustand  meines  Gesandten  an  Ew.
Majestät  Kaiserlichem  Hofe,  des  Grafen  von  Arnim,  dessen

1)  Graf  Leo  v.  Thun-Hohenstein.

2)  Heinrich  Friedrich  Graf  von  Arnim-Heinrichsdorf-Werbelow,  geb.
23.  Sept.  1791,  gest.  18.  April  1859.  —  Vgl.  Schreiben  des  Königs  Friedrich
Wilhelm  IV.  an  Bismarck  vom  3.  Juni  im  Anhang  zu  den  Gedanken
und  Erinnerungen  II  63  f.  —  Die  Uebergabe  des  für  den  Kaiser  bestimmten
  Schreibens  vom  5.  Juni  erfolgte  jedenfalls  an  diesem  Tage
in  der  Audienz,  zu  der  Bismarck  nach  Berlin  befohlen  war.  Vgl.  Briefe
an  Frau  v.  Bismarck  vom  5.  Juni  1852,  Bismarck's  Briefe  an  seine
Braut  und  Gattin  S.  333  f.  (Die  Briefe  No.  218  und  219  sind  umzustellen,
  No.  219  geht  dem  Inhalt  nach  No.  218  voraus.)

:)  Text  nach  dem  Original  verglichen.
        <pb n="121" />
        Bismarck's  Sendung  nach  Wien.  Einführungsschreiben.  97

 

zeitweilige  Abwesenheit  nöthig  gemacht  hat,  das  Verhältniß
unfrer  Höfe  aber  eine  subalterne  Vertretung  nicht  zuläßt  (meiner
Auffassung  zufolge),  so  habe  ich  Herrn  von  Bismarck  ausersehen,
  die  Vices  für  Graf  Arnim  während  dessen  Abwesenheit
  zu  versehen.  Es  ist  mir  ein  befriedigender  Gedanke,  daß
Ew.  Majestät  einen  Mann  kennen  lernen,  der  bei  uns  im
Lande  wegen  seines  ritterlich-freien  Gehorsams  und  seiner  Unversöhnlichkeit
  gegen  die  Revolution  bis  in  ihre  Wurzeln  hinein
von  Vielen  verehrt,  von  Manchen  gehaßt  wird.  Er  ist  mein
Freund  und  treuer  Diener  und  kommt  mit  dem  frischen  lebendigen
  sympathischen  Eindruck  meiner  Grundsätze,  meiner  Handlungsweise,
  meines  Willens  und  ich  setze  hinzu  meiner  Liebe
zu  Oestreich  und  zu  Ew.  Majestät  nach  Wien.  Er  kann,  wenn
es  der  Mühe  werth  gefunden  wird,  Ew.  Majestät  und  Ihren
höchsten  Räthen  über  viele  Gegenstände  Rede  und  Antwort
geben,  wie  es  wohl  Wenige  im  Stande  sind;  denn  wenn  nicht
unerhörte,  langvorbereitete  Mißverständnisse  zu  tief  eingewurzelt
sind,  was  Gott  in  Gnaden  verhüte,  kann  die  kurze  Zeit  seiner
Amtsführung  in  Wien  wahrhaft  segensreich  werden.  Herr
von  Bismarck  kommt  aus  Frankfurt,  wo  das,  was  die  rheinbundschwangeren
  Mittelstaaten  mit  Entzücken  die  Differenzen
Oestreichs  und  Preußens  nennen,  jederzeit  seinen  stärksten
Wiederhall  und  oft  seine  Quelle  gehabt  hat,  und  er  hat  diese
Dinge  und  das  Treiben  daselbst  mit  scharfem  und  richtigem
Blick  betrachtet.  Ich  habe  ihm  befohlen,  jede  darauf  gerichtete
Frage  Ew.  Majestät  und  Ihrer  Minister  so  zu  beantworten,
als  hätte  ich  sie  selbst  an  ihn  gerichtet.  Sollte  es  Ew.  Majestät
gefallen,  von  ihm  Aufklärung  über  meine  Auffassung  und  meine
Behandlung  der  Zollvereins-Angelegenheit  zu  verlangen,  so
lebe  ich  der  Gewißheit,  daß  mein  Betragen  in  diesen  Dingen,
wenn  auch  vielleicht  nicht  das  Glück  Ihres  Beifalls,  doch  sicher
Ihre  Achtung  erringen  wird.  Die  Anwesenheit  des  theuren

herrlichen  Kaisers  Nicolaus  ist  mir  eine  wahre  Herzstärkung
Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.
        <pb n="122" />
        98  Viertes  Kapitel:  Diplomat.

 

gewesen  ).  Die  gewisse  Bestätigung  meiner  alten  und  starken
Hoffnung,  daß  Ew.  Majestät,  er  und  ich  vollkommen  einig  in
der  Wahrheit  sind:  daß  unfre  dreifache,  unerschütterliche,  gläubige
  und  thatkräftige  Eintracht  allein  Europa  und  das  unartige
  und  doch  so  geliebte  Teutsche  Vaterland  aus  der  jetzigen
Krise  retten  könne,  erfüllt  mich  mit  Dank  gegen  Gott  und
steigert  meine  alte  treue  Liebe  zu  Ew.  Moajestät.  Bewahren
auch  Sie,  mein  theuerster  Freund,  mir  Ihre  Liebe  aus  den
fabelhaften  Tagen  von  Tegernsee,  und  stärken  Sie  Ihr  Vertrauen
  und  Ihre  so  wichtige  und  so  mächtige,  dem  gemeinsamen
Vaterlande  so  unentbehrliche  Freundschaft  zu  mir!  Dieser
Freundschaft  empfehle  ich  mich  aus  der  Tiefe  meines  Herzens,
allertheuerster  Freund,  als  Ew.  Kaiserlichen  Majestät  treu  und
innigst  ergebenster  Onkel,  Bruder  und  Freund.
Sans-souci,  5.  Juni  1852.“

Ich  fand  in  Wien?)  das  „einsylbige“  Ministerium  Buol,
Bach,  Bruck  2c.,  keine  Preußenfreunde,  aber  liebenswürdig  für
mich  in  dem  Glauben  an  meine  Empfänglichkeit  für  hohes
Wohlwollen  und  meine  Gegenleistung  dafür  auf  geschäftlichem
Gebiete.  Ich  wurde  äußerlich  ehrenvoller,  als  ich  erwarten
konnte,  ausgenommen;  aber  geschäftlich,  d.  h.  bezüglich  der  Zollsachen,
  blieb  meine  Mission  erfolglos.  Oestreich  hatte  schon
damals  die  Zolleinigung  mit  uns  im  Auge,  und  ich  hielt  es
weder  damals  noch  später  für  rathsam,  diesem  Streben  entgegenzukommen
  ).  Zu  den  nothwendigen  Unterlagen  einer
Zollgemeinschaft  gehört  ein  gewisser  Grad  von  Gleichartigkeit
des  Verbrauchs;  schon  die  Unterschiede  der  Interessen  innerhalb
des  deutschen  Zollvereins  zwischen  Nord  und  Süd,  Ost  und
West  sind  schwer  und  nur  mit  dem  guten  Willen  zu  über-1)

  Zar  Nicolaus  war  vom  16.—20.  Mai  1852  in  Berlin,  ogl.  Gerlach,
Denkwürdigkeiten  Bd.  I,  764  ff.

2)  Bismarck  traf  am  8.  Juni  Abends  dort  ein.

2)  Vgl.  u.  S.  397.
        <pb n="123" />
        Aufnahme  Bismarck's  in  Wien.  v.  Werthern.  Graf  Platen.  99

 

winden,  der  der  nationalen  Zusammengehörigkeit  entspringt;
zwischen  Ungarn  und  Galizien  einerseits  und  dem  Zollverein
andrerseits  ist  die  Verschiedenheit  des  Verbrauchs  zollpflichtiger
Waaren  zu  stark,  um  eine  Zollgemeinschaft  durchführbar  erscheinen
  zu  lassen.  Der  Vertheilungsmaßstab  für  die  Zollerträge
  würde  stets  für  Deutschland  nachtheilig  bleiben,  auch
wenn  die  Ziffern  es  für  Oestreich  zu  sein  schienen.  Letztres
lebt  in  Cis=  und  mehr  noch  in  Trans-Leithanien  vorwiegend
von  eignen,  nicht  von  importirten  Erzeugnissen.  Außerdem  hatte
ich  damals  allgemein  und  habe  ich  auch  heut  noch  sporadisch  nicht
das  nöthige  Vertraun  zu  undeutschen  Unterbeamten  im  Osten.

Unser  einziger  Legationssekretär  )  in  Wien  empfing  mich
mit  Verstimmung  darüber,  daß  er  nicht  Geschäftsträger  wurde,
und  suchte  in  Berlin  Urlaub  nach.  Derselbe  wurde  von  dem
Minister  verweigert,  von  mir  aber  demnächst  bewilligt:).  So
kam  es,  daß  ich  mich  auf  den  mir  von  früher  her  befreundeten
hanöverschen  Gesandten  Graf  Adolf  von  Platen  behufs  der  Vorstellung
  bei  den  Ministern  und  der  Einführung  in  die  diplomatische
  Gesellschaft  angewiesen  sand.

In  vertraulichem  Gespräch  fragte  er  mich  gelegentlich,  ob
auch  ich  glaubte,  daß  ich  zu  Manteuffel's  Nachfolger  bestimmt
sei.  Ich  erwiderte,  das  läge  einstweilen  nicht  in  meinen  Wünschen.
  Ich  glaubte  allerdings,  daß  der  König  mich  in  spätrer
Zeit  einmal  zu  seinem  Minister  zu  machen  gedenke  und  mich
dazu  erziehn  wolle,  in  dieser  Absicht  auch  mir  die  mission
extraordinaire  nach  Oestreich  übertragen  habe.  Mein  Wunsch
aber  wäre,  noch  etwa  zehn  Jahre  lang  in  Frankfurt  oder  an
verschiednen  Höfen  als  Gesandter  die  Welt  zu  sehn  und  dann
gern  etwa  zehn  Jahre  lang,  womöglich  mit  Ruhm,  Minister  zu
sein,  dann  auf  dem  Lande  über  das  Erlebte  nachzudenken  und
wie  mein  alter  Onkel  in  Templin  bei  Potsdam  Obstbäume  zu

1)  Frhr.  Georg  v.  Werthern.
:)  Vgl.  Preußen  im  Bundestage  IV  85.
        <pb n="124" />
        100  Viertes  Kapitel:  Diplomat.

 

pfropfen  ).  Dieses  scherzende  Gespräch  war  von  Platen  nach
Hanover  berichtet  worden  und  dort  zur  Kenntniß  des  General-=Steuerdirectors
  Klentze  gekommen,  der  mit  Manteuffel  über
Zollsachen  verhandelte  und  in  mir  den  Junker  im  Sinne  der
liberalen  Bürokraten  haßte.  Er  hatte  nichts  Eiligeres  zu  thun,
als  entstellte  Angaben  aus  Platen's  Bericht  an  Manteuffel  mitzutheilen
  in  dem  Sinne,  als  ob  ich  an  dessen  Sturze  arbeitete.
Bei  meiner  Rückkehr  von  Wien  nach  Berlin  (8.  Juli)  hatte  ich
an  Aeußerlichem  die  Wirkung  dieser  Einbläserei  wahrzunehmen.
Sie  bestand  in  einer  Abkühlung  meiner  Beziehungen  zu  meinem
Chef,  und  ich  wurde  nicht  mehr  wie  bis  dahin  gebeten,  bei
ihm  zu  wohnen,  wenn  ich  nach  Berlin  kam.  Verdacht  wurden
mir  dabei  auch  meine  freundschaftlichen  Beziehungen  zu  dem
General  von  Gerlach.

Die  Genesung  des  Grafen  Arnim  gestattete  mir,  meinem
Wiener  Aufenthalte  ein  Ende  zu  machen,  und  vereitelte  einstweilen
  die  Absicht  des  Königs,  mich  zum  Nachfolger  Arnim's
zu  ernennen.  Aber  auch  wenn  diese  Genesung  nicht  eingetreten
wäre,  würde  ich  den  dortigen  Posten  nicht  gern  übernommen
haben,  weil  ich  schon  damals  das  Gefühl  hatte,  durch  mein
Auftreten  in  Frankfurt  persona  ingrata  in  Wien  geworden  zu
sein.  Ich  hatte  die  Befürchtung,  daß  man  dort  fortfahren
würde,  mich  als  gegnerisches  Element  zu  behandeln,  mir  den
Dienst  zu  erschweren  und  mich  am  Berliner  Hofe  zu  discreditiren,
  was  durch  Hofcorrespondenz,  wenn  ich  in  Wien  fungirte,
noch  leichter  gewesen  wäre  als  über  Frankfurt.

Aus  spätrer  Zeit  sind  mir  Unterredungen  erinnerlich,  welche
ich  auf  langen  Eisenbahnfahrten  unter  vier  Augen  mit  dem

1)  Vgl.  den  Brief  Bismarck's  an  Manteuffel  vom  23.  Juli  1852  in
Preußen  im  Bundestage  IV  99  f.  —  Die  Rechtfertigung  Platen's  vom
13.  August  1852  mit  den  Auszügen  aus  seinen  amtlichen  Berichten  über
Bismarck's  Mission  s.  im  Anhang  zu  den  Gedanken  und  Erinnerungen
II  86  ff.
        <pb n="125" />
        Verdächtigungen.  Abneigung  Bismarck's  gegen  d.  Wiener  Posten.  101

Könige  über  Wien  hatte.  Ich  nahm  dann  die  Stellung,  zu
sagen:  „Wenn  Eure  Mojestät  befehlen,  so  gehe  ich  dahin,  aber
freiwillig  nicht,  ich  habe  mir  die  Abneigung  des  östreichischen
Hofes  in  Frankfurt  im  Dienste  Eurer  Majestät  zugezogen,  und
ich  werde  das  Gefühl  haben,  meinen  Gegnern  ausgeliefert  zu
sein,  wenn  ich  Gesandter  in  Wien  werden  sollte.  Jede  Regirung
  kann  jeden  Gesandten,  der  bei  ihr  beglaubigt  ist,  mit
Leichtigkeit  schädigen  und  durch  Mittel,  wie  sie  die  östreichische
Politik  in  Deutschland  anwendet,  seine  Stellung  verderben.“
Die  Erwiderung  des  Königs  pflegte  zu  sein:  „Befehlen  will
ich  nicht,  Sie  sollen  freiwillig  hingehn  und  mich  darum  bitten;
es  ist  das  eine  hohe  Schule  für  Ihre  diplomatische  Ausbildung,
und  Sie  sollten  mir  dankbar  sein,  wenn  ich  diese  Ausbildung,
weil  es  bei  Ihnen  der  Mühe  lohnt,  übernehme."“

Auch  die  Ministerstellung  lag  damals  außerhalb  meiner
Wünsche.  Ich  war  überzeugt,  daß  ich  dem  Könige  gegenüber
als  Minister  eine  für  mich  haltbare  Stellung  nicht  erlangen
würde.  Er  sah  in  mir  ein  Ei,  was  er  selbst  gelegt  hatte  und
ausbrütete,  und  würde  bei  Meinungsverschiedenheiten  immer
die  Vorstellung  gehabt  haben,  daß  das  Ei  klüger  sein  wolle
als  die  Henne.  Daß  die  Ziele  der  preußischen  auswärtigen
Politik,  welche  mir  vorschwebten,  sich  mit  denen  des  Königs
nicht  vollständig  deckten,  war  mir  klar,  ebenso  die  Schwierigkeit,
  welche  ein  verantwortlicher  Minister  dieses  Herrn  zu
überwinden  hatte  bei  dessen  selbstherrlichen  Anwandlungen  mit
oft  jähem  Wechsel  der  Ansichten,  bei  der  Unregelmäßigkeit  in
Geschäften  und  bei  der  Zugänglichkeit  für  unberufne  Hintertreppen-Einflüsse
  von  politischen  Intriganten,  wie  sie  von  den
Adepten  unfrer  Kurfürsten  bis  auf  neuere  Zeiten  in  dem  regirenden
  Hause,  sogar  bei  dem  strengen  und  hausbacknen  Friedrich
  Wilhelm  I.  Zutritt  gefunden  haben  —  pharmacopolae,
balatrones,  hoc  genus  omne  ).  Die  Schwierigkeit,  gleichzeitig

1)  Horat.  Sat.  1  2,  1f.
        <pb n="126" />
        102  Viertes  Kapitel:  Diplomat.

 

gehorsamer  und  verantwortlicher  Minister  zu  sein,  war  damals
größer  als  unter  Wilhelm  I.

Im  September  1853  wurde  mir  in  Hanover  die  Aussicht,
Minister  zu  werden,  eröffnet.  Nach  Beendigung  meiner  Badekur
  0  in  Norderney  wurde  ich  von  dem  eben  aus  dem  Ministerium
  Schele  ausgetretnen  Minister  Bacmeister  sondirt,  ob
ich  Minister  des  Königs  Georg  werden  wolle.  Ich  sprach  mich
dahin  aus,  daß  ich  in  der  auswärtigen  Politik  Hanover  nur
dienen  könne,  wenn  der  König  vollständig  Hand  in  Hand  mit
Preußen  gehn  wolle;  ich  könnte  mein  Preußenthum  nicht  ausziehn
  wie  einen  Rock.  Auf  dem  Wege  zu  den  Meinigen  nach
Villeneuve  am  Genfer  See,  den  ich  von  Norderney  über  Hanover
nahm,  hatte  ich  mehre  Conferenzen  mit  dem  Könige.  Eine
derselben  fand  statt  in  einem,  zwischen  seinem  Schlafzimmer
und  dem  der  Königin  gelegnen  Cabinet  im  Erdgeschoß  des
Schlosses.  Der  König  wollte,  daß  die  Thatsache  unfrer  Besprechung
  nicht  bekannt  werde,  hatte  mich  aber  um  fünf  Uhr
zur  Tafel  befohlen.  Er  kam  auf  die  Frage,  ob  ich  sein  Minister
werden  wolle,  nicht  zurück,  sondern  verlangte  nur  von  mir  als
Sachkundigem  in  bundestäglichen  Geschäften  einen  Vortrag
über  die  Art  und  Weise,  wie  die  Verfassung  von  1848  mit
Hülfe  von  Bundesbeschlüssen  revidirt  werden  könne.  Nachdem
ich  meine  Ansicht  entwickelt  hatte,  verlangte  er  eine  schriftliche
Redaction  derselben  und  zwar  auf  der  Stelle.  Ich  schrieb
also  in  der  ungeduldigen  Nachbarschaft  des  an  demselben  Tische
sitzenden  Königs  die  Hauptzüge  des  Operationsplans  nieder
unter  den  erschwerenden  Umständen,  die  ein  selten  gebrauchtes
Schreibzeug  bereitete:  Tinte  dick,  Feder  schlecht,  Papier  rauh,
Löschblatt  nicht  vorhanden;  die  von  mir  gelieferte  vier  Seiten
lange  Staatsschrift  mit  ihren  Tintenflecken  war  nicht  als  ein

1)  Nach  dem  Briefe  vom  5./77.  Sept.  1853,  Bismarck's  Briefe  an
seine  Braut  und  Gattin  S.  302,  beabsichtigte  Bismarck  am  9.  Sept.  von

Norderney  aufzubrechen,  einen  Tag  in  Hanover  zu  bleiben  und  am
11.  oder  12.  Sept.  in  Frankfurt,  am  folgenden  Tag  in  Basel  zu  sein.
        <pb n="127" />
        Bismarck  in  Audienz  bei  König  Georg  V.  von  Hanover.  103

 

kanzleimäßiges  Mundum  anzusehn.  Der  König  schrieb  überhaupt
  nur  seine  Unterschrift,  und  auch  diese  schwerlich  in  dem
Gemach,  in  welchem  er  des  Geheimnisses  wegen  mich  empfangen
hatte.  Das  Geheimniß  wurde  freilich  dadurch  durchbrochen,
daß  es  darüber  sechs  Uhr  geworden  war  und  der  auf  fünf  besohlnen
  Tischgesellschaft  die  Ursache  der  Verspätung  nicht  entgehn
  konnte.  Als  die  hinter  dem  Könige  stehende  Uhr  schlug,
sprang  er  auf  und  ging  wortlos  und  mit  einer  bei  seiner
Blindheit  überraschenden  Schnelligkeit  und  Sicherheit  durch  das
mit  Möbeln  besetzte  Gemach  in  das  benachbarte  Schlaf=  oder
Ankleidezimmer.  Ich  blieb  allein,  ohne  Direction,  ohne  Kenntniß
  der  Localität  des  Schlosses,  nur  durch  eine  Aeußerung  des
Königs  unterrichtet,  daß  die  eine  der  drei  Thüren  in  das
Schlafzimmer  der  an  den  Masern  krank  liegenden  Königin:)
führte.  Nachdem  ich  mir  hatte  sagen  müssen,  daß  Niemand
kommen  werde,  mich  zu  geleiten,  trat  ich  durch  die  dritte  Thür
hinaus  und  fand  mich  einem  Lakaien  gegenüber,  der  mich  nicht
kannte  und  über  mein  Erscheinen  in  diesem  Theile  des  Schlosses
erschrocken  und  aufgeregt  war,  sich  jedoch  beruhigte,  als  ich  dem
Accente  seiner  mißtrauischen  Frage  entsprechend  englisch  antwortete
und  zu  der  königlichen  Tafel  geführt  zu  werden  verlangte.
Am  Abende,  ich  weiß  nicht,  ob  desselben  oder  des  folgenden
Tages,  hatte  ich  wieder  eine  lange  Audienz  ohne  Zeugen.
Während  derselben  nahm  ich  mit  Erstaunen  wahr,  wie  nachlässig
  der  blinde  Herr  bedient  war.  Die  ganze  Beleuchtung
des  großen  Zimmers  bestand  in  einem  Doppelleuchter  mit  zwei
Wachskerzen,  an  denen  schwere,  metallne  Lichtschirme  angeklemmt
  waren.  Der  eine  fiel  in  Folge  Niederbrennens  der
Kerze  mit  einem  Geräusch,  wie  der  Schlag  auf  ein  Gong,  zu
Boden;  es  erschien  aber  Niemand,  befand  sich  auch  Niemand
im  Nebenzimmer,  und  ich  mußte  mir  von  dem  hohen  Herrn
die  Stelle  der  Klingel  bezeichnen  lassen,  die  ich  zu  ziehn  hatte.

1)  Maria,  Prinzessin  von  Sachsen-Altenburg.
        <pb n="128" />
        104  Viertes  Kapitel:  Diplomat.

 

Diese  Verlassenheit  des  Königs  war  mir  um  so  auffälliger,
als  der  Tisch,  an  dem  wir  saßen,  mit  allen  möglichen  amtlichen
oder  privaten  Papieren  so  bedeckt  war,  daß  einzelne  bei  Bewegungen
  des  Königs  herunterfielen  und  von  mir  aufgehoben
werden  mußten.  Nicht  weniger  auffällig  war  es,  daß  der
blinde  Herr  mit  einem  fremden  Diplomaten,  wie  ich,  ohne  jede
ministerielle  Kenntnißnahme  Stunden  lang  verhandelte.

Die  Erwähnung  meines  damaligen  Aufenthalts  in  Hanover
erinnert  mich  an  einen  Vorgang,  der  mir  nie  klar  geworden
ist.  Dem  preußischen  Commissarius,  der  in  Hanover  über  die
schwebenden  Zollangelegenheiten  zu  verhandeln  hatte,  war  von
Berlin  aus  ein  Consul  Spiegelthal  zur  Aushülfe  beigeordnet
worden.  Als  ich  desselben  als  eines  preußischen  Beamten  im
Gespräche  mit  dem  mir  befreundeten  Minister  von  Schele  erwähnte,
  gab  dieser  lachend  sein  Erstaunen  zu  erkennen:  „Er
hätte  den  Mann  nach  seiner  Thätigkeit  für  einen  östreichischen
Agenten  gehalten.“  Ich  telegraphirte  chiffrirt  an  den  Minister
von  Manteuffel  und  rieth,  das  Gepäck  des  Spiegelthal,  der  in
den  nächsten  Tagen  nach  Berlin  zurückreisen  wollte,  bei  der
Zollrevision  an  der  Grenze  untersuchen  und  seine  Papiere  in
Beschlag  nehmen  zu  lassen.  Meine  Erwartung,  in  den  folgenden
  Tagen  davon  zu  lesen  oder  zu  hören,  erfüllte  sich  nicht.
Während  ich  die  letzten  Octobertage  in  Berlin  und  Potsdam
zubrachte  ),  erzählte  der  General  von  Gerlach  mir  u.  A.:
„Manteuffel  habe  zuweilen  ganz  sonderbare  Einfälle;  so  habe
er  vor  Kurzem  verlangt,  daß  der  Consul  Spiegelthal  zur  königlichen
  Tafel  gezogen  werde,  und  unter  Stellung  der  Cabinetsfrage
  sein  Verlangen  durchgesetzt.“  Als  ich  ihm  darauf  meine
in  Hanover  gemachte  Wahrnehmung  mittheilte,  gab  er  seinen
Gedanken  einen  unartikulirten  Ausdruck.

1)  Bismarck  traf  am  29.  October  1853  Nachmittags  im  Gefolge  des
Königs,  von  Letzlingen  kommend,  in  Potsdam  ein  und  blieb  bis  zum
2.  November  in  Berlin-Potsdam.
        <pb n="129" />
        Fünftes  Kapitel.
Wochenblattspartei.  Krimkrieg.

1.

Für  die  deutsche  Sache  behielt  man  in  den  dem  Königthum
  widerstrebenden  Kreisen  eine  kleine  Hoffnung  auf  Hebelkräfte
  im  Sinne  des  Herzogs  von  Coburg,  auf  englischen  und
selbst  französischen  Beistand,  in  erster  Linie  aber  auf  liberale
Sympathien  des  deutschen  Volks.  Die  praktisch  wirksame  Bethätigung
  dieser  Hoffnungen  beschränkte  sich  auf  den  kleinen
Kreis  der  Hof-Opposition,  die  unter  dem  Namen  der  Fraction
Bethmann-Hollweg  den  Prinzen  von  Preußen  für  sich  und  ihre
Bestrebungen  zu  gewinnen  suchte.  Es  war  dies  eine  Fraction,
die  an  dem  Volke  garkeinen  und  an  der  damals  als  „Gothaer“
bezeichneten  nationalliberalen  Richtung  geringen  Anhalt  hatte.
Ich  habe  diese  Herrn  nicht  grade  für  nationaldeutsche  Schwärmer
gehalten,  im  Gegentheil.  Der  einflußreiche,  noch  heut  (1891)
lebende  langjährige  Adjutant  des  Kaisers  Wilhelm,  Graf  Karl
von  der  Goltz#),  der  einen  stets  offnen  Zugang  für  seinen
Bruder?)  und  dessen  Freunde  abgab,  war  ursprünglich  ein
eleganter  und  gescheidter  Garde-Offizier,  Stockpreuße  und  Hofmann,
  der  an  dem  außerpreußischen  Deutschland  nur  so  viel
Interesse  nahm,  als  seine  Hofstellung  es  mit  sich  brachte.  Er
war  ein  Lebemann,  Jagdreiter,  sah  gut  aus,  hatte  Glück  bei
Damen  und  wußte  sich  auf  dem  Hofparket  geschickt  zu  benehmen;
  aber  die  Politik  stand  bei  ihm  nicht  in  erster  Linie,

1)  Gest.  21.  Febr.  1901  in  Nizza.
2:)  Graf  Robert  v.  d.  Goltz.
        <pb n="130" />
        106  Fünftes  Kapitel:  Wochenblattspartei.  Krimkrieg.

 

sondern  galt  ihm  erst,  wenn  er  ihrer  bei  Hofe  bedurfte.  Daß
die  Erinnrung  an  Olmütz  das  Mittel  war,  den  Prinzen  zum
Bundesgenossen  für  den  Kampf  gegen  Manteuffel  zu  gewinnen,
das  konnte  Niemand  besser  wissen  als  er,  und  diesen  Stachel
für  die  Empfindung  des  Prinzen  in  Wirksamkeit  zu  erhalten,
hatte  er  auf  Reisen  und  zu  Hause  stets  gute  Gelegenheit.

Die  später  nach  Bethmann-Hollweg  benannte  Partei,  richtiger
  Coterie,  stützte  sich  ursprünglich  auf  den  Grafen  Robert
von  der  Goltz,  einen  Mann  von  ungewöhnlicher  Befähigung
und  Thätigkeit.  Herr  von  Manteuffel  hatte  das  Ungeschick
gehabt,  diese  strebsame  Capacität  schlecht  zu  behandeln;  der
dadurch  stellungslos  gewordne  Graf  wurde  der  Impresario  für
die  Truppe,  welche  zuerst  als  höfische  Fraction  und  später  als
Ministerium  des  Regenten  auf  der  Bühne  erschien.  Sie  begann
  in  der  Presse,  besonders  durch  das  von  ihr  gegründete
„Preußische  Wochenblatt“,  und  durch  persönliche  Werbungen  in
politischen  und  Hofkreisen  sich  Geltung  zu  schaffen.  Die  „Finanzirung“,
  wie  die  Börse  sich  ausdrückt,  wurde  durch  die  großen
Vermögen  Bethmann-Hollweg's  und  der  Grafen  Fürstenberg-Stammheim
  und  Albert  Pourtalss,  und  die  politische  Aufgabe,
als  deren  Ziel  zunächst  der  Sturz  Manteuffel's  gestellt  war,
von  den  geschickten  Händen  der  Grafen  Goltz  und  Pourtales
besorgt.  Beide  schrieben  ein  elegantes  Französisch  in  geschickter
Diction,  während  Herr  von  Manteuffel  in  der  Herstellung
diplomatischer  Aktenstücke  hauptsächlich  auf  die  hausbackne  Tradition
  seiner  Beamten  von  der  französischen  Kolonie  in  Berlin
angewiesen  war.  Auch  Graf  Pourtalès  war  von  dem  Ministerpräsidenten
  im  Dienste  verstimmt  und  von  dem  Könige  als
Rival  Manteuffel's  ermuthigt  worden.

Goltz  wollte  ohne  Zweifel,  wenn  nicht  der  unmittelbare
Nachfolger  Manteuffel's,  doch  früher  oder  später  Minister
werden.  Er  hatte  auch  das  Zeug  dazu,  viel  mehr  als  Harry
von  Arnim,  weil  er  weniger  Eitelkeit  und  mehr  Patriotismus
        <pb n="131" />
        Fraction  Bethmann  u.  d.  Prinz  v.  Preußen.  Auerswald.  R.  Goltz.  107

 

und  Charakter  besaß;  freilich  auch  mehr  Zorn  und  Galle,  die
sich  vermöge  der  ihm  innewohnenden  Energie  als  Subtrahenda
von  seiner  praktischen  Leistung  geltend  machten.  Ich  habe  zu
seiner  Ernennung  nach  Petersburg,  später  nach  Paris  mitgewirkt
  und  Harry  von  Arnim  aus  der  unwichtigen  Stellung,
in  welcher  ich  ihn  fand,  schnell  und  nicht  ohne  Widerspruch  in
dem  Cabinete  befördert,  aber  an  diesen  beiden  befähigtsten  unter
meinen  diplomatischen  Mitarbeitern  dasselbe  erlebt,  wie  DOglano
an  Anselmo  in  dem  Chamisso'schen  Gedichte  ½.

Auch  Rudolf  von  Auerswald  hatte  sich  der  Fraction  zurückhaltend
  angeschlossen,  kam  aber  im  Juni  1854  zu  mir  nach
Frankfurt,  um  mir  zu  sagen,  daß  er  seinen  Feldzug  der  letzten
Jahre  für  verloren  halte,  sich  herauszuziehn  wünsche  und,  wenn
er  den  Gesandten-Posten  in  Brasilien  erhielte,  versprechen  wolle,
sich  um  innre  Politik  nicht  mehr  zu  kümmern  ).  Obwhhl  ich
Manteuffel  empfahl,  in  seinem  Interesse  darauf  einzugehn  und
einen  so  feinen  Kopf,  erfahrnen  und  achtbaren  Mann  und  Freund
des  Prinzen  von  Preußen  auf  diese  ehrliche  Weise  zu  neutralisiren,
  so  war  sein  und  des  Generals  von  Gerlach  Mißtraun
oder  Abneigung  gegen  Auerswald  doch  so  stark,  daß  der  Minister
  seine  Ernennung  ablehnte.  Manteuffel  und  Gerlach
waren  überhaupt,  obschon  nicht  untereinander,  doch  gegen  die
Partei  Bethmann-Hollweg  einig.  Auerswald  blieb  im  Lande
und  einer  der  Hauptträger  der  Beziehungen  zwischen  diesen
anti-Manteuffel'schen  Elementen  und  dem  Prinzen.

Graf  Robert  Goltz,  mit  dem  ich  aus  der  Jugend  her  befreundet
  war,  versuchte  in  Frankfurt  auch  mich  für  die  Fraction
zu  gewinnen.  Ich  lehnte  den  Beitritt,  soweit  Mitwirkung  zum
Sturze  Manteuffel's  von  mir  gefordert  würde,  mit  der  Motivirung
  ab,  daß  ich,  wie  damals  der  Fall  war,  mit  vollem

1)  Vetter  Anselmo.
2:)  S.  Brief  vom  6.  Juni  1854,  Bismarck's  Briefe  an  den  General
Leopold  v.  Gerlach.  Herausgegeben  von  H.  Kohl.  S.  156.
        <pb n="132" />
        108  Fünftes  Kapitel:  Wochenblattspartei.  Krimkrieg.

 

Vertraun  Manteuffel's  den  Posten  in  Frankfurt  angetreten
hätte  und  es  nicht  für  ehrlich  halten  würde,  meine  Stellung
zum  Könige  zum  Sturze  Manteuffel's  zu  benutzen,  solange
Letztrer  mich  nicht  in  die  Nothwendigkeit  versetzte,  mit  ihm  zu
brechen,  und  daß  ich  in  dem  Falle  ihm  die  Fehde  und  den
Grund  derselben  vorher  offen  ansagen  würde.  Graf  Goltz
wollte  sich  damals  verheirathen  und  bezeichnete  mir  als  sein
nächstes  Verlangen  den  Gesandschaftsposten  in  Athen.  „Man
soll  mir“  setzte  er  mit  Bitterkeit  hinzu,  „schon  einen  Posten
geben  und  einen  guten;  davor  ist  mir  nicht  bange.“

Die  scharfe  Kritik  der  Politik  Olmütz,  die  in  der  That  nicht
so  sehr  die  Schuld  des  preußischen  Unterhändlers  als  der,  um
das  Wenigste  zu  sagen,  ungeschickten  Leitung  der  preußischen
Politik  bis  zu  seiner  Zusammenkunft  mit  dem  Fürsten  Schwarzenberg
  war,  und  die  Schilderung  ihrer  Folgen,  das  war  die
erste  Waffe,  mit  welcher  Manteuffel  von  Goltz  angegriffen  und
die  Sympathie  des  Prinzen  von  Preußen  gewonnen  wurde.
In  dem  soldatischen  Gefühle  des  Letztern  war  Olmütz  ein
wunder  Punkt,  in  Bezug  auf  welchen  nur  die  militärische  und
royalistische  Disciplin  dem  Könige  gegenüber  die  Empfindung
der  Kränkung  und  des  Schmerzes  beherrschte.  Trotz  seiner
großen  Liebe  zu  seinen  russischen  Verwandten,  die  zuletzt  in
der  innigen  Freundschaft  mit  Alexander  II.  zum  Ausdrucke
kam,  behielt  er  das  Gefühl  einer  Demüthigung,  die  Preußen
durch  den  Kaiser  Nicolaus  erlitten  hatte,  und  diese  Empfindung
  wurde  um  so  stärker,  je  mehr  seine  Mißbilligung  der
Manteuffel'schen  Politik  und  der  östreichischen  Einflüsse  ihn  der
ihm  früher  ferner  liegenden  deutschen  Aufgabe  Preußens  näher
rückte.

Im  Sommer  1853  schien  es,  daß  Goltz  sich  seinem  Ziele
nähern,  zwar  nicht  Manteuffel  verdrängen,  aber  doch  Minister
  werden  werde.  Der  General  Gerlach  schrieb  mir  am
6.  Juli:
        <pb n="133" />
        Olmütz  im  Empfinden  des  Prinzen.  Ministerpläne.  109

 

„Von  Manteuffel  hörte  ich  1),  daß  Goltz  Manteuffeln  erklärt
hat,  nur  dann  in  das  Ministerium  eintreten  zu  können,  wenn
die  Umgebung  des  Königs  geändert,  d.  h.  vor  allen  Dingen,
wenn  ich  fortgeschickt  würde.  Ich  glaube  übrigens,  ja  ich  könnte
sagen,  ich  weiß  es,  daß  Manteuffel  Goltz  in  das  Auswärtige
Ministerium  als  Rath  hat  haben  wollen,  um  gegen  andre
Personen  dort,  wie  Le  Coq  ?%)  (wohl  eher  gegen  Gerlach  und
dessen  Freunde  am  Hofe)  u.  s.  w.  ein  Gegengewicht  zu  haben,
was  nun,  Gott  sei  Dank,  durch  Goltzens  Trotz  vereitelt  ist.  —
Ich  denke  mir,  daß  ein  Plan  im  Werke  ist  —  ob  in  allen  zum
Mithandeln  bestimmten  Personen  bewußt  oder  unbewußt,  halb
oder  ganz,  lasse  ich  dahingestellt  sein  —  ein  Ministerium  unter
den  Auspicien  des  Prinzen  von  Preußen  zu  formiren,  in  dem
—  nach  Entfernung  von  Raumer,  Westphalen,  Bodelschwingh
—  Manteuffel  als  Präses,  Ladenberg  als  Cultus,  Goltz  als
Auswärtiger  functionirt,  was  sich  die  Kammermajorität  verschafft,
  was  ich  nicht  für  sehr  schwierig  halte.  Dann  sitzt  der
arme  König  zwischen  einer  Kammermajorität  und  seinem  Nachsolger
  und  kann  sich  nicht  rühren.  Alles,  was  Westphalen,
was  Raumer  zu  Stande  gebracht,  und  das  find  die  einzigen
Menschen,  die  etwas  gethan,  würde  wieder  verloren  gehn,  von
den  übrigen  Folgen  zu  schweigen.  Manteuffel  als  doppelter
Novembermanns)  wäre  wie  schon  jetzt  inévitable.“

Der  Gegensatz  der  verschiednen  Elemente,  welche  die  Entschließungen
  des  Königs  zu  bestimmen  suchten,  steigerte  sich,
der  Angriff  der  Bethmann-Hollweg'schen  Fraction  auf  Man-1)

  Im  Original  lautet  der  Anfang  des  Satzes  (s.  jetzt  die  Briefe
des  Generals  L.  v.  Gerlach  an  O.  v.  Bismarck  S.  566):  ..  .  erst  nach
schwieriger  Verständigung  hat  er  (Manteuffel)  mir  gesagt,  1)  daß  Goltz
keineswegs  freiwillig  zu  ihm  gekommen  ist,  sondern  erst  zum  Kommen
in  Bezug  auf  das,  was  Goltz  zu  Ihnen  gesagt,  dazu  hat  ausgemuntert
werden  müssen,  2)  wie  oben  im  Text.

?)  Geheimer  Rath  im  preußischen  Ministerium  des  Auswärtigen.

:)  Manteuffel  war  im  November  1848  Minister  des  Innern,  im
November  1850  Minister  des  Auswärtigen  geworden.
        <pb n="134" />
        110  Fünftes  Kapitel:  Wochenblattspartei.  Krimkrieg.

 

teuffel  belebte  sich  während  des  Krimkriegs.  Der  Ministerpräsident
  hat  seine  Abneigung  gegen  den  Bruch  mit  Oestreich
und  gegen  eine  Politik,  wie  sie  nach  den  böhmischen  Schlachtseldern
  führte,  am  nachdrücklichsten  in  allen  für  unsre  Freundschaft
  mit  Oestreich  kritischen  Momenten  bethätigt.  In  der
Zeit  des  Fürsten  Schwarzenberg,  demnächst  des  Krimkriegs
und  der  Ausbeutung  Preußens  für  die  äöstreichische  Orientpolitik
  erinnerte  unser  Verhältniß  zu  Oestreich  an  das  zwischen
Leporello  und  Don  Juan).  In  Frankfurt,  wo  zur  Zeit  des
Krimkriegs  die  übrigen  Bundesstaaten  außer  Oestreich  versuchsweise
  verlangten,  daß  Preußen  sie  der  östreichisch-westmächtlichen
  Vergewaltigung  gegenüber  vertrete,  konnte  ich  als  Träger
der  preußischen  Politik  mich  einer  Beschämung  und  Erbitterung
nicht  erwehren,  wenn  ich  sah,  wie  wir  gegenüber  den  nicht
einmal  in  höflichen  Formen  vorgebrachten  Zumuthungen  Oestreichs
  jede  eigne  Politik  und  jede  selbständige  Ansicht  opferten,
von  Posten  zu  Posten  zurückwichen  und  unter  dem  Druck  der
Inferiorität,  in  Furcht  vor  Frankreich  und  in  Demuth  vor
England,  im  Schlepptau  Oestreichs  Deckung  suchten.  Der  König
war  nicht  unempfänglich  für  diesen  meinen  Eindruck,  aber  nicht
geneigt,  ihn  durch  eine  Politik  im  großen  Stile  abzuschütteln.

Nachdem  England  und  Frankreich  am  28.  März  1854  Rußland
  den  Krieg  erklärt  hatten  :),  waren  wir  mit  Oestreich  das
Schutz=  und  Trutzbündniß  vom  20.  April  eingegangen,  das
Preußen  verpflichtete,  unter  Umständen  100000  Mann  in  Zeit
von  36  Tagen  zu  concentriren,  ein  Drittel  in  Ostpreußen,  die
beiden  andern  zu  Posen  oder  zu  Breslau,  und  sein  Heer,  wenn
die  Umstände  es  erheischten,  auf  200  000  Mann  zu  bringen
und  sich  behufs  alles  dessen  mit  Oestreich  zu  verständigen  #.

1)  Vgl.  Brief  an  Frau  v.  Bismarck  vom  19.  April  1859  S.  419.

2)  S.  die  Kriegserklärung  bei  v.  Jasmund,  Aktenstücke  zur  orientalischen
  Frage  (Berl.  1855)  No.  CCXV  (Bd.  1  S.  291  ff.).

*)  Jasmund,  Aktenstücke  No.  CCXXII.  CCXKXIII.
        <pb n="135" />
        Preußen  u.  Oestreich  —  Leporello  u.  Don  Juan.  Vertrag  v.  20.  April.  111

Unter  dem  5.  Mai  schrieb  mir  Manteuffel  folgenden  pikirten
Briefy:

„General  von  Gerlach  theilt  mir  soeben  mit,  daß  des  Königs
Majestät  Euer  Hochwohlgeboren  behufs  Besprechung  über  die
Behandlung  des  österreichisch-preußischen  Bündnisses  am  Bunde
hier  anwesend  zu  sehen  befohlen  und  daß  der  Herr  General
in  diesem  Sinne  Euer  Hochwohlgeboren  bereits  geschrieben  habe#.
In  Gemäßheit  dieses  Allerhöchsten  Befehls,  von  dem  mir  übrigens
vorher  nichts  bekannt  gewesen,  darf  ich  keinen  Anstand  nehmen,
Euer  Hochwohlgeboren  ganz  ergebenst  zu  veranlassen,  sich  unverzüglich
  hierher  zu  verfügen.  Mit  Rücksicht  auf  die  beim
Bundestage  bevorstehenden  Verhandlungen  dürfte  Ihr  Aufenthalt
  hierselbst  nicht  von  langer  Dauer  sein  können.“

Bei  Besprechung  des  Vertrages  vom  20.  April  schlug  ich
dem  Könige  vor,  diese  Gelegenheit  zu  benutzen,  um  uns  und
die  preußische  Politik  aus  der  secundären  und,  wie  mir  schien,
unwürdigen  Lage  herauszuheben  und  eine  Stellung  einzunehmen,
welche  uns  die  Sympathie  und  die  Leitung  der  deutschen
Staaten  gewonnen  hätte,  die  mit  uns  und  durch  uns  in  unabhängiger
  Neutralität  zu  verbleiben  wünschten.  Ich  hielte
dies  für  erreichbar,  wenn  wir,  sobald  Oestreich  die  Truppenaufstellung
  verlangte,  freundlich  und  bereitwillig  darauf  eingingen,
  aber  die  Aufstellung  der  66000  und  factisch  mehr
Mann  nicht  bei  Lissa,  sondern  in  Oberschlesien  machten,  so  daß
unfre  Truppen  in  der  Lage  seien,  die  russische  oder  die  östreichische
Grenze  mit  gleicher  Leichtigkeit  zu  überschreiten,  namentlich
wenn  wir  uns  nicht  genirten,  die  Ziffer  100000  uneingestanden
zu  überschreiten.  Mit  200000  Mann  würde  Se.  Mojestät  in
diesem  Augenblick  Herr  der  gesammten  europäischen  Situation

1)  Nach  dem  Original  veröffentlicht  im  Anhang  zu  den  Gedanken
und  Erinnerungen  II  170.

2)  Briefe  des  Generals  Leopold  v.  Gerlach  an  Otto  v.  Bismarck.
S.  93.
        <pb n="136" />
        112  Fünftes  Kapitel:  Wochenblattspartei.  Krimkrieg.

 

werden,  den  Frieden  dictiren  und  in  Deutschland  eine  Preußens
würdige  Stellung  gewinnen  können  .

Frankreich  )  war  nicht  im  Stande,  neben  der  Leistung,  mit
der  es  in  der  Krim  beschäftigt  war,  bedrohlich  an  unfrer  Westgrenze
  aufzutreten.  Oestreich  hatte  seine  disponiblen  Kräfte  in
Ost-Galizien  stehn,  wo  sie  von  Krankheiten  mehr  Verluste  erlitten
  als  auf  den  Schlachtfeldern.  Sie  waren  festgenagelt
durch  die,  auf  dem  Papier  wenigstens,  200  000  Mann  starke
russische  Armee  in  Polen,  deren  Marsch  nach  der  Krim  die
dortige  Situation  entschieden  haben  würde,  wenn  die  östreichische
Grenzausstellung  ihn  hätte  zulässig  erscheinen  lassen.  Es  gab
schon  damals  Diplomaten,  welche  die  Herstellung  Polens  unter
östreichischem  Patronat  in  ihr  Programm  aufgenommen  hatten.
Jene  beiden  Armeen  standen  einander  gegenüber  fest,  und  es
war  für  Preußen  möglich,  durch  seinen  Beistand  einer  von
ihnen  die  Oberhand  zu  gewähren.  Die  Wirkung  einer  englischen
  Blokade,  welche  unfre  Küste  hätte  treffen  können,  würde
nicht  gefährlicher  gewesen  sein  als  die  wenige  Jahre  früher
mehrmals  ausgestandne,  uns  ebenso  vollständig  abschließende
dänische  und  ausgewogen  worden  sein  durch  die  Erlangung
unsrer  und  der  deutschen  Unabhängigkeit  von  dem  Drucke  und
der  Drohung  einer  östreichisch-französischen  Allianz  und  Vergewaltigung
  der  zwischenliegenden  Mittelstaaten.  Während  des
Krimkriegs  sagte  mir  der  alte  König  Wilhelm  von  Würtemberg
in  vertraulicher  Audienz  am  Kamin  in  Stuttgart:  „Wir  deutschen
Südstaaten  können  nicht  gleichzeitig  die  Feindschaft  Oestreichs

1)  Vgl.  die  Aeußerung  Bismarck's  in  der  Reichstagsrede  vom  6.  Febr.
1888,  Politische  Reden  XII  459.

*)  Der  hier  einsetzende  Abschnitt  gehört  nicht  mehr  zu  dem  Bericht
über  den  dem  Könige  gehaltenen  Vortrag,  sondern  ist  rückschauende  Betrachtung
  des  Erzählers  zu  näherer  Erläuterung  des  Gedankengangs
des  Vortrags.  Lenz  übersieht  bei  seiner  Kritik  dieser  Stelle  (S.  37),
daß  der  mit  „Ich  hielte“  beginnende  Satz  Bestandtheil  des  Berichts
über  den  Vortrag  ist,  bei  „Frankreich“  die  Reflexion  einsetzt.
        <pb n="137" />
        Preußens  günstige  Lage  im  Krimkrieg.  Vortrag  Bismarck's.  113

 

und  Frankreichs  auf  uns  nehmen,  wir  sind  zu  nahe  unter  der
Ausfallpforte  Straßburg  und  vom  Westen  her  occupirt,  bevor
uns  von  Berlin  Hülse  kommen  kann.  Würtemberg  wird  überfallen,
  und  wenn  ich  ehrlich  mich  in  das  preußische  Lager  zurückziehe,
  so  werden  die  Klagen  meiner  vom  Feinde  bedrückten
Unterthanen  mich  zurückrufen;  das  würtembergische  Hemd  ist
mir  näher  als  der  Rock  des  Bundes"#).  Die  nicht  unbegründete
  Hoffnungslosigkeit,  welche  in  dieser  Aeußerung  des
gescheidten  alten  Herrn  lag,  und  die  mehr  oder  weniger  zornige
Empfindung  in  andern  Bundesstaaten  —  nur  nicht  in  Darmstadt,
  wo  Herr  von  Dalwigk-Coehorn  sicher  auf  Frankreich
baute  —  diese  Stimmungen  würden  sich  wohl  geändert  haben,
wenn  ein  nachdrückliches  Auftreten  Preußens  in  Oberschlesien
den  Beweis  lieferte,  daß  weder  Oestreich  noch  Frankreich  uns
damals  überlegnen  Widerstand  zu  leisten  vermochten,  wenn
wir  ihre  entblößte  und  gefährdete  Situation  entschlossen  benutzten.


Der  König  war  nicht  unempfänglich  für  die  überzeugte
Stimmung,  in  welcher  ich  ihm  die  Sachlage  und  die  Eventualitäten
  darstellte;  er  lächelte  wohlgefällig  und  sagte  im  Berliner
  Dialekt:  „Liebeken,  das  is  sehr  schöne,  aber  es  is  mich
zu  theuer.  Solche  Gewaltstreiche  kann  ein  Mann  von  der
Sorte  Napoleon  wohl  machen,  ich  aber  nicht.“

1)  Vgl.  die  Aeußerungen  Bismarck's  in  den  Reden  vom  22.  Januar
1864  und  2.  Mai  1871,  Politische  Reden  II  (2.  Aufl.)  294,  V  52.  —  Ein
der  Zeit  näher  stehendes  Zeugniß  über  diese  Aeußerung  des  Königs
Wilhelm  von  Würtemberg  findet  sich  in  Bismarck's  Schreiben  vom
9.  Februar  1860,  Bismarck's  Briefwechsel  mit  dem  Minister  v.  Schleinitz
(Stuttgart  und  Berlin,  J.  G.  Cotta'sche  Buchh.  Nachf.  1905.)  S.  60:  „Auch
wenn  wir  uns  gefügig  gegen  ihre  Majoritäten  erwiesen,  würden  wir
ihre  hingebende  Liebe  für  den  Kriegsfall  nicht  erwerben,  bas  Hemd
bleibt  ihnen  näher  als  der  Rock“,  „Würtemberg  näher  als  der  Bund“",

wie  mir  der  kluge  alte  Herr  in  Stuttgart  vor  5  Jahren  selbst  sagte.“
Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gebanken  und  Erinnerungen.  1.  8
        <pb n="138" />
        114  Fünftes  Kapitel:  Wochenblattspartei.  Krimkrieg.

 

2.

Der  zögernde  Beitritt  der  deutschen  Mittelstaaten,  die  sich
in  Bamberg  ½  berathen  hatten,  zu  dem  Vertrage  vom  20.  April,
die  Bemühungen  des  Grafen  Buol,  einen  Kriegsfall  zu  schaffen,
die  durch  die  Räumung  der  Wallachei  und  Moldau  seitens  der
Russen  vereitelt  wurden,  die  von  ihm  beantragte  und  im  Geheimniß
  vor  Preußen  abgeschlossene  Allianz  mit  den  Westmächten
  vom  2.  December  5,  die  vier  Punkte  der  Wiener  Conferenz)
  und  der  weitre  Verlauf  bis  zu  dem  Pariser  Frieden
vom  30.  März  1856  sind  von  Sybel  aus  den  Archiven  dargestellt,
  und  meine  amtliche  Stellungnahme  zu  allen  diesen
Fragen  ergiebt  sich  aus  dem  Werke  „Preußen  im  Bundestage“.
Ueber  das,  was  in  dem  Cabinet  vorging,  über  die  Erwägungen
und  Einflüsse,  die  den  König  in  den  wechselnden  Phasen  bestimmten,
  erhielt  ich  von  dem  General  von  Gerlach  Mittheilungen,
  von  denen  ich  die  interessantern  einflechte.  Wir  hatten
für  diese  Correspondenz  seit  Herbst  1855  eine  Art  von  Chiffre
verabredet,  in  welchem  die  Staaten  durch  die  Namen  uns  be- 



1)  Die  Bamberger  Conferenz  trat  am  25.  Mai  1854  zusammen.  Vertreten
  waren  Sachsen,  Bayern,  Würtemberg,  Hanover,  beide  Hessen
und  Nassau.  In  einer  gleichlautenden  Erklärung  an  die  Höfe  von
Berlin  und  Wien  vom  26.  Mai  forderten  sie  1)  die  Vorlegung  des  Vertrags
  vom  20.  April  am  Bunde  und  den  Beitritt  der  deutschen  Staaten
zum  Bündnisse;  2)  Vervollständigung  der  an  Rußland  gerichteten  Aufforderung
  zur  Räumung  der  Fürstenthümer  durch  die  Voraussetzung
gleichmäßiger  Einstellung  der  Feindseligkeiten  von  beiden  Seiten  und
des  Rückzugs  auch  der  Streitkräfte  der  Westmächte;  3)  selbständige  Vertretung
  des  Deutschen  Bundes  nach  seinem  Beitritt  bei  allen  ferneren
Verhandlungen  und  Sicherstellung  der  Fortdauer  des  Königreichs
Griechenland  (v.  Jasmund,  Aktenstücke  No.  CCXXVIII  u.  CCXXVIII
Bd.  I  S.  309  ff.).

:)  v.  Jasmund,  Aktenstücke  No.  CCLXXVIII  (Bd.  I  S.  308  ff.).

:)  Zuerst  aufgestellt  in  der  französischen  Depesche  vom  22.  Juli  1854
(v.  Jasmund,  Aktenstücke  No.  CCXLIII  Bd.  1  S.  334  ff.).
        <pb n="139" />
        Auszüge  aus  Briefen  des  Generals  v.  Gerlach.  115

 

kannter  Dörfer,  die  Personen  nicht  ohne  Humor  durch  Figuren
aus  Shakespeare  bezeichnet  waren  7.

„Berlin,  den  24.  April  1854)).

Fra  Diavolo  (Manteuffel)  hat  seinen  Abschluß  mit  (dem
Feldzeugmeister)  Heß  zu  Stande  gebracht  und  zwar  auf  eine
Art,  die  ich  nicht  anders  als  eine  verlorene  Bataille  bezeichnen
kann.  Alle  meine  militärischen  Berechnungen,  alle  Ihre  Briefe,
die  entschieden  bewiesen,  daß  Oestreich  es  nie  wagen  würde,
ohne  uns  zu  einem  bestimmten  Abschluß  mit  Westen  (d.  i.  den
Westmächten)  zu  kommen,  haben  nichts  geholsen;  man  hat  sich
von  den  Furchtsamen  furchtsam  machen  lassen,  und  so  weit
muß  ich  F.  D.  Recht  geben,  daß  es  gar  nicht  unmöglich  ist,
daß  eben  aus  Furcht  Oestreich  den  kühnen  Sprung  nach  Westen
hätte  machen  können.

Doch  dem  sei  wie  ihm  wolle,  dieser  Abschluß  ist  ein  fait
accompli,  und  man  muß  jetzt  wie  nach  einer  verlorenen  Schlacht
die  zerstreuten  Kräfte  sammeln,  um  dem  Gegner  sich  wieder
entgegen  stellen  zu  können,  und  da  ist  denn  das  Nächste,  daß
in  dem  Vertrage  Alles  auf  gegenseitiges  Einverständniß  gestellt
ist.  Aber  eben  deshalb  wird  die  nächste  und  auch  sehr  üble
Folge  sein,  daß  wir,  sobald  wir  die  uns  richtig  scheinende  Auslegung
  geltend  machen,  der  Doppelzüngigkeit  und  Wortbrüchigkeit
  angeklagt  werden.  Dagegen  müssen  wir  uns  zunächst  dickfellig
  machen,  dann  aber  dergleichen  zuvorkommen,  indem  wir
unsere  Auslegung  des  Vertrages  sofort  aussprechen,  sowohl  in
Wien  als  in  Frankfurt,  noch  bevor  eine  Collision  eingetreten

1)  S.  den  Schlüssel  in  Bismarck's  Briefen  an  den  General  L.  v.  Gerlach,
  herausg.  von  H.  Kohl,  S.  351  f.  (doch  ist  S.  352  Z.  4  zu  lesen:
Fortinbras,  Z.  8:  Trinkulo)  und  in  den  Briefen  des  Generals  L.  v.  Gerlach
  an  Otto  v.  Bismarck,  S.  171.  —  Zum  ersten  Male  bediente  sich  der
Chiffre  Bismarck  im  Briefe  vom  21.  December  1855,  Gerlach  im  Briefe
vom  27.  December  1855.

?!)  Briefe  des  Generals  L.  v.  Gerlach  an  Otto  v.  Bismarck  S.  91  f.
        <pb n="140" />
        116  Fünftes  Kapitel:  Wochenblattspartei.  Krimkrieg.

 

ist.  Denn  die  Dinge  stehn  so,  daß  noch  immer  einem  kräftigen,
muthigen  und  gewandten  auswärtigen  Minister  die  Hände
nicht  gebunden  sind.  Wir  machen  alle  Schritte  in  Petersburg
selbständig,  können  also  in  der  Consequenz  bleiben  und  können
stets  noch  die  Einigung  erlangen  und  bei  derselben  Reciprocität
und  Alles,  was  in  dem  Vertrage  fehlt,  geltend  machen.  Budberg
  und  den  Grafen  H.  v.  Mlünster))  habe  ich  nach  Kräften
zu  beschwichtigen  gesucht;  Niebuhr  ist  sehr  thätig  und  eifrig
auf  diesem  Felde  und  hat  sich  wie  immer  sehr  geschickt  und
vortrefflich  benommen.  Was  hilft  aber  diese  Flickerei,  die  zuletzt
  doch  eine  undankbare  Arbeit  ist.  Es  liegt  in  der  Natur
des  Menschen,  also  auch  unseres  Herrn,  daß  wenn  er  mit
einem  Diener  einen  Bock  oder  vielmehr  eine  Ricke  geschossen
hat,  er  diesen  zunächst  hält  und  die  besonnenen  und  treuen
Freunde  schlecht  behandelt.  In  der  Lage  bin  ich  jetzt,  und  sie
ist  wahrlich  nicht  beneidenswertt..

Sanssouci,  den  1.  Juli  1854  27.

..  Die  Dinge  haben  sich  einmal  wieder  furchtbar  verwickelt,
  stehen  aber  doch  einmal  wieder  so,  daß  man,  wenn
Alles  klappt,  ein  gutes  Ende  für  möglich  halten  kon.
Wenn  wir  Oestreich  nicht  so  lange  als  möglich  festhalten,  so
laden  wir  eine  schwere  Schuld  auf  uns,  rufen  die  Trias)  ins
Leben,  welche  der  Anfang  des  Rheinbundes  ist  und  den  französischen
  Einfluß  bis  unter  die  Thore  von  Berlin  bringt.  Jetzt
haben  die  Bamberger  es  versucht,  sich  unter  dem  Protectorate
von  Rußland  als  Trias  zu  constituiren,  wohl  wissend,  daß  es
ein  Leichtes  ist,  ein  Protectorat  zu  wechseln,  um  so  mehr,  da
die  russisch-französische  Allianz  doch  das  Ende  vom  Liede  ist,

1)  Preußischer  Militärgesandter  am  russischen  Hofe.

:)  Briefe  2c.  S.  97.

:)  Zusammenschluß  der  Mittelstaaten  zur  Wahrung  gemeinschaftlicher
Interessen  gegenüber  den  deutschen  Großmächten.
        <pb n="141" />
        Auszüge  aus  Briefen  des  Generals  v.  Gerlach.  117

 

wenn  England  nicht  bald  die  Augen  aufgehn  über  die  Thorheit
  des  Krieges  und  des  Bündnisses  mit  Frankreich

Sanssouci,  den  22.  Juli  1854  70.

..  Für  die  deutsche  Diplomatie,  in  so  weit  sie  jetzt  von
Preußen  ausgeht,  öffnet  sich  ein  glänzendes  Schlachtfeld,  denn
leider  scheint  es,  daß  Prokesch  nicht  Unrecht  hat,  wenn  er  für
seinen  Kaiser  die  Kriegstrompete  bläst.  Die  Wiener  Nachrichten
  sind  gar  nicht  besonders,  obschon  ich  es  doch  noch  nicht
aufgebe,  daß  in  der  elsten  Stunde  Buol  und  der  Kaiser  auseinander
  gehen..  Es  wäre  der  größeste  Fehler,  den  man
machen  könnte,  wenn  man  den  mir  noch  nicht  ganz  verständlichen
  antifranzösischen  Enthusiasmus  von  Baiern,  Würtemberg,
Sachsen  und  Hannover  so  ungenutzt  vorübergehen  ließe.  Sobald
  man  mit  Oestreich  im  Klaren,  d.  h.  sowie  dessen  westmächtliche
  Sympathien  klar  hervortreten,  müssen  die  lebhaftesten
Verhandlungen  mit  den  deutschen  Mächten  beginnen,  und  wir
müssen  einen  Fürstenbund  schließen,  ganz  anders  und  fester  als
der  von  Friedrich  II.  war

Charlottenburg,  den  9.  August  18547).

..  .  Fl(ra)  Dliavolo)  ist  bis  jetzt  ganz  vernünftig,  aber  wie
Sie  wissen,  unzuverlässig.  Ich  glaube,  daß  Sie  die  Aufgabe
haben,  nach  zwei  Seiten  hin  für  den  richtigen  Weg  zu  wirken.
Einmal,  daß  Sie  Ihrem  Freunde  Pfrokesch)  die  richtige  Politik
über  den  Kopf  wegnehmen  und  ihm  zu  verstehen  geben,  daß
jetzt  jeder  Vorwand  wegfällt,  Oestreich  in  seinen  Russischen
Kriegsgelüsten  nachzugehn,  und  dann,  daß  Sie  den  deutschen
Mächten  den  Weg  weisen,  den  sie  zu  gehen  haben.  Es
ist  ein  eigen  Unglück,  daß  der  Aufenthalt  (des  Königs  Friedrich
Wilhelm)  in  München  wieder  an  gewisser  Stelle  germano-1)

  Briefe  2c.  S.  102.
:)  Briefe  2c.  S.  106.
        <pb n="142" />
        118  Fünftes  Kapitel:  Wochenblattspartei.  Krimkrieg.

 

manischen  Enthusiasmus  erregt  hat.  Eine  deutsche  Reservearmee,
  er  an  der  Spitze,  ist  der  confuse  Gedanke,  der  eine
nicht  gute  Einwirkung  auf  die  Politik  macht.  Ludwig  XIV.
sagte  Pétat  c'est  moi.  Mit  viel  mehr  Recht  kann  Se.  Majestät

sagen  IAllemagne  c'est  moi.
L.  v.  G.“

Daneben  gewährte  der  nachstehende  Brief  des  Cabinetsraths
  Niebuhr  an  mich  einen  weitern  Einblick  in  die  Stimmungen
  am  Hofe.

„Puttbus,  den  22.  August  1854.

..Ich  verkenne  gewiß  nicht  gute  Intentionen,  wenn  sie
auch  meiner  Ueberzeugung  nach  nicht  an  der  (richtigen)  Stelle
und  noch  weniger  richtig  ausgeführt  sind,  und  ebensowenig  das
Recht  von  Interessen,  wenn  sie  auch  demjenigen,  was  ich  für
richtig  halten  muß,  schnurstracks  widersprechen.  Aber  ich  verlange
  Wahrheit  und  Klarheit,  und  deren  Mangel  kann  mich
zur  Desperation  bringen.  Mangel  an  Wahrheit  nach  außen
kann  ich  unfrer  Politik  nun  nicht  zum  Vorwurf  machen:  wohl
aber  Unwahrheit  gegen  uns  selbst.  Wir  würden  ganz  anders
dastehen  und  Vieles  unterlassen  haben,  wenn  wir  uns  die
eigentlichen  Motive  dazu  eingestanden  hätten,  statt  uns  beständig
  vorzuspiegeln,  daß  die  einzelnen  Acte  unfrer  Politik
Consequenzen  der  richtigen  Grundgedanken  derselben  seien.  Die
sortgesetzte  Theilnahme  an  den  Wiener  Conferenzen  nach  dem
Einlaufen  der  englisch-französischen  Flotte  in  die  Dardanellen
und  jetzt  zuletzt  die  Unterstützung  der  westmächtlich-österreichischen
  Forderungen  in  Petersburg,  haben  ihren  wahren  Grund
in  der  kindischen  Furcht,  „aus  dem  Concert  européen  hinausgedrängt
  zu  werden“  und  „4die  Stellung  als  Großmacht  zu  verlieren#.
  Die  größten  Albernheiten,  die  zu  denken  sind:  denn
von  einem  Concert  européen  zu  sprechen,  wenn  zwei  Mächte
mit  einer  dritten  im  Kriege  sind,  ist  doch  geradezu  ein  hölzernes
        <pb n="143" />
        Ein  Brief  Niebuhr's.  Auszüge  aus  Gerlach's  Briefen.  119

 

Eisen,  und  unsre  Stellung  als  Großmacht  verdanken  wir  doch
wahrhaftig  nicht  der  Gefälligkeit  von  London,  Paris  und  Wien,
sondern  unsrem  guten  Schwerte.  Ueberdem  aber  spielt  überall
eine  Empfindlichkeit  gegen  Rußland  mit,  die  ich  vollkommen
begreife  und  auch  theile,  der  man  aber  jetzt  nicht  nachgeben
kann,  ohne  zugleich  uns  selbst  zu  züchtigen.

Wo  man  nicht  wahr  gegen  sich  selbst  ist,  ist  man  allemal
auch  nicht  klar.  Und  so  leben  und  handeln  wir  zwar  nicht  in
solcher  Unklarheit,  wie  in  Wien,  wo  man  wie  ein  Schlaftrunkener
alle  Augenblicke  handelt,  als  ob  man  schon  im  Kriege  mit  Rußland
  wäre:  aber  wie  man  neutral  und  Friedensvermittler  sein,
und  zugleich  Propositionen,  wie  die  letzten  der  Seemächte  empfehlen
  (kann)  ½),  verstehe  ich  mit  meinen  schwachen  Verstandeskräften
  nicht.“

Die  folgenden  Brieffragmente  sind  wieder  von  Gerlach.

„Sanssouci,  den  13.  October  1854.

..  Seitdem  ich  Alles  gelesen  und  nach  Kräften  gegen  einander
  abgewogen  habe,  halte  ich  es  für  sehr  wahrscheinlich,
daß  die  zwei  Drittel  Stimmen  Oestreich  nicht  entgehn  werden.
Hannover  spielt  ein  falsches  Spiel,  Braunschweig  ist  westmächtlich,
  die  Thüringer  ebenso,  Baiern  ist  in  allen  Zuständen  und
des  Königs  Majestät  ist  ein  schwankendes  Rohr.  Selbst  über
Beust  gehen  zweifelhafte  Nachrichten  ein.  Hierzu  kommt,  daß
man  in  Wien  zum  Kriege  entschlossen  scheint.  Man  sieht  ein,
daß  die  expectative  bewaffnete  Stellung  nicht  länger  durchzuführen
  ist,  schon  finanziell  nicht,  und  hält  das  Umkehren  für
gefährlicher  als  das  Vorwärtsgehen.  Leicht  ist  das  Umkehren
auch  wirklich  nicht,  und  ich  sehe  auch  nicht  ein,  woher  dem
Kaiser  dazu  die  Entschlossenheit  kommen  soll.  Oestreich  kann
sich  für  das  erste  und  oberflächlich  leichter  mit  den  revolutionären

1)  Fehlt  im  Original.
2)  Briefe  2c.  S.  112.
        <pb n="144" />
        120  Fünftes  Kapitel:  Wochenblattspartei.  Krimkrieg.

Plänen  der  Westmächte  verständigen,  als  Preußen  z.  B.  eine
Restauration  von  Polen,  ein  rücksichtsloses  Verfahren  gegen
Rußland  u.  s.  w.  (vertragen  kann)  ½,  sowie  es  keinem  Zweifel
unterliegt,  daß  Frankreich  und  England  ihm  auf  der  andern
Seite  noch  leichter  als  uns  Verlegenheiten  bereiten  können,
sowohl  in  Ungarn  als  in  Italien.  Der  Kaiser  ist  in  den
Händen  seiner  Polizei  —  und  was  das  heißt,  habe  ich  in  den
letzten  Jahren  gelernt  —  #6),  hat  sich  vorlügen  lassen,  Rußland
habe  Kossuth  aufgehetzt  u.  s.  w.  Er  hat  damit  vollständig  sein
Gewissen  beschwichtigt,  und  was  die  Polizei  nicht  vermag,  das
leistet  der  Ultramontanismus,  die  Wuth  gegen  die  orthodoxe
Kirche  und  gegen  das  protestantische  Preußen.  Daher  ist  auch
schon  jetzt  von  einem  Königreich  Polen  unter  einem  östreichischen
Erzherzog  die  Rede..Was  folgt  aus  diesem  Allen?  Daß
man  sehr  auf  seiner  Hut  sein  und  auf  Alles,  selbst  auf  einen
Krieg  gegen  die  mit  Oestreich  verbündeten  Westmächte  gefaßt
sein  muß,  daß  den  deutschen  Fürsten  nicht  zu  trauen  ist  u.  s.  w.
Der  Herr  möge  nur  geben,  daß  wir  nicht  schwach  befunden
werden,  aber  ich  müßte  eine  Unwahrheit  sagen,  wenn  ich  den
Leitern  unserer  Geschicke  fest  vertraute.  Halten  wir  daher  eng
zusammen.  Anno  1850  hatte  Radowitz  uns  activ  auf  denselben
Punkt  gebracht  wie  Buol  jetzt  passiv  von  drüben  her.

1)  Gerlach  hat  dabei  wohl  an  Ohm  und  Hantge  gedacht,  auch  an
die  Berichte,  welche  der  phantasiereiche  und  gut  bezahlte  Oestreicher
Tausenau  aus  London  Üüber  gefährliche  Anschläge  der  deutschen  Flüchtlinge
  erstattete.  Der  König  muß  über  die  Zuverlässigkeit  dieser  Meldungen
  zweifelhaft  geworden  sein;  er  beauftragte  direct  aus  seinem
Cabinet  den  Gesandten  Bunsen,  von  der  englischen  Polizei  Erkundigung
einzuziehn,  die  dahin  ausfiel,  daß  die  deutschen  Flüchtlinge  in  London
zu  viel  mit  dem  Erwerb  ihres  Lebensunterhaltes  zu  thun  hätten,  um
an  Attentate  zu  denken.

1)  Fehlt  im  Original.
        <pb n="145" />
        Auszüge  aus  den  Briefen  des  Generals  v.  Gerlach.  121

 

(Sanssouci,)  15.  November  18541).

...  Was  Oestreich  anbetrifft,  so  ist  mir  durch  die  letzten
Verhandlungen  endlich  die  dortige  Politik  klar  geworden.  In
meinem  Alter  ist  man  von  schweren  Begriffen.  Die  östreichische
Politik  ist  keine  ultramontane  (d.  h.  der  Hauptsache  nach),  obschon
  sie  den  Ultramontanismus  nach  den  Umständen  gebraucht,
wie  es  sich  Se.  Majestät  construirt;  sie  hat  keine  großen  Pläne
von  Eroberungen  im  Orient,  obschon  sie  auch  davon  etwas
mitnimmt;  sie  denkt  auch  nicht  an  die  deutsche  Kaiserkrone.
Alles  das  ist  viel  zu  erhaben  und  wird  nur  hin  und  wieder
als  Mittelchen  zum  Zweck  benutzt.  Die  östreichische  Politik  ist
eine  Politik  der  Furcht,  basirt  auf  die  schwierige  innere  und
äußere  Lage  in  Italien,  Ungarn,  in  den  Finanzen,  in  dem
zerstörten  Recht,  in  der  Furcht  vor  Bonaparte,  in  der  Angst
vor  russischer  Rache,  auch  in  der  Furcht  vor  Preußen,  dem  sie
viel  mehr  Böses  zutrauen,  als  sich  irgend  Jemand  je  hier  gedacht
  hat,  und  quasi  durch  dieß  Alles  gerechtfertigt.  Meyendorff
  sagt:  „Mein  Schwager  Bliuol)  ist  ein  politischer  Hundssott;
  er  fürchtet  jeden  Krieg,  aber  allerdings  mehr  einen  Krieg
mit  Frankreich  als  mit  Rußland.“  Dieses  Urtheil  ist  ganz
richtig,  und  diese  Furcht  ist  das,  was  Oestreich  bestimmt..

Ich  glaube,  wenn  man  betrachtet,  daß  es  immer  ein  gefährliches
  Ding  ist,  allein  zu  stehn,  daß  die  Dinge  hier  im  Lande
so  stehen,  daß  es  auch  gefährlich  ist,  sie  auf  die  Spitze  zu  treiben,
da  weder  Flra)  Dliavolo)  noch  —)  zuverlässig  sind,  so  scheint
es  mir  immer  der  Klugheit  angemessen,  Oestreich  so  weit  als
irgend  möglich  nachzugehn.  Ueber  diese  Möglichkeit  hinaus
liegt  aber  jede  Allianz  mit  Frankreich,  die  wir  weder  moralisch,
noch  finanziell,  noch  militärisch  ertragen  können.  Sie  wäre
unser  Tod,  wir  verlören  unsern  Ruhm  von  1813—1815,  von

1)  Briefe  2c.  S.  119.
2)  Der  König.
        <pb n="146" />
        122  Fünftes  Kapitel:  Wochenblattspartei.  Krimkrieg.

 

dem  wir  leben,  wir  würden  den  mit  Recht  mistrauischen  Alliirten
  Festungen  einräumen,  wir  würden  sie  ernähren  müssen.
Bonaparte  würde,  so  wie  er  l'elu  de  sept  millions,  bald  einen
König  von  Polen  finden,  der  auf  demselben  Rechtstitel  stünde
und  dem  man  mit  Leichtigkeit  die  Wähler  in  beliebiger  Anzahl
finden  würde.

Potsdam,  den  4.  Januar  18550.

..  Ich  glaube,  daß  wir  einig  sein  würden,  wenn  Sie  hier
wären,  das  heißt  in  dem,  was  zu  thun  wäre,  wenn  auch  nicht
im  Princip,  denn  ich  halte  mich  an  die  heilige  Schrift,  daß
man  nicht  Böses  thun  darf,  daß  Gutes  daraus  werde  ),  weil
derer,  die  das  thun,  Verdammniß  ganz  recht  ist.  Mit  Bonaparte
  und  dem  Liberalismus  buhlen  ist  aber  böse,  im  gegebenen
Fall  aber  außerdem  meines  Erachtens  auch  unweise.  Sie  vergessen
  dabei  (ein  Fehler,  in  den  Jeder  fällt,  der  eine  Weile
von  hier  fort  ist)  die  Persönlichkeiten,  welche  doch  das  Entscheidende
  sind.  Wie  können  Sie  solche  indirecte  Finasserien
mit  einem  völlig  principienlosen,  unzuverlässigen  Minister,  der
in  den  falschen  Weg  unwillkührlich  hineingezogen  wird,  und  mit
einem,  um  nicht  mehr  zu  sagen,  unberechenbar  eigenthümlichen
Herrn  machen.  Bedenken  Sie  doch,  daß  Flra)  Dliavolo)  principaliter
  Bonapartist  ist,  denken  Sie  an  sein  Benehmen  bei
dem  coup  d’'état),  an  die  von  ihm  damals  patronisirte  Quehl'sche
Schrift,  und  wenn  Sie  etwas  Neueres  haben  wollen,  so  kann
ich  Ihnen  sagen,  daß  er  jetzt  an  Werther  (damals  Gesandter
in  Petersburg)  die  thörichte  Ansicht  geschrieben  hat,  daß,  wenn
man  Rußland  nützen  wolle,  man  dem  Vertrage  vom  2.  December
  beitreten  müsse,  um  bei  den  Verhandlungen  mitzusprechen



1)  Briefe  2c.  S.  126.
2)  Römer  3,  8.
2)  Staatsstreich  vom  2.  Dezember  1852.
        <pb n="147" />
        Auszüge  aus  den  Briefen  des  Generals  v.  Gerlach.  123

 

Nehmen  die  Verhandlungen  in  Wien  einen  Karakter  an,
so  daß  man  auf  einen  Erfolg  rechnen  kann,  so  wird  man  uns
schon  zuziehen  und  uns  mit  unsern  300000  Mann  nicht  ignoriren.
  Schon  jetzt  wäre  das  nicht  möglich,  wenn  man  sich  nicht
durch  Hinken,  nicht,  wie  das  oft  geschehen,  nach  zwei,  sondern,
was  selten  geschehen,  nach  drei  Seiten,  um  alles  Vertrauen
und  alle  Einflößung  von  Furcht  gebracht  hätte.

Ich  wünsche  sehr,  daß  Sie,  wenn  auch  nur  auf  wenige
Tage,  herkämen,  um  sich  zu  orientiren.  Ich  weiß  aus  eigener
Erfahrung,  wie  schnell  man  bei  einer  irgend  längeren  Abwesenheit
  desorientirt  ist.  Denn  eben  wegen  ihrer  personalissimen
Eigenschaft  ist  es  so  schwer,  unsere  Zustände  durch  Schreiben
verständlich  zu  machen,  besonders  wenn  unzuverlässige  principienlose
  Karaktere  im  Spiele  sind.  Mir  ist  immer  sehr  unheimlich,
  wenn  Se.  Majestät  mit  Fl(ra)  Diiavolo)  Geheimnisse
haben;  denn  wenn  der  König  seiner  Sache  vor  Gott  und  seinem
Gewissen  gewiß  ist,  so  ist  er  gegen  viele,  nicht  etwa  blos  gegen
mich,  offener  als  gegen  F.  D.  Bei  jenen  Heimlichkeiten  aber
entsteht  ein  Gebräu  von  Schwäche  und  Finasserie  auf  der  einen
und  von  animosem  Servilismus  auf  der  andern  Seite,  was
in  der  Regel  etwas  sehr  Unglückliches  zur  Welt  bringt.

Berlin,  23.  Januar  1855.

..  Weas  mich  ganz  niederschlägt,  ist  der  allgemein  verbreitete
  Bonapartismus  und  die  Indifferenz  und  der  Leichtsinn,
womit  man  diese  größeste  aller  Gefahren  auf  sich  zukommen
sieht.  Ist  es  denn  so  schwer  zu  erkennen,  wohin  dieser  Mensch
will?  ...  Und  wie  stehen  hier  die  Sachen?  Tbe  king  #can#
do  no  wrong).  Von  dem  schweige  ich;  F.  D.  ist  völlig  Bona-1)

  Bgl.  1.  Könige  18,  21.

2)  Briefe  2c.  S.  132.

:)  Der  König  kann  kein  Unrecht  thun  —  Grundsatz  des  englischen
Constitutionalismus.
        <pb n="148" />
        124  Fünftes  Kapitel:  Wochenblattspartei.  Krimkrieg.

 

partist.  .  Bunsen  in  London  mitsammt  Usedom  sind  keine
Preußen.  Hatzfeld  in  Paris  hat  eine  bonapartistische  Frau#e)
und  ist  so  eingeseift,  daß  sein  hiesiger  Schwager?)  den  alten
Bonaparte  im  Vergleich  mit  dem  jetzigen  für  einen  Esel  hält.
Was  soll  daraus  werden,  und  wie  darf  man  dem  Könige  Vorwürfe
  machen,  wenn  er  so  bedient  ist?  Von  den  irregulären
Rathgebern  zu  schweigen

Bei  Manteuffel  hatte  eine  active  und  unternehmende  antiöstreichische
  Politik  noch  weniger  Aussicht  auf  Anklang  als  bei
dem  Könige.  Mein  damaliger  Chef  machte  mir  in  der  Discussion
  der  Frage  unter  vier  Augen  wohl  den  Eindruck,  als
theile  er  meine  borussische  Entrüstung  über  die  geringschätzige
und  verletzende  Art  der  Behandlung,  die  wir  von  der  Politik
Buol-Prokesch  erfuhren.  War  aber  die  Situation  bis  zum
Handeln  gediehn,  kam  es  darauf  an,  einen  wirksamen  diplomatischen
  Schritt  in  antiöstreichischer  Richtung  zu  thun  oder
auch  nur  die  Fühlung  mit  Rußland  so  weit  festzuhalten,  daß
wir  diesem  bis  dahin  befreundeten  Nachbar  gegenüber  nicht
direct  feindlich  auftraten,  dann  spitzte  sich  die  Sache  in  der
Regel  dahin  zu,  daß  eine  Cabinetskrisis  zwischen  dem  Könige
und  dem  Ministerpräsidenten  entstand  und  der  erstre  dem
letztern  gelegentlich  mit  mir  oder  auch  mit  dem  Grafen  Alvensleben
  drohte,  in  einem  Falle  auch,  im  Winter  1854,  mit  dem
Grasen  Albert  Pourtales  aus  der  Bethmann-Hollweg'schen
Coterie,  obschon  dessen  Auffassung  der  auswärtigen  Politik  die
entgegengesetzte  von  der  meinigen  und  auch  mit  der  des  Grafen
Alvensleben  schwerlich  verträglich  war.

Das  Ende  der  Krisis  führte  den  König  und  den  Minister
stets  wieder  zusammen.  Von  den  drei  Gegencandidaten  hatte
Graf  Alvensleben  ziemlich  öffentlich  erklärt,  er  würde  unter

1)  S.  o.  S.  6  Anm.  1.
:)  Graf  August  v.  Nostitz,  preußischer  Gesandter  in  Hanover;  seine
Frau  war  die  Gräfin  Clara  Hatzfeldt.
        <pb n="149" />
        Ministerkrisen  und  ihr  Verlauf.  Doppelspiel  der  Wochenblattspartei.  125

 

diesem  Monarchen  nie  wieder  ein  Amt  annehmen.  Der  König
wollte  mich  zu  ihm  nach  Erxleben  schicken;  ich  rieth  davon  ab,
weil  Alvensleben  mir  vor  kurzem  obige  Erklärung  mit  Bitterkeit
  in  Frankfurt  wiederholt  hatte.  Als  wir  uns  später  wiedersahn,
  war  seine  Verstimmung  gehoben,  er  war  geneigt,  einer
Aufforderung  Sr.  Mgcjestät  entgegen  zu  kommen,  und  wünschte,
daß  ich  in  dem  Falle  mit  ihm  eintreten  möge.  Der  König  ist
aber  mir  gegenüber  nicht  auf  Alvensleben  zurückgekommen,
vielleicht  weil  in  der  Zeit  nach  meinem  Besuche  in  Paris
(August  1855)  eine  Erkältung  am  Hofe,  und  namentlich  bei
Ihrer  Majestät  der  Königin  mir  gegenüber  eingetreten  war  y.
Graf  Pourtalss  war  dem  Könige  wegen  seines  Reichthums
„zu  unabhängig“":).  Der  König  war  der  Meinung,  daß  arme
und  auf  Gehalt  angewiesene  Minister  gehorsamer  wären.  Ich
selbst  entzog  mich  der  verantwortlichen  Stellung  unter  diesem
Herrn,  wie  ich  konnte,  und  söhnte  ihn  immer  wieder  mit  Manteuffel
  aus,  den  ich  zu  diesem  Zwecke  auf  dem  Lande  (Drahnsdorf)
  besuchte  5).
3.

In  dieser  Situation  trieb  die  Wochenblattspartei,  wie  sie
auch  genannt  wurde,  ein  merkwürdiges  Doppelspiel.  Ich  erinnre
  mich  der  umfangreichen  Denkschriften,  welche  die  Herrn
unter  sich  austauschten  und  durch  deren  Mittheilung  sie  mitunter
  auch  mich  für  ihre  Sache  zu  gewinnen  suchten.  Darin
war  als  ein  Ziel  aufgestellt,  nach  dem  Preußen  als  Vorkämpfer
Europas  zu  streben  hätte,  die  Zerstücklung  Rußlands,  der  Verlust
  der  Ostseeprovinzen  mit  Einschluß  von  Petersburg  an
Preußen  und  Schweden,  des  Gesammtgebiets  der  Republik
Polen  in  ihrer  größten  Ausdehnung  und  die  Zersetzung  des

1)  S.  u.  S.  176  f.

2)  S.  u.  S.  158.

":)  Vgl.  die  Aeußerung  in  der  Reichstagsrede  vom  6.  Febr.  1888,
Politische  Reden  XII  448  f.
        <pb n="150" />
        126  Fünftes  Kapitel:  Wochenblattspartei.  Krimkrieg.

 

Ueberrestes  durch  Theilung  zwischen  Groß-  und  Klein-Russen,
abgesehn  davon,  daß  fast  die  Mehrheit  der  Klein-Russen  schon
dem  Maximalgebiet  der  Republik  Polen  gehört  hatte.  Zur
Rechtfertigung  dieses  Programms  wurde  mit  Vorliebe  die
Theorie  des  Freiherrn  von  Haxthausen-Abbenburg  (Studien
über  die  inneren  Zustände,  das  Volksleben  und  insbesondere
die  ländlichen  Einrichtungen  Rußlands)  benutzt,  daß  die  drei
Zonen  mit  ihren  einander  ergänzenden  Producten  den  hundert
Millionen  Russen,  wenn  sie  vereinigt  blieben,  das  Uebergewicht
über  Europa  sichern  müßten.

Aus  dieser  Theorie  wurde  die  Nothwendigkeit  der  Pflege
des  natürlichen  Bündnisses  mit  England  entwickelt,  mit  dunkeln
Andeutungen,  daß  England,  wenn  Preußen  ihm  mit  seiner
Armee  gegen  Rußland  diene,  seinerseits  die  preußische  Politik
in  dem  Sinne,  den  man  damals  den  „Gothaer“  nannte,  fördern
  würde.  Von  der  angeblichen  öffentlichen  Meinung  des
englischen  Volkes  im  Bunde  bald  mit  dem  Prinzen  Albert,
welcher  dem  Könige  und  dem  Prinzen  von  Preußen  unerbetne
Lectionen  ertheilte,  bald  mit  Lord  Palmerston,  der  im  November
  1851  gegen  eine  Deputation  radicaler  Vorstädter  England
  als  den  einsichtigen  Secundanten  (judicious  bottleholder)
jedes  für  seine  Freiheit  kämpfenden  Volkes  bezeichnete  und
später  in  Flugschriften  den  Prinzen  Albert  als  den  gefährlichsten
Gegner  seiner  befreienden  Anstrengungen  denunciren  ließ,  von
diesen  Hülfen  wurde  die  Gestaltung  der  deutschen  Zustände
mit  Sicherheit  vorhergesagt,  welche  später  von  der  Armee  des
Königs  Wilhelm  auf  den  Schlachtfeldern  erkämpft  worden  ist.
Die  Frage,  ob  Palmerston  oder  ein  andrer  englischer  Minister
geneigt  sein  würde,  Arm  in  Arm  mit  dem  gothaisirenden
Liberalismus  und  mit  der  Fronde  am  preußischen  Hofe  Europa
zu  einem  ungleichen  Kampfe  herauszufordern  und  englische
Interessen  auf  dem  Altar  der  deutschen  Einheitsbestrebungen
zu  opfern,  —  die  weitre  Frage,  ob  England  dazu  ohne  andern
        <pb n="151" />
        Treibereien  der  Wochenblattspartei.  Ein  gefälschtes  Memoire.  127

 

continentalen  Beistand  als  den  einer  in  coburgische  Wege  geleiteten
  preußischen  Politik  im  Stande  sein  würde  —  diese
Fragen  bis  an's  Ende  durchzudenken,  fühlte  niemand  den  Beruf,
  am  allerwenigsten  die  Fürsprecher  derartiger  Experimente.
Die  Phrase  und  die  Bereitwilligkeit,  im  Partei-Interesse  jede
Dummheit  hinzunehmen,  deckten  alle  Lücken  in  dem  windigen
Bau  der  damaligen  westmächtlichen  Hofnebenpolitik.  Mit  diesen
kindischen  Utopien  spielten  sich  die  zweifellos  klugen  Köpfe  der
Bethmann-Hollweg'schen  Partei  als  Staatsmänner  aus,  hielten
es  für  möglich,  den  Körper  von  sechzig  Millionen  Groß-Russen
in  der  europäischen  Zukunft  als  ein  caput  mortuum  0  zu  behandeln,
  das  man  nach  Belieben  mißhandeln  könne,  ohne  daraus
  einen  sichern  Bundesgenossen  jedes  zukünftigen  Feindes
von  Preußen  zu  machen  und  ohne  Preußen  in  jedem  französischen
  Kriege  zur  Rückendeckung  gegen  Polen  zu  nöthigen,
da  eine  Polen  befriedigende  Auseinandersetzung  in  den  Provinzen
  Preußen  und  Posen  und  selbst  noch  in  Schlesien  unmöglich
  ist,  ohne  den  Bestand  Preußens  aufzulösen.  Diese
Politiker  hielten  sich  damals  nicht  nur  für  weise,  sondern  wurden
in  der  liberalen  Presse  als  solche  verehrt.

Von  den  Leistungen  des  Preußischen  Wochenblatts  ist  mir
unter  andern  eine  in  der  Erinnrung  geblieben,  ein  Memeoire,
das  angeblich  unter  dem  Kaiser  Nicolaus  in  dem  Auswärtigen
Amte  in  Petersburg  behufs  Unterweisung  des  Thronfolgers
ausgearbeitet  war,  die  in  dem  apokryphen,  ungefähr  um  das
Jahr  1810½,)  in  Paris  entstandnen  Testamente  Peter's  des
Großen  niedergelegten  Grundzüge  der  russischen  Politik  auf  die
Gegenwart  anwendet  und  Rußland  mit  einer  gegen  alle  Staaten
gerichteten  Minirarbeit  zum  Zwecke  der  Weltherrschaft  beschäftigt
erscheinen  läßt.  Es  ist  mir  später  mitgetheilt  worden,  daß

1)  Ausdruck  der  älteren  chemischen  Wissenschaft  für  den  nichtflüchtigen
und  festen  Rückstand  von  Destillationen  („Todtenkopf“).
2)  Genauer:  1812,  wahrscheinlich  auf  Veranlassung  Napoleons  I.
        <pb n="152" />
        128  Fünftes  Kapitel:  Wochenblattspartei.  Krimkrieg.

 

dieses  in  die  ausländische,  namentlich  die  englische  Presse  übergegangne
  Elaborat  von  Constantin  Frantz  geliefert  war.
Während  Goltz  und  seine  Berliner  Genossen  ihre  Sache  mit
einem  gewissen  Geschick  betrieben,  von  welchem  der  erwähnte
Artikel  eine  Probe  ist,  war  Bunsen,  Gesandter  in  London,  so
unvorsichtig,  im  April  1854  1)  dem  Minister  Manteuffel  eine
lange  Denkschrift  einzusenden,  welche  die  Herstellung  Polens,
die  Ausdehnung  Oestreichs  bis  in  die  Krim,  die  Versetzung  der
Ernestinischen  Linie  auf  den  sächsischen  Königsthron  und  dergleichen
  mehr  forderte  und  die  Mitwirkung  Preußens  für  dieses
Programm  empfahl.  Gleichzeitig  )  hatte  er  nach  Berlin  gemeldet,
  die  englische  Regirung  würde  mit  der  Erwerbung  der
Elbherzogthümer  durch  Preußen  einverstanden  sein,  wenn  letztres
sich  den  Westmächten  anschließen  wolle,  und  in  London  hatte
er  zu  verstehn  gegeben,  daß  die  preußische  Regirung  dazu  unter
der  bezeichneten  Gegenleistung  bereit  sei  ).  Zu  beiden  Erklärungen
  war  er  nicht  ermächtigt.  Das  war  denn  doch  dem
Könige,  als  er  dahinter  kam,  zu  viel,  so  sehr  er  Bunsen  liebte.
Er  ließ  ihn  durch  Manteuffel  anweisen  ),  einen  langen  Urlaub
zu  nehmen,  der  dann  in  den  Ruhestand  überging.  In  der  von
der  Familie  herausgegebenen  Biographie  Bunsen's  ist  jene
Denkschrift,  mit  Weglassung  der  ärgsten  Stellen,  aber  ohne
Andeutung  von  Lücken,  abgedruckt  und  die  amtliche  Correspondenz,
  die  mit  der  Beurlaubung  endigte,  in  einseitiger  Färbung
  wiedergegeben.  Ein  im  Jahre  1882  in  die  Presse  gelangter
Brief  des  Prinzen  Albert  an  den  Freiherrn  von  Stockmar,  in
welchem  „der  Sturz  Bunsen's“  aus  einer  russischen  Intrige
erklärt  und  das  Verhalten  des  Königs  sehr  abfällig  beurtheilt

1)  Bunsen  ließ  die  Denkschrift  am  1.  März  1854  nach  Berlin  abgehen.


2)  Mit  Depesche  vom  4.  März  1854.

:)  Vgl.  Sybel,  Die  Begründung  des  Deutschen  Reichs  II  181.

)  Bald  nach  dem  5.  März  1854.
        <pb n="153" />
        Denkschrift  Bunsens.  Unterredung  mit  dem  Prinzen  v.  Preußen.  129

 

wird,  gab  Veranlassung,  den  vollständigen  Text  der  Denkschrift
und,  immer  noch  mit  Schonung,  den  wahren  Hergang  der
Sache  nach  den  Akten  zu  veröffentlichen  („Deutsche  Revue“
1882,  S.  152  ff.).

In  die  Pläne  der  Ausschlachtung  Rußlands  hatte  man  den
Prinzen  von  Preußen  nicht  eingeweiht.  Wie  es  gelungen,  ihn
für  eine  Wendung  gegen  Rußland  zu  gewinnen,  ihn,  der  vor
1848  seine  Bedenken  gegen  die  liberale  und  nationale  Politik
des  Königs  nur  in  den  Schranken  brüderlicher  Rücksicht  und
Unterordnung  geltend  gemacht  hatte,  zu  einer  ziemlich  activen
Opposition  gegen  die  Regirungspolitik  zu  bewegen,  trat  in
einer  Unterredung  hervor,  die  ich  mit  ihm  in  einer  der  Krisen
hatte,  in  welchen  mich  der  König  zum  Beistande  gegen  Manteuffel
  nach  Berlin  berufen  hatte.  Ich  wurde  gleich  nach  meiner
Ankunft  1)  zu  dem  Prinzen  befohlen,  der  mir  in  einer  durch
seine  Umgebung  erzeugten  Gemüthserregung  den  Wunsch  aussprach,
  ich  solle  dem  Könige  im  westmächtlichen  und  antirussischen
Sinne  zureden.  Er  sagte:  „Sie  sehn  sich  hier  zwei  streitenden
Systemen  gegenüber,  von  denen  das  eine  durch  Manteuffel,
das  andre,  russenfreundliche,  durch  Gerlach  und  den  Grafen
Münster  in  Petersburg  vertreten  ist.  Sie  kommen  frisch  hierher,
  sind  von  dem  Könige  gewissermaßen  als  Schiedsmann
berufen.  Ihre  Meinung  wird  daher  den  Ausschlag  geben,
und  ich  beschwöre  Sie,  sprechen  Sie  sich  so  aus,  wie  es  nicht
nur  die  europäische  Situation,  sondern  auch  ein  richtiges
Freundesinteresse  für  Rußland  erfordert.  Rußland  ruft  ganz
Europa  gegen  sich  auf  und  wird  schließlich  unterliegen.“  —
„Alle  diese  prächtigen  Truppen,“  —  es  war  dies  nach  den  für
die  Russen  nachtheiligen  Schlachten  vor  Sebastopol  —  „lle
unfre  Freunde,  die  dort  geblieben  sind,“  —  er  nannte  mehre  —
„würden  noch  leben,  wenn  wir  richtig  eingegriffen  und  Rußland

1)  Wahrscheinlich  am  4.  März  1854.
Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  9
        <pb n="154" />
        130  Fünftes  Kapitel:  Wochenblattspartei.  Krimkrieg.

 

zum  Frieden  gezwungen  hätten“1).  Es?)  würde  damit  enden,
daß  Rußland,  unser  alter  Freund  und  Bundesgenosse,  vernichtet
  oder  in  gefährlicher  Weise  geschädigt  würde.  Unfre,
von  der  Vorsehung  gegebene  Aufgabe  sei  es,  den  Frieden
dictatorisch  herbeizuführen  und  unsern  Freund  auch  gegen  seinen
Willen  zu  retten.

In  dieser  Form  etwa  hatten  Goltz,  Albert  Pourtales  und
Usedom  in  ihrer  auf  den  Sturz  Manteuffel's  berechneten  Politik
die  Preußen  gegen  Rußland  zugedachte  Rolle  dem  Prinzen
annehmbar  gemacht,  wobei  die  Abneigung  der  Prinzessin,  seiner
Gemalin,  gegen  Rußland  ihnen  behülflich  gewesen  sein  wird.

Um  ihn  aus  diesem  Gedankenkreise  loszumachen,  stellte  ich
ihm  vor,  daß  wir  absolut  keinen  eignen  Kriegsgrund  gegen
Rußland  hätten  und  kein  Interesse  an  der  orientalischen  Frage,
das  einen  Krieg  mit  Rußland  oder  auch  nur  das  Opfer  unfrer
langjährigen  guten  Beziehungen  zu  Rußland  rechtfertigen  könnte;
im  Gegentheil,  jeder  siegreiche  Krieg  gegen  Rußland  unter
unsrer  nachbarlichen  Betheiligung  belade  uns  nicht  nur  mit  dem
dauernden  Revanchegefühl  Rußlands,  das  wir  ohne  eignen
Kriegsgrund  angefallen,  sondern  zugleich  mit  einer  sehr  bedenklichen
  Aufgabe,  nämlich  die  polnische  Frage  in  einer  für  Preußen

1)  Es  sind  hier  offenbar  zwei  zeitlich  aus  einander  liegende  Unterredungen
  im  Bericht  zusammengezogen;  die  Anführungsstriche  und  der
Gedankenstrich  nach  unterliegen,  sowie  die  Anführungsstriche  vor
Alle  sollen  das  Verständniß  erleichtern.  Vor  Sebastopol  erschienen
Franzosen  und  Engländer  am  28.  September  1854,  am  9.  Oktober  begann
  die  Belagerung.  Am  25.  Oktober  wurde  Menschikow,  der  den
Entsatz  versuchte,  bei  Balaklawa,  am  5.  November  bei  Inkerman  geschlagen.
  Die  zweite  Unterredung  mit  dem  Prinzen  könnte  am  14.  November
  in  Mainz  stattgefunden  haben;  an  diesem  Tage  war  Bismarck
vom  Prinzen  zum  Diner  eingeladen.  Man  vgl.  Eigenbrodt,  Zum  Verständniß
  der  Gedanken  und  Erinnerungen  des  Fürsten  Bismarck,  Kreuzzeitung
  28.,  30.,  31.  Jan.  1900  (Nr.  46.  48.  50).

2)  Das  Folgende  gehört  möglicher  Weise  wieder  zu  dem  Gespräch
vom  4.  März  1851.
        <pb n="155" />
        Unterredung  mit  dem  Prinzen  von  Preußen.  Depeschendiebstahl.  131

 

erträglichen  Form  zu  lösen.  Wenn  eigne  Interessen  keinenfalls
für,  eher  gegen  einen  Bruch  mit  Rußland  sprächen,  so  würden
  wir  den  bisherigen  Freund  und  immerwährenden  Nachbar,
  ohne  daß  wir  provocirt  wären,  entweder  aus  Furcht  vor
Frankreich  oder  im  Liebesdienste  Englands  und  Oestreichs  angreifen.
  Wir  würden  die  Rolle  eines  indischen  Vasallenfürsten
übernehmen,  der  im  englischen  Patronat  englische  Kriege  zu
führen  hat,  oder  die  des  York'schen  Corps  beim  Ausmarsch
zum  Kriege  1812,  wo  die  damals  berechtigte  Furcht  vor  Frankreich
  uns  zu  dessen  gehorsamem  Bundesgenossen  zwangsweis
gemacht  hatte.

Den  Prinzen  verletzte  mein  Ausdruck,  mit  zorniger  Röthe
unterbrach  er  mich  mit  den  Worten:  „Von  Vasallen  und  Furcht
ist  hier  garkeine  Rede.“  Er  brach  aber  die  Unterredung  nicht
ab.  Wer  einmal  sein  Vertraun  hatte  und  in  seiner  Gnade
stand,  konnte  ihm  gegenüber  sehr  frei  von  der  Leber  sprechen,
sogar  heftig  werden.  Ich  nahm  an,  daß  es  mir  nicht  gelungen
sei,  die  Auffassung,  der  sich  der  Prinz  unter  häuslichem,  englischem
  und  Bethmann-Hollweg'schem  Einfluß  ehrlich  überlassen
hatte,  zu  erschüttern.  Gegen  den  Einfluß  der  letztern  Partei
wäre  ich  auch  bei  ihm  wohl  durchgedrungen,  aber  gegen  den
der  Frau  Prinzessin  konnte  ich  nicht  aufkommen.

Während  des  Krimkriegs  und,  wenn  ich  mich  recht  erinnre,
aus  Anlaß  desselben  wurde  ein  lange  betriebener  Depeschendiebstahl
  ruchbar.  Ein  verarmter  Polizeiagent  0,  der  vor  Jahren
seine  Geschicklichkeit  dadurch  bewiesen  hatte,  daß  er,  während
der  Graf  Bresson  französischer  Gesandter  in  Berlin  war,  Nachts
durch  die  Spree  geschwommen,  in  die  Villa  des  Grafen  in
Moabit  eingebrochen  war  und  seine  Papiere  abgeschrieben  hatte,
wurde  von  dem  Minister  Manteuffel  dazu  angestellt,  sich  durch
bestochne  Diener  Zugang  zu  den  Mappen  zu  verschaffen,  in

1)  Techen.
        <pb n="156" />
        132  Fünftes  Kapitel:  Wochenblattspartei.  Krimkrieg.

—.

denen  die  eingegangnen  Depeschen  und  die  durch  deren  Lesung
veranlaßte  Correspondenz  zwischen  dem  Könige,  Gerlach  und
Niebuhr  hin  und  her  ging,  und  von  dem  Inhalte  derselben
Abschrift  zu  nehmen.  Von  Manteuffel  mit  preußischer  Sparsamkeit
  bezahlt,  suchte  er  nach  weitrer  Verwerthung  seiner  Bemühungen
  und  fand  eine  solche  durch  Vermittlung  des  Agenten
Hassenkrug  zunächst  bei  dem  französischen  Gesandten  Moustier,
dann  auch  bei  andern  Leuten  7.

Zu  den  Kunden  des  Agenten  gehörte  auch  der  Polizeipräsident
  von  Hinckeldey.  Dieser  kam  eines  Tages  zu  dem
General  von  Gerlach  mit  der  Abschrift  eines  Briefes,  in  welchem
dieser  an  Jemanden,  wahrscheinlich  an  Niebuhr,  geschrieben
hatte:  „Nun  der  König  mit  hohem  Besuch  in  Stolzenfels  sei,
hätten  sich  die  und  die,  darunter  Hinckeldey,  dorthin  begeben:
die  Bibel  sage,  wo  das  Aas  ist,  da  sammeln  sich  die  Adler#;
jetzt  könne  man  sagen,  wo  der  Adler  ist,  da  sammelt  sich  das
Aas.“  Hinckeldey  stellte  den  General  zur  Rede  und  antwortete
auf  des  Generals  Frage,  wie  er  zu  diesem  Briefe  komme:
„Der  Brief  kostet  mich  30  Thaler.“  —  „Wie  verschwenderisch!"“
erwiderte  Gerlach,  „für  30  Thaler  hätte  ich  Ihnen  zehn  solche
Briefe  geschrieben!“  »

4.

Meine  amtlichen  Aeußerungen  über  die  Theilnahme  Preußens
an  den  Friedensverhandlungen  in  Paris)  werden  ergänzt
durch  folgendes  Schreiben  an  Gerlach.

„Frankfurt,  11.  Februar  1856  .

Ich  hatte  immer  noch  gehofft,  daß  wir  eine  festere  Stellung
annehmen  würden,  bis  man  sich  entschlösse,  uns  zu  den  Con-1)

  Vgl.  Gerlach's  Denkwürdigkeiten  II  346  ff.

2)  Vgl.  Hiob  39,  33;  Matth.  24,  28.

:)  Preußen  im  Bundestage  Theil  II,  S.  312  —317,  337—339,  300.
")  Briefe  Bismarcks  an  Gerlach  S.  278  ff.
        <pb n="157" />
        Betheiligung  Preußens  am  Pariser  Congreß.  133

 

ferenzen  einzuladen,  und  daß  wir  in  einer  solchen  verharren
würden,  wenn  die  Einladung  garnicht  erfolgt.  Es  war  dieß
meines  Erachtens  das  einzige  Mittel,  unfre  Zuziehung  durchzusetzen.
  Nach  den  mir  gestern  zugegangnen  Instructionen
wollen  wir  aber  d’emblée  auf  eine  Fassung  mit  mehr  oder
weniger  Vorbehalt  eingehn,  die  uns  und  den  Bund  zur  Aufrechterhaltung
  der  Präliminarien  verpflichtet.  Hat  man  das
erst  von  uns  in  Händen,  nachdem  sogar  die  Westmächte  und
Oestreich  bisher  nur  ein  „projet"  von  Präliminarien  unterzeichnet
  haben,  warum  soll  man  sich  dann  noch  auf  den  Conferenzen
  mit  uns  bemühn;  man  wird  viel  lieber  unfre  und  der
übrigen  Mittelstaaten  am  Bunde  gegebne  Adhäsion  in  unfrer
Abwesenheit  nach  Bedürfniß  und  Belieben  ausbeuten  und
benutzen  in  dem  Bewußtsein,  daß  man  nur  zu  fordern  braucht,
und  wir  geben  uns.  Wir  sind  zu  gut  für  diese  Welt.  Es
kommt  mir  nicht  zu,  die  Entschlüsse  Sr.  Majestät  und  meines
Chefs  zu  kritisiren,  nachdem  sie  gefaßt  sind;  (12.  Febr.)  aber
die  Kritik  vollzieht  sich  in  mir  ohne  mein  Zuthun;  ich  habe
die  ersten  24  Stunden  nach  Empfang  jener  Chamade  9  schlagenden
  Instruction  unter  fortwährenden  Anfällen  gallichten  Erbrechens
  gelitten,  und  ein  mäßiges  Fieber  verläßt  mich  keinen
Augenblick.  Ich  finde  nur  in  der  Erinnrung  an  den  Frühling
  1848  das  Analogon  meiner  körperlichen  und  geistigen
Stimmung,  und  je  mehr  ich  mir  die  Situation  klar  mache,  um
so  weniger  entdecke  ich  etwas,  woran  mein  Preußisches  Ehrgefühl
  sich  aufrichten  könnte.  Vor  acht  Tagen  schien  mir  noch
alles  niet=  und  nagelfest,  und  ich  selbst  bat  Manteuffel,  Oestreich
die  Auswahl  zwischen  zwei  für  uns  annehmbaren  Vorschlägen
zu  lassen,  ließ  mir  aber  nicht  träumen,  daß  Graf  Buol  sie  beide
verwerfen  und  uns  auf  seine  eigne  Vorlage  auch  die  Antwort
vorschreiben  werde,  die  wir  zu  geben  haben.  Ich  hatte  gehofft,

1)  Zum  Nückzug.
        <pb n="158" />
        134  Fünftes  Kapitel:  Wochenblattspartei.  Krimkrieg.

 

—

daß  wir,  wie  auch  schließlich  unsre  Antwort  ausfallen  möge,
uns  doch  nicht  gefangen  geben  würden,  bevor  unsre  Zuziehung
zu  den  Conferenzen  gesichert  wäre.  Wie  stellt  sich  aber  unfre
Lage  jetzt  heraus?  Viermal  hat  Oestreich  in  zwei  Jahren  das
Spiel  gegen  uns  durchgeführt,  daß  es  den  ganzen  Grund,  auf
dem  wir  standen,  von  uns  forderte  und  wir  nach  einigem
Sperren  die  Hälfte  oder  so  etwas  abtraten.  Jetzt  geht  es
aber  um  den  letzten  Quadratfuß,  auf  dem  noch  eine  Preußische
Aufstellung  möglich  blieb.  Durch  seine  Erfolge  übermüthig
gemacht,  fordert  Oestreich  nicht  nur,  daß  wir,  die  wir  uns  eine
Großmacht  nennen  und  auf  dualistische  Gleichberechtigung  Anspruch
  machen,  ihm  diesen  letzten  Rest  von  unabhängiger  Stellung
  opfern,  sondern  schreibt  uns  auch  den  Ausdruck  vor,  in
dem  wir  unfre  Abdication  unterzeichnen  sollen,  gebietet  uns
eine  unanständige  nach  Stunden  bemessene  Eile  und  versagt
uns  jedes  Aequivalent,  welches  ein  Pflaster  für  unfre  Wunden
abgeben  könnte.  Nicht  einmal  ein  Amendement  in  der  Erklärung,
  die  Preußen  und  Deutschland  geben  sollen,  getrauen
wir  uns  entschieden  aufzustellen.  Pfordten  macht  die  Sache
mit  Oestreich  ab,  indem  er  glaubt,  Preußens  Einverständniß
voraussetzen  zu  dürfen,  und  wenn  Baiern  gesprochen  hat,  so
ist  es  für  Preußen  res  judicata  ).  Bei  ähnlichen  Gelegenheiten
der  letzten  beiden  Jahre  stellten  wir,  wenigstens  von  Hause
aus,  bei  den  deutschen  Höfen  ein  Preußisches  Programm  auf,
und  keiner  von  ihnen  entschied  sich,  bevor  wir  uns  nicht  mit
Oestreich  verständigt  hatten.  Jetzt  verständigt  sich  Baiern  mit
Wien,  und  wir  fügen  uns  im  Rummel  mit  Darmstadt  und
Oldenburg.  Damit  geben  wir  das  Letzte  her,  was  man  einstweilen
  von  uns  braucht,  und  hat  man  den  Bundesbeschluß  einschließlich
  des  Preußischen  Votums  erst  in  der  Tasche,  so  werden
wir  bald  sehn,  wie  Buol  mit  achselzuckendem  Bedauern  von

——

 

1)  Eine  entschiedene  Sache.
        <pb n="159" />
        Betheiligung  Preußens  am  Pariser  Congreß.  135

 

der  Unmöglichkeit  spricht,  den  Widerspruch  der  Westmächte  gegen
unsre  Zulassung  zu  überwinden.  Auf  Rußlands  Unterstützung
können  wir  dabei,  meinem  Gefühl  nach,  nicht  rechnen,  denn
den  Russen  wird  die  Verstimmung  ganz  lieb  sein,  die  bei  uns
solgen  muß,  wenn  wir  den  letzten  Rest  unfrer  Politik  für  ein
Entree-Billet  zu  den  Conferenzen  hergegeben  haben.  Außerdem
  fürchten  die  Russen  sich  offenbar  mehr  vor  unfrer  „vermittelnden“
  Unterstützung  der  gegnerischen  Politik,  als  daß  sie
irgend  einen  Beistand  von  uns  auf  den  Conferenzen  erwarteten.
Meine  Gespräche  mit  Brunnowy  und  Petersburger  Briefe,  die
ich  gesehn,  lassen  mir  darüber,  trotz  aller  diplomatischen  Schlauheit
  des  erstern,  keinen  Zweifel.

Das  einzige  Mittel,  unfre  Theilnahme  an  den  Conferenzen
durchzusetzen,  ist  und  bleibt  die  Zurückhaltung  unfrer  Erklärung
über  die  östreichische  Vorlage  hier.  Was  soll  man  noch  mit
einem  preußischen  Querulanten  auf  den  Conferenzen,  wenn
man  den  Bundesbeschluß,  und  damit  uns,  erst  in  der  Tasche
hat?  Oestreich  wird  ihn  schon  auszulegen  wissen,  wenn  wir
nicht  da  sind.  Aus  der  östreichischen  Regirungspresse  und  aus
dem  Verhalten  Rechberg's  geht  klar  hervor,  daß  sie  schon  jetzt
den  dürftigen  Vorbehalt  in  dem  Oestreichisch-Bairischen  Entwurf
  ausdrücklich  auf  Artikel  V/4)  einschränken.  Ueber  die
conditions  particulières,  welche  von  den  kriegführenden
Mächten  werden  aufgestellt  werden,  bleibt  uns  und  dem  Bunde
das  freie  Urtheil  vorbehalten,  in  Betreff  der  von  Oestreich  aufzustellenden
  aber  nicht,  und  was  die  Interpretation  der
4  Punkte  anbelangt,  so  ist  die  Annahme,  daß  darüber  Preußen

X)  Les  puissances  belligérantes  réservent  le  droit  qui  leur  appartient
de  produire  dans  un  interét  européen  des  conditions  particulières  en  sus
des  quatre  conditions.  (Die  kriegführenden  Mächte  behalten  sich  das
ihnen  zustehende  Recht  vor,  im  europäischen  Interesse  besondere  über
die  4  Punkte  hinausgehende  Bedingungen  zu  stellen.)

1)  Russischer  Gesandter  am  Bundestage.
        <pb n="160" />
        136  Fünftes  Kapitel:  Wochenblattspartei.  Krimkrieg.

 

und  Deutschland  sich  im  Voraus  der  Auffassung  ihrer  sie  vertretenden
  Schutzmacht  Oestreich  anschließen,  dadurch  gerechtfertigt,
  daß  unser  früher  deßhalb  begehrter  Vorbehalt  von
Baiern  und  Oestreich  abgelehnt  ist  und  wir  uns  dabei  beruhigt
  haben.

Diese  ganze  Berechnung  zerreißen  wir,  wenn  wir  hier  jetzt
ablehnen  uns  auszusprechen,  bis  unfrer  Ansicht  nach  die  Zeit
dazu  gekommen  sein  wird.  So  lange  wir  diese  Haltung  annehmen,
  bedarf  man  unser  noch  und  wird  um  uns  werben.
Man  wird  hier  auch  schwerlich  den  Versuch  machen,  uns  zu
majorisiren;  selbst  Sachsen  und  Baiern  stehn  nur  in  der  „Voraussetzung“
  unfres  Einverständnisses  zu  dem  dermaligen  östreichischen
  Entwurfe;  sie  haben  sich  daran  gewöhnt,  daß  wir  schließlich
  nachlassen,  und  deßhalb  erlauben  sie  sich  solche  Voraussetzungen.
Wenn  wir  aber  den  Muth  unfrer  Meinung  haben,  wird  man
es  auch  der  Mühe  werth  finden,  bei  Entscheidungen  über  deutsche
Politik  die  Erklärung  Preußens  abzuwarten.  Wenn  wir  fest
auf  Aufschub  des  Beschlusses  verharren  und  das  den  deutschen
Höfen  erklären,  so  steht  uns  noch  heut  eine  gute  Moajorität  zur
Seite,  selbst  wenn,  was  nicht  der  Fall  sein  wird,  Sachsen  und
Baiern  sich  schon  mit  Kopf  und  Kragen  an  Buol  verkauft  hätten.

Wollen  wir  es  darauf  nicht  ankommen  lassen,  so  müssen
wir  uns  auch  darauf  gefaßt  machen,  daß  Sardinien  und  die
Türkei  in  Paris  selbständig  über  die  Wahrung  der  deutschen
Interessen  in  den  beiden  vom  Bunde  angeeigneten  Punkten
berathen,  während  wir  durch  Oestreich  dabei  vertreten  werden.
Und  wir  werden  nicht  einmal  die  ersten  in  dem  Schweife
Oestreichs  sein,  denn  Graf  Buol  wird  sich  bei  Erfüllung  seines
präsumtiven  Mandats  für  Deutschland  noch  eher  bei  Pfordten
und  Beust  Rath  holen  als  bei  Manteuffel,  den  er  persönlich
haßt,  und  wenn  er  Sachsen  und  Baiern  für  sich  hat,  so  wird
er  auf  Widerspruch  Preußens  nach  dem  Bundesbeschluß  noch
weniger  rechnen  als  vorher.
        <pb n="161" />
        Betheiligung  Preußens  am  Pariser  Congreß.  137

 

Wäre  es  solchen  Eventualitäten  nicht  bei  weitem  vorzuziehn,
daß  wir  als  europäische  Macht  direct  mit  Frankreich  und  England
  über  unsern  Beitritt  unterhandelt  hätten,  als  daß  wir  es
wie  einer,  der  nicht  sui  juris!)  ist,  unter  Oestreichs  Vormundschaft
  thun  und  nur  noch  als  Pfeil  in  Buol's  Köcher  auf  der
Conferenz  in  Rechnung  kommen?  v.  B.“

Der  Eindruck,  daß  wir  in  den  Formen  wie  in  der  Sache
von  Oestreich  geringschätzig  behandelt  wurden,  wie  er  sich  in
vorstehendem  Schreiben  ausspricht,  und  daß  wir  uns  diese
geringschätzige  Behandlung  nicht  gefallen  lassen  dürften,  ist  nicht
ohne  Folgen  geblieben  für  die  spätre  Gestaltung  der  preußischöstreichischen
  Beziehungen.

1)  Rechtsfähig.
2)  Fortsetzung  f.  in  Bismarck's  Briefen  an  den  General  Leopold
v.  Gerlach,  herausg.  von  Horst  Kohl,  S.  281  f.
        <pb n="162" />
        Sechstes  Kapitel.
Sanssouci  und  Coblenz.

Daß  die  Denkschriften,  welche  die  Goltz'sche  Fraction  als
Kampfmittel  gegen  Manteuffel  bei  dem  Könige  und  dem  Prinzen
von  Preußen  verwerthen  und  dann  in  der  Presse  und  durch
fremde  Diplomaten  ausnutzen  ließ,  nicht  ohne  Eindruck  auf
den  Prinzen  geblieben  waren,  erkannte  ich  unter  Anderm  daran,
daß  ich  bei  ihm  auf  die  Haxthausen'sche  Theorie  von  den  drei
Zonen  )  stieß.

Wirksamer  noch  als  durch  die  politischen  Argumentationen
der  Bethmann-Hollweg'schen  Coterie  wurde  der  Prinz  von
seiner  Gemalin  im  westmächtlichen  Sinne  beeinflußt  und  in
eine  Art  von  Oppositionsstellung  gegen  den  Bruder  gebracht,
die  seinen  militärischen  Instincten  sern  lag.  Die  Prinzessin
Augusta  hat  aus  ihrer  weimarischen  Jugendzeit  bis  an  ihr
Lebensende  den  Eindruck  bewahrt,  daß  französische  und  noch
mehr  englische  Autoritäten  und  Personen  den  einheimischen
überlegen  seien.  Sie  war  darin  echt  deutschen  Bluts,  daß  sich
an  ihr  unfre  nationale  Art  bewährte,  welche  in  der  Redensart
ihren  schärfsten  Ausdruck  findet:  „Das  ist  nicht  weit  her,  taugt
also  nichts.“  Trotz  Goethe,  Schiller  und  allen  andern  Größen
in  den  elyseischen  Gefilden  von  Weimar  war  doch  diese  geistig
hervorragende  Residenz  nicht  frei  von  dem  Alp,  der  bis  zur
Gegenwart  auf  unserm  Nationalgefühl  gelastet  hat:  daß  ein
Franzose  und  vollends  ein  Engländer  durch  seine  Nationalität
und  Geburt  ein  vornehmeres  Wesen  sei  als  der  Deutsche  und

1)  S.  v.  S.  120.
        <pb n="163" />
        Prinzessin  Augusta,  ihre  Sympathien  und  Antipathien.  139

 

daß  der  Beifall  der  öffentlichen  Meinung  von  Paris  und  London
ein  authentischeres  Zeugniß  des  eignen  Werthes  bilde  als
unser  eignes  Bewußtsein.  Die  Kaiserin  Augusta  ist  trotz  ihrer
geistigen  Begabung  und  trotz  der  Anerkennung,  welche  die  Bethätigung
  ihres  Pflichtgefühls  auf  verschiednen  Gebieten  bei
uns  gefunden  hat,  doch  von  dem  Druck  dieses  Alps  niemals
vollständig  frei  geworden;  ein  sichrer  Franzose  mit  geläufigem
Französisch  :)  imponirte  ihr,  und  ein  Engländer  hatte  bis  zum
Gegenbeweise  die  Vermuthung  für  sich,  daß  er  in  Deutschland
als  vornehmer  Mann  zu  behandeln  sei.  So  ward  es  in  Weimar
vor  70  Jahren  gehalten,  und  der  Nachgeschmack  davon  hat  sich
mir  in  meiner  amtlichen  Thätigkeit  oft  genug  fühlbar  gemacht.
Wahrscheinlich  hat  in  der  Zeit,  von  der  die  Rede  ist,  auch  das
Streben  nach  der  englischen  Heirath  ihres  Sohnes  die  Prinzessin
  von  Preußen  in  der  Richtung  bestärkt,  in  welche  Goltz
und  seine  Freunde  ihren  Gemal  zu  ziehn  suchten.

Der  Krimkrieg  brachte  die  von  Kind  auf  gewurzelte,  früher
äußerlich  nicht  hervorgetretne  Abneigung  der  Prinzessin  gegen
alles  Russische  zur  Erscheinung.  Auf  den  Bällen  Friedrich
Wilhelm's  III.,  wo  ich  sie  als  junge  und  schöne  Frau  zuerst
gesehn  habe,  pflegte  sie  in  der  Wahl  der  Tänzer  Diplomaten,
wohl  auch  russische,  Zzu  begünstigen  und  unter  ihnen  solche,
welche  mehr  für  die  Unterhaltung  als  für  den  Tanz  begabt
waren,  die  Glätte  des  Parkets  versuchen  zu  lassen.  Ihre
später  sichtbar  und  wirksam  gewordne  Abneigung  gegen  Rußland
  ist  psychologisch  schwer  zu  erklären.  Die  Erinnrung  an
die  Ermordung  ihres  Großvaters,  des  Kaisers  Paul  w,  hatte
schwerlich  so  nachhaltig  gewirkt.  Näher  liegt  die  Vermuthung
der  Nachwirkung  eines  Dissenses  zwischen  der  hochbegabten,
social  und  politisch  russischen  Mutter,  der  Großherzogin  von

X)  Ihr  Vorleser  (Gérard)  galt  als  französischer  Spion!  Vgl.  Bd.  II
196.  197.  -
s)Am23.Mii:-z1801.
        <pb n="164" />
        140  Sechstes  Kapitel:  Sanssouci  und  Coblenz.

 

Weimar  y,  und  ihren  russischen  Besuchern  und  dem  lebhaften
Temperament  einer  erwachsenen  und  zur  Uebernahme  der  Führung
  in  ihrem  Kreise  geneigten  Tochter,  vielleicht  auch  die  Vermuthung
  einer  Idiosynkrasie  gegen  die  präpotente  Persönlichkeit
des  Kaisers  Nicolaus.  Gewiß  ist,  daß  der  antirussische  Einfluß
dieser  hohen  Frau  auch  in  den  Zeiten,  wo  sie  Königin  und
Kaiserin  war,  mir  die  Durchführung  der  von  mir  für  nothwendig
  erkannten  Politik  bei  Sr.  Majestät  häufig  erschwert  hat.

Wesentliche  Hülfe  leistete  der  Bethmann-Hollweg'schen  Fraction
  Herr  von  Schleinitz,  der  Specialpolitiker  der  Prinzessin,
der  auch  seinerseits  zum  Kampfe  gegen  Manteuffel  dadurch
veranlaßt  war,  daß  er  aus  dem  gutsituirten,  aber  nicht  sehr
fleißig  besorgten  Posten  von  Hanover  )  aus  dienstlichen  Gründen
unter  Umständen  der  Art  entlassen  war,  daß  ihm  das  Wartegeld
  als  Gesandter  erst,  nachdem  er  Minister  geworden,  nachträglich
  ausgezahlt  wurde.  Als  Sohn  eines  braunschweigischen
Ministers  ?)  und  als  gewerbsmäßiger  Diplomat  an  das  Hofleben
  und  die  äußern  Vorzüge  des  auswärtigen  Dienstes  gewöhnt,
  ohne  Vermögen,  dienstlich  verstimmt,  bei  der  Prinzessin
aber  in  Gnaden  stehend,  wurde  er  natürlich  von  den  Gegnern
Manteuffel's  gesucht  und  schloß  sich  ihnen  bereitwillig  an.  Er
wurde  der  erste  auswärtige  Minister  der  neuen  Aera“)  und
starb  als  Hausminister  der  Kaiserin  Augusta  5.

Beim  Frühstück  —  und  diese  Gewohnheit  des  Prinzen
wurde  auch  vom  Kaiser  Wilhelm  beibehalten  —  hielt  die
Prinzessin  ihrem  Gemal  Vortrag  unter  Vorlegung  von  Briefen

1)  Maria  Paulowna,  Gemalin  des  Großherzogs  Karl  Friedrich
von  Sachsen-Weimar.  .

2)  Er  war  dorthin  im  Juni  1848  als  Vertreter  Preußens  geschickt
worden;  1840  trat  er  als  Minister  des  Auswärtigen  in  das  Ministerium
Brandenburg  ein,  in  dem  er  bis  September  1850  verblieb.

:)  Ferdinand  Freiherr  v.  Schleinitz.

()  6.  Nov.  1858  bis  October  1861.

5)  19.  Febr.  1885.
        <pb n="165" />
        v.  Schleinitz  als  Politiker  der  Prinzessin.  Gegnerschaft  der  Höfe.  141

und  Zeitungsartikeln,  die  zuweilen  ad  hoc  redigirt  worden
waren.  Andeutungen,  die  ich  mir  gelegentlich  gestattete,  daß
gewisse  Briese  auf  Veranstaltung  der  Königin  durch  Herrn
von  Schleinitz  hergestellt  und  beschafft  sein  könnten,  trugen  mir
eine  sehr  scharse  Zurückweisung  zu.  Der  König  trat  mit  seinem
ritterlichen  Sinne  unbedingt  für  seine  Gemalin  ein,  auch  wenn
der  Anschein  einleuchtend  gegen  sie  war.  Er  wollte  gewissermaßen
  verbieten,  dergleichen  zu  glauben,  auch  wenn  es  wahr  wäre.

Ich  habe  es  nie  für  die  Aufgabe  eines  Gesandten  bei  befreundeten
  Höfen  gehalten,  jedes  verstimmende  Detail  nach
Hause  zu  melden;  namentlich  als  ich  in  Petersburg  mit  einem
Vertraun  beehrt  wurde,  welches  ich  fremden  Diplomaten  in
Berlin  zu  gewähren  für  bedenklich  gehalten  haben  würde.  Jede
zur  Erregung  von  Verstimmung  zwischen  uns  und  Rußland
geeignete  Meldung  würde  bei  der  damals  und  in  der  Regel
antirussischen  Politik  der  Königin  zur  Lockerung  unfrer  russischen
Beziehungen  ausgenutzt  worden  sein,  sei  es  aus  Abneigung
gegen  Rußland  und  aus  vorübergehenden  Popularitätsrücksichten,
  sei  es  aus  Wohlwollen  für  England  und  in  der  Voraussetzung,
  daß  Wohlwollen  für  England  und  selbst  für  Frankreich
  einen  höhern  Grad  von  Civilisation  und  Bildung  anzeige
als  Wohlwollen  für  Rußland.

Nachdem  der  Prinz  von  Preußen  im  Jahre  1849  als  Gouverneur
  der  Rheinprovinz  seine  Residenz  dauernd  nach  Coblenz
verlegt  hatte,  consolidirte  sich  allmählich  die  gegenseitige  Stellung
der  beiden  Höfe  von  Sanssouci  und  Coblenz  zu  einer  occulten
Gegnerschaft,  in  welcher  auch  auf  der  königlichen  Seite  das
weibliche  Element  mitspielte,  jedoch  in  geringerem  Maße  als
auf  der  prinzlichen.  Der  Einfluß  der  Königin  Elisabeth  zu
Gunsten  Oestreichs,  Baierns,  Sachsens  )  war  ein  unbefangner

1)  Die  Zwillingsschwester  der  Königin  Elisabeth,  Amalie,  war  mit

dem  Prinzen  (nachmaligem  Könige)  Johann  von  Sachsen  vermählt;  von
den  jüngeren  Zwillingsschwestern  war  die  eine,  Sophie,  mit  dem  Erz-
        <pb n="166" />
        142  Sechstes  Kapitel:  Sanssouci  und  Coblenz.

 

und  unverhehlter,  ein  Ergebniß  der  Solidarität,  welche  die
Uebereinstimmung  der  Anschauungen  und  die  verwandtschaftlichen
  Familiensympathien  naturgemäß  hervorbrachten.  Zwischen
der  Königin  und  dem  Minister  von  Manteuffel  bestand  keine
persönliche  Sympathie,  wie  schon  die  Verschiedenheit  der  Temperamente
  es  mit  sich  brachte;  gleichwohl  ging  die  Einwirkung
Beider  auf  den  König  nicht  selten  und  namentlich  in  kritischen
Momenten  gleichmäßig  in  der  Richtung  des  östreichischen
Interesses,  doch  von  Seiten  der  Königin  in  entscheidenden
Augenblicken  nur  bis  zu  gewissen  Grenzen,  welche  die  eheliche
und  fürstliche  Empfindung  im  Interesse  der  Krone  des  Gemals
ihr  zogen.  Die  Sorge  für  des  Königs  Ansehn  trat  namentlich
in  kritischen  Momenten  hervor,  wenn  auch  weniger  in  der  Gestalt
  einer  Ermuthigung  zum  Handeln  als  in  der  einer  weiblichen
  Scheu  vor  den  Consequenzen  der  eignen  Anschauungen  und
daraus  hervorgehender  Enthaltsamkeit  von  fernerer  Einwirkung.

In  der  Prinzessin  entwickelte  sich  während  der  Coblenzer
Zeit  noch  eine  Neigung,  welche  bei  ihrer  politischen  Thätigkeit
mitwirkte  und  sich  bis  an  ihr  Lebensende  erhielt.

Der  für  den  norddeutschen  und  namentlich  für  den  Gedankenkreis
  einer  kleinen  Stadt  in  Mitten  rein  protestantischer
Bevölkerung  fremdartige  Katholicismus  hatte  etwas  Anziehendes
für  eine  Fürstin,  die  überhaupt  das  Fremde  mehr  interessirte
als  das  Näherliegende,  Alltägliche,  Hausbackne.  Ein  katholischer
  Bischof  erschien  vornehmer  als  ein  General-Superintendent.
  Ein  gewisses  Wohlwollen  für  die  katholische  Sache,
welches  ihr  schon  früher  eigen  und  z.  B.  in  der  Wahl  ihrer
männlichen  Umgebung  und  Dienerschaft  erkennbar  war,  wurde
durch  ihren  Aufenthalt  in  Coblenz  vollends  entwickelt.  Sie
gewöhnte  sich  daran,  die  localen  Interessen  des  alten  Krummherzog

  Franz  Karl  von  Oestreich,  dem  Vater  des  Kaisers  Franz
Joseph,  die  andere,  Maria,  mit  dem  König  Friedrich  August  II.  von
Sachsen  vermählt.
        <pb n="167" />
        Katholische  Sympathien  der  Prinzessin  Augusta.  143

 

stab-Landes  und  seiner  Geistlichkeit  als  ihrer  Fürsorge  besonders
  zugewiesen  anzusehn  und  zu  vertreten.  Das  moderne
confessionelle  Selbstgefühl  auf  dem  Grunde  geschichtlicher  Tradition,
  das  in  dem  Prinzen  die  protestantische  Sympathie  nicht
selten  mit  Schärfe  hervortreten  ließ,  war  seiner  Gemalin  fremd.
Welchen  Erfolg  ihr  Bemühn  um  Popularität  im  Rheinlande
gehabt  hatte,  zeigte  sich  u.  A.  darin,  daß  der  Graf  v.  d.  Recke-Volmerstein
  mir  am  9.  October  1863  schrieb,  wohlgesinnte  Leute
am  Rhein  riethen,  der  König  möge  nicht  zum  Dombaufest
kommen,  sondern  lieber  J.  Mgcjestät  schicken,  „die  mit  Enthusiasmus
  würde  empfangen  werden“.  Ein  Beispiel  der  wirksamen
  Energie,  mit  der  sie  die  Wünsche  der  Geistlichkeit  vertrat,
lieferte  die  Modification,  zu  welcher  der  Bau  der  sogenannten
Metzer  Eisenbahn  genöthigt  wurde,  weil  die  Geistlichkeit  sich
eines  katholischen  Kirchhofs,  der  berührt  werden  sollte,  angenommen
  hatte  und  darin  von  der  Kaiserin  so  erfolgreich  unterstützt
  wurde,  daß  die  Richtung  geändert  und  schwierige  Bauten
ad  hoc  hergestellt  wurden.

Unter  dem  27.  October  1877  schrieb  mir  der  Staatssekretär
von  Bülow,  die  Kaiserin  habe  von  dem  Minister  Falk  eine
Reiseunterstützung  für  einen  ultramontanen  Maler  verlangen
lassen,  der  nicht  nur  selbst  nicht  darum  bitten  wolle,  sondern
mit  Gemälden  zur  Verherrlichung  von  Marpingen  ½  beschäftigt
sei.  Unter  dem  25.  Januar  1878  berichtete  er  mir:  „Vor  seiner
Abreise  (nach  Italien)  hat  der  Kronprinz  eine  sehr  heftige
Scene  mit  der  Kaiserin  gehabt,  welche  verlangte,  daß  er,  der
künftige  Herrscher  über  acht  Millionen  Katholiken,  den  alten
ehrwürdigen  Papst  besuchen  solle.  Als  der  Kronprinz  nach
der  Rückkehr  sich  beim  Kaiser  meldete,  war  auch  die  Kaiserin
(aus  ihren  Zimmern)  hinuntergekommen.  Als  das  Gespräch

1)  Dorf  im  Regirungsbezirk  Trier,  Kreis  St.  Wendel,  bekannt  durch
die  angeblichen  Wunbererscheinungen,  die  Marpinger  Kinder  Anfang
Juli  1876  im  Härtelwald  gehabt  haben  wollten.
        <pb n="168" />
        144  Sechstes  Kapitel:  Sanssouci  und  Coblenz.

 

eine  Wendung  nahm,  die  ihr  nicht  gefiel,  betreffend  die  Stellung
des  Königs  Humbert,  und  dann  stockte,  ist  sie  mit  den  Worten
aufgestanden:  „II  parait  que  je  suis  de  trop  ici“,  und  der  Kaiser
hatte  dann  ganz  wehmüthig  zum  Kronprinzen  gesagt:  „Ueber
diese  Dinge  ist  Deine  Mutter  in  dieser  Zeit  wieder  unzurechnungsfähig.“


Zu  den  Nebenwirkungen,  durch  welche  diese  höfischen  Kämpfe
complicirt  wurden,  gehörte  auch  das  Mißverhältniß,  in  das  die
Prinzessin  mit  dem  Oberpräsidenten  von  Kleist-Retzow  gerieth,
der  das  Erdgeschoß  des  Schlosses  unter  der  prinzlichen  Wohnung
  inne  hatte  und  an  sich,  als  äußre  Erscheinung,  als  Redner
der  äußersten  Rechten  und  durch  seine  ländliche  Gewohnheit,
häusliche  Andachten  mit  Gesang  täglich  mit  seinen  Hausgenossen
abzuhalten,  der  Prinzessin  lästig  fiel.  Mehr  an  amtliche  als
an  höfische  Beziehungen  gewöhnt,  betrachtete  der  Oberpräsident
seine  Existenz  im  Schlosse  und  im  Schloßgarten  als  eine  Vertretung
  der  königlichen  Prärogative  im  Gegenhalt  zu  angeblichen
  Uebergriffen  des  prinzlichen  Haushalts  und  glaubte  ehrlich,
  dem  Könige,  seinem  Herrn,  etwas  zu  vergeben,  wenn  er
der  Gemalin  des  Thronerben  gegenüber  in  Betreff  der  wirthschaftlichen
  Nutzung  häuslicher  Locale  die  oberpräsidialen  Ansprüche
  gegen  die  des  prinzlichen  Hofes  nicht  energisch  vertrat.

Der  Chef  des  Generalstabs  von  Sanssouci  war,  nachdem  der
General  von  Rauch  gestorben  1),  Leopold  von  Gerlach,  und  seine
Beistände,  aber  nicht  immer,  mitunter  auch  seine  Rivalen,  waren
der  Cabinetsrath  Niebuhr  und  Edwin  von  Manteuffel,  während
des  Krimkriegs  auch  der  Graf  Münster.  Zu  der  Camarilla
waren  außerdem  zu  rechnen  der  Graf  Anton  Stolberg,  der
Graf  Friedrich  zu  Dohna  und  der  Graf  von  der  Gröben.

An  dem  prinzlichen  Hofe  hatte  das  staatliche  Interesse  in
der  Abwehr  von  Schädigungen  durch  weibliche  Einflüsse  einen

1)  9.  Juni  1850.
        <pb n="169" />
        Prinz.  Augusta  u.  v.  Kleist.  G.  v.  Alvensleben  als  Friedensvermittler.  145

 

festen  und  klugen  Vertreter  an  Gustav  von  Alvensleben,  der
an  dem  Frieden  zwischen  beiden  Höfen  nach  Kräften  arbeitete,
ohne  mit  den  politischen  Maßregeln  der  Regirung  einverstanden
zu  sein.  Er  theilte  meine  Ansicht  von  der  Nothwendigkeit,  die
Frage  der  preußisch-östreichischen  Rivalität  auf  dem  Schlachtfelde
  zu  entscheiden,  weil  sie  in  andrer  Weise  unlösbar  sei.
Er,  der  das  vierte  Corps  bei  Beaumont  und  Sedan  führte,
und  sein  Bruder  Constantin,  dessen  selbständig  gefaßten  Entschlüsse
  bei  Vionville  und  Mars  la  Tour  die  französische  Rheinarmee
  vor  Metz  zum  Stehn  brachten,  waren  Musterbilder  von
Generalen.  Wenn  ich  ihn  gelegentlich  nach  seiner  Meinung
über  den  Ausgang  einer  ersten  Hauptschlacht  zwischen  uns  und
den  Oestreichern  fragte,  so  antwortete  er:  „Wir  laufen  sie  über,
daß  sie  die  Beine  gen  Himmel  kehren.“  Und  seine  Zuversicht
hat  dazu  beigetragen,  mir  in  den  schwierigen  Entschließungen
von  1864  und  1866  den  Muth  zu  stärken.  Der  Antagonismus,
in  dem  sein  lediglich  durch  staatliche  und  patriotische  Erwägungen
  bestimmter  Einfluß  auf  den  Prinzen  mit  dem  der
Prinzesfin  stand,  brachte  ihn  zuweilen  in  eine  Erregung,  der
er  in  Worten  Luft  machte,  die  ich  nicht  wiederholen  will,  die
aber  die  ganze  Entrüstung  des  patriotischen  Soldaten  über
politisirende  Damen  in  einer  die  Strafgesetze  streifenden  Sprache
zum  Ausdruck  brachten.  Daß  der  Prinz  diesen  seinen  Adjutanten
  seiner  Gemalin  gegenüber  hielt,  war  ein  Ergebnis
der  Eigenschaft,  die  er  auch  als  König  und  Kaiser  bewährte,
daß  er  für  treue  Diener  ein  treuer  Herr  war.

Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  10
        <pb n="170" />
        Siebentes  Kapitel.
Unterwegs  zwischen  Frankfurt  und  Berlin.

1.

Die  Entfremdung,  die  zwischen  dem  Minister  Manteuffel
und  mir  nach  meiner  Wiener  Mission  und  infolge  der  Zuträgerei
  von  Klentze  und  Andern  entstanden  war  w,  hatte  die
Folge,  daß  der  König  mich  immer  häufiger  zur  „Territion“
kommen  ließ,  wenn  der  Minister  ihm  nicht  zu  Willen  sein
wollte.  Ich  habe  auf  den  Reisen  zwischen  Frankfurt  und  Berlin
über  Guntershausen  in  einem  Jahre  2000  Meilen  2)  gemacht,
damals  stets  die  neue  Cigarre  an  der  vorhergehenden  entzündend
oder  gut  schlafend.  Der  König  erforderte  nicht  nur  meine  Ansicht
  über  Fragen  der  deutschen  und  der  auswärtigen  Politik,
sondern  beauftragte  mich  auch  gelegentlich,  wenn  ihm  Entwürfe
des  Auswärtigen  Amts  vorlagen,  mit  der  Ausarbeitung  von
Gegenprojecten.  Ich  besprach  diese  Aufträge  und  meine  entsprechenden
  Redactionen  dann  mit  Manteuffel,  der  es  in  der
Regel  ablehnte,  Aenderungen  daran  vorzunehmen,  wenn  auch
unfre  politischen  Ansichten  auseinander  gingen.  Er  hatte  mehr

1)  S.  o.  S.  100.

:)  Natürlich  ist  diese  Angabe  nicht  rechnerisch  durch  Addition  der  auf
Reisen  zwischen  Berlin  und  Frankfurt  zurückgelegten  Wegstrecken  gefunden
  worden,  sondern  in  dem  übertreibenden  Sinne  zu  fassen,  wie
die  Lateiner  sescenti  zur  Bezeichnung  einer  unbestimmten  großen  Zahl
gebrauchen  (vgl.  im  Deutschen:  Ich  habe  es  schon  tausendmal  gesagt.).
Es  erschien  nothwendig,  darauf  hinzuweisen,  da  die  Zahl,  die  sich  bei
Nachrechnung  als  zu  hoch  erwiesen,  Veranlassung  gegeben  hat,  die  Glaubwürdigkeit
  der  „Gedanken  und  Erinnerungen“  anzufechten.
        <pb n="171" />
        Verstimmung  des  Königs  gegen  Manteuffel.  Marquis  Moustier.  147

 

Entgegenkommen  für  die  Westmächte  und  die  östreichischen
Wünsche,  während  ich,  ohne  russische  Politik  zu  vertreten,  keinen
Grund  sah,  unsern  langjährigen  Frieden  mit  Rußland  für
andre  als  preußische  Interessen  in  Frage  zu  stellen,  und  ein
etwaiges  Eintreten  Preußens  gegen  Rußland  für  Interessen,
die  uns  fern  lagen,  als  das  Ergebniß  unfrer  Furcht  vor  den
Westmächten  und  unfres  bescheidnen  Respects  vor  England  betrachtete.
  Manteuffel  vermied  es,  durch  schärfres  Vertreten
seiner  Auffassung  den  König  noch  mehr  zu  verstimmen  oder
durch  Eintreten  für  meine  angeblich  russische  Auffassung  die
Westmächte  und  Oestreich  zu  reizen,  er  effacirte  sich  lieber.
Marquis  Moustier  kannte  diese  Stellung,  und  mein  Chef  überließ
  ihm  gelegentlich  die  Aufgabe,  mich  zur  westmächtlichen
Politik  und  zur  Vertretung  derselben  beim  Könige  zu  bekehren.
Bei  einem  Besuche,  den  ich  Moustier  machte,  riß  ihn  die  Lebhaftigkeit
  seines  Temperaments  zu  der  bedrohlichen  Aeußerung
hin:  „La  politique  due  vous  faites,  va  vous  conduire  à  Iéna.“
Worauf  ich  antwortete:  „Pourqucoi  pas  à  Leipsic  ou  à  Rosbach?"
  Moustier  war  eine  so  unabhängige  Sprache  in  Berlin
nicht  gewohnt  und  wurde  stumm  und  bleich  vor  Zorn.  Nach
einigem  Schweigen  setzte  ich  hinzu:  „Enfin  toute  nation  a  perdu
et  gagné  des  batailles.  Je  ne  suis  pas  venu  pour  faire  avec
vous  un  cours  d’histoire"“.  Die  Unterhaltung  kam  nicht  wieder
in  Fluß.  Moustier  beschwerte  sich  über  mich  bei  Manteuffel,
der  die  Beschwerde  an  den  König  brachte.  Dieser  aber  lobte
mich  Manteuffel  gegenüber,  später  auch  direct,  wegen  der  richtigen
  Antwort,  die  ich  dem  Franzosen  gegeben  hatte.

Die  leistungsfähigsten  Kräfte  der  Bethmann-Hollweg'’schen
Partei,  Goltz,  Pourtalss,  zuweilen  Usedom,  wurden  durch  den
Prinzen  von  Preußen  auch  bei  dem  Könige  zu  einer  gewissen
Geltung  gebracht.  Es  kam  vor,  daß  nothwendige  Depeschen
nicht  von  Manteuffel,  sondern  von  dem  Grafen  Albert  Pourtalès
  entworfen  wurden,  daß  der  König  mir  dessen  Entwürfe
        <pb n="172" />
        148  Siebentes  Kapitel:  Unterwegs  zwischen  Frankfurt  und  Berlin.

 

zur  Revision  gab,  daß  ich  über  die  Amendirung  wieder  mit
Manteuffel  Fühlung  nahm,  daß  der  den  Unterstaatssekretär
Le  Coq  zuzog,  daß  dieser  die  Fassung  aber  lediglich  von  dem
Standpunkte  französischer  Stilistik  prüfte  und  eine  Tage  lange
Verzögerung  mit  der  Anführung  rechtfertigte,  er  habe  den
genau  angemessenen  französischen  Ausdruck  noch  nicht  gefunden,
der  zwischen  dunkel,  unklar,  zweifelhaft  und  bedenklich  die
richtige  Mitte  hielte,  —  als  ob  es  auf  solche  Lappalien  damals
angekommen  wäre.

2

Ich  suchte  mich  der  Rolle,  welche  der  König  mich  spielen
ließ,  in  schicklicher  Weise  zu  entziehn  und  die  Verständigung
zwischen  ihm  und  Manteuffel  nach  Möglichkeit  anzubahnen;  so
in  den  ernsten  Zerwürfnissen,  welche  über  Rhino  Quehl  entstanden.
  Nachdem  durch  Wiederherstellung  des  Bundestags
nationale  Sonderbestrebungen  Preußens  einstweilen  behindert
waren,  ging  man  in  Berlin  an  eine  Restauration  der  innern
Zustände,  mit  welcher  der  König  gezögert  hatte,  so  lange  er
darauf  bedacht  war,  sich  die  Liberalen  in  den  übrigen  deutschen
Staaten  nicht  zu  entfremden.  Ueber  das  Ziel  und  die  Gangart
der  Restauration  zeigte  sich  aber  sofort  zwischen  dem  Minister
Manteuffel  und  der  „kleinen  aber  mächtigen  Partei“  eine
Meinungsverschiedenheit,  die  sich  merkwürdigerweise  in  einen
Streit  über  Halten  oder  Fallenlassen  einer  verhältnißmäßig
untergeordneten  Persönlichkeit  zuspitzte  und  zu  einem  scharfen,
öffentlichen  Ausbruch  führte.  In  demselben  Briefe  vom
11.  Juli  1851,  durch  welchen  er  mich  von  meiner  Ernennung
  zum  Bundestagsgesandten  benachrichtigte,  schrieb  Manteuffel
  ½).

1)  Der  Brief,  der  in  der  ersten  Ausgabe  nach  einer  fehlerhaften  Abschrift

  herausgegeben  war,  ist  hier  nach  dem  Original  berichtigt;  vgl.  Anhang
  zu  den  Gedanken  und  Erinnerungen  II  7  ff.
        <pb n="173" />
        Depeschenredaction.  Manteuffel's  Zerwürfniß  mit  d.  Conservativen.  149

 

„Was  unsre  innern  Verhältnisse,  namentlich  die  ständischen
Dinge  betrifft,  so  würde  die  Sache  ganz  leidlich  gehen,  wenn
man  darin  mit  etwas  mehr  Maß  und  Geschick  verführe.  Westphalen
  ist  in  der  Sache  vortrefflich,  ich  schätze  ihn  sehr  hoch,
und  wir  sind  im  Wesentlichen  einverstanden;  die  Feder  von
Klützow  ½  scheint  mir  indeß  keine  recht  glückliche  zu  sein,  und
es  sind  in  der  Form  wohl  manche  nicht  nothwendige  Verstöße
vorgekommen.  Weit  schlimmer  aber  noch  ist  die  Attitude,  welche
dabei  die  Kreuzzeitung  einnimmt.  Nicht  allein  triumphirt  sie
in  ungeschickter  und  aufregender  Weise,  sondern  sie  will  auch
zu  Extremen  drängen,  die  ihr  wahrscheinlich  selbst  nicht  behagen
  würden.  Wenn  es  z.  B.  möglich  wäre  und  gelänge,
den  Vereinigten  Landtag  mit  allen  seinen  Consequenzen  pure
wieder  herzustellen  —  und  weiter  könnte  man  doch  nicht  gehen  —
was  wäre  damit  wohl  gewonnen?  Ich  finde  die  Position  der
Regierung  viel  günstiger,  wenn  sie,  bis  eine  gründliche  organische
  Umgestaltung  als  nothwendig  sich  ergeben  hat,  die  Sache
gewisser  Maaßen  in  der  Schwebe  hält.  Ich  hoffe  und  wünsche,
daß  man  dann  auch  von  den  Provinzial-Ständen  los  und  etwa
auf  Communal-Stände  nach  alten  historischen  Begrenzungen,
die  auch  in  der  Rhein-Provinz  noch  nicht  verwischt  und  in
allen  alten  Provinzen  noch  sehr  erkennbar  sind,  zurückkommen
und  aus  diesen  die  Landesvertretung  hervorgehen  lassen  wird.
Das  sind  aber  Dinge,  die  man  nicht  im  Sprunge  erreichen
kann,  wenigstens  nicht  ohne  große  Stöße,  die  man  doch  zu
vermeiden  Anlaß  hat.  Die  Kreuzzeitung  hat  mir  nun  förmlich
Fehde  ankündigen  und  als  Preis  und  Zeichen  der  Submission
die  Entlassung  des  2c.  Quehl  fordern  lassen,  ohne  zu  bedenken,
daß  selbst,  wenn  ich  einen  fleißigen  und  aufopfernden  Menschen
Preis  geben  wollte,  was  nicht  meine  Absicht  ist,  ich  es  unter
solchen  Verhältnissen  gar  nicht  könnte.“

e

 

)  Director  im  Ministerium  des  Innern.
        <pb n="174" />
        150  Siebentes  Kapitel:  Unterwegs  zwischen  Frankfurt  und  Berlin.

 

Rhino  Quehl  war  ein  Journalist,  durch  den  Manteuffel
schon  während  des  Erfurter  Parlaments  seine  Politik  in  der
Presse  hatte  vertreten  lassen,  voller  Ideen  und  Anregungen,
richtigen  und  falschen,  eine  sehr  geschickte  Feder  führend,  aber
mit  einer  zu  starken  Hypothek  von  Eitelkeit  belastet.  Die
weitre  Entwicklung  des  Conflicts  zwischen  Manteuffel  und
Quehl  auf  der  einen,  der  Kreuzzeitung  und  der  Camarilla
auf  der  andern  Seite,  und  die  ganze  innre  Situation  wird
aus  den  nachstehenden  brieflichen  Aeußerungen  von  Gerlach
ersichtlich:

„Potsdam,  17.  Mai  185290.

Wenn  Manteuffel  den  Quehl  nicht  fortjagt,  so  kann  das
kein  gutes  Ende  nehmen..  Ich  halte  Manteuffel  für  einen
braven  Mann,  aber  ein  sonderbares  politisches  Leben  ist  das
seinige  doch.  Er  hat  die  Dezemberverfassung  unterzeichnet,  sich
zur  Unionspolitik  bekannt,  Gemeinde-Ordnung  und  Ablösungs-Gesetz
  mit  Rücksichtslosigkeit  durchgesetzt,  den  Bonapartismus
amnestirt  u.  s.  w.  Daß  er  in  diesen  Dingen  nicht  consequent
gewesen,  gereicht  ihm  zum  Ruhm,  aber  wenn  auch  Se.  Mgcjestät
sagt,  die  Consequenz  sei  die  elendeste  aller  Tugenden,  so  ist  die
Manteuffel'sche  Inconsequenz  doch  etwas  stark.  Man  spricht
gegen  die  Kammern  und  gegen  den  Constitutionalismus.  Seit
der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  bis  jetzt  aber  sind  alle  Regierungen
  revolutionär  gewesen,  außer  England  mit  Kammern
bis  zur  Reform  und  Preußen  in  geringen  Unterbrechungen,
1823  und  1847.  Die  Kreuzzeitung  hat  in  ihren  kleinen  Apologien
  der  Kammern  in  Wahrheit  nicht  Unrecht,  und  doch  sehnt
sich  unser  Premier  nach  dem  Bonapartismus,  der  doch  ganz
gewiß  keine  Zukunft  hat.

Manteuffel  sagte  übrigens  gestern,  er  wolle  Sie  herbescheiden;
  wenn  Sie  nur  noch  zur  rechten  Zeit  kommen,  um  den

–  –  —

1)  Briefe  Gerlach's  2c.  S.  13.
        <pb n="175" />
        Zerwürfniß  Manteuffel's  mit  den  Conservativen  über  Quehl.  151

 

Kaiser  und  Graf  Nesselrode  kennen  zu  lernen.  Wichtiger  aber
als  dies  Alles  ist,  daß  Sie  Manteuffel  von  Quehl  befreien,
denn  Manteuffel  ist  jetzt  noch  unentbehrlich  und  mit  Quehl
nicht  zu  halten.  Es  wird  diesen  nichts  kosten  zu  behaupten,  er
wisse  nichts  von  diesem  Zeitungs-Artikel,  ja,  daß  „die  Zeit“
ihn  nichts  anginge,  aber  da  kann  man  sich  nicht  damit  abfertigen
  lassen,  da  Thile  (der  Redacteur)  ebenfalls  durch  Quehl
und  durch  Manteuffel  angestellt  ist.  Ich  fürchte  auch  die  absolutistischen
  Velleitäten  von  Manteuffel  jun.

19.  Mal  1852  .

Infolge  des  Zeitungsartikels,  von  dem  Ihr  letztes  Schreiben:)
  an  mich  handelt,  ist  wiederum  von  mehreren  Seiten  her
in  Manteuffel  eingeredet  worden,  um  ihn  zu  bewegen,  sich  von
dem  2c.  Quehl  zu  trennen.  Ich  hatte  mich  hiebei  nicht  betheiligt,
  weil  ich  schon  einmal  über  diesen  Mann  mit  ihm  aneinander
  gewesen  war  und  wir  damals  gewissermaßen  einen
Vertrag  geschlossen  hatten,  dieses  Thema  nicht  zu  berühren.
Gestern  fing  jedoch  Manteuffel  selbst  mit  mir  davon  an,  vertheidigte
  Quehl  auf  das  Entschiedenste,  erklärte  lieber  abtreten
  als  sich  von  ihm  trennen  zu  wollen,  sprach  seinen
Haß  gegen  die  Kreuzzeitung  unverholen  aus  und  machte  auch
einige  bedenkliche  Aeußerungen  über  den  Gang  des  Ministeriums
  des  Innern  und  über  einige  uns  gleich  werthe  Perfönlichkeiten.


Sans-Souci,  21.  Juli  1852  3).

Soeben  erhalte  ich  Ihren  Brief  Ofen-Frankfurt  vom  25.  Juni
und  19.  Juli“),  dessen  Anfang  ebenso  interessant  ist  als  sein

1)  Briefe  Gerlach's  2c.  S.  15.
*)  Bismarck's  Briefe  an  den  General  L.  v.  Gerlach,  S.  30  f.
:)  Briefe  Gerlach's  2c.  S.  18.
4)  Bismarck's  Briefe  an  den  General  L.  v.  Gerlach,  S.  32  ff.
        <pb n="176" />
        152  Siebentes  Kapitel:  Unterwegs  zwischen  Frankfurt  und  Berlin.

 

Ende.  Aber  von  mir  verlangen  Sie  das  Unmögliche.  Ich  soll
Ihnen  die  hiesige  Lage  der  Dinge  erklären,  die  so  verwickelt
und  durch  einander  ist,  daß  man  sie  an  Ort  und  Stelle  nicht
versteht.  Wagener's  Auftreten  gegen  Manteuffel  ist  nicht  zu
rechtfertigen,  wenn  er  sich  nicht  ganz  von  der  Partei  isoliren
will.  Eine  Zeitung  wie  die  Kreuzzeitung  darf  nur  dann  gegen
einen  Premierminister  auftreten,  wenn  ihre  ganze  Partei  in
die  Opposition  geworfen  ist,  wie  das  bei  Radowitz  der  Fall
war...  Ein  solches  bellum  omnium  contra  omnes  kann  nicht
bleiben.  Wagener  wird  nolens  volens  müssen  mit  dem  Preußischen
  Wochenblatt  Chorus  machen,  was  ein  großes  Uebel  ist;
Hinckeldey  und  der  kleine  Manteuffel,  sonst  entschieden  Feinde,
allirren  sich  über  die  Kreuzzeitung  wie  Herodes  und  Pilatus
über  Christum.  Das  Traurigste  ist  mir  der  Minister  Manteuffel,
  der  kaum  zu  halten  ist  und  doch  gehalten  werden  muß,
denn  seine  präsumtiven  Nachfolger  sind  schrecklich.  Alles  schreit,
er  soll  Quehl  entlassen.  Ich  glaube,  damit  wird  wenig  gewonnen
  sein,  Quehl's  etwaiger  Nachfolger  Fr.  7  ist  vielleicht
noch  schlimmer.  Wenn  Manteuffel  sich  nicht  zu  Allianzen  mit
honetten  Leuten  entschließt,  ist  ihm  nicht  zu  helfen

Sans-Souci,  8.  October  1852  2).

..  Ich  habe  Manteuffel's  sonderbares  Benehmen  mit  seinen
Creaturen,  ich  habe  die  Anstellung  von  Radowitz)  benutzt,  um
offen  mit  ihm  zu  reden,  es  ist  aber  nichts  dabei  herausgekommen.
Ich  habe  ihm  gesagt,  daß  ich  nicht  zu  denen  gehöre,  welche
Quehl  in  das  Elend  schicken  wollten,  aber  er  möge  sich  doch
mit  ordentlichen  Leuten  in  Verbindung  setzen  und  sich  in  der
Gemeinschaft  mit  ihnen  stärken.  Aber  vergebens.  Jetzt  treibt
er  wieder  sein  Wesen  mit  dem  Bonapartisten  Frantz.  Ich  will

1)  Constantin  Frantz.
2)  Briefe  Gerlach's  2c.  S.  25.
:)  Als  Leiter  der  Militärbildungsanstalten.
        <pb n="177" />
        Zerwürfniß  Manteuffel's  mit  den  Conservativen  über  Quehl.  153

 

das,  was  Wagener  thut,  nicht  rechtfertigen,  besonders  nicht
sein  eigensinniges  Widerstreben  gegen  jeden  Rath  und  jede
Warnung,  die  ihm  zukommt,  aber  darin  hat  er  recht,  daß
Manteuffel  die  conservative  Partei  gründlich  zerstört  und  ihn,
Wagener,  namentlich  auf  das  Aeußerste  reizt.  Es  ist  doch  eine
merkwürdige  Erscheinung,  daß  die  Kreuzzeitung  die  einzige
Zeitung  in  Deutschland  ist,  die  verfolgt  und  confiscirt  wird.
Von  dem,  was  mich  bei  dem  Allem  am  meisten  afficirt,  von
der  Wirkung  dieser  Lage  der  Dinge  auf  S.  M.,  will  ich  gar
nicht  reden.  Sinnen  Sie  doch  auf  Mittel,  Menschen  heranzuziehen,
  die  das  Ministerium  stärken.  Kommen  Sie  doch
einmal  wieder  her  und  sehen  Sie  sich  selbst  die  Dinge  an..

Charlottenburg,  25.  Februar  1853  y.

..  Ich  habe  letzt  S.  M.  darauf  aufmerksam  gemacht,  wie
es  doch  nicht  gut  wäre,  daß  Wagener,  der  doch  Alles  für  die
gute  Sache  gewagt  hätte,  nächstens  im  Gefängniß  sitzen,  während
  Quehl,  sein  Gegner,  durch  die  bloße  vis  inertiae)  Geheimer
  Rath  werden  würde.  Niebuhren  ist  es  denn  auch  gelungen,
  den  König  mit  Wagener  auszusöhnen,  obschon  letzterer
dabei  bleibt,  die  Redaction  der  Kreuzzeitung  niederlegen  zu
wollen.  .  Manteuffel  hat  eine  Tendenz  nach  unten,  vid.
Quehl,  Levinstein  u.  s.  w.,  weil  er  an  den  Wahrheiten,  die  von
oben  kommen,  zweifelt,  statt  daran  zu  glauben.  Er  sagt  mit
Pilatus:  Was  ist  Wahrheit?s)  und  sucht  sie  dann  bei  Quehl
und  Consorten..  Manteuffel  I  läßt  sich  ja  schon  jetzt  bei
jeder  Gelegenheit  durch  Quehl  zu  einer  sehr  üblen  heimlichen
und  passiven  Opposition  gegen  Westphalen  und  dessen  Maasregeln,
  die  doch  das  muthigste  und  beste  enthalten,  was  in
unfrer  Administration  seit  1848  geschehn  ist,  bewegen.  Er

1)  Briefe  Gerlach's  2c.  S.  38.
.)  Kraft  der  Trägheit,  Beharrungsvermögen.
:)  Ev.  Joh.  18,  38.
        <pb n="178" />
        154  Siebentes  Kapitel:  Unterwegs  zwischen  Frankfurt  und  Berlin.

 

leidet,  daß  Quehl  die  Presse  auf  das  schamloseste  gegen  Westphalen,
  Raumer  u.  s.  w.  benutzt  und  wie  man  mich  versichert,
sich  dafür  bezahlen  läßt.  .  .  B-o  kann  es  fast  nicht  ausbleiben,
daß  Quehl  und  Consorten  zuletzt  Manteuffel's  Sturz  bewirken,
den  ich  schon  aus  dem  einfachen  Grunde  für  ein  Unglück  halte,
daß  ich  durchaus  keinen  möglichen  Nachfolger  weiß.

Potsdam,  28.  Februar  1853  1).

..Ich  thue  mein  Mögliches,  die  Kreuzzeitung  zu  erhalten
oder  zunächst  vielmehr  Wagenern  der  Kreuzzeitung  zu  erhalten.
Er  sagt,  er  könne  diese  Sache  den  Intriguen  von  Quehl  gegenüber
  nicht  fortführen.  Von  den  königlichen  Geldern,  über
welche  dieser  Mensch  durch  das  Vertrauen  Manteuffel's  disponirt,
  giebt  er  den  Mitarbeitern  Wagener's  bedeutende  Remunerationen
  und  entzieht  sie  der  Kreuzzeitung;  ja  er  soll  die
Gesandten  auffordern  lassen,  die  auswärtigen  Correspondenten
der  Kreuzzeitung  zu  ermitteln,  um  sie  ihr  abspenstig  zu
machen

20.  Juni  1853).

..  Die  innern  Verhältnisse  mißfallen  mir  sehr.  Ich  fürchte,
Quehl  siegt  über  Westphalen  und  Raumer  ganz  einfach  dadurch,
  daß  Manteuffel  sich  bei  dem  Könige  als  unentbehrlich
geltend  macht,  eine  Ansicht,  die  S.  M.  aus  richtigen  und  unrichtigen
  Gründen  anerkennt..

Charlottenburg,  30.  Juni  1853  ).

..  Wenniich  die  verschiedenen  Nachrichten  über  die  Quehlschen
  Intriguen  miteinander  vergleiche,  wenn  ich  auf  die  Notiz
etwas  gebe,  daß  Quehl  eine  Art  von  Vertrag  mit  der  Hollwegschen
  Partei  geschlossen,  wonach  Manteuffel  geschont,  die  andern

1)  Briefe  Gerlach's  2c.  S.  43.
:)  Briefe  Gerlach's  2c.  S.  ö3.
3)  Briefe  Gerlach's  2c.  S.  55.
        <pb n="179" />
        Zerwürfniß  Manteuffel's  mit  den  Conservativen  über  Quehl.  155

 

misliebigen  Minister  Raumer,  Westphalen,  Bodelschwingh,
rücksichtslos  angegriffen  wurden,  wenn  ich  ferner  beachte,  daß
Manteuffel  über  sein  Verhältniß  zum  Prinzen  von  Preußen
ein  böses  Gewissen  gegen  mich  hat,  daß  er  jetzt  Niebuhr  dichter
an  sein  Herz  schließt  als  mich,  während  er  sich  sonst  gegen  mich
oft  über  Niebuhr  beklagte,  wenn  ich  endlich  beachte,  daß  Quehl
geradezu  den  Prinzen  von  Preußen  und  seinen  Herrn  Sohn
als  mit  sich  und  mit  Manteuffel  übereinstimmend  ansieht,  was
ich  aus  der  zuverlässigsten  Quelle  weiß,  und  sich  demgemäß
äußert,  wenn  dieß  Alles  auf  Radowitz  sieht  (eic),  so  fühle  ich
den  Boden  mir  unter  den  Füßen  schwanken,  obschon  der  König
schwerlich  für  diese  Wirthschaft  zu  gewinnen  ist  und  mir  persönlich
  dieß  Alles  Gott  sei  Dank  ziemlich  gleichgültig  ist.  Sie
aber,  mein  verehrter  Freund,  der  Sie  noch  jung  sind,  müssen
sich  rüsten  und  stärken,  dies  Lügengewebe  zur  passenden  Zeit
zur  Rettung  des  Landes  zu  zerreißen

Sans-Souci,  17.  Juli  1853  .

...  O.  wird  jetzt  schon  der  Hof  gemacht  und  er  hat  Excellenzen
  in  seinem  Vorzimmer  und  auf  seinem  Sopha.  Auf
der  andern  Seite  halte  ich  es  nicht  für  unmöglich,  daß  Manteuffel
  eines  Tags  Quehl  darangiebt,  denn  Dankbarkeit  ist
keine  karakteristische  Eigenschaft  dieses  zweifelnden  und  daher
oft  desesperirenden  Staatsmannes.  Was  soll  aber  werden,
wenn  Manteuffel  geht?  Es  wäre  ein  Ministerium  zu  finden,
aber  schwerlich  eines,  was  auch  nur  4  Wochen  mit  S.  M.
sich  hielte.  Aus  diesen  Gründen  und  bei  meiner  aufrichtigen
Achtung  und  Liebe,  die  ich  für  Manteuffel  habe,  möchte  ich  es
nicht  auf  mein  Gewissen  nehmen,  seinen  Sturz  veranlaßt  zu
haben.  Denken  Sie  mahl  über  diese  Dinge  nach  und  schreiben
Sie  mir.“  ...

1)  Briefe  Gerlach's  2c.  S.  58  f.
        <pb n="180" />
        156  Siebentes  Kapitel:  Unterwegs  zwischen  Frankfurt  und  Berlin.

 

Bald  nach  dem  Datum  des  letzten  Briefes  war  die  Verstimmung
  zwischen  dem  Könige  und  Manteuffel  so  arcut  geworden,
  daß  der  letztre  sich  schmollend  auf  sein  Gut  Drahnsdorf
  zurückzog.  Um  ihn  zu  einem  „gehorsamen  Minister“  zu
machen,  benutzte  der  König  diesmal  nicht  meine  Ministercandidatur
  als  Schreckbild,  sondern  beauftragte  mich,  den  Grafen
Albrecht  von  Alvensleben,  den  „alten  Lerchenfresser“,  wie  er
ihn  nannte,  in  Erxleben  aufzusuchen  und  zu  fragen,  ob  er  den
Vorsitz  in  einem  neuen  Ministerium  übernehmen  wolle,  in  dem
ich  das  auswärtige  Ressort  erhalten  solle.  Der  Graf  hatte
kurz  vorher  mir  unter  sehr  abfälligen  Aeußerungen  über  den
König  erklärt,  daß  er  während  der  Regirung  Sr.  Mcjestät
unter  keinen  Umständen  in  irgend  ein  Cabinet  treten  werde  y.
Ich  sagte  dies  dem  Könige,  und  meine  Reise  unterblieb.  Später
aber,  als  dieselbe  Combination  wieder  auftauchte,  hat  er  sich
doch  bereit  erklärt,  sie  zu  acceptiren;  der  König  vertrug  sich
dann  aber  mit  Manteuffel,  der  inzwischen  „Gehorsam“  gelobt
hatte.  Statt  der  Sendung  nach  Erxleben  reiste  ich  aus  eignem
Antriebe  zu  Manteuffel  auf's  Land  und  redete  ihm  zu,  sich
von  Quehl  zu  trennen  und  stillschweigend  ohne  Explication
mit  Sr.  Majestät  seine  amtliche  Function  wieder  aufzunehmen.
Er  erwiderte  in  dem  Sinne  seines  Briefs  vom  11.  Juli  1851,
daß  er  den  fleißigen,  ihm  mit  Hingebung  dienenden  Mann
nicht  fallen  lassen  könne.  Da  ich  heraus  zu  hören  glaubte,  daß
Manteuffel  wohl  noch  andre  Gründe  habe,  Quehl  zu  schonen,
so  sagte  ich:  „Vertrauen  Sie  mir  die  Vollmacht  an,  Sie  von
Quehl  zu  erlösen,  ohne  daß  es  zu  einem  Bruche  zwischen  Ihnen
beiden  kommt;  wenn  mir  das  gelingt,  so  bringen  Sie  dem  Könige
die  Nachricht  von  Quehl's  Abgange  und  führen  die  Geschäfte
fort,  als  wenn  kein  Dissensus  zwischen  Sr.  Majestät  und  Ihnen
vorgekommen  wäre.“  Er  ging  auf  diesen  Gedanken  ein,  und

1)  S.  o.  S.  124  f.
        <pb n="181" />
        Alvensleben  als  Schreckbild.  Bismarck  befreit  Manteuffel  von  Quehl.  157

 

wir  verabredeten,  daß  er  Quehl,  der  sich  grade  auf  einer  Reise
in  Frankreich  befand,  veranlassen  werde,  auf  der  Rückkehr  mich
in  Frankfurt  aufzusuchen,  was  geschah.  Ich  benutzte  die  Pläne
des  Königs  mit  Alvensleben,  um  Quehl  zu  überzeugen,  daß
er,  wenn  er  nicht  abginge,  Schuld  an  dem  Sturze  seines  Gönners
sein  werde,  und  empfahl  ihm,  die  Macht  desselben,  so  lange  es
noch  Zeit  sei,  zu  benutzen.  Ich  sagte  ihm:  „Schneiden  Sie
Ihre  Pfeifen,  wo  Sie  noch  im  Rohr  sitzen,  es  dauert  nicht
lange  mehr“,  und  ich  brachte  ihn  dahin,  seine  Wünsche  zu  präcisiren:
  das  Generalconsulat  in  Kopenhagen  mit  einer  starken
Gehaltserhöhung.  Ich  benachrichtigte  Manteuffel,  und  die  Sache
schien  erledigt,  zog  sich  aber  bis  zur  endlichen  Lösung  noch
einige  Zeit  hin,  weil  man  in  Berlin  so  ungeschickt  gewesen  war,
die  Sicherung  der  Stellung  Manteuffel's  früher  zu  verlautbaren
  als  das  Ausscheiden  Quehl's.  Letztrer  hatte  in  Berlin
seine  und  Manteuffel's  Stellung  nicht  so  unsicher  gefunden,
wie  ich  sie  geschildert  hatte,  und  machte  dann  einige  Schwierigkeiten,
  die  verbessernd  auf  seine  Stellung  in  Kopenhagen
wirkten  0.

Aehnliche  Verhandlungen  drängten  sich  mir  auf  mit  Agenten,
welche  bei  dem  Depeschendiebstahl  in  der  französischen  Gesandschaft
  benutzt  worden  waren,  unter  Andern  mit  Hassenkrug,
der  zur  Zeit  des  Processes  über  diesen  Diebstahl,  anscheinend
mit  seiner  eignen  Zustimmung,  in  Frankreich  polizeilich  verhaftet
  und  Jahr  und  Tag  sequestrirt  wurde,  bis  die  Sache
vergessen  war.

Der  König  haßte  damals  Manteuffel,  er  behandelte  ihn
nicht  mit  der  ihm  sonst  eignen  Höflichkeit  und  that  beißende
Aeußerungen  über  ihn.  Wie  er  überhaupt  die  Stellung  eines
Ministers  auffaßte,  zeigt  ein  Wort  über  den  Grafen  Albert

1)  Vgl.  Bismarck's  Briefe  an  den  General  L.  v.  Gerlach  vom  6.  und
13.  Aug.  1853,  herausgegeben  von  H.  Kohl  S.  96,  97.
        <pb n="182" />
        158  Siebentes  Kapitel:  Unterwegs  zwischen  Frankfurt  und  Berlin.

 

Pourtales,  den  er  auch  gelegentlich  als  Schreckbild  für  Manteuffel
  benutzte  ):  „Der  wäre  ein  Minister  für  mich,  wenn  er
nicht  30000  Reichsthaler  Einkommen  zu  viel  hätte;  darin  steckt
die  Quelle  des  Ungehorsams.“  Wenn  ich  sein  Minister  geworden
  wäre,  so  würde  ich  mehr  als  Andre  dieser  Auffassung
ausgesetzt  gewesen  sein,  weil  er  mich  als  seinen  Zögling  betrachtete
  und  in  meinem  Royalismus  als  wesentlichstes  Element
den  unbedingten  „Gehorsam“  sah.  Jede  selbständige  Meinung
von  mir  würde  ihn  befremdet  haben,  war  ihm  doch  schon  mein
Sträuben  gegen  definitive  Uebernahme  des  Wiener  Postens
als  eine  Art  von  Felonie  erschienen  ).  Eine  lange  nachwirkende
Erfahrung  der  Art  hatte  ich  zwei  Jahre  später  zu  machen.

3.

Meine  Berufungen  nach  Berlin  wurden  nicht  immer  durch
die  äußere  Politik  veranlaßt,  mitunter  auch  durch  Vorgänge
im  Landtage,  in  den  ich  bei  der  durch  meine  Ernennung  zum
Gesandten  nothwendig  gewordnen  Neuwahl  am  13.  October  1851
wiedergewählt  worden  war.

Als  es  sich  um  die  Verwandlung  der  Ersten  Kammer  in
das  Herrnhaus  handelte,  erhielt  ich  folgende,  vom  20.  April  1852
datirte  Mittheilung  Manteuffel'sd:

„Bunsen  hetzt  den  König  immer  mehr  in  die  Pairie  hinein.
Er  behauptet,  die  größten  Staatsmänner  in  England  glaubten,
daß  in  wenigen  Jahren  der  Continent  in  zwei  Theile  zerfallen
würde:  a)  protestantische  Staaten  mit  constitutionellem  System,
getragen  von  den  Säulen  der  Pairie,  b)  katholisch-jesuitischdemokratisch-absolutistische
  Staaten.  In  die  letzte  Kategorie
stellt  er  Oestreich,  Frankreich  und  Rußland.  Ich  halte  das
für  ganz  falsch.  Solche  Kategorien  giebt  es  gar  nicht.  Jeder

 

1)  S.  o.  S.  125
2)  S.  o.  S.  101.
*)  VglI.  Anhang  zu  den  Gedanken  und  Erinnerungen  II  56  ff.
        <pb n="183" />
        Wie  der  König  über  Minister  dachte.  Bildung  der  Ersten  Kammer.  159

 

Staat  hat  seinen  eigenen  Entwicklungsgang.  Friedrich  Wilhelm
  I.  war  weder  katholisch  noch  demokratisch,  und  doch  absolut.
Aber  dergleichen  Dinge  machen  großen  Eindruck  auf  S.  M.
Das  constitutionelle  System,  welches  die  Majoritäten-Herrschaft
proclamirt,  halte  ich  für  nichts  weniger  als  protestantisch.“

Am  folgenden  Tage,  21.  April,  schrieb  mir  der  König:

„Charlottenburg,  21.  April  1852.

Ich  erinnere  Sie  daran,  theuerster  Bismarck,  daß  ich  auf
Sie  und  Ihre  Hülfe  zähle  bey  der  nahen  Verhandlung
in  IIr  Kammer  über  die  Gestaltung  der  Ersten.  Ich  thue  dies
um  so  mehr,  als  ich  leider  aus  allersicherster  Quelle  Kenntniß
von  den  schmutzigen  Untriguen  habe,  die  in  bewußtem  (5)  oder
unbewußtem  (2)  Verein  reudiger  Schafe  aus  der  Rechten  und
stänkriger  Böcke  aus  der  Linken  angestellt  werden,  um  meine
Absichten  zu  zerstöhren.  Es  ist  dies  ein  trauriger  Anblick  unter
allen  Verhältnissen,  einer  zum  Haar  Ausraufen“  aber  auf  dem
Felde  der  theuer  angeschafften  Lügen  Maschine  des  französischen
Constituzionalismus.  Gott  bessr’  es!  Amen.

Friedrich  Wilhelm.“

Ich  schrieb  dem  General  Gerlach  y),  ich  sei  eins  der  jüngsten
Mitglieder  unter  diesen  Leuten.  Wenn  ich  die  Wünsche  Sr.
Mojestät  früher  gekannt  hätte,  hätte  ich  vielleicht  einen  Einfluß
gewinnen  können;  aber  der  Befehl  des  Königs,  von  mir  in
Berlin  ausgeführt  und  in  der  conservativen  Partei  beider
Häuser  vertreten,  würde  meine  parlamentarische  Stellung,  die
für  den  König  und  seine  Regirung  in  andern  Fragen  von
Nutzen  sein  könnte,  zerstören,  wenn  ich  rein  als  königlicher
Beauftragter,  ohne  eigne  Gedanken  zu  vertreten,  meinen  Ein-1)

  Am  23.  April  1852;  der  Brief  ist  bisher  im  Wortlaut  nicht  veröffentlicht;
  doch  vgl.  die  Aeußerung  in  dem  Briefe  vom  23.  April  an
Manteuffel  (Preußen  im  Bundestage  IV  72).
        <pb n="184" />
        160  Siebentes  Kapitel:  Unterwegs  zwischen  Frankfurt  und  Berlin.

 

fluß  in  der  kurzen  Frist  von  zwei  Tagen  verwerthen  sollte.
Ich  fragte  daher  an,  ob  ich  nicht  den  vom  Könige  erhaltnen
Auftrag,  mit  dem  Herzog  von  Augustenburg  zu  verhandeln  ½,
als  Grund  für  mein  Wegbleiben  von  dem  Landtage  geltend
machen  dürfte.  Ich  erhielt  durch  den  Telegraphen  die  Antwort,
mich  auf  das  Augustenburger  Geschäft  nicht  zu  berufen,  sondern
sofort  nach  Berlin  zu  kommen  5),  reiste  also  am  26.  April  ab.
Inzwischen  war  in  Berlin  auf  Betrieb  der  conservativen  Partei
ein  Beschluß  gefaßt  worden,  der  den  Absichten  des  Königs  zuwiderlies,
  und  der  von  Sr.  Majestät  unternommne  Feldzug
schien  damit  verloren  zu  sein.  Als  ich  mich  am  27.  bei  dem
General  von  Gerlach  in  dem  Flügel  des  Charlottenburger
Schlosses  neben  der  Wache  meldete,  vernahm  ich,,  daß  der
König  ungehalten  über  mich  sei,  weil  ich  nicht  sofort  abgereist
sei;  wenn  ich  gleich  erschienen  wäre,  so  würde  ich  den  Beschluß
haben  verhindern  können  :).  Gerlach  ging,  um  mich  zu  melden,
zum  Könige  und  kam  nach  ziemlich  langer  Zeit  zurück  mit  der
Antwort:  Se.  Majestät  wolle  mich  nicht  sehn,  ich  solle  aber
warten.  Dieser  in  sich  widersprechende  Bescheid  ist  charakteristisch
  für  den  König;  er  zürnte  mir  und  wollte  das  durch
Versagung  der  Audienz  zu  erkennen  geben,  aber  doch  auch  zugleich
  die  Wiederannahme  zu  Gnaden  in  kurzer  Frist  sicher
stellen.  Es  war  das  eine  Art  von  Erziehungsmethode,  wie
man  in  der  Schule  gelegentlich  aus  der  Klasse  gewiesen,  aber
wieder  hineingelassen  wurde.  Ich  war  gewissermaßen  im  Charlottenburger
  Schlosse  internirt,  ein  Zustand,  der  mir  durch  ein
gutes  und  elegant  servirtes  Frühstück  erleichtert  wurde.  Die
Einrichtung  des  Königlichen  Haushalts  außerhalb  Berlins,  vor-1)

  Es  handelte  sich  um  den  Verzicht  des  Herzogs  Christian  August
von  Augustenburg  auf  sein  Erbrecht  in  Dänemark.

:)  Vgl.  die  Depeschen  im  Anhang  zu  den  Gedanken  und  Erinnerungen
  II  61  f.

*!)  Vgl.  Gerlach's  Denkwürdigkeiten  1  754.  756.
        <pb n="185" />
        Bismarck  in  Ungnade  bei  Friedrich  Wilhelm  IV.  161

 

zugsweise  in  Potsdam  und  Charlottenburg,  war  die  eines
Grand  Seigneur  auf  dem  Lande.  Man  wurde  bei  jeder  Anwesenheit
  zu  den  üblichen  Zeiten  nach  Bedarf  verpflegt,  und
wenn  man  zwischen  diesen  Zeiten  einen  Wunsch  hatte,  auch
dann.  Die  Wirthschaftsführung  war  allerdings  nicht  auf  russischem
  Fuße,  aber  doch  durchaus  vornehm  und  reichlich  nach
unsern  Begriffen,  ohne  in  Verschwendung  auszuarten.

Nach  etwa  einer  Stunde  wurde  ich  durch  den  Adjutanten
vom  Dienst  zum  Könige  berufen  und  etwas  kühler  als  sonst,
aber  doch  nicht  so  ungnädig  empfangen,  wie  ich  befürchtet  hatte.
Se.  Majestät  hatte  erwartet,  daß  ich  auf  die  erste  Anregung
erscheinen  würde,  und  darauf  gerechnet,  daß  ich  im  Stande  sein
würde,  in  den  24  Stunden  bis  zur  Abstimmung  die  conservative
  Fraction  wie  auf  militärisches  Commando  Kehrt  machen
und  in  des  Königs  Richtung  einschwenken  zu  lassen.  Ich  setzte
auseinander,  daß  damit  mein  Einfluß  auf  die  Fraction  über=  und
die  Unabhängigkeit  derselben  unterschätzt  werde.  Ich  hätte  in
dieser  Frage  persönlich  keine  Ueberzeugung,  die  der  des  Königs
entgegenstände,  und  sei  bereit,  die  letztre  bei  meinen  Fractions-=genossen
  zu  vertreten,  wenn  er  mir  Zeit  dazu  lassen  wolle  und
geneigt  sei,  seine  Wünsche  in  neuer  Gestalt  nochmals  geltend
zu  machen.  Der  König,  sichtlich  versöhnt,  ging  darauf  ein  und
entließ  mich  mit  dem  Auftrage,  Propaganda  für  seinen  Plan
zu  machen.  Letztres  geschah  mit  mehr  Erfolg,  als  ich  selbst  erwartet
  hatte;  der  Widerspruch  gegen  die  Umgestaltung  der
Körperschaft  hatte  nur  die  Führer  der  Fraction  zu  Trägern,
und  seine  Nachhaltigkeit  beruhte  nicht  auf  der  Ueberzeugung
der  Gesammtheit,  sondern  auf  der  Autorität,  welche  in  jeder
Fraction  die  anerkannten  Leiter  zu  haben  pflegen  —  und  nicht
mit  Unrecht,  da  sie  in  der  Regel  die  besten  Redner  und  gewöhnlich
  die  einzigen  arbeitsamen  Geschäftsleute  sind  und  den
Uebrigen  die  Mühe  abnehmen,  die  vorkommenden  Fragen  zu
studiren.  Ein  Opponent  in  der  Fraction,  der  nicht  das  Pleiche

Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.
        <pb n="186" />
        162  Siebentes  Kapitel:  Unterwegs  zwischen  Frankfurt  und  Berlin.

 

Ansehn  hat,  wird  von  dem  Fractionsführer,  welcher  gewöhnlich
der  schlagfertigere  Redner  ist,  sehr  leicht  in  einer  Weise  abgeführt,
  welche  ihm  für  die  Zukunft  die  Lust  zur  Auflehnung
benimmt,  wenn  er  nicht  mit  einem  Mangel  an  Schüchternheit
begabt  ist,  der  bei  uns  grade  in  den  Klassen,  denen  die  Conservativen
  meistens  angehören,  nicht  häufig  ist.

Ich  fand  unfre  damals  zahlreiche,  ich  glaube  über  100  Köpfe
starke  Fraction  unter  dem  Banne  der  von  den  Führern  festgelegten
  politischen  Sätze.  Ich  selbst  hatte  mich,  seit  ich  mich
in  Frankfurt  auf  der  Defensive  gegen  Oestreich,  also  auf  einem
von  der  Fractionsleitung  nicht  gebilligten  Wege  befand,  von
derselben  einigermaßen  emancipirt,  und  obschon  in  dieser  Frage
unser  Verhältniß  zu  Oestreich  nicht  im  Spiele  war,  so  hatte
die  Meinungsverschiedenheit  über  dieses  Verhältniß  meinen
Glauben  an  die  Fractionsleitung  überhaupt  erschüttert.  Indessen
  überraschte  mich  doch  die  sofortige  Wirkung,  welche  mein
Plaidoyer  nicht  sowohl  für  die  vorliegende  Auffassung  des
Königs  als  für  das  Zusammenhalten  mit  ihm  hatte.  Die
Fractionsleitung  blieb  bei  der  Abstimmung  isolirt;  fast  die
gesammte  Fraction  war  bereit,  dem  Könige  auf  seinem  Wege
zu  folgen.

Wenn  ich  heut  auf  diese  Vorgänge  zurückblicke,  so  scheint
es  mir,  daß  die  drei  oder  sechs  Führer,  gegen  welche  ich  die
conservative  Fraction  aufwiegelte,  im  Grunde  dem  Könige
gegenüber  Recht  hatten.  Die  erste  Kammer  war  zur  Lösung
der  Aufgaben,  welche  einer  solchen  im  constitutionellen  Leben
zufallen,  befähigter  als  das  heutige  Herrnhaus.  Sie  genoß
in  der  Bevölkerung  eines  Ansehns,  welches  das  Herrnhaus
sich  bisher  nicht  erworben  hat.  Das  letztre  hat  zu  einer  hervorragenden
  politischen  Leistung  nur  in  der  Conflictszeit  Gelegenheit
  gehabt  und  sich  damals  durch  die  furchtlose  Treue,
mit  der  es  zur  Monarchie  stand,  auf  dem  defensiven  Gebiete
der  Aufgabe  eines  Oberhauses  völlig  gewachsen  gezeigt.  Es
        <pb n="187" />
        Erste  Kammer  oder  Herrenhaus?  163

 

ist  wahrscheinlich,  daß  es  in  kritischen  Lagen  der  Monarchie
dieselbe  tapfre  Festigkeit  beweisen  wird.  Ob  es  aber  für  Verhütung
  solcher  Krisen  in  den  scheinbar  friedlichen  Zeiten,  in
denen  sie  sich  vorbereiten  können,  denselben  Einfluß  ausüben
wird,  wie  jene  Erste  Kammer  gethan  hat,  ist  mir  zweifelhaft.
Es  verräth  einen  Fehler  in  der  Constitution,  wenn  ein  Oberhaus
  in  der  Einschätzung  der  öffentlichen  Meinung  ein  Organ
der  Regirungspolitik  oder  selbst  der  königlichen  Politik  wird.
Nach  der  preußischen  Verfassung  hat  der  König  mit  seiner  Regirung
  an  und  für  sich  einen  gleichwerthigen  Antheil  an  der
Gesetzgebung  wie  jedes  der  beiden  Häuser;  er  hat  nicht  nur
sein  volles  Veto,  sondern  die  ganze  vollziehende  Gewalt,  vermöge
  deren  die  Initiative  in  der  Gesetzgebung  factisch  und  die
Ausführung  der  Gesetze  auch  rechtlich  der  Krone  zufällt.  Das
Königthum  ist,  wenn  es  sich  seiner  Stärke  bewußt  ist  und  den
Muth  hat,  sie  anzuwenden,  mächtig  genug  für  eine  verfassungsmäßige
  Monarchie,  ohne  eines  ihm  gehorsamen  Herrnhauses
als  einer  Krücke  zu  bedürfen.  Auch  wenn  das  Herrnhaus  in
der  Conflictszeit  sich  für  die  ihm  zugehenden  Etatsgesetze  die
Beschlüsse  des  Abgeordnetenhauses  angeeignet  hätte,  so  wäre
immer,  um  ein  Etatsgesetz  nach  Art.  99  zu  Stande  zu  bringen,
die  Zustimmung  des  dritten  Factors,  des  Königs,  unentbehrlich
gewesen,  um  dem  Etat  Gesetzeskraft  zu  geben.  Nach  meiner
Ueberzeugung  würde  König  Wilhelm  seine  Zustimmung  auch
dann  versagt  haben,  wenn  das  Herrnhaus  in  seinen  Beschlüssen
mit  dem  Abgeordnetenhause  übereingestimmt  hätte.  Daß  die
„Erste  Kammer“  das  gethan  haben  würde,  glaube  ich  nicht,
vermuthe  im  Gegentheil,  daß  ihre  durch  Sachlichkeit  und  Leidenschaftslosigkeit
  überlegnen  Debatten  schon  viel  früher  auf  das
Abgeordnetenhaus  mäßigend  eingewirkt  und  dessen  Ausschreitungen
  zum  Theil  verhindert  haben  würden.  Das  Herrnhaus
hatte  nicht  dasselbe  Schwergewicht  in  der  öffentlichen  Meinung,
man  war  geneigt,  in  ihm  eine  Doublüre  der  Regirungsgewalt
        <pb n="188" />
        164  Siebentes  Kapitel:  Unterwegs  zwischen  Frankfurt  und  Berlin.

 

und  eine  parallele  Ausdrucksform  des  königlichen  Willens
zu  sehn.

Ich  war  schon  damals  solchen  Erwägungen  nicht  unzugänglich,
  hatte  im  Gegentheil  dem  Könige  gegenüber,  als  er  seinen
Plan  wiederholt  mit  mir  besprach,  lebhaft  befürwortet,  neben
einer  gewissen  Anzahl  erblicher  Mitglieder  den  Hauptbestand
des  Herrnhauses  aus  Wahlcorporationen  hervorgehn  zu  lassen,
deren  Unterlage  die  12000  oder  13000  Rittergüter,  vervollständigt
  durch  gleichwerthigen  Grundbesitz,  durch  die  Magistrate
bedeutender  Städte  und  die  Höchstbesteuerten  ohne  Grundbesitz
nach  einem  hohen  Census  abgeben  sollten,  und  daß  der  nichterbliche
  Theil  der  Mitglieder  ebenso  wie  die  des  Abgeordnetenhauses
  der  Wahlperiode  und  der  Auflösung  unterliegen  sollte.
Der  König  wies  diese  Ansichten  so  weit  und  geringschätzig  von
sich,  daß  ich  jede  Hoffnung  auf  eingehende  Erörterung  derselben
aufgeben  mußte.  Auf  dem  mir  neuen  Gebiete  der  Gesetzgebung
  hatte  ich  damals  nicht  die  Sicherheit  des  Glaubens  an
die  Richtigkeit  eigner  Auffassungen,  welche  erforderlich  gewesen
wäre,  um  mich  in  den  mir  gleichfalls  neuen  unmittelbaren  Beziehungen
  zu  dem  Könige  und  in  den  Rücksichten  auf  meine
amtliche  Stellung  zum  Festhalten  an  abweichenden  eignen  Ansichten
  in  Verfassungsfragen  zu  ermuthigen.  Um  mich  dazu
unter  Umständen  berechtigt  und  verpflichtet  zu  fühlen,  hätte  ich
einer  längern  Erfahrung  in  Staatsgeschäften  bedurft,  als  ich
damals  besaß.  Wenn  es  sich  20  Jahre  später  um  die  Beibehaltung
  der  Ersten  Kammer  oder  Verwandlung  derselben
in  das  Herrnhaus  gehandelt  hätte,  so  würde  ich  aus  der  ersten
Alternative  eine  Cabinetsfrage  gemacht  haben.

4.

Die  Haltung,  welche  ich  in  der  conservativen  Fraction  angenommen
  hatte,  griff  störend  in  die  Pläne  ein,  die  der  König
mit  mir  hatte  oder  zu  haben  behauptete.  Als  er  zu  Anfang
        <pb n="189" />
        Gegenströmungen  in  der  conservativen  Partei.  165

 

des  Jahres  1854  das  Ziel,  mich  zum  Minister  zu  machen,
directer  in's  Auge  zu  fassen  begann,  wurde  seine  Absicht  nicht
nur  von  Manteuffel  bekämpft,  sondern  auch  von  der  Camarilla,
deren  Hauptpersonen  der  General  Gerlach  und  Niebuhr  waren.
Diese,  ebenso  wie  Manteuffel,  waren  nicht  geneigt,  den  Einfluß
auf  den  König  mit  mir  zu  theilen,  und  glaubten  sich  mit  mir
im  täglichen  Zusammenleben  nicht  so  gut  wie  in  der  Entfernung
  zu  vertragen.  Gerlach  wurde  in  dieser  Voraussetzung
bestärkt  durch  seinen  Bruder,  den  Präsidenten,  der  die  Gewohnheit
  hatte,  mich  als  einen  Pilatus-Charakter  zu  bezeichnen
auf  der  Basis:  Was  ist  Wahrheit?  !)  —  also  als  einen  unsichern
Fractionsgenossen.  Dieses  Urtheil  über  mich  kam  auch  in  den
Kämpfen  innerhalb  der  conservativen  Fraction  und  ihres  intimern
  Comités  mit  Schärfe  zum  Ausdruck,  als  ich,  auf  Grund
meiner  Stellung  als  Bundestagsgesandter  und  weil  ich  im
Besitz  des  Vortrags  bei  dem  Könige  über  die  deutschen  Angelegenheiten
  sei,  einen  größern  Einfluß  auf  die  Haltung  der
Fraction  in  der  deutschen  und  der  auswärtigen  Politik  verlangte,
  während  der  Präsident  Gerlach  und  Stahl  die  absolute
Gesammtleitung  nach  allen  Seiten  hin  in  Anspruch  nahmen.
Ich  befand  mich  im  Widerspruche  mit  Beiden,  mehr  aber  mit
Gerlach  als  mit  Stahl,  und  der  Erstre  erklärte  schon  damals,
vorauszusehn,  daß  unfre  Wege  sich  trennen  und  wir  als  Gegner
enden  würden.  —  In  Uebereinstimmung  habe  ich  mich  in  den
wechselnden  Phasen  der  conservativen  Fraction  stets  mit  Below-Hohendorf
  und  Alvensleben-Erxleben  befunden.

Im  Winter  1853  zu  1854  ließ  mich  der  König  wiederholt
kommen  und  hielt  mich  oft  lang  fest;  ich  verfiel  dadurch  äußerlich
  in  die  Kategorie  der  Streber,  die  am  Sturze  Manteuffel's
arbeiteten,  den  Prinzen  von  Preußen  gegen  seinen  Bruder
einzunehmen,  für  sich  Stellen  oder  wenigstens  Aufträge  heraus-1)

  S.  v.  S.  153  Anm.  3.
        <pb n="190" />
        166  Siebentes  Kapitel:  Unterwegs  zwischen  Frankfurt  und  Berlin.

zuschlagen  suchten  und  dann  und  wann  von  dem  Könige  als
Rivalen  Manteuffel's  cum  spe  succedendi!)  behandelt  wurden.
Nachdem  ich  mehrmals  von  dem  Könige  gegen  Manteuffel  in
der  Weise  ausgespielt  worden  war,  daß  ich  Gegenentwürfe  von
Depeschen  zu  machen  hatte,  bat  ich  Gerlach,  den  ich  in  einem
kleinen  Vorzimmer  neben  dem  Cabinet  des  Königs  in  dem
längs  der  Spree  hinlaufenden  Flügel  des  Schlosses  fand,  mir
die  Erlaubniß  zur  Rückkehr  nach  Frankfurt  zu  erwirken.  Gerlach
trat  in  das  Cabinet  und  sprach,  der  König  rief:  „Er  soll  in
des  Teufels  Namen  warten,  bis  ich  ihm  befehle  abzureisen!“
Als  Gerlach  herauskam,  sagte  ich  lachend,  ich  hätte  den  Bescheid
schon.  Ich  blieb  also  noch  eine  Zeit  lang  in  Berlin.  Als  es
endlich  zur  Abreise  kam,  hinterließ  ich  den  Entwurf  eines  eigenhändigen,
  von  dem  Könige  an  den  Kaiser  Franz  Joseph  zu
richtenden  Schreibens,  den  ich  auf  Befehl  Seiner  Mojestät
ausgearbeitet  und  den  Manteuffel  dem  Könige  vorzulegen  übernommen
  hatte,  nachdem  er  sich  mit  mir  über  den  Inhalt  verständigt
  haben  würde.  Der  Schwerpunkt  lag  in  dem  Schlußsatze,
  aber  auch  ohne  diesen  bildete  der  Entwurf  ein  abgerundetes
  Aktenstück,  freilich  von  wesentlich  modificirter  Tragweite.
Ich  bat  den  Flügeladjutanten  vom  Dienst  unter  Mittheilung
einer  Abschrift  des  Concepts,  den  König  darauf  aufmerksam
zu  machen,  daß  der  Schlußsatz  das  entscheidende  Stück  des  Erlasses
  sei.  Diese  Vorsichtsmaßregel  war  im  Auswärtigen  Amte
nicht  bekannt;  die  Collationirung  im  Schlosse  ergab,  daß,  wie
ich  befürchtet  hatte,  das  Concept  geändert  und  der  östreichischen
Politik  näher  gerückt  war.  Während  des  Krimkriegs  und  der
vorangegangnen  Verhandlungen  drehten  sich  die  Kämpfe  in  den
Regirungskreisen  häufig  um  eine  westmächtlich-östreichische  oder
eine  russische  Phrase,  die,  kaum  geschrieben,  keine  praktische  Bedeutung
  mehr  hatte.

1)  Mit  der  Hoffnung  auf  Nachfolge.
        <pb n="191" />
        Bismarck  als  Redactor  diplomatischer  Depeschen.  167

Um  eine  ernstre,  in  den  Verlauf  der  Dinge  eingreifende
Frage  der  Redaction  handelte  es  sich  im  September  1854.
Der  König  befand  sich  in  Rügen;  ich  war  aus  dem  Wege  von
Frankfurt  nach  Reinfeld,  wo  meine  Frau  krank  lag,  als  (lam
29.  August)  in  Stettin  ein  höherer  Postbeamter,  der  angewiesen
war,  auf  mich  zu  fahnden,  mir  eine  Einladung  des  Königs
nach  Putbus  ausrichtete.  Ich  hätte  mich  gern  gedrückt  ½),  der
Postbeamte  aber  begriff  nicht,  wie  ein  Mann  von  altem  preußischen
  Schlage  sich  einer  solchen  Aufforderung  entziehn  wolle.
Ich  ging  nach  Rügen,  nicht  ohne  Sorge  vor  neuen  Zumuthungen,
Minister  zu  werden  und  dadurch  in  unhaltbare  Beziehungen
zum  Könige  zu  gerathen.  Der  König  empfing  mich  (am
30.  August)  gnädig  und  setzte  mich  von  einer  vorliegenden
Meinungsverschiedenheit  über  die  durch  den  Rückzug  der  Russen
aus  den  Donaufürstenthümern  entstandne  Situation  in  Kenntniß.
  Es  handelte  sich  um  die  Depesche  des  Grafen  Buol  vom
14.  September  und  einen  von  Manteuffel  vorgelegten  Entwurf
einer  Antwort,  den  der  König  zu  östreichisch  fand.  Auf  Befehl
machte  ich  einen  andern  Entwurf,  der  von  Sr.  Mgcjestät  genehmigt
  und  nach  Berlin  geschickt  wurde,  um  im  Widerspruch
mit  dem  leitenden  Minister  zunächst  an  den  Grafen  Arnim  in
Wien  gesandt  und  dann  den  deutschen  Regirungen  mitgetheilt
zu  werden  &amp;amp;)2).  Die  durch  Annahme  meines  Entwurfs  be-X)

  Sie  ist  vom  21.  Sept.  datirt  und  in  Jasmund  1  363  ff.  abgedruckt.

1)  Vgl.  Bismarck's  Brief  an  Gerlach  vom  26.  August  1854  (Ausgabe
von  H.  Kohl)  S.  164:  „Es  heißt  hier,  M.  würde  am  selbigen  Tage  (27.)
nach  Putbus  gehn;  ich  würde  ihn  begleiten,  wenn  ich  es  wagte,  ungerufen
  die  geheiligten  Haine  zu  betreten.“  Die  sehr  dringend  gehaltene
Einladung  brachte  Gerlach's  Brief  vom  Sonntag  (27.  Aug.)  Nachmittags
3  Uhr,  Briefe  Gerlach's  an  Bismarck  S.  110.

:2)  Der  oben  mitgetheilte  Text  ist  der  des  Entwurfs  bis  auf  die  beiden
in  Klammern  gesetzten  Daten  des  29.  und  30.  August,  die  der  für  die
Ausgabe  von  1898  zu  Grunde  liegenden  Redaction  eingefügt  waren.
In  dieser  Redaction  steht  als  Datum  der  aufs  Rügen  zu  beantwortenden
Depesche  Buol's  der  10.  August  statt  des  im  Entwurfe  angegebenen
        <pb n="192" />
        168  Siebentes  Kapitel:  Unterwegs  zwischen  Frankfurt  und  Berlin.

 

kundete  Stimmung  des  Königs  zeigte  sich  auch  in  dem  Empfang
des  Grafen  Benckendorf,  der  mit  Briefen  und  mündlichen  Aufträgen
  in  Putbus  eintraf,  und  den  ich  mit  der  Nachricht  hatte

Datums  vom  14.  Sept.  Die  Note  des  Grafen  Buol  vom  10.  August  1854
ist  an  Rußland  gerichtet  (s.  Jasmund,  Aktenstücke  Bd.  I  S.  243  ff.
No.  CCXLIX),  die  Note  des  Grafen  Buol  vom  14.  September  an  die
kaiserlichen  Gesandten  in  Deutschland  (s.  Jasmund,  Aktenstücke  Bd.  I
359  ff.  No.  CCLVII);  auf  die  letztere  antwortete  die  preußische  Regirung
mit  einer  Depesche  vom  21.  September  (Jasmund,  Aktenstücke  Bd.  I
363  ff.  No.  CCLIX).  Diesem  letzteren  Notenwechsel  war  eine  Note  der
preußischen  Regirung  an  den  preußischen  Gesandten  zu  Wien  nebst  einem
von  da  aus  zu  versendenden  Rundschreiben  an  die  deutschen  Regirungen
  vom  3.  September  1854  vorausgegangen  (Jasmund,  Aktenstücke
Bd.  1  S.  354  ff.  No.  CCLIV),  das  zu  Rügen  am  30.  August  (vgl.  Gerlach,
Denkwürdigkeiten  II  209)  berathen  wurde.  —  Bismarck  verweilte  auf
Rügen  vom  30.  August  bis  1.  September;  vom  16.—20.  September  hielt
er  sich  auf  der  Rückreise  nach  Frankfurt  in  Berlin  auf.  Dort  —  nicht
auf  Rügen  —  verfaßte  er  nach  Gerlach's  Denkwürdigkeiten  auf  Wunsch
Manteuffels  die  vom  21.  September  datirte  und  in  Jasmund,  Aktenstücke
  Bd.  I  363  No.  CCLVIII  abgedruckte  Note  als  Antwort  auf  die
östreichische  Note  vom  14.  September.

Nach  zwei  Briefen  Bismarck's  an  Wentzel  vom  3.  und  9.  September
1854  (Bismarck-Jahrbuch  V  11  und  12)  hatte  man  sich  auf  Rügen  entschlossen,
  Oestreich  nur  beizustehn,  wenn  es  von  Rußland  angegriffen
würde,  ohne  daß  es  angefangen  habe,  auch  beschlossen,  dies  durch  Rundschreiben
  ausdrücklich  kund  zuthun.  Diese  Absicht  aber,  „sich  unumwunden
zu  erklären:  Beistand  gegen  unprovocirten  Angrif,s,  sonst  nichts  zu
gewähren“,  ist  in  dem  Rundschreiben  nicht  erfüllt  worden.  Sein  Tenor
ist  wesentlich  herabgestimmt:  statt  der  unumwundenen  Erklärung
an  Oestreich  lesen  wir  eine  Ermahnung,  nicht  aggressiv  zu  werden,
nicht  unzweideutige  Absage  für  den  Fall  der  Provocation  Rußlands.

Die  beiden  Briefe  Bismarck's  an  Wentzel  sind  in  der  Zeit  nach
Bismarck's  Abreise  von  Rügen  und  vor  seinem  Aufenthalte  in  Berlin
geschrieben;  Bismarck  wußte  von  den  weiteren  Vorgängen  am  königlichen
  Hofe  noch  nichts.  In  der  Abhandlung  von  A.  Eigenbrodt,  Friedrich
Wilhelm  IV.  und  Bismarck  während  des  Krimkriegs  (in  Eigenbrodt,  Otto
v.  Bismarck.  Streiszüge,  Betrachtungen  und  Untersuchungen,  Leipzig  1912)
wird  aus  den  beiden  Briefen,  verglichen  mit  dem  Texte  des  Rundschreibens
  vom  3.  September  1854,  gefolgert,  daß  man  zu  Rügen  von
dem  während  Bismarck's  Anwesenheit  beschlossenen  Standpunkte  wirklich
abrückte.  Da  der  Inhalt  des  Rundschreibens  nachweislich  zu  Rügen
        <pb n="193" />
        Bismarck  als  Redactor  diplomatischer  Depeschen.  169

 

empfangen  können,  daß  die  Engländer  und  Franzosen  in  der
Krim  gelandet  seien  !).  „Freut  mich,“  erwiderte  er,  „da  sind
wir  sehr  stark.“  Es  wurde  russische  Strömung.  Ich  glaubte,
politisch  meine  Schuldigkeit  gethan  zu  haben,  hatte  schlechte
Nachrichten  von  meiner  Frau  und  bat  um  die  Erlaubniß  abzureisen.
  Sie  wurde  mir  indirect  dadurch  verweigert,  daß  ich
auf  das  Gefolge  übertragen  wurde,  ein  hoher  Gunstbeweis.
Gerlach  warnte  mich,  ihn  nicht  zu  überschätzen.  „Bilden  Sie
sich  nur  nicht  ein,“  sagte  er,  „daß  Sie  politisch  geschickter  gewesen
  sind  als  wir.  Sie  sind  augenblicklich  in  Gunst,  und  der
König  schenkt  Ihnen  die  Depesche,  wie  er  einer  Dame  ein
Bouquet  schenken  würde.“

Wie  wahr  das  war,  erfuhr  ich  sofort,  aber  in  vollem  Umfang
  erst  später  nach  und  nach.  Als  ich  darauf  bestand,  abzuvor

  der  Ankunft  Benckendorfs  festgestellt  wurde,  das  vorliegende  Rundschreiben
  aber  ausführlich  auf  Thatsachen  eingeht,  die  erst  Benckendorf
dem  preußischen  Hofe  überbrachte,  so  schließt  der  Verfasser  weiter,  daß
das  ursprüngliche  Rundschreiben  wirklich,  wie  Bismarck  erzählt,  nach
seiner  Abreise  verändert  worden  ist.  —  Als  die  auf  Rügen  zu  beantwortende
  Note  Buol's  sieht  der  Verfasser  eine  Note  an,  die  Graf  Esterhazy
  zu  Berlin  in  der  letzten  Augustwoche  dem  Minister  Manteuffel
nachweislich  vorlas  und  auf  welche  Manteuffel  nachweislich  eine  Antwortnote
  abfaßte.  Diese  Antwortnote  Manteuffel'§  war  es  vermuthlich,
die  der  König  zu  östreichisch  fand,  so  daß  er  Bismarck  die  Abfassung
eines  Rundschreibenentwurfs  übertrug.  Nach  Ansicht  des  Verfassers  ist
das  Schwanken  der  Datumangaben  für  die  zu  beantwortende  Note
Buol's  lediglich  auf  die  Nachforschung  nach  dieser  Note  in  Geschichtswerken
  zurückzuführen.  Die  Note  Buol's  aber  ist,  da  sie  zum  Vorlesen
bestimmte  Note,  nicht  eingehändigtes  Schreiben  war,  weder  dem  Sammelwerk
  von  Jasmund  noch  andern  Werken  einverleibt  worden.  Auf  das
Notenpaar  vom  14.  und  21.  September  kann  Fürst  Bismarck  dadurch
verfallen  sein,  daß  er  die  Antwortnote  vom  21.  September  zu  Berlin
ebenfalls  verfaßt  hatte,  ihr  Inhalt  also  ihm  beim  Durchlesen  Erinnerungen
  auslösen  mußte.

1)  Die  Landung  erfolgte  erst  am  14.  Sept.;  am  5.  fuhr  die  englischfranzösische
  Flotte  von  Varna  aus;  vgl.  Lenz,  Zur  Kritik  der  Gedanken
und  Erinnerungen  S.  46  ff.
        <pb n="194" />
        170  Siebentes  Kapitel:  Unterwegs  zwischen  Frankfurt  und  Berlin.

 

reisen,  und  in  der  That  (am  1.  September)  7  abreiste,  erfolgte
eine  ernste  Ungnade  des  Königs;  mir  wäre  meine  Häuslichkeit
doch  mehr  werth  als  das  ganze  Reich,  hatte  er  zu  Gerlach
gesagt.  Mein  beifällig  ausgenommener  Depeschen-Entwurf
wurde  telegraphisch  angehalten  und  dann  geändert.  Aber  wie
tief  die  Verstimmung  gegangen  war,  wurde  mir  erst  während
und  nach  meiner  Pariser  Reise  klar?).

1)  Auch  dieses  Datum  ist  wie  die  andern  erst  in  der  Redaction  von
1898  zugefügt  worden.

?  Die  beiden  letzten  Sätze  des  Abschnitts  sind  hier  in  die  richtige
Gedankenfolge  gebracht.  Der  jetzige  Schlußsatz  soll  auf  das  folgende
Kapitel  überleiten.  —  Beweis  für  die  Ungnade  des  Königs  ist  die  Nichteinladung
  Bismarck's  zur  Hofjagd,  worüber  dieser  im  Briefe  an  Gerlach
vom  18.  Oct.  1854  klagt  (Briefe  B.'s  an  G.  S.  174);  vgl.  auch  die  Briefe
Bismarck's  an  Gerlach  vom  7.  October  1855  (a.  a.  O.  S.  248  ff.)  und
Bismarck's  Klage  im  Briefe  an  Gerlach  vom  31.  October  1855,  daß  er
gar  nicht  mehr  zur  Letzlinger  Jagd  eingeladen  werde  (a.  a.  O.  S.  258).
        <pb n="195" />
        Achtes  Kapitel.
Besuch  in  Paris.
1.

Im  Sommer  1855  lud  unser  Gesandter  in  Paris,  Graf
Hatzfeldt,  mich  zum  Besuche  der  Industrie-Ausstellung  ein  ½;
er  theilte  noch  den  damals  in  diplomatischen  Kreisen  verbreiteten
  Glauben,  daß  ich  ehestens  der  Nachfolger  Manteuffel's
im  Auswärtigen  Amt  werden  würde.  Wenn  der  König  sich
mit  einem  solchen  Gedanken  abwechselnd  getragen  hatte,  so
wußte  man  in  intimen  Hofkreisen  doch  damals  schon,  daß  eine
Wandlung  vorgegangen  sei.  Der  Graf  Wilhelm  Redern,  den
ich  in  Paris  traf,  sagte  mir,  die  Gesandten  glaubten  noch
immer,  daß  ich  zum  Minister  bestimmt  sei,  er  selbst  habe  das
auch  geglaubt;  aber  die  Stimmung  des  Königs  sei  umgeschlagen,
  Näheres  wisse  er  nicht.  —  Wohl  seit  Rügen  ?.

Der  15.  August,  Napoleonstag,  wurde  u.  A.  dadurch  gefeiert,
  daß  man  russische  Gefangne  durch  die  Straßen  führte.
Am  19.  traf  die  Königin  von  England  ein,  der  zu  Ehren  am
25.  August  ein  großes  Ballfest  in  Versailles  stattfand,  auf  dem
ich  ihr  und  dem  Prinzen  Albert  vorgestellt  wurde.

Der  Prinz  in  seiner  schwarzen  Uniform,  schön  und  kühl,
sprach  höflich  mit  mir,  aber  in  seiner  Haltung  lag  eine  gewisse
übelwollende  Neugier,  aus  der  ich  abnahm,  daß  ihm  meine
antiwestmächtliche  Einwirkung  auf  den  König  nicht  unbekannt
war.  Nach  der  ihm  eignen  Sinnesweise  suchte  er  die  Beweg-1)

  S.  Bismarck-Jahrbuch  III  86f.

:)  Die  Worte:  „Wohl  seit  Rügen“  enthalten  die  Vermuthung  Bismarcks.
  Um  dies  deutlicher  zu  machen,  habe  ich  die  Worte  vom  vorhergehenden
  Satze  durch  Gedankenstrich  getrennt.  H.  K.
        <pb n="196" />
        172  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

 

gründe  meines  Verhaltens  nicht  da,  wo  sie  lagen,  nämlich  in
dem  Interesse  an  der  Unabhängigkeit  meines  Vaterlandes  von
fremden  Einflüssen,  Einflüssen,  die  in  unsrer  kleinstädtischen
Verehrung  für  England  und  Furcht  vor  Frankreich  einen  empfänglichen
  Boden  fanden,  sowie  in  dem  Wunsche,  uns  von  einem
Kriege  freizuhalten,  den  wir  nicht  in  unserm  Interesse,  sondern
in  Abhängigkeit  von  östreichischer  und  englischer  Politik  geführt
haben  würden.  In  den  Augen  des  Prinzen  war  ich,  was  ich
natürlich  nicht  dem  momentanen  Eindruck  bei  meiner  Vorstellung,
  sondern  anderweitiger  Sach=  und  Aktenkunde  entnahm,
ein  reactionärer  Parteimann,  der  sich  auf  die  Seite  Rußlands
stellte,  um  eine  absolutistische  und  Junker-Politik  zu  fördern.
Es  konnte  nicht  befremden,  daß  diese  Ansicht  des  Prinzen  und
der  damaligen  Parteigenossen  des  Herzogs  von  Coburg  sich
auf  die  Tochter  des  Erstern,  welche  demnächst  unfre  Kronprinzessin
  wurde,  übertragen  hatte.

Schon  bald  nach  ihrer  Ankunft  in  Deutschland,  im  Februar
1858,  konnte  ich  durch  Mitglieder  des  königlichen  Hauses  und
aus  eignen  Wahrnehmungen  die  Ueberzeugung  gewinnen,  daß
die  Prinzessin  gegen  mich  persönlich  voreingenommen  war.
Ueberraschend  war  mir  dabei  nicht  die  Thatsache,  wohl  aber
die  Form,  wie  ihr  damaliges  Vorurtheil  gegen  mich  im  engen
Familienkreise  zum  Ausdruck  gekommen  war:  sie  traue  mir
nicht.  Auf  Abneigung  wegen  meiner  angeblich  anti-englischen
Gesinnung  und  wegen  Ungehorsams  gegen  englische  Einflüsse
war  ich  gefaßt;  daß  die  Frau  Prinzessin  sich  aber  in  der  Folgezeit
  bei  der  Beurtheilung  meiner  Persönlichkeit  von  weitergehenden
  Verleumdungen  beeinflussen  ließ,  mußte  ich  vermuthen,
als  sie  in  einem  Gespräche,  das  sie  mit  mir,  ihrem  Tischnachbar,
  nach  dem  1866er  Kriege  führte,  in  halb  scherzendem  Tone
sagte:  ich  hätte  den  Ehrgeiz,  König  zu  werden  oder  tbenigstens
Präsident  einer  Republik.  Ich  antwortete  in  demselben  halb
scherzenden  Tone,  ich  sei  für  meine  Person  zum  Republikaner
        <pb n="197" />
        Begegnung  mit  Prinz  Albert  u.  Königin  Victoria.  Prinzessin  Victoria.  173

verdorben,  in  den  royalistischen  Traditionen  der  Familie  aufgewachsen
  und  bedürse  zu  meinem  irdischen  Behagen  einer
monarchischen  Einrichtung,  dankte  aber  Gott,  daß  ich  nicht  dazu
  berufen  sei,  wie  ein  König  auf  dem  Präsentirteller  zu  leben,
sondern  bis  an  mein  Ende  ein  getreuer  Unterthan  des  Königs
zu  sein.  Daß  diese  meine  Ueberzeugung  aber  allgemein  erblich  sein
würde,  ließe  sich  nicht  verbürgen,  nicht  weil  die  Royalisten
ausgehn  würden,  sondern  vielleicht  die  Könige.  Pour  faire  un
civet,  il  faut  un  lièvyre,  et  pour  une  monarchie,  il  faut  un  roi  0.
Ich  könnte  nicht  dafür  gut  sagen,  daß  in  Ermanglung  eines
solchen  die  nächste  Generation  nicht  republikanisch  werden  könne.
Indem  ich  mich  so  äußerte,  war  ich  nicht  frei  von  Sorge  in
dem  Gedanken  an  einen  Thronwechsel  ohne  Uebergang  der
monarchischen  Traditionen  auf  den  Nachfolger.  Die  Prinzessin
vermied  indessen  jede  ernsthafte  Wendung  und  blieb  in  dem
scherzenden  Tone,  liebenswürdig  und  unterhaltend  wie  immer;
sie  machte  mir  mehr  den  Eindruck,  daß  sie  einen  politischen
Gegner  necken  wollte.

In  den  ersten  Jahren  meines  Ministeriums  habe  ich  noch
öfter  bei  ähnlichen  Tischgesprächen  beobachtet,  daß  es  der  Prinzessin
  Vergnügen  machte,  meine  patriotische  Empfindlichkeit
durch  scherzhafte  Kritik  von  Personen  und  Zuständen  zu  reizen.

Die  Königin  Victoria  sprach  auf  jenem  Balle  in  Verseailles
mit  mir  deutsch.  Ich  hatte  von  ihr  den  Eindruck,  daß  sie  in
mir  eine  merkwürdige,  aber  unsympathische  Persönlichkeit  sah,
doch  war  ihre  Tonart  ohne  den  Anflug  von  ironischer  Ueberlegenheit,
  den  ich  bei  dem  Prinzen  Albert  durchzufühlen  glaubte.
Sie  blieb  freundlich  und  höflich  wie  Jemand,  der  einen  wunderlichen
  Kauz  nicht  unfreundlich  behandeln  will  ?.

Bei  dem  Souper  war  mir  im  Vergleich  mit  Berlin  die

1)  Um  einen  Hasenpfeffer  zu  machen,  bedarf  man  eines  Hasens,  und
um  eine  Monarchie  zu  machen,  bedarf  man  eines  Königs.
:)  Vgl.  Brief  an  Frau  v.  Bismarck  vom  27.  August  1855  S.  367.
        <pb n="198" />
        174  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

 

Einrichtung  merkwürdig,  daß  die  Gesellschaft  in  drei  Klassen
mit  Abstufungen  in  dem  Menu  speiste  und  denjenigen  Gästen,
die  überhaupt  speisen  sollten,  die  Zusicherung  durch  Ueberreichung
einer  Karte  mit  der  Nummer  beim  Eintreten  gegeben  wurde.
Die  Karten  der  ersten  Klasse  enthielten  auch  den  Namen  der
an  dem  betreffenden  Tische  vorsitzenden  Dame.  Diese  Tische
waren  auf  15  bis  20  Personen  eingerichtet.  Ich  erhielt  beim
Eintreten  eine  solche  Karte  zu  dem  Tische  der  Gräfin  Walewska
  und  später  im  Saale  noch  zwei  von  zwei  andern  Patronesses-Damen
  der  Diplomatie  und  des  Hofes.  Es  war  also
kein  genauer  Plan  für  die  Placirung  der  Gäste  gemacht  worden.
Ich  wählte  den  Tisch  der  Gräfin  Walewska,  zu  deren  Departement
  ich  als  auswärtiger  Diplomat  gehörte  1).  Auf  dem
Wege  zu  dem  betreffenden  Saale  stieß  ich  auf  einen  preußischen
Offizier  in  der  Uniform  eines  Garde-Infanterie-Regiments,
der  eine  französische  Dame  führte  und  sich  in  lebhaftem  Streit
mit  einem  der  kaiserlichen  Haushofmeister  befand,  der  beide,
weil  sie  mit  Karten  nicht  versehn  waren,  nicht  passiren  lassen
wollte.  Nachdem  mir  der  Offizier  auf  mein  Befragen  die
Sachlage  erklärt  und  mir  die  Dame  als  eine  Herzogin  mit
italienischem  Titel  aus  dem  ersten  Empire  bezeichnet  hatte,
sagte  ich  dem  Hofbeamten,  ich  hätte  die  Karte  des  Herrn,  und
gab  ihm  eine  der  meinigen.  Der  Beamte  wollte  nun  aber  die
Dame  nicht  passiren  lassen,  ich  gab  daher  dem  Offizier  meine
zweite  Karte  für  seine  Herzogin.  Der  Beamte  bedeutete  mich,
omais  vous  ne  passerez  pas  sans  carte“;  als  ich  ihm  die  dritte
vorgezeigt  hatte,  machte  er  ein  verwundertes  Gesicht  und  ließ
uns  alle  drei  durch.  Ich  empfahl  meinen  beiden  Schützlingen,
sich  nicht  an  die  Tische  zu  setzen,  die  auf  den  Karten  angegeben
waren,  sondern  zu  sehn,  wo  sie  sonst  unterkämen,  habe  auch

1)  Ihr  Gatte,  der  Herzog  Walewski,  wurde  1855  in  das  Ministerium

des  Auswärtigen  berufen  und  leitete  1856  die  Verhandlungen  des  Pariser
Congresses.
        <pb n="199" />
        Ein  Souper  in  Versailles.  Pariser  Hofsitten.  175

keine  Reclamation  über  meine  Kartenvertheilung  zu  hören  bekommen.
  Die  Unregelmäßigkeit  war  so  groß,  daß  unser  Tisch
nicht  voll  besetzt  wurde,  was  sich  aus  dem  Mangel  einer  Verabredung
  der  dames  patronesses  erklärt.  Der  alte  Fürst  Pückler
hatte  entweder  keine  Karte  erhalten  oder  seinen  Tisch  nicht
finden  können;  nachdem  er  sich  an  mein  ihm  bekanntes  Gesicht
gewandt  hatte,  wurde  er  von  der  Gräfin  Walewska  auf  einen
der  leer  gebliebenen  Plätze  eingeladen.  Das  Souper  war  trotz
der  Dreitheilung  weder  nach  dem  Material  noch  nach  der  Zubereitung
  auf  der  Höhe  dessen,  was  in  Berlin  bei  ähnlichen
Massenfesten  geleistet  wird;  nur  die  Bedienung  war  ausreichend
und  prompt.

Am  auffallendsten  war  mir  der  Unterschied  in  den  Anordnungen
  für  die  Circulation.  Das  Versailler  Schloß  bietet
dafür  eine  viel  größre  Leichtigkeit  als  das  Berliner  vermöge
der  größern  Zahl  und,  abgesehn  von  dem  Weißen  Saale,  der
größern  Ausdehnung  der  Räume.  Hier  war  den  Soupirenden
Nro.  1  für  ihren  Rückzug  derselbe  Weg  angewiesen,  wie  den
Hungrigen  Nro.  2,  deren  stürmischer  Anmarsch  schon  eine
weniger  höfische  gesellschaftliche  Gewöhnung  verrieth.  Es  kamen
körperliche  Zusammenstöße  der  gestickten  und  bebänderten  Herrn
und  reich  eleganten  Damen  vor,  die  in  Handgreiflichkeiten  und
Verbalinjurien  übergingen,  wie  sie  bei  uns  im  Schlosse  unmöglich
  wären.  Ich  zog  mich  mit  dem  befriedigenden  Eindruck
zurück,  daß  trotz  alles  Glanzes  des  Kaiserlichen  Hofes  der  Hofdienst,
  die  Erziehung  und  die  Manieren  der  Hofgesellschaft  bei
uns  wie  in  Petersburg  und  Wien  höher  standen  als  in  Paris,
und  daß  die  Zeiten  hinter  uns  lagen,  da  man  in  Frankreich
und  am  Pariser  Hofe  eine  Schule  der  Höflichkeit  und  des  guten
Benehmens  durchmachen  konnte.  Selbst  die,  namentlich  im  Vergleich
  mit  Petersburg,  veraltete  Etikette  kleiner  deutscher  Höfe
war  würdevoller  als  die  imperialistische  Praxis.  Freilich  habe  ich
diesen  Eindruck  schon  unter  Louis  Philipp  gehabt,  während
        <pb n="200" />
        176  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

 

dessen  Regirung  es  in  Frankreich  gradezu  Mode  wurde,  sich
in  der  Richtung  übertriebener  Ungenirtheit  und  des  Verzichts
auf  Höflichkeit  besonders  gegen  Damen  hervorzuthun.  War
es  nun  auch  in  dieser  Beziehung  während  des  zweiten  Kaiserreichs
  besser  geworden,  so  blieben  doch  der  Ton  in  der  amtlichen
  und  höfischen  Gesellschaft  und  die  Haltung  des  Hofs  selbst
gegen  die  drei  östlichen  großen  Höfe  zurück.  Nur  in  den  der
amtlichen  Welt  fremden  legitimistischen  Kreisen  war  es  zur
Zeit  Louis  Philipp's  sowohl,  wie  Louis  Napoleon's  anders,
der  Ton  tadellos,  höflich  und  gastlich,  mit  gelegentlichen  Ausnahmen
  der  jüngern,  mehr  verpariserten  Herrn,  die  ihre  Gewohnheiten
  nicht  der  Familie,  sondern  dem  Club  entnahmen.

Der  Kaiser,  den  ich  bei  meiner  damaligen  Anwesenheit  in
Paris  zum  ersten  Male  sah,  hat  mir  bei  verschiednen  Besprechungen
  damals  nur  in  allgemeinen  Worten  seinen  Wunsch
und  seine  Absicht  im  Sinne  einer  französisch-preußischen  Intimität
  zu  erkennen  gegeben.  Er  sprach  davon,  daß  diese  beiden
benachbarten  Staaten,  die  vermöge  ihrer  Bildung  und  ihrer
Einrichtungen  an  der  Spitze  der  Civilisation  ständen,  auf  einander
  angewiesen  seien.  Eine  Neigung,  Beschwerden,  die  durch
unfre  Verweigerung  des  Anschlusses  an  die  Westmächte  hervorgerufen
  wären,  mir  gegenüber  zum  Ausdruck  zu  bringen,  stand
nicht  im  Vordergrunde.  Ich  hatte  das  Gefühl,  daß  der  Druck,
den  England  und  Oestreich  in  Berlin  und  Frankfurt  ausübten,
  um  uns  zu  Kriegsdiensten  im  westmächtlichen  Lager  zu
nöthigen,  sehr  viel  stärker,  man  könnte  sagen,  leidenschaftlicher
und  gröber  war  als  die  in  wohlwollender  Form  mir  kund
gegebenen  Wünsche  und  Versprechungen,  mit  denen  der  Kaiser
unfre  Verständigung  speciell  mit  Frankreich  befürwortete.  Er
war  für  unfre  Sünden  gegen  die  westmächtliche  Politik  viel
nachsichtiger  als  England  und  Oestreich.  Er  sprach  nie  Deutsch
mit  mir,  auch  später  nicht.

Daß  mein  Besuch  in  Paris  am  heimathlichen  Hofe  miß-
        <pb n="201" />
        Unterredung  mit  Napoleon  III.  Verstimmung  des  Königs.  177

 

fallen  und  die  gegen  mich  bereits  vorhandne  Verstimmung  besonders
  bei  der  Königin  Elisabeth  gesteigert  hatte,  konnte  ich
Ende  September  desselben  Jahres  wahrnehmen.  Während  der
König  die  Rheinreise  zum  Dombaufest  nach  Köln  machte,  meldete
ich  mich  in  Coblenz  und  wurde  mit  meiner  Frau  von  dem
Könige  zur  Mitfahrt  nach  Köln  auf  dem  Dampfsschiff  eingeladen,
meine  Frau  aber  von  der  Königin  an  Bord  und  in  Remagen
ignorirt  1).  Der  Prinz  von  Preußen,  der  das  bemerkt  hatte,
gab  meiner  Frau  den  Arm  und  führte  sie  zu  Tisch.  Nach  Aufhebung
  der  Tafel  bat  ich  um  die  Erlaubniß,  nach  Frankfurt
zurückzukehren,  die  ich  erhielt.

Erst  im  folgenden  Winter,  während  dessen  der  König  sich
mir  wieder  genähert  hatte,  fragte  er  mich  einmal  bei  Tafel
quer  über  den  Tisch  nach  meiner  Meinung  über  Louis  Napoleon;
  sein  Ton  war  ironisch.  Ich  antwortete:  „Ich  habe  den
Eindruck,  daß  der  Kaiser  Napoleon  ein  gescheidter  und  liebenswürdiger
  Mann,  aber  so  klug  nicht  ist,  wie  die  Welt  ihn  schätzt,
die  alles,  was  vorgeht,  auf  seine  Rechnung  schreibt,  und  wenn
es  in  Ostasien  zur  unrechten  Zeit  regnet,  das  aus  einer  übelwollenden
  Machination  des  Kaisers  erklären  will.  Man  hat
sich  besonders  bei  uns  daran  gewöhnt,  ihn  als  eine  Art  génie
du  mal?)  zu  betrachten,  das  immer  nur  darüber  nachdenke,
wie  es  in  der  Welt  Unfug  anrichten  könne  3).  Ich  glaube,  daß
er  froh  ist,  wenn  er  etwas  Gutes  in  Ruhe  genießen  kann;
sein  Verstand  wird  auf  Kosten  seines  Herzens  überschätzt;  er
ist  im  Grunde  gutmüthig,  und  es  ist  ihm  ein  ungewöhnliches
Maß  von  Dankbarkeit  für  jeden  geleisteten  Dienst  eigen.“

Der  König  lachte  dazu  in  einer  Weise,  die  mich  verdroß
und  zu  der  Frage  veranlaßte,  ob  ich  mir  gestatten  dürfe,  die

1)  Vgl.  Bismarck's  Briefe  an  den  General  L.  v.  Gerlach  S.  248  f.

2)  Böser  Geist.

:)  Vgl.  die  Aeußerung  Bismarck's  in  der  Reichstagsrede  vom  8.  Januar
  1885,  Politische  Reden  X  373.

Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  12
        <pb n="202" />
        178  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

 

augenblicklichen  Gedanken  Sr.  Majestät  zu  errathen.  Der
König  bejahte,  und  ich  sagte:

„General  von  Canitz  hielt  den  jungen  Offizieren  in  der
Kriegsakademie  Vorträge  über  Napoleon's  Feldzüge.  Ein  strebsamer
  Zuhörer  fragte  ihn,  warum  Napoleon  diese  oder  jene
Bewegung  unterlassen  haben  könne.  Canitz  antwortete:  „Ja,
sehn  Sie,  wie  dieser  Napoleon  eben  war,  ein  seelensguter
Kerl,  aber  dumm,  dumm“  —  was  natürlich  die  große  Heiterkeit
  der  Kriegsschüler  erregte.  Ich  fürchte,  daß  Eurer  Mcjestät
Gedanken  über  mich  denen  des  Generals  von  Canitz  über
Napoleon  ähnlich  sind.“

Der  König  sagte  lachend:  „Sie  mögen  Recht  haben;  aber
ich  kenne  den  jetzigen  Napoleon  nicht  hinreichend,  um  Ihren
Eindruck  bestreiten  zu  können,  daß  sein  Herz  besser  sei  als  sein
Kopf.“  Daß  die  Königin  mit  meiner  Ansicht  unzufrieden  war,
konnte  ich  aus  den  kleinen  Aeußerlichkeiten  entnehmen,  durch
welche  sich  bei  Hofe  die  Eindrücke  kenntlich  machen.

2

Das  Mißvergnügen  über  meinen  Verkehr  mit  Napoleon
entsprang  aus  dem  Begriffe  oder  genauer  gesprochen  dem
Worte  Legitimität,  das  in  dem  modernen  Sinne  von
Talleyrand  geprägt  und  1814  und  1815  mit  großem  Erfolge
und  zum  Vortheil  der  Bourbonen  als  eine  täuschende  Zaubersormel
  benutzt  worden  ist.

Ich  schalte  hier  einige  Stücke  aus  meiner  Correspondenz
mit  Gerlach  ein,  die  etwas  später  fallen,  deren  Anlaß  aber
schon  in  den  oben  mitgetheilten  Bruchstücken  seiner  Briefe  zu

erkennen  ist.
„Frankfurt,  den  2.  Mai  18570.

..  So  einstimmig  wir  in  Betreff  der  innern  Politik  sind,
so  wenig  kann  ich  mich  in  Ihre  Auffassung  der  äußern  hinein-1)

  Bismarck's  Briefe  an  den  General  L.  v.  Gerlach,  S.  31  ff.
        <pb n="203" />
        Urtheil  Über  Napoleon  I.  und  III.  Briefwechsel  mit  Gerlach.  179

 

leben,  der  ich  im  Allgemeinen  den  Vorwurf  mache,  daß  sie  die
Realitäten  ignorirt.  Sie  gehn  davon  aus,  daß  ich  einem
vereinzelten  Manne,  der  mir  imponire,  das  Prinzip  opfre.
Ich  lehne  mich  gegen  Vorder=  und  Nachsatz  auf.  Der  Mann
imponirt  mir  durchaus  nicht.  Die  Fähigkeit,  Menschen  zu
bewundern,  ist  in  mir  nur  mäßig  ausgebildet,  und  les  ist]
vielmehr  ein  Fehler  meines  Auges,  daß  es  schärfer  für
Schwächen  als  für  Vorzüge  ist.  Wenn  mein  letzter  Brief  etwa
ein  lebhafteres  Colorit  hat,  so  bitte  ich  das  mehr  als  rhetorisches
  Hülfsmittel  zu  betrachten,  mit  dem  ich  auf  Sie  habe
wirken  wollen.  Was  aber  das  von  mir  geopferte  Prinzip
betrifft,  so  kann  ich  mir  das,  was  Sie  damit  meinen,  concret
nicht  recht  formuliren  und  bitte  Sie,  diesen  Punkt  in  einer
Antwort  wieder  aufzunehmen,  da  ich  das  Bedürfniß  habe,
mit  Ihnen  prinzipiell  nicht  auseinander  zu  gehn.  Meinen
Sie  damit  ein  auf  Frankreich  und  seine  Legitimität
anzuwendendes  Prinzip,  so  gestehe  ich  allerdings,  daß  ich  dieses
meinem  specifisch  Preußischen  Patriotismus  vollständig
  unterordne;  Frankreich  interessirt  mich  nur  insoweit,
als  es  auf  die  Lage  meines  Vaterlandes  reagirt,  und  wir
können  Politik  nur  mit  dem  Frankreich  treiben,  welches
vorhanden  ist,  dieses  aber  aus  den  Combinationen  nicht
ausschließen.  Ein  legitimer  Monarch  wie  Ludwig  XIV.
ist  ein  ebenso  feindseliges  Element  wie  Napoleon  I.,  und  wenn
dessen  jetziger  Nachfolger  heut  auf  den  Gedanken  käme,  zu  abdiciren,
  um  sich  in  die  Muße  des  Privatlebens  zurückzuziehn,
so  würde  er  uns  garkeinen  Gefallen  damit  thun,  und  Heinrich
  V.  würde  nicht  sein  Nachfolger  sein;  auch  wenn  man  ihn
auf  den  vacanten  und  unverwehrten  Thron  hiaufsetzte,  würde
er  sich  nicht  darauf  behaupten.  Ich  kann  als  Romantiker  eine
Thräne  für  sein  Geschick  haben,  als  Diplomat  würde  ich  sein
Diener  sein,  wenn  ich  Franzose  wäre,  so  aber  zählt  mir  Frankreich,
  ohne  Rücksicht  auf  die  jeweilige  Person  an  seiner  Spitze,
        <pb n="204" />
        180  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

 

nur  als  ein  Stein  und  zwar  ein  unvermeidlicher  in  dem  Schachspiel
  der  Politik,  ein  Spiel,  in  welchem  ich  nur  meinem
Könige  und  meinem  Lande  zu  dienen  Beruf  habe.  Sympathien
  und  Antipathien  in  Betreff  auswärtiger  Mächte  und
Personen  vermag  ich  vor  meinem  Pflichtgefühl  im  auswärtigen
Dienste  meines  Landes  nicht  zu  rechtfertigen,  weder  an  mir
noch  an  Andern;  es  ist  darin  der  Embryo  der  Untreue  gegen
den  Herrn  oder  das  Land,  dem  man  dient.  Insbesondre
aber,  wenn  man  seine  stehenden  diplomatischen  Beziehungen
und  die  Unterhaltung  des  Einvernehmens  im  Frieden  danach
zuschneiden  will,  so  hört  man  m.  E.  auf,  Politik  zu  treiben  und
handelt  nach  persönlicher  Willkür.  Die  Interessen  des  Vaterlandes
  dem  eignen  Gefühl  von  Liebe  oder  Haß  gegen  Fremde
unterzuordnen,  dazu  hat  meiner  Ansicht  nach  selbst  der  König
nicht  das  Recht,  hat  es  aber  vor  Gott  und  nicht  vor  mir  zu
verantworten,  wenn  er  es  thut,  und  darum  schweige  ich  über
diesen  Punkt.

Oder  finden  Sie  das  Prinzip,  welches  ich  geopfert  habe,
in  der  Formel,  daß  ein  Preuße  stets  ein  Gegner  Frankreichs
  sein  müsse?  Aus  dem  Obigen  geht  schon  hervor,
daß  ich  den  Maßstab  für  mein  Verhalten  gegen  fremde  Regirungen
  nicht  aus  stagnirenden  Antipathien,  sondern  nur  aus
der  Schädlichkeit  oder  Nützlichkeit  für  Preußen,  welche  ich  ihnen
beilege,  entnehme.  In  der  Gefühlspolitik  ist  garkeine  Reciprocität,
  sie  ist  eine  ausschließlich  Preußische  Eigenthümlichkeit;
jede  andre  Regirung  nimmt  lediglich  ihre  Interessen  zum  Maßstabe
  ihrer  Handlungen,  wie  sie  dieselben  auch  mit  rechtlichen
oder  gefühlvollen  Deductionen  drapiren  mag.  Man  dcceptirt
unfere  Gefühle,  beutet  sie  aus,  rechnet  darauf,  daß  sie  uns
nicht  gestatten,  uns  dieser  Ausbeutung  zu  entziehn,  und  behandelt
  uns  danach,  d.  h.  man  dankt  uns  nicht  einmal  dafür
und  respectirt  uns  nur  als  brauchbare  dupe.

Ich  glaube,  Sie  werden  mir  Recht  geben,  wenn  ich  be-
        <pb n="205" />
        Briefwechsel  mit  Gerlach  über  Legitimität  und  Bonapartismus.  181

haupte,  daß  unser  Ansehn  in  Europa  heut  nicht  dasselbe  ist
wie  vor  1848;  ich  meine  sogar,  es  war  größer  zu  jeder  Zeit
zwischen  1763  und  1848,  mit  Ausnahme  natürlich  der  Zeit  von
7  bis  13.  Ich  räume  ein,  daß  unser  Machtverhältniß  zu  andern
Großmächten,  namentlich  aggressiv,  vor  1806  ein  stärkeres  war
als  jetzt,  von  15  bis  48  aber  nicht;  damals  waren  ziemlich
Alle,  was  sie  jetzt  noch  sind,  und  doch  müssen  wir  sagen  wie
der  Schäfer  in  Goethe's  Gedicht:  „Ich  bin  heruntergekommen
und  weiß  doch  selber  nicht,  wie.  Ich  will  auch  nicht  behaupten,
daß  ich  es  weiß,  aber  viel  liegt  ohne  Zweifel  in  dem  Umstande:
wir  haben  keine  Bündnisse  und  treiben  keine  auswärtige  Politik,
das  heißt,  keine  active,  sondern  wir  beschränken  uns  darauf,
die  Steine,  die  in  unsern  Garten  fallen,  aufzusammeln  und
den  Schmutz,  der  uns  anfliegt,  abzubürsten,  wie  wir  können.
Wenn  ich  von  Bündnissen  rede,  so  meine  ich  damit  keine  Schutzund
  Trutzbündnisse,  denn  der  Frieden  ist  noch  nicht  bedroht;
aber  alle  die  Nuancen  von  Möglichkeit,  Wahrscheinlichkeit  oder
Absicht,  für  den  Fall  eines  Krieges  dieses  oder  jenes  Bündniß
schließen,  zu  dieser  oder  jener  Gruppe  gehören  zu  können,
bleiben  doch  die  Basis  des  Einflusses,  den  ein  Staat  heut  zu
Tage  in  Friedenszeiten  üben  kann.  Wer  sich  in  der  für  den
Kriegsfall  schwächern  Combination  befindet,  ist  nachgiebiger
gestimmt;  wer  sich  ganz  isolirt,  verzichtet  auf  Einfluß,  besonders
wenn  es  die  schwächste  unter  den  Großmächten  ist.  Bündnisse
sind  der  Ausdruck  gemeinsamer  Interessen  und  Absichten.  Ob
wir  Absichten  und  bewußte  Ziele  unfrer  Politik  überhaupt  jetzt
haben,  weiß  ich  nicht;  aber  daß  wir  Interessen  haben,  daran
werden  uns  Andre  schon  erinnern.  Wir  aber  haben  die  Wahrscheinlichkeit
  eines  Bündnisses  bisher  nur  mit  denen,  deren
Interessen  sich  mit  den  unsrigen  am  mannigfsachsten  kreuzen
und  ihnen  widersprechen,  nämlich  mit  den  deutschen  Staaten
und  Oestreich.  Wollen  wir  damit  unfre  auswärtige  Politik
abgeschlossen  betrachten,  so  müssen  wir  uns  auch  mit  dem  Ge-
        <pb n="206" />
        182  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

 

danken  vertraut  machen,  in  Friedenszeiten  unsern  europäischen
Einfluß  auf  ein  Siebzehntel  der  Stimmen  des  engern  Rathes
im  Bunde  reducirt  zu  sehn  und  im  Kriegsfalle  mit  der  Bundesverfassung
  in  der  Hand  allein  im  Taxis'schen  Palais  übrig  zu
bleiben.  Ich  frage  Sie,  ob  es  in  Europa  ein  Cabinet  gibt,
welches  mehr  als  das  Wiener  ein  gebornes  und  natürliches
Interesse  daran  hat,  Preußen  nicht  stärker  werden  zu  lassen,
sondern  seinen  Einfluß  in  Deutschland  zu  mindern;  ob  es  ein
Cabinet  gibt,  welches  diesen  Zweck  eifriger  und  geschickter  verfolgt,
  welches  überhaupt  kühler  und  cynischer  nur  seine  eignen
Interessen  zur  Richtschnur  seiner  Politik  nimmt  und  welches
uns,  den  Russen  und  den  Westmächten  mehr  und  schlagendere
Beweise  von  Perfidie  und  Unzuverlässigkeit  für  Bundesgenossen
gegeben  hat?  Genirt  sich  denn  Oestreich  etwa  mit  dem  Auslande
  jede  seinem  Vortheil  entsprechende  Verbindung  einzugehn
und  sogar  die  Theilnehmer  des  Deutschen  Bundes  vermöge
solcher  Verbindungen  offen  zu  bedrohn?  Halten  Sie  den  Kaiser
Franz  Joseph  für  eine  aufopfernde,  hingebende  Natur  überhaupt
  und  insbesondre  für  außeröstreichische  Interessen?  Finden
Sie  zwischen  seiner  Buol-Bach'schen  Regirungsweise  und  der
Napoleonischen  vom  Standpunkte  des  „Prinzips“  einen  Unterschiedd
  Der  Träger  der  letztern  sagte  mir  in  Paris,  es  sei
für  ihn  „qui  fais  tous  les  efforts  pour  sortir  de  ce  systeme  de
centralisation  trop  tendue  qui  en  dernier  lieu  a  pour  pivot  un
gendarme  secrétaire  et  que  je  considère  comme  une  des  causes
principales  des  malheurs  de  la  France“!)  sehr  merkwürdig  zu
sehn,  wie  Oestreich  die  stärksten  Anstrengungen  mache,  um
hinein  zu  gerathen.  Ich  frage  noch  weiter  und  bitte  Sie,  mich
in  Antwort  nicht  mit  einer  ausweichenden  Wendung  abzufinden:

1)  Der  ich  alle  Anstrengungen  mache,  um  aus  diesem  System  allzustraffer
  Centralisation  herauszukommen,  das  sich  an  letzter  Stelle  auf
einen  Polizeischreiber  stützt  und  das  ich  als  eine  der  Hauptursachen  der
Unfälle  betrachte,  die  Frankreich  betroffen  haben.
        <pb n="207" />
        Briefwechsel  mit  Gerlach  über  Legitimität  und  Bonapartismus.  183

gibt  es  nächst  Oestreich  Regirungen,  die  weniger  den  Beruf
fühlen,  etwas  für  Preußen  zu  thun  als  die  deutschen  Mittelstaaten?
  Im  Frieden  haben  sie  das  Bedürfniß,  am  Bunde
und  im  Zollverein  Rollen  zu  spielen,  ihre  Souveränetät  an
unsern  Gränzen  geltend  zu  machen,  sich  mit  von  der  Heydt  zu
zanken,  und  im  Kriege  wird  ihr  Verhalten  durch  Furcht  oder
Mißtraun  für  oder  gegen  uns  bedingt,  und  das  Mißtraun
wird  ihnen  kein  Engel  ausreden  können,  so  lange  es  noch
Landkarten  gibt,  auf  die  sie  einen  Blick  werfen  können.  Und
nun  noch  eine  Frage:  Glauben  Sie  denn  und  glaubt  Se.
Majestät  der  König  wirklich  noch  an  den  Deutschen  Bund  und
seine  Armee  für  den  Kriegsfall?  ich  meine  nicht  für  den  Fall
eines  französischen  Revolutionskrieges  gegen  Deutschland  im
Bunde  mit  Rußland,  sondern  in  einem  Interessenkriege,  bei
dem  Deutschland  mit  Preußen  und  Oestreich  auf  ihren  alleinigen
Füßen  zu  stehn  angewiesen  wären.  Glauben  Sie  daran,  so
kann  ich  allerdings  nicht  weiter  discutiren,  denn  unfre  Prämissen
wären  zu  verschieden.  Was  könnte  Sie  aber  berechtigen,  daran
zu  glauben,  daß  die  Großherzöge  von  Baden  und  Darmstadt,
der  König  von  Würtemberg  oder  Baiern  den  Leonidas  für
Preußen  und  Oestreich  machen  sollten,  wenn  die  Uebermacht
nicht  auf  deren  Seite  ist  und  niemand  an  Einheit  und  Vertraun
  zwischen  beiden,  Preußen  und  Oestreich  nämlich,  auch
nur  den  mäßigsten  Grund  hat  zu  glauben?  Schwerlich  wird
der  König  Max  in  Fontainebleau  dem  Napoleon  sagen,  daß
er  nur  über  seine  Leiche  die  Gränze  Deutschlands  oder  Oestreichs
passiren  werde.

Ganz  erstaunt  bin  ich,  in  Ihrem  Briefe  zu  lesen,  daß  die
Oestreicher  behaupten,  sie  hätten  uns  in  Neuenburg  mehr  verschafft
  als  die  Franzosen!).  So  unverschämt  im  Lügen  ist  doch

1)  Um  einen  Conflict  auszugleichen,  in  den  Friedrich  Wilhelm  1V.
von  Preußen  seit  Anfang  September  1856  über  die  ihm  noch  zustehenden
Hoheitsrechte  in  dem  Fürstenthum  Neuenburg  mit  der  Schweiz  gerathen
        <pb n="208" />
        184  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

 

nur  Oestreich;  wenn  sie  gewollt  hätten,  so  hätten  sie  es  nicht
gekonnt  und  mit  Frankreich  und  England  wahrlich  keine  Händel
um  unsertwillen  angefangen.  Aber  sie  haben  im  Gegentheil
uns  in  der  Durchmarschfrage  genirt,  so  viel  sie  konnten,  uns
verleumdet,  uns  Baden  abwendig  gemacht,  und  jetzt  in  Paris
sind  sie  mit  England  unfre  Gegner  gewesen.  Ich  weiß  von
den  Franzosen  und  von  Kisseleff,  daß  in  allen  Besprechungen,
wo  Hübner)  ohne  Hatzfeldt  gewesen  ist,  und  das  waren  grade
die  entscheidenden,  er  stets  der  Erste  war,  sich  dem  englischen
Widerspruch  gegen  uns  anzuschließen;  dann  ist  Frankreich  gefolgt,
  dann  Rußland.  Warum  sollte  aber  überhaupt  Jemand
etwas  für  uns  in  Neuenburg  thun  und  sich  für  unfre  Interessen
  einsetzen?  hatte  denn  Jemand  von  uns  etwas  dafür  zu
hoffen  oder  zu  fürchten,  wenn  er  uns  den  Gefallen  that  oder
nicht?  Daß  man  in  der  Politik  aus  Gefälligkeit  oder  aus
allgemeinem  Rechtsgefühl  handelt,  das  dürfen  Andre  von  uns,
wir  aber  nicht  von  ihnen  erwarten.

Wollen  wir  so  isolirt,  unbeachtet  und  gelegentlich  schlecht
behandelt  weiter  leben,  so  habe  ich  freilich  keine  Macht,  es  zu
ändern;  wollen  wir  aber  wieder  zu  Ansehn  gelangen,  so  erreichen
  wir  es  unmöglich  damit,  daß  wir  unser  Fundament
lediglich  auf  den  Sand  des  Deutschen  Bundes  bauen  und  den
Einsturz  in  Ruhe  abwarten.  So  lange  Jeder  von  uns  die
Ueberzeugung  hat,  daß  ein  Theil  des  europäischen  Schachbretes
uns  nach  unserm  eignen  Willen  verschlossen  bleibt  oder  daß
wir  uns  einen  Arm  prinzipiell  festbinden,  während  jeder  Andre

war,  trat  am  5.  März  1857  zu  Paris  eine  Conferenz  zusammen.  Der
Streit  wurde  im  Sinne  Friedrich  Wilhelm's  IV.  entschieden;  er  entband
darauf  am  19.  Juni  1857  die  Neuenburger  ihres  Eides.  Napoleon  III.
nahm  sich  der  preußischen  Wünsche  von  Beginn  des  Streites  und  auch
während  der  Conferenz  an;  die  Haltung  Oestreichs  war  unaufrichtig,
namentlich  that  es  alles,  um  einen  Angriff  preußischer  Truppen  vom
badischen  Bundesgebiet  aus  gegen  die  Eidgenossenschaft  zu  hindern.
1)  Damals  östreichischer  Gesandter  in  Paris.
        <pb n="209" />
        Briefwechsel  mit  Gerlach  über  Legitimität  und  Bonapartismus.  185

beide  zu  unserm  Nachtheil  benutzt,  wird  man  diese  unfre  Gemüthlichkeit
  ohne  Furcht  und  ohne  Dank  benutzen.  Ich  verlange
  ja  garnicht,  daß  wir  mit  Frankreich  ein  Bündniß  schließen
und  gegen  Deutschland  conspiriren  sollen;  aber  ist  es  nicht
vernünftiger,  mit  den  Franzosen,  so  lange  sie  uns  in  Ruhe
lassen,  auf  freundlichem  als  auf  kühlem  Fuße  zu  stehn?  Ich
will  nichts  weiter,  als  andern  Leuten  den  Glauben  benehmen,
sie  könnten  sich  verbrüdern,  mit  wem  sie  wollten,  aber  wir
würden  eher  Riemen  aus  unfrer  Haut  schneiden  lassen,  als
dieselbe  mit  französischer  Hülfe  vertheidigen.  Höflichkeit  ist  eine
wohlfeile  Münze;  und  wenn  sie  auch  nur  dahin  führt,  daß  die
Andern  nicht  mehr  glauben,  Frankreichs  seien  sie  gegen  uns
immer  sicher  und  wir  jeder  Zeit  hülfsbedürftig  gegen  Frankreich,
  so  ist  das  für  Friedensdiplomatie  ein  großer  Gewinn;
wenn  wir  diese  Hülfsmittel  verschmähn,  sogar  das  Gegentheil
thun,  so  weiß  ich  nicht,  warum  wir  nicht  lieber  die  Kosten  der
Diplomatie  sparen  oder  reduciren,  denn  diese  Kaste  vermag
mit  allen  Arbeiten  nicht  zu  Wege  zu  bringen,  was  der  König
mit  geringer  Mühe  kann,  nämlich  Preußen  eine  angesehne
Stellung  im  Frieden  durch  den  Anschein  von  freundlichen  Beziehungen
  und  möglichen  Verbindungen  wiederzugeben.  Nicht
minder  vermag  Se.  Mojestät  durch  ein  Schautragen  kühler
Verhältnisse  leicht  alle  Arbeit  der  Diplomaten  zu  lähmen;  denn
was  soll  ich  hier  oder  einer  unfrer  andern  Gesandten  durchsetzen,
  wenn  wir  den  Eindruck  machen,  ohne  Freunde  zu  sein
oder  auf  Oestreichs  Freundschaft  zu  rechnen.  Man  muß  nach
Berlin  kommen,  um  nicht  ausgelacht  zu  werden,  wenn  man
von  Oestreichs  Unterstützung  in  irgend  einer  für  uns  erheblichen
  Frage  sprechen  will.  Und  selbst  in  Berlin  kenne  ich
doch  nachgrade  nur  einen  sehr  kleinen  Kreis,  bei  dem  das  Gefühl
  der  Bitterkeit  nicht  durchbräche,  sobald  von  unfrer  auswärtigen
  Politik  die  Rede  ist.  Unser  Recept  für  alle  Uebel
ist,  uns  an  die  Brust  des  Grafen  Buol  zu  werfen  und  ihm
        <pb n="210" />
        186  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

unser  brüderliches  Herz  auszuschütten.  Ich  erlebte  in  Paris,
daß  ein  Graf  So  und  So  gegen  seine  Frau  auf  Scheidung
klagte,  nachdem  er  sie,  eine  ehemalige  Kunstreiterin,  zum
24.  Male  im  flagranten  Ehebruch  betroffen  hatte;  er  wurde
als  ein  Muster  von  galantem  und  nachsichtigem  Ehemann  von
seinem  Advocaten  vor  Gericht  gerühmt,  aber  gegen  unsern
Edelmuth  mit  Oestreich  kann  er  sich  doch  nicht  messen.

Unsre  innern  Verhältnisse  leiden  unter  ihren  eignen  Fehlern
kaum  mehr  als  unter  dem  peinlichen  und  allgemeinen  Gefühl
unfres  Verlustes  an  Ansehn  im  Auslande  und  der  gänzlich
passiven  Rolle  unfrer  Politik.  Wir  sind  eine  eitle  Nation,  es
ist  uns  schon  empfindlich,  wenn  wir  nicht  renommiren  können,
und  einer  Regirung,  die  uns  nach  außen  hin  Bedeutung  gibt,
halten  wir  vieles  zu  Gute  und  lassen  uns  viel  gefallen  dafür,
selbst  im  Beutel.  Aber  wenn  wir  uns  für's  Innre  sagen
müssen,  daß  wir  mehr  durch  unfre  guten  Säfte  die  Krankheiten
ausstoßen,  welche  unfre  ministeriellen  Aerzte  uns  einimpfen,
als  daß  wir  von  ihnen  geheilt  und  zu  gesunder  Diät  angeleitet
würden,  so  sucht  man  im  Auswärtigen  vergebens  nach  einem
Trost  dafür.  Sie  sind  doch,  verehrtester  Freund,  au  fait  von
unfrer  Politik;  können  Sie  mir  nun  ein  Ziel  nennen,  welches
dieselbe  sich  etwa  vorgesteckt  hat,  auch  nur  einen  Plan  auf
einige  Monate  hinaus;  grade  rebus  sic  stantibus  1)  weiß  man
da,  was  man  eigentlich  will?  weiß  das  irgend  Jemand  in
Berlin  und  glauben  Sie,  daß  bei  den  Leitern  eines  andern
Staates  dieselbe  Leere  an  positiven  Zwecken  und  Ideen  vorhanden
  ist?  Können  Sie  mir  ferner  einen  Verbündeten  nennen,
auf  welchen  Preußen  zählen  könnte,  wenn  es  heut  grade  zum
Kriege  käme,  oder  der  für  uns  spräche  bei  einem  Anliegen,
wie  etwa  das  Neuenburger,  oder  der  für  uns  irgend  etwas
thäte,  weil  er  auf  unsern  Beistand  rechnet  oder  unfre  Feind-1)

  Unter  den  gegenwärtigen  Verhältnissen.
        <pb n="211" />
        Brieswechsel  mit  Gerlach  über  Legitimität  und  Bonapartismus.  187

schaft  fürchtet?  Wir  sind  die  gutmüthigsten,  ungefährlichsten
Politiker,  und  doch  traut  uns  eigentlich  niemand;  wir  gelten
wie  unsichre  Genossen  und  ungefährliche  Feinde,  ganz  als  hätten
wir  uns  im  Aeußern  so  betragen  und  wären  im  Innern  so
krank  wie  Oestreich.  Ich  spreche  nicht  von  der  Gegenwart;
aber  können  Sie  mir  einen  positiven  Plan  (abwehrende  genug)
  oder  eine  Absicht  nennen,  die  wir  seit  dem  Radowitzischen
Dreikönigsbündniß  in  auswärtiger  Politik  gehabt  haben?  Doch,
den  Jahdebusen  ½;  der  bleibt  aber  bisher  ein  todtes  Wasserloch,
  und  den  Zollverein  werden  wir  uns  von  Oestreich  ganz
freundlich  ausziehn  lassen,  weil  wir  nicht  den  Entschluß  haben,
einfach  Nein  zu  sagen.  Ich  wundre  mich,  wenn  es  bei  uns
noch  Diplomaten  gibt,  denen  der  Muth,  einen  Gedanken  zu
haben,  denen  die  sachliche  Ambition,  etwas  leisten  zu  wollen,
nicht  schon  erstorben  ist,  und  ich  werde  mich  ebenso  gut  wie
meine  Collegen  darin  finden,  einfältig  meine  Instruction  zu
vollziehn,  den  Sitzungen  beizuwohnen  und  mich  der  Theilnahme
  für  den  allgemeinen  Gang  unfrer  Politik  zu  entschlagen;
man  bleibt  gesünder  dabei  und  verbraucht  weniger  Tinte.
Sie  werden  wahrscheinlich  sagen,  daß  ich  aus  dépit,  weil
Sie  nicht  meiner  Meinung  sind,  schwarz  sehe  und  raisonnire
wie  ein  Rohrspatz;  aber  ich  würde  wahrlich  ebensogern  meine
Bemühungen  an  die  Durchführung  fremder  Ideen  wie  eigner
setzen,  wenn  ich  nur  überhaupt  welche  fände.  So  weiter  zu
vegetiren,  dazu  bedürfen  wir  eigentlich  des  ganzen  Apparates
unfrer  Diplomatie  nicht.  Die  Tauben,  die  uns  gebraten  anfliegen,
  entgehn  uns  ohnehin  nicht;  oder  doch,  denn  wir  werden
den  Mund  schwerlich  dazu  aufmachen,  falls  wir  nicht  grade
gähnen.  Mein  Streben  geht  ja  nur  dahin,  daß  wir  solche
Dinge  zulassen  und  nicht  von  uns  weisen,  welche  geeignet  sind,
bei  den  Cabinetten  in  Friedenszeit  den  Eindruck  zu  machen,

—

1)  Preußen  gewann  ihn  von  Oldenburg  durch  Vertrag  vom  20.  Juli
1853.
        <pb n="212" />
        188  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

 

daß  wir  uns  mit  Frankreich  nicht  schlecht  stehn,  daß  man  auf
unsre  Beistandsbedürftigkeit  gegen  Frankreich  nicht  zählen  und
uns  deßhalb  drücken  darf  und  daß  uns,  wenn  man  unwürdig
mit  uns  umgehn  will,  alle  Bündnisse  offen  stehn.  Wenn  ich
nun  melde,  daß  diese  Vortheile  gegen  Höflichkeit  und  gegen
den  Schein  der  Reciprocität  zu  haben  sind,  so  erwarte  ich,  daß
man  mir  entweder  nachweist,  es  seien  keine  Vortheile,  es  entspreche
  vielmehr  unsern  Interessen  besser,  wenn  fremde  und
deutsche  Höfe  berechtigt  sind,  von  der  Annahme  auszugehn,
daß  wir  gegen  Westen  unter  allen  Umständen  feindlich  gerüstet
sein  müssen  und  Bündnisse,  eventuell  Hülfe,  dagegen  bedürfen,
und  wenn  sie  diese  Annahme  als  Bafis  ihrer  gegen  uns  gerichteten
  politischen  Operationen  ausbeuten.  Oder  ich  erwarte,
daß  man  andre  Pläne  und  Absichten  hat,  in  deren  Combination
der  Anschein  eines  guten  Vernehmens  mit  Frankreich  nicht
paßt.  Ich  weiß  nicht,  ob  die  Regirung  einen  Plan  hat  (den
ich  nicht  kenne),  ich  glaube  es  nicht;  wenn  man  aber  diplomatische
  Annäherungen  einer  großen  Macht  nur  deßhalb  von
sich  abhält  und  die  politischen  Beziehungen  zweier  großen
Mächte  nur  danach  regelt,  ob  man  Antipathien  oder  Sympathien
  für  Zustände  und  Personen  hat,  die  man  doch  nicht
ändern  kann  und  will,  so  drücke  ich  mich  mit  Zurückhaltung
aus,  wenn  ich  sage:  Ich  habe  dafür  kein  Verständniß  als  Diplomat
  und  finde  mit  der  Annahme  eines  solchen  Systems  in
auswärtigen  Beziehungen  das  ganze  Gewerbe  der  Diplomatie
bis  auf  das  Consularwesen  hinunter  überflüssig  und  thatsächlich
cassirt.  Sie  sagen  mir,  „der  Mann  ist  unser  natürlicher  Feind,
und  daß  er  es  ist  und  bleiben  muß,  wird  sich  bald  zeigen“;  ich
könnte  das  bestreiten  oder  mit  demselben  Rechte  sagen:  „Oestreich,
  England  sind  unfre  Feinde,  und  daß  sie  es  sind,  zeigt
sich  schon  längst,  bei  Oestreich  natürlicher,  bei  England  unnatürlicher
  Weise.“  Aber  ich  will  das  auf  sich  beruhn  lassen
und  annehmen,  Ihr  Satz  wäre  richtig,  so  kann  ich  es  auch
        <pb n="213" />
        Briefwechsel  mit  Gerlach  über  Legitimität  und  Bonapartismus.  189

dann  noch  nicht  für  politisch  halten,  unsre  Befürchtungen  schon
im  Frieden  von  andern  und  von  Frankreich  selbst  erkennen  zu
lassen,  sondern  finde  es,  bis  der  von  Ihnen  vorhergesehne
Bruch  wirklich  eintritt,  immer  noch  nützlich,  die  Leute  glauben
zu  lassen,  daß  ein  Krieg  gegen  Frankreich  uns  nicht  nothwendig
  über  kurz  oder  lang  bevorsteht,  daß  er  wenigstens  nichts
von  Preußens  Lage  Unzertrennliches,  daß  die  Spannung  gegen
Frankreich  nicht  ein  organischer  Fehler,  eine  angeborne  schwache
Seite  unfrer  Natur  ist,  auf  die  jeder  Andre  mit  Sicherheit
speculiren  kann.  Sobald  man  uns  für  kühl  mit  Frankreich
hält,  wird  auch  der  Bundescollege  hier  kühl  für  mich
v.  B.“
Gerlach  antwortete  wie  folgt  9:

„Berlin,  6.  Mai  1857.

Ihr  Brief  vom  2.  hat  auf  der  einen  Seite  mir  eine  große
Freude  gemacht,  da  ich  daraus  sehe,  daß  es  Ihnen  am  Herzen
liegt,  mit  mir  in  Einigkeit  zu  bleiben  oder  zu  kommen,  woraus
sich  die  meisten  Menschen  wenig  machen,  auf  der  andern  Seite
aber  auch  zum  Widerspruch  und  zur  eignen  Rechtfertigung  aufgefordert.


Zunächst  bilde  ich  mir  ein,  doch  immer  noch  im  innersten
Grunde  mit  Ihnen  einig  zu  sein.  Wäre  das  nicht  der  Fall,
so  würde  ich  mich  auf  eine  gründliche  Widerlegung  nicht  einlassen,
  indem  eine  solche  doch  zu  nichts  führen  könnte.  Haben
Sie  das  Bedürfniß,  mit  mir  principiell  nicht  auseinander  zu
gehen,  so  liegt  es  uns  doch  zunächst  ob,  dieses  Princip  aufzusuchen
  und  sich  nicht  an  Negationen  zu  halten,  wie  z.  B.
„Ignoriren  von  Realitäten“,  „Ausschließen  von  Frankreich  aus
den  politischen  Combinationen“.  Ebensowenig  dürften  wir  das
gemeinschaftliche  Princip  in  dem  preußischen  Patriotismus“",
in  der  Schädlichkeit  und  Nützlichkeit  für  Preußen“,  „in  dem

1)  Briefe  Gerlach's  2c.  S.  208  ff.
        <pb n="214" />
        190  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

 

ausschließlichen  Dienst  des  Königs  und  des  Landes“"  finden,
denn  das  sind  Dinge,  die  sich  von  selbst  verstehen  und  bei
denen  Sie  doch  auf  die  Antwort  gefaßt  sein  müssen,  daß  ich
diese  Dinge  in  meiner  Politik  noch  besser  und  mehr  als  in  der
Ihrigen  und  in  jeder  andern  zu  finden  glaube.  Mir  ist  aber
das  Aufsuchen  des  Princips  gerade  deshalb  von  der  größten
Wichtigkeit,  weil  ich,  ohne  ein  solches  gefunden  zu  haben,  alle
politischen  Combinationen  für  fehlerhaft,  unsicher  und  in  hohem
Grade  gefährlich  halte,  wovon  ich  mich  in  den  letzten  zehn
Jahren  und  gerade  durch  den  Erfolg  überzeugt  habe.

Jetzt  muß  ich  etwas  weit  ausholen  und  zwar  bis  zu  Karl
dem  Großen,  also  über  1000  Jahre.  Damals  war  das  Princip
der  europäischen  Politik  die  Ausbreitung  der  christlichen  Kirche.
Karl  der  Große  huldigte  demselben  in  seinen  Kriegen  mit  den
Sarazenen,  Sachsen,  Avaren  u.  s.  w.,  und  seine  Politik  war
wahrlich  nicht  unpraktisch.  Seine  Nachfolger  stritten  sich  principienlos
  unter  einander,  und  wieder  waren  es  die  großen
Fürsten  des  Mittelalters,  welche  dem  alten  Princip  treu  blieben.
Die  preußische  Macht  wurde  gegründet  durch  die  Kämpfe  der
brandenburgischen  Markgrafen  und  des  deutschen  Ordens  gegen
diejenigen  Völker,  welche  sich  dem  Kaiser,  dem  Vicarius  der
Kirche,  nicht  unterwersen  wollten,  und  das  dauerte,  bis  daß
der  Verfall  der  Kirche  zu  dem  Territorialismus,  zum  Verfall
des  Reiches,  zur  Spaltung  in  der  Kirche  führte.  Seitdem  war
nicht  mehr  ein  allgemeines  Princip  in  der  Christenheit.  Von
dem  ursprünglichen  Princip  war  noch  allein  der  Widerstand
gegen  die  gefährliche  Macht  der  Türken  übrig,  und  Oestreich
sowie  später  Rußland  waren  wahrlich  nicht  unpraktisch,  als  sie
diesem  Principe  gemäß  die  Türken  bekämpften.  Die  Türkenkriege
  begründeten  die  Macht  dieser  Reiche,  und  wäre  man
diesem  Princip,  das  türkische  Reich  zu  bekämpfen,  treu  geblieben:
  Europa  oder  die  Christenheit  wären  nach  menschlichen
Begriffen  dem  Orient  gegenüber  in  einer  besseren  Lage  als
        <pb n="215" />
        Briefwechsel  mit  Gerlach  über  Legitimität  und  Bonapartismus.  191

 

jetzt,  wo  uns  von  dort  die  größten  Gefahren  drohen.  Vor  der
französischen  Revolution,  dem  schroffen  und  sehr  praktischen
Abfall  von  der  Kirche  Christi  zunächst  in  der  Politik,  war  eine
Politik  „der  Interessen"  des  sogenannten  Patriotismus,  und
wohin  diese  führte,  haben  wir  gesehen.  Etwas  Elenderes  als
die  Politik  Preußens  von  1778  bis  zur  französischen  Revolution
hat  es  nie  gegeben;  ich  erinnere  an  die  Subsidien,  die  Friedrich
  II.  an  Rußland  zahlte,  die  einem  Tribut  gleichkamen,  an
den  Haß  gegen  England.  Bei  Holland  hielt  1787  noch  das
alte  Ansehen  Friedrich's  II.;  die  Reichenbacher  Convention  ½)
war  aber  schon  eine  durch  Abweichung  von  dem  Princip  veranlaßte
  Blamage.  Die  Kriege  des  Großen  Kurfürsten  waren
im  protestantischen  Interesse,  und  die  Kriege  Friedrich  Wilhelm's
  III.  gegen  Frankreich  waren  recht  eigentlich  Kriege  gegen
die  Revolution.  Den  protestantischen  Charakter  hatten  wesentlich
  auch  die  drei  schlesischen  Kriege  1740  bis  1763,  wenn  auch
bei  allem  diesen  die  Interessen  des  Territorialismus  und  das
Gleichgewicht  mitspielten.

Das  Princip,  was  durch  die  Revolution,  welche  die  Tour
durch  Europa  machte,  der  europäischen  Politik  gegeben  wurde,
ist  das  nach  meiner  Meinung  bis  heute  gültige.  Es  war
wahrlich  nicht  unpraktisch,  dieser  Auffassung  treu  zu  bleiben.
England,  was  dem  Kampfe  gegen  die  Revolution  bis  1815
treu  blieb  und  sich  durch  den  alten  Bonaparte  nicht  beirren
ließ,  stieg  zur  höchsten  Macht;  Oestreich  kam  nach  vielen  unglücklichen
  Kriegen  dennoch  gut  aus  der  Fechtschule;  Preußen
hat  schwer  an  den  Folgen  des  Baseler  Friedens  2)  gelitten  und
nur  durch  1813—1815  sich  rehabilitirt,  noch  viel  mehr  Spanien,

1)  Am  27.  Juli  1790  wurde  in  Reichenbach  zwischen  Preußen,  Polen,
England,  den  Niederlanden  und  Oestreich  ein  Abkommen  unterzeichnet,
das  die  Unantastbarkeit  des  türkischen  Reiches  gegen  Oestreich  und  Rußland
  sicherte.

2)  5.  April  1795.
        <pb n="216" />
        192  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

 

was  daran  zu  Grunde  gegangen;  und  nach  Ihrer  eignen  Ansicht
  sind  die  deutschen  Mittelstaaten  leider  im  Wiener  Congreß
aus  Halbheit  und  Eifersucht  octroyirte  und  geschützte  Producte
der  Revolution  und  des  ihr  folgenden  Bonapartismus,  der
Materia  peccans  ),  in  Deutschland.  Hätte  man  principienmäßig
in  Wien  Belgien  an  Oestreich  und  die  fränkischen  Fürstenthümer
  an  Preußen  zurückgegeben:  Deutschland  wäre  in  einer
andern  Lage  als  jetzt,  besonders  wenn  man  gleichzeitig  die
Mißgeburten  Bayern,  Würtemberg,  Darmstadt  auf  ihre  natürliche
  Größe  zurückgeführt  hätte;  damals  aber  zog  man  Arrondirung
  u.  s.  w.,  lauter  mechanische  Interessen,  dem  Principe  vor.

Sie  haben  sich  aber  gewiß  bei  meiner  weitläufigen  Deduction
  schon  gelangweilt,  ich  will  daher  der  neuesten  Zeit  entgegengehen.
  Finden  Sie  es  denn  eine  glückliche  Lage  der
Dinge,  daß  jetzt,  wo  Preußen  und  Oestreich  sich  seindlich  entgegenstehen,
  Bonaparte  bis  Dessau  hin  regirt  und  Nichts  in
Deutschland  geschieht,  ohne  bei  ihm  anzufragen?  Kann  uns
ein  Bündniß  mit  Frankreich  den  Zustand  der  Dinge  ersetzen,
welcher  von  1815—1848  bestanden  hat,  wo  sich  keine  fremde
Macht  in  die  deutschen  Angelegenheiten  mischte?  Daß  Oestreich
und  die  deutschen  Mittelstaaten  nichts  für  uns  thun  werden,
davon  bin  ich  wie  Sie  überzeugt.  Ich  glaube  nur  außerdem
noch,  daß  Frankreich,  das  heißt  Bonaparte,  auch  nichts  für
uns  thun  wird.  Daß  man  unfreundlich  und  unhöflich  gegen
ihn  ist,  billige  ich  so  wenig  als  Sie;  daß  man  Frankreich  aus
den  politischen  Combinationen  ausschließt,  ist  Wahnsinn.  Daraus
  folgt  aber  noch  nicht,  daß  man  Bonaparte's  Ursprung
vergißt,  ihn  nach  Berlin  einladet  und  dadurch  im  In=  und
Auslande  alle  Begriffe  verwirrt.  In  der  Neuschäteler  Sache
hat  er  sich  insofern  gut  benommen,  daß  er  den  Krieg  verhindert
und  offen  gesagt  hat,  daß  er  nicht  mehr  thun  würde.  Ob  es

1)  Grundfehler  (eigentlich  des  sündigenden  Stoffs).
        <pb n="217" />
        Briefwechsel  mit  Gerlach  über  Legitimität  und  Bonapartismus.  193

aber  nicht  besser  um  diese  Angelegenheit  stände,  wenn  wir  uns
nicht  von  einer  „Gefühlspolitik“  hätten  leiten  lassen,  sondern  die
Sache  an  die  europäischen  Mächte,  die  das  Londoner  Protokoll
unterzeichnet,  gebracht  hätten,  ohne  uns  vorher  unter  die  Flügel
Bonaparte's  geduckt  zu  haben,  das  ist  doch  noch  sehr  fraglich,
und  das  hatte  Oestreich  denn  doch  wirklich  gewollt.  Den  Gefangenen,
  für  die  man  sich  verwenden  konnte,  wäre  doch  kein
Leid  geschehen.

Dann  klagen  Sie  unfre  Politik  der  Isolirtheit  an.  Dieselbe
  Anklage  erhob  der  Freimaurer  Usedom,  als  er  uns  in
den  Vextrag  vom  2.  December  hineintreiben  wollte,  und  Manteuffel,
  jetzt  Usedom's  entschiedener  Feind,  war  sehr  von  diesem
Gedanken  imponirt,  Sie  damals  aber  Gott  sei  Dank  nicht.
Oestreich  schloß  damals  den  Decembervertrag  mit,  was  hat  es
ihm  genutzt?  Es  taumelt  umher  nach  Bündnissen.  Eine
Quasi-Allianz  schloß  es  gleich  nach  dem  Pariser  Frieden,  jetzt
soll  es  eine  geheime  mit  England  geschlossen  haben.  Ich  sehe
dabei  keinen  Gewinn,  sondern  nur  Verlegenheiten.  Letztere
Allianz  kann  nur  für  den  Fall  gültig  werden,  daß  die  französisch-englische
  auseinandergeht,  und  auch  nur  bis  dahin  wird
Palmerston  sich  nicht  abhalten  lassen,  mit  Sardinien  und  Italien
zu  coquettiren.

Mein  politisches  Princip  ist  und  bleibt  der  Kampf  gegen
die  Revolution.  Sie  werden  Bonaparte  nicht  davon  überzeugen,
  daß  er  nicht  auf  der  Seite  der  Revolution  steht.  Er
will  auch  nirgends  anders  stehen,  denn  er  hat  davon  seine  entschiedenen
  Vortheile.  Es  ist  hier  also  weder  von  Sympathie
noch  von  Antipathie  die  Rede.  Diese  Stellung  Bonaparte's
ist  eine  „Realität",  die  Sie  nicht  „ignoriren“  können.  Daraus
folgt  aber  keineswegs,  daß  man  nicht  höflich  und  nachgiebig,
anerkennend  und  rücksichtsvoll  gegen  ihn  sein,  nicht,  daß  man
sich  zu  bestimmten  Dingen  mit  ihm  verbinden  kann.  Wenn

aber  mein  Princip  wie  das  des  Gegensatzes  gegen  die  Revo-Otto
  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  13
        <pb n="218" />
        194  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

 

lution  ein  richtiges  ist,  und  ich  glaube,  daß  Sie  es  auch  als
ein  solches  anerkennen,  so  muß  man  es  auch  in  der  Praxis
stets  festhalten,  damit,  wenn  die  Zeit  kommt,  wo  es  praktisch
wird,  und  diese  Zeit  muß  kommen,  wenn  das  Princip  richtig
ist,  diejenigen,  die  wie  vielleicht  bald  Oestreich  und  auch  England
  es  anerkennen  müssen,  dann  wissen,  was  sie  von  uns  zu
halten  haben.  Sie  sagen  selbst,  daß  man  sich  auf  uns  nicht
verlassen  kann,  und  es  ist  doch  nicht  zu  verkennen,  daß  nur
der  zuverlässig  ist,  welcher  nach  bestimmten  Grundsätzen  und
nicht  nach  schwankenden  Begriffen  von  Interessen  u.  s.  w.  handelt.
England  und  in  seiner  Art  Oestreich  waren  von  1793  bis  1813
völlig  zuverlässig  und  fanden  daher  immer  Verbündete  trotz
aller  Niederlagen,  welche  die  Franzosen  ihnen  beibrachten.

Was  nun  unfre  deutsche  Politik  anbetrifft,  so  glaube  ich,
daß  es  doch  unser  Beruf  ist,  den  kleinen  Staaten  die  preußische
Ueberlegenheit  zu  zeigen  und  sich  nicht  Alles  gefallen  zu  lassen,
so  in  den  Zollvereins-Verhältnissen  und  bei  vielen  andern
Gelegenheiten,  bis  zu  den  Jagdeinladungen,  bis  zu  den  Prinzen,
die  in  unfre  Dienste  treten  u.  s.  w.  Hier,  d.  h.  in  Deutschland,
  ist  auch  der  Ort,  wo  man  Oestreich,  wie  es  mir  scheint,
entgegentreten  muß;  gleichzeitig  wäre  aber  auch  jede  Blöße
gegen  Oestreich  zu  vermeiden.  Dies  wäre  meine  Erwiderung
auf  Ihren  Brief.

Wenn  ich  aber  noch  über  unfre  außerdeutsche  Politik  reden
soll,  so  kann  ich  es  nicht  auffallend  und  auch  nicht  ängstlich
finden,  wenn  wir  da  in  einer  Zeit  isolirt  stehen,  wo  alle  Verhältnisse
  auf  den  Kopf  gestellt  sind,  England  und  Frankreich
für  jetzt  noch  so  eng  verbunden  sind,  daß  Frankreich  nicht  den
Muth  hat,  an  Sicherheiten  gegen  die  Schweizer  Radikalen  zu
denken,  weil  England  es  übel  nehmen  könnte,  unterdessen  aber
dasselbe  England  in  Furcht  mit  seinen  Landungsvorbereitungen
setzt  und  entschiedene  Schritte  zu  einer  russischen  Allianz  macht;
Oestreich  in  einem  Bunde  mit  England,  was  dennoch  fort-
        <pb n="219" />
        Briefwechsel  mit  Gerlach  über  Legitimität  und  Bonapartismus.  195

wãhrend  Italien  aufwiegelt  u.  s.  w.  Wohin  sollen  wir  uns
da  wenden  nach  Ihrer  Ansicht,  etwa  wie  es  der  hier  anwesende
Plonplon  )  angedeutet  haben  soll,  zu  einer  Allianz  mit  Frankreich
  und  Rußland  gegen  Oestreich  und  England?  Aus  einer
solchen  Allianz  folgt  aber  ummittelbar  ein  überwiegender  Einfluß
  Frankreichs  in  Italien,  die  gänzliche  Revolutionirung  dieses
Landes  und  ebenfalls  ein  überwiegender  Einfluß  von  Bonaparte
  in  Deutschland.  An  diesem  Einfluß  würde  man  uns  in
den  untergeordneten  Sphären  einigen  Antheil  lassen,  aber
keinen  großen  und  keinen  langen.  Wir  haben  ja  schon  einmal
Deutschland  unter  russisch-französischem  Einflusse  gesehen  1801
bis  1803,  wo  die  Bisthümer  säcularisirt  und  nach  Pariser  und
Petersburger  Vorschristen  vertheilt  wurden;  Preußen,  was  sich
damals  gut  mit  den  beiden  Staaten  und  schlecht  mit  Oestreich
und  England  stand,  erhielt  auch  etwas  ab  bei  der  Theilung,
aber  nicht  viel,  und  sein  Einfluß  war  geringer  als  je.
L.  v.  G.“

Ohne  näher  auf  seinen  Brief  einzugehn,  schrieb  ich  dem
General  am  11.  Mai#:

„..  Berliner  Nachrichten  sagen  mir,  daß  man  mich  am
Hofe  als  Bonapartisten  bezeichnet.  Man  thut  mir  Unrecht
damit.  Im  Jahre  50  wurde  ich  von  unsern  Gegnern  verrätherischer
  Hinneigung  zu  Oestreich  angeklagt,  und  man  nannte
uns  die  Wiener  in  Berlin;  später  fand  man,  daß  wir  nach
Juchten  rochen,  und  nannte  uns  Spree-Kosaken.  Ich  habe
damals  auf  die  Frage,  ob  ich  Russisch  oder  westmächtlich  sei,
stets  geantwortet,  ich  bin  Preußisch,  und  mein  Ideal  für  auswärtige
  Politiker  ist  die  Vorurtheilsfreiheit,  die  Unabhängigkeit
  der  Entschließungen  von  den  Eindrücken  der  Abneigung
oder  der  Vorliebe  für  fremde  Staaten  und  deren  Regenten.
Ich  habe,  was  das  Ausland  anbelangt,  in  meinem  Leben  nur

1)  Prinz  Napoleon.
2)  Briefe  Bismarck's  an  L.  v.  Gerlach  S.  324  ff.
        <pb n="220" />
        196  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

für  England  und  seine  Bewohner  Sympathie  gehabt  und  bin
stundenweis  noch  nicht  frei  davon;  aber  die  Leute  wollen  sich
ja  von  uns  nicht  lieben  lassen,  und  ich  würde,  sobald  man  mir
nachweist,  daß  es  im  Interesse  einer  gesunden  und  wohldurchdachten
  Preußischen  Politik  liegt,  unfre  Truppen  mit  derselben
Genugthuung  auf  die  Französischen,  Russischen,  Englischen  oder
Oestreichischen  feuern  sehn.  In  Friedenszeiten  halte  ich  es  für
muthwillige  Selbstschwächung,  sich  Verstimmungen  zuzuziehn
oder  solche  zu  unterhalten,  ohne  daß  man  einen  praktischen
politischen  Zweck  damit  verbindet,  und  die  Freiheit  seiner
künftigen  Entschließungen  und  Verbindungen  vagen  und  unerwiderten
  Sympathien  zu  opfern,  Concessionen,  wie  sie  Oestreich
  jetzt  in  Betreff  Rastatts  von  uns  erwartet,  lediglich  aus
Gutmüthigkeit  und  love  of  approbation  1)  zu  machen.  Können
wir  jetzt  kein  Aequivalent  für  eine  Gefälligkeit  der  Art  erwarten,
  so  sollten  wir  auch  unfre  Concession  zurückhalten;  die
Gelegenheit,  sie  als  Ausgleichungsobject  zu  verwerthen,  kommt
vielleicht  später  einmal.  Die  Nützlichkeit  für  den  Bund  kann
doch  nicht  die  ausschließliche  Richtschnur  Preußischer  Politik
sein,  denn  das  Allernützlichste  für  den  Bund  wäre  ohne  Zweifel,
wenn  wir  uns  und  alle  Deutsche  Regirungen  Oestreich  militärisch,
  politisch  und  commerciell  im  Zollverein  unterordneten;
unter  einheitlicher  Leitung  würde  der  Bund  in  Krieg  und  Frieden
ganz  andre  Dinge  leisten,  auch  wirklich  haltbar  werden  für
Kriegsfälle  .“

Gerlach  antwortete  mir  unter  dem  21.  Mai#ß:

„Als  ich  Ihren  Brief  vom  11.  d.  M.  erhielt,  dachte  ich
schon,  es  wäre  eine  Antwort  auf  meine  versuchte  Widerlegung
Ihres  ausführlichen  Schreibens  vom  2.  d.  M.  Ich  war  daher
sehr  gespannt,  da  es  mir  sehr  schwer  wird,  mit  Ihnen  verschiedener
  Meinung  zu  sein,  und  ich  auf  eine  Verständigung

1)  Sucht,  den  Beifall  anderer  zu  finden.

:„)  Briefe  Gerlach's  2c.  S.  213  ff.
        <pb n="221" />
        Briefwechsel  mit  Gerlach  über  Legitimität  und  Bonapartismus.  197

hoffte.  Ihre  Apologie  gegen  den  Ihnen  gemachten  Vorwurf
des  Bonapartismus  zeigt  mir  aber,  daß  wir  noch  weit  auseinander
  find..  Daß  Sie  kein  Bonapartist  sind,  weiß  ich
ebenso  gewiß,  als  daß  die  meisten  Staatsmänner,  nicht  allein
bei  uns,  sondern  auch  in  andern  Ländern,  es  in  Wahrheit  sind,
z.  B.  Palmerston,  Bach,  Buol  u.  s.  w.;  auch  weiß  ich  a  priori,
daß  Sie  in  Frankfurt  und  in  Deutschland,  bald  hätte  ich  gesagt
  im  Rheinbund,  viele  Exemplare  dieser  Sorte  bemerkt
haben  werden.  Schon  die  Art,  wie  Sie  die  Opposition  des
letzten  Landtags  ansahn,  rechtfertigt  Sie  gegen  den  Vorwurf
des  Bonapartismus.  Aber  eben  deswegen  ist  es  mir  unerklärlich,
  wie  Sie  unfre  äußere  Politik  ansehn.

Daß  man  nicht  mistrauisch,  steifstellig,  widerwillig  gegen
Bonaparte  sein  soll,  finde  ich  auch,  man  soll  die  besten  procédés
  ))  gegen  ihn  haben,  nur  nicht  ihn  hierher  einladen,  wie
Sie  wollen,  weil  man  sich  etwas  dadurch  vergiebt,  den  guten
Sinn,  wo  er  noch  vorhanden,  irre  macht,  Mistrauen  erregt
und  seine  Ehre  verliert.  Darum  billige  ich  vieles  in  Ihrem
Memoire  5);  die  historische  Einleitung,  Fol.  1—5,  ist  höchst
belehrend  und  von  dem  andern  das  Meiste  sehr  anwendbar;
aber  verzeihen  Sie,  es  fehlt  ihm  Kopf  und  Schwanz,  Princip
und  Ziel  der  Politik.

1.  Können  Sie  leugnen,  daß  Napoleon  III.  wie  Napoleon  I.
den  Consequenzen  seiner  Stellung  eines  auf  Volkssouveränität
gegründeten  Absolutismus  (I'élu  as  7  millions)  unterliegt,  was
er  so  gut  als  der  alte  fühlt.

2.  Frankreich,  Rußland,  bnb  eine  triple  alliance,  in
die  Preußen  nur  eintritt,  „ich  sei,  gewährt  mir  die  Bitte,  in
eurem  Bunde  der  Dritte“,  und  der  schwächste  bleibt,  der  Oestreich
  und  England  abwehrend  und  mistrauisch  gegenüberstehn,

1)  Haltung.
:)  An  Manteuffel  vom  18.  Mai,  s.  Preußen  im  Bundestage  IV,
262  ff.  264  ff.,  einen  Nachtrag  dazu  s.  ebendort  S.  272  ff.
        <pb n="222" />
        198  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

 

bewirkt  unmittelbar  den  Sieg  der  französischen  Inter—
essen",  d.  h.  die  Herrschaft  in  Italien  zunächst  und  dann  in
Deutschland.  1801  bis  1804  vertheilten  Rußland  und  Frankreich
  Deutschland  und  gaben  Preußen  ein  Weniges  ab.

3.  Worin  unterscheidet  sich  die  von  Ihnen  empfohlene  Politik
von  der  von  Haugwitz  von  1794—18052  Da  war  auch  nur
von  einem  „Defensiv-System"  die  Rede.  Thugut,  Cobenzl,
Lehrbach  waren  um  nichts  besser  als  Buol  und  Bach,  Perfidien
sielen  Seitens  Oestreichs  auch  vor,  Rußland  war  noch  unzuverlässiger
  als  jetzt,  dafür  aber  freilich  England  zuverlässiger.
Der  König  war  auch  in  seinem  Herzen  dieser  Politik  abgeneigt.
  .

Bei  meiner  Differenz  mit  Ihnen  kommt  mir  oft  der  Gedanke,
  daß  ich  mit  meinen  Ansichten  veraltet  bin  und  daß,
wenn  ich  auch  meine  Politik  nicht  unrichtig  finden  kann,  es
doch  vielleicht  nöthig  ist,  es  mit  einer  andern  zu  versuchen,  die
zunächst  durchgemacht  und  überwunden  werden  muß.  1792  war
Massenbach  für  die  französische  Allianz  und  schrieb  darüber
mitten  im  Kriege  eine  Abhandlung,  von  1794  war  Haugwitz
für  das  Defensiv-System  oder  für  die  Neutralität  u.  s.  w.  Der
revolutionäre  Absolutismus  ist  seinem  Wesen  nach  erobernd,
da  er  sich  im  Innern  nur  halten  kann,  wenn  rundum  alles  so
wie  bei  ihm  ist.  Palmerston  mußte  die  Demonstration  gegen
die  Belgische  Presse  unterstützen  u.  s.  w.  Gegen  den  Schweizer
Radicalismus,  obschon  er  Bonaparte  eingestandnermaßen  sehr
unbequem  ist,  war  Napoleon  III.  sehr  schwach.  —  Nun  noch
eine  Parallele.  1812  waren  Gneisenau,  Scharnhorst  und
wenige  andre  gegen  die  französische  Allianz,  die  bekanntlich
durchgesetzt  und  durch  ein  Hilfscorps  zur  Realität  wurde.  Der
Erfolg  sprach  für  die,  welche  die  Allianz  gewollt  hatten.  Ich
würde  doch  sehr  gern  bei  Gneisenau  und  Scharnhorst  gestanden
haben.  1813  war  Knesebeck  für  den  Waffenstillstand,  Gneisenau
dagegen,  ich  damals  als  22jähriger  Offizier  entschieden  dagegen
        <pb n="223" />
        Briefwechsel  mit  Gerlach  über  Legitimität  und  Bonapartismus.  199

 

und  getraue  mir,  des  Erfolges  ungeachtet,  zu  beweisen,  daß
ich  Recht  hatte.  Victrix  causa  düs  placuit,  victa  Catoni  )  hat
auch  eine  Bedeutung

Die  Politik  des  Defensiv-Systems  in  der  Allianz  mit  Frankreich
  und  Rußland  durchzusetzen  —  ehemals  nannte  man  das
Neutralitätspolitik,  bei  der  orientalischen  Frage  wollte  England
eine  solche  nicht  dulden  —  wird  Ihnen  nicht  schwer  sallen,  die
Manteuffels  und  noch  viele  Andre  stehen  auf  Ihrer  Seite
(S.  Maj.  im  Herzen  zwar  nicht,  aber  doch  mit  der  Passivität),
und  zwar  diese  alle  so  lange,  wie  der  Bonapartismus  hält.
Was  kann  aber  unterdessen  noch  Alles  geschehn?  Ich  würde
mich  aber  sehr  gefreut  haben,  wenn  Sie  dann  völlig  unvermischt
  mit  demselben  das  Heft  hätten  ergreifen  können.  Der  alte
Bonaparte  regierte  15  Jahr,  Louis  Philippe  18,  glauben  Sie,
daß  das  jetzige  Wesen  länger  halten  wird?  L.  v.  G.“

Ich  erwiderte  in  folgendem  Briefe:
„Frankfurt,  30.  Mai  1857).

Bei  Beantwortung  Ihrer  beiden  letzten  Briefe  bin  ich  unter
dem  Drucke  des  Gefühls  der  Unvollkommenheit  des  menschlichen
  Ausdrucks,  besonders  des  schriftlichen;  jeder  Versuch,  sich
klar  zu  machen,  ist  der  Vater  neuer  Mißverständnisse;  es  ist
uns  nicht  gegeben,  den  ganzen  Menschen  zu  Papier  oder  über
die  Zunge  zu  bringen,  und  die  Bruchstücke,  welche  wir  zu  Tage
fördern,  können  wir  Andre  nicht  grade  so  wahrnehmen  lassen,
wie  wir  sie  selbst  empfunden  haben,  theils  wegen  der  Inferiorität
  der  Sprache  gegen  den  Gedanken,  theils  weil  die
äußern  Thatsachen,  auf  die  wir  Bezug  nehmen,  sich  selten  zwei
Personen  unter  gleichem  Lichte  darstellen,  sobald  der  Eine  nicht
die  Anschauung  des  Andern  auf  Glauben  und  ohne  eignes
Urtheil  annimmt.

1)  Die  siegreiche  Sache  gefiel  den  Göttern,  die  besiegte  dem  Cato,

Citat  aus  Lucan,  Pharsalia  1,  128.
2)  Bismarck's  Briefe  an  Gerlach  S.  320  ff.
        <pb n="224" />
        200  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

 

Den  Abhaltungen,  die  in  Geschäften,  Besuchen,  schönem
Wetter,  Faulheit,  Kinderkrankheit  und  eigner  (Krankheit]  lagen,
kam  jenes  Gefühl  zu  Hülfe  und  entmuthigte  mich,  Ihrer  Kritik
mit  fernern  Argumenten  gegenüber  zu  treten,  von  denen  jedes
seine  Halbheiten  und  Blößen  an  sich  tragen  wird.  Nehmen
Sie  bei  der  Beurtheilung  Rücksicht  darauf,  daß  ich  Reconvalescent
  bin  und  heut  den  ersten  Marienbader  getrunken  habe,
und  wenn  meine  Ansichten  von  den  Ihrigen  abweichen,  so
suchen  Sie  die  Verschiedenheit  im  Blättertrieb  und  nicht  in  der
Wurzel,  für  welche  ich  vielmehr  meinen  Ueberzeugungen  die
Gemeinschaft  mit  den  Ihrigen  stets  vindicire.

Das  Prinzip  des  Kampfes  gegen  die  Revolution  erkenne
auch  ich  als  das  meinige  an,  aber  ich  halte  es  nicht  für  richtig,
Louis  Napoleon  als  den  alleinigen  oder  auch  nur  #ar'  2é0  M
als  den  Repräsentanten  der  Revolution  hinzustellen,  und  halte
es  nicht  für  möglich,  das  Prinzip  in  der  Politik  als  ein  solches
durchzuführen,  daß  die  entferntesten  Consequenzen  desselben  noch
jeddee  andre  Rücksicht  durchbrechen,  daß  es  gewissermaßen  den
alleinigen  Trumpf  im  Spiele  bildet,  von  dem  die  niedrigste
Karte  noch  die  höchste  jeder  andern  Farbe  sticht.

Wie  viele  Existenzen  giebt  es  noch  in  der  heutigen  politischen
  Welt,  die  nicht  in  revolutionärem  Boden  wurzeln?  Nehmen
Sie  Spanien,  Portugal,  Brasilien,  alle  amerikanischen  Republiken,
  Belgien,  Holland,  die  Schweiz,  Griechenland,  Schweden,
das  noch  heut  mit  Bewußtsein  in  der  glorious  revolution?)  von
1688  fußende  England;  selbst  für  das  Terrain,  welches  die
heutigen  deutschen  Fürsten  theils  Kaiser  und  Reich  theils  ihren
Mitständen,  den  Standesherrn,  theils  ihren  eignen  Landständen
abgewonnen  haben,  läßt  sich  kein  vollständig  legitimer  Besitztitel
  nachweisen,  und  in  unserm  eignen  staatlichen  Leben  können

1)  Vorzugsweise.
2)  Ruhmreichen  Revolution.
        <pb n="225" />
        Briefwechsel  mit  Gerlach  über  Legitimität  und  Bonapartismus.  201

wir  der  Benutzung  revolutionärer  Unterlagen  nicht  entgehn.
Viele  der  berührten  Zustände  sind  eingealtert,  und  wir  haben
uns  an  sie  gewöhnt;  es  geht  uns  damit,  wie  mit  allen  den
Wundern,  welche  uns  täglich  24  Stunden  lang  umgeben,  deßhalb
  aufhören,  uns  wunderbar  zu  erscheinen,  und  niemand
abhalten,  den  Begriff  des  „Wunders“  auf  Erscheinungen  einzuschränken,
  welche  durchaus  nicht  wunderbarer  sind  als  die  eigne
Geburt  und  das  tägliche  Leben  des  Menschen.

Wenn  ich  aber  ein  Prinzip  als  oberstes  und  allgemein
durchgreifendes  anerkenne,  so  kann  ich  das  nur  insoweit,  als
es  sich  unter  allen  Umständen  und  zu  allen  Zeiten  bewahrheitet,
und  der  Grundsatz  quod  ab  initio  vitiosum,  lapsu  temporis
convalescere  nequit  1)  bleibt  der  Doctrin  gegenüber  richtig.
Aber  selbst  dann,  wenn  die  revolutionären  Erscheinungen  der
Vergangenheit  noch  nicht  den  Grad  von  Verjährung  hatten,
daß  man  von  ihnen  sagen  konnte,  wie  die  Hexe  im  Faust  von
ihrem  Höllentrank:  „Hier  hab'  ich  eine  Flasche,  aus  der  ich
selbst  zuweilen  nasche,  die  auch  nicht  mehr  im  mind'sten  stinkt",
hatte  man  nicht  immer  die  Keuschheit,  sich  liebender  Berührungen
  zu  enthalten;  Cromwell  wurde  von  sehr  antirevolutionären
  Potentaten  „Herr  Bruder“  genannt  und  seine  Freundschaft
  gesucht,  wenn  sie  nützlich  erschien;  mit  den  Generalstaaten
waren  sehr  ehrbare  Fürsten  im  Bündniß,  bevor  sie  von  Spanien
anerkannt  wurden.  Wilhelm  von  Oranien  und  seine  Nachfolger
  in  England  galten,  auch  während  die  Stuarts  noch  prätendirten,
  unsern  Vorfahren  für  durchaus  koscher,  und  den  Vereinigten
  Staaten  von  Nordamerika  haben  wir  schon  in  dem
Haager  Vertrage  von  1785  ihren  revolutionären  Ursprung
verziehn.  Der  jetzige  König  von  Portugal  2)  hat  uns  in  Berlin

1)  Was  von  Anfang  an  bresthaft  ist,  kann  auch  nicht  durch  den
Verlauf  der  Zeit  gesund  werden,  Citat  aus  Corpus  Juris,  Dig.  de  diversis
  regulis  iuris  antiqui  50,  17,  fragm.  29.

2:)  Dom  Pedro  V.
        <pb n="226" />
        202  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

 

besucht,  und,  mit  dem  Hause  Bernadotte  hätten  wir  uns  verschwägert,
  wenn  nicht  zufällige  Hindernisse  eintraten.

Wann  und  nach  welchen  Kennzeichen  haben  alle  diese  Mächte
aufgehört,  revolutionär  zu  sein?  Es  scheint,  daß  man  ihnen
die  illegitime  Geburt  verzeiht,  sobald  wir  keine  Gefahr  von
ihnen  besorgen,  und  daß  man  sich  alsdann  auch  nicht  prinzipiell
daran  stößt,  wenn  sie  fortfahren,  ohne  Buße,  ja  mit  Rühmen
sich  zu  ihrer  Wurzel  im  Unrecht  zu  bekennen.

Ich  sehe  nicht,  daß  vor  der  Französischen  Revolution
ein  Staatsmann,  sei  er  auch  der  christlichste  und  gewissenhafteste,
  auf  den  Gedanken  gekommen  wäre,  sein  gesammtes
politisches  Streben,  sein  Verhalten  zur  äußern  wie  zur  innern
Politik  dem  Prinzipe  des  „Kampfes  gegen  die  Revolution"  unterzuordnen
  und  die  Beziehungen  seines  Landes  zu  andern  lediglich
  an  diesem  Probirstein  zu  prüfen;  und  doch  waren  die
Grundsätze  der  Amerikanischen  Revolution  und  der  Englischen
Revolution,  abgesehn  von  dem  Maße  des  Blutvergießens  und
dem  nach  dem  Nationalcharakter  sich  verschieden  gestaltenden
Unfug  mit  der  Religion,  ziemlich  dieselben  wie  diejenigen,
welche  in  Frankreich  die  Unterbrechung  der  Continuität  des
Rechtes  herbeiführten.  Ich  kann  nicht  annehmen,  daß  es  vor
1789  nicht  einige  ebenso  christliche  und  conservative  Politiker,
ebenso  richtige  Erkenner  des  Bösen  gegeben  hätte,  wie  wir
sind,  und  daß  die  Wahrheit  eines  von  uns  als  Grundlage
aller  Politik  hinzustellenden  Prinzips  ihnen  entgangen  sein
sollte.  Ich  finde  auch  nicht,  daß  wir  auf  alle  revolutionäre
Erscheinungen  nach  1789  das  Prinzip  ebenso  rigoros  anwenden
wie  auf  Frankreich.  Die  analogen  Rechtszustände  in  Oestreich,
das  Prosperiren  der  Revolution  in  Portugal,  Spanien,  Belgien
und  in  dem  durch  und  durch  revolutionären  heutigen  Dänemark,
  das  offne  Bekennen  und  Propagiren  der  revolutionären
Grundideen  von  Seiten  der  Englischen  Regirung  und  das  Bethätigen
  derselben  noch  in  dem  Neuenburger  Conflict,  das  alles
        <pb n="227" />
        Briefwechsel  mit  Gerlach  über  Legitimität  und  Bonapartismus.  203

hält  uns  nicht  ab,  die  Beziehungen  unsres  Königs  zu  den
Monarchen  dieser  Länder  milder  zu  beurtheilen  als  diejenigen
zu  Napoleon  III.  Was  steckt  denn  Besondres  in  dem  Letzten
und  in  der  Französischen  Revolution  überhaupt?  Die  unfürstliche
  Herkunft  der  Bonaparte  thut  viel,  aber  sie  findet  in
Schweden  auch  statt,  ohne  dieselbe  Consequenz.  Liegt  dieses
„Besondre“  grade  in  der  Familie  Bonaparte?  Dieselbe  hat
weder  die  Revolution  in  die  Welt  gebracht,  noch  würde  die
Revolution  beseitigt  oder  auch  nur  unschädlich  gemacht,  wenn
man  diese  Familie  ausrottete.  Die  Revolution  ist  viel  älter
als  die  Bonapartes  und  viel  breiter  in  der  Grundlage  als
Frankreich.  Wenn  man  ihr  einen  irdischen  Ursprung  anweisen
will,  so  wäre  auch  der  nicht  in  Frankreich,  sondern  eher  in
England  zu  suchen,  wenn  nicht  noch  früher  in  Deutschland  oder
in  Rom,  je  nachdem  man  die  Auswüchse  der  Reformation  oder
die  der  Römischen  Kirche  und  die  Einführung  des  Römischen
Rechtes  in  die  Germanische  Welt  als  schuldig  ansehn  will.

Der  erste  Napoleon  hat  damit  begonnen,  die  Revolution
in  Frankreich  für  seinen  Ehrgeiz  mit  Erfolg  zu  benutzen  und
sie  später  ohne  Erfolg  und  mit  falschen  Mitteln  zu  bekämpfen
gesucht;  er  wäre  sie  recht  gern  aus  seiner  Vergangenheit  los
gewesen,  nachdem  er  die  Frucht  davon  gepflückt  und  in  der
Tasche  hatte;  gefördert  wenigstens  hat  er  sie  nicht  in  dem
Grade,  wie  die  drei  Louis  vor  ihm  durch  Einführung  des  Absolutismus
  unter  Louis  XIV.,  durch  die  Unwürdigkeiten  der
Regentschaft  und  des  Louis  XV.,  durch  die  Schwäche  von
Louis  XVI.,  der  am  14.  September  91  bei  Annahme  der  Verfassung
  die  Revolution  als  beendigt  proclamirte;  fertig  war  sie
allerdings.  Das  Haus  Bourbon  hat  mehr  für  die  Revolution
gethan  als  alle  Bonaparten,  auch  wenn  man  ihm  Philippe
Egalité  nicht  zur  Last  schreibt.

Der  Bonapartismus  ist  nicht  der  Vater  der  Revolution,
er  ist  nur  wie  jeder  Absolutismus  ein  fruchtbares  Feld  für
        <pb n="228" />
        204  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

 

die  Saat  derselben;  ich  will  ihn  damit  durchaus  nicht  außerhalb
des  Gebietes  der  revolutionären  Erscheinungen  stellen,  sondern
ihn  nur  frei  von  den  Zuthaten  zur  Anschauung  bringen,  welche
seinem  Wesen  nicht  nothwendig  eigen  sind.  Zu  solchen  rechne
ich  ferner  die  ungerechten  Kriege  und  Eroberungen.  Diese
sind  kein  eigenthümliches  Attribut  der  Familie  Bonaparte  oder
des  nach  ihr  benannten  Regirungssystems.  Legitime  Erben
alter  Throne  können  das  auch.  Ludwig  XIV.  hat  nach  seinen
Kräften  nicht  weniger  heidnisch  in  Deutschland  gewirthschaftet
als  Napoleon,  und  wenn  letztrer  mit  seinen  Anlagen  und  Neigungen
  als  Sohn  Ludwig's  XVI.  geboren  wäre,  so  hätte  er
uns  vermuthlich  auch  das  Leben  sauer  genug  gemacht.

Der  Trieb  zum  Erobern  ist  England,  Nordamerika,  Rußland
  und  Andern  nicht  minder  eigen  als  dem  Napoleonischen
Frankreich,  und  sobald  Macht  und  Gelegenheit  dazu  sich  finden,
ist  es  auch  bei  der  legitimsten  Monarchie  schwerlich  die  Bescheidenheit
  oder  die  Gerechtigkeitsliebe,  welche  ihm  Schranken
setzt.  Bei  Napoleon  III.  scheint  er  als  Instinct  nicht  zu  dominiren;
  derselbe  ist  kein  Feldherr,  und  im  großen  Kriege,  mit
großen  Erfolgen  oder  Gefahren  könnte  es  kaum  fehlen,  daß
die  Blicke  der  französischen  Armee,  der  Trägerin  seiner  Herrschaft,
  sich  mehr  auf  einen  glücklichen  General  als  auf  den
Kaiser  richteten.  Er  wird  daher  den  Krieg  nur  dann  suchen,
wenn  er  sich  durch  innre  Gefahren  dazu  genöthigt  glaubt.
Eine  solche  Nöthigung  würde  aber  für  den  legitimen  König
von  Frankreich,  wenn  er  jetzt  zur  Regirung  käme,  von  Hause
aus  vorhanden  sein.

Weder  die  Erinnrung  an  die  Eroberungssucht  des
Onkels  noch  die  Thatsache  des  ungerechten  Ursprungs
seiner  Macht  berechtigt  mich  also,  den  gegenwärtigen  Kaiser
der  Franzosen  als  den  ausschließlichen  Repräsentanten  der  Revolution,
  als  vorzugsweises  Object  des  Kampfes  gegen  dieselbe
zu  betrachten.  Den  zweiten  Makel  theilt  er  mit  vielen  be-
        <pb n="229" />
        Briefwechsel  mit  Gerlach  über  Legitimität  und  Bonapartismus.  205

 

stehenden  Gewalten,  und  des  erstern  ist  er  bisher  nicht  verdächtiger
  als  Andre.  Sie,  verehrtester  Freund,  werfen  ihm
vor,  daß  er  sich  nicht  halten  könne,  wenn  nicht  ringsum  alles
so  sei  wie  bei  ihm;  wenn  ich  das  für  richtig  erkännte,  so  würde
es  hinreichen,  meine  Ansicht  zu  erschüttern.  Aber  der  Bonapartismus
  unterscheidet  sich  dadurch  von  der  Republik,  daß  er
nicht  das  Bedürfniß  hat,  seine  Regirungsgrundsätze  gewaltsam
zu  propagiren.  Selbst  der  erste  Napoleon  hat  den  Ländern,
welche  nicht  direct  oder  indirect  zu  Frankreich  geschlagen  wurden,
seine  Regirungsform  nicht  aufzudrängen  versucht;  man  ahmte
sie  im  Wetteifer  freiwillig  nach.  Fremde  Staaten  mit  Hülfe
der  Revolution  zu  bedrohn,  ist  heut  zu  Tage  seit  einer  ziemlichen
  Reihe  von  Jahren  das  Gewerbe  Englands,  und  wenn
Louis  Napoleon  so  gewollt  hätte  wie  Palmerston,  so  würden
wir  in  Neapel  schon  vor  Jahr  und  Tag  einen  Ausbruch  erlebt
  haben.  Der  Französische  Kaiser  würde  durch  Ausbreitung
revolutionärer  Institutionen  bei  seinen  Nachbarn  Gefahren
für  sich  selbst  schaffen;  er  wird  vielmehr,  im  Interesse  der
Erhaltung  seiner  Herrschaft  und  Dynastie  und  bei  seiner  Ueberzeugung
  von  der  Fehlerhaftigkeit  der  heutigen  Institutionen
Frankreichs,  für  sich  selbst  festere  Grundlagen  als  die  der  Revolution
  zu  gewinnen  suchen.  Ob  er  das  kann,  ist  freilich
eine  andre  Frage,  aber  er  ist  keineswegs  blind  für  die  Mangelhaftigkeit
  und  die  Gefahren  des  Bonapartistischen  Regirungssystems,
  denn  er  spricht  sich  selbst  darüber  aus  und  beklagt  sie.

Die  jetzige  Regirungsform  ist  für  Frankreich  nichts  Willkührliches,
  was  Louis  Napoleon  einrichten  oder  ändern  könnte;
sie  war  für  ihn  ein  Gegebenes  und  ist  wahrscheinlich  die  einzige
  Methode,  nach  der  Frankreich  auf  lange  Zeit  hin  regirt
werden  kann;  für  alles  Andre  fehlt  die  Grundlage  entweder
von  Hause  aus  im  National-Charakter,  oder  sie  ist  zerschlagen
und  verloren  gegangen;  und  wenn  Heinrich  V.  jetzt  auf  den
Thron  gelangte,  er  würde,  wenn  überhaupt,  auch  nicht  anders
        <pb n="230" />
        206  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

regiren  können.  Louis  Napoleon  hat  die  revolutionären  Zustände
  des  Landes  nicht  geschaffen,  die  Herrschaft  auch  nicht  in
Auflehnung  gegen  eine  rechtmäßig  bestehende  Autorität  gewonnen,
  sondern  sie  als  herrnloses  Gut  aus  dem  Strudel  der
Anarchie  herausgesischt.  Wenn  er  sie  jetzt  niederlegen  wollte,
so  würde  er  Europa  in  Verlegenheit  setzen,  und  man  würde
ihn  ziemlich  einstimmig  bitten,  zu  bleiben;  und  wenn  er  sie  an
den  Herzog  von  Bordeauxy  cedirte,  so  würde  dieser  sie  sich
ebensowenig  erhalten  können,  als  er  sie  zu  erwerben  vermochte.
Wenn  Louis  Napoleon  sich  den  élu  de  sept  millions  nennt,  so
erwähnt  er  damit  einer  Thatsache,  die  er  nicht  wegläugnen
kann;  er  vermag  sich  keinen  andern  Ursprung  zu  geben,  als
er  hat;  daß  er  aber,  nachdem  er  im  Besitz  der  Herrschaft  ist,
dem  Prinzip  der  Volkssouveränetät  practisch  zu  huldigen  fortführe
  und  von  dem  Willen  der  Massen  das  Gesetz  empfinge,
wie  das  jetzt  mehr  und  mehr  in  England  einreißt,  kann  man
von  ihm  nicht  sagen.

Es  ist  menschlich  natürlich,  daß  die  Unterdrückung  und
schändliche  Behandlung  unfres  Landes  durch  den  ersten  Napoleon
  in  allen,  die  es  erlebt  haben,  einen  unauslöschlichen
Eindruck  hinterlassen  hat  und  daß  in  deren  Augen  das  böse
Prinzip,  welches  wir  in  Gestalt  der  Revolution  bekämpfen,  sich
allein  mit  der  Person  und  dem  Geschlechte  dessen  identificirt,
den  man  Dheureux  soldat  héritier  de  la  révolution  ?)  nannte;
aber  mir  scheint,  daß  Sie  dem  jetzigen  Napoleon  zu  viel  aufbürden,
  wenn  Sie  grade  in  ihm  und  nur  in  ihm  die  zu  bekämpfende
  Revolution  personificiren  und  aus  diesem  Grunde
die  Proscription  über  ihn  aussprechen,  so  daß  es  wider  die
Ehre  sei,  mit  ihm  umzugehn.  Jedes  Kennzeichen  der  Revo-1)

  Heinrich  V.,  Graf  v.  Chambord,  Herzog  von  Bordeaux,  Enkel
des  Königs  Karl  X.  von  Frankreich,  gest.  24.  August  1883.  Er  galt
seit  dem  Tode  Karls  X.  als  „legitimer“  König  von  Frankreich.

!)  Den  glücklichen  militärischen  Erben  der  Revolution.
        <pb n="231" />
        Briefwechsel  mit  Gerlach  über  Legitimität  und  Bonapartismus.  207

lution,  welches  er  an  sich  trägt,  finden  Sie  auch  an  andern
Stellen  wieder,  ohne  daß  Sie  Ihren  Haß  mit  derselben  Strenge
der  Doctrin  auch  dahin  richteten.  Das  Bonapartistische  Regiment
  im  Innern  mit  seiner  rohen  Centralisation,  seiner  Vernichtung
  der  Selbständigkeiten,  seiner  Nichtachtung  von  Recht
und  Freiheit,  seiner  offiziellen  Lüge,  seiner  Corruption  in  Staat
und  Börse,  seinen  gefügigen  und  überzeugungslosen  Schreibern
blüht  in  dem  von  Ihnen  mit  unverdienter  Vorliebe  betrachteten
Oestreich  ebenso  wie  in  Frankreich  und  wird  an  der  Donau
aus  freier  Machtvollkommenheit  mit  Bewußtsein  in's  Leben
gerufen,  während  Louis  Napoleon  es  in  Frankreich  als  vorhandnes,
  ihm  selbst  unwillkommnes,  aber  nicht  leicht  zu  änderndes
  Resultat  der  Geschichte  vorfand.

Ich  finde  das  „Besondre",  welches  uns  heut  zu  Tage  bestimmt,
  grade  die  Französische  Revolution  vorzugsweise  als
Revolution  zu  bezeichnen,  nicht  in  der  Familie  Bonaparte,  sondern
  in  der  örtlichen  und  zeitlichen  Nähe  der  Ereignisse  und
in  der  Größe  und  Macht  des  Landes,  auf  dessen  Boden  sie
sich  zutragen.  Deßhalb  sind  sie  gefährlicher,  aber  ich  finde  es
deshalb  noch  nicht  schlechter,  mit  Bonaparte  in  Beziehung
zu  stehn  als  mit  andern  von  der  Revolution  erzeugten  Existenzen
  oder  mit  Regirungen,  welche  sich  freiwillig  mit  ihr
identificiren,  wie  Oestreich,  und  für  die  Ausbreitung  revolutionärer
  Grundsätze  thätig  sind,  wie  England.

Ich  will  mit  diesem  Allen  keine  Apologie  der  Personen
und  Zustände  in  Frankreich  geben;  ich  habe  für  die  erstern
keine  Vorliebe  und  halte  die  letztern  für  ein  Unglück  jenes
Landes;  ich  will  nur  erklären,  wie  ich  dazu  komme,  daß  es
mir  weder  sündlich  noch  ehrenrührig  erscheint,  mit  dem  von
uns  anerkannten  Souverän  eines  wichtigen  Landes  in  nähere
Verbindung  zu  treten,  wenn  es  der  Gang  der  Politik  mit  sich
bringt.  Daß  diese  Verbindung  an  sich  etwas  Wünschenswerthes
sei,  sage  ich  nicht,  sondern  nur,  daß  alle  andern  Chancen
        <pb n="232" />
        208  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

schlechter  sind  und  daß  wir,  um  sie  zu  bessern,  durch  die  Wirklichkeit
  oder  den  Schein  intimerer  Beziehungen  zu  Frankreich
hindurch  müssen.  Nur  durch  dieses  Mittel  können  wir  Oestreich
  so  weit  zur  Vernunft  und  zur  Verzichtleistung  auf  seinen
überspannten  Schwarzenbergischen  Ehrgeiz  bringen,  daß  es  die
Verständigung  mit  uns  statt  unfrer  Uebervortheilung  sucht,
und  nur  durch  dieses  Mittel  können  wir  die  weitre  Entwicklung
  der  directen  Beziehungen  der  Deutschen  Mittelstaaten  zu
Frankreich  hemmen.  Auch  England  wird  anfangen  zu  erkennen,
wie  wichtig  ihm  die  Allianz  Preußens  ist,  wenn  es  erst  fürchtet,
sie  an  Frankreich  zu  verlieren.  Also  auch  wenn  ich  mich  auf
Ihren  Standpunkt  der  Neigung  für  Oestreich  und  England
stellte,  müssen  wir  bei  Frankreich  anfangen,  um  jene  zur  Erkenntnis
  zu  bringen.

Sie  sehn  in  Ihrem  Schreiben  voraus,  verehrtester  Freund,
daß  wir  in  einer  Preußisch-Französisch-Russischen  Allianz  eine
geringe  Rolle  spielen  werden.  Ich  habe  eine  solche  Allianz
auch  nie  als  etwas  von  uns  zu  Erstrebendes  hingestellt,
sondern  als  eine  Thatsache,  die  wahrscheinlich  früher  oder  später
aus  dem  jetzigen  decousu)  hervorgehn  wird,  ohne  daß  wir  sie
hindern  können,  mit  der  wir  also  rechnen,  über  deren  Wirkungen
wir  uns  klar  machen  müssen.  Ich  habe  hinzugefügt,  daß  wir
sie,  nachdem  Frankreich  um  unfre  Freundschaft  wirbt,  durch
unser  Eingehn  auf  diese  Werbung  vielleicht  hindern  oder  doch
in  der  Wirkung  modificiren,  jedenfalls  vermeiden  können,  als
„der  Dritte'  in  dieselbe  zu  treten.  Verhältnißmäßig  schwach
werden  wir  in  jeder  Verbindung  mit  andern  Großmächten  erscheinen,
  so  lange  wir  eben  nicht  stärker  sind,  als  wir  jetzt  sind.
Oestreich  und  England  werden,  wenn  wir  mit  ihnen  im  Bunde
sind,  ihre  Ueberlegenheit  auch  nicht  gerade  in  un  serm  Interesse
geltend  machen,  das  haben  wir  auf  dem  Wiener  Congreß  zu

1)  Durcheinander.
        <pb n="233" />
        Briefwechsel  mit  Gerlach  über  Legitimität  und  Bonapartismus.  209

 

unserm  Schaden  erlebt.  Oestreich  kann  uns  keine  Bedeutung
in  Deutschland  gönnen,  England  keine  Chancen  maritimer  Entwicklung
  in  Handel  oder  Flotte  und  ist  neidisch  auf  unfre  Industrie.


Sie  parallelisiren  mich  mit  Haugwitz  und  der  damaligen
„Defensiv-Politik.  Die  Verhältnisse  damals  waren  aber  andre.
Frankreich  war  schon  im  Besitz  der  drohendsten  Uebermacht,
an  seiner  Spitze  ein  notorisch  gefährlicher  Eroberer,  und  auf
England  war  dagegen  sicher  zu  rechnen.  Ich  habe  den  Muth,
den  Baseler  Frieden  nicht  zu  tadeln;  mit  dem  damaligen
Oestreich  und  seinen  Thugut,  Lehrbach  und  Cobenzl  war  ebensowenig
  ein  Bündniß  auszuhalten  wie  mit  dem  heutigen,  und
daß  wir  1815  nur  schlecht  fortkamen,  kann  ich  nicht  auf  den
Baseler  Frieden  schieben,  sondern  wir  konnten  gegen  die  uns
entgegenstehenden  Interessen  von  England  und  Oestreich  nicht
aufkommen,  weil  unfre  physische  Schwäche  im  Vergleich  mit
den  andern  Großmächten  nicht  gefürchtet  wurde.  Die  Rheinbundstaaten
  hatten  noch  ganz  anders  „gebaselt"  wie  wir  und
kamen  doch  in  Wien  vorzüglich  gut  fort.  Daß  wir  aber  1805
nicht  die  Gelegenheit  ergriffen,  um  Frankreichs  Uebermacht
brechen  zu  helfen,  war  eine  ausgezeichnete  Dummheit;  schnell,
nachdrücklich  und  bis  zum  letzten  Hauch  hätten  wir  gegen  Napoleon
  eingreifen  sollen.  Stillzusitzen  war  noch  unverständiger,
als  für  Frankreich  Partei  zu  nehmen;  nachdem  wir  aber  diese
Gelegenheit  hatten  vorbeigehn  lassen,  so  mußten  wir  auch  1806
à  tout  prix  Friede  halten  und  eine  bessere  abwarten  ½.

Ich  bin  garnicht  für  „Defensiv-Politik,  ich  sage  nur,  daß
wir  ohne  aggressive  Absichten  und  Verpflichtungen  uns  auf  die
Annäherungsversuche  Frankreichs  einlassen  können,  daß  dieses
Verhalten  grade  den  Vortheil  bietet,  uns  jede  Thür  offen,  jede
Wendung  frei  zu  erhalten,  bis  die  Lage  der  Dinge  fester  und

1)  Man  pgl.  u.  S.  221.

Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  11
        <pb n="234" />
        210  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

 

durchsichtiger  wird,  daß  ich  die  empfohlne  Richtung  nicht  als
conspirirend  gegen  Andre,  sondern  nur  als  vorsorglich  für  unfre
Nothwehr  auffasse.

Sie  sagen,  „Frankreich  wird  auch  nicht  mehr  für  uns  thun
als  Oestreich  und  die  Mittelstaaten“;  ich  glaube,  daß  niemand
etwas  für  uns  thut,  der  nicht  zugleich  sein  Interesse  dabei
findet;  die  Richtung  aber,  in  welcher  Oestreich  und  die  Mittelstaaten
  gegenwärtig  ihre  Interessen  verfolgen,  ist  mit  den  Aufgaben,
  welche  für  Preußen  Lebensfragen  sind,  ganz  incompatibel
  und  eine  Gemeinschaftlichkeit  der  Politik  garnicht  möglich,
bevor  Oestreich  nicht  ein  bescheidneres  System  uns  gegenüber
adoptirt,  wozu  bisher  wenig  Aussicht.

Sie  stimmen  mit  mir  darin  überein,  daß  wir  „en  kleinen
Staaten  die  Ueberlegenheit  Preußens  zeigen  müssen“;  aber
welche  Mittel  haben  wir  dazu  innerhalb  der  Bundesacte?  Eine
Stimme  unter  17  und  Oestreich  gegen  uns,  damit  ist  nicht  viel
auszurichten.

Der  Besuch  L.  Napoleon's  bei  uns  würde  aus  den  anderweit
  von  mir  vorgetragnen  Gründen  unsrer  Stimme  bei  den
kleinern  Staaten  an  und  für  sich  schon  ein  durchschlagenderes
Gewicht  geben.  Sie  werden  rücksichtsvoll  und  selbst  anhänglich
  für  uns  sein  im  genauen  Verhältniß  ihrer  Furcht  vor  uns;
Vertraun  werden  sie  nie  zu  uns  haben;  jeder  Blick  auf  die
Karte  benimmt  es  ihnen,  und  sie  wissen,  daß  ihre  Interessen
und  Sondergelüste  der  Gesammtrichtung  der  Preußischen  Politik
im  Wege  stehn,  daß  darin  eine  Gefahr  für  sie  liegt,  gegen
welche  nur  die  Uneigennützigkeit  unfres  allergnädigsten  Herrn
eine  Sicherheit  für  die  Gegenwart  bietet.  Der  Besuch  des
Franzosen  bei  uns  würde  kein  Mißtraun  weiter  hervorrufen,
dasselbe  ist  im  Großen  und  Ganzen  gegen  Preußen  schon  vorhanden,
  und  die  Gesinnungen  des  Königs,  welche  es  entkräften
könnten,  werden  Sr.  Mojestät  nicht  gedankt,  sondern  nur  benutzt
  und  ausgebeutet.  Das  etwa  vorhandne  „Vertraun  wird
        <pb n="235" />
        Briefwechsel  mit  Gerlach  über  Legitimität  und  Bonapartismus.  211

 

im  Fall  der  Noth  nicht  Einen  Mann  für  uns  in's  Feld  bringen,
die  Furcht,  wenn  wir  sie  einzuflößen  wissen,  stellt  den  ganzen
Bund  zu  unsrer  Disposition.  Diese  Furcht  würde  durch  ostensible
  Zeichen  unsrer  guten  Beziehungen  zu  Frankreich  eingeflößt
werden.

Geschieht  nichts  der  Art,  so  dürfte  es  schwer  sein,  diejenigen
wohlwollenden  Beziehungen  mit  Frankreich  lange  durchzuführen,
welche  auch  Sie  für  wünschenswerth  ansehn.  Denn  man  wirbt
von  dort  um  uns,  man  hat  das  Bedürfniß,  sich  ein  reliet  mit
uns  zu  geben,  man  hofft  auf  eine  Zusammenkunft,  und  ein
Korb  von  uns  müßte  eine  auch  für  andre  Höfe  erkennbare
Abkühlung  bewirken,  weil  sich  der  „parvenu“  an  der  empfindlichsten
  Seite  davon  betroffen  fühlen  würde.

Schlagen  Sie  mir  eine  andre  Politik  vor,  und  ich  will  sie
ehrlich  und  vorurtheilsfrei  mit  Ihnen  discutiren;  aber  eine
passive  Planlosigkeit,  die  froh  ist,  wenn  sie  in  Ruhe  gelassen
wird,  können  wir  in  der  Mitte  von  Europa  nicht  durchführen;
sie  kann  uns  heut  ebenso  gefährlich  werden,  wie  sie  1805  war,
und  wir  werden  Ambos,  wenn  wir  nichts  thun,  um  Hammer
zu  werden.  Den  Trost  des  „victa  causa  Catoni  placuit“!)
kann  ich  Ihnen  nicht  zugestehn,  wenn  Sie  dabei  Gefahr
laufen,  unser  gemeinsames  Vaterland  in  eine  victa  causa  hineinzuziehn


Wenn  meine  Auffassung  keine  Gnade  vor  Ihnen  findet,  so
brechen  Sie  wenigstens  nicht  den  Stab  über  meinen  ganzen
Menschen,  sondern  erinnern  Sie  Sich,  daß  wir  Jahre  lang  in
schweren  Zeiten  nicht  nur  denselben  Boden  hatten,  sondern
auch  dieselben  Pflanzen  darauf  zogen  und  daß  ich  ein  Mann
bin,  der  mit  sich  reden  läßt  und  Unrecht  abthut,  wenn  ihm  die

Erkenntniß  davon  wird.
v.  B.“

1)  S.  o.  S.  199.
        <pb n="236" />
        212  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

Gerlach  erwiderte:
„Sanssouci,  den  5.  Junius  1857  y.

..  Zunächst  will  ich  gern  die  practische  Seite  Ihrer  Ansicht
  anerkennen.  Nesselrode  sagte  hier  mit  Recht,  ebenso  wie
Sie,  daß,  so  lange  Buol  regiere  (Sie  nennen  richtig  Bach  zugleich
  mit),  es  nicht  möglich  wäre,  sich  mit  Oestreich  zu  stellen.
Oestreich  hätte  mit  lauter  Freundschafts-Versicherungen  Europa
gegen  sie  (d.  i.  die  Russen)  gehetzt,  ihnen  das  Stück  Bessarabien
entrissen  und  thäte  ihnen  noch  jetzt  das  gebrannte  Herzeleid
an.  Aehnlich  benimmt  es  sich  mit  uns  und  hat  sich  während
des  orientalischen  Krieges  scheuslich  perfide  benommen.  Wenn
Sie  also  sagen,  man  kann  nicht  mit  Oestreich  gehen,  so  hat
das  eine  relative  Wahrheit,  und  würden  wir  in  casu  concreto?)
  schwerlich  uns  hierüber  veruneinigen.  Vergessen  Sie
aber  nicht,  daß  die  Sünde  stets  wieder  die  Sünde  gebiert  und
daß  Oestreich  uns  auch  ein  Sündenregister  schlimmer  Art  vorhalten
  kann,  z.  B.  die  Abwehr  des  Einmarsches  1849  in  den
Badischen  Seekreis,  was  den  eigentlichen  Verlust  von  Neuenburg,
  das  damals  durch  den  Prinzen  von  Preußen  zu  erobern
war,  bewirkt  hat,  dann  die  Radowitzische  Politik,  dann  die  hochmüthige
  Behandlung  des  Interim),  bei  dem  selbst  Schwarzenberg
  guten  Willen  hatte,  und  endlich  eine  Menge  unbedeutenderer
  Einzelnheiten:  alles  Repetitionen  der  Politik  von  1793
bis  1805.  Die  Anschauung  aber,  daß  unser  schlechtes  Verhältniß
  zu  Oestreich  nur  ein  relatives  sein  darf,  wird  bei  jeder
Gelegenheit  practisch,  indem  sie  einmahl  die  Rache  von  unfrer
Seite,  weil  sie  nur  zu  Unglück  führen  kann,  verhindert  und
dann  den  Willen  zur  Versöhnung  und  Annäherung  festhält
und  daher  das,  was  eine  solche  Annäherung  unmöglich  macht,

1)  Briefe  Gerlach's  2c.  S.  216  ff.
2)  Im  eintretenden  Falle.
2:)  S.  o.  S.  92  Anm.  1.
        <pb n="237" />
        Briefwechsel  mit  Gerlach  über  Legitimität  und  Bonapartismus.  213

vermeidet.  Beides  fehlt  bei  uns,  und  warum?  weil  unsre
Staatsmänner  donnent  dans  le  Bonapartisme  7.

Diesen  aber  zu  beurtheilen,  haben  die  Alten  einen  Vorzug
vor  den  Jungen.  Die  Alten  auf  der  Bühne  sind  hier  aber
der  König  und  meine  Wenigkeit,  die  Jungen  Flra)  Diiavolo)
(Manteuffel)  u.  s.  w.,  denn  F.  D.  war  1806  bis  1814  im  Rheinbund
  und  Sie  noch  nicht  geboren.  Wir  haben  aber  den  Bonapartismus
  10  Jahre  practisch  studirt;  uns  ist  er  eingebläut
worden.  Unfre  ganze  Differenz  liegt  auch  daher,  da  wir  in
der  Wurzel  einig  sind,  allein  in  der  verschiedenen  Ansicht  des
Wesens  dieser  Erscheinung.  Sie  sagen,  Ludwig  XIV.  war
auch  Eroberer,  das  Oestreichische  Viribus  unitis  sei  auch  revolutionär,
  die  Bourbons  haben  mehr  Schuld  an  der  Revolution
als  die  Bonapartes  u.  s.  w.  Sie  erklären  quod  ab  initio
vitiosum,  lapsu  temporis  convalescere  nequit  ?)  für  einen  nur
doctrinär  richtigen  Satz  (ich  nicht  einmahl  dafür,  denn  aus
jedem  Unrecht  kann  Recht  werden  und  wird  es  im  Lauf  der
Zeiten;  aus  dem  wider  Gottes  Willen  eingesetzten  Königthum
in  Israel  ging  der  Heiland  hervor,  die  so  sehr  anerkannte  Erstgeburt
  wird  bei  Ruben,  Absalom  u.  s.  w.  durchbrochen,  der
mit  der  Ehebrecherin  Bathseba  erzeugte  Salomo  ist  der  Gesegnete
  des  Herrn  u.  s.  w.  u.  s.  w.),  aber  es  ist  ein  völliges
Verkennen  des  Wesens  des  Bonapartismus,  wenn  Sie  denselben
  mit  jenen  Dingen  in  einen  Topf  werfen.  Bonaparte,
sowohl  Nlapoleon)  I.  als  Nlapoleon)  III.,  haben  nicht  blos  einen
revolutionären  unrechtmäßigen  Ursprung,  wie  Wilhelm  II.
vielleicht,  wie  der  König  Oscar  u.  s.  w.,  sie  sind  selbst  die  incarnirte
  Revolution.  Beide,  No.  I  und  No.  III,  haben  das
als  ein  Uebel  erkannt  und  empfunden,  beide  haben  aber  nicht
davon  losgekonnt.  Lesen  Sie  ein  jetzt  vergessenes  Buch,  Relations
  et  Correspondances  de  Nap.  Bonaparte  avec  Jean  Fic-1)

  Sich  dem  Bonapartismus  hingeben.
2)  S.  o.  S.  201.
        <pb n="238" />
        214  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

 

vée,  da  finden  Sie  tiefe  Blicke  des  alten  Napoleon  in  das
Wesen  der  Staaten,  wie  denn  auch  der  jetzige  Bonaparte  mir
mit  solchen  Gedanken  imponirt,  z.  B.  mit  der  Feststellung  der
Adelstitel,  Restauration  der  Majorate,  Erkenntniß  der  Gefahr
der  Centralisation,  Kampf  gegen  den  Börsenschwindel,  Wunsch
die  alten  Provinzen  zu  restauriren  u.  s.  w.  Das  ändert  aber
das  Wesen  seiner  Herrschaft  nicht,  ebensowenig  wie  das
Wesen  des  Hauses  Habsburg-Lothringen  durch  den  liberalen,
  ja  revolutionären  K.  Joseph  II.  oder  durch  Frianz)
Joseph  mit  seinem  hochadligen  Schwarzenberg  und  Barrikadenhelden
  Bach  geändert  wird.  Naturam  expellas  furca,  sie  kommt
doch  wieder  1).  So  kann  sich  kein  Bonaparte  von  der  Volkssouveränität
  lossagen,  und  er  thut  es  auch  nicht.  Napoleon  1.
gab  seine  Bestrebungen,  den  revolutionären  Ursprung  loszuwerden,
  auf,  wie  das  oben  citirte  Buch  beweiset,  z.  B.  als  er
den  duc  d’Enghien  erschießen  ließ  );  Napoleon  III.  wird  es
auch  thun  und  hat  es  schon  gethan,  z.  B.  bei  den  Neuenburger
Verhandlungen,  wo  ihm  die  beste,  ihm  unter  andern  Umständen
willkommne  Gelegenheit  gegeben  war,  die  Schweiz  zu  restauriren.
  Er  aber  fürchtete  sich  vor  Lord  Palmerston  und  der
Englischen  Presse,  was  Walewski  ehrlich  eingestanden,  Rußland
  fürchtete  sich  vor  ihm,  Oestreich  vor  ihm  und  vor  England,
  und  so  kam  diese  schändliche  Transaction  zu  Stande.  —
Wie  merkwürdig:  wir  aber  haben  Augen  und  sehn  nicht,  haben
Ohren  und  hören  nicht  ),  daß  unmittelbar  auf  die  Neuenburger
Verhandlungen  die  Belgische  Geschichte  folgt,  der  Sieg  der
Liberalen  über  die  Clericalen,  die  siegreiche  Allianz  der  parlamentarischen
  Minorität  und  des  Straßenaufruhrs  über  die
parlamentarische  Majorität.  Hier  darf  von  Seiten  der  legi- 



1)  Treibe  mit  Knütteln  hinaus  die  Natur  (sie  kehret  doch  wieder),
Citat  aus  Horaz,  Epist.  I  10,  24.

2)  20.  März  1804.

5)  Pfalm  115,  5;  135,  16.
        <pb n="239" />
        Briefwechsel  mit  Gerlach  über  Legitimität  und  Bonapartismus.  215

 

timen  Mächte  nicht  intervenirt  werden,  das  würde  Bonaparte
gewiß  nicht  leiden,  es  wird  aber,  wenn  es  nicht  noch  einmahl
beschwichtigt  wird,  Seitens  des  Bonapartismus  intervenirt
werden,  schwerlich  aber  zu  Gunsten  der  Clericalen  oder  der
Verfafsung,  sondern  zu  Gunsten  des  souveränen  Volkes.

Der  Bonapartismus  ist  nicht  Absolutismus,  nicht  einmahl
Cesarismus;  erstrer  kann  sich  auf  ein  jus  divinum  ½  gründen,
wie  in  Rußland  und  im  Orient,  er  afficirt  daher  nicht  die,
welche  dieses  jus  divinum  nicht  anerkennen,  für  die  es  nicht  ist,
es  sei  denn,  daß  es  solchem  Autocraten  einfällt,  sich  wie  Attila,
Mahomet  oder  Timur  für  eine  Geißel  Gottes  zu  halten,  was
doch  eine  Ausnahme  ist.  Der  Cesarismus  ist  die  Anmaßung
eines  Imperiums  in  einer  rechtmäßigen  Republik  und  rechtfertigt
  sich  durch  den  Nothstand;  für  einen  Bonaparte  ist  aber,
er  mag  wollen  oder  nicht,  die  Revolution,  d.  h.  die  Volkssouveränität,
  innerlicher,  und  bei  jedem  Conflict  oder  Bedürfniß
  auch  äußerlicher  Rechtstitel.  —  Aus  diesem  Grunde  kann
mich  Ihr  Vergleich  Bonaparte's  mit  den  Bourbon's,  mit  dem
absolutistischen  Oestreich  ebensowenig  als  Napoleon's  III.  Individualität,
  die  mir  in  vieler  Hinsicht  auch  imponirt,  beruhigen.
Wenn  er  nicht  erobert,  so  muß  es  sein  Nachfolger  thun,  obschon
  der  prince  impérial  nicht  viel  mehr  Aussicht  auf  den
Thron  hat  als  viele  andre,  und  gewiß  weniger  als  Heinrich  V.-)
—  In  diesem  Sinne  ist  Napoleon  III.  ebenso  unser  natürlicher
Feind,  als  es  Napoleon  I.  war,  und  ich  verlange  nur,  daß
Sie  das  im  Auge  behalten,  nicht  aber,  daß  wir  mit  ihm
schmollen,  ihn  taquiniren),  reizen,  sein  Werben  um  uns  abweisen
sollen,  aber  wir  sind  unfrer  Ehre  und  dem  Recht  eine  reservirte
  Stellung  ihm  gegenüber  schuldig.  Er  muß  wissen,  daß
wir  nicht  an  seinem  Sturz  arbeiten,  daß  wir  ihm  nicht  feind-1)

  Göttliches  Recht.

2)  S.  o.  S.  206  Anm.  1.
]  Necken,  an  ihm  herumnörgeln.
        <pb n="240" />
        216  Achtes  Kapitel:  Besuch  in  Paris.

 

lich  sind,  es  ehrlich  mit  ihm  meinen,  aber  auch,  daß  wir  seinen
Ursprung  für  gefährlich  halten  (er  thut  es  ja  auch)  und  daß,
wenn  er  denselben  geltend  machen  will,  wir  uns  ihm  widersetzen
  werden.  Das  muß,  ohne  daß  wir  es  zu  sagen  brauchen,
er  uns  zutrauen  und  das  übrige  Europa  auch,  sonst  legt  er
uns  einen  Kappzaum  an  und  schleppt  uns  hin,  wohin  er  will.
Das  ist  eben  das  Wesen  einer  guten  Politik,  daß  man,  ohne
Streit  anzufangen,  denen,  mit  denen  man  wirklich  einig  ist,
Vertrauen  einflößt.  Dazu  gehört  aber,  daß  man  offen  mit
den  Leuten  spricht,  und  nicht  wie  F.  D.  sie  durch  Schweigen
und  Tückschen  erbittert.  Preußen  hat  die  schwere  Sünde  auf
sich,  von  den  drei  Mächten  der  heil.  Allianz  Louis  Philippe
zuerst  anerkannt  und  die  andern  bewogen  zu  haben,  dasselbe
zu  thun.  L.  Philippe  regierte  vielleicht  noch,  wenn  man  aufrichtig
  mit  ihm  gewesen  wäre,  ihm  öfter  die  Zähne  gewiesen
und  ihn  dadurch  an  seine  Usurpation  denken  gemacht  hätte.
Man  spricht  von  der  isolirten  Preußischen  Stellung;  wie
kann  man  aber  feste  Allianzen  suchen,  si,  wie  1809  Keiser
Franz  auf  dem  Ungarischen  Reichstage  sagte,  totus  mundus
stultiziat?!1)  Englands  Politik  ging  von  1800—1813  dahin,
Bonaparte  auf  dem  Continent  zu  beschäftigen,  um  ihn  zu  verhindern,
  in  England  zu  landen,  was  er  1805  ernsthaft  wollte.
Jetzt  rüstet  Napoleon  in  allen  seinen  Häfen,  um  einst  eine
Landung  möglich  zu  machen,  und  der  leichtsinnige  Palmerston
verfeindet  sich  mit  allen  Continental-Mächten.  Oestreich  fürchtet
mit  Recht  für  sein  Italien  und  verfeindet  sich  mit  Preußen
und  Rußland,  den  einzigen  Mächten,  die  es  ihm  gönnen;  es
nähert  sich  Frankreich,  was  seit  dem  XIV.  Jahrhundert  lüstern
nach  Italien  sieht,  es  treibt  Sardinien  auf  das  Aeußerste,  was
die  Thüren  und  Eingänge  Italiens  in  Händen  hat,  es  liebäugelt
  mit  Palmerston,  der  emsig  bemüht  ist,  den  Aufruhr

1)  Wenn  die  ganze  Belt  verrückt  ist.
        <pb n="241" />
        Briefwechsel  mit  Gerlach  über  Legitimität  und  Bonapartismus.  217

 

dort  zu  erregen  und  zu  erhalten.  Rußland  fängt  an,  im
Innern  zu  liberalisiren,  und  macht  Frankreich  den  Hof.  Mit
wem  soll  man  sich  verbünden?  Ist  da  etwas  andres  als  ab—
warten  möglich?

In  Deutschland  ist  der  Preußische  Einfluß  so  gering,  weil
der  König  sich  niemals  entschließen  kann,  den  Fürsten  seinen
Unwillen  zu  zeigen.  Wenn  sie  sich  noch  so  nichtsnutzig  betragen,
  so  sind  sie  bei  Jagden  und  in  Sanssouci  gern  gesehn.
1806  fing  Preußen  den  Krieg  mit  Frankreich  unter  sehr  ungünstigen
  Auspicien  an,  und  doch  folgten  ihm  Sachsen,  Kurhessen,
  Braunschweig,  Weimar,  während  Oestreich  schon  1805
ohne  allen  Anhang  war.

L.  v.  G.“

Ich  hatte  keinen  Grund,  durch  eine  Replik  die  an  sich  ziellose
  Correspondenz  fortzusetzen.
        <pb n="242" />
        Neuntes  Kapitel.
Reisen.  Regentschaft.
1.

Im  folgenden  Jahre,  1856,  begann  der  König  sich  mir
wieder  zu  nähern;  Manteuffel  (vielleicht  auch  Andre)  fürchteten,
ich  könnte  auf  seine  und  ihre  Kosten  Einfluß  gewinnen.  Unter
diesen  Verhältnissen  machte  mir  Manteuffel  den  Vorschlag,  ich
solle  das  Finanzministerium  übernehmen,  er  werde  das  Präsidium
  und  das  auswärtige  Ressort  behalten,  später  aber  mit
mir  tauschen,  so  daß  er  als  Vorsitzender  Finanzminister,  ich
Auswärtiger  würde.  Er  that,  als  ginge  der  Vorschlag  von
ihm  aus.  Obwohl  mir  derselbe  sonderbar  erschien,  lehnte  ich
nicht  grade  ab,  sondern  erinnerte  nur  daran,  daß  die  Zeitungen,
als  ich  zum  Bundesgesandten  ernannt  war,  den  Scherz  des
witzigen  Dechanten  von  Westminster  über  Lord  John  Rusesell
auf  mich  angewandt  hatten:  der  Mensch  würde  auch  das  Commando
  einer  Fregatte  oder  eine  Steinoperation  übernehmen.
Wenn  ich  Finanzminister  würde,  so  könnten  dergleichen  Urtheile
mit  mehr  Geltung  auftreten,  obschon  ich  die  unterschreibende
Thätigkeit  Bodelschwingh's  als  Finanzminister  allenfalls  auch
würde  leisten  können.  Es  komme  alles  darauf  an,  wie  lange
das  Interimisticum  dauern  solle.  In  der  That  war  der  Vorschlag
  vom  Könige  ausgegangen;  und  als  der  Manteuffeln
fragte,  was  er  ausgerichtet  hätte,  antwortete  derselbe:  „Er
hat  mich  gradezu  ausgelacht.“

Wenn  der  König  mir  wiederholt  mündlich  das  Portefeuille
Manteuffel's  nicht  anbot,  sondern  zu  übernehmen  befahl  mit
Worten,  wie:  „Wenn  Sie  sich  an  der  Erde  winden,  es  hilft
        <pb n="243" />
        Wiederannäherung  d.  Königs  an  Bismarck.  Unterredung  m.  Napoleon.  219

Ihnen  nichts,  Sie  müssen  Minister  werden,“  so  behielt  ich  doch
immer  den  Eindruck  im  Hintergrunde,  daß  diese  Kundgebungen
dem  Bedürfniß  entsprangen,  Manteuffel  zur  Unterwerfung,
zum  „Gehorsam“  zu  bringen.  Auch  wenn  es  dem  Könige
Ernst  gewesen  wäre,  so  würde  ich  doch  das  Gefühl  gehabt
haben,  daß  ich  ihm  gegenüber  eine  annehmbare  Ministerstellung
  nicht  dauernd  würde  haben  können?#.

Im  März  1857  waren  in  Paris  die  Conferenzen  zur  Schlichtung
  des  zwischen  Preußen  und  der  Schweiz)  ausgebrochnen
Streites  eröffnet  worden.  Der  Kaiser,  über  die  Vorgänge  in
Berliner  Hof-  und  Regirungskreisen  stets  wohl  unterrichtet,
wußte  offenbar,  daß  der  König  mit  mir  auf  vertrauterm  Fuße
stand  als  mit  andern  Gesandten  und  mich  wiederholt  als
Ministercandidaten  in's  Auge  gefaßt  hatte.  Nachdem  er  in
den  Händeln  mit  der  Schweiz  eine  für  Preußen  äußerlich,  und
namentlich  im  Vergleich  mit  der  Oestreichs,  wohlwollende  Haltung
  beobachtet  hatte,  schien  er  vorauszusetzen,  daß  er  dafür
auf  ein  Entgegenkommen  Preußens  in  andern  Dingen  zu
rechnen  habe;  er  setzte  mir  auseinander,  daß  es  ungerecht  sei,
ihn  zu  beschuldigen,  daß  er  nach  der  Rheingrenze  strebe.  Das
linksrheinische  deutsche  Ufer  mit  etwa  3  Millionen  Einwohnern
würde  für  Frankreich  Europa  gegenüber  eine  unhaltbare
Grenze  sein;  die  Natur  der  Dinge  würde  Frankreich  dann
dahin  treiben,  auch  Luxemburg,  Belgien  und  Holland  zu  erwerben
  oder  doch  in  eine  sichre  Abhängigkeit  zu  bringen.  Das
Unternehmen  hinsichtlich  der  Rheingrenze  würde  daher  Frankreich
  früher  oder  später  zu  einer  Vermehrung  von  10  bis
11  Millionen  thätiger,  wohlhabender  Einwohner  führen.  Eine
solche  Verstärkung  der  französischen  Macht  würde  von  Europa
unerträglich  befunden  werden,  —  „devrait  engendrer  la  coa-1)

  S.  o.  S.  101.  158.
2)  Ueber  Neuenburg,  das  sich  von  Preußen  losgesagt  und  der  Eidgenossenschaft
  angeschlossen  hatte,  s.  o.  S.  183.
        <pb n="244" />
        220  Neuntes  Kapitel:  Reisen.  Regentschaft.

’

lition“,  würde  schwerer  zu  behalten  als  zu  nehmen  sein,  —
%"un  dépot  que  I’Europe  coalisée  un  jour  viendrait  reprendre“  1),
eine  solche  an  Napoleon  I.  erinnernde  Prätension  sei  für  die
gegenwärtigen  Verhältnisse  zu  hoch;  man  würde  sagen,  Frankreichs
  Hand  sei  gegen  Jedermann,  und  deshalb  würde  Jedermanns
  Hand  gegen  Frankreich  sein.  Vielleicht  werde  er  unter
Umständen  zur  Befriedigung  des  Nationalstolzes  „une  petite
rectification  des  frontières“:)  verlangen,  könne  aber  ohne  solche
leben.  Wenn  er  wieder  eines  Krieges  bedürfen  sollte,  würde
er  denselben  eher  in  der  Richtung  nach  Italien  suchen.  Einerseits
  habe  dieses  Land  doch  immer  eine  große  Affinität  mit
Frankreich,  andrerseits  sei  das  letztre  an  Landmacht  und  an
Siegen  zu  Lande  reich  genug.  Eine  viel  pikantre  Befriedigung
würden  die  Franzosen  in  einer  Ausdehnung  ihrer  Seemacht
finden.  Er  denke  nicht  daran,  das  Mittelmeer  grade  zu  einem
französischen  See  zu  machen,  „mais  à  peu  près":).  Der  Franzose
  sei  kein  Seemann  von  Natur,  sondern  ein  guter  Landsoldat,
und  eben  deshalb  seien  Erfolge  zur  See  ihm  viel  schmeichelhafter.
  Dies  allein  sei  das  Motiv,  welches  ihn  hätte  veranlassen
  können,  zur  Zerstörung  der  russischen  Flotte  im  Schwarzen
Meere  zu  helfen,  da  Rußland,  wenn  dereinst  im  Besitz  eines
so  vortrefflichen  Materials  wie  die  griechischen  Matrosen,  ein
zu  gefährlicher  Rival  im  Mittelmeer  werden  würde.  Ich  hatte
den  Eindruck,  daß  der  Kaiser  in  diesem  Punkte  nicht  ganz  aufrichtig
  war,  daß  ihm  die  Zerstörung  der  russischen  Flotte  eher
leid  that  und  daß  er  sich  nachträglich  eine  Rechtfertigung  für
das  Ergebniß  des  Krieges  zurecht  machte,  in  den  England

1)  Müßte  die  Coalition  zustande  bringen  —  ein  Depot,  welches  das
verbündete  Europa  eines  Tages  zurücknehmen  würde.  —  Vgl.  Bismarck's
Brief  an  den  Minister  v.  Schleinitz  vom  9.  Febr.  1860  in  Bismarck's
Briefwechsel  mit  Schleinitz  S.  59.

2)  Eine  kleine  Berichtigung  der  Grenzen.

:)  Aber  ungefähr.
        <pb n="245" />
        Unterredung  Bismarck's  mit  Napoleon  III.  221

unter  seiner  Mitwirkung  nach  dem  Ausdruck  seines  Auswärtigen
  Ministers?)  wie  ein  steuerloses  Schiff  hineingetrieben  war  —
we  are  drifting  into  war?.

Als  Ergebniß  eines  nächsten  Krieges  denke  er  sich  ein  Verhältniß
  der  Intimität  und  Abhängigkeit  Italiens  von  Frankreich,
  vielleicht  die  Erwerbung  einiger  Küstenpunkte.  Zu  diesem
Programm  gehöre,  daß  Preußen  ihm  nicht  entgegen  sei.  Frankreich
  und  Preußen  seien  aufeinander  angewiesen;  er  halte  es  für
einen  Fehler,  daß  Preußen  1805  nicht  wie  andre  deutsche  Mächte
zu  Napoleon  gehalten  hätte.  Es  sei  wünschenswerth,  unser  Gebiet
  durch  die  Erwerbung  Hanovers  und  der  Elbherzogthümer
zu  consolidiren,  um  damit  die  Unterlage  einer  stärkern  preußischen
  Seemacht  zu  gewinnen.  Es  fehle  an  Seemächten  zweiten
Rangs,  die  durch  Vereinigung  ihrer  Streitkräfte  mit  der  französischen
  das  jetzt  erdrückende  Uebergewicht  Englands  aufhöben.
Eine  Gefahr  für  sie  selbst  und  für  das  übrige  Europa  könne
darin  nicht  liegen,  weil  sie  sich  ja  zu  einseitig  egoistisch-französischen
  Unternehmungen  nicht  einigen  würden,  nur  für  die  Freiheit
  der  Meere  von  der  englischen  Uebermacht.  Zunächst  wünsche
er  sich  der  Neutralität  Preußens  zu  versichern  für  den  Fall,
daß  er  wegen  Italiens  mit  Oestreich  in  Krieg  geriethe.  Ich
möge  den  König  über  dieses  Alles  sondiren.

Ich  antwortete,  ich  sei  doppelt  erfreut,  daß  der  Kaiser  diese
Andeutungen  grade  mir  gemacht  habe,  erstens,  weil  ich  darin
einen  Beweis  seines  Vertrauns  sehn  dürfe,  und  zweitens,  weil
ich  vielleicht  der  einzige  preußische  Diplomat  sei,  der  es  über
sich  nehmen  würde,  diese  ganze  Eröffnung  zu  Hause  und  auch
seinem  Souverän  gegenüber  zu  verschweigen  3).  Ich  bäte  ihn

1)  Lord  Palmerston.  ·

hWirneibenindenKriew

2)  Thatsächlich  finden  sich  in  den  Berichten  an  Manteuffel  vom  11.
und  24.  April,  sowie  vom  1.  Mai  1857  (Preußen  im  Bundestage  IV
257  f.,  III  91  ff.  94  ff.)  keinerlei  Mittheilungen  über  diese  Unterredung,
        <pb n="246" />
        222  Neuntes  Kapitel:  Reisen.  Regentschaft.

 

dringend,  sich  dieser  Gedanken  zu  entschlagen;  es  läge  außer
aller  Möglichkeit  für  den  König  Friedrich  Wilhelm  IV.,  auf
dergleichen  einzugehn;  eine  ablehnende  Antwort  sei  unzweifelhaft,
  wenn  ihm  die  Eröffnung  gemacht  würde.  Dabei  bleibe
im  letztern  Falle  die  große  Gefahr  einer  Indiscretion  im  mündlichen
  Verkehr  der  Fürsten,  einer  Andeutung  darüber,  welchen
Versuchungen  der  König  widerstanden  habe.  Wenn  eine  andre
deutsche  Regirung  in  die  Lage  versetzt  würde,  über  dergleichen
Indiscretionen  nach  Paris  zu  berichten,  so  werde  das  für  Preußen
so  werthvolle  gute  Benehmen  mit  Frankreich  gestört  werden.
Mais  ce  ne  serait  plus  une  indiscrétion,  ce  serait  une  trahison  0),
unterbrach  er  mich  etwas  beunruhigt.  „Vous  vous  embourberiez!“)
  fuhr  ich  fort.

Der  Kaiser  fand  diesen  Ausdruck  schlagend  und  anschaulich
und  wiederholte  ihn.  Die  Unterredung  schloß  damit,  daß  er
mir  für  diese  Offenheit  seinen  Dank  aussprach  und  ich  ihm
Schweigen  über  seine  Eröffnung  zusagte.

2.

In  demselben  Jahre  benutzte  ich  die  Ferien  des  Bundestags
  zu  einem  Jagdausflug  nach  Dänemark  und  Schwedeng).
In  Kopenhagen  hatte  ich  am  6.  August  eine  Audienz  bei  dem
Könige  Friedrich  VII.  Er  empfing  mich  in  Uniform,  den  Helm
auf  dem  Kopfe,  und  unterhielt  mich  mit  übertriebenen  Schildeebensowenig

  in  dem  Briefe  an  Gerlach  vom  11.  April  1857,  Bismarck's
Briefe  2c.  S.  311  ff.;  daß  er  dem  letztern  davon  erzählt  hat,  geht  aus
Gerlach's  Denkwürdigkeiten  II  521  hervor.  Vgl.  auch  die  kurze  Bezugnahme
  im  Briefe  an  Minister  v.  Schleinitz  vom  9.  Febr.  1860.

1)  Aber  das  wäre  nicht  mehr  ein  Vertrauensbruch,  das  wäre  Verrath.
  "
:)  Sie  würden  in  den  Sumpf  gerathen  (Sie  würden  sich  in  die
Nesseln  setzen).

:)  Vgl.  die  Briefe  vom  6.,  9.,  11.,  16.  bis  23.  August  in  Bismarck's
Briefen  an  seine  Braut  und  Gattin,  S.  378  ff.
        <pb n="247" />
        Unterredung  mit  Napoleon.  Ausflug  nach  Dänemark  u.  Schweden.  223

 

rungen  seiner  Erlebnisse  bei  verschiednen  Gefechten  und  Belagerungen,
  bei  denen  er  garnicht  zugegen  gewesen  war.  Auf
meine  Sondirung,  ob  er  glaube,  daß  die  (zweite  gemeinschaftliche
  vom  2.  October  1855  datirte)  Verfassung  halten  werde,
erwiderte  er,  er  habe  seinem  Vater  )  auf  dem  Todtenbette  zugeschworen,
  sie  zu  halten,  wobei  er  vergaß,  daß  diese  Verfassung
beim  Tode  seines  Vaters  (1848)  noch  nicht  vorhanden  war.
Während  der  Unterhaltung  sah  ich  in  einer  anstoßenden  sonnigen
  Gallerie  einen  weiblichen  Schatten  an  der  Wand;  der
König  hatte  nicht  für  mich,  sondern  für  die  Gräfin  Danner?)
geredet,  über  deren  Verkehrsformen  mit  Er.  Mojestät  ich
sonderbare  Anekdoten  hörte.  Auch  mit  angesehnen  Schleswig-Holsteinern
  hatte  ich  Gelegenheit,  mich  zu  besprechen.  Sie
wollten  von  einem  deutschen  Kleinstaate  nichts  wissen;  „da  sei
ihnen  das  Bischen  Europäerthum  in  Kopenhagen  noch  lieber“.

In  Schweden  stürzte  ich  bei  der  Jagd  am  17.  August  auf
eine  Felskante  und  erlitt  eine  ernste  Verletzung  des  Schienbeins,
  die  ich  leider  vernachlässigte,  um  nach  Kurland  auf  die
Elchjagd  zu  gehn.  Auf  der  Rückreise  von  Kopenhagen  traf
ich  am  26.  August  in  Berlin  ein,  machte  am  3.  September)
eine  große  Revue  mit,  auf  der  ich  zum  ersten  Male  die  eben
eingeführte  weiße  Uniform  des  damaligen  „schweren  Reiter“=Regiments
  trug,  und  reiste  dann  nach  Kurland.

Am  8.  Juli  hatte  der  König  dem  Kaiser  von  Oestreich  von

1)  Christian  VIII.

2)  Luise  Christiane  Rasmussen,  Gräfin  von  Danner,  geb.  21.  April

1815,  gest.  6.  März  1874,  seit  7.  August  1850  morganatische  Gemalin
des  Königs  Friedrich  VII.

:)  Diese  Zeitangabe  beruht  auf  einem  Irrthum.  Bismarck  verließ
Berlin  am  Abend  des  27.  August,  war  am  28.  August  in  Memel,  am
4.  Sept.  in  Kalleten;  vgl.  Bismarck's  Briefe  an  seine  Braut  und  Gattin
S.  384  ff.  Die  hier  erwähnte  Revue  fand  vielleicht  am  Vormittag  des
2.  August  statt.  —  Die  weiße  Uniform  des  schweren  Reiterregiments
wurde  durch  Cabinetsordre  vom  20.  August  1857  eingeführt,  vgl.  Preußischer
  Staatsanzeiger  vom  30.  August  1857  No.  204.
        <pb n="248" />
        224  Neuntes  Kapitel:  Reisen.  Regentschaft.

 

Marienbad  aus  einen  Besuch  in  Schönbrunn  gemacht.  Auf
dem  Rückwege  war  er  am  13.  Juli  zum  Besuch  des  Königs
von  Sachsen  in  Pillnitz  eingetroffen,  wo  er  an  demselben  Tage
von  „einem  Unwohlsein“  befallen  wurde,  das  in  den  Bulletins
der  Leibärzte  aus  der  bei  großer  Hitze  zurückgelegten  Reise
erklärt  wurde  und  die  Abreise  um  mehre  Tage  verzögerte.
Nachdem  der  König  am  17.  nach  Sanssouci  zurückgekehrt  war,
bemerkte  seine  Umgebung  Symptome  einer  geistigen  Ermüdung,
namentlich  Edwin  Manteuffel,  der  ängstlich  bemüht  war,  jede
Unterhaltung  des  Königs  mit  Andern  zu  hindern  oder  zu  unterbrechen.
  Die  politischen  Eindrücke,  die  der  König  bei  seinen
Verwandten  in  Schönbrunn  und  Pillnitz  erfahren,  hatten  auf
sein  Gemüth  deprimirend,  die  Discussionen  angreifend  eingewirkt.
  Bei  dem  Exerciren  am  27.  Juli  neben  ihm  reitend,
hatte  ich  im  Gespräch  den  Eindruck  des  Versiegens  der  Gedanken
  und  Anlaß,  in  die  Lenkung  seines  Pferdes  im  Schritt
einzugreifen.

Der  Zustand  wurde  dadurch  verschlimmert,  daß  der  König
am  6.  October  den  Kaiser  von  Rußland,  einen  starken  Raucher,
nach  dem  Niederschlesisch-Märkischen  Bahnhofe  in  dem  kaiserlichen
  geschlossenen  Salonwagen  begleitet  hatte,  in  Tabaksdampf,
  der  ihm  ebenso  unerträglich  war  wie  der  Geruch  des
Siegellacks  36).

Es  folgte,  wie  bekannt,  ein  Schlaganfall.  In  hohen  militärischen
  Kreisen  war  die  Vorstellung  verbreitet,  daß  ein  ähnlicher
  Zustand  ihn  schon  in  der  Nacht  vom  18.  zum  19.  März
1848  befallen  habe.  Die  Aerzte  beriethen,  ob  sie  einen  Aderlaß
machen  sollten  oder  nicht,  wovon  sie  im  ersten  Falle  Störungen
im  Gehirn,  im  zweiten  Tod  befürchteten,  und  entschieden  sich

X)  Daß  auch  seine  eigenhändigen  Schreiben  nicht  in  seiner  Gegenwart
  gesiegelt  wurden,  hatte  seine  sehr  bedenkliche  Seite.
1)  Johann.
        <pb n="249" />
        Erkrankung  des  Königs.  Unterredung  mit  dem  Prinzen  v.  Preußen.  225

 

erst  nach  mehren  Tagen  für  den  Aderlaß,  der  den  König  wieder
zum  Bewußtsein  brachte  0.

Während  dieser  Tage,  also  mit  der  Möglichkeit  eines  sosortigen
  Regirungsantritts  vor  Augen  —  am  19.  October  —,
machte  der  Prinz  von  Preußen  mit  mir  einen  langen  Spaziergang
  durch  die  neuen  Anlagen  und  sprach  mit  mir  darüber,
ob  er,  wenn  er  zur  Regirung  komme,  die  Verfassung  unverändert
  annehmen  oder  zuvor  eine  Revision  derselben  fordern
solle.  Ich  sagte,  die  Ablehnung  der  Verfassung  würde  sich
rechtfertigen  lassen,  wenn  das  Lehnrecht  anwendbar  wäre,  nach
welchem  ein  Erbe  zwar  an  Verfügungen  des  Vaters,  aber
nicht  des  Bruders  gebunden  sei.  Aus  Gründen  der  Politik
aber  riethe  ich,  nicht  an  der  Sache  zu  rühren,  nicht  die  mit
einer,  wenn  auch  bedingten  Ablehnung  verbundne  Unsicherheit
unfrer  staatlichen  Zustände  herbeizuführen.  Man  dürfe  nicht
die  Befürchtung  der  Möglichkeit  des  Systemwechsels  bei  jedem
Thronwechsel  hervorrusen.  Preußens  Ansehn  in  Deutschland
und  seine  europäische  Actionsfähigkeit  würden  durch  einen  Zwist
zwischen  der  Krone  und  dem  Landtage  gemindert  werden,  die
Parteinahme  gegen  den  beabsichtigten  Schritt  in  dem  liberalen
  Deutschland  eine  allgemeine  sein.  Bei  meiner  Schilderung
der  zu  befürchtenden  Folgen  ging  ich  von  demselben  Gedanken
aus,  den  ich  ihm  1866,  als  es  sich  um  die  Indemnität  handelte,
zu  entwickeln  hatte  ):  daß  Verfassungsfragen  den  Bedürfnissen
des  Landes  und  seiner  politischen  Lage  in  Deutschland  untergeordnet
  wären,  ein  zwingendes  Bedürfniß,  an  der  unfrigen
zu  rühren,  jetzt  nicht  vorliege;  daß  für  jetzt  die  Machtfrage
und  innre  Geschlossenheit  die  Hauptsache  sei.

Als  ich  nach  Sanssouci  zurückkam,  fand  ich  Edwin  Manteuffel
  besorglich  erregt  über  meine  lange  Unterhaltung  mit

1)  Man  pgl.  Prinz  Kraft  zu  Hohenlohe-Ingelfingen,  Aus  meinem
Leben  II  95  ff.

2)  S.  Bd.  II,  S.  77  f.

Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedauken  und  Erinnerungen.  I.  15
        <pb n="250" />
        226  Neuntes  Kapitel:  Reisen.  Regentschaft.

 

dem  Prinzen  und  die  Möglichkeit  weitrer  Einmischung  meinerseits.
  Er  fragte  mich,  weshalb  ich  nicht  auf  meinen  Posten
ginge,  wo  ich  in  der  gegenwärtigen  Situation  sehr  nöthig  sein
würde.  Ich  erwiderte:  „Ich  bin  hier  viel  nöthiger“  0.
Durch  Allerhöchsten  Erlaß  vom  23.  October  wurde  der
Prinz  von  Preußen  zunächst  auf  drei  Monate  mit  der  Stellvertretung
  des  Königs  beauftragt,  die  dann  noch  dreimal  auf
je  drei  Monate  verlängert  wurde  und  ohne  nochmalige  Verlängrung
  im  October  1858  abgelaufen  wäre.  Im  Sommer
1858  war  ein  ernster  Versuch  im  Werke,  die  Königin  zu  veranlassen,
  die  Unterschrift  des  Königs  zu  einem  Briefe  an  seinen
Bruder  zu  beschaffen,  in  dem  zu  sagen  sei,  daß  er  sich  wieder
wohl  genug  fühle,  um  die  Regirung  zu  übernehmen,  und  dem
Prinzen  für  die  geführte  Stellvertretung  danke.  Die  letztre
war  durch  einen  Brief  des  Königs  eingeleitet  worden,  konnte
also,  so  argumentirte  man,  durch  einen  solchen  wieder  ausgehoben
  werden.  Die  Regirung  würde  dann,  unter  Controlle
der  königlichen  Unterschrift  durch  Ihre  Mcajestät  die  Königin,
von  den  dazu  berufnen  oder  sich  darbietenden  Herrn  vom  Hofe
geführt  werden.  Zu  diesem  Plan  wurde  mündlich  auch  meine
Mitwirkung  in  Anspruch  genommen,  die  ich  in  der  Form  ablehnte,
  das  würde  eine  Haremsregirung  werden.  Ich  wurde
von  Frankfurt  nach  Baden-Baden  gerufen  und  setzte  dort?)  den
Prinzen  von  dem  Plane  in  Kenntniß,  ohne  die  Urheber  zu
nennen.  „Dann  nehme  ich  meinen  Abschied!“  rief  der  Prinz.
Ich  stellte  ihm  vor,  daß  das  Ausscheiden  aus  seinen  militärischen
  Aemtern  nichts  helfen,  sondern  die  Sache  schlimmer
machen  würde.  Der  Plan  sei  nur  ausführbar,  wenn  das  Staatsministerium
  dazu  stille  hielte.  Ich  rieth  daher,  den  Minister

1)  Vgl.  den  Brief  vom  19.  Dec.  1857  in  Bismarck's  Briefen  an  den
General  L.  v.  Gerlach  S.  337  ff.  und  Gerlach's  Antwort  in  Gerlach's
Briefen  an  Bismarck  S.  222  ff.

)  Am  15.  Juli  1858.
        <pb n="251" />
        Der  Prinz  von  Preußen  als  Stellvertreter.  Manteuffel's  Brief.  227

 

Manteuffel,  der  auf  seinem  Gute  den  Erfolg  des  ihm  bekannten
Plans  abwartete,  telegraphisch  zu  eitiren  und  durch  geeignete
Weisungen  den  Faden  der  Intrige  zu  zerschneiden.  Der  Prinz
ging  darauf  ein.  Nach  Frankfurt  zurückgekehrt,  erhielt  ich  folgenden
  Brief  Manteuffel's:

„Ew.  Hochwohlgeboren  benachrichtige  ich  ergebenst,  daß  es
meine  Absicht  ist,  nächsten  Donnerstag,  den  22.  ds.  M.,  Morgens
  früh  7  Uhr  von  hier  nach  Frankfurt  a.  M.  zu  gehen  und
am  folgenden  Morgen  so  zeitig  als  möglich  nach  Baden-Baden
mich  zu  begeben.  Es  würde  mir  angenehm  sein,  wenn  es
Ew.  Hochwohlgeboren  convenirte,  mich  zu  begleiten.  Wahrscheinlich
  werden  mich  meine  Frau  und  mein  Sohn  begleiten,  welche
zur  Zeit  noch  auf  dem  Lande  sind,  aber  morgen  hier  ankommen.

Ich  wünsche  nicht,  daß  in  Frankfurt  von  meiner  Durchreise
  vorher  gesprochen  werde,  wollte  mir  aber  doch  erlauben,
Ew.  Hochwohlgeboren  durch  diese  Zeilen  ein  kleines  Aviso  zu
geben.  «

Berlin,  den  20.  Juli  1858.  Manteuffel.“  )

Der  weitre  Verlauf  der  Stellvertretungsfrage  erhellt  aus
folgendem  Briefe  Manteuffel's:

„Unfre  große  Haupt=  und  Staats-Action  ist  inmittelst
wenigstens  im  ersten  Akt  erledigt.  Die  Sache  hat  mir  viel
Sorge,  Unannehmlichkeit  und  unverdienten  Verdruß  gemacht.
Noch  gestern  habe  ich  darüber  von  Gerlach  einen  ganz  empfindlichen
  Brief  erhalten?).  Er  glaubt,  daß  damit  die  Souveränetät
  halb  zum  Fenster  hinausgeworfen  sei.  Ich  kann  das
beim  besten  Willen  nicht  erkennen,  meine  Vorstellung  von  der
Sache  ist  folgende:

Wir  haben  einen  dispositionsfähigen,  aber  regierungsunfähigen
  König;  derselbe  sagt  sich  selbst  und  muß  sich  sagen,

1)  Vgl.  Anhang  zu  den  Gedanken  und  Erinnerungen  II  272f.
2)  Vgl.  Manteuffel,  Denkwürdigkeiten  III  326  f.
        <pb n="252" />
        228  Neuntes  Kapitel:  Reisen.  Regentschaft.

 

daß  er  seit  länger  als  Jahresfrist  nicht  hat  regieren  können,
daß  die  Aerzte  und  er  selbst  anerkennen  müssen,  der  Zeitpunkt,
wo  er  wieder  werde  selbst  regieren  können,  lasse  sich  auch  entfernt
  nicht  angeben,  daß  eine  unnatürliche  Verlängerung  der
bisherigen  Vollmachts-Ertheilung  nicht  am  Orte  und  dem
Staate  eine  sich  selbst  allein  verantwortliche  Spitze  nothwendig
sei;  aus  allen  diesen  Erwägungen  gibt  der  König  dem  zunächst
zur  Krone  Berufenen  den  Befehl,  das  zu  thun,  was  für  solchen
Fall  in  der  Landesverfassung  vorgeschrieben  ist.  Die  Bestimmungen
  der  letzteren,  welche  gerade  in  diesem  Punkte  correct
und  monarchisch  abgefaßt  sind,  werden  demnächst  zur  Anwendung
  gebracht  und  das,  wenn  auch  nach  der  Erklärung  des
Königs  überflüssige,  immerhin  aber  in  der  Verfassung  mit  gutem
Grunde  vorgeschriebene  Landtagsvotum  wird  eingeholt,  aber
streng  auf  die  Beantwortung  der  Frage  beschränkt:  Ist  die
Einsetzung  einer  Regentschaft  nothwendig?  mit  andern  Worten:
Ist  der  König  mit  genügendem  Grund  von  den  Geschäften
entfernt?  Wie  man  diese  Frage  verneinen  will,  ist  mir  nicht
ersichtlich  immerhin  wird  es  noch  manche,  namentlich  formale
Schwierigkeit  zu  überwinden  geben.  Namentlich  fehlt  es  für
die  in  der  Verfassung  vorgesehene  gemeinschaftliche  Sitzung:)
an  einer  Geschäftsordnung.  Diese  wird  man  improvisiren
müssen,  indessen  hoffe  ich  doch,  daß  man  in  etwa  fünf  Tagen
mit  der  Beschlußfassung  zu  Stande  sein  wird,  so  daß  dann  der
Prinz  den  Eid  leisten  und  die  Versammlung  schließen  können
wird.  Andre  Vorlagen,  namentlich  solche,  welche  auf  Geldbewilligungen
  sich  beziehen,  werden  natürlich  für  diese  Sitzung
gar  nicht  beabsichtigt.  Wenn  Ihre  Geschäfte  es  erlauben,  so
würde  ich  wünschen,  daß  Sie  Sich  zum  Landtage  hier  einfinden
und  womöglich  vor  dessen  Eröffnung  hier  sind.  Ich  höre
von  wunderbaren  Anträgen  der  äußersten  Rechten,

 

1)  Das  Original  hat  „ohne“.
:)  Beider  Häuser  des  Landtags.
        <pb n="253" />
        Manteuffel's  Schreiben  über  die  Nothwendigkeit  der  Regentschaft.  229

die  man  vielleicht  im  allgemeinen  Interesse,  sowie  in  demjenigen
dieser  Herren  verhindern  könnte.

Westphalen's  Entlassung  gerade  im  gegenwärtigen  Momente
  0  ist  mir  sehr  unerwünscht  gewesen.  Einmal  schon  hatte
ich,  als  er  selbige  verlangte,  sie  gehindert.  Jetzt  wollte  der
Prinz  sie  ihm  aus  ganz  freier  Entschließung  und  ohne  seinen
Antrag  ertheilen  und  schickte  mir  ein  darauf  bezügliches  Privatschreiben
  an  Westphalen  mit  dem  Befehle,  sofort  die  Ausfertigung
  vorzulegen  ?).  Ich  that  letzteres  indeß  nicht  und  sandte
auch  das  eigenhändige  Schreiben  nicht  ab,  sondern  machte  beim
Prinzen  Gegenvorstellungen  bezüglich  der  Opportunität  des
Momentes,  Gegenvorstellungen,  welche  nach  nicht  geringer
Mühe  auch  durchschlugen.  Ich  ward  ermächtigt,  die  Maßregel
wenigstens  aufzuhalten  und  den  Brief  bei  mir  liegen  zu  lassen.
Da  schrieb  Westphalen  am  8.  d.  Mts.  an  den  Prinzen  sowohl
wie  an  mich  ein  ganz  wunderbares  Schreiben  "),  worin  er  mit
Zurücknahme  früherer  Erklärungen  seine  Contrasignatur  der
zu  erlassenden  und  bereits  festgestellten  Ordres  davon  abhängig
  machte,  daß  auch  noch  die  vom  Prinzen  zu  erlassenden
Ordres  speciell  dem  Könige  zur  Genehmigung  vorgelegt  würden,
  ein  Verlangen,  welches  in  der  That  mit  Rücksicht  auf
den  in  den  letzten  Tagen  verschlimmerten  geistigen  Zustand
des  Königs  an  Widersinnigkeit  grenzte.  Da  verlor  der  Prinz
die  Geduld  und  machte  mir  Vorwürfe,  nicht  sogleich  sein
Schreiben  abgeschickt  zu  haben,  und  die  Sache  war  nun
nicht  mehr  zu  halten.  Flottwell's  Wahl!")  ist  ohne  all-'
mein  Zuthun  aus  dem  Prinzen  selbstständig  hervorgegangen,

—  —

 

)  Am  9.  October  1858.
2)  Schreiben  des  Prinzen  an  Westphalen  vom  6.  October  sammt  dem

begleitenden  Schreiben  an  Manteuffel  s.  in  Manteusfel,  Denkwürdigkeiten
  III  319  f.

2)  Manteuffel,  Denkwürdigkeiten  III  325.
!)  Zum  Minister  des  Innern;  bisher  Oberpräsident  von  Brandenburg.
        <pb n="254" />
        230  Neuntes  Kapitel:  Reisen.  Regentschaft.

 

sie  hat,  wie  Manches  gegen  sich,  so  auch  Manches  für
sich  7.

Berlin,  den  12.  October  1858.“

Ich  stellte  mich  zu  dem  Landtage  ein  und  trat  in  einer
Fractionssitzung  gegen  die  Herrn,  von  welchen  der  Versuch
ausging,  sich  der  verfassungsmäßigen  Votirung  der  Regentschaft
zu  widersetzen,  mit  Entschiedenheit  für  die  Annahme  der  Regentschaft
  ein,  die  denn  auch  stattfand.

Nachdem  am  26.  October  der  Prinz  von  Preußen  die
Regentschaft  übernommen  hatte,  fragte  Manteuffel  mich,  was
er  thun  solle,  um  eine  unfreiwillige  Verabschiedung  zu  vermeiden,
  und  gab  mir  auf  mein  Verlangen  seine  letzte  Correspondenz
  mit  dem  Regenten  zu  lesen.  Meine  Antwort,  es
sei  ganz  klar,  daß  der  Prinz  ihm  den  Abschied  geben  wolle,
hielt  er  für  unaufrichtig,  vielleicht  für  ehrgeizig.  Am  6.  November
  wurde  er  entlassen.  Es  folgte  ihm  der  Fürst  von
Hohenzollern  mit  dem  Ministerium  der  „Neuen  Aera“.

3.

Im  Januar  18592)  machte  mir  auf  einem  Balle  bei  Moustier
  oder  Karoly  der  Graf  Stillfried  scherzhafte  Anspielungen,
aus  denen  ich  schloß,  daß  meine  schon  mehrmals  geplante  Versetzung
  von  Frankfurt  nach  Petersburg  erfolgen  werde,  und
fügte  dazu  die  wohlwollende  Bemerkung:  Per  aspera  ad  astra  w.

1)  Vollständig  ist  der  Brief  nach  dem  Original  im  Anhang  zu  den
Gedanken  und  Erinnerungen  II  274  ff.  abgedruckt.

„)  Bismarck  traf  am  13.  Jan.  1859  in  Berlin  ein  und  reiste  am
27.  Jan.  nach  Frankfurt  zurück,  nachdem  er  am  24.  Jan.  den  Prinzen
direct  hatte  fragen  lassen,  ob  ihm  gestattet  sein  würde,  am  26.  abzureisen.
  An  diesem  Tage  wurde  er  vom  Prinzregenten  nach  dem  Hofbericht
  in  Audienz  empfangen;  in  dieser  fand  die  entscheidende  Unterredung
  statt,  deren  Ergebniß  die  Ernennung  zum  Gesandten  in  Petersburg
  war.  Vgl.  die  Briefe  vom  15.  und  24.  Jan.  1859,  Bismarck's
Briefe  an  seine  Braut  und  Gattin  S.  395  ff.

*!)  Auf  rauhen  Pfaden  zu  den  Sternen.  —  Andeutungen  von  der
        <pb n="255" />
        Entlassung  Manteuffel's.  Versetzung  Bismarck's  nach  Petersburg.  231

 

Die  Wissenschaft  des  Grafen  beruhte  ohne  Zweifel  auf  seinen
intimen  Beziehungen  zu  allen  Katholiken  im  Haushalte  der
Prinzessin,  vom  ersten  Kammerherrn  bis  zum  Kammerdiener.
Meine  Beziehungen  zu  den  Jesuiten  waren  damals  noch  ungetrübt,
  und  ich  besaß  noch  Stillfried's  Wohlwollen.  Ich  verstand
  die  durchsichtige  Anspielung,  begab  mich  am  folgenden
Tage  (26.  Januar)  zu  dem  Regenten  und  sagte  offen,  ich  hörte,
daß  ich  nach  Petersburg  versetzt  werden  sollte,  und  bat  um  Erlaubniß,
  mein  Bedauern  darüber  auszusprechen,  in  der  Hoffnung,
  daß  es  noch  rückgängig  gemacht  werden  könne.  Die
erste  Gegenfrage  war:  „Wer  hat  Ihnen  das  gesagt?"  Ich
erwiderte,  ich  würde  indiscret  sein,  wenn  ich  die  Person  nennen
wollte,  ich  hätte  es  aus  dem  Jesuitenlager  gehört,  mit  dem  ich
alte  Fühlung  hätte,  und  ich  bedauerte  es,  weil  ich  glaubte,  in
Frankfurt,  in  diesem  Fuchsbau  des  Bundestags,  dessen  Einund
  Ausgänge  ich  bis  auf  die  Nothröhren  kennen  gelernt  hätte,
brauchbarere  Dienste  leisten  zu  können  als  irgend  einer  meiner
Nachfolger,  der  die  sehr  complicirte  Stellung,  die  auf  den  Beziehungen
  zu  vielen  Höfen  und  Ministern  beruhe,  erst  wieder
kennen  lernen  müsse,  da  ich  meine  achtjährige  Erfahrung  auf
diesem  Gebiete,  die  ich  in  bewegten  Zuständen  gemacht,  nicht
vererben  könnte.  Mir  wäre  jeder  deutsche  Fürst  und  jeder
deutsche  Minister  und  die  Höfe  der  bundesfürstlichen  Residenzen
persönlich  bekannt,  und  ich  erfreute  mich,  so  weit  es  für  Preußen
erreichbar  sei,  eines  Einflusses  in  der  Bundesversammlung  und
an  den  einzelnen  Höfen.  Dieses  erworbene  und  erkämpfte
Capital  der  preußischen  Diplomatie  würde  zwecklos  zerstört
durch  meine  Abberufung  von  Frankfurt.  Die  Ernennung  von
Usedom  werde  das  Vertraun  der  deutschen  Höfe  abschwächen,

bevorstehenden  Versetzung  nach  Petersburg  müssen  schon  früher  zu  Bismarck's
  Kenntniß  gekommen  sein,  da  er  schon  im  Briefe  vom  10.  December
  1858  seine  Schwester  zu  einem  Besuche  in  Frankfurt  auffordert,
wehe  ich  an  der  Newa  kaltgestellt  werde“.
        <pb n="256" />
        232  Neuntes  Kapitel:  Reisen.  Regentschaft.

 

weil  er  unklar  liberal  und  mehr  anekdotenerzählender  Höfling
als  Staatsmann  sei;  und  Frau  von  Usedom  würde  uns  durch
ihre  Excentricität  Verlegenheit  und  unerwünschte  Eindrücke  in
Frankfurt  zuziehen.

Worauf  der  Regent:  „Das  ist  es  ja  eben,  daß  die  hohe
Befähigung  Usedom's  sich  nirgendwo  anders  verwerthen  läßt,
weil  seine  Frau  an  jedem  Hofe  Verlegenheiten  herbeiführen
würde.“  Letztres  geschah  nicht  blos  an  Höfen,  sondern  auch
in  dem  duldsamen  Frankfurt,  und  die  Unannehmlichkeiten,
welche  sie  in  Ueberschäpung  ihrer  gesandschaftlichen  Prärogative
  Privatleuten  bereitete,  arteten  bis  zu  öffentlichen  Scandalosen
  aus.  Aber  Frau  von  Usedom  war  geborne  Engländerin?#)
und  fand  deshalb  bei  der  Inferiorität  des  deutschen  Selbstgefühls
  bei  Hofe  eine  Nachsicht,  deren  sich  keine  deutsche  Frau
zu  erfreuen  gehabt  haben  würde.

Meine  Erwiderung  dem  Regenten  gegenüber  lautete  ungefähr:
  „Dann  ist  es  also  ein  Fehler,  daß  ich  nicht  auch  eine
taktlose  Frau  geheirathet  habe,  sonst  würde  ich  auf  den  Posten,
auf  dem  ich  mich  heimisch  fühle,  denselben  Anspruch  haben  wie
Graf  Usedom.“

Darauf  der  Regent:  „Ich  begreife  nicht,  wie  Sie  die  Sache
so  bitter  auffassen  können;  Petersburg  hat  doch  immer  für  den
obersten  Posten  der  preußischen  Diplomatie  gegolten,  und  Sie
sollten  es  als  einen  Beweis  hohen  Vertrauns  aufnehmen,  daß
ich  Sie  dahin  schicke.“

Darauf  ich:  „Sobald  Ew.  Königliche  Hoheit  mir  dieses
Zeugniß  geben,  so  muß  ich  natürlich  schweigen,  kann  aber  doch
bei  der  Freiheit  des  Wortes,  die  Ew.  Königliche  Hoheit  mir  jederzeit
  gestattet  haben,  nicht  umhin,  meine  Sorge  über  die  heimische
Situation  und  ihren  Einfluß  auf  die  deutsche  Frage  auszusprechen.

1)  Tochter  des  Generallieutenants  Sir  Malcolm;  sie  starb  am
h9.  October  1886.
        <pb n="257" />
        Unterredung  mit  dem  Prinzen.  Usedom  in  Frankfurt  und  Florenz.  233

 

Usedomm  ist  ein  brouillon  ),  kein  Geschäftsmann.  Seine  Instruction
wird  er  von  Berlin  erhalten;  wenn  Graf  Schlieffen  Decernent
für  deutsche  Sachen  bleibt,  so  werden  die  Instructionen  gut  sein;
an  ihre  gewissenhafte  Ausführung  glaube  ich  bei  Usedom  nicht.“

Gleichwohl  wurde  er  nach  Frankfurt  ernannt.  Daß  ich  ihm
mit  meinem  Urtheil  nicht  Unrecht  gethan,  bewies  sein  spätres
Verhalten  in  Turin  und  Florenz.  Er  posirte  gerne  als  Stratege,
  auch  als  „verfluchter  Kerl“  und  tief  eingeweihter  Verschwörer,
  hatte  Verkehr  mit  Garibaldi  und  Mazzini  und  that
sich  etwas  darauf  zu  Gute.  In  der  Neigung  zu  unterirdischen
Verbindungen  nahm  er  in  Turin  einen  angeblichen  Mazzinisten,
in  der  That  östreichischen  Spitzel,  als  Privatsekretär  an,  gab
ihm  die  Akten  zu  lesen  und  den  Chiffre  in  die  Hände.  Er
war  Wochen  und  Monate  von  seinem  Posten  abwesend,  hinterließ
  Blanquets,  auf  welche  die  Legationssekretäre  Berichte
schrieben;  so  gelangten  an  das  Auswärtige  Amt  Berichte  mit
seiner  Unterschrift  über  Unterredungen,  die  er  mit  den  italienischen
  Ministern  gehabt  haben  sollte,  ohne  daß  er  diese  Herrn
in  der  betreffenden  Zeit  gesehn  hatte.  Aber  er  war  ein  hoher
Freimaurer.  Als  ich  im  Februar  1869  die  Abberufung  eines
so  unbrauchbaren  und  bedenklichen  Beamten  verlangte,  stieß
ich  bei  dem  Könige,  der  die  Pflichten  gegen  die  Brüder  mit
einer  fast  religiösen  Treue  erfüllte,  auf  einen  Widerstand,  der
auch  durch  meine  mehrtägige  Enthaltung  von  amtlicher  Thätigkeit
  nicht  zu  überwinden  war  und  mich  zu  der  Absicht  brachte,
meinen  Abschied  zu  erbitten  :).  Indem  ich  jetzt  nach  mehr  als
20  Jahren  die  betreffenden  Papiere  wieder  lese,  befällt  mich  eine
Reue  darüber,  daß  ich  damals,  zwischen  meine  Ueberzeugung
von  dem  Staatsinteresse  und  meine  persönliche  Liebe  zu  dem
Könige  gestellt,  der  ersteren  gefolgt  bin  und  folgen  mußte.
Ich  fühle  mich  heut  beschämt  von  der  Liebenswürdigkeit,  mit

1)  Wirrkopf.

2)  Vgl.  Bismarck-Jahrbuch  1  70  ff.
        <pb n="258" />
        234  Neuntes  Kapitel:  Reisen.  Regentschaft.

 

welcher  der  König  meine  amtliche  Pedanterie  ertrug.  Ich  hätte
ihm  und  seinem  Maurerglauben  den  Dienst  in  Florenz  opfern
sollen.  Am  22.  Februar  schrieb  mir  S.  M.  ):  „Ueberbringer
dieser  Zeilen  [Cabinetsrath  Wehrmann]  hat  mir  Mittheilung
von  dem  Auftrage  gemacht,  den  Sie  ihm  für  Sich  gegeben
haben.  Wie  können  Sie  nur  daran  denken,  daß  ich  auf  Ihren
Gedanken  eingehen  könnte!  Mein  größtes  Glück  ist  es
ja,  mit  Ihnen  zu  leben  und  immer  fest  einverstanden  zu  sein.
Wie  können  Sie  Sich  Hypochondrien  darüber  machen,  daß
meine  einzige  Différenz  Sie  bis  zum  extremsten  Schritt  verleitet!
  Noch  aus  Varzin  schrieben  Sie  mir  in  der  Différenz
wegen  der  Deckung  des  Déficits,  daß  Sie  zwar  andrer  Meinung
wie  ich  seien,  daß  Sie  aber  bei  Uebernahme  Ihrer  Stellung
es  sich  zur  Pflicht  gemacht  hätten,  (daß),  wenn  Sie  pflichtmäßig
Ihre  Ansichten  geäußert,  Sie  Sich  meinen  Beschlüssen  immer
fügen  würden  :2).  Was  hat  denn  diesmal  Ihre  so  edel  ausgesprochene
  Absicht  von  vor  3  Monaten  so  gänzlich  verändert?
Es  giebt  nur  eine  einzige  Différenz,  ich  wiederhohle  es,  die  in
F.  a.  M.“).  Die  Usedomiana  habe  ich  gestern  noch  ganz  eingehend
  nach  Ihrem  Wunsch  besprochen  schriftlich;  die  Haus-Angelegenheit
  wird  sich  schlichten;  in  der  Stellen  Besetzung
waren  wir  einig,  aber  die  Individuen  wollen  nicht!  Wo  ist
da  also  Grund  zum  Extrême?

 

1)  Anhang  zu  den  Gedanken  und  Erinnerungen  1  189.

2)  Im  Original  doppelt  unterstrichen.

)  Das  geschah  in  einem  noch  nicht  veröffentlichten  Briefe,  auf  den
König  Wilhelm  am  2.  November  1868  antwortete  (Anhang  zu  den  Gedanken
  und  Erinnerungen  1  S.  183  f.  Nr.  201).

“)  Die  Regirung  hatte  am  1.  Februar  1869  im  Landtage  einen
Gesetzentwurf  vorgelegt,  betr.  die  Auseinandersetzung  zwischen  Staat
und  Stadt  Frankfurt,  die  auf  einem  Gutachten  der  Kronsyndici  beruhte,
vom  Ministerium  berathen,  vom  Könige  genehmigt  worden  war.  Der
Frankfurter  Magistrat  erlangte,  während  die  Verhandlungen  über  den
Entwurf  noch  schwebten,  vom  Könige  die  Zusage,  daß  der  Stadt  Frankfurt
  zur  vergleichsweisen  Erledigung  der  von  ihr  erhobenen  Ansprüche
2000  000  Gulden  aus  der  Staatscasse  überwiesen  werden  sollten.  Der
Gesetzentwurf  mußte  entsprechend  abgeändert  werden.
        <pb n="259" />
        Bismarck's  Abschiedsgesuch.  Schreiben  d.  Königs.  Schreiben  Roon's.  235

 

Ihr  Name  stehet  in  Preußens  Geschichte  schöner  als  der
irgend  eines  Preußischen  Staatsmanns.  Den  soll  ich  lassen?
Niemals.  Ruhe  und  Gebeth  1)  wird  Alles  ausgleichen.  Ihr

treuster  Freund)  W-Von

  dem  folgenden  Tage  ist  der  nachstehende  Brief  Roon's:

„Berlin,  23.2.  1869.

Seit  ich  Sie  gestern  Abend  verließ,  mein  verehrter  Freund,
bin  ich  unausgesetzt  mit  Ihnen  und  Ihrer  Entschließung  beschäftigt.
  Es  läßt  mir  keine  Ruhe.  Ich  muß  Ihnen  nochmals
zurufen:  fassen  Sie  Ihr  Schreiben  so,  daß  ein  Einlenken  möglich
  bleibt.  Vielleicht  haben  Sie  es  noch  nicht  abgeschickt  und
können  noch  daran  ändern.  Bedenken  Sie,  daß  das  gestern
empfangene  fast  zärtliche  Billet  den  Anspruch  der  Wahrhaftigkeit
  macht,  sei  es  auch  nicht  mit  voller  Berechtigung.  Es  ist
so  geschrieben  und  mit  dem  Anspruch,  nicht  als  falsche  Münze
betrachtet  zu  werden,  sondern  als  gute  und  vollgültige,  und
erwägen  Sie,  daß  das  beigemischte  unächte  Gut  nichts  andres
ist  als  das  Kupfer  der  falschen  Scham,  die  nicht  eingestehen
will  und  in  Betracht  der  Stellung  des  Schreibers  auch  vielleicht
  nicht  kann:  „Ich,  ich  habe  sehr  Unrecht  gethan  und  will
mich  bessern.“

Es  ist  ganz  unzulässig,  daß  Sie  die  Schiffe  verbrennen.
Sie  dürfen  das  nicht.  Sie  würden  Sich  damit  vor  dem  Lande
ruiniren,  und  Europa  würde  lachen.  Die  Motive,  die  Sie
leiten,  würden  nicht  gewürdigt  werden;  man  würde  sagen:  er
verzweifelte,  sein  Werk  zu  vollenden;  deshalb  ging  er.  Ich  mag
mich  nicht  ferner  wiederholen,  höchstens  noch  in  dem  Ausdruck
meiner  unwandelbaren  und  treuen  Anhänglichkeit.

Ihr

von  Roon.“

1)  Im  Original  doppelt  unterstrichen.
2)  Im  Original  dreifach  unterstrichen.
        <pb n="260" />
        236  Neuntes  Kapitel:  Reisen.  Regentschaft.

 

Nachdem  ich  meinen  Antrag  auf  Verabschiedung  zurückgenommen
  hatte  ½),  erhielt  ich  folgenden  Brief#:

„Berlin,  den  26.  Februar  1869.

Als  ich  Ihnen  am  22.  in  meiner  Bestürzung  über  Wehrmann's
  Mittheilung  ein  sehr  flüchtiges,  aber  desto  eindringlicheres
  Billet  schrieb,  um  Sie  von  Ihrem  Verderben  drohenden
Vorhaben  abzuhalten,  konnte  ich  annehmen,  daß  Ihre  Antwort
in  ihrem  Endresultat  meinen  Vorstellungen  Gehör  geben  würde
—  und  ich  habe  mich  nicht  geirrt.  Dank,  herzlichen  Dank,  daß
Sie  meine  Erwartung  nicht  täuschten!  #

Was  nun  die  Hauptgründe  betrifft,  die  Sie  momentan  an
Ihren  Rücktritt  denken  ließen,  so  erkenne  ich  die  Triftigkeit
derselben  vollkommen  an,  und  Sie  werden  Sich  erinnern,  in
wie  eindringlicher  Art  ich  Sie  im  Dezember  v.  J.  bei  Wiederübernahme
  der  Geschäfte  aufforderte,  Sich  jede  mögliche  Erleichterung
  zu  verschaffen,  damit  Sie  nicht  von  Neuem  der  vorauszusehenden
  Last  und  Masse  der  Arbeit  unterlägen.  Leider
scheint  es,  daß  Sie  eine  solche  Erleichterung  (nicht  einmal  die
Abbürdung  Lauenburgs)  nicht  für  angänglich  gefunden  haben
und  daß  meine  desfalsigen  Befürchtungen  sich  in  erhöhtem  Maaß
bewahrheitet  haben,  und  zwar  in  einem  Grade,  daß  Sie  zu
unheilvollen  Gedanken  und  Beschlüssen  gelangen  sollten.  Wenn
Ihrer  Schilderung  nach  nun  noch  Erschwernisse  in  Bewältigung
einzelner  Geschäftsmomente  eingetreten  sind,  so  bedauert  das
Niemand  mehr  wie  ich.  Eine  derselben  ist  die  Stellung  Sulzers?).
Schon  vor  längerer  Zeit  habe  ich  die  Hand  zu  dessen  anderweitiger
  Placirung  gebothen,  so  daß  es  meine  Schuld  nicht  ist,
wenn  dieselbe  nicht  erfolgt  ist,  nachdem  Eulenburg  sich  selbst
auch  von  derselben  nunmehr  überzeugt  hat.  Wenn  eine  ähn-1)

  Bismarck-Jahrbuch  1  79  ff.,  Anhang  zu  den  Gedanken  und  Erinnerungen
  1  190  ff.  Nr.  210.

:)  Anhang  zu  den  Gedanken  und  Erinnerungen  1  195  ff.  Nr.  211.
?)  Unterstaatssekretär  im  Ministerium  des  Innern.
        <pb n="261" />
        Schreiben  des  Königs  in  Sachen  des  Abschiedsgesuchs.  237

 

liche  Geschäftsvermehrung  Ihnen  die  Usedom'sche  Angelegenheit
verursachte,  so  kann  dies  auch  mir  nicht  zur  Last  gelegt  werden,
da  dessen  Vertheidigungs  Schrift,  die  ich  doch  nicht  veranlassen
konnte,  eine  Beleuchtung  Ihrerseits  verlangte.  Wenn  ich  nicht
sofort  auf  die  Erledigung  des  von  Ihnen  beantragten  Gegenstandes
  einging,  so  mußten  Sie  wohl  aus  der  Ueberraschung,
welche  ich  Ihrer  Mittheilung  entgegenbrachte,  als  Sie  mir  Ihren
bereits  gethanen  Schritt  gegen  Usedom  anzeigten,  darauf
vorbereitet  sein.  Es  waren  Mitte  Januar,  als  Sie  mir  diese
Anzeige  machten,  kaum  drei  Monate  verflossen,  seitdem  die  La
Marmora’'sche  Episode  sich  an  fing  zu  beruhigen,  so  daß  meine
Ihnen  im  Sommer  geschriebene  Ansicht  über  Usedoms  Verbleiben
  in  Turin  y  noch  dieselbe  war.  Die  mir  unter  dem
13.2)  Februar  gemachten  Mittheilungen  über  Usedoms  Geschäfts
Betrieb,  der  seine  Enthebung  vom  Amte  nunmehr  erfordere,
wenn  nicht  eine  disciplinar  Untersuchung  gegen  ihn  verhängt
werden  solle,  ließ  ich  einige  Tage  ruhen,  da  mir  inzwischen  die
Mittheilung  geworden  war,  daß  Keudelll)  mit  Ihrem  Vorwissen
  Usedom  aufgefordert,  einen  Schritt  entgegen  zu  thun.
Und  dennoch,  ehe  noch  eine  Antwort  aus  Turin  anlangte,  befragte
  ich  Sie  schon  am  21.  Februar,  wie  Sie  sich  die  Wiederbesetzung
  dieses  Gesandschaftspostens  dächten,  womit  ich  also
aussprach,  daß  ich  auf  die  Vacantwerdung  desselben  einginge.
Und  dennoch  thaten  Sie  schon  am  22.  d.  M.  den  endscheidenden
Schritt  gegen  Wehrmann,  zu  welchem  die  Usedomiade  mit  Veranlassung
  sein  sollte.  Eine  andre  Veranlassung  wollen  Sie  in
dem  Umstande  finden,  daß  ich  nach  Empfang  des  Staatsministerial
  Berichts  in  der  Angelegenheit  FaM,  vor  Feststellung
meiner  Ansicht,  nicht  noch  Einmal  Ihren  Vortrag  verlangt  hätte.
Da  aber  Ihre  und  der  Staatsminister  Gründe  so  entscheidend

1)  S.  Schreiben  vom  8.  Aug.  1868  aus  Ems  im  Anhang  zu  den
Gedanken  und  Erinnerungen  1  175  f.
2)  Lies  14.
        <pb n="262" />
        238  Neuntes  Kapitel:  Reisen.  Regentschaft.

 

durch  Vorlage  des  Gesetz-Entwurfs  und  den  Begleitungs  Bericht
dargelegt  waren,  ja,  meine  Unterschrift  in  derselben  Stunde
verlangt  wurde,  als  mir  diese  Vorlage  gemacht  ward,  um  sie
sofort  in  die  Kammer  zu  bringen,  so  schien  ein  nochmaliger
Vortrag  nicht  angezeigt,  um  meine  Ansicht  und  Absicht  festzustellen.
  Wäre  mir,  bevor  im  Staats-Ministerium  dieser  in
der  Fa'M  Frage  einzuschlagende  Weg,  der  ganz  von  meiner
früheren  Kundgebung  abwich,  festgestellt  wurde,  Vortrag  gehalten
  worden  ½,  so  würde  durch  den  Idéen  Austausch  ein  Ausweg
  aus  den  verschiedenen  Auffassungen  erzielt  worden  sein,
und  die  Divergenz  und  der  Mangel  des  Zusammenwirkens,
das  Umarbeiten  2c.,  was  Sie  mit  Recht  so  sehr  bedauern,  zu
vermeiden  gewesen.  Alles  was  Sie  bei  dieser  Gelegenheit  über
die  Schwierigkeit  des  Imgangehaltens  der  constitutionellen
Staats  Maschine  sagen  u.  s.  w.,  unterschreibe  ich  durchaus,  nur
kann  ich  die  Ansicht  nicht  gelten  lassen,  daß  mein  so  nöthiges
Vertrauen  zu  Ihnen  und  den  anderen  Räthen  der  Krone
mangele!  )  Sie  selbst  sagen,  daß  es  zum  1tenmal  vorkomme
seit  1862,  daß  eine  Différenz  eingetreten  sei  zwischen  uns,  und
das  sollte  genügen  als  Beweis,  daß  ich  kein  Vertrauen  zu  meinen
Regierungs  Organen  mehr  hätte?  Niemand  schlägt  das  Glück
höher  an  als  ich,  daß  in  einer  6jährigen  so  bewegten  Zeit  dergleichen
  Différenzien  nicht  eingetreten  sind;  aber  wir  sind  dadurch
  verwöhnt  worden,  glücklich  verwöhnt  worden,  —  so  daß
der  jetzige  Moment,  mehr  als  gerechtfertigt  ist,  ein  Ebranlement
erzeugt!  Ja,  kann  ein  Monarch  seinem  Premier  ein  größeres
Vertrauen  beweisen  als  ich,  der  Ihnen  zu  so  verschiedenen  Malen
und  nun  auch  jetzt  zuletzt  noch  privat  Briefe  zusendet,  die  über
momentan  schwebende  Fragen  sprechen,  damit  Sie  sich  überzeugen,
  daß  ich  nichts  der  Art  hinter  Ihrem  Rücken  betreibe?

1)  Dazu  (wäre)  Freiheit  der  Zeit  erforderlich  (gewesen).  Randbemerkung
  Bismarck's.
:)  Bismarck  am  Rande:  Usedom.
        <pb n="263" />
        Schreiben  des  Königs  in  Sachen  des  Abschiedsgesuchs.  239

 

Wenn  ich  Ihnen  den  Brief  des  Grls  von  Manteuffel  in  der
Memeler  Angelegenheit  )  sendete  1,  weil  er  mir  ein  Novum
C#  Tottleben  zu  enthalten  schien  und  ich  deshalb  Ihre  Ansicht
hören  wollte,  wenn  ich  Ihnen  Grls  von  Boyen  Brief  mittheilte,
ebenso  einige  Zeitungs-Ausschnitte,  bemerkend,  daß  diese  Piècen
genau  das  wiedergäben,  was  ich  unverändert  seit  Jahr
und  Tag  überall  und  aokficiel  ausgesprochen  hätte  —  so
sollte  ich  glauben,  daß  ich  mein  Vertrauen  kaum  steigern  könnte.
Daß  ich  aber  überhaupt  mein  Ohr  den  Stimmen  verschließen
sollte,  die  in  gewissen  gewichtigen  Augenblicken  sich  vertrauensvoll
  an  mich  wenden,  —  das  werden  Sie  selbst  nicht  verlangen.

Wenn  ich  hier  einige  der  Punkte  heraushebe,  die  Ihr
Schreiben  als  Gründe  anführt,  die  Ihre  jetzige  Gemüthsstimmung
  herbeiführten,  während  ich  andere  unerörtert  ließ,  so
komme  ich  noch  auf  Ihre  eigne  Aeußerung  zurück,  daß  Sie
Ihre  Stimmung  eine  krankhafte  nennen;  Sie  fühlen  sich  müde,
erschöpft?),  Sehnsucht  nach  Ruhe  beschleicht  Sie.  Das  alles
verstehe  ich  vollkommen,  denn  ich  fühle  es  Ihnen  nach;  —  kann
und  darf  ich)  deshalb  daran  denken,  mein  Amt  niederzulegen?)
Ebenso  wenig  wie  ich  dies  darf,  ebenso  wenig  dürfen  Sie  esl
Sie  gehören  sich  nicht  allein,  sich  selbst  an;  Ihre  Existenz  ist
mit  der  Geschichte  Preußens,  Deutschlands,  Europas  zu  eng
verbunden,  als  daß  Sie  sich  von  einem  Schauplatz  zurückziehen
dürfen,  den  Sie  mit  schaffen  halfen.  Aber  damit  Sie  sich  dieser
Schöpfung  auch  ganz  widmen  können,  müssen  #)  Sie  sich  Er-X)

  Es  handelte  sich  um  die  Eisenbahn  Memel-Tilsit.  Der  König
war  durch  einen  Brief  des  Generals  von  Manteuffel  bestimmt  worden,
von  einer  auf  Vortrag  der  Ressortminister  getroffenen  Entscheidung
wieder  abzugehen.

1)  Bismarck  am  Rande:  Ordre!

:)  Bismarck  am  Rande:  wodurch?

2)  Im  Original  doppelt  unterstrichen.

4)  Bismarck  am  Rande:  nein,  aber  vertraun,  was  man  nicht  selbst

sehn  kann  bei  30  Mill.,  und  glauben,  was  ein  Minister  amtlich  versichert!
")  Im  Original  doppelt  unterstrichen.
        <pb n="264" />
        240  Neuntes  Kapitel:  Reisen.  Regentschaft.

 

leichterung  der  Arbeit  verschaffen,  und  bitte  ich  Sie  inständigst,
mir  dieserhalb  Vorschläge  zu  machen.  So  sollten  Sie  sich  von
den  Staats  Ministerial  Sitzungen  losmachen  ½,  wenn  gewöhnliche
  Dinge  verhandelt  werden.  Delbrück  steht  Ihnen  so  getreu
zur  Seite,  daß  er  Ihnen  Manches  abnehmen  könnte  2).  Réduciren
  Sie  Ihre  Vorträge  bei  mir  auf  das  Wichtigste  u.  s.  w..
Vor  Allem  aber  zweifeln  Sie  nie  an  meinem  unveränderten
Vertrauen  und  an  meiner  unauslöschlichen  Dankbarkeit!!
Ihr
Wilhelm.“

Usedom  wurde  zur  Disposition  gestellt.  Se.  Majestät  überwand
  in  diesem  Falle  die  Tradition  der  Verwaltung  des  Königlichen
  Hausvermögens  so  weit,  daß  er  ihm  die  finanzielle  Differenz
  zwischen  dem  amtlichen  Einkommen  und  dem  Wartegelde
aus  der  Privatchatoulle  regelmäßig  zahlen  ließ.

4.

Ich  kehre  zu  dem  Gespräche  mit  dem  Regenten  zurück.
Nachdem  ich  mich  über  den  bundestäglichen  Posten  geäußert,
ging  ich  auf  die  Gesammtsituation  über  und  sagte:  „Ew.  K.  H.
haben  im  ganzen  Ministerium  keine  einzige  staatsmännische
Capacität,  nur  Mittelmäßigkeiten,  beschränkte  Köpfe.“

Der  Regent:  „Halten  Sie  Bonin  für  einen  beschränkten
Kopf?“

Ich:  „Das  nicht;  aber  er  kann  nicht  ein  Schubfach  in  Ordnung
  halten,  viel  weniger  ein  Ministerium.  Und  Schleinitz  ist
ein  Höfling,  kein  Staatsmann.“

Der  Regent  empfindlich:  „Halten  Sie  mich  etwa  für  eine
Schlafmütze?  Mein  auswärtiger  Minister  und  mein  Kriegsminister
  werde  ich  selbst  sein;  das  verstehe  ich.“

1)  Randbemerkung  Bismarck's:  thue  ich.

:)  Randbemerkung  Bismarck's:  thut  er.
:)  Randbemerkung  Bismarck's:  noch  mehr?
        <pb n="265" />
        Schreiben  des  Königs.  Das  Ministerium  der  Mittelmäßzigkeiten.  241

 

Ich  deprecirte  und  sagte:  „Heut  zu  Tage  kann  der  fähigste
Landrath  seinen  Kreis  nicht  verwalten  ohne  einen  intelligenten
Kreissekretär  und  wird  immer  auf  einen  solchen  halten;  die
preußische  Monarchie  bedarf  des  Analogen  in  viel  höherm  Maße.
Ohne  intelligente  Minister  werden  Ew.  K.  H.  in  dem  Ergebniß
keine  Befriedigung  finden.  Das  Innre  berührt  mich  weniger;
aber  wenn  ich  an  Schwerin  denke,  so  habe  ich  auch  meine
Sorgen.  Er  ist  ehrlich  und  tapfer  und  würde,  wenn  er  Soldat
wäre,  wie  sein  Vorfahr  bei  Prag  fallen  );  aber  ihm  fehlt  die
Besonnenheit.  Sehn  Ew.  K.  H.  sein  Profil  an;  dicht  über
den  Augenbrauen  springt  die  Schnelligkeit  der  Conception  hervor,
  die  Eigenschaft,  welche  die  Franzosen  mit  primesautier?)
bezeichnen,  aber  darüber  fehlt  die  Stirn,  in  welcher  die  Phrenologen
  die  Besonnenheit  suchen.  Schwerin  ist  ein  Staatsmann
ohne  Augenmaß  und  hat  mehr  Fähigkeit  einzureißen  als  aufzubauen.“


Die  Beschränktheit  der  Uebrigen  gab  mir  der  Prinz  zu.
Im  Ganzen  blieb  er  bei  dem  Bestreben,  mir  meine  Mission
nach  Petersburg  im  Lichte  einer  Auszeichnung  erscheinen  zu
lassen,  und  machte  mir  den  Eindruck,  als  fühle  er  eine  Erleichterung,
  daß  auf  diese  Weise  die  auch  für  ihn  unerfreuliche
Frage  meiner  Versetzung  durch  meine  Initiative  der  Besprechung
erledigt  war.  Die  Audienz  endete  in  gnädiger  Form  auf  Seiten
des  Regenten  und  auf  meiner  Seite  mit  dem  Gefühl  ungetrübter
  Anhänglichkeit  an  den  Herrn  und  gesteigerter  Geringschätzung
  gegen  die  Streber,  deren  von  der  Prinzessin  unterstützten
  Einflüssen  er  damals  unterlag.

In  der  neuen  Aera  hatte  die  hohe  Frau  zunächst  ein  Ministerium
  vor  sich,  als  dessen  Begründerin  und  Patronin  sie  sich
ansehn  durfte.  Aber  auch  unter  diesem  Cabinet  blieb  ihr  Einfluß
  nicht  dauernd  gouvernemental,  sondern  gewann  bald  die

1)  6.  Mai  1757.
2)  primesautier  ist  einer,  der  den  ersten  Eingebungen  folgt.
Otto  Kürst  von  Biomarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  16
        <pb n="266" />
        242  Neuntes  Kapitel:  Reisen.  Regentschaft.

 

Natur  einer  Begünstigung  derjenigen  Minister,  welche  der
obersten  Staatsleitung  unbequem  waren.  Am  meisten  war  dies
vielleicht  der  Graf  Schwerin,  beeinflußt  von  dem  nachmaligen
Oberbürgermeister  Winter  in  Danzig  und  andern  liberalen
Beamten.  Er  trieb  die  ministerielle  Unabhängigkeit  gegen  den
Regenten  so  weit,  daß  er  schriftliche  Befehle  schriftlich  damit
erledigend  beantwortete,  dieselben  seien  nicht  contrasignirt.  Als
das  Ministerium  den  Regenten  einmal  zu  einer  ihm  widerwärtigen
  Unterschrift  genöthigt  hatte,  leistete  er  dieselbe  in
unlesbarer  Gestalt  und  zerstampfte  die  Feder  darauf.  Graf
Schwerin  ließ  eine  zweite  Reinschrift  machen  und  bestand  auf
einer  leserlichen  Unterschrift.  Der  Regent  unterschrieb  nun  wie
gewöhnlich,  knüllte  aber  das  Blatt  zusammen  und  warf  es  in
die  Ecke,  aus  der  es  hervorgeholt  und,  nachdem  es  geglättet,
zu  den  Acten  genommen  wurde.  Auch  an  meinem  Abschiedsgesuche
  von  1877  war  zu  sehn,  daß  der  Kaiser  es  zum  Knäul
geballt  hatte,  bevor  er  darauf  antwortete.

5.

Ich  wurde  am  29.  Januar  1859  zum  Gesandten  in  Petersburg
  ernannt,  verließ  Frankfurt  aber  erst  am  6.  März  und
verweilte  bis  zum  23.  desselben  Monats  in  Berlin  1).  Während
dieser  Zeit  hatte  ich  Gelegenheit,  von  der  Verwendung  der
östreichischen  geheimen  Fonds,  der  ich  bis  dahin  nur  in  der
Presse  begegnet  war,  einen  praktischen  Eindruck  zu  gewinnen.
Der  Bankier  Levinstein,  welcher  seit  Jahrzehnten  bei  meinen
Vorgesetzten  und  in  deren  vertraulichen  Aufträgen  in  Wien  und
Paris  mit  den  Leitern  der  auswärtigen  Politik  und  mit  dem
Kaiser  Napoleon  in  Person  verkehrt  hatte,  richtete  am  Morgen
des  Tages,  auf  den  meine  Abreise  festgesetzt  war,  das  nachstehende
  Schreiben  an  mich:

„Ew.  Excellenz  erlaube  ich  mir  noch  hiemit  ganz  ergebenst

1)  Vgl.  Bismarck's  Briefe  an  seine  Braut  und  Gattin  S.  397—404.
        <pb n="267" />
        Königin  Augusta  u.  das  Ministerium.  Levinstein  östreich.  Agent.  243

 

gutes  Glück  zu  Ihrer  Reise  und  Ihrer  Mission  zu  wünschen,
hoffend,  daß  wir  Sie  bald  wieder  hier  begrüßen  werden,  da
Sie  im  Vaterlande  wohl  nützlicher  zu  wirken  vermögen  als  in
der  Ferne.

Unsre  Zeit  bedarf  der  Männer,  bedarf  Thatkraft,  das  wird
man  hier  vielleicht  etwas  zu  spät  einsehen.  Aber  die  Ereignisse
in  unfrer  Zeit  gehen  rasch,  und  ich  fürchte,  daß  für  die  Dauer
noch  der  Friede  kaum  zu  erhalten  sein  wird,  wie  man  auch  für
einige  Monate  kitten  wird.

Ich  habe  heut  eine  kleine  Operation  gemacht,  die,  wie  ich
hoffe,  gute  Früchte  tragen  soll,  ich  werde  später  die  Ehre  haben,
sie  Ihnen  mitzutheilen.

In  Wien  ist  man  sehr  unbehaglich  wegen  Ihrer  Petersburger
Mission,  weil  man  Sie  für  einen  principiellen  Gegner  hält.

Sehr  gut  wäre  es,  dort  ausgesöhnt  zu  sein,  weil  doch  früher
oder  später  jene  Mächte  sich  mit  uns  gut  verstehen  werden.

Wollen  Ew.  Excellenz  nur  in  einigen  beliebigen  Zeilen
an  mich  sagen,  daß  Sie  per  sönlich  nicht  gegen  Oestreich
eingenommen  sind,  so  würde  das  von  unberechenbarem  Nutzen
sein.  —  Herr  von  Manteuffel  sagt  immer,  ich  sei  zähe  in  der
Ausführung  einer  Idee  und  ruhe  nicht,  bis  ich  zum  Ziele  gekommen
  —  doch  fügte  er  hinzu,  ich  wäre  weder  ehr-  noch  geldgeizig.
  Bis  jetzt,  Gott  sei  Dank,  ist  es  mein  Stolz,  daß  noch
Niemand  aus  einer  Verbindung  mit  mir  irgend  einen  Nachtheil
  gehabt.

Für  die  Dauer  Ihrer  Abwesenheit  biete  ich  Ihnen  meine
Dienste  zur  Besorgung  Ihrer  Angelegenheiten,  sei  es  hier  oder
sonst  wo,  mit  Vergnügen  an.  Uneigennütziger  und  redlicher
sollen  Sie  gewiß  anderswo  nicht  bedient  werden.

Mit  aufrichtiger  Hochachtung  bin  ich

Ew.  Excellenz
B.  23.3.  59.  ganz  ergebenster
Levinstein.“
        <pb n="268" />
        244  Neuntes  Kapitel:  Reisen.  Regentschaft.

 

Ich  ließ  den  Brief  unbeantwortet  und  erhielt  im  Laufe  des
Tages,  vor  meiner  Abfahrt  zum  Bahnhofe,  im  Hotel  Royal,
wo  ich  logirte,  den  Besuch  des  Herrn  Levinstein.  Nachdem  er
sich  durch  Vorzeigung  eines  eigenhändigen  Einführungsschreibens
des  Grafen  Buol  legitimirt  hatte,  machte  er  mir  den  Vorschlag
zur  Betheiligung  an  einem  Finanzgeschäft,  welches  mir  „jährlich
20000  Thaler  mit  Sicherheit  abwerfen“  würde.  Auf  meine
Erwiderung,  daß  ich  keine  Capitalien  anzulegen  hätte,  erfolgte
die  Antwort,  daß  Geldeinschüsse  zu  dem  Geschäft  nicht  erforderlich
  seien,  sondern  daß  meine  Einlage  darin  bestehn  würde,  daß
ich  mit  der  preußischen  auch  die  östreichische  Politik  am  russischen
Hofe  befürwortete,  weil  die  fraglichen  Geschäfte  nur  gelingen
könnten,  wenn  die  Beziehungen  zwischen  Rußland  und  Oestreich
günstig  wären.  Mir  war  daran  gelegen,  irgendwelches  schriftliche
  Zeugniß  über  dieses  Anerbieten  in  die  Hand  zu  bekommen,
um  dadurch  dem  Regenten  den  Beweis  zu  liefern,  wie  gerechtfertigt
  mein  Mißtraun  gegen  die  Politik  des  Grafen  Buol
war.  Ich  hielt  deshalb  dem  Levinstein  vor,  daß  ich  bei  einem
so  bedenklichen  Geschäft  doch  eine  stärkre  Sicherheit  haben  müßte,
als  seine  mündliche  Aeußerung,  auf  Grund  der  wenigen  Zeilen
von  der  Hand  des  Grafen  Buol,  die  er  an  sich  behalten  habe.
Er  wollte  sich  nicht  dazu  verstehn,  mir  eine  schriftliche  Zusage
zu  beschaffen,  erhöhte  aber  sein  Anerbieten  auf  30000  Thaler
jährlich.  Nachdem  ich  mich  überzeugt  hatte,  daß  ich  schriftliches
Beweis-Material  nicht  erlangen  würde,  ersuchte  ich  Levinstein,
mich  zu  verlassen,  und  schickte  mich  zum  Ausgehn  an.  Er  folgte
mir  auf  die  Treppe  unter  beweglichen  Redensarten  über  das
Thema:  „Sehn  Sie  sich  vor,  es  ist  nicht  angenehm,  die  „Kaiserliche
  Regirung“  zum  Feinde  zu  haben.“  Erst  als  ich  ihn  auf
die  Steilheit  der  Treppe  und  auf  meine  körperliche  Ueberlegenheit
  aufmerksam  machte,  stieg  er  vor  mir  schnell  die  Treppe
hinab  und  verließ  mich.

Dieser  Unterhändler  war  mir  persönlich  bekannt  geworden
        <pb n="269" />
        Levinstein  als  Vertraunsmann  Buol's  u.  Manteuffel's.  Corruption.  245

 

durch  die  Vertraunsstellung,  welche  er  seit  Jahren  im  Auswärtigen
  Ministerium  eingenommen,  und  durch  die  Aufträge,
welche  er  von  dort  für  mich  zur  Zeit  Manteuffel's  erhielt.  Er
pflegte  seine  Beziehungen  in  den  untern  Stellen  durch  übermäßige
  Trinkgelder.

Als  ich  Minister  geworden  war  und  das  Verhältniß  des
Auswärtigen  Amts  zu  Levinstein  abgebrochen  hatte,  wurden
wiederholt  Versuche  gemacht,  dasselbe  wieder  in  Gang  zu  bringen,
namentlich  von  dem  Consul  Bamberg  in  Paris,  der  mehrmals
zu  mir  kam  und  mir  Vorwürfe  darüber  machte,  daß  ich  einen
„so  ausgezeichneten  Mann“,  der  eine  solche  Stellung  an  den
europäischen  Höfen  habe,  wie  Levinstein,  so  schlecht  behandeln
könnte.

Ich  fand  auch  sonst  Anlaß,  Gewohnheiten,  die  in  dem  Auswärtigen
  Ministerium  eingerissen  waren,  abzustellen.  Der  langjährige
  Portier  des  Dienstgebäudes,  ein  alter  Trunkenbold,
konnte  als  Beamter  nicht  ohne  Weitres  entlassen  werden.  Ich
brachte  ihn  dahin,  den  Abschied  zu  nehmen,  durch  die  Drohung,
ihn  dafür  zur  Untersuchung  zu  ziehn,  daß  er  mich  „für  Geld
zeige“,  indem  er  gegen  Trinkgeld  Jedermann  zu  mir  lasse.
Seinen  Protest  brachte  ich  mit  der  Bemerkung  zum  Schweigen:
„Haben  Sie  mir,  als  ich  Gesandter  war,  nicht  jederzeit  Herrn
von  Manteuffel  für  einen  Thaler,  und,  wenn  das  Verbot  besonders
  streng  war,  für  zwei  Thaler  gezeigt?“  Von  meiner
eignen  Dienerschaft  wurde  mir  gelegentlich  gemeldet,  welche  unverhältnißmäßigen
  Trinkgelder  Levinstein  an  sie  verschwendete.
Thätige  Agenten  und  Geldempfänger  auf  diesem  Gebiete  waren
einige  von  Manteuffel  und  Schleinitz  übernommne  Canzleidiener,
  unter  ihnen  ein  für  seine  subalterne  Amtsstellung  hervorragender
  Maurer.  Graf  Bernstorff  hatte  während  seiner
kurzen  Amtszeit  der  Corruption  im  Auswärtigen  Amte  kein
Ende  machen  können,  war  auch  wohl  geschäftlich  und  gräflich
zu  stark  präoccupirt,  um  diesen  Dingen  nahe  zu  treten.  Ich
        <pb n="270" />
        246  Neuntes  Kapitel:  Reisen.  Regentschaft.

 

habe  meine  Begegnung  mit  Levinstein,  meine  Meinung  über
ihn,  seine  Beziehungen  zu  dem  Auswärtigen  Ministerium  später
dem  Regenten  mit  allen  Details  zur  Kenntniß  gebracht,  sobald
ich  die  Möglichkeit  hatte,  dies  mündlich  zu  thun,  was  erst
Monate  später  der  Fall  war.  Von  einer  schriftlichen  Berichterstattung
  versprach  ich  mir  keinen  Erfolg,  da  die  Protection
Levinstein's  durch  Herrn  von  Schleinitz  nicht  blos  zum  Regenten
hinauf,  sondern  an  die  Umgebung  der  Frau  Prinzessin  *e)  hinan
reichte,  welche  bei  ihren  Darstellungen  der  Sachlage  keinen
Beruf  fühlte,  die  Unterlagen  objectiv  zu  prüfen,  sondern  geneigt
war,  die  Anwaltschaft  für  meine  Gegner  zu  übernehmen.

X)  Vgl.  was  in  dem  Proceß  gegen  den  Hofrath  Manché,  October
1891,  zur  Sprache  gekommen  ist.
        <pb n="271" />
        Zehntes  Kapitel.

Petersburg.

1.

Es  ist  in  der  Geschichte  der  europäischen  Staaten  wohl
kaum  noch  einmal  vorgekommen,  daß  ein  Souverän  einer
Großmacht  einem  Nachbarn  dieselben  Dienste  erwiesen  hat,
wie  der  Kaiser  Nicolaus  der  östreichischen  Monarchie.  In  der
gefährdeten  Lage,  in  welcher  diese  sich  1849  befand,  kam  er
ihr  mit  150000  Mann  zu  Hülfe,  unterwarf  Ungarn,  stellte
dort  die  königliche  Gewalt  wieder  her  und  zog  seine  Truppen
zurück,  ohne  einen  Vortheil  oder  eine  Entschädigung  zu  verlangen,
  ohne  die  orientalischen  und  polnischen  Streitfragen
beider  Staaten  zu  erwähnen.  Dieser  uninteressirte  Freundschaftsdienst
  auf  dem  Gebiet  der  innern  Politik  Oestreich-Ungarns
wurde  von  dem  Kaiser  Nicolaus  in  der  auswärtigen  Politik
in  den  Tagen  von  Olmütz  auf  Kosten  Preußens  unvermindert
fortgesetzt.  Wenn  er  auch  nicht  durch  Freundschaft,  sondern
durch  die  Erwägungen  keiserlich  russischer  Politik  beeinflußt
war,  so  war  es  immerhin  mehr,  als  ein  Souverän  für  einen
andern  zu  thun  pflegt,  und  nur  in  einem  so  eigenmächtigen
und  übertrieben  ritterlichen  Autokraten  erklärlich.  Nicolaus
sah  damals  auf  den  Kaiser  Franz  Joseph  als  auf  seinen  Nachfolger
  und  Erben  in  der  Führung  der  conservativen  Trias.
Er  betrachtete  die  letztre  als  solidarisch  der  Revolution  gegen-1)

  Zu  diesem  Kapitel  vgl.  Bismarck's  Briefwechsel  mit  dem  Minister
Freiherrn  v.  Schleinitz.  Stuttgart  und  Berlin,  J.  G.  Cotta'sche  Buchh.
Nachf.  1905.

:)  D.  h.  der  durch  die  Heilige  Allianz  vom  26.  Sept.  1815  verbundenen
  Mächte  Rußland,  Oestreich  und  Preußen.
        <pb n="272" />
        248  Zehntes  Kapitel:  Petersburg.

 

über  und  hatte  bezüglich  der  Fortsetzung  der  Hegemonie  mehr
Vertraun  zu  Franz  Joseph  als  zu  seinem  eignen  Nachfolger  w.
Noch  geringer  war  seine  Meinung  von  der  Veranlagung  unfres
Königs  Friedrich  Wilhelm  für  die  Führerrolle  auf  dem  Gebiete
  praktischer  Politik;  er  hielt  ihn  zur  Leitung  der  monarchischen
  Trias  für  so  wenig  geeignet  wie  den  eignen  Sohn  und
Nachfolger.  Er  handelte  in  Ungarn  und  in  Olmütz  in  der
Ueberzeugung,  daß  er  nach  Gottes  Willen  den  Beruf  habe,
der  Führer  des  monarchischen  Widerstandes  gegen  die  von
Westen  vordringende  Revolution  zu  sein.  Er  war  eine  ideale
Natur,  aber  verhärtet  in  der  Isolirung  der  russischen  Autokratie,
  und  es  ist  wunderbar  genug,  daß  er  sich  unter  allen
Eindrücken,  von  den  Decabristen  )  an  durch  alle  folgenden  Erlebnisse
  hindurch,  diesen  idealen  Schwung  erhalten  hatte.

Wie  er  über  seine  Stellung  zu  seinen  Unterthanen  empfand,
  ergibt  sich  aus  einer  Tatsache,  die  mir  Friedrich  Wilhelm
  1V.  selbst  erzählt  hat.  Der  Kaiser  Nicolaus  bat  ihn  um
Zusendung  von  zwei  Unteroffizieren  der  preußischen  Garde,
behufs  Ausführung  gewisser  ärztlich  vorgeschriebener  Knetungen,
die  auf  dem  Rücken  des  Patienten  vorgenommen  werden  mußten,
während  dieser  auf  dem  Bauche  lag.  Er  sagte  dabei:  „Mit
meinen  Russen  werde  ich  immer  fertig,  wenn  ich  ihnen  in's
Gesicht  sehn  kann,  aber  auf  den  Rücken  ohne  Augen  möchte
ich  mir  sie  doch  nicht  kommen  lassen.“  Die  Unteroffiziere  wurden
  in  discreter  Weise  gestellt,  verwendet  und  reich  belohnt.
Es  zeigt  dies,  wie  trotz  der  religiösen  Hingebung  des  russischen
Volks  für  seinen  Zaren  der  Kaiser  Nicolaus  doch  auch  dem
gemeinen  Manne  unter  seinen  Unterthanen  seine  persönliche
Sicherheit  unter  vier  Augen  nicht  unbeschränkt  anvertraute;

1)  Alexander  II.

:)  Decabristen  (Decembermänner)  nannte  man  die  Theilnehmer  an
einer  am  26.  Dezember  1825  in  St.  Petersburg  ausgebrochenen  Verschwörung.
        <pb n="273" />
        Nicolaus'  J.  Stellung  zu  Oestreich  u.  Preußen.  Petersb.  Gesellschaft.  249

 

und  es  ist  ein  Zeichen  großer  Charakterstärke,  daß  er  von  diesen
Empfindungen  sich  bis  an  sein  Lebensende  nicht  niederdrücken
ließ.  Hätten  wir  damals  auf  dem  Throne  eine  Persönlichkeit
gehabt,  die  ihm  ebenso  sympathisch  gewesen  wäre  wie  der  junge
Kaiser  Franz  Joseph,  so  hätte  er  vielleicht  in  dem  damaligen
Streit  um  die  Hegemonie  in  Deutschland  für  Preußen  ebenso
Partei  genommen,  wie  er  es  für  Oestreich  gethan  hat.  Vorbedingung
  dazu  wäre  gewesen,  daß  Friedrich  Wilhelm  IV.  den
Sieg  seiner  Truppen  im  März  1848  festgehalten  und  ausgenutzt
  hätte,  was  ja  möglich  war  ohne  weitre  Repressionen
derart,  wie  Oestreich  sie  in  Prag  und  Wien  durch  Windischgrätz
und  in  Ungarn  durch  russische  Hülfe  zu  bewirken  genöthigt  war.

In  der  Petersburger  Gesellschaft  ließen  sich  zu  meiner  Zeit
drei  Generationen  unterscheiden.  Die  vornehmste,  die  europäisch
  und  classisch  gebildeten  Grands  Seigneurs  aus  der  Regirungszeit
  Alexander's  I.,  war  im  Aussterben.  Zu  ihr  konnte
man  noch  rechnen  Mentschikow,  Woronzow,  Bludow,  Nesselrode
  und,  was  Geist  und  Bildung  betrifft,  Gortschakow,  dessen
Niveau  durch  seine  übertriebene  Eitelkeit  etwas  herabgedrückt
war  im  Vergleich  mit  den  übrigen  Genannten,  Leuten,  die
classisch  gebildet  waren,  gut  und  geläufig  nicht  nur  französisch,
sondern  auch  deutsch  sprachen  und  der  crme  europäischer  Gesittung
  angehörten.

Die  zweite  Generation,  die  mit  dem  Kaiser  Nicolaus  gleichaltrig
  war  oder  doch  seinen  Stempel  trug,  pflegte  sich  in  der
Unterhaltung  aus  Hofangelegenheiten,  Theater,  Avancement
und  militärische  Erlebnisse  zu  beschränken.  Unter  ihnen  sind
als  der  ältern  Kategorie  geistig  näher  stehende  Ausnahmen  zu
nennen  der  alte  Fürst  Orlow,  hervorragend  an  Charakter,
Höflichkeit  und  Zuverlässigkeit  für  uns;  der  Graf  Adlerberg
Vater  und  Sohn,  der  nachherige  Hofminister,  mit  Peter  Schuwalow
  der  einsichtigste  Kopf,  mit  dem  ich  dort  in  Beziehungen
gekommen  bin  und  dem  nur  Arbeitsamkeit  fehlte,  um  eine
        <pb n="274" />
        250  Zehntes  Kapitel:  Petersburg.

leitende  Rolle  zu  spielen;  der  Fürst  Suworow,  der  wohlwollendste
  für  uns  Deutsche,  bei  dem  der  russische  General
nicolaitischer  Tradition  stark,  aber  nicht  unangenehm,  mit  burschikosen
  Reminiscenzen  deutscher  Universitäten  versetzt  war;
mit  ihm  dauernd  im  Streit  und  doch  in  gewisser  Freundschaft
Tschewkin,  der  Eisenbahn-General,  von  einer  Schärfe  und
Feinheit  des  Verständnisses,  wie  sie  bei  Verwachsenen  mit  der
ihnen  eigenthümlichen  klugen  Kopfbildung  nicht  selten  gefunden
wird;  endlich  der  Baron  Peter  von  Meyendorff,  für  mich  die
sympathischste  Erscheinung  unter  den  ältern  Politikern,  früher
Gesandter  in  Berlin,  der  nach  seiner  Bildung  und  der  Feinheit
  seiner  Formen  mehr  dem  alexandrinischen  Zeitalter  angehörte
  und  in  ihm  durch  Intelligenz  und  Tapferkeit  sich  aus
der  Stellung  eines  jungen  Offiziers  in  einem  Linienregimente,
in  dem  er  die  französischen  Kriege  mitgemacht,  zu  einem  Staatsmanne
  emporgearbeitet  hatte,  dessen  Wort  bei  dem  Kaiser
Nicolaus  erheblich  in's  Gewicht  fiel.  Die  Annehmlichkeit  seines
gastfreien  Hauses  in  Berlin  wie  in  Petersburg  wurde  wesentlich
  erhöht  durch  seine  Gemalin,  eine  männlich  kluge,  vornehme,
  ehrliche  und  liebenswürdige  Frau,  die  in  noch  höherm
Grade  als  ihre  Schwester,  Frau  von  Vrints  in  Frankfurt,
den  Beweis  lieferte,  daß  in  der  gräflich  Buolschen  Familie
der  erbliche  Verstand  ein  Kunkellehn  1)  war.  Ihr  Bruder,  der
östreichische  Minister  Graf  Buol,  hatte  daran  nicht  den  Antheil
  geerbt,  der  zur  Leitung  der  Politik  einer  großen  Monarchie
unentbehrlich  ist.  Die  beiden  Geschwister  standen  einander  persönlich
  nicht  näher  als  die  russische  und  die  östreichische  Politik.
Als  ich  1852  in  besondrer  Mission  in  Wien  beglaubigt  war,
war  das  Verhältniß  zwischen  ihnen  noch  derart,  daß  Frau
von  Meyendorff  geneigt  war,  mir  das  Gelingen  meiner  für

1)  Unter  Kunkellehn  versteht  man  ein  Lehen,  das  beim  Aussterben
des  Mannesstammes  an  die  Cognaten  (Weiber  oder  durch  Weiber  in
das  Geschlecht  gekommene  Verwandte)  fällt.
        <pb n="275" />
        Charakteristik  der  Petersburger  Gesellschaft.  251

 

Oestreich  freundlichen  Mission  zu  erleichtern,  wofür  ohne  Zweifel
die  Instructionen  ihres  Gemals  maßgebend  waren.  Der  Kaiser
Nicolaus  wünschte  damals  unfre  Verständigung  mit  Oestreich.
Als  ein  oder  zwei  Jahre  später,  zur  Zeit  des  Krimkriegs,
von  meiner  Ernennung  nach  Wien  die  Rede  war,  fand  das
Verhältniß  zwischen  ihr  und  ihrem  Bruder  in  den  Worten
Ausdruck:  sie  hoffe,  daß  ich  nach  Wien  kommen  und  „dem  Karl
ein  Gallenfieber  anärgern  würde".  Frau  von  Meyendorff  war
als  Frau  ihres  Gemals  patriotische  Russin  und  würde  auch
ohnedies  schon  nach  ihrem  persönlichen  Gefühl  die  feindselige
und  undankbare  Politik  nicht  gebilligt  haben,  zu  welcher  Graf
Buol  Oestreich  bewogen  hatte.

Die  dritte  Generation,  die  der  jungen  Herrn,  zeigte  in
ihrem  gesellschaftlichen  Auftreten  meist  weniger  Höflichkeit,  mitunter
  schlechte  Manieren  und  in  der  Regel  stärkre  Abneigung
gegen  deutsche,  insbesondere  preußische  Elemente  als  die  beiden
ältern  Generationen.  Wenn  man,  des  Russischen  unkundig,
sie  deutsch  anredete,  so  waren  sie  geneigt,  ihre  Kenntniß  dieser
Sprache  zu  verleugnen,  unfreundlich  oder  garnicht  zu  antworten
und  Civilisten  gegenüber  unter  das  Maß  von  Höflichkeit  herabzugehn,
  welches  sie  in  den  Uniform  oder  Orden  tragenden
Kreisen  untereinander  beobachteten.  Es  war  eine  zweckmäßige
Einrichtung  der  Polizei,  daß  die  Dienerschaft  der  Vertreter
auswärtiger  Regirungen  durch  Tressen  und  das  der  Diplomatie
vorbehaltne  Costüm  eines  Lioree-Jägers  gekennzeichnet  war.
Die  Angehörigen  des  diplomatischen  Corps  würden  sonst,  da
sie  nicht  die  Gewohnheit  hatten,  auf  der  Straße  Uniform  oder
Orden  zu  tragen,  sowohl  von  der  Polizei  als  von  Mitgliedern
der  höhern  Gesellschaft  denselben  zu  Conflicten  führenden  Unannehmlichkeiten
  ausgesetzt  gewesen  sein,  welche  ein  ordensloser
Civilist,  der  nicht  als  vornehmer  Mann  bekannt  war,  im
Straßenverkehr  und  auf  Dampfsschiffen  leicht  erleben  konnte.

In  dem  Napoleonischen  Paris  habe  ich  dieselbe  Beobach-
        <pb n="276" />
        252  Zehntes  Kapitel:  Petersburg.

 

tung  gemacht  1).  Wenn  ich  länger  dort  gewohnt  hätte,  so
würde  ich  mich  haben  daran  gewöhnen  müssen,  nach  französischer
Sitte  mich  nicht  ohne  Andeutung  einer  Decoration  auf  der
Straße  zu  Fuß  zu  bewegen.  Ich  habe  auf  den  Boulevards
erlebt,  daß  bei  einer  Festlichkeit  einige  hundert  Menschen  sich
weder  vorwärts  noch  rückwärts  bewegen  konnten,  weil  sie  infolge
  mangelhafter  Anordnung  zwischen  zwei  in  verschiedner
Richtung  marschirende  Truppentheile  gerathen  waren,  und  daß
die  Polizei,  welche  das  Hemmniß  nicht  wahrgenommen  hatte,
auf  die  Masse  gewaltthätig  mit  Faustschlägen  und  den  in  Paris
so  üblichen  coups  de  pied  einstürmte,  bis  sie  auf  einen  „Monsieur
  décoré"  stieß.  Das  rothe  Bändchen  bewog  die  Polizisten,
die  Protestationen  des  Trägers  wenigstens  anzuhören  und  sich
endlich  überzeugen  zu  lassen,  daß  der  anscheinend  widerspenstige
Volkshaufe  zwischen  zwei  Truppentheilen  eingeklemmt  war  und
deshalb  nicht  ausweichen  konnte.  Der  Führer  der  aufgeregten
Polizisten  zog  sich  durch  den  Scherz  aus  der  Affaire,  daß  er,  auf
die  bis  dahin  von  ihm  nicht  bemerkten,  im  pas  gymnastique  :)
defilirenden  chasseurs  de  Vincennes  deutend,  sagte:  „Eh  bien,
i!  faut  enfoncer  gal#)  Das  Publikum,  einschließlich  der  Mißhandelten,
  lachte,  die  von  Thätlichkeiten  Verschonten  entfernten
sich  mit  einem  dankbaren  Gefühl  für  den  décoré,  dessen  Anwesenheit
  sie  gerettet  hatte.

Auch  in  Petersburg  würde  ich  es  für  zweckmäßig  gehalten
haben,  auf  der  Straße  die  Andeutung  eines  höhern  russischen
Ordens  zu  tragen,  wenn  die  großen  Entfernungen  es  nicht
mit  sich  gebracht  hätten,  daß  man  sich  in  den  Straßen  mehr
zu  Wagen  mit  Tressenlivree  als  zu  Fuße  zeigte.  Schon  zu
Pferde,  wenn  in  Civil  und  ohne  Reitknecht,  lief  man  Gefahr,
von  den  durch  ihr  Costüm  kenntlichen  Kutschern  der  höhern

1)  S.  o.  S.  91.
2)  Laufschritt.
:)  Ach  so,  dort  muß  man  einhanen.
        <pb n="277" />
        Der  Monsieur  décoré  in  Petersburg.  Gesellschaftlicher  Ton.  253

 

Würdenträger  wörtlich  und  thätlich  angefahren  zu  werden,
wenn  man  mit  ihnen  in  unvermeidliche  Berührung  gerieth;
und  wer  hinreichend  Herr  seines  Pferdes  war  und  eine  Gerte
in  der  Hand  hatte,  that  wohl,  sich  bei  solchen  Conflicten  als
gleichberechtigt  mit  dem  Insassen  des  Wagens  zu  legitimiren.
Von  den  wenigen  Reitern  in  der  Umgebung  von  Petersburg
konnte  man  in  der  Regel  annehmen,  daß  sie  deutsche  oder
englische  Kaufleute  waren  und  in  dieser  ihrer  Stellung  ärgerliche
  Berührungen  nach  Möglichkeit  vermieden  und  lieber  ertrugen,
  als  sich  bei  den  Behörden  zu  beschweren.  Offiziere
machten  nur  in  ganz  geringer  Zahl  von  den  guten  Reitwegen
auf  den  Inseln  und  weiter  außerhalb  der  Stadt  Gebrauch,
und  die  es  thaten,  waren  in  der  Regel  deutschen  Herkommens.
Das  Bemühn  höhern  Ortes,  den  Offizieren  mehr  Geschmack
am  Reiten  beizubringen,  hatte  keinen  dauernden  Erfolg  und
bewirkte  nur,  daß  nach  einer  jeden  Anregung  derart  die  kaiserlichen
  Equipagen  einige  Tage  lang  mehr  Reitern  als  gewöhnlich
  begegneten.  Eine  Merkwürdigkeit  war  es,  daß  als  die
besten  Reiter  unter  den  Offizieren  die  beiden  Admiräle  anerkannt
waren,  der  Großfürst  Constantin  und  der  Fürst  Mentschikow.

Auch  abgesehn  von  der  Reiterei  mußte  man  wahrnehmen,
daß  in  guten  Manieren  und  gesellschaftlichem  Tone  die  jüngre
zeitgenössische  Generation  zurück  stand  gegen  die  vorhergehende
des  Kaisers  Nicolaus  und  beide  wieder  in  europäischer  Bildung
und  Gesammterziehung  gegen  die  alten  Herrn  aus  der  Zeit
Alexander's  I.  Dessenungeachtet  blieb  innerhalb  der  Hofkreise
und  der  „Gesellschaft“  der  vollendete  gute  Ton  in  Geltung  und
in  den  Häusern  der  Aristokratie,  namentlich  so  weit  in  diesen
die  Herrschaft  der  Damen  reichte.  Aber  die  Höflichkeit  der
Formen  verminderte  sich  erheblich,  wenn  man  mit  jüngern
Herrn  in  Situationen  gerieth,  welche  nicht  durch  den  Einfluß
des  Hofes  oder  vornehmer  Frauen  controllirt  waren.  Ich
will  nicht  entscheiden,  wie  weit  das  Wahrgenommne  aus  einer
        <pb n="278" />
        254  Zehntes  Kapitel:  Petersburg.

 

socialen  Reaction  der  jüngern  Gesellschaftsschicht  gegen  die
früher  wirksam  gewesenen  deutschen  Einflüsse  oder  aus  einem
Sinken  der  Erziehung  in  der  jüngern  russischen  Gesellschaft
seit  der  Epoche  des  Kaisers  Alexander  I.  zu  erklären  ist,  vielleicht
  auch  aus  der  Contagion,  welche  die  sociale  Entwicklung
der  Pariser  Kreise  auf  die  der  höhern  russischen  Gesellschaft
auszuüben  pflegt.  Gute  Manieren  und  vollkommne  Höflichkeit
sind  in  den  herrschenden  Kreisen  von  Frankreich  außerhalb  des
Faubourg  St.  Germain  heut  nicht  mehr  so  verbreitet,  wie  es
früher  der  Fall  war  und  wie  ich  sie  in  Berührung  mit  ältern
Franzosen  und  mit  französischen  und  noch  gewinnender  bei
russischen  Damen  jeden  Alters  kennen  gelernt  habe.  Da
übrigens  meine  Stellung  in  Petersburg  mich  nicht  zu  einem
intimen  Verkehr  mit  der  jüngsten  erwachsenen  Generation
nöthigte,  so  habe  ich  von  meinem  dortigen  Aufenthalt  nur  die
angenehme  Erinnrung  behalten,  welche  ich  der  Liebenswürdigkeit
  des  Hofes,  der  ältern  Herrn  und  der  Damen  der  Gesellschaft
  verdanke.

Die  antideutsche  Stimmung  der  jüngern  Generation  hat
sich  demnächst  mir  und  Andern  auch  auf  dem  Gebiete  der  politischen
  Beziehungen  zu  uns  fühlbar  gemacht,  in  verstärktem
Maße,  seit  mein  russischer  College,  Fürst  Gortschakow,  seine
ihn  beherrschende  Eitelkeit  auch  mir  gegenüber  herauskehrte.
So  lange  er  das  Gefühl  hatte,  in  mir  einen  jüngern  Freund
zu  sehn,  an  dessen  politischer  Erziehung  er  einen  Antheil  beanspruchte,
  war  sein  Wohlwollen  für  mich  unbegrenzt,  und  die
Formen,  in  denen  er  mir  Vertraun  zeigte,  überschritten  die
unter  Diplomaten  zulässige  Grenze,  vielleicht  aus  Berechnung,
vielleicht  aus  Ostentation  einem  Collegen  gegenüber,  an  dessen
bewunderndes  Verständniß  mir  gelungen  war  ihn  glauben  zu
machen.  Diese  Beziehungen  wurden  unhaltbar,  sobald  ich  als
preußischer  Minister  ihm  die  Illusion  seiner  persönlichen  und
staatlichen  Ueberlegenheit  nicht  mehr  lassen  konnte.  Hinc
        <pb n="279" />
        Antideutsche  Stimmung  d.  jüngern  Generation.  Fürst  Gortschakow.  255

 

irae  1).  Sobald  ich  selbständig  als  Deutscher  oder  Preuße  oder
als  Rival  im  europäischen  Ansehn  und  in  der  geschichtlichen
Publicistik  aufzutreten  begann,  verwandelte  sich  sein  Wohlwollen
in  Mißgunst.

Ob  diese  Wandlung  erst  nach  1870  begann  oder  ob  sie  sich
vor  diesem  Jahre  meiner  Wahrnehmung  entzogen  hatte,  lasse
ich  dahingestellt.  Wenn  Erstres  der  Fall  war,  so  kann  ich  als
ein  achtbares  und  für  einen  russischen  Kanzler  berechtigtes
Motiv  den  Irrthum  der  Berechnung  in  Anschlag  bringen,  daß
die  Entfremdung  zwischen  uns  und  Oestreich  auch  nach  1866
dauernd  fortbestehn  werde.  Wir  haben  1870  der  russischen
Politik  bereitwillig  beigestanden,  um  sie  im  Schwarzen  Meere
von  den  Beschränkungen  zu  lösen,  welche  der  Pariser  Vertrag
ihr  auferlegt  hatte  ).  Dieselben  waren  unnatürlich,  und  das
Verbot  der  freien  Bewegung  an  der  eignen  Meeresküste  war
für  eine  Macht  wie  Rußland  auf  die  Dauer  unerträglich,  weil
demüthigend.  Außerdem  lag  und  liegt  es  nicht  in  unserm
Interesse,  Rußland  in  der  Verwendung  seiner  überschüssigen
Kräfte  nach  Osten  hin  hinderlich  zu  sein;  wir  sollen  froh  sein,
wenn  wir  in  unfrer  Lage  und  geschichtlichen  Entwicklung  in
Europa  Mächte  finden,  mit  denen  wir  auf  keine  Art  von  Concurrenz
  der  politischen  Interessen  angewiesen  sind,  wie  das
zwischen  uns  und  Rußland  bisher  der  Fall  ist.  Mit  Frankreich
  werden  wir  nie  Frieden  haben,  mit  Rußland  nie  die
Nothwendigkeit  des  Krieges,  wenn  nicht  liberale  Dummheiten
oder  dynastische  Mißgriffe  die  Situation  fälschen.

2.

Wenn  ich  in  Petersburg  auf  einem  der  kaiserlichen  Schlösser

Zarskoe  oder  Peterhof  anwesend  war,  auch  nur,  um  mit  dem

1)  Vgl.  Juvenal,  Satiren  I  168:  Inde  irae  et  lacrumae  (daher  der
Zorn  und  die  Thränen)  und  Terenz,  Andria  I  1:  Hinc  illae  irae  (daher
der  Zorn).

:)  Vgl.  Bd.  II  118.
        <pb n="280" />
        256  Zehntes  Kapitel:  Petersburg.

 

daselbst  im  Sommerquartier  lebenden  Fürsten  Gortschakow  zu
conferiren,  so  fand  ich  in  der  mir  angewiesenen  Wohnung  im
Schlosse  für  mich  und  einen  Begleiter  ein  Frühstück  von  mehren
Gängen  angerichtet,  mit  drei  oder  vier  Sorten  hervorragend
guter  Weine;  andre  sind  mir  in  der  kaiserlichen  Verpflegung
überhaupt  niemals  vorgekommen.  Gewiß  wurde  in  dem  Haushalte
  viel  gestohlen,  aber  die  Gäste  des  Kaisers  litten  darunter
nicht;  im  Gegentheil,  ihre  Verpflegung  war  auf  reiche  Brosamen
für  den  „Dienst“  berechnet.  Keller  und  Küche  waren  absolut
einwandsfrei,  auch  in  Vorkommnissen,  wo  sie  uncontrollirt
blieben.  Vielleicht  hatten  die  Beamten,  denen  die  nicht  getrunknen
  Weine  verblieben,  durch  lange  Erfahrung  schon  einen
zu  durchgebildeten  Geschmack  gewonnen,  um  Unregelmäßigkeiten
zu  dulden,  unter  denen  die  Qualität  der  Lieferung  gelitten
hätte.  Die  Preise  der  Lieferungen  waren  nach  allem,  was  ich
erfuhr,  allerdings  gewaltig  hoch.  Von  der  Gastfreiheit  des
Haushalts  bekam  ich  eine  Vorstellung,  wenn  meine  Gönnerin,
die  Kaiserin-Witwe  Charlotte,  Schwester  unsers  Königs,  mich
einlud.  Dann  waren  für  die  mit  mir  eingeladnen  Herrn  der
Gesandschaft  zwei  und  für  mich  drei  Diners  der  kaiserlichen
Küche  entnommen.  In  meinem  Quartier  wurden  für  mich
und  meine  Begleiter  Frühstücke  und  Diners  angerichtet  und
berechnet,  wahrscheinlich  auch  gegessen  und  getrunken,  als  ob
meine  und  der  Meinigen  Einladung  zu  der  Kaiserin  garnicht
erfolgt  sei.  Das  Couvert  für  mich  wurde  einmal  in  meinem
Quartier  mit  allem  Zubehör  auf=  und  abgetragen,  das  zweite
Mal  an  der  Tafel  der  Kaiserin  in  Gemeinschaft  mit  denen
meiner  Begleiter  ausgelegt,  und  auch  dort  kam  ich  mit  ihm
nicht  in  Berührung,  da  ich  vor  dem  Bette  der  kranken  Kaiserin
ohne  meine  Begleiter  in  kleiner  Gesellschaft  zu  speisen  hatte.
Bei  solchen  Gelegenheiten  pflegte  die  damals  in  der  ersten
Blüthe  jugendlicher  Schönheit  stehende  Prinzessin  Leuchtenberg  ,

1)  Maria  Maximilianowna.
        <pb n="281" />
        Gastlichkeit  des  Hofes.  Ein  enfant  terrible.  Russische  Unterschleife.  257

 

später  Gemalin  des  Prinzen  Wilhelm  von  Baden,  an  Stelle
ihrer  Großmutter  mit  der  ihr  eignen  Grazie  und  Heiterkeit
die  Honneurs  zu  machen.  Auch  erinnre  ich  mich,  daß  bei  einer
andern  Gelegenheit  eine  vierjährige  Großfürstin  sich  um  den
Tisch  von  vier  Personen  bewegte  und  sich  weigerte,  einem  hohen
General  die  gleiche  Höflichkeit  wie  mir  zu  erweisen.  Es  war
mir  sehr  schmeichelhaft,  daß  dieses  großfürstliche  Kind  auf  die
großmütterliche  Vorhaltung  antwortete:  in  Bezug  auf  mich:
on  milnd  (er  ist  lieb),  in  Bezug  auf  den  General  aber  hatte  sie
die  Naivität,  zu  sagen:  on  wonjaet  (er  stinkt),  worauf  das
großfürstliche  enfant  terrible  entfernt  wurde.

Es  ist  vorgekommen,  daß  preußische  Offiziere,  welche  lange
in  einem  der  kaiserlichen  Schlösser  wohnten,  von  russischen
guten  Freunden  vertraulich  befragt  wurden,  ob  sie  wirklich  so
viel  Wein  u.  dergl.  verbrauchten,  wie  für  sie  entnommen  werde;
dann  würde  man  sie  um  ihre  Leistungsfähigkeit  beneiden  und
ferner  dafür  sorgen.  Diese  vertrauliche  Erkundigung  traf  auf
Herrn  von  sehr  mäßigen  Gewohnheiten;  mit  ihrem  Einverständnisse
  wurden  die  von  ihnen  bewohnten  Gemächer  untersucht:
  in  Wandschränken,  mit  denen  sie  unbekannt  waren,  fanden
  sich  zurückgelegte  Vorräthe  hochwerthiger  Weine  und  sonstiger
Bedürfnisse  in  Massen.

Bekannt  ist,  daß  dem  Kaiser  einmal  das  ungewöhnliche
Quantum  von  Talg  aufgefallen  war,  welches  jedes  Mal  in
den  Rechnungen  erschien,  wenn  der  Prinz  von  Preußen  zum
Besuche  dort  war,  und  daß  schließlich  ermittelt  wurde,  daß  er
bei  seinem  ersten  Besuche  sich  durchgeritten  und  am  Abend  das
Verlangen  nach  etwas  Talg  gestellt  hatte.  Das  verlangte  Loth
dieses  Stoffes  hatte  sich  bei  spätern  Besuchen  in  Pud  y  verwandelt.
  Die  Aufklärung  erfolgte  zwischen  den  hohen  Herrschaften
  persönlich  und  hatte  eine  Heiterkeit  zur  Folge,  welche
den  betheiligten  Sündern  zu  Gute  kam.

—

)  1  Pud  =  20  Pfund.

Otto  Zürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  17
        <pb n="282" />
        258  Zehntes  Kapitel:  Petersburg.

Von  einer  andern  russischen  Eigenthümlichkeit  gab  es  bei
meiner  ersten  Anwesenheit  in  Petersburg  1859  eine  Probe.
In  den  ersten  Tagen  des  Frühlings  machte  damals  die  zum
Hofe  gehörige  Welt  ihren  Spaziergang  in  dem  Sommergarten
zwischen  dem  Pauls-Palais  und  der  Newa.  Dort  war  es  dem
Kaiser  aufgefallen,  daß  in  der  Mitte  eines  Rasenplatzes  ein
Posten  stand.  Da  der  Soldat  auf  die  Frage,  weshalb  er  da
stehe,  nur  die  Auskunft  zu  geben  wußte:  „Es  ist  befohlen“,
so  ließ  sich  der  Kaiser  durch  seinen  Adjutanten  auf  der  Wache
erkundigen,  erhielt  aber  auch  keine  andre  Aufklärung,  als  daß
der  Posten  Winter  und  Sommer  gegeben  werde.  Der  ursprüngliche
  Befehl  sei  nicht  mehr  zu  ermitteln.  Die  Sache
wurde  bei  Hofe  zum  Tagesgespräch  und  gelangte  auch  zur
Kenntniß  der  Dienerschaft.  Aus  dieser  meldete  sich  ein  alter
Pensionär  und  gab  an,  daß  sein  Vater  ihm  gelegentlich  im
Sommergarten  gesagt  habe,  während  sie  an  der  Schildwache
vorbeigegangen:  „Da  steht  er  noch  immer  und  bewacht  die
Blume;  die  Kaiserin  Katharina  hat  an  der  Stelle  einmal  ungewöhnlich
  früh  im  Jahre  ein  Schneeglöckchen  wahrgenommen
und  befohlen,  man  solle  sorgen,  daß  es  nicht  abgepflückt  werde.“
Dieser  Befehl  war  durch  Aufstellung  einer  Schildwache  zur
Ausführung  gebracht  worden,  und  seitdem  hatte  der  Posten
Jahr  aus  Jahr  ein  gestanden.  Dergleichen  erregt  unfre  Kritik
und  Heiterkeit,  ist  aber  ein  Ausdruck  der  elementaren  Kraft
und  Beharrlichkeit,  auf  denen  die  Stärke  des  russischen  Wesens
dem  übrigen  Europa  gegenüber  beruht.  Man  erinnert  sich
dabei  der  Schildwachen,  die  während  der  Ueberschwemmung  in
Petersburg  18251/),  im  Schipka-Passe  1877  nicht  abgelöst
wurden  und  von  denen  die  Einen  ertranken,  die  Andern  auf
ihren  Posten  erfroren.

1)  Die  Ueberschwemmung  Petersburgs  fand  am  19.  November  1821
statt.
        <pb n="283" />
        Russische  Beharrlichkeit.  Bismarck  ohne  Einfluß  in  Berlin.  259

 

3.

Während  des  italienischen  Krieges  glaubte  ich  noch  an  die
Möglichkeit,  in  der  Stellung  eines  Gesandten  in  Petersburg,
wie  ich  es  von  Frankfurt  aus  mit  wechselndem  Erfolge  versucht
  hatte,  auf  die  Entschließungen  in  Berlin  einwirken  zu
können,  ohne  mir  klar  zu  machen,  daß  die  übermäßigen  Anstrengungen,
  die  ich  mir  zu  diesem  Zwecke  in  meiner  Berichterstattung
  auferlegte,  ganz  fruchtlos  sein  mußten,  weil  meine
Immediatberichte  und  meine  in  Form  eigenhändiger  Briefe
gefaßten  Mittheilungen  entweder  garnicht  zur  Kenntniß  des
Regenten  gelangten  oder  mit  Commentaren,  die  jeden  Eindruck
hinderten.  Meine  Ausarbeitungen  hatten  außer  einer  Complicirung
  der  Krankheit,  in  welche  ich  durch  ärztliche  Vergiftung
gefallen  war,  nur  die  Folge,  daß  die  Genauigkeit  meiner
Berichte  über  die  Stimmungen  des  Kaisers  verdächtigt  wurde
und,  um  mich  zu  controlliren,  der  Graf  Münster,  früher
Militärbevollmächtigter  in  Petersburg,  dorthin  geschickt  wurde.
Ich  war  im  Stande,  dem  mir  befreundeten  Inspicienten  zu
beweisen,  daß  meine  Meldungen  auf  der  Einsicht  eigenhändiger
Bemerkungen  des  Kaisers  am  Rande  der  Berichte  russischer
Diplomaten  beruhten,  die  Gortschakow  mir  vorgelegt  hatte,
und  daneben  auf  mündlichen  Mittheilungen  persönlicher  Freunde,
die  ich  in  dem  Cabinet  und  am  Hofe  besaß.  Die  eigenhändigen
Marginalien  des  Kaisers  waren  mir  vielleicht  mit  berechneter
Indiscretion  vorgelegt  worden,  damit  ihr  Inhalt  auf  diesem
weniger  verstimmenden  Wege  nach  Berlin  gelangen  sollte  7.

Diese  und  andre  Formen,  in  denen  ich  von  besonders
wichtigen  Mittheilungen  Kenntniß  erhielt,  sind  charakteristisch
für  die  damaligen  politischen  Schachzüge.  Ein  Herr,  welcher
mir  gelegentlich  eine  solche  vertraute,  wandte  sich  beim  Abschiede

1)  Vgl.  Brief  Bismarck's  an  Minister  v.  Schleinitz  vom  22.  Mai  1859
im  Briefwechsel  Bismarck's  mit  Schleinitz  S.  25.
        <pb n="284" />
        260  Zehntes  Kapitel:  Petersburg.

 

in  der  Thür  um  und  sagte:  „Meine  erste  Indiscretion  nöthigt
mich  zu  einer  zweiten.  Sie  werden  die  Sache  natürlich  nach
Berlin  melden,  benutzen  Sie  aber  dazu  nicht  Ihren  Chiffre
Nr.  so  und  so,  den  besitzen  wir  seit  Jahren,  und  nach  Lage
der  Dinge  würde  man  bei  uns  auf  mich  als  Quelle  schließen.
Außerdem  werden  Sie  mir  den  Gefallen  thun,  den  compromittirten
  Chiffre  nicht  plötzlich  fallen  zu  lassen,  sondern  ihn  noch
einige  Monate  lang  zu  unverfänglichen  Telegrammen  zu  benutzen.“
  Damals  glaubte  ich  zu  meiner  Beruhigung  aus  diesem
Vorgange  die  Wahrscheinlichkeit  zu  entnehmen,  daß  nur  dieser
eine  unsrer  Chiffres  sich  im  russischen  Besitze  befand.  Die
Sicherstellung  des  Chiffres  war  in  Petersburg  besonders
schwierig,  weil  jede  Gesandschaft  russische  Diener  und  Subalterne
  nothwendig  im  Innern  des  Hauses  verwenden  mußte
und  die  politische  Polizei  unter  diesen  sich  leicht  Agenten  verschaffte.


Zur  Zeit  des  östreichisch-französischen  Krieges  klagte  mir
der  Kaiser  Alexander  in  vertraulichem  Gespräche  über  den
heftigen  und  verletzenden  Ton,  in  welchem  die  russische  Politik
in  Correspondenzen  deutscher  Fürsten  an  kaiserliche  Familienglieder
  kritisirt  werde.  Er  schloß  die  Beschwerde  über  seine
Verwandten  mit  den  entrüsteten  Worten:  „Das  Beleidigende
für  mich  in  der  Sache  ist,  daß  die  deutschen  Herrn  Vettern
ihre  Grobheiten  mit  der  Post  schicken,  damit  sie  sicher  zu  meiner
persönlichen  Kenntniß  gelangen  ).“  Der  Kaiser  hatte  kein  Arg

1)  Vgl.  Bismarck  s  Brief  an  Minister  v.  Schleinitz  vom  20.  Mai
1859.,  Briefwechsel  2c.  S.  22:  „Se.  Majestät  ist  empfindlich  über  die
vielen  Rathschläge  in  Betreff  der  russischen  Politik,  welche  von  den  hohen
Verwandten  in  Deutschland  eingehn  und  über  den  Ton,  in  welchem  sie
vorgetragen  werden.  Es  hieße  da  stets,  Rußland  müsse  thun,  der
Kaiser  müsse  einsehn,  und  wenn  nicht,  so  folgten  beleidigende  Alternativen.
  Am  allerunpassendsten  aber  seien  die  Briefe,  welche  an  Mitglieder
  der  Kaiserlichen  Familie,  beispielsweise  an  die  Großfürstin  Helene
von  deren  Herrn  Brüdern  und  an  die  Prinzessin  von  Oldenburg  aus
        <pb n="285" />
        Verletzung  des  Briefgeheimnisses  in  Rußland  und  Oestreich.  261

bei  diesem  Eingeständniß  und  war  unbefangen  der  Meinung,
daß  es  sein  monarchisches  Recht  sei,  auch  auf  diesem  Wege
von  der  Correspondenz  Kenntniß  zu  erhalten,  deren  Trägerin
die  russische  Post  war.

Auch  in  Wien  haben  früher  ähnliche  Einrichtungen  bestandem.
  Vor  Erbauung  der  Eisenbahnen  hat  es  Zeiten  gegeben,
  in  denen  nach  Ueberschreitung  der  Grenze  ein  östreichischer
  Beamter  zu  dem  preußischen  Courier  in  den  Wagen
stieg  und  unter  Assistenz  des  Letztern  die  Depeschen  mit  gewerbsmäßigem
  Geschicke  geöffnet,  excerpirt  und  geschlossen  wurden,
  bevor  sie  an  die  Gesandschaft  in  Wien  gelangten.  Noch
nach  dem  Aufhören  dieser  Praxis  galt  es  für  eine  vorsichtige
Form  amtlicher  Mittheilung  von  Cabinet  zu  Cabinet  nach
Wien  oder  Petersburg,  wenn  dem  dortigen  preußischen  Gesandten
  mit  einfachem  Postbriefe  geschrieben  wurde.  Der  Inhalt
  wurde  von  beiden  Seiten  als  insinuirt  angesehn,  und  man
bediente  sich  dieser  Form  der  Insinuation  gelegentlich  dann,
wenn  die  Wirkung  einer  unangenehmen  Mittheilung  im  Interesse
  der  Tonart  des  formalen  Verkehrs  abgeschwächt  werden
sollte.  Wie  es  in  der  Post  von  Thurn  und  Taxis  mit  dem
Briefgeheimniß  bestellt  war,  wird  aus  meinem  Briefe  an
den  Minister  von  Manteufsel  vom  11.  Januar  1858  anschaulich:


„Ich  habe  schon  telegraphisch  die  dringende  Bitte  ausgesprochen,
  meinen  vertraulichen  Bericht,  betreffend  die  Beschwerde
Lord  Bloomfield's  in  der  Bentinck'schen  Sache,  nicht  durch  die
Post  an  den  Grafen  Flemming  in  Karlsruhe  zu  schicken  und
so  zu  Oestreichs  Kenntniß  zu  bringen.  Sollte  meine  Bitte  zu
spät  eingetroffen  sein,  so  werde  ich  nach  mehren  Richtungen
hin  in  unangenehme  Verlegenheiten  gerathen,  welche  kaum
Nassau  eingingen  und  mit  der  Post  befördert  würden,  damit  sie  gelesen

  werden  sollten,  während  sie  doch  die  größten  „Sottisen“  für  den
Kaiser  enthielten.“
        <pb n="286" />
        262  Zehntes  Kapitel:  Petersburg.

 

anders  als  in  einem  persönlichen  Conflict  zwischen  dem  Grafen
Rechberg  und  mir  ihre  Lösung  finden  könnten.  —  Wie  ich  ihn
beurtheile  und  wie  es  die  östreichische  Auffassung  des  Briefgeheimnisses
  überhaupt  mit  sich  bringt,  wird  er  sich  durch  den
Umstand,  daß  diese  Beweise  einem  geöffneten  Briefe  entnommen
sind,  von  der  Production  derselben  nicht  abhalten  lassen.  Ich
traue  ihm  vielmehr  zu,  daß  er  sich  ausdrücklich  darauf  beruft,
  die  Depesche  könne  nur  in  der  Absicht  auf  die  Post  gegeben
  sein,  damit  sie  zur  Kenntniß  der  kaiserlichen  Regirung
gelange.“

Als  ich  1852  die  Gesandschaft  in  Wien  zu  leiten  hatte,
stieß  ich  dort  auf  die  Gewohnheit,  wenn  der  Gesandte  eine
Mittheilung  zu  machen  hatte,  die  Instruction,  durch  die  er  von
Berlin  aus  dazu  beauftragt  war,  dem  östreichischen  Minister
des  Auswäxrtigen  im  Original  einzureichen.  Diese  für  den
Dienst  ohne  Zweifel  nachtheilige  Gewohnheit,  bei  der  eigentlich
die  vermittelnde  Amtsthätigkeit  des  Gesandten  als  überflüssig
erschien,  war  dergestalt  tief  eingerissen,  daß  der  damalige,  seit
Jahrzehnten  in  Wien  einheimische  Kanzleivorstand  der  Gesandschaft
  aus  Anlaß  des  von  mir  ergangnen  Verbots  mich  aufsuchte,
  um  mir  vorzustellen,  wie  groß  das  Mißtraun  der  kaiserlichen
  Staatskanzlei  sein  werde,  wenn  wir  plötzlich  in  der  langjährigen
  Gepflogenheit  eine  Aenderung  eintreten  ließen;  man
würde  namentlich  mir  gegenüber  zweifelhaft  werden,  ob  meine
Einwirkung  auf  den  Grafen  Buol  wirklich  dem  Text  meiner
Instructionen  und  also  den  Intentionen  der  Berliner  Politik
entspräche.

Um  sich  selbst  gegen  Untreue  der  Beamten  des  auswärtigen
Ressorts  zu  schützen,  hat  man  in  Wien  zuweilen  sehr  drastische
Mittel  angewandt.  Ich  habe  einmal  ein  geheimes  östreichisches
Actenstück  in  Händen  gehabt,  aus  dem  mir  dieser  Satz  erinnerlich
  geblieben  ist:

„Kaunitz  ne  sachant  pas  deméler,  lequel  de  ses  quatre
        <pb n="287" />
        Gewaltthaten  gegen  ungetreue  Beamte.  Ausflug  nach  Moskau.  263

 

commis  l'avait  trahi,  les  fit  noyer  tous  les  quatre  dans  le
Danube  moyennant  un  bateau  à  soupape  7.“

Vom  Ersäufen  war  auch  die  Rede  in  einer  scherzenden
Unterhaltung,  die  ich  1853  oder  1854  mit  dem  russischen  Gesandten
  in  Berlin,  Baron  von  Budberg,  hatte.  Ich  erwähnte,
daß  ich  einen  Beamten  im  Verdacht  hätte,  bei  den  ihm  aufgetragnen
  Geschäften  das  Interesse  eines  andern  Staates  zu
vertreten.  Budberg  sagte:  „Wenn  der  Mann  Ihnen  unbequem
ist,  so  schicken  Sie  ihn  nur  einmal  bis  an  das  Aegäische  Meer,
dort  haben  wir  Mittel,  ihn  verschwinden  zu  lassen“  —  und
fuhr  auf  meine  etwas  ängstliche  Frage:  „Sie  wollen  ihn  doch
nicht  ersäufen?“  lachend  fort:  „Nein,  er  würde  im  Innern
Rußlands  verschwinden,  und  da  er  anstellig  zu  sein  scheint,
später  als  zufriedner  russischer  Beamter  wieder  zum  Vorschein
kommen.“

4.

In  der  ersten  Hälfte  des  Juni  1859  machte  ich  einen  kurzen
Ausflug  nach  Moskau2).  Bei  diesem  Besuche  der  alten  Hauptstadt,
  der  in  die  Zeit  des  italienischen  Kriegs  fiel,  war  ich
Zeuge  einer  merkwürdigen  Probe  von  dem  damaligen  Hasse
der  Russen  gegen  Oestreich.  Während  der  Gouverneur  Fürst
Dolgoruki  mich  in  einer  Bibliothek  umherführte,  bemerkte  ich
auf  der  Brust  eines  subalternen  Beamten  unter  vielen  militärischen
  Decorationen  auch  das  eiserne  Kreuz.  Auf  meine
Frage  nach  dem  Erwerb  desselben  nannte  er  die  Schlacht  von
Kulms),  nach  welcher  Friedrich  Wilhelm  III.  eine  Anzahl
etwas  abweichend  gestalteter  eiserner  Kreuze  an  russische  Sol-1)

  Da  Kaunitz  nicht  ermitteln  konnte,  welcher  von  seinen  vier  Beamten
  ihn  verrathen  hatte,  ließ  er  sie  alle  vier  in  der  Donau  ertränken
mittels  eines  mit  Fallboden  versehenen  Bootes.

2)  Vgl.  Briefe  aus  Moskau  an  die  Gattin  vom  6.  bis  8.  Juni  1859,
S.  435  ff.

2)  29.  und  30.  August  1813.
        <pb n="288" />
        264  Zehntes  Kapitel:  Petersburg.

 

daten  hatte  vertheilen  lassen,  das  sogenannte  Kulmer  Kreuz.
Ich  beglückwünschte  den  alten  Soldaten,  daß  er  nach  46  Jahren
noch  so  rüstig  sei,  und  erhielt  die  Antwort,  er  würde  noch  jetzt,
wenn  der  Kaiser  es  erlaubte,  den  Krieg  mitmachen.  Ich  fragte,
mit  wem  er  dann  gehn  würde,  mit  Italien  oder  mit  Oestreich,
worauf  er  stramm  stehend  mit  Enthusiasmus  erklärte:  „Immer
gegen  Oestreich.“  Ich  machte  ihn  darauf  aufmerksam,  daß
Oestreich  doch  bei  Kulm  unser  und  Rußlands  Freund  und
Italien  unser  Gegner  gewesen  sei,  worauf  er,  immer  in  militärisch
  strammer  Haltung  und  mit  der  lauten  und  weit  hörbaren
  Stimme,  die  der  russische  Soldat  im  Gespräch  mit  Offizieren
  hat,  antwortete:  „Ein  ehrlicher  Feind  ist  besser  als  ein
falscher  Freund.“  Diese  unverfrorne  Antwort  begeisterte  den
Fürsten  Dolgoruki  dergestalt,  daß  im  nächsten  Moment  General
  und  Unteroffizier  in  der  Umarmung  lagen  und  die  herzlichsten
  Küsse  auf  beide  Wangen  austauschten.  So  war  damals
  bei  General  und  Unteroffizier  die  russische  Stimmung
gegen  Oestreich.

Eine  Erinnrung  an  den  Ausflug  nach  Moskau  ist  der  nachstehende
  Briefwechsel  mit  dem  Fürsten  Obolenstki.

Moscou,  le  2  Juin  1859  7).

En  visitant  dernièrement  les  antiquités  de  Moscou,  Votre
Excellence  a  porté  une  grande  attention  auxs  monuments  de
notre  ancienne  vie  politigue  et  morale.  Les  vieils  édifices  du
Kremlin,  les  objets  de  la  vie  domestique  des  Tzars,  les  précieux
  manuscrits  grecs  de  la  bibliothéque  des  Patriarches  de
Russie,  —  tout  enfin  a  excite  Sa  curiosité  éclairée.  Les
remarques  scientifques  de  V.  E.  au  sujet  de  ces  monuments

1)  Das  Datum  des  2.  Juni  ist  nach  dem  russischen  Kalender  zu
verstehen,  es  ist  also  der  12.  Juni  des  Gregorianischen  Kalenders.  Bismarck
  verließ  Petersburg  am  5.  Juni  Mittags  und  stieg  am  6.  Juni

früh  8  Uhr  im  Hotel  de  France  in  Moskau  ab.  Er  trat  am  10.  Juni
die  Rückreise  an.
        <pb n="289" />
        Russ.  Stimmung  gegen  Oestreich.  Briefwechsel  mit  Fürst  Obolenski.  265

ont  prouvé  qu’'’outre  Ses  grandes  connaissances  diplomatiques
Elle  en  réunissent  d'aussi  profondes  en  archéologie.  Une
pareille  attention  de  la  part  d’un  stranger  pour  nos  antiquités
m’'est  doublement  chèere,  comme  à  un  Russe  et  comme  à  un
homme  qui  consacre  ses  loisirs  aux  recherches  archéologiques.
Permeftez-moi  d’offrir  à  V.  E.  en  souvenir  de  Son  court  séjour
  à  Moscou  et  de  Tagréable  connaissance  due  j'ai  eu  Phonneur
  de  faire  avec  Elle,  un  exemplaire  du  „Livre  contenant
la  description  de  T’élection  et  de  Pavénement  au  tröne  du  Tzar
Michel  Feodorowitch“  Elle  y  verra,  sur  des  dessins  qduoique
peu  artistigues  mais  curieux  par  leur  ancienneté,  les  mémes
Gdifices  et  objets  qui  Liintéressaient  tant  au  Kremlin.

Agréez  p.  p.
P.  M.  Obolenski  7.

1)  Uebersetzung.
Moskau,  den  2.  Juni  1859.

Als  Ew.  Excellenz  letzthin  die  Alterthümer  von  Moskau  besuchten,
haben  Sie  den  Denkmälern  unseres  ehemaligen  politischen  und  moralischen
  Lebens  große  Aufmerksamkeit  gewidmet.  Die  alten  Bauten  des
Kreml,  die  Gegenstände  aus  dem  häuslichen  Leben  der  Zaren,  die
werthvollen  griechischen  Handschriften  der  Bibliothek  der  russischen  Patriarchen
  —  kurz  alles  hat  Ihre  Wißbegierde  erregt.  Die  gelehrten  Bemerkungen
  Ew.  Excellenz  mit  Bezug  auf  diese  Denkmäler  haben  bewiesen,
  daß  Sie  mit  Ihren  großen  diplomatischen  Kenntnissen  auch  noch
ebenso  gründliche  archäologische  verbinden.  Eine  solche  Aufmerksamkeit
von  Seiten  eines  Ausländers  für  unsere  Alterthümer  ist  mir  doppelt
lieb,  als  Russe  wie  als  Mann,  der  seine  Mußestunden  archäologischen
Untersuchungen  widmet.  Erlauben  Sie  mir,  Ew.  Excellenz  als  Erinnerung
  an  Ihren  kurzen  Aufenthalt  in  Moskau  und  die  angenehme
Bekanntschaft,  die  ich  in  Ihnen  zu  machen  die  Ehre  gehabt  habe,  ein
Exemplar  der  „Beschreibung  der  Wahl  und  Thronbesteigung  des  Zaren
Michael  Feodorowitsch“  anzubieten.  Sie  werden  auf,  wenn  auch  wenig
kunstreichen,  doch  um  ihres  Alters  willen  merkwürdigen  Abbildungen
dieselben  Gebäude  und  Gegenstände  erblicken,  die  Sie  so  sehr  im  Kreml
interessirten.

Genehmigen  Sie  2c.  2c.  P.  M.  Obolenskki.
        <pb n="290" />
        266  Zehntes  Kapitel:  Petersburg.

 

Pétersbourg  (Juli  1859)  #.

Je  serais  bien  ingrat,  si,  après  toutes  les  bontés  dont  vous
m’'avez  comblé  à  Moscou,  j'avais  laissé  quatre  semaines  sans
des  raisons  majeures  s'écouler  avant  de  répondre  à  la  lettre
dont  V.  E.  m'a  honoré.  J'ai  été6  saisi  après  mon  retour  d’'une
maladie  grave,  une  espece  de  goutte,  qui  par  de  fortes  douleurs
  rhumatismales  m'a  tenu  à  T’tat  de  perclus  depuis  preès
d'un  mois  avec  des  intervalles  minimes  et  absorbés  par  les
affaires  courantes  restées  en  arrière.  Encore  aujourckhui  je
me  trouve  hors  d’état  de  marcher,  mais  mieux  portant  du
reste,  de  sorte  que  je  tächerai  Tobéir  à  un  ordre  de  mon
gouvernement  qui  m'appelle  à  Berlin.  Pardonnez  ces  détails,
mon  Prince,  mais  ils  sont  nécessaires  pour  expliquer  mon  silence.

J’avais  espéré  due  par  ce  retard  de  ma  réponse  je  serais
mis  à  meme  dy  joindre  celle  que  j'’attends  de  Berlin  à  T’envoi
dont  vous  avez  bien  voulu  me  charger  à  destination  de  Sa
Majesté  le  Roi.  Je  ne  la  tiens  pas  encore,  mais  je  ne  puis
pPartir,  mon  Prince,  sans  vous  dire,  combien  je  suis  touché  de
la  manière  digne  et  aimable  à  la  fois  dont  vous  faites  les
honneurs  du  département  due  vous  dirigez,  et  de  la  Capitale
dqdue  vous  habitez,  en  montrant  à  LI’étranger  un  noble  modele
de  T’hospitalité  nationale.  Le  magnifigue  ouvrage  due  vous
avez  bien  voulu  me  donner,  restera  toujours  un  ornement  précieux
  de  ma  bibliotheque  et  un  objet  auquel  se  rattache  le
souvenir  Tun  gentilhomme  russe  qui  sait  si  bien  concilier
Tillustration  du  savant  avec  les  qualités  qui  distinguent  le
grand-seigneur.

Agréez  p.  p.  von  Bismarck  3.

1)  Nach  dem  Concept.
:)  Uebersetzung.
Petersburg,  Juli  1859.
Ich  würde  sehr  undankbar  sein,  wenn  ich  nach  allen  Beweisen  von
Güte,  mit  denen  Sie  mich  in  Moskau  überschüttet  haben,  vier  Wochen
        <pb n="291" />
        Brief  Bismarck's  an  Fürst  Obolenski.  Erkrankung  an  Rheumatismus.  267

 

5.

Neuling  in  dem  Klima  von  Petersburg,  ging  ich  im  Juni
1859  nach  anhaltendem  Reiten  in  einer  überheizten  Reitbahn
ohne  Pelz  nach  Hause,  hielt  mich  auch  noch  unterwegs  auf,
um  exercirenden  Rekruten  zuzusehn.  Am  folgenden  Tage  hatte
ich  Rheumatismus  in  allen  Gliedern,  mit  dem  ich  längre  Zeit
zu  kämpfen  hatte  ).  Als  die  Zeit  herankam  abzureisen,  um
meine  Frau  nach  Petersburg  zu  holen,  war  ich  übrigens  wieder
hergestellt,  nur  daß  sich  in  dem  linken  Beine,  das  ich  auf  dem

ohne  wichtige  Gründe  hätte  verstreichen  lassen,  bevor  ich  auf  den  Brief
antwortete,  mit  dem  Ew.  Excellenz  mich  beehrt  haben.  Ich  bin  nach
meiner  Rückkehr  von  einer  schweren  Krankheit  befallen  worden,  einer
Art  von  Gicht,  die  mich  durch  heftige  rheumatische  Schmerzen  seit  fast
einem  Monat  an's  Haus  gefesselt  hat,  mit  kleinen  Unterbrechungen,
die  durch  die  im  Rückstand  gebliebenen  laufenden  Geschäfte  in  Anspruch
genommen  wurden.  Noch  heute  bin  ich  außer  Stande,  zu  laufen,  befinde
  mich  aber  im  ganzen  besser,  so  daß  ich  einem  Befehle  meiner
Regirung  zu  gehorchen  versuchen  werde,  die  mich  nach  Berlin  beruft.
Verzeihen  Sie  diese  Einzelheiten,  mein  Fürst,  aber  sie  sind  nothwendig,
um  mein  Schweigen  zu  erklären.

Ich  hatte  gehofft,  daß  ich  durch  diese  Verzögerung  meiner  Antwort
in  den  Stand  gesetzt  werden  würde,  ihr  die  Antwort  beizufügen,  die  ich
von  Berlin  erwarte  auf  die  Sendung  an  Se.  Moajestät  den  König,  mit
der  Sie  so  gütig  waren,  mich  zu  beauftragen.  Ich  habe  sie  noch  nicht
erhalten,  aber  ich  kann  nicht  abreisen,  mein  Prinz,  ohne  Ihnen  zu
sagen,  wie  angenehm  berührt  ich  von  der  würdigen  und  zugleich  liebenswürdigen
  Art  bin,  in  der  Sie  das  Amt,  welches  Sie  leiten,  und  die
Hauptstadt  vertreten,  die  Sie  bewohnen,  indem  Sie  dem  Fremden  ein
vornehmes  Beispiel  der  nationalen  Gastlichkeit  zeigen.  Das  herrliche
Werk,  das  Sie  die  Güte  hatten,  mir  zu  schenken,  wird  immer  eine  kostbare
  Zierde  meiner  Bibliothek  bleiben  und  ein  Gegenstand,  an  den  sich
die  Erinnerung  an  einen  russischen  Edelmann  knüpft,  der  die  Erleuchtung
  des  Gelehrten  so  wohl  mit  den  Eigenschaften  zu  vereinigen  weiß,
die  den  grand-seigneur  auszeichnen.

Genehmigen  Sie  2c.  2c.  v.  Bismarck.

1)  Siehe  Bismarck's  Brief  an  die  Gattin  vom  25.  Juni  1850,  S.  440  ff.,
Brief  an  Frau  v.  Arnim  vom  29.  Juni  1859,  Bismarckbriefe,  herausgegeben
  von  H.  Kohl,  8.  Aufl.,  S.  268  f.
        <pb n="292" />
        268  Zehntes  Kapitel:  Petersburg.

 

Jagdausflug  nach  Schweden  im  Jahre  1857  durch  einen  Sturz
vom  Felsen  beschädigt  hatte  1)  und  das  infolge  unvorsichtiger
Behandlung  der  locus  minoris  resistentiae)  geworden  war,
ein  geringfügiger  Schmerz  fühlbar  machte.  Der  durch  die
frühere  Großherzogin  von  Baden?)  mir  bei  der  Abreise  empsohlne
  Dr.  Walz  erbot  sich,  mir  ein  Mittel  dagegen  zu  verschreiben,
  und  begegnete  meiner  Erklärung,  ich  fühle  kein  Bedürfniß
  etwas  anzuwenden,  da  der  Schmerz  gering  sei,  mit
der  Versichrung,  die  Sache  könne  auf  der  Reise  schlimmer
werden  und  es  sei  rathsam,  vorzubeugen.  Das  Mittel  sei  ein
ganz  leichtes;  er  werde  mir  ein  Pflaster  in  die  Kniekehle  legen,
welches  in  keiner  Weise  belästige,  nach  einigen  Tagen  von  selbst
abfallen  und  nur  eine  Röthe  hinterlassen  werde.  Mit  der
Vorgeschichte  dieses  aus  Heidelberg")  stammenden  Arztes  noch
unbekannt,  gab  ich  leider  seinem  Zureden  nach.  Vier  Stunden,
nachdem  ich  das  Pflaster  aufgelegt  und  fest  geschlafen  hatte,
wachte  ich  über  heftige  Schmerzen  auf,  riß  das  Pflaster  ab,
ohne  seine  Bestandtheile  von  der  schon  wund  gefressenen  Kniekehle
  entsernen  zu  können.  Walz  kam  einige  Stunden  später
und  versuchte  mit  irgend  einer  metallischen  Klinge  die  schwarze
Pflastermasse  aus  der  handgroßen  Wunde  durch  Schaben  zu
entsernen.  Der  Schmerz  war  unerträglich  und  der  Erfolg
unvollkommen,  die  corrosive  )  Wirkung  des  Gifts  dauerte  fort.
Ich  wurde  mir  über  die  Unwissenheit  und  Gewissenlosigkeit
meines  Arzies  klar  trotz  der  hohen  Empfehlung,  die  mich  bestimmt
  hatte,  ihn  zu  wählen.  Er  selbst  versicherte  mit  entschuldigendem
  Lächeln,  die  Salbe  sei  wohl  etwas  zu  stark  ge-1)

  S.  o.  S.  223.

:)  Der  Ort  geringeren  Widerstandes.

")  Stephanie,  Gemalin  des  Großherzogs  Karl  Ludwig  Friedrich
von  Baden.

1)  Lies:  Karlsruhe.

4)  Fressende.
        <pb n="293" />
        Bismarck  unter  der  Behandlung  des  Dr.  Walz.  269

 

pfeffert  worden;  es  sei  ein  Versehn  des  Apothekers.  Ich  ließ
von  dem  Letztern  das  Recept  erbitten  und  erhielt  die  Antwort,
Walz  habe  es  wieder  an  sich  genommen;  Letztrer  besaß  es
nach  seiner  Aussage  nicht  mehr.  Ich  konnte  also  nicht  ermitteln,
  wer  der  Giftmischer  gewesen  war,  und  erfuhr  nur  von
dem  Apotheker,  der  Hauptbestandtheil  der  Salbe  sei  der  Stoff
gewesen,  der  zur  Herstellung  von  sogenannten  immerwährenden
spanischen  Fliegen  verwendet  werde,  und  nach  seiner  Erinnrung
sei  derselbe  allerdings  in  einer  ungewöhnlich  starken  Dosis  verschrieben
  gewesen.  Es  ist  mir  später  die  Frage  gestellt  worden,
ob  meine  Vergiftung  eine  absichtliche  gewesen  sein  könne;  ich
schreibe  sie  lediglich  der  Unwissenheit  und  Dreistigkeit  des  ärztlichen
  Schwindlers  zu.

Er  war  auf  Grund  einer  Empfehlung  der  verwitweten
Großherzogin  Sophie  von  Baden  Dirigent  sämmtlicher  Kinderhospitäler
  in  Petersburg  geworden.  Meine  spätern  Ermittlungen
  ergaben,  daß  er  der  Sohn  des  Universitätsconditors
in  Heidelberg  war,  als  Student  nicht  gearbeitet  und  keine
Prüfung  bestanden  hatte.  Seine  Salbe  hatte  eine  Vene  zerstört,
  und  ich  habe  viele  Jahre  lang  schwer  daran  gelitten.

Um  bei  deutschen  Aerzten  Hülfe  zu  suchen,  reiste  ich  im  Juli
auf  dem  Seewege  über  Stettin  nach  Berlin;  heftige  Schmerzen
veranlaßten  mich,  den  berühmten  Chirurgen  Pirogow,  der  mit
an  Bord  war,  zu  fragen;  er  wollte  mir  das  Bein  amputiren,
und  auf  meine  Frage,  ob  über  oder  unter  dem  Knie,  bezeichnete
  er  eine  Stelle  hoch  darüber.  Ich  lehnte  ab  und  wurde,
nachdem  in  Berlin  verschiedne  Behandlungen  erfolglos  versucht
waren,  durch  die  Bäder  von  Nauheim  unter  Leitung  des  Professors
  Beneke  aus  Marburg  so  weit  wiederhergestellt,  daß  ich
gehn,  auch  reiten  und  im  October  den  Prinzregenten  nach
Warschau  zur  Zusammenkunft  mit  dem  Zaren  begleiten  konnte?).

1)  Lies:  Ministerialraths  Walz  in  Karlsruhe.
*)  Vgl.  über  den  Verlauf  der  Krankheit  die  Briefe  der  Frau  v.  Bis-
        <pb n="294" />
        270  Zehntes  Kapitel:  Petersburg.

 

Während  ich  auf  der  Rückreise  nach  Petersburg  Herrn  von  Below
  in  Hohendorf  im  November  einen  Besuch  machte,  riß  sich
nach  ärztlicher  Meinung  der  Thrombus!)  los,  der  sich  in  der
zerstörten  Vene  gebildet  und  festgesetzt  hatte,  gerieth  in  den
Blutumlauf  und  verursachte  eine  Lungenentzündung,  die  von
den  Aerzten  für  tödtlich  gehalten,  aber  in  einem  Monate  langen
Siechthum  überwunden  wurde?).  Merkwürdig  sind  mir  heut
die  Eindrücke,  die  damals  ein  sterbender  Preuße  über  Vormundschaft
  hatte.  Mein  erstes  Bedürfniß  nach  meiner  ärztlichen
  Verurtheilung  war  die  Niederschrift  einer  letztwilligen
Verfügung,  durch  welche  jede  gerichtliche  Einmischung  in  die
eingesetzte  Vormundschaft  ausgeschlossen  wurde.  Hierüber  beruhigt
  sah  ich  meinem  Ende  mit  der  Bereitwilligkeit  entgegen,
die  unerträgliche  Schmerzen  gewähren.  Zu  Anfang  des  März
1860  war  ich  so  weit,  nach  Berlin  reisen  zu  können,  wo  ich,
meine  Genesung  abwartend,  an  den  Sitzungen  des  Herrnhauses
Theil  nahm  und  bis  in  den  Mai  verweilte  5).

marck  aus  Wiesbaden  vom  12.  August  1859  und  Reinfeld  vom  23.  October
1859  an  v.  Keudell  in  Rob.  v.  Keudell,  Fürst  und  Fürstin  Bismarck
(Berlin  1901)  S.  71  f.  Brief  Bismarck's  an  Schleinitz  vom  19.  December
  1859,  Bismarck's  Briefwechsel  mit  dem  Minister  Freiherrn  von
Schleinitz  S.  51  f.  —  Zur  Reise  nach  Warschau  vgl.  die  Briefe  vom  14.
bis  22.  October,  Bismarck's  Briefe  an  seine  Braut  und  Gattin,  S.  451  ff.,
an  die  Schwester  vom  14.  October,  an  den  Bruder  vom  20.  October,
Bismarckbriefe,  8.  Aufl.,  S.  276.  278.

1)  Blutgerinnsel.

:)  Vgl.  Brief  der  Frau  v.  Bismarck  an  v.  Keudell  vom  30.  Jan.
1860,  a.  a.  O.  S.  74  ff.

*)  Bismarck  traf  am  5.  März  1860  in  Berlin  ein  und  verließ  es
am  23.  Mat.
        <pb n="295" />
        Elftes  Kapitel.
Zwischenzustand.

1.

Während  dieser  Wochen  regten  der  Fürst  von  Hohenzollern
und  Rudolf  von  Auerswald  bei  dem  Regenten  meine  Ernennung
  zum  Minister  des  Auswärtigen  an.  Es  sand  infolge
dessen  im  Palais  eine  Art  von  Conseil  statt,  das  aus  dem
Fürsten,  Auerswald,  Schleinitz  und  mir  bestand.  Der  Regent
leitete  die  Besprechung  mit  der  Aufforderung  an  mich  ein,  das
Programm  zu  entwickeln,  zu  welchem  ich  riethe.  Ich  legte  dasselbe
  in  der  Richtung,  die  ich  später  als  Minister  verfolgt  habe,
in  so  weit  offen  dar,  daß  ich  als  die  schwächste  Seite  unfrer
Politik  ihre  Schwäche  gegen  Oestreich  bezeichnete,  von  der  sie
seit  Olmütz  und  besonders  in  den  letzten  Jahren  während  der
italienischen  Krisis  beherrscht  gewesen  sei.  Könnten  wir  unfre
deutsche  Aufgabe  im  Einverständniß  mit  Oestreich  lösen,  um
so  besser.  Die  Möglichkeit  würde  aber  erst  vorliegen,  wenn
man  in  Wien  die  Ueberzeugung  hätte,  daß  wir  im  entgegengesetzten
  Falle  auch  den  Bruch  und  den  Krieg  nicht  fürchteten.
Die  zur  Durchführung  unfrer  Politik  wünschenswerthe  Fühlung
mit  Rußland  zu  bewahren,  würde  gegen  Oestreich  leichter
sein  als  mit  Oestreich.  Unmöglich  aber  schiene  mir  das  auch
im  letztern  Falle  nicht,  nach  meiner  in  Petersburg  gewonnenen
Kenntniß  des  russischen  Hofes  und  der  dort  leitenden  Einflüsse.
Wir  hätten  dort  aus  dem  Krimkriege  und  den  polnischen  Verwicklungen
  her  einen  Saldo,  welcher  bei  geschickter  Ausnutzung
uns  die  Möglichkeit  lassen  könnte,  mit  Oestreich  uns  zu  verständigen,
  ohne  mit  Rußland  zu  brechen;  ich  fürchtete  nur,  daß
        <pb n="296" />
        272  Elftes  Kapitel:  Zwischenzustand.

 

die  Verständigung  mit  Oestreich  wegen  der  dortigen  Ueberschätzung
  der  eignen  und  Unterschätzung  der  preußischen  Macht
mißlingen  werde,  wenigstens  so  lange,  als  man  in  Oestreich
nicht  von  dem  vollen  Ernst  unfrer  eventuellen  Bereitschaft  auch
zu  Bruch  und  Krieg  überzeugt  sei.  Der  Glaube  an  solche
Möglichkeit  sei  in  dem  letzten  Jahrzehnte  unfrer  Politik  in
Wien  verloren  gegangen,  man  habe  sich  dort  auf  der  in  Olmütz
errungnen  Basis  als  auf  einer  dauernden  eingelebt  und  nicht
gemerkt  oder  vergessen,  daß  die  Olmützer  Convention  ihre
Rechtfertigung  hauptsächlich  in  der  vorübergehenden  Ungunst
unfrer  Situation  fand,  die  durch  die  Verzettlung  unfrer  Cadres
und  durch  die  Thatsache  hervorgerufen  war,  daß  das  ganze
Schwergewicht  der  russischen  Macht  zur  Zeit  jener  Convention
in  die  Wagschale  Oestreichs  gefallen  war,  wohin  sie  nach  dem
Krimkriege  nicht  mehr  fiel.  Die  östreichische  Politik  uns  gegenüber
  sei  aber  nach  1856  ebenso  anspruchsvoll  geblieben,  wie  zu
der  Zeit,  wo  der  Kaiser  Nicolaus  für  sie  gegen  uns  einstand.
Wir  hätten  uns  der  östreichischen  Illusion  in  einer  Weise  unterworfen,
  welche  an  das  Experiment  erinnerte,  ein  Huhn  durch
einen  Kreidestrich  zu  fesseln.  Die  östreichische  Zuversicht,  ein
geschickter  Gebrauch  der  Presse  und  ein  großer  Reichthum  an
geheimen  Fonds  ermögliche  dem  Grafen  Buol  die  Aufrechthaltung
  der  östreichischen  Phantasmagorie  und  das  Ignoriren
der  starken  Stellung,  in  der  Preußen  sich  befinden  werde,  so
bald  es  bereit  sei,  den  Zauber  des  Kreidestrichs  zu  brechen.
Worauf  sich  die  Erwähnung  der  östreichischen  geheimen  Fonds
bezog,  war  dem  Regenten  bekannt  7.

Nachdem  ich  meine  Auffassung  entwickelt  hatte,  erging  an
Schleinitz  die  Aufforderung,  die  seinige  gegenüber  zu  stellen.
Es  geschah  das  in  Anknüpfung  an  das  Testament  Friedrich
Wilhelm's  III.,  also  unter  geschickter  Berührung  einer  Saite,

1)  S.  o.  S.  212  ff.
        <pb n="297" />
        Der  Regent  erklärt  sich  für  die  von  Schleinitz  vertretene  Politik.  273

 

die  im  Gemüth  des  Regenten  ihren  Anklang  nie  versagte,  unter
Schilderung  der  Bedenken  und  Gefahren,  die  von  Westen  (Paris)
und  im  Innern  drohten,  wenn  die  Beziehungen  zu  Oestreich
trotz  aller  berechtigten  Gründe  zur  Empfindlichkeit  nicht  erhalten
würden.  Die  Gefahren  russisch-französischer  Verbindungen,  die
schon  damals  in  der  Oeffentlichkeit  eine  Rolle  spielten,  wurden
entwickelt,  die  Möglichkeit  preußisch--russischer  Verbindungen  als
von  der  öffentlichen  Meinung  verurtheilt  dargestellt.  Charakteristisch
  war,  daß,  sobald  Schleinitz  sein  letztes  Wort  eines  geläufigen
  und  offenbar  vorbereiteten  Vortrages  gesprochen  hatte,
der  Regent  wiederum  das  Wort  nahm  und  in  klarer  Entwicklung
  erklärte,  daß  er  sich  in  Erinnrung  an  die  väterlichen  Traditionen
  für  die  Darstellung  des  Ministers  von  Schleinitz  entscheide,
  und  damit  war  die  Erörterung  kurzer  Hand  geschlossen.

Die  Schnelligkeit,  mit  welcher  er  sich  entschied,  nachdem  das
letzte  Wort  des  Ministers  gefallen  war,  ließ  mich  annehmen,
daß  die  ganze  mise  en  scene  1)  vorher  verabredet  war  und  nach
dem  Willen  der  Prinzessin  sich  entwickelt  hatte,  um  den  Ansichten
  des  Fürsten  von  Hohenzollern  und  Auerswald's  eine
äußerliche  Berücksichtigung  zu  gewähren,  während  sie  schon  damals
  sich  mit  diesen  Beiden  und  deren  Neigung,  das  Cabinet
durch  meine  Zuziehung  zu  stärken,  nicht  im  Einklang  befand.

In  der  Politik  der  Prinzessin,  welche  für  ihren  Gemal  und
für  den  Minister  von  erheblichem  Gewicht  war,  gaben,  wie  ich
annahm,  eher  gewisse  Abneigungen  den  Ausschlag  als  positive
Ziele.  Die  Abneigungen  richteten  sich  gegen  Rußland,  gegen
Louis  Napoleon,  mit  dem  Beziehungen  zu  unterhalten  ich  im
Verdacht  stand,  gegen  mich,  wegen  Neigung  zu  unabhängiger
Meinung  und  wegen  wiederholter  Weigerung,  Ansichten  der
hohen  Frau  bei  ihrem  Gemal  als  meine  eignen  zu  vertreten.
Ihre  Geneigtheiten  wirkten  in  demselben  Sinne.  Herr  von

1)  Inscenirung.
Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  18
        <pb n="298" />
        274  Elftes  Kapitel:  Zwischenzustand.

 

Schleinitz  war  politisch  ihr  Geschöpf,  ein  von  ihr  abhängiger
Höfling  ohne  eigne  politische  Ueberzeugung.

2.

Der  Fürst  von  Hohenzollern,  der  sich  überzeugte,  daß  die
Prinzessin  und  Schleinitz  durch  sie  stärker  waren  als  er,  zog
sich  bald  nachher  von  den  Geschäften  thatsächlich  zurück,  wenn
er  auch  dem  Namen  nach  bis  zum  September  1862  Ministerpräsident
  blieb.  Die  Leitung  ging  damit  auch  äußerlich  auf
Auerswald  über,  mit  dem  ich  während  der  Zeit,  die  ich  noch
in  Berlin  zubrachte,  in  freundlichem  Verkehr  blieb.  Er  war
von  besonders  liebenswürdigen  Formen  und  hervorragender
politischer  Begabung;  und  nachdem  ich  zwei  Jahre  später
Minsterpräsident  geworden  war,  leistete  er  mir  einen  wohlwollenden
  Beistand  namentlich  dadurch,  daß  er  bei  dem  Kronprinzen
  die  Bedenken  und  Besorgnisse  über  die  Zukunft  unfres
Landes  bekämpfte,  die  ihm  von  England  aus  gegen  mich  als
Russenfreund  beigebracht  worden  waren  und  die  später  zu  dem
Danziger  Pronunciamento  führten  1).  Auf  seinem  Sterbebette:)
ließ  er  den  Kronprinzen  zu  sich  bitten,  warnte  eindringlich  vor
den  Gefahren,  welche  seine  Opposition  der  Monarchie  bereiten
könnte,  und  bat  den  Prinzen,  an  mir  festzuhalten  #).

Im  Sommer  1861  war  es  innerhalb  des  Ministeriums  zu
einem  Kampfe  gekommen,  der  in  dem  nachstehenden  Brief  des
Kriegsministers  von  Roon  vom  27.  Juni  y  geschildert  ist:

„Berlin,  den  27.  Juni  1861.
Sie  sind  wohl  im  Allgemeinen  über  die  jetzt  kritische  Huldigungsfrage
  orientirt.  Sie  ist  zum  Brechen  scharf  zugespitzt.

1)  S.  u.  S.  302  ff.

2)  R.  v.  Auerswald  starb  am  15.  Januar  1866.

:)  Vgl.  Aus  dem  Leben  Theodor's  von  Bernhardi.  Leipzig,  S.  Hirzel.
VI  227  f.  234.

1)  Bismarck-Jahrbuch  VI  10|#4  ff.
        <pb n="299" />
        Auerswald  als  Leiter  des  Ministeriums.  Huldigungsfrage.  275

 

Der  König  kann  nicht  nachgeben,  ohne  sich  und  die  Krone  für
immer  zu  ruiniren.  Die  Mehrzahl  der  Minister  kann  es  ebenso
wenig;  sie  würden  sich  die  unmoralischen  Bäuche  aufschlitzen,
sich  politisch  vernichten.  Sie  können  nicht  anders  als  ungehorsam
  sein  und  bleiben.  Bis  jetzt  haben  ich,  der  ich  eine  ganz
entgegengesetzte  Position  zur  brennenden  Frage  eingenommen,
und  (Edwin)  Manteuffel  mit  Mühe  verhindert,  daß  der  König
sich  beuge.  Er  würde  es  thun,  wenn  ich  dazu  riethe,  aber  ich
hoffe  zu  Gott,  daß  er  meine  Zunge  lähme,  bevor  sie  zustimmt.
Aber  ich  stehe  allein,  ganz  allein;  Edwin  Manteuffel  geht  heute
auf  die  Festung  1).  Gestern  endlich  hat  mir  der  König  erlaubt,
mich  für  ihn  nach  andern  Ministern  umzusehen.  Er  ist  der
trostlosen  Ansicht,  er  fände,  außer  bei  Stahl  und  Cp.,  keine
Männer,  die  die  Huldigung  mit  Eidesleistung  für  zulässig  erachten.
  Ich  frage  nun,  ob  Sie  die  althergebrachte  Erbhuldigung
für  ein  Attentat  gegen  die  Verfassung  halten?  Antworten  Sie
darauf  mit  Ja,  so  habe  ich  mich  getäuscht,  wenn  ich  annahm,
daß  Sie  meiner  Ansicht  seien.  Treten  Sie  dieser  aber  bei  und
meinen  Sie,  daß  es  ein  doctrinärer  Schwindel,  eine  Folge  politischer
  Engagements  und  politischer  Parteistellung  sei,  wenn  die
lieben  Gespielen?)  sich  nicht  in  der  Lage  zu  befinden  glauben:
so  werden  Sie  auch  nicht  Anstand  nehmen,  in  den  Rath  des
Königs  einzutreten  und  die  Huldigungsfrage  in  correcter  Weise
zu  lösen.  Dann  werden  Sie  auch  Mittel  finden,  die  beabsichtigte
  Urlaubsreise  unverzüglich  anzutreten  und  mich  ungesäumt
durch  den  Telegraphen  zu  benachrichtigen.  Die  Worte:  „Ja,
ich  kommel!  reichen  aus,  besser  noch,  wenn  Sie  das  Datum  Ihrer
Ankunft  hinzufügen  können.  Schleinitz  geht  unter  allen  Umständen,
  ganz  abgesehen  von  der  Huldigungsfrage.  Das  steht

1)  Wegen  eines  Duells  mit  Twesten,  der  ihn  in  der  Schrift:  „Was
uns  noch  retten  kann,“  einen  unheilvollen  Mann  in  einer  unheilvollen
Stellung  genannt  hatte.

2)  d.  h.  die  liberalen  Minister.
        <pb n="300" />
        276  Elftes  Kapitel:  Zwischenzustand.

 

fest!  Aber  es  ist  fraglich,  ob  Sie  sein  oder  Schwerin's  Portefeuille
  zu  übernehmen  haben  werden.  S.  M.  scheint  für  letzteres
mehr  als  für  ersteres  disponirt.  Doch  ist  das  cura  posterior  y.
Es  kömmt  darauf  an,  den  König  zu  überzeugen,  daß  er  ohne
affichirten  Systemwechsel  ein  Ministerium  finden  kann,  wie  er
es  braucht.  Ich  habe  außerdem  ähnliche  Fragen  an  Präsident
von  Möller  und  von  Selchow  gerichtet,  bin  aber  noch  ohne
Antwort.  Es  ist  eine  trostlose  Lage!l  Der  König  leidet  entsetzlich.
  Die  Nächsten  aus  seiner  Familie  sind  gegen  ihn  und
rathen  zu  einem  faulen  Frieden.  Gott  verhüte,  daß  er  nachgiebt.
  Thäte  er  es,  so  steuerten  wir  mit  vollen  Segeln  in  das
Schlamm-Meer  des  parlamentarischen  Regiments.

Ich  zittere  vor  Geschäfts-Aufregung,  denn  die  vermehrten
Lasten  erdrücken  mich  fast  im  Verein  mit  dieser  politischen  misdre,
indeß  —  ein  braves  Pferd  stürzt,  aber  versagt  nicht.  —  Die
Geschäftsnoth  entschuldige  daher  auch  die  Kürze  dieser  Zeilen.
Daher  nur  noch  das  Eine,  daß  ich  die  Brücke  hinter  mir  abgebrochen
  habe,  daß  ich  daher  gehe,  wenn  der  König  nachgiebt,
obwohl  sich  dies  eigentlich  von  selbst  versteht.

Dieser  Brief  soll  Ihnen  durch  den  Englischen  Courier  zugehen,
  wie  Schlieffen  verheißt.  Antworten  Sie  mir  sogleich
durch  den  Telegraphen.“

Ich  antwortete  am  2.  Juli:

„Ihr  Schreiben  durch  den  Engländer  kam  gestern  in  Sturm
und  Regen  hier  an  und  störte  mich  in  dem  Behagen,  mit  welchem
ich  an  die  ruhige  Zeit  dachte,  die  ich  in  Reinfeld  mit  Kissinger
und  demnächst  in  Stolpmünde  zu  verbringen  beabsichtigte.  In
den  Streit  wohlthuender  Gefühle  für  junge  Auerhühner  einerseits
  und  Wiedersehn  von  Frau  und  Kindern  andrerseits  tönte
Ihr  Commando:  zan  die  Pferde“  mit  schrillem  Mißklang.  Ich
bin  geistesträge,  matt  und  kleinmüthig  geworden,  seit  mir  das

1)  Eine  spätere  Sorge.
        <pb n="301" />
        Briefwechsel  mit  Roon  über  die  Huldigungsfrage.  277

 

Fundament  der  Gesundheit  abhanden  gekommen  ist.  Doch  zur
Sache.  In  dem  Huldigungsstreit  verstehe  ich  nicht  recht,  wie
er  so  wichtig  hat  werden  können,  für  beide  Theile.  Es  ist  mir
rechtlich  garnicht  zweifelhaft,  daß  der  König  in  keinen  Widerstreit
  mit  der  Verfassung  tritt,  wenn  er  die  Huldigung  in  herkömmlicher
  Form  annimmt.  Er  hat  das  Recht,  sich  von  jedem
einzelnen  seiner  Unterthanen  und  von  jeder  Corporation  im
Lande  huldigen  zu  lassen,  wann  und  wo  es  ihm  gefällt,  und
wenn  man  meinem  Könige  ein  Recht  bestreitet,  welches  er  ausüben
  will  und  kann,  so  fühle  ich  mich  verpflichtet,  es  zu  verfechten,
  wenn  ich  auch  an  sich  nicht  von  der  praktischen  Wichtigkeit
  seiner  Ausübung  durchdrungen  bin.  In  diesem  Sinne
telegraphirte  ich  an  Schlieffen,  daß  ich  den  „Besitztitel“,  auf
dessen  Grund  ein  neues  Ministerium  sich  etabliren  soll,  für
richtig  halte,  und  sehe  die  Weigerung  der  andern  Partei  und
die  Wichtigkeit,  welche  sie  auf  Verhütung  des  Huldigungsactes
legt,  als  doctrinäre  Verbissenheit  an.  Wenn  ich  hinzufügte,
daß  ich  die  sonstige  Vermögenslage  nicht  kenne,  so  meinte  ich
damit  nicht  die  Personen  und  Fähigkeiten,  mit  denen  wir  das
Geschäft  übernehmen  könnten,  sondern  das  Programm,  auf
dessen  Boden  wir  zu  wirthschaften  haben  würden.  Darin  wird
m.  E.  die  Schwierigkeit  liegen.  Meinem  Eindruck  nach  lag  der
Hauptmangel  unfrer  bisherigen  Politik  darin,  daß  wir  liberal
in  Preußen  und  conservativ  im  Auslande  auftraten,  die  Rechte
unfres  Königs  wohlfeil,  die  fremder  Fürsten  zu  hoch  hielten:
eine  natürliche  Folge  des  Dualismus  zwischen  der  constitutionellen
  Richtung  der  Minister  und  der  legitimistischen,
welche  der  persönliche  Wille  Seiner  Majestät  unfrer  auswärtigen
  Politik  gab.  Ich  würde  mich  nicht  leicht  zu  der  Erbschaft
Schwerin's  entschließen,  schon  weil  ich  mein  augenblickliches  Gesundheits-Capital
  dazu  nicht  ausreichend  halte.  Aber  selbst  wenn
es  der  Fall  wäre,  würde  ich  auch  im  Innern  das  Bedürfniß
einer  andern  Färbung  unser  auswärtigen  Politik  fühlen.  Nur
        <pb n="302" />
        278  Elftes  Kapitel:  Zwischenzustand.

 

durch  eine  Schwenkung  in  unfrer  „auswärtigen“  Haltung  kann,
wie  ich  glaube,  die  Stellung  der  Krone  im  Innern  von  dem
Andrang  degagirt  werden,  dem  sie  auf  die  Dauer  sonst  thatsächlich
  nicht  widerstehn  wird,  obschon  ich  an  der  Zulänglichkeit
  der  Mittel  dazu  nicht  zweifle.  Die  Pression  der  Dämpfe
im  Innern  muf  ziemlich  hoch  gespannt  sein,  sonst  ist  es  garnicht
verständlich,  wie  das  öffentliche  Leben  bei  uns  von  Lappalien
wie  Stieber,  Schwark,  Macdonald,  Patzke,  Twesten  u.  dergl.
so  aufgeregt  werden  konnte,  und  im  Ausland  wird  man  nicht
begreifen,  wie  die  Huldigungsfrage  das  Cabinet  sprengen  konnte.
Man  sollte  glauben,  daß  eine  lange  und  schwere  Mißregirung
das  Volk  gegen  seine  Obrigkeit  so  erbittert  hätte,  daß  bei  jedem
Luftzug  die  Flamme  aufschlägt.  Politische  Unreife  hat  viel  Antheil
  an  diesem  Stolpern  über  Zwirnsfäden;  aber  seit  vierzehn
Jahren  haben  wir  der  Nation  Geschmack  an  Politik  beigebracht,
ihr  aber  den  Appetit  nicht  befriedigt,  und  sie  sucht  die  Nahrung
in  den  Gossen.  Wir  sind  fast  so  eitel  wie  die  Franzosen;  können
wir  uns  einreden,  daß  wir  auswärts  Ansehn  haben,  so  lassen
wir  uns  im  Hause  viel  gefallen;  haben  wir  das  Gefühl,  daß
jeder  kleine  Würzburger  )  uns  hänselt  und  geringschätzt  und
daß  wir  es  dulden  aus  Angst,  weil  wir  hoffen,  daß  die  Reichsarmee
  uns  vor  Frankreich  schützen  wird,  so  sehn  wir  innre
Schäden  an  allen  Ecken,  und  jeder  Preßbengel,  der  den  Mund
gegen  die  Regirung  aufreißt,  hat  Recht.  Von  den  Fürstenhäusern
  von  Neapel  bis  Hanover  wird  uns  keins  unfre  Liebe
danken,  und  wir  üben  an  ihnen  recht  evangelische  Feindesliebe,
auf  Kosten  der  Sicherheit  des  eignen  Thrones.  Ich  bin  meinem
Fürsten  treu  bis  in  die  Vendée,  aber  gegen  alle  andern  fühle
ich  in  keinem  Blutstropfen  eine  Spur  von  Verbindlichkeit,  den
Finger  für  sie  aufzuheben.  In  dieser  Denkungsweise  fürchte

1)  Würzburger  nannte  man  damals  die  deutschen  Mittel=  und  Kleinstaaten
  von  einer  Zusammenkunft,  die  ihre  Vertreter  vom  24.—27.  Nov.
1850  in  Würzburg  abgehalten  hatten.
        <pb n="303" />
        Briefwechsel  mit  Roon  über  die  Huldigungsfrage.  279

 

ich  von  der  unfres  allergnädigsten  Herrn  so  weit  entfernt  zu
sein,  daß  er  mich  schwerlich  zum  Rathe  seiner  Krone  geeignet
finden  wird.  Deshalb  wird  er  mich,  wenn  überhaupt,  lieber
im  Innern  verwenden.  Das  bleibt  sich  aber  m.  E.  ganz  gleich,
denn  ich  verspreche  mir  von  der  Gesammtregirung  keine  gedeihlichen
  Resultate,  wenn  unfre  auswärtige  Haltung  nicht  kräftiger
und  unabhängiger  von  dynastischen  Sympathien  wird,  an  denen
wir  aus  Mangel  an  Selbstvertraun  eine  Anlehnung  suchen,
die  sie  nicht  gewähren  können  und  die  wir  nicht  brauchen.
Wegen  der  Wahlen  ist  es  Schade,  daß  der  Bruch  sich  grade
so  gestaltet;  die  gut  königliche  Masse  der  Wähler  wird  den
Streit  über  die  Huldigung  nicht  verstehn  und  die  Demokratie
ihn  entstellen.  Es  wäre  besser  gewesen,  in  der  Militärfrage
stramm  zu  halten  gegen  Kühne  ,  mit  der  Kammer  zu  brechen,
sie  aufzulösen  und  damit  der  Nation  zu  zeigen,  wie  der  König
zu  den  Leuten  steht.  Wird  der  König  zu  solchem  Mittel  im
Winter  greifen  wollen,  wenn's  paßt?  Ich  glaube  nicht  an
gute  Wahlen  für  dießmal,  obschon  grade  die  Huldigungen
dem  König  manches  Mittel  gewähren,  darauf  zu  wirken.  Aber
rechtzeitige  Auflösung  nach  handgreiflichen  Ausschreitungen  der
Mojorität  ist  ein  sehr  heilsames  Mittel,  vielleicht  das  richtigste,
zu  dem  man  gelangen  kann,  um  gesunden  Blutumlauf  herzustellen.


Ich  kann  mich  schriftlich  über  eine  Situation,  die  ich  nur
ungenügend  kenne,  nicht  erschöpfend  aussprechen,  mag  auch
Manches  nicht  zu  Papier  bringen,  was  ich  sagen  möchte.  Nachdem
  der  Urlaub  heut  bewilligt,  reise  ich  Sonnabend  zu  Wasser
und  hoffe  Dienstag  früh  in  Lübeck  zu  sein,  Abend  in  Berlin.
Früher  kann  ich  nicht,  weil  der  Kaiser  mich  noch  sehn  will.
Diese  Zeilen  nimmt  der  englische  Courier  wieder  mit.  Münd-1)

  Abgeordneter,  auf  dessen  Antrag  die  Gelder  für  die  Reorganisation
  des  Heeres  nur  im  Extraordinarium  bewilligt  wurden.
        <pb n="304" />
        280  Elftes  Kapitel:  Zwischenzustand.

 

lich  also  Näheres.  Bitte  mich  der  Frau  Gemalin  herzlich  zu
empfehlen.  In  treuer  Freundschaft  der  Ihrige

v.  Bismarck.“)

Ich  hatte  fünf  Tage  lang  keine  Zeitungen  gesehn,  als  ich
am  9.  Juli  in  Lübeck  um  fünf  Uhr  Morgens  eintraf  und  aus
der  im  Bahnhofe  allein  vorhandnen  schwedischen  Ostader  Zeitung
ersah,  daß  der  König  und  die  Minister  Berlin  verlassen  hatten,
die  Krisis  also  beigelegt  sein  mußte.  Am  3.  Juli  hatte  der
König  das  Manifest  erlassen,  daß  er  das  Herkommen  der  Erbhuldigung
  festhalte,  aber  in  Betracht  der  Veränderungen,  welche
in  der  Verfassung  der  Monarchie  unter  der  Regirung  seines
Bruders  eingetreten,  beschlossen  habe,  anstatt  der  Erbhuldigung
die  feierliche  Krönung  zu  erneuern,  durch  welche  die  erbliche
Königswürde  begründet  sei.  Ueber  den  Verlauf  der  Krisis
schrieb  mir  Roon  am  24.  Juli  von  Brunnen  (Kanton  Schwyz)y#:

„Ich  habe  gelobt,  Ihnen  am  ersten  Regentage  zu  antworten,
und  muß  es  daher  leider  schon  heute  thun  und  zwar  aus  einem
versiegenden  Dintenfaß,  welches  ich,  falls  nicht  andre  Hülfe  kommt,
auf  einige  Minuten  zum  Fenster  hinaushalten  werde,  um  seiner
Armuth  aufzuhelfen.  —  Daß  wir  uns  immer  wieder  verfehlten),
halte  ich  kaum  für  providentiell,  lieber  für  sehr  fatal.  Die
Depesche  aus  Frankfurt  kam,  Dank  der  Dummheit  des  Dienstpersonals,
  erst  am  17.  nach  acht  Uhr  früh  in  meine  Hände  und
meine  sofortige  Antwort  darauf  nach  einigen  Stunden  als  unbestellbar
  zurück.  Um  so  bedenklicher  wurde  ich  wegen  meiner
Abreise.  Aber  ich  konnte  sie  nicht  verschieben.  Schleinitz  im
Dienste  der  Königin  Augusta  hat  uns  vor  der  Hand  sehr  ge-1)

  Vollständig  in  den  Bismarckbriefen  (8.  Aufl.)  S.  304  ff.,  desgl.  in
den  Denkwürdigkeiten  a.  d.  Leben  des  General-Feldmarschalls  Kriegsministers
  Grafen  von  Roon.  (Breslau  1897.)  II/  28  ff.

?)  Bismarck-Jahrbuch  VI  196  ff.

„:)  Vgl.  die  beiden  Briese  Bismarck's  an  Roon  vom  17.  Juli  18601,
Bismarckbriefe,  8.  Aufl.,  S.  307  f.,  Roon,  Denkwürdigkeiten  II4  32  f.
        <pb n="305" />
        Mittheilungen  Roon's  über  den  Verlauf  der  Ministerkrisis.  281

 

schadet.  Das  Geschwür  war  reif.  Schl.  selbst,  überzeugt  von
der  Unhaltbarkeit  des  gegenwärtigen  Systems,  hat  vornehmlich
deshalb  seinen  Abtritt  genommen,  wie  die  Ratten  ein  baufälliges
  Schiff  zu  verlassen  pflegen.  Aber  er  und  v.  d.  Heydt
stimmten  darin  überein,  daß  man  todte  abgenutzte  Leute  nicht
durch  den  galvanischen  Strich  eines  vermeintlichen  Märtyrerthums
  wieder  lebendig  machen  dürfe,  und  darum  gegen  mich.
Schl.,  unterstützt  von  der  K.  A.#)  und  der  Großfürstin  Helene,
haben  obgesiegt  mit  Hülfe  der  wieder  ausgenommenen  Krönungsidee,
  für  welche  die  Mäntel  schon  im  Februar  bestellt  worden
waren.  Der  schlecht  maskirte  Rückzug  wurde  nun  angetreten
und  die  fast  fertige  Ministerliste  ad  acta  gelegt.  Uebrigens  bin
ich  zu  glauben  sehr  geneigt,  daß  Schl.,  wie  die  K.  A.v)  und  selbst
der  Fürst  Hohenzollern,  an  den  nahen  Untergang  des  jetzigen
Lügensystems  glauben  und  ihn  zu  befördern  geneigt  sind.  Daß
Schl.  ausgetreten,  ist  in  jeder  Beziehung  ein  Fortschritt,  wiewohl
  er  nicht  auf  dem  doctrinären  Boden  von  Patow,  Auerswald
  und  Schwerin  steht.  Abgesehn  von  seiner  Impotenz  im
Handeln  stützte  seine  Anwesenheit  das  Ministerium  nach  oben.
Der  Mignon  durfte  nicht  fallen;  wohlan!  er  ist  nun  im
Hafen?).  Wenn  Graf  Bernstorff  nur  halb  der  Mann  ist,  für
den  er  von  Vielen  ausgegeben  wird,  so  ist  dieser  zweite  Keil
wirksamer  als  der  erste,  oder  er  bleibt  nicht  vier  Monate  im
Amte.  Daß  ich  mich  in  der  Huldigungsfrage  mit  meinen  Gespielen
  für  immer  auch  äußerlich  entzweit,  wissen  Sie  wohl  durch
Manteuffel  oder  Alvensleben.  Wenn  ich  dennoch  in  „dieser  Gesellschaft"
  bleibe,  so  geschieht  es,  weil  der  Klönig)  darauf  besteht
und  ich,  unter  den  jetzigen  Umständen  von  jeder  Rücksicht  entbunden,
  nunmehr  mit  offenem  Visir  sortkämpfen  kann.  Es  sagt

1)  Königin  Augusta.

:)  Witwe  des  Großfürsten  Michael,  Tochter  des  Prinzen  Paul  von
Würtemberg.

2)  Schleinitz  erhielt  das  Ministerium  des  Königlichen  Hauses.
        <pb n="306" />
        282  Elftes  Kapitel:  Zwischenzustand.

 

meiner  Natur  mehr  zu,  daß  die  Herren  wissen,  ich  bin  gegen
ihre  Recepte,  als  daß  sie  es,  wie  bisher,  blos  glauben.  Gott
möge  weiter  helfen!  ich  kann  wenig  mehr  thun,  als  ein  ehrlicher
  Mann  bleiben  und  in  meinen  Ressorts  thätig  sein  und
Vernünftiges  wirken.  —  Das  größte  Unglück  in  aller  dieser
misere  ist  indeß  die  Mattigkeit  und  Abgespanntheit  unfres  Königs.
Er  ist  mehr  wie  je  in  der  Botmäßigkeit  der  Klönigin)  und  ihrer
Gehülfen.  Wird  er  nicht  körperlich  wieder  frischer,  so  ist  Alles
verloren,  und  wir  schwanken  weiter  in  das  Joch  des  Parlamentarismus
  und  der  Republik  und  der  Präsidentschaft  Patow.  Ich
sehe  keine,  keine  Rettung,  wenn  uns  Gott  der  Herr  nicht
hilft.  In  dem  Proceß  der  allgemeinen  Zersetzung  vermag  ich
nur  noch  einen  widerstandsfähigen  Organismus  zu  erkennen,
die  Armee.  Sie  unverfault  zu  erhalten:  das  ist  die  Aufgabe,
die  ich  noch  für  löslich  erachte,  aber  freilich  nur  noch  auf  einige
Zeit.  Auch  sie  wird  verpestet  werden,  wenn  sie  nicht  zu  Thaten
kömmt,  wenn  ihr  nicht  von  Oben  gesunde  Lebensluft  zugeführt
wird,  und  das,  auch  das  wird  alle  Tage  schwieriger.  Habe  ich
darin  Recht,  und  ich  glaube  es,  so  kann  man  auch  nicht  tadeln,
daß  ich  in  dieser  Gesellschaft  weiter  diene.  Ich  will  damit
nicht  sagen,  daß  ein  Andrer  mein  Amt  nicht  mit  gleicher  oder
größerer  Einsicht  und  Energie  zu  verwalten  vermöchte,  aber
auch  der  Fähigste  wird  ein  Jahr  zu  seiner  Orientierung  brauchen
und  —  „die  Todten  reiten  schnell“!).  Wie  gern  ich  mich  zurückzöge,
  brauche  ich  Niemand  zu  versichern,  der  mich  genauer  kennt.
In  meiner  Natur  liegt  vielmehr  Neigung  zur  Behaglichkeit,
als  vor  Gott  Recht  ist,  und  diese  würde  ich  mit  meiner  verdienten
reichlichen  Pension  finden,  da  ich  weder  verwöhnt  bin  noch  ehrbedürftig.
  Wie  sehr  ich  zur  Faulheit  neige,  fühle  ich  jetzt,  nachdem
  ich,  wie  ein  abgetriebenes  Arbeitsroß,  des  Zaumes  und
Geschirrs  ledig,  auf  die  Koppel  gelassen  bin.  Fällt  nichts  Be-1)

  Bürger's  Lenore.
        <pb n="307" />
        Mittheilungen  Roon's  über  den  Verlauf  der  Ministerkrisis.  283

 

 

sonderes  vor,  so  will  ich  erst  in  den  ersten  Septembertagen  in
mein  Joch  zurückkehren.  Dann,  denke  ich,  verfehlen  wir  uns
nicht  wieder.  Zwar  muß  ich  schon  am  9.  September  wieder
nach  dem  Rhein  zu  den  Manövern,  aber  doch  nur  auf  zehn,  elf
Tage.  Ob  der  König,  wie  er  will  (9),  auch  Anfang  September
auf  einige  Tage  nach  Breerlin)  gehen  wird,  scheint  eine  offene
Frage.  Mir  scheint,  es  sei  unerläßlich,  wenn  überhaupt  noch
von  königlichem  Regiment  in  Preußen  die  Rede  ist.

Nach  Ihrem  Schreiben  darf  ich  hoffen,  daß  Sie  nicht  vor
der  Krönung  nach  Petersburg  zurückkehren  werden.  Ich  halte
es  für  einen  großen  politischen  Fehler,  daß  die  Kreuzzeitung
das  Krönungs-Manifest  so  schonungslos  kritisirt  hat  ).  Ein
nicht  geringerer  würde  es  sein,  wenn  die  Anhänger  des  Blatts
bei  der  Ceremonie  fehlten.  Das  sagen  Sie  Moritz').  Man
hat  durch  jenen  unglücklichen  Artikel  viel  Terrain  verloren;  es
muß  wiedergewonnen  werden.

Zum  Schluß  noch  die  besten  Wünsche  für  Ihre  verschiedenen
Kuren.  Möchten  Sie  recht  gestärkt  daraus  hervorgehen!  Die
Zeit  ist  nahe,  wo  Sie  alle  Ihre  Kräfte  gebrauchen  werden,
zum  Heile  Ihres  Landes.  —  Ihrer  Frau  Gemahlin  meine,
unsTe  respectvollsten  freundlichsten  Grüße!

Diesen  Brief  sende  ich  über  Zimmerhausen  und  recommandirt;
  er  darf  nicht  in  unrechte  Hände  fallen!

v.  Roon.“

Auf  Wunsch  des  Ministers  v.  Schleinitz")  begab  ich  mich
am  10.  Juli  nach  Baden--Baden,  um  mich  bei  dem  Könige  zu
melden.  Er  schien  von  meinem  Erscheinen  unangenehm  überrascht
  in  der  Meinung,  ich  komme  wegen  der  Ministerkrisis.
Ich  erwähnte,  ich  hätte  gehört,  dieselbe  sei  beigelegt,  und  sagte,

X)  Der  König  hat  seit  jenem  Artikel  die  Kreuzzeitung  nicht  wieder
gelesen.

9  v.  Blanckenburg.
:)  Vgl.  Brief  Bismarck's  an  Roon  vom  17.  Juli  1861.
        <pb n="308" />
        284  Elftes  Kapitel:  Zwischenzustand.

 

ich  sei  nur  gekommen,  um  seine  persönliche  Zustimmung  dazu
zu  erbitten,  daß  ich  meinen  Urlaub  bis  nach  der  im  Herbst  bevorstehenden
  Krönung,  also  über  die  gegebenen  drei  Monate
hinaus  ausdehnen  dürfe.  Der  König  sagte  das  in  freundlicher
Weise  zu  und  lud  mich  persönlich  zur  Tafel  y.

Nachdem  ich  den  August  und  September  in  Reinfeld  und
Stolpmünde  zugebracht  hatte  2),  traf  ich  am  13.  October  in
Königsberg  ein,  wo  am  18.  die  Krönung  vor  sich  ging.

Während  der  Festlichkeiten  sah  ich,  daß  in  der  Stimmung
der  Königin  eine  Veränderung  vorgegangen  wars,  die  vielleicht
mit  dem  inzwischen  erfolgten  Rücktritt  von  Schleinitz  zusammenhing.
  Sie  ergriff  die  Initiative  zur  Besprechung  national-deutscher
Politik  mit  mir.  Ich  begegnete  dort  zum  ersten  Male  dem
Grafen  Bernstorff  als  Minister,  der  zu  einer  bestimmten  Entschließung
  über  seine  Politik  noch  nicht  gelangt  zu  sein  schien
und  mir  in  unsern  Gesprächen  den  Eindruck  machte,  als  ringe
er  nach  einer  Meinung.  Die  Königin  zeigte  sich  gegen  mich
freundlicher  als  seit  langen  Jahren,  sie  zeichnete  mich  in  augenfälliger
  Weise  aus,  offenbar  über  die  im  Augenblick  von  dem
Könige  gewünschte  Linie  hinaus.  In  einem  Moment,  der  ceremoniell
  für  Unterhaltung  kaum  Zeit  bot,  blieb  sie  vor  mir,  der
ich  in  dem  Haufen  stand,  stehn  und  begann  mit  mir  ein  Gespräch
über  deutsche  Politik,  dem  der  sie  führende  König,  eine  Zeit
lang  vergebens,  ein  Ende  zu  machen  suchte.  Das  Verhalten
beider  Herrschaften  bei  dieser  und  andern  Gelegenheiten  bewies,
daß  damals  eine  Meinungsverschiedenheit  über  die  Behandlung
der  deutschen  Frage  zwischen  ihnen  bestand;  ich  vermuthe,  daß
Graf  Bernstorff  Ihrer  Majestät  nicht  sympathisch  war.  Der

1)  Aus  der  Zeit  des  Aufenthalts  in  Baden  stammt  die  „Denkschrift
über  die  deutsche  Frage“,  die  ich  nach  dem  Concept  im  Bismarck-Jahrbuch
  III  193  ff.  herausgegeben  habe.

*:)  Vgl.  die  Briefe  Bismarck's  aus  Juli,  August  und  September

1861  in  den  Bismarckbriefen,  8.  Aufl.,  S.  310  ff.  und  die  Auszüge  aus
den  Briefen  der  Frau  v.  Bismarck  an  v.  Keudell  S.  85  ff.
        <pb n="309" />
        Krönung  Wilhelm's  I.  Gespräch  m.  b.  Königin.  Ministerium  Hohenlohe.  285

 

König  vermied,  mit  mir  über  Politik  zu  reden,  wahrscheinlich
in  der  Besorgniß,  durch  Beziehungen  zu  mir  in  eine  reactionäre
Beleuchtung  zu  gerathen.  Diese  Besorgniß  beherrschte  ihn  noch
im  Mai  1862  und  sogar  noch  im  September  1862.  Er  hielt
mich  für  fanatischer,  als  ich  war.  Nicht  ohne  Einfluß  war  wohl
auch  die  Erinnrung  an  meine  Kritik  der  Befähigung  des  neuen
Cabinets,  die  ich  ihm  vor  meinem  Abgange  nach  Petersburg
gegeben  hatte  7.

3.

Schon  in  der  Berufung  des  Prinzen  Adolf  von  Hohenlohe-Ingelfingen
  zum  Vertreter  des  Ministerpräsidenten  Fürsten
Hohenzollern,  März  1862,  lag  eine  Art  von  ministerieller
Wechselreiterei,  die  auf  kurze  Verfallzeit  berechnet  war?#).  Der
Prinz  war  ein  kluger  Herr,  liebenswürdig,  dem  Könige  unbedingt
  ergeben,  und  hatte  sich  an  unfrer  innern  Politik,  wenn
auch  mehr  dilettantisch,  doch  lebhafter  betheiligt  als  die  meisten
seiner  Genossen  von  standesherrlichem  Adel;  aber  er  war  der
Stelle  eines  Ministerpräsidenten  in  bewegten  Zeiten  körperlich
und  vielleicht  auch  geistig  nicht  mehr  gewachsen  und  suchte  diesen
Eindruck,  als  ich  ihn  im  Mai  1862  sah,  mir  gegenüber  absichtlich
  zu  verstärken,  während  er  mich  beschwor,  ihn  durch  schleunige
Uebernahme  des  Ministeriums  von  seinem  Martyrium  zu  erlösen,
  unter  dem  er  zusammenbreche.

Ich  kam  damals  noch  nicht  in  die  Lage,  seinen  Wunsch  erfüllen
  zu  können,  hatte  auch  keinen  Drang  dazu.  Schon  als
ich  von  Petersburg  nach  Berlin  berufen  wurde,  hatte  ich  nach
den  Windungen  unfrer  parlamentarischen  Politik  annehmen
können,  daß  diese  Frage  an  mich  herantreten  würde.  Ich  kann
nicht  sagen,  daß  mich  diese  Aussicht  angesprochen,  thatenfreudig
gestimmt  hätte,  mir  fehlte  der  Glaube  an  dauernde  Festigkeit

1)  S.  o.  S.  240  f.
:)  Vgl.  Hohenlohe-Ingelfingen,  Aus  meinem  Leben  II  30  ff.
        <pb n="310" />
        286  Elftes  Kapitel:  Zwischenzustand.

 

Sr.  Majestät  häuslichen  Einflüssen  gegenüber;  ich  erinnre  mich,
daß  ich  in  Eydtkuhnen  den  Schlagbaum  der  heimatlichen  Grenze
nicht  mit  dem  freudigen  Gefühl  passirte  wie  bis  dahin  bei  jedem
ähnlichen  Vorkommniß  ).  Ich  war  bedrückt  von  der  Sorge,
schwierigen  und  verantwortlichen  Geschäften  entgegen  zu  gehn
und  auf  die  angenehme  und  nicht  nothwendig  verantwortliche
Stellung  eines  einflußreichen  Gesandten  zu  verzichten.  Dabei
konnte  ich  mir  keine  sichre  Berechnung  machen  von  dem  Gewicht
und  der  Richtung  des  Beistandes,  den  ich  im  Kampfe  mit  der
steigenden  Fluth  der  Parlamentsherrschaft  bei  dem  Könige  und
seiner  Gemalin,  bei  den  Collegen  und  im  Lande  finden  werde.
Meine  Lage,  in  Berlin  im  Gasthofe  wie  einer  der  intrigirenden
Gesandten  aus  der  Manteussel'schen  Zeit  im  Lichte  eines  Bewerbers
  vor  Anker  zu  liegen,  widerstrebte  meinem  Selbstgefühl.
Ich  bat  den  Grafen  Bernstorff,  mir  entweder  ein  Amt  oder  meine
Entlassung  zu  verschaffen.  Er  hatte  die  Hoffnung,  bleiben  zu
können,  noch  nicht  aufgegeben,  er  beantragte  und  erhielt  in
wenigen  Stunden  meine  Ernennung  nach  Paris?.

Am  22.  Mai  1862  ernannt,  übergab  ich  am  1.  Juni  in
den  Tuilerien  mein  Beglaubigungsschreiben.  Von  dem  folgenden
  Tage  ist  nachstehender  Brief  an  Roon?:

„Ich  bin  glücklich  angekommen,  wohne  hier  wie  eine  Ratte
in  der  leeren  Scheune  und  bin  von  kühlem  Regenwetter  eingesperrt.
  Gestern  hatte  ich  feierliche  Audienz,  mit  Auffahrt  in
kaiserlichen  Wagen,  Ceremonie,  aufmarschirten  Würdenträgern.
Sonst  kurz  und  erbaulich,  ohne  Politik,  die  auf  un  de  ces  jours

1)  Bismarck  verließ  Petersburg  am  8.  Mai  und  traf  am  10.  Mai
in  Berlin  ein.

2)  Vgl.  zur  Pariser  Zeit  Bismarck's  Briefe  an  seine  Braut  und
Gattin  S.  473  ff.,  ferner  Bismarckbriefe,  8.  Aufl.,  S.  339  ff.,  Briefe  der
Frau  v.  Bismarck  an  v.  Keudell,  R.  v.  Keudell,  Fürst  und  Fürstin
Bismarck  S.  95  ff.

:)  Bismarckbriefe  (8.  Aufl.)  S.  337  f.,  Roon's  Denkwürdigkeiten
II/  91  f.
        <pb n="311" />
        Ernennung  Bismarck's  nach  Paris.  Brief  an  Noon.  287

 

und  Privataudienz  verschoben  wurde.  Die  Kaiserin  sieht  sehr
gut  aus,  wie  immer.  Gestern  Abend  kam  der  Feldjäger,  brachte
mir  aber  nichts  aus  Berlin  als  einige  lederne  Dinger  von
Depeschen  über  Dänemark.  Ich  hatte  mich  auf  einen  Brief
von  Ihnen  gespitzt.  Aus  einem  Schreiben,  welches  Bernstorff
an  Reuß  7  gerichtet  hat,  ersehe  ich,  daß  der  Schreiber  auf  meinen
dauernden  Aufenthalt  hier  und  den  seinigen  in  Berlin  mit  Bestimmtheit
  rechnet  und  daß  der  König  irrt,  wenn  er  annimmt,
daß  jener  je  eher  je  lieber  nach  London  zurück  verlange.  Ich
begreife  ihn  nicht,  warum  er  nicht  ganz  ehrlich  sagt,  ich  wünsche
zu  bleiben  oder  ich  wünsche  zu  gehn,  keins  von  beiden  ist  ja
eine  Schande.  Beide  Posten  gleichzeitig  zu  behalten,  ist  schon
weniger  vorwurfsfrei.  Sobald  ich  etwas  zu  berichten,  d.  h.
den  Kaiser  unter  vier  Augen  gesprochen  habe,  werde  ich  dem
Könige  eigenhändig  schreiben.  Ich  schmeichle  mir  noch  immer
mit  der  Hoffnung,  daß  ich  Seiner  Majestät  weniger  unentbehrlich
  erscheinen  werde,  wenn  ich  ihm  eine  Zeit  lang  aus  den
Augen  bin,  und  daß  sich  noch  ein  bisher  verkannter  Staatsmann
  findet,  der  mir  den  Rang  abläuft,  damit  ich  hier  noch
etwas  reifer  werde.  Ich  warte  in  Ruhe  ab,  ob  und  was  über
mich  verfügt  wird.  Geschieht  in  einigen  Wochen  nichts,  so  werde
ich  um  Urlaub  bitten,  um  meine  Frau  zu  holen,  muß  dann
aber  doch  Sicherheit  haben,  wie  lange  ich  hier  bleibe.  Auf
achttägige  Kündigung  kann  ich  mich  hier  dauernd  nicht  einrichten.

Der  Gedanke,  mir  ein  Ministerium  ohne  Portefeuille  zu
geben,  wird  hoffentlich  Allerhöchsten  Ortes  nicht  Raum  gewinnen;
bei  der  letzten  Audienz  war  davon  nicht  die  Rede;  die  Stellung
ist  nicht  praktisch:  nichts  zu  sagen  und  alles  zu  tragen  haben,
in  alles  unberufen  hineinstänkern  und  von  jedem  abgebissen,
wo  man  wirklich  mitreden  will.  Mir  geht  Portefeuille  über
Präsidium;  letztres  ist  doch  nur  eine  Reservestellung;  auch  würde

1)  Prinz  Heinrich  VII.  Reuß,  damals  Legationsrath  bei  der  preußischen
  Gesandtschaft  in  Paris.
        <pb n="312" />
        288  Elftes  Kapitel:  Zwischenzustand.

 

ich  nicht  gern  einen  Collegen  haben,  der  halb  in  London  wohnt.
Will  er  nicht  ganz  dahin  ziehn,  so  gönne  ich  ihm  von  Herzen
zu  bleiben,  wo  er  ist,  und  halte  es  nicht  für  freundschaftlich,
ihn  zu  drängen.

Herzliche  Grüße  an  die  Ihrigen.  Ihr  treuer  Freund  und
bereitwilliger,  aber  nicht  muthwilliger  Kampfgenosse,  wenn's
sein  muß;  im  Winter  noch  lieber  als  bei  die  Hitze!“

Unter  dem  4.  Juni  schrieb  mir  Roon  von  Berlin½:

„Am  Sonntage  sprach  mir  Schleinitz  über  den  Ersatz
für  Hohenlohe  und  meinte,  Ihre  Zeit  wäre  noch  nicht  gekommen.
Als  ich  ihn  fragte,  wer  denn  als  Haupt  des  Ministerii  fungiren
sollte,  zuckte  er  die  Achseln,  und  als  ich  hinzusetzte,  es  bliebe
dann  nichts  übrig,  als  daß  er  sich  selbst  erbarmte,  schlüpfte  er
darüber  hinweg,  nicht  abwehrend,  nicht  zustimmend.  Daß  mich
dies  beunruhigt,  kann  Sie  nicht  wundern.  Ich  nahm  daher
gestern  Gelegenheit,  an  maßgebender  Stelle  die  Ministerpräsidenten-Frage
  auf  die  Bahn  zu  bringen,  und  fand  die  alte
Hinneigung  zu  Ihnen  neben  der  alten  Unentschlossenheit.  Wer
kann  da  helfen?  Und  wie  soll  dies  enden?  —  —  Keine  regierungsfähige
  Partei!  Die  Demokraten  sind  selbstverständlich
ausgeschlossen,  aber  die  große  Majorität  besteht  aus  Demokraten
  und  solchen,  die  es  werden  wollen,  wenngleich  ihr  Adreßentwurf
  von  Loyalitätsversicherungen  trieft.  Daneben  die  Constitutionellen,
  d.  h.  die  eigentlichen,  ein  Häuflein  von  wenig
mehr  als  20  Köpfen,  Vincke  an  der  Spitze,  circa  15  Conservative,
  30  Katholiken,  einige  20  Polen.  Wo  also  findet  eine
mögliche  Regierung  die  nöthige  Unterstützung?  Welche  Partei
kann  bei  dieser  Gruppirung  regieren  außer  den  Demokraten,
und  diese  können  es,  dürfen  es  erst  recht  nicht.  Unter  diesen
Umständen,  so  sagt  meine  Logik,  muß  die  jetzige  Regierung  im

)  Der  Brief  ist  vollständig  veröffentlicht  im  Bismarck-Jahrbuch
III  233  f.,  Roon's  Denkwürdigteiten  II7  93  ff.
        <pb n="313" />
        Briefwechsel  mit  Roon  über  Bismarck's  Eintritt  ins  Ministerium.  289

 

Amt  bleiben,  so  schwierig  es  auch  sein  mag.  Und  eben  deshalb
muß  sie  sich  mit  Nothwendigkeit  verstärken  und  zwar  je  eher
je  lieber.  —  —  Daß  Graf  Bernstorff  immer  zwei  große  Posten
in  Beschlag  habe,  scheint  mir  nun  nicht  eben  durch  Preußens
Interesse  geboten  zu  sein.  Ich  werde  mich  daher  sehr  freuen,
wenn  Sie  nächstens  zum  Ministerpräsidenten  ernannt  werden,
obgleich  ich  überzeugt  bin,  daß  Blernstorff)  dann  binnen  Kurzem
aus  seiner  Doppelstellung  treten  und  nicht  länger  den  Koloß,
1  Fuß  in  Berlin,  1  in  London,  spielen  wird.  Ich  schiebe  es
Ihnen  in's  Gewissen,  keinen  Gegenzug  zu  thun,  da  er  schließlich
dahin  führen  könnte  und  würde,  den  König  in  die  offenen  Arme
der  Demokraten  zu  treiben.  —  —  Zum  11.  ds.  M.  ist  Hohenlohe's
  Urlaub  um.  Er  wird  nicht  wiederkommen,  sondern  nur
ein  Entlassungsgesuch.  Und  dann,  ja  dann  hoffe  ich,  wird  der
Telegraph  Sie  herrufen.  Alle  Patrioten  ersehnen  dies.  Wie
könnten  Sie  da  zaudern  und  manöoriren?

Meine  Antwort  lautet:
„Paris,  Pfingsten  ½  62.
Lieber  Roon

Ich  habe  Ihren  Brief  durch  Stein  (damals  Militär-Bevollmächtigter)
  richtig  erhalten,  offenbar  unerbrochen,  denn  ich  konnte
ihn  ohne  theilweise  Zerstörung  nicht  öffnen.  Sie  können  versichert
  sein,  daß  ich  durchaus  keine  Gegenzüge  und  Manövers
mache;  wenn  ich  nicht  aus  allen  Anzeichen  ersähe,  daß  Bernstorff
  garnicht  daran  denkt  auszuscheiden,  so  würde  ich  mit  Gewißheit
  erwarten,  daß  ich  in  wenig  Tagen  Paris  verließe,  um
über  London  nach  Berlin  zu  gehn,  und  ich  würde  keinen  Finger
rühren,  um  dem  entgegenzuarbeiten.  Ich  rühre  auch  so  keinen;
aber  ich  kann  doch  auch  nicht  den  König  mahnen,  mir  Bernstorff's
Stelle  zu  geben,  und  wenn  ich  ohne  Portefeuille  einträte,  so

1)  8.  bez.  9.  Juni,  Bismarckbriefe  (8.  Aufl.)  339  f.,  Roon's  Denkwürdigkeiten
  II/  95  ff.
Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  19
        <pb n="314" />
        290  Elftes  Kapitel:  Zwischenzustand.

 

hätten  wir,  Schleinitz  eingerechnet,  3  auswärtige  Minister,  von
denen  jeder  Verantwortung  gegenüber  der  eine  sich  stündlich
in's  Hausministerium,  der  andre  nach  London  zurückzuziehn
bereit  ist.  Mit  Ihnen  weiß  ich  mich  einig,  mit  Jagow  9  glaube
ich  es  werden  zu  können,  die  Fachministerien  würden  mir  nicht
Anstoß  geben;  über  auswärtige  Dinge  aber  habe  ich  ziemlich
bestimmte  Ansichten;  Bernstorff  vielleicht  auch,  aber  ich  kenne
sie  nicht  und  vermag  mich  in  seine  Methode  und  seine  Formen
nicht  einzuleben,  ich  habe  auch  kein  Vertraun  zu  seinem  richtigen
  Augenmaß  für  die  politischen  Dinge,  er  also  vermuthlich
zu  dem  meinigen  auch  nicht.  So  sehr  lange  kann  die  Ungewißheit
  übrigens  nicht  mehr  dauern;  ich  warte  bis  nach  dem  11.,
ob  der  König  bei  der  Auffassung  vom  26.  v.  M./  bleibt  oder
sich  anderweit  versorgt.  Geschieht  bis  dahin  nichts,  so  schreibe
ich  Sr.  M.  in  der  Voraussetzung,  daß  mein  hiesiges  Verhältniß
definitiv  wird  und  ich  meine  häuslichen  Einrichtungen  danach
treffe,  mindestens  bis  zum  Winter  oder  länger  hier  zu  bleiben.
Meine  Sachen  und  Wagen  sind  noch  in  Petersburg,  ich  muß
sie  irgendwo  unterbringen;  außerdem  habe  ich  die  Gewohnheiten
  eines  achtbaren  Familienvaters,  zu  denen  gehört,  daß
man  irgendwo  einen  festen  Wohnsitz  hat,  und  der  fehlt  mir
eigentlich  seit  July  v.  J.,  wo  mir  Schleinitz  zuerst  sagte,  daß
ich  versetzt  würde.  Sie  thun  mir  Unrecht,  wenn  Sie  glauben,
daß  ich  mich  sträube;  ich  habe  im  Gegentheil  lebhafte  Anwandlungen
  von  dem  Unternehmungsgeist  jenes  Thieres,  welches  auf
dem  Eise  tanzen  geht,  wenn  ihm  zu  wohl  wird.

Ich  bin  den  Adreßdebatten  einigermaßen  gefolgt  und  habe
den  Eindruck,  daß  sich  die  Regirung  in  der  Commission,  vielleicht
auch  im  Plenum,  mehr  hergegeben  hat,  als  nützlich  war.  Was
liegt  eigentlich  an  einer  schlechten  Adresse?  Die  Leute  glauben

1)  Minister  des  Innern.

*!)  Tag  der  letzten  Audienz  auf  Schloß  Babelsberg  vor  der  Abreise
nach  Paris.
        <pb n="315" />
        Briefwechsel  mit  Roon  über  Bismarck's  Eintritt  ins  Ministerium.  291

 

mit  der  angenommnen  einen  Sieg  erfochten  zu  haben.  In
einer  Adresse  führt  eine  Kammer  Manöver  mit  markirtem
Feinde  und  Platzpatronen  auf.  Nehmen  die  Leute  das  Scheingefecht
  für  ernsten  Sieg  und  zerstreuen  sich  plündernd  und  marodirend
  auf  Königlichem  Rechtsboden,  so  kommt  wohl  die  Zeit,
daß  der  markirte  Feind  seine  Batterien  demaskirt  und  scharf
schießt.  Ich  vermisse  etwas  Gemüthlichkeit  in  unfrer  Auffassung;
Ihr  Brief  athmet  ehrlichen  Kriegerzorn,  geschärft  von  des
Kampfes  Staub  und  Hitze.  Sie  haben,  ohne  Schmeichelei,  vorzüglich
  geantwortet  ),  aber  es  ist  eigentlich  schade  drum,  die
Leute  verstehn  kein  Deutsch.  Unsern  freundlichen  Nachbar  hier
habe  ich  ruhig  und  behäbig  gefunden,  sehr  wohlwollend  für  uns,
sehr  geneigt,  die  Schwierigkeiten  der  „deutschen  Frage“  zu  besprechen;
  er  kann  seine  Sympathien  keiner  der  bestehenden
Dynastien  versagen,  aber  er  hofft,  daß  Preußen  die  große  ihm
gestellte  Aufgabe  mit  Erfolg  lösen  werde,  die  deutsche  nämlich,
dann  werde  die  Regirung  auch  im  Innern  Vertraun  gewinnen.
Lauter  schöne  Worte.  Um  zu  erklären,  daß  ich  mich  bisher
nicht  recht  wohnlich  einrichte,  sage  ich  den  Fragern,  daß  ich  in
Kurzem  für  einige  Monat  Urlaub  zu  nehmen  denke,  um  dann
mit  meiner  Frau  wiederzukommen.

10.  Juni.  Die  Antwort  Sr.  M.  auf  die  Adresse  macht  in
ihrer  zurückhaltenden  Gemessenheit  einen  sehr  würdigen  Eindruck,
und  kühl,  keine  Gereiztheit.  Anspielungen  auf  Schleinitz'  Eintritt
  für  Hohenlohe  finden  sich  in  mehren  Blättern.  Ich  gönne
es  ihm  von  Herzen,  und  Hausminister  bleibt  er  dabei  doch.

Ich  schicke  diesen  Brief  morgen  mit  dem  Feldjäger,  der  dann
in  Aachen  bleibt,  bis  er  wieder  etwas  aus  Berlin  herzubringen
bekommt.  Meine  Empfehlungen  an  Ihre  Damen;  den  Meinigen
geht  es  gut.  In  alter  Treue

Jür  v.  B.“

1)  S.  die  Rede  Roon's  vom  5.  Juni  1862  in  Roon,  Kriegsminister
v.  Roon  als  Redner.  (Breslau,  E.  Trewendt.)  I  161  ff.
        <pb n="316" />
        292  Elftes  Kapitel:  Zwischenzustand.

 

Am  27.  Juni  y  hatte  der  Kaiser  mich  nach  Fontainebleau
eingeladen  und  machte  mit  mir  einen  längern  Spaziergang.
Im  Laufe  der  Unterhaltung  über  politische  Fragen  des  Tags
und  der  letzten  Jahre  fragte  er  mich  unerwartet,  ob  ich  glaubte,
daß  der  König  geneigt  sein  würde,  auf  eine  Allianz  mit  ihm
einzugehn.  Ich  antwortete,  der  König  hätte  die  freundschaftlichsten
  Gesinnungen  für  ihn,  und  die  Vorurtheile,  die  früher
in  der  öffentlichen  Meinung  bei  uns  in  Betreff  Frankreichs  geherrscht
  hätten,  seien  so  ziemlich  verschwunden;  aber  Allianzen
seien  das  Ergebniß  der  Umstände,  nach  denen  das  Bedürfniß
oder  die  Nützlichkeit  zu  beurtheilen  sei.  Eine  Allianz  setze  ein
Motiv,  einen  bestimmten  Zweck  voraus.  Der  Keiser  bestritt
die  Nothwendigkeit  einer  solchen  Voraussetzung;  es  gäbe  Mächte,
die  freundlich  zu  einander  ständen,  und  andre,  bei  denen  das
weniger  der  Fall  sei.  Angesichts  einer  ungewissen  Zukunft  müsse
man  sein  Vertraun  nach  irgend  einer  Seite  richten.  Er  spreche
von  einer  Allianz  nicht  mit  der  Absicht  eines  abenteuerlichen
Projects;  aber  er  finde  zwischen  Preußen  und  Frankreich  eine
Conformität  der  Interessen  und  darin  die  Elemente  einer  entente
intime  et  durable:).  Es  würde  ein  großer  Fehler  sein,  die
Ereignisse  schaffen  zu  wollen;  man  könne  ihre  Richtung  und
Stärke  nicht  vorausberechnen,  aber  man  könne  sich  ihnen  gegenüber
  einrichten,  se  prémunir,  en  avisant  aux  moyens  pour  7
faire  face  et  en  profiter?).  Dieser  Gedanke  einer  „diplomatischen
Allianz“,  in  welcher  man  die  Gewohnheit  gegenseitigen  Ver-1)

  Das  Datum  ist  hier  berichtigt  nach  dem  amtlichen  Bericht  an
Bernstorff;  auch  aus  dem  Briefe  Bismarck's  an  die  Gattin  vom  25.  Juni
geht  hervor,  daß  die  Einladung  auf  den  27.  Juni  erfolgte;  am  26.  Juni,
dem  Geburtstage  des  Sultans,  aß  Bismarck  beim  türkischen  Gesandten
(Bismarck's  Briefe  an  seine  Braut  und  Gattin  S.  481).

2)  Eines  innigen  und  dauernden  Einvernehmens.

„)  Sich  im  voraus  sichern,  indem  man  auf  Mittel  bedacht  ist,  um
ihnen  (den  Ereignissen)  die  Stirn  zu  bieten  und  aus  ihnen  Nutzen  zu
ziehen.
        <pb n="317" />
        Unterredung  mit  Napoleon  über  ein  französisch-preußisch.  Bündniß.  293

 

trauns  annähme  und  für  schwierige  Lagen  auf  einander  zu
rechnen  lernte,  wurde  von  dem  Kaiser  weiter  ausgesponnen.
Dann  plötzlich  stehen  bleibend,  sagte  er:

„Sie  können  Sich  nicht  vorstellen,  quelles  singulières  ouvertures
  m’'e  fait  faire  I’Autriche,  il  J  a  peu  de  jours  ).  Es  scheint,
daß  das  Zusammentreffen  Ihrer  Ernennung  und  der  Ankunft
des  Herrn  von  Budberg  in  Paris  einen  panischen  Schrecken  in
Wien  erzeugt  hat.  Der  Fürst  Metternich  hat  mir  gesagt,  er
habe  Instructionen  erhalten,  die  so  weit  gingen,  daß  er  selbst
darüber  erschrocken  sei;  er  habe  unbegrenzte  Vollmachten,  wie
sie  je  ein  Souverain  seinem  Vertreter  anvertraut,  in  Betreff
aller  und  jeder  Frage,  die  ich  anregen  würde,  sich  mit  mir  um
jeden  Preis  zu  verständigen.  Ich  wurde  durch  diese  Eröffnung
in  einige  Verlegenheit  gesetzt,  denn  abgesehn  von  der  Unverträglichkeit
  der  Interessen  beider  Staaten  habe  ich  eine  fast
abergläubische  Abneigung  dagegen,  mich  mit  den  Geschicken
Oestreichs  zu  verflechten“2).

Ganz  aus  der  Luft  gegriffen  konnten  diese  Auslassungen  des
Kaisers  nicht  sein,  wenn  er  auch  erwarten  durfte,  daß  ich  meine

1)  Welche  eigenthümlichen  Eröffnungen  mir  Oestreich  vor  wenigen
Tagen  hat  machen  lassen.

2)  Man  vergleiche  damit  den  fast  wörtlich  übereinstimmenden  Bericht
  vom  28.  Juni  1862  an  Bernstorff,  der  dem  Fürsten  Bismarck  bei
der  Aufzeichnung  seiner  Erinnerungen  weder  im  Original  noch
in  einem  Concept  vorgelegen  hat.  Bismarck-Jahrbuch  VI  152  ff.  —
Ich  habe  wegen  des  Glaubens  an  die  Gedächtnißkraft  des  Fürsten  Bismarck,
  den  ich  durch  Hinweis  auf  die  wunderbare  Thatsache  der  fast
wörtlichen  Uebereinstimmung  des  amtlichen  Berichts  mit  der  Darstellung
des  Vorgangs  in  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“  bekundete,  von
den  Kritikern  des  nachgelassenen  Werkes  harte  Vorwürfe  mir  gefallen
lassen  müssen.  Ich  muß,  was  ich  im  „Wegweiser“  darüber  gesagt  habe,
aufrecht  erhalten.  In  dem  gesammten  Nachlaß  des  Fürsten  ist  keine
Spur  einer  Abschrift  des  Berichts  an  Bernstorff  oder  eine  Aufzeichnung
  über  den  Verlauf  der  Unterredung  gefunden  worden.  Der  Fürst
selbst  hat  mir  bestätigt,  daß  er  sich  des  ganzen  Gespräches  mit  allen
seinen  Wendungen  noch  völlig  erinnere.
        <pb n="318" />
        294  Elftes  Kapitel:  Zwischenzustand.

gesellschaftlichen  Beziehungen  zu  Metternich  nicht  bis  zum  Bruch
des  mir  gewährten  Vertrauns  ausnutzen  werde.  Unvorsichtig
war  diese  Eröffnung  an  den  Preußischen  Gesandten  jedenfalls,
mochte  sie  wahr  oder  übertrieben  sein.  Ich  war  schon  in  Frankfurt
  zu  der  Ueberzeugung  gelangt,  daß  die  Wiener  Politik  unter
Umständen  vor  keiner  Combination  zurückschrecke;  daß  ½)  sie
Venetien  oder  das  linke  Rheinufer  opfern  würde,  wenn  damit
auf  dem  rechten  eine  Bundesverfassung  mit  gesichertem  Uebergewicht
  Oestreichs  über  Preußen  zu  erkaufen  sei,  daß  die  deutsche
Phrase  in  der  Hofburg  ihren  Kurs  habe,  so  lange  man  sie  als
Leitseil  für  uns  oder  die  Würzburger  ?)  gebrauchte.  Wenn  eine
französisch-östreichische  Coalition  nicht  schon  jetzt  gegen  uns  bestände,
  so  hätten  wir  das  nicht  Oestreich,  sondern  Frankreich
zu  danken,  und  nicht  einer  etwaigen  Vorliebe  Napoleon's  für
uns,  sondern  seinem  Mißtraun,  ob  Oestreich  im  Stande  sein
werde,  mit  dem  zur  Zeit  mächtigen  Winde  der  Nationalität  zu
segeln.  Aus  alledem  zog  ich  in  dem  Berichte,  den  ich  dem  Könige
erstattete,  nicht  die  Consequenz,  daß  wir  irgend  ein  Bündniß
mit  Frankreich  zu  suchen  hätten,  wohl  aber  die,  daß  wir  auf
treue  Bundesgenossenschaft  Oestreichs  gegen  Frankreich  nicht
zählen  dürften  und  nicht  hoffen  könnten,  die  freie  Zustimmung
Oestreichs  zur  Verbesserung  unfrer  Stellung  in  Deutschland
zu  erlangen.

In  Ermanglung  jeder  Art  politischer  Aufträge  und  Geschäfte
ging  ich  auf  kurze  Zeit  nach  England  und  trat  am  25.  Juli
eine  längre  Reise  durch  das  südliche  Frankreich  an.  In  diese
Zeit  fällt  die  nachstehende  Correspondenz.

1)  Das  Folgende  kann  aus  sachlichen  Erwägungen  grammatisch  nicht
von  den  Worten  „Ich  war  schon  in  Frankfurt  zu  der  Ueberzeugung
gelangt“  abhängig  sein,  da  es  sich  auf  die  Situation  von  1862  bezieht.
  Vor  „daß“  ist  etwas  zu  ergänzen:  „ich  mußte  auch  jetzt  (1862)
annehmen“.

2)  S.  o.  S.  273  Anm.  1.
        <pb n="319" />
        Unterredung  mit  Napoleon.  Brief  an  Roon.  295

 

„Paris,  15.  July  62  0.
Lieber  Roon,

Ich  habe  mir  neulich  viele  Fragen  darüber  vorgelegt,  warum
Sie  telegraphisch  Sich  erkundigten,  ob  ich  Ihren  Brief  vom
26.  lv.  M.1  2)  erhalten  hätte.  Ich  habe  nicht  darauf  geantwortet,
weil  ich  etwas  Neues  über  den  Hauptgegenstand  nicht  geben,
sondern  nur  empfangen  konnte.  Seitdem  ist  mir  ein  Courier
zugegangen,  der  mir  seit  14  Tagen  telegraphisch  angemeldet  war
und  in  dessen  Erwartung  ich  8  Tage  zu  früh  von  England  zurückkam.
  Er  brachte  einen  Brief  von  Bernstorff  ),  in  Antwort  auf
ein  Urlaubsgesuch  von  mir.  Ich  bin  hier  jetzt  überflüssig,  weil
kein  Kaiser,  kein  Minister,  kein  Gesandter  mehr  hier  ist.  Ich
bin  nicht  sehr  gesund,  und  diese  provisorische  Existenz  mit  Spannung
  auf  „ob  und  wie  ohne  eigentliche  Geschäfte  beruhigt  die
Nerven  nicht.  Ich  ging  meiner  Ansicht  nach  auf  10  bis  14  Tage
her  und  bin  nun  7  Wochen  hier,  ohne  je  zu  wissen,  ob  ich  in
24  Stunden  noch  hier  wohne.  Ich  will  mich  dem  Könige  nicht
aufdrängen,  indem  ich  in  Berlin  vor  Anker  liege,  und  gehe  nicht
nach  Hause,  weil  ich  fürchte,  auf  der  Durchreise  durch  Berlin
im  Gasthof  auf  unbestimmte  Zeit  angenagelt  zu  werden.  Aus
Bernstorff's  Brief  ersehe  ich,  daß  es  dem  Könige  vor  der  Hand
nicht  gefällt,  mir  das  Auswärtige  zu  übertragen,  und  daß
Se.  Majestät  sich  noch  nicht  über  die  Frage  schlüssig  gemacht
habe,  ob  ich  an  Hohenlohe's  Stelle  treten  soll,  diese  Frage  aber
auch  nicht  durch  Ertheilung  eines  Urlaubs  auf  6  Wochen  negativ
präjudiciren  will.  Der  König  ist,  wie  mir  Bernstorff  schreibt,
zweifelhaft,  ob  ich  während  der  gegenwärtigen  Session  nützlich
sein  könne  und  ob  nicht  meine  Berufung,  wenn  sie  überhaupt
ersolgt,  zum  Winter  aufzuschieben  sei.  Unter  diesen  Umständen

1)  Bismarckbriefe  (8.  Aufl.)  S.  347  ff.,  Roon's  Denkwürdigkeiten
II“  102ä  ff.

)  Bismarck-Jahrbuch  III  235  f.,  Roon's  Denkwürdigkeiten  II/98  ff.

*:)  Bismarck-Jahrbuch  VI  155ff.
        <pb n="320" />
        296  Elftes  Kapitel:  Zwischenzustand.

 

wiederhole  ich  heut  mein  Gesuch  um  6  Wochen  Urlaub  ),  was
ich  mir  wie  folgt  motivire.  Einmal  bin  ich  wirklich  einer  körperlichen
  Stärkung  durch  Berg=  und  Seeluft  bedürftig;  wenn  ich
in  die  Galeere  eintreten  soll,  so  muß  ich  etwas  Gesundbeitsvorrath
  sammeln,  und  Paris  ist  mir  bis  jetzt  schlecht  bekommen
mit  dem  Hunde-Bummel-Leben  als  Gargon.  Zweitens  muß
der  König  Zeit  haben,  sich  ruhig  aus  eigner  Bewegung  zu  entschließen,
  sonst  macht  Se.  Majestät  für  die  Folgen  die  verantwortlich,
  die  ihn  drängen.  Drittens  will  Bernstorff  jetzt  nicht
abgehn,  der  König  hat  ihn  wiederholt  aufgefordert  zu  bleiben
und  erklärt,  daß  er  mit  mir  wegen  des  Auswärtigen  garnicht
gesprochen  habe;  die  Stellung  als  Minister  ohne  Portefeuille
finde  ich  aber  nicht  haltbar.  Viertens  kann  mein  Eintritt,  der
jetzt  zwecklos  und  beiläufig  erscheinen  würde,  in  einem  spätern
Moment  als  eindrucksvolles  Manöver  verwerthet  werden.
Ich  denke  mir,  daß  das  Ministerium  allen  Streichungen  im
Militäretat  ruhig  und  deutlich  opponirt,  aber  keine  Krisis  über
dieselben  herbeiführt,  sondern  die  Kammer  das  Budget  vollständig
  durchberathen  läßt.  Das  wird,  wie  ich  annehme,  im
September  geschehn  sein.  Dann  geht  das  Budget,  von  dem
ich  voraussetze,  daß  es  für  die  Regirung  nicht  annehmbar  ist,
an  das  Herrnhaus,  falls  man  sicher  ist,  daß  die  verstümmelte
Budget-Vorlage  dort  abgelehnt  wird.  Dann,  oder  andernfalls
schon  vor  der  Berathung  im  Herrnhause,  könnte  man  es,  mit
einer  Königlichen  Botschaft,  welche  mit  sachlicher  Motivirung
die  Zustimmung  der  Krone  zu  einem  derartigen  Budgetgesetz
verweigert,  an  die  Abgeordneten  zurückgeben,  mit  der  Aufforderung
  zu  neuer  Berathung.  Eine  30tätige  Vertagung  des  Landtages
  würde  vielleicht  an  diesem  Punkte,  oder  schon  früher,
einzuschalten  sein.  Je  länger  sich  die  Sache  hinzieht,  desto  mehr
sinkt  die  Kammer  in  der  öffentlichen  Achtung,  da  sie  den  Fehler

1)  Brief  an  Bernstorff  vom  15.  Juli,  Bismarck-Jahrbuch  VI  156  ff.
        <pb n="321" />
        Brief  Bismarck's  an  Roon  über  den  Zeitpunkt  seines  Eintritts.  297

 

begangen  hat  und  noch  weiter  begehn  wird,  sich  in  alberne
Kleinigkeiten  zu  verbeißen,  und  da  sie  keinen  Redner  hat,  der
nicht  die  Langeweile  des  Publikums  vermehrte.  Kann  man  sie
dahin  bringen,  daß  sie  sich  in  solche  Lappalie  wie  die  Continuität
des  Herrnhauses  verbeißt  und  darüber  Krieg  anfängt  und  die
Erledigung  der  eigentlichen  Geschäfte  verschleppt,  so  ist  es  ein
großes  Glück.  Sie  wird  müde  werden,  hoffen,  daß  der  Regirung
der  Athem  ausgeht,  und  die  Kreisrichter  müssen  mit  den  Kosten
ihrer  Stellvertretung  geängstigt  werden.  Wenn  sie  mürbe  wird,
fühlt,  daß  sie  das  Land  langweilt,  dringend  auf  Concessionen
Seitens  der  Regirung  hofft,  um  aus  der  schiefen  Stellung  erlöst
zu  werden,  dann  ist  m.  E.  der  Moment  gekommen,  ihr  durch
meine  Ernennung  zu  zeigen,  daß  man  weit  entfernt  ist,  den
Kampf  aufzugeben,  sondern  ihn  mit  frischen  Kräften  aufnimmt.
Das  Zeigen  eines  neuen  Bataillons  in  der  ministeriellen
Schlachtordnung  macht  dann  vielleicht  einen  Eindruck,  der  jetzt
nicht  erreicht  würde;  besonders  wenn  vorher  etwas  mit  Redensarten
  von  Octroyiren  und  Staatsstreicheln  gerasselt  ist,  so  hilft
mir  meine  alte  Reputation  von  leichtfertiger  Gewaltthätigkeit,
und  man  denkt  „nanu  geht's  los.  Dann  sind  alle  Centralen
und  Halben  zum  Unterhandeln  geneigt.

Das  Alles  beruht  mehr  auf  instinctivem  Gefühl,  als  daß
ich  beweisen  könnte,  es  sei  so;  und  ich  gehe  nicht  so  weit,  zu
irgend  etwas,  das  mir  der  König  befiehlt,  deshalb  auf  eigne
Faust  nein  zu  sagen.  Wenn  ich  aber  um  meine  Ansicht  gefragt
werde,  so  bin  ich  dafür,  noch  einige  Monate  hinter  dem  Busch
gehalten  zu  werden.

Vielleicht  ist  dieß  Alles  Rechnung  ohne  den  Wirth,  vielleicht
entschließt  sich  Se.  Majestät  niemals  dazu,  mich  zu  ernennen,
denn  ich  sehe  nicht  ein,  warum  es  überhaupt  geschehn  sollte,
nachdem  es  seit  6  Wochen  nicht  geschehn  ist.  Daß  ich  aber  hier
den  heißen  Staub  von  Paris  schlucken,  in  cafés  und  Theatern
gähnen  oder  mich  in  Berlin  wieder  als  politischer  Dilettant
        <pb n="322" />
        298  Elftes  Kapitel:  Zwischenzustand.

 

in's  Hôtel  Royal  einlagern  soll,  dazu  fehlt  aller  Grund,  die
Zeit  ist  besser  im  Bade  zu  verwenden.

Ich  bin  doch  erstaunt  von  der  politischen  Unfähigkeit  unfrer
Kammern,  und  wir  sind  doch  ein  sehr  gebildetes  Land;  ohne
Zweifel  zu  sehr;  die  Andern  sind  bestimmt  auch  nicht  klüger
als  die  Blüthe  unfrer  Klassenwahlen,  aber  sie  haben  nicht  dieß
kindliche  Selbstvertraun,  mit  dem  die  Unfrigen  ihre  unfähigen
Schamtheile  in  voller  Nacktheit  als  mustergültig  an  die  Oeffentlichkeit
  bringen.  Wie  sind  wir  Deutschen  doch  in  den  Ruf
schüchterner  Bescheidenheit  gekommen?  Es  ist  keiner  unter  uns,
der  nicht  vom  Kriegführen  bis  zum  Hundeflöhn  alles  besser  verstände
  als  sämmtliche  gelernte  Fachmänner,  während  es  doch
in  andern  Ländern  viele  giebt,  die  einräumen,  von  manchen
Dingen  weniger  zu  verstehn  als  andre,  und  deshalb  sich  bescheiden
  und  schweigen.

Den  16.  Ich  muß  heut  schleunig  schließen,  nachdem  meine
Zeit  von  andern  Geschäften  fortgenommen  ist.

Mit  herzlichen  Empfehlungen  an  die  Ihrigen  bin  ich  in
alter  Treue

Ihr

Roon  antwortete  mir  am  31.  August  1862:
„Mein  lieber  Bismarck,

Sie  werden  sich  ungefähr  denken  können,  warum  ich  Ihnen
bisher  nicht  geantwortet;  ich  hoffte  und  hoffte  immer  wieder
auf  eine  Entscheidung  oder  doch  auf  eine  Situation,  welche  eine
acute  Lösung  herbeiführen  müßte.  Leider  haben  meine,  unsere
Leiden  noch  immer  einen  ganzchronischen  Charakter.  Jetzt  ist  ein
neues  Moment  —  die  Freisprechung  der  Verleumder  v.  d.  Heydt's
—  hinzugetreten,  aber  auch  das  wird  sich  im  märkischen  Sande
verlaufen.  Ich  habe  mich  der  misere  générale  1)  auf  einige  Tage

v.  B.“

!)  Dem  allgemeinen  Elend.
        <pb n="323" />
        Brief  Bismarck's  an  Roon.  Antwort  Roon's.  299

 

entzogen,  als  ich  bei  der  Abreise  des  Königs  nach  Dloberan)
hierher  (Zimmerhausen)  floh,  um  Hühner  zu  schießen.  Bernstorff,
den  ich  vor  3—4  Wochen  ganz  entschlossen  fand,  seinen  Posten
zu  verlassen,  der  ihm  viel  zu  schwer  und  sauer  wird,  sagte  mir
vor  8  Tagen,  daß  er  doch  nicht  wisse,  ob  er  nach  dem  Schluß
der  parlamentarischen  Session  nicht  dem  Wunsche  des  Königs
(kalls  er  ausgesprochen  werden  sollte)  werde  nachgeben  und
bleiben  müssen,  wiewohl  seine  Sehnsucht  nach  Erlösung  nicht
erloschen  sei,  d.  h.  in  die  Wirklichkeit  übersetzt,  die  Session  hat
sich  so  lange  hingezogen,  daß  ihr  Schluß  voraussichtlich  mit  der
Entbindung  der  Gräfin  ungefähr  zusammenfallen  wird;  daß
daher  eine  Versetzungsreise  im  Winter  alsdann  noch  viel  weniger
passen  würde  als  ohne  dies.  Schon  früher  sagte  er  mir  nämlich,
daß  seine  Versetzung  nach  London  spätestens  im  September  stattfinden
  müsse,  wenn  sie  für  ihn  annehmlich  sein  sollte.  Diese
vielleicht  verdammliche  Selbstsucht  auf  der  einen  und  die  Unentschlossenheit
  des  Königs  auf  der  anderen  Seite,  verbunden
mit  v.  d.  Heydt's  Ansicht,  daß  er  sich  zwar  einen  Präsidenten,
nicht  aber  einen  solchen  aus  der  Zahl  jüngerer  Collegen  gefallen
lassen  könne  und  werde,  läßt  mich  zu  der  früheren  Behauptung
zurückkehren,  daß  Sie  als  Ministerpräsident  und  zwar  vorläufig
ohne  Portefeuille  eintreten  müssen;  letzteres  wird  sich  später
von  selbst  finden.  Daß  wir  in  die  Wintersession  in  der  bisherigen
  Unvollständigkeit  und  Unzulänglichkeit  eintreten  sollten,
halte  ich  für  ganz  widersinnig  und  unmöglich,  und  zu  dieser
Meinung  habe  ich  mehr  als  eine  Allerhöchste  Zustimmung.
Gefochten  muß  und  gefochten  wird  werden.  An  Concessionen
und  Compromisse  ist  gar  nicht  zu  denken,  am  wenigsten  ist  der
König  dazu  geneigt.  Gefährliche  Katastrophen  sind  daher  mit
Sicherheit  vorauszusehen,  auch  ganz  abgesehen  von  den  Verwickelungen
  in  unserer  äußeren  Politik,  die  schon  jetzt  einige
recht  interessante  Verhedderungen  aufzuweisen  hat.  —  Ich  kann
mir  denken,  daß  Sie,  mein  alter  Freund,  sehr  disgustirt  sind;
        <pb n="324" />
        300  Elftes  Kapitel:  Zwischenzustand.

ich  kann  an  meinem  eigenen  Ekel  den  Ihrigen  ermessen.  Aber
ich  hoffe  noch  immer,  daß  Sie  um  deswillen  nicht  boudiren,
sondern  sich  vielmehr  der  altritterlichen  Pflicht  erinnern  werden,
den  König  herauszuhauen,  auch  wenn  er,  wie  geschehen,  sich
muthwillig  in  Gefahr  begab.  Aber  Sie  sind  ein  Mensch,  und
was  mehr  ist,  ein  Gatte  und  Familienvater.  Sie  wollen,  neben
aller  Arbeit,  auch  eine  Häuslichkeit  und  ein  Familienleben.
Sie  haben  ein  Recht  darauf,  c'est  convenu  1½!  Sie  müssen  also
wissen,  bald  wissen,  wo  Ihr  Bett  und  Ihr  Schreibtisch  aufgestellt
  werden  soll,  ob  in  Paris  oder  Berlin.  Und  das  Wort  des
Königs,  daß  Sie  Sich  in  Paris  nicht  etabliren  sollen,  ist  bis
jetzt,  soviel  ich  weiß,  noch  nicht  zurückgenommen.  Sie  mühssen
Gewißheit  haben.  Ich  will  das  Meinige  —  und  zwar  nicht
blos  aus  Selbstsucht,  sondern  aus  patriotischem  Interesse  —
dazu  beitragen,  daß  Ihnen  diese  Gewißheit  baldigst  werde.  Ich
fingire  daher,  und  zwar  so  lange,  bis  Sie  es  mir  untersagen,
von  Ihnen  zur  Herbeiführung  dieser  Gewißheit  privatim  beauftragt
  zu  sein.  Nach  den  letzten  Unterredungen  mit  Serenissimo
über  Sie  habe  ich  ohnehin  mein  spezielles  persönliches  Interesse
für  Sie  bereits  verwerthen  müssen.  Ich  kann  daher  auch  von
Ihrer  unerträglichen  Situation  sprechen,  die  besonders  darin
begründet  ist,  daß  Sie  ausdrücklich  verhindert  werden,  Sich  in
Paris  zu  etabliren.  Dergleichen  Motive  werden  verstanden,
wirken  daher  vielleicht  mehr  als  politische  Erwägungen.  Ich
fingire  daher  Ihr  Einverständniß  und  rathe,  Sie  einstweilen
zum  Minister-Präsidenten  ohne  Portefeuille  zu  ernennen,  was
ich  bisher  vermieden;  es  geht  nicht  anders!  Wollen  Sie  dies
absolut  nicht,  so  desavouiren  Sie  mich  oder  gebieten  Sie  mir
Schweigen.  Ich  spreche  den  Herrn  am  7.  in  einer  ganz  vertraulichen
  Audienz,  die  er  mir  für  diesen  Tag  bei  seiner  Durchreise
  nach  Carlsruhe  zur  Taufe  (am  9.99.)  zugesagt  hat.  Sie
haben  also  auch  noch  Zeit  zum  Protestiren.

1)  Das  gestehe  ich  zu.
        <pb n="325" />
        Brief  Roon's.  Antwort  Bismarck's.  301

 

Von  der  allgemeinen  Situation  will  ich  heut  nicht  reden.
Die  innere  Katastrophe  wird  jetzt  nicht  stattfinden,  wie  ich  vermuthe,
  sondern  erst  im  Frühjahr,  und  da  müssen  Sie  nothwendig
  dabei  sein.  Sie  wird  über  unsere  Zukunft  endgültig
entscheiden.

Ihr
v.  Roon.“  1)
Ich  erwiderte:

„Toulouse,  12.  September  62.

Meine  Kreuz=  und  Querzüge  in  den  Pyrenäen  haben  gemacht,
  daß  ich  Ihren  Brief  vom  31.  [AugustJ  erst  heut  hier
vorfinde.  Ich  hatte  auch  auf  einen  von  Bernstorff  gehofft,  der
mir  vor  vier  Wochen  schrieb,  daß  sich  im  September  die  Frage
wegen  des  Personalwechsels  jedenfalls  entscheiden  müsse.  Ihre
Zeilen  lassen  mich  leider  vermuthen,  daß  die  Ungewißheit  um
Weihnachten  noch  dieselbe  sein  wird  wie  jetzt.  Meine  Sachen
liegen  noch  in  Petersburg  und  werden  dort  einfrieren,  meine
Wagen  sind  in  Stettin,  meine  Pferde  bei  Berlin  auf  dem  Lande,
meine  Familie  in  Pommern,  ich  selbst  auf  der  Landstraße.  Ich
gehe  jetzt  nach  Paris  zurück,  obschon  ich  dort  weniger  wie  je
zu  thun  habe,  mein  Urlaub  ist  aber  um.  Mein  Plan  ist  nun,
Bernstorff  vorzuschlagen,  daß  ich  nach  Berlin  komme,  um  das
Weitre  mündlich  zu  besprechen  :).  Ich  habe  das  Bedürfniß,
einige  Tage  in  Reinfeld  zu  sein,  nachdem  ich  die  Meinigen  seit
dem  8.  Mai?)  nicht  gesehn  habe.  Bei  der  Gelegenheit  muß
ich  in's  Klare  kommen.  Ich  wünsche  nichts  lieber,  als  in  Paris
zu  bleiben,  nur  muß  ich  wissen,  daß  ich  Umzug  und  Einrichtung
nicht  auf  einige  Wochen  oder  Monate  bewirke,  dazu  ist  mein

1)  S.  Bismarck-Jahrbuch  III  237  f.,  Roon's  Denkwürdigkeiten  II7
109  ff.

2)  Geschah  in  einem  Briefe  von  Montpellier  aus  am  gleichen  Tage,
Bismarck-Jahrbuch  VI  162  ff.

:)  Tag  der  Abreise  Bismarck's  von  St.  Petersburg.
        <pb n="326" />
        302  Elftes  Kapitel:  Zwischenzustand.

 

Hausstand  zu  groß.  Ich  habe  mich  niemals  geweigert,  das
Präsidium  ohne  Portefeuille  anzunehmen,  sobald  es  der  König
befiehlt;  ich  habe  nur  gesagt,  daß  ich  die  Einrichtung  für  eine
unzweckmäßige  halte.  Ich  bin  noch  heut  bereit,  ohne  Portefeuille
einzutreten,  aber  ich  sehe  garkeine  ernstliche  Absicht  dazu.  Wenn
mir  Se.  Majestät  sagen  wollte:  am  1.  November  oder  1.  Januar
oder  1.  April  —  so  wüßte  ich,  woran  ich  wäre,  und  bin  wahrlich
  kein  Schwierigkeitsmacher,  ich  verlange  nur  1½10°  der  Rücksicht,
  die  Bernstorff  so  reichlich  gewährt  wird.  In  dieser  Ungewißheit
  verliere  ich  alle  Lust  an  den  Geschäften,  und  ich  bin
Ihnen  von  Herzen  dankbar  für  jeden  Freundschaftsdienst,  den
Sie  mir  leisten,  um  ihr  ein  Ende  zu  machen.  Gelingt  dieß
nicht  bald,  so  muß  ich  die  Dinge  nehmen,  wie  sie  liegen,  und
mir  sagen,  ich  bin  des  Königs  Gesandter  in  Paris,  lasse  zum
1.  October  Kind  und  Kegel  dorthinkommen  und  richte  mich  ein.
Ist  das  geschehn,  so  kann  Se.  Majestät  mich  des  Dienstes
entlassen,  aber  nicht  mehr  zwingen,  nun  sofort  wieder  umzuziehn;
  lieber  gehe  ich  nach  Hause  auf's  Land,  dann  weiß  ich,
wo  ich  wohne.  Ich  habe  in  meiner  Einsamkeit  die  alte  Gesundheit
  mit  Gottes  Hülfe  wiedergewonnen  und  befinde  mich  wie
seit  10  Jahren  nicht,  von  unfrer  politischen  Welt  aber  habe  ich
kein  Wort  gehört;  daß  der  König  in  Doberan  war,  sehe  ich
heut  aus  einem  Briefe  meiner  Frau,  sonst  könnte  ich  das  D.
in  dem  Ihrigen  nicht  deuten.  Ebenso  hatte  ich  nicht  gehört,
daß  er  zum  13.  nach  Carlsruh  geht.  Ich  würde  Se.  Majestät
dort  nicht  mehr  treffen,  wenn  ich  mich  hinbegeben  wollte,  auch
weiß  ich  aus  Erfahrung,  daß  solche  ungerufne  Erscheinungen
nicht  willkommen  sind;  der  Herr  schließt  daraus  auf  ehrgeizig
drängende  Absichten  bei  mir,  die  mir  weiß  Gott  fern  liegen.
Ich  bin  so  zufrieden,  Sr.  Majestät  Gesandter  in  Paris  zu  sein,
daß  ich  nichts  erbitten  möchte  als  die  Gewißheit,  es  wenigstens
bis  1875  zu  sein.  Schaffen  Sie  mir  diese  oder  jede  andre  Gewißheit,
  und  ich  male  Engelsflügel  an  Ihre  Photographie.  —
        <pb n="327" />
        Brief  Bismarck's  an  Roon.  Berufung  nach  Berlin.  303

Was  verstehn  Sie  unter  „Ende  dieser  Session“!?  Läßt  sich
das  so  bestimmt  voraussehn,  wird  sie  nicht  in  die  Wintersession
ohne  Pause  übergehn?  Und  kann  man  die  Kammern  schließen
ohne  Resultat  über  das  Budget?  Ich  will  die  Frage  nicht  grade
verneinen,  es  kommt  auf  den  Feldzugsplan  an.

Ich  reise  eben  nach  Montpellier  ab,  von  dort  über  Lyon
nach  Paris.  Bitte  schreiben  Sie  mir  dahin,  und  grüßen  Sie
herzlich  die  Ihrigen.  In  treuer  Freundschaft

Ihr
v.  B.“  1)

In  Paris  erhielt  ich  folgendes  Telegramm,  dessen  Unterschrift

  auf  einer  Verabredung  beruhte:

Berlin,  le  18.  Septembre.

Periculum  in  mora.  Dépöchez-vous.
T'oncle  de  Maurice  Henning)).

Henning  war  der  zweite  Vorname  Moritz  Blanckenburg's,
des  Neffen  von  Roon.  Obwohl  es  die  Fassung  zweifelhaft  ließ,
ob  die  Aufforderung  aus  der  eignen  Initiative  Roon's  hervorgegangen
  oder  von  dem  Könige  veranlaßt  war,  zögerte  ich
nicht  abzureisen.

Am  20.  September  Morgens  in  Berlin  angelangt  ),  wurde
ich  zu  dem  Kronprinzen  beschieden.  Auf  seine  Frage,  wie  ich
die  Situation  ansähe,  konnte  ich  nur  sehr  zurückhaltend  antworten,
  weil  ich  während  der  letzten  Wochen  keine  deutschen
Zeitungen  gelesen  und  in  einer  Art  von  dépit!")  mich  über
heimische  Angelegenheiten  nicht  informirt  hatte.  Meine  Ver-1)

  S.  Bismarckbriefe  (8.  Aufl.)  S.  359  ff.,  Roon's  Denkwürdigkeiten
II.  117  ff.

„:)  Gefahr  im  Verzuge.  Beeilen  Sie  sich.  Der  Onkel  von  Moritz
Henning.

„)  Vgl.  Bismarck's  Brief  an  die  Gattin  vom  21.  Sept.  1862,  Bismarck's
  Briefe  an  seine  Braut  und  Gattin  S.  512  f.

)  Aerger.
        <pb n="328" />
        304  Elftes  Kapitel:  Zwischenzustand.

 

stimmung  hatte  ihren  Grund  darin,  daß  der  König  mir  in  Aussicht
  gestellt  hatte,  mir  in  spätestens  sechs  Wochen  Gewißheit
über  meine  Zukunft  d.  h.  darüber  zu  geben,  ob  ich  in  Berlin,
Paris  oder  London  mein  Domizil  haben  sollte,  daß  darüber  aber
schon  ein  Vierteljahr  verflossen  war  und  ich  im  Herbst  noch
immer  nicht  wußte,  wo  ich  im  Winter  wohnen  würde.  Ich
war  mit  der  Situation  in  ihren  Einzelheiten  nicht  so  vertraut,
daß  ich  dem  Kronprinzen  ein  programmartiges  Urtheil  hätte
abgeben  können;  außerdem  hielt  ich  mich  auch  nicht  für  berechtigt,
mich  gegen  ihn  früher  zu  äußern  als  gegen  den  König.  Den
Eindruck,  den  die  Thatsache  meiner  Audienz  gemacht  hatte,  ersah
  ich  zunächst  aus  der  Mittheilung  Roon's,  daß  der  König
mit  Bezug  auf  mich  zu  ihm  gesagt  habe:  „Mit  dem  ist  es  auch
nichts,  er  ist  ja  schon  bei  meinem  Sohne  gewesen.“  Die  Tragweite
  dieser  Aeußerung  wurde  mir  nicht  sofort  verständlich,  weil
ich  nicht  wußte,  daß  der  König  sich  mit  dem  Gedanken  der
Abdication  trug  und  voraussetzte,  daß  ich  davon  gewußt  oder
etwas  vermuthet  hätte  und  mich  deshalb  mit  seinem  Nachfolger
zu  stellen  gesucht  habe.

In  der  That  war  mir  jeder  Gedanke  an  Abdication  des
Königs  fremd,  als  ich  am  22.  September  in  Babelsberg
empfangen  wurde  1),,  und  die  Situation  wurde  mir  erst  klar,
als  Se.  Mgcjestät  sie  ungefähr  mit  den  Worten  präcifirte:  „Ich
will  nicht  regiren,  wenn  ich  es  nicht  se  vermag,  wie  ich  es  vor
Gott,  meinem  Gewissen  und  meinen  Unterthanen  verantworten
kann.  Das  kann  ich  aber  nicht,  wenn  ich  nach  dem  Willen  der
heutigen  Majorität  des  Landtags  regiren  soll,  und  ich  finde  keine
Minister  mehr,  die  bereit  wären,  meine  Regirung  zu  führen,
ohne  sich  und  mich  der  parlamentarischen  Mehrheit  zu  unterwerfen.
  Ich  habe  mich  deshalb  entschlossen,  die  Regirung  niederzulegen,
  und  meine  Abdicationsurkunde,  durch  die  angeführten

)  Vgl.  dazu  auch  die  Mittheilungen  v.  Keudell's  S.  110  f.
        <pb n="329" />
        Unterredung  mit  dem  König  auf  Schloß  Babelsberg.  305

 

Gründe  motivirt,  bereits  entworfen.“  Der  König  zeigte  mir
das  auf  dem  Tische  liegende  Actenstück  in  seiner  Handschrift,
ob  bereits  vollzogen  oder  nicht,  weiß  ich  nicht.  Se.  Mcjestät
schloß,  indem  er  wiederholte,  ohne  geeignete  Minister  könne  er
nicht  regiren.

Ich  erwiderte,  es  sei  Sr.  Majestät  schon  seit  dem  Mai  bekannt,
  daß  ich  bereit  sei,  in  das  Ministerium  einzutreten,  ich  sei
gewiß,  daß  Roon  mit  mir  bei  ihm  bleiben  werde,  und  ich
zweifelte  nicht,  daß  die  weitre  Vervollständigung  des  Cabinets
gelingen  werde,  falls  andre  Mitglieder  sich  durch  meinen  Eintritt
  zum  Rücktritt  bewogen  finden  sollten.  Der  König  stellte
nach  einigem  Erwägen  und  Hin=  und  Herreden  die  Frage,  ob
ich  bereit  sei,  als  Minister  für  die  Militär-Reorganisation  einzutreten,
  und  nach  meiner  Bejahung  die  weitre  Frage,  ob  auch
gegen  die  Majorität  des  Landtags  und  deren  Beschlüsse.  Auf
meine  Zusage  erklärte  er  schließlich:  „Dann  ist  es  meine  Pflicht,
mit  Ihnen  die  Weiterführung  des  Kampfes  zu  versuchen,  und
ich  abdicire  nicht.“  Ob  er  das  auf  dem  Tische  liegende  Schriftstück
  vernichtet  oder  in  rei  memoriam  #)  aufbewahrt  hat,  weiß
ich  nicht.

Der  König  forderte  mich  auf,  ihn  in  den  Park  zu  begleiten.
Auf  diesem  Spaziergange  gab  er  mir  ein  Programm  zu  lesen,
das  in  seiner  engen  Schrift  acht  Folioseiten  füllte,  alle  Eventualitäten
  der  damaligen  Regirungspolitik  umfaßte  und  auf
Details  wie  die  Reform  der  Kreistage  einging.  Ich  lasse  es
dahin  gestellt  sein,  ob  dieses  Elaborat  schon  Erörterungen  mit
meinen  Vorgängern  zur  Unterlage  gedient  hatte  oder  ob  es
zur  Sicherstellung  gegen  eine  mir  zugetraute  conservative  Durchgängerei
  dienen  sollte.  Ohne  Zweifel  war,  als  er  damit  umging,
  mich  zu  berufen,  eine  Befürchtung  der  Art  in  ihm  von
seiner  Gemalin  geweckt  worden,  von  deren  politischer  Begabung

1)  Zur  Erinnerung  daran.
Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  20
        <pb n="330" />
        306  Elftes  Kapitel:  Zwischenzustand.

 

er  ursprünglich  eine  hohe  Meinung  hatte,  die  aus  der  Zeit
datirte,  wo  Sr.  Majestät  nur  eine  kronprinzliche  Kritik  der
Regirung  des  Bruders,  ohne  Pflicht  zu  eigner  besserer  Leistung,
zugestanden  hatte.  In  der  Kritik  war  die  Prinzessin  ihrem
Gemal  überlegen.  Die  ersten  Zweifel  an  dieser  geistigen  Ueberlegenheit
  waren  ihm  gekommen,  als  er  genöthigt  war,  nicht  mehr
nur  zu  kritisiren,  sondern  selbst  zu  handeln  und  die  amtliche  Verantwortung
  für  das  Bessermachen  zu  tragen.  Sobald  die  Aufgaben
  beider  Herrschaften  praktisch  wurden,  hatte  der  gesunde
Verstand  des  Königs  begonnen,  sich  allmälig  von  der  schlagfertigen
  weiblichen  Beredsamkeit  mehr  zu  emancipiren.

Es  gelang  mir,  ihn  zu  überzeugen,  daß  es  sich  für  ihn  nicht
um  Conservativ  oder  Liberal  in  dieser  oder  jener  Schattirung,
sondern  um  Königliches  Regiment  oder  Parlamentsherrschaft
handle  und  daß  die  letztre  unbedingt  und  auch  durch  eine  Periode
der  Dictatur  abzuwenden  sei.  Ich  sagte:  „In  dieser  Lage  werde
ich,  selbst  wenn  Eure  Moajestät  mir  Dinge  befehlen  sollten,  die
ich  nicht  für  richtig  hielte,  Ihnen  zwar  diese  meine  Meinung
offen  entwickeln,  aber  wenn  Sie  auf  der  Ihrigen  schließlich  beharren,
  lieber  mit  dem  Könige  untergehn,  als  Eure  Majestät
im  Kampfe  mit  der  Parlamentsherrschaft  im  Stiche  lassen.“
Diese  Auffassung  war  damals  durchaus  lebendig  und  maßgebend
in  mir,  weil  ich  die  Negation  und  die  Phrase  der  damaligen
Opposition  für  politisch  verderblich  hielt  im  Angesicht  der  nationalen
  Aufgaben  Preußens  und  weil  ich  für  Wilhelm  I.  persönlich
  so  starke  Gefühle  der  Hingebung  und  Anhänglichkeit
hegte,  daß  mir  der  Gedanke,  in  Gemeinschaft  mit  ihm  zu  Grunde
zu  gehn,  als  ein  nach  Umständen  natürlicher  und  sympathischer
Abschluß  des  Lebens  erschien.

Der  König  zerriß  das  Programm  und  war  im  Begrifs,  die
Stücke  von  der  Brücke  in  die  trockne  Schlucht  im  Park  zu  werfen,
als  ich  daran  erinnerte,  daß  diese  Papiere  mit  der  bekannten
Handschrift  in  sehr  unrechte  Hände  gerathen  könnten.  Er  fand,
        <pb n="331" />
        Unterredung  mit  dem  König.  Ernennung  zum  Staatsminister.  307

 

daß  ich  Recht  hätte,  steckte  die  Stücke  in  die  Tasche,  um  sie  dem
Feuer  zu  übergeben,  und  vollzog  an  demselben  Tage  meine
Ernennung  zum  Staatsminister  und  interimistischen  Vorsitzenden
des  Staatsministeriums,  die  am  23.  veröffentlicht  wurde.  Meine
Ernennung  zum  Ministerpräsidenten  behielt  der  König  vor,  bis
er  mit  dem  Fürsten  von  Hohenzollern,  der  staatsrechtlich  diese
Stellung  noch  inne  hatte,  die  desfallsige  Correspondenz  beendet
haben  werde  ½).

1)  Vgl.  Kaiser  Wilhelm  I.  und  Fürst  Bismarck,  Münchener  Allg.
Zeitung  7.  October  1890  M.-A.  —  Die  endgültige  Ernennung  zum
Ministerpräsidenten  und  Minister  der  Auswärtigen  Angelegenheiten  erfolgte
  am  8.  October.
        <pb n="332" />
        Zwölftes  Kapitel.
Rückblick  auf  die  preußische  Politik.

Die  Königliche  Autorität  hatte  bei  uns  unter  dem  Mangel
an  Selbständigkeit  und  Energie  unsrer  auswärtigen  und  namentlich
  unfrer  deutschen  Politik  gelitten;  in  demselben  Boden
wurzelte  die  Ungerechtigkeit  der  bürgerlichen  Meinung  über  die
Armee  und  deren  Offiziere  und  die  Abneigung  gegen  militärische
  Vorlagen  und  Ausgaben.  In  den  parlamentarischen
Fractionen  fand  der  Ehrgeiz  der  Führer,  Redner  und  Minister-Candidaten
  Nahrung  und  Deckung  hinter  der  nationalen  Verstimmung.
  Klare  Ziele  hatten  unfrer  Politik  seit  dem  Tode
Friedrich's  des  Großen  entweder  gefehlt,  oder  sie  waren  ungeschickt
  gewählt  oder  betrieben;  letztres  von  1786  bis  1806,
wo  unfre  Politik  planlos  begann  und  traurig  endete.  Man
entdeckt  in  ihr  bis  zum  vollen  Ausbruch  der  französischen  Revolution
  keine  Andeutung  einer  national-deutschen  Richtung.
Die  ersten  Spuren  einer  solchen,  die  sich  im  Fürstenbunde  ,
in  den  Ideen  von  einem  preußischen  Kaiserthum,  in  der  Demarcationslinie
  ),  in  der  Erwerbung  deutscher  Landstriche

1)  Von  1785;  den  Grundstock  bildete  der  zwischen  Preußen,  Kursachsen
  und  Hanover  abgeschlossene  Vertrag  vom  3.  Juli  1785  zum
Schutze  der  Reichsverfassung  und  der  den  Territorialfürsten  zustehenden
Rechte  gegen  östreichische  Vergewaltigung.

2:)  Vom  17.  Mai  1795.  Nach  den  zwischen  Frankreich  und  Preußen
zu  Basel  getrossenen  Abreden  sollten  die  nord=  und  mitteldeutschen  Gebiete
  durch  eine  Demarcationslinie  von  dem  noch  zu  Recht  bestehenden
Kriege  des  Reichs  gegen  Frankreich  unter  dem  Schutze  Preußens  ausgeschlossen
  werden,  falls  sie  sich  verpflichteten,  ihre  Contingente  zurück.
        <pb n="333" />
        Mängel  und  Schwächen  der  preußischen  Politik  seit  Friedrich  II.  309

 

finden,  sind  Ergebnisse  nicht  nationaler,  sondern  preußischparticularistischer
  Bestrebungen.  Im  Jahr  1786  lag  das  stärkre
Interesse  noch  nicht  auf  deutsch-nationalem  Gebiete,  sondern  in
dem  Gedanken  polnischer  territorialer  Erwerbungen,  und  bis
in  den  Krieg  von  1792  hinein  war  das  Mißtraun  zwischen
Preußen  und  Oestreich  weniger  durch  die  deutsche  als  durch
die  polnische  Rivalität  beider  Mächte  genährt.  In  den  Händeln
der  Thugut-Lehrbachschen  Periode  spielte  der  Streit  um  den
Besitz  polnischer  Gebiete,  namentlich  Krakaus,  eine  mehr  in  die
Augen  fallende  Rolle  als  der  in  der  zweiten  Hälfte  dieses  Jahrhunderts
  im  Vordergrunde  stehende  Streit  um  die  Hegemonie
in  Deutschland.

Die  Frage  der  Nationalität  stand  damals  mehr  im  Hintergrunde;
  der  preußische  Staat  eignete  sich  neue  polnische  Unterthanen
  mit  gleicher,  wenn  nicht  mit  größrer  Bereitwilligkeit
wie  deutsche  an,  wenn  es  nur  Unterthanen  waren,  und  auch
Oestreich  trug  kein  Bedenken,  die  Erfolge  der  gemeinsamen
Kriegführung  gegen  Frankreich  in  Frage  zu  stellen,  sobald  es
befürchten  mußte,  daß  ihm  zur  Wahrnehmung  seiner  polnischen
Interessen  die  nöthigen  Streitkräfte  Preußen  gegenüber  fehlen
würden,  wenn  es  sie  an  der  französischen  Grenze  verwenden
wollte.  Es  ist  schwer  zu  sagen,  ob  die  damalige  Situation  nach
Maßgabe  der  Ansichten  und  Fähigkeiten  der  in  Oestreich  und
Rußland  leitenden  Persönlichkeiten  der  preußischen  Politik  die
Möglichkeit  bot,  nützlichere  Wege  einzuschlagen  als  den  des
Veto  gegen  die  Orientpolitik  seiner  beiden  östlichen  Nachbarn,
wie  in  der  Convention  von  Reichenbach,  27.  Juli  1790),  geschah.
  Ich  kann  mich  des  Eindrucks  nicht  erwehren,  daß  dieses
Veto  ein  Act  unfruchtbaren  Selbstgefühls  nach  Art  des  französischen
  prestige  war,  in  welchem  die  von  Friedrich  dem  Großen
zuziehen  und  keinerlei  Verbindlichkeit  zur  Truppenstellung  gegen  Frankreich

  ein  zugehen.
0)  S.  o.  S.  191.
        <pb n="334" />
        310  Zwölftes  Kapitel:  Rückblick  auf  die  preußische  Politik.

 

geerbte  Autorität  zwecklos  verpusft  wurde,  ohne  daß  Preußen
einen  andern  Vortheil  von  dieser  Kraftleistung  gehabt  hätte
als  den  einer  befriedigten  Eitelkeit  über  Bethätigung  seiner
großmächtlichen  Stellung  den  beiden  Kaisermächten  gegenüber,
show  of  power  ½.

Wenn  Oestreich  und  Rußland  im  Orient  Beschäftigung
fanden,  so  hätte  es,  möchte  ich  glauben,  im  Interesse  ihres  damals
  weniger  mächtigen  Nachbarn  gelegen,  sie  darin  nicht  zu
stören,  sondern  beide  in  der  Richtung  ihrer  orientalischen  Bestrebungen
  eher  zu  fördern  und  zu  befestigen  und  ihren  Druck
auf  unfre  Grenzen  dadurch  abzuschwächen.  Preußen  war  nach
seinen  militärischen  Einrichtungen  damals  schneller  schlagfertig
als  seine  Nachbarn  und  hätte  diese  Schlagfertigkeit  wie  bei
manchen  spätern  Gelegenheiten  nutzbar  machen  können,  wenn
es  sich  verfrühter  Parteinahme  enthalten  und  seiner  damaligen
verhältnißmäßigen  Schwäche  entsprechend  sich  lieber  en  vedette
gestellt  hätte,  anstatt  sich  das  prestige  des  Richteramtes  zwischen
Oestreich,  Rußland  und  der  Pforte  beizulegen.

Der  Fehler  in  Situationen  der  Art  hat  gewöhnlich  in  der
Ziellosigkeit  und  Unentschlossenheit  gelegen,  womit  an  die  Benutzung
  und  Ausbeutung  herangetreten  wurde.  Der  Große
Kurfürst  und  Friedrich  der  Große  hatten  klare  Vorstellungen
von  der  Schädlichkeit  halber  Maßregeln  in  Fällen,  wo  es  sich
um  Parteinahme  oder  um  ihre  Androhung  handelte.  So  lange
Preußen  nicht  zu  einem  der  deutschen  Nationalität  annähernd
entsprechenden  Staatsgebilde  gelangt  war,  so  lange  es  nicht
nach  dem  Ausdruck,  dessen  sich  der  Fürst  Mettermich  mir  gegenüber
  bediente,  zu  den  „saturirten“  Staaten  gehörte,  mußte  es
seine  Politik  mit  dem  angeführten  Worte  Friedrich's  des  Großen
en  vedette  einrichten.  Nun  hat  aber  eine  vedette  eine  Exir—..



 

1)  Schaustellung  von  Macht.
2)  Auf  Posten.
        <pb n="335" />
        Die  Reichenbacher  Convention  ein  Act  unfruchtbaren  Selbstgefühls.  311

 

stenzberechtigung  nur  mit  einer  schlagfertigen  Truppe  hinter  sich;
ohne  eine  solche  und  ohne  den  Entschluß,  sie  activ  zu  verwenden,
  sei  es  für,  sei  es  gegen  eine  der  streitenden  Parteien,  konnte
die  preußische  Politik  von  dem  Einwerfen  ihres  europäischen
Gewichtes  bei  Gelegenheiten  wie  der  von  Reichenbach  keinen
materiellen  Vortheil,  weder  in  Polen,  noch  in  Deutschland,  sondern
  nur  die  Verstimmung  und  das  Mißtraun  seiner  beiden
Nachbarn  erzielen.  Noch  heut  erkennt  man  in  geschichtlichen
Urtheilen  chauvinistischer  Landsleute  die  Genugthuung,  mit
welcher  die  schiedsrichterliche  Rolle,  die  von  Berlin  aus  auf
den  Streit  im  Orient  ausgeübt  werden  konnte,  das  preußische
Selbstgefühl  erfüllte;  die  Reichenbacher  Convention  gilt  ihnen
als  ein  Höhepunkt  auf  dem  Niveau  Friedericianischer  Politik,
von  welchem  an  der  Abstieg  und  das  Sinken  durch  die  Pillnitzer
  Verhandlungen  ½,  den  Basler  Frieden  #5,  bis  nach  Tilsit  )
erfolgte.

Wenn  ich  Minister  Friedrich  Wilhelm's  II.  gewesen  wäre,
so  würde  ich  eher  dazu  gerathen  haben,  den  Ehrgeiz  Oestreichs
  und  Rußlands  in  der  Richtung  auf  den  Orient  zu  unterstützen,
  aber  als  Kaufpreis  dafür  materielle  Concessionen  zu
verlangen,  sei  es  auch  nur  aufs  dem  Gebiet  der  polnischen
Frage,  an  welcher  man  damals  Geschmack  fand,  und  mit  Recht,
so  lange  man  Danzig  und  Thorn  nicht  besaß  und  an  die  deutsche
Frage  noch  nicht  dachte.  An  der  Spitze  von  100000  oder
mehr  schlagsertigen  Soldaten  mit  der  Drohung,  sie  nöthigenfalls
  in  Thätigkeit  zu  setzen  und  den  Krieg  gegen  Frankreich
Oestreich  allein  zu  überlassen,  würde  die  preußische  Politik  in
der  damaligen  Situation  immer  Besseres  haben  erreichen  können
als  den  diplomatischen  Triumph  von  Reichenbach.

Man  findet,  daß  die  Geschichte  des  Hauses  Oestreich  seit

—

 

1)  25.  bis  27.  August  1792.
„)  5.  April  1795.
:)  Friede  vom  9.  Juli  1807.
        <pb n="336" />
        312  Zwölftes  Kapitel:  Rückblick  auf  die  preußische  Politik.

 

Karl  V.  eine  Reihe  versäumter  Gelegenheiten  zeigt,  für  welche
man  in  den  meisten  Fällen  die  jedesmaligen  Beichtväter  der
regirenden  Herrn  verantwortlich  macht;  aber  die  Geschichte
Preußens,  allein  innerhalb  der  letzten  100  Jahre,  ist  nicht
weniger  reich  an  solchen  Versäumnissen.  Wenn  die  Gelegenheit
  zur  Zeit  der  Reichenbacher  Convention,  richtig  benutzt,
keinen  befriedigenden,  aber  doch  immer  einen  Fortschritt  in  der
Laufbahn  Preußens  gebracht  haben  könnte,  so  war  eine  Evolution
  in  größerm  Stile  schon  1805  möglich,  wo  die  preußische
Politik  besser  militärisch  als  diplomatisch  gegen  Frankreich,  für
Oestreich  und  Rußland  hätte  eingesetzt  werden  können,  aber
nicht  gratis.  Die  Bedingungen,  unter  denen  man  den  Beistand
leisten  oder  geleistet  haben  sollte,  konnte  nicht  ein  Minister  wie
Haugwitz  ),  sondern  nur  ein  Feldherr  an  der  Spitze  von
150000  Mann  in  Böhmen  oder  Baiern  durchsetzen.  Was
1806  post  festum  )  geschah,  konnte  1805  von  entscheidender
Wirkung  sein.  Was  in  Oestreich  die  Beichtväter,  das  haben  in
Preußen  Cabinetsräthe  und  ehrliche,  aber  beschränkte  General=Adjutanten
  an  versäumten  Gelegenheiten  zu  Stande  gebracht.

Auch  die  Dienste,  welche  die  preußische  Politik  der  russischen
bei  dem  Frieden  von  Adrianopel  1829  und  bei  Unterdrückung
des  polnischen  Aufstandes  1831  erwiesen  hat,  gratis  zu  leisten,
lag  um  so  weniger  Veranlassung  vor,  als  die  unfreundlichen
Machenschaften,  die  kurz  vorher  zwischen  dem  Kaiser  Nicolaus

1)  Graf  Haugwitz,  Cabinetsminister  und  Minister  des  Auswärtigen
bis  nach  der  Schlacht  bei  Jena,  galt  in  Preußen  mit  dem  Cabinetsrath
Lombard  zusammen  als  urheber  des  Unglücks  von  1806.  Freiherr
vom  Stein  charakterisirte  ihn  in  seiner  Denkschrift  von  1806  als  „charakterlos
  und  entnerrt".  Zur  Entschuldigung  von  Haugwitz  und  seines
Verhaltens  nach  dem  Siege  Napoleon's  bei  Austerlitz  muß  darauf  aufmerksam
  gemacht  werden,  daß  er,  der  der  Oeffentlichkeit  gegenüber
als  Ueberbringer  eines  Ultimatums  an  Napoleon  galt,  durch  eine  geheime
  Instruction  des  Königs  angewiesen  war,  auf  jeden  Fall  den

Frieden  zu  erhalten.
:)  Nachträglich  (eigentlich  nach  dem  Feste).
        <pb n="337" />
        Versäumte  Gelegenheiten.  Preußen  als  rufsischer  Vasallenstaat.  313

 

und  König  Karl  X.  stattgefunden  hatten  ),  dem  Berliner  Cabinete
  nicht  unbekannt  waren.  Die  Gemüthlichkeit  der  fürstlichen
Familienbeziehungen  war  bei  uns  in  der  Regel  stark  genug,
um  russische  Sünden  zu  decken,  es  fehlte  aber  die  Gegenseitigkeit.
  Im  Jahre  1813  hatte  Rußland  ohne  Zweisel  einen  Anspruch
  auf  preußische  Dankbarkeit  erworben;  Alexander  I.  war
im  Februar  1813  und  bis  zum  Wiener  Congreß  seiner  Zusage:),
  Preußen  in  dem  status  quo  ante  s)  wiederherzustellen,
im  Großen  und  Ganzen  treu  geblieben,  gewiß  ohne  die  russischen
  Interessen  zu  vergessen,  aber  doch  so,  daß  dankbare  Erinnrungen
  Friedrich  Wilhelm's  III.  für  ihn  natürlich  blieben.
—  Solche  Erinnrungen  waren  in  meinen  Knabenjahren  bis
zum  Tode  Alexander's,  1825,  auch  in  unserm  Publikum  noch
sehr  lebhaft;  russische  Großfürsten,  Generale  und  gelegentlich
in  Berlin  erscheinende  Soldaten-Abtheilungen  genossen  noch
ein  Erbtheil  der  Popularität,  mit  der  1813  die  ersten  Kosacken
bei  uns  empfangen  worden  waren.  «

Flagrante  Undankbarkeit,  wie  der  Fürst  Schwarzenberg  sie
proclamirte  ),  ist  in  der  Politik  wie  im  Privatleben  nicht  nur
unschön,  sondern  auch  unklug.  Wir  haben  aber  unfre  Schuld
ausgeglichen,  nicht  nur  zur  Zeit  der  Nothlage  der  Russen  bei
Adrianopel  1829  und  durch  unser  Verhalten  in  Polen  1831,
sondern  in  der  ganzen  Zeit  unter  Nicolaus  I.,  der  der  deutschen
  Romantik  und  Gemüthlichkeit  ferner  stand  als  Alexander  I.,
wenn  er  auch  mit  seinen  preußischen  Verwandten  und  mit
preußischen  Offizieren  freundlich  verkehrte.  Unter  seiner  Re-)

  Bezieht  sich  auf  Verhandlungen,  die  über  den  Kopf  Preußens
hinweg  von  Rußland  wegen  eines  Bündnisses  mit  Frankreich  angeregt
worden  waren  (1828.29).

2)  Richtiger  würde  der  Satz  lauten:  Alexander  I.  war  bis  zum
Wiener  Congreß  seiner  im  Februar  1813  gegebenen  Zusage  2c.  —  Die
Zusage  erfolgte  im  Bündniß  zu  Breslau  am  26.  Febr.  1813.

":)  Zustand  vor  dem  Kriege.

*)  S.  u.  S.  400.
        <pb n="338" />
        314  Zwölftes  Kapitel:  Rückblick  auf  die  preußische  Politik.

 

girung  haben  wir  als  russische  Vasallen  gelebt,  1831,  wo  Rußland
  ohne  uns  kaum  mit  den  Polen  fertig  geworden  wäre,
namentlich  aber  in  allen  europäischen  Constellationen  von  1831
bis  1850,  wo  wir  immer  russische  Wechsel  acceptirt  und  honorirt
  haben,  bis  nach  1848  der  junge  östreichische  Kaiser  1  dem
russischen  besser  gesiel  als  der  König  von  Preußen,  wo  der
russische  Schiedsrichter  kalt  und  hart  gegen  Preußen  und  (seine)
deutscheln)  Bestrebungen  entschied  und  sich  für  die  Freundschaftsdienste
  von  1813  voll  bezahlt  machte,  indem  er  uns  die  Olmützer
  Demüthigung  aufzwang.  Später  kamen  wir  Rußland
gegenüber  im  Krimkriege,  im  polnischen  Ausstande  von  1863
bedeutend  in  Vorschuß,  und  wenn  wir  in  dem  genannten  Jahre
Alexander's  II.  eigenhändiger  Aufforderung  zum  Kriege  nicht
Folge  leisteten  )  und  er  darüber  und  in  der  dänischen  Frage
Empfindlichkeit  bewies,  so  zeigt  dies  nur,  wie  weit  der  russische
Anspruch  schon  über  Gleichberechtigung  hinaus  gediehn  war
und  Unterordnung  verlangte.

Das  Desicit  auf  unfrer  Seite  war  einmal  durch  Verwandschafts-Gefühl,
  durch  die  Gewohnheit  der  Abhängigkeit,  in
welcher  die  geringre  Energie  von  der  größern  stand,  sodann
durch  den  Irrthum  bedingt,  als  ob  Nicolaus  dieselben  Gesinnungen
  wie  Alexander  I.  für  uns  hege  und  dieselben  Ansprüche
auf  Dankbarkeit  aus  der  Zeit  der  Freiheitskriege  habe.  In
der  That  aber  trat  während  der  Regirung  des  Kaisers  Nicolaus
  kein  im  deutschen  Gemüth  wurzelndes  Motiv  hervor,
unfre  Freundschaft  mit  Rußland  auf  dem  Fuße  der  Gleichheit
zu  pflegen  und  (nicht)  )  mindestens  einen  analogen  Nutzen
daraus  zu  ziehn  wie  Rußland  aus  unfrer  Dienstleistung.  Etwas
mehr  Selbstgefühl  und  Kraftbewußtsein  würde  unsern  Anspruch

)  Franz  Joseyh.

*:)  Vgl.  u.  S.  350.  Näheres  über  diesen  Kriegsplan  s.  II  70  ff.

*)  Ergänzung  des  Herausgebers.  —  Der  Sinn  des  Satzes  im  Zusammenhang
  mit  dem  vorhergehenden  verlangt  die  Verneinung.
        <pb n="339" />
        Ursache  der  Abhängigkeit.  Mangel  einer  selbständig.  preuß.  Politik.  315

 

auf  Gegenseitigkeit  in  Petersburg  zur  Anerkennung  gebracht
haben,  um  so  mehr,  als  1830  nach  der  Juli-Revolution  Preußen,
trotz  der  Schwerfälligkeit  seines  Landwehr-Systems,  diesem
überraschenden  Ereigniß  gegenüber  reichlich  ein  Jahr  lang  ohne
Zweifel  der  stärkste,  vielleicht  der  einzige  zum  Schlagen  befähigte
  Militärstaat  in  Europa  war.  Wie  sehr  nicht  nur  in
Oestreich,  sondern  auch  in  Rußland  die  militärischen  Einrichtungen
  in  15  Friedensjahren  vernachlässigt  worden  waren,
vielleicht  mit  alleiniger  Ausnahme  der  Garde  des  Kaisers  und
der  polnischen  Armee  des  Großfürsten  Constantin,  bewies  die
Schwäche  und  Langsamkeit  der  Rüstung  des  gewaltigen  russischen
  Reichs  gegen  den  Aufstand  des  kleinen  Warschauer  Königreichs.


Aehnliche  Verhältnisse  fanden  damals  in  der  französischen
und  mehr  noch  in  der  östreichischen  Armee  statt.  Oestreich
brauchte  nach  der  Juli-Revolution  mehr  als  ein  Jahr,  um  den
Verfall  seiner  Heereseinrichtungen  so  weit  auszubessern,  daß
es  eben  nur  seine  italienischen  Interessen  zu  schützen  im  Stande
war.  Die  östreichische  Politik  war  unter  Metternich  geschickt
genug,  um  jede  Entschließung  der  drei  östlichen  Großmächte
so  lange  zu  verschleppen,  bis  Oestreich  sich  hinlänglich  gerüstet
fühlte,  um  mitzureden.  Nur  in  Preußen  sfunctionirte  die  militärische
  Maschine,  so  schwerfällig  sie  war,  mit  voller  Genauigkeit,
  und  hätte  die  preußische  Politik  eigne  Entschlüsse  zu  fassen
vermocht,  so  würde  sie  Kraft  genug  gefunden  haben,  die  Lage
von  1830  in  Deutschland  und  den  Niederlanden  nach  ihrem
Ermessen  zu  präjudiciren.  Aber  eine  selbständige  preußische
Politik  hat  in  der  Zeit  von  1806  bis  in  die  vierziger  Jahre
überhaupt  nicht  bestanden;  unfre  Politik  wurde  abwechselnd  in
Wien  und  in  Petersburg  gemacht.  So  weit  sie  in  Berlin  von
1786  bis  1806  und  1842  bis  1862  selbständig  ihre  Wege  suchte,
wird  sie  vor  der  Kritik  vom  Standpunkte  eines  strebsamen
Preußen  kaum  Anerkennung  finden.
        <pb n="340" />
        316  Zwölftes  Kapitel:  Rückblick  auf  die  preußische  Politik.

 

Die  Eigenschaft  einer  Großmacht  konnten  wir  uns  vor  1866
nur  cum  grano  salis  !)  beimessen,  und  wir  hielten  nach  dem
Krimkriege  für  nöthig,  uns  um  eine  äußerliche  Anerkennung
derselben  durch  Antichambriren  im  Pariser  Congresse  zu  bewerben.
  Wir  bekannten,  daß  wir  eines  Attestes  andrer  Mächte
bedurften,  um  uns  als  Großmacht  zu  fühlen.  Dem  Maßstabe
der  Gortschakow'schen  Redensart  bezüglich  Italiens  „une  grande
puissance  ne  se  reconnait  pas,  elle  se  révèle“)  fühlten  wir
uns  nicht  gewachsen.  Die  révélation,  daß  Preußen  eine  Großmacht
  sei,  war  vorher  zu  Zeiten  in  Europa  anerkannt  gewesen
(ogl.  Kapitel  5),  aber  sie  erlitt  durch  lange  Jahre  kleinmüthiger
Politik  eine  Abschwächung,  die  schließlich  in  der  kläglichen  Rolle,
welche  Manteuffel  in  Paris  übernahm,  ihren  Ausdruck  fand.
Seine  verspätete  Zulassung  konnte  die  Wahrheit  nicht  entkräften,
  daß  eine  Großmacht  zu  ihrer  Anerkennung  vor  allen
Dingen  der  Ueberzeugung  und  des  Muthes,  eine  solche  zu  sein,
bedarf.  Ich  habe  es  als  einen  bedauerlichen  Mangel  an  Selbstbewußtsein
  angesehn,  daß  wir  nach  allen  uns  widerfahrnen
Geringschätzungen  von  Seiten  Oestreichs  und  der  Westmächte
überhaupt  das  Bedürfniß  empfanden,  auf  dem  Congresse  zugelassen
  zu  werden  und  seinen  Beschlüssen  unfre  Unterschrift
hinzuzufügen.  Unsre  Stellung  1870  in  den  Londoner  Besprechungen
  über  dos  Schwarze  Meer  würde  die  Richtigkeit
dieser  Ansicht  bezeugt  haben,  wenn  Preußen  sich  nicht  in  den
Pariser  Congreß  in  würdeloser  Weise  eingedrängt  hätte.  Als
Manteuffel  aus  Paris  zurückkehrte  und  am  20.  und  21.  April
in  Frankfurt  mein  Gast  war,  habe  ich  mir  erlaubt,  ihm  mein
Bedauern  darüber  auszusprechen,  daß  er  nicht  das  victa  Catonis)
zur  Richtschnur  genommen  und  uns  die  richtige  unabhängige

1)  Mit  Einschränkung  (wörtlich:  mit  einem  Körnchen  Salz).

2)  Eine  Großmacht  wird  nicht  anerkannt,  sie  offenbart  sich  selbst
als  solche.

2)  S.  o.  S.  199.
        <pb n="341" />
        Unwürdige  Rolle  Preußens  auf  dem  Pariser  Congreß.  317

Stellung  für  die  Eoventualität  der  nach  Lage  der  Dinge  vorauszusehenden
  russisch-französischen  gegenseitigen  Annäherung
angebahnt  habe.  Daß  der  Kaiser  Napoleon  damals  die  russische
Freundschaft  schon  in  Aussicht  nahm,  daß  für  maßgebende
Kreise  in  England  der  Friedensschluß  verfrüht  erschien,  konnte
in  dem  Auswärtigen  Amte  in  Berlin  nicht  zweifelhaft  sein.
Wie  würdig  und  unabhängig  wäre  unfre  Stellung  gewesen,
wenn  wir  uns  nicht  in  den  Pariser  Congreß  in  einer  demüthigenden
  Weise  eingedrängt,  sondern  bei  mangelnder  rechtzeitiger
Einladung  unfre  Betheiligung  versagt  hätten.  Bei  angemessener
Zurückhaltung  würden  wir  in  der  neuen  Gruppirung  umworben
worden  sein,  und  schon  äußerlich  wäre  unfre  Stellung  eine
würdigere  gewesen,  wenn  wir  unfre  Einschätzung  als  europäüsche
Großmacht  nicht  von  diplomatischen  Gegnern  abhängig  gemacht,
sondern  lediglich  auf  unser  Selbstbewußtsein  basirt  hätten,  indem
  wir  uns  des  Anspruchs  auf  Betheiligung  an  europäüschen
Abmachungen  enthielten,  welche  für  Preußen  kein  Interesse
hatten,  als  höchstens  nach  Analogie  der  Reichenbacher  Convention
das  der  Eitelkeit  des  Prestige  und  des  Mitredens  in  Dingen,
die  unfre  Interessen  nicht  berührten.

Die  versäumten  Gelegenheiten,  welche  in  die  beiden  Zeiträume
  von  1786  bis  1806  und  von  1842  bis  1862  fallen,  sind
den  Zeitgenossen  nur  selten  verständlich  geworden,  noch  seltner
ist  die  Verantwortlichkeit  dafür  sofort  richtig  vertheilt  worden.
Erst  die  Ausschüttung  der  Archive  und  die  Denkwürdigkeiten
Mithandelnder  und  Mitwissender  setzten  50  bis  100  Jahre
später  die  öffentliche  Meinung  in  den  Stand,  für  die  einzelnen
Mißgriffe  das  #chrov  ebsoc  1),  die  Gabelung  auf  den  unrichtigen
  Weg  zu  erkennen.  Friedrich  der  Große  hinterließ  ein
reiches  Erbe  von  Autorität  und  von  Glauben  an  die  preußische
Politik  und  Macht.  Seine  Erben  konnten,  wie  heut  der  neue

1)  Die  erste  Täuschung,  der  Grundirrthum.
        <pb n="342" />
        318  Zwölftes  Kapitel:  Rückblick  auf  die  preußische  Politik.

Curs)  von  der  Erbschaft  des  alten,  zwei  Jahrzehnte  hindurch
davon  zehren,  ohne  sich  über  die  Schwächen  und  Irrthümer
ihrer  Epigonenwirthschaft  klar  zu  werden;  noch  in  die  Schlacht
von  Jena  ?y  hinein  trugen  sie  sich  mit  der  Ueberschätzung  des
eignen  militärischen  und  politischen  Könnens.  Erst  der  Zusammenbruch
  der  folgenden  Wochen  brachte  den  Hof  und  das
Volk  zu  dem  Bewußtsein,  daß  Ungeschick  und  Irrthum  in  der
Staatsleitung  obgewaltet  hatten.  Wessen  Ungeschick  und  wessen
Irrthum  aber,  wer  persönlich  die  Verantwortlichkeit  für  diesen
gewaltigen  und  unerwarteten  Zusammenbruch  trug,  darüber
kann  selbst  heut  noch  gestritten  werden.

In  einer  absoluten  Monarchie,  und  Preußen  war  damals
eine  solche,  hat  an  der  Verantwortlichkeit  für  die  Politik  außer
dem  Souverän  Niemand  einen  genau  nachweislichen  Antheil;
faßt  oder  genehmigt  dieser  verhängnißvolle  Beschlüsse,  so  kann
Niemand  beurtheilen,  ob  sie  das  Ergebniß  eignen  moralischen
Willens  oder  des  Einflusses  sind,  den  die  verschiedenartigsten
Persönlichkeiten  männlichen  und  weiblichen  Geschlechts,  Adjutanten,
  Höflinge  und  politische  Intriganten,  Schmeichler,
Schwätzer  und  Ohrenbläser  auf  den  Monarchen  geübt  haben.
Die  Allerhöchste  Unterschrift  deckt  schließlich  Alles;  wie  sie  erreicht
  worden  ist,  erfährt  kein  Mensch.  Dem  jedesmaligen
Minister  die  Verantwortlichkeit  für  das  Geschehne  aufzuerlegen,
ist  für  monarchische  Auffassungen  der  nächstliegende  Ausweg.
Aber  selbst  wenn  die  Form  des  Absolutismus  der  Form  der
Verfassung  Platz  gemacht  hat,  ist  die  sogenannte  Ministerverantwortlichkeit
  keine  von  dem  Willen  des  unverantwortlichen
Monarchen  unabhängige.  Gewiß  kann  ein  Minister  abgehn,
wenn  er  die  königliche  Unterschrift  für  das,  was  er  für  nothwendig
  hält,  nicht  erlangen  kann;  aber  er  übernimmt  durch

1)  Als  neuen  Curs  bezeichnete  man  die  Politik  Kaiser  Wilhelms  II.

nach  Bismarck's  Entlassung.
!)  14.  October  1806.
        <pb n="343" />
        Friedrich's  II.  Epigonen.  Wer  ist  verantwortlich  im  Staate?  319

sein  Abtreten  die  Verantwortlichkeit  für  die  Consequenzen  desselben,
  die  vielleicht  auf  andern  Gebieten  viel  tiefgreifender  sind
als  auf  dem  grade  streitigen.

Er  ist  außerdem  durch  die  collegiale  Form  des  Staatsministeriums
  mit  ihren  Mcgjoritätsabstimmungen  zu  Compro-=missen
  und  zu  Nachgiebigkeit  seinen  Collegen  gegenüber  nach
der  preußischen  Ministerverfassung  täglich  genöthigt.  Eine  wirkliche
  Verantwortlichkeit  in  der  großen  Politik  aber  kann  nur
ein  einzelner  leitender  Minister,  niemals  ein  anonymes  Collegium
  mit  Majoritätsabstimmung  leisten.  Die  Entscheidung
über  Wege  und  Abwege  liegt  oft  in  minimalen,  aber  einschneidenden
  Wendungen,  zuweilen  schon  in  der  Tonart  und  der
Wahl  der  Ausdrücke  eines  internationalen  Actenstückes.  Schon
bei  geringer  Abweichung  von  der  richtigen  Linie  wächst  die
Entfernung  von  derselben  oft  so  rapid,  daß  der  verlassene
Strang  nicht  wieder  erreicht  werden  kann  und  die  Umkehr  bis
zu  dem  Gabelpunkt,  wo  er  verlassen  wurde,  unausführbar  ist.
Das  übliche  Amtsgeheimniß  deckt  die  Umstände,  unter  denen
eine  Entgleisung  stattgesunden  hat,  Menschenalter  hindurch,
und  das  Ergebniß  der  Unklarheit,  in  welcher  der  pragmatische
Zusammenhang  der  Dinge  bleibt,  erzeugt  bei  leitenden  Ministern,
  wie  das  bei  manchen  meiner  Vorgänger  der  Fall  war,
Gleichgültigkeit  gegen  die  sachliche  Seite  der  Geschäfte,  sobald
die  formale  durch  königliche  Unterschrift  oder  parlamentarische
Vota  gedeckt  erscheint.  Bei  Andern  wieder  führt  der  Kampf
zwischen  dem  eignen  Ehrgefühl  und  der  Verstrickung  der  Competenzverhältnisse
  zu  tödtlichen  Nervenfiebern,  wie  bei  dem
Grafen  Brandenburg  ½,  oder  zu  Symptomen  von  Geistesstörung,
wie  in  einigen  frühern  Fällen.

Es  ist  schwer  zu  sagen,  wie  die  Verantwortlichkeit  für  unfre
Politik  während  der  Regirung  Friedrich  Wilhelm's  IV.  mit

1)  S.  o.  S.  76.
        <pb n="344" />
        320  Zwölftes  Kapitel:  Rückblick  auf  die  preußische  Politik.

 

Gerechtigkeit  zu  vertheilen  sei.  Rein  menschlich  gesprochen,  wird
sie  in  der  Hauptsache  auf  dem  Könige  selbst  beruhn  bleiben,
denn  er  hat  überlegne,  ihn  und  die  Geschäfte  leitende  Rathgeber
  zu  keiner  Zeit  gehabt.  Er  behielt  sich  die  Auswahl  unter
den  Rathschlägen  nicht  nur  jedes  einzelnen  Ministers,  sondern
auch  unter  den  viel  zahlreichern  vor,  die  ihm  von  mehr  oder
weniger  geistreichen  Adjutanten,  Cabinetsräthen,  Gelehrten,  unehrlichen
  Strebern,  ehrlichen  Phantasten  und  Höflingen  vorgetragen
  wurden.  Und  diese  Auswahl  behielt  er  sich  oft  lange
vor.  Es  ist  oft  weniger  schädlich,  etwas  Unrichtiges  als  nichts
zu  thun.  Ich  habe  nie  den  Muth  gehabt,  die  Gelegenheiten,
die  mir  dieser  persönlich  so  liebenswürdige  Herr  mehrmals,
zuweilen  scharf  und  beinahe  zwingend,  in  den  Jahren  1852
bis  1856  geboten  hat,  sein  Minister  zu  werden,  zu  benutzen
oder  ihre  Verwirklichung  zu  fördern  ).  Wie  er  mich  betrachtete,
hätte  ich  ihm  gegenüber  keine  Autorität  gehabt,  und  seine  reiche
Phantasie  war  flügellahm,  sobald  sie  sich  auf  dem  Gebiete
praktischer  Entschlüsse  geltend  machen  sollte.  Mir  fehlte  die
schmiegsame  Gefügigkeit  zur  Uebernahme  und  ministeriellen
Vertretung  von  politischen  Richtungen,  an  die  ich  nicht  glaubte,
oder  für  deren  Durchführung  ich  dem  Könige  den  Entschluß
und  die  Consequenz  nicht  zutraute.  Er  unterhielt  und  förderte
die  Elemente  des  Zwiespalts  zwischen  seinen  einzelnen  Ministern;
  die  Frictionen  zwischen  Manteuffel,  Bodelschwingh
und  Heydt,  die  in  triangularem  Kampfe  mit  einander  standen,
waren  dem  Könige  angenehm  und  ein  politisches  Hülfsmittel
in  kleinen  Detail-Gefechten  zwischen  königlichem  und  ministeriellem
  Einfluß.  Manteuffel  hat  mit  vollem  Bewußtsein  die
Camarilla-Thätigkeit  von  Gerlach,  Rauch,  Niebuhr,  Bunsen,
Edwin  Manteuffel  geduldet;  er  trieb  seine  Politik  mehr  defensiv
als  im  Hinblick  auf  bestimmte  Ziele,  sortwurstelnd,  wie  Graf

)  S.  o.  S.  101.  158.  218  f.
        <pb n="345" />
        Verantwortlichkeit  unter  Friedrich  Wilhelm  IV.  Italienischer  Krieg.  321

 

Taaffe  sagte,  und  beruhigt,  wenn  er  durch  allerhöchste  Unterschrift
  gedeckt  war;  doch  hat  der  reine  Absolutismus  ohne
Parlament  immer  noch  das  Gute,  daß  ihm  ein  Gefühl  der
Verantwortlichkeit  für  eigne  Thaten  bleibt.  Gefährlicher  ist
der  durch  gefügige  Parlamente  unterstützte,  der  keiner  andern
Rechtfertigung  als  der  Verweisung  auf  Zustimmung  der  Majorität
  bedarf.

Die  nächste  günstige  Situation  nach  dem  Krimkriege  bot
unfrer  Politik  der  italienische  Krieg.  Ich  glaube  freilich  nicht,
daß  König  Wilhelm  schon  als  Regent  1859  geneigt  gewesen
sein  würde,  in  plötzlicher  Entschließung  den  Abstand  zu  überschreiten,
  der  seine  damalige  Politik  von  derjenigen  trennte,
welche  später  zur  Herstellung  des  Deutschen  Reichs  geführt
hat.  Wenn  man  die  damalige  Stellung  nach  dem  Maßstabe
beurtheilt,  den  die  Haltung  des  auswärtigen  Ministers  von
Schleinitz  in  dem  demnächstigen  Abschluß  des  Garantievertrages
von  Teplitz  mit  Oestreich  )  und  in  der  Weigerung  der  Anerkennung
  Italiens  bezeichnet,  so  kann  man  mit  Recht  bezweifeln,
  ob  es  damals  möglich  gewesen  sein  würde,  den  Regenten
  zu  einer  Politik  zu  bewegen,  welche  die  Verwendung
der  preußischen  Kriegsmacht  von  Concessionen  in  der  deutschen
Bundespolitik  abhängig  gemacht  hätte.  Die  Situation  wurde
nicht  unter  dem  Gesichtspunkte  einer  vorwärts  strebenden
preußischen  Politik  betrachtet,  sondern  in  dem  gewohnheitsmäßigen
  Bestreben,  sich  den  Beifall  der  deutschen  Fürsten,  des
Kaisers  von  Oestreich  und  zugleich  der  deutschen  Presse  zu  erwerben,
  in  dem  unklaren  Bemühn  um  einen  idealen  Tugendpreis
  für  Hingebung  an  Deutschland,  ohne  irgend  eine  klare
Ansicht  über  die  Gestalt  des  Zieles,  die  Richtung,  in  der,  und
die  Mittel,  durch  die  es  zu  suchen  wäre.

Unter  dem  Einflusse  seiner  Gemalin  und  der  Wochenblatts-1)

  26.  Juli  1860.
Otto  Zürst  von  Bi  ömarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  21
        <pb n="346" />
        322  Zwölftes  Kapitel:  Rückblick  auf  die  preußische  Politik.

 

partei  war  der  Regent  1859  nahe  daran,  sich  an  dem  italienischen
  Kriege  zu  betheiligen.  Wäre  das  geschehn,  so  wurde  der
Krieg  von  einem  östreichisch-französischen  in  der  Hauptsache  zu
einem  preußisch-französischen  am  Rhein.  Rußland  in  dem  damals
  noch  sehr  lebendigen  Hasse  gegen  Oestreich  würde  mindestens
  gegen  uns  demonstrirt,  und  Oestreich,  sobald  wir  in  Krieg
mit  Frankreich  verwickelt  waren,  würde,  am  längern  Ende  des
politischen  Hebels  stehend,  erwogen  haben,  wie  weit  wir  siegen
durften.  Was  zu  Thugut's  Zeit  Polen,  war  damals  Deutschland
  auf  dem  Schachbrett.  Mein  Gedanke  war,  immerhin  zu
rüsten,  aber  zugleich  Oestreich  ein  Ultimatum  zu  stellen,  entweder
  unfre  Bedingungen  in  der  deutschen  Frage  anzunehmen
oder  unsern  Angriff  zu  gewärtigen.  Aber  die  Fiction  einer
sortdauernden  und  aufopfernden  Hingebung  für  „Deutschland“
nur  in  Worten,  nie  in  Thaten,  der  Einfluß  der  Prinzessin  und
ihres  den  östreichischen  Interessen  ergebenen  Ministers  von  Schleinitz,
  dazu  die  damals  gang  und  gäbe  Phraseologie  der  Parlamente,
  der  Vereine  und  der  Presse,  erschwerten  es  dem  Regenten,
  die  Lage  nach  seinem  eignen  klaren  und  hausbacknen
Verstande  zu  prüfen,  während  sich  in  seiner  politischen  und
persönlichen  Umgebung  Niemand  befand,  der  ihm  die  Nichtigkeit
  des  ganzen  Phrasenschwindels  klar  gemacht  und  ihm  gegenüber
  die  Sache  des  gesunden  deutschen  Interesses  vertreten
hätte.  Der  Regent  und  sein  damaliger  Minister  glaubten  an
die  Berechtigung  der  Redensart:  II  7  a  quelqu'un,  qui  a  plus
d'esprit  qdue  Monsieur  de  Talleyrand,  c'est  tout  le  monde  y.
Tout  le  monde  braucht  aber  in  der  That  zu  viel  Zeit,  um  das
Richtige  zu  erkennen,  und  in  der  Regel  ist  der  Moment,  in
dem  diese  Erkenntniß  benutzt  werden  konnte,  schon  vorüber,
wenn  tout  le  monde  dahinter  kommt,  was  eigentlich  hätte  gethan
  werden  sollen.

1)  Es  gibt  jemand,  der  mehr  Verstand  hat  als  Herr  v.  Talleyrand,
d.  i.  jedermann.
        <pb n="347" />
        Der  italienische  Krieg.  Politische  Querwirkungen.  323

 

Erst  die  innern  Kämpfe,  die  der  Regent  und  spätre  König
durchzumachen  hatte,  erst  die  Ueberzeugung,  daß  seine  Minister
der  neuen  Aera  nicht  nur  nicht  im  Stande  waren,  seine  Unterthanen
  glücklich  und  zufrieden  zu  machen  oder  im  Gehorsam
zu  erhalten  und  die  von  ihm  erstrebte  und  gehoffte  Zufriedenheit
  in  den  Wahlen  und  Parlamenten  zum  Ausdruck  zu  bringen,
erst  die  Schwierigkeiten,  welche  den  König  1862  zu  dem  Entschlusse
  der  Abdication  brachten,  übten  auf  das  Gemüth  und
das  gesunde  Urtheil  des  Königs  den  nöthigen  Einfluß,  um  seine
monarchischen  Auffassungen  von  1859  über  die  Brücke  der
dänischen  Frage  zu  dem  Standpunkte  von  1866  überzuleiten,
vom  Reden  zum  Handeln,  von  der  Phrase  zur  That.

Die  Leitung  der  auswärtigen  Politik  in  den  an  sich  schwierigen
  europäischen  Situationen  wurde  für  einen  Minister,  der
kühle  und  praktische  Politik  ohne  dynastische  Sentimentalität
und  ohne  höfischen  Byzantinismus  treiben  wollte,  durch  mächtige
Querwirxkungen  sehr  erschwert,  welche  am  stärksten  und  wirksamsten
  von  der  Königin  Augusta  und  deren  Minister  Schleinitz
geübt  wurden,  sowie  von  andern  fürstlichen  Einflüssen  und
Familien-Correspondenzen  neben  den  Insinuationen  feindlicher
Elemente  am  Hofe,  nicht  minder  von  den  jesuitischen  Organen
(Nesselrode  ½,  Stillfried  2c.),  von  Intriganten  und  befähigten
Rivalen,  wie  Goltz  und  Harry  Arnim,  und  unbefähigten,  wie
frühern  Ministern  und  Parlamentariern,  die  es  werden  wollten.
Es  gehörte  die  ganze  ehrliche  und  vornehme  Treue  des  Königs
für  seinen  ersten  Diener  dazu,  daß  er  in  seinem  Vertraun  zu
mir  nicht  wankend  wurde.

In  den  ersten  Tagen  des  Octobers?)  fuhr  ich  dem  Könige,
der  sich  am  30.  September,  dem  Geburtstage  seiner  Gemalin,
nach  Baden-Baden  begeben  hatte,  bis  Jüterbogk  entgegen  und
erwartete  ihn  in  dem  noch  unfertigen,  von  Reisenden  dritter

)  Oberhofmeister  der  Königin  und  Kaiserin  Augusta.
*?)  Am  4.  October  1862.
        <pb n="348" />
        324  Zwölftes  Kapitel:  Rückblick  auf  die  preußische  Politik.

 

Klasse  und  Handwerkern  gefüllten  Bahnhofe,  im  Dunkeln  auf
einer  umgestürzten  Schiebkarre  sitzend.  Meine  Absicht,  indem
ich  die  Gelegenheit  zu  einer  Unterredung  suchte,  war,  Se.  Majestät
  über  eine  Aufsehn  erregende  Aeußerung  zu  beruhigen,
welche  ich  am  30.  September  in  der  Budget-Commission  gethan
  hatte  und  die  zwar  nicht  stenographirt,  aber  in  den  Zeitungen
  ziemlich  getreu  wiedergegeben  war  ½).

Ich  hatte  für  Leute,  die  weniger  erbittert  und  von  Ehrgeiz
verblendet  waren,  deutlich  genug  gesagt,  wo  ich  hinaus  wollte.
Preußen  könne  —  das  war  der  Sinn  meiner  Rede  —  wie
schon  ein  Blick  auf  die  Karte  zeige,  mit  seinem  schmalen  langgestreckten
  Leibe  die  Rüstung,  deren  Deutschland  zu  seiner
Sicherheit  bedürfe,  allein  nicht  länger  tragen;  diese  müsse  sich
auf  alle  Deutschen  gleichmäßig  vertheilen.  Dem  Ziele  würden
wir  nicht  durch  Reden,  Vereine,  Majoritätsbeschlüsse  näher
kommen,  sondern  es  werde  ein  ernster  Kampf  nicht  zu  vermeiden
  sein,  ein  Kampf,  der  nur  durch  Eisen  und  Blut  erledigt
werden  könne.  Um  uns  darin  Erfolg  zu  sichern,  müßten  die
Abgeordneten  das  möglichst  große  Gewicht  von  Eisen  und  Blut
in  die  Hand  des  Königs  von  Preußen  legen,  damit  er  es  nach
seinem  Ermessen  in  die  eine  oder  die  andre  Wagschale  werfen
könne.  Ich  hatte  demselben  Gedanken  schon  im  Abgeordnetenhause
  1849  Schramm  gegenüber  auf  der  Tribüne  Ausdruck
gegeben  bei  Gelegenheit  einer  Amnestie-Debatte  5).

Roon,  der  zugegen  war,  sprach  beim  Nachhausegehn  seine
Unzufriedenheit  mit  meinen  Aeußerungen  aus,  sagte  u.  A.,  er
hielte  dergleichen  „geistreiche  Excurse“  unfrer  Sache  nicht  für
förderlich.  Meine  eignen  Gedanken  bewegten  sich  zwischen  dem
Wunsche,  Abgeordnete  für  eine  energische  nationale  Politik  zu
gewinnen,  und  der  Gefahr,  den  König  in  seiner  vorsichtigen

1)  Vgl.  Bismarck's  Politische  Reden  (Ausg.  von  H.  Kohl),  II.  Bd.

2.  Aufl.  S.  20  ff.  Vgl.  dazu  Rede  vom  28.  Jan.  1886  Bd.  XI  419.
2)  Vgl.  Rede  vom  22.  März  1849,  Politische  Reden  1  76  f.
        <pb n="349" />
        „Eisen  und  Blut.“  Muthlosigkeit  des  Königs.  325

 

und  gewaltsame  Mittel  scheuenden  Veranlagung  mißtrauisch
gegen  mich  und  meine  Absichten  zu  machen.  Um  dem  vermuthlichen
  Eindruck  der  Presse  auf  ihn  bei  Zeiten  entgegen  zu  wirken,
fuhr  ich  ihm  nach  Jüterbogk  entgegen.

Ich  hatte  einige  Mühe,  durch  Erkundigungen  bei  kurz  angebundnen
  Schaffnern  des  fahrplanmäßigen  Zuges  den  Wagen
zu  ermitteln,  in  dem  der  König  allein  in  einem  gewöhnlichen
Coupsé  erster  Klasse  saß.  Er  war  unter  der  Nachwirkung  des
Verkehrs  mit  seiner  Gemalin  sichtlich  in  gedrückter  Stimmung,
und  als  ich  um  die  Erlaubniß  bat,  die  Vorgänge  während
seiner  Abwesenheit  darzulegen,  unterbrach  er  mich  mit  den
Worten:

„Ich  sehe  ganz  genau  voraus,  wie  das  Alles  endigen  wird.
Da  vor  dem  Opernplatz,  unter  meinen  Fenstern,  wird  man
Ihnen  den  Kopf  abschlagen  und  etwas  später  mir.“

Ich  errieth,  und  es  ist  mir  später  von  Zeugen  bestätigt
worden,  daß  er  während  des  achttägigen  Aufenthalts  in  Baden
mit  Variationen  über  das  Thema  Polignac,  Strafford,  Ludwig
  XVI.  bearbeitet  worden  war.  Als  er  schwieg,  antwortete
ich  mit  der  kurzen  Phrase  „Et  après,  Sire?“  —  „Ja,  aprds,
dann  sind  wir  todt!“  erwiderte  der  König.  „Ja/“  fuhr  ich
sort,  „dann  sind  wir  todt,  aber  sterben  müssen  wir  früher  oder
später  doch,  und  können  wir  anständiger  umkommen?  Ich  selbst
im  Kampfe  für  die  Sache  meines  Königs,  und  Eure  Mazjestät,
indem  Sie  Ihre  königlichen  Rechte  von  Gottes  Gnaden  mit
dem  eignen  Blute  besiegeln,  ob  auf  dem  Schaffot  oder  auf
dem  Schlachtfelde,  ändert  nichts  an  dem  rühmlichen  Einsetzen
von  Leib  und  Leben  für  die  von  Gottes  Gnaden  verliehnen
Rechte.  Eure  Majestät  müssen  nicht  an  Ludwig  XVI.  denken;

1)  Polignac  wurde  als  reactionärer  Minister  Karl's  X.  von  Frankreich
  am  21.  December  1830  zu  ewigem  Gefängniß  und  bürgerlichem
Tode  verurtheilt;  Strafford,  Minister  Karl's  I.  von  England,  wurde  am
12.  Mai  1641  hingerichtet;  Ludwig  XVI.  am  21.  Januar  1793.
        <pb n="350" />
        326  Zuwölftes  Kapitel:  Rückblick  auf  die  preußische  Politik.

 

der  lebte  und  starb  in  einer  schwächlichen  Gemüthsverfassung
und  macht  kein  gutes  Bild  in  der  Geschichte.  Karl  I.  #)  dagegen,
  wird  er  nicht  immer  eine  vornehme  historische  Erscheinung
  bleiben,  wie  er,  nachdem  er  für  sein  Recht  das  Schwert
gezogen,  die  Schlacht  verloren  hatte,  ungebeugt  seine  königliche
Gesinnung  mit  seinem  Blute  bekräftigte?  Eure  Maojestät  sind
in  der  Nothwendigkeit  zu  fechten,  Sie  können  nicht  capituliren,
Sie  müssen,  und  wenn  es  mit  körperlicher  Gefahr  wäre,  der
Vergewaltigung  entgegentreten.“

Je  länger  ich  in  diesem  Sinne  sprach,  desto  mehr  belebte
sich  der  König  und  fühlte  sich  in  die  Rolle  des  für  Königthum
und  Vaterland  kämpfenden  Offiziers  hinein.  Er  war  äußern
und  persönlichen  Gefahren  gegenüber  von  einer  seltnen  und
ihm  absolut  natürlichen  Furchtlosigkeit,  auf  dem  Schlachtfelde
wie  Attentaten  gegenüber;  seine  Haltung  in  jeder  äußern  Gefahr
  hatte  etwas  Herzerhebendes  und  Begeisterndes.  Der
ideale  Typus  des  preußischen  Offiziers,  der  dem  sichern  Tode
im  Dienste  mit  dem  einfachen  Worte  „Zu  Befehl“  selbstlos
und  furchtlos  entgegengeht,  der  aber,  wenn  er  auf  eigne  Verantwortung

  handeln  soll,  die  Kritik  des  Vorgesetzten  oder  der
Welt  mehr  als  den  Tod  und  dergestalt  fürchtet,  daß  die  Energie
nund  Richtigkeit  seiner  Entschließung  durch  die  Furcht  vor  Verweis
  und  Tadel  beeinträchtigt  wird,  dieser  Typus  war  in  ihm
*  im  höchsten  Grade  ausgebildet.  Er  hatte  sich  bis  dahin  auf
seiner  Fahrt  nur  gefragt,  ob  er  vor  der  überlegnen  Kritik
seiner  Frau  Gemalin  und  vor  der  öffentlichen  Meinung  in
Preußen  mit  dem  Wege,  den  er  mit  mir  einschlug,  würde
bestehn  können.  Dem  gegenüber  war  die  Wirkung  unfrer
Unterredung  in  dem  dunklen  Coupé,  daß  er  die  ihm  nach  der
Situation  zufallende  Rolle  mehr  vom  Standpunkte  des  Offiziers
auffaßte.  Er  fühlte  sich  bei  dem  Porte-épée  gefaßt  und  in  der

1)  Hingerichtet  am  30.  Januar  1619.
        <pb n="351" />
        Wie  Bismarck  die  Muthlosigkeit  des  Königs  überwand.  327

 

Lage  eines  Offiziers,  der  die  Aufgabe  hat,  einen  bestimmten
Posten  auf  Tod  und  Leben  zu  behaupten,  gleichviel,  ob  er
darauf  umkommt  oder  nicht.  Damit  war  er  auf  einen  seinem
ganzen  Gedankengange  vertrauten  Weg  gestellt  und  fand  in
wenigen  Minuten  die  Sicherheit  wieder,  um  die  er  in  Baden
gebracht  worden  war,  und  selbst  seine  Heiterkeit.  Das  Leben
für  König  und  Vaterland  einzusetzen,  war  die  Pflicht  des
preußischen  Offiziers,  um  so  mehr  die  des  Königs  als  des
ersten  Offiziers  im  Lande.  Sobald  er  seine  Stellung  unter
dem  Gesichtspunkte  der  Offiziersehre  betrachtete,  hatte  sie  für
ihn  ebenso  wenig  Bedenkliches  wie  für  jeden  normalen  preußischen
  Offizier  die  instructionsmäßige  Vertheidigung  eines  vielleicht
  verlornen  Postens.  Er  war  der  Sorge  vor  der  „Manöverkritik“,
  welche  von  der  öffentlichen  Meinung,  der  Geschichte
und  der  Gemalin  an  seinem  politischen  Manöver  geübt  werden
könnte,  überhoben.  Er  fühlte  sich  ganz  in  der  Aufgabe  des
ersten  Offiziers  der  Preußischen  Monarchie,  für  den  der  Untergang
  im  Dienste  ein  ehrenvoller  Abschluß  der  ihm  gestellten
Aufgabe  ist.  Der  Beweis  der  Richtigkeit  meiner  Beurtheilung
ergab  sich  daraus,  daß  der  König,  den  ich  in  Jüterbogk  matt,
niedergeschlagen  und  entmuthigt  gesunden  hatte,  schon  vor  der
Ankunft  in  Berlin  in  eine  heitre,  man  kann  sagen,  fröhliche
und  kampflustige  Stimmung  gerieth,  die  sich  den  empfangenden
Ministern  und  Beamten  gegenüber  auf  das  Unzweideutigste  erkennbar
  machte.

Wenn  auch  die  abschreckenden  geschichtlichen  Reminiscenzen,
die  man  dem  Könige  in  Baden  als  Beweise  beschränkter  Ungeschicklichkeit
  vorgehalten  hatte,  auf  unfre  Verhältnisse  nur  eine
unehrliche  oder  phantastische  Anwendung  finden  konnten,  so
war  unfre  Situation  doch  ernst  genug.  Einzelne  fortschrittliche
Zeitungen  hofften,  mich  zum  Besten  des  Staates  Wolle  spinnen
zu  sehn,  und  am  17.  Februar  1863  erklärte  das  Abgeordnetenhaus
  mit  274  gegen  45  Stimmen  die  Minister  für  verfassungs-
        <pb n="352" />
        328  Zwölftes  Kapitel:  Rückblick  auf  die  preußische  Politik.

widrige  Ausgaben  mit  ihrer  Person  und  ihrem  Vermögen  haftbar.
  Mir  wurde  der  Plan  suggerirt,  meinen  Grundbesitz,  um
ihn  zu  retten,  auf  meinen  Bruder  ½  zu  übertragen;  die  Cession
an  meinen  Bruder,  um  das  Object  der  bei  einem  Thronwechsel
nicht  absolut  unmöglichen  Confiscation  meines  Vermögens  zu
entziehn,  hätte  aber  einen  Eindruck  von  Aengstlichkeit  und  Geldsorge
  gemacht,  der  mir  widerstrebte.  Auch  war  mein  Sitz  im
Herrnhause  an  Kniephof  geknüpft.

1)  Bernhard  v.  Bismarck.
        <pb n="353" />
        Dreizehntes  Kapitel.
Dynastien  und  Stämme.

Niemals,  auch  in  Frankfurt  nicht,  bin  ich  darüber  in  Zweifel
gewesen,  daß  der  Schlüssel  zur  deutschen  Politik  bei  den  Fürsten
und  Dynastien  lag  und  nicht  bei  der  Publicistik  in  Parlament
und  Presse  oder  bei  der  Barrikade.  Die  Kundgebungen  der
öffentlichen  Meinung  der  Gebildeten  in  Parlament  und  Presse
konnten  fördernd  und  aufhaltend  auf  die  Entschließung  der  Dynastien
  wirken,  aber  sie  förderten  zugleich  das  Widerstreben  der
letztern  vielleicht  häufiger,  als  daß  sie  eine  Pression  in  nationaler
Richtung  ausgeübt  hätten.  Schwächere  Dynastien  suchten  Schutz
in  Anlehnung  bei  der  nationalen  Sache,  Herrscher  und  Häuser,
die  sich  zum  Widerstande  fähiger  fühlten,  mißtrauten  der  Bewegung,
  weil  mit  der  Förderung  der  deutschen  Einheit  eine
Verminderung  der  Unabhängigkeit  zu  Gunsten  der  Centralgewalt
oder  der  Volksvertretung  in  Aussicht  stand.  Die  preußische
Dynastie  konnte  voraussehn,  daß  ihr  die  Hegemonie  mit  einer
Vermehrung  von  Ansehn  und  Macht  im  künftigen  Deutschen
Reiche  schließlich  zufallen  würde.  Ihr  kam  die  von  den  andern
Dynastien  befürchtete  capitis  deminutio  ½  voraussichtlich  zu  Gute,
so  weit  sie  nicht  durch  ein  nationales  Parlament  absorbirt  wurde.
Seit  im  Frankfurter  Bundestage  die  dualistische  Auffassung
Oestreich-Preußen,  unter  deren  Eindruck  ich  dorthin  gekommen
war,  dem  Gefühl  der  Nothwendigkeit  Platz  gemacht  hatte,  unfre
Stellung  gegen  präsidiale  Angriffe  und  Ueberlistungen  zu  wahren,

1)  Machtverminderung.
        <pb n="354" />
        330  Dreizehntes  Kapitel:  Dynastien  und  Stämme.

nachdem  ich  den  Eindruck  erhalten  hatte,  daß  die  gegenseitige
Anlehnung  von  Oestreich  und  Preußen  ein  Jugendtraum  war,
entstanden  durch  Nachwirkung  der  Freiheitskriege  und  der  Schule,
nachdem  ich  mich  überzeugt  hatte,  daß  das  Oestreich,  mit  dem
ich  bis  dahin  gerechnet,  für  Preußen  nicht  existirte:  gewann  ich
die  Ueberzeugung,  daß  auf  der  Basis  der  bundestäglichen  Autorität
  nicht  einmal  die  vormärzliche  Stellung  Preußens  im  Bunde
zurückzugewinnen,  geschweige  denn  eine  Reform  der  Bundesverfassung
  möglich  sein  werde,  durch  die  das  deutsche  Volk  der
Verwirklichung  seines  Anspruchs  auf  völkerrechtliche  Existenz  als
eine  der  großen  europäischen  Nationen  Aussicht  erhalten  hätte.

Ich  erinnre  mich  eines  Wendepunkts,  der  in  meinen  Ansichten
eintrat,  als  ich  in  Frankfurt  die  mir  bis  dahin  unbekannte  Depesche
des  Fürsten  Schwarzenberg  vom  7.  December  1850  zu  lesen
bekam,  in  welcher  er  die  Olmützer  Ergebnisse  so  darstellt,  als
ob  es  von  ihm  abgehangen  hätte,  Preußen  „zu  demüthigen“
oder  großmüthig  zu  pardonniren.  Der  mecklenburgische  Gesandte,
  Herr  von  Oertzen,  mein  ehrlicher  und  conservativer  Gesinnungsgenosse
  in  dualistischer  Politik,  mit  dem  ich  darüber
sprach,  suchte  mein  durch  diese  Schwarzenbergische  Depesche
verletztes  preußisches  Gefühl  zu  besänftigen.  Trotz  der  für
preußisches  Gefühl  demüthigenden  Inferiorität  unfres  Auftretens
  in  Olmütz  und  Dresden  war  ich  noch  gut  östreichisch
nach  Frankfurt  gekommen;  der  Einblick  in  die  Schwarzenbergische
  Politik  „avilir,  puis  démolir"  1),  den  ich  dort  actenmäßig
gewann,  enttäuschte  meine  jugendlichen  Illusionen.  Der  gordische
  Knoten  deutscher  Zustände  ließ  sich  nicht  in  Liebe  dua-1)

  „Erst  schwächen,  dann  vernichten.“  —  Ob  Schwarzenberg  das
berüchtigte  Wort  wirklich  gesprochen  hat,  muß  als  fraglich  gelten.  Nach
Flathe,  Restauration  und  Revolution  S.  691  soll  er  es  einer  deutschen
Fürstin  gegenüber  ausgesprochen  haben,  doch  hat  sich  ein  Erweis  noch
nicht  erbringen  lassen,  vgl.  Zeißberg,  Allg.  D.  Biogr.  Bd.  33,  284.  —
Die  Depesche  vom  7.  Dec.  1850  ist  noch  unveröffentlicht.
        <pb n="355" />
        Preußens  mißachtete  Stellung  im  Bunde.  Dynastische  Anhänglichkeit.  331

 

listisch  lösen,  nur  militärisch  zerhaun;  es  kam  darauf  an,  den
König  von  Preußen,  bewußt  oder  unbewußt,  und  damit  das
preußische  Heer  für  den  Dienst  der  nationalen  Sache  zu  gewinnen,
  mochte  man  vom  borussischen  Standpunkte  die  Führung
Preußens  oder  auf  dem  nationalen  die  Einigung  Deutschlands
als  die  Hauptsache  betrachten;  beide  Ziele  deckten  einander.
Das  war  mir  klar,  und  ich  deutete  es  an,  als  ich  in  der  Budgetcommission
  (30.  September  1862)  die  vielfach  entstellte  Aeußerung
  über  Eisen  und  Blut  that  ½.

Preußen  war  nominell  eine  Großmacht,  jedenfalls  die
fünfte;  es  hatte  diese  Stellung  durch  die  geistige  Ueberlegenheit
Friedrich's  des  Großen  erlangt  und  durch  die  gewaltigen
Leistungen  der  Volkskraft  1813  rehabilitirt.  Ohne  die  ritterliche
  Haltung  des  Kaisers  Alexander  I.,  die  er  von  1812  an
unter  Steinischem,  jedenfalls  deutschem  Einfluß  bis  zum  Wiener
Congreß  beobachtete,  wäre  es  fraglich  geblieben,  ob  die  nationale
  Begeisterung  der  vier  Millionen  Preußen  des  Tilsiter
Friedens  und  einer  andern  vielleicht  gleichen  Zahl  von  sympathizers?)
  in  altpreußischen  oder  deutschen  Ländern  genügt
hätte,  von  der  damaligen  Humboldt'schen  und  Hardenberg'schen
Diplomatie  und  der  Schüchternheit  Friedrich  Wilhelm's  III.  so
verwerthet  zu  werden,  daß  auch  nur  die  künstliche  Neubildung
Preußens,  so  wie  sie  1815  geschah,  zu  Stande  gekommen  wäre.
Das  Körpergewicht  Preußens  entsprach  damals  nicht  seiner
geistigen  Bedeutung  und  seiner  Leistung  in  den  Freiheitskriegen.

Deutscher  Patriotismus  bedarf  in  der  Regel,  um  thätig  und
wirksam  zu  werden,  der  Vermittlung  dynastischer  Anhänglichkeit;
unabhängig  von  letztrer  kommt  er  praktisch  nur  in  seltnen  Fällen
zur  Hebung,  wenn  auch  theoretisch  täglich,  in  Parlamenten,
Zeitungen  und  Versammlungen;  in  praxi  )  bedarf  der  Deutsche

1)  S.  o.  S.  324.
2)  Mitfühlende  Freunde.
:)  In  Wirklichkeit.
        <pb n="356" />
        332  Dreizehntes  Kapitel:  Dynastien  und  Stämme.

 

einer  Dynastie,  der  er  anhängt,  oder  einer  Reizung,  die  in  ihm
den  Zorn  weckt,  der  zu  Thaten  treibt.  Letztre  Erscheinung  ist
aber  ihrer  Natur  nach  keine  dauernde  Institution.  Als  Preuße,
Hanoveraner,  Würtemberger,  Baier,  Hesse  ist  er  früher  bereit,
seinen  Patriotismus  zu  documentiren  wie  als  Deutscher;  und
in  den  untern  Klassen  und  in  Parlaments-Fractionen  wird  es
noch  lange  dauern,  ehe  das  anders  wird.  Man  kann  nicht  sagen,
daß  die  hanöversche,  die  hessische  Dynastie  und  andre  sich  besonders
  bemüht  hätten,  sich  das  Wohlwollen  ihrer  Unterthanen
zu  erwerben,  aber  dennoch  wird  der  deutsche  Patriotismus  der
letztern  wesentlich  bedingt  durch  ihre  Anhänglichkeit  an  die
Dynastie,  nach  welcher  sie  sich  nennen.  Es  sind  nicht  Stammesunterschiede,
  sondern  dynastische  Beziehungen,  auf  denen  die
centrifugalen  Elemente  ursprünglich  beruhn.  Es  kommt  nicht
die  Anhänglichkeit  an  schwäbische,  niedersächsische,  thüringische
Eigenthümlichkeit  zur  Hebung,  sondern  die  durch  die  Dynastien
Braunschweig,  Brabant,  Wittelsbach  zu  einem  dynastischen  Antheil
  an  dem  Körper  der  Nation  gesonderten  Convolute  der
Herrschaft  einer  fürstlichen  Familie.  Der  Zusammenhang  des
Königreichs  Baiern  beruht  nicht  nur  auf  dem  bajuvarischen
Stamme,  wie  er  im  Süden  Baierns  und  in  Oestreich  vorhanden
ist,  sondern  der  Augsburger  Schwabe,  der  Pfälzer  Alemanne
und  der  Mainfranke,  sehr  verschiednen  Geblüts,  nennen  sich  mit
derselben  Genugthuung  Baiern,  wie  der  Altbaier  in  München
und  Landshut,  lediglich  weil  sie  mit  den  letztern  durch  die  gemeinschaftliche
  Dynastie  seit  drei  Menschenaltern  verbunden  sind.
Die  am  meisten  ausgeprägten  Stammeseigenthümlichkeiten,  die
niederdeutsche,  plattdeutsche,  sächsische,  sind  durch  dynastische  Einflüsse
  schärfer  und  tieser  als  die  übrigen  Stämme  geschieden.
Die  deutsche  Vaterlandsliebe  bedarf  eines  Fürsten,  auf  den  sich
ihre  Anhänglichkeit  concentrirt.  Wenn  man  den  Zustand  fingirte,
daß  sämmtliche  deutsche  Dynastien  plötzlich  beseitigt  wären,  so
wäre  nicht  wahrscheinlich,  daß  das  deutsche  Nationalgefühl  alle
        <pb n="357" />
        Stärke  der  dynastischen  Anhänglichkeit  in  Deutschland.  333

 

Deutschen  in  den  Frictionen  europäischer  Politik  völkerrechtlich
zusammenhalten  würde,  auch  nicht  in  der  Form  föderirter  Hansestädte
  und  Reichsdörfer.  Die  Deutschen  würden  fester  geschmiedeten
  Nationen  zur  Beute  fallen,  wenn  ihnen  das  Bindemittel
verloren  ginge,  welches  in  dem  gemeinsamen  Standesgefühl  der
Fürsten  liegt.

Die  geschichtlich  am  stärksten  ausgeprägte  Stammeseigenthümlichkeit
  in  Deutschland  ist  wohl  die  preußische,  und  doch
wird  Niemand  die  Frage  mit  Sicherheit  beantworten  können,
ob  der  staatliche  Zusammenhang  Preußens  fortbestehn  würde,
wenn  man  sich  die  Dynastie  Hohenzollern  und  jede,  die  ihr
rechtlich  nachfolgen  könnte,  verschwunden  denkt.  Ist  es  wohl
sicher,  daß  der  östliche  und  der  westliche  Theil,  daß  Pommern,
Hanoveraner,  Holsteiner  und  Schlesier,  daß  Aachen  und  Königsberg,
  im  untrennbaren  preußischen  Nationalstaat  verbunden,  ohne
die  Dynastie  so  weiter  leben  würden?  Würde  Baiern,  isolirt
gedacht,  geschlossen  zusammenhalten,  wenn  die  Wittelsbacher
Dynastie  spurlos  verschwunden  wäre?  Einige  Dynastien  haben
manche  Erinnrungen,  die  nicht  grade  geeignet  sind,  die  heterogenen
  Theile,  aus  denen  diese  Staaten  geschichtlich  gebildet  sind,
mit  Anhänglichkeit  zu  erfüllen.  Das  Land  Schleswig-Holstein
hat  garkeine  dynastischen  Erinnrungen,  namentlich  nicht  im  antigottorpischen
  Sinne,  und  doch  hat  die  Aussicht,  einen  selbständigen
  kleinen  Hof  mit  Ministern,  Hofmarschällen  und  Orden
neu  bilden  zu  können  und  auf  Kosten  der  preußischen  und
östreichischen  Bundesleistungen  eine  kleinstaatliche  Existenz  zu
führen,  recht  starke  particularistische  Bewegungen  in  den  Elbherzogthümern
  hervorgerufen.  Das  Großherzogthum  Baden
hat  seit  dem  Markgrafen  Ludwig  vor  Belgrad  i)  kaum  eine
dynastische  Erinnrung;  das  rasche  Anwachsen  dieses  kleinen
Fürstenthums  unter  französischer  Protection  im  Rheinbunde,

1)  Lies:  Ofsen.  Während  der  Belagerung  von  Belgrad  Aug.-Sept.
1088  war  Markgraf  Ludwig  in  Bosnien.
        <pb n="358" />
        334  Dreizehntes  Kapitel:  Dynastien  und  Stämme.

 

das  Hofleben  der  letzten  Fürsten  der  alten  Linie,  die  eheliche
Verbindung  mit  dem  Hause  Beauharnais,  die  Caspar  Hauser-Geschichte
  ),  die  revolutionären  Vorgänge  von  1832,  die  Vertreibung
  des  bürgerfreundlichen  Großherzogs  Leopold  ),  die
Vertreibung  des  regirenden  Hauses  1849  haben  den  Zwang
der  dynastischen  Fügsamkeit  im  Lande  nicht  brechen  können,  und
Baden  hat  1866  seinen  Krieg  gegen  Preußen  und  die  deutsche
Idee  geführt,  weil  die  dynastischen  Interessen  des  regirenden
Hauses  es  unabweislich  machten.

Die  andern  europäischen  Völker  bedürfen  einer  solchen  Vermittlung
  für  ihren  Patriotismus  und  ihr  Nationalgefühl  nicht.
Polen,  Ungarn,  Italiener,  Spanier,  Franzosen  würden  unter
einer  jeden  Dynastie  oder  ganz  ohne  eine  solche  ihren  einheitlichen
  Zusammenhang  als  Nation  bewahren.  Die  germanischen
Stämme  des  Nordens,  die  Schweden  und  Dänen,  haben  sich
von  dynastischer  Sentimentalität  ziemlich  frei  erwiesen,  und  in
England  gehört  zwar  der  äußerliche  Respect  vor  der  Krone  zu
den  Erfordernissen  der  guten  Gesellschaft  und  wird  die  fsormale

1)  Prinz  Karl  von  Baden,  Enkel  des  Großherzogs  Karl  Friedrich,
dem  er  1811  in  der  Regirung  nachfolgte,  nahm  auf  Wunsch  Napoleon's
dessen  Adoptivtochter  Stephanie  Beauharnais  (Tochter  des  Generals
Claude  de  Beauharnais)  1806  zur  Frau;  nach  dem  Sturze  Napoleon's
vielfach  angefeindet,  wurde  die  Großherzogin  von  ihrem  Gatten,  der  sich
nur  ungern  von  Napoleon  getrennt  hatte,  geschützt.  Zwei  Söhne  des
großherzoglichen  Paares  starben  im  zarten  Kindesalter,  während  die
Töchter  am  Leben  blieben.  Da  über  das  Erbfolgerecht  des  einer  nicht
voll  ebenbürtigen  Seitenlinie  angehörenden  Grafen  Hochberg  bis  zum
4.  October  1817  im  großherzoglichen  Hause  Zwiespalt  bestand,  so  kam
später  der  Verdacht  auf,  daß  die  Söhne  der  Großherzogin  Stephanie
gewaltsam  beseitigt  worden  seien.  Man  hielt  den  am  26.  Mai  1828  zu
Nürnberg  plötzlich  auftauchenden  Findling  Caspar  Hauser  für  den  am
29.  September  1812  geborenen  Sohn  der  Großherzogin  Stephanie.  An
die  „Caspar  Hauser-Geschichte“  wurde  auch  in  hohen  Kreisen  theilweise
ernsthaft  geglaubt.  Aus  dem  badischen  Hausarchive  veröffentlichte  man
im  Jahre  1875  die  Urkunden  über  Geburt,  Nothtaufe,  Section,  Beerdigung
  des  am  16.  October  1812  gestorbenen  Erbprinzen.

:)  Mai  184)0.
        <pb n="359" />
        Dynast.  Anhänglichkeit  eine  specifisch  reichsdeutsche  Eigenthümlichkeit.  335

 

Erhaltung  des  Königthums  von  allen  den  Parteien,  die  bisher
an  der  Herrschaft  Antheil  gehabt  haben,  für  nützlich  gehalten,
aber  ich  glaube  nicht,  daß  das  Volk  zerfallen  oder  daß  ähnliche
Gefühle,  wie  zur  Zeit  der  Jacobiten  ½),  sich  thatkräftig  geltend
machen  würden,  wenn  die  geschichtliche  Entwicklung  einen
Dynastiewechsel  oder  den  Uebergang  zur  Republik  für  das
britische  Volk  nöthig  oder  nützlich  erscheinen  ließe.

Das  Vorwiegen  der  dynastischen  Anhänglichkeit  und  die  Unentbehrlichkeit
  einer  Dynastie  als  Bindemittel  für  das  Zusammenhalten
  eines  bestimmten  Bruchtheils  der  Nation  unter  dem
Namen  der  Dynastie  ist  eine  specifisch  reichsdeutsche  Eigenthümlichkeit.
  Die  besondern  Nationalitäten,  die  sich  bei  uns  auf
der  Basis  des  dynastischen  Familienbesitzes  gebildet  haben,  begreifen
  in  sich  in  den  meisten  Fällen  Heterogene,  deren  Zusammengehörigkeit
  weder  auf  der  Gleichheit  des  Stammes  noch
auf  der  Gleichheit  der  geschichtlichen  Entwicklung  beruht,  sondern
ausschließlich  auf  der  Thatsache  einer  in  vielen  Fällen  anfechtbaren
  Erwerbung  durch  die  Dynastie  nach  dem  Rechte  des
Stärkern  oder  des  erbrechtlichen  Anfalls  vermöge  der  Verwandschaft,
  der  Erbverbrüderung  oder  der  bei  Wahlcapitulationen
  von  dem  kaiserlichen  Hofe  erlangten  Anwartschaft.
Welches  immer  der  Ursprung  dieser  particularistischen  Zusammengehörigkeit
  in  Deutschland  ist,  das  Ergebniß  derselben  bleibt  die
Thatsache,  daß  der  einzelne  Deutsche  leicht  bereit  ist,  seinen
deutschen  Nachbarn  und  Stammesgenossen  mit  Feuer  und
Schwert  zu  bekämpfen  und  persönlich  zu  tödten,  wenn  infolge
von  Streitigkeiten,  die  ihm  selbst  nicht  verständlich  sind,  der
dynastische  Befehl  dazu  ergeht.  Die  Berechtigung  und  Vernünftigkeit
  dieser  Eigenthümlichkeit  zu  prüfen,  ist  nicht  die  Aufgabe
  eines  deutschen  Staatsmannes,  so  lange  sie  sich  kräftig
genug  erweist,  um  mit  ihr  rechnen  zu  können.  Die  Schwierig-1)

  Jacobiten  nannte  man  die  Anhänger  des  1688  vertriebenen  Königs
Jacob  II.  Stuart  und  seiner  Nachkommen.
        <pb n="360" />
        336  Dreizehntes  Kapitel:  Dynastien  und  Stämme.

keit,  sie  zu  zerstören  und  zu  ignoriren  oder  die  Einheit  theoretisch
zu  fördern,  ohne  Rücksicht  auf  dieses  praktische  Hemmniß,  ist
für  die  Vorkämpfer  der  Einheit  oft  verhängnißvoll  gewesen,
namentlich  bei  Benutzung  der  günstigen  Umstände  der  nationalen
Bewegung  von  1848  bis  1850.  Ich  habe  ein  volles  Verständniß
für  die  Anhänglichkeit  der  heutigen  welfischen  Partei  an  die  alte
Dynastie,  und  ich  weiß  nicht,  ob  ich  ihr,  wenn  ich  als  Alt-Hanoveraner
  geboren  wäre,  nicht  angehörte.  Aber  ich  würde
auch  in  dem  Falle  immer  der  Wirkung  des  nationalen  deutschen
Gefühls  mich  nicht  entziehn  können  und  mich  nicht  wundern,
wenn  die  vis  major  )  der  Gesammtnationalität  meine  dynastische
Mannestreue  und  persönliche  Vorliebe  schonungslos  vernichtete.
Die  Aufgabe,  mit  Anstand  zu  Grunde  zu  gehn,  fällt  in  der
Politik,  und  nicht  blos  in  der  deutschen,  auch  andern  und  stärker
berechtigten  Gemüthsbewegungen  zu,  und  die  Unfähigkeit,  sie
zu  erfüllen,  vermindert  einigermaßen  die  Sympathie,  welche
die  kurbraunschweigische  Vasallentreue  mir  einflößt.  Ich  sehe
in  dem  deutschen  Nationalgefühl  immer  die  stärkre  Kraft  überall,
wo  sie  mit  dem  Particularismus  in  Kampf  geräth,  weil  der
letztre,  auch  der  preußische,  selbst  doch  nur  entstanden  ist  in  Auflehnung
  gegen  das  gesammtdeutsche  Gemeinwesen,  gegen  Kaiser
und  Reich,  im  Abfall  von  Beiden,  gestützt  auf  päpstlichen,  später
französischen,  in  der  Gesammtheit  welschen  Beistand,  die  alle
dem  deutschen  Gemeinwesen  gleich  schädlich  und  gefährlich  waren.
Für  die  welfischen  Bestrebungen  ist  für  alle  Zeit  ihr  erster
Merkstein  in  der  Geschichte,  der  Abfall  Heinrich's  des  Löwen
vor  der  Schlacht  bei  Legnano  5),  entscheidend,  die  Desertion  von
Kaiser  und  Reich  im  Augenblick  des  schwersten  und  gefährlichsten
Kampfes  aus  persönlichem  und  dynastischem  Interesse.

Dynastische  Interessen  haben  in  Deutschland  insoweit  eine
Berechtigung,  als  sie  sich  dem  allgemeinen  nationalen  Reichs-4)

  Die  stärkere  Kraft.

„)  29.  Mai  1170.
        <pb n="361" />
        Welfentreue.  Inwieweit  sind  dynastische  Interessen  berechtigt?  337

 

interesse  anpassen;  sie  können  mit  diesem  sehr  wohl  Hand  in
Hand  gehn,  und  ein  reichstreuer  Herzog  im  alten  Sinne  ist
dem  Ganzen  unter  Umständen  nützlicher  als  direkte  Beziehungen
des  Kaisers  zu  den  herzoglichen  Hintersassen.  So  weit  aber
die  dynastischen  Interessen  uns  mit  neuer  Zersplitterung  und
Ohnmacht  der  Nation  bedrohn  sollten,  müßten  sie  auf  ihr  richtiges
  Maß  zurückgeführt  werden.  Das  deutsche  Volk  und  sein
nationales  Leben  können  nicht  unter  fürstlichen  Privatbesitz  vertheilt
  werden.  Ich  bin  mir  jeder  Zeit  klar  darüber  gewesen,
daß  diese  Erwägung  auf  die  kurbrandenburgische  Dynastie  dieselbe
  Anwendung  findet  wie  auf  die  bairische,  die  welfische  und
andre;  ich  würde  gegen  das  brandenburgische  Fürstenhaus  keine
Waffen  gehabt  haben,  wenn  ich  ihm  gegenüber  mein  deutsches
Nationalgefühl  durch  Bruch  und  Auflehnung  hätte  bethätigen
müssen;  die  geschichtliche  Prädestination  lag  aber  so,  daß  meine
höfischen  Talente  hinreichten,  um  den  König  und  damit  schließlich
  sein  Heer  der  deutschen  Sache  zu  gewinnen.  Ich  habe  gegen
den  preußischen  Particularismus  vielleicht  noch  schwierigere
Kämpfe  durchzuführen  gehabt  als  gegen  den  der  übrigen  deutschen
  Staaten  und  Dynastien,  und  mein  angebornes  Verhältniß
zu  dem  Kaiser  Wilhelm  I.  hat  mir  diese  Kämpfe  erschwert.
Doch  ist  es  mir  schließlich  stets  gelungen,  trotz  der  starken  dynastischen,
  aber  Dank  der  dynastisch  berechtigten  und  in  entscheidenden
  Momenten  immer  stärker  werdenden  nationalen  Strebungen
  des  Kaisers  seine  Zustimmung  für  die  deutsche  Seite
unsrer  Entwicklung  zu  gewinnen,  auch  wenn  eine  mehr  dynastische
und  particularistische  von  allen  andern  Seiten  geltend  gemacht
wurde.  In  der  Nikolsburger  Situation  wurde  mir  dies  nur
mit  dem  Beistande  des  damaligen  Kronprinzen  möglich  1.  Die
territoriale  Souveränetät  der  einzelnen  Fürsten  hatte  sich  im
Laufe  der  deutschen  Geschichte  zu  einer  unnatürlichen  Höhe  ent-1)

  S.  Bd.  II  S.  54  f.

Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  22
        <pb n="362" />
        338  Dreizehntes  Kapitel:  Dynastien  und  Stämme.

 

 

wickelt;  die  einzelnen  Dynastien,  Preußen  nicht  ausgenommen,
hatten  an  sich  dem  deutschen  Volke  gegenüber  auf  Zerstücklung
des  letztern  für  ihren  Privatbesitz,  auf  den  souveränen  Antheil
am  Leibe  des  Volkes  niemals  ein  höheres  historisches  Recht,
als  unter  den  Hohenstaufen  und  unter  Karl  V.  in  ihrem  Besitz
war.  Die  unbeschränkte  Staatssouveränetät  der  Dynastien,  der
Reichsritter,  der  Reichsstädte  und  Reichsdörfer  war  eine  revolutionäre
  Errungenschaft  auf  Kosten  der  Nation  und  ihrer  Einheit.
Ich  habe  stets  den  Eindruck  des  Unnatürlichen  von  der  Thatsache
gehabt,  daß  die  Grenze,  welche  den  niedersächsischen  Altmärker
bei  Salzwedel  von  dem  kurbraunschweigischen  Niedersachsen  bei
Lüchow,  in  Moor  und  Heide  dem  Auge  unerkennbar,  trennt,
doch  den  zu  beiden  Seiten  plattdeutsch  redenden  Niedersachsen
an  zwei  verschiedne,  einander  unter  Umständen  feindliche  völkerrechtliche
  Gebilde  verweisen  will,  deren  eines  von  Berlin,  und
das  andre  früher  von  London,  später  von  Hanover  regirt  wurde,
das  eine  Auge  rechts  nach  Osten,  das  andre  Auge  links  nach
Westen  bereit  stand,  und  daß  friedliche  und  gleichartige,  im
Conubium  verkehrende  Bauern  dieser  Gegend,  der  eine  für
welfisch-habsburgische,  der  andre  für  hohenzollern'sche  Interessen
auf  einander  schießen  sollten.  Daß  dies  überhaupt  möglich  war,
beweist  die  Tiese  und  Gewalt  des  Einflusses  dynastischer  Anhänglichkeit
  auf  den  Deutschen.  Daß  die  Dynastien  jederzeit  stärker
geblieben  sind  als  Presse  und  Parlamente,  hat  sich  durch  die
Thatsache  bestätigt,  daß  1866  Bundesländer,  deren  Dynastien
im  Bereich  des  östreichischen  Einflusses  lagen,  ohne  Rücksicht  auf
nationale  Bestrebungen  mit  Oestreich,  und  nur  solche,  welche
„unter  den  preußischen  Kanonen“  lagen,  mit  Preußen  gingen.
Von  den  letztern  machten  allerdings  Hanover,  Hessen  und  Nassau
Ausnahmen,  weil  sie  Oestreich  für  stark  genug  hielten,  um  alle
Zumuthungen  Preußens  siegreich  abweisen  zu  können.  Sie  haben
infolge  dessen  die  Zeche  bezahlt,  da  es  nicht  gelang,  dem  Könige
Wilhelm  die  Vorstellung  annehmbar  zu  machen,  daß  Preußen
        <pb n="363" />
        Anhänglichkeit  der  Deutschen  an  ihre  Dynastien.  339

 

an  der  Spitze  des  Norddeutschen  Bundes  einer  Vergrößerung
seines  Gebietes  kaum  bedürfen  würde.  Gewiß  aber  ist,  daß
auch  1866  die  materielle  Macht  der  Bundesstaaten  den  Dynastien
  und  nicht  den  Parlamenten  folgte  und  daß  sächsisches,
hanöversches  und  hessisches  Blut  nicht  für  die  deutsche  Einheit,
sondern  dagegen  vergossen  ist.

Die  Dynastien  bildeten  überall  den  Punkt,  um  den  der
deutsche  Trieb  nach  Sonderung  in  engern  Verbänden  seine
Krystalle  ansetzte.
        <pb n="364" />
        Vierzehntes  Kapitel.
Conflicts-Ministerium.

1.

Bei  der  Vertheilung  der  Ministerien,  wofür  die  Auswahl
an  Candidaten  klein  war,  verursachte  das  Finanzministerium
den  geringsten  Aufenthalt;  es  wurde  Herrn  Karl  von  Bodelschwingh
  —  Bruder  des  im  März  1848  abgetretnen  Ministers
des  Innern,  Ernst  von  Bodelschwingh  —  zugetheilt,  der  es
bereits  unter  Manteuffel  von  1851  bis  1858  gehabt  hatte.  Es
zeigte  sich  freilich  bald,  daß  er  und  der  Graf  Itzenplitz,  dem  das
Handelsministerium  zufiel,  nicht  im  Stande  waren,  ihre  Ministerien
  zu  leiten.  Beide  beschränkten  sich  darauf,  die  Beschlüsse
der  sachkundigen  Räthe  mit  ihrer  Unterschrift  zu  versehn  und
nach  Möglichkeit  die  Divergenzen  zu  vermitteln,  in  welche  die
Beschlüsse  der  theils  liberalen,  theils  in  engen  Ressort-Gesichtspunkten
  befangnen  Räthe  mit  der  Politik  des  Königs  und  des
Staatsministeriums  gerathen  konnten.  Die  sehr  sachkundigen
Mitglieder  des  Finanzministeriums  gehörten  innerlich  der  Mehrzahl
  nach  der  Opposition  gegen  das  Conflictsministerium  an
und  betrachteten  es  als  eine  kurze  Episode  in  der  liberalen  Fortbildung
  der  bürokratischen  Regirungsmaschine;  und  wenn  die
tüchtigsten  unter  ihnen  zu  gewissenhaft  waren,  um  die  Thätigkeit
der  Regirung  zu  hemmen,  so  leisteten  sie  doch  einen  passiven
Widerstand,  wo  ihr  amtliches  Pflichtgefühl  ihnen  einen  solchen
erlaubte,  der  immerhin  nicht  unerheblich  war.  Aus  dieser  Sachlage
  heraus  ergab  sich  das  wunderliche  Verhältniß,  daß  Herr
von  Bodelschwingh,  der  nach  seiner  persönlichen  Stellung  die
        <pb n="365" />
        Die  neuen  Minister:  Bodelschwingh,  Itzenplitz,  Jagow.  341

 

äußerste  Rechte  unter  uns  Ministern  bildete,  in  der  Regel  mit
seinem  Votum  die  äußerste  Linke  einnahm.

Ebenso  war  der  Handelsminister  Graf  Itzenplitz  nicht  im
Stande,  das  Steuer  seines  überladnen  ministeriellen  Fahrzeugs
selbständig  zu  führen,  sondern  trieb  in  der  Strömung,  welche
seine  Untergebenen  ihm  herstellten.  Wenn  es  vielleicht  unmöglich
  war,  für  die  mannichfaltigen  Verzweigungen  des  damaligen
Handelsministeriums  einen  Chef  zu  finden,  der  in  allen  ihm
unterstellten  Disciplinen  zur  Führung  seiner  Untergebenen  befähigt
  gewesen  wäre,  so  stand  der  Graf  Itzenplitz  den  von  ihm
zu  lösenden  Ausgaben  viel  fremder  gegenüber  als  z.  B.  von
der  Heydt  und  verfiel  ziemlich  hülflos  der  in  technischen  Fragen
sachkundigen  Leitung  der  Decernenten,  namentlich  Delbrück's.
Außerdem  war  er  eine  weiche  Natur,  ohne  die  zur  Leitung  eines
so  großen  Ressorts  nöthige  Energie;  selbst  den  Unredlichkeiten
gegenüber,  die  damals  einzelnen  hervorragenden  Mitarbeitern
des  Handelsministeriums  schuldgegeben  wurden  und  die  den  persönlich
  ehrliebenden  Chef  auf's  Höchste  beunruhigten,  wurde  ihm
das  Einschreiten  sehr  schwer,  weil  die  technische  Leistung  der  ihm
selbst  verdächtigen  Beamten  ihm  unentbehrlich  schien.  Unterstützung
  meiner  Politik  hatte  ich  persönlich  von  den  in  Rede
stehenden  beiden  Collegen  nicht  zu  erwarten,  weder  nach  ihrem
Verständniß  für  dieselbe  noch  nach  dem  Maß  von  Wohlwollen,
welches  sie  für  mich  als  jüngern  und  ursprünglich  dem  Geschäft
nicht  angehörigen  Präsidenten  übrig  hatten.

Als  Minister  des  Innern  fand  ich  Herrn  von  Jagow  vor,
der  durch  die  Lebhaftigkeit  seines  Tones,  seinen  Wortreichthum
und  die  rechthaberische  Färbung  seiner  Discussion  sich  binnen
Kurzem  die  Abneigung  seiner  Collegen  in  dem  Grade  zuzog,
daß  er  durch  den  Grafen  Friedrich  Eulenburg  ersetzt  werden
mußte.  Charakteristisch  für  ihn  ist  ein  Erlebniß,  das  wir  mit  ihm
hatten,  nachdem  er  ausgeschieden  und  in  die  Stelle  des  Oberpräsidenten
  in  Potsdam  eingerückt  war.  In  wichtigen  Ange-
        <pb n="366" />
        342  Vierzehntes  Kapitel:  Conflicts-Ministerium.

 

legenheiten  der  Stadt  Berlin  schwebten  Verhandlungen,  in  denen
er  das  ressortmäßige  Mittelglied  zwischen  der  Regirung  und  den
Gemeindebehörden  war.  Die  Dringlichkeit  der  Sache  brachte
es  mit  sich,  daß  das  Staatsministerium  den  Oberbürgermeister#
ersuchte,  sich  nach  Potsdam  zu  begeben  und  über  einen  entscheidenden
  Punkt  die  Anträge  des  Oberpräsidenten  mündlich  einzuholen
  und  darüber  in  einer  zu  dem  Zweck  angesagten  Abendsitzung
  des  Ministeriums  zu  berichten.  Der  Oberbürgermeister  hatte
eine  zweistündige  Audienz;  aber  zur  Berichterstattung  darüber
in  der  Sitzung  erscheinend,  erklärte  er,  eine  solche  nicht  machen
zu  können,  weil  er  während  der  zwei  Stunden,  die  zwischen  den
beiden  Zügen  lagen,  dem  Herrn  Oberpräsidenten  gegenüber
nicht  zu  Worte  gekommen  sei.  Er  habe  es  wiederholt  und  bis
zur  Unhöflichkeit  versucht,  seine  Frage  zu  stellen,  sei  aber  von
dem  Vorgesetzten  stets  und  mit  steigender  Energie  mit  den
Worten  zur  Ruhe  verwiesen  worden:  „Erlauben  Sie,  ich  bin
noch  nicht  fertig,  bitte  mich  ausreden  zu  lassen.“  Dieser  Bericht
des  Oberbürgermeisters  erzeugte  einen  geschäftlichen  Verdruß,
rief  aber  doch  in  der  Erinnrung  an  eigne  frühere  Erlebnisse
einige  Heiterkeit  hervor.

Mein  landwirthschaftlicher  College  von  Selchow  entsprach
in  seiner  Begabung  nicht  dem  Rufe,  der  ihm  in  der  Provinzialverwaltung
  vorhergegangen  war.  Der  König  hatte  ihm  das  zur
Zeit  wichtigste  Ministerium  des  Innern  zugedacht.  Nach  einer
längern  Unterredung,  in  der  ich  die  Bekanntschaft  des  Herrn
von  Selchow  machte,  bat  ich  Se.  Majestät,  davon  abzustehn,
weil  ich  ihn  der  Aufgabe  nicht  für  gewachsen  hielt,  und  schlug
statt  seiner  den  Grafen  Friedrich  Eulenburg  vor.  Beide  Herrn
standen  mit  dem  Könige  in  maurerischen  Beziehungen  und
wurden  bei  den  Schwierigkeiten,  die  die  Vervollständigung  des
Ministeriums  hatte,  erst  im  December  zum  Eintritt  bewogen.

1)  Seydel.
        <pb n="367" />
        Die  neuen  Minister:  Jagow,  Selchow,  Eulenburg,  Roon.  343

 

Der  König  hatte  Zweifel  an  Graf  Eulenburg's  Sachkunde  auf
dem  Gebiete  des  Innern,  wollte  ihm  das  Handelsministerium,
dem  Grafen  Itzenplitz  die  Landwirthschaft  und  Selchow  das
Innre  geben.  Ich  entwickelte  dem  gegenüber,  daß  die  ressortmãßige
  Sachkunde  als  Handelsminister  bei  Eulenburg  und
Selchow  auf  ziemlich  gleicher  Stufe  stehn  und  jedenfalls  mehr
bei  ihren  Räthen  als  bei  ihnen  selbst  zu  suchen  sein  würde,  daß
ich  in  diesem  Falle  viel  mehr  Gewicht  auf  persönliche  Begabung,
Geschick  und  Menschenkenntniß  legte  als  auf  technische  Vorbildung.
  Ich  gäbe  zu,  daß  Eulenburg  arbeitsscheu  und  vergnügungssüchtig
  sei;  er  sei  aber  auch  gescheidt  und  schlagfertig,
und  wenn  er  als  Minister  des  Innern  in  der  nächsten  Zeit  als
der  Vorderste  auf  der  Bresche  stehn  müsse,  so  werde  das  Bedürfniß,
  sich  zu  wehren  und  die  Schläge,  die  er  bekommen,  zu
erwidern,  ihn  aus  seiner  Unthätigkeit  heraus  spornen.  Der
König  gab  mir  endlich  nach,  und  ich  glaube  auch  noch  heut,  daß
meine  Wahl  den  Umständen  nach  richtig  war;  denn  wenn  ich
auch  unter  dem  Mangel  an  Arbeitsamkeit  und  Pflichtgefühl
meines  Freundes  Eulenburg  mitunter  schwer  gelitten  habe,  so
war  er  doch  in  den  Zeiten  seiner  Arbeitslust  ein  tüchtiger
Gehülfe  und  immer  ein  feiner  Kopf,  nicht  ohne  Ehrgeiz  und
Empfindlichkeit,  auch  mir  gegenüber.  Wenn  die  Periode  der
Entsagung  und  angestrengten  Arbeit  länger  als  gewöhnlich
dauerte,  so  verfiel  er  in  nervöse  Krankheiten.  Jedenfalls  waren
er  und  Roon  die  Hervorragendsten  in  dem  Conflictsministerium.

Roon  aber  war  der  einzige  unter  meinen  spätern  Collegen,
der  bei  meinem  Eintritt  in  das  Amt  sich  der  Wirkung  und  des
Zweckes  desselben  und  des  gemeinsamen  Operationsplanes  bewußt
  war  und  den  letztern  mit  mir  besprach.  Er  war  unerreicht
in  der  Treue,  Tapferkeit  und  Leistungsfähigkeit,  womit  er  vor
und  nach  meinem  Eintritt  die  Krisis  überwinden  half,  in  die
der  Staat  durch  das  Experiment  der  neuen  Aera  gerathen  war.
Er  verstand  sein  Ressort  und  beherrschte  es,  war  der  beste  Redner
        <pb n="368" />
        344  Vierzehntes  Kapitel:  Conflicts-Ministerium.

 

unter  uns,  ein  Mann  von  Geist  und  unerschütterlich  in  der  Gesinnung
  eines  ehrliebenden  preußischen  Offiziers.  Mit  vollem
Verständniß  für  politische  Fragen  wie  Eulenburg,  war  er  consequenter,
  sichrer  und  besonnener  als  dieser.  Sein  Privatleben
war  einwandsfrei.  Ich  war  mit  ihm  von  meinen  Kinderjahren
her,  als  er,  mit  topographischen  Aufnahmen  beschäftigt,  sich  im
Hause  meiner  Eltern  aufhielt  (1833),  persönlich  befreundet  und
habe  nur  unter  seinem  Jähzorn  zuweilen  gelitten,  der  sich  leicht
bis  zur  Gefährdung  seiner  Gesundheit  steigerte.  In  der  Zeit,
während  deren  ich  krankheitshalber  das  Präsidium  an  ihn  abgegeben
  hatte,  1873,  machten  sich  Streber,  wie  Harry  Arnim
und  jüngre  Militärs,  dieselben,  die  mit  ihren  Verbündeten  in
der  „Kreuzzeitung“  und  durch  die  „Reichsglocke“  gegen  mich
arbeiteten,  an  ihn  heran  und  suchten  ihn  mir  zu  entfremden?.
Seine  Präsidialstellung  nahm  ohne  meine  Mitwirkung  ein  Ende
auf  die  Initiative  meiner  übrigen  Collegen,  die  bei  ihm,  dessen
Heftigkeit  sich  mit  den  Jahren  steigerte  und  der  seinerseits  von
unsern  Mitarbeitern  in  Civil  nicht  imponirt  war,  die  Formen  vermißten,
  auf  welche  sie  im  collegialen  Verkehr  Anspruch  machten,
und  bei  mir,  und  durch  Eulenburg  vertraulich  bei  dem  Könige,
anregten,  daß  ich  das  Präsidium  wieder  übernehmen  möchte.
Daraus  entstand  zu  meinem  Bedauern  und  ohne  meine  Absicht,
hauptsächlich  durch  Zwischenträgereien,  in  Roon's  letzten  Jahren
nicht  grade  eine  Erkältung,  doch  eine  Zurückhaltung  und  bei
mir  die  Empfindung,  daß  mein  bester  Freund  und  Kamerad  den
Lügen  und  Verleumdungen,  welche  über  mich  systematisch  verbreitet
  wurden,  nicht  mit  der  Entschiedenheit  entgegentrat,  welche
ich,  wie  ich  glaube,  im  umgekehrten  Falle  bethätigt  haben  würde.

Der  Cultusminister  von  Mühler  hatte  viel  Aehnlichkeit
mit  seinem  spätern  Nachfolger,  Herrn  von  Goßler,  in  der  Art,
wie  er  sich  geschäftlich  gab,  nur  daß  die  Energie  und  die  ge-)

  Vgl.  Bd.  II  S.  15  f.
        <pb n="369" />
        Die  neuen  Minister:  Roon,  Mühler,  zur  Lippe.  345

 

schäftliche  Liebhaberei  seiner  gescheidten  und,  wenn  sie  wollte,
liebenswürdigen  Frau  auf  ihn  wirkte  und  er  ihrer  stärkern
Willenskraft  vielleicht  unterlag;  ich  wußte  das  anfangs  allerdings
  nicht  aus  directer  Wahrnehmung,  sondern  konnte  es  nur
nach  dem  Eindrucke  schließen,  den  beide  Persönlichkeiten  mir  im
Verkehr  gemacht  hatten.  Ich  erinnre  mich,  daß  ich  schon  in
Gastein  im  August  1865  bis  zur  Unhöflichkeit  darauf  bestehn
mußte,  allein  mit  Herrn  von  Mühler  über  einen  königlichen
Befehl  zu  sprechen,  ehe  es  mir  gelang,  die  Frau  Ministerin  zu
bewegen,  uns  allein  zu  lassen.  Das  Vorkommen  einer  solchen
Nöthigung  hatte  seinerseits  Verstimmungen  zur  Folge,  die  sich
bei  seiner  sachkundigen  Behandlung  der  Dinge  auf  mein  geschäftliches
  Verhältniß  zunächst  nicht  übertrugen,  aber  doch  die
Ergebnisse  unfres  persönlichen  Verkehrs  beeinträchtigten.  Frau
von  Mühler  empfing  ihre  politische  Direction  nicht  von  ihrem
Gemale,  sondern  von  Ihrer  Majestät,  mit  welcher  Fühlung  zu
erhalten  sie  vor  Allem  bestrebt  war.  Die  Hofluft,  die  Rangfragen,
  die  äußerliche  Kundgebung  Allerhöchster  Intimität  haben
nicht  selten  auf  Ministerfrauen  einen  Einfluß,  der  sich  in  der
Politik  fühlbar  macht;  die  persönliche,  der  Staatsraison  in  der
Regel  zuwiderlaufende  Politik  der  Kaiserin  Augusta  fand  in
Frau  von  Mühler  eine  bereitwillige  Dienerin,  und  Herr
von  Mühler,  wenn  auch  ein  einsichtiger  und  ehrlicher  Beamter,
war  doch  nicht  fest  genug  in  seinen  Ueberzeugungen,  um  nicht
dem  Hausfrieden  Concessionen  auf  Kosten  der  Staatspolitik  zu
machen,  wenn  es  in  unauffälliger  Weise  geschehn  konnte.

Der  Justizminister  Graf  zur  Lippe  hatte  vielleicht  von
seiner  Thätigkeit  als  Staatsanwalt  die  Gewohnheit  beibehalten,
auch  das  Schärfste  mit  lächelnder  Miene,  mit  einem  höhnischen
Ausdrucke  von  Ueberlegenheit  zu  sagen,  und  verstimmte  dadurch
die  Parlamente  und  die  Collegen.  Er  stand  nächst  Bodelschwingh
am  weitesten  rechts  unter  uns  und  war  in  Vertretung  seiner
Richtung  schärfer  als  dieser,  weil  er  in  seinem  Ressort  sachkundig
        <pb n="370" />
        346  Vierzehntes  Kapitel:  Conflicts-Ministerium.

 

genug  war,  um  seiner  persönlichen  Ueberzeugung  folgen  zu
können,  während  Bodelschwingh  den  Geschäftsgang  des  Finanzministeriums
  ohne  den  willigen  Beistand  seiner  sachkundigen
Räthe  nicht  beherrschen  konnte,  diese  Räthe  aber  in  ihrer  politischen
  Auffassung  weiter  links  standen  als  ihr  Chef  und  das
ganze  Ministerium.

2.

Die  staatsrechtliche  Frage,  um  welche  es  sich  in  dem  Conflicte
  handelte,  und  die  Auffassung  derselben,  welche  das  Ministerium
  gewonnen  und  der  König  gutgeheißen  hatte,  ist  in  einem
Schreiben  Sr.  Majestät  an  den  Oberstlieutenant  Freiherrn
von  Vincke  auf  Olbendorf  bei  Grottkau  dargelegt,  welches  seiner
Zeit  in  der  Presse  erwähnt,  aber,  so  viel  ich  mich  erinnre,  nicht
vollständig  veröffentlicht  worden  ist  ),  was  dasselbe  um  so  mehr
verdient,  als  sich  daraus  die  Haltung  des  Königs  in  der  Frage
der  Indemnität  erklärt  ?.

Herr  von  Vincke  hatte  ein  Glückwunschschreiben  zu  Neujahr
1863  mit  solgenden  Sätzen  geschlossen:  „Das  Volk  hängt  treu
an  Ew.  M.,  aber  es  hält  auch  fest  an  dem  Recht,  welches  ihm
der  Artikel  99  der  Verfassung  2)  unzweideutig  gewährt.  Möge
Gott  die  unglücklichen  Folgen  eines  großen  Mißverständnisses
in  Gnaden  abwenden.“

Der  König  antwortete  am  2.  Januar  1863:

„Für  Ihre  freundlichen  Glückwünsche  beim  Jahreswechsel
danke  ich  Ihnen  bestens.  Daß  der  Blick  in  das  neue  Jahr

1)  Es  findet  sich  veröffentlicht  bei  L.  Schneider,  Aus  dem  Leben
Wilhelm's  I.  Berlin,  O.  Janke.  Bd.  I  S.  194·197;  jetzt  auch  bei
Berner,  Kaiser  Wilhelm's  des  Großen  Briefe,  Reden  und  Schriften,
Bd.  II,  43  und  bei  E.  Brandenburg,  Briefe  Kaiser  Wilhelm's  1.
(Leipzig  1911)  S.  162  ff.

„)  S.  Bd.  II,  S.  77  fl.

*)  Alle  Einnahmen  und  Ausgaben  des  Staates  müssen  für  jedes

Jahr  im  voraus  veranschlagt  und  auf  den  Staatshaushaltdetat  gebracht
werden.  Letzterer  wird  jährlich  durch  ein  Gesetz  festgestellt.
        <pb n="371" />
        Schreiben  des  Königs  an  Frhrn.  v.  Vincke-Olbendorf.  347

 

nicht  freundlich  ist,  bedarf  keines  Beweises.  Daß  aber  auch  Sie
in  das  Horn  stoßen,  daß  ich  nicht  die  Stimmung  des  bei  Weitem
größten  Theils  des  Volkes  kenne,  ist  mir  unbegreiflich,  und  Sie
müssen  meine  Antworten  an  die  vielen  Loyalitäts-Deputationen
nicht  gelesen  haben.  Immer  und  immer  habe  ich  es  wiederholt,
daß  mein  Vertrauen  zu  meinem  Volk  unerschüttert  sey,  weil
ich  wüßte,  daß  es  mir  vertraue;  aber  Diejenigen,  welche
mir  die  Liebe  und  das  Vertrauen  desselben  ranben  wollten,
die  verdamme  ich,  weil  ihre  Pläne  nur  ausführbar  sind,  wenn
dies  Vertrauen  erschüttert  wird.  Und  daß  zu  diesem  Zwecke
Jenen  alle  Wege  recht  sind,  weiß  die  ganze  Welt,  denn
nur  Lüge  und  Trug  und  Lug  kann  ihre  Pläne  zur  Reife
bringen.

Sie  sagen  ferner:  das  Volk  verlange  die  Ausführung  des
§99  der  Verfassung.  Ich  möchte  wohl  wissen,  wie  viele  Menschen
  im  Volke  den  §  99  kennen  oder  ihn  je  haben  nennen
hören!!!  Das  ist  aber  einerlei  und  thut  nichts  zur  Sache,  da
für  die  Regierung  der  Paragraph  existirt  und  befolgt
werden  muß.  Wer  hat  denn  aber  die  Ausführung  des  Paragraphen
  unmöglich  gemacht?  Habe  ich  nicht  von  der  Winterzur
  Sommer-Session  die  Concession  von  4  Millionen  gemacht
und  danach  das  Militair-Budget  —  leider!  —  mocdificirt?  Habe
ich  nicht  mehrere  andere  Concessionen  —  leider!  —  gemacht,
um  das  Entgegenkommen  der  Regierung  dem  neuen  Hause  zu
beweisen?  Und  was  ist  die  Folge  gewesen??  Daß  das  Abgeordnetenhaus
  gethan  hat,  als  hätte  ich  nichts  gethan,  um
entgegenzukommen,  um  nur  immer  mehr  und  neue  Concessionen
zu  erlangen,  die  zuletzt  dahin  führen  sollten,  daß  die  Regierung
ummöglich  würde.  Wer  einen  solchen  Gebrauch  von  seinem
Rechte  macht,  d.  h.  das  Budget  so  reducirt,  daß  Alles  im  Staate
aufhört,  der  gehört  in's  Tollhaus!  Wo  steht  es  in  der  Verfassung,
  daß  nur  die  Regierung  Concessionen  machen  soll  und
die  Abgeordneten  niemals???  Nachdem  ich  die  meinigen  in
        <pb n="372" />
        348  Vierzehntes  Kapitel:  Conflicts-Ministerium.

 

unerhörter  Ausdehnung  gemacht  hatte,  war  es  am  Abgeordnetenhaus,
  die  seinigen  zu  machen.  Dies  aber  wollte  es  unter
keiner  Bedingung,  und  die  sogenannte  „Episode"  1)  bewies  wohl
mehr  wie  sonnenklar,  daß  uns  eine  Falle  nach  der  anderen
gelegt  werden  sollte,  in  welche  sogar  Ihr  Vetter  Patow  und
Schwerin  fielen  durch  die  Schlechtigkeit  des  Bockum-Dolffs.
234000  Reichsthaler  sollten  noch  pro  1862  abgesetzt  werden,
um  das  Baudget  annehmen  zu  können,  während  der  Kern  der
Frage  erst  1863  zur  Sprache  kommen  sollte;  dies  lag  gedruckt
vor;  und  als  ich  darauf  eingehe,  erklärt  nun  erst  Bockum-Dolffs,
daß  ihrerseits,  d.  h.  seiner  politischen  Freunde,  dies  Eingehen
nur  angenommen  werden  könne,  wenn  sofort  in  der  Commission
  die  Zusage  und  anderen  Tags  im  Plenum  das  Gesetz
einer  zweijährigen  Dienstzeit  eingebracht  werde.  Und  als  ich
darauf  nicht  eingehe,  verhöhnt  uns  B.  D.  durch  seine  Presse:
„nun  solle  man  sich  die  Unverschämtheit  der  Regierung  denken,
dem  Hause  zuzumuthen,  um  234000  Reichsthaler  Frieden  anzubieten!“
  Und  doch  lag  nur  dies  Anerbieten  Seitens  des
Hauses  vor!  Ist  jemals  eine  größere  Infamie  ausgeführt
worden,  um  die  Regierung  zu  verunglimpfen  und  das  Volk
zu  verwirren?

Das  Abgeordnetenhaus  hat  von  seinem  Recht  Gebrauch
gemacht  und  das  Budget  reducirt.

)  Am  17.  September  1862  kam  ein  Antrag  der  Abg.  Stavenhagen,
v.  Sybel  und  Twesten  zur  Verhandlung,  laut  welchem  das  Budget  für
1862  einschließlich  der  für  die  Armeereorganisation  eingestellten  Summen
unter  Abstrich  von  223000  Thalern  bewilligt,  die  endgültige  Regelung
der  Militärfrage  dem  nächsten  Etat  vorbehalten  werden  sollte.  Die
Mehrheit  des  Abgeordnetenhauses  war  bereit,  in  eine  solche  Verlängerung
  des  Provisoriums  zu  willigen,  wenn  die  Regirung  für  das  nächste
Jahr  eine  Vorlage  über  Herabsetzung  der  Dienstzeit  auf  2  Jahre  zusage.
  Noon  gab  am  17.  eine  nicht  direct  ablehnende  Antwort,  mußte
aber  am  18.,  als  man  eine  keinen  Zweifel  lassende  Erklärung  von  ihm
forderte,  eine  bindende  Zusage  verweigern.  Infolge  dessen  wurde  der
vermittelnde  Antrag  abgelehnt.
        <pb n="373" />
        Schreiben  des  Königs  an  Frhrn.  v.  Vincke-Olbendorf.  349

 

Das  Herrenhaus  hat  von  seinem  Recht  Gebrauch  gemacht
und  das  reducirte  Budget  en  bloc  verworfen.

Was  schreibt  die  Verfassung  in  einem  solchen  Falle  vor?

Nichts!  —  «

Da,  wie  oben  gezeigt,  das  Abgeordnetenhaus  sein  Recht
zur  Vernichtung  der  Armée  und  des  Landes  benutzte,  so  mußte
ich  wegen  jenes  „Nichts“  suppléiren  und  als  guter  Hausvater
das  Haus  weiter  führen  und  spätere  Rechenschaft  geben.
Wer  hat  also  den  §  99  unmöglich  gemacht???  Ich  wahrlich
  nicht!  "

Wilhelm.“
        <pb n="374" />
        Fünfzehntes  Kapitel.
Die  Alvensleben'sche  Convention.

Gegenüber  der  Bewegung  in  Polen,  die  gleichzeitig  mit  der
Umwälzung  in  Italien,  und  nicht  ohne  Zusammenhang  mit
ihr,  durch  die  Landestrauer  9,  die  kirchliche  Feier  vaterländischer
Erinnrungstage  und  die  Agitation  der  landwirthschaftlichen  Vereine
  begann,  war  man  in  Petersburg  ziemlich  lange  schwankend
zwischen  Polonismus  und  Absolutismus.  Die  den  Polen  freundliche
  Strömung  hing  zusammen  mit  dem  in  der  höhern  russischen
Gesellschaft  laut  gewordnen  Verlangen  nach  einer  Verfassung.
Man  empfand  es  als  eine  Demüthigung,  daß  die  Russen,  die
doch  auch  gebildete  Leute  wären,  Einrichtungen  entbehren  müßten,
die  bei  allen  europäischen  Völkern  existirten,  und  daß  sie  über
ihre  eignen  Angelegenheiten  nicht  mitzureden  hätten.  Der
Zwiespalt  in  der  Beurtheilung  der  polnischen  Frage  erstreckte
sich  bis  in  die  höchsten  militärischen  Kreise  und  führte  zwischen
dem  Statthalter  in  Warschau,  General  Graf  Lambert,  und  dem
Generalgouverneur  General  Gerstenzweig,  zu  einer  leidenschaftlichen
  Erörterung,  die  mit  dem  nicht  aufgeklärten  gewaltsamen
Tode  des  Letztern  endete  (Jan.  1862).  Ich  wohnte  seiner  Beisetzung
  in  einer  der  evangelischen  Kirchen  Petersburgs  bei.
Diejenigen  Russen,  welche  für  sich  eine  Verfassung  verlangten,
machten  zuweilen  entschuldigend  geltend,  daß  die  Polen  durch
Russen  nicht  regirbar  wären  und  als  die  Civilisirtern  erhöhten
Anspruch  auf  Betheiligung  an  ihrer  Regirung  hätten.

Dies  war  die  auch  vom  Fürsten  Gortschakow  vertretne  Ansicht,
  dem  parlamentarische  Einrichtungen  ein  Feld  für  euro-1)

  Um  die  am  1.  November  1860  gestorbene  Kaiserin-Wittwe  Charlotte.
        <pb n="375" />
        Polonismus  und  Absolutismus  am  Petersburger  Hofe.  351

 

päische  Verwerthung  seiner  Beredsamkeit  gewährt  haben  würden,
und  den  sein  Popularitätsbedürfniß  widerstandsunfähig  gegen
liberale  Strömungen  in  der  russischen  „Gesellschaft“  machte.  Er
war  bei  der  Freisprechung  von  Wera  Sassulitsch  1)  (11.  April
1878)  der  Erste,  der  zum  Beifall  der  Zuhörer  das  Signal  gab.

Der  Kampf  der  Meinungen  war  in  Petersburg  recht  lebhaft,
  als  ich  im  April  1862  von  dort  abging,  und  blieb  so
während  des  ersten  Jahres  meines  Ministeramts.  Ich  übernahm
  die  Leitung  des  Auswärtigen  Amts  unter  dem  Eindruck,
daß  es  sich  bei  dem  am  1.  Januar  1863  ausgebrochnen  Aufstande
  nicht  blos  um  das  Interesse  unfrer  östlichen  Provinzen,
sondern  auch  um  die  weitergreifende  Frage  handelte,  ob  im  russischen
  Cabinet  eine  polenfreundliche  oder  eine  antipolnische
Richtung,  ein  Streben  nach  panslavistischer  antideutscher  Verbrüderung
  zwischen  Russen  und  Polen  oder  eine  gegenseitige
Anlehnung  der  russischen  und  der  preußischen  Politik  herrschte.
In  den  Verbrüderungsbestrebungen  waren  die  betheiligten
Russen  die  Ehrlichern;  von  dem  polnischen  Adel  und  der  Geistlichkeit
  wurde  schwerlich  an  einen  Erfolg  dieser  Bestrebungen
geglaubt  oder  ein  solcher  als  das  definitive  Ziel  in's  Auge
gefaßt.  Es  gab  kaum  einen  Polen,  für  den  die  Verbrüderungspolitik
  mehr  als  eine  taktische  Evolution  vorgestellt  hätte,  zu
dem  Zwecke,  gläubige  Russen  zu  täuschen,  so  lange  es  nothwendig
  oder  nützlich  sein  würde.  Die  Verbrüderung  wird  von
dem  polnischen  Adel  und  seiner  Geistlichkeit  nicht  ganz,  aber
doch  annähernd  ebenso  unwandelbar  perhorrescirt  wie  die  mit
den  Deutschen,  letztre  jedenfalls  stärker,  nicht  blos  aus  Abneigung
  gegen  die  Race,  sondern  auch  in  der  Meinung,  daß
die  Russen  in  staatlicher  Gemeinschaft  von  den  Polen  geleitet
werden  würden,  die  Deutschen  aber  nicht.

1)  Russische  Nihilistin,  die  am  24.  Januar  1878  einen  Morbdversuch  auf
den  Polizeipräsidenten  General  Trepow  machte,  aber  von  dem  Schwurgerichte
  von  der  Anklage  des  versuchten  Mords  freigesprochen  wurde.
        <pb n="376" />
        352  Fünfzehntes  Kapitel:  Die  Alvensleben'sche  Convention.

 

Für  Preußens  deutsche  Zukunft  war  die  Haltung  Rußlands
  eine  Frage  von  hoher  Bedeutung.  Eine  polenfreundliche
  Richtung  der  russischen  Politik  war  dazu  angethan,  die
seit  dem  Pariser  Frieden  und  schon  früher  gelegentlich  angestrebte
  russisch-französische  Fühlung  zu  beleben,  und  ein  polenfreundliches,
  russisch-französisches  Bündniß,  wie  es  vor  der
Julirevolution  in  der  Luft  schwebte,  hätte  das  damalige  Preußen
in  eine  schwierige  Lage  gebracht.  Wir  hatten  das  Interesse,
im  russischen  Cabinet  die  Partei  der  polnischen  Sympathien,
auch  solcher  im  Sinne  Alexander's  I.,  zu  bekämpfen.  Daß
Rußland  selbst  keine  Sicherheit  gegen  die  polnische  Verbrüderung
  gewährte,  konnte  ich  aus  den  vertraulichen  Gesprächen
entnehmen,  die  ich  theils  mit  Gortschakow  theils  mit  dem  Kaiser
selbst  hatte.  Kaiser  Alexander  war  damals  nicht  abgeneigt,
Polen  theilweis  aufzugeben;  er  hat  mir  das  mit  dürren
Worten  gesagt,  wenigstens  mit  Bezug  auf  das  linke  Weichselufer,
  indem  er,  ohne  Accent  darauf  zu  legen,  Warschau  ausnahm,
  das  immerhin  als  Garnison  in  der  Armee  seinen  Reiz
hätte  und  strategisch  zu  dem  Festungsdreieck  an  der  Weichsel
gehörte.  Polen  wäre  eine  Quelle  von  Unruhe  und  europäischen
  Gefahren  für  Rußland,  die  Russificirung  sei  nicht  durchführbar
  wegen  der  confessionellen  Verschiedenheit  und  wegen
des  Mangels  an  administrativer  Befähigung  der  russischen
Organe.  Bei  uns  gelinge  es,  das  polnische  Gebiet  zu  germanisiren
  (7),  wir  hätten  die  Mittel  dazu,  weil  die  deutsche
Bevölkerung  gebildeter  sei  als  die  polnische.  Der  Russe  fühle
nicht  die  nöthige  Ueberlegenheit,  um  die  Polen  zu  beherrschen,
man  müsse  sich  auf  das  Minimum  polnischer  Bevölkerung  beschränken,
  welches  die  geographische  Lage  zulasse,  also  auf  die
Weichselgrenze  und  Warschau  als  Brückenkopf.

Ich  kann  nicht  darüber  urtheilen,  in  wie  weit  diese  Darlegung
  des  Kaisers  reiflich  enwogen  war.  Mit  Staatsmännern
besprochen  wird  sie  gewesen  sein,  denn  eine  ganz  selbständige,
        <pb n="377" />
        Stellung  Alexander's  II.  zur  polnisch.  Frage.  Anerbieten  Alexander's.  353

 

persönliche,  politische  Initiative  mir  gegenüber  habe  ich  vom
Kaiser  nie  erfahren.  Dieses  Gespräch  fand  zu  einer  Zeit  statt,
wo  meine  Abberufung  schon  wahrscheinlich  war,  und  meine  nicht
blos  höfliche,  sondern  wahrheitsgemäße  Aeußerung,  daß  ich
meine  Abberufung  bedauerte  und  gern  in  Petersburg  bleiben
würde,  veranlaßte  den  Kaiser  mißverständlich  zu  der  Frage,
ob  ich  geneigt  sei,  in  russische  Dienste  zu  treten.  Ich  verneinte
das  höflich  unter  Betonung  des  Wunsches,  als  preußischer  Gesandter
  in  der  Nähe  Sr.  Majestät  zu  bleiben.  Es  wäre  mir
damals  nicht  unlieb  gewesen,  wenn  der  Kaiser  zu  dem  Zwecke
Schritte  gethan  hätte,  denn  der  Gedanke,  der  Politik  der  neuen
Aera,  sei  es  als  Minister,  sei  es  als  Gesandter  in  Paris  oder
London  ohne  die  Aussicht  auf  Mitwirkung  an  unfrer  Politik
zu  dienen,  hatte  an  sich  nichts  Verführerisches.  Wie  ich  dem
Lande  und  meiner  Ueberzeugung  in  London  oder  Paris  würde
nützen  können,  wußte  ich  nicht,  während  mein  Einfluß  bei  dem
Kaiser  Alexander  und  den  hervorragenden  seiner  Staatsmänner
nicht  ohne  Bedeutung  für  unfre  Interessen  war.  Der  Gedanke,
  Minister  des  Aeußern  zu  werden,  war  mir  unbehaglich,
  etwa  wie  der  Eintritt  in  ein  Seebad  bei  kaltem  Wetter;
  aber  alle  diese  Empfindungen  waren  nicht  stark  genug,
um  mich  zu  einem  Eingriff  in  die  eigne  Zukunft  oder  zu
einer  Bitte  an  den  Kaiser  Alexander  zu  solchem  Zwecke  zu
veranlassen.

Nachdem  ich  dennoch  Minister  geworden  war,  stand  zunächst
die  innre  Politik  mehr  im  Vordergrunde  als  die  äußre;  in
dieser  aber  lagen  mir  die  Beziehungen  zu  Rußland  Dank  meiner
jüngsten  Vergangenheit  besonders  nahe,  und  ich  war  bestrebt,
unfrer  Politik  den  Besitz  an  Einfluß  in  Petersburg,  den  wir
dort  hatten,  nach  Möglichkeit  zu  erhalten.  Es  lag  auf  der
Hand,  daß  die  preußische  Politik  in  deutscher  Richtung  damals
von  Oestreich  keine  Unterstützung  zu  erwarten  hatte.  Es  war
nicht  wahrscheinlich,  daß  das  Wohlwollen  Frankreichs  für  unfre

Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.
        <pb n="378" />
        354  JZünfzehntes  Kapitel:  Die  Alvensleben'sche  Convention.

 

—

Stärkung  und  die  deutsche  Einigung  auf  die  Dauer  ehrlich
sein  werde,  eine  Ueberzeugung,  die  nicht  hindern  durfte,  vorübergehende,
  auf  irrthümlichen  Berechnungen  beruhende  Unterstützung
  und  Förderung  Napoleon's  utiliter  1)  anzunehmen.
Mit  Rußland  waren  wir  in  derselben  Lage  wie  mit  England,
insoweit  als  wir  mit  beiden  prinzipielle  divergirende  Interessen
nicht  hatten  und  durch  langjährige  Freundschaft  verbunden
waren.  Von  England  konnten  wir  platonisches  Wohlwollen
und  belehrende  Briefe  und  Zeitungsartikel,  aber  schwerlich  mehr
erwarten.  Der  zarische  Beistand  ging,  wie  die  ungarische  Expedition
  des  Kaisers  Nicolaus  gezeigt  hatte,  unter  Umständen
über  die  wohlwollende  Neutralität  hinaus.  Daß  er  zu  unsern
Gunsten  das  thun  würde,  darauf  ließ  sich  nicht  rechnen,  wohl
aber  lag  es  nicht  außerhalb  der  möglichen  Rechnung,  daß  Kaiser
Alexander  bei  französischen  Versuchen  zum  Eingreifen  in  die
deutsche  Frage  uns  in  deren  Abwehr  wenigstens  diplomatisch
beistehn  würde.  Die  Stimmung  dieses  Monarchen,  die  mich
zu  der  Annahme  berechtigte,  hat  sich  noch  1870  erkennen  lassen,
während  wir  damals  das  neutrale  und  befreundete  England
mit  seinen  Sympathien  auf  französischer  Seite  fanden.  Wir
hatten  also  nach  meiner  Meinung  allen  Grund,  jede  Sympathie,
welche  Alexander  II.  im  Gegensatz  zu  vielen  seiner  Unterthanen
und  höchsten  Beamten  für  uns  hegte,  wenigstens  insoweit  zu
pflegen,  als  nöthig  war,  um  Rußlands  Parteinahme  gegen  uns
nach  Möglichkeit  zu  verhüten.  Es  ließ  sich  damals  nicht  mit
Sicherheit  voraussehn,  ob  und  wie  lange  dieses  politische  Kapital
der  zarischen  Freundschaft  sich  werde  praktisch  verwerthen  lassen.
Jedenfalls  aber  empfahl  der  einfache  gesunde  Menschenverstand,
es  nicht  in  den  Besitz  unfrer  Gegner  gerathen  zu  lassen,  die
wir  in  den  Polen,  den  polonisirenden  Russen  und  im  letzten
Abschluß  wahrscheinlich  auch  in  den  Franzosen  zu  sehn  hatten.

1)  Aus  Gründen  der  Nützlichkeit.
        <pb n="379" />
        Werth  der  russisch.  Freundschaft  f.  Preußen.  Haltung  Oestreichs  1863.  355

 

Oestreich  hatte  damals  in  erster  Linie  die  Rivalität  mit  Preußen
auf  deutschem  Gebiet  im  Auge  und  konnte  sich  mit  der  polnischen
  Bewegung  leichter  abfinden  als  wir  oder  als  Rußland,
weil  der  katholische  Kaiserstaat  ungeachtet  der  Reminiscenzen
von  1846  1)  und  der  auf  die  Köpfe  polnischer  Edelleute  gesetzten
Preise  doch  unter  diesen  und  der  Geistlichkeit  immer  viel  mehr
Sympathie  besaß  als  Preußen  und  Rußland.

Die  Ausgleichung  zwischen  östreichisch-polnischen  und  russischpolnischen
  Verbrüderungsplänen  wird  stets  eine  schwierige
bleiben;  aber  das  Verhalten  der  östreichischen  Politik  1863  im
Bunde  mit  den  Westmächten  zu  Gunsten  der  polnischen  Bewegung
  bewies,  daß  Oestreich  die  russische  Rivalität  in  einem
wieder  auferstandnen  Polen  nicht  fürchtete.  Hatte  es  doch  dreimal,
  im  April,  im  Juni  und  unter  dem  12.  August  mit  Frankreich
  und  England  gemeinsame  Schritte  zu  Gunsten  der  Polen
in  Petersburg  gethan.  „Wir  haben,“  heißt  es  in  der  östreichischen
  Note  vom  18.  Juni?),  „nach  den  Bedingungen  geforscht,
durch  die  dem  Königreiche  Polen  Ruhe  und  Frieden  wiedergegeben
  werden  könnten,  und  sind  dahin  gelangt,  diese  Bedingungen
  in  den  folgenden  sechs  Punkten  zusammen  zu  fassen,
die  wir  der  Erwägung  des  Cabinets  von  Sankt  Petersburg
empfehlen:  1.  Vollständige  und  allgemeine  Amnestie,  2.  Nationale.
  Vertretung,  welche  an  der  Gesetzgebung  des  Landes  theilnimmt
  und  Mittel  einer  wirksamen  Controlle  besitzt,  3.  Ernennung
  von  Polen  zu  den  öffentlichen  Aemtern  in  solcher
Weise,  daß  eine  besondre  nationale  und  dem  Lande  Vertraun
einflößende  Administration  gebildet  werde,  4.  Volle  und  gänz-1)

  Infolge  des  polnischen  Aufstandes  von  1846,  der  von  polnischen
Emigranten  angefacht,  durch  die  Gefangennahme  Mieroslawski's  des
Führers  entbehrte  und  schnell  unterdrückt  wurde,  ging  der  bisherige
Freistaat  Krakau  in  den  Besitz  Oestreichs  über.

:)  Im  französischen  Text  im  Staatsarchiv  V  354  ff.  Nr.  887.  —  Die
östreichische  Depesche  vom  12.  April  1863  f.  Staatsarchio  IV  381  Nr.  711,
die  vom  12.  Aug.  Staatsarchiv  V  380  ff.  Nr.  895.
        <pb n="380" />
        356  Fünfzehntes  Kapitel:  Die  Alvensleben'sche  Convention.

 

liche  Gewissensfreiheit  und  Aufhebung  der  die  Ausübung  des
katholischen  Cultus  treffenden  Beschränkungen,  5.  Ausschließlicher
  Gebrauch  der  polnischen  Sprache  als  amtlicher  Sprache
in  der  Verwaltung,  der  Justiz  und  dem  Unterrichtswesen,
6.  Einführung  eines  regelmäßigen  und  gesetzlichen  Rekrutirungssystems.“
  Den  Vorschlag  Gortschakow's,  daß  Rußland,  Oestreich
  und  Preußen  sich  in's  Einvernehmen  setzen  möchten,  um
das  Loos  ihrer  betreffenden  polnischen  Unterthanen  festzustellen,
wies  die  östreichische  Regirung  mit  der  Erklärung  zurück,  „daß
das  zwischen  den  drei  Cabineten  von  Wien,  London  und  Paris
hergestellte  Einverständniß  ein  Band  zwischen  ihnen  bildet,  von
dem  Oestreich  sich  jetzt  nicht  loslösen  kann,  um  abgesondert  mit
Rußland  zu  unterhandeln“.  Es  zwar  das  die  Situation,  sin
welcher  Kaiser  Alexander  Sr.  Majestät  in  eigenhändigem
Schreiben  nach  Gastein  den  Entschluß,  den  Degen  zu  ziehn,
kundgab  und  Preußens  Bündniß  verlangte  ½.

Es  ist  nicht  zu  bezweifeln,  daß  die  damalige  Intimität  mit
den  beiden  Westmächten  zu  dem  Entschlusse  des  Kaisers  Franz
Joseph  mitgewirkt  hat,  am  2.  August  den  Vorstoß  mit  dem
Fürstencongreß  gegen  Preußen  zu  machen.  Freilich  hätte
er  sich  dabei  in  einem  Irrthum  befunden  und  nicht  gewußt,
daß  der  Kaiser  Napoleon  der  polnischen  Sache  schon  überdrüssig
  und  auf  einen  anständigen  Rückzug  bedacht  war.  Graf
Goltz  schrieb  mir  am  31.  August?#:

„Sie  werden  aus  meiner  heutigen  Expedition  ersehen,  daß
ich  mit  Cäsar  Ein  Herz  und  Eine  Seele  bin  (in  der  That  war
er  noch  nie,  auch  zu  Anfang  meiner  Mission  nicht,  so  liebenswürdig
  und  vertraulich  wie  diesmal),  daß  Oesterreich  uns  durch
seinen  Fürstentag,  was  unfre  Beziehungen  zu  Frankreich  anbetrifft,
  einen  großen  Dienst  geleistet  hat  und  daß  es  nur  einer
befriedigenden  Beilegung  der  polnischen  Differenzen  bedarf,

)  S.  o.  S.  314,  II  70  ff.

2)  Bismarck-Jahrbuch  V  219  f.
        <pb n="381" />
        Napoleon  III.  und  die  Polen.  Schreiben  des  Grafen  Goltz.  357

 

um,  Dank  zugleich  der  Abwesenheit  Metternichs  und  der  heute
erfolgten  Abreise  seiner  hohen  Freundin  ½),  in  eine  politische
Lage  zurückzugelangen,  in  welcher  wir  den  kommenden  Ereignissen
  mit  Zuversicht  entgegensehen  können.

Ich  habe  auf  die  Andeutungen  des  Kaisers  hinsichtlich  der
polnischen  Angelegenheit  nicht  so  weit  eingehen  können,  als  ich
es  gewünscht  hätte.  Er  schien  mir  ein  Mediationsanerbieten
zu  erwarten;  aber  die  Aeußerungen  des  Königs  hielten  mich
zurück.  Jedenfalls  scheint  es  mir  rathsam,  das  Eisen  zu  schmieden,
  so  lange  es  warm  ist;  der  Koeiser  hat  jetzt  bescheidenere
Ansprüche  als  je,  und  es  ist  zu  besorgen,  daß  er  wieder  zu
stärkeren  Anforderungen  zurückkehrt,  wenn  etwa  Oesterreich
das  Frankfurter  Ungeschick  durch  eine  erhöhte  Bereitwilligkeit
in  der  polnischen  Frage  wieder  gut  zu  machen  bemüht  sein
sollte.  Er  will  jetzt  nur  aus  der  Sache  mit  Ehren  herauskommen,
  erkennt  die  sechs  Punkte  selbst  als  schlecht  an  und
wird  daher  bei  ihrer  praktischen  Durchführung  gern  ein  Auge
zudrücken,  weshalb  es  ihm  vielleicht  sogar  ganz  recht  ist,  wenn
er  nicht  vermöge  einer  allzu  bindenden  Form  gezwungen  wird,
ihre  strenge  Ausführung  zu  überwachen.  Ich  fürchte  nur  bei
der  bisherigen  Behandlung  der  Sache,  daß  uns  die  Russen
das  Verdienst  der  Beilegung  nehmen,  indem  sie  ohne  uns  das
thun,  wozu  wir  (5  ihnen  zureden  wollten  (2)2).  Die  Reise  des
Großfürsten,  der  offenbar  nicht  abberufen  ist,  ist  mir  in  dieser
Beziehung  verdächtig.  Wie,  wenn  der  Kaiser  Alexander  jetzt
eine  Constitution  verkündigte  und  dem  Kaiser  Napoleon  davon
mittelst  autographen  verbindlichen  Schreibens  Anzeige  machte?
Es  wäre  dies  immer  noch  besser  als  die  Fortdauer  der  Differenz,
  aber  ungünstiger  für  uns,  als  wenn  wir  vorher  dem
Kaiser  Napoleon  gesagt  hätten:  „Wir  sind  bereit  dazu  zu  rathen;
würdest  Du  damit  zufrieden  sein?“

1)  Der  Kaiserin  Eugenie.
?)  Die  Fragezeichen  sind  dem  Original  von  Bismarck's  Hand  beigefügt.
        <pb n="382" />
        358  Fünfzehntes  Kapitel:  Die  Alvensleben'sche  Convention.

 

Dieser,  schon  14  Tage  vorher  von  dem  General  Fleury
einem  Mitgliede  der  preußischen  Gesandschaft  gradezu  gemachten
Insinuation,  dem  Kaiser  Alexander  zu  dem  bezeichneten  Schritte
zu  rathen,  haben  wir  keine  Folge  gegeben,  und  der  diplomatische
Feldzug  der  drei  Mächte  ist  im  Sande  verlaufen.  Der  ganze
Plan  des  Grafen  Goltz  schien  mir  weder  politisch  richtig  noch
würdig,  mehr  im  Pariser  Sinne  als  in  unserm  gedacht.

Oestreich  hat  der  polnischen  Frage  gegenüber  nicht  die
Schwierigkeiten,  die  für  uns  in  der  gegenseitigen  Durchsetzung
polnischer  und  deutscher  Ansprüche  in  Posen  und  Westpreußen
und  in  der  Lage  Ostpreußens  mit  der  Frage  einer  Wiederherstellung
  polnischer  Unabhängigkeit  unlösbar  verbunden  sind.
Unfre  geographische  Lage  und  die  Mischung  beider  Nationalitäten
  in  den  Ostprovinzen  einschließlich  Schlesiens  nöthigen
uns,  die  Eröffnung  der  polnischen  Frage  nach  Möglichkeit
hintanzuhalten,  und  ließen  es  auch  1863  rathsam  erscheinen,
die  Eröffnung  dieser  Frage  durch  Rußland  nicht  zu  fördern,
  sondern,  so  viel  wir  konnten,  zu  verhüten.  Es  hat
vor  1863  Zeiten  gegeben,  da  man  in  Petersburg  auf  der
Basis  der  Wielopolskischen  Theorien  )  den  Großfürsten  Constantin
  mit  seiner  schönen  Gemalin?)  als  Vicekönig  von  Polen
in  Aussicht  nahm  —  die  Großfürstin  trug  damals  polnisches
Costüm  —,  möglicherweise  unter  Herstellung  der  polnischen
Verfassung,  die,  von  Alexander  I.  gegeben,  unter  dem  alten
Großfürsten  Constantin  in  formaler  Geltung  war.

Die  Militärconvention,  welche  durch  den  General  Gustav
von  Alvensleben  im  Februar  1863  in  Petersburg  abgeschlossen
wurde,  hatte  für  die  preußische  Politik  mehr  einen  diplomati-1)

  Graf  Wielopolski  sah  das  Heil  Polens  in  einem  engen  Anschluß
an  Rußland  und  redete  einer  Politik  der  Versöhnung  das  Wort.  Dieser
Theorie  entsprach  die  politische  und  nationale  Selbständigkeit,  die  1861
dem  Lande  in  den  Grenzen  des  s.  g.  Congreßpolen  gewährt  wurde.

:)  Alexandra  Josephowna.
        <pb n="383" />
        Bedeutung  d.  polnisch.  Frage  f.  Preußen.  Würdigung  d.  Convention.  359

 

schen  als  einen  militärischen  Zweck  10.  Sie  repräsentirte  einen
im  Cabinet  des  russischen  Kaisers  erfochtnen  Sieg  der  preußischen
  Politik  über  die  polnische,  die  vertreten  war  durch  Gortschakow,
  Großfürst  Constantin,  Wielopolski  und  andre  einflußreiche
  Personen.  Das  Ergebniß  beruhte  auf  directer  Koaiser--licher
  Entschließung  im  Gegensatz  zu  ministeriellen  Bestrebungen.

1)  Vgl.  zum  Folgenden  den  Brief  Bismarck's  an  Graf  Bernstorff
vom  9.  März  1863,  Bismarck-Jahrbuch  VI  172  ff.:  „In  Rußland  ist  die
polenfreundliche  Partei,  mit  Gortschakow  und  Wielopolski  an  der  Spitze
und  die  bei  mannigfachen  Abstufungen  ein  mehr  oder  weniger  selbständiges
  polnisches  Polen  in  Warschau  herstellen  will,  zugleich  die  Partei
Frankreichs  und  des  ehrgeizigen  Rußland,  mit  orientalischen  Plänen.
Die  Gegenpartei  möchte  ich  die  conservative  (durchaus  nicht  die  altrussische,
  die  ist  der  erstern  mehr  verwandt)  nennen.  Zu  ihr  gehört
dem  Herzen  nach  der  Kaiser,  die  Generäle,  die  deutschen  Staatsmänner;
diese  mißtraun  Frankreich  und  sehn  die  Unmöglichkeit  gütlicher  Verständigung
  mit  polnischen  National-Ansprüchen  ein.  Es  liegt  auf  der
Hand,  daß  die  erstre  Richtung,  die  Gortschakow's,  auch  für  Preußen
die  bedenklichere  ist,  solange  wir  uns  nicht  auf  russisch-französische  Combinationen
  einlassen  wollen.  Durch  den  Abschluß  unfrer  Convention,
der  unter  großem  Widerstreben  Gortschakow's  erfolgte,  auf  bestimmten
Befehl  des  Kaisers,  verschafften  wir,  soviel  an  uns  lag,  der  antipolnischen
  und  antifranzösischen  Partei  im  Cabinete  des  Kaisers  die  Oberhand,
  und  die  bis  dahin  schwankenden  Entschließungen  erfolgten  im
Sinne  der  entschlossenen  Unterdrückung  des  Aufstandes.  Die  Neigung,
dem  bewegenden  Princip  des  letztern  Concessionen  zu  machen,  wird
sehr  bald  wieder  hervortreten,  wenn  nicht  grade  der  Verdruß  über  die
englische  Einmischung  sie  einstweilen  zurückdrängt.  Man  kann  sich  in
London  doch  nicht  darüber  täuschen,  daß  alles,  was  man  für  Polen
thut,  wenn  es  Ersolg  hat,  nur  dazu  dient,  die  Stellung  Frankreichs  auf
dem  Continent  zu  stärken.  Polens  Unabhängigkeit  ist  gleichbedeutend
mit  einer  starken  französischen  Armee  in  der  Weichsel-Position,  und  jede
Verlegenheit,  die  man  Rußland  in  Polen  bereitet,  ist  ein  Zwang  Rußlands
  zur  Verständigung  mit  Frankreich.  Letztre  ist  und  bleibt  Gortschakow's
  Ziel,  es  kommt  blos  darauf  an,  ob  es  ihm  gelingt,  den
Kaiser  in  seine  Bahnen  zu  ziehn.  Gortschakow  reibt  sich  jubelnd  die
Hände  über  alle  Verdrießlichkeiten,  die  aus  der  Convention  für  uns
hervorgingen;  die  factische  Beseitigung  der  letztern  ist  für  ihn  ein  Sieg
in  der  russischen  Politik,  erfochten  über  die  antifranzösischen  Staatsmänner
  in  Rußland.“
        <pb n="384" />
        360  Fünszehntes  Kapitel:  Die  Alvensleben'sche  Convention.

 

Ein  Abkommen  politisch-militärischer  Natur,  welches  Rußland
mit  dem  germanischen  Gegner  des  Panslavismus  gegen  den
polnischen  „Bruderstamm“"  schloß,  war  ein  entscheidender  Schlag
auf  die  Aussichten  der  polonisirenden  Partei  am  russischen  Hofe;
und  in  diesem  Sinne  hat  das  militärisch  ziemlich  anodyne  ½)
Abkommen  seinen  Zweck  reichlich  erfüllt.  Ein  militärisches  Bedürfniß
  war  dafür  an  Ort  und  Stelle  nicht  vorhanden;  die
russischen  Truppen  waren  stark  genug,  und  die  Erfolge  der
Insurgenten  existirten  zum  großen  Theil  nur  in  den  von  Paris
bestellten,  in  Myslowitz  fabrizirten,  bald  von  der  Grenze,  bald
vom  Kriegsschauplatze,  bald  aus  Warschau  datirten,  zuweilen
recht  märchenhaften  Berichten,  die  zuerst  in  einem  Berliner
Blatte  erschienen  und  dann  ihre  Runde  durch  die  europälische
Presse  machten.  Die  Convention  war  ein  gelungner  Schachzug,
  der  die  Partie  entschied,  die  innerhalb  des  russischen  Cabinets
  der  antipolnische  monarchische  und  der  polonisirende  panslavistische
  Einfluß  gegen  einander  spielten.

Der  Fürst  Gortschakow  hatte  der  polnischen  Frage  gegenüber
  zuweilen  absolutistische,  zuweilen  —  man  kann  nicht  sagen
liberale  aber  —  parlamentarische  Anwandlungen.  Er  hielt
sich  für  einen  großen  Redner,  war  das  auch  und  gefiel  sich  in
der  Vorstellung,  wie  Europa  seine  auf  einer  Warschauer  oder
russischen  Tribüne  entfaltete  Beredsamkeit  bewundern  werde.
Es  wurde  angenommen,  daß  liberale  Concessionen,  die  den
Polen  eingeräumt  würden,  den  Russen  nicht  vorenthalten  werden
könnten;  die  constitutionell  gestimmten  Russen  waren  schon  deshalb
  Polenfreunde.

Während  die  polnische  Frage  die  öffentliche  Meinung  bei
uns  beschäftigte,  und  die  Alvensleben'sche  Convention  die  unverständige
  Entrüstung  der  Liberalen  im  Landtage  erregte,  wurde
mir  in  einer  Gesellschaft  bei  dem  Kronprinzen  Herr  Hinzpeter

1)  Bedeutungslos.
        <pb n="385" />
        Würdigung  der  Convention  nach  der  politischen  Seite.  Hinzpeter.  361

 

vorgestellt.  Da  er  im  täglichen  Verkehr  mit  den  Herrschaften
war  und  sich  mir  als  ein  Mann  von  conservativer  Gesinnung
zu  erkennen  gab,  ließ  ich  mich  auf  ein  Gespräch  mit  ihm  ein,
in  dem  ich  ihm  meine  Auffassung  der  polnischen  Frage  auseinandersetzte,
  in  der  Erwartung,  daß  er  hin  und  wieder  Gelegenheit
  finden  werde,  im  Sinne  derselben  zu  sprechen.  Einige
Tage  darauf  schrieb  er  mir,  die  Frau  Kronprinzessin  habe  ihn
gefragt,  was  ich  so  lange  mit  ihm  gesprochen  hätte.  Er  habe
ihr  Alles  erzählt  und  dann  eine  Aufzeichnung  seiner  Erzählung
gemacht,  die  er  mir  mit  der  Bitte  um  Prüfung  oder  Berichtigung
  überschickte.  Ich  antwortete  ihm,  daß  ich  diese  Bitte
ablehnen  müsse;  wenn  ich  sie  erfüllte,  so  würde  ich  nach  dem,
was  er  selbst  meldete,  nicht  zu  ihm,  sondern  zu  der  Frau  Kronprinzessin
  mich  schriftlich  über  die  Frage  äußern,  was  ich
nur  mündlich  zu  thun  bereit  sei.
        <pb n="386" />
        Sechzehntes  Kapitel.
Danziger  Episode.

1.

Kaiser  Friedrich,  der  Sohn  des  Monarchen,  den  ich  in  specie
als  meinen  Herrn  bezeichne,  hat  es  mir  durch  seine  Liebenswürdigkeit
  und  sein  Vertraun  leicht  gemacht,  die  Gefühle,  die
ich  für  seinen  Herrn  Vater  hegte,  auf  ihn  zu  übertragen.  Er
war  der  verfassungsmäßigen  Auffassung,  daß  ich  als  Minister
die  Verantwortlichkeit  für  seine  Entschließungen  trug,  in  der
Regel  zugänglicher,  als  sein  Vater  es  gewesen.  Auch  war  es
ihm  weniger  durch  Familientraditionen  erschwert,  politischen
Bedürfnissen  im  Innern  und  im  Auslande  gerecht  zu  werden.
Alle  Behauptungen,  daß  zwischen  dem  Kaiser  Friedrich  und  mir
dauernde  Verstimmungen  existirt  hätten,  sind  ungegründet.  Eine
vorübergehende  entstand  durch  den  Vorgang  in  Danzig,  in  dessen
Besprechung  ich  mir,  seitdem  die  hinterlassenen  Papiere  Max
Dunckers  e)  veröffentlicht  worden  sind,  weniger  Zurückhaltung
auflege,  als  sonst  geschehn  wäre.  Am  31.  Mai  1863  reiste
der  Kronprinz  zu  einer  militärischen  Inspection  nach  der  Provinz
  Preußen  ab,  nachdem  er  den  König  schriftlich  gebeten  hatte,
jede  Octroyirung  zu  vermeiden  ).  Auf  dem  Zuge,  mit  dem
er  fuhr,  befand  sich  der  Ober-Bürgermeister  von  Danzig,  Herr
von  Winter,  den  der  Prinz  unterwegs  in  sein  Coupé  einlud
und  einige  Tage  später  auf  seinem  Gute  bei  Culm  besuchte.

X)  R.  Haym,  Das  Leben  Max  Duncker's  (Berlin  1891)  S.  292  ff.

1)  Siehe  den  Brief  in  The  Annual  Register  for  the  year  1863  S.  241;
ebd.  S.  242  die  Antwort  des  Königs;  in  deutscher  Uebersetzung  bei
M.  v.  Poschinger,  Kaiser  Friedrich  Bd.  II  S.  8  u.  14.
        <pb n="387" />
        Ablehnende  Haltung  des  Kronprinzen  gegen  die  Preßverordnung.  363

 

Am  2.  Juni  folgte  ihm  die  Kronprinzessin  nach  Graudenz;  am
Tage  vorher  war  die  Königliche  Verordnung  über  die  Presse
auf  Grund  eines  Berichts  des  Staatsministeriums  erschienen,
welcher  gleichzeitig  veröffentlicht  wurde  .  Am  4.  Juni  richtete
Se.  Kgl.  Hoheit  an  den  König  ein  Schreiben?),  in  welchem  er
sich  mißbilligend  über  diese  Octroyirung  aussprach,  sich  über  die
unterlassene  Zuziehung  seiner  zu  den  betreffenden  Berathungen
des  Staatsministeriums  beschwerte  und  über  die  Pflichten  aussprach,
  die  ihm  als  dem  Thronfolger  seiner  Meinung  nach  oblägen.
  Am  5.  Juni  fand  im  Rathhause  in  Danzig  der  Empfang
der  städtischen  Behörden  statt,  bei  dem  Herr  von  Winter  ein
Bedauern  darüber  aussprach,  daß  die  Verhältnisse  es  nicht  gestatteten,
  der  Freude  der  Stadt  ihren  vollen  lauten  Ausdruck  zu
geben.  Der  Kronprinz  sagte  in  seiner  Antwort  unter  Anderm:

„Auch  ich  beklage,  daß  ich  in  einer  Zeit  hergekommen  bin,
in  welcher  zwischen  Regirung  und  Volk  ein  Zerwürfniß  eingetreten
  ist,  welches  zu  erfahren  mich  in  hohem  Grade  überrascht
hat.  Ich  habe  von  den  Anordnungen,  die  dazu  geführt  haben,
nichts  gewußt.  Ich  war  abwesend.  Ich  habe  keinen  Theil  an
den  Rathschlägen  gehabt,  die  dazu  geführt  haben.  Aber  wir
Alle  und  ich  am  meisten,  der  ich  die  edlen  und  landesväterlichen
Intentionen  und  hochherzigen  Gesinnungen  Seiner  Mocjestät
des  Königs  am  besten  kenne,  wir  Alle  haben  die  Zuversicht,  daß
Preußen  unter  dem  Szepter  Seiner  Majestät  des  Königs  der
Größe  sicher  entgegengeht,  die  ihm  die  Vorsehung  bestimmt  hat.“

Exemplare  der  „Danziger  Zeitung"“  mit  einem  Berichte  über
den  Vorgang  wurden  an  die  Redactionen  Berliner  und  andrer
Zeitungen  versandt,  die  das  genannte  Blatt  bei  seinem  wesentlich
  localen  Charakter  nicht  zu  halten  pflegten.  Die  Worte  des
Kronprinzen  erhielten  daher  sofort  eine  weite  Verbreitung  und

1)  Staats-Anzeiger  vom  3.  Juni  1863.
2)  In  englischer  Uebersetzung  im  Annual  Register  for  the  year  1863
S.  242.
        <pb n="388" />
        364  Sechzehntes  Kapitel:  Danziger  Episode.

 

erregten  im  In=  und  Auslande  ein  begreifliches  Aufsehn.  Aus
Graudenz  übersandte  er  mir  einen  förmlichen  Protest  gegen  die
Preßverordnung  und  verlangte  Mittheilung  desselben  an  das
Staatsministerium  1),  die  jedoch  auf  Befehl  des  Königs  unterblieb.
Am  7.  ging  ihm  eine  ernste  Antwort  Sr.  Mcjestät  )  auf  die  Beschwerdeschrift
  vom  4.  zu.  Er  bat  darauf  den  Vater  um  Verzeihung
wegen  eines  Schrittes,  den  er  um  seiner  und  seiner  Kinder  Zukunft
  willen  geglaubt  hätte  nicht  unterlassen  zu  können,  und  stellte
die  Entbindung  von  allen  seinen  Aemtern  anheims).  Am  11.  erhielt
  er  die  Antwort,  die  ihm  die  erbetne  Verzeihung  gewährte,
seine  Beschwerden  über  den  Minister  und  sein  Entlassungsgesuch
überging  und  ihm  für  die  Zukunft  Schweigen  zur  Pflicht  machte.

1)  Philippson,  Kaiser  Friedrich  S.  112:  „Ich  halte  die  Verordnung
für  ungesetzlich  und  gefährlich  für  mein  Haus  und  die  Zukunft  des
Staates.  Ich  sage  mich  los  von  jeder  Theilnahme  an  solchen  Maßregeln
und  trage  Ihnen  auf,  diese  meine  Verwahrung  zur  Kenntniß  des
Staatsministeriums  zu  bringen.“

!)  Philippson  S.  114  gibt  den  Inhalt  an:  Zunächst  suchte  er  dessen
Beweisführung  wegen  der  Ungesetzlichkeit  der  Preßordonnanzen  zu
widerlegen.  Dann  aber  verwies  er  ihm  die  Danziger  Rede:  sei  sie  von
der  Presse  falsch  wiedergegeben,  so  solle  er  diese  öffentlich  rectificiren;
sei  sie  richtig  abgedruckt,  so  solle  er  sie  zurücknehmen.  „Ich  verpflichte
Dich,  keine  einzige  derartige  Aeußerung  mehr  zu  thun.  Sollte  dies  doch
geschehen,  so  erfolgt  Abberufung  nach  Berlin,  wo  dann  bestimmt  wird,
ob  Du  Deine  Commandostelle  noch  behalten  kannst.“

:)  Philippson  S.  115:  er  bitte  um  Vergebung,  wenn  er  gefehlt  habe.
„Aber  meine  Worte  waren  nicht  unüberlegte.  Ich  war  schon  längst
meinem  Gewissen  und  meiner  Stellung  schuldig,  mich  zu  der  Meinung
zu  bekennen,  deren  Wahrheit  ich  täglich  deutlicher  fühle.  Nur  die  Hoffnung,
  vielleicht  doch  den  Widerspruch  gegen  Dich  vermeiden  zu  können,
beschwichtigte  meine  innere  Stimme.  Nun  aber  hat  das  Ministerium,
mich  völlig  ignorirend,  Beschlüsse  gesaßt,  die  meine  und  meiner  Kinder
Zukunft  gefährden.  Ich  werde  mit  demselben  Muthe  für  meine  Ueberzeugung
  einstehen  wie  Du  für  die  Deinige.  Ich  kann  deshalb  nichts
zurücknehmen,  werde  aber  schweigen.  Uebrigens  lege  ich  Dir  hiermit
meine  Stellungen  in  der  Armee  und  im  Staatsministerium  zu  Füßen,
wenn  Du  es  befiehlst,  und  bitte  um  Bestimmung  eines  Aufenthaltes
oder  die  Erlaubniß,  einen  Ort  zu  wählen,  wo  ich  der  Politik  ganz  fern
bleiben  kann.“
        <pb n="389" />
        König  und  Kronprinz.  Vermittelnde  Haltung  Bismarck's.  365

 

Während  ich  die  Erregung  des  Königs  als  berechtigt  anerkennen
  mußte,  bemühte  ich  mich  zu  verhindern,  daß  er  ihr
durch  staatliche  oder  auch  nur  öffentlich  erkennbare  Acte  Folge
gebe.  Ich  mußte  es  mir  im  dynastischen  Interesse  zur  Aufgabe
stellen,  den  König  zu  beruhigen  und  von  Schritten,  die  an
Friedrich  Wilhelm  I.  und  Küstrin  ½)  erinnert  hätten,  abzuhalten.
Es  geschah  das  hauptsächlich  am  10.  Juni  auf  einer  Fahrt  von
Babelsberg  nach  dem  Neuen  Palais,  wo  Se.  Majestät  das
Lehrbataillon  besichtigte;  die  Unterhaltung  wurde  wegen  der
Dienerschaft  auf  dem  Bocke  französisch  geführt.  Es  gelang  mir
in  der  That,  die  väterliche  Entrüstung  durch  die  Staatsraison
zu  besänftigen,  daß  in  dem  vorliegenden  Kampfe  zwischen  Königthum
  und  Parlament  ein  Zwiespalt  innerhalb  des  Königlichen
Hauses  abgestumpft,  ignorirt  und  todtgeschwiegen  werden,  daß
der  Vater  und  König  in  höherm  Maße  dafür  Sorge  tragen
müsse,  daß  die  Interessen  beider  nicht  geschädigt  würden.  „Verfahren
  Sie  säuberlich  mit  dem  Knaben  Absalom!“  sagte  ich  in
Anspielung  daraus,  daß  schon  Geistliche  im  Lande  über  Samuelis
Buch  2,  Kapitel  15,  Vers  3  und  4  )  predigten;  „vermeiden  Ew.
Majestät  jeden  Entschluß  ab  irato  ),  nur  die  Staatsraison  kann
maßgebend  sein.“  Einen  besondern  Eindruck  schien  es  zu  machen
als  ich  daran  erinnerte,  daß  in  dem  Conflicte  zwischen  Friedrich
Wilhelm  I.  und  seinem  Sohne  dem  Letztern  die  Sympathie  der
Zeitgenossen  und  der  Nachwelt  gehöre,  daß  es  nicht  rathsam
sei,  den  Kronprinzen  zum  Märtyrer  zu  machen.

1)  In  Küstrin  wurde  der  Kronprinz  Friedrich  nach  seinem  mißglückten
  Fluchtversuch  in  Haft  gethan  (1730).

2)  Wenn  jemand  einen  Handel  hatte,  daß  er  zum  König  vor  Gericht
kommen  sollte,  rief  ihn  Absalom  zu  sich  und  sprach:  „..  Siehe,  deine
Sache  ist  schlecht  und  recht;  aber  du  hast  keinen  Verhörer  beim  Könige.“
Und  Absalom  sprach:  „O,  wer  setzet  mich  zum  Richter  im  Lande,  daß
jedermann  zu  mir  käme,  der  eine  Sache  und  Gericht  hat,  daß  ich  ihm
zum  Rechten  hülfe!"“

:)  Unter  Wirkung  des  Zorns.
        <pb n="390" />
        366  Sechzehntes  Kapitel:  Danziger  Episode.

 

Nachdem  die  Sache  durch  den  oben  erwähnten  Briefwechsel
zwischen  Vater  und  Sohn  wenigstens  äußerlich  beigelegt  war,
erhielt  ich  ein  aus  Stettin  vom  30.  Juni  datirtes  Schreiben
des  Kronprinzen,  das  meine  ganze  Politik  in  starken  Ausdrücken
verurtheilte  ).  Sie  sei  ohne  Wohlwollen  und  Achtung  für  das
Volk,  stütze  sich  auf  sehr  zweifelhafte  Auslegungen  der  Verfassung,
  werde  sie  dem  Volke  werthlos  erscheinen  lassen  und
dieses  in  Richtungen  treiben,  die  außerhalb  der  Verfassung  lägen.
Auf  der  andern  Seite  werde  das  Ministerium  von  gewagten
Deutungen  zu  gewagteren  fortschreiten,  endlich  dem  Könige
Bruch  mit  derselben  anrathen.  Er  werde  den  König  bitten,
sich,  so  lange  dieses  Ministerium  im  Amte  sei,  der  Theilnahme
an  den  Sitzungen  desselben  enthalten  zu  dürfen.

Die  Thatsache,  daß  ich,  nachdem  ich  diese  Aeußerung  des
Thronfolgers  erhalten  hatte,  aus  dem  eingeschlagnen  Wege  beharrte,
  war  ein  sprechender  Beweis  dafür,  daß  mir  nichts  daran
lag,  nach  dem  Thronwechsel,  der  ja  sehr  bald  eintreten  konnte,
Minister  zu  bleiben.  Gleichwohl  nöthigte  der  Kronprinz  mich
in  einem  später  zu  erwähnenden  Gespräche  ?),  ihm  das  mit  ausdrücklichen
  Worten  zu  sagen.

Zur  Ueberraschung  des  Königs  war  am  16.  oder  17.  Juni
in  der  „Times“  zu  lesen:  „Der  Prinz  erlaubte  sich  bei  Gelegenheit
  einer  militärischen  Dienstreise  mit  der  Politik  des  Souverains
  in  Widerspruch  zu  treten  und  seine  Maßregeln  in  Frage
zu  stellen.  Das  Mindeste,  was  er  thun  konnte,  um  diese  schwere
Beleidigung  wieder  gut  zu  machen,  war  die  Zurücknahme  seiner
Aeußerungen.  Dies  forderte  der  König  von  ihm  in  einem  Briefe,
hinzufügend,  daß  er  seiner  Würden  und  Anstellungen  beraubt
werden  würde,  wenn  er  sich  weigerte.  Der  Prinz,  in  Ueber-1)

  Nach  dem  Original  mitgetheilt  im  Anhang  zu  den  Gedanken  und
Erinnerungen  II  349  ff.,  ebd.  S.  354  der  Entwurf  der  Antwort  Bismarck's
  vom  10.  Juli,  S.  355  die  Antwort  des  Kronprinzen  vom  14.  Juli,

S.  355  f.  die  Erwiderung  Bismarck's  vom  16.  Juli  1863.
2)  S.  u.  S.  369  f.
        <pb n="391" />
        Schreiben  des  Kronprinzen.  Indiscretionen  der  Times.  367

 

einstimmung,  wie  man  sagt,  mit  Ihrer  K.  H.  der  Prinzessin,
schrieb  eine  feste  Antwort  auf  dieses  Verlangen.  Er  weigerte
sich,  irgend  etwas  zurückzunehmen,  bot  die  Niederlegung  seines
Commandos  und  seiner  Würden  an  und  bat  um  Erlaubniß,
sich  mit  seiner  Frau  und  Familie  an  einen  Ort  zurückzuziehn,
wo  er  frei  von  dem  Verdacht  sein  könne,  sich  auf  irgend  eine
Weise  in  Staatsangelegenheiten  zu  mischen.  Dieser  Brief,  sagt
man,  sei  ausgezeichnet,  und  der  Prinz  sei  glücklich  zu  preisen
im  Besitz  einer  Gattin,  welche  nicht  nur  seine  liberalen  Ansichten
theilt,  sondern  auch  im  Stande  ist,  ihm  in  einem  wichtigen  und
kritischen  Augenblicke  seines  Lebens  so  viel  Beistand  zu  leisten.
Man  könne  sich  nicht  leicht  eine  schwierigere  Stellung  denken
als  die  des  Prinzlichen  Paares  ohne  jeden  Rathgeber,  mit  einem
eigenwilligen  Souverain  und  einem  verderblichen  Cabinet  auf
einer  Seite  und  einem  aufgeregten  Volke  auf  der  andern.“

Die  Nachforschungen  nach  dem  Vermittler  dieses  Artikels
haben  zu  keinem  sichern  Ergebnisse  geführt.  Eine  Reihe  von  Umständen
  ließ  den  Verdacht  auf  den  Legationsrath  Meyer  fallen.
Die  ausführlichern  Mittheilungen  an  die  „Grenzboten“  und  die
„Süddeutsche  Post“  des  Abgeordneten  Brater  scheinen  durch
einen  kleinen  deutschen  Diplomaten)  gegangen  zu  sein,  der  das
Vertraun  der  Kronprinzlichen  Herrschaften  besaß,  behielt  und
ein  Vierteljahrhundert  später  durch  indiscrete  Veröffentlichung
ihm  anvertrauter  Manuseripte  des  Prinzen  mißbraucht  hat.

Der  Versicherung  des  Kronprinzen,  um  diese  Veröffentlichung
nicht  gewußt  zu  haben,  habe  ich  nie  einen  Zweifel  entgegengebracht,
  auch  nicht,  nachdem  ich  gelesen,  daß  er  in  einem  Briefe
an  Max  Duncker  vom  14.  Julikk)  geschrieben  hat,  er  wäre
wenig  überrascht,  wenn  man  sich  Bismarckischer  Seits  in  Besitz
von  Abschriften  des  Briefwechsels  zwischen  ihm  und  dem  Könige
zu  setzen  gewußt  hätte.

#+X  A.  a.  O.  (Haym)  S.  308.
1)  Gesscken.
        <pb n="392" />
        368  Sechzehntes  Kapitel:  Danziger  Episode.

 

Die  Urheberschaft  der  Veröffentlichung  glaubte  ich  auf  derselben
  Seite  suchen  zu  müssen,  von  woher  nach  meiner  Ueberzeugung
  der  Kronprinz  zu  seiner  Haltung  bestimmt  worden  war.
Wahrnehmungen  während  des  französischen  Krieges  und  neuerdings
  die  Mittheilung  aus  Duncker's  Papieren  haben  meine
damalige  Auffassung  bestätigt.  Wenn  eine  ganze  Schule  von
politischen  Schriftstellern  ein  Vierteljahrhundert  lang  das,  was
sie  die  englische  Verfassung  nannten  und  wovon  sie  keine  eindringende
  Kenntniß  besaßen,  den  festländischen  Völkern  als
Muster  gepriesen  und  zur  Nachahmung  empfohlen  hatten,  so
war  es  erklärlich,  daß  die  Kronprinzessin  und  ihre  Mutter  das
eigenthümliche  Wesen  des  preußischen  Staates,  die  Unmöglichkeit
  verkannten,  ihn  durch  wechselnde  parlamentarische  Gruppen
regiren  zu  lassen,  war  es  erklärlich,  daß  aus  diesem  Irrthume
sich  der  andre  erzeugte,  es  würden  sich  in  dem  Preußen  des
19.  Jahrhunderts  die  innern  Kämpfe  und  Katastrophen  Englands
  im  17.  wiederholen,  wenn  nicht  das  System,  durch  welches
jene  Kämpfe  zum  Abschluß  kamen,  bei  uns  eingeführt  werde.
Ich  habe  nicht  feststellen  können,  ob  die  mir  damals  zugegangne
Nachricht  wahr  ist,  daß  im  April  1863  die  Königin  Augusta
durch  den  Präsidenten  Ludolf  Camphausen  und  die  Kronprinzessin
  durch  den  Baron  von  Stockmar  kritisirende  Denkschriften
über  die  innern  Zustände  Preußens  ausarbeiten  ließen  und  zur
Kenntniß  des  Königs  gebracht  haben;  daß  aber  die  Königin,
zu  deren  Umgebung  der  Legationsrath  Meyer  gehörte,  mit  der
Besorgniß  vor  Stuartischen  Katastrophen  erfüllt  war,  wußte  ich
und  fand  es  schon  1862  ausgeprägt  in  der  gedrückten  Stimmung,
in  der  der  König  aus  Baden  von  der  Geburtstagsfeier  seiner
Gemalin  zurückkehrte  ).  Die  im  Kampfe  mit  dem  Königthume
liegende,  von  Tag  zu  Tag  auf  den  Sieg  rechnende  Fortschrittspartei
  versäumte  es  nicht,  in  der  Presse  und  durch  die  Personen

1)  S.  o.  S.  323  f.
        <pb n="393" />
        Wer  war  Urheber  der  Veröffentlichung?  Neuer  Protest.  369

 

einzelner  Führer  die  Situation  unter  die  Beleuchtung  zu  stellen,
welche  auf  weibliche  Gemüther  besonders  wirksam  sein  mußte.

2.

In  Gastein  erhielt  ich  im  August  den  Besuch  des  Kronprinzen,
der  dort  von  englischen  Einflüssen  freier  sein  Verhalten  im  Sinne
seines  ursprünglichen  Mangels  an  Selbständigkeit  und  seiner
Verehrung  für  den  Vater  bescheiden  und  liebenswürdig  aus
seiner  ungenügenden  politischen  Vorbildung,  seiner  Fernhaltung
von  den  Geschäften  erklärte  und  ohne  Rückhalt  in  den  Formen
eines  Mannes  sprach,  der  sein  Unrecht  einsieht  und  mit  den
Einwirkungen,  die  auf  ihn  stattgefunden  hatten,  entschuldigt.

Im  September,  nachdem  der  König  mit  mir  über  Baden,
der  Kronprinz  direct  von  Gastein  nach  Berlin  zurückgekehrt  war,
gewannen  die  Einflüsse  und  Befürchtungen  wieder  die  Oberhand,
die  ihn  zu  dem  Auftreten  im  Juni  bewogen  hatten.  Den
Tag,  nachdem  die  Auflösung  des  Abgeordnetenhauses  beschlossen
worden,  schrieb  er  mir:

„Berlin,  3/9.  63.

Ich  habe  Sr.  M.  die  Ansichten  heute  mitgetheilt,  welche
ich  Ihnen  in  meinem  Schreiben  aus  Putbus  (rectius  Stettin)  )
auseinandersetzte  und  die  ich  Sie  bat,  nicht  eher  dem  Könige
zu  eröffnen,  als  bis  ich  selber  dies  gethan.  Ein  folgenschwerer
Entschluß  ward  gestern  im  conseil  gefaßt;  in  Gegenwart  der
Minister  wollte  ich  Sr.  M.  nichts  erwidern;  heut  ist  es  geschehen;
  ich  habe  meine  Bedenken  geäußert,  habe  meine  schweren
Befürchtungen  für  die  Zukunft  dargelegt.  Der  König  weiß  nunmehr,
  daß  ich  der  entschiedene  Gegner  des  Ministeriums  bin?.

Friedrich  Wilhelm.“

Es  kam  nun  auch  die  in  dem  Briese  des  Kronprinzen  vom
30.  Juni  angekündigte  Bitte,  von  der  Theilnahme  an  den

1)  Das  Schreiben  ist  von  Putbus  aus  abgesendet  worden.
:)  Bleistiftnotiz  Bismarck's:  wir  auch.
Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  24
        <pb n="394" />
        370  Sechzehntes  Kapitel:  Danziger  Episode.

 

Sitzungen  des  Staatsministeriums  dispensirt  zu  werden,  zur
Erörterung.  Wie  das  Verhältniß  zwischen  den  beiden  hohen
Herrn  damals  noch  war,  beweist  der  nachstehende  Brief  des
Ministers  von  Bodelschwingh  vom  11.  September  1863:

„Ungewiß,  zu  welcher  Stunde  Sie  von  Ihrer  aus  so  trüber
Veranlassung##e)  unternommenen  Reise  zurückkehren  und  ob  bald
nachher  ich  Sie  sprechen  kann,  theile  ich  schriftlich  mit,  daß,  nach
durch  den  Flügeladjutanten  mir  gewordener  Weisung  Sr.  M.,
ich  dem  Adjutanten  Sr.  K.  H.  des  Kronprinzen  in  Ihrem
Auftrage  Ihre  schleunige  Abreise  und  deren  Grund  mit  dem
Ersuchen  mitgetheilt,  Sr.  K.  H.  für  den  Fall  davon  Kenntniß
zu  geben,  daß  Ihre  Bitte  um  Audienz  bereits  Sr.  K.  H.  vorgetragen
  oder  schon  über  die  Audienz  Bestimmung  getroffen  sei.
S.  M.  haben,  wie  Prinz  Hohenlohe  mir  sagte,  nicht  angemessen
erachtet,  Seinerseits  mit  dem  Kronprinzen  über  Ihre  Abreise
und  die  fragliche  Audienz  zu  reden.“

Der  König  hatte  sich  dafür  entschieden,  daß  der  Kronprinz,
wie  seit  1861  geschehn,  auch  ferner  den  Sitzungen  des  Staatsministeriums
  beiwohnen  solle,  und  mich  beauftragt,  ihn  darüber
zu  verständigen.  Ich  nehme  an,  daß  es  zu  der  zu  diesem  Zweck
erbetnen  Audienz  nicht  gekommen  ist;  denn  ich  erinnre  mich,
daß  ich  das  mißverständliche  Erscheinen  des  Kronprinzen  zu
einer  Ministersitzung,  die  an  dem  betreffenden  Tage  nicht  stattfand,
  dazu  benutzte,  die  Erörterung  einzuleiten.  Ich  fragte  ihn,
weshalb  er  sich  so  fern  von  der  Regirung  halte;  in  einigen
Jahren  werde  sie  doch  die  seinige  sein;  wenn  er  etwa  andre
Prinzipien  habe,  so  sollte  er  lieber  den  Uebergang  zu  vermitteln
suchen  als  opponiren.  Er  lehnte  das  scharf  ab,  wie  es  schien
in  der  Vermuthung,  daß  ich  meinen  Uebergang  in  seine  Dienste
anbahnen  wolle.  Ich  habe  den  feindlichen  Ausdruck  olympischer

X)  Tod  meiner  Schwiegermutter.  Ich  war  vom  6.  bis  zum  11.
von  Berlin  abwesend.
        <pb n="395" />
        Unterredung  Bismarck's  mit  dem  Kronprinzen.  371

Hoheit,  mit  dem  das  geschah,  Jahre  hindurch  nicht  vergessen
können  und  sehe  noch  heut  den  zurückgeworfnen  Kopf,  das  geröthete
  Gesicht  und  den  Blick  über  die  linke  Schulter  vor  mir.
Ich  unterdrückte  meine  eigne  Aufwallung,  dachte  an  Carlos  und
Alba  (Act  2,  Auftritt  5)  und  antwortete,  ich  hätte  in  einer  Anwandlung
  dynastischen  Gefühls  gesprochen,  um  ihn  mit  seinem
Vater  wieder  in  nähere  Beziehung  zu  bringen,  im  Interesse
des  Landes  und  der  Dynastie,  das  durch  die  Entfremdung  geschädigt
  wäre;  ich  hätte  im  Juni  gethan,  was  ich  gekonnt,
um  seinen  Herrn  Vater  von  Entschließungen  ab  irato  )  abzuhalten,
  weil  ich  im  Interesse  des  Landes  und  im  Kampfe  gegen
die  Parlamentsherrschaft  die  Uebereinstimmung  in  der  königlichen
  Familie  zu  erhalten  wünschte.  Ich  sei  ein  treuer  Diener
seines  Herrn  Vaters  und  wünschte  ihm,  daß  er,  wenn  er  den
Thron  bestiege,  anstatt  meiner  ebenso  treue  Diener  finde,  wie
ich  für  seinen  Vater  gewesen.  Ich  hoffte,  er  würde  sich  des
Gedankens,  als  ob  ich  danach  strebte,  einmal  sein  Minister  zu
werden,  entschlagen;  ich  werde  es  niemals  sein.  Ebenso  rasch
wie  erregt,  ebenso  rasch  wurde  er  weich  und  schloß  das  Gespräch
mit  freundlichen  Worten.

Das  Verlangen,  an  den  Sitzungen  des  Staatsministeriums
nicht  weiter  Theil  zu  nehmen,  hielt  er  fest  und  richtete  noch  im
Laufe  des  September  eine  vielleicht  nicht  ohne  fremde  Einwirkung
entstandne  Denkschrift  an  den  König,  worin  er  seine  Gründe  in
einer  Weise  entwickelte,  die  zugleich  als  eine  Art  von  Rechtfertigung
  seines  Verhaltens  im  Juni  erschien.  Es  entstand
darüber  zwischen  Sr.  Majestät  und  mir  eine  private  Correspondenz,
  die  mit  folgendem  Billet  abschloß?:

„Babelsberg,  7.  11.  1863.

Anliegend  sende  ich  Ihnen  meine  Antwort  an  meinen  Sohn
den  Kronprinzen  auf  sein  Mêémoir  vom  September.  Zur  besseren

1)  S.  o.  S.  365  Anm.  2.
2)  Nach  dem  Original  berichtigt.
        <pb n="396" />
        372  Sechzehntes  Kapitel:  Danziger  Episode.

 

Orientirung  sende  ich  Ihnen  das  Memoir  wiederum  mit,  sowie
Ihre  Notizen,  die  ich  bei  meiner  Antwort  benutzte.“

Von  der  Denkschrift  habe  ich  eine  Abschrift  nicht  entnommen;
der  Inhalt  wird  aber  erkennbar  aus  meinen  Marginal-Notizen,
die  hier  folgen:

Seite  1.  Der  Anspruch,  daß  eine  Warnung  Sr.  Königlichen
  Hoheit  die  nach  sehr  ernster  und  sorgfältiger  Erwägung
gefaßten  Königlichen  Entschließungen  aufwiegen  soll,  legt  der
eignen  Stellung  und  Erfahrung  im  Verhältniß  zu  der  des
Monarchen  und  Vaters  ein  unrichtiges  Gewicht  bei.

Niemand  hat  glauben  können,  daß  Se.  K.  H.  „an  den
Octroyirungen  Theil  gehabt“,  denn  jedermann  weiß,  daß  der
Kronprinz  kein  Votum  im  Ministerium  hat  und  daß  die  in
ältern  Zeiten  übliche  amtliche  Stellung  des  Thronfolgers  nach
der  Verfassung  unmöglich  geworden  ist.  Das  démenti  in  Danzig
war  daher  überflüssig.

Seite  2.  Die  Freiheit  der  Entschließungen  Sr.  K.  H.  wird
dadurch  nicht  verkümmert,  daß  Se.  K.  H.  den  Sitzungen  beiwohnt,
  Sich  durch  Zuhören  und  eigne  Meinungs-Aeußerung
au  courant  der  Staatsgeschäfte  hält,  wie  es  die  Pflicht  jedes
Thronerben  ist.  Die  Erfüllung  dieser  Pflicht,  wenn  sie  in  den
Zeitungen  bekannt  wird,  kann  überall  nur  eine  gute  Meinung
von  dem  Fleiße  und  der  Gewissenhaftigkeit  hervorrufen,  mit
der  der  Kronprinz  Sich  für  Seinen  hohen  und  ernsten  Beruf
vorbereitet.

Die  Worte  „mit  gebundenen  Händen“  u.  s.  w.  haben  gar
keinen  Sinn.

Seite  2.  „Das  Land“  kann  garnicht  auf  den  Gedanken
kommen,  Se.  K.  H.  mit  dem  Ministerium  zu  identificiren,  denn
das  Land  weiß,  daß  der  Kronprinz  zu  keiner  amtlichen  Mitwirkung
  bei  den  Beschlüssen  berufen  ist.  Leider  ist  die  Stellung,
die  S.  K.  H.  gegen  die  Krone  genommen  hat,  im  Lande  be-
        <pb n="397" />
        Randbemerkungen  Bismarck's  zur  Eingabe  des  Kronprinzen.  373

 

kannt  genug  und  wird  von  jedem  Hausvater  im  Lande,  welcher
Partei  er  auch  angehören  mag,  offen  gemißbilligt  als  ein  Lossagen
  von  der  väterlichen  Autorität,  deren  Verkennung  das
Gefühl  und  das  Herkommen  verletzt.  Sr.  K.  H.  könnte  nicht
schwerer  in  der  öffentlichen  Meinung  geschadet  werden  als  durch
Publication  dieses  mémoires.  Schon  predigen  Geistliche  im
Lande  über  2.  B.  Samuelis  15  V.  3  u.  4.

Seite  2.  Die  Situation  Sr.  K.  H.  ist  allerdings  eine
„durchaus  falsche“  weil  es  nicht  der  Beruf  des  Thronerben  ist,
die  Fahne  der  Opposition  gegen  den  König  und  den  Vater
aufzupflanzen,  die  „Pflicht“,  aus  derselben  herauszukommen,
kann  aber  nur  auf  dem  Wege  der  Rückkehr  zu  einer  normalen
Stellung  erfüllt  werden.

Seite  3.  Der  Conflict  der  Pflichten  liegt  nicht  vor,  denn
die  erstre  Pflicht  ist  eine  selbstgemachte;  die  Sorge  für  Preußens
Zukunft  liegt  dem  Könige  ob,  nicht  dem  Kronprinzen,  und
ob  „Fehler“  gemacht  sind  und  auf  welcher  Seite,  wird  die  Zukunft
  lehren.  Wo  die  „Einsicht“  Sr.  Majestät  mit  der  des
Kronprinzen  in  Widerspruch  tritt,  ist  die  erstre  stets  die  entscheidende,
  also  kein  Conflict  vorhanden.  S.  K.  H.  erkennt  selbst
an,  daß  in  unfrer  Verfassung  „kein  Platz  für  Opposition  des
Thronfolgers“  ist.

Seite  4.  Die  Opposition  innerhalb  des  conseil's  schließt
den  Gehorsam  gegen  Se.  Mojestät  nicht  aus,  sobald  eine  Sache
entschieden  ist.  Minister  opponiren  auch,  wenn  sie  abweichende
Ansicht  haben,  gehorchen  aber  ½)  doch  der  Entscheidung  des
Königs,  obschon  ihnen  selbst  die  Ausführung  des  von  ihnen
Bekämpften  obliegt.

Seite  4.  Wenn  S.  K.  H.  weiß,  daß  die  Minister  nach  dem
Willen  des  Königs  handeln,  so  kann  S.  K.  H.  Sich  auch  dar-X)

  Hier  ist  am  Rande  von  der  Hand  des  Königs  der  Zusatz:  wenn
es  nicht  gegen  ihr  Gewissen  läuft.
        <pb n="398" />
        374  Sechzehntes  Kapitel:  Danziger  Episode.

 

über  nicht  täuschen,  daß  die  Opposition  des  Thronfolgers  gegen
den  regirenden  König  Selbst  gerichtet  ist.

Seite  5.  Zur  Unternehmung  eines  „Kampfes“  gegen  den
Willen  des  Königs  fehlt  dem  Kronprinzen  jeder  Beruf  und  jede
Berechtigung,  grade  weil  S.  K.  H.  keinen  amtlichen  „status“
besitzt.  Jeder  Prinz  des  Königlichen  Hauses  könnte  mit  demselben
  Rechte  wie  der  Kronprinz  für  sich  die  „Pflicht“  in  Anspruch
  nehmen,  bei  abweichender  Ansicht  öffentlich  Opposition
gegen  den  König  zu  machen,  um  dadurch  „seine  und  seiner
Kinder“  eventuelle  Erbrechte  gegen  die  Wirkung  angeblicher
Fehler  der  Regirung  des  Königs  zu  wahren,  das  heißt,  um
sich  die  Succession  im  Sinne  Louis  Philipp's  zu  sichern,  wenn
der  König  durch  eine  Revolution  gestürzt  würde.

Seite  5.  Ueber  die  Aeußerungen  des  Minister-Präsidenten
in  Gastein  hat  derselbe  sich  näher  zu  erklären.

Seite  7.  Der  Kronprinz  ist  nicht  als  „Rathgeber“  des
Königs,  sondern  zu  seiner  eignen  Insormation  und  Vorbereitung
auf  seinen  künftigen  Beruf  von  des  Königs  Mcjestät  veranlaßt,
den  Sitzungen  beizuwohnen.

Seite  7.  Der  Versuch,  die  Maßregeln  der  Regirung  zu
„neutralisiren“,  wäre  Kampf  und  Auflehnung  gegen  die  Krone.

Seite  7.  Gefährlicher  als  alle  Angriffe  der  Demokratie  und
alles  „Nagen“  an  den  Wurzeln  der  Monarchie  ist  die  Lockerung
der  Bande,  welche  das  Volk  noch  mit  der  Dynastie  verbinden,
durch  das  Beispiel  offen  verkündeter  Opposition  des  Thronerben,
durch  die  absichtliche  Kundmachung  der  Uneinigkeit  im  Schoße
der  Dynastie.  Wenn  der  Sohn  und  der  Thronerbe  die  Autorität
des  Vaters  und  des  Königs  ansicht,  wem  soll  sie  dann  noch
heilig  sein?  Wenn  dem  Ehrgeize  für  die  Zukunft  eine  Prämie
dafür  in  Aussicht  gestellt  wird,  daß  er  in  der  Gegenwart
vom  Könige  abfällt,  so  werden  jene  Bande  zum  eignen  Nachtheile
  des  künftigen  Königs  gelockert,  und  die  Lähmung  der
Autorität  der  jetzigen  Regirung  wird  eine  böse  Saat  für  die
        <pb n="399" />
        Randbemerkungen  Bismarck's  zur  Eingabe  des  Kronprinzen.  375

 

zukünftige  sein.  Jede  Regirung  ist  besser  als  eine  in  sich  zwiespältige
  und  gelähmte,  und  die  Erschütterungen,  welche  der
jetzige  Kronprinz  hervorrufen  kann,  treffen  die  Fundamente
des  Gebäudes,  in  welchem  er  selbst  künftig  als  König  zu
wohnen  hat.

Seite  7.  Nach  dem  bisherigen  verfassungsmäßigen
Rechte  in  Preußen  regirt  der  König,  und  nicht  die  Minister.
Nur  die  Gesetzgebung,  nicht  die  Regirung,  ist  mit  den  Kammern
getheilt,  vor  denen  die  Minister  den  König  vertreten.  Es  ist
also  ganz  gesetzlich,  wie  vor  der  Verfassung,  daß  die  Minister
Diener  des  Königs,  und  zwar  die  berufnen  Rathgeber
Srr.  Majestät,  aber  nicht  die  Regirer  des  Preußischen  Staates
sind.  Das  Preußische  Königthum  steht  auch  nach  der  Verfassung
  noch  nicht  auf  dem  niveau  des  belgischen  oder  englischen,
sondern  bei  uns  regirt  noch  der  König  persönlich  und  befiehlt
nach  Seinem  Ermessen,  so  weit  nicht  die  Verfassung  ein  Andres
bestimmt,  und  dies  ist  nur  in  Betreff  der  Gesetzgebung  der  Fall.

Seite  8.  Die  Veröffentlichung  von  Staatsgeheimnissen  verstößt
  gegen  die  Strafgesetze.  Was  als  Staatsgeheimniß  zu
behandeln  sei,  hängt  von  den  Befehlen  des  Königs  zu  dienstlicher
  Geheimhaltung  ab.

Seite  8.  Warum  wird  so  großer  Werth  auf  das  Bekanntwerden
  „draußen  im  Lande“  gelegt?  Wenn  S.  K.  H.  nach
pflichtmäßiger  Ueberzeugung  im  conseil  Seine  Meinung  sagt,
so  ist  dem  Gewissen  Genüge  geschehn.  Der  Kronprinz  hat
keine  offizielle  Stellung  zu  den  Staatsgeschäften  und  keinen
Beruf,  Sich  öffentlich  zu  äußern;  das  Einverständniß  S.  K.  H.
mit  den  Beschlüssen  der  Regirung  wird  Niemand,  der  unfre
Staatseinrichtungen  auch  nur  oberflächlich  kennt,  daraus  folgern,
daß  S.  K.  H.  ohne  Stimmrecht,  also  ohne  die  Möglichkeit
  wirksamen  Widerspruchs,  die  Verhandlungen  des  conseil's
anhört.

Seite  8.  „nicht  besser  erscheinen“;  der  Fehler  der  Situation
        <pb n="400" />
        376  Sechzehntes  Kapitel:  Danziger  Episode.

 

liegt  darin  eben,  daß  auf  das  „Erscheinen“  zu  viel  Werth  gelegt
wird;  auf  das  Sein  und  das  Können  kommt  es  an,  und
das  ist  nur  die  Frucht  ernster  und  besonnener  Arbeit.

Seite  9.  Die  Theilnahme  Sr.  K.  H.  an  den  conseil's  ist
keine  „active“  Stellung,  und  „Abstimmungen“  des  Kronprinzen
finden  nicht  statt.

Seite  9.  Die  Mittheilung  an  „berufne"“  (5°)  Personen  ohne
Ermächtigung  Sr.  Majestät  würde  gegen  die  Strafgesetze  verstoßen.
  Das  Recht  der  freien  Meinungs-Aeußerung  wird  ja
Sr.  K.  H.  nicht  verschränkt,  im  Gegentheil,  gewünscht;  aber
nur  im  conseil,  wo  die  Aeußerung  ja  allein  von  Einfluß  auf
die  zu  fassenden  Entschließungen  sein  kann.  Den  Gegensatz
„vor  dem  Lande  offen  zu  legen“,  kann  nur  eine  Befriedigung
  des  Selbstgefühls  bezwecken  und  muß  die  Folge  haben,
Unzufriedenheit  und  Unbotmäßigkeit  zu  fördern  und  dadurch
der  Revolution  die  Wege  zu  bahnen.

Seite  10.  Erschweren  wird  S.  K.  H.  den  Ministern  die
Arbeit  ohne  Zweifel,  und  bequemer  würde  ihre  Aufgabe  sein,
wenn  S.  K.  H.  Sich  nicht  an  den  Sitzungen  betheiligte.  Aber
kann  Se.  Majestät  Sich  der  Pflicht  entziehn,  so  viel  als  in  menschlichen
  Kräften  steht,  dafür  zu  thun,  daß  der  Kronprinz  die
Geschäfte  und  Gesetze  des  Landes  kennen  lerne?  Ist  es  nicht
ein  gefährliches  Experiment,  den  künftigen  König  den  Staatsangelegenheiten
  fremd  werden  zu  lassen,  während  das  Wohl
von  Millionen  darauf  beruht,  daß  Er  mit  denselben  vertraut
sei?  S.  K.  H.  beweist  in  dem  vorliegenden  mémoire  die  Unbekanntschaft
  mit  der  Thatsache,  daß  die  Theilnahme  des  Kronprinzen
  an  den  conseil's  eine  veran  twortliche  niemals  ist,
sondern  nur  eine  informatorische,  daß  ein  votum  von  S.  K.  H.
niemals  verlangt  werden  kann.  Auf  dem  Verkennen  dieses
Umstandes  beruht  das  ganze  raisonnement.

Wenn  der  Kronprinz  mit  den  Staats-Angelegenheiten  vertrauter
  wäre,  so  könnte  es  nicht  geschehn,  daß  S.  K.  H.  dem
        <pb n="401" />
        Randbemerkungen  Bismarck's  zur  Eingabe  des  Kronprinzen.  377

 

Könige  mit  Veröffentlichung  der  conseil-Verhandlungen  drohte,
für  den  Fall,  daß  der  König  auf  die  Wünsche  Sr.  K.  H.  nicht
einginge;  also  mit  einer  Verletzung  der  Gesetze,  und  obenein
der  Strafgesetze.  Und  das  wenige  Wochen,  nachdem  S.  K.  H.
selbst  die  Veröffentlichung  des  Briefwechsels  mit  Sr.  Moajestät
in  sehr  strengen  Worten  gerügt  hat.

Seite  11.  Der  erwähnte  Vorwurf  ist  allerdings  für  Jedermann
  im  Volke  ein  sehr  nahe  liegender;  Niemand  klagt  S.  K.  H.
einer  solchen  Absicht  an,  aber  wohl  sagt  man,  daß  Andre,
welche  solche  Absicht  hegen,  dieselbe  durch  die  unbewußte  Mitwirkung
  des  Kronprinzen  zu  verwirklichen  hoffen  und  daß  ruchlose
  Attentate  jetzt  mehr  als  früher  ihren  Urhebern  die  Aussicht
auf  einen  Systemwechsel  gewähren.

Seite  12.  Das  Verlangen,  rechtzeitige  Kenntniß  von  den
Vorlagen  der  Sitzungen  zu  haben,  ist  als  ein  begründetes  jederzeit
  erkannt  worden  und  wird  stets  erfüllt,  ja  der  Wunsch
ist  häufig  laut  geworden,  daß  S.  K.  H.  die  Hand  dazu  biete,
genauer,  als  es  bisher  möglich  war,  au  courant  gehalten  zu
werden.  Dazu  muß  der  Aufenthalt  Sr.  K.  H.  jederzeit  bekannt
und  erreichbar,  der  Kronprinz  für  die  Minister  persönlich  zugänglich
  und  die  Discretion  gesichert  sein.  Besonders  aber  ist
nöthig,  daß  die  vortragenden  Räthe,  mit  denen  allein  S.  K.  H.
die  schwebenden  Staatssachen  zu  bearbeiten  berechtigt  sein  kann,
nicht  Gegner,  sondern  Freunde  der  Regirung  seien  oder  doch
unparteiische  Beurtheiler  ohne  intime  Beziehung  zur  Opposition
  im  Landtage  und  in  der  Presse.  Der  schwierigste  Punkt
ist  die  Discretion,  besonders  gegen  das  Ausland,  so  lange
nicht  bei  Sr.  K.  H.  und  bei  Ihrer  K.  H.  der  Frau  Kronprinzessin
  das  Bewußtsein  durchgedrungen  ist,  daß  in  regirenden
Häusern  die  nächsten  Verwandten  nicht  immer  Landsleute  sind,
sondern  nothwendig  und  pflichtmäßig  andre  als  die  Preußischen
Interessen  vertreten.  Es  ist  hart,  wenn  zwischen  Mutter  und
Tochter,  zwischen  Bruder  und  Schwester  eine  Landes  gränze
        <pb n="402" />
        378  Sechzehntes  Kapitel:  Danziger  Episode.

 

als  Scheidelinie  der  Interessen  liegt;  aber  das  Vergessen  derselben
  ist  immer  gefährlich  für  den  Staat.

Seite  12.  Die  „jetzte  Conseilsitzung“  (am  3.)  war  keine
conseil-Sitzung,  sondern  nur  eine  den  Ministern  selbst  vorher
nicht  bekannte  Berufung  zu  Sr.  Mazestät.

Seite  13.  Die  Mittheilung  an  die  Minister  würde  dem
mémoire  einen  amtlichen  Charakter  geben,  welchen  Auslassungen
der  Thronfolger  an  sich  nicht  haben.
        <pb n="403" />
        Siebzehntes  Kapitel.
Der  Frankfurter  Fürstentag.

1.

Die  ersten  Versuche  auf  der  Bahn,  auf  der  das  Bündniß
mit  Oestreich  1879  erreicht  wurde,  sanden  statt,  während  der
Graf  Rechberg  Ministerpräsident,  respective  Minister  des  Aeußern
war  (17.  Mai  1859  bis  27.  October  1864).  Da  die  perfönlichen
  Beziehungen,  in  denen  ich  zu  ihm  am  Bundestage  gestanden
  hatte,  solchen  Versuchen  förderlich  sein  konnten  und  in
einem  Zeitpunkte  förderlich  gewesen  sind,  so  schalte  ich  zwei
Erlebnisse  ein,  die  ich  in  Frankfurt  mit  ihm  gehabt  habe.

Nach  einer  Sitzung,  in  der  ich  Rechberg  verstimmt  hatte,
blieb  er  mit  mir  allein  im  Saale  und  machte  mir  leidenschaftliche
  Vorwürfe  über  meine  Unverträglichkeit:  ich  sei  mauvais
coucheur  )  und  Händelsucher;  er  bezog  sich  auf  dabei  auf  Fälle,
in  denen  ich  mich  gegen  präsidiale  Uebergriffe  gewehrt  hatte.
Ich  erwiderte  ihm,  ich  wisse  nicht,  ob  sein  Zorn  nur  ein  diplomatischer
  Schachzug  oder  Ernst  sei,  aber  die  Aeußerung  desselben
sei  höchst  persönlicher  Art.  „Wir  können  doch  nicht,“  sagte  ich,
„im  Bockenheimer  Wäldchen  mit  der  Pistole  die  Diplomatie
unfrer  Staaten  erledigen.“  Darauf  er  mit  großer  Heftigkeit:
„Wir  wollen  gleich  hinausfahren;  ich  bin  bereit,  auf  der  Stelle.“
Damit  war  für  mich  der  Boden  der  Diplomatie  verlassen,  und
ich  antwortete  ohne  Heftigkeit:  „Warum  sollen  wir  fahren;  hier
im  Garten  des  Bundespalais  ist  Platz  genug,  gegenüber  wohnen
preußische  Offiziere,  und  östreichische  sind  auch  in  der  Nähe.

1)  Einer,  mit  dem  nicht  gut  Kirschen  zu  essen  ist.
        <pb n="404" />
        380  Siebzehntes  Kapitel:  Der  Frankfurter  Fürstentag.

 

Die  Sache  kann  in  dieser  Viertelstunde  vor  sich  gehn,  ich  bitte
Sie  nur  um  Erlaubniß,  in  wenigen  Zeilen  die  Entstehung  des
Streites  zu  Papier  zu  bringen,  und  erwarte  von  Ihnen,  daß
Sie  diese  Aufzeichnung  mit  mir  unterschreiben  werden,  da  ich
meinem  Könige  gegenüber  nicht  als  ein  Raufbold  erscheinen
möchte,  der  die  Diplomatie  seines  Herrn  auf  der  Mensur  führt.“
Damit  begann  ich  zu  schreiben,  mein  College  ging  mit  raschen
Schritten  hinter  mir  auf  und  ab,  während  ich  schrieb.  Während
dessen  verrauchte  sein  Zorn,  und  er  kam  zu  einer  ruhigern  Betrachtung
  der  Lage,  die  er  herbeigeführt  hatte.  Ich  verließ  ihn
mit  der  Aeußerung,  daß  ich  Herrn  von  Oertzen,  den  mecklenburgischen
  Gesandten,  als  meinen  Zeugen  zu  ihm  schicken  würde
um  das  Weitre  zu  verhandeln.  Oertzen  legte  den  Streit  versöhnlich
  bei.

Es  ist  auch  von  Interesse,  zu  erwähnen,  wie  es  kam,  daß
ich  späterhin  das  Vertraun  dieses  zornigen,  aber  ehrliebenden
Herrn  und  vielleicht,  als  wir  Beide  Minister  geworden  waren,
seine  Freundschaft  erworben  habe.  Bei  einem  geschäftlichen
Besuche,  den  ich  ihm  machte,  verließ  er  das  Zimmer,  um  seinen
Anzug  zu  wechseln,  und  überreichte  mir  eine  Depesche,  die  er
eben  von  seiner  Regirung  erhalten  hatte,  mit  der  Bitte,  sie
zu  lesen.  Ich  überzeugte  mich  aus  dem  Inhalt,  daß  Rechberg
sich  vergriffen  und  mir  ein  Schriftstück  gegeben  hatte,  das  zwar
die  fragliche  Sache  betraf,  aber  nur  für  ihn  bestimmt  und  offenbar
  von  einem  zweiten  ostensiblen  begleitet  gewesen  war.  Als  er
wieder  eingetreten  war,  gab  ich  ihm  die  Depesche  zurück  mit  der
Aeußerung,  er  habe  sich  versehn,  ich  würde  vergessen,  was  ich
gelesen  hätte;  ich  habe  in  der  That  vollkommnes  Schweigen  über
sein  Versehn  beobachtet  und  in  Berichten  oder  Gesprächen  von
dem  Inhalt  des  geheimen  Schriftstücks  und  seinem  Versehn
keinen  auch  nur  indirecten  Gebrauch  gemacht.  Seitdem  behielt
er  Vertraun  zu  mir.

Die  Versuche  zur  Zeit  des  Ministeriums  Rechberg  würden,
        <pb n="405" />
        Bismarck  und  Rechberg.  Dualistische  Bestrebungen.  381

 

wenn  erfolgreich,  damals  zu  einer  gesammtdeutschen  Union  auf
der  Basis  des  Dualismus  haben  führen  können,  zu  dem  Siebzigmillionenreich
  in  Centraleuropa  mit  zweiköpfiger  Spitze,  während
die  Schwarzenbergische  Politik  auf  etwas  Aehnliches  ausgegangen
  war,  aber  mit  einheitlicher  Spitze  Oestreichs  und  Hinabdrückung
  Preußens  nach  Möglichkeit  auf  den  mittelstaatlichen
Stand.  Der  letzte  Anlauf  dazu  war  der  Fürstencongreß  von
1863.  Wenn  die  Schwarzenbergische  Politik  in  der  posthumen
Gestalt  des  Fürstencongresses  schließlich  Erfolg  gehabt  hätte,  so
würde  zunächst  die  Verwendung  des  Bundestags  zur  Repression
auf  dem  Gebiete  der  innern  Politik  Deutschlands  voraussichtlich
in  den  Vordergrund  getreten  sein,  nach  Maßgabe  der  Verfassungsrevisionen,
  die  der  Bund  schon  in  Hanover,  Hessen,  Luxemburg,
Lippe,  Hamburg  u.  a.  in  Angriff  genommen  hatte.  Auch  die
Preußische  Verfassung  konnte  analog  herangezogen  werden,  wenn
der  König  nicht  zu  vornehm  dazu  gedacht  hätte.

Unter  einer  dualistischen  Spitze  mit  Gleichberechtigung
Preußens  und  Oestreichs,  wie  sie  als  Consequenz  meiner  Annäherung
  an  Rechberg  erstrebt  werden  konnte,  würde  unfre
innre  verfassungsmäßige  Entwicklung  von  der  Versumpfung  in
bundestägiger  Reaction  und  von  der  einseitigen  Förderung  absolutistischer
  Zwecke  in  den  einzelnen  Staaten  nicht  nothwendig
bedroht  worden  sein;  die  Eifersucht  der  beiden  Großstaaten  wäre
der  Schutz  der  Verfassungen  gewesen.  Preußen,  Oestreich  und
die  Mittelstaaten  würden  bei  dualistischer  Spitze  auf  Wettbewerb
um  die  öffentliche  Meinung  in  der  Gesammtnation  wie  in  den
einzelnen  Staaten  angewiesen  geblieben  sein,  und  die  daraus
entspringenden  Frictionen  würden  unser  öffentliches  Leben
vor  ähnlichen  Erstarrungen  bewahrt  haben,  wie  sie  auf  die
Zeiten  der  Mainzer  Untersuchungscommission  folgten.  Die  Zeit
der  liberalen  östreichischen  Preßthätigkeit  im  Wetteifer  mit
Preußen,  wenn  auch  nur  auf  dem  Gebiete  der  Phrase,  ließ
schon  zu  Anfang  der  fünfziger  Jahre  erkennen,  daß  der  un-
        <pb n="406" />
        382  Siebzehntes  Kapitel:  Der  Frankfurter  Fürstentag.

 

entschiedne  Kampf  um  die  Hegemonie  für  die  Belebung  unsrer
nationalen  Gefühle  und  für  die  verfassungsmäßige  Entwicklung
nützlich  war.

Aber  die  von  Oestreich  mit  Hülfe  des  Fürstentags  von  1863
erstrebte  Bundesreform  würde  für  eine  Rivalität  zwischen
Preußen,  Oestreich  und  dem  Parlamentarismus  geringen  Raum
gelassen  haben.  Die  Vorherrschaft  Oestreichs  in  der  damals
beabsichtigten  Bundesreform  würde,  auf  Grund  der  dynastischen
Befürchtungen  vor  Preußen  und  vor  parlamentarischen  Kämpfen,
vermittelst  einer  dauernden  und  systematisch  begründeten  Bundesmajorität
  gesichert  gewesen  sein.

Das  Ansehn  Deutschlands  nach  außen  hing  in  beiden  Gestaltungen,
  der  dualistischen  und  der  östreichischen,  von  dem
Grade  fester  Einigkeit  ab,  den  die  eine  und  die  andre  der
Gesammtnation  gewährt  haben  würde.  Daß  Oestreich  und
Preußen,  sobald  sie  einig,  eine  Macht  in  Europa  darstellen,
welche  leichtfertig  anzugreisen  keine  der  andern  Mächte  geneigt
war,  hat  der  ganze  Verlauf  der  dänischen  Verwicklungen  gezeigt.
So  lange  Preußen  allein,  wenn  auch  in  Verbindung  mit  dem
stärksten  Ausdruck  der  öffentlichen  Meinung  des  deutschen  Volkes,
einschließlich  der  Mittelstaaten,  die  Sache  in  der  Hand  hatte,
kam  sie  nicht  vorwärts  und  führte  zu  Abschlüssen,  wie  der
Waffenstillstand  von  Malmö  0  und  die  Olmützer  Convention:).
Sobald  es  gelungen  war,  Oestreich  unter  Rechberg  für  eine
mit  Preußen  übereinstimmende  Action  zu  gewinnen,  wurde  das
Schwergewicht  der  beiden  deutschen  Großstaaten  stark  genug,
um  die  Einmischungsgelüste,  welche  andre  Mächte  haben  konnten,
zurückzuhalten.  England  hat  im  Laufe  der  neuern  Geschichte
jederzeit  das  Bedürfniß  der  Verbindung  mit  einer  der  continentalen
  Militärmächte  gehabt  und  die  Befriedigung  desselben,
je  nach  dem  Standpunkt  der  englischen  Interessen,  bald  in

)  20.  August  1848.
2)  29.  November  1850.
        <pb n="407" />
        Wirkungen  d.  Einvernehmens  mit  Oestreich.  Unterredung  mit  Karolyi.  383

 

Wien,  bald  in  Berlin  gesucht,  ohne,  bei  plötzlichem  Uebergang
von  einer  Anlehnung  an  die  andre,  wie  im  siebenjährigen  Kriege,
scrupulöse  Bedenken  gegen  den  Vorwurf  des  Imstichlassens  alter
Freunde  zu  hegen.  Wenn  aber  die  beiden  Höfe  einig  und  verbündet
  waren,  so  fand  die  englische  Politik  nicht  ihres  Dienstes,
ihnen  etwa  im  Bunde  mit  einer  von  den  ihr  gefährlichen  Mächten,
Frankreich  und  Rußland,  feindlich  gegenüberzutreten.  Sobald
aber  die  preußisch-östreichische  Freundschaft  gesprengt  worden
wäre,  würde  auch  damals  das  Eingreifen  des  europälschen
Seniorenconvents  in  der  dänischen  Frage  unter  englischer
Führung  erfolgt  sein.  Es  war  deshalb,  wenn  unfre  Politik
nicht  wiederum  entgleisen  sollte,  von  höchster  Wichtigkeit,  das
Einverständniß  mit  Wien  festzuhalten;  in  ihm  lag  unfre  Deckung
gegen  englisch-europäisches  Eingreifen.  .

Ich  hatte  am  4.  December  1862  gegenüber  dem  Grafen
Karolyi,  mit  dem  ich  auf  vertrautem  Fuß  stand,  mit  offnen
Karten  gespielt.  Ich  sagte  ihm:

„Unfre  Beziehungen  müssen  entweder  besser  oder  schlechter
werden,  als  sie  sind.  Ich  bin  bereit  zu  einem  gemeinschaftlichen
  Versuche,  sie  besser  zu  machen.  Mißlingt  derselbe  durch
Ihre  Weigerung,  so  rechnen  Sie  nicht  darauf,  daß  wir  uns
durch  bundesfreundliche  Redensarten  werden  fesseln  lassen.  Sie
werden  mit  uns  als  europäische  Großmacht  zu  thun  bekommen;
die  Paragraphen  der  Wiener  Schlußacte  haben  nicht  die  Kraft,
die  Entwicklung  der  deutschen  Geschichte  zu  hemmen“  ,.

Graf  Karolyi,  ein  ehrlicher  und  unabhängiger  Charakter,
hat  ohne  Zweifel  genau  berichtet,  was  wir  unter  vier  Augen
vertraulich  besprochen  haben.  In  Wien  aber  hatte  man  seit
der  Olmützer  und  Dresdner  Zeit  und  der  Präpotenz  Schwarzen=9

  9.  Juni  1815.

:)  Vgl.  die  Depesche  vom  24.  Januar  1863,  in  der  Bismarck  über
den  Inhalt  seiner  Unterredungen  mit  Karolyi  vom  4.  und  13.  Dec.  1862
Rechenschaft  giebt,  Staatsarchio  VIII  S.  55  ff.  Nr.  1751.
        <pb n="408" />
        384  Siebzehntes  Kapitel:  Der  Frankfurter  Fürstentag.

 

berg's  eine  irrige  Ansicht  gewonnen;  man  hatte  sich  gewöhnt,
uns  für  schwächer  und  namentlich  für  furchtsamer  zu  halten,
als  wir  zu  sein  brauchen,  und  das  Gewicht  fürstlicher  Verwandtschaft
  und  Liebe  in  Fragen  internationaler  Politik  für  die
Dauer  zu  hoch  in  Ansatz  gebracht.  Die  ältern  militärischen
Vermuthungen  sprachen  allerdings  dafür,  daß,  wenn  der  sechsundsechziger
  Krieg  schon  1850  geführt  worden  wäre,  unfre  Aussichten
  bedenklich  gewesen  sein  würden.  Mit  unfrer  Schüchternheit
  noch  in  den  sechziger  Jahren  zu  rechnen,  war  ein  Irrthum,
bei  welchem  der  Thronwechsel  außer  Ansatz  geblieben  war.

Friedrich  Wilhelm  IV.  hätte  sich  zu  Mobilmachungen  wohl
ebenso  leicht  entschlossen  wie  1850  und  wie  sein  Nachfolger  1859,
aber  schwer  zur  Kriegführung.  Unter  ihm  lag  die  Gefahr  vor,
daß  ähnliche  Tergiversationen  wie  unter  Haugwitz  1805  uns
in  falsche  Lagen  gebracht  haben  würden;  auch  nach  wirklichem
Bruch  würde  man  in  Oestreich  über  unfre  Unklarheiten  und
Vermittlungsversuche  mit  Entschlossenheit  zur  Tagesordnung
übergegangen  sein.  Bei  dem  König  Wilhelm  war  die  Abneigung,
  mit  den  väterlichen  Traditionen  und  den  herkömmlichen
Familienbeziehungen  zu  brechen,  ebenso  stark  wie  bei  seinem
Bruder,  aber  wenn  er  einmal  unter  der  Leitung  seines  Ehrgefühls,
  dessen  Empfindlichkeit  ebenso  in  dem  preußischen  Porteée
  als  im  monarchischen  Bewußtsein  lag,  zu  Entschlüssen,  die
seinem  Herzen  schwer  wurden,  sich  gezwungen  gefühlt  hatte,
so  war  man  sicher,  wenn  man  ihm  folgte,  in  keiner  Gefahr
von  ihm  im  Stiche  gelassen  zu  werden.  Mit  diesem  Wechsel
in  dem  Charakter  der  obersten  Leitung  wurde  in  Wien  zu  wenig
gerechnet  und  zu  viel  mit  dem  Einfluß,  den  man  durch  die  angebliche
  öffentliche  Meinung,  wie  sie  durch  Preß-Agenten  und
Subsidien  erzeugt  wurde,  auf  Berliner  Entschließungen  früher
hatte  ausüben  können  und  durch  Vermittlung  fürstlicher  Verwandten
  und  Correspondenzen  des  königlichen  Hauses  auch
ferner  auszuüben  bereit  und  im  Stande  war.
        <pb n="409" />
        Geringschätzung  Preußens  in  Wien,  Ueberschätzung  des  Conflicts.  385

 

Zudem  überschätzte  man  in  Wien  die  abschwächende  Wirkung,
welche  unser  innrer  Conflict  auf  unfre  auswärtige  Politik  und
militärische  Leistungsfähigkeit  haben  konnte.  Die  Abneigung
gegen  die  Lösung  des  gordischen  Knotens  der  deutschen  Politik
durch  das  Schwert  war  in  weiten  Kreisen  eine  starke,  wie  1866
mannigfache  Symptome,  von  dem  Blind'schen  Attentat  und
dessen  Beurtheilung  in  den  fortschrittlichen  Blättern  3c)  bis  zu  den
offnen  Kundgebungen  großer  communaler  Körperschaften  und
dem  Ausfall  der  Wahlen,  bezeugen.  Aber  in  unfre  Regimenter
und  deren  Feuergefecht  auf  den  Schlachtfeldern  reichten  diese
Strömungen  nicht  hinein,  und  auf  den  Schlachtfeldern  lag  schließlich
  die  Entscheidung.  Auch  die  symptomatische  Thatsache,  daß
in  Berlin  durch  Vermittlung  des  frühern  auswärtigen  und  damaligen
  Hausministers  von  Schleinitz  noch  während  der  ersten
Gefechte  in  Böhmen  diplomatische  Zettlungen  mit  höfischer  Beziehung
  stattfanden),  blieb  auf  die  militärische  Seite  der  Kriegführung
  ohne  jeden  Einfluß.

Wenn  das  östreichische  Cabinet  die  vertrauliche  Eröffnung,
die  ich  dem  Grafen  Karolyi  1862  gemacht  hatte,  ohne  irrthümliche
  Schätzung  der  Realitäten  richtig  gewürdigt  und  seine  Politik
dahin  modificirt  hätte,  die  Verständigung  mit  Preußen  anstatt
dessen  Vergewaltigung  durch  Majoritäten  und  andre  Einflüsse
zu  suchen,  so  hätten  wir  wahrscheinlich  eine  Periode  dualistischer
Politik  in  Deutschland  erlebt  oder  doch  versucht.  Es  ist  freilich
zweifelhaft,  ob  eine  solche  ohne  die  klärende  Wirkung  der  Erfahrungen
  von  1866  und  1870  sich  in  einem  für  das  deutsche
Nationalgefühl  annehmbaren  Sinne  friedlich,  unter  dauernder

X)  In  den  Berliner  Bilderläden  hing  eine  Lithographie  aus,  in
der  das  Attentat  so  dargestellt  war,  daß  der  Teufel  die  für  mich  bestimmten
  Kugeln  auffing  mit  den  Worten:  Der  gehört  mir!  (Vgl.  Politische
  Reden  X  123,  Rede  vom  9.  Mal  1884.)

1)  Diese  Behauptung  wird  von  den  Angehörigen  der  Familie  Schleinitz
bestritten,  ogl.  Aus  den  Papieren  der  Familie  Schleinitz.  Berlin  1905
(Verlag  von  E.  Trewendt)  S.  274  .

Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  25
        <pb n="410" />
        386  Siebzehntes  Kapitel:  Der  Frankfurter  Fürstentag.

 

Verhütung  des  innern  Zwiespalts,  hätte  entwickeln  können.
Der  Glaube  an  die  militärische  Ueberlegenheit  Oestreichs  war
in  Wien  und  an  den  mittelstaatlichen  Höfen  zu  stark  für  einen
modus  vivendi  auf  dem  Fuße  der  Gleichheit  mit  Preußen.  Der
Beweis  für  Wien  lag  in  den  Proclamationen,  die  in  den  Tornistern
  der  östreichischen  Soldaten  neben  den  neuen,  zum  Einzuge
  in  Berlin  bestimmten  Uniformen  gefunden  wurden  und
deren  Inhalt  die  Sicherheit  verrieth,  mit  der  man  auf  siegreiche
Occupation  der  preußischen  Provinzen  gerechnet  hatte.  Auch
die  Ablehnung  der  letzten  durch  den  Bruder  des  Generals
von  Gablenz  gemachten  preußischen  Friedensanerbietungen  und
deren  finanziell-ministerielle  Begründung  durch  das  Bedürfniß
einer  preußischen  Contribution  ),  die  damals  bekundete  Bereitwilligkeit,
  nach  der  ersten  Schlacht  zu  verhandeln  ,  kennzeichnet
die  Sicherheit,  mit  der  man  auf  den  Sieg  in  letztrer  zählte.

2

Das  Gesammtergebniß  dieser  in  gleicher  Richtung  wirkenden
Vorstellungen  war  denn  auch  das  Gegentheil  von  einem  Entgegenkommen
  des  Wiener  Cabinets  für  dualistische  Neigungen;
Oestreich  ging  über  die  preußische  Anregung  von  1862  zur
Tagesordnung  über  mit  der  diametral  entgegengesetzten  Ini-1)

  Vgl.  über  diese  Verhandlungen  v.  Sybel,  Die  Begründung  des
Deutschen  Reichs  Bd.  IV  375  f.,  v.  Friesen,  Erinnerungen  B0.  II
159  ff.  Graf  Larisch,  der  östreichische  Finanzminister,  soll  geäußert  haben,
daß  binnen  3  Monaten  Oestreich  einer  preußischen  Kriegscontribution
von  500  Millionen  oder  eines  anständigen  Bankrotts  auf  Grund  des
Krieges  bedürfe;  doch  hat  Graf  Belcredi,  von  dem  Sybel  behauptet,  daß
er  sich  in  gleichem  Sinne  dem  Freiherrn  v.  Gablenz  gegenüber  geäußert
habe,  erklären  lassen,  daß  die  von  Sybel  gebrachte  Erzählung  erfunden
und  seines  Wissens  auch  Graf  Larisch  mit  dem  Freiherrn  v.  Gablenz
nicht  in  Verkehr  getreten  sei;  vgl.  Friedjung,  Der  Kampf  um  die  Vorherrschaft
  in  Deutschland  Bd.  I  (8.  Aufl.)  S.  311  f.,  II  579.  —  Zur  Sache
vgl.  auch  die  Note  Bismarck's  vom  4.  Juni  1866  (Staatsarchio  X1  72
Nr.  2300).

2)  Diesen  Vorschlag  machte  Minister  (ohne  Portefeuille)  Graf  Esterhazy.
        <pb n="411" />
        Oestreichs  Selbstüberschätzung.  Einladung  zum  Fürstentag.  387

 

tiative  zur  Berufung  des  Frankfurter  Fürstentags,  durch  die
Anfangs  August  in  Gastein  König  Wilhelm  und  sein  Cabinet
überrascht  wurden.

Nach  den  Mittheilungen  von  Fröbel  ),  der  sich  als  den
Urheber  des  Fürstencongresses  betrachtet  und  ohne  Zweifel  in
die  Vorbereitungen  eingeweiht  war,  ist  den  übrigen  deutschen
Fürsten  vor  Empfang  der  vom  31.  Juli  datirten  Einladung
der  östreichische  Plan  nicht  bekannt  gewesen.  Es  wäre  jedoch
möglich,  daß  man  den  nachmaligen  würtembergischen  Minister
von  Varnbüler  bis  zu  einem  gewissen  Grade  in  das  Geheimniß
gezogen  hatte.  Dieser  kluge  und  strebsame  Politiker  zeigte  im
Sommer  1863  Neigung,  mit  mir  die  Beziehungen  zu  erneuern,
die  früher  zwischen  uns  durch  Vermittlung  unfres  gemeinschaftlichen
  Freundes  von  Below-Hohendorf  entstanden  waren.  Er
veranlaßte  mich  zu  einer  Zusammenkunft,  die  am  12.  Juli  in
einer  auf  seinen  Wunsch  geheimnißvollen  Form  in  einem  kleinen
böhmischen  Orte  westlich  von  Karlsbad  vor  sich  ging  und  von  der
ich  weiter  keinen  Eindruck  behielt,  als  daß  er  mehr  mich  sondiren,
als  mir  Vorschläge  auf  dem  Gebiete  der  deutschen  Frage  machen
wollte.  Die  wirthschaftlichen  und  finanziellen  Fragen,  in  denen
er  mir  1878  den  vollen  Beistand  seiner  Sachkunde  und  Arbeitskraft
  geliehn  hat,  nahmen  schon  damals  eine  hervorragende
Stelle  in  seiner  Auffassung  ein,  allerdings  in  Anlehnung  an
großdeutsche  Politik  mit  entsprechender  Zolleinigung.

In  Gastein  saß  ich  am  2.  August  1863  in  den  Schwarzenbergischen
  Anlagen  an  der  tiefen  Schlucht  der  Ache  unter  den
Tannen.  Ueber  mir  befand  sich  ein  Meisennest,  und  ich  beobachtete
  mit  der  Uhr  in  der  Hand,  wie  oft  in  der  Minute  der
Vogel  seinen  Jungen  eine  Raupe  oder  andres  Ungeziefer  zutrug.
Während  ich  der  nützlichen  Thätigkeit  dieser  Thierchen  zusah,

X)  J.  Fröbel,  Ein  Lebenslauf.  Stuttgart  1891.  Theil  II  S.  252.  255.
[Nach  Rechberg  war  Hofrath  v.  Biegeleben  der  Urheber  des  Gedankens.)
        <pb n="412" />
        388  Siebzehntes  Kapitel:  Der  Frankfurter  Fürstentag.

 

bemerkte  ich,  daß  auf  der  andern  Seite  der  Schlucht,  auf  dem
Schillerplatze  ),  König  Wilhelm  allein  auf  einer  Bank  saß.  Als
die  Zeit  herangekommen  war,  mich  zu  dem  Diner  bei  dem
Könige  anzuziehn,  ging  ich  in  meine  Wohnung  und  fand  dort
ein  Brieschen  Sr.  Majestät  vor,  des  Inhalts,  daß  er  mich  auf
dem  Schillerplatze  1)  erwarten  wolle,  um  wegen  der  Begegnung
mit  dem  Kaiser  mit  mir  zu  sprechen2).  Ich  beeilte  mich  nach
Möglichkeit,  aber  ehe  ich  das  Königliche  Quartier  erreichte,
hatte  bereits  eine  Unterredung  der  beiden  hohen  Herrn  stattgesundens).
  Wenn  ich  mich  weniger  lange  bei  der  Naturbetrachtung
  aufgehalten  und  den  König  früher  gesehn  hätte,  so  wäre
der  erste  Eindruck,  den  die  Eröffnungen  des  Kaisers  auf  den
König  gemacht  haben,  vielleicht  ein  andrer  gewesen.

Er  fühlte  zunächst  nicht  die  Unterschätzung,  welche  in  dieser
Ueberrumplung  lag,  in  dieser  Einladung,  man  könnte  sagen
Ladung,  à  courte  Schéance  ).  Der  östreichische  Vorschlag  gefiel
ihm  vielleicht  wegen  des  darin  liegenden  Elements  fürstlicher
Solidarität  in  dem  Kampfe  gegen  den  parlamentarischen  Liberalismus,
  durch  den  er  selbst  damals  in  Berlin  bedrängt  wurde.
Auch  die  Königin  Elisabeth,  die  wir  auf  der  Reise  von  Gastein
nach  Baden  in  Wildbad  trafen,  drang  in  mich,  nach  Frankfurt
zu  gehn.  Ich  erwiderte:  „Wenn  der  König  sich  nicht  anders
entschließt,  so  werde  ich  hingehn  und  dort  seine  Geschäfte  machen,
aber  nicht  als  Minister  nach  Berlin  zurückkehren.“  Die  Königin
schien  über  diese  Aussicht  beunruhigt  und  hörte  auf,  meine  Auffassung
  beim  Könige  zu  bekämpfen.

1)  Lies  an  beiden  Stellen:  auf  der  Schiller  höhe.

2)  Vgl.  Anhang  zu  den  Gedanken  und  Erinnerungen  I1  74.

2:)  Ueber  ihren  Inhalt  vgl.  die  Aufzeichnung  König  Wilhelm's  vom
3.  August  1863,  gedruckt  im  Staatsarchiv  von  Aegidi  und  Klauhold
Bd.  IX  2;  ferner  bei  Berner,  Kaiser  Wilhelm's  des  Großen  Briefe  2c.
II  65  ff.  Nr.  331,  Brandenburg,  Briefe  Kaiser  Wilhelms  I.  (Leipzig,
Inselverlag  1911)  S.  173  ff.  Nr.  101.

!)  Auf  kurze  Sicht  (Verfallzeit).
        <pb n="413" />
        Widerstreben  des  Königs  gegen  die  Politik  seines  Ministers.  389

 

Wenn  ich  meinen  Widerstand  gegen  das  Streben  des  Königs
nach  Frankfurt  aufgegeben  und  ihn  seinem  Wunsche  gemäß  dorthin
  begleitet  hätte,  um  in  dem  Fürstencongreß  die  preußischöstreichische
  Rivalität  in  eine  gemeinsame  Bekämpfung  der  Revolution
  und  des  Constitutionalismus  zu  verwandeln,  so  wäre
Preußen  äußerlich  geblieben,  was  es  vorher  war,  hätte  freilich
unter  dem  östreichischen  Präsidium  durch  bundestägliche  Beschlüsse
die  Möglichkeit  gehabt,  seine  Verfassung  in  analoger  Weise  revidiren
  zu  lassen,  wie  das  mit  der  hanöverschen,  der  hessischen
und  der  mecklenburgischen  und  in  Lippe,  Hamburg,  Luxemburg
  geschehn  war,  damit  aber  den  nationaldeutschen  Weg  geschlossen.


Es  wurde  mir  nicht  leicht,  den  König  zum  Fernbleiben  von
Frankfurt  zu  bestimmen.  Ich  bemühte  mich  darum  auf  der
Fahrt  von  Wildbad  nach  Baden,  wo  wir  im  offnen  kleinen
Wagen,  wegen  der  Leute  vor  uns  auf  dem  Bock,  die  deutsche
Frage  französisch  verhandelten.  Ich  glaubte  den  Herrn  überzeugt
  zu  haben,  als  wir  in  Baden  anlangten.  Dort  aber  fanden
wir  den  König  von  Sachsen,  der  im  Auftrage  aller  Fürsten  die
Einladung  nach  Frankfurt  erneuerte  (19.  August)  1).  Diesem
Schachzug  zu  widerstehn,  wurde  meinem  Herrn  nicht  leicht.  Er
wiederholte  mehrmals  die  Erwägung:  „30  regirende  Herrn
und  ein  König  als  Courier!“  und  er  liebte  und  verehrte  den
König  von  Sachsen,  der  unter  den  Fürsten  für  diese  Mission
auch  persönlich  der  Berufenste  war.  Erst  um  Mitternacht  gelang
  es  mir,  die  Unterschrift  des  Königs  zu  erhalten  für  die
Absage  an  den  König  von  Sachsen?).  Als  ich  den  Herrn  verließ,

1)  Siehe  das  Collectiv-Schreiben  bei  Ernst  II.,  Aus  meinem  Leben
III  313,  Staatsarchiv  von  Aegidi  und  Klauhold  VIII  82  Anlage  zu
Nr.  1759.

2)  Gedruckt  im  Briefwechsel  zwischen  König  Johann  von  Sachsen
und  den  Königen  Friedrich  Wilhelm  IV.  und  Wilhelm  I.  von  Preußen
S.  419  Nr.  282;  das  dem  Schreiben  beigegebene  Antwortschreiben  an
den  Kaiser  ist  gedruckt  in  der  Politischen  Correspondenz  Kaiser  Wil-
        <pb n="414" />
        390  Siebzehntes  Kapitel:  Der  Frankfurter  Fürstentag.

 

waren  wir  beide  in  Folge  der  nervösen  Spannung  der  Situation
krankhaft  erschöpfti),  und  meine  sofortige  mündliche  Mittheilung
an  den  sächsischen  Minister  von  Beust  trug  noch  den  Stempel
dieser  Erregung  ).  Die  Krisis  war  aber  überwunden,  und  der
König  von  Sachsen  reiste  ab,  ohne  meinen  Herrn,  wie  ich  es
befürchtet  hatte,  nochmals  aufzusuchen.

Nachdem  der  König  auf  der  Rückreise  von  Baden-Baden
(31.  August)  nach  Berlin  so  nahe  an  Frankfurt  vorüber  gefahren
  war,  daß  der  entschlossene  Wille,  sich  nicht  zu  betheiligen,
zu  Tage  lag,  wurde  die  Mehrheit  oder  wurden  wenigstens  die
mächtigsten  Fürsten  von  einem  Unbehagen  erfaßt  bei  dem  Gedanken
  an  den  Reformentwurfz),  der  sie,  wenn  Preußen  fern
blieb,  mit  Oestreich  allein  in  einem  Verbande  ließ,  in  dem  sie

helm's  I.  (Berlin,  1897)  S.  203  und  im  Staatsarchiv  von  Aegidi  und
Klauhold  VIII  87  f.  Anlage  zu  Nr.  1759.

1)  Vgl.  Brief  des  Königs  Wilhelm  an  den  König  Johann  von
Sachsen  vom  20.  Aug.  1863:

„Ich  wollte  nach  der  Soirée  bei  meiner  Tochter  zu  Dir  kommen,
ich  bin  aber  bei  ihr  so  unwohl  von  Nerven-Zuckungen  geworden,  daß
ich  eben  erst,  11  Uhr,  zu  Haus  komme  und  zu  Bette  soll.  Alle  Expeditionen
  erhältst  Du  vor  6  Uhr.

Gott  seegne  Dich  für  Deine  Freundschaft  für  mich.  Wenn  ich  nach
harten  Kämpfen  aber  bei  meinem  früheren  Entschluß  bleiben  muß  und
Eurer  Arbeit  Vorlage  abwarte,  ohne  mich  an  der  Vorberathung  zu  betheiligen,
  so  bin  ich  nur  nach  meines  Gewissens  Eingabe  verfahren.
Gott  seegne  Dich!

Dein  treuer  Freund
Wilhelm.

Verzeihe  die  zitternde  Schrift.  Eben  verlangt  der  Arzt,  daß  ich
morgen  länger  das  Bett  hüten  soll,  also  würde  ich  Dich  nicht  sehen
können.“  (S.  Briefwechsel  2c.  S.  418  Nr.  281.)

2)  Vgl.  Beust,  Aus  drei  Viertel-Jahrhunderten  (Stuttgart,  J.  G.
Cotta'sche  Buchhandlung  Nachf.,  1887)  I  332  f.,  v.  Sybel  II  532,  Hohenlohe-Ingelfingen,
  Aus  meinem  Leben  II  354  f.

:)  Der  aus  den  Verhandlungen  des  Fürstentags  hervorgegangene
Entwurf  einer  Reformacte  des  Deutschen  Bundes  ist  gedruckt  im  Staatsarchiv
  von  Aegidi  und  Klauhold  VIII  179  ff.  Nr.  1760;  die  Protocolle
der  Sitzungen  s.  ebd.  Nr.  1759  (S.  74—179).
        <pb n="415" />
        Ausgang  des  Fürstentags.  Oestreichs  Verstündigung  mit  Preußen.  391

 

nicht  durch  die  Rivalität  der  beiden  Großmächte  gedeckt  waren.
Das  Wiener  Cabinet  muß  an  die  Möglichkeit  geglaubt  haben,
daß  die  übrigen  Bundesfürsten  auf  die  dem  Congreß  am
17.  August  gemachte  Vorlage  1)  auch  dann  eingehn  würden,
wenn  sie  in  dem  reformirten  Bundesverhältniß  schließlich  mit
Oestreich  allein  geblieben  wären.  Man  würde  sonst  nicht  den
in  Frankfurt  verbliebenen  Fürsten  die  Zumuthung  gemacht
haben,  die  östreichische  Vorlage  auch  ohne  Preußens  Zustimmung
anzunehmen  und  in  die  Praxis  überzuführen.  Die  Mittelstaaten
wollten  aber  in  Frankfurt  weder  eine  einseitig  preußische  noch
eine  einseitig  östreichische  Leitung,  sondern  für  sich  ein  möglichst
einflußreiches  Schiedsamt  im  Sinne  der  Trias,  welches  jede
der  beiden  Großmächte  auf  das  Bewerben  um  die  Stimmen
der  Mittelstaaten  anwies.  Die  östreichische  Zumuthung,  auch
ohne  Preußen  abzuschließen,  wurde  beantwortet  durch  den  Hinweis
  auf  die  Nothwendigkeit  neuer  Verhandlungen  mit  Preußen
und  die  Kundgebung  der  eignen  Neigung  zu  solchen.  Die  Form
der  Beantwortung  der  östreichischen  Wünsche  war  nicht  glatt
genug,  um  in  Wien  keine  Empfindlichkeit  zu  erregen.  Die
Wirkung  auf  den  Grafen  Rechberg,  vorbereitet  durch  die  guten
Beziehungen,  in  denen  unfre  Frankfurter  Collegenschaft  abgeschlossen
  hatte,  war,  daß  er  sagte,  der  Weg  nach  Berlin  sei
für  Oestreich  nicht  weiter  und  nicht  schwieriger  als  für  die
Mittelstaaten.

Die  durch  die  Ablehnung  erzeugte  Verstimmung  war  nach
meinen  Eindrücken  hauptsächlich  der  Antrieb,  der  das  Wiener
Cabinet  zu  einer  Verständigung  mit  Preußen  im  Widerspruche
mit  der  bundestägigen  Auffassung  leitete.  Diese  neue  Richtung
entsprach  dem  östreichischen  Interesse,  auch  wenn  sie  länger  beibehalten
  worden  wäre.  Dazu  wäre  vor  Allem  erforderlich
gewesen,  daß  Rechberg  am  Ruder  blieb.  Wäre  damit

1)  Staats-Archiv  von  Aegidi  und  Klauhold  Bd.  VIII  63  ff.  Nr.  1751.
        <pb n="416" />
        392  Siebzehntes  Kapitel:  Der  Frankfurter  Fürstentag.

 

eine  dualistische  Führung  des  Deutschen  Bundes  hergestellt
worden,  der  sich  die  übrigen  Staaten  nicht  versagt  haben  würden,
sobald  sie  die  Ueberzeugung  gewonnen  hätten,  daß  die  Verständigung
  der  beiden  Vormächte  ehrlich  und  dauerhaft  war,
so  würden  auch  die  Rheinbundgelüste  einzelner  süddeutschen
Minister,  die  am  schärfsten,  was  auch  Graf  Beust  in  seinen
Denkwürdigkeiten  sagen  mag,  in  Darmstadt  zum  Ausdruck
kamen,  dem  östreichisch-preußischen  Einverständniß  gegenüber
verstummt  sein.
3

Wenige  Monate  nach  dem  Frankfurter  Congreß  starb  der
König  Friedrich  VII.  von  Dänemark  (15.  November  1863).
Das  Mißlingen  des  östreichischen  Vorstoßes,  die  Weigerung  der
übrigen  Bundesstaaten,  nach  der  preußischen  Ablehnung  mit
Oestreich  allein  in  engre  Beziehung  zu  treten,  brachten  den  Gedanken
  einer  dualistischen  Politik  der  beiden  deutschen  Großmächte,
  infolge  der  Eröffnung  der  schleswig-holsteinischen  Frage
und  Succession,  in  Wien  der  Erwägung  nahe,  und  mit  mehr
Aussicht  auf  Verwirklichung,  als  im  December  1862  vorgelegen
hatte.  Graf  Rechberg  machte  in  der  Verstimmung  über  die
Weigerung  der  Bundesgenossen,  sich  ohne  Mitwirkung  Preußens
zu  verpflichten,  einfach  Kehrt  mit  dem  Bemerken,  daß  die  Verständigung
  mit  Preußen  für  Oestreich  noch  leichter  sei  als  für
die  Mittelstaaten  ).  Darin  hatte  er  für  den  Augenblick  Recht,
für  die  Dauer  aber  doch  nur  dann,  wenn  Oestreich  bereit  war,
Preußen  als  gleichberechtigt  in  Deutschland  thatsächlich  zu  behandeln
  und  Preußens  Beistand  in  den  europäischen  Interessen,
die  Oestreich  in  Italien  und  im  Orient  hatte,  durch  die  Gestattung
  freier  Bewegung  des  preußischen  Einflusses  wenigstens
in  Norddeutschland  zu  vergelten.  Der  Anfang  der  dualistischen
Politik  gewährte  ihr  eine  glänzende  Bethätigung  in  den  gemein-1)

  Vgl.  Beust,  Aus  drei  Viertel-Jahrhunderten  1  336.
        <pb n="417" />
        Zusammengehen  Preußens  u.  Oestreichs  in  der  Herzogthümerfrage.  393

 

samen  Kämpfen  an  der  Schlei),  dem  gemeinsamen  Einrücken
in  Jütland:)  und  dem  gemeinsamen  Friedensschlusse  mit
Dänemarks).  Das  preußisch-östreichische  Bündniß  bewährte  sich
selbst  unter  der  Abschwächung,  die  in  der  Verstimmung  der
übrigen  Bundesstaaten  lag,  doch  als  hinreichendes  Schwergewicht,
  um  die  widerstrebende  Verstimmung  der  andern  Großmächte,
  unter  deren  Druck  Dänemark  dem  gesammten  Deutschthum
  den  Handschuh  hatte  hinwerfen  können,  im  Zaume
zu  halten.

Unser  weitres  Zusammengehn  mit  Oestreich  war  gefährdet
zuerst  bei  dem  heftigen  Andrang  militärischer  Einflüsse  auf  den
König,  die  ihn  zum  Ueberschreiten  der  jütischen  Grenze  auch
ohne  Oestreich  bewegen  wollten.  Mein  alter  Freund,  der  Feldmarschall
  Wrangel,  schickte  unchiffrirt  die  gröbsten  Injurien  gegen
mich  telegraphisch  an  den  König,  in  denen  in  Bezug  auf  mich
von  Diplomaten,  die  an  den  Galgen  gehörten,  die  Rede  war  35).

Damals  indessen  gelang  es  mir,  den  König  zu  bestimmen,
daß  wir  nicht  um  ein  Haarbreit  an  Oestreich  vorbei  gingen
und  namentlich  nicht  in  Wien  den  Eindruck  machten,  als  ob
Oestreich  gegen  seinen  Willen  von  uns  fortgerissen  würde.  Meine
guten  Beziehungen  zu  Rechberg  und  Karolyi  ermöglichten  es
mir,  das  Einverständniß  über  den  Einmarsch  in  Jütland  herzustellen.


N)  Wir  blieben  infolge  dieser  Episode  Jahre  hindurch  in  perfönlicher
  Verstimmung  und  gingen  am  Hofe  schweigend  neben  einander
her,  bis  bei  einer  der  vielen  Gelegenheiten,  wo  wir  Tischnachbarn
waren,  mich  der  Feldmarschall  verschämt  lächelnd  anredete:  „Mein  Sohn,
kannst  Du  garnicht  vergessen?“"  Ich  antwortete:  „Wie  sollte  ich  es  anfangen,
  zu  vergessen,  was  ich  erlebt  habe?“  Darauf  er  nach  längerem
Schweigen:  „Kannst  Du  auch  nicht  vergeben?"  Ich  erwiderte:  „Von
ganzem  Herzen.“  Wir  schüttelten  uns  die  Hände  und  waren  wieder
Freunde  wie  in  frühern  Zeiten.

1)  6.  und  7.  Februar  1864.

2)  Juli  1864.

„  30.  October  1864.
        <pb n="418" />
        394  Siebzehntes  Kapitel:  Der  Frankfurter  Fürstentag.

 

Trotz  dieser  Erfolge  fand  der  Versuch  des  Dualismus  seinen
Culminations-  und  Wendepunkt  in  einer  Besprechung,  welche
beide  Monarchen  unter  Zuziehung  ihrer  Minister,  Rechberg's
und  meiner,  am  22.  August  1864  in  Schönbrunn  hatten.  Im
Laufe  derselben  sagte  ich  dem  Kaiser  von  Oestreich:

„Zu  einer  politischen  Gemeinschaft  geschichtlich  berufen,
machen  wir  dynastisch  und  politisch  beiderseits  bessere  Geschäfte,
wenn  wir  zusammenhalten  und  diejenige  Führung  Deutschlands
übernehmen,  welche  uns  nicht  entgehn  wird,  sobald  wir  einig
sind.  Wenn  Preußen  und  Oestreich  sich  die  Aufgabe  stellen,
nicht  blos  ihre  gemeinsamen  Interessen,  sondern  auch  beiderseits
jedes  die  Interessen  des  andern  zu  fördern,  so  kann  das  Bündniß
der  beiden  deutschen  Großstaaten  von  einer  weittragenden  deutschen
  und  europäischen  Wirksamkeit  werden.  Der  Staat  Oestreich
hat  kein  Interesse  an  der  Gestaltung  der  dänischen  Herzogthümer,
dagegen  ein  erhebliches  an  seinen  Beziehungen  zu  Preußen.
Sollte  aus  dieser  zweifellosen  Thatsache  nicht  die  Zweckmäßigkeit
  einer  für  Preußen  wohlwollenden  Politik  hervorgehn,  die
das  bestehende  Bündniß  der  beiden  deutschen  Großmächte  consolidirt
  und  in  Preußen  Dankbarkeit  für  Oestreich  erweckt?
Wenn  die  gemeinsame  Erwerbung  statt  in  Holstein  in  Italien
läge,  wenn  der  Krieg,  den  wir  geführt  haben,  statt  Schleswig-Holstein
  die  Lombardei  zur  Verfügung  der  beiden  Mächte  gestellt
  hätte,  so  würde  es  mir  nicht  eingefallen  sein,  bei  meinem
Könige  dahin  zu  wirken,  daß  Wünschen  unfres  Verbündeten
ein  Widerstand  entgegengesetzt  oder  die  Forderung  eines  Aequivalents
  erhoben  würde,  wenn  ein  solches  nicht  zu  gleicher  Zeit
disponibel  wäre.  Ihm  aber  für  Schleswig-Holstein  altpreußisches
Land  abzutreten,  das  würde  kaum  möglich  sein,  selbst  wenn  die
Einwohner  es  wünschten;  in  Glatz  protestirten  aber  sogar  die
dort  angesessenen  Oestreicher  dagegen.  Ich  hätte  das  Gefühl,
daß  die  vortheilhaften  Ergebnisse  der  Freundschaft  der  deutschen
Großmächte  mit  der  holsteinischen  Frage  nicht  abgeschlossen
        <pb n="419" />
        Culminations=  und  Wendepunkt  des  dualistischen  Versuchs.  395

 

wären  und  daß  sie,  wenn  jetzt  in  der  äußersten  Entfernung
von  dem  östreichischen  Interessengebiete  gelegen,  doch  ein  andermal
  sehr  viel  näher  liegen  könnten  und  daß  es  für  Oestreich
nützlich  sein  werde,  jetzt  Preußen  gegenüber  freigebig  und  gefällig
  zu  sein.“

Es  schien  mir,  daß  die  von  mir  aufgestellte  Perspective  auf
den  Kaiser  Franz  Joseph  nicht  ohne  Eindruck  blieb.  Er  sprach
zwar  von  der  Schwierigkeit,  der  öffentlichen  Meinung  in  Oestreich
  gegenüber  ganz  ohne  Aequivalent  aus  der  gegenwärtigen
Situation  hinauszugehn,  wenn  Preußen  einen  so  großen  Gewinn
wie  Schleswig-Holstein  mache,  schloß  aber  mit  der  Frage,  ob
wir  wirklich  fest  entschlossen  wären,  diesen  Besitz  zu  fordern  und
einzuverleiben.  Ich  hatte  den  Eindruck,  daß  er  doch  nicht  für
unmöglich  hielte,  uns  seine  Ansprüche  auf  das  von  Dänemark
abgetretne  Land  zu  cediren,  wenn  ihm  die  Aussicht  auf  ein
ferneres  festes  Zusammenhalten  mit  Preußen  und  auf  Unterstützung
  analoger  Wünsche  Oestreichs  durch  Preußen  gesichert
würde.  Er  stellte  zur  weiteren  Discussion  zunächst  die  Frage,
ob  Preußen  wirklich  fest  entschlossen  sei,  die  Herzogthümer  zu
preußischen  Provinzen  zu  machen,  oder  ob  wir  mit  gewissen
Rechten  in  ihnen,  wie  sie  in  den  sog.  Februarbedingungen  ½)
später  sormulirt  worden  sind,  zufrieden  sein  würden.  Der  König
schwieg,  und  ich  brach  dieses  Schweigen,  indem  ich  dem  Kaiser
antwortete:  „Es  ist  mir  sehr  erwünscht,  daß  Eure  Mojestät
mir  die  Frage  in  Gegenwart  meines  allergnädigsten  Herrn
vorlegen;  ich  hoffe  bei  dieser  Gelegenheit  seine  Ansicht  zu  erfahren.“
  Ich  hatte  nämlich  bis  dahin  keine  unumwundne  Erklärung
  des  Königs  weder  schriftlich  noch  mündlich  über  Sr.
Mojestät  definitive  Willensmeinung  bezüglich  der  Herzogthümer
  erhalten.

1)  Siehe  dieselben  in  Bismarck's  Politischen  Reden  Bd.  II  (2.  Aufl.)
S.  42K  ff.
        <pb n="420" />
        396  Siebzehntes  Kapitel:  Der  Frankfurter  Fürstentag.

 

Die  mise  en  demeure  ½)  durch  den  Kaiser  hatte  die  Folge,
daß  der  König  zögernd  und  in  einer  gewissen  Verlegenheit  sagte:
er  habe  ja  gar  kein  Recht  auf  die  Herzogthümer  und  könne  deshalb
  keinen  Anspruch  darauf  machen.  Durch  diese  Aeußerung,
aus  welcher  ich  die  Einwirkung  der  königlichen  Verwandten  und
der  hofliberalen  Einflüsse  heraushörte,  war  ich  natürlich  dem
Kaiser  gegenüber  außer  Gefecht  gesetzt.  Ich  trat  demnächst  noch
für  das  Festhalten  der  Einigkeit  beider  deutschen  Großmächte
ein,  und  es  wurde  eine  dieser  Richtung  entsprechende  kurze
Redaction,  in  der  die  Zukunft  Schleswig-Holsteins  unentschieden
blieb,  von  Rechberg  und  mir  entworfen  und  von  den  beiden
hohen  Herrn  genehmigt.

4.

Der  Dualismus  würde,  wie  ich  ihn  mir  dachte,  dem  jetzt
bestehenden  Verhältniß  ähnlich  gewesen  sein,  jedoch  mit  dem
Unterschiede,  daß  Oestreich  auf  die  Staaten,  die  jetzt  mit  Preußen
das  Deutsche  Reich  bilden,  bundesmäßigen  Einfluß  behalten
haben  würde.  Rechberg  war  für  Verstärkung  des  Gewichts
von  Mitteleuropa  durch  eine  solche  Verständigung  der  beiden
Mächte  gewonnen.  Diese  Gestaltung  würde,  im  Vergleich  zur
Vergangenheit  und  wie  die  Dinge  damals  lagen,  immerhin  ein
Forschritt  zum  Bessern  gewesen  sein,  aber  Dauer  nur  versprochen
haben,  so  lange  das  Vertraun  zu  den  beiderseits  leitenden
Personen  ungestört  blieb.  Graf  Rechberg  sagte  mir  bei  meiner
Abreise  von  Wien  (26.  August  1864),  daß  seine  Stellung  angefochten
  sei;  durch  die  Erörterungen  des  Ministeriums  und  die  Haltung
  des  Kaisers  zu  demselben  sei  er  in  die  Lage  gerathen,  fürchten
zu  müssen,  daß  seine  Collegen,  namentlich  Schmerling,  ihn  über
Bord  schieben  würden,  wenn  er  nicht  für  die  Zollvereinsbestrebungen
  Oestreichs,  die  den  Kaiser  vorzugsweise  beschäftigten,
wenigstens  die  Zusicherung  beibringen  könne,  daß  wir  auf  Ver-1)

  Der  in  der  Frage  des  Kaisers  liegende  Zwang  zur  Antwort.
        <pb n="421" />
        Unentschlossenheit  d.  Königs.  Oestreichs  Verlangen  nach  Zolleinigung.  397

 

handlungen  in  bestimmter  Frist  eingehn  wollten.  Ich  hatte
gegen  ein  solches  pactum  de  contrahendo  0  keine  Bedenken,  weil
ich  überzeugt  war,  daß  es  mir  keine  über  die  Grenzen  des  mir
möglich  Scheinenden  hinaus  gehenden  Zugeständnisse  würde  abdingen
  können,  und  weil  die  politische  Seite  der  Frage  im
Vordergrunde  stand.  Die  Zolleinigung  hielt  ich  für  eine  unausführbare
  Utopie  wegen  der  Verschiedenheit  der  wirthschaftlichen
  und  administrativen  Zustände  beider  Theile  2).  Die  Gegenstände,
  die  im  Norden  des  Zollvereins  die  finanzielle  Unterlage
bildeten,  gelangen  in  dem  größern  Theile  des  östreichisch-ungarischen
  Gebietes  garnicht  zum  Verbrauch.  Die  Schwierigkeiten,
welche  die  Verschiedenheiten  der  Lebensgewohnheiten  und  der
Consumtion  zwischen  Nord=  und  Süddeutschland  schon  innerhalb
des  Zollvereins  bedingten,  mußten  unüberwindlich  werden,  wenn
beide  Regionen  mit  den  östlichen  Ländern  Oestreich-Ungarns
von  derselben  Zollgrenze  umschlossen  werden  sollten.  Ein  gerechter,
  der  bestehenden  Consumtion  zollpflichtiger  Waaren  entsprechender
  Maßstab  der  Vertheilung  würde  sich  nicht  vereinbaren
lassen;  jeder  Maßstab  würde  entweder  ungerecht  für  den  Zollverein
  oder  unannehmbar  für  die  öffentliche  Meinung  in  Oestreich-Ungarn
  sein.  Der  bedürfnißlose  Slowake  und  Galizier  einerseits,
  der  Rheinländer  und  der  Niedersachse  andrerseits  sind  für
die  Besteuerung  nicht  commensurabel.  Außerdem  fehlte  mir
der  Glaube  an  die  Zuverlässigkeit  des  Dienstes  auf  einem  großen
Theile  der  östreichischen  Grenzen.

Von  der  Unmöglichkeit  der  Zolleinigung  überzeugt,  hatte
ich  kein  Bedenken,  dem  Grafen  Rechberg  den  gewünschten  Dienst
zu  erweisen,  um  ihn  im  Amte  zu  erhalten.  Ich  glaubte  bei
meiner  Abreise  nach  Biarritz  (5.  October)  sicher  zu  sein,  daß
der  König  an  meinem  Votum  festhalten  werde;  und  mir  sind
noch  heut  die  Motive  nicht  klar,  welche  meine  Collegen,  den

1)  Vertrag  über  eine  zukünftige  Verhandlung.
2)  S.  o.  S.  98.
        <pb n="422" />
        398  Siebzehntes  Kapitel:  Der  Frankfurter  Fürstentag.

 

Finanzminister  Karl  von  Bodelschwingh  und  den  Handelsminister
Grafen  Itzenplitz,  und  ihren  freihändlerischen  spiritus  rector  y
Delbrück  bestimmt  haben,  während  meiner  Abwesenheit  den
König  auf  einem  ihm  ziemlich  fremden  Gebiete  mit  so  viel
Entschiedenheit  zu  bearbeiten,  daß  durch  unfre  Ablehnung  die
Stellung  Rechberg's,  wie  er  es  vorhergesagt  hatte,  erschüttert
und  er  in  dem  auswärtigen  Ministerium  durch  Mensdorff  ersetzt
  wurde  2),  der  zunächst  der  Candidat  Schmerling's  war,  bis
dieser  dann  durch  reactionäre  und  katholische  Einflüsse  selbst
verdrängt  wurde  ).  Der  König,  so  fest  er  auch  in  der  innern
Politik  geworden  war,  ließ  sich  damals  noch  von  der  durch  seine
Gemalin  vertretnen  Doctrin  beeinflussen,  daß  zur  Lösung  der
deutschen  Frage  die  Popularität  das  Mittel  sei.

Ueber  eine  Conferenz,  welche  am  10.  October  1864  von
Mitgliedern  des  Auswärtigen  und  des  Handelsministeriums
abgehalten  wurde,  schrieb  mir  Herr  von  Thile")  nach  Biarritz:

„Ich  fand  in  der  heutigen  Conferenz  neu  bestätigt,  was
freilich  längst  bekannt  ist,  daß  die  Herren  Fachmänner  bei  aller
ihrer,  von  mir  gern  anerkannten  Virtuosität  in  Behandlung  der
sachlichen  Seite  die  politische  arg  mißachten  und  z.  B.  die  Eventualität
  eines  Ministerwechsels  in  Wien  wie  eine  Bagatelle
behandeln.  —  Itzenplitz  wankt  in  seinen  Ansichten  sehr.  Wiederholt
  gelang  es  mir,  ihn  zu  dem  Geständniß  zu  bringen,  daß

1)  Leitender  Geist.

:)  Rechberg  führte  seinen  Sturz  auf  die  Ränke  des  Hofraths  v.  Biegeleben
  zurück.  Graf  Mensdorff-Pouilly  wurde  am  27.  October  1864  zum
Minister  des  Auswärtigen  ernannt  und  zwar  auf  directe  Empfehlung
Rechbergs;  nach  dem  Wunsche  des  Kaisers  sollte  er  die  Politik  des
freundlichen  Dualismus  im  Sinne  Rechberg's  fortsetzen.  Doch  gerieth  die
thatsächliche  Leitung  der  deutschen  Politik  Oestreichs  in  die  Hände  des
Hofraths  v.  Biegeleben,  so  daß  Menddorff  der  Weiterentwicklung  ohnmächtig
  gegenüberstand.  Am  30.  October  1866  erhielt  er  seinen  Abschied.

:)  Schmerling  mußte  am  27.  Juli  1865  seinen  Abschied  nehmen,  ihn
ersetzte  Belcredi.

“)  Staatssekretär  im  Auswärtigen  Amte.
        <pb n="423" />
        Rechberg's  Entlassung.  Behandlung  der  Frage  des  Zollanschlusses.  399

 

uns  der  Artikel  25  finaliter  und  realiter  )  zu  nichts  verpflichtet.
Dann  schreckte  ihn  aber  jedesmal  ein  strafender  Blick  von
Delbrück  in  seine  Fachposition  zurück.“

Zwei  Tage  später,  am  12.  October,  berichtete  mir  Abeken,
der  sich  bei  dem  Könige  in  Baden-Baden  befand,  es  sei  ihm
nicht  gelungen,  denselben  für  den  Artikel  25  zu  gewinnen;  Se.
Mojestät  scheue  „das  Geschrei“,  welches  sich  über  eine  solche
Concession  an  Oestreich  erheben  würde,  und  habe  u.  A.  gesagt:
„Die  Ministerkrisis  in  Wien  würden  wir  vielleicht  vermeiden,
aber  dadurch  in  Berlin  eine  solche  hervorrufen;  Bodelschwingh
und  Delbrück  würden  wahrscheinlich  ihre  Entlassung  beantragen,
wenn  wir  den  Artikel  25  zuließen.“

Und  wieder  zwei  Tage  später  schrieb  mir  Graf  Goltz
aus  Paris:

„Ist  Rechberg's  Stellung  entschieden  erschüttert  (daß  sie  es
bei  dem  Kaiser  sei,  muß  ich  entschieden  bezweifeln),  so  dürfte
für  uns  die  Nothwendigkeit  eintreten,  hier  den  Eröffnungen
eines  rein  Schmerling'schen  Ministeriums  zuvorzukommen.“

5.

Nicht  ohne  Bedeutung  für  den  Werth  dualistischer  Politik
war  die  Frage,  auf  welches  Maß  von  Sicherheit  im  Innehalten
dieser  Linie  wir  bei  Oestreich  rechnen  konnten.  Wenn  man  sich
die  Plötzlichkeit  vergegenwärtigte,  mit  welcher  Rechberg  in  der
Verstimmung  über  den  Mangel  an  Folgsamkeit  der  Mittelstaaten
mit  diesen  gebrochen  und  sich  mit  uns  ohne  und  gegen  sie  verbündet
  hatte,  so  konnte  man  die  Möglichkeit  nicht  abweisen,
daß  ein  Mangel  an  Uebereinstimmung  mit  Preußen  in  Einzelfragen
  ebenso  unerwartet  zu  einer  neuen  Schwenkung  führen
könnte.  Ueber  Mangel  an  Aufrichtigkeit  habe  ich  bei  dem  Grafen
Rechberg  nie  zu  klagen  gehabt,  aber  er  war,  wie  Hamlet  sagt,

1)  Schließlich  und  thatsächlich.
        <pb n="424" />
        400  Siebzehntes  Kapitel:  Der  Frankfurter  Fürstentag.

 

splenetic  and  rash  1)  in  einem  ungewöhnlichen  Grade;  und  wenn
die  persönliche  Verstimmung  des  Grafen  Buol  über  unfreundliche
  Formen  des  Kaisers  Nicolaus  mehr  als  über  politische
Differenzen  hingereicht  hatte,  die  östreichische  Politik  in  der  Linie
der  bekannten  Schwarzenbergischen  Undankbarkeit  (Nous  étonnerons
  I’Europe  par  notre  ingratitude)  :)  dauernd  festzuhalten,
so  durfte  man  sich  der  Möglichkeit  nicht  verschließen,  daß  die
sehr  viel  schwächern  Bindemittel  zwischen  dem  Grafen  Rechberg
und  mir  von  irgend  welcher  Fluthwelle  weggeschwemmt  werden
könnten.  Der  Kaiser  Nicolaus  hatte  zu  dem  Glauben  an  die
Zuverlässigkeit  seiner  Beziehungen  zu  Oestreich  viel  stärkere
Unterlagen  als  wir  zur  Zeit  des  dänischen  Krieges.  Er  hatte
dem  Kaiser  Franz  Joseph  einen  Dienst  erwiesen,  wie  kaum  je
ein  Monarch  seinem  Nachbarstaat  gethan  ),  und  die  Vortheile
der  gegenseitigen  Anlehnung  im  monarchischen  Interesse  der
Revolution  gegenüber,  der  italienischen  und  ungarischen  so  gut
wie  der  polnischen  von  1846,  fielen  für  Oestreich  bei  dem  Zusammenhalten
  mit  Rußland  noch  schwerer  in  das  Gewicht  als
bei  dem  mit  Preußen  1864  möglichen  Bunde.  Der  Kaiser  Franz
Joseph  ist  eine  ehrliche  Natur,  aber  das  östreichisch-ungarische
Staatsschiff  ist  von  so  eigenthümlicher  Zusammensetzung,  daß
seine  Schwankungen,  denen  der  Monarch  seine  Haltung  an  Bord
anbequemen  muß,  sich  kaum  im  Voraus  berechnen  lassen.  Die
centrifugalen  Einflüsse  der  einzelnen  Nationalitäten,  das  Ineinandergreifen
  der  vitalen  Interessen,  die  Oestreich  nach  der  deutschen,
  der  italienischen,  der  orientalischen  und  der  polnischen  Seite
hin  gleichzeitig  zu  vertreten  hat,  die  Unlenksamkeit  des  ungarischen
Nationalgeistes  und  vor  Allem  die  Unberechenbarkeit,  mit  der

1)  Shakespeare,  Hamlet  V,  Sc.  1,  v.  285,  doch  heißt  es  dort  nicht
splenetic,  sondern  splenitive  and  rash  (jäh  und  heftig).

:)  Wir  werden  Europa  durch  unsere  Undankbarkeit  in  Erstaunen
setzen.

2)  S.  o.  S.  247.
        <pb n="425" />
        Wandelbarkeit  der  östreichischen  Freundschaft.  401

 

beichtväterliche  Einflüsse  die  politischen  Entschließungen  kreuzen,
legen  jedem  Bundesgenossen  Oestreichs  die  Pflicht  auf,  vorsichtig
zu  sein  und  die  Interessen  der  eignen  Unterthanen  nicht  ausschließlich
  von  der  östreichischen  Politik  abhängig  zu  machen.  Der
Ruf  der  Stabilität,  den  die  letztre  unter  dem  langjährigen  Regimente
  Metternich's  gewonnen  hatte,  ist  nach  der  Zusammensetzung
der  Habsburgischen  Monarchie  und  nach  den  bewegenden  Kräften
innerhalb  derselben  nicht  haltbar,  mit  der  Politik  des  Wiener
Cabinets  vor  der  Metternich'schen  Periode  garnicht,  und  nach
derselben  nicht  durchweg  in  Uebereinstimmung.  Sind  aber  die
Rückwirkungen  der  wechselnden  Ereignisse  und  Situationen  auf
die  Entschließungen  des  Wiener  Cabinets  für  die  Dauer  unberechenbar,
  so  ist  es  auch  für  jeden  Bundesgenossen  Oestreichs
geboten,  auf  die  Pflege  von  Beziehungen,  aus  denen  sich  nöthigen
Falls  andre  Combinationen  entwickeln  ließen,  nicht  absolut  zu
verzichten.

Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  26
        <pb n="426" />
        Achtzehntes  Kapitel.
König  Ludwig  II.  von  Baiern.

Auf  dem  Wege  von  Gastein  nach  Baden-Baden  berührten
wir  München,  das  der  König  Max  bereits  verlassen  hatte,  um
sich  nach  Frankfurt  zu  begeben,  es  seiner  Gemalin  überlassend,
die  Gäste  zu  empfangen.  Ich  glaube  nicht,  daß  die  Königin
Marie  )  nach  ihrer  wenig  aus  sich  heraustretenden  und  der
Politik  abgewandten  Stimmung  auf  den  König  Wilhelm  und
die  Entschließung,  mit  welcher  er  sich  damals  trug,  lebhaft  eingewirkt
  hat  ).  Bei  den  regelmäßigen  Mahlzeiten,  die  wir  während
  des  Aufenthalts  in  Numphenburg,  16.  und  17.  August  1863,
einnahmen,  war  der  Kronprinz,  später  König  Ludwig  II.,  der
seiner  Mutter  gegenüber  saß,  mein  Nachbar.  Ich  hatte  den
Eindruck,  daß  er  mit  seinen  Gedanken  nicht  bei  der  Tafel  war
und  sich  nur  ab  und  zu  seiner  Absicht  erinnerte,  mit  mir  eine
Unterhaltung  zu  führen,  die  aus  dem  Gebiete  der  üblichen
Hofgespräche  nicht  herausging.  Gleichwohl  glaubte  ich  in  dem,
was  er  sagte,  eine  begabte  Lebhaftigkeit  und  einen  von  seiner
Zukunft  erfüllten  Sinn  zu  erkennen.  In  den  Pausen  des  Gesprächs
  blickte  er  über  seine  Frau  Mutter  hinweg  an  die  Decke
und  leerte  ab  und  zu  hastig  sein  Champagnerglas,  dessen  Füllung,
  wie  ich  annahm,  auf  mütterlichen  Befehl  verlangsamt
wurde,  so  daß  der  Prinz  mehrmals  sein  leeres  Glas  rückwärts
über  seine  Schulter  hielt,  wo  es  zögernd  wieder  gefüllt  wurde.
Er  hat  weder  damals  noch  später  die  Mäßigkeit  im  Trinken

1)  Tochter  des  1851  verstorbenen  Prinzen  Wilhelm  von  Preußen,
eines  Bruders  Friedrich  Wilhelm's  III.
2)  Vgl.  Hohenlohe-Ingelfingen,  Aus  meinem  Leben  II  350  f.
        <pb n="427" />
        Kronprinz  und  König  Ludwig.  403

 

überschritten,  ich  hatte  jedoch  das  Gefühl,  daß  die  Umgebung
ihn  langweilte  und  er  den  von  ihr  unabhängigen  Richtungen
seiner  Phantasie  durch  den  Champagner  zu  Hülfe  kam.  Der
Eindruck,  den  er  mir  machte,  war  ein  sympathischer,  obschon
ich  mir  mit  einiger  Verdrießlichkeit  sagen  mußte,  daß  mein
Bestreben,  ihn  als  Tischnachbar  angenehm  zu  unterhalten,  unfruchtbar
  blieb.  Es  war  dies  das  einzige  Mal,  daß  ich  den
König  Ludwig  von  Angesicht  gesehn  habe,  ich  bin  aber  mit
ihm,  seit  er  bald  nachher  (10.  März  1864)  den  Thron  bestiegen
hatte,  bis  an  sein  Lebensende  in  günstigen  Beziehungen  und
in  verhältnißmäßig  regem  brieflichen  Verkehre  geblieben  und
habe  dabei  jederzeit  von  ihm  den  Eindruck  eines  geschäftlich
klaren  Regenten  von  national  deutscher  Gesinnung  gehabt,
wenn  auch  mit  vorwiegender  Sorge  für  die  Erhaltung  des
föderativen  Prinzips  der  Reichsverfassung  und  der  verfassungsmäßigen
  Privilegien  seines  Landes.  Als  außerhalb  des  Gebiets
politischer  Möglichkeit  liegend  ist  mir  sein  in  den  Versailler
Verhandlungen  auftauchender  Gedanke  erinnerlich,  daß  das
deutsche  Kaiserthum  resp.  Bundes-Präsidium  zwischen  dem
preußischen  und  dem  bairischen  Hause  erblich  alterniren  solle.
Die  Zweifel  darüber,  wie  dieser  unpraktische  Gedanke  praktisch
zu  machen,  wurden  überholt  durch  die  Verhandlungen  mit  den
bairischen  Vertretern  in  Versailles  und  deren  Ergebnisse,  wonach
  dem  Präsidium  des  Bundes,  also  dem  Könige  von  Preußen,
die  Rechte,  die  er  heut  dem  bairischen  Bundesgenossen  gegenüber
  ausübt,  schon  in  der  Hauptsache  bewilligt  waren,  ehe  es
sich  um  den  Kaisertitel  handelte.

Aus  meinem  Briefwechsel  mit  dem  Könige  Ludwig  schalte
ich  einige  Stücke  ein,  die  zur  richtigen  Charakteristik  dieses
unglücklichen  Fürsten  beitragen  und  auch  wieder  einmal  ein
actuelles  Interesse  gewinnen  können.  Die  Curialien  sind  nur
in  den  ersten  Briefen  gegeben.
        <pb n="428" />
        404  Achtzehntes  Kapitel:  König  Ludwig  II.  von  Baiern.

 

Versailles,  27.  November  1870  7).
Allerdurchlauchtigster  Großmächtigster  König,

Für  die  huldreichen  Eröffnungen,  welche  mir  Graf  Holnstein
nach  Befehl  Eurer  Mcjestät  gemacht  hat,  bitte  ich  Allerhöchstdieselben
  den  ehrfurchtsvollen  Ausdruck  meines  Dankes  gnädig
entgegennehmen  zu  wollen.  Mein  Gefühl  der  Dankbarkeit
gegen  Eure  Mgcjestät  hat  einen  tieferen  und  breiteren  Grund
als  den  persönlichen  in  der  amtlichen  Stellung,  in  welcher  ich
die  hochherzigen  Entschließungen  zu  würdigen  berufen  bin,  durch
welche  Eure  Majestät  bei  dem  Beginn  und  bei  dem  bevorstehenden
  Ende  dieses  großen  National-Krieges  der  Einigkeit
und  der  Macht  Deutschlands  den  Abschluß  gegeben  haben.
Aber  es  ist  nicht  meine,  sondern  die  Aufgabe  des  deutschen
Volkes  und  seiner  Geschichte,  dem  durchlauchtigen  Bairischen
Hause  für  Eurer  Mcjestät  deutsche  Politik  und  für  den  Heldenmuth
  Ihres  Heeres  zu  danken.  Ich  kann  nur  versichern,  daß
ich,  so  lange  ich  lebe,  Eurer  Majestät  in  ehrfurchtsvoller  Dankbarkeit
  anhänglich  und  ergeben  sein  und  mich  jederzeit  glücklich
schätzen  werde,  wenn  es  mir  vergönnt  wird,  Eurer  Mocjestät
zu  Diensten  sein  zu  können.

Bezüglich  der  deutschen  Kaiserfrage  ist  es  nach  meinem  ehrfurchtsvollen
  Ermessen  vor  Allem  wichtig,  daß  deren  Anregung
von  keiner  andern  Seite  wie  von  Eurer  Majestät,  und  namentlich
  nicht  von  der  Volksvertretung  zuerst  ausgehe.  Die  Stellung
würde  gefälscht  werden,  wenn  sie  ihren  Ursprung  nicht  der  freien
und  wohlerwogenen  Initiative  des  mächtigsten  der  dem  Bunde
beitretenden  Fürsten  verdankte.  Ich  habe  mir  erlaubt,  dem
Grafen  Holnstein  den  Entwurf  einer  etwa  an  meinen  allergnädigsten
  König  und,  mit  den  nöthigen  Aenderungen  der

1)  Das  in  der  Ausgabe  von  1898  nach  einem  Concept  abgedruckte
Schreiben  ist  hier  nach  dem  Facsimile  in  L.  v.  Kobell,  König  Ludwig  II.
und  Fürst  Bismarck  im  Jahre  1870  (Leipzig  1899)  gegeben.
        <pb n="429" />
        Aus  dem  Briefwechsel  Bismarck's  mit  Ludwig  von  Baiern.  405

 

Fassung,  an  die  andern  Verbündeten  zu  richtenden  Erklärung
auf  seinen  Wunsch  zu  übergeben.  Demselben  liegt  der  Gedanke
zu  Grunde,  welcher  in  der  That  die  deutschen  Stämme  erfüllt:
der  deutsche  Kaiser  ist  ihr  Landsmann,  der  König  von
Preußen  ihr  Nachbar,  nur  der  deutsche  Titel  bekundet,  daß
die  damit  verbundenen  Rechte  aus  freier  Uebertragung  der
deutschen  Fürsten  und  Stämme  hervorgehn.  Daß  die  großen
Fürstenhäuser  Deutschlands,  das  Preußische  eingeschlossen,  durch
das  Vorhandensein  eines  von  ihnen  gewählten  deutschen  Kaisers
in  ihrer  hohen  europäischen  Stellung  nicht  beeinträchtigt  wurden,
lehrt  die  Geschichte.
In  tiefer  Ehrfurcht  ersterbe  ich
Eurer  Majestät
unterthänigster  treugehorsamster  Diener
v.  Bismarck.

Mein  lieber  Graf!

Mit  lebhaftem  Vergnügen  habe  ich  bemerkt,  daß  Sie  trotz
zahlreicher  und  dringender  Geschäfte  Muße  gefunden,  Ihren
Gefühlen  gegen  mich  Ausdruck  zu  verleihen.

Ich  sende  Ihnen  deshalb  meinen  wärmsten  Dank;  denn  ich
lege  hohen  Werth  auf  die  ergebene  Gesinnung  eines  Mannes,
nach  dem  das  ganze  Deutschland  freudigen  Stolzes  seine  Blicke
richtet.

Mein  Brief  an  Ihren  König,  meinen  vielgeliebten  hochverehrten
  Oheim,  wird  morgen  in  dessen  Hände  gelangen  .  —
Ich  wünsche  von  ganzem  Herzen,  daß  mein  Vorschlag  beim
Könige,  den  übrigen  Bundesgliedern,  welchen  ich  geschrieben,
und  auch  bei  der  Nation  vollsten  Anklang  finde,  und  ist  es  mir
ein  befriedigendes  Bewußtsein,  daß  ich  vermöge  meiner  Stellung
in  Deutschland  wie  beim  Beginne,  so  beim  Abschlusse  dieses
ruhmreichen  Krieges  in  der  Lage  war,  einen  entscheidenden

1)  S.  denselben  Bd.  II  139  Anm.  2.
        <pb n="430" />
        406  Achtzehntes  Kapitel:  König  Ludwig  II.  von  Baiern.

 

Schritt  zu  Gunsten  der  nationalen  Sache  thun  zu  können.
Ich  hoffe  aber  auch  mit  Bestimmtheit,  daß  Bayern  seine  Stellung
  fortan  erhalten  bleibt,  da  sie  mit  einer  treuen,  rückhaltlosen
  Bundespolitik  wohl  vereinbarlich  ist  und  verderblicher
Centralisation  am  sichersten  steuert.

Groß,  unsterblich  ist  das,  was  Sie  für  die  deutsche  Nation
gethan  haben,  und  ohne  zu  schmeicheln,  darf  ich  sagen,  daß
Sie  in  der  Reihe  der  großen  Männer  unseres  Jahrhunderts
den  hervorragendsten  Platz  einnehmen.  Möge  Gott  Ihnen
noch  viele,  viele  Jahre  verleihen,  damit  Sie  fortfahren  können
zu  wirken  für  das  Wohl  und  Gedeihen  unseres  gemeinsamen
Vaterlandes.  Meine  besten  Grüße  Ihnen  sendend,  bleibe  ich,
mein  lieber  Gras,  stets

Hohenschwangau,  den  2.  December  1870.

Ihr
aufrichtiger  Freund
Ludwig.
Versailles,  24.  December  1870  7.
Allerdurchlauchtigster  König,
Allergnädigster  Herr,

Das  huldreiche  Schreiben  Eurer  Majestät,  welches  Graf
Holnstein  mir  überbracht  hat,  ermuthigt  mich  mit  meinem
Danke  für  den  gnädigen  Inhalt  desselben,  Eurer  Mgcjestät
meine  unterthänigsten  Glückwünsche  zu  dem  bevorstehenden
Jahreswechsel  darzubringen.  Wohl  selten  hat  Deutschland  von
einem  neuen  Jahre  mit  gleicher  Zuversicht  wie  von  dem  bevorstehenden
  die  Erfüllung  nationaler  Wünsche  erwartet.  Wenn
diese  Hoffnungen  sich  verwirklichen,  wenn  das  geeinte  Deutschland
  dahin  gelangt,  daß  es  seinen  äußern  Frieden  in  gesicherten

1)  Nach  dem  Concept;  in  der  Reinschrift  hat  der  Brief  einige  stilistische
  Aenderungen  erfahren,  wie  aus  dem  dem  Concept  beigefügten
mut.  mut.  hervorgeht.
        <pb n="431" />
        Aus  dem  Briefwechsel  Bismarck's  mit  Ludwig  von  Baiern.  407

Grenzen  durch  eigne  Kraft  verbürgen  kann,  gleichzeitig,  ohne
die  freie  Entwicklung  der  einzelnen  Bundesglieder  zu  beeinträchtigen,
  so  wird  die  entscheidende  Stellung,  die  Eure  Majestät
zu  der  Neugestaltung  des  gemeinsamen  Vaterlandes  gewonnen
haben,  in  der  Geschichte  und  in  der  Dankbarkeit  der  Deutschen
jederzeit  unvergessen  bleiben.

Eure  Majestät  setzen  mit  Recht  voraus,  daß  auch  ich  von
der  Centralisation  kein  Heil  erwarte,  sondern  grade  in  der
Erhaltung  der  Rechte,  welche  die  Bundesverfassung  den  einzelnen
  Gliedern  des  Bundes  sichert,  die  dem  deutschen  Geiste
entsprechende  Form  der  Entwicklung  und  zugleich  die  sicherste
Bürgschaft  gegen  die  Gefahren  erblicke,  welchen  Recht  und
Ordnung  in  der  freien  Bewegung  des  heutigen  politischen
Lebens  ausgesetzt  sein  können.  Daß  die  Herstellung  der  Kaiserwürde
  durch  Initiative  Eurer  Majestät  und  der  verbündeten
Fürsten  den  monarchisch-conservativen  Interessen  förderlich  ist,
beweist  die  feindliche  Stellung,  welche  die  republikanische  Partei
in  ganz  Deutschland  zu  derselben  genommen  hat.

Eure  Majestät  wollen  sich  in  Gnaden  versichert  halten,
daß  ich  mich  glücklich  schätzen  werde,  wenn  es  mir  gelingt,  mir
Allerhöchstdero  gnädige  Gesinnung  zu  erhalten.

v.  B.
Mein  lieber  Graf!

In  Würdigung  Ihrer  hervorragenden  Verdienste,  welche
Sie  für  das  Zustandekommen  der  deutschen  Bündnißverträge
sich  erworben,  habe  ich  Ihnen  zu  meinem  Hausorden  vom
heiligen  Hubertus,  welchen  Sie  bereits  besitzen,  den  beifolgenden
Stern  in  Brillanten  verliehen.

Ihrer  Mitwirkung  ist  es  zunächst  zu  danken,  daß  bei  jenen
Vereinbarungen  die  berechtigten  Interessen  Bayerns  Berücksichtigung
  sanden,  und  so  mögen  Sie,  mein  lieber  Graf,  in
jener  Verleihung  nicht  einen  conventionellen  Act,  sondern  den
Ausdruck  meiner  freundschaftlichen  Gesinnung  erblicken,  auf
        <pb n="432" />
        408  Achtzehntes  Kapitel:  König  Ludwig  II.  von  Baiern.

 

welche  Sie  vollen  Anspruch  haben.  Die  Ordensdevise  ist  auch
mein  Wahlspruch:  „In  Treue  fest“  wird  Bayern  ein  aufrichtiger
Bundesgenosse  Preußens,  ein  harmonisches  Glied  des  Reichs
sein.  Indem  ich  wiederholt  meinem  ganz  besonderen  Wohlwollen
  Ausdruck  verleihe,  das  ich  jederzeit  für  Sie  hege,  sende
ich  Ihnen,  mein  lieber  Graf,  meine  besten  Grüße,  und  bleibe
ich  stets

München,  den  22.  März  1871.

Ihr
aufrichtiger  Freund
Ludwig  ½.
Mein  lieber  Fürstl

Es  würde  mir  nicht  nur  ein  hohes  Interesse  bieten,  sondern
zugleich  lebhafte  Freude  bereiten,  Sie  zu  sprechen  und  meinen
Gefühlen  besonderer  Hochschätzung  für  Sie,  mein  lieber  Fürst,
mündlichen  Ausdruck  zu  geben.  Wie  ich  zu  meinem  aufrichtigen
Bedauern  erfahre,  hat  jener  so  verabscheuungswürdige  Mordanschlag:),
  für  dessen  Mißlingen  ich  Gott  immerdar  dankbar
sein  werde,  störend  auf  Ihre  auch  mir  so  theure  Gesundheit
und  auf  den  Curgebrauch  gewirkt,  so  daß  es  vermessen  von
mir  wäre,  wollte  ich  Sie  ersuchen,  Sich  demnächst  zu  mir  zu
bemühen,  der  ich  jetzt  mitten  in  den  Bergen  verweile.  —  Für
Ihren  letzten  Brief,  der  mich  mit  aufrichtiger  Freude  erfüllte,
bin  ich  Ihnen  aus  ganzer  Seele  dankbar.  Fest  vertraue  ich
auf  Siel  und  glaube  ich,  daß  Sie,  wie  Sie  meinem  Minister
v.  Pfretzschner  gegenüber  sich  äußerten,  Ihren  politischen  Einfluß
  dafür  einsetzen  werden,  daß  das  föderative  Princip
die  Grundlage  der  neuen  Ordnung  der  Dinge  in  Deutschland
bilde.  Möge  der  Himmel  Ihr  theures  Leben  noch  viele  Jahre
uns  Allen  erhalten!  Ihr  Tod,  sowie  der  des  von  mir  hochver-1)

  Uebernommen  aus  dem  Bismarck-Jahrbuch  I1  134  f.
:)  Kullmann's  am  13.  Juli  1874.
        <pb n="433" />
        Aus  dem  Briefwechsel  Bismarck's  mit  Ludwig  von  Baiern.  409

 

ehrten  Kaisers  Wilhelm  wäre  ein  großes  Unglück  für  Deutschland
  und  Bayern.  —  Aus  ganzem  Herzen  meine  besten  Grüße
Ihnen,  mein  lieber  Fürst,  zurufend,  bleibe  ich  stets  mit  besonderer
  Hochschätzung  und  tiefgewurzeltem  Vertrauen

Hohenschwangau,  den  31.  Juli  1874.

Ihr
aufrichtiger  Freund
Ludwig.

Kissingen,  den  10.  August  1874.

Allerdurchlauchtigster  König,
Allergnädigster  Herr,

Im  Begriff,  meine  Cur  zu  beendigen,  kann  ich  Kissingen
nicht  verlassen,  ohne  Eurer  Mojestät  für  alle  Gnade,  welche
Allerhöchstdieselben  mir  hier  erzeigt  haben,  nochmals  ehrfurchtsvoll
  zu  danken,  insbesondere  auch  für  das  huldreiche  Schreiben
vom  31.  v.  Mts.

Ich  bin  hoch  beglückt  durch  das  Vertraun,  welches  Eure
Majestät  mir  darin  aussprechen,  und  werde  stets  bestrebt  sein,
dasselbe  zu  verdienen;  aber  auch  unabhängig  von  persönlichen
Bürgschaften,  dürfen  Eure  Majestät  mit  voller  Zuversicht  auf
diejenigen  rechnen,  welche  in  der  Reichsverfassung  selbst  liegen.
Letztre  beruht  auf  der  föderativen  Grundlage,  welche  sie  durch
die  Bundesverträge  erhalten  hat,  und  kann  nicht  ohne  Vertragsbruch
  verletzt  werden.  Darin  unterscheidet  sich  die  Reichsverfassung
  von  jeder  Landesverfassung.  Die  Rechte  Eurer
Majestät  bilden  einen  unlöslichen  Theil  der  Reichsverfassung,
und  beruhn  daher  auf  denselben  sichern  Rechtsgrundlagen  wie
alle  Institutionen  des  Reichs.  Deutschland  hat  gegenwärtig
in  der  Institution  seines  Bundesrathes,  und  Baiern  in  seiner
würdigen  und  einsichtigen  Vertretung  im  Bundesrathe,  eine
feste  Bürgschaft  gegen  jede  Ausartung  oder  Uebertreibung  der
einheitlichen  Bestrebungen.  Eure  Majestät  werden  auf  die
        <pb n="434" />
        410  Achtzehntes  Kapitel:  König  Ludwig  II.  von  Baiern.

Sicherheit  des  vertragsmäßigen  Verfassungsrechtes  auch  dann
volles  Vertraun  haben  können,  wenn  ich  nicht  mehr  die  Ehre
habe,  dem  Reiche  als  Kanzler  zu  dienen.

In  tiefer  Ehrfurcht  verharre  ich
Eurer  Majestät

unterthänigster  Diener
v.  Bismarck.

Friedrichsruh,  2.  Juni  1876.

Eure  Moajestät  haben,  wie  Baron  Werthern  mir  schreibt,
die  Gnade  gehabt,  mir  auch  in  diesem  Jahre  für  den  Besuch
von  Kissingen  Equipage  aus  Allerhöchstdero  Marstall  zur  Verfügung
  zu  stellen.  Ich  hoffe,  daß  es  mir  möglich  sein  wird,
dem  Rathe  der  Aerzte  zu  folgen  und  auch  in  diesem  Sommer
die  Heilung  zu  suchen,  wo  ich  sie  vor  2  Jahren,  wie  Eure
Mojestät  dessen  in  der  Allerhöchsten  Ordre  vom  29.  April  so
huldreich  gedenken,  gefunden  habe.

Die  türkischen  Angelegenheiten  sehn  bedrohlich  aus  und
können  dringliche  diplomatische  Arbeit  erfordern:  aber  unter
allen  europäischen  Mächten  wird  Deutschland  immer  in  der
günstigsten  Lage  bleiben,  um  sich  aus  den  Wirren,  mit  welchen
eine  orientalische  Frage  den  Frieden  bedrohn  kann,  dauernd
oder  doch  länger  als  andre  fern  halten  zu  können.  Ich  gebe
daher  die  Hoffnung  nicht  auf,  daß  es  mir  möglich  sein  werde,
Kissingen  in  einigen  Wochen  zu  besuchen,  und  bitte  Eure
Majestät  ehrfurchtsvoll,  meinen  allerunterthänigsten  Dank  für

Allerhöchstdero  huldreiche  Fürsorge  in  Gnaden  entgegennehmen
zu  wollen.
v.  Bismarck.

Es  gereicht  mir  zu  aufrichtiger  Freude,  daß  die  in  Ihren
werthen  Zeilen  vom  2.  dieses  Monats  ausgesprochene  Hoffnung,
  Kissingen  zu  besuchen,  sich  nun  erfüllt  hat.

Von  Herzen  begrüße  ich  Sie  in  meinem  Lande  und  gebe
        <pb n="435" />
        Aus  dem  Briefwechsel  Bismarck's  mit  Ludwig  von  Baiern.  411

 

mich  der  frohen  Zuversicht  hin,  daß  Ihre,  dem  Reiche  theure
Gesundheit  wiederholt  durch  eine  Heilquelle  Bayerns  Kräftigung
finden  werde.

Möge  der  allen  deutschen  Fürsten  gemeinsame  Wunsch  der
Erhaltung  des  Friedens  Verwirklichung  finden  und  dadurch
Ihnen,  mein  lieber  Fürst,  ergiebige  Erholung  von  mühevoller
Arbeit  und  aufregender  Sorge  gegönnt  sein.

Indem  ich  der  Fürstin  die  Hand  küsse  und  Ihnen,  mein
lieber  Fürst,  die  herzlichsten  Grüße  sende,  verbleibe  ich  mit
Ihnen  bekannten  Gesinnungen  jederzeit

Berg,  den  18.  Juni  1876.
Ihr
aufrichtiger  Freund
Ludwig.

Kissingen,  5.  Juli  1876.

..  Leider  läßt  mir  die  Politik  nicht  ganz  die  Ruhe,  deren
man  im  Bade  bedarf:  es  ist  dabei  mehr  die  allgemeine  Unruhe
und  Ungeduld  als  eine  wirkliche  Gefährdung  des  Friedens,  für
Deutschland  wenigstens,  wodurch  die  unfruchtbaren  Arbeiten
der  Diplomaten  veranlaßt  werden.  Unfruchtbar  sind  sie  nothwendig,
  so  lange  der  Kampf  innerhalb  der  türkischen  Grenzen
zu  keiner  Entscheidung  gediehn  sein  wird.  Wie  die  letztre  auch
ausfallen  möge,  so  wird  die  Verständigung  zwischen  Rußland
und  England  bei  gegenseitiger  Aufrichtigkeit  immer  möglich
sein,  da  —  und  so  lange  —  Rußland  nicht  nach  dem  Besitze
von  Constantinopel  strebt.  Sehr  viel  schwieriger  wird  auf  die
Dauer  die  Vermittlung  zwischen  den  östreichisch-ungarischen  und
den  russischen  Interessen  sein;  bisher  aber  sind  beide  Kaiserhöfe
  noch  einig,  und  ich  bin  überzeugt,  Eurer  Moajestät  Allerhöchste
  Billigung  zu  finden,  wenn  ich  die  Erhaltung  dieser
Einigkeit  als  eine  Hauptaufgabe  deutscher  Diplomatie  ansehe.
Es  würde  eine  große  Verlegenheit  für  Deutschland  sein,  zwischen
        <pb n="436" />
        412  Achtzehntes  Kapitel:  König  Ludwig  II.  von  Baiern.

 

diesen  beiden  so  eng  befreundeten  Nachbarn  optiren  zu  sollen;
denn  ich  zweifle  nicht  daran,  im  Sinne  Eurer  Majestät  und
aller  deutscher  Fürsten  zu  handeln,  wenn  ich  in  unsrer  Politik
den  Grundsatz  vertrete,  daß  Deutschland  nur  zur  Wahrung
zweifelloser  deutscher  Interessen  sich  an  einem  Kriege  freiwillig
betheiligen  sollte.  Die  türkische  Frage,  so  lange  sie  sich  innerhalb
  der  türkischen  Grenzen  entwickelt,  berührt  meines  unterthänigsten
  Dafürhaltens  keine  kriegswürdigen  deutschen  Interessen;
  auch  ein  Kampf  zwischen  Rußland  und  einer  der  Westmächte
  oder  beiden  kann  sich  entwickeln,  ohne  Deutschland  in
Mitleidenschaft  zu  ziehn.  Sehr  viel  schwieriger  aber  liegt  der
Fall,  wenn  Oestreich  und  Rußland  uneinig  werden  sollten,
und  hoffe  ich,  daß  die  Begegnung  beider  Monarchen  in  Reichstadt:)
  gute  Früchte  zur  Befestigung  ihrer  Freundschaft  tragen
werde.  Der  Kaiser  Alexander  will  glücklicherweise  den  Frieden
und  erkennt  an,  daß  Oestreichs  Lage  der  südslavischen  Bewegung
  gegenüber  schwieriger  und  zwingender  ist  als  die  Rußlands.
  Für  Letztres  sind  es  auswärtige,  für  Oestreich  aber
innre  und  vitale  Interessen,  die  auf  dem  Spiele  stehn.

v.  Bismarck.

Mit  lebhafter  Freude  habe  ich  Ihre  Nachricht  von  dem  offenbar
  günstigen  Verlaufe  der  Cur  erhalten.  Ich  danke  Ihnen
vielmals  für  diese  frohe  Botschaft  und  hoffe  von  Herzen,  daß
auch  die  lästigen  Folgen  des  anstrengenden  Gebrauchs  der  Kissinger
  Quellen  sich  recht  bald  verlieren  werden.

Durch  Ihre  so  klare  Darlegung  der  politischen  Situation
haben  Sie,  mein  lieber  Fürst,  mich  ganz  besonders  verbunden.
Der  weitsehende,  staatsmännische  Blick,  welcher  sich  in  Ihren
Anschauungen  über  die  Stellung  Deutschlands  zu  den  gegenwärtigen
  und  etwa  noch  drohenden  Verwicklungen  im  Auslande
kund  gibt,  hat  meine  volle  Bewunderung,  und  ich  brauche  wohl

6)  8.  Juli  1876.
        <pb n="437" />
        Aus  dem  Briefwechsel  Bismarck's  mit  Ludwig  von  Baiern.  413

 

nicht  zu  versichern,  daß  Ihre  mächtigen  Anstrengungen  zur  Erhaltung
  des  Friedens  von  meinen  wärmsten  Sympathien  und
unbegränztem  Vertrauen  begleitet  sind.  —  Möge  der  glückliche
Erfolg  der  deutschen  Politik  und  der  Dank  der  deutschen  Fürsten
und  Stämme  Sie,  mein  lieber  Fürst,  im  Besitze  Ihrer  vollen
Gesundheit  und  Rüstigkeit  finden.

Mit  diesem  innigen  Wunsche  verbinde  ich  die  herzlichsten  Grüße
und  die  Versicherung  wahrer  Hochachtung  und  festgewurzelten
Vertrauens,  womit  ich,  mein  lieber  Fürst,  stets  verbleibe

Hohenschwangau,  den  16.  Juli  1876.

Ihr
aufrichtiger  Freund
Ludwig.

Kissingen,  29.  Juni  1877.

Die  vielen  Geschäfte  bei  der  Cur  waren  unvermeidlich,  weil
der  Reichstag  durch  die  Schwierigkeiten,  die  er  bezüglich  meiner
Vertretung  machte  und  gegen  die  aufzutreten  ich  damals  nicht
gesund  genug  war,  mich  nöthigte,  die  Contrasignaturen  auch
im  Urlaub  beizubehalten.  Es  war  dies  eins  der  Mittel,  durch
welche  die  Mehrheit  im  Reichstage  die  Einführung  jener  Institution
  zu  erkämpfen  sucht,  welche  sie  unter  der  Bezeichnung
„verantwortlicher  Reichsminister“  versteht,  und  gegen  die  ich
mich  jederzeit  abwehrend  verhalte,  nicht  um  der  alleinige  Minister
zu  bleiben,  sondern  um  die  verfassungsmäßigen  Rechte  des
Bundesraths  und  seiner  hohen  Vollmachtgeber  zu  wahren.
Nur  auf  Kosten  der  letztern  könnten  die  erstrebten  Reichsministerien
  geschäftlich  dotirt  werden,  und  damit  würde  ein
Weg  in  der  Richtung  der  Centralisirung  eingeschlagen,  in  der
wir  das  Heil  der  deutschen  Zukunft,  wie  ich  glaube,  vergebens
suchen  würden.  Es  ist,  meines  unterthänigsten  Dafürhaltens,
nicht  nur  das  verfassungsmäßige  Recht,  sondern  auch  die  poli-
        <pb n="438" />
        414  Achtzehntes  Kapitel:  König  Ludwig  II.  von  Baiern.

 

tische  Aufgabe  meiner  außerpreußischen  Collegen  im  Bundesrath,
  mich  im  Kampfe  gegen  die  Einführung  solcher  Reichsministerien
  offen  zu  unterstützen  und  dadurch  klar  zu  stellen,
daß  ich  bisher  nicht  für  die  ministerielle  Alleinherrschaft  des
Kanzlers,  sondern  für  die  Rechte  der  Bundesgenossen  und  für
die  ministeriellen  Befugnisse  des  Bundesraths  eingetreten  bin.
Ich  darf  annehmen,  Eurer  Majestät  Intentionen  entsprochen
zu  haben,  wenn  ich  mich  in  diesem  Sinne  schon  Pfretzschner
gegenüber  ausgesprochen  habe,  und  ich  bin  überzeugt,  daß  Eurer
Majestät  Vertreter  im  Bundesrath  selbst  und  in  Verbindung
mit  andern  Collegen  mir  einen  Theil  des  Kampfes  gegen  das
Drängen  des  Reichstages  nach  verantwortlichen  Reichsministerien
  durch  ihren  Beistand  abnehmen  werden.

Wenn,  wie  ich  höre,  Eurer  Moajestät  Wahl  auf  Herrn  von
Rudhart  gefallen  ist,  so  kann  ich  nach  Allem,  was  ich  durch
Hohenlohe  über  ihn  weiß,  dafür  ehrfurchtsvoll  dankbar  sein
und  voraussehn,  daß  ich  nicht  nur  die  innern,  sondern  auch  die
auswärtigen  Geschäfte  des  Reichs  ihm  gegenüber  mit  der  vertrauensvollen
  Offenheit  werde  besprechen  können,  die  mir  dem
Vertreter  Eurer  Mcjestät  gegenüber  ein  geschäftliches  und  ein
persönliches  Bedürfniß  ist.  Für  den  Augenblick  ist  unfre  Stellung
  zum  Auslande  noch  dieselbe,  wie  während  des  ganzen
Winters,  und  die  Hoffnung,  daß  uns  der  Krieg  nicht  berühren
werde,  ungeschwächt.  Das  Vertraun  Rußlands  auf  die  Zuverlässigkeit
  unfrer  nachbarlichen  Politik  hat  ersichtlich  zugenommen,
  und  damit  auch  die  Aussicht,  solche  Entwicklungen  zu
verhüten,  gegen  welche  Oestreich  einzuschreiten  durch  seine  Interessen
  genöthigt  werden  könnte.  Die  guten  Beziehungen  der
beiden  Kaiserreiche  zu  einander  zu  erhalten,  bleiben  wir  mit
Erfolg  bestrebt.  Unsre  Freundschaft  mit  England  hat  bisher
darunter  nicht  gelitten,  und  auch  die  am  dortigen  Hof  durch
politische  Intriganten  angebrachten  Gerüchte,  als  könne  Deutschland
  Absichten  auf  die  Erwerbung  von  Holland  haben,  konnten
        <pb n="439" />
        Aus  dem  Briefwechsel  Bismarck's  mit  Ludwig  von  Baiern.  415

 

nur  in  hohen  Damenkreisen  vorübergehend  Anklang  finden;
die  Verleumder  werden  nicht  müde,  aber  die  Gläubigen  scheinen
es  endlich  zu  werden.  Unter  diesen  Umständen  ist  die  äußre
Politik  des  Reiches  im  Stande,  ihre  Aufmerksamkeit  ungeschwächt
  dem  Vulkan  im  Westen  zuzuwenden,  der  Deutschland
seit  300  Jahren  so  oft  mit  Ausbrüchen  überschüttet  hat.  Ich
traue  den  Versicherungen  nicht,  die  wir  von  dort  erhalten,  kann
aber  doch  dem  Reiche  keinen  andern  Rath  geben,  als  wohlgerüstet
  und  Gewehr  bei  Fuß  den  etwaigen  neuen  Anfall  abzuwarten

v.  Bismarck.

..Es  drängt  mich  bei  diesem  Anlasse,  Ihnen,  mein  lieber
Fürst,  zu  sagen,  mit  welcher  lebhaften  Besorgniß  mich  vor  einiger
Zeit  die  Nachricht  von  der  Möglichkeit  Ihres  Rücktrittes  erfüllte.
  Je  größer  meine  persönliche  Verehrung  für  Sie  und
mein  Vertrauen  zu  der  föderativen  Grundlage  Ihres  staatsmännischen
  Wirkens  ist,  desto  schmerzlicher  hätte  ich  ein  solches
Ereigniß  für  mich  und  mein  Land  empfunden.

Zu  meiner  wahren  Freude  ist  es  nicht  eingetreten,  und  ich
wünsche  von  ganzem  Herzen,  daß  Ihre  Weisheit  und  Thatkraft
  dem  Reiche  und  dem  reichstreuen  Bayern  noch  recht  lange
erhalten  bleiben  möge!  Haben  Sie,  mein  lieber  Fürst,  meinen
innigsten  Dank  auch  für  die  Mittheilung  erfreulicher  Friedensaussichten
  und  für  die  Zusicherung,  daß  mein  für  Berlin  bestimmter
  Gesandter  v.  Rudhart  bei  Ihnen  wohlwollende  und
vertrauensvolle  Aufnahme  finden  werde.  In  Ihrer  Stellung
zu  der  immer  wieder  auftauchenden  Frage  verantwortlicher
Reichsministerien  erscheinen  Sie  als  der  starke  Hort  der  Rechte
der  Bundesfürsten,  und  mit  wahrhafter  Beruhigung  nehme  ich
von  Ihnen,  mein  lieber  Fürst,  das  Wort  entgegen,  daß  das
Heil  der  deutschen  Zukunft  nicht  in  der  Centralisirung  zu  suchen
ist,  welche  mit  der  Schaffung  solcher  Ministerien  eintreten  würde.
Seien  Sie  überzeugt,  daß  ich  es  an  nichts  fehlen  lassen  werde,
        <pb n="440" />
        416  Achtzehntes  Kapitel:  König  Ludwig  II.  von  Baiern.

 

um  Ihnen  in  dem  Kampfe  für  Aufrechterhaltung  der  Grundlagen
  der  Reichsverfassung  die  offene  und  vollste  Unterstützung
meiner  Vertreter  im  Bundesrathe,  welchen  sich  gewiß  auch  die
Bevollmächtigten  der  andern  Fürsten  anschließen  werden,  für
alle  Zukunft  zu  sichern  z).

Berg,  den  7.  Juli  1877.  Ludwig.

Kissingen,  den  12.  August  1878.

Eurer  Mojestät  erlaube  ich  mir  meinen  ehrfurchtsvollen
Dank  zu  Füßen  zu  legen  für  die  huldreichen  Befehle,  welche
der  Königliche  Marstall  auch  in  diesem  Jahre  für  meinen
hiesigen  Aufenthalt  erhalten  hat,  und  für  die  gnädige  Anerkennung,
  welche  der  Minister  von  Pfretzschner  mir  im  Allerhöchsten
  Auftrage  überbracht  hat.  Durch  den  Congreß  ist  die
Politik  einstweilen  zum  Abschlusse  gebracht,  deren  Angemessenheit
  für  Deutschland  Eure  Majestät  in  huldreichen  Schreiben
anzuerkennen  geruhten.  Der  eigne  Frieden  blieb  gewahrt,  die
Gefahr  eines  Bruches  zwischen  Oestreich  und  Rußland  ist  beseitigt,
  und  unfre  Beziehungen  zu  beiden  befreundeten  Nachbarreichen
  sind  erhalten  und  befestigt.  Namentlich  freue  ich  mich,
daß  es  gelungen  ist,  das  noch  junge  Vertraun  Oestreichs  zu
unfrer  Politik  im  Cabinet  wie  in  der  Bevölkerung  des  Kaiserstaates
  zu  kräftigen.  Ich  darf  von  der  Allerhöchsten  Billigung
Eurer  Majestät  überzeugt  sein,  wenn  ich  auch  ferner  bemüht
bin,  die  auswärtige  Politik  des  Reiches  in  der  vorbezeichneten
Richtung  zu  erhalten,  und  dementsprechend  bei  der  Pforte  und
anderweit  gegenwärtig  dahin  zu  wirken,  daß  die  schwierige  Aufgabe,
  die  Oestreich,  allerdings  etwas  spät,  übernommen  hat,
durch  diplomatischen  Beistand  nach  Möglichkeit  erleichtert  werde.

Schwieriger  sind  die  augenblicklichen  Aufgaben  der  innern
Politik.  Meine  Verhandlungen  mit  dem  Nuntius  ruhn  seit

X)  Das  bewährte  sich  bei  Rudhart  nicht.
1)  Masella.
        <pb n="441" />
        Aus  dem  Briefwechsel  Bismarck's  mit  Ludwig  von  Baiern.  417

 

dem  Tode  des  Cardinals  Franchin  vollständig,  in  Erwartung
von  Instructionen  aus  Rom.  Diejenigen,  welche  der  Erzbischof
  von  Neocäsarea  mitbrachte,  verlangten  Herstellung  des
status  quc  ante  1870  in  Preußen,  factisch,  wenn  nicht  vertragsmäßig.
  Derartige  prinzipielle  Concessionen  sind  beiderseits  unmöglich.
  Der  Papst  besitzt  die  Mittel  nicht,  durch  welche  er
uns  die  nöthigen  Gegenleistungen  machen  könnte;  die  Centrumspartei,
  die  staatsfeindliche  Presse,  die  polnische  Agitation,  gehorchen
  dem  Papste  nicht,  auch  wenn  Seine  Heiligkeit  diesen
Elementen  befehlen  wollte,  die  Regirung  zu  unterstützen.  Die
im  Centrum  vereinten  Kräfte  fechten  zwar  jetzt  unter  päpstlicher
  Flagge,  sind  aber  an  sich  staatsfeindlich,  auch  wenn  die
Flagge  der  Katholicität  aufhörte  sie  zu  decken;  ihr  Zusammenhang
  mit  der  Fortschrittspartei  und  den  Socialisten  auf  der
Basis  der  Feindschaft  gegen  den  Staat  ist  von  dem  Kirchenstreit
  unabhängig.  In  Preußen  wenigstens  waren  die  Wahlkreise,
  in  denen  das  Centrum  sich  ergänzt,  auch  vor  dem  Kirchenstreite
  oppositionell,  aus  demokratischer  Gesinnung,  bis  auf  den
Adel  in  Westfalen  und  Oberschlesien,  der  unter  der  Leitung
der  Jesuiten  steht  und  von  diesen  absichtlich  schlecht  erzogen
wird.  Unter  diesen  Umständen  fehlt  dem  römischen  Stuhl  die
Möglichkeit,  uns  für  die  Concessionen,  die  er  von  uns  verlangt,
  ein  Aequivalent  zu  bieten,  namentlich  da  er  über  den
Einfluß  der  Jesuiten  auf  deutsche  Verhältnisse  gegenwärtig  nicht
verfügt.  Die  Machtlosigkeit  des  Papstes  ohne  diesen  Beistand
hat  sich  besonders  bei  den  Nachwahlen  erkennen  lassen,  wo  die
katholischen  Stimmen,  gegen  den  Willen  des  Papstes,  für  socialistische
  Candidaten  abgegeben  wurden  und  der  Dr.  Moufang  in
Mainz  öffentlich  Verpflichtungen  in  dieser  Beziehung  einging.
Die  hiesigen  Verhandlungen  mit  dem  Nuntius  können  das  Stadium
  der  gegenseitigen  Recognoscirung  nicht  überschreiten;  sie

1)  Am  1.  Aug.  1878  starb  Cardinalstaatssekretär  Franchi,  wie  vermuthet

  wurde,  infolge  Vergiftung.
Otto  Fürst  von  Bismarck,  Gedanken  und  Erinnerungen.  I.  27
        <pb n="442" />
        418  Achtzehntes  Kapitel:  König  Ludwig  II.  von  Baiern.

 

haben  mir  die  Ueberzeugung  gewährt,  daß  ein  Abschluß  noch
nicht  möglich  ist;  ich  glaube  aber  vermeiden  zu  sollen,  daß  sie
gänzlich  abreißen,  und  dasselbe  scheint  der  Nuntius  zu  wünschen.
In  Rom  hält  man  uns  offenbar  für  hülfsbedürftiger,  als  wir
sind,  und  überschätzt  den  Beistand,  den  man  uns,  bei  dem  besten
Willen,  im  Parlamente  zu  leisten  vermag.  Die  Wahlen  zum
Reichstage  haben  den  Schwerpunkt  des  letztern  weiter  nach
rechts  geschoben,  als  man  annahm.  Das  Uebergewicht  der
Liberalen  ist  vermindert,  und  zwar  in  höherm  Maße,  als  die
Ziffern  es  erscheinen  lassen.  Ich  war  bei  Beantragung  der
Auflösung  nicht  im  Zweifel,  daß  die  Wähler  regirungsfreundlicher
  sind  als  die  Abgeordneten,  und  die  Folge  davon  ist  gewesen,
  daß  viele  Abgeordnete,  welche  ungeachtet  ihrer  oppositionellen
  Haltung  wiedergewählt  wurden,  dies  nur  durch  Zusagen
  zu  Gunsten  der  Regirung  erreichen  konnten.  Wenn  sie
diese  Zusagen  nicht  halten  und  eine  neue  Auflösung  folgen
sollte,  so  werden  sie  nicht  mehr  Glauben  bei  den  Wählern
finden  und  nicht  wieder  gewählt  werden.  Die  Folge  der  gelockerten
  Beziehungen  zu  den  liberalen  und  centralistischen  Abgeordneten
  wird,  meines  ehrfurchtsvollen  Dafürhaltens,  ein
festeres  Zusammenhalten  der  verbündeten  Regirungen  unter
einander  sein.  Das  Anwachsen  der  socialdemokratischen  Gefahr,
  die  jährliche  Vermehrung  der  bedrohlichen  Räuberbande,
mit  der  wir  gemeinsam  unfre  größern  Städte  bewohnen,  die
Versagung  der  Unterstützung  gegen  diese  Gefahr  von  seiten
der  Mehrheit  des  Reichstags  drängt  schließlich  den  deutschen
Fürsten,  ihren  Regirungen  und  allen  Anhängern  der  staatlichen
  Ordnung  eine  Solidarität  der  Nothwehr  auf,  welcher
die  Demagogie  der  Redner  und  der  Presse  nicht  gewachsen  sein
wird,  so  lange  die  Regirungen  einig  und  entschlossen  bleiben,
wie  sie  es  gegenwärtig  sind.  Der  Zweck  des  Deutschen  Reiches
ist  der  Rechtsschutz;  die  parlamentarische  Thätigkeit  ist  bei  Stiftung
  des  bestehenden  Bundes  der  Fürsten  und  Städte  als  ein
        <pb n="443" />
        Aus  dem  Briefwechsel  Bismarck's  mit  Ludwig  von  Baiern.  419

 

Mittel  zur  Erreichung  des  Bundeszweckes,  aber  nicht  als  Selbstzweck
  aufgefaßt  worden.  Ich  hoffe,  daß  das  Verhalten  des
Reichstags  die  verbündeten  Regirungen  der  Nothwendigkeit
überheben  wird,  die  Consequenzen  dieser  Rechtslage  jemals
praktisch  zu  ziehn.  Aber  ich  bin  nicht  gewiß,  daß  die  Mehrheit
  des  jetzt  gewählten  Reichstags  schon  der  richtige  Ausdruck
der  zweifellos  loyal  und  monarchisch  gesinnten  Mehrheit  der
deutschen  Wähler  sein  werde.  Sollte  es  nicht  der  Fall  sein,
so  tritt  die  Frage  einer  neuen  Auflösung  in  die  Tagesordnung.
Ich  glaube  aber  nicht,  daß  ein  richtiger  Moment  der  Entscheidung
  darüber  schon  in  diesem  Herbst  eintreten  könne.  Bei
einem  neuen  Appell  an  die  Wähler  wird  die  wirthschaftliche
und  finanzielle  Reformfrage  ein  Bundesgenosse  für  die  verbündeten
  Regirungen  sein,  sobald  sie  im  Volke  richtig  verstanden
  sein  wird;  dazu  aber  ist  ihre  Discussion  im  Reichstage
nöthig,  die  nicht  vor  der  Wintersession  stattfinden  kann.  Das
Bedürfniß  höherer  Einnahmen  durch  indirekte  Steuern  ist  in
allen  Bundesstaaten  fühlbar  und  von  deren  Ministern  in  Heidelberg!)
  einstimmig  anerkannt  worden.  Der  Widerspruch  der
parlamentarischen  Theoretiker  dagegen  hat  in  der  productiven
Mehrheit  der  Bevölkerung  auf  die  Dauer  keinen  Anklang.
Eure  Mocjestät  bitte  ich  unterthänigst,  diese  kurze  Skizze
der  Situation  mit  huldreicher  Nachsicht  aufnehmen  und  mir
Allerhöchstdero  Gnade  ferner  erhalten  zu  wollen

v.  Bismarck.

Aus  ganzem  Herzen  spreche  ich  Ihnen  meinen  aufrichtigen
Dank  für  die  so  hochinteressante  Darstellung  der  gegenwärtigen
politischen  Lage,  welche  Sie  von  Kissingen  aus  mir  zu  schreiben
die  Aufmerksamkeit  hatten,  sowie  die  Zielpunkte,  welche  Ihre
große  Politik  sich  für  die  nächste  Zukunft  gesetzt  hat.  Es  ist
mein  innigster  Wunsch,  daß  Kissingen  und  die  Nachcur  Sie  im

1)  Conferenz  in  Heidelberg  5.—8.  Aug.  1878.
        <pb n="444" />
        420  Achtzehntes  Kapitel:  König  Ludwig  II.  von  Baiern.

 

Besitz  der  riesigen  Kraft  erhalten  möge,  welche  die  Durchführung
  Ihrer  Pläne  erfordert  und  an  welche  schon  die  nächste
Reichstagssession  gewaltige  Ansprüche  machen  wird.  Möge  Ihr
kraftvolles  Wirken  wie  bisher  ein  gesegnetes  sein  zum  Heile
der  deutschen  Lande  und  Sie  uns  allen,  denen  Deutschlands
Wohl  am  Herzen  liegt,  noch  recht  viele  Jahre  erhalten  bleiben!
Auch  ich  gebe  mich  der  festen  Hoffnung  hin,  daß  die  verbündeten
Regierungen  stets  einig  bleiben  und  fest  zusammenstehen,  wenn
es  gilt,  die  socialdemokratische  Gefahr  zu  beschwören.

Ich  ersuche  Sie,  der  Fürstin  den  Ausdruck  meiner  besonderen
Verehrung  zu  übermitteln  und  Ihren  Sohn,  den  Grafen  Herbert,
recht  vielmals  von  mir  grüßen  zu  wollen.

Unter  Wiederholung  meines  herzlichsten  Dankes  für  Ihren
mir  so  hochwillkommenen  fesselnden  Brief  bleibe  ich  stets,  mein
lieber  Fürst,  mit  der  Versicherung  ganz  besonderer  Hochachtung,
Werthschätzung  und  Vertrauens

Berg,  den  31.  August  1878.

r
ß  aufrichtiger  Freund
Ludwig.
(Telegramm)  Partenkirchen,  30.  September  1878.

Zu  dem  hocherfreulichen  Familienereignisse  1),  bei  welchem
ich  wie  an  allem,  was  Sie,  mein  lieber  Fürst,  und  Ihr  Haus
betrifft,  den  lebhaftesten  Antheil  nehme,  spreche  ich  meine  wärmsten
  und  aufrichtigsten  Glück=  und  Segenswünsche  aus.

Ludwig?).
Mein  lieber  Fürst  von  Bismarck!

Das  günstige  Resultat,  mit  welchem  die  Reichstagsverhandlungen
  über  Ihr  großes  Finanz-Projekt  endeten,  gibt  mir  will-1)

  Verlobung  der  Gräfin  Marie  von  Bismarck  mit  Graf  Kuno  zu
Rantzau;  22.  September  1878.

:)  Uebernommen  aus  dem  Anhang  zu  den  Gedanken  und  Erinnerungen
  Bd.  II  518.
        <pb n="445" />
        Aus  dem  Briefwechsel  Bismarck's  mit  Ludwig  von  Baiern.  421

 

kommenen  Anlaß,  Sie  von  Herzen  zu  beglückwünschen.  Es
bedurfte  Ihrer  außerordentlichen  Kraft  und  Energie,  um  den
Kampf  mit  den  widerstreitenden  Ansichten  und  den  tausend
selbstsüchtigen  Interessen,  welche  sich  Ihrem  Plane  entgegenstellten,
  siegreich  zu  bestehen.  Die  deutschen  Lande  sind  Ihnen
aufs  Neue  zu  Dank  verpflichtet  und  streben  mit  wiederbelebter
Hoffnung  dem  Ziele  materieller  Wohlfahrt  zu,  welche  die  unerläßliche
  Grundlage  staatlichen  Lebens  bildet.

Möge  der  Aufenthalt  in  Kissingen  Ihnen  wieder  vollen
Erfolg  von  den  Anstrengungen  und  Mühen  der  letzten  Zeit
bringen.  Mit  diesem  aus  dem  Herzen  kommenden  Wunsche
verbinde  ich  die  Versicherung  meiner  besonderen  Werthschätzung,
mit  welcher  ich  bin

Hohenschwangau,  den  29.  Juli  1879.

Ihr
aufrichtiger  Freund
Ludwig.
Kissingen,  4.  August  1879.

Eure  Majestät  haben  mich  sehr  glücklich  gemacht  durch  die
huldreiche  Anerkennung,  welche  das  allerhöchste  Schreiben  vom
29.  v.  M.  für  mich  enthält.  Besonders  dankbar  bin  ich  für
die  Nachsicht,  mit  welcher  Eure  Majestät  die  Schwierigkeiten
würdigen,  welche  die  Partei-Leidenschaften  im  Bunde  mit  den
Privat-Interessen  den  von  den  verbündeten  Regirungen  geplanten
  Reformen  in  den  Weg  legen.

In  wirthschaftlicher  Beziehung,  in  Betreff  des  Schutzes  der
deutschen  Arbeit  und  Production,  wird  meines  unterthänigsten
Dafürhaltens  in  der  nächsten  Zeit  etwas  Weiteres  als  das
Erreichte  nicht  zu  erstreben,  vielmehr  die  praktische  Wirkung
abzuwarten  sein:  und  die  letztre  wird  in  dem  nächsten  Jahre
sich  noch  nicht  mit  Sicherheit  erkennen  lassen,  weil  die  vom
Reichstag  beschlossene  Hinausschiebung  der  Einführungstermine
dem  Auslande  noch  Gelegenheit  zu  unverzollter  Ueberführung
        <pb n="446" />
        422  Achtzehntes  Kapitel:  König  Ludwig  II.  von  Baiern.

 

des  deutschen  Marktes  geboten  hat.  Die  gehoffte  heilsame  Wirkung
  auf  die  Hebung  unfrer  materiellen  Wohlfahrt  wird  sich
erst  nach  Ablauf  des  nächsten  Jahres  fühlbar  machen  können.

Auf  finanziellem  Gebiet  glaube  ich  aber  wird  schon  in
einer  der  nächsten  Reichstagssitzungen  der  Versuch  zur  Eröffnung
  weitrer  Einnahmequellen  für  die  verbündeten  Regirungen
  zu  erneuern  sein,  da  die  bisherigen  vielleicht  die
Lücken  unfres  Etats  decken,  aber  nicht  ausreichend  sein  werden,
um  Reformen  der  directen  Steuern  und  Unterstützungen  der
nothleidenden  Gemeindeverwaltungen  zu  ermöglichen.

In  politischer  Beziehung  hat  das  Ergebniß  des  Vorgehns
der  verbündeten  Regirungen  meinen  Erwartungen  insofern  entsprochen,
  als  die  fehlerhafte  Gruppirung  und  Zusammensetzung
unsrer  politischen  Parteien  und  Fractionen  durch  die  betreffenden
  Verhandlungen  einen  nachhaltigen  Stoß  erlitten  zu  haben
scheint.  Das  Centrum  hat  zum  ersten  Male  begonnen,  sich  in
positivem  Sinne  an  der  Gesetzgebung  des  Reiches  zu  betheiligen.
Ob  dieser  Gewinn  ein  dauernder  sein  wird,  kann  nur  die  Erfahrung
  lehren.  Die  Möglichkeit  bleibt  nicht  ausgeschlossen,
daß  diese  Partei,  wenn  eine  Verständigung  mit  dem  römischen
Stuhle  nicht  gelingt,  zu  ihrer  frühern,  rein  negativen  und
oppositionellen  Haltung  zurückkehrt.  Die  Aussichten  auf  eine
Verständigung  mit  Rom  sind  dem  äußern  Anschein  nach  seit
dem  vorigen  Jahre  nicht  wesentlich  gebessert.  Vielleicht  darf
ich  aber  Hoffnungen  an  die  Thatsache  knüpfen,  daß  der  päpstliche
  Nuntius  Jacobini  dem  Botschafter  Prinzen  Reuß  amtlich
den  Wunsch  ausgesprochen  hat,  in  Verhandlungen  einzutreten,
zu  welchen  er  von  Rom  Vollmacht  habe.  Die  Tragweite  der
letztern  kenne  ich  noch  nicht,  habe  mich  aber  auf  den  Wunsch
des  Nuntius  bereit  erklärt,  mich  im  Laufe  dieses  Monats  in
Gastein  mit  ihm  zu  begegnen  und  zu  besprechen.

Die  nationalliberale  Partei  wird,  wie  ich  hoffe,  durch  die
letzte  Reichstagssession  ihrer  Scheidung  in  eine  monarchische
        <pb n="447" />
        Aus  dem  Briefwechsel  Bismarck's  mit  Ludwig  von  Baiern.  423

 

und  eine  fortschrittliche,  also  republikanische  Hälfte  entgegengeführt
  werden.  Der  Versuch  des  frühern  Präsidenten  von
Forckenbeck,  die  gesetzgebenden  Gewalten  des  Reichs  der  directen
Controlle  eines  deutschen  Städtebundes  zu  unterwerfen,  und
die  Brandreden  an  die  Adresse  der  besitzlosen  Classen  von  Lasker
und  Richter  haben  die  revolutionäre  Tendenz  dieser  Abgeordneten
  so  klar  und  nackt  hingestellt,  daß  für  Anhänger  der
monarchischen  Regirungsform  keine  politische  Gemeinschaft  mehr
mit  ihnen  möglich  ist.  Der  Plan  des  Städtebundes  mit  seinem
ständigen  Ausschuß  am  Sitze  des  Reichstages  war  der  Berufung
  der  „Föderirten“  aus  den  französischen  Provinzialstädten
im  Jahre  1792  nachgebildet.  Der  Versuch  fand  im  deutschen
Volke  keinen  Anklang,  zeigt  aber,  wie  auch  in  unsern  fortschrittlichen
  Abgeordneten  das  Material  für  Conventsdeputirte
zu  finden  wäre.  Die  Vorarbeiter  der  Revolution  recrutiren
sich  bei  uns  ziemlich  ausschließlich  aus  dem  gelehrten  Proletariat,
  an  welchem  Norddeutschland  reicher  ist  als  der  Süden.
Es  sind  die  studirten  und  hochgebildeten  Herrn  ohne  Besitz,
ohne  Industrie,  ohne  Erwerb,  welche  entweder  vom  Gehalt
im  Staats=  und  Gemeindedienst  oder  von  der  Presse,  häufig
von  beiden  leben,  und  welche  im  Reichstage  erheblich  mehr
als  die  Hälfte  der  Abgeordneten  stellen,  während  im  wählenden
Volke  ihre  Anzahl  einen  geringen  Procentsatz  nicht  überschreitet.
Diese  Herrn  sind  es,  welche  das  revolutionäre  Ferment  liefern
und  die  fortschrittliche  und  nationalliberale  Fraction  und  die
Presse  leiten.  Die  Sprengung  ihrer  Fraction  ist  nach  meinem
unterthänigsten  Dafürhalten  eine  wesentliche  Aufgabe  der  erhaltenden
  Politik,  und  die  Reform  der  wirthschaftlichen  Interessen
  bildet  den  Boden,  auf  welchem  die  Regirungen  diesem
Ziele  mehr  und  mehr  näher  treten  können.

Eurer  Majestät  danke  ich  ehrfurchtsvoll  für  Allerhöchstderselben
  huldreiche  Wünsche  bezüglich  meiner  hiesigen  Cur,  von
welcher  ich  nach  den  bisherigen  Eindrücken  hoffen  darf,  daß  sie
        <pb n="448" />
        424  Achtzehntes  Kapitel:  König  Ludwig  II.  von  Baiern.

 

ebenso  wie  in  frühern  Jahren  die  Schäden  heilen  werde,  welche
der  Winter  meiner  Gesundheit  zufügt.  Einen  wesentlichen  Antheil
  an  der  guten  Wirkung  hat  die  Leichtigkeit,  mit  welcher
Eurer  Majestät  Gnade  mich  in  den  Stand  setzt,  die  gute  Luft
der  umgebenden  Wälder  zu  genießen.  Die  ausgezeichneten
Pferde  des  Marstalls  Eurer  Mojestät  machen  es  leicht,  jeden
Punkt  der  schönen  Umgebung  Kissingens  zu  erreichen,  eine
Annehmlichkeit,  für  welche  die  mit  den  Jahren  abnehmende
Rüstigkeit  zu  Fuß  doppelt  empfänglich  macht.  Eure  Majestät
wollen  meinen  allerunterthänigsten  Dank  für  diese  Annehmlichkeit
  und  für  die  Auszeichnung,  welche  für  mich  in  ihrer
Gewährung  liegt,  in  Gnaden  entgegennehmen.

v.  Bismarck.
Kissingen,  den  7.  August  1879.
Bei  dem  Interesse,  welches  Eure  Majestät  an  dem  Fortgange
  der  Verhandlungen  mit  Rom  nehmen,  erlaube  ich  mir
Allerhöchstdenselben  beifolgend  Abschriften:
1)  des  Schreibens  des  Papstes  an  Se.  Mcjestät  den  Kaiser
vom  30.  Mai,
2)  der  darauf  ergangnen  Antwort  vom  21.  Juni,
3)  des  bisher  noch  nicht  beantworteten  Schreibens  des
Papstes  an  Se.  Mojestät  den  Kaiser  vom  9.  Juli
ehrfurchtsvoll  vorzulegen.
v.  Bismarck.
Mein  lieber  Fürstl
Für  Ihre  beiden  mir  sehr  willkommenen  Schreiben  vom
4.  und  7.  dieses  Monats,  in  denen  Sie  mir  über  den  Stand
der  Parteien  und  über  die  Lage  der  römischen  Angelegenheit  so
interessante  Aufschlüsse  gaben,  sende  ich  Ihnen  meinen  wärmsten
Dank.  —  Schon  jetzt  sind  Ihre  Unterhandlungen  mit  Rom
erfolgreich  gewesen,  da  das  erheblich  gebesserte  Verhältniß  zur
Curie  entschieden  auf  die  Centrumspartei  und  durch  sie  auf
        <pb n="449" />
        Aus  dem  Briefwechsel  Bismarck's  mit  Ludwig  von  Baiern.  425

 

das  Gelingen  Ihres  Finanzreformwerkes  von  Einfluß  war.
So  möge  auch  im  Uebrigen  Ihr  kräftiges  Bestreben,  eine
große  conservative  Partei  zu  schaffen,  vom  Glück  begünstigt
sein.  Es  ist  mein  inniger  Wunsch,  daß  Ihnen,  mein  lieber
Fürst,  Gesundheit  und  Kraft  zur  Bewältigung  Ihrer  großen,
hochwichtigen  Aufgaben  bewahrt  bleiben,  und  habe  ich  daher
aus  Ihren  Zeilen  mit  wahrer  Freude  vernommen,  daß  der
Aufenthalt  in  Kissingen  die  beste  Wirkung  verspricht.

Seien  Sie,  mein  lieber  Fürst,  der  besonderen  Werthschätzung,
der  vollsten  Hochachtung  und  Vertrauens  versichert,  womit  ich
immerdar  verbleibe

Berg,  den  18.  Aug.  1879.
"  Ihr

aufrichtiger  Freund
Ludwig  y.)

Mein  lieber  Fürst  von  Bismarck!

Sie  hatten  die  Aufmerksamkeit,  mir  mit  Schreiben  vom
28.  April  Ihren  auf  die  Kirchenfrage  bezüglichen  Erlaß  an
den  Prinzen  Reuß  vom  20.  desselben  Monats  ?)  mitzutheilen.
Ich  habe  von  dem  Inhalte  desselben  mit  großem  Interesse
Kenntniß  genommen  und  spreche  ich  Ihnen  für  die  Einsendung
wärmsten  Dank  aus,  der  ich  mit  besonderer  Werthschätzung  bin

München,  den  2.  Mai  1880.
Ihr

aufrichtiger  Freund
Ludwigs).

 

 

1)  In  der  chronologischen  Folge  würden  hier  die  im  29.  Kapitel
(Bd.  II  S.  275  ff.)  eingefügten  Stücke  anzuschließen  sein:  Bismarck's
Schreiben  vom  10.  Sept.  1879,  König  Ludwig's  Antwort  vom  16.  Sept.
1879  und  Bismarck's  Antwort  auf  dieses  Schreiben  vom  19.  Sept.  1879.

2)  S.  denselben  in  Bismarck's  Politischen  Reden  Bd.  XII  25  ff.

:)  Uebernommen  aus  dem  Anhang  zu  den  Gedanken  und  Erinnerungen
  Bd.  II  S.  531  f.
        <pb n="450" />
        426  Achtzehntes  Kapitel:  König  Ludwig  II.  von  Baiern.

 

Mein  lieber  Fürst  von  Bismarck!

Ich  habe  mit  großem  Interesse  von  der  Vorlage,  welche
dem  preußischen  Landtage  bezüglich  der  Kirchengesetze  zugehen
soll  ),  Kenntniß  genommen  und  danke  Ihnen  auf  das  Wärmste
für  die  Übersendung  derselben,  welche  Sie  mit  einer  so  lichtvollen
  Darlegung  der  Verhältnisse  begleiteten.  Zu  meinem
aufrichtigsten  Schmerze  haben  Sie,  mein  lieber  Fürst,  hievon
die  Mittheilung  einer  beabsichtigten  Zurückziehung  von  den  Geschäften
  gereiht.  Sie  kennen  das  Maß  der  aufrichtigen  Verehrung
  und  des  unbedingten  Vertrauens,  welches  ich  für  Sie
unauslöschlich  im  Herzen  trage,  um  zu  erfassen,  wie  schwer  ich
die  Verwirklichung  Ihres  Vorhabens  empfinden  müßte.  Wenn
auch  die  Gestaltung  der  Umstände  im  Reichstage  nicht  immer
die  erfreulichste  ist,  so  wird  doch  der  Bundesrath  Ihnen,  mein
lieber  Fürst,  auf  der  föderativen  Grundlage  der  Reichsverfassung
  in  unveränderter  Weise  stets  freudig  zur  Seite  stehen.
Meine  Regierung,  welche  in  keinem  Augenblicke  von  jener
Grundlage  weicht,  war  immer  von  dem  sie  stützenden  Bewußtsein
  durchdrungen,  daß  sie  sich  hierbei  einig  mit  dem  Manne
weiß,  dessen  erhabenen  staatsmännischen  Blicke  und  Wirken
Deutschland  seine  neu  erstandene  Größe  auf  einem  Wege  dankt,
welcher  die  notwendige  Selbständigkeit  und  Stärke  der  Einzelstaaten
  nicht  aufgehoben  oder  gelähmt,  sondern  in  bundesstaatlicher
  Vereinigung  erhöht  hat.  Die  Forterhaltung  gleicher
Grundsätze  sichert  dem  gemeinsamen  Vaterlande  Zeiten  des
Friedens  und  der  Macht.  Je  sehnlicher  ich  dies  wünsche  und
je  mehr  ich  entschlossen  bin,  hierfür  meinerseits  immerdar  einzutreten,
  um  so  weniger  kann  ich  mich  von  der  Hoffnung  trennen,
daß  ich  und  mit  mir  ganz  Deutschland  noch  lange  Jahre  die
Geschäfte  unter  Ihrer  niemals  zu  ersetzenden  Führung  finden
werde.

1)  Politische  Reden  XII  37  ff.
        <pb n="451" />
        Aus  dem  Briefwechsel  Bismarck's  mit  Ludwig  von  Baiern.  427

Empfangen  Sie,  mein  lieber  Fürst,  die  erneute  Versicherung
  besonderer  Werthschätzung,  mit  der  ich  bin

Schloß  Berg,  den  17.  Mai  1880.

Ihr
aufrichtiger  Freund
Ludwig  w.
Mein  lieber  Fürst  von  Bismarck!

Mit  wärmstem  Danke  erwidere  ich  Ihr  Schreiben  vom
9.  d.  Mts.),  dessen  Beilage  mir  von  größtem  Interesse  war.
Ich  weiß  Ihre  Mittheilungen  sowohl  dem  schwer  wiegenden
Inhalte  nach  wie  auch  als  Zeichen  liebenswürdiger  Aufmerksamkeit
  hochzuschätzen  und  sehe  der  Fortsetzung  derselben  gerne
entgegen.  Wie  ich  höre,  werden  Sie  demnächst  in  Kissingen
eintreffen.  Sie  kennen,  mein  lieber  Fürst,  die  aufrichtigen
warmen  Wünsche,  welche  ich  für  Ihr  Wohlergehen  im  Herzen
hege;  ihre  Erfüllung  wird  mir  stets  zur  innigsten  Freude  gereichen,
  denn  mit  wahrer  Hochachtung  und  huldvollster  Gesinnung
  bin  ich  stets

Schloß  Berg,  den  15.  Juni  1880.
Ihr
aufrichtiger  Freund
Ludwig##.
Mein  lieber  Fürst!

Mit  wahrer  Freude  haben  mich  die  Glückwünsche  erfüllt,
welche  Sie  mir  zu  meinem  Doppelfeste  und  zur  700jährigen
Jubiläumsfeier  meines  Hauses  darzubringen  die  Aufmerksamkeit
  hatten").  Ich  danke  Ihnen  von  ganzem  Herzen  für  die
erprobte  anhängliche  Gesinnung,  welche  mir  und  meinem  Lande

1)  Uebernommen  aus  Bismarck-Jahrbuch  II  532  f.

:)  Inhalt  nicht  bekannt.

:)  Uebernommen  aus  Bismarck-Jahrbuch  II  583  f.

4)  Das  Schreiben  liegt  leider  in  einer  Abschrift  nicht  vor.
        <pb n="452" />
        428  Achtzehntes  Kapitel:  König  Ludwig  II.  von  Baiern.

 

von  so  hohem  Werthe  ist  und  auf  welche  ich,  wie  bisher,  so
fürderhin  mein  aufrichtiges  Vertrauen  setze.  —  Bei  den  innigen
Beziehungen,  in  welchen  Sie,  als  der  ruhmreiche  große  Kanzler,
zu  mir  stehen,  war  es  für  mich  von  besonderem  Interesse  zu
vernehmen,  daß  schon  meine  Vorfahren  Anlaß  hatten,  Ihre
Familie  hochzuschätzen  und  auszuzeichnen.  —  Die  günstige  Nachricht,
  welche  Sie,  mein  lieber  Fürst,  mir  von  Ihrem  Befinden
gaben,  ist  mir  hochwillkommen,  und  ich  wiederhole,  wie  freudig
ich  es  empfinde,  daß  eine  bayerische  Heilquelle  zur  Erhaltung
der  bewundernswerthen  Kraft  beiträgt,  welche  Sie  zum  Wohle
der  deutschen  Staaten  einsetzen.  Mit  hoher  Befriedigung  habe
ich  aus  Ihrem  Schreiben  den  Glauben  an  die  Sicherheit  des
Friedens  ersehen,  und  dankbar  bin  ich  für  die  Zusicherung
eines  Berichtes  über  die  politische  Lage.

Empfangen  Sie,  mein  lieber  Fürst,  mit  den  Ihrigen  die
Versicherung  meiner  wärmsten  Sympathie  und  der  besonderen
Werthschätzung,  mit  welcher  ich  stets  bin

Berg,  den  1.  Sept.  1880.

Ihr
aufrichtiger  Freund
Ludwig.
Mein  lieber  Fürstl

Der  gute  Erfolg  Ihrer  Cur  in  Kissingen  hat  meine  aufrichtigen
  Wünsche  erfüllt,  und  ich  hoffe,  daß  die  nöthige  Ruhe
auch  die  neuralgischen  Schmerzen  heilen  wird,  welche,  wie  Sie
mir  zu  meinem  lebhaften  Bedauern  mittheilen,  noch  vorhanden
sind.  —  Die  Darstellung  der  äußeren  und  inneren  Lage,  welche
ich  Ihrem,  mir  so  willkommenen  hochgeschätzten  Schreiben  verdanke,
  war  mir  im  höchsten  Grade  interessant.  Wie  Großes
Sie  nach  beiden  Seiten  hin  leisten,  ist  der  Gegenstand  meiner
Bewunderung.  Für  die  Friedensaussichten  bin  ich  ebenso
empfänglich  als  für  Ihr  sestes  Standhalten  gegen  die  Gelüste
nach  parlamentarischer  Majoritätsregierung,  welche  gegenwärtig
        <pb n="453" />
        Aus  dem  Briefwechsel  Bismarck's  mit  Ludwig  von  Baiern.  429

 

auch  in  Bayern,  wenn  auch  von  anderer  Seite  her,  auftauchen.
Ich  werde  dafür  sorgen,  daß  ihr  Ziel,  das  mit  dem  monarchischen
  Princip  nicht  zu  vereinigen  ist  und  nur  endlose  Unruhe
und  Unfrieden  herbeiführen  würde,  unerreicht  bleibt.  —  Den
bevorstehenden  Wahlen  sehe  ich  mit  dem  größten  Interesse  entgegen.
  Wenn  sie  auch  nicht  nach  Wunsch  ausfallen,  so  glaube
ich  doch  sest  daran,  daß  es  Ihrer  Beharrlichkeit  gelingen  wird,
die  finanziellen  und  wirthschaftlichen  Grundlagen  zu  schaffen,
welche  nothwendig  sind,  um  die  Wohlfahrt  der  deutschen  Lande
und  insbesondere  die  Lage  der  Arbeiter  auf  eine  befriedigende
Stufe  zu  bringen;  der  ehrlichen  Mitwirkung  von  Seiten  meiner
Regierung  sind  Sie  gewiß.  —  Andererseits  bin  ich  der  vertrauensvollen
  Ueberzeugung,  daß  Sie,  mein  lieber  Fürst,  bei
der  Durchführung  Ihrer  großen  Ideen  von  dem  föderativen
Princip  ausgehen,  auf  welchem  das  Reich  und  die  Selbstständigkeit
  der  Einzelstaaten  bestehen.

Es  hat  mich  von  Herzen  gefreut,  Sie  in  Bayerns  Gränzen
zu  wissen.  Ich  hoffe,  daß  Sie  mein  Land  noch  viele  viele  Jahre
besuchen,  und  sende  Ihnen,  mein  lieber  Fürst,  mit  meinen
innigsten  Wünschen  für  alle  Zukunft  die  Versicherung  meines
besonderen  Vertrauens  und  vollster  Hochschätzung,  mit  welcher
ich  stets  verbleibe

Hohenschwangau,  den  10.  August  1881.
Ihr
aufrichtiger  Freund
Ludwig.
Mein  lieber  Fürst!

Für  die  große  Freude,  welche  Sie  mir  durch  Ihre  Glückwünsche
  zu  meinem  Geburtstage  bereitet  haben,  spreche  ich
Ihnen  meinen  wärmsten  Dank  von  Herzen  aus.  Dieselben
sind  mir  wie  der  ganze  Inhalt  Ihres  hochgeschätzten  Schreibens
ein  neuer  Beweis  der  mich  hocherfreuenden  anhänglichen  Ge-
        <pb n="454" />
        430  Achtzehntes  Kapitel:  König  Ludwig  II.  von  Baiern.

 

sinnung,  auf  welche  ich  stets  mein  vollstes  Vertrauen  setze.  Zu
dem  Aufenthalte  in  Varzin  wünsche  ich  Ihnen  Ruhe  und  schöne
Tage,  damit  Sie  im  Genusse  ungestörter  Gesundheit  an  die  von
Ihnen  ersehnte  Beschäftigung  mit  Ihren  großen  Aufgaben  gehen
können.

Indem  ich  Ihnen  und  den  Ihrigen  meine  besten  Grüße
sende,  verbleibe  ich,  mein  lieber  Fürst,  mit  ganz  besonderer
Werthschätzung  stets

Berg,  den  27.  August  1881.
Ihr
aufrichtiger  Freund
Ludwig.
Mein  lieber  Fürst!

Mit  lebhafter  Freude  erfüllte  mich  der  mir  so  theure  Brief,
welchen  Sie  von  Kissingen  aus  an  mich  zu  richten  die  Aufmerksamkeit
  hatten.  Indem  ich  Ihnen,  mein  lieber  Fürst,  für
die  darin  zu  meinem  Doppelfeste  ausgesprochenen  Glückwünsche
meinen  wärmsten  Dank  zum  Ausdruck  bringe,  will  ich  es  nicht
unterlassen,  Ihnen,  mein  lieber  Fürst,  zu  sagen,  mit  welch
großem  Interesse  ich  die  Ihrem  Schreiben  beigefügten  Darlegungen
  über  die  politische  Lage  verfolgt  habe.  —  Zu  meiner
großen  Genugthuung  durfte  ich  demselben  entnehmen,  daß  zur
Zeit  keine  ernsten  Anzeichen  vorhanden  sind,  welche  eine  nahe
Gefahr  für  den  europäischen  Frieden  befürchten  lassen.  Wenn
gleichwohl  die  Zustände  in  Rußland  und  die  ungewöhnlichen
Truppenaufstellungen  an  der  russischen  Westgränze  einige  Besorgniß
  zu  erwecken  geeignet  sind,  so  gebe  ich  mich  doch  der
Hoffnung  hin,  daß  es  dem  so  glücklichen  Einverständnisse  zwischen
Deutschland  und  Oesterreich,  das  eine  machtvolle  Bürgschaft  des
Friedens  für  den  Welttheil  bietet,  und  Ihrer  weisen  und  vorausschauenden
  Politik  gelingen  wird,  einer  kriegerischen  Verwicklung
vorzubeugen,  und  daß  schließlich  doch  die  erst  kürzlich  bei  dem
        <pb n="455" />
        Aus  dem  Briefwechsel  Bismarck's  mit  Ludwig  von  Baiern.  431

 

feierlichen  Anlasse  der  Krönung  zu  Moskau  laut  und  offen  verkündigten
  friedlichen  Absichten  des  Kaisers  von  Rußland  ½)  den
Sieg  behaupten  werden.  —  Empfangen  Sie,  mein  lieber  Fürst,
mit  meinem  wärmsten  Danke  für  Ihre  stets  so  willkommenen
Mittheilungen  den  Ausdruck  meiner  wahren  Freude  darüber,
daß  Ihre,  wie  ich  tief  bedauere,  seit  längerer  Zeit  angegriffene
Gesundheit  unter  den  heilkräftigen  Einwirkungen  des  Kissinger
Curgebrauches  und  Dank  einer  trefflichen  ärztlichen  Behandlung
  sich  zu  bessern  begonnen  hat.  Möge  Ihnen,  das  ist  mein
aufrichtigster  Wunsch,  recht  bald  die  volle  Kraft  der  Gesundheit
wieder  geschenkt  werden,  auf  daß  sich  Deutschland  noch  recht
lange  des  Gefühles  der  Sicherheit  erfreue,  welches  ihm  das
Vertrauen  auf  die  Thatkraft  und  die  Umsicht  seines  großen
Staatsmannes  einflößt.  Ferner  erneuere  ich  in  diesen  Zeilen
die  Versicherung  wahrer  Bewunderung  und  unwandelbarer
Zuneigung,  von  der  ich  stets  für  Sie,  mein  lieber  Fürst,  beseelt
  bin!  Ihnen  meine  herzlichsten  Grüße  sendend,  bleibe  ich
immerdar

Schloß  Berg,  den  2.  Sept.  1883.
Ihr
aufrichtiger  Freund
Ludwig.
Mein  lieber  Fürst  von  Bismarck!

Ich  habe  Ihr  Schreiben  vom  19.  dieses  Monats  zu  erhalten
das  Vergnügen  gehabt  und  spreche  Ihnen,  mein  lieber  Fürst,
für  Ihre  Mittheilungen,  sowie  für  die  damit  verbundene  Zusendung
  des  Aktenstückes  aus  St.  Petersburg  meinen  wärmsten
Dank  aus.  Von  Beidem  habe  ich  mit  jenem  lebhaften  Interesse
Kenntniß  genommen,  welches  ich  Allem,  was  mir  von  Ihnen
zukommt,  entgegenbringe.  Das  Erfreulichste  aber,  das  mir
Ihre  Zeilen  brachten,  war  mir  die  Nachricht  von  dem  Fort-1)

  Alexander  III.
        <pb n="456" />
        432  Achtzehntes  Kapitel:  König  Ludwig  II.  von  Baiern.

 

schritte  Ihrer  Genesung,  welcher,  wie  ich  von  Herzen  wünsche,
zur  völligen  Wiederherstellung  Ihrer  Gesundheit  führen  möge.
Die  begründete  Hoffnung,  daß  Sie  sich  neu  gestärkt  und  erfrischt
  auch  ferner  der  hohen  Aufgabe  Ihres  staatsmännischen
Berufes  vollauf  werden  widmen  können,  läßt  mich  der  weiteren
Entwicklung  der  politischen  Lage  mit  um  so  größerer  Ruhe
entgegensehen.  Was  insbesondere  das  Verhältniß  Deutschlands
zu  Rußland  betrifft,  so  entnehme  ich  dem  Berichte  des  Generals
von  Schweinitz  )  mit  Genugthuung,  daß  wenigstens  an  der
aufrichtigen  Friedensliebe  des  Kaisers  von  Rußland  und  des
dortigen  leitenden  Ministers?)  nicht  gezweiselt  werden  kann.
Diese  immerhin  beruhigende  Thatsache  im  Vereine  mit  dem  so
glücklicher  Weise  herrschenden  Einvernehmen  zwischen  Deutschland
  und  Oesterreich,  welches  mir  durch  Ihre  Mittheilungen
zu  meiner  Freude  aufs  Neue  als  ein  vollständig  gesichertes
bestätigt  wird,  erscheint  wohl  geeignet,  die  Hoffnungen  auf
fernere  Erhaltung  des  Friedens  zu  stärken.

Empsangen  Sie,  mein  lieber  Fürst,  mit  dem  wiederholten
Ausdrucke  meiner  wärmsten  Wünsche  für  Ihre  volle  Erkräftigung
die  Versicherung  der  besonderen  Werthschätzung,  mit  welcher
ich  bin

Elmau,  den  27.  Sept.  1883.

Ihr
aufrichtiger  Freund
Ludwig.

1)  Hans  Lothar  v.  Schweinitz,  seit  1876  Botschafter  des  Deutschen
Reichs  in  Petersburg.

2)  Nikolai  Karlowitsch  v.  Giers,  seit  9.  April  1882  als  Nachfolger
des  Fürsten  Gortschakow  der  Minister  der  auswärtigen  Angelegenheiten.
        <pb n="457" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
