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        <title>Gedanken und Erinnerungen. Neue Ausgabe. Dritter Band.</title>
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            <forname>Otto von</forname>
            <surname>Bismarck</surname>
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        — 
4 und
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        Gedanken und Erinnerungen 
Von 
Otto Fürst von Bismarck 
Dritter Band
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        Erinnerung und Gedanke 
Von 
Fürst Otto v. Bismarck 
Widmung: 
Den Söhnen und Enkeln 
zum Verständniß der Vergangenheit 
und zur Lehre für die Zukunft 
  
  
J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger 
Stuttgart und Berlin 1922
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        Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten 
Für die Vereintgten Staaten von Amerika: 
Copyright, 1919, by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger 
Stungart und Berlin
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        Vorwort. 
Die seinerzeit gegenüber den Erben des Reichskanzlers 
Fürsten Otto von Bismarck von dem Cotta'schen Verlag ver- 
tragsmäßig übernommene Verpflichtung, den dritten Band der 
„Gedanken und Erinnerungen“ bei Lebzeiten Kaiser Wilhelm's II. 
nicht zu veröffentlichen, ist nach Ansicht des Verlages infolge 
der durch die Umwälzung veränderten Umstände gegenstands- 
los geworden. 
Die Erben des Kanzlers haben dieser Rechtsauffassung 
nicht beizupflichten vermocht und gegen die alsbaldige Ver- 
öffentlichung Einspruch erhoben. Bei voller Würdigung der 
Beweggründe dieses Einspruchs hat der Verlag, um den immer 
dringender aus den verschiedensten Kreisen an ihn herantretenden 
Wünschen Rechnung zu tragen, sich nicht entschließen können, 
das Werk, dessen Manuskript seit einer Reihe von Jahren sich 
in den Händen des Verlages befindet, noch länger der Offent- 
lichkeit vorzuenthalten.
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        Inhaltsverzeichniß. 
Erstes Kapitel: Prinz Wilhben 13326 
Bemühungen, eine sachgemäße Vorbereitung des Prinzen für seine hohe 
Bestimmung zu erreichen 1. Erlaubniß des Kaisers, ihm die Acten und 
Geschäfte des Auswärtigen Amtes zugänglich zu machen 1. Widerspruch 
des Kronprinzen in einem den Prinzen charakterisirenden Briefe vom 
28. Sept. 1886 1. Erwiderung Bismarck's 3. Gründe des Kaisers gegen 
Versetzung des Prinzen nach Berlin 3. Bestimmung eines civilistischen 
Mentors: Herrfurth 3. Brandenstein 4. Erfolgloses Bemühen, den 
Prinzen den Potsdamer Regimentseinflüssen zu entziehen 4. Beschränkt- 
heit seines Vorlebens und deren Folge 5. Erste Verstimmung zwischen 
Bismarck und dem Prinzen 5. Dessen Theilnahme an einer Versamm- 
lung bei Waldersee am 28. Nov. 1887 zur Förderung der Berliner 
Stadtmission 5. Bedeutung und Charakter Stöcker's 6. Brief des Prinzen 
an Bismarck vom 21. Dec. 1887 über Veranlassung und Maß seiner 
Betheiligung an der Missionsarbeit 7—12. Brief des Prinzen an Bismarck 
vom 29. Nov. 1887 mit Sendung eines für die Zeit seines Regirungs- 
antritts von ihm vorbereiteten Erlasses an die deutschen Reichsfürsten 12—14. 
Zusammenfassende Antwort Bismarck's vom 6. Jan. 1888 14—22. Be- 
gründung des Nathes, den Entwurf des Erlasses ohne Aufschub zu ver- 
brennen 15. Verhältniß zwischen dem Kaiser und den verbündeten Fürsten 15. 
Worin die festeste Stütze der Monarchie zu suchen 16. Gefahr der Ver- 
bindung des prinzlichen Namens mit Unternehmungen wie der Inneren 
Mission 17. Motive der ein Zusammenwirken mit einem Thronerben 
suchenden Personen 18. Charakteristik Stöcker's 10. Wert und Wesen der 
politischen und kirchlichen Vereine und Gefahr der Betheiligung eines 
Thronfolgers an solchen 21. Rechtfertigende Antwort des Prinzen vom 
14. Jan. 1888, nur auf die Missionssache bezüglich 22—24. Ergebniß des 
Rathschlages Bismarck's 24. Sein Verhältniß zu Waldersee 25. 
Zweites Kapitel: Großherzog von Badern 27—39 
In früheren Perioden Unterstützung Bismarck's durch den Großherzog, 
in der letzten Zeit seiner Amtsführung störender Einfluß 27. Unterschied 
seines politischen Wollens und Wirkens von dem der Coburger Brüder 27. 
Nationale Antriebe seines Popularitätsbedürfnisses 28. Streben nach 
Anerkennung auch auf bürgerlichem Gebiete 28. Seine Haltung in
        <pb n="10" />
        VIII Inhaltsverzeichniß. 
  
Seite 
der Kaiserfrage und später 28. Roggenbach 29. Gerücht, daß Baden 
Königreich werden solle 29. Anregungen ciner Herstellung militärischer 
und politischer Beziehungen zwischen Baden und Elsaß-Lothringen 29. 
Badische Verwaltung, süd- und norddeutsche Bürokratie 29. Schwache 
Wurzelverbindung der badischen Regirungspolitik mit der Dynastie 30. 
Louis Philipp als Vorbild constitutioneller Monarchen 30. Conflicte 
der nationalen Gesinnung des Großherzogs mit badischen Sonderinter- 
essen 30. Marschall's Berichte nach Karlsruhe über Berliner Auffassung 
der Sachlage, sein intrigantes Strebertum in Intimität mit Boetticher 31. 
Preßkämpfe zwischen offiziösen badischen Organen und der „Nord. Allg. 
Zeitung“ 32. Verstimmung des Großherzogs über Artikel der letzteren 32. 
Bismarck als für solche verantwortlich betrachtet trotz thatsächlich seltener 
Einwirkung auf die Herstellung von Preßerzeugnissen 32. Einlenkendes 
Verhalten Bismarck's in Rücksicht auf den alten Kaiser 33. Ursachen des 
Wechsels in der Stimmung des Großherzogs gegen ihn 34. Möglichkeit 
des Einflusses badischer Hofintriguen: Roggenbach, Hofmarschall von 
Gemmingen, Marschall 31. Trotz Erkaltung des Wohlwollens keine be- 
wußte Einwirkung des Großherzogs auf Bismarck's Entlassung 34. Ein- 
fluß auf Wilhelm II. bei dessen Uebergang zu der Methode, innerpolitische 
Gegner gewinnen zu wollen, statt sie zu bekämpfen 35. Bedürfniß des 
Kaisers, von einem Mentor frei zu werden und die eigenen monarchischen 
Leistungen richtig gewürdigt zu sehen 35. Parteinahme des Großherzogs 
gegen Bismarck nach dessen Verabschiedung 35. Bezeichnung Bismarck's 
als vieux radoteur 36. 
Drittes Kapitel: Boetticheen 37-44 
Kein Bedürfniß Kaiser Wilhelm's II. nach Mitarbeitern mit eignen An- 
sichten, Sachkunde und Erfahrung 37. Kaiserliche Initiative den Ressort- 
ministern gegenüber nach Information durch Uniergebene derselben oder 
durch Privatleute 37. Boetticher's Herkunft und seine durch Bismarck 
geförderte Laufbahn 37. Seine Aufgabe als Minister nur die Unter- 
stützung und Vertretung Bismarck's 37. Seine Vorgänger in dieser 
Stellung: Delbrück und Hofmann 38. Ausscheiden des Letteren infolge 
einer den Ansichten Bismarck's entgegengesetzten Arbeiterpolitik 38. 
Boetticher's Geschick im Verkehr mit den Parlamenten, sonstige Begabung 
und Eigenschaften 39. Bismarck's großes Vertrauen zu ihm, auf jahre- 
langer bereitwilliger und geschickter Erfüllung seiner Aufgabe beruhend 39. 
Nicht genau zu bestimmen, wann er zuerst den Versuchungen des 
Kaisers erlag 40. Beginn offener Opposition gegen Bismarck in Partei- 
nahme für kaiserliche Anregungen erst 1890, vorausliegendes intrigantes 
Verhalten erst später durchschaut 40. Seine Arbeit an der Unterwerfung
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        Inhaltsverzeichniß. I# 
  
Sei# 
des erfahrenen Kanzlers unter den Willen des jugendlichen Kaisers 41. 4 
Streben nach Beseitigung und Nachfolge Bismarck's 41. Dessen Ver- 
dächtigung als Morphinist 41. Befürwortung der vom Kaiser gewollten 
Concessionen in den Fragen der Arbeiterschutzgesetzgebung und des 
Socialistengesetzes 42. Bismarck's Auffassung der Socialdemokratie als 
einer Kriegsgefahr für Monarchie und Staat, als einer inneren Kriegs- 
und Macht-, nicht als Rechtsfrage 42. Fernhaltung Bismarck's von Berlin 
durch den Kaiser vor dem Kronrath vom 24. Jan. 1890 in Boetticher's 
Kenntniß dieser Bismarck'schen Auffassung begründet 43. Bismarck's 
Empfehlung, das Präsidium des Staatsministeriums in militärische Hände 
zu legen 43. Boetticher's Eintreten für die Ansichten des Kaisers gegen 
Bismarck diesem ein erfreuliches Symptom für die Erstarkung der 
königlichen Macht während seiner Amtsführung 44. 
Viertes Kapitel: Herrfurth. 4646433—47 
Herrfurth nur als Platzhalter berufen für den durch Friedrich III. ent- 
lassenen Minister des Innern von Puttkamer, dessen Wiederanstellung 
Wilhelm II. nach Ablauf einer Anstandsfrist beabsichtigt 45. Er knünft, 
um aus dem Interimisticum ein Definitivum zu machen, an das Reform- 
bedürfniß des jungen Kaisers an 45. Er gewinnt diesen für eine Re- 
sorm der Landgemeindeordnung in den alten Provinzen 45. Schon vor 
Herrfurth's Eintritt ins Ministerium hat Bismarck ihm auseinander- 
gesetzt, daß ein Bedürfniß zu einer derartigen Reform nicht vorliege 46. 
Herrfurth unternimmt trotzdem Schritte zur principiellen Neugestaltung 
der Zustände der Landgemeinden 46. Bismarck erfährt hiervon erst 
durch eine Deputation von Schönhauser Bauern 46. Wegen dieser ohne 
Einverständniß des Staatsministeriums getrossenen Maßnahmen befragt, 
gibt Herrfurth abschwächende und ausweichende Antworten 47. Schon 
damals Verdacht, daß er sich des kaiserlichen Einverständnisses mit seinen 
Bestrebungen hinter Bismarck's Rücken versichert habe 47. 
Fünftes Kapitel: Der Kronrath vom 24. Janurr. 48—61 
Der Gedanke, daß er den Ruhm seiner dereinstigen Regirung nicht mit 
Bismarck theilen werde, schon dem Prinzen Wilhelm durch Streber nahe 
gebracht 48. Die Verstimmung aus der Stöcker'schen Sache zunächst, 
wenigstens äußerlich, wieder verzogen 48. Trinkspruch des Prinzen 
1888 an Bismarck's Geburtstag 48. Zum 1. Jan. 1889 Ausdruck des 
Wunsches, noch recht lange mit ihm zusammen zu wirken 49. Zeichen 
einer Verstimmung erst im October 1889 in Folge Abrathens von einem 
zweiten Besuche des Kaisers in Rußland 49. Steigerung derselben durch 
gegnerische Witzworte wie „Firma Bismarck und Sohn" 50. In Vor-
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        Inhaltsverzeichniß. 
  
ile 
aussicht baldiger Trennung würde Bismarck sie für den Kaiser bequemens " 
für sich würdiger herbeigeführt haben 50. Im Januar 1890 Kenntniß 
vom Interesse des Kaisers für die sogenannte Arbeiterschutzgesetzgebung 50. 
Sächsischer und badischer Einfluß hicrauf 50. Bezügliche Reichstags- 
resolutionen, Wählerstimmenfang und humanitäre Phrasen 51. Boet- 
ticher kritisirt im Bundesrathe sowie dem Kaiser gegenüber Bismarck's 
Ansichten, statt sie zu vertreten 51. Darstellung und Begründung der- 
selben 51. Stärkung des Kaisers in der Ueberzeugung, daß Bismarck's 
seniler Eigensinn ihn hindere, die öffentliche Meinung zu gewinnen und 
die Gegner der Monarchie in Anhänger derselben zu verwandeln 52. 
Einladung des bis dahin von Berlin ferngehaltenen Kanzlers zum Kron- 
rath auf den 24. Januar 53. Vorausgehende Ministersitzung, in der 
Boetticher über die ihm bekannten Absichten des Kaisers schweigt 53. 
Ebenso dieser selbst in besonderer Audienz Bismarck's vor dem Kron- 
rath 53. In diesem durch Boetticher Verlesung zweier Elaborate des 
Kaisers, welche socialistischen Forderungen Erfüllung verheißen 54. Der 
Kaiser erklärt vor seinen sachkundigen und verfassungsmäßigen Rath- 
gebern, daß die beabsichtigte Kundgebung auf den Informationen und 
Rathschlägen seines früheren Lehrers Hinzpeter, des Grafen Douglas, 
des Malers von Heyden und des Oberpräsidenten von Berlepsch beruhe, 
die er als Autoritäten bezeichnet 54. Charakterisirung dieser Männer 54. 
Bismarck begründet seine Bedenken gegen den Arbeiterschutz als einen 
thatsächlichen Arbeiterzwang und als eine Gesährdung der deutschen In- 
dustrie ohne gleichmäßiges Verfahren der ausländischen 55. Boetticher 
eempfiehlt im Gegensatz zu Bismarck's für ihn maßgebenden Instructionen, 
im Reichstag eine Kaiserliche Erklärung für den freiwilligen Verzicht auf 
die Ausweisungsbefugniß in dem zu erneuernden Socialistengesetz ein- 
zubringen 56. Widerstand Bismarck's gegen diese Abschwächung und 
gegen diese Capitulation 57. Protest des Kaisers gegen die Möglichkeit 
einer Situation, in der Blut fließen könnte 57. Entgegnung Bismarck's, 
der Widerstand der Regirung werde desto gewaltsamer sein müssen, je 
später er einträte 57. Zustimmung der Minister außer Boetticher und 
Herrfurth 57. Durch Bismarck's Erklärung, wenn seinem Rathe keine 
Bedeutung mehr beigelegt werde, wisse er nicht, ob er noch an seinem 
Platze sei, sieht sich der Kaiser in eine Zwangslage versetzt 58. Rück- 
blick auf die von der Auffassung des Kanzlers abweichende Stellung- 
nahme des Kaisers zu den Streiks der Bergleute im Mai 1889 58. 
Populärer Absolutismus damaliges Ideal des Kaisers 59. Ueberblick 
über die Geschichte des Absolutismus in Frankreich und Preußen 59. 
Stärkung der ausständischen Arbeiter durch den Glauben, daß die Hal- 
tung der höchsten Staatsgewalt ihnen günstig sei 60. Wettkriechen der 
Reichstagsfractionen vor dem wählenden Arbeiter 60. Angesichts der
        <pb n="13" />
        Inhaltsverzeichniß. XI 
  
  
Seit 
durch seinen Rücktritt zu befürchtenden Gefahren namentlich auf dem v 
Gebiete der auswärtigen Politik Ehrenpflicht Bismarck's, auszuharren 60. 
Verantwortlichkeit und Initiative zu seinem Ausscheiden dem Kaiser zu 
überlassen 60. Um sie ihm nicht zu erschweren, zieht sich Bismarck nach 
dem Kronrathe aus dem Handelsministerium zurück 60. Berlepsch sein 
Nachsolger in diesem Amte 61. Leute zweiten Ranges, die Nath und 
Anregung vom Monarchen erwarten, statt solche zu geben, als Minister 
von Wilhelm II. vorgezogen 61. 
Sechstes Kapitel: Die Kaiserlichen Erlasse vom 4. Februar 1890 62—71 
In Ministersitzung vom 26. Jan. bezeichnet Bismarck es als Uebergang 
zum Landesverrath, den Souverän auf staatsgefährlichen Wegen nicht zu 
warnen und das verfassungsmäßige Verhältniß in ein vom Kaiser be- 
rathenes Ministerium umzukehren 62. Er muß die Hoffnung, den kaiser- 
lichen Anregungen ein einstimmiges Ministervotum entgegenzusetzen, auf- 
geben 62. Frühere Wirkung dieses Mittels mit nur einer, auf den Truppen- 
einzug 1871 bezüglichen Ausnahme 63. Vorschlag, den Staatsrath und 
eine internationale Sachverständigenconferenz zu berufen 64. Redaction 
der Erlasse durch Bismarck 64. Wirkungsmöglichkeit von Kundgebungen 
einschneidender Natur vor Wahlen 64. Das Wichtigste die persönliche 
Belehrung des Kaisers 65. Volksvertretungen wentger schädlich als mon- 
archische Irrthümer 65. Vergleich aus der Zeit der Neuen Aera 65. 
Nochmalige Vorstellung gegen Veröffentlichung der Erlasse, Unterzeichnung 
und Veröffentlichung ohne Gegenzeichnung 66. Wortlaut der Erlasse 66. 
Täuschung Bismarck's in der Rechnung auf Staatsrath und internationale 
Conferenz 69. Zusammensetzung und Verlauf des Staatsraths 69 Bis- 
marck's Stimmenthaltung in der ersten Sitzung 70. Fernhaltung Bis- 
marck's von den weiteren Sitzungen 70. Charakter und unerwarteter Ver- 
lauf der internationalen Conferenz 70. Die ausländischen Vertreter regeln 
ihr Verhalten nach dem Grundsatze aller Reichsfeinde, die Kaiserliche 
Regirung auf dem Wege zur Selbstbeschädigung nicht aufzuhalten 71. 
Siebentes Kapitel: Wandlungen ’zJ2—0 
Synoptische Darstellung der Wandlungen in der Stimmung und den Ab- 
sichten des Kaisers vor Bismarck's Entlassung und der psychologlschen 
Vorgänge in diesem selbst nicht thunlich 72. Gegenüber dem Verführe- 
rischen der Befreiung von aller Verantwortlichkeit durch Rücktritt im Hin- 
blick auf Verschärfung der drohenden Krisen entscheidendes Gefühl der 
Pflicht, dem Kaiser mäßigend, eventuell kämpfend zur Seite zu bleiben 73. 
Am 8. Februar Bereiterklärung, die preußischen Aemter niederzulegen und 
sich auf das Altentheil des Auswärtigen zurückzuziehen, die Verdy'sche 
Militärvorlage aber noch zu vertreten 73. Größere Wichitgkeit und Dring-
        <pb n="14" />
        XII Inhaltsverzeichnitz. 
  
Seite 
lichkeit der Socialistenfrage 74. Begründung der Nothwendigkeit einer 
militärischen Spitze des preußischen Staatsministeriums 74. Charakte- 
risirung der einzelnen Minister 74. Empfehlung Caprivi's zum Präsi- 
denten 75. Dessen Beziehungen zum Centrum 75. Aufnahme der Rück- 
trittsabsichten in Ministersitzung vom 9. Februar 75. Am 12. Februar 
Verschiebung des Rücktritts bis zum Juni 76. Am 25. Februar entwickelt 
Bismarck dem Kaiser ein in Bezug auf die Behandlung der socialistischen 
Gefahr energisches Programm, dem dieser scheinbar zustimmt 77. Minister- 
sitzung vom 2. März 77. Eventualität eines neuen, zum Kampfe gegen 
die sociale Revolution bereiten Ministeriums 77. Am 8. März Zweifel 
am Festhalten des Kaisers an dem Kampfprogramm vom 25. Februar 78. 
Der Kaiser empfiehlt Bismarck freundlicheres Verhalten gegen Boerticher 
und verleiht diesem, unmittelbar nachdem Bismarck seine Insubordination 
und Falschheit beleuchtet, den Schwarzen Adler 78. Am 10. und 12. März 
Immediatvortrag und Ministersitzung betr. Militärvorlage 78. Aufgabe 
des Februarprogramms durch den Kaiser in Folge badischer Warnung 
vor einer Politik, die zu Blutvergießen führen könne 79. Der Kaiser 
wählt statt offener Lossage den Weg, Bismarck das Verbleiben im Amte 
bis zu dem verabredeten Termin zu verleiden 80. 
Achtes Kapitel: Meine Entlassugg 8381—110 
Nach unbeantworteter Anfrage vom 14. März wird Bismarck am 15. plötz- 
lich vom Kaiser zum Vortrag befohlen 81. Bericht über Empfang Windt- 
horst's am 12. ungnädig ausgenommen: Bismarck habe vorher den Kaiser 
fragen müssen 81. Begründete Ablehnung dieser Forderung 82. Der Kaiser 
verlangt Zurücknahme der von Bismarck in Erinnerung gebrachten Cabi- 
netsordre vom 8. Sept. 1852, nach welcher der Ministerpräsident bei 
wichtigen neuen Anregungen vor Einholung der Allerhöchsten Entscheidung 
von den Ministern zu unterrichten sei, da er sonst die Gesammtverant- 
wortung nicht tragen könne 83. Erneute Abmahnung von dem beabsich- 
tigten Besuche des Kaisers in Rußland, auf Grund geheimer Berichte 83. 
Der Kaiser erzwingt Einblick in einen dieser Berichte und ist schwer ge- 
kränkt durch die verletzende Kritik seiner Person 84. Nothwendigkeit, das 
Wesentliche dem Kaiser mitzutheilen 84. Monarchische Tradition, die in 
einer Botschaft enthaltene Kränkung den Boten entgelten zu lassen 86. 
Bestätigung des Eindrucks, daß der Kaiser die Aufhebung des Programms 
vom 25. Februar und das Abschiedsgesuch Bismarck's durch ungnädige 
Behandlung erzielen wolle 86. Bismarck hält daran sest, nicht seinerseits 
die Initiative und damit die Verantwortlichkeit für sein Ausscheiden zu 
übernehmen 87. Am 16. März wiederholt der Kaiser durch General von 
Hahnke das Verlangen nach Cassirung der fraglichen Cabinetsordre;: er- 
neute Ablehnung 87. Am 17. März verlangt der Kaiser durch Hahnke
        <pb n="15" />
        Inhaltsverzeichniß. XIII 
  
Seite 
sofortige Einreichung von Bismarck's Abschiedsgesuch 88. Gleichzeitig 
schwere Beschuldigung des Kanzlers in einem Handbillet zu russischen 
Consularberichten 88. Darlegung des Thatbestandes 88. Persönliche 
Meldung des russischen Botschafters bei Bismarck zu Verhandlungen über 
Verlängerung des Rückversicherungsvertrages 90. In einer von ihm be- 
rufenen Ministersitzung am 17. Nachmittags stellt Bismarck die Lage in 
ihrer Entwickelung dar und begründet sein Entlassungsgesuch 90. Am 
Abend des 17. März drängt der Kaiser durch Lucanus auf Eingang des 
am Morgen erforderten Abschiedsgesuches 94. Antwort des Kanzlers, 
mit Betonung der Absicht, das Abschiedsgesuch zu veröffentlichen 94. Wort- 
laut des Entwurfes zu dem am 18. März Nachmittags eingeschickten Ab- 
schiedsgesuch 95. Am gleichen Abend theilt der Kaiser den commandirenden 
Generalen mit, daß und aus welchen Gründen er sich genöthigt sehe, 
Bismarck zu entlassen 100. Am 20. Bericht Graf Herbert Bismarck's an 
den Kaiser über die Eröffnungen des russischen Votschafters 101. Be- 
mühungen des Kaisers um Graf Bismarck's Verbleiben im Amte 101. 
Die Antworten des Kaisers auf das Abschiedsgesuch des Kanzlers 101. 
Absicht der Verleihung des Herzogstitels und einer entsprechenden Do- 
tation 101. Wortlaut der Kaiserlichen Ordres vom 20. März 102. Fest- 
stellung, daß Bismarck's Rath seitdem niemals irgendwie erfordert wurde, 
sondern ein sowohl geschäftlicher wic socialer Boycott ihm gegenüber be- 
stehe 104. Dankschreiben Bismarck's für Bildniß des Kaisers und Er- 
nennung zum Generaloberst, Ablehnung des Herzogstitels 105. Weitere 
Verhandlung mit dem russischen Botschafter unmöglich, da seine Instruc- 
tionen nur auf Bismarck und dessen Sohn lauteten; nochmaliger Versuch 
des Kaisers, den Rücktritt des Letzteren zu hindern 105. Caprivi ver- 
handelt mit Graf Bismarck über Alvensleben als dessen Nachfolger 106. 
Bei Orientirung über die Secreta des Auswärtigen Amtes durch Graf 
Bismarck erklärt Caprivi die Verhältnisse für zu complicirt 106. Weitere 
Verhandlungen mit Alvensleben und Marschall's Ernennung 106. Besuch 
des Großherzogs von Baden 108. Persönliche Verabschiedung Bismarck's 
bei dem Kaiser am 26. März 108. Ablehnung der Veröffentlichung des 
Abschiedsgesuches 108. Zwang zu übereilter Räumung und Abreise aus 
Berlin am 29. März: Leichenbegängniß erster Klasse 108. Handschreiben 
des Kaisers Franz Joseph vom 22. März 1890 108. Zu Weihnachten 
1890 Sendung Kaiser Wilhelm's; Bismarck's Dankschreiben 110. 
Neuntes Kapitel: Graf Caprivi . .. ... . . 111-120 
Caprivi's früheres Verhalten gegen Biemard, seine Anscch von dessen 
Feindschaft gegen die Armee und sein Verkehr in gegen ihn thätigen 
Kreisen 111. In Folge hoher Meinung von Caprivi's militärischer Be- 
gabung empsahl der Kanzler, der gegen seine Ernennung zum Chef der
        <pb n="16" />
        XIV Inhaltsverzeichniß. 
  
— 
Marine war, dennoch seine Betheiligung an der Leitung des General 
stabes 111. Zusammenfassende Wiederho' ung der Gründe für Bismarck's 
Rücktritt von den preußischen Aemtern und für die Nachfolge eines 
Generals im Ministerpräsidium 112. Caprivi's Bedenken gegen seine 
Nachfolge als Kanzler in Gesprächen mit dem Kaiser und Bismarck; seine 
Schlachtfeldtheorie 114. Gefahren der Uebertragung militärischer Ge- 
sinnung auf die Gebiete der Gesetzgebung und Politik 114. Bedingte 
Richtigkeit der Caprivi'schen Schlachtfeldtheorie 115. In subalterner Be- 
folgung seiner Consigne unterläßt Caprivi jede Art von Frage oder Er- 
kundigung über den Stand der Staatsgeschäfte, über Ziele, Absichten und 
Mittel 115. Vergleich mit einer Pachtübergabe 115. Die Gründe seiner 
Entlassung sind Bismarck amtlich oder aus dem Munde des Kaisers nie- 
mals bekannt geworden 116. Seine Boycottirung nach der Entlassung 
117. Psychologische Consequenzen seiner tantalisirten Jugend neben der 
militärischen Auffassung mitwirkend auf Caprivi 117. Dessen Vorein- 
genommenheit gegen Leute mit Ar und Halm 117. Zerstörung uralter 
Bäume im Reichskanzlergarten 118. Die Aufgabe des leitenden Staats- 
manns kann von dem Monarchen ebenso gut wie von einem Reichskanzler 
und Ministerpräsidenten erfüllt werden, wenn er bestimmte Voraussetzungen 
erfüllt 118. Verfassungsmäßiges Gewicht der Ansicht des Königs 119. 
Zehntes Kapitel: Kaiser WilhelmI!1. 121—110 
Eine gewisse Mannigsaltigkeit in der natürlichen Veranlagung des Kaisers 
wird aus den Eigenschaften seiner Vorfahren abgeleitet; Aehnlichkeiten 
und Unterschiede im Einzelnen 121. Eigenschaften der Vorfahren in Wil- 
helm II. derartig verkörpert, daß sie für Bismarck's Anhänglichkeit eine 
starke Anziehungskraft haben würden, wenn sie durch das Princip einer 
Gegenseitigkeit zwischen Monarch und Unterthan, zwischen Herrn und 
Diener belebt wären wie bei dem Großvater und Vater 128. Verlust 
eines schwer zu ersetzenden Imponderabile mit dem Uebergange von 
hohenzollern'schem Geiste auf coburgisch-englische Auffassungen 129. Be- 
sondere Charakteristik Wilhelm's 1. 129. Bestreben Wilhelm's lI., durch 
Concessionen an seine Feinde die Unterstützung seiner Freunde entbehrlich 
zu machen 130. Tendenz der Versöhnung, in der er mit der Social- 
demokratie, dem schlimmsten Feinde, den Anfang machte 130. Verkennung 
der Natur der Dinge und des Menschengeschlechts 131. Durch unberufene 
Rathgeber, unverfrorene Schmeichler und Streber um sein früheres Ver- 
trauen zu dem Urtheil und der Erfahrung Anderer gebracht und in der 
Unterschätzung der Schwierigkeit des Regirens bestärkt 131. Auch dem 
Centrum gegenüber Politik des Entgegenkommens 131. Nachlaufen hinter 
unversöhynlichen Gegnern und Einschüchterung der hergebrachten Stützen
        <pb n="17" />
        Inhaltsverzeichniß. XV 
  
  
Seite 
der monarchischen Gewalt 132. Auch dem Auslande gegenüber weiter- 
gehende Liebenswürdigkeiten als verträglich mit der Vorstellung des 
Sicherheitsgefühles durch eigene Schwerkraft 132. Mangel an Vertraut- 
heit mit der internationalen Psychologie 132. Unrichtiges Verhalten gegen 
die Franzosen 132. Gegen England und Oestreich 133. Wandlung in den 
persönlichen Beziehungen zwischen Wilhelm II. und Alexander III., des 
Ersteren Besuche in Rußland 134. Besuch des Zaren 1887 in Berlin, 
Einfluß des Urtheils in der englischen Königsfamilie über den Prinzen 
Wilhelm und Steigerung der Neigung zum Kriege gegen Nußland unter 
dem Einflusse des Grafen Waldersee 135. Bezüglicher Brief des Kron- 
prinzen Wilhelm vom 10. Mai 1888 an Bismarck 136. Kurz nach seiner 
Thronbesteigung der Kaiser durch Berliner Zeitungsartikel über einen 
äwischen ihm und dem Kanzler betreffs des Grafen Waldersee bestehenden 
Zwiespalt unangenehm berührt, wünscht offiziöse Richtigstellung 142. Im 
Juli 1888 Besuch des Kaisers in Peterhof 142. Im Juni 1889 zwei Vor- 
gänge, aus denen wahrnehmbar wird, daß der Kaiser eine Verstimmung 
gegen Rußland in die Politik überträgt 142. Der Besuch des Zaren in 
Berlin im October 1889 und die Absicht des Kaisers, ihn zu erwidern 144. 
Verschiedenheit der Charaktere und Denkweisen beider Monarchen, Gefahr 
langer und enger Berührung zwischen ihnen 145. Verstärkung der Ver- 
stimmung durch den im August 1890 gegen Bismarck's Rat ausgeführten 
Besuch 146. Begegnung in Nohnstock, Handelsvertrag mit Oestreich und 
Wendung des Kaisers (Admiral of the fleet) zu England 146. 
Elftes Kapitel: Vertrag über Helgoland und Sansibar 147—152 
Der Helgoländer Vertrag amtlich aus der Pflege unserer Beziehungen 
zu England zu rechtfertigen gesucht 147. Die englische Politik über die 
Wandelbarkeit jeder Großmachtspolitik hinaus abhängig von der durch das 
parlamentarische System bedingten Kurzlebigkeit der Cabinete 147. Der 
Verzicht auf Gleichberechtigung in Sansibar ein Opfer, für welches Helgo- 
land kein Aequivalent gewährt 148. Englands Freundschaft für uns von 
hohem Werth, die unfrige für England aber unter Umständen von noch 
höherem 148. Mit England nicht nur kein ewiger Bund zu flechten, son- 
dern auch keine Sicherheit 149. Nothwendigkeit der Pflege unserer Be- 
ziehungen zu Rußland 149. Neigung Caprivi's, für bedenkliche politische 
Maßregeln Bismarck die Verantwortlichkeit zuzuschieben 150. Proble- 
matischer Charakter seiner Information über Bismarck's Politik 150. 
Unser für die Engländer überraschender Verzicht auf Sansibar erklärt 
sich aus dem Wunsche, ihnen gefällig zu sein und in den Besitz Helgolands 
zu gelangen, der zwar für unsere nationalen Empfindungen eine Genug- 
thuung, im Falle eines Krieges aber eine Gefahr für uns ist 151. Caprivi's
        <pb n="18" />
        XVI Inhaltsverzeichniß. 
  
Seite 
Versuch, eine solche Auffassung zu widerlegen 151. Widerspruch in seinen 
Reden; in späterer Befriedigung über den Erfolg seiner Politik kein Be- 
dürfniß mehr, Bismarck einen Theil der Verantwortlichkeit zuzuschieben 152. 
Zwölftes Kapitel: Handelsvertrag mit Oestrei 153—157 
Frühere Versuche Oestreichs, seine intimen politischen Beziehungen zu uns 
zur Gewinnung wirthschaftlicher Vortheile auszubeuten 153. Zusammen- 
hang derartiger Bestrebungen mit dem vermehrten Gewichte der ungarischen 
Reichshälfte und der galizischen Stimmen 153. Jedes ungeschickte Ent- 
gegenkommen deutscher Politik in Oestreich benützt, um inneren Schwierig- 
keiten abzuhelfen 154. Die Preisgebung der deutschen Agrarinteressen in 
Wien deutscherseits durch inhaltlose Phrasen begründet 154. Politische 
Intimität unter schwierigen Zollverhältnissen möglich 154. Oestreich hat 
das deutsche Bündniß nöthiger als Deutschland das östreichische 155. Die 
Politik der freien Hand für unsere europäischen Beziehungen einer durch 
wirthschaftliche Opfer erkauften Dauer des Bundes mit Oestreich vorzu- 
ziehen 155. Reifere Erfahrung und Sachkunde der östreichischen leitenden 
Staatsmänner gegenüber den unserigen in Geschäften dieser Art 156. 
Gefahr einer Reoision der deutschen Rechnung durch die öffentliche Meinung 
der Nation in einem unbequemen Momente 156. Rückblick auf die Vor- 
geschichte des 1866er Krieges 157. Klarwerden der öffentlichen Meinung 
über Fehler in der auswärtigen Politik in der Regel erst im Rückblick 
auf die Geschichte eines Menschenalters 157. Aufgabe der Politik die 
möglichst richtige Voraussicht dessen, was andre Leute unter gegebenen 
Umständen thun werden 157. Verhältniß angeborener Befähigung hier- 
für zu geschäftlicher Erfahrung und Personalkenntniß; in unseren leiten- 
den Kreisen sind diese Eigenschaften in beunruhigendem Umfange ver- 
loren gegangen 157. 
Anlagdgggen 1339—172 
I. Kronprinz Friedrich Wilhelm an Bismarck, 17. Aug. 1881 161 
II. Protokoll der Ministersitzung vom 17. März 1890900 133 
III. Flügeladjutant v. Bissing an Graf H. Bismarck, 22. Juni 1888. 171 
Regiser 175—207 
  
Anmerkungen (Fußnoten) des Fürsten Bismarck sind durch einen 
Stern &amp; kenntlich gemacht.
        <pb n="19" />
        Erstes Kapitel. 
Prinz Wilhelm. 
ch habe mich unter dem alten Kaiser lange Zeit bemüht, 
eine sachgemäße Vorbereitung des Enkels für seine hohe 
Bestimmung zu erreichen. Vor allem hielt ich für geboten, den 
Thronerben dem beschränkten Kreise des Potsdamer Regiments- 
dienstes zu entziehen und mit andren als militärischen Strö- 
mungen der Zeit in Berührung zu bringen. Daß ihm ein 
Civilposten, zunächst etwa des Landraths, dann des Regirungs- 
präsidenten unter Beirath eines geschulten Beamten übertragen 
werde, das zu erreichen hatte ich keine Aussicht und beschränkte 
mich auf das Bemühen, zunächst die militärische Uebersiedlung 
des Prinzen nach Berlin durchzusetzen und ihn dort mit er- 
weiterten Gesellschaftskreisen und mit den verschiednen Central- 
behörden in Verbindung zu bringen. Die Hindernisse schienen 
wesentlich in den Bedenken des Hausministeriums gegen den 
durch Aufenthalt in Berlin verursachten Kostenaufwand, nament- 
lich für Einrichtung des Schlosses Bellevue, zu liegen. Der 
Wohnsitz blieb Potsdam, wo dem Prinzen von dem Oberpräsi- 
denten von Achenbach Vorträge gehalten wurden. Auch er- 
langte ich 1886 auf seinen Wunsch die Erlaubniß Sr. Mojestät, 
ihm die Acten und Geschäfte des Auswärtigen Amtes zugäng- 
lich zu machen, freilich unter scharsem Widerspruch des Kron- 
prinzen, der mir darüber am 28. September aus Portofino 
bei Genua schrieb: 
„Mein Sohn Prinz Wilhelm hat, ehe ich darum wußie, 
gegen Se. Majestät den Wunsch geäußert, während des bevor- 
Otto Fürst von Bismarck, Gedanlen und Erinnerungen. I11 1
        <pb n="20" />
        2 Erstes Kapitel: Prinz Wilhelm. 
  
stehenden Winters mit der Thätigkeit unserer Ministerien näher 
bekannt zu werden, und ist in Folge dessen, wie ich vernehme, 
bereits in Gastein seine Beschäftigung im Auswärtigen Amte 
in's Auge gefaßt worden. 
Da mir bis jetzt von keiner Seite offizielle Mittheilungen 
hierüber gemacht wurden, sehe ich mich veranlaßt, zunächst ver- 
traulich mich an Sie zu wenden, einmal um zu erfahren, was 
etwa bereits bestimmt ward, dann aber um zu erklären, daß 
trotz meines principiellen Einverständnisses mit der Einführung 
meines ältesten Sohnes in die Fragen der höheren Verwaltung 
ich entschieden dagegen bin, daß er mit dem Auswärtigen Amt 
beginne. 
Denn angesichts der Wichtigkeit der dem Prinzen zu stellen- 
den Aufgabe halte ich es für geboten, daß er vor allen Dingen 
die inneren Verhältnisse seines eignen Landes kennen lerne 
und dann sich mit denselben vertraut fühle, ehe er bei seinem 
ohnehin schon sehr raschen und zur Uebereilung neigenden Ur- 
theil sich auch nur einigermaßen mit der Politik befaßt. Sein 
wirkliches Wissen ist noch lückenhaft, es sehlt ihm zur Zeit an 
der gehörigen Grundlage, weshalb es durchaus erforderlich ist, 
daß seine Kenntnisse gehoben und vervollständigt werden. Einen 
solchen Zweck würde die Zutheilung eines Civil-Informators 
und damit verbunden oder auch später die Beschäftigung auf 
einem der Verwaltungs-Ministerien erfüllen. 
Aber angesichts der mangelnden Reife sowie der Unerfahren- 
heit meines ältesten Sohnes, verbunden mit seinem Hang zur 
Ueberhebung wie zur Ueberschätzung, muß ich es geradezu für 
gefährlich bezeichnen, ihn jetzt schon mit auswärtigen Fragen 
in Berührung zu bringen. 
Indem ich Sie bitte, diese meine Mittheilung als nur allein 
an Sie gerichtet zu betrachten, rechne ich auf Ihren Beistand 
in dieser nuch sehr ernst bewegenden Angelegenhen.“
        <pb n="21" />
        Vorbereitung für den Herrscherberuf. 3 
  
Ich bedauerte die daraus ersichtliche Stimmung zwischen 
Vater und Sohn und den Mangel an der Mittheiljamkeit 
zwischen Beiden, auf die ich gerechnet hatte, obschon der gleiche 
Mangel seit Jahren zwischen Sr. Majestät und dem Kronprinzen 
bestand; ich vermochte mich aber damals dem Urtheil des Letztern 
nicht anzuschließen, weil der Prinz bereits 27 Jahr alt war und 
da Friedrich der Große mit 28, Friedrich Wilhelm I. und III. 
in noch jüngerem Alter den Thron bestiegen. In meiner Er- 
widerung beschränkte ich mich darauf, zu sagen, daß der Kaiser 
befohlen und den Prinzen zum Auswärtigen Amte „comman= 
dirt“ habe, und hervorzuheben, daß in der königlichen Familie 
die väterliche Autorität in der des Monarchen unterginge. 
Gegen die Versetzung nach Berlin machte der Kaiser in 
erster Linie nicht den Kostenpunkt geltend, sondern den Um- 
stand, daß der Prinz für die nächste militärische Beförderung, 
welche den äußerlichen Anlaß zu der Uebersiedlung bilden sollte, 
noch zu jung wäre; es half mir auch nichts, den Kaiser an 
sein eignes viel schnelleres Aussteigen in der militärischen 
Hierarchie zu erinnern. Die Beziehungen des jungen Herrn 
zu unfren Centralbehörden blieben auf das mir untergebne 
Auswärtige Amt beschränkt, von dessen interessanteren Acten 
er mit Bereitwilligkeit, aber ohne Neigung zu ausdauernder 
Arbeit, Kenntniß nahm. Um ihn über den inneren Dienst ein- 
gehender zu unterrichten und um in den täglichen Verkehr des 
Prinzen ein cidvilistisches Element neben dem kameradschaftlichen 
einzuführen, bat ich den Kaiser, zu gestatten, daß ein höherer 
Beamter von wissenschaftlicher Bildung zu Sr. Königlichen 
Hoheit commandirt werde; ich schlug dazu den Unterstaats- 
secretär im Ministerium des Innern Herrfurth vor, der mir 
bei seiner Vertrautheit mit der Gesetzgebung und Statistik des 
ganzen Landes zu einem Mentor des Thronerben besonders 
geeignei schien. Auf meine Anregung lud mein Sohn im 
Januar 1888 den Prinzen und Herrfurth zu Tische, um die
        <pb n="22" />
        4 Erstes Kapitel: Prinz Wilhelm. 
  
persönliche Bekanntschaft zu vermitteln. Dieselbe führte aber 
zu keiner weitren Annäherung. Der Prinz sagte, mit einem 
so ungepflegten Barte habe er sich in semer Jugend Rübezahl 
vorgestellt, und bezeichnete auf meine Frage den Regirungs- 
rath und Reserve-Offizier von Brandenstein in Magdeburg als 
eine ihm zusagende Persönlichkeit. Dieser erschien in der That 
nach allen Richtungen hin für die beabsichtigte Verwendung ge- 
eignet und trat auf meine Bitte die Stellung an, äußerte aber 
schon Mitie März den Wunsch, derselben enthoben zu werden 
und zu seiner Thätigkeit in der Prooinz zurückzukehren. Er 
war von dem Prinzen sehr gnädig behandelt, wie ein will- 
kommner Gast zu allen Mahlgzeiten zugezogen worden, hatte 
aber zu dem Bewußtsein einer geschäftlichen Thätigkeit nicht 
gelangen und sich mit einem müßigen Hofleben nicht befreunden 
können. Er ließ sich einstweilen zum Bleiben bewegen und 
wurde im Juni, nachdem der Prinz den Thron bestiegen, auf 
dessen Besehl zu einem höheren Posten in Potedam ernannt, 
gegen den auf Anciennitätsbedenken begründeten Widerspruch 
der betheiligten Behörden. 
Mein Bemühen, eine militärische Versetzung des Prinzen 
in irgend eine Provinz zu erreichen, lediglich behufs Wechsels 
der Potsdamer Regimentseinflüsse, blieb erfolglos. Die Di- 
mension der Kosten des prinzlichen Haushalts in der Provinz 
erschien dem Hausministerium noch bedeutender als in Berlin. 
Auch die Kronprinzessin war dem Plane abgeneigt. Der Prinz 
war zwar im Januar 1888 zum Brigadier in Berlin ernannt 
worden, aber die Beschleunigung, welche in der Entwicklung 
der Krankheit des Vaters eintrat, schnitt schließlich die Mög- 
lichkeit ab, dem Prinzen vor seiner Thronbesteigung bezüglich 
unfres staatlichen Lebens im Innern andre Eindrücke zu ver- 
schaffen, als das Regimentsleben gewähren konnte. 
Ein Thronerbe als Kamerad unter jungen Offizieren, deren 
Begabteste vielleicht ihre dienstliche Zukunft im Auge haben,
        <pb n="23" />
        Mentoren und Einflüsse. Erste Verstimmung. 5 
  
kann nur in seltnen Fällen darauf rechnen, durch den Einfluß 
seiner Umgebung in der Vorbereitung für seinen künftigen Be- 
ruf gefördert zu werden. Die Beschränktheit des Vorlebens, 
zu welchem der jetzige Kaiser durch die Sparsamkeit des Haus- 
ministeriums verurtheilt wurde und die ich nicht zu ändern ver- 
mochte, habe ich tief beklagt. Er ist dann auch mit Anschauungen 
auf den Thron gekommen, die für unfre preußzischen Begriffe 
neu und nicht durch unser Verfassungsleben geschult sind. 
Seit dem Jahre 1884 unterhielt der Prinz einen zu Zeiten 
lebhaften Briefwechsel mit mir. In demselben wurde ein Ton 
von Verstimmung auf seiner Seite zuerst bemerklich, nachdem 
ich mit triftigen Gründen, aber mit aller Devotion in der Form 
ihm von zwei Vorhaben abgerathen hatte. Das eine knüpft 
sich an den Namen Stöcker. 
Am 28. November 1887 fand bei dem General-Quartier- 
meister Grasen Walderfee eine Versammlung statt, an welcher 
der Prinz und die Prinzessin Wilhelm, der Hofprediger Stöcker, 
Abgeordnete und andre bekannte Persönlichkeiten Theil nahmen, 
um die Beschaffung von Mitteln für die Berliner Stadtmission 
zu besprechen. Der Graf Waldersee eröffnete die Verhandlung 
mit einer Rede, in welcher er betonte, daß die Stadtmission 
keine politische Farbe trage, sondern ihre einzige Norm an der 
Königstreue und Pflege des patriotischen Geistes habe; das 
einzige wirksame Mittel, den anarchistischen Tendenzen entgegen 
zu treten, sei die geistliche Versorgung, die mit der materiellen 
Unterstützung Hand in Hand ginge. Der Prinz Wilhelm sprach 
seine Zustimmung zu den Ausführungen des Grafen Waldersee 
aus und hat sich nach dem Referat der Kreuzzeitung des Aus- 
drucks „christlich-socialer Gedanke“ bedient. 
Aus dieser Versammlung kommend machte der Prinz meinem 
Sohne einen Besuch, sprach über die Vorgänge in derselben 
und äußerte: „Der Stöcker hat doch etwas von Luther."“ Mein
        <pb n="24" />
        6 Erstes Kapitel: Prinz Wilhelm. 
  
Sohn, der durch den Prinzen das Erste von jener Versamm- 
lung hörte, erwiderte, Stöcker möge seine Meriten haben und 
sei ein guter Redner; aber er sei leidenschaftlich und könne sich 
auf sein Gedächtniß nicht immer verlassen. Der Prinz ent- 
gegnete, Stöcker habe aber doch dem Kaiser viele Tausende von 
Stimmen gewonnen, die er den Socialdemokraten entrissen 
habe; mein Sohn erwiderte, seit den Wahlen im Jahre 1878 
hätten die socialdemokratischen Stimmen constant zugenommen; 
wenn Stöcker wirklich etwas gewonnen habe, so müßte doch 
eine Abnahme nachweisbar sein. In Berlin sei die Betheili- 
gung an den Wahlen eine geringe, der Berliner liebe aber 
Versammlungen, Lärm und Schimpfen, und mancher Gleich- 
gültige, der sonst garnicht zu wählen pflegte, hätte sich wohl in 
Folge der Stöcker'schen Agitation eingefunden und für den von 
ihm vorgeschlagenen Candidaten gestimmt. Daß aber Stöcker 
und seine Agitation eine erhebliche Zahl von Socialdemokraten 
bekehrt hätten, sei eine Täuschung. 
Nach einem Jagd-Diner, welches bald nachher in Letzlingen 
stattsand, ließ der Prinz ein Zeitungsblatt mit einem Artikel 
über die Tendenzen jener Versammlung herumgehn. In der 
Unterhaltung, welche sich darüber zwischen seinen Begleitern 
entspann, vertrat mein Sohn die Ansicht, daß Stöcker nicht als 
Pastor, sondern als Politiker aufzufassen und als solcher zu 
scharf sei, als daß man dem Prinzen Wilhelm empfehlen 
könnte, sich mit ihm zu identificiren. 
Mein Sohn fuhr von Letzlingen über Berlin direct nach 
Friedrichsruh, wo ich inzwischen mehrere Artikel über die so- 
genannte Waldersee-Versammlung gesehen hatte und ihn nach 
der Bedeutung derselben fragte. Er erzählte, was in Leuylingen 
vorgegangen war. Ich billigte seine Auffassung und bemerktte, 
daß die Sache mich einstweilen nichts angehe. Mittlerweile wuchs 
der Preßlärm, gutgesinnte Leute besuchten meinen Sohn und 
klagten bitter im Interesse des Prinzen, daß er sich auf eine Sache
        <pb n="25" />
        Berliner Stadimission. Brief des Prinzen 7 
  
  
  
eingelassen habe, aus der er sich jetzt nicht herausfinden könne. 
Personen aus der Umgebung des Prinzen, die Erörterungen 
mit ihm gehabt, waren bestürzt über seine Heftigkeit und er- 
zählten, daß mein Sohn bei ihm angeschwärzt worden sei; der 
Kammerherr von Mirbach habe dem Prinzen und der Prin- 
zessin versichert, mein Sohn habe im December die scharfen 
Artikel in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ geschrieben, 
die erst für das Cartell und die liberale Presse das Signal zur 
Stellungnahme gegen den Prinzen und seine Stöckerei gewesen 
wären. In der That rührten jene Artikel von Rottenburg 2#) 
her, mein Sohn hat sie nie gelesen, ich auch nicht. 
Die Wirkung dieser Hetzerei bemerkte mein Sohn auf dem 
nächsten und allen folgenden Hoffesten, wo die Prinzessin Wil- 
helm, die bis dahin wohlwollend für ihn gewesen war, ihn so 
anhaltend ignorirte, daß das erste Wiederbemerken am Vor- 
abende der Abreise nach Petersburg Statt fand, als das 
Staatsministerium insgesammt empfangen wurde. 
Ich hatte keine Veranlassung gesunden, mich mit der Sache 
zu befassen, bis der Prinz folgenden Brief an mich richtete. 
„Potsdam, den 21. December 1887. 
Ich habe zu meinem Bedauern erfahren, daß Ew. Durch- 
laucht mit einem Werke, welches ich im Interesse der armen 
Klassen unfres Volkes begonnen habe, nicht einverstanden sein 
sollen. Ich fürchte, daß die hierüber von socialdemokratischen 
Blättern ausgegangenen und leider in viele andre Zeitungen 
übernommenen Nachrichten die Veranlassung gegeben haben, 
meine Absichten zu entstellen. Bei dem intimen Verhälmiß, 
welches Ew. Durchlaucht mit mir schon so lange verbindet, 
hatte ich täglich gehofft, daß Ew. Durchlaucht direct bei mir 
Erkundigungen einziehn würden. Dayer habe ich bis jetzt ge- 
N) Dem Chef der Reichskanzlei.
        <pb n="26" />
        8 Erstes Kapitel: Prinz Wilhe'm. 
  
schwiegen — halte es aber jetzt für meine Pflicht, um weiteren 
Mißverständnissen und Mißdeutungen vorzubeugen, Ew. Durch- 
laucht über den wirklichen Sachverhalt klar zu unterrichten. 
Im vorigen Jahre wurde mir von vielen Hochgestellten in und 
außer Berlin wiederholt der Wunsch ausgesprochen, im Inter- 
esse der Armen Berlins zeitweise größere Festlichkeiten zu ver- 
anstalten, deren Erträge eine dauernde Beihülfe für die 
Berliner Stadtmission geben sollten. Mit Genehmigung Sr. 
Majestät des Kaisers wurde unter meinem Protectorat ein 
Reiterfest in Aussicht genommen. Dasselbe unterblieb damals. 
Der Gedanke wurde in diesem Herbst von Neuem angeregt, 
aber wegen der schweren Erkrankung meines Vaters wieder 
sallen gelassen, und statt dessen meine Frau gebeten, wie schon 
vor zwei Jahren das Protectorat über einen großen Bazar 
zu übernehmen. Da indessen die Frau Prinzessin durch die 
stets mehr beunruhigenden Nachrichten über den Kronprinzen 
zu erschüttert war, wünschte sie, daß auch von dem Bazar 
und sonst noch projectirten Festlichkeiten Abstand genommen 
würde, und daß man sich durch einen Aufruf zu einer großen 
Collecte direct an alle Freunde der Stadtmission und der Noth- 
leidenden wenden möchte. 
Zu diesem Zwecke sollte ein größeres Comité gebildet wer- 
den, welchem beizutreten ich Freunde der Sache aus allen Pro- 
vinzen und zwar absichtlich aus den verschiedensten politischen 
Parteien und verschiedenen Confessionen auffordern ließ. An die 
Spitze dieses Comité's traten auf meinen Vorschlag: Graf Stol- 
berg, Mimster von Puttkamer, Minister von Goßler, Graf 
Waldersee und Graf Hochberg mit ihren Gemahlinnen. 
Zum 28. November luden meine Frau und ich ungefähr 
30 Personen zu einer Vorbesprechung beim Grafen von Walder= 
see ein. Ich legte dort den Herren meine Absichten ans Herz 
und betonte, daß es mir vom größten Interesse sei, bei dieser 
Arbeit christlicher Liebe Leute verschiedener politischer Parteien
        <pb n="27" />
        Brief des Prinzen, Berliner Stadtmission betrefsend. —9 
  
zu vereinen, um dadurch jeden politischen Gedanken fern zu 
halten und auf diese Weise möglichst viele verschiedene gute 
Elemente zu gemeinsamer christlicher Arbeit anzufeuern. Daß 
es gerade mir in meiner schwierigen, verantwortungsvollen und 
dornenvollen Lage daran gelegen sein mußte, einer solchen Sache 
keinen politischen Anstrich zu geben, versteht sich doch wohl von 
selbst. Auf der anderen Seite aber bin ich davon durchdrungen, 
daß eine Vereinigung dieser Elemente zu dem genannten Zweck 
ein anzustrebendes Ziel ist, welches das wirksamste Mittel zur 
nachhaltigen Bekämpfung der Socialdemokratie und des Anar— 
chismus bietet. Die in den einzelnen großen Städten des Reichs 
bereits bestehenden Stadtmissionen scheinen mir dazu die ge— 
eigneten Werkzeuge. 
Ich begrüßte es daher mit Freuden, daß in der Versamm- 
ung von den verschiedensten Seiten, besonders von Liberalen 
— v. Benda 2c. — der Vorschlag gemacht wurde, das beab- 
sichtigte Werk auf alle Großstädte der Monarchie gleichmäßig 
auszudehnen. So würde die Berliner Stadimission nur ein 
gleichberechtigtes Glied in einer Kette vieler anderer gleichstehen- 
der Stadtmissionen sein und keine bevorzugtere Rolle haben als 
Magdeburg oder Stettin. 
Dadurch wird der Verdacht hoffentlich beseitigt werden, der 
durch die absichtlichen Entstellungen der Presse sofort künstlich 
wachgerufen ward, als ob es sich um eine specifisch Stöcker'sche 
Sache handele. Dazu kommt, daß die Absicht ist, die ver- 
einigten Stadtmissionen unter Aussicht und Leitung eines hervor- 
ragenden Geistlichen — der ebenfalls Mitglied des Arbeits- 
comité's, in dem die voraufgeführten Minister sind, sein würde —, 
jedenfalls nicht Stöcker zu stellen. So würde die Berliner 
Stadtmission bez. der gefürchtete Stöcker in die Linie aller 
Anderen zu stehn kommen und er nicht mehr bei der Sache, 
die das Comite führt, betheiligt sein als das Haupt der Stadt- 
mission zu Leipzig oder Hamburg oder Stettin. Die Berliner
        <pb n="28" />
        10 Erstes Kapitel: Prinz Wilhelm. 
  
Stadtmission ist ein durch Gewährung einer regelmäßigen, 
landeskirchlichen Collecte in der letzten Generalsynode auch durch 
einstimmiges Votum sogar von liberaler Seite sanctionirtes 
Institut. Die vornehmsten und angesehensten Leute aller Pro- 
vinzen sind seit Jahren Träger der Stadtmissions-Hülfs-Vereine, 
durch deren Unterstützung und Heranziehung ich mir für die 
moralische Hebung der Massen, durch das Mitwirken so vieler 
solcher edlen Kräfte, die beste Hülfe verspreche. 
Es hat mich empört, daß man die Sache durch ein unwahres, 
aber sehr schlau und wohl berechnetes Hervorheben der Person 
Stöcker's zu verdächtigen und zu hintertreiben gesucht hat. Trotz 
aller anerkennenswerthen Leistungen dieses Mannes für Mon- 
archie und Christenthum haben wir in der von mir beabsichtigten 
Vereinigung gerade wegen der öffentlichen Meinung denselben 
zurückgestellt, was, wie ich es mir schon vorher auszuführen 
erlaubte, bei der Ausdehnung des Werkes über die ganze 
Monarchie in noch höhrem Maße bedingt wird, und bereits 
in der Versammlung selbst durch Graf Waldersee scharf betont 
wurde. Denn, da das gesammte Werk ein farbloses, nicht 
politisches ist, so steht es auch allen Parteien offen, mitzuwirken; 
und ist es eben beabsichtigt, eine absolut nicht politische Per- 
sönlichkeit zur Leitung der Missionsarbeit im Lande zu berufen, 
der die einzelnen Stadtmissionen unterstellt sein werden. 
Zudem Zweck wird auch der Herr Cultusminister um Rath ge- 
fragt werden, ob er eine geeignete Persönlichkeit vorzuschlagen wisse. 
Männer wie Graf Stolberg, Waldersee, General Graf 
Kanitz, Graf Hochberg, Graf Ziethen-Schwerin, v. Benda, 
Miquel und Ew. Durchlaucht treuergebene Collegen von Putt- 
kamer und von Goßler bürgen — sollte ich meinen — schon 
dafür, daß die Sache in richtiger und vorschristsmäßiger Weise 
geleitet werde, und zum Heile des Landes und zur festen, nach- 
haltigen Förderung Ew. Durchlaucht schweren und herrlichen 
Werkes im Inneren ausschlagen werde. Mich beseelt persönlich
        <pb n="29" />
        Brief des Prinzen, Berliner Stadtmission betreffend. 11 
  
ja nur der so oft ausgesprochene Wunsch Sr. Majestät, die 
irregehenden Volksmassen durch gemeinsame Arbeit aller 
guten Elemente jeden Standes und jeder Partei auf dem 
Gebiete christlicher Thätigkeit dem Vaterland wiederzugewinnen, 
eine Absicht, die ja auch von Ew. Durchlaucht so umständlich 
vertreten wird. Das Bekanntwerden der Sache hat Anfangs 
großen Beifall gefunden, bis die socialdemokratischen und frei- 
sinnigen Blätter darüber herfielen und die unglaublichsten, 
theilweise unverschämtesten Verdächtigungen in die Welt setzten. 
Sie haben allerdings erreicht, was sie wollten, und Viele 
stutzig gemacht. Ich hoffe aber bestimmt, daß mit der bereits 
an vielen Orten hervortretenden Anerkennung meiner wahren, 
unparteüschen Ansichten die gute Sache gefördert und Segen 
bringen wird, und daß die niederträchtigen Angriffe zur Klärung 
und Läuterung beitragen werden. 
Meine hohe, warme Verehrung und herzliche Anhänglichkeit, 
die ich für Ew. Durchlaucht hege, — ich ließe mir stückweise ein 
Glied nach dem anderen für Sie abhauen eher, als daß ich 
etwas unternähme, was Ihnen Schwierigkeiten machen oder 
Unannehmlichkeiten bereiten würde — sollten, mein' ich, Bürge 
sein, daß ich mich bei diesem Werke auf keine politische Partei- 
gedanken eingelassen habe. Ebenso lassen mich das große Ver- 
trauen und die warme Freundschaft, die mir Ew. Durchlaucht 
immer entgegengebracht, und die ich stets stolzen Herzens 
dankbarst und freudig erwiedert habe, hoffen, daß Ew. Durch- 
laucht nach diesen Auseinandersetzungen mir auch Ihr Wohl- 
wollen hierin, da ich mit reinster Absicht und in frohester Zu- 
versicht dies Werk mit vielen, treuen, edlen Männern begonnen 
habe, schenken und mir Ihre Unterstützung, die am wirksamsten 
alle Verdächtigungen zerstreut, nicht versagen werden. 
Um kurz zu rekapituliren: Es wird sich demnächst ein Ar- 
beitscomité constituiren unter Theilnahme der Minister, das 
die allgemeinen Bahnen für die Arbeit festlegt; speciell die
        <pb n="30" />
        12 Erstes Kapitel: Prinz Wilhelm. 
  
Ausdehnung über das ganze Land ins Auge faßt. Die Pro- 
vinzen und deren Hauptstädte senden Bevollmächtigte, welche 
die Provinzen vertreten und in ihnen die Arbeit leiten. Die 
Missionsarbeit ist einem geeigneten Mann zu übertragen, der 
dem Comité angehört (etwa ein Gen.-Superintendent?) und die 
gesammten Missionen unter seiner Leitung hat. Das Comiteé 
theilt mir von Zeit zu Zeit mit, was beschlossen worden. Ich 
stehe nicht einmal als Protector der Sache nahe, sondern nur 
als wohlwollender Förderer von Weitem. 
Indem ich hiermit meinen Brief schließe, wünsche ich Ew. 
Durchlaucht ein gutes Neues Jahr, möge es Ihnen beschieden 
sein, das Land in Ihrer gewohnten weisen Fürsorge fortzu- 
leiten, sei es zum Frieden, sei es zum Kriege. Falls das 
Letztere sich ereignen sollte, mögen Sie nicht vergessen, daß 
hier eine Hand und ein Schwert bereit sind von einem Manne, 
der sich wohl bewußt ist, daß Friedrich der Große sein Ahnherr 
ist und drei mal soviel allein bekämpfte, als wir jetzt gegen 
uns haben; und der seine 10 Jahre militärischer Ausbildung 
nicht umsonst hart gearbeitet hat! 
Im Uebrigen „Alleweg guet Zolre!“ 
In treuster Freundschaft 
Wilhelm Prinz von Preußen.“ 
Einige Wochen vorher hatte er mich von einem anderen 
Vorhaben durch folgendes Schreiben in Kenntniß gesetzt. 
„Potsdam, den 29. November 1887. 
Marmorpalais. 
Ew. Durchlaucht erlaube ich mir anbei ein Schriftstück zu 
übersenden, welches ich im Hinblick auf die nicht unmögliche 
Eventualität eines baldigen oder überraschenden Hinscheidens 
des Kaisers und meines Vaters verfaßt habe. Es ist ein 
kurzer Erlaß an meine künftigen Collegen, die deutschen Reichs-
        <pb n="31" />
        Brief des Prinzen, einen Erlaß an die Reichsfürsten betreffend. 13 
  
fürsten. Der Standpunkt, von welchem aus ich geschrieben 
habe, ist kurz folgender: 
Das Kaiserthum ist noch neu, der Wechsel in demselben 
der erste, welcher sich ereignet. Bei diesem geht die Macht 
von einem mächtigen, in der Geschichte des Aufbaues und der 
Gründung des Reiches hervorragend betheiligten Fürsten an 
einen jungen ziemlich unbekannten Herrn. Die Fürsten sind 
fast alle der Generation meines Vaters angehörig, und ist es 
menschlich gedacht ihnen nicht übel zu nehmen, wenn ihnen es 
zum Theil sauer ankommt, unter den neuen so jungen Herrn 
zu treten. Daher muß die von Gottes Gnaden herstammende 
Erbfolge als ein selbständiges fait accompli den Fürsten gegen- 
über betont werden, und zwar so, daß sie keine Zeit haben, 
viel darüber zu grübeln. Daher ist mein Gedanke und der 
Wunsch dahin lautend, daß, nach Durchsicht seitens Ew. Durch- 
laucht und eventueller Amendirung, an jeder Gesandtschaft diese 
Proclamation versiegelt deponirt und im Falle meines Regirungs- 
antritts sogleich durch die Gesandten den betreffenden Fürsten 
übergeben werde. Mein Verhältniß zu allen Vettern im 
Reich ist ein recht gutes, ich habe mich mit fast jedem im 
Laufe der Zeit über die Zukunft beredet und durch meine Ver- 
wandtschaft mit dem größten Theil der Herren eine sehr an- 
genehme Basis des freundschaftlichen Verkehrs herauszubilden 
gesucht. Das werden Ew. Durchlaucht in dem Passus erkennen, 
wo von der Unterstützung durch Rath und That die Rede ist, 
d. h. die alten Onkels sollen dem lieben jungen Neffen nicht 
Knüppel zwischen die Beine stecken! Ich habe betreffs der Stel- 
lung eines zukünftigen Kaisers öfters mit meinem Herrn Vater 
Meinungsaustausch gehabt, wobei ich sehr bald sah, daß wir sehr 
verschiedener Ansicht seien. Ersterer war stets der Meinung, er 
habe allein zu commandiren und die Fürsten hätten zu pariren, 
während ich die Ansicht vertrat, man müsse die Fürsten nicht 
als einen Haufen Vasallen, sondern mehr als eine Art von
        <pb n="32" />
        14 Erstes Kapitel: Prinz Wilhelm. 
  
Collegen ansehen, deren Wort und Wunsch man ruhig mithören 
müsse; ob man sie erfülle, das sei etwas andres. Mir wird 
es leicht werden per Neffe zu Onkel mit diesen Herren, sie 
durch kleine Gefälligkeiten zu gewinnen und durch etwaige Höf- 
lichkeitsbesuche zu kirren. Habe ich sie erst von meinem Wesen und 
Art überzeugt und in die Hand mir gespielt, nun dann pariren 
sie mir um so lieber. Denn parirt muß werden! Aber besser, 
es geschieht aus Ueberzeugung und Vertrauen als gezwungen! 
Indem ich schließe, spreche ich die Hoffnung aus, daß Ew. 
Durchlaucht den gewünschten Schlaf wieder gefunden haben 
mögen, und bleibe stets 
Ihr 
treu ergebener 
Wilhelm Prinz von Preußen.“ 
Ich faßte die Beantwortung beider Briefe in nachstehendem 
Schreiben zusammen. 
„Friedrichsruh, den 6. Januar 1888. 
Ew. Königliche Hoheit wollen mir huldreich verzeihn, daß 
ich Hochdero gnädige Schreiben vom 29. November und 
21. December nicht schon beantwortet habe. Ich bin von 
Schmerzen und Schlaflosigkeit so matt, daß ich nur schwer die 
täglichen Eingänge bewältige, und jede Arbeitsanstrengung 
steigert diese Schwäche. Ich kann Ew. auf diese Briefe nicht 
anders als eigenhändig antworten, und meine Hand leistet mir 
den Schreibedienst nicht mehr so leicht wie früher. Außerdem 
müßte ich, um gerade diese Briefe in einer befriedigenden Art 
zu beantworten, ein historisch-politisches Werk schreiben. Nach 
dem guten Sprichwort, daß das Beste des Guten Feind ist, 
will ich aber lieber jetzt insoweit antworten, wie meine Kräfte 
reichen, als länger in unehrerbietigem Schweigen bessere Kräfte 
abwarten. Ich hoffe in Kurzem in Berlin zu sein und dann
        <pb n="33" />
        Antwort Bismarck's, den Erlaß an die Reichsfürsten betreffend. 15 
  
mündlich nachzuholen, was zu schreiben meine Leistungsfähigkeit 
überschreitet. 
Die Anlage des Schreibens vom 29. November v. J. beehre 
ich mich Ew. hierbei unterthänigst wieder vorzulegen, und möchte 
ehrerbietig anheimgeben, sie ohne Aufschub zu verbrennen. 
Wenn ein Entwurf der Art vorzeitig bekannt würde, so würden 
nicht nur Se. Majestät der Kaiser und Se. Königliche Hoheit 
der Kronprinz peinlich davon berührt sein; das Geheimniß ist 
aber heut zu Tage stets unsicher. Schon das einzige existirende 
Exemplar, welches ich hier sorgfältig unter Verschluß gehalten 
habe, kann in unrechte Hände fallen; wenn aber einige zwanzig 
Abschriften gefertigt und bei 7 Gesandtschaften deponirt würden, 
so vervielfältigen sich die Möglichkeiten böser Zufälle und un- 
vorsichtiger Menschen. Auch wenn schließlich von den Docu- 
menten der beabsichtigte Gebrauch gemacht würde, so würde die 
dann kund werdende Thatsache, daß sie vor dem Ableben 
regierender Herren redigirt und bereit gehalten wären, keinen 
guten Eindruck machen. Ich habe mich herzlich gefreut, daß 
Ew., im Gegensatz zu den schärfern Auffassungen Ihres er- 
lauchten Herrn Vaters, die politische Bedeutung erkennen, welche 
in dem freiwilligen Mitwirken der verbündeten Fürsten zu 
den Reichszwecken liegt. Wir wären in der Vergangenheit von 
nur 17 Jahren der Parlamentsherrschaft schon verfallen, wenn 
die Fürsten nicht fest zum Reich gestanden hätten, und frei- 
willig, weil sie selbst zufrieden sind, wenn sie behalten, was 
ihnen das Reich verbürgt; und noch mehr in Zukunft, wenn 
der Nimbus von 1870 verblaßt sein wird, liegt die Sicherheit 
des Reiches und seiner monarchischen Institutionen in der 
Einigkeit der Fürsten. Letztere sind nicht Unterthanen, sondern 
Bundesgenossen des Kaisers, und wird ihnen der Bundesvertrag 
nicht gehalten, so werden sie sich auch nicht dazu verpflichtet 
fühlen, und Anlehnung suchen wie früher, bei Rußland, Oest- 
reich und Frankreich, sobald die Gelegenheit dazu günstig er-
        <pb n="34" />
        16 Erstes Kapitel: Prinz Wilhelm. 
  
scheint, wie immer national sie sich halten mögen, solange der 
Kaiser der stärkere ist. So war es seit 1000 Jahren, und so wird 
es sein, wenn die alte Eifersucht der Dynastien wieder gereizt 
wird. Acheronta movebunt; auch die Opposition im Parlament 
würde eine ganz andere Kraft gewinnen, wenn die bisherige 
Geschlossenheit des Bundesrathes aufhörte und Baiern und 
Sachsen mit Richter und Windthorst gemeinsame Sache machten. 
Es ist also eine sehr richtige Politik, die Ew. veranlaßt, Sich 
in erster Linie an Jdie Herren Vettern wenden zu wollen. 
Ich würde aber unterthänigst anheimstellen, dies mit der Zu- 
sicherung zu thun, daß der neue Kaiser die „vertragsmäßigen 
Rechte der verbündeten Fürsten ebenso gewissenhaft achten und 
schützen werde wie Seine Vorgänger. Es wird sich nicht 
empfehlen, dabei den „Ausbam und das Einigen des Reiches, 
als eine bevorstehende Arbeit, besonders zu accentuiren; 
denn darunter werden die Fürsten weitre „Centralisation“ und 
Minderung der ihnen nach der Verfassung gebliebenen Rechte 
verstehn. Wenn aber Sachsen, Baiern, Würtemberg stutzig 
würden, so wäre der Zauber der nationalen Einheit mit seiner 
mächtigen Wirkung auch in Preußens neuen Provinzen, und 
besonders im Auslande, gebrochen. Der nationale Gedanke 
ist auch den Social= und andren Demokraten gegenüber, auf 
dem Lande vielleicht nicht, aber in den Städten stärker als der 
christliche. Ich bedauere es, sehe aber die Dinge, wie sie sind. 
Die festeste Stütze der Monarchie suche ich aber in beiden nicht, 
sondern in einem Königthum, dessen Träger entschlossen ist, nicht 
nur in ruhigen Zeiten arbeitsam mitzuwirken an den 
Regirungsgeschäften des Landes, sondern auch in kritischen 
lieber mit dem Degen in der Faust auf den Stufen des Thrones 
für sein Recht kämpfend zu fallen, als zu weichen. Einen solchen 
Herrn läßt kein deutscher Soldat im Stich, und wahr bleibt 
das alte Wort von 1848: „Gegen Demokraten helfen nur Sol- 
daten. Priester können dabei viel verderben und wenig helsen;
        <pb n="35" />
        Antwort Bismarck's, die Stadimission betreffend. 17 
  
die priesterfrommsten Länder sind die revolutionärsten, und 1848 
standen in dem gläubigen Pommerlande alle Geistlichen zur 
Regirung, und doch wählte ganz Hinterpommern socialistisch, 
lauter Tagelöhner, Krüger und Eieraufkäufer. 
Ich komme damit auf den Inhalt des gnädigen Schreibens 
vom 21. v. M. und beginne am liebsten mit dem Schlusse desselben 
und dem Ausdruck des Bewußtseins, daß Friedrich der Große 
Ew. Ahnherr ist, und bitte Höchstdieselben, ihm nicht bloß als 
Feldherr, auch als Staatsmann zu folgen. Es lag nicht in der 
Art des großen Königs, sein Vertrauen auf Elemente wie das. 
der inneren Mission zu setzen; die Zeiten sind heut freilich andere, 
aber die Erfolge, welche durch Reden und Vereine gewonnen 
werden, auch heut keine dauernden Unterlagen monarchischer 
Stellungen; für sie gilt das Wort „wie gewonnen so zerronnen“. 
Beredtsamkeit der Gegner, giftige Kritik, taktlose Mitarbeiter, 
deutsche Zanksucht und Mangel an Disciplin bereiten der besten 
und ehrlichsten Sache leicht einen betrübten Ausgang. Mit 
solchen Unternehmungen wie die „Innere Mission“, besonders 
in der Ausdehnung wie sie beabsichtigt ist, sollte meines unter- 
thänigsten Dafürhaltens Ew. Name nicht in solche Verbindung 
treten, daß er von dem möglichen Mißerfolge mitbetroffen 
würde. Der Erfolg entzieht sich aber jeder Berechnung, wenn 
die Verbindung sich auf alle großen Städte ausdehnt und also 
die Elemente und Richtungen alle in sich aufnimmt, welche in 
den Localverbänden schon vorhanden sind oder in sie eindringen 
werden. In solchen Vereinen ist schließlich nicht der sachliche 
Zweck für das wirkliche Ergebniß maßgebend, sondern die darin 
leitenden Personen drücken ihnen Stempel und Richtung auf. 
Das werden Redner und Geistliche sein, vielfach auch Damen, 
lauter Elemente, die zu einer politischen Wirksamkeit im Staate 
nur mit Vorsicht verwendbar sind und von deren Wohlverhalten 
und Takt ich die Meinung des Volkes über seinen künftigen 
König in keiner Weise abhängig wissen möchte. Jeder Febler, 
Otto Zürst von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen. III. 2
        <pb n="36" />
        18 Erstes Kapitel: Prinz Wilhelm. 
  
jedes Ungeschick, jeder Uebereifer in der Vereinsthätigkeit wird 
den republikanischen Blättern Anlaß geben, den hohen Protector 
des Vereins mit dessen Verirrungen zu identificiren. 
Ew. führen eine staltliche Zahl achtbarer Namen als ein- 
verstanden mit Höchstdero Betheiligung an. Unter denselben 
finde ich einmal keinen, dem ich die Verantwortung für die 
Zukunft des Landes isolirt zumuthen möchte; dann aber fragt 
sich, wie viele von den Herren ein Interesse an der inneren 
Mission bethätigen würden, wenn sie nicht wahrgenommen hätten, 
daß Ew. und die Frau Prinzessin der Sache Hoöchstihre Theil- 
nahme zuwenden. Ich bin nicht bestrebt, Mißtrauen zu wecken, 
wo Vertrauen besteht; aber ein Monarch kann ohne einiges 
Mißtrauen erfahrungsmäßig nicht fertig werden, und Ew. stehen 
dem hohen Berufe zu nahe, um nicht jedes Entgegenkommen 
daraufhin zu prüsen, ob es der Sache gilt, um die es sich 
gerade handelt, oder dem künftigen Monarchen und dessen Gunst. 
Wer von Ew. Vertrauen in der Zukunft etwas begehren will, 
der wird heut schon streben, eine Beziehung, ein Band zwischen 
sich und dem künftigen Kaiser herzustellen; und wie viele sind 
ohne geheimen Wunsch und Ehrgeiz? und auch für den, der es 
ist, bleibt in unsern monarchisch gesinnten Kreisen das Streben 
nicht ohne Wirkung, in irgend welchem nähern Verhältniß zum 
Monarchen zu stehen. Das Rothe Kreuz und andere Vereine 
würden ohne J. Mgjestät die Kaiserin so viele Theilnahme nicht 
finden; das Verlangen, zum Hofe in Beziehung zu stehen, kommt 
der Nächstenliebe zu Hülfe. Das ist auch erfreulich und schadet 
der Kaiserin nicht. Anders ist es mit Thronerben. Unter 
den Namen, die Ew. nennen, ist keiner ganz ohne politischen 
Beigeschmack, und der Bereitwilligkeit, den Wünschen des hohen 
Protectors zu dienen, liegt die Hoffnung zu Grunde, sich oder 
der Fraction, der man angehört, den Beistand des künftigen. 
Königs zu gewinnen. Ew. werden nach der Thronbesteigung 
die Männer und die Parteien mu Vorsicht und mit wechselnden
        <pb n="37" />
        Antwort Bismarck's, die Stadtmission betressend. 19 
  
Treffen nach Höchsteigenem Ermessen benutzen müssen, ohne die 
Möglichkeit, äußerlich einer unserer Fractionen Sich hinzugeben. 
Es gibt Zeiten des Liberalismus und Zeiten der Reaction, auch 
der Gewaltherrschaft. Um darin die nöthige freie Hand zu 
behalten, muß verhütet werden, daß Ew. schon als Thronfolger 
von der öffentlichen Meinung zu einer Parteirichtung gerechnet 
werden. Das würde nicht ausbleiben, wenn Höchstdieselben zur 
inneren Mission in eine organische Verbindung treten, als 
Protector. Die Namen von Benda und Miquel sind für mich 
nur ornamentale Zuthaten; beide Minister-Candidaten der 
Zukunst; auf dem Gebiete der Mission werden sie aber, Stöcker 
und andern Geistlichen gegenüber, das Rennen bald aufgeben. 
Schon in dem Namen „Mission“ liegt ein Prognostikon dafür, 
daß die Geistlichkeit dem Unternehmen die Signatur geben wird, 
selbst dann, wenn das arbeitende Mitglied des Comitsé nicht ein 
General-Superintendent sein würde. Ich habe Nichts gegen 
Stöcker; er hat für mich nur den einen Fehler als Politiker, 
daß er Priester ist, und als Priester, daß er Politik treibt. 
Ich habe meine Freude an seiner tapferen Energie und an 
seiner Beredtsamkeit, aber er hat keine glückliche Hand; die 
Erfolge, die er erreicht, bleiben momentan, er vermag sie nicht 
unter Dach zu bringen und zu erhalten; jeder gleich gute Redner, 
und deren giebt es, entreißt sie ihm; zu trennen von der 
innern Mission wird er nicht sein, und seine Schlag- 
fertigkeit sichert ihm den maßgebenden Einfluß darin auf seine 
Amtsbrüder und die Laien. Er hat sich bisher einen Ruf er- 
worben, der die Aufgabe, ihn zu schützen und zu fördern, nicht 
erleichtert; jede Macht im Staate ist stärker ohne ihn als mit 
ihm, in der Arena des Parteikampfes aber ist er ein Simson. 
Er steht an der Spitze von Elementen, die mit den Traditionen 
Friedrich's d. Gr. in schroffem Widerspruch stehen, und auf die 
eine Regirung des Deutschen Reiches sich nicht würde stützen 
können. Mir hat er mit seiner Presse und seiner kleinen Zahl
        <pb n="38" />
        20 Erstes Kapitel: Prinz Wilhelm. 
  
von Anhängern das Leben schwer und die große conservative 
Partei unsicher und zwiespältig gemacht. Die „Innere Mission“ 
aber ist ein Boden, aus dem er wie der Riese Antäus stets 
neue Kräfte saugen und auf dem er unüberwindlich sein wird. 
Die Aufgabe Ew. und Höchstihrer dereinstigen Minister würde 
wesentlich erschwert werden, wenn sie die Vertretung der 
einneren Mission" und der Organe derselben in sich schließen 
sollte. Der evangelische Priester ist, sobald er sich stark genug 
dazu fühlt, zur Theokratie ebenso geneigt wie der katholische, 
und dabei schwerer mit ihm fertig zu werden, weil er keinen 
Papst über sich hat. Ich bin ein gläubiger Christ, aber ich 
fürchte, daß ich in meinem Glauben irre werden könnte, wenn 
ich, wie der Katholik, auf priesterliche Vermittlung zu Gott 
beschränkt wäre. 
Ew. sprechen in Höchstdero Schreiben vom 21. v. M. die 
Meinung aus, daß ich Anlaß gehabt hätte, schon früher bei 
Höchstdenselben über die vorliegende Frage Erkundigungen ein- 
zuziehn; ich bin aber erst durch Ew. jüngstes Schreiben von 
der Lage der Sache informirt worden, und meine Antwort hat 
keine andere Unterlage als den Inhalt besagten Schreibens. 
Was ich bis dahin wußte, genügte zwar, um mir einige Sorge 
über Preßangriffe auf Ew. zu wecken, aber ich hatte zu wenig 
Glauben an den Ernst der Sache, um mich direct an Höchst- 
dieselben zu wenden. Erst der Brief vom 21. überzeugte mich 
vom Gegentheil. 
Ew. wollen die freimüthige Offenheit, mit der ich meine 
Ansicht in Vorstehendem ausspreche, mit Nachsicht aufnehmen. 
Das Vertrauen, mit dem Hochdieselben mich jederzeit beehrt, 
und die Gewißheit, welche Ew. in Betreff meiner ehrerbietigen 
Anhänglichkeit haben, lassen mich auf diese Nachsicht rechnen. 
Ich bin alt und matt und habe keinen andern Ehrgeiz mehr, 
als mir die Gnade des Kaisers und Seiner Nachfolger zu be- 
wahren, wenn ich meinen Herrn überleben sollte. Mein Pflicht-
        <pb n="39" />
        Antwort Biemarck's, die Stadimission betreffend. 21 
  
gefühl gebietet mir, dem Kaiserhause und dem Lande ehrlich 
zu dienen, so lange ich kann, und zu diesem Dienst gehört es, 
daß ich Ew. in Antwort auf Höchstdero Schreiben dringlich ab- 
rathe, Sich vor der Thronbesteigung schon die Fessel irgend 
welcher politischen oder kirchlichen Vereinsbeziehung aufzuer- 
legen. Alle Vereine, bei welchen der Eintritt und die Thätig- 
keit der einzelnen Mitglieder von diesen selbst abhängig ist und 
von ihrem guten Willen und persönlichen Ansichten, sind als 
Werkzeuge zum Angreifen und Zerstören des Bestehenden 
sehr wirksam zu verwenden, aber nicht zum Bauen und Er- 
halten. Jeder vergleichende Blick auf die Ergebnisse conser- 
vativer und revolutionärer Vereinsthätigkeit überzeugt von dieser 
bedauerlichen Wahrheit. Zum positiven Schaffen und Erhalten 
lebensfähiger Reformen ist bei uns nur der König an der 
Spitze der Staatsgewalt auf dem Wege der Gesetzgebung 
befähigt. Die Kaiserliche Botschaft bezüglich socialer Reformen 
wäre ein todter Buchstabe geblieben, wenn ihre Ausführung von 
der Thätigkeit freier Vereine erwartet worden wäre; die können 
wohl Kritik üben und über Schäden Klage führen, aber heilen 
können sie letztere nicht. Das sichere Mißlingen ihrer Unter- 
nehmungen können die Vereinsmitglieder um so leichter tragen, 
als jeder nachher den Andern anklagt; einen Thronfolger als 
Protector aber trifft es schwerer in der öffentlichen Meinung. 
Mit Ew. in einem Verein zu sein, ist für jedes andere Mit- 
glied ehrenvoll und nützlich ohne jedes Risico; nur für Ew. 
tritt das umgekehrte Verhältniß ein; jedes Mitglied fühlt sich 
gehoben und macht sich wichtig mit dem Vereinsverhältniß zum 
Thronerben, und Letzterer hat allein als Gegenleistung für die 
Bedeutung, welche er dem Verein verleiht, Nichts als die Ge- 
fahr des Mißlingens durch Anderer Schuld. Aus dem an- 
liegenden Ausschnitt der Freisinnigen Zeitung, der mir heut 
zugeht, wollen Ew. huldreich ersehn, wie schon heut die Demo- 
kratie bemüht ist, Hochdieselben mit der sogenannten christlich-
        <pb n="40" />
        22 Erstes Kapitel: Prinz Wilhelm. 
  
socialen Fraction zu identificiren. Sie druckt die Sätze ge- 
sperrt, durch welche Ew. und meine Beziehungen zu dieser 
Fraction in's Publikum gebracht werden sollen. Das geschieht 
von der Freisinnigen Zeitung doch gewiß nicht aus Wohlwollen 
oder um der Regirung des Kaisers einen Dienst zu erweisen. 
„Religiöse und sittliche Bildung der Jugend ist an sich ein ehren- 
werther Zweck, aber ich fürchte, daß hinter diesem Aushänge- 
schild andere Ziele politischer und hierarchischer Richtung ver- 
folgt werden. Die unwahre Insinuation des Pastors Seydel, 
daß ich ein Gesinnungsgenosse sei und ihn und seine Genossen 
vorzugs weise als Christen betrachtete, wird mich zur Wider- 
legung nöthigen, und dann wird es offenbar werden, daß 
zwischen den Herrn und mir das Verhältniß ziemlich dasselbe 
ist wie mit jeder anderen Opposition gegen die jetzige Regirung 
Sr. Majestät. 
Ich laufe Gefahr, in der That doch ein Buch zu schreiben; 
ich habe seit 20 Jahren zu viel unter der Giftmeascherei der 
Herren von der Kreuzzeitung und den evangelischen Windt- 
horsten gelitten, um in Kürze von ihnen reden zu können. Ich 
schließe dieses überlange Schreiben mit meinem unterthänigen 
und herzlichen Danke für die Gnade und das huldreiche Ver- 
trauen, welches Ew. Schreiben mir bekunden.“ 
Darauf erhielt ich diese Antwort: 
„Potsdam, den 11. Jannar 1888. 
Ew. Durchlaucht Brief habe ich empfangen und spreche 
meinen besten Dank aus für die eingehende und ausführliche 
Entwickelung der Gesichtspunkte, aus welchen Sie mir von der 
Unterstützung der Stadtmission abrathen zu sollen glauben. Ich 
darf Ew. Turchlaucht versichern, daß ich mir alle Mühe ge- 
geben habe, Ihren Standpunkt auch zu dem meinigen zu 
machen. Vor Allem erkenne ich voll und ganz die Nothwen-
        <pb n="41" />
        Rechtfertigung des Prinzen, die Stadtmission betreffend. 23 
  
digkeit an, mich der nahen Berührung geschweige der Identi- 
ficirung mit bestimmten politischen Parteiströmungen fern zu 
halten. Dies ist aber auch von jeher mein Princip, nach dem 
ich streng gehandelt und gelebt, gewesen. Ich vermag jedoch 
beim besten Willen mich nicht davon zu überzeugen, daß in der 
Förderung, welche ich dem Streben der Stadtmission zuge- 
wendet habe, eine politische Parteinahme irgend welcher Art 
zu erkennen ist. Dieselbe war, ist und soll, soviel an uns liegt, 
auch in alle Zukunft bleiben ein einzig und allein auf das 
geistige Wohl und Wehe der armen Elemente gerichtetes Liebes- 
werk; und ich möchte mich ungeachtet Ihres Briefes nicht von 
der Zuversicht trennen, daß Ew. Durchlaucht sich selbst bei 
nährer Erwägung der Richtigkeit dieser Annahme nicht ver- 
schließen werden. Ist es mir sonach bei vollster Würdigung 
der von Ew. Durchlaucht mir entgegengehaltenen Gründe un- 
möglich, mich von einem Werke zurückzuziehn, von dessen Wich- 
tigkeit für das Allgemeine Wohl ich fest überzeugt bin, — eine 
Ueberzeugung, die mir durch unzählige Zuschriften und Zu- 
stimmungsadressen aus allen Theilen der Monarchie, besonders 
aus katholischen und aus den unteren Arbeiterkreisen der Be- 
völkerung als eine weitverbreitete und wohlbegründete entgegen- 
gebracht wird —, so bin ich doch weit entfernt davon, nicht mit 
Ew. Durchlaucht anerkennen zu wollen, daß es wünschenswerth 
und nothwendig ist, durch einen spontanen Act der irrigen 
Voraussetzung den Boden zu entziehn, als ob es sich um die 
Begünstigung politischer Sonderbestrebungen handele. Zu dem 
Ende werde ich den Herrn Hofprediger Stöcker dahin bestim- 
men lassen, daß er sich von der offiziellen Leitung der Stadt- 
mission zurückzieht, und daß solches in einer angemessenen und 
für ihn nicht compromittirenden Form in die Oeffentlichkeit 
gebracht werde. Vor einer solchen Manifestation wird, so denk' 
ich, jede Verdächtigung meiner Absichten und Stellung verstum- 
men müssen — wenn nicht, dann Wehe denen, wenn ich zu
        <pb n="42" />
        24 Erstes Kapitel: Prinz Wilhelm. 
  
befehlen haben werde! — und Ew. Durchlaucht werden zugleich 
darin zu erkennen geneigt sein, welch' hohen Werth ich darauf 
lege, jeden nur den leisesten Schatten einer Meinungsverschie- 
denheit zwischen uns nach Kräften zu zerstreuen.“ 
(gez.) Wilhelm Prinz v. Preußen. 
Die vorstehende Correspondenz rief die erste, vorübergehende 
Empfindlichkeit des Prinzen mir gegenüber hervor. Er hatte 
geglaubt, daß ich sein Schreiben mit einer Anerkennung im 
Stile seiner strebsamen Umgebung beantworten würde, während 
ich es für meine Pflicht gehalten hatte, in meinem eigenhän- 
digen, vielleicht etwas lehrhaft gehaltenen Schreiben, dessen Um- 
fang meine Arbeitsfähigkeit erheblich überstieg, vor den Be- 
strebungen zu warnen, durch welche Cliquen und Personen sich 
der Protection des Thronerben zu versichern suchten. Die 
Antwort des Prinzen ließ mir nach Form und Inhalt keinen 
Zweifel darüber, daß der Mangel an Anerkennung der Be- 
strebungen des Prinzen und meine warnende Kritik verstimmt 
hatten. In dem Schlusse seiner Antwort lag schon, noch in 
prinzlicher Form, das, was später in der kaiserlichen Wendung 
ausgesprochen wurde: Wer mir widerstrebt, „den zerschmettere 
ich.“ 
Wenn ich jetzt zurückblicke, so nehme ich an, daß der Kaiser 
während der 21 Monate, da ich sein Kanzler war, seine Nei- 
gung, einen ererbten Mentor los zu werden, nur mit Mühe 
unterdrückt hat, bis sie explodirte, und eine Trennung, die ich, 
wenn ich den Wunsch des Kaisers gekannt hätte, mit Schonung 
aller äußeren Eindrücke eingeleitet haben würde, in einer plötz- 
lichen, für mich verletzenden, ich möchte sagen beleidigenden 
Weise erzwang. 
Das Ergebniß war jedoch in sofern meinem Rathschlage ent- 
sprechend, als die Betheiligung an dem beabsichtigten christlichen
        <pb n="43" />
        Ergebniß der Abmahnung. Waldersee. Caprivi. 25 
  
Werke zunächst auf wenigere und weniger exclusive Kreise be- 
schränkt wurde. Die Thatsache, daß die von mir gemißbilligte 
Inscenirung im gräflich Waldersee'schen Hause stattgesunden 
hatte, trug dazu bei, diese hervorragende Persönlichkeit in der 
prinzlichen Umgebung noch mehr zu verstimmen, als ohnehin 
der Fall war. Ich war früher mit ihm von langer Zeit be- 
freundet gewesen und hatte ihn in dem französischen Kriege als 
Soldaten und politischen Bundesgenossen schätzen gelernt, so daß 
mir später der Gedanke nahe trat, ihn dem Kaiser zu militäri- 
schen Stellungen politischer Natur zu empfehlen. Bei näheren 
dienstlichen Berührungen mit dem Grafen wurde ich über seine 
politische Verwendbarkeit zweifelhaft, und als Graf Moltke in 
seiner Stellung an der Spitze des Generalstabs eines Adlatus 
bedurfte, hatte ich Veranlassung, die Meinung militärischer Kreise 
zu erforschen, bevor ich dem Kaiser meine von ihm befohlene 
Ansicht unter breitete. Das Ergebniß war, daß ich die Aufmerk- 
samkeit Sr. Majestät auf den General von Caprivi lenkte, ob- 
schon ich wußte, daß dieser nicht eine gleich gute Meinung von 
mir hatte, wie ich von ihm. Mein Gedanke, daß Caprivi der 
Nachfolger Moltke's werden solle, scheiterte im letzten Grunde, 
wie ich glaube, an der Schwierigkeit, zwischen zwei so selbstän- 
digen Charakteren, wie die genannten beiden, den modus vivendi 
herzustellen, der bei einer dualistischen Leitung des Generalstabs 
nöthig war. Diese Aufgabe schien den höchsten Kreisen leichter 
lösbar, indem die Stellung eines Adlatus des Grafen Molike 
dem General von Waldersee übertragen wurde: dieser wurde 
durch seine neue Stellung dem Monarchen und dessen Nach- 
solgern auf dem Thron näher gerückt. Auf dem Gebiete nicht- 
militärischer Politik wurde in weitern Kreisen sein Name, und 
zwar in Verbindung mit dem Hofprediger Stöcker, zuerst be- 
kannt durch die in seinem Hause abgehaltenen Besprechungen 
über innere Mission. — 
Am Szyloesterabend 1887 sand mein Sohn auf dem Lehrter
        <pb n="44" />
        26 Erstes Kapitel: Prinz Wilhelm. 
  
Bahnhof, von wo er nach Friedrichsruh fahren wollte, den 
Prinzen, der auf ihn wartete und ihn ersuchte mir zu sagen, 
daß die Stöckersache nun ganz harmlos sei; er setzte hinzu, 
mein Sohn sei wesentlich in dieser Angelegenheit angegriffen, 
er, der Prinz, sei aber für ihn eingetreten. 
— — ———
        <pb n="45" />
        Zweites Kapitel. 
Großherzog von Baden. 
Auf die Entschließungen des Kaisers hat nach meiner auf 
Aeußerungen Sr. Majestät begründeten Wahrnehmung der 
Großherzog von Baden, der mich in früheren Perioden wohl- 
wollend und wirksam unterstützt hatte, in der letzten Zeit meiner 
Amtsführung einen für mich störenden Einfluß gehabt. Früher 
als die meisten anderen Bundesfürsten der Ueberzeugung zu- 
gänglich, daß die deutsche Frage nur durch Förderung der hege- 
monischen Bestrebungen Preußens gelöst werden könne, ist er 
der nationalen Politik nach Kräften entgegen gekommen, nicht 
mit der Geschäftigkeit des Herzogs von Coburg, aber mit einer 
stärkeren Rücksichtsnahme auf die ihm nahe stehende preußische 
Dynastie und ohne den wechselnden Verkehr mit dem Kaiser 
Napoleon, dem Wiener Hofe und den regirenden Kreisen in 
England und Belgien, wie ihn der Herzog unterhielt. Seine 
politischen Beziehungen hielten sich in den Schranken, welche 
die deutschen Interessen und die Familienverbindung ihm zogen. 
Er hatte nicht das Bedürfniß, wirklich oder scheinbar an den 
wichtigsten Vorgängen der europäischen Politik betheiligt zu sein, 
und war nicht, wie die Coburger Brüder, den Versuchungen 
ausgesetzt, welche in dem Glauben an die eigne überlegne Be- 
fähigung zur Behandlung politischer Fragen liegen. Aus dem 
Grunde hatte auch auf seine Ansichten die Umgebung mehr Ein- 
fluß als auf die Coburgische Selbstüberschätzung des Herzogs 
Ernst und des Prinzen Albert, welche ihre Wurzeln in dem 
Nimbus der Weisheit fand, der den ersten König der Belgier
        <pb n="46" />
        28 Zweites Kapitel: Grosherzog von Baden. 
  
umgab, weil derselbe seine eignen Interessen geschickt wahr- 
nahm. 
Es hat Zeiten gegeben, wo der Großherzog unter dem 
Druck äußerer Verhältnisse nicht im Stande war, seine Ueber- 
zeugung über den Weg, auf dem die deutsche Frage zu lösen 
sei, zu bethätigen, Zeiten, die sich an den Namen des Ministers 
von Meysenbug und an die Jahreszahl 1866 knüpfen. In 
beiden Fällen befand er sich einer force majeure gegenüber. In 
der Hauptsache blieb er aber stets geneigt, den besten Antrieben 
seines Popularitätsbedürfnisses, den nationalen, Folge zu leisten, 
und sein Streben in dieser Richtung haue nur zu leiden von 
einem parallelen Streben nach Anerkennung auf dem bürger- 
lichen Gebiete, in der durch Louis Philipp's Beispiel gegebnen 
Richtung, auch wo Beides schwer vereinbar war. Daß in der 
schwierigen Zeit des Aufenthalts in Versailles, wo ich mich im 
Kampfe mit ausländischen, weiblichen und militärischen Ein- 
flüssen befand, der Großherzog der einzige unter don deut- 
schen Fürsten war, der mir bei dem Könige in der Kaiserfrage 
Unterstützung gewährte und mir activ und wirksam in der 
Ueberwindung der preußisch-particularistischen Abneigung des 
Königs beistand, ist bekannt N). Der Kronprinz war seinem 
Vater gegenüber von der gewohnten Zurückhaltung, welche 
ihn an wirksamer Geltendmachung seiner nationalen Gesinnung 
hinderte. 
Das Wohlwollen des Großherzogs ist mir auch nach dem 
Frieden Jahrzehnte lang verblieben, wenn ich vorübergehende 
Verstimmungen abrechne, die dadurch entstanden, daß die Inter- 
essen Badens, wie er selbst oder seine Beamten sie auffaßten, 
mit der Reichspolitik in Frictionen geriethen. 
X) S. BVd. II 119 ff. [= II 146 ff. der Volks-, 11 141 ff. der Neuen 
Ausgabe.])
        <pb n="47" />
        Badische Politik und Verwaltung. 29 
  
Herr von Roggenbach, der zeitweise für den spiritus rector 
der badischen Politik galt, hatte bei den Friedensverhandl 
von 1866 mir gegenüber einer Verkleinerung Baierns und Ver— 
größerung Badens das Wort geredet; auf ihn wurde auch das 
1881 auftretende Gerücht zurückgeführt, daß Baden Königreich 
werden solle 7. 
Daß der Großherzog das Gebiet, wenn nicht seines Ter- 
ritoriums, so doch seiner Thätigkeit auszudehnen wünschte, 
ließ sich später aus den Anregungen einer Herstellung mili- 
tärischer und politischer Beziehungen zwischen Baden und Elsaß- 
Lothringen schließen. Ich habe meine Mitwirkung zur Aus- 
führung derartiger Pläne versagt, weil ich mich des Eindrucks 
nicht erwehren konnte, daß die badischen Verhältnisse für Sa- 
nirung der Situation im Elsaß und für Umwandlung der 
französischen Sympathien in deutsche vielleicht noch ungeeigneter, 
jedenfalls nicht förderlicher als die jetzige kaiserliche Verwaltung 
sein würden. 
In der badischen Verwaltung hat sich die den süddeut- 
schen Gewohnheiten eigne Art Bürokratie, man könnte sagen 
Schreiberherrschaft, noch schärfer ausgebildet als in den übri- 
gen süddeutschen Staaten, Nassau eingerechnet. Bürokratische 
Wucherungen sind auch den norddeutschen Verhältnissen nicht 
fremd, namentlich in den höheren Kreisen, und werden in 
Folge der heutigen Handhabung der „Selbstverwaltung“ (lucus 
a non lucendo) auch in die ländlichen Kreise eindringen; aber 
bisher waren die Träger bei uns doch vorwiegend Beamte, 
deren Rechtsgefühl durch ihren Bildungsgrad geschärft wird; in 
Süddeutschland aber war das Gewicht der Beamtenklasse, welche 
bei uns zu den Subalternen gehört oder den Uebergang zu 
denselben bildet, größer, und die Regirungspolitik, welche in 
Baden schon vor 1848 mehr auf Popularität berechnet war als 
  
1) S. Anlage 1, unten S. 161.
        <pb n="48" />
        30 Zweites Kapitel: Großherzog von Baden. 
  
sonst in Deutschland üblich, hat sich gerade in den Tagen 
der Bewegung als die erwiesen, welche die geringste Anhäng- 
lichkeit gezeitigt hatte und deren Wurzelverbindung mit der 
Dynastie die schwächste war. Baden war in dem genannten 
Jahre der einzige Staat, in welchem sich das Erlebniß des 
Herzogs Karl von Braunschweig wiederholte, indem der Landes- 
herr genöthigt wurde, sein Land zu verlassen. 
Der regirende Herr war in dem Herkommen ausgewachsen, 
daß das Streben nach Popularität und das „Rechnung tragen“ 
jeder Regung der öffentlichen Meinung gegenüber das Funda- 
ment der modernen Regirungskunst sei. Louis Philipp war 
eine Art von Vorbild für die äußere Haltung constitutioneller 
Monarchen, und da er seine Rolle als solches auf der europäi- 
schen Bühne von Paris gespielt hatte, so gewann er für deutsche 
Fürsten eine ähnliche Bedeutung wie die Pariser Moden für 
deutsche Damen. Daß auch die militärische Seite der staat- 
lichen Leistungen nicht frei von dem System des Bürgerkönigs 
geblieben war, zeigte der Abfall der badischen Truppen, der so 
schmählich in keinem anderen deutschen Staate bisher vorge- 
kommen ist. In diesen retrospectiven Betrachtungen habe ich 
immer Bedenken getragen, dazu mitzuwirken, daß der badischen 
Regirungspolitik die Entwicklung der Dinge im Reichslande 
übergeben werde. 
So national gesinnt der Großbherzog, sich selbst überlassen, 
sein mochte, so vermochte er doch nicht immer dem auf ma- 
teriellen Interessen begründeten Particularismus seiner Beam- 
ten Widerstand zu leisten, und im Falle eines Conflicts wurde 
es ihm natürlich schwer, badische Local-Interessen denen des 
Reiches zu opfern. 
Ein latenter Conflict lag in der Rivalität der Eisen- 
bahnen des Reichslandes mit den badischen, ein zu Tage 
tretender in den Beziehungen zu der Schweiz. Den badischen 
Beamten war ein Pflegen und Erstarken der deutschen Social-
        <pb n="49" />
        Badische Politik. Marschall. Boetticher. 31 
  
demokratie auf Schweizer Gebiete weniger unbequem als eine 
Schädigung oder Klage der Angehörigen derjenigen zahlreichen 
badischen Unterthanen, welche in der Schweiz ihren Erwerb 
suchten. Daß die Reichsregirung in ihrem Verhalten gegen 
das Nachbarland keinen andern Zweck verfolgte als die Unter- 
stützung der conservativen Elemente in der Schweiz gegen den 
Einfluß und den agitatorischen Druck der fremden und heimischen 
Socialdemokratie, darüber konnte auch die badische Regirung 
keinen Zweifel haben. Sie war davon unterrichtet, daß wir 
mit den achtbarsten Schweizern in einem unausgesprochenen 
aber gegenseitig befolgten Einverständnisse handelten, welches 
dank der Unterstützung, die wir unsern Freunden gewährten, 
praktisch zu dem Ergebnisse führte, daß die politische Central- 
gewalt der Schweiz eine festere Stellung und schärfere Con- 
trolle als früher über die deutschen Socialisten und die Cantönli- 
Politik der Demokratie gewann. 
Ob Herr von Marschall diese Sachlage durch seine Berichte 
nach Karlsruhe klar zum Ausdruck gebracht hat, weiß ich nicht; 
ich erinnere mich nicht, daß er in den sieben Jahren, während 
deren er badischer Gesandter war, jemals eine Unterredung mit 
mir gesucht oder gehabt hätte. Aber durch seine Intimität mit 
meinem Collegen Boetticher und durch seine Beziehungen zu 
Mitarbeitern des Auswärtigen Amts ist er jedenfalls für seine 
Person vollständig unterrichtet gewesen. Man sagte mir, daß 
er schon seit längerer Zeit die Sympathien des Großherzogs 
zu gewinnen und Antipathie gegen die Personen, welche ihm 
die Aussicht nach oben hinderten, zu erzeugen gesucht hat. Ich 
erinnere mich in Bezug auf ihn eines Wortes des Grafen 
Harry Arnim aus der Zeit, wo dieser mit mir noch offen 
redete 3). 
Auch der Grenzverkehr mit Frankreich ist von dem badischen 
X) S. Bd. II 162. I— 11 189 der Volks-, II 186 der Neuen Ausgabe.]
        <pb n="50" />
        32 Zweites Kapitel: Großherzog von Baden. 
  
Standpunkte anders zu beurtheilen und zu behandeln als ge- 
mäß der Reichspolitik. Die Anzahl der badischen Staatsan- 
gehörigen, welche in der Schweiz und im Elsaß als Arbeiter, 
Handlungsgehülfen und Kellner Beschäftigung finden und über 
den Elsaß hinaus an einer ungestörten Verbindung mit Lyon 
und Paris interessirt sind, ist ziemlich groß, und von den groß- 
herzoglichen Beamten war kaum zu verlangen, daß sie ihre 
Verwaltungssorgen einer Reichspolitik unterordnen sollten, deren 
politische Ziele dem Reiche zu Gute, deren locale Nachtheile aber 
Baden zur Last kamen. 
Aus solchen Frictionen entspannen sich Preßkämpfe zwischen 
offiziösen, selbst amtlichen badischen Organen und der „Nord- 
deutschen Allgemeinen Zeitung“. 
In der Tonart waren beide Seiten nicht tadelfrei. Der 
staatsanwaltliche Zuschnitt der badischen Polemik war eben- 
so weit außerhalb der gewöhnlichen Höflichkeit wie der Stil 
der genannten Berliner Zeitung, welche ich von der Schärfe 
der Diction, die meinem damaligen Freunde, Herrn von Rot- 
tenburg, dem Chef der Reichskanzlei, als rechtskundigem Ge- 
lehrten anklebte, nicht frei halten konnte, da ich nicht immer 
Zeit hatte, mich mit publicistischen Redactionen auch nur con- 
trollirend zu beschäftigen. 
Mir ist erinnerlich, daß mich 1885 ein Befehl des Kron- 
prinzen eines Abends spät plötzlich nach dem Niederländischen 
Palais beschied, wo ich den hohen Herrn und den Großherzog 
vorsand, letzteren in ungnädiger Verstimmung über einen 
Artikel der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ in einer 
Polemik mit dem offiziösen badischen Blatte. Ich erinnere 
mich des Gegenstandes, um den es sich handelte, nicht mehr 
vollständig, weiß auch nicht, ob der betreffende Artikel des 
Berliner Blattes offiziösen Ursprungs war. Er konnte das 
sein, ohne vor dem Druck zu meiner Kenntniß gekommen
        <pb n="51" />
        Preßkämpfe, deren Auffassung und Folgen. 33 
  
zu sein; die Anlässe, bei denen ich Neigung und Zeit fand, 
auf die Herstellung von Preßerzeugnissen einzuwirken, waren 
viel seltner, als in der Presse und daher im Publikum an- 
genommen wurde. Ich that das nur solchen Fragen oder 
persönlichen Angriffen gegenüber, welche für mich ein besonderes 
Interesse hatten, und es vergingen, selbst wenn ich in Berlin 
war, Wochen und Monate, ohne daß ich Zeit oder Neigung 
gefunden hätte, die Artikel, für welche man mich verantwortlich 
hielt, zu lesen, geschweige denn zu schreiben oder schreiben zu 
lassen. Der Großherzog machte es aber wie alle Welt, be- 
trachtete mich als verantwortlich für die Aeußerung der ge- 
nannten Zeitung in der ihm ärgerlichen Sache. 
Eigenthümlich war die Art, wie er gegen diese Preßleistung 
reagirte. Der Kaiser war damals bedenklich erkrankt und die 
Großherzogin gekommen, ihn zu pflegen. Unter diesen Um- 
ständen hatte der Großherzog von dem fraglichen Artikel Anlaß 
genommen, seinem Herrn Schwager, dem Kronprinzen, zu er- 
kennen zu geben, er werde in Folge sothaner Kränkung Berlin 
mit seiner Gemahlin sofort verlassen und das Motiv seiner 
Abreise nicht verhehlen. Nun war zwar die Pflege, welche der 
Kaiser von seiner Frau Tochter genoß, dem Patienten kein 
Bedürfniß, sondern eine Kundgebung kindlicher Liebe, welche 
er mit ritterlicher Höslichkeit über sich ergehen ließ. Aber 
gerade diese seine Eigenschaft war in den Beziehungen zu 
Frau und Tochter vorherrschend in ihm, und fede Verstimmung 
innerhalb dieses engen Familienkreises wirkte betrübend und 
niederschlagend auf ihn. 
Ich war daher bemüht, dem kranken Herrn Erlebnisse der 
Art nach Kräften zu ersparen, und that, ich weiß heute nicht 
mehr was, aber jedenfalls alles was möglich war, um in einer 
mehr als zweistündigen Verhandlung mit lebhafter und wirk- 
samer Hülfe des Kronprinzen seinen Herrn Schwager zu be- 
ruhigen. Wahrscheinlich bestand die Sühne außer meinem 
Otto Fürst von Bismarck, Gedanten und Erinnerungen. III. «
        <pb n="52" />
        34 Zweites Kapitel: Großherzog von Baden. 
  
Protest gegen jede Voraussetzung amtlichen Uebelwollens in der 
Veröffentlichung eines neuen und einlenkenden Artikels in der 
„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“. Erinnerlich ist mir, daß 
es sich um die Beurtheilung irgend einer Maßregel des badischen 
Staatsministeriums handelte und daß die Empfindlichkeit des 
Großherzogs mich vermuthen ließ, daß derselbe sich in dem 
fraglichen Falle an den Staatsgeschäften persönlich eingreifender 
betheiligt hatte, als er es sonst mit der Beobachtung constitutio- 
neller Maxime vereinbar hielt. 
Aus Berliner und Karlsruher Hofkreisen ist es mir als 
Veranlassung zu dem Wechsel, der in der Stimmung des Groß- 
herzogs während der letzten Zeit meiner amtlichen Thätigkeit 
vorgegangen zu sein scheint, bezeichnet worden, daß ich bei An- 
wesenheiten desselben in Berlin im Drange der Geschäfte ihm 
und seiner Gemahlin gegenüber den im Hofleben üblichen Ver- 
kehr nicht ausreichend gepflegt habe. Ich weiß nicht, ob das 
richtig ist, und es entzieht sich meiner Beurtheilung, in wieweit 
badische Hofintriguen gewirkt haben, als deren Mundstück mir 
außer Roggenbach der Hofmarschall von Gemmingen bezeichnet 
worden ist, mit dessen Tochter der Freiherr von Marschall ver- 
heirathet ist. Es ist möglich, daß der letztere, badischer Staats- 
anwalt, demnächst Vertreter Badens im Bundesrathe, mit dem 
Vorsitz im Auswärtigen Amte des Deutschen Reiches seine 
Laufbahn nicht für abgeschlossen hält; und Thatsache ist, daß 
zwischen ihm und Herrn von Boetticher sich in den letzten 
Zeiten meiner Amtsführung eine Intimität entwickelt hatte, 
der ein gemeinsames weibliches Interesse für Rangfragen zum 
Grunde lag. 
Wenn auch unter der wiederkehrenden Verstimmung das 
Wohlwollen des Großherzogs für mich allmählich erkaltet ist, 
so glaube ich doch nicht, daß er mit Bewußtsein auf meine Ent- 
fernung aus dem Amte hingearbeitet hat. Seine Einwirkung
        <pb n="53" />
        Stimmungswechsel und späteres Verhalten. 35 
  
auf den Kaiser, die ich als störend für meine Politik bezeichnet 
habe, machte sich geltend in den Fragen, welche Haltung der 
Kaiser gegenüber den Arbeitern und in Betreff des Socialisten- 
gesetzes beobachten werde. Es ist mir glaubhaft mitgetheilt 
worden, daß der Kaiser im Winter 1890, bevor er den plötz- 
lichen Uebergang von der Absicht, den Widerstand zu leisten, den 
ich empfohlen, zum Nachgeben machte, den Großherzog zu Rathe 
gezogen, und daß dieser im Sinne der badischen Traditionen 
das Gewinnen statt des Bekämpfens der Gegner befürwortet 
habe, aber überrascht und unzufrieden gewesen sei, als der 
Wechsel in den Absichten Sr. Majestät meine Entlassung herbei- 
führte. 
Sein Rath würde auch nicht durchgeschlagen haben, wenn 
nicht bei Sr. Majestät die Neigung vorhanden gewesen wäre, 
zu verhindern, daß die richtige Würdigung der eignen mon- 
archischen Leistungen ferner durch die Zweifel beeinträchtigt 
werden könnte, ob die Allerhöchsten Entschließungen kaiserlichen 
oder kanzlerischen Ursprungs seien. Der „neue Herr“ hatte 
das Bedürfniß, nicht nur von einem Mentor frei zu werden, 
sondern auch für Gegenwart und Zukunft die Verdunklung nicht 
zuzulassen, welche eine kanzlerische Wolke etwa wie die Richelieu's 
und Mazarin's entwickeln würde. Einen nachhaltigen Ein- 
druck hatte auf ihn eine gelegentlich von dem Grafen Waldersee 
beim Frühstück in Gegenwart des Flügeladjutanten Adolf von 
Bülow mit Berechnung gethane Aeußerung gemacht: „daß 
Friedrich der Große nie der Große geworden sein würde, 
wenn er bei seinem Regirungsantritt einen Minister von der 
Bedeutung und Machtstellung Bismarck's vorgefunden und be- 
halten hätte“. 
Nach meiner Verabschiedung hat der Großherzog Partei 
gegen mich genommen. Als im Februar 1891 in der Gemeinde- 
behörde von Baden-Baden angeregt worden war, mir das 
Ehrenbürgerrecht zu ertheilen, ließ er den Oberbürgermeister
        <pb n="54" />
        36 Zweites Kapitel: Großherzog von Baden. 
  
kommen und stellte ihn über eine solche Rücksichtslosigkeit gegen 
den Kaiser zur Rede. Wenig später hat er bei einer Unter- 
redung mit dem in Baden--Baden lebenden Schriftsteller Mazime 
du Camp, der das Gespräch auf mich brachte, diesem das 
Wort mit der Bemerkung abgeschuitten: „II u 0 du'un vieux 
radoteu.“
        <pb n="55" />
        Drittes Kapitel. 
Boetticher. 
Der Kaiser Wilhelm II. hat nicht das Bedürfniß, Mit- 
arbeiter mit eignen Ansichten zu haben, welche ihm in dem be- 
treffenden Fache mit der Autorität der Sachkunde und Erfahrung 
entgegentreten könnten. Das Wort „Erfahrung“ in meinem 
Munde verstimmte ihn und rief gelegentlich die Acußerung her- 
vor: „Erfahrung? Ja, die allerdings habe ich nicht.“ Um 
seinen Ministern sachkundige Anregungen zu geben, zog er deren 
Untergebne an sich und ließ sich von diesen oder von Privat- 
leuten die Informationen beschaffen, auf Grund deren eine 
kaiserliche Initiative den Ressortministern gegenüber genommen 
werden konnte. Außer Hinzpeter und Andern war mir gegen- 
über dazu in erster Linie Herr von Boetticher brauchbar. 
Ich hatte seinen Vater gekannt, 1851 mit ihm in Frankfurt 
am Bunde sunciionirt, und fand Gefallen an der äußerlich 
angenehmen Erscheinung des Sohnes, der begabter als der Vater 
ist, diesem aber an Festigkeit und Ehrlichkeit nachsteht. Ich habe 
die Carrière des Sohnes durch meinen Einfluß bei dem Kaiser 
Wilhelm I. ziemlich schnell gefördert; er wurde auf meinen 
Antrag Oberpräsident in Schleswig, Staatssecretär, Staats- 
minister, lediglich durch mich, aber Minister immer nur in dem 
Sinne eines Amanuensis für mich, eines aide oder adjoint, wie 
man in Petersburg sagt, der nach dem Willen des Kaisers nur 
meine Politik im Staatsministerium und im Bundesrathe zu 
vertreten hatte, namentlich wenn ich durch Abwesenheit verhindert 
war. Elr hatte kein andres Ressort als die Aufgabe, mich zu 
unterstützen. Es war dies eine Stellung, die zuerst der Minister
        <pb n="56" />
        38 Drittes Kapitel: Boetticher. 
  
Delbrück auf meinen Antrag erhielt und die ausschließlich zu 
meiner Vertretung und Erleichterung von Sr. Majestät ge- 
schaffen wurde. Delbrück war Präsident des Bundes-, späteren 
Reichs-Kanzleramts, also staatsrechtlich der höchste vortragende 
Ministerialbeamte des Reichskanzlers gewesen und dann zum 
Minister ernannt worden, um im Staatsministerium den Reichs- 
kanzler zu unterstützen und bei dessen Abwesenheit zu vertreten. 
Delbrück hatte in pflichttreuer Weise, auch wenn seine Ansicht 
in bestimmten Fragen von der meinigen abwich, doch die meinige 
vertreten und zog sich zurück, als diese Vertretung mit seiner 
Ueberzeugung in einen so scharfen Widerspruch trat, daß er 
nicht glaubte über denselben hinwegsehn zu dürfen. Auf seine 
eigne Empsehlung folgte ihm der frühere hessische Minister von 
Hofmann, welcher für fügsam galt und keine politische Ver- 
gangenheit zu schonen hatte. Derselbe übernahm daneben die 
Leitung des in dem Umfange seiner Aufgaben erheblich ein- 
geschränkten, unter dem Namen „Handelsministerium“ ab- 
gezweigten Ressorts. Er nahm an, daß er außer der Pflege 
des deutschen Handels noch besondre Pflichten und Rechte für 
den preußischen Handel auf dem Gebiete der Gesetzgebung habe, 
und mißbrauchte die Unabhängigkeit, welche ihm diese von ihm 
selbst gewünschte Stellung gewährte, um ohne mein Wissen 
Gesetzentwürfe für Reichsangelegenheiten vorzubereiten, welche 
meine Zustimmung nicht fanden, namentlich solche, die meiner 
Ansicht nach die Grenze des Arbeiterschutzes überschritten und 
das Gebiet des Arbeiterzwanges in Gestalt der Beschränkung 
der persönlichen Unabhängigkeit und der Autorität des Arbeiters 
und des Familienvaters betrafen und von denen ich auf die 
Dauer keine günstige Wirkung erwarte. Da mehrfache Er- 
innerungen gegen diese mir Opposition machenden Vor- 
lagen, die Arbeiten betriebsamer, dem Minister auf diesem 
Gebiete überlegner Räthe des Handelsministeriums, erfolg- 
los blieben, so bewog ich den Feldmarschall von Manteuffel,
        <pb n="57" />
        Boetticher's Vorgänger, Aufgabe und Begabung. 39 
  
Herrn von Hofmann als Minister in dem Reichslande zu über— 
nehmen. 
Ich bat alsdann den Kaiser, Herrn von Boetticher zum Nach- 
folger Hofmann's zu ernennen, und durfte mir von diesem im 
Verkehr mit den Parlamenten geschickten Beamten die Unter— 
stützung versprechen, zu deren Leistung dieser Ministerposten ohne 
Ressort in der Form eines adlatus des Kanzlers und Minister— 
präsidenten ausschließlich geschaffen war. Herr von Boetticher 
war im Reichsdienste mein Untergebner als Staatssecretär 
des Innern, im preußischen Dienste mein amtlicher Beistand, 
berufen, mich bei Vertretung meiner Ansichten zu unterstützen, 
nicht aber eigne unabhängig geltend zu machen. Er hat diese 
Aufgabe Jahre lang bereitwillig und mit Geschick erfüllt, eigne 
Ansichten mir gegenüber nur mit großer Zurückhaltung und, 
wie ich vermuthe, nur auf parlamentarische und anderweitige 
Instigation vertreten. Eine definitive Aussprache meiner Ansicht 
genügte stets zur schließlichen Erlangung seiner Zustimmung und 
Mitwirkung. Er besitzt hohe Begabung für einen Unterstaats- 
secretär, ist ein vorzüglicher parlamentarischer debater, geschickter 
Unterhändler und hat die Fähigkeit, geistige Werthe von höherem 
Betrage in Kleingeld unter die Leute zu bringen und durch die 
ihm geläufige Form gutmüthiger Biederkeit Einfluß dafür zu 
üben. Daß er niemals fest genug in seinen Ansichten war, um 
sie dem Reichstage, geschweige denn dem Kaiser gegenüber mit 
Beharrlichkeit zu vertreten, war für den ihm angewiesenen 
Wirkungskreis nicht gerade ein wesentlicher Mangel; und wenn 
er für Rang= und Ordensfragen einc krankhafte Empfindlichkeit 
hatte, die bei getäuschter Erwartung in Thränen ausbrach, so 
war ich mit Erfolg bemüht, dieselbe zu schonen und zu befriedigen. 
Mein Vertrauen zu ihm war so groß, daß ich ihn nach dem 
Abgange des Herrn von Puttkamer zu dessen Nachfolger als 
Vicepräsidenten des Staatsministeriums empfahl. Auch in dieser 
Stellung blieb er mein, des Präsidenten, Vertreter. Ein Dualis=
        <pb n="58" />
        10 Drittes Kapt'tel: Boetticher. 
  
mus findet in dem Ministerpräsidium nicht Statt. Ich hatte mich 
gewöhnt, ihn als einen persönlichen Freund zu betrachten, der 
seinerseits durch unsere Beziehungen vollständig befriedigt wäre. 
Auf eine Enttäuschung war ich um so weniger gefaßt, als ich 
im Stande gewesen war, ihm in seinen durch die Schulden und 
die Vergehn seines Schwiegervaters, eines Bankdirectors in 
Stralsund, bedenklich gesährdeten Familieninteressen wesentliche 
Dienste zu leisten. 
Den Zeitpunkt, zu welchem er den Versuchungen des Kaisers, 
mit diesem ohne mein Wissen nähere Fühlung als mit mir zu 
nehmen, zuerst erlegen ist, kann ich nicht genau bestimmen. Die 
Möglichkeit, daß er mir gegenüber unaufrichtig verfahren könne, 
lag meinen Gedanken so fern, daß ich sie erst geprüft habe, als 
er im Jahre 1890 im Kronrathe, im Ministerium und im Dienste 
mir offen opponirte, Partei nehmend für kaiserliche Anregungen, 
über welche ihm meine principiell entgegengesetzte Ansicht be- 
kannt war. Mittheilungen, die mir später zugegangen sind, 
und der Rückblick auf Vorgänge, denen ich gleichzeitig wenig 
Beachtung geschenkt hatte, haben mich nachträglich überzeugt, daß 
Herr von Beoetticher schon seit längerer Zeit den persönlichen 
Verkehr mit dem Kaiser, in welchen ihn meine Vertretung 
brachte, sowie seine Beziehungen zu dem badischen Gesandten 
Herrn von Marschall und durch dessen Schwiegervater Gem- 
mingen zu dem Großherzoge von Baden dazu benutzt hatte, um 
sich auf meine Kosten nähere Beziehungen zu Sr. Majestät zu 
schaffen und sich in diejenigen Lücken einzunisten, welche zwischen 
den Auffassungen des jugendlichen Kaisers und der greisenhaften. 
Vorsicht seines Kanzlers bestanden. Die Versuchung, in welcher 
sich Herr von Boetticher befand, den Reiz der Neuheit, welchen 
die monarchischen Aufgaben für den Kaiser hatten, und meine 
vertrauensvolle Müdigkeit in Geschäften zum Nachtheile meiner 
Stellung auszubeuten, wurde, wie ich höre, durch weibliches 
Rangstreben und in Baden durch gelangweiltes Einflußbedürfniß
        <pb n="59" />
        Intriguen des kaiserlichen Günstlings. 41 
  
gesteigert. Offiziöse Artikel, welche ich den wohlunterrichteten 
Federn meiner früheren Mitarbeiter zuschreibe, hoben als einen 
Anspruch Boetticher's auf meine Dankbarkeit hervor, daß der- 
selbe im Januar und Februar 1890 bemüht gewesen sei, zwischen 
dem Kaiser und mir zu vermitteln und mich für die kaiserlichen 
Ansichten zu gewinnen. In dieser, wie ich glaube, inspirirten 
Darstellung liegt das volle Eingeständniß der Fälschung der 
Situation. Die Amtspflicht des Herrn von Beoeetticher war 
nicht, an der Unterwerfung eines erfahrenen Kanzlers unter 
den Willen eines jugendlichen Kaisers zu arbeiten, sondern den 
Kanzler in seiner verantwortlichen Aufgabe bei dem Kaiser zu 
unterstützen. Hätte er sich an diese seine amtliche Aufgabe ge- 
halten, so würde er auch innerhalb der Grenzen seiner natür- 
lichen Befähigung geblieben sein, auf Grund deren er in seine 
Stellung berusen war. Seine Beziehungen zum Kaiser waren 
in meiner Abwesenheit intimer geworden als die meinigen, so 
daß er sich stark genug fühlte, meine, seines Vorgesetzten, amtliche 
und schriftliche Weisungen im Bewußtsein seines höheren Rück- 
halts ungausgeführt zu lassen. 
Daß er es nicht bloß auf die Gunst des Kaisers, sondern 
auch auf meine Beseitigung und seine Nachfolge in dem Minister- 
präsidium abgesehn hatte, schließe ich aus einer Reihe von 
Umständen, deren einige erst später zu meiner Kenmunuiß ge- 
kommen sind. Im Januar 1890 hat er dem Kaiser, und im 
Hause des Freiherrn von Bodenhausen gesagt, ich sei so wie so 
sest entschlossen abzugehen, und um dieselbe Zeit sagte er mir, 
der Kaiser unterhandle schon mit meinem Nachfolger. 
In den ersten Tagen des genannten Monats hatte er mich 
zum letzten Mal behufs Besprechung geschäftlicher Fragen in 
Friedrichsruh besucht. Wic ich später erfahren, hat er schon 
vorher dem Kaiser die Insinuation gemacht, ich sei durch über- 
mäßigen Morphiumgebrauch geschäftsunfähig geworden. Ob 
diese Andeutung dem Kaiser direct durch Boetticher oder durch
        <pb n="60" />
        42 Drittes Kapitel: Boetticher. 
  
Vermittlung des Großherzogs von Baden gemacht worden ist, 
habe ich nicht seststellen können; jedenfalls hat Se. Mazjestät 
meinen Sohn Herbert über diese Thatsache befragt und ist von 
diesem an den Professor Schweninger verwiesen worden, von 
welchem der Kaiser erfuhr, daß die Andeutung aus der Luft 
gegriffen sei. Leider hat die Lebhaftigkeit des Professors ver- 
hindert, die Unterhaltung bis zur vollständigen Aufklärung des 
Ursprungs der Verleumdung durchzuführen. Den Anlaß zu 
dieser kaiserlichen Ermittlung kann nur Herr von Beetticher 
aus Friedrichsruh gebracht haben, da andre persönliche Ver- 
bindungen zu jener Zeit nicht Statt gefunden haben. 
Schon bei jenem Besuche im Januar hatte er bei mir die 
Concessionen befürwortet, welche nachher das Thema zu den 
Variationen in den Kaiserlichen Erlassen vom 4. Februar bil- 
deten. 
Ich hatte denselben widersprochen, einmal weil ich nicht für 
nützlich hielt, daß dem Arbeiter gesetzlich verboten werde, zu 
bestimmten Zeiten und Gelegenheiten über seine und seiner 
Familienglieder Arbeitskräfte zu verfügen, dann aber auch, weil 
ich neue, die Zukunft der Arbeiter und der Arbeitgeber treffende 
Belastungen der Industrie scheute, solange ihre praktischen Con- 
sequenzen nicht mehr als bisher klargestellt wären. Außerdem 
schien mir nach den Vorgängen der Bergwerkstreiks von 1889, 
daß zunächst nicht der Weg der Concessionen, sondern der der 
Vertheidigung gegen socialdemokratische Ueberwucherungen zu 
betreten sei. Ich hatte vor und nach Weihnachten die Absicht, 
mich an den Verhandlungen über das Socialistengesetz zu be- 
theiligen und den Satz zu vertreten, daß die Socialdemokratic 
in höherem Grade wie gegenwärtig das Ausland eine Kriegs- 
gefahr für Monarchie und Staat involvire und als innere 
Kriegs= und Macht-, nicht als Rechtsfrage von staatlicher Seite 
angesehn werden müsse. Diese meine Auffassung war Herrn 
von Boetticher bekannt und durch ihn ohne Zweifel auch dem
        <pb n="61" />
        Sorialistengesetz und Concessionspolitik. 43 
  
Kaiser, und ich suche in dieser Kenntniß der Situation den 
Grund, aus welchem Se. Majestät meine Anwesenheit in Berlin 
nicht wünschte und mir den Ausdruck dieses Wunsches direct 
und indirect wiederholt zugehen ließ in Fassungen, die für mich 
den Charakter einer Allerhöchsten Weisung hatten. Eine schärfere 
Position, von mir als Kanzler öffentlich genommen, hätte dem 
Kaiser die entgegenkommende Haltung den Socialdemokraten 
gegenüber erschwert, für die er damals schon durch den Groß- 
herzog von Baden, Boetticher, Hinzpeter, Berlepsch, Heyden, 
Douglas gewonnen war und die in dem Kronrath vom 24. Ja- 
nuar ihren durch Herrn von Boetticher verlesenen, mich und andere 
Minister überraschenden Ausdruck fand. Wenn sich der Plan ver- 
wirklicht hätte, für den der Kaiser im Februar gestimmt war, 
den Se. Majestät aber, wie ich glaube unter badischem Einfluß, 
nach einigen Tagen wieder aufgab, der Plan, daß ich unter 
Rücktritt aus allen preußischen Aemtern Reichskanzler bliebe, 
so konnte Herr von Boetticher sich Hoffnung machen, preußjscher 
Ministerpräsident zu werden, da er die Geschäfte als Vicepräsi- 
dent in der Hand hatte. Damit wären er und seine Gemahlin 
in die erste Rangstufe, die sogenannte Feldmarschallsklasse auf- 
gerückt. Ich würde ihn freilich nicht zu dieser Stellung emp- 
fohlen haben. Ich fürchtete, daß aus den Vorgängen von 1889 
und der ermuthigenden Stimmung des Kaisers Unruhen folgen 
würden, und mit Rücksicht auf die liberalen Sympathien der 
Minister des Innern und des Krieges (Polizei und Militär) 
und die Apathie des Justizministers (Staatsanwälte) empfahl 
ich das Präsidium wenigstens in militärische Hände zu legen. 
Die Thatsache, daß Boetticher bei meinem Wiedereintritt in 
die ministeriellen Discussionen in allen Fragen, in welchen ihm 
die Abweichung meiner Ansichten von den ihm früher als mir 
mitgetheilten kaiserlichen bekannt war, als Advokat des kaiser- 
lichen Willens mich in Gegenwart Sr. Majestät und in dem 
Staatsministerium bekämpfte, war für meine politische, ich möchte
        <pb n="62" />
        44 Drittes Kapitel: Boetticher. 
  
sagen geschichtliche Auffassung ein erfreuliches Symptom der 
Stärke, zu welcher die königliche Macht seit 1862 wieder ge— 
diehen war. Der Minister, welcher auf meine Bitte mir zum 
Beistande ernannt war, übernahm die Führung der Opposition 
im Ministerium gegen mich, sobald er glauben konnte, sich in 
der kaiserlichen Gunst dadurch zu befestigen, und führte meinen 
sachlichen Bedenken gegenüber ausschließlich die Replik ins Feld, 
wir hätten die kaiserlichen Wünsche zu erfüllen, wir müßten 
etwas zu Stande bringen, um Se. Majestät zu befriedigen.
        <pb n="63" />
        Viertes Kapitel. 
Herrfurth. 
Bei seiner Thronbesteigung war der Kaiser entschlossen, den 
von seinem Vater auf dem Todbene entlassenen Mimster des 
Innern von Puttkamer wieder in sein Amt zu berufen; nur 
des Decorums wegen sollte die Wiederanstellung nicht zu schnell 
auf die Entlassung, und den Tod des Kaisers Friedriuch, folgen. 
In seinem Aufstrage wurde von mir Herrn Herrfurth das 
Ministerium des Innern unter der Bedingung angeboten, daß 
er dasselbe gegen ein Oberpräsidium, womöglich Coblenz, ver- 
tauschen sollte, sobald der Kaiser den Zeitpunkt für gekommen 
halten würde, Herrn von Putikamer wieder zu berufen. Herr- 
furth erklärte sich dazu bereit mit dem Bemerken, daß er die 
Politik Puttkamer's in der Zwischenzeit genau fortführen werde. 
Nachdem er auf diese Weise am 2. Juli 1888 interimestischer 
Minister geworden war, hatte er an das Reformbedürmiß Sr. 
Majestät das Bestreben angeknüpft, aus dem Interimisticum 
ein Definitivum zu machen. Ich war überrascht, von dem 
Kaiser, als ich ihm vortrug, daß die Zeit zur Wiederanstellung 
Puttkamers gekommen schiene, die Antwort zu erhalten, er 
habe sich nun schon an „Rübezahl“ gewöhnt und wolle ihn be- 
halten. 
Wodurch hatte nun Rübezahl die frühere Antipathie so 
überwunden, daß er Herrn von Puttkamer vorgezogen wurde, 
dessen restitutio in integrum der Kaiser bedungen haue? Zch 
darf annehmen, daß die Aussicht, auf dem Gebiete der Land- 
gemeindeordnung ein dringendes Bedürfniß unter Zustimmung 
aller Interessenten zu befriedigen und eine allgemem empfun-
        <pb n="64" />
        46 Viertes Kapitel: Herrfurth. 
  
dene Bedrückung durch Reste seudaler Einrichtungen zu be- 
seitigen, die Unterlage der kaiserlichen Gunst war. 
Herrfurth hatte mir schon vor seinem Eintritte in das 
Ministerium von der Absicht einer Reform der Landgemeinde- 
ordnung in den alten Provinzen gesprochen, und ich hatte ihn 
dringend gebeten, diese Frage ruhn zu lassen: die Landbevöl- 
kerung der alten Provinzen lebe in tiefem Frieden mit ein- 
ander, Niemand fühle ein Bedürfniß der Aenderung mit Aus- 
nahme etwa der Dörfer, welche Stadtcharakter angenommen 
hätten, meistens Vororte großer Städte; die große Masse 
der ländlichen Bevölkerung lebe in der jetzigen bäuerlichen 
Dorfverfassung in Ruhe und Frieden, und auch zwischen Guts- 
und Dorfgemeinden herrsche nicht nur Eintracht, sondern auch 
auf beiden Seiten Abneigung gegen Aenderungen. Ich bat 
dringend, die bestehende Eintracht auf dem Lande nicht durch 
Hineinwersen von theoretischen Zankäpfeln zu stören, durch An- 
regung unlösbarer Principienfragen Kämpfe hervor zu rufen, 
zu denen bisher kein sachlicher Anlaß gewesen. 
Herrfurth entgegnete, daß allerdings Anlaß vorhanden sei 
in der Existenz von „Zwerggemeinden“, die außer Stande seien, 
ihre Pflichten als Gemeinden zu erfüllen. Ich bestritt, daß da- 
mit das Bedürfniß zu einer grundstürzenden Umwälzung be- 
wiesen sei, die an das Jahr 1848 mit seiner Verfassungs- 
macherei und Neuregulirung aller Lebensverhältnisse erinnerte. 
Nach dieser Auseinandersetzung mit meinem Collegen und 
nach vertraulichen Besprechungen der Frage, die im Winter 
1888—1889 Statt gefunden hatten, war ich überrascht, als ich den 
Besuch einer Deputation von Schönhauser Bauern erhielt, welche 
mir von dem Landrathe erhaltene lithographirte Fragebogen 
vorlegten, aus denen die Absicht der Regirung zu entnehmen 
war, die Zustände unfrer Landgemeinden principiell neu zu ge- 
stalten. Zu ihrer lebhaften Befriedigung konnte ich ihnen sagen, 
daß ich, solange ich Minister sei, solchen Plänen nicht zustim-
        <pb n="65" />
        Reform der Landgemeindeordnung. 17 
  
men würde und auch nicht glaubte, daß dieselben Aussicht auf 
die Genehmigung Sr. Majestät haben würden. Durch Erkun- 
digung in anderen Provinzen erfuhr ich, daß auch dort durch 
Metallogramme der Behörden dieselben vorbereitenden Ermitt- 
lungen bei den Bauergemeinden Statt gefunden hatien. 
Als ich Herrfurth sagte, ich hätte nach unfren Besprechungen 
nicht glauben können, daß er mit seinem Reformplanc unbeirrt 
und ohne Einverständniß des Staatsministeriums vorgehen 
würde, erhielt ich abschwächende und ausweichende Antworten 
der Art, daß schon damals der Verdacht in mir aufstieg, mein 
College habe sich hinter meinem Rücken des kaiserlichen Ein- 
verständnisses mit seinen Bestrebungen versichert, und daß die 
Aussicht auf eine große Wirkung der bezeichneten Resorm ihm 
das Mittel gewesen sei, die Gunst des Kaisers zu gewinnen 
und die definitive Ministerstellung zu erreichen. Wenn er nicht 
schon damals kaiserlicher Rückendeckung sich bewußt gewesen 
wäre, so wäre er schwerlich gegen meine und des Staats- 
ministeriums ihm bekannte Ueberzeugung soweit vorgegangen, 
wie ich durch meine Erkundigung erfuhr. ) 
X) Die Landgemeindeordnung wurde am 24. April 1891 von dem 
Abgeordnetenhause mit 327 gegen 23 Stimmen angenommen und Herr- 
furth darüber durch ein Telegramm des Kaisers aus Eisenach beglück- 
wünscht. Das Herrenhaus gab einem Paragraphen eine andere Fas- 
sung, die am 1. Juni von dem Abgeordnetenhause mit 206 Summen 
gegen 99 conservative andenommen wurde.
        <pb n="66" />
        Fünftes Kapitel. 
Der Kronrath vom 24. Januar. 
Wann der Gedanke, mich zu beseitigen, in dem Kaiser ent- 
standen, wann zum Entschlusse gereift ist, kann ich nicht wissen. 
Der Gedanke, daß er den Ruhm seiner deremstigen Regirung 
mit mir nicht theilen werde, war ihm schon als Prinzen nahe 
gebracht und eingängig geworden. Es war natürlich, daß an 
den künftigen Thronerben, solange derselbe in der zugänglichen 
Stellung eines jungen Offiziers war, sich Streber nestelten, die 
man ihrer Zeit mit einem Berolimsmus als „Militär= und 
Civilschuster“ bezeichnete. Je näher die Wahrscheinlichkeit rückte, 
daß der Prinz bald nach seines Großvaters Tode zur Regirung 
kommen werde, desto lebhafter wurden die Bestrebungen, den 
zukünftigen Kaiser für persönliche und Parteizwecke zu gewinnen. 
Gegen mich ist schon vorher die von Graf Waldemee angebrachte, 
wohlberechnete Phrase dabei ausgenutzt worden: wenn Friedrich 
der Große einen solchen Kanzler gehabt hätte, so wäre er nicht 
der Große geworden. 
Die Verstimmung, welche durch die Stöcker'sche Sache in 
den brieflichen Verkehr des Prinzen Wilhelm mit mir gekommen 
war (Brief desselben vom 14. Januar 1888) verzog sich wieder, 
wenigstens äußerlich. Auf dem Diner, welches ich am 1. April 
1888 gab, brachte der inzwischen Thronfolger gewordne Prinz 
einen Toast auf mich aus, in welchem er nach dem von der 
„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ als authentisch gegebenen 
Texte sagte: 
„Um mich eines militärischen Bildes zu bedienen, so sehe 
ich unsere jetzige Lage an wie ein Regiment, das zum Sturm
        <pb n="67" />
        Kaiser und Kanzler bis zum Herbst 1889. 49 
  
schreitel. Der Regimentscommandeur ist gefallen, der nächste 
im Commando reitet, obwohl schwer getrossen, noch kühn voran. 
Da richten sich die Blicke auf die Fahne, die der Träger hoch 
emporschwenkt. So halten Ew. Durchlaucht das Reichspanier 
empor. Möge es, das ist unser innigster Herzenswunsch, Ihnen 
noch lange vergönnt sein, in Gemeinschaft mit unserem geliebten 
und verehrten Kaiser das Reichsbanner hochzuhalten. Gott segne 
und schütze denselben und Ew. Durchlaucht!“ 
Am 1. Januar 1889 erhielt ich solgendes Schreiben: 
„Lieber Fürst! Das Jahr, welches uns so schwere Heim- 
suchungen und unersetzliche Verluste gebracht hat, geht zu Ende. 
Mit Freude und Trost zuglelch erfüllt Mich der Gedanke, daß 
Sie Mir treu zur Seite stehen und mit frischer Kraft in das 
neue Jahr eintreten. Von ganzem Herzen erflehe Ich für Sie 
Glück, Segen und vor allem andauernde Gesundheit und hosse 
zu Gott, daß es Mir noch recht lange vergönnt sein möge, mit 
Ihnen zusammen für die Wohlfahrt und Größe unseres Vater- 
landes zu wirken. 
Wilhelm. I. R.“ 
Bis zum Herbst waren keine Symptome einer Sinnesände- 
rung bemerkbar; aber im October bei der Anwesenheit des 
Kaisers von Rußland war Se. Majestät überrascht darüber, 
daß ich den beabsichtigten zweiten Besuch in Rußland wider- 
rieth, und gab durch sein Verhalten gegen mich eine Verstim- 
mung zu erkennen. Der Vorgang wird seinen rechten Platz 
in einem späteren Abschnitt finden &amp;). Einige Tage später trat 
der Kaiser die Reise nach Constantinopel an, von welcher er 
aus Messina, Athen und den Dardanellen freundliche Telegramme 
über seine Eindrücke an mich sandte. Jedoch ist es später zu 
meiner Kennmiß gekommen, daß er im Auslande „Juviel von 
) Vergl. S. 144. 
Olto Zursi von Bismarck, Gedanken und Erlnnerungen. III. 4
        <pb n="68" />
        50 Fünftes Kapitel: Der Kronrath vom 24. Januar. 
  
dem Kanzler“ hatte sprechen hören. Eine etwaige Verstimmung 
darüber wurde durch berechnete Witzworte meiner Gegner ge- 
steigert, in denen unter anderm von der Firma Bismarck und 
Sohn die Rede war. 
Ich war inzwischen, am 16. October, nach Friedrichsruh 
gegangen. In meinem Alter hing ich um meiner selbst willen 
nicht an meiner Stelle, und wenn ich die baldige Trennung 
vorhergesehen hätte, so würde ich sie für den Kaiser bequemer 
und für mich würdiger herbeigeführt haben. Daß ich sie nicht 
vorhergesehen habe, beweist, daß ich trotz vierzigjähriger Uebung 
kein Höfling geworden war und die Politik mich mehr in An- 
spruch nahm als die Frage meiner Stellung, an welche mich nicht 
Herrschsucht und Ehrgeiz, sondern nur mein Pflichtgefühl fesselte. 
Im Laufe des Januars 1890 kam es zu meiner Kenntniß, 
wie lebhaft der Kaiser sein Interesse der sogenannten Arbeiter- 
schutzgesetzgebung zugewandt und daß er sich darüber mit dem 
Könige von Sachsen und dem Großherzoge von Baden be- 
nommen hatte, die zur Beisetzung der Kaiserin Augusta nach 
Berlin gekommen waren. In Sachsen waren die Bestimmungen, 
welche unter der genannten Rubrik den Reichstag und den 
Bundesrath beschäftigt hatten, das heißt gesetzliche Beschränkung 
der Frauen-, Kinder= und Sonntagsarbeit, zum Theil bereits 
vor längerer Zeit eingeführt und von verschiednen Industrien 
unbequem empfunden worden. Die sächsische Regirung wollte 
der zahlreichen Arbeiterbevölkerung gegenüber nicht ihre eigenen 
Anordnungen selbst reformiren; die betheiligten Industriellen 
drückten auf sie mit dem Wunsche, daß im Wege der Reichs- 
gesetzgebung eine Revision der sächsischen Einrichtungen herbei- 
geführt oder die Unbequemlichkeit derselben für das ganze Reich, 
also für alle deutschen Concurrenten verallgemeinert werden 
möge, und der König hatte ihnen in soweit nachgegeben, daß 
die sächsischen Vertreter im Bundesrathe im Sinne des so- 
genannten Arbeiterschutzgesetzes thätig wurden, für welches nach
        <pb n="69" />
        Die sogenannte Arbeiterschutzgesetzgebung. 51 
  
und nach alle Parteien im Reichstage, um Stimmen der Wähler 
zu gewinnen oder doch nicht zu verlieren, sich in Resolutionen 
ausgesprochen hatten. Für die bundesräthliche Bürokratie lag 
in den wiederholten Resolutionen des Reichstags ein Druck, dem 
sie bei ihrem Mangel an Fühlung mit dem praktischen Leben 
nicht widerstand. Die Mitglieder der betreffenden Ausschüsse 
glaubten ihren Ruf als Menschenfreunde zu schädigen, wenn sie 
nicht in die von England ausgehenden humanitären Phrasen 
einstimmten. Auch das gewichtige bairische Votum war nicht 
von Vorgesetzten instruirt, welche die Verantwortlichkeit für den 
Schein antihumaner Bestrebungen zu übernehmen geneigt 
waren. Ich veranlaßte, daß die Resolutionen des Reichstags 
im Bundesrathe unbeachtet blieben. Es war unter diesen Um- 
ständen für Herrn von Boetticher eine leichte und dankbare 
Aufgabe, im Verkehr mit seinen bundesräthlichen Collegen 
meine Ansicht zu kritisiren anstatt sie zu vertreten. Meine lange 
Abwesenheit von Berlin brachte ihn in die Lage, dasselbe dem 
Kaiser gegenüber zu thun und, wenn er ihm in meiner Ver- 
tretung Vortrag zu halten hatte, meinen Eigensinn als das 
Hinderniß auf dem Wege des Kaisers zur Popularität zu be- 
zeichnen. 
Es widerstrebte meiner Ueberzeugung und Ersahrung, in 
die Unabhängigkeit des Arbeiters, in sein Erwerbsleben und in 
seine Rechte als Familienhaupt so tief einzugreifen wie durch 
ein gesetzliches Verbot, seine und der Seinigen Arbeitskräfte 
nach eignem Ermessen zu verwerthen. Ich glaube nicht, daß 
der Arbeiter an sich dankbar dafür ist, daß man ihm verbietet, 
Geld zu verdienen an Tagen und in Stunden, wo er dazu ge- 
neigt ist, wenn auch ohne Zweifel von den Führern der Socia- 
listen diese Frage zu einer erfolgreichen Agitation benutzt wird, 
mit der Vorspiegelung, daß die Unternehmer auch für die ver- 
kürzte Arbeitszeit den unverkürzten Lohn zu zahlen im Stande 
seien. Mit dem Verbote der Sonntagsarbeit habe ich bei per-
        <pb n="70" />
        52 Fünftes Kapitel: Der Kronrath vom 24. Januar. 
  
sönlicher Erkundigung die Arbeiter stets nur dann einverstanden 
gesunden, wenn ihnen zugesichert werden konnte, daß der Wochen- 
lohn für sechs Arbeitstage ebenso hoch sein werde wie früher 
für sieben. Mit dem Verbote oder der Beschränkung der Arbeit 
Nicht-Erwachsener waren die Eltern der von der Arbeit Aus- 
zuschließeenden nicht einverstanden, und unter den Nicht-Erwach- 
senen nur Individuen von bedenklicher Lebensrichtung. Die 
Ansicht, daß der Arbeiter von dem Arbeitgeber dauernd ge- 
zwungen werde, auch gegen seinen Willen zu bestimmten Zeiten 
zu arbeiten, kann bei der heutigen Eisenbahnverbindung und 
Freizügigkeit doch nur ausnahmsweise bei ganz besondren Ar- 
beits= und Communications-Verhältnissen richtig sein, schwerlich 
in der Ausdehnung, daß ein die Gesammtheit treffender Eingriff 
in die persönliche Freiheit dadurch gerechtsertigt erschiene. Bei 
den Streiks hatten diese Fragen keine Rolle gespielt. 
Wie dem auch sei, Thatsache ist, daß der König von Sachsen 
trotz allem Wohlwollen für mich auf die kaiserlichen Auffassungen 
in einer Richtung eingewirkt hat, welche der von mir seit Jahren, 
namentlich in der Rede vom 9. Mai 1885 über die Sonmtags- 
ruhe vertretenen entgegengesetzt war. Daß sich an diesen Aus- 
gangspunkt mein Ausscheiden aus dem Dienste knüpfen würde, 
hatte er nicht erwartet und bedauerte dieses Ergebniß. Dasselbe 
hätte sich auch schwerlich daran geknüpft, wenn nicht durch den 
Einfluß des Großherzogs von Baden und der Minister Boet- 
ticher, Verdy, Herrfurth und Andrer die kaiserliche Stimmung 
ohnehin soweit bearbeitet gewesen wäre, daß Se. Majestät über- 
zeugt war, mein seniler Eigensinn sei ein Hinderniß für sein 
Streben, die öffentliche Meinung zu gewinnen und die Gegner 
der Monarchie in Anhänger derselben zu verwandeln. 
Am 8. Januar trat der Reichstag wieder zusammen. Schon 
vor und bald nach Weihnachten hatte der Kaiser mir in einer 
Weise, die für mich einem Befehle gleich kam, empfohlen, ich 
möge nicht zu der Session nach Berlin kommen. Am 23.
        <pb n="71" />
        — 
Fernhallung von Verlin. Ministersitzung. 53 
  
Morgens, zwei Tage vor dem Schlusse des Reichstags, tele- 
graphirte mir Boetticher, der Kaiser habe ihm durch einen Ad- 
jutanten sagen lassen, daß am solgenden Tage um 6 Uhr Kron- 
rath sein solle, und antwortete auf meine Rückfrage, was der 
Gegenstand der Berathung sein werde, er wisse das nicht. 
Mein Sohyn, durch mich von meiner Correspondenz mit Boetticher 
unterrichtet, begab sich Nachmittags zu dem Kaiser und erhielt 
auf seine Frage nach dem Zweck des Conseils die Antwort, 
Se. Majestät wolle dem Ministerium seine Ansicht über die 
Arbeiterfrage darlegen und wünsche, daß ich dazu komme. Auf 
die Bemerkung meines Sohnes, er erwarte mich schon am 
Abend des laufenden Tages, sagte der Kaiser, ich möge lieber 
erst um Mittag des solgenden Tages eintreffen, damit ich nicht 
en demeure gesetzt würde, noch im Reichstage zu erscheinen, da 
eine Aeußerung meiner von der Majorität abweichenden Ansicht 
das Cartell gefährden könne — es ist hinzuzudenken: und mit 
den Allerhöchsten Intentionen unverträglich sein werde. 
Ich traf am 24. gegen 2 Uhr Nachmittags ein. Um 3 fand 
eine von mir berufene Ministersitzung statt. Herr von Boet- 
ticher gab keine Andeutung, daß er über die Absichten des 
Kaisers Näheres wisse, und auch die übrigen Minister ergingen 
sich nur in Vermuthungen. Ich schlug vor und fand Einver- 
ständniß darüber, daß wir den kaiserlichen Eröffnungen gegen- 
über, wenn sie einschneidend sein sollten, uns vorläufig receptiv 
verhalten wollten, um sie demnächst in vertraulicher Besprechung 
unter uns zu discutiren. Der Kaiser hatte mich eine halbe 
Stunde früher als die übrigen Minister, auf 51½ Uhr, bestellt, 
woraus ich schloß, daß er die beabsichtigte Eröffnung vorher 
mit mir besprechen wolle. Darin irrte ich mich; er gab mir 
keine Andeutung dessen, was berathen werden sollte, und machte 
mir, als das Conseil zusammengetreten war, den Eindruck, als 
ob er eine für uns freudige Ueberraschung im Sinne habe. Er 
legte zwei ausführliche Elaborate vor, das eine eigenhändig, das
        <pb n="72" />
        54 Fünftes Kapitel: Der Kronrath vom 24. Januar. 
  
andere nach seinem Dictat von einem Adjutanten geschrieben, beide 
socialistischen Forderungen Erfüllung verheißend. Das eine ver- 
langte die Redaction und Vorlage eines in begeisterter Sprache 
gehaltenen, zur Veröffentlichung bestimmten Allerhöchsten Erlasses 
im Sinne der Elaborate. Der Keiser ließ dieselben durch Boet- 
ticher vorlesen, der mit dem Texte vertraut zu sein schien. Für 
mich war derselbe überraschend, nicht sowohl wegen seiner ge- 
schäftlichen Tragweite — in dieser Beziehung hatte ich den Ein- 
druck, daß sich Redactionen, welche den Kaiser befriedigten, 
finden lassen würden — als wegen der praktischen Ziellosigkeit 
des Elaborats und wegen des Anspruchs auf Schwunghaftig= 
keit; diese konnte die Wirkung der angekündigten Schritte nur 
abschwächen und drohte die ganze Sache im Sande volks- 
beglückender Redensarten verlaufen zu lassen. 
Noch überraschender war die offne und schriftliche Erklä- 
rung des Monarchen vor seinen sachkundigen und verfassungs- 
mäßigen Rathgebern, daß die Kundgebung auf den Informa- 
tionen und Rathschlägen von vier Männern beruhe, welche der 
Kaiser als Autoritäten bezeichnete und namhaft machte. Es 
waren dies der Geheimerath Hinzpeter, ein Schulmann, der die 
Reste seines Ansehns als Lehrer seinem früheren Zöglinge 
gegenüber mit Ueberhebung und Ungeschick ausbeutete, mit sorg- 
fältiger Vermeidung jeder Verantwortung; zweitens der Graf 
Douglas, ein glücklicher und reicher Speculant in Bergwerken, 
welcher das Ansehn, das ein großes Vermögen verleiht, durch 
den Glanz einer einflußreichen Stellung bei dem Souverän zu 
erhöhen bestrebt ist, zu diesem Behufe mit einer geläufigen und 
anerkennenden Gesprächigkeit sich politische oder doch wirthschaft- 
lich politische Beziehungen zu dem Kaiser verschafft hat und 
durch freundlichen Verkehr mit den kaiserlichen Kindern zu er- 
halten sucht, von dem Kaiser zum Grafen gemacht; drittens der 
Maler von Heyden, ein sich leicht bewegender Gesellschafts- 
mann, der, vor 30 Jahren Bergwerksbeamter eines schlesischen
        <pb n="73" />
        Die Elaborate des Kaisers. Seine Autoritäten. 55 
  
Magnaten, heut in den bergmännischen Fachkreisen für einen 
Maler und in den künstlerischen für einen Bergmann gilt. 
Derselbe hatte, wie uns mitgetheilt wurde, seinen Einfluß bei 
dem Kaiser weniger auf eignes Urtheil als auf seinen Verkehr 
mit einem alten Arbeiter aus dem Wedding begründet, welchen 
er als Modell für Bettler und Propheten benutzte und aus 
dessen Unterhaltung er zugleich Material für legislatorische An- 
regungen an höchster Stelle schöpfte. 
Die vierte Autorität, welche der Kaiser seinen Räthen gegen- 
über geltend machte, war der Oberpräsident von Berlepsch in 
Coblenz, der durch seine arbeiterfreundliche Haltung während 
der Streiks von 1889 die Aufmerksamkeit des Kaisers auf sich 
gezogen hatte und in directe Verbindung mit ihm getreten war, 
die für mich, den vorgesetzten Ressortminister, ebenso ein Ge- 
heimniß geblieben war wie die Verbindung des Herrn von 
Boetticher in Betreff derselben Frage und die des Herrn Herr- 
furth in Betreff der Landgemeindeordnung. 
Nach erfolgter Verlesung erklärte Se. Majestät, er habe 
den Geburtstag des großen Königs für diesen Kronrath ge- 
wählt, weil der letztere einen hochbedeutenden neuen historischen 
Ausgangspunkt geben werde, und er wünsche die Redaction 
des in dem einen Elaborat bezeichneten Erlasses so beschleunigt 
zu sehen, daß die Veröffentlichung an seinem eigenen Geburts- 
tage (27.) erfolgen könne. Alle das Wort nehmenden Minister 
erklärten es für unthunlich, in einer so schwierigen Materic 
Berathung und Redaction sofort zu Ende zu bringen. Ich 
warnte vor den Folgen: die Steigerung der Erwartungen und 
der niemals zu befriedigenden Begehrlichkeit der socialistischen 
Klassen werde das Königthum und die Regirungsgewalt auf 
abschüssige Bahn treiben; Sc. Majestät und der Reichstag 
sprächen von Arbeiter schutz, es handle sich aber in der Tat 
um Arbeiterzwang, um den Zwang, weniger zu arbeiten; ob 
der Ausfall in den Einnahmen des Familienhauptes den Unter-
        <pb n="74" />
        50 Fünftes Kapitel: Der Kronraih vom 21. Januar. 
  
nehmern gewaltsam ausgebürdet werden könne, sei fraglich, weil 
Industrien, welche 1.1/ 0% Arbeit durch die Sonntagsruhe ver- 
lören, vielleicht nicht bestandfähig bleiben und die Arbeiter 
schließlich ihren Erwerb verlieren würden. Ein Kaiserlicher Er- 
laß in dem gewollten Sinne würde die bevorstehenden Wahlen 
schädigen, weil er die Besitzenden erschrecken, die Socialisten 
ermuthigen werde. Eine Mehrbelastung der Productionskosten 
würde nur dann möglich sein und auf die Consumenten ab- 
gebürdet werden können, wenn die anderen großen Industrie- 
staaten gleichmäßig verführen. 
Se. Majestät wollte diese Ansicht nicht gelten lassen, erklärte 
sich aber schließlich damit einverstanden, daß seine Vorlagen 
zunächst im Staatsministerium berathen würden. 
Das bevorstehende Ende der Reichstagssession stellte die 
Erneuerung des im Herbst ablaufenden Socialistengesetzes zur 
Frage. In der Commission, in welcher die Nationalliberalen 
den Ausschlag gaben, war aus der Vorlage des Bundesrathes 
die Ausweisungsbefugniß gestrichen worden; es fragte sich also, 
ob die verbündeten Regirungen in diesem Punkte nachgeben 
oder ob sie daran festhalten wollten auf die Gefahr hin, daß 
kein Gesetz zu Stande käme. Für mich unerwartet und im 
Gegensatz zu meinen für ihn maßgebenden Instructionen schlug 
Herr von Boetticher vor, am folgenden Tage in der letzten 
Sitzung des Reichstags eine Kaiserliche Erklärung einzubringen, 
durch welche die Vorlage im Sinne der Nationalliberalen ab- 
gemindert, das heißt auf die Ausweisungsbefugniß freiwillig 
verzichtet würde — was verfassungsmäßig nicht ohne vorgängige 
Zustimmung des Bundesrathes geschehen konnte. Der Kaiser 
trat sofort dem Vorschlage bei. 
Ein definitiver Beschluß des Reichstags lag noch nicht vor, 
nur ein solcher zweiter Lesung und der Bericht über die Ver- 
handlungen der Commission, nach welchem die unveränderte 
Annahme des Gesetzes nicht zu erwarten war. Wie ich seit Jahr-
        <pb n="75" />
        Debatte. Frage der Erneuerung des Socialistengesetzes. 57 
  
zehnten gegen die Neigung von Commissarien und Ministern, 
die Regirungsvorlagen im Lause von Commissionsverhand- 
lungen und unter Coulisseneinflüssen der Fractionsführer zu 
ändern und abzuschwächen, gekämpft hatte, so erklärte ich auch 
in diesem Falle, daß die verbündeten Regirungen sich die Zu- 
kunft erschweren würden, wenn sie schon jetzt die Flagge streichen 
und ihre eigene Vorlage verstümmeln wollten. Thäten sie das, 
so würde den im neuen Reichstag nöthig werdenden verschärften 
Vorlagen die soeben von Boetticher befürwortete nur wenige 
Wochen alte Erklärung der Regirungen entgegenstehen, daß sie 
auch ohne den Ausweisungs-Paragraphen auskommen könnten. 
Ich verlangte daher, daß der Beschluß des Plenums abgewartet 
werde; wenn derselbe ein unzulängliches Gesetz ergebe, so sei es 
geboten, auch dieses anzunehmen; träte aber jetzt durch Ab- 
lehnung ein Vacuum ein, so müsse, wenn nicht ausgelöst werden 
sollte, der schließlich zu gewärtigende Anlaß zu ernsterem Ein- 
greisen abgewartet werden. Wir würden so wie so dem nächsten 
Reichstage ein schärferes Gesetz vorlegen müssen. Der Kaiser 
protestirte gegen das Experiment mit dem Vacuum: er dürse 
es im Anfange seiner Regirung keinenfalls zu einer Situation 
kommen lassen, in der Blut fließen könnte; das würde ihm nie 
verziehen werden. Ich entgegnete, ob es zu Aufruhr und Blut- 
vergießen käme, hinge nicht von Sr. Majestät und unsern Ge- 
setzesplänen ab, sondern von den Revolutionären, und ohne 
Blut würde es schwerlich abgehn, wenn wir nicht mehr, als 
ohne Gefahr zulässig, nachgeben und irgendwo standhalten 
wollten. Je später der Widerstand der Regirung einträte, desto 
gewaltsamer werde er sein müssen. 
Die übrigen Minister außer Boetticher und Herrsurth 
sprachen sich, zum Theil mit ausführlicher Motivirung, in mei- 
nem Sinne aus. Da der Kaiser, sichtlich verstimmt durch die 
negative Votirung der Minister, noch einmal darauf zurückkam, 
vor dem Reichstage zu capituliren, so sagte ich, es sei meine
        <pb n="76" />
        58 Fünftes Kapitel: Der Kronrath vom 24. Junuar. 
  
Pflicht, auf Grund meiner Sachkenntniß und Erfahrung davon 
abzurathen. Bei meinem Eintritt 1862 sei die Königliche Ge- 
walt in einer schwachen Stellung gewesen; die Abdication des 
Königs, mit der Undurchführbarkeit seiner Ueberzeugung mo- 
tivirt, habe vorgelegen; seitdem sei 28 Jahre lang die Königliche 
Gewalt in Macht und Ansehn ununterbrochen gestiegen; der 
von Boetticher angeregte freiwillige Rückzug im Kampfe gegen 
die Socialdemokratie werde der erste Schritt bergab auf dem 
bisher aufsteigenden Wege sein, in der Richtung auf eine vor- 
läufig bequeme, aber gefährliche Parlamentsherrschaft. „Wenn 
Se. Majestät meinem Rathe keine Bedeutung beilege, so wisse 
ich nicht, ob ich dann noch an meinem Platze sei.“ Auf diese 
Erklärung sagte der Kaiser, von mir ab und gegen Beetticher 
gewandt: „Dadurch werde ich in eine Zwangslage versetzt.“ 
Ich selbst habe diese Worte nicht verstanden, sie sind mir aber 
von meinen links vom Kaiser sitzenden Collegen später mitgetheilt 
worden. 
Schon wegen der Stellung, welche der Kaiser im Mai 1889 
zu den Streiks der Bergleute nahm, hatte ich befürchtet, daß 
ich auf diesem Gebiete nicht würde mit ihm einig bleiben können. 
Zwei Tage bevor er am 14. Mai 1889 die Deputirten der 
streikenden Bergleute empfing, war er unangemeldet in der 
Sitzung des Staatsministeriums erschienen und hatte erklärt, 
daß er meine Ansichten über die Behandlung des Streiks nicht 
theile. „Die Unternehmer und Actionäre müßten nachgeben, 
die Arbeiter seien seine Unterthanen, für die er zu sorgen habe; 
wollten die industriellen Millionäre ihm nicht zu Willen sein, 
so würde er seine Truppen zurückziehen; wenn dann die Villen 
der reichen Besitzer und Directoren in Brand gesteckt, ihre 
Gärten zertreten würden, so würden sie schon klein werden.“ 
Meinen Einwand, daß die Besitzenden doch auch Unterthanen 
seien, die auf den Schutz des Landesherrn Anspruch hätten, 
überhörte Se. Majestät und sagte in Erregung, wenn keine
        <pb n="77" />
        Standpunkt des Kaisers. Absolutismus. 59 
  
Kohlen gefördert würden, so sei unfre Marine wehrlos; wir 
könnten die Armee nicht mobil machen, wenn Kohlenmangel 
den Aufmarsch per Bahn hindere, wir seien in einer so prekären 
Lage, daß er jetzt gleich den Krieg erklären würde, wenn er 
Rußland wäre. 
Ideal Sr. Majestät schien damals populärer Absolutismus 
zu sein. Seine Vorfahren haben die Bauern und die Bürger 
emancipirt; würde eine analoge Emancipation der Arbeiter auf 
Kosten der Arbeitgeber heut in einer analogen Entwicklung 
verlaufen wie die halbhundertjährigen legislativen Arbeiten, aus 
denen die Regulirung der Bauern und die Städteordnung her- 
vorgingen? 
Die französischen Könige verschafften sich durch Ausspielen 
der Stände gegen einander den Absolutismus, der von Lud- 
wig XIV. bis Ludwig XVI. Grundgesetz des Staates war, aber 
kein haltbares Fundament. Unbeschränktheit des Königlichen 
Willens bestand unter Friedrich Wilhelm I., ruhte aber nicht 
auf freiwilliger und wandelbarer Popularität in den Massen 
der Bevölkerung, sondern auf dem damals noch nicht angekrän- 
kelten monarchischen Sinne aller Stände und auf der jedem 
Widerstand überlegnen Militär= und Polizeimacht, ohne Parla- 
ment, Presse, Vereinsrecht. Friedrich Wilhelm l. schickte den, der 
ihm widersprach, „in die Karre“ oder ließ ihn hängen (Schlubuth), 
und Friedrich II. schickte das Kammergericht nach Spandau. 
Die ultima ratio fehlt dem heutigen Königthume, und auf 
Acclamation der Massen würde sich eine absolute Königliche 
Gewalt auch dann nicht begründen lassen, wenn deren Lebens- 
ansprüche noch ebenso bescheiden wären wie zur Zeit Friedrich 
Wilhelm's I. In Dänemark gelang 1665 das Königsgesetz 
und blieb lange Zeit haltbar; aber damals kam es nur darauf 
an, den Widerstand einer kleinen Minorität, des Adels, zu 
brechen, nicht die wirthschaftliche Existenz der gewerbtreibenden 
Klassen. —
        <pb n="78" />
        60 Fünftes Kapitel: Der Krourath vom 24. Januar. 
  
Die ausständischen Arbeiter würden natürlich in ihren An- 
sprüchen bestärkt durch den Glauben, daß die Haltung der 
höchsten Staatsgewalt ihnen günstig sei. Dazu kam die Ueber- 
einstimmung der Reichstagsfractionen im Wettkriechen vor dem 
wählenden Arbeiter auf dem Gebiete der angeblichen Schutz- 
gesetzgebung. Ich hielt die letztere angebrachtermaßen für schäd- 
lich und für eine Quelle von künftigen Unzufriedenheiten, ihre 
Tragweite aber nicht für bedeutend genug, um 1889 dem Kaiser 
gegenüber eine Cabinetsfrage daraus zu machen. 
Die Gründe, welche in meinem politischen Gewissen gegen 
meinen Rücktritt sprachen, lagen auf anderen Gebieten, nament- 
lich auf dem der auswärtigen Politik sowohl unter dem Ge- 
sichtspunkt des Reiches als unter dem der deutschen Politik 
Preußens. Das Vertrauen und die Autorität, welche ich mir 
in einer langen Dienstzeit bei ausländischen und bei deutschen 
Höfen erworben hatte, vermochte ich nicht auf Andere zu über- 
tragen; dieser Besitz muste bei meinem Ausscheiden dem Lande 
und der Dnynastie verloren gehen. Ich hatte in schlaflosen 
Nächten Zeit genug, diese Frage in meinem Gewissen zu er- 
wägen, und kam zu der Ueberzeugung, daß es für mich eine 
Ehrenpflicht sei, auszuharren, und daß ich die Verantwortlichkeit 
und die Initiative zu meinem Ausscheiden nicht auf mich nehmen 
dürfe, sondern dem Kaiser überlassen müsse. Ich wollte sie ihm 
aber nicht erschweren und beschloß nach dem Kronrath vom 24., 
zunächst mich freiwillig aus dem Ressort zurückzuziehen, auf 
dessen Gebiete sich meinc amtlich seit Jahren verkündeten Ueber- 
zeugungen als unvereinbar mit denen des Koaisers schon heraus- 
gestellt hatten, das heißt aus dem Handelsministerium, zu dessen 
amtlicher Competenz die Arbeiterfrage gehörte. 
Ich hielt für möglich, die Entwicklung auf diesem Gebiete 
mit einem tolerari posse, mit passiver Assistenz, an mir vorüber- 
gehen zu lassen und die eigentlich politischen, namentlich die 
auswärtigen Geschäfte weiter zu führen. Daß die Behandlung
        <pb n="79" />
        Rücktritt zunächst nur vom Handelsministerium. 61 
  
der Arbeiterfrage gegenüber dem Glauben des Kaisers, daß 
sein guter Wille genüge, die Begehrlichkeit der Arbeiter zu be- 
ruhigen, ihre Dankbarkeit und ihren Gehorsam zu erwerben, 
für einen ehrlichen und einsichtigen Diener des Landes und der 
Monarchie eine schwierige Aufgabe sein würde, war voraus- 
zusehen. Ich hielt es für recht und billig, daß Herr von Ber- 
lepsch, der als Regirungspräsident ohne Wissen des verant- 
wortlichen Handelsministers, im Gegensatz zu meinen Auffassungen, 
im Sinne höherer Anregung 1889 thätig gewesen war, auch 
die ministerielle Verantwortlichkeit für die Richtung übernähme, 
in welcher er durch seine Mitwirkung den Kaiser bestärkt hatte. 
Dadurch würde zugleich der Kaiser in die Lage gesetzt werden, 
selbst und unbeirrt durch mich die Probe auf die Ausführbarkeit 
seiner wohlwollenden Intentionen zu machen. 
Ich berief eine Ministersitzung, sprach in derselben meine 
Ansicht aus, sand einhellige Zustimmung, und auf einen sofort 
erstatteten Immediatbericht erfolgte am 31. Januar 1890 die 
Ernennung des Herrn von Berlepsch zum Handelsminister. Ich 
füge hinzu, daß ich bei diesem Experimente auf Grund der 
Selbständigkeit, die der Oberpräsident von Berlepsch als un- 
berufener Berather des Monarchen gezeigt hatte, seine Energie, 
sein Interesse zur Sache und seine Befähigung dafür höher 
eingeschätzt hatte, als sie sich mintsteriell bewährt haben. Der 
Kaiser zieht Leute zweiten Ranges als Minister vor, und die 
Lage ist insofern keine correcte, als die Minister nicht den 
Monarchen mit Rath und Anregung versehn, sondern beides 
von Sr. Mgajestät erwarten und empfangen.
        <pb n="80" />
        Sechstes Kapitel. 
Die Kaiserlichen Erlasse vom 4. Februar 1890. 
In der Ministersitzung vom 26. Januar entwickelte ich noch 
einmal die Gefährlichkeit der beabsichtigten Kaiserlichen Erlasse, 
begegnete aber bei Boetticher und Verdy dem Einwande, ein 
ablehnendes Votum würde dem Kaiser mißfallen. Meine Collegen 
hatten ein sacrificium intellectus dem Kaiser, mein Stellver- 
treter und Adlatus hatte mir gegenüber eine Unehrlichkeit be- 
gangen. Vergebens ging ich so weit, es als einen Uebergang 
zum Landesverrath zu bezeichnen, wenn verantwortliche Minister 
den Souverän auf Wegen fänden, die sie für staatsgefährlich 
hielten, und das nicht offen sagten, sondern das verfassungs- 
mäßige Verhältniß umkehrten in ein vom Kaiser berathenes 
Staatsministerium. Diese meine Ausführung wurde von Herrn 
von Boetticher unter Zustimmung des Kriegsministers mit ein- 
facher Wiederholung des Satzes bekämpft, wir müßten doch dem 
Kaiser etwas nach seinem Wunsche zurecht machen. Da die 
übrigen Collegen sich enthielten, an der Discussion zwischen 
Boetticher und mir Theil zu nehmen, so mußte ich die Hoffnung 
aufgeben, den nach meiner Ueberzeugung staatsgefährlichen An- 
regungen Sr. Majestät ein einstimmiges Votum entgegenzusetzen. 
Ich hatte darauf gerechnet, daß das Staatsministerium sich 
ebenso verhalten würde, wie es geschehen war, wenn der Groß- 
vater des Kaisers durch weibliche, maurerische oder andere Ein- 
flüsse auf schädliche Wege gebracht war. In solchen Fällen 
mußte darauf ausgegangen werden, Einstimmigkeit der Minister 
herzustellen, wenn auch vorher starke Meinungsverschiedenheiten
        <pb n="81" />
        Einstimmige Ministervota. Frühere Wirkung. 63 
  
unter ihnen bestanden hatten, und der alte Herr gab nach, 
wenn er keine Stimmen für sich gewinnen konnte. Ich erinnere 
mich nur einer Ausnahme. Nachdem der Frankfurter Friedens- 
vertrag am 18. Mai 1871 von der französischen National- 
versammlung genehmigt war, konnten unsere Truppen bis auf 
einen zur Besetzung der pfandweise occupirten Departements 
ausreichenden Theil zurückgerufen werden. Die Minister waren 
darüber einig, dies sofort zu thun, alle Mannschaften, die nicht 
bei der Fahne zu bleiben hatten, zu entlassen und den Einzug 
der in Berlin garnisonirenden Regimenter auf den nächsten 
möglichen Termin, jedenfalls noch im Mai, anzuberaumen. 
Damit stießen wir aber bei Sr. Majestät auf einen hartnäckigen 
Widerstand. Die Kaiserin Augusta wollte, wie ich erfahren 
hatte, dem Einzuge beiwohnen, aber vorher ihre Kur in Baden- 
Baden abmachen; der Kaiser wollte den Wunsch seiner Ge- 
mahlin erfüllen, aber auch die Regimenter in voller Kriegsstärke 
einziehen sehen. Vergebens machten wir in mehrtägigen Be- 
rathungen, welche im Erdgeschoß des Palais abgehalten wurden, 
den Kostenaufwand geltend, die Rücksicht auf die so lange von 
ihren Familien und Geschäften getrennten Leute, das dringende 
Bedürfniß, der Landwirthschaft so viele Arme zurück zu geben. 
Der Kaiser, der den eigentlichen Grund seines Widerstandes 
dem Ministerrathe nicht eingestehen mochte, hatte es schwer, gegen 
unsere Argumente anzukämpfen, blieb aber fest dabei, der Einzug 
solle in der Mitte des Juni und in voller Kriegsstärke vor sich 
gehen. Während der Berathungen kam es vor, daß in den 
Räumen über dem Berathungszimmer jemand mit so starken 
Schritten hin und her ging, daß der Kronleuchter in eine klirrende 
Bewegung gerieth. Nach der letzten resultatlosen Berathung 
suchte Lauer, der Leibarzt des Kaisers, mich auf, um mir zu 
sagen, daß er die gefährlichsten Folgen für die Gesundheit Sr. 
Majestät, vielleicht einen Schlagfluß befürchten müsse, wenn 
nicht der Hausfriede hergestellt werde. Auf diese Mittheilung
        <pb n="82" />
        64 Sechstes Kapitel: Die Kaiserlichen Erlasse vom 4. Februar 1890. 
  
gab das Staatsministerium nach; der Einzug erfolgte erst am 
16. Juni, unter den Augen Ihrer Majestät. 
Für den nun eingetretenen Fall, daß das Staatsministerium 
versagte, hatte ich erwogen, durch welche andern Faktoren 
sich vielleicht auf den Kaiser wirken lassen würde. Als solche 
erschienen der Staatsrath, der Volkswirtschaftsrath, denen ich 
ein Verständniß für die Rückwirkung auf die unmittelbar be— 
vorstehenden Reichstagswahlen zutrauen durfte, und die Re- 
girungen des Auslandes, welche von dem parteinehmenden 
Eingreifen des Kaisers in die Arbeiterverhältnisse analoge 
Schäden erwarten konnten, wie ich sie bei uns befürchtete. Mein 
Vorschlag, den ich in derselben Sitzung des 26. machte, den 
Staatsrath und eine internationale Conferenz zu berufen, um 
in der Erörterung sachverständiger Männer ein Gegengewicht 
gegen unverantwortliche und unwissende Dilettanten zu schaffen, 
fand Zustimmung. 
Die Redaction der entsprechenden Erlasse nahm ich selbst in 
die Hand. Die genannte Camarilla war der Meinung ge- 
wesen, daß eine Kundgebung, wie der Kaiser sie wollte, einen 
günstigen Einfluß auf die Reichstagswahlen haben werde. Ich 
war von dem Gegentheil überzeugt, allerdings ohne vorher- 
zusehn, in wie großem Maße mir der Ausfall der Wahlen am 
20. Februar Recht geben würde. Ich hatte auf Grund der 
Erfahrung das taktische Bedenken, daß es in einer Situation, 
wie sie durch die Streiks des Vorjahres vorbereitet war, eine 
gefährliche Sache ist, Maßregeln von unbestimmter und un- 
berechneter Tragweite in promissorischer Form anzuregen; ich 
war überzeugt, daß die Verlogenheit und Entstellungskraft der 
Wahlreden niemals eine wirkliche Absicht der Regirung, sondern 
immer nur Vorwand und Mißdeutung behufs aufregender 
Kritik des Bestehenden in den Vordergrund stellen würden. 
Kundgebungen von einschneidender Natur vor den Wahlen 
können auf diese günftig einwirken, wenn sie von unzweidentigen
        <pb n="83" />
        Möglichkeiten, den Kaiser zu belehren. 65 
  
Thatsachen ausgehen, die für Entstellung keinen Anhalt geben, 
zum Beispiel von auswärtigen Angriffen oder Bedrohungen, 
oder von Attentaten wie das Nobiling'sche. Für eine Kund- 
gebung wie die beabsichtigte fürchtete ich nicht gerade die un- 
mittelbare und directe Kritik, wenn sie sachlich richtig verstanden 
wurde, wohl aber die geschickte Ausnutzung durch die staats- 
feindlichen Agitatoren. Ich war deshalb nicht ohne Sorge 
in Betreff der Wirkung der vom Kaiser gewollten Erlasse, 
legte aber mehr Gewicht auf die persönliche Belehrung des 
Kaisers. In der Ueberzeugung, die mich seit 40 Jahren in der 
preußischen und deutschen Politik geleitet hat, sah ich meine 
Aufgabe mehr darin, den Kaiser vor Eindrücken und Schritten 
zu bewahren, welche zu einer rückläufigen Bewegung der von 
mir seit 1862 mit Erfolg betriebenen Stärkung der Königlichen 
Gewalt und Befestigung des Reiches führen mußten, als darin, 
augenblickliche Wahlergebnisse zu gewinnen. 
Volksvertretungen hatte ich seit 40 Jahren viele kommen 
und gehen sehn und hielt sie für weniger schädlich für unfre 
Gesammtentwicklung, als monarchische Irrthümer es werden 
konnten, wie sic nicht vorgekommen waren, seit im Jahre 1858 
der Prinz Regent die Wege der Neuen Aera eingeschlagen 
hatte. Auch damals war es das ehrliche Bedürfniß des Re- 
girenden, seinen Unterthanen Wohlthaten zu erweisen, welche 
man ihnen seiner Meinung nach lediglich aus mißverständlichem 
Eifer und ungerechter Herrschsucht vorenthalten hatte. Auch 
damals lag der Fall vor, daß eine Coterie von ehrgeizigen 
Strebern, die in der Acra Manteuffel nichts erreicht hatten, 
die Partei Bethmann-Hollweg, sich an den Thronerben gemacht 
und bei demselben das Mißverhältniß zwischen edlen Inten- 
tionen und mangelhafter Kenntniß des praktischen Lebens aus- 
gebeutet hatte, um ihn gegen die Regirung seines Bruders zu 
verstimmen und ihm Opposition gegen dieselbe als Vertretung 
der Menschenrechte erscheinen zu lassen. 
Otto Fürst von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen. III. 5
        <pb n="84" />
        66 Sechstes Kapitel: Die Kaiserlichen Erlasse vom 4. Februar 1890. 
  
Um die Ungeduld des Kaisers einigermaßen zu befriedigen, 
gab ich den betreffenden beiden Entwürfen, an den Reichskanzler 
und an den Handelsminister, eine seinem Charakter und seinem 
Verlangen nach schwunghaftem Ausdruck entsprechende Fassung. 
Bei Vorlegung derselben erklärte ich, daß ich sie lediglich aus 
Gehorsam gegen seinen Befehl gemacht und dringend bäte, von 
Veröffentlichungen der Art Abstand zu nehmen, den Zeitpunkt 
abzuwarten, wann dem Reichstage formulirte, präcisirte Vor- 
lagen gemacht werden könnten, jedenfalls die Wahlen vorüber 
gehn zu lassen, ehe die Arbeiterfrage von ihm öffentlich berührt 
werde. Die Unbestimmtheit und Allgemeinheit der kaiserlichen 
Anregung werde Erwartungen hervor rufen, deren Befriedigung 
außerhalb der Möglichkeit läge, deren Nichterfüllung die 
Schwierigkeit der Situation steigern werde. Ich hätte das 
Bedürfniß, wenn Se. Majestät nach Monaten oder Wochen 
selbst zur Erkenntniß der Schäden und Gefahren, die ich be- 
fürchtete, gelangt sein würde, daran erinnern zu können, daß 
ich den ganzen Schritt auf das Bestimmteste widerrathen und 
die Ausarbeitung nur aus pflichtmäßigem Gehorsam eines noch 
im Dienste befindlichen Beamten geliefert hätte. Ich schloß mit 
der Bitte, die vorgelesenen Entwürfe in das gerade brennende 
Kaminfeuer wersen zu dürfen. Der Kaiser antwortete: „Nein 
nein, geben Sie herl“ und unterzeichnete mit einiger Hast die 
beiden Erlasse, die unter dem 4. Februar ohne Gegenzeichnung 
im „Reichs= und Staats-Anzeiger“ veröffentlicht sind: 
„Ich bin entschlossen, zur Verbesserung der Lage der deutschen 
Arbeiter die Hand zu bieten, soweit die Grenzen es gestatten, 
welche Meiner Fürsorge durch die Nothwendigkeit gezogen 
werden, die deutsche Industrie auf dem Weltmarkte concurrenz- 
fähig zu erhalten und dadurch ihre und der Arbeiter Existenz 
zu sichern. Der Rückgang der heimischen Betriebe durch Ver- 
lust ihres Absatzes im Auslande würde nicht nur die Unter-
        <pb n="85" />
        Redaction, Veröffentlichung, Wortlaut der Erlasse. 67 
  
nehmer, sondern auch ihre Arbeiter brodlos machen. Die in 
der internationalen Concurrenz begründeten Schwierigkeiten 
der Verbesserung der Lage unserer Arbeiter lassen sich nur durch 
internationale Verständigung der an der Beherrschung des 
Weltmarkts betheiligten Länder, wenn nicht überwinden, doch 
abschwächen. In der Ueberzeugung, daß auch andere Regirungen 
von dem Wunsche beseelt sind, die Bestrebungen einer gemein- 
samen Prüfung zu unterziehen, über welche die Arbeiter dieser 
Länder unter sich schon internationale Verhandlungen führen, 
will Ich, daß zunächst in Frankreich, England, Belgien und 
der Schweiz durch Meine dortigen Vertreter amtlich angefragt 
werde, ob die Regirungen geneigt sind, mit uns in Unter- 
handlungen zu treten behufs einer internationalen Verständigung 
über die Möglichkeit, denjenigen Bedürfnissen und Wünschen 
der Arbeiter entgegen zu kommen, welche in den Ausständen 
der letzten Jahre und anderweit zu Tage getreten sind. So- 
bald die Zustimmung zu Meiner Anregung im Princip ge- 
wonnen sein wird, beauftrage Ich Sie, die Cabinete aller 
Regirungen, welche an der Arbeiterfrage den gleichen Antheil 
nehmen, zu einer Conferenz behufs Berathung über die ein- 
schlägigen Fragen einzuladen. 
An Wilhelm I. R.“ 
den Reichskanzler. 
„Bei Meinem Regirungsantritt habe Ich Meinen Entschluß 
kund gegeben, die fernere Entwicklung Unserer Gesetzgebung in 
der gleichen Richtung zu fördern, in welcher Mein in Gott 
ruhender Großvater Sich der Fürsorge für den wirthschaftlich 
schwächeren Theil des Volkes im Geiste christlicher Sittenlehre 
angenommen hat. So werthvoll und erfolgreich die durch die 
Gesetzgebung und Verwaltung zur Verbesserung der Lage des 
Arbeiterstandes bisher getroffenen Maßnahmen sind, so erfüllen 
dieselben doch nicht die ganze Mir gestellte Aufgabe. Neben dem
        <pb n="86" />
        68 Secchstes Kapitel: Die Kaiserlichen Erlasse vom 4. Februar 1890. 
  
weiteren Ausbau der Arbeiter-Versicherungsgesetzgebung sind 
die bestehenden Vorschriften der Gewerbeordnung über die Ver- 
hältnisse der Fabrikarbeiter einer Prüfung zu unterziehen, um 
den auf diesem Gebiet laut gewordenen Klagen und Wünschen, 
soweit sie begründet sind, gerecht zu werden. Diese Prüfung 
hat davon auszugehen, daß es eine der Aufgaben der Staats- 
gewalt ist, die Zeit, die Dauer und die Art der Arbeit so zu 
regeln, daß die Erhaltung der Gesundheit, die Gebote der 
Sittlichkeit, die wirthschaftlichen Bedürfnisse der Arbeiter und 
ihr Anspruch auf gesetzliche Gleichberechtigung gewahrt bleiben. 
Für die Pflege des Friedens zwischen Arbeitgebern und Arbeit- 
nehmern sind gesetzliche Bestimmungen über die Formen in 
Aussicht zu nehmen, in denen die Arbeiter durch Vertreter, 
welche ihr Vertrauen besitzen, an der Regelung gemeinsamer 
Angelegenheiten betheiligt und zur Wahrnehmung ihrer In- 
teressen bei Verhandlung mit den Arbeitgebern und den 
Organen Meiner Regirung befähigt werden. Durch eine solche 
Einrichtung ist den Arbeitern der freie und friedliche Ausdruck 
ihrer Wünsche und Beschwerden zu ermöglichen und den Staats- 
behörden Gelegenheit zu geben, sich über die Verhältnisse der 
Arbeiter fortlaufend zu unterrichten und mit den Letzteren 
Fühlung zu behalten. Die staatlichen Bergwerke wünsche Ich 
bezüglich der Fürsorge für die Arbeiter zu Musteranstalten ent- 
wickelt zu sehen, und für den Privat-Bergbau erstrebe Ich die 
Herstellung eines organischen Verhältnisses Meiner Berg- 
beamten zu den Betrieben behufs einer der Stellung der Fabrik- 
inspectionen entsprechenden Aufsicht, wie sie bis zum Jahre 1865 
bestanden hat. Zur Vorbereitung dieser Fragen will Ich, daß 
der Staatsrath unter Meinem Vorsitze und unter Zuziehung 
derjenigen sachkundigen Personen zusammentrete, welche Ich 
dazu berufen werde. Die Auswahl der Letzteren behalte Ich 
Meiner Bestimmung vor. Unter den Schwierigkeiten, welche 
der Ordnung der Arbeiterverhältnisse in dem von Mir be-
        <pb n="87" />
        Zusammensetzung und Verlauf des Staatsraths. 69 
  
absichtigten Sinne entgegenstehen, nehmen diejenigen, welche 
aus der Nothwendigkeit der Schonung der heimischen Industrie 
in ihrem Wettbewerb mit dem Auslande sich ergeben, eine her- 
vorragende Stelle ein. Ich habe daher den Reichskanzler 
angewiesen, bei den Regirungen der Staaten, deren Industrie 
mit der unserigen den Weltmarkt beherrscht, den Zusammentritt 
einer Conserenz anzuregen, um die Herbeiführung gleichmäßiger 
internationaler Regelung der Grenzen für die Ansorderungen 
anzustreben, welche an die Thätigkeit der Arbeiter gestellt werden 
dürfen. Der Reichskanzler wird Ihnen Abschrift Meines an 
ihn gerichteten Erlasses mittheilen. 
An Wilhelm R.“ 
die Minister der öffentlichen Arbeiten 
und für Handel und Gewerbe. 
Wenn ich, wie ich einsah, das persönliche Vorhaben des 
hohen Herrn nicht an der Wurzel abschneiden konnte, so war 
ich schon zufrieden, gewissermaßen subrepticie seine Zustimmung 
zur Heranziehung des Staatsraths und der Nachbar-Regirungen 
erlangt zu haben. Aber in der Rechnung auf diese Factoren 
hatte ich mich getäuscht. 
Indem ich an die zwingende Kraft der materiellen Inter- 
essen im Staatsrath und in der internationalen Conferenz ge- 
glaubt, hatte ich Selbständigkeit und Ueberzeugungstreue der 
Leute überschätzt. Im Staatsrath war das servile Element 
verstärkt durch Berufung einer Anzahl bisher unbekannter 
Persönlichkeiten, die theils aus dem Arbeiterstande, theils den 
Berliner Industriellen enmommen waren und Reden hielten, 
die sie wohl schon oft gehalten hatten. Auch ein agitirender 
Kaplan war anwesend. Alle Beamte schwiegen abwartend. 
Baare, Hüttenbesitzer aus Bochum, und Jencke, Vertrauensmann 
von Krupp in Essen, die einzigen, die es wagten, die Intentionen 
des Kaisers vorsichtig zu kritisiren, waren eingeschüchtert durch
        <pb n="88" />
        70 Sechstes Kapitel: Die Kaiserlichen Erlasse vom 4. Februar 1890. 
  
die Erinnerung an theils wirklich gesprochene, theils erfundene 
kaiserliche Worte, Drohungen gegen die Unternehmer, und 
durch die Furcht, sich den Kaiser noch mehr zu entfremden 
und weitere Bedrohungen der Besitzenden und Arbeitgeber 
herbei zu führen. Die höfliche Schüchternheit der Vertreter 
der Besonnenheit im Vergleich mit der Unverfrorenheit ge- 
wohnheitsmäßiger Volksredner, die der Kaiser zugezogen hatte, 
ließ erkennen, daß von den Staatsrathssitzungen ein unbefangenes 
Wirken auf Se. Mozjestät nicht zu erwarten war. Der Keiser 
hatte bestimmt, daß die Sitzungen in den Diensträumen des 
Herrn von Beoetticher Statt finden sollten, dem auch die Aus- 
wahl und Berufung der Personen aus dem Arbeiterstande 
zufiel. Als Vicepräsident des Staatsraths wohnte ich aus 
eigenem Entschluß der ersten, vierstündigen Sitzung bei, ohne 
in der Discussion das Wort zu ergreifen. Als der Kaiser zur 
Abstimmung schreiten wollte über die muthmaßlich von Boetticher 
sormulirten Fragen, sah ich mich unter 40 oder 50 Personen 
allein mit Jencke und Baare. Da ich mich in meiner ministe- 
riellen Stellung nicht in manifeste Opposition mit dem Kaiser 
setzen wollte, erklärte ich zur Motivirung meiner Enthaltung, 
daß active Staatsminister überhaupt nicht in der Lage wären, 
im Staatsrathe abzustimmen und dadurch ihrem Votum im 
Staatsministerium zu präjudiciren. Der Kaiser befahl, diese 
meine Aeußerung zu Protokoll zu nehmen. 
Von den folgenden Staatsrathssitzungen hielt ich mich fern, 
nachdem ich im Zwiegespräch mit dem Kaiser constatirt hatte, 
daß ich damit seinen Wunsch erfüllte. 
Auch die am 15. März eröffnete internationale Conferenz, 
mit deren Erwähnung ich nur ein Weniges in der Zeit vorgreife, 
entsprach nicht meiner Erwartung. Ich hatte die Berufung 
vorgeschlagen, weil ich annahm, der Glaube Sr. Majestät an 
die Nützlichkeit, Gerechtigkeit und Popularität seiner Bestrebungen 
sei durch die vier intellectuellen Urheber derselben so befestigt
        <pb n="89" />
        Verlauf der internationalen Conferenz. 71 
  
worden, daß seine Bercitwilligkeit, überhaupt noch andere Sach- 
kundige zu hören, nur zu erlangen sei, wenn die Berathungen 
im Glanze einer von ihm berufenen europäischen Conferenz und 
einer öffentlichen Discussion im Staatsrathe vor sich gingen. 
Ich hatte dabei auf eine ehrlichere Prüfung der deutschen 
Vorschläge, wenigstens von Seiten der Engländer und Franzosen 
gerechnet, indem ich die bei unsern westlichen Concurrenten als 
wirksam vorauszusetzenden Tendenzen nicht richtig gegen ein- 
ander abwog. Ich setzte bei ihnen mehr Ehrlichkeit und mehr 
Humanität voraus, als vorhanden war; ich nahm an, daß sie 
entweder den utopischen Theil der kaiserlichen Anregungen vom 
praktischen Standpunkte ablehnen oder auf die Forderung 
gleichartiger Einrichtungen in den betheiligten Ländern eingehen 
würden, sodaß die Arbeiter gleichmäßig besser zu behandeln und 
die Productionskosten gleichmäßig zu vertheuern wären; die 
erstere Alternative war mir wegen der Schwierigkeit der Aus- 
führung und der Controlle der zweiten die wahrscheinliche. 
Aber ich hatte nicht darauf gerechnet, daß unsere Vertreter dem 
Banne der Jules Simon'schen Phrasen so vollständig verfallen 
würden, daß nicht einmal ein für den Kaiser brauchbares 
Argument gewonnen wurde, sondern nur die Gewißheit, daß 
die Nachbarn uns unsere Illusionen gönnten, sie pflegten und 
sich hüteten, die deutsche Gesetzgebung zu hindern, wenn sie 
auf dem Wege war, ihrer einheimischen Industrie und ihren 
Arbeitern Unbequemlichkeiten zu bereiten. Sie regelten ihr 
Verhalten nach demselben Grundsatze, welchen alle die von mir 
Jahrzehnte lang als Reichsfeinde bekämpften Elemente heute 
befolgen: es sei nicht ihre Sache, die Kaiserliche Regirung auf 
dem Wege zur Selbstbeschädigung aufzuhalten.
        <pb n="90" />
        Siebentes Kapitel. 
Wandlungen. 
Welche Wandlungen in der Stimmung und den Absichten 
des Kaisers während der letzten Wochen vor meiner Entlassung 
Statt gefunden haben, darauf kann ich aus seinem Verhalten 
und aus mir später zugegangenen Mittheilungen nur mehr oder 
weniger sichere Schlüsse machen. Nur über die psoychologischen 
Vorgänge in mir selbst vermag ich an der Hand gleichzeitig 
von Tage zu Tage gemachter Notizen mir im Rückblick Rechen- 
schaft zu geben. Beides hat natürlich in Wechselwirkung ge- 
standen, aber die beiderseitigen in der Zeit parallelen Vorgänge 
synoptisch darzustellen ist nicht thunlich. In meinem Alter hing 
ich nicht an meinem Posten, nur an meiner Pflicht. Die nach und 
nach hervortretenden Anzeichen, daß der Kaiser — man ließ 
Se. Majestät glauben (Boctticher, Berlepsch), ich stände seiner 
Popularität bei den Arbeitern im Weg — mehr Vertrauen zu 
Boetticher, Verdy, zu meinen Räthen, zu Berlepsch und andern 
unberusenen Rathgebern hatte als zu mir, haben mich zu wieder- 
holter Erwägung veranlaßt, ob und wie mein volles oder 
theilweises Ausscheiden ohne Schädigung der staatlichen Inter- 
essen rathsam sei. Ich habe ohne Verstimmung in mancher 
schlaflosen Nacht die Frage erwogen, ob ich mich den Schwierig- 
keiten entziehen solle und dürfe, die ich als bevorstehend ansah. 
ch kam stets zu dem Ergebniß, daß ich ein Gefühl von 
Pflichtwidrigkeit im Gewissen behalten würde, wenn ich mich 
den Kämpfen, die ich voraussah, versagte. Ich fand die Nei- 
gung des Kaisers, den Ruhm seiner kommenden Regirungs- 
jahre nicht mit mir theilen zu wollen, psychologisch erklärlich
        <pb n="91" />
        Rücktrittserwägungen. Altentheil des Auswärtigen. 73 
  
und sein Recht dazu klar, entfernt von jeder Empfindlichkeit. 
Die Befreiung von aller Verantwortlichkeit hatte bei meiner 
Ansicht über den Kaiser und seine Ziele viel Verführerisches 
für mich; aber mein Ehrgefühl kennzeichnete mir diese Regung 
als Scheu vor Kampf und Arbeit im Dienste des Vater- 
landes, als unverträglich mit tapferem Pflichtgefühl. Ich be- 
fürchtete damals, daß die Krisen, die uns, wie ich glaube, 
bevorstehen, schneller eintreten würden. Ich sah nicht voraus, 
daß ihr Eintritt durch Verzicht auf jedes Socialistengesetz, 
durch Concessionen an Reichsfeinde verschiedener Gattung ver- 
schoben werden würde. Ich hielt und halte dafür, daß sie um 
so gefährlicher sein werden, je später sie eintreten. Ich hielt 
den Kaiser für kampflustiger, als er war oder unter fremdem 
Einflusse blieb, und hielt für Pflicht, ihm mäßigend, cventuell 
kämpfend, zur Seite zu bleiben. 
Nachdem sich während der zweiten Februarwoche bei mir 
der Eindruck verstärkte, daß der Kaiser wenigstens die socialen 
Angelegenheiten in dem Glauben, sie versöhnlich leiten zu 
können, ohne mich und nachgiebiger, als ich für gerathen hielt, 
entwickeln wolle, beschloß ich Klarheit darüber zu schaffen und 
sagte in einem Vortrage am 8. Februar: „Ich fürchte, daß ich 
Ew. Majestät im Wege bin.“ Der Keiser schwieg, bejahte 
also. Ich entwickelte darauf à l'amiable die Möglichkeit, wie 
ich in dem Falle zunächst meine preußischen Aemter nieder- 
legen, nur das von meinen Gegnern seit mehr als zehn Jahren 
für mich empfohlene „Altentheil des Auswärtigen“ behalten 
und das Kapital von Erfahrung und Vertrauen, welches ich 
mir in Deutschland und im Auslande erworben, ferner für 
Kaiser und Reich nutzbar machen könne. Se. Majestät nickte 
zu diesem Theile meiner Darlegung zustimmend und fragte 
am Schlusse in lebhaftem Tone: „Aber die Militärforderungen 
werden Sie doch noch im Reichstage durchbringen?" Ich ant- 
wortete, ohne deren Umsang zu kennen, daß ich bereitwillig
        <pb n="92" />
        74 Siebentes Kapitel: Wandlungen. 
  
dafür eintreten würde. Mir war die Socialisten-Frage zunächst 
wichtiger als die militärische, nachdem ich uns, bis auf Artillerie 
und Avancirte, stark genug hielt. Verdy war ohne mich 
ernannt worden; es war seit 1870 Verstimmung zwischen uns 
und ich sah ihn als mouchard des Kaisers im Ministerrathe 
an. Seine Ernennung war schon ein SÖchachzug des Kaisers 
gegen mich, und ich sah es nicht als meine Aufgabe an, die 
weitgehenden Pläne, die nomine des Kaisers und Verdy's als 
„unaufschieblich“ eingebracht wurden, in erster Linie zu be- 
kämpfen. 117 Millionen beriefen zuerst die Finanzminister 
zum Kampf und die Verbündeten, dann den Reichstag. Mir 
war, als Rückzugsgefecht, die Socialisten-Frage dringlicher als 
die Verdy'sche Vorlage, und sie ist es auch. 
Ich schlug des Weiteren vor, mein Ausscheiden aus den 
preußischen Aemtern, wenn Se. Majestät es wünsche, auf den 
Wahltag (20. Februar) zu verlegen, damit dasselbe weder als 
Folge der Wahlen erschiene noch auf dieselben einwirke, die 
ich schon durch die Kaiserlichen Erlasse für gefährdet hielt. Ich 
empfahl in meinem Programm, im preußischen Dienste jeden- 
falls einen General zu meinem Nachfolger zu wählen, weil ich 
fürchtete, daß in etwaigen Kämpfen mit socialistischen Bewe- 
gungen und bei wiederholter Auflösung des Reichstags liberale 
Minister den Kaiser widerwillig vertreten würden, wie etwa 
Bodelschwingh und andere, denen wenigstens der persönliche 
Muth nicht fehlte, den König im März 1848 so geführt haben, 
daß reactionäre Wege ungangbar wurden. Die wichtigsten Res- 
sorts für solche Fälle, sagte ich Sr. Moajestät, seien Polizei, 
Krieg und Justiz. Die Polizei sei in der Hand des Ministers 
des Innern, Herrfurth, eines liberalen Bürokraten. Das 
Kriegsministerium, auf welches 1848 die Widerstandskraft und 
der schließliche Sieg des Königs sich gründete, sei ebenfalls in 
liberalen Händen, die politischen Ideale des Herrn von Verdy 
würden sich mit denen der meisten seiner Vorgänger kaum
        <pb n="93" />
        Niederlegung der preußischen Aemter. 75 
  
decken. Von dem Justizminister hinge die Haltung der Staats- 
anwälte ab, und Herr von Schelling sei ein ausgezeichneter 
Jurist, und conservativ gesinnt, aber verlebt und zu einem opfer- 
muthigen Eingreifen in schwierigen Lagen nicht der Mann. 
Auch Boetticher sei kein Held und breiweich veranlagt. Nur 
eine militärische Spitze könne im Nothfall die cioilistischen 
Schwächen decken. Als einen geeigneten General bezeichnete 
ich Caprjvi, der zwar in der Politik fremd sei, aber doch ein 
für den König zuverlässiger Soldat; in der Politik könne er in 
ruhigen Zeiten als Ministerpräsident ohne Ressort sich wesent- 
lich zurückhalten. Davon, daß Caprivi mein Nachfolger im aus- 
wärtigen Dienste werden könne, war damals nicht die Rede. 
Der Kaiser stimmte dem Gedanken, daß ich aus den preußi- 
schen Aemtern austreten solle, zu, und bei Nennung des Namens 
Caprivi glaubte ich auf seinem Gesichte den Ausdruck der be- 
friedigten Ueberraschung zu lesen. Derselbe schien schon vorher 
Sr. Majestät Candidat gewesen zu sein. Ich konnte danach 
vermuthen, daß die kurz nach dem Kronrath vom 24. Januar 
erfolgte Berufung des Generals von Hannover nach Berlin zu 
einem anderen Zwecke erfolgt sei als zu einer militärischen Be- 
sprechung. Merkwürdig war mir, daß Caprivi auch der Can- 
didat Windthorst's war. Zwischen Caprivi und Centrum be- 
standen Beziehungen seit der Zeit des Culturkampfes und der 
Reichsglocke, via Lebbin. 
In der Ministersitzung vom 9. Februar deutete ich meine 
Absicht an, aus den preußischen Aemtern zurückzutreten. Die 
Collegen schwiegen mit verschiedenem Gesichtsausdruck, nur Boet- 
ticher sagte einige Worte ohne Tragweite, fragte mich aber nach 
der Sitzung, ob er als Ministerpräsident den Rang vor dem 
alten Generalobersten von Pape bei Hofe haben würde. Ich 
sagte zumeinem Sohne: „Die sagen zu dem Gedanken, mich los 
zu werden, Alle Oukis, erleichtert und befriedigt.“ 
Der Wunsch des Kaisers, daß ich die damals von ihm be-
        <pb n="94" />
        76 Siebentes Kapitel: Wandlungen. 
  
absichtigte hohe Militärforderung vertreten solle, veranlaßte mich 
zu einer wiederholten Prüfung der Verhältnisse, wie sie sich 
gestalten würden, wenn ich schon am 20. Februar aus meinen 
preußischen Aemtern zurückträte. Ich hatte zu erwägen, daß 
die Vertretung der Verdy'schen, und auch minder weitgehender 
Vorlagen mit wenig Gewicht und weniger Aussicht auf Erfolg 
geschehn würde, wenn ich zu der Zeit nicht mehr in demselben 
Maße wie bisher als Träger des kaiserlichen Vertrauens er- 
schiene, nicht mehr als Leiter der preußischen Politik im Bundes- 
rathe auftreten könnte, sondern die Instructionen meiner preußi- 
schen Collegen und Nachfolger auszuführen hätte. Unter Ent- 
wicklung dieser Gründe empfahl ich daher in einem Vortrage 
am 12. Februar dem Kaiser, die Entscheidung über meinen 
Rücktritt nicht am 20. Februar eintreten zu lassen, sondern sie 
bis nach den ersten gewonnenen oder verlorenen Abstimmungen 
des neuen Reichstags über die Militärforderung und Erneue- 
rung des Socialistengesetzes, voraussichtlich bis Mai oder Juni, 
aufzuschieben. Se. Majestät, von meinem Vortrage wie mir 
schien unangenehm berührt, sagte: „Dann bleibt also einstweilen 
Alles beim Alten.“ Ich erwiderte: „Wie Ew. Majestät befehlen. 
Ich fürchte schlechte Wahlen, und es wird der ganzen bisherigen 
Autorität bedürfen, um auf den Reichstag zu wirken; mein 
früheres Gewicht im Reichstage ist ohnehin vermindert durch 
die schon bekannt gewordene Minderung des Allerhöchsten Ver- 
trauens zu mir.“ 
Obwohl ich vollkommen überzeugt war, daß der Kaiser mich 
los sein wollte, so ließen meine Anhänglichkeit an den Thron 
und meine Zweifel an der Zukunft es mir als eine Feigheit er- 
scheinen davonzugehn, ehe ich alle Mittel erschöpft hätte, um die 
Monarchie vor Gefahren zu behüten oder dagegen zu verthei- 
digen. Nachdem der Aussall der Wahlen sich übersehen ließ, 
entwickelte ich, in der Ueberzeugung, daß Se. Majestät die bis 
dahin mir gegenüber seit Jahren kund gegebene Politik auch
        <pb n="95" />
        Verschiebung des Rücktritts. Kampsprogramm. 77 
  
der neuen Wahlsituation gegenüber sortführen wolle, in einem 
Vortrage am 25. Februar ein Programm. Wegen der Zu- 
sammensetzung des Reichstags und behufs Vertretung der bis- 
herigen Socialpolitik sowie der nöthigen Militärforderungen 
hielt ich jetzt mein Verbleiben bis nach den ersten parlamentari- 
schen Kämpfen noch mehr für nothwendig, um unfre Zukunft 
gegen die socialistische Gefahr sichern zu helsen. Se. Moajestät 
würde in Folge der bezüglich der Streiks beobachteten Politik 
und der Erlasse vom 4. Februar vielleicht früher, als sonst ge- 
schehn wäre, gegen die Socialdemokratie kämpsen müssen; wolle 
er das, so würde ich den Kampf gern führen, solle aber Nach- 
giebigkeit die Parole sein, so sähe ich größere Gefahren voraus; 
dieselben würden durch Aufschub der Krisis fortgesetzt wachsen. 
Der Kaiser ging darauf ein, wies Nachgiebigkeit von sich und 
acceptirte, wie mir schien, während er mir beim Abschiede die 
Hand gab, meine Parole No surrender! 
Am folgenden Tage hatte er sich gegen seine Umgebung be- 
friedigt über diesen Vortrag geäußert: Er wünsche nur, daß ich 
ihm noch mehr den Eindruck bereite, daß er allein regire, und 
daß die Maßregeln von ihm ausgingen u. s. w. 
In dem Glauben, die Zustimmung des Kaisers zu meinem 
Programm zu besitzen und bis etwa zum Juni in meinen 
Aemtern zu bleiben, erklärte ich in der Ministersitzung vom 
2. März, Se. Majestät sei entschlossen, die Situation zu accep- 
tiren und zu fechten. Das Ministerium würde eventuell dazu 
reconstruirt werden müssen, ich würde seiner Zeit mein Porte- 
feuille zur Verfügung stellen und nach Sr. Majestät letzten 
Aeußerungen dann den Aufstrag erhalten, ein homogenes, zum 
Kampfe gegen die sociale Revolution bereites Ministerium zu 
bilden. Der Eindruck, den diese Eröffnung machte, war nicht bei 
allen Collegen ein gemüthlicher; der Ausdruck homogen wurde 
so verstanden, daß ein aggressives Vorgehen gegen den Socialis- 
mus Charakter-Eigenschaften erfordere, welche nicht Alle besaßen.
        <pb n="96" />
        78 Siebentes Kapitel: Wandlungen. 
  
Am 8. März fand ich Grund, darüber nachzudenken, ob das 
Verhalten des Kaisers am Schlusse des Vortrags vom 25. Fe- 
bruar aus einer augenblicklichen, seitdem vorübergegangenen 
Erregung zu erklären oder ob es vielleicht nicht ernst gemeint 
gewesen sei. Bei Gelegenheit eines Vortrages über andere 
Gegenstände empfahl mir Se. Majestät, freundlicher gegen 
Boetticher zu sein; ich antwortete mit einer Beleuchtung seiner 
Insubordination und seiner Falschheit gegen mich, erwähnte 
namentlich, daß er, der gesetzlich im Reich mein Untergebner 
sei und im Staatsministerium nur als adlatus für mich Sitz 
habe, dennoch im Reichstage, namentlich in der socialen und der 
Sonntags-Frage, gegen mich werbe und wirke und daß er am 
20. Januar Nachmittags den Bundesrath berusen, zum Ein- 
gehn auf den Initiativantrag des Reichstags wegen Aufbesse- 
rung der Beamtenbesoldungen bewogen und alsdann im Namen 
der verbündeten Regirungen eine entsprechende Erklärung im 
Reichstage abgegeben habe, in directem Widerspruche mit meiner 
ihm an dem Morgen des genannten Tages zugegangenen 
schriftlichen Anweisung. Ich hatte kaum das Schloß verlassen, 
als der Kaiser Herrn von Boetticher mit einem sehr gnädigen 
Briefe den Schwarzen Adlerorden übersandte. Ich war als 
Vorgesetzter des Decorirten davon nicht unterrichtet, und es 
unterblieb auch jede nachträgliche Mittheilung an mich. 
Ungeachtet dieser gegen mich gerichteten Demonstration er- 
hielt ich bei einem Vortrage am 10. nicht den Eindruck, daß 
der Kaiser mein Programm aufgegeben habe; Se. Majestät 
erklärte, an den größeren Militärforderungen festhalten zu 
wollen, welche der Kriegsminister von Verdy Tags vorher in 
der Ministersitzung mit Nachdruck als unabweislich ent- 
wickelt hatte: die Scharnhorst-Boyen'sche Jdee der Ausbildung 
jedes Waffenfähigen sei bei uns verlassen, von den Franzosen 
als nation armée ausgenommen; sie würden uns trotz einer 
um 11 Millionen geringeren Bevölkerung in kurzer Frist um
        <pb n="97" />
        Demonstrative Auszeichnung Boetticher's. Militärvorlage. 79 
  
750000 ausgebildete Mannschaften überlegen sein. In der 
Ministersitzung am 12. März wurde über dieselbe Sache ver- 
handelt und ergab sich, daß die dauernde Mehrbelastung nach 
Durchführung der Verdy'schen Pläne etwas über 100 Mil- 
lionen Mark jährlich betragen würde. Auf die Frage, ob 
man sich nicht für diesen außerordentlichen Reichstag mit dem 
Dringlichsten begnügen könne und die nothwendige Artillerie- 
vorlage, die sicher Annahme finden würde, lieber nicht der 
Verzögerung einer durch die ganze Forderung bedingten Auf- 
lösung aussetzen solle, erklärte Verdy, das Ganze leide keinen 
Aufschub. Ich verlangte das Votum der Finanzchefs; Scholz 
und Maltzahn waren danach bereit, die Sache in finanzielle 
Behandlung zu nehmen. Eine Zukunftsziffer von über 100 Mil- 
lionen mehr im Ordinarium des Heeres wurde in Aussicht 
genommen und sollte im Laufe von 10 Jahren allmählich ver- 
wirklicht werden. 
Während ich so für die Ausführung des kaiserlichen Pro- 
gramms thätig war, hatte der Kaiser dasselbe, wie ich glauben 
muß, ausgegeben, ohne mir eine Mittheilung darüber zu 
machen. Ich lasse unentschieden, ob es ihm mit demselben 
überhaupt Ernst gewesen ist. Es ist mir später mitgetheilt 
worden, daß der Großherzog von Baden, berathen von Herrn 
von Marschall, in jenen Tagen den Kaiser vor einer Politik 
gewarnt hat, die zu Blutvergießen führen könne; wenn es zu 
einem Conflicte käme, „so würde der alte Kanzler wieder im 
Vordergrunde stehen“". 
Für mich lag in der Militärfrage nach heutiger Lage kein 
Grund zum Bruch mit dem Reichstage; ich vertrat sie zum 
Theil aus Ueberzeugung (Artillerie, Offiziere, Unteroffiziere), 
zum Theil weil ich es für die Aufgabe Andrer hielt (Finanz, 
Reichstag), dem Kaiser und seinem Verdy in dieser Frage 
Widerstand zu leisten. 
Ob es solcher Einwirkungen überhaupt bedurft hat, weiß
        <pb n="98" />
        80 Siebentes Kapitel: Wandlungen. 
  
ich nicht. Der Großherzog kam einige Tage vor dem 9. März, 
dem Todestage Kaiser Wilhelm's, in Berlin an, und nach 
meiner Wahrnehmung datirt aus der Zeit zwischen dem 8. 
und 14. März der Entschluß des Kaisers, das Kampfprogramm 
sallen zu lassen. Ich vermuthe, daß es ihm widerstrebt hat, 
sich mir gegenüber offen davon loszusagen, und daß statt dessen 
zu meinem Bedauern der Weg gewählt worden ist, mir das 
Verbleiben im Amte bis zu dem verabredeten Junitermine zu 
verleiden. Die bis dahin üblichen Formen des geschäftlichen 
Verkehrs mit mir erlitten in jenen Tagen eine einschneidende 
Aenderung, der ich die Ueberzeugung entnehmen mußte, daß 
der Kaiser meine Dienste nicht nur für entbehrlich, sondern auch 
für unwillkommen hielt, und daß Se. Majestät, anstatt mir 
dies mit der sonstigen Offenheit freundlich zu sagen, mir durch 
ungnädige Formen den Rücktritt nahe legte. Persönliche Ver- 
stimmung war in mir bis dahin nicht aufgekommen. Ich war 
ehrlich bereit, dem Kaiser an Gestaltung der Dinge nach seinem 
Willen zu helsen. Diese meine Stimmung wurde erst gestört 
durch Schritte vom 15., 16. und 17., die mich jeder eignen 
Verantwortlichkeit für mein Ausscheiden aus dem Dienste ent- 
hoben, und durch die Plötzlichkeit der Exmission, die mich 
nöthigte, meinen ein Menschenalter lang eingerichteten Haus- 
halt auf eintägige Kündigung abzubrechen, ohne daß ich bis 
heut den eigentlichen Grund des Bruches mit authenüscher 
Sicherheit ersahren hätte.
        <pb n="99" />
        Achtes Kapitel. 
Meine Entlassung. 
Am 14. März Morgens sragte ich an, ob ich an diesem 
oder dem folgenden Tage zum Immediatvortrag kommen solle, 
erhielt aber keine Antwort. Meine Absicht war, dem Kaiser über 
eine Unterredung, die ich am 12. mit Windthorst gehabt hatte, 
und über gewisse Mittheilungen, die aus Rußland eingegangen 
waren, zu berichten. Am 15. Morgens um 9 Uhr wurde 
ich mit der Meldung geweckt, Se. Majestät habe eben sagen 
lassen, ich solle um 9½ im „Auswärtigen Amte“ Vortrag halten, 
worunter nach der bisherigen Gepflogenheit die Amtswohnung 
meines Sohnes zu verstehn war. Wir empfingen dort den 
Kaiser. Auf meine Bemerkung, ich wäre sast zu spät gekommen, 
weil ich erst vor 25 Minuten mit Gr. Majestät Befehl geweckt 
worden sei, erwiderte der Kaiser: „So — ich habe die Be- 
stellung gestern Nachmittag hinausgegeben.“ Später ergab sich, 
daß er erst nach 10 Uhr Abends den Vortrag festgesetzt hatte 
und daß Abendaustrag vom Schlosse in der Regel nicht Statt 
findet. Ich begann meinen Vortrag: „Ich kann Ew. Majestät 
melden, daß Windthorst aus dem Bau gekommen ist und mich 
aufgesucht hat.“ Der Kaiser rief darauf aus: „Nun, Sie haben 
ihn doch natürlich zur Thür hinauswerfen lassen?" Ich er- 
widerte, während mein Sohn das Zimmer verließ, daß ich 
Windthorst natürlich empfangen hätte, wie ich es mit jedem 
Abgeordneten, dessen Manieren ihn nicht unmöglich machten, 
als Minester stets gehalten hätte und zu thun verpflichtet sei, 
wenn ein solcher sich anmelde. Der Kaiser erklärte, ich hätte 
vorher bei ihm anfragen müssen. Ich widersprach und vin- 
Otto Fürst von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen. III.
        <pb n="100" />
        82 Achtes Kapitel: Meine Entlassung. 
  
dieirte mir die Freiheit, in meinem Hause Besuche zu empfangen 
und namentlich solche, die anzunehmen ich amtlich die Pflicht 
oder einen Grund hätte. Der Kaiser bestand auf seinem An— 
spruche mit dem Hinzufügen, er wisse, daß Windthorst's Besuch 
durch den Bankier von Bleichröder vermittelt worden sei; 
„Juden und Jesuiten“ hielten immer zusammen. Ich erwiderte, 
es sei viel Ehre für mich, daß Se. Majestät über die innern 
Vorgänge in meinem Hause so genau informirt sei; es sei 
richtig, daß Windthorst Bleichröder's Vermittlung nachgesucht, 
vermuthlich aus irgend einer Berechnung, da er wußte, daß 
jeder Abgeordnete jederzeit Zutritt bei mir hatte. Die Wahl 
des Vermittlers sei aber von Windthorst und nicht von mir 
ausgegangen und gehe mich nichts an. Bei der Constellation 
in dem neuen Reichstage sei es für mich wichtig gewesen, den 
Feldzugsplan des Führers der stärksten Fraction zu kennen, 
und mir willkommen, daß dieser unerwartet um Empfang ge- 
beten. Ich hätte in der Unterredung constatirt, daß Windthorst 
unmögliche Forderungen (status quo ante 1870) zu stellen be- 
absichtige. Seine Absichten zu ermitteln, sei für mich ein ge- 
schäftliches Bedürfniß gewesen. Wenn Se. Majestät aus diesem 
Anlasse mir einen Vorwurf machen wolle, so sei das gerade so, 
als wenn Se. Mojestät seinem Generalstabschef im Kriege 
untersagen wolle, den Feind zu recognosciren. Ich könnte mich 
einer solchen Controlle in Einzelheiten und in meiner persönlichen 
Bewegung im eignen Hause nicht unterwerfen. Der Kaiser 
verlangte das aber peremptorisch mit der Frage: „Auch nicht, 
wenn Ihr Souverän es befiehlt?“ Ich beharrte in Ablehnung. 
Ueber Windthorst's Pläne fragte der Kaiser mich nicht, son- 
dern hub an: „Ich erhalte gar keine Vorträge mehr von meinen 
Ministern; es ist mir gesagt worden, Sie hätten ihnen verboten, 
mir ohne Ihre Zustimmung oder Gegenwart Vorträge zu halten, 
und sich dabei auf eine alte vergilbte Ordre gestützt, die schon 
ganz vergessen war.“
        <pb n="101" />
        Windthorst's Besuch. Die Cabinetsordre vom 8. Sept. 1852. 83 
  
Ich erklärte, die Sache läge nicht so. Jene Ordre vom 
8. September 1852, die seit unfrem Verfassungsleben in Kraft 
stände, sei für jeden Ministerpräsidenten unentbehrlich; sie ver- 
lange nur, daß er bei wichtigen principiellen neuen Anregungen 
vor Einholung der Allerhöchsten Entscheidung unterrichtet werde, 
da er anders die Gesammtverantwortung nicht tragen könne; 
wo ein Ministerpräsident existire, müsse auch der Inhalt jener 
Ordre maßgebend sein. Der Kaiser behauptete, die Ordre 
schränke seine königliche Prärogative ein, er verlange ihre Zurück- 
nahme. Ich machte darauf aufmerksam, daß die drei Vorgänger 
Sr. Mojestät mit jener Ordre regirt hätten; es habe seit 1862 
kein Bedürfniß vorgelegen, auf dieselbe Bezug zu nehmen, weil 
sie als selbstverständlich stets beobachtet worden sei. Ich hätte 
sie jetzt in Erinnerung bringen müssen, um meine Autorität 
gegenüber Ministern zu wahren, die sie unbeachtet gelassen 
hätten. Die Vorträge der Minister würden durch die Ordre 
nicht eingeschränkt, nur eine Mittheilung an den Premierminister 
bedingt, wenn neue allgemeine Einrichtungen bei Sr. Majestät 
angeregt werden sollten, damit Jener in der Lage sei, in Fällen, 
die ihm wichtig schienen, seine eventuell abweichende Auffassung 
in gemeinschaftlichem Vortrage zur Geltung zu bringen. Der 
König könne dann immer nach seinem Ermessen entscheiden; 
es sei unter Friedrich Wilhelm IV. mehr als einmal vor- 
gekommen, daß der König dann gegen den Premierminister 
entschieden habe. 
Ich brachte sodann an der Hand eingegangner Depeschen 
den Besuch in Rußland zur Sprache, zu dem Sec. Majestät sich 
für den Sommer angemeldet hatte &amp;). Ich erneuerte meine 
Abmahnung und unterstützte sie durch die Erwähnung geheimer 
Berichte aus Petersburg, die Graf Hatzfeldt aus London ein- 
gesandt habe; sie enthielten ungünstige angebliche Aeußerungen 
&amp;) Siehe S. 49 unten.
        <pb n="102" />
        84 Achtes Kapitel: Meine Entlassung. 
  
des Zaren über Se. Majestät und über den letzten Besuch, den 
Se. Majestät ihm gemacht. Der Kaiser verlangte, daß ich ihm 
einen Bericht der Art, den ich in der Hand hielt, vorlese. Ich 
erklärte, ich könnte mich dazu nicht entschließen, weil der wört- 
liche Inhalt ihn verletzen würde. Der Kaiser nahm mir das 
Schriftstück aus der Hand, las es und schien von dem Wort- 
laut der angeblichen zarischen Aeußerungen mit Recht verletzt. 
Die dem Kaiser Alexander von angeblichen Ohrenzeugen 
zugeschriebenen Aeußerungen über den Eindruck, den sein Vetter 
bei seinem letzten Besuche in Peterhof ihm gemacht habe, waren 
in der That so unerfreulich, daß ich Bedenken getragen hatte, 
diese ganze Berichterstattung überhaupt gegen Se. Majestät zu 
erwähnen. Ich hatte ohnehin keine Sicherheit, daß die Quellen 
und die Meldungen des Grafen Hatzfeldt authentisch waren; 
die Fälschungen, welche 1887 dem Kaiser Alexander von Paris 
aus in die Hand gespielt und von mir mit Erfolg entkräftet 
worden waren, ließen mich an die Möglichkeit denken, daß 
man von andrer Seite in ähnlicher Richtung durch Fälschungen 
auf unfren Monarchen zu wirken suchen wolle, um ihn gegen 
den russischen Verwandten zu verstimmen und in den englisch- 
russischen Streitfragen zum Feinde Rußlands, also direct oder 
indirect zum Bundesgenossen Englands zu machen. Wir leben 
zwar nicht mehr in der Zeit, wo verletzende Witze Friedrich's 
des Großen die Kaiserin Elisabeth und die Frau von Pompa-= 
dour, also damals Frankreich, zu Gegnern Preußens machten. 
Immerhin konnte ich es nicht über mich gewinnen, die 
Aeußerungen, welche dem Zaren zugeschrieben wurden, meinem 
eignen Souverän vorzulesen oder mitzutheilen. Auf der andren 
Seite aber hatte ich zu erwägen, daß der Kaiser erfahrungs- 
mäßig von dem Mißtrauen beseelt war, als ob ich ihm De- 
peschen von Wichtigkeit vorenthielte, und daß seine Ermittlungen 
darüber, ob dies geschähe, sich nicht auf directe Nachfragen bei 
mir beschränkten. Der Kaiser hat zu seinen Ministern nicht
        <pb n="103" />
        Wiberrathen eines weiteren Besuches in Rußzland. 85 
  
immer dasselbe Vertrauen wie zu deren Untergebnen, und 
Graf Hatzfeldt als nützlicher und fügsamer Diplomat genoß 
unter Umständen mehr Vertrauen als sein Vorgesetzter. Er 
konnte also leicht bei Begegnungen in Berlin oder London die 
Frage an Se. Majestät richten, ob und welchen Eindruck diese 
aufsälligen und wichtigen Meldungen dem Kaiser gemacht 
hätten; und wenn sich dann ergab, daß ich sie unbenutzt zu den 
Acten gelegt hatte — was mir das liebste gewesen wäre —, 
so würde der Kaiser mir in Gedanken oder in Worten 
vorgeworfen haben, daß ich im russischen Interesse ihm 
Depeschen verheimlicht hätte, wie das ja einen Tag später 
bezüglich militärischer Berichte eines Consuls der Fall war. 
Außerdem siel mein Wunsch, den Kaiser zum Verzicht auf den 
zweiten Besuch in Petersburg zu bewegen, gegen das voll- 
ständige Verschweigen der Hatzfeldt'schen Angaben ins Gewicht. 
Ich hatte gehofft, der Kaiser werde meiner bestimmten Wei- 
gerung, ihm die Anlagen des Hatzfeldt'schen Berichts mit- 
zutheilen, Gehör schenken, wie sein Vater und sein Großvater 
ohne Zweifel gethan haben würden, und hatte mich deshalb 
auf die Umschreibung dieser Anlagen beschränkt mit der An- 
deutung, daß aus denselben hervorginge, dem Zaren sei der 
kaiserliche Besuch nicht willkommen, sein Unterbleiben werde 
ihm lieber sein. Der Wortlaut, dessen Lesung der Kaiser sich 
mit eigner Hand ermöglichte, hat ihn ohne Zweifel schwer ge- 
kränkt und war dazu angethan. 
Er erhob sich und reichte mir kühler wie sonst die Hand, in 
welcher er den Helm hielt. Ich begleitete ihn bis an die 
Freitreppe vor der Hausthür. Im Begriff, unter den Augen 
der Dienerschaft in den Wagen zu steigen, sprang er die 
Stufen wieder hinauf und schüttelte mir mit Lebhaftigkeit die 
Hand. 
Wenn schon die ganze Art des kaiserlichen Verhaltens mir 
gegenüber nur den Eindruck machen konnte, daß Se. Majestät
        <pb n="104" />
        86 Achtes Kapitel: Meine Entlassung. 
  
mir den Dienst verleiden und meine Verstimmung bis zum 
Abschiedsgesuche steigern wollte, so glaube ich, daß die be— 
rechtigte Empfindlichkeit über die Beleidigungen, welche Graf 
Hatzfeldt, gleichviel aus welchen Gründen, eingesandt hatte, den 
Kaiser mir gegenüber in dieser Taktik augenblicklich belebte. 
Auch selbst wenn die Aenderung des Kaisers in seiner Form 
und Rücksicht mir gegenüber nicht den Zweck gehabt haben 
sollte, der mir gelegentlich suppeditirt worden war, nämlich 
festzustellen, wie lange meine Nerven hielten, so liegt es doch 
in der monarchischen Tradition, die Kränkung, welche eine Bot- 
schaft für den König enthalten kann, den Träger oder Ueber- 
bringer derselben zunächst entgelten zu lassen. Die Geschichte 
der alten und der neuen Zeit führt Beispiele an von Boten, 
die Opfer königlichen Zorns wegen des Inhalts einer Botschaft 
wurden, die sie nicht verfaßt hatten. 
Im Verlaufe des Vortrages erklärte der Kaiser ganz un- 
vermittelt, er wolle eine Auflösung des Reichstags jedenfalls 
vermeiden und deshalb die Militärforderungen auf das Maß 
herabsetzen, welches mit Sicherheit eine Majorität finden werde. 
Meine Audienz und mein Vortrag ließen mir hiernach den 
Eindruck, daß der Kaiser mich los sein wolle, daß er seine 
Absicht geändert habe, mit mir die ersten Verhandlungen mit 
dem neuen Reichstage noch durchzumachen und die Frage 
unfrer Trennung erst im Anfange des Sommers, nachdem 
man sich klar sei, ob eine Auflösung des neuen Reichstags 
nöthig sei oder nicht, zur Entscheidung zu bringen. Ich denke 
mir, daß der Kaiser diese am 25. Februar getroffne quasi 
Abrede zwischen uns nicht zurücknehmen wollte, sondern nun 
versuchte, mich durch ungnädige Behandlung zu dem Gesuche 
um meinen Abschied zu bringen. Indessen ließ ich mich nicht 
in meinem Entschlusse irre machen, mein persönliches Empfinden 
dem Dienstinteresse unterzuordnen. 
Ich fragte bei Abschluß des Vortrages, ob Se. Majestät
        <pb n="105" />
        Weiterer Kanipf um die Cabinetsordre von 1852. 87 
  
dabei beharrte, mir die ausdrückliche Zurücknahme der Ordre 
von 1852, auf welcher die Stellung des Ministerpräsidenten 
beruhte, zu befehlen. Die Antwort war ein kurzes Ja. Ich 
saßte darauf noch nicht den Entschluß zum sofortigen Rücktritt, 
sondern nahm mir vor, den Befsehl, wie man sagt, „in's 
Sonntagsfach“ zu nehmen und abzuwarten, ob die Ausführung 
monirt wurde, dann eine schriftliche Ordre zu erbitten und 
diese im Staatsministerium zum Vortrage zu bringen. Ich 
war also auch damals noch überzeugt, daß ich nicht die Initia- 
tive und damit die Verantwortlichkeit für mein Ausscheiden zu 
übernehmen habe. 
Am folgenden Tage, während die englischen Conferenz- 
Delegirten bei mir zu Tische waren, erschien der Chef des 
Militärcabinets General von Hahnke und besprach des Kaisers 
Forderung, die fragliche Ordre zu cassiren. Ich erklärte das 
aus den oben angegebenen sachlichen Gründen für geschäftlich 
unthunlich. Ein Ministerpräsidium ließe sich ohne die ihm 
durch die Ordre zugesprochene Besugniß nicht führen; wolle 
Se. Majestät die Ordre cassiren, so müsse mit dem Titel 
„Präsident des Staatsministeriums“ dasselbe geschehen, wo- 
gegen ich dann nichts hätte. General von Hahnke verließ mich 
mit der Aeußerung, die Sache werde sich sicher vermitteln 
lassen, was er übernahm. (Die Ordre ist auch nach meiner 
Entlassung nicht ausgehoben worden ½). 
K) In der Sitzung des preußischen Landtages vom 28. April 1892 
hat Graf Eulenburg nach den vorliegenden Berichten über die Stellung 
des Ministerpräsidenten folgendes erklärt: „Daß die Aufgabe des 
preußischen Ministerpräsidenten nicht blos darin besteht, die Verhand- 
lungen zu leiten und die Stimmen zu zählen, glaube ich, bedarf keines 
Beweises; es ist die Aufgabe des Vorsitzenden des preußischen Staats- 
ministeriums, für einen gleichmäßigen und in gleicher Richtung sich be- 
wegenden Gang der Staatsgeschäfte zu sorgen und das Gesammt- 
ministerium, wo es nöthig ist, zu repräsentiren. Ich glaube also, daß 
die von jener Seite geäußerte Meinung, daß sein Antheil sehr un-
        <pb n="106" />
        88 Achtes Kapitel: Meine Entlassung. 
  
Am folgenden Morgen, 17. März, kam Hahnke wieder, um 
mir mit Bedauern mitzutheilen, Se. Majestät bestände auf Zu- 
rücknahme der Ordre und erwarte nach dem Berichte, welchen 
er, Hahnke, ihm über seine gestrige Unterredung mit mir er- 
stattet habe, daß ich sofort meinen Abschied einreiche; ich solle 
am Nachmittage auf das Schloß kommen, um mir denselben 
zu holen. Ich erwiderte, ich sei dazu nicht wohl genug und 
würde schreiben. 
An demselben Morgen kam eine Anzahl von Berichten von 
Sr. Majestät zurück, darunter einige von einem Consul in 
Rußland. Denselben lag ein offnes, also durch die Büros 
gegangenes Handbillet Sr. Mcjestät bei, also lautend: 
„Die Berichte lassen auf das Klarste erkennen, daß die 
Russen im vollsten strategischen Aufmarsch sind, um zum Kriege 
zu schreiten — Und muß ich es sehr bedauern, daß ich so 
wenig von den Berichten erhalten habe. Sie hätten mich schon 
längst auf die furchtbar drohende Gefahr aufmerksam machen 
können! Es ist die höchste Zeit, die Oestreicher zu warnen, 
und Gegenmaßregeln zu treffen. Unter solchen Umständen ist 
natürlich an eine Reise nach Krasnoe meinerseits nicht mehr zu 
denken. · 
Die Berichte sind vorzüglich. W.“ 
Der Thatbestand war folgender. Der betreffende Consul, der 
selten sichere Gelegenheiten fand, hatte auf einmal vierzehn mehr 
bedeutend sei, der Begründung entbehrt. (Beifall.)) Aus dieser 
Aeußerung darf man den Schluß ziehen, daß auch heute die Aufhebung 
der Cabinetsordre vom Jahre 1852 über die Befugnisse des Minister- 
präsidenten, die bei meiner Entlassung eine hervorragende Rolle gespielt 
hat, nicht erfolgt ist; denn wenn sie wirklich aufgehoben wäre, so würde 
der Ministerpräsident Graf Eulenburg kaum in der Lage sein, das 
Programm, das er in obigen Worten aufgestellt hat und das sich der 
vollen Zustimmung des Abgeordnetenhauses erfreute, thatsächlich durch- 
zuführen.
        <pb n="107" />
        Erwartung des Abschiedsgesuchs. Kiewer Berichte. 89 
  
oder weniger voluminöse, zusammen über hundert Seiten starke 
Berichte eingesandt, deren ältester mehrere Monate alt, dessen 
Inhalt also muthmaßlich für unfren Generalstab nicht neu war. 
Für die Behandlung der Berichte militärischen Inhalts bestand 
die Praxis, daß diejenigen, die nicht wichtig und dringend ge- 
nug erschienen, um von dem Auswärtigen Amte direct dem 
Kaiser vorgelegt zu werden, unter der Doppeladresse 1) an den 
Kriegsminister, 2) an den Chef des Generalstabs zur Kenntniß- 
nahme und mit der Bitte um Rückgabe gesandt wurden. Sache 
des Generalstabs war es, militärisch Neues und Bekanntes, 
Wichtiges und Unwichtiges zu sondern und das Erstere durch 
das Militärcabinet zur Kenntniß Sr. Majestät zu bringen. In 
dem vorliegenden Falle hatte ich vier von den Berichten, ge- 
mischt politischen und militärischen Inhalts, direct dem Kaiser 
vorgelegt, sechs ausschließlich militärische unter der obigen Doppel- 
adresse abgehen lassen und die vier übrigen dem betreffenden 
Rathe zum Vortrag geschrieben, um zu sehn, ob sie etwas ent- 
hielten, was höherer Entscheidung bedurfte. Der Kaiser mußte 
im Widerspruch mit dem üblichen und allein möglichen Ge- 
schäftsgange angenommen haben, daß ich diejenigen Berichte, 
die ich dem Generalstabe geschickt, ihm hätte vorenthalten wollen. 
Ich würde freilich, wenn ich Dinge vor Gr. Majestät geheim 
halten wollte, nicht gerade dem Generalstabe, dessen Leiter nicht 
alle meine Freunde waren, beziehungsweise dem Kriegsminister 
von Verdy die unehrliche Geheimhaltung von Actenstücken zu- 
gemuthet haben. 
Also, weil ein Consul einige, zum Theil drei Monat alte mili- 
tärische Vorgänge aus dem Bereich seiner Wahrnehmung be- 
richtet hatte, unter anderem die dem Generalstab bekannte Ver- 
setzung einiger Sotnien Kosaken nach der östreichischen Grenze, 
sollte Oestreich in Alarm gesetzt, Rußland bedroht, der Krieg 
vorbereitet und der Besuch, zu dem Se. Majestät sich aus eig- 
nem Antriebe angemeldet hatte, ausgegeben werden; und weil
        <pb n="108" />
        90 Achtes Kapitel: Meine Entlassung. 
  
die Berichte des Consuls verspätet eingegangen, wurde mir 
implicite der Vorwurf des Landesverraths gemacht, der Vor- 
enthaltung von Thatsachen, um eine von außen drohende Ge- 
fahr zu vertuschen. Ich wies in einem sofort erstatteten Im- 
mediatberichte nach, daß alle nicht von dem Auswärtigen Amte 
aus direct dem Kaiser vorgelegten Berichte des Consuls unver- 
züglich dem Kriegsminister und dem Generalstabe übersandt 
waren. Nachdem mein Bericht (der nach einigen Tagen ohne 
irgend ein Marginale, also ohne Zurücknahme der schweren 
Beschuldigung an das Auswärtige Amt zurückgelangte) abge- 
gangen war, berief ich auf den Nachmittag eine Minister- 
sitzung. 
Ich mußte es als eine Laune des Zufalls ansehn, und die 
Geschichte wird es vielleicht verhängnißvoll zu nennen haben, 
daß am Vormittage desselben Tages der in der Nacht aus 
Petersburg eingetroffne Botschafter Graf Paul Schuwalow 
sich bei mir mit der Erklärung meldete, er sei ermächtigt, in 
gewisse Vertragsverhandlungen z) einzutreten, und daß diese 
Verhandlungen sich demnächst zerschlugen, als ich nicht Reichs- 
kanzler blieb. 
Für die in der Ministersitzung abzugebende Erklärung hatte 
ich solgenden Entwurf gemacht: 
„Ich bezweifle, daß ich die mir obliegende Verantwortlich- 
keit für die Politik des Kaisers noch länger tragen kann, da 
mir derselbe die hierfür unerläßliche Mitwirkung nicht ein- 
räumt. Es ist mir überraschend gewesen, daß Se. Majestät 
über die sogenannte Arbeiterschutzgesetzgebung mit Boetticher, 
aber ohne Benehmung mit mir und dem Staatsministerium, 
definitive Entschließungen gefaßt hat; ich sprach damals die 
X) Ueber Verlängerung eines im Juni 1890 ablaufenden Ver- 
trages, der uns für den Fall, daß wir von Frankreich angegriffen 
würden, die Neutralität Rußlands sicherte.
        <pb n="109" />
        Schuwalow. Erklärung für die Ministersitzung vom 17. März. 91 
  
Befürchtung aus, daß dieses Verfahren während der Reichs- 
tagswahlen Aufregung erzeugen, unerfüllbare Erwartungen 
hervorrusen und bei der Unerfüllbarkeit derselben schließlich 
das Ansehn der Krone schädigen werde. Ich hoffte, daß 
Gegenvorstellungen des Staatsministeriums Se. Majestät zum 
Verzichte auf die kundgegebnen Absichten bewegen würden, 
fand jedoch keine Mitwirkung meiner Collegen, sondern bei 
meinem nächsten Vertreter Herrn von Beetticher ein schon 
ohne mich festgestelltes Einverständniß mit den kaiserlichen An- 
regungen, und überzeugte mich, daß mehrere Collegen das 
Eingehn darauf für rathsam erachteten. Schon hiernach mußte 
ich bezweifeln, ob ich als Präsident des Staatsministeriums 
noch die sichere Autorität besäße, deren ich zur verantwort- 
lichen Leitung der Gesammtpolitik bedurfte. Ich habe erfahren, 
daß der Kaiser jetzt nicht nur mit einzelnen der Herren Mi- 
nister, sondern mit einzelnen der mir untergebnen Räthe und 
anderen Beamten verhandelt hat, namentlich hat der Herr 
Handelsminister ohne vorherige Verständigung mit mir ein- 
greifende Immediatvorträge gehalten. Ich habe Herrn von 
Berlepsch darauf die ihm unbekannte Ordre vom 8. Sep- 
tember 1852 mitgetheilt, und nachdem ich mich überzeugt, daß 
dieselbe überhaupt nicht allen Ministern, insbesondere nicht 
meinem Vertreter Herrn von Boctticher gegenwärtig war, 
jedem eine Abschrift zugehn lassen und in dem Uebersendungs- 
schreiben hervorgehoben, daß ich die Ordre nur auf Immediat- 
vorträge beziehe, welche Aendrungen der Gesetzgebung und 
der bestehenden Rechtsverhältnisse bezweckten. In diesem Sinne 
mit Takt gehandhabt, enthält die Ordre nicht mehr, als für 
jeden Präsidenten des Staatsministeriums unerläßlich ist. Se. 
Moxjestät, von irgend welcher Seite über diesen Vorgang unter- 
richtet, hat mir befohlen, daß die Ordre außer Kraft gesetzt 
werde. Ich habe meine Mitwirkung dazu ablehnen müssen. 
Ein weitres Zeichen mangelnden Vertrauens hat Se.
        <pb n="110" />
        92 Achtes Kapitel: Meine Entlassung. 
  
Majestät mir durch die Vorhaltung gegeben, daß ich ohne 
Allerhöchste Erlaubniß den Abgeordneten Windthorst nicht hätte 
empfangen dürfen. Heute habe ich mich überzeugt, daß ich 
auch die auswärtige Politik Sr. Moajestät nicht mehr vertreten. 
kann. Ungeachtet meines Vertrauens auf die Tripelallianz 
habe ich die Möglichkeit, daß dieselbe einmal versagen könne, 
nie aus den Augen verloren, weil in Italien die Monarchie 
nicht auf starken Füßen steht, die Eintracht zwischen Italien 
und Oestreich durch die Irredenta gefährdet, in Oestreich nur 
die Zuverlässigkeit des regirenden Kaisers einen Umschlag bei 
dessen Lebzeiten aueschließt und die Haltung Ungarns nie 
sicher zu berechnen ist. Ich bin deshalb stets bestrebt gewesen, 
die Brücke zwischen uns und Rußland nie ganz abzubrechen.“ 
(Folgt Mittheilung des Allerhöchsten Handschreibens betreffend 
die militärischen Berichte eines Consuls, vgl. S. 88.) „Ich 
bin überhaupt nicht verpflichtet, Sr. Moajestät alle Berichte vor- 
zulegen, habe es aber in dem vorliegenden Falle gethan, theils 
direct, theils durch den Generalstab, und bin bei meinem Ver- 
trauen in die friedlichen Absichten des Kaisers von Rußland 
außer Stande, die Maßregeln zu vertreten, die Se. Moajestät 
mir befiehlt. 
Meine Vorschläge bezüglich der Stellung zum Reichstage 
und einer eventuellen Auflösung desselben hatte Se. Majestät 
gebilligt, ist aber jetzt der Meinung, die Militärvorlage sei 
nur soweit einzubringen, als man auf ihre Annahme durch 
den jetzigen Reichstag rechnen könne. Der Kriegsminister hat 
sich neulich für die ungetheilte Einbringung ausgesprochen, und 
wenn man Gefahr gleichzeitig von Rußland kommen sähe, so 
wäre das das Richtige. 
Ich nehme also an, daß ich mit meinen Collegen nicht 
mehr in voller Uebereinstimmung bin, wie ich auch das Ver- 
trauen Sr. Majestät nicht mehr im ausreichenden Maße be- 
sitze. Ich freue mich, wenn ein König von Preußen selbst
        <pb n="111" />
        Verlauf der Ministersitzung am 17. März. 93 
  
regiren will, erkenne die Nachtheile meines Rücktritts für die 
öffentlichen Interessen, sehne mich auch, da meine Gesundheit 
jetzt gut ist, nicht nach einem arbeitslosen Leben; aber ich 
fühle, daß ich dem Kaiser im Wege bin, und bin amtlich durch 
das Cabinet benachrichtigt, daß derselbe meinen Rücktritt 
wünscht. Ich habe daher auf Allerhöchsten Besehl meine 
Dienstentlassung erbeten.“ 
Nachdem ich eine dieser Skizze entsprechende Erklärung ab- 
gegeben hatte, befürwortete der Vicepräsident des Staats- 
ministeriums Herr von Boetticher den früher von mir aus- 
gesprochenen Gedanken, mich auf die Leitung der auswärtigen 
Angelegenheiten zu beschränken. Der Finanzminister erklärte, 
die Ordre vom 8. September 1852 gehe durchaus nicht über 
das Ersorderliche hinaus und er schließe sich der Bitte des 
Herrn von Boetticher an, daß nach einem Ausgleich gesucht 
werden möge. Wenn ein solcher nicht zu finden sei, so werde 
das Staatsministerium erwägen müssen, ob es sich nicht mei- 
nem Schritte anzuschließen habe. Die Minister des Cultus 
und der Justiz waren der Ansicht, es handle sich doch nur um 
ein Mißverständniß, über welches Se. Majestät aufzuklären 
sei, und der Kriegsminister fügte hinzu, er habe seit langer 
Zeit kein Wort von Gr. Majestät vernommen, welches auf 
kriegerische Verwicklungen mit Rußland Bezug habe. Der 
Minister der öffentlichen Arbeiten bezeichnete meinen Rücktritt 
als ein Unglück für die Sicherheit des Landes und die Ruhe 
Europa's; wenn es nicht gelänge, denselben zu verhindern, so 
müßten seiner Meinung nach die Minister ihre Aemter zur 
Verfügung Sr. Majestät stellen, er selbst wenigstens habe die 
Absicht, das zu thun. Der Minister für Landwirthschaft er- 
klärte, wenn ich überzeugt sei, daß mein Rücktritt Allerhöchsten 
Orts gewünscht werde, so ließe sich von diesem Schritte nicht 
abrathen. Das Staatsministerium müsse jedenfalls erwägen, 
was es zu thun habe, wenn ich meinen Abschied erhielte. Nach
        <pb n="112" />
        94 Achtes Kapitel: Meine Entlassung. 
  
einigen persönlichen Bemerkungen des Handelsministers und 
des Kriegsministers schloß ich die Sitzung 2). 
Nach der Sitzung machte mir der Herzog von Coburg 
einen einstündigen Besuch, bei dem seinerseits nichts Bemerkens- 
werthes zur Sprache kam. 
Bald nach Tische erschien Lucanus, der Chef des Civil= 
cabinets, und richtete zögernd den Auftrag Sr. Majestät aus, 
zu fragen, „weshalb das am Morgen erforderte Abschiedsgesuch 
noch nicht eingegangen sei. Ich erwiderte, der Kaiser könne 
mich ja zu jeder Stunde ohne meinen Antrag entlassen, und 
ich könne nicht beabsichtigen, gegen seinen Willen in seinem 
Dienste zu bleiben; mein Abschiedsgesuch wolle ich aber so 
einrichten, daß ich es demnächst veröffentlichen könne. Nur in 
dieser Absicht entschließe ich mich überhaupt, ein solches einzu- 
reichen. Ich gedächte nicht, die Verantwortlichkeit für meinen 
Rücktritt selbst zu übernehmen, sondern sie Sr. Majestät zu 
überlassen; die Gelegenheit zur öffentlichen Klarstellung der 
Genesis, zu der Lucanus meine Berechtigung bestritt, werde 
sich schon finden. 
Während Lucanus diesen Auftrag ohne Motive ausrichtete, 
mußte meine bis dahin gleichmüthige Stimmung naturgemäß 
einem Gefühl der Kränkung weichen, das sich steigerte, als 
Caprivi, noch ehe ich den Bescheid auf mein Abschiedsgesuch 
erhalten hatte, von einem Theile meiner Dienstwohnung Be- 
sitz nahm. Darin lag eine Exmission ohne Frist, die ich nach 
meinem Alter und der Länge meiner Dienstzeit wohl nicht mit 
Unrecht als eine Roheit ansah. Ich bin noch heute nicht von 
den Folgen dieser meiner überhasteten Exmission frei. Unter 
X) Das amtliche Protokoll derselben, welches bei allen Ministern, 
wie üblich, zur Correctur circulirt hatte, ist nach einer späteren Mit- 
theilung des Ministers von Miquel aus den Acten verschwunden und, 
wahrscheinlich auf Veranlassung des Vicepräsidenten Boeticher, ver- 
nichtet worden. sS. Anlage Il, unten S. 163.]
        <pb n="113" />
        Der Entwurf zu dem Abschiedsgesuch. 95 
  
Wilhelm I. war dergleichen unmöglich, auch bei unbrauchbaren 
Beamten. 
Am 18. März Nachmittags schickte ich mein Entlassungs= 
gesuch ein. 
Mein Entwurf zu dem Abschiedsgesuch lautete: 
„Bei meinem ehrfurchtsvollen Vortrage am 15. d. M. haben 
Euere Majestät mir befohlen, einen Ordre-Entwurf vorzu- 
legen, durch welchen die Allerhöchste Ordre vom 8. Septem- 
ber 1852, welche die Stellung des Ministerpräsidenten seinen 
Collegen gegenüber seither regelte, außer Geltung gesetzt wer- 
den soll. 
Ich gestatte mir über die Genesis und die Bedeutung 
dieser Ordre nachstehende allerunterthänigste Darlegung: 
Für die Stelle eines Präsidenten des Staatsministeriums" 
war zur Zeit des absoluten Königthums kein Bedürfniß vor- 
handen, und wurde zuerst auf dem Vereinigten Landtage 1847 
durch die damaligen liberalen Abgeordneten (Mevissen) auf 
das Bedürsniß hingewiesen, verfassungsmäßige Zustände durch 
Ernennung eines „Premierministers“ anzubahnen, dessen Auf- 
gabe sein würde, die Einheitlichkeit der Politik der verant- 
wortlichen Minister zu überwachen und herbeizuführen und 
die Verantwortung für die Gesammtergebnisse der Politik des 
Cabinets zu übernehmen. Mit dem Jahre 1848 trat die 
constitutionelle Gepflogenheit bei uns in's Leben und wurden 
„Präsidenten des Staatsministeriums ernannt, wie Graf Arnim, 
Camphausen, Graf Brandenburg, Freiherr von Manteuffel, 
Fürst von Hohenzollern, an deren Namen die Verantwortlich- 
keit in erster Linie haftete, nicht für ein Ressort, sondern für 
die Gesammtpolitik des Cabincts, also der Gesammtheit der 
Ressorts. Die meisten dieser Herren hatten kein eigenes 
Ressort, sondern nur das Präsidium; so der Fürst von Hohen- 
zollern, der Minister von Auerswald, Prinz Hohenlohe. Aber
        <pb n="114" />
        96 Achtes Kapitel: Meine Entlassung. 
  
es lag ihnen ob, in dem Staatsministerium und in dessen 
Beziehungen zum Monarchen diejenige Einheit und Stetigkeit 
zu erhalten, ohne welche eine ministerielle Verantwortlichkeit, 
wie sie das Wesen des Versassungslebens bildet, nicht durch- 
führbar ist. Das Verhältniß des Staatsministeriums und 
seiner einzelnen Mitglieder zu dieser neuen Institution des 
Ministerpräsidenten bedurfte sehr bald einer näheren, der Ver- 
fassung entsprechenden Regelung, wie sie im Einverständnisse 
mit dem damaligen Staatsministerium durch die Ordre vom 
8. September 1852 erfolgt ist. Diese Ordre ist seitdem ent- 
scheidend für die Stellung des Ministerpräsidenten zum Staats- 
ministerium geblieben, und sie allein gab dem Ministerpräsi- 
denten die Autorität, welche es ihm ermöglicht, dasjenige Maß 
von Verantwortlichkeit für die Gesammtpolitik des Cabinets zu 
übernehmen, welches im Landtage und in der öffentlichen Mei- 
nung ihm zugemuthet wird. Wenn jeder einzelne Minister 
Allerhöchste Anordnungen extrahiren kann, ohne vorgängige 
Verständigung mit seinen Collegen, so ist eine einheitliche 
Politik, für welche Jemand verantwortlich sein kann, im 
Cabinet nicht möglich. Keinem der Minister, und namentlich 
dem Ministerpräsidenten nicht, bleibt die Möglichkeit, für die 
Gesammtpolitik des Cabinets die verfassungsmäßige Verantwort- 
lichkeit zu tragen. In der absoluten Monarchie war eine Be- 
stimmung, wie die Ordre von 1852 sie enthält, entbehrlich und 
würde es auch heut sein, wenn wir zum Absolutismus, ohne 
ministerielle Verantwortlichkeit, zurückkehrten. Nach den zu 
Recht bestehenden verfassungsmäßigen Einrichtungen aber ist 
eine präsidiale Leitung des Minister-Collegiums auf der Basis 
des Princips der Ordre von 1852 unentbehrlich. Hierüber 
sind, wie in der gestrigen Staatsministerialsitzung sestgestellt 
wurde, meine sämmtlichen Collegen mit mir einverstanden und 
auch darüber, daß jeder meiner Nachfolger im Ministerpräsi- 
dium die Verantwortlichkeit für sein Amt nicht würde tragen
        <pb n="115" />
        Der Entwurf zu dem Abschiedsgesuch. 97 
  
können, wenn ihm die Autorität, welche die Ordre von 1852 
verleiht, mangelte. Bei jedem meiner Nachfolger wird dies 
Bedürfniß noch stärker hervortreten wie bei mir, weil ihm 
nicht sofort die Autorität zur Seite stehn wird, die mir ein 
langjähriges Präsidium und das Vertrauen der beiden hoch- 
seligen Kaiser verliehen hat. Ich habe bisher niemals das 
Bedürfniß gehabt, mich meinen Collegen gegenüber auf die 
Ordre von 1852 ausdrücklich zu beziehen. Die Existenz der- 
selben und die Gewißheit, daß ich das Vertrauen der hoch- 
seligen Kaiser Wilhelm und Friedrich besaß, genügten, um 
meine Autorität im Collegium sicher zu stellen. Diese Gewiß- 
heit ist heut aber weder für meine Collegen noch für mich 
selbst vorhanden. Ich habe deshalb auf die Ordre von 1852 
zurückgreifen müssen, um die nöthige Einheit des Dienstes 
Euerer Majestät sicher zu stellen. 
Aus vorstehenden Gründen bin ich außer Stande, Euerer 
Majestät Befehl auszuführen, laut dessen ich die Aufhebung 
der vor Kurzem von mir neu in Erinnerung gebrachten Ordre 
von 1852 selbst herbeiführen und contrasigniren, trodem aber 
das Präsidium des Staatsministeriums weiterführen soll. 
Nach den Mittheilungen, die mir der Generallieutenant 
von Hahnke und der Geheime Cabinetsrath von Lucanus 
gestern gemacht haben, kann ich nicht im Zweifel darüber sein, 
daß Euere Majestät wissen und glauben, daß es für mich 
nicht möglich ist, die Ordre aufzuheben und dennoch Minister- 
präsident zu bleiben. Dennoch haben Euere Mcjestät den mir 
am 15. d. M. gegebenen Befehl aufrecht erhalten und mir in 
Aussicht gestellt, mein dadurch nothwendig werdendes Ent- 
lassungsgesuch zu genehmigen. 
Nach früheren Besprechungen, die ich mit Euerer Moajestät 
über die Frage hatte, ob Allerhöchstdenselben mein Verbleiben 
im Dienste unerwünscht sein würde, durfte ich annehmen, daß 
es Allerhöchstdenselben genehm sein würde, wenn ich auf meine 
Otto Zürst von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen. III.
        <pb n="116" />
        98 Achtes Kapitel: Meine Entlassung. 
  
Stellungen in Allerhöchstdero preußischen Diensten verzichtete, 
im Reichsdienste aber bliebe. Ich habe mir nach näherer 
Prüfung dieser Frage erlaubt, auf einige bedenkliche Conse- 
quenzen dieser Theilung meiner Aemter, namentlich bezüglich 
künftigen Auftretens des Kanzlers im Reichstage, m Ehrfurcht 
aufmerksam zu machen, und enthalte mich, alle Folgen, welche 
eine solche Scheidung zwischen Preußen und dem Reichskanzler 
haben würde, hier zu wiederholen. Euere Majestät geruhten 
darauf zu genehmigen, daß einstweilen „Alles beim Alten 
bleibe#. Wie ich aber die Ehre hatte auseinanderzusetzen, ist 
es für mich nicht möglich, die Stellung eines Mimsterpräsidenten 
beizubehalten, nachdem Euere Majestät für dieselbe die capitis 
dimmutio wiederholt befohlen haben, welche in der Aufhebung 
der grundlegenden Ordre von 1852 liegt. 
Euere Majestät geruhten außerdem bei meinem ehrfurchts- 
vollen Vortrage vom 15. d. M., mir bezüglich der Ausdehnung 
meiner dienstlichen Berechtigungen Grenzen zu ziehn, welche 
mir nicht das Maß der Betheiligung an den Staatsgeschäften, 
der Uebersicht über letztre und der freien Bewegung in meinen 
ministeriellen Entschließungen und in meinem Verkehre mit 
dem Reichstage und seinen Mitgliedern lassen, deren ich zur 
Uebernahme der versassungsmäßigen Verantwortlichkeit für 
meine amtliche Thätigkeit bedarf. 
Aber auch wenn es thunlich wäre, unfre auswärtige 
Politik so unabhängig von unfrer inneren und unfre Reichs- 
politik so unabhängig von der preußischen zu betreiben, wie es 
der Fall sein würde, wenn der Reichskanzler der preußischen 
Politik ebenso unbetheiligt gegenüber stände wie der bairischen 
oder sächsischen und an der Herstellung des preußischen Votums 
im Bundesrathe und dem Reichstage gegenüber keinen Antheil 
hätte, so würde ich doch, nach den jüngsten Entscheidungen 
Euerer Majestät über die Richtung unfrer auswärtigen Politik, 
wie sie in dem Allerhöchsten Handbillet zusammengefaßt sind,
        <pb n="117" />
        Der Entwurf zu dem Abschiedsgesuch. 90 
  
mit dem Euere Majestät die Rückgabe der Berichte des Consuls 
in Kiew gestern begleiteten, in der Unmöglichkeit sein, die Aus- 
führung der darin von Euerer Majestät vorgeschriebnen An- 
ordnungen bezüglich der auswärtigen Politik zu übernehmen. Ich 
würde damit alle die für das Deutsche Reich wichtigen Erfolge 
in Frage stellen, welche unfre auswärtige Politik seit Jahrzehnten 
im Sinne der beiden hochseligen Vorgänger Euerer Mojestät 
in unfren Bezlehungen zu Rußland unter ungünstigen Ver- 
hältnissen erlangt hat und deren über Erwarten große Be- 
deutung für die Gegenwart und Zukunft Graf Schuwalow mir 
nach seiner Rückkehr von Petersburg soeben bestätigt hat. 
Es ist mir bei meiner Anhänglichkeit an den Dienst des 
Könglichen Hauses und an Euere Majestät und bei der 
langjährigen Einlebung in Verhältnisse, welche ich für dauernd 
gehalten hatte, sehr schmerzlich, aus den gewohnten Beziehungen 
zu Allerhöchstdenselben und zu der Gesammtpolitik des Reichs 
und Preußens auszuscheiden; aber nach gewissenhafter Er- 
wägung der Allerhöchsten Intentionen, zu deren Ausführung 
ich bereit sein müßte, wenn ich im Dienste bliebe, kann ich 
nicht anders als Euere Majestät allerunterthänigst bitten, 
mich aus dem Amte des Reichskanzlers, des Minister- 
präsidenten und des Preußischen Ministers der Aus- 
wärtigen Angelegenheiten in Gnaden und mit der 
gesetzlichen Pension entlassen zu wollen. 
Nach meinen Eindrücken der letzten Wochen und nach den 
Eröffnungen, die ich gestern aus den Mittheilungen von Euerer 
Majestät Civil= und Militär-Cabinet entnommen habe, darf 
ich in Ehrfurcht annehmen, daß ich mit diesem meinem Ent- 
lassungsgesuche den Wünschen Euerer Majestät entgegenkomme 
und also auf eine huldreiche Bewilligung meines Gesuches mit 
Sicherheit rechnen darf. 
Ich würdc die Bitte um Entlassung aus meinen Aemtern 
schon vor Jahr und Tag Euerer Mgjestät unterbreitet haben,
        <pb n="118" />
        100 Achtes Kapitel: Meine Entlassung. 
  
wenn ich nicht den Eindruck gehabt hätte, daß es Euerer 
Majestät erwünscht wäre, die Erfahrungen und Fähigkeiten 
eines treuen Dieners Ihrer Vorfahren zu benutzen. Nachdem 
ich sicher bin, daß Euere Mocjestät derselben nicht bedürfen, 
darf ich aus dem öffentlichen Leben zurücktreten, ohne zu be- 
fürchten, daß mein Entschluß von der öffentlichen Meinung 
als unzeitig verurtheilt werde. 
von Bismarck.“ 
Seiner Majestät dem Kaiser und Könige. 
Ich nahm noch die Gelegenheit wahr, den Chefs des Civil= 
und des Militär-Cabinets Lucanus und Hahnke zu sagen, daß 
der Verzicht auf den Kampf gegen die Socialdemokratie und 
die Erregung von unerfüllbaren Hoffnungen derselben mich 
mit schwerer Besorgniß erfüllt habe. 
Auf den Abend des 18. waren die commandirenden Generale 
nach Berlin in das Schloß bestellt worden, wofür als osten- 
sibler Grund angegeben war, Se. Majestät wolle sie über die 
neuen Militärvorlagen hören. In der That aber hat bei ihrer 
Versammlung, die ungefähr 20 Minuten dauerte, der Kaiser 
eine Ansprache gehalten, an deren Schluß er den Generälen, 
wie mir glaubwürdig erzählt worden ist, mitgetheilt haben soll, 
daß er sich genöthigt sehe, mich zu entlassen; dem Chef des 
Generalstabes Waldersee gegenüber wären Beschwerden zum 
Ausdruck gekommen über meine Eigenmächtigkeit und Heimlichkeit 
im Verkehr mit Rußland. Graf Waldersee hatte ressortmäßig 
den Vortrag über die erwähnten Consularberichte und deren 
militärische Tragweite bei Sr. Majestät gehabt. Das Wort 
hätte danach keiner der Generäle auf die kaiserliche Eröffnung 
genommen, auch Graf Moltke nicht. Dieser hätte erst nachher 
auf der Treppe gesagt: „Das ist ein sehr bedauerlicher Vor- 
gang; der junge Herr wird uns noch manches zu rathen 
aufgeben.“
        <pb n="119" />
        Darstellung des Kaisers. Schuwalow's Mission. Graf Bismarck. 101 
  
Am 19. März nach der Cour war mein Sohn Herbert 
bei Schuwalow. Letztrer sagte in dem Bemühen, ihn zum 
Bleiben zu bewegen, wenn er und ich abgingen, so würden 
die Eröffnungen, mit denen er beauftragt sei, ins Wasser fallen. 
Da diese Aeußerung möglicherweise von Einfluß auf politische 
Entschließungen des Kaisers sein konnte, so machte mein Sohn 
am folgenden Tage Mittags Sr. Majestät in einem eigen- 
händigen Berichte Mittheilung davon. 
Ich weiß nicht, ob vor oder unmittelbar nach Empfang 
dieses Berichtes, jedenfalls am 20. Mittags, kam der Adjutant 
vom Dienst Graf Wedel zu meinem Sohne, um den schon in 
den vorhergehenden Tagen durch Beauftragte kund gegebenen 
Wunsch des Kaisers zu wiederholen, daß mein Sohn in seinem 
Amte bleiben möge, ihm einen langen Urlaub anzubieten und 
ihn des unbedingten Vertrauens Sr. Mojestät zu versichern. 
Das letztere glaubte mein Sohn nicht zu besitzen, weil der 
Kaiser wiederholt Räthe des Auswärtigen Amtes ohne sein 
Vorwissen hatte kommen lassen, um ihnen Aufträge zu geben 
oder von ihnen Orientirung zu verlangen. Wedel räumte das 
ein und versicherte, Se. Majestät würde ohne Zweifel bereit 
sein, dies Gravamen abzustellen. Mein Sohn hat darauf 
erwidert, seine Gesundheit sei so geschwächt, daß er ohne mich 
die schwere und verantwortliche Lage nicht annehmen könne. 
Später, nachdem ich meinen Abschied erhalten hatte, suchte 
Graf Wedel auch mich auf und verlangte, daß ich auf meinen 
Sohn wirke, damit er bliebe. Ich lehnte das ab mit den 
Worten: „Mein Sohn ist mündig.“ 
Am Nachmittage des 20. März überbrachten Hahnke und 
Lucanus mir den Abschied in zwei blauen Briefen. Lucanus 
war Tags zuvor im Auftrage Sr. Moajestät bei meinem Sohne 
gewesen, um ihn zu veranlassen, mich zu sondiren über Ver- 
leihung des Herzogstitels und Beantragung einer demselben 
entsprechenden Dotation bei dem Landtage. Mein Sohn hatte
        <pb n="120" />
        102 Achtes Kapitel: Meine Entlassung. 
  
ohne Besinnen erklärt, Beides würde mir unerwünscht und 
peinlich sein, und Nachmittags, nach Rücksprache mit mir, an 
Lucanus geschrieben: „eine Titelverleihung würde mir nach der 
Art, wie ich in jüngster Zeit von Sr. Mojestät behandelt 
worden, peinlich sein, und eine Dotation sei angesichts der 
Finanzlage und aus persönlichen Gründen unannehmbar“. 
Trotzdem wurde mir der Herzogstitel verliehen. 
Die beiden an mich gerichteten vom 20. datirten Ordres 
lauten: 
„Mein lieber Fürst! Mit tiefer Bewegung habe Ich aus 
Ihrem Gesuche vom 18. d. M. ersehen, daß Sie entschlossen 
sind, von den Aemtern zurückzutreten, welche Sie seit langen 
Jahren mit unvergleichlichem Erfolge geführt haben. Ich 
hatte gehofft, dem Gedanken, Mich von Ihnen zu trennen, bei 
unseren Lebzeiten nicht näher treten zu müssen. Wenn Ich 
gleichwohl im vollen Bewußtsein der folgenschweren Tragweite 
Ihres Rücktritts jetzt genöthigt bin, Mich mit diesem Gedanken 
vertraut zu machen, so thue Ich dies zwar betrübten Herzens, 
aber in der festen Zuversicht, daß die Gewährung Ihres 
Gesuches dazu beitragen werde, Ihr für das Vaterland un- 
ersetzliches Leben und Ihre Kräfte so lange wie möglich zu 
schonen und zu erhalten. Die von Ihnen für Ihren Entschluß 
angeführten Gründe überzeugen Mich, daß weitere Versuche, 
Sie zur Zurücknahme Ihres Antrags zu bestimmen, keine 
Aussicht auf Erfolg haben. Ich entspreche daher Ihrem 
Wunsche, indem Ich Ihnen hierneben den erbetenen Abschied 
aus Ihren Aemtern als Reichskanzler, Präsident Meines 
Staatsministeriums und Minister der Auswärtigen Angelegen- 
heiten in Gnaden und in der Zuversicht ertheile, daß Ihr 
Rath und Ihre Thatkraft, Ihre Treue und Hin- 
gebung auch in Zukunft Mir und dem Vaterlande 
nicht fehlen werden. Ich habe es als eine der gnädigsten
        <pb n="121" />
        Die Kaiserlichen Ordres vom 20. März 1800. 103 
  
Fügungen in Meinem Leben betrachtet, daß Ich Sic bei 
Meinem Regirungsantritt als Meinen ersten Berather zur 
Seite hatte. Was Sie für Preußen und Deutschland gewirkt 
und erreicht haben, was Sie Meinem Hause, Meinen Vor- 
fahren und Mir gewesen sind, wird Mir und dem deutschen 
Volke in dankbarer, unvergänglicher Erinnerung bleiben. 
Aber auch im Auslande wird Ihrer weisen und thatkräftigen 
Friedenspolitik, die Ich auch künftig aus voller Ueberzeugung 
zur Richtschnur Meines Handelns zu machen entschlossen bin, 
allezeit mit ruhmvoller Anerkennung gedacht werden. Ihre 
Verdienste vollwerthig zu belohnen, steht nicht in Meiner 
Macht. Ich muß Mir daran genügen lassen, Sie Meines und 
des Vaterlandes unauslöschlichen Dankes zu versichern Als 
Zeichen dieses Dankes verleihe Ich Ihnen die Würde eines 
Herzogs von Lauenburg. Auch werde Ich Ihnen Mein 
lebensgrosses Bildniß zugehen lassen. 
Gott segne Sie, Mein lieber Fürst, und schenke Ihnen noch 
viele Jahre eines ungetrübten und durch das Bewußtsein treu 
erfüllter Pflicht verklärten Alters. 
In diesen Gesinnungen bleibe Ich Ihr Ihnen auch in 
Zukunft treu verbundener, dankbarer 
Kaiser und König 
Wilhelm I. R.“ 
„Ich kann Sie nicht aus der Stellung scheiden sehen, in 
der Sie so lange Jahre hindurch für Mein Haus, wie für die 
Größe und Wohlfahrt des Vaterlandes gewirkt, ohne auch als 
Kriegsherr in inniger Dankbarkeit der unauelöschlichen Ver- 
dienste zu gedenken, die Sie Sich um Meine Armee erworben 
haben. Mit weitblickender Umsicht und eiserner Festigkeit haben 
Sie Meinem in Gott ruhenden Herrn Großvater zur Seite 
gestanden, als es galt, in schweren Zeiten die für nöthig er- 
kannte Reorganisation unserer Streitkräfte zur Durchführung
        <pb n="122" />
        104 Achtes Kapitel: Meine Entlassung. 
  
zu bringen. Sie haben die Wege bahnen helfen, auf welchen. 
die Armee, mit Gottes Hülfe, von Sieg zu Sieg geführt werden 
konnte. Heldenmüthigen Sinnes haben Sie in den großen 
Kriegen Ihre Schuldigkeit als Soldat gethan, und seitdem, bis 
auf diesen Tag, sind Sie mit nie rastender Sorgfalt und Auf- 
opferung bereit gewesen, einzutreten, um unserem Volke die von 
den Bätern ererbte Wehrhaftigkeit zu bewahren und damit 
eine Gewähr für die Erhaltung der Wohlthaten des Friedens 
zu schaffen. 
Ich weiß Mich eins mit Meiner Armee, wenn Ich den 
Wunsch hege, den Mann, der so Großes geleistet, auch ferner- 
hin in der höchsten Rangstellung ihr erhalten zu sehen. Ich 
ernenne Sie daher zum General-Obersten der Cavallerie mit 
dem Range eines General-Feldmarschalls und hoffe zu Gott, 
daß Sie Mir noch viele Jahre in dieser Ehrenstellung erhalten 
bleiben mögen. 
Wilhelm.“ 
Mein Rath ist seitdem weder direct noch durch Mittels- 
personen jemals erfordert, im Gegentheil scheint meinen Nach- 
folgern untersagt zu sein, über Politik mit mir zu sprechen. 
Ich habe den Eindruck, daß für alle Beamte und Offizere, 
welche an ihrer Stelle hängen, ein Boycott nicht nur geschäft- 
lich, sondern auch social mir gegenüber besteht. Derselbe hat 
in den diplomatischen Erlassen meines Nachfolgers wegen Dis- 
creditirung der Person seines Vorgängers im Auslande einen 
wunderlichen amtlichen Ausdruck gefunden. 
Meinen Dank für die militärische Beförderung stattete ich 
durch nachstehendes Schreiben ab: 
„Euerer Majestät danke ich in Ehrfurcht für die huldreichen 
Worte, mit denen Allerhöchstdieselben meine Verabschiedung 
begleitet haben, und fühle mich hoch beglückt durch die Ver-
        <pb n="123" />
        Bismarck's Dankschreiben. Ablehnung des Herzogstitels. 105 
  
leihung des Bildnisses, welches für mich und die Meinigen ein 
ehrenvolles Andenken an die Zeit bleiben wird, während deren 
Euere Majestät mir gestattet haben, dem Allerhöchsten Dienste 
meine Kräfte zu widmen. Euere Majestät haben mir gleich- 
zeitig die Würde eines Herzogs von Lauenburg zu verleihen 
die Gnade gehabt. Ich habe mir ehrfurchtsvoll gestattet, dem 
Geheimen Cabinetsrath von Lucanus mündlich die Gründe 
darzulegen, welche mir die Führung eines derartigen Titels 
erschwerten, und daran die Bitte geknüpft, diesen weiteren 
Gnadenact nicht zu veröffentlichen. Die Erfüllung dieser meiner 
Bitte war nicht möglich, weil die amtliche Veröffentlichung zu 
der Zeit, wo ich meine Bedenken äußern konnte, bereits im 
Staats-Anzeiger erfolgt war. Euere Majestät wage ich aber 
allerunterthänigst zu bitten, mir die Führung meines bis- 
herigen Namens und Titels auch ferner in Gnaden gestatten 
zu wollen. Für die mich so hoch ehrende militärische Beförde- 
rung bitte ich allerunterthänigst Euerer Majestät meinen ehr- 
furchisvollen Dank zu Füßen legen zu dürfen, sobald ich zu 
meiner im Augenblick durch Unwohlsein verhinderten dienst- 
lichen Meldung im Stande sein werde.“ 
Am 21. Morgens 10 Uhr, während mein Sohn zum Emp- 
fange des Prinzen von Wales auf dem Lehrter Bahnhof war, 
sagte Se. Majestät zu ihm: „Sie haben nach Ihrem gestrigen 
Briese Schuwalow mißverstanden, ich habe ihn eben bei mir 
gehabt; er wird Sie Nachmittags besuchen und die Sache in 
Ordnung bringen.“ Mein Sohn erwiderte, mit Schuwalow 
nicht mehr verhandeln zu können, da er im Begriff stehe, sein 
Abschiedsgesuch einzureichen. Se. Majestät wollte davon nichts 
hören; „er werde meinem Sohne alle Erleichterungen gewähren 
und Nachmittags oder später eingehend mit ihm sprechen; 
bleiben müsse er". Schuwalow hat denn auch meinen Sohn am 
Nachmittage besucht, es aber abgelehnt, Eröffnungen zu machen,
        <pb n="124" />
        106 Achtes Kapitel: Meine Entlassung. 
  
da seine Instructionen auf ihn und mich, nicht aber auf unsere 
Nachfolger lauteten. Ueber die Audienz am Morgen hat er 
erzählt, er sei Nachts um 1 Uhr durch einen Armee-Gensdarmen 
geweckt worden, der eine zweizeilige Bestellung des Flügel- 
adjutanten zu 8¾ Uhr früh überbracht habe. Er sei in große 
Aufregung gerathen in der Vermuthung, daß dem Zaren 
etwas zugestoßen sei. Se. Majestät habe bei der Audienz über 
Politik gesprochen, sich entgegenkommend geäußert und erklärt, 
daß er die bisherige Politik fortführen wolle; er, Schuwalow, 
habe dies nach Petersburg gemeldet. 
Auf eine Frage Caprivi's nach einem geeigneten Nachfolger 
bezeichnete mein Sohn ihm am 23. den Gesandten in Brüssel 
von Alvensleben. Caprivi erklärte sich mit demselben einver- 
standen und äußerte Bedenken gegen einen Nichtpreußen an 
der Spitze des Auswärtigen Amtes; Se. Majestät habe ihm 
Marschall genannt. Indessen erklärte der Kaiser am 24. zu 
meinem Sohne, mit dem er auf einem Dragonerfrühstück zu- 
sammentraf, daß auch ihm Alvensleben sehr genehm sei. 
Am 26. Vormittags orientirte mein Sohn Caprivi über 
die Secreta. Der Letztere sand die Verhältnisse zu complicirt, 
er werde sie vereinfachen müssen, und erwähnte, Alvensleben 
sei am Morgen bei ihm gewesen, aber je mehr er in ihn 
hineingeredet, desto härter sei dieser in seiner Ablehnung ge- 
worden. Mein Sohn verabredete, er werde am Nachmittage 
noch einen Versuch mit Alvensleben machen und Caprivi über 
den Erfolg berichten. Im Laufe desselben Tages erhielt er 
seinen Abschied, ohne daß die von dem Kaiser in Aussicht ge- 
stellte Unterredung Statt gefunden hatte. 
Mein Sohn versuchte am Nachmittage versprochenermaßen 
in Gemeinschaft mit dem auf Urlaub anwesenden Botschafter 
von Schweinitz den Herrn von Alvensleben zur Annahme seiner 
Nachfolge zu bewegen, jedoch ohne Erfolg. Derselbe erklärte, 
lieber die Carrièe aufgeben als Staatssecretär werden zu
        <pb n="125" />
        Schuwalow. Graf Bismarck's Rücktritt und Nachfolge. 107 
  
wollen, versprach jedoch seinen definitiven Entschluß nicht eher 
zu fassen, als bis er den Kaiser gesprochen habe. 
Am 27. Morgens besuchte der Kaiser meinen Sohn, sprach 
unter wiederholter Umarmung die Hoffnung aus, ihn bald er- 
holt und wieder im Dienste zu sehen, und fragte, wie es mit 
Alvensleben stände. Nachdem mein Sohn referirt und Se. 
Majestät Verwunderung ausgesprochen, daß Alvensleben sich 
noch nicht gemeldet, ließ er diesen sofort zu 12½ Uhr in's 
Schloß bestellen. 
Mein Sohn begab sich zu Caprivi, machte ihm Mittheilung 
über Alvensleben's Verhalten und dessen Citation zu Er. 
Majestät und rekapitulirte die Gründe, durch welche er auf 
Alvensleben zu wirken gesucht. Darauf hat Caprivi sich etwa 
so ausgesprochen: 
Das sei jetzt Alles zu spät. Er habe gestern Sr. Moajestät 
vorgetragen, daß Alvensleben nicht wolle, und darauf die Er- 
mächtigung erhalten, zu Marschall zu gehen. Dieser habe sich 
sofort bereit erklärt mit dem Zusatz, daß er schon die Zustim- 
mung seines Großherzogs zum Uebertritt in den Reichsdienst 
habe, seine offizielle Anfrage in Karlsruhe also nur eine Zorm- 
sache sei. Wenn Alvensleben nun doch noch annehme, würde 
ihm, Caprivi, nichts übrig bleiben als seinen Abschied zu er- 
bitten. Er sei auf 123¾4 Uhr zum Vortrage bestellt und werde 
dabei Se. Moajestät an den gestrigen Auftrag für Marschall 
erinnern. 
Alvensleben, der unmittelbar vor Caprivi im Schlosse emp- 
fangen wurde, war auch von dem Kaiser nicht zu überreden 
gewesen; als der Letztere dies mit dem Ausdruck seines Bedauerns 
Caprivi mittheilte, erwiderte dieser, das sei sehr glücklich und 
bewahre ihn vor einer großen Verlegenheit, denn er habe 
schon mit Marschall abgeschlossen; der Kaiser erklärte kurz: 
„Nun gut, so wird es Marschall.“ Caprivi hatte also das 
Resultat der Unterredung meines Sohnes mit Alvensleben
        <pb n="126" />
        108 Achtes Kapitel: Meine Entlassung. 
  
nicht abgewartet, sondern schon vorher den badischen Gesandten 
gewonnen. 
Der Großherzog von Baden, der durch Acußerungen meines 
Sohnes gegen Herrn von Marschall erfahren hatte, daß seine 
entscheidende Einwirkung auf den Kaiser zu meiner Kenntniß 
gekommen war, machte mir am 24. einen Besuch und verließ 
mich in ungnädiger Stimmung. Ich sagte ihm, er habe dem 
Reichskanzler in dessen Competenz eingegriffen und meine Stel- 
lung bei Sr. Majestät unmöglich gemacht. 
Am 26. März verabschiedete ich mich bei dem Kaiser. Se. 
Majestät sagte, „nur die Sorge für meine Gesundheit“ habe 
ihn bewogen, mir den Abschied zu ertheilen. Ich erwiderte, 
meine Gesundheit sei in den letzten Jahren selten so gut ge- 
wesen wie in dem vergangenen Winter. Die Veröffentlichung 
meines Abschiedsgesuchs wurde abgelehnt. Gleichzeitig mit dem 
Eingange desselben hatte Caprivi schon von einem Theile der 
kanzlerischen Dienstwohnung Besitz ergriffen; ich sah, daß Bot- 
schafter, Minister und Diplomaten auf dem Treppenflur warten 
mußten, ein Zwang für mich, das Packen und Abreisen dringend 
zu beschleunigen; am 29. März verließ ich Berlin unter diesem 
Zwange übereilter Räumung meiner Wohnung und unter den 
vom Kaiser im Bahnhof angeordneten militärischen Ehren- 
bezeigungen, die ich ein Leichenbegängniß erster Klasse mit 
Recht nennen konnte. 
Zuvor hatte ich von Sr. Majestät dem Kaiser Franz Joseph 
diesen Brief erhalten: 
„Wien, den 22. März 1890. 
Lieber Fürst. 
Die meine volle Theilnahme in Anspruch nehmende Nach- 
richt, daß Sie die Zeit gekommen erachten, Sich von den auf- 
reibenden Mühen und Sorgen Ihrer Aemter zurückzuziehen, 
hat nunmehr ihre offizielle Bestätigung gefunden. So sehr ich
        <pb n="127" />
        Abschiedsaudienz. Abreise. Brief Franz Joseph's. 109 
  
wünsche und hoffe, daß es Ihrer erschütterten Gesundheit zu 
Gute kommen werde, wenn Sie Sich nach so vielen Jahren 
ununterbrochener erfolg= und ruhmreicher staatsmännischer Wirk- 
samkeit Ruhe gönnen wollen, so wenig kann ich das Gefühl 
aufrichtigen Bedauerns unausgesprochen lassen, mit welchem ich 
Ihren Rücktritt, insbesondere Ihr Scheiden von der Leitung 
der auswärtigen Angelegenheiten des uns so nahe stehenden 
Deutschen Reiches begleite. Ich werde es immer dankbarst an- 
erkennen, daß Sie die Beziehungen Deutschlands zu Oestreich- 
Ungarn im Geiste loyaler Freundschaft aufgefaßt und durch 
consequentes und treues Zusammenwirken mit den Männern 
meines Vertrauens das heute unerschütterliche Bundesverhält- 
niß gegründcet haben, welches den Interessen beider Reiche, wie 
meinen Wünschen und jenen Ihres Herrn und Kaisers ent- 
spricht. Ich freue mich, Ihnen bei diesen für die Geschicke des 
Welttheils so wichtigen Bestrebungen meine Unterstützung und 
mein rückhaltloses Vertrauen entgegen gebracht zu haben, und 
weiß es auch dankbar zu schätzen, daß ich bei Ihnen in allen 
Gelegenheiten auf dieselbe vertrauensvolle Offenheit und zu- 
verlässige Mithülfe zählen konnte. Möge Ihnen noch eine 
lange Reihe von Jahren hindurch die Genugthuung gegönnt 
sein, zu sehen, wie der durch Sie sestgefügte deutsch östreichische 
Freundschaftsbund in den schweren Zeiten, in welchen wir leben, 
sich als sichere Schutzwehr erweist nicht nur für die Verbün- 
deten, sondern auch für den Frieden Europas. Empfangen 
Sie, lieber Fürst, die Versicherung, daß meine herzlichsten 
Wünsche Sie stets begleiten, daß ich Ihrer mit den Gefühlen 
aufrichtiger Hochachtung und Freundschaft gedenke und daß 
es mich lebhaft freuen soll, so oft Ihnen die Gelegenheit 
geboten wird, von Ihrem opferwilligen Patriotismus und 
Ihrer altbewährten weisen Erfahrung erneut Zeugniß abzu- 
legen. 
Franz Joseph.“
        <pb n="128" />
        110 Achtes Kapitel: Meine Entlassung. 
  
Zu Weihnachten 1890 ließ mir Kaiser Wilhelm eine Samm- 
lung von Photographien der Räume des Palais Wilhelm's J. 
übersenden; ich dankte dafür in dem folgenden Briefe: 
„Friedrichsruh, 25. December 1890. 
Allerdurchlauchtigster Kaiser 
Allergnädigster König und Herr. 
Eurer Mojestät erlaube ich mir meinen ehrfurchtsvollen 
Dank zu Füßen zu legen für das mir im Allerhöchsten Auf- 
trage übersandte Weihnachtsgeschenk, welches mir in vollendeter 
Nachbildung die Stätten vergegenwärtigt, an die sich meine 
Erinnerungen an meinen hochseligen Herrn vorwiegend knüpfen, 
und in welchen Höchstderselbe mir länger als ein halbes Jahr- 
hundert Sein gnädiges Wohlwollen erwiesen und bis zum Ende 
Seiner Tage bewahrt hat. 
Mit meinem allerunterthänigsten Danke für dieses Andenken 
an die Vergangenheit verbinde ich meine ehrsurchtsvollen Glück- 
wünsche zum bevorstehenden Jahreswechsel. 
In tiefster Ehrfurcht ersterbe ich 
Eurer Majestät 
allerunterthänigster Diener 
v. Bismarck.“
        <pb n="129" />
        Neuntes Kapitel. 
Graf Caprivi. 
Wie lange und wie tief die der Ressort-Eifersucht im 
Kriege 66 entsprungenen militärischen Verstimmungen nach- 
wirkten und an dem wachsenden Uebelwollen meiner Standes- 
und ehemaligen Parteigenossen Anlehnung nahmen, hatte ich 
unter andern aus der Mittheilung ersehen, welche mir der 
Feldmarschall von Manteuffel machte, daß der General von 
Caprivi sich gegen ihn unausfgesordert und eindringlich über 
die Gefahr, die uns durch meine, des leitenden Ministers, 
„Feindschaft gegen die Armec“ bereitet werde, ausgesprochen 
und dagegen des Marschalls Einfluß beim Könige zu Hülfe 
gerufen habe. Dieser, auch dem Feldmarschall unerwar- 
tete Ausbruch latenter Feindschaft und Caprivi's gleichzeitiger 
Verkehr in den Conventikeln, die um den Grasen Roon 
und in dem Caprivi befreundeten Hause des Geheimrathes 
von Lebbin (Ministerium des Innern) gegen mich thätig 
waren ), haben mich nicht abgehalten, die hohe Meinung, 
welche ich von seiner militärischen Begabung auf Grund 
competenter Zeugnisse hegte, bei gebotenen Gelegenbeiten 
geltend zu machen. Vor und nach seiner Ernennung zum Chef 
der Marine, die 1883 gegen meinen Rath erfolgte, empfahl 
ich dem Kaiser Wilhelm I., einen General, der wie er Ver- 
trauen in der Armee besäße, bei den damaligen zweiselhaften 
Friedensaussichten nicht dem Landheere zu entziehen, nicht die 
X) S. Bd. 1I 152 f. [I.= II 179 f. der Volks-, II 175 f. der Neuen 
Ausgabe.]
        <pb n="130" />
        112 Neuntes Kapitel: Graf Caprivi. 
  
Fühlung, die er mit demselben habe, dergestalt zu unterbrechen, 
daß er sie beim Ausbruch eines Krieges erst wieder zu er- 
neuern habe. Ich empfahl namentlich, Caprivi an der Leitung 
des Generalstabes zu betheiligen, sobald der Graf Moltke der 
Unterstützung bedürfe. Dieser war aber nicht geneigt, sich von 
Caprivi unterstützen zu lassen, und erklärte lieber abzugehn, 
was der Kaiser jedenfalls verhüten wollte. Außerdem hatte 
Se. Majestät das zweifellos berechtigte Bedürfniß, durch einen 
militärisch geschulten Charakter wie Caprivi gewisse Schäden 
auszugleichen, die unter dem General von Stosch in der 
Marine eingerissen sein sollten. Mein Wunsch war, die Leitung 
der Marine in seemännische Hand gelegt zu sehen. Der ana- 
loge Vorgang wiederholte sich, als Kaiser Friedrich, in seiner 
Verstimmung über Waldersee's und der Gräfin Waldersee 
Beziehungen zu Stöcker, mir eröffnete, daß er Waldersee im 
Generalstabe zu ersetzen wünsche, und ich für den Fall Caprivi 
als geeigneten Nachfolger neben Graf Häseler nannte. Dem 
Kaiser war Caprivi vertrauter, er stieß aber bei Sondirung 
des Feldmarschalls auf dieselbe entschiedene Ablehnung wie 
sein Vater. Für Kaiser Wilhelm II. war Caprivi auf mili- 
tärischem Gebiete zu unabhängig im Urtheil, auf politischem 
aber war er Sr. Majestät an Vorbildung nicht gewachsen. 
Ich bin freiwillig nur von dem Posten des Handelsministers 
zurückgetreten, weil ich die verantwortliche Contrasignatur für 
verlorne Liebesmüh bei der Socialdemokratie und für die 
Arbeiterzwangs= und Sonntagsgesetze in der Richtung, für die 
der Kaiser hinter meinem Rücken durch regirende Herren, durch 
Boetticher und andre Hintertreppenintriganten gewonnen war, 
nicht leisten wollte. Ich hatte damals noch die Absicht, Kanzler 
und Ministerpräsident zu bleiben, weil ich dies im Angesicht 
der Schwierigkeiten, welche ich von der nächsten Zukunft be- 
fürchtete, für eine Ehrenpflicht hielt. Namentlich glaubte ich 
im auswärtigen Reichsdienste die Verantwortung für mein
        <pb n="131" />
        Rückblick. 113 
  
Ausscheiden nicht selbst übernehmen zu können, sondern ab— 
warten zu müssen, ob Se. Majestät die Initiative dazu er— 
greisen würde. An diesem Pflichtgefühl hielt ich auch dann 
fest, als das Verhalten des Kaisers mich zu der directen Frage 
veranlaßte, ob „ich Sr. Majestät im Wege sei“. In der Gegen- 
rede, daß ich die neuen Militärvorlagen, die „Verdy'schen"“, 
doch noch vertreten müsse, erkannte ich eine Bejahung meiner 
Frage und deutete die Möglichkeit an, mich dann zunächst als 
Ministerpräsident zu ersetzen und als Kanzler zu belassen; ich 
glaubte damals mit Sr. Majestät über mein Verbleiben in der 
Kanzlerstellung noch einig zu sein, indem die Intentionen des 
Königs, für die ich nicht glaubte vorantwortlich mitarbeiten zu 
können, zunächst das Ressort des preußischen Ministerpräsidenten. 
und des Handelsministers berührten. Letztres hatte ich sofort 
nachdem Se. Majestät sich für die Haltung des Oberpräsidenten 
von Berlepsch entschieden hatte, niedergelegt und Herrn von 
Berlepsch zum Nachfolger empfohlen. In dieser Sachlage nahm 
ich an, daß an der Spitze der Geschäfte kein Mann wie 
Boetticher, sondern ein General mit dem Ehrgefühl des preu- 
ßischen Offiziercorps nothwendig sein werde. Ich war nicht 
ohne Sorge, daß des Kaisers Wahl nach dem Einflusse, wel- 
chen nach seiner eignen Erklärung in der Conseilsitzung vom 
24. Januar außeramtlich Leute wie Hinzpeter, Douglas, Maler 
Heyden und Berlepsch und, im Amte, Boetticher auf ihn ge- 
wonnen hatten, von dem Glauben bestimmt werden könnte, 
daß sich die revolutionären Gefahren auf dem Wege der 
Popularität bekämpfen ließen. Es beunruhigte mich die Nei- 
gung des Kaisers, seine Feinde durch Liebenswürdigkeiten zu 
gewinnen, anstatt seinen Freunden Muth und Vertrauen ein- 
zuflössen. Auch die in meiner Abwesenheit geltend gemachte 
abschwächende Kritik meiner Politik von badischer Seite her 
verschärfte meine Besorgniß vor concessionsberciten civilisti- 
schen Rathgebern, vor Nachfolgern ohne politisches Chrgefühl 
Otto Fürst von Bismarck, Fedanken und Erinnerungen. III.
        <pb n="132" />
        114 Neuntes Kapitel: Graf Caprivi. 
  
welche die Monarchie schädigen würden, um sich in ihrer Stel- 
lung zu erhalten. Diese Sorge beruhte auf Wahrnehmungen, 
welche ich an meinen Collegen im Staatsministerium gemacht 
hatte. 
Ich habe gehört, daß der Kaiser die Bedenken, welche 
Caprivi gegen Uebernahme meiner Nachfolge geäußert, mit den 
Worten beschwichtigt habe: „Seien Sie ohne Sorge, sie kochen 
alle mit Wasser, und ich werde die Verantwortlichkeit für die 
Geschäfte übernehmen.“ Hossen wir, daß die nächste Gene- 
ration die Frucht dieses königlichen Selbstvertrauens erndten 
werde. 
Wie Caprivi über die Bedenken, die er gegen Ueber- 
nahme des Kanzlerpostens hegte, sich hinweg geholfen hat, 
darüber sprach er bei unserer einzigen und kurzen Besprechung 
nach seiner Ernennung, zwischen Thür und Angel des von ihm 
in Besitz genommenen Zimmers im Flügel meines Hauses, 
sich mit den Worten aus: „Wenn ich in der Schlacht an der 
Spitze meines zehnten Corps einen Befehl erhalte, von dem 
ich befürchte, daß bei Ausführung desselben das Corps, die 
Schlacht und ich selbst verloren gehen, und wenn die Vorstellung 
meiner sachlichen Bedenken keinen Erfolg hat, so bleibt mir 
doch nichts übrig als den Befehl auszuführen und unterzugehn. 
Was ist nachher weiter? Mann über Bord.“ In dieser Auf- 
sassung liegt der schärfste Ausdruck der Gesinnung des Offizier- 
corps, welche den letzten Grund der militärischen Stärke Preu- 
szens in diesem und dem vorigen Jahrhundert gebildet hat und 
hoffentlich ferner bilden wird. Aber auf die Gesetzgebung, die 
Politik, die innere wie die äußere, übertragen, hat dieses, auf 
seinem eigentlichen Gebiete bewunderungswürdige Element doch 
seine Gefahren; die heutige Politik eines Deutschen Reiches, 
mit freier Presse, parlamentarischer Verfassung, im Drange 
der europäischen Schwierigkeiten, läßt sich nicht im Stile einer 
durch Generäle ausgeführten Königlichen Ordre betreiben,
        <pb n="133" />
        Caprivi's Bedenken. Seine Geschäftsübernahme. 115 
  
auch wenn die Begabung des betheiligten Deutschen Kaisers 
und Königs von Preußen der Friedrich's II. mehr als eben- 
bürtig ist. 
Ich hätte an Stelle des Herrn von Caprivi den Reichs- 
kanzlerposten nicht angenommen; um Cabinetssecretär oder 
Adjutant auf einem ihm fremden Gebiete zu werden, ist ein 
hoher preußischer General, der mehr als andere das Ver- 
trauen unseres Offiziercorps hat, ein zu vornehmer Mann, 
und die Politik ist an sich noch kein Schlachtfeld, sondern 
nur die sachkundige Behandlung der Frage, ob und wann 
Krieg nothwendig sein wird und wie er sich mit Ehren 
verhüten läßt. Ich kann die Caprivi'sche Schlachtfeldtheorie 
nur gelten lassen in Situationen, wo die Existenz der Mon- 
archie und des Vaterlandes auf dem Spiele steht, in Situa- 
tionen, für welche der Begriff der Dictatur sich geschichtlich 
ausgebildet hat, wie ich als solche beispielsweise die Lage von 
1862 ansah. 
Wie genau, ich möchte sagen subaltern Caprivi die „Con- 
signe“ befolgte, zeigte sich darin, daß er über den Stand der 
Staatsgeschäfte, die zu übernehmen er im Begriffe stand, 
über die bisherigen Ziele und Absichten der Reichsregirung 
und die Mittel zu deren Durchführung keine Art von Frage 
oder Erkundigung an mich gerichtet hat. Ich entnehme daraus, 
daß ihm präcis befohlen war, sich jeder Frage an mich zu 
enthalten, um nicht den Eindruck abzuschwächen, daß der Kaiser 
selbst und ohne eines Kanzlers zu bedürfen regirte. Es ist 
mir nie vorgekommen, daß eine Pachtübergabe nicht eine ge- 
wisse Verständigung zwischen dem abziehenden und dem an- 
ziehenden Pächter erfordert hätte; in der Regirung des Deutschen 
Reiches mit allen ihren complicirten Verhältnissen ist ein ana- 
loges Bedürfniß aber nicht hervorgetreten. Die Wendung in 
meiner Verabschiedung, daß der Kaiser meinen Rath benutzen 
würde, hat nie eine praktische Bethätigung erfahren, und die
        <pb n="134" />
        116 Neuntes Kapitel: Graf Caprivi. 
  
Unterschrift meines Nachfolgers habe ich bei meiner Entlassung 
und später weder amtlich noch vertraulich zu sehn bekommen, 
außer unter einem für mich nachtheiligen Entscheide betreffend 
meine Pensionirung &amp;). Meine Erfahrung in unfrer Politik 
reichte 40 Jahre zurück, und durch den Amtswechsel war mein 
Nachfolger nicht vertrauter mit der politischen Lage geworden, 
als er in der Front des 10. Corps gewesen war. 
Die Gründe, welche Se. Majestät bestimmt haben, mich zu 
entlassen und mir in meinen Jahren einen plötzlichen Wechsel 
der Wohnung und der Thätigkeit zu befehlen, sind mir amtlich 
oder aus dem Munde Sr. Majestät niemals bekannt geworden, 
auch nicht beim Wiedersehn nach 4 Jahren; ich habe sie mir 
nur durch Conjectur zurechtlegen können, und vielleicht niemals 
genau. Es mögen allerhand Lügen an den Herrn gelangt 
sein, er hat mir von keiner Kenntniß gegeben und keine Auf- 
klärungen von mir verlangt. Ich habe den Eindruck gehabt, 
daß der Kaiser mein Erscheinen in Berlin vor und nach Neu- 
jahr 1890 nicht wünschte, weil er wußte, daß ich mich meiner 
Ueberzeugung nach über die Socialdemokratie im Reichetage 
nicht im Sinne derjenigen aussprechen würde, die inzwischen 
die seinige geworden war und die mir erst in dem Conseil am 
24. Januar bekannt wurde. Nach meinen direct und durch 
meinen Sohn erhaltnen Weisungen hatte sich Se. Majestät 
die Bestimmung der Zeit meiner Rückkehr vorbehalten. Ich 
erhielt sie in Gestalt der Einladung zu dem Conseil am 
24. Januar mit dem Befehl, eine halbe Stunde vorher zum 
Vortrag zu erscheinen. Ich nahm an, daß ich dabei er- 
fahren würde, worüber im Conseil berathen werden solle. 
Es geschah das nicht, und ich folgte Sr. Majestät durch den 
Nonnengang zum Conseil ebenso unbekannt mit den uns 
&amp;) Ich wurde u. a. veranlaßt, die Quote meines am 1. Januar 
erhobenen Quartalgehalts für die 11 Tage vom Datum meiner Ver- 
abschiedung (20.—31. März) wieder herauszugeben.
        <pb n="135" />
        Zur psychologischen Erklärung Caprivi's. 117 
  
bevorstehenden Eröffnungen wie meine Collegen, mit Aus- 
nahme Botettichers. 
Auch nach meiner Entlassung ist sorgfältig vermieden worden, 
mit mir in irgend welche Beziehung zu treten, augenscheinlich 
um nicht in den Verdacht zu gerathen, daß man meine Er- 
fahrung, Sach= und Personenkenntniß zu benutzen ein Bedürfniß 
empfinde. Ich wurde streng boycottirt und unter Quarantäne 
gehalten als Herd von Bacillen der Seuchen, an denen wir 
politisch gelitten hatten, als ich Kanzler war. 
Neben der militärischen Auffassung mögen auf Caprivi im 
Amte und vorher auch psoychologische Consequenzen seiner 
tantalisirten Jugend mitgewirkt haben, welche für einen Garde- 
offizier ohne Vermögen von Entbehrungen und Bitterkeiten 
nicht frei war, die Empfindung, daß der Abschluß des Lebens 
in höchster Stellung einc ausgleichende Gerechtigkeit des 
Schicksals sei. Daß die Verstimmung, unter welcher er gegen 
Leute in meiner Stellung vor zwanzig und mehr Jahren ge- 
litten haben konnte, diesen Zeitraum überlebt hatte, habe ich 
daraus entnommen, daß sein Verhältniß zu mir von dem 
Augenblick der ersten Eröffnung, die ihm der Kaiser gemacht 
hatte, weder in Berlin noch in Wien von der gleichen rein 
sachlichen Erwägung getragen worden ist, wie das meinige zu 
ihm, ungeachtet der mir bekannten unfreundlichen Stimmung, 
stets geblieben war. Die letztre zu überwinden, war mir auch 
während der Zeit nicht gelungen, da wir Collegen im Reichs- 
dienste waren, zur Zeit seiner Marineverwaltung, trotz allen 
Aufwandes persönlicher Liebenswürdigkeit, welche ich zu diesem 
Zwecke eingesetzt habe; es war immer den Leuten „mit Ar und 
Halm“ gegenüber der Jugendeindruck eines Jahre lang tanta- 
lisirten Offiziers ohne Zulage durchzufühlen se). 
X) Ich kann nicht leugnen, daß mein Vertrauen in den Charakter 
meines Nachfolgers einen Stoß erlitten hat, seit ich ersahren habe, daß
        <pb n="136" />
        118 Neuntes Kapitel: Graf Caprivi. 
  
Das Gefühl, von einem erheblichen Theile meiner Collegen 
in Preußen und meiner Untergebnen im Reiche als eine Be- 
lastung betrachtet zu werden, als ein Gewicht, durch dessen 
Druck ihre eigne steigende Entwicklung gehindert wurde, habe 
ich seit langer Zeit gehabt, glaube aber, daß dasselbe Gefühl 
jeder Ministerpräsident und Reichskanzler gehabt haben würde, 
der so lange Zeit bestrebt gewesen wärc, ohne Ablösung seine 
Pflicht zu thun, indem er, soweit menschenmöglich, die Einheit 
und das Maßhalten der verschiednen strebsamen Ressorts gegen 
einander und gegenüber den berechtigten Erwartungen der 
Regirten und ihrer einzelnen Interessenklassen zu erhalten 
suchte. 
Die damit angedeutete Aufgabe kann ohne Verletzung 
unfrer Verfassung von dem Monarchen in seinen Eigenschaften 
als Deutscher Kaiser und als König von Preußen ebenso gut 
erfüllt werden wie von einem Reichskanzler und Minister- 
präsidenten, wenn der Monarch die dazu erforderliche Vor- 
bereitung und Arbeitskraft besitzt und seinen Ministern gegen- 
er die uralten Bäume vor der Gartenseite seiner, früher meiner, 
Wohnung hat abhauen lassen, welche eine erst in Jahrhunderten zu 
regenerirende, also unersetzbare Zierde der amtlichen Reichsgrundstücke 
in der Residenz bildeten. Kaiser Wilhelm I., der in dem Reichskanzler- 
garten glückliche Jugendtage verlebt hatte, wird im Grabe keine Ruhe 
haben, wenn er weiß, daß sein früherer Gardeoffizier alte Lieblings- 
bäume, die ihres Gleichen in Berlin und der Umgegend nicht hatten, 
hat niederhauen lassen, um un poco pin di luce zu gewinnen. Aus 
dieser Baumvertilgung spricht nicht ein deutscher, sondern ein slavischer 
Charakterzug. Die Slaven und die Celten, beide ohne Zwelisel stamm- 
verwandter als jeder von ihnen mit den Germanen, sind keine Baum- 
freunde, wie Jeder weiß, der in Polen und Frankreich gewesen ist: 
ihre Dörser und Städte stehn baumlos auf der Ackerfläche, wie ein 
Nürnberger Spielzeug auf dem Tische Ich würde Herrn von Caprivi 
manche politische Meinungsverschiedenheit eher nachsehn als die ruch- 
lose Zerstörung uralter Bäumc, denen gegenüber er das Recht des 
Nießbrauchs eines Staatsgrundstücks durch Deterioration desselben 
mißbraucht hat.
        <pb n="137" />
        Verfassungsmäßige Stellung des preußischen Königs. 119 
  
über sachlich, nicht monarchisch discutirt. Auch wenn Letzteres 
der Fall ist, müßte er jedoch immer das Bedürfniß haben und 
würde er schon durch seinen preußischen Verfassungseid ge- 
nöthigt sein, bevor er Entschließungen faßt, den Rath derjenigen 
Minister zu hören und zu erwägen, welchen die verfassungs- 
mäßige Verantwortlichkeit obliegt. Geschieht das nicht und 
findet der einsache Befehl des Königs von Preußen bei seinen 
Ministern einen schweigenden und stellenklebenden Gehorsam, 
der sich auf die preußische Stimme im Bundesrathe überträgt, 
nimmt mit andern Worten der König von Preußen in seinem 
Staatsministerium die Stellung der französischen Könige im 
lit de justice (hoc volo, sic jubeo) und findet er dann Minister, 
welche die ihnen damit bleibende Stellung von Cabinets- 
secretären annehmen, dann tritt das Königthum in einer Un- 
gedecktheit der Kritik der Parlamente und der Presse gegen- 
über, auf welche unfre heutigen Einrichtungen nicht passen. 
Die Minister sind dann berechtigt, dem Parlamente gegenüber 
den Umstand geltend zu machen, daß der König, in Preußen 
also das berechtigte Drittel der gesetzgebenden Gewalt, hinter 
ihnen steht, aber doch nicht, wie es seit meinem Rücktritte vor- 
gekommen ist, von der Rechtfertigung ihrer eignen Ueberzeugung 
sich vermittelst des Argumentes zu entbinden, daß der König 
die Sache befohlen habe. Das Gewicht der persönlichen Ansicht 
desselben kann von einem Minister wohl zur Empfehlung 
dessen, was er vertritt, aber niemals zur Deckung seiner eignen 
Verantwortlichkeit für das Vertretene angeführt werden. Der 
Mißbrauch in letzterer Richtung führt dazu, die Verantwort- 
lichkeit, welche die Minister treffen soll, zu verflüchtigen und 
auf den im Parlamente nicht anwesenden Monarchen zu 
übertragen. 
Ein Minister würde in dem preußischen Abgeordnetenhause 
berechtigt sein, zu sagen, daß irgend ein Antrag in dem Herren- 
hause nicht durchgehn werde und deshalb im Interesse der Ver-
        <pb n="138" />
        120 Neuntes Kapitel: Graf Caprivi. 
  
ständigung lieber zu modificiren sei. Mit einer gleichen ver- 
fassungsmäßigen Berechtigung darf er sagen, daß irgend ein 
andrer Antrag bei dem obersten gleichberechtigten Factor der 
Gesetzgebung, dem Könige, nicht durchgehn werde (Art. 62 
der Verfassung).
        <pb n="139" />
        Zehntes Kapitel. 
Kaiser Wilhelm ll. 
Der Kaiser hat in seiner natürlichen Veranlagung von den 
Eigenschaften seiner Vorfahren eine gewisse Mannigfaltigkeit 
zur Mitgift erhalten. Von unserm ersten Könige hat er die 
Prachtlicbe, die Neigung zu einem durch das Costüm gehobnen 
Hosceremoniell bei seierlichen Gelegenheiten, verbunden mit 
einer lebhaften Empfänglichkeit für geschickte Anerkennung. Die 
Selbstherrlichkeit der Zeiten Friedrich's I. ist in ihrer praktischen 
Erscheinung durch den Lauf der Zeiten wesentlich modificirt; 
aber wenn es heut innerhalb der gesetzlichen Möglichkeiten 
läge, so würde mir, glaube ich, als Abschluß meiner politischen 
Laufbahn das Geschick des Grafen Eberhard Danckelmann 
nicht erspart geblieben sein. Ich würde angesichts der Kürze 
der Lebensdauer, auf die ich in meinem Alter überhaupt noch 
zu rechnen habe, einem dramatischen Abschlusse meiner politischen 
Laufbahn nicht aus dem Wege gegangen sein und auch diese 
Ironie des Schicksals mit heitrer Ergebung in Gottes Willen 
ertragen haben. Den Sinn für Humor habe ich auch in den 
ernstesten Lagen des Lebens niemals verloren. 
Gleiche erbliche Anklänge zeigt der Kaiser an Friedrich 
Wilhelm I., zuerst in der Aeußerlichkeit der Vorliebe für „lange 
Kerls"“. Wenn man die Flügeladjutanten des Kaisers unter 
das Maß stellt, so sindet man fast lauter Offiziere von un- 
gewöhnlicher Körperlänge, um 6 Fuß herum und darüber. 
Es ist vorgekommen, daß sich an dem Hoflager im Marmor- 
palais ein unbekannter, hochgewachsener Offizier meldete, Zulaß 
zu Sr. Majestät verlangte und auf Befragen erklärte, er sei
        <pb n="140" />
        122 Zehntes Kapitel: Kaiser Wilhelm II. 
  
zum Flügeladjutanten ernannt, eine Angabe, die erst nach 
Rückfrage bei Sr. Majestät Glauben fand. Der neue Flügel- 
adjutant überragte an Körperlänge seine Kameraden, welche 
er bei seinem Erscheinen im Palais nicht ohne Schwierigkeit 
von seiner Berechtigung überzeugt hatte. 
Ausgeprägter noch ist die Vererbung der Neigung Friedrich 
Wilhelm's I. und Friedrich's II. zu selbstherrlicher Leitung der 
Regirungsgeschäfte &amp;) und der Glaube an die Berechtigung des 
hoc volo, sic jubeo N ). Aber jene übten die Selbstherrlichkeit, 
wie es der Tendenz ihrer Zeit entsprach, ohne Rücksicht darauf, ob 
sie durch die Art, wie sie regirten, Beisall erwarben oder nicht. 
Es läßt sich kaum ermitteln, ob die Zeitgenossen Friedrich Wil- 
helm's I. ihm die Anerkennung gezollt haben wie die Nachwelt, 
daß er in seinen gewaltthätigen Eingriffen frei gewesen ist von 
der Rücksicht auf das Urtheil Anderer, wie sein Vater sie nahm. 
Heute steht das Urtheil der Geschichte fest, daß ihm salus publica 
und nicht Anerkennung seiner Person suprema lex gewesen ist. 
Friedrich der Große hat sein Blut nicht sfortgepflanzt; seine 
Stellung in unserer Vorgeschichte muß aber auf jeden seiner 
Nachfolger wirken als eine Aufforderung, ihm ähnlich zu werden. 
X) Ich erinnere mich, daß ich 1859 beim Abgange nach Petersburg 
auf meine Kritik über die Unfähigkeit sämmtlicher Minister des Regenten 
die ungnädige Antwort erhielt: „Halten Sie mich etwa für eine Schlaf- 
mütze?“ Worauf ich erwiderte, daß schon ein preußischer Landrath heut 
zu Tage seinen Kreis weder gern noch gut ohne einen brauchbaren 
Kreissecretär verwalten würde, die Monarchie aber aus der Möglichkeit 
der Cabinetsregirung längst herausgewachsen sei. Schon Friedrich der 
Große habe sich gehütet, unfähige Minister zu seinen Werkzeugen 
zu wählen. 
X) Iuvenalis Satirae, Sat. VI, versus 220—224: 
Pone crucem servo; meruit quo crimine servus 
Supplicium? quis testis adest, quis detulit? audi, 
Nulla unquam de morte hominis cunctatio longa est. 
O demens, ita serrus homo est? nil fecerit, esto. 
Hoc volo, sic jubeo, sit pro ratione voluntas.
        <pb n="141" />
        Vergleichende Charakteristik der Vorfahren. 123 
  
Ihm waren zwei einander fördernde Begabungen eigen, des 
Feldherrn und eines hausbackenen, bürgerlichen Verständnisses 
für die Interessen seiner Unterthanen. Ohne die erste würde 
er nicht in der Lage gewesen sein, die zweite dauernd zu be- 
thätigen, und ohne die zweite würde sein militärischer Erfolg 
ihm die Anerkennung der Nachwelt nicht in dem Maße er- 
worben haben, wie es der Fall ist — obschon man von den 
europäischen Völkern im Allgemeinen sagen kann, daß diejenigen 
Könige als die volksthümlichsten und beliebtesten gelten, welche 
ihrem Lande die blutigsten Lorbeern gewonnen, zuweilen auch 
wieder verscherzt haben. Karl XII. hat seine Schweden eigen- 
sinnig dem Niedergange ihrer Machtstellung entgegen geführt, 
und dennoch findet man sein Bild in den schwedischen Bauern- 
häusern als Symbol des schwedischen Ruhmes häufiger als das 
Gustav Adolfs. Friedliebende, civilistische Volksbeglückung 
wirkt auf die christlichen Nationen Europas in der Regel nicht 
so werbend, so begeisternd wie die Bercitwilligkeit, Blut und 
Vermögen der Unterthanen auf dem Schlachtfelde siegreich zu 
verwenden. Ludwig XIV. und Napoleon, deren Kriege die 
Nation ruinirten und mit wenig Erfolg abschlossen, sind der 
Stolz der Franzosen geblieben, und die bürgerlichen Verdienste 
anderer Monarchen und Regirungen treten gegen sie in den 
Hintergrund. Wenn ich mir die Geschichte der europäüschen 
Völker vergegenwärtige, so finde ich kein Beispiel, daß eine 
ehrliche und hingebende Pflege des friedlichen Gedeihens der 
Völker für das Gefühl der letzteren eine stärkere Anziehungs- 
kraft gehabt hätte als kriegerischer Ruhm, gewonnene Schlachten 
und Eroberungen selbst widerstrebender Landstriche. 
Im Gegensatz gegen seinen Vater hatte Friedrich II. unter 
dem Einfluß der veränderten Zeiten und seines Verkehrs mit 
ausländischen Schöngeistern ein Beifallsbedürfniß, das sich früh 
im Kleinen verrieth. In seinem Briefwechsel mit dem Grafen 
Seckendorff sucht er diesem alten Sünder durch Excesse auf dem
        <pb n="142" />
        124 Zehntes Kapitel: Kaiser Wilhelm II. 
  
geschlechtlichen Gebiet und daraus folgende Krankheiten zu imponi- 
ren, und seinen Aufbruch nach Schlesien gleich nach dem Regirungs- 
antritt bezeichnet er selbst als das Ergebniß seines Verlangens nach 
Ruhm. Er versandte Gedichte aus dem Felde mit der Unterschrift: 
„Pas trop mal pour la veille d'une grande bataille“. Aber das 
Verlangen nach Beifall, love of approbation, ist in einem Monar- 
chen eine mächtige und mitunter nützliche Triebfeder; fehlt dieselbe, 
so verfällt er leichter als ein anderer in genußsüchtige Unthätig- 
keit; un petit roy d’Vvetot, se levant tard, se couchant tot, 
dormant fort bien sans gloire, ist auch kein Glück für sein Land. 
Hätte die Welt den „großen“ Friedrich, hätte sie den 
heldenmüthigen Einsatz Wilhelm's I. erlebt, wenn beide ohne 
Beifallsbedürfniß gewesen wären? Die Eitelkeit an sich ist 
eine Hypothek, welche von der Leistungsfähigkeit des Mannes, 
auf dem sie lastet, in Abzug gebracht werden muß, um den 
Reinertrag darzustellen, der als brauchbares Ergebniß seiner 
Begabung übrig bleibt. Bei Friedrich II. waren Geist und 
Muth so groß, daß sie durch keine Selbstüberschätzung ent- 
werthet werden konnten und daß man Uebertreibungen seines 
Selbstvertrauens, wie bei Colin und Kunersdorf, bei der Ver- 
gewaltigung des Kammergerichts in dem Arnold'schen Processe 
und bei der Mißhandlung Trenck's, ohne Schaden für das 
Gesammturtheil in den Kauf nimmt. Bei Wilhelm I. war 
das Bewußtsein als preußischer Offizier und als preußischer 
König sehr lebhaft, aber die edlen Eigenschaften seines Herzens, 
die Zuverlässigkeit und Gradheit seines Charakters waren groß 
genug, um die Belastung zu ertragen, um so mehr, als sein 
Bedürfniß nach Anerkennung frei von Selbstüberschätzung, im 
Gegentheil seine vornehme Bescheidenheit ebenso groß wie sein 
Pflichtgefühl und seine Tapferkeit war. Das versöhnende 
Element für alle Schärfen in Charakter und Haltung unfrer 
früheren Könige lag in ihrem herzlichen und ehrlichen Wohlwollen 
für ihre Unterthanen und Diener, in ihrer Treue gegen Beide.
        <pb n="143" />
        Vergleichende Charakteristik der Vorfahren. 125 
  
Die Gewohnheit Friedrich's des Großen, in die Ressorts 
seiner Minister und Behörden und in die Lebensverhältnisse 
seiner Unterthanen einzugreifen, schwebt Sr. Mcjestät zeitweise 
als Muster vor. Die Neigung zu Randbemerkungen in dessen 
Stile, verfügender oder kritisirender Natur, war während 
meiner Amtgzeit so lebhaft, daß dienstliche Unbequemlichkeit 
daraus entstand, weil der drastische Inhalt und Ausdruck dazu 
nöthigte, die betrefssenden Actenstücke streng zu secretiren. Vor- 
stellungen, welche ich darüber an Se. Mojestät richtete, sanden 
keine gnädige Aufnahme, hatten indessen doch die Folge, daß 
die Marginalien nicht mehr auf den Rand unentbehrlicher 
Actenstücke geschrieben, sondern denselben angeklebt wurden. 
Die weniger complicirte Verfassung und der geringere Umsang 
Preußens gestatteten Friedrich dem Großen eine leichtere 
Uebersicht der Gesammtlage des Staates im Innern und nach 
außen, so daß für einen Monarchen von seiner gelschäftlichen 
Erfahrung, seiner Neigung zu gründlichster Arbeit und seinem 
klaren Blicke die Praxis kurzer Randbescheide im Cabinets- 
dienste weniger Schwierigkeit darbot als in den heurigen Ver- 
hälmissen. Die Geduld, mit welcher er sich vor definitiven 
Entscheidungen über Rechts= und Sachfragen unterrichtete, die 
Gutachten competenter und sachkundiger Geschäftsleute hörte, 
gab seinen Marginalien ihre geschäftliche Autorität. 
An dem Erbe Friedrich Wilhelm's II. ist Kaiser Wilhelm II. 
nach zwei Richtungen hin nicht unbetheiligt. Die eine ist die 
starke sexuelle Entwicklung, die andre eine gewisse Empfäng- 
lichkeit für mystische Einflüsse. Auf welche Weise der Kaiser 
sich über den Willen Gottes vergewissert, in dessen Dienst er 
seine Thätigkeit stellt, darüber wird kaum ein klassisches Zeugniß 
beizubringen sein. Die Andeutungen in dem Phantasiestück 
King and Minister: A Midnight Conversation X) von einem 
&amp;) Contemporarr Reriew. April 1890, pag. 457.
        <pb n="144" />
        126 Zehntes Kapitel: Kaiser Wilhelm II. 
  
„Buch der Gelübde“ und den Miniatürbildern der drei großen 
Vorfahren geben keine Klarheit. 
Mit Friedrich Wilhelm III. finde ich keine Aehnlichkeit in 
der Erscheinung Wilhelm's II. Jener war schweigsam, schüchtern, 
offnen Schaustellungen und Popularitätsbestrebungen abgeneigt. 
Ich erinnere mich, daß er bei einer Revue in Stargard zu 
Anfang der dreißiger Jahre über die Ovationen, mit welchen 
man sein Behagen inmitten seiner pommerschen Unterthanen 
störte, in dem Momente, als man ihm „Heil Dir im Sieger- 
kranz“, untermischt mit Hurrahschreien, auf kurze Entfernung 
in das Gesicht sang, in eine Verstimmung gerieth, deren lauter 
und energischer Ausdruck die Sänger sofort verstummen ließ. 
Wilhelm I. hatte Antheil an diesem väterlichen Erbe selbst- 
bewußter Bescheidenheit und wurde empfindlich berührt, wenn 
die ihm dargebrachte Huldigung die Grenzen des guten Ge- 
schmacks überschritt. Schmeicheleien à brule pourpoint machten 
ihn verstimmt; sein Entgegenkommen für jeden Ausdruck sym- 
pathischer Treue erkaltete momentan unter dem Eindruck der 
Uebertreibung und des Streberthums. 
Mit Friedrich Wilhelm IV. hat der regirende Keiser die 
Gabe der Beredtsamkeit und das Bedürfniß gemein, sich ihrer 
öster als geboten zu bedienen. Auch ihm fließen die Worte 
leicht zu; in der Wahl derselben war aber sein Großoheim 
vorsichtiger, vielleicht auch arbeitsamer und wissenschaftlicher. 
Für den Großneffen ist der Stenograph nicht immer zulässig, 
an den Reden Friedrich Wilhelm's IV. dagegen läßt sich selten 
eine sprachliche Kritik anbringen. Dieselben sind ein beredter 
und mitunter dichterischer Ausdruck der Gedanken, welche jene 
Zeit in Bewegung zu setzen im Stande waren, wenn die ent- 
sprechenden Thaten gesolgt wären. Ich erinnere mich sehr 
wohl der Begeisterung, welche die Krönungsrede und Aus- 
lassungen des Königs bei andern öffentlichen Gelegenheiten 
(„Alaaf Köln“) erregten. Wenn ihnen thatkräftige Ent-
        <pb n="145" />
        Vergleichende Charakteristik der Vorfahren. 127 
  
schließungen in demselben schwunghaften Sinne gefolgt wären, 
so hätten sie schon damals eine gewaltige Wirkung hervor- 
bringen können, um so mehr, als man in Betreff politischer 
Gemüthsbewegungen noch nicht abgestumpft war. In den 
Jahren 1841 und 1842 war mit weniger Mitteln mehr zu 
erreichen als 1819. Darüber läßt sich unpartheiisch urtheilen, 
nachdem das damals Wünschenswerthe erreicht ist und im 
nationalen Sinne das Bedürfniß von 1840 nicht mehr vorliegt, 
im Gegentheil. Le mieux est l’ennemi du bien ist eins der 
durchschlagendsten Sprichwörter, gegen welches zu sündigen die 
Deutschen theoretisch mehr Neigung haben als andre Völker. 
Mit Friedrich Wilhelm IV. hat Wilhelm II. darin eine Aehn- 
lichkeit, daß die Grundlage ihrer Politik in der Vorstellung 
wurzelt, daß der König, und er allein, den Willen Gottes näher 
kenne als Andre, nach demselben regire und deshalb vertrauens- 
vollen Gehorsam verlange, ohne sein Ziel mit den Unterthanen zu 
discutiren oder denselben kundzugeben. Friedrich Wilhelm IV. 
hatte an dieser seiner bevorzugten Stellung zu Gott keinen 
Zweifel; sein ehrlicher Glaube entsprach dem Bilde von dem 
Hohenpriester der Juden, der allein hinter den Vorhang tritt. 
In gewissen Beziehungen sucht man vergebens nach Ana- 
logien zwischen Wilhelm II. und seinen nächsten drei Ascen- 
denten; Eigenschaften, welche Grundzüge in den Charakteren 
Friedrich Wilhelm's III., Wilhelm's I. und Friedrich's III. 
bildeten, treten bei dem jungen Herrn nicht in den Vorder- 
grund. Ein gewisses schüchternes Mißtrauen in die eigne 
Leistungssähigkeit hat in der vierten Generation einem Maße 
von zuversichtlichem Selbstvertrauen Platz gemacht, wie wir es 
seit Friedrich dem Großen nicht auf dem Throne gesehn haben, 
doch nur bei dem regirenden Herrn. Sein Bruder, Prinz 
Heinrich, scheint das gleiche Mißtrauen in eigne Kräfte und 
die gleiche innerliche Bescheidenheit zu haben, die man trotz 
allem olympischen Bewußtsein bei näherer Bekanntschaft in den
        <pb n="146" />
        128 Zehntes Kapitel: Kaiser Wilhelm II. 
  
Kaisern Friedrich und Wilhelm J. zum Grunde liegend fand. 
Bei dem Letzteren gehörte das starke und gläubige Gott- 
vertrauen dazu, um bei der bescheidenen und vor Gott und 
Menschen demüthigen Auffassung der eignen Persönlichkeit die 
Festigkeit der Entschlüsse zu gewähren, welche er in der Con- 
flictszeit an den Tag gelegt hat. Beide Herren versöhnten 
durch ihre Herzensgüte und ihre ehrliche Wahrheitsliebe mit 
gelegentlichen Abweichungen von der landläufigen Einschätzung 
der praktischen Wirkungen königlicher Geburt und Salbung. 
Wenn ich mir ein Bild des jetzigen Kaisers nach Abschluß 
meiner Beziehungen zu seinem Dienste zu machen suche, so 
finde ich in ihm Eigenschaften seiner Vorfahren in einer Weise 
verkörpert, die für meine Anhänglichkeit eine starke Anziehungs- 
krast haben würden, wenn sie durch das Princip einer Gegen- 
seitigkeit zwischen Monarch und Unterthanen, zwischen Herrn 
und Diener belebt wären. Das germanische Lehnrecht gibt 
dem Vasallen außer dem Besitz des Gegenstandes wenig An- 
spruch, aber doch den auf Gegenseitigkeit der Treuc zwischen 
ihm und dem Lehnsherrn; Verletzung derselben von der einen 
wie von der andern Seite heißt Felonie. Wilhelm I., sein 
Sohn und seine Vorsahren besaßen das entsprechende Gefühl 
in hohem Maße, und dasselbe ist die wesentliche Basis der 
Anhänglichkeit des preußischen Volkes an seinen Monarchen, 
was psoychologisch erklärlich ist, denn die Neigung, einseitig 
zu lieben, liegt nicht als dauernde Triebkraft in der menschlichen 
Seele. Kaiser Wilhelm II. gegenüber habe ich mich des Ein- 
drucks einseitiger Liebe nicht erwehren können; das Gefühl, 
welches die festeste Grundlage der Verfassung des preußjischen 
Heeres ist, das Gefühl, daß der Soldat den Offizier, aber auch 
der Offizier den Soldaten niemals im Stiche läßt, ein Gefühl, 
welchem Wilhelm I. seinen Dienern gegenüber bis zur Ueber- 
treibung nachlebte, ist in der Auffassung des jungen Herrn 
bisher nicht in dem Maße erkennbar; der Anspruch auf un-
        <pb n="147" />
        Vergleichende Charakteristik Wilhelm's l 129 
  
bedingte Hingebung, auf Vertrauen und unerschütterliche Treue 
ist in ihm gesteigert, eine Neigung, dafür seinerseits Vertrauen 
und Sicherheit zu gewähren, hat sich bisher nicht bethätigt. 
Die Leichtigkeit, mit welcher er bewährte Diener, auch solche, 
die er bis dahin als persönliche Freunde behandelt hat, ohne 
Klarstellung der Motive von sich scheidet, fördert nicht, sondern 
schwächt den Geist des Vertrauens, wie er seit Generationen 
in den Dienern der Könige von Preußen gewaltet hat. 
Mit dem Uebergange von hohenzollern'schem Geiste auf 
coburg-englische Auffassungen geht ein Imponderabile verloren, 
welches schwer zu ersetzen sein wird. Wilhelm I. schützte und 
deckte seine Diener, auch wenn sie unglücklich oder ungeschickt 
waren, vielleicht über das Maß des Nützlichen hinaus, und 
hatte in Folge dessen Diener, die ihm über das Maß des für 
sie Nützlichen hinaus anhingen. Sein warmherziges Wohl- 
wollen für Andere überhaupt wurde unzerstörbar, wenn seine 
Dankbarkeit für geleistete Dienste dazu trat. Es lag ihm stets 
fern, den eignen Willen als alleinige Richtschnur und Ver- 
letzungen der Gefühle Anderer als gleichgültig anzusehen. 
Seine Formen Umiergebnen gegenüber blieben stets die eines 
wohlwollenden hohen Herrn und milderten Verstimmungen, 
die geschäftlich vorkamen. Hetzereien und Verleumdungen, 
die sein Ohr erreichten, glitten an seiner vornehmen Geradheit 
ab, und Streber, deren einziges Verdienst in der Schamlosig- 
keit von Schmeichelei besteht, hatten bei Wilhelm I. keine Aus- 
sicht auf Ersolg. Für Hintertreppen-Einflüsse und Verhetzungen 
gegen seine Diener war er nicht zugänglich, selbst wenn sie 
von den ihm nächststehenden hochgestellten Personen ausgingen, 
und trat er in Erwägung des ihm Mitgetheilten ein, so ge- 
schah das in offner Besprechung mit dem Betheiligten, hinter 
dessen Rücken es hatte wirken sollen. Wenn er andrer Mei- 
nung war wie ich, so sprach er sich offen gegen mich aus, 
discutirte die Frage mit mir, und wenn es mir nicht gelang, 
Otto Fürst von Bismarck, Geanen und Erinnerungen. III.
        <pb n="148" />
        130 Zehntes Kapitel: Kaiser Wilhelm II. 
  
ihn für meine Ansicht zu gewinnen, so fügte ich mich wo 
möglich, und war es mir nicht möglich, vertagte ich die Sache 
oder ließ sie definitiv fallen. Meine Unabhängigkeit in Leitung der 
Politik ist von meinen Freunden ehrlich, von meinen Gegnern 
tendenziös überschätzt worden, weil ich auf Wünsche, denen der 
König dauernd und aus eigener Ueberzeugung Widerstand ent- 
gegen setzte, verzichtete, ohne sie bis zum Conflict zu vertreten. 
Ich nahm auf Abschlag, was erreichbar war, und zum strike 
meinerseits kam es nur in Fällen, wo wie in der Reichsglocken- 
frage durch die Kaiserin und in der Usedom'schen durch maure- 
rische Einwirkungen mein persönliches Ehrgefühl in Mitleiden- 
schaft gezogen wurde; ich bin weder Höfling noch Maurer gewesen. 
Der Kaiser zeigt das Bestreben, durch Concessionen an seine 
Feinde die Unterstützung seiner Freunde entbehrlich zu machen. 
Auch sein Großvater machte bei Antritt der Regentschaft den 
Versuch, die allgemeine Zufriedenheit seiner Unterthanen zu 
gewinnen, ohne deren Gehorsam zu verlieren und so die staat- 
liche Sicherheit zu gefährden; aber nach vierjähriger Erfahrung 
erkannte er die Irrthümer seiner Rathgeber und seiner Ge- 
mahlin, welche annahmen, daß Gegner der Monarchie durch 
liberale Concessionen in Freunde und Stützen derselben ver- 
wandelt werden würden. Er war dann 1862 eher geneigt, 
abzudanken als dem parlamentarischen Liberalismus weiter 
nachzugeben, und nahm gestützt auf die latenten, aber schließlich 
stärkeren treuen Elemente den Kampf auf. 
Der Kaiser hat, in seiner christlichen, aber in den Dingen 
dieser Welt nicht immer erfolgreichen Tendenz der Versöhnung, 
mit dem schlimmsten Feinde, der Socialdemokratie, den An- 
fang gemacht. Dieser erste Irrthum, der sich in der Behand- 
lung der Streiks von 1889 verkörperte, hat zu gesteigerten 
Ansprüchen der Socialisten und neuen Verstimmungen des 
Monarchen geführt, sobald sich heraus stellte, daß unter dem 
neuen Regimente ebenso wie unter dem alten der beste mon-
        <pb n="149" />
        Politik der Versöhnung und des Entgegenkommens im Innern. 131 
  
archische Wille nicht die Macht hat, die Natur der Dinge und 
des Menschengeschlechtes umzuwandeln. Der Kaiser war ohne 
eine Erfahrung auf dem Gebiete menschlicher Leidenschaften und 
Begehrlichkeiten; daß er aber das frühere Vertrauen zu dem 
Urtheil und der Erfahrung Anderer verloren hatte, war ein 
Ergebniß von Intriguen, durch welche er in der Unterschätung 
der Schwierigkeit des Regirens bestärkt wurde nicht nur von 
unberufenen Rathgebern wie Hinzpeter, Berlepsch, Heyden, 
Douglas und anderen unverfrorenen Schmeichlern, sondern auch 
von strebsamen Generälen und Adjutanten, von Collegen, auf 
deren Unterstützung ich angewiesen war, wie Boetticher, der 
ein anderes Ressort als das, mich zu unterstützen, als Minister 
nicht hatte, sogar von einzelnen meiner Räthe, die gleich dem 
Präsidenten von Berlepsch sich gern und heimlich hergaben, 
wenn der Kaiser sie mit Umgehung ihrer Vorgesetzten besragte. 
Vielleicht wird er der Socialdemokratie gegenüber bei derselben 
Enttäuschung anlangen wie sein Großvater 1862 gegenüber der 
Fortschrittspartei. 
Dieselbe Politik des Entgegenkommens, um nicht zu sagen 
Nachlaufens, ist mit dem Centrum angenommen worden, mit 
Windthorst, den nur gesprochen zu haben der Kaiser zu einem 
der äußerlichen Anlässe des Bruches mit mir nahm und dessen 
amtliche Ehrung nach meiner Entlassung bis zur Apotheose 
nach seinem Tode gesteigert wurde — ein wunderlicher „preu- 
ßischer“ Heiliger. Es ist zu befürchten, daß auch diese be- 
günstigte Stütze der Monarchie eine weichende sein wird in 
Momenten, wo man ihrer bedarf. ZJedenfalls wird die volle 
Befriedigung der Bundesgenossen, welche die preußische Mon- 
archie und das evangelische Kaiserthum bei dem Centrum und 
dem Jesuitenorden finden könnte, sich als ebenso unerreichbar 
erweisen wie die der Socialisten, und es wird sich im Falle 
der Gefahr und Noth um analoge Ergebnisse handeln, wie bei 
dem Verfall des Deutschen Ordens in Preußen den Söldnern
        <pb n="150" />
        132 Zehntes Kapitel: Kaiser Wilhelm II. 
  
gegenüber Statt fanden, welche der Orden nicht bezahlen 
konnte. Die Neigung des Kaisers, antimonarchische und auch 
antipreußische Kräfte wie die Polen in den Dienst der Krone 
zu stellen, gibt Sr. Majestät momentan Mittel zum Druck auf 
Parteien und Fractionen, welche principiell treu zu den mon- 
archischen Traditionen halten. Die Drohung, daß er, wenn 
ihm nicht unbedingt gehorcht werde, sich weiter nach links 
wenden werde, daß er die Socialisten, die Krypto-Republikaner 
der freisinnigen Partei, die ultramontanen Kräfte an das Ruder 
bringen könne, kurz das „Acheronta movebo“, welches sich in 
dem Nachlaufen hinter unversöhnlichen Gegnern kennzeichnet, 
schüchtert die hergebrachten Stützen der monarchischen Gewalt 
ein. Sie fürchten, „es könnte noch schlimmer werden“, und der 
Kaiser ist ihnen gegenüber heut in der Lage eines Schiffscapi- 
täns, dessen Leitung bei der Mannschaft Besorgniß erregt, der 
aber mit brennender Cigarre über der Pulvertonne sitzt. 
Auch dem Auslande, dem befreundeten, dem feindseligen, 
dem zweifelhaften gegenüber sind die Liebenswürdigkeiten weiter 
gegangen, als mit der Vorstellung verträglich, daß wir uns 
vermöge eigner Schwerkraft sicher fühlten. Es gab eben nie- 
manden, weder in dem Auswärtigen Amte noch am Hofe, der 
mit der internationalen Psychologie hinreichend vertraut war, 
um die Wirkungen des diesseitigen Verfahrens in der Politik 
richtig zu berechnen; weder der Kaiser noch Caprivi noch 
Marschall waren durch ihr Vorleben dazu vorbereitet, und das 
politische Ehrgefühl der Rathgeber der Krone war befriedigt 
durch des Kaisers Unterschrift, unabhängig vom Erfolge für 
das Reich. 
Die Versuche, die Liebe der Franzosen zu gewinnen (Meis- 
sonnier), in deren Hintergrunde der Gedanke eines Besuchs in 
Paris schlummern mochte, die Bereitwilligkeit, die Grenzmauer 
der Vogesen wieder gangbar zu machen, haben kein anderes 
Ergebniß gehabt, als daß die Franzosen dreister und der Statt-
        <pb n="151" />
        Die gleiche Politik dem Auslande gegenüber. 133 
  
halter ängstlicher wurden. Die dem russischen Monarchen per- 
sönlich unbegueme Anmeldung des Kaisers im Herbst 1889 zu 
einem zweiten, 1890 ausgeführten Besuche hatte unerfreuliche 
Ergebnisse. Nicht richtiger erscheint mir das Verhalten Eng- 
land und Oestreich gegenüber. Anstatt bei ihnen die Vorstel- 
lung zu nähren, daß wir schlimmsten Falls auch ohne sie nicht 
verloren sind, ist ihnen gegenüber ein System der Trinkgelder 
gehandhabt worden, dessen Kosten bei uns schwer empfunden 
werden und das uns als hülfsbedürftig erscheinen läßt, während 
beide unserer Hülfe mehr bedürfen als wir der ihrigen. Eng- 
land könnte bei der Mangelhafiugkeit seiner Landstreitkräfte, 
wenn es von Frankreich oder von Rußland in Indien und im 
Orient bedroht würde, gegen jede dieser Bedrohungen Deckung 
finden im Beistande Deutschlands. Wenn man aber bei uns 
mehr Gewicht auf die Freundschaft Englands legt als Eng- 
land auf die unserige, so wird damit die Selbstüberschätung 
Englands uns gegenüber befestigt und die Ueberzeugung, daß 
wir uns geehrt fühlen, wenn wir ohne Gegenleistung für eng- 
lische Zwecke ins Feuer gehn können. Noch zweifelloser ist in 
unseren Beziehungen zu Oestreich die grösere Bedürfnißlosig- 
keit auf unserer Seite und nicht abzusehn, weshalb wir bei den 
Begegnungen in Schlesien den ohnehin sichern Besitz unserer 
gegenseitigen Anlehnung durch das Versprechen wirthschaftlicher 
Concessionen zu erkausen oder zu befestigen ein Bedürfniß ge- 
habt hätten. Die Redensart, daß Verschmelzung der wirth- 
schaftlichen Interessen, das heißt Begünstigung der östreichischen 
auf Kosten der deutschen, eine nothwendige Folge unserer poli- 
tischen Intimität sei, ist mir zehn Jahre lang in wechselnden 
Formen von Wien her entgegen getreten, und ich bin der darin 
liegenden Zumuthung ohne schrofse Ablehnung, aber auch ohne 
ihnen im Geringsten nachzugeben, mit freundlicher Höflichkeit 
ausgewichen, bis dieselbe in Wien als aussichtslos erkannt und 
aufgegeben wurde. Aber in Rohnstock scheint zwischen den
        <pb n="152" />
        134 Zehntes Kapitel: Kaiser Wilhelm II. 
  
beiden Kaisern die Zumuthung von östreichischer Seite so ge- 
schickt in den Vordergrund geschoben zu sein, daß die natürliche 
Neigung, dem Gastfreunde angenehm zu sein, diesseitige Zu- 
sagen erzeugt haben mag, welche der Kaiser Franz Joseph 
utiliter acceptirt hat. Bei den folgenden Besprechungen der 
Minister wird ebenfalls die östreichische routinirte Geschäfts- 
gewandtheit unsern Neulingen und Frcihändlern gegenüber im 
Vortheil gewesen sein. Es mag sein, daß militärisch mein 
Freund und College Kalnoky meinem Nachfolger nicht ge- 
wachsen gewesen wäre, auf dem Felde der wirthschaftlichen 
Diplomatie aber war er ihm überlegen, obwohl auch von Hause 
aus nicht Fachmann. 
Eine Wandlung in den persönlichen Beziehungen zwischen 
den Kaisern Wilhelm II. und Alexander III. hat auf die Stim- 
mung des Ersteren zunächst eine Wirkung gehabt, die nicht ohne 
Besorgniß zu beobachten war. 
Im Mai 1884 wurde der Prinz Wilhelm von seinem Groß- 
vater nach Rußland geschickt, um den Thronfolger bei erreichter 
Großjährigkeit zu beglückwünschen. Die nahe Verwandtschaft, 
die Verehrung des Kaisers Alexander für seinen Großoheim 
sicherten ihm einen wohlwollenden Empfang und eine aus- 
zeichnende Behandlung, an die er damals in eigner Familie 
noch nicht gewöhnt war; vom Großvater instruirt, trat er vor. 
sichtig und zurückhaltend auf; der Eindruck war auf beiden 
Seiten befriedigend. Im Sommer 1886 ging der Prinz wieder 
nach Rußland, um den Kaiser, der in den polnischen Provinzen 
Revüen abhielt, in Brest-Litowsk zu begrüßen. Hier wurde er 
noch freundlicher als bei seinem ersten Besuche empfangen und 
hatte Gelegenheit, Ansichten zu äußern, welche dem Kaiser zu- 
sagten, nachdem dessen Bruch mit dem Fürsten Alexander von 
Bulgarien erfolgt war und der russische Einfluß in Constanti- 
nopel mit dem englischen bis zur Spannung zu kämpfen hatte. 
Der Prinz war in frühster Jugend gegen England und alles
        <pb n="153" />
        Entwicklung des Verhältnisses zu Rußland. 135 
  
Englische eingenommen und gegen die Königin Victoria ver- 
stimmt, wollte auch von einer Verbindung seiner Schwester mit 
dem Battenberger nichts wissen. Potsdamer Offiziere erzählten 
damals von drastischen Auslassungen anti-englischer Stimmung 
des Prinzen. Es war ihm natürlich, auf das politische Ge- 
spräch, in welches der Katser ihn zog, ganz in dessen Sinne 
einzugehn, vielleicht weiter, als der Zar traute. Der Eindruck, 
das volle Vertrauen Alexander's III. gewonnen zu haben, war 
vielleicht nicht zutreffend. 
In der Absicht, seine Beziehungen zu dem russischen Kaiser, 
der auf dem Rückwege von Kopenhagen im November 1887 
Berlin berührte, politisch zu verwerthen, fuhr er demselben in 
der Nacht bis Wittenberge entgegen. Dort schlief der Kaiser 
noch, und der Prinz bekam ihn erst kurz vor der Ankunft in 
Berlin und in Gegenwart eines Theils des Gefolges zu sehen. 
Nach dem Diner im Palais sagte er zu einem Herrn, indem 
er mit ihm die Treppe hinabging, es habe sich ihm keine Ge- 
legenheit geboten, mit dem russischen Kaiser zu sprechen. Die 
Zurückhaltung des Gastes, die wenn nicht schon aus früheren 
Beobachtungen, so jedenfalls daraus zu erklären war, daß der- 
selbe in Kopenhagen von Wales'scher und welfischer Seite das 
Urtheil erfahren hatte, welches damals in der königlichen 
Familie in England über den Enkel der Königin herrschte, er- 
zeugte bei dem Prinzen Wilhelm eine natürliche Verstimmung, 
welche in der Umgebung bemerkt und von unberufenen mili- 
tärischen Elementen, die damals Krieg gegen Rußland für in- 
dicirt hielten, gesteigert und benutzt wurde. Der Generalstab 
war so von diesem Gedanken erfüllt, daß der Generalquartier= 
meister Graf Waldersee ihn mit dem östreichischen Botschafter 
Grafen Szechenyi besprach. Der Letztere berichtete darüber nach 
Wien, und nicht lange nachher fragte der Kaiser von Rußland 
den deutschen Botschafter von Schweinitz: „Weshalb hetzen Sie 
Oestreich gegen mich?“
        <pb n="154" />
        136 Zehntes Kapitel: Kaiser Wilhelm II. 
  
Die Argumente, mit denen auf den Prinzen Wilhelm ge- 
wirkt worden war, lassen sich in einem Schreiben erkennen, 
welches er, inzwischen Kronprinz geworden, am 10. Mai 1888 
an mich richtete und dessen Inhalt ich dem steigenden Einflusse 
des Grasen Waldersee zuschreibe, der den Moment für günstig 
hielt, Krieg zu führen und für den Generalstab verstärkten Ein- 
fluß auf die Reichspolitik zu beanspruchen. 
„Berlin, 10. Mai 1888. 
Ew. Durchlaucht 
Schreiben vom 9. cr. habe ich mit hohem Interesse gelesen; 
aus dem Inhalte desselben glaube ich aber entnehmen zu 
müssen, daß Ew. Durchlaucht meinen Randbemerkungen zu dem 
Wiener Bericht vom 28. April eine übertriebene Bedeutung 
beilegen und dadurch zu der Auffassung gelangt sind, ich sei 
zu einem Gegner der bisherigen friedlichen und abwartenden 
Politik geworden, welche Ew. Durchlaucht mit so viel Weis- 
heit und Vorsicht geleitet haben und hoffentlich zum Segen des 
Vaterlandes noch recht lange leiten werden. Für diese Politik 
bin ich wiederholt eingetreten — Petersburg, Brest-Litowok — 
und habe ich mich in allen entscheidenden Fragen stets, wie 
bekannt, auf die Seite Ew. Durchlaucht gestellt. Welches Er- 
eigniß sollte eingetreten sein, um mich plötzlich anderen Sinnes 
zu machen? Die von mir gemachten Randbemerkungen, in 
welchen Ew. Durchlaucht eine Aufforderung meinerseits zu 
einer Modification unfrer bisherigen Politik zu erkennen meinen, 
bezweckten lediglich den Hinweis, daß über die Nothwendigkeit 
oder Nützlichkeit des Krieges die politischen und militärischen 
Ansichten — die ich dadurch zu Ihrer Kennmiß zu bringen 
beabsichtigte — auseinander gegangen seien; und daß die letzte- 
ren für sich betrachtet nicht ohne Berechtigung wären. Ich 
glaubte, ein solcher Hinweis würde für Ew. Durchlaucht nicht 
ohne Interesse sein, aber nie zu dem Glauben führen können, 
ich wollte die Politik den militärischen Wünschen unterordnen.
        <pb n="155" />
        Brief des Kronprinzen über einen Krieg mit Rußland. 137 
  
Um für die Zukunft jeder mißverständlichen Auffassung 
vorzubeugen und in theilweiser Anerkennung der von Ew. 
geltend gemachten Gründe werde ich hinfüro jede Rand- 
bemerkung auf den politischen Berichten unterlassen, doch werde 
ich mir vorbehalten, anderweitig Ew. Durchlaucht meine An- 
sichten mit aller Offenheit zur Kenniniß zu bringen. 
Bei der Wichtigkeit der von Ew. Durchlaucht angeregten 
Fragen sehe ich mich genöthigt, auf dieselben näher einzugehn. 
Ich bin durchaus Ew. Durchlaucht Ansicht, daß es uns selbst 
bei dem glücklichen Verlauf eines Krieges mit Rußland nicht 
gelingen wird, die Kampsesmittel Rußlands ganz und gar zu 
zerstören, doch meine ich, daß dieses Land nach einem für dasselbe 
unglücklichen Kriege in Folge der inneren politischen Mißstände 
in eine ganz andere Ohnmacht gelangen wird als irgend ein 
anderer europäischer Staat incl. Frankreich. Ich erinnere 
daran, daß Rußland nach dem Krimkriege fast 20 Jahre ohn- 
mächtig war, ehe es soweit sich erholte, daß es im Stande 
war, 1877 loszuschlagen !). Frankreichs Kampfesmittel wurden 
im Jahre 1871 nicht ausgiebig zerstört, denn unter den 
Augen, ja mit Hülse des wohlwollenden siegreichen Gegners 
konnte eine neue Armee aufgestellt und sormirt werden, um 
die Commune zu besiegen und um das Land vor gänzlichem 
Untergang zu retten; die in den Händen des Siegers befind- 
lichen Befestigungen von Paris wurden nicht geschleift, nicht 
einmal völlig deformirt, die Flotte blieb dem nicht vernichteten, 
sondern nur politisch gedemüthigten Frankreich erhalten. Diese 
eben angeführten Thatsachen beweisen zur Evidenz, daß wir, 
weit entfernt den Feind wirklich zu vernichten :), den Stamm 
erhalten haben zu den jetzt uns bedrohenden ungeheuren 
Kampsesmitteln zu Wasser wie zu Lande seitens der Republik. 
Das war militärisch betrachtet falsch, politisch betrachtet jedoch 
völlig nach Lage der Dinge in Europa gegeben und in dem 
Moment richtig.
        <pb n="156" />
        138 Zehntes Kapitel: Kaiser Wilhelm II. 
  
Je mehr die Republik nun erstarkte, desto größere Neigung 
zeigte Rußland — trotz loyalster Haltung und Absichten des 
Zaren — ohne von Deutschland im geringsten geschädigt worden 
zu sein, nur den günstigsten Augenblick zu erfassen, um im 
Bunde mit der Republik über uns herzufallen'). Diese 
drohende Lage entstand und besteht, nicht nach einem gegen 
Rußland freiwillig von uns geführten Kriege, sondern durch 
die gemeinschaftlichen Interessen der Panslavisten und des 
republikanischen Frankreichs, Deutschland als Hort der Mon- 
archie niederzuwerfen. 
Zu diesem Zweck verstärkten beide Nationen ihre Kampfes- 
mittel systematisch an den entscheidenden Grenzen, ohne für 
dieses unqualificirbare Vorgehn unsererseits irgendwie provo- 
cirt zu sein, noch irgend eine haltbare Entschuldigung dafür 
vorzubringen. 
Mit aus diesem Grunde brachte die durch Ew. Durchlaucht 
geleitete weise Politik meines hochseligen Herrn Großoaters 
Bündnisse zu Stande, welche sehr dazu beigetragen haben, uns 
vor Ueberfällen unseres geborenen Erbfeindes im Westen zu 
bewahren. Auch verstand diese Politik, Rußlands Herrscher zu 
unseren Gunsten einzunehmen"). Dieser Einfluß wird so lange 
sortbestehn, als der jetzige Zar die Macht, seinen Willen geltend 
zu machen, wirklich besitzt; geht sie verloren — und es sind 
viele Anzeichen dafür vorhanden') — so ist es sehr wahrschein- 
lich, daß Rußland sich von unserem geborenen Feind nicht 
länger wird trennen lassen, um mit ihm den Krieg zu führen, 
wenn die beiderseitigen Kampfesmittel ihnen entwickelt genug 
erscheinen, um uns ungestraft zu vernichten. 
Unter solchen Umständen wächst der Werth unserer Bundes- 
genossen; dieselben an uns zu fesseln ), ohne ihnen einen ein- 
gehenden Einfluß auf das Reich einzuräumen, wird die große, 
ich gebe zu, schwere') Aufgabe einer vorsichtigen deutschen 
Politik sein und bleiben müssen. Es ist aber zu beachten, daß
        <pb n="157" />
        Brief des Kronprinzen über einen Krieg mit Rußland. 139 
  
ein Theil dieser Bundesgenossen romanischen Stammes und 
mit Regirungsmechanismen versehn ist, deren absolute Sicherheit 
nicht so garantirt ist wie bei uns. Daher auf eine längere 
Bundesgenossenschaft wohl kaum zu rechnen sein dürfte, und 
der Krieg, zu dessen Abwehr respective Führung sie mithelfen 
sollen, besser früher als später geführt werden 3) muß. 
Unsere Feinde werden es an Versuchen aller Art sicher 
nicht sehlen lassen, uns zu isoliren, die Bundesgenossen uns 
abwendig zu machen; jeder von uns begangene Fehler, jede 
Blöße, die sich die deutsche Politik giebt, wird solchen Be- 
strebungen Vorschub leisten. Zu solchen Fehlern müßte ich 
irgend eine Protegirung des Battenbergers?) rechnen; Oest- 
reich 10) würde in derselben eine Verletzung seiner speciellen 
Interessen finden, und Rußland würde die Genugthuung haben, 
uns von unfrem besten Bundesgenossen getrennt zu sehn; auch 
wissen, daß ein Krieg, der wegen des Battenbergers entstünde, 
für Deutschland kein volksthümlicher sein kann, bei dem der so 
nothwendige furor Teutonicus gänzlich fehlen würde. 
Rußland würde mit Leichtigkeit Verhältnisse dann zu schaffen 
vermögen, die den Krieg zur Folge haben müßten; die öffent- 
liche Meinung wird aber sicherlich Deutschland als Urheber 
desselben bezeichnen. Ich gebe zu, daß die Beschleunigung der 
Kriegsgefahr damit erreicht wäre, doch um welchen Preis? 
Sie zu erstreben liegt mir 11) völlig fern. Da der Krieg gegen 
Westen fortgesetzt in Sicht war und dementsprechend mili- 
tärische Vorbereitungen getroffen wurden, derselbe auch, wie 
Ew. hervorheben, im Westen in jeder Hinsicht mehr Vor- 
theile 1:) verspricht wie der im OÖsten, so würden die mili- 
tärischen Autoritäten der Politik besonders dankbar sein 
müssen, welche, sobald der Krieg als unvermeidlich erkannt ist, 
die Führung desselben 15) im Westen wirtlich sicherzustellen im 
Stande wäre. 
Aber auch ich bin der Ansicht, daß wir den Krieg nach
        <pb n="158" />
        140 Zehntes Kapitel: Kaiser Wilhelm II. 
  
beiden Seiten haben, wenn wir ihn auf der Ostseite be— 
ginnen, Frankreich wird nur in dem Fall nicht losschlagen, 
wenn es sich in einer inneren, besonders schweren Krisis be- 
findet, oder wenn wieder militärische Schwierigkeiten ein- 
treten sollten, wie sie im vorigen Herbst ziemlich bestimmt 
bestanden haben (Fehlschlagen der Melinitgeschosse und Un- 
brauchbarkeit des neuen Gewehrs, niederschmetternder Eindruck 
der Resultate des Beschießens der Sperrforts bei Jüterbogkh. 
Dagegen ist nicht mit absoluter Sicherheit vorherzusehn 14), 
daß, wenn wir mit Frankreich Krieg führen müssen, Rußland 
sich eo ipso passiv uns gegenüber verhalten wird. 
Jederzeit, ganz besonders aber unter Verhältnissen, wie 
solche im vorigen Herbst bestanden, ist es Pflicht des Großen 
Generalstabes 15, die eigene militärische Lage und die der Nach- 
baren scharf in's Auge zu fassen, sowie die Vortheile und 
Nachtheile, die sich in militärischer Beziehung bieten können, 
sorgsam abzuwägen. Die so gewonnene Ansicht, nicht über die 
zu führende Politik, sondern über die im Dienst derselben und 
durch deren augenblickliche Lage bedingten militärischen Maß- 
regeln muß durch die Spitze des Generalstabes dem Leiter 10 
der Politik mit aller Offenheit und mit Festhalten des mili- 
tärischen Standpunktes zur Kenntniß gebracht werden. Hierin 
liegt meines Erachtens eine durchaus erforderliche Hülfe für 
die Leitung auch der friedliebendsten Politik 1. 
In diesem Sinne möchte ich meine ominösen Rand- 
bemerkungen zu dem Bericht vom 28. April aufgefaßt wissen; 
sie sollten zugleich darauf hinweisen, daß, obgleich die deutsche 
Politik in der friedfertigsten Weise geleitet werden mußte, 
die militärischen Autoritäten Deutschlands und Oestreichs mit 
vollstem Recht im Herbst vorigen Jahres auf die günstige 15) 
militärische Gelegenheit aufmerksam machen mußßten, 
welche sich für ein kriegerisches Vorgehn beider Länder bot 195. 
Trotz meiner so viel Aufregung verursachenden Marginalia
        <pb n="159" />
        Brief des Kronprinzen über einen Krieg mit Rußland. 141 
  
möchte ich doch überzeugt sein, daß Ew. Durchlaucht mit dem 
besten Gewissen bei einem etwa erfolgenden Regirungswechsel 
mit derselben Sicherheit als bisher das friedliche Verhalten der 
deutschen Politik in Aussicht zu stellen im Stande sein werden 20). 
Wilhelm 
Kronprinz des Deutschen Reichs und von Preußen.“ 
Am 15. Juni 1888 wurde der Kronprinz Kaiser. Gerade 
eine Woche später erhielt ich indirect Kennniß von einer 
Allerhöchsten Auslassung, welche besagte, daß der Kaiser von 
verschiedenen Artikeln in Berliner Zeitungen auf das Unange- 
nehmste berührt sei: es handele sich besonders um „Berliner 
Tageblatt“, Abendausgabe vom 20. Juni, und Artikel der 
„Berliner Zeitung“ und „Berliner Presse“ vom 21. Juni, die 
*) Bemerkungen, Zusätze 2c. des Reichskanzlers zu vorstehendem 
Schreiben: 1) Am Rande: Waldersee *„) Am Rande: 40 Mil- 
lionen! und Europa? *)) über uns herzusallen eingeklammert, 
Fragezeichen darüber sowie am Rande, und dort: den Bosporus zu 
gewmnen *.) Auch bis einzunehmen unterstrichen und Strich am 
Nande 5) Fragezeichen ") Am Rande: In diesen Worten 
liegt wohl der Keim der Handelsverträge von 1891 *) Frage- 
zeichen ) besser bis werden unterstrichen, Fragezeichen nach 
früher und Ausrunzeichen am Rande 5„) des Battenbergers unter- 
strichen, Ausrufzeichen und Strich am Nande 1% Fragezeichen 
1) mir unterstrichen und darüber: aber Waldersee?? 12) Frage- 
zeichen 16) Nach desselben in Klammern über der Zeile: nur? 
10 mit bis vorherzusehn unterstrichen und am Rande: gewiß nicht, 
doch eher zu machen als umgekehrt! 1) des Großen General= 
stabes doppelt unterstrichen und darüber: Waldersee 1c) Spitze 
bis Leiter unterstrichen 1) Zufatz: Waldersee's Politikt wenn 
der sie leitere!! und der soll Kanzler werden? 18) günstige 
doppelt unterstrichen, am Rande Ausruf= und Fragezeichen 19) Zwei 
Fragezeichen 20) Zwischen Text und Unterschrift: es wäre ein 
Unglück wenn —
        <pb n="160" />
        142 Zehntes Kapitel: Kaiser Wilhelm II. 
  
geschrieben schienen, um den Glauben zu erwecken, daß ein 
Zwiespalt zwischen Sr. Majestät und dem Reichskanzler be- 
treffs des Grafen Waldersee bestände, das heißt daß auch jetzt 
Frictionen in den maßgebenden Regirungskreisen existirten 
beziehungsweise im Anzuge wären, wie sie zur Regirungszeit 
Kaiser Friedrich's wiederholt öffentlich besprochen worden seien; 
Se. Majestät befürchte, daß die auswärtige Presse jene Artikel 
commentiren werde, und wünsche deshalb, daß die Regirungs- 
presse unter Richiigstellung der Sachlage gegen die bezeichneten 
Preßangriffe Stellung nehme. Der Kaiser stehe nach wie vor 
auf demselben Standpunkt, den er im Monat Mai entwickelt 
habe: daß er nie dem Grafen Waldersee, trotz seiner Werth- 
schätzung für ihn, einen unberechtigten Einfluß auf die aus- 
wärtige Politik einräumen und daß unter seiner Regirung 
keine Hoscamarilla existiren werde; vielmehr sei er überzeugt, 
daß unter den Leuten, denen er sein Vertrauen geschenkt habe 
und die ihm dienten, keine Parteiungen existirten, sondern daß 
Alle ihm auf dem Wege folgten, der zu dem von ihm als 
richtig erkannten Ziele führe ½. 
Vom 19. bis zum 24. Juli war der Kaiser zum Besuch in 
Peterhof. Die Emdrücke, welche er dort hinterlassen hat, sind 
vollständig erst später zu meiner Kenntniß gelangt und Seite 84 
erwähnt. Daß er selbst eine Verstimmung in die Politik 
übertrug, wurde erst im Juni des folgenden Jahres, während 
ich in Varzin war, in zwei Vorgängen wahrnehmbar. 
Der Graf Philipp Eulenburg, Gesandter in Oldenburg, 
wegen gesellschaftlicher Talente bei Sr. Majestät in besonderer 
Gnade stehend und häufig nach Hofe berufen, vertraute mei- 
nem Sohne, der Kaiser halte meine Politik für zu „russen- 
freundlich"“; ob mein Sohn oder ich selbst nicht versuchen 
wollten, durch Entgegenkommen und erläuternde Darlegung 
) S. Anlage III, unten S. 171.
        <pb n="161" />
        Weitere Entwicklung des Verhältnisses zu Rußland. 143 
  
die Stimmung Sr. Majestät zu beseitigen. Mein Sohn sragte, 
was russenfreundlich heiße? Man solle ihm politische Actionen 
bezeichnen, die zu russenfreundlich, das heißt also für unsere 
Politik nachtheilig seien. Unsere auswärtige Politik sei ein 
durchdachtes und sorgsam behandeltes Ganzes, welches die 
amateurs-Politiker und Militärs, die Sr. Majestät in die 
Ohren bliesen, nicht übersähen. Wenn Se. Majestät kein Ver- 
trauen habe und sich durch Intriganten einnehmen lasse, so 
solle er doch meinen Sohn und mich in Gottes Namen gehn 
lassen; er habe nach bestem Gewissen und Vermögen an meiner 
Politik mitgearbeitet und seine Gesundheit in den unleidlichen 
Zerrungen, in deren Mittelpunkt er sich stets befände, zuge- 
setzt. Wenn er jetzt noch eine Politik auf „Stimmung“ machen 
solle, so gehe er lieber heut als morgen. Graf Eulenburg, 
der eine andere Antwort erwartet haben dürfte, lenkte hierauf 
mit der dringenden Bitte ein, seinen Bemerkungen keine wei- 
tere Folge zu geben: er habe sich wohl ungeschickt ausgedrückt. 
Einige Tage später, während der Schah von Persien in 
Berlin zum Besuche war, ertheilte der Kaiser meinem Sohne 
die Weisung, es müsse in der Presse gegen die neue russische 
Anleihe geschrieben werden; er wolle nicht, daß noch mehr 
deutsches Geld für russische Papiere nach Rußland ginge, welches 
letztere damit nur seine Kriegsrüstungen bezahle. Einer seiner 
hohen Militärs — wie im Laufe desselben Tags constatirt 
wurde, der Kriegsminister General von Verdy — habe ihn 
eben auf diese Gefahr aufmerksam gemacht. Mein Sohn er- 
widerte, so läge die Sache nicht; es handle sich nur um eine 
Conversion früherer russischer Anleihen, also um die beste Ge- 
legenheit für deutsche Inhaber, baares Geld zu nehmen und 
russische Papiere los zu werden, die im Kriegsfalle vielleicht 
keine Zinsen nach Deutschland zahlen würden. Die Russen 
wollten den Profit machen, für eine bestimmte Anleihe in Zu- 
kunft ein Procent weniger zu zahlen; der Geldmarkt sei dafür
        <pb n="162" />
        144 Zehntes Kapitel: Kaiser Wilhelm II. 
  
günstig, die Sache daher nicht zu hintertreiben. Die Franzosen 
würden die russischen Papiere nehmen, welche bei uns abge- 
stoßen würden, das Geschäft würde in Paris gemacht. Se. 
Majestät bestand darauf, es müsse in der deutschen Presse 
gegen diese russische Finanzoperation geschrieben werden, er 
habe sich einen Rath des Auswärtigen Amts bestellt, um ihn 
entsprechend anzuweisen. Mein Sohn sagte, wenn es ihm 
nicht gelungen sei, Se. Majestät von der Sachlage zu unter- 
richten, so bitte er, sich von dem Finanzminister Vortrag halten 
zu lassen; offiziöse Artikel könnten in dem Sinne nicht ge- 
schrieben werden, ohne den Reichskanzler zu hören, weil sie 
die Gesammtpolitik beeinflussen würden. Se. Moajestät bestimmte 
darauf, mein Sohn solle mir eindringlich schreiben, er wünsche 
eine Preßcampagne gegen die russische Finangoperation, und 
ließ dem Vertreter des gerade abwesenden Finanzministers 
durch einen Adjutanten sagen, das Aeltesten-Collegium der 
Börse müsse angewiesen werden, die Anleihe zu inhibiren. 
Ich selbst erhielt einige Monate später eine Probe von der 
Stimmung Sr. Majestät durch einen Vorgang, der Seite 49 
nicht zu übergehn war und behufs Festhaltung des Zusammen- 
hanges hier zu wiederholen ist. Als der Besuch des Zaren im 
October 1889 in Berlin zum Abschluß gekommen war und ich mit 
dem Kaiser von dem Lehrter Bahnhofe, wohin wir den nach 
Ludwigslust abreisenden Zaren begleitet hatten, zurückfuhr, er- 
zählte er, er habe in Hubertusstock sich auf den Bock des 
Pürschwagens gesetzt, dem Gaste das ganze Jagdvergnügen 
überlassend, und schloß mit den Worten: „Nun loben Sie mich 
doch!“ Nachdem ich dieser Aufforderung genügt hatte, fuhr 
er sort, er habe mehr gethan, er habe sich bei dem russischen 
Kaiser auf längeren Besuch angemeldet, den er zum Theil in 
Spala mit ihm zuzubringen gedenke. Ich erlaubte mir Zweifel, 
ob es dem Kaiser Alexander willkommen sein werde: derselbe 
liebe Ruhe, Zurückgezogenheit und das Leben mit Frau und
        <pb n="163" />
        Weitere Entwicklung des Verhältnisses zu Rußzland. 145 
  
Kindern; Spala sei ein zu kleines Jagdschloß und nicht auf 
Besuche eingerichtet. Ich erwog dabei in Gedanken, daß die 
beiden hohen Herren zu einem sehr engen Verkehr miteinander 
genöthigt sein würden und in den durch eine so lange Zeit 
hinzuspinnenden Unterhaltungen die Gefahr liegen könnte, emp- 
findliche Punkte zu berühren. 
Ich nahm mir vor, zu thun, was ich konnte, um diesen 
Besuch zu verhindern. Die Verschiedenheit der Charaktere und 
Denkweisen der beiden Monarchen war vielleicht keinem Zeit- 
genossen so bekannt wie mir, und diese Bekanntschaft ließ mich 
befürchten, daß ein längeres Beisammensein ohne jede geschäfts- 
mäßige Controlle zu Frictionen, zur Abneigung und Verstim- 
mung führen könne, und daß letztre beim Zaren schon durch 
die längere Störung seiner Einsamkeit gegeben sei, wenn er 
auch die Ankündigung des Besuchs seines Wirthes natürlich 
mit Höflichkeit entgegengenommen hatte. Im Interesse des 
Einvernehmens beider Cabinete hielt ich es für bedenklich, die 
mißtrauische Defensive des Zaren mit der aggressiven Liebens- 
würdigkeit unseres Herrn ohne Noth in enge und lange Be- 
rührung zu bringen, und um so mehr, als durch die Anmeldung 
ein Vorschuß an Zuthunlichkeit gewährt wurde, welcher der 
russischen Politik gegenüber kaum und der mißtrauischen Ein- 
schätzung des Kaisers Alexander gegenüber noch weniger an- 
gebracht war. Wie begründet meine Besorgnisse waren, zeigte 
sich in den Seite 83 erwähnten geheimen Berichten aus Peters- 
burg, die, auch angenommen, daß sie übertrieben oder gefälscht 
waren, doch mit Kenntniß der Situation geschrieben sein 
mußten. 
Der Kaiser war von meinem Bedenken, wo er Anerken- 
nung erwartet hatte, unangenehm berührt und setzte mich vor 
meiner Wohnung ab, anstatt in dieselbe einzutreten und über 
Geschäfte weiter mit mir zu sprechen. 
Der Besuch, den der Kaiser dem Zaren vom 17. bis 
Otto Fürst von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen. III. 10
        <pb n="164" />
        146 Zehntes Kapitel: Kaiser Wilhelm II. 
  
23. August 1890 in Narva und Peterhof abstattete, führte zu 
der von mir befürchteten Verstärkung der persönlichen Ver- 
stimmung. 
Auf Narva folgte die Begegnung in Rohnstock und der 
Handelsvertrag mit Oestreich, die Wendung Er. Mojestät zu 
England war schon seit dem Besuche in Osborne Anfang 
August 1889 von englischer Seite mit geschickter Berechnung 
betrieben worden und hatte den Vertrag über Sansibar und 
Helgoland herbeigeführt. Die Uniform des Admiral of the 
fleet kann als das Symbol eines Abschnitts in der auswärtigen 
Politik des Reiches angesehn werden.
        <pb n="165" />
        Elftes Kapitel. 
Vertrag über Helgoland und Sansibar. 
Daß der Helgoländer Vertrag für uns ein Tauschgeschäft 
ist ähnlich dem zwischen Glaucus und Diomedes, ist jetzt das 
Urtheil nicht blos der Kreise, in welchen das Interesse an 
überseeischen Erwerbungen vorherrscht. In der amtlichen 
Rechtsertigung dieses Geschäftes ist der Ausgleich, welcher für 
das Augenmaß fehlt, mehr ausf dem Gebiete der Impondera- 
bilien, in der Pflege unserer Beziehungen zu England gesucht 
worden. Es ist dabei auf die Thatsache Bezug genommen 
worden, daß auch ich, während ich im Amte gewesen, hohen 
Werth auf diese Beziehungen gelegt hätte. Das ist ohne 
Zweifel richtig, aber ich habe an die Möglichkeit einer dauernden 
Sicherstellung derselben niemals geglaubt und niemals be- 
absichtigt, Opfer deutschen Besitzes für den Gewinn eines 
Wohlwollens zu bringen, welches die Dauer eines englischen 
Cabinets zu überleben keine Aussicht hat. Die Politik einer 
jeden Großmacht wird immer wandelbar bleiben im Wandel 
der Ereignisse und der Interessen, aber die englische ist darüber 
hinaus von dem Wandel abhängig, welcher sich durchschnittlich 
alle 5 bis 10 Jahre in dem Personalbestande des Parlaments 
und des Ministeriums zu vollziehn pflegt. Mir lag die Auf- 
gabe vor, zur Befestigung des uns wohlgesinnten Ministeriums 
Salisbury mitzuwirken, soweit das durch sympathische Kund- 
gebungen möglich war. Aber um das Wohlwollen oder den 
Fortbestand eines englischen Ministeriums durch dauernde 
Opfer erkaufen zu wollen, dazu sind dort die Cabinete zu 
kurzlebig, auch zu wenig abhängig von ihren Beziehungen zu
        <pb n="166" />
        148 Elftes Kapitel: Vertrag über Helgoland und Sansibar. 
  
Deutschland; die zu Frankreich und Rußland, selbst zu Italien 
und der Türkei fallen in der Regel für ein englisches Ministerium 
schwerer ins Gewicht. 
Der Verzicht auf die Gleichberechtigung in der Handelsstadt 
Sansibar war aber ein dauerndes Opfer, für welches Helgo- 
land kein Acquivalent gewährt. Der freie Verkehr mit jenem 
einzigen größeren Handelsplatze an der ostafrikanischen Küste 
war die Brücke für unfren Verkehr mit dem Festlande, die 
wir nach heutiger Lage weder entbehren noch verlegen können. 
Daß der Besitz dieser Brücke uns dermaleinst in ähnlicher 
Ausschließlichkeit zufallen würde, wie wir ihn den Engländern 
überliefert haben, habe ich nach den Fortschritten, welche der 
deutsche Einfluß in den letzten vier Jahren vor 1890 gemacht 
hatte, nicht für sicher, aber doch für wahrscheinlich genug ge- 
halten, um ein derartiges Ziel in unfre politischen Zukunfts- 
pläne nicht als eine Nothwendigkeit, aber doch als eine des 
Bemühens werthe Möglichkeit aufzunehmen. Ich war dabei 
von der Ueberzeugung geleitet, daß die Freundschaft Englands 
für uns zwar von hohem Werthe, die Freundschaft Deutschlands 
für England aber unter Umständen von noch höherem sei. 
Wenn England, was nicht außerhalb der natürlichen Ent- 
wicklung der Politik liegt, von französischer Landung ernsthaft 
bedroht wäre, so kann ihm nur Deutschland helfen; ohne 
unfre Zulassung kann Frankreich auch eine momentane Ueber- 
legenheit zur See nicht gegen England ausnutzen, und Indien 
sowohl wie Constantinopel sind gegen russische Gefahren leichter 
an der polnischen Grenze wie an der asghanischen zu decken. 
Aehnliche Lagen wie die, in welcher Wellington bei Belle- 
Alliance sagte oder dachte: „Ich wollte, es wäre Abend oder 
die Preußen kämen“, können sich in der Entwicklung der 
großen europäischen Politik leichter wiederholen als die ge- 
schichtlichen Momente, aus denen uns die Bethätigung der 
englischen Freundschaft erinnerlich ist. Im siebenjährigen
        <pb n="167" />
        Werth der englischen Freundschaft. 149 
  
Kriege versagte dieselbe zu der Zeit, wo wir sie am dringendsten 
brauchten, und auf dem Wiener Congresse würde sie ihre Be— 
sieglung gemäß dem Vertrage mit Frankreich und Oestreich 
vom 3. Januar 1815 gefunden haben, wenn nicht die Rückkehr 
Napoleons von Elba die Coulissen der politischen Bühne in 
überraschender Weise verschoben hätte. England gehört eben 
zu des Geschickes Mächten, mit denen nicht nur kein ewiger 
Bund, sondern auch keine Sicherheit zu flechten ist, weil daselbst 
die Grundlage aller politischen Beziehungen wandelbarer ist 
als in allen andren Staaten, das Erzeugniß von Wahlen und 
daraus hervorgehenden Majoritäten. Nur ein zur Kenntniß 
des Parlaments gebrachter Staatsvertrag gewährt gegen plötz- 
liche Wandlungen einige Sicherheit, und auch diese hat für 
meinen Glauben erheblich verloren seit der spitzfindigen Aus- 
legung, welche der Vertrag über die Neutralität Luxemburgs 
vom 11. Mai 1867 von englischer Seite erfahren hat. 
Wenn nun auch meines Erachtens die Freundschaft Deutsch- 
lands für den, welcher sie gewinnt, sichrer ist als die englische, 
so glaube ich doch auch, daß bei richtiger Leitung der deutschen 
Politik England früher in die Lage kommen wird, unfrer 
Freundschaft praktisch zu bedürfen, als wir der seinigen. Unter 
richtiger Leitung verstehe ich, daß wir die Pflege unserer Be- 
ziehungen zu Rußland nicht um deshalb aus den Augen ver- 
lieren, weil wir uns durch den gegenwärtigen Dreibund gegen 
russische Angriffe gedeckt fühlten. Auch wenn diese Deckung 
nach Festigkeit und Dauer unerschütterlich wäre, hätten wir 
doch kein Recht und kein Motiv, dem deutschen Volke für 
englische oder östreichische Orient-Interessen die schweren und 
unfruchtbaren Lasten eines russischen Krieges näher zu rücken, 
als sie vermöge eigner deutscher Interessen und denen an der 
Integrität Oestreichs uns stehen. Wir waren im Krimkriege 
der Zumuthung ausgesetzt, die Kriege Englands wie indische 
Vasallenfürsten zu führen. Ist das stärkere Deutsche Reich
        <pb n="168" />
        150 Elftes Kapitel: Vertrag über Helgoland und Sansibar. 
  
abhängiger, als damals Friedrich Wilhelm IV. sich erwies? 
Vielleicht nur gefälliger? Aber auf Kosten des Reichs. 
Die Neigung Caprioi's, für bedenkliche politische Maßregeln, 
die er ohne Zweifel auf höheren Befehl betrieben hat, mir die 
Verantwortlichkeit zuzuschieben, zeugt nicht gerade von politischer 
Ehrlichkeit, so der Versuch, den Vertrag über Sansibar meiner 
Initiative zuzuschreiben. Er sagte am 5. Februar 1891 im 
Reichstage (Stenographische Berichte S. 1331): 
„Ich will noch auf einen Vorwurf eingehen, der uns 
wiederholt gemacht worden ist, nämlich den, daß Fürst Bis- 
marck diese Abtretung schwerlich gemacht haben würde. Man 
hat die jetzige Regirung darin mit der vorigen verglichen, 
und der Vergleich fiel zu unserem Nachtheil aus. Nun würde 
ich ganz und gar ein pflichtvergessener Mensch sein, wenn ich, 
als ich in dieses Amt eintrat und solche Verhandlungen über- 
nahm, mich nicht, selbst wenn mein Vorgänger nicht der be- 
deutende Mann gewesen wäre, der er war, davon überzeugt 
hätte: Was sind denn für Vorgänge da, und was hatte denn 
die Regirung in der Sache vor, was hat sie für einen Stand- 
punkt eingenommen? Das war ja eine ganz selbstverständliche 
Pflicht, und Sie können glauben, daß ich dieser Pflicht mit 
großem Eifer nachgegangen bin.“ 
Auf welche Weise er sich informirt hat, weiß ich nicht. 
Wenn es durch Actenlesen geschehen wäre, so hätte er nicht 
aus den Acten herauslesen können, daß ich den Sansibar- 
Vertrag angerathen hätte. Der Satz, daß England für uns 
wichtiger sei als Afrika, den ich übereilten und übertriebnen 
Colonialprojecten gegenüber gelegentlich ausgesprochen habe, 
kann unter Umständen ebenso zutreffend sein wie der, daß 
Deutschland für England wichtiger als Ostafrika sei, er war 
es aber nicht zu der Zeit, als der Helgoländer Vertrag ab- 
geschlossen wurde. Es war den Engländern garnicht eingefallen, 
von uns den Verzicht auf Sansibar zu verlangen oder zu er-
        <pb n="169" />
        Begründung, wahrer Grund und Gefahr des Vertrages. 151 
  
warten; im Gegentheil begann man in England sich mit dem 
Gedanken vertraut zu machen, daß der deutsche Handel und 
Einfluß daselbst im Wachsen sei und schließlich die Herrschaft 
erlangen werde. Die Engländer in Sansibar selbst waren bei 
der ersten Nachricht von dem Vertrage überzeugt, daß sie 
irrthümlich sei, da nicht zu begreifen sei, weshalb wir eine 
solche Concession hätten machen können. Der Fall, daß wir 
zwischen der Behauptung unseres afrikanischen Besitzstandes 
und einem Bruch mit England zu wählen hätten, lag nicht 
vor; und nicht das Bedürfniß, unsern Frieden mit England zu 
erhalten, sondern der Wunsch, Helgoland zu besitzen und England 
gefällig zu sein, erklären den Abschluß des Vertrages. Nun 
liegt in dem Besitze dieses Felsens eine Genugthuung für 
unsere nationalen Empfindungen, aber zugleich entweder eine 
Verminderung unserer nationalen Sicherheit gegen eine über- 
legene französische Flotte oder die Nöthigung, aus Helgo- 
land ein Gibraltar zu machen. Bisher war dasselbe im Falle 
einer französischen Blokade unserer Küsten durch die englische 
Flagge gedeckt und konnte für die Franzosen kein Kohlendepot 
und Proviantmagazin werden. Das wird aber geschehn, wenn 
im nächsten französischen Kriege die Insel weder durch eine 
englische Flotte noch durch ausreichende Befestigungen geschützt 
ist. Auf diese Betrachtungen, die in der Presse laut geworden 
waren, sollte es wohl eine widerlegende Antwort sein, als 
Caprivi am 30. November 1891 im Reichstage sagte: 
„England hat Bedürfnisse in manchen Welttheilen, hat Be- 
sitzungen rund um den Erdball, und es möchte am Ende nicht 
ganz schwer geworden sein für England, ein Tauschobject zu 
finden, was ihm willkommen gewesen wäre und für das es 
wohl geneigt gewesen wäre die Insel sortzugeben. Ich möchte 
einmal den Entrüstungssturm — und in diesem Falle würde 
ich ihn für berechtigt gehalten haben — gesehen haben, wenn 
im Lause von Jahr und Tag oder kurz vor Ausbruch eines
        <pb n="170" />
        152 Elftes Kapitel: Vertrag über Helgoland und Sansibar. 
  
künftigen Krieges die englische Flagge von Helgoland herunter- 
gegangen und eine weniger nahestehende vor unseren Häfen 
erschienen wäre.“ 
Ob er wohl selbst daran geglaubt hat? 
Bemerkenswerth ist ferner, daß in seiner Rede vom 
5. Februar 1891 ein Widerspruch lag, welcher die Ueberzeugung 
des Redners von der Glaubwürdigkeit seiner Argumente in 
Zweisel stellt. Wenn er den Vertrag an sich und obiectiv für 
nützlich gehalten hätte, so wäre er nicht der Versuchung aus- 
gesetzt gewesen, die Verantwortlichkeit dafür durch gewagte Ar- 
gumente auf seinen Vorgänger zu übertragen, so hätte er 
nicht nöthig gehabt, das Verdienst eines vortheilhaften Ge- 
schäftes mit mir theilen zu wollen und zu diesem Zweck aus 
den Acten Aeußerungen von mir hervorzusuchen, die nach Zeit, 
Veranlassung, Zusammenhang und Bestimmung nicht die Trag- 
weite haben, die ihnen beigelegt wird. In der Rede vom 
30. November 1891 hat er nicht mehr das Bedürfniß, mir 
einen Theil der Verantwortlichkeit zuzuschieben; er erklärt: 
Dieses eine Jahr hat hingereicht, um zu zeigen, wie richtig wir 
gehandelt haben. —
        <pb n="171" />
        Zwölftes Kapitel. 
Handelsvertrag mit Oestreich. 
Der Versuch, die intimen politischen Beziehungen, in welchen 
Oestreich vermöge der deutschen Traditionen und Entwicklung 
zu uns stand, zur Gewinnung wirthschaftlicher Vortheile aus- 
zubeuten, ist, wie erwähnt ), zuerst zur Zeit des Fürsten 
Schwarzenberg in Gestalt des Strebens nach Zolleinigung ge- 
macht und später in verschiedenen Anläufen wiederholt worden. 
Er ist stets schon in den ersten Anfängen gescheitert an der 
Unmöglichkeit, einen richtigen Vertheilungèmaßstab zu finden 
für die Einkünfte, die aus der zollpflichtigen Consumtion der 
betheiligten Bevölkerungen sich ergeben. Die Erkenntniß der 
Unmöglichkeit voller Zolleinigung hat das natürliche Bestreben 
nicht beseitigen können, uns im Wege der Handelsverträge 
Vortheile abzugewinnen. Die Abschwächung der monarchischen 
Gewalt, der Bedarf an Stimmen im Parlament vermehren 
das Gewicht der Begehrlichkeit gewisser Wählerklassen. Die 
ungarische Reichshälfte hat in den letzten Jahrzehnten ein Ueber- 
gewicht gewonnen, und die galizischen Stimmen sind nicht nur 
für parlamentarische Majoritäten und auswärtige Eventuali- 
täten von stärkerem Gewichte als früher. Die agrarischen Be- 
gehrlichkeiten dieser östlichen Landestheile Oestreichs haben Ein- 
fluß auf die Entschließungen der Regirung gewonnen, und 
wenn die letztere zur Befriedigung derselben durch ihre Ge- 
fälligkeiten auf Kosten und vermöge der Unerfahrenheit Deutsch- 
&amp;X) S. Bd. l 346 f. [— I 375 f. der Volks-, I 396 f. der Neuen 
Ausgabe.)
        <pb n="172" />
        154 Zwölftes Kapitel: Handelsvertrag mit Oestreich. 
  
lands in den Stand gesetzt wird, so wird sie natürlich jedes 
ungeschickte Entgegenkommen deutscher Politik benutzen, um ihren 
inneren Schwierigkeiten abzuhelfen und die ungarischen und 
galizischen Agrarier zu gewinnen. Die Kosten dafür, soweit 
sie nicht von der deutschen Gutmüthigkeit bestritten werden, 
würde das mehr industrielle als agrarische Element von Cis- 
leithanien nach Abzug Galiziens zu decken haben. Dasselbe ist 
für die östreichische Politik weniger gefährlich und weniger 
widerstandsfähig, als ungarische und polnische Unzufriedenheiten 
sein würden. Der Deutsche ist fügsamer nach oben und auf 
dem Gebiete der inneren Politik ungeschickter als die andern 
Nationalitäten Oestreichs, wie der doctrinäre Verlauf des con- 
stitutionellen Kampfes zeigt, welchen die Herbstzeitlosen gegen 
den natürlichsten und stärksten Bundesgenossen der Deutschen, 
gegen die eigne Dynastie, bis zum Bruch geführt haben. 
Es ist also erklärlich, daß die wirthschaftliche Politik des 
Donaureichs auf die deutschen Industriellen wenig und auf die 
nichtdeutschen Agrarier mehr Rücksicht nimmt. Auch in der 
böhmischen Spaltung wird das Czechenthum auf agrarischer, 
das Deutschthum auf industrieller Seite stärker vertreten sein. 
Daß es den Ungarn, Polen und Czechen zu lebhafter Genug- 
thuung gereicht, wenn in erster Linie ihre Interessen gepflegt 
werden und der Deutsche zunächst in Cisleithanien, hauptsächlich 
aber im Deutschen Reiche die Zeche dafür bezahlt, ist nicht zu 
verwundern, wohl aber muß man sich fragen, wie die deutsche 
Reicheregirung dazu kommt, die Preisgebung der deutschen 
Agrar-Interessen in Wien anzubieten. Der in der Presse da- 
für geltend gemachte Grund, daß das politische Bündniß einen 
wirthschaftlichen Verschmelzungsproceß zur nothwendigen Folge 
habe, ist eine inhaltlose Phrase, bei der sich praktisch nichts 
denken läßt. Wir sind mit Rußland und in der Vergangen- 
heit mit England in der größten politischen Intimität gewesen 
unter sehr schwierigen beiderseitigen Zollverhältnissen, und der
        <pb n="173" />
        Oestreichs Freundschaft ohne wirthschaftliche Opfer zu sichern. 155 
  
deutsche Bundesvertrag hat auch da, wo er nicht durch Zoll- 
einigung gedeckt war, lange Zeit mit vollem gegenseitigen Ver- 
trauen in Betreff der politischen Stipulationen bestanden. Unser 
Bündnißvertrag mit Oestreich läuft auch nicht Gefahr, uns ge- 
kündigt zu werden, wenn wir es heut wie seit 40 Jahren ab- 
lehnen, für eventuellen Kriegsbeistand einen wirthschastlichen 
Tribut an Oestreich-Ungarn zu zahlen. Oestreich hat das deutsche 
Bündniß nöthiger als Deutschland das östreichische, wenn man 
sich die Zukunft Oestreichs vergegenwärtigt. Der Ersatz, den 
Oestreich für die Freundschaft Deutschlands in der russischen 
finden könnte, wäre für Oestreich nur unter Preisgebung aller 
der Bestrebungen in östlicher Richtung zu gewinnen, welche aus 
den Ungarn Gegner Rußlands machen. Die Anlehnung Oest- 
reichs an Frankreich und selbst an die geeinigten Westmächte 
der Krimliga würde der östreichischen Monarchie die exponirteste 
Lage von allen Betheiligten gegenüber Rußland und Deutsch- 
land anweisen und den russischen Bestrebungen die Entwicklung 
der slavenfreundlichen Keime der Zersetzung überlassen, welche 
sich unter der numerisch größeren Hälfte der Bevölkerung vor- 
finden. Für Oestreich bleibt das deutsche, von Stammessympa= 
thien getragene Bündniß stets das natürlichste und ungefähr- 
lichste, man kann sagen ein in allen Lagen Oestreichs immer 
wiederkehrendes Bedürfniß. 
Ich würde es beklagen, wenn das Deutsche Reich den von 
mir unter großen Anstrengungen erkämpften Bund mit Oest- 
reich wieder ausfgeben und die volle freie Hand für seine euro- 
päischen Beziehungen wieder erstreben sollte. Aber wenn unfre 
politische Liebe zu Oestreich unerwidert bliebe, salls wir sie 
nicht durch wirthschaftliche Opfer bethätigen, so würde ich aller- 
dings die Politik der freien Hand vorziehn, weil ich überzeugt 
bin, daß unser Bündniß, wenn es in dem obigen Sinne von 
Oestreich aufgefaßt und gehandhabt wird, nicht dauernd und 
im entscheidenden Augenblicke nicht haltbar sein wird. Die
        <pb n="174" />
        156 Zwölftes Kapitel: Handelsvertrag mit Oestreich. 
  
besten Bündnisse versagen den Dienst, den man bei dem Ab- 
schlusse von ihnen erwartet hat, wenn die Stimmung und 
Ueberzeugung, unter denen sie geschlossen sind, zur Zeit des 
asus foederis erloschen ist; und wenn schon heut unter den 
östreichisch-ungarischen Agrariern die Stimmung vorherrscht, daß 
unser Bündniß werthlos sei, falls es ihnen keine finanziellen 
Vortheile gewähre, so befürchte ich, daß unser Vertrag zur 
Verfallzeit nicht wirksamer sein wird als die von 1792 bis 
1795, und um so weniger, wenn sich inzwischen im Deutschen 
Reiche die Ueberzeugung festgesetzt hat, daß unser Bündniß- 
vertrag einen Handelsvertrag im Gefolge habe, der einer 
Tributzahlung Deutschlands gleich stehe, und daß diese Zah- 
lung für Erhaltung eines Bündnisses, welches für Oestreich 
nothwendiger ist als für uns, auf Versprechungen beruhe, welche 
die leitenden Staatsmänner Oestreichs vermöge ihrer reiferen 
Erfahrung und Sachkunde in Geschäften der Art den Ver- 
tretern der deutschen Interessen im gastlichen Verkehr in Schle- 
sien und in Wien abgewonnen haben &amp;#). Es ist möglich, daß 
die deutschen Gäste an letzterem Orte in der Hoffnung auf 
reiche handelspolitische Trinkgelder eine noch freundlichere Auf- 
nahme gefunden haben, als ohnehin der Fall gewesen sein 
würde; aber die Revision der deutschen Rechnung durch die 
öffentliche Meinung der Nation erfolgt doch, wenn auch erst 
) Eine Berliner Mittheilung des „Pester Lloyd“ hatte die bekannte 
Thatsache, daß die Anfänge der Handelsverträge auf die Rohnstocker 
Zusammenkunft von 1890 zurückreichen, mit dem Zusatze in Erinnerung 
gebracht, dem neuen Kanzler sei alsbald nach der Uebernahme des 
Amtes von höchster Stelle die Linie für sein handelspolitisches Ver- 
halten vorgeschrieben worden. Die „Münchner Allgemeine Zeitung“ 
macht dazu die Anmerkung: „Dies würde die vielfach verbreitete An- 
nahme rechtfertigen, daß der eigentliche Träger dieser handelspolitischen 
Wendung Herr Miauel ist und daß die letztere aus dem Frankfurter 
Besuch des Kaisers im November 1889 datirt.“ (Börsenzeitung, 16. De- 
cember 1891.)
        <pb n="175" />
        Ausgabe der Politik. Besorgter Blick in die Zukunst. 157 
  
nach Jahren, vielleicht in einem unbequemen Momente, wo 
dann im Rückblicke auf die bei uns angerichteten Schäden sich 
das Urtheil empfindlich fühlbar machen kann, daß wir unter 
einer ausbeutenden Einmischung Oestreichs in unfre innere Ge- 
setzgebung gelitten haben :#). 
Die Art, wie die überlegene weltmännische Routine des 
Fürsten Schwarzenberg in Olmütz und in den Dresdner Con- 
ferenzen der damaligen preußischen Vertretung gegenüber von 
Oestreich benutzt wurde, hat wesentlich zur Herstellung einer 
Situation beigetragen, welche sich schließlich im Wege freund- 
licher Bundesgenossenschaft nicht mehr lösen ließ. 
Ueber die Fehler, welche in der auswärtigen Politik be- 
gangen wurden, wird sich die öffentliche Meinung in der Regel 
erst kllar, wenn sie auf die Geschichte eines Menschenalters 
zurückzublicken im Stande ist, und die Achivi qui plectuntur 
sind nicht immer die unmittelbaren Zeitgenossen der fehlerhaften 
Handlungen. Die Aufgabe der Politik liegt in der möglichst 
richtigen Voraussicht dessen, was andre Leute unter gegebnen 
Umständen thun werden. Die Befähigung zu dieser Voraus- 
sicht wird selten in dem Maße angeboren sein, daß sie nicht, 
um wirksam zu werden, eines gewissen Maßes von geschäft- 
licher Erfahrung und Personalkenntniß bedürfte, und ich kann 
mich beunruhigender Eindrücke nicht erwehren, wenn ich be- 
denke, in welchem Umfange diese Eigenschaften in unseren lei- 
tenden Kreisen verloren gegangen sind. Jedenfalls sind sie 
augenblicklich in Wien reichlicher vorhanden als bei uns und 
ist deshalb die Befürchtung gerechtfertigt, daß die Interessen 
Oestreichs bei Vertragsabschlüssen mit mehr Erfolg wahr- 
genommen werden als die unserigen. 
) Finanzieller Schaden, Zoll-Verzicht auf 40 Millionen jährlich; 
Centrum, Polen, Socialisten — Freunde Caprioi's. 
.
        <pb n="176" />
        <pb n="177" />
        Anlagen
        <pb n="178" />
        <pb n="179" />
        J. 
Kronprinz Friedrich Wilhelm an Bismarck. 
(Vgl. oben S. 29.) 
Morris Castle, Insel Wight, 17. Aug. 18811. 
Ich wende mich mit der Frage an Sie, was eigentlich das 
Zeitungsgerücht „Baden sollte Königreich werden“ zu bedeuten 
hat? 
Anfangs habe ich mich wie viele Andere über diese Ente 
amüsirt und die Kunde als einen „Ulk der saueren Gurkenzeit“ 
belacht. Da aber die Sache immer wiederholt wird, fange 
ich an mißtrauisch zu werden! Ich habe zwar eine zu gute 
Meinung von meinem Schwager, und ebenso ein zu großes 
Vertrauen in seine deutschen Gesinnungen, als daß ich es für 
möglich hielte, er könne sich in solchen Unsinn einlassen. Allein 
woher kommt dann das Zeitungsgerede? ) 
Sie wissen, wie ich über die 3 deutschen Königreiche denke, 
welche wir in schmachvollster Zeit von Napoleon I. erhielten, 
damit die Zerstückelung Deutschlands für immer besestigt sei. 
Aus eigener Erfahrung wissen Sie besser wie ich, welche 
Schwierigkeit, ja welchen täglichen Aerger jene, von ihrem 
leeren Titel erfüllten Cabinete dem Reichswohl bereiten. 
Sollte da noch eine Kronc mehr etwa geduldet werden, welche 
jene Verlegenheiten verstärkte? Hieße es nicht das heut zu 
Tage schon genug geschwächte monarchische Ansehen noch mehr 
herabsetzen, indem man einen kleinen Staat avancirt, der aus 
) Randbemerkung Bismarck's: Roggenbach 
Otto Fürst von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen III. 11
        <pb n="180" />
        162 Anlagen. 
  
sich selbst nichts vermag, also einem königlichen Aufwande 
weder Macht noch Kraft zu verleihen im Stande ist! Vor 
allem aber wie wäre es vor dem deutschen Volk zu recht- 
fertigen, daß man angesichts der nur äußerst langsam sich be- 
festigenden Einheit muthwillig ein solches Hemmniß aufkom- 
men ließe! 
Ich lasse mich Ihnen gegenüber so offen gehen, wie ich es 
unter vier Augen in Ihrem Zimmer in Berlin thue. Sollte 
aber, was der Himmel verhüte, etwas im Gange sein, so sind 
Sie schon jetzt berechtigt, mein entschiedenes „Nein“ gegen die 
badische Königs-Erhebung kund zu geben. Dann aber bitte 
ich um sofortige Mittheilung des Standes jener Angelegenheit, 
damit ich in derselben thätig auftreten kann; ebenso erwarte 
ich, daß keine Beschlüsse gefaßt werden, ohne daß man mich 
gehört hat. 
Schlözer soll aus Rom zurück sein, und würde es mich inter- 
essiren zu erfahren, welches seine Eindrücke sind, und ob etwas 
in Folge seines Aufenthalts unternommen werden kann. 
Ich verlasse London am 23., bin den 24. in Brüssel, den 25. 
in Coblenz, den 27. in Frankfurt a. M. und am 28. bis 30. 
in Baiern, worauf ich den 1. September in Berlin eintreffe. 
Hoffentlich hat Kissingen Ihnen Ruhe, Erholung und Stär- 
kung gebracht und vor allem die Leiden des Frühjahrs ver- 
gessen machen. Hier schwebt das Parlament in der Pein des 
Hangens und Bangens ob der Land-ZBill, welche als ein noth- 
wendiges Uebel, zur Vermeidung noch größeren Unfugs als 
bisher im kommenden Winter, für Irland erkannt wird. 
Etliche Lords haben sich der Abstimmung enthalten, indem sie 
per Tacht oder hinter der grouse her verschwanden; andere 
reden dawider, stimmen jedoch dafür. 
Uns erging es sehr gut an und in der See, in diesem 
herrlichen Lande, das ich verlasse, um erst die Baiern, dann 
die Hannoveraner, Westpreußen und endlich die Schleswig-Hol-
        <pb n="181" />
        Protokoll der Ministersitzung vom 17. März 1890. 163 
  
steiner zu sehen, begierig, ob wirklich die „Perle von Meppen“ 
Minister in Braunschweig, welfischer agitation zu Ehren, wer- 
den wirdl!! 
Ihr sehr ergebener 
Friedrich Wilhelm Kronprinz. 
II. 
Protokoll der Ministersitzung vom 17. März 1890. 
(Vol. oben S. 94.) 
Berlin, den 17. März 1890. 
Vertrauliche Besprechung des Königlichen Staatsministeriums. 
Gegenwärtig: 
der Präsident des Staatsministeriums Reichskanzler Fürst von 
Bismarck; 
der Vice-Präsident des Staatsministeriums Staatsminister Dr. 
von Beetticher; 
die Königlichen Staatsminister von Maybach, Dr. Freiherr 
Lucius von Ballhausen, Dr. von Goßler, Dr. von Scholz, 
Graf von Bismarck-Schönhausen, Herrfurth, Dr. von 
Schelling, von Verdy, Freiherr von Berlepsch; 
der Unterstaatssecretär Wirkl. Geh. Rath Homeyer. 
Der Herr Minister-Präsident hatte das Staatsministerium 
zu einer vertraulichen Besprechung nach seiner Amtswohnung 
eingeladen und theilte demselben mit, daß er an Se. Majestät 
den Kaiser und König heute ein Gesuch um Entlassung aus 
seinen Aemtern gerichtet habe, dessen Genehmigung wahrscheinlich 
sei. Er müsse bezweifeln, daß er die ihm verfassungsmäßig 
obliegende Verantwortlichkeit für die Politik Sr. Majestät noch 
tragen könne, da ihm von Allerhöchster Stelle die hierfür un- 
erläßliche Mitwirkung nicht eingeräumt werde.
        <pb n="182" />
        164 Anlagen. 
  
Ueberraschend sei ihm schon gewesen, wie Se. Majestät über 
die sogenannte Arbeiterschutzgesetzgebung ohne vorheriges Be- 
nehmen mit ihm und dem Staatsministerium definitive Ent- 
schließungen gefaßt habe. Er habe alsbald seine Befürchtung 
ausgesprochen, daß dieses Vorgehen in der Wahlzeit Aufregung 
im Lande erzeugen, unerfüllbare Erwartungen wachrufen, auf 
die Wahlen und schließlich, bei der Unerfüllbarkeit der erregten 
Hoffnungen, auf das Ansehn der Krone nachtheilig wirken 
werde. Er habe gehofft, daß einhellige Gegenvorstellungen 
des Staatsministeriums Se. Majestät zum Verzicht auf die 
gehegten Absichten bewegen könnten, habe jedoch diese Ein- 
müthigkeit im Staatsministerium nicht gefunden, sondern sich 
überzeugen müssen, daß mehrseitig das Eingehen auf die An- 
regung Sr. Majestät für rathsam erachtet worden sei. 
Schon hiernach habe er bezweifeln müssen, ob er die sichere 
Autorität als Präsident des Staatsministeriums noch besitze, 
wie er sie vermöge des ihm von Sr. Majestät Kaiser Wilhelm I. 
geschenkten Vertrauens seiner Zeit genossen habe. Jetzt ver- 
handle der Kaiser ohne ihn nicht nur mit einzelnen der Herrn 
Minister, sondern sogar mit Räthen der ihm untergebenen 
Ministerien. Der Herr Minister für Handel habe Immediat- 
vorträge ohne vorherige Verständigung mit ihm gehalten. Im 
Interesse der Einheitlichkeit des Minister-Collegiums habe er 
dem letztgedachten Herrn Minister die demselben unbekannte 
Allerhöchste Ordre vom 8. September 1852 mitgetheilt und, 
nachdem er in der Sitzung des Staatsministeriums vom 2. d. M. 
sich überzeugt, daß dieselbe überhaupt nicht allen Herren 
Ministern gegenwärtig sei, allen eine Abschrift zugehen lassen 
und in dem Begleitschreiben hervorgehoben, daß er die Ordre 
nur auf Immediatvorträge beziehe, welche Aenderungen der 
Gesetzgebung und der bestehenden Rechtsverhältnisse bezweckten. 
In dieser Weise mit Takt gehandhabt, enthielten die Vor- 
schriften der gedachten Ordre nicht mehr, als für jeden
        <pb n="183" />
        Protokoll der Ministersitzung vom 17. März 1890. 105 
  
Präsidenten des Staatsministeriums, der dieser Stellung gerecht 
werden wolle, unerläßlich sei. Er wisse nicht, von welcher 
Seite Kenmniß dieses Vorgangs an die Allerhöchste Stelle 
gelangt sei, aber Se. Majestät der Kaiser habe ihm befohlen, daß 
die gedachte Ordre, durch welche die Minister gehindert würden, 
Immediatvorträge zu halten, außer Kraft gesetzt 1) werde. Er 
habe erklärt, die Herren Minister seien dadurch nicht behindert, 
es folge höchstens daraus, daß er bei den Vorträgen zugegen 
sei; Sr. Majestät stehe es dann immer frei, auch gegen den 
Minister-Präsidenten für den Ressort-Minister sich zu entscheiden. 
Die Ordre sei nothwendig, und das könne er am wenigsten 
jetzt verleugnen, nachdem er soeben an dieselbe erinnert habe. 
Diese Meinungsverschiedenheit für sich allein würde ihn 
zum Rücktritt nicht bewogen haben, noch weniger die wegen 
der Arbeiterfrage bestehende. Auf diesem Gebiet habe er redlich 
das Seinige zu dem Erfolge der kaiserlichen Initiative bei- 
getragen und durch diplomatische Befürwortung und durch Auf- 
nahme der internationalen Conferenz in seine Diensträume be- 
kundet, daß er die Arbeit derselben fördere. 
Ein serneres Zeichen mangelnden Vertrauens habe Se. 
Majestät der Kaiser ihm durch den Vorhalt gegeben, daß er, 
ohne Allerhöchste Erlaubniß, den Abgeordneten Windthorst nicht 
habe empfangen sollen. Alle Abgeordnete empfange er grund- 
sätztich, und nachdem Windthorst darum nachgesucht, habe er 
auch dessen Besuch angenommen, mit dem Ersolge, daß er über 
die Absichten desselben nun vollständig unterrichtet sei. Er könne 
sich einer Allerhöchsten Controlle über seinen persönlichen Ver- 
kehr in und außer Dienst nicht unterwerfen. 
In seinem Entschluß zum Rücktritt aus allen seinen Aemtern 
sei er bestärkt, nachdem er sich heute überzeugt, daß er auch 
die auswärtige Politik Sr. Majestät nicht mehr vertreten könne. 
1) außer — gesetzt Bleistitänderung Bismarck's statt: aufgehoben
        <pb n="184" />
        166 Anlagen. 
  
Er habe ungeachtet seines Vertrauens auf die Tripelallianz 
doch auch die Möglichkeit, daß dieselbe einmal versagen könne, 
nie aus den Augen verloren. In Italien stehe die Monarchie 
nicht auf starken Füßen, die Eintracht zwischen Italien und 
Oestreich sei durch die Irredenta gefährdet, in Oestreich könne 
trotz der sicheren Zuverlässigkeit des regirenden Kaisers die 
Stimmung eine andere werden, Ungarns Haltung sei nie sicher 
zu berechnen, dasselbe könne sich und Oestreich in Händel ver- 
wickeln, denen wir fern bleiben müßten: deshalb sei er stets 
bestrebt gewesen, die Brücke zwischen uns und Rußland nicht 
abzubrechen, und glaube den Kaiser von Rußland in friedlichen 
Absichten soweit bestärkt zu haben, daß er einen russischen Krieg, 
bei dem selbst im Falle siegreichen Verlaufs nichts zu gewinnen 
sei, kaum noch befürchte. Höchstens würde von dort uns ent- 
gegengetreten werden, wenn wir bei einem siegreichen Kriege 
gegen Frankreich letzterem Gebietsabtretungen auferlegen woll- 
ten. Rußland bedürfe der Existenz Frankreichs wie wir der 
Oestreichs als Großmacht. 
Nun habe der deutsche Consul in Kiew 14 eingehende Be- 
richte, zusammen wohl an 200 Seiten, über russische Zustände, 
darunter manche über militärische Maßnahmen, eingesandt, von 
welchen er einige politische Sr. Mojestät eingereicht, andere, 
militärische dem Großen Generalstab in der Annahme, daß 
dieser sie an Allerhöchster Stelle zum Vortrag bringen werde, 
falls sie dazu geeignet wären, übersandt, die übrigen, um sie 
sich vortragen zu lassen, dem Geschäftsgang zurückgegeben habe. 
Darauf sei ihm heute das nachstehende Allerhöchsteigen- 
händige Handschreiben zugegangen: 
„Die Berichte lassen auf das Klarste erkennen, daß die 
Russen im vollsten strategischen Aufmarsch sind, um zum Kriege 
zu schreiten — Und muß ich es sehr bedauern, daß ich so wenig 
von den Kiewer Berichten erhalten habe. Sie hätten mich schon 
längst auf die furchtbar drohende Gefahr aufmerksam machen
        <pb n="185" />
        Protokoll der Ministersitzung vom 17. März 1890. 167 
  
können! Es ist die höchste Zeit, die Oestreicher zu warnen, 
und Gegenmaßregeln zu treffen. Unter solchen Umständen ist 
natürlich an eine Reise nach Krasnoe meinerseits nicht mehr zu 
denken. 
Die Berichte sind vorzüglich. (gez.) W.“ 
In diesem Schreiben sei einmal der Vorwurf ausgedrückt, 
daß er Sr. Majestät Berichte vorenthalten und Se. Majestät 
nicht auf die Kriegsgefahr rechtzeitig aufmerksam gemacht habe; 
ferner aber seien Ansichten ausgesprochen, die er nicht theile, 
daß uns von Rußland „furchtbare“ Gefahr drohe, daß man 
Oestreich warnen und Gegenmaßregeln treffen müsse, endlich daß 
der Besuch des Kaisers zu den russischen Manövern, zu welchem 
derselbe sich selbst angemeldet habe, unterbleiben müsse. 
Er sei überhaupt nicht verpflichtet, Sr. Majestät alle Be- 
richte vorzulegen, die ihm zugingen; er habe darunter die Wahl, 
je nach dem Inhalt, für dessen Eindruck auf Se. Majestät er 
glaube die Verantwortung tragen zu können. Er habe im 
vorliegenden Falle nach bester Einsicht eine Auswahl getroffen 
und müsse in diesem Handschreiben ein unverdientes, kränkendes 
Mißtrauen finden. 
Er sei aber auch bei seiner noch jetzt unerschütterten Auf- 
fassung von den friedlichen Ansichten des Kaisers von Rußland 
außer Stande, Maßregeln zu vertreten, wie Se. Majestät sie 
verlange. 
Dabei höre er, daß Se. Mojestät der Kaiser, der seine Vor- 
schläge bezüglich der zum Reichstage einzunehmenden Stellung 
und dessen eventueller Auflösung früher gebilligt habe, jetzt der 
Meinung sei, die Militärvorlage sei nur soweit einzubringen, 
als man auf deren Annahme rechnen könne. Der Herr Kriegs- 
minister habe sich neulich für deren ungetheilte Einbringung 
ausgesprochen, und wenn man auch noch Gegenmaßregeln 
gegen russische Rüstungen ergreifen wolle und Gefahr von dort 
kommen sehe, sei das um so mehr das Richtige.
        <pb n="186" />
        168 Anlagen. 
  
Nach dem Gesagten nehme er an, daß er mit seinen Collegen 
nicht mehr in voller Uebereinstimmung sei und daß er das 
Vertrauen Sr. Majestät nicht mehr in ausreichendem Maße 
besitze. Er freue sich, wenn ein König von Preußen selbst 
regiren wolle, erkenne selbst die Nachtheile seines Rücktritts 
für die öffentlichen Interessen, er sehne sich auch nicht nach 
einem arbeitslosen Leben, seine Gesundheit sei jetzt gut, aber 
er fühle, daß er Sr. Majestät im Wege sei, daß an Aller- 
höchster Stelle sein Rücktritt gewünscht werde, und darnach 
habe er mit Recht seine Dienstentlassung erbeten. 
Der Herr Vice-Präsident des Staatsministeriums erklärte, 
daß ihn und gewiß alle seine Collegen diese Mittheilungen tief 
betrübten. Er habe bis jetzt gehofft, daß zwischen Sr. Majestät 
und dem Herrn Minister-Präsidenten nur auf dem Gebiet der 
innern Politik Meinungsverschiedenheiten beständen und daß 
daher der von Sr. Durchlaucht neulich angedeutete Weg, sich 
auf die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten beschränken 
zu wollen, eine geeignete Lösung sein werde. Der Rück- 
tritt Sr. Durchlaucht aus allen Aemtern bedeute unab- 
sehbare Schwierigkeiten, und wenn er auch den Unmuth Sr. 
Durchlaucht begreiflich finde, könne er doch nur dringend 
bitten, den Weg eines Ausgleichs, wenn irgend möglich, zu 
betreten. 
Der Herr Minister-Präsident bemerkte, der Ausweg, daß 
er aus dem preußischen Staatsdienst ausscheide und sich auf 
die Stellung als Reichskanzler beschränke, sei bei den ver- 
bündeten Regirungen und im Reichstage auf Bedenken ge- 
stoßen. Dort wünsche man, daß der Reichskanzler in einer 
amtlichen Stellung sich befinde, in welcher er die Abgabe der 
preußischen Stimme leite, und er würde auch die Stellung 
nicht einnehmen können, vom preußischen Staatsministerium 
Instructionen zu empfangen, bei deren Feststellung er nicht 
mitgewirkt habe. Auch dieser, neulich von ihm selbst vor-
        <pb n="187" />
        Protokoll der Ministersitzung vom 17. März 1890. 169 
  
geschlagene Ausweg würde daher nicht ohne Schwierig- 
keiten sein. 
Der Herr Finanzminister erklärte, die Cabinets-Ordre vom 
8. September 1852, namentlich nach demjenigen, was der Herr 
Minister-Präsident in dem Begleitschreiben hinzugefügt habe, 
gehe durchaus nicht über das Erforderniß hinaus. Diese könne 
eine unübersteigliche Schwierigkeit nicht bieten. Aber auch was 
die Schwierigkeiten auf dem Gebiet der auswärtigen Politik 
anlange, könne er sich nur der Bitte des Herrn Staatsminister 
von Boetticher anschließen, daß nach einem Ausgleich gesucht 
werden möge. Wenn übrigens der Rücktritt Sr. Durchlaucht 
nicht, wie neulich als Grund angeführt worden, aus Gesund- 
heitsrücksichten, sondern aus politischen Gründen und aus allen 
Aemtern erfolge, werde das Staatsministerium doch in Er- 
wägung ziehen müssen, ob es sich diesem Schritt nicht an- 
zuschließen habe. Vielleicht würde dies dazu beitragen, das 
verhängnißvolle Ereigniß abzuwenden. 
Die Herren Minister der geistlichen Angelegenheiten und 
der Justiz bemerkten, es handle sich bei den vorgetragenen 
Differenzpunkten doch nur um ein Mißverständniß, über welches 
Se. Moajestät aufzuklären sein würde, und der Herr Kriegs- 
minister fügte hinzu, in seiner Gegenwart sei seit langer Zeit 
von Seiten des Kaisers kein Wort gefallen, welches irgendwie 
auf kriegerische Verwicklungen mit Rußland Bezug habe. 
Der Herr Minister der öffentlichen Arbeiten erklärte, der 
Rücktritt Sr. Durchlaucht würde ein nationales Unglück für 
die Sicherheit des Landes und die Ruhe Europas sein, es 
müsse Alles versucht werden, um dem vorzubengen. Seiner 
Meinung nach müßten sür einen solchen Fall die Minister ihre 
Aemter zur Verfügung Sr. Majestät stellen, und er wenigstens 
sei entschlossen, dies zu thun. 
Der Herr Minister für Landwirthschaft erklärte, wenn der 
Herr Minister-Präsident überzeugt sei, daß sein Rücktritt Aller-
        <pb n="188" />
        170 Anlagen. 
  
höchsten Orts gewünscht werde, ließe sich von diesem Schritte 
nicht abrathen. Das Staatsministerium müsse jedenfalls in 
Erwägung nehmen, was es dann seinerseits zu thun habe. 
Der Herr Minister für Handel bemerkte, seine Person 
komme bei dieser Frage nicht in Betracht, aber in Rücksicht auf 
die von dem Herrn Minister-Präsidenten über die von ihm ge- 
haltenen Immediatvorträge gemachte Bemerkung bitte er doch 
erklären zu dürfen, daß dieselben sich auf keinerlei neue Fragen 
erstreckt, sondern auf den Allerhöchsten Erlaß vom 4. Februar 
d. J., den er bei seinem Amtsantritt vorgefunden, und zwar 
auf die allgemeinen Angelegenheiten der in demselben berührten 
Arbeiterschutzgesetzgebung beschränkt hätten. Gegen die Aller- 
höchste Ordre vom 8. September 1852 habe er nichts zu erin- 
nern und habe dieselbe Sr. Majestät gegenüber nicht erwähnt. 
Der Herr Minister-Präsident erwiederte, er sei vollkommen 
davon überzeugt, daß es dem Herrn Minister für Handel fern 
gelegen habe, etwas gegen ihn thun zu wollen. 
Der Herr Kriegsminister bemerkte, von den Bestimmungen 
der Ordre vom 8. September 1852 seien die laufenden Vor- 
träge des Kriegsministers sogar ausdrücklich ausgenommen, 
aber auch abgesehen hiervon habe er gewiß bei allen wichtigern 
Vorkommnissen seines Ressorts sich in Verbindung mit dem 
Herrn Minister-Präsidenten gehalten. 
Der Herr Minister-Präsident erwiederte, daß er das colle- 
gialische Verhalten des Herrn Kriegsministers durchaus an- 
zuerkennen habe, und schloß die Sitzung. 
(gez.) Fürst von Bismarck. von Beetticher. 
von Maybach. Freih. Lucius von Ballhausen. von Goßler. 
von Scholz. Graf von Bismarck. Herrfurth. 
von Schelling. von Verdy. Frhr. von Berlepsch. 
(gez.) Homeyer.
        <pb n="189" />
        Flügeladjutant v. Biĩssing an Graf H. Bismarck, 22. Juni 1888. 171 
  
III. 
Flügeladjutant v. Bissing an Graf Herbert Bismarck. 
(Vgl. oben S. 142.) 
Marmor-Palais, den 22. Juni 1888. 
Euer Excellenz 
beehre ich mich im Allerhöchsten Auftrage ganz gehorsamst mit- 
zutheilen, daß Se. Majestät der Kaiser und König von ver- 
schiedenen Artikeln in Berliner Zeitungen Kenniniß genommen 
hat, welche Allerhöchstdenselben auf das Unangenehmste be- 
rührt haben. 
Vornehmlich sind dieß ein Artikel des Berliner Tageblatts, 
Abend-Ausgabe vom 20. ds. Mts., Artikel der Berliner Zei- 
tung und der Berliner Presse, beide vom 21. Juni, welche ge- 
schrieben scheinen, um die Welt glauben zu machen, daß ein 
Zwiespalt zwischen Sr. Majestät und dem Fürsten Reichs- 
kanzler in Betreff des General-Quartiermeisters Grafen Walder- 
see besteht; auch ähneln diese Artikel in ihrer Absicht mehr oder 
weniger denen, welche vor dem plötzlichen Sturze des Ministers 
von Puttkamer von den freisinnigen Zeitungen gebracht wurden. 
Während auf der einen Seite jene Artikel, und im beson- 
dren der des Berliner Tageblatts, gegen den Fürsten Reichs- 
kanzler selbst gemünzt sein dürften, wollen dieselben andrer- 
seits augenscheinlich den Glauben erwecken, als ob Frictionen 
in den maßgebenden Regirungskreisen auch jetzt beständen be- 
ziehungsweise im Anzuge wären, wie sie während der kurzen 
Regirungszeit des eben verstorbenen Kaisers wiederholt von 
den Zeitungen gemeldet wurden . 
Da die von den Artikeln berührte Frage der auswärtigen 
Politik ein brennendes Interesse für die ganze Welt hat, so 
) Randbemerkung Bismarcks: aber nicht Statt fanden
        <pb n="190" />
        172 Anlagen. 
  
werden sicherlich die ausländischen Zeitungen mehr oder weniger 
Act von dem Inhalte der Artikel nehmen. Se. Majestät hält 
es daher für angezeigt, wenn Euer Excellenz mit Hülfe der 
der Regirung nahestehenden Presse jene Frage richtig stellen 
und in energischer Weise gegen diese Preßangriffe Stellung 
nehmen. 
Se. Majestät ermächtigte mich, Euer Excellenz zu ver- 
sichern, daß Allerhöchstderselbe nach wie vor auf demselben 
Standpunkte stände, wie Se. Majestät denselben in den Unter- 
redungen im Mai dieses Jahres dem Fürsten Reichskanzler 
entwickelt habe; daß Er nie dem Grasen Waldersee, trotz der 
Werthschätzung für denselben, einen unberechtigten Einfluß auf 
die auswärtige Politik einräumen und daß unter Allerhöchst- 
seiner Regirung keine Hofcamarilla existiren werde; vielmehr 
sei Er überzeugt, daß unter denjenigen Leuten, denen Er Sein 
Vertrauen geschenkt habe und die Allerhöchstihm dienten, keine 
Parteiungen existirten, sondern daß Alle Ihm auf demselben 
Wege folgten, welcher zu dem von Sr. Majestät als richtig 
erkannten Ziele führt. 
Euer Excellenz 
gehorsamst ergebener 
Freiherr von Bissing 
Oberstlieutenant und Flügeladjutant.
        <pb n="191" />
        Auu —— 
(ouvcemer 
Wiedergabe einer elgenhändigen Niederschrift, bie der Fürst 
Reichskanzler dem Chef der Cotta'schen Buchhandlung, 
Adolf Kröner, im Verlauf der Besprechungen über Abfassung 
und Verlag der „Gedanken und Erinnerungen“ überreichte.
        <pb n="192" />
        <pb n="193" />
        Register
        <pb n="194" />
        Um in der vorstehenden ersten Ausgabe des dritten 
Bandes der „Gedanken und Erinnerungen" die im Manu- 
script überlieferten Fußnoten nicht unnötig zu vermehren, 
habe ich im „Negister“ manches gesagt, was zur Erläute- 
rung des Teries dienen mag. Im übrigen ist dasselbe 
tunlichst demienigen angevaßt, das #Horst Kohl der „Neuen 
Ausgabe“ der beiden ersten Bände (1912) beigegeben hat. 
Eduard von der Hellen.
        <pb n="195" />
        U. 
a brüle-pourpoint: auf das Wams, 
den Pelz: ins Gesicht hinein 126. 
à Tamiable: gütlich, in der Absicht 
gütlicher Uebereinkunft 73. 
Abdication (Abdankung) König Wil- 
helm's I., 1862 beabsichtigt 58. 
130. Vgl. 115. 131. 
Abgeordnete vom Minister zu emp- 
fangen 81 f. 91 f. 98. 165. 
Abgeordnetenhaus, preußisches 47 
Fußnote. 87 f. desgl. 96. 101. 119fP. 
Abschiedsgesuch Bismarck's vom 
Kaiser verlangt 88. 93 f. 97. 168. 
Wortlaut des Entwurfs 95 ff. 
Absicht und Verbot der Verössent-- 
lichung 94. 108. Genchmigung 
101. — Frühere Abschiedsgesuche 
(März 1877, Februar 1869) 130. 
Abschlag, das Erreichbare genom- 
men auf 130. 
Absoluten Königthums, Zeit des, in 
Preußen 95 f. 
Absolutismus der französischen 
Könige 59. 119. — Populärer, 
das Ideal Wilhelm's II.: 59. 
Acclamation der Massen 59. 
Achenbach, Heinrich v. (1829 —99), 
preuß. Jurist, seit 1879 Ober- 
präsident der Provinz Branden- 
burg 1. 
Acheronta movebunt: Sie werden 
die Hölle in Bewegung setzen 
(Virgil, Aeneis 7, 312 Flectere 
si nequeo Superos, Acheronta 
movebo: Mach'’ ich die Himm- 
Otto Fürst von Bismarck. Gedanken und Erinnerungen. 
  
lischen mir nicht geneigt, auf 
biet’ ich die Hölle) 16. 132. 
Achivi qui plectuntur: die Griechen, 
die gestraft werden (Horaz, ECpi- 
steln 1, 2, 14 Quidquid delirant re- 
ges, plectuntur Achivi: Was auch 
der Könige Wahnwitz beginnt, 
das Volk muß es büßen) 157. 
Actionäre 58. 
Adalbert, Prinz von Preußen (geb. 
1884) 54. 
adjoint: Beigeordneter, Amtsge- 
hülfe 37. 
Adjutanten s. Flügeladjutanten. 
adlatus: zur Seite Stehender, Bei- 
stand 25. 39. 62. 78. 
Admiral of ihe fleet, erstmalige 
Verleihung dieses Titels an einen 
Nichtengländer 146. 
Asghanistan 148. 
Afrika 146. 147 ff. 150 f. 
Aggressive Liebenswürdigkeit 145. 
Aggressives Vorgehen 77. 
Agitation und Bekehrung 6. 
Agrarier und Industrielle in Oest- 
reich-Ungarn 153. 156. 
Agrarinteressen, deutsche 154. 
aide: Helfer, Beistand 37. 
„Alaaf Köln“ 126. 
Albert, Herzog zu Sachsen-Coburg, 
Prinzgemahl der Königin Vic- 
toria von Großbritannien (1819. 
bis 1861) 27. 
Albert, König von Sachsen (1828 
bis 1902) 50. 52. 112. 
Alexander III., 1881—94 Kaiser von 
Rußland (1845—94) 49. 84 f. 92. 
III. 12
        <pb n="196" />
        178 
106. 133. 134 f. 138. 144 ff. 166 f. 
— Dessen Familie 144 f. 
Alexander Prinz von Battenberg, 
1879 bis 7. Sept. 1886 Fürst von 
Bulgarien (1857—93) 134 f. 139. 
141 Fußnote. 
„Alles beim Alten“ 76. 98. 
Alleweg guet Zolre 12. 
Allgemeine Zeitung (München) 156 
Fußnote. 
Altentheil des Auswärtigen 73. 
Vgl. Preußische Aemter. 
Alvensleben, Friedrich Johann 
Graf v. (geb. 1836), preuß. Di- 
plomat, 1888—.1901 Gesandter in 
Brüssel, dann Botschafter in Pe- 
tersburg 106 f. 
Amanuensis (Handlanger) 37. 
Amateur-Politiker 143. 
Anarchistische Tendenzen, ihre Be- 
kämpfung 5. 9. 
Anciennitätsbedenken 4. 
Anerkennung, Bedürfnis nach 121. 
124. 144. 145. 
Angeborene Befähigung zur Politik 
157. 
Anhänglichkeit, Basis der 128. 
Annexionen 123. 166. 
Antäus 20. 
Antihumane Bestrebungen 51. 
Antimonarchische und antipreußische 
Kräfte 132. 
Apotheose Windthorst's 131. 
Ar und Halm, Leute mit 117. 
Aera, Neue (Ministerium Hohen- 
zollern-Auerswald, Nov. 1858 bis 
März 1862) 65. 
Arbeit, Neigung zu ausdauernder 
und gründlicher 3. 125. 
Arbeiter 23. 35. 38. 42. 50 ff. 66 ff. 
72. Vgl. Socialdemokraten 2c. 
Arbeiter aus dem Wedding, Maler- 
modell 55. 
Register. 
  
  
Arbeiteremancipation 59. 
Arbeiterfrage 35. 53. 60 f. 64. 66 ff. 
165. 
Arbeiterfreundliche Haltung 55. 60. 
Arbeiterschutz, A.-Gesetzgebung 38. 
50 ff. 55. 60. 66 ff. 90 f. 112. 164. 
170. 
Arbeiterschutzconferenz s. 
nationale. 
Arbeiterstand 67. 69. 70. 
Arbeiterversicherung 67. 
Arbeitervertreter 68. 
Arbeiterzwang 38. 52. 55. 112. 
Arbeitgeber 42. 52. 59. 68. 70. 
Arbeitnehmer 68. 
Arbeitsamkeit 16. 126. 
Arbeitskraft des Monarchen 118. 
Arbeitskräfte, Verfügung des Ar- 
beiters über die eigenen und die 
der Familienmitglieder 42. 51. 
Arbeitslohn 62. 
Arbeitszeit, -Dauer und zart 51. 68. 
Arme Klassen des Volkes 7. 
Armee, Bismarck's angebliche Feind- 
schaft gegen die 111. Vgl. 103 f. 
Armen Elemente, geistiges Wohl 
und Wehe der 23. 
Arnim-Boitzenburg, Adolf Heinrich 
Graf v. (1803—68), preuß. Jurist, 
1842—45 Minister des Innern, 
19.—29. März 1848 Minister- 
präsident 95. 
Arnim-Suckow, Harry Graf v. 
(1824—81), preuß. Diplomat, 
1862 ff. Gesandter in Lissabon, 
München, Rom, 1871 (seit 1872 
Botschafter) bis 1874 in Paris 31. 
Arnold, Erbpächter einer Wasser- 
mühle im Züllichauer Kreise (1779 
von Friedrich d. Gr. gegen an- 
gebliches Unrecht geschützt) 124. 
Artillerie, ungenügende Stärke der 
deutschen 74. 79. Vgl. 140. 
Inter-
        <pb n="197" />
        Athen 49. 
Attentate 65. 
Register. 
„Auch nicht, wenn Ihr Souverän 
es befiehlt?“ 82. 
Auerswald, Rudolf v. (1795—1866), 
preuß. Offizier und Politiker, 
25. Juni bis 10. Sept. 1848 
Ministerpräsident, 1858—62 Mi- "% 
nister ohne Portefenille („Neue 
Aera“) 95. 
Aufruhr s. Revolutionsgefahr. 
August Wilhelm, Prinz von Preu- 
hen (geb. 1887) 54. 
Augusta, geb. Prinzessin von Sach- 
sen-Weimar, Königin von Preu- 
ßen und Deutsche Kaiserin (geb. 
30. Sept. 1811, gest. 7. Jan.1890) 
18. 33. 50. 63 f. 129. 130. 
Auguste Victoria, geb. Prinzessin 
von Schleswig-Holstein-Sonder- 
burg-Augustenburg, 27. Febr. 1881 
vermählt mit Prinz Wilhelm von 
Preußen, 9. März 1888 Kron- 
prinzessin, 15. Juni 1888 Kö-- 
nigin von Preußen und Deutsche 
Kaiserin (geb. 22. Oct. 1858) 5. 
7. 8. 18. 
Auslande, Wettbewerb der cinhei- 
mischen Industrie mit dem 69 
S. Industriestaaten. — Zauber 1 
der deutschen Einheit im 16. — 
Zu weit gehende Liebenswürdig- 
keiten gegenüber dem 132. 
Ausländische Einflüsse in der Kaiser- 
frage 28. — Regirungen als Fac- 
toren zur Einwirkung aufs den 
Kaiser 64. — Schöngeister 123. 
Ausstand s. Streik. 
Auswärtige Politik 60. 73. 91f. 
98 f. 106 f. 109. 112. 142 f. 146. 
157. 166. 168 f. 172. Vgl. Reichs- 
politik. — Presse 142. 172. 
Auswärtiges Amt des Deutschen 
  
179 
Reichs 1 ff. 31. 31. 81. 80 j. 92. 
101. 132. 14s4. 
Ausweisungsbefugnis 50 f. 
Authentische Sicherheit 80. 84. 
Autorität, Autoritäten 37. 38. 54. 
60. 76. 83. 91. 97. 125. 139. 140. 
164. 
Antorität des Vaters geht in der 
königl. Familie in der des Mon- 
archen unter 3. 
Avancirte (Unteroffiziere) 74. 79. 
B. 
Baarc, Louis, Hüttenbesitzer in Bo- 
chum, Geh. Kommerzienrath 69 f. 
Bachillen 117. 
Baden 28 ff. 40. 161 f. Vgl. Fried- 
rich I.; Karlsruhe; Königreich. 
Baden-Baden 35 f. 62. Bgl. Gönner. 
Baiern 16. 29. 51. 98. 161. 162. 
Batsch, Karl Ferdinand (1831—98), 
deutscher Admiral und Marine- 
schriftsteller 151. 
Battenberger s. Alexander. 
Bau, Kommen aus dem (Jäger- 
sprache, vom Fuchs) 81. 
Bauernemancipation 59. 
Baumvertilgung ein flavischer Cha- 
rakterzug 118 Fußnote. 
Beamtenbesoldungen, Initiativ= 
antrag des Reichstags wegen 
Aufbesserung der 78. 
Beamtenklasse in Nord= und Süd- 
deutschland 29. 
Begabung, Reinertrag der 124. 
Beifallsbedürfnis 121 f. 123 f. 
Belgien 27. 67. 69. 71. Vgl. Brüssel; 
Leopold I. 
Belle-Alliance, Schlacht bei (18. Juni 
1815) 148. 
Bellevue, königl. Schloß am Ber- 
liner Thiergarten 1.
        <pb n="198" />
        180 
Register. 
  
Benda, Robert v. (1816—99), libe- 
raler Politiker, 1878—93 Vize- 
präsident des preuß. Abgcord- 
netenhauses 9. 10. 18. 19. 
Béranger, Pierre JZean de, franz. 
Dichter (1780—1857) 124. 
Beredtsamkeit 17. 19. 126. 
Berg, Bankier in Stralsund 40. 
Bergwerke, staatliche u. private 68. 
Bergwerkstreik vom Mai 1889: 42. 
43. 55. 58. 61. 64. 130. Vgl. 
Schröder; Streik. 
Berichte s. Geheime; Kiewer. 
Berlepsch, Hans Hermann Frei- 
herr v. (geb. 1843), preuß. Ju- 
rist, 1884 Regirungspräsident in 
Dusseldorf, 1889 Oberpräsident d. 
Rheinprovinz (Coblenz), 31. Jan. 
1890 Handelduuntster und Vor- 
sitzender der internationalen Ar- 
beiterschutzconferenz 43. 55. 61. 
66. 68. 69. 70. 72. 75. 77. 91. 
94. 96 f. 113. 131. 163 f. 164. 170. 
Berlin 1. 3. 4. 6. 14. 32 f. 34. 43. 
51. 52 f. 63. 69. 75. 80. 85. 100. 
108. 110. 116. 117. 118 Fußnote. 
135. 136. 143. 144. 162. — B.er 
Arme 8. 23. — B.er Sradtmission 
5 fj. 17 ff. 22 ff. 25. 48. — Wahl- 
betheiligung in B. 6. — Vorliebe 
der B.er für Versammlungen, 
Lärm und Schimpfen 6. — Zern- 
haltung Bismarck's von Berlin. 
43. 52 f. 116. 
Berliner „Börsenzeitung“ 156 Fuß- 
note. — „Tageblatt“, „Zeitung“ 
und „Presse“ 141 f. 171 f. 
Berolinismus 48. 
Bescheidenheit 124. 126. 127 f. 
Besitzende auch Unterthanen, die 
auf Schutz des Landesherrn An- 
spruch haben 58. Vgl. Drom)ungen. 
Beste, das, des Guren Feind 14. 127. 
  
Bethmann-Hollweg, Moritz Au- 
gust v. (1795—1877, preuß. Jurist, 
Universitätsprofessor und Par- 
lamentarier, in der „Neuen Aera“ 
Cultusminister 65. 
Bevölkerungs= u. Soldatenziffer 78f. 
Bismarck, Herbert Graf, 1898 Fürst 
v., ältester Sohn des Kanzlers, 
seit 1873 im Dienste des Aus- 
wärtigen Amtes, 1886 dessen 
Staatssecretär, im April 1888 
auch preuß. Staatsminister (1849 
bis 1904) 3. 5 ff. 25 f. 42. 53. 57. 
62. 75. 77. 81. 96 f. 101 f. 105 ff. 
116. 142 ff. 163 f. 170 171 f. 
Bismarck, Otto Eduard Lcopold 
Fürst v., deutscher Reichskanzler 
(geb. 1. April 1815, gest. 30. Juli 
1898) 1 ff. Vgl. „Inhaltsver- 
zeichniß“ lII ff. — Beziehungen 
zu einzelnen Personen s. unter 
deren Namen; zu Wilhelm II. 
1 ff. — Briefe an diesen (vgl. 5): 
6. Januar 1888: 14 ff. 
18. März 1890: 95 ff. 
21.? März 1890: 104 f. 
25. Dez. 1890: 110. („halbes 
Jahrhundert“ statt „Viertel- 
jahrhundert“ überliefert.) 
Bissing, Moritz Ferd. Freiherr v. 
(geb. 184½), preußischer Offizier, 
1888 Oversilieutenant und Flü- 
geladjutant Wilhelm's II., zuletzt 
Gouverncur von Belgien 171 f. 
Blaue Briefe 101. 
Bleichröder, Gerson v. (1822—93), 
Bankier in Berlin 82. 
Blutvergießen 57. 79. 123. 
Bochum 69. 
Bodelschwingh, Ernst v. (1794 bis 
1854), 1842 bis 19 März 1848 
preuß. Minister, zuletzt des In- 
nern 74
        <pb n="199" />
        Negister. 
181 
  
Bodenhausen, Freiherr v., auf Burg- 
kemnitz bei Bitterfeld, Landrath, 
Mitgl. d. pr. Herrenhauses u. d. 
Reichstags 41. 
Böhmen 154. 
Börse, Aeltestencolleglum der Ber- 
liner 141. Vgl. Berliner. 
Bosporus 141 Fußnote. 
Botschaft, Kaiserliche, vom 17. Nov. 
1881 (Einleitung der socialpoli- 
tischen Gesenzgebung) 21. 
Botschaft, Ueberbringer kränkender, 
die Opfer königlichen Zorns 86. 
Boetticher, Karl Heinrich v. (1833 
bis 1907), preuß. Jurist, 1869—72 
im Ministerium des Innern, dann 
in der Provincialverwaltung und 
conservanver Reichstagsabgeord- 
neter, 1880 Staatssecretär des 
Innern und preuß. Staatsmi- 
nister, seit 1881 Stellvertreter des 
Reichskanzlers, 1888—97 Vire= 
präsident des preuß. Staatsmini- 
steriums 31. 34. 37 ff. 51. 52 ff. 
56 f. 62. 70. 72. 75. 77. 78. 90 f. 
93.94 Fußznote. 96 f. 112. 113. 117. 
131. 163 f. 168. 170. — Dessen 
Gemahlin, geb. Berg 34. 40. 43. 
Boeicher, Dr. jur., 1850 f. preuß. 
Commtssar für das Innere in 
der Centralgewalt des Bundes- 
tages in Frankfurt a. M., Vater 
des Vorigen 37. 
Boncott 104. 117. 
Boyen, Hermann v. (1771—1848), 
preuß. Generalfeldmarschall 78. 
Brandenburg, Friedrich Wilhelm 
Graf v. (1792 bis 6. Nov. 1850), 
preuß. Offizter und Staatsmann, 
2. Nov. 1848 Min.-Präsident 95. 
Brandenstein, Hans v. (geb. 1849), 
preuß. Regirungsrath, später 
Regirungspräsident 4. 
  
Braunschweig 30. 163. 
Brest-Litowsk 134. 130. 
Brüssel 106. 162. Vgl. Belglen. 
Buch der Gelübde 126. 
Bulgarien 134. Vgl. Alexander. 
Bülow, Adolf v., Flügeladjutant 
Kaiser Wilhelm's II.: 35. 
Bundesfürsten s. Reichsfürsten. 
Bundesgenossen Deutschlands 138f. 
Vgl. Oestreich, Italien. 
Bundesrath 16. 34. 37. 50 f. 56. 
(74.) 76. 78. 98. 119. 168. 
Bundestag, Deutscher, in Frank. 
furt a. M. 37. 
Bundesvertrag, d. deutsche 15 f. 155. 
Bündnißpolitik 138. 155 f. 
Bunte, Bergmann 68. 
Bürgeremancipation 59. 
Bürgerkönig s. Louis Philippe. 
Bürgerlicher Sinn, Verdienste 28 
123. 
Bürokratie 29. 51. 74. 
C. 
Cabinetsbienst 1W. 
Cabinetsfrage 60. Vgl. 130. 
Cabtnetsordre vom 8. Sept. 1852;: 
82 f. 87 f. 91. 93. 95 ff. 164 f. 
169. 170. 
Cabinetsregirung 122 Fußnote. 125. 
Vgl. 161. 
Cabinetssecretäre 115. 119. 
Camarilla 64. 142. 172. Vgl. Un- 
berufene Rathgeber. 
Camp, Maxime du, französischer 
Schriftsteller in Baden-Baden 36. 
Camphausen, Ludolf (1803—90), 
rheinischer Kaufmann und Poli- 
tiker, 29. März bis 20. Juni 1848 
preuß. Ministerpräsident 95. 
Cantönli-Politik der Demokratie 31. 
capitis diminutio: Verminderung
        <pb n="200" />
        182 
um ein Hauptstück; juristischer 
terminus technicus für den Ein- 
tritt in ein geringeres bürger- 
liches Rechtsverhältniß 98. 
Capitulation vor d. Reichstage 50 f. 
Caprivi, Leo Graf v. (geb. 24. Febr. 
1831, gest. 6. Febr. 1899), 1882 
Divisionscommandeur in Metz, 
1883 bis 5. Juli 1888 Chef 
der Admiralität, 10. Juli 1888 
Corpscommandeur in Hanover, 
20. März 1890 bis 24. Oct. 1894 
Reichskanzler 25. 75. 94. 104. 
106 f. 108. 111 f. 114 ff. 117 nebst 
Fußnote. 132. 134. 150. 152. 156 
und 157 Fußnoten. 
Cartell der Deutschconservativen, 
der Deutschen Reichspartei und der 
Nationalliberalen (vom 14. Ja- 
nuar 1887) 7. 53. 
casus foederis: Bündnißfall; Um- 
stände, unter denen die Verpflich- 
tungen eines Bündnisses zu er- 
füllen sind 156. 
Celten keine Baumfreunde 118 Fuß- 
note. 
Centralisation 16. 
Centrumspartei 75. 82. 131. 132. 
157 Jußnote. 
Christ, gläubiger 20. 
Christenthum und Monarchie 10. 
Christenthum u. Politik 5.8 f. 19.23. 
Christlich-socialer Gedanke 5. — 
Chr.-soc. Partei 19 f. 21 f. 23. 
Christliche Nationen Europas 123. 
— Tendenz der Versöhnung 130f. 
Christlichen Sittenlehre, sociale Für- 
sorge im Geiste der 67. 
Christlicher u. nationaler Gedanke 16. 
Cisleithanien 154. 
Civilcabinet des Kaisers 99 f. 101. 
Vgl. Lucanus. 
Civilistische Rathgeber, concessions- 
Register. 
  
bereite 113. — Schwächen durch 
militärische Spitze zu decken 43. 
75. 113. — Volksbeglückung 123. 
Cliquen 24. 
Coblenz 45. 55. 61. 162. 
Coburgisch-englische Auffassungen 
27. 129. Vgl. Albert, Ernst II., 
Leopold I. 
Colin, Schlacht bei (18. Juni 1757) 
124. 
Collegen (des Ministerpräsidenten) 
in Preußen, Untergebene (Be- 
amte des Kanzlers) im Reich 39. 
118. 
Colonialpolitik 147 ff. 
  
Commandirende Generale nach 
Berlin befohlen 100. 
Commissionsverhandlung (des 
Reichstags) 57. 
Commune, Pariser 137. 
Concessionen, Politik der 35. 42f. 
52 ff. 62 ff. 73. 76 f. 112 f. 116. 
130 f. 133. 151. 
Conflictszeit (1862— 66) 128. 
Conseil s. Kronrath. 
Conservative Gesinnung 75. — 
Partei 47. 111. Durch Stöcker un- 
sicher und zwiespältig gemacht 
20. — Vereinsthätigkeit 21. 
Consigne: Weisung, Verhaltungs- 
befehl 115. 
Constantinopel 49. 134. 141 Fuß- 
note. 148. Vgl. Türkei. 
Constitutionelle Maxime 34. 
Constitutionellen Kampfes, doctri- 
närer Verlauf des, in Oestreich 
154. Vgl. Verfassung 2c. 
Consuls, Berichte eines, aus Ruß- 
land s. Kiewer Berichte. 
Contemporary Review 125. 
Controlle, persönliche 82. 165. 
Conventikel, bismarckfeindliche 111. 
Costüm 121.
        <pb n="201" />
        Coterie 65. 
Coulisseneinflüsse der 
führer 57. 
Culturkampf 75. 82. 
Czechenthum 154. 
Fractions- 
D. 
Damen zu politischer Wirksamkeit 
im Staate nur mit Vorsicht ver- 
wendbar 17. 
Danckelmann, Eberhard v. (1643 
bis 1722), hochverdienter erster 
Rathgeber Friedrich's l. von Preu- 
zen, 1697 entlassen, trotz recht- 
fertigenden Processes gefangen 
gehalten, erst von Friedrich Wil- 
helm I. befreit 121. 
Dänemark 59. Vgl. Kopenhagen. 
Dänischer Krieg 104. 
Dankbarkeit 41. 61. 103. 129. 
Dardanellen 49. 
Delbrück, Rudolf v. (1817—1903), 
preuß. Jurist, 1840 vortragender 
Rath im Handelsministerium, 1867 
Präsident des Bundes-, 1871 des 
Reichskanzleramtes, seit 1868 Mi- 
nister ohne Portefeuille, Haupt- 
mitarbeiter Bismarck's in der 
inneren Politik und Stellvertreter 
des Reichskanzlers bis 1. Juni 
1876 seit 1879 (als Reichstagsab- 
geordneter bis 1881) Bekämpfer 
der neuen Bismarck'schen Wirth- 
schaftspolitik 37. 
Demokraten, nur Soldaten helfen 
gegen 16. 
Demokratic 16. 21. 31. 
Demüthige Auffassung der eigenen 
Persönlichkeit 128. 
Deutsch-östreichisches Bündniß 109. 
155 f. Vgl. Dreibund; Handels- 
verträge. 
Register. 183 
  
Deutsche Frage 27f . — Kaiser- 
frage 28. — Nationalsehler 17. 
154. — Politik Preußens 60. 
Deutschen Nationalität in Oestreich, 
politisches Ungeschick der 154. 
Deutscher Krieg (1866) 28. 29. 104. 
111. 157. — Orden 131 f. 
Deutschländs Zerstückelung 161. 
Dichterischer Ausdruck zeitgemäßer 
Gedanken 120. 
Dictatur 19. 115. 
Diener, Treue der früheren preu- 
ßischen Könige gegen ihre 121. 
128 f. 
Dienstinteresse 
Empfinden 86. 
Dilettanten, Gegengewicht gegen 
deren Einfluß auf den Kaiser 64. 
Diplomatie, deutsche Neulinge in 
der wirthschaftlichen 134. 152 f. 
156 f. 
Disciplin, deutscher Mangel an 17. 
Dorsverfassung, bäuerliche 46. 
Dotation 101 f. 
Douglas, Hugo Sholto Graf v. 
(1837—1912), deutscher Politiker, 
Jurist, Offizier und Großindu- 
strieller, seit 1882 Mitglied des 
preuß. Abgcordnetenhauses (frei- 
conservativ), 1890 Mitglied des 
Staatsraths 43. 54. 64. 68. 70. 
72. 113. 131. 
Dramatischer Abschluß 121. 
Dreibund 92. 138 f. 149. 155. 166. 
Vgl. Deutsch-östreichisch. Bündniß. 
Dresdener Conferenzen (1850 f.) 157. 
Drohungen des Kaisers gegen die 
Unternehmer 58.70. Vgl. 23 f. 132. 
Ducamp s. Camp. 
Dynastic, Wurzelverbindung der, 
mit der Regirungspolitik 30. Vgl. 
60. 154. 
Dynastien, Eifersucht der 16. 
und pershönliches
        <pb n="202" />
        184 
Reglster. 
  
E. 
Eduard, Prinz von Wales, seit 
22. Jan. 1901 als Eduard VII. 
König von Großbritannien und 
Irland, Kaiser v. Indien (9. Nov. 
1811 bis 6. Mai 1910) 105. 135. 
Ehrgefühl 73. 113. 130. 132. 
Ehrgeiz 18. 50. 65. 132. 
Ehrliche Wahrheitsliebe 128. 
Ehrlicher Glaube 127. 
Ehrlichkeit 37. 71. 150. 
Eisersucht 16. 
Eigenmächtigkeit 100. 
Eigensinn 51. 52. 123. 
Einflußbedürfniß, gelangweiltes 40. 
Einheitliche Politik 95. 
Einseitig zu lieben, Neigung zu 128. 
Einzug der Truppen in Berlin 
1871: 63 f. 
Eisenach 47 Fußnote. 
Eisenbahnen und Kriegführung 59. 
Eisenbahnen, Rivalität der nachbar- 
staatlichen 30. 
Eisenbahnverbindung, Einfluß der, 
auf perfönliche Freiheit 52. 
Eitel Friedrich, Prinz von Preußen 
(geb. 1883) 54. 
Eitelkeit eine Hypothek 124. 
Elba 149. 
Elisabeth, 1740—62 Kaiserin von 
Rußland (1709—62) 81. 
Elsaß-Lothringen 29. 30. 32. 39. 132. 
Emancipation der Bauern, Bürger 
und Arbeiter 59. 
Empfänglichkeit für geschickte An- 
erkennung 121. 
Empfindlichkeit 24. 39. 73. 86. 
en demeure: in Stand 53. 
England 27. 51. 67. 69. 71. 84. 87. 
132 f. 131 f. 146. 147 ff. 154. 
Vgl. London. 
England bedarf unserer Hülfe und 
  
Freundschaft mehr als wir der 
seinigen, und die unsrige ist 
sicherer 133. 148. 
England wichtiger für uns als 
Afrika 150. 
Englisch-russische Streitfragen 84. 
133. 134. 148. 
Englische Landbill (1881, Zugeständ- 
nisse an die irischen Pächter) 162. 
— Landstreitkräfte 133. — Ma- 
rine 146. 151 f. 
Englischen Politik, Wandelbarkeit 
der 147 ff. 
Entgegenkommens, Politik des 35. 
42 f. 52 ff. 62 ff. 131. Vxgl. Con- 
cessionen. 
Entlassung Bismarck's, Geschichte 
und Charakter der 24. 31 f. 41. 
48 f. 50. 52. 58. 60. 72 ff. 80. 
81 ff. 94 ff. 112 f. 115. 116. — 
Seine Behandlung nach derselben 
101. 115 ff. 
Erbfeind im Westen 138. 
Erbfolge von Gottes Gnaden 13. 
Erbliche Anklänge 121 ff. 
Erfahrung 37. 41. 51. 58. 73. 100. 
109. 116. 125. 131. 156. 157. 
Erlaß, vorbereiteter, Wilhelm's II. 
an die Reichsfürsten 12 ff. 15 ff. 
Erlasse, Kaiserliche, vom 4. Febr. 
1890: 42. 54. 55 f. 62 ff. 74. 77. 
170. — Wortlaut der Erlasse 66 ff. 
Ernst II., Herzog von Sachsen-Co- 
burg-Gotha (geb. 21. Juni 1818, 
gest. 22. Aug. 1893) 27. 94. 
Essen 69. 
Eulenburg, Botho Graf zu (1831 
bis 1912), preuß. Jurist und Par- 
lameniarier, 1878—81 Minister 
des Innern, 23. März 1892 bis 
26. Oct. 1894 Ministerpräsident 
87 f. Jußnote. 
Eulenburg, Philipp Graf (1900
        <pb n="203" />
        Register. 
185 
  
  
Fürst) zu., geb. 1847 preun. Di- 
plomat, 1888 Gejandier in Olden- 
burg usfw., 1894—1902 Botschafter 
in Wien 142 f. 
Europätsche Beziehungen, sreie 
Hand für 155. — Bühne von 
Paris 30. — Politik 27. 137. 148. 
Vgl. Auswäruge. — Schwierig= 
keiten 114. — Staaten nach un- 
glücklichem Kriege 137. — Völker 
123. 
Europas Frieden durch das deutsch- 
östreichische Bündniß geschützt 
106. — Ruhe durch Bismarck's 
Rücktritt gejährdet 93. 169. 
Evangelische Priester 20. — Windt- 
horste 22. 
Evangelisches Katserthum 131 f. 
Exmission, plötzliche 80. 94. 108. 116. 
F. 
Fabrikarbeiter 68. S. Arbeiter. 
Fabrikinspectionen 68. 
Falschheit 78. 
Fälschung der Situation 41. 
Fälschungen, Pariser 84. 
Fehler in der auswäriigen Politik, 
Zeit ihrer Erkenntniß 157. 
Feigheit 76. 
Feindschaft gegen die Armee 111. 
Feldherr und Staatsmann 17. 123. 
Feldmarschallsklasse 43. 
Felome 128. 
Feudale Einrichtungen 46. 
Firma Bismarck und Sohn 50. 
Flügeladjutanten Wilhelm's II.: 35. 
53. 54. 101. 106. 121 f. 131. 144. 
171 f. 
Fortichrittspartet 131. 
Fraction f. Partet. 
Frankfur a. M 37. 156 Fußnote. 162. 
Franksurter Friede 63. 
  
Frankreich 15. 31 f. 67. 69. 71. 78. 
84. 113 Fußnotc. 123. 132. 137 f. 
139 l. 111 Funnote. 114. 148. 140. 
155. 166. Vgl. Paris. 
Franz Josepyh I., 1848—1916 Kaiser 
von Oestreich, Köng von Ungarn 
(1830—1916) 92. 134. 166. — 
Brief Franz Josephs an Bis- 
marck vom 22. März 1890: 108 f. 
(109, Zeile 4 v. u. „Ihnen“ Über- 
liesert, vielleicht statt „mir“.) 
Franzoien, Versuche die Liebe der, 
zu gewinnen 132. 
Französisch-russische Annäherung 
138. 144. 
Französische Armee und Marine 78. 
137 1. 148. 151. — Blokade der 
deutschen Küsten 151. — Landung 
in England 148. — National- 
versammlung 63.— Sympathien 
in Elsaß-Lothringen 29. 
Französischen Köntge, Absolutismus 
der 59. 119. 
Französischer Krieg (1870/71) 25. 
63. 104. 137. 
Frauen in der Politik s. Damen. 
Frauenarbeit 50. 
Freihändler 134. 
Freiheit, perfönliche 52. 
beiterzwang. 
Freimaurer 62. 130. 
Freisinnige Partei 132.— Zeitung 
21 f. Vgl. Liberale. 
Freiwilliges Mitwirken der Fürsten 
zu Reichszwecken 15. 
Freizügigkelt 52. 
Friedenspolitik 12. 103 f. 109. 123. 
136. 140 f. 166. 167. 
Friedrich I., Großherzog von Baden, 
Schwiegerohn Wilhelm's I. (geb. 
9. Sept. 1826, gen. 28. Sept. 1907) 
27 ff. 40. 42. 43. 50. 52. 79 f. 
107 f. 112 113. 161. 
Vol. Ar-
        <pb n="204" />
        186 
Register. 
  
  
Friedrich I., Kurfürst von Branden- 
burg, 18. Jan. 1701 König von 
Preußen (geb. 11. Juli 1657, gest. 
25. Febr. 1713) 121. 122. 
Friedrich II. der Große, 31. Mai 
1740 König von Preußen (tgeb. 
24. Jan. 1712, gest. 17. Aug. 1786) 
3. 12. 17. 19. 35. 48. 55. 59. 84. 
115. 122 ff. 127. 
Friedrich III. (Friedrich Wilhelm), 
Kronprinz, 9. März 1888 König 
von Preußen u. Deutscher Kaiser 
(geb. 18. Oct. 1831, gest. 15. Juni 
1888) 1. 13. 15. 16. 32 f. 45. 49. 
83. 85. 97. 99 f. 103. 112. 134. 142. 
171. — Urtheil über s. ältesten 
Sohn 2. — Verhältniß zu s. 
Vater 3. 28. — Krankheit 4. 8. 
12. 48. — Herzensgüte, Wahr- 
heitsliebe, Treuc 128. — Olym- 
pisches Bewußtsein 127. — Auf- 
fassung der Stellung eines zu- 
künftigen Kaisers 13. 15. — 
Nationale Gesinnung 28. — 
Mißtrauen in eigne Leistungs- 
fähigleit und Kräfte 127.— Briefe 
an Bismarck: 
17. August 1881: 161 f. 
W. September 1886: 1 f. 
Friedrich Wilhelm, der Große Kur- 
fürst von Brandenburg (geb. 16. 
Febr. 1620, gest. 9. Mai 1688) 120. 
Friedrich Wilhelm I., 25. Febr. 1713 
König von Preußen (geb. 15. Aug. 
1688, gest. 31. Mai 1740) 3. 59. 
121 f. 123. 
Friedrich Wilhelm II., 17. Aug. 1786 
König von Preußen (1744—97) 
125. 
Friedrich Wilhelm III., 16. Nov. 
1797 König von Preußen (geb. 
3. Aug. 1770, gest. 7. Juni 1840) 
3. 59. 126. 127. 
  
Friedrich Wilhelm IV., 7. Juni 1840 
König von Preußen (geb. 15. Oct. 
1795, gest. 2. Jan. 1861) 59. 65. 
83. 126 f. 150. 
Friedrich Wilhelm, Kronprinz von 
Preußen, s. Friedrich III. 
Friedrichsruh 6. 14. 26. 41. 42.50. 110. 
furor Teutonicus: deutsche Kampf- 
wut, Kriegsbegeisterung (Lucan, 
Pharsalia 1, 255) 139. 
G. 
Galizien 153 f. 
Gardeoffizier ohne Vermögen 117. 
Gastein 2. 
Geduld 125. 
Gefälligkeit auf Kosten des Reichs 
150. 151. 
Gefühle Anderer, Verletzung der 129. 
Gegenseitigkeit, Prinzip der, zwi- 
schen Monarch und Unterthan, 
Herrn und Diener 128. 
Gegenzeichnung des Reichskanzlers, 
sehlende 66. Vgl. 112. 
Gegner zu gewinnen statt zu be- 
kämpfen 35. 
Geheime Gesandtschafts= und Con- 
sularberichte 83 ff. 136. 145. Vgl. 
Kiewer Berichte. 
Geheimhaltung, unehrliche, 
Actenstücken 89. 
Geheimniß heutzutage unsicher 15. 
Gehorsam, schweigender und stellen- 
klebender 119. Vgl. Vertrauens- 
voller. 
Geistliche (Priester) in politisch kri- 
lischen Zeiten 16 f. 
Geistliche Versorgung und mate- 
rielle Unterstützung 5. 
Gerstliche zu politischer Wirksamkeit 
im Staate nur mit Vorsicht ver- 
wendbar 17. 19. 
von
        <pb n="205" />
        Register. 187 
Geistlichen, Neigung des evangeli- Gibraltar 151. 
schen wie des katholischen, zurGiftmischerei, politische, in der 
Theokratie 20. Presse 22. 
Gelübde, Buch der 126. 
Gemmingen, v., Hofmarschall in 
Karlsruhe 34. 40. 
General, preußischer, zu vornehm 
für Stellung als Cabinetssecre- 
tär oder Adjutant auf fremdem 
Gebiet 115. 119. 
Generalobersten, Ernennung Bis- 
marck's zum 104. 105. 
Generalstab und Auswärtiges Amt 
89 f. 92. 100. 136. 140. 166. 
Generalstabs, dualistische Leitung 
des 25. 112.— Kriegslust des 135. 
Generalstabschef u. oberster Kriegs- 
herr 82. 
Generalsynode 10. 
Gennua 1. 
Geradheit 124. 129. 
Gerechtigkeit, ausgleichende, des 
Schicksals 117. 
Germanische Freude an Bäumen 
118 Fußnote. 
Gesammtpolitik 91. 95. 144. Vgl. 
Cabinetsordre vom 8. Sept. 1852. 
Geschäftsgewandtheit, östreichische 
routinirte 134. 
Geschichtliche Begriffsbildung 115. 
Geschlechtliche Excesse 123 f. — Ent- 
wicklung 125. 
Geschmacks, Grenzen des guten, bei 
Huldigungen 126. 
Gesellschaftliche Talente 142. 
Gesetzgebung als verfassungsmäßi- 
ger Weg jeder Reform 21. 
Gesundheit Bismarck's 14. 20. 24. 
49. 88. 93. 102. 105. 108. 109. 
162. 168. 169. 
Gewaltherrschaft 19. 
Gewerbeordnung 68. 
Gewerbtreibende Klassen 59. 
  
Glaucus und Diomedes (Homer, 
Ilias, 6. Gesang, Gl. tauscht 
gegen seine goldene Rüstung die 
eherne des D. ein) 147. 
Gleichberechtigung, Anspruch auf 
gesetzliche 68. 
Gönner, Dr. Albert, Oberbürger- 
meister von Baden-Baden 35 f. 
Goßler, Gustav v. (1838—1902), 
preuß. Jurist, 1881 bis 12. März 
1891 Kultusminister 8. 9. 10. 11. 
18. 53. 57. 62. 75. 77. 93. 96 f. 
163 f. 169. 170.— Dessen Gemah- 
lin 8. 18. 
Gott, priesterliche Vermittlung zu 20. 
Gottes Gnaden, von 13. 
Gottes Willen, heitere Ergebung in 
121.— Vergewisserung über 125. 
— Königliche Kenntniß von 127. 
Gottvertrauen 128. 
Gravamen: Beschwerdegrund 101. 
Grenzverkehr 31 f. 132. 
Großstädte 9. 17. 
grouse: Haselhuhn 162. 
Gustav Adolf, 1611—32 König von 
Schweden (1594—1632) 123. 
Gutmüthigkeit, deutsche 154. 
Guts= und Dorfgemeinden 46. 
5. 
Habsburgische Dynastie 154. 
Hahnke, Wilhelm v. (1833—1912), 
preuß. Offizier, 1888—1901 Chef 
des Militärcabinets, zuletzt Ge- 
neralfeldmarschall 87 f. 93. 97. 
99. 100. 101. 
Hamburg 9. 
Handel, deutscher und preußischer 
38. 148. 151.
        <pb n="206" />
        188 
Register. 
  
Handelsministerium, preußisches 38. 
v f. 112 f. 
Handelsverträge von 1891: 141 
Fußnote. 146. 153 ff. 
Hannover 75. 162. 
Häseler, Gottlieb Graf v. (geb. 
1836), preuß. Offizier, 1890 com- 
mandirender General, 1905 Ge- 
neralfeldmarschall 112. 
Hatzfeldt, Paul Graf v. (1831 bis 
1901), preuß. Jurist, Diplomat, 
1881—85 Staatssecretär des Aus- 
warngen Amtes, dann deutscher 
Botschafter in London 83 ff. 115. 
Hauemlnistertum (Ministerium des 
königl. preußischen Hauses) 1. 1. 5. 
Heeresvorlage s. Militärvorlage. 
Heil Dir im Siegerkranz 126. 
Heimlichkeit 100. Vgl. 89. 
Heinrich, Prinz von Preußen (geb. 
14. Aug. 1802) 127. 
Helgoland, durch Vertrag mit Eng- 
land vom 1. Juli 1890 deutsch, 
durch Gesetz vom 15. Dec. 1890 
preußisch 146. 147 ff. 
Herbstze##tlosen, die von B. so ge- 
nannie Partei des östreichischen 
Akavemtkers, Parlamentariers 
und Ministers Herbst: „weil 
sie mie etwas zur rechten Zeit 
gethan" (Reichsragsrede 6. Juni 
1882) 152. 
Herr und Diener 124. 128. 
Herrenhaus, preußisches 47 Fußn. 
90. 101. 119 f. 
Herrfurth, Ludwig (1830—1900), 
preuß. Jurist. 1873 vortragender 
Rath im Ministertum des Innern, 
1881 Ministerraldirecior, 1882 
Unterstaatslecretär und Vor- 
sitzender der auf Grund des So- 
cialistengesetes errichteten Reichs- 
commission, 2. Juli 1888 bis 
  
9. Aug. 1892 Minister des Innern 
3 f. 43. 45 ff. 52. 53. 55. 57. 62. 
74. 75. 77. 96 f. 163 f. 170. 
Herrschsucht 50. 65. 
Herzensgüte 128. 
Herzogstitel (Herzog von Lauen- 
burg) 101 f. 10.3. 105. 
Hessen, Großherzogtum 29. 38. 
Heverei 7. 129. 
Heyden, August v. (1827—97), nach 
bergwissenschaftlichem Studium 
und Stellungen in Bergwerks- 
unternehmungen Maler, seit 1882 
Prof. der Costümkunde an der 
Berliner Akademie, 1890 Mit- 
glied des Staatsraths 43. 54 f. 
64. 68. 70. 72. 113. 131. 
Hierarchie 22. Vgl. Theokratie. 
Militärische H. 3. 
Hingebung, Anspruch auf unbe- 
dingte 128 f. 
Hinterpommern 17. 
Hintertreppeneinflüsse 129. 
Hintertreppenintriganten 112. 
Hinzpetier, Georg Ernst 1827—1907), 
Dr. phil., Gymnasiallehrer, seit 
1866 Erzieher des Prinzen Wil- 
helm. Nathgeber und Mitarbeiter 
auch des Kaisers, 1904 Mitglied 
des preuß. Herrenhauses 37. 43. 
54. 64. 70. 72. 113. 131. 
Hitze, Franz (1851—1921), kathol. 
Theolog und Parlamentarier, 
1878—80 Kaplan in Rom, 1893 
Professor in Münster 2c. 69. 
Hoc volo. sic jubeo; sit pro ratione 
voluntas: Dieses will, so befehl 
ich als Grund genüge mein Wille 
(Juvenal, Satiren VI, 224) 119. 
122. 
Hochberg, Bolko Graf v. (geb. 1843), 
Jurist und Musiker, 1886— 1902 
Generalintendant der königlichen
        <pb n="207" />
        Register. 
189 
  
Schauspiele in Berlin 8. 10. 18. 
— Dessen Gemahlin 8. 18. 
Hofcamarilla s. Camarilla. 
Hosceremoniell 121. 
Hofe, das Verlangennach Beziehung 
zum 18. 21. 
Hoffestlichkeiren zu Wohlthätigkeits- 
zwecken 8. 
Hofintriguen 34. 
Hofleben 4. 7. 34. 75. 101. 132. 142. 
Höfliche Schüchternheit 70. 
Höflichkeitsbesuche 14. 
Höfling 50. 130. 
Hofmann, Karl v. (1827—1910), hessi- 
scher Jurist, seit 1866 Gesandter 
in Berlin, 1872 hessischer Minister- 
präsident, 1876 preuß. Minister 
ohne Porteseuille und Präsident 
des Reichskanzleramtes, 1879 auch 
Handelsminister, 1880 -87 Staats- 
secretär in der Regirung der 
Reichelande 38 f. 
Hohenlohe-Ingelfingen, Prinz Adolf 
von (1797—1873), preuß. Offizier 
und Politiker, 18. März bis 29. 
Sept. 1862 Ministerpräsident 95. 
Hohenlohe-Schillingsfürst, Chlod= 
wig Fürst zu (11819—1901), 1867 
bis 180 bair. Minister des königl. 
Hauses und des Auswärtigen, 
1874 —85 deutscher Botschafter in 
Paris, dann Statthalter von 
Elsaß-Lothringen, 29. Oct. 1894 
bis 16. Oct. 1900 preuß. Minister- 
präsident und deutscher Reichs- 
kan zler 104. 132 f. 
Hohenzollern= Sigmaringen, Karl 
Anton Fürst von (1811—85), 1858 
bis 1862 preuß. Ministerpräsident 
(„Neue Aera“) 95. 
Hohenzollern'scher Geist 129. — 
Wahlspruch 12. 
Hohepriester der Juden 127. 
  
Homer 147. Vgl. Glaucus. 
Homeyer, Unterstaatssecretär (1890) 
163. 170. 
Homogen: gleichartig, 
gleichgerichtet 77. 
Horaz 157. 
Hubertusstock, königl. Jandschloß 
in der Schorfheide, Reg.-Bez. 
Potsdam 144. 
Humanttäre Phrasen 51. 
Humanität 71. 
Humor, Sinn für, auch in den 
ernstesten Lebenslagen 121. 
Hypothek, bildlich 124. 
J. 
Jagddiner in Letzlingen 6. 
„Ich fürchte, daß ich Ew. Majestät im 
Wege bin“ 73. 113. Vgl. 93. 168. 
Jencke, Geh. Finanzrath, General= 
director der Kruppwerke in Essen 
690 f. 
Jeuiten 82. 131. 
Illusionen, deutsche, vom Ausland 
gepflegt 71. 
Immedtat-Berichte und Vorträge 
82. 90. 91. 164 f. 170. Vgl. Ca- 
binetsordre vom 8. Sept. 1852. 
Imponderabile, ein Unwägbares 
129. 147. 
Indien, franz oder russische Bedro- 
hung Englands in 133. 148. 149. 
Indiscretionsgefahr 15. 
Industrie, Belastung der, durch 
gesetzliche Bestimmungen 42 50. 
56. 69. 71. 
Industrielle, Berliner, im Staats- 
rath 69.— Millionäre 58. — J. u. 
Agrarier in Oestr.-Ungarn 153f. 
Industmestaaten, gemeinsames In- 
teresse und Vorgehen der 66. 64. 
66 ff. 71. 
Insubordtnation 798. 
innerlich
        <pb n="208" />
        100 
Intentionen, edle, und mangelhafte 
Kenntniß des praktischen Lebens 
65. Vgl. 61. 71. 
Interessenklassen 118. 
Internationale Arbeiterschutzcon- 
ferenz in Berlin (15.—29. März 
1890; vertreten: Deutsches Reich, 
Frankreich, England, Belgien, 
Schweiz, Oestreich-Ungarn, Por- 
tugal, Dänemark, Schweden und 
Norwegen) 64. 69. 70 f. 87. 165. 
— Concurrenz und Verständi- 
gung 67. — Psychologie 132. 
Intriganten 143. Dgl. 112. 
Intriguen 131. 
Irland 162. 
Irredenta 92. 166. 
Isolirungspolitik unfrer Feinde 139. 
Italien 92. 138 f. 147. 166. 
Juden, Hohepriester der 127. 
Juden und Jeguiten 82. 
Jugend, religiöse und sittliche Bil- 
Kleingeld: 
dung der 22. — Tantalisirte 117. 
Juristen, Schärse ihrer Diction 32. 
Justizministeriums, Wichtigkeit des 
43. 74. 
Jüterbogk 140. 
Juvenal 122. 
K. 
Kaiserfrage 28. 
Kaiserliche Rückendeckung 41. 47. 
— Worte, wirklich gesprochene 
und erfundene 70. Vgl. 23 f. — 
Wünsche maßgebend für die 
Politik des Ministeriums 44. 62. 
Vgl. Botschaft; Erlasse. 
Kaiserthum, das deutsche 13 ff. — 
Das evangelische 131. 
Kalnoky, Gustav Graf v. (1832—98), 
östreichischer Diplomat, 1881—95 
Minister des Aeußeren 134. 
Register. 
  
  
Kammergericht, preußisches 59. 124. 
Kampsesmittel, Zerstörung der, durch 
den Sieger 137. 
Kampfprogrammvom 25.Febr. 1890 
35. 77. 78. 79. 80. 86. 92. 167. 
Kanitz, Graf v., General 10. 18. 
Kanzlerische Wolke, die Leistungen 
des Monarchen verdunkelnd 35. 
Kaplan im Staatsrath (1890) s. Hitze. 
Karl, Herzog von Braunschweig, 
geb. 1804, reg. seit Oct. 1823, am 
7. Sept. 1830 durch Volksaufstand 
vertrieben, starb 1873 in Genf 30. 
Karl XII., 1697—1718 König von 
Schweden (1682—1718) 123. 
Karlsruhe 31. 34. 107. Vgl. Baden. 
Katholiken, katholisch 20. 23. 69. 
Kiewer Berichte üb. ruff. Kriegsabsich= 
ten 85. 88 ff. 92. 98 f. 100. 166 f. 
# Kinderarbeit 50. 52. 
King and Minister 125. 
Kissingen 162. 
geistige Werthe von 
höherem Betrage als Kleingeld 
unter die Leute bringen 39. 
Kohle und Kriegführung 59. 
Köln 126. 
König, Meinung des Volkes über 
seinen künftigen 17. 
Könige, die volksthümlichsten 123. 
Könige von Preußen, Charakteristik 
der 121 ff. 
Königliche Macht in Preußen seit 
1862 gestärkt 44. 58. 65. Vgl. 
92 f. 168. — Prärogative 83. 
Königlichen Ansicht, Gewicht der 
persönlichen 119. — Geburt und 
Salbung, praktische Wirkungen 
der 128. — Selbstvertrauens, 
Frucht des 114. — Willens, Un- 
beschränktheit des 59. Vgl. Ab- 
solutismus; Monarch 2c. 
Königlicher Aufwand 162.
        <pb n="209" />
        Königreich, Badens Erhebung zum 
29. 161 f. 
Königreiche, deutsche, von Napo- 
leons Gnaden (Baiern, Sachsen, 
l 
Würtemberg)161. 
Königs, alleinige Befähigung des, 
zu Reformen auf dem Wege der 
Gesetzgebung 21. — Verhalten 
des, in ruhigen und in kritischen 
Zeiten 16.— Zu politischen Män- 
nern und Parteien 18f. 
Königthum 16. 59. 119. 
Kopenhagen 135. Vgl. Dänemark. 
Kosaken 89. 
Krasnoje Selo (Krasnoe), Schloß 
u. Uebungsplatz des Gardecorps 
westlich Petersburg 88. 167. 
Kreuzzeitung 5. 22. 
Kriege machen Regirende volks- 
thümlicher als friedl. Polirik 123. 
Kriege von 1866, 1870/71 s. Deut- 
scher, Französischer Krieg. 
Krieges, Volksthümlichkeit eines 139. 
Kriegs-, Macht= und Rechtsfrage 42. 
Kriegsgefahr, äußere und innere 
8. 12. 42. 58 f. 65. 93. 135 ff. 
Vgl. Kiewer Berichte; Revolu- 
tionsgefahr. 
Kriegsministerium u. Generalstabsg. 
Kriegsministeriums, Wichtigkeit des 
43. 74. 
Krimkrieg (1853—56) 137. 149. 155. 
Krisen um so gefährlicher, je später 
sie eintreten 73. 77. Vgl. Wider- 
stand. 
Kritik 17. 21. 24. 51. 64 f. 69. 113. 
119. 125. 126. 
Kronrath vom 24. Jan. 1890: 43. 
48 ff. 75. 113. 116. 
Krupp, Friedrich Alfred (1854 bis 
1902), Enkel des Begründers 
der Firma Friedrich Krupp in 
Essen 69. 
Register. 
  
“ 191 
Krypto-Republikaner 132. 
Kunersdorf, Schlacht bei (12. Ang. 
1759) 124. 
. 
Landbill s. Englische. 
Landesverrath 62. 90. 
Landgemeindeordnung, preußische 
45 ff. 55. 
Landrath s. Preußischer. 
Landtag, erster Vereinigter, der 
preußischen Monarchie (1847) 95. 
Landwirthschaft u. Heeresdienst 63. 
„Lange Kerls“, Vorliebe für 121. 
Lauenburg s. Herzogstitel. 
Lauer, Gustav v. (1807— 89), Mili- 
tärarzt, s. 1844 Leibarzt d. Prinzen, 
dann Königs und Kaisers Wil- 
helm, 1879 Generalstabsarzt 62. 
Le mieux est I’ennemi du bien 127. 
Vgl. Beste (so überliefert) rc. 
Lebbin, v., Geheimrath im preuß. 
Ministerium des Innern 75. 111. 
Lebensverhältnisse, Eingriffe in die, 
der Unterthanen 125. — Neu- 
regulirung aller (1848) 46. 
Legislatorische Anregungen 55. Vgl. 
Monarch und Minister. 
Lehnrecht, das germanische 128. 
Lehrter Bahnhof in Berlin 25 f. 105. 
108. 144. 
Leichenbegängniß erster Klasse 108. 
Leipzig 9. 
Leistungsfähigkeit, Mißtrauen in 
die eigne 127. 
Leopold I., Prinz von Sachsen- 
Coburg, 1831 erster König von 
Belgien (1790—1865) 27 f. 
Letzlingen, Dorf und königl. Jagd- 
schloß, Wildgehege in der L.er 
Heide (Reg.-Bez. Magdeburg, 
Kr. Gardelegen) 6.
        <pb n="210" />
        192 
Register. 
  
Liberale Concessionen 130. 
Liberale Minister 43. 74. 
Liberale Presse 7. 11. 21 f. 141. 171. 
Vagl. Republikanische. 
Liberalismus 9 f. 19. 95. 130. 
Liebenswürdigkeiten dem Auslande 
gegenüber 132. Vgl. 145. 
lit de Justice: eigentl. Thron der 
Gerechtigkeit; Bezeichnung des 
großen Gerichtstages im franz. 
Parlament unter persönlichem 
Vorsitz des Königs 119. 
„Loben Sie mich doch!“ 144. 
Lohn, unverkürzter, für verkürzte 
Arbeitszeit 51. 
London 83. 85. 162. 
land. 
Louis Philippe, 1830— 48 König der 
Franzosen, der „Bürgerkönig“ 
(1773—1850) 28.30. Vgl. Ludwig. 
Louise, geb. Prinzessin von Preußen, 
Tochter Wilhelm's I., 1856 verm. 
mit Friedrich I., Großherzog von 
Baden (geb. 1838) 33. 34. 
love of approbation 124. 
Lucanus, Friedrich Karl Herrmann 
v. (1831— 1908), preuß. Jurist, 
1871 vortragender Rath im Cul- 
tusministerium, 1881 Unterstaats- 
secretär, Ende Juni 1888 Chef 
des Civilcabinets Wilhelm's II. 
94. 97. 99. 100. 101 f. 105. 
Lucius, Robert, seit Mai 1888 
Lucius Freiherr v. Ballhausen 
(1835 bis 1914), Arzt, Offizier und 
Landwirth, seit 1870 Mitglied des 
preuß. Abgeordnetenhauses und 
des Reichstags (freiconservativ), 
1879 bis Nov. 1890 preuß. Land- 
wirthschaftsminister 53. 57. 62. 
75. 93. 96 f. 163 f. 169. 170. 
Vgl. Eng- 
lucus a non lucendo ider Wald 
  
nach Ansicht lateinischer Gram- 
matiker lucus genannt, weil es in 
ihm non lucet. nicht hell ist) 29. 
Ludwig XIV., 1643—1715 König von 
Frankreich (1638— 1715) 59. 123. 
Ludwig XV., 1715—74 König von 
Frankreich (1710 —74) 59. 
Ludwig XVI., 1774—92 König von 
Frankreich (1754—93) 59. 
Ludwig Philipp s. Louis. 
Ludwigslust in Mecklenburg-Schwe- 
rin 144. 
Lügen 116. 
Luther 5. 
Luxemburgischen Neutralitätsver- 
trages, englische spitzfindige Aus- 
legung des 149. 
Lyon 32. 
M. 
Macht= und Rechtsfrage 42. 
Magdeburg 4. 9. 
Majoriläten 149. 153. 
Maltzahn-Gültz, Hellmut Freiherr 
v. (geb. 1840), preuß. Jurist und 
conservativer Parlamentarier, 
14. Sept. 1888 bis August 1893 
Staatssecretär des Reichsschatz- 
amtes 711. 79. 144. 
Manieren, unmöglich machende 81. 
Manteusfsel, Edwin Freiherr v. (1809 
bis 1885), Flügel- und General= 
adjutant Friedrich Wilhelm's IV. 
und Wilhelm's l., Heerführer in 
den deutschen Kriegen von 1864 
bis 1871, 1873 Generalfeldmar- 
schall, 1879—85 Statthalter in 
Elsaß-Lothringen 38 f. 111. 
Manteuffel, Otto Freiherr v. (1805 
bis 1882), preuß. Jurist, 1848 
Minister des Innern, dann des 
Aeußern, Dec. 1850 bis Nov. 1858 
Ministerpräsident 65. 95.
        <pb n="211" />
        Register. 
19 
  
Marginalien s. Randbemerkungen. 
Marine d. Deutschen Reiches 111 f. 
117. — Wehrlos ohne Kohlen 59. 
Marmorpalais am Heiligen See 
bei Potsdam 12. 121. 171. 
Marschall v. Bieberstein, Adolf Her- 
mann Freiherr v. (1842—1912), 
badischer Jurist, 1871 ff. Staats- 
anwalt, 1878—81 Reichstagsab= 
geordneter, 1883—90 badischer 
Gesandter in Berlin und Bundes- 
rathsbevollmächtigter, 1. April 
1890 Staatssecretär des Aus- 
wärtigen, 1894 preuß. Staatsmi- 
nister, 1897 deutscher Botschafter 
in Constantinopel 31. 34. 40. 79. 
106 ff. 113. 132. — Dessen Ge- 
mahlin, geb. v. Gemmingen 34. 
Massen der Bevölkerung im Ver- 
hältniß zum Königthum 59. — 
Moralische Hebung der 10 f. 
Materiellen Interessen, zwingende 
Kraft der 69. 
Maurerische Einflüsse 62. 130. 
Maybach, Albert v. (1822—1904), 
preuß. Jurist, 1858 Vortragender 
Rath im Handelsministerium 2c., 
1878 Handelsminister, 1879 bis 
Juni 1891 Minister der öffent- 
lichen Arbeiten 69. 75. 77. 93. 
96 f. 163 f. 169. 170. 
Mazarin, der französische Staats- 
mann, Cardinal (1602—61) 35. 
„Mein Sohn ist mündig“ 101. 
Meinung s. Oeffentliche. 
Meissonier, Ernest, französischer 
Maler (1815—91) 132. 
Melinitgeschosse 140. 
Menschenfreunde 51. 
Menschengeschlechts, Natur des 131. 
Menschenrechte 65. 
Menschliche Leidenschaften und Be- 
gehrlichkeiten 131. 
  
Mentoren 3. 21. 35. 
Meppen, im Reg.-Bez. Osnabrück, (. 
1867 Wahlkreis Windthorst's 163. 
Messina 49. 
Mevuissen, Gustav (1815—99), rhei- 
nischer Kaufmann und liberaler 
Politiker 95. 
Meysenbug, Wilhelm Freiherr v. 
(1813—66), 1851 badischer Ge- 
sandter in Berlin, 1856—60 ba- 
discher Ministerpräsident 28. 
Midnight Conversation 125. 
Militär= und Civilschuster 48. 
Militär= und Polizeimacht als Fun- 
dament der Monarchie 43. 74. 
Militärcabinet des Kaisers 89. 93. 
99 f. 101. Vgl. Hahnke. 
Militärische Auffassung politischer 
Amtstätigkeit 114 f. 117. — Be- 
richte aus dem Auslande s. Kie- 
wer Berichte. — Einflüsse in der 
Kaiserfrage 28. — Einseitigkeit 
1. 4f. — Elemente als Kriegs- 
schürer 135 ff. — Hierarchie 3. — 
Seite d. staatlichen Leistungen 30. 
— Spitze des Ministeriums 43. 
74 f. 113. — Stärke Preußens, 
letzter Grund der 114. — Ver- 
stimmungen 111. 
Militärvorlage 1890: 73f. 76 f. 78. 
86. 92. 100. 113. 1607. 
Minister, artive, i. Staatsrathe nicht 
stimmfähig 70. — M., einstimmi- 
ges Votum der 62 f. 91. 164.— 
M. in der Stellung von Cabinets- 
secretären 119. — M. ohne Ressort 
37 ff. 95. — M. u. Monarch s. 
Monarch. — M. verpflichtet, Ab- 
geordnete zu empfangen 81 f. 
91 f. 98. 165. 
Ministercandidaten der Zukunft 19. 
Ministeriums, Rücktritt des ganzen 
93. 169 f. 
Otto Fürst von Bismarck, G#danken und Erinnerungen. III. 13
        <pb n="212" />
        194 
Ministerpräsident u. Reichskanzler 
s. Preußische Aemter. 
Ministerpräsidenten, Gesammtver- 
antwortung des 83. 91. 95 f. 164 f. 
Vgl. Cabinetsordre vom 8. Sept. 
1852. 
Ministerpräsidium in militärische 
Hände zu legen 43. 74 f. 113. 
Ministersitzungen: 1890, 24. Jan.53. 
— 26. Jan. 61.62. 64.—9. Febr.75. 
— 2. März 77. 164. — 9. März 78. 
— 12. März 79. — 17. März 90 ff. 
96. 163 ff. 
Ministerverantwortlichkeit 95 f. 119f. 
Ministervoten, einstimmige 62 flf. 
91. 164. 
Miquel, Johannes (1828—1901), na- 
tionalliberaler Parlamentarier, 
Oberbürgermeister von Osna- 
brück, 1880 von Frankfurt a. M., 
24. Juni 1890 bis 5. Mai 1901 
preuß. Finanzminister 10. 18. 19. 
94 Fußnote. 156 Fußnote. 
Mirbach, Ernst Freiherr v. (geb. 
1844), Kammerherr, Ende Juni 
1888 Oberhofmeister der Kaiserin 
Auguste Victoria 7. 
Mission, innere; Missionsarbeit 17 ff. 
Vgl. Stadtmissionen. 
Mißtrauen 18. 84. 127. 167. 
Mißtrauische Defensive 145. 
Mobilmachung 59. (88. 89. 92. 167.) 
Modell, Malermodell, aus dem 
Wedding 55. 
Moden, Pariser 30. 
Moltke, Hellmut Graf v., General= 
feldmarschall (geb. 26. Oct. 1800, 
gest. 24. April 1891) 25. 100. 112. 
Monarch kann ohne einiges Miß- 
trauen nicht fertig werden 18.— 
M. und Generalstabschef 82. — 
M. und Minister, correctes Ver- 
hältniß zwischen, hinsichtlich Rath 
  
Register. 
und Anregung 2c. 35. 61. 62. 96. 
118 f. — M. und Unterthan 128. 
Monarchen, persönliches Eingreifen 
des, in Staatsgeschäfte 34. Vgl. 
114. 118.— Vorbereitung und Ar- 
beitskraft des 1 ff. 16. 118. Vgl. 
Thronerben. 
Monarchengunst 18. 
Monarchie, constitutionelle 30. — 
M., deren Behütung und Ver- 
theidigung vor und gegen Ge- 
fahren 76.— Deren festeste Stütze 
16 f. — M., Deutschland als Hort 
der 138. — Gegner der 130. Vgl. 
Republik, Socialdemokratie. — 
In Italien auf schwachen Füßen 
92. 166. — M. u. Christenthum 10. 
Monarchische Aufgaben, Reiz ihrer 
Neuheit 40. — Institutionen 15. 
— Irrthümer 65. — Tradition, 
die Kränkung einer Botschaft den 
Ueberbringer entgelten zu lassen 
86. — Traditionen 132. 
Monarchischen Gewalt, Abschwä- 
chung der 153. Vgl. 161. — Ein- 
schüchterung der Stützen der 132. 
— Willens, Grenzen der Macht 
des 130 f. 
Monarchischer Sinn 59. 
Morphiumgebrauch, angeblicher, 
Bismarck's 41f. 
Morris Castle auf Insel Wight 161. 
mouchard: Späher, Spitzel 74. 
Müdigkeit, vertrauensvolle 40. 
Münchner s. Allgemeine Zeitung. 
Musteranstalten, staatliche Berg- 
werke als 68. 
Mystische Einflüsse 125. 
N. 
Nachgeben, Nachgiebigkeit 35. 77. 
Vgl. Capitulation, Concessionen. 
Nachlaufens, Politik des 131. 132.
        <pb n="213" />
        Nächstenliebe 18. 
Napoleon I., Kaiser der Franzosen 
(geb. 15. Aug. 1769, gest. 5. Mai 
1821) 123. 149. 161. 
Napoleon III., Louis, Kaiser der 
Franzosen (geb. 20. April 1808, 
gest. 9. Jan. 1873) 27. 
Narva 146. 
Nassau 29. 
Naßir-zed-din, 1848—96 Schah von 
Persien (1831—906) 143. 
nation arméee: die französische Form 
der allgemeinen Wehrpflicht 78. 
Nationale Empfindungen, Genug- 
thuung für 151. — Gesinnung 16. 
28. 30. Vgl. 161. — Politik 27 f. 
— Sicherheit 151. 
Nationalen Einheit, Zauber der 16. 
Nationalen und christlichen Gedan- 
kens, Stärkeverhältniß des, auf 
dem Lande u. in den Städten 16. 
Nationaler Sinn 127. 
Nationalitäten, Charaktere der öst- 
reichischen 154. 
Nationalliberale 56. 
Natur der Dinge und des Menschen- 
geschlechts 131. 
Nerven, wie lange sie hielten 86. 
Neue Aera s. Aera. 
Nichtpreuße als Leiter des Aus- 
wärtigen Amtes 106. 
Niederländisches Palais in Berlin 
(Unter den Linden) 32. 
Nikolsburg 29. 
Nimbus von 1870: 15. — N. der 
Weisheit 27. 
No surrender: Keine Uebergabe 77. 
Nobiling'sches Attentat auf Wil- 
helm I. (2. Juni 1878) 65. 
nomine: im Namen 74. 
Nonnengang im Berliner königl. 
Schloß 116. 
Register. 
  
Nord= u. süddeutsche Unterschiede 29 
195 
Norddeutsche Allgemeine Zeitung 
7. 32 ff. 18. Vgl. Offiziöse Ar- 
tikel. 
Nürnberger Spielzeug 118 Fuß- 
note. 
O. 
Oessentliche Klarstellung der Genesis 
von Bismarck's Rücktritt 91. 108. 
Oeffentliche Meinung, Volksmei- 
nung 10. 17. 19. 21. 30. 52. 96. 
100. 139. 156. 157. Vgl. Popu- 
larität. 
Oestreich 15. 88 f. 92. 108 f. 132 ff. 
135 f. 138 f. 116. 149. 153 ff. 166 f. 
Vgl. Wien; Handelsverträge. 
Oestreich bedarf unserer Hülfe mehr 
als wir der seinigen 133. 155. 
Oestreichs ausbeutende Einmischung 
in unfre innere Gesetzgebung 157. 
Offenheit 20.54. 80. 109. 129. 137. 162. 
Offizier ohne Vermögen 117. — 
O. u. Soldat, gegenseitiges Treue- 
verhältniß zwischen 128. Vgl. 16. 
Offiziere als Umgebung eines 
Thronerben 1. 3. 4 f. 
Offizierscorps, Ehrgefühl des preu- 
ßischen 113. — Gesinnung des 
preußischen, gefährlich in Ueber- 
tragung auf die Politik 114. 
Offiziöse Artikel 7. 32 ff. 41. 142. 
143 f. 172. Vgl. Norddeutsche All- 
gemeine. 
Ohrenbläser 143. 
Oldenburg 142. 
Olmützer Punctation (29. Nov. 1850) 
157. 
Olympisches Bewußtsein 127. 
Opposition 16. 22. 38. 40. 44. 65. 70. 
Orden, Deutscher 131 f. Bgl. Rang- 
und Ordensfragen. 
Ordres 102 ff. Vgl. Cabinetsordre. 
Orient, französische oder russische
        <pb n="214" />
        196 
Register. 
  
Bedrohung Englands im 133. 
149. Oestreichische Orientinter- 
essen 149. 
Osborne House, königl. Schloß auf 
der Insel Wight 146. 
Oskar, Prinz von Preußen (geb. 
1888) 54. 
Ostafrika 148. 150. 
Ouf! 75. 
P. 
Pachtübergabe und Reichskanzler- 
wechsel 115. 
Palais Wilhelm's l. in Berlin 110. 
— Niederländisches 32. 
Panslavisten 138. Vgl. 155. 
Pape, Alexander v. (1813—95), 
preuß. Offizier, Sept. 1888 Ge- 
neraloberst, Oberbefehlshaber in 
den Marken und Gouverneur von 
Berlin 75. 
Papst 20. 
Pariren 13f. 
Parirt muß werden! 14. 
Paris 30. 32. 84. 132. 137. 144. 
Vgl. Frankreich. 
Pariser Moden 30. 
Parlament, Staat ohne 59. 
Parlamentarische Begabung 39. — 
Kämpfe 77.— Kritik 119.— Oppo- 
sition 16. — Verfassung 114. 147. 
149. — P.er Liberalismus 130. 
Parlamentsherrschaft 15. 58. 147 ff. 
Parteien und Fractionen 8. 10 f. 
18 f. 20. 23. 50. 132. — Wett- 
kriechen der, vor dem wählenden 
Arbeiter 60. Vgl. Wählerstimmen. 
Parteiführer 57. 82. 
Parteikampfes, Arena des 19. 
Parteizwecke 48. 
Particularismus, badischer 28 ff. — 
Preußischer 28. 
  
Pas trop mal pour la veille d’'une 
grande bataille: Nicht übel für 
den Vorabend einer großen 
Schlacht 124. 
Passive Assistenz (eigentlich: die 
bloß gesetzmäßige Gegenwart 
eines katholischen Geistlichen bei 
Mischehentrauung durch einen 
nicht katholischen) 60. 
Pastor und Politiker 6. Vgl. Chri- 
stenthum und Politik. 
Patriae inserviendo consumor: Ich 
verzehre mich, opfere meine letzte 
Kraft im Dienste des Vaterlan- 
des 173. Vgl. 73. 
Patriotismus 5. 109. 
Pensionierung Bismarck's, nach- 
theiliger Entscheid betr. 116. 
Persien 143. Vgl. Naßir. 
Personalkenntniß 117. 157. B#gl. 
Sachkenntniß. 
Persönliche Angrisse, 
Bismarck's gegen 33. 
Pester Lloyd 156 Fußnote. 
Peterhof 84. 142. 146. 
Petersburg 7. 37. 83. 85. 90. 99. 
106. 122. 136. Vgl. Rußland. 
Pflichtgefühl 20 f. 50. 60. 72 f. 112f. 
124. 145. 
Phrasen 48. 54. 71. 133. 154. 
Polemik, staatsanwaltlicher Zu- 
schnitt der imit Beziehung auf 
Marschall) 32. 
Polen 118 Fußnote. 132. 134. 148. 
154. 157 Fußnote. 
Politik, angeborene Befähigung 
zur 157. — P. auf Stimmung 
143. — P., Aufgabe der 115. 157. 
— P. der freien Hand 155.— 
P. jeder Großmacht wandelbar 
147. — P. kein Schlachtfeld, son- 
dern sachkundige Behandlung der 
Frage, ob und wann Krieg noth- 
Verhalten
        <pb n="215" />
        Register. 
197 
  
wendig und wie er mit Ehren 
zu verhüten 115. — P. nicht im 
Stile einer durch Generäle aus- 
geführten königl. Ordre zu be- 
treiben 114. — P., überschätzte 
Unabhängigkeit B.s in der Lei- 
tung der 130. — P. und christ- 
liche Arbeit 8 f. 19. Vgl. Chri- 
stenthum; Geistliche. 
Politische Bündnisse und wirthschaft- 
liche Verschmelzung 133. 154. — 
P. Liebe nicht durch wirthschaft- 
liche Opfer zu bethätigen 147 f. 
153. 155. 
Politischen Gemüthsbewegungen, 
Abstumpfung in 127. 
Politischer und militärischer Stand- 
punkt in Kriegsfragen 137. 
Politisches Ehrgefühl 113. 132. — 
Gewissen 60. 
Polizei, Wichtigkeit der 43. 59. 74. 
Pommern 17. 126. 
Pompadour, Marquise de, die Mai- 
tresse Ludwigs XV. von Frank- 
reich (1721—64) 84. 
Populärer Absolutismus 59. 
Popularität, Berechnung der Re- 
girungspolitik auf 29 f. — P., 
freiwillige und wandelbare 59.— 
P. kein Mittel zur Bekämpfung 
der revolutionären Gefahren 113. 
Popularitätsbedürfniß, fürstliches 
28. 51. 52. 72. 126. Vgl. auch 
Volksthümlichkeit. 
Portofino südöstlich Genua 1. 
Potsdam 1. 4. 7. 12. 22.121.135. 171. 
Prachtliebe 121. 
Praktische Ziellosigkeit 54. 
Praktischen Leben, mangelnde Füh- 
lung der Bürokratie mit dem 51. 
Premierminister 83. 95. Vgl. Mi- 
nisterpräsident. 
Presse 7. 9. 19. 33. 59. 143 f. 151. 
  
154. — Kritik der 119. Vgl. Aus- 
wärtige, Berliner, Liberale, Re- 
girungs= 2c. 
Preßangriffe 20. 142. 172. 
Preßcampagne 144. 
Preßerzeugnisse, Einwirkung Bis- 
marck's auf 32 ff. 
Preßfreiheit 114. 
Preßkämpfe 32 ff. 
Preßlärm 6. 
Preußen, alte Provinzen des König- 
reichs 46. — Neue Provinzen 16. 
— Verfall des Deutschen Ordens 
in 131 f. 
Preußens deutsche Politik 60. — 
Hegemonie Voraussetzung für die 
Lösung der deutschen Frage 27. 
Preußische Aemter Bismarck's 43. 
73 ff. 93. 98. 112 f. 168.— Begriffe 
5.— Dynastie 3. 26. 60. 121 ff. 129. 
Vgl. Könige. — Politik 65. 76. 98. 
Preußischen Heeres, Grundlage der 
Verfassung des 128. — Volkes, 
Basis der Anhänglichkeit des, an 
seinen Monarchen 128. 
„Preußischer Heiliger“, ein wun- 
derlicher (Windthorst) 131. 
Preußischer Landrath bedarf eines 
brauchbaren Kreissecretärs 122 
Fußnote. 
Preußischer Particularismus 28. 
Priester s. Geistliche. 
Priesterfromme Länder die revo- 
lutionärsten 17. 
Priesterliche Vermittlung zu Gott 20. 
Principienfragen, unlösbare 46. 
Proclamation, vorbereitetc, Wil- 
helm's II. an die Reichsfürsten 
12 ff. 15 ff. 
Productionskosten 56. 71. 
Promissorische (versprechende) Form 
der Anregung weittragender 
Maßregeln 61.
        <pb n="216" />
        198 
Register. 
  
Protectoren, fürstliche, von Ver- 
einen 12. 18. 19. 21. 
Psychologie, internationale 132. 
Psychologische Erklärung 72.117.128. 
Psychologische Vorgänge in sich selbst 
beobachtet 72. 
Pulvertonne 132. 
Puttkamer, Robert v. (1828—1900), 
preuß. Staatsmann, 1879 Cul- 
tusminister, 1881 bis 8. Juni 
1888 Minister des Innern und 
Vicepräsident des Staatsmini- 
steriums 8. 9. 10. 11. 18. 39. 45. 
171. — Dessen Gemahlin 8. 18. 
O. 
Quarantäne 117. 
R. 
radoteur: Schwätzer 36. (II n'est 
dqu'un vieux radoteur: Er ist nur 
ein alter Schwätzer.) 
Randbemerkungen 90. 125.136 f. 140. 
Rang= und Ordensfragen 34. 39. 
43. 75. 78. 
Reaction 19. 74. 
Rechnungtragen, d., als Fundament 
moderner Regirungskunst 30. 
Rechts= und Machtfrage 42. 
Rechts= und Sachfragen 125. 
Rechtsgefühl durch Bildungsgrad 
Veschärft 29. 
Redebedürfniß 126. 
Reden und Vereine, Erfolge der 
6. 17. 19. Vgl. Wahlreden. 
Redensarten s. Phrasen. 
Resormbedürfniß 45. 
Resormen, Befähigung des Königs 
zu 21. 
Regiments-Leben und -Einflüsse 1. 
4. 48. 
  
Regirens, Schwierigkeit des 131. 
Regirungs-Kunst und -Politik 29f. 
Regirungspresse 142. 172. Vgl. 
Offiziöse Artikel. 
Regirungsvorlagen, praktische Be- 
handlung der 57. 
Reiches, des Deutschen, Aufbau 13. 
— Ausbau 16. — Einheit 162.— 
Einigen 16. — Gründung 13. — 
Sicherheit 15. 
Reichs= und Staatsanzeiger 66. 105. 
Reichsbote, Der, Berliner Zeitung 
der christlich-socialen Partei 19 f. 
Reichsfeinde 71. 73. 
Reichsfürsten, die deutschen 12 ff. 
15 ff. 27 f. 
Reichsglocke, oppositionelle Zeitung 
der 1870er Jahre 75. 130. 
Reichskanzler und Ministerpräsident 
118 f. Vgl. Preußische Aemter. 
Reichskanzlerpalais, Räumung des, 
durch Bismarck 80. 94. 108. 116. 
— Garten des 117 f. Fußnote. 
Reichsland s. Elsaß-Lothringen. 
Reichspanier 49. 
Reichspolitik 28. 31 f. 60. 65. 98. 
136. Vgl. Auswärtige Politik. 
Reichstag 39. 50 f. 52 f. 55 ff. 66. 
73 f. 76 f. 78. 79. 82. 86. 92. 98. 
116. 150 ff. 167. 
Reichstage, Capituliren vor d. 56 ff. 
Reichstagsauflösung 57. 74. 79. 86. 
92. 167. 
Reichstagscommissionen 56 f. 
Reichstagsfractionen s. Parteien. 
Reichstagsmitglieder s. Abgeordnete. 
Reichstagsresolutionen 51. 
Reichstagswahlen 6. 56. 64. 66. 74. 
76 f. 91. 92. 164. 
Reichsverfassung 16. 
Religiöse Bildung der Jugend 22. 
Reorganisation d. preuß. Armee 103f. 
NRepublik und Monarchie 132.
        <pb n="217" />
        Register. 
199 
  
Republikanische Presse 18. Vgl. 
Liberale. 
Ressort-Eifersucht 111. 
Ressort-Minister 37.74. 95. 124 f. 165. 
Ressorts, Einheit und Maßhalten 
der verschiedenen 118. 
restitutio in integrum: Wiederein- 
setzung in den vorigen Stand 45. 
Revolution von 1848: 16 f. 29 f. 
46. 74. 95. 130. 
Revolutionäre Vereinsthätigkeit 21. 
Revolutionsgefahr 43. 57 f. 66. 73. 
74. 77. 112 f. 131. 
Richelien, der französische Staats- 
mann, Herzog und Cardinal (1585 
bis 1642) 35. 
Richter, Eugen (1838—1900), deut- 
scher Parlamentarier, Führer der 
deutschfreisinnigen (Fortschritts-) 
Partei im preuß. Abgeordneten- 
hause und im Reichstage 16. 
Roggenbach, Franz Freiherr v. 
(1825—1907), badischer Minister 
des Auswärtigen 1861—65, Mit- 
glied des Zollparlaments und des 
Deutschen Reichstages (Reichs- 
partei) 29. 34. 161 Fußnote. 
Roheit 94. 
Rohnstock, Dorf und gräfl. Hoch- 
bergtsches Jagdschloß in Schlesien, 
Reg-Bez. Liegnitz (Zusammen- 
kunft Wilhelm's II. und Franz 
Joieph's I. am 17. Sept. 1890) 
133 f. 146. 156 nebst Fußnote. 
Nom 162. 
Romanische Stammesart 139. Vgl. 
118 Fußnote. 
Roon, Albrecht Graf v. (1803—79), 
preuß. Generalfeldmarschall, 1859 
bis 1873 Kriegsminister 111. 
Rothes Kreuz 18. 
Rottenburg, Franz Johannes v. 
(1845 —1907), prenß. Jurist, 1876 
  
in das Auswärtige Amt, 1881 in 
die Reichskanzlei berufen, deren 
Chef bis Februar 1891, dann 
Unterstaatssecretär usw. 7. 32. 
Rübezahl 4. 45. 
Rückläufige Bewegung 65. 
Rückversicherungsvertrag mit Ruß- 
land (vom 18. Juni 1887) 90. 99. 
101. 105 f. 
Rückzugsgefecht 74. 
Ruhm, Verlangen nach 123. 
Russenfreundliche Politik 142 f. 
Russische Anleihe 143 f. — Armce 
137 f. 143. — Kriegsgefahr 84. 
89. 92. 98 f. 135 ff. 143. 146. 1409. 
167. 169. Vgl. 59. 
Rußland 15. 49. 59. 81. 83 ff. 88 ff. 
92. 93. 98 f. 100. 101. 105 f. 132 ff. 
142 ff. 148 f. 154 f. 166 f. 169. Vgl. 
Petersburg; Alexander III.; Rück- 
versicherungsvertrag. 
S. 
Sachkenntniß, Sachkunde 37. 58. 
68. 71. 117. 125. 156. Vgl. Er- 
fahrung. 
Sachsen (Königreich) 16. 50. 98. 161. 
Vgl. Albert. 
sacrificium intellectus: Opfer der 
Einsicht, der Ueberzeugung 62. 
Salisbury, Marquis of (1830 bis 
1903), 1878—80, 85/86, 86—92, 
95—1900 englischer Minister des 
Auswärtigen 147. 
salus publica: das öffentl. Wohl, Ge- 
meinwohl 122. Vgl. suprema lex. 
Sansibar, 14. Aug. 1885 bis 1. Juli 
1890 unter deutscher Schutzherr- 
schaft 146. 147 ff. 
Scharnhorst, Gerhard David v. 
(1755—1813), preuß. General 78. 
Schaustellungen 126.
        <pb n="218" />
        200 
Register. 
  
Schelling, Hermann v. (1824—1908), 
Sohn des Philosophen, 1879 
Staatssecretär des Reichsjustiz- 
amtes, Jan. 1889 bis Nov. 1894 
preuß. Justizminister 43. 53. ö7. 
62. 75.77. 93. 96 f. 163 f. 169. 170. 
Schicksals, Ironie des 121. 
Schiffscapitän mit brennender Ci- 
garre auf der Pulvertonne 132. 
Schlachtfeldtheorie Caprivi's 114 f. 
Schlafmütze 122 Fußnote. 
Schlagfertigkeit 19. 
Schlesien 124. 133. 156. 
Schlesischer Magnat s. Ujest. 
Schleswig-Holstein 37. 162. 
Schlözer, Kurd v. (1822—94), Hi- 
storiker und Diplomat, 1871 deut- 
scher Gesandter in Washington, 
im Sommer 1881 auf Urlaub in 
Deutschland und in Bismarck's 
Auftrag in Rom, 1882—92 preuß. 
Gesandter beim Hl. Stuhl 162. 
Schlubuth, Kammerrath v., wegen 
unbarmherziger und unredlicher 
Amtsführung 25. Aug. 1731 vor 
dem Berliner Schloß gehenkt 59. 
Schmeichelei 126. 129. 131. 
Scholl, v., Major u. Flügeladjutant 
Wilhelm's II. (Juni 1890) 121. 
Scholz, Adolf Heinrich Wilhelm v. 
(geb. 1833), preuß. Jurist, 1880 
Staatssecretär des Reichsschatz- 
amtes, 1882 bis Juni 1890 preuß. 
Finanzminister 53. 57. 62. 74. 75. 
77.79. 93. 96 s. 144. 163 f. 169. 170. 
Schöngeister 123. 
Schönhauser Bauerndeputation 46. 
Schreiberherrschaft 29. 
Schröder, Bergmann, Sprecher der 
Streikdeputation im Mai 1889 
(mit Bunte und Siegel) 58. 
Schilchternheit, höfliche 70. 
Schuwalow, Paul Graf (1830 bis 
  
1908), russ. Offizier und Diplo- 
mat, 1885—94 russ. Botschafter 
in Berlin 90. 99. 101. 105 f. 
Schwarzenberg, Felix Fürst v. 
(1800—52), seit 21. Nov. 1848 
östr. Ministerpräsident 153. 157. 
Schwarzer Adlerorden, demonstra- 
tive Verleihung an Boetticher 78. 
Schweden 123. 
Schweigen als Bejahung 73. 
Schweinitz, Hans Lothar v. (1822 
bis 1901), preuß. Offizier und 
Diplomat, 1876—92 Botschafter 
in Petersburg 106. 135. 
Schweiz 30 ff. 67. 69. 
Schweninger, Ernst (geb. 1850), 
Arzt, Assistent und Dozent in 
München, 1884 Leibarzt Bis- 
marck's und Professor an der 
Berliner Universität 42. 
Schwerkraft, Sicherfühlung ver- 
möge eigener 132. 
Schwunghaftigkeit 54. 66. 127. 
Seckendorff, Friedrich Heinrich 
Reichsgraf v. (1673—1763) 123. 
Selbständigkeit 69. 
Selbstbeobachtung, psychologische 72. 
Selbstbeschädigung, Grundsatz aller 
Reichsfeinde, die Kaiserliche Re- 
girung auf dem Wege zur S. 
nicht aufzuhalten 71. 
Selbstbewußtsein 126. 
Selbstherrlichkeit 121 f. 
Selbstüberschätzung 2. 27. 124. 133. 
Selbstvertrauen, königliches 114. 
124. 127. 
Selbstverwaltung 29. 
Serviles Element im Staatsrath 69. 
Sexuell s. Geschlechtlich. 
Seydel, Pastor in Dresden 22. (S. 
bezeichnete in Versammlung der 
christl.--soc. Partei in Berlin am 
3. Jan. 1888 Bismarck als deren
        <pb n="219" />
        Register. 
201 
  
geheimes Mitglied, dessen offenes 
Bekenntniß zu ihr bevorstehe.) 
Siebenjähriger Krieg 12. 148. 
Siegel, Bergmann 68. 
Simon, Jules (1814—96), Philo- 
soph und Staatsmann, Vertreter 
Frankreichs in der internatio- 
nalen Arbeiterschutzconferenz v. 
März 1890: 71. 
Simson 19. 
Sittliche Bildung der Jugend 22. 
Sittlichkeit, Gebote der 68. 
Slaven keine Baumfreunde 118 
Fußnote. 
Slavenfreundliche Keime der Zer- 
setzung Oestreichs 155. 
Socialdemokraten, Socialisten, soc.= 
dem. Partei und Presse 6 ff. 16. 
30 f. 42 f. 51. 54. 55 ff. 65. 71. 
73 f. 77. 100. 112. 116. 130 ff. 
157 Fußnote. 
Sociale Frage 78. 
Sociale Reformen 21. 
beiter u. s. f.; Erlasse. 
Sociale Revolution 77. 
volutionsgefahr. 
Socialismus, aggressives Vorgehen 
gegen den 77. 
Socialistenfrage 74 f. 
Sorialistengesetz (Gesetz gegen die 
gemeingefährlichen Bestrebungen 
der Socialdemokratie vom 21.Oct. 
1878, gültig bis 31. März 1881; 
am31. Mai 1880 bis 30. Sept. 1884, 
am 9. Mai 1884 bis 30. Sept. 1886, 
am 2. April 1886 bis 1. Oct. 1890 
verlängert) 35. 42. 56 f. 73 f. 76. 
Socialistische Klassen 55. 
Socialpolitik 77. 
Soldaten, Königstreue des deut- 
schen 16. 
Söldner 131 f. 
Bgl. Ar- 
Vgl. Re- 
  
Sonntags-Arbeit und -Ruhe 50. 
51 f. 56. 78. 112. Rede Bismarck's 
vom 9. Mai 1885 darüber 52. 
Sonntagsfach 87. 
Souverän („Auch nicht, wenn Ihr 
Souverän es befiehlt?“, 82. 
Souveränität 15 f. Vgl. Reichs- 
fürsten. 
Spala, Jagdschloß des Zaren im 
Gouvernement Petrikau 144 f. 
Spandau 59. 
Sparsamkeit 1. 4. 5. 63. 
Sprachliche Kritik 126. 
Sprichwörter 14. 17. 127. 
Staats= s. Reichs= und Staats- 
anzeiger. 
Staatsanwälte, politische Haltung 
der 43. 75. 
Staatsanwaltlicher Zuschnitt (mit 
Beziehung auf Marschall) 32. 
Staatsfeindliche Agitatoren 65. 
Staatsgefährliche Wege und An- 
regungen des Souveräns 62. 
Staatsgrundstückes,Nießbrauch und 
Deterioration eines 118 Fußnote. 
Staatsmann und Feldherr 17. 123. 
Staatsminlsterium s. Ministerium. 
Staatsrath 64. 68. 69 f. — Active 
Staatsminister nicht stimmfähig 
im 70. 
Stadt und Land 16 f. 29. 46. 
Städteordnung, preußische 59. 
Stadtmissionen 9. Bgl. Berliner 
Stadtmission. 
Stände, Ausspielen der, gegen- 
einander 59. 
Stargard 126. 
Stellenkleber 114. 119. 
Stenograph 126. 
Stettin 9. 
Stimmenfang 51. 60. 153. 
Stöcker, Adolf 11835—1909), prote- 
stantischer Theologe und Politiker, 
Gründer der christlich-socialen
        <pb n="220" />
        202 
Register. 
  
Partei (1878), Mitglied des preuß. 
Abgeordnetienhauses (seit 1879) 
und des Deutschen Reichstages 
(seit 1881), 1874—90 Hof= und 
Domprediger in Berlin 5 f. 9f. 
17 ff. 23. 25 f. 48. 112. 
Stolberg-Wernigerode, Otto Graf, 
1890 Fürst zu (1837—96), preuß. 
Staatsmann, 1878—81 Vicepräsi- 
dent des Staatsministeriums und 
Stellvertreter des Reichskanzlers, 
1885 bis Sommer 1888 stellver- 
tretender Minister des königl. 
Hauses, 1884—92 Oberstkämmerer 
8 f. 10. 18. — Dessen Gemahlin 
Anna, geb. Prinzessin von Reuß 
jüngere Linie 8. 18. 
Stosch, Albrecht v. (1818—86), preuß. 
Offizier, 1866 General, 1872—83 
Chef der Admiralität 112. 
Stralsund 40. 
Streber 23. 48. 65. 126. 129. 131. 
Streik 42. 43. 52. 55. 58. 60. 61. 64. 
77. 130. Vgl. Bergwerkstreik. 
subrepticie: auf d. Schleichwege 69. 
Süddeutsche Gewohnheiten 29. 
suprema lex: das höchste Gesetz 
(Cicero, De legibus 3, 3, 8: His 
salus populi suprema lex esto — 
Diesen, den Regirenden nämlich, 
soll das Wohl des Volkes das 
höchste Gesetz sein) 122. 
Synoptische Darstellung zeitlich 
paralleler Vorgänge 72. 
Szechenyi, Emerich Graf v. (1825 
bis 1898), östr.-ungar. Diplomat, 
1878—92 Botschafter in Berlin 
135. 
T. 
Takt in der politischen Arbeit 17. 
91. 164. 
Taktische Bedenken 64. 
  
Taktlose Mitarbeiter 17. 
Tantalisirte Jugend 117. 
Tapferkeit 73. 124. 
Theokratie 20. 
Theoretische Zankäpfel 46. 
Thronerben, Berufsvorbereitung 
des 1 ff. 118. 132. — Gefahr poli- 
tischer Festlegung des 19. 21. 23. 
— Umwerbung des 18 f. 24. 48. 65. 
Titelverleihung 101 f. 103. 104. 105. 
Todesstrafe 59. 
tolerari posse: 
können 60. 
Treffen, mit wechselnden = so, 
daß bald diese bald jene Richtung 
getroffen wird 18 f. 
Trenck, Friedrich, Freiherr v. d. 
(1726—94) 124. 
Treue 124. 126. 129. 
Tribut, wirthschaftlicher, zur Er- 
haltung eines politischen Bünd- 
nisses 156. 
Trinkgeldersystem in der auswär- 
tigen Politik 133. 156. 
Tripelallianz s. Dreibund. 
Türkei 148. Vgl. Constantinopel. 
ertragen werden 
U. 
Ueberseeische Erwerbungen 147. 
Ueberzeugungstreue 69. 
Ujest, Hugo Herzog von, Fürst zu 
Hohenlohe-Oehringen (1816—97) 
54 f. 
ultima ratio (regis): letztes Mittel 
(des Königs), Inschrift der fran- 
zösischen (seit 1650) u. preußischen 
(seit 1742) Geschütze 59. 
Ultramontan 132. Vgl. Centrum. 
un poco pin di luce: etwas mehr 
Licht 118 Fußnote. 
Unabhängigkeit Bismarck's in Lei- 
tung der Politik überschätzt 130.
        <pb n="221" />
        Negister. 
203 
  
Unaufrichtigkeit 40. 
Unberufene Rathgeber s. Berlepsch, 
Douglas, Heyden, Hinzpeter u. a. 
Vgl. Camarilla. 
Unehrlichkeit 62. 89. 
Unerfahrenheit Deutschlands s. Di- 
plomatie. 
Unerfüllbare Erwartungen, Gefahr 
ihrer Erregung für die Krone 
43. 64. 66. 91. 100. 164. 
Ungarn 92. 109. 153 f. 155. 166. 
Untergebene 37. Vgl. Diener. 
Unternehmer 51. 55 f. 58. 67. 70. 
Unterthanen 15. 58. 65. 123. 124 f. 
126. 127. 128. 130. 
Unthätigkeit, genußsüchtige 124. 
Unversöhnlichen Gegnern, Nach- 
laufen hinter 132. 
Usedom, Guido Graf v. (1805—84), 
preuß. Jurist und Diplomat, 
1863—69 Gesandter am italieni- 
schen Hofe 130. Vgl. 62. 
utiliter: mit Nutzen 134. 
Utopische Anregungen und prakti- 
scher Standpunkt 71. Vgl. 65. 
Vacuum zwischen erlöschendem und 
neuem Gesetz 57. 
Varzin 142. 
Vasallen 13. 128. 149. 
Vaterlandes, Dienst des 73. 173. 
Verantwortliche Minister 95 f. Vgl. 
Ministerpräsident; Ressort-Mini- 
ster; Verfassung 2c. 
Verantwortlichkeit, unehrliche Zu- 
schiebung der 150. 152. — Ver- 
führerisches der Befreiung von 73. 
Verantwortung, sorgfältige Ver- 
meidung jeder öt. 
Verbrennen, Rath zu 15. 66. 
Verdy du Vernois, Julius v. (1832 
  
bis 1910), preuß. Offizier und 
Militärschriftsteller, April 1889 
bis Oct. 1890 Kriegsminister 43. 
52. 53. 57. 62. 72. 74. 75 ff. 77. 
78 f. 89 f. 92. 93 f. 113. 143. 163 f. 
167. 169. 170. S. Militärvorl. 1890. 
Vereine als Werkzeuge zum An- 
greifen und Zerstören. nicht zum 
Bauen und Erhalten 21. 
Vereine und Reden, Erfolge der 17. 
Vereinen, sachlicher Zweck und per- 
sönlicher Einfluß in 17 f. 
Vereinsrecht 59. 
Verfassungslebens, ministerielle Ver- 
antwortlichkeit das Wesen des 96. 
Vgl. 5. 
Verfassungsmacherei (1848) 46. 
Verfassungsmäßige Verantwortlich- 
keit 90. 96. 98. 163. — Zustände 
95. 118 f. 
Verfassungsmäßiges Verfahren 56. 
61. 62. 
Verhetzung 129. 
Verleumdung 42. 129. 
Verlorne Liebesmüh 112. 
Vermögen, großes, verleiht An- 
sehn 54. — Offizier ohne V. 117. 
Versailles 28. 
Versicherungsgesetzgebung f. Ar- 
beiterversicherung 2c. 
Vertragsmäßige Rechte der ver- 
bündeten Fürsten 16. 
Vertrauen, Anspruch auf 128 f. — 
V. nicht zu übertragen 60. 73. 97. 
— V. u. Autorität Bismarck's im 
In= und Auslande 60. 73. 109. 
— V. und Enttäuschung 39 f. 
Vertrauens, Geist des, in den Die- 
nern der Könige von Preußen 
129.— V.8, Träger d. kaiserlichen 
18. 72. 76. 84 f. 91 ff. 101. 109. 
142 f. 164 f. 168. 172. 
Vertrauensvoller Gehorsam gegen
        <pb n="222" />
        204 
Register. 
  
den König als Kenner des Willens 
Gottes 127. 
Victoria, s. 1837 Königin von Groß- 
britannien u. Irland, 1876 Kaise- 
rin von Indien (1819—1901) 135. 
Victoria, Tochter der Vorigen, 
Kronprinzessin, 9. März 1888 Kö- 
nigin von Preußen und Deutsche 
Kaiserin (geb. 21. Nov. 1840, gest. 
5. Aug. 1901) 4. 134. 
Victoria, Tochter der Vorigen (geb. 
1866), Prinzessin von Preußen, 
19. Nov. 1890 vermählt mit Prinz 
Adolf zu Schaumburg-Lippe 135. 
Virgil 16. 132. 
Vogesen 132. 
Volksbeglückende Redensarten 54. 
Volksbeglückung 123. 
Volksmeinung s. Oeffentliche M. 
Volksredner, gewohnheitsmäß. 70. 
Volksthümlichkeit 123. 139. Vgl. 
Popularität. 
Volksvertretungen weniger schädl. 
als monarchische Irrthümer 65. 
Volkswirthschaftsrath 64. 
Voltaire (1694—1778) 123. 
Voraussicht dessen, was Andere 
unter gegebenen Umständen thun 
werden, bildet die Aufgabe der 
Politik 157. Vgl. 115. 
Vorschuß an Zuthunlichkeit 145. 
Vorsicht, greisenhafte 40. 
W. 
Waffenfähigen, Ausbildung jedes 78. 
Wahlbetheiligung 6. 
Wahlen, Schädigung der, durch die 
kaiserlichen Maßnahmen und Er- 
lasse 56. 64. 74. 76. 91. 
Wahlergebnisse, augenblickliche 65. 
Wählerklassen, Begehrlichkeit ge- 
wisser 133. 
  
Wählerstimmen, deren Umwerbung 
51. 60. 153. 
Wahlmajoritäten als Basis der 
auswärtigen Politik 147. 149. 
Wahlreden, Verlogenheit und Ent- 
stellungskraft der 64. Vgl. Reden. 
Wahrheitsliebe 128. 
Waldersee, Alfred Graf v. (1832 
bis 1904), 1882 Generalquartier- 
meister und Generaladjutant des 
Kaisers, 1888 unter Friedrich III. 
General der Capvallerie, unter 
Wilhelm II. Chef des General- 
stabes, Mitglied des Herren- 
hauses und des Staatsrathes, 
1891 commandirender General 
des 9. Armeecorps usw. 5 f. 8 ff. 
18. 25. 35. 48. 89. 100. 112. 
135 f. 141 Fußnote. 142. 166. 
171 . — Dessen Gemahlin 8. 18. 
25. 112. 
Wales, Prinz von, s. Eduard. 
Wandelbarkeit der Politik jeder 
Großmacht 147. 
Warmherzigkeit 129. 
Waterloo s. Belle-Alliance. 
Wedding, nordwestlicher Stadttheil 
von Berlin 55. 
Wedel, Graf v., Flügeladjutant 
Wilhelm's II.: 101. 
Wehe denen, wenn ich zu befehlen 
haben werde! 23 f. 
Wehrpflicht, allgemeine 78. 
Weibliche Einflüsse auf Wilhelm I. 
28. 62 f. Vgl. Augusta. 
Weibliches Rangstreben 34. 40. 
Welfen 135. 163. 
Wellington, der englische Feld- 
herr, Herzog von (1709—1852) 
148. 
Weltmarkt 66 f. 69. 
Wer mir widerstrebt, 
schmettere ich 24, 
den zer-
        <pb n="223" />
        Register. 205 
  
Westpreußen 162. 
Widerstand je später, desto gewalt- 
samer 57. Vgl. Krisen. 
Wie gewonnen, so zerronnen 17. 
Wien 27. 108. 117. 133. 135 f. 156. 
157. Vgl. Oestreich. 
Wiener Congreß 149. 
Wiaht, Insel 146. 161 f. 
Wilhelm I., König von Preußen, 
Deutscher Kaiser (geb. 22. März 
1797, gest. 9. März 1888) 1. 3. 
6. 12. 15. 16. 22. 25. 37. 38. 39. 
48. 49. 62 ff. 74. 80 83. 85. 95. 
97. 99 f. 103. 110. 111 f. 122 Fuß- 
note. 124. 126. 131. 134. 138. 
164. — Glückliche Ingend im 
Reichskanzlergarten 118 Fuß- 
note. — Aufsteigen in der mili- 
tärischen Hierarchie 3. — Ver- 
irrung s. Politik in der Neuen 
Aera 65. 130. — Abdankungs- 
absicht 1862: 58. 130. — Preu- 
Kisch-particularistische Abneigung 
in der Kaiserfrage 28. — Wunsch, 
die irregehenden Volksmassen 
dem Vaterlande wiederzugewin- 
nen 11. — Botschaft vom 17. No- 
vember 1881: 21. 67. — Krank- 
heit 1885: 33. — Verhältniß zu 
s. Sohne 3. — Zu Frau und 
Tochter 33.— Zu s. Dienern 124. 
128 f. — Verhalten gegenüber 
einstimmigen Ministervoten 62 f. 
— Weibliche und maurerische 
Einflüsse 28. 62. 130. — Unzu- 
gänglichkeit f. Schmeichler, Stre- 
ber, Hintertreppeneinflüsse 2c. 129. 
— Mißtrauen in eigne Leistungs- 
fähigkeit und Kräfte 127. — Be- 
scheidenheit, vornehme und selbst- 
bewußte 124. 126. — Freiheit 
von Selbstüberschätzung 124. — 
Beifallsbedürfniß 125. — Olym- 
  
pisches Bewußtsein 127. — Zu- 
verlässigkeit und Geradheit 124. 
129. — Ritterliche Höflichkeit 33. 
— Heldenmut, Pflichtgefühl, Tap- 
serkeit 124. — Gottvertrauen, 
Herzensgüte, Treuc, Wahrheits- 
liebe 128. — Dankbarkeit, Offen- 
heit, warmherziges Wohlwollen 
129. 
Wilhelm II., Prinz, 9. März 1888. 
Kronprinz, 15. Juni 1888 König 
von Preußen und Deutscher Kai- 
ser (geb. 27. Jan. 1859, abgedankt 
Nov. 1918) 1 ff. — Beziehungen 
zu einzelnen Personen f. unter 
deren Namen. — Vorbereitung 
s. den Herrscherberuf, militärische 
und politische Ausbildung und 
Laufbahn 1 ff. 4. 5. 12. 112. 118. 
132. 157. — Anschauungen bei 
der Thronbesteigung 5. — Auf- 
sassung der Stellung eines zu- 
künftigen Kaisers 13 f. 15 f. — 
Coburgisch-englische Auffassungen 
129. — Vorbereitung eines Er- 
lasses an die Reichsfürsten für 
die Zeit s. Thronbesteigung 12 ff. 
15 ff. — Kein Bedürfniß nach 
Mitarbeitern mit eignen Ansich- 
ten, Sachkunde, Erfahrung 37. 
— Refsormbedürfniß 45. — Zieht 
Leute zweiten Ranges als Mi- 
nister vor 61. — Neigung zu 
selbstherrlicher Leitung der Re- 
girungsgeschäfte 122. 124 f. — 
Will die Verantwortlichkeit für 
die Staatsgeschäfte selbst über- 
nehmen 114. — Initiative den 
Ministern gegenüber 37. 33. 61. 
— Heranziehung Untergebener 
ohne Wissen ihrer Vorgesetzten 
37. 40. 47. 84 f. 91. 101. 112. 131. 
144. 164. — Beeinflussung durch
        <pb n="224" />
        206 
Register. 
  
unverantwortliche und unwissende 
Dilettanten 54. 64. — Verlangen 
der Aufhebung der Cabinetsordre 
vom 8. Sept. 1852: 82 f. 87 f. 91. 
95. 97 f. 165. — Würdigung der 
eignen monarchischen Leistungen 
35. 48. 72. 77. 115. — Verehrung 
für Bismarck 5. 11. 24. 48 f. 102ff. 
— Mißtrauen gegen ihn 84 f. 89. 
91 f. 165. — Auf dem Wege zur 
Popularität 51. 52.72. — Glaube 
an die Nützlichkeit, Gerechtigkeit 
und Popularität s. Bestrebungen 
70. 113. — Neigung, s. Feinde 
durch Liebenswürdigkeiten zu ge- 
winnen, statt s. Freunden Muth 
und Vertrauen einzuflößen 113. 
— Tendenz christlicher Versöh= 
nung 130 f. — Betheiligung an 
der Berliner Stadtmission und 
den Bestrebungen der christlich- 
socialen Partei 5 ff. 17 ff. 22 f. — 
Bekämpfung d. Socialdemokratie 
durch Arbeit christlicher Liebe 8f. 
Durch Concessionen, Entgegen- 
kommen, Nachgeben 35. 42f. 52 ff. 
62 ff. 73. 76 f. 112 f. 116. 130 ff. 
Bekehrung zu einem Kampfpro- 
gramm (25. Februar 1890) 77 f. 
Umkehr zur Politik des Nach- 
gebens und Nachlaufens 35.78f. 
86.92. — Dieselbe Politik auch ge- 
genüber dem Centrum und dem 
Auslande 131 f. 132 ff. — Nei- 
gung, antimonarchische und anti- 
preußische Kräfte in den Dienst 
der Krone zu stellen 132. — Im 
Urtheile der russischen und eng- 
lischen Verwandten 83 ff. 135. — 
Von frühester Jugend auf gegen 
England und alles Englische ein- 
genommen 134 f. — Besuche in 
Rußland 49. 83 ff. 88 f. 133. 131 f. 
  
142. 144 ff. 167.— In Paris 132.— 
Mittelmeerreise 49 f. — Mitgift 
einer gewissen Mannigfaltigkeit 
von den Eigenschaften seiner Vor- 
fahren 121 ff. — Berufung auf 
Friedrich d. Gr. 12.17. (35. 48. 115. 
122 f.) Neigung zu Nandbemer- 
kungen in dessen Stile 125. 130 f. 
— Urteil des Vaters über f. 
Wissen u. Kenntnisse, mangelnde 
Reife und Unerfahrenheit, Nei- 
gung zu Ueberhebung und Ueber- 
schätzung 2. — Selbstvertrauen 
114. 127.— Beifallsbedürfniß 24. 
123 ff. 144. — Beredtsamkeit und 
Redebedürfniß 126.— Schwung- 
haftigkeit 54. 66.126. — Ohne Nei- 
Zgung zu ausdauernder Arbeit 3. 
— Heftigkeit 7. 24. 58. 132. — 
Freude am Glanz öffentlicher 
Wirkung 71. 121. — Prachtliebe, 
Vorliebe für lange Kerls 121. 
— Anspruch auf unbedingten Ge- 
horsam 14. 24. 82. 127. 132. Auf 
Hingebung, Vertrauen, Treue 
ohne Gegenseitigkeit 128 f. — 
Ohne Erfahrung auf dem Ge- 
biete menschlicher Leidenschaften 
u. Begehrlichkeiten 131. — Ohne 
geschäftliche Erfahrung und Per- 
sonalkenntniß37.125. 157. — Ohne 
Vertrautheit mit der internatio- 
nalen Psychologte 132. — Emp- 
fänglichkeit für mystische Einflüsse 
125 f. — Verhältniß zu Gott 13. 
125. 127. — Briefe bezw. Ordres 
an Bismarck (vgl. 5): 
20. November 1887: 12 ff. 
21. Dezember 1887: 7 ff. 
14. Januar 1888: 22 ff. 48. 
10. Mai 1888: 136 ff. 
1. Januar 1889: 49. 
4. Februar 1890; 66 f.
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        EEIIIEIEIIL 
20. März 1890: 102 f. 103 f. 
Wilhelm, Prinz, 15. Juni 1888 
Kronprinz von Preußen und des 
Deutschen Reiches (geb. 6G. Mai 
1882, abgedankt Nov. 1918) 54. 
Wilhelm, Prinzessin, s. Auguste 
Victoria. 
Wille, der eigne, als alleinige Richt- 
schnur 129. 
Windthorst, Ludwig (1812—91), 
hannöverscher Rechtsanwalt, Mi- 
nister, dann Führer d. Centrums- 
partei im preuß. Abgeordneten- 
hause und im Reichstage 16. 22. 
75. 81 f. 92. 131. 163. 165. 
Wirthschaftliche Diplomatie 134. 
156 f. 
Wirthschaftliche Interessen 
Concessionen 133 f. 
Wirthschaftliche und politische Ver- 
schmelzung und Gegensätze 133. 
154 f. 
Wissenschaftlichkeit 126. 
Wittenberge a. d. Elbe, Eisenbahn- 
knotenpunkt an der Linie Berlin— 
Hamburg 135. 
Witze, politische Wirkung verletzen- 
der 84. 
Witzworte als Kampfmittel gegen 
Bismarck 50. 
Wohlthätigkeitsfeste 8. 
Wohlthätigkeitsvereine 18. 
und 
Negister. 
  
2204 
Wohlwollen 7. 20 f. 31. 124. 129. 147. 
Wunsch und Befehl, kaiserlicher 43. 
52 f. 110. 
Würtemberg 16. 29. 161. 
9. 
Mvetot, einstiges, bis 1681 souverä- 
nes Fürstenthum in der Nor- 
mandie 121. (Un petit roy etc.: 
ein kleiner König von Mwvetot, der 
spät aussteht, früh ins Bett geht 
und ohne Ruhm ausgezeichnet 
schläft. — Gedicht von Béranger.) 
Z. 
Zankäpfel, theoretische 46. 
Zanksucht, deutsche 17. 
Zeitungsgerede 161. 
Zerschmettern 24. 
Ziethen-Schwerin, Graf v. 10. 18. 
Zolleinigung zwischen Deutschland 
und Oestreich 153 f. 
Zollern s. Hohenzollern. 
Zollverhältnisse, schwierige, bei 
politischer Intimität 154. 
Zufallslaune und Verhängniß 90. 
Zukunft, Zweifel an der 76. 114. 
141 Fußnote. 157. 
Zuverlässigkeit 92. 124. 166. 
Zwerggemeinden 46.
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        Druck der 
Union Deutsche Verlagsgesellschaft 
in Stuttgart
        <pb n="227" />
        Fuͤrst Otto von Bismarck 
  
Gedanken und Erinnerungen 
Neue Ausgabe. Groß-Oktav. Band 1 und 2. Mit einem 
Bildnis und einem Faksimile In Halbleinen gebunden M. 80. — 
in Ganzleinen M. 100.—, in Halbleder M. 175.— 
Der dritte Band In Halbleinen gebunden M. 30.— 
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Zwei Bände In Ganzleinen gebunden M. 48.— 
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Kaiser Wilhelm l. und Bieêmarck. Mit 1 Bildnis des 
Kaisers und 22 Briefbeilagen in Faksimiledruck 
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Aus Bismarcks Briefwechsel 
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Wilhelml. und Bismarck in ihrem Briefwechsel 
Auswahl und Erläuterungen von Eduard von der Hellen 
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Briese an seine Braut und Gattin 
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Horst Kohl In Halbleinen gebunden M. 20.— 
Briefe an seine Gattin aus dem Kriege 1879/71 
Mit einem Titelbild und einem Brieffaksimile 
In Halbleinen gebunden M. 10.— 
Briefe an seine Braut und Gattin 
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Eduard von der Hellen. Mit 3 Bildnissen 
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Briefe des Generals Leopold von Gerlach an 
Otto von Bismarck 
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      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
