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        <title>Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6a.</title>
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        Dismarck 
Die gesammelten Werke 
2. Kuflage 
Otto Stollberg Derlag G.m.b. 5. Berlin
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        Hlle Rechte vorbehalten 
Copyright 1930 by Otto Stollberg Deriag. 
Sol. m. b Berlin Swés 
Den Druck des Wernes besorgte die Berliner entraldruchere! G. m. b. F., Berlin 5 W us
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        Politische Schriften 
Bearbeitet 
von 
Friedrich Thimme 
Band GCGa 
1867 bis 1869 
Bismarch, Die gesammelten Werke, Band Cca
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        Inhalt des Bandes 6a 
Politische Schriften 
Nr. 325— 1326 Erlasse, Telegramme, Schreiben, Aufzeichnungen, Immedlat- 
berlchte usw. vom 21. Juli 1862 bis 22. Februar 1869 
(Die blober unversflenlichten Schrifisäcke Und mit elnem # bezeichnel,) 
1—365
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        Vorwort. 
In dem voraufgehenden Bande der Gesammelten Werke war das politische Schrift- 
tum Bismarcks bis m einem für die Geschichte der Reichsgründung in doppelter Hin- 
sicht wichtigen Abschnitt geführt worden: der Verkündigung der Verfassfung des Nord- 
deutschen Bundes und dem Abschluß der neuen Sollvereinsverträge, die durch Sollbundes- 
rat und Sollparlament ein erstes organisches Band um Nord- und Süddeutschland 
schlangen. Im Interesse einer klaren und durchsichtigen Gruppierung des auch weiter in 
gewaltiger Fülle zuströmenden Materials wäre es erwünscht gewesen, wenn die beiden 
nunmehr noch für die Zeit bis zum Abschluß des Versailler und Srankfurter Sriedens im 
Jahre 1871 zur Verfügung stehenden Bände so bätten geteilt werden können, daß in dem 
ersten das Schrifttum der drei zwischen dem Juli 1867 und dem Kriegsausbruch im Juli 
1870 liegenden Jahre, in denen das Einigungswerk völlig zum Stillstand zu gelangen drohte, 
in dem zweiten aber das Schrifttum aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges zu- 
sammengefaßt wurde. Aber der Umfang des Bismarckischen Schrifttums, das auch in der 
Seit der scheinbaren Stockung der Einigung weder an äußerer Fülle noch an innerer 
Bedeutung nachläßt, machte diese Einteilung unmöglich. Es mußte ein erdbeblich früherer 
Schnittpunkt gesucht werden. Als der geeignetste ergab sich der 22. Februar 1869. 
Vicht daß sich zu dieser Seit doch ein innerer Sortschritt in dem deutschen Einigungswerk 
berausgestellt hätte. Aber Bismarck konnte damals in dem großen und verschlungenen 
Spiel den europäischen Diplomatie, das seine Gegenspieler, Aapoleon III. und Beugt, 
mit allen Künsten und Listen so zu wenden suchten, daß jeder Sortschritt der deutschen 
gen, jeder Schritt zu einem gesamtdeutschen NReiche vereitelt werde, 
Sin Erfolge verzeichnen; mit dem friedlichen Ausgang der von Bismarck selbst angereg= 
ten Pariser Konferen; am 18. JSebruar 1869 durfte er wenigstens die wiederholt auf- 
getauchte Gefahr als beseitigt ansehen, daß Preußen von der orientalischen Frage her, am 
unrechten Ort und m unrechter Seit, in einen Krieg verwickelt wurde, aus dem sicherlich 
nicht die deutsche Einheit bervorgehen konnte. Wenige Tage päter, am 22. Februar, Jah 
sich Bismarck veranlaßt, dem Könige Wilbelm ein eindrucksvolles Schriftstück zu unter- 
breiten, das, die Sorm eines Abschiedsgesuches annehmend, eigentlich doch nur den Zweck 
verfolgte und erreichte, innere und perjfönliche Schwierigkeiten, die sich zwischen ihm und 
dem Wonarchen gehäuft hatten, aus dem Wege zu räumen. Indem der König sich weigerte, 
in eine Crennung von seinem großen Staatsmann ju willigen, vielmebr ihn durch fein 
„Viemals“ in der Stellung neu befestigte, von der allein aus beider großes Ziel, Deutsch-
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        xX 
lands Einigung, erreicht werden konnte, hat der 22. Februar auch für das Einigungswerk 
Jelbst eine nicht geringe Bedeutung erlangt. 
Aus dem Zeitabschnitt vom 22. Juli 1867 bis zum 22. Februar 1869, den unser neuer 
Band umfaßt, waren bisber verhältnismähig nur wenige Schriftstücke Bismarckscher 
Provenien; bekannt geworden. In den älteren Veröffentlichungen Poschingers finden 
sich deren nicht viel mehr als ein Dutzend vor. Bereinzelte neue Dokumente tauchten dann 
in dem Bismarck-Jahrbuch, im „Anhang zu den Gedanken und Erinnerungen“ und in Keu- 
dells und Bernhardis Erinnerungen auf. Zu diesen seit Gahrzehnten vorliegenden Schrift- 
stücken haben sich kürzlich eine größere Gahl neuer in den Veröffentlichungen von Platzboff- 
Abeindorf-Tiedge, H. Oucken, H. Michael usw. gesellt. Sie betreffen aber im wesentlichen 
nur die große europäische Politik, insbesondere das Verhältnis Preußens zu Srankreich, 
Oesterreich, Rußland und England, von deutschen Sragen im Grunde nur die Nordschles- 
wigsche. Auf das Ganze des Bismarckschen Schrifttums geseben, stellen die bisher ver- 
öffentlichten Dosrumente nur einen kleinen Bruchteil dar. Von den insgesamt 501 Schrift- 
stücken, die unser Band enthält, waren bis beute rund 44% dem Wortlaut und gröhten-- 
teils auch dem Inhalt nach unbekannt. Das Berhältnis der unbekannten zu den bekann- 
ten Materialien, das sich in den vorausgebenden Bänden der Politischen Schriften auf 
etwa 4: 1 stellte, schnellt nun mit einemmal auf mehr als 3:1 empor. So erschließt der 
vorliegende Band der bistorischen Sorschung in einem Maße ANeuland, wie es keinem 
leiner Vorgänger beschieden war. 
Um aus all dem Neuen, das unser Band bringt, das Wichtigste berauszmbeben, so 
seien zunächst die zahlreichen Schriftstückee erwähnt, die die endgültige Cinordnung der im 
Kriege von 1866 erworbenen Provinzen in den preußischen Staatsorganismus betreffen. 
Sie sind in besonderer Ausführlichkeit mitgeteilt, gewähren sie uns doch tiefe Einblicke 
in das reiwollste Droblem der Bismarckschen Entwicklung, seine Wandlung vom preußi- 
schen zum deutschen Staatsmann. Von Anfang an hat Bismarck es weit von sich ge- 
wiesen, in den neuen Prooinzen einfach das preußische Wesen einzuführen, worauf es 
die anderen, in bürokratisch--zentralistischen Tendenzen verharrenden Minister abgeseben 
hatten. Ihm war es Ernst mit dem Wunsch, „Uniformität zu vermeiden und durch Be- 
wahrung der Eigentümlichkkeit gerade den Beweis zu liefern, daß Preußen alle deutschen 
Individualitäten in sich aufnehmen kann, ohne sie aufzuheben“. Bismarck gedachte den 
neuen Provinzen eine freiere und selbständigere Stellung einzuräumen, diese auch auf die 
älteren Landesteile auszudehnen und so das allzu starre Gefüge der preußischen Monarchie 
auf dem Wege einer großzügigen Dezentralisation aufzulockern, um in ganz Deutschland 
moralische Sroberungen zu machen. Diesen großen und verheißungsvollen Gedanken hat 
Bismarck freilich nicht in ganzer Ausdehnung durchzuführen vermocht. Schon in der 
Frage des hannoverschen Provinzialfonds trat ihm die schärffte Opposition der in Preuhen 
von je mahgebenden konservativen artei entgegen, die er für diesmal noch mit 
Hilfe des Königs zu überwinden vermochte. Auf die Dauer konnte Bismarck bei drohen- 
dem Widerstand der beiden Häuser des Landtages doch weder auf seine Ministerkollegen, 
über deren mangelnde Unterstützung er lich so oft beklagt hat, noch auf den König ganz 
fest rechnen. Das sollte sich im Herbst 1868 zeigen, als die Srage der Sanierung der 
preußischen und der Bundesfinanzen dringlich wurde. Auch jetzt wollte Bismarck, der die 
inneren Verhältnisse des preußischen Staatswesens wie des Aorddeutschen Bundes, nicht 
mletzt wegen ihrer Rüchewirkung auf Deutschland, in jeder Richtung m konsolidieren
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        XlI 
strebte, reinen Cisch machen. Die Minister aber, die den Konflikt mit den Parlamenten 
scheuten, verwarfen die prinzipielle Lösung, und der Monarch schloß sich ihren Voten an. 
In einem wundervollen Schreiben an den König vom 30. Oktober 1868 hat Bismarck ge- 
zeigt, daß er selbst in wichtigen Sragen, wenn nur nicht das große Siel, das ihm vor-- 
schwebte, gefährdet wurde, nachzugeben verstand. 
Im naben Konnex mit den reichen Materialien, die der Organisation der neuen preu- 
Hischen Provinzen und der Konsolidierung des Staatsganzen gelten, stehen die durchweg 
neuen Dokumente über die Abfindung der depossedierten Sürsten. Auch sie zeigen, wie sehr 
es Bismarck darauf ankam, „die Empfindungen, die in Deutschland und außerhalb Deutsch- 
lands in Europa durch die Aeuordnung der Dinge verletzt waren, nach Kräften zu ver- 
söbnen“. Vor allem ist die Vermög dersetzung mit dem in Hietzing im Ayul 
lebenden ehemaligen Könige von Hannover durch den Vertrag vom 22. September 1867 
in denkbar liberalster Weise durchgeführt worden. Wenn aber Bismarck erwartet 
batte, daß König Georg sich durch den Vertrag moralisch gebunden balten würde, seine 
bisherige preußenfeindliche Agitation, die ihren Ausdruckl vor allem in den Werbungen 
für die Welfenlegion gefunden hatte, einzustellen, so sollte er sich getäuscht sehen. Wie zum 
Trotz wählte König Georg gerade den Zeitpunkt, wo Bismarck mit dem vollen Einsatz 
seiner Perfönlichkeit die Annahme des Abfindungsvertrages im Landtage durchgesetzt 
hatte, aus, um die volle Unverföhnlichkeit seiner Gesinnung zu bekunden. Auch die Frage 
der Welfenlegion nahm eben damals dadurch einen drohenderen Charakter an, daß deren 
Mitglieder von Hietzing aus unter Zubilfenahme österreichischer Dässe nach Grankreich 
dirigiert wurden. Daß unter diesen Umständen die dem Könige Georg aus dem Vertrage 
vom 29. September 1867 zustehenden Einkünfte beschlagnahmt wurden, haben sogar die 
Leiter der österreichischen und der englischen Außenpolitik gerechtfertigt gefunden; ja, Beuft 
hat Bismarck geradezu auf diese Maßregel hingewiesen. Die Welfenlegion, die im Zu- 
sammenhang mit dem ohnebin schwierigen Verhältnis Preußens zu Grankreich und Oester- 
reich europäische Bedeutung erlangt hat, nimmt in dem Schrifttum dieses Bandes einen 
breiten Raum ein. Zum erstenmal bekommen wir auch einen näheren Einblick in die Ver- 
wendungen aus dem sogenannten Welfenfonds, über die bis auf den heutigen Tag soviel 
Fabeln im Umlauf gewesen lind. 
Eine geringere Rolle als man erwarten follte, spielen in dem Schrifttum unjseres 
Bandes die Beziehungen zu den Regierungen des Aorddeutschen Bundes, die sich haupt- 
sächlich wohl in den Verbandlungen des Bundesrats regulierten. Eine Ausnahme 
bildet nur das Verhältnis zu Sachsen, dem Bismarck mit gutem Grunde die gorg- 
samste Pflege angedeihen ließ. Bismarck hat einmal gesagt, daß er den Posten des 
Dresdener Gesandten für einen der schwierigsten und wichtigsten erachte, der ein hohes 
Mah von Takt und Bebutsamkeit erfordere. „Wir müssen dort bescheiden auftreten“, wies 
er den Gesandten v. Eichmann an. Vach diesem Vezept hat Bismarck ganz konjequent 
gehandelt. Auf alle jächsischen Wünsche hat er weitgebend Rücksicht genommen; den 
Natschlägen des Ministers v. Sriefen hat er eine fast liebevolle Beachtung geschenkt. Bor 
aller Welt wollte er so dokumentieren, welche angenehme und würdige Stellung der 
König von Sachsen und seine Regierung in einem Bundeswesen unter Preußens Aegide 
einnahmen. Aichts konnte in der Tat geeigneter sein, um den von Haus aus vorhandenen 
Widerwillen der beiden süddeutschen Könige gegen den Eintritt in den Bund zu über- 
winden.
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        XlII 
Ein besonderes Interesse werden in unserem Bande die vielen Schriftstücke finden, 
die die Gestaltung des Verhältnisses Süddeutschlands zu Aorddeutschland betreffen. Auch 
von diesen für die Geschichte der Reichsgr ündung überaus wichtigen Dokumenten war 
bisber so gut wie nichts an die Oeffentlichkeit gelangt; Schüßlers neuerliches Buch „Bis- 
marcks Kampf um Süddeutschland 1867“ greift ja nur wenig über dieses Jahr hinaus. 
Das neue Material führt uns noch um vieles tiefer in die unjäglichen Schwierigkeiten 
des Einigungswerkes ein, dem sich gerade auch von innen Hindernisse über Hindernisse ent- 
gegentürmten. Bismarck hatte, nachdem sein Bersuch, die nationale Hochstimmung in 
den Tagen der Luxemburger Krise zu einem raschen Vorantreiben der Einigung aus- 
zunutzen, ohne Erfolg geblieben war, sich auf ein langes Hinziehen des Einigungswerkes 
einstellen müssen. Seine oft ausgesprochene Maxime lautete nun: Vichts überstürzenl Hätte 
er dem wiederholten Drängen Badens auf einen isolierten Eintritt in den Norddeutschen 
Bund stattgegeben, so hätte das auf Bayern und Württemberg, in denen die partikularen 
Kräfte noch ganz das Uebergewicht hatten, eber eine abstoßende Wirkung ausgeübt, es hätte 
vielleicht auch vorzeitig einen Krieg mit dem sich immer stärker rüstenden Grankreich 
entfesselt, in dem jene kaum den casus foederis anerkannt haben würden. So galt es für 
Bismarck, Baden als Brücke zu dem ganzen Süden zu benutzen. In dieser Richtung hat er 
seine böchste Kunft eingesetzt. Die zahlreichen Crlasse an die preußischen Vertreter in 
München und Karlsrube, in denen Bismarchk auf die bayrische und die badische Regierung 
einzmoirken suchte, dort mabnend, anspornend, nach Bedarf auch warnend und selbst 
drohend, bier zügelnd und auf eine sichere Sukunft vertröstend, gehören in ihrer Gesamt- 
beit zu den schönsten und ergreifendsten Seugnissen Bismarckscher Staatsweisheit; ihre 
politische Bedeutung reicht in Gegenwart und SZukunft hinein. Der badischen Regierung 
hat Bismarck, als von baprifcher Seite, nicht ohne österreichische Anstiftung, der bedenk- 
liche Plan eines jsüddeutschen Sonderbundes aufgenommen wurde, sogar zugeredet, dar- 
auf einzugehen, vorausgesetzt, daß in ihn ein Parlament eingeschaltet werde. Von 
einem solchen süddeutschen Parlament setzte Bismarck voraus, daß es über kur; oder lang 
den Weg zu einer Verschmelzung mit dem norddeutschen AReichstag finden werde. Große 
Hoffnungen bat Bismarck anfänglich auch auf das Zusammenarbeiten norddeutscher und 
süddeutscher Abgeordneter im Sollparlament gerichtet. Freilich fielen die ersten Wahlen 
zum Sollparlament im Süden, insbesondere im Württembergischen, infolge des Gusammen- 
wirkens der klerikalen und der demokratischen Partei ganz unbefriedigend aus. Bismarck 
hat diese Enttäuschung nicht leicht verwunden; gegen den württembergischen Minister 
v. Varnbüler, der die klerikal-demokratische Dresse nicht im Zaum bielt, hat er, während 
er gegen den Sürsten Hohenlohe in München immer weitgehende Nachsicht übte, schweres 
Geschütz aufgefahren, ja sogar Gortschakow und Beust angerufen. Ganz besonders emp- 
findlich berührt wurde Bismarck durch den offen zutage tretenden Widerstand der kleri- 
kalen Kreise gegen die Einbeitsbestrebungen. Er war sich bewußt, auf die katholische 
Kirche immer weitgebende Rücksicht genommen zu haben. Auch unser Band weist über- 
zeugende Belege dafür auf; hingewiesen sei nur auf Bismarcks Schreiben an den MAinister 
des Innern Graf Culenburg vom 23. August und vom 17. September 1867, in denen er 
sich mit Entschiedenheit gegen die beantragte schärfere Handhabung der geletzlichen Be- 
stimmungen bezüglich der Aiederlassung ausländischer Jesuiten in der Provinjz Polen 
wandte. Auch in der römischen Grage, die durch Garibaldis Sug auf Rom und durch die 
militärische Intervention Aapoleons im Herbst 1867 in ein kritisches Stadium trat, hat
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        xin 
Bismarck eine für die Kurie durchaus wohlwollende Haltung bewahrt. Er glaubte sich 
unter diesen Umständen berechtigt, seinerseits eine Eĩnwirkung des Papstes auf die feind- 
selige Haltung der süddeutschen Klerikalen in Anspruch zu nehmen. Die Dokumente, die 
sich auf diese Cpisode beziehen, insbesondere der große Erlaß an den Gesandten in Rom 
v. Arnim vom 12. April 1868, find von bober Bedeutung auch und gerade für die inner- 
deutsche Entwicklung. Kein Zweifel, daß in der feindseligen Haltung der „ultramontanen 
Portei“ — eine Bezeichnung, die Bismarck selbst nur ungern anwenden wollte — inner- 
halb und außerbalb Deutschlands zu der deutschen Einbeitsbewegung, der gegenüber die 
Kurie pafsiv blieb, die ersten und tiefsten Wurzeln des zerstörenden Kulturkampfes liegen. 
Wie die römische Frage, so hängen auch die anderen großen europäischen Sragen 
der Jahre 1867 bis 1869, das zeigt unser Band aufs deutlichste, mehr oder minder mit 
dem deutschen Problem zusammen. Im Grunde hat sich damals doch die ganze europäische 
Politik um die Frage gedreht, ob die durch den Krieg von 1866 im Herjen Curopas 
geschaffene Teuordnung der Dinge ihre natürliche Auswirkung und Vollendung in der 
Einigung Sesamtdeutschlands mit oder ohne Kompensationen für die anderen Mächte 
finden solle, oder ob und wie diese ECntwicklung nicht nur aufgehalten, sondern möglichst 
mrückegeschraubt werden könne. Man weiß, daß der österreichische Reichskanjler Sreiherr 
v. Beuft, der es als sein eigentliches Siel betrachtete, den Einfluß des babsburgischen 
Kaiserstaates in Deutschland wiederher zustellen, und der franzölische Kaiser, der das Schei- 
tern seiner bisherigen Versuche, für den Aufstieg Preußens eine Kompenfation, und sei 
es auch nur durch das kleine Lunemburg davonzutragen, nicht verschmerzen konnte, sich seit 
der Salzburger Monarch kunft, Auguft 1867, immer enger in der Aichtung eines 
Bündnisses gegen Preußen msammenfanden. Daß dieses Bündnis irgendwann einmal zu 
einem Kriege gegen Preußen führen gollte, ergibt sich schon aus den umfassenden franzö- 
sischen und dann auch österreichischen Rüstungen. Einig im Endjziel, waren Beuft und 
Napoleon doch uneins über den Weg, der dahin führen sollte. Während dem öster- 
reichischen Reichskanzler von Anfang an der SGedanke vorschwebte, die Dinge von der 
orientalischen Seite her in GSluß zu bringen, aus der klaren Erkenntnis beraus, wie sehr 
es Bismarck auf diese Weise erschwert werde, m einer gesamtdeutschen Basis zu ge- 
langen, lag es für Rapoleon näher, den Kriegsgrund dort zu suchen, wo er wirklich für 
ihn lag, in der Gestaltung der deutschen Verhältnisse. Was ist in den geheimen Berhand- 
lungen zwischen Paris und Wien nicht alles in Betracht gezogen worden: bier eine öfter- 
reichische Invasion in Bosnien und der Herzegowina, eine Aufputschung der Türkei gegen 
das von einem Hobengollern beberrschte Rumänien, später gegen Griechenland, dort ein 
Eingreifen in die Aordschleswigsche oder die Süddeutsche Srage auf Grund der dehn- 
baren Bestimmungen des Prager Sriedens, eine europäische Garantie für eben diesen Frie- 
den in dem Sinne, wie ihn Beuft und Napoleon auffahten, ein europäischer Kongreß, der, 
ausgebend von der römischen Srage, vielleicht auch sonst AMöglichkeiten biete, um Dreußen 
einen Kappiaum anzulegen! Sogar die pau#ifistische Abrüstungsidee wurde von Beuft aufs 
Tapet gebracht, natürlich in einer Weise, die sich ganz gegen Preußen auswirken sollte. 
Diese wechselnden Pläne Beusts und Napoleons kannten wir ja schon, insbesondere 
aus Onckens großer Publikation über Napo leons Abeinpolitik. Aber das meisterhafte 
Gegenspiel Bismarcks enthüllt sich uns in seiner ganzen Feinheit erst in den neuen Mate- 
rialien unseres Bandes, der bier seinen eigentlichen Schwerpunkt findet. Bismarch 
fürchtete den Krieg an sich durchaus nicht, aber unter keinen Umständen wollte er den
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        XIV 
Krieg von der orientalischen Seite her, sondern allenfalls nur aus einer Richtung, die 
den VNorden und Süden Deutschlands zusammenführte. Er wollte auch einen solchen 
Krieg zunächst überhaupt nicht; erst sollten die Dinge in Deutschland, einerseits durch die 
Vollendung der inneren Konsolidierung Hreußens und des Norddeutschen Bundes, ande- 
rerseits durch eine fortschreitende Amalgamierung Aord- und Süddeutschlands soviel wie 
immer möglich reisen. In Beust hat Bismarck offenbar den gefährlicheren Gegner ge- 
Jehen, einmal wegen dessen orientalischer Hintergedanken, sodann wegen seines Einflusses in 
Süddeutschland, der sich besonders in Bagern geltend machte. Bismarck hat den Leiter 
der österreichischen Außenpolitikk lange hindurch für ein freundliches Verbältnis zu 
Preußen zu gewinnen gesucht; als er sich aber wieder und wieder aus Beufts Verhalten, 
aus den Indiskretionen der österreichischen Rotbücher, aus Beusts drohender Warnung 
vor einer Kompetenzüberschreitung des Sollparlaments, vor allem aus den fortgesetzten 
Wühlereien der Beusftschen Presse, über die wir viel Snteressantes, besonders aus Mit- 
teilungen Julius Sröbels an den preußischen Vertreter in êMünchen erfahren, von der 
Aussichtslosigkeit dieses Beginnens überzeugen mußte, hat er seinerseits eine förmliche 
Kampagne gegen ihn, auf diplomatischem Gebiet wie im Wege der Presse durchgeführt. 
Diese drastische „Erziehungsmethode“, die wesentlich bezweckte, einer künftigen Störung 
des guten, auch jetzt noch vorzugsweise von Bismarck erstrebten Einvernehmens vor- 
zubeugen, hat wirklich ihren Erfolg nicht ganz verfehlt. Einer ernstlichen Verwicklung 
in orientalische Händel hat Bismarck im Grühjahr 1868 durch seine Entente mit 
Rußland vorgebeugt, die eine gegenseitige preußisch-rufsische Rückendeckeung für den Sall 
eines Doppelangriffs von der österreichischen und der französischen Seite her vorsah. Daß 
Bismarck damals eine feste und förmliche Abmachung mit ARußland ablehnte, zeigt von 
neuem, wie unverrücket ihm das Siel der deutschen Cinigung vor Augen stand. Hat er sich 
durch die Entente mit Rußland neben der wohlwollenden rufsischen Neutralität auch die 
österreichische in einem mit Grankreich um die deutsche Einigung zu führenden Kampfe im 
voraus gesichert, so ist er gleichzeitig der Gefahr bewußt ausgewichen, um russischer Swecke 
willen die Herstellung der deutschen Einbeit auch nur zeitweilig aus den Augen setzen zu 
müssen. Platzhoff, der in seinem Aufsatz „Die Anfänge des Dreikaiserbundes“ zuerst die 
Aufmerkamkeit auf diese Dinge gelenkt bat, berückichtigt noch nicht ihren nahen Gu- 
sammenhang mit Bismarcks Einbeitsstreben; auch H. Michael, der in seinem sonst auf- 
schlußreichen Buche „Bismarck, England und Europa“ Bismarcks Haltung in dieser und 
in anderen europäischen Fragen untersfucht, übersieht, daß das eigentliche und tiefere 
Agens der Bismarc##schen olitik in der deutschen Frage lag. 
Ob Bismarck sich in dieser Zeit schon völlig im klaren darüber gewesen ist, daß das 
bohe Ziel der Einigung Deutschlands schließlich doch nur durch einen Krieg mit Frank- 
reich zu erreichen sein werde? In einem der vielen Erlasse an den preußischen Vertreter 
in Karlsruhe, in denen er zu Rutz und Srommen der badischen Aegierung sein Eindeits- 
programm immer wieder in erstaunlicher Offenheit und Aufrichtigkeit dargelegt hat, hat 
er gesogt: „Wenn ungeachtet freier Gustimmu ng Bayerns das Siel nicht ohne einen Konflikt 
mit Frankreich m erreichen ist, so müssen wir gefaht sein, denselben seinergeit m bestehen.“ 
Wir sehen hier noch einmal bestätigt: Bis marck wollte mnächst durch eine schonende 
Behondlung Baherns unter sorgfältiger Vermeidung alles dessen, was dort als ein Zwang 
empfunden werde und infolgedessen das Widerstreben noch steigern könne, die innere Ein- 
beit Deutschlands in dem Mahe vorbereiten, daß sich die äußere wie mit Naturnotwendig-
        <pb n="13" />
        XV 
keit von selbst ergab. Würde Srankreich auch dann noch der in sich einigen deutschen 
Nation ihr böchstes Aecht bestreiten oder verkümmern wollen, dann mochte es immerhin 
zu dem Kampf um die Vollendung der Einheit mit dem mißgünstigen Vachbar im Westen 
kommen. Bismarck hat sich auch wohl die Ir age vorgelegt, ob sich nicht durch die Herbei- 
fübrung des Krieges, zu der sich bei der französischen Haltung in der Vordschleswigschen 
und der süddeutschen Srage, vor allem bei der permanenten Gefahr der franzölischen 
Müstungen, die in Süddeutschland immer wieder Besorgnisse bervorrief, stets leicht ein 
Anlaß finden konnte, der Prozeß des baurischen Widerstrebens abkkürzen lasse. In einem 
anderen der nach Karlsruhe gerichteten Erlasse heißt es darüber: „Auf einen Schlag eine 
bomogene Sestaltung Deutschlands zu erreichen, ist nur möglich im Sall eines Krieges.“ 
Aber Bismarck betont in diesem Zusammendange ausdrücklich, daß er einen solchen Krieg 
nicht berbeiführen wolle, sondern es vorjiehe, die Entwicklung zur deutschen Einheit sich 
langsamer, in einem oder mehreren Uebergangsstadien von innen aus vollziehen zu lassen: 
„Diese abzukürzen, kann viel geschehen, wenn man sich die Mühe nicht verdrießen läßt, 
jedes einzelne brauchbare Element festzuhalten und unserem letzten Swecke dienstbar m 
machen.“ 
Daß das friedliche, den Krieg mit Grankreich noch weit von sich weisende Einigungs- 
programm wirkrlich Bismarcks aufrichtige Willensmeinung vorstellt, wird durch sein tat- 
sächliches Verhalten gegen die französische Regierung erwiesen. Er bat keinen der jahl- 
reichen Anlässe zu einer Verschärfung der preußisch-französischen Beziehungen, die die 
napoleonische Regierung gab, ausgenützt. Im Gegenteil ist Bismarcks Haltung dem fran- 
3ösischen Kaiser gegenüber immer eine bemerkenswert nachsichtige, um nicht m sagen, 
freundliche geblieben. In der römischen Srage freilich, die für Preußen ihre ganz be- 
sonderen Schwierigkeiten bot, und die nach Lage der Dinge auch auf dem von Vapoleon 
nicht ohne Hintergedanken gewünschten Kongresse befriedigend nicht gelöst werden konnte, 
hat er sich stark mrückegehalten, immer jedoch befstritten, daß dies aus unfreundlicher GSe- 
sinnung geschehe. Dafür hat Bismarck bei der von ihm vorgeschlagenen Pariser Konferen; 
in der griechisch-türkischen Srage dem Presti gebedürfnis Napoleons weitgehend Rechnung 
getragen und überhaupt sein Möglichstes getan, um Napoleon für den Gedanken eines ge- 
meinsamen, auch für Srankreich fruchtbringenden Handelns beider Regierungen zu ge- 
winnen. Den provozierenden Kriegsrüstungen Frankreichs gegenüber, die in London und 
Petersburg den Eindruck hervorriefen, daß NMapoleon sich mit der Absicht eines plötzlichen 
Ueberfalls auf Preußen trage, hat Bismarck eine erstaunliche Gelassenheit zur Schau 
getragen; ja, er hat in einem kritischen Moment, wo ganz Paris von Kriegslärm wider- 
ballte, eine Reduktion der preußischen Truppen ins Werk gesetzt. Die besonderen Schwie- 
rigkeiten der Stellung Napoleons bat Bismarck stets gewürdigt. Fast gewinnt man den 
Eindruck, daß er diesem immer noch ein perfönliches Wohlwollen bewahrt habe, das sich 
freilich mit dem Bewußtsein innerer Ueberlegenbeit paarte. Hätte Napoleon sich ent- 
schließen können, der Vollendung der deutschen Sinbeit als einer bistorischen Rotwendig- 
keit freien Lauf zu lassen, wie es Benedetti ihm in seiner großen Denkschrift vom 5. Januar 
18368 nabegelegt hat, so wäre es sicherlich nie zum deutsch-französischen Kriege gekommen. 
Man versteht freilich, daß Rapoleon, der nach den Mißerfolgen leiner Politik in und feit 
1866 nichts mehr als den Vorwurf m fürchten batte, daß er im buchstäblichen Sinne des 
Wortes pour le Roi de Prusse arbeite, nicht auch noch der Geburtsbelfer des deutschen 
Kaslertums werden wollte und konnte. Woustiers Antwort auf Benedettis Matschlag:
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        XVI 
„Wir balten es nicht für notwendig, in der deutschen Srage dem Berliner Kabinett 
weiter als bisber entgegenzukommen“, eine Antwort, die in Wahrheit besagte, daß man 
auch fernerhin auf der Linie des Widerstandes gegen die Einigung Deutschlands beharren 
müsse, ist der eigentliche Schlüssel für die SEntstehung des deutsch-französischen Krieges. 
Daran läßt schon das Schrifttum dieses unseres Bandes kaum noch einen SZweifel. 
Diese Andeutungen mögen hinreichen, um dem Leser einen Begriff von der Bedeu- 
tung des Bismarckschen Schrifttums auch in einer Periode zu geben, die bisber als eine 
Seit des Stillstandes innerhalb des großen Werkes der Aeichsgründung angesehen und von 
der Seschichtsschreibumg nur wenig behandelt worden ist. Ueber die Bismarcksche Ge- 
samtleistung in diesem Zeitraum wird sich abschließend ja erst urteilen lassen, wenn auch 
für die weitere Seit bis zum Ausbruch des deutsch-französischen Krieges sein Schrifttum im 
vollen Ausmaß vorliegt. Aber heute schon läßt sich sagen, daß gerade nach den überwäl- 
tigenden Waffenerfolgen des Jahres 1866 Bismarcks Einhalten auf dem Wege von Blut 
und Eisen und sein ernster Versuch, innerhalb Curopas und innerhalb Deutschlands selbst 
die verletzten Empfindungen nach Möglichkeit zu versöhnen und die Einigung Deutschlonds 
im friedlichen Sinne ohne Neuaufrührung von Empfindlichkeiten zu vollenden, höchste Be- 
wunderung verdient. Weil das Schrifttum dieses Bandes uns fo tief bineinführt in den 
Ernst und die Aufrichtigkeit seines Friedenswillens, gerade dort, wo man glaubte, schon 
eine innere Hinwendung zu neuem Krieg zu spüren, darf es * und nachhbaltigster 
Wirkung gewiß sein. 
Berlin, den 15. April 1030. 
Griedrich Chimme.
        <pb n="15" />
        825. Randbemerkungen zu einer Aufzeichnung 
des Unterstaatssekretärs von Thile. 
lEigenhändig. 
Unmittelbar nachdem Bismarck durch Erlaß vom J. Juli 1667 zmm Kangler des Aord- 
deutschen Bundes ernannt worden war, erreichten ihn in Varzin, wohin er sich am 22. Juni 
zur Erholung begeben hatte, Aachrichten, die erkennen ließen, dahb die franzölische Regierung, 
die das völlige Scheitern ihrer aus der preußischen Machtoermehrung im Kriege 1866 ab- 
geleiteten Kompensationsforderungen nicht zu verschmerzen vermochte, aus der angeblichen Ver- 
letzung gewisser unter dem ihrer Intervention zustande gekommenen Bestimmungen des 
Prager Sriedens durch reußen anleß, zu einer neuen zunächst diplomatischen Offensive 
entnehmen zu wollen schien. Bei den beftigen ⅜ zmit denen der französische Minister 
des vhern Marguis, dʒ Moustier am 28. uni (ogl. Bd. VI, Ar. 823, Vorbemerkung) den 
Botschafter Grofen Goltz wegen der Nichtaus *9 des Artite is V und wegen der 
dem Lester IV sen dr 2. Lolt Abschlüsse d ichtauslt und Trutzbündnisse und der Sollvereins- 
verträge mit den jüddeutschen Staaten UBerschüttete, hatte er schon angedeutet, daß die fran- 
sölische Regierung von der Theorie zur Aktion übergeben werde. Totächlich hatte Mouftier 
schon tags zuvor in der deutschen Srage eine Aktion eingeleitet, i er die lkeösischen 
Vertreter in Karlsrube, Stuttgart und München in einem Erlaß Uege Pe rr dielelr gin 
Diplomatiques de la Guerre de 18670—1671, XVII, 330 f.) anwies, bei den süddeutschen 
Gegierungen. nachdrückliche Vorstellungen zu erheben en. Die „impertinente Einmischung“ gelangte 
(ogl. H. Oncken, Die Abeinpoli#tik Kaiser Aapoleons III., II. 438, Anm. 2, 443, Anm.) alsbald 
* Berlin zur Kenntnis Bismarcks, der auch während des Varziner. Aujenthalts hurch „täg- 
liche Depeschenüberschwemmung“ von allen wichtigen, vu Jeinem großen Unmut (ogl. den 
Frau v. Bismarcks an R. v. Keudell vom 23. Juli, R. w. Keudell, Sürft und Fürstin zbismarde: 
S. 375) manchmal auch von weniger wichtigen Angelegenpeiten Mittteilung erbielt und in zahl- 
reichen, meist nicht m den Akten gelangten Briefen an Thile und Keudell (siehe diejelden bei 
G. v. Diest, Aus dem Leben eines Slücklichen, 557 R. o. Keudell, 2 a. O., 360 ff.) seine 
Direktiven gab. In der füddeutschen Frage, wo 47 Bismarck nach d en Erfahrun en der 
Luxemburger Krise des Rückhalts der ganzen Vation sicher wußte, brauchte er sich um Jo 
weniger Zwang aufmerlegen, als er aus einem Erlah des Sürsten Sortschakow an den russüschen 
Botschafter in Daris Baron Budberg vom 25. Juni (siehe dessen : Les Origines 
Diplomatiques, XVII, 311 ss.) erleh beß 49 russische NRegierung keineswegs gewillt war, bier 
der französischen zu sexundieren. So gab Bismarck am 19. Juli in einem Briefe an Thile die 
Weisung aus: „Die französischen Schritte in Baden und voraussichtlich in Süddeutschland über- 
baupt sind sehr nützlich in der Presse zu verwerten; soweit Badens Justimmung m erlangen ist. 
Konkret im Detail; sonst jedenfalls mit der allgemeinen, aber in eindrücklicher Sorm in Kurs 
gesetzten Wutteilung, daß Grankreich das Sollparlament den Deutschen unter Drohungen ver- 
bietet.“ Bgl. auch die weitere Direktive vom 29. Juli, G. v. Diest a. a. O., S. 563. In der 
deutschen 2 unterbrach denn auch die französische Regi Fbtuans ibre Mrion wieder, um sich 
mnöchst dorüber mit der österreichischen zu verständigen. afür schob sie jetzt die Aordschles- 
wissche Sroge in den Vordergrund, in der sie eher boffen konnte, vor allem bei Auhland Deckung 
in 
au sind Veonntuich bettel sich Bismarck —— Bd. VI, Ar. 383 Anm. 2) bei den mit der dänischen 
Negierung im Mai 7 über die Durchfübrung des Artikels V begonnenen Verhandlungen 
auf den Standpunkt P#eheell daß vor einer — der no schlegieschen Beoölkerung 
dönische Garantien dafür gegeben werden mühten, daß die deutschen Einwohner etwa ab- 
VIa
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        Neue Einmischung Frankreichs in Nordschleswigsche Grage. 
zutretender Bejirke nicht öhnliche Bedrückungen erleiden würden wie in den Fabrehaen vor 
dem Kriege 1664. In einer Note vom 18. Juni (siehe deren Text in: Bismarck und die Vor 
schleswigsche Srage 1864 bis 1870, S. 178 ff.) war die dänische Regierung in aller derm vor 
die Frage gestellt worden, ob sie imstande mu sein glaube, „Einrichtungen u treffen und Maß- 
regeln in Aussicht zu stellen, welche für den Schutz und die Sicherung der nationalen Eigen- 
tümlichkeiten der in den etwa abgetretenen Gebietsteilen einen oder in Gemeinden wohnenden 
Deutschen bestimmte Bürgschaften geben würden“. Die dänische Aegierung, die begreiflicher- 
weise die Sorderung von Garantien unannehmbar fand, hatte sich nun an die Höfe von 
Petersburg, Doris, Wien und London mit der Bitte um 1nterstüchung gewandt (ogl. dazu: 
Aage Prüs. Det Nordslesvigske Sperssmaal. 1864 -1879, I, 4% ff.) und auch erreicht, daß 
Fürst Gortschakow, der schon am Juni auf der Rückreise von Paris mit Vismarrt eine 
eingebende Aussprache über die Trnha3 Irage gebobt= hatte, sich neuerdings am 
9. /22. Juli mit einem Briefe (siehe dessen Text in: Bismarcke und die Nordschleswigsche Srage, 
B7 168 ff.) wandte, der, ohne auf die preuhische Garantieforderung einzugeben, möglichstes Ent- 
gegenkommen gegen Dänemarte erbat. Marquis Moustier, dagegen richtete am 11. cricht 
am 13.) einen doch wohl zur Aitteilung belinsmen. Crlaß (siebe dessen Text in: Les Origines 
Diplomatiques, XVII, 396 ff.), in dem die preuhische Vote vom 18. Juni einer scharfen Kritik 
unterfogen wurde, an den franzölischen Geschäftströger in VBerlin Lefebore de Béhaine. Dieser 
fragte jedenfalls Chile in einer Unterredung vom 16. Juli, ob er die Vorlesung des Erlasses 
wünsche, begnügte sich dann jedoch, zunächst nur einige Stellen aus dem Erlaß vormlesen. Am 
21. erschien Lefabore de Béhaine von neuem bei Thile, den er nunmehr bat, von dem ganzen 
Inhalt des Erlasses Kenntnis zu nehmen. Thile legte VBismarck darüber zwei Aufsjeichnungen 
vor, deren erste (siebe deren Text in: Bismarch und die NTordschleswigsche Srage, a. a. O. S. 193 ff.) 
es in Srage Kellte, ob überhaupt auf die von der französischen Regierung amtlich angeregte 
Diskussion einmgeben sei. Auf diese Anfrage gab Bismarcke am 19. Juli die PDarole aus: „Mit 
Leseore würde 
Ihnen raten, sich nur einzulassen, wenn er amtliche Mitteilungen macht, diese 
schriftlich zuu erbitten und durch Goltz zu beantworten.“ Am 21. fügte Bismarck nach: „Der 
Lestbore'sche Schritt FT in die Presse, nachdem er die Depesche gezeigt bat. Zunächst an 
letzteres anknüpfend,, r zeige eine Depesche, die er vorgelesen ju haben bebaupte“; man muß 
ibn nicht mit Samt enreee Visber finde ich nicht, daß die framössschen Einmischungsgelüste 
in deutsche Sachen in der Presle scharf genug demn iert werden. Ich halte das unbedingt 
für nötig, trotz Rouhers Driltantee# Gu der weiten # vsteichnung Tbiles, die erst tags darauf 
NRandbemerkungen. 
niemals hat die Prleußische) Reg 
lierung) das anerkannt, ulnd wenn es 
wäre, so würde dadurch Frankreich nicht 
berechtigt, sich in die Ausführung in der 
Beile wie hier einzumischen. England, 
Außind. Italien würden genau dasselbe 
t Recht dau haben, ulnd] nach ihrer Hal- 
ungen 
Berlin, den 21. Juli 1867. 
Aufszeichnung. 
Der Kaiserlich Sranzösische Geschäftsträger, 
welcher vor einigen Tagen mir einzelne Stellen 
einer Depesche des Marquis de Moustier vor- 
gelesen hatte, die sich auf die im Prager FSrieden 
vorgesebene Retrozession eines Teiles von Aord- 
schleswig an Dänemark bezieht, besuchte mich 
heute abermals und bat mich, von dem ganzen 
Inhalt jenes Schriftstückees Kenntnis zu nehmen. 
Die Depesche, datiert vom 13. d. M., beginnt 
mit der Bemerkung, daß Grankreich der frag- 
lichen Angelegenbeit ein lebhaftes Interesse m- 
wende, daß die preußische Regierung, wie sie 
selbst wiederholt anerkannt (jamais méconnu), 
dabei Frankreich gegenüber gewisse moralische 
Verpflichtungen (engagements moraux)" habe, 
und daß das Kaiserliche Kabinett von diesem 
Gesichtspunkt aus, den Inhalt der veröffent- 
lichten preußischen Rote vom 18. Juni gorgfältig 
4 „: Im . Text findet sich jwischen den Zeilen die Bemerkung Bismarcks: „garnichtl“
        <pb n="17" />
        Abweisung jeder Sinmischung durch Bismarck. 3 
tung in der Londoner Conferenz ((I816), 
erstre in böherem Maße. Srankreichs 
drobende Intervention hat uns veran- 
laßt, im August v. J. die innern deut- 
schen Händel schnell zu beseitigen, aber 
ein Recht der Einmischung in die 
Ausführung unfrer Stipulationen mit 
Oestreich ist Srankreich dadurch nicht er- 
wachsen. Der Prager SFrieden ist ohne 
Frankreich geschlossen. Alle dänischen 
Nohbeiten gegen Deutsche (cionskler! 
Maeitung, Dienstag, Correfsplondenz] vom 
20. c.) legen uns die Pflicht auf, die 
Deutschen zu schützen. 
Das gebt Grankreich garnichts an, 
nur Vorwand für Händel, die zu finden 
sein werden. Wir haben unfre versöhn-- 
liche Gesinnung bei Luxemburg bis an 
die Gränje des Möglichen bethätigt, 
wenn das nicht bilft, so wird man 
Deutschland bereit finden, jede Ein- 
mischung zurück uweifen. 
babe prüfen müssen-. Folgendes sei das Resultat 
dieser Prüfung: 
Die stipulierte Retrozession eines Ceiles von 
MTordschleswig sei ohne jede Reserve in dem be- 
treffenden Artikel des Prager Sriedens aus- 
gesprochen, mithin kein Akt de pure libéralité 
von preußischer Seite. Das in der Note vom 
18. Juni aufgestellte Verlangen nach SGarantien 
für die deutsche Bevölkerung in den abzutreten- 
den Landesteilen unterliege daher ernstlichen Be- 
denken (Sérieuses objections), da es ein fort- 
dauerndes Einmischungsrecht (droit régulier 
dintervention) in die innern Angelegenheiten 
Dänemarks für Preußen involviere und somit 
der Keim für neue Weiterungen (germe de 
nouvelles difficultes) zwischen beiden Staaten 
werden müsse. Selbst wenn man Dänemark gleiche 
Rechte hinsichtlich der dänischen Bevölkerung 
auf preußischem Gebiete einräumen wollte, würde 
dies noch keine wahre Rejiprozität ergeben, viel- 
mehr bei der Ungleichheit der Sahlenverbältnisse 
Keine „Parité dans la situation“ erzielt werden, 
Preußen würde vielmehr gewissermaßen mit der 
einen Hand zurücknehmen, was es mit der andern 
gebe (retirer dune main ce quelle offre de 
autre). 
Die Depesche fügt hinzu, daß Graf Bismarck 
die versöhnlichen Gesinnungen Frankreichs auch 
in dieser Angelegenbeit zu oft und zu ausdrück- 
lich anerkannt habe, als daß er diese Gesinnung 
des Kaiserlichen Kabinetts auch bei dieser 
Gelegenbeit verkennen bönnte. 
Bismarck und die Nordschleswigsche Srage 1864 bis 1879, S. 201. 
* 826. Schrelben Bismarcks an den Unterstaatssekretär von Thlle. 
(Ablchrift. 
Ausug] 
2 Im Text findet sich wischen den Zeilen die Bemerkung Bismarcks: „gebt sie nich ts anl“ 
1
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        4 Die Veröffentlichung von Wertbers Ungarndepesche. 
Tur Geschichte der „Stoß ins Herz“-Depesche des Grafen Usedom, S. 107 ff.), donn, mut- 
mahlich doch unter österreichischer iitwirkung, was allerdings Beust binterder in Abrede stellte, 
in den Besitz der französischen Seitung „La zette de France gelangt, die ihn veröffentlichte. 
Aus ibr ging der Bericht (liebe dessen elentlichen Inhalt in: —“e Curopäischer Geschichts- 
kolender, Ig. 1867, S. 1 6 f.) in die „Wiener Freie Presse“ vom 11. Juli über. Vaturgemãß 
erregte die Veröffentlichung in Wien größte PSensation; W* lsoll sie nach Beust einen 
„tiefen und sehr betrübenden Eindruck" auf Kaiser Fron; Joseph bervorgebracht baben. Srei- 
berr d. Werither belorgte logar, daß infolge der Veröffentlichung seine Stellung undaltbar 
werden möchte. Ein von ihm erbetenes, von v. Thile aufgesetztes Dementi im „Staatsanzeiger“, 
das insofern nicht ganz unberechtigt war, als bei der ÜUbersetzung des Wertderschen Berichts 
ins Frankösische und der Rückübersetzung ins Deutsche der ursprüngliche Wortlaut nicht gam 
intakt geblieben war, und eine darauf erfolgende entgegenkommende Erklärung der öfter- 
reichischen Regierung in der „Wiener Abendzeitung“ vom 18. Juli schafften den Iwischenfall 
bterlich aus der Welt, doch hinterließ er auf beiden Seiten eine lange nachwirkende Ver- 
timmung. 
Varzin, den 25. Juli 1807. 
Ich finde, Wertbher nimmt die Depeschengeschichte aus seinem Standpunkte m tragisch. 
Sein Bericht ist ganz objektiv gehalten, und er müßte nur Beufts Sälschung der Sachlage, 
als ob daraus feindliche Intentionen Preußens hervorgingen, viel energischer als geschehn, 
nrüchkeweisen und Empfindlichkeit über folche Insinuation an den Tag legen. Er sollte ihn 
doch auf die notorische und eingestandene Haltung Metternichs verweisen, die entsprechende 
Gegenintrigen von uns vollkommen rechtfertigen würde. Bon Abberufen kann meines Er- 
achtens keine Rede sein, er hat ja nur genau und schonend für Osterreich getan, was sein 
Dienst mit sich brachte, d. h. die Wahrheit berichtet. Jedenfalls aber wünfche ich zu 
wissen, wer der „Dezernent“ ist. Über den Tatbestand bin ich nicht zweifelhaft, die fran- 
zösische Regierung hat ÜUbersetzung an das Blatt und den deutschen Originaltext an 
Metternich mitgeteilt, der die Quelle ist, auf die Beuft sich später bezog. Es gebört großer 
Glaube an Grankreichs Redlichkeit dazu, um nicht m erkennen, daß Grankreich viel mehr 
Unteresse daran hat, uns mit Osterreich zu entzweien, als nachteilige Ansichten über 
ungarische Stimmungen zu verheimlichen. 
822. Telegramm an das Ministerlum der auswärtigen Angelegenhesten. 
[Entrifferung.) 
Am 20. Juli hatte der dänische Hesendte in Berlin Baron Quaade die dänische Antwort 
x die preußische Note vom 18. Juni wegen der Garantieforderungen eingereicht (liche deren 
ext in: Bismarck und — Vordschleswiasche Srage 1864 bis 1879, S. 1097 ff.). Sie war weit- 
gebend durch den Marquis Moustier beeinflußt, der der dänischen Te ierung (ogl. den Bericht 
des dänischen Gesandten in Daris Mol c. Heitfeldt vom 5. itr Aage Priis, Det 
Nordslesvigske Sporgsmaal, I, 713 ff.) geraten batte, die Sache hinzutiehen, um den Kabinetten 
von Paris, London, Petersburg und Wien Zeit m lassen, sich in der eilemielder Ira 
mu einer Entente gegen Preußen jusammenzuschließen. Demgemäh wiederholte die dänische 
Aegierung in der Note vom 20. Juli zwar ihre Einwände gegen die preußische Garantie- 
sorderung, erbot sich aber u mündlichen Verhandlungen darüber. Bismarck, der durchfühlte, 
daß die —"?) Meglerunn treibend binter der dänischen stand, schrieb am 22. Juli an Tbile 
(G. o. Diest, Aus dem Leben eines Slücklichen. 5 . 562): „Die Antwort an Dänemark hat Zeit. 
Mit Frankreich mülsen wir in der Sache scharf ablehnen, Schriftliches, Jur Veröffentlichung 
Geeignetes verlangen, bevor wir uns auf Antwort einlassen; die Sache muß in gläsernem Hause 
verhandelt werden; wir mülsen= auf nichts antworten, wos nicht in unserem blue book figuriert, 
und die Horlememte in jeden aritt hineimiehen, alles carte sur table; die dänische Antwort 
gelegentlich veröffentlichen, 4q schicke sie mit Randglossen mrückt. „Le Nord Du Slesvig“ ist 
eine Sälschung der Frage. Die Teichstagswahlen haben auf die Frage gar keinen Bejug. Dies 
einstweilen für die Presse. Rüstungen in Slotte und Düppel mülsen etwas ofstentiös betrieben
        <pb n="19" />
        Grankreichs Aückzug in der Nordschleswigschen Frage. 5 
werden. Ju mündlichen Verhandlungen sind wir natürlich bereit, wegen der Garantien; den 
Umfang der Session werden wir einjeitig bestimmen.“ Als Bismarck dann am 26. Juli den 
Brief Gortschakows vom 3 erhielt, der ihm ein Einlenken in der Nordschleswigschen Frage 
nahelegte, erkannte er die otwendigkeit, diese Srage etwas behutsamer in der Öffentlichkeit 
anzufassen und in der Presse den Akzent auf das „jüddeutsche Attentat“ zu legen. 
Schlawe, den 28. Juli 1867. 
In Presse gollte das süddeutsche Attentat der Franzosen mehr hervorgehoben werden 
als das dänische, und in betreff des letzteren, daß französische Einmischung uns beabsichtigte 
Erfüllung des Artikels s absichtlich erschwere. 
Bismarck und die Nordschleswigsche Srage 1864 bis 1879, 5. 204. 
828. Telegramm an das Mintsterlum der auswärtigen Angelegenhelten. 
[Entjifferung.] 
eine solche doch weder übergeben noch vorgelesen sei. Tatsächlich hatte Lefsbore am 16. nur 
ni lu aucune note au Cabinet de Berlin, ni sur les affaires de Slesvig, ni sur aucune 
autre auestion.“ In dem Verhalten Moustiers trat die ganze Schwäche der franzölischen 
Dosition zutage. Erst hatte man im Vertrauen vielleicht auf die auch nach der Beilegung der 
Luxemburger Krise fortgesetzten Rüstungen geglaubt, in der Nordschleswigschen Sache Trumpf 
ausspielen zu können; dann aber, als man sah, daß Bismarck sehr bereit war, das Spiel m 
dem Zwerk aufnmehmen, um den furor teutonicus neu zu entfachen (ogl. auch den Bericht des 
österreichischen Botschafters in Daris Fürst Metternich vom 1. August, H. Oucken, Die Rbein- 
politik Kaiser Rapoleons III. 446 f.), mon · 
demfraazölilchenVekholtea schließen, daß „das französische Kabinett, von wahrhaft friedlichen 
d 
der Effekt, den lein neuester Schritt auf die Stimmung in Deutschland bervorgebracht hat, sehr 
ungelegen kommt"“. 
Schlawe, den 30. Juli 1867. 
Einverstanden mit Eurer Exsellenz Auffassungen, gebe anbeim, dem Grafen Goltz 
mitzuteilen, im „Staatsanzeiger“ könne höchstens wirklicher Sachverhalt erscheinen, nämlich 
daß nicht Vorlesung, sondern auf Lefebores Wunsch Lesung stattgefunden bat. Dieser 
Unterschied würde vor Publikkum den „Moniteur" nicht vom Vorwurf der Unwahrhaftig- 
keit befreien. Das Verletzende für uns liege nicht in der Form der Mitteilung, sondern 
darin, daß Frankreich überhaupt so bald nach Luxemburg einen offenbor mit Dänemark 
2X Nöbere Anweisung gab in dieser Aichtung ein Brief an Tbile vom 29. Jull. G. o. Diest, Aus 
dem Leden eines Slücklichen, S. 563.
        <pb n="20" />
        6 Gortschakows Appell in der Dordschleswigschen Srage. 
verabredeten diplomatischen Geldzug gegen uns eröffne, den die reale Schwierigkeit der 
Frage zu einem für den Grieden gefährlichen mache. Weitere Einmischung derart würden 
wir nicht ertragen. Weitere Einwirkungen auf Presse in dänischer Sache für jetzt nicht 
erforderlich. 
Fr. Hähnsen, Ursprung und Seschichte des Artikels V des Drager Sriedens, II, 147. 
820. Aufzelchnung. 
(Tigenbändig, undatiert. 
(ogl. 
beoruen 2 * Wiesthe Gortschakowm vom 9. * e, he dessen Cext neblt zu Nand- 
emerkungen in: Bismarck und die Nordschle w*PW63, Sreg S. 188 ff.) erhalten, der unter 
ca. Ende Juli 1867. 
Wir schlossen Artlikel] 5 mit der heut unveränderten Absicht, ihn redlich auszuführen, 
warteten TAeichstag ab, um uns zu orientiren ulnd] öffentliche Meinung in Deutschland 
vorzubereiten, aufzuklären. Declamationen der därnlischl--schleswligschen) 2 Vertreter über- 
scholfen das Siel:, ebenso Agitationen in Mlord])-Schleswig selbst, Luxemburger Frage brachte 
Stillstand. Gleich nach Abschluß derselben Eröffnungen von uns in Kopenbagen, Ab- 
lehnung, neue schriftliche, Aussicht auf mündliche Berhandlung, zu der wir bereit sind. 
Garantien für Deutsche unentbehrlich angesichts der Behandlung Deutscher seit 1850 ulnd) 
jetzt erst! Beifpiele. Guter Wille der dänlischen) Reglierung) beberrscht nicht die demo- 
kratlischen) Leidenschaften. Wir können vor Deutschland Verantwortung für Schicksal 
der abgetretnen Deutschen nicht tragen, wenn wir nichts thun. Aur Dänelmarsk kann 
beurtheilen, welche Bürgschaften es nach seiner Bler]fassung ulnd] Volksstimmung zu 
geben vermag. Düppel haben wir nie in Aussicht gestellt seit 64; stets offen erklärt, 
daß wir es behalten würden. Dänen fordern zu viel in Rechnung auf Srankreich, dem wir 
weitre Concessionen nach Luxemburg, wie schon in Paris erklärt, nicht machen können. Der 
Trieb Frankreichs zum Kriege kommt nicht von Schleswig, welches der französlischen] 
Nation gleichgültig, er kommt von Mexiko, von der Mißachtung der Regirung im nnern, 
die seit 70 Jahren permanent. Das Sustem, dem Selbstgefühl der Franzosen auf Kosten 
andrer Völker durch kriegerische oder diplomatische Erfolge zu schmeicheln, ist erschöpft, seit 
der polnischen FSrage. Die Sestigkeit Rußlands brachte es zum Scheitern ulnd) dem Kaiser 
ulnd] seinem Kanzler die glänzende ulnd) populäre Stellung im ruslischen) Volke. So ist auch 
für uns nicht der gute Wille Srankreichs, sondern das deutsche National-Gefühl unsre 
Stütze. Grankreichs Einmischung erschwert die Sache, und thut das absichtlich, sucht Händel, 
um innrer Verlegenbeit zu entgehn, erst Luxlemburgl, sofort nach dessen Beilegung Schles- 
wig, was dann? Es interpellirt uns, indem es rüstets. Wir werden ihm nicht nachgebem 
1 Vol. dazu Bd. Ar. 745, Vorbemerkung. 
" * daju z4 Smt —–- hatten Bi 4 v icht; 
ttte er * s- sne ö 7 an' # — * We 2 v. Leie ulhen # n gafer WlBid 
71) mnächst einigerma 2 — ufgenommen. Zgi. waren immer neue Meldungen, be- 
— auch Über starke Pferdeankäufe eingelaufen.
        <pb n="21" />
        Bismarcks Antwort an Gortschakow. 7 
Was wir bei den bevorstehnden Verhandlungen concediren, werden wir dem von Sleinelr 
Mlojestät) boch geachteten Könige von Dänemark, den Wünschen des befreundeten Klailslerls 
Alexander concediren, für die französische Cinmischung sofort nach Luxemburg aber nur 
öhnliche Antworten haben wie Gortlschakowj in der polnischen Frage. Wir glauben uns um 
Europa wohl verdient zu machen, wenn wir gegenüber einer Macht, die allein in Europa 
zur Erhaltung der Mubhe in ihrem eignen Lande einer ununterbrochnen Bedrohung des Srie- 
dens andrer bedarf, jede weitre Concession versagen, nachdem wir bezüglich Luxlemburgsl 
unfre Sriedensliebe evident vor Curopa bethätigt haben. 
In den Verhandlungen mit Dänemark werden wir freundschaftllich) auftreten ulnd! 
so weit entgegenkommen, als unf#re Stellung zum deutschen Volke irgend gestattet. Ueber- 
triebne Sorderungen Dänemarks würden aber die Sache zum Scheitern bringen. 
Ir. Hähnsen, Ursprung und Geschichte des Artikels V des Prager Sriedens, II, 149 f. 
830. Schreiben an den russischen Vizekanzler 
Fürsten Gortschakow. 
[Reinkonjept.] 
Der Etwurf zu der Antwort auf den Appell, den Fürst Gortschakktom am 9./22. Juli in 
der Nordschleswigschen Srage an Bismarck Frichtet hatte, ist aul. Grund einer eigenhändigen 
Skine Bismarcks (ogl. Ar. 829) von dem Vortragenden Rat Tberemin aufgesetzt worden. 
Bismarck nahm an dem Entwurf sehr einschneidende Anderungen und Zusätze vor; auch an dem 
danach angesertigten Reinkonzept hat er noch stark gefeilt. Die Ausfertigung des Schreibens 
ms, wo Bismarck dem zur Kur weilenden Könige vom 4. bis 9. Auguft eingebend 
Vortrag über die auhen- und innenpolitischen Fragen bielt, datiert. 
Ems, le 7 aoüt 1867 
Mon cher Prince, 
J’ai recu le 26 Juillet la lettre que Vous m’'avez fait Phonneur de m’adresser 
sous la date du 9; je viens Vous en remercier sinceèrement, et je Saisis avec 
empressement T’occasion pour reprendre avec Vous l’échange d’idées, auquel je 
mets, Comme Vous le Savez, le plus grand prix. 
Ainsi aue Vous j'ai espéré, qduand nous nous sommes séparés à Paris, que 
les Concessions faites par la Prusse dans la duestion du Luxembourg auraient le 
résultat d’assurer la paix générale pour dueldque temps au moins, et de faire 
renaitre la confiance publique dont I’Europe a besoin pour sa prospériteée. A cet 
effet je n'ai rien négligé pour Cconvaincre IEmpereur Napoléon et ses ministres de 
la loyauté des sentiments du Rol! mon Maitre. Vous Vous Souvenez, mon 
Prince, des promesses échangées en Votre présence d’eviter de part et dautre 
toute démarche de nature à ranimer les susceptibilités nationales“. Ce n’est 
cependant que peu de temps apres notre départ de Paris, qu'a commenct la pres- 
sion que le Gouvernement Françals a exercée Sur les cours du Sud de I'Allemagne 
1 über den Aufenthalt Bismarcks und Gortschakows in Paris im Juni 1867 vol. Bd. VI, Ar. 818 
und 822. ç 1% 
2 Der Eingang des Absatzes elgenböndiger Jusatz Bismarcks in Cberemins ECntwurf. 
„ Der letzte Satz gigendänd er Zusatz Bismarcks in Cberemins Entwurf. Der folgende Rest des 
Ablatzes dort beruht auf Bismarcks Korrektur.
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        8 Bismarck legt Gortschakom den Stand der Vordschleswigschen Frage dar. 
pour les faire renoncer à la continuation de Punion douaniere. Cette ingestion dans 
les travaux constitutifs du Zollverein a dü étre vivement ressentie par la nation 
allemande, tout aussi jalouse de son indépendance due le peuple francais. 
La lettre due Vous avez adressée à ce sujet au Baron de Budberg“ et due Vous 
avez bien voulu faire porter à ma connaissance fait preuve, mon Prince, de T’éle- 
Vvation et de Himpartialite de Vos vues. Mon auguste Maitre en a eu une grande 
satisfaction et c'est de Son ordre due je Vous remercie sincèrement de cette 
démarche. 
Maintenant c'est la question du Slesvic dont la France“' vient daugmenter les 
embarras en ajoutant aux graves difficultes qu'a pour nous Pexécution de ’article V. 
du traité de Prague, celle de nous faire paraitre devant le public Comme agissant 
sous la pression Combinée de la France et du Danemarc. Tel devait stre leffet 
naturel et facile à preévoir des dernières décmarches du Gouvernement Francais et 
des Communications simultanées du’'il en a faites à plusieurs Cours. C'est par les 
publications de la presse viennoise due lEurope a été instruite de TPavertissement 
que le Gouvernement Français nous a fait parvenir“, et dui doit d’autant plus 
préoccuper P’esprit public en Allemagne et meme les Gouvernements Allemands, 
du’en méme temps les armements français se continuent avec un empressement de 
mauvaise augure et au moment oü notre Gouvernement renvoit aux foyers avant 
terme au dela de 70 000 hommes. 
Avec Vous, mon Prince, Yaborderai la duestion du Slesvic avec toute la fran- 
chise que me permettent nos anciennes relations et la Confiance dont Vous m'avez 
toujours honoré. Nous avons conclu TarticIe V de la paix de Prague dans la 
ferme intention de Texécuter loyalement, intention qui n’'a pas été changée 
depuis', quelles que soient les difficultes qui Compliquent la question. Notre ligne 
de conduite serait facile à tracer, s’il Sagissait d’une nationalite homogeèene dans 
ces districts frontières. Ce dui nous fait hésiter, Ce n'est pas Pidée de renoncer 
à la partie danoise de la population, mais bien celle d'’en soumettre la partie 
allemande à la domination danoise. Méme dans les Communes limitrophes 
1 ya toujours de 20 à 40 pour cent d’Allemands Compris dans Ccette population 
„danoise“, et ce sont surtout les classes aisées et instruites qui se Ccomposent 
d’Allemands, vivant à cöté d’une majorité danoise. C'est Iavenir de ces com- 
Datriotes qdui préoccupe la nation allemande et qui oblige le Gouvernement du 
Roi de peser mürement ses décisions avant de les rendre irrévocables. Nous 
avons attendu la réunion du Parlament du Nord pour nous orienter et pour 
éGclairer Topinion publique en Allemagne. Malheureusement les déclamations et 
les prétentions exagérées des deux députés Dano-Slesvigois et en méme temps 
les agitations dans le Slesvic, ont empẽché la discussion publique de la question 
⁊ Skht den Text des —— Erlasses an Baron Zudbero vom 25. Juni 1867 in: Les 
Origines Diplomatiques, XVI ss.; ovgl. Dr. 825, Vorbemerkun 
Bi ener ganze felgende Ab * 1#½ im — Tberemins c eigenhändiger Korrektur, biw. Jusatz 
sm 
Vgl. * 828, Vorbemerkung 
gende Daffus bis 37 Ende des sechsten Satzes: „avant de les rendre irrévocables“ eigen- 
’ Der sol 
E mu Vismarcks in Tberemins Entwurf. Auch das Neinkonzept weist noch eine Korrektur von. 
ne auj. 
*Der VRest des Satzes eigenhändige Korrektur Bismarcks im Veinkonjept.
        <pb n="23" />
        Notwendigkeit dänischer Garantien vor jeder Abtretung. 9 
d’exercer sur Popinion en Allemagne FPeffet que j'en attendais; en dépassant le 
but ils nous ont éloignes de Tentente au lieu de nous en rapprocher. 
Puis survint la question du Luxembourg qui donna un temps d’arrét. Cet 
incident vidé le Gouvernement du Roi s’est empressé de faire à Copenhague des 
ouvertures Confidentielles tendant à aplanir la voie pour D’exécution de Tar- 
tiche V. Ces ouvertures, ainsl que Vous le savez, mon Prince, ont abouti à une 
fin de non recevoir et ce n’est qu'à la suite d’une démarche réitérée de notre 
part, que le Cabinet de Copenhague vient de nous proposer des pourparlers con- 
fidentiels sur les garanties dui nous sont indispensables pour assurer le sort des 
Allemands dans les districts qui seraient abandonnés. Nous Sommes préts à entrer 
dans ces négociations; nous v apporterons les dispositions les plus conciliantes 
et nous v ferons toutes les Concessions Compatibles avec notre position en Alle- 
magne. Mais ces garanties que nous demandons sont pour nous d'’une nécessité 
absolute et sans les posséder il nous Serait impossible d’assumer la responsabilité 
dont le sort des Allemands sous la domination dancise pourrait nous charger. Nos 
appréhensions à cet égard ne sont malheureusement que trop justifiéces par le 
traitement aue les Allemands dans les Duchés ont essuyé après P’année 1850. 
L'iexpérience nous a appris que même les meilleures dispositions du Gouverne- 
ment Danois ne sauraient empsecher les excès de haine nationale, parce due la 
Constitution danoise ne laisse pas assez de force au Gouvernement pour dompter 
les excentricites de la democratie“. Aujourd'hui méme les feuilles publiques ne 
Cessent pas de rapporter des faits qui prouvent à duelles vexations, à quelles 
avanies sont exposés en Danemarc des voysageurs et des ouvriers allemands 
uniquement à cause de leur nationalité. Ouel serait donc le sort, par exemple, des 
bourgeois allemands de la Ccommune de Hadersleben, s’ils étaient liyrés aux 
Danois sans protection, apreès s'ẽtre signalés parmi toutes les villes du Slesvic 
par H’ardeur des sentiments qui les rattachent à la nationalité allemanden Leurs 
„Cris de douleur“ retentiraient bientöt en Allemagne et V créeraient la méme 
excitation qui par le passé avait préparé la guerre de 1864. 
Voila, mon Prince, des considérations qui nous obligent à procéder dans 
Cette duestion avec une circonspection qui n'õte rien à la loyauté des intentions 
du Roi. En lalssant mürir cette question, nous donnons, il est vrai, 4 la France 
plus de facilite de trouver un prétexte de guerre, si réellement elle en cherche 
un. Mais en Allemagne indubitablement nous avons gagné du terrain Sur les 
aspirations qui du principe des „Duchés indivisibles“ se faisaient une arme 
Duissante contre le Gouvernement du Rol. L'’exécution des stipulations de l'ar- 
tiche V n’est plus Combattue chez nous avec la même aigreur due T’année der- 
nière, l'opinion publique en a adopté le principe, il ne s'agit plus que de I’étendue 
de son application:e. 
Du reste, mon Prince, quelque pacifiques due soient les dispositions due le 
Gouvernement du Roi apportera aux négociations avec le Danemarc, nous n'y 
saurions subordonner notre attitude à PTidée que les velléités guerrières que l'on 
Der Aest des Ablatzes eigenböndiger ZSujatz Bismarcks in Theremins Sntwurf. 
Vel u Absatz eigenhändiger Zusatz Bismarcks, die ersten Sätze im Entwurf Cberemins, der letzte im
        <pb n="24" />
        10 „Granzösischem Druck in der Nordschleswigschen Srage werden wir nicht weichen.“ 
est porté à préter à la France aient leur scurce dans la qduestion du Slesvic. 
D’'abord je suis porté à croire due Ccette duestion w’intéresse que médiocrement 
le peuple français. Le malaise qdui parait agiter le Cabinet des Tuileries et qui 
lui inspire des appréhensions au sujet de Popinion publique en France tient origine 
des échecs due la politique française a essuy#és dans d'’autres duestions poli- 
tiques:. Le systeme de flatter Pamour-propre de la nation française aux dé- 
pens des autres peuples par des succès militaires ou diplomatiques fonc- 
tionne mal depuis la qduestion polonaise. C'iest la fermeté de la politique russe 
qui Ta fait échouer et qui en meme temps a valu à Sa Majesté IEmpereur 
Alexandre et à Tillustre Chancelier de Son Empire les Sympathies générales des 
populations de la Russie. De méme nous, nous trouverons notre soutien non dans 
le bon vouloir de la France, mais dans le sentiment national de IAllemagne. 
Dans les négeciations à ouvrir avec le Danemarc T’attitude du GCouverne-- 
ment du Roi prouvera Pintention de Sa Majeste d’exécuter strictement les stipu- 
lations de la paix de Prague et témoignera des sentiments d’amitié cordiale dans 
lesquels le oi tient Compte des vues de Sa Majeste Empereur Alexandre indi- 
quées dans Votre lettre. Mais vis-à-vis de la France il ne nous reste plus de 
Concession à faire. Si celle du Luxembourg ne suffit pas pour apaiser les dispo- 
Sitions guerrières que Ton suppose au peuple français, il est à craindre qu'en 
Continuant dans la voie des concessions, nous nous Compromettrions, sans obte- 
nir le résultat d’une paix durable#-s. Les Concessions due la situation de I’Alle- 
magne nous permettra de faire, par rapport du Slesvic nous les accorderons au 
Rol de Danemarc qui a toute Iestime de mon auguste Souverain et le Roi les 
fera avec plaisir, parce du’elles sont Conformes aux vezux de Sa Majesté PEm-- 
pereur Alexandre. Mais à une nouvelle inmixtion de France nous nous croi- 
rions forcés de répondre par des manifestations moins brillantes sans doute, 
mais dictées par le méme sentiment de dignité nationale dont Pexpression élo- 
quente du temps de la question polonaise Vous valut, mon Prince, Tapprobation 
de Votre Souverain et la reconnaissance du peuple russe. La paix de I’Europe 
serait mal assurée, si en Vérité une des grandes puissances était guidée dans sa 
politique par la conviction, de ne pouvoir meintenir Tordre chez elle qu'en 
menacant incessamment la paix de ses voisins“. 
Voilà, mon cher Prince, ma manieère d’envisager la situation actuelle de cette 
duestion, et je Connais trop bien le noble cœur de Sa Majesté Empereur et DP’élé- 
vation des sentiments dans lesquels Vous servez Votre Souverain et Votre patric, 
pour ne pas étre sür de faire vibrer une corde sympathique dans Votre äme en 
déclarant que le Roi, s’il devalt s'avouer que le sacrifice du Luxembourg avait 
été inutile pour le maintien de la paix, ne Croirait pas devoir acheter par de nou- 
velles concessions la situation qui résulterait de T’application prolongée d’'un 
régime calculé à remédier aux indispositions d’une des nations européennes par 
le sacrifice volontaire de la santé d’une autre éCgalement importante. Nous almons 
la paix, et si elle est menacée, nous sommes préts à la défendre; mais la louer 
3 Jie gnlten, — n sxi *3 aun Aendöndiger E— - Blemarcks. 
er Eingang des atzes eigenhändiger Suja ismarcks i t . 
»Die beidch Iotten Sätze teils „Lenbändige Korrektur, teils Sufatz Bismarcks im Entwurf Cberemins.
        <pb n="25" />
        Die Organisation der neuen Provinzen und die Berufung von Vertrauensmännern. 11 
à raison d’une concession politique ou d’amour-propre tous les 3 mois, ce seralt 
la payer trop cher. Je suis sür, mon Prince, qu' entre nos convictions personnelles 
il a pas la moindre divergence à ce sujet“. 
RKecevez, mon cher Prince, Passurance de mon amitié devouée et invariable. 
Vismarck und die Nordschleswigsche Srage 1864 bis 1879, S. 213 ff. 
*831. Schrelben an den Kronprinzen Frledrich Wilhelm. 
[Cigenbändig.] 
Schon vor der Geststellung der TWniglichen Botschaft vom 16. August 1866, betreffend die 
Vereinigung des Königreichs Hannover, des Kurfürstentums Hessen, des Herrogtums. Vassau und 
der Sreien Stadt Frankfurt a. M. mit der preuhischen Monarchie, die den neuen Provinzen 
eine „schonende hezenduung berechtigter Eigentümlichkeiten“ zusagte, hatte Bismarck in einem 
am 7. August mit dem bessischen Abgeordneten Friedrich Oetker geführten Gespräch (ogl. Die 
Gesommelten Worer VII, 153) für sie eine ausgedehnte Selbstoerwaltung in Aussicht gestellt. 
Im gleichen Monat noch sließ er dem Osnabrücker Bürgerm rmeister Miquel durch Abeken (ogl. 
delsen Brief vom 27. August., W. Wommsen, Johannes Migquel, I. 397 ff.) schreiben, daß man 
weit entfernt sei, sofort alles preußische Wesen in Hannover anwenden zu wollen. Votwendig 
lei nur die „Amalgamierung der Armee“, d. h. die Einführung des preuhischen Wehrslstems in 
den neuen Prooinzen; im übrigen sei es der Wunsch Bismarcks, „Unisormität zu vermeiden und 
urch Bewahrung der Eigentümlichkeit gerade den Beweis zu liefern, daß Preußen alle deut- 
chen Indioidualitäten in sich aufnehmen kann, ohne sie aufzuheben". Aus Abekens Brief geht 
auch hervor, daß sich Bismarck damals bereits mit der Absicht trug, „die neuen Einrichtungen, 
die Übergangsstadien und die game Ordnung“ in Verlin mit Vertrauensmännern aus den neuen 
Prooinzen beraten zu lassen. Als dann, wohl auf Veranlassung Miquels, in die om 1. Oktober 
von den liberalen Mitgliedern der zweiten hannoverschen Kammer und einer größeren Anzahl 
von Mitgliedern der Nagistrate und Bürgervorsteherkollegien der selbständigen Städte Hanno- 
vers beschlossene Adresse an die Preuhische Regierung (liehe deren Text bei H. Oncken, 
R. v. Bennigsen, II, 85 ff.) der Wunsch nach Furiehung von Vertrauensmämern aufgenommen 
wurde, erfolgte lofort von Verlin ber eine Susage. Durch Bismarcks Erkronkung im Herbft 
1866 geriet aber, wie Abeken Miquel Anfang Vovember (a. a. O., S. 399 f.) mitteilte, die 
prinzipielle Ordnung der Verhltnisse der neuen Länder und die Berusung der Bertrauens- 
männer „ein wenig ins Stocken“. Sie konnte auch nach Bismarcks Rückkehr vom Urlaub 
nicht gleich ausgenommen werden, da ihn znächst die Settsellung ders Norddeutschen Bundes- 
verfasfung, die „Regelung des Verhältnisses zu den süddeutschen Staaten und die Luxemburger 
Frage vollauf in Anspruch nahmen. Die notgedrungene Hinausschiebung der Verufung der 
Vertrauensmänner wang zu vorläusigen Anordnungen; so wurde durch eine Königliche Order 
vom 22. Februar 1867 eine Organisation der Verwaltungsbehörden in dem Kurfürstentum 
Hessen, dem Herzogtum Nassau und der Sreien Stadt Srankfurt a. M. vorgenommen, die bereits 
die Einfügung dieser Länder in einen einheitlichen Droinjjelverban. die spätere Drovinz 
Hessen, in Aussicht nahm. Durch Verordnung vom 28. April wurde auch „unter Mitwirkung 
der betreffenden Sentralbehörden in den verschiedenen Landesteilen. mehrfach auch unter Zu- 
liehung von Vertrauensmännern aus den Steuerpflichtigen" die preuhische Sesetzgebung bezüglich 
der direkten Steuern in den neuen Landesteilen eingeführt, was in Hannover schon einige 
Cnktäuschung bervorrief. Kurz vorber hatte sich eine von NR. v. Bennigsen 1rreicht Eingabe 
der hannoverschen Abgeordneten vum Norddeutschen Nelchstag vom 17. April erneut für die 
Herangledung boannoverscher Vertrauensmänner verwandt. Zu dem Immediatschreiben, mit 
em Graf ECulenburg die Eingabe dem Könige vrlegte. machte dieser die Randbemerkung: 
ch mache es den Neslsortministern ur Pflicht, bei der A#euorganisation der annektierten 
bönder stets Vertrauenspersonen aus denselben u den Veratungen binzuzujiehen, damit meine 
oft ausgesprochene Ablicht, soviel es mit den Umständen vereinbar it, Landeseigentümlichkeiten 
m schonen, zur Ausführung komme, oder wenn dies nicht möglich, durch jene Vertrauens- 
männer dies im Lande jur Anschauung zu bringen.“ Trotz dieser entschiedenen, wohl von 
Bismarck veranlaßten königlichen Willensmeinun - dauerte der Widerstand im Staats- 
ministerium gegen die Vertrauensmänner fort; vor allem der dinanmnisien Freiberr v. d. Heudt 
und der Juftizminister Graf zur Lippe sprachen lich gegen sie aus. Erst in einer Winitterschtung. 
vom iss. Juni setzte Bismarck den Beschluß durch, dah bejüglich der Organisation der Ver- 
* 
letzte Absatz ebenso wie der Schlußlatz beruht auf eigenbändigem Zusatz Bie cks t 
im Eunbeer Sae sei Neinkonzept, wo sich außerdem wiederum noch ie ue Söande remarcks tois
        <pb n="26" />
        Bismarck gegen jentralistisch-fiskalijche Cendenzen der „inneren Minister“. 
waltungsbebörden nach keiner Vichtung hin definitive Entscheidungen gefaßt, sondern zunächst 
das Relsultat der Beratungen mit den aus Hannover einrssuden ertrauensmännern ab- 
gewartet werden solle. Bgl. dam: Sechzig Jahre Hannoversche Provinzialverwaltung. Heraus- 
gegeben vom Landesdirektorium, S. 8. 
Dahß es wegen der Verufung der hannoverschen Vertrauensmänner zu einer tiefgehenden 
Meinungsverschiedenbeit poischen Bismarck und den „inneren Ministern“ kam, über deren 
„Ressortpartikularismus“ er seit dieser Zeit nicht genug klagen konnte, hängt wesentlich damit 
mjammen, daß diese aus jentralistisch-bureaukratisch-fiskolischen Tendenzen eine Üübertragung 
der Einrichtungen der alten Drovinzjen auf die neuen erstrebten, während Bismarck in der 
Einverleibung der neuen Landesteile intuitiv den gegebenen Anlah erkannte, um eine um- 
saslende Dezentralisierung der Berwaltung in der ganzen Wonarchie in die Wege zu leiten. 
Am 26. Juni schrieb darüber der Bismarch nabestehende Konstantin Mößler an M. Duncker 
(Max Duncker, Politischer Briefwechsel aus seinem Aa#ßlaß, ed. Johannes Schultze, S. 440): 
„Aus böchst zuverlässiger Quelle erfahre ich, daß in unserem Ministerium ein Swiespalt beftebt 
über die Organisation der neuen Provinzen. Und zwar ist der Motor li. e. Bismarck)] der- 
jenige, welcher nicht borusfsifizieren, sondern die Eigentümlichkeiten konfervieren will 
Innt avilir la bureaucratie et après la demolir“: so Joll er 1850 das Schwarjenbergische Wort 
angewendet haben.“ Bei dieser Gelegenbeit neigte Bismarck, der am 22. Juni ohnehin für längere 
Jeit zur Erholung nach Varzin ging, dazu, die Organisationsfragen auf den Herbst zu vertagen. 
Der FSinanmminister Sreiherr v. d. Heudt indessen, der in Bismarckes Abwesenheit den Vorsitz im 
Staatsministerium führte, und die übrigen Nessortminister machten sich die Abwesenbeit Bis- 
marcks junutze, um eine Cntscheidung des Königs in den strittigen Angelegenbeiten in ihrem 
Sinne berbeizuführen. Unmittelbar nach Bismarcks Abreise setzte ein förmlicher Wolkenbruch 
von Unifikationsmahregeln ein. Den Beginn machte eine Königliche Verordnung vom 25. Juni, 
die die Cinführung des preuhischen Strafrechts und einer neuen Sprafproehordnung verfügte; 
ihr solgte om 27. eine Verordnung, die für die neuen Provinzen in Berlin ein Oberappellations- 
gericht einsetzte, dann am 4a. und 5. Juli eine ganze Reihe von Berordnungen, durch welche 
die preuhische Stempelsteuer eingeführt, die Lotterien in Hannover, Osnabrückt und Frankfurt 
aufgeboben, endlich die Verwaltung der in den neuen Landesteilen vorhaondenen Staatskopitalien 
ohne Ausnahme der Generalstaatskasse in Berlin übertragen wurde. In ihrer Gesamtbeit 
erregten diese Verfügungen in den neuen Provinzen eine tiefe und allgemeine Verstimmung. 
Im Hannoverschen, wo die Bevölkerung trotz der früheren Verfassungsschwierigkeiten unter 
König Georg V. nicht ohne Grund stolz auf die Vortjüge der beimischen Organisation war 
(ogl. das Urteil eines Sachkenners wie des späteren Staatsministers Bosse, Deutsche Revue, 
XXVIII. 2. 131 f.), waren auch Dersönlichkeiten von dem Schlage R. v. Bennigsens. Graf 
G. Aünsters ufw. empört; so schrieb ersterer am 22. Juli an G. Sreytag (H. Oncken, 
R. o. Bennigsen, II, 92), daß er sich „äußerst erbittert fühle über die unverständige Art, wie die 
Diktatur in einem neuerworbenen Königreich gehandhabt wird.“ Auch im Heslsischen, wo man nur 
wenig Urfoche hatte, den vergangenen Verbältnissen nachutrauern, und wo die Stimmung der 
Annexion zunächst durchaus günstig gewesen war, war der Unwille der Bevölkerung groß; man 
warf, wie die „Hellische Morgenzeitung“", das Organ der preußischgesinnten Partei, feststellte, 
wohl geradem die Frage auf, „wie man denn hörter gegen uns bätte verfahren können, wenn 
wirklich gegen dos Volk Krieg geführt worden wäre.“ Sanz besonders verstimmte in den 
neuen Provinzen die Verfügung wegen der Staatskapitalien, die noch daru mit einem förm- 
lichen Eklat ins Werk gesetzt wurde. Man hatte in den annektierten Ländern gehofft, daß 
die dort vorhandenen Staatskapitalien — in Hannover der Domanial-Ablöslungs- und Ver- 
äubßerungsfonds, in Kurhessen der Staatsschatz und der Laudemialfonds, in Nassau Kapital- 
bestönde bei der Domanialverwaltung, in Schleswig-Holstein angesammelte Verwaltungsüber- 
chüsse aus den letzten Jahren — zu einer Dotierung der neuen Drooinwertretungen mit 
. lmu—— Drooinzialsonds verwandt werden würden. Serade in diesem Punkte Ipitzte sich der 
Gegensatz wwischen Bismarck, der den Wünschen der Drooinzen geneigt war, und seinen 
Kollegen m, die sich noch am 15. Juli im „Staatsanzeiger“ „gan entschieden gegen die Über- 
laslung von Prooinzialfonds an die neuen Prooinzen, aus Gründen der GSemeinschaftlichkeit 
und SGleichbeit durch alle Ceile des Staatsgebietes“ aussprachen. Bismarck wurde durch das 
binter seinem Rücken erfolgte brüske Vorgehen seiner Kollegen in Karke Erregung versetzt. 
Er gab seinem Groll am 17. Juli in einem leider nicht erhaltenen Briefe an Abeken, der als 
Vertreter des Ministeriums der auswärtigen Angelegenbeiten sich in Ems bei dem dort zur 
Kur weilenden Könige befand, unverhüllten Ausdruckt. Aus der ausführlichen Antwort Abekens 
vom 21. (Bismarck-Jahrbuch, V, 189 ff.) ersiebt man, daß Bismarck nicht nur über den Schwall 
der neuen Verordnungen, fondern auch über die Personalpolitik der Minister Beschlerde 
eführt hat. Die gleichen Klagen kehren in einem Schreiben an Thile vom 21. (G. v. iest, 
ht dem Leben eines Slücklichen, §. 561) wieder: „In den neuen Ländern gehen die inneren 
Minister mit unnötiger Schärfe vor, und ich möchte, der König bielte die Dinge wenigstens an 
fie haben gar keine Eile, die Personenfragen sind längst eilig, und darin geschieht nich * . 
Veupreuhe wird befördert. Die Übe khrung des hessischen Staatsschatzes ist ein plumpe 
Mißhgriff.“ Auf den König, dem aus h neuen Prooinzen eine Sülle von Beschwerden m-
        <pb n="27" />
        Einderständnis des Königs und des Kronprinzen mit Bismarck. 13 
gegangen war, wirkte Bismarcks Einspruch um so stärker, als er eigene Bedenken gegen 
die ihm in dessen Abwesenheit vorgelegten Verordnungen nur in der Annahme wrückgedräg 
batte, daß der Ministerpräsident mit ihnen einverstanden gewesen sei. Noch am 21. Juli 
erging eine ungnädige Kabinettsorder an das Staatsministerium wegen der Dersonalfragen. 
Auch redete der König dem an diesem Tage gerade in Ems befindlichen Finanminister v. d. Hepdt 
vernihafe ins Gewissen“, wohl nicht zuletzt im Hinblicke auf die von ihm gewünschte, aber nur 
ir Hannover mit Mühe durchgesetzte Berufung von Vertrauensmännern. Am 30. griff der 
König infolge eines direkten Bismarckschen Telegramms von neuem in der Srage des helischen 
Staatsschatzes ein. Tags darauf sprach er in einem eingehenden Schreiben an Bismarck, das 
wegen der Genehmigung der anftößigen Verordnungen geradezu um Entschuldigung bat, den 
Wunsch nach Bismarcks Kommen aus: „Es muß Remedur im einzelnen getroffen werden, wie 
es für den hessischen Schatz bereits geschehen ist; ebenso muß für Srank furt a. Eingehendes 
vorübergebend gescheben, ebenso für die Lotterie in den anderen Ländern. Sch bitte Sie also, 
in Berlin den Miist ern es zu sagen, wie sie es schon aus meinen einjelnen Anderungen ent- 
nommen baben, dah ich sehr unangenehm berührt din, und erwarte von öhnen recht eingebenden 
Vortrag, um Ichleunig emedur in Vielem zu bewirken“ (Anhang zu den Gedanken und Er- 
innerungen, I, 163 ff.). Bismarch trach 2 enn auch seinen Varziner Aufenthalt früher, als er 
beabsichtigt * am 2. August ab, um über Berlin, wo er am 3. eine Staatsministerialsitzung 
abhielt, jum Könige nach Ems m fahren. Vom 4. bis 9. hat er bier dem Könige vor allem 
über die organisatorischen Sragen der neuen Prooinzen wiederholt im Sinne einer Abltellung 
der laut gewordenen Beschwerden und einer Berückesichtigung der mtage getretenen Wünsche 
Vortrag Khalten Es ergab sich, wie es scheint, in allen Punkten ein volles Einverständnis 
mit dem Könige, insbesondere war dieser, nachdem inzwischen vom 29. Juli bis 3. August die 
bonnoorr. chen Vertrauensmänner in Verlin unter dem Vorsitz Graf zu Culenburgs getagt 
hatten (ogl. dazu M. Busch, Das Übergangsjahr in Hannover, S. 257 ff., S Oncken, 
VR. v. Bernigsen, II, 89 ff.; Sechiig Jahre Hannoversche rovinzialoerwaltung. 8. 9), ohne 
weiteres der Verufung ebensolchet Vertrauensmänner aus Hessen und Schleswig-Hohtein ge- 
neigt. Bereitwillig folgte der König auch der Bismarckschen Anregung, von Ems aus die 
Städte Wiesbaden, Frankfurt a. M. 300 Kassel zu besuchen, um die Stimmung der Bevölkerung 
wurückzugewinnen. 
Die Frage der gedeihlichen Entwicklung der neuen Provinzen führte Bismarck eben damals 
auch mit dem Kronprinzen nach einer neuerlichen Entfremdung wieder enger jzusammen. Der 
Thronfolger hatte sich am 1. August mit einen längeren Schreiben (siehe dessen Text: Anhang 
m den Gedanken und Zrinnerusgen, II. 411 f.) an ihn gewandt, in dem er der Besorgnis 
Ausdrucke gab, daß das diktatorische und 40 ratische Vorgeben der Minister Culenburg und 
Lippe Preußen nicht nur die Sumpathien in den einverleibten Ländern, sondern auch in Sü 
deutschland rauben müsse: „Wir verlieren unser Ansehen, u dem uns die Siege von 4 
verholfen hatten, und leisten den Intrigen, die uns umgeben und gbeno in Frantreich wie in 
Plterreich und auch in Dänemark gesponnen werden, willkkommenen Vorschub.“ Das kronprinz= 
liche Schreiben ging dann auf die Klagen aus den neuen Provinzen ein. In' Hannover komme 
zu der ohnehin erbitterten Stimmung neue Gereiztheit über Justizmaßregeln, ferner darüber, 
daß die Königin Marie vor ihrer Abreise aus dem Lande (23. Juli) persönlich gekränkt worden 
lein solle; in Hessen sei die Behandlung der Frage des Staatsschatzes und der Ersat älterer 
Beamten durch junge Landräte Gegenstand vielfacher Klagen; in Frankfurt beschwere man sich 
über fortgesetzten Mangel an Rücksicht und über finanzielle Bedrücklung der Stadt. Am 
Schlusse des Schreibens kam der Kronprinz noch einmal auf die Minister Culenburg und Lippe 
merückr, in denen er die Wurzel alles llbels sah. Er erinnerte Bismarck daran, daß dieser 
selbst beide schon seit dem Juli 1866 als „schödlich und unfähig“ bezeichnet habe, und bot ihm 
geradem seine Hilse zu deren Beseitigung an. In seinem Antwortschreiben geht Bismarck nun 
iwar hierauf nicht ein, wohl weil er die Schwierigkeiten kannte, den König, dem vor allem 
Eulenburg perlönlich nahe stand, S einem Wechsel zu bewegen. Immerhin scheint er sich doch 
n dieser Zeit ernstlich mit dem Gedanken aetragen zu haben, sich beider Añnister. über deren 
Teslertgarkitularisaus er immer wieder zu klagen hatte, zu entledigen, ogl. den Brief 
A. Stoschs an Gustar Sreyxtag vom 16. Auoust, „Es bandelt sich jetzt um die t 
und Ersehun, von Culenburg und Lippe; es ist alles dazu geebnet, ober man kann die Nach- 
Feor anh nicht finden“ (Denkwürdigkeiten des Generals und Admirals Albrecht o. Stosch, 
Ems, 7. Auguft 1867 
Eurer Königlichen Hoheit 
gnädiges Schreiben vom 1. d. M. ist von denselben Eindrüchken veranlabßt worden, welche 
mir die Ruhe auf dem Lande störten und leid er vor der Seit abkür#ten. Sch beklage den 
Mangel an richtigem Augenmaahb für politische Dinge, welche einige meiner Collegen an 
den Tag gelegt haben, und bin nicht ohne Erfolg schon telegraphisch von Varzin aus und
        <pb n="28" />
        14 Bismarcks Antwort an den Kronprinjen in den Organisationsfragen. 
hier persönlich bestrebt gewesen, das Geschehene ulnd] Beabsichtigte nach Möglichkeit zu 
modificiren. 
Auf ein Borgehn in Sachen des Kurhessischen Schatzes in meiner Abwesenbeit konnte 
ich um so weniger gefaßt sein, als diese Srage vor meiner Abreise beiläufig im Staats- 
ministerium berührt worden war, und ich, unter Beistimmung des Kriegsministers, mich sehr 
entschieden gegen jedes Vorgehn in der bewußten Aichtung ausgesprochen hatte, indem ich 
das Verlangen stellte, daß wir uns in allen solchen Sragen, in welchen nicht Gefahr im Ver- 
zuge, dabei aber die Wahrscheinlichkeit verstimmender Eindrücke obwaltete, jeder Action 
bis zum 1. October enthalten möchten, um demnächst die Verantwortung im gewöhnlichen 
Wege der Sesetzgebung und nach öffentlicher Discussion des Sür ulnd] Wider, mit dem 
Landtage zu theilen. Trotz dem hat der Sinanz-MAinister, als Vorsitzender in meiner Abwesen- 
beit, den widerstrebenden Räthen des Staatsministeriums befohlen, die Sache in Vortrag 
m bringen, und Sleiner Majestät dem Könige ist mein und Roon's Widerspruch nicht ge- 
meldet worden. Seine Majestät haben gestern auf meinen Antrag die schleunige Berufung 
der Kurhessischen Vertrauensmänner Behufs nochmaliger Prüfung dieser und der andern 
Fragen befohlen und wollen die Snade haben, über Frankfurt und Kassel nach Berlin zu 
gehn, und an beiden Orten Sich in veruhigender ulnd] einlenkender Richtung ausjsprechen. 
Von dem Grankfurter Necesse habe ich erst bier nähere Kenntniß nehmen können und balte 
die Einzelbeiten desselben in der That für hart, um Theil sogar für ungerecht gegen die 
Stadt. In diesen Fragen habe ich hauptjächlich gegen die Ansichten des Finanz-Ministers 
u kämpfenn. Die Justiz-Verordnung für Kurbessens war um so unnötbiger, als die einzige 
Bestimmung, welche dort eilig und unentbehrlich wäre, die Beseitigung der Competenz der 
Gerichte über Anordnungen der Verwaltungsbehörden, bisber nicht getroffen ist und noch 
bevorsteht. Sür Hanover wird boffentlich noch in diesem Monat eine Prooinzial-Vertretung 
gewählt werden und zusammentreten. Daß die Königin Marie vor ihrer Abreise perfönlich 
gekränkt worden sein gollte, habe ich trotz der eingebenden Erkundigungen nicht in Erfab- 
rung bringen können. 
Daß wir nach auhen hin das Ansehn verlören, welches Preußen durch die Siege von 
1866 gewonnen hat, kann ich nach meinem unterthänigen Dafürhalten nicht zugeben. Mir 
scheint, daß wir den Versuchen Frankreichs gegenüber, sich in Deutschlands innre Entwick- 
lung zu mischen, das Gewicht unfrer europäischen Stellung mit dem vollsten Erfolge zur 
Wirkung gebracht haben, und ich glaube nicht, daß es Frankreich heut noch beikommen würde, 
uns Mainz abfordern zu wollen, wozu es doch im Herbft vorigen Jahres, also nach unsern 
Siegen, den Muth hatte. 
Eure Königliche Hoheit wollen gnädigst verzeihn, wenn ich um die Erlaubniß bitte, mich 
über die auswärtige Seite unfrer olitikt mündlich eingehender aussprechen zu dürfen, da 
mir soeben durch den Befehl Shrer Mojestät der Königin, mich zu Allerhöchstderselben nach 
Saun m begeben, die Möglichkeit fortmfahren abgeschnitten wird, und ich diese im Drange 
der vorgefundnen unerfreulichen Geschäfte schon zu lange zurückgehaltne Antwort auf 
Höchstdero gnädiges Schreiben nicht bis zur Rückkehr nach Berlin verzögern möchte, wohin 
ich morgen von Coblenz abzureisen hoffe. Am 15. findet dort die Cröffnung des Bundes- 
rathes Statt. 
: Aäberes darüber bei N. Schwemer, Geschichte der Freien Stadt Frankfurt a. M., III, 2, 468 ff. 
* Vgl. daju Vr. 839.
        <pb n="29" />
        Hessische Krĩegskosten. Einrichtung des Bundeskanjleramts. 15 
*832. Immediatschreiben. 
[Cigenbändig.] 
Berlin, 10. August 1867 
Curer Mojestät beehre ich mich den Brief des Ginanz-Ministers, welchen ich aus Ver- 
sehn mitgenomment, ehrfurchtsvoll zurückzusenden. 
Auch in Bezug auf die letzte, die Anweisung der Hessischen Kriegskosten auf den dortigen 
Staatsschatz betreffende Srage habe ich beut den Finanz-Minister nach längrer Erörterung 
bereit gefunden, den Staatsschatz und sein Rechtsverhältniß unerörtert zu lassen und die 
nöthigen Summen auf die „bereitesten Mittel“ anzuweisen, so daß Eure Maojestät in der Lage 
lein werden, in Kassel die sofortige Bergütung der Kriegskosten in Aussicht zu stellen, ohne 
daß die Rechtsfrage bezüglich des Kurhejsischen Schatzes dabei berührt wurde:. Auch in 
Betreff der Srankfurter Frage habe ich den FSinanz-Minister überzeugt, daß neue Prüfung 
des Theilungs-Mahstabes zwischen Stadt und Staat und der Lotterie-Angelegenbeit m 
lässig und nötbig ist. 
833. Zmmediatbericht. 
[Konjept von der Hand des Ministerialdirektors Delbrüch.] 
Bereits in leinem Votum für das Stgateminsteriam vom 18. Juni (Die Gesammelten 
Werke, VI, Ar. 818), das die Grage erörterte, wie der Minister des Auswärtigen in den 
Stand gesetzt — könne, neben seinen übrigen Amtsgeschäften noch die verantwortliche 
Leitung der Bundesgeschäfte zu übernehmen, hatte Bismarck die Einrichtung eines Bundes- 
kanzleramts ins Auge gefaßt. Während Bismarcks Bar#iner Erholungsurlaubs ruhte die 
Angelegenheit; nur gelegentlich schnitt er in einem Briefe an Thile vom 21. Juli die Srage 
an, in welcher. Weise die auf Mitte August anberaumte Eröffnung des Bundesrats vor sich 
geßen lolle: „Daß der König den Bundesrat eröffnen hilft, halte ich weder nötig noch einmal 
rotsam. Es würde unseren Bundesgenossen den Eindruck machen, als ob ihre staatlichen Ver- 
treter in die Kategorie einer preußischen parlamentarischen Körperschaft gerechnet würden. 
Sachlich kann eigentlich nur das Bundesbudget und der Solloertrag zjur Bebandlung kommen, 
beides gegebene Gröhen. ohne Bedürfnis neuer Allerhöchster Entschliehungen“ (G. v. Di 
Aus dem Leben eines Glückrlichen, 5. 361). In diesem Sinne dürfte Bismarck auch dem Könige 
Anfang August in Ems Vortrag gedalten haben. Im Hinblicke auf den beranrückenden Termin 
der ECröffnung des Bundesrats (18. Augul st) wurde- nunmehr die Einrichtung des Bundes- 
kanzleramts akut. Voch an demselben Tage, wo Bismarcke von Ems nach Berlin murück- 
kehrte und die Geschäfte wieder übernabm. Mellte er die erforderlichen Anträge an den König. 
Berlin, den 10. Augufst 1867. 
Nach der Verfassung des Norddeutschen Bundes liegt dem Bundeskanzler, auher der 
Führung des Vorsitzes im Bundesrate, die Führung der gesomten Verwaltung des Bundes 
als einzigem verantwortlichen Minister ob. Jur Sührung dieser Berwaltung, welche das 
gesamte Post- und Telegraphenwesen innerhalb des Bundes und die Auflicht über das Kon- 
sulatswesen, sowie über die Erbebung und Verwaltung der Sölle und Verbrauchssteuern 
begreift, bedarf der Bundeskanzler eines Organs, in welchem die verschiedenen Verwal- 
tungszweige zusammenlaufen und ihren Mittelpunkt finden. Eines solchen Organs bedarf er 
ferner in seiner Stellung als Minister Ew. Königlichen Mojestät, um diejenigen Angelegen- 
lich, B d 
: Ws. de Wten ie Wdicht urb d “EJ m*- in- ¾ # — 
Belu 
val. éalten de hh Geschichtskalender Ig. 1867,
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        16 Delbrücke Dräsident des Bundeskamleramts. Sranzösische Ansprüche. 
beiten, welche von Preußen, als Sührer und Mitglied des Rorddeutschen Bundes, vor den 
Bundesrat und den Reichstag m bringen sind, unter ressortmäßiger Mitwirkung der be- 
teiligten Verwaltungen vorzubereiten. Dieses Organ wird geschaffen werden müssen durch 
Errichtung einer neuen Bebörde, für welche ich die Benennung „Bundeskanzler-Amt“ 
alleruntertänigst in Vorschlag bringe. Das Staatsministerium hat sich mit der Aotwendig- 
keit dieser Behörde einverstanden erklärt. 
Über die Sinzelheiten der Organisation derselben behalte ich mir meine ebrfurchtsvollen 
Anträge bis dabin vor, daß Sw. Königliche Majestät die Errichtung zu genehmigen geruht 
haben. Sür die Stelle des Präsidenten der neuen Behörde bringe ich den Ministerialdirektor 
Delbrück alleruntertänigst in Vorschlag. 
Ew. Königliche Majestät bitte ich hiernach ehrfurchtsvoll 
durch huldreiche Vollziehung des angeschlossenen Erlasses: die Errichtung des Bundes- 
kanzleramts genehmigen und den p. Delbrücke zum Präsidenten desfelben ernennen zu 
wollen. 
Anlage. 
Auf Shren Bericht vom 10. d. M. genehmige Sch die Errichtung einer Behörde für 
die dem Bundeskanzler obliegende Verwaltung und Beaufsichtigung der durch die Ver- 
faslung des Norddeutschen Bundes zu SGegenständen der Bundesverwaltung gewordenen 
bezw. unter die Aufsicht des Bundespräsidiums gestellten Angelegenheiten, sowie für die 
Ihnen als Bundeskanzler zustehende Bearbeitung der übrigen Bund gelegenheiten. Diese 
Bebörde soll den Namen „Bundeskanzler-Amt“ führen und unter Shrer unmittelbaren 
Leitung stehen. Zum Dräsidenten derselben will Och den Wirklichen Geheimen Oberregie- 
rungsrat und MUiniterialdirektor Delbrück ernennen. Shren weiteren Anträgen wegen 
Organisation dieser Behörde und der Einreichung des Patentes für den p. Delbrück sehe 
öch entgegen. 
... .. . . .. den 1867. 
*834. Erlaß an den Gesandten in Dresden von Eichmann. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.! 
Berlin, den 14. August 1867. 
Vach Sw. pp. gefälligem Bericht vom 5. d. M. Ar. 51 hat der franzölsische Gesandte 
daelbst bei der Königlich Sächsischen Regierung die vorläusige Anzeige gemacht, daß Srank- 
reich auf Grund des Artikels 25 des Handelsvertrages vom 2. August 1862 für seine Unter- 
tanen in Bezug auf Handels- und Gewerbebetrieb in Sachsen dieselben Rechte in Anspruch 
nehme, welche durch Artikel 3 der Norddeutschen Bundesverfassung den Angebörigen der 
Bundesstaaten eingeräumt find. 
Sollte wirklich eine entsprechende Reklamation erhoben werden, so würde die Sächsische 
NAegierung in der Lage sein, die französische an den Bund zu verweisen, für dessen lämtliche 
Witglieder die Frage präzjudizierlich sein würde. In der Sache selbst aber würde es keine 
Schwierigkeiten haben, den Anspruch mit triftigen Argumenten zurück uweisen. Die in 
einem Handelsvertrage vorkommende Klausel des meistbegünstigten Staates kann lich nur auf 
1 Slehe Anlage.
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        Varnbülers Besorgnisse wegen Salzburger Zusammenkunft nicht begründet. 17 
Begünstigungen bejiehen, welche andern Staaten in einem Handelsvertrage eingeräumt sind. 
Sie kann nicht bezogen werden, auf eine Stipulation, welche den integrierenden Bestandteil 
einer nationalen Verfassung bildet, einer Summe gegenseitig eingeräumter und übernommener 
Nechte und Verpflichtungen, welche weit über das Gebiet des Handels hinausgreifen. Wer 
die Begünftigungen in Anspruch nehmen will, welche den Angehörigen der Bundesstaaten 
eingeräumt sind, müßte auch bereit sein, die entsprechenden Lasten zu tragen, die ein jeder 
Bundesstaat seinen Angehörigen durch die Bundesverfassung auferlegt hat. 
Ew. pp. wollen sich gefälligst in diesem Sinne gegen den Greiherrn von GSriesen resp. 
Jeinen Stellvertreter aus]prechen. 
* 835. Erlaß an den Gesandten in Stuttgart Freiherrn von Rosenberg. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.] 
fortzusetzen, antwortete dieser, daß er das mit Erfolg nur dann tun könne, wenn er von Berlin 
so bedenklichen Schwebe blieben, fortlaufend unterrichtet werde. ismarck, der das intensive 
Grankrei in d l d t ittelbar kriegeri Absicht 
rareh di Rblhte 
Vertraulich. Berlin, den 20. August 1867. 
Nach Ew. pp. gefälligem Bericht vom 14. d. M. Ar. 56 hält Herr von Varnbüler den 
Erfolg Jeines Einwirkens auf das Münchener Kabinett für bedingt dadurch, daß er von 
hier aus über die Lage der Dinge, namentlich über die Beziehungen zu Osterreich und 
Frankreich, in kaufender Kenntnis erhalten würde, wenigstens solange die Dinge in einer 
so bedenklichen Schwebe blieben. 
Ich sehe darin ein Urteil über die Situation ausgedrückt, was wir nicht teilen. Es 
t zwar richtig, daß die Erschütterungen des verflossenen Jahres mancher Frage alten 
Datums einen neuen Anfstoß gegeben haben, und daß die neue Ordnung der Dinge noch 
nicht überall befestigt ist; auch kommen gewisse Erscheinungen dem Teile der Presse m- 
statten, der sich in beunrubigenden Gerüchten gefällt. Gleichwohl lassen uns unsere Be- 
ziehungen zu den Mächten, lassen uns die Sustände der letzteren keine Symptome bedenklicher, 
ja nur erheblicher Vorgänge in Suropa erkennen. Insbesondere glauben wir nicht an 
erfolgte oder bevorstebende Abmachungen zwischen fterreich und Srankreich und halten 
die Salzburger Zusammenkunft für politisch folgenlos. Positive Mitteilungen von Belang 
über unfer Verhältnis zu Österreich und Grankreich sind uns nicht zugegangen und waren 
an :der nächstverflossenen Seit nicht zu machen; die Widerlegung dessen aber, was die 
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        18 Dänische Bereitwilligkeit zu Besprechungen über Garantiefragen. 
Seitungen von heute erfinden, kann den Seitungen von morgen überlassen werden. Sch 
brauche kaum zu wiederbholen, wie wenig wir versucht sind, die natürliche und deshalb, wie 
wir glauben, gesicherte SEntwicklung innerhalb der nächsten Sphäre unserer Politik durch 
irgend welches Drängen zu beunruhigen. 
Ew. pp. ersuche ich, sich demgemäß gegen den Greiherrn von Barnbüler auszusprechen 
und bervorzuheben, daß unser Vertrauen auf die Könliglich) Würtltembergischel 
Reglierungs, so lange Hlerr] olon] Vlarnbüler! an der Spitze derselben steht, uns von 
selbst dahin führt, ihm durch Ew. pp. oder durch Hlerrn) von Spitzemberg jede MAittheilung 
rechtzeitig zugehn zu lassen, welche für die gesammtdeutsche Politik von Snteresse sein kann. 
Wenn Cein Sedankenaustausch von uns angeregt wird, so liegt dieß am Mangel an Stoff 
in der jetzigen todten Jahresjeit, in welcher es mir selbst möglich gewesen ist, 6 Wochen 
hindurch den Seschäften fern zu bleiben. Ew. pp. wollen binzufügen:, daß wir ungeachtet 
umserer eigenen Enthaltung Herrn von Varnbüler fsehr dankbar sein würden, wenn er 
seine Einwirkung im nationalen Sinne auf die xsüddeutschen Kabinette in demselben Maße 
wie bisher fortsetzen wolle. 
836. Erlaß an den Gesandten in Kopenhagen 
von Heydebrand und der TLasa. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Vats Abeken.) 
Berlin, den 22. August 1867. 
Sw. pp. kennen bereits die Mote des Herrn von Quaade vom 20. v. M.", durch welche 
die Königlich Dänische Regierung die von Ew. pp. unter dem 18. Juni an sie gerichtete 
Aufforderung beantwortet hat, sich über die Übernahme von Landesschulden und von 
Garantien auszusprechen, welche sie den deutschen Bewohnern eventuell abjutretender 
Ditrikte im nördlichen Teile von Schleswig zu bieten sich in der Lage glaube. 
Ich würde Ew. pp. gofort mit Instruktion zu einer Rückäußerung an die Königlich 
Dänische Regierung versehen haben, wenn nicht meine längere Abwesenheit von Berlin 
mich daran verhindert bätte. Nachdem ich die Geschäfte wieder übernommen babe, beeile 
ich mich Ew. pp. meine lebhafte Genugthuung darüber auszusprechen, daß das Klöniglich] 
Dänlische) Cablinet) sich u mündlicher Besprechung über die Frage, durch welche meine 
vertrauliche Anregung vom 5. Wai ulnd) später Ihre Aote vom 18. Juni veranlaßt worden, 
bereit erklärt bat. Im Hinblick auf diese Berhandlungen, zu welchen die Klöniglichel 
Neglierung) jederzeit bereit ut-, entbalte ich mich einer ausführlichen und ins Detail ein- 
gehenden Besprechung des Inhalts der dänischen Rote vom 20. Juli. Ich würde sonst nicht 
umbin können, gegen gewisse Auffassungen, welche in den Ausdrücken der Note des Herrn 
von Quaade wieder hervortreten, erneute Verwahrung einzulegen, wie 3. B. wenn darin 
von dem Norde Schleswigs als einer bestimmten geographischen Abgrenzung, an welche 
wir gebunden wären, die Vede ist, während der Prager Grieden nur von den Bevölkerungen 
der nördlichen Distrikte spricht; oder wenn auf die Rechte (titre) bingewiesen wird, welche 
1 Der Eingang des Ablsatzes von den Worten an: „und bervorubeben, daß .. eigenbändiger Ein- 
ut Wismorcke 
2 - aera een uchn . vorausgebende Satz eigenbändiger Zusatz Biemarchs an Stelle. 
eines längeren Absatzes Abekens.
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        Auch Preußen zu Besprechungen bereit. 19 
diesen Bevölkerungen durch jene Stipulationen erwachsen seien. Sch kann es nur bedauern, 
wenn durch den Ausdruck golcher Auffassungen, die wir als berechtigt nicht anerkennen 
können, das Verhältnis, wie es bei der Agitation in Nordschleswig nur zu oft geschehen 
ist, verdunkelt und dadurch die Ausführung unserer Absichten erschwert wird. Durch den 
Prager Srieden sind anderen als unseren Mitpaziszenten Rechte nicht erwachsen. Zu den 
Modalitäten der Ausführung gehören die Garantien, welche wir fordern; und wenn sie, 
wie die Note bemerkt, im Prager Srieden nicht ausdrücklich vorgesehen sind, so sind sie 
noch weniger durch denselben ausgeschlossen. Wenn die Wünsche der Bevölkerung in 
den betreffenden Distrikten berücksichtigt werden sollen, so ist nicht abmsehen, warum die 
Wünsche der Deutschen auch da, wo sie sich in der Minorität befinden, ungehört ver- 
hallen sollenl Auch Minoritäten haben Anspruch auf unseren Schutz; und es würde 3. B. 
eine seltsame Forderung sein, daß eine Minorität von 40 Prozent einer Majorität von 
51 Prozent bedingungslos geopfert werden sollte. Leider stehen die Erfahrungen, welche 
die vergangenen Jahre gebracht haben, in zu großem Widerspruch mit den Versicherungen 
der Note über das glückliche Los, welches die Deutschen unter dänischem Septer haben 
würden, als daß wir zu einer solchen bedingungslosen Hingabe uns entschließen dürften. An 
dem guten Willen der dänischen Regierung zweifeln wir nicht, wir wünschen nur, daß sie 
diesem guten Willen in der materiellen Gestaltung der Verhältnisse ihrer eventuellen deutschen 
Untertanen einen tatsächlichen Ausdruck geben möge; und weit entfernt, die Befürchtungen 
zu teilen, als könnte dadurch die Souveränität Seiner Majestät des Königs von Dänemark 
irgendwie verletzt oder gefährdet werden, oder als könnte die Geststellung von Bürgschaften 
dauernden Anlaß zu Reibungen und Einmischungen geben, sind wir vielmehr überzeugt, 
daß nichts so sehr solche Reibungen verhindern und ein gutes Verhältnis zwischen beiden 
Nationen und Staaten befördern wird, als wenn die Königlich Dänische Regierung sich zu 
einer golchen Sicherstellung ihrer deutschen Untertanen durch eine vorherige Ordnung ibrer 
Verhältnisse entschließt. 
Wir haben es daher nur mit Befriedigung begrüßen können, daß die Königlich 
Dänische Regierung sich bereit erklärt, die Frage über die Möglichkeit, die Matur und 
die Ausdehnung der Garantien einer gemeinsamen Besprechung zu unterziehen, um dadurch 
wo möglich die Verständigung zu erreichen, welche durch einen fortgesetzten Schriftwechjel 
nur zu leicht weiter binausgeschoben werden könnte. 
Ew. pp. ersuche ich ergebenst, dem Königlich Dänischen Herrn Minister, indem Sie ihm 
diesen Erlaß vorlesen und Abschrift davon zurücklassen, unsere entgegenkommende Bereit- 
willigkeit und den Wunsch auszusprechen, daß er baldmöglichst diejenigen Personen, 
welche er zu diesen Besprechungen, die meines Erachtens am besten bier in Berlin statt- 
finden würden, zu designieren gedenkt, bezeichnen und mich von dem Seitpunkt ihrer Ankunft 
bierselbst gefälligst unterrichten möge. Sch selbst werde nicht unterlassen, die entsprechenden 
Einleitungen hier zu treffen“. 
Bismarcke und die Nordschleswigsche Srage 1864 bis 1879, S. 222 f. 
* Am 24. Auguft ersuchte Bismarck den Oberbrssidenten n Splzerss-Besteie SeeiberruienHdern 
Garantien vorlegte, om 8. Okteber die Besprechungen mit "en Bmn dänischen Kommissar ernannten danischen 
aushelich- 1 sesc grreren W Sbielt. zn darauf bejüglichen Schriftstücke in: Bismarck 
—-
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        20 Ausbau des Eisenbahnneczes in Homover und Schleswig-Holstein. Jeluitenfrage. 
*837. Schreiben an den Staatsminister Grafen von Itzenplitz. 
[Kon:sept von der Hand des Vortragenden Rats Wagner.) 
Im Juni 1867 hatte eine Anzahl bervorragender hannoverscher ebersönlichkeiten. an ihrer 
Spitze der Erblondmorschall Graf ju Münster und der Gutsbesitzer dolf v. Bennigsen 
eine Eingabe an den Handelsminister gerichtet, in der einmal um die che einer vor- 
lãufigen Komeesston für den geplanten Bau dreier neuer Eisenbabnlinien im Hannoverschen, 
odanm um die Ubernahme einer beilweisen Garantie für die Berrinsung des Bautkapitals durch 
die Regierung ersucht wurde. Eine Abschrift der AEingebe war Bismarck zugestellt worden. 
Näheres über die Angelegenbeit bei H. Oucken, R ennigsen, II, 100 ff. 
Berlin, den 22. August 1867. 
Der Erblandmarschall Herr Graf Münster und Genossen haben mir Abschrift eines den 
Ausbau des hannoverschen Eisenbahnnetzes betreffenden Gesuches vorgelegt, welches die- 
lelben Ew. Exzjellenz im Juni d. J. u überreichen die Ehre gehabt haben. 
Nach Maßgabe der in der fraglichen Bejziehung bereits wiederholt gepflogenen münd- 
lichen Rüchesprache darf ich annehmen, daß Ew. Exzellenz für den beregten Sweck ein nicht 
minder lebhaftes Snteresse hegen als ich selbst, und daß es daher keiner weiteren Anregung 
bedarf, berechtigten Wünschen soweit und sobald als möglich in der erbetenen Weije ent- 
gegenzukommen, insofern Ew. Cxjellenz es nicht vorziehen, gewisse Bahnstrecken aus höheren 
Gründen selbst von Staats wegen in die Hand zu nehmen und zu diesem Behufe bei dem 
Landtage einen angemessenen Kredit zu beantragen. 
Abnlich wie in Hannover liegt es aber auch in Schleswig-Holstein, und erlaube ich 
mir deshalb unter Bezugnahme auf die mündlich näher dargelegten volkswirtschaftlichen 
und politischen Gesichtspunkte Ew. Exzellenz ganz ergebenst m ersuchen, die Vervollstän- 
digung des Eisenbahnnetzes auch für diese Provinz in äbnlicher wohlwollender Weise ins 
Auge fassen zu wollen. 
* 838. Schreiben an den Staaisminister Grafen zu Eulenburg. 
[Kontept von der Hand des Bortragenden Rats Wagner. 
15. Mai hatte der Oberpräsident der Drovinz Posen v. Horn Bismarck die Ab- 
Joe- enes am gleichen Cage dem Kultusminister erstatteten Verichis übersandt, in dem er 
anläßlich einer beantragten baulichen Erweiterung der in der Stadt Schrimm bestebenden 
Celuitenniederlassung vorschlug, die nach Maßgabe des Ministerialrelkripts vom 20. Juli 1854 
unter gewissen Kautelen gestaktete Aiederlaffung ausländischer Jesuten für die Zukunft gänglich 
zu untersagen. Bismarck hatte darauf den Kultusminister v übler und den Minister des 
Innern Grafen zu Culenburg, denen die Entscheidung auf den Antrag des Oberpräsidenten 
oblag, om 4. Juni unter Hinweis auf die hebe prinzipielle Bedeutung der angeregten Srage“ 
ersucht, ihn vor der Entscheidung über ihre Auffassung zu informieren. Beide Minister wollten 
nun zwar nicht soweit gehen, wie der Oberpräsident vorgeschlagen hatte, jedoch neigten sie 
dam, ihn m einer schärferen Handhabung des Ministerialreskripts vom 20. Juli is5c# m 
ermächtigen. In diesem Sinne sprach sich der Innenminister in einem Schreiben an Bismarch 
vom 10. Auguft aus. 
Berlin, den 23. August 1867. 
Ew. ECxzellen; beehre ich mich auf das gefällige Schreiben vom 10. d. M. ganz er- 
gebenst m erwidern, daß — wie ich dies auch bereits dem Herrn Minister der geistlichen pp. 
Angelegenheiten ausgesprochen habe — ich meinerseits den Wunsch bege, die Srage wegen
        <pb n="35" />
        Hessische Beschwerden über die neue Justijorganisation. 21 
Gulassung der Jesuiten einer nochmaligen Erwägung des Königlichen Staatsministeriums 
zu unterbreiten. 
Soweit ich die Sache in dem gegenwärtigen Stadium zu übersehen vermag, wird sich 
die vorliegende Frage nicht in der Beschränkung auf die Provinz Posen beantworten 
lassen, um so weniger als der Hauptsitz der Jejuiten sich meines Wissens zur Zeit nicht 
in der Provinz Posen, sondern in Westfalen befindet. 
Ew. Exzellenz beehre ich mich deshalb gan; ergebenst zu ersuchen, geneigtest unter diesem 
Gesichtspunkte den fraglichen Gegenstand im Einvernehmen mit dem Herrn Miinister der 
geistlichen pp. Angelegenheiten zur Beratung des Königlichen Staatsministeriums vor- 
zubereiten. 
*839. Erlaß an den Oberprässdenten in Kassel von Moeller. 
enn von der Hand des Vortragenden Nats Wagner.)] 
Zu der Mihstimmung in den annektierten Drooinzen, die durch die allm bureaukratisch- 
fisgalisch bnbl Aeuorganisation hervorgerufen war (ogl. Ar. 831, Vorbemerkung), hatte 
nicht wenig die Königliche Verfüügung vom 27. Juni beigetregen, die für die neuen Provinzen 
ein Oberoppellationsgericht in Berlin als höchste Infstanz einletz Dadurch wurden die blsber 
Shnss-r und Kassel bestandenen Oberappellationsgerichte 16 Appellationsgerichten berab- 
gesetzt 
Berlin, den 24. August 1867. 
Ew. Hochwohlgeboren sind nach den mir aus dem Königlichen Sivilkabinett gemachten 
Mitteilungen mit den Beschwerden einer Anzahl dortiger Richter in Bezug auf die neue 
Justiz-Organisation genau bekannt und baben bereits Vorschläge zur Abbilfe jener 
Beschwerden gemacht. 
Um auch meinerseits genügende Information zu gewinnen, ersuche ich Ew. Hochwohl- 
geboren ergebenst, mir gefälligst des baldigsten einen detaillierten Bericht über den frag- 
lichen Gegenstand zu erstatten und zugleich — eventuell nach vorherigem Vernehmen mit 
den betreffenden Personen — sich gegen mich darüber gutachtlich zu äußern, in welcher 
Weise die Sache nach Ihrer Meinung am zweckmäßigsten weiter zu behandeln sei. 
Zu Ew. Hochwohlgeboren Direktion bemerke ich dabei ergebenft, daß ich bei denjenigen 
Mitgliedern des früheren Kurbesllischen Oberoppellationsgerichts, welche eine Berufung an 
das hier neugebildete Oberapp gericht abgelehnt haben, eine Berechtigung zur 
Beschwerde wegen Versetzung an das neue Appellationsgericht nicht anerkennen kann. 
Bei der Stellung der übrigen Ober appellationsgerichts-Mitglieder ist außerdem zu 
beachten, daß das neue für die ganze Provinz gebildete Appellationsgericht weitaus höher 
steht als die früheren kleinen Appellationsgerichte, auch eine Gleichstellung des früheren 
Kurhefsischen Oberappellationsgerichts ausschließlich mit dem Dreußischen Obertribunal 
nicht als zutreffend erachtet werden kann. 
Wenn in einzelnen Sällen darauf eingegangen werden kann, Aichter mit ihrem vollen 
Sehalte zur Disposition zu stellen, so versteht sich dies mit der Maßgabe, daß die 
Disponibilität nur so lange dauert, bis den Betreffenden dort oder in den alten Provinzen
        <pb n="36" />
        22 Hebung und Verbesserung der Justände in Schleswig. 
eine angemessene Stellung geboten werden kann. Lehnen dieselben dann ab, so 
würde ein anderer Maßstab der Beurteilung angelegt werden müssen. 
Sbenso versteht es sich von selbst, daß auch früher das Verfahren auf Pensionierung 
wegen Dienstunfähigkeit nicht ausgeschlossen sein darf. 
Sw. Hochwohlgeboren stelle ich ergebenst anheim, diese Selichtspunkte den beteiligten 
Personen in geeigneter Weise mitzuteilen. 
840. Schreiben an die Staatsminister Grafen von Itzenplitz 
und von Selchow. 
l[Kontept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken. 
Berlin, den 24. August 1867. 
Es ist, wie Ew. pp. bekannt, bei der Verzögerung der Abstimmung in Nordschleswig 
unter anderem auch der Gedanke mitbestimmend gewesen, daß es nützlich sei, die dortige 
Bevölkerung vor der von ihnen selbst zu gebenden Entscheidung über ihr Schicksal zu- 
vörderst mit der Erfabrung vertraut zu machen, unter preußischem Szepter zu stehen, damit 
sie mit vollem Bewußtsein sich darüber klar machen könnten, auf welcher Seite ihre wahren 
Interessen lägen. Es ist daber auch wiederbolt darauf aufmerksam gemacht worden, wie 
wichtig es sei, den Bewohnern Schleswigs gerade in dieser Seit die Wohltaten des 
preußischen Regiments in möglichst ausgedehntem Umfange zufließen zu lassen, und es ist 
dabei auf Gewährung von Mitteln zur Kultivierung und Verbesserung des Landes, Schutz 
der Küsten, Ausdehnung der Verkehrsmittel in jeder Richtung und in lokalen wie in all- 
gemeinen Beziehungen hingewiesen worden. Es ist mir auch nicht unbekannt, daß Sw. pp. 
nach mancher von diesen Seiten hin bereits Ihr Augenmerk auf Wiaßregeln golcher Art 
im Mutzen des Landes gerichtet hatten. 
Es ist indes bis jetzt noch wenig Wirkung zu verspüren gewesen, was wohl zum Teil 
davon herrühren mag, daß die Sachen weniger bekannt geworden, zum TCeil aber auch, daß 
manche gute Absicht unausgeführt geblieben ist. 
Jetzt, wo es wünschenswert, die Regelung der Abtretungsfrage nicht zu lange mehr 
binauszuschieben und die Abstimmung der nördlichen Ditrikte einzuleiten, wäre es mir sehr 
wünschenswert, wenn eine größere Wirkung in dem angedeuteten Sinne auf die Be- 
völkerungen ausgeübt werden könnte. 
Ew. pp. würden mich daher zu verbindlichstem Danke verpflichten, wenn Sie mir 
einmal eine Zusammenstellung desjenigen, was innerhalb Ihres Ressorts bereits für die 
Hebung und Verbesserung der Zustände in Schleswig gescheben oder in Angriff genommen 
ist, zuckommen lassen wollten, damit ich durch die Presse für die Verbreitung der Kenntnis 
davon sorgen kann, godann aber auch Sprerseits diese Dunkte von neuem gefälligst ins 
Auge fassen und nach Umständen möglichst veranlassen wollten, daß Mahregeln, welche von 
Wert für das Land sind, beschleunigt und in oltensibler Weise angeregt und vorbereitet 
würden. Für eine gefällige Außerung über das, was Ew. pp. in dieser Richtung glauben 
tun zu können, würde ich Ew. pp. dankbar sein. 
Blemarck und die Nordschleswigsche Frage 1864 bis 18679, S. 220 f.
        <pb n="37" />
        Maht Osterreich Bauern als Versucher? Bismarck warnt in München. 23 
841. Erlaß an den Gesandten in München Freiherrn von Werthern. 
[Reinkonjept.] 
GOn einer Unterredung mit dem Sürsten Hohenlohe hatte Sreiberr von Wertbern diesen 
sondiert, ob wohl in Verfolg der Saljburger Zusammenkunft Napoleons III. mit Sranz Joseph 
ein Wiederaufleben des Gedankens des süddeutschen Bundes m erwarten sei. Wie Werthern 
Vismarck am 23. erst telegraphisch, dann auch berichtlich meldete, rechnete Fürst Hohenlohe 
ernstlich damit, daß von Wien aus amtliche Vorschläge wegen Gründung eines süddeutschen 
Bundes an ihn herantreten würden. Wertbern wollte aus den Auslassungen des Sürften 
schließen, daß er von einer solchen Absicht des Wiener Kabinetts bereits positio unterrichtet 
worden sei. Bismarck, dem an den Außerungen Hohenlobes auffallen mochte, daß sie keine 
Ablehnung eines eventuellen Wiener Vorschlags in sich schlossen, und der ohnehin Anstoß an 
der Art nahm, wie die Münchener Regierung die Frage der baprischen Heeresreform binausjog 
und den preußischen MAilitärbevollmächtigten General v. Hartmann behandelte (ogl. dazu den 
Bericht des fronkösischen Geschäftsträge-s in München Le Sourd vom 16. Juli, Les Origines 
Diplomatiques, II, 435 ff.), hielt es für angebracht, Hohenlohe durch Werthern verstehen 
z geben, daß Dreuhen gegebenenfalls auf ein näheres Verhöältnis zu Bahern nicht unbedingtes 
Gewicht zu legen brauche. 
Berlin, den 26. Auguft 1867. 
Ew. Hochwohlgeboren haben mich durch das gefällige Celegramm Ar. 54 benachrichtigt, 
wie Fürst Hohenlohe vermute, daß von Wien neue Vorschläge zur Gründung eines jüd- 
deutschen Bundes ausgehen würden, und aus demjenigen, was Ew. Hochwohlgeboren in 
Ihrem seitdem eingegangenen Bericht Ar. 99 vom 23. d. M. erwähnen, muß ich schließen, 
daß der Sürst bereits positivere Gründe für diese Vermutung hat und vielleicht von der 
Natur und dem Inhalt dieser Vorschläge näher unterrichtet ist, als er es ausgesprochen hat. 
öch ersuche Cw. Hochwohlgeboren, diesen Gegenstand dem Fürsten Hobenlohe gegenüber 
mit kühler Haltung zu behandeln und keinerlei Präokkupation darüber zu verraten, so 
wenig wie über die Ergebnisse der Salzburger JZusammenkunft überhaupt. Ew. Hochwobl- 
geboren wollen, wenn Sie zu weiteren Unterredung Veranlassung haben, im Anschluß an 
die Ihnen vom Fürsten gemachte Mitteilung bemerken, daß, wenn golche Vorschläge von 
Isterreich käment, Bagern in der Stellung, die es zu denselben nimmt, mit vollem Ver- 
trauen auf die Anlehnung rechnen kann, auf welche die zwischen Preußen ulnd) Bayern 
bestehenden Verträge der dortigen Regirung das Recht gewähren, ulnd) daß wir uns 
im Bunde mit Süddeutschland stark genug fühlen, um jedem Drucke die Wage zu halten. 
Sollte aber die Klöniglich) Bairische Reglierung) in ihren Verträgen mit uns ein unwill- 
kommnes Hinderniß erblicken, durch welches dieselbe sich günftigern Aussichten, die ein 
süddeutscher Bund der bairischen Politik bieten könnte, verschlossen fände, so wollen Ew. 
lpp.) vorsichtig ulnd) unter Verhütung jeder Verstimmung andeuten, daß bei uns jeder 
Weg eine unbefangne ulnd) bundesfreundliche Erwägung finden werde, auf welchem die in 
Baiern beruhenden deutschen Interessen ulnd) ins Besondre die reichen Baiern angehörigen 
Kräfte deutscher Wehrhaftigkeit eine günstige re Entwicklung zu finden vermögen als in den 
bisherigen vertragsmäßigen Besiehungen zu Preußen. Sw. pp. wollen solche Andeutung 
als ein Ergebniß der Surückhaltung bezeichn en, welche Baiern bezüglich der Reform seiner 
Heereseinrichtungen gegen uns beobachtet, ulnd) welche es uns zweifelhaft läßt, ob der fort- 
gesetzte Aufenthalt des Hlerrn] Genlerals! von Hartmann in Baiern im nteresse beider 
Regirungen noch von ARutzen sein kann. Zu Ew. pp. perfönlicher Kenntnißnahme bemerke 
ich ergebenst, daß die Abberufung des Generals von Sleiner] Majsestät] beabsichtigt wird, 
1 Der folgende Schluh des Erlalles eigenhändiger Zusatz, biw. Korrektur Bismarcks.
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        24 Geheime Mission Griguelus nach Berlin. 
falls derselbe zu den Uebungen im Lechfelde nicht in einer Jeiner amtlichen Stellung ent- 
Iprechenden Form eingeladen wird. Wir können einen so ausgezeichneten Offizier wie 
Hlerrn) olon] Hlartmann] hier nur dann mit gutem Gewissen entbehren, wenn wir über- 
jeugt sind, daß der Klöniglich) Bairlischen) Reglierung] im Interesse der deutschen Wehr- 
kraft seine dortige Anwesenheit von Autzen zu sein scheinte-. 
Im Auszuge bei W. Schüßler, Bismarckks Kampf um Süddeutschland 1867, S. 269. 
842. Erlaß an den Legatlonsrat von Bernhardi, z. Zt. in Florenz. 
[Kontept von der Hand des Vortragenden Rats Abesen.) 
Am 23. August erschien bei dem Legationsrat Grafen v. Bismarck-Bohlen ein ungarischer 
Oberstleutnant Gustav Srigyely, Wolfengesäprte Garibaldis, unter dem Namen eines Herrn 
v. Thugut und präsentierte einen vom 6. August datierten Brief Garibaldis an Bismarck, der 
desten Unterstützung für ein neues Unternehmen au Rom erbat. Dafür versprach Garidaldi 
ismarck die Pereitelung eines angeblich bereits abgeschlossenen Bündnisoertrages Grankreichs 
und Staliens, der dieses für den Sall eines franjölisch-preußischen Krieges zur Stellung eines 
Hilfskorps von 100 o00 Monn und seiner Sloite verpflichtete. Bismarck lieh dem Abgefsandten 
Garibaldis sagen, er habe keinen Grund anzunedmen, daß die italienische Regierung sich mit 
irgendwem gegen Preußen verbünden werde, und er J lich auf nichts einlasten, was nicht 
die Justimmung der l#alienisshen Regierung, und sei auch nur in tiefstem Gebeim, habe 
Väheres darüber in: Aus dem Leben Th. v. Vernhord', VIII, ös ff.; Alfred Stern, Geschehee 
Turopas, X, 142f. 
Sanz geheim. Berlin, den 28. Auguft 1867. 
Vor einigen Tagen präsentierte sich mir eine unter dem Namen eines Herrn von 
Thugut reisende Perfönlichkeit, welche sich durch einen an mich gerichteten französischen 
Brief des General Garibaldi vom 9. August als einen Oberstleutnant Thevalier Srigyesu 
introduzierte und mit Aufträgen des gedachten Generals versehen zu sein behauptete. 
Diese Aufträge gingen dahin, meine und der preußischen Regierung gebeime Unterstützung 
für die Absichten Garibaldis auf Rom nach zusuchen und mich zugleich zu versichern, daß 
General Garibaldi niemals zustimmen werde, daß Stalien an der Seite GSrankreichs gegen 
Preußen kämpfe. Der General wisse, daß das italienische Souvernement dem französischen 
für den Sall eines Krieges gegen Preußen die Mitwirkung einer Armee von 100 000 
Mann bereits zugesagt habe, und daß der Preis dieses unnatürlichen Verrats an seinem 
Bundesgenossen aus dem Jahre 1866 der Besitz von Rom sein solle; er, Garibaldi, 
werde aber die Ausführung dieses Vertrages verbindern können, wenn er auf dem Wege 
nationaler Erbebung NRom für Jtalien gewinne und dadurch den Zweck des Bündnisses 
vereitele und eine antifranzösische Diversion mache. 
Abgesehen von der delikaten und zweifelhaften Aatur der Angelegenbeit überhaupt, 
standen mir auch gar keine Mittel zu Gebote, um die Autbentizität des Schreibens und die 
Besiehungen der fraglichen Perfönlichkkeit zu prüfen. Die von letzterer als die Außerungen 
des Generals wiedergegebenen Worte entsp rechen allerdings dem bekannten Tbarakter 
desjelben; es liegt aber auch der Gedanke nicht fern, daß das Ganze eine von franf— 
sischer und österreichischer Seite gestellte Falle sei, um uns gegenüber von der italienischen 
Aegierung zu kompromittieren. Diese Befür chtung lag um so näher, als in den öffentlichen 
Blättern, 3. B. in der dem franzölischen Interesse dienenden „Stalie“ vom 6. Auguft bereits 
Dle Abberufung des Generals v. Hartmann ersolgte tatsächlich Mitte ÖOktober, ogl. ARr. 890.
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        Bismarcks Zurückhaltung gegen Garibaldi. Bismarck und Neichstagswahlen. 25 
Insinuationen sich finden, daß Preußen die Pläne Garibaldis und der Aktionspartei auf 
Nom begünstige und unterstütze. 
Ich habe mich deshalb dem angeblichen Garibaldischen Abgesandten gegenüber auf 
allgemeine Außerungen der Sympatbie für die italienische Nationalsache beschränkt und 
ihm zugleich bemerkt, daß wir jetzt keine Veranlassung hätten, an den guten und auf- 
richtigen Gesinnungen der italienischen Regierung gegen Preußen m zweifeln oder an das 
angeblich bereits mit Grankreich gegen uns geschlossene Bündnis zu glauben. Sbenso 
habe ich ihn auf die Gefahren aufmerksam gemacht, welche ein Vorgehen der Aktions- 
partei ohne die gesicherte Billigung der italienischen Regierung haben müsse. 
Es würde mir aber angenehm sein, wenn Sw. pp. durch Shre perfsönlichen Ver- 
bindungen in einer ganz unauffälligen Weise berausbringen könnten, ob der Chevalier 
FSriguesy in der Tat zu den Vertrauten Garibaldis gehört und mit einem golchen Schreiben 
und den gedachten Aufträgen von ihm versehen worden ist. 
Wenn Ew. pp. ohne Gefahr der Kompromittierung zu direktem Verkehr mit Garibaldi 
oder den einflußreichen Personen seiner Umgebung Selegenheit haben, so wünsche ich, 
daß mündlich demjelben mitgeteilt werdei, daß die absolute Unbekanntschaft mit der 
Person, die mir als Vertreter Garibaldi's gegenübertrat, so wie mit der angeblichen 
Handschrift des Generals mir vorsichtige Zurückhaltung auferlegt habe. 
Aus dem Leben Th. v. Bernhardis,. VIII, 685 ff. 
*843. Telegramm an den Regierungspräsidenten 
in Wiesbaden von Diest. 
[Cigenhändiges Konzept.] 
Bei dem grohen Anteil, den Bismarck an einer gedeihlichen Entwicklung der neuen 
rooinzen nahm, wandte er auch den dortigen Wahlen seim besondere Aufmerksamkeit zu. 
Als im Herbst 1866 die Frage erörtert wurde ob die neuen Prooinzen wäbrend der Über- 
gangszeit überhaupt schon an den kommenden Wadblen zu dem bonstituierenden Teichstag des 
NAorddeutschen Bundes teilzunehmen bätten, schrieb er am 13. Oktober an Keudell: „Bei einer 
Wahlverlammlung ist die Frage aufgeworfen worden, ob Bennigsen in Hannover und Braun 
in Vassau zur Kammer wählbar fsind. Man hat dies verneint. Ich halte diese Auffassung für 
falsch und jene Leute, da sie jetzt Dreußen sind, für wählbar. Ermitteln Sie die Ansicht des 
Justiministeriums und lassen Sie eventuell die Wählbarkeit dieser neuen Dreuhen in der Presse 
vertreten“ (v. Keudell, Fürst und Fürstin Bismarck, S. 318). Durch ein Schreiben vom 
29. Jonuar 1867 hatte Bismar ann den Jivilkommissor Sreiherrn v. Hardenberg an- 
gewiesen, sich im Hinblick auf die bevorstehenden Reichstagswahlen eingehend und ohne Rückhalt 
darüber ausjusprechen, „welcher Unterstützung und welcher Veränderungen in dem Dersonal- 
bestand der Behörden es noch bedürfe, um die volle Verantwortung für eine gedeihliche Entk- 
wicklung der Verhältnisse und für den Ausfall der Wahlen insbesondere übernehmen 
können." Dah es daran noch fehlen müsse, entnahm Bismarck u. a. daraus, daß in dem Wahl- 
kreise Hannover der Kandidatur ARudolf v. Bennigsens diejenige des Staatsministers a. D. 
o. Münchhaufen gegenübergestellt wurde, den man beim Generalgouvernement bisber für einen 
5# 
1 Der Holsenbe schlus des Erlasses eigenhändiger Zusatz Bismarcks an Stelle eines längeren Ablatzes 
Abekens, dessen ursprüngliche Fassung lautete: „daß mündlich in demlelben Sinne gesprochen werde, wie 
ich es gegen den angeblichen elandten getan; und dah dem tapferen Seneral die Überzeugung aus- 
gesprochen werde; wie ein Vorgeben gegen Nom ohne vorher gelicherte Zustimmung der italienischen Re- 
ierung keinen Erfolg haben könne; bis jetzt bätten wir keine Ursache, daran mu wweifeln, 5 sie den 
uchstaben und den Geist der Septemberkonvention aufrechtbalten und einem Versuch der Aktionspartei 
auf NRom, solange es Srieden im übrigen Curopa lei, mit Entschiedenbeit entgegentreten werde. Der 
Seneral würde t besser tun, sich für künftige Coentualitäten aufiusparen; auf unfere Sympatbien 
könne er immer rechnen, wie wir in dem Galle, welchen er schon jetzt eingetreten glaube, auf die Einen 
mit Bestimmtheit rLäblen.
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        26 Reichstagskandidatur J. A. Brauns. 
Leligmurgogen * Dez Hens angesehen hatte. Es hieh darüber in Bismarcks Schreiben can 
Hardenberg Mittellungen öffentlicher Blätter erlebe ich nicht ohne Befremden, daß d 
bekannte Herr v Alten-s)emmtngen sich gegenüber den betreffenden Kandidaturen der Verren 
v. Bennigsen und v. Mün dausen zweier Männer, die man hier bisber als axf demselben 
politischen Standpunkt stehrod u betrachten gewohnt war, in einem besonderen Slugblatt in 
durchaue, regierungsfeindlichem görtieuiarlfosche Sinne öffentlich für den letzteren ausgesprochen 
bat, und daß wir also bis dahin nicht allein über die Stellung jelbst der berooregen ten 
Petsonen nicht vollständig unterrichtet sind, sondern auch noch immer nicht in der Lage sind, der- 
artigen öffentlichen Demonstrationen mit achdruck entgegenzutreten.“ Unter den am 12. Februar 
gewählten hannoverschen und hessischen Vertretern straten Siomatch gerade die schon am 
13. Oktober 1866 genannten Abgeordneten A. v. Bennigsen d J. A. Braun-Wiesbaden nöber. 
Letzterer wurde von Hismarch Lusgefordert. ic ge kbenenlele in bessischen Angelegenheiten am 
ibn zu wenden; er machte davon auch a Fei b„ als die Hinwegführung des 
geilcgen Staatsschates ersndor so böses Bur memht puite Le- W. 831, Vorbemerkung), worauf 
ihm 2 
Undlichen Pete unterzogen und li rrie licht ohne Anhörung von Vertretern der 
oim Um dielelbe Zeit seczte sich Bismarck auch 
erneut für ahl Brauns zu dem Miten, Aeichstage des Norddeutschen Bundes ein. In 
einem NMn“nm- an den Vortragenden Rat Wagner vom 21. Juni hatte sich der Regierungs- 
präsident r enbiesbeben. d. biest. t über Braun beklagt, der im Hinblick auf die bevorstehenden 
neuen Wahlen zum Reichstage die Unhufriedenheit im He sischen über die Reuordnungen in der 
Justiz, im antenwesen usw. schüre. Im Anschluß daran hatte Diest gefragt, ob der Braunschen 
Kondidatur entgegengetreten werden son; oder nicht. on Bismarck war darauf verfügt 
worden: „nicht * a mpfen“ . Trotzdem erhielten die Landräte des Bezirks Wiesbaden eine 
A#wehn. die si gegen Braun auswirken mußte. Bismarck erfuhr sogar, daß man damit 
umgedbe, ihn sies c½% egenkondidaten gegen #Bru aufustellen. 
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Berlin, den 28. Auguft 1867. 
Ich hatte Sie gebeten, nichts gegen die Wahl von Braun zu thun. Wie kommt es- 
daß man mich dort als Gegen-Candidaten aufgestellt hat#? 
7844. Erlaß an den Gesandten in Stuttgart 
Frelherrn von RKosenberg. 
[Abschrift.] 
In leinem Streben, sobald als möglich wieder in ein freundliches und friedliches Verhöltnis 
zu Ssterreich im gelangen, war Bismarck bereitwillig auf die im Spätberbst 1866. von öster- 
reichischer Seite angeregten, im Artikel 13 des PDrager Friedens „im Sinne einer gröheren Er- 
leichterung des gegenseltigen Verkehrs“ vorgesehenen Verhandlungen über eine Aeoision des 
Handels- und Solloertrages vom 11. April 1865 eingegangen. Indessen waren die am 20. Dezember 
begonnenen Verhandlungen, uu benen reuhischerseits auch Bayern und Sachsen berangejogen 
wurden, sehr bald auf einen ennunk angelangt, da Österreich nelert wieder mit der 
Forderung einer Ermäößigung di-t preußischen We moils auf zwei Taler hervortrat, aus der sich 
lion bei früberen Verbandlungen die größten Schwierigkeiten ergeben batten. In der jetzigen 
Lage konnten die preuhischen Bevollmächtigten v. Philipsborn und Delbrück um so weniger auf 
die Österreichische Forderung eingehen, weil man damit das ein#ige Mittel aus der Hand cepeten 
bätte, um Frankreich zu bewegen, die beiden mecklenburgischen Proeerto tümer. die sich durch 
einen mit Srankreich 1865 abgeschlossenen Handelsvertrag den Anschluß an den ZJolloerein ver- 
Iperrt hatten, aus diesem Vertrage zu entlassen. „Hreußen mußte daher wünschen, vor einem 
Eingeben auf die österreichischen Porderungen erst mit Srankreich über die teebenburgile 
rage ins rei kommen, was aber nicht gelingen wollte. Andererseits stand Österreich im 
mit Molen Handelsvertragsverhandlungen z beginnen, die mit einer Fortsetzung der 
Preußischen Verhandlungen Kollidieren mußten. Unter diesen Umständen blieb kaum etwas 
übrig, als die Verhandlungen mit Ölterrei bis auf weiteres m vertagen, was am 3. Gebruar 
1 Wiesbaden die Antwort ein, dah eine direkte Bekämpfung der Praunschen 
Wahl — E 1u.— uhnehin wieder ausgegebene Bismarcksche Hehenkndidatur it han, der Be- 
2%% n 
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        Verhandlungen über einen Handelsvertrag mit Osterreich. 27 
1667 geschab. Es liegen aus der Zeit vom 20. Dejember 1866 bis zum 3. Februar eine größere 
Aweh Oismarchscher Erlasse und Celegramme, teils an die Bevollmächtigten von Dbilipsborn 
und Delbrück, teils an die preuhischen Vertreter in Wien und Paris vor, von denen die wich- 
tigsten an dieser Stelle zusamenefat werden mögen. Vom Jaonuar 1867 ist ein eigen- 
bändiges Telegramm an Sreiherrn v. Werther datiert: „Auf # inghigur der Weinzölle darf 
durchaus nicht eingegangen werden, solange nicht der französische Versicht auf den mecklen- 
burgischen Ieeltrn als Aquivalent gelichert ist. Dies ist bisder r*b #ei Soll. Wenn imter 
noch in 2#trei Auasch Sbei denen wir von der ausgegangen sind, W 
Sscherleitg an Die Vemmen . S#n Wiei werden vertagt.“ Am 29. cht, Bismarrck 
Sreiherrn v. Werther an: „Ersuchen Sie Herrn Geh. Rath Delbrückt im Auftrage des Herrn 
Handelsministers, ohne Rücksicht * *57 *Sbrad der Verhandlungen unverjüglich hierber zurück 
ukehren. Herrn Geh. Rath Dbilipsborn bitte ich bis auf Weiteres dort m bleiben, um die 
erhandlungen fortzuführen, die nicht abgebrochen und für jetzt auch nicht vertagt werden, der 
Abschluß aber obne sichres und directes Abkommen mit Frankrreich unthunlich bleibt. Unter 
3. Thaler geben wir außerdem mit dem Weinzoll auf keinen Sall.“ Vom 3o. ist ein Erlah an 
DDhilipsborn, in dem es beißt: „Wir glauben nicht, daß ein Abschluß nahe bevorsteht, aber ohne 
Iweifel wird es Herrn v. Beut ebenso erwünscht sein als unz □# der Eindruck, als würden 
die Verhandlungen abgebrochen, sorgfältig vermieden wird.“ 5. Sebruar endlich, dem Tage 
der Sistierung der Werhandlungen, folgt ein Celemomn an An ther „Bitte Baron Beust #u 
lzs gen *P unser Wunsch, Sinverständniß mit Oestreich berzust tesen, ebenso“ lebendig ist und wir 
Ursa e davon, da der Ablchluh aufgeschoben, nicht in Wien Hchen, hile beffen, daß 
Veron Beuft die Meckkenburger Schwierigkeit aus deutschem Standpunkte wü 
Val. u den Verhandlungen das Protokoll, ubetreffend einstweilige W39 der Ver- 
— * über Aeision des Handelsvertrags“ vom 3. Sebruar I867 in: Das Staats- 
ar chio , 300; ferner Lebenserinnerungen von Anudolf o. Delbrück, II, 386 ff. 
Esst im August 1867. nachdem sich inzwischen die Bedenken des Grafen o. Senpllt gegen 
eine wesentliche Hroisfegun des bcchelwolls gemildert #betten kam Bismarck e An- 
egenheit zurückt, indem er bei dem Bundesrat die iederaufnahme der Vertndlungen in 
Heg is und Wien beantragte. 
Berlin, den 28. Auguft 1867. 
Die Verhandlungen, welche, wie der Königlich Württembergischen Regierung bekannt 
ist, in den letzten Wochen des verflossenen und den ersten Wochen des laufenden Jahres 
von Hreußen unter TCeilnahme Baperns und Sachsens mit Österreich über die Reoision 
des Vertrages vom 11. April 1865 gepflogen wurden, mußten vertagt werden, weil Hreußen 
Bedenken trug, auf die von SÖtterreich beantragte Ermähigung der vereinsländischen 
Eingangsabgabe von Wein einzugehen. Diese Bedenken waren nicht bloß aus dem 
Betrage der in Anspruch genommenen Sollermähigung bergeleitet, sondern berubten 
wesentlich auf dem Zusammenhang, in welchem dieselbe mit einer andern wichtigen Frage, 
dem Anschluß Mecklenburgs an den Gollverein, stand.
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        28 Vorfrage: Mecklenburgs Eintritt in das gemeinschaftliche Jollgebiet. 
Im Artikel 18 eines Handels- und Schiffahrts - Vertrages, welchen Miecklenburg- 
Schwerin am 9. Juni 1865 auf zwölf Jahre mit Grankreich abgeschlossen hat, und welchem 
Mecklenburg-Strelitz beigetreten ist, hat sich nämlich Mecklenburg-Schwerin verpflichtet, 
den Betrag der Abgaben, die, von welcher Art sie auch sein mögen, derzeit in dem Groß- 
beriogtum auf die Crzeugnisse des Bodens und des Gewerbefleißes Srankreichs Anwendung 
finden, nicht zu erhöben, neue nicht einzuführen, dem freien Eingange und dem Umsatze 
dieser Erzeugnisse weder Ausnahmebestimmungen noch Einschränkungen entgegenzusetzen. 
Die Großberzogliche Regierung hat sich zwar die Befugnis vorbehalten, den jetzt in 
Mecklenburg bestehenden höchsten Sollsatz von 3.02 frs. auf 7.50 frs für 100 Kil. — von 
15 Sgr. 8 Df. auf 1 Tlr.: für den Zentner — einschließlich aller Abgaben zu erböhen. Diese 
Befugnis gewährt ihr indessen nicht die Möglichkeit, durch Einführung des Vereins- 
Solltarifs den in der Verfassung des Norddeutschen Bundes vorgesehenen Eintritt 
Mecklenburgs in das gemeinschaftliche Sollgebiet zu vollziehen. 
Es erscheint nicht als unwahrscheinlich, daß Frankreich um den Preis einer Soll- 
ermähigung für Wein geneigt sein werde, Mecklenburg aus der, durch die gedachte Ber- 
trags-Bestimmung übernommenen Verpflichtung zu entlassen. Es leuchtete aber ein, daß 
eine entsprechende Verständigung nicht erreichbar sein würde, wenn an Österreich eine 
Jollermäßigung für Wein bereits vertragsmäßig zugestanden und damit für Frankreich 
die Teilnahme an derselben auf Grund des Artikels 31 des Vertrages vom 2. August 1862 
bereits erworben war. 
Die Schritte, welche inzwischen sowohl von Preußen, wie von Mecklenburg in Paris 
gescheben sind, haben zu der Überzeugung geführt, daß Frankreich die Lösung der von 
Mecklenburg übernommenen Verpflichtung nicht ablehnen wird, sofern ihm dafür neben 
einigen, bereits bei den Verbandlungen mit ÖOsterreich in Aussicht genommenen SZoll- 
ermäßigungen von geringerer Bedeutung eine Herabsetzung des Eingangszolles für Wein 
zugestanden wird. 
Zugleich baben die über die Wirkung der am 1. Juli 1865 eingetretenen Herabsetzung 
der Weinzölle gemachten, nunmehr einen Seitraum von zwei Jahren umfassenden Er- 
fabrungen die Bedenken wesentlich vermindert, welche Preußen gegen eine weitere Er- 
mäßigung dieses Solles begte. 
Wird nämlich das Jahr 1868, in dessen Mitte diese Herabsetzung fiel, außer Betracht 
gelassen und das Ergebnis der 5 Jahre 1860/64 mit denjenigen der 18 Monate 
1. Januar 1866 
30. Juni 1867 
schnittlich 358 965 Ztr. Wein mit einem Ertrage von 2 oss 984 in den 18 Monaten der 
letzten Periode 616 485 Str. mit einem Ertrage von 2 465 940 verzollt, also die Ver- 
zollungen um 71,7 Prozent, die Einnahmen um 18 Prozent gestiegen sind. 
Ich habe deshalb bei dem Bundesrat des Norddeutschen Bundes vor einigen Tagen 
die Zustimmung dazu beantragt, daß Preußen nach vorgängiger Verständigung mit den 
süddeutschen Staaten im Aamen des Bundes mit Srankreich über die Entlassung 
Aeckklenburgs aus der von letzterem im Artikel 18 des Vertrages vom 2. Juni- 1865 
übernommenen Verpflichtung gegen eine Ermähßigung des Eingangsjolles für Wein auf 
verglichen, so ergibt sich, daß in 18 Monaten der ersten Periode durch-
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        Besetzung der höheren Beamtenstellen in Hannover. 29 
einen Betrag von 27/ Clr. in Verhandlung trete, sowie es die Verhandlungen mit Oster- 
reich wegen Reovision des Bertrages vom 11. April 1865 unter Teilnahme Bagerns und 
Sachsens wieder aufnehme. 
Das lebhafte Snteresse, welches Württemberg an einer befriedigenden Regelung der 
BVerkehrs-Verhältnisse zu ÖOsterreich wieder holt zu erkennen gegeben hat, und die Be- 
deutung, welche der nur durch eine Berständigung mit Frankreich zu erreichende Anschluß 
Mecklenburgs für das Gesamtinteresse des Sollvereins besitzt, bürgen dafür, daß die 
Königlich Württembergische Regierung keinen Anstand finden werde, dem vorstehenden 
Antrage, welchen ich hierdurch auch an sie richte, ihre Zustimmung zu erteilen. 
Ew. pp. wollen sich hiernach gegen den Herrn Greiherrn von Varnbüler äußern 
und demselben auf seinen Wunsch Abschrift dieses Erlasses mitteilen. 
*845. Immediaiberichi. 
[Kanzleikonjzept.)] 
Schon vor geen Schreiben an Thile vom 21. Juli (ogl. Ar. 831 Vorbemerkung) hatte 
Bismarck wieder olt Anlaß gebabt, sich darüber m beklogen, daß die Minister Graf zu Eulen- 
burg, Graf zur Lippe und Greiherr v. d. Helydt in ihrem „wilden Ressortpatriotismus“ ihn 
in den FSragen der Besetzung der höheren Beamtenstellen in den neuen Provinzen nicht hin- 
reichend unterstützten, im Gegenteil ihn wohl geradem konterkarierten. Der Justiwminister 
batte bereits Ende 1866 der Anwendung der Verordnung vom 3. Dejember (ogl. Die GSe- 
lammelten Werke, VI, Ar. 622) auf die hannoverschen Justizbeamten sich widersetzt, so daß wohl 
die Verwaltungsbeamten, nicht aber die Justizbeamten, die sich an der Erklärung der Titter- 
schaften vom 7. Aovember beteiligt hatten, gemaßregelt worden waren. Auch als Bismarck 
die Anwendung der Verordnung vom 3. Dejember auf die Justizbeamten durch einen Staats- 
ministerialbeschluß vom 3. Januar 1867 gegen den Dissens Lippes durchsetzte, blieben die Justin- 
beamten unbebelligt. Aur der Oberappellationsrat E. v. Lentbe, der sich bejonders renitent 
erwiesen hatte, wurde zum 1. April in den Aubestand versetzt. Als nun Generalgouverneur 
von Boigts-Rhetz im Mai die Entfernung von 12 als FPolitilch unzuverlässig charakterisierten 
böberen richterlichen Beamten in Hannover beantragte, durchweg solcher, die bereits an jener 
rilterschaftlichen Erklärung vom 7. Aovember 1866 teilgenommen hatten, und der König auf 
Bismarcks Vortrag den entschiedenen Willen zu erkennen gab, sie unverjüglich auf möglichst 
schonende Weise durch Pensionierung oder gonst aus ihren Amtern entfernt zu sehen, perrte sich 
Graf zur Lippe von neuem. Am 17. Wa richtete Bismarck ein Schreiben an ihn, in dem es 
u. a. hieß: „Seine Majestät erwarten, daß Cuere Exjzellenj bereit sein werden, diese von Aller- 
böchstdenselben für notwendig befundene und fest beschlossene Maßregel zur Ausführung zu 
bringen, und baben mich zu beauftragen geruht, Ihnen bierüber die nötige Mitteilung zu machen. 
Indem ich mich dieses allerhöchsten Auftrages hiermit entledige, darf ich Euere Exiellenz er- 
gebent ersuchen, sich gefälligst umgebend gegen mich darüber äußern zu wollen, ob und in welcher 
eise Sie der Intention Seiner Majestät zu entsprechen bereit sind. Ich halte mich verpflichtet, 
die ganz ergebenste Bemerkung binzuzufügen, daß, wenn des Königs Moajestät wider Verhoffen 
auf Euerer Schellen) Mitwirkung bei jener WMahregel nicht sollten rechnen können, Allerböchst- 
dieselben dem Generalgouverneur den Befebl erteilen werden, mit der sofortigen Suspension 
der von ihm für politisch unmuverlässig erachteten richterlichen Beamten von ihren Amtern vor- 
zugeben — eine WMohnabme! die Seine Majestät gern vermieden seben möchten, die aber nur 
durch unversügliche Einleitng der Densionierung der gedachten Beamten nnöiiß werden würde.“ 
Trotz dieser königlichen Willensmeinung erreichte es der Justizminister schlieblich, daß nur ein 
einziger jener zwölf Beamten, nämlich der Obergerichtsdirektor v. Müller von der Densionierung 
betroffen wurde, während die übrigen mit der Abgabe einer Loygalitätserklärung davonkamen. 
Ganz die gleichen Erfaohrungen mußte Bismarck um die Mitte 1867 mit dem Innenminister 
Grafen zu Eulenburg machen. Bismarck batte um diese Seit die Ersetzung des mit der kom- 
missarischen Leitung der Generalpolizeidirektion in Hannover beauftragten Landrats Steinmann 
für nötig erachtet, da dessen Anseben durch die Slucht des wegen der Werbungen für die 
abannoversche Emigration“ derhafteten Premierleutnants v. Holle (ogl, doyu: Die Gesammelten 
Werke, VI. Ar. 810) aus dem Gebäude der Generalpolijeidirektion einen Stoh erlitten batte. 
Indessen widerlsetzte sich Graf uu Culenburg, zunächst mit Ersolg, der Entfernung Steinmanns 
von seinem Posten. Im Laufe des Sommers erboben sich neue Beschwerden gegen Steinmann,
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        30 Differenzen mit Culenburg in Personalfragen. 
der ohne binreichenden Grund einen preuhischen Kavallerieoffizier gefangen geletzt und dafür 
nach Auffassung des Generalgouverneurs keine genügende Satisfaktion gewährt hatte. Auf 
die Klagen, die Bismarck aus diesem Anlaß zukamen, wiederholte er bei dem Könige den Antrag 
auf Entfernung Steinmanns. 
Berlin, den 29. Auguft 1867. 
Curer Königlichen Majestät überreiche ich ehrfurchtsvoll beigehenden Auszug aus dem 
Briefe eines höheren Offiziers:, der mir aus verbürgter Quelle zugegangen ist. 
Im Anschlusse an das darin Erzählte und an frühere mündliche Vorträge wage ich 
Eurer Königlichen Majestät die Bitte alleruntertänigst zu wiederholen: Eure Königliche 
Maojestät wolle geruhen dem Minister des Innern m befehlen, den Landrat Steinmann, 
welcher kommissarisch mit der hannoverschen Polizeidirektion beauftragt ist, sofort von der 
Leitung der Polizei in der Drovinz Hannover zu entbinden und durch einen anderen Beamten 
in ersetzen. 
Ich darf Cure Königliche Majestät ehrfurchtsvoll daran erinnern, daß schon im Grüh- 
jahr bei Gelegenheit der Entweichung des Leutnants Holle ich die Ersetzung des Land- 
rats Steinmann alleruntertänigst anzuregen mir erlaubte, da dieser wie manche andere Vor- 
fälle in mir Sweifel erweckten, ob er für seinen Posten geeignet sei. 
Curer Königlichen Majestät Zustimmung glaube ich gewiß zu sein, wenn ich sage, daß 
eine solche ungeschictte Anwendung der olizeigewalt ganz geeignet ist, preußische Sustände 
in übelem Lichte in dieser neuen Provinz erscheinen zu lassen, zumal wenn, wie ein kürz- 
lich in Lehrte vorgekommener äbnlicher Fall beweist, dieselbe nicht vereinzelt dasteht. Es 
pricht überbaupt dafür, daß die Dolizei in Hannover in solchem Geiste geleitet wird, wenn, 
wie man mir auch mitteilt, selbst Reibungen mit dem Militär vorkommen, und wage ich 
zu boffen, daß Eure Königliche Majestät meinen ehrfurchtsvollen Antrag allergnädigst 
genehmigen werdens. 
*846. Immedlatberlcht. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden ARats König.] 
Die Verhandlungen über die Vermögensauseinandersetzung mit dem depossedierten König 
Georg V. von Hannover, die seit Ende Januar 1867 wischen preuhischen Bevollmächtigten 
(GSebeimer Legationsrat König und Seheimer Oberfinanjrat Wollny) und solchen Georgs V. 
(Staatsminister a. D. Erxleben und Staatsminister a. D. Windthorst) im Gange waren (ogl. 
daju Bd. VI, Ar. 696 nebst Vorbemerkung) hatten dahin geführt, daß in der zweiten Hälfte 
April preuhischerseits eine Anzahl Dunkte für ein mit dem Könige Georg jzu treffendes Ab- 
kommen aufgestellt wurden, denen jedoch die hannoverschen Kommissare einen Gegenentwurf 
gegenüberstellten (I. beide Schriftstücke in O. Klopp, Das Preuhßische Verfahren in der Ver- 
mögenslsache des Königs von Hannover, S. 34 ff.). Am 10. Juli erstattete Unterstaatsfekretär 
von Thile dem Könige Wilhelm I. einen Immediatbericht über die Berhandlungslage. Danach 
bestanden zwischen den beiderseitigen Vorschlägen in der Hauptsache vier Differenjpunkte, bin- 
sichtlich deren Thile die Besehle des Königs erbat. Dieser gab seine Entscheidung in Sorm von 
1 Es dürfte sich dabei um den päteren Generalfeldmarschall Grafen v. Waldersee handeln, der 1661 
als — in Hannover stand. Vgl. Denkwürdigkeiten des Generalfeldmarschalls . Grasen 
v. ldersee, berausgegeben von H. O. Meisner, I, 50: „Ich war obne Mitwissen anderer und nur durch 
eine Mittelsperson mit Bismarck über Hannovers innere Verhöltnisse in Korrespondenz) gewesen, und er 
batte mir darin ein gon) besonderes Vertrauen geschenkt.“ 
* Aachde die Genebmigung des Königs ersolgt war, berief charakteristischerweise Staatsminister ras 
u Culenburg Landrat Steinmann als Hüleardeiter ins Ministerium des Innern. In Hannover wurde er als 
nt er Generalpolkheidirektor durch den Dolizeidirektor v. Leipsiger ous Königsberg ersetzt.
        <pb n="45" />
        Direktiven Wilhelms I. zur Verms inandersetz mit Georg V. 31 
Mandbemerkungen. auf Grund deren ihm Vismarck und Sinanzminister v. d. Hepdt noch ge- 
meinschaftlich Vortrag erstatten allten. Der Passus des Tbileschen mimeAetberio. hts über jene 
Dineremprnate nebst den Randbemerkungen des Königs batte Floenden Wortla 
Der König Georg weigert sich entschieden, die Einverleibung m—mi**“ in die 
— Monarchie ausdrücklich anzuerkennen. eine Bevollmächtigten behaupten, daß 
nach einer Außerung Cuerer Königlichen Ma egestät gegen Lord Loftus Allerhöchstdieselben auf 
eine solche ausdrüchliche Anerkennung nicht besteben würden, daß aber eine indiretzte An- 
erkennung in der Ernennung von Bevollmächtigten zum Abschlusse eines Vertrages über die 
PVermsgensverhöltisl liege“ [Randbemerkung Wilhelms I.: ,7 7 Ist mir nicht erinnerlich, und 
erwariẽ ich die Ansicht des Ministerpräsidenten Graf Bismarck)). 
Der önig Georg beansprucht, ihm ges- Schlösser, Gärten und zur Horbaltung 
beltimsne Cedäude belassen werden Widch id I.: cheint gan; unannehmbar. Man köõnnte 
das unausgebaute eeen che vor Hannover iagsSnnchei Biebrich) und 2ber feils die enrn 
burg (für die Königin) (gleichwie Königstein für die Her'öge von Nassau) bergeben. Beim 
Wilen-Schloß wäre der Umstand wichtig, daß über Jahr und Tag ein Aufentau daselbst un- 
6 lich ist.] und dabß ihm für das übrige Uundeweliche Privateigentum eine Sntschädigung von 
illionen Talern gewährt wird. Nach der diesfeitigen, von Cuerer Köniylichen Acojestät ge- 
gebünlgten Au Ltellung lollte die dem Könige Georg zu bewilligende Summe von 7oo ooo Talern 
jährlich als Abfindung auch für die „Schlösser, Gärten und alles jonstige Grundeigentum dienen. 
- I.: „Einverstanden". 
Das Einkcommen von jährlich 700 0oo Talern würde nach diesseitiger Auffass *- 
selansr der Ron Veorg den gegenwärtigen Zustand nicht anerkennt, nur als Nente, allen 
in einem angemessenen findungskopitale (600 OOo Pfund Sterling’ in englischen Stocks sans 
14 a62 500 Taler in 4Aprozentigen Staatspapieren) zu gewähren sein. Witelm I.: „In welcher 
Art man über beide Summen sich entgegenkommen bönnte, erwarte ich Vortrag, jedenfalls bledee 
auch ich entschieden gegen debe Abfindung in Domainen und Brundbesel, Haumovorscherseits ver- 
langt man neben Domänen und Sorsten mit einem auf ca. 200 oo er berechneten Ertrage 
noch 600 Ooo Pfund Brerling in englischen Stocks und 9 400 Coo er- bar. Der Sinanj-— 
minister spricht sich entschieden gegen Diefe Prätensionen, namentlich gegen die UÜberweifung von 
Domänen und Sorsten, 
4. In dem bennorerichen Vertrogsentwurke (5 8) wird der Königin Marie die Marien- 
burg und das Recht auf ein Wittum, den Königlichen Kindern das Recht auf Apanagen und 
Auslteuer vorbehalten. [Wilhelm I.: Erscheint unannehmbar“.] Diesseits ist bisber angenommen, 
deb- lolange König Georg seine feindfelige Stellung gegen die jetzigen Verhältnisse beibehält, 
die Marienburg nicht der freien Berfügung der Königin Marie verbleiben könne, londern unter 
Sequestration genommen werden müsse. [Wi beim I.: „Ist wie vorstehend angegeben, gegen 
meine Intention“.] Der Wegfall des Anspruchs auf Witium, relp. Aponagen #s die notwendige 
Jolge des Verluftes der Aeerung- [Wilhelm I.; „richtig. Wilhelm. Ems, 11. 8. 67“.) 
Am 30. August erstatteten Bismarck und Heudt den vom Könige n Immediat- 
bericht ouf Grund eines von dem Bevollmächtigten König guserseten und von Bismarck durch- 
korrigierten Entwurfs. 
Berlin, den 30. Auguft 1867. 
Ew. Königliche Mojestät haben über den bier ehrfuchtsvoll wieder angeschlossenen, die 
künftige Vermögenslage des Königs Georg betreffenden Bericht: unsern Vortrag nach 
Allerhöchstderselben Randbemerkungen zu befeblen geruht. 
Wir haben nach Maßgabe dieser Randbemerkungen einen neuen Vertragsentwurf 
aufgestellt und verfehlen nicht unter Überreichung desfelben nachstehendes alleruntertänigst 
u berichten. 
7 0ar ausdrücklicher Verzicht auf die Krone ist vom König Georg bisber nicht zu er- 
reichen gewesen ulnd) in nächster Zeit schwerlich zu erwarten. Eine indirekte Anerkennung 
der gegenwärtigen Zustände liegt aber schon darin, daß König Georg mit Sw. Königlicher 
Masestät über seine Entschädigung bezüglich der mit der Krone verbunden gewesenen Ein- 
künfte einen Bertrag abschließt. Ich, der ehr furchtsvoll mitunterzeichnete Minister der aus- 
wärtigen Angelegenheiten, würde glauben, daß man sich für jetzt mit diejser indirekten 
Anerkennung begnügen kann, soweit es sich nur um eine Abfindung in Selde bandelt. 
Immediatbericht Thiles vom 10. Juli 1867 
4½ : Lmeltt, 2: eeicht #. Korrektur Bismarcks.
        <pb n="46" />
        32 Neuer Entwurf eines Abfindungsvertrages mit Georg V. 
Grundbesitz in der Provinz Hannover wird aber nach meinem alleruntertänigsten Dafür- 
halten dem König Georg so lange nicht gewährt werden können, als er nicht ausdrücklich 
auf die Krone für sich und seine Erben verjichtet hat#. Da Ew. Königliche Majestät in 
Bezug auf die Marienburg bereits einen bestimmten Entschluß zu erkennen gegeben haben, 
lo wird es dabei bewenden müssen. Gegen die sofortige Einräumung des Welfenschlosses 
glaube ich mich aber bis zum ausgesprochenen Verzicht auf den Thron alleruntertänigst aus- 
Iprechen zu müssen. Ist auch nicht zu besorgen, daß König Georg selbst seinen Wohnsitz 
dort nohmen wird, so könnte er doch dort eine Administration einrichten, welche den un- 
Ufriedenen, preußenfeindlichen Elementen grade der Stadt Hanover“ zum Vereinigungs-= 
punkt dienen und die Mittel zu fortdauernder Agitation gewähren würde. Entsagt der 
König Georg der Krone definitiv und ausdrücklich, so fällt diese Besorgnis fort, und ich 
würde dann mich für die Uberlassung des Herrenhaufer Schlosses und der Domäne Calen- 
berg aussprechen. Das Schloß Herrenhaufen ist alter Samilienbesitz, und nicht nur die 
hanmoversche Königsfamilie, sondern auch die englischen Agnaten legen Wert auf seine 
Erbaltung. Die Domäne Calenberg mit einem Areal von etwas über 2000 Morgen 
lieferte der Marienburg landwirtschaftliche Erzeugnisse und bat insofern für den Besitzer 
der Marienburg besonderen Wert. 
Sch, der ehrfurchtsvoll mitunterzeichnete Sinanzminister, stimme zwar nach wie vor im 
Prinzip gegen die Überlassung von Domänen, würde aber gegen die Abtretung von Herren- 
hausen und der Domäne Calenberg in eigene Berwaltung des Königs Georg keine Ein- 
wendungen zu erbeben haben, sobald die dagegen sprechenden politischen Bedenken durch 
den ausdrücklichen Verzicht des Königs Georg beseitigt sind. 
Der § 4 des neuen Vertragsentwurfs nimmt neben Überlassung von 600 O00 Pfund 
Sterling in englischen Stocks eine Geldentschädigung von 16 Millionen Talern (darunter 
11 Millionen in 4# prozentigen Staatspapieren] in Aussicht. Früher war diesseits an- 
geboten: 
1. Die quest. 600 ooo Pfund mit einem auf 121 500 Taler angenommenen Gins; 
2. 14 462 300 Taler in 4prozentigen Staatspapieren mit 578 ooo Taler Sins- 
ertrag, usammen 700 000 Taler. 
Hannoverscherseits war beanjsprucht: 
1. Die quest. 600 ooo Pfund mit einem auf 118 000 Taler angenommenen Gins- 
ertrag; 
2. Domänen und Sorsten zum Ertrage von 200 000 Talern; 
3. 9 400 0O00 Taler bar mit einem zu 3 Projent berechneten Sinsertrage von 
282 000 Talern, zusammen 600 000 Taler. 
SEw. Königliche Maoajestät haben sich entschieden gegen jede Abfindung in Domänen- 
Srundbefitz ausgesprochen, aber unseren Vortrag darüber befohlen, in welcher Art man 
über beide Summen sich entgegenkommen könne. Die nach unserem gegenwärtigen aller- 
untertänigsten Vorschlage in 43 prozentigen Staatspapieren zu gewährenden 11 Millionen 
Taler repräsentieren nach dem gegenwärtigen Kurse von 97 ein Effektivkapital von 
10 752 300 Talern, dazu bar 5 ooo ooo Taler, ergibt msammen 15 752 500 Taler, wo- 
von die jährlichen Revenuen bei einem Zinssatze von 3“ Drojent 551 337 Taler betrügen. 
Dan die Zinsen des englischen Kapitals mit 120 ooo Talern ergäbe eine Gesamtrevenue 
Der Satz enthält kleinere Korrekturen Bismarcks 
⁊ : r — E“## # Stadt Hanover" igechböiger. Einschub Bismarcks.
        <pb n="47" />
        Begründung des Vertragsentwurfs für die Abfindung Georgs V. 33 
von 671 337, also um ca. 28 ooo Taler weniger, als dem König Georg bei einem Sinsfuß 
von 4 Prozent zugedacht war, und um über 70000 Taler mehr, als hannoverscherseits bei einem 
Ginsfuß von 3 Prozent ulnd] Einräumung von Domainen zum Ertrage von 200 000 Talern“ 
beansprucht wurde. Würde aber König Georg die 11 Millionen Staatspapiere nicht in 
Grundbesitz anlegen, sondern konjervieren, so würde er davon eine jährliche Revenue von 
a95 ooo Talern beziehen. Nechnete man den Ginsertrag der bar zu empfangenden 
* Millionen nur zu 3 Prozent, also auf 150 000 Taler, so stellte sich mit den Sinsen des eng- 
lischen Kapitals, d. h. 120 ooo Talern, die Gesamtrevenue auf 765 000 Taler. Hier- 
nach dürfen wir unsern gegenwärtigen ehrfurchtsvollen Vorschlag für in hohem Grade ent- 
gegenkommend erachten. 
Im übrigen finden wir zu dem Vertragsentwurfe nur noch folgendes ehrfurchtsvoll m 
bemerken: 
Zu s6 6: Das dem König Georg zmugedachte Einkommen wird demselben unbelastet zu 
gewähren sein. Die Pensionen der Hofdiener werden daher von Preußen übernommen 
werden müssen. 
Die im § 7 aufgeführten, dem König Georg verbleibenden Moventien pp. sind nach 
den angestellten Ermittelungen als Drivateigentum m erachten. Das unter Ar. 2 dajelbst 
erwähnte Altfürstlich Braunschweigische Allodium besteht aus dem Salzwerke zu Lieben- 
balle, zwei Mühlen im Amte Einbeck und einigen Kapitalien. Diese Bermögensobjekte 
waren von der FSamilie dazu bestimmt, die Schulden des im Jahre 1634 verstorbenen Herzogs 
Friedrich Ulrich zu tilgen. Die Verwaltung erfolgt gemeinschaftlich durch den König 
Georg und den Herjog von Braunschweig. Die privatrechtliche Matur dieses Vermögens 
ist nie bezweifelt und eine Teilung zwischen der bannoverschen und braunschweigischen 
Linie, nachdem die gedachten Schulden getilgt sind, wiederholt in Frage gezogen, ohne bis- 
her zustande gekommen zu sein. 
Sollten Ew. Königliche Moajestät unsere ehrfurchtsvoll vorgetragene Auffassung zu 
billigen geruhen, so bitten wir um die Allerhöchste Ermächtigung, dem Bevollmächtigten 
des Königs Georg den Vertragsentwurf mit dem Bemerken zur Annahme vorlegen lassen 
zu dürfen, daß Ew. Königliche Majestät über die in diesem Entwurf enthaltenen Bewilli- 
gungen hinausjugeben nicht gewillt seien. 
Eine in diesem Sinne gefaßte Ordre gestatten wir uns alleruntertänigst beizufügen". 
*847. Drlvatschreiben an den Staatsminisker Grafen zu Eulenburg. 
[Konfzept von der Hand des Vortragenden Rats Sitelmann.) 
Dei d 31. August stattgefundenen ê hl Reichst # vi 
auch in Beri#une au Webimibdigtreit Hei Aegzun Weich- 8 zrle wi * hale 
Anordnungen bei Auffstellung und Reoision der Wöblerlisten glaubte mrückführen zu gollen. 
Berlin, den 5. September 1867. 
Sw. Exzellenz wird — wie ich annehmen darf — die Wahrnehmung nicht entgangen 
sein, daß die Beteiligung bei den letzten Wahlen um Aeichstag hier in Berlin eine bedeu- 
tend geringere gewesen ist als am 12. Februar d. J. 
rs Die Worte: „ulnd! Einräumung ...“ eigenböndiger Einschub Bismarcks. 
„ Hier nicht abgedruckt. 
WIa
        <pb n="48" />
        34 Mangelhafte Aufstellung und Revision der Wählerlisten. 
Die Ursache dieser Erscheinung liegt zum größeren Teil wohl in der vorhandenen politi- 
schen Abspannung, zum Teil aber auch in den mangelhaften Einrichtungen, welche der hiesige 
Magistrat in betreff der Aufstellung und Revision der Wähblerlisten getroffen hat. 
Indem ich in dieser Besiehung mir erlaube, auf die beiliegenden Artikel der „Aord- 
deutschen“ und der „Volkszeitung“ ganz ergebenst Bezug m nehmen, kann ich aus meiner 
eigenen Erfahrung nur bestätigen, daß Wäbhler, die am 12. Sebruar d. G. gewählt haben, in die 
jetzige Wahlliste nicht aufgenommen sind, obwohl sie ihre Wohnung nicht verändert haben. 
Wie mir mitgeteilt worden, und wie auch der vorliegende Artikel der „Aorddeutschen Sei- 
tung“ ergibt, hat der Magistrat sich damit begnügt, die Urlisten zum Eintragen der Wähler 
an die Hausbesitzer zu senden, und diesen allein die Sorge für die vollständige Eintragung 
der in ihren Häusern wohnhaften Wäbler überlassen. Eine Revision bei Abholung der Ur- 
listen oder eine Vergleichung mit denen der letzten Wahl hat — soviel ich vernommen — 
nirgends stattgefunden. 
Daß ein solches Verfahren der Vorschrift des § 1 des Wahlreglements widerspricht, 
dürfte nicht zweifelhaft sein. Mach demselben bat der Magistrat die Verpflichtung, alle 
Wahlberechtigte in der Wählerliste m verzeichnen. Es lag ihm daher selbstredend ob, 
die Aufstellung der Ur- oder Hauslisten, welche die amtliche Grundlage des ganzen Wahl- 
geschäfts bilden, selbst in die Hand zu nehmen und dieselbe durch ihm untergebene amtliche 
Organe bewirken resp. kontrollieren zu lassen. Statt dessen hat er diese Funktion von sich 
auf das freiwillige Belieben der Hausbesitzer, d. h. unverantwortlicher Privatpersonen, über- 
tragen und damit den gesamten Wählerlisten eine andere als die vorschriftsmäßige Basis 
gegeben. 
Wenn auf diese Weise das perfönliche Gutdünken und die politische Parteinahme der 
Hausbesitzer ohne jedes amtliche Korrektiv geblieben ist, so kann es nicht überraschen, daß 
nach den Angaben der „Volkszeitung“ 40 Drozent der Wäbler in den Wadllisten gefehlt haben. 
Wollte der Magistrat sich zur Rechtfertigung seines Verfahrens auf die 55 2 und 3 des 
Wahlreglements stützen und behaupten, daß den Wäbhlern allein die Kontrolle über ihre Auf- 
nahme in die Listen übertragen sei, so würde ich eine solche Berufung für völlig unzutreffend 
erachten. 
Die eigene Prüfung der Wahllisten seitens der Wähler hat nämlich nur den Zwerck, 
noch eine weitere Garantie für die Vollständigkeit derselben zu gewinnen; sie hat alfo einen 
akidentiellen Charakter und tritt erst nach der dem Magistrat obliegenden flicht zur 
Aufstellung richtiger Listen ein. Hätte es in der Absicht des Wablreglements gelegen, 
die Aufnahme der Wähler durch die Selbsteintragung derselben zu bewirken, so bätte eine 
solche Bestimmung ausdrücklich aufgenommen und den sich nicht meldenden Wählern 
der Verluft des Wahlrechts angedroht werden müssen. 
Außerdem aber hat der Magistrat die eigene Hrüfung der Wähler dadurch fast prak- 
tisch unausführbar gemacht, daß die jämtlichen Listen der Stadt Berlin nur an einer 
eingigen Stelle ausgelegen baben. 
Es leuchtet von selbst ein, daß bei einer solchen Einrichtung nur der kleinste Teil der 
etwa 100 ooo Wähler Berlins zu einer Einsicht der Listen gelangen konnte. — Bei dem 
bedeutenden Einfluß, welchen die Ausfstellung richtiger und vollständiger Listen auf den Er- 
folg der Wahlen auszuüben vermag, darf ich mich des geneigten Einvernehmens Ew. Ex- 
jelienz wohl vorsichert halten, wenn ich Hochdieselben ganz ergebenst ersuche, das gesamte von
        <pb n="49" />
        Die Slagge der Bundesmarine vor Kreta und Mexiko. 35 
dem hiesigen Magistrat bei Aufstellung der Wählerlisten beobachtete Verfahren einer ge- 
nauen und eingehenden Untersuchung unterziehen zu wollen. Wenn sich bei derselben beraus- 
stellen wird, daß die beteiligten Beamten die ihnen obliegenden Verpflichtungen nicht 
genügend erfüllt haben, so würde ich es namentlich mit Bezug auf künftig vorzunehmende 
Wahlen für dringend erforderlich erachten, gegen dieselben im Dissiplinarwege einzu- 
schreiten. 
Schließlich erlaube ich mir Ew. Exzjellenz ganz ergebenst mu ersuchen, mir über den 
weiteren Verlauf dieser Angelegenheit demnächst eine geneigte Mitteilung machen zu wollen. 
*848. Schrelben an den Staatsminister von Roon. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.] 
7½ d französif 19 i h i r* |d Hälfte Juli in Akti de 
russischen und französischen Kriegsschiffe in der zweiten Hälfte Juli auch in ion, um den 
k die chen türkischen Cruppen bedrobten däßte, en cai 
ü 
Berlin, den 5. September 1867. 
Bei Erteilung der õnstruktionen an die Kommandanten der Königlichen Kriegsschiffe, 
welche nach Ew. Exzellenz gefälliger Mitteilung vom 28. v. M. in das Mittelmeer und an 
die Ostküste von Megqiko entsandt werden sollen, würde ich, soweit mein Vessort beteiligt 
ist, ganz ergebenst bitten, folgende Gesichtspunkte zu nehmen. 
Es ist aus politischen Gründen wünschenswert, daß die Kriegsflagge des Norddeutschen 
Bundes, wenn sie auf längere Zeit im Mittelmeere erscheint, sich auch in den griechischen 
Gewässern zeige. Im Falle das ausführbar sein sollte, würden die Kommandanten der 
„Hertha“ und „Medusa“ sich mit dem Königlichen Gesandten in Konftantinopel in Ver- 
bindung zu setzen und Anweisungen von ihm zu erbitten oder, wenn sie, ohne dergleichen er- 
halten m haben, mit S. M. Schiff „Blitz“ zufammentreffen, sich nach den Instruktionen zu 
richten haben, welche dessen Befeblsbaber zuletzt von dem Grafen Brassier oder von hier 
aus zugegangen sind". Im Interesse des Handels würde es besonders zu wünschen fein, daß 
eins oder beide Schiffe den Hafen von Symrna besuchten. 
Dem Kommandanten der „Augusta“, welche nach der Allerhöchsten Order vom 17. v. M. 
zum Schutze der Angehörigen des Norddeutschen Bundes an der Ostküste von Mexiko be- 
stimmt ist, bitte ich ganz ergebenst dahin zu instruieren, daß er lich gegen die Regierung des 
Präsidenten Juare; als eine, wenn auch von Preußen noch nicht anerkannte, doch als die 
thatfächlich bestehende Regierung m verhalten habe, deren Verstimmung gegen deutsche 
Unterthanen im Snteresse der letztern nach Möglichkeit vermieden werden mußs. Angehörige 
Graf, Brassier hatte am 2. August Befehl Fpbelten. daß sich das Kanonenboot eln unverzüglich 
m di e Kreta begeben solle, im in Gemeinschaft mit den franzölischen, rufsischen und itali 
2 dir Gerwler, von, #er WKachlos irrenden Srauen, Kinder und Kranke, — önsel alie 
wün chen, aufzunehmen und nach Griechenland m transportieren # 
„ Der letzte Relatiolotz eigenbändiger Susatz Bismarcks, die voraufgebenden Worte beruben auf seiner 
Korrektur.
        <pb n="50" />
        36 Hannoversche Eisenbabnen. Der Kronprint und die einverleibten Prooinzen. 
des Norddeutschen Bundes, besonders aus den Hansestädten, sind in beträchtlicher Sahl über 
das mexikanische Gebiet verbreitet, und dieselben im Innern des Landes m schützen, fehlen 
uns, wie Ew. Exzellenz bekannt, die Mittel. Da Vernachlässigungen der internationalen Cour- 
toisie, welche durch die diplomatische Anerkennung der jeweiligen Regierung nicht bedingt 
ist, empfindlich zu berühren pflegen, so stelle ich ganz ergebenst anbeim, den Kommandanten der 
„Augusta“ dahin anzuweisen, in der Beobachtung des Salut-Reglements vom 6. Juli 1863, 
66 44 bis 47 im SZweifel eher zu viel als zu wenig zu tun. 
*840. Schrelben an den Staatsminister Grafen von Jtzenplitz. 
[Kanzleikonz#ept.] 
Berlin, den 6. September 1807. 
Wie mir mitgeteilt worden, soll sich der Berkehr auf den hannoverschen Eisenbahnen 
im laufenden Jahre gegen früher bedeutend gesteigert haben. 
Sollte diese Catsache richtig sein, so erlaube ich mir, Ew. lpp.] genleigter! Erwägung 
anheim zu stellen, ob es nicht im diesseitigen Snteresse liegt, dieselbe in ungesuchter Weise 
in der Tagespresse besprechen m lassen ulnd] den Aufschwung der Gesammt-ECntwicklung 
des Landes unter PrleulßlenIs Herrschaft, der durch diese Erscheinung bekundet wird, zur 
öffentlichen Anschauung zu bringen. 
*850. Schreifben an den Kronprinzen Friedrich Wilhelm. 
[Konzept von der Hond des Vortragenden ARats von Keudell.) 
Seinem Schreiben an Bismarck vom 1. Augunt (ogl. Ar. 6831. Vorbemerkung) hatte Kron- 
prinz Friedrich Wilhelm am 2. und 7., unter Beifügung mehrerer Denkschriften, u. a. einer 
solchen des Osnabrückheer Bürgermeisters Migquel über die Verhältnisse in Hannover, einer analogen 
üÜber die Justände in Schleswig-Holstein und einer dritten über die Justiverordnungen für Kur- 
bessen, neue Schreiben solgen lassen, in denen er sich nochmals zugunsten der einverleibten Pro- 
ulnzen einsetzte. Siehe den Cext der kronprinzlichen Schreiben in: Anhang zu den Gedanken 
und Erinnerungen, II, 411. 
Sekret. Berlin, den 7. September 1867. 
Curer Königlichen Hoheit verfehle ich nicht, die beiden Denkschriften über die gegen- 
wärtigen Verhältnisse von Schleswig-Holstein und über die Justiwerordnungen für die vor- 
mals kurhessischen Landesteile anbei untertänigst zu remittieren. Die Wünsche des Ver- 
fassers in Bezug auf Schleswig-Holstein lind insofern erfüllt, als ich veranlaßt habe, daß unter 
den Vertrauensmännern, mit welchen mnächst die wichtigeren provinziellen Interessen be- 
raten werden sollen, auch Mitglieder der regierungsfeindlichen Darteien zugejogen werden. 
Am Schlufee der Denkschrift empfiehlt der Verfasser, „einen bestimmten Landesfonds 
zur Verfügung der Stände für provinzielle Einrichtungen zu stellen“, und lagt zur Moti- 
oierung dieses Antrages wörtlich: „Der Staatsschatz der Herjogtümer liegt in Dãnemark 
begraben, da nach den Stipulationen des Wiener Griedens von 1864 das Vermögen den 
Dänen verblieben ist, während die Schulden mit den Herfogtümern geteilt worden sind“. 
Ver letzte Absatz beruht auf eigenbändiger Korrektur, im letzten Ceil auf elgenböndigem Zulatz 
Bismarcks.
        <pb n="51" />
        Bismarck an den Kronprinzen. Eröffnung des Neichstags. 37 
Diese rhetorische Behauptung beweist die Unbekanntschaft des Verfassers mit dem fakti- 
schen Sachverhalt. Aus dem untertänigst beigeschlossenen Dromemoria wollen Eure König- 
liche Hoheit gnädigst ersehen, daß bei Übernahme eines Anteils der dänischen Staatsschulden 
ein verhältnismäßiger Anteil an dem Aktiovermögen in Abzug gebracht und außerdem die 
Herausgabe der im Artikel 14 des Wiener Friedens aufgeführten spejiellen Kassenbehalte 
und befonderer den Herzogtümern gehöriger Sonds und Kapitalien stipuliert worden ist, 
obschon es sich in diesem Frieden nicht um eine gütliche Theilung von Besitz ulnd] Lafsten, 
sondern um die Grage handelte, wie weit unser Schwert das Sewonnene mit oder ohne 
Oestreich gegen Curopa zu decken vermochte. Dänemark war vollständig bereit, viel Geld zu 
geben, wenn ihm die Sprach-Gränze bewilligt worden wärer. 
Ob in nächster Seit Staatsmittel verfügbar sein werden, um die Provinz Schleswig- 
Holstein freigebiger als die übrigen auszustatten, ist von den noch schwebenden Verhand- 
lungen über das Budget abhängig?. 
In der zweiten Denkschrift ist mir als Irrtum aufgefallen, daß die Bezirke Meisenheim 
und Caulsdorf als zur Provin; Hessen gebörig betrachtet werden, während das früher bessen- 
bomburgische Amt Meisenheim zum NRegierungsbejzirk Koblenz und die früher baurische En- 
klave Caulsdorf zum Regierungsbezirk Erfurt gebört. 
*851. Immediatberlcht. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Grafen von 
ismoarck-Bohlen!] 
Auf den 10. September war der am 29. August gewählte neuo Reichstag des Norddeutschen 
Bundes einberufen. 
Berlin, den 7. September 1867. 
Ew. Königlichen Majestät beehre ich mich den Entwurf zur Eröffnungsrede für den 
Neichstag: alleruntertänigst m übersenden und Allerhöchstdiefelben ehrfurchtsvollst zu bitten, 
falls derselbe Ew. Mojestät genehm ist, ihn gutheißen zu wollen. 
Sch befürchte fast, daß Ew. Königlichen Majestät die Sassung zu trocken und geschäfts- 
mähig erscheinen möge:. Angesichts des Mißbrauchs, der in der letzten Zeit in Frankreich 
in Reden des Souveräns mit Pbrasen ohne inneren Kern getrieben worden, habe ich geglaubt, 
den praktisch bedeutsamen Inbalt der Anlage in möglichst schlichte Form kleiden zu gollen. 
Galls Sw. Königliche Mojestät mehr rhetorüche Ornamentik befeblen, so würde ich 
alleruntertänigst bitten, diese durch Randbemer kung allergnädigst u erkennen zu geben, und 
werde ich in dem Falle nicht verfehlen, den Entwurf in dieser Richtung zu modifizieren“. 
1 Der lehte Sac und der Schluß des des corlethten von den Worten an: „obschon es sich in diesem 
Gried . eigenhändiger Zufatz 
Der Schluß des Satzes von den E an: „freigebiger als die übrigen .. .“ eigenhändige 
Korrektin Bismarcks. 
851. 1 * Anlage. 
rede i när. wenigstens was die Erwã hnung ae Har geit t, doch gar zu * E 9* tt 
Bismarck an der Absicht, felk, den ** i 6 "! 5 
leicht gan; zu vermeiden“. Deu tscher Liberalismus im Zeitalter Bismarckh d 7 n 
* Sijehe die endgültige Fallung der Sbronrede in Die Gesammelten . .
        <pb n="52" />
        38 Entwurf der Thronrede. 
Anlage. 
Erlauchte, edle und geehrte Herren vom Reichstage des Norddeutschen Bundesl 
Bei, dem Schlusse des ersten Reichstags des Vorddeutschen Bundes konnte Ich die Juversicht aus- 
sprechen, dab die Volksvertretungen der einzelnen Vundesstaaten dem, was der eichstag in Gemeinschaft 
mit den Negierungen geschaffen hatte, ihre verfassungsmähige Anerkennung nicht versagen würden. 
babe mich in dieser Zuversicht nicht getäuscht. In allen Bundesstaaten ist die Verfassung des Aorddeutschen 
Bundes auf verfassungsmäßigem Wege SGesetz geworden. Der Bundesrat hat seine Tätigkeit begonnen, 
und Ich kann heute in Meinem und Meiner hohen Verbündeten Namen den ersten auf Grund der Bundes- 
verfassung versammelten Reichstag willkkommen beißen. 
Für die Ordnung der nationalen Bejiehungen des Bundes zu den Süddeutschen Staaten ist unmittelbar 
nach Verkündung der Bundesverfaslung ein wichtiger Schritt gescheben. Die deutsche Gesinnung der Regierungen 
bat für den Sollverein eine neue, den veränderten Verbälknissen entsprechende Grundlage geschaffen und dessen 
Fortdauer gesichert. Der desbalb abgeschlofsene, von dem Bundesrate genehmigte Vertrag wird Ihnen 
vorgelegt werden. 
Der Hausbalts-Stat des Bundes wird einen hervorragenden Segenstand öhrer Beratungen bilden. 
Die sorgfältige Beschränkung der Ausgaben auf den notwendigen Bedarf wird es gestatten, beinahe drei 
Vierteile derselben durch die eigenen Einnahmen des Bundes zu bestreiten, und die vorsichtige Veraon- 
schlagung dieser Cinnahmen leistet dafür Gewähr, daß die im Stat vorgesehenen Beiträge der einjelnen 
Bundesstaaten zur Deckung der Gesamtausgabe vollständig genügen werden. 
Dem Vundesrate Li Gesetzentwürfe vorgelegt und verheißen, welche den Sweck haben, auf den ver- 
schiedenen Gebieten der Bundesgesetzgebung das zu ordnen, dessen Ordnung der Augenblick erfordert und 
die Jeit gestattet. Cin Gesetz über die Greijügigkreit soll die weitere Entwicklung des durch die Perfassung 
begründeten gemeinsfamen Indigenats anbabnen. Ein Selr über die Verpflichtung zum Kriegsdienste soll 
dieses gemeinfame Indigenat für das Heer zur Geltung bringen und jugleich die Bestimmungen übersichtlich 
usammenfassen, welche in der Verfasfung teils jelbständig, teils durch Hinweilsung auf die Gesetzgebung 
Hren über die Dienstpflicht getroffen sind. Ein Gesetz über das Paßwesen ist dazu bestimmt, veraltete 
chrangen des Verkehrs aus dem Wege zu räumen und die Grundlage mu einer, dem nationalen Snteresse 
entsprechenden Vereinbarung wischen dem Bunde und den Süddeutschen Staaten zu bilden. Eine Maß- un 
Gewichtsordnung hat die Aufgabe, das Maß- und Gewichtswesen des Bundes übereinstimmend und in einer 
für den internationalen Verkehr förderlichen Weise zu regeln. Die Eigenschaft der Post als eines Bundes- 
instituts macht gesetzliche Anordnungen über das S##starelen und den Portotorif notwendig. Die Errichtung 
von Bundeskonjsulaten erfordert die geletzliche Seststellung der mit Ausübung dieses Amtes verbundenen 
Aechte und flichten. Die Einbeit der Handelsmari i i ü i 
Rauionalität der Kauffahrteischiffe. Ich hoffe. —— Sch ei õhre und des Vchrein Hese bider die 
finden werden. 
Die Überjeugung, dah die große Aufgabe des Bundes nur zu lösen ist, wenn durch alljeitiges Ent- 
gegenkommen die besonderen mit dem allgemeinen Interesse vermittelt werden, hat die Beratungen geleitet, 
aus welchen die Bundesverfassung bervorgegangen ist. Sie hat in den Verhandlungen des Bundesrates von 
neuem ihbren Ausdrucke gefunden, und sie wird, wie Ich moersichtlich erwarte, auch die Grundlage Ihrer Be- 
ratungen bilden. 
In diesem Sinne, Geehrte Herren, legen Sie Hand an den Ausbau des durch die Bundesverfaslung be- 
gründeten Werkes. ist eine Arbeit des Sriedens, m wescher Sie berufen sind, und Sch vertraue, dabß, 
unter Gottes Segen, das Baterland sich der FSrüchte Shrer 
rbeit in Grieden erfreuen werde. 
852. Erlaß an den Geschäftsträger in Detersburg 
Grafen von Keyserling-Rautenburg. 
lKontept von der Sand des Vortragenden Rats Theremin. 
In der drohenden Haltung, die Nußland in der kretischen Srage gegenüber der Cürkei an- 
genommen Phreb war 0 von Grankreich, Itolien und PDreußen 6291. Die Sesammelten 
Werke, Bd. VI, Ar. 680, 681, 713) unterstüczt worden, während lich England und SÖsterreich 
mehr obleits hielten. Im August gewann es jedoch den Anschein, als ob es Oskerreich gelingen 
könnte, Frankreich von Ruhland abzuziehen. In der Denlschrift, die Varon Beuft Anfang 
Tugust für die Fusammenkunft des ölkerreichischen mit dem franzölischen Kaiser in Salzburg auf- 
setzte, bieß es geradezu: „Können wir nicht erreichen, daß Srankreich durch ein entschiedenes 
Einlenken in der Farioischen Frage das ruhle e Prestige unter den christlichen Beoölkerungen 
brechen bilft ... so legt es uns den Gebanken nahe, eine Verständigung mit Hreußen zu 
Ein Teil des Entwurfs ist in Fatzsimile reproduklert in: Ein Jahrbundert Deutscher Geschichte. 
Teichsgedanke und Aeich 1815 bis 1919, Ar. 40.
        <pb n="53" />
        Das Aettungswerk in Kandia und die Gruppierung der Mächte. 39 
lochen“ (H. Oncken, Die Abeinpolitit Kaiser Mapoleons III. von 1863 bis 1870, II, 449). 
Tatsächlich kamen Granz Joleph und Napoleon III. in Sahzburg in Benug auf den Cretensischen 
Aufstand dabin überein, „dah gegenüber der Pforte ein weniger komminatorisches Verfahren 
eingeschlagen werde, als dies bis jetzt von Ruhland in Gemeinschaft mit Srankreich, Dreußen 
und Stalien geschehen war“ (ogl. Graf v. Beust, Aus drei Viertel-Jahrhunderten, II. W4 
In Petersburg war Sürst Gortschakow nach einem Bericht des Seschäftsträgers Grafen 
v. Keuserling vom 2. September schon von den ersten Anzeichen eines franjösischen Abschwenkens 
lehr beeindruckt; um so mehr gab er sich der Hoofnung bin, daß Italien und Hreußen in ihrer 
freundschaftlichen Kooperation fortfohren würden. irklich dauerte das Jusammenwirken 
NuHlands, Srangreichs, Dreußens und Staliens in der kretischen Srage munächst noch fort, 
nachdem schon am 27. August die Vertreter dieser AMächte der Pforte den Vorschlag gemacht 
batten, die Feindseligkeiten auf der Insel für drei Monate zu suspendieren und eine internationale 
Kommission zur Erforschung der Stimmung der Bevölkerung einzusetzen. Doch wurde dieler 
Vorschlag von der Pforte im wesentlichen abgelehnt. 
Vertraulich. Berlin, den 7. September 1867. 
Herr von Oubril hat mir in den letzten Cagen über den Wunsch des FSürsten Gortschakow 
wegen der Gortsetzung unserer Beteiligung bei dem Rettungswerke in Kandia die von dem 
Fürsten Cw. pp. nach Ihrem politischen Berichte Ar. 133 vom 2. d. M. angekündigte ver- 
trauliche Mitteilung gemacht. Sch habe darauf Herrn von Oubril meine Ansicht über die 
Sache, wie Ew. pp. sie in nachstehendem entwickelt finden, dargelegt und ihn gebeten, dieselbe 
dem Gürsten mitzuteilen. 
Zunächst, bemerkte ich ihm, sei es mir nicht wahrscheinlich, daß wir, wie der Fürst an- 
nimmt, auf die fernere Beteiligung Staliens bei der Rettung der kandiotischen Familien 
rechnen können. Im Gegenteil glaubte ich nach der Haltung, welche Stalien in füngster Zeit 
beobachtete, annehmen zu müssen, daß es auch in dieser wie in andern wichtigeren ulnd) für 
Stalien direct bedenklicheren Sragem mit Srankreich gehen würde. Es würde sodann aus 
dem Nettungswerke eine neue Gruppierung der Mächte gegenüber der Pforte hervorgehen. 
Der Widerstand, welchen die Pforte bisher in Sachen der christlichen Bevölkerung gezeigt, 
habe keine andere Stütze als die Haltung Englands und dessen Aichtbeteiligung bei den 
Schritten der übrigen Mächte gehabt. Crete jetzt auch noch die TCrennung Außlands und 
Grankreichs in dieser Frage öffentlich in Svidenz, so werde die türkische Regierung darin 
den Beginn des Anschlusses Frankreichs an die englische Politik= und einen Grund zu noch 
zäherem Widerstande gegen die Bestrebungen der Mächte finden. Die Sache würde also 
ein Ergebnis liefern, das sowohl den Interessen der Chriften in Kandia und in der Türkei 
überhaupt, als den Intentionen Außlands mwider liefe. Es scheine mir daher wünfchens- 
wert, ein öffentlich erkennbares Auseinandergeben Frankreichs und Rußlands in dieser 
Angelegenheit nicht evident werden zu lassen und daber die Sache nicht auf die Spitze zu 
treiben. Bleibe indessen der Fürst Gortschakow definitiv bei seiner Absicht, das Rettungs- 
werk ohne Grankreich fortzusetzen, und dem Wunsche unferer ferneren Beteiligung bei dem- 
selben bestehen, so würde ich darüber die weiteren Befehle Seiner Majestät des Königs ein- 
bolen, da mir ein ostensibles Auseinandergehn der rulflischen) ulnd] der preußlischen] Politik 
auch in dieser für uns kein directes Interesse darbietenden Srage sehr unwillkommen sein 
würde"“. 
1 Die Worte: „wie in andern wichtigeren . eigenböndiger Einschub Bismarcks. 
2 Die Worte: „den Beginn des Anschlusses eigenböndiger Einschub Bismarcks. 
i Dle Worte: „öffentlich erkennbares“ eigenbändiger Einschub Bismarcks. 
· Der letzte Aebensatz: „da mir ein oltensibles: ..“ eigenbändiger Zufatz Bismarcks.
        <pb n="54" />
        40 Aunderlaß vom 7. September über Sallburger Zusammenkunft. 
Sch babe Ew. pp. von meinen Außerungen gegen Herrn von Oubril Mitteilung gemacht, 
um Sie in den Stand m setzen, nach WMaßgabe derselben Ihre Sprache gegen den Fürsten 
Gortschakow zu regeln. 
Anm Srohenteils bei H. Michael, Bismarck und England von 1866 bis 187o, S. 160 f., nebft 
853. Runderlaß an die Missionen bel den Großmächten 
und den säddeutschen Höfen. 
[Reinkonzept.] 
Über den Unterredungen, die gelegentlich der Entrevue Vapoleons III. mit Sranz 
Joseph I. in Saliburg (18. bis 22. Auaut 1867) zwischen dem französischen Kaiser und dem öster- 
reichischen Reichskanzler Sreiherrn v. Beust stattgefunden haben, liegt noch immer ein gewisses 
gunkel. Wir wissen zwar aus der von Beust für die Zusammenkunft niedergeschriebenen 
Denkschrift (H. Oncken, Die Abeinpolitik Kaiser A#poleons III., II, aar ff.), daß er mit der 
Absicht nach Salzburg ging, sich gegen den französischen Kaiser in vollster Offenbeit und Ent- 
Diedenheeit über alle Angelegenbheiten ausjusprechen, in denen Frankreich etwa ein gemein- 
ames Vorgeben gegen Preußen wünschen sollte, also vor allem in der süddeutschen und der 
orientalischen Srage. ÜUber die süddeutsche Srage hieh es in der Beuftschen Denkschrift: „Was 
die süddeutsche Srage betrifft, so liegt es auf der Hand, daß Österreichs entschiedenes Interesse 
dabin geht, die Ausbreitung des Rorddeutschen Bundes über Süddeutschland zu verbindern, 
da. wenn dieselbe gelingt und somit in dieser oder jener Sorm den preußischen Ring von Oder- 
berg bis Salzburg und Bregenz sieht, die Stellung der Kaiserlichen Regierung in den deutschen 
Provinzen einer unausgeseczten Beunruhigung entgegenzujehen hat. Österreich kann daher 
nicht darauf angewiesen sein, durch eine rein palssive Haltung das preußische Vorgehen zu stützen 
und den franjölsischen Widerstand dagegen abjuschwächen. Es kann lich vielmehr nicht der 
NAotwendigkeit entziehen, in einer Weise vermittelnd einjutreten, welche Preußen jowohl als 
den süddeutschen Staaten darüber keinen Zweifel lasse, daß sterreich sich die vollste Sreihe#it 
er Alction im Salle Kriegerischer Cventualitäten offenhalten werde.“ Man wird biernach an- 
nehmen dürfen, dah gerade über die süddeutsche Srage sehr eingebend in Salzburg verbandelt 
worden ist. Das von Kaiser Aa#poleon durchkorrigierte Beustsche Hrotokoll über den Salz- 
burger Gedankenaustausch (Oncken, a. a. O., II. 457 f.), das die beiderseitige entente parfaite 
et cordiale konstatiert, drückt sich aber gerade hierüber mit größter Zurückhaltung und Vorsicht 
aus. Auch das näher verabredete österreichisch-französische Vorgehen im Orient läht in dem 
rotokoll keineswegs eine Spitze gegen Preußen durchblicken. Dah sie gleichwohl in der Ab- 
sicht Beufts lag, ergibt sich daraus, dah dieser laut einer Meldung an Kaiser Sranz Joseph vom 
19. Auguft (ogl. 3 v. Wertheimer, Sranj Joseph I. und Vapoleon III. in Sallburg, Olter- 
reichische Rundschau, LXII, 228) Vapoleon förmlich darauf stieß, dab eine französisch-öster- 
reichische Allian; im Orient die vollste Sreiheit der Nation gegen ein daselbst zugunsten Ruß- 
lands intervenierendes Preuhen eröffnen würde. 
Was aber auch in Salzburg zwischen Mapoleon und Beust besprochen und verabredet 
lein mag, so waren doch beide angesichts der grohen, durch die Zusammenkunft in der Öffent- 
lichkeit hervorgerusenen Beunruhigung entschlossen, nach auhen die volle Griedlichkeit ihrer 
Absichten zu betonen. Der österreichische Geschäftsträger in Berlin erhielt den Auftrag, ein 
Telegramm Beusts vom 28. August vorzureigen, wonach bei der Saljburger Jusammenkunft 
eine Einmischung in die süddeutschen Staaten, 1. B. die Vildung eines lüddeutschen Bundes, 
überhaupt nicht Gegenstand der Besprechung gewesen lei. Ebenso wies der französische Ge- 
schäftsträger Lefebore de Béhalne eine Depesche Warquis de MWoustiers vom 25. Auguft 
(Onden, d. a. C., II ass f.) vor, die von den friedlichsten Versicherungen erfüllt war. Bismarck 
lie durch Abeken am 2. September den geuischen. Vertretern an den europäüschen und den 
lübdeutschen Höfen von den frankösisch-lterreichischen Bersscherungen Witteilung machen. Wie 
Heptisch er auch über sie denken mochte, so gab er sich doch den Anschein, ibnen vollen Glauben 
u schenken. 
Berlin, den 7. September 1867. 
kS .. itgetei l von Kaiserlich 
pp. bereits die Außerungen mitgeteilt, welche uns sowoh 
— 7 ebobrich Kasserlich Französischer Seite über die Bedeutung und den Charakter
        <pb n="55" />
        Das deutsche Nationalgesühl erträgt keine fremde Einnischung. 41 
der Salzburger Zusammenkunft zugekommen sind, und welche wir nur mit Befriedigung 
haben entgegennehmen können. Es war vorauszusehen, daß es sehr schwer sein würde, die 
öffentliche Meinung m überzeugen, daß eine Catsache wie die Zusammenkunft der beiden 
mächtigen Monarchen angesichts der gegenwärtigen Lage der europälischen) Dolitik: nicht 
eine tiefer liegende Bedeutung und weiter gehende Folgen habe; und die mit einer gewissen 
Beflissenheit und dem Anschein der Authentizität verbreiteten Nachrichten über beabsichtigte 
oder gefaßte Entschließungen auf dem politischen Gebiet waren nicht geeignet, die Sweifel 
über den Zwerk der Zusammenkunft zu heben. 
Es gereicht uns um so mehr zur Genugtuung, aus den österreichischen und franzöfischen 
Erklärungen die Versicherung zu entnehmen, daß der Besuch des Kaisers Napoleon ledig- 
lich aus einem Gefühle hervorgegangen ist, welches wir ehren, und mit dem wir sumpatbisieren, 
und daß der Susammenkunft beider Herrscher der Tharakter dieses Motivs gewahrt ge- 
blieben ist. Danach sind innere Angelegenbeiten Deutschlands nicht in der Weise, wie die 
ersten Nachrichten es vorausfsetzen ließen, Gegenstand der Besprechungen in Salzburg ge- 
wesen. 
Es ist dies um so erfreulicher, da die Aufnahme, welche jene Machrichten und Voraus- 
setzungen in ganz Deutschland fanden, von neuem gezeigt hat, wie wenig das deutsche 
Nationalgefühl den Gedanken erträgt, die Entwickllung der Angelegenheiten der deutschen 
Nation unter die Vormundschaft fremder Einmischung gestellt oder nach andern Rücksichten 
geleitet zu sehn als nach den durch die nationalen Interessen Deutschlands gebotenens. 
Wir haben es uns von Anfang an zur Aufgabe gemacht, den Strom der nationalen 
Entwicklung Deutschlands in ein Bett zu leiten, in welchem er nicht jzerstörend, sondern 
befruchtend wirke. Wir haben alles vermieden, was die nationale Bewegung überstürzen 
könnte, und haben nicht aufzuregen, sondern zu berubigen gesucht'. Dies Bestreben wird 
uns, wie wir hoffen dürfen, gelingen, wenn auch von auswärtigen Mächten mit gleicher 
Sorgfalt alles vermieden wird, was bei dem deutschen Volke eine Beunruhigung hinsichtlich 
fremder Pläne, deren Gegenstand es sein könnte, und in Golge dessen eine gerechte Erregung 
des Gefühls nationaler Würde ulnd) Unabhängigkeit hervorrufen könnte. Wir begrüßen 
daber die bestimmte Berneinung jeder auf eine Einmischung in innre Angelegenheiten Deutsch- 
lands gerichteten Absicht im Interesse der ruhigen Entwicklung unfrer eignen Angelegen- 
beiten mit lebhafter Genugtuung. 
Die süddeutschen Regierungen selbst werden uns bezeugen“, daß wir uns jedes Versuchs 
enthalten haben, einen moralischen Druck auf ihre Entschliebungen zu üben, und daß wir 
vielmehr auf die Handhabe, welche sich uns zu diesem Swecke in der Lage des Zoll-Vereins 
bieten konnte, durch den Vertrag vom 8. Juli cr. rückbaltlos verzichtet haben. 
Wir werden dieser Haltung auch ferner treu bleiben. Der NRorddeutsche Bund wird 
jedem Bedürfnisse der süddeutschen Regierungen nach Erweiterung ulnd) Befestigung der 
1 Die Worte: „angesichts eigenbändiger Einschud Bismarckes im ersten Entwurf von Abekens 
2 29D letzte Teil des Satzes: „die Entwicklung ..“ beruht auf eigenbändiger Korrektur Bismarch 
Sm dieer Pagus des Diemarchschm Bisularerlahes gewesen, der in Paris Verftimmung —# Ve- 
u Nr. 888 und H. Oncken, a. a. C., 1 
s Der ua des Absatzes berubt i —2— Korrektur oder auf Zusatz Bismarcks in Abekens 
Entwurf. 
4 Der Aest des Absatzes eigenbändige Korrekrtur Bismarcks in Abekens Entwurf.
        <pb n="56" />
        42 Franzölsisch-österreichische Firkulare über Sahbburger Julammenkunft. 
nationalen Beziehungen zwischen dem Süden ulnd] dem VNorden Deutschlands auch in Zu- 
kunft bereitwillig entgegenkommen, aber wir werden die Bestimmung des Maßes, welches 
die gegenseitige Annäherung inne zu halten hat, jederjeit der freien Entschließung unfrer 
süddeutschen Verbündeten überlassens. 
Diesen Standpunkt glauben wir um so ruhiger festhalten zu dürfen, als wir in den gegen- 
wärtig bestehenden vertragsmäßigen Beziehungen wischen dem Norden und dem Süden 
Deutschlands, wie sie in den abgeschlossenen Bündnissen und in der Vervollständigung des 
Sollvereins lich darstellen", eine rechtlich und thatsächlich gesicherte Grundlage für die 
selbständige Entwicklung der nationalen Snteressen des deutschen Volkes erblicken. 
Sw. pp. ersuche ich, sich in diesem Sinne gegen die dortige Regierung auszujprechen, 
und ermächtige Sie auch zur Vorlejung dieses Erlasses. 
Aeuestar Abdruck: H. Onchen, Die A-beinpolltik Kaiser A#poleons III. von 1863 bis 
1870, II. 450# ff. 
854. Junderlaß an die Missionen bel den Großmächten 
und den säddeutschen Höfen. 
[Konzept von der Hand des Bortragenden Rats Abeken.] 
Vertraulich. Berlin, den 8. September 1867. 
In meinem Erlasse Nr. .. vom 7. d. M." habe ich mich über den Charakter und die 
Ergebnisse der Salzburger Susammenkunft in Gemäßbeit der Auffassung ausgesprochen, 
welche durch die an uns gelangten amtlichen Erklärungen von beiden Teilen bedingt wird. 
Wir können uns für alle offiziellen und ostensiblen Beziehungen diese Auffassung nur an- 
eignen und festhalten. Für Ew. pp. persönliche Orientierung darf ich aber nicht unbemerkt 
lalsen, daß wir uns zu der Annahme berechtigt balten, daß wenigstens auf einer Seite diese 
Erklärungen der Wahrbeit nicht vollständig entsprechen. 
Die bestimmte Versicherung des französischen Zirkulars, daß die Bejeugung einer tief 
empfundenen Sympathie das ein zige Motio des Besuchs gewesen, und daß die Be- 
Iprechungen keinen anderen Charakter gebabt als den Austausch gegenseitiger friedlicher 
Versicherungen, dürfte wenigstens die Absichten, welche der Kaiser der Sranzosen mit 
diesem Besuch verbunden hat, nicht vollständig wiedergeben. Wir können freilich über die 
Gegenstände und den Charakter der intimen Besprechungen zwischen dem Kaiser der Franzosen 
und dem Kaiser von Österreich und dem Minister des letzteren nicht genau unterrichtet sein; 
aber es leiten uns beachtenswerte Spuren und Vachrichten u der Annahme bin, daß der 
Zweck des Besuches für den Kaiser Aapoleon ein doppelter gewesen: einmal, den Gegen- 
besuch des Kaisers von Österreich in Haris zu erwirken — und sodann, einen Austausch 
gegenseitig zu gewährender Vorteile mit Österreich in der Weise anzubahnen, daß Srankreich 
* Der Absatz beruht auf eigenböndiger Korrektur, biw. Jusatz Bismarcks teils in Abekens Catwurf, 
teils im VNeinkonjept. · 
“ e Der —“* Ablatzes elgenböndige Korrektur Bismarcks in Abekens Entwurf. 
854. 1 Siehe Nr. 653.
        <pb n="57" />
        Bismarck will den österreichischen Bersicherungen Glauben schenken. 45 
gegen SGarantien, die es Österreich im Orient zu gewähren bereit wäre, von Öfterreich 
Garantien gegen die Einigung Deutschlands zu erlangen wünschte. 
Wir glauben aber auch annehmen zu dürfen, daß es dem Kaiser Aapoleon nicht ge- 
lungen, diese Wünsche zur Verwirklichung zu bringen. Was den Gegenbesuch des Kaisers 
von Osterreich am Hofe der Tuilerien betrifft, so müssen wir freilich nach unsern Nachrichten 
glauben, daß der Kaiser Sranz Joseph und der Aeichskanzler sich dieses Mittel für weitere 
Berhandlungen offen balten wollen, und daß der Besuch stattfinden werde. Dagegen dürfen 
wir annehmen, daß Sleine) Mloajestät) der Kaiser von Oestreich die Aussicht auf Wieder- 
gewinnung der Anlehnung Oestreichs an Deutschland den im Orient von Grankreich zu 
bietenden Vortheilen nicht hat opfern wollen ulndl es deshalb abgelehnt hat, im Bunde mit 
Frankreich gegen Deutschland aufzutreten-. 
Wir können dies Ergebnis, wenn wir es als ein golches ansehen dürfen, im beider- 
seitigen Interesse nur mit Genugtuung begrüßen, da wir der festen lÜberzeugung lind, daß 
Osterreich nur in einer den neuen Verhältnissen entsprechenden aufrichtigen und ehrlichen 
Anlehnung an ein geeinigtes Deutschland die gesicherten Grundlagen finden kann, deren es 
zum Aufbau seiner eignen neuen Zukunft bedarf. 
Ew. pp. ersuche ich ergebenst, diesen Erlaß als ganz vertraulich und nur zu Ghrer eignen 
Direktion bestimmt anzusehen und mit voller Diskretion m behandeln. 
Aeuester Abdruck: H. Oncken, Die Abeinpolitik Kaiser Raopoleons III. von 1863 bis 
1670, II, 461 f. 
855. Erlaß an den Geschäftsträger in Stuttgart 
Grafen von Dönhoff. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Nach einem Berichte des Grafen abaß vom 3. September batte der württembergische 
Minister des Außern Greiherr v. Barnbüler sich bei ihm bitter darüber beklagt, dah die alar- 
mierenden Artikel, nicht zuletzt der Berliner Presse über die Salzburger Zusammenkunft die 
empfindlichsten Rückrwirkkungen auf Handel und Gewerbe im Württembergischen hätten. Varn- 
büler ließ Bismarck geradezu bitten, in der preußischen Dresse „dem jetzt berrschenden ver- 
derblichen Tone Einhalt zu tun oder wenigstens die öffentliche Meinung durch die offizielle 
Presse zu beruhigen. 
Vertraulich. Berlin, den 10. September 1867. 
Aus Ew. pp. gefälligem Bericht Ar. 62 vom 3. d. M. habe ich die wiederbolten Klagen 
des Freiherrn von Barnbüler über das aufregende und beunruhigende Gebaren der Presse 
ersehen. Auch der Königlich Württembergische Gesandte am biesigen Hofe batte sich in 
demselben Sinne hier ausgesprochen; ich glaube, daß letzterer die hiesigen Verhältnisse hin- 
reichend kennt, um seiner Regierung die Versicherung geben zu können, daß die Königliche 
Regierung dieser ganz spontan entstandenen Aufregung der Presse vollkommen fremd ust. Sch 
ersuche Sw. pp., dem Königlich Württember gi#schen Minister zu sagen, daß huch wir die 
Beunruhigung und die üblen Solgen, welche aus derselben für das ganze Gebiet der Indu- 
2 Der Satz elgenböndiger Jusatz Bismarcks.
        <pb n="58" />
        44 Das aufregende Gebaren der Presse. 
strie entstanden sind, lebhaft beklagen, und daß wir, soweit es in unserer Macht stand, auf 
die Presse beruhigend und zurückhaltend einzuwirken gesucht haben. Begreiflich aber haben 
wir die Aufregung derselben allerdings finden müssen, ulnd] wir konnten nicht amtlich be- 
richtigen ohne Gefahr, uns zu compromittiren:, m einer Seit, wo Organe und Korrespon- 
denzen, welche immer für offiziös gegolten haben, von österreichischer Seite mit einem über- 
raschenden Cklat von den Ergebnissen der Salzburger Entrevue die Welt in einer Weise 
unterbielten, als wäre es ihre Absicht gewesen, das deutsche Rationalgefühl herauszufordern. 
Die allmählich bekanntgewordenen friedlichen Außerungen von österreichischer sowohl wie 
von französischer Seite werden ohne Sweifel eine Beruhigung herbeiführen, die auch den 
materiellen Interessen zugute kommen wird; ob aber das allgemeine Bertrauen sich in vollem 
Maße wiederderstellen wird, ist mir zweifelbaft. Die Königliche Regierung selbst ist nicht 
vollständig von der Unrichtigkeit der Ansicht überzeugt, daß der Reise des Kaisers Rapoleon 
der Wunsch einer bestimmten Annäherung an Österreich zugrunde gelegen habe, welcher sich 
aber nicht in dem Alaße habe verwirklichen lassen, wie der Kaiser es erwartet, weil bei 
der österreichischen Regierung das Bedürfnis einer friedlichen Entwickllung im Innern und 
der künftigen Anlehnung an Deutschland doch zu sehr vorgewaltet habe, um die Möglichkeit 
der letzteren durch ein gegen Deutschland gerichtetes Bündnis mit Frankreich zu kompro- 
mittieren. Wenn daber auch jetzt die Erfahrungen, welche der Kaiser Napoleon in Salz- 
burg und in Deutschland überhaupt gemacht hat, augenblickliche kriegerische Aussichten ent- 
fernt haben dürften, so ist es doch der öffentlichen Meinung nicht zu verargen, wenn sie auf 
fortdauernde kriegerische Belleitäten in Srankreich schließt und den Augenblick fürchtet, wo 
diese über die perfönliche Sriedensliebe des Kaisers den Sieg davon tragen möchten. Daß 
die französische Regierung sich in die Lage zu versetzen bemüht ist, im gegebenen opportunen 
Augenblick Krieg führen zu können, ist aus den unablässigen Rüstungen klar; und wenn der 
Kaiser Napoleon sich über die Presse, deren kriegerische Gelüste er jselbst nicht im Saume 
halten könne, beklagt, so wird man in Deutschland doch schwer zu der Überzeugung gelangen, 
daß der Einfluß der Regierung auf dieselbe in Paris ein go geringer sein sollte. Ganz be- 
sonders auffällig bleibt es aber, daß in den Departements die kleinen von der Regirung 
abbängigen Provinzialblätter in der Mehrzahl fortfahren, die Bevölkerung zu kriegerischer 
Stimmung aufzjustachelns. Wenn unter diesen Umständen die Presse und die öffentliche 
Meinung in Deutschland einen empfindlichen Charakter bewahren, so ist es für die Regie- 
rungen schwer, mit Erfolg und, ohne der Wahrbeit zu nahe m treten, einen berubigenden 
Einfluß zu üben; das entscheidende Gewicht wird immer in der Haltung Frankreichs und 
den tatfsächlichen Bürgschaften liegen, die es für seine dauernde Sriedensliebe gibt. Die 
ruhige und stetige Sntwicklung der inneren Wehrkraft Deutschlands, wie wir sie mit Be- 
friedigung in Württemberg im Vortschreiten begriffen sehen, wird ebenfalls zur Beruhigung 
der Gemüter ebensosehr wie zur wirklichen Erhaltung des Sriedens beitragen; und die 
Gewißheit, ein einiges und starkes Deutschland sich gegenüber zu sehen, ist das beste Korrek- 
tiv für alle fremden kriegerischen Belleitäten. 
Ew. pp. ersuche ich ergebenst, sich in diesem Sinne mündlich und vertraulich gegen den 
Freiherrn von Varnbüler auszujprechen. 
1 Dle Worte: „ulnd] wir kommnten “ elgenhändiger Zusatz Vismarcks. 
* Der Satz eigenhöndiger Zusatz Blemarcks. 
Der Satz beruht weltgebend auf elgenbändigen Korrekturen Vlemarcke.
        <pb n="59" />
        Hetzereien Lejebore de Béhaines. 45 
*856. Erlaß an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
(Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abekenl 
Nach einem Berichte des Dotlchfters Grafen v. d. Goltz vom 7. September hätte Kaiser 
Napoleon III. ihm aus einem Hefte, in dem Golgz eine Zusammenstellung der neuesten diplo- 
matischen Berichte vermutete, einige Sätze vorgelesen, nach denen man in Berlin den Krieg 
gegen Srangreich für unvermeidlich halte und ihn zu beschleunigen wünsche, um ihn vor Voll-= 
endung der französischen Heeresorganisation zu führen. Goltz war der Ansicht, daß der Urheber 
dieser Hetzereien in dem Geschäftsträger Lefebore de Bébaine m suchen sei. 
Vertraulich. Berlin, den 10. September 1867. 
Die am Schluß des gefälligen Berichtes der Königlichen Botschaft Nr. 281 vom 7. d. M. 
ausgesprochene Vermutung, daß die in ebensowenig wahrhaftem als wohlwollendem Sinne 
nach Paris an den Kaiser gelangenden Nachrichten aus Berlin, wonach wir den Krieg 
wollten und ihn als eine bloße Seitfrage ansähen, von dem gegenwärtigen Vertreter des 
Botschafters Herrn von Lefeèbore selbst herrührten:, stimmen mit demjenigen überein, was 
sich mir bier aus der Haltung des Herrn von Lefèbore ergibt. VNach allem, was sich hier 
beobachten läßt, ist derselbe ein entschieden mißwollender Gegner Preußens und ganz ge- 
eignet, die Verhältnisse zu verwickeln und zu verbittern. Da ich ihn für keinen sichern und 
unbefangenen Berichterstatter ansehen kann, so vermeide ich, soviel ich kann, persönliche 
Berührungen mit ihm und würde auch, wenn ich ihn sähe, wortkarg und zurückhaltend 
gegen ihn sein müssen. Die auch in der letzten Unterredung des Grafen von der Soltz mit 
Herrn von Lavalette wieder zur Sprache gekommene Verdrehung seiner Beziehungen zu 
Herrn von Thile in betreff der Depesche über die Mordschleswigsche Angelegenbeit= ist nur 
ein neuer Beweis davon; und wie selbst Herr Benedetti dabei noch unter dem Eindruck der 
falschen Darstellung des Herrn von Lefebore war, so muß ich überhaupt annehmen, daß der 
Kaiserliche Botschafter, welcher an sich ohne vorgefaßte Seindseligkeit und fähig zu richtiger 
Auffassung der Verhältnisse ist, unter dem Eindruck dauernder Insinuation und Hetzereien 
seines ersten Sekretärs nicht ganz unzugänglich bleiben könne. 
Ich kann die fortdauernde Anwesenheit des Herrn von Lefebore in Berlin nur mit 
Bedauern als ein Hindernis der offenen und freundschaftlichen Verständigung anfeben, zu 
welcher wir immer bereit find. Wir müssen natürlich jorgfältig vermeiden, einen Wunsch 
nach Jeiner Entfernung amtlich oder vertraulich aus zusprechen; daß wir aber über 
seine Haltung und den Charakter seiner Berichterstattung uns keine Illusionen machen und 
ihn nicht als ein förderndes und günstiges Element in dem Verkehr zwischen beiden Negie- 
rungen betrachten, werden Sw. pp. in Ihrer Unterhaltung mit Herrn Rouher und Herrn 
von Lavalette nicht verbehlen. 
Les Crigines Diplomatiques de la Querre de 1870—i871“ fünden sich derartige Berichte 
—i v. Vehalnes nicht. 
2 Vgl. daqu Tr. 825.
        <pb n="60" />
        46 Bismarck wünscht Wahl v. Vinckkes. Eröffnung des Neichstags. 
*837. Privaischreiben an den Staatsminister Grafen zu Eulenburg. 
[Konzept von der Hand des Bortragenden Rats Sitelmann.) 
Berlin, den 11. September 1867. 
Wie Ew. Exzellenz bereits bekannt sein dürfte, ist bei der im Wahlkreise Hagen statt- 
gefundenen engeren Wahl Herr von Vincke unterlegen und Herr Harkort zum Ab- 
geordneten für den Reichstag gewählt. Bei der energischen und gewandten Unterstützung, 
welche wir von dem Herrn von Vincke erwarten dürfen, erscheint es auf das dringendste 
wünschenswert, daß derselbe in einem anderen Wahlkreis gewählt wird. Ew. Exzellenz 
beehre ich mich daher ganz ergebenst zu ersuchen, dahin wirken zu wollen, daß Herr von 
Vincke bei den noch stattfindenden Wahlen in einem dazu geeigneten Wahlkreise als 
Kandidat aufgestellt und mit den der Regierung zur Disposition stehenden Mitteln unter- 
stützt wird. 
Ew. Exzjellenz bitte ich ergebenst, mir Shre desfallsige geneigte Entschließung bald- 
möglichst mitteilen zu wollen, damit ich auch meinerseits auf Crreichung des in Rede stehen- 
den Sweckes, soweit dies angängig, binwirken kannt. 
*838. Drlvatschrelben an den Hof= und Hausmarschall 
Grafen von Dückler. 
[Kanzleikonzept.] 
Berlin, den 11. September 1867. 
Ew. pp. geneigter Aufmerksamkeit beehre ich mich einige Details der Einrichtungen 
bei der beutigen Eröffnung" des Neichstages ergebenst zu unterbreiten. 
Bei der An- und Abfahrt ist es den Wagen der Mitglieder des Reichstages nicht 
gestattet worden, in das Königliche Schloß einzufahren, so daß die Herren gezwungen 
waren, auf dem Schloßplatz auszusteigen, resp. ihre Wagen beim Abfahren dajelbft auf- 
mluchen. Meines ergebensten Dafürhaltens wäre bei der Eröffnung des Neichstages den 
Mitgliedern des letztern mindestens dieselbe Bequemlichkeit der An- und Abfahrt zu 
gewähren, die meines Wissens bei Hoffesten niemand versagt wird. Bei Negenwetter 
wäre es namentlich untunlich, von den Abgeordneten zu verlangen, daß sie ihre Wagen 
zu Guß aufsuchen. 
Ferner üst eine große Zahl von Abgeordneten, welche die Creppe der neuen Kapelle 
zum Hinuntergehen benutzen wollten, von den Lakaien daran verhindert und sogar gezwungen 
worden, umkehrend wieder heraufzuugehen unter dem Vorgeben, daß Uhre Königliche Hoheit die 
1 ü Absicht richtete Bismarck am 19. September 1867 an die NMegierungs- 
mrpdenen imtiße½232 Wli snm–i*im und v. Bardeleben Schreiben, durch die er sie 
um die Unterstützung der Wahl des Freiberrn v. Vincke in den Wahlkreisen Duisburg, Moers-Aees bzw. 
« schieden-Madade- ontjoie, bat. In einem Schreiben heißt es: „Wenn der Greiherr v. Vincke sich auch 
nicht in allen Punkten der Regierung unbedingt anschlieht, so geyört er doch zu dem derselben nahestehenden 
Kreise von Abgeordneten, und es darf nach seinem früheren Auftreten mit Sicherheit erwartet werden, daß 
er in wichtigen Fragen uns seine ebenso gewondte als energische Mitwirkung gewähren wird.“ 
858. 1 Die Eröffnung des Reichstags fand tatlächlich am 10. statt; die irrtümliche Datierung rührt daber, 
daß das Konjept des Schreibens vom 10. stammt.
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        Verständigung der Kabinette von Daris und Slorenz über römische Srage? 47 
Grau Kronprinzessin diese Treppe zum Herabgehen benutzen würde. Abgesehen davon, dah 
Ihre Königliche Hoheit, wie ich gesehen, nicht diese, sondern die Theatertreppe an der alten 
Kapelle benutzte, als Höchstdieselbe sich entfernte, so erscheint es mir untunlich, die amtlich 
anwesenden Mitglieder der Vertretung des Norddeutschen Bundes in dieser Weise an der 
Benutzung des einzigen ihnen angewiesenen Ausganges zu hbindern. 
Ew. glaube ich um geneigte Abhülfe in diesen Beziehungen ulnd) um die Anordnung 
ergebenst bitten zu sollen, daß den mit der Ueberwachung im Könliglichen] Schlosse beauf- 
tragten Dolizei- ulnd] Hof-Beamten ulnd) der Dienerschoft ein besonders zuvorkommendes 
Verhalten gegen die Abgeordneten zur Pflicht gemacht werde, weil andern Salles die dar- 
aus hervorgehenden Verstimmungen nicht verfehlen, sich politisch fühlbar zu machen. Dieser 
Reichstag bat zahlreiche Mitglieder, welche durch ihre sociale Stellung an rücksichtsvolle 
Behandlung gewöhnt sind, ulnd] wenn auch die Empfindlichkeit über vermeindlichen Mangel 
einer golchen sich grade bei diesen im ersten Augenblickt minder lebhaft als bei andern 
äußert, so befürchte ich doch, daß Vorkommnisse wie die oben angedeuteten dazu dienen 
werden, den ohnehin spärlichen Besuch der Ceremonie im weißen Saale, wenn nicht gar 
die AReigung zur Übernahme der unbefoldeten Mandate in den höheren Kreisen der Wähl- 
baren noch m verminderne. 
*839. Rundtelegramm an die Missionen bel den Großmächten, 
in Florenz, Brüssel, Madrld und München. 
[CEigenbändiges Konzjept.] 
Am 10. September hatte der Geschäftsträger beim Päpftlichen Stuhl o. Schlözer von 
einem einfluhreichen Mitgliede der ARationalpartei, das in nahen Bejiehungen zu dem italienischen 
Ministerpräsidenten Ratani stand, erfahren, daß in Paris über eine neue italienisch-französische 
Konvention verbandelt werde, ae Italien die päpstlichen Prooinzen besetzen, der Papst auf 
NRom beschränkt werden und dieses felbst neutralisiert werden solle. Abnliche Gerüchte wurden 
auch in der italienischen Presse laut. Da Bismarck immerbin mit der Möglichkeit rechnen 
muhßte, daß eine engere Verständigung zwischen den Kabinetten von Paris und Slorenz in der 
römischen Frage dahin fübren könne, dah Italien Aa#poleon III. auch gegen Preußen Gefolgschoft 
leiste (logl. Tr. 832), hielt er es für nötig, vorsichtig Erkundigungen über den Grund jener 
Gerüchte einzujieben. 
Berlin, den 11. September 1867. 
Aus guter Quelle wird gemeldet:, daß Ratani mit Grankreich über eine neue Kon- 
vention verhandele, wonach Ztalien die pästlichen Prooinzen besetzen, Dapst auf Rom be- 
schränkt werden und Nom selbst als neutrale Stadt eine Munizipalverwaltung erhalten 
soll. Ratani verlange, daß diese Bestimmung nur bis zum Tode Pius' IX. Gültigkeit 
behalte. Österreich solle für diese Konvention gewonnen sein. Die Sache werde sehr geheim 
gehalten. Rataz#i allein leite von Slorenz aus die Verbandlung, die in Paris geführt 
würde. 
Erfahren Sie dort Bestätigendes oder Widersprechendes, so melden Sie telegraphisch. 
Erkennbare Nachfrage m vermeiden. 
.... Bismarcks. D de Telld 
eine 72 i## Ao Sänege Halat, sgerhe Hand- voraufgehende Ceil des Schreibens enthält 
Em—1 lgende mit Ausnahme des letten Ablatzes ist inleriert aus einem Telegramm des Sesch# 
trägers dasslilse Schlözer vom 10. ueee chöfts-
        <pb n="62" />
        48 Kurhessischer Staatsschatz und Frankfurter Lotterie. 
* 860. Schrelben an den Staatsminister Freiherrn von der Heydt. 
lKonzept von der Hand des Vortragenden RNats Wagner.] 
Obwobl König Wilhelm I. auf die Klogen, die während seines Badeausenthalts in Ems 
aus dem Helsischen, aus Srankfurt usw. wegen des „Durchfalls“ bürokrratisch-fiskalischer Orga- 
nisationsmahregeln, u. a. wegen der Aufbebung des beslischen Staatsschatzes und der Lotterien 
in Sranksurt, Hannover und Osnabrück an ihn gelangt waren, im vollen Einverständnis mit 
Bismarck die Durchführung dieser beiden Mahregeln schon im Juli 1867 vorläufig listiert hatte, 
war von dem Ginanzministerium die definitive Erledigung jener FSragen immer wieder hinaus- 
S#cchoben worden. Als nun der König am 12. September die Absicht aussprach, am 17. eine 
eise nach Baden anzutreten, und bei Bismarck onfragte, ob dem die „Geschäftsnotwendig- 
keit“ entgegenstebe, benutzte dieser die Gelegenbeit, um auf die vorberige Erledigung der Frage 
des belsilchen Staatslchatzes und der Lotterien zu dringen. In einem Schreiben an den König 
vom 13. September (iehe dessen Cext: Anhang zu den Gedanken und Erinnerungen, I, 167 f.) 
klagte er, doß beide Angelegenbeiten im Ginanzministerium so zurückhaltend behandelt würden, 
als ob der 1. Oktober, wo die Diktatur in den neu erworbenen Prooinzen aufbören mußte, 
nicht vor der Tür stände. Darauf versügte der König durch Nandbemerkung, daß Bismarck 
den Ginanzminister anweisen solle, die Staatsschatz- und Lotterieangelegenbeit noch vor jeiner 
Abreise jum Vortrag m bringen. 
Berlin, den 14. September 1867. 
Seine Majestät der König, Allerböchstwelcher — wie ich gestern Ew. ECxjellenz mit- 
zuteilen die Ehre gehabt habe — am I7. d. M. abzureisen gedenken, haben mir soeben 
noch den Befehl zu erteilen geruht, dafür Sorge zu tragen, daß die Angelegenheit des 
kurhessischen Staatsschatzes und der Srankfurter Lotterie bis spätestens den 16. d. Al., 
eventuell durch unverzüglichen Bortrag Ew. Elxgzellen]z#, geordnet werde. Da Sw. Elxzjellenz) 
ulnd]) der übrigen Herren Minister Einverständniß bereits durch Beschluß festgestellt wordens, 
so habe ich mir der Beschleunigung wegen erlaubt, in betreff des kurhessischen Staats- 
schatzes den von dem Staatsministerium zu erstattenden Bericht in der Anlage' entwerfen 
m lassen, und ersuche Cw. Exzellenz ganz ergebenst, im Salle Shres Einverständnisses den- 
selben behufs der Sirkulation vollziehen zu wollen. 
Wegen der Grankfurter Lotterie werde ich mich beehren, Ew. Exz ellenz weitere er- 
gebene Aitteilung zu machen“. 
*861. Schreiben an den Oberpräsidenten von Hannover 
Grafen zu Stolberg-Wernigerode. 
[Kongzept von der Hand des Vortragenden Nats Wagner.] 
Während in Hessen der bisherige Administrator v. Woeller schon am 9. Aärz 1867 um 
Oberpräsidenten für die beiden Regierungsbelirke Kassel und Wiesbaden ernonnt worden war, 
batte es in Hannover zunächst sein Bewenden bei der Brnian der Zioil- und der Militär- 
verwaltung in den Händen des Generalgouverneurs v. Voigts-Abe#t bedalten, unter dem Frei- 
berr v. Hardenberg die Geschäfte als Sioilkommissar führte. Im August 1867 schien es im 
Hinblicke auf das mit dem J0. September zu Ende gebende übergonozebr mit dessen Ablauf 
für alle neuen Drooinzen die preußische Verfassung in Kraft treten sollte, an der Seit zu sein, 
einen Oberpräsidenten für Hannover zu ernennen. Der Minister des Innern brachte dafür den 
bisberigen Regierungspräsidenten in Srankfurt a. O. Freiherrn v. Vordenflucht in Vorschlag 
(ogl. dessen Eingabe an Bismarck vom 25. August, Kohl, Aus der Korrespondenz des Grafen 
Friedrich m Culenburg mit dem Sürsten Bismarck, Deutsche Revue, vn 1. 53f: Bofe, Fürft 
Stto zu Etolberl-Wernigerode, Deutsche Revue, XXVIII, 2, 132 f). Bismarck aber wünschte 
. kIt».«kienh«q·adlgekcialchub Bismarcks. 
: de Be. eigerböndser Jusaß Biemoros. 
: Hler nicht abgedruckt. 
. Vgl. Nr. 860.
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        Besetzung der höberen Beamtenstellen in Hannover. 49 
in Berücksichtigung der in Hannover herrschenden Stimmung, die schon gegen den altpreuhischen 
Givilkkommissar von Hardenberg unzweideutig Stellung genommen hatte, der neuen Provinz 
nicht wieder einen Altpreußen vorzusetzen und schlug seinerseits den auch in Hannover be- 
güterten Grafen Otto zu Stolberg. Wermigerode vor, der das angetragene Amt, „wenn auch nicht 
auf ewig“ (ogl. das Schreiben Wilhelms I. an Bismarcke vom 3. September, Anhang zu den 
Sedanken und Erinnerungen, I, 166), annahm. Die Ernennung erfolgte am 14. September. 
Eine Kabinettsorder vom gleichen Cage wies den Generalgouverneur v. Voigts-Abe#z an, die 
Trennung der Siviladministration von der Militärverwaltung zu vollzieben und die Geschäfte 
der ersteren dem Hrae zu Stolberg m übergeben. Dessen Einführung fand am 18. September 
ktatt; ogl. dazu M. Busch, Das Übergangsjahr in Hannover, S. 288 ff.). Wenn der Ober- 
präsident nun auch in erster Linie von den Alinisterien des Innern und der Ginanzen ressortierte, 
so bebielt sich Bismark doch vor, in allen wichtigen Angelegenbeiten jelbst an ihn m# schreiben. 
Vor allem lag Bismarck daran, bei der Besetzung der böpemm Beamtenstellen in der ooinz 
das Staatsinteresse mehr als bisber (ogl. Nr. 845, ferner Bd. VI Ar. 801) gewahrt z seben. 
Berlin, den 14. September 1867. 
Ew. Erlaucht beehre ich mich in der Anlage ein Schreiben des Königlichen General= 
gouverneurs daselbst, betreffend die Besetzung der höheren Beamtenstellen im vormaligen 
Königreich Hannover, jur gefälligen Kenntnisnahme und Rückäußerung ganz ergebenst zu 
übersenden. 
Die maßgebende Rücksicht bei Besetzung der in Grage stehenden Stellen darf allein die 
der unbedingten Tüchtigkeit und Suverlässigkeit sein, in welcher Beziehung ich ganz er- 
gebenst bemerke, daß der frühere Landdrost Rieper — wie mir äußerlich mitgeteilt worden 
ist, sich gegenwärtig zum Swecke welfischer Agitationen in Paris aufbalten goll. 
Gugleich Jehe ich Ew. Erlaucht gefälliger Außerung darüber ganz ergebenfst entgegen, 
ob und in wieweit es sich etwa empfehlen dürfte, ugleich mit der definitiven Organisation 
der Verwaltung noch eine Versetzung und Mischung der althannoverschen Beamten resp. 
unter sich und mit preußischen Beamten eintreten zu lassen. 
Soweit ich die Sachlage von hier aus zu übersehen vermag, wird es sich empfehblen, 
eine Versetzung dort eintreten zu lassen, wo der betreffende Beamte durch frühere Ver- 
bindungen gebemmt oder vielleicht gar kompromittiert ist. 
Bei- Anftellung altpreußischer Beamten aber ist es unbedingt festzuhalten, dafür 
hannoversche Beamte, wenn möglich mit Verbesserung, nach den alten Provinzen zu ver- 
setzen"# ulnd) das Verhältniß, in welchem letztres möglich üt, bei Anstellung der erstern im 
Hannöverschen nicht m überschreiten. 
*862. Schrelben an den Staatesminister Frelherrn von der Heydt. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Wagner.] 
Am 13. September datte Freiherr v. d. Heydt Bismarck eine an den Zivilkommissar 
o. WMadai in Frankfurt gerichtete Verfügung mitgeteilt, nach der ein Weiterspielen der Srankfurter 
Lotterie fürs erste gestattet sein gollte. 
Berlin, den 14. September 1867. 
Ew. Exzellenz beeile ich mich auf das gefällige Schreiben vom 13. d. M. ganz ergebenft 
zu erwidern, daß, wenn es mir auch lehr erwünscht ist, die Sistierung der Frankfurter 
Lotterie aufgehoben zu seben, ich doch im übrigen die an den Herrn von Madai erlassene 
Verfügung vom 13. d. M. als eine Erledigung der fraglichen Angelegenbeit im Sinne der 
Der Aest des Schreibens elgenböndiger Susatz Bismarcks. 
VIa 4
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        50 Irankfurter Lotterie. Vermehrung der nach Westen führenden Sisenbahnen. 
Intentionen Seiner Majestät des Königs nicht anzusehen vermag. öch würde geglaubt 
baben, daß letztres mit der möglichsten Schonung der früher getroffnen ulnd) nach dem 
Willen Sleinelr Majsestät] zu modificirenden Anordnungen am besten thunlich gewesen 
wäre, wenn Ew. Cxzellenz die neulich besprochene Eingabe der Grankfurter Unter- 
Kollekteure als Ausgangspunkt benutzt hätten, um eine formelle Reorganisation des 
Instituts unter vorläufiger materieller Erhaltung desselben in Angriff zu nehmen und da- 
durch die zeitweilig angeordnete Sistierung in den Augen aller Beteiligten zu rechtfertigen:. 
Es wäre dies meines Erachtens zugleich der geeignetste Weg gewesen, die erlassene 
Verordnung mit den ausgesprochenen Intentionen Seiner Majestät des Königs in Einklang 
m bringen. 
Sw. Cxzellenz stelle ich ganz ergebenst anbeim, die fragliche Angelegenheit auf diesen 
Weg zu bringen und Seiner Majestät dem König bis zum 16. d. M. die befohlenen ge- 
eigneten Vorlagen zu machen: ulnd] bemerke ich ergebenst, daß es für mich Behufs ander- 
weiter Entschließungen von entscheidender Wichtigkeit sein wird, diese Angelegenheit vor 
der Abreise Sleinelr Aloajestät) des Königs in der von Allerhlöchstldemselben befohlnen 
Richtung erledigt zu wissen, ulnd] ich Ew. lpp.] daher zu Dank verpflichtet sein würde, 
wenn Hochdieslelben] mich rechtzeitig von dem Angeordneten in Kenntniß setztens. 
*863. Schreltben an den Staatsminister Grafen von Itzenplitz. 
[Konjept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.) 
Vertraulich. Berlin, den 15. September 1867. 
Bei einem durch die fortdauernden Rüstungen Grankreichs veranlaßten vertraulichen 
Meinungsaustausch hat der Chef des Seneralstabes der Armee sich dabin ausgesprochen, 
daß der wirksamste Gegenzug gegen die unmittelbaren Kriegsvorbereitungen und die 
permanente Steigerung der Wehrkraft FSrankreichs in der Ergänzung und Vermehrung 
unserer nach Westen führenden Eisenbabhnen bestehen würde. Meines Erachtens würde es 
für diesen Sweck hauptsächlich auf folgende Bahnen ankommen: - 
.Berlin—Lehrte, 
Bebra—Hanau, 
. VNordhausen —Kassel, 
. Hamburg—Venloe, 
. Kassel Köln, 
. Gera—Koblenz oder eine sonstige Linie von Ostthüringen nach dem Untermain, 
.Trier—Koblenz. 
Ich habe eine Außerung des Generals von Moltke darüber erbeten“, ob er diese sieben 
Linien für die wichtigsten hält oder einige überflüssig findet, resp. andere vermißt; und 
S N 
1 Der Eingang des Saes bis zu den Worten: „thunlichst gewesen wäre“ beruht auf eigenhändigem 
Zusatz Bismarcks, im übrigen entbölt der Satz mehrere Korrekturen von seiner Hand. 
: Der Schluh des Schreibens berubt auf eigenböndigem Zusatz Bismarcks. 
* Vgl. dazu auch v. Stoschs briefliche Außerung u G. Fregtag vom 22. September: „d. b. Heudt 
lõckt gegen die Gewalt des Bundeskanzlers, hat aber sein Portefeuille zu lieb, um sich nicht # fiten. So 
Hkmorch ganz ruhig auch über ihn fort, und seine Wacht wird immer gröher." Denkwürdigkelten, 
34 
43. Es war durch Schreiben vom gleichen Tag# Leschehen siebe dessen Text bel H. v. Poschinger, Akten-
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        Badische Thronrede. 51 
ich behalte mir ganz ergebenst vor, von seiner Antwort Ew. pp. Mitteilung zu machens. 
Onzwischen kann es keinem Sweifel unterliegen, daß besonders die baldige Vollendung der 
im Bau begriffenen beiden Linien Berlin—Lehrte und Bebra—Hannover im militärischen 
Interesse wünschenswert ist. Ew. pp. ersuche ich daber ganz ergebenst, um eine gefällige 
Außerung, ob nicht etwas zur Beschleunigung dieser beiden Bauten geschehen kann. 
864. Erlaß an den Gesandten in Karlsruhe Grafen von Flemming. 
([Konjept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Berlin, den 15. September 1867. 
Ew. pp. haben mit dem gefälligen Bericht Nr. sod vom *. d. M. die Thronrede ein- 
gesandt, mit welcher Seine Königliche Hoheit der Großherzog an demselben Tage die badische 
Ständeversammlung eröffnet hatte!. Ich habe nicht gejäumt, sie sofort zur Kenntnis Seiner 
Majestät des Königs unseres allergnädigsten Herrn m bringen. Allerhöchstderselbe hat in 
der warmen und offenen Sprache dieser Rede mit Sreude den Ausdruck der deutschen Ge- 
sinnung begrüßt, in welcher er mit seinem durchlauchtigen Schwiegersohn sich begegnet, 
und von welcher auch die Großbherzogliche Regierung durch die der Ständeversammlung 
gemachten Vorlagen und das tätige Bestreben nach vermehrter Wehrkraft des Landes und 
Ausbildung der gemeinsamen deutschen Interessen neue Beweise gegeben hat. Seine Majestät 
der König teilt die von Seiner Königlichen Hoheit ausgesprochene Überzeugung, daß durch 
die abgeschlossenen Bündnisse die erste und dringendste nationale Forderung der Abwehr 
jedes Angriffes von außen bereits erfüllt Jei, und daß die in der Befestigung und NReorga- 
nisation des Sollvereins für die Entwicklung der materiellen Interessen gegebene Basis dem 
gesamten wirtschaftlichen Leben aller einzelnen Staaten einen neuen Impuls geben werde. 
Es ist biermit für das gemeinsame Leben der deutschen Aa#tion eine Grundlage gewonnen, 
welche, wenn sie in demselben Sinn festgehalten und ausgebaut wird, eine dauernde Be- 
ruhigung und Befriedigung des deutschen Volkes in Aussicht stellt. 
Ew. pp. ermächtige ich, sich in diesem Sinne über den Eindruck, welchen die Thronrede 
bier bervorgebracht hat, auszujprechen. 
Gröhtenteils bei O. Lorenz, Kaoiser Wilhelm und die Begründung des Neichs 1666 
bis 1871, S. 147. 
* 865. Erlaß an den Geschäftsträger in Wien von Ladenberg. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.) 
Berlin, den 15. September 1867. 
Ew. pp. erwähnen in dem gefälligen Bericht ARr. 227 vom 8. d. M., dah der Sreiherr 
von Beusft in seiner Unterredung mit Ihnen einen großen Teil der Schuld an dem be- 
unruhigenden Eindrucke der Salzburger Susammenkunft der Presse mugeschrieben, welche 
abfurde Gerüchte darüber verbreitet habe. Cw. pp. haben ihm darauf mit Aecht erwidert, 
2 Es geschab durch Schreiben vom 27. September; ogl. v. Poschinger, a. a. O, I. 101, Juhnote. 
864. 1 Siebe den Cert der Tbronrede in Schultheß“ Europöischer Geschichtskalender, Ig. 186T, S. 210 f. 
4
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        52 Die österrelchische Presse und die Bedeutung der Salzburger Zusammenkunft. 
daß er damit wohl nur die österreichische Presse meinen könne, und namentlich auf 
die Wiener Seitung „Die Debatte“ bingewiesen. Es ist aber nicht allein diese letztere, 
sondern es sind sämtliche Seitungen, deren Berbindung mit der Kaiserlich Öfsterreichischen 
Regierung nicht bezweifelt wird, und die für von Wien aus inspiriert und offifiös gelten- 
den Korrespondenzen fremder Seitungen gewesen, welche mit einer seltenen Übereinstimmung 
plötzlich jener, ursprünglich durch perfönliche Sympathien motivierten Susammenkunft eine 
politische Bedeutung beilegten und von Ergebnissen derselben sprachen, welche in der 
Tat geeignet waren, die volle Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung auf sich zu zieben. 
Wir selbst haben jener Zusammenkunft von Anfang an nicht diese Bedeutung beigelegt 
und baben keine Besforgnisse irgendeiner Art daran geknüpft, weil wir zu sehr davon über- 
Jeugt waren, daß die gegenwärtige Lage in Curopa nicht dazu geeignet sei, für Kombina- 
tionen eine Grundlage darzubieten, welche der Kaiserliche Reichskanzler selbst als absurde 
Gerüchte bejeichnet. Ich bitte Ew. pp. aber, dem Freiherrn von Beust in öhren mündlichen 
Unterbaltungen nicht zu verbehlen, daß wir selbst einigermaßen durch diese, allerdings 
vorübergegangene Pbase in der für inspiriert angesehenen Journalistik in Berwunderung 
gesetzt worden, um so mehr, da es uns nicht unbekannt geblieben, daß um dieselbe Seit 
von franzölischen Agenten in anderen Teilen Deutschlands während weniger Tage auf ein 
gegebenes mot d’ordre eine ganz ähnliche Sprache geführt worden, worauf dann wieder im 
Sinn des französischen Zirkulars vom 25. Auguft infolge neuer Weisung eine berubigende 
Sprache gefolgt sei. Auch auf die Übereinstimmung der österreichischen Journale in Ver- 
breitung der absurden Gerüchte über preußisch = rufsische Allianz gegen Österreich werden 
Sw. pp. binweisen können und durchblicken lassen, daß wir Urfache haben, dies nicht für ein 
Ufälliges Zufammentreffen mit der Salzburger Entrevue m halten. Ew. pp. wollen aber 
binmfügen, daß wir um go mehr befriedigt seien durch die politiven Erklärungen des Grei- 
herrn von Beust; und Sie wollen den Aeichs kanzler erkennen lassen, daß wir diese Ver- 
sicherungen in der Tat für aufrichtig halten, weil wir überzeugt sind, daß der leitende 
österreichische Minister nicht geneigt ist, die für Osterreich möglichen Beziehungen zu uns 
und zu Deutschland um der Vorteile willen zu opfern, welche eine Allianz mit GFrankreich 
in einem gegen Deutschland feindlichen Sinne darbieten könnte. 
*866. Votum für das Dreußtsche Staatsminsstersum. 
[Kontept von der Hand des Vortragenden Rats Wagner.] 
Im April 1867 batte Kultusminister v. êMühler dem Staatsministerium den Entwurf 
einer Königlichen Verordnung vorgelegt, nach der für die künftigen Regierungsbejirke Kassel 
und Wiesbaden ein gemeinsames Konjistorium, Drooinziellchulgolegium und Medizinalkollegium 
eingerichtet werden sollte. Dagegen war von Dismarck in einem Votum vom §. April Ein- 
spruch erhoben worden. Der Widerspruch stützte sich einmal darauf, daß über die ZSusammen-- 
legung von Hellen und Nassau zu einer rovin) noch kein definitiver Beschluß gefaßt war, 
sodann auf die Aotwendigkeit, u einer Veränderung in der Kirchenverfassung nicht obne 
vorige Anhörung der Beteiligten zu schreiten. Es bieß in Bejzug auf letzteren Dunkt in dem 
Berunte: Ich babe mich schon früher ous politischen Gründen dagegen ausgesprochen, ur Zeit 
auch nur für das vormalige Kurfürstentum Hessen ein Konsistorium zu bilden. Je schärfer 
die kirchlichen Gegensötze sich in Kurhessen gegenüberstehen, um so dringender ist es gedoten, 
eine Veränderung der bisherigen Kirchen-Versassung und Inltitutionen nicht ohne den Beirat 
und die Mitwirkung der Beteiligten ins Werk zu setzen. Es tritt binzu, daß man auch in 
Nassau an erfter Kee. ein 7 Konsiskorium wünscht und eventuell die Vereinigung mit 
Koblen; der mit Kassel vorjußie 
en scheint: ein Wunsch, der um so weniger ohne weiteres von
        <pb n="67" />
        Ole hessischen Konsistorien. FSranzösisch-itallenisches Einvernehmen. 53 
der Hand m weisen sein dürfte, als auch die administratioe Verbindung Vassaus mit der 
Abeinprovinz bis dabin noch nicht unbedingt zurückgewiesen ist.“ Am 4. September hatte 
v. Mühler dann dem Staatsministerium einen neuen Cutwurf vorgelegt, wonach für Wiesbaden 
ein besonderes Konsistorium eingerichtet, für den Regierungsbezirk Kassel aber statt der bisber 
bestehenden drei Konsistorien ein gemeinschaftliches größeres Konsistorium mit dem Sitz in 
Al#a#rburg gebildet werden gollte. 
Berlin, den 17. September 1867. 
ön betreff der jseitens des Herrn Ministers der geustlichen pp. Angelegenheiten mittels 
Schreiben vom 4. d. M. dem Königlichen Staatsministerium vorgelegten Entwürfe zu zwei 
Allerhöchsten Verordnungen über die Bildung von zwei evangelischen Konjistorien u Mar- 
burg und zu Wiesbaden finde ich meinerseits gegen die Vorlage für Wiesbaden nichts m 
erinnern. 
Dagegen trage ich Bedenken, mich dem Vorschlage in betreff des vormaligen Kur- 
fürstentums Hessen ohne weiteres anzuschließen, wiederhole vielmehr aus den schon früher 
von mir geltend gemachten Gründen den Wunsch, daß eine Beränderung der kirchlichen 
Unstitutionen nicht ohne vorherige Befragung der Beteiligten ins Werk gesetzt wird. 
In Ermangelung eines kirchlichen Organs für den gesamten Regierungsbezirk Kassel 
lege ich deshalb einen entschiedenen Wert darauf, nicht allein die Außerungen der jetzt be- 
stehenden drei Konsistorien zu erfordern und resp. einzusehen, sondern auch die Kommunal- 
stände für Kurbessen über die einschlagende Srage, wenn auch nur pro infomnatione und 
zur Fixierung der öffentlichen Meinung befragt m sehen. 
Eventuell bin ich meinerseits, aus den von dem Herrn Kultusminister angeführten 
Gründen damit einverstanden, daß das betreffende Konjistorium jseinen Sitz in Marburg 
erhalte, und daß demselben auch die Verwaltung der externa in dem vorgeschlagenen Um- 
fange übertragen werde. · 
Eine Abschrift dieses Botums habe ich jämtlichen Herren Staatsministern mitgeteilt. 
*862. Erlaß an den Geschäftsträger in Florenz von Bunsen. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.)] 
Auf Bismarcks Celegramm vom 11. Soptember (siehe Tr. 859) hatte der Geschäfts- 
träger in Floren; v. Bunsen den italienischen Außenminister Campello wegen der angeblich 
franzölisch-italienischen Berbandlungen über eine Lösung der römischen Srage sondiert. Zwar 
war er so vorlichtig gewesen, seine Srage auf Artikel der italienischen Dresse, insbesondere einen 
Tolchen des „Corriere Italiano“ zu Küten, immerbin stand das Vorgeben Bunsens nicht ganz 
im Einklang mit der Bismarckschen Weisung vom 11., erkennbare Aachfrage zu vermeiden. 
Im Ministerium der auswärtigen Angelegenbeiten bestond erst die Absicht, Bunsens Vor- 
geben sehr scharf zu rügen. Es liegt der Entwurf zu einem Erlaß von Abekens Hand vor, 
der Bunjsen Bismarcks entschiedene Mihbilligung ausdrückte, doch gab dieser einer milderen, 
von Bucher konsipierten Fassung den Vorzug. 
Berlin, den 19. September 1867. 
Nach Ew. pp. chiffriertem Celegramm Ar.73 vom 12. d. M. erkenne ich zwar gern als 
gerechtfertigt an, daß Sie das Gespräch mit dem Grafen Campello auf den mittels Berichtes 
vom 13. eingesandten Artikel des „Corriere Italiano“ gelenkt haben; auch zweifle ich nicht, 
daß Sw. pp. die in meinem Telegramm vom 10., Ar. 46, aber nicht in jenem Artikel 
enthaltenen Einzelheiten des angeblichen Planes auf eine Weije eingeflochten baben, welche 
dem Schlußsatze meines genannten Celegramms, dah erkennbare Nachfrage vermieden werden
        <pb n="68" />
        54 Neue Wünsche Georgs V. bejüglich der Bermög inondersetzung 
solle, entspricht. Gleichwohl muß ich es mißbilligen, daß Ew. pp. einer go bestimmten 
Weisung entgegen und ohne Kenntnis der Umstände, von denen dieselbe diktiert war, die 
Verantwortung für die Erwähnung der nicht im „Corrlere“ gegebenen Details über- 
nommen haben, und spreche die Erwartung aus, daß Ew. pp. künftig Shren nstruktionen 
genau nachkommen werden. 
* 868. Immedtatberccht. 
[Ausfertigung.) 
Berlin, den 21. September 1867. 
Luerer Königlichen Majestät Allerhöchstem Befehle vom 2. d. M. gemäß habe ich dem 
Bevollmächtigten des Königs Georg V. denjenigen in Abschrift nochmals ehrfurchtsvoll 
angeschlossenen Bertragsentwurf mitteilen lassen, welchen Allerhöchstdieselben gutzuheißen 
geruht haben“. Der gedachte Bevollmächtigte hat sich zur Vollziehung des Vertrages nach 
diesem Entwurfe bereit erklärt und nur noch einige Wünsche ausgesprochen, deren Ge- 
währung er von dem Billigkeitsgefühl Euerer Königlichen Moajestät Regierung erbittet, 
von deren Erfüllung aber die Rechtskraft Jeiner Annahmeerklärung nicht abhängig 
gemacht wird. 
Der König Georg wünscht, daß ihm die fernere Disposition über die Sürstengrüfte 
in der Schloßkirche u Hannover, Celle und Herzberg usw. verbleibt. 1 
Er legt ferner Wert darauf, das Palais an der Leinstraße in Hannover m erhalten, 
weil sich darin die bisher unverändert gebliebenen Sterbezimmer des Königs Ernst August 
und der Königin Griederike befinden. 
Ich nehme keinen Anstand, Cuerer Königlichen Majestät die Erfüllung dieser Wünsche 
für den Fall ehrfurchtsvoll anbeimzustellen, daß Allerhöchstdieselben nicht Allerhöchstselbst 
auf das Palais an der Leinstraße, worin Ihre Mojestät die Königin Luise von Preußen 
geboren ist, Wert legen sollten. 2 
Fernere Wünsche des Königs gehen dahin, daß die Domäne Calenberg ohne Aquivalent 
überlassen und die im §5 4 des Vertragsentwurfes bezeichneten Staatspapiere nach dem 
Kurswerte angerechnet werden möchten. : 
Die Gewährung dieser beiden Wünsche würde eine Erhöhung der dem König Georg 
zugedachten Ausgleichungssumme in sich schließen, zu welcher nach meinem alleruntertänigsten 
Dafürhalten kein Anlaß vorliegt. Während die übrigen Anträge des Bevollmächtigten 
wesentlich Fassungsänderungen betreffen, erlaube ich mir noch Euerer Königlichen Wajestät 
Allerhöchste Bestimmung ehrfurchtsvoll darüber zu erbitten, ob — was zu 5 6 gewürnscht 
wird — die beiden ersten Beamten des Hausministeriums (von Malortie und von Bar) 
und die des adligen Hofstaats, ingleichen die persönlichen Diener der Königlichen Familie, 
welche pensioniert oder auf Wartegelder gesetzt werden, davon dispensiert werden sollen, 
gegen ihren Willen preuhische Dienste zu nehmen. “ 
Indem Cuerer Königlichen Majestät Allerhöchste Entscheidung über vorstehende Punkte 
ich ehrfurchtsvoll erbitte, gestatte ich mir in Bezug auf die Auszahlung der Entschädigungs- 
summe (6 4) folgende alleruntertänigste Bemerkungen. 
a Vgl. Ar. 846.
        <pb n="69" />
        Bismarcks und Wilhelms I. Stellungnahme. 55 
Die ZSahlung wird nicht eher erfolgen können, als bis die Sicherheit vorhanden ist, 
daß das dem König Georg m gewährende Kapital nicht feinem Swecke, eine dauernde 
Dotation der hannoverschen Königsfamilie zu bilden, entfremdet wird. 
König Georg ist zum Erlaß einer bausgesetzlichen Bestimmung bereit, wodurch den 
Agnaten des hannoverschen Königshauses eine Mitwirkung bei Einziehung und Belegung 
des Kapitals eingeräumt wird. Nach dem ebrfurchtsvollen Dafürhalten des Staats- 
ministeriums — in welchem ich die Sache zur Beratung gebracht habe — gibt indessen 
eine golche hausgesetzliche Bestimmung, deren demnächstige Aushebung oder Abänderung 
als in der Macht König Georgs stehend angesehen werden könnte, keine Gewähr dafür, 
daß die Abfindungssumme nicht ihrem bezeichneten Swecke entzogen wird. Vielmehr wird 
eine wirkliche Sicherheit nur dann vorhanden sein, wenn die Verwaltung der Entschädigungs- 
summe innerhalb Landes etwa in der Weise erfolgt, wie der ehrfurchtsvoll angeschlossene 
Entwurf eines desfallsigen Abkommensd ergibt. 5 Der Bevollmächtigte des Königs Georg 
ist nach Hietzing abgereist, um sich in Bezug auf diesen Sntwurf Snstruktionen einzubolen. 
Gür den Fall der Annahme füge ich eine Vollmacht für die diesjseitigen Kommissarien mit 
der Bitte um allergnädigste Vollziehung ebr furchtsvoll bei. 6 
Sollte ein Vertrag auf den vorstehend erörterten Grundlagen nicht zustande kommen, 
so wird über das dem Könige Georg zuzuweisende Vermögen gesetzliche Bestimmung zu 
treffen sein. Dies kann nur bis zum 1. Oktober ohne SZufstimmung des Landtags geschehen. 
Da es zu vermeiden sein wird, den Landtag mit dieser Angelegenbeit zu befassen, so erlaube 
ich mir gleichzeitig eine, im Staatsministerium beratene Allerhöchste Berordnung mit der 
Bitte um WVollziehung 6 ehrfurchtsvoll m überreichene. Die Dublikation dieser Ver- 
ordnung würde nur dann erfolgen, wenn ein Vertrag nicht rechtzeitig zustande kommt. 
Den Entwurf einer Allerhöchsten Ordre füge ich alleruntertänigst bei. 7 Wenn Euere 
Königliche Majestät denselben zu genehmigen geruhen, bitte ich ehrfurchtsvoll durch Cele- 
gramm mich davon in Kenntnis setzen zu wollen. 6 
Eigenhändige Randbemerkungen König Wilbelms I.: 
1 Eirverstanden. W. 22. 9. 67. 
2 Ich wünsche, daß dieses Palais mir ulnd dem König Georg gemeinschaft-- 
lich mfalle, da ich auf daslelbe als Geburtsstätte der Königin meiner Mutter gleichfalls 
hohen Werth lege. Nur nach gemeinschaftlicher Übereinkunft würde künftig über 
dies Dalais zu verfügen sein. 
3 Die Domaine Calenberg kann nur nach einem angemessenen Aquivalent überlassen 
werden, so wie die quest. Staatspapiere nur nach dem Nennwerth gewährt werden können. 
4 Einverstanden, da ich Miemand gegen seinen Willen in Dienste nehme. 
5 Einverstanden. Tliehe] Bemerkung. 
6 ist geschehen. W. 22. 9. 67. 
7 genehmigt. 
° Vach dem Entwurf follte die Entschädigungslumme in Höhe von 16 Millionen Calern von einem in 
Hannover einjurichtenden Kuratorium verwaltet werden. Das Kuratorium gollte besteßen aus dem Drä- 
ssddenten des Appellationsgerichts in TCelle und vier Mitgliedern, von denen je eins von der Krone Preuhen, 
von König Georg V., den Agnaten des Braunschweig-Lüneburgischen Gesamthauses und den bannoverschen 
rovinzialständen u ernennen war. · 
Der Entwurf der Verordnung war inbaltlich identisch mit dem Entwurf des mit König Georg V. 
mu schliebenden Abkommens.
        <pb n="70" />
        56 „Coangelisch-lutherisches“ Konsistorium in Kiel. Schiffahrtsvertrag mit Stalien. 
*869. IZmmediattelegramm. 
Eanzent von der Hand des Staatsministers von Mühler.] 
urch Immediatbericht vom 19. September hatte das taatsministerium bei König 
Wilhebe I. die Crrichtung eines „eoangelisch-lutherischen“ Konsistoriums für die Herlogtümer 
Holstein und Schleswis, wo eine solche Behörde bisher gefebhlt hatte, mit dem Sitze in Kiel 
beantragt. Der König hatte jedoch mnächst Anstob an der Bejzeichnung des neuen Konsistoriums 
als eines „evangelisch-lutherischen gegomnen und die Beforgnis euspesprochen. daß daraus 
ür die evangelische 2 und die Union eine Schädigung erwachsen könne. ismarck, 
er genau wußte, mit cher Besorgnis die lutherische Bevölkerung in Schleswig-Holstein, 
Hannover ulw. rmstfwel 11 Destrebun W “ (ogl. dazu Dosse, Sürst Otto m 
l et korrekten Be- 
Berlin, den September 1867. 
Vach ehrfurchtsvoller Ansicht des Staatsministeriums ist die Bezeichnung: „Cvangelisch- 
lutberisches Konjistorium“ für Kiel nicht zu umgeben; das Kirchengebiet ist tatjächlich rein 
lutherisch, während das von Wiesbaden ein uniertes ist. Wollte man das „Evangelisch- 
lutberisch“ weglassen, so würde die durch Besorgnis um die Zukunft der lutherischen Landes- 
kirche und infolge des Kirchentages schon große Aufregung in Schleswig-Holftein bedenk- 
lich gesteigert: in Schleswig erbielte die Dänenpartei ein wirkfames religiöses Agitations- 
mittel#. Auf die alten Provinzen wirkt die Verordnung für Kiel nicht zurück. Die 
separierten Lutheraner haben seit zwanzig Jahren ihre eigene gesetzlich anerkannte Kirchen- 
behörde in Breslau und für die Landeskirche sind die Konjistorien nach gesetzlicher 
Bestimmung (von 1810 und 1852) gemischt aus Lutherischen und Reformierten zusammen- 
geletzt. 
Das Staatsministerium bittet dringend, es bei der vorgeschlagenen Fassung allergnädigst 
m belassen. 
* 820. Erlaß an den Gesandten in Florenz Grafen von Lsedom. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden NRats König.] 
Berlin, den 23. September 1867. 
Cuer pp. kennen die Gründe, welche es für die Königlich Preußische Regierung bisher 
untunlich gemacht haben, mit der italienischen Regierung wegen eines Schiffahrts- 
vertrages in Unterhandlungen zu treten. Ich habe es mir angelegen sein lassen, dabin 
zu wirken, daß nunmehr ein solcher Bertrag im Mamen des Norddeutschen Bundes abge- 
schlossen werden kann, und hat der Bundesrat soeben seine Zustimmung zur Eröffnung 
desfallsiger Verhandlungen erklärt. An der Geneigtbeit der italienischen Aegierung 
zm Abschluß einer folchen Übereinkunft zweifle ich nach Cuer pp. Berichten nicht. In- 
dem ich deshalb den Entwurf zu einem Vertrage beilege, ersuche ich Sie ergebenst, der 
dortigen Regierung eine entsprechende Eröffnung zugehen zu lassen, und wenn dieselbe 
auf die diesfeitigen Vorschläge eingeht, den Vertrag m unterzeichnen. Die Vollmacht 
werde ich unverzüglich extrahieren und Euer pp. mgeben lalsen. 
Da es wünschenswert ist, daß der Reichstag seine verfassungsmäßige Zustimmung noch 
während der gegenwärtigen Session gibt, diese aber voraussichtlich gegen Ende Cktober 
geschlossen werden wird, so ist tunlichste Beschleunigung dringend geboten. 
1 Die beiden ersten Sätze entbalten elne größere Anzahl eigenbändiger Korrekturen Bismarcks. 
870. Hier nicht abgedruckt.
        <pb n="71" />
        Ausdehnung des Handelsvertrags mit Stalien auf den Norddeutschen Bund. 57 
Sachlich wird der diesjeitige Entwurf voraussichtlich keinen Schwierigkeiten begegnen, 
mmal er fast gleichlautend mit dem Ihnen unterm 2. Maĩ v. J. mgefertigten Entwurf 
eines preußisch--italienischen Schiffahrtsvertrages ist. Die einzelnen die Schiffahrt be- 
treffenden Bestimmungen sind lediglich die Konsequenz des zugrundeliegenden Prinzips der 
Gleichstellung beider Slaggen. Sollte das zmweite Alinea des Artikels III in Slorenz 
Bedenken finden, so wollen Sie es fallen lassen. Es versteht sich, daß, solange neben den 
Bundeskonfulaten noch Landeskonjulate bestehen, die das Konjulatwesen betreffenden Be- 
stimmungen ebensowohl auf diese wie auf jene Anwendung finden. Wenngleich ein Sweifel 
in dieser Beziehung kaum aufktommen wird, so wird es doch gut sein, wenn Euer pp. dies 
bei Abschluß des Vertrages schriftlich konjtatieren. 
Mit dem Zustandekommen eines Schiffahrtsvertrages für den Norddeutschen Bund 
würden die früher von den einzelnen Bundesstaaten geschlossenen entsprechenden Verträge 
außer Wirkfamkeit treten. Dies gilt, da der Schiffahrtsvertrag mit dem Sollverein schon 
früber erloschen ist, namentlich von den Verträgen, welche die Hansestädte mit Sardinien 
(1851 und 1860) und Neapel (1855) sowie Mecklenburg mit Sardinien (185 1) geschlossen 
haben. Diese Verträge enthalten aber auch auf den Handel bezügliche Bestimmungen, über 
deren fernere Gültigkeit Sweifel entstehen können, welche auch sonst den, durch die Bildung 
des Königreichs Stalien geschaffenen Verhältnissen nicht mehr entsprechen, und für deren 
Ersatz daher gesorgt werden muß. Am zweckmäßigsten würde dies gescheben, wenn die 
Wirksamkeit des zwischen dem Sollverein und Stalien geschlossenen Handelsvertrages vom 
31. Dezember 1865 auf den gesamten Aorddeutschen Bund ausgedehnt wird. Euer pp. er- 
suche ich ergebenst, mit der dortigen Regierung auch über diesen Punkt zu verhandeln und 
mich demnächst davon in Kenntnis zu setzen, welche Form man dort für die geeignetste hält, 
um den gedachten Zweck zu erreichen. 
* 821. Erlaß an den Geschäftsträger in Detersburg 
EGrafen von Kegyserling-Rautenburg. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Cheremin.] 
An der Aettungsaktion mugunsten der Kandioten war seit August 1367 auch das 
deutsche Kanonenboot „Blitz“ beteiligt. Der Kommandant des Schiffes hatte Onstruktion 
(ogl. Ar. 848, Anm.), sich an dem Nettungswerk nicht weiter zu beteiligen, als Außland und 
Frankreich zusfammengingen. Vach einer Meldung des „Blitz“ von Ende August hätte der 
franjösische Admiral Simon mit der Aktion Einhalt getan, worauf von Berlin aus die 
Weisung erging, daß das kleine deutsche Schiff, sofern das Susammengeben zwischen Ruhland 
und Grankreich nicht gelichert sein gollte, keine bervortretende Aolle zu [pielen brauche. Vach 
einem Verichte des Grafen Kepserling vom 19. September führte Sürst Gortschakow nun 
Klage über die laue Unterstützung des Rettungswerkes durch das deutsche Schiff. Es bätte 
naobegelegen, daß der preuhische Geschäftsträger dem Sürsten im Sinne der Bismarckschen 
Instruktion vom 7. September (liebe Nr. 882) geantwortet hätte, die eine preußische Betei- 
ligung an dem Aettungswerke nicht undeutlich von dem ferneren Jusammengeben Außlands 
und Grankreichs abböngig machte; jedoch unterblieb das. 
Berlin, den 24. September 1867. 
Sw. pp. politische Berichte sind mir bis einschließlich Ar. 146 richtig zugegangen. 
In Bejug auf den Bericht Ar. 144 vom 19. d. M. und die Auherungen des Sürsten 
Gortschakow über die Haltung der Königlichen Regierung. bei dem Rettungswerke auf 
Kandia bemerke ich folgendes:
        <pb n="72" />
        58 Der VNorddeutsche Bund und das Rettungswerk in Kandia. 
Die allgemeine Enstruktion, welche Graf Brassier in betreff der Beteiligung des 
„„Blitz“ bei der Sache unter dem 2. August d. J. erbalten hat, lautete dahin, daß diese 
Beteiligung eintreten könne, wenn ARußland und Srankreich zusammengingen. Weitere 
Instruktionen in betreff des „Blitz“ hat weder Graf Brassier noch der Kommandant dieses 
Schiffes von hier aus erhalten. Es berubt daher vollständig auf einem Irrtum, wenn der 
Fürst Gortschakktonv annimmt, das Verhalten des Admirals Simon habe bei uns die 
Tendenz bervorgerufen, das Nettungswerk einzustellen und erst, nachdem wir uns der 
Haltung Grankreichs versichert, sei der „Blitz“ zur Gortsetzung des Rettungswerks auto- 
risiert worden. Die Regultate, welche die Beteiligung dieses kleinen Sahrzeuges geliefert, 
baben übrigens unsere Erwartungen zu unserer Genugtuung übertroffen. Der „Blitz“ hat 
auf seinen verschiedenen Reisen 550 Frauen und Kinder teils nach Milo, teils nach dem 
Piräus übergeführt; er hat dabei mit sehr schlechtem Wetter zu kämpfen gehabt und ist 
mehrfach in Gefahr gewesen. So viel wir wissen, befindet er sich auch jetzt noch in den 
griechischen Gewässern. 
Was die politische Seite der Sache anlangt, so habe ich Ew. pp. bereits durch meinen 
Erlaß vom 7. d. M. — Nr. 296 — von der Unterredung Mitteilung gemacht, die ich mit 
Herrn von Oubril gehabt und in der ich demselben dargelegt habe, für wie bedenklich ich 
es halten würde, wenn ein Auseinandergehen Rußlands und Grankreichs in den Augen der 
Pfordte constatirt würde, ulnd) letztre oder doch die Bevölkerung der Türkei dadurch den 
Eindruck bekämen, als ob Grankreich: auf dieselbe Linie mit England träte. Dies letztere 
muß meines Erachtens vor allen Dingen vermieden werden, wenn man sich vor den nach- 
teiligen Jolgen wahren will, die eine solche Konjunktur gerade für die rufsische Politik im 
Oriente, der unfre Sumpathien gewidmet sind:, haben würde, wie ich dies in meinem vor- 
gedachten Erlasse, auf den ich hiermit Bezug nehme, entwickelt habe. Sch würde gewünscht 
bhaben, daß Ew. pp. diesen Erlaß, der öhnen nach Shrem Berichte vom 11. d. M. — 
Nr. 138 — jugegangen war, bei der Gelegenheit, die sich durch die Außerungen des Sürsten 
Gortschakow darbot, verwertet hätten, und ersuche Ew. pp., sobald eine neue Gelegenheit 
dam eintritt, die darin enthaltenen Gedanken zur Geltung zu bringen. 
*872. Schreiben an den Oberpräsldenten von Hannover 
Grafen zu Stolberg-Wernigerode. 
l[Konzept von der Hand des Bortragenden Rats Wagner.] 
Am 17. September hatte Graf zu Stolberg-Wernigerode gelegentlich der Anzeige von 
der Übernahme der Geschäfte der Siollverwaltung bei Bismarck angefragt, wie es nun mit 
den dem Generalgouverneur v. Voigts-Abe#tz durch die Königliche Ordre vom 3. Dezember 1866 
übertragenen besonderen Vollmachten (ogl. dazu Die Gesammelten Werke, Dd. VI, 622 
nebst VBenen besonde gebalten werden folle, ob nicht eine formelle Aushebung dieser Voll- 
machten am Platze jei7 
Berlin, den 24. September 1867. 
Sw. Erlaucht beehre ich mich auf den gefälligen Bericht vom 17. d. Al. ganz ergebenst 
zu erwldern, auch es brn meinem Dafürhalten einer förmlichen Aufhebung der Aller- 
höchsten Kabinettsordre vom 3. Dezember v. J. nicht bedarf. 
: „in den Augen.. eigenhöndige Korrektur Bismarcks. 
"— #er. ersluoon den Werten grr Zbmpathien. eigenböndige Korrektur Dismarcks.
        <pb n="73" />
        Erlöschen der Vollmachten des Generalgouverneurs von Hannover. 50 
Nachdem Ew. Erlaucht allerhöchst um Oberpräsidenten von Hannover ernannt 
worden sind und als solcher die Geschäfte der Sivilverwaltung übernommen haben, hat das 
Generalgouvernement, welchem in seiner Kombination der Sivil- und MAilitärgewalt jene 
außerordentlichen Bollmachten erteilt waren, aufgehört, und ist damit das Nechtsfubjekt 
der Allerhöchsten Ordre vom 3. Dezember pr. selbst in Wegfall gekommen. 
Nach der Bekanntmachung vom 17. d. Al. darf ich annehmen, daß der Herr General- 
leutnant von Voigts-Rhetz von der gleichen Rechtsauffassung ausgeht, und daß derselbe 
sich fortan nur noch als kommandierenden General des dortigen Armeekorps und nicht 
mehr als den Inhaber irgendwelcher Befugnisse in Bezug auf die Sivilverwaltung be- 
trachtet. 
Ew. Erlaucht stelle ich ganz ergebenst anheim, sich bierüber in geeigneter Weise u 
vergewissern und eine etwaige Meinungsverschiedenheit zur Entscheidung des Königlichen 
Staatsministeriums zu bringen. 
Hiervon unabhängig ist aber die fernere Frage, ob und inwieweit es überhaupt noch 
außerordentlicher Bollmachten für die Zivilverwaltung bedürfen wird, und sehe ich hier- 
über Ew. Erlaucht baldgefälliger Außerung ganz ergebenst entgegen. 
* 823. Telegramm an den Oberprästdenten von Hannover 
Grafen zu Stolberg-Wernigerode. 
[Eigenbändiges Konzept.] 
Bei den Beratungen der hannoverschen Vertrauensmänner (29. Juli bis 3. Auguft; 
ogl. Ar. 831, Vorbem.) hatte neben den Fragen der Beibehaltung der bannoverschen Amter- 
verfassung und der Landdrosteien den Hauptgegenstand die Einrichtung einer provoinzial- 
ständischen Verfassung gebildet. Den Veratungen lag eine im Ministerium des Innern aus- 
gearbeitete Denkschrift zugrunde, in der die Organisation der provinzjialständischen Ver- 
fallung mit besonderer Ausführlichkeit behandelt war. Es war danach an die Bildung einer 
provinzialständischen Gesamtoertretung für den ganzen Umfang des ebemaligen Königreichs m-- 
nächst nicht gedacht, vielmehr wurde die Zusammenlegung der vorhandenen sieben Prooinzial- 
landschaften zu drei kommunalständischen Berbänden vorgeschlagen. Die Vertrauensmänner 
IEprachen sich dagegen entschieden für die Errichtung eines die ganze Drovinz umfassenden 
Drovindsallendtag unter Crbaltung der Prooinziallandschaften aus. Däberes darüber in 
. Busch, Das übergangsjahr in Hannover, 5. 258 ff.; Sechuig Jahre Hannoversche Dro- 
oinzialverwaltung, S. ↄff. Die Wünsche der Vertrauensmänner, über die Vismarck dem 
Könige während lseines Aufenthalts in Bad Ems Vortrag bielt, fanden weitgehende Be- 
rücksichtigung. Am 5. Auguft telegraphierte Bismarck von Ems aus an Graf Eulenburg, daß 
der König sobald als möglich die Borlage der Verordnung wegen Errichtung des Provinzial= 
landtages für Hannover wünsche. Am 26. Auguft erfolgte darauf eine vom 22. datierte 
Verordnung betreffend die prooinzialständische BVerfassung im Gebiete des vormaligen König- 
reichs Hannover, die genaue Vorschriften über Einrichtung und ZJusammensetzung eines 
Drooinsiallandtags enthielt. Aacbdem dann in der ersten Hälfte September die Wahlen 
mm Prooinzjiallandtage erfolgt waren, berief der neue Oberpräsident die Versammlung auf 
den 21. nach Hannover ein und eröffnete sie mit einer Anjprache, die in Auslicht Kellte, 
daß die Staatsregierung den aus dem Schohe des Landtages zum Ausdruck gelangenden 
Wünschen gern nach Plichteit willsabren werde; sie lse sich dabei von der Uberzeugung 
leiten, daß „ein großer Stactsorganismus“ namentlich auch in lebensvoller Cätigkeit in den 
Provinzen seine Grundlage und Unterstüchung u suchen babe. Am 24. September stellte nun 
der zum Vitzemorschall ernannte Abgeordnete v. Bennigsen den Antrag, die Staatsregierung 
m ersuchen, den schel ernemmn Domanialablösungsfonds in der Höbe von etwo 16 Millionen 
Calern der Prooin) für Verwaltungswecke zu überweisen. uch dieser Gegenstand war
        <pb n="74" />
        60 Der Hannoversche Landtag und der Domanialablösungsfonds. 
schon in den Beratungen der Bertrauensmänner jur Sprache gekommen; es batte sich aber 
. gejeigt, dah der Ginan#minister Sreiherr v. d. Heudt starke Bedenken begte. In einem 
Schreiben vom 24. September fragte Graf zu Stolberg bei Bismarck an, ob er sich als 
Aegierungskommissar entgegenkommend m dem Antrage äußern dürfe. 
Berlin, den 25. September 1867. 
Ew. pp. werden dem Bennigsenschen Antrag gegenüber heut nicht über die Er- 
klärung binausgehen können, daß Sie bereitwillig die Entscheidung des Königs einholen 
und Sich freuen würden, wenn dieselbe zustimmend ausfiele. 
*824. Drlvatschreiben an den Oberpräsidenten von Hannover 
Grafen zu Stolberg-Wernigerode. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Bats Wagner.] 
Am 25. September hatte Grof z Stolberg Bismarck mitgeteilt, daß der Bennigsensch 
Antrag auf ÜUberweisung des Domoanialablösungsfonds an die Provinsialverwaltung (ogl. 
r. 873) von dem Landtage einstimmig angenommen sei. In einem gleichzeitigen Immediat- 
bericht setzte sich Stolberg dringlich für eine Genehmigung des Antrags ein. 
Berlin, den 26. September 1867. 
Sw. Erlaucht beehre ich mich in vorläufiger Beantwortung Shres gefälligen Berichts 
vom 25. d. M., betreffend die Annahme des v. Bennigsenschen Antrages in dem dortigen 
rovinziallandtage, ganz ergebenst mitmuteilen, daß Sie sich Shre Stellung und Aufgabe 
erschweren, wenn Sie die dort vorkommenden Anträge in einer Weise behandeln, als 
hätten Sie eine gewisse Verpflichtung, zu denselben sofort eine politive Stellung ein- 
zunehmen. 
Die Berechtigung und damit auch die Verpflichtung des Landtagskommissarius geht 
nicht weiter als bis zu einer wohlwollenden Entgegennahme und Befürwortung, wobei 
übrigens Ew. Erlaucht in dem vorliegenden Falle materiell sowohl auf meine als — wie 
ich boffe — auch auf die Unterstützung des Königlichen Staatsministeriums zu rechnen haben. 
Was noch der Beratung und Beschlußfassung bedarf, wird lediglich die Srage sein, 
ob die gewünschte Bestimmung noch im Wege Königlicher Verordnung erfolgen kann oder 
auf den Weg der ordentlichen Gesetzgebung gewiesen werden muß. 
Ich werde diese Beschlußfassung möglichst beschleunigen, glaube aber, Ew. Erlaucht 
schon heut darauf aufmerksam machen mu sollen, daß selbst in dem Salle, daß das Staats- 
ministerium sich für die Julässigkeit der Verordnung aussprechen sollte, es doch nicht un- 
weifelhaft ist, ob bei der Kürze der Zeit und bei der Unsicherheit des Aufenthaltes Seiner 
Wcjestät des Königs die Sache noch rechtzeitig erledigt werden kann.
        <pb n="75" />
        Entlassung Mecklenburgs aus dem Handelsvertrag mit Srankreich. 61 
*825. Erlaß an den Geschäftsträger in Paris Grafen zu Solms- 
Sonnenwalde“. 
[Abschrift.] 
Berlin, den 26. September 1867. 
Als in den letzten Wochen des verflossenen Jahres die im Prager Srieden vor- 
gesehenen Verhandlungen zwischen Preußen und Österreich über die Revision des Handels- 
und Sollvertrages vom 11. April 1865 eröffnet wurden, war mit Bestimmtheit m er- 
warten, daß eine Ermäßigung des Eingangszolles für Wein die erste Stelle unter den An- 
trägen Oterreichs einnehmen werde. Es konnte keinem Zweifel unterliegen, daß ÖOsterreich 
für eine solche Ermäßigung, wenn dieselbe auf seine Weine hätte beschränkt bleiben 
können, genügende Gegenleistungen zu bieten imstande sei, es war aber ebensowenig zweifel- 
haft, daß es für eine, auch auf die französischen Weine ausgedehnte Sollermäßigung 
genügende Gegenleistungen zu bieten nicht vermöge. Preußen richtete deshalb in dem 
Augenblick, als es in die Verhandlungen mit Österreich eintrat, an Srankreich die Srage, 
ob letzteres geneigt sein würde, die von Osterreich nur unvollständig zu erwartende Gegen- 
leistung dadurch zu vervollständigen, daß es Mecklenburg aus der in Artikel 18 des fran- 
ölisch-mecklenburgischen Handels- und Schiffahrtsvertrages vom 9. Juni 1865 über- 
nommenen Berpflichtung in dem Falle entlasse, wenn die Berhandlungen mit Osterreich zu 
einer Ermäßigung des Weingolls führen fgollten. 
Die Kaiserliche Regierung ging auf den Gedanken einer Jolchen Kompenfation bereit- 
willig ein. Daß sie als Preis der Cntlassung Alecklenburgs aus jener Verpflichtung eine 
Gollerleichterung nicht bloß für Wein, sondern auch für einige andere Gegenstände begehrte, 
konnte eine ernsthafte Schwierigkeit nicht bereiten, da Preußen in der Lage war, bei der 
Mehrzahl dieser Gegenstände ihren Wünschen entgegenzukommen. Eine Berständigung 
gelang indessen nicht, weil man in Paris die von Preußen angebotene Herabsetzung des 
Weinzolls von 4 auf 3 vom Str. — von 30 frs. auf 22,50 frs. für 100 Kil. — nicht 
für genügend erachtete. Die Folge war, daß Preußen dieses Anerbieten zurückzog und in 
Wien erklärte, seine kommerjiellen Verhandlungen mit Österreich nicht fortsetzen zu 
können. 
Seitdem hat Mecklenburg selbst in Paris Schritte getan, um seine, unter den gegen- 
wärtigen Berhältnissen ihm drückend gewordene Verpflichtung gegen Frankreich zu lösen. 
Es ist dabei einem grundsätzlichen Bedenken nicht begegnet, wohl aber der Hinweifung auf 
die bereits zwischen Preußen und Grankreich erörterte Aotwendigkeit einer genügenden 
Kompenfation. 
Ich kann heute die Erörterung über eine solche Kompensation auf einer neuen Grund- 
lage wieder aufnehmen. 
Die jetzt vorgenommene Regulierung des Budgets des Norddeutschen Bundes bat 
gezeigt, daß Wecklenburg seine Beiträge zu den Bundeslasten nur mit Opfern auf- 
zmubringen imstande ist, solange ihm die Möglichkeit verschlossen bleibt, seine Staats- 
einnahmen durch den Beitritt um Sollsystem der übrigen Bundesstaaten zu steigern. Die 
Rücksicht auf eine verbündete Regierung macht dem Bunde den Versuch zur flicht, diese 
1 Vgl. Ar. 844.
        <pb n="76" />
        62 Preuhisches Angebot für die Entlassung Mecklenburgs aus dem Vertrag von 1865. 
Opfer von derselben abzuwenden. Es ist daher im Namen des Bundes, daß ich auf die 
bisher von Dreußen und von Mecklenburg allein verhandelte Frage zurückkomme. Die 
vor kurzem erfolgte Erneuerung des Sollvereins mit den süddeutschen Staaten und die 
Übereinstimmung, welche zwischen diesen Staaten und dem Bunde in Bezjiehung auf die 
vorliegende Srage obwaltet, gewähren ferner der französischen Regierung sowohl hin- 
sichtlich des Geltungsbereichs als auch binsichtlich der Dauer einer Sollermäßigung für 
Wein vollständigere Garantien, als solche bei der im vorigen Winter obwaltenden Lage 
geboten werden konnten. 
Endlich haben die gemachten Erfahrungen dargetan, daß eine größere als die damals 
von Preußen angebotene Ermäßigung des Weinzolls zulössig sei, ohne die Solleinnahmen 
in einem mit dem finanziellen Interesse unvereinbaren Grade zu gefährden. 
Cuer Hochwohlgeboren beauftrage ich daher im RNamen des Norddeutschen Bundes 
und des Sollvereins, an die Kaiserliche Regierung die Frage zu richten, ob sie geneigt sei, 
Mecklenburg aus der oben erwähnten Verpflichtung zu entlassen, wenn an SÖsterreich eine 
Ermäßigung des Solls für Wein in Sässern und in Slaschen von 4 auf 2½ vom Str. — von 
30 frs. auf 20 frs. für 100 Kil. — sowie die schon früher in Aussicht genommenen Soll- 
ermähigungen, beziehungsweise Sollbefreiung für Alaun, schwefelsaures Ammoniak, Stärke 
und Kraftmehl und Eisenvitriol zugestanden werden. 
Der Sollsatz von 20 frs. für 100 Kil. entspricht ungefähr dem Sollsatz von 23 frs. 
für den Hektoliter, welchen Irankreich in seinen Verträgen mit Belgien und mit Schweden- 
Norwegen vereinbart bat, und ist niedriger als der Sollsatz des französisch-britischen Ber- 
trages. Für den Einfluß, welchen er auf die Ausdehnung des Verbrauchs französischer 
Weine in Deutschland haben wird, gewährt die Wirkung einen Alaßstab, welche die am 
1. Juli 1865 eingetretene Sollermäßigung ausgeübt hat. Wird das Jahr 1865, in dessen 
Mitte diese Ermäßigung fiel, und welches deshalb als ein normales nicht anzusehen üst, 
außer Betracht gelassen und die Cinfuhr in den fünf Jahren 1860/64 mit derjenigen in den 
achtzehn Monaten 1. Januar 1866 30. Juni 1867 verglichen, so findet sich, daß in 18 Mo- 
naten der ersten Periode durchschnittlich 358 965 Str., in den 18 Monaten der zweiten 
Periode 616 485 Str. Wein zum Verbrauch eingeführt wurden, daß also die Einfuhren 
um 71,7 gestiegen sind. Österreichische und südliche Weine haben an dieser Steigerung 
einen nur sehr geringen Teil; dieselbe ist fast ausschließlich dem französischen Weine zugute 
gekommen. Die Sollermäßigung, welcher eine so bedeutende Steigerung zu verdanken ist, 
betrug für Wein in Fässern, den hauptsächlichsten Gegenstand der Einfuhr, 33165 des 
früheren Sollfatzes; es wird jetzt wiederum eine Ermäßigung von 3314 des bestehenden 
Solllatzes angeboten. Und diese Ermäßigung ist nicht auf den Sollverein beschränkt. 
ÖOsterreich wird den Sollsatz, welcher seinem Weine zugestanden wird, leinerseits dem 
deutschen Weine und folgeweise auch dem französischen Weine zugestehen, und es wird 
daher der Satz von 20 frs. für 100 Kil. dem französischen Weine in beiden großen Soll- 
gebieten zugute kommen. 
Hiermit ist indessen die Bedeutung des vorgeschlagenen Arrangements für Grankrreich 
keineswegs erschöpft. Es handelt sich bei demlelben um weit mehr als um den Wein und 
um die anderen oben bezeichneten Gegenstände. 4 
Der franjösisch-österreichische Vertrag vom 11. Dejember v. J. hat allein aus dem 
Grunde der franfösischen öndustrie nur ungenügende Einfuhrerleichterungen in Isterreich
        <pb n="77" />
        Vorteile des Angebots für Frankreich. 67 
verschafft, und die in den letzten Monaten zwischen Großbritannien und Österreich geführten 
kommerziellen Verhandlungen sind allein aus dem Grunde ohne Ergebnis geblieben, weil 
Osterreich weder an Frankreich noch an Großbritannien erhebliche Sugeständnisse machen 
kann und will, bevor es sich mit dem Zollverein verständigt hat. Mit dem Sollverein kann 
und will Osterreich sich nicht verständigen, ohne daß ihm eine Sollermäßigung für Wein zu- 
gestanden wird, und der Sollverein kann und will eine golche Sollermäßigung nicht zu- 
gestehen, ohne daß damit der Sollanschluß Mecklenburgs gesichert wird. Mit anderen 
Worten: die Entlassung Mecklenburgs aus seinen Verpflichtungen gegen Grankreich ist die 
Voraussetzung einer Tarifreform in Österreich. 
Ob die Tarifreform in Österreich für Deutschland oder für Srankreich von höherem 
Werte ist, kann auf sich beruhen bleiben. Daß sie für Srankreich von bohem Werte ist, 
unterliegt keinem SZweifel, und daß sie recht vollständig sein werde, haben die im Januar 
d. J. zwischen Preußen und Österreich geführten Berhandlungen gezeigt. Man wird ver- 
mutlich in Paris davon unterrichtet sein, daß Osterreich bei diesen Berhandlungen bereit 
war, seine Sollsätze für die Mehrzahl der in dem Tarif B zu dem Handelsvertrage vom 
2. August 1862 genannten Waren entweder sofort oder nach Ablauf einer nicht langen Srist 
auf die Sätze dieses Tarifs zu ermäßigen und für die Minderjahl, wenn auch nicht bis auf 
diese Sätze, so doch meist erheblich herabzusetzen. Preußen seinerseits war bereit, für zahl- 
reiche Gegenstände, darunter musikalische Instrumente, feine Kautschukwaren, Kautschuk- 
gewebe, feine Lederwaren, ordinäres Papier, leinenes AMaschinengarn Sollerleichterungen 
einzuräumen, welche auch für Srankreich von unverkennbarem Vorteil sein werden. 
Grankreich erreicht also durch die Kombination, welche ihm jetzt dargeboten wird, 
eine Herabsetzung des Weinzolles auf 20 frs. für 100 Kil. für ein Gebiet von 
70 Millionen Einwohnern, 
eine gründliche Reform des österreichischen Carifs, 
eine Reihe wertvoller Sollerleichterungen für seine Einfuhr in den Zollverein. 
Diesen Vorteilen gegenüber sind die Vorteile, welche ihm sein Vertrag mit Mecklen- 
burg für ein Absatzgebiet von 650 ooo Einwohnern darbietet, so verschwindend gering, 
daß ich an der Annahme des Anerbietens, zu welchem ich Ew. Hochwohlgeboren er- 
mächtige, in der Tat nicht zweifeln kann. 
Im Gegenteil ist bei der Beratung, welche über dieses Anerbieten mit den übrigen 
Bundesstaaten und Sollvereinsstaaten stattgefunden hat, die Ansicht mit der Lebhaftigkeit 
vertreten worden, daß es der Billigkeit entsprechen würde, dem Sollverein, wenn er durch 
einen Vertrag mit Österreich seine Sollsätze, und zwar für: 
für 100 Kil. 
# 
mulikalische Instrumentt.. . . von 30,00 frs. auf 15,00 frs. 
feine Kautschutwaren„ 78.00 „ „ 82,50 „ 
Kautschukgewebe „ 17,.50 „ „ 1925,00 „ 
feine Lederwaren „ 73,000 „ „ 82,50 „ 
apier, ungeleimtes, ordinäres „ 7,.50 „ „ 3,75 „ 
leinenes Maschinengarn „: 15,00 25 25 3,75 : 
Aoheisen „ 156875,. „ 1,25 „ 
ermäßigt, diese Erleichterungen der Einfuhr FSrankreichs — durch eine Herabsetzung der 
Eingangsabgabe für Erzeugnisse des Sollvereins m vergelten. Die Erzeugnisse, welche
        <pb n="78" />
        64 Das Interesse des Norddeutschen Bundes an dem vollen Sollanschluß Mecklenburgs. 
bierbei ins Auge gefaht sind, lind der Kaiserlichen Regierung aus den Verhandlungen des 
Jahres 1862 bekannt; es handelt sich um die Seststellung eines gleichmäßigen Sollsatzes von 
10% vom Werte für Coutils, Damaste, Strumpf-, Dosamentier- und Bandwaren aus 
GSlachs oder Hanf und für alle gemischten Gewebe, in welchen Seide nicht enthalten ist, 
gleichviel aus welchen Materialien und in welchem Verhältnis sie gemischt sind. 
Indem ich Ew. Hochwohlgeboren beauftrage, biernach eine Eröffnung an die Kaiser- 
liche Regierung zu richten, kann ich nicht genug betonen, daß eine möglichst schleunige 
Aückäußerung für uns und, wie ich glaube, auch für Srankreich von Wert ist. Es liegt 
nicht minder im nteresse Srankreichs als im unfrigen, daß ein Vertrag zwischen dem Soll- 
verein und Österreich baldigst zustande komme und baldigst zur Ausführung gelange. Der 
Ausführungstermin würde mit Rücksicht auf die zu beachtenden konstitutionellen Sormen 
weit in das künftige Jahr hinaus geschoben werden müssen, wenn die Verbandlungen mit 
Osterreich nicht baldigst begonnen werden können, und diese Verhandlungen können nicht 
begonnen werden, bevor die mecklenburgische Srage geregelt ist, denn ihr Abschluß bängt 
jetzt fast ausschließlich davon ab, ob der Sollverein ein Zugeständnis für Wein zu machen 
imstande ist-. 
* 826. Erlaß an den Geschäftsträger in Darls Grafen zu Solms- 
Sonnenwalde. 
[Abschrift.] 
Vertraulich. Berlin, den 26. September 1867. 
Den anliegenden Erlaß: begleite ich mit folgenden vertraulichen Bemerkungen. 
Ich überlasse es Shrer Erwägung, welche Form Sie der an die dortige Regierung zu 
richtenden Eröffnung geben wollen. Gegen die vollständige Mitteilung des Erlasses habe 
ich eventuell nichts m erinnern. Sür nützlich würde ich es halten, wenn Ew. Hochwohl- 
geboren Gelegenheit nehmen wollten, den Generalzolldirektor Barbier für die Sache zu 
interessieren. 
Die wesentlichste Schwierigkeit werden Sie, wie ich glaube, in der übertriebenen Bor- 
stellung finden, welche man dort von dem Werte hat, den für uns der Sollanschluß Mecklen- 
burgs besitzt. Es ist wahr, daß wir auf diesen Anschluß Wert m legen haben, weil der- 
selbe zur vollständigen Ausführung der das Soll- und Handelswesen betreffenden Be- 
stimmungen der Bundesverfassung gehört. Damit ist aber sein Wert erschöpft. Wir 
haben uns mit Mecklenburg über seine Beiträge zu den Lasten des Bundes vollständig 
geeinigt; WMecklenburg zahlt zur Bundeskafse für jeden Kopf der Bevölkerung so viel, als 
in den zum Zollverein gehörenden Bundesstaaten an Zöllen und Verbrauchssteuern auf 
der Aoten zwischen Viemarck und enedetti bejüglich der Bekreiung Mecklen- 
der Austaulch gelohlautender. W# Vertrage. Vgl. H. v. Poschinger, Autenstückke ur 
Wirtschaftspolitik des Fürsten Bismarck, I, 109 nebst Anm. 2. 
6#7O 4 Siebe Vr. 875.
        <pb n="79" />
        Immediateingabe des Landgrafen von Hessen-Poilippsthal. 65 
den Kopf der Bevölkerung aufkommt. Damit ist das finanzielle Interesse des Bundes 
gewahrt. Das kommerzjielle Interesse ist kaum nennenswert; schon heute wird Mecklenburg 
mit Manufakturwaren ganz überwiegend aus dem Sollverein verforgt. 
Der für den Weinjoll vorgeschlagene Satz von 20 frs. ist, wie ich mit Bezug auf den 
gefälligen Bericht vom 7. d. M. bemertke, derjenige Satz, mit welchem nach der Ansicht 
des Großberzoglich Mecklenburgischen Gesandten dortselbst, wie solche in dem gefälligen 
Bericht vom 30. Moai d. J. wiedergegeben ist, die Kaiserliche Regierung zufrieden sein 
dürfte. Bleibt er auch hinter den früheren Sorderungen zurück, so bieten die anderweiten 
in der Anlage erwähnten Sollerleichterungen eine mehr als ausreichende Ergänzung. 
Schließlich ersuche ich CEw. Hochwohlgeboren, mich von Ihren Schritten und deren Er- 
gebnis in fortlaufender Kenntnis mu erbalten. 
*877. Immediatberccht. 
(Kanzleikonzept.] 
Berlin, den 28. September 1867. 
Ew. Königlichen Majestät verfeble ich nicht die mir mittels Allerhöchster Order vom 
12. d. M. zugefertigte Immediatvorstellung des Landgrafen Carl von Hessen-Pbilippsthal 
vom 7. d. M. mit nachstehendem Berichte alleruntertänigst zurück zureichen: 
Die in der anliegenden Immediatvorstellung erbetene Rückvergütung der von den 
Gliedern des befsischen Kurhauses gezahlten Zölle und indirekten Abgaben ist bereits 
Gegenstand eingebender Erörterung zwischen mir und dem FSinanzminister gewesen. Der 
Anspruch auf Rückvergütung basiert auf der Befreiung von Zöllen und indirekten Ab- 
gaben, welche früher dem Kurfürsten und den übrigen Sliedern des Kurhaufes zustand. 
Dieser Befreiung lagen indessen, wie die angestellten Ermittlungen ergeben haben, teine 
peziellen Rechtstitel zugrunde, sondern es war dieselbe lediglich ein Ausfluß der früher 
mit dem Kurhaufse verbundenen Landeshobeit. Hieraus folgt, daß mit dem Aufbhören 
der letzteren auch die Berechtigung der Kurfürstlichen Samilie auf den Gortgenuß der 
ihr bisher gewährten Befreiung von Zöllen und indirekten Abgaben aufhören mußte. 
Eine golche Exemption findet nicht einmal binsichtlich der für Ew. Königliche Wajestät 
und die Mitglieder des Königlichen Haufes bestimmten zoll- oder abgabenpflichtigen 
Gegenstände statt. Die Sortgewährung derselben erscheint daher nicht tunlich. 
Ew. Königliche Majestät bitte ich daher ehrfurchtsvoll, den Landgrafen Carl zu 
Hessen-Pbilippsthal mit ablehnendem Bescheide buldreichst versehen zu wollen. 
*878. Immedsattelegramm. 
[Konrept von der Hand des Vortragenden Rats König.] 
Bismarckss Immediatbericht vom 21. September beüglich des mit den Devoll- 
möchtsalah König Georgs V. abzuschließenden Vertrages (siebe Nr. 868) batte König Wilbelm I. 
am 22. telegrapbisch aus Baden zustimmend geantwortet: „Einverstanden mit den in Ihrem 
Bericht vom 21. d. M. vorgetragenen Absichten lasse ich Ihnen die von mir volljogene Voll- 
macht um Ablchlusse eines Abstommens über die Vermögensverbältnisse des Königs Georg 
VIa 8
        <pb n="80" />
        66 Abfindung Georgs V. Preuhische Verbindungen mit Ungarn? 
mgeben. Meine Bestimmung über die von dem König Georg neuerdings vorgebrachten 
Wünsche babe ich ad marginem Ihres wieder beifolgenden Berichts getroffen. Sollte ein 
Vertrog nicht zustande kommen, so ist die anliegende von mir volliogene Verordnung (ogl. 
5. 55, Anm. 4) vor dem 1. Cktober d. J. in der Sesetzsammlung zu publifieren.“ 
Berlin, den 28. September 1867. 
Das in meinem Berichte vom 21. September, betreffend die Abfindung König 
Georgs, befürwortete Kuratorium lehnen die Bevollmächtigten König Georgs und Herzog 
Cambridges ab. Dieselben scheinen dagegen bereit, ein einstweiliges Arrangement 
durch Vertrag berzustellen, kraft dessen bis zum Justandekommen einer definitiven 
Vereinbarung: die von der Krone Dreußen zu gewährenden Wertpapiere und baren 
Selder in der Hand der Krone Preußen deponiert bleiben würden, der bare Teil der 
Abfindung jedoch in Staats- oder sonstigen sicheren Papieren nach beiderseitigem Ein- 
vernehmen zinsbar angelegt und die von dem gesamten Depositum aufkkommenden Sinsen 
in halbjährlichen Raten dem König Georg ausgezahlt würden. 
Wenn bis morgen mittag Ew. Königlichen Majestät Ermächtigung zu diesem Ab- 
schlusse nicht eintrifft oder die Hanoveraner nicht die bereits am 22. von Sw. pp. 
genehmigte Einrichtung des Curatoriums bis dahin doch noch annehmene, so würde ich 
mich für ermächtigt balten, die von Ew. Königlichen Mojestät bereits am 22. d. Ml. voll- 
jogene Berordnung morgen publizieren zu lassene. 
*829. Erlaß an den Geschäftsträger in Wien von Tadenberg. 
» MeineptvonderHanddesVortragendeaRotsBucher.I 
Vertraulich. Berlin, den 29. September 1867. 
Ew. Hochwohlgeboren erwähnen in dem gefälligen Berichte vom 25. d. M. (Mr. 249) 
einer Außerung des Greiherrn von Beuft, daß wir fortführen, uns in Ungarn für gewisse 
Eventualitäten Säden zu erhalten. Sch ersuche Ew. pp. ergebenst, in öhren Unterbal- 
tungen mit dem Aeichskanjler auf diese seine Behauptung zurückzuktommen und ihn 
vertraulich und mit Vermeidung jedes Anscheins von Empfindlichkeit oder Reklamation 
zu fragen, welche TCatsachen er dabei im Sinne gehabt habe. Es liege im beidexseitigen 
Interesse, sich darüber auszusprechen, damit das Mißverständnis oder die der österreichischen 
Regierung zugegangenen unrichtigen Nachrichten, die jener Außerung zum Grunde liegen 
müßten, ihre Berichtigung fänden. Wir hätten in dem Dunkte ein freies Gewissen. 
Sollte Herr von Beust sich etwa auf eine im Juli d. J. vielbesprochene Depesche des 
Freiherrn von Werther: berufen, so wollen Ew. pp. ihm gefälligst bemerklich machen, 
daß dieses Schriftstück selbst in der entstellten veröffentlichten Version nichts enthält als 
Wahrnehmungen, die einzuberichten ein Gesandter verpflichtet ist, daß namentlich 
1 Der Eingang des Satzes eigenbändige Korrektur Bismarcks on Stelle eines längeren Dalflus im 
Komept. r *-ê * I s 
2 Di : i anoveraner . ..“ eigenhändiger Einschub Bismarcks. 
2 Lie Werte. — von der Insel Mainau die Einchtigun n Wilhelms I. ein: 
Ich ermächtige 8ie zu dem Abschluh mit Hannover, wie Ihr Telegramm von deute ibn angiebt. Sieht 
Sannover aber auch dies zurückt und beharrt ouf der Modifizierung des Kuratoriums, dann ##t die 
questionlerte Verordnung mu publilleren. 
879. 1 Vgl#. Ar. 826,
        <pb n="81" />
        Abschluh des Vertrages mit Georg V. 67 
weder von einer Tätigkeit des Gesandten, noch von Absichten der Königlichen Regierung 
eine Andeutung darin zu finden ist. Wir glaubten, seitens des Reichskanzlers auf die- 
selbe unbefangene Beurteilung rechnen zu dürfen, in der wir weder aus der Zufsammen- 
kunft in Salzburg, noch aus dem Aufenthalt des Königs Georg in Hietzing auf eine Absicht 
der österreichischen Regierung geschlossen bätten, Säden mit Srankreich oder nach 
Hannover zu pinnen. 
*880. Immedlatberscht. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats König.] 
Berlin, den 29. September 1867. 
Ew. Königlichen Mojestät habe ich bereits telegraphisch die ehrfurchtsvolle Anzeige 
erstattet, daß der VBertrag über die Vermögensverhältnisse des Königs Seorg heute 
unterzeichnet worden iste. Der Bevollmächtigte des Königs Georg hatte auf das 
bestimmteste erklärt, einem Vertrage nicht zustimmen zu können, in welchem die Ein- 
setzung eines Kuratoriums behufs Verwaltung der Ausgleichungssumme stipuliert würde. 
Auch der Bevollmächtigte des Herzogs von Cambridge fand in einem Kuratorium, an 
welchem ein Kommissar der hannoverschen rovinzialstände und der Präsident des 
Appellationsgerichts in Telle teilnähme, eine Beeinträchtigung der Samilienrechte. Unter 
diesen Umständen ist, CEw. Königlichen Aajestät huldreicher Ermächtigung vom 28. d. M. 
gemäß, die Srage der Sicherstellung der Ausgleichungssumme weiterer Verein- 
barung vorbehalten und stipuliert worden, daß bis zum Sustandekommen einer folchen 
Vereinbarung die Ausgleichungssumme in der Hand der Krone Preußen deponiert 
bleiben solle. 
Nach meiner alleruntertänigsten Überzeugung entspricht der in dieser Weise zustande 
gekommene Vertrag dem preußischen Snteresse. 
Wenngleich König Georg einen ausdrücklichen Verzicht auf den Thron nicht aus- 
gesprochen hat, so enthält der Vertrag doch Bestimmungen, welche eine Anerkennung des 
gegenwärtigen Zustandes in Hannover in sich schließen. So die Verabredung (in § 3), 
daß die dem Könige Georg nicht besonders überwiesenen Schlösser und Domänen der 
Disposition der Krone Preußen unterliegen, ferner die Bestimmung, daß dem Könige 
Georg zur Ausgleichung für die Einnahmen aus den Domänen, Sorsten uw. eine be- 
stimmte Summe gewährt wird. 
Ew. Königlichen Moajestät Oberpräsident in Hannover hat in dem Immediatberichte 
vom 18. d. M. bervorgeboben, daß die Sestsetzung einer für den König Georg bestimmten 
Abfindung beruhigend und verföhnend auf einen großen Teil der Bevölkerung wirken 
werde. Die einfeitige Zuweisung einer jsolchen Abfindung durch Allerhöchste Berordnung 
würde bei den mit den Verhältnissen nicht näher Bekannten immer noch den Sweifel 
haben bestehen lassen können, ob die Entschädigungssumme eine angemessene lei. Die 
vertragsmäßige Feststellung dieser Summe macht es für jedermann erkennbar, daß der 
König Georg sie als ein ausreichendes Aquivalent seiner früheren Einnahmen erachtet. 
1 Si des Vert in: Gesehl ! ir die Könlglich P i St 
— ung i dis Zöhlsih presbischen Stccten Lecr. 
□—
        <pb n="82" />
        68 Gurilckziehung der preuhischen Garnisonen aus Sachsen. 
Im einzelnen entspricht der Vertrag dem von Ew. Königlichen Wajestät genehmigten 
Entwurfe. Die von Allerhöchstdenselben durch Randbemerkungen zu meinem ehrfurchts- 
vollen Berichte vom 21. d. M. getroffenen Bestimmungen sind geeigneten Orts ein- 
geschaltet worden. In dem Schlußprotokolle ist Ew. Königlichen Moajestät Befehle 
gemäß festgesetzt, daß das Palais an der Leinstraße in Hannover Allerhöchstdenselben und 
dem Könige Georg gemeinschaftlich zufällt. Es ist ferner darin konstatiert, daß die Ver- 
waltung und Instandhaltung der dem Könige Georg überwiesenen, aber bis zur Thron- 
entsagung in preußischer Verwaltung bleibenden Immobilien auf Kosten König Georgs 
und ausschließlich nach den preußischerseits ergehenden Anordnungen erfolgt. 
Sw. Königliche Majestät bitte ich ehrfurchtsvoll, die hier alleruntertänigst ange- 
schlossene Ratifikationsurkunde huldreichst vollziehen und mir mittels der gleichfalls an- 
liegenden Ordre allergnädigst wieder zufertigen zu wollen. 
*881. Schreiben an den Staatsmintster von Roon. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.] 
Vertraulich. Berlin, den 30. September 1867. 
Ew. pp. beehre ich mich mit Bemg auf eine mündliche Erörterung, deren Hochdie- 
selben sich erinnern werden, einen Bericht des Königlichen Gesandten in Dresden vom 
26. d. M. sub petito remissionis ganz ergebenst zu übersenden, worin der Wunsch der 
sächsischen Regierung, daß die noch in Sachsen verbliebenen Königlichen Garnisonen zurück- 
gejogen werden möchtent, vorgetragen und motiviert wird. Aus der erwähnten Unter- 
redung glaube ich abnehmen zu dürfen, daß Ew. pp. über die MAützlichkeit des Eingehens 
auf diese Wünsche einverstanden sind. Ist diese Voraussetzung richtig, so würde es sich 
nur noch um den Weg handeln, auf dem die allerhöchste Cntscheidung nachzusuchen ist 
über diese Srage, in der politische und militärische Erwägungen so eng verflochten find. 
Meines unvorgreiflichen SErachtens würde es am leichtesten zum Siele führen, wenn 
Seiner Majestät zunächst die militärischen Sweckmäßigkeitsgründe entgegengebracht 
und allerhöchstdemselben die Erwägungen vorgelegt würden, aus denen zur Zeit die 
Räumung nicht als eine Einbuße an militärischen Garantien betrachtet werden kann 
und für die Sukunft eine Vermehrung derfelben verspricht. « 
Ich glaube, daß für die Beherrschung des Landes die noch vorhandenen König- 
lichen Garnisonen nicht genügen, weil sie sich auf eine verhältnismäßig mu geringe Stärke 
belaufen, aber auch eventuell überflüssig wären, weil wir Sachsen von außen militärisch 
dominieren. Es kommt dajzu, daß nach einer mündlichen Erklärung des Sreiberrn 
von Griesen die sächsische Regierung nichts dawider hat, wenn künftig auf Befehl des 
Bundesfeldberrn ein Austausch von Garnisonen zwischen Preußen und Sachsen erfolge. 
Eine solche Maßregel werde nicht nur von ihr selbst, sondern auch von der Bevölkerung 
als eine Manifestierung der Einheit des Bundesheeres betrachtet werden, während die 
gegenwärtigen Garnisonen dem ublikum nur. als ein Überrest feindlicher Okku- 
pation erscheinen. Ein golcher Austausch aber wird meiner Anlicht nach in einem höheren 
Grade als der gegenwärtige Zuftand militärische Garantien bieten für den Fall, den vor- 
1 Vol. Die Gesammelten Werte, Bd. VI, Ar. 748.
        <pb n="83" />
        Die Schutz- und Trutzbündnisse vor den württembergischen Kammern. 69 
auszusetzen ich übrigens keinen Grund habe, daß die gegenwärtige bundestreue und 
korrekte Haltung der sächsischen Regierung sich nicht bewähren gollte. 
Ich erlaube mir danach die ganz ergebene Anfrage, ob Ew. pp. geneigt sein würden, 
den Vortrag der Sache bei Seiner Moajestät zu übernehmen und mir die Unterstützung der 
sächsischen Wünsche von dem politischen Standpunkt aus zu überlassen. Eventuell würde 
ich einer gefälligen Benachrichtigung über die allerhöchste Willensmeinung ganz ergebenst 
entgegenjsehen. 
*882. Erlaß an den Geschäftsträger in Stuttgart 
Grafen von Dönhoff. 
[Konzgept von der Hand des Vortragenden Aats Bucher.] 
Am 16. September batte die württembergische Aegierung dem Htändischen Ausschusse 
das Schutz-- und Trutzbündnis vom 13. August 1866 und die neuen Sollvereinsberträge vom 
8. Juli 1867 vorgelegt. Am 24. September äußerte sich der Minister des Außern Sreiherr 
v. Varnbüler zu dem Grafen Dönhoff sehr pessimistisch über die Annahme der Verträge, gegen 
die von der Kammeropposition mit aller Kraft agitiert werde. Die Auhßerungen Barnbülers 
liehen keineswegs einen festen Entschluß durchblicken, die Opposition zu brechen und gegebenen- 
falls die renitente Abgeordnetenkammer aufzulölen. 
Berlin, den 30. September 1867. 
In dem Gespräche, welches nach Ew. pp. gefälligem Berichte vom 25. d. M. (NTr. 609) 
der Sreiherr von Varnbüler tags zmvor mit Shnen über seine schwierige Stellung gegen- 
über den Ständen und den Darteien im Lande geführt hat, befremdete es mich, keine 
Andeutung des zweifellosen Entschlusses zu finden, daß man zur Auflösung der Abgeord- 
netenkammer schreiten werde, wenn der Landtag dem Schutz- und Trutzbündnisse vom 
13. Auguft v. J. die Sustimmung versagen sollte. Es ließ sich erwarten, daß die württem- 
bergische Regierung diesen Entschluß gefaßt und daß Herr von Varnbüler denselben gegen 
Ew. pp. als konsequenten Abschluß der von ihm entwickelten Gedanken zu erkennen 
gegeben haben werde. 
Der später bekannt gewordene Vortrag, mit welchem Herr von Varnbüler das 
genannte Bündnis den Ständen vorgelegt bat, enthält eine so mwingende Motioierung 
desselben, daß sich die Erwartung zu der Suversicht steigert, die Stuttgarter Regierung 
werde einer Verweigerung der Zustimmung die Auflösung auf dem Fuße folgen lafsen. 
Es wird dadurch wahrscheinlich, daß der Herr Minister den Entschluß dazu, wenn er ihn 
nicht schon am 24. erwähnt baben sollte, bei der nächsten Veranlassung gegen Sw. pp. 
aussprechen wird. 
Wenn das eine oder das andere der Sall ist, so wollen Ew. pp. sich darauf beschränken, 
die Auflösung als das natürliche und gebotene Auskunftsmittel zu behandeln. Sollte 
aber keine von beiden Voraussetzungen zutreffen, so ersuche ich Ew. pp. ergebenft, den 
Freiherrn von Varnbüler über seine Absichten für den Sall eines ungünstigen Stände- 
beschlulles vertraulich zu befragen: Wenn er lsich darauf nicht unumwunden für eine Auf- 
Iöfung erklärt, so wollen Ew. pp. ihn gefälligst darauf aufmerksam machen, daß, wenn die 
dortige Regierung sich den Ständen fügen und damit die Ablehnung des Bündnisses sich 
aneignen sollte, wwar die Haltung der Königlichen Regierung gegenüber Württemberg
        <pb n="84" />
        70 Heriog von Cambridge und der Vertrag vom 29. September 1867. 
dieselbe bleiben werde, wie bisher, das beißt, daß wir uns jedes Drängens entbalten 
würden; daß aber eine solche Situation nicht ohne Rückewirkung auf den gegenwärtig 
versammelten Aeichstag des Dorddeutschen Bundes bleiben könnte. Der Aeichstag 
werde allerdings so wenig wie die preußische Regierung die Berechtigung Württembergs 
in Frage jiehen dürfen, seine Stellung als souveräner europäischer Staat zu nehmen und 
sich zu diesem Behufe durch den Mangel landständischer ZSustimmung als gelöst von 
jedder Verpflichtung und jedem Rechte aus einem Vertrage mit Preußen hinzustellen; die 
Ablehnung des Vertrages vom 13. August v. J. werde ein völkerrechtlich nicht anfecht- 
bares Alittel sein, zu einer golchen Stellung um so sicherer m gelangen, als wir allen 
Grund hätten, m glauben, daß die Mojorität des Reichstags auf den Vertrag über die 
Sortdauer des Sollvereins vom 8. Juli d. J. rücksichtlich Württembergs nicht ratihabieren 
werde ohne die Voraussetzung der Sortdauer des Schutz- und Trutzbündnisses, und daß, 
wenn inzwischen der Vertrag vom 13. Auguft v. J. nicht perfekt geworden sei, die Geneh- 
migung des Solloertrages im Neichstage nur bedingt erfolgen werde. 
*883. Schrelben an den Kronprinzen Friedrich Wilhelm. 
[Konzept von der Hand des Bortragenden NRats König.)] 
Am 26. September hatte der Thronfolger Bismarck Mitteilung von einem Schreiben 
des Herlogs Adolf von Cambrüdge gemacht, das namens der Agnaten des Braunschweig- 
Lüneburgischen Gesamthauses große Bedenken gegen das zunächst vorgeschlagene, aber bereits 
wieder aufgegebene Kuratorium jur Verwaltung der Ausgleichssumme für König Georg V. 
(ogl. Ar. 880) entwickelte und eine anderweitige Zusammensetzung des Kuratoriums vor- 
lci. Seonrin Friedrich Wilhelm stellte die Erwägung dieser Vorschläge Bismarck 
ediglich anbeim. 
Berlin, den 1. Oktober 1867. 
Ew. Königliche Hoheit haben durch gnädigstes Handschreiben vom 26. v. M. mich 
davon in Kenntnis zu setzen die Snade gehabt, daß nach einer Mitteilung des Herzogs 
von Cambridge die Besetzung des Kuratoriums zur Verwaltung des bannöverschen 
Fideikommisses große Bedenklichkeiten der Agnaten hervorriefe. Auch der Bevoll= 
mächtigte des Königs Georg hatte auf das bestimmteste erklärt, dem Kuratorium nicht 
zustimmen zu können. Unter diesen Umständen war zu befürchten, daß ein Vertrag nicht 
mlstande kommen würde, wenn wir an dem Kuratorium in der beabsichtigten Susammen-- 
setzung festhielten. Da indessen aus den auch von Ew. Königlichen Hoheit gewürdigten 
politischen Gründen die vertragsmäßige Vegelung der Sache im preußischen 
Interesse zu liegen schien, so habe ich von Seiner Majestät dem Könige die Ermächtigung 
alleruntertänigst erbeten und erhalten, die Frage der Sicherstellung des Ent- 
schädigungskapitals weiterer Verhandlung vorzubehalten, wenn bannoverscherseits darin 
gewilligt würde, daß bis zu einer Einigung hierüber die Abfindungslumme in der Hand 
der Krone Hreußen deponiert bleibt. Der hannoversche Bevollmächtigte ist bierauf ein- 
gegangen, und es hat demgemäß die Unterjeichnung des Vertrags am 29. v. M. statt- 
gefunden. ** 
Sw. Königlichen Hoheit habe ich nicht verfehlen wollen hiervon untertänigst Anzeige 
m erstatten.
        <pb n="85" />
        Maßregelung oppositioneller „Königlicher Bankagenten“. 71 
*884. Schrelben an den Staatsmintster Grafen von Itzenplitz. 
(Konrept von der Hand des Vortragenden Rats Wagner.] 
Schon bei den Wahlen zu dem bonfsikuierenden eichstage des Norddeutschen Bundes 
im Februar 1867 batte Bismarckl nach der bei den Landtagswahlen geübten Draxis den 
kreuhischen Verwaltungsaopparat zur Unterstützung von Negierungskandidaten biw. uur Be- 
kämpfung oppositioneller Kandidaturen aufgeboten. Dem Schreibden an den Minister des 
Innern Grafen zu Culenburg vom 17. Januar 1867 (Dd. VI. Ar. 659), das die Julässigkeit 
altliberaler und nationaler Kandidaturen behandelte, batte er am 24. ergänjend hiniugefügt, 
dah die politive Unterstützung eines Altliberalen nur in den Sällen in Betracht komme, wo 
ein solcher einem Demotkraten gegenüberstehe; wenn jedoch Liberale „der für uns annehmbaren 
Schattierungen“ mit Konseroativen konkurrieren, werde die glerng lich am besten jeder 
Einmischung enthalten. Mit aller Schärfe hatte Bismarck sich dann in einem weiteren 
Schreiben an Culenburg vom 2. Sebruar dahin ausgesprochen, „daß die Witglieder der 
extremen Vortschrittspartei, die Gesinnungsgenossen der Virchowm und Hoverbeck in jedem 
Falle und mit allen erlaubten Mitteln mrück#nweisen und zu bekämpfen sind“. Im Anschluß 
daran gab er die Direktive aus: „Ist es wögliche einen Kandidaten der konservativen Partei 
durchmbringen, dann wird diesem in jedem Salle der Vormg zu geben sein; ist dies untunlich, 
dann erscheint es mir nicht als unstatthaft, auch einen Kandidaten der liberalen Dartei m 
unterstützen, vorausgesetzt, daß selbiger in betreff des Aorddeutschen Bundes die Siele der 
Königlichen Regierung als die seinigen erkennt. Unter mehreren jsachlich geichsteenden Kandi- 
daten muß der Wahlkreis selbst entscheiden, ohne daß die Negierung in die Verlegenheit 
gesetzt wird, durch Entscheidung für den einen andere Bundesgenolssen sich zu entfremden.“ 
Bei den am 31. Auguft stattgefundenen Veuwahlen zum Aeichstage hatte Bismarck zunächst 
nur Anlah gefunden, sich zugunften der einen oder der anderen Kandidatur zu verwenden (ogl. 
VAr. 843 und Nr. 857); er verfolgte indessen alle Wahlvorgänge, das Auftreten der Beamten 
und der von der Regierung abhängigen Perfönlichkeiten. usw. forgfältig und griff von sich 
us in Sällen ein, wo sich solche Perfönlichreiten im Dienste der Sortschrittspartei beisiigt 
atten. 
Berlin, den 10. Cktober 1867. 
Aus Veranlassung der Wahlen um Norddeutschen Reichstage ist es nach Ausweis 
der s. v. r. angeschlossenen Anlagen zu meiner Kenntnis gebracht worden, daß der Agent 
der Königlichen Bank zu Wehlau, der städtische Beigeordnete Mehlhaufen, daselbst der 
„Sortschrittspartei als äußerst enragiertes Mitglied“ angebört und deren Gegenkandidat 
gegen den Oberpräsidenten von Sichmann gewesen ist. 
Mit besonderer Dringlichkeit hat deshalb auch der Landrat des Kreises Wehlau den 
Wunsch ausgesprochen und motiviert, daß dem pp. Mehlhaufen die Agentur der König- 
lichen Bank abgenommen werde, und ich kann nicht unterlassen, diesen Wunsch meiner- 
seits auf das angelegentlichste m unterstützen. 
· NachdenmirbekanntenAuffalIungenundIntentionenSw.szellenzglaubeich 
von einer näheren Darlegung der Gründe absehen zu dürfen und erlaube mir nur noch 
darauf aufmerksam zu machen, daß — wie ich äußerlich erfahren habe — auch in der 
Stadt Kolberg ein ähnliches Verhältnis stattfinden soll. 
Auch der dortige Königliche Bankagent soll ein entschiedenes und eifriges Mitglied 
der Fortschrittspartei sein und vermöge seiner Stellung einen sehr schädlichen Einfluß 
ausiiben. 
Mit Rücksicht auf die nahe bevorstehenden Wahlen zum Preußischen Landtage würde 
es sehr erwünscht sein, die Erledigung dieser Angelegenheit möglichst zu beschleunigen, und 
würden Ew. Exzellenz mich durch eine baldgefällige Witteilung dellen, was Sie verfügt 
haben, zu besonderem Danke verpflichten.
        <pb n="86" />
        72 Erðffnungen Barbolanis. „Gegen den Dapst können wir nicht feindselig auftreten.“ 
885. Erlaß an den Gesandten in Florenz Grafen von sedom. 
[Reinkon sept.] 
Wenn die italienische Regierung in der römischen Frage, die durch 2 ieet dem Sommer 
167 ausgenommenen Vorbereitungen Gariboldis m einem Suge om erneut eine 
gefahrdrohende Wendung nahm, auf der einen Seite mit der für den 81 eintretenden fran- 
Wsischen Regierung zu einem Einverständnis zu gelangen lact e (ogl. Ar. 859, 867), so war 
sie auf der anderen doch auch darauf bedacht, sich für alle Sälle die Hilfe Preußens gegen 
Krankreich, m in siche rn. Ende September berichiete Graf Usedom von Eröffnungen des „wirk- 
lichen Faiseurs“ im italienischen Außenministerium Barbolani. Offen gab dieser m verstehen, 
wieviel der italienischen Regierung daran gelegen sein müsse, im Hindlick auf mögliche Aus- 
einandersetzungen mit Frankreich einen festen Halt an Dreußen zu gewinnen: „Auch schon eine 
politisch -moralische, balb materielle Anlehnung an Preußen lei für Italiens Unabhängigkeits- 
baltung von -oem Wert, nomentlich zum Schutz italienischen Territoriums gegen Frank- 
reich n Preußen unterstützt, habe Italien Hoffnung, nicht mehr unter GSrankreichs 
Joch zu bünen. 52 er wünsche, sehr bald etwas von Verlin desbalb m hören.“ Usedom hatte 
bierauf ausweichend geantwortet: „Jede enterstüchung Italiens gegen den Papft wäre für 
reußen eine delikate, wo nicht unmögliche Sache ..Wir könnten wohl das italienische 
gionalgefübl binsichtlich Roms verstehen, aber an seiner Axktion uns schwerlich beteiligen. 
FJür uns sei der Dapst vor allem der geistliche FSürst, dem wir das G*3 rizt bestreiten 
könnten, sich gegen die drobende Nlution seines Landes, bei wem er wolle, Hilfe zu er- 
bitten. Ob Stalien Hogen eine franzölische Invasion italienischen, nicht Fplische. Territoriums 
bei Preußen Schutz finden könne, sei eine andere Frage, wobei es sehr auf die Gegenleistung 
ankommen würde, die Slafien an Preußen zu bieten und auch zu erfüllen die Befähigung 
abe .. Wir fürchten keinen französischen Krieg wegen deutscher Nationalinteressen, aber die 
talienischen Nationalinteressen berührten Deutschland do ac t kaum binreichend für ein so schweres 
Unternehmen. An der Bereitwilligkeit Preußens, die nabbängigei und Integrität Italiens 
zu schützen, zweifle ich nicht; es käme nur darauf an, für das Wie eine Sorm zu finden.“ 
Gebeim. Berlin, den 13. Oktober 1867. 
Sw. pp. haben die in Ihrem chiffrierten Bericht Ar. 81 vom 1. Cktober gemeldeten 
Eröffnungen Barbolanis richtig dahin beantwortet, daß wir eine Unterstützung zur Aktion 
gegen den Papst Stalien nicht gewähren können, so sehr uns auch im übrigen unser 
eigenes Interesse die Unterstützung Staliens zur Erhaltung der Integrität und Unabhängig- 
keit desselben zur Pflicht mache. Wir können daher Unternehmungen, die direkt gegen 
den Papst und Rom gerichtet sind, nicht befördern; und auch wenn Kaiser Aa#poleon den 
Papfst in dessen eigenem souveränen Gebiete auf Berlangen des Papstes schützt, würden 
wir dagegen aus Rüchksicht auf die Katholiken Deutschlands nicht auftreten könnens. 
Wenn aber durch Verletzung des anerkannten Gebietes des Königreichs Stalien Unab- 
hängigkeit und Integrität gefährdet würde, so würden wir für dieselbe in dem Mahe 
einzutreten haben, welches durch die Gesamtlage Curopas uns möglich gemacht würde. 
Die Herrschaft Frankreichs auf der Halbinsel widerstreitet unseren Interessen; und wir 
glauben, daß auch die übrigen Großmächte sie nicht ruhig ansehen und selbst Osterreich ein 
unabhängiges und starkes Stalien einem unter Frankreichs Botmäßigkeit stehenden vor- 
ziehen würde. Geben und erbalten Sie dort die Überzeugung, daß wir Stalien nicht an 
Frankreich opfern werden, solange wir darauf rechnen dürfen, daß es sich jelbst nicht 
aufgibt und sich nicht zum Dienste Srankreichs gegen uns bergibt. Erleichtern wird uns 
dies die italienische Regierung durch möglichste Schonung des Papstes“, dessen Verbleiben 
1 Der Schluß des Satzes von den Worten an: „so lehr uns auch .“ eigenhöndiger Jusat Bismarcks 
im Konzept von Abekens Hand. *Em 
2 Der Schluß des Satzes von den Worten an: „und auch wenn Kaiser... beruht auf elgenböndiger 
tur Bismarcks im ersten Komep 
Rorrel * Her * des lee anber diger ZSusatz Blemarcks im ersten Konzept.
        <pb n="87" />
        Lavalettes italienische olleik. 73 
in Nom im Interesse Staliens selbst liegen dürfte. Gegen den Papft können wir aus 
Gründen unferer inneren Politik nicht feindselig auftreten. In einem Konflikte Staliens 
mit GFrankreich aber würde die Stimmung der ganzen Bevölkerung Deutschlands der 
Parteinahme für Stalien günstig fein. 
Ich bitte Ew. pp., in diesem Sinne mit dem Grade von Vorsicht aufzutreten", welcher 
zwa#rpr die Ermutigung Staliens zum Widerstande gegen französische Jumutungen nicht aus- 
schließt, aber doch auch die Deckung für den Fall nicht aufgibt, daß Rataßi uns etwa 
im Auftrage Grankreichs die Sonde zur Prüfung unfserer AReigungen und Ab- 
sichten anlegte. 
Aus#ugsweise bei A. Stern, Geschichte Europas seit den Verträgen von 1815, X, 147. 
*886. Erlaß an den Botschafter in Darls Grafen von der Goltz. 
[Konjept von der Sand des Vortragenden Rats Bucher.] 
Graf v. d. Goltz, der im September gleichzeitig mit dem lromgölischen, Kaiserpaar in 
Biarritz geweilt und bier u. a. mit dem Alinister dos Imern Lavalette eine längere 
Unterredung gehabt hatte, war in einem Bericht vom 10. Ostober auf die Selgenm. zu lerechen 
gekommen, die dessen vielfach als wahrscheinlich angesehene Ernennung zum Minister des 
Außern an Stelle Marquis de Moustiers nach sich jiehen würde. ANach Goltz' Auffassung 
wäre anjunehmen, daß Lavalette „eine für Italien annehmbare Lölung der römischen Srage 
in den Vordergrund treten lassen und dadurch jene Mocht= von der przubischen Allian 550 
interelsieren möchte“. Weiter nahm Goltz an, dah ein Wechse in dem Auhenministerium 
Veränderungen in der französischen Diplemaatie mit sich bringen werde, so eine Ver- 
Hetng Venedettis von Verlin nach Flerem, d e freilich die Umwandlung der dortigen fran- 
elicchen Gesondtschaft in eine Volschaft zur Brausfehun habe. In diesem Zusammen- 
## bemerkte der Botschafter: „Der Kaiser wünscht ohne Zweifel schon seit längerer Sen, 
Benedetti von Berlin zu enksernen. und der letztere dürfte selbst darauf dringen. 
einer Nachschrift zu seinem Berichte kündigte Goltz jedoch die Rückkehr des schon längere gen 
von Berlin abwesenden Benedetti auf seinen Posten an. 
Vertraulich. Berlin, den 14. Oktober 1867. 
Ew. pp. interessanten Bericht vom 10. d. M. (Mr. 305) über Ihre Unterhaltung mit 
Herrn von Lavalette habe ich erhalten. Nachdem ich mich über die auf Herrn Benedetti 
und seine eventuelle Versetzung nach Slorenz bejügliche Stelle in einem besonderen Erlaß 
auf die Nachschrift u Nr. 305 ausgesprochen habe", finde ich Anlaß m einer beant- 
wortenden Mitteilung noch in dem, was Ew. pp. über die Wirkungen der von Lavalette 
zu erwartenden italienischen Politik bemerken. 
Ich kann die Ansicht nicht teilen, daß Stalien Jelbst durch eine ihm günftige Löjfung 
der römischen Frage bezüglich der preußischen Allian; desinteressiert werden könnte. Ich 
glaube, daß ein italienischer Staatsmann, der sich mit vollem Bewußtsein der Verant- 
wortlichkeit in den Fall bineindenkt, daß die preußische Macht gebrochen wäre, für sein 
Vaterland das Schicksal voraussehen muß, Sankapfel und endlich Ceilungsobjekt für die 
beiden Vachbarn zu werden. Allerdings ist Stalien für seine natürliche Bundesgenossen- 
schaft auch auf Rußland und England dauernd angewiesen, die ihm ebenfalls geographisch 
fern stehen und nichts von ihm zu verlangen oder m fürchten haben; aber in höberem 
Maße noch auf Preußen, bei dem nicht nur dieselben beiden Bedingungen zutreffen, sondern 
Der t des Ablatzes eigenbändiger Jufsatz Bismarcks im ersten Komept. 
— Siehe Vr. 887.
        <pb n="88" />
        74 Abberufung Benedettis 
das außerdem vor Srankreich und Oestreich mehr als jene, welche geographisch gesicherter 
sind, auf der Huth sein mußs. Dazu kommt, daß Preußen sich dem Slorentiner Kabinett 
um deswillen als Bundesgenosse empfehlen muß, weil auch Deutschland, mehr auf die 
Defensive gewiesen als zur Aggression berufen, den Srieden, dessen Stalien so sehr bedarf, 
weniger bedroht als Frankreich mit seinem immer wiederkehrenden Bedürfnis, innere 
Schwierigkeiten nach außen abzuleiten. Abgesehen von Interessen, die sich an den 
Aufenthaltsort des Papstes knüpfen können, würde ich also die Chance nicht fürchten, 
daß eine von Lavalette geleitete, französische Politik GStalien um Besitze Roms verhülfe. 
*88. Erlaß an den Botschafter in Daris Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Handdes Vortragenden Nats Bucher.] 
Vertraulich. Berlin, den 14. Cktober 1867. 
Die Mitteilungen in dem gefälligen Berichte vom 10. d. M. über eine anderweitige 
Besetzung des französischen Botschafterpostens bierselbst bzw. eine anderweitige Ber- 
wendung des Herrn Benedetti sind zwar durch die in dem Nachtrage zu dem Berichte 
gemeldete Rückkehr desselben nach Berlin für den Augenblick erledigt. Ich kann jedoch 
nicht unterlassen, über mein persönliches Berhältnis zu ihm und über den Eindruck, den 
sein bevorstehendes Wiedererscheinen auf mich macht, mich vertraulich gegen Ew. pp. aus- 
mprechen. 
An seiner Entfernung aus Berlin liegt mir im Grunde genommen nichts, wie die 
Sachen gegenwärtig stehen. Er ist mir nicht bequem; aber seine Unbequemlichkeit ist 
nicht so groß, und noch weniger bin ich perfönlich so mit ihm auseinander gekommen, daß 
ich es ratsam fände oder das Bedürfnis hätte, m seiner Entfernung irgend etwas zu tun. 
Ob sein Nachfolger mir besser zusagen würde, ist eine Srage, die ich mit Bezug auf 
Talleyrand und manchen andern verneinen würde. Benedettis unwillkommne wie gute 
Eigenschaft sind mir wenigstens bekannt, die seines eventuellen Machfolgers nicht. Wenn 
Lefebvre hier bleibt, so wird er auf jeden Cbef, den er bekommt, aufregend wirken. 
Auf diese Frage, die man sich unter allen Umständen aufzuwerfen hätte, bin ich noch 
besonders durch ein Gespräch geführt worden, welches ich mit dem General Sleury bei 
seiner Durchreise" hatte. Einzelne Außerungen machten mir den Eindruck, als ob er 
einen bestimmten Wunsch in betreff der Ersetzung Benedettis begte, entweder für sich 
selbst oder für eine andere Perfönlichkeit aus der unmittelbaren Umgebung des Kaisers. 
Ich erbitte mir ergebenst Ew. pp. Ansicht, ob ich mich darin getäuscht habe, und ob im 
entgegengesetzten Falle eine Jolche Sventualität als annehmbar m betrachten wäre. 
„ Der Satz vom Semikolon ab ist durch eigenhöndige Korrekturen Bismarcks bestimmt. 
6GSF. 1: Vgl. Ar. 836, Vorbemerkung. 
Die beiden letzten Sätze eigenhändiger Zusat kiemercke. Ü 2r. September von Wien 
* A über die Unterredung Bismarcks mit General Sleurh, der am 27. September 
über aallsheres über iel rah te, ebesst aus dem Bericht Lesebore de Béehaines vom 2. Sktebet 
Le Crigines Dipiomaliques de la Querre de 1870.——ier1, XVII. 3948. Die lanterredung. —. 
Biemarck vom 2. bls ?. Oktober von Verlin abwesend war, wswischen dem 28. September und 2. 
Kattgefunden haben.
        <pb n="89" />
        Klagen Napoleons III. über das Rundschreiben vom 7. September. 75 
Ubrigens hat jenes Gespräch auf beiden Seiten nichts Neues hervortreten lassen. Sleury 
war gleich mir sichtlich bemüht, einen friedfertigen Eindruck zu hinterlassen. Er be- 
jeichnete einen Krieg zwischen Preußen und Grankreich als ein Unglück, als eine Ab- 
surdität. 
Den Ton dieser Unterredung werde ich in meinem Verkehr mit Benedetti bei- 
behalten. . 
UbetdenhieknichtetianetlichenVorlchlagdessiirltenGortlchakow,durchdendie 
Nangschwierigkeiten bei einer Bersetzung Benedettis nach Sloxenz gelöst werden könnten, 
erbitte ich eine gefällige nähere Mitteilung. 
*888. Erlaß an den Botschafter in Paris Grafen von der Golz. 
(Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.] 
In einem Drioatbrief an Bismarck vom 22. September und in einem ausführlichen Bericht 
vom 9. Cktober batte Lreso“ . d. Goltz seinen his, bon 83 Unterredungen in Kenntnis geletzt, 
die er in Biarritz mi hofene Napoleon gehabt h ährend in dem ersten Selspräch keine 
Enppindlichkei s Kaisers über die Art, wie te Vismarcksche Zirkular vom 7. September 
(lieche NèAr. 853) die Saljburger Sulemmenkunft kommentierte, u Tage trat, war das in dem 
wweiten Gespräche allerdings der Sall. Es hieß in dem Goltzschen Vericht darüber: „Der 
Kaiser klagte gsweichen von der in seiner früberen smrsmP½32 mit mir geführten Sprache, 
S. 
8 
wesen sei.“ Goltz hatte die — lichkeit des — mit S Hinweis zu W 
gesucht, r* bas- Bismarcksche Jirkular gar nicht eine Antwort auf das französische, sondern 
eine durch die Erregung der Gemüter in Deutschland notwendig Veworbene Aufklärn 
wesen sei. Auch den Besorgnissen Rapoleons III. vor einem engeren Anschluß S#bdeunlala 
an den Vorden war der Botschafter entgegengetreten, indem er ausführte, doh „die Frage, 
ob acht Millionen Süddeutscher, welche im Salle eines Krieges gegen eine außerdeutsche Macht 
doch unter allen Umständen 9 reußen stehen würden, auch durch Deputierte im deut tschen 
Parlament vertreten sein sollten, überaus geringfügig erscheine, insbesondere eine auf- 
regende Polemik nicht verlohne“. GSleichzeitig os Goltz den frenzösIschen Kaiser der 
preußischen Sp#erdien verlte versichert; ja, er war leweit gegangen, ihm eine Art Entente cordiale 
anjubieten, den un#Sch au ssprach, dab sich beide Kabinette vor allen offisiellen 
Schritten über deren verfroaube verständigen möchten. 
Bertraulich. Berlin, den 14. Cktober 1867. 
Mit der Art und Weise, wie Ew. pp. (Bericht Ar. 304 vom 9. d. M.) die nachträg- 
lichen Klagen des Kaisers über mein Rundschreiben vom 7. September beantwortet haben, 
bin ich vollkommen einverstanden. Da dieselben indessen, wie Ew. pp. treffend bemerken, 
aus nachträglichen Cinflüsterungen hervorgegangen sein müssen, so muß man darauf gefaßt 
sein, daß ähnliche Einwirkungen aufs neue eine Verstimmung über dieses Schriftstück er- 
wecken werden. Ew. pp. ersuche ich daber ergebenst, die erste geeignete Gelegenheit zu 
ergreifen, um dem Kaiser gegenüber die Versicherung zu wiederholen, daß das Sirkular 
vom 7. v. M. nicht durch das französische Girkular vom 25. Auguft veranlaßt worden ist 
und noch weniger hat eine Antwort darauf sein sollen, sondern daß dasselbe lediglich ein- 
gegeben war von dem gegen uns ausgesprochenen Bedürfnis der süddeutschen Regierungen, 
über die Salzburger Susammenkunft und unsere Stellung zu derselben durch irgendeine 
Außerung von uns beruhigt m werden. Wie lebhaft dies Bedürfnis dort empfunden 
worden ist, erbellt aus den lebhaften Versicherungen empfangener Beruhigung, welche uns
        <pb n="90" />
        76 Bismarcks Kritik an Goltz' Gespräch mit Napoleon III. 
von den jüddeutschen Höfen in Erwiderung des Zirkulars zugegangen und wovon Ab- 
schriften diesem Erlasse beigelegt sind. 
Ew. pp. lind ermächtigt, von dem Indalte derselben dem Kaiser vertraulich eine all- 
gemeine Kenntnis zu geben. Sie werden dabei an die erste unbefangene Auffassung Seiner 
Maojestät selbst appellieren können. Ich bitte ferner, wiederholt hbervorzuheben, wie un- 
gerecht es sei, ein für deutsche Regierungen bestimmtes Schriftstück zu beurteilen, als wäre 
es an die französische Adresse gerichtet, und daß diese Ungerechtigkeit gesteigert werde, 
wenn man nicht einmal selbst und mit dem Urtext in der Hand das Schriftstück prüfen, 
sondern sich an schlechte Übersetzungen und an die Kommentare mit Sprache und Verbält- 
nissen Deutschlands wenig vertrauter Agenten halten wolle. 
In der Auseinandersetzung, welche Ew. pp. dem Kaiser über die Bedeutung Süd- 
deutschlands bejiehungsweise für uns und für Frankreich gegeben haben, ist von der Ver- 
tretung Süddeutschlands im deutschen Parlamente als von einem durch uns 
weifellos erstrebten Siele die Rede. Die sachliche Richtigkeit des Argumentes, in welchem 
Ew. pp. sich der betreffenden Wendung bedient haben, ist außer allem Sweifel, und die 
Wendung selbst wird sich in der Lebhaftigkeit des Gespräches als die kürzeste und be- 
jeichnendste dargeboten haben; aber die Opportunität des Argumentes gerade in dieser 
Form ist mir bedenklich. Das Wort „deutsches Parlament“ würde, wenn es von Paris 
nach München getragen wird, an letzterem Orte verstimmend wirken und ausgebeutet 
werden. Man würde daraus den Schluß machen, daß wir die sofortige Verwirklichung 
des Gedankens schon jetzt mit einer Entschiedenbeit erstreben, die wir Alünchen gegenüber 
wenigstens nicht einräumen, und die mit meinen Außerungen gegen den Kaiser, Sleury und 
NRouhexr nicht im Einklang stände „ Wir müssen in unseren Erörterungen mit den FSran- 
josen an dem Satze und seinen Konsequenzen festhalten, daß eine m rasche Cntwicklung der 
deutschen Verhältnisse eine Verlegenheit für uns sein würde. Damit ist die Erklärung 
durchaus verträglich, mit der auch ich nicht mrückgehalten babe, daß wir nichts tun würden, 
um die Entwicklung zu retardieren, und daß wir auch eine zu schnelle und deshalb uns un- 
bequeme, wenn sie ohne unser Jutun erfolgt, akzjeptieren würden. 
Ich habe endlich noch einen dritten Punkt in dem Berichte Nr. 304 m berühren, den 
Wunsch, den Ew. pp. dem Kaiser mu erkennen gegeben haben, dah sich beide Kabinette wo- 
möglich stets, ebe sie offizielle Schritte täten, über dieselben vertraulich verständigen 
möchten. Sofern nicht der Gang des Gespräches diesem Vorschlage eine aus dem Berichte 
nicht ersichtliche Restriktion gegeben hat, so möchte ich zu bedenken geben, ob derselbe nicht 
sehr weit führen und uns Unannehmlichkeiten bereiten könnte. Ich würde namentlich 
fürchten, daß uns bei Gegenständen, denen wir eine geringere Tragweite für die inter- 
nationalen Verhältnisse beilegen als die Franzosen, 3. B. bei Abmachungen über Zölle und 
Militärangelegenheiten mit Süddeutschland, Rekriminationen wegen unterlassener Ver- 
ständigung treffen könnten, ulnd] glaube überhaupt kaum, daß wir eine so allgemeine Ver- 
pflichtung, die von uns jedenfalls ehrlicher gehalten werden würde als von Frankreich, zu 
übernehmen in der Lage lind 
Die Gestalt des Satzes beruht auf eigenhändlger Korrektur Bismarcks. *-b- « 
« Viert von den Worten an: „ulnd] oloube überhaupt ...“ eigenbändlg von 
Blsmartk.
        <pb n="91" />
        Bauerns deutsches Programm. 77 
*880. Erlaß an den Gesandten in München 
Freiherrn von Werthern. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.] 
Am 8. Cktober beite der baprische Ministerpräsident Sürst Hebenloh in der Kammer 
der Abgeordneten bei der Deratung der Zollvereinsverträge eine e gehalten (siehe deren 
vollen Text in: Denkwürdigkeiten —E* Sürsten Chl. zu Hobenlohe-Schillingsfürst, II. 268 ff.), 
in der er das deutsche Progtamm baurischen Politik negatio und positio umriß. Die 
negative Formel lautete: „Wir wollen nicht den Eintritt Bauerns in den Norddeutschen 
und, wir wollen hein DVerf fassungsbündnis der jsüddeutschen — unter der Sührung 
Oelterreichs; wir wollen keinen jüdwestdeutschen Vundesstaat, der für sich abgeschlossen wäre 
oder glch gar an eine nichtdeutsche Macht anlehnte; wir wollen ebensowenig eine Grohmacht- 
politikk und glauben nicht, dah Vayern in einer Vermittlerrolle das Endiiel leiner Pol tik 
z suchen hat.“ In positloer Richtung drückte sich Hobenlohe dahin aus: „Was wir wollen, 
und was wir auch ferner anstreben werden, ist die nationale Verbindung der süddeutschen 
Staaten mit dem Norddeutschen Bunde und damit die Einigung des zur Zeit getrennten 
Deutschlands in der Form eines Staatenbundes.“ Der Aljent in dieser doppelten Sormu- 
lierung lag auf der Regative. Sehr deutlich wies der Sürst eine isolierte Annäherung des 
einen oder des anderen süddeutschen Sa an den Norddeutschen Bund — also den von 
Vaden erstrebten Weg — zjurück: „Wie sich die Berhältnisse jetzt gestaltet baben, wäre 
es nach meiner Überjeugung zwe politisch Korrekt noch zweckmähig noch auch — man gebe 
ch keinen Illusionen hin — in friedlicher Weise durchführbar, daß endelse Staaten lüskeh 
es Mains mit Norddeutschland in nähere Verbindung treten. Das nationale Band, das 
wischen uns und dem NTorddeutschen Bunde geschaffen werden soll, muhß den ganzen Sües 
umfassen. Aur in dieser Sorm ist es wulössig und zur Zeit erreichbar.“ Nachdrücklich berief 
sich Hobenlohe in dieser Befiehung auf Bismarck selbst: „Die preuhische Megierung hat zudem 
lelbst erklärt, lsie verlange die Verbindung mit dem Süden lneswegs auf derselben Grund- 
lage wie jene, auf welcher der Bund mit den norddeutschen Staaten beruht; es bedürfe nur 
eines unkweldeutigen Ausdrucks der nationalen Gemeinschaft, welche gleichzeitig die GewiH-- 
beit gebe, daß die süddeutschen Staaten nicht einer feindseligen Cenden; gegen Norddeutsch- 
land verfallen, und daß die Pflege der gemeinsamen materiellen Snteressen des deutschen Volkes 
durch gemeinfsame organische Einrichtungen libergesteit zwerder Bismarck konnte es natur- 
zznh nicht Inginedr berühren, daß in diesen wörtlich dem Erlaß an den Prinzen Reuhß vom 
22. Januar (siehe die Gesommelten Werke, VI, 240), der nur vertraulich ur Kenntnis Hohen- 
lobes gebracht war, entnommenen Auherungen Preußen gegen das anschlußwillige Baden aus- 
espielt wurde, Auffällig mußte ihm auch sein, daß in der Hohenloheschen Rede mit keinem 
orte des utz- und Trutzbündnisses mit Preußen, wohl aber der Notwendigkeit eines 
Bürndailsess 1. ÖIsterreich gedacht war. 
Berlin, den 14. Oktober 1867. 
Der Gesamteindruck, welchen der mit dem gefälligen Bericht vom 8. d. M. im Wort- 
laut bierber gelangte Vortrag des Fürsten Hohenlohe in der Kammer der Abgeordneten 
auf die Königliche Regierung gemacht, hat nicht anders als befriedigend sein können. Der 
Vortrag enthält in der Negative alle die Versicherungen, auf welche es uns ankommt, und 
mildert durch eine so offene Kundgebung den Eindruck, welchen die Beziehungen zwar nicht 
des Fürsten Hohenlohe perfönlich, aber der baprischen Regierung zu Fröbel und seinem 
Blatte: hervorbringen. 
Lieb wäre es uns allerdings gewesen, in dieser Darlegung der bayrischen Politik das 
Schutz= und Trutzbündnis mit Preußen erwähnt oder wenigstens seine Wirkungen go auf- 
gefaßt zu sehen, wie wir dieselben auffassen. Indem ein Bündnis zwischen Bapyern und 
Ofterreich mit der darin liegenden Verpflichtung, die Kriege Osterreichs mit auf sich m 
nehmen, als etwas Matürliches, in die freie Wahl Bayerns Sestelltes behandelt wird, ist, 
ich kann nicht umhin das zu bemerken, das bestehende Bündnis mit uns ignoriert. Wir 
l lbst na und mit ih li 
nrleb kreb bol- dea ii e nchen rWie ) et die seit ben SrF 14n 
166 erschelnende „Süddeutsche Pr esse“
        <pb n="92" />
        78 Abberufung des Milltärbevollmächtigten v. Hartmann aus WMünchen. 
unjererseits glauben nicht, ein Bündnis mit Österreich so wenig wie mit Grankreich oder 
Ruhland eingehen, uns zur Teilnahme an etwaigen Kriegen dieser Mächte verpflichten zu 
können, ohne des SEinverständnisses unferer deutschen Verbündeten uns versichert zu haben. 
Wir sind nicht prinzipiell gegen ein Bündnis mit Österreich, aber wir würden es nicht ohne 
vorgängige Zustimmung Bayerns eingehen, und ich gebe gern der Voraussetzung Raum, 
dah der Sürst Hobenlohe die Reziprozität nur um parlamentarischer Gründe willen aus den 
Augen gesjetzt hat. 
Ew. pp. wollen sich gefälligst in diesem Sinne gegen den GSürsten aussprechen. 
*890. Schrelben an den Staatêminister von Roon. 
[(Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.] 
Berlin, den 15. Oktober 1867. 
Nach einer früheren Mitteilung des Königlichen Militärkabinetts ist es die Absicht 
Seiner AMajestät des Königs, den General von Hartmann, der am 5. d. M. eine zehn- 
tägige Urlaubsreise angetreten hat, in München durch einen jüngeren Stabsoffizier zu er- 
letzen Sch würde in dieser Stellung am liebsten einen Moajor nicht u neuen Patentes 
oder einen jüngeren Oberstleutnant sehen und erlaube mir die ganz ergebene Anfrage, ob 
Ew. pp. geneigt sind, einen solchen gemeinschaftlich mit mir bei Seiner Woajestät in Vor- 
schlag u bringen. Im Salle des Einverständnisses würde ich zugleich anheimgeben, die 
nötige Verlängerung des Urlaubs geneigtest herbeiführen zu wollen. . 
Bei dem Verhalten, welches man in München gegen den General von Hartmann und 
in anderen Beziebungen beobachtet hat, würde es zu beflissen erscheinen und deshalb 
politisch unratsam sein, einen so bohen Offizier nach München zurückgehen zu lassen, nur 
um ein Schreiben zu überbringen. Sch würde vielmehr wünschen, daß die Anzeige von 
leiner Abberufung durch ein dem Aachfolger mitzugebendes Schreiben Seiner Maojestät 
erfolgte, welches, an die neuerliche Begegnung beider Monarchen anknüpfend:, den 
Eindrucke des Personenwechsels abschwächen und dem Nachfolger höchsten Orts eine 
geneigte Aufnahme verschaffen würde. Auch über diesen PDunkt würde ich Ew. pp. für 
eine gefällige Außerung verbunden sein . 
*801. Erlaß an den Gesandten in Wien Frelherrn von Werther. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.] 
Am 5. Cxktober hatte der Sef äftsträger in Wien v. Cadenber gemäh der Weisung 
Biemarcks (ogl. Ar. 879) Aeichskanzler v. Beust gefragt, worauf sich dessen kur; moor auf- 
gestellte Behauptung gründe, daß Preuhen fortfahre, sich „in Ungarn für gewisse Sventualitäten 
1 Vgl. Tr. 841. 
2 Über die nach vielen Schwierigkeiten (ogl. dazu Denkwürdigkeiten des Fürsten Chl. uu Hobenlobe-- 
Schlllingsfürst, I, 260 ff. Oncken, Grohbersog Friedrich I. von Baden, II, 105) mstandegekommene 
Sn E— —— I. mit König Ludwig lI. auf dem Bahnhofe in Augsburg (6. Oktober) finden 
lich keine Schriftstückee Bismarckscher Provenienzj. · » , 
* Die Entbindung Generalleutnants v. Hartmann von leinem Münchener Kommando und - Er- 
nennung des Majors v. Grolman zum Militärattachs — nicht Militärbevollmöchtigten — in Uueben * 
folgte durch Rabineitsordre vom 1i9. Oktober. Anfang 1868 wurde auch der Perdoslmächtite) Siute 24— 
Generalmajor v. Obernitz durch Major v. Loos, jedoch in gleicher Qualität erfetzt, Den anonresum 
Karlsruhe der bisherige AMülitärbevollmächtigte Generalleutnant v. Beger, der das badische Krieg 
übernahm, durch den Aittmeister v. Lepel als Bevollmächtigter erfetzt.
        <pb n="93" />
        reuhische Verbindungen mit ungarischen Radikalen? Meutralisierung Hollands. 79 
Fäden zju erhalten“. Nach Ladenbergs Berscht vom 6. hätte Beust geantwortet, daß „ihm 
jowohl wie der ungarischen Aegierung mebrfache Denunliationen jugegangen leien, wona 
an Mitglieder der radikalen Partei m Ungarn namdbafte Geldbeträge aus Preuhen gejahblt 
worden seien und noch gejahlt werden.“ 
Berlin, den 15. Oktober 1867. 
Ew. pp. Vertreter hat unter dem 6. d. M. über ein Gespräch berichtet, welches er in- 
folge einer von hier ergangenen Weisung mit dem Greiherrn von Beust über unjere angeb- 
lichen Verbindungen mit den ungarischen Radikalen geführt hat. Ich habe mit Bezug 
darauf dem Grafen von Wimpffen gesagt, wer sich in der Beengung eines preußischen 
Ministers rücksichtlich von Geldausgaben befände, der habe gegenüber einem Verdacht 
wie dem gegen uns erhobenen die Empfindungen eines armen Wannes, der für reich ge- 
halten wird und nicht weiß, ob er den Auf ablehnen soll oder nicht. Wir könnten eine 
namhafte Ausgabe nicht machen, ohne sie vor die ÖPffentlichkeit zu bringen. Was uns aus 
dem Gesamtbetrage unserer budgetmäßigen geheimen Sonds nach Bestreitung laufender 
Ausgaben übrig bleibe, belaufe sich zusammengenommen nicht einmal auf eine namdbafte 
Summe. 
Sch ersuche Ew. pp. ergebenst, sich in demselben Sinne gegen Herrn von Beuft aus- 
zusprechen. Sagen Sie ihm, ich wiederholte auf das bestimmteste die Versicherung, daß 
wir jgolchem Verdacht gegenüber ein sehr gutes Gewissen hätten; er möge nicht seinen 
Segnern den Gefallen tun, solchen Erfindungen Glauben zu schenken. 
Was die Stimmung in Ungarn angehe, so sei es unser Wunsch, daß sie so günftig als 
möglich für ihn und den Erfolg seines Unternehmens sein möge. Die MAotwendigkeit, 
Ungarn mit andern Augen anzuseben, könne für uns nur durch eine aggrefsive Politik 
Ssterreichs gegen uns entstehen. An eine golche hätten wir ungeachtet den ersten Aac#- 
richten über Salzburg nicht geglaubt und würden uns in unserem Vertrauen zu der Politik 
des Herrn von Beust auch durch die Reise des Kaisers nach Paris: nicht irre machen 
lassen, wenn wir auch bedauerten, daß dieser Austausch von Besuchen beunruhigend auf den 
Geldmarkt und die von seiner Stimmung abhängige Gewerbstätigkeit wirke 2. 
*892. Erlaß an den Geschäftsträger in London von Kattei#. 
[Konfzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.] 
Berlin, den 15. Cktober 1867. 
Es ist uns gegenüber behauptet worden, auch in die Presse gedrungen, dah die 
holländische Regierung sich in Paris um eine Ausdehnung der Meutralität Belgiens auf 
die Aiederlande und Luxemburg bemühe. Wenn Ew. pp. dieser Gegenstand im Gespräche 
begegnen sollte, so wollen Sie es gefälligst als Ihre perfönliche Ansicht aussprechen, daß 
solche Bestrebungen bei uns keinen Widerstand finden würden, da ihr Ziel eine erhöhte 
Bürgschaft des Friedens sei, dessen Erhaltung uns am Herzen liege. 
1 Kai ranz Joseph beabsichtigte, sich am 21. Oktober in Begleitung des Reichskamlers v. B 
und des uiser Irot MAinisterpräsidenken Grafen Andraffn zum Besuche Kaiser Aapoleons III. bhoch 5 
begeben. . .. 
m *“ Der erste Teil des letzten Satzes ist weithin durch eigenbändige Korrekturen Bismarcks beftimmt. 
892. Der gleiche Erlah ging on den Gesandten in Petersburg.
        <pb n="94" />
        80 Begegnung Wilbelms I. mit Franz Joseph? Natifizierung des Vertrags mit Georg V. 
803. Telegramm an den Rat im Köntglichen Gefolge 
Abeken, z. Zt. in Baden-Baden. 
[Cigenbändiges Konjzept.)] 
Kai t hatt 
Sailerhaus gelucht aute #epern aiser Sranj Josepb komme 5 
Berlin, den 17. Oktober 1867. 
Meines Erachtens wäre auf jede östrleichische) Snitiative bereitwillig ulnd]) in liebens- 
würdiger Sorm einzugehn, eine diesseitige Initiative, deren Aufnahme ungewiß, aber m 
vermeiden. 
E. v. Wertbeimer, Graf Julius Andraffu, I. 447. 
*894. Schreiben an den Staatsminsster Frelherrn von der Heydi. 
(Konfept von der Hand des Vortragenden RNats König.) 
Berlin, den 18. Cktober 1867. 
Ew. pp. benachrichtige ich unter Bezugnahme auf mein Schreiben vom 29. v. M 
ganz ergebenst, daß der Vertrag über die Vermögensverhältnisse des Königs Georg beider- 
seitig ratifiziert worden ist, und daß die Ratifikationsurkunden heute ausgetauscht sind. 
Es wird nunmehr in Gemäßbeit des § 9 des Vertrages die Beschlagnahme auf das 
Privatvermögen des Königs Georg gegen Rücklieferung der nach England ausgeführten 
Obligationen aufzubeben sein. Hannoverscherseits ist, wie ich Ew. pp. unterm 14. d. M. 
mitzuteilen mich beehrte, vorgeschlagen, den Transport der Obligationen auf einem 
preuhischen Kriegsschiffe zu bewirken. Nachdem Sw. pp. hierm die Sustimmung erklärt 
haben, wird hannoverscherseits das weiter erforderliche wegen des Cransports veranlawßt, 
resp. hierher bekanntgegeben werden. Hochdenselben stelle ich ganz ergebenst anbeim, den 
diesseitigen Bevollmächtigten für die nach § 10 des Vertrags zu bewirkende Abrechnung 
zu bejeichnen. Derselbe wird auch mit dem hannoverschen Bevollmächtigten über die Höhe 
des für die Domäne Calenberg nach 5 1 sub 2 festmsetzenden Aquivalents zu verhandeln 
baben. 
Es wird ferner die Verwaltung des Schlosses Herrenhaufen nebst Jubehör, der 
Domäne Calenberg und des alais an der Leinstraße in Hannover einzurichten sein. Als 
Subehör zu dem Schlosse Herrenhaufen sind meiner Ansicht nach alle diesenigen Depen- 
denzen und Bestandteile anzusehen, welche in dem Ew. pp. gefälligem Schreiben vom 
11. Februar d. J. beigefügten Verzeichnisse sub II Ar. 12 bis 26 aufgefübrt sind. Soviel 
mir bekannt, ist nur in Bezug auf das Welfenschloß (Nr. 21) ein Sweifel erhoben worden. 
Da indessen Seine Majestät der König unterm 11. August d. J. allerhöchstihre Intention, 
1 Mittels Schreiben vom 29. September batte Dismarck dem Finanmminister Kenntnis von Eu am 
gielchen Cage ab achlosenen Vertrage liber die Vermögensverböltnisse König Georgs V. nebft dem Schluß- 
Protokolle (ogl. ** rt. 880) gegeben.
        <pb n="95" />
        Übereinstimmung Preußens mit England in römischer Frage. 81 
dem Könige Georg das Welfenschloß zu belassen, ausgesprochen haben, so würde ich in 
dieser Bejziehung kein Bedenken haben. Sch betrachte es als jelbstverständlich, daß die 
Verwaltung der bezeichneten Objekte zwar im Sinne der Sicherstellung gegen etwaige Um- 
triebe geführt, also namentlich der Aufenthalt von Beamten und Dienern des Königs 
Georg nicht gestattet wird, daß aber im übrigen billigen Wünschen des letzteren, soweit es 
die diesseitigen Interessen gestatten, die Gewährung nicht versagt wird. 
In Bezug auf die vorbehaltenen Verhandlungen über die Sicherstellung der Ab- 
findungssumme werde ich mich beehren, Ew. pp. demnächst weitere Mitteilung uugehen zu 
lassen. Bis zu einer definitiven Vereinbarung über diese Sicherstellung bleibt nach § 4 die 
Ausgleichungssumme in der Hand der Krone Preußen deponiert. Es wird daher eine be- 
sondere Verwaltung dieses Depots einzurichten sein. In Bezug auf die vorbehaltene An- 
legung der baren Gelder wird der hannoversche Bevollmächtigte sich direkt mit Ew. pp. 
Kommissar Gebeimen Oberfinanzrat Wollny in Verbindung setzen. 
*805. Erlaß an den Botschafter in London Grafen von Beernstorff“. 
(Konrept von der Hand des Legatkionsrates Grafen von Wesdehlen.] 
Geheim. Berlin, den 19. Oktober 1867. 
Ew. pp. übersende ich in der Anlage im engsten Vertrauen zu Ihrer Information Ab- 
schrift meines Erlasses vom 13. d. M.? an Graf Usedom, in welchem Sie die leitenden 
Grundjätze der von uns in der römischen Frage zu befolgenden Politik entwickelt finden, 
und füge demselben noch folgende Mitteilung ergebenft bei: 
Lord A. Loftus brachte gestern mir gegenüber die gedachte Srage zur Sprache und hob 
zunächst bervor, daß die Stellung des britischen Kabinetts zu derselben mit derjenigen der 
preußischen Regierung wesentlich übereinstimme. Beide Mächte seien protestantisch; sie 
bätten beide überwiegend protestantische, aber auch viele katholische Untertanen, und durch 
ihre geographische Lage seien sie beide gleich desinteressiert. 
Auf Wunsch des Botschafters teilte ich demselben nach Analogie der beiliegenden In- 
struktion an Graf Usedom die Gründe mit, die uns nicht erlaubten, Italien in der Abwehr 
einer nur auf die Verteidigung des Papstes und in den Grenzen des Kirchenstaates sich 
bewegenden französischen Intervention zu unterstützen. Als ich aber des Unterschiedes 
zwischen diesem Falle und der Eventualität eines gegen das anerkannte Gebiet des König- 
reichs Stalien gerichteten Angriffs erwähnte, unterbrach mich der Botschafter mit einiger 
Lebhaftigkeit und sagte mir, daß durch das Sintreten diexser Eventualität die Snteressen 
Englands gefährdet lsein würden, und daß seine Regierung dieser Gefahr gegenüber nicht 
gleichgültig bleiben könne. 
Jch war mit dem Botschafter dabin einverstanden, daß es keiner europäischen 
Macht gleichgültig sein könne, wenn Stalien durch kriegerische Unterwerfung Frankreich 
gegenüber in dasselbe Abhängigkeitsverhältnis geraten sollte, in welchem es dreißig Jahre 
gegenüber Österreich gestanden. 
- El i die Missi in Wi d Petersb d mit A 
is — **ç sneiuuch an Milsen — an hie * Paris. urg und m usnabme der 
2 Siebe Ar. . 
Vla
        <pb n="96" />
        82 Bismarck für friedliche Einwirkung Englands in römischer Frage. Friesens Rat. 
Nachs chr i ft. Ganz vertraulich. 
Der Ausbruch eines Krieges zwischen Frankreich und Italien würde uns in ein un- 
erwünschtes Dilemma versetzen. Für die Abwehr eines französischen Angriffs auf Deutsch- 
land oder einer Einmischung in dessen innre Angelegenheiten, würde uns die nationale 
Kraft Deutschlands in voller ulnd) freiwilliger Entwicklung zu Gebote stehn. Viel 
schwieriger würde es sein, der politischen CErwägung, daß die Erhaltung der Unabhängigkeit 
Staliens für uns eines Krieges werth sei, Cingang in das Bewußtsein der Bevölkerung zu 
verschaffen, um so mehr, wenn es unsern Gegnern möglich würde, der katholischen Bevöl- 
Kerung plausibel zu machen, daß ein solcher Krieg indirect mehr gegen den Papst als gegen 
Grankreich gerichtet sei. Auf der andern Seite wäre der Ausgang eines französisch- 
italiänischen Krieges, wenn keine dritte Macht intervenirt, unschwer vorausmsehn. Die 
in demselben liegende Gefährdung des Gleichgewichtes berührt aber jede europäische Macht 
ebenso ulnd]) vielleicht wirksamer wie uns. Wir glauben daher, daß alle Mächte ein 
gleiches Bedürfnis fühlen müssen, im Sinne der Erhaltung des Sriedens auf die Be- 
tbeiligten einzuwirkten. Wir haben unfre Vertreter in Rom ulnd]) Slorenz mit vertrau- 
lichen Weifungen in diesem Sinne bereits versehn, werden uns aber in Paris der grade 
gegen uns dort gespannten Empfindlichkeit gegenüber der Initiative enthalten. Von 
bohem Snteresse ist es mir, durch Ew. pp. geflällige) Vermittlung die Eindrücke der Si- 
tuation auf das pp. Cablinet] zu erfahrens. 
*806. Zmmediatschreiben. 
Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Theremin. 
Wenn Dismarck nach dem Empfang von Abekens Telegramm vom 17. Oktober (ogl. 
Nr. 893, Vorbemerkung) mnächst der Ansiche gewesen war, daß König Wilbelm besser nicht die 
Initiative zu einer Begegnung mit Kaiser FSranz Joseph erreife, 7 batte ihn eine Unter- 
redung mit dem gerade in Berlin befindlichen jächsischen Minister Sreiherrn v. Sriesen 
(ogl. doazu die von Grrtümern nicht freie Darstellung Sriesens in dessen „Crinnerungen aus 
meinem Leben", III, 64 ff.) umgestimmt. So jandte er das Abekensche Telegramm nebst seiner 
eigenen Antwort an Sreiherrn v. Wertber mit der Ermächtigung, beides vertraulich den 
Neichshemler v. Beuft einseben zu lassen. Wertber telegrapbierte am 18. mrück: „Sreiherr 
v. Beust will morgen Kaiser darüber Vortrag halten und meinte sich nicht vorher äuhern 
m können. Er wöäre überzeugt, daß die freundliche Absicht des König, beim Kaiser dankbare 
Aufnahme finden würde, doch wegen der frühen Worgenstunde der Durchreise in Oos schien 
ihm dazu österreichische Initiatioe schwer und indiskret.“ 
Berlin, den 19. Oktober 1867. 
Das Telegramm des Wirklichen Geheimen Legationsrats Abeken vom 17. d. M. in 
betreff der eventuellen Begegnung Ew. Majestät mit dem Kaiser von Österreich bei dessen 
Durchreise durch Oos, von welchem ich eine Abschrift alleruntertänigst beizufügen mir er- 
laube, ging mir zu, als ich mich im Teichstage befand und in Gegenwart des Königlich 
Sächsischen Ministers von Sriesen. Ich nahm Veranlassung, den letzteren um seine 
Meinung zu fragen, indem ich hinzufügte, daß ich es an lich nicht für indiziert halten könnte, 
daß Ew. Mojestät zu der gedachten Begegnung eine Initiative ergriffen, auf die vielleicht 
* Die Aatsch vom zweiten 7 an beruht vollständig auf elgenbändigem Zusatz Biemarcks unter 
W ens. 
Streichunz de#ntel — crshere Anzabl eigenhöndiger Korrekturen Bismorcks auf.
        <pb n="97" />
        Plan der Begegnung Wilhelms I. mit Sranz-Joseph in Oos. 83 
nur eine ablehnende Antwort erfolgen würde, und daß die Initiative ohne Sweifel dem 
durchreisenden Monarchen zustände. Herr von Griesen sprach dagegen mit großer Wärme 
die Ansicht aus, daß der Kaiser als Besiegter des letzten Krieges den ersten Schritt nicht 
wohl tun könne, daß aber jede von Ew. Majestät genommene Znitiative in Wien eine sehr 
freudige Aufnahme finden würde. Sch habe geglaubt, unter diesen Umständen Ew. Ma- 
jestät Intention zu entsprechen, wenn ich das in Abschrift ehrfurchtsvoll beigefügte Tele- 
gramm an den Sreiherrn von Werther richtete. Darauf habe ich heute von demfjelben die 
gleichfalls in Abschrift angeschlossene Antwort erholten, worin er sich die weitere Meldung 
über die Ansicht des Kaisers vorbehält. 
Indem ich nicht verfehle, Ew. Majestät von dieser Lage der Sache ehrfurchtsvoll An- 
jeige zu machen, kann ich nicht umbin, meine alleruntertänigste Ansicht dahin auszusprechen, 
daß, falls nicht der Kaiser von Österreich sich bewogen finden sollte, seine Durchreise durch 
Oos auf eine spätere Stunde zu verlegen oder dort einen Aufenthalt mit Rücksicht auf Ew. 
Mojestät Anwesenbeit anzuordnen, ich es kaum für angänglich erachten könnte, daß Ew. 
Alajestät um 4 Uhr morgens den Kaiser in Oos erwarteten, noch weniger daß Ew. Ma- 
jestät für eine solche Art des Susammentreffens. und gerade bei der Reise des Kaisers 
Sranz Joseph nach Daris eine weitere Initiative ergreifen gollten. 
*807. Telegramm an den Rat im Königlichen Gefolge 
Abeken, z. Zt. in Baden-Baden. 
[Konfept von der Hand des Vortragenden Rats Tbheremin.)] 
Berlin, den 20. Oktober 1867. 
Baron Werther telegraphiert: 
„Infolge gestriger Verabredung hat Sreiherr v. Beust über Gegenstand tele- 
graphischer Depesche Ar. 66: die Willensmeinung des Kaisers eben eingeholt und mir 
folgendes erklärt: 
Der Kaiser hätte seinerseits geglaubt, eine Indiskretion zu begehen, wenn er dem 
Könige in so früher Morgenstunde in Oos eine Begegnung hätte vorschlagen wollen; 
wenn jedoch Seine Mojestät der König sich entschließen wollte, ohnerachtet der frühen 
Tageszeit Seine Majestät den Kaiser zu begrüßen, so würde dies als eine sehr freundliche 
Aufmerksamkeit aufgenommen werden. 
Greiherr v. Beuft überläßt sich der Hoffnung, daß nach dieser Erklärung die Be- 
gegnung stattfinde, und würde dankbarst erkennen, vor Abreise des Kaisers Montag den 
21. vormittags darüber Allerhöchste Entschließung zu kennen. 
Der Kaiser reist in Zivil und setzt voraus, doß der König seiner Badener Gewohn- 
beit gemäß auch in Siovil sein werde.“ 
Ich bätte gewünscht, daß Werther sich einfach auf Ausführung der Ermächtigung, 
Beust Einsicht nehmen zu lassen, beschränkt hätte, die etwaige Initiative Österreich durch 
dellen Organe überlassend. Mir scheint das Eingehen des Kaisers auf die Sache nicht aus- 
1 Bgl. Ar. 893, Vorbemerkung.
        <pb n="98" />
        84 Eventuelle Kündigung des Jolloereins in München. Juspitzung der römischen Frage. 
reichend, um Seine Majestät m veranlassen, denselben in Oos zu erwarten. Der Kaiser 
bätte entweder einen Aufenthalt in Oos oder Verlegung seiner Reise um einige Stunden 
bewirken sollen. In diesem Sinne habe ich Werther telegraphisch geantwortet, ohne der 
Entscheidung Seiner Moajestät vorzugreifen 2. 
*898. Telegramm an den Gesandten in München 
Freiherrn von Werthern. 
[Eigenhändiges Konzept.)] 
Berlin, den 21. Oktober 1867. 
Ew. lpp.] werden, wenn der Sollvertrag von einer der dortigen Kammern verworfen 
werden sollte, den Sollverein sofort zu kündigen haben ½. Die desfalsige Rote wird Shnen 
in diesen Tagen zugehn:. Theilen Sie dies dem Sürsten vertraulich ulnd]) in freundschaft- 
licher Form mit. 
*890. Erlaß an den Gesandten in Florenz Grafen von sedom. 
[Kanzleikonzept.]1 
Seit, Mitte Oktober war die römische Srage in ein aktuelles Stadium getreten. Obwobl 
die italienische Regierung der von Garibaldi geleiteten Unternehmungen gegen den Kirchenstaat 
bisber noch Herr geblieben war, wurde es deutlich, daß sie auf die Dauer der öffentlichen 
Meiĩnung des Landes, die den Noment gekommen glaubte, um das Unternehmen auf Rom 
i vollenden, nicht mehr widerstehen konnte und wollte. Die Zweideutigkeit ihrer Haltung 
veranlahte die französische Regierung, die sich noch immer verpflichtet glaubte, die Herrschaft 
des Papstes zu Kützen, zu einem drobenden Auftreten. In einem am 16. Cktober unmittelbar 
nach der Rückkehr des Kaisers von Biarritz gehaltenen Ministerrat wurde im Grundsatz die 
* Bismarcks Telegramm an Wertber batte zur Folge, daß die Ankunft des Kaisers in Oos um 
medrere Stunden verschoben wurde. Die Begegnung der beiden Monarchen fand am 22. Cktober um 
7 Uhr morgens statt. Bgl. dozu Fr. F. Graf v. Beust, Aus drei Viertel-Jahrhunderten, II, 138 f. 
E. v. Wertheimer, Graf Julius Andraffp, I., 448. 
808. Eine entsprechende Weisung ging dem Gesandten in Stuttgart für den Sall zu, dah das Schutz- 
und Krutzbündnis von der württembergischen Kammer verworfen werden gollte. 
2 Bei den Atkten liegt die Ausfertigung entsprechender Erlasse an die Gesandten in München und 
Stuttgart vom 24. nebst Notenentwürfen. Sie gingen indessen nicht ab, weil sich berausstellte, daß das 
Bundeskanfleramt dem Ministerium der auswärtigen Angelegenbeiten bereits mit onalogen Instruktionen 
moorgekommen war. 
899. Das Kanzleikonlept deruht augenscheinlich auf einem Diktat Bismarcks; jedenfalls findet sich bei 
den Akten kein Entwurf zu ihm vor. Vielleicht handelt es sich bei der von der „Augsburger Abendzeitung 
Anfang Aovember 1867 veröffentlichten angeblichen Instruktion für Usedom (siebe deren Text in Schultheh' 
Curopäischer Geschichtskolender, Ig. 1667, S#. 155 ff.; ogl. auch A. Stern, Geschichte Europas leit den 
Verträgen von 1815, X, 149, Anm.) um einen von Bismarck verworfenen Entwurf zu dem obigen Erlasse. 
Dle Annahme Sbels (Die Begründung des Deutschen Reiches durch Wilhelm I., VI, 323 Anm.), als 
babe in diesem Schriftstück ein eifriger Meporter den Aiederschlag der damaligen offisiösen resse aon- 
gesammelt, ist unbedingt falsch; die Depesche ist unverkennbar aus genauester Kenntnis der Aktenoor. 
gänge erwachsen. Man möchte annehmen, daß die Veröffentlichung in der „Augsburger Abendzeitung 
offiziösen Ursprungs ist und im Hinblick auf die katholische Bevölkerung Deutschlands erfolgt ist, ogl. 
vor allem die Sähe: „Die katholischa Bevölkerung Deutschlands hat denselben Anspruch wie die ba 
lische auf Berücksichtigung ibrer religiösen Uberjeugung, diese Rücke icht verbietet einem Staate mit gemischter 
evölkerung, gegen das Oberhaupt der katholischen Kirche in einer Weise vorjugehen, welche die Herken 
der gläubigen Katholiken verletzen würde. Cine der Vorbedingungen, um uns Jzum Einnedenen, inerh * 
Stellung ur Sache zu befähigen, würde daher die Vergewisserung über die Srage sein- ob Aufa en 
tum, nach der ltalienischen oder der französischen oder der beiden Negierungen Vemeinlamen“ FnP K 1 
I#iner Zukunft, eine Stellung bleibt, Vlhe auch von den Katholiken deutscher Nationalitã 
ehrbelt als elne würdige anerkannt werden würde.“
        <pb n="99" />
        Bewaffnete Intervention Srankreichs zugunften des Papstes. 85 
deget nete Untergestion beschlossen; am 109. ging der Befebl jur Einschiffung der Truppen 
oulon ab, jedoch wurde der Abgong der Expedition auf die Nachricht, daß in Sloren 
hoach Slihlerihe eingetreten war, noch aufgehalten. Vie Verworrenheit der Lage Ipiegelt 
ich wider in den sich in den Tagen vom 14. bis Oktober häufenden Telegrammen 
Uledoms, der, selber ratlos, immer dringender asirie i don, Bismarck erbat, obwohl ihm 
doch bereits durch den — vom 13. (liehe Nr. 885) Aufschluß über die von -preußen ein- 
mübaltende olitik gegeben war. Bismarck, der das Drängen Usedoms mit steigender Un- 
geduld empfand, sah lich am 21. veranlaßt, ihn einerseits sehr nachdrücklich zurechtzuweisen, 
ihm dann aber doch in aller Klarbeit und Eindringlichkeit auseinanderzusetzen, *# Srgeuschte 
der Haltung Srankreichs Dreußen seine Zukunft nur in der geeinigten nationolen Kraft 
Deutschlands zu suchen habe, daß auf diese jedoch nur dann m rechnen sei, wenn man lorgleme 
Aückksicht auf die Gesüble der deutschen Katholikken nehme. Völlig fern lag Bismarck damals 
der wohl in liberalen Kreisen ventilierte Gedanke, daß ein ernster Bruch zwischen Srankreich 
und Stalien vielleicht zu einer raschen Einigung mit dem Süden verbelfen könne (ogl. den Brief 
Kveltens an A. Lipke vom 12. Aovember;: Deutscher Liberalismus im Zeitalter Bismarcks, 
ed. Jul. H hderhoff I. 393.) Lanh im Gegenteil dürften die Gefahren der Situation, die die 
Aglichkeit nicht ausschlossen, daß sich unter der Agide Napoleons III. eine katbolische 
Liga gegen Dreußen zusammenfand und sei es auch nur auf der von dem französischen Kaiser 
Elanten Konferenz (ogl. daru 5 . Michael, Bismarckt und England von 1866 bis 1670, S. 89, 
aber die „Ka Vo- lische — viel zu sehr als existent behandelt), Bismarck in dem Ent- 
schlut bestärkt haben, in der deutschen Frage fürs erste mit größter Behutsamkeit vornageben. 
Berlin, den 21. Oktober 1867. 
Die mwölf Telegramme, welche Ew. pp. vom 14. bis zum 20. unter Nr. 81 bis 92 an 
mich gerichtet hatten, geben mir m den nachstehenden Bemerkungen Anlaß. 
Nach den beiden ersten vom 14. Ar. 81 und 82 scheint es, daß der Minister Ratagzi 
befürchtet habe, die französische Regierung wolle Rom von neuem okkupieren, auch ohne 
daß von seiten der italienischen Regierung vorher Schritte gescheben, welche eine golche 
Waßregel provozieren könnten; indem der Einmarsch der italienischen Armee erst auf den 
der französischen folgen sollte. Es kann sein, daß das italienische Gouvernement schlecht 
genug unterrichtet war, um zu glauben, daß Grankreich freiwillig und ohne MAot sich den 
Verlegenheiten ausfsetzen werde, welche eine solche Okkupation für Srankreich mit sich 
bringt. Sch Jage: ohne VNot, denn gewiß konnte es dem italienischen Ministerium nicht un- 
bekannt sein, daß auf einen Aufstand Roms gegen die päpstliche Herrschaft, gan: ab- 
gesehen von den militärischen Kräften der letzteren, in jenem Augenblicke nicht zu rechnen 
war, wenn derselbe nicht durch einen stärkeren Druck, als die gewöhnlichen Agitationsmittel 
gewähren können, also etwa durch offene Mitwirkung italienischer Streitkräfte erzwungen 
wurde. Die Lauheit des nationalen Gefühls in der römischen Bevölkerung, die Ab- 
neigung derselben gegen Störung ihres Erwerbes und ihrer Auhe war in Paris nicht un- 
bekannt. Warum Natazzi dennoch die in Ew. pp. Telegrammen Nr. 81 und 82 aus- 
gesprochenen Befürchtungen gebegt hat, lasse ich dabingestellt sein; wohl aber würde es 
mich interessieren zu wissen, ob und weshalb Ew. pp. diese Befürchtungen, wie ich nach dem 
gedachten Celegramme annehmen muß, geteilt baben. 
So willkommen es uns auch sein würde, die italienische Cinheit zum vollen Abschlusse 
und infolgedessen das Königreich zur finanziellen Kräftigung und inneren Befestigung ge- 
langen zu sehen, so darf ich doch annehmen, daß die Schwierigkeiten der Situation, in welche 
ein für und gegen den Dapst entstehender Krieg zwischen Stalien und Grankreich die 
preußische Politik bringen würde, auch ohne meine Unstruktion vom 13.2 Sw. pp. er- 
Kennbar gewesen sein werden. Sch darf annehmen, daß Ew. pp. aus Ibrem langjährigen 
Aufenthalte in Frankfurt und in Deutschland überhaupt ein richtiges Bild der gesamten 
2 Siehe Nr. 885.
        <pb n="100" />
        86 Unerwünschtheit eines französisch-italienischen Krieges. 
Situation Deutschlands bewahrt haben werden, und daß Ew. pp. mit mir die Überjzeugung 
teilen, daß wir, angesichts der heutigen Haltung Srankreichs, nur in der geeinigten natio- 
nalen Kraft Deutschlands unsere Bürgschaft für die Gukunft zu suchen haben, eine Bürg- 
schaft, welche selbst schwerer wiegt als die Gefahr, daß eine italienische Regierung dem 
natürlichen und erprobten Bündnisse Deutschlands zugunsten Grankreichs entsagen könnte. 
Wir würden auf die deutsche Aationalkraft als auf eine geeinigte nicht mehr rechnen 
können, wenn es uns nicht gelänge, den bisber bestehenden religiösen Srieden in Deutsch- 
land zu erhalten. Wie Ew. pp. bekannt, hat die ultramontane Partei bisher in Preußen 
einen sehr unbedeutenden und unter den atholischen Majoritäten Süddeutschlands 
wenigstens nicht den leitenden Einfluß. Diese Sachlage würde sich m unserem Nachteil 
ändern, sobald, in Wahrheit oder durch Lüge, den Massen der ehrlich und gläubig katbo- 
lischen Landbevölkerungen glaublich gemacht werden könnte, daß Preußen gegen das 
Oberhaupt der katholischen Kirche sich in offenem Kampfe befände und den blutigen und 
schweren Krieg mit Srankreich nur unternommen habe, um letzterem die Beschützung des 
Dapstes m verbieten. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß von dem Augenblicke an 
die acht Millionen Katholikkten des Norddeutschen Bundes, anfstatt zehn oder zwölf aus 
den Wahlkreisen, wo sie die Majorität haben, vielleicht gegen 100 prinzipielle Gegner der 
Regierung zum Neichstage entsenden könnten. VNoch mächtiger aber würde die Verletzung 
des religiösen Gefühls bei der Mehbrheit der süddeutschen Katholiken wirken, und die Schutz- 
und Trutzbündnisse mit Süddeutschland würden, wenn unter solchen Umständen zum ersten 
Male auf die Probe gestellt, letztere schwerlich bestehen. Diese neuen Grundlagen deutscher 
Gesamteinigung würden dann mutmaßlich auf die Dauer verloren geben, während ein direk- 
ter Angriff SFrankreichs auf Deutschland ohne Beimischung konfessioneller Sragen die 
nationale Gemeinschaft befestigen und entwickeln würde. Auch in Paris wird man sich 
darüber klar sein, daß ein deutsch-französischer Krieg, in welchen Frankreich wegen Ver- 
teidigung des Papstes durch einen Angriff Preußens verwickelt würde, günjtiger für Srank- 
reich läge als ein Angriff auf Deutschland zur Hinderung seiner nationalen Einigung. 
Wenn diese Auffassungen, von welchen Seine Alajestät der König bei Erteilung der 
Instruktion vom 13. sich hat leiten lassen, richtig sind, so ist es evident, daß uns der Ausbruch 
eines Krieges zwischen Stalien und Srankreich auf Grund der römischen Grage in ein sehr 
unerwünschtes Dilemma bringen würde. Wir würden Gefahr laufen, unsere italienischen 
Bundesgenossen besiegt und noch mehr als bisher in Abhängigkeit von Srankreich verfallen 
zu seben, wenn wir uns der Teilnahme enthalten, und wir würden andernfalls genötigt sein, 
den gefährlichsten Krieg, der uns bevorstehen kann, den mit Frankreich auf einer falschen 
und unsere Kraft abschwächende Basis zu führen. 
Es ist wahr, daß England, Rußland und Österreich fast das gleiche Unteresse haben wie 
wir, Italien nicht noch abbängiger von Frankreich werden zu lassen; aber es ist kaum zu 
bezweifeln, daß die genannten drei Mächte uns die Initiative mschieben würden, ohne uns 
Gewißheit zu geben, dah sie derselben zu folgen beabsichtigen. Sie würden eine abwartende 
Haltung vorziehen, und darüber würde der Fall zum Nachteile Staliens erledigt werden, 
wenn wir es nicht übernehmen, die Kastanien rechtzeitig aus dem Seuer zu holen. 
Osterreich ist für jetzt nach keiner Seite hin zur Aktion befähigt: Außland würde das 
Maß, bis zu welchem es sich neu erstarkt fühlt, im Orient verwerten, und an eine Anderung 
der englischen Abstentionspolitik m glauben, fehlt bisher jede Veranlassung.
        <pb n="101" />
        Unzufriedenbeit Bismarcks mit Usedoms Haltung. 87 
Ich habe geglaubt, daß vorstehende Betrachtungen Ew. pp. auf Grund öbrer eigenen 
Kenntnis der deutschen und europäischen Situation, insbesondere nach den frischen Eindrücken 
Ihres jüngsten längeren Aufenthaltes in Deutschland, sich von selbst aufdrängen würden, 
und es war mir unerwünscht, daß Sw. pp. in dem Maße, wie es durch das Telegramm 81 
und schon vorher geschah, auf Erteilung einer Instruktion drängten und sich dadurch 
der günstigen Lage begeben wollten, in welcher die meisten Diplomaten sich unerwarteten 
Kkritischen Creignissen gegenüber zu befinden pflegen, nämlich ohne Instruktion zu sein. Es 
wäre dies gegenwärtig bei Ew. pp. um so weniger auffallend gewesen, als die Trennung des 
Königs von den Ministern Seiner Woajestät die Erteilung von nstruktionen wesentlich 
erschwert. Da ich indessen nicht wissen konnte, welche Aufklärungen Ew. pp. etwa der 
italienischen Regierung über die Schnelligkkeit und Dringlichkeit, mit welcher Sw. pp. mich zur 
Instruktionserteilung aufgefordert bätten, gegeben haben mochten, so habe ich die Unstruk- 
tion vom 13. an Ew. pp. abgesandt. Daß nach Empfang derselben Ew. pp., wie ich aus 
dem Telegramm Mr. 88, Nr. 90 und Vr. 91 entnehme, glauben konnten, diese von des ab- 
wesenden Königs Majestät genehmigte Instruktion lasse sich kurzer Hand auf Ew. pp. 
telegraphischen Wunsch durch ein Celegramm von mir in ihr Gegenteil umwandeln, beweist 
mir, daß Ew. pp. sich von dem Ernst und der Sorgfalt, mit welcher die Entschließungen 
der Königlichen Regierung, insbesondere in so wichtigen Sragen wie die vorliegende, vor- 
bereitet werden, nicht die dem Sachverhalt entsprechende Vorstellung machen. Ich kann 
mich nach Einsicht der genannten Telegramme sogar der Beforgnis nicht erwehren, daß 
Ew. pp. Sprache dem italienischen Kabinett gegenüber letzterem den richtigen Eindruck von 
dem wohlerwogenen Eunste der Königlichen Entschließungen und von der absoluten Rot- 
wendigkeit, mit welcher letztere aus der eigenen Situation Deutschlands hervorgehen 
mußten, nicht gemacht haben werde. Ich würde es aber in höchstem Grade bedauern, wenn 
Ew. pp. Auftreten bei der italienischen Regierung den Eindruck binterlassen hätte, als sei 
das WMaß der Surückhaltung, welches wir bei unserem Eintreten für Ztalien beobachten 
mußten, Ergebnis eines willkürlichen Entschlusses gewesen, der ebenso gut auf einen 
telegraphischen Wunsch Ew. pp. ohne erbebliche Bedenken in sein Gegenteil verwandelt 
werden könnte. Wenn Ew. pp. dies nich t geglaubt hätten, so konnten Sie meines Er- 
achtens jene TCelegramme nicht an mich richten, wenn Sie es aber geglaubt haben, so kann 
ich mich der Befürchtung nicht erwehren, daß dieser Glaube sich unwillkürlich dem 
italienischen Kabinett werde mitgeteilt baben. Bei Erwägung der MWotive, welche Ew. pp. 
zur Empfeblung der von Ihnen gewünschten Anderung der Instruktion vom 13. d. M. an- 
führen, hat mich die Leichtgläubigkeit des Ministers Campello überrascht, mit welcher der- 
selbe seinerseits Drohungen entgegengenommen und Ew. pp. als ernsthaft weitergegeben 
hat. Der Gedanke, daß Srankreich mit 300 ooo Mann nach Stalien marschieren könnte, 
hat doch bei der gegenwärtigen Stärke der französischen Armee und der Situation Frank- 
reichs gegenüber von Deutschland selbst im französischen Munde nicht ernsthaft gemeint sein 
können, und jedenfalls Konnten Ew. pp. für den Cintritt dieser unglaublichen Eventualität 
den zweiten Teil Shrer Instruktion vom 13. mit vollem Nachdrucke geltend machen, ohne 
daß es nötig war, eine solche Gasconade, wenn die Franzosen sich wirklich ihrer schuldig 
gemacht baben sollten, bierber m telegraphieren. In dasselbe Reich frivoler Argumente 
gehören die Drohungen mit österreichischer Hilfe gegen Italien in einem Augenblickt, wo 
Osterreich, wenn es sich überhaupt rühren könnte, viel geneigter sein würde, Italien gegen
        <pb n="102" />
        88 Unklare Berichterstattung Usedoms. 
Grankreichs Übergewicht m schützen. Auch der Besorgnis Campellos vor einer Okkupation 
von Slorenz mit 20 O00 Mann hätten Ew. pp. nach Anleitung der erwähnten zweiten Hälfte 
ihrer Instruktion sofort das ganze Gewicht, welches wir überhaupt einzuwerfen vermögen, 
entgegenstellen können. Sür den Sall, daß Herr Campello Minister der auswärtigen Ange- 
legenbeiten bleiben sollte, kann ich nur bedauern, dah derselbe mir infolge dieser Telegramme 
Ew. pp. in einem Lichte erscheint, welches mir kaum gestattet, ihn ernsthaft zu nehmen. 
Ew. pp. ersuche ich ergebenst, die vor mir liegende Serie der Telegramme 81 bis 92 
nochmals im Susammenhange in hren Akten durchsehen m wollen und mir zu sagen, ob Sie 
aus dieser kurzen Zusammenstellung einer Reihe von Vorhersagungen, Drohungen und Ent- 
schließungen, welche sämtlich sich nicht verwirklichten und zum Teil von Haufe aus wenig 
glaubwürdig waren, nicht ebenso wie wir hier den Eindruck entnehmen, daß die Herren 
NRatan#i und Campello ein ungewöhnliches Maß von Leichtgläubigkeit und Mangel an Vor- 
aussicht, vielleicht auch von Unklarheit über die eigenen Entschließungen entwickelt haben. 
Sw. pp. wollen die Güte haben, mich darüber aufmilären, ob ein ruhiger Rückkblick auf die 
Ereignisse auch öhnen diesen Eindruck macht, oder ob ich infolge der notwendigen Unvoll- 
ständigkeit telegraphischer Mitteilungen mir ein falsches Bild von der Sache mache, welches 
mich abbält, der letzten Phase der italienischen Dolitik dieselbe vertrauensvolle Auffassung 
abmyewinnen, die sie bei Ew. pp. gefunden zu haben scheint. 
Es wird mir ferner von nteresse sein, vergewissert zu werden, ob die nach öhrem 
Celegramm vom 18. Ar. 85 von Natazji in Paris beabsichtigte Erklärung" dort wirklich 
abgegeben ist. 
Nach dem Telegramm Ar. 87 haben Ew. pp. dem Adjutanten des Königs Victor 
Emanuel gesagt, die römische Frage gebe Preußen nichts an. Sch darf annehmen, daß nur 
die telegraphische Kürze Ew. pp. abgehalten hat, zu melden, daß Sie dem Adjutanten unsere 
Sumpathien für die Bollendung der Einheit SItaliens und die zwingenden Gründe, welche 
uns dennoch verbieten, direkt gegen den Papft Partei zu nehmen, nach Anleitung der Un- 
struktion vom 13. entwickelt haben werden. Unfere Ew. pp. und durch Sie oft kund- 
gegebenen Sympatbien für Italien können freilich dadurch nicht gefördert werden, wenn 
Ew. pp. lich genötigt finden, jeden Wunsch Italiens in Bezug auf unsere Politik mit der 
schließlichen Perspektive zu unterstützen, daß „Stalien sonst in Frankreichs Hand falle und 
notwendig dessen Allüerter werde“. Sch kann nicht leugnen, daß dergleichen allgemeine 
Befürchtungen durch die häufige Wiederbolung, in der sie mir aus Ew. pp. Berichten ent- 
gegentreten, in Gewicht erheblich verlieren, und erlaube ich mir bei Gelegenheit der An- 
deutung in Ew. pp. TCelegramm Tr. 90, daß NRatazzis Sall für Hreußen sehr gefäbrlich sei, 
an die Besorgnisse zu erinnern, die sich in noch stärkerem Maße an den Fall Ricasolis und an 
den Eintritt Ratanis ins Amt knüpften. Die „Negotiationsmittel“, welche wir damals 
zur Stärkung Nicasolis angewendet haben, hatten die beabsichtigte Wirkung nicht; und 
wenn Ew. pp. jetzt nicht imstande gewesen sind, aus meiner õnstruktion vom 13. ausreichende 
Negotiationsmittel zur Erhaltung Vatanis im Amte m entnehmen, so kann ich dies wohl 
beklagen, aber nicht ändern. 
* Aach Ufedoms Telegramm Tr. 85 vom 18. Cktober beabsichtigte Ratani, in Paris erklären u 
lassen. Sech, Ulegen an Preuben die bündigste Versicherung wegen Schonung pöpltlicher 
Draußen wünsche alles bermiehen, u seben, k6 zu Iterwentien des eisers der Sramtolcn üee babe.? 
le Itallens Unabbängigkeit gefäbrdete, an welcher Dreußen wie Curopa ein gr "a 
Vach einem Fnsebängigeit . Goltz vom 25. Oktoder (liedbe Nr. 906) war jeboch das Telegramm 
Uedoms Ar. 8§° seblerhaft entdlffert.
        <pb n="103" />
        Galsche französische Einschätzung deutscher Presseartikel. 89 
*7000. Erlaß an den Botschafter in Darls Grafen von der Goltz. 
· lKonjcht von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.] 
In einem Telegramm vom 18. Cktober hatte Graf v. d. Goltz die MutmaHung aus- 
gesprochen, daß zu dem im franjösischen Ministerrat vom 16. #Lelahten Interventionsbeschluh ein 
unmittelbar vorher erschienener Artikel der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ beigetragen 
babe, der eine scharfe Kritik an dem italienischen Vorgehen gegen Rom übte und von der 
ministeriellen französischen Dresle mit großer Befriedigung als ein Jeichen aufgenommen worden 
war, daß Preußen der französischen Intervention nicht entgegen sei. 
Berlin, den 21. Oktober 1867. 
Ew. pp. erwähnen in dem Telegramm vom 18. d. M. Nr. 137, daß ein dos italienische 
Gouvernement tadelnder Artikel in Nr. 242 der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ von 
der dortigen ministeriellen Presse mit Befriedigung wiedergegeben worden sei, und bezeichnen 
es als möglich, daß derselbe zu der Beschließung der Intervention beigetragen habei. Wie 
unrichtig man in Haris die Bedeutung des genannten Blattes und unser Verhalten m der 
Presse überhaupt beurteilt, werden Cw. pp. dem Kaiser und den Ministern am besten 
anschaulich machen, wenn Sie ihnen sagen, daß ich erst durch hr Telegramm veranlaßt 
worden bin, den bezeichneten Artikel aufsuchen zu lassen und zu lesen. Wir legen bier auf 
Seitungs--Artikel, mögen es biesige oder französische sein, überhaupt nicht das Gewicht, 
welches sie in Paris zu haben scheinen. Die „Morddleutsche) Sleitung)“ macht darin keine 
Ausnahme-. Wenn ich mich auch nicht speziell gegen Ew. pp. darüber ausgesprochen haben 
sollte, daß dieselbe zwar, gleich anderen Blättern. Mitteilungen von Behörden, auch aus 
meinem Nessort, erhält, aber keineswegs in betreff ihrer Leitartikel oder ihres ganzen 
Inhalts die Vermutung offiziösen Charakters für sich hat: so werden Ew. pp. doch die 
wiederholten derartigen Erklärungen im „Staatsanzeiger“ einen Andalt für die Berich- 
tigung jener irrigen Vorstellung geben. Sch füge hinm, daß der Redakteur der „Aord- 
deutschen Allgemeinen Zeitung“ infolge äbnlicher Ungeschicktheiten auf dem Selde der 
auswärtigen Dolitik schon seit Monaten gar keine Mitteilungen aus dem auswärtigen 
MAinisterium mehr erbält. 
öch ersuche Ew. pp. ergebenst, sich auf diese Beranlaossung in den betreffenden Kreisen 
überhaupt darüber aussprechen zu wollen, daß die Matur unserer Presse eine ganz andere ist 
wie die der französischen, und daß sie nicht in der Weise als Werkzeug der Politik benutzt 
wird, wie man dort vorausmsetzen scheint. Die Gewohnheit, die Politik der Regierung in 
Seitungsartikeln kundzumachen, die Berechnung, durch Seitungsartikel auf fremde Kabinette 
wirken zu wollen, existiere bei uns nicht. Das Ministerium babe sich auf Mitteilungen von 
prinzipiellem oder kritischem Charakter nie eingelassen und würde, wenn einmal das Be- 
dürfnis eintreten gollte, jedenfalls ein geschickteres Organ dazu ausersehen als die „Nord- 
deutsche Seitung“". Die Tagesübersichten — und eine solche ist es, in der der erwähnte Tadel 
der italienischen Regierung ausgesprochen ist — für die Journale schreiben zu lassen, bätten 
wir nicht die Kräfte, und sie m lesen, hätte ich wenigstens nicht die Seit. 
1 Auch Graf Ufedom glaubte aus dem Artikel der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ (der durch 
den „Stoatsanzeiger“ vom 23. Otober in aller Form dementiert wurde), Ichliehen m sollen, daß man in 
Berlin „unglückrlicherweise mit der gegenwärtigen itallenischen Politik Aapoleons einverstanden lei.“ Aus 
dem Leben Th. v. Bernbardis, VIII, 138. 
„ Die beiden letzten Sätze eigenbändiger Jusatz Bismarcks.
        <pb n="104" />
        90 Neuer Mihgriff Usedoms. Türkisches Organisationsprojekt für Kreta und die Mächte. 
*901. Telegramm an den Gesandien in Florenz Grafen von Usedom. 
[ Konfzept von der Hand des Vortragenden ARats Theremin.) 
Nach einem Telegramm Usedoms vom 21. Cktober (Ar. 93) drohten die Bemühungen 
Cialdinis, ein neues Ministerium mstande zu bringen, m scheitern. Usedom jelbst, der nach 
leiner Hrrichterlstattung lehr voreingenommen für ARatani war (ogl. auch: Aus dem Leben 
Tb. v. Vernbardis, VIII, 132 ff.), war, wie er Bismarck offen mitteilte, bemüht, einem Wieder- 
eintreten Ratanis die Wege zu ebnen. 
Berlin, den 22. Cktober 1867. 
Aus Ew. pp. Telegramm Nr. ersehe ich, daß Sie für Ratazzis Wiedereintreten 
bemüht sind. Ich ersuche Ew. pp., in Erwägung zu nehmen, daß eine solche Unterstützung 
einer der dortigen Parteien, wenn sie mißlingt, Sie notwendig in eine unangenehme 
Stellung zu der andern, die an das Ruder kommt, bringen muß, und ersuche ich Ew. pp., 
sich jeder Cinmischung, zu der Sie nicht von bier aus beauftragt sind, m enthalten. 
*902. Telegramm an den Gesandten in Konstantinopel 
Grafen Brassier de St. Simon. 
[Konzept von der Sand des Vortragenden Aats Ther##mn. 
Nachdem die Cürkei Anfang September (ogl. NAr. 852, Vorbemerkung) den mündlichen Vorschlag 
der Vertreter Ruhlands, Srankreichs, Preußens und Italiens, die Seindseligkreiten auf Kreta für 
drei Monate einzustellen und inzwischen eine internationale Kommission zur Seststellung der Wünsche 
der Bevölkerung einmsetzen, in der Hauptsache abgelehnt und statt dessen ein durchaus ungenügendes 
Projekt für die künftige Organisation der Insel vorgelegt hatte, verhandelten Rußland und 
Grankreich über eine möglichst von allen interessierten Mächten gemeinschaftlich abzugebende Er- 
klärung, die der Pforte klarmachen sollte, daß die Geduld der Mächte nachgerade erschöpft 
lei. Am 21. September übersandte Fürst Gortschakow dem anssischen Botschafter in Daris den 
Entwurf zu einer solchen Erklärung (Les Origines Diplomatigues de la Guerre de 
16970—18STI, XVIII, 325 ss.), an dem jedoch französischerseits noch wesentliche Anderungen vor- 
genommen wurden. Am 22. Oktober sprach Kaiser Alexander II. dem preußischen Militär- 
bevollmächtigten v. Schweinit den Wunsch aus, doh Preußen die so modifijierte Deklaration, 
deren Text gleichzeitig in Berlin vorgelegt wurbe, annehme. 
Berlin, den 22. Oktober 1867. 
Die rufsische Regierung wünscht, daß wir uns einer von ihr entworfenen und von 
Frankreich amendierten gemeinsamen Erklärung an die Pforte anschließen. Sch habe m- 
gesagt, dies bei Seiner Moajestät dem Könige, den ich morgen erwarte, m befürworten. 
Sobald die allerhöchste Cntscheidung erfolgt, telegraphiere ich Shnent. 
*903. Telegramm an den Gesandten in Konstantinopel 
Grafen Brassier de St. Simon. 
[CEigenhäöndiges Konsjept.)] 
In einem Telegramm vom 23. Cktober hatte Graf Brassier bemerklich gemacht, daß nach 
Mçitteilungen des österreichischen Geschsststrägers Österreich und England sich schwerlich der 
rujsisch-franzölischen Deklaration (ogl. ARr. 902) anschließen würden. 
Berlin, den 23. Cktober 1867. 
Tellegramm) vom 23. ohne No. erxhalten. Ew lpp.) wollen dennoch Sich der Er- 
Klärung anschließen, falls sie von Mußland ulnd] Frankreich gemeinschaftlich gegeben wird. 
Wir baben dieß den Aufsen zugesagt. 
Anm B. fügte Dismarck tel · ch: „Der König hat, genehmigt, daß Sie sich der im Tele- 
gramm Ar. 26 E — und Sebnreiche Snpchttehent
        <pb n="105" />
        Muslisch--französisch-preuhische Erklärung an die Pforse. 91 
*904. Telegramm an den Gesandten in Konstantinopel 
Grafen Brassier de St. Simon. 
[CEigenhändiges Konsept.] 
. Nach einer Meldung Graf Brassiers vom 25. Cktober schien Frankreich durch Osterreich 
in dem DPlane einer gemeinschaftlichen Erklärung an die Pforte (ogl. Ar. 902, 903) wieder irre- 
gemacht worden m sein. Der Sesandte mutmahte, daß NuHland, falls SFrantreich wirklich 
mrücktreten Jollte, ssch an Preußen und Stalien mit dem Antrage, die Erklärung nunmehr m 
Dreien abzugeben, wenden werde. 
Berlin, den 25. Oktober 1867. 
Sw. lpp.] haben sich nur einer gemeinschaftlichen Erklärung Rußlands ulndl 
Frankreichs anzuschließen, dieser aber auch dann, wenn die andern Alächte sich nicht be- 
tbeiligen. Den Text werden Sie von Shrem rufflisch)-französlischen) Collegen erhalten, 
über deren Einverständniß bezüglich des Textes Sie Sich dort zu vergewissern haben. 
*905. Runderlaß an die Missionen bei den Großmächten. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats TCher#nn.] 
Vertraulich. Berlin, den 25. Oktober 1867. 
Ew. lpp.] habe ich mit meinem Erlasse vom 18. d. M. den Plan der Pforte für die 
neue Organisation der Insel Kandia mitgeteilt. Wie der Königliche Gesondte in Kon- 
stantinopel denselben beurteilt, wollen Ew. pp. des näheren aus dem im Auszuge absfchrift- 
lich beigefügten Berichte desselben vom 6. d. M. entnehmen. MWit der Ansicht des Grafen 
von Brajsier, daß die von der Pforte beabsichtigten Maßregeln weit entfernt sind, den 
Zwecken m entsprechen, welche die Mächte, die in Konjtantinopel für die kandiotischen 
Thristen eingetreten sind, verfolgt haben, stimmen Rußland und Grankreich überein. Beide 
MNächte haben sich entschlossen, eine von der rufsischen Regierung entworfene und demnächst 
in Daris amendierte Erklärung an die Pforte m richten, welche Sw. pp. im Sntwurfe 
abschriftlich beigefügt finden", und welcher beizutreten wir von Rußland ersucht worden 
sind. Diese Erklärung hat, wie mir scheint, vorzuugsweise den Sweck, den Mächten, welche 
in erster Linie die Interessen der Cbristen in Kandia und im türkischen Reiche bei der 
Pforte vertreten haben, den einstweiligen Rückzug durch eine etwas starke Sprache m 
erleichtern. Wir glauben durch unsre Betheiligung an dem boablichtigten Schritte der 
Lösung der bisherigen Spannung förderlich zu seins, und der Königliche Gesandte in Kon- 
stantinopel ist demnach angewiesen worden, sich der in Aede stehenden Erklärung anzu- 
schließen. 
Ew. pp. unterlasse ich nicht, hiervon zu öhrer perfjönlichen Information in Kenntnis 
zu setzen. 
Nachschrift. Berlin, den 30. Cktober 1867. 
Nach einem soeben eingegangenen Telegramm des Grafen Brassier ist die Erklärung" 
gestern an Fuad Pascha übergeben worden. 
2 Hier nicht abgedruckt. 
Teil des Satzes eigenbändiger Jusatz Bismarcks. 
; Sebe Lent der Erklärung vom 29. Oktober in: Das Staatsarchio, XIII, 334.
        <pb n="106" />
        92 Die Lage in Sloren). Der baprische Neĩchsrat und das Jollbündnis. 
*006. Erlaß an die Missionen in Paris, London, Wien 
und Detersburg. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden ARats Abeken.] 
Berlin, den 25. Cktober 1867. 
Ew. pp. übersende ich in Anschluß an meine Mitteilung vom 19. d. M. ANAr. 
Ablchrift eines ferneren Erlasses an den Königlichen Sesandten in Slorenz vom 21. d. M.-, 
nebst seinen sämtlichen Beilagen. 
Aus diesem Erlasse, welcher nur zu öhrer eigenen persönlichen Information 
und Orientierung bestimmt ist, wollen Ew. pp. sowohl die allmähliche Entwicklung der 
Lage in Slorenz als die Stellung erfahren, welche die Königliche Regierung in der gegen- 
wärtigen Krise nach den verschiedenen Seiten hin einnimmt, und die Rücksichten, welche 
ihr eine vorsichtige Haltung zur Pflicht gemacht haben, um nicht in eine Komplikation 
verwickelt zu werden, welche durch die Vermischung religiöser und politischer Interessen 
einen nicht vorher m berechnenden Charakter hätte annehmen können. 
Ich will dabei nicht unerwähnt lassen, daß die auf Seite 12 oben gestellte Anfrage 
über eine beabsichtigte Erklärung Ratazzis in Paris= durch ein Versehen im Chiffrieren 
der telegrophischen Depesche des Grafen Usedom veranlaßt war, und dieser Punkt daher 
als erledigt m betrachten ist. 
*907. Telegramm an den Gesandien in München 
Freiherrn von Werihern. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.)] 
8. Juli Mhd, den bayprischen Reichsrat sehr wohrlchginlich lei. Fürst Hohenlobe Ichwanke 
Ur den letzteren Jall würde es Hobenlobe 
erwünscht sein, ob er auf eine Verlängerung der von Bismarck für die Ratifizierung des Ver- 
trags gestellten Srist — 31. Oktober — rechnen könn 
Berlin, den 25. Oktober 1867. 
Auf eine Verlängerung der Ratifikations früst, welche der Fürst Hohenlohe 
wohl im Sinne gehabt bat, können wir nicht eingehen. Eine solche würde bei unsern 
Gegnern einen Sweifel an der Gestigkeit unserer Entschließung erregen, überdies weniger 
geräumig sein als die sechsmonatliche Frist nach der Kündigung. Letztere genügt m einer 
Wiederberstellung des Bertragsverhältnisses, wenn man sich dam entschließt. 
*008. Telegramm an den Gesandten in Stutigam 
Frelherrn von Rosenberg. 
[Cigenhändiges Konjept.] 
Am 26. Oktober batte in der bayrischen Kammer der Aeichsräte die Verhandlung 
über das Zollbündnis Nattgefunden. Um die Gefabr einer lofortigen endgültigen Ablehnung 
B beseitigen, batte FSürst Löwenstein ein Amendement eingebracht: „In Erwögung" da 
le Kammer der Meichsräte stets bereit sein wird, dem Sortbesteben des Jolloereins un dem 
grohen Autzen, den derselbe dem Lande gewährt, Opfer mu bringen, sobald diefselben sich nur 
14 Slehe Mr. 895. 
2 Sleer. 899. 
2 Vgl. S. 68, Anm. 3.
        <pb n="107" />
        Hobenlohes und Tbüngens Aeise nach Berlin. Ausführung des Vertrages mit Georg V. 93 
auf dem Boden der materiellen Interessen bewegen, nicht aber, wenn die Selbständigkeit 
Baperns in Gefahr stände, beschließt die Kammer, den vorliegenden Verträgen ihre Zu- 
stimmung nur unter der ausdrücklichen Bedingung zu erteilen, daß das dem Staate Bauern 
in dem bisberigen Vollvereinsvertrage mstebende ARecht der Justimmung oder Verwerfung 
in allen das Sollwesen und die innere Besteuerung betreffenden bss, auchn in den neuen 
Verträgen Ausdruck finde.“ Aachdem dieses Amendement mit sehr er Moajorität an- 
genommen war, reiste noch am Abend des 26. Sürst Hohenlohe mit d- erichterstatter der 
Kammer der Aeichsräte Freiberrn v. Thüngen nach Berlin, um den Versuch ziu machen, 
schon bei dem Alschluß des Solloertrages von Preußen abgelehnte baprische liberum 156 
doch noch durchzusetzen. Bismarck aber bette bherade am 26. im Neichstage bei der Beratung 
des Sollvertrags nochmals unterstrichen: „Ich kann nur den Weschluh der verbündeten NAegie- 
rungen bekunden, dah wir entschlossen sind, die wirtschaftliche Gemeinschaft nur mit denen 
lertuseoen, die es freiwillig tun, und die auch die Gemeinschaft der Wehrkraft auf nationaler 
asis mit uns fortzuseten entschlossen sind, und dah wir demnach, wenn die neuen Soll= 
verträge, wie sie in dem Bertrage vom 8. Juli vor Ihnen liegen, nicht Annabme finden, 
wenn die Bundesverträge — was ich bis jetzt und für immer im Vertrauen auf den Wert 
nes deutschen Königwortes vollständig in Abrede stelle — wenn die Bündnisverträge in 
rage geltellt werden gollten — daß wir an demselben Tage die alten Sollvereinsverträge 
ündige (H. Kohl, Die politischen Reden des Fürsten Bismarck, III, 347.) Unter diesen 
misteen war der negative Ausgang der Teise Hohenlohes und DTbüngens, die am 27. zwei 
Stunden mit Bismarck verhandelten, am 28. auch vom König empfangen wurden 
(ogl. Denkwürdigkeiten Hohbenlohes, II. 279 ff.), im voraus besiegelt. Am 31. Oktober be- 
quemte sich dann auch die Beichsratskammer Jzur Annahme des Vertrages. 
Berlin, den 27. Oktober 1867. 
Flürst) Hohenlohe ulnd] Thüngen bier eingetroffen. Eingehn auf die Bedingungen 
des bairlischen) Reichsraths bleibt für uns unmöglich. Wir ziehn selbst die dauerndo 
Trennung der Beeinträchtigung unfrer Bundesverfassung vor. 
OEEZG 
*909. Schrefben an den Staatsminister Freiherrn von der Heydt. 
[Konzept.)] 
Berlin, den 29. Cktober 1867. 
Ew. pp. beehre ich mich. auf das gefällige Schreiben vom 24. d. M. ganz ergebenst 
zu erwidern, daß ich ebenfalls von der Ansicht ausgebe, die Rücklieferung der nach England 
geschafften Wertpapieren müsse erfolgen, ehe diesseits mit Erfüllung des Vertrages vor- 
geschritten, insbesondere die Beschlagnahme des Privatvermögens des Königs Georg auf- 
gehoben werden kann. 
Ferner bin ich auch mit Ew. pp. darin einverstanden, daß die Ausführung des Ver- 
trages — mit Ausnahme der Kapitalabfindung — in der vorgeschlagenen Weise dem 
Herrn Oberpräsidenten in Hannover übertragen werde. Sch bin bereit, denselben zu diesem 
Sweck mit Ew. pp. gemeinschaftlich mit Snstruktion zu versehen, und nehme das Anerbieten, 
dielse Instruktion entwerfen und mir zur Mitzeichnung zugeben zu lassen, mit Dank an. 
Was das in dieslseitiger Verwahrung verbleibende Depositum anlangt, so habe ich 
gegen die von Sw. pp. beabsichtigte Aiederlegung bei der Generalstaatskasse kein Be- 
denken. 
Hinsichtlich der zinsbaren Anlegung der baren Abfindungssumme werde ich weiterer 
geneigter Mitteilung ganz ergebenst entgegenjehen. 
4 Vgl. daju Nr. 894.
        <pb n="108" />
        94 v. Kattes undiplomatisches Vorgehen. 
*910. Drivatschreiben an den Geschäftsträger in London von Katte. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Vertraulich. Berlin, den 29. Öktober 1867. 
Ew. pp. haben in Shrem gefälligen Bericht Nr. 267 vom 23. d. Al. den Inhalt einer 
Unterredung wiedergegeben, welche Sie mit Lord Stanlex über die römische Srage gehabt 
haben. Die Veranlassung dazu hatte Shnen mein, in dem Erlasse Nr. 342 vom 19. d. M. 
ausgedrücketer Wunsch gegeben, durch Ihre Vermittlung die Eindrücke der Situation auf 
das Königlich Großbritannische Kabinett zu erfahren. Die Darstellung, welche Ew. pp. 
von Ihrem eigenen Verfahren geben, fordert mich zu einigen vertraulichen Bemerkungen 
auf, welche ich in Shrem eigenen Interesse ausspreche. 
So gern ich den Eifer anerkenne, mit welchem Ew. pp. diesem Wunsche zu entsprechen 
bemüht gewesen sind, so fürchte ich doch, daß dieser Cifer Ew. pp. veranlaßt hat, die Rück- 
sichten, welche bei der Ausführung eines solchen Auftrages maßgebend bleiben mußten, 
einigermaßen aus den Augen zu lassen. Meine Absicht war an sich nicht auf eine direkte 
Interpellation des Königlich Großbritannischen Ainisters der auswärtigen Angelegen- 
beiten gerichtet. Eine solche würde immer nur in ausdrücklichem und amtlichem Auftrag 
und im entscheidenden Augenblicke erfolgen, wo eine ANegierung behufs unmittelbar m 
fallender eigener Entschlüsse der Haltung einer fremden Regierung sich vergewissern muß. 
Im gegenwärtigen Augenblicke kam es darauf an, in mehr indirektem Wege der Unter- 
baltung — ulnd] soweit dieß ohne directe Sragen möglich= — den Eindruck zu erkennen, 
welchen die Si#tuation bei dem Königlich Großbritannischen Kabinett gemacht; ist ein Minister 
auch dann, wenn eine Angelegenheit ihm gegenüber gesprächsweise berührt wirde, in seiner 
Mitteilung über dieselbe so zurückhaltend, daß sich keine bestimmte Anschauung daraus 
gewinnen läßt, so muß diese Zurückhaltung respektiert und der Versuch, sie zu überwinden, 
nicht durch direkte Sragen gemacht werden, welche entweder den nicht beabsichtigten Ein- 
druck einer förmlichen Interpellation machen oder indiskret erscheinen müssen. Ich kann 
Ew. pp. versichern, daß ich wenigstens einen fremden Seschäftsträger, welcher auf golche 
Weise, wie Cw. pp. dies nach öhrer eignen Darstellung Lord Stanley gegenüber getan 
baben, nicht wieder empfangen würde“. 
Ew. pp. bitte ich, diesen vertraulichen Erlaß als einen persönlich freundschaftlichen 
Rat entgegenzunehmen, um sich in zukünftigen Sällen die angedeuteten Gesichtspunkte 
gegenwärtig erhalten zu können. 
*911. Erlaß an den Botschafter in Darls Grafen von der Golt. 
[Konzept von der Band des Vortragenden Rats Abeken.] 
In einem Bericht vom 27 Gttber war Hraf rodK baelhipsurign Luf lbie #aa 
ei i em französischen Interventionsbeschluß und dem Italiens Ver- 
ule Gusemen ruchische dee LEsische Allgemeinen Zeitung“ (ogl. Ar. 900) zurück- 
Slebe Nr. 895. · . 
IVieWokm»I.Ilnd]lowtitdish».« kigeahsndidqek SänxchtzubBYistaIckm 
«Vtk·P0llu-:»auchdana,wona...«elqeabönigetua ismarcks. * 
iederholt bitter über die ausdringliche und indiskrete Art beklagt, 
in der burtschüch der Bcmerch ich bu de Bébaine ausfragte. Vol. Ar#.#1.
        <pb n="109" />
        Die französische Intervention und die „Norddeutsche Allgemeine ZSeitung“. 95 
gekommen. Er glaubte Bismarcks Anweisungen nicht so verstehen zu sollen, daß er Mapoleon III. 
und dessen Minister auf einen solchen Susammenhang bin anreden jolle. Im übrigen wollte er 
bereits mehrach die framölischen Minister dovor gewarnt haben, den Artikeln der „Nord- 
deutschen Allgemeinen Seitung“ zu viel Gewicht beizulegen. 
Berlin, den 29. Cktober 1867. 
Ew. pp. gefälliger vertraulicher Bericht Ar. 323 vom 24. d. M., die durch die Artikel 
der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ hervorgerufenen Eindrücke betreffend, habe 
ich erhalten und daraus mit Befriedigung ersehen, daß Ew. pp. bereits bemüht gewesen 
sind, die französischen Minister gegen das übertriebene Gewicht zu warnen, welches die- 
selben den Artikeln dieser JZeitung beizulegen geneigt sein möchten. 
öch brauche nicht erst u bemerken, daß Ew. pp. in der Voraussetzung nicht irren, 
eine solche Erklärung, wie die von Ihnen in dem Bericht angedeutete, habe nicht in 
meiner Absicht gelegen. 
Dagegen wünsche ich allerdings, daß Ew. pp. jede geeignete Gelegenheit dazu benutzen 
mögen, um den Kaiser und die Minister auf den Unterschied der französischen Dreßmstände 
und der unfrigen aufmerksam zu machen. 
Was spezjiell die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ betrifft, so ist nicht allein an 
meinen früheren Erklärungen streng festzuhalten, wonach dieses Blatt durchaus keinen 
Anspruch darauf hat, in seinen politischen Artikeln als offiziöses Organ der Königlichen 
Regierung angesehen zu werden, sondern die Taktlosigkeit dieses Blattes hat mich auch 
seit Monaten veranlaßt, jede Verbindung mit demselben abzubrechen: und ihm gar keine 
Aitteilungen mehr zugeben zu lassen, sondern für solche, wo das Bedürfnis dazu vor- 
handen, andere Organe zu wäblen. « 
Im allgemeinen aber darf man nicht aus den Augen verlieren, daß das Sustem der 
Beeinflussung der Presse, wie es in Irankreich stattfindet, schon aus Mangel an dazu 
verwendbaren pekuniären Mitteln bei uns nicht durchgeführt werden kann, und daß daber 
die Dresse bei uns eine bei weitem unabbängigere Stellung einnimmt als dort. Sw. pp. 
haben dies oft genug selbst zu bemerken Gelegenheit gehabt, wenn Sie die Ihnen voll- 
ständig bekannten Auffassungen und Absichten der Königlichen Regierung mit gleich- 
zeitigen Artikeln felbst solcher Journale vergleichen, welche im ganzen keineswegs eine 
oppositionelle Cendenz verfolgen; und es wird Ihnen daher an MWaterial nicht fehlen, um 
der Kaiserlichen Regierung den Unterschied anschaulich m machen. 
Die von Shnen bereits erwähnte Erklärung des „Staats-Anzeigers“: spricht dies 
offen aus. 
1 Am 24. Oktober hatte Bismarck auch dem Staatsminister Grafen zu Eulenburg nabegelegt, der 
„Norddeutschen Allgemeinen Jeitung“ die ihr bisber aus staatlichen Sonds gezahlte Unterstützung zu ent- 
iehen, jedoch nahm er auf Verwendung Culenburgs von der Durchführung dieser Absicht noch Abstand. 
on neuem sah sich Bismarck am 25. Mär) 1865 durch einen wenig taktoollen Artikel der „Nord- 
deutschen Allgemeinen Zeitung“ über die „Dolitischen Darteien in der Nordamerikanischen Union“ in die 
Lage versetzt, den Grafen Culenburg auf die Rotwendigkeit, dem Blatte die bisberige Unterstützung m 
entziehen, binzuweisen. Der „Staaksanjeiger“ brachte bei diesem Anlaß ein von Bismarck teilweise felbst 
konzipiertes geharnischtes Dementi. Wie Eulenburg Bismarck am §. April mitteilte, übernahm der 
leitende Redakteur Dr. Braß nunmehr die Verpflichtung, obne ausdrückliche Anweisung keine aus- 
wärtige Macht m befeinden, vielmehr jein ganzes Streben in zu richten, durch die Haltung der Zeitung 
die Stellung der NRegierung nach allen Seiten zu unterstützen und zu erleichtern“. 
2 Vagl. Nr. 900, Anm. 1.
        <pb n="110" />
        96 Kündigung des Sollbündnisses in München? Unklare Meldungen Usedoms. 
Ich habe auch nicht unterlassen, infolge Ihrer Bemerkung über den Eindruck, den 
die Verbreitung der Artikel der „Aorddeutschen Allgemeinen Seitung“ durch das Wolff- 
sche Telegraphenbüro macht, auf eine Abstellung dieses Mißbrauchs so viel als möglich 
binmwirken. 
*912. Telegramm an den Gesandten in Mänchen 
Freiherrn von Werthern. 
[Eigenbändiges Konjept.] 
Berlin, den 30. Oktober 1867. 
Der Sicherbeit wegen benachrichtige ich Ew. pp., daß wir weder auf den Reichsratbs-= 
beschluß noch auf den Wunsch. Natificationstermin und Kündigung binauszuschieben, ein- 
gehn konnten:, und daß also am 1. ARovlember] unter mündlicher Bezugnahme auf die am 
31. unterbliebne Natification die Soll-Verträge durch Uebergabe der in Ihren Händen 
befindlichen Note von Ew. pp. zu kündigen jind. 
*913. Erlaß an den Gesandien in Florenz Grafen von Usedom. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Unter dem Drucke des am 26. Oktober erfolgten Abbonge des französischen Expeditions- 
Korps nach Tioitavecchia war am 27. in Sloren) die neue Regierungsbildung unter General 
Menabrea als Ministerpräsidenten zustande gekommen. Es blieb der italienischen Regierung, 
wenn sie einen Jusammenstoß mit den am 30. in Rom einziebenden französischen Kruppen ver- 
melden wollte, nichts anderes übrig, als auch ihrerseits von der Garibaldischen Unternehmung 
energisch abzurückten. Aus Aücksicht auf die erregte öffentliche Meinung wurden jedoch die 
itallenischen Truppen an die Grenze des Kirchenstaats vorgeschoben. Die Berichterstattung 
LUsedoms gewährte mnächst keinen klaren Einblick in die Sachlage. Aachdem er am 27. Cktober 
als Drogramm des neuen Ministeriums gemeldet batte: „Völlige Unterdrückung der 
Insurrektionskomitees, aber wenn GSrankreich Nom besehzt, gleichfolls Einmarsch in Gebiet"“, 
e er am 28. als nächstes Ergebnis der Situation binzu: „Seindfeligkeiten vor Rom werden 
jetzt oushören, Garibaldi zurückkehren, leine Anhänger suchen ihn perfönlich m retten.“ Dah 
mit einer lolchen völlig unklaren Meldung nichts amufangen war, erkannte auch König. 
Wllbelm I., dem Bismarck die Usedomschen Telegramme vorlegte. 
Berlin, den 31. Oktober 1867. 
Sw. pp. Telegramm Nr. 103 vom 28. d. Al. wurde von mir gleich nach dem Eingange 
Seiner Majestät dem Könige vorgelegt, allerhöchstwelcher bemerkte, daß dasselbe an Un- 
klarheit leide und ihn nicht in den Stand setze, die Situation zu beurteilen. Worauf 
gründet sich die so bestimmt ausgesprochene Überzeugung Sw. pp., daß die Feindseligkeiten 
vor Nom ohne weiteres aufhören und Garibaldi zurückkebren werde? Dies scheint vor- 
ausmsetzen, daß Garibaldi und die Leiter der Bewegung in der Tat von der Regierung 
abhingen und bisber nur nach dem Willen derselben ihre Aktion durchgeführt, die letztere 
aber auch nach dem Willen derselben sofort einzustellen bereit wären. In welchem Sinne 
* Vol. dam Ar. 907 und Ar. 908. ferner Denkwürdigkelten des Fürsten Chl. m Hobenlobe- 
Schlulngorfülri. I. 275 fl.
        <pb n="111" />
        Gefahr eines französisch-italienischen Konflikts. Bernstorff joll auf jeinen Posten zurũckkehren. 97 
ferner würden die Anhänger Garibaldis dann das Bedürfnis haben, ihn perfönlich zu 
retten? und wodurch wäre er noch perfönlich gefährdet? Seine Majestät wünscht nähere 
Angaben und größere Präzision in den Berichten. 
*914. Telegramm an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reußt. 
- lcigöahändiges Konjeptl 
nickt-, wie er noch am Fiel chen S io sche mitteilen lieh, ie —. 
träger den Wunsch aus, bc die italienische Regierung unter allen Umständen einen Jusammen-- 
stoh mit den franzölischen Cruppen vermeiden möge. 
Berlin, den 31. Oktober 1867. 
Nachdem uns heut mitgetheilt, daß die Könliglich) Staliänlischen) Truppen in päpft- 
liches Gebiet eingerücktt, haben wir das Cabinet von Slorenz in freundschaftlicher Sorm 
ersucht, dahin zu wirken, daß Begegnung itallienischer) Streitkräfte mit französischen ver- 
bütet werde. Sagen Sie dieß vertraulich an Flülrst Glortschakow] mit Anheimstellen, ob 
dortiges Cabinet es nicht im nteresse des Sriedens indicirt findet, ähnliche Wünsche in 
Paris kund zu geben, wo wir uns enthalten, um keine Empfindlichkeit zu erregen. 
*915. Drivatschreiben an den Boischafter in London 
Grafen von Bernstorff, z. Zt. in Stintenburg. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Vats Abeken.] 
Vertraulich. 6 Berlin, den 1. November 1867. 
Ew. pp. werden ohne Sweifel auch von EShrem Landaufenthalte aus die Entwicklung 
der römischen Angelegenheit durch die neuen Schritte Srankreichs und Staliens hinreichend 
haben verfolgen können, um den ganzen Ernst der Situation zu beurteilen, und werden es 
daber begreiflich finden, wenn ich mich vertrauensvoll an Sie wende, um Shnen den Wunsch 
ausmdrücken, daß Sie bald auf Ihrem Posten in London wieder eintreffen möchten. Die 
Haltung Englands ist in dieser Srage eine zu wichtige, als daß Seine Mojestät der König 
nicht wünschen müßte, unsere Bejiehungen zu dieser Macht und die etwa notwendig 
werdenden Kommunikationen in der Hand des Missionschefs zu seben, dessen Takt und 
staatsmännische Erfahrung allerböchstdieselben kennen. Bei aller Anerkennung der Tüch- 
tigkeit des Herrn von Katte kann ich doch zu einem verhältnismäßig jungen Diplomaten 
nicht die volle Suversicht hegen, daß er unter allen Umständen das richtige Augenmah für 
die Tragweite seines Auftretens gegenüber dem englischen Minister bewahren werde. Ich 
teile Ew. pp. anliegend vertraulich ein Schreiben mit, welches ich in diesen Tagen an den- 
selben zu richten mich bewogen gefunden habe, um ihm in freundschaftlicher Weise die Rat- 
schläge zukommen zu lassen, zu welchen mich sein Bericht über eine Unterredung mit Lord 
Stanleu veranlaßt hatte; und wenn ich auch nicht zweifle, daß diese Mahnung einem rich- 
4 Das deiche, Lelegremm ging an die Mission in London. 
——————7 !— 
VIa
        <pb n="112" />
        98 Napoleon empfieblt einen Kongreß zur Lösung der römischen Srage. 
tigen Verständnis begegnen und von Erfolg sein werde, so ist doch der Ernst der Situation 
zu groß, als daß ich nicht im Snteresse des Dienstes Seiner Mojestät des Königs wünschen 
müßte, diejenige Bürgschaft für die Leitung der Geschäfte zu haben, welche Ihre Anwesen- 
beit in London allein geben kann. 
Ew. pp. werden mich daher durch die Erfüllung meiner Bitte zu verbindlichstem Danke 
verpflichten. 
*916. Telegramm an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
[CEigenhändiges Konjept.)] 
Auf Bismarckks Weisung vom 31. Cktober (iehe Ar. 9214) batte Prinz Reuß am 
1. Aovember gemeldet, daß E Gortschakom es vorziehe, sich nicht in die römische Frage 
einzumengen, und in Daris um Jo weniger Natschläge erteilen möchte, als er an ein gebeimes 
Einvernehmen wwischen Snenlo und Italien glaube. 
Berlin, le ler novembre 1867. 
N'insistez pas trop, je suis à peu pres de Popinion du Plrinlce Clortschakoffl; mais 
pour acquit de conscience vis-à-vis de ceux qui ne sont pas convaincus de Taccord tacite, 
i. faut afficher sollicitude dans Pintéerèt de Titalie et de la paik. Nous ne nous meéle- 
rons pas non plus des affaires qui ne nous regardent pas. 
*912. Erlaß an den Botschafter in Paris Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken.] 
Am 25. Oktober hatte Marquis de Moustier ein Girkular an die franzölischen Vertreter 
im Auslande gerichtet, das Nae eons III. Ablicht, einen Kongreh mur Lölung der römischen 
Frage zu berufen, anzeutete. Es. bieß in dem Girkular: „Von nun an müssen wir auf das 
HaeeleieG§Q Derdält# #wischen Jtalien und dem Heiligen Stuhl die Ausfmerksamkeit der 
ächte hinlenken. Da sie ebenso interessiert wie wir sind, in Curopa die Drin#ipien der 
— und bes ncfltondes jur Geltung zu bringen, so zweifeln wir nicht, daß sie Sragen, mit 
sich für e so grohe Sabl ihrer Unteuichen Iittliche und religiöe Interessen von er- 
den Cborctier. verbinden, mit dem aufrichtigen Wunsche einer gedeihlichen Lölung er- 
örtern werden.“ Den Text siebe in: Das Staotsarchif XIII, 303 f. Auch die Berichterstattung des 
Grafen Soltz lieh auf die Abscht Napoleons III. Aliscaf- die schon so oft ventilierte 
Kongrehidee von neuem bervorzubolen. 
Vertraulich. Berlin, den 2. Aovember 1867. 
Der Kaiserlich Französische Geschäftsträger Herr Lefebore besuchte mich heute :, um 
mir im Auftrage das Girkular des Marquis de Moustier vom 25. v. M. mitjuteilen. Ich 
bemerkte, daß mir dasselbe bereits bekannt sei, worauf Herr von Lefebore, ohne den 
übrigen Inhalt näher eingebend zu besprechen, hauptsächlich den Schlußpassus des Sir- 
kulars bervorbob, in welchem die Aufmerksamkeit der Mächte auf die gegenzjeitigen 
Besiehungen Italiens und des Kirchenstaats gelenkt und die Hoffnung ausgedrückt wird, 
daß dieselben an diese Fragen mit dem aufrichtigen Wunsch, sie zu lösen, berantreten 
möchten. Ohne das Susammentreten eines Kongresses als die direkte Absicht seiner Re- 
gierung auszusprechen, war er doch bemüht, dem Passus eine dahin jielende Deutung zu 
geben, und wünfschte m erfahren, was Preußen zu diesem Gedanken sagen und wie es sich 
Aach Lesebvre de Béhaines Horicht- Origines Diplomatiques de la Guerre de Ii8ro—ierl, 
XIX, 147 5.), bat die Unterredung schon Abkvener tat efunden. Die Abweichung im Dotuni 
erklärt sich Nonene dab das Konzept des ohlgen lersehte vom ovember berrührt.
        <pb n="113" />
        Bismarck weicht aus, lehnt Erteilung von Natschlägen ab. 99 
dam stellen werde. Ich gab ihm eine ausweichende und zurückhaltende Antwort, daß ich 
keinen Beruf hätte, mich in erster Linie darüber zu äußern, auch nicht wisse, was die Ge- 
danken Seiner Majestät des Königs seien, welchem ich die Frage vorzutragen bisher keine 
Veranlassung gehabt. Herr Lefebore kam indes wiederholt darauf zurück und fragte, ob 
ich nicht auch fände, daß der gedachte Passus kaum eine andere Deutung zulasse als die 
Notwendigkeit eines Kongresses? worauf ich nur erwidern konnte, dah er selbst am besten 
imstande sein müßte, den Worten seines Chefs die richtige Auslegung zu geben und die An- 
deutungen seiner Regierung zu verstehen. 
Auf die augenblickliche faktische Lage übergehend, bemerkte Herr Lefebore, daß man 
lage, die italienischen Cruppen bätten den Befehl erbalten, die päpstliche Grenze zu über- 
schreiten. Ich erwiderte ihm, daß die italienische Regierung uns dies allerdings gestern 
habe anzeigen lossen, worauf ich dem italienischen Geschäftsträger den Wunsch aus- 
gesprochen, daß seine Regierung jedes Zusammentreffen mit den französischen Truppen 
vermeiden möges. Wir hätten nur den einen Wunsch, daß durch zufällige und außer aller 
Berechnung liegende Umstände nicht die Situation in einer Weise verschlimmert würde, 
welche weit über die Absichten beider Regierungen und über das Bedürfnis binausginge, 
das in der Sache selbst liegen könnte. Der italienische Geschäftsträger habe mich darauf 
gefragt, ob wir in äbnlichem Sinne in Daris einwirken würden, welche Frage ich mit 
A-ein beantwortet bätte; es sei uns von GSrankreich keine Veranlassung dazu geboten, 
und ich hätte nur auf seine amtliche Mitteilung bemerklich machen wollen, wie es mir 
schiene, daß die Gefahren einer solchen Komplikation ganz außer Verhälimis zu allem 
Nutzen ständen, welcher daraus erwachsen könne. 
Ich bemerkte im Gespräch mit Herrn Lefebore noch, daß mir die Gefahr eines solchen 
nicht beabsichtigten Zusammenstohes hauptjächlich in der Stellung Garibaldis zu liegen 
scheine; zwei reguläre Armeen, wie die französische und die italienische, die ihren Sührern 
gehorchten, würden es immer vermeiden können, in ungesuchte Berührungen zu geraten. 
Herr Lefèbore machte noch einmal den Versuch, meinen Außerungen einen bestimmteren 
Sinn unterzulegen, indem er bemerkte, er werde nach Paris meine Ansicht und die Rat- 
schläge berichten, welche ich gegeben, worauf ich mich beeilte, ihm zu erwidern: 
Je ne vous ai pas donné de conseils; jai donne mon avis à Mr. Tosi, parce qu'il 
mel’a demandé; Votre Couverement n'a pas demandé l'opinion du nötre et la 
France est trop grande puissance et connait trop bien ses intéréts pour ne pas Savoir ce 
dweelle doit faire. Von italienischer Seite sei mir eine Veranlassung gegeben; ihm gegen- 
über könne ich nur konstatieren, daß wir kein anderes Bedürfnis hätten, als daß der 
Griede nicht gestört werden möge, und daß zwei Nationen nicht in Konflikt miteinander 
gerieten, mit welchen beiden wir eng befreundet wären und in wichtigen kommerziellen Be- 
siehungen ständen, die unter einem Kriege nur leiden könnten. 
Ich benutzte bierbei die Gelegenheit, die Frage des Weinzolls" zu berühren, wozu ich 
mich besonders durch einen Besuch veranlaßt fand, welchen mir gestern der Großber#oglich 
Aecklenburgische Gesandte gemacht hatte. Ich fragte, warum man in Grankreich in dieser 
Angelegenheit nicht rascher und entgegenkommender vorwärts gebe, wozu, wie es mir 
2 Vgl. Ar. *st“t 
Der asus: z-ai donne mon auis à Mr. To "(a demandé“ 
und die Worte: „Hopinlon du netre .. (eils. — 46 2 .“— E##ank. 
Bgl. dazu Ar. 875, 676.
        <pb n="114" />
        100 Zweideutigkeit der französischen Haltung. Klagen über Lefebore. 
schiene, doch die französische Regierung im Snteresse ihrer eigenen Weinbauern sich bewogen 
finden müßte, welchen durch eine baldige Regelung derselben unzweifelhaft ganz unberechen- 
bare Vorteile gewährt werden würden, da schon die frühere Ermäßigung sie in so erbeb- 
lichem Maße habe gewinnen lassen? Herr Lefebore fragte, ob wir nicht auf den Satz von 
wei Talern beruntergehen würden? Zch erwiderte, daß ich nicht glaube, es sei dam 
irgendwelche Aussicht vorhanden; und hob noch hervor, daß die Aachteile der Gögerung 
allein auf Mecklenburg fielen, da dies Land den Ausfall durch direkte Steuern aufbringen 
müsse, welche es kaum imstande sei zu tragen, und dieses kleine Land seinen Vertrag mit 
Srankreich ziemlich teuer bezahle. 
öch knüpfe für Ew. pp. an diese Mitteilung über meine Unterhaltung mit Herrn von 
Lefübvre noch zwei vertrauliche Bemerkungen. 
Einmal kann ich, in sachlicher Hinsicht, nicht verhehlen, daß auch diese Unterredung, 
ebenso wie die neueren Berichte Ew. pp. mir über die Haltung und die letzten Absichten der 
franw#lischen Regierung einen wenig befriedigenden Eindruck gemacht hat. Es ist klar, 
daß der Kaiser nicht rechtzeitig und nicht kategorisch der italienischen Regierung seine Ent- 
schlüsse kundgegeben hat; einem wirklichen und positiven Verbot gegenüber würde die 
letztere schwerlich Garibaldis neue Unternehmung geduldet haben; ebensowenig würde sie, 
wenn sie ernstlich an die Möglichkeit eines Kriegsfalls glaubte, das eigene überschreiten 
der päpstlichen Grenze gewagt und sich der Möglichkeit eines Susammenjtoßes ausgesetzt 
haben. Zur unzweideutigen Kundgebung der Willensmeinung Grankreichs war seit 
Biarrits vielfacher Anlaß vorbanden. Die Gurückhaltung, das Schweigen GFrankreichs in 
der Seit lassen zwei Auslegungen zus: Man muß entweder glauben, daß es der französischen 
Negierung mit ihrem Auftreten zugunsten des Papfstes und ihren Drohungen gegen Stalien 
nicht wirklich Ernst sei, und daß die italienische Regierung felbst hinreichenden Grund habe, 
dies anzunehmen; — oder daß Stalien absichtlich in eine Salle gelocktt worden sei, um einen 
Konflikt herbeimführen, welcher dem Kaiser die Gelegenheit gäbe, einzuschreiten und die 
Verhältnisse ganz in seinem Sinne m ordnen. Wenn diese Salle — in dem Sinne der 
Kriegspartei, welche Cw. pp. selbst in dem Bericht Ar. 333 vom 29. v. M. andeuten, etwa 
auch auf uns berechnet sein gollte, so werden wir sicher nicht in dieselbe geben. 
Sodann muß ich in perfönlicher Hinsicht noch bemerken, daß auch diese Unterhaltung 
mit Herrn Lefebore mir wieder gezeigt hat, wie groß die Unannehmlichkeit ist, als Ver- 
treter einer Macht wie Frankreich eine Perjönlichkeit hier zu haben, welche in unpassender 
und indiskreter Weise mit weitgehenden Sragen und Sorderungen der Außerung in mich 
dringt, und der gegenüber ich mich in fortwährender Reserve und Abwehr halten muß, 
weil ich nicht sicher sein kann, daß meine Auherungen und selbst meine Surückhaltung nicht 
in seinen Berichten einen ganz anderen Tharakter annehmen, als den ich beabsichtigt hatte. 
Ich erlebe mit ihm jederzeit, daß er schon während der Unterredung meine Worte m drehn 
ulnd) zu deuten versucht ulnd] kann auf die Dauer ulnd] in wichtigen Sragen mit einem 
solchen Agenten nicht anders als schriftlich verkehren“. 
Bachschrift. Berlin, den 2. Aovember 1867. 
Nach Ausfertigung des vorstehenden Erlasses geht mir Sw. pp. gefälliger Bericht 
Ar. 338 vom 31. v. M. zu, in welchem Sie die Auherung des Kaisers Aapoleon gegen den 
Vie delden letzten Säte elgenböndiger Julatz Vlemorcks. 
* Der iehie Satz eigenhändiger Jusatz Bismarcks.
        <pb n="115" />
        Verliner Pfandbriefamt. Haltung Usedoms in der römischen Srage. 101 
russischen Botschafter erwähnen, daß die Konferenz eine Lösung der römischen Frage 
werde ausfindig zu machen haben. Sch konn Ew. pp. nicht verbergen, daß mir die Aus- 
sichten auf eine Erfüllung dieser Hoffnung nicht sehr groß zu sein scheinen. Nach ihrer 
ganzen bisberigen Haltung ut nicht anzunehmen, daß ARußland und England einen großen 
Eifer für die Lösung der Frage in eine Konferenz mitbringen würden, selbst wenn sie — wie 
Baron Budberg für seine Regierung vorausfsetzt — dieselbe aus Gefälligkeit gegen Srank- 
reich nicht ablehnen würden. Stbensowenig wird Osterreich sich mit Erfindung neuer 
Lösungen der Frage avanzieren wollen, und auch unsere Aufgabe kann es nicht sein, mit 
positiven Vorschlägen bervorzutreten. Wir müssen es für einen Vorteil unserer Stellung 
erachten, daß wir nicht in erster Linie berufen sind, uns über diese Srage auszsprechen' 
oder Verwicklungen zu lösen, die ohne unser Zuthun entstanden sind. Wir würden, falls 
eine Conferenz zu Stande käme, worüber ich mich jedes Urtheils enthalte, auf derselben 
voraussichtlich eine abwartende Stellung einnehmen. Sch bitte Ew. pp. etwaige weitere 
Außerungen des Kaiserlichen Ministers über die Frage lediglich ad referendum zu nehmen". 
*918. Schrelben an den Staatsmintster Grafen zu Eulenburg. 
[Konrept von der Hand des VBortragenden Aats Wagner.] 
Berlin, den 2. Rovember 1867. 
Der biesige Oberbürgermeister Seydel hat mir Abschrift des Berichts vorgelegt, 
welchen der Magistrat biesiger Haupt- und Nesidensstadt in Sachen des Berliner Pfand- 
briefamts unter dem 23. v. M. an den Herren Nessortminister erstattet hat. 
Ohne einstweilen der sachlichen Entscheidung der dort beregten Streitfrage vorgreifen 
m wollen, bege ich den dringenden Wunsch, diese für den Wohlstand der Stadt Berlin so 
sehr wichtige Angelegenbeit baldmöglichst zum Abschlusse gebracht zu sehen, und erlaube mir 
deshalb Ew. Exzellenz ganz ergebenst zu ersuchen, den betreffenden Vortrag im Staats- 
ministerium gefälligst mit tunlichster Beschleunigung vorbereiten refp. anmelden zu wollen. 
7919. Erlaß an den Gesandten in Florenz Grafen von Usedom. 
[Kontept von der Hond des Vortragenden Rats Abeken.] 
In einer Unterredung mit Graf v. d. Soltz vom 31. Oktober hatte Marquis de Moufstier 
beiläufig erwähnt, er habe gebört, daß Graf Usedom in Slorenz in der römischen Srage auf- 
reizend gewirkt habe. » - 
-«Vetttauli«ch-. Berlin, den 3. November 1867. 
Ew. pp. übersende ich anliegend Abschrift eines Berichts des Königlichen Botschafters 
in Paris vom 31. v. M. über die Eindrücke, welche man dort von unserer Stellung zu der 
französisch-italienischen Frage erbalten bat. Sie werden aus derselben erseben, daß der 
Kaiserliche Minister auf indirekttem Wege Mitteilungen erhalten hatte, welche ihn glauben 
ließen, daß Ew. pp. in Slorenz in einer aufreizenden Weise eingewirkt hätten. Sch bin 
überzeugt, daß die Nachrichten in dieser positiven Weise nicht richtig waren, und, wenn 
7 Der Schluh des Satzes und der folgende Satz eigenhändiger Einschub Bismarcks. # 
Die Schluhworte: „über die Frage ..“ eigenbändige Korrektur. Bismarcks Katt Abekens Fallung: 
„gegenüber derlelben reseroderte. Haltung u bewahren“. * . —
        <pb n="116" />
        102 Surückziehung der preußischen Garnisonen aus Sachsen. 
nicht auf absichtlich falscher Auslegung, doch auf Mißpverständnissen beruhen; aber wenn 
lolche MWißverständnisse oder Auslegungen möglich waren, so muß ich doch auf meine, schon 
in meinem Erlaß vom 22. v. M. ausgesprochene Befürchtung zurückikommen, daß Ew. 
pp. die für unsere Stellung gebotene Veserve, wie ich sie in meiner õnstruktion vom 
13. ej. bezeichnet hatte, nicht vollständig genug bewahrt haben, um irrigen Auffassungen 
vorzubeugen. Ich würde auf die erwähnte Aeußerung des französlischen) Ministers kein 
Gewicht legen, wenn die Tenden;z der Telegramme Ew. pp. derselben nicht zur Seite 
ständes. Sch bitte Ew. pp. sich lebhaft von dem Geist Shrer Instruktionen zu durch- 
dringen und die abwartende Zurückhaltung, in welcher bei der gegenwärtigen Komplikation 
der Vorteil unferer Stellung liegt, streng zur Richtschnur Shres Verhaltens zu nehmen. 
*920. Immediaiberichi. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.) 
Wenn Bismarck am 30. Beptember= (siehe Ar. 881) dem Kriegsminister v. Roon anheim- 
gegeben batte, dem Könige über den Wunsch der sächsischen Neglerung auf Zurückziehung 
der noch im Lande belincdirten reußischen Garnisonen Vortrag zu halten, so waren sie in- 
wischen übereingekommen, das in Sorm eines gemeinsomen Immediatberichts zuu tun. Da der 
am J. Aovember erstattete Bericht im Ministerium der auswärtigen felngelegenbeiten auf- 
gesetzt und von Bismarck überarbeitet worden ist, so ist er dem Schrifttum Bismarcks z- 
mrechnen. 
Sekret. Berlin, den 3. ovember 1867. 
Das neben dem preußisch-Jächsischen Sriedensvertrage vom 21. Cktober v. J. ge- 
troffene besondere lÜbereinkommen von demselben Tage: bestimmt unter Ar. 10: 
„.is die Reorganisation der sächsischen Truppen im wesentlichen durchgeführt und 
deren Einreihung in die Armee des Norddeutschen Bundes erfolgt sein wird, fährt 
Preußen fort, die für die Besatzung des Königreichs Sachsen nötige Anzahl von Truppen 
seinerseits zu stellen.“ 
Vachdem die Reorganisation der sächsischen Truppen bis zu dem Eurer Königlichen 
Mojestät bekannten Stadium gediehen ist, hat die sächsische Regierung durch den Minister 
von Griefen hier und durch Curer Majestät Gesandten in Dresden den Wunsch m erkennen 
gegeben, daß die noch im Lande befindlichen Königlichen Garnisonen nunmehr zurückgezogen 
werden möchten. Sie motiviert diesen Wunsch mit der Erwägung, daß die gegen 
wärtigen Besatungen, dem Volke als ein Überrest feindlicher Okkupation erscheinend, 
die wünschenswerte Beruhigung der Bevölkerung veriögerten, das Sichhineinleben in 
das Bundesverbältnis erschwerten, während ein künftig etwa auf Befehl Eurer Ma- 
jestät als Bundesfeldberrn erfolgender Austausch zwischen preußischen und sächsischen 
Garnisonen von dem Publikum, wie von ihr selbst als eine Manifestierung der Einbeit des 
Bundesbeeres betrachtet werden würde. 
Vom militärischen Standpunkte ist nach meinem, des mitunterjeichneten Kriegs- 
ministers, alleruntertänigsten Srachten ein Bedenken gegen die Räumung von Leipzig und 
Bautzen nicht zu erheben. Diese beiden Garnisonen in offenen Plätzen sind ohne Bedeutung 
für die militärische Beberrschung des Landes; die letztere ist anderweitig, durch die 
geographischen Verhältnisse, ausreichend gesichert; und, sofern es überhaupt auf ein Mehr 
1 Si „ 7 *#n val. auch 899. 
5 
· Bismarcks. 
— ½½ Sh Su1. ’* des Aorddeutschen Bundes, I. 58 ff. 
.
        <pb n="117" />
        Bundestreue Haltung Sachsens. Bismarcks Zorn auf Dolwigk. 103 
oder Weniger an militärischen Garantien ankäme, würde ein Austausch von Truppen 
beider Staaten deren mehr gewähren als der gegenwärtige Zustand. 
Dagegen würde ich es nicht für angezeigt erachten, wenn man sich des unmittelbaren 
Besitzes der die sächsisch-böhmische Eisenbahn und die Elbschiffahrt beherrschenden Festung 
Königstein entäußern wollte. 
Ist biernach die Räumung des Königreichs Sachsen, mit Ausschluß des Königsteins, 
lediglich eine Frage politischer Erwägung, so glaube ich, der unterzeichnete Minister der 
auswärtigen Angelegenheiten, dieselbe bei Curer Königlichen Mojestät ebrfurchtsvollst 
befürworten zu können. Es ist wünschenswert, die Crinnerungen an den Krieg sobald als 
möglich verschwinden zu lassen. Es ist mir kein Grund bekannt, an der Sortdauer der 
Korrekten und bundestreuen Haltung der sächsischen Regierung zu zweifeln. In ihren 
Augen würde die Räumung als ein Beweis von Vertrauen von hohem Werte sein für ihr 
Verhältnis gegen Preußen und gegen das eigene Volk; und sollten veränderte Verhält- 
nisse eine veränderte Disposition erzeugen, so würden in den Eurer Königlichen Majestät 
verfassungsmäßig zustehenden Befugnissen, innerbalb des Bundesgebietes die Garnisonen 
zu bestimmen und äußersten Salls über einzelne Teile desselben den Kriegszustand zu ver- 
bängen, genügende Mittel zur Wahrung der Bundesinteressen gegeben sein. 
" An Eure Königliche Majestät richten wir demnach die alleruntertänigste Bitte, die 
Gurückziehung der Königlichen Garnisonen aus Leipzig und Bautzen allergnädigst geneh- 
migen zu wollen. 
*9021. Erlaß an den Botschafter in Darls Grafen von der Goltz. 
[Konfzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.) 
Am 22. Oktober batte Graf v. d. Goltz über eine Unterredung berichtet, die er tags zuvor 
mit dem seit dem 10. in Paris weilenden Boßbeno lich Heliischen Ministerprösidenten Freiherrn 
v. alwigt gehabt batte. Danach wollte Dalwigse Bismarck selbst vorgestellt haben, daß Hessen 
auf die Dauer nicht in seiner Doppelstellung mit einem Teile im Norddeutschen Bunde, mit 
einem anderen in Süddeutschland verbleiben könne, Bismarck aber habe Feantvortel. daß der 
Eintritt von ganz Hessen in den NDorddeutschen Bund aus MBücksicht auf Srankreich fürs erste 
— Lulässig E—l Sl, dazu nuuch. die Cagebücher des Freiherrn N. v. Dalwigk mu Lichtenfels, 
Schüßler, S. 343, 3dd. Tatsächlich hatte Bismarck sich in solchem Sinne am 30. Juli 
— in Schihler. s. zu Galwigt geäußert (ogl. Die Gesammelten Werke, VI. 91, Anm. 1); e 
faßte indessen die Goltzsche Mitteilung jo auf, als solle er sich auch neuerdings in gleicher Tendem 
geäußert haben, und geriet dorüber in beftige Erregung. 
Berlin, den 3. November 1867. 
Die in dem gefälligen Berichte vom 29. v. M. mitgeteilte Außerung des Herrn 
von Dalwigk, ich hätte ihm gesagt, daß aus Rücksicht auf Srankreich der Cintritt von ganz 
Hessen in den Aorddeutschen Bunds: für jetzt nicht zmulässig sei, ist eine der groben Unwahr- 
1 Bismarck denkt hier wohl an die Art, wie Sreiherr von Dalwigk am 27. Juni in der Ersten bessischen 
Kammer den beantragten Eintritt des ganzen Grohbersogtums in den NDorddeutschen Bund bekämpft batte. 
Vgl. dazu Götz, Die Stellung Hessen-Darmstadts in den Jahren 1866 bis 1871, S. 76 f. Die damalige 
TZußerung SGt. daß die Grohher#ogliche Regierung allein schon durch die Nüasscht auf Preußen ab- 
gehalten worden sei, einen Antrag wegen Eintritts des ganden Großherzogiums in den Vorddeutschen Bu 
ju stellen, weil sie dadurch nichts anders erreicht baben würde, als Preußen in Verlegenheit ju setzen, war 
von Bismarck bereits in der Reichstagssitzun # 24. Septemder in aller Form desavouiert worden, ogl. 
H. Kobl, Die politischen Reden des Sürsten ismarck, III. 315. Dalwigk quittierte bereichnenderweise auf 
die Außerungen Bismarcks, indem er diesen bei ben leenässscen Veanden Comte d'Astorg weeg aer- 
schreitung der Mainlinie denunzierte. Vgl. d'Astorgs Bericht vom 26. September. Les OCrigines D Wie. 
rast atigues, XVIII, 347 ss. und die 25 des * R. v. Dalwigk zu Lichtenfels, ed. W. Schüßler.
        <pb n="118" />
        104 Geheimes franzölisch-italienisches Einverständnis 
beiten, die ich von diesem Minister gewohnt bin. Sch ersuche Ew. pp. ergebenst um gefällige 
Benachrichtigung, ob das Gespräch einen solchen Charakter gebabt hat, daß es Ihnen nicht 
unangenehm sein würde, wenn ich meine Kenntnis von demselben dem Herrn von Dalwigk 
durch eine persönliche Vorhaltung zu.erkennen gebes. 
*922. Erlaß an den Botschaffer in Darls Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden RBats Abeken. 
Am 4. Rovember war in Berlin ein Telegramm Graf Usedoms eingetroffen, nach dem tags 
moor Garibaldi bei Mentono von den päpltlichen (und franzjösischen) Truppen total geschlagen 
war und seine Unternehmung aufgab. Wenabrea wohte nach Usedom nunmehr die italienischen 
Kruppen aus dem Kirchenstaat wieder mrückzjiehen; er ließ Bismarck bitten, in Paris dahin zu 
wirken, daß die Sramosen dann gleichfolls obsögen, und daß die neue italienische Regierung nicht 
vor der Nation gedemütigt werde. ismarck, der auch durch Nachrichten aus Petersburg in 
dem Verdacht eines geheimen italienisch-französischen Cinverständnisses bestärkt wurde, sah sich 
nicht veranlaht, der Bitte Menabreas Solge m geben. 
Vertraulich. Berlin, den 5. Aovember 1867. 
Ew. pp. erhalten anliegend vertraulich Abschrift eines Berichts des Königlichen Ge- 
sandten in St. Petersburg vom 1. d. M. über die Auffassung des Sürsten Gortschakow 
von der gegenwärtigen Situation in Stalien, bei welcher der Sürst die Voraussetzung eines 
geheimen Sinverständnisses zwischen Srankreich und Stalien nicht geneigt ist aufzugeben. 
Ich bemerke dam, daß mir die Notizen, wonach die Demonstrationen und Bewegungen in 
Nom mit französischer Sustimmung von italienischer Seite in Szene gesetzt werden, 
auch von Rom her bestätigt werden; und daß dieselben allerdings geeignet sind, den Glauben 
zu bestärken, daß der ganze Konflikt nur hervorgerufen:, um zu einem beiderseits vor- 
gesehnen Ergebniß zu gelangen oder doch practisch auf Staliens Gefahr ulnd] Kosten zu 
versuchen, wie weit man sich demselben nähern könne, und welche Eindrücke auf dritte 
MVächte oder auf die öffentliche Aleinung sich dabei herausstellen. 
*923. Erlaß an den Botischafter in Daris Grafen von der Goltzt, 
([Kontept von der Hand des Vortragenden Nats Abeken.) 
Vertraulich. Berlin, den 5. November 1867. 
Ew. pp. übersende ich anliegend vertraulich Abschrift eines Berichts des Königlichen 
Geschäftsträgers in London vom 2. d. M., die französisch-italienische Komplikation be- 
treffend. Es gebt daraus hervor, daß die französische Botschaft in London den Glauben 
zur Schau trägt, daß wir in Florenz aufregend eingewirkt und das italienische Kabinett m 
seinem Verhalten in der römischen Srage ermutigt hätten= Wenn das französische Kabinett 
Dien 1. 
2 Der Rest des Erlasfes berubt auf eigenhändiger Korrektur Bismarcks. 
923. 
* . 946. 
—. Ze Srnh ing nach London, Wien und Sloren 
ing auch nach London. 
: D. eche Erlaß, ai des frankösischen Geschäteträgere in London Baron Baude vom 30. Ck- 
tober, Les Origines Diplomatiques 132. Baron Baude war 858 nicht durch die franösijche 
eelzrung, fondern durch einen Artikrel des „Slobe“ mu seinem irrigen Glauben verleltet worden.
        <pb n="119" />
        Framðsische Verdächtigungen preuhischer Politik. Unterredung mit Lord Lostus. 105 
wirklich durch seinen Bertreter in London eine solche Sprache führen läßt, so würde dies 
für uns ein Beweis von Unaufrichtigkeit sein, da das französische Kabinett nicht allein 
weih, daß wir nicht in diesem Sinne eingewirkt, sondern auch uns gegenüber dies anerkannt 
hat — wie denn ja der Marquis de Moufstier selbst gegenüber den NAachrichten, welche ihm 
auf indirekttem Wege über die Haltung des Grafen Usedom zugekommen waren", denselben 
keinen Wert beigelegt, sondern anerkonnt hat, daß die italienische Regierung über die 
wahre Auffassung der preußischen Regierung vollkommen unterrichtet worden sei. Diese 
Wahrnehmung müßte uns eine neue Mahnung zur Vorsicht gegenüber der frangösischen 
Politik jein. 
In dem Sw. pp. mitgeteilten Erlasse an den Grafen von Usedom vom 21. v. M." habe 
ich die Verhältnisse weitläufiger entwickelt, welche unsere Stellung bei einem Konflikte 
wischen Srankreich und Stalien gerade über die römische Angelegenheit schwierig machen. 
Wir würden daber unseren eigenen Interessen zuwider gehandelt haben, wenn wir in Floren; 
darauf hingewirkt hätten, einen solchen Konflistt hervorzurufen; und selbst wenn unser 
Interesse dabei nicht so stark gewesen wäre, so hätte uns schon der Umstand zur Vorsicht 
und reservierten Haltung bewegen müssen, daß von vornherein der Gedanke nicht ausge- 
schlossen war, daß ein geheimes Einverständnis zwischen Srankreich-Stalien bis zu einem 
gewissen Grade vorhanden sei. 
*7924. Telegramm an den Gesandten in Detersburg 
Helsnrich VII. Prinzen Reuß. 
[Kanzleikonzept.)“ 
Tach einem Telegramm des Primen Aeuß vom 4. November bätte der italienische 
Gesandte in Petersburg ihn gedeten, seine Bemühungen um eine Mediation des Sürften 
Gortschakowm in der römischen Srage zu unterstützen. 
Berlin, den 5. Aovember 1867. 
Wir würden es sehr gern sehen, wenn durch eine dortige Demarche in dem angedeuteten 
Sinne der Bruch verhindert, zunächst status quo gewahrt werden könnte. Würden selbst 
in dieser Richtung- wirken, wenn nicht beßüglich unserer Grankreichs Empfindlichkeit 
krankhaft ger eint wäre. 
*925. Erlaß an den Boischafter in London Grafen von Bernstorff, 
z. Zt. in Berlin. 
[Kontept von der Sand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Berlin, den 5. November 1867. 
Lord Augustus Loftus ist bei mir gewesen, um mich über die Frage wegen Konferenzen 
der Mächte über die römische Angelegenbeit zu sondierent. Ich habe ihm gesagt, daß wir 
2 Zg #. 2, 
Siebe 
924. Das Sruchonen beruht velltändio auf ziner eigenhändigen, um Portre beim König beftimmten 
Notin Aismerche. Es trägt den Vermerk von der E—.— * Moschiet gerchmifet 
92. 1 Vgl. dazu: The Plloneng Reminliscences 55 Lord Augustus Second Series, I, 196 fr. 
Nach Loftus ba die Unterredung am 2. November stattgefunden.
        <pb n="120" />
        106 Außßerungen zu Lord Loftus. Beust über Einigkeit Srankreichs- und Osterrelchs. 
nicht das Bedürfnis empfänden, uns dabei in erste Linie zu stellen; daß wir die praktische 
Löfsung der römischen Grage für sehr schwierig bielten und daher keine besonders große 
Neigung hätten, die undankbare Aufgabe ihrer Lösung als eine uns obliegende anzuerkennen. 
Eine ähnliche Abneigung schien mir auch aus den Außerungen des Botschafters bervorm- 
geben. Ich bemerkte demselben, daß uns nicht bekannt sei, wie der Papst sich zu einer 
Konferenz und zu deren Beschlüssen stellen werde. Konferenzen, welche sich die Aufgabe 
stellten, den Papst ungefragt ihren Cntscheidungen zu unterwerfen, würden von vornherein 
einen der katholischen Kirche wenig sumpatbischen Charakter tragens. 
Wenn aber der Papst mit Abhaltung einer Konferenz einverstanden wäre, so bleibe 
noch zu erwägen, was etwa die Forderung des Papstes auf der Konferenz; sein möchte Es 
sei gar nicht unmöglich, daß derselbe eine völlige restitutio in integrum, d. h. die Rück- 
gabe aller dem Kirchenstaat entfremdeter und dem Königreich Stalien einverleibter Dro- 
vinzen fordere; — diese Sorderung würde die Mächte doch sehr in Verlegenheit setzen, um 
so mehr, da, wonn sie nicht gewährt werde, ein Protest des Papstes gegen das ganze Er- 
gebnis der Konferenjen zu erwarten sei. 
Diese Bemerkungen schienen dem Königlich Großbritannischen Botschafter willkommen 
in sein, und er ließ die Absicht erkennen, dieselben in London zu verwerten. 
Ew. pp. babe ich ganz ergebenst zu ersuchen, wenn die Sache von Lord Stanley Shnen 
gegenüber angeregt wird, sich in gleichem Sinne auszujprechen. 
*926. RKunderlaß an die Missionen bei den Großmächien, in Florenz, 
Brüssel und bei den säddeutschen Höfen. 
lsKonfept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.) 
Berlin, den 5. November 1867. 
Der Kaiserlich Osterreichische Gesandte Graf Wimpffen besuchte mich, um mir ein 
Girkular des FSreiherrn von Beusft: vorzulesen, in welchem der letztere sich über die in 
Paris bei Gelegenheit der Anwesenbeit Seiner Mojestät des Kaisers von SÖsterreich statt- 
gefundenen politischen Unterhaltungen ausspricht. Der Kaiserlich Öfterreichische Reichs- 
kanzler hebt darin mit Genugtuung bervor, daß diese Unterbaltungen eine vollständige 
Einigkeit Srankreichs und Österreichs in allen wichtigen europöischen Fragen im 
Sinnedes GFriedens berausgestellt bätten. Dies sei insbesondere der Fall in betreff 
der italienischen Angelegenbeiten wie des Orients und der deutschen FSragen. Auch sei 
Oestreich bereit, falls Frankreich bejüglich Staliens den Rath der übrigen Mächte begehre. 
diesem Verlangen zu entsprechen:. Das in franzölsischer Sprache abgefaßte und, wie mir 
schien, acht Bogenseiten lange Sirkular schließt mit der Versicherung, daß durch den gegen- 
seitigen Verkehr der beiden Monarchen und ihrer Minister der friedlichen Entwicklung 
* Dle belden letzten Sätze sind durch eigenbändige Korrekturen Bismarcks mahgebend bestimmt. 
a26. Vgl. dazu Fr. J. Graf v. Beust, Aus drei Viertel-Jahrhunderten, II, 137. 
„ Der Satz eigenbändiger Zusatz Bismarcks.
        <pb n="121" />
        Französisch-italienischer Krieg auch für England eine ernste Eventualitäüt. 107 
der europäischen Situation neue Garantien gewonnen worden seien. Ich habe mich beeilt, 
meiner Sreude hierüber gegen Grlaff Wimpfen auf unzweideutige Weise Ausdrucke zu 
gebens. 
922. Erlaß an den Botschafter in London Grafen von Bernstorff. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Vertraulich. Berlin, den 7. ovember 1867. 
In seinem Bericht Ar. 270 vom 30. v. M. erwähnt der Königliche Seschäftsträger 
von Katte, daß bei einer Unterredung über die römische Srage Lord Stanleu auf den von 
Herrn von Katte angedeuteten Hinweis auf die Möglichkeit eines Krieges zwischen Srank- 
reich und Stalien sich auf die Bemerkung beschränkt habe, daß dies für uns (d. h. für 
reußen) eine sehr ernste Eventualität sein würde, sich aber über die Srage ausgeschwiegen 
habe, ob ein derartiges Ereignis auch als eine eben solche für England aufzufassen sein 
würde. 
Sch bin weit entfernt davon, das Interesse, welches auch wir an der durch eine solche 
Eventualität bervorgerufenen Situation haben würden, abzuleugnen oder zu verringern; 
indes ist diese Außerung des Königlich Großbritanmischen Staatssekretärs, welche unser 
Interesse so vorzugsweise betont, auffallend gewesen und gibt mir zu dem Wunsche Ver- 
anlassung, daß Ew. pp., ohne gerade die Gelegenbeit dam berbeizujiehen oder eine be- 
stimmte Interpellation an Lord Stanley darüber zu richten, doch gelegentlich letzterem die 
Frage zur Erwägung geben möchten, ob nicht Österreich bei den Sventualitäten, die aus 
einem Kriege zwischen Srankreich und Stalien als letztes Ergebnis hervorgehen könnten, 
noch bei weitem mehr interessiert sei als wir? Ob er 3. B. glaube, daß ÖOsterreich es gleich- 
gültig ansehen könne, wenn durch den Ausgang des Krieges und die Herrschaft Srankreichs 
über die Halbinsel das Quadrilatère so gut wie in den Besitz Srankreichs gelange? Dies 
sei doch eine Möglichkeit, welche jedenfalls Ssterreich viel näher angehe als uns. 
Gröhtenteils bei H. Wichael, Bismarck und England von 1866 bis 1870, S. 85, Anm. 14. 
*028. Schrelben an den Staatsmintsier Grafen zu Eulenburg. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Wagner.)] 
Infolge völliger Mihernte drohte im Herbst 1867, vor allem in den TNegierungsbesirken 
Königsberg und Gumbinnen, aber auch in anderen Landesteilen ein schwerer Atstand ein- 
mtreken. Am 12. Oktober richteten die oltpreuhischen Reichstagsmitglieder gemeinschaftlich an 
die zuständigen Ressortminister Kwine Eingabe, in der sie um öhleunige Ergreifung ftaatlicher 
Hilfsmohnahmen baten. Eine Abschrift der Cingabe ging am 18. Oktober Bismarck zu. Dieser 
ordnete noch om Gleich en Tage an, daß die Frage der zu ergreifenden Mahregeln so schnell wie 
möglich auf die gesorbnung des Staatsministeriums gesetzt werden solle. 
Berlin, den 7. November 1867. 
Sw. pp. beehre ich mich ganz ergebenst um baldgefällige Benachrichtigung zu ersuchen, 
ob die Erörterung der Aotstandsfrage in der Drovinz Preußen nunmehr so weit vor- 
Der Schluß des vorletzten Satzes von den Wort n iedl Entwickl eigen- 
bändige Korrektur Bismarcks, der 72 Sat sein igenh nkbe —— ichen En ung eigen-
        <pb n="122" />
        108 Notstand in Ostpreußen. Bismarch begrüßt friedliche Wendung in der römischen Frage. 
geschritten ist, daß Ew. Exzellenz sich in der Lage befänden, dem Königlichen Staats- 
ministerium darüber zur definitiven Beschlußfaossung Vortrag m halten? ·.·«« 
MeineeigeneVerantwortlichkeitindieserBeziehuaglegtmirdi«eVerpflichtungauf, 
die Erledigung mit möglichster Beschleunigung herbeizuführen, um so mehr, als die hohen 
Preise der notwendigsten Lebensbedürfnisse und der notorische Ausfall der Ernte in der 
fraglichen Drovinz über den Umfang des Bedürfnisses an sich kaum einen Zweifel lassen 7. 
Wie ich äußerlich erfahren habe, soll auch in einem Teile der Drovinz Dommern, 
insbesondere in der Gegend um Stolpe, der Ausfall der Ernte zu Beforgnissen Veran- 
lossung geben. 
*0.Erl an die Missionen in London, Detersburg, 
Wien und Florenz. 
[Kourept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken.) 
Berlin, den 7. November 1867. 
Das Zirkular, welches der Kaiserlich Französische Minister der auswärtigen An- 
gelegenbeiten unter dem 25. v. Al. in betreff der Entsendung französischer Truppen nach 
Nom erlassen bat 2, ist Ew. pp. bereits durch die öffentlichen Blätter bekannt geworden: 
ich will nicht unterlassen u erwähnen, daß mir dasselbe nunmehr auch durch den Kaiserlich 
Französischen Geschäftsträger mitgeteilt worden ist. Ich entnehme daraus die Bürgschaft 
dafür, daß die jetzt eingetretene friedliche Wendung, welche in der Entwaffnung der Srei- 
scharen jede Gefahr für den Papst und in der Surückziehung der italienischen Cruppen vom 
päpstlichen Gebiet auch den unmittelbaren Grund der Beschwerde entfernt hat, von der 
Kaiserlich Französischen Regierung selbst mit Genugtuung wird begrüßt worden sein. Wir 
hoben von Anfang an den dringenden Wunsch gebegt, daß der Konflikt zwischen zwei uns 
so eng befreundeten Nationen vermieden und jede Gefahr für den europäischen Srieden ab- 
gewendet werden möge; und wir sehen in dem von der franzlösischen) Reglierung] auf- 
gestellten Drogramme eine Bürgschaft gegen die Wiederkehr ernster Verstimmungen 
wischen Grankreich ulnd] Stalien 
1 Bismarck hat wei an dleser Stelle folgende Absätze Wagners im Konzept gestrichen: 
Mei Erachtens wird es auher der Errichtung von Arbeitsstellen wesentlich darauf ankommen, die 
nõtige 8 recht beseisdt , aher er Kirl recht#eitig bereitmstellen und ugleich darauf Bedacht m 
nehmen, dem besonders hart betroffenen Grundbelsit — Jeweit er überbaupt größtenteils fähig erhalten werden 
konn — über die gegenwärtige Kalamität hinwegjuhelfen. — Ich darf voraussetzen, dah die in dieser Be- 
lihung gemachten HSpeschläge Cw. Exzellen! bekannt sind und erlaube mir nur noch m bemerken, deh in- 
wilschen ur Bermehrung der Arbeitsstellen bei dem Herrn Handelsminister auch das Projekt einer Eisen- 
lebn von Thorn nach Insterburg in Anregung gebracht worden ist. ·- 
M.«Vgl.At.9!7,Vorb-meksmnq. 
IQeklshteTeildnsaupondeakatengm »undwiklebea...«eigenhändig-rZulatBisantckez 
usintslsssPcllssvoaslkmsHand
        <pb n="123" />
        Personalverhältnisse im Oberpräsibium zu Hannover. 109 
*930. Immedlatberlscht. 
(Kanzleikonzeptlt 
Letzlingen, den 11. Aovember 1867. 
Euer Mojestät Oberpräsident von Hannover hat mir heut, von mir über die Personal- 
verhältnisse seines Präsidialbüros befragt, mitgeteilt, daß dieselben bisher noch nicht ge- 
ordnet sind. 
Graf Stolberg hat gebeten, ihm den Assessor Starke in Magdeburg, der seit, wie ich 
glaube, sechs Jahren im Oberpräsidium arbeitet, zu gleichem Behufe in Hannover zur 
Disposition zu stellen, da dieser Beamte in der fraglichen Beschäftigung erfahren und 
durchgebildet ist und neben besonderer Befähigung das perfjönliche Vertrauen des Grafen 
Stolberg besitzt. Über die Anträge des letzteren bei Surer Maoajestät Winisterium ist seit 
nunmehr sechs Wochen eine Cntscheidung nicht erfolgt, obschon der Oberpräsident von 
Witzleben sich mit der neuen Verwendung des Assessor Starke, so ungern er denjelben 
verliert, einverstanden erklärt hat. Wie ich äußerlich erfahren, ut die Entscheidung auf 
die Anträge des Grafen Stolberg um deswillen verzögert worden, weil der Oberpräsident 
von Witzleben beantragt hat, den Assessor Starke bei dieler Gelegenheit zum Negierungs-= 
rat zu befördern und das Ministerium des Innern auf diesen Antrag eingeben will, das 
Finanzministerium aber nicht. 
Meines ehrfurchtsvollen Dafürhaltens kommt es in diesem Falle nicht darauf an, ob der 
Assessor Starke vor oder nach seiner Versetzung nach Hannover Negierungsrat wird, sondern 
ausschließlich darauf, daß das in diesem Augenblicke so wichtige Oberpräsidium von Hannover 
unverzüglich einen in diesen Dingen erfahrenen Oberpräsidialbeamten erhalte. Graf 
Stolberg hat in seiner nächsten Umgebung so viel, wenn nicht mehr Beamte, als er braucht, 
aber keinen einzigen, welcher mit dem Seschäftsgange eines Preußischen Oberpräsidiums 
vertraut ist. Für einen golchen würde mnächst durch Versetzung eine Bakanz zu schaffen 
sein, und hierzu würde sich die Gelegenbeit bieten, wenn der Regierungsrat von Krosigk, 
der leit sechzehn Jabren in den Geschäften altländischer Rehierungskollegien und nament- 
lich in K beiten gearbeitet hat, zu der vakanten Stelle eines Ober- 
regierungsrats in MWerseburg ernannt würde, wozu ihn der Oberpräsident von Witzleben 
besonders geeignet erachtet. 
Eure Majestät bitte ich ehrfurchtsvoll allergnädigst befehlen zu wollen, daß der 
Messor Starke dem Antrage des Grafen Stolberg entsprechend unverzüglich und ohne auf 
seine Ernennung zum Negierungsrat oder auf die anderweite Anstellung des Regierungs- 
rats von Krosigkt m warten, dem Oberpräsidium von Hannover zur Disposition gestellt 
werde. 
Sugleich erlaube ich mir bei dieser Gelegenheit die Srage anzuregen, ob Cure Ma- 
jestät nicht dem Staatsministerium befehlen wollen, Allerhöchstdenselben darüber Vortrag 
zu halten, ob und in welcher Weise die Gemeinschaft zu lösen sei, in welcher bisher Curer 
Mafestät Ministerien der Finanfen und des Innern in Bezug auf die wichtigsten Amter 
der Verwaltung konkurrieren. Die NDotwendigkeit, daß beide Ministerien sich ohne Kon- 
Kurren; des Staatsministeriums, also ohne die Möglichkeit einer raschen Entscheidung durch 
1 Daos Kamlelkonzept trägt den Vermerk: „Von des Cbefs Exqjellem diktlert“.
        <pb n="124" />
        110 Ressortmĩnisterĩien und Amterbesetzungen. Varnbüler und der casus foederis. 
Abstimmung über die Vorschläge zu einigen. haben, welche Curer Wojestät bezüglich der 
Besetzung der betreffenden Amter zu machen sind, bringt es mit lich, daß die Besetzung 
wichtiger Stellen, bei den fast regelmäßig vorhandenen Mei denheiten beider 
Ministerien zum zweifellosen Aachteil für Cuer Majestät Dienst und für die Interessen des 
Landes langwierigen Verzögerungen ausgesetczt ist, und daß die dringlichsten und not- 
wendigsten Reformen auf den entsprechenden Gebieten nicht in Angriff genommen werden 
können, weil die dazu erforderliche Übereinstimmung der beiden Messortministerien nicht 
berzustellen ist. Aicht minder nachteilig halte ich es für Curer Alojestät Dienst, daß die 
Cbefs der beiden Ministerien nicht Jelten in die Lage kommen, die Entscheidung streitiger 
Personalfragen auf dem Wege eines Kompromisses suchen zu müssen, für dessen Ergebnis 
schließlich keiner der beiden Minister die Verantwortung in dem Maße fühlen und über- 
nehmen kann, wie es der Fall sein würde, wenn jeder von ihnen nach erfolgter Gemeinheits- 
teilung zwischen beiden Jeine Vorschläge mit voller Selbständigkeit zu machen hätte.= 
*931. Erlaß an den Gesandten in Stuttgart 
Frelherrn von Rosenberg. 
[Kontept von der Hand des Vortragenden Nats Bucher.] 
Am 30. Cktober war in der Kwürttembergischen Sweiten Kommer das Schutz- und Trutz 
Hünduss mit Preuhen, am 31. auch d as Zollbündnis mit Sweidrittelmebrheit angenommen worden. 
Am 30. batte .u nt W. Va#ntü#eer. in einer grohen Rede das Schutz- und Trutz- 
bündnis verteidigt, dabei jedoch das bedenkliche Argument verwertet, daß Wür#temberg eine 
Kognition über den casus 1cederis mastebe. 
Vertraulich. 6 VBerlin, den 12. Aovember 1867. 
In der Vede des Freiherrn von Varnbüler vom 30. v. M., deren Abdruck Ew. pp. 
mit dem gefälligen Berichte vom &amp;. d. AM. eingesandt haben, kommt folgende Stelle vor: 
„Als die Luxemburger Srage anfing brennend zu werden, wurde die Königliche 
Regierung von der Königlich Preußischen gefragt, ob sie diese Grage, falls dieselbe zu 
einem Kriege führe, als casus foederis ansebe. Die preußische Regierung hat also 
damit positiv anerkannt, dah sie die Entscheidung der württembergischen Regierung ein- 
zugehen habe. Die Antwort ging dahin, daß man, um diese Frage zu entscheiden, erst 
wissen müsse, wie die Veranlassung m diesem Kriege sei, daß man überhaupt eine genaue 
Kenntnis der Verhältnisse haben müsse, und wenn man diese haben werde, dann erst die 
Entscheidung m geben imstande sei; und Graf Bismarck hat diese Antwort vollkommen 
in den Verhältnissen begründet gefunden.“ 
Ich kann die Bemerkung nicht zurückhalten, daß Herr von Varnbüler dem parla- 
mentarischen Bedürfnis, das ich vollkommen m würdigen weiß, in diesem Passus etwas 
weit nachgegeben hat, und daß es mir einigermaßen schwer wird, zu der gegebenen Dar- 
stellung u schweigen. Sw. pp. erinnern sich, daß ich in meinem Erlaß vom 12. April 
d. J. die Srage, ob der casus foederis eingetreten sei, gar nicht aufgeworfen, sondern in 
—————J—.— 
Mitteilung. 
rloe Slehe Die Gesommelten Werke, VI, Nr. 756.,
        <pb n="125" />
        Preußen scanmn römische Konferen) nicht ohne weiteres annehmen. 111 
der einzigen Stelle, die von dem casus foederis spricht, wörtlich erklärt habe: „Werden. 
wir genötigt, die Selbständigkkeit eines deutschen Landes zu vertreten, so tritt damit recht 
eigentlich der Casus foederis ein“. Auch mein Erlaß vom 30. April, der die Depesche des 
Herrn von Varnbüler an den württembergischen Gesandten hierselbst beantwortet, ist 
darauf, ob casus foederis vorliege, nicht eingegangen. Ew. pp. ersuche ich ergebenft, sich 
vertraulich in diesem Sinne gegen den Herrn Minister auszusprechen. 
*932. Telegramm an den Botschafter in London 
Grafen von Beenstorff. 
[Cigenbändiges Konzept.] 
Am 10. Vovember hatte der nach längerer Abwesenheit auf seinen Posten zurückgerehrte 
frangösische Botschafter Benedetti Bismarck aufgesucht und ihm namens seiner Regierung eine 
Einladung für die Konferen) über die römische rage in Aussicht gestellt. Vgl. dam Benedettis 
erichte vom 10. Les OCrigines Diplomatiques, XIX, 205 ss. ismarck verlangte Seit zum 
Vortrag beim Könige und meinte, daß dieser zwar nicht von Haus aus nein logen, wohl aber 
„Mnächst sich über Beteiligung und Stellungnahme einerseits des Papstes, andererseits des mit 
reußen genau in gleicher Lage befindlichen englischen Gouvernements werde vergewissern 
wollen. Warnend bob Bismarck hervor, wie unwillkommen eigentlich doch für das einladende 
Frankreich die Verpflichtung sein müsse, auf dem Kongreß mit Vorschlägen hervorjutreten, die 
entweder zum Nachteil des Papstes oder Staliens ausfallen müßten. Von anderer Seite seien 
dergleichen Vorschläge sicheriich nicht zu erwarten, namentlich nicht von der preuhßischen Re- 
gierung, die die der Konferen; zu stellende Aufgabe im gegenwärtigen êMomente kaum für lösbar 
erachte. In diesem Sinne wurden noch am 10. November in einem Telegramm die Missionen 
bei den Großmächten und in Slorenz instruiert. Am 12. meldete die Londoner Botschaft, daß 
der englische Staatssekretär des Auswärtigen Lord Stanley auf die Mitteilung des preuhischen 
Standpunktes geantwortet habe: „Ich bin einer Konferen; sehr abgeneigt, bin bereit, dies auch 
allein auszusprechen, jiehe jedoch vor, es in. Gemeinschaft mit Graf Bismarck zu tun. Der Koaiser 
Napoleon befindet lsich in einer immens schwierigen *“ und wünscht, daß Curopa ihn aus 
derselben nihe Es ist jedoch für uns besser, ihn sich selbst aus Jolchen Schwierigkeiten heraus- 
wickeln zu lassen. 
Berlin, den 15. November 1867. 
Abneigung bei uns ebenso stark, ulnd] sind wir bereit, dieß in Uebereinstimmung mit 
England zu bethätigen. Amtliche Einladung für morgen bevorstehend. Sch werde ant- 
worten, daß wir ohne Basen, ohne zu wissen, wer ulnd] wo, ohne Verständigung mit den 
andern Mächten uns nicht erklären könnten, daß vor allem nötbig zu wissen, ob Papft 
ulnd] IStalien als Betheiligte einverstanden. Daß Stalien es nicht ist, bat uns Launay 
erklärt, seitdem starker Druck Srankreichs, um Einwilligung Staliens mu erpressen. 
933. Erlaß an den Botschafter in London Grafen von Bernstorff. 
lEigenhändiges Konzept.] 
Ein Telegramm Graf Bernstorffs vom 13. Rovember meldete, dah der italienische 
Gesandte in Paris Aigra in auherordentlicher Mission nach London komme, um dem englischen 
Kabinett Aufklärungen über Ztaliens Stellung zur Konferenzidee zu geben. 
Berlin, den 13. Aovember 1867. 
Launag erklärte hier, Italien wolle den Congreß nicht. Benedetti bebauptete dieß 
besser m wissen. Launagy hat dann auf fraonzösischen Betrieb Weisung dabin erbalten, daß 
Stalien nicht gegen Congreß sei, aber vor Kenntniß der Basen nichts zusagen könne. 
Offenbar will Stalien nicht, wagt dieß aber, von Frankreich bedrobt, nicht ausmsprechen. 
Ich halte die Conferensidee schon jetzt für mißlungen.
        <pb n="126" />
        112 Was Bismarck zu Türckheim über Gestaltung Süddeutschlands gesagt bat. 
*7034. Erlaß an den Gesandten in Karlsruhe 
Grafen von Flemming. 
l[Konzept von der Hand des Vortragenden VRats Bucher.] 
Die Kammerrede des baprischen Ministerpräsidenten Sürsten Hobenlobe vom 8. Cktober, 
die unter Verufung auf die preuhische Aegierung selbst (ogl. Ar. 889, Vorbemerkung) sich mit 
aller Schärfe dagegen wandte, dah einzelne Staaten jüdlich des Wains mit Aorddeutschland in 
uãähere Verbindung träten, batte neturgemäh in Baden grohen Anstoß erregt. In der badischen 
Iweiten Kammer trat der Minister des Auswärtigen Greiherr v. Sreygdorf am 14. Cktober, 
der Hodenlobeschen Auffassung natdbdrücklich entgegen. Am gleichen Tage interpellierte der 
badische Gesandte in Verlin Greiherr v. Türckheim im Austrage Freydorfs Bismarck wegen 
der Hobenlobeschen Außerungen. Er erhielt uur Antwort: so wie Hohenlobe sich ausgedrückt, 
lei eine Crklärung von der preuhischen Regierung niemals abgegeben worden. Der Sürst könne 
nur Außerungen im Auge gehabt haben, wie sie dos Zirkular vom 7. September (ice Nr. 883) 
enthalte, und in ähnlichem Sinne habe er, Bismarck, lich auch in vertraulichen Mitteilungen durch 
rin; Reuß (ogl. den Erlaß an diesen vom 22. Jonuar 1867, Die Gelammelten Wertke, VI, 
239 ff.) aussprechen lassen. Indem nun Bismarck daran ging, leine früheren Außerungen gegen- 
über Kürckheim neu zu umschreiben, scheint er sich über den springenden Punkt, ob der Eintritt 
Süddeutschlands in die volle Gemeinschaft des bis jetzt auf Aorddeutschland beschränkten Vundes 
weckmäßiger auf dem Wege der Angliederung eines geschlossenen süddeutschen Bundes oder 
des jukzessiven Cintritts einzelner süddeutscher Staaten geschehe, im Hinblicke auf die gespannte 
europäische Lage gegen früher zurückhaltender geäuhert zu baben. Wenn in der Luxemburger Krile 
gerade eine solche Spannung für Bismarck zum Antrieb geworden war, in der nationalen Srage 
vorwärts zu gehen, so batte er sich damals von einer nationalen Flut getragen gefühlt, die auch 
in Süddeutschland Ntarke Wellen schlug. Jethzt aber walteten in den baprischen und den württem- 
bergischen Kammern, das war noch besonders deutlich bei der Beratung der neuen Zolloereins-= 
ge mtage getreten, die Befsorgnisse vor einer aorisierung durch den Rorden so sehr 
vor, ! es ratsam erscheinen mußte, vor einem neuen Nuck in der nationalen Grage erst die 
materielle Auswirkung der Sollverträge und das Jusammenarbeiten norddeutscher und jüd- 
deutscher Abgeordneten in dem kommenden Jollparlament abzuwarten. Auf die Empfehlung 
einer beschleunigten Cinberufung des Sollparlaments liefen denn auch DVismarcks vorsichtig ab- 
gewogene Auherungen zu Cürckheim vom 14. Oktober binaus. Türckheim aber hörte vor allem 
beraus, daß Bismarck zur Zeit die geschlossene Annäherung Gesamtsüddeutschlands an den Nord- 
deutschen Bund für praktisch wünschenswerter erachte als den vollen Eintritt einzelner Ceile. In 
diesem Sinne war Hein Bericht über die Unterredung (teilweise gedruckt bei O. — Kaiser 
Wilbelm und die Begründung des Reichs 1866 bis 1871, S. 184 ff.; ergänzt von W. Schüßler, 
Bismarckes Kampf um Süddeutschland 1867, S. 277, nebst Anm. 1) gebalten, der naturgemäh 
in Baden eine starke Enttäuschung bervorrief. Großber#sog Sriedrich I., der eben damals von 
Freiherrn v. Roggenbach (ogl, dessen Brief an den Sthhhersoa- vom 17. Cktober, H. Oncken, 
Großberlog Sriedrich I. von Baden und die deutsche Dolitik von 1854 bis 1871, II. 105 ff.) 
ganz anders lautende Mitteilungen über Bismarcks. Stellungnohme r— mutmahte ein Miß- 
verständnis Türckheims. Er jeigte dem gerade bei ihm zum Bejuch weilenden Könige Wilbelm I. 
den Bericht und wurde (ogl. leinen Brief an Gelzer vom 26. Dezember, Oncken, a. a. O., II, 
111) ermuntert, durch Slemming bei Bismarsk rückfragen zu lallen, ob Türchheim ihn auch recht 
verstanden babe. 
Vertraulich. Berlin, den 13. Aovember 1807. 
In Beantwortung des gefälligen Berichtes Cw. pp. vom 3. d. Al., betreffend meine 
Unterredung mit Herrn von Türchheim, habe ich zuvörderst meinem lebhaften Danke gegen 
Seine Königliche Hoheit den Großherzog Ausdruck zu geben. Die mir auf seinen Befehl 
gewordene vertrauliche Witteilung gewährt mir die wünschenswerte Möglichkeit, meine 
Ansicht über das, was in dem Verhältnis zwischen Nord-= und Suddeutschland zunächst not 
tut, in einer solchen Weise m rekapitulieren, daß das MNAißhperständnis ausgeschlossen wird, 
in welches Herr von Türckheim wegen einer vorgefaßten Meinung, vielleicht durch den 
Gang des Gespräches verfallen ist. Er refümiert das letztere in der Grage, ob mir unter 
den gegebenen Verhältniffen die Herstellung eines alle süddeutschen Staaten einigenden 
weiteren Bundes wünschenswerter erscheine als der volle Eintritt eines oder einiger 
dieser Staaten in den Vorddeutschen Bund. Vach meiner Erinnerung ist diese Srage zwar 
berührt, aber von mir nicht als das eigentliche Chema bebandelt worden; und sie ist jeden-
        <pb n="127" />
        Badens Aufgabe für Deutschlands Einigung. 113 
falls nicht in meinem Sinne dahin beantwortet, daß durch die erste Alternative die zweite 
ausgeschlossen werde. Ich bin der WMeinung und habe sie gegen Herrn von Türckheim aus- 
gesprochen, daß ein süddeutscher Bund keine der nationalen Sache befonders gefährliche 
Kombination sei; denn, in einem süddeutschen Darlamente konzentriert, würde das Aa- 
tionalgefühl sich energischer geltend machen als in den Kammern der einzelnen Staaten. 
Aber als etwas Erstrebenswertes kann ich einen solchen Bund nicht bezeichnen, teils wegen 
der ihm anhaftenden Vachteile, teils in Würdigung der Sälle, die außer ihm möglich find. 
öch finde nämlich einen erheblichen Unterschied zwischen dem Eintritt eines und 
einiger süddeutschen Staaten in den No#rddeutschen Bund und ferner zwischen dem 
Eintritt des einen oder des anderen Staates. Es läßt sich meines Erachtens viel dafür 
sagen, daß Baden, indem es als Germent auf die Gestaltung Süddeutschlands wirkt, der 
nationalen Sache größere Dienste leistet, als indem es, und zwar allein, Mitglied des 
Norddeutschen Bundes wird. Dagegen ist es mir zweifelhaft, ob der überwiegende Gewinn 
nicht auf der andern Seite zu suchen sein würde, wenn die Chance gegeben wäre, daß 
Baden und Württemberg, und zwar letzteres freiwillig, nicht durch die Um- 
klammerung Badens genötigt, als Mitglieder des Aorddeutschen Bundes aufgenommen 
werden könnten. Dawider würde nur sprechen, daß diese Beränderung wieder als ein um 
so stärkerer Swang auf Bayern wirken ulnd letzteres vielleicht aus verletztem Selbst- 
gefühle bedauerliche Bahnen einschlagen würde 7. 
Sch kann daber meine Ansicht nur dahin zusammenfassen, daß mir für das Gesamr- 
interesse Deutschlands der Weg als der förderlichste erscheint, der am schnellsten die füd- 
deutschen Staaten freiwillig dem Aorddeutschen Bunde zmführt, daß sich aber dieser Weg 
noch nicht so klar erkennen und bestimmt bezeichnen läßt, daß ich mich amtlich darüber aus- 
zusprechen vermöchte. Es kommt vor allem auf die Aichtung und die Geschwindigkeit an, 
mit welcher die öffentliche Meinung in Süddeutschland sich entwickelt; und darüber wird 
sich erst aus dem Sollparlament ein einigermaßen sicheres Urteil gewinnen lassen :. Es 
ergibt sich aus dem Gesagten als die nächste Aufgabe, auf die beschleunigte GSusammen- 
berufung des Sollparlaments binzuwirken und das Verlangen nach Erweiterung des 
Kreises seiner Berechtigungen, nach dem Heranzieben neuer Beratungsgegenstände zu 
nähren oder zu erwecken. Es läßt sich erwarten, daß die Entwicklung, deren Keim in dem 
Vertrage vom 8. Juli d. J. liegt, die etwa wieder aufumehmenden Verhandlungen über die 
Föderation der jüddeutschen Staaten unter sich überholen werde. 
Ew. pp. wollen sich gefälligst in diesem Sinne gegen Herrn von Srepdorf aussprechen. 
Nachschrift. Da es nicht gelungen ist, durch wiederholte Dementierungen die Vor- 
stellung zu zerstören, daß jeder Artikel der „Aorddeutschen Allgemeinen Seitung“ inspiriert 
sei, so will ich nicht unterlassen zu bemerken, daß der erste Artikel in Nr. 264 des genannten 
Blattes der Regierung gänzlich fremd und lediglich von dem ARedakteur m verant- 
worten ist?. 
1 Der Aest des Satzes von den Worten an: „ulnd] letzteres ..“ eigenböndige Korrektur Bismarcks. 
: Mit erstaunlicher Intuition erfaßte W. Wehrenpfennig den Standpunkt Bismarcks, wenn er gerade 
am 13. Aovember an H. Baumgarten schrieb: „Mir scheint, daß Bismarch lelt. die beiden Wege in Bezug 
auf die Herbeibrincung des Südens sich bis zum Follparlament offen lassen wul. Ich glaube, er bat vor- 
läufig mehr Lust zu der legislativen Gemeinschaft mit dem ganzen Süden als 1ur Ausnahme Badens allein 
und würde letzteres nur als Pis aller und etwa nach Erreichung des ersteren Sweckes ab#eptieren“, Deutscher 
Liberalismus im Geitalter Bismarcks, ed. J. Heuyderhoff, I, 392 . 
stdsquchulklua ZEÆakckcsZKaömpgf um E’m[ß'sßles 1667, S. 277 f., der also irrt, wenn 
ihrt. 
Hda 
er den Artikel auf Bismarck zurü 
VIa r—
        <pb n="128" />
        114 Amtliche Einladung zur Konferenz in der römischen Frage. 
*7935. Telegramm an die Missionen bei den Großmächten, 
in Florenz und Dresden. 
[Konept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.)] 
Berlin, den 14. November 1867. 
Der französische Botschafter hat mir heut amtliche Einladung zu Konferenz über- 
bracht :. Ich habe vor Entschließung des Königs als notwendig bezeichnet: 
1. Auskunft, ob Sunächstbeteiligte, Rom und Stalien, Entscheidung durch Konferen; 
wünschen und CEinladung angenommen. 
2. Wer sonst noch eingeladen? 
3. Andeutungen über Grankreichs Auffassung von der Löfung. 
4. Unsere Verständigung mit den anderen Mächten. 
Benedetti gab Berechtigung der Sragen ad 1 und 2 mz, die er nicht beantworten 
konnte, außer daß er Konferen; als im Wunsche Staliens liegend bezeichnete — was nicht 
mit unseren Nachrichten stimmt. Seine Haupttenden; ging dahin, daß wir auf ein 
Programm versichten und ein solches sich auf der Konferenz selbst entwickeln lassen möchten. 
— Sch stimmte nicht m; bemerkte, wir ulnd] wahrscheinlich alle Mächte würden in 
Conferen; doch abwarten, was Grankreich vorzuschlagen habe. Wir wüßten keine Vor- 
schläge zu machen, hielten die FSrage auch nicht mehr für brennend :; auf unsere Sntschlüsse 
würde es von Einfluß sein, zu wissen, was Grankreich wolle, oder ob es das nicht sagen 
wolle. 
*936. Erlaß an die Missionen bel den Großmächten 
und in Florenz'. 
[Konsfept von der Hand des Vortragenden Nats Abeken.] 
Berlin, den 15. Aovember 1867. 
Der Kaiserlich Französische Botschafter hat mir beut: die amtliche Einladung zur 
Konferenz in der römisch-italienischen Srage überbracht, welche er bereits in den letzten 
Tagen, während deren ich mit Seiner Majestät dem Könige von Berlin abwesend war, 
angekündigt hatte #. Er gab mir zu diesem Bebuf eine Depesche“ m lesen, welche, nach- 
dem sie die Entstehung und die Schwierigkeiten der italienisch -römischen Srage kurz 
refümiert, ohne eine eigene Ansicht über die Art der Lösung dieser Srage anzudeuten, den 
Wunsch ausspricht, daß die europäischen Kabinette m einer Konferen; zusammentreten 
möchten, um sich mit der Lösung derselben zu beschäftigen, und den ausdrücklichen Vor- 
schlag dam an die Königliche Regierung richtet. 
1 Bal. dazu die Berichterstattung Benedettis vom 14. November, Les Origines Diplomatiques, XL, 
assus von den Worten! im vorangehenden Satze on: „wir ulnd! wahrscheinlich “ eigen- 
R ub Bism 
VBs. Abjchtijtlich ging . Erlaß auch den Misstonen bei den deutschen und den größeren europäischen 
en 
". 2 chtig müßte es beißen: „gestern“. Die Unstimmigkeit erklärt sich wieder daraus, daß das Konjept 
schon — 14. No#enter —'ii wurde. 
Slehe der Cext des Zirkulars vom 9. Aovember in: Les Crigines Diplomatiques, XI, 199 es.
        <pb n="129" />
        Preußens Stellungnahme jur Konferenjeinladung. 115 
Ich habe dem Botschafter darauf erwidert, daß, da ich auf diesen Vorschlag vor- 
bereitet gewesen, ich bereits auf der Reise mit Seiner Moajestät dem Könige darüber habe 
sprechen können und daher in der Lage sei, ihm über die allerböchste Auffassung folgendes 
mitzuteilen. 
Seine Mojestät der König mein allergnädigster Herr wünsche, bevor er seinen 
Entschluß fasse, über folgende Dunkte nähere Auskunft zu haben: 
1. Ob die beiden in erster Linie Beteiligten, nämlich Seine Heiligkeit der Papft und 
die Königlich Stalienische Regierung, den Borschlag zum Susammentritt der Konferenz und 
die Cinladung zur Beschickung derselben angenommen hätten, und ob Aussicht vorhanden 
sei, daß beide zur Herstellung annehmbarer Konferenzbeschlüsse mitmwirken bereit seien. 
2. Welchen anderen Teilnehmern wir in der Konferen; begegnen würden; an wen die 
Einladung ergangen sei. 
3. Wünsche Seine Majestät der König etwas weitergehende Andeutungen über dio 
Intentionen der Kaiserlich Französischen Regierung selbst und über die Richtung der Vor- 
schläge, welche auf der Konferenz von Frankreich zu erwarten seien. Alle Mächte würden 
ohne Sweifel von der Voraussetzung ausgehen, daß Grankreich, wenn es sie zur gemein- 
samen Beratung und Lösung einer Grage einlade, ihnen zunächst seine eigene Ansicht über 
die Sache andeuten werde. Wir unsererseits würden uns jedenfalls nicht in der Lage be- 
finden, der Konferen; ein Programm zu suppeditieren, und wir glaubten nicht, daß eine 
andere Wacht eine beiden Partheien annehmbare Aegelung dieser go schwierigen Frage 
vorzuschlagen bereit sei. Alle würden vielmehr voraussetzen, daß Frankreich sie deshalb 
berufen habe, um ihnen ein den eignen Bejiehungen Frankreichs u Rom ulnd) Stalien 
entspringendes Programm zur Prüfung vorzulegen ". Es sei vom höchsten Snteresse für 
uns, im voraus beurteilen zu können, ob wir etwa durch unser Erscheinen auf der Kon- 
ferenz uns der Wahbrscheinlichkeit ausfetzten, den französischen Vorschlägen Opposition 
machen zu müssen oder durch unfre Aussprache, sei es die römische Curie, sei es Stalien 
ulnd] die jedem von beiden anbängenden Gractionen der öffentlichen Meinung Deutsch- 
lands m verletzen. 
4. Endlich wünsche Seine Mojestät der König eine vorberige Verständigung mit den 
anderen Mächten und Kenntnis ihrer Auffassungen, ebe er bestimmt einen Entschluß über 
die Beschickung der Konferenz; ausfpreche. 
Der französische Botschafter gab zu, daß wir im Rechte wären, die Sragen ad 1 und 2 
zu stellen, erklärte sich aber für den Augenblick außerstande, dieselben zu beantworten, da 
seine Instruktionen ihm darüber nichts mitgeteilt hätten. 
öch fragte ihn in betreff des zweiten Dunktes noch, ob die französische Regierung sich 
überzeugt habe, daß Mächte wie Rußland und Cngland eventuell bereit Jein würden, mit 
den kleineren Staaten, welche dem Vernehmen nach auch eingeladen worden seien (worüber 
Herr Benedetti nichts Dositives wissen wollte) auf gleichem Suße zu beraten und zu ent- 
scheiden. 
Auf seine Gegenfrage, ob dies für uns ein Grund zur Ablehnung sein würde, er- 
widerte ich: ich bätte das nicht gesagt; immerbin aber sei es schwer, 3. B. wwischen den 
t letzte Sate und der Schluß des vorletzten von den Worten an: „wir glaubten nicht .. eigen- 
zu 35 Bis 
Nest -i * eigenhändiger Zusatz Bismarck 
1½ #n- l die K liehli lond 
NNNNNNNNNN——— 
8
        <pb n="130" />
        116 Bismarcks Bedenken gegen die Konserenz. 
deutschen Staaten eine Grenze m jiehen; warum etwa Mecklenburg und Oldenburg nicht 
eingeladen werden sollten, von denen doch namentlich das letztere eine bedeutende Anzahl 
katholischer Untertanen habe? 
Der WBotschafter machte es sich in unserer Unterredung zur Hauptaufgabe, in Bezug 
auf den dritten. von mir bezeichneten Punkt, mich zum Verzicht auf die Sorderung irgend- 
eines Drogramms zu bewegen. Ein solches, meinte er, würde sich erst auf der Konferen; 
selbst entwickeeln, und seine Regierung babe gebofft, wir würden auch ohne vorherige Vor- 
legung eines Drogramms auf die Konferenz kommen und abwarten, daß aus der gemein- 
samen Beschäftigung mit der Srage die Lösung hervorgehen werde. 
öch konnte ihm nicht versprechen, daß Seine Majestät der König sich hierm ent- 
schließen würde, oder daß ich selber ihm dazu raten könnte. Es würde jedenfalls vom 
wesentlichsten Cinfluß auf die Entschließungen Seiner Majestät sein, was für Andeutungen 
Frankreich über die Natur seiner Vorschläge geben könne, — oder ob es ganz damit 
mrückhalten und die übrigen Mächte in Ungewißheit über seine Sntentionen lassen wolle. 
Wahrscheinlich würde das Verbalten der übrigen Mächte, mit denen Seine Maojestät sich 
zu verständigen wünschen müsse, nicht minder durch diese Umstände bedingt werden. 
Im Vorstehenden finden Ew. pp. wesentlich die Stellung bezeichnet, welche die König- 
liche Regierung vorläufig zu dem französischen Vorschlage einnimmt; und ich bitte Ew. pp., 
sich in hren eigenen Außerungen in Übereinstimmung damit auszusprechen. 
*032. Erlaß an den Botschafter in Daris Grafen von der Goltz. 
[Konrept von der Hand des Vortragenden Rats Aberken.] 
Vertraulich. Berlin, den 15. Aovember 1867. 
In meiner Unterredung mit dem französischen Botschafter, deren wesentlichen Inhalt 
ich in meinem anderweiten Erlaß vom heutigen Datum (Ar. 321): niedergelegt, habe ich 
den Standpunkt bezeichnet, welchen die Königliche Regierung dem nunmehr offiziell an sie 
gelangten Vorschlage des Kabinetts der Tuilerien zu Konferenzen über die römische Srage 
gegenüber einnimmt. Ich habe im Jusammendange damit Herrn Benedetti noch einige 
Bemerkungen mehr vertraulicher Art gemacht, welche ich Ew. pp. ebenfalls anzudeuten 
nicht unterlassen will. 
Ich habe namentlich Herrn Benedetti daran erinnert, wie ich ihm schon in der 
früheren Unterredung: offen und vertraulich ausgesprochen, daß wir den ganzen Gedanken 
der Konferenz nicht für reif erachteten, weil wir unter den gegenwärtigen Umständen und 
bei den vorhandenen unausgeglichenen Gegenjätzen durchaus kein Ergebnis davon er- 
warten könnten, und es nicht für nützlich hielten, daß die europäischen Kabinette in so 
förmlicher und ostensibler Weise die Lölung einer Aufgabe übernähmen, welche sie im 
Grunde alle, wir wenigstens jedenfalls, für unlösbar hielten. Ich habe ihm zurückgerufen, 
daß ich auch schon damals ihm kein Hebl daraus gemacht, daß uns die Einladung au einer 
Konferen; unwillkommen sein würde, weil sie uns nach verschiedenen Seiten bin in Ver- 
legenheiten setze. Einmal sei es uns unangenehm, uns ohne Dotwendigkeit und ohne jede 
1 Slebe Nr. 936. 
* Vom 10. November; ogl. Ar. 932.
        <pb n="131" />
        Bismarcks Aussprache mit Benedetti, 14. November 1867. 117 
Auslicht auf Erfolg über streitige Sragen zwischen zwei befreundeten Mächten, wie Stalien 
und der Papst ausfsprechen zu sollen, wobei wir fast sicher sein könnten, eine von beiden 
oder beide zu verletzen; und ebenso sicher könnten wir voraussehen, daß wir, wie auch die 
Lösung — wenn eine solche gefunden werden sollte —, ausfiele, entweder unsere katbho- 
lischen oder unsere liberalen Slemente im Lande verstimmen würden. — Wenn uns dies der 
Konferen; abgeneigt machen müsse, so würde es uns jedoch auf der anderen Seite ebenfalls 
jetzt unangenehm sein, einer Regierung wie der französischen auf einen bestimmten 
Vorschlag mit einer Weigerung zu antworten. 
Ich könne noch nicht vorhersehen, wohin in diesem Dilemma schließlich die Ent- 
scheidung falle, und welches der Entschluß Seiner Mojestät des Königs in betreff der 
Konferenz sei. 
Ich bedauerte, daß die französische Regierung sich nicht enthalten habe, uns in dies 
Dilemma zu versetzen; um so mehr, als ich glaubte, sie würde es auch bei den anderen Re- 
gierungen, welche sie sondiert habe, durchfühlen müssen, daß nirgends ein besonderes 
empressement zur Teilnahme an den Konferenzen obwalte. Dies gelte namentlich auch 
von der einen bauptsächlich beteiligten, nämlich der italienischen Regierung. Herr Be- 
nedetti bestritt letzteres und bebauptete, die italienische Regierung wünfsche dringend die 
Konferenz. Da dies den Nachrichten und Eindrücken, welche wir sonst haben, ganz m- 
wider ist, so muß ich wohl annehmen, daß Herr Benedetti zu seiner Behauptung durch eine 
unter den jetzigen Umständen erklärliche Aachgiebigkeit gegen die franjösischen Wünfche 
berechtigt sei, ohne daß diese den eigentlichen eigenen Intentionen des Slorentiner Ka- 
binetts entspräche. 
Ich habe Herrn Benedetti gebeten, sich einmal zu vergegenwärtigen, welchen Eindruck 
es wohl in Paris hervorbringen würde, wenn wir in einer Angelegenheit, die für uns von 
Interesse wäre, aus vertraulichen Besprechungen den Eindruck gewonnen hätten, daß es 
der französischen Regierung unbequem sein würde, sich jetzt darüber aussprechen zu müssen, 
— und wenn wir dann dessenungeachtet die Einladung zu einer Konferenz an sie gerichtet 
hätten — noch daju, ohne sie darüber aufmilären, mit wem sie diese Konferenz abhalten 
solle, und ohne ihr eine Andeutung darüber zu geben, in welchem Sinn wir selbst die Lösung 
der Schwierigkeiten auf der Konferenz anstreben würden. SIch glaubte bestimmt aussprechen 
zu dürfen, daß wir für ein solches Verfahren schwerlich auf das Einverständnis Frankreichs 
zu rechnen haben würden. 
Außerdem habe ich auch den Botschafter wiederbolt vertraulich aufmerksam darauf 
gemacht, wie wenig es uns im eigenen nteresse GSrankreichs zu liegen scheine, die Aèot- 
wendigkeit der eigenen formulierten Aussprache über eine Srage berbeizuführen, die nach 
der VNiederlage Garibaldis und der Beseitigung jeder Gefahr für Rom und den Papft 
durchaus keine brennende mehr jei und die Fortdauer eines proviforischen status quo recht 
gut noch längere ZSeit bindurch vertragen könne ulnd) deren Lölung, wenn überhaupt, nur 
durch den Gang der Ereignisse zu erwarten sei. 
Der Botschafter erwiderte darauf, daß die Beseitigung der Gefahr doch nur als eine 
augenblickliche erscheinen könne, und daß es sehr wohl möglich sei, daß nach slechs Monaten 
wieder ganz ähnliche Sujtände einträten. 
Vertraulich“" ulnd] ohne Ew. pp. mit einer Mittheilung deshalb m beauftragen, 
* Der Vest des Satzes eigenbändlger Zusatz Bismarcks. 
Der ganze letzte Lei d S pUsa Bismarcks.
        <pb n="132" />
        118 Verbeimlichte französische Einladung an die kleinen deutschen Höfe. 
bemerke ich, daß die unvorbereitete, ich möchte sagen, verheimlichte Sinladung einer 
Anzahl von deutschen Höfen ulnd] die darin liegende Tendenj, deren Beziehungen zu uns 
ulnd] die nationale Verbindung Deutschlands zu ignoriren, Sleine) Mlajestät] dlen] 
Klönig] bat unangenehm berübren müssen, ulnd) daß die Einladung der kleinen euro- 
päischen Staaten ohne irgend welche Sondirung der großen Mächte über diesen Punkt, 
mir von einer Ueberhebung zu jeugen scheint, der wir mleines] Elrachtens] nicht Vorschub 
leisten dürfen. 
*938. Telegramm an den Gesandten in Stuttgart 
Frelherrn von Rosenberg'. 
[Cigenhändiges Konzept.] 
Verlin, den 16. Aovember 1867. 
Die von Grankreich an Königreich Sachsen gerichtete Einladung zur Conferenz ist von 
der Klöniglich) Sächsischen Regirung an das Präsidium des Alordsdleutschen) Bundes 
verwiesen worden. Wir haben auf Grankreichs Einladung Erklärung abgelehnt, so lange 
nicht feststeht, ob Dapfst ulnd]) Italien auf Conferen; eingehn, wer eingeladen ist, ulnd) 
welches Frankreichs Programm. Ebenso England ulndl Rußland. Ueber Vorstebendes 
äußern Sie Sich nur auf Befragen, keine Initiative. 
*939. Immediaibericht. 
[Kontdept von der Hand des Legationsrats Grafen von Wesdehlen.]. 
Verlin, den 17. Movember 1867. 
Curer Königlichen Majestät beehre ich mich in der Anlage einen Bericht von Aller- 
höchstdero Gesandten in Dresden vom 16. d. M., die Stellung Sachsens zur vorgeschlagenen 
Konferenz über die römische Srage betreffend, alleruntertänigst vorzulegen und erlaube mir 
gleichzeitig zu melden, daß der Königlich Sächlsische Gesandte mir im Auftrage seiner RNe- 
gierung eine entsprechende Eröffnung gemacht hat. Baron Könneritz hat mir mitgeteilt, 
daß der Kaiserlich Sranzösische Gesandte in Dresden Seiner Majestät dem Könige von 
Sachsen die Einladung der Kaisers Napoleon zur erwähnten Konferenz überreicht habe, 
Seine Majestät beabsichtige zu antworten, daß die Vertretung der Mitglieder des Aord- 
deutschen Bundes auf einer derartigen Conferen dem Präsidium des Bundes zustebe, ulnd) 
daß daher die Cinladung an Ew. Aloajestät!] zu richten sei. Blarson Könneritz richtete an 
mich die Frage, ob Sw. Mloajestät! Regirung mit dieser Auffassung einverstanden sei. öch 
habe dies bejabt= und nicht verfehlt, Baron Könneritz für die bundesfreundliche Gesinnung 
Seiner Mojestät des Königs von Sachsen meinen Dank auszusprechen". 
1 Das glesche Celegramm ging auch an die Missionen in Darmstadt und Karlsruhe, nach Karlsrube 
s- veesDSo- trägt die Motik : „Marginalbemerkung Seiner Moajestät lauf der Ausfertigungl: Se- 
legentlich ist auch meine Merkennung des Verhaftens Sachsens dem Könige auszusprechen. Wilhelm. 
* Der Paslsus von den Worten an: „daß die Vertretung der Mitglieder ...“ eigenhändiger Sinschub 
Bismarcks. . . — 
-" Jirkulardepesche vom 20. Vopember in: Das Staatsarchio, XIV, 323; ferner 
A Sresen dan is l liche, Iaen aus meinem Leben, III. 661.
        <pb n="133" />
        Jesuitenniederlassung in der Drovinz Posen. 119 
*940. Schreiben an den Staatsminister Grafen zu Eulenburg. 
[Kanjzleikonzept.] 
n einem Schreiben an Bismarck vom 5. Öktober hatte sich Graf mzu Culenburg neuerdings 
(ogl. 838) 5 eine schärfere Anwendung der Königlichen Ordre vom 23. Juni 1854 und 
des darauf beruhenden Ministerialerlasses vom 20. Juli des gleichen —— bezüglich der Aleder- 
lassung ausländischer Jejuiten ausgesprochen. 
Berlin, den 17. Aovember 1867. 
Euer Cxsellenz beehre ich mich auf das gefällige Schreiben vom 5. v. M. ganz er- 
gebenst zu erwidern, daß ich mich den in diesem und Euer Exzjzellen; geehrtem Votum vom 
20. Juni d. J. entwickelten Ansichten über das den ausländischen Jesuiten in der Provinz 
Posen gegenüber zu beobachtende Verfahren aus rechtlichen und politischen Gründen nicht 
anzuschließen vermag. 
Cuer Exzellenz geben in Ubereinstimmung mit dem Herrn Minister der geistlichen usw. 
Angelegenheiten dem Immediatberichte vom 2. Juni 1854, dessen Grundjätze durch die 
Allerhöchste Ordre vom 23. Juni desf. J. ihre Bestätigung erhalten haben, die Auslegung, 
als habe dadurch nur ausgesprochen werden sollen, daß einem Ausländer nicht grundsätzlich 
schon um deswillen der Aufenthalt in der Provinz Posen m versagen sei, weil er dem 
Jefsuitenorden angehöre. Diese Auslegung scheint mir jedoch mit dem Wortlaute des ge- 
dachten Immediatberichtes nicht im Einklang m stebhen. Die damaligen Minister des 
Innern und der geistlichen pp. Angelegenbeiten geben darin die Absicht u erkennen, daß 
ü„den gehörig legitimierten und politisch unverdächtigen ausländischen Mitgliedern des 
Cesuitenordens der Aufenthalt in der Provinz Posen zu gestatten und die Abhaltung 
außerordentlicher Missionsandachten ihnen zu erlauben sei“, und in diesem Sinne ist auch 
der damalige Oberpräsident der Provinz Posen mit allerhöchster Genehmigung inftruiert 
worden. 
Auf Grund dieser allerhöchsten Bestimmungen bin ich der Ansicht, daß keinem 
„gehörig legitimierten und unverdächtigen ausländischen Mitgliede des Jefuitenordens“ zur 
Seit der Aufenthalt in der Provinz Posen versagt werden darf, und ich werde in dieser 
Auffassung durch die von Euer Exzellenz in dem geehrten Botum vom 20. Juni und von 
dem Oberpräsidenten Horn in seinem Berichte vom 15. Mai d. J. bestätigte Tatsache 
bestärkt, daß danach in der Praxis bisher stets verfahren worden ist. 
Bei dieser Sachlage ist es mir aber auch nicht zweifelbaft, daß ein verändertes Ver- 
fahren gegen die ausländischen Jesuiten in der Provinz Posen, nicht, auf Grund eines 
Ministerialresikriptes erfolgen kann, daß es vielmehr zu diesem SZwecke eines die Aller- 
höchste Ordre vom 23. Juni 1854 abändernden Erlasses Seiner Mojestät des Königs 
bedarf. 
Eine solche Maßregel würde mir aber zur Seit aus politischen Gründen kaum ratsom 
erscheinen. 
Der Oberpräsident von Horn erkennt in seinem erwähnten Berichte vom 15. Wai d. J. 
an, daß die Jesuiten in der Provinz Posen sich daselbst von allen politischen Agitationen, 
selbst in den Jahren 1863 und 1864 ferngebalten haben, ein Lob, welches bekanntlich der 
katholischen Pfarrgeistlichkeit dieser Provinz keineswegs erteilt werden kann. Überdies 
räumt aber der Oberpräsident von Horn ein, daß die von ihm befürwortete Maßregel, daß 
den ausländischen Jefuiten nur in einer beschränkten, dem bisberigen Zugztande ent-
        <pb n="134" />
        120 Bismarck und die Jesuiten. Konkurrenz der Ressortminister bei Stellenbesetzungen. 
sprechenden Anzahl der Aufenthalt und die geistliche Wirksamkeit in der Prooinz gestattet 
werden solle, dem lebhaftesten Widerspruche des Erzbischofs von Ledochowski begegnen 
werde. Es würde aber bei der bekannten politischen Haltung dieses Prälaten gegenüber 
den preußenfeindlichen Bestrebungen der polnischen Agitationspartei meiner lberzeugung 
nach ein politischer Sehler sein, wenn die Königliche Regierung ohne dringende Aotwendig- 
keit einen Konfliktt mit demselben heraufbeschwören wollte. 
Jedenfalls ist zur Rechtfertigung eines solchen Schrittes eine mehr theoretische Be- 
lorgnis in betreff der Mitglieder des Jesuitenordens, von welcher sich der Oberpräsident 
von Horn, wie aus dem mehrfach erwähnten Berichte vom 15. Mai d. J. bervorzugehen 
scheint, bestimmen läßt, nicht ausreichend, es bedarf dazu vielmehr meiner Ansicht nach 
bestimmter Tatsachen, aus denen sich ergibt, daß die Wirksamkeit jener Ordensgeistlichen in 
politischer oder sittlicher Hinsicht für die Bevölkerung der Drovinz Posen in der Tat eine 
nachteilige ist. 
Solange sich dies nicht erweisen läßt, scheint es mir geboten zu sein, von dem in betreff 
der ausländischen Jesuiten in der Provin; Posen bisher beobachteten Verfahren nicht 
abzoweichen, und ich erlaube mir daber die in dem Schreiben, welches unter dem 23. August 
d. J. on Cuer Exzellenz zu richten ich die Ehre batte, ausgesprochene Bitte zu wiederholen, 
daß Cuer Exjellenz, wenn Sie sich meiner Auffassung nicht fsollten anzuschließen vermögen, 
diese Angelegenbeit in Verbindung mit dem Herrn Minister der geistlichen usw. An- 
gelegenheiten zur Beratung im Königlichen Staatsministerium geneigtest vorbereiten zu 
wollen. 
*94 1. Schrelben an die Staatsminister Frelherrn von der Heydt 
und Grafen zu Eulenburg. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Nats Wagpner.)] 
Sekret. Berlin, den 18. Rovember 1807. 
Cw. Exzellenzen habe ich bereits mündlich mitzuteilen die Ehre gehabt, daß Seine 
Majestät der König auf meinen s. v. r. in Urschrift angeschlossenen Antrag, d. d. Letzlingen, 
den 11. d. M.:, unter demselben Datum allerböchst zu befehlen geruht haben, daß der 
Regierungsassessor Starke u Magdeburg sofort dem Oberpräsidenten von Hannover 
Grafen Stolberg zur Disposition gestellt werde. 
In der Voraussetzung, daß diesem allerhöchsten Befehl inzwischen bereits genügt ist, 
erlaube ich mir fernerweit ganz ergebenst darauf aufmerksam zu machen, daß aus Veran- 
lalsung des vorliegenden Spezialfalles Seine Majestät gleichzeitig zu befehlen geruht 
baben, daß Allerhöchstdenselben seitens des Staatsministeriums darüber Vortrag mu halten 
sei, ob und in welcher Art die Gemeinschaft zu lösen sei, in welcher bisher die Ministerien 
der Finanzen und des Innern in Bezug auf Verwaltungsämter konkurrieren. 
Ew. SEaxzellenzen beehre ich mich ganz ergebenst zu ersuchen, diese Srage gefälligst zur 
Beschlußfallung des Staatsministeriums vorbereiten m wollen. 
1 Siebe Nr. 930.
        <pb n="135" />
        Dreiste Interpellation Benedettis bei Wilhelm I. 121 
*942. Erlaß an den Botschafter in Daris Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken.] 
Am 16. Aovember hatte der französische Botschafter Benedetti eine Dinereinladung bei 
König Wilbelm I. dazu benutzt, um das Gespräch, das von der großen, in dem Gefechte von 
Mentana G. November) mtage getretenen Wir ung des neuen Chassepot-Gewehrs ausging, 
alsbald auf die französische Konferenzeinladung zu bringen und dem Könige deren Annahme 
dringend nabejulegen. Die Art, in der das Ouschat, war so eigentümlich, daß der König sich ver- 
anlaßt sah, eine Aufjeichnung darüber aufzusetzen, die er Bismarck mitteilte. Sie lautete: 
„Beim diné am 16. Aovember 1867 bei mir machte Benedetti mir im Verfolg einer 
Conversation über die Effets des Thassepot-Gewehrs die bingeworfene Bemerkung, que les 
suites de ce combat sich nach Wunsch jeines Kaisers in einer Conferenz lösen mögen, und daß 
dieser hoffe, ich werde diesem Wunsche beistimmen. Ich erwiderte, daß ich die Einladung m 
dieser Conferen: erbalten hätte, daß aber mein Entschluß dieselbe anzunehmen davon abhängen 
mülle: d'en connaftre le programme. la e. — Mais cela se trouvera par le travall 
de la conférence, sagte Benedetti, binzufügend de lui permettre de m'’en dlre un mot après 
le diné. Dies geschah. Er wiederholte nun, wie der Kaiser AMapoléon vor allem auf meine 
Zustimmung boffe, daß er ihm ausgesprochen, mir dies tout particulierement m sagen, pour 
le tirer d’'un grand embarras. 3h entgegnete, daß ich sehr gern und immer erböthig 1% 
seinem Herrn mich nützlich und angenehm zu erweisen, daß ich aber wiederholen müsse, wie ohne 
ein Programm, das in der Conferen als Basis gelte, es fast unmöglich sei, sich in dieselbe zu 
enterpreniren. Er wiederholte seinen früheren Ausspruch, daß sich dies von selblt finden. werde 
im Schoße der Conferens, dem ich von Aeuem widersprach. (IOn dem Augenblich machte Minister 
v. Bismarck eine heftige Bewegung mit dem Suße, die vermehrte Schmerzten andeutete und 
mich zu k nnqDicher Vewegung der Hand gegen den Grafen Bismarck veranlaßte; Benedetti 
beb sich unwillkürlich um, und als er den Grafen Bismarck als den Gegenstand meiner Hand- 
ewegung vermutbete, sogte er:) Ahl celui-Ià n'est pas bien disposé dans le moment. Sch: 
et pourtant je crois qusil niest que mon écho, mais cela ne dit pas qu'en continuant les 
négociations, werde man einen Ausweg aus den noch bestehenden Controversen finden. Do 
könnte ich nicht, ohne mich mit den übrigen Großmächten m besprechen, allein in der Conferenz- 
Frage vorgehen, und daß ich bei einer so delicaten Frage nicht allein meine catbolischen, sondern 
auch meine überwiegend protestantischen Unterthanen berücksichtigen müsse.“ Bgl. dazu auch 
Benedettis Bericht vom 17. RNobember, Les Origines Diplomatiques de la Guerre de 
18370—1871, XL, 261 S8. 
Berlin, den 19. Rovember 1867. 
Ew. pp. übersende ich anliegend vertraulich Abschrift eines Refümees, welches Seine 
Majestät der König über eine Unterredung mit dem Kaiserlich Granzösischen Botschafter 
eigenhändig aufgesetzt und mir mitzuteilen die Snade gebabt bat. 
Aus der achtungsvollen Surückhaltung, welche Sie in persönlichen Gesprächen mit dem 
Kaiser beobachten, indem Sie es vermeiden, die Initiative zu politischen Gesprächen zu er- 
greifen, wenn der Kaiser Shnen nicht selbst damit entgegenkommt, babe ich mich überzeugt, 
daß unsere Auffassung über die Grenzen, welche das Herkommen und die Schuldigkeit im 
Verkehr mit fremden Monarchen vorschreiben, die gleiche ist. CEw. pp. werden daher mit 
mir den Eindruck würdigen, den die dreisten Interpellationen des französischen Botschafters 
unserem allergnädigsten Herrn gegenüber machen müssen. Um sich den Charakter derselben 
vollltommen klar zu machen, bitte ich Ew. pp. nur, sich einmal zu vergegenwärtigen , ob Sie 
es angemessen balten würden, den Kaiser vor Tisch unaufgefordert über eine schwebende 
Frage zu befragen ulnd) Sich die Sortsetzung des Gesprächs nach Tisch gogleich dabei aus- 
ubitten. 
Der Eindruck auf Seine Majestät den König mußte um so unangenehmer sein, als 
Herr Benedetti vorber ausdrücklich mir bemerkt hatte, er wünsche nach seiner Rückkehr 
Seine Mojestät den König wiederzusehen, aber ohne um eine Audienz zu bitten; worauf 
Der Nest des Absatzes beruht auf eigenbändi Korrektur Bismarchks, ebenso weist d rauf- 
gebende Teil mehrere kleinere mbkrr#rr *2 E o lebner r- E. nl st der vorauf
        <pb n="136" />
        122 Benedettis Mangel an Cakt. Instruktion für Goltz in Konferemfrage. 
Seine Majestät der König ihn absichtlich zum Diner eingeladen batte, um diesem 
Wunsch zu entsprechen, ohne die politische Diskussion über die 2 Tage mwvor mit mir 
erschöpfend discutirte Srage allerhöchstselbst von neuem aufumehmen. 
Es lag für den Botschafter gar kein Bedürfnis zur Berührung dieser Waterie vor, 
da — wie ich Herrn Benedetti ausdrücklich bemerkt batte, meine ihm gemachten Er- 
öffnungen Solge allerhöchster Ermächtigung waren (iehe den Cingang meines Erlasses 
Nr. 7212). Ich könnte danach Herrn Benedetti den Sweck unterschieben, den König von 
leinem Minister m trennen; ich setze dies indes nicht voraus, sondern sehe in dem Ver- 
fabren des Herrn Benedetti nur den Mangel an Takt und die übergroße Sudringlichkeit, 
welche ich bereits früher öfter zu rügen gehabt habe. Mit äbnlichem ÜUbermaß des Eifers 
fragte er auch mich bei demselben Diner, nachdem er mit dem Könige gesprochen, ob 
nicht irgendeine Anderung eingetreten?) Worauf ich nur erwidern konnte, daß, wenn er 
selbst nicht etwa seine Antwort von Paris auf die von mir gestellten Sragen erbalten habe, 
ich nicht wisse, was sich hätte ändern können. 
Ich teile CEw. pp. dies nicht mit, um Sie zu ersuchen, daran eine Beschwerde über 
Herrn Benedetti zu knüpfen. Es würde dies um so schwieriger sein, weil ich in der Tat in 
dem ganzen Auftreten des Herrn Benedetti noch weniger einen perfönlichen Charakter- 
fehler als vielmehr ein Symptom jenes allgemeinen Mangels an Takt und guten Manieren, 
an diplomatischer und selbst gesellschaftlicher Erziehung erblickke, durch welchen heutzutage 
die Pariser Gesellschaft sich auszeichnet, und unter welchem infolgedessen die Mehrzahl der 
französischen Diplomaten leidet. Ich habe aber nicht verfehlen wollen, Ew. pp. diesen neuen 
Beweis dafür vertraulich mitmteilen, weil dies auch für Ew. pp. die Erklärung mancher 
Schwierigkeiten gibt, die in den Beziehungen Grankreichs zu dem biesigen wie zu anderen 
Höfen sich geltend machen. Seine Maoajestät der König hat dem Eindruck, den dies Auf- 
treten auf ihn gemacht, schriftlich keine Worte geben wollen. Solcher Mangel an Be- 
scheidenheit hat die Folge, daß Seine Maoajestät den Botschafter auch gesellschaftlich 
weniger, als er sonst möchte, sehen wird, wenn er vor dem Aufdringen politischer Gespräche 
nicht sicher ist, und dies bleibt dann gachlich nicht ohne Einfluß und erschwert die Geschäfte. 
*943. Erlaß an den Botischafter in Darls Grafen von der Goltz. 
[Kongzept von der Hand des Vortragenden Vats Abeken.] 
Am 14. und 15. November batte Graf v. d. Goltz mehrfach Unterredungen mit Marquis 
de Moustier gehabt, in denen sich dieser bemühte, den Votschafter davon zu überzeugen, daß vor 
allem Ruhland den Sedanken der Konferenz in der römischen Brage mit Begeisterung, mindestens 
mit Eifer aufgenommen habe, daß auch Italien von seinem anfänglichen Sögern zurückgekommen 
sei — die TCeilnahme des Papstes schien Moustier nicht unbedingt für nötig zu erachten —, und 
daß überhaupt nur England und Dreußen mit ihrer Zustimmung. Rrüickhielten. Graf v. d. Goltz 
war indessen durch Bismarck binreichend ins Bild gesetzt, um Moustier durch die Entgegnung 
mattsetzen zu können, daß auch ARußsands Justimmung keineswegs eine unbedingte sei, sondern 
von vorberigen Aufsklärungen spetiell über das französische Konferenzprogramm abhängig gemacht 
sei. Es mußte Bismarck in den von Goltz über jene Unterredungen erstatteten Berichten vom 
15. und 16. auffallen, daß lustier es sorglsam vermieden hatte, irgendwelche Mitteilungen oder 
auch nur Andeutungen über dieses Programm m machen. 
Vertraulich. Berlin, den 19. Aovember 1867. 
Der reiche Inhalt der verschiedenen die Konferenzfrage betreffenden Berichte Ew. pp. 
vom 15. und 16. d. M. gibt mir zu einigen vertraulichen Bemerkungen Veranlassung. 
2 Der Aest des Absatzes eigenbändiger Zusatz Biemarcks. 
2 Siebe Nr. 976.
        <pb n="137" />
        Bismarcks Kritik an dem französischen Verhalten. 123 
JZunächst spreche ich mein volles Einverständnis mit der Weise aus, wie Ew. pp. die 
Behauptungen des Marquis de Moustier über unsere Zurückhaoltung im Vergleich mit dem 
angeblichen empressement Außlands abgelehnt haben. Die Mitteilung der Berichte des 
Prinzen Reuß wird Ew. pp. hinreichend in den Stand setzen, die Stellung Rußlands zu 
würdigen. Sch glaube auch kaum, daß man sich in Daris darüber täuschen sollte. õch kann 
Ew. pp. nur ergebenst ersuchen, derartige Insinuationen entschieden abzulehnen und die 
Gleichheit unseres Standpunktes mit dem der übrigen Großmächte, welche wie wir die 
Konferenz nicht unbedingt ablehnen, aber ohne die gestellten Bedingungen auch nicht an- 
nehmen wollen, hervorzuheben. Wenn die Sdentität unserer Sesichtspunkte mit den 
englischen bemerkt wird, so liegt das in der Ratur der Sache und der Analogie der Ver- 
hältnisse einer protestantischen Dunastie mit einer bedeutenden Anzahl katholischer Unter- 
tanen, — von letzterem Umstande abgesehen, ein verhältnismäßig geringes nteresse zur 
Sache — und endlich den Nückssichten auf das konstitutionelle Leben des Landesl 
Die von uns wie von den beiden anderen Großmächten geforderte Darlegung der Ab- 
sichten der französischen Regierung stellt sich nur als um Jo notwendiger beraus, je mehr 
alle Mitteilungen der letzteren das Gepräge der vollständigsten absichtlichen oder unabsicht- 
lichen Unklarheit tragen. Hat der Kaiser wirklich selbst gar kein Programm, so wäre es 
töricht zu hoffen, daß aus den Beratungen aller großen und kleinen Staaten Europas ein 
solches bervorgehen könnel Hat er aber eine bestimmte Lösung im Sinn, so müssen die 
anderen Mächte fordern, nicht darüber im Dunkel gelassen zu werden, ebe sie sich darauf 
einlassen; jedenfalls müssen sie vorher wenigstens die Richtung kennen, in welcher die 
Lösung gesucht werden soll. 
Aber es ist nicht möglich, bierüber auch nur eine Andeutung zu finden oder wenigstens 
festiuhalten. Marquis de Moustier hat Herrn Aigra gesagt, daß Stalien viel leichter den 
Anforderungen ECuropas nachgeben könne als dem einseitigen Berlangen Grankreichs. 
Danach müßten wir annehmen, daß Jtalien durch die Konferenz zum Aufgeben seiner 
nationalen Forderungen genötigt werden soll, während wir bisher kaum anders glauben 
konnten, als daß der Kaiser im Grunde diese FSorderungen begünstige und den Papst m 
einer Verständigung mit Italien bewegen wolle. Was für Sorderungen aber sollen an 
Stalien gestellt werden, denen es Europa gegenüber sich fügen könne? Etwa eine 
Nestitution des Kirchenstaates oder ein Verzicht für alle Seit auf Rom? Auf solcher 
Basis würde allerdings wohl nicht nur die italienische Regierung sich weigern, in die Kon- 
ferenz einzutretenl — Warum aber auf der anderen Seite die Teilnahme des Papstes 
an der Konferenz entbehrlicher sein sollte — wie Herr von MWoustier behauptet — als 
diejenige Staliens, ist doch kaum einzusehen; es müßte denn eben sein, daß die Konferenz 
nur zum GSweck hätte, die eben bejeichneten extremen Gorderungen gegen Stalien durchz- 
führen und so alle Wünsche des Papstes zu erfüllen. Wenn aber irgend welche Kon- 
zession auch von dem Papst gefordert oder erwartet werden, wenn es sich um eine durch 
europäische Vermittlung zu erreichende Verständigung zwischen ihm und Stalien handeln 
soll, so ist doch seine Gegenwart ebenso nötig wie die Italiens; die Beschlüsse einer Kon- 
feren; ohne den DPapst würden schwerlich auf etwas anderes als ein unbeugsames 
Non possumus stoßenl
        <pb n="138" />
        124 Hat Frankreich kein Konsereniprogramm?' Einladung der kleinen deutschen Höfe. 
Es liegt in der Tat nahe zu glauben, daß Grankreich darum sich scheue, ein Dro- 
gramm aufzustellen, weil es wirklich keins hat, und weil es die Schwierigkeiten einer Löjung 
selbst zu gut einsieht. Daraus erklären sich die Widersprüche in seinen Außerungen und 
seiner ganzen Haltung. Es dürfte ihm bei der Berufung der Konferen; munächst nur darum 
mu tun sein, die Schwierigkeiten seiner eigenen Lage von den übrigen Mächten geteilt m 
seben, auch wenn diese ebensowenig eine Lösung fänden. Der englische Botschafter hat 
war mit Recht bemerkt, daß es nicht im Interesse der europäischen Mächte liege, die 
Schwierigkeiten u vermehren, welche dem Kaiser die Lage der römischen Angelegen- 
beiten bereite. Wir sind gewiß weit davon entfernt, das zu wollen; aber wir fühlen auch 
keine Verpflichtung, dieselben mit aufuns zu nehmen ulnd] unfrer Volksvertretung gegen- 
über wäre es schwer zu rechtfertigen, wenn wir es thäten. Bloß aus Gefälligkeit für Srank- 
reich oder den Kaiser der Sranzosen uns in eine Lage zu bringen, in welcher wir eigene wich- 
tige Interessen unseres eigenen Landes zu kompromittieren in Gefahr kommen und zwischen 
den Anjsprüchen unserer katbolischen Bevölkerung und dem politischen Infstinkt der pro- 
testantischen Mojorität eine, vielleicht keinen Teil befriedigende Entscheidung treffen müssen, 
die wir uns gonst ersparen können — das wäre ein Opfer, wozu unsere Rücksichten auf 
Grankreich uns nicht veranlassen können. 
Auch ist die Art und Weise, in welcher jetzt die Einladung zur Konferenz erfolgt, nicht 
so, daß sie uns eine besondere Verpflichtung des Entgegenkommens auferlegte. Ich will 
nicht davon reden, daß es an und für sich wohl selten vorgekommen sein mag, daß eine Re- 
gierung, nachdem sie vorher bei den wichtigsten Höfen gondiert und mit einer Aus- 
nahme die entschiedenste Abneigung gefunden bat, dennoch offiziell mit einem solchen 
Projekt hervortritt. Aber die einseitige Cinladung einer Menge kleiner und machtloser 
Staaten bis zu Luxemburg binab läßt zu deutlich die Absicht erkennen, in diesen Regierungen 
sich eine Art von Klientel zu schaffen, welche wie namentlich die der kleinen deutschen Re- 
gierungen, die von Dänemark, Schweden, Holland eventuell gegen uns verwertet werden 
könnte. Die Heranziehung golcher Staaten zweiten und letzten RNanges üs in früheren 
Sällen wohl von einer Konferen; der Grohmächte beschlossen worden, nach dem letztere 
unter sich einig geworden:; ihre Berufung aber zur Teilnahme an der Be- 
ratung einer europäischen Angelegenbeit, noch dazu ohne alles Programm, ist doch nur 
dam geeignet, dieselbe in noch größere Verwirrung zu bringenl Die volle Aichtachtung 
jeder Zusammengehörigkeit Deutschlands, sogar des norddeutschen Bundes, würde für 
Preußen allein schon genügen, um eine kühle Auffassung der Einladung erklärlich u 
machen:. Die Kaiserliche Regierung hat es in der Tat sich lelbst mumschreiben, wenn von 
allen Großmächten — Ötsterreich ausgenommen — wenig oder gar kein empressement 
für die Konferenz gezeigt wird; und es ist eine fast nur absichtlich zu nennende Ungerechtig- 
keit, wenn sie die Schuld an einem eventuellen Aichtzustandekommen derlelben auf uns 
schieben möchte. 
1 Der Schluß des Satzes von den Worten an: „ulnd] unfrer Vollssvertretung . elgenbändiger 
Jusar —. 
2 Oer Satz eigenhändiger Zusat Blemarsks.
        <pb n="139" />
        Osterreichs Zustimmung zu Konferenj. Goltz' Gespräch mit Beust. 125 
*944. Telegramm an den Boischafter in London 
Grafen von Bernstorff'. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.) 
Berlin, den 19. November 1867. 
Beust hat am Montag gegen Werther und Bloomfield sehr warm den französischen 
Standpunkt in betreff der Konferenz, der Osterreich bedingungslos zustimme, vertreten. Er 
hat schriftliche Depeschen nach London gerichtet, um die dortigen Bedenken zu bekämpfen 
und soll darin hervorgehoben haben, daß es nicht im Interesse der Mächte liegen könne, 
Napoleons Verlegenheiten zu vermehren. 
Unseres Erachtens werden letztere durch Konferenz nicht gemindert. Sch halte Kon- 
ferenz für Gehler, auch im Sinne der französischen Politik, verstärkt vermöge der unge- 
schickten Art der Berufung. 
*045. Erlaß an den Botschafter in Darls Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.] 
Am 28. Oktober hatte Graf v. d. Goltz mit dem im Gefolge Kaiser Granz Josephs in 
Paris weilenden österreichischen Reichskanzler Sreiberrn v. Beust ein Gespräch über die deutsche 
Frage gebabt, über das er sich tags darauf in einem Bericht dahin ausließ: „Sreiberr v. Beuft 
bemerkte, daß die in aris herrschenden Beforgnisse vor einem Überschreiten der Mainlinie 
mehr auf Einbildung als auf reellen politischen Interessen beruhten, da Preußen und der Ao#rd- 
deutsche Bund bereits auf Grund der Schutz- und Trutzbündnisse und der ganjen politischen La — 
über die Kräfte Süddeutschlands verfügten. Aber gegen imaginäre Beforgnisse ließe sich ni 
mit Raisonnements kämpfen, und es wäre daher wünschenswert, den erteren durch gelichhicht 
politischen Akt, entgegenzutreten. Indem ich versuchte, mir über den Gedanken des öster- 
reichischen Reichskanzlers größere Klarheit zu verschaffen, fragte ich ihn, ob er ein prooisorisches 
Definitivum im Sinne habe? Er alhtiert ß. diesen Ausdruck, vermochte mir aber über die Sorm, 
in welcher er sich die Realisierung eines solchen Auswegs denke, keinen näheren Aufschluß zu 
geben.“ Der österreichische Reichstankler aßte die bingeworfene Bemerkung des Grafen 
1 d. Goltz so auf, „daß, wolle man ollision mit Srankreich dauernd vorbeugen, nichts 
damu mehr beitragen könne. rlo 
larun er ibn. am 6. Wer gessi zntlcher", Hobenlobe Stuttgart ri und oalt in un- m pro- 
Berlin, den 19. Aovember 1867. 
*MBe seiner jüngsten Anwesenheit in Berlin erwähnte der Graf Tauffkirchen gegen mich 
eines Gespräches, welches der Sreiherr von Beust mit Ew. pp. über die künftige Ge- 
staltung Süddeutschlands geführt. und worin er das Drogramm entwickelt habe: Bildung 
eines süddeutschen Bundes und gleichzeitige Erweiterung der Kompetenz des Sollparla- 
ments. Sch habe anfangs der Sache irgendein Gewicht nicht beigelegt, indem ich annahm, 
daß, wenn sie dessen wert jsei, Ew. pp. mir darüber berichtet haben würden. Aeuerdings 
aber sind Mitteilungen über dasfselbe Projekt, in Berbindung mit dem Namen des Herrn 
von Beuft, von mehreren süddeutschen Höfen und zuletzt auch aus Wien bierher gelangt. 
Es gewinnt danach den Anschein, als ob der Reichskanjler jenes Gespröch mit Ew. pp. als 
r vesbcelelbe. Telegramm mit Ausnahme der belden letzten Sätze ging auch an die Gesandtschaft in 
etersbur
        <pb n="140" />
        126 Beusts süddeutsches PDrojekt. Dalwigks Erzäblung. 
eine Art von mündlicher Einleitung einer Verbandlung dargestellt habe, um bei den jüd- 
deutschen Regierungen seinem Plan ein Relief zu geben und die Vorstellung zu erwerken, 
daß Preußen eine Initiative zur Ausführung desselben nehmen werde. Mit einem golchen 
Bestreben dürften auch die in den letzten Tagen verbreiteten Gerüchte, daß ich eine Zu- 
lammenkunft mit dem Sürsten Hohbenlohe und dem Sreiherrn von Varnbüiler beabsichtigtes, 
in Verbindung zu bringen sein. Diese Umstände machen es denn allerdings wünschenswert, 
über das von dem Grafen Tauffkirchen erwähnte Gespräch auch von der anderen Seite 
unterrichtet zu sein, und ersuche Ew. pp. ich ergebenst um eine gefällige Mitteilung darüber. 
Was das angebliche Thema desselben betrifft, so habe ich schon Veranlassung ge- 
nommen, mich gegen die xsüddeutschen Regierungen mündlich und schriftlich dahin auszu- 
sprechens, daß ich von einem süddeutschen Parlamente Nachteile für den nationalen Ent- 
wicklungsgang nicht von Haufe aus beforgte; es sei ebenso möglich, daß dadurch ein kürzerer 
Weg zur Eindeit geöffnet werde als der, den die süddeutschen Staaten einzeln, für sich 
würden durchzumachen haben“. 
* 946. Erlaß an den Gesandten in Darmstadt von Werntzel. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.)] 
Vachdem Graf v. d. Goltz sich damit einverstanden erklärt hatte, daß bei dem hessischen 
Minister Sreiherrn v. Dalwigk wegen der von ihm Bismarck in den Mund gelegten Außerungen 
über den Eintritt Hessens in den rddeutschen Bund (vgl. Ar. 921) nachgefragt werde, hatte 
Bismarckt dem Darmstädter Gesandten einen dabingebenden Auftrag erteilt. Dalwigk bielt, 
wie Wentzel am 13. November berichtete, seine Behauptungen, die sich übrigens auf einen 
früberen Zeitpunkt, als Bismarck angenommen hatte, bejogen, im wesentlichen aufrecht. Wentzel 
gh die setzigen Bekundungen Dalwigks dahin wieder: „Cuere Erqiellen; hätien, als er in 
#ikolsburg den Eintritt ganz Hessens beaontragt, dies domals unter Hinweis auf das Mih-- 
trauen FSrankreichs mit dem Bemerken abgelehnt, daß Preußen den Main nicht überschreiten 
wolle; er habe dessenungeachtet in Berlin bei den Sriedensverhandlungen den Antrag erneuert, 
aber auch von Herrn von Savigng eine ablehnende Antwort erbalten. Seitdem habe Hessen 
allerdings keine Schritte weiter getan.“ 
Berlin, den 19. Aovember 1867. 
Aus Ew. pp. gefälligem Bericht vom 13. d. M. babe ich ersehen, daß der Greiherr 
von Dalwigk bei seiner Außerung gegen den Grafen Soltz, daß ich den Eintritt ganz Hessens 
in den Norddeutschen Bund abgelehnt hätte, und zwar aus Rücksicht auf Srankreich, eine 
Zeit im Sinne gehabt hat, die jiemlich weit hinter uns liegt, wenn sie nicht nach Tagen, 
sondern nach dem, was inzwischen geschehen ist, gemessen wird, die Seit der Aikolsburger 
Verhandlungen. Sch konnte das kaum voraussetzen, da die damals von mir ausgesprochene 
und demnächst bei den Fried handlungen mit Hessen von Herrn von Savigng wieder- 
holte Ablehnung sich nicht auf ein pures Anerbieten des Sintrittes beiog. Es wird dem 
Freiherrn von Dalwigk so erinnerlich sein wie mir, daß in Nikolsburg von der Abtretung 
der Provinz Oberhessen an Preußen gegen Entschädigung des Großberzogtums durch 
i igi Diplomatiques, XIX, 267. 
1 Vgl. dazu Benedettis Telegramm vom 17. MAovember, Les Crigines Dip 
i lt auf seinen Bericht vom 29. Cktober, den 
* In seiner Antwort vom 21. Aovember beiog aich e -' lf, e *33 
i i i positi Kern enthalten hätten. ismar ellte darau 
De duschans vost — ed 1ud oftiven ee und Darmstadt vom 29. fest, daß die 
Unterbaltung wischen Beust und Gostz vom 28. Oktober „rein akademischer Raiur und ohne allen amtlichen 
Charaktter gewesen sei“, weshalb die Milsionen „alles, was ihnen in Vejug auf jenes Gelpräch entgegentreten 
·Der 8 8 durch eigenhändige Korrekturen Bismarcks mahgebend bestimmt.
        <pb n="141" />
        Bismarcks Gespräch mit Hohenlohe und Thüngen über Baden. 12 
Bauern die Rede war, und daß er zur Abwendung dieser Kombination und unter der Be- 
dingung, daß wir auf den Erwerb von Oberhessen verzichteten, den Eintritt des ganzen 
Großberzogtums in den Norddeutschen Bund in Vorschlag brachte. Den mit dieser Be- 
Ainn belasteten Vorschlag habe ich abgelehnt. Stwas ähnliches wiederholte sich bei den 
dlungen mit Bejzug auf das Hinterland, ulnd] fiel das Anerbieten mit unserem 
Verhorren bei der Abtretung dieses Landestbeiles, dessen Erwerbung für uns ein Be- 
dürfniß geworden war, in Folge der Hemmungent, welche die befsische Lokalverwaltung der 
Entwicklung des Verkebrs entgegenzusetzen pflegte. 
öch ersuche Cw. pp. ergebenst, sich gefälligst nach Anleitung dieses Erlasses gegen den 
Greiherrn von Dalwigk auszusprechen und ihm zu sagen, daß ich, um der immer wieder auf- 
tauchenden Erzählung von meiner Weigerung, Hessen in den NDorddeutschen Bund aufm- 
nehmen, ein Ende zu machen, mich genötigt seben würde, den ganzen Verlauf und alle 
Phasen der Verhandlungen vor die Offentlichkeit zu bringen-. 
*947. Erlaß an den Gesandten in München 
Frelherrn von Werthern. 
[Konzept von der Hond des Vortragenden Rats Bucher.] 
Berlin, den 19. Aovember 1867. 
Wie aus Karlsruhe zu meiner Kenntnis gebracht ist, hat der Fürst Hohenlohe dem 
Großberzoglich Badischen Gesandten von Mohl mitgeteilt, ich hätte gegen ihn und den 
Greiherrn von Thüngen die Außerung getan: Preußen habe wesentlich aus NRückssicht auf 
Bayern das Drängen der badischen Regierung auf Eintritt Badens in den Aorddeutschen 
Bund zurückegewiesen. Wenn auch der Eindruck, den diese Mitteilung in Karlsruhe gemacht 
zu baben scheint, um Teil auf Rechnung des Umstandes zu setzen ist, daß gleichzeitig Blätter, 
wolche der dortigen Regierung übelwollen, die aktenmäßig falsche Nachricht verbreitet 
haben, es seien Anträge wegen Eintretens in den Norddeutschen Bund badischerseits 
gestellt, in Berlin aber abgewiesen worden, so ist die Art, in welcher der Sürst Hohenlohe 
eine einzelne, in unserem mehrstündigen Gespräch gefallene Außerung hat darstellen lassen, 
an und für sich dazu angetan, mich einigermaßen in Verlegenbeit zu setzen. 
Der Gedankengang ist mir natürlich gegenwärtig, aber ebenso natürlich ist es, daß ich 
mich nicht jeder einzelnen Rüance des Ausdrucks erinnere. Es kam darauf an, Herrn 
von Thüngen die ungegründete Besorgnis zu benehmen, daß wir die bayrische Unabhängig= 
keit gefährden wollten. Ich babe ihm deshalb den Gedanken entwickelt: wenn wir darauf 
ausgingen, irgendeinen Druck ausmüben, in dem die Machtverhältnisse mitzählten, so würde 
ich dem Streben nach dem Anschlusfse, welches sich in dem ganzen öffentlichen Leben Badens 
zu erkennen gibt, mehr entgegenkommen. Sch habe den Fürsten Hohenlohe und seinen 
Begleiter damit nur an Erscheinungen erinnern wollen, die ihnen so gut bekannt sind wie 
mir. Wenn ich mich dabei des Ausdrucks „drängen“ bedient haben sollte, was ich nicht 
mehr weiß, so habe ich die Haltung der öffentlichen Meinung und der parlamentarischen 
Körperschaften im Sinne gehabt. Wir kämen diesem Bestreben nicht entgegen, weil ich es 
für notwendig hielte, daß die Entschließungen, die von Bagern und Württemberg gefahßt 
Der Passus von den Worten an: „ulnd] fiel das Anerbieten ..“ eigenbändige Korrektur Bismarcks. 
2 r* *# der Ausführung dieses Auftrags und der Erwiderung Dalwigks ogl. Die Tagebücher des 
Freiherrn R. v. Dalwigk mu Lichtenfels. 5. 346 f.
        <pb n="142" />
        128. Vaprische Klatscherei in Karlsrube. 
würden, ein Ergebnis des vollständig freien Willens und der Überzeugungen der Bevöl- 
kerungen wie der Regierungen seien. Diesen Gedanken babe ich Ausdruck gegeben, aber 
nicht in der Stärke und in dem Sinne, daß die badische Regierung uns Anträge gestellt und 
wir dieselben zurückgewiesen hätten. 
Ebensowenig habe ich die Susage beabsichtigt, daß wir, wenn Baden einseitig Anträge 
auf größere Annäherung machen sollte, wir dieselben unter allen Umständen ablehnen würden. 
Wie wir in dieser Beziehung denken, ist Cw. pp. bekannt. Wir werden bestrebt sein, unsern 
Einfluß auf die Cntwicklung der füddeutschen Verbältnisse dahin zu üben, daß wir dem 
Selbstgefühl der baurischen, resp. württembergischen Bevölkerung keinen gerechten 
Grund zur Empfindlichkeit geben. Wir werden es abzuwenden suchen, daß durch weitere 
Colierung diese deutschen Staaten in eine Lage kommen, welche eher Verstimmung als 
Belebung des Nationalgefühls erjeugen würde. Hat der Sürst Hohenlohe mich in dieser 
Beziehung anders verstanden, so bin ich mißverstanden worden. 
Ew. pp. erfuche ich ergebenst, sich gefälligst nach Anleitung dieses Erlasses, von welchem 
ich eine Abschrift nach Karlsruhe mitteilen werden, gegen den Sürsten Hohenlohe ausm- 
Jprechen. 
*948. Erlaß an den Gesandten in München 
Freiherrn von Werthern. 
(Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Bucher.] 
Vertraulich. Berlin, den 19. Aovember 1867. 
Im Anschluß an meinen ostensibeln Erlaß vom beutigen Tage', betreffend mein Se- 
spräch mit dem Sürsten Hohenlohe und dem Sreiberrn von Thüngen, kann ich nicht unter- 
lassen, meine Verwunderung über eine so unangenehme Klatscherei auszmudrücken und Ew. pp. 
ergebenst zu ersuchen, daß Sie gesprächsweise und quasi proprio motu dem Fürsten diesen 
Eindruck, den die Sache hier macht, zu erkennen geben wollen. 
* 949. Telegramm an den Gesandten in Peiersburg 
Heinrich VII. Prinzen Reußl. 
sEigenhändiges Konjept.] 
Nach einem Telegramm des Geschäftsträgers beim Dä Klichen Stuhle v. Schlözer vom 
19. Aovember (Nr. 30) hätte sich der anfän F6sr ablehnende Standpunkt der Kurie gegenüber 
dem Konferenzgedanken, nachdem in der Einladung an diese der Sweck der Konferen als ein 
blober Ibeenaustausch über die italienischen — nicht über die rômischen — Angelegenbeiten 
1 Vgl. auch i; 955. 
1 Si r. . 
33 ¾ ** Graf Goltz batte laut seines Derichte vom 15. November (ogl. Dr. 943, Vorbemerkung) von 
Warquis Moustier erfobren, „dah er für die MWitteilung des Vorschlags an die römische Kurie und an das 
5lorentiner Kabinett eine andere Sorm gewä lt babe als für die Einladung der übrigen Aegierungen“. Aus 
der Berichterstattung des franjösischen Botschafters in Rom Comte de Sartiges, der am 15. Tovember von 
Paris in Nom eintraf und tags daraouf dem Kardinalstaatslekretär Antonelli das Moustiersche FJirkular 
vom 9. Nvember vorlas, ist nicht zu ersehen, ob die Einladung nach Nom wirklich eine von der Einladung 
die übrigen MAächte abweichende Form trug. Ebensowenig liefert die Verichterstattung Belege dafür, daß 
Kun Überwindung der anfänglichen Bedenken der Kurie een die Teilnahme an der Konferenz durch be- 
rl jVre 2 Zusagen Srankreichs, etwa- in der Aichtung der Wiederberstellung des Kirchenltaats erreicht worden 
10o — fragt sich od die Berichterstattung des Grafen de 5Sartiges aus den entscheidenden Cagen 
6 aul'dee beider in den Orifines Diplomatiques CIK, 254 ss. und 299 88.) mitgeteilten Berichte vom 
76. und 20. Rovember beschränkt.
        <pb n="143" />
        Nehmen die Kurie und Stalien an der Konferenz teil? 129 
bejeichnet worden sei, dahin —'’ daß, „wenn alle Mächte jenen Ideenaustausch wollen, 
auch Nom sich beteiligen werde“. Laut MWitt tteilungen des Vertreters des Kardinalstaatssexretärs 
Ankonelli Berardi an Schlözer bätte inzwischen auch Rußland in aller Form die Konferen- 
einladung angenommen. 
Berlin, den 20. November 1867. 
Asgr. Berardi hat Herrn von Schlözer gesagt, er habe gestern offizielle Nachricht 
erhalten, daß Rußland die Conferenz angenommen habe. Erkundigen Ew. pp. Sich, was 
daran ist. Ebenso telegrlaphirt! Schlözer, daß Antonelli ihn beauftragt u melden, Rom 
werde sich an „Sdeenaustausch“ betheiligen, wenn alle Mächte es wollten. Er glaube, 
daß Wünchen der Ort der Conferenz sein werde. Die Aenderung der päpstlichen Ansicht 
wird damit motioirt, daß laut Einladung nicht die römische, sondern die italiänischen An- 
gelegenbeiten Gegenstand des Sdeenaustausches sein würden. Offenbar hat Srankreich 
dem römischen Stuhle inzwischen Zusagen gemacht-. 
*950. Telegramm an die Missionen bei den Großmächten, 
in München, Dresden, Karlsruhe und Stuttgart. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Nats Theremin.)] 
Berlin, den 20. Movember 1867. 
Vach einem Telegramm des Generals Menabrea an Graf Launag macht Stalien seine 
Teilnahme an der Konferenz von acht ziemlich allgemein gehaltenen Vorfragen abhängig. 
Es scheint danach, daß in Sloren; die Meigung zur Beteiligung abnimmt. Dies stebt vielleicht 
damit im Zusammenhange, daß in Rom nach den letzten Nachrichten von dort die Ab- 
neigung abnimmt, wahrscheinlich infolge von Konzessionen, die der Kaiser Napoleon dem 
Papst gemacht. 
*951. Telegramm an den Geschäftsträger in Rom von Schlzer. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Nats Abesken.] 
Berlin, den 20. Movember 1867. 
Telegramm Nr. 30 vom 19.1 erhalten. Daß die Einladung nach NRom in anderer 
Weise als an die anderen Mächte erfolgt sei, bat Marquis de Moustier an Graf Goltz 
gesagt-. Die anderen Mächte lind zur Regelung der römischen Frage ein- 
geladen, wie auch die Thronrede des Kaisers Aapoleons als Zweck bezeichnet: Die Be- 
ziehungen zwischen Rom und Stalien, weil sie ganz Europa interessieren, auf einer euro- 
päüschen Konferenz zuregeln. Die Abfurdität einer italiänischen Srage ohne römische 
2 Dasselbe —“ nobne die beiden ersten Sätze ging auch an den Grafen v. Bernstorff, jedoch 
mit folgendem Jusa erde Sleinelr Mlojestätl so lange von Betheiligung abratben, als ngicah, nicht 
aa, solg hat ulndl aggeäch, 4 dann, da die öffentlliches Meinung bei uns sebr gegen die Conferenz.“" 
951. 1 Vgl. NTr. 949, Vorbemerkung. 
2 Vgl. k. „Anm. 1. 
Siebe den Text der bei der Eröffnung der franzö ichen Kammern am 18. November gebaltenen. 
Chronrede (ogl. auch Ar. 958) in: Das Staatsarchio, Xlll. 241 ff. 
VIa r□
        <pb n="144" />
        130 Unangebrachte Einladung der deutschen Regierungen zur Konferenj. 
kann nur fingiren, wer sich oder andre täuschen will. Berardi's offizielle Nachricht über 
Außlands Annahme ist falsch. Nach beutigem Telegrlamm) aus Petlerlsblulrg hält 
Gortschlakow] Verwirklichung der Conferen; für unwahrscheinlich“ Sollte die Umwand- 
lung in der Stimmung Roms über die Konferenz durch bestimmtere, inzwischen von Srank- 
reich gemachte Zusagen bewirkt worden sein? 
*932. Erlaß an den Botschafker in Daris Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden NRats Abeken.] 
Im Gegensatz zu Sachsen, das auf die frentöfssce, Kongreheinladung korrekt erwidert hatte, 
doß die Vertrekung der Mitglieder des Aorddeutschen Bundes auf einer derartigen rr 
dem Dräsidium gebühre (ogl. NRr. 939), hatte Freiherr o. Dalwigk sich namens der bessischen 
Negierung beeilt, die Einladung anzunehmen, obne sich vorber irgend über Preußens Stellung 
nahme zu vergewissern. Dem preuhischen Gesandten gegerülber. luchte er am 77. November die 
Annabme damit zu rechtertigen: „Wenn jemandem die Ebre einer Einladung zuteil werde, müsse 
er sie hochrecht ertigen“. Bgl. dam: Die Tagebücher des Sreiherrn N. v. Dalwigk zu Lichten- 
fels, ed. W. Schüßler, S. 345. 
Berlin, den 21. Rovember. 1867. 
Ew. pp. übersende ich mit Bezugnahme auf meine Bemerkungen über die Einladung 
auch der kleineren Staaten und namentlich der deutschen Regierungen zur Konferenf 
anliegend Abschrift des Berichts, welchen der Königliche Gesandte in Darmstadt unter dem 
17. d. M. über die Bereitwilligkeit erstattet hat, mit der man sich dort beeilte, die Cin- 
ladung anzunehmen. Hierbei würden in der Cat die von dem Marquis de Moustier õhnen 
gegenüber in Bezug auf St. Petersburg gebrauchten Ausdrückee von empressement und 
Jelbst enthousiasme: besser am Dlatze sein. 
Durch ein golches empressement der geschmeichelten kleinen Staaten, während die 
Großmächte, die Schwierigkeiten der Lage würdigend, eine vorsichtige Surückhaltung 
beobachten, gewinnt diese Derfusion der Cinladungen einen fast ans Komische streifenden 
Anstrich, wenn nicht die Sache in der so deutlich bervortretenden Absicht, den kleineren 
Staaten m schmeicheln und sie dadurch für die Unterstützung der französischen Haltung zu 
gewinnen, sowie in der Sumutung an die Großmächte, sich dies einfach und ohne alle vor- 
herige Kommunikation gefallen zu lassen, auch eine sehr ernste Seite hätte. Es ist dies 
wieder ein Symptom von, ich möchte sagen, dem Mangel an Anstandsgefühl, welches in 
der französischen Politik vorberrscht, daß man nicht empfand, wie wenig schicklich es war 
und in der Tat fast wie eine Ironie aussah, wenn man die Großmächte zugleich mit -den 
kleinsten Staaten — auch solchen, die gar keine katholischen Untertanen und folglich gar 
Kein Interesse zur Sache haben — jur Beratung und SEntscheidung einer Frage aufrief, 
die man selbst als eine europäüsche bezeichnet. Wenn man mit den Grohmächten vorber 
nicht einig werden konnte — wollte man dann etwa die übrigen Staaten gewissermaßen zu 
Schiedsrichtern unter denselben einsetzen? 
Was die Einladung des um Norddeutschen Bunde gehörenden Sachsen betrifft, Jo 
hat Herr Benedetti zwar infolge eines Telegramms von Herrn von Moustier, wie Ew. pp. 
aus der anliegenden Notiz über seine Unterredung mit dem Herrn Unterstaatssekretär 
Die drei letzten Sätze eigenhändiger Jusotz Blemarcks. 
.1 VAglI. Ar. 936, 97. . 
- 2 Bol- Ar. 343, Vorbemerkung.
        <pb n="145" />
        Badens Antwort auf Konferenzeinladung. Wechtfertigung der Absindungsverträge. 131 
ersehen wollens, ausdrücklich jede Nebenabsicht bei derselben in Abrede gestellt und sie 
nur aus der aufrechterhaltenen Gewohnheit der diplomatischen Beziehungen zwischen 
Dresden und Daris erklärt. Sedenfalls hat eine andere Absicht, wenn sie doch vorhanden 
gewesen sein sollte, ihres Sieles verfedblt. 
*953. Telegramm an den Gesandten in Karisruhe 
Grafen von Flemming. 
[Cigenhändiges Konjept.)] 
Am 20. November hatte Graf Flemming Bismarck von der wesentsich #timmenden Ant- 
wort in Kenntnis gesetzt, die der badische Minister Freiherr v. Freydorf der franjösischen Re- 
gierung auf die Konferenzeinladung zu geben gedachte. 
Berlin, den 21. Aovember 1867. 
Wir würden uns freuen ulnd) würde öffentlich guten Eindruck machen, wenn Baden 
in Antwort auf Conferenz die Betheiligung von der der übrigen süddeutschen Staaten 
ulnd] des norddeutschen Bundes abhängig machte". 
954. Aufzelchnung, betreffend die Zahlungen an den König Georg 
und den Herzog Adolph von Nassau. 
[Konfept von der Hand des Vortragenden Aats König.] 
lummen gedachte die Staatsregierung auf diesenigen Fonds 4 verrechnen, die sie infolge des 
Berlin, den 21. Aovember 1867. 
Bei den Verbandlungen über die Vermögensverhältnisse des Königs Georg und des 
Herzogs Adolph von Nassau ist die politische Auffassung maßgebend gewesen, daß Preußen 
Varch der vom 19. Aovember datierten Thileschen Aufzeichnung hätte Benedetti auf Grund des 
Mouttierschen Telegramms (liebe dieses in: Les Origines Diplomatiques, 271) in sehr angelegentlicher 
Weise versichert, daß das franzölische Kabinett die Einladung an den jächlsischen Hof nur desbalb habe 
ergehen lassen, weil in den diplomatischen Beziehungen zwischen Paris und Dresden seit Bildung des Nord- 
deutschen Bundes sich nichts geändert habe. « 
953.8TTEICchIlchASJchCbleI-s;vgl-dasseleqrammdesstaniölilenselandteaInKaklskubthal 
MosbourganququIsMoultterovm23.Roo-mbek:LesOrigiaesDipomatiues,XlX,»JJS.Zur-Haltung 
Bauerns und Württembergs, auf deren Entschließungen Bismarck in keiner Weise einwirkter ogl. die Be- 
nichte der frenpölischen Gesandten in München und Stuttgart, Les Crigines Diplomatiques, XE, 228, 253 S., 
l gs. 
9
        <pb n="146" />
        132 Vorteile einer vertragsmäßigen Linigung mit den depossedierten Fürsten. 
den depossedierten Fürsten nicht mehr Nachteile zufügen dürfe, als die Sicherstellung der 
nationalen Gesamtpolitik bedingte. Die Siege des vorigen Jahres, die Opfer, mit denen 
sie errungen, zur Erlangung derjenigen Stellung zu verwerten, deren Preußen zu seiner 
Sicherheit und zur Erfüllung seines deutschen Berufs nicht entbehren kann, war eine 
Pflicht, welche der Regierung oblag, und aus welcher sie das Recht zu rückhaltloser Durch- 
führung des Kriegsrechtes gegen die Dunastien schöpfte, deren Souveränität sich als eine 
dauernde Sefahr für den Grieden eines von demselben Volke bewohnten Ländergebietes 
erwiesen hatte. Croberungen oder Gewinn außerbalb dieses höheren nationalen Sweckes 
zu suchen:, lag den politischen Sielen Preußens fern. Dieser Standpunkt mußte der öffent- 
lichen Meinung in Europa, namentlich aber in den Preußen einverleibten Ländern, als 
mahßgebend erkennbar werden. Dies war im vollen Umfange nur dann möglich, wenn die 
depossedierten Souveräne durch ein freiwillig unterzeichnetes Abkommen an den Tog legten, 
daß sie die ihnen gewordene Abfindung als ein angemessenes Aquivalent für ihr früheres 
Cinkommen ansehen. Eine vertragsmäßige Einigung mit den depossedierten 
Fürsten, namentlich mit dem König Georg, war vom politischen Standpunkt aus höher 
anzuschlagen als die Geldfumme, um welche das Abfindungskapital etwa hätte vermindert 
werden können, wenn ein Vertrag nicht zustande gekkommen wäre. 
Als Objekt der den depossedierten Fürsten zu gewährenden Entschädigung wurde fo- 
wohl von hannoverscher als nassauischer Seite das Domanialvermögen in beiden Landes- 
teilen in Anspruch genommen. Dem gesamten Domanialgut wurde unter Berufung auf 
dessen Ursprung und auf das gemeine Recht in Deutschland die Cigenschaft eines Stamm- 
und Samilienguts vindiziert, auf welchem die Berpflichtung, zu den Kosten der Landes- 
verwaltung beizutragen, nur solange gerubt habe, als das fürstliche Haus zugleich im Besitz 
der Landeshoheit gewesen sei. Konnte dieser NRechtsanschauung auch nicht zugestimmt 
werden, so ist doch nicht zu leugnen, daß die alten Samilienverträge ihr Vorschub leisten. 
Das Testament des Herfogs Ernst August, unmittelbaren Stammvaters des hannoverschen 
Königshaufes, vom 23. Oktober 1688 bezeichnet die damals vorhandenen Besitzungen, unter 
denen sich von den Billungern, Nordheimern und Süpplingenburgern überkommene Güter 
befanden, als immerwährendes FSamilienfideikommiß. Abhnlich in Rassau, wo auch die Tat- 
sache in Betracht kommt, daß das jetzige Domänenvermögen zum Teil aus Gütern ebe- 
maliger geistlicher Reichsfürsten besteht, welche der nassauischen Dunastie zur Entschädigung 
für die durch den Luneviller Srieden abgetretenen, später an Preußen und Baden über- 
wiesenen Hausbesitzungen gegeben worden sind. Dem Verlangen einer Auseinandersetzung 
über das Haus- und Domanialgut ließ sich deshalb ein zweifellos durchgreifender Grund 
der Ablehnung nicht entgegensetzen. 
Eine Abfindung der früheren Landesherren in Domanialgütern würde mit wichtigen 
Staatsinteressen in Widerspruch getreten sein. Preußischerseits wurde deshalb als 
Grundlage der Vorhandlungen die Abfindungen in Kapital aufgestellt und beharrlich fest- 
gehalten. Dabei war es nicht zu vermeiden, daß die Entschädigung ibren gegenwärtigen 
Erträgen nach bei einer Abfindung in Geld höber gegriffen werden mußte als bei einer 
Abfindung in Grundvermögen, da bei ersterer die Vorteile wegfallen, welche das natur- 
gemäße Steigen der Bodenrente erwarten läßt. überhaupt schien es politisch richtig, die 
Wort 5„ eine Pflicht eigenböndiger Ein % Bismarcks. 
Der aonenebllt — der Aufreichnung. 5 lepa Jablreiche kleinere Korrekturen seiner
        <pb n="147" />
        . Vechtfertigung der Höbe der Abfindungssummen. 133 
Geldentschädigung nach einem freigebigen Maßstabe zu berechnen. Wenn es auch nicht 
darauf abgesehen sein konnte, daß ein Teil der Abfindungssumme eine Entschädigung für 
die verlorenen Souveränitätsrechte darstellen Jollte, so mußte doch darauf Bedacht ge- 
nommen werden, daß den depossedierten Sürsten eine an ihre früheren Verhältnisse an- 
knüpfende bervorragende Stellung gesichert bliebes,. Aur so war es möglich, die An- 
hänger dieser Fürsten in den jetzt preußischen Landesteilen mit dem Schicksal ihrer früheren 
Herrscher auszuföhnen. Dem König Georg und dem Herzog Adolph durfte nicht eine 
Lage geschaffen werden, welche angesichts des Verluftes, den sie in ihrer althergebrachten 
Stellung erleiden, das Mitgefühl hervorzurufen geeignet sein konnte. Die jetzige und die 
frübere Stellung von Sürstenhäusern, deren ehrenvolle Vergangenheit von dem von der 
Vorgeschichte ihrer früheren Länder getragenen Selbstgefühle der Bewohner derselben- 
unzertrennlich bleibt, durfte nicht zu peinlichen Vergleichen Anlaß geben. Der Gewinn, 
welcher durch eine von den depossedierten Sürsten vertragsmäßig angenommene Abfindung 
nach dieser Seite hin erreicht wird, wie auch nach der des europäischen Gesamteindrucks 
ulnd] in Betreff der Würdigung, welche die Aeugestaltung der Dinge bei verwandten 
ulnd! mächtigen Höfen findet", entzieht sich dem Anschlag nach einem bestimmten Geld- 
werte. Aber er wird innerhalb gewisser, nicht m überschreitender Grenzen in um go 
höherem Maße erreicht, als die gebotene Abfindung eine glänzende üfsts. 
Dies sind die Erwägungen, welche dazu geführt haben, für den König Georg eine 
Ausgleichsfumme von 16 Millionen, für den Herzog Adolph von Vassau eine golche von 
etwa 8⅛ Millionen Talern festmsetzen. Bei der Veranschlagung der von den gedachten 
Sürsten hiernach zu beziehenden Revenuen kam in Betracht, daß nach hausgesetzlichen 
Bestimmungen die künftige Berwendung der Ausgleichungsumme zur Erwerbung von 
Grundbesitz, dessen Erträgnisse erheblich hinter der Autzung der gewährten Kapitalien 
zurückbleiben, in Aussicht zu nehmen war. 
Haus der Abgeordneten. 10. Legislatur-Periode. 1. Session 1867. Drucksache Nr. 8. 
*935. Erlaß an den Gesandten in Karlsruhe Grafen von Flemming. 
[Konfzept von der Hand des Bortragenden ARats Bucher.] 
Berlin, den 22. November 1867. 
Der Greiherr von Türckheim hat mir mündlich und schriftlich mitgeteilt, welche Er- 
öffnungen der Sürst Hohenlohe aus seinem und des Herrn von Thüngen Gespräch mit mir 
dem Großherzoglich Bodischen Gesandten in München gemacht habe. Danach bat der 
Fürst Hohenlobe erzählt, daß ich ihm gesagt bätte: 
vi 2 Der Schluß des Satzes von den Worten an: „eine an ihre früheren .. ..“ eigenböndige Korrektur 
ismarcks. 
Die letzten Worte eigenhändige Korrektur Bismarcks. 
Der Passus: „ulnd) in Betreff der Würdigung ..“ eigenhöndiger Zusatz Bismarcks. 
Tatsächlich wurde der von Bismarck beobsichtigte Sweck erreicht; vor allem am englischen Hofe, ebenso 
von der englischen Regierung wurde die Grohzügigkeit der dem Könige Georg V. bewilligten Abfindung durchaus 
anerkannt. In einem Verichte Graf Bernskorffs vom 9. Dezember heiht es: „Lord Stanley sagte mir, daß er 
es für einen Akt sehr weiser olitik von seiten unserer Aegierung halte, daß sie den ebemaligen König von 
Hannover so glänjend abgefunden babe, da er dadurch sein „Königreich verktaufi“ habe und demnach nicht medr 
imstande sein würde, uns im Salle eines Krieges oder unter sonsiigen Umstönden Verlegenbeiten m bereiten.
        <pb n="148" />
        134 Noch einmal Bismarcks Gespräch mit Hohenlohe über Baden. 
Das Verlangen (oder Drängen) Badens nach alsbaldigem Eintritt in den Nord- 
deutschen Bund sei nicht angenommen worden; ich hätte demselben ein entschiedenes 
Nein entgegengestellt, und zwar um der m besorgenden Verwicklungen willen und aus 
Rücksicht auf Bayern, dem ich den Vortritt in der Sache zu lassen wünschte (oder dem 
die Initiative zur Ordnung der süddeutschen Verhältnisse gegenüber dem Norddeutschen 
Bunde zmukäme). 
Die MWitteilung des Fürsten Hohenlohe an Herrn von Mohl war schon vorher auf 
einem andern Wege und in einer etwas andern Sassung zu meiner Kenntnis gekommen 
und hatte mich zu einem berichtigenden Erlasse an den Königlichen Gesandten in Alünchen 
bewogen:, von dem eine Abschrift beiliegt. Ich habe demselben, was meine Außerung 
gegen die beiden baprischen Herren selbst betrifft, nur die Bemerkung binzuzufügen, daß 
die Varianten der verschiedenen Nelationen einen neuen Beweis dafür liefern, wie 
schwierig es ist, in fortgesetzter mündlicher Überlieferung den Kern eines längeren Ge- 
spräches unverändert festmuhalten, und wie leicht Mißverständnisse entstehen, wenn nicht 
ollen Ceilnehmern eines Gespräches über eine komplizierte politische Frage die in betreff 
derselben vorhandenen formulierten Erklärungen des einen oder andern Teils gleich 
gegenwärtig sind. 
Ich kann deshalb auch die Betrachtungen, die Herr von Türckheim an jene Mit- 
teilung knüpfte, nicht besser beantworten, als indem ich an das diesseitige Rundschreiben 
vom 7. September d. J.: erinnere, auf dessen Prinzip ich bei dem Gespräche mit dem 
Fürsten Hobenlohe fußte, und an die Ausführung, die ich dazu in der Sitzung des 
Reichstags vom 24. desf. M. gegeben habe . 
In allem, was seitdem geschehn, ist nichts, was die Königliche Regierung zu einer 
andern Politik oder mich zu einer andern Beurteilung der Verhältnisse, mit denen diese 
Politik zu rechnen hat, bestimmen könnte. Die wichtigste Erscheinung der letzten beiden 
Monate ist, daß die öffentliche Meinung in Deutschland und im Auslande sich sichtlich 
klärt, und daß mehr und mehr unbegründete Besorgnisse verschwinden, die natürlichen 
Konsequenzen geschehbener Dinge anerkannt werden. Aber was sich meines Erachtens 
daraus ergibt, ist gerade die Warnung, die Dinge nicht m brüskieren, nicht auf die 
Gefahr bin, sie zu verwickeln, Sragen einer Lösung entgegenzudrängen, der sie von selbst 
entgegengehen. 
Es bleibt eine Hauptaufgabe unserer Politik, die bestehenden guten Beziehungen und 
die fortschreitende Annäherung des gesomten Süddeutschland an Norddeutschland nicht zu 
beeinträchtigen. Bisher ist das, wie uns dünkt, trotz aller entgegenwirkenden Be- 
strebungen einzelner Elemente gelungen, und in der Sukunft würde der Antrag auch nur 
einzelner jsüddeutscher Staaten, in den Norddeutschen Bund einzutreten, uns an sich nicht als 
eine Störung, sondern als eine Frucht unseres Bemühens erscheinen. Schon der Artikel 79 
der Bundesverfassung bürgt dafür, daß wir nicht auf die Dauer und nicht prinzipiell einem 
solchen Eintritt widerstreben. Allerdings wird aber im konkreten Salle zu prüfen sein, ob 
nicht ein einzelner Eintritt gerode die Gefahr beraufbeschwören würde, die vor allem zu 
vermeiden ist, die Gefahr, durch Verletzung der St dlichkeit eine rückläufige 
Bewegung in der nationalen Entwicklung Süddeutschlands zu erzeugen. 
– 
: Sieie ze D’r. 2#t. 
- *“m*s H. 7* di- politischen Meden des Fürsten Bismarck, III. 313 l.
        <pb n="149" />
        Bismarcks Direktiven für Badens Verhalten. 135 
Es ist nicht m verkennen, daß der Eintritt Badens allein zur Seit von einer solchen 
Gefahr nicht frei sein würde. Denn derselbe würde, vermöge der geographischen Lage des 
Landes, einen Druck auf Bayern und Württemberg üben, der gerade in dem Galle, daß der 
Eintritt Badens politische Komplikationen herbeiführen sollte, wenn nicht eine Ver- 
stimmung, doch einen Borwand zur Uneinigkeit geben könnte in einem Momente, wo 
Deutschland der Sinigkeit am meisten bedürfte. 
Es wird sich also darum handeln, rücktsichtlich aller oder einzelner jüddeutscher Staaten 
die Opportunität des Augenblickts zu beurteilen und auf die Benutzung desselben vor- 
bereitet zu sein. Baden wird das unseres Crachtens dann in vollem Maße sein, wenn es 
fortfährt, seinerseits über seinen Willen und über die Sicherbeit, mit der daselbst das 
nationale Siel erstrebt wird, jeden Zweifel auszuschließen nicht nur durch Aussprechen, 
sondern auch durch Betätigung solchen Willens in den inneren Einrichtungen des Landes 
und in den Vorbereitungen für ein engeres Zusammenschließen. Darüber, was als Be- 
dingung des letzteren zu betrachten sei, haben in der letzten Neichstagssession die RNe- 
gierungen und die Abgeordneten Aorddeutschlands sich einmütig dahin ausgesprochen, daß 
die Wirtschaftsgemeinschaft und die Wehrgemeinschaft Hand in Hand geben müßten, daß 
beider Vorteile gleich genossen und beider Lasten mit gleichen Schultern getragen werden 
sollen. 
Um zum Einnehmen einer bestimmteren Position überzugehen, würde es, wie ich 
glaube, rätlich Jein, daß Zollparlament abzuwarten, in dem zum ersten Male in einer andern 
Form, als die einzelnen süddeutschen Verfassungen sie gewähren, eine Vertretung vorhanden 
sein wird. 
Ew. pp. wollen gefälligst diesen Erlaß nebst Anlage dem Herrn Präsidenten von 
Freydorf vorlesen und ihm, wenn er es wünscht, eine Abschrift beider Schriftstücke be- 
bändigen. 
*956. Erlaß an den Gesandten in Karlsruhe Grafen von Flemming. 
[Konzept von der Hond des Vortragenden Rats Bucher.] 
Vertraulich. Berlin, den 22. Aovember 1867. 
Meinen ostensibeln Erlaß vom heutigen Tage #:, betreffend die Erzählung des Sürsten 
Hohenlohe von meinem Gespräch mit ihm und Herrn von Thüngen, habe ich zuvörderst durch 
das Ersuchen zu vervollständigen, daß Ew. pp. dem Präsidenten von Freydorf gefälligst 
sagen wollen, ich hätte nichts dagegen, wenn er den Erlaß, jedoch ohne die Anlage, den 
Kommissionen der Kammern in vertraulicher Sitzung ganz oder teilweise vorlesen wolle; 
doch könne ich eine Veröffentlichung des Wortlauts durch den Druck nicht für ratsam 
balten. 
Außerdem bleibt mir einiges nachmtragen, was durch die von Herrn von Türckheim 
bezeichnete und gewünschte Bestimmung des Erlasses ausgeschlossen war, weil es das 
Taktische und das damit zmsammenbängende Gebiet der Konjekturalpolitik betrifft. — 
1 Siehe Ar. 955.
        <pb n="150" />
        136 Wann kommt der Moment zu „freierer Bewegung“ für Baden? 
Gegenstände, über die ich mich wohl gegen Herrn von Freudorf, aber nicht gegen die 
badischen Stände aussprechen kann. 
Unser Sustem, Süddeutschland nicht zu drängen, weder direkt noch mittelbar einen 
Druck auf die einzelnen Staaten zu üben, bat sich bisher in seinen Erfolgen, wie wir 
glauben, bewährt, und ich sehe jedenfalls den Augenblick noch nicht gektommen, es mit einem 
andern zu vertauschen. Über die von uns nie verkannte Schwierigkeit, die doraus für 
Baden erwächst, haben wir schon im vorigen Jahre die AMeinung ausgesprochen und, wie 
Ew. pp. wissen, bei verschiedenen Gelegenheiten wiederholt, daß die Großberzogliche Re- 
gierung die gemeinsamen nteressen wirksamer fördern würde, wenn sie die Sühlung mit 
Bayern und Württemberg solange als möglich bebielte, als wenn sie unter Serreißung ihrer 
gegenwärtigen Bejiehungen zu den süddeutschen Aachbarstaaten, diese sich selbst und ihr 
Fortschreiten auf dem Wege zu größerer Einigung lediglich der Wirkfamkeit der natio- 
nalen Elemente in Boyern und Württemberg überließe, denen eine Förderung seitens der 
Regierungen nicht in demselben Maße zugute Kommt wie in Baden. Mit lebhafter Be- 
friedigung habe ich von Herrn von Türckheim die erneute Versicherung erbalten, daß die 
Großherzogliche Regierung sich so wenig durch die innewohnende Schwierigkeit einer 
solchen Aufgabe als durch die unnötige Erschwerung derselben, die zu dieser Korrespondenz 
Anlaß gegeben hat, von der Verfolgung des nationalen Sieles will ablenken lassen. Ein 
Seitpunkt, in dem wir zu einem andern, der badischen Regierung eine freiere Bewegung 
gestattenden Susteme übergehen könnten, läßt sich nicht bestimmen. Wohl aber lassen sich 
Umstände bejzeichnen, die einen solchen Wechsel gebieten würden, z. B. wenn wir an der 
Bündnistreue Bayerns oder Württembergs weifeln müßten, oder wenn ein Krieg mit 
Grankreich drohte, oder wenn die öffentliche Meinung in Süd- oder NAorddeutschland 
dringlicher würrde, oder wenn wir die Hoffnung aufgeben müßten, Württemberg und 
Bapern in einer absehbaren Frist mit dem bisberigen System der Schonung vorwärts zu 
bringen. Ich finde kein Bedenken dagegen, daß Herr von Greydorf diese Eventualitäten 
und andere, durch welche die Aufzählung zu ergänzen wäre, unter Umständen proprio motu 
in den Kammern geltend macht. Derselbe wird aber mit mir darüber einverstanden sein, 
daß die Behandlung solcher Konjekturen in einer preußischen Depesche für alle Beteiligte, 
Frankreich nicht ausgeschlossen, etwas Drohendes haben und zur Seit nicht angebracht sein 
würde. 
ESw. pp. ersuche ich ergebenjt, sich gefälligst bei Mitteilung des oftensibeln Erlasses vom 
beutigen Tage jzugleich in diesem Sinne vertraulich gegen den Herrn Präsidenten von 
Freydorf aussprechen zu wollen. 
957. Erlaß an den Gesandten in Darmstadt von Wentzel. 
lKonzept von der Hand des Vortragenden BRats Bucher.] 
Berlin, den 24. Movember 1867. 
Nach Ew. pp. gefälligem Bericht vom 17. d. M. hat die Großherzogliche Regierung 
eine Einladung zu der von dem französischen Kabinette vorgeschlagenen Beratung der durch 
die Ereignisse im Kirchenstaate entstandenen Sragen erhalten und, wie sich aus einer Ver- 
„ Vgl. Die Gesommelten Werke, VI, 254.
        <pb n="151" />
        Hessen-Darmstadts Haltung in der Konferenffrage. 137 
gleichung der Daten ergibt, ohne Verzug angenommen :. Auch glaube ich aus Ihrem 
Berichte abnehmen zu müssen, daß die Annahme ohne Neserve erfolgt ist. Sch muß ge- 
stehen, daß diese Schnelligkeit der Entschließung mich einigermaßen überrascht hat. Der 
Königlichen Regierung wenigstens hat es die in der Behandlung europäischer Angelegen- 
heiten gewonnene Erfahrung nicht rätlich erscheinen lassen, auf die ihr gleichfalls zu- 
gegangene Einladung einen definitiven Entschluß zu fassen, bevor sie über den Charakter 
der beabsichtigten Verhandlungen und über die Beteiligung anderer europäischer Mächte 
an denselben nähere Aufklärung gesucht batte. Wir würden vorauszusetzen geneigt sein, 
daß die Großherzogliche Regierung, zur Beteiligung an der Entscheidung über eine euro- 
päische Srage berufen, dasselbe Bedürfnis empfinden würde, glauben aber in dem vor- 
liegenden Falle an dieser Voraussetzung nicht festbalten zu dürfen. Denn es ist uns nicht 
wahrscheinlich, daß die Großberzogliche Regierung sich über die Auffassungen fremder 
außerdeutscher Mächte vergewissert haben sollte, wenn sie dies gegenüber dem benachbarten 
und verbündeten Preußen nicht getan, wenn die Regierung eines Sürsten, welcher Mitglied 
des Aorddeutschen Bundes ist, über die Stellung dieses Bundes zu der schwebenden Frage 
keine Erkundigung eingezogen hat. 
Die Teilnahme an der Beratung einer europäischen Srage verpflichtet allerdings noch 
nicht zum Abschluß europäischer Verträge; aber wir erlauben uns die Frage an die Groß- 
berzogliche Regierung, ob sie, gesetzt, daß sie allein unter den deutschen Staaten die Ein- 
ladung ohne Reserve annimmt und infolgedessen in Konferenzverhandl mit außer- 
deutschen Mächten eintritt, ein solches Berhältnis ganz frei von der Gefahr glauben würde, 
durch dasselbe in Wege geleitet zu werden, welche ihre Politik von der ihrer deutschen 
Bundesgenossen trennen könnten. Wir vermögen uns des Eindrucks nicht zu erwehren, 
daß, wenn die Großherzogliche Regierung zu schwierigen und noch vor kurzem an der 
Schwelle ernster Berwicklungen behandelten europäischen Sragen ihre Stellung nimmt ohne 
den Versuch einer Verständigung mit ihren deutschen Verbündeten und dem Aorddeutschen 
Bunde, dem seine Königliche Hoheit beigetreten ist, sie sich mit dem Geiste des Bundes- 
vertrages nicht in Einklang befinde; wobei wir dahingestellt sein lassen, ob dies Verfahren 
und die Konsequenzen desselben sich mit dem Wortlaute der Bundesverfassung in Einklang 
bringen lassen. 
Ew. pp. ersuche ich ergebenst, dem Herrn Minister des Großberzoglichen Hauses und 
der auswärtigen Angelegenbeiten diesen Erlaß vorlesen und auf Verlangen abschriftlich 
mitteilen zu wollens. 
Das Staatsarchio, XIV, 324. 
*958. Telegramm an den Botschafter in Paris Grafen von der Goltz. 
[Kongzept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken.] 
Berlin, den 24. November 1867. 
Die Thronrede des Kaisers Aapoleon: hat hier in allen einsichtigen Kreisen einen sehr 
guten Eindruck gemacht, und wir hoffen, daß sie auch im Publikum bei reiferer Erwägung 
1 Bgl. dazu Nr. 952, 
2 ü#er die Ausführung bns Auftrags ogl. Die Legebücher des Ireiberrn v. Dalwigk a. a. O., S. 346 f. 
958. : Bgl. Nr. 951, Anm
        <pb n="152" />
        138 Bismarck nochmals für Räumung Sachsens von preußlschen Garnisonen. 
dam beitragen werde, Vertrauen und Glauben an Frieden in der öffentlichen Meinung 
aufmrichten und Kredit und Handel zu beleben. 
*959. Immediaibericht. 
[Konzept von der Hand des Dräsidenten des Bundeskanzleramtes 
Delbrück. 
Da es Anfang Oktober während der Leipziger Messe zu Ausschreitungen des Pöbels gegen 
das Mreußische Militär gekommen war, hatte König Wilhelm I. Anstand genommen, uu der von 
Bismarck und Roon am . November (siebe Ar. 920) beantragten Räumung der Garnisonen 
Leipsg und Bautzen von Hreublschen Truppen sofort seine Justimmung zu geben; jedoch hatte 
er beiden Ministern anbeimgestellt, einen weiteren Bericht über den Icltunkt zu erstatten, der 
nunmebhr zu der Ausführung der Wahregel in Betracht zu jiehen sein würde. 
Berlin, den 25. Movember 1867. 
Eure Königliche Majestät baben uns in vorläufiger Bescheidung auf unseren 
Immediatbericht vom 3. d. M. eröffnen zu lassen geruht, daß Allerhöchstdieselben mit der 
VBRäumung der Garnisonen Leipfig und Bautzen von preußischen Truppen einverstanden 
seien, jedoch Anstand nähmen, diese Maßregel unmittelbar nach den in Leipiig stattgehabten 
Exzessen anzuordnen und deshalb unserem weiteren Berichte über den ZSeitpunkt entgegen- 
sähen, welcher nunmehr zur Ausführung derselben geeignet erscheine. 
Ein den letzten Tagen angehörender Vorgang veranlaßt uns, schon heute auf den 
Gegenstand mrückezukommen. 
Die Logalität, mit welcher Sachsen bei der ihm von Frankreich ugegangenen Ein- 
ladung zu der Konferen; über die römische Frage sich ohne Sögern zu den Folgerungen 
bekannt hat, welche das Bundesverhältnis für die Stellung der Bundesstaaten zu Fragen 
der europäischen Politik ergibt, ist Curer Königlichen Mojestät Aufmerksamkeit nicht 
entgangen e. Allerhöchstdieselben haben zu befehlen geruht, daß Seiner Mojestät dem 
Könige von Sachsen Allerhöchstdero Anerkennung dieser bundestreuen Haltung zu erkennen 
gegeben werde. Einen wertvolleren Beweis dieser Anerkennung als die Räumung der 
beiden sächsischen Städte wüßte ich, der mitunterzeichnete Minister der auswärtigen An- 
gelegenbeiten, nicht zu bezeichnen. 
Ich würde diesen Vorschlag nicht wagen, wenn ich befürchten könnte, daß mit dessen 
Ausführung ein Opfer an den Interessen oder der Würde Preußens verbunden wäre, und 
ich darf nach den uns gemachten Eröffnungen voraussetzen, daß Eure Königliche Mojestät 
ein solches Opfer in demselben nicht erblicken. In der Tat wird das zwischen Preußen und 
Sachsen begründete Berhältnis nur in dem Maße fest und unauflöslich werden, als durch 
die weitere Ausbildung der gemeinsamen militärischen und bürgerlichen Einrichtungen den 
diesem Verhältnis widerstrebenden Elementen der Boden entiogen wird und das gesamte 
staatliche Leben Sachsens wie schon jetzt dos wirtschaftliche mit demjenigen Preußens so 
: Ver #mmabdatberich pcc no d eisgmiaier mlt unt heichnet te Mitzeichnung ergebenst mrück- 
gereicht mit dem Demerk, dah Seine Mojestät ssch ouf Grund meines mündlichen Vortrages am 22. d. W. 
geneigt u der questionierten Räumung ausgesprochen und wegen des Zeitpunktes (1. Januar) nur aus der 
ungünftigen Jahresjeit einen Sinwand erhoben, aber keineswens Karte betont daben, so 955 th schließlich 
den Wefen erbielt, beim nächsten Vortrage Vorschläge Uber die Dislocation der zurückuziebenden Truppen 
24.11“ 
u machen. v 
5 2 Vgl. Ar. 939.
        <pb n="153" />
        Sachsens bundestreue Haltung in Konferen#frage. 139 
eng zusammenwächst, daß selbst ein Wechsel in den Anschauungen der Regierungen den tat- 
sächlichen Juständen gegenüber keine Macht mehr hat. Daß sich diese Entwicklung in dem 
größten Staate des Aorddeutschen Bundes bald und ungestört vollziehe, ist für die Be- 
festigung des ganzen Bundes von hohem Werte, und die offene und rückhaltlose Mit- 
wirkung, welche Sachsen bei der Ausbildung der gemeinsamen Einrichtungen bisber 
betätigt hat, hat die ersten Schritte zur Durchführung der Bundesverfassung wesentlich er- 
leichtert. Die Befestigung Sachsens in dieser Haltung liegt desbalb im Snteresse der 
preußischen Politik und kann nicht wirksamer gefördert werden als durch eine Mahregel, 
welche den Anlaß steter Erinnerung an einen unglückklichen Krieg hinwegnimmt, die Quelle 
schwer zu verhütender Reibungen beseitigt und die Aktion der sächsischen Regierung von 
dem Schein befreit, als sei sie das Ergebnis nicht der inneren lberzeugung, sondern eines 
äußeren Druckes. Der Krone Preußen wird aber diese Maßregel bei den vorhandenen 
MWachtverhältnissen um so weniger etwas vergeben, als der spontane Sntschluß Sachsens 
in der Konferenzfrage ein beredtes, auch für die Zukunft nicht bedeutungsloses Seugnis der 
Auffassung ist, welche in Dresden über das politische Verhältnis zu Preußen obwaltet. Die 
Sventualität, daß ein möglicher Abfall Sachsens von dem norddleutschen) Bunde gewaltsam 
zu bindern wäre, kann unfres ehrflurchtsvollen) Dafürhaltens von Ew. Aloajestät Politik 
nicht ins Auge gefaßt werden. Sollte sie in Rechnung gejogen werden, so wäre die Er- 
böhung der Kriegstüchtigkeit des jächslischen! Contingentes als ein politischer Fehler an- 
msehn. Außerdem würden die gegenwärtig in Blautzen) ulnd) Lleipzig) garnisonirenden 
Truppentheile zu solchen Zwecken unzulänglich sein. Auf alle Sälle bleibt Ew. Mlajestät) 
als dem Bundesfeldherrn das Necht, diese und andre Truppen jederjeit wieder nach 
Sachsen zu verlegen . 
Diesen Erwägungen gegenüber dürften nach unserem ehrfurchtsvollen Crachten die 
in Leipzig vorgekommenen Excesse eine Ausdehnung der Besetzung beider Städte über den 
Schluß des Jahres hinaus nicht notwendig machen, und wir erlauben uns daher den aller- 
untertänigsten Antrag, 
daß Eure Königliche Majestät allergnädigst geruhen wollen, die Zurückziehung der 
Königlichen Garnisonen aus Leipzig und Bautzen vom 1. Januar 1868 an zu genehmigen. 
Wir erlauben uns schließlich, einen Bericht Curer Königlichen Majestät Gesandten in 
Dresden alleruntertänigst beizufügen, welcher mir, dem mitunterzeichneten Minister der 
auswärtigen Angelegenbeiten, zuging, als der vorstehende Immediatbericht bereits ab- 
gefaßt war. Derselbe bestätigt auf Grund unmittelbarer Anschauung unsere Überzeugung 
von dem vorteilhaften Einflusse, welchen die von uns beantragte Maßregel auf das Ver- 
bältnis Sachsens zu Preußen ausüben werde. 
*960. Schrelben an den Oberpräsidenten von Hannover 
Grafen zu Stolberg-Weenigerode. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Vats Wagner.) 
In einem vertraulichen Schreiden“ ein 1#. Aovember batte Graf #u Stelberg die eroblzme 
der Verwaltungsorganisation der P nnoder erörtert. Es hand sich vor allem 
darum, ob an Stelle der sen der *sirt annoverschen „Landdrofsteien“ **— rn ischem 
Muster „Regierungen“, ebenso an Stelle der hannoverschen Amter die altpreuhische Kreis- 
2 Die vier letzten Sätze des Ablatzes eigenbändiger Susatz Bismarcks.
        <pb n="154" />
        140 Haonnoversche Organisationsfragen. 
einteilung mit Landratsämtern eingeführt werden sollte, * um die Erweiterung der Kom- 
petenm des Oberpräsidenten usew. Graf Stolberg prach sich für die möglichste Berückssichtigung 
der- auf die Konservierung des Bestebenden gerichteten ünsche der bannoverschen Be- 
völkerung aus. 
Vertraulich. Berlin, den 27. Movember 1807. 
Ew. Erlaucht ermangele ich nicht auf das geehrte vertrauliche Schreiben vom 
13. d. Al. ganz ergebenst zu erwidern, daß die Bildung einer Provinzialbehörde für die 
Verwaltung der direkten Steuern, Domänen und Gorsten allerdings eine beschlossene Sache 
ist, und daß Sie diese Voraussetzung Ihren ferneren Organisations-Vorschlägen un- 
bezweifelt zum Grunde legen dürfen. 
Daß die Organisation auch auf dem Sebiete der inneren Verwaltung auf Grundlage 
der bestehenden Verbältnisse und der speiiellen Bedürfnisse aufmbauen ist, darin stimme ich 
Cw. Erlaucht um so mehr bei, als es jedenfalls nicht unzweifelhaft ist, inwieweit bei wesent- 
lichen Veränderungen die Verwaltung allein kompetent ist oder eines Aktes der Gesetz- 
gebung bedarf. 
Dementsprechend glaube ich auch von den von Ew. Erlaucht skizzierten beiden 
Sbltemen dem er ten, welches keine Regierung etablieren, sondern die bestehenden Land- 
drosteien beibehalten und diese für die laufende Verwaltung bürokratisch, für die Funktion 
als Gerichtshöfe des öffentlichen Rechtes kollegialisch verfassen will, den Borzug geben zu 
Jollen. 
Daß die jämtlichen Landdrosteien dem Oberpräsidenten zu unterstellen sind, betrachte 
ich als selbstoerständlich, ebenso wie es mir zweckmäßig zu sein scheint, den Landdrosten in 
Hannover als ständigen Bertreter des Oberpräsidenten zu bezeichnen. 
Der von Sw. Erlaucht angeregten Erweiterung der Kompetenz des Oberpräsidenten 
stimme ich im Drinzip ebenfalls u und bitte nur, Ihre Wünsche in dieser Bejziehung bei 
Vorlegung des Organisationsplanes noch näher spezialisieren zu wollen. 
Sobald Cw. Erlaucht die betreffende Vorlage bei den Herren Ressortministern machen, 
haben Sie wohl die Güte, mir eine Abschrift zugehen mu lassen. 
*961. Erlaß an den Botschafter in Darls Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Berlin, den 28. Aovember 1867. 
Ew. pp. erwähnen in dem gefälligen Bericht Nr. 370 vom 19. d. M., daß das Kabinett 
der Tuilerien, als es die Cinladung zur Konferenz erließ, wahrscheinlich noch keine Kenntnis 
von meinen gleich bei der ersten vorläufigen Sondierung: geltend gemachten Bedenken 
gehabt habe, und daß ihm daher nicht wohl der Vorwurf gemacht werden könne, daß es 
diese Bedenken nicht beachtet und ohne Rückssicht auf dieselben die Cinladung an uns und 
die übrigen Mächte gerichtet habe. Ich will die auf chronologischer Susammenstellung 
beruhende Voraussetzung Ew. pp. gelten lassen; muß es aber dann um Jo auffälliger und 
rüicksichtslojer finden, daß das französische Kabinett die Antwort auf seine Sondierung nicht 
2 Vgl. Ar. 932, Vorbemerkung.
        <pb n="155" />
        Bismarck rügt Frankreichs rücksichtsloses Borgehen in Konferen#frage. %1 
abgewartet, sondern sofort und ohne den befreundeten Mächten Seit zur Erwägung und 
zur Außerung ihrer Ansicht zu lassen, mit einem ostensiblen Schritte vorgegangen, von dem 
es sich selbst sagen mußte, daß er geeignet wäre, uns in mannigfache Verlegenheit zu 
bringen. Wenn man den Wunsch begt, durch die Mitwirkung anderer Mächte aus eigenen 
Verlegenbeiten befreit zu werden, so sollte man dabei doch etwas rücksichtsvoller zu Werke 
gehen. Wir vermissen dies in dem ganzen Verhalten Srankreichs in betreff der Konferenz. 
In der an die deutschen Staaten gerichteten Einladung kann ich auch nach den Expli- 
kationen des Marquis de Moustier nicht einmal eine bloße Rückssichtslosigkeit, sondern nur 
eine wohlbedachte Abjsichtlichkeit erktennen. Der zufällige Umstand, daß Sachsen noch einen 
Agenten in Paris, daß FSrankreich noch einen Vertreter in Darmstadt hat, konnte un- 
möglich maßgebend und das eigentliche Motiv für die Sorm der Behandlung einer Srage 
von europäischer Bedeutung sein. Die Eile, ja Voreiligkeit, mit welcher Darmstadt der 
schmeichelnden Einladung in die Arme gelaufen ist:, hat zwar'" eine komische Beimischung, 
aber doch eine solche, die uns die Einladung ziemlich unannehmbar macht. 
Ich wenigstens glaube nicht, Seiner Majestät raten zu können, eine Konferen; m be- 
schicken, in welcher neben ihm mit der Priorität der Annahme das Großberzogtum Hessen 
vertreten ist. Es ist dies um so weniger schicklich, nachdem die Großberzogliche Regierung 
mit ihrer falschen Stellung sogar rühmend vor der Offentlichkeit prunkt in einer Weise, 
welche in ihrem eigenen Lande sowohl wie im übrigen Deutschland Indignation bervor- 
gerufen hat. Der in der Anlage abschriftlich enthaltene Bericht des Königlichen Gesandten 
in Darnstadt nebst dem darin erwähnten Seitungsausschnitt" wird Sw. pp. einen Begriff 
von dem Gebaren der Darmstädter Regierung geben. 
Durch die, auf das mildeste gesagt, unbedachte Einladung der Kleinstaaten ohne vor- 
heriges Benehmen mit den Großmächten hat die französische Regierung fselbst die Aus- 
sichten der Konferenz zerstört. Alöglicherweise ließe sich in der Sdee ein Ausweg finden, 
welche in London und Paris bereits angeregt worden ist. Nach einem Telegramm des 
Grafen Bernstorff hat ihm der dortige französische Geschäftsträger noch vor der Rückkehr 
des Prinzen La Tour d'Auvergne gesagt, daß er seine Regierung suppeditiert habe, ob sie 
nicht anstatt des unmittelbaren formellen ZSusammentritts eines Kongresses lieber vertrau- 
liche vorläufige Besprechungen unter den Repräsentanten der Großmächte in Paris vor- 
schlagen wolle, um eine mögliche Basis für den Kongreß und ein Drogramm gemeinsam 
aufmsuchens. Sch habe indes Seiner Wajestät dem Könige bierüber noch nicht Vortrag 
gebalten und wünsche nicht, daß Ew. pp. diesen Gedanken anregen oder einen Vorschlag in 
dieser Richtung machen; gondern ich bitte Sie nur, einstweilen zu sondieren, ob diese Sdee 
wirklich zur Sprache gebracht ist, und zu bören, welchen Anklang dieselbe eventuell bei 
Ihren Kollegen der Großmächte gefunden hat. 
2 Vgl. Ar. 952, 957. 
Der Vest des Absatzes beruht auf eigenhändiger Korrektur Bismarcks. 
* Mit Bericht vom 25. Rovember hatte der Sesandte v. Wentzel eine in der „Darmstödter Jeitung“ 
veröffentlichte effihiel Erklärung übersandt, die das Verhalten der bessischen Aegierung in der Konferen— 
frage rechtfertigen sollte. Es hieh in der Erklärung u „Wir wünschen, daß die Konferen), deren schöne 
ase es sein wird, neue Garantien für die Ersc#ltung des ebropeilschen Friedens auf der Grundlage des 
tes m schaffen, lelost dann mstande komme, wenn die zunöchst interessierten beiden Staaten lich nicht 
beteiligen wollten. Die Sorderung 7 — Hufstellung eines Drogrammes halten wir nicht blob 
für überflüssig, sondern gerada fürn] er freie mündliche Austausch der Meinungen in der ver- 
sammelten Konferen; wird besser zum r*7r8 2 als deine vorbergebende schriftliche Verlkändigung. die im 
günktigsten, Falle der Konferenz selbst kaum mehr als den Wert einer diplomatischen Sorm lassen würde.“ 
elegramm Graf VBernstorffs vom 21. Rovember.
        <pb n="156" />
        142 Verdächtigungen Benedettis. 
*962. Erlaß an den Botschafter in Daris Grafen von der Goltz. 
i von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
In einem Telegramm vom 25. MDovember, das Bismarck sofort dem Grafen v. d. Goltz 
mitteilte, hiuer der Botschafter in London Graf v. Bernstorff Auherungen seines eben von Daris 
mrückgeüedrten französischen Kollegen Sürst La Tour d'Auvergne wiedergegeben, wonach dieser 
aus einer zu leiner Kenntnis gelangten Depesche Venedettis entnommen haben wollte, daß 
Bismarck sich freue, den Kaiser Aa#poleon III. in der durch die römische Frage hervorgerufenen 
Verlegenheit sitzen zu lassen, und gerade deshalb noch mehr als andere Kabinette auf seinem 
iderstande gegen die Konferenz beharre. Tatsächlich hatte Benedetti in leinem erichte vom 
19. Aovember (Les Crigines Diplomatiqgues de la Guerre de 1870—1871, XIX, 275), der 
am 22. (a. u. O., XIX, 320) nach London mitgeteilt war, die Auffassung vertreten. daß Bismarcks 
Verhalten von der Überzeugung geleitet sei, dah es nicht PDreußens Sache Jei. Irankreich aus 
der Klemme zu reihen, in der es sich dank der römischen Srage befinde. Nachträglich wollte 
freilich La Tour d'Auvergne dem Grafen Bernstorff, wie dieser in einem Telegramm vom 
vember nachfügte, einreden, daß die Iweifel der franjösischen Regierung an Preußens 
auien! Willen sich nicht auf die Benedettische Berichterstattung, sondern auf andere Quellen 
grün 
Berlin, den 28. Aovember 1807. 
Ew. pp. habe ich von dem Telegramm des Königlichen Botschafters in London 
Kenntnis gegeben, nach welchem der von der französischen Regierung ihrem Botschafter in 
London mitgeteilte Bericht des Herrn Benedetti den Glauben ausspricht, daß wir uns 
freuten, den Kaiser Aapoleon in seiner Verlegenheit zu lassen, und deshalb der Konferenz 
noch mehr als andere Kabinette entgegen wären. 
Graf Bernstorff hat diese Behauptung dem Prinzen de La Tour d'Auvergne gegenüber 
bestritten und mit Recht hinzugefügt, daß wir natürlich uns nicht jselbst in Verlegenbeit 
stürzen könnten, um Grankreich aus der seinigen m helfen. Wir haben in der vorliegenden 
Tatsoche einen neuen Beweis für die Vermutung, daß Herr Benedetti — statt m versöhnen 
und auszugleichen — seine Regierung gegen Preußen aufzuregen und zu verstimmen sich 
bemüht. Sch teile dies nur zu Shrer eigenen Orientierung mit, da die nur im engsten Ver- 
trauen dem Grafen Bernstorff gemachten vertraulichen Außerungen uns nicht erlauben, in 
Paris irgendwelchen Gebrauch davon zu machen. 
Ich darf aber wohl voraussetzen, daß Ihnen die Wirkung der so gefärbten Benedetti- 
schen Berichterstattung oft und deutlich genug entgegentreten werde, um Ihnen Anlaß zu 
geben, dieselbe zu bekämpfen in dem Sinne, in welchem ich mich gegen Ew. pp. ausgesprochen 
habe. Wir sind vollkcommen davon durchdrungen, daß es auch in unserem eigenen In- 
teresse nicht liegt, die Verlegenbeiten des Kaisers zu vermehren; wir erachten es im Gegen- 
teil sowohl den bestebenden freundlichen Beziehungen und den persönlichen Gesinnungen 
Seiner Mojestät des Königs als unseren eigenen Interessen entsprechend, ihm die Hand zu 
bieten, um aus Verlegenbeiten ohne Gefahr für ihn und ohne allgemeine Erschütterung 
herauszukommen; aber wir können das nicht auf Kosten eigener gewichtiger Interessen und 
am wenigsten, wenn das franzölische Kabinett es uns durch so rückssichtslose und ungeschickte 
Behandlung delikater Fragen, wie es sich in der Konferenzfrage hat zschulden kommen 
laslen, unmöglich macht. 
Wie wenig dasfelbe auch jetzt noch bemüht ist, uns, auf deren Annahme es so großes 
Gewicht m legen behauptet, diese zu erleichtern, zeigt auch der Umstand, daß wir noch immer
        <pb n="157" />
        Übereinstimmung Englands und Preußens in Konferenzfrage. 14= 
der Antwort auf die Fragen entbehren, welche ich Herrn Benedetti in meiner Ew. pp. be- 
kannten Einladung" vorgelegt hatte. Die Vorenthaltung einer Mitteilung über die zur 
Konferen; Eingeladenen ist geradezu unbegreiflich, da es hierfür keinen Grund geben kann, 
und wird dadurch in der Tat verletzend. 
A-Rachschrift. In meinem vorstebhenden Erlaß bin ich von der auf dem Sw. pp. 
bekannten Telegramm des Grafen Bernstorff beruhenden Vorausfsetzung ausgegangen, daß 
die Ansicht von unserem Mangel an gutem Willen von Herrn Benedetti ausgesprochen sei, 
wie auch Ew. pp. in Shrem Telegramm Nr. 178 annehmen. Sch will indes nicht unterlassen 
m bemerken, daß Graf Bernstorff in einem neueren Telegramm vom gestrigen Tage seine 
Auffassung berichtigen zu müssen glaubt und sagt, Prinz La Tour d'Auvergne habe vermutlich 
vorgestern die Benedettischen Berichte noch nicht gelesen gehabt, da er ihm Tags darauf 
gesagt, die Ansicht seiner Regierung von unserem Mangel an gutem Willen berube nicht auf 
den Benedettischen Berichten, sondern auf andern Berichten. 
öch bin geneigt, dies nur als eine bedeutungslose Retraktation des französischen Bot- 
schafters anzuseben, welcher nachträglich bereute, seinen Kollegen in Berlin durch unbedachte 
Außerungen gegen Graf Bernstorff kompromittiert m haben. 
*963. Telegramm an die Msssionen in Darls, Detersburg, 
Wien und Florenz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden NRNats Abeken.)] 
Berlin, den 28. Tovember 1867. 
Lord Loftus bat Antwort Stanleys auf französische Einladung vorgelesen:: höflich, 
nicht direkt ablehnend, aber als notwendig bejeichnend eine Basis für Konferenz, welche 
bestehe: 1.) in allgemeinem Plan, in dessen Prinsip alle einig wären, 2.) Vorverhandlungen, 
um von den Mächstbeteiligten Gewißbeit zu erlangen, daß sie den Entscheidungen der Kon- 
ferenz sich wenigstens in gewissen Grenzen unterwerfen werden; dies müsse durch Srankreich 
eingeleitet werden; erst nach Gelingen dieser Vorverhandlungen könne Konferenz mit Hoff- 
nung auf Erfolg eröffnet werden. 
*1964. Telegramm an den Boischafter in London 
Grafen von Bernstorff. 
[Konzgzept von der Hand des Vortragenden Rats Aberen.] 
Berlin, den 28. Rovember 1867. 
Lord Loftus hat Antwortdepesche des Lord Stanley auf französische Konferenzeinladung 
vorgelesen. Wir teilen vollständig den Standpunkt derfelben. 
1 Wobl verschrieben für: „Erwiderung“; ogl. Nr. 936. 
963. Siebe den Text der vom 18. November datierten englischen Antwort in: — Diplomatiques 
de la Guerre de 1870—16vI, XIX, 269 ss. Jur Unterredung Bismarckes mit Lord Loftus ogl. The 
Diplomatic Reminiscences of Lord Augustus Loftus, Second Series, I. 1
        <pb n="158" />
        144 Notwendigkeit festen Konferenzprogramms. Post- und Handelsvertrag mit der Schwein. 
In Ihrem Telegramm Nr. 106 erwähnen Sie die SIdee des französischen Geschäfts- 
trägers, an Stelle der Konferen; vorläufig Besprechungen der Repräsentanten der Groß- 
mächte in Paris zu setzen, welche um Sweck haben würden, eine Basis oder ein Drogramm 
für die Konferen; zu suchen. In Paris scheint nach einem Telegramm von Graf Goltz diese 
Idee Anklang m finden. Voraussichtlich würde kein Drogramm gefunden werden. Sch 
bitte m sondieren, wie das englische Kabinett über diese Sdee denkt. 
* 
*965. Erlaß an den Gesandien in Bern General von Roeder. 
[Konrept von der Hand des Brälikenten des Bundeskanzleramtes 
e 
Berlin, den 28. Rovember 1867. 
Euer pp. erwidere ich auf den gefälligen Bericht vom 16. d. M., daß nach der am 
23. d. M. erfolgten Unterzeichnung neuer Postverträge zwischen dem Norddeutschen Bunde 
und den süddeutschen Staaten die Grundlage zu einer Verhandlung über einen Postvertrag 
wischen dem Bunde und der Schweiz gewonnen ist. Es liegt in meiner Absicht, den 
Bundesrat zu einer solchen, hier in Berlin zu führenden Verhandlung einzuladen, dieselbe 
wird aber nicht vor dem Januar künftigen Jahres beginnen können. 
Zur Verhandlung eines Handelsvertrages zwischen dem ADorddeutschen Bunde und 
den süddeutschen Staaten einerseits und der Schweiz andererseits würde ich sofort nach dem 
am 6. d. M. erfolgten Austausch der Kodifikationen des Sollvereinigungs-Vertrages vom 
8. Juli d. J. ECinleitungen getroffen haben, wenn ich nicht der Ansicht wäre, daß es im 
beiderseitigen Interesse liege, dieser Verbandlung den Abschluß eines neuen Soll- und 
Handelsvertrages zwischen dem Sollverein und Osterreich vorhergehen zu lassen. Ich gebe 
die Hoffnung noch nicht auf, daß die Verhandlungen über einen golchen Vertrag in nicht 
alliu langer Seit werden begonnen werden können; wie dem aber auch sei, eine Verhand- 
lung mit der Schweiz ist im laufenden Jahre nicht mehr in Aussicht zu nehmen. 
*966. Telegramm an die Missionen in London, Detersburg, 
Darls, Karlsruhe, Dresden. 
[Eigenbändiges Konzept.] 
Berlin, den 29. Aovember 1867. 
Benedetti's heutige Antwort auf unsre 4 Sragen giebt über Drogramm Ceine nähere 
Auskunft; ich habe Verständigung hierüber als unentbehrlich bezeichnet, indem ich es nicht 
für thunlich bielte, ein Programm in voller Conferenz heriustellen. 
Vertraulich: Ich habe außerdem aus deutsch nationalem Gesichtspunkte unfre Ab- 
neigung kundgegeben, mit Darmstadt an der eventuellen Conferenz tbeilzunehmen. 
1 Vgl. Nr. 936.
        <pb n="159" />
        Bismarcks Unterredung mit Benedetti, 28. Nodember. 145 
*967. Erlaß an den Boischafter in Paris Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hond des Vortragenden Rats Abeken.] 
Berlin, den 29. Movember 1867. 
Der Kaiserlich Französische Botschafter hatte gestern den Wunsch nach einer Unter- 
redung ausgesprochen, welche parlamentarische Geschäfte mir erst heut möglich gemacht 
haben. 
Ich erwartete, daß er mir eine Antwort auf die in meiner neulichen Unterredung ihm 
gestellten Sragent bringen würde, kann aber seine beutigen Außerungen kaum als eine 
solche bejeichnen. 
Er teilte mnächst — kurz und ohne weitere Erläuterungen — mit, daß der Papft 
und Stalien die Konferenz angenommen hätten. 
Auf die Frage, wer zu der Konferenz; eingeladen, erwiderte er: Alle europäischen 
MAächte mit Ausnahme der allerkleinten. 
Ein Programm als Bafis der Konferenz hat er mir auch heut nicht bezeichnet; ein 
solches werde erst auf der Konferenz selbst gefunden werden können. Stalien werde auf 
derselben seine Vorschläge vorbringen und der Papst ebenfalls, und hieraus werde sich 
die weitere Besprechung ergeben. Als ich erwiderte, daß wir vor allem wünschten, über 
Frankreichs Auffassung von einer möglichen Löfung oder doch über die Vichtung derjelben 
eine Andeutung zu erhalten, erklärte er, Srankreich werde sich unmittelbar nach den 
beiden zunächst Beteiligten ausfsprechen. 
Hierauf ging der Botschafter u Vorwürfen über die Haltung der Königlichen Re- 
gierung in der Konferenzfrage über, indem er behauptete, wir ließen den Kaiser im Stich in 
einem Augenblick, in welchem wir in der Lage wären, ihm einen wesentlichen Dienst zu 
erweisen. Unfre Haltung sei von allen Mächten die unfreundlichste. Sch widerlegte dies 
durch Bezug auf die mir vorliegenden Berichte aus Detersburg ulnd] London ulnd] sprach 
die Vermuthung aus, que Mlonsieurl Blenedettil mettait peut-tre plus de „franchise“ dans 
ses rapports due ses collegues de Pletersbourgl et de Llondresl.= 
Ich wisse außerdem nicht, ob die Verhältnisse so lägen, daß dem Kaiser durch die 
Konferenz ein wirklicher Dienst erwiesen werden würde; wäre dies aber der Sall, so hätte 
das Kabinett der Tuilerien uns dies durch die Sormen, welche es bei der Einladung zur 
Konferenz beobachtet, einigermaßen erschwert. Die sofortige Berufung sämtlicher euro- 
päischer Staaten sei eine Aeuerung in den europäischen Traditionen, über deren An- 
wendung und Ausdebnung wir gewünscht hätten, konjultiert zu werden. 
Herr Benedetti fragte darauf, ob diese Einladung der Kleinftaaten für uns ein Anlaß 
sei, der uns an der Beschickung der Konferenz verhindern würde? 
Ich machte ihn darauf auf den Unterschied zwischen den außerdeutschen und den 
deutschen kleineren Staaten aufmerksam. ÜUber die außerdeutschen enthielte ich mich der 
Auherung. Bezüglich der deutschen bätte die gänzliche RAichtberücksichtigung jedes in 
41 Vgl. Ar. 776. 
2 Die beiden letzten Sätze elgenbändiger Zulatz Bismarck. 
VI 1
        <pb n="160" />
        146 Bismarck regt vertrauliche Vorverhandlungen der Grohmächte über römische Srage an. 
Deutschland bestehenden nationalen oder föderalen Bandes uns unangenehm berührt, ulnd) 
bätten wir erwartet, wenigstens bezüglich der deutschen Verbältnisse vorher sondirt m 
werden'. Dies werde er gewiß schon in unferer ersten Unterredung gemerkt haben. Auf 
seine direkte Srage, ob dies ein Grund für unsere Ablehnung sein würde, bätte ich damals 
die Antwort abgelehnt, weil ich nicht gewollt, daß Irankreich die Interpretation unserer 
Außerungen bei den deutschen Regierungen übernähme: ich sei seitdem von Seiner Majestät 
ermächtigt, unsere Auffassung jenen Regierungen gegenüber offen auszusprechen und ihnen 
dadurch unsere Stellung klar umachen; ich mache daher auch ihm kein Gebeimnis daraus, 
daß ich Seiner Majestät dem Könige nicht raten würde, auf einer europäischen Konferenz 
neben und gewissermaßen binter Hessen-Darmstadt, welches die Einladung vor uns an- 
genommen, zu figurieren. 
Ich machte dem Botschafter ferner bemerklich, daß wir von der Rotwendigkeit eines 
vorherigen Drogramms als Basis und Ausgangspunkt für die Konferenz nicht abgeben 
Kkönnten. Sch erkenne die Schwierigkeit, ein golches zustande zu bringen. Leichter aber 
wäre es doch gewiß, wenn Frankreich den Versuch machte, zunächst mit den Großmächten 
eine vertrauliche Besprechung, eine Basis zu suchen, als wenn es dies unter Mitwirkung 
einer Versammlung von zwanzig und mehr Stimmen unternähme. · 
Der Botschafter knüpfte an diese Bemerkung die Frage: ob wir uns bei einem solchen 
Versuche beteiligen würden. 
Ich erwiderte ihm, daß ich keinen Vorschlag machte; wenn der Vorschlag zu golchen 
vertraulichen Besprechungen an uns gelangte, so würden wir ihm beitreten, falls es uns 
gelänge, Rußland und England ebenfalls dazu zu bestimmen, da die Frage offenbar nicht 
isoliert von einer einzelnen Macht behandelt werden könne. 
Dies war der wesentliche Inhalt unserer beutigen Unterredung. 
Vertrauliche ABachschrift. 
Wie Ew. pp. aus vorstehendem entnehmen, habe ich in meiner heutigen Unterredung 
ausführlich und eingehend mit Herrn Benedetti gesprochen und fseine Gragen, soweit es 
mir möglich war, beantwortet. Ich würde es nicht getan, sondern mich schon beut gemäß 
der Absicht, die ich in meinem beutigen Telegramm an Sw. pp. ausgesprochen, in voll- 
ständiger Reserve gehalten haben, wenn ich schon vor der Unterredung Ew. pp. gefälligen 
Bericht Nr. 380“ hätte lesen können, was mir aber bei der Kürze der Zeit zwischen seinem 
Eingang und dem Besuche des Botschafters und der Ausführlichkeit und Länge des 
Berichts nicht möglich war. 
*968. Erlaß an den Gesandten in Brässel von Balan. 
[Konrept von der Hand des Vortragenden Nats Abeken.] 
wurjelnde Diplomat es so einzurichten gewußt 
de, doh man von Dresden aus alle und selbst laufende, Thäte bie du der Wüen 4 5 
Gesandten auf seinen Posten verschoben babe. Ausdrücklich 
* Der Schluß des Satzes „ulnd] bötten wir eigenböndiger Jusah Biemarcks. 
* Vgl. Ar. 99 nebft Vorbemerkung. **5
        <pb n="161" />
        Balan und Fabrice. Rapoleons III. Verstimmung über Preuhens Haltung. 147 
lächsischen Kollegen, mit dem er auf dem besten Suße stehe, perlönlich keinen Vorwurf machen; 
er habe aber doch geglaubt, sachlich auf die schiefe Stellun Suser lam machen zu fjollen, die 
nach Konstituierung des Norddeutschen Bundes mit der Vort ner der befonderen Länder- 
diplomaten notwendig verknüpft sei. 
Vertraulich. Berlin, den 29. Aovember 1867. 
Die Bemerkungen Ew. pp. in Ehrem gefälligen Bericht Ar. 118 vom 21. Aovember 
über die Zurückhaltung im diplomatischen Berkehr, welche die Königlich Sächsische Re- 
gierung beobachtet m haben scheine, solange nicht ihr eigener Gesandter in Brüssel gewesen, 
sondern Ew. pp. die Geschäfte geführt, lind ohne Sweifel wohl begründet; ich möchte indes 
diesem Umstande kein zu großes Gewicht beilegen, da es an und für sich natürlich ist, daß 
die Königlich Sächsische Regierung sich nur allmählich und mit einiger Mühe in die neuen 
Verhältnisse einlebt. Daß sie den guten Willen dazu hat und den Bundesbeziehungen 
ernstlich gerecht zu werden bemüht ist, hat sie mehrfach bewiesen; in der letzten Zeit noch 
durch die korrekte Haltung in der Aufnahme der Einladung der französischen Regierung 
m den Konferenzen über die römisch-italienische Srage. Es liegt in unserem Snteresse, sie 
in dieser Richtung durch ein möglichst freundliches Entgegenkommen und Aufrechterhaltung 
wohlwollender Beziehungen zu bestärken. Es ist mir daher auch erwünscht, dah, wie Ew. 
pp. am Schluß Ihres Berichts noch besonders bemerken, Sie mit Sbrem sächsischen 
Kollegen, ungeachtet der von Ihnen erwähnten, sehr natürlichen Bielgeschäftigkeit des- 
selben, auf dem besten Fuße stehen; und ich wünsche um so mehr, daß Sie diese guten Be- 
jiehungen pflegen mögen, als wir der Vermittlung des Baron Sabrice bereits schon 
mehrfach willskommene Mitteilungen und Andeutungen verdankt haben. 
*969. Telegramm an den Botschafter in Daris 
Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Bucher.k. 
In einem sebr eingebenden Bericht vom 26. November hatte — v. d. Goltz Bismarck 
davon unterrichtet, dah der franjösische Kaiser lehr verstimmt über die Haltung des preußischen 
Kabinetts in der römischen Srage lei, die in den Berichten Benedettis fortgesetzt als eine sehr 
unfreundliche hingestellt werde. A#poleon III. wollte es nicht gelten lassen, daß der von Preußen 
eingenommene Standpunkt mit demjenigen Rußlands und Cnglands identisch sei. Schon die 
von diesen Mächten bei ihren Einwendungen gegen die slW beobachtete So#rm sei verbind- 
licher und lasse den Wunsch, Srankreich einen Dienst zu leisten, unverkennbarer zutage treten 
als das preußische Verbalten, das geradem das Bestreben zeige, die in der Sache an und für 
sich liegenden Schwierigkeiten eber noch zu vermebren. Dabei bätte Dreuhen im Hinblick auf 
das traditionelle Wohlwollen, das leine Souveräne der katholischen Bevolkerung von je er- 
wiesen hätten, weit mehr Anlaß als Rußlond und England gebabt, dem Konferenworschlag 
gegenüber eine entgegenkommende Haltung einzunehmen. Offenbar, so meinte Goltz, werde 
auf Grund der Benedettischen Berichte mit besonderem Nachdruck wwischen der schroffen Stellung 
nahme Bismarcks und der viel Impatbischeren Haltung des Königs unterschieden. Gegen 
Bismarck werde u. a. ins Seld gefübrt, daß er Benedetti gerade beraus gelagt babe, Frankreich 
möge doch mit seinen Truppen in Civitavecchia bleiben. Aus diesem Natschlag schöpfte man 
französischerseits den Argwohn, dah Bismarck Srankreich dauernd in Ztalien beschöftigen, den 
Gegensatz wwischen beiden Mächten schärfen und dadurch den Einfluß Srankreichs in anderen 
Fragen paralusieren wolle. Vach Goltz bätte sich geradem die Meinung in Paris festgesetzt, 
„daß der Widerstand der wichtigsten Grohmächte gegen das Konferensprosekt von Preußen ge- 
leitet und verschärft werde, und daß Rußland und England diesem Impuls mehr folgen und 
ibre Bedenken durch die ibnen vom preuhischen Kabinett suppeditierten verstärken.“ Vgl. dazu 
1 Das Konzept trögt den Vermerk Buchers: „Von Seiner Exjellem diktiert.“
        <pb n="162" />
        148 Swlschenfall in der Budgetkommission des Abgeordnetenhaufes. 
di Pert zerststtung Benedettis seit Mitte ooember, insbesendere die Berichte vom 17. 
ines Diplomatiques, XIX, 251 ss, 274 ss.), die in der Cat einen Gegensatz 
145 der Hrien des Königs und der leines Ein#eers beonssirukeren. 
Berlin, den 29. Aovember 18067. 
Bericht Nr. 380 erhalten. Angeblich weniger verbindliche Sorm in Aufnahme der 
Kongreßeinladung kann nur auf Benedettischen Entstellungen beruben. Truppen in Cidita- 
vecchia sind zwischen uns nur beiläufig und akademisch erwähnt worden der Art, daß ein 
Korporal und drei Wann französischer Truppen binreichen würden, um jeden politischen 
ZSweck der ÖOkkupation zu erreichen. Ich werde in Zukunft Benedetti nicht mehr mündlich 
antworten, sondern meine Antworten durch Ew. Cxjellenz gehen lassen . 
920. Schreiben an den Vorsitzenden der Budgetkommtssion des Hauses 
der Abgeordneten Generalmasor a. D. Stavenhagen. 
[Abschrift.] 
Bei der Beratung der „Denkechrift *7 die Ausführung des Gesetzes vom 28. September 
1866, betreffend den auherordentlichen Geldbedarf der Militär- und MWarineherwaltung und die 
DOotierung des Staatsschatzes“ (ogl. Ar. 254 und Die Gesammelten Werke, VI, Ar. 259, Vor- 
bemerkung) in der Budgetkommissson des Abgeordäetenbauses war es am 29. November zu einem 
Gwischenfall gekommen, der eine große Cragweite anjunehmen drohte. Cags zuvor datte der Ab- 
geordnete Cwesten den Vorantrag Welchht. von der Negierung eine besondere Vorlage, betreffend die 
Verausgabung der Abfindungssummen aus dem Kredit von 60 Millionen, und ferner die Mitteilung 
der abgeschlossenen Abfindungsverträge zu fordern. Bei der näheren Begründung dieses An- 
trages berief sich Twesten, der die Rechtmöhigkeit der Absindungsverträge überhaupt bezweifelte, 
darauf, daß Bismarck in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 26. September 1866 namens 
der Staatsregierung die qusdrückliche Zusage Gegee hatte, der Sonds von 60 Millionen solle 
nur für Kriegszweckke verwandt werden. In d Aichteinhaltung dieser Zulage wollte Cwesten 
der durch die kurz zuvor erfolgte eurur im einer zweijäbrigen Vefänonisstrefe ween 
leiner Abgeordnetenhausrede vom 20. Mai 1865 schwer Frgerest ng war (ogl. dazu den Brief Wilhelm 
. d. Treitf ene Deutscher Liberalismus im Seit- 
oller Bismarchs, ed. Jul. Heuderboff, I., 396) einen Aechs- und Vertrauensbruch erblicken. In 
seier Cntgegnung, die vor allem die ebenfalls von Twesten demängelte Höbe der Abfindungs- 
ummen mit politischen Gründen rechtfertigte, 90b Bismarck, indem er an der Vechtmähigkeit 
des Vertragsobschlusses sestbielt, doch iu, daß man über die Srage, ob die Entschädigung aus 
em 60 Millionen-Kredit genommen werden durste, verschled##nen Auffaslung sein könne. Er 
ktellte denn auch die Cinbringung einer besonderen Vorlagz zweckes Genebmigung der Berträge 
in Aussicht, verlangte aber die Zurückenahme des der Negierung und implicite auch ihm ge- 
machten Vorwurfs des Vertrauensbruches. Als Cwesten sich dessen weigerte, vielmehr den 
Vorwurf nochmals unterstrich, verließ Bismarck die Situng. VNach seinem Gortgang, der sich 
obne Eklat vollog, wurde der Twestensche Antrag mit 17 gegen 13 Stimmen angenommen. 
Auch wurde der Antragsteller mit der Erstattung eines schriftlichen Verichts beauftragt. 
ismarck, den es schon empfindlich berührt hatte, doß er von dem Vorsitzenden der siet 
kommission Seneralmajor Stavenhagen nicht gegen die Twestenschen Angriffe in Schutz 
nommen war, glaubte in der Ernennung Twestens um Berichterstatter einen perfönlichen *m 
jehen zu müssen und verlangte nun in einem an Stavenbagen gerichteten Schreiben, das nicht 
undeutlich mit seinem Mücktiritte drobte, die nachträgliche Rextisipierung Cwestens. 
Berlin, den 29. November 1867. 
Ich bin Ihrer Einladung zur Beteiligung an den Verhandlungen der heutigen 
Kommission bereitwillig und unter Hintansetzung jedes anderen Seschäftes gefolgt und habe 
* Vol. auch Nr. 972,
        <pb n="163" />
        Bismarck verlangt von Stavenhagen Nemedur, droht mit Abschled. 149 
die von mir verlangte Auskunft rückhaltlos gegeben, bin auch den Wünschen, welche in der 
Kommission über die Behandlung der diskutierten Vorlage ausgesprochen sind, im Ramen 
der Königlichen Megierung bereitwillig entgegengektommen. Sch habe mich dabei, da mir 
vor allem die Verständigung mit der Landesvertretung am Herzen liegt, jeder Diskufsion 
über den Aechtspunkt enthalten, vielmehr im Interesse der Einigung sofort die Bereit- 
willigkeit der Königlichen Regierung ausgesprochen, bezüglich der nachträglichen Vorlage 
der hannöversch-nassauischen Verträge den eventuellen Wünschen des Hauses der Ab- 
geordneten zu entsprechen. Öch habe dies ohne Rücksicht auf die daraus hervorgehenden 
Erschwerungen einer Geschäftsteilung getan, welche ohnehin meine Kräfte erschöpft. Aber 
ich bin außer Stande, meine Aufgabe durchzuführen, wenn ich bei ruhiger und sachlicher 
Diskussion der Geschäfte persönlichen Beleidigungen ausgesetzt bin, deren Entgegennahme 
meine amtliche Stellung mir ebensowenig zur Dflicht machen kann, als ich sie außerhalb 
des Dienstes zu ertragen gesonnen wäre. Der Herr Aeferent hat der Königlichen Re- 
gierung und insbesondere mir persönlich den Vorwurf des Rechts- und Ver- 
trauensbruches gemacht und, auf die von mir gegebene Erläuterung, denselben nicht 
etwa, wie ich erwarten durfte, mrückgezogen, sondern im Gegenteil ausdrücklich wieder- 
bolt. Wenn ich mein Amt nur unter der Bedingung fortsetzen könnte, daß ich dergleichen 
wahrheitswidrige Kränkungen anzuhören gezwungen wäre, ohne mich rechtlich dagegen 
verteidigen zu können, so würde ich unbedingt vorziehen, demselben zu entsagen. Einfst- 
weilen habe ich geglaubt, mich der Gefahr einer nochmaligen Wiederholung verletzender 
Außerungen der Art entziehen und die Sitzung verlassen zu sollen. Sch bedauere, daß es 
mir dadurch unmöglich geworden ist, an der Verständigung über die diskutierte Frage in 
dem Maße, wie es meine Absicht war, mitzuwirken. « 
H.v.Polchitiger,siitltBismqtckcunddiePaklamentakier.ll,I4f. 
971. Schreiben an den Drässdenten des Hauses der Abgeordneten 
von Forckenbeck. 
[Konfzept von der Hand des Bortragenden Rats von Keudell.] 
Ausschiffung des Justizministers Grafen zur Lippe, der ihm längst ein 5 A 
Sie erfolgte dem auch am 5. Dezember. Vol. zu der “]nieeesesdd—t—t“#
        <pb n="164" />
        150 Bismarcks Appell an Forckenbeck. 
* v. S. Sorchenbuche ungedruckten Briefen, Deutsche Reoue, AXII, 4, 142 ff. H. Onchen, 
Bennigsen, #. 121 Zuffzn ferner die Doree westens in: Deutscher Wo*23 im Geit- 
*2 Bismarcks, ed Hepderboff, I. 705 f. 
Berlin, den 29. Movember 1867. 
CEw. Hochwohlgeboren wollen aus meinem in Abschrift beigeschlossenen Schreiben vom 
beutigen Lages gefälligst erseben, daß ich die heutige Sitzung der Budget-Kommission ver- 
lassen habe, weil der Herr Referent derselben mich durch einen nach seinem Wortlaute ulnd) 
Susammenbange, in dem er vorgebracht wurde, mleines] Elrachtens] ehrenrührigen 
Vorwurf= beleidigte. In dem gleichfalls abschriftlich beigefügten Schreiben vom heutigen 
Tage' erklärt der Herr Vorsitzende der Kommission, er habe in den fraglichen Auße- 
rungen, wiewohl er sie bedauert, eine Beleidigung meiner Person nicht finden können, weil 
der Referent von keinem Minister persönlich, sondern von der Stoatsregierung kollektiv 
gesprochen habe. 
Diese Auffassung erscheint mir nicht zutreffend. 
Auch als Kritik für das Verfahren des Gesammtministeriums muß ich den Ausdruck 
in die Kategorie derer rechnen, welche in einer frühern Periode die sachlichen Schwierig- 
keiten der parlamentarischen Verständigung durch Anwendung perfönlich kränkender 
Redeformen erschwerten. Aber Herr Twesten hat den verletzenden Ausdruck gebraucht in 
unmittelbarer Folge ulnd] Anwendung auf eine von ihm citirte Aeußerung, die ich selbst 
gethan, und die er als die meinige bezeichnete#. Die Spitze war demnach gegen mich perfön- 
lich gerichtet. 
In der Voraussetzung, daß Ew. Hochwohlgeboren die Dispiplin des Haufes, unter 
deren Schutz allein die Minister des Königs sich an den Debatten betheiligen können", nicht 
nur im Plenum, sondern auch in allen Berhandlungen des Haufes zu handbaben berufen 
sind, ersuche ich Ew. Hochwohlgeboren ergebenft, gefälligst zu vermitteln, daß für die mir 
widerfahrene Beleidigung in gleicher Öffentlichkeit eine Remedur eintrete“, ulnd) ich 
dadurch in den Stand gesetzt werde, mich fernerhin ohne Gefährdung der perfönlichen Rück- 
sichten, auf deren Beachtung mir gegenüber ich nicht verzichten kann, ulnd) die ich z beob- 
achten mir bewußt bin, an den Verhandlungen zu betheiligen. 
H. v. Poschinger, Fürst Blemarcke und die Harlamentarier, II, /# f. 
*972. Erlaß an den Botschafter in Harls Grafen von der Goltz. 
[Kontept von der Hand des Vortragenden Nats Abeken.] 
Vertraulich. Berlin, den 30. Movember 1867. 
In meinem Telegromm Nr. 172 vom 29. November: habe ich bereits kurz angedeutet, 
wie volltrommen irrtümlich und im besten Falle mißverstanden die Auslegung ist, welche 
1 Siehe Ar. 970. !7½ 
„ Die Worte: „einen nach selnem Wortlaute“ gigenhändige Korrektur Bismartks. 
2 Hier nicht abgedruckt. 
4 Der erste Satz des Absatzes eigenbändiger Susatz, der weite elgenbändige Korrektur Bismarcks. 
„ Der Nelativsat eigenhändiger Jusatz Bismarcks. 
" Der Schluß des Schreibens eigenhändiger Susatz Bismarcks. 
— Slebe Rr. 269.
        <pb n="165" />
        Benedettis Mißdeutung der Bismarckschen Erklärungen vom 28. November. 151 
man, wie Sw. pp. gefälliger Bericht Nr. 380 vom 26. d. M. beweist, meinen Außerungen 
gegen Herrn Benedetti über den Aufenthalt französischer Cruppen im Kirchenstaat ge- 
geben hat. 
Ich bin soweit davon entfernt gewesen, dem Botschafter u erklären oder zu 
raten, daß Grankreich mit feinen Cruppen in Civitavecchia bleiben möge, daß ich viel- 
mehr den ganzen Inzidenzpunkt der Okkupation nur gelegentlich und nebenbei berührt habe. 
In meiner ersten Unterredung mit Herrn Benedetti hatte ich demfelben nicht verbeblt, 
daß ich die Berufung einer Konferenz für einen politischen Sehler halte, weil sie den Sweck 
nicht erreichen könne, welchen Frankreich dabei im Auge habe, nämlich eine befriedigende 
Lösung zu finden, und weil sie daher für Frankreich wie für die anderen Mächte nur eine 
Quelle neuer Verlegenheiten werden müsse. Der Botschafter fragte darauf, was Srank- 
reich denn habe tun sollen, und ich entgegnete ihm, ich sei weit davon entfernt, meinen Rat 
einer Macht wie Frankreich erteilen zu wollen, welche selbst u beurteilen wisse, was sie 
ihren Interessen entsprechend erachte; ich sähe aber nicht ein, welche großen Bedenken 
Grankreich dagegen haben könne, den Schutz, den es dem Papste durch die passive Anwesen- 
beit einiger auf Civitavecchia beschränkter Cruppen gewähre, einstweilen zu verlängern. 
Als mir der Botschafter darauf entgegnete, man könne nicht vom Kaiser erwarten, daß er 
fortwährend eine Dioision französischer Truppen dort halte, so bemerkte ich: es bedürfe 
dazu wohl nicht einer Division; ein Korporal und drei Mann mit der franzölischen Sahne 
in Civitavecchia würden hinreichen, den Sweck zu erreichen und den Stalienern die Ge- 
wißbeit zu geben, daß die schützende Hand Napoleons über dem Dapste walte. Wenn man 
in diesen halb scherzhaften ulnd] rein akademischen Außerungen eine ntrigue hat sehen 
wollen, als sollte der Kaiser durch mich listiger Weise überredet worden, um ihn in Stalien 
zu engagieren und zu beschäftigen, so ist das ja ein vollkommen kindischer Gedanke, ulnd) 
es gehört viel übler Wille gegen uns dazu, um meinen Worten ernsthaft solche Auslegung 
zu gebenꝰ. 
Was die ganze Auffassung unserer Stellung im Bergleich mit derjenigen Rußlands 
und Englands betrifft, so hat es allerdings sehr den Anschein, als ob die Vertreter Srank- 
reichs in London und St. Petersburg eifrig bemüht wären, die Gegensätze zu mildern und 
auszugleichen und die Außerungen der dortigen Minister im günstigsten Lichte und in einer 
ihrer Regierung angenehmen Weise darzustellen, während Herr Benedetti das Gegenteil 
zu tun scheint. Ich kann aber auch nicht umbin, in der Auslegung, die man in Paris selbsft 
unserer ganzen Haltung gibt, wenig Unparteilichkeit und noch weniger guten Willen zu er- 
kennen, den Schwierigkeiten unserer Stellung Rechnung zu tragen. Es ist schwer verständ- 
lich, wie man ernsthaft Shnen gegenüber, wie Sie in dem Eingang Sbres Berichtes an- 
deuten, hat aussprechen können, daß für Rußland und England die Beteiligung an der 
Konferenz schwieriger sei als für Preußen, und daß man daber über das Zögern dieser 
Mächte weniger vetletzt sei. Es ist für jeden ungetrübten Blick vielmehr offenbar, daß 
unsere Stellung gerade wegen der viel größeren Bedeutung unserer katholischen Bevöl- 
Kkerung der Sahl und dem politischen Verhältnis nach eine viel schwierigere ist. 
Außland hat mit Rom, ja man kann sagen, mit der katbolischen Kirche und mit seiner 
katbolischen Bevölkerung gebrochen und nimmt tatsächlich auf dieselben keine Rücksicht 
Siemuner letzte Satz beruht jum gröhten Ceil auf eigenbändigem Zusatz, sonft auf elgenböndiger Korrektur
        <pb n="166" />
        152 Bismarck prözisiert von neuem Stellungnahme in römischer Frage. 
mehr; in England hat die katholische Kirche gar kein Verhältnis zum Staat und die Re- 
gierung ist daher in der Behandlung der kirchlichen wie der politischen Angelegenheiten 
Roms unendlich viel freier, als wir es in PDreußen sind, wo die katholische Kirche eine be- 
stimmte Stellung im Staat und Anspruch auf die Sürsorge Seiner Majestät des Königs hat. 
Auf der andern Seite wird niemand, auch in aris, behaupten wollen, die Sache liege so 
einfach, daß die Konferen; eben nur zusammenkomme, um die Nechte und die Stellung des 
Papstes in Stalien und gegen Stalien aufrechtmerhbalten. Wäre das der Sall und könnte 
Stalien eben einfach zur Ruhe verwiesen werden, so würde Frankreich das wohl selber 
übernehmen und brauchte die Konferenz nicht. Sch darf mit Recht sagen, daß — vielleicht 
außer Frankreich felbst — für keine Macht die VBerlegenheiten, welche ein Versuch zur 
Lösung der römischen Frage auf einer Konferen; darbietet, so groß sfind wiegerade 
für Dreußen, und daß für Außland und für England die Zustimmung viel leichter 
gewesen sein würde als für Dreußen. Michtsdestoweniger haben wir keine andere Stellung 
eingenommen als diese beiden Alächte und haben uns jeder Gegenwirkung gegen das Zu- 
standekkommen derselben enthalten, sondern nur — eben wie dies in London und St. Peters- 
burg geschehen — Vorfragen gestellt und auf Bedingungen hingewiesen, welche nicht in 
unseren individuellen Bedürfnissen, sondern in der Natur der Sache selbst liegen. 
Ich bitte Ew. pp., diese sehr einfachen und naheliegenden Argumente möglichst zu ver- 
werten und der Auffassung, als ob wir weniger als die Kabinette von London und St. 
Petersburg geneigt wären, dem Kaiser aus einer Verlegenheit zu belfen, entschieden ent- 
gegenzutreten; — eine Auffassung, die jedenfalls eine ungerechte und tatsächlich irrige ist. 
mag sie nun aus Mißhverständis oder aus üblem Willen entstanden sein. 
Wenn Ew. pp. im weiteren Verlauf Shres Berichts darauf hinweisen, daß die An- 
gelegenheit durch die vom Papst nur zum Sweck eines freien Sdeenaustauschs geschebene 
Annahme der Konferenz in ein anderes und leichter zum Siele führendes Stadium getreten 
sei, so kann ich dies in dem Sinne mugeben, dah durch die angeregte Idee von Besprechungen 
der Repräsentanten der Großmächte in Paris mit denen der mnächst Beteiligten, wenn ein 
lolcher Vorschlag von Grankreich den Mächten entgegengebracht werden sollte, das Wittel 
geboten ist, einen solchen Sdeenaustausch in einer Weise zu bewerkstelligen, daß dadurch 
eine Basis und ein Drogramm gesucht und im glücklichen Falle gefunden werde, auf Grund 
desseen dann auch die übrigen europäischen Mächte zur Teilnahme eingeladen werden 
könnten. 
Ich wiederhole in dieser Beziehung nur, was ich bereits Herrn Benedetti gesagt habe, 
daß wir keinen Vorschlag in dieser Richtung machen, einen von Frankreich kommenden 
Vorschlag aber bereitwillig entgegennehmen werden und hoffen, daß auch die übrigen 
Grohmäöchte auf folche vertrauliche Besprechung eingehen werden. 
*92 . Telegramm an den Beotschafter in London 
Grafen von Bernstorff. 
[Eigenhändiges Konzept.] 
cke Anfrage vom 28. November, wie sich das englische Kabinett zu de G 
dnle e 7o—— der Grohmächte über die römische Srage stelle (siehe n %
        <pb n="167" />
        Mathus Denkschrift vom 26. Aovember. Badisches Drängen auf Eintritt in Rorddeutschen Bund. 153 
hatte Graf Bernstorff am 29. als Lord Stanleus Auffassung gemeldet, daß man sich unmöglich 
vertraulichen Besprechungen, um eine Basis für die Lösung der römischen Frage m finden, ent- 
niehen könne. 
Berlin, den 29. November 1867. 
Tellegramm] 111 erhalten. 
Wir werden uns vorläufigen vertraulichen Besprechungen, um eine Basis für Lösung 
der römischen Frage zu finden, nicht entziehen, sobald England damit einverstanden. 
*074. Erlaß an den Gesandten in Karlsruhe Grafen von Flemming. 
[Konept von der Hand des Vortragenden Aats Bucher.) 
Die reservierte Haltung, die Bismarck gegenüber dem badischen Streben nach möglichst 
baldigem Eintritt des Großhersogtums in den Norddeutschen Bund feit Mitte OÖktober (ogl. 
Tr. 934 neblt Vorbemerkung, 955, 956) eingenommen hakte. hatte im Schohe der badischen 
Regierung tiefe Niedergeschlagenheit hervorgerufen: man fühlte sich. wie Großberog Friedrich I. 
sagte, von Preußen verlassen. In dieser Lage richtete der badische Ministerpräsident Mathu. 
anscheinend auf eine Anregung Max Dunckers bin (ogl. dessen Politischer Briefwechsel, ed. 
Johannes Schultze, S. qal), am 26. NRovember eine für Bismarck bestimmte Denkschrift an den 
Grafen Slemming, die im Hinblick auf die bevorstehende Beratung des an sich sich eng an die Ber- 
fassung des Rorddeutschen Bundes anschließenden badischen Kontingentsgeleßes eine, wenn auch 
nur vertrauliche preußische Zusicherung bezüglich einer baldigen Aufnahme Badens in den 
Aorddeutschen Bund verlangte. Siebe den wesentlichen Inbalt der Denkschrift bei G. SFreytag, 
Karl Wathu, S. 411 ff. Nach Mathu lag die Gefahr nahe, daß ohne eine solche Zusicherung 
die zweite Kammer nicht für die Festsetzung der Friedenspräsensstärke nach dem preuhischen 
Muster zu gewinnen sein werde. Sür den Fall einer Ablehmug der Negierungsvorlage trug 
sich Mathu, wie er offen aussprach, mit der Absicht., aus der Regierung ausjuscheiden; wahr- 
scheinlich würdeen ihm seine Kollegen folgen, so daß eine Regierung ans Auder gelangen könne, 
die aus gelehrigen Schülern Aeichskanzler v. Beufts bestände. In seinem vom 28. November 
datierten Begleitschreiben zu der Denkschrift führte Graf Flemming an. daß sich in einem 
tags zuvor abgehaltenen Konkeil sämtliche Minister mit der Anschauung Mathus einverstanden 
erklärt hätten. Er fügte binzu, daß Bismarcks oltensibler Erlaß vom 22. Rovember isiehe 
Nr. 955) von dem badischen Staatsministerium nicht als aeeignet befunden worden sei. um den 
Kammerkommillionen, wie Bismarck anbeimgegeben batte. vorgelesen zu werden. „Wan be- 
fürchtet, diese Depesche würde die in der Kammer verbreitete Ansicht. daß Baden keine andere 
Behandlung von uns zu erwarten habe als Bauern und Württemberg. durch ihren Total- 
eindruck eher verstärken als abschwächen.“ Bgl. auch H. Oncken, Großherzog Friedrich I. von 
Baden und die deutsche Dolitik von 1854 bis 1871, II, 109, Anm. 4. 
Vertraulich. Berlin, den 3. Dezember 1867. 
Das Schreiben des Ministers Mathy, welches Ew. pp. unter dem 28. v. M. ab- 
schriftlich hierher mitgeteilt haben, ist unmittelbar veranlaßt durch die Schwierigkeiten, die 
dem Webhrgesetze von seiten der Stände drohen. Die Vorstellung von diesen Schwierig- 
keiten wird allerdings durch Ew. pp. gefälligen Bericht vom 30. v. M. etwas abgeschwächt, 
insofern derselbe die Annahme von sechs Siebentel Prozent als möglich erscheinen läßt und 
ich, ohne damit ein technisches Urteil obgeben zu wollen, der Ansicht bin, daß auch mit dieser, 
wie es scheint, praktisch noch etwas höher auszubringenden Quote die preußische Heeres- 
organisation war unvollkommener als bei ein Prozent, doch im wesentlichen durchführbar 
sein dürfte. Jenes Mathysche Schreiben und Ew. pp. Erläuterungen dam werfen aber ein 
Licht auf die Situation, bei dem die Wöglichkeit einer Wiederkehr ähnlicher Schwierig- 
keiten und, in. entfernterer Derspektive, die Gefahr eines Kabinettswechsels nicht zu ver- 
Kennen ist. Eine golche Veränderung wäre so beklagenswert, daß ich mich gedrungen fühle,
        <pb n="168" />
        154 Gründe, warum Badens Eintritt in den Norddeutschen Bund nicht zu foriieren ist. 
mich noch einmal und im engsten Vertrauen über die Gründe auszusprechen, welche es der 
Königlichen Regierung unmöglich machen, in ihren für die dortigen Stände be- 
stimmten Eröffnungen weiter, als es geschehen, und namentlich bis zu der von den Groß- 
herzoglichen Ministern in Übereinstimmung mit Herrn Matby gewünschten Erklärung zu 
gehen, daß der Eintritt Badens, falls die Militärvorlagen im wesentlichen angenommen 
würden, eventuell auch ohne Bauern und Württemberg gesichert sei und nur der 
Seitpunkt dem Ermessen und der Verständigung der Regierungen vorbehalten bleibe. 
JSch begreife vollkommen nach meinen eigenen Erfahrungen, welche schwierige Aufgabe 
dem Präsidenten von Freydorf und seinen Kollegen mfällt gegenüber ungeduldigen, an die 
verantwortliche Behandlung großer politischer Fragen nicht gewöhnten Kammerrednern. 
Auch finde ich es erklärlich, daß die letztern das Gefühl haben, es würde eine gewisse Un- 
gerechtigkeit des Schickfals darin liegen, wenn sie, die lebhafter für die nationale Sache 
empfinden, mit der Erfüllung ihrer Wünsche einstweilen noch: auf Bauern und Württem- 
berg warten müßten. Aber ich bin überzeugt, daß Herr von Freydorf für die Schwierigkeit 
unserer Aufgabe dieselbe unbefangene Würdigung haben wird, und ich kann mich von der 
Hoffnung nicht lossagen, daß es ihm gelingen werde, zwar nicht die Kammer oder die 
Kommission direkt, aber doch einzelne einflußreiche Mitglieder dahin zu bringen, daß sie sich 
zu einer ebensolchen objektiven Anschauung erheben und die Politikk Badens in ihrem, 
wohl zu ignorierenden, aber nicht zu lösenden Zusammenhange mit den deutschen und den 
europäischen Verhältnifsen betrachten 5. 
Ich wiederbole, daß wir das Ziel unverrücktt im Auge behalten. Aber eben deswegen 
baben wir jedesmal in der Behandlung des zunächst vor uns Liegenden vor allem darauf zu 
sehen, daß das bereits als erreicht binter uns Liegende nicht gefährdet werde, daß ein 
Schritt vorwärts, den wir heute tun, uns nicht an Hindernisse und in Gefahren führe, die 
wir und unsere Freunde morgen vielleicht nicht mehr vorfänden oder jedenfalls unter 
günstigeren Verhältnissen bestehen würden. Ich will der Bersuchung nicht folgen, mich über 
das für den einzelnen so schwere Gebot der Geduld auf die Geschichte unseres Volkes zu 
berufen, das so viel Verfäumnis und so viel Übereilung gut zu machen hat. Doch an den 
Jollverein, der mehr als dreißig Jahre gebraucht hat, um sich m einem organischen Körper 
zu entwickeln, möchte ich die badischen Stände erinnert sehen. 
Die Gefahr ist vorhanden, daß ein zu schnelles Vorgehen Baygern mit seinen starken 
ultramontanen und partikularistischen Elementen gerade für den Fall einer europäischen 
1 Die Worte: „einstweilen noch“ eigenhändiger Einschub Bismarcks. 
druck: „Ich glaube, doß sowohl die preußische Regierung als der Neichstag des m# 
recht hat, wenn sie im Augenblick nicht weiter geben. Will der Süden in seinen entscheidenden Saktoren? 
Will Bayern, Württemberß und — den Eintritt in den Norddeutschen Bund, und konn Bayern, so- 
len oder konn Dreuhen semals den Eintritt Bayerns wünschen oder ist derselbe 
er Organisation des — Bundes überhaupt möglich? Sch glaube wieder, nein. Also bleibt 
i illen den europãischen Srieden zu kompromittieren und die eigene Existen; gefährlichem 
Velesdes wisee .5% doch Preuhben von Baden alles, was dasselbe #bn Nützliches geben kann, 
i n 
ĩ onschlagen mag, ich bezweifle, dah jemals der europäische Sriede um ihretwillen 
becs ellss. de — schlas u bieten hat, bedroht werden sönnte.“ Deutscher Liberalismus im
        <pb n="169" />
        Abjuwarten, welches Temperament Zollparlament jeigen wird. 155 
Komplikation in das feindliche Lager triebe. Diese Gefahr dürfen wir nicht laufen, Jolange 
es sich verhüten läßt; die Berantwortlichkkeit dafür will ich jetzt nicht übernehmen. Ob sie 
trotz unserer Vorsicht an uns herankommen wird, ob sie trotz des einseitigen Eintritts 
Badens in den NDorddeutschen Bund fern bleiben würde, darüber ist noch nicht klar zu sehen 
bei dem zurückhaltenden Charakter des Fürsten Hohenlohe und der Ungewißbeit, ob seine 
Erfolge ebenso stetig sein werden, wie sie in der letzten Seit bemerkbar gewesen lind. 
Nückschritte hat die nationale Sache bisher nicht gemacht; und Ein Weg, auf den ich 
mir schon einmal binzuweisen erlaubt habe, liegt offen, auf dem bei geringer Gefahr große 
Gortschritte möglich sind. Binnen kurzem tritt das Sollparlament zusammen, in dem Bagern 
nach einem anderen als dem für die Abgeordnetenkammer geltenden Gesetze vertreten sein 
wird und auf Grund von Wahdlen, die in einer neuen Situation vor sich gehen. Wir halten 
uns für verpflichtet abzuwarten, welches Cemperament diese Versammlung zeigen wird. 
Wir finden uns zu der Hoffnung berechtigt, daß sie geneigt sein werde, die vertragsmäßige 
Ausdehnung der Gesetze, die für den Dorddeutschen Bund teils schon gegeben, teils im 
Entsteben sind, wie über Indigenat, Paßwesen, Sivilprozeß, auf die süddeutschen Staaten 
vorzubereiten. Wir sind endlich überzeugt, daß die Entwicklung, einmal auf diese Bahn 
gebracht, aus sich Jelbst die Kraft zu immer wachsender Geschwindigkeit ziehen würde. 
Ew. pp. ersuche ich ergebenst, sich in diesem Sinne höchst vertraulich gegen Herrn Präst- 
denten von Greuydorf aussprechen zu wollen. 
*975. Ellaß an den Gesandten in Karlsruhe 
Grafen von Flemming. 
HKonzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher 
Bei der Unterredung, die Fürst Hohenlohe am 6. Aovember mit dem von Paris beim- 
kehrenden österreichischen Reichskangler Freiherrn v. Beust gehabt hatte (ogl. Ar. 945, Vor- 
bemerttung), hatte er zwar dessen von Drohungen begleitetem Andringen, nun endlich mit der 
Herstellung einer Union der füddeutschen Staaten ernst zu machen, ein beredtes Schweigen ent- 
gegengesetzt. Vgl. dazur ###kwürdigpeiten des Fürsten Chlodwig zu Hobenlohe-Schillingsfürlt 
II. 277 ff.; Graf v. Beufsk, Aus drei Viertel-Jahrbunderten, II, 136. Aber nachträglich empfand 
der Sürst. doch die Aokwendigreit. dem bombinterten österreichisch- französischen Drucke Rech- 
nung zu tragen. Am 23. Kodenber Ichlug er dem ohnehin wegen der Unabbängigkeit seiner 
Krone und wegen der Selbständigkeit des — sehr besorgten baurischen Könige eine Ver- 
bindung der süddeutschen Staaten untereinander vor, aus der zunächst „gemeinsame militärische 
Einrichtungen und eine gemeinsame Veratung über gleichmähige politische Haltung“ hervor- 
geben und später, falls Dreußen niht, Einspruch erhebe, ein förmlicher süddeutscher Staaten- 
verein gestaltet werden gollte. Vach der Justimmung des Königs lieh Hohenlohe durch den 
Ministeriaeet Sreiherrn v. Völderndorff einen Berfassungsentwurf für die „Vereinigten Süd- 
deutschen Staaten“ ausarbeiten, siehe dessen Lext: Benegedioborlge Hobenlohes, a. a. O., 
33 ff. Am 20. teilte- Döslderndorffeo die Grundzüge seines Entwurfs dem badischen Gesandten 
R. Mobl mit, der darüber seiner Regierung sofort einen eingebenden Bericht erfkattete (ogl. 
dam G. Meper. Die Aeichsgründung und das Grohberlgtum Baden, 5. 26 j.); am 30. über- 
* Es scheint, dah man in Baden mit der Art, wie G "I d A t 
nicht mfrieden grwelen ½# v l den Brief W Dunckcerkce an - Tüeamins, —— ala *!ór r* 'is2 
artens Antwort v ebruar, M . Duncher, Politscher Briefwechsel aus r— — es 
r— lein Drie an S. 
aft aus dem Süden anzu O 
6 ann.“ Deutscher mto—W— Srellen 5 eede F, e z—J mait den Leuten ein
        <pb n="170" />
        156 .Sohbhenlohes Sũbbundprojekt. Bismarcks Natschläge zu Badens Stellungnahme. 
Jandte Hohenlohe selbst den fertigen Entwurf an Barnbüler, der freilich an ihm nur die vor- 
gesehene gemeinschaftliche Durchführung der militärischen Einrichtungen gutheißen wollte. 
Ablebnender noch war die ellung ßer badischen Regierung, die den Entwurf, wie Graf 
1 
Slemming Bismarck am 30. mber mitteilte, durch Grei errn o. Türckheim ju deslen 
Kenntnis m bringen brobsichiugte. Ollener nahm die badische Regierung an, daß Bismarck 
den Cntwurf so wenig annehmbar wie sie selbst finden werde. 
Vertraulich. Berlin, den 3. Dezember 1867. 
Herr von Türckheim hat mir am 1. d. M. die in Sw. pp. gefälligem Berichte vom 
30. v. M. angekündigten Mitteilungen über das Projekt eines Südbundes gemacht. Was 
ich ihm darauf erwiderte, bewegte sich um den Gedanken: man möge, wenn eine Auffor- 
derung dazu erfolgt, die Verhandlung nicht ablehnen, sondern en principe darauf eingehen 
und im Detail das Projekt entweder so zurechtdrücken, daß wirklich eine Brückle m einem 
Gesamtbunde daraus wird, oder dasfelbe scheitern lassen. 
Als Dunkte, die sich dam eignen, für diesen doppelten, alternativen Sweck in ein- 
gehender Weise behandelt zu werden, erscheinen mir 
1. der Sitz der Bundesorgane, als welchen man anstatt des spesifisch baprischen München 
das nationalere Nürnberg vorschlagen könnte, 
2. die Stimmenjahl, 
3. die Präsidialjahre, 
4. die schon von Herrn von Greudorf beanstandete Gemeinsamkeit der Militärschulen, 
gegen die sich namentlich einwenden ließe, daß auf den bayrischen Schulen nichts zu 
lernen sei, daß die Württemberger bisher von den Badenfern gelernt und daß diele 
sich die norddeutschen Bildungsanstalten zunutze gemacht hätten. 
Sei näherer Prüfung werden sich voraussichtlich Folcher Erörterungsgegenstände mehr 
ergeben 
Durch die bezeichnete Haltung würde meines Erachtens Baden gegenüber Osterreich 
und Srankreich vor dem Odium einer prinzipiellen Ablehnung geschützt sein. Baden hat sich 
nicht verbindlich gemacht, jedenfalls einen süddeutschen Bund herzustellen, noch weniger, 
einen süddeutschen Bund von einer bestimmten Sorm; niemand kann der Großherzoglichen 
Regierung einen gegründeten Vorwurf machen, wenn sie gerade den von Herrn von 
Völderndorff gezeichneten Bund nicht will. 
Ich beehre mich, diese Aufjeichnung meiner Gedanken über die Sache Ew. pp. mit- 
zuteilen sowohl m hrer perfönlichen Information als zu eventueller Bergleichung damit, 
wie Herr von Türckheim meine mündlichen Außerungen aufgefaßt hat. 
*976. Erlaß an den Gesandten in Paris Grafen von der Goltz. 
— von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Am November batte der Botschafter in London Graf Vernstorff eine neue Unter- 
redung mit ien frangosischen" Kolegen Sürsten La Tour d'Auvergne gehabt, über die er noch 
am glelchen Cage ausführlich b richtete. In den Auslaslungen des Fürsten waren wieder dle 
gleichen Vorurteile gegen Preuhms Verbalten in der römischen Srage zutage getreten, die 
4 Oer Erlab ging gleichweitig mit vorilertem Schluhabsatz an die Missionen in Wien, Detersburg 
umd London. « · .
        <pb n="171" />
        La Tour d' Auvergnes Außerungen zur römischen Grage. 157 
Bismarck schon aus seinen Gelsprächen mit Benedetti kannte: daß es die Schwierigkeiten leiner 
Lage, die es gegen die Konferenz ins Feld führe, absichtlich übertreibe, dah es im Gegenjatze 
B Ruhßland und England an gutem Willen fehlen lasse und sich gar der Verlegenheiten 
apoleons III. freue usw. Den Hnroeis Bernstorffs auf die Unfreundlichkeit des französischen 
Verhaltens gegen Preußen, J. B. bei der Einladung Sachsens und Hessens wollte der Sürft nicht 
gelten lassen; das sei bloh eine „inadvertance“. Auffällig war in den Auherungen des fran- 
Wlischen Botschafters eine entschiedene Stellungnahme mgunsten des Papstes, die den Schluß 
nahe legte, dah dieser leine issfen Bedenken gegen die Konferen; in der Sicherheit, an 
Frankreich einen Sachwa u haben, mrückeestellt hatte. Über Ztalien, dessen innere 
Zustände er als unde hwal iernq äußerte sich t“ Tour d'Auvergne in abfüälligster Weise; 
drohend erklärte er, niemals werde Frankreich dulden, dah das italienische Darlament in NZom 
tage. Vgl. auch den eigenen Bericht des französischen Botschafters vom 27. Aoember über 
die Aülchssorache mit Graf Vernkorff. Les Origines Diplomatiques, XIX, 364 
Berlin, den 3. Dezember 1867. 
Ew. pp. erhalten anliegend zu Shrer vertraulichen Kenntnisnahme einen Auszug aus 
einem Berichte des Königlichen Botschafters in London vom 26. v. M. über eine Unter- 
redung mit seinem französischen Kollegen Prinzen La Tour d'Auvergne, welche dadurch ein 
besonderes Snteresse erhält, daß der letztere eben aus Paris zurückegekehrt war und daber 
die Annahme berechtigt erscheinen dürfte, daß seine Außerungen nicht bloh seine eigene 
persönliche Meinung, sondern die in Paris in den maßgebenden Kreisen berrschende Auf- 
fallung abspiegeln. 
Die Grundlofigkeit des Vorwurfs, daß wir weniger guten Willen gejeigt als andere 
Regierungen, ist Ew. pp. ebensosehr bekannt, als Sie die absichtliche oder unabsichtliche 
Unterschätzung der Schwierigkeiten zu würdigen wissen werden, welchen gerade Preußen 
bei einer Lösung der römischen Srage begegnet. Die Hoffnung des Marquis de Moustier, 
daß ein DProgramm auf der Konferenz selbst gefunden werden möge, setzt eine eigentümliche 
Illusion über die Wirksamkeit Jolcher Verbandlungen, noch dazu auf einer so zahlreichen 
Konferenz wie die von Frankreich ins Auge gefaßte, voraus. Sie können nur das leisten, 
was an praktischen, auf bewußter und klarer Einsicht beruhenden Gedanken in sie hinein- 
getragen wird; daß aber gleichsam mfällig aus den auf kein bestimmtes SZiel bingerichteten 
Besprechungen so vieler von widersprechenden nteressen geleiteter Mitglieder ein glück- 
licher Gedanke, ein brauchbares Drogramm auftauchen sollte, ist eine zu sanguinische Hoff- 
nung, für welche die bisherigen Erfahrungen wahrlich keine Anhaltspunkte darbieten. Auf 
die Schwierigkeit, welche in der notwendigen Einwilligung des Papstes liegen würde, hat 
der Königliche Botschafter gleich in der Unterredung selbst mit vollem Recht bingewiesen. 
Der französische Botschafter scheint diese letztere Schwierigkeit unerwartet gering an- 
zuschlagen; und es liegt nahe, dies, in Verbindung mit seiner Beschreibung von dem unhalt- 
baren Sustande Italiens und seiner Klage über die übereilte Unifikkation Italiens, mit den 
Nachrichten in Beziehung zu bringen, welche uns über die angeblich dem Papste eröffneten 
Aussichten auf veränderte politische Gestaltung Italiens, wodurch seine Zustimmung zur 
Konferenz gewonnen sein goll, ugekrommen sind. Wieweit es Frankreich mit der Verwirk- 
lichung gsolcher Aussichten ernst sei, muh ich freilich dabingestellt Fein lassen; jedenfalls sind 
diese Aachrichten und Symptome der Aufmeorksamkeit wert, um so mehr, da auch über die 
Tätigkeit franzölischer Agenten in Muratischem Sinne im Süden Staliens mehrfache An- 
zeigen vorhanden sind.
        <pb n="172" />
        158 Französische Ausreden und Umtriebe. Ordre jur Räumung Leip#gs und Bautzens. 
Die von dem französischen Botschafter gegebene Erklärung der Einladung deutscher 
Negierungen durch eine bloße inadvertance erscheint in der Cat naiv; es wäre ein schlechtes 
Kompliment für die Leiter der gegenwärtigen französischen Politik, ihnen eine so bedeutsame 
üinadvertance“ miutrauens. 
*91X. Telegramm an den Gesandten in Detersburg 
Helnrich VII. Drinzen Reuß. 
[Cigenbändiges Kon;ept.] 
Berlin, den 3. Dezember 1867. 
Auch Lord Stanleng hält für möglich, daß Frankreich dem Papste territoriale Ver- 
sprechungen gemacht habe, um Rom's Justimmung zu Conferenz m gewinnen. 
*978. Telegramm an den Gesandten in Dresden von Eichmann. 
[Eigenbändiges Konzept.] 
Berlin, den 4. Dezember 1867. 
Die Ordre wegen Räumung von Leipzig ulnd] Bautzen um 1. Janluar]: ist von 
Sleiner] Moajlestät! volliogen. Vertraulich mitzutheilen. 
*979. Telegramm an den Gesandien in Detersburg 
Helnrich VII. Prinzen Reuß. 
[CEigenbändiges Konzept.] 
Berlin, den d. Dezember 1867. 
Grlalf Kleulserling hat vom Prlinlzlen! von Rumänien die vertrauliche Mittheilung 
erhalten, daß von Grankreich Schritte geschehn sind, um den Prinzen zu einer wohlwollenden 
Haltung gegen Oestreich für den Sall eines Krieges gegen PDreußen m bewegen. Geben Sie 
dem Slürlssten Gortschlakow] mit Bitte um Schweigen hiervon Andeutung. Die Verhand- 
lung ist durch den franzlösischen) Unterrichtsminister Duruy geführt worden. 
? D ür Wien lautete an Stelle dieses Absatzes: „Cw. pp. ersuche ich, diese Symptome von 
Dstrebebeer Ga ür össeee Herrschaft in Italien durch eine Zerreihung des. Königreichs und Crrichtung 
einer Art 85 eroiosuste z örie z5" 2 Sain q n KI bernd r*srsn — Heltgenbeiten m 
« ,a .. inweisen, da re 
verwerten I dem Sieine jede ch b. DSbgckglgraet Staliens von Frankreich doch 2 — wonig Keltung 
exs. 1 Vgl. Ar. 959.
        <pb n="173" />
        Moustiers Verkennung der freundschaftlichen Haltung Bismarcks in römischer Grage. 159 
*980. Erlaß an den Botschafter in Paris Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden ANats Abeken. 
Vertraulich. Berlin, den §. Dejzember 1867. 
Nach einer aus zuverlässiger Quelle hierher gelangten Mitteilung hat der Margquis. 
de Moustier noch neuerlich gegen ein Mitglied des diplomatischen Korps in Paris sich ge- 
äuhert: wenn die Konferenz nicht zustande Komme, so sei Preußen daran Schuld; das eng- 
lische Kabinett sei ihr zwar auch entgegen — das erkläre sich aber aus dessen allgemeiner 
Abneigung, an kontinentalen Fragen teilzunehmen, und beweise keine feindselige Gesinnung 
gegen Grankreich. 
Wie falsch das Räsonnement ist, welches uns die Ceilnahme an der Konferenz näher- 
zulegen sucht als Rußland und England, und wie vielmehr gerade im Gegenteil die sachlichen 
Verlegenheiten, in welche die Konferenz uns setzen würde, bei uns viel größer lind als bei 
jenen beiden anderen Mächten, habe ich Sw. pp. schon in früheren Mitteilungen= dargelegt. 
Es ist fast unmöglich, das wahre Sachverhältnis anders als absichtlich m verkennen 
und zu ignorieren; und wenn man daher hinter unferen Bedenken im Gegenfsatz gegen Eng- 
land die Motive einer „feindlichen Gesinnung gegen Grankreich“ suchen will, so kann ich 
darin nur ein Sumptom feindlicher Gesinnung ulnd] der Absicht, mit uns biplomatische 
Händel zu suchen, erblicken". 
Wir haben in unserer ganzen bisberigen Politik die wohlwollendste Rück icht auf 
Frankreich genommen; wir haben ein freundschaftliches Berhältnis in jeder Weise zu er- 
halten gesucht, und namentlich in betreff der römisch-italienischen Srage sind wir go weit 
davon entfernt gewesen, Frankreich Schwierigkeiten zu bereiten, daß wir vielmehr durch 
unfre zurückhaltende ulnd] versöhnende Einwirkung auf Stalien die Situation wesentlich 
erleichtert haben“. Hätten wir Srankreich in Italien Schwierigkeiten bereiten, hätten wir 
es in unserem nteresse finden wollen, die Verhältnisse zwischen beiden Mächten zu ver- 
bittern, so wäre uns dies sehr leicht gewesen; und man möge sich doch in Paris nur fragen, 
welche Folgen es hätte haben müssen, wenn wir in Slorenz eine andere Sprache geführt, 
wenn wir das italienische Kabinett zum Widerstande gegen Frankreich ermutigt oder gar 
die Aktionspartei — wie ebenso böswillige als dumme Gerüchte uns zuschreiben — durch 
wirksame Unterstützung hätten fördern wollen! Statt dessen haben wir beruhigend und 
mrückhaltend gewirkt und zur Mäßigung und Besonnenheit geraten. Ebenso haben wir in 
der Konferenzfrage Schwierigkeiten nicht gemacht, sondern die nicht in der Sache jelbst 
liegenden jsind allein durch das pröpotente ulnd) ungeschickte Vorgehn Griankkreichs bei der 
Einleitung zur Conferenz entstanden. 
Wem wir nun nach allem diesen finden, daß unsere freundschaftliche Haltung nicht 
allein nicht anerkannt, sondern mit ablichtlich falscher Auslegung in das Gegenteil verdreht 
wird, so müssen wir uns freilich fragen, welchen Sweck und Nutzen dieselbe noch für uns 
bat, und ob es nicht am Ende besser ist, Rückssichten beiseite m setzen, die uns doch keinen 
* 33 # trägt den Vermerk von der Hand Bismarcks: „Vlonl Sleinelr Mljestätl! glenehmigtl.“ 
2 9 r. 
» Der Schluß des Satzes von den Worten an: „ein Symptom . . .“ eigenbändige Korrektur Bismarcks. 
Hiemarcber Schlub des Sates von den Worten an: „durch unfre zurücktholtende .. eigenböndige Korrektur 
Der Schluh des Sahes von den Worten an: ,„Jondern die nicht. ..“ eigenbändige Korrektur Bismarchs.
        <pb n="174" />
        160 Bismarck droht mit einem Wechlel seiner Haltung in der römischen Frage. 
Dank eintragen. Zedenfalls liegt in dem ganzen Betragen der franzölischen Regierung 
wenig Ermutigung für uns, ihr zuliebe uns durch die Ceilnahme an einer Konferenz, deren 
Ausgang und Solgen sich nicht übersehen lassen, in Verlegenbeiten zu stürfen; und wenn man 
so beharrlich und markiert fortfährt, un s die Schuld an dem Scheitern der Konferenz auf- 
zubürden, so könnten wir am Ende geneigt werden, diese bis jetzt unbegründete Voraus- 
setzung ganz offen zur Wirklichkeit werden zu lassen, statt zur Beseitigung der Schwierig- 
keiten die Hand zu bieten. 
Ew. pp. wollen von den in diesem Schreiben angeregten Gedanken in Shrem münd- 
lichen Verkehr ulnd] in freundlicher Sorme den geeigneten Gebrauch machen, wenn sich 
Ihnen die Gelegenheit dazu bietet. 
VNachschrift. Aus einem mir nachträglich zugebenden Bericht des Königlichen Ge- 
landten in St. Petersburg entnehme ich noch, in Bestätigung der Auffassung von der Ab- 
sichtlichkreit, mit der man in Paris uns eine feindselige Cendenz zuzuschreiben bemüht ist, 
daß Nachrichten, welche der Kaiferlich Rufsischen Regierung nicht auf diplomatischem Wege 
aus Paris zugeben, die große Erbitterung der französischen Regierung gegen Preußen 
schildern, welches man als das Haupthindernis des Zustandektommens der Konferenz be- 
trachtet, und dessen Widerstreben man eine weit größere Bedeutung beilegt als dem Eng- 
lands und Außlands. 
*981. Erlaß an den Botschafter in Daris Grafen von der Goltz. 
#rnnee von der Hand des Vortragenden Rats Abesken.] 
einer Unterredung mit Graf Goltz vom 28. Rovember, über die dieser tags darauf 
!sn“s Bericht erstattete, batte Miarquis de Moustier #war die neglicheeit lugegeben, dab 
die Kurie sich die Einladung jur Konferenr zunutze machen werde, um alle seit 1860 in Stalien 
ersolgten territorialen Veränderungen in Frage Kir stellenn jedoch Frach er die lberjeugung 
aus, dan die Kurie alsdann auf den einmütigen Widerstand der in der Konferenz vertretenen 
MAächte stoben werde. Aus dielen und anderen Auherungen Moustiers wollte Graf Goltz schlie= 
ben, daß die franjösische Megierung es keineswegs auf eine generelle Unterstützung der päpft- 
lichen Ansprüche abgesehen habe, und dah sie eben deshalb auch kaum die anfängliche Abneigung 
des Dapfstes gegen die Ceilnahme an der Konferen) mittels weitgehender Versprechungen über- 
wunden haben könne. Auch aus einer Vede, die Mouftier om 30. NRovember im Senat zur 
Rechtsertigung der franjzölischen Politik in der kömischen FSrage gebalten hatte, wollte Goltz 
den gleichen Schluß jieben. Sndessen enthielt diese Rede doch manche Wendungen, die es deut- 
lich machten, daß Stenseich die weltliche Macht des Papstes unter keinen Umständen weiter 
verkkleinert ieden —x- Haue Moustier doch von den Bürgschaften für den Heiligen Stuhl 
gesprochen, die u luchen gelte, und weiter von der Rotwendigkeit, Italien auf der ab- 
ee Bahn aoltes, 4 die es sich eingelassen habe. Ausdrücklich wollte Moustier dem 
Papste das Recht vindikieren, auf der Konserenz alle seine Ansprüche geltend zu machen. Alles 
das konnte Bismarck nur in der Auffassung bestärken, daß ein gebeimes Einverständnis zwischen 
Poris und Rom bestebe. 
Vertraulich. Berlin, den §. Dezember 1807. 
Ew. pp. haben in Shrem gefälligen Berichte NAr. 385 vom 29. November der 
Außerungen erwähnt, welche der Marquis de Moustier über die Stellung der Römischen 
Kurie zur Konferenz; und über die Hoffnungen und Wünsche getan hat, welche dieselbe viel- 
leicht an eine Beratung der MNächte über die italienischen Sustände knüpfen möchte. Der 
französische Minister hat Ew. pp. gegenüber diese Hoffnungen allerdings als Illusionen dar- 
zustellen gesucht; und Ew. pp. haben auch in Sbren ferneren Berichten hervorgeboben, daß 
ndli igenhändiger Einschub Bism 
1. Die, — zuufeel 3 retnln — — “# „Vlon] Mljestät! hlenehmigt!“.
        <pb n="175" />
        Sortdauernde Ungewißbeit über „eigentliche und letzte Absichten“ Srankreichs. 161 
die dem französischen Kabinett zugeschriebenen Absichten einer Anderung der politischen 
Verhältnisse in Italien im Widerspruch mit der ganzen Politik des Kaisers und namentlich 
noch mit der letzten Rede des Marquis de Moustier im Senat stehen würden, ja daß eber 
z erwarten sei, daß Srankreich entgegengesetzte Jumutungen an den Papst machen werde. 
Die ganze Haltung Srankreichs in den letzten Wochen läßt es indes keineswegs als unglaub- 
lich erscheinen, daß jene Illusionen von Paris aus genährt und befördert sein möchten, um 
die Zustimmung Roms zur Konferenz zu gewinnen. 
Wieweit dies von den französischen Agenten auf eigene Hand gescheben, muß ich 
freilich dahingestellt sein lassen; doch ist es schwer zu glauben, daß sie ohne eine höhere 
Autorisation sich so positiv ausgedrückt haben gollten, wie es die aus Rom und Slorenz uns 
zugekommenen Nachrichten, die Ew. pp. bekannt sind, behaupten. Diese NAachrichten, an 
sich geeignet, unsere Aufmerksamkeit in Anspruch m nebmen, stehen nicht vereinzelt da; 
aus vielen Sumptomen und selbst aus Ew. pp. eigenen Berichten tritt uns eine sehr bestimmte 
in Paris vorherrschende Tendenz entgegen, auf die Schwierigkeiten, mit denen der Sort- 
bestand des Königreichs Italien zu kämpfen hat, auf die Unhaltbarkeit der dortigen Zu- 
stände binzuweisen. Den schärfsten Ausdruck hatte diese Cendenz in den Außerungen des 
französischen Botschafters in London gegen den Grafen Bernstorff: gefunden, welche, wie- 
viel davon auch auf Rechnung seiner persönlichen Anschauung zu schreiben Jein mag, doch 
einige Bedeutung durch den Umstand gewinnen, daß er eben erst aus Paris zurücheekehrt 
war. Der Gedanke liegt in der Tat nabe, daß jene Verurteilung der italienischen Sustände 
nur die Vorbereitung zu Vorschlägen über die Anderung derselben sein solle. 
Jedenfalls macht die Unklarheit, welche hiernach über die eigentlichen und letzten Ab- 
sichten Frankreichs berrscht, die Motwendigkeit eines Programms und einer Basis für die 
Konferenz nur um so evidenter; und zwar für niemanden mehr als für uns, da wir sowohl 
nach der römischen wie nach der italienischen Seite bin gachliche Snteressen haben, welche 
weder für Rußland noch für England in gleichem Maße vorhanden sind. 
In Bezug auf die in Ihrem gefälligen Bericht enthaltene Erwähnung, daß Marquis 
de Moustier seine neueste Depesche' an Herrn Benedetti geschickt habe, und daß mir dieselbe 
daher bekannt sein werde, bemerke ich noch, daß dies nicht der Sall ist, und daß der Kaiser- 
liche Botschafter mir eine solche Depesche weder mitgeteilt noch vorgelesen noch auch nur 
davon gesprochen hat. Ahnliche Sälle, wo Ew. pp. Depeschen als mir durch Herrn Bene- 
detti bekonnt geworden voraussetzten, ohne daß dies zutraf, sind bereits vorgekommen, und 
Herr Benedetti beobachtet in Mitteilung von Schriftsticcken eine gewisse Surückhaltung, 
wie sogar die Einladungsdepesche zur Konferenz“ mir von ihm nur zum Lesen gegeben, nicht 
aber zurückegelassen worden ist, während sie an vielen anderen Orten geradem übergeben 
worden ist? Wenn er mich besucht, so ist er in Mittheilungen stets karg, aber freigebig mit 
Fragen ulnd] Vorwürfen. Er hat für die abendländische Diplomatie den Fehler, daß er 
viel zu künstlich manövrirt, ulnd) kann das nicht unterlassen, auch wenn seine Winkelzüge 
ganz offen zu Tage liegen. 
2 Bgl. Ar. 76. 
2 Gemeint ist die Depesche Moustiers an den frankösischen Gesandten in Sloren; de Malaret 
2. November (Les Origines — — XI, ln- die Bülandeng Stellung zu den Kalkensschen 
Vorbebalten in der Konferensfrage Cogl. Ar. o50) zrih. Sie wurde Benedekti alsbald mitgeteilt (a. a. O., 
n*n* 8 nate ei erhellt nicht, ob es mit der Weisung, Bismorch von ihr mu unterrichten, geschab. 
gl. Ar. 935. 
Der Aest des Erlasses beruht auf eigenbändigem Zusatz Bismarcks. 
VIa 1
        <pb n="176" />
        162 Bismarck lehnt erneut Einmischung in die Srage der Ostseeprovinzen ab. 
*982. Drlvatschreiben an den Gesandten in Detersburg 
Helnrich VII. Drinzen Reuß. 
lKonzept von der Hand des Vortragenden VRats Theremin. 
In einem Prioatbrief vom 2. Dezember, der in der Hauptsache die Verstimmung Sürst 
Gortschakows über die französische Orient- und Konserenypoitie behandelte, war Prinz Reub 
auch auf die Mahnahmen der rufsischen Regierung in den Ostseeprovinzen zu sprechen gekommen, 
die von neuem zu einer Interpellation im Preußischen Abgeordnetenhause geführt batten. Drin 
Neuß führte eine Außerung des Generaladjutanten Graf Peter Schuwalow an, „ob die Königliche 
Reglerung nicht in der Lage sei, Landtagsinterpellationen bei uns über diesen Gegenstand z ver- 
bindern, die der Sache, die man unterstützen wollte, nur den gröhten Schaden tun könnten". Eben 
darauf wies Bismarck bei der am 9. Dezember erfolgenden eantwortung der Interpellation 
des Abgeordneten Loewe, der der Regierung eine Satellitenpolitikk gegenüber Ruhland zum 
Nermur machte, selbst bin. Bgl. H. Kohl, Die politischen Reden des Sürsten Bismarcke, 
b J374 f. - 
Vertraulich. Berlin, den 10. Dezember 1867. 
Ew. pp. danke ich Jehr für Ihren Privatbrief vom 2. d. M. Die Verhältnisse in den 
Ostseeprovinzen:, welche Sie darin berühren, ziehen unsere Aufmerksamkeit natürlich in 
hohem Grade auf sich, und wir können die Maßnahmen der rufsischen Regierung nur auf- 
richtig bedauern. Die Angelegenheit der evangelisch-lutberischen Kirche in Garsden, die 
Ew. pp. zum Gegenstande Ihres Berichts vom 2. d. Al. gemacht haben, gibt uns bierzu 
erneute Veranlassung. Dessenungeachtet würde ich es im eigenen Snteresse der Be- 
teiligten für im höchsten Grade bedenklich erachten, wenn wir uns in diese innere Angelegen- 
heit Rußlands mischen wollten, und ich ersuche daher Ew. pp., in dieser Hinsicht die möglichste 
Vorsicht zu beobachten. Sch suche demnach auch nterpellationen darüber im Landtage qzu 
vermeiden. Wenn aber eine golche in der Sitzung vom 9. d. M. von demokratischer Seite, 
welche im Verdachte stand, im Solde einer fremden Regierung zu sein, angebracht wurde, 
so lag es nicht in meiner Macht, dieselbe zu beseitigen; ich hoffe aber, daß man in Peters- 
burg die Art und Weise, wie ich sie beantwortet habe, zu würdigen wissen wird. 
*983. Erlaß an den Boischafter in Paris Grafen von der Goltz. 
[Konfept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
In wei ANeden, die Marquls de Moustier und Staatsminister Rouher am 4. und 5. De- 
lember im Corps législatif gehalten hatten, war endlich der Schleier gelüftet worden, in den 
die dronzösischen Endabsichten in der römischen Frage bisber so ler älsig gehüllt geblieben 
waren. on MWoustiers Auherungen (ogl. Schultheß’ Europäischer Geschichtskalender 1867, 
S. 359 f.) hatten kaum noch einen Soei el an der französischen Dorteinahme für die Sache des 
Papltes lassen können. ARouher aber S. 360 ff.) ganz ungeschminkt beraus: 
"— talien wird sich Moms nicht bemäch- 
gegen den Katholizismus ertragen". Diese offene Stellungnahme der franfösischen Regierung 
n mußte es Bismarck noch wahrscheinlicher machen, daß Rapoleon sich der 
1 Val. auch: Die Gesammelten Werke, V, Ar. 82, 89.
        <pb n="177" />
        Aouhers und Moustiers Reden im Corps lgislatif, 4. und 5. Dejember. 163 
Kreisen in Berlin fürchtet man, Kaiser Napoleon wolle die römisch-italienische Streitfrage mehr 
und mehr jur religiösen stempeln und dadurch die Katbolikken aller Länder auf jeine Seite 
chlagen. Dann aber sollte ein Krieg herbeigeführt und wiederum wie voriges Jahr gegen 
reußen der Kreuzug gepredigt werden“ (H. Oncken, Grohhersog Sriedrich I. von Baden, II, 
110). Aber trotz der Entspannung, die Bismarck seit den Neden Moustiers und Roupers 
empfinden mochte, blieb er auf seiner Hut. Er hätte jetzt daju schreiten können, in der Kon- 
feren#frage ein freundlicheres Gesicht gegen Sconträlch aufmisetzen (ogl. die charakteriKtischen 
Auherungen Benedettis vom 13. Dezember, Les Origines Diplomatiques, „ 21); nichts 
deutet aber in feinen Erlassen darauf bin, daß er eine andere Haltung einnehmen wollte, als 
sie von England und Ruhland zu erwarten stand. 
Vertraulich. Berlin, den 11. Dezember 1867. 
Ew. pp. haben in dem gefälligen Berichte Ar. 392 vom 5. d. M. die Anlicht aus- 
gesprochen und näher motiviert, daß die von dem Königlichen Geschäftsträger in Rom und 
dann auch von seiten des Slorentiner Kabinetts hierber gelangten Mitteilungen über die 
Aussichten, welche der franjösische Botschafter dem Papst als eine Folge des gegenwärtigen 
unhaltbaren Zustandes von Stalien eröffnet habe, für gänzlich apokruph zu halten seien. 
Ew. pp. stützen diese Ansicht wesentlich mit darauf, daß eine Serstörung der Einheit Staliens 
der ausgesprochenen Politik des Kaisers und seines Kabinetts direkt widersprechen würde; 
und Sie haben wiederholt es als wahrscheinlich bezeichnet, daß Srankreich im gerade ent- 
gegengesetzten Sinne Sumutungen an den Papst zu Konzessionen machen werde. Daß 
letzteres inzwischen nicht die Absicht der französischen Regierung ist, haben die seitdem ge- 
haltenen Reden des Herrn Rouher und Moustier im Corps Llégislatif gezeigt; und wenn 
der Kaiser sich hiermit so offen auf die Seite des Papstes gegen Stalien gestellt bat, so 
dürfte es gar nicht so undenkbar sein, daß sein Botschafter in Rom ermächtigt gewesen, dem 
Vatikan eine viel weitergehende Perspektive zu eröffnen — mit dem stillschweigenden Vor- 
behalt der Desavouierung des Botschafters oder der Verschanzung binter den Widerstand 
der anderen europäischen Mächte. Aus dem Telegramm des Königlichen Sesandten 
von Arnim, welches derselbe auch Ew. pp. direkt mitgeteilt hat, gebt freilich hervor, daß 
die Außerungen des Grafen Sartiges, wenn sie in dem Sinne getan sind, wie berichtet 
worden, keinen offiziellen oder eingestehbaren Charakter gehabt haben; es ist aber schwer 
zu glauben, daß derselbe sich nicht sehr starkter Argumente bedient haben sollte, um die Ab- 
neigung Roms gegen die Konferenz u überwinden. Daß man im Vatikan selbst sich golchen 
Sllusionen über die Wiederberstellbarkeit alter Gustände und die bald bevorstehende Auf- 
lösung des Königreichs Stalien bingebe, haben Sw. pp. selbst bemerkt. Sch glaube nicht, 
daß man in Paris diese Sllusionen teilt, wenigstens nicht in den Kreifsen, welche als der 
Ausdruck der Auffassung des Kaisers und seiner Regierung anzusehen sind; obgleich es, wie 
ich schon früher bemerkt, immer auffallend ist, daß die inneren Schwierigkeiten und Ver- 
legenheiten Italiens und die Gefahren der Revolution und Anarchie dafelbst von fran- 
sischer Seite gerade jetzt so stark betont werden, während die Nachrichten über Murati- 
1 Zu Schlöjers Berichterstattung ogl. Kurt v. Schlözer, Mömische Briefe 1864 bis 1869, S. 352. 
Gemeint ist ein Celegramm Arnims vom §. Dezember, in dem es u. a. beiht: „Ede die Kurie die 
offihielle Cinladung erhalten hatte, war sie der Konferen) abgeneigt, weil sie glaubte, mit der Einladung 
auch die Diskussion auf der Balis des status quo annehmen zu sollen. Machdem sie aus der Einladung und 
eni, Kommentar des Grafen Sartiges die Überzjeugung gewonnen hatte, dah nach der Idee des Kaisers die 
Disbussion keineswegs durch ein vorher sestgesetztes Drogramm eingeschränkt werden lollte, hat der Papflt 
in richtiger Schähung der ihm zufallenden vorteilhaften Stellung die Einladung angenommen, um vor der ver- 
lammelten europäischen Diplomatie einen Anklageakt gegen Italien auf dem Boden des Bölkerrechts zu 
sormulieren. Es bedarf keiner Versprechungen, um ihn bierm zu veranlassen.“ 
11
        <pb n="178" />
        164 Bismarck predigt Goltz verdoppelte Vorsicht in Konferenzfrage. 
sche Umtriebe in Neapel schwerlich allein und ganz auf Erfindung beruhen. Der ganze 
Cbarakter der französischen Politik aber, wie er in den letzten Jahren hervorgetreten ist, 
dürfte doch keineswegs die Möglichkeit ausschließen, daß das Kabinett der Tuilerien sich 
gerade an jene Illusionen des Vatikans gewandt und dieselben auf geschicktte Weise benutzt 
habe, um dem Bömischen Hofe die Sustimmung zur Konferen; abzugewinnen — auch wenn 
es sich selbst mit voller Klarheit gesagt hätte, daß solche Ideen nicht durchzuführen sein 
würden. Es wäre dies nicht das erste Beispiel einer Duplizität, welche auch Ew. pp. nicht 
für unmöglich halten werden,' wenn Sie sich alle Phafen der französischen Holitik seit dem 
Herbste 1862 in der Srage des Handelsvertrages, in der polnischen, der östreich-preußischen, 
der Luxemburger Grage ulnd) alle Unwahrheiten vergegenwärtigen, die über die Aussichten 
der Conferen; den einzelnen Regirungen in den letzten Wochen insinuirt worden sind. Daß 
dadurch der Glaube an die Zuverlässigkeit der frlanzgösischen) Politik verloren gegangen, ist 
eine der Thatsachen, welche die Unjicherheit der Situation bedingen. 
Jedenfalls sind die Machrichten über das Auftreten des Botschafters in Rom geeignet, 
in Verbindung mit jenen anderen Sumptomen die Aufmerksamkeit auf sich m jiehen und 
uns verdoppelte Vorsicht in der Konferenzfrage zu gebieten, solange wir nicht bestimmt 
wissen, wieweit Srankreich unter der Hand etwa schon gegangen ist oder zu geben geneigt 
lein möchte, und welchen Plänen und Gorderungen wir auf der Konferenz begegnen möch- 
ten — Forderungen, die vielleicht ebenso schwer abzulehnen als unmöglich zu erfüllen sein 
dürften. 
*984. Erlaß an den Botschafter in Darls Grafen von der Golz. 
[Kontfept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken.] 
Am 8. Dezember war in Berlin neben mehreren Berichten das Grafen v. d. Goltz vom 
5. und 6. auch ein Telegramm eingelaufen, das einen entgegenkommenden Schritt der fran- 
Wiischen Regierung in der Konferenifrage ankündigte. Donach sollte Benedetti beauftragt sein, 
ismardk eine entente préalable et confidentielle für die weitere Behandlung der römischen 
Frage anzubieten, und war in der Aichtung, daß Bismarck in die Festfetzung eines Orts und 
eines Cermins für die Konferenz willige, während die französische Regierung sich anbeischig 
machte, erst vorläusige Besprechungen der Votschafter der Großmächte zu arrangieren, in denen 
der weitere modus Procedendi erortert werden könne. Ja es schien fast, als ob die franzölische 
Regierung äuherstensolls auf die Konferenz zu versichten bereit sei; mindestens hatte Moustier 
Soltz den Wunsch ausgedrückt, daß ein eventueller Abbruch der Konferen: ohne lauten Krach 
und ohne eklatante Meinungsverschiedenheit #wischen Dreußen und Grankreich vor sich geben 
möge. Der von Goltz angekündigte französische Schritt lief in dem Vorschlage der Vorbe- 
sprechungen auf die Anregung binaus, die merst der französische Geschöftsträger in London 
Baron Baude (ogl. Ar. 951) vorgebracht und die von Bismarck sofort ausgenommen war. 
Sanz richtig bemerkt König Wilbelm I., dem Bismarck das Soltzsche Telegramm vom S. vor- 
legte, am Konde: „Wir haben es ja vorgeschlagen“. Aus der Justimmung Wilhelms I. uu 
Moustiers Wunsch, daß gegebenenfalls die Einlsargung der Konferen; ohne Eklat volllogen 
werden möge — der König schrieb: „richtig“" an den Rand — ist auf eine Uneinigkeit zwischen dem 
Monarchen und seinem Ainister geschlossen worden (Michael, Bismarck und England von 1866 
bis 1870, S. 93), die aber erst spöter deutlicher hervortritt. Daß der König nicht etwa bereit ge- 
wesen wäre in den französischen Vorschlag zu willigen, zunächst erst einmal Ort und Zeit der Kon- 
seren) zu bestimmen, jelgt seine Bemerkung: „Ole Vorverhandlungen sollen ja erst Licht geben, ob 
die wirkliche Konferen möglich wird“. Danach wünschte auch Wilbelm I. keine Sestlegung auf 
die Konferen; bei Annahme der Vorbesprechungen. 
igenhändiger Zusac Bismars### an Stelle eines Satzes Abekens, der lediglich 
die frondchi eHenmburger Frage hervorhob.
        <pb n="179" />
        Neues Resümee der Stellung Preuhens zur römischen Frage. 165 
„Bismarck, des Einverständnisses mit dem Könige gewiß, ging angesichts des angekündigten 
Ken#öllchen Vorschlags, der eine neue Dhase der Verbandlungen bedeutete, daran, die Stellung 
Preußens zur römischen Frage in einem Relümee jusammenmfassen, das Goltz zur Tichtschnur 
in dieser neuen Phase dienen sollte. · 
Vertraulich. Berlin, den 11. Dezember 1867. 
Ew. pp. gefällige Berichte vom 5. und 6. d. M. lind mir durch den Königlichen Seld- 
jäger richtig zugegangen, und ich habe nicht geläumt, dieselben Seiner Moajestät dem Könige 
vorzulegen, ebenso wie die seitdem eingegangenen TCelegramme vom 7. und 8. d. M. 
Gegenüber dem Bilde, welches dieselben von der gegenwärtigen Situation entwerfen, 
und welches durch die Reden der Herren Rouher und de Moustier im Gesetzgebenden Körpert 
eine nach allem Vorbergegangenen kaum noch überraschende Beleuchtung erhält, hat Seine 
Wojestät der König mir befohlen, Ew. pp. noch einmal ein kurzes zufammenfassendes Re- 
lümee der Stellung Preußens zur römischen Grage, wie allerhöchstderselbe sie auffaßt, und 
speziell zur Konferenzfrage m geben. 
Diese Auffassung hat auch durch die neueste Phase in der Haltung des französischen 
Kabinetts nicht geändert werden können; im Gegenteil hat die letztere nur in vollem Waße 
alle Bedenken bestätigen können, welche schon vorber hier gehegt wurden; so daß ich nur 
vollständig mich dem ersten in Ew. pp. Telegramm Ar. 184 niedergelegten Eindruck an- 
schließen kann, wonach die erwähnten Reden, weil sie jede Verständigung zwischen Stalien 
und Nom ausschlössen, auch die Konferenz unmöglich zu machen schienen. 
öch balte dies Ergebnis für unserem Snteresse durchaus entsprechend. 
DHaß und warum die Konferenz an und für sich für uns viel größeren Bedenken 
unterlag als für irgendeine andere Macht, England und Rußland nicht ausgenommen, habe 
ich wiederholt in meinen Mitteilungen an Ew. pp. ausgeführt. Sch brauche nur kurz 
darauf zu verweisen, daß in der Stellung, welche die katholische Kirche in unserem Staats- 
organismus und der katholische Ceil unserer Bevölkerung in unserem Konstitutionellen und 
parlamentarischen Leben einnimmt, Schwierigkeiten und notwendige Rücksichten für uns 
liegen, welche weder für Rußland noch auch für England in dem Maße vorhanden sind: 
und daß auf der anderen Seite unser Verhältnis zu Stalien und die Stellung des letzteren 
in der europäischen Politik für uns noch eine ganz andere Bedeutung hat als für jene beiden 
NAächte. Wenn nun schon diese beiden Mächte die entschiedenste Abneigung zeigten, sich inm 
die Lage zu versetzen, entweder auf Rom oder auf Stalien einen Druck auszuüben, so müssen 
wir die Vermeidung dieser Alternative in viel höherem Grade als ein Gebot der politischen 
Klugbeit empfinden. Solange sich noch die Hoffnung begen ließ, daß Srankreich selbst beide 
Teile würde befriedigen können, ließ sich ein Ergebnis der Konferenz als möglich denken, 
wenn wir auch nicht daran glaubten; darum eben forderten wir ebenso wie Außland und 
England von Grankreich wenigstens die Andeutung der Richtung, in welcher seine Vor- 
schläge sich bewegen würden. Wir begreifen aber nunmehr, warum das Kabinett der 
Tuilerien jede Aufklärung über seine Auffassung, jede Andeutung über ein Programm oder 
eine Balsis der Konferenz verweigerte. Denn wenn es beabsichtigte, in so entschiedener 
Weise, wie die beiden Reden es nunmehr aussprechen, die Konferenz nur zu einem Werk- 
zeuge des Druckkes auf Italien zu gebrauchen, so konnte es freilich von vornherein sicher sein, 
daß das Aussprechen einer solchen Absicht, die Außfstellung eines folchen Programms der 
1 Bgl. Ar. 983, Vorbemerkung.
        <pb n="180" />
        166 Preuben gegen Gestlegung auf Konferenz, für Vorbesprechungen. 
Ablehnung der Mächte mit überwiegend akatholischen Bevölkerungen begegnen würde. 
Die Richtung, welche das französische Kabinett jetzt eingeschlagen hat, zeigt uns nur zu deut- 
lich, in welche Schwierigkeiten und Verlegenheiten wir auf der Konferen; geraten wären, 
wenn wir sie ohne weiteres hätten annehmen und uns dadurch in die Lage bringen wollen, 
bei den Beratungen derselben vielleicht den französischen Forderungen für den Papst ent- 
gegentreten und unser Verhältnis entweder zu dem Papst oder zu Stalien ulnd damit zu 
den liberalen Parteien im Lande: verderben zu müssen. 
Die von Ew. pp. angeführte Außerung des Baron Budberg, daß es den Interessen 
Rußlands und Dreußens am meisten entspreche, jeder Außerung über die römische Srage 
auszuweichen, trifft vollkommen das Aichtige; und unser ganzes Bestreben kann nur dahin 
gerichtet sein, diesen Standpunkt festzuhalten. Seine Mojestät der König find hiervon voll- 
kommen überzeugt und haben den Erlaß Ar. 563 vom 5. d. M.“ ebenso wie den gegenwär- 
tigen Erlaß im Texte genehmigt. 
Gu diesen Erwägungen, welche uns gachlich die Beteiligung an der Konferenz; er- 
schweren, tritt — wie ich Ew. pp. ebenfalls schon wiederholt und noch zuletzt durch die von 
Herrn von Arnim Shnen überbrachten Mitteilungen angedeutet habe — die von Grankreich 
in der Einladung beobachtete Form oder vielmehr der Mangel an jeder Sorm. Jch will die 
Erklärung des Marquis de Moustier akzeptieren, daß ihm jede Absicht, Swietracht unter 
den deutschen Staaten zu säen, ferngelegen; ich kann aber nicht über den Mangel an Rück- 
sicht hbinweggehen, welcher darin liegt, daß ohne vorherige Verständigung mit den Groß- 
mächten oder Sondierung derselben das französische Kabinett nach eigenem Belieben einen 
neuen europäischen Areopag konstituiert, um über eine Srage zu entscheiden, deren For— 
mulierung es nicht einmal andeuten zu wollen erklärte. Es ist dies eine Aeuerung in den 
Verhältnissen der Mächte meinander, die wir uns, mag sie nun Berechnung oder Rückssichts- 
losigkeit jein, nicht so ohne weiteres gefallen lassen können, da sie auf keinen tatsächlichen 
Momenten begründet ist. 
Unter diesen Umständen ist eventuell auch eine polsitive Ablehnung der französfischen 
Konferenzworschläge nicht ausgeschlossen. Wir wünschen allerdings, daß sie nicht nötig 
werden möge; und wir glauben, daß die angeregte Sdee von Vorbesprechungen der Reprä- 
sentanten der Großmächte ganz dazu geeignet ist, eine solche jedenfalls unbequeme Even- 
tualität zu vermeiden. Wir wünschen die NRücksichten gegen Grankreich zu beobachten, 
welche letzteres vernachlässigt hat; und wir sind daher bereit, die Hand dazu zu bieten, um 
ihm auf diese Weise aus der Verlegenheit zu belfen, in welche es sich selber durch sein 
unbesonnenes Vorgehen gebracht hat. Es ist nichts natürlicher und liegt nichts näher als 
solche vertraulichen Besprechungen unter den Großmächten, über deren vorgängige Einleitung 
nicht nur keiner der anderen eingeladenen Staaten sich m beschweren das Necht hat, 
sondern welche auch den meisten derselben willkommen sein werden. Es ist freilich unmög- 
lich, Lorher — wie Sbre neuesten Telegramme es als die Absicht Srankreichs andeuten — 
durch bindende Versprechungen den Zusammentritt der Konferenz festzustellen; ob die Kon- 
feren# überhaupt möglich sein werde, d. h. ob sich eine Basis für dieselbe finden und daher 
ein Ergebnis erwarten lasle, das soll und kann eben erst durch diese Besprechungen 
2 Die Wo „ulndl damit m den liberalen Dortelen im Lande“ eigenhöndiger Einschub Bismarcks. 
Auch im or orüht= ee 0 b#enrn des Erlasses finden lich einige kleinere Einschüdee, Keerner * Keichungen= von- 
lelner Hand. 
Slebe Ar. 980.
        <pb n="181" />
        Bismarck gegen isolierte Verständigung mit Frankreich. 167 
ermittelt werden. Es ist unsere Überzeugung, daß dies nicht der Fall ist, und daß die Be- 
sprechungen nur das Aufgeben jeder Konferenzidee zur Solge haben — daß die Konferenz, 
wie FSürst Gortschakow sich ausdrücket, dadurch werde begraben werden. Wenn der 
Marquis de Moustier, wie er nach Ihrem Telegramm sagt, ein solches Begräbnis jedenfalls 
ohne Lärm und Aufseben (fracas) geschehen zu lassen wünscht, so ist die möglichst einfache 
Art der vertraulichen Besprechungen die beste, und sicherlich darf dann nicht vorher die 
Konferenz mit einer gewissen Solennität festgestellt und gleichsam im voraus konstituiert 
werden. Sch kann mich auch hier wieder auf die von Ew. pp. referierte Außerung des 
Baron Budberg beziehen, daß die Konferenzidee müsse in der Schwebe gebalten werden. 
Ebensowenig können wir die ebenfalls angedeutete õdee einer vorberigen isolierten Ver- 
ständigung zwischen Grankreich und Preußen unserem nteresse angemessen finden. Wenn 
es dem französischen Minister aufrichtig darum zu tun ist, daß die Konferenz; nicht infolge 
einer Divergen; zwischen Srankreich und Preußen scheitere, so muß von französischer Seite 
nicht der Versuch gemacht werden, uns in dieser Srage von den anderen beiden Mächten 
trennen zu wollen. Wir finden in dem bisherigen Berdbalten des französischen Kabinetts in 
dieser Angelegenheit keine Bürgschaft dafür, daß dasfselbe nicht gleichzeitig ebenso unter 
der Hand und vielleicht auf anderen Grundlagen und mit Eröffnung anderer Aussichten mit 
NRußland, England oder ÖOsterreich eine Verständigung suche. Dem können wir uns nicht 
aussetzen; und müssen vielmehr an der offenen und gemeinsamen Verständigung festhalten. 
Wir treten in die Besprechungen mit demselben guten Willen ein, die WMöglichkeit einer 
Lösung zu suchen; wir wollen aber die Schuld des Mißlingens dieses Versuchs, welches 
wir mit Sicherheit vorausfsehen, weder auf uns nehmen noch den anderen zuschieben, sondern 
wir erwarten, daß dies Ergebnis von selbst aus den tatsächlichen Berhältnissen und der 
Natur der Dinge hervorgeben werde; und wir erachten dies ebensofehr im allgemeinen wie 
in unserem besonderen Gnteresse. 
Daß die Auffassung des Kaiserlichen Ministers, als empfänden wir eine besondere 
Genugtuung über die Verlegenheiten Frankreichs, welche es von einer Einmischung in die 
deutschen Angelegenbeiten abhalte, und als stünden wir dabei noch unter dem Eindruck 
der Salzburger und Pariser Zusammenkünfte zwischen den beiden Kaisern, eine irrige ist, 
haben Ew. pp. mit völligem Rechte und entscheidender Klarheit dem Marquis de Moustier 
bewiesen. Wir sind im Gegenteil so bereit wie je, dem Kaiser zur Beseitigung seiner Ver- 
legenheiten bebilflich zu sein, wenn sein Kabinett es uns möglich macht; aber die Ver- 
ständigung darüber wird unmöglich, wenn Srankreich mit faits accomplis vorgeht, denen 
wir nur nachträglich auch gegen unser eigenes Interesse unsere Sustimmung geben gollen. 
Was die Form der Besprechungen betrifft, so bin ich mit Ew. pp. dabin einverstanden, 
daß dieselben nmächst zwischen den Großmächten allein eingeleitet und daß die beiden m- 
nächst interessierten Teile, der Dapst und Italien, u einem geeigneten Zeitpunkt binzu- 
gezogen werden mögen — welcher allerdings sehr bald eintreten dürfte, wenn die Mächte 
die Wöglichkeit oder Unmöglichkeit einer Ausgleichung der beiderseitigen Aussprüche“ klar 
überschauen wollen. Unerwartet dagegen ist es Seiner Moajestät dem Könige wie mir selbst 
gewesen, wie Ew. pp. den Gedanken einer Teilnahme des spanischen Botschafters baben 
auslprechen können; und es hat einer wiederholten Lesung bedurft, um die Überjeugung zu 
gewinnen, daß dies ein Vorschlag Ew. pp. und nicht des Marquis de Moustier gewesen, 
* Wobl verschrieben für: „Ansprüche"“.
        <pb n="182" />
        168 Ablehnung Englands würde auch Vorbesprechungen unmöglich machen. 
bei welchem derselbe in der jetzt von Srankreich eingeschlagenen Richtung allerdings begreif- 
lich erscheinen würde. Welches nteresse wiür haben könnten, die spejiell katholische Macht 
zur Verstärkung der Position des Papstes hinzuzuzieben, ist in der Cat nach keiner Weise 
lsics] bin ersichtlich. 
Es kann zweifelbaft erscheinen, ob nach der Art, wie sich die französischen Minister 
jetzt ausgesprochen haben, und bei der bestimmten Wendung gegen Stalien und zugunsten 
des Papstes, welche Srankreich der Konferenz ausmprägen gedenkt, England auch nur in 
die Vorbesprechungen einzutreten geneigt sein möchte. Eine Ablehnung Englands würde 
dieselben auch für uns unmöglich machen. Tritt diese indes nicht ein, so lind wir auch jetzt 
bereit dazu und erwarten den Vorschlag des französischen Kabinetts. 
Seine Aajestät der König sprechen die Erwartung aus, daß Ew. pp. sich von der Be- 
deutung, welche diese ganze Srage für Dreußen hat, und von dem Standpunkt, welchen 
wir in derselben einnehmen, vollkommen durchdrungen haben und diesen Standpunkt den 
wechselnden Phasen der französischen Politik gegenüber festzuhalten und zur Geltung zu 
bringen wissen werden. Wenn, wie Ew. pp. am Schluß Ihres Berichts Ar. 391 vom 
5. d. M. andeuten, das Scheitern der Konferenz einen Wechsel im Ministerium und eine 
Demission des Marquis de Moustier zur Solge haben könnte, so würden wir, wenngleich 
wir über den letzteren perfönlich keine Klage z führen haben und die Folgen einer solchen 
Anderung im voraus zu beurteilen kaum in der Lage sind, uns doch auch eine solche Konfe- 
quenz lieber gefallen lassen müssen, als daß wir die Konferenz in einer Sorm und Aichtung 
zustande bringen bülfen, welche unserem eigenen nteresse widerstrebte. 
Es wird für Ew. pp. nicht erst der Bemerkung bedürfen, daß dieser Erlaß in keiner 
Weise zur Mitteilung, sondern nur für Ew. pp. behufs SIhrer eigenen Haltung bestimmt ist. 
*985. Erlaß an den Botschafter in Paris Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Vertraulich. Berlin, den 11. Dezember 1867. 
Nachdem ich Ew. pp. in meiner beutigen Mitteilung Ar. §74 den Standpunkt der 
Königlichen Regierung in der Konferenffrage ausführlich entwickelt habe, bleibt mir noch 
übrig, einige einzelne Dunkte in hrer Depesche Ar. 390 vom 5. d. M. zu berühren. 
Der Marquis de Moustier hat in seiner Unterredung mit Ihnen erwähnt, „dah er es 
für anmaßend gebalten haben würde, eine Einladung an den NDorddeutschen Bund, statt an 
seine Mitglieder zu richten, solange wir die Konstituierung desselben den fremden Mächten 
nicht notifiziert hätten“; und er hat daran eine Ausführung geknüpft, wonach er es — mit 
einem nicht genannten preußischen Blatt übereinstimmend — nicht im nteresse Preußens 
erachtete, eine solche Votifizierung und eine Anerkennung des Bundes herbeizuführen. 
Ich kann mich mit dieser Argumentation insoweit einverstanden erklären, als wir aller- 
dings eine ausdrückliche Anerkennung des Bundes nicht bedürfen. Der Bund ist eine 
vollendete Catsache, und jseine Konstituierung lediglich Sache der Mitglieder selbst. Die 
Bedeutung, welche der Bund im europäischen Staatsleben hat, hängt nicht von einer aus- 
gesprochenen Anerkennung, sondern von seiner faktischen und realen Macht und dem Ge- 
1 Siebe Ar. 984.
        <pb n="183" />
        Goltz als Botschafter des Norddeutschen Bundes. Berufung Moufkiers auf preuhische Blätter. 169 
wicht ab, welches er selber in die europäische Wagschale zu legen vermag. Aber etwas 
anderes ist ein absichtliches Ignorieren des Bundes und der durch ihn geschaffenen neuen 
Verhältnisse, wie es die französische Regierung durch ihre an MWitglieder desselben gerichtete 
Einladung an den Tag gelegt hat; und dies ist es, was uns als ein Mangel an Rückssicht 
erscheinen mußte. Das Vorhandensein staatlicher Gebilde lediglich nach dem Pariser Adreß- 
Kalender zu beurtheilen ulnd) die dort nicht arcreditirten zu ignoriren, scheint uns ein 
Formalismus, dem wir eine europäische Gültigkeit nicht beilegen können. 
Ich will aber bei dieser Gelegenheit nicht unterlassen, Ew. pp. mitzuteilen, daß ich 
bereits von Seiner Majestät dem Könige die Genehmigung erbeten und erbalten habe, 
Ew. pp. als Votschafter des Norddeutschen Bundes bei dem Hofe der Tuilerien zu akkre- 
ditierene. Die B schreiben sind in der Ausfertigung begriffen, und Ew. pp. 
werden dieselben baldmöglichst erhalten. Ihre Stellung als preußischer Botschafter wird 
dadurch für jetzt noch nicht alteriert; wie lange die Prädikate als Vertreter Dreußens und 
Vertreter des NAorddeutschen Bundes noch nebeneinander bestehen werden, bleibt der 
späteren Erwägung und der ECntwicklung der Verhältnisse im Bunde selbst vorbehalten. 
Ew. pp. erwähnen ferner, daß Herr von Moustier seinen Cindruck einer geringeren 
Geneigtheit Preußens nicht allein aus den Berichten des Herrn Benedetti, sondern auch 
aus der Sprache derjenigen preußischen Blätter entnommen habe, „welche von mir Inspira- 
tionen zu empfangen pflegten“. Sch hoffe, daß Ew. pp. ihm darauf meinem früberen Er- 
suchen gemäß" nachdrücklich mit der Erklärung entgegengetreten sind, daß es solche Blätter 
nicht gibt. Es ist unangenehm, diese positive Erklärung immer und immer wieder abgeben 
zu müssen und in der Diplomatie selbst einer Manier, die aus unrichtigen Drämissen unbe- 
rechtigte Solgerungen zieht, zu begegnen, wie ich es leider auf der demokratischen Tribüne 
Tag für Tag gewohnt bin. Sch kann es nur als ein Seichen von Übelwollen ansehen, wenn 
man Angriffe gegen die Regierung auf Seitungsartikel von Blättern gründet, welche man 
willkürlich der Regierung zuschreibt. Sch habe buchstäblich keine Seit, Journal-Artikel zu 
inspiriren oder zu reoidiren. Meine Lage ist in dieser Beziehung von der eines fran- 
zöslischen] Ministers wesentlich verschieden. Die öffentliche Meinung in Deutschland ist 
gegen die Conferenz instinctmäßig eingenommen, ohne von uns beeinflußt zu werden.“ Ich 
habe Cw. pp. schon früher bemerkt, daß die „Aorddeutsche Allgemeine Seitung“ seit längerer 
Seit gar keine Miitteilungen von mir erbalten hat“; ebensowenig steht die „Kreuz- 
Jeitung“ in ihren politischen Anschauungen unter meinem Einfluß oder meiner Snspiration, 
wie Ew. pp. wissen, und wie auch Herr Benedetti wissen kann. Sch weiß nicht, welche 
2 28 8 Wsnmses Zusatz Vismarcks. 
Koiser chelll 
« V l 
O Mc biet lebt-U Sätze eigenbändiger Zusatz Bismarcks. 
· Vgl. Nr. 
afters 9¾7 — inc Sut vom- 2. Januar 156 I 8 K. Gach ie Abeinpolitik 
i II, 4 f., und Benedettis Bericht vom s. Januar, Les Grigines Diplomatiques, ro O.
        <pb n="184" />
        170 Wilhelms I. Direktiven für weiteres Verhalten gegenüber Srankreich. 
anderen Blätter vielleicht Herr von Moustier noch meinen kann; versichere aber auf das 
bestimmteste, daß seine Schlüsse und Solgerungen aus der Sprache irgendwelcher Blätter 
durchaus unberechtigt sind; und ersuche Ew. pp., dies bei jeder Gelegenheit entschieden 
geltend m machen. 
986. IZmmediatbericht. 
[Ausfertigung.] 
Am 10. Dejember hatte . Bernstorff aus London gemeldet: „Lord Stanley sieht 
Konferenz als durchgefallen an, da Frankreich entweder gar kein oder doch nur Programm 
vorlegen kann, welches Rouher ausgesprochen hat, und welches unannehmbar ist“. Dam hatte 
König Wilhelm J. bemerkt: „Annehmbar wohl, wenn wir nur nicht den Känderbesi garantieren 
sollen“. Am 11. ließ er Bismarck noch ein Billett solgenden Wortlauts zukomme 
„AWMeine Bleistift Bemerkung zum Telegramm aus London Nr. 116, in Veroindung mit 
dem Schluß Sbrer geltrigen Dép#che nach Paris — gemeint dürfte der vertrauliche Erlaß vom 
11. (Nr. 984) sein, der bereits am 10. aufgesetzt war — wo wir die Vor-Conferen) noch anzu- 
nehmen bereit sind, scheint mir ein Directif sein zu gsollen für Ghre heutige Belprechung mit 
Benedetti, d. h. Vi nannhnbarkeit der Vo-Lonereh, aber nicht nach vorberiger 
Ameb# der Tonferen; selbst, lo wie Wöglichkeit des ohierschem Drogramms, wenn 
Dreußen nur nicht Baritihen Länder-Belitz garantiren soll, mit andern Worten, 
Mufrechkerhastung des status quo 
Ensin, wie ich schon einmal in einer Dépsche (Celegramm?) bemerkte, wir müssen ver- 
meiden, daß PDreußen nicht in enker. F als Verhinderer des Aicht-Sustande- 
kommens der Conferenz erscheine, was etzt schon in Poris (per Benedetti) ausposaunt 
und aus unserer Stellung zum bOcrohlscher Wmß"“re vermieden werden muß. W.“ 
Auf diese Bemerkung des Königs, die erkennen ließ, daß er in diesem Moment doch eine 
Annäberung an den franzölischen Standpunkt für möglich bielt, antwortete Bismarck mit einer 
Darlegung, die von einer gebundenen Marschroute redete. 
Berlin, den 11. Dezember 1867. 
Euere Königliche Moajestät haben geruht, in dem Allerhöchsten Marginal zu dem 
Celegramm des Grafen Bernstorff und den mir ferner Allergnädigst mitgeteilten Bemer- 
kungen die Vicht hmbarkeit der Vorkonferenz, aber nicht nach vorheriger An- 
nahme der Konferen) le l bltIowtedteMogltchkestdesRouherlchenProgramms,wenn 
PreußenautmchtpapltltchenLandekbelttkgarantterenlollmitanderenWorten, 
Aufrechterhaltung des status quo, als Direktif für die Verhandlungen mit Frankreich zu 
bejeichnen. 
Cuerer Königlichen Mojestät Absicht glaube ich dahin verstehen zu sollen, daß Aller- 
böchstdiefelben die tatfächliche Möglichkeit dieses Ergebnisses als vereinbar mit den preu- 
Hischen Snteressen, nicht aber die Sulässigkeit der ausdrücklichen Aufstellung desselben als 
Programm oder Basis der Konferenz baben bezeichnen wollent. 
Die erstere Auffassung habe ich mir in dem ganzen Gange unserer Beziehungen um 
römischen Frage zur WAichtschnur dienen lassen. Der status quo und das Verbleiben des 
Dapstes in Rom mit seinem gegenwärtigen Länderbesitz widerspricht an sich in keiner Weise 
den nteressen Preußens, nur ist es für unsere Beziehungen zu Italien und zur evan- 
gelischen Bevölkerung des eigenen Landes nicht ratsom, daß Preußen sich für definitive 
Erhaltung dieses status quo binde' oder auch nur öffentlich ausspreches. 
Der Rest des Absatzes eigenböndiger Zusatz Blsmarcks im Konzept von Abekens Hand. *--
        <pb n="185" />
        Bismarck sucht Wilhelm l. bei der bisherigen Marschroute festiubalten. 171 
Das Eintreten in die Konferen;z mit ausdrücklich ausgesprochener Annahme dieses 
Programms würde unser Verhältnis zu IStalien und zu der großen, mit den nationalen 
Apirationen des italienischen Volkes Jumpathisierenden Partei in Deutschland verderben 
und einem Bruche mit denjelben gleichltommen. Es würde zugleich Preußen von England 
und Rußland trennen, von welchen das erstere das Programm als solches bereits als unon- 
nehmbar bezeichnet, während ARußland ebenfalls ohne Sweifel ablehnen wird, dieses fran- 
lsische Drogramm zu dem seinigen zu machen“. Sollte das Drogramm daher preußischer- 
seits jetzt Frankreich gegenüber als ein annehmbares bezeichnet werden, so würde dies in 
London und in St. Petersburg als ein Hinüberneigen zu Grankreich aufgefaßt und dadurch 
ein Mißtrauen in die Absichten Euerer Königlichen AMajestät geweckt werden,d infolge 
dessen die Annäherung Englands an uns sehnell wieder erkalten würdes. England würde 
den Eindruck bekommen, daß auf Preußen schließlich doch gegen" Srankreich nicht einmal 
diplomatisch zu rechnen sei, und daß England daher seine eigenen Beziehungen zu Grank- 
reich mehr als in letzter Seit zu pflegen habe'. Gleicher Eindrucke auf Rußland stände zu 
besorgen. Anur durch ein zweifelloses Sesthalten an der gemeinsamen Linie in der Aufnahme 
der französischen Vorschläges kann das Vertrauen Englands und Rußlands bewahrt und 
die Gemeinschaft der Haltung gesichert bleiben, welche die Stärke unserer Stellung gegen- 
über von Frankreich ausmacht, und gerade am besten den von Cuerer Königlichen Maoajestät 
ausgesprochenen Zweck erreicht, die für uns unbequeme und fast unmögliche Konferenz von 
selbst scheitern zu lassen, ohne daß die Schuld davon auf Preußen geschoben werden könne". 
Auch ohne eine ausdrücklich übernommene Garantie des päpstlichen Länderbesitzes 
würde eine ausgesprochene Annahme des Nouherschen Drogramms einem moralischen Ein- 
treten für dasselbe gleichltommen und dadurch der Regierung Cuerer Königlichen Majestät 
erhebliche Schwierigkeiten bereiten, welche bei der tillschweigenden Gulassung der 
Gortdauer des status quo nicht eintreten werdene. 
Cuerer Königlichen Mojestät Genehmigung glaube ich daber dafür voraussetzen zu 
dürfen, daß bei Erklärung der Bereitwilligkeit, an den Vorberatungen der Großmächte 
teilzunehmen, falls sie von Srankreich vorgeschlagen werden (was bis jetzt nicht gescheben 
ist), ugleich daran festgehalten werde, daß dadurch weder der Srage über die Konferenz 
noch der über das Drogramm derselben vorgegriffen, sondern daß, ebenso wie nicht nur das 
Wie, sondern auch das Ob der Konferenz erst aus den Vorbesprechungen sich ergeben 
wird, ebenso auch über das Programm jede vorberige Außerung forgfältig vermieden 
werde. Unseree Besiehungen zu Grankreich würden meines alleruntertänigsten Er- 
achtens durch nichts leichter gefährdet werden als durch einen, wenn auch noch so leilen 
Anschein von Besorgnis vor Frankreichs Mißfallen. Motive : zur Verstimmung gegen 
uns wird man in Paris mit Leichtigkeit finden, sobald man glauben dürfte, daß uns die 
Verstimmung Eindruck macht. 
Eigenbändige Nandbemerkungen König Wilbelms Il.: 
1. Ganz richtig. 
2. neinl 
b Der Aest des Satzes und die delden folgenden Sätze elgenbändiger Zusatz Bismarckes im Konzept. 
.o Der Schluß des Berlchtes eigenbändiger Zufsatz Blsmarches im Komept.
        <pb n="186" />
        172 
d 
Wilbelms I. Hinneigen zu schonender Behandlung Grankrelchs. 
7 Wenn es aber in den Vorbesprechungen aufgestellt würde? wollen wir es dann 
verwerfen? Sür die beiden anderen Alternativen: SErstattung des verlohrenen 
Länderbesitzes an den Dabst oder Wegnahme dessen, was er noch besitzt, — 
würden wir uns doch noch weniger endscheiden könnenl 
z 3. Randbemerkung Bismarcks: 
4. 
* 
r 
## 
· 
— 
aber schweigen. 
Meine Ansicht [geht] nur dahin, wenn in der Vorbesprechung der status quo 
als einer der Vorschläge aufgestellt würde, soll Dreußen ihn von vorn- 
berein schroff zurückrweisen — oder ihn wenigstens als discutirbar aufnehmen? 
Ich denke, Cugland ist uns fremd geworden, weil wir mit Frankreich uns nicht 
genähert hatten, während es seiner Seits ja immer affichirt, sehr gut mit dem- 
selben zu stehen? · 
«WollenwirdennZerwiirfnismitsrlanlcreichlIuchen7 
«AlloumfeindlichgegenPreußenlichjujtellenW 
d.h.Kenntn·iheinesProgramms-,wieesdieVot-conferemfsindenlocl,wetmesiu 
finde-tut 
WennwirdenstatusquonichtvonvornhereinperhorrelcirenaufderBot- 
Conferenz, sondern nur den anderen nachfolgen, falls diese ihn durchaus ver- 
werfen, so ist unsere Dosition gegen Srankreich keine schroffe, die wir zu ver- 
meiden haben, wenn wir nicht mit demselben den Bruch wünschen ? — ulndj o 
bleiben wir in zweiter Linie. 
Einverstanden, aber wie wird: Stillschweigend — möglich fein, wenn er zur Sprache 
kommt und Meinungs Austausch nöthig wird, die zu: Stillschweigenden — führen 
könnte. 
Sanz richtig. 
12. Aber Handgreifliche müllen wir vermeiden. W. 12. 12. 67. 
Schluhbemerkung König Wilbelms l.: 
Mündlich zu erörtern. W. 
Nandbemerkung Biemarcks: 
Crledigt. 
H. Michoel, Bismarck und England von 1866 bis 1870, Anhang III, Ar. 4. 
*982. Erlaß an den Gesandien in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
[Konfept von der Hand des Vortragenden ats Theremin.] 
Nach einem Berichte des PDrinzen Reuß vom 29. Aovember rechnete die rufsische Regierung 
ftark mit einem Wiederaufleben des Aufftandes in Kreta. Fürst Gortschakow trug sich für den 
Fall, daß die Injurgenten sich einige Monate bindurch behaupten könnten, mit der Absicht einer 
Wiederaufrollung der Unobbängigkeitsfrage, wobei er auf eine Unterstützung Frankreichs rechnen 
mochte. Pelangdd der schon am 14. Cktober und am 22. November Veranlassung genommen 
batte, die russische Regierung vor einem unbedingten Vertrauen auf Frankreichs Haltung m
        <pb n="187" />
        Bismarck warnt Auhland. Gortschakows Bedenken in Konferonffrage. 173 
warnen (ogl. H. MNichael, Vismarck und England von 1366 bis 1870, S. 144 nebst Anm. 72), 
bielt es für notwendig, in Petersburg neuerdings auf Grankreichs Hinwendung zu Stterreich 
binmuweisen. 
Verlin, den 11. Dezember 1867. 
Die Aachrichten, welche nach Ew. pp. Berichte vom 29. v. M. MAr. 182 der dortigen 
NAegierung über die Stellung Frankreichs zu den orientalischen Angelegenheiten zugegangen 
sind, werden durch die neuesten Berichte des Grafen von Brassier insofern bestätigt, als 
derselbe den Eindruck hat, daß Grankreich sich immer mehr von Rußland ab und nach 
Isterreich hinwende, mit dieser Macht eine solidarische BVerbindung gegen Rußland her- 
zustellen ulnd) England für dieselbe zu gewinnen sucht 2. 
Sch ersuche Ew. pp., dies dem Fürsten Gortschakow mitzuteilen und dabei zu ermitteln, 
ob die Berichte des Generals Ignatiew in dieser Beziehung mit den Anschauungen des 
Grafen Brassier übereinstimmen. Meines Erachtens würde es sich empfehlen, daß Ruß- 
land jetzt nicht durch ein zu markiertes Auftreten das Zusammendalten jener drei Alächte 
befördere. Es würde mir erwünscht sein, zu erfahren, wie man in Petersburg bierüber 
denkt, und ob man dort glaubt, daß Rußland oder Preußen etwas tun können, um eine 
principielle Consolidirung in der Haltung jener 3 Mächte zu verhindern . 
*988. Telegramm an den Botschafter in Paris 
Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.)] 
In einem an den framösischen Botschafter in Petersburg Baron de Talleurand gerichteten 
Crlaß vom 9. Dezember (Les Origines Diplomatiques, XIX, 456 ss.) hatte Marquis Moustier 
auch der rufsischen Negierung'! leins Bereitwilligkeit erklärt, auf ein Kom Promil in der Konferenjz- 
frage einzugehen, wie er es a dem Grafen v. d. Goltz ogl. r. 984, Vobnnenten entwickelt 
batte. Dem aufsischen Ssrn in Daris Baron de Budberg gegenüber präsisierte er seinen 
Lette 20 dahin, daß die Mächte mnächst Ort und Datum der Konfereng festlegen und dage u 
vertraulichen Vorbefprechungen über den weiteren modus agendi schreiten sollten. Am 12. über- 
reichte nun der kalch Botschafter in Berlin Baron S Onbrul Bismarck ein Bn 1b 
uus dem sich ergab, dab Gortschakow gegen Moustiers Vorschlag die gleichen Bedenken zeigte, 
die auch Bismarck geltend gemacht hatte. 
Berlin, le 12 décembre 1867. 
D’'apreès Ccommunication de Monsileur d’Oubril le Baron de Budberg a mandé 
au Prince Gortschakoff, due le Marquis de Moustier proposerait de préciser par 
correspondance la sièege de la Conférence et den fixer la date pour février; puls 
réunion préalable et Confidentielle des grandes Puissances sans ltalie et Rome, 
Dour discuter le modus agendl ultérieur en dehors de ces deux pulssances. Le 
Prince Gortschakoff a observé à Monsieur de Talleyrand, que ce mode de pro- 
céder semblait trancher à Tavance la question de la conférence, tandis que les 
pourparlers préalables des grandes Puissances doivent précisément avoir pour but 
d'en démontrer la possibilitt. La Russie prete à accepter ces pourparlers sans 
préjuger le fatt meme de la conférence. 
Der Schluh des Satzes von den Worten an: „mit dieser Macht .. . eigenbändige Korrektur Bismarcks. 
» Der letzte Aebensatz; „um eine prinelplelle .. .“ eigenbändige Korrettur Bismarcks.
        <pb n="188" />
        174 Entwurf eines Handels- und Schiffahrtsvertrages mit Spanien. 
Je me Suis assuré oralement que l'Angleterre partage cet avis; je me pro- 
noncerai dans le méme sens; mais n'’ayant pas encore reçgu la Communication 
officielle de Monsieur Benedetti, je prie Votre Excellence de ne pas se prononcer 
encore. 
*980. Runderlaß an die Misslonen in München, Stuttgart, 
Karlsruhe, Darmstadt. 
[Kanzleikonzept.] 
Berlin, den 13. Dezember 1867. 
Cw. pp. wollen aus der in vier Exemplaren anliegenden Denkschrift gefälligst erseben, 
daß die Königlich Preußische Regierung Jeit Johr und Cag bemüht gewesen ist, dem Handel 
und der Schiffahrt Deutschlands in Spanien diejenigen Begünstigungen m sichern, welche 
dieses Land durch den Vertrag vom 18. Juni 1865 an Grankreich zugestanden hatte und in 
Zukunft anderen Ländern etwa zugestehen möchte. Nachdem diese Bemühungen lange Zeit 
bindurch eine Aussicht auf Erfolg kaum gestatteten, haben sie in den letzten Wochen eine 
Wendung genommen, welche, wenn der günstige Moment rasch benutzt wird, zu einem be- 
friedigenden Ergebnis zu führen verspricht. Der Königlich Dreußische Gesandte in WMadrid 
hat vor einigen Tagen den Entwurf eines Handels- und Schiffahrts-Vertrages eingereicht, 
zu dessen Unterzeichnung die Königlich Spanische Regierung sich bereit erklärt hat, und 
welchen ich in vier Exemplaren ergebenst beifüge. 
Indem ich Ew. pp. ersuche der dortigen Regierung diesen Entwurf mit dem Antrag 
auf Erteilung ihrer Zustimmung, vorbehaltlich der in der Denkschrift erwähnten wenig er- 
beblichen Abänderungen mitzuteilen und wegen seines Inhalts auf diese Denkschrift Bezug 
nehme, babe ich in formeller Beziehung folgendes zu bemerken. 
Der Vertrag wird nicht mehr im laufenden Jahre, also erst nach dem Eintritt der 
Wirksamkeit des Sollvereinigungs-Vertrages vom 8. Juli d. J. unterzeichnet werden 
können. Streng genommen würde daher nach Artikel 8 5 6 dieses Vertrages seinem Ab- 
schlusse die Justimmung des Bundesrats des Sollvereins vorhergehen müssen. Daß der 
letztere lediglich m diesem Zweck schon in den ersten Tagen des nächsten Jahres berufen 
werde, würde, wie ich annehmen darf, den Wünschen der pp. Regierung nicht entsprechen. 
Ebensowenig würde es aber dem materiellen önteresse des Vereins entsprechen, den Ab- 
schluß des Vertrages bis zu der demnächstigen Berufung des Bundesrats des Sollvereins 
aussusetzen. Sch glaube daher des Einverständnisses der dortigen Regierung versichert sein 
zu dürfen, wenn ich mir ihre Erklärung im Korrespondenzwege erbitte. Der Bundesrat 
des Norddeutschen Bundes, m dessen Kenntnis die Angelegenheit erst in der letzten Sitzung 
der diesjährigen Session gebracht werden konnte, hat auch seinerseits die verfassungsmäßige 
Abstimmung nicht für erforderlich erachtet. 
Ew. pp. wollen biernach eine Mitteilung an die dortige Regierung richten und auf eine 
möglichst schleunige Rückäußerung aus dem Grunde hinwirken, weil in der Schnelligkeit, 
mit welcher die in Spanien maßgebenden Ansichten wechseln könnten, eine dringende Auf- 
forderung liegt, die augenblicklich vorhandene günftige Lage rasch zu benutzen.
        <pb n="189" />
        Benedettis neue Eröffnungen. Bismarcks angebliche „nouvelle attitude“. 175 
*900. Erlaß an den Boischafter in Paris Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.)] 
Berlin, den 15. Dejember 1867. 
Ew. pp. gefällige Berichte ließen mich bereits seit mehreren Tagen annehmen, daß 
Herr Benedetti von seinem Gouvernement zu einer Mitteilung an mich beauftragt sei. Bei 
Gelegenheit eines Besuchs, welchen ich demselben am 12. d. M. machte :, nahm ich Ver- 
anlassung, ihn danach zu fragen; und er erwiderte mir, daß er allerdings eine Eröffnung 
vom Marquis de Moustier erhalten habe, ging aber unmittelbar m einer Wiederholung der 
Vorwürze über, welche er schon in unseren letzten Unterredungen geäußert hatte, daß wir 
in Bezug auf die Konferenz eine bei weitem ungünfstigere Stellung einnehmen, und uns viel 
weniger bereitwillig zeigten als die übrigen Großmächte. Indem ich die Tatsache selbst 
wiederholt in Abrede stellte, bemerkte ich dem Botschafter, daß, wenn man in Paris 
wirklich diese falsche Auffassung hege, dies nur die Solge seiner Berichte sein könne, und 
daß ich daraus mit Bedauern den Schluß jiehen müsse, daß ich anhaltend mißverstanden 
worden sei. Bei bloß mündlicher Behandlung wichtiger Gragen, wie sie zwischen uns statt- 
gefunden, seien Mißverständnisse allerdings begreiflich; und ich würde daber für die 
ZSukunft es mir angelegen sein lassen, meine Erwiderungen auf seine Mitteilungen chriftlich 
an den Grafen Goltz zu richten, was der Botschafter vollktommen natürlich zu finden schien. 
Auf meine weitere Srage, ob diese Vorwürfe die einzige Mitteilung seien, mit der er 
beauftragt, erwiderte er, daß die Eröffnung des Alarquis de Moustier den Vorschlag zur 
Geststellung der Konferenz mit vorherigem Susammentritt der NReprösentanten der Groß- 
mächte zu vertraulichen Besprechungen enthalte. Seine Mitteilungen bierüber waren aber 
so karg und zurückhaltend, wie dies bei allen seinen Eröffnungen über die Konferenz durch- 
gehends der Sall gewesen ist. 
Ich bat den Herrn Botschafter, mir seine Mitteilung im Auszuge schriftlich mu geben, 
worauf ich die Befehle Seiner Aajestät des Königs einholen und die Absichten allerhöchst- 
desselben durch unseren Botschafter in Paris zur Kenntnis des Kaiferlichen Gouvernements 
bringen lassen würde. 
Am Tage darauf sandte mir Herr Benedetti den anliegenden Auszug aus der Depesche 
des Marquis de Moustier vom 9. d. M.“, welchen ich Ew. pp. jur vorläufigen Kenntnis- 
nahme ganz ergebenfst mitteile, indem ich mir vorbehalte, nachdem ich die Befehle Seiner 
Majestät empfangen habe, Ew. pp. dieselben zu übermitteln. 
Einstweilen will ich bemerken, daß die Worte à Tépoque et au lieu qui seraient fixés 
d’un commun accord“ eine verschiedene Auslegung zulassen, indem es zweifelhaft erscheint, 
1 Bismarck denkt vor allem an Goltz' Telegramm vom 8. Dejember, ogl. Ar. 984, Vorbemerkung. 
: Vgl. daiu den Bericht Denedettis vom 13. Dezember, Les Origines Diplomatiques, XX, 19 88. 
Er stebt in scharfem Widerlspruch zu Bismarcks Darstellung. Vach Benedetti hätte sich Bismarck in der 
Unterredung vom 12. zum erstenmal seinen Argumenten zugönglich erwiesen, in dem Aiaße, dah er sich ge- 
neigt gezeigt babe, in die Konferenz zu willigen. Benedetti spricht geradezu von einer „nouvelle à Nadet 
Bismarchs. Dieser hat spöter (siehe Ar. so03) aufs entschiedenste in Abrede gestellt, sch am 12. gegen 
Benedetti tie"2 s geäuhert zu haben. Die innere Wahrscheinlichkeit spricht durchaous zugunften 
ver, Hiemerst Den pstellung; Slen # 12. für ihn Wlechterdings kein Heun vr insleiner Sprache zu 
.... . egenkommen gegen tti .Gür die Sr — 
würdigen 4% eneettischen Berichte ist dieser Ven Weet 15, Reuch Lirö ase der Slaus 
* Siehe den vollen Cext der Depesche Moustiers vom 9. Dezember in: Les Origines Diplomati 
XIX. 444 8§.; der õnhalt des Auszuges ergibt sich aus der redaktionellen Fußnote, a. c. O., # 24. es
        <pb n="190" />
        176 Preußen muß in Konferenyfrage England und Außland vorangehen lassen. 
ob dieselben schon jetzt im voraus fixiert werden sollten — wie dies in St. Petersburg aus- 
drücklich gesagt worden zu sein scheint, wo sogar vom Monat Gebruar bereits die NRede ge- 
gewesen, und wie sich allerdings auch eine Andeutung aus den Worten des Botschafters 
entnehmen ließ; — oder ob damit gesagt sein soll, daß dieser commun accord über Ort 
und Zeitraum der Konferenz erst durch die Vorbesprechungen der Großmächte erreicht 
werden soll, nachdem aus diesen die Aöglichkeit und Opportunität der Konferenz überhaupt 
sich ergeben haben sollte. Wenn diese letztere Auffassung die richtige wäre, so würde Seine 
Moajestät der König voraussichtlich seine Zustimmung zu dem so gefaßten Vorschlage 
Grankreichs erteilen können. 
Vertrauliche Bachschrift. 
Ich halte es für nützlich, die Erteilung unserer definitiven Antwort noch um einige 
Cage zu verzögern, um Rußland und England einen Vorsprung in ihren ohne Sweifel zu 
erwartenden Außerungen zu lassen. 
öch stimme in dieser Hinsicht ganz mit der Außerung Ew. pp. am Schluß Shres ge- 
fälligen Berichts Ar. 395 vom 9. d. M. überein, daß es besser sei, mit den Cinwendungen 
und Bedenken nicht Preußen in erster Linie hervortreten, sondern womöglich England und 
Außland vorangehen mzu lassen. 
*991. Erlaß an den Botschafter in Haris Grafen von der Goltz. 
4 ( Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Aberen.)] 
Vertraulich. Berlin, den 15. Dezember 1867. 
Ew. pp. übersende ich in der Anlage Abschrift eines Berichts, welchen ich an Seine 
Aoajestät den König erstattet babe, um die zunächst in betreff der Vorbesprechungen zu 
beobachtende Haltung zu entwickeln :. Seine Majestät der König haben sich damit ein- 
verstanden zu erklären geruht und wollen ihre Haltung von derjenigen Rußlands und 
Englands nicht trennen. — Unsere Antwort wird daher im wesentlichen mit derjenigen Ruß- 
lands identisch Jein, welche ich Ew. pp. schon in meinem Telegramm Nr. 183 vom 12. d. Al. 
mitgeteilt habe, und in betreff deren ich noch die mir von Herrn von Oubril übergebene 
Notiz in Abschrift vertraulich beilege . 
Ich wiederhole dabei das schon in dem vertraulichen Postskript zu meiner Mitteilung 
Ar. 579 über die Unterredung mit Herrn Benedetti ausgesprochene Ersuchen, sich einft- 
Der ganze Satz lautet: „Sl nos espérances à cet égard se réalisaient par un acquiescement 
à la proposition développée dans ma clrculalre du 9 novembre, nous serions tres disposés à deférer 
à la suggestion de M. le Comte de Blsmarck, et Pon pourrait, il me semble, Convenir que, avant la 
réunion des Plenipotentiaires à Tépoque et au lieu qui seraient fixes d’un commun accord. il y 
auralt à Paris une négoclation prellminaire et confidentlelle entre les Représentants de la Prusse, 
de D’Autriche, de la Orande-Bretagne, de la Russie et de la France.“ 
991. 1 Siebe Ar. 966. 
2 Siebe Nr. 988. 
* Vol. Ar. 988, Vorbemerkung. 
Siehe Ar. 0.
        <pb n="191" />
        Bertretung Süddeutschlands auf der Konferen; durch Bauern? 177 
weilen und bis auf weitere Mitteilung jeder Außerung zu enthalten, weil wir, wie Ew. pp. 
es auch selbst als der Situation angemessen bezeichnen, Rußland und England den Vortritt 
zu lassen wünschen. 
*992. Erlaß an den Botschafter in Darls Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Vertraulich. Berlin, den 15. Dezember 1867. 
Ew. pp. erwähnen in Ihrem gefälligen Berichte Mr. 396 vom 10. d. M., daß Sie es 
„für mulässig bielten, wenn vermöge einer Verständigung zwischen den deutschen Regierungen 
der Norddeutsche Bund in der Hauptkonferenz als ein Ganzes auftrete, Bayern allenfalls 
nach vorgängigem Einvernehmen mit Preußen Slüddeutschland vertreten könnte“. Diesen 
Gedanken hatten Ew. pp. bereits in Ihrem ausführlichen Berichte Ar. 380 vom 26. v. M. 
gelegentlich und im Vorbeigehen angedeutet; ich hatte in meiner Erwiderung keinen Bezug 
darauf genommen, weil ich mich überzeugt bielt, daß Ew. pp. demjelben keine weitere Solge 
geben und ohne ausdrückliche Ermächtigung Seiner Mojestät ihn dort nicht zur Sprache 
bringen würden. Nachdem Ew. pp. in Ihrem neueren Berichte darauf zurückgekommen 
sind, kann ich nicht umbin, Sie ganz ergebenst zu ersuchen, jede Andeutung darüber mit der 
größten Vorsicht zu vermeiden. Bei der Aichtung, welche die öffentliche Meinung und die 
nationale Aspiration in Deutschland haben, würde die Vermutung, daß ein solcher Gedanke 
von preußischer Seite begünstigt werden könnte, unserer Stellung in Deutschland äußerst 
schädlich sein, ulnd) ich würde, wenn er auf Ew. pp. zurückgeführt werden könnte, kaum 
Glauben finden mit der Behauptung, daß er der Klöniglichen) Reglierung) fremd sein. Die 
Version, welche der Greiherr von Beust mißbräuchlich seiner Unterredung mit Ew. pp. zu 
geben versucht hat, um Preußen als einer Einigung der süddeutschen Regierungen in einem 
Südbunde unter Bayuerns Sührung geneigt darzustellen:, hat bei unseren süddeutschen 
Freunden bereits ein Mißtrauen geweckt, welchem entgegenzutreten wir uns haben be- 
mühen müssen. Dies Mißtrauen würde durch den Vorschlag einer Vertretung der füd- 
deutschen Staaten auf der Konferenz durch Bayern neue Vahrung erhalten. 
Ich bin deshalb nicht der Ansicht, daß wir einer solchen Wendung entgegenzutreten 
hätten, wenn der Vorschlagvon den süddeutschen Staaten selbst aus 
ginge oder deren Beifall von Hause aus hätte. Dies ist bei der Eifersucht, welche 
Württemberg und Baden gegen Bapern begen, nicht u erwarten. Käme er von uns oder 
erschiene er als von uns gebilligt, so würde zunächst Baden sich von uns verlassen und auf- 
gegeben glauben: Württemberg aber würde es uns schlechten Dank wissen, weil es in der 
Vertretung durch Bayern seine eingebildete europäische Stellung gefährdet glauben würde. 
Die große nationale Partei, auf deren Sympathien wir uns stützen, würde darin einen 
Schritt zur Sweiteilung Deutschlands, ein Aufgeben der deutschen Einheit erblicken, welche 
wir zwar nicht auf revolutionärem oder gewaltsamem Wege und in überstürzender Hajst an- 
streben wollen, welche wir aber, wie ich dies oft offen ausgesprochen habe, niemals 
desavouieren oder erschweren dürfen. 
1 Der Schluh des Satzes von den Worten an: „ulndl ich würde ..“ eigenbändiger Zusatz Bismarcks. 
2 Vgl. Ar. 945. 
Va 12
        <pb n="192" />
        1786 Benedetti als Urbeber der Verstimmung Napoleons III. gegen Preußen. 
*993. Erlaß an den Botischafter in Paris Grafen von der Goltz. 
G von der Hond des Vortragenden ANats Abekenl 
Vertraulich. Bersi den 15. Ocenber 1867. 
Ew. pp. entwickeln in dem gefälligen vertraulichen Berichte Tr. 397 vom 10. d. M. 
die Ansicht, daß die Ihnen gegenüber sowohl wie in den Außerungen Herrn Benedettis 
immer von neuem hervortretende irrige und unbegründete Auffassung der französischen 
Negierung, als ob wir in der Konferenzfrage im Vergleich mit England und Außland eine 
weniger günstige und entgegenkommende Haltung beobachteten, „keineswegs ein Symptom 
feindlicher Gesinnung und der Absicht des Kaiserlichen Kabinetts, mit uns diplomatische 
Händel anzufangen, sondern lediglich das Ergebnis der von Herrn Benedetti berichteten 
Eindrücke sei“. 
Wenn dies wirklich der Fall ist, Jo darf ich um so mehr hoffen, daß es Ew. pp. bei dem 
Vertrauen, welches Sie dort genießen, gelingen werde, diese Sindrücke zu berichtigen und 
die falschen Interpretationen des französischen Botschafters auf ihren wahren Wert zurück- 
mführen. Ich habe Ihnen dazm in meinen wiederholten Mitteilungen über das Verfahren 
Herrn Benedettis ein reiches Material gegeben, von welchem ich hoffen durfte, daß Ew. pp. 
es in geeigneter Weise verwertet haben werden, auch ohne eine direkte Beschwerde über 
den Botschafter m führen und denselben absichtlicher Entstellung zu zeihen. Ich muß mich 
mehr und mehr davon überzeugen, daß die, Berichte desselben einen Charakter der 
Fälschung und Verkehrung der einfachsten Außerungen tragen. Sch habe daher Ew. pp, 
schon vor einiger Seit benachrichtigt, daß ich seine Mitteilungen nur noch einfach entgegen- 
nehmen und meine Erwiderungen nur durch Ew. pp. an das Kaiserliche Kabinett gelangen 
lassen würde W. Die Andeutung dieser meiner Entschließung in höflicher Sorm wäre die 
beste Erwiderung auf die Recriminationen des Herrn von Moustlier] gewesen :. Sch babe 
auch bei meinem neulichen Besuche dies offen an Herrn Benedetti gesagt' und damit 
motiviert, daß ich fände, unsere mündlichen Unterhaltungen gäben zu allzu vielen Miß- 
verständnissen Anlaß. Der Botschafter schien auch darüber nicht verletzt m sein, londern 
unser perönlicher Verkehr ist ein durchaus freundlicher geblieben, wie er 3. B. in 
demselben Augenblick eine Einladung zum Diner bei mir für sich und seine Grau, die ich ihm 
bei jenem Besuch selbst überbrachte, in freundlichster Weise annahm. 
1 Vgl. Nr. 
2 Der Satz #nneiger Zusatz Bismarcks. 
* Vgl. Ar. 990.
        <pb n="193" />
        Bismarcks und Benedettis gegenseitige Zurückhaltung. 179 
In den amtlichen Verhältnissen aber tragen unsere Beziehungen allerdings seit 
geraumer Seit das Gepräge der Zurückhaltung, welche bei mir nach den Erfahrungen, die 
ich babe machen müssen, nur zu natürlich und notwendig üst, und welche sich auf Jeiten des 
Botschafters in einer auffallenden Kargbeit und Dürftigkeit der Mitteilungen martiert. 
Ew. pp. haben wiederbolt französische Depeschen als mir bekannt vorausgesetzt, von welchen 
Herr Benedetti mir keine Kenntnis gegeben, oder die er nur gesprächsweise berührt hatte. 
Herr Benedetti erklärte das Unterlassen einer solchen Mitteilung bei Gelegenheit der Ein- 
ladung zur Konferenz damit, daß ich ihm nicht den Wunsch danach ausgesprochen; — 
worauf ich ihm erwiderte, daß er mir keine Andeutung seiner Ermächtigung dazm gegeben, 
und daß nach meiner diplomatischen Erfahrung ich eine solche Andeutung zu erwarten be- 
rechtigt wäre, ehe ich den entsprechenden Wunsch ausdrückte. Ich würde sonst, wenn ich 
bei jeder Eröffnung, von der er mir spräche, ihn um Mitteilung derselben bitten wollte, ihn 
häufig in die unangenehme Lage versetzen, es mir abschlagen zu müssen. Jetzt könne ich 
nur die ganz allgemeine Bitte an ihn richten, mir die Pieècen, zu deren Mitteilung er er- 
mächtigt sei, mitteilen m wollen. 
Die von mir beobachtete Diskretion in betreff solcher Mitteilungen gilt in erhöhtem 
Mahße von Depeschen, welche für fremde Höfe bestimmt sind, wie diejenige, von welcher 
Cw. pp. am Schluß des gefälligen Berichts Nr. 398 vom 10. d. M." sprechen, und welche 
an Herrn von Malaret in Sloren; gerichtet war. Wenn Herr Benedetti zur Mitteilung 
derselben oder eines Teils derselben an mich beauftragt oder ermächtigt war, so war es 
nicht meine Sache, dieselbe von ihm zu erbitten — am wenigsten, wenn er derselben nicht 
einmal gegen mich erwähnte. 
Ich vermeide jede Initiative schon deshalb, um nicht neuen Stoff zu entstellenden Be- 
richten zu geben , aber für wirkliche Mitteilungen des Botschafter bin ich immer zugänglich 
gewesen, wenn ich auch sein rein perfönliches, mit indiskreten Sragen gemischtes Drängen 
habe abweisen müssen. 
Die Befürchtungen, welche Ew. pp. an die Rückkehr des Herrn Benedetti nach Berlin 
knüpften, haben sich allerdings mehr bestätigt, als ich es damals selbst erwartete. Sch 
konnte nicht glauben, daß er — wie er es wirklich zu tun scheint — sich für einen Mangel an 
Erfolg in der früheren Luxemburger Periode durch unwahre Berichte ulnd] muthwillige 
Störung der Beziehungen beider Regirungen eine Entschädigung zu bereiten suchen werde. 
Ich würde zwar auch dann nicht irgendeinen direktten Wunsch nach einer veränderten Be- 
setzung des Postens haben laut werden lassen, weil ich ein solches Verfahren nur in gewissen 
ganz extremen Sällen für angemessen halten könnte. Aber ich glaube, daß in dem ganzen 
Bilde, welches ich Ew. pp. von der Haltung und dem Auftreten des Herrn Benedetti hier 
in wiederholten Sügen gejeichnet habe, Anknüpfungspunkte genug liegen, um dem Minister 
sowohl wie dem Kaiser selbst einige Vorsicht in der Aufnahme der Benedettischen Dar- 
stellungen nabezulegen. 
Wenn man nun doch in Paris fortfährt, nicht auf Grund der Aufklärungen, welche 
Ew. pp. m geben imstande gewesen sind, sondern auf Grund der Benedettischen Berichte sich 
leine Auffassung m bilden, bleibt mir doch fast nur die Wahl übrig, entweder vorauszufetzen, 
Val. Ar. 951, S. 161, Anm. 3. 
* Der Eingang des Satzes eigenbändiger Zusatz Bismarckeé. 
* Die Worte: „ulnd!] muthwilli 5 . . . «. 
schub Bismarcks. bwillige Störung der Beziehungen beider Aegirungen“ eigenbãndiger Eln 
1#
        <pb n="194" />
        180 Bismarcks angebliche feindselige Haltung gegen Frankreich. 
daß man diesen Berichten glaube, weil sie der dortigen Stimmung entsprechen und man 
ihnen glauben will, — oder daß diese ganze Phase der Verstimmung nur in Szene gesetzt sei, 
um einen scheinbaren Grund zur Mißstimmung gegen uns zu haben. Daß in unserer ganzen 
Handlungsweise irgendein Grund oder auch nur ein Vorwand gegeben sei, sich über uns zu 
beklagen, muß ich auf das ernstlichste bestreiten; und ich kann nicht zugeben, daß es einer 
Anderung in unserer Haltung bedürfen oder auch gelingen könnte, unsere Bereitwilligkeit, 
dem Kaiser aus einer Berlegenheit zu belfen, mehr als bisher zu beweisen. 
Ich kann nicht umhin, hier eine perfönliche Seite m berühren, deren Ew. pp. in Shrem 
eingangs gedachten Berichte erwähnen, und welche den ganzen Unterschied beleuchtet, der 
Pariser Lebensanschauungen von den hiesigen trennt. Man will eine Cendenz zum Bruch 
mit Srankreich besonders seit meiner letzten Anwesenheit in Paris bei mir bemerkt haben 
und wundert sich darüber, „weil man sich doch bewußt sei, es mir gegenüber an Höflichkeiten 
nicht haben fehlen zu lassen“. Sch bin ulndj] bleibe perfönlich sehr dankbar für die aus- 
jeichnende Aufnahme, welche mir am Klaiserlichen) Hofe zutheil geworden ist?, aber ich 
darf wohl hoffen, daß Ew. pp., wo Ihnen jene Auffassung entgegengetreten ist, derselben 
erwidert haben, daß ein preußischer Minister in allen Sällen, wo es den Interessen Seiner 
Wajestät entspricht, mit der französischen Politik zu gehen, diese Wege ungeachtet aller 
persönlichen Bernachlässigung und jelbst Unfreundlichkeiten festhalten werde, im Gegenteil 
aber auch sich durch keine noch so ausgesuchte Höflichkeit abhalten lassen kann, die Interessen 
seines Baterlandes wahrzunehmen, wenn sie mit denen Frankreichs nicht msammenfallen. 
Ew. pp. wissen, daß ich in dieser ganzen Angelegenheit keinen Schritt und keine 
Außerung getan habe, ohne die Befehle Seiner Maoajestät des Königs einzuholen, und daß 
ich dieselben in jeder Beziehung genau befolge. Ich darf also auch erwarten, daß Ew. pp. 
jedem Versuche entgegentreten, sei es des Herrn Benedetti, sei es derjenigen, welche seine 
Berichte falsch verstehen wollen, mir eine andere Haltung zuzuschreiben als diejenige, 
welche den wohlwollenden und freundschaftlichen Gesinnungen meines Königlichen Herrn 
gegen den Kaiser von Grankreich entspricht. 
Nachschrift. Gegenüber den Anschuldigungen, als verfolgte ich perfönlich eine 
feindliche Politikk gegen Srankreich und wünschte es zum Bruch m treiben, bitte ich Ew. pp., 
doch auch hervorzubeben, wie entschieden ich bei der Luxemburger Angelegenbeit das Gegen- 
teil bewiesen habe, indem ich gegen eine starke, auf den Krieg bindrängende Strömung die 
Erhaltung des Sriedens durch Aufschub unserer Gegenrüstungen bei Seiner Majestät befür- 
wortet habe#. Ew. pp. wissen selbst am besten zu beurteilen, wie vorteilhaft die militärische 
Situation der beiden Staaten damals für Dreußen war; und daß ich, wenn ich wirklich 
Bruch und Krieg mit Srankreich erstrebte, kaum einen besseren Augenblick hätte wählen 
Kkönnen. Es war wahrlich nicht ein Motiv der Scheu oder Surcht, welches uns damals 
zurückgehalten hat; sondern die Abneigung gegen einen blutigen Krieg und das Vertrauen 
in die friedlichen Absichten des Kaisers. Das erstere Motio ist auch jetzt noch vorhanden; 
daß das zweite es noch im gleichen Maße, tann ich nicht mit völliger Sicherbeit behaupten, 
wenn ich die jetzige Haltung der franösischen Regierung und ihres Botschafters erwäge. 
Die letzten Relativsätze von den Worten an: „den ganzen Unterschied ..“ eigenhändiger Zusatz 
Bismarcks. 
* Der Eingang des Satzes eigenbändiger Sulatz, der Aest des Absatzes eigenböndige Korrektur 
q Die Gesommelten Werke, VI. Ar. 766, 768. 775, 788, 790, 795 nebst Vorbemerkungen.
        <pb n="195" />
        Das Programm der französischen Minister in der römischen Frage. 181 
Aber man wird in meinem Verhalten in der Luxemburger Frage im Bergleich mit dem des 
Herrn Benedetti den Beweis finden, daß ich perfönlich gewiß nicht auf den Bruch bin- 
arbeite. 
*994. Erlaß an den Botschafter in Darls Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
VBertraulich. Berlin, den 15. Dezember 1867. 
Ew. pp. haben nach dem gefälligen Berichte Ar. 395 vom 9. d. M. dem Marquis 
de Moustier bereits bemerkt, daß in den Reden der französischen Minister im Corps légis- 
latift im wesentlichen das den Großmächten bisber vorenthaltene Programm Srankreichs 
für die römische Srage enthalten sei. öhr eigener erster Eindruck ist gewesen, daß mit dem 
Aussprechen dieses Programms die Konferenz eigentlich aufgegeben sei. Denselben 
Eindruck hat man in London: und St. Petersburg, ja jselbst in Wien gehabt. Die Auf- 
fallung und Absicht der Kaiserlichen Regierung ist indes eine andere gewesen, wie ihre Ver- 
folgung der Konferenzidee gezeigt hat. 
In London und St. Petersburg haben die gedachten Reden eine große Verstimmung 
erjeugt, offenbar weil man das Programm selbst für unannehmbar und davon böchstens 
eine unbestimmte Berlängerung oder Wiederholung der französischen Okkupation erwartet. 
Gür uns liegt die Sache etwas anders. 
Das Drogramm der französischen Minister ist eigentlich nichts anderes als die Sort- 
dauer des status quo. Diesen können wir uns faktisch sehr wohl gefallen lassen; er ent- 
spricht den Interessen unserer katholischen Bevölkerung und ist bei weiser Selbjtbeschrän“- 
kung für Stalien erträglich. Wir werden durchaus nichts dagegen haben, wenn aus der 
Unmöglichkeit, eine andere Lösung zu finden, die Sortdauer des bisberigen Sustandes her- 
vorgeht, unds werden nach wie vor bemüht sein, auf die Haltung Staliens mäßigend einzu- 
wirken. Schon den ersten Anfragen des Slorentiner Cabinets gegenüber haben wir unsre 
Ansicht ausgesprochen, daß der Dapft als Souverän ebenso berechtigt sei, den Schutz Srank- 
reichs für seinen Besitz nachzusuchen, wie Irankreich durch Gewährung desselben keine 
internationale Pflicht verletze. 
Aber es ist etwas ganz anderes, ob wir dies Programm als einen faktischen Zustand 
unangefochten gelten lassen, oder ob wir dasfelbe ausdrücklich anerkennen und uns auf der 
Konferenz aneignen. Ein bestimmtes Aussprechen für oder wider dies Drogramm würde 
uns immer Verlegenbeiten nach der einen oder anderen Seite bin bereiten. Am aller- 
wenigsten würden wir für dieses oder irgendein anderes Programm uns vor den ver- 
traulichen Vorbesprechungen der MAächte aussprechen können; sondern es wird immer feft- 
gehalten werden müssen, daß die Frage, ob überhaupt irgendein Programm zu finden sei, 
erst die Aufgabe dieser Besprechungen bleibe. 
Wir wissen ja auch noch nicht einmal, ob auch nur der Papft mit diesen überall als 
gut päpstlich aufgefaßten Erklärungen Frankreichs sich befriedigt zeigt; ob ihm die Fort- 
2 Vgl. dam Nr. 983, Vorbemerkung. 
* Vgl. damn The Diplomatic Reminiscences of Lord Loftus, Second Series. I. 204 f3 
* Der Aest des Ablatzes beruht auf eigenhändigem Zusatz Bismarcks.
        <pb n="196" />
        182 Stellung Englands, Nußßlands, Preuhens zum französischen Programm. 
dauer des status quo genügt. Italien aber wird dem Programm der franjöslischen! 
Minister gewiß nicht freiwillig beitreten“. « 
WenaroirhiernachauchnichtinderLagelmd,dasftanzölilcheProgrammunsanzu- 
eignen, und wenn wir unsere Stellung nicht von der der anderen beiden Großmächte trennen 
können, so ist doch unser Verhältnis zu demselben, wie oben bemerkt, faktisch ein anderes. 
Die Reden der französischen Minister haben daber auch bei uns keineswegs eine Ver- 
stimmung hervorgerufen wie in London und Petersburg, wo man die Sache schon jetzt so 
gut wie abgeschlossen ansiehbt. Wir halten vielmehr nach wie vor an der Bereitwilligkeit 
zu den Besprechungen fest, welche unferes Erachtens in jedem Salle dem Kaiser erwünscht 
sein müssen, um sich aus der Verlegenbeit m jiehen, sei es nun durch eine Ermöglichung 
der Konferenz, sei es durch ein anständiges Begräbnis derselben, was wir allerdings für 
wahrlcheinlicher und erwünschter halten. Wenn man diese unsere Haltung in Paris nur in 
unbefangene Erwägung jiehen und dabei bedenken wollte, daß wir selbst zuerst die flüchtig in 
einem Telegramm des Grafen Bernstorff infolge von perfönlichen Außerungen des fran- 
ölischen Geschäftsträgers in London angeregte ISdee dieser Vorberatungen ernstlich auf- 
genommen baben, so daß sie geradem der preußische Vorschlag genannt wird: so müßte man 
leicht erkennen, wie ungerecht der Vorwurf ist, daß unfere Haltung eine weniger günstige 
sei als die Englands und Außlands. 
Dies muß uns aber allerdings auch dazu bewegen, in unseren Außerungen möglichst 
mrüchkhaltend m sein und in betreff der Beurteilung des französischen Drogramms nicht in 
erste Linie zu treten. 
Ew. pp. ersuche ich daber ergebenst, in allen Außerungen darüber und über die ganze 
materielle Seite der Frage überhaupt volle Reserve zu bewahren und nur die Motwendig- 
keit einer absoluten Greiheit bei dem Eintreten in die Vorbesprechungen festzuhalten. 
*995. Erlaß an den Botschafter in Darls Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Abeaesen.] 
Bertraulich. Berlin, den 15. Dezember 1867. 
Ew. pp. kann ich nicht umhin zur Charakterisierung des Auftretens des Herrn Bene- 
detti hierselbst eine vertrauliche Mitteilung zu machen, welche seine persönlichen Anjprüche 
als Ambassadeur betrifft. 
Herr Benedetti verlangt nämlich, daß jedesmal nach seiner Rückkehr von einer längeren 
Abwesenheit die biesige Gesellschaft ihm den ersten Besuch mache. Vom Hofe darüber be- 
fragt, habe ich mich dabin geäußert, daß theoretisch genommen er diesen Anjpruch als 
Botschafter, der die Person seines Souveräns vertritt, zu erheben und gewissermaßen eine 
wiederholte Cour abjubalten, meines Erachtens berechtigt Jei, daß dies aber voraussetze, 
daß er vorber durch seinen Botschaftsrat Besuche machen lasse, damit die Gesellschaft 
erfahre, daß er anwesend sei. 
Vertraulich darf ich aber doch nicht unterlassen zu bemerken, daß es mir der Aufgabe 
des Botschafters so wenig wie den gegenwärtigen gesellschaftlichen Begriffen zu entsprechen 
Der Satz eigenhändiger Zusatz Vismarcks. 
* Vgl. Ar. 94
        <pb n="197" />
        õrrige Pariser Auffassungen über die offihlöse preubische Presse. 183 
scheint, dergleichen auf früheren, fast überall abgekommenen Traditionen beruhende An- 
sprüche in dieser Weise auf die Spitze zu treiben. An andern Orten werden sie, soviel mir 
bekannt ist, nicht erhoben; das diplomatische Korps hier hat sich ihnen mit Widerstreben 
und unter lebhafter Kritik gefügt; von der unabhängigen Gesellschaft hier ist dies nicht zu 
erwarten, und die Solge davon wird sein, daß nur ein kleiner Teil derselben dem Botschafter 
Besuch machen wird. 
Es ist allerdings auch möglich, daß dies SErgebnis in dem ganzen Sustem des Auftretens 
des Herrn Benedetti — sei es nun nach seinen perfönlichen Ansichten, sei es in Überein- 
stimmung mit der Auffassung seiner Regierung — liege, um Anlaß zu Verstimmung und 
Beschwerden über schlechte Behandlung des französischen Botschafters zu finden. 
*996. Erlaß an den Botschafter in Darls Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des #rrtrouen ven Nats Abeken.)] 
Obwohl Bismarck wiederbolt (ogl. Ar. 911) Marquis de Moustier durch Graf 
v. d. Goltz darauf hatte binweisen lassen, Den ber enhiie Tnbrese keinesweys in der Weise als 
Wi der Dolitik benubt, werde n Paris und gäbe sei, beharrte die fran- 
Wsische Regierung, auch bier durch die LBercchterstaktuon Vee deeinflußt, dabei, aus der 
Haltung der preuhischen Rücksschlüsse auf die Dolitik Bismarcks zu jiehen. Wie Goltz 
in einem Berichte vom 13. Dezember ausführte, hielt man ihm als Beweis entgegen, daß sich 
in den preuhischen m—mim hänfi starke Anklänge an diejenigen Auffassungen länden.. die der 
Votschafter der französischen Regierung als die der preuhischen vortrage. Auch G 6 lelbst 
wollte derartige Wahrnehmungen gemacht haben; so hätten sich in der „Kölnischen nleloh 
wiederholt aus Verlin datierte Artikel gefunden, die einer Analye leiner eigenen Berichte und 
der Bismarckschen Erlasse ähnlich jähen; es müsse also entweder wohl ein übertriebener sub- 
alterner Diensteifer oder ein Verrat des Dienstgebeimnisses vorliegen. Unter diesen Umständen 
wollte es Goltz begreiflich finden, daß die franjösische Regierung an eine sehr ausgedehnte Be- 
elnflussung der Presse in Preuhen glaubte. 
Vertraulich. Berlin, den 19. Dezember 1867. 
In dem gefälligen vertraulichen Bericht Mr. 402 vom 13. d. M. entwickeln Ew. pp. 
die Gründe, weshalb die französische Regierung notwendigerweise an eine viel ausgedehn- 
tere Beeinflussung der preußischen Blätter von seiten der Königlichen Regierung glauben 
müsse, als dies nach meinen Mitteilungen der Sall sei. Ich kann Ew. pp. nur wiederholt 
ersuchen, dieser irrigen Auffassung entschieden entgegenmtreten und dazu jede Ihnen dar- 
gebotene Veranlassung zu benutzen. Eine solche lag in den Außerungen des Marquis 
de Moustier, welche den Vorwurf der ungünstigeren Haltung Preußens nicht nur durch die 
Berichte Herrn von Benedettis, sondern durch die offiziöse preußische Dresse 
motivieren wollten, doch unzweifelbaft vor, welche Blätter oder Korrespondenzen Herr 
von MWoustier auch gemeint haben möchte; und ich glaube, daß schon die einfache Bitte, 
Ihnen diese offiziösen Blätter zu bezeichnen, ihn in einige Verlegenheit und Sie jelbst in 
den Stand gesetzt haben würde, ihm das Errtümliche seiner Auffassung in betreff der angeb- 
lichen ISnspirationen der Presse in Preußen nachzuweisen. 
Was die von Ew. pp. speziell angeführten Artikel in der „Kölnischen Seitung“ unter 
Berlin 3# betrifft, welche „einer Analuse Ihrer Berichte und meiner Erlasse äbnlich seben“, 
so ist der hinter jenem Seichen sich verbergende Korrespondent Dr. Irendorf wohl bekannt, 
und ich kann Sw. pp. nur wiederholt versichern, daß derselbe in keinerlei Beziehungen m 
der Königlichen Regierung steht, niemals Injpirationen oder auch nur Mitteilungen von
        <pb n="198" />
        184 Goltz' mangelnde Vertrautheit mit der preußischen Presse. 
bier empfängt und der Regierung in jeder Beziehung vollständig fremd, früher sogar wieder- 
bolt polizeilich überwacht worden ist. Soviel bekannt, scheint er vielmehr Beziehungen zur 
französischen Botschaft und etwa zur belgischen Gesandtschaft u haben. Es kann also bei 
der Entstehung dieser Artikel kein subalterner Diensteifer und, wie ich fest vertraue, kein 
Verrat des Dienstgeheimnisses mit im Spiele sein. Derselbe würde, wenn er überhaupt statt- 
fände, sich nicht durch Mittheilungen compromittiren, die nur ephemeren Wertb für Tages- 
blätter haben:. 
In Bejug auf die Benutzung der eingehenden Depeschen für die ÖOffentlichkeit bemerke 
ich, daß eine solche wohl in betreff von Latsachen stattfindet, welche die Berichte ent- 
halten, und deren Benutzung, soweit sie unschädlich scheint, nach Urtheil des betreffenden 
Dercernenten der Preßstelle des innern AMinisteriums überlassen wird:, daß aber Urteile und 
Bäsonnements über schwebende Fragen oder Entwicklung und Darlegung der Situation oder 
der dortigen Zustände von der Benutzung für die Publizität ausgeschlossen sind, ulnd) daß 
ich persönlich überhaupt keine Seit habe, von diesen Dingen ARotiz m nehmens. 
Aus der Bemerkung am Schlusse Shres Berichts, „daß man der französischen Presse 
die Gerechtigkeit widerfahren lassen müsse, daß ihr Ton taktvoller und böflicher sei als der 
der preußischen Presse“, darf ich vielleicht schließen, daß Ew. pp. neben der Ihnen zunächst 
liegenden Aotwendigkeit, von der französischen Presse Kenntnis m nehmen, nicht die Seit 
finden, der preußischen Presse eingebende Beachtung m schenken; Ew. pp. würden sich sonst 
bei einem Vergleich sehr bald in der Lage finden, diese Bemerkung umzukehren und der 
preuhischen Presse, welche nur den französischen Provokationen gegenüber gelegentlich zu 
einer beftigeren Sprache sich hinreißen läßt, die Anerkennung einer maßvollen Haltung 
im Vergleich mit den unwürdigen Ausfällen der französischen Presse zu zollen, deren 
beleidigender Con nur durch die Gewöhnung an denselben in Paris weniger auffallend er- 
scheint, ulnd) deren Herausforderungen von dem Standpunkte der angebornen französischen 
# vielleicht berechtigter erscheinen mögen als eine bescheidne Abwehr deutscher 
lätter“. 
*997. Erlaß an den Botschafter in Paris Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Vertraulich. Berlin, den 19. Dezember 1867. 
Ew. pp. bemerken in dem gefälligen Berichte Ar. 403 vom 14. d. M., daß bei der am 
11. d. M. abends von bier abgegangenen Kuriersendung Ihre Berichte vom 8. und 9. ej. 
mir noch nicht vorgelegen m haben schienen, obgleich dieselben Shrer Rechnung nach am 
11. morgens hätten hier eintreffen müssen. Letzteres ist allerdings der Sall gewesen; Ew. 
pp. werden es aber begreiflich finden, daß selbst bei einer gewöhnlichen Depeschensendung 
1 Der Satz eigenhändiger Jusatz Vismarcks. 
2 Der weite Nelativlatz eigenbändiger Einschub Bismarcks. 
* Der Schluh des Satzes von den Worten an: „und daß ich persönlich .“ eigenbändige Ergänzung 
Bismarches. , 
· Der letzte Relativsatz eigenbändiger Zusatz Bismarcks, der erste Nelativsatz durch seine eigenhändigen 
Korrekturen boftinnnt.
        <pb n="199" />
        Goltz' Berichte kein Anlaß zu einer Anderung der preuhischen Politik. 185 
der Seitraum eines halben Tages nicht hinreicht für alle Stadien der Kenntnisnahme für 
mich und für die betreffenden ARäte, für deren Vortrag bei mir, für meinen eigenen bei 
Seiner Majestät dem Könige und die Ausfertigung der Depesche für Ew. pp. — geschweige 
denn, wenn die eingehenden Depeschen von Ew. pp., wie sie es am 11. d. M. taten, einen 
Umfang von 38 jiemlich eng geschriebenen Seiten erreichen. Die letzte am 16. eingegangene 
Sendung umfaßte 41 Seiten; und wenn auch natürlicher Weise in diesem Augenblick die 
NResidenzen der anderen Großmächte nicht so reichen und so wichtigen Stoff für die Bericht- 
erstattung darbieten wie Paris, so wollen doch auch die von dort kommenden Berichte 
gelesen und bearbeitet sein; und es ist natürlich, daß gerade der Reichtum des dargebotenen 
Stoffs die Beschleunigung der Benutzung und Bearbeitung erschwert. Ich werde mich 
unter solchen Umständen öfter genötigt sehen, für Seine Majestät den König Auszüge aus 
den Berichten machen m lassen, um allerhöchstdessen Seit nicht übermäßig in Anjpruch zu 
nehmen und ihm die Übersicht nicht unmöglich zu machen. 
Die am 11. d. M. an Ew. pp. abgegangenen Erlasset waren allerdings bereits aus- 
gefertigt und hatten die allerhöchste Genehmigung erhalten, als Ihre Depeschen vom 8. 
und 9. eingingen; es blieb mir vor dem Abgange nur die Möglichkeit einer raschen Durch- 
sicht der letzteren, um zu beurteilen, ob dieselben etwos enthielten, das von Einfluß auf 
unsere Haltung sein konnte. Nach gewonnener Uberjeugung, daß der Indbalt der Berichte 
Ew. pp. m einer Anderung des diesseitigen Standpunktes keinen Anlaß bot, erfolgte die 
Absendung der Expediton-. 
Die Situation, wie Ew. pp. sie in den erwähnten Berichten und in Shrem neueren vom 
14. d. M. zeichnen und sie namentlich durch den Gegensatz zwischen den beiden Reden des 
Marquis de Moustier und des Staatsministers Rouber charakterisieren, lag bereits damals 
vor. Die näheren Mitteilungen, welche Cw. pp. über die Entstehung wie über den Eindruck 
der Rouherschen Rede und über die Motive, welche die Kaiserliche Regierung bei dieser 
Wendung ihrer Politik geleitet haben, sowie die Solgerungen, welche Ew. pp. daran 
knüpfen, sind mir von wesentlichem Interesse und von großer Wichtigkeit gewesen; aber sie 
haben auch Ew. pp. im wesentlichen zu keinem anderen Ergebnis in Bezug auf die von uns 
einzunehmende Haltung geführt, als dasjenige ist, was ich in meinem Erlaß NAr. 8737 
niedergelegt hatte. Ob die französische Regierung, nachdem sie einmal durch das Auftreten. 
Nouhers dem klerikalen Drängen und der Stimmung der Maojorität nachgegeben, sich m 
weiteren Konzessionen in dieser Richtung fortziehen lassen (Bericht Nr. 394 vom 8. Dezember), 
oder ob sie suchen wird, sich von der unter diesem Druck eingenommenen Stellung wieder zu 
entfernen (Bericht Ar. 400 vom 14. Dezember), lassen Ew. pp. lelbst noch dahingestellt sein; 
jedenfalls hat sich ihre Politik seit JSahr und Tag, und besonders in dieser ganzen Phase 
zu schwankend und inkonsequent gezeigt, als daß wir Vertrauen zur Verständigung mit ihr 
über ein bestimmtes Drogramm gewinnen könnten. Uns bleibt nur übrig, an der reser- 
vierten und abwartenden Stellung, die wir eingenommen haben, ferner festzuholten, jedoch 
in durchaus freundschaftlicher Gesinnung und mit Vermeidung jeder Ausslprache, welche. 
verleczen oder unsere Verhältnisse stören könnte. 
1 Siehe Ar. 983, 984, 985. 
* Der Satz beruht auf eigenhöndiger Korrektur Bismarcks. 
? Jdentisch mit Nr. 963.
        <pb n="200" />
        186 Bismarck gegen ZSuzjiehung des spanischen Botschafters zur Vorkonferenj. 
*998. Erlaß an den Botschafter in Paris Grafen von der Goltz. 
( Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.) 
Vertraulich. Berlin, den 20. Dezember 1867. 
Ew. pp. haben in dem gefälligen Bericht Ar. 404 vom 14. d. M. den von Shnen 
gemachten Vorschlag-, m den vertraulichen Vorbesprechungen über die römische Angelegen- 
beit auch den spanischen Botschafter zuzuziehen, hauptsächlich dadurch motiviert, daß diese 
Macht mit mehr als 17 Millionen katholischer Untertanen von einer definitiven 
Lösung der römischen Grage doch nicht ausgeschlossen werden könne, und daß zugleich die 
Teilnahme eines beinabe mit dem päpstlichen Standpunkt sich identifizierenden „Sekun- 
danten des ARuntius“ den nichtkatholischen Mächten ihre Bekämpfung des extremen päpft- 
lichen Standpunkts erleichtert und Frankreich eine den allgemeinen Interessen entsprechende 
mittlere Stellung gegeben haben würde. Ich kann diese Auffasfsung nicht teilen. 
Von einer definitiven Löfung der römischen Srage ist überall bei den Vorbesprechungen 
nicht die Rede; gsondern diese haben nur zum Sweck, klarzustellen, ob zunächst die Groß- 
mächte zu einer Verständigung untereinander und mit den beiden direkt beteiligten Parteien 
gelangen können. Daß dabei die Teilnahme einer anderen den extremsten Ansichten hul- 
digenden Macht, abgeseben davon, daß sie durch gar nichts motiviert ist, nur hinderlich sein 
könnte, scheint mir unzweifelhaft zu sein. Was für ein Interesse Preußen ferner daran 
haben könnte, daß Grankreich eine mittlere ulnd] durch das noch dabinter liegende Gewicht 
der weitergebenden Bestrebungen Spaniens wesentlich verstärktes Stellung einnehme, und 
daß das in der NRede des Herrn Rouher bervorgetretene Drogramm, welches überall als 
stark päpstlich aufgefaßt worden, als eine mäßige und billige Sorderung gegenüber den 
römischen und spanischen Anfprüchen erscheine, vermag ich in der Tat nicht einzusehen; im 
Gegenteil würden wir meines ECrachtens nur in eine schwierigere Stellung dadurch gebracht 
werden. 
Jedenfalls könnte es nicht unfere Aufgabe sein, die Teilnahme einer Macht wie 
Spanien an den Besprechungen zu provozieren; und es würde mich in der Tat in Verlegen- 
beit setzen, wenn es bekannt werden follte, daß ein solcher Vorschlag von Preußen aus- 
gegangen wäre. Ich würde nicht wissen, wie ich ihn rechtfertigen oder erklären sollte“. Sch 
bedaure daher, daß Ew. pp. diesem Gedanken dem französischen Minister gegenüber, wenn 
auch nur gesprächsweise, Ausdruck gegeben haben, ohne sich vorher vergewissert zu haben, 
daß derselbe die Billigung Seiner Majestät des Königs unferes allergnädigsten Herrn findes; 
ulnd) ich muß mich im Snteresse der notbwendigen Einbeit der preußischen Politik auf das 
Bestimmteste dagegen verwahren, daß solche außerhalb des Rahmens derselben liegenden 
Anregungen von Ew. pp. ausgehn, ohne daß ich zuvor Gelegenbeit gehabt hätte, die Be- 
feble Sleinelr Mlajestät] des Klönigs] darüber einzuholen. 
1 Das Konzept trägt den Vermerk von der Hand Dismarckes: „Vlon] Sleinelr Mlajestät! genlebmigt]". 
* Val. NAr. 984. 
* Die Worte: „ulnd) durch das noch dabinter liegende Gewicht ...“ eigenhändiger Einschub Bismarcks. 
DeSatz eigenbändiger Jusat Bismarcks. 
* Der Aest dos Erlasses eigenböndiger Zusatz Blemarcks.
        <pb n="201" />
        Gurückhaltung Preußens gegenüber den französischen Vorschlägen vom 12. Dezember. 187 
*999. Erlaß an den Botschafter in Darls Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Nats Abeken.] 
Berlin, den 20. Dezember 1867. 
Ew. pp. babe ich in meinem Erlaß Ar. 579 vom 15. d. M. Kenntnis von der Unter- 
redung gegeben, in welcher Herr Benedetti mir die Eröffnung des französischen Kabinetts 
in betreff der vertraulichen Besprechungen der Großmächte über die römische Frage, welche 
Sw. pp. mir bereits in Aussicht gestellt hatten, gemacht hat; und habe Ihnen zugleich den 
Auszug aus der Depesche des Marquis de Moustier übersandt, welchen Herr Benedetti 
mir vertraulich mitgeteilt hatte. 
Ich mußte mir damals vorbehalten, die Befehle Seiner Majestät des Königs über 
diese Mitteilung einzuholen; nachdem dies geschehen, bin ich nunmehr in der Lage, Sw. pp. 
folgendes zu eröffnen: 
Seine Majestät tragen Bedenken, sich definitiv über den französischen Vorschlag aus- 
msprechen, ohne zuvor zu wissen, wie derselbe bei den anderen Mächten aufgenommen wird. 
Die Kaiserlich Sranzösische Regierung hat durch die Erklärungen, welche sie im Corps 
Igislatif durch den Mund des Staatsministers hat abgeben lassen, einen bestimmten und 
eigentümlichen Standpunkt eingenommen, von dem wir voraussetzen müssen, daß sie den- 
selben auch den Vorbesprechungen zugrunde legen und geltend machen werde. Außland 
und England dagegen haben mit uns eine freiere Stellung der schwebenden Grage gegen- 
über ulnd) erhebliche Analogien der confessionellen Situation gemein’. Wir wissen nicht, 
wie dieselben die durch jene Erklärungen veränderte Situation auffassen, und ob die früher 
vertraulich geäußerte Bereitwilligkkeit zu solchen Besprechungen noch vorhanden ist. Seine 
Mojestät der König können daher nicht wünschen, vor einer Verständigung mit denselben 
einen Entschluß zu fassen. 
Aus den französischen Mitteilungen gebt nicht hervor, ob das Kaiserliche Kabinett 
seinen Vorschlag bereits in entsprechender Form an die Kabinette von St. Petersburg und 
London hat gelangen lassen. Aus der Ew. pp. mit meinem Erlasse Tr. 585 vom 15. d. M.= 
mitgeteilten Aotiz des Herrn von Oubril werden Ew. pp. entnommen baben, daß der Vor- 
schlag durch Herrn von Budberg zur Kenntnis des Sürsten Gortschakktow gebracht worden, 
und welche Bemerkungen der letztere darüber vorläufig an Herrn von Talleyrand gerichtet 
hat. Nach einer beutigen gelegentlichen Außerung des Herrn von Oubril scheint es faft. 
daß seitdem auch eine direkte französische Cröffnung nach St. Petersburg gelangt, aber noch 
keine Rückäußerung darauf erfolgt ist. Aus London liegt uns gar keine Mitteilung über 
einen dorthin gelangten Vorschlag vor. 
Wenn wir mit Bestimmtheit annehmen dürften, daß das Kabinett der Tuilerien beide 
Orte bereits offiziell von seinem Vorschlage in Kenntnis gesetzt habe, so würden wir in der 
Lage sein, eine Berständigung mit denselben sofort einzuleiten. 
1 Siebe VAr. 20. 
2 Der Sat berubt auf eigenbändiger Korrektur Bismarcks. 
* Siche Ar. 991.
        <pb n="202" />
        188 Begründung der preuhischen Jurückhaltung. 
Im Sweifel darüber glauben wir uns indes enthalten m müssen, den an uns gelangten 
Vorschlag mit den anderen beiden Mächten zu diskutieren, ohne der Zustimmung des Kaiser- 
lichen Kabinetts bierm gewiß m sein. 
Auf Befehl Seiner Majestät habe ich Ew. pp. daher ergebenst zu ersuchen, sich in 
diesem Sinne gegen den Marquis de Moustier auszusprechen. 
*1000. Erlaß an den Botschafter in Daris Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken.] 
Vertraulich. Berlin, den 20. Dejember 1867. 
Ew. pp. habe ich in meinem beutigen Erlaß Ar. 597 mitzuteilen mich beehrt, in welcher 
Weise Seine Maojestät der König befiehlt, daß Ew. pp. sich vorläufig gegen den Marquis 
de Moustier über die durch Herrn Benedetti bierber gelangte französische Eröffnung aus- 
Iprechen. 
Sw. pp. werden es begreiflich finden, daß wir es vermeiden müssen, einerseits vielleicht 
entschiedener als die anderen Aächte uns gegen die von Grankreich eingenommene Stellung 
und die Wünsche des Kaiserlichen Kabinetts auszusprechen, andererseits unsere Haltung 
von der der ersteren zu trennen. 
Nach allen bisherigen Außerungen aus St. Petersburg und London dürfen wir mit 
Sicherheit annehmen, daß weder Außland noch England geneigt sein werden, sich mit dem 
Eintritt in die vertraulichen Besprechungen zugleich für die Konferenz, deren Verwirk- 
lichung erst von dem Ergebnis dieser Besprechungen abhängt, zu binden. Daß dies für 
uns ebenso unmöglich ist, baben Ew. pp. aus meinen bisherigen Alitteilungen ersehen. Wir 
müssen aber wünschen, uns vorber darüber zu vergewissern, daß von allen Seiten die gleiche 
Sprache geführt werde, und daß wir nicht mit unserer Außerung — wie es die Absicht des 
Kaiserlichen Kabinetts zu sein scheint, und wie Ew. pp. selbst es in öhren Berichten mit 
Recht als nicht wünschenswert bezeichnet haben — in die erste Linie gedrängt werden. 
Ich darf daher Ew. pp. ergebenft ersuchen, sich in Ihren Außerungen gegen den 
Kaiserlichen Minister zunächst auf die in meinem angezogenen Erlasse dargelegten Erwä- 
gungen zu beschränken. 
In meinen Mitteilungen aus der letzten Zeit finden Ew. pp. binreichend Anhalts- 
punkte, um bei etwaigen Unterredungen mit dem Minister sowohl den preußischen Stand- 
punkt nicht verrücken zu lassen als auch unsere Haltung zu rechtfertigen und mit den freund- 
schaftlichen Beziehungen zu Frankreich, welche wir zu wahren wünschen, in Einklang zu 
halten. Wie sehr es Seiner Majestät dem Könige darauf ankommt, daß alle unsere 
Außerungen den Charakter des möglichst freundschaftlichen und wohlwollenden Entgegen- 
kommens tragen, und daß mehr die Bereitwilligkeit zu vertraulichen Besprechungen als 
die Ablehnung der vorgängigen Zustimmung zur Konferenz in den Vordergrund trete, — 
bedarf für Ew. pp. nicht erst der Bemerkung. 
Wir würden es für zweckmäßiger gehalten haben, wenn der franzölische Minister die 
Einladung m den Besprechungen nicht an die Zustimmung zur Konferen; geknüpft, sondern 
einfach die vertraulichen Besprechungen, durch welche, wie wir glauben, alle Mächte geneigt 
Siebe Ar. 99.
        <pb n="203" />
        Haltung Englands und Ruhlands gegenüber den franjösischen Vorschlägen. 189 
gewesen sein würden, dem Kaiser zu Hilfe zu kommen, vorgeschlagen hätte. Wir hätten in 
letzterem Falle uns mit einer bereitwilligen Susage begnügen können, statt daß wir jetzt 
voraussichtlich nicht umhin können werden, derselben eine ausweichende Erklärung auf die 
Forderung der definitiven Feststellung der Konferenz hinzuzufügen. 
Einem Versuch aber, uns in dieser Srage von Rußland und England zu trennen, 
können wir uns nicht hingeben, aus Gründen, welche ich Ew. pp. wiederholt entwickelt 
habe, und welche von Ew. pp. selbst gewürdigt worden sind. In dieser Beziehung kann ich 
daher Sw. pp. nur die größte Behutsamkeit und Zurückhaltung empfeblen. 
Sobald die Beteiligung der anderen Mächte an den Besprechungen geslichert ist, wird 
unsere Zustimmung zu denjelben jedenfalls nicht feblen. 
*1001. Telegramm an den Botschafter in London 
Grafen von Bernstorff. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Berlin, den 22. Dezember 1867. 
Marquis de Moustier behauptet gegen Graf Goltz, seine Nachrichten über Lord 
Stanleus Außerungen gegen den französischen Botschafter in der Konferenzfrage lauteten 
viel günfstiger als die von Ew. pp. bierher gemeldeten. Die öffentlichen Außerungen 
Lord Stanleys im PHarlamente lassen mir dieß nicht glaublich erscheinen, ulnd] ich benachrichtige 
Ew. pp. nur davon, um die Fortsetzung des französlischen) Sustems der Täuschung jeder 
Regirung über die Absichten der andern m kennzeichnen. Wir verharren bei der uns, 
England ulnd) Rußland bisher gemeinfamen Auffassung“. 
*1002. Erlaß an den Botschafter in Darls Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.)] 
Berlin, den 23. Dezember 1867. 
Herr von Oubril hat mir mitgeteilt, daß Srankreich jetzt in St. Petersburg dieselbe 
Eröffnung gemacht habe, in betreff der Vorbesprechungen in Berbindung mit der Aussicht 
auf die Konferenz, wie Herr Benedetti biert; Fürst Gortschakow habe sie mit denselben 
Bemerkungen entgegengenommen wie die frübhere Meldung darüber durch Baron von 
Budberg, in ablehnender Weise. 
Baron Budberg hat mir bei seiner Durchreise bier: gesagt, daß sein Vorschlag. 
Frankreich möge nun selbst die Initiative ergreifen, um die Konferenz auf eine gelegenere 
pätere Seit zu verschieben, in PDaris gar keinen Anklang gefunden habe, sondern daß man 
dort an der Konferenzidee mit monomaner Hartnäckigkeit festhalte. 
Nach Mitteilung von Lord Loftus hat Lord Stanlen ihm geschrieben, der französische 
Botschafter babe ihm die an Herrn Benedetti gerichtete Depesche vorgelesen. Dah Lord 
i EJ0* aroten. Sãte beruhen auf eigenhändigem Zulatz bz w. Korrektur Bismarcks. 
2 Der russsche, otschafter in Daris Baron Budberg weilte auf seiner Reise nach Detersburg am 
21. De#ember in Verlin, wo er eine eingehende Aussprache mit Bismarck hatte; ogl. Benedettis Boricht 
vom 22. Delember, Les Origines Diplomatiques, a. a. O., 535. is rich
        <pb n="204" />
        190 Benedettis unzuverlässige Berichterstattung. 
Stanley darauf nicht eingehn wird, dürfen wir nach Grlaf] Bernstlorffs) Berichten als 
zweifellos anjsehn . 
Wenn Marquis de Moustier behauptet, daß die Außerungen Lord Stanleus gegen 
La Tour d'Auvergne günstiger lauteten als die Ihnen von bier zugebenden Nachrichten, so 
beweisen die öffentlichen Außerungen Lord Stanleys im Parlamente, in Ubereinstimmung 
mit Graf Bernstorffs Meldungen, daß jene Behauptung falsch ist. 
*100 3. Erlaß an den Botschafter in Paris Grafen von der Goltz. 
[Kontfept von der Hand des Vortragenden ARats Abeken.] 
Durch den Austrag Bismarcks (ogl. Tr. 993), dem Kaiser A#poleon III. und dem Marquis 
Moustier „einige Vorsicht in der Aufnahme der Benedettischen Darstellungen nahezulegen“ und 
ibnen anjudeuten, daß er, Bismarck, Benedettis Mitteilungen nur noch einfach entgegennehmen 
und seine Crwiderungen durch Goltz an das französische Kabinett gelangen lassen werde, war 
Graf v. d. Goltz insofern in einige Verlegenheit gesetzt worden, als er seine wiederbolten An- 
gaben über die üble Wirkung dor Benedettischen Gerichterltatkung, vertraulichen Mitteilungen 
befreundeter Diplomaten verdankte. In einem Berichte vom 19. Dezember setzte er Bismarchk 
auseinander, daß und warum er nicht in der Lage sei, dessen Winke ausjuführen. In diesem 
Jusammendange fübhrte Goltz an, daß Benedetti trotz der an Deutlichkeit nichts übrig zu 
lassenden Eröffnungen, die Bismarcke dem Votschafter am 12. gemacht hatte, gerade in seinen 
Berichten über diese Unterredung, in der angeblich Bismarcke dem Botschafter weit entgegen- 
gekommen war (ogl. dasu Ar. 990, Anm. 2), eine lebhafte Befriedigung zur Schau getragen habe. 
Vertraulich. Berlin, den 23. Dezember 1867. 
Ew. pp. gefälliger Bericht Ar. Joo vom 10. d. M. hat mir von neuem gezjeigt, welche 
eigentümliche JFärbung meine Bejziehungen zu Herrn Benedetti auf dem Wege von bier 
nach Paris anzunehmen pflegen. Nach den Berichten des letzteren nimmt Herr von 
Moustier an, ich hätte mich „ihm gegenüber in der Konferenzfrage viel zuvorkommender 
gezeigt, als dies bisher der Sall gewesen“. Gerade das Gegenteil ist wahr. Sch habe mich 
Herrn Benedetti gegenüber sachlich gar nicht geäußert, sondern nur gesagt, ich bäte um 
schriftliche Mitteilung und würde, nachdem ich die Befehle Seiner Majestät eingeholt, 
durch Cw. pp. dieselben mitteilen lassen. Nach diesem Beispiele der Auslegungskunst kann 
es freilich kaum noch Wunder nehmen, wenn der Kaiserliche Herr Minister von den anderen 
großen Höfen fortwährend günstige Außerungen über die Konferenz bekommen will, 
während unsere Berichte das Gegenteil sagen. 
Ich bedaure übrigens, daß Ew. pp. sich nicht in der Lage geglaubt haben, dem Herrn 
Marquis de Moustier offen über die Haltung Herrn Benedettis und mein ihm gegenüber 
beabsichtigtes Verfahren zu sprechen und die unwahren Behauptungen über die ungünstigen 
Gesinnungen, welche die Königliche Regierung und namentlich ich persönlich gegen Srank- 
reich hegen gollte, dadurch zu widerlegen, daß Sie dieselben auf die „Leichtigkeit des Miß- 
verstehens mündlicher Außerungen“ mrückführten. Obgleich der Marquis de Moustier die 
fraglichen Außerungen nicht direkt Ew. pp. gegenüber getan, sondern dieselben Ihnen erst 
von anderer Seite vertraulich mitgeteilt worden waren, so glaubte ich doch, daß Ew. pp. 
aus dem Umstande, daß ich Ihnen darüber geschrieben, und daß, wie Ew. pp. lelbst an- 
führen, auch von anderen Kabinetten ähnliche Klagen mir Ugegangen, hinreichende Ver- 
anlalsung nehmen könnten, die Sache gegen den Marquis de Moustier zur Sprache zu 
2 Der Sat eigenhändiger Zusatz Bismarchs.
        <pb n="205" />
        Soltz Joll Moustier über Benedetti aufklären. 191 
bringen. Ew. pp. erwähnen am Schluß Ihres Berichts der Möglichkeit, diese Klagen zu 
widerlegen; diese Möglichkeit bietet sich für mich doch eben nur durch Ew. pp. gefällige 
Bermittlung bei dem französischen Minister darl Ohne daß ich daran dächte, über Herrn 
Benedetti direkte Beschwerde zu führen, muß ich doch wünschen, daß der Kajjerliche 
Minister über seine Haltung, über den Grad von Suverlässigkeit seiner Berichte nicht im 
unklaren sei. Es ist dies das einzige Mittel, um zu vermeiden, daß diese perfönlichen und 
individuellen Berhältnisse einen CEinfluß auf die sachlichen Beziehungen zwischen den beiden 
Ländern und Regierungen ausüben. Ein offenes Aussprechen über den wahren Charakter 
der Stellung des Botschafters ist schließlich auch für uns das einzige Mittel, um zu einem 
Urteil darüber zu gelangen, wieweit diese Haltung nur in seiner eigenen perfönlichen Ge- 
sinnung beruhe, oder wieweit sie der Auffassung seiner Regierung entspreche; und ob die 
Absichtlichkeit, mit der man uns und mir perfönlich feindliche Gesinnungen gegen Grankreich 
zuschreibt, wirklich nur durch Herrn Benedettis Berichte und Darstellungen verschuldet 
oder ob sie der Teil eines Spftemes ist, welches Ew. pp. zwar für dem Kaiser und seinen 
gegenwärtigen Organen noch fremd balten, das aber doch jedenfalls in den Tendenzen der- 
jenigen Partei liegt, welcher der Kaiser neuerdings durch die Reden im Corps lEgislatif Jo 
bedeutende Konzessionen gemacht hat. 
Wenn unsere bisher wirklich freundschaftliche Haltung in Paris nicht anerkannt, 
sondern ohne allen Grund in ihr Gegenteil verkehrt wird, so fällt schließlich für uns jedes 
Motiv zu gsolcher Haltung fort. Sch habe Ew. pp. dies schon in meinem Erlasse Mr. 563 
vom 5. d. M. angedeutet; und ich vermisse ungern jede Beziehung darauf in den Auße- 
rungen Ew. pp. — MWan wird sich in Paris doch klar machen müssen, daß unser Bestreben 
nach Erbaltung und Vermehrung der freundschaftlichen Beziehungen durch die Aufnahme 
bedingt wird, welche es findet. 
öch kann nicht umbin, noch einmal den Punkt in betreff der Mitteilung von Depeschens 
z berühren. n dieser Beziehung kann ich die Ansicht nicht teilen, daß dafür, so oft nicht 
eine bestimmte und solemnelle Mitteilung vorgeschrieben sei, die Srage oder der Wunsch des 
Ministers abzuwarten sei. Meiner diplomatischen Erfahrung entspricht dies nicht; und 
es scheint mir auch in der Matur der Sache und in den Regeln der gewöhnlichen Höflichkeit 
zu liegen, daß ich die Mittheilung eines nicht an mich gerichteten Briefes nicht beanspruche, 
so lange ich nicht weiß, ob meine Jorderung den Adressaten nicht in Verlegenbeit setzt. Die 
Ablehnung derselben würde dem Gordernden jedenfalls u Vermuthungen über den Inhalt, 
den Ton ulnd] die Tendenz des Actenstückes, welches nicht gezeigt werden kann, Anlaß 
gebens. Die Vertreter der Regierungen im Auslande pflegen nicht ohne Direktion gelassen 
zu werden, ob die Depesche zur Mitteilung geeignet ist oder nicht, und wo dies etwa nur 
auf ausdrücklichen Wunsch gescheben soll, pflegt auch dies nicht unbemerkt zu bleiben. Ob 
der betreffende Minister einen solchen Wunsch aussprechen soll, wird ihm in den meisten 
Fällen zweifelbaft sein; dagegen wird er immer ein Aecht haben zu erwarten, daß die zur 
Mitteilung bestimmten Schriftstückee ihm auch ohne seine Anfrage mitgeteilt oder daß ihm 
wenigstens eine Andeutung geboten werde, diese Anfrage auszusprechen. Sch werde für den 
diesleitigen Dienst diese Regel als die allein schicklliche auch ferner beobachten“. 
1 Siehe Vr. 
n * ’i-i 6 
»Die beiden letzten 8# ndiger Korreit. at Biemarcks. 
Der letzte Satz —— zutef Vigrab iger Korrektur bew.
        <pb n="206" />
        192 Bismarck, Goltz und Bayerns Führerschaft in Süddeutschland. 
* 1004. Erlaß an den Botschafter in Paris Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Bats Abeken.] 
Berlin, den 25. Dezember 1867. 
Aus SEw. pp. gefälligem Berichte Ar. 408 vom 18. d. M. ist es mir angenehm zu 
ersehen, daß Ew. pp. den Gedanken einer Vertretung Süddeutschlands auf der Konferenz 
durch Bauern dort nicht zur Sprache gebracht hatten, und daß auch Shre perfönliche Auf- 
fassung diesem Modus nicht günstig gewesen war. Wenn Ew. pp. aber annehmen, daß der- 
selbe „mehr in der Konsequen; des von mir von jeher verfolgten, auf eine Sührerschaft 
Bayerns in Süddeutschland abzielenden Suystems liege“, so glaube ich das dabei zugrunde 
liegende Mißverständnis leicht berichtigen zu können, wenn ich an die Verschiedenheit der 
Cpochen vor und nach dem Kriege erinnere. Vor dem Kriege und solange die Haltung 
Bauerns noch unentschieden war, lag der Versuch, diesen Staat, der im Kriege schwerer ins 
Gewicht fallen Konnte, als es wirklich geschah", durch die Aussicht auf eine solche Stellung 
für uns zu gewinnen, durchaus in der Vichtung unserer Politik. Anders liegt aber die 
Sache, nachdem Bayuern sich im entscheidenden Augenblick auf die Seite unserer Gegner 
gestellt, und nachdem durch die Wendung der Dinge das nationale, auf die Einigung 
Deutschlands binstrebende Gefühl einen so mächtigen Aufschwung genommen hat. Ich 
will zwar auch jetzt nicht behaupten, daß eine gewisse Führerschaft Bayerns in Süd- 
deutschland unferen Interessen absolut widerspräche, und daß wir derselben positiv entgegen- 
treten müßten, wenn sie von den anderen süddeutschen Staaten gewünscht oder willig 
akzeptiert ulnd) von der nationalen öffentlichen Meinung gutgebeißen würdes. Von letzterem 
At aber gerade das Gegenteil der Sall; und wenn wir die in Bagern dazu vorhandenen 
Tendenzen, welche von den klareren Köpfen dort selbst als unausführbar betrachtet werden, 
begünfstigen und fördern wollten, so würden wir die anderen süddeutschen Staaten opfern 
und uns zu Seinden machen". Wir brauchen Bayerns Sührung in Süddeutschland nicht zu 
bekämpfen, wir können den inneren, in der Natur der Sache und der Eifersucht der Re- 
gierungen liegenden Schwierigkeiten die Aufgabe überlassens. Wollten wir uns aber offen 
dafür aussprechen und durch den Vorschlag einer Vertretung Süddeutschlands auf der 
Konferen; durch Bayern gewissermaßen einen ersten Schritt zu seiner Realisierung tun, so 
würde man dies in ganz Deutschland als einen wirklichen Verzicht auf die nationale 
Idee auslegen, und unsere ganze deutsche Stellung würde dadurch gefährdet werden. 
Daß wir auf diesen nationalen Gedanken, auf die nationole Gemeinschaft mit Süd- 
deutschland niemals, auch bei den AMikolsburger Verbandlungen nicht, zu verzichten beab- 
sichtigten, ist Ew. pp. nicht unbekannt. Unsere ganze vorbereitende Aktion für die 
Krife des vorigen Jahres war auf diesen Gedanken basiert; und wenn Seine Majestät der 
König Sw. pp. damals auch in den nstruktionen für die Sormulierung der Außerungen 
bierüber eine gewisse Latitüde ließen, so lag dies in der Natur der Sache, dem vollen Ver- 
trauen, welches Seine Majestät auf Ew. pp. setzten, und der Ungewißbeit, wieviel sich ohne 
ernste Gefährdung der ganzen Errungenschaften erreichen lassen würde. 
b Pol- Wu—*3 im Kriege. teigenbändiger Einschub E vi s 
: D##r Leste 9 iisees 58 öI. n —“ inelen. reigehhändge Suat Ml- 
ũ Ba ü ben ulcht sein. » 
Bundkidætgw eilt-M beewågeitje kleinerer Korrekturen Bismarcks.
        <pb n="207" />
        Beust, Goltz und das „proviforische Definitioum“. 193 
Daß die Wendung, welche der Freiherr von Beust seinem Gespräche mit Ew. pp.“ 
gegeben, nicht, wie Ew. pp. am Schluß bres gefälligen Berichts vermuten, auf einem 
bloßen Mißverständnis des Grafen Tauffkirchen beruht, dürfte doch daraus hervorgehen, 
daß mir auch von anderen Seiten her Andeutungen über die Außerungen zugekommen sind, 
welche der Freiherr von Beuft auf seiner Rückreise von Paris in Bejug auf die Stellung 
Preußens zu dem Sedanken einer süddeutschen Konföderation getan hat, und über die 
Besorgnis, welche dadurch in jüddeutschen Kreisen hervorgerufen. Es dürfte jetzt für den 
Greiherrn von Werther schwierig sein, den Kaiserlich Ofterreichischen AReichskanzler zu 
offener Aussprache zu vermögen. Ich werde indes demfelben anbeimstellen, ob er eine 
Gelegenbeit dazu wahrnehmen kann', eine bedeutende Wirkung zur Beruhigung unferer 
süddeutschen Freunde glaube ich aber kaum davon erwarten zu dürfen. 
* 1005. Erlaß an den Gesandten in Wien Freiherrn von Werther. 
(Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.)] 
Berlin, den 25. Dezember 1867. 
Sw.pp. haben in Ihrem gefälligen Bericht Nr. 303 vom 12. v. M. mir mitgeteilt, 
daß der Kaiserlich Ofterreichische Reichskanzler Shnen gegenüber auch seines Gespräches 
mit dem Grafen Goltz erwähnt habe, worin letzterer ihm gesagt, er — Greiherr von Beust — 
scheine ein „provisorisches Definitioum“ im Auge zu haben. Aus einer mündlichen Mit- 
teilung des Grafen Tauffkirchen bei seiner Anwesenbeit in Berlin schien hervorzugeben, daß 
der Reichskanzler in jenem Gespräch mit Graf Goltz ein DProgramm dafür entwickelt habe, 
welches in der Bildung eines süddeutschen Bundes unter gleichzeitiger Entwicklung der 
Kompetenz des Sollparlaments bestünde. Aus ferneren uns aus Süddeutschland jzukommen- 
den Andeutungen war zu entnehmen, daß der Sreiherr von Beuft jenem Gespräch den An- 
schein einer Art von mündlicher Einleitung einer Berhandlung gegeben, um den süddeutschen 
Negierungen die Vorstellung zu erwecken, als sei Preuhen nicht abgeneigt, eine Snitiative 
zur Ausführung desselben zu nehmen. Es ist bierdurch einige Beunruhigung in süddeut- 
schen Kreisen entstanden. 
Graf Goltz dagegen hat mir erklärt, daß der Greiherr von Beuft ihm gegenüber durch- 
aus kein Programm entwickelt, sondern nur seinen Ausdruck des „provisorischen Defini- 
tivums“ als eine richtige Auffassung seines Gedankens akzeptiert, sich aber jeder Aus- 
führung über die Sorm, in welcher er sich die Realisierung deslelben denke, enthalten habe. 
Graf Goltz vermutet daher, daß Graf Tauffkirchen oder sonst jemand den österreichischen 
Reichskanzler, welcher Ihnen gegenüber das Gespräch vollkommen richtig dargestellt, ein- 
fach mißverstanden habe, und meint, daß sich dies durch eine perfönliche Befragung des 
Herrn von Beust durch Ew. pp. leicht konstatieren lassen werde. 
Zu einer direkten Anfrage an den letzteren finde ich nun allerdings die Angelegenheit 
nicht geeignet; glaube aber Ew. pp. anbeimstellen zu dürfen, wenn sich eine geeignete Ge- 
legenbeit dazu darbietet, auf das Gespräch mit Graf Goltz, welches ja der Freiherr von Beuft 
Ihnen gegenüber von selbst erwähnt hat, mrückzukkommen, und mit der Bemerkung, daß 
r- : Donn ims Oktober val. Nr. 945. 
boos.“ 1 u r. 13 
VIa 13
        <pb n="208" />
        194 Serbische Wünsche nach preuhischen Gewehren. 
von demselben auch in anderen Kreisen Notiz genommen zu sein scheine, eine nähere Wit- 
teilung über den Inbalt desfselben und namentlich über die Frage, wie weit darin der 
Aeichskanzler sein Programm entwickelt habe, bervorzurufen-. 
*1006. Telegramm an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
[Cigenbändiges Konzept.] 
entrale in seinen Sesprächen mit den jer- 
v. ... . 
insekae-IunddieibrzugrundeliegendenödeealchoazudecjenigenAeifegediehealeiea,diedek 
Verfasser der Denkschrift annehme. Immerbin wies der Erlaß auf die große Wichtigkeit hin, 
welche diese Angelegenbeit möglicherweise über kur; oder lang gewinnen könnte. In der Tat 
lieh es sich an, als ob sich die Dinge im Orient rasch zu einer Krife ziasschen! ÖOsterreich, das im 
Einverständnis mit Srankreich in Bosnien eine natürliche Kompensation für leine Gurückwerfung 
aus Deutschland suchte, und Ruhland zuspitzen könnten. Angesichts des bisberigen augenschein- 
lichen Susammengebes zwischen Srankreich und Österreich, das seine Spitze gegen Preuhens 
deutsche olitik richtete, hatie Bismarck allen Anlaß, die Bejiehungen zu den Staaten zu schonen 
und m pflegen, die die natürlichen Gegenlpieler Österreichs und Frankreichs in der orientalischen 
Frage waren, also zu Rußland, Aumänien und Serbien. Unter diesen Umständen kam er zu Beginn 
des Jahres is68 auch auf die bisber ignorierten lerbischen Wünfche zurück. 
Berlin, den 3. Januar 1868. 
Serbische Regirung hat vor einiger ZSeit Wunsch geäußert, 60 ooo Percufjsions= 
Gewehre von uns zu kaufen. Wir haben sie übrig, sind nicht abgeneigt, möchten aber vor- 
ber vertraulich ermitteln, ob Rußland ein golches Geschäft im Augenblicke auf Grund 
bellerer Kenntniß der einschlagenden Verhältnisse für unerwünscht halten könnte. 
1007. IZmmedsatberccht. 
[Ausfertigung.] 
Verlin, den 6. Januar 1868. 
Euerer Königlichen Majestät wird es Allerhöchstselbst nicht entgangen sein, daß und in 
welcher Weise die demokratische Partei den gegenwärtigen in der Provinz Preußen herr- 
: Am §. Januar jeigte Freiberr v. Werther die Ausführung des Auftrags an. Sreiberr v. Beust 
bötte danach von neuem bestätigt, „daß er über Ausführung seines Gedankens eines proviforischen Defini- 
tivums damals — in dem Gespräch mit Goltnz vom 28. ktober — kein Programm aufgestellt und sich 
dozu gar nicht veranlaht sehen könne“. 4 
1007. Die Aussertigung trägt die eigenhändige Aondbemertrung König Wilhelms I.: „Da mir diese Ein- 
gangs erwähnten Wahrnehmungen beute gänzlich undekannt blieben, so muß um so mehr m den 
vorgeschlagenen Maasregeln geschritten werden. Warum ist ober der Getreide-Ausfuhr nicht Einbalt getban, 
als man O43 Noth —2 sab, was doch weit früber als die Einstellung der chiffahrt der del war# 
Wilbelm. 7
        <pb n="209" />
        Der Notstand in Ostpreußen und die Mittel zu seiner Abbilfe. 195 
schenden Rotstand“ für ihre Swecke auszubeuten sich bemüht, und daß sie dabei namentlich 
m dem Wittel greift, den Notstand jelbst in den grellsten Farben m schildern und die Alaß- 
regeln der Regierung als unzweckmäßig und unzureichend darzustellen. 
Nach dem, was mir auf außeramtlichem Wege bekannt geworden ist, könnte man die 
Annahme für berechtigt halten, daß die Schilderung vielfach übertrieben ist, und daß, wenn 
auch der Votstand in einzelnen Gegenden eine ungewöhnliche Höbe erreichen mag, dies 
doch nach den Gegenden und Kreisen wesentlich verschieden ist. Wöglich bleibt dabei 
dennoch, daß stellenweise die Not das hier vorausgesetzte Maß überschreitet, und 
namentlich habe ich kein volles Vertrauen zu den Antworten, die ich amtlich auf meine 
Erkundigungen über die vorhandenen Getreidebestände und deren Verteilung über das 
Land erhalten habe. Es scheint, daß aus den ostpreußischen Häfen bis zum Schlufse der 
Schiffahrt Getreide ausgeführt wurde; die Marktpreise für Roggen steben in den größeren 
Städten der Provinz niedriger als in Berlin und in Dommern. Deshalb kann doch das 
Brotkorn in einzelnen Kreisen des Binnenlandes feblen?. 
Zu meinem Bedauern haben sich indes die amtlichen Organe der Staatsverwaltung 
bisher als unzureichend erwiesen, den tatsächlichen Gustand im Detail genau und zweifel- 
los festzustellen, und erlaube ich mir deshalb Suere Königliche Majestät alleruntertänigst zu 
bitten, daß Allerhöchstdieselben geruben wollen, das Auskunftsmittel zu genehmigen, zu 
welchem Cuerer Königlichen Majestät erhabener Vorfahr GSriedrich der Große in analogen 
Sällen zu greifen pflegte: nämlich der Sivilverwaltung durch die Organe der Militärverwal-- 
tung sekundieren zu lassen. 
Als brauchbare Organe der Militärverwaltung glaube ich für den vorliegenden Sweck 
außer den Intendanturbeamten alle älteste Offiziere jeder Garnison bejeichnen zu dürfen, 
und die Fragen, um deren präzise Beantwortung es sich handelt, würden etwa dahin m- 
sammenzufassen sein: 3 
1. Wie die Marktpreise von Voggen und Kartoffeln in jeder Garnison steben, und 
welches daselbst das Gewicht eines gewöhnlichen Viergroschenbrotes ist, und wie hoch 
diese Preise und dieses Gewicht in anderen Jahren waren“. 
2. Welche Zufuhr auf den Wochenmärkten stattfindet, und wie groß der äußerlich 
erkennbare Vorrat an Roggen und Kartoffeln im Kreise; welcher Unterschied im 
Einschnitt auf den nächstgelegenen Ritter- und Bauerngütern gegen sonst statt- 
gefunden hat? (oweit dem Offizier bekannt ohne weitere Erkundigungen)“. 
3. Ob sich unter der arbeitenden Bevölkerung einschließlich des kleinen Handwerker- 
standes besondere MAotstandserscheinungen bemerkbar gemacht haben. 
4. Welche Bemerkungen bezüglich des Rothstandes der Offizier an seine Angaben zu 
knüpfen bat (vacat, falls keine). 
2 Ugl. Ar. 928. 
w 2 Der Absatz eigenhändiger Zujsatz Bismarcks im Konzept von der Hand des Vortragenden Rats 
agner. 
Dunkt 1 berubt weitbin auf eigenen Sujätzen und Korrekturen Bismarcks im Konzept. 
* Dunkt 2 eigenhändiger Zusatz Bismarcks im Konzept. Die Worte: „soweit dem Offier 
eigenbändiger Susatz Bismarcks mit Bleistift in der Ausfertigung. 
des . Duget Fniebndiger Susatz Bismarcks mit Bleistift in der Ausfertigung, anscheinend auf Grund 
13•
        <pb n="210" />
        196 Budbergs irrige Behauptungen über preuhisch-französische Spannung. 
In welcher Weise die betreffenden Befehle zu erteilen und die entsprechenden Berichte 
zu erstatten sein dürften, darüber werde ich die Ebre haben, Euerer Königlichen Waojestät 
noch mündlichen Vortrag zu balten, falls Allerhöchstdieselben überbaupt auf den Gedanken 
einzugeben geruhen'. 
Mit dem gegenwärtigen alleruntertänigsten Berichte habe ich mir nur gestatten wollen, 
den beregten Gegenstand Cuerer Königlichen Majestät Allerhöchsteigener Erwägung vor- 
läufig ehrfurchtsvoll zu unterbreiten. 
Auszugsweise bei H. v. Polschinger, Aktenstückke zur Wirtschaftspolitik des Sürsten 
Bismarck, I, 102 f. 
1008. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Vach einem Dericht des Prinzen Reuß vom 31. Dejember 1867 hätte der russische Bot- 
Ichafter in Paris Baron Budberg, der leinen Weihnachtsurlaub in Petersburg verbrachte (ogl. 
Nr. 1002, Fuhnote 2) bier das DVerhältnis noischen Preußen und Srankreich als ein fehr ge- 
Ipanntes bingestellt. Die preußische Handlungsweise in der römischen Srage habe in Paris aufs 
äuherste erbittert, auch in der Einrichtung der Bundesgesandtschaften babe die französische Re- 
gierung eine unfreundliche Demonstration erblickken wollen. Baron Budberg, der übrigens auch 
in Verlin die Beobachtung gemacht haben wollte, dah man die kriegerische Auseinandersetzung 
mit Srankreich als eine doch unvermeidliche herbeisebne, schrieb es nur der fefsten und friedlichen 
Haltung des Kaisers Aapoleon III. m. „wenn nicht im nächsten Srühjahr der allgemein erwartete 
Krieg mit Preußen ausbräche“. 
Vertraulich. VBerlin, den 6. Januar 1868. 
Die von Ew. pp. in dem gefälligen vertraulichen Bericht Nr. 198 vom 31. v. M. 
gemeldeten Außerungen des Kaiserlich Aussischen Botschafters in Paris haben mich 
einigermaßen befremdet, da sie nicht mit der Sprache übereinstimmen, welche Baron Bud- 
berg bier bei seiner Durchreise: geführt hat. Sch babe diese Verhältnisse mit ihm besprochen, 
und er hat dabei keineswegs durchblicken lassen, daß er die Beziehungen zwischen Preußen 
und GSrankreich für gespannt und bedenklich oder auf einen nahen Krieg hinweisend erachte. 
7 Der letzte NDebensatz: „falls . ..“ eigenbändiger Jusatz Bismarcks im Konzept. 
* Bei Dolchinger findet sich noch eine Veihe weiterer Schreiben Bismarcks anläöhlich der Rotstands- 
froge und der Hebung wirtschaftlicher Intereslen. Hier gelangen nur diejenigen Schriftstückke um Wieder- 
abdruck, denen eine prinjipielle Bedeutung jukommt. 
1008. Der obige Erlah ist der einlige, der am 6. Januar an Aeuß abgegangen ist. Das muß bervor- 
geboben werden, weil nach einem Berichte des franfösischen Generalkonsuls in Frankfurt a. M. Vothan 
vom 13. Jonuar (Les Crigines Diplomatiques, XX, 197 s.) der preuhische Gesandte in Darmstadt v. Wentzel 
die Kopie eines anderweitigen von Bismarck am 6. Januar an AReuh gerichteten rlasses erbalten haben 
soll. in dem die schärffte Kritik an der gelsamten russischen Dolitik, spejiell auch bezüglich der baltischen 
Provinzen geübt und geradelm ausgesprochen wäre, dah die neuerliche rufsische Politik eine Gefahr für den 
Weltfrieden sei. Rotban wollte aus dem angeblichen Erlaß auf eine Abwendung Bismarckes von Außland 
und eine Hinwendung zu Frankreich schliehen. Seine Mitteilungen fanden bei Marquis Moustier Glauben. 
Immerbin fragte dieser am 21. Januar (a. a. O., XX, 240 s.) bei Benedetti an, ob und was er über die 
Exijtenj des fraglichen Dokuments in Crfahrung bringen könne. Benedetti gelangte erst Anfang Februar 
dazu, Bismarck auf dasselbe anjureden, und als der letztere ugab, bei Gortschakow Vorstellungen wegen 
der Haltung der rufsischen Presse erboben zu haben — es war dies jedoch erst am 31. Januar gescheben, liebe 
Nr. 1033 —, schrieb Venedetti am 7. Sebrua# (a. a. O., XX, 346 ss.) an Moustier: „La déepeche dont on 
vous a fait connaltre la substance, a étę positlvement adressée par M. de Bismarck au Prince de 
Keuss". Allerdings wollte Benedetti bezweiseln, dab der Erlah die Tragweite gebabt hade, die ihm von 
Notoon beigelegt worden war. Tatsächlich ist ein Erlah, der eine lo scharse Kritik an der rulischen Hole 
und gar in der Frage der Oltfeeprovinjen geübt bätte, weder am 6. Januar, noch sonst von Bisma der
        <pb n="211" />
        Was Bismarckt u Budberg gesagt hat. Nothans Sälschungen. 197 
Aus meinen Außerungen hat er dies ebenfalls nicht entnehmen können, indem ich von unferen 
Besiehungen zu GFrankreich nur in der freundschaftlichsten Weise gesprochen und ihm mit 
Bestimmtheit meine Hoffnung auf Erhaltung des Sriedens ausgedrüchet habe. Am aller- 
wenigsten ist ihm irgendein Anlaß zu der Auffassung gegeben, als wünschten wür den Aus- 
bruch des Krieges, und als hielten wir ihn für unvermeidlich. Ich habe ihm im Gegenteil 
gesagt, dah ich nicht an die Absicht des Krieges bei der französischen Regierung glaube, weil 
Grankreich dazu nicht gerüftet seie. Ich glaube in der Tat, daß Srankreich noch eine Reihe 
von Jahren bedürfen wird, um seine militärische Organisation auf einen Suß m bringen, 
der ihm Lust machen könnte, einen großen europäischen Krieg selbst m provosieren. Es 
konn in diesem Augenblick höchstens eine Armee von 300 000 Mann über die Grenze in 
einen auswärtigen Krieg werfen; diese Proportion würde uns selbst in unferen früheren 
Verhältnissen nicht als bedrohlich erschienen sein; und ich glaube nicht, daß der Kaiser sie 
für ausreichend hält, um den gegenwärtigen Berhältnissen gegenüber ohne Not oder Pro- 
vokation einen Krieg anzufangen. 
Von unserer Seite aber ist keine Aussicht, daß ihm eine PDrovokation geboten werde. 
Wir haben für den Augenblick erreicht, was wir bedürfen; und haben weder von Frank- 
reich etwas zu fordern noch die Absicht, in Deutschland in einer Weise vorzugeben, welche 
Frankreich irgendeinen Anlaß zur Beschwerde geben könne. 
Der rufsische Botschafter schien in diesen Gedankengang einzugeben und die Lage der 
Dinge nicht wesentlich anders aufmfassen. Ich konnte daher nicht erwarten, daß er in 
St. Petersburg in so verschiedenem Sinne sich äußern würde, ersuche Ew. pp. aber ergebensjt, 
die irrigen Bemerkungen über die hier in Berlin angeblich sich geltend machende Auffassung 
und Stimmung bei geeigneten Anlässen zu berichtigen. 
notorisch bezüglich der baltischen Srage eine fast ängstliche Gurückhaltung (ogl. Nr. 982) beobachtet hat, auch 
nur in S- gelogen worden 
n sich nun, wie Nothon zu seinen guslührlichen Aitteilungen über ein gar nicht existierendes 
Dokumens to mlich ist. so darf nicht außer acht bleiben, daß er annähernd zu gleicher Jeit. nämlich am 
11. Januar. Mouftier die Kopie eines angeblichen Bismarckschen Girkulars überlandt bat (Les Origines 
Diplomatiques, XX, !76 s.), das die friedlichsten Versicherungen sowobl in der Frage der Innehaltung des 
Prager Sriedens, wie in Zen auf das Sollparlament enthielt. Dieser Exlaß ist indes so wenig ergangen, 
wie sener andere vom 6. Bei ihm bandelt es sich 0pne. Frage um eine glatte Fälschung, ebenso wie bei dem 
vertraulichen Briiefe (Pieworch an den Grafen Slemming vom 20. Juni 1867, den derselbe Rothan am 
.Juli (a. a. O., XVII an Moustier gesandt hatte, und bei dem angeblichen Berichte des Freiberrn 
v. Aosenberg dom 4. NAüärr n Rothan am 10. März (Les Origines Diplomatiques, XXI, 47 Ss.) einreichte. 
Keines . Bokurente' cen Hnerhteit sich schon aus inneren und sprachlichen Gründen ergibt, findet sich 
n den Akten. Aotban müßte hiernach, wenn er nicht direkt an den Sälschungen beteiligt gewesen ist und 
rttter ihrer einen. engeren Anschlaß Frangreichs an Preußen herbeiführen wollte — denn alle diese Schrift- 
stücke haben die Cendenj, Bismarck-s Politik in einem friedlichen und frangosenfreundlichen Lichte erscheinen 
zu lassen — doch mit einer Sälscherzentrale in Konnex gestanden baben, die diesen Iweck verfolgte. Die 
FSälschung kann nicht von einer mit Bisma in Verbindung stebenden Seite inspiriert sein, denn dessen 
Politikr war damals keineswegs auf eine Annäderung an Frankreich gerichtet. Das Wahrscheinliche ist doch 
wobl, doß Rothan, dessen Ebrgeiz und Eitelkeit in seinen erlchten ganz naio beraustreten (ogl. seine Be- 
richte vom 31. Dezember 1867 und 29. Januar 1868, ꝗ. a. O., XX, 102, 285) sich mit Nachrichten, die in 
aris hochwillkommen sein muhten, wichtig machen wollie und zu diesem Swecke nicht bloß Mitteilungen aus 
Berlin, wie er sie insbesondere durch den Frankfurter Bankier und üeichstogscbgeorbneten. Karl v. Roth- 
gi empfing. gufbauschte, londern durch freie Erfindungen (vgl. noch seinen Berichk v . Januar, a. a. C., 
jos ss., mit eingehender Analuse angeblicher neuer Instruktionen für Usedom. b52 Inens nach Aus- 
weis der Akten nie ergangen sind) und sesee durch Sälschungen ergänzte. 
2 Vgl. Nr. 1002, JSuhnote 2. 
* Eben damals aber fand in den französischen Kammern dien Debatte über die Hezesrrerganfsotfe. 
statt, von der Mapoleon III. nach seiner Thronrede vom 18. Rovember eine zoleliche Verbesserung 
franjöischen Heeresmacht erwartete. Am 1. Fedruar konnte der Kalser das neue Webrgefet stt
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        198 Federkrieg zwischen Bersin und Wien. 
* 1000. Erlaß an den Gesandten in Wien Frelherrn von Werther. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.) 
Segen Ausgang des Jahres 1867 hatte sich wischen der „Vorddeutschen Allgemeinen 
Seitung“ und Wiener Negierungsorganen, insbesondere der „Debatte“ ein Federkrieg über die 
österreichische Rationolitätenfrage entwickelt. Das 200 Kaiser Fran) Joseph Veranlassung, lich 
bei Freiherrn v. Werther darüber zu beklagen, dah die Berliner oFsigissen Jeitungen nicht auf- 
börten, die Gestaltung der Dinge in Österreich einer unfreundlichen Kritik mu untersiehen. 
Berlin, den 6. Januar 1868. 
Auf die Beschwerden der „Debatte“ über die „Norddeutsche Allgemeine Seitung“ m 
reagieren, würde ich mich nicht veranlaßt finden, wenn nicht die Außerung Seiner Mojestät 
des Kaisers, welche in Ew. pp. Immediatberichte vom 1. d. M. erwähnt ist, auf dieselbe 
irrtümliche Vorstellung von den hiesigen Preßverhältnissen zurückzuführen wäre, die wir 
schon an andern Orten, namentlich in Paris. zu bekämpfen gehabt haben. Welche Auf- 
klärungen über die „Aorddeutsche Allgemeine Zeitung“ und ihre Beziehung zu meinem 
Ressort dem Grafen Goltz und durch ihn der französischen Regierung gegeben worden ist, 
werden Ew. pp. aus meinem Erlasse vom 21. Oktober: und dem Berichte des Grafen Goltz 
vom 31. Dozember v. J. erseben, welche in Abschrift resp. Auszug ergebenst beigefügt sind. 
Die in jenem Erlaß erwähnten Desavouierungen des genannten Blattes durch den „Staats- 
anzeiger“ haben sich seitdem noch um eine in Nr. 251 des „Staatsanzeigers“ vom vorigen 
Jahre vermebrt. Sch setze hinzu, daß die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ ihren offi- 
ziösen Anstrich urspriinglich einer gewissen Berbindung mit dem Ministerium des Innern 
verdankt, welches dieselbe wegen ihrer Haltung in den inneren Gragen mit amtlichen Mit- 
teilungen begünstigte, und daß schon um dieses Verhältnisses willen eine Kontrolle des 
Blattes, wie man sie im Auslande anzunebmen oder zu verlangen scheint, für mich untunlich 
sein würde, gesetzt, daß ich mich dazu berufen oder geneigt fühlte. 
öch ersuche Ew. pp. ergebenst, sich nach Inhalt des Vorstehenden und der Anlagen 
gegen die österreichischen Staatsmänner und, wenn sich eine Gelegenbeit finden sollte, gegen 
Seine Maoajestät den Kaiser aussprechen zu wollen. Gegenüber dem Greiherrn von Beuft 
bitte ich dabei noch folgendes geltend zu machen. Vicht nur, dah österreichische Blätter, die 
wir für unabbängig halten, häufig über Preußen ungünftige Urteile und sogar, wessen man 
die „Norddeutsche Allgemeine Seitung“ im Verhältnis zu SÖsterreich nicht anzuklagen scheint, 
unrichtige tatsächliche Behauptungen entbalten, und dadurch gereiste Erwiderungen der 
preußischen Journalistik bervorrufen: es hält auch gar nicht schwer, ähnliches an einer 
Reihe von Seitungen nachzuweisen, denen offiziöse Berbindungen mit demselben Rechte wie 
der „Aorddeutschen“ mzuschreiben sind. In betreff der „Debatte“ ist das zu augenfällig, 
als daß man sich bei einem Nachweise aufzuhalten brauchte. Aber auch die in Dresden 
erscheinenden „Seifenblasen“, die unterschiedslos alles Preußische mit zynischer Frechheit 
angreifen, sind uns als offiziös österreichisch bezeichnet worden und scheinen selbst sich diesen 
Cbarakter durch unterschiedslole Lobpreifung alles Österreichischen vindizieren zu wollen. 
Ich will endlich noch die „Aeue Sreie Presse“ nennen, deren gehässiger Ausfall gegen Ew. 
pp. in der Ar. 1201 vom 3. d. M. von Aufschlüssen ausgeht, welche einen amtlichen Ur- 
1 Siobe Ar. 900.
        <pb n="213" />
        Preuhische Instruktoren in der rumänischen Armee. 199 
sprung verraten. Wenn solche Beispiele, deren Aufzählung sich leicht vermehren ließe, uns 
nicht veranlaßt haben, den ganzen Inhalt der Blätter, die amtliche Mitteilungen ent- 
balten, als offiziös zu betrachten und der Kaiserlichen Regierung zur Last zu legen, so wird, 
dürfen wir boffen, der Freiherr von Beust dieselbe billige Unterscheidung und wohlwollende 
Voraussetzung auch uns gegenüber gelten lassen. 
1010. Schrelben an das Kriegsministerlum. 
(Konteyt von der Hond des Vortrogenden Rats 
die ehen.G iensenhn b . eten a 1 2. S v. n 
Berlin, den 7. Januar 1868. 
Der Fürst Karl von Aumänien hat neuerdings auf vertraulichem Wege den schon 
früher von ihm ausgesprochenen Wunsch wiederbolt, daß preußische Offiziere als Instruk- 
teure nach Rumänien gesandt und ihm Zündnadelgewehre zur Bewaffnung für seine Armee 
von hier aus überlassen werden möchten. 
Diesem Wunfche stellten sich, was die Entsendung von Offizieren anlangt, früher 
Schwierigkeiten entgegen, weil, wie Seine Majestät der König mir bei dem zu Anfang des 
vorigen Jahres gebaltenen Vortrage zu eröffnen geruhten, damals aktive Offiziere nicht 
disponibel waren. 
Es fragt sich, ob jetzt vielleicht einige für die gedachten Swecke geeignete Offiziere zu 
entbehren sein würden, und ob die Rücksichten auf den Bedarf der Königlichen Armee es 
möglich erscheinen lassen, dem Fürsten eine größere Anzahl von Sündnadelgewehren nebst 
der entsprechenden Munition aus diesseitigen Beständen zu überlassen. 
Das Königliche Kriegsministerium ersuche ich ganz ergebenst, sich hierüber gefälligst 
gegen mich äußern zu wollen. 
*1011. Erlaß an den Botschafter in Paris Grafen von der Goltz. 
[Konfept von der Hond des W’ell Rats Abeken.)] 
Bei der Entgegennahme des Screitens, das den xmW v. d. Goltz als Botschafter des 
Vorddeutschen Bundes beglaubigte (ogl. Ar. 935, Anm. 3., batte sich Kaiser Napoleon III. am 
31. Dejember 1867 über die Bejiebungen mise Fronkrreich und Preuhben sehr fkreundlico aus- 
elassen, indem er von deren „entente amicale“ sprach, die ein Unterpfand des beiderseitigen Ge- 
O24 eihens und eine Garantie des “’# Srie lei. In einem sich an die feierliche Audiem:
        <pb n="214" />
        200 Preuhens und Grankreichs unterschiedliche Stellung zur römlschen Frage. 
schliebenden kurzen Privatgespräch unterstrich der Kaiser noch den Wunsch nach einer Ver- 
ständigung zwischen Srankreich und Preuhen in der römischen Grage. ch der Auffassung 
Napoleons wöre die Stellung beider Regierungen zu dieser Srage „sebr analog“, so daß bei 
gegenseitigem guten Willen leicht ein volles Cinverständnis errielt werden müsle. 
Berlin, den 7. Januar 1868. 
Ew. pp. bemerken in dem gefälligen Bericht Ar. 2 vom 1. d. Al., daß der Kaiser 
Napoleon in der Unterredung mit Ihnen von der Überzeugung ausgegangen sei, daß unfere 
Stellung zu der römischen Frage der seinigen sehr analog sei. Es liegt hierin ein Verkennen 
unserer Stellung, welches ich nicht unbemerkt lossen kann. Vielleicht erklärt diese Selbst- 
täuschung, wenn sie nicht absichtlich ist, manche irrige Auffassung und Erwartung von dem, 
was man bei uns für möglich hält. In der Tat ist unsere Stellung zur römischen Frage eine 
von der französischen fehr verschiedene. Frankreich ist eine durchaus katholische Macht 
und hat auf den kleinen Bruchteil seiner protestantischen Bevölkerung so wenig Rücksicht 
zu nohmen wie auf die protestantischen Interessen überbaupt. Die Srage wird dadurch für 
Grankreich, was die religiöse und kKirchliche Seite betrifft, sehr vereinfacht. Es tritt nicht 
als paritätische, sondern einfach als katholische Macht auf. In Preußen ist die katholische 
Bevölkerung eine sehr respektable, aber immer doch eine Minorität und gewissermaßen 
eine natürliche und unvermeidliche Opposition. Wir wahren ihre Interessen und berücksich- 
tigen sie gewissenhaft; aber wir können sie nicht zu den leitenden Gesichtspunkten unserer 
olitikt machen. Wenn in Grankreich die Erklärungen Herrn Nouhers im Gesetzgebenden 
Körper abgegeben wurden, um die Majorität nicht nur der Versammlung, sondern gewiß 
auch des Landes zu gewinnen, so würde eine ähnliche Erklärung im preußischen Darlamente 
zwar den Beifall der katholischen Fraktion erlangen, aber den Minister, der sie ausfpräche, 
die Regierung, die sie als ihre Politik annehmen wollte, der immensen Moajorität des Haufes 
und des Landes gegenüber unmöglich machen. 
Wir müisen dringend wünschen, daß der Kaiser Aapoleon diese Unterschiede klar auf- 
fasse und würdige, um nicht eine Haltung, die durch die Bedürfnisse unferer Stellung 
vorgeschrieben wird, Motiven der Unfreundlichkeit oder Entfremdung gegen ihn zuzu- 
schreiben. 
*1012. RKunderlaß an die Missionen in London, Detersburg, Wien, 
Florenz, Kom, Dresden und Karlsruhe. 
([Rontept von der Hand des Vortragenden ARats Abeken.)] 
Am 24. Dezember 1867 hatte Marquis de Moustier an die franfösischen Vertretungen im 
Auslande ein neues Girkular über die römische Srage (siehe dessen Text in: Les Origines 
Diplomatiques, XX, 67 ss.) gerichtet. Es jollte die Rouherschen Außerungen vom 5. Dejember 
(ogl. dazu Tr. 983) vor Mißdeutungen sichern. Im Grunde stellte sich das Sirkular bereits als 
ein Nückzugsgesecht dar, das das Fallenlassen des unmöglich gewordenen Konferenlgedankens 
einleitete. Am 4. Januar sprach sich Benedetti gegen Bismarck in dem Sinne dieses Zirkulars 
aus, ohne ihm jedoch von belfer Text Kenntnis m geben, ogl. seinen Bericht vom 5. Januar 
Origines, a. a. O., ias6 ss. Erst am 13. Jonuar ermächtigte Moustier den Bot- 
schafter, Bismarck eine Abschrift des Zirkulars einmhändigen. 
Vertraulich. Berlin, den 9. Januar 1868. 
Durch den Königlichen Botschafter in Paris ist das abschriftlich anliegende Girkular 
des Kaiserlich Französischen Ministeriums vom 24. Dezember zu meiner Kenntnis gekommen. 
Herr Benedetti hat dasfelbe mir gegenüber allgemein und oberflächlich erwähnt, es aber
        <pb n="215" />
        Vertrauliche Aussprache mit London Über itallenische Berhältnisse. 201 
weder mitgeteilt noch vorgelesen. In St. Petersburg bat der französische Botschafter es 
dem Fürsten Gortschakow vorgelesen. Da dasselbe nicht auf offiziellem Wege mir zuge- 
kommen ist, muß ich Ew. pp. ersuchen, diese Mitteilung als nur m öhrer Information und 
Orientierung bestimmt anzusehen. 
*1013. Erlaß an den Boischafter in London 
Grafen von Bernstorff'. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
In einem Berichte vom 23. Dezember war der uesandte beim Däpstlichen Stuhle v. Arnim 
eub die mehrfach von Bismarcke — u. a. in dem auch nach Nom mitgeteilten Erlasse an Graf 
d. Goltz vom 11. Dejember (siehe Ar. 983) — cusgemodfene Frage mrückgekommen, ob der 
Papt zu der Annahme der Konserenzeinladung durch fran ösi) * Versprechungen in der 
Nichtung einer Nestauration bewogen worden sei. Arnim h Belr auch jetzt an der Auffassung 
fest, daß es golcher Bersprechungen nicht erst bedurft habe. Die Balunng des Papstes erklärte 
lich nach ihm schon daraus, daß der Batikan mit einem baldigen Verfall des Königreichs Stalien 
vrerneie, Arnim selbst neigte sich der Wuffahsung zu, dah eine Auflölung der beftehenden italie- 
ischen Einheit unvermeidlich sei, und daß das Papsttum in einer anderen Konstituierung der 
Halbinsel leichter seinen Platz finden werde als an der Seite der Monarchie Bictor Emanuels. 
In einem Drivatbriefe vom 31. Dezember kom Arnim von neuem auf das Themoa der Serrüttung 
der italienischen Verhältnisse und der allgemeinen Diskreditierung des Königs zurücke. Nach 
Arnim wandte sich fast die ganze italienische Offentlichkeit gegen den König, die einen, weil er 
das Dien Rom zur Hauptstadt des Leeinten Staliens zu erbeben, nicht erreicht hatte. die anderen 
galt das namentlich von dem Stammlande Piemont —, weil sie sich durch eben dieses Ziel 
h fühlten. Selbst ein Mann wie der Seneral Lamarmora lsollte die italienische 
narchie, gegen die vor allem eine weitverzweigte, auf den allgemeinen Umstur; abjielende 
rchee „La Dermanente“ wühlte, als verloren bezeichnet baben. 
Vertraulich. Berlin, den 9. Januar 1868. 
Ew. pp. übersende ich anliegend Abschrift eines Berichts des Königlichen Gesandten 
in Rom vom 23. v. M., worin derselbe die Annahme der Konferenz seitens der Römischen 
Kurie bespricht, und zwar die wiederbolt aufgestellte Behauptung, daß das französische 
Kabinett in Rom Aussicht auf eine Serstückkelung Italiens und Wiedergewinnung der alten 
Provinzen eröffnet habe, bestreitet, ugleich aber selbst annimmt, daß man im Vatikan auf 
den Zerfall dieses Königreichs infolge der Unbaltbarkeit seiner inneren Zustände rechne, und 
daß diese Rechnung in der Tat nicht unbegründet erscheine. 
Dieses letztere Thema führt der Königliche Gesandte in dem ebenfalls abschriftlich 
anliegenden Bericht, dem er die Sorm eines Privatschreibens gegeben hat, vom 31. Dezember 
weiter aus. Beide Schriftstücke tragen einen so vertraulichen Charakter, daß ich nicht erft 
darauf aufmerk sam zu machen brauche, wie sehr sie mit Diskretion zu behandeln find. 
Ich wünsche indes, daß Sw. pp. den wesentlichen Inhalt derselben zum Gegenstande 
der Besprechung machen, ohne auf die Quelle hinzuweisen und den 
N-Namen des Königlichen Gesandten zunennen. Ew. pp. werden erwähnen 
können, daß uns allerdings von einer mit Rom zusammenhängenden und die dortigen An- 
schauungen repräsentierenden Seite solche Darstellungen der italienischen Zustände und 
Witteilungen über angebliche, direkt auf die Surückführung der früheren Zustände gerichtete 
Bestrebungen in hochstehenden Kreisen zukämen, welche, wenn sie begründet, geeignet 
wären, Befsorgnisse über das Schickfal des Königreichs Italien zu erwecken. Wir hielken 
.1 Der gleiche Erlah ging mutatis mutandis nach Detersburg.
        <pb n="216" />
        202 Die Württemberger und die nationale Srage. 
diese Darstellungen für übertrieben, wünschten aber zu wissen, ob oder wie weit die Aach- 
richten, die man dort bat, biermit übereinstimmen, und wie man dort über die tatsächlichen 
Verhältnisse sowohl als über die Möglichkeiten, die sich daran knüpfen könnten, denkt. 
Ew. pp. wollen sich dabei von dem Gesichtspunkt leiten lassen, daß wir unsererseits nur 
den Wunsch der Erbaltung und Konsolidierung des Königreichs Stalien haben können und 
den Zerfall desselben keineswegs als eine für unfere Snteressen oder für das europäische 
politische Sustem gleichgültige Sache ansehen, sondern vielmehr für eine sehr ernste Sven- 
tualität. Die Bestimmtbeit, mit der diese Angaben namentlich über die Wirkfamkeit der 
als „La Permanente“ bezeichneten Gesellschaft auftreten, fordern jedenfalls zur ernsten 
Aufmerksamkeit auf; und es ist mir daher sehr daran gelegen, die Auffassung des Londoner 
Kabinetts kennen m lernen. Sch erinnere nur daran, daß auch selbst diese Besprechungen 
einen durchaus intimen Charakter tragen und namentlich von dem vollsten Wohlwollen für 
Stalien beseelt sein müssen. 
1014. Erlaß an den Gesandien in Stuttgart 
Frelherrn von Rosenberg. 
l[Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Bucher.] 
Seit dem Herbst 1867 hatte Bismarck die von der württembergischen Regierung in der 
Einigungsfrage eingenommene Haltung, die stark von der Rücksichtnahme auf die einem engeren 
aschluß an den Norddeutschen Bund widerstrebenden gn ularistischen und ultramontanen 
Elemente der Kammern beeinflußt war, mit wachsendem Befremden verfolgt. Der Kammerrede 
Freiherrn v. Varnbülers vom 30. Cktober (ogl. Nr. 931), die den casus foederis in ganz un- 
p ulässiger Weise interpretierte, war am 10. — nicht 11. — Dezember eine zweite 2½ olgt, in ce# 
er Minister gegen einen Eintritt Württemberge in den Norddeutschen Bund för in 
og. „Wenn dieses Haus", so rief Barnbüler der Kammer u. für berusen- kneich- woslt 
urch Annahme eines Antrages auf Eintritt Württembergs in den Norddeutschen Bund der 
Entweichlung der Geschichte vorkugraien. Io würde die Megierung vorher ans Land oppilberen 
und wenn auch dann der nämliche Beschluß durchginge, würde ich im Rat der Krone die Frage 
lur Erörterung bringen, ob ein solcher Schritt mit den Rechten und Pklichten Seiner Majestät 
des Königs und mit der europäischen Stellung des Landes vereinbar sei.“ Vgl. dazu A. Rapp, 
Die Württemberger und die nationale Srage 18663 bis 1871, S. 260 f. Bei einer golchen Ge- 
linnung des leitenden württembergischen Staatsmannes konnte es nicht wundernehmen, dah die 
hartiguloristische gesinnten Blätter sich in ihren Angriffen gegen Preußen keinerlei Schranken 
auferlegten s kam zwar gelegentlich zu einer Brrurteil ung des „Beobachters“ wegen Be- 
leidigung n- Wilhelms I., ohne daß sich jedoch der Ton dieser Blätter wesentlich mäßigte. 
Ja. es wurde bei der Vorb ereitung des Entwurse einer neuen Strasprozehordnung der Versuch 
gemacht, die Beleidigungen gegen auswärtige sgenten- und Regierungen, die in der Presse 
erfolgten, den Schwurgerichten zu übertragen. Bisma *— die btellerdings nicht ganj 
zutreffende Nachricht zu, doß die württembergische i’ 5% ndischen Kommission 
i dee, asnhe eines dahingehenden, von dem Abgeordneten Mo Stänal Antrags aus- 
gesprochen habe 
Berlin, den 9. Januar 1868. 
Die mit der Vorberatung des Entwurfes der Strafprozeßordnung beschäftigte 
Kommission der württembergischen Ständeversammlung bat ein Amendement angenommen, 
wonach Injurien gegen auswärtige Aegenten und Negierungen, verübt durch die 
Dresse, obweichend von dem bisberigen Rechte und den Drinzipien des Cutwurfs, den 
Schwurgerichten überwiesen werden sollen. Man kann nicht umhin, diesen Beschluß mit der 
kürzlich durch gelehrte Richter ausgesprochenen Verurteilung des „Beobachters“ wegen 
Beleidigung des Königs unseres allergnädigsten Herrn und der preußischen Regierung in 
Verbindung mu bringen. Sch will indessen von diesem Umstande vorerst abseben, es auch
        <pb n="217" />
        Bismarcks Warnungen an die Adresse Varnbülers. 203 
dabingestellt sein lassen, ob die uns zugegangene Nachricht begründet ist, daß der Vertreter 
der Regierung in der Kommission sich für das Amendement erklärt habe. Das bloße Sak- 
tum, daß die Kommission eine solche Anderung angenommen hat, ist so ernster Ratur, daß 
ich keine Seit verlieren darf, mich darüber auszusprechen und für die Zukunft jeder irrtüm- 
lichen Solgerung zuvorzukommen, welche man in Württemberg aus unserem bisherigen 
Schweigen zu auffallenden Erscheinungen gezogen haben mag. Aus perfönlichen Gründen, 
die hier zu suchen sind, haben wir die befremdende Unwillfährigkeit, der die Untersuchung über 
das Blindsche Attentat bei den dortigen Behörden begegnete, auf sich beruhen lassen. Aus 
Aücksicht gegen die persönliche Konvenienz des Freiherrn von Varnbüler haben wir seinen, 
wie mir scheint, über das dortige Bedürfniß hinaus: feindseligen Angriff gegen den Nord- 
deutschen Bund nicht zum Gegenstande von Reklamationen gemacht. Jener Kommissions- 
beschluß aber berührt die Interessen des monarchischen Princips in allen Staaten deutscher 
Zunge:, und zu deren Wahrung fühlen wir uns durch die unverkennbare Beziehung auf 
Preußen vorzugsweise berufen. Wir maßen uns keine Einmischung in die inneren Ange- 
legenheiten Württembergs an. Aber ich glaube nicht, daß ein sfolches Ausnahmegesetz gegen 
verbündete Monarchen lange bestehen würde, wenn im Wege der Retorsion in den andern 
deutschen Staaten und namentlich bei uns ein Gesetz eingeführt würde, welches Beleidigungen 
Seiner Mojestät des Königs von Württemberg und der württembergischen Herren Minister 
den Geschworenen und ihrer jeweiligen politischen Stimmung überwiese. Aber die König- 
liche Regierung wünscht nicht nur solcher Mittel überhoben zu sein, sondern auch der Not- 
wendigkeit, die Sache als das zu behandeln, was sie ist, als eine gemeinsame aller Regenten 
und aller NRegierungen, als eine Sache der guten Ordnung und europäischen Decenz. Ich 
habe daher Ew. pp. ergebenst m ersuchen, daß Sie den Herrn Minister der auswärtigen 
Angelegenbeiten auf die internationale Seite des Gegenstandes aufmerksam machen und 
gegen ihn die Hoffnung aussprechen wollen, daß die Königlich Württembergische Regierung 
ihren Einfluß mit Erfolg aufbieten werde, die Annahme des Amendements seitens der 
Ständeversammlung abzuwenden, eventuell Seiner Majestät dem Könige raten, die Sank- 
tion zu versagen. Ew. pp. wollen gefälligst, falls die Eingangs angedeutete Voraussetzung 
über die Haltung der Reglierungs)-Organe sich als begründet erweist“, dem Greiherrn 
von Varnbüler diesen Erlaß vorlesen, sonst aber die Angelegenbeit im Sinne desfelben mit 
ihm besprechen“". 
Axachschrift. Salls Ew. pp. von Herrn von Varnbüler nicht die Zusage erhalten 
sollten, daß das Amendement (welches von Mohl gestellt ist) nicht zum Gesetz erhoben 
werden solle, so wollen Sie gefälligst eine Audienz erbitten und sich gegen den König nach 
Inhalt dieses Erlasses mit der erforderlichen Alilderung des Ausdrucks, doch eindringlich 
aussprechen. Sch ersuche Ew. pp. ferner, sich über diese Angelegenheit vertraulich mit 
Ihrem rufsischen Kollegen ins Vernehmen zu setzen und ihm zu erwägen zu geben, ob er nicht 
1 Die Worte: „wie mir scheint, über das dortige Bedürfniß hinaus“ eigenhöndiger Einschub Bismarcke. 
?* Die Worte: „die Interossen . .“ eigenbändige Korrektur Bismarcks. 
* Da Bismarck aus einem sich mit dem obigen Erlaß kreuzenden Bericht Bosenbergs vom 10. ent- 
nahm, dah leine Auffassung über die Haltung der württemborgischen Regierung in dieser Frage nicht durch- 
aus zutraf, wies er zunächst am 12. den Gesandten anr einstweilen keine Schritte m unternehmen. Am 13. er. 
leiste die weitere Weisung: „Ich bitte den Erlaß Ar. 3J, der allerdings auf einer — Mitteilung 
erhtg. nicht vorzulesen, übrigens serner im Sinne desfelben für Beseltigung des Modlschen Amendements 
zu wirken. 
Der letzte Satz berubt auf eigenböndiger Korrektur Bismarcks. 
—
        <pb n="218" />
        204 Unterredung Usedoms mit Victor Emanuel. 
im Sinne seines Kaiserlichen Herrn handeln würde, wenn er Shre Bemühungen unterstützte. 
Derselbe würde vielleicht, was unsererseits nicht möglich ist, auf die Gefahr binweisen 
können, daß in dem einen oder anderen Staate die Netorsion sich nicht nur gegen die Re- 
gierung, sondern auch gegen den Regenten von Württemberg richten möchte. 
*1015. Erlaß an den Gesandien in Florenz 
Grafen von Usedom. 
[Konzept von der Hand des n enpen. Rats Abeken.] 
Nach einem Bericht Graf Usedoms vom 6. Januar batte sich König Bictor Emanuesl ihm 
gegenüber bitter über Kaiser Kae oleon III. beklagt, der ihn im Verdacht eines geheimen Bünd- 
nisses mit Preußen habe. Als Usedom dem italienischen Könige krdac vorhielt, daß nach den 
ihm von verschiedenen Seiten gemachten Mitteilungen dieser sich im Gegenteil dem französischen 
Kaiser für den Fall eines Krieges mit reußen jur Hilfeleistung veresücchter haben nsollte, er- 
widerte Victor Emanuel: „Non, non, cela n'est pas., je vous en donne ma parole“. 
Vertraulich. Berlin, den 12. Januar 1868. 
Ew. pp. Bericht Nr. 1 vom 6. d. M. über Ihre Unterredung mit dem Könige Victor 
Emanuel bei Gelegenheit der Überreichung öhrer Kreditive für den NAorddeutschen Bund 
ist mir von großem Snteresse gewesen. Ich kann aber nicht an die Aufrichtigkeit Victor 
Emanuels bei seinen Außerungen über Napoleon glauben. Er kann sich nicht einbilden, 
daß Napoleon selbst an die ECxisten; eines geheimen gegen Grankreich gerichteten Bünd- 
nisses zwischen Preußen und Stalien glaube. Die angeblichen Behauptungen und Vorwürfe 
Napoleons bin ich vielmehr geneigt, nur für Redensarten zu halten, um uns darüber m 
täuschen, wie tief er selbst: und vielleicht seine vertrautesten Ratgeber mit Grankreich 
engagiert sind — wahrscheinlich weiter als Bictor Emanuel es seinem eigenen Lande gegen- 
über eingestehen darf. Der in Ew. pp. Privatbrief angeführte Umstand, daß man sich bei 
den Verhandlungen über die Bildung des MUinisteriums hierüber offen auszusprechen ver- 
mieden hat, kann uns in dieser Auffassung nur bestärken; und die Ew. pp. gegebene Ver- 
sicherung Bictor Emanuels reicht nicht hin, uns über seine Intentionen vollständig m be- 
ruhigen. Daß von unjerer Seite kein Angriffskrieg gegen Grankreich zu befürchten stebt, 
und daß wir gar keine Veranlassung dam haben, kann und muß Victor Emanuel so gut 
wissen wie Mapoleon. 
* 1016. Erlaß an den Botschafter in London 
Grafen von Bennstorff. 
rn3. von der Hand des VBortragenden Rats Abeken.] 
1 Nämllch Victor Emamel.
        <pb n="219" />
        Lord Stanley und Frankreichs Jpanische Allionzverhandlungen. 205 
mitgeteilt worden, beim englischen Kabinett zu sondieren, ob dort etwas darüber bekannt sei. 
Nach Bernstorfts Dericht vom 6. Januar glaubte Lord Stanleg nicht an die Meldung Arnims: 
jedoch machte er zugunsten Rapoleons geltend, dah dieser sich, wenn doch etwas Wahres daran 
sein sollte, nur für den Sall habe Allüerte verschaffen wollen, 95 er angegriffen werde, und 
war von Preußen. In den Auherungen des englischen Staatssekretärs gab sich eine gewisse 
Sleichgültigkeit gegen das Schickial Italiens kund, die Graf Vernstorff darauf zurückführen 
wollte, dah die öffentliche Meinung in England der Haltbarkeit der italienischen Zustände kein 
Vertrauen entgegenbrachte. 
Vertraulich. Berlin, den 12. Januar 1868. 
Die MUitteilung, welche Ew. pp. mir in õhrem gefälligen Bericht Nr. 4 vom 6. d. M. 
über õhr Gespräch mit Lord Stanley in betreff der von dem Königlichen Gesandten in Rom 
gemeldeten Verbandlungen des Kaisers Napoleon mit Spanien gemacht haben, ist mir in 
mehrfacher Beziehung von nteresse gewesen. Einverstanden bin ich mit Sw. pp. darüber, 
daß die Srage, was England schließlich tun werde, wenn von französischer Seite wirklich 
eine Zerstückelung Italiens beabsichtigt werden follte, sich nicht mit Sicherbeit im voraus 
beantworten läßt; auffallend aber ist es mir gewesen, daß auch die öffentliche Maeinung in 
England schon die italienischen Sustände so sehr schwarz und fast unhaltbar m seben scheint. 
Diese Sustände näher zu besprechen, wird Ew. pp. mein Erlaß Ar. 12 vom 9. Januar: 
weitere Anhaltspunkte geben. 
Verwundert aber hat mich die Außerung Lord Stanleuys, daß auch jene Verhand- 
lungen Grankreichs mit Spanien doch immer nur eine defenfive Absicht von seiten Grank- 
reichs bekunden würden, nämlich die, sich Alliierte für den Fall zu verschaffen, daß es ange- 
griffen würde — und zwar, wie er ausdrücklich erläutert hat, von uns! Ich bitte Ew. pp. 
Lord Stanleg zu fragen, ob er denn wirklich glaube — nicht, daß Srankreich einen Angriff 
von uns zu befürchten habe; denn das setze ich bei Lord Stanlex gar nicht voraus; — 
sondern nur, daß der Kaiser Aapoleon selbst glaube, diese Befürchtung hegen zu müssen? 
Lord Stanley ist ein zu besonnener und unparteiischer Beobachter und hat eine zu rich- 
tige Würdigung unserer Zustände gezeigt, als daß es mir möglich wäre anzunehmen, er 
selbst schriebe uns aggressive Absichten zu. Er weiß zu gut, daß wir nichts von Frankreich 
zu fordern haben, als daß es uns und Deutschland in Rube lasse; und er sieht die Dinge aus 
einem zu hoben und staatsmännischen Sesichtspunkte an, als daß er in der inneren Ent- 
wickllung Deutschlands, selbst wenn sie zu einem freiwilligen engeren Anschluß des Südens 
an den Norden Deutschlands führen sollte, eine Gefahr für Srankreich und eine aggressive 
Tendenz erblicken sollte. Auch ein geeinigtes Deutschland hat keine Veranlassung zu einem 
Angriffskrieg gegen Grankreich, sondern kann nur in den Sall kommen, einen Ver- 
teidigungskrieg zur Abwehr gegen eine französische Aggression und Cinmischung in deutsche 
Angelegenheiten zu führen. Daß der Königlich Großbritannische Staatssekretär für die 
auswärtigen Angelegenheiten dies klar erkennt, darüber bege ich keinen Sweifel. 
Aber sollte er es wirklich für möglich halten, daß Aapoleon selbst ernstlich an eine 
solche Gefahr glaube? daß die französische Regierung sich in der Lage erachte, defenjive 
Allianzen gegen einen Angriff Dreußens zu schließen? Sollte er es nicht mit ebenso großer 
Klarbeit durchschauen, daß die ARegierung des Kaisers, wenn sie von aggressiven Cendenzen 
Preußens und Deutschlands spricht und andere Kabinette daran glauben machen möchte, 
selbst nicht daran glaubt, sondern damit nur eine Komödie pielt — sei es dem eigenen 
1 Siebe Ar. 1013.
        <pb n="220" />
        206 Wenn wirklich Kriegsgefahr, Jo nur von leiten Srankreichs. 
Lande, sei es den Aächten gegenüber? Wenn die Parteien in Grankreich sich solche Be- 
fürchtungen einreden lassen, so erklärt sich dieses aus der Unwissenbeit des französischen 
Volkkes über ausländische Verhältnisse und aus der Berblendung ebrgeiziger Parteileiden- 
schaften; den Kaiser aber halten wir für viel m klug, um sich dadurch täuschen zu lassen. 
Eine äbnliche Komödie wird in Stalien gespielt, wie Ew. pp. aus dem abschriftlich an- 
liegenden Bericht des Königlichen Gesandten in Slorenz vom 6. d. M.= ersehen wollen, 
welchen ich Ihnen ganz vertraulich mitteile. Ich bin überzeugt, daß selbst der König Victor 
Cmanuel sich nicht einbildet, der Kaiser Aapoleon glaube ernstlich an ein gebeimes 
Bündnis Preußens und Staliens. Sch fürchte im Gegenteil sehr, daß diese ganze Unter- 
baltung des Königs von Stalien nur NRedensarten sind, um seine eigene Stellung zum Kaiser 
Napoleon zu verdecken; und daß, wenn vielleicht auch noch kein förmliches Bündnis ab- 
geschlossen ist, Bictor Emanuel selbst und seine vertrautesten Ratgeber dem Kaiser gegen- 
über weiter engagiert sind, als sie es der eigenen Nation gegenüber einzugestehen wagen — 
ungeachtet der dem Königlichen Gesandten darüber gegebenen Versicherung. 
Ich glaube bisher nicht an Krieg, weil ich annehmen darf, daß die französischen 
Nüstungen noch nicht so weit gediehen sind, um ihm zu einem durch keine Aotwendigkeit 
provozierten Angriffskriege Lust zu machen. Sch teile in dieser Beziehung Ew. pp. an- 
liegend vertraulich Abschrift eines Crlasses mit, welchen ich an den Königlichen Gesandten 
in St. Petersburg unter dem 6. d. M.“ über die in dem ebenfalls abschriftlich anliegenden 
Bericht vom 31. Dezember v. J. gemeldeten Außerungen des Herrn Budberg ge- 
richtet habe. 
Bei dem großen nteresse, welches das englische Kabinett und Volk an der Erbaltung 
des GSriedens zeigen und haben, müssen wir wünschen, dah dieselben sich klar darüber 
werden, wo — wenn wirklich eine Kriegsgefahr vorhanden wäre — dieselbe liegen würde. 
101x. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Prinzen Reuß. 
[Kontept von der Hand des Vortragenden Rats Theremin.] 
Vertraulich. Verlin, den 12. Januar 1868. 
Ew. pp. übersende ich beifolgend zur vertraulichen Kenntnisnahme Abschrift eines 
Berichts des Königlichen Botschafters in London vom 6. d. M. über die Besorgnifse, die 
man in London in betreff der Haltung Rußlands in den orientalischen Angelegenheiten hegt. 
Ich stelle ganz Ew. pp. Ermessen anbeim, ob Sie von dem Indalte desselben dort in vor- 
sichtiger Weise Gebrauch machen zu können glauben. Immer aber müßte dies in einer 
Weise gescheben, die keine Verstimmung gegen England bei Außland zur Solge hätte, da 
es in unserem Snteresse liegt, dies zu vermeiden. Läßt es sich öhrer Ansicht nach nicht ver- 
hüten, so nehmen Sie lieber Abstand von der Besprechung". 
* Vgl. NTr. 1015. 
* Semelnt ist Aa#poleon, wie ein gestrichener Vordersac ergibt. 
4 Siebe Vr. 1008. 
1017. a Der letzte Sa eigenbändiger Zusatz Biemarc#s.
        <pb n="221" />
        Widerspruchsvolle Außerungen Vapoleons III. 207 
1018. Erlaß an den Geschäftsträger in Daris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
l[Konzept von der Hand des Vortragenden Vats Abeken.] 
Vertraulich. Berlin, den 12. Januar 1868. 
In einer vom 9. Januar datierten Korrespondenz der „Kölnischen Seitung“ vom 
10. d. M. findet sich ein Schreiben des Kaisers Aa#poleon an den Senator Larabit ab- 
gedruckt, worin der letztere wegen einer Rede bei Gelegenbeit der Cuthüllung einer Statue 
des Marschall Davoust in Auxerre belobt wird. Die Rede selbst liegt nicht vor; nach der- 
selben Korrespondenz aber hat Herr Larabit in einem Briefe an Marschall Canrobert sie 
selbst dadurch charakterisiert, daß sie bestimmt gewesen, „diejenigen zu tadeln, welche den 
Srieden verlangen, wenn man den Degen ziehen muß“. 
Die Tendenz der Rede und die Auslegung, welche die öffentliche Meinung der gegen- 
wärtigen Veröffentlichung des angeblichen billigenden Schreibens des Kaisers geben wird, 
kann biernach nicht zweifelhaft sein. 
Ew. pp. ersuche ich ergebenjt, sich gefälligst in vorsichtiger Weise, und ohne deshalb 
eine direkte Anfrage an den Kaiserlichen Minister zu richten, zu erkundigen, ob die an- 
geführten Tatsachen richtig find, ob die Rede des Senators Larabit wirklich den ihr zu- 
geschriebenen Charakter gehabt hat, und ob das Schreiben des Kaisers authentilch ist. 
Sollte sich die Sache bestätigen, so bitte ich in Shren Unterredungen mit dem Kaijer- 
lichen Minister, ohne eine bestimmte Reklamation doch durchblicken zu lassen, welchen 
Eindruck neben den Versicherungen der friedlichen Gesinnung, die uns gegenüber vom 
Kaiser und seinen Ministern gegeben werden, solche Kundgebungen ganz entgegengesetzter 
Art machen müssen. Wie soll dabei die öffentliche Meinung in beiden Ländern das Ver- 
trauen gewinnen, dessen sie so sehr bedarf. Auch für uns ist es nicht möglich, sie unbeachtet 
zu lassen; und wir wissen nicht sie mit der Sprache in Einklang zu bringen, welche der 
Kaiser dem Botschafter gegenüber geführt hat. Es ist natürlich, daß das Vertrauen keine 
feste Basis gewinnen kann und jeder eben gewonnene Schritt nach vorwärts dadurch 
wieder neutralisiert wird — mögen wir nun ein Schwanken der Kaiserlichen Politik oder 
eine bewußte Unaufrichtigkeit darin erblicken. 
Vicht minder muß es uns stutzig machen, wenn sich in den Außerungen der Vertreter 
der französischen Regierung so direkte Widersprüche mit den Außerungen des Kaisers 
finden, wie Ew. pp. es aus dem abschriftlich anliegenden Bericht des Königlichen Gejsandten 
in Wien vom 8. d. M. über die unfreundlichen Außerungen des Herzjogs von Gramont in 
betreff des hohenjollernschen Sürsten von Rumänien, verglichen mit den im vertraulichen 
Bericht des Königlichen Botschafters Nr. 9 vom 10. d. M. wiedergegebenen Außerungen 
des Kaisers selbst, entnehmen wollen „ Wenn der Kaiser wirklich von so wohlwollenden 
: Nach dem Vericht Freiberrn v. Wertbers vom 8. Januar hätte Herlog von Gramont m dem gerade 
in Wien weilenden rumänischen Staatsmann L. Bratiano gesagt, daß „die k 
gegenwärtigen Lage der rumänischen Verbältn ich 
die Aegierung des Prinzen Karl von Hol 
¾ · r apoleon — dies Preubß 
des Prinjen Karl interesliere, um sich gegen die russischen Umtriebe, die diese bedrobten, auszulprechen, was 
Frankreich dann ebenfalls tun werde.
        <pb n="222" />
        208 Börsenverkehr und höhere Staatsinteressen. 
Gesinnungen für den Sürsten Karl beseelt ist, so müßte doch gerade ein Vertreter. Frank- 
reichs an so wichtigem Orte wie Wien angewiesen sein, demselben nicht geradem durch 
seine Haltung m schaden und sich feindlich m beweisen. 
1019. Schreiben an den Staatsmintster Grafen zu Eulenburg. 
[Reinkonzept.) 
Sekret. Berlin, den 15. Januar 1868. 
Ew. Cxjellenz beehre ich mich ein mir vertraulich mitgeteiltes Schreiben aus Königs- 
berg i. Pr., welches sich über die Lage der dortigen Getreidebörse ausspricht, in der Anlage 
s. V. r. zur geneigten Kenntnisnahme ganz ergebenst m übersenden. 
Soweit ich mich der Berichte der preußischen Lokalbehörden entjinne, scheinen diese 
auch über den Verkehr an der Königsberger Setreidebörse nicht in der erwünfchten gründ- 
lichen Weise informiert zu sein, wie sich denn überhaupt in dieser Aotstandssache wiederum 
die Wahrnehmung geltend marht, daß es dem staatlichen Organismus in vielfachen Be- 
liehungen an denjenigen Organen gebricht, welche berufen und geeignet sind, die Wechsel- 
wirkung zwischen der Staatsregierung und dem wirklichen Leben, insbesondere dessen in der 
NAeuzeit erst entwickelten Erscheinungen, zu vermitteln und aufrechtzuerbalten. 
Da die Nachteile eines solchen Mangels augenfällig sind, so habe ich nicht unterlassen 
wollen, Ew. Exzellenz ganz ergebenst anheimzugeben: ob Sie nicht vom Standpunkte Shres 
Ressorts Veranlassung finden, in der fraglichen Richtung die Initiative zu ergreifen und 
in geeigneter Weise die Lücken auszufüllen, welche sich jedesmal fühlbar machen, sobald es 
sich um außerhalb der gewöhnlichen Geleise sich bewegende Sustände handelt. 
Bei diesem Vorschlage ist für mich die Auffassung maßgebend, daß unser in seiner da- 
maligen Konzeption mustergültiger Beamtenorganismus auf einen in der Hauptsache 
Ackerbau treibenden Staat berechnet war, und daß derselbe im wesentlichen unverändert 
geblieben ist, obschon die Cntwicklung der Gegenwart den Grundcharakter des Staates 
nabezu umgewandelt und Gestaltungen in das Leben gerufen hat, die bis beute unvermittelt 
neben dem Beamtentum stehen und sich fortbilden, und für welche es innerhalb des Staats- 
mechanismus an den entsprechenden Organen gebricht. 
Zu diesen Sestaltungen rechne ich vor allem, und ohne damit Ew. Exzellenz eigenem 
Ermessen vorgreifen oder den Gegenstand erschöpfen zu wollen, die Entwicklung des 
Börsenverkehrs, der ohne Schranke und Kontrolle, wie er sich jetzt entfaltet, nur die bis- 
herige Solidität unfserer Industrie wie unjerer Zustände überbhaupt mit ernsten Gefahren 
m bedrohen scheint und deshalb der Regierung nach meinem Ermessen die unabweisliche 
Verpflichtung auferlegt, sich Organe m verschaffen, durch welche sie nicht allein über den 
Verkehr an der Börse in laufender ausreichender Kenntnis erhalten, sondern auch in den 
Stand gesetzt wird, den Börsenverkehr mit den höberen Interessen des Staats in Einklang 
in erbalten. 
Ew. Exzellen; würden mich deshalb auch durch möglichste Beschleunigung dieser An- 
gelegenbeit m besonderem Danke verpflichten. 
H. v. Poschinger, Akrtenstilcke rur Wirtschaftspolitlk des Fürsten Bismarck, I, 104 ff.
        <pb n="223" />
        Benedetti als Botschafter Bismarck immer noch lieber als Kalleprand. 209 
*1020. Erlaß an den Botschafter in Paris Grafen von der Goltz. 
lsKontept von der Hand des Bortragenden Rats Abekenl 
Am 9. Januar hatte Graf v. d. Goltz mit Kaiser Vapoleon III. eine Aussprache über die 
Preuhisch-französischen Beziehungen, in der der Kaiser offen Zweifel jum Ausdruck brachte, ob 
enedetti in Berlin am Platze sei. Das gab dem Grafen Goltz willkommenen Anlah, im Sinne 
der häusigen Klagen Bismarcks die Bedenken vorzubringen, u denen das Verhalten Benedettis 
in Verlin immer wieder Anlah geboten hatte, zuletzt noch in der römischen Srage. Im Laufe 
des Gesprächs äuherte Aapoleon seine Ansicht über Benedetti dabin, daß diefer nur ein Mann 
für südliche Dosten sei. Denedetti glaube durch Sineslen etwas erlangen zu müssen, diese seien 
aber an nordischen Höfen nicht angebracht, an denen man nur durch grohe Grabbeit 
Erfolge berbeiführen könne. Napoleon trat auch der Goltzschen Auffallung bei, daß Benedettt 
nicht „bhomme de monde“ sei. Er fragte dann den Botschafter, ob wohl der Botschafter in 
Petersburg Baron de Tolleyrand ein geeigneter Ersatz für Benedetti sein würde. uch von 
dem Votschafter in London Sürsten La Tour d’'Auvergne und dem Gesandten in Stochholm 
Sournier war in diesem Susammendang die Nede. 
GSebeim. Berlin, den 15. Januar 1868. 
Ew. pp. gefälliger geheimer Bericht Nr. 7 vom 9. d. M. über die Außerungen, welche 
der Kaiser Aa#poleon in betreff des Botschafterpostens in Berlin und Herrn Benedettis 
getan hat, ist mir von größtem Snteresse gewesen, hat mir aber auch von neuem bewiesen, 
wie wichtig der Grundsatz ist, in solchen Personalfragen die sorgfältigste Surückthaltung u 
bewahren. Ich bin mit allem einverstanden, was Ew. pp. dem Kaiser über Herrn Benedetti 
gesagt haben; und ich erachte es für vollktommen zweckentsprechend, mit den Beschwerden, 
wozu das Betragen des Aepräsentanten einer fremden Macht Veranlalssung bietet, nicht 
mrückzuhalten. Damit ist aber auch die Grenze der Einwirkung gegeben, über welche 
binaus bedenkliche Schwierigkeiten beginnen. Der ausdrüchkliche Wunsch auf Abberufung 
und noch mehr jeder Versuch auf Sinwirkung in betreff der Person des Nachfolgers jieht 
Verlegenheiten nach sich, durch welche die augenblicklichen Unbequemlichkeiten reichlich 
aufgewogen werden. Ich wünsche diesem Grundsatze der Enthaltung auch jetzt treu zu 
bleiben und der Grage ihre natürliche Entwicklung in den Gedanken des Kaisers zu lassen. 
Aur für Ew. pp. perfönliche Orientierung bemerke ich, daß mir geschäftlich am Ende 
Herr Benedetti noch lieber sein würde als der Baron Tallegrand. Letzterer hat allerdings 
eine viel bessere gesellschaftliche Stellung gebabt und würde sie ohne Sweifel auch wieder 
haben. Er ist beiden Majestäten, sowohl dem König als der Königin angenehm; er hat sehr 
gute gesellschaftliche Sormen und eine soziale Lebendigkeit, die ihn zu einem angenehmen 
Gesellschafter macht. Solche, der Gesellschaft unbequeme Ansprüche würde er vielleicht 
nicht erheben, wie es 3. B. Herr Benedetti getan, wenn er verlangt, daß nach jeder Rück- 
kehr von einer Abwesenheit, die der Gesellschaft nicht einmal bekannt ist, ihm wieder der 
erste Besuch gemacht würde. Aber ich halte Talleyrands Gesichtskreis für beschränkter 
als den des Herrn Benedetti und letzteren überhaupt für bedeutend klüger, was in Ge- 
schäften immer ein großer Vorteil ist. Ich kann daher nicht sagen, daß mir der Baron 
Tallegrand ein größeres Vertrauen einflößen würde als Herr Benedetti; er üs geschäftlich 
sehr borniert, und ich habe keine Veranlassung anzunehmen, daß er von besonders wohl- 
wollenden Gesinnungen für Preußen beseelt sei, wenn ich auch nicht das Gegenteil bei ihm 
voraussetze. Er hat die traurige Aeigung, die Situation und die Auherungen dessen, mit 
dem er spricht, so mrecht zu legen, daß er sie in einer ihm pikant oder witzig erscheinenden 
Pbrase refümieren kann, und er hat dabei das Ubelwollen eines kleinlichen Geistes. 
VIa 14
        <pb n="224" />
        210 Schweinitz' Urtell über Rußlands Offensivkraft. 
Was den Marquis de Cadore betrifft, so liegt in seinem bisherigen Auftreten durch- 
aus nichts, was uns bewegen könnte, ihm einen besonderen Vorzug zu geben. 
Ich darf daher vorausfsetzen, daß auch Ew. pp. meine Ansicht teilen, daß es am besten 
sein werde, jetzt, nachdem der Kaiser Aapoleon über die Haltung Benedettis unterrichtet 
ist, die politive Seite der Srage vollständig ihm selbst zu überlassen und jeden Anschein be- 
stimmter Wünsche zu vermeiden 5. 
1021. Schrelben an den Militärbevollmächitlgten in Detersburg 
Oberst von Schweinitz. 
[Kontzept von der Hand des Bortragenden Vats Bucher. 
Berlin, den 15. Januar 1868. 
Von Sw. pp. Immediatbericht Ar. 43 vom 21. v. M., „die rufsische Macht beim 
Jahreswechsel 1867/68, habe ich mit dem lebhaftesten Interesse Einsicht genommen. Ein 
solches Sazit aus den Elementen, welche die Offensiokraft Rußlands bestimmen, war mir 
besonders erwünscht in einem Seitpunkte, wo eine große Umwälzung der bürgerlichen und 
wirtschaftlichen Justände die Armee in ein Übergangsstadium versetzt hat, von dem sich 
wohl das endliche Refultat, aber nicht die Dauer a priori beurteilen läßt. Sch erlaube mir 
daher den Eindruck wiederzugeben, den der Inhalt des Berichtes, von dem Standpunkte 
unserer Gesamtpolitik betrachtet, auf mich gemacht hat und einige Betrachtungen einm- 
flechten, welche die Gruppierung, die Ew. pp. den Tatsachen geben und das Mezjultat, vor 
welches Sie den Leser führen, in mir erweckt haben. 
In den statistischen Angaben finde ich einerseits eine Bestätigung dafür, daß Ruh- 
land auch jetzt noch nicht der gefährliche Machbar ist, als welcher es von den Rufsophoben 
Jeit langer Seit geschildert wird, andererseits aober auch eine Warnung vor dem entgegen- 
gesetzten Irrtum einer Unterschätzung der rufsischen Macht. Daß unsere Politik beide 
Klippen mit gleicher Achtsamkeit im Auge zu halten habe, empfinde ich um so lebendiger, 
als Ihr Bericht mich überzeugt hat, dah ich selbst von dem zweiten EUrrtum nicht ganz frei 
geblieben war. 
Den Sriedensfuß der Infanterie, 480 Gemeine per Bataillon, der jiemlich dem 
unfrigen entspricht, und den Kaderstand, 320 Gemeine per Bataillon, beinahe das Drei- 
fache von dem bisberigen Griedensstande der bayrischen und württembergischen Cruppen, 
hatte ich nicht so boch geschätzt. Aoch mehr übersteigt es meine Erwartung zu erfahren, 
daß, abgeseben von den vier noch stärkeren Dioisionen im Kaukajus, 17 Infanterie- 
divisionen sich auf diesem Friedensfuße befinden, und daß im Westen des Reiches, ein- 
1 Französischer Gesandter in München. 
: Auf einen Bericht des Grafen v. d. Soltz vom 20. Vebruar, nach dem die verlöhnliche Ablicht 
Kaiser Aapoleons III., Benedetti durch eine geelgnetere Persönlichkeit talu ersetzen, aufgegeben mu sein schien, 
bemerkte Bismarche in einem Erlaß vom 26., dah er das nicht unbedingt bedauere, da ia nicht vorber- 
mseden sei, ob man nicht mit einem Nachfolger Denedettis noch chlechter gefahren w wär „Diese Er- 
wägungen können mich nur in dem auch von Seiner Majestät dem Nöria- gebilligten HPemnus bestärk 
daß man nicht direkt auf die Abberufung eines, wenn auch unbequemen fremden Aepräsentanten und 7 
die Ernennung einer bestimmten Der lonlichkelt. mit welchtr es alsdann um so schwieriger sein werdo, si 
unzufrieden zu selgen, binwirken da 
1021. Bol. dam: Dentwürdigkelten des Botschafters General v. Schweinitz. I. 245.
        <pb n="225" />
        Bismarcks günstigere Auffassung Über AußHland. 211. 
schließlich Bessarabiens, Finnlands und der baltischen Provinzen, im ganzen 25 Infanterie- 
divisionen stehen. Für den Kriegsfall, den ich nicht voraussehe, mit dem aber die öffentliche 
Meinung jetzt vorzugsweise sich beschäftigt, den Fall eines Krieges Frankreich-Osterreich 
gegen Preußen-ARußland, würde es für uns schon sehr befriedigend sein, wenn Rußland 
die österreichischen Streitkräfte im Schach bielte. Aach den geographischen und ethno- 
graphischen Verhältnissen bedürfte es dam einer im Verhältnis zu den Giffern des Gegners 
geringen Macht, und die, welche nach Ew. pp. Berechnung in zwei, resp. vier Aonaten an 
den polnischen ECisenbahnen und an der Ostgrenze von Galizien Konzentriert sein könnte, 
würde meines Erachtens vollkommen ausreichen. 
Daß man bei golchen Berechnungen sich nicht an das angenommene Soll bält, sondern 
demselben alle Umstände, welche vermindernd auf die Stärke und verjögernd auf den Auf- 
marsch der Armeen wirken würden, gegenüberstellt, um zu dem wabrscheinlichen „Ist“ m 
gelangen, kann unter allen Umständen nur als eine unerläßliche Vorsicht bezeichnet werden; 
und wird die Berechnung für einen gegebenen militärischen Sweck gemacht, so wird man 
in dem, was abzurechnen ist, nicht streng genug sein können. Aber der Umstand, daß Sie 
das „Gegenbild“ an das Ende Shres Berichtes gestellt baben, wo es vorberrschend auf den 
Leser wirkt, und der Eindruck, den ich habe, daß Sie dieses Bild m sehr in Grau gemalt, 
die belleren Farben, zu denen die vorhergehenden Partien des Berichtes ein Material ent- 
halten, daran ganz gespart haben, lassen mich eine Wirkung auf den Leser befürchten, die 
Sie felbst kaum beabsichtigt haben dürften, und die zu unrichtigen politischen Eindrücken 
führen kann, nach welchen die Rechnung auf den Rückhalt, welchen Preußen an Rußland 
haben kann, mehr, als tatsächlich richtig wäre, erschüttert würde“. 
Ich möchte es z. B. nicht als ausgemacht annehmen, daß nicht im Salle des Bedürf- 
nisses schnell genug die Plattformen der Eisenbahnen erweitert, die Sahrzeuge vermehrt 
werden könnten; daß die Verwendung der dazu geschicketen Soldaten zu Schneider- und 
Schuhmacherarbeit die faktische Ausbildung der Cruppenteile so aobsolut verhindern werde; 
daß die Garden vier Monate brauchen würden, um nach Polen zu gelangen, daß, ungeachtet 
der AReigung der rufsischen TChefs zur Beauemlichkeit, die Gebilfen der Divisions- 
kommandeure in der Negel der Geschäfte unkundig sein und daß die Generalstabs- 
offiziere gerade der gegebenen Charakteristik entsprechen würden. 
Von dem militärischen Detail zu Gegenständen zugleich politischer Matur übergehend, 
kann ich die Ansicht nicht teilen, welche Ew. pp. von der gegenwärtigen Stimmung und vor- 
aussichtlichen Haltung der ehemals zum polnischen Reiche gehörigen Bevölkerungen haben. 
In Wolbhynien, Podolien und Weißrußland wird zur Parteinahme gegen die Regierung 
zwar der polnische, durch den Aufstand von 1863 vollends ruinierte Adel geneigt jein, aber 
nicht die rutbenische und weißruflische Masse der Bevölkerung. Was Litauen betrifft, Jo 
mag die S zwischen Adel und Landvolk durch die Gemeinsamkeit des 
katholischen Bekenntnisses aufgewogen werden, und enthalte ich mich deswegen eines 
Urteils. Was aber könnte in Weißrußland, Wolbynien und Dodolien und selbft in 
Kongreßpolen den Bauer jetzt daran wweifeln machen, daß die rufsische Regierung ihm die 
volle Sicherbeit seines Besitzes verbürge? Doch nur die Wöglichkeit einer totalen Um- 
wälzung der europäischen Verbältnisse, eine WMöglichkeit, die auch der erregbaren polnischen 
» Der Satz entbält namentlich gegen das Ende eine Veihe kleinerer Korrekturen Biemarcks. 
1·.
        <pb n="226" />
        212 Auhlonds moralische Kraftquellen. Schuldotationsgesetz für Hannover. 
Phantasie als eine sehr schwache und entfernte, vor allem aber dem Bauer als eine noch 
weniger Gutes verheißende erscheinen muß. Der polnische Bauer hat sich in dem Auf- 
Kande von 1863 nach dem vielfachen Seugnis der Injurgentenführer selbst aus Furcht 
neutral, wo er nicht fürchtete, feindlich gegen die Insurrektion verhalten. Ich glaube nicht, 
daß er den Versicherungen, welche ihm neuerdings von der demotkratischen Partei der 
Emigration zugeben mögen, vertraut, glaube vielmehr, daß er in einem Kriege, auf dessen 
Würfeln die Wiederherstellung Polens stände, sich für die Regierung, die ihm Eigentum 
gegeben hat, ebenso schlagen würde wie der französische Landmann 1792 für die Re- 
volution, welche ihm die Aationalgüter verkauft hatte. Es scheint mir, daß der Gedanke 
der moskowitischen Dartei, Polen mit dem rufsischen Landsturme oder der kaukasischen 
Miliz zu überschwemmen, nicht aus einer ruhigen Prüfung und einem erkannten Bedürf- 
nisse, sondern aus phantastischen Conjecturen? jener Partei hervorgegangen ist. Man 
wird dessen nicht bedürfen. 
Um einen richtigen Totaleindruck von Ew. pp. Berichte m bewahren, mußte ich nach 
beendeter Lektüre mir noch einmal zurückrufen, was in der ersten Hälfte desselben von den 
vermehrten Verkehrsmitteln, den aufgeschlossenen Quellen des Nationalreichtums, den 
neuen Elementen moralischer Kraft gesagt ist. Diese Urtheile unterschreibe ich aus voller 
Ueberzeugung, begründet auf eigne Anschauung der dortigen Verhältnisse. Diese werdenden 
Kräfte aber kommen einer jeden, auch einer ungeschickten rufsischen Regirung zu Gute ulnd 
werden von ihr im Salle des Bedürfnisses mit der landesüblichen, wie Sie historisch richtig 
sie nennen, „Suworow'schen“ Brutalität verwerthet werden“. 
Archiv für Polikik und Geschichte, Jg. 1923z, S. 77 f. 
1022. Schreiben an den Oberpräsidenten von Hannover 
Grafen zu Stolberg-Wernigerode. 
[Kongept von der Hand des Vortragenden Rats Wagner.)] 
Berlin, den 16. Jonuar 1868. 
Seitens eines der aus Hannover berufenen MWitglieder des Herrenhauses ist mir außer- 
amtlich die Mitteilung gemacht worden, daß das gegenwärtig dem Landtage vorliegende 
Schuldotationsgesetz für die Drovinz Hannover unzweckmäßig und überflüssig sei und aus 
verschiedenen Gründen eine nicht unbedeutende Mißstimmung bervorrufen werde. 
Überflüssig soll jenes Gesetz um deswillen sein, weil die Cinkommensverbältnisse der 
hannoverschen Lehrer erst vor kurzem, und zwar in einer Weise geordnet seien, daß die 
Minimalsätze über die in dem neuen Schuldotationsgesetze in Aussicht genommenen hinaus- 
gingen. 
Als unzwerkemäßig wird dasselbe bezeichnet, weil die Beitragspflicht in dem neuen 
Gesetz auf das Kommunal priny#ip baliert sei, während sie in Hannover jur Seit nach 
dem Sosietätsprinzip reguliert sei. 
* 0 tast! Consecturen“ elgenhändige Korrektur Bismarcks. Wuch der vorauk- 
gebende Vee E E einige kleinere Korrekturen und Zujätze seiner Hand. 
« Die beiden letzten Sätze elgenböndiger Zusatz Bismarcks an Stelle eines längeren Passus Buchers.
        <pb n="227" />
        Preuhenfeindliche Haltung der französischen Drovinzialpresse. 213 
Mißstimmung soll das guestionierte Gesetz endlich um deswillen erregen, weil man 
darin nur den Anfang erblickt, die Bolksschule der Kirche und den Konjistorien zu ent- 
siehen, was man insbesondere daraus herleite, daß in demselben von den kirchlichen Be- 
börden überhaupt nicht mehr die Aede sei. 
Es ist für mich besonders aus politischen Gründen von nteresse, mich über diese Be- 
denken näher m informieren, und ersuche ich deshalb Ew. Erlaucht ganz ergebenst, sich 
darüber gefälligst bald gegen mich äußern zu wollen. 
*1023. Erlaß an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
Sane?. von der Hand des Vortragenden Aats Hepke.] 
einem — nicht von Vismarck gezeichneten —. Erlah nach Daris vom 8. Jonuar war 
—’i Beschwerde geführt worden, daß in der olHfigiösen kramölilchen Sroer. impresse Hetz- 
artikel gegen Preußen gleichlautend zum Abdrucke gelangten. Wie der Geschäftsträger Graf 
Solms am 11. berichtete, hätte die fronzölische kus henen der gebehlio ten Artikel, der 
nach Aussage von Marquis Moustier nicht einer, von der Negierung beeinflußten, sondern einer 
legitimistischen Korrespondenz entstammte, scho n sich aus desavouiert. Graf Solms wollte 
desbalb ein Zurückkommen auf diesen spenie 2 - nicht angebracht finden. 
Vertraulich. Berlin, den 17. Januar 1868. 
Ew. pp. heben in dem gefälligen Bericht vom 11. d. M. bervor, daß es nicht angehe, 
den in der französischen Provinzialpresse verbreiteten preußenfeindlichen Artikel, dessen 
Widerlegung im „TConstitutionnel“ vom Kaiser selbst veranlaßt worden, nochmals an 
entscheidender Stelle zur Sprache zu bringen. Sch bin damit um so mehr einverfstanden, als 
der diesseitige Erlaß vom 8. d. M. bierauf speziell gar nicht gerichtet war. 
Vicht jener einzelne Artikel, welcher nach der Andeutung des Berichts aus einer, hier 
nicht bekannten „legitimistischen“ Korrespondenz berrühren soll, ist es, auf den es uns an- 
kommt, sondern die von ihm gekennzeichnete, in letzter Seit vorwiegend hervortretende 
Richtung der französischen Provinzialpresse. Die letztere schürt und nährt anhaltend in der 
Bevölkerung einen feindseligen Geist gegen Preußen, im SGegensatz zu einzelnen beruhi- 
genden Artikeln der großen offijiösen Organe in Paris. Es würde mir erwünscht sein, 
jene „legitimistische Correspondenz“, deren Ansehn dem der Aegirung, wie es scheint, die 
Wage hält, u kennen. Vielleicht ist sie im Abonnement zu haben 1. 
Die Haltung der französischen Provinzialpresse ist selbst in St. Detersburg aufgefallen, 
und Fürst Gortschakow, welcher sie kürzlich aus eigener Initiative gegen den Drinzen Reuß 
zur Erörterung brachte, hat darin ein Symptom für die in Paris verfolgten Tendenzen 
gefunden. 
Ew. pp. bemerken, daß man in dortseitigen Regierungskreisen überhaupt die Zer- 
fahrenheit in der offiziösen Presse beklage. Sch halte diese Klage nicht für aufrichtig, 
und bin überjeugt, daß Mittel vorhanden sind, diesem Übelstande, insbesondere in Be- 
Jiehung auf die abhängige PDrovinzialpresse abzuhelfen. 
Der GSegensatz wischen den Kundgebungen des Kaisers, die so entschieden auf die Be- 
ruhigung der öffentlichen Meinung gerichtet sind, und jenen Bestrebungen der Provinzial- 
1 Die beiden letzten Sätze eigenböndiger Zujsatz Bismarcks. 
„ Der Eingang des Satzes eigenböndige Korrekktur Bismarcks.
        <pb n="228" />
        214 Seindsellge Haltung Varnbülers gegen Preußen. 
presse ist eine wesentliche Ursache, daß in allen Verhältnissen der Mangel an Vertrauen 
auf die Dauer friedlicher Justände lähmend und zerstörend wirkt. 
Über die friedlichen Intentionen des Kaisers waltet bei uns kein Sweifel ob; wohl 
aber können wir uns eines folchen darüber nicht erwehren, daß es Organe der Aegierung 
selbst sind, die ihre Lendenzen im Widerspruch mit dem Willen des Kaisers zur SGeltung zu 
bringen wissen. Sch muß deshalb nochmals auf meinen Wunsch zurückkkommen, diesen 
Gesichtspunkt in Bejiehung auf die Presseverhältnisse von Ew. pp. gelegentlich dem 
MAarquis Moustier gegenüber zur Sprache gebracht m sehen. 
*1024. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Helnrich VII. Drinzen Reuß. 
[Kontfept von der Hand des Vortragenden Rats Theremin.) 
Vertraulich. Berlin, den 18. Januar 1868. 
Die württembergische Regierung hat in neuerer Seit eine feindseligere Haltung gegen 
Preußen angenommen, als seit dem Srieden der GSall war :. Ew. pp. ist der beftige und un- 
motivierte Angriff bekannt, den der Sreiherr von Varnbüler in der württembergischen Ab- 
geordnetenkammer gegen den Norddeutschen Bund gerichtet hat. Die Presse in Württem- 
berg übersteigt in Schmähartikeln gegen Preußen alles bisber Dagewesene, und die König- 
liche Regierung hat sich genötigt gesehen, wiederholt die gerichtliche Verfolgung in Stutt- 
gart erscheinender Blätter zu beantragen, welche in neuester Zeit, wie Ew. pp. aus den 
Seitungen ersehen haben werden, auch m einer Verurteilung des „Beobachters“ wegen 
Beleidigung Seiner Majestät des Königs und der Königlichen Regierung geführt hat. 
Denselben Ton, in noch höherem Maße und mit noch mehr Synismus schlägt ein anderes 
in Stuttgart erscheinendes Blatt an, welches die genauesten Beziehungen zu dem Greiherrn 
von Varnbüler hat und als dessen Organ betrachtet werden kann. Es ust dies die „Bürger- 
jeitung“, deren nomineller Redakteur eine dem genannten Minister ganz ergebene Person 
ist, und die von demselben inspiriert und subventioniert wird. In unzweifelhaftem Zu- 
sammendange mit der auf unseren Antrag erfolgten Verurteilung des „Beobachters“, steht 
das von dem Abgeordneten Mohl bei Beratung des Entwurfs einer Strafprozeßordnung 
eingebrachte Amendement, wonach Beleidigungen der Presse gegen auswärtige NRegenten 
und Regierungen nicht mehr wie bisher durch gelehrte Nichter abgeurteilt, sondern den 
Schwurgerichten überwiesen werden sollen. Mit diesem von der Abgeordnetenkammer 
angenommenen Amendement, welches, mnächst gegen Preußen gerichtet, gleichzeitig das 
monarchische Prinzip in allen Staaten auf das empfindlichste berührt, hat sich bei Beratung 
in der Komminion der Vertreter der württembergischen Regierung einverstanden erklärt, 
wenn auch demnächst bei der Verhandlung im Hause infolge der Borstellungen des Grei- 
berrn von Vosenberg der Sreiherr von Varnbüler und der Vorstand des Justizdepar- 
tements sich dagegen ausgesprochen haben. Den in Bemg auf diese Angelegenheit unter 
dem 9. d. M. von mir an den Freiherrn von Rosenberg gerichteten Erlaß? füge ich zu Ew. 
pp. gefälliger Kenntnisnahme in Abschrift bei. 
1 Vgl. auch Ar. 1014. 
* Slebe VRr. 1014.
        <pb n="229" />
        Gortschakom soll in Stuttgart vertraulich einwirken. Votstand in Preuhen. 215 
Während uns auf diese Weise die württembergische Regierung zu den gerechtfertigtsten 
Beschwerden Veranlassung gibt, haben wir von unserer Seite gegen dieselbe die rücksichts- 
vollste Haltung beobachtet. Wir baben dies sowohl bei den Verhandlungen, welche den 
Griedensschlüssen von 1866 vorangingen, betätigt, als auch in neuerer Zeit bei der feind- 
seligen Stellung, welche die württembergische Regierung zum Norddeutschen Bunde ge- 
nommen, bisher von allen Reklamationen abgeseben. Hierzu sind wir einzig und allein durch 
die Rücksicht auf Rußland und auf die engen Beziehungen des Kaiserlich Rujsischen 
Haufses zu Württemberg bestimmt worden. Wir dürfen uns daber auch zu der Annahme 
für berechtigt halten, daß die Kaiserlich Russische Regierung gern geneigt sein wird, der 
württembergischen Regierung wegen ihres feindseligen Verhaltens gegen Preußen ge- 
legentlich vertrauliche Vorstellungen machen zu lassen?. Wir geben uns um so mehr dieser 
Hoffnung bin, als das Verbalten der würtltembergischen) Regirung die bestehende Einig- 
keit ulnd] Sicherheit des deutschen Staatenspstems zu Gunsten der in Stuttgart vormgs- 
weise mächtigen ulnd) dort vom Auslande subventionirten rotben Demokratie beein- 
trächtigt ulnd) auf diese Weise die Sukunft der eignen würtemblergischen]) Dynastie in erster 
Linie gefährden hilft . 
Sch ersuche Ew. pp. ergebenst, die Sache in diesem Sinne zum Gegenjtande einer ver- 
traulichen Besprechung mit dem Sürsten Gortschakow zu machen und über die Aufnahme, 
welche diese Mitteilung bei ihm gefunden, demnächst berichten m wollen. 
1023. Schrelben an den Staatsminister Grafen zu Culenburg. 
[Kanzleitronzept.) 
Berlin, den 22. Januar 1868. 
Euer Exzellenz beehre ich mich hbierneben eine im Ginanzministerium gefertigte Gu- 
sammenstellung der bis jetzt dort eingegangenen Berichte über den MAotstand in den 
Negierungsbezirken Königsberg und Gumbinnen s. v. r. zur geneigten Kenntnisnahme ganz 
ergebenst zu übersenden. 
Zu meinem lebhaften Bedauern glaube ich aus diesen Berichten entnehmen zu müssen, 
daß gerade diejenige Maßregel, welche ich seit Monaten auch Cuer Czellenz gegenüber 
als die dringendste bezeichnet und um deren schleunige Ausführung ich wiederholt gebeten 
habe, noch immer nicht in das Werk gesetzt worden ist. 
Fast in allen Berichten findet sich die Anführung, daß in den betroffenen Ditrikten 
die Sufuhr der notwendigsten Lebensmittel mehr oder weniger unzureichend ist, und daß die 
in jeder Lokalität effektiv vorbandenen Vorräte nicht die Garantie gewähren, für die Er- 
nährung der Bevölkerung bis zur nächsten Ernte und für die Grühjahrsbestellung den er- 
forderlichen Bedarf zu bieten. 
In dieser Beziehung darf jedoch kein Sweifel bleiben. 
Die Aegierung hat die unabweisliche Pflicht, für sich zur Soidenz festzustellen, ob und 
daß die erforderlichen Borräte in jedem einzelnen Kreise vorhanden sind, und 
eventuell für die sofortige SErgänzung dieser Vorräte in geeigneter Weise Sorge zu tragen. 
* Der Satz ist weitgebend durch Korrekturen Vismarcks bestimmt. 
Der Satz eigenbändiger Einschub Bismarcks. «
        <pb n="230" />
        216 Mahßregeln gegen den Notstand in Preuhen. Usedoms schwächliche Haltung. 
Hiermit ist aber um so schleuniger vorzugehen, als zur Jeit die Getreidepreise sogar 
noch den Export aus den preußischen Häfen gestatten und daher die Beschaffung des not- 
wendigen Bedarfs noch m relativ mäßigen Preisen zu ermöglichen ist, und als überdies — 
auch abgesehen davon, daß demnächst die Preise, namentlich bei grell hervortretendem Be- 
dürfnis, eine nicht unerhebliche Steigerung erfabren dürften — mit dem Eintritt des 
Frühjahrs die von den chaufsierten K gen abgelegenen Gegenden vielleicht 
leitweise unpassierbar, jedenfalls aber dem TCransporte viel schwerer zugänglich sind. 
Euer Cxjellenz beehre ich mich deshalb wiederholt ebenso dringend als ganz ergebenst 
mu ersuchen, geneigtest die nötigen Anordnungen treffen zu wollen, daß in jedem 
Kreise das Verhältnis des vorhandenen Vorrats zu dem ob- 
waltenden Bedürfnis genau festgestellt und, wo sich ein Mißverhältnis 
berausstellt, unverzüglich und solange der Frost die Wege passierbar macht , die nötigen 
Einleitungen getroffen werden, das vorhandene Manko rechtzeitig zu decken. 
Die ungesäumte Erledigung dieser Angelegenbeit ist meines Crachtens um go drin- 
gender, als sonst im Grühjahr in einzelnen der Kommunikation schwer und langsam zugäng= 
lichen Ortlichkeiten die Kalamität Dimensionen annehmen kann, deren Bewältigung und 
Verantwortung schwer zu tragen sein dürften. 
Von dem, was Euer Exzjellenz in dieser Beziehung verfügen, bitte ich mich geneigtest 
des baldigsten in Kenntnis fsetzen zu wollen. 
H. v. Poschinger, Aktenstückee zur Wirtschaftspolitik des FSürsten Bismarck, I. 107 f. 
* 1026. Telegramm an den Gesandten in Florenz Grafen von Usedom. 
[Konfept von der Hand des Vortraogenden Rats Abeken.] 
ele genheiten“ war ma rat wegen der angeblichen Uieriunk demen Preußens mit 
GSoer in betreff vn, sieun cherömehen en i Ohne in Berlin deshalb inter- 
Fellieren zu wollen, wünsch ennoch lebha unde darüber.“ Bismarck hatte am 20. die 
mangelnde Dräzision die ¾ Walen — Ausdrüicke, daß man auf dem 
Eliisterium belorgt sei“, können hier zu Eni#chieezungen, die einer telegraphischen Beschleunigung 
edürften, keinen Anlaß geben. Im gegenwärtigen Salle, war eine Anfrage in Berlin unnötig 
8 Ponnte dielwebr nur den Verdacht erwecken, daß Ew. pp. seltst über die Sache nicht ganj 
pp. kennen unsere Politik genug, * gsolchen durch nichts motivierten und 
Wi Befürchtungen auf der Stelle mit bilcs Entschiedenbeit engegemutreten. Ein Bericht 
vom 18. Januar enthielt nun etwas detailliertere Angaben über die Besorgnisse der 
Kaslens en Staactsmänner; am Schlusse bemertte der Gesandte, aus „Mangel näberer Enfor-- 
mation“ babe er nur allgemein erwidern können 
Berlin, den 23. Januar 1868. 
Schluß bres chiffrierten Berichts Ar. 5 vom 18. d. M. wegen Mangel an Infor- 
mation ebenso befremdlich, wie õhr neuliches Celegramm. Es ist nichts geschehen, worüber 
Sie Information bedurften; als nstruktior besteht die Ihnen gegebene in Kraft, 
wonach Preußen die Erhaltung der Sntegrität und Unabhängigkeit Staliens als ein eigenes 
und europäüisches Interesse ansieht und einem Angriff darauf nicht gleichgültig zusehen 
Kkann. Diese Instruktion genügte, um Sie solchen törichten Befürchtungen oder Insinua- 
tionen, woher sie auch kommen, als könnte Preußen sich mit Frankreich zum Machteil 
Italiens verständigen, sofort mit Bestimmtheit entgegentreten zu lassen und felbst keine 
Unsicherbeit darüber zu verraten. 
1 Der VNebensatz: „und solange . ..“ elgenböndiger Zusatz Bismarcks.
        <pb n="231" />
        Preuhische Wassen und Offiziere für Rumänien. 217 
1022. Schreiben an das Krlegsministerlum. 
[(Konzept von der Hand des Vortragenden RNats Theremin.) 
Auf Bismarcks Schreiben vom 7. Januar (siehe Nr. 1010) hatte General v. Dodbielski, 
der den zur Wiederherstellung seiner Gesundheit beurlaubten Minister v. Roon seit dem 
20. Dezember vertrat, am 20. Jonuar die Abgabe von 5000 Zündnadelgewehren an den Fürsten 
Karl von Rumänien für Aär) zugesagt, auch gegen die Zuweisung einiger geeigneter inaktiver 
Offiriere kein Bedenken geäußert, nur müßten die Bedingungen, unter denen sie engagiert werden 
lollten, dem Kriegsministerium moor mitgeteilt werden, damit es sich mit geeigneten Reflektanten 
in Berbindung jetzen könne. 
Berlin, den 23. Januar 1868. 
Indem ich dem Königlichen Kriegsministerium für die gefällige Mitteilung vom 
20. d. M. in betreff der Waffen und Offiziere für Rumäniene, verbindlichst danke, bemerke 
ich ganz ergebenst, daß mir der darin enthaltene Vorschlag, wonach das Königliche Kriegs- 
ministerium demnächst die Bedingungen für den Eintritt inaktiver Offiziere in die rumä- 
nische Armee selbst verbandeln und eventuell die Verbindung der rumänischen ANegierung 
mit denselben vermitteln würde, politisch nicht unbedenklich erscheint. Auf diese Weise 
würde nämlich die preußische Regierung amtlich in die Sache hineingefogen und von ihr 
eine Verantwortlichkeit für die weitere Entwickelung dieser Angelegenheit übernommen 
werden, was meines Erachtens vermieden werden sollte. Es würde, wie ich glaube, den zu 
berücksichtigenden Berhältnissen mehr entsprechen, wenn seitens des Königlichen Kriegs- 
ministeriums dem Agenten des Sürsten geeignete inaktive Offiziere namhaft gemacht 
würden, mit denen derselbe namens der rumänischen Regierung direkt in Verband- 
lungen zu treten hätte, so daß denjenigen Offizieren, welche auf die Sache eingehen gollten, 
demnächst diesseits nur die Erlaubnis zu dem von ihnen freiwillig gewählten ÜUbertritt 
in den rumänischen Dienst erteilt zu werden brauchte. 
Im Falle des geneigten Einverständnisses des Königlichen Kriegsministeriums würde 
ich den Agenten des FSürsten Karl in diesem Sinne mit Bescheid versehen lassen und daos- 
selbe gleichzeitig um gefällige Mitteilung darüber ganz ergebenst ersuchen, an wen der 
gedachte Agent sich eventuell zu wenden haben würde, um geeignete Offiziere, mit denen 
er Verhandlungen einleiten könnte, bezeichnet zu erhalten? 
1028.— Schreiben an das Miiglied des Herrenhauses 
Landrat von Waldow-Sieinhöfel. 
[Konzept von der Hand des Bortragenden Rats Wagner.] 
Am 6. Dezember 1867 hatte die Regierung dem Landtage einen Gesetzentwurf ebetressend 
die Überweisung von Beständen des vormals bannoverschen Domanialablölungs- 
äuherungsfonds an den provinzialständischen Verbond der Provinz Hannover vorgelegt. Danach 
sollten die Bestände dieses Fonds, der nach dem Nechnungsabschluh für 18667 ein Aufkommen 
an Jahreszinsen von 350 oo0 Athl. gewährte, dem wropiniaftendischen Verbande als ein dem- 
lelben gehöriges und von ihm unter Mitwirkung und Aufsicht der Staatsregierung mu ver- 
waltendes Vermögen vom 1. Jonuar ab überwiesen werden. In der Budgetkommission stimmte 
1 Vgl. Ar. 1010. 
: In leinem Antwortschreiben vom 11. Bebruar bezeichnete General v. Podbielski den Oberftleutnant 
v Ale d#ll im Ariegeministrium als diejenige Persönlichkeit, an die sich der Agent des Fürsten Karl wenden 
ies wurde dem Agenten des Sürsten Kabinoktsrat Friedländer mitgeteilt. Damit war die An- 
#uslscinbelt für das Ministerium der auswärtigen Angelegenbeiten erledigt.
        <pb n="232" />
        218 
Sekret. 
Der bannoversche Drovinzialfonds und dle konservative Opposition. 
die Mebrbeit dem Jweck des Gesetzes und seinen Grundgedanken zu, eine Minderheit aber 
fand in der Zuwendung. des Sonds eine à### m rechtfertigende V berbet aber 
Hannover, die in Verbindung mit der dem König Georg V. gewährten Abfindung von 
16 Millionen Talern in den altpreuhischen Landesteilen als eine Benachteiligung empfunden 
werden müsse. Bismarck setzte sich am 18. und 19. Dezember in der Kommission mit allem 
Nachdruck für die Vewilligung ein, indem er die Absicht kundgab, auch den übrigen Prooinzen 
eine gröhere Selbständigkeit in der Verwaltung ihrer Angelegenbeiten einzuräumen. Am 
20. beschloß die Kommission mit 16 gegen 11 Stimmen, auf Senehmigung der Negierungs= 
vorlage anzutragen, aber nur in der Sorm der Bewilligung einer jährlichen Summe von 
50 000 Talern, statt des Kapitals. Der Widerstand ging vor allem von der Konservativen 
artei aus, die durch Bismarcks Zugeständnisse an den Liberalismus gereizt und, von dem 
chreckbild einer kommenden freibeitlichen Kreisordnung geängstigt, den Augenblick für eine 
Kraftprobe gekommen glaubte. Mit voller Deutlichkeit treten die eigentlichen Motioe des 
konservativen Verhaltens in einem Schreiben heraus, das das Herrenhausmitglied Landrat 
. Waldow-Steinböfel am 18. Januar 1868 an Bismarck richtete,. Es hieh darin u. a.: „Sie 
verlangen von der konservativen Dartei die Bewilligung aus Bertrauen zu Ihrer Person und i 
Sbrer tieferen Einsicht gewissermaßen als Recht eines alten Freundes. An Beweisen unseres 
Vertrauens, meine ich, baben wir es nicht fehlen lassen. Wir haben unfsere Überjzeugungen 
vielfach jum Opfer gebracht, Ihrer Person, Schellenf, nicht dem Ministerium. Was üust uns 
dagegen geworden? Ich sage nicht von der erson, aber von der Negierung, in der doch schliehlich 
Sie das leitende geistige Clement sind. Jede einzige Aaßregel war gegen den großen Grund- 
besitz und gegen die konservativen Interessen gerichtet und, wie schmerjlich es auch ist, der Ge- 
danke verbreitet sich immer mehr, daß Exzellen; die konservativen Intereslsen aufgegeben 
en. Preußen ist ein armes Land, und wir geben, ich bin dessen gewih, schweren finan- 
iellen Verwicklungen entgegen, und danach können wir in Geldfragen, eine solche Ut der 
aonnöversche Drovinzialfonds, unsere Überjeugung gefangen geben, aber nur dann, wenn wir 
auf einem anderen Gebiet eine Entschädigung erreichen. — Die Kreisordnung und was damit 
miaammenhängt, schwebt über uns. ach allem, was seit zwei Jahren gescheben, müssen wir 
irchten, sie werde noch trauriger ausfallen wie die des Grafen Schwerin. Können wir in 
ieser Srage auf Euere Exjellen; jählen, so können wir in der anderen mit Ihnen geben. 
Sie wissen es. und, ich täusche mich darüber nicht, Sie können Shre wecke 
auch ohne und gegen uns erreichen. Das berechtigt uns aber nicht zum Selbft- 
mord. Um so weniger als die Jukunft dennoch schließlich denen gehört, die gegen die 
Vermehrung der Staatslasten kämpfen.“ Siebe den vollen Cext des Waldowschen Schreibens 
bei H. v. Poschinger, Fürst Bismarck und die Darlamentarier, II, 57f. Bismarck war nicht 
geneigt: sich auf einen folchen Handel einulassen- er drehte alsbald den Spieß um, und stellte 
er konservativen Dartei, von der er eine unbedingte Gefolgschaft verlangte, selbst das Schreck- 
bild der „unausbleiblichen Konsequen)“ einer liberalen Kreisordnung vor Augen. Vgl. dam 
Sedanken und Erinnerungen, II, .7z v. Roon, Denkwürdigkeiten, III, 62 ff. G. Vitter, 
Die preußischen Konjservativen und Bismarcks deutsche Dolitik 1858 bisisro, S. 280 ff. Gu-- 
nächst aber suchte Bismarck dem Landrat v. Waldow begreiflich zu machen, daß der leitende 
Staatsmann Preußens, auch wenn er auf konservativem Boden stebe, leine Haltung so einrichten 
mllsse, um das „Susammenwlrken der maßgebenden Kräfte Preuhens“ sichermstellen. 
einer Majorität bedarf, unterschätzen. 
1 Der 
Konzept Blem 
Obs sich irgend jemand in der Lage befindet, das Gusammenwirken der maßgebenden 
Kräfte Dreußens in dem Maße, ohne welches die Regirungsmaschine überhaupt nicht im 
Gange erhalten werden kann, ohne Verletzung befreundeter ulnd] selbst eigner Ansichten 
sicher m stellen, weiß ich nichlt. Davon aber bin ich überjeugt, daß, wenn Ew. pp. Selbst 
von der Nothwendigkeit des Zusammenfafsens jener oft sehr heterogenen Kräfte im Interesse 
des Vaterlandes so wie ich einmal überzeugt wären, Ihre mir bekannte Energie unter 
Berlin, den 24. Januar 1868. 
Ew. Hochwohlgeboren kann ich nicht unterlassen, auf dos geehrte Schreiben vom 
18. d. M. ganz ergebenst zu erwidern, daß, so sehr ich auch die freundschaftlichen und 
patriotischen Motive Ihrer Darlegung zu würdigen weiß, ich doch die Bemerkung nicht 
unterdrücken kann, daß Sie meines Erachtens die Schwierigkeiten der Stellung und Auf- 
gabe gerade eines konservativen Ministers, der, wie die Verhältnisse nun einmal liegen, 
S# folgende Absatz beruht auf elgenböndigem, die Fasllung Wagners vollständig ersetzenden 
artks.
        <pb n="233" />
        Entschledenes Eintreten Bismarcks für den hannoverschen Prooinzialfonds. 219 
Umständen Sie wahrscheinlich m einer noch freieren Bewegung aubßerhalb der Schranken 
der Partei-Gefühle hinreißen würde, als die ist, welche ich mir bisher gestottet habe. Es 
kommt das nur auf den Versuch an:. 
H. v. Doschinger, Sürst Bismarckt und die Parlamentarier, II. 58f. 
1029. Schrefben an das Mitglled des Herrenhauses 
von der Marwitz. 
[Kanzleikonzgzept nach Diktat Bismarcss.) 
Am 23. Januar batte der Abgeordnete v. Diest-Dober, ein Bruder des W* 3 
Megierungspräsidenten, nach vor ehängigen mündlichen Verhandlungen mit Bismarck (o — 
H. v. olchinger, Fürst Bismarck und die Darlamentarier, II, 59) zu dem Bericht der —’ 
Kommission über die nieesi? Gul. Dr. 1028, Vorbemerkkung), ein Amen- 
dement eingebracht, wonach der Betra on 500 00o MUt hl. mnächst nur ein 
Jahr zur Verfügung geltellt und geecheiiis die Staatsregierung aufgefordert werden 
Keis, bei Vorlegung des Etats für 1869 dem Landtage einen festen Dlan 
für die Gn —“ Proointen jur lbstoerwalkung überweisenden Sonds vor- 
ulegen. an nahm in Abgeordnetenkreisen vielfach an, aiur die Negierung in dem Diest- 
sites Antrage einen erwünschten Ausweg aus einer Sachga e sehen werde. Das Bismarck 
befreundete Herrenhausmitglied v. d. Marwitz fragte Seeegale boch- un 2B. bei ihm an. 
Berlin, den 24. Januar 1868. 
Auf Deinen Brief erwidere ich in der Eile anderer Geschäfte, daß ich mich mit dem 
Diestschen Antrage weder einverstanden erklärt habe, noch einverstanden erklären kann. Es 
zeigt mir, daß die Organisation einer Regierung unbekannter ist, als man glauben fgollte, 
wenn so viele Sreunde einer Regierung anzunehmen imstande sind, daß eine Gesetzesvorlage, 
welche ursprünglich auf einer Jusage an den Provinziallandtag beruht, welche demnächst 
im Staatsministerium und im Kabinett mit sorgfältiger Erwägung aller Gegengründe fest- 
gestellt, von Seiner Moajestät genehmigt und vollzogen, von dem Gesamtministerium mit 
Aufwendung aller Kräste und Argumente in der Kommission verteidigt worden ist, von 
einem der Minister gewissermaßen unter vier Augen und beimlich zurückgefogen werden 
könnte. 
Die Leichtigkeit, mit der man mißverstanden wird, scheint mir so groß, daß ich auch 
diesen Worten noch die Erläuterung hinzufügen muß, daß dieselben keine Andeutung er- 
halten, als wären es nur jene äußerlichen Vorgänge, welche mich noch heute an der Vor- 
lage festhalten ließen, sondern daß ich noch heute wie vor vier Monaten das Drinzip der 
Vorlage für das richtige halte, dasselbe, wenn es nicht schon geschehen wäre, noch heut 
aus eigener Überzeugung aufstellen und seine Verwerfung namentlich durch die konfervative 
Partei und aus ihrem Standpunkte für einen politischen Sebler halten würde, der sich 
voraussichtlich in der Entwicklung sowohl der bannöverschen wie der provinziellen Ver- 
hältnisse im allgemeinen strafen würde. 
Ich habe nichts dagegen, daß Du von diesem Briefe jeden Dir gut scheinenden Gebrauch 
machst. 
Anhang zu den Gedanken und Erinnerungen von Otto Sürst von Bismarck. II. *-
        <pb n="234" />
        220 Baprische Besorgnis vor Übergriffen des Jollparlaments. 
*1030. Erlaß an den Gesandten in München 
Freiherrn von Werthern. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.)] 
In einem Bericht vom 20. Januar war Sreiherr von Werthern auf die bevorstebenden 
Wablen zum Jollparlament z sprechen gekommen, in dem die einen die rettende Cat der 
Einigung Deutschlands“, die anderen den „Dopant“ sehen wollten, der Bauern verschlinge. 
Mit WBück icht auf die Stimmung in Bayern empfahl Werthern eine berubigende Erklärung 
in dem Sinne, daß Preußen eine Aeigung des Zollparlaments zur Überschreitung seiner Be- 
misse mrückrweisen würde. Eine Einschläferung des baprischen Mißtrauens aber bielt 
ertbern für erwünscht, „denn das politische Kunststücke besteht doch darin, Bayern eine 
Kuthanasia zu bereiten, und es mit sanfter Hand zum Tode m führen. Verloren ist es doch.“ 
Vertraulich. Berlin, den 25. Januar 1868. 
Ew. pp. regen in Ihrem interessanten Berichte vom 20. d. Al. über die allgemeine 
Lage der Dinge in Bayern die Erwägung an, ob es nicht geraten sei, von hier aus in 
offijieller Weise zu erklären, daß wir eine etwoige Neigung des Sollparlaments zur Über- 
schreitung der in dem Vertrage vom 8. Juli v. J. verjeichneten Befugnisse zurückkweisen 
würden. Zu Shrer perfönlichen Direktion beehre ich mich die Stellung zu bezeichnen, 
welche die Regierung zu dieser Srage genommen hat. 
Unmweifelbaft wird es die richtige olitik sein, daß, wenn bier ein Bersuch zu Kom- 
petenzüberschreitungen gemacht wird, die preußische Regierung demselben als Anwalt 
der Verträge entgegentritt. Der Sall liegt aber wesentlich anders, insofern es sich darum 
bandelt, schon vorher eine solche Kundgebung zu machen. Der augenblickliche Eindruck 
auf die augenblickliche Stimmung würde allerdings ein beruhigender sein. Aber die Aach-N 
wirkung auf die verschiedenen Elemente, mit denen wir zu rechnen haben, würde, glaube 
ich, kein unferen Interessen günstiges Gesamtresultat ergeben. Unsere Gegner, namentlich 
die Ultramontanen, denen schon der Vertrag vom 8. Juli zu viel ist, würden dadurch nicht 
gewonnen werden. Die mittleren, teilnahmloseren Parteien würden eben ihrer Natur 
wegen dadurch zu keiner Tat getrieben werden. So bliebe nur die Hauptwirkung übrig, 
unsere Sreunde, namentlich diejenigen, die weitergehen als wir zurzeit, und die dadurch 
nützlich wirken, u entmutigen und ihnen Anlaß m geben, uns des Mangels nationaler 
Sesinnung anzuklagen. Sch bitte daher, wenn Ew. pp. gefragt werden, wie wir über die 
Kompetenzfrage denken, zu antworten, daß die Regierung sich streng an die Verträge 
balten werde, übrigens aber freiwillige Außerungen über den Gegenstand gefälligst m ver- 
meiden; und ich setze hinzu, daß dies die Haltung ist, welche Seine Moajestät der König über- 
haupt beobachtet haben will. 
Ich glaube, daß noch lange mit den in Bayern vorhandenen Parteien zu rechnen sein 
werde, und trete schon damit in eine gewisse Opposition zu den Schlußworten Sbres Be- 
richtes. Sch halte die darin liegende Propbezeihung für gewagt und glaube nicht, daß sie 
sich in unjerer beider Lebenszeit erfüllen werde. Wern auch Kkeinem Staate, der unsrige 
nicht ausgenommen, die Dauer zu garantieren ist, so zeigt mir doch ein Rüchkblick auf die 
Geschichte des bapyrischen Staates in seinen Bevölkerungen, die Abeinpfalz ausgenommen, 
ein jtarkes Beharrungsvermögen und in den Stammlanden eine starke Anhänglichteit 
an die Dynastie.
        <pb n="235" />
        Serbischer Gewehrkauf. Beufts publizistische Werkzeuge. 221 
*1031. Erlaß an den Generalkonsul in Belgrad Rosen. 
(Kongept von der Hand des Vortragenden Rats Theremin.] 
Berlin, den 29. Januar 1868. 
Ew. pp. benachrichtige ich unter Bezug auf meinen Erlaß vom 8. d. M., daß unter 
den obwaltenden politischen Verhältnissen und bei den Schwierigkeiten, welche sich nach 
den uns zugegangenen Nachrichten dem Transporte entgegenstellen würden, ein direkter 
Verkauf der Gewehre an die serbische Regierung untunlich erscheint. Das Geschäft wäre 
am besten zu machen, wenn Rußland zu bestimmen wäre, es mit uns für die serbische Re- 
gierung abzuschließen und den Transport durch Rußland bewirken zu lassen-. Wir unter- 
bandeln hierüber mit Petersburg. 
*1032. RKunderlaß an die Missionen bel den Großmächten, 
in Florenz, Dresden und Brüssel!. 
#Kenneyr von der Hand des Vortragenden NRats Bucher.] 
m 20. Januar hatte der Gesandte in München Sreiherr v. Werthern auf Grund von 
Tieil 2 des Herausgebers der „Süddeutschen Presse“ Julius Fröbel und delssen Unter- 
redakteurs Dr. Bode einen Bericht erstattet, der einen tiefen Blick binter die Kulissen der 
Beust'schen Politik tun ließ. Wäbhrend der österreichische Aeichskanzler offiziell verföhnliche 
und entgegenkommende GSesinnungen gegen reußen Hur Schau trug, den „gänzlichen Veriicht 
auf Nachegedanken und die Unwahrscheinlichkeit einer gemeinsamen Aktion mit Frankreich" 
als Parole ausgab, ließ er durch seine publizistischen Werkzeuge, wie den in seinem Kabinett 
beschäftigten Dr. Orges, (ogl. über dessen Antezedentien Ed. Heuck, Die Allgemeine Zeitung 
I bis 1898; H. Oncken, A. v. Bennigsen, I, 405 f.) überall und vornehmlich in 
Suüddeutschland gegen Preußen wühlen. Wertbern war in der Lage, Bismarck das Original- 
manuskript eines Orges'schen Artikels „Die Zuftimmung Srankreichs zur Neorganisation 
Deutschlands" zu unterbreiten, der am 16 Januar unter Sortlassung der schlimmsten Invektiven 
gegen Preußen in der „Süddeutschen Dresfe“ mm Abdruck gelangt war. In dem ursorüng. 
lichen Cext des Artikels waren die mit den süddeutschen Stbetn bgeschlostenen Schutz-- u 
Trutzbündnisse und ebenso die neuen Sollovereinsverträge als flagrante erleungen. des Pran 
Friedens und als schwere Veleidigung Srankreichs bingestellt, und es wurde als unvermeidliche 
Solge eines etwaigen weiteren Vorschreitens rkußens auf diesem Wege ein breubilch äran 
Gscher Krieg an die Wand gemalt. Vicht nrecht bemerkte Wertbern dazu: „Wenn 
ie Sprache ist, welche die Wiener ninzse riten Blatte, wie die „Süddeutsche Presses b 
mmuten, so kann man ermessen, in welcher Tonart die Themaia vom „preuhischen Vertrags= 
bruch“ und der Mislsion Grankreichs resp. Osterreichs, einen neuen Bruch nicht mehr nu dulden, 
gerade am Vorabend der Wahlen um Jollparlament in den oielen kleinen ultramontanen und 
partikularistischen Blättern variiert werden, welche aus gleicher Quelle ihre Inlpiration 
empfangen.“ 
Vertraulich. VBerlin, den 29. Januar 1868. 
Ew. pp. werden bemerkt haben, wie geflissentlich seit einiger Seit in der Presse die 
Friedfertigkeit Isterreichs versichert und die Aeigung zu einer Annäherung an uns 
akzentuiert wird. Wir würden diese Kundgebungen mit Genugtuung begrüßen, wenn wir 
1 n — nicht von Bismarck geseichneten — Erlaß d Januar war Vosen oesscht Kt 
worden, 10 1 von Serbien gewünschten Gewehrankaufe (ogl. it D#r 1006) nichts im Wege steh 
krage sich aber, in welcher Weise die Überfübrun nach Serbien erfolgen könnte. Da Stterreich orgeuss 
si N“ . Scholerigteeiten in den Weg legen werde, würde vor allem die Beförderung über 
ußland ins Auge zu sein 
Zu einem Wschluß mit Ruhland ist es nicht gekommen. Vach Berichten Mosens vom 12. und 14. Se- 
bruar trat die lerbische Regierung felbst von dem Seschäfte mrückt, da man in Petersburg Bedenken trug, 
die Wa allzn durch die Donaufürstentümer geben zu lassen. 
1032.1 Die Wiedergabe des Crlasses erfolgt in der für Wien beftimmten Form.
        <pb n="236" />
        222 Sebäfsige Einwirkung der Beustschen Agenten gegen Preuhen. 
volles Bertrauen zu ihnen fassen könnten, Leider ist das nicht möglich, solange wir daneben 
Sumptome wahrzunehmen haben, die in den Gesinnungen Österreichs gegen Preußen 
und in seinen Absichten für die Jukunft auf das Gegenteil jener Versicherungen schließen 
lassen. Wir haben Beweise, die über Hörensagen binausgeben, die, ich könnte sagen, 
juristisch unoanfechtbar sind, daß notorische Agenten des Sreiherrn von Beuft bei uns Jo- 
wohl wie im Auslande, da wo sie ihre Cätigkeit unbeachtet glauben, eine absolut feind- 
selige und gehäfssige CEinwirkung gegen Preußen in der Presse und in persönlichen Ver- 
bindungen betreiben. Man muß zunächst die Srage aufwerfen, ob jene Agenten dem Frei- 
berrn von Beust treu dienen, oder ob sie vielleicht, durch Geld oder sonstige Einflüsse 
anderen Parteien und Megierungen dienstbar gemacht, ob sie, von den Ultramontanen oder 
von Frankreich bestochen, die ihnen von dem Teichskanzler eröffneten Verbindungen 
benutzen, um gegen seine Intentionen zu arbeiten. Natürlich kann die Grage nicht direkt 
zur Erledigung gebracht werden dadurch, daß wir Herrn von Beufst von unseren Wahr- 
nehmungen Mitteilung machen, ihn zur Rede stellen; wir würden dadurch Quellen kompro- 
mittieren, die in Sukunft noch nützlicher werden können. Die Sache muß vielmehr, einst- 
weilen wenigstens, nach der Methode des Indizienbeweises behandelt werden. Die Per- 
sonen, bis zu denen hinauf wir eine feindfelige Tätigkeit verfolgen können, stehen zum Teil 
dem AReichskanjler so nahe, daß mir eine Unkenntnis ihres Treibens bei ihm nicht glaublich 
erscheint. Andererfeits ist mir von Grankfurt her bekannt, mit welcher Unvorsichtigkeit die 
österreichische Regierung in solchen Dingen ihr Vertrauen untergeordneten Agenten zu 
schenken, sich ihrer Diskretion in die Hand m geben pflegt. Es liegt ganz in den 
Traditionen dieses Sweiges der österreichischen Organisation, Leute mit Tausenden zu 
besolden, die anderen Regierungen für wenige Prozente ihrer österreichischen Bezüge Ab- 
schriften und für einen wenig höheren Preis sogar die Originalien ihrer Snstruktionen 
mitteilen. Nach meiner eigenen Erfahrung kommen auf diesem Gebiete bei Österreich 
Dinge vor, die bei anderen Regierungen zu den unwahrscheinlichsten gehören würden. 
Man muß also auch der Information, die aus solchen Quellen stammt, eine Bedeutung 
beilegen, die man ihr, wenn es sich um eine andere Regierung handelte, zuzugestehen nicht 
geneigt sein würde. Wenn ich das, was uns von dieser Seite zugebt, mit der nach- 
gewiesenen Cätigkeit gewisser Personen in der Umgebung des Aeichskanzlers zusammen- 
balte, slo muß ich glauben, daß die ganze Annäberungsphase eine mit Bewußtsein ge- 
pielte Komödie ist, und daß feste Pläne für die Zukunft in einer uns feindlichen Richtung 
bei ÖOsterreich bestehen. Ein Annäherungsversuch, den wir im Anpril v. J. durch den 
Grafen Tauffkirchen gemacht haben, bat damals eine Zurückweisung erfahren, die der 
Graf Wimpffen gegen mich durch das angeblich wenig gewandte Benehmen des Unter- 
händlers dürftig zu rechtfertigen suchte. Dieser Versuch ist von der offiziösen Wiener 
Journalistik, namentlich in einer Korrespondenz des „Pesti ARaplo“, die man direkt auf 
das Wiener Preßbüro zurückführt, neuerdings geleugnet worden. Man scheint darauf 
binmarbeiten, eines Tages lagen zu können, Osterreich babe sich uns zu nähern gewünscht, 
aber keine günstige Aufnahme gefunden. 
Sw. pp. sind über den Auftrag des Grafen Tauffkirchen durch meinen Erlaß vom 
14. April v. J. No. 160 informiert“. 
Indem ich Ew. pp. diese Mitteilung nur zu öbrer perfönlichen Kenntnisnahme mache, 
2 Slehe die Gelammelten Werke, VI, Nr. 739.
        <pb n="237" />
        Aussische Sorge vor einer Wendung der preußischen Politik. 223 
verbinde ich damit die ergebenste Bitte, Ihre Beobachtung dem Gegenstande derselben 
mwenden und mich von etwaigen einschlagenden Wahrnehmungen gefälligst in Kenntnis 
letzen zu wollen. 
*1033. Ellaß an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen RKeuß. 
lKonzept von der Hand des Vortragenden Aats Theremin.] 
— 10. Januar datte die „Neue Preuhische (Kreuj-) Zeitung“ unter der überschrift 
s Wien“ einen Artikel gebracht, der eine Dwenteung= dieses Blattes von der russischen 
*vd: e österreichische Seite anzudeuten schien. Es bieß darin u. a.; „Auch wir wünf 
Srieden mit Österreich, und zwar nicht einen bloß äußerlichen Frieden, wie wir ihn 1. B. auch 
mit Srankreich wünschen, sondern positive und inhaltsvolle Freundschaft, weil aeine solche 
Freundschaft die Garantie für den Srieden Deutschlands in lich trägt. aber auch zugleich für 
den Grieden Mitteleuropas. Die panfjlawistische Propaganda, wir können vom deutschen Stand- 
punkte aus wahrlich nicht den Sieg derselben wünschen. Und was endlich den Orient anlangt. 
lo können wir nur von ganjzem Herzen wünlchen, 05 Olterreich dort seinen deutschen Beruf im 
vollkten. Mahe erfüllen möge.“" Der Artikel gte in Petersburg sehr unliebsames Auffeben, 
nicht bloß in der obnehin durchweg deutschfeindischen rufsischen Presse, sondern auch bei dem 
Sürsten Gortschakow, der in ihm eine Bestätigung leiner schon aus österreichischen und franzö- 
lischen Ausstreuungen zelhenlten Zegen von einer Annäherung Preußens an Österreich 
Preußen u. a. der angeblich von sul trat in ersburg zur Sprache gebrachte Plan ent- 
gegen, „Osterreich an die Spitze einer Donaukonföderation zu ktellen und „dieses Neich für seine 
Verluste in Deutschland und Stalien in jenen Gegenden zu zutligee Auch ein angeblicher 
Vertraulich. Berlin, den 31. nuar 1868. 
Aus Ew. pp. politischen Berichten vom 17. und 23. d. M. — Vr. 10 und 12 — habe 
ich von der Verstimmung Kenntnis genommen, welche Ihnen dort wegen der angeblichen 
Wendung unserer Politikk in Beziehung auf Rußland und unserer vermeintlichen An- 
näherung an Österreich und Grankreich in der orientalischen Srage entgegengetreten ist. 
Die Angaben, auf welche man diese Vermutung zurückzuführen, und die Ursachen, aus 
denen man jene Verstimmung m erklären versucht hat, entbehren aller und jeder Be- 
gründung. 
Was zunächst den Artikel der „Kreuneitung“ anlangt, der bei dem Sürsten Gortscha- 
kow einen so üblen Eindruck hervorgerufen hat, so bin ich mit demjenigen, was Ew. pp. dem 
Fürsten in betreff der Stellung der Königlichen Regierung zu diesem Blatte sowie über 
die Haltung der beiderseitigen Presse überhaupt gesagt haben, vollkkommen einverstanden. 
Es läßt sich nicht verkennen, daß in neuerer Seit, und ich kann wohl sagen, infolge meiner 
Bemühungen, die öffentliche Meinung bei uns angefangen hat, sich an eine gesundere Auf- 
fassung unferes Verhältnisses u Rußland zu gewöhnen und letzteres als Preußens natür- 
lichen Bundesgenossen zu betrachten. Aur zwei Umstände sind es, welche auf die weitere 
gedeihliche Sntwickkelung dieser Anschauung binderlich einwirkken. Einmal der von Ew. pp. 
gegen den Fürsten Gortschakow bereits hervorgehobene wilde Ton, den die rulsische Presse 
gegen Preußen anschlägt, ohne daß seitens der rufsischen Regierung irgendwelche Gegen- 
wirkung ersichtlich würde. WMan würde sich irren, wenn man glauben wollte, daß die von 
den in russischer Sprache erscheinenden Blättern gebrachten Artikel bei uns weniger Ein-
        <pb n="238" />
        224 Auhland unser „natürlicher historischer und intimer Bundesgenosse“. 
gang in das große Publikum fänden als etwa die Artikel franfösischer und englischer 
Seitungen. Im Gegenteile, die betreffenden Artikel fallen um so mehr ins Gewicht, als 
in der rusfsischen Presse jede Gegenwirkung fehlt. Jeder engllischel, franzöllische] oder 
deutsche Artikel findet in Blättern desselben Landes, in welchem er erscheint, sein Gegen- 
gewicht ulnd] seine Widerlegung. Die rufsische Presse aber ist einseitig antipreußisch ulnd) 
antideutsch#, und die Annahme, daß die Haltung der rufsischen Regierung nicht ohne Einfluß 
auf die Erzeugnisse der dortigen Presse sei, ist eine allgemeine. Der Verhältnisse in den 
baltischen Provinzen wollen Ew. pp. gegen den Fürsten Gortschakow gar nicht erwähnen; 
jede Berührung derselben würde Empfindlichkeiten hervorrufen, die ich um so mehr zu 
vermeiden wünsche, als die Königliche Regierung ihrerseits kein direktes nteresse an 
der Hand liegt'. 
Ein fernerer Umstand, welcher die öffentliche Meinung bei uns gegen Rußland ein- 
nimmt, ist die Vorstellung, die man sich von der Cinwirkung der rufsischen Grenjsperre auf 
den Notstand i in Ostpreußen macht. Sch teile diese Ansicht nicht, bin vielmehr der Meinung, 
daß die Wirkungen dieser Sperre für die russische Bevölkerung viel verderblicher sind als 
für die diesseitige, wie das bei einer Absperrung des Binnenlandes vom Küstenlande auf 
der Hand liegt.= 
örrig ist die Annahme, daß die Antwort, welche Sürst Gortschakow auf die vertrau- 
liche Anfrage gegeben hat, die Ew. pp. infolge meines Erlasses vom 11. Dezember v. J. 
Nr. 419° an ihn gerichtet haben, bier unangenehm berührt habe. Wir gaben die Srage, 
um die es sich dabei handelte, Rußland als der dabei vorwiegend intereslsierten Macht 
lediglich zur Erwägung, und ich habe nichts Andres beabsichtigt, als einen Sreund auf 
eine gemeinsame Gefahr aufmerksam zu machen". 
Unsere GSesinnungen für Rußland sind nach wie vor dieselben ulnd] haben seit meinem 
Eintritte in das Minlisterium) nie geschwankt“. Wir betrachten Rußland als unseren 
natürlichen historischen und intimen Bundesgenossen, und wenn wir auch den Wunsch 
hegen, im Interesse der Erhaltung des Griedens auch mit unseren anderen Nachbarn in, 
möglichst guten Beziehungen zu leben, so traut man uns doch in Petersburg mehr Beweg- 
lichkeit der „Anschauungen zu, als bier vorhan den iste, wenn man glaubt, daß gelegentliche 
Sr sicherungen des Baron Beust und freundliche Artikel der österreichischen 
Presse uns bestimmen könnten, von einem Tage zum andern unsre Politikk zu wechseln'. 
Ich kenne persönlich aus langjähriger Crfahrung die Verlogenheit der öftrleichischen) 
Politik zu gut, um ihr bereitwillig zu trauen. Sch glaube niemals mich auch nur dem 
Verdachte plötzlicher ulnd) illoyaler Umschläge in der Politik ausgesetzt m baben, ulnd 
wenn die Preußlische) Diplomatie in die unwillkommne Nothwendigkeit versetzt werden 
sollte, gegen Rußland thätig zu werden, so würde, so lange ich an der Spitze derselben 
stehe, Slührst Gortschlakow) der Erste sein, den ich davon benachrichtige. 
den Wchen Sigang — 1066 — ——————3:3 Bdielen vorangebenden von 
* Der let t enaß: „wie das bei einer Absperrung eigenbändiger Zusatz Bismarcks. 
-l 9 — Sei des Satzes von den Worten an: „und ich habe nichts eigenbhändiger Zufatz 
nb lzzte Teil des Sattzes: suluoge baben · n. Sule Dlemorchs. 
7 Die Woce sn M5 kelt 2 * # ismar###s statt Cheremins: „von dlesem 
Wege abzuweschen.) Der Aest des bjader elgenbändiger Jusat Bismarcks.
        <pb n="239" />
        Französische Verdächtigungen in Petersburg: Donaukonföderation. 225 
Wir haben vollen Grund, der österreichischen Politik zu mißtrauen, ulnd) nach dieser 
Richtung bin fürchte ich auch bei dem Slürsten) Gortschlakow) keine Sllusionen. Aicht 
ganz so berubigt bin ich über die Frage, ob französische Insinuationen in Dletersburg] in 
allen den Canälen, deren sie sich bedienen, dem Grade von vorsichtigem Mißtrauen be- 
gegnen, mit welchem wir sie nach unsern Erfahrungen aufzunehmen genötbigt sind". 
Unsere Wahrnehmungen geben uns die Gewißheit, daß die französische Regierung sich 
an den verschiedenen Höfen durch ihre directen ulnd]) indirecten Organe ganz verschieden 
äußert, lediglich um Mißtrauen und Verstimmung zwischen den andern Großmächten her- 
beimführen, deren Einverständniß in Daris unbequem ist. Es gilt dieß nicht nur von 
offiziösen Agenten, wie beispielsweise von den jetzt in französischem Dienste befindlichen 
ehemals hannöverschen Diplomaten, sondern von der amtlichen Vertretung des Pariser 
Cabinetes, deren Sprache in Rom ulnd) Slorenz, in Wien ulnd] Petersburg, in Berlin, 
London ulnd) Constantinopel nachweislich in solchem Grade in Widerspruch mit einander 
steht, daß die Politik keiner andern modernen Regirung ein Beifpiel davon liefert. Sch 
bin überzeugt, daß die Sagacität des Sürsten Glortschakow) sich durch Mittel nicht irre 
führen läßt, welche seit der Cxisten; des Telegrafen selbst vorübergehend keinen andern 
Erfolg haben können als den einer nachtheiligen Rückrwirkung auf die Glaubwürdigkeit des 
Cabinetes, welches sie anwendet“. 
Indem ich Ew. pp. erfuche, sich im Sinne des Obigen gegen den Fürsten Gortschakom 
zu äußern, darf ich schließlich mit Bezug auf den Bericht Nr. 10 noch den Wunsch aus- 
sprechen, daß Cw. pp. die Gefälligkeit haben wollen, behufs der leichteren geschäftlichen 
Behandlung verschiedene Materien nicht in einem und demselben Berichte msammenzu- 
fassen, sondern in besonderen Berichten getrennt zu halten. 
* 1034. Erlaß an den Gesanditen in Detersburg 
Heinrich VII. Hrinzen Reuß. 
(Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Thberemin.)] 
Vertraulich. Berlin, den 31. Januar 1868. 
Der mir untergeschobene Plan, Österreich an die Spitze einer Donaukonföderation m 
stellen:, ist mir niemals in den Sinn gekommen, und auch von österreichischer Seite ist mir 
ein derartiges Projekt nie gebracht worden. Sch ersuche Ew. pp., den diesfälligen Ge- 
rüchten auf das entschiedenste entgegenjutreten. Wann und wo sollte ich einen solchen 
Plan zur Sprache gebracht haben? Sch erinnere mich nur, daß, nachdem nach Königgrätz 
die französische Cinmischung erfolgt war, ulnd] wir deshalb uns den Beistand Ungarns 
zu sichern suchten-, von einigen ungarischen Führern der Plan einer Donaukonföderation 
aufs Tapet gebracht wurde. Dieser Plan, über den mich zu äußern ich nicht in die Aot- 
wendigkeit kam', war aber gerade gegen Österreich gerichtet. Ich kann mir daber den 
Der Ab igenbändi Bismarcks. 
"“ Der. *7 ribenhenbiger S# Bi#mrardl mit Ausnahme des erften Satzes, der von Bismarch 
vielfach durchKorrigiert ist. 
1034. 4 Vergl. Ar. 1033, Vorbemerkung. 3 
* Der Vebensatz: „ulnd) wir desbalb uns den Beistand Ungarns mu sichern suchten“ eigenböndiger 
Einschub Bismarcks. 
Der Aelatiolatz eigenhändiger Zusatz Bismarchs. 
VIa 15
        <pb n="240" />
        226 Ausstreuung falscher Gerüchte über die preuhische Politik. 
Ursprung dieses Gerüchts gar nicht erklären und bin auf den Gedanken gekommen, ob 
demselben möglicherweise eine unklare Auffassung der Sdee zugrunde liegen könnte, die 
ich bei der Mission des Srafen Tauffkirchen nach Wien aufs Tapet brachte, von welcher ich 
Ew. pp. durch meinen Erlaß vom 18. April v. J. (Mr. 180)“ im allgemeinen Kenntnis gab, 
und die dahin ging, daß, um Österreich von Srankreich frei zu halten, Rußland für eine 
Aufrechterbaltung des Status quo im Orient für einen beschränkten Seitraum, 
etwa auf ein, zwei oder drei Jahre gewonnen würde. Es war dabei nur von einer Su- 
stimmung ARußlands aus eigner freier Erwägung, im Interesse der einstweiligen Erhaltung 
des Sriedens, die Rede ulnd] von einer Sondirung, die wir in dieser Beziehung vertraulich 
in Petlerlsburg vornehmen könnten, falls Oestreich sich von Srankreich unabhängig erhalten 
wolltes. Da die ganze Mission des Grafen Tauffkirchen kein Resultat hatte, so ist auch 
dieser Sdee niemals weitere Solge gegeben worden. 
Wenn Ew. pp. in Ar. 12 bemerken, es sei nach Petersburg telegraphiert worden, ich 
bätte den „General“ Wimpffen besucht, so hat dabei vielleicht die irrtümliche Annahme 
vorgelegen, als sei der österreichische General Wimpffen hier anwesend gewesen. Dies 
war nicht der Sall. Dem österreichischen Gesandten Grafen Wimpffen habe ich allerdings 
vor einiger Seit einmal einen Besuch gemacht, nachdem ich tags zuvor wegen Über- 
häufung mit Geschäften seinen Besuch nicht hatte empfangen können. Sbenfo besuche ich 
nicht selten auch die Bertreter der anderen êMächte und namentlich Herrn von Oubril, 
um Seschäfte mit ihnen abzumachen, wenn mein Weg mich gerade bei ihrer Wohnung 
vorbeiführt. Auch bin ich nicht wohl in der Lage, eine CEinladung zu einem Diner bei dem 
österreichischen Gesandten abzulehnen, wenn ich solche bei den Vertretern der übrigen 
Großmächte annehme. 
Es ist kaum zu verstehen, wie man aus nichtigen Gerüchten und so ganz bedeutungslosen 
Umständen Solgerungen so inbaltsschwerer Art ziehen kann. MWich wundert nur, daß man 
in Petersburg nicht auch die merst von der „Patrie“ gebrachte und sodann durch fast alle 
Jeitungen gelaufene falsche Aachricht gegen uns ausgebeutet hat, daß Preußen sich den 
Vorstellungen angeschlossen habe, die von England, Frankreich und Osterreich in Belgrad 
gegen die nationalen Tendenzen Serbiens gemacht worden sind. Der Generalkonsul Nosen 
versichert in einem soeben eingegangenen abschriftlich anliegenden Berichte, um etwaigen 
MNigßverständnissen vorzubeugen, daß er zu diesem Gerüchte auch nicht den geringsten Anlaß 
gegeben habe. Daß er keinen Auftrag hatte, ist aus seinem Berichte ersichtlich". 
*1035. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Theremin.] 
Sanz vertraulich. Berlin, den 31. Januar 1868. 
Der beifolgende vertrauliche Erlaß Nr. 35 ist absichtlich so eingerichtet und von 
dem reservierten Erlasse Ar. 36: getrennt worden, daß Ew. pp., wenn Sie wollen, den 
Siebe Die Gesammnelten berdnl, r. v62. 
· i ändiger Zusa ismarcke. 
" — t. dP b — Ercsema Bismarcks. 
— Slehe Ar. 1033. . 
2 Siehe Vr. 1034.
        <pb n="241" />
        Hannöverscher Drovinzialfonds. Württembergische Animosttät gegen Preuhen. 227 
ersteren, ohne Auftrag dazu zu erhalten, gleichsam aus eigener Zndiskretion dem Fürsten 
Gortschakow vorlesen können. Eine Abschrift wollen Ew. pp. davon indessen nicht nehmen 
lassen. 
*1036. Schrelben an das Mitglied des Abgeordnetenhauses Stengel. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Nats Wagner.] 
Berlin, den 1. Sebruar 1868. 
Ew. Hochwohlgeboren beehre ich mich auf das gefällige Schreiben vom 29. v. M. ganz 
ergebenst zu erwidern, daß die Königliche Staatsregierung in betreff des hannoverschen 
Provinzialfonds: an dem von ihr vorgelegten Gesetzentwurf festhalten muß und es mir 
demgemäß auch unerwünscht sein würde, eine geringere Summe als die in der Negierungs= 
vorlage enthaltene vorgeschlagen zu seben. 
*10 32. Erlaß an die Misslonen in Dresden, München und Karlsruhe. 
[Konfepk von der Hand des Vortragenden Aats Bucher.)] 
Vertraulich. Berlin, den 1. Sebruar 1868. 
Seit Jahren hat sich in Württemberg in der Presse, in gewissen politischen Parteien, 
und gogar bei einzelnen Behörden eine besondere Animosität gegen Preußen zu erkennen 
gegeben: Ich erinnere an die Sprache, welche der „Stuttgarter Beobachter“ noch neuer- 
dings gegen Seine Majestät den König unfern allergnädigsten Herrn geführt bat, und an 
das damit in unverkennbarem Susammenhang stehende Mohlsche Amendement m der Straf- 
prozeßordnung, welches die Prozesse wegen Beleidigung auswärtiger Souveräne dem bis- 
berigen Gesetze und dem Entwurfe entgegen den Geschworenengerichten übertragen will. 
Ich setze hinzu, was bisher nicht zur Sprache gebracht ist, daß wir in den Recherchen über 
Blind, der zur Verübung seines Mordversuches von Hohenheim hierber gekommen war, 
einer befremdenden Unwillfährigkeit begegnet sind. Wir baben über diese letztere Erfab- 
rung geschwiegen, gegen den „Beobachter“ den gerichtlichen Weg betreten und in betreff 
des Mohlschen Amendements die württembergische Regierung in freundschaftlicher Weise 
darauf aufmerksam gemacht, daß dasselbe eine weitgreifende internationale Bedeutung 
habe und zu Netorsionen führen könne, die ebenso unongenehm für die Königliche Jamilie 
als bedauerlich im Interesse der allgemeinen Ordnung und Dejenz sein würden. Die 
württembergische Regierung hat sich dieser Auffassung nicht verschlossen und das Amen-- 
dement bekämpft, jedoch seine Annahme im Abgeordnetenhaufe nicht verbindern können. 
Ich glaube, daß auch die pp. Regierung nicht allein unsere Ansicht über den Mohlschen 
Antrag teilen, sondern von einer Betrachtung der ganzen Zustände in Württemberg den- 
1 Vgl. dazu Ar. 1028 und 1029. 
1037. : Vgl. ouch Ar. 1014, 1024.
        <pb n="242" />
        228 Nevolutionäre Tendenzen in Württemberg. 
selben Eindruck empfangen wird, der uns bestimmt bat, unsere Ansicht vertraulich gegen 
den Freiherrn von Varnbüler auszusprechen. Hat die Stimmung gewisser seltsam gemisch- 
ter, aber nicht unbedeutender Kreise der Bevölkerung sich bisher auch nur in einer Feind- 
seligkeit gegen Hreußen Luft gemacht, so ist unseres Erachtens nicht zu verkennen, daß 
dieselbe überhaupt der staatlichen Ordnung feindlich ist und in Preußen in der Tat einen 
Träger der Ordnung, nicht, wie man vorgibt, die Gefahr für württembergische Selbständig 
keit, Stammeseigentümlichkeit und Greibeit befeindet. Es scheint, als ob das revolutionäre 
Ferment sich aus dem übrigen Deutschland mehr und mehr in Württemberg zusammenziehe. 
Die antimonarchische Partei daselbst ist gut organisiert und gewinnt durch das momentane 
Susammengehen mit andern Parteien, die sonst in der NRegel auf seiten der geordneten 
Gewalten stehen, einen Einfluß, den das demokratische Programm ihnen nicht verschaffen 
würde. Die Abgeordneten sind in erbeblicher Zahl von der Agitation beherrscht; und die 
Negierung bat die daraus erwachsenden parlamentarischen Schwierigkeiten bisher nur durch 
das Mittel der Geduld und Naachgiebigkeit zu überwinden gesucht. Wir können die Be- 
sorgnis nicht unterdrückren, daß unter dieser Behandlungsweise, wenn sie auch in einzelnen 
Sällen untergeordnete Siele erreichen läßt, der Zustand, aus dem die Schwierigkeiten ent- 
pringen, sich verschlimmern und daß bei einer Cinwirkung von Vorgängen im Auslande, 
wie sie nicht außer dem Kreise des Möglichen liegen, die Regierung das Heft aus der 
Hand verlieren werde. Eine golche Eventualität interessiert, allerdings nur in zweiter 
Linie, alle deutschen Regierungen außer Württemberg gleichmäßig. Ist es auch gewiß, 
daß eine revolutionäre Bewegung in diesem einzelnen Staate nicht von Dauer sein würde, 
so wäre doch die bloße Tatsache, daß es dazu gekommen, und das Einschreiten, das unter 
Umständen notwendig werden könnte, an sich im höchsten Grade zu beklagen, nicht zu 
gedenken der äußeren Komplikationen, die sich an die Bewegung oder ihre Unterdrückung 
knüpfen könnten. Und abgesehen von einem golchen äußersten Salle eines akuten Verlaufs, 
kann es keiner deutschen Regierung, gleichviel welche künftige Gestaltung Deutschlands 
sie im Auge hat, gleichgültig sein, wenn die gegenwärtigen Zustände in Württemberg 
chronisch werden und die revolutionäre Partei daselbst ihre Gesinnungsgenossen im übrigen 
Deutschland indirekt durch ihr Beispiel und direkt durch die Presse dauernd ermutigt. 
Ew. pp. ersuche ich ergebenst, sich im Sinne des Vorstehenden vertraulich mit dem 
Herrn Minister der auswärtigen Angelegenbeiten auszusprechen und seiner Erwägung 
anheimzugeben, ob die pp. Regierung unser Bemühen in Stuttgart glaubt unterstützen zu 
Können, die dortige Regierung auf die Gefahr, von welcher Süddeutschland in erster Linie 
bedroht ist, aufmerksam zu machen und m zeitiger Vorbeugung zu ermuntern. Wir 
unsererseits glauben in diesem Bemühen uns förmlicher diplomatischer Schritte, als welche 
das berechtigte Selbstgefühl der württembergischen Regierung verletzen könnten, enthalten 
und auf eine vorsichtige freundsfchaftliche, aber Konstante Einwirkung beschränken zu gollen; 
und gerade eine Einwirkung dieser Art würde durch eine spontane Konkurrenz der pp. Ae- 
gierung nicht nur an Stärke gewinnen, sondern gegen Verkennung dieses Charakters 
geschützt werden. 
Einem gefälligen Bericht darüber, wie der Herr Minister der auswärtigen Ange- 
legenbeiten diese Mitteilung aufgenommen bat, sebe ich ergebenst entgegen.
        <pb n="243" />
        Gefahren in der Entwicklung des Börsenverkehrs. 229 
1038. Schreiben an den Staatsmintster Grafen von Itzenplitz. 
([Kanzleikon ept.] 
Berlin, den 2. Sebruar 1868. 
Bei der Behandlung der jetzt vorliegenden Notstandsfachen hat sich bei mir unter 
anderem die Wahrnehmung geltend gemacht, daß es den staatlichen Institutionen in 
manchen Beziehungen an denjenigen Organen gebricht, welche berufen und geeignet sind, 
die Wechselwirkung zwischen der Staatsregierung und dem wirklichen Leben, insbesondere 
dessen in der Neuzeit erst entwickelten Erscheinungen zu vermitteln und aufrecht- 
zuerhalten. 
Infolge dieser Wahrnehmung habe ich mich auch bereits mit dem Herrn Minister 
des Innern in Korrespondenz gesetzt und denselben insbesondere darauf aufmerksam ge- 
macht:, daß der Verkehr an der Börse, sowohl was die Getreide-, als was die Geldbörse 
anlangt, eine Bedeutung erlangt hat, die es der Regierung zur Pflicht macht, sich Organe 
zu verschaffen, welche sie über jenen Verkehr in laufender, ausreichender Kenntnis 
erhalten. 
Da jedoch Erscheinungen an der Börse keine iolierten sind, sondern mit der gesamten 
kommerziellen und industriellen Entwicklung in der lebendigsten Wechselwirkung stehen, so 
babe ich nicht unterlassen wollen, auch Cuer Exzellen; Aufmerksamkeit auf diesen Gegen- 
stand hinzulenken. 
Unser in seiner ursprünglichen Konzeption relatio“ mustergültiger Beamtenorganismus 
ist auf einen in der Hauptsache Ackerbautreibenden Staat, und zwar auf einen 
Betrieb mit eigenen Leuten, berechnet und seitdem im wesentlichen unverändert geblieben, 
obwohl die Entwickelung der Gegenwart den Grundcharakter des Staates wesentlich ge- 
wandelt und Gestaltungen in das Leben gerufen hat, die bis heute unvermittelt neben dem 
Beamtentum steben und sich fortbilden, und für welche es der Regierung an den ent- 
Iprechenden Handhaben gebricht. 
Ohne Cuer Exzellenz Wahrnehmungen präfudizieren zu wollen, hat sich mir je länger 
desto mehr die Überzeugung aufgedrängt, daß die Entwicklung unseres Börsenverkehrs, 
wie er sich jetzt entfaltet, die bisherige Solidität unserer Industrie und unferes Geld- 
verkehrs mit ernsten Gefahren bedroht. 
Bei dem großen Gewicht, mit welchem die Börse auf alle industriellen und kommer- 
ziellen Berhältnisse drückt, scheint mir auf seiten der Regierung die Pflicht nicht abzuweisen 
zu sein, den Verkehr an der Börse nicht länger ohne organisirte Controlle zu lassen, um 
aus einer solchen das Material zur Beurtheilung der Frage zu schöpfen, ob die Regirung" 
der Tätigkeit der Börse eine für das Ganze heilsamere ARichtung zu geben vermag. 
Die Mittel für diesen Zweck scheinen mir vor allem in der Herstellung eines gsachver- 
ständigen, allen eigenen Geschäften fernstehenden Kontrollamtes zu besteben, dessen Wahr- 
Siehe Ar. 1019. 
2 Das Wort: „relatio“ eigenhändiger Einschub Bismarcks. 
* Die Worte: „organisierte Controll igenbändige Korrektur Bismarcks sot. der ursprũnglichen 
Fassung: „Wontrolse und Direktion ens kaffen. un — 161• ibrer Macht li
        <pb n="244" />
        230 Stärkere Kontrolle des Börsenverkehrs. Organe für Wirtschaftsenquete. 
nehmungen weiteren Anhalt dazu geben dürften, ob nach der Analogie der Börsen anderer 
Länder der Vertrieb auswärtiger Papiere der Neghierungsgenehmigung unterworfen 
werden, ob die fremden Papiere besteuert und ob das noch bestehende Kaufstempelprioi- 
legium für die Geschäfte an der Börse abgeschafft werden goll. 
Diese Maßregeln würden den doppelten Autzen haben, nicht allein die unfruchtbare 
Spekulation angemessen zu beschränken, sondern auch der Staatskafse Einnahmen zuzu- 
führen, die sie besser nirgendwo erbeben kann. 
Nicht minder hat sich bei Gelegenbeit des gegenwärtigen Notstandes die Tatsache 
berausgestellt, daß die Königliche Regierung über die Lage der arbeitenden Klassen, der 
ländlichen wie der industriellen, einschließlich der kleinen Handwerker, nicht diejenige 
gründliche und erschöpfende Information belitzt, welche erforderlich ist, um nicht allein das 
Vorhandensein oder Aichtoorhandensein eines NAotstandes sowie die geeignetsten Mittel zu 
dessen Beseitigung rechtzeitig ermessen, sondern auch derartigen Erscheinungen abhbelfend 
entgegentreten m können. 
Auch diese Aufgabe wird die Regierung nur zu lösen imstande sein, wenn sie sich dafür 
geeignete Organe zu beschaffen versteht. 
In dieser Beziehung mache ich darauf ergebenst aufmerksam, daß sogar in England, 
dem Mutterlande der Selbstregierung, das Bedürfnis der Praxis stärker gewesen ust als 
die Theorie, und daß dort jetzt Regierung und Darlament Hand in Hand gehen, um durch 
Beamte und Untersuchungskommissionen nicht allein die tatsächlichen Zustände in das 
bellste Licht zu stellen und die Beobachtung der bestehenden Gesetze zu überwachen, sondern 
gleichzeitig das nötige Material für den Ausbau der Gesetzgebung und die Beseitigung der 
erkonnten lbelstände zu gewinnen. Sch darf in dieser Bejziehung die Gesetzgebung und die 
entsprechenden Snstitutionen Englands als bekannt voraussetzen. Die betreffenden In- 
Ipektoren und Unterinspektoren sind für die dortige Regierung ein so wertvolles Organ, 
daß man dieselben schon für einzelne Betriebe speziell berufen hat, 3. B. für die Kohlen- 
bergwerke, in Bejug auf welche die wiederholten Unglücksfälle in neuester Seit auch für 
Deutschland zur gesteigerten Aufmerksamkeit auffordern dürften. 
Cuer Sxzellenz beehre ich mich deshalb ganz ergebenst zu ersuchen, mich baldgefälligst 
vergewissern zu wollen, ob Sie es mit mir für zweckmäßig und geboten erachten, in der 
angedeuteten Richtung vorzugeben, oder welche Mahregeln Sie eventuell von Shrer Seite 
empfehlen zu sollen glauben. 
H. v. Poschinger, Awktenstlicke zjur Wirtschaftspolitikt des Sürsten Bismarck, I. 109 ff. 
1030. Erlaß an den Gesandten in Florenz Grafen von Asedom. 
l[Konzept von der Hand des Vortragenden RNats Abeken.] 
Im Verfolg einer Weilung WMoustiers vom 26. Januar, nach der Benedetti mit Bismarck 
einen * u — Gedankenaustausch vornehmlich über die römnisch-italienische 
und die orientalische Frage unterhalten sollte (näheres darüber in Nr. 1040, Worbemer und. 
batte der französische Botschafter am 31. Januar eine eingehende Unterredung mit dem v -#nkleraDr 
in der er ihn u. a. bat, der italienischen ARegierung durch den Grafen Usedom dien debnng 
mxommen zu lassen, daß sie, statt den Versuchungen der radikalen Darteien Jnur Vollendung
        <pb n="245" />
        Bismarck rät Stalien zu besonnener Selbstbeschränkung. 231 
der italienischen Einheit zu folgen, ihre Kräfte auf die innere Konsolidierung des bisher Er- 
reichten richten möge. Bgl. den ausfübrsschen Bericht Benedettis vom a. Sebruar, Les Origines 
Diplomatiques, 519. Bismarck sagte dem Votschafter die Erfüllung dieses Wunsches 
bereitwillig zu. 
Vertraulich. Berlin, den 2. Sebruar 1868. 
Ew. pp. übersende ich durch den Königlichen Geldjäger vertraulich die neuerdings hier- 
her gelangten Berichte der Königlichen Missionen in London: und St. Petersburg, aus 
welchen Sie entnehmen werden, wie man an jenen Orten die italienischen Justände beurteilt. 
Wir haben mit Bedauern daraus entnommen, daß das Vertrauen auf Stalien nicht un- 
erschüttert geblieben ist, und daß man an jenen Orten nicht ohne Besorgnis auf Stalien 
blickt, und zwar weniger mit Rücksicht auf von außen kommende Angriffe gegen die italie- 
nische Einbeit als wegen der Gefahren, die ihr aus den inneren Schwierigkeiten drohen 
könnten. Es ppricht sich darin die Überzeugung aus, daß Italien nur durch eine ruhige und 
besonnene Cntwicklung im Innern und durch das Vermeiden aller Anlässe zu gewaltsamen 
und erschütternden Ereignissen eine Krisis verhbüten könne, welche von manchen Seiten in 
Aussicht gestellt und von den Gegnern Staliens mit Hoffnungen begrüßt wird. 
Wir selbst teilen diese Befürchtungen nicht und halten die Schilderungen der Suftände 
für übertrieben und tendenzmäßig gefärbt. Wir erachten die italienische Einheit zu fest be- 
gründet in einem tiefen und realen Bedürfns der Vation, als daß wir dieselbe für so leicht 
wieder zu beseitigen halten könnten. Aber mit je lebhafterer Sympathie wir dieselbe be- 
gleiten und je mehr wir den Bestand und die Befestigung derselben als ein wichtiges 
Element im gegenwärtigen europäischen Staatenrsystem erkennen, um so mehr wünschen wir 
alles vermieden zu sehen, was dieselbe gefährden könnte; und, ungeachtet unserer Über- 
zeugung von der Übertreibung der angedeuteten Schilderungen, können wir uns doch nicht 
verhehlen, daß die Konfolidierung der inneren Berhältnisse, die Berschmelzung der ver- 
schiedenen Bestandteile nicht diejenigen Fortschritte gemacht hat, welche alle Sreunde 
Staliens wünschen. 
Wie sehr Stalien Urfsache hat, uns zu diesen wabren und aufrichtigen Sreunden m 
zählen, davon haben wir tatsächliche Beweise gegeben. Sben diese Freundschaft gibt uns 
den lebhaften Wunfch ein, daß Stalien, die Aation wie die Aegierung, sein nächstes 
Interesse darin erkennen möge, vor allem sich in sich selbst m kräftigen, seine Einbeit zu 
Konsolidieren, die südlichen Provinzen fest mit dem Norden zu verkettens, die Sinanzen 
zu regeln und durch die Förderung des materiellen Wohls in allen seinen Provinzen den 
widerstrebenden Elementen das lebendige Bewußtsein von den immensen Wohltaten zu 
geben, welche die unter schweren Kämpfen gewonnene Einbeit zu gewähren vermag. Es 
ist genau in diesem Sinne, daß wir selbst die Cinheitsbestrebungen der deutschen Aation uns 
angeeignet und gerade durch eine besonnene Selbstbeschränklung auf einen Weg geführt 
haben, auf dem wir nicht allein im Innern die glückklichsten Rejultate erzielt, sondern auch, 
wie wir uns schmeicheln dürfen, nach außen hin ein Vertrauen gewonnen haben, welches 
nicht leicht wieder erschüttert werden kann. 
Es üst unsere feste Überzeugung, daß durch ein solches Verfahren es der italienischen 
Regierung gelingen werde, nicht nur die gewonnene Stellung m behaupten, sondern auch 
1 Vgl. dazu Tr. 1013 nebst Vorbemerkung. 
* Die Worte: „die südlichen Drooinzen. . .“ eigenbändiger Einschub Bismarcks.
        <pb n="246" />
        232 Bismarcks Unterredung mit Benedetti 31. Januar. 
ihren Bundesgenossen ulnd] uns vor allen die Anlehnung zu bieten, welche zu gewähren 
die Regirung durch die Kräfte einer hoch entwickelten Nation von 25 Millionen, welche 
von großen historischen Crinnerungen gehoben werden, befähigt ifsts. 
Wir glauben in der bisberigen Haltung des Ministeriums Menabrea das Bestreben 
m erkennen, in dieser Richtung sich zu bewegen und sich von den Einflüssen extremer Par- 
teien frei zu machen. Dies Bestreben verfolgen wir mit unseren aufrichtigsten Wünschen; 
und ich ersuche Ew. pp., es sich zur Aufgabe zu machen, in diesem Sinne und in der Weise, 
welche durch unsere freundschaftlichen Beziehungen und durch die Shnen wiederholt erteilte 
Instruktion über die Absichten Seiner Majestät des Königs bedingt wird, auf die Königlich 
Stalienische Regierung einzuwirken“. 
Aus dem Leben Th. v. Vernhordis, VIII, 181 f. 
*1040. Erlaß an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Vats Abeken.] 
Nachdem die französische Regierung, wesentlich auf Grund der Benedettischen Bericht- 
erfkattung, lange hindurch in der verkehrten Auffaslung befangen gewesen war, daß Preußens 
Haltung in der römischen Frage sich direkt gegen Srankreich kehre, gab sie seit etwa Mitte 
Dezember 1867, wieder beeinflußt durch die plötzlich die Conart wechselnde Berichterstattung 
ihres Botschaofters (ogl. Ar. 990, Anm. 2; 1003), irregeleitet auch durch die sehr fragwürdige 
Berichterstattung des Generalkonsuls in Frankfurt Rothan (ogl. Tr. 1008, Anm. 1), der Illusion 
NRaum, dah Bismarck drauf und dran sei, von der orientalischen Srage aus eine Schwenkung 
mgunsten Frankreichs und Österreichs vormnehmen. Die beginnende Selbsttäuschung der fron- 
jösischen Regierung kündigte sich schon in den Außerungen Napoleons III. über die Gleich- 
artigkeit der französischen und preußischen Interessen an, die in der Unterredung mit Goltz vom 
31. Dejember (ogl. Nr. 1011, Vorbemerkung) sielen; sie kam auch in einer Unterredung zum 
Ausdruck, die Moustier gleich darauf mit dem vor einer Reise nach Berlin stehenden, der An- 
näherung an Frankreich von Haus aus geneigten Grasen v. d. Goltz hatte. Die übertriebene 
Vewertung, die Aloustier den Auserungen des Botschafters beilegte, tritt in leinem Erlah an 
Venedetti vom 6. Januar (Les Crigines Diplomatiques, XX, 182 ss.) sehr deutlich heraus. 
Seinerseits hatte Benedetti unmittelbar vorher, am 5. (a. a. O., p. 131 ss.) eine umfängliche, 
gewissermaßen seine ganze Berichterstottung seit 1866 rekapitulierende Denkschrift über das 
franjösisch-preußische Verhöltnis eingereicht, die, von der gan; richtigen Erkenntnis ausgehend, 
daß das Ziel der Bismarckschen olitik auf die Cinigung Deutschlands unter preuhischer Agide 
gerichtet sei, in erstaunlicher Klarheit und Volgerichtigkeit die Alternative: Unterstützung des 
preuhisch-deutschen Einheitsstrebens oder entschlossenste Vorbereitung des Krieges mit Preuhen 
kellte. „Die deutsche Einbeit,“ so hieh es in der Denkschrift, „wird demnächst zur Vollendung 
gelangen. Sollen wir sie akzeptieren? In diesem Falle jollten wir nicht verbergen, daß wir die 
Einigung wohlwollend aufnehmen, sollten wir Preußen zum Vorgeben ermutigen; dann wird es 
sich von Ruhland abwenden, und der industrielle und kommerkielle Sustand Europas wird sich 
von seinem Tiefstande erholen. Im entgegengesetzten Salle müssen wir unablässig den Krieg 
vorbereiten und uns im voraus Mechenschaft darüber ablegen, welchen Beistand uns Österreich 
leisten kann.“ Unglücklicherweise lehnte Moustier in leiner Antwort vom 26. Januar (a. a. O., 
262 ss.) ab, auf die bedeutungsvolle Idee Denedektis, durch eine moralische Unterstützung Dreußens 
in der deutschen Frage dieses gam für Frankreich zu gewinnen, einzugeben. „Nous ne croyons 
° Der Schluß des Satzes von den Worten an: „sondern auch . ..“ eigenhändiger Zusatz Bismarcks. 
Anm 4. ielt Graf Ujedom die telegrapbische Weisung, zunächst von dem Erlaß nach keiner 
Seite bin *rodWW*7 zrbeelt eil Mesihl darüber ju sprechen. Am 7. erfolgte die weitere Weilung= „Sie 
können von dem Erlaß Ar. 26 über die italienischen Zustände jetzt Gebrauch machen.“ Zur Erklärung dieser 
nochträglichen Weifungen ogl. Ar. 1043.
        <pb n="247" />
        Srankreichs Wunsch nach freundschaftlichem Meinungsaustausch. 233 
nas nécessaire d'aller dans la voie des satisfactions morales à donner au Cabinet de 
Berlin sur le terrain allemand plus loin aue nous ne l'avons fait jusquiicl.“ Allerdings 
schreckte Moustier auch vor der anderen Alternative Benedettis, der entschlossenen Vorbereitung 
des Krieges gegen Preußen, noch zmrück. — Wie Bismarch gang richtig durchschaute (ogl. 
Ar. #s), war Srankreich mit seinen Kriegsvorbereitungen längst nicht fertig; allo stellte 
Moustier das Bedürfnis nach Erbaltung des europäischen Sriedens als den im Augenblick 
(dans ce moment) herrschenden Gesichtspunkt bin, dem sich alles unterordnen müsse. Indem 
er Benedetti demgemäh vorsichtigste Jurückhaltung in der deutschen Frage empfohl, beauftragte 
er ihn, Bismarck einen „Schange d’idées journalier et amical“ über alle Sragen vor- 
mschlagen, wo gemeinsame Interessen Frankreich und Preußen ein Einverständnis erleichtern 
mühten, also mnächst in der römischen Grage, dann aber vor allem auch in den orientalischen 
Angelegenbeiten. Die Art, in der sich Benedetti dieses Auftrages am 31. Januar gegen den 
lehr zurückhaltenden Bismarcke entledigte, gebt aus seinem Berichte vom 4. Gebruar 
e. a. O., p. 316 ss.) bervor. 
Vertraulich. Berlin, den 3. Sebruar 1868. 
Herr Benedetti hat in seiner neulichen Unterredung mit mir den Wunsch geäußert, 
es möchten häufiger als bisher Mitteilungen unsererseits an die Kaiserliche Regierung 
gemacht werden, wenn auch Gegenstände von politischer Wichtigkeit nicht vorlägen; selbst 
wenn die Mitteilungen nicht gerade von bedeutendem Inhalt wären, würde doch ein 
häufigerer Gedankenaustausch nützlich sein. 
Ew. pp. werden in der Unterhaltung mit dem Kaiserlichen Herrn Minister Gelegenheit 
finden, auch diesen Punkt zu berühren und ihm dabei m sagen, wie erwünscht auch uns 
ein vertrauensvoller Gedankenaustausch ist, und wie wir denselben nicht allein niemals 
vermieden, sondern oft gesucht haben — jugleich aber auch bervorzubeben, wie zu diesem 
Austausch aber doch eine Gegenseitigkeit gehört, welche wir wenigstens auf seiten des 
Kaiserlich Sranzösischen Bertreters vollständig vermissen. Ew. pp. werden sich ous mehr- 
fachen Erlassen von mir in der letzten Seit erinnern, wie Herr Benedetti wiederbolt 
Depeschen, welche der Königliche Botschafter und der Marquis de Moustier selbst als mir 
bekannt voraussetzte, nicht mitgeteilt bat. Herr Benedetti ist der zurückhaltendste Diplo- 
mat, mit dem ich je zu tun gehabt habe. Jeder andre sagt mehr ulnd] fragt weniger:. Und 
wenn die Unterhaltungen der preußischen Repräsentanten in Paris mit denjenigen Herrn 
Benedettis mit mir verglichen werden, so wird ohne Sweifel das Urteil über die Offenheit 
und den Umfang des Sichaussprechens zugunsten der ersteren ausfallen. Wir haben aus 
unseren politischen Auffassungen niemals ein Geheimnis gemacht und gern jeden Anlaß 
zum Gedankenaustausch und zur Verständigung ergriffens, auch wenn er durch überraschende 
Fragen des Herrn Benedetti gegeben wurde. Die Politik des französischen Kabinetts üt 
sowohl in den gegenwärtig schwebenden Gragen, wie im allgemeinen eine aktivere als die 
unfrige und wird ihm daher solche Anlässe zu Mitteilungen häufiger darbieten. 
Ich habe hiermit keinen Vorwurf, sondern nur unsere Genugtuung über den Wunsch 
des Kaiserlichen Kabinetts und unsere volle Bereitwilligkeit aussprechen wollen, einem 
solchen Gedankenaustausch, wie wir ihn den freundschaftlichen und nahen Beziehungen der 
beiden Regierungen vollkommen entsprechend erachten, entgegenzukommen. 
Der Satz eigenbändiger Zusatz Bismarcks. 
* Der Vesht des Satzes eigenbändiger Zusatz Bismarcks.
        <pb n="248" />
        234 Österreich und die revolutionären Tendenzen in Württemberg. 
*1041. Telegramm an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
[Cigenhändiges Konzept.] 
n einem Drivatbriefe an v. Thile vom 1. Jebruar war Prinz Reuß wieder auf die an- 
Lgeuss Annäherung Bismarcks an GSrankreich und Österreich mu Iprechen gekommen, die in 
etersburg aufs äupherste beunruhige. 
Berlin, den 4. Sebruar 1868. 
H. v. Thile hat mir Shren Brief vom 1. gezeigt. Widersprechen Sie jedem Gerüchte 
über Annäherung Preußens an GFrankreich ulnd] Oeftreich mit voller Bestimmtbeit als ganz 
aus der Luft gegriffen. 
* 1042. Erlaß an den Gesandten in Wien Freiherrn von Werther. 
[Kongzept von der Hand des Vortragenden AN-ats Bucher.)] 
Vertraulich. Berlin, den d. Sebruar 1808. 
Gewisse Erscheinungen in Württemberg werden der Aufmerksamkeit der Kaiserlichen 
MNegierung so wenig wie der unfrigen entgangen sein. Mit der zahlreichen und gut organi- 
sierten demokratischen Partei des Landes geben dort momentan zusammen die Anhänger 
des kleinstaatlichen Wesens und des Hergebrachten und die Ultramontanen, jene in ver- 
blendender Leidenschaftlichkeit, diese aus irriger Berechnung, beide unbelehrt durch die alte 
Crfahrung, daß schließlich die Deemokratie über die Bundesgenossen hinweg auf ihr Siel 
losgeht. Die letztere hat dadurch in Württemberg Einfluß auf Schichten des Volkes 
gewonnen, welche für gewöhnlich auf seiten der bestehenden Gewalten zu finden sind. Die 
Abgeordneten sind in erbeblicher Jahl von der Agitation beberrscht, und die Regierung hat 
Aühe, die daraus entstehenden parlamentarischen Schwierigkeiten durch das Mittel der 
Vachgiebigkeit m überwinden, das allein sie bisher angewendet hat. Wir können uns der 
Besorgnis nicht verschließen, daß diese Behandlungsweise, während sie in untergeordneten 
Fällen zum Swecke führt, die Quelle der Schwierigkeiten nähren, und daß, wenn Verhält- 
nisse eintreten follten, in denen die Aachgiebigkeit ihre Grenze findet, die Regierung die 
Kraft, zu anderen Mitteln zu greifen, nicht mehr besitzen und das Heft aus der Hand ver- 
lieren werde. Die Annahme, daß derartige Verhältnisse eintreten könnten, dürfte nicht zu 
weit gesucht sein. Die denkenden Köpfe der demokratischen Dartei haben überall die 
unklare Vorstellung einer Verbindung von Demokratie und Monarchie abgestreist und 
zwischen den beiden als unverträglich erkannten Prinzipien gewählt. In Württemberg 
scheint diese Scheidung, und bis in die Massen hinein, bestimmt und befördert zu sein durch 
die Vachbarschaft der Schweiz und den lebhaften Verkehr mit den nach Nordamerika 
Ausgewanderten. Die neuerdings in der Schweiz aus Anlaß des Sriedenskongresses ge- 
gründete Zeitung, welche unter der durchsichtigen Sormel „Die Vereinigten Staaten von 
Europa“ die Zerstörung der Monarchien verfolgt, hat seit Aeujahr in Stuttgart ein Gilial 
erbalten an der aus der Bamberger Demokratenver] lung bervorgegangenen „Demo- 
kratischen Korrespondenz“. Wenn auch diese Bestrebungen in Württemberg aus eigener 
Kraft ihr Siel nicht erreichen und, je deutlicher dieses hervortritt, je mehr sich ihre gegen-
        <pb n="249" />
        Beust soll in Stuttgart warnen. 235 
wärtigen Bundesgenossen entfremden werden: so könnte doch die Situation der Regierung 
recht bedenklich werden durch einen Anstoß vom Auslande her, der zwar nicht innerhalb 
der Berechnung, aber auch nicht außerhalb des Möglichen liegt. Und auch abgesehen von 
diesem äußersten Salle eines akuten Verlaufs und seiner denkbaren Komplikationen, kann 
es keiner Regierung mit deutscher Bevölkerung gleichgültig sein, wenn Bestrebungen, denen 
sie selbst im eigenen Lande entgegentreten würde, Bestrebungen auf Herabminderung der 
Monarchie und Errichtung einer deutschen Söderatiorepublik, in irgendeinem deutschen 
Lande einen gewohnheitsmäßigen Bestand annehmen und die Gesinnungsgenossen außerhalb 
indirekt durch das Beispiel und direkt durch die Presse ermutigen. 
Sw. pp. ersuche ich ergebenst, sich im Sinne des Borstehenden ganz vertraulich mit 
dem Greiherrn von Beust auszusprechen und seiner Erwägung anbeimjugeben, ob er es 
nicht indiziert finde, die württembergische Regierung in vorsichtiger Weise, wie wir es 
beabsichtigen, auf die Gefahr, von welcher sie selbst in erster Linie bedroht ist, und welche 
sie uns zu unterschätzen scheint, aufmerksam zu machen und zu zeitiger Vorbeugung zu 
ermuntern. Wir denken uns eine solche Einwirkung nicht durch förmliche diplomatische 
Schritte, welche das berechtigte Selbstgefühl der württembergischen Regierung verletzen 
würden, sondern durch einen konstanten, freundschaftlichen Gedankenaustausch, der unferer- 
seits von Überzeugung ausgehend, auch auf der anderen Seite zur Überzeugung führen 
dürfte. 
Als Anknüpfungspunkt dafür empfiehlt sich meiner Ansicht nach das Mohlsche Amen-- 
dement zu dem Entwurf der Strafprozeßordnung, welches die PDrozesse wegen Beleidigung 
auswärtiger Souveräne vor Geschworene verweist und trotz des Widerstandes der Re- 
gierung von der Abgeordnetenkammer angenommen is. Sleichviel wie dieser Antrag 
formell und juristisch zu charakterisieren und zu verteidigen sein mag: in der Sache und 
politisch betrachtet, ist es jedenfalls zu bedauern, daß nach dem bisherigen Rechte der 
König selbst bei der jeweiligen Stimmung der Geschworenen den Schutz seiner äußeren Ehre 
zu suchen hat, wäre es ebenso zu bedauern, wenn das Mohlsche Amendement zum Sesetz 
erhoben, und dadurch anderen Staaten, in denen dergleichen Prozesse jetzt von gelehrten 
Vichtern abgeurteilt werden, der Gedanke nahe gelegt werden sollte, eine NRetorsion ein- 
treten zu lassen. 
Einem gefälligen Berichte darüber, wie der Herr Aeichskanzler Shre mündliche An- 
regung dieser Gedanken ausgenommen hat, sebe ich ergebenfst entgegen. 
*1043. Erlaß an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Reinkonjept.]# 
Da der Aufenthalt der sogenannten „Welfenlegion“ auf Schweizer Voden (ogl. dazu die 
Gesammelten Werke, Bd. VI, Ar. 810 nebst Anm. 2) den Behörden des Landes infolge wieder- 
bolter preuhischer Reklamationen mnehmende Verlegenbeiten bereitete, so planten um die 
Jabreswende 1867/1868 verschiedene Kantone die Ausweisung der Emigrierten. Um einer 
lolchen Ausweisung moorzukommen, erbielt der als Agent König Georgs V. in Paris lebende. 
NRegierungsrat U. Meding um die Weihnachtszeit den Auftrag, sich zu vergewissern, ob die 
franzölische Megierung den Emigrierten den Aufenthalt in Frankreich gestatten würde. Als 
1 Das Konzept trägt den Vermerk von der Hand Bismarcks: „Vlonl Sleinelr Mlajestät] genlebmigt#.“
        <pb n="250" />
        236 UÜbertritt der Welfenlegion auf französisches Gebiet. 
die kntworn. msgend aussiel (näheres darüber bei O. Meding, Memoiren zur Zeit- 
geschichte, III. 228 ff.), wurde der Abmarsch der grohenteils mit österreichischen. wollee 
versehenen Wulxmn— aus der Schweiz leit der zweiten Jonuarhälfte ins Werk gesetzt. Am 
20. war der preuhische Gejandte in Fern General v. Voeder in der Lage, einen Bericht über 
die Verabsolgung terrei ischer Pässe, die jedoch nach ebrenwörtlicher Versicherung seines 
österreichischen Kollegen ohne Zutun der Gesandtschaft ausgestellt waren, zu erstatten. Am 
26. fügte Roeder auf Grund von Schweizer Seitungsmeldungen hinzu, daß die Emigration jetzt 
nach Srankreich gebe. Ende des Monats war bereits dos Cintreffen von 460 unter der Fübr#g 
von Offizieren stehenden Hannoveranern im französischen Elsaß bekannt, wo sie von den Be- 
börden gastlich ausgenommen und disloziert wurden. Bismarche traf alsbald seine Gegen- 
mohregeln. Am 24. erhielt zunächst Sreiherr v. Wertber den Auftrag, den österreichischen 
Neichskanfler von der Angelegenbeit „ur Ermittelung eiwaiger Ungebörigkeiten“ in Kenntnis 
zu setzen. Am 1. Februar wurde der Geschäftsträger in Paris Graf zu Solms-Sonnenwalde 
deauftragt, sich von der franzölischen Vegierung vertraulich nähere Auskunft zu erbitten. Am 
gleichen Tage redete Bismarck auch Benedetti leichthin auf die Angelegenbeit an. Dieser erhielt 
von Weuhzeer, aul seine Anfrage am 3. Feeruau ein gichtammn (Les Origines Diplomatiques, 
302 8.), das die Ankunft einer „beträchtlichen“ Amahl von Hannoveranern und ihre will- 
fährige TAuinabne bestätigte, die Srage ihrer Eingliederung in die algerische Fremdenlegion 
offen ließ und nur die Zusage enthielt, von einer Sormierung der Angekommenen zu NRegimentern 
und von deren Unterbringung längs der deutschen Grense Abstand nehmen zu wollen. Das 
Wesentliche dieser Mitteilung faßte Benedetti #mit cha#rakteristischen Auslassungen und Ab- 
weichungen in einem Billett an Vismarck vom 4. msammen, das folgenden Wortlaut hatte: 
„M. de Moustier me télégraphie qu’un certain nombre de lses sont en effet 
arrivés en France et aue le Ministre de Il’Intérieur, ne pouvant leur refuser une 
hospitaliteé aul chez nous a toujours été accordée à ceux qui en ont réclamé le bénéfice., 
les a fait disperser dans differentes localitécs. II ajoute que tous les bruits que la 
malveillance pourrait imaginer a cette occasion Sont dénués de fondement et il m’invite 
à les démentlr. II est d’allleurs convaincu du'’on ne Ssaurait à Berlin attribuer au 
Gouvernement de l’Empereur Tintention de blesser de légitimes susceptlbilités.“ 
Berlin, den 5. Gebruar 1868. 
Bereits vor einigen Cagen habe ich Ew. pp. ersucht, bei dem Kaiserlichen Herrn 
Minister der auswärtigen Angelegenheiten zunächst vertrauliche und freundschaftliche Er- 
kundigungen einzuziehen über die durch die öffentlichen Blätter zu unserer Kenntnis ge- 
kommene Aufnahme, welche die von der Schweiz auf französisches Gebiet übergetretenen 
Hannoveraner daselbst gefunden haben. Herr Benedetti, gegen welchen ich den Gegenstand 
leichthin anregte, bat am 4. d. M. das in Abschrift anliegende Billett an mich gerichtet, 
welches die Tatsache bestätigt, ohne daß ich daraus die Überjeugung von einem Verfahren 
der Kaiserlichen Regierung schöpfen könnte, welches in Übereinstimmung mit den guten 
Beziehungen der beiden Mächte meinander wäre. 
Ich kann eine gewisse Befremdung über das geringe Gewicht, welches das Billett des 
Herrn Botschafters der ganzen Sache beizlegen scheint, nicht unterdrückteen und will 
Ew. pp. die Bemerkungen, zu denen mir die Sache Veranlassung gibt, nicht vorenthalten. 
Das Verfahren der französischen Regierung hat mich besonders überrascht in einem 
Augenblickke, wo wir den durch Herrn Benedetti uns ausgedrückten Wünschen derselben 
entgegenkamen, indem wir in Sloren; unseren Einfluß im Sinne der Alähigung geltend 
machten und die Sponnung zu mildern suchten, welche bisber noch der Stimmung Staliens 
eigen iste Ew. pp. finden die Instruktion, welche ich vor einigen Lagen an den Königlichen 
Gesandten in Florenz abgesondt battes, als Anlage zu Nr. 40 vom 3. d. M. Nachdem ich 
von der Aufnahme der Hannöverschen Legion in Grankreich Kenntnis erhalten, habe ich 
Graf Usedom telegraphisch angewiesen, munächst meine Instruktion als nicht geschrieben an- 
2 Der Satz verdankt seine Gestalt eigenbändigen Korrekturen Bismarcks. 
* Slebe Nr. 10309.
        <pb n="251" />
        Bismarcks Vorstellungen in Paris. 237 
msehen"; ich ersuche Sie jetzt, dieselbe dem Herrn Marquis de Moustier vorzulesen, 
dabei aber gleichzeitig zu bemerken, daß ich den Königlichen Gesandten nachträglich beauf 
tragt habe, einstweilen keinen Gebrauch davon zu machen, weil unser 
nach dem Wunsche des Kaiserlichen Kabinetts in Slorenz beabsichtigter Schritt auf Vor- 
aussetzungen beruhte, welche durch den Vorgang mit der Hannöverschen Legion einiger- 
maßen erschüttert werden. Zu diesen Voraussetzungen gebörte die Gewißheit einer vollen 
Gegenseitigkeit wohlwollenden Verhaltens — diese aber ist uns durch das, was wir bis- 
her über die Aufnahme der Hannöverschen Legion in GFrankreich erfahren baben, in 
ZSweifel gestellt". 
Herr Benedetti beruft sich auf die Hojpitalität, welche in Srankreich immer gewährt 
worden sei. Der jetzige Sall hat aber keine Analogie mit den früheren; es handelt sich 
hier nicht um ein Flüchtlingen gewährtes Aspl, sondern um Leute, deren straflosem Aufent- 
halte in ihrer Heimat noch heut nichts entgegensteht, welche in militärisch organisierter 
Truppe unter der Sührung von Offizieren in Frankreich auftreten, und deren Korps notorisch 
zu einem kriegerischen Zwecke gegen Preußen gesammelt und formiert worden ist“. Die 
Bildung einer solchen Truppe von Ausländern, d. h. von Untertanen einer befreundeten 
und benachbarten Macht unter eigenen, nicht im französischen Dienst befindlichen Führern 
und unter dem ausgesprochenen Protest gegen die Macht, deren Untertanen sie sind, wäre 
eine Tatsache, welche ich kaum mit den Traditionen des Völkerrechts, geschweige denn mit 
den intimen Beziehungen zweier engbefreundeter Staaten in Übereinstimmung zu bringen 
wüßte. · 
Sch brauche Ew. pp. kaum darauf aufmerksam zu machen, daß bier etwas anderes 
vorliegt als die Bildung von GFremdenlegionen, wie sie in verschiedenen Ländern und 
namentlich in Frankreich selbst aus Deserteuren und politischen Slüchtlingen stattgefunden 
hat, — solche Sremdenlegionen sind in direkten französischen Dienst getreten und dann in 
den Kolonien wie Algier, also derart verwendet worden, daß sie in ihren Heimatländern 
keinen Anlaß zur Besorgnis geben konnten. Auch die von Srankreich gegen die Polen 
geübte Gastfreundschaft läßt sich nicht auf eine Linie mit der Aufnahme dieser welfischen 
Legion auf französischem Boden stellen. Gür die Polen fühlte die französische Regierung 
gewisse moralische Pflichten, von welchen den Hannoveranern gegenüber nicht die Rede ist. 
Die Kaiserliche Regierung kann die Tendenz nicht ignorieren, in welcher die Ver- 
sammlung und Organisierung dieser Truppe in der Schweiz von Hietzing aus stattgefunden 
hat. Diese Tendenz ist auf den Umsturz eines politischen Syftems gerichtet, welches von 
Frankreich nicht nur nicht bekämpft worden, sondern welches mit Rücksicht auf die poli- 
tischen Bedürfnisse und Wünsche des Kaisers Aapoleon seine jetzige Gestalt gewonnen hat, 
indem wir, um den Wünschen des Kaisers zu entsprechen, auf andere Vorteile, welche wir 
s5 5 Der erste Teil des Satzes war ein eigenböndiger Zusatz Bismarcks im ersten Konzept von Abekens 
and. 
s Die beiden letzten Sätze des Absatzes beruhen auf eigenbändiger Korrektur Bismarcks. 
s Der Satz ist gestaltet auf Grund eigenbändiger Korrekturen Bismarcks. 
7 Die Gestalt des Sates hat Bismarck durch Streichungen und Zusammenziehungen bestimmt. Der 
eine, nur teilweise verwendete Satz lautet im Konzept: „Das Kaiserliche Kabinett wird nicht umbin können 
sich m erinnern, dah diese ganze Gestaltung der norddeutschen Verbältnisse nicht allein mit ihm vorder 
befprochen worden, sondern daß wir, um den Wünschen des Kaisers zu entsprechen, auf andere Vorteile 
und größere Ausdebnung unserer Sorderungen, welche wir in der Hand batten, versichteten.“
        <pb n="252" />
        238 Warnungen an die französische Adresse. 
in der Hand hatten, versichteten". Es entspräche dieser gegenseitig damals geübten Rück- 
sicht nicht, wenn Srankreich jetzt Bestrebungen gestatten wollte, welche ausdrücklich auf den 
Umsturz dieses Sustems gerichtet sind v. 
Was würde man in Grankreich dazu sagen, wenn wir Leuten, welche gegen das 
Kaiserreich zu konspirieren geneigt sind, Aufnahme bei uns gewähren und ihre Organisation 
gestatten wollten, oder wenn wir den Truppen Garibaldis erlaubt hätten, auf deutschem 
Gebiete an der französischen Grenze sich m organisieren und sich auf geheimen Wegen durch 
neuen Zuzug zu verstärken? Oder wie würde man es in Paris aufnehmen, wenn wir in 
Stalien, statt die Elemente des GSriedens zu stärken, vielmehr die dort in reichem Maße vor- 
handenen Tendenzen gegen Frankreich, welche gern eine Anlehnung an uns suchten, be- 
günstigen wollten? Die französische Regierung weiß, daß wir das gerade Gegenteil davon 
getan haben und tun; aber wenn sie Wert darauf legt, daß wir in Italien mäßigend und 
verföhnend einwirken, so muß sie uns eine aufrichtige Gegenjeitigkeit in der Beachtung 
unserer Interessen und Schwierigkeiten gewähren. Wir könnten nicht in der europäischen 
GSesamtpolitik mit der Kaiserlichen Regierung so, wie wir es wünschen, Hand in Hand 
gehen, wenn dieselbe in unsern eigensten Angelegenheiten feindlichen Bestrebungen gegen 
uns Vorschub gewährte#. Wir sind nach allen Seiten hin bereit, die Gemeinsamkeit der 
Interessen und die freundschaftlichsten Beziehungen zu pflegen; und ich glaube, daß die 
Kaiserliche Regierung selbst sich nunmehr überzeugt haben wird, daß die Voraussetzung, 
wir wollten ihr in Italien Schwierigkeiten bereiten, welche sie in der Konferenzfrage eine 
Zeitlang m hegen schien, unbegründet war. Wenn wir aber auf französischer Seite nicht 
der gleichen Stimmung begegnen, so bleibt uns nichts anderes übrig, als in der Sesamt- 
richtung unserer Politik auf die Sicherstellung unserer Interessen für die Möglichkeit 
schwieriger Situationen Bedacht zu nehmenn. 
Die Nachrichten über die Aufnahme der Hannöverschen Legion in Frankreich haben in 
Deutschland Aufregung, zum Teil Erbitterung bervorgerufen, und wir können erwarten, 
darüber interpelliert zu werden. 
Sw. pp. habe ich diese unfre Eindrücke nicht vorenthalten wollen, ulnd] ich gebe Shnen 
anbeim, dieselben bei Shrer nächsten Unterredung mit dem Mlarquj)is Mloustier] durch- 
fühlen zu lassen, ohne dabei den vertraulichen ulnd) freundschaftlichen Con aufzugeben, 
welcher den im Uebrigen so guten Beziehungen beider Cabinete entspricht. Ich bin über- 
jeugt, daß Mlarqulis Mloustier!) den Thatbestand des Vorganges bisber nicht in vollem 
Umfange kennt, und daß die Sache eine andre Gestalt annehmen wird, sobald sie ins Klare 
gesteilt ist . 
* Hier bat Bismarck folgendes Satzstück gestrichen: „daß wir die Integrität des österreichischen Ge- 
bietes und des Königreichs Sachsen unberührt ließen, und daß gerade mit Vejug darauf die frangzösische 
Regierung ihre volle und freie Gustimmung m der Verdindung onnogers mit —— gab." - 
IsiekhatBismarckcdenSad gestrichen: „Wie sollten wir bei einem solchen Verfahren der fran- 
Wsischen Regierung jemals das volle Bertrauen zu ihren Ablichten faslen können, welches die notwendige 
Grundlage unserer freundschoftlichen Beziehungen bilden muß.“ 
1% Die beiden lehten Sätze beruben auf eigenböndigen Korrekturen und Zusätzen Bismarcks. 
. u Bismarck hat den Satz durch weitgebende Streichungen stilisiert. 
12 Der letzte Absatz eigenbändiger Zusatz Bismarcks statt der Sassung Abekens, die in etwas schärferer 
Form der Hoffnung Ausdruck gab, dah durch die nötige Ausklärung der preuhischen Regierung das er- 
Lvorderliche Lelseang in die Absichten“ der französischen Regierung gegeben werde, und dah das „#um Nach- 
telle des maleriellen Wohls der beiden Länder in so beklagenswerter Weise und immer von neuem wieder 
erschütterte allgemeine Vertrauen“ bergestellt werde.
        <pb n="253" />
        Die österreichischen Pässe für die Welfenlegion. 239 
*1044. Erlaß an den Gesandten in Wien 
Freiherrn von Werther. 
l[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.k 
Berlin, den 5. Sebruar 1868. 
Nachdem es, wie ich Ew. pp. unter dem 24. v. Al. mitgeteilt habe', bereits früher zu 
unserer Kenntnis gekommen war, daß die in der Schweiz sich aufhaltenden Hannoveroner 
mit österreichischen Dässen versehen seien, hat der Königliche Gesandte in Bern nunmehr 
Gelegenbeit gehabt, selbst einen dieser PDässe einzuseben. 
Dieselben sind ausgestellt in Wien unter dem 7. Januar d. J. und unterzeichnet: Sür 
den K. K. Statthalter in MAiederösterreich der K. K. Hofrat und Polizeidirektor Strobach. 
Die Inhaber der Pässe sind bezeichnet als wohnhaft in Wien und reisend nach der 
Schweiz und Srankreich. 
Diese Tatsache hat unsere Aufmerksamkeit in bohem Grade auf sich ziehen müssen. 
Wir bönnen nicht umhin, dieselbe in Wien zur Sprache zu bringen und daran das Gesuch 
zu knüpfen, daß die Kaiserliche Regierung selbst die ganze Stellung des Königs Georg und 
ihr eigenes Verhältnis zu demselben einer Prüfung unterwerfen möge, um zu erwägen, 
wieweit diese den völkerrechtlichen Grundsätzen und den freundlichen Beziehungen ent- 
sprechen, welche das Kaiserliche Kabinett ebensofehr wie wir unterhalten zu sehen wünscht. 
Es ist schon an und für sich auffallend, daß die österreichischen Behörden an Personen, 
welche unter den von Österreich vertragsmäßig anerkannten Verhältnissen Untertanen 
Seiner Majestät des Königs von Preußen sind, Legitimationen und Pässe erteilt. 
Aber die Sache wird noch ernster durch die notorische und ausgesprochene Absicht, 
welche diese Personen nach Osterreich, nach der Schweiz und GSrankreich führt. 
Der Sweck, zu welchem die erwähnten Hannoveraner ihren durch die österreichischen 
Legitimationspapiere erleichterten oder möglich gemachten Aufenthalt in der Schweiz oder 
Frankreich nehmen, kann der Kaiserlichen Regierung nicht unbekannt sein. Sie verweilen 
dort nicht als einzelne Ausgewanderte, sondern sie werden in militärisch formierten Gruppen 
zusammengebalten und bilden tatsächlich eine Welfische Legion, deren Bestimmung es ist, 
unter gewissen Sventualitäten zum Kriege gegen Dreußen verwendet zu werdens. 
Die Werber für diese Legion durchziehen heimlich das Land, um unerfahrene junge 
Leute durch Geld und Versprechungen zur Auswanderung und Desertion zu bewegen. Die 
aus der Provinz uns zukommenden Berichte lassen keinen Sweifel über die Rührigkeit 
dieser Agenten, deren Tätigkeit über die von Hietzing ausgebenden Anregungen keinen 
Sweifel läßt. 
Ssterreich hat durch den Prager Grieden die neue Lage der Dinge in Aorddeutschland 
und also den Übergang von Hannover unter das Zepter Seiner Moajestät des Königs von 
4 Das Kontept trögt den Vermerk: „Von Seiner Wajestät genebmigt". 
: VBal Tr. 1043, Vorbemerkung. 
* Bismarck hat einen folgenden längeren Absatz im Konjept gestrichen, der Ausfübrungen darüber ent- 
bielt, dah sich der König von Hannover noch als im Kriege rmii befindilch detrachte und. an selnem 
Tbronrecht festhaltend, eine sehr aggrefsioe TLätigkeit entwickle.
        <pb n="254" />
        240 Bismarck warnt in Wien wegen Welfenlegion. 
Preußen anerkannt. Wenn es dessen ungeachtet dem früheren Könige von Hannover ein 
gastfreundliches Asul gewährt hat, so sind wir weit davon entfernt gewesen, ihm einen 
Vorwurf daraus zu machen; aber wir haben auch angenommen, daß das Kaiserliche Ka- 
binett, indem es diese Gastfreundschaft gewährte, zugleich eine moralische Bürgschaft über- 
nähme dafür, daß dies Asul nicht zu einem Herd feindlicher Tendenzen gegen uns würde. 
Eine solche Gastfreundschaft ist mit völkerrechtlichen Begriffen nur verträglich, solange der- 
jenige, welcher sie genießt, sich aktiver Konspirationen enthält, oder derjenige, welcher sie 
gewährt, jenen an golchen Konjpirationen verhindert. 
Wir haben uns bisber enthalten, der Kaiserlichen Regierung diesenigen Bemerkungen 
zu machen, zu welchen uns das von Hietzing ausgebende notorische Creiben wohl berechtigt 
hätte; und wir hatten geglaubt, daß der Kaiserliche Herr Minister diese Surückhaltung 
würdigen werde. 
Letzterer hat sich mit Recht immer in besonders hohem Grade empfindlich gezeigt gegen 
jedden Anschein von Bejiehungen, welche wir zu österreichischen Malkontenten aus irgend- 
einem Teile der österreichischen Monarchie haben könnten. Diese natürliche Empfindung 
— zu welcher wir unfererseits uns bewußt sind, keinen Anlaß gegeben zu haben —, sollte 
ihn aber auf der anderen Seite auch gerecht machen und ihm das Bewußtsein geben, daß 
eine solche Rücksicht gegenseitig sein muß. Er wird die Sraoge, ob die den ausgewanderten 
Hannoveranern zuteil gewordene Beschützung, ja Begünstigung mit einer solchen Gegen- 
seitigkeit verträglich ist, nicht mit ja beantworten können. 
Das jetzt durch die Tatjsache jener Pässe konstatierte Berfahren der österreichischen 
Regierung paßt nicht einmal zu den allgemeinsten völkerrechtlichen Grundjätzen, geschweige 
denn zu den freundschaftlichen Bejiehungen, welche wir seit dem Frieden aufrichtig und 
redlich zu Osterreich gesucht haben, und von denen wir den gleichen Wunsch bei dem Kaiser- 
lichen Kabinett voraussetzen durften. Wir haben den Ungrund des Mißtrauens dargetan, 
welches in Wien zeitweilig gegen unsere Beziehungen zu Rußland und zu der flawisch- 
orientalischen Srage geberrscht hat. Wir waren bemühbt, auf jenem Gebiete versöhnend 
einmwirken, Mißtrauen und Verstimmung zu beseitigen, und bereit, in der Sicherstellung 
der Interessen Oestreichs unsern eigenen Vortheil m suchen". Aber diese Bestrebungen 
beruhten auf der Voraussetzung, daß das Entgegenkommen ein gegenseitiges sei, und daß 
der Wunsch nach freundschaftlichen Beziehungen auch in Wien geteilt werde. Wenn wir 
uns in dieser Voraussetzung täuschen — wenn wir uns überzeugen müssen, daß man in Wien 
dem Bestreben nicht entsagen kann, Verbältnisse zu pflegen, welche nur im Hinblick auf 
feindselige und die neue Ordnung der Dinge wieder in Grage stellende Cventualitäten einen 
Sinn baben, so müssen auch wir unsere politische Stellung und Aichtung auf der ganzen 
Linie unserer Bejiehungen ändern und nur das Bedürfnis unserer eigenen Sicherheit ins 
Auge fassen, indem wir freundschaftliche Beziehungen für diejenigen Sventualitäten, auf 
welche jene Alpirationen berechnet sind, da suchen, wo wir sie finden können. 
Ich ersuche Ew. pp. ergebenst, diese Betrachtungen dem Teichskanzler mündlich, aber 
offen darzulegen, ohne ihm diesen Erlaß zu geben oder im Zusammenhange wörtlich vor- 
#lesen. 
Der letzte Ceil des Satzes von den Worten an: „und bereit... eigenbändiger Gusatz Bismarcks.
        <pb n="255" />
        Benedetti und Welfenlegion. Freischarenbildung in Rumänien. 241 
*1045. Telegramm an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Cigenhändiges Konzept.] 
Verlin, den 6. Sebruar 1868. 
Den beut dort eingehenden Erlaß über Hanoveraner bei Straßburg" habe ich 
Benedetti vertraulich vorübersetzt. Er fand Sprache. angemessen und freundschaftlich, sagte, 
Frlangkreich sei bereit, uns alles zu Gefallen zu thun, nur nicht ausweisen:. Ich wünschte 
vor allem Lösung der militärischen Organisation ulnd] Anwendung mindestens der franzö- 
sischen Landesgesetze über A'ociationen. Aufnahme in algierische Fremdenlegion schiene 
mir weniger unfreundlich für uns als jetzige Lage. 
Schweiz hat nicht ausgewiesen, aber Abreise gewünscht, weil Situation mit Neutra- 
lität Dreußen gegenüber unverträglich. Sagen Sie das gelegentlich Moustier. 
1046. Telegramm an den Geschäftsträger in Daris 
Grafen zu Solms- Sonnenwalde. 
(Eigenbändiges Konjept.]. 
Als Benedetti am 31. Januar Vigmarc den Moustierschen Wunsch nach einem täglichen 
und freundlchastlichen Gedankenaustausch u. a. über die orientalischen Angelegenbeiten über- 
mittelte (ogl. Tr. s040 Vorbemerkung), brachte er logleich die rumänischen Sragen aufs Tapet, 
indem er sich #Kundigte, ob Preuhen ein besonderes Interesse an der Machtentwicklung 
Rumäniens nehme. Auf diele Srage, die deutlich zeigte, mit welchem Mibtrauen die fran- 
Bluche Regierung darüber wachte, ob sich nicht irgendwo ein neuer Stützpunkt für Preuhens 
tentfaltung ergeben könne, gab Bismarck nach eiyer Aufzeichnung v. Keudells vom 
51. Januar die beruhigende Antwort, „daß die erson des Sürsten zwwar eine woblwollende 
Haltung unsererseits bedinge, daß aber die Verhöltnisse jenes Landes die Interessen unserer 
preu Ischen und deutschen HKogiutt nicht berühren.“ Bal daju Benedettis Bericht vom 
d. Sebruar, Les Origines Diplomatiques, XX, 320. Munnkehr #lubte die französische Re- 
gierung die sich über bulgarische Bandenbildung auf rumänischem Boden beunrubigte und in 
deren Duldung urch die rumänische Regierung den Beweis für ehrgeinige Pläne des jungen 
Fürsten adung 2 —t— ein Susammengehen mit Preußen hoffen E— können. Am 5. Februar er- 
ien Benedetti wieder bei Bismarck, um einen gemeinsamen Schritt beider Regierungen in 
Bukarest vormschlagen. Bismarck machte (ogl. das Posslerivt z Benedettis Bericht vom 
4. Sebruar, Les OCrigines Diplomatiques, XX, 323) ein Entgegenkommen abhängig von der 
Haltung, die die französische Regierung in der Frage der Welfenlegion (ogl. Ar. 1045) einnehmen 
werde. Als er dann am 7. ein Telegramm des Seneralsonsuls Grafen Keuserling-Rautenburg 
in Bukarest empfing, wonach dieser von dem Sürsten und seiner Regierung die ausdrückliche Ver- 
liberung Thalten. 70 tte, daß die bulgarischen Banden lich gar nicht rührten (ogl. dozu vber 
us dem Leben König Karls von Aumänien, I, 246, wonach tatsächlich Aumänien der Sitz der 
gias öscn. Nevolutionskomitees war), hatte er einen guten Grund, um eine Beteiligung an 
fronwischen Schritten abzulehnen. 
Berlin, den 7. Februar 1868. 
Benedetti drücktte mir vorgestern Wunsch aus, in Bukarest gegen angebliche Srei- 
scharen-Bildung zu remonstriren. Keplerling meldet darüber, daß eine solche nicht exiftire, 
die türkische Behauptung davon sich auf Intriguen von Prokelch gründe ulnd]) er, ohne 
4 Siehe NAr. 104 
—' * Vgl. den i“*e Bericht Venedsttis vom s. Sebruor, Les Crigines Diplomatiques, C, 
as. 
VIa 15
        <pb n="256" />
        242 Befriedigende Erklärungen Moustiers. Konjolidierung Staliens. 
den Sürsten ulnd) seine Regirung der Unwahrhbeit zu beschuldigen, keinen Schritt machen 
kann, der auf dem Gegentbeil ihrer Angaben beruhn würde. Kepferling erklärt, dah er die 
Angaben des Sürsten perjsönlich für wahr halte. 
*1047. Telegramm an den Geschäftsträger in Daris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Cigenbändiges Konjept.] 
Rach einem Telegramm des Grasen Solms vom 7. ebruar hatte ihm, noch ebe er in den 
Belitz des Bismarchschen Erlasses vom 5. (sieho Nr. 1043) und des Telegramms vom 6. (siehe 
Nr. 1045) gelangt war, Marquis Moustier über die Wolfenlegion das Solgende gesagt: „Man sei 
durch die unwillkommenen Göäste in Verlegenheit. Der Kaiser habe befohlen, die Leute wombolich 
in den Westdepartements untermbringen und sie so zu verteilen, daß sie möglichst unter sich un 
von ihren Sührern getrennt würden. Man##müsse seben, sie zur Rückehr in die Heimat zu 
bewegen. Er fürchte dobei Widerstand der Offiziere, bosse aber, daß der König Georg die 
Leute selbst entbinden werde, da er sich mit uns Lrind und auch das Journal „Die Situation“ 
Ei#a dazu O. Meding, Memoiren zur Geitgeschichte, III, os ff.) verkauft werden soll.“ Dleser 
eldung sügte Solms noch binzu, dah er Moustier erst in einigen Tagen von neuem sprechen könne. 
Berlin, le 7 février 1868. 
Recu télegrlamme]) No. 3. Contenu satisfaisant. Tächez dobtenir sans faire dé- 
marche officielle ou officheuse, due la léegion soit decomposéee de manière à faire cesser les 
Bens militaires qui rattachent les gens à leur chef, et due les individus soient disposés 
Vess les départements de Touest. Dites due le séquestre sur la dépeche adressée à Usedom, 
est level. 
*1048. Erlaß an den Gesandien in Detersburg 
Helnrich VII. Drinzen Reuß. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken.) 
Vertraulich. Berlin, den 9. Sebruar 1868. 
Ew. pp. übersende ich in der Anlage Abschrift der Instruktion, welche ich am 2. d. M. 
an den Königlichen Gesandten in Slorenz gerichtet habe, um ihm die Tichtung vorm- 
zeichnen, welche er in seiner Cinwirkung auf das Königlich Stalienische Gouvernement ein- 
zuhalten haben würde. 
Herr Benedetti hatte mir mündlich den Wunsch ausgesprochen, daß die Königliche 
Aegierung ihren Einfluß in Florenz in dem Sinne geltend machen möge, daß Ztalien sein 
eigenes Onteresse darin erkenne, seine hauptsächliche Aufmerklamkeit auf die Konfoli= 
dierung der inneren Zustände zu richten und äußere Verwicklungen zu vermeiden. Ich habe 
seit einem halben Jahre schon aus eigenem Antriebe mich in diesem Sinne sowohl dem 
Königlich Stalienischen Gesandten hierselbst gegenüber als in Sloren; geäußert und daher 
1 Vgl. Ar. 1039, Anm. 4; 1043. Tachträglich hielt es Bismarck im Hinblickt auf die dekriedigenden 
uene Masferz va Solme und 2½1 des ebtren mtui “02 s di 
Kine Anwelsung in diesem #me ging am 8. an Solms. 
1048. : Slehe Ar. 1039.
        <pb n="257" />
        Moustiers Haltung in Sachen Welsenlegion. Weitere Wünsche Bismarcks. 243 
auch keinen Anstand genommen, es von neuem zu tun. Sch bin überzeugt, daß auch die 
Kaiserlich Russische Regierung in dieser Beziehung unsere Auffassung teilt, und daß der 
Fürst Gortschakow diesem Schritte seine vollständige Beistimmung schenken wird. Ew. pp. 
ersuche ich ergebenst, dem letzteren vertraulich davon Mitteilung zu machen. Durch meine 
anderweiten Erlasse: sind Sw. pp. in der Lage, etwaigen Mißdeutungen, die man diesem 
Schritte als eine Wandlung in unserer Politik oder Annäherung an Srankreich in der 
italienisch-römischen Frage zu geben versuchen möchte, mit Sicherbeit und Entschiedenbeit 
entgegenzutreten. Unsern gemeinsamen Interessen entspricht die innre Consolidirung 
Staliens ulnd) die Kräftigung seiner Finanzen, ulnd] wir Jehn es ungern, wenn die Ver- 
ögerung derselben die Selbständigkeit der Politik des uns befreundeten Königreichs. 
beeinträchtigt. 
Ew. pp. wollen Sich in diesem Sinne gesprächsweise gegen FIsür]st Glortschakow) 
äußern?. 
1040. Erlaß an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.)] 
Am 2. Februar hatte Graf Solms neuerdings gemeldet: „Marquis de Moustier teilt mir 
mit, daß die Hannoveraner in der Champagne untergebracht, die Offiziere nach Bourges ge- 
schickt sind. Jabl noch nicht ermittelt, man will die Leute durch die Präfekten zur Rückkehr 
bech Haufe ausseorde laslen.“ Ebenso erhielt Bismarck am 9. ein Billett Benedettis, in dem es 
iehb: „Dans une nouvelle depeche télegraphique M. de Moustier m’annonce que les 
dispositions prises au sujet des Hanovriens sont en voie d’exécution; les ofliciers ont 
été séparés des autres indlvidus et seront Internes à Bourges: duant à ces derniers Us 
sont distribuss dans Herrzes localltes toutes élolgnées d'au molns 40 lieues des Votre 
frontière de 1Est.“ Vgl. daju Toustiers Telegramm an Benedetti vom 8. Februar, Les 
Origines Diplomatliques, XX. 352. 
Berlin, den 10. Gebruar 1868. 
Ew. pp. übersende ich anliegend Abschrift eines Billetts des Kaiserlich Sranzösischen 
Botschafters vom 8. d. M., worin derselbe mir über die Absichten seiner Regierung in 
betreff der hannöverschen Slüchtlinge Mitteilungen macht, welche den Außerungen des 
Kaiserlichen Ministers gegen Ew. pp. entsprechen. 
Ich nehme von diesen uns freiwillig in entgegenkommender Weise mitgeteilten Inten- 
tionen der Kaiserlichen Regierung mit Befriedigung Akt und kann daran nur den Wunsch 
knüpfen, daß dieselben in möglichst ofstensibler Weise ausgeführt werden. nsbesondere 
muß ich bemerken, dah die Entfernung der Offiziere von den Mannschaften allein nicht bin- 
reichen würde, wenn nicht zugleich durch Vereinzelung der letzteren Vorsorge getroffen 
wird, daß das Susammenfassen derselben und die Organisierung und militärische Einübung 
nicht durch Unteroffiziere oder andere Subalterne fortgesetzt werde. Wir begen zu der 
Kaiserlichen Regierung das Vertrauen, daß ihr Verfahren in dieser Hinsicht den freund- 
schaftlichen Beziehungen unserer Aegierungen auch ferner entsprechen werde. 
:„ Siebe Nr. 1033, 1034. 
. Der Schluh des Erlasses vom vorletzten Satze on elgenbändliger Zusatz Bismarckes.
        <pb n="258" />
        244 Nachrichten über Welfenlegion. Sreischaren in Aumänien. 
*1030. Telegramm an den Geschäftsträger in Darls 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
(Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abes##n 
Berlin, den 10. Februar 1868. 
Aus einer ganz zuverlässigen Quelle: erhalten wir die Nachricht, daß die Sahl der 
Hannoveraner 366 beträgt, welche mit österreichischen Pässen versehen waren und keinerlei 
Geldunterstützung von französischer Seite erhalten, wohl aber von ihren ebemaligen Offi- 
sieren zwei francs täglich pro Kopf. Am Ö. d. M. waren sie in 15 Orten, welche alle nahe 
der deutschen Grenze liegen, verteilt und in Wirtshäufsern oder bei Privaten auf eigene 
Kosten untergebracht. In Strahburg waren zwei Offiziere, mit welchen der Präfekt Karten 
gewechselt haben soll, ohne sich sonst in nähere persönliche Beziehungen mit ihnen m setzen. 
Der Präfekt soll am 3. d. M. vom Minister des Innern die Instruktion erhalten haben, 
„d’exercer une surveillance de protection“. 
Wie zufriedenstellend die Erklärungen der französischen Regierung auch lauten, so 
nötigen uns doch die mitgeteilten Catsachen, die ganze Sache mit Aufmerksamkeit m ver- 
folgen; und Seine Majestät der König erwartet von seiner Botschaft in aris, daß sie 
die Ausführung der kundgegebenen Intentionen mit Sorgfalt im Auge behalte und die 
Slymptome der franölischen Haltung genau beobachte. 
101. Erlaß an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Kontept von der Hand des Vortragenden Rats Theremin.) 
Nach einem Berichte des i-m-e Solms vom 7. Februar hatte ihm Warquis Moustier 
den Wunsch ausgedrückt. Bismarcks Auffassung über die Entwicklung der rumänischen Frage, die 
Benedetti schon am §. (ogl. Ar. 1046) dem Kanfler gegenüber berührt batte, kennenzulernen. 
Moustier wollte wilssen, daß sich in der rumänischen Bevölkerung Expansionsgelüste nach Sieben- 
bürgen bin geltend machten, und daß die Bildung von Banden auf rumönischem Boden auf- 
Mip Cinfälle in benachbarte Gebiete schliehen ließe. Am H9. fügte Graf Solms die 
telegraphische Meldung hinzu, daß Moustier neuere Berichte aus Konstantinopel und Auftschuk 
abe, die die Ansammlung von Banden auf rumänischem Voden bestätigten. Im Gegensatz dasu 
lauteten die Berichte, die der preußische Generalkonsul Graf Keplerling aus Butkarest sandte, 
auch weiter beruhigend. · 
Berlin, den 11. Februar 1868. 
Ew. pp. Bericht vom 7. d. M. (Ar. 31) sowie das Telegramm vom 9. (Nr. 5), die 
angebliche Ansammlung bewaffneter Banden in Rumänien betreffend, habe ich erhalten. 
Ich übersende Ew. pp. beifolgend Abschrift eines bierauf bezüglichen Berichts des Grafen 
Keylerling vom 26. v. M. Aus demselben und meinem Shnen inzwischen zugegangenen 
Telegramme Ar. 6, worin ich Ew. pp. gleichzeitig von dem von Herrn Benedetti ge- 
äußerten Wunsche Mitteilung machte, daß wir uns den NRemonstrationen gegen derartige 
Freischarenbildung bei der rumä isch Regierung anschließen möchten, werden Ew. pp. er- 
Jehen, daß sowohl die rumänische Regierung als der Sürst Karl die TLatsache entschieden in 
*Es handelt sich um einen Bericht des Kommandanten von Kebl a. êAb. vom 6., den Graf Slemming 
aus Karlsrube am 8. einfandte. 
105 I. : Slebe Ar. 1046.
        <pb n="259" />
        Bismarck glaubt nicht an rumänische Bandenbildung. Voigts-Ahetz' Einmischung in Politik. 245 
Abrede stellen, daß Graf Keuserling die bezüglichen Gerüchte auf österreichische öntrigen 
mrück führt und zugleich erklärt, daß er ohne Beleidigung des Sürsten keine Schritte tun 
könne, die auf der fortdauernden Voraussetzung des Gegenteils seiner Bebauptungen 
beruhen würden, sowie daß er die Angaben des Sürsten persönlich für wahr halte. 
FSür diese Auffassung des Grafen Keuserling spricht sowohl der offene und gerade Cha- 
rakter des Fürsten Karl als der vorsichtige seines Vaters, der den Sohn voraussichtlich von 
gewagten Unternehmungen zurückhalten würde, und endlich der Umstand, daß die fürstliche 
Aegierung vor allem das Bedürfnis fühlt, sich im Innern zu konfolidieren, und dam der 
RAuhe bedarf. Es ist mir daher um so wahrscheinlicher, daß, wie Graf Keuserling annimmt, 
und wie Ew. pp. auch bereits dem Marquis Moustier angedeutet haben, österreichische Sn- 
trigen bei der Sache im Spiele sind, als die den Rumänen untergeschobenen Gelüste auf 
Siebenbürgen sehr stark bierauf schließen lassen und Baron Protkesch vollständig der Mann 
ist, u dem man lich der Tat versehen kann. 
Die Shnen vom Marquis Moustier mitgeteilte, auch von Österreich gehegte Sdee, die 
Generalkonjsuln in Butkarest zu Geschäftsträgern zu ernennen, scheint mir zunächst für die 
Pforte schwer annehmbar. Wir würden sonft einer derartigen Maßregel durchaus nicht 
entgegen sein, aber zu ihrer Herbeiführung auch nicht gern in den Vordergrund treten, da 
man wegen der Stellung des Fürsten Karl zum Königlichen Hofe gerade uns dieselbe in 
Konstantinopel so auslegen würde, als wollten wir dadurch auf volle Emanzipation der 
Sürstentümer hinarbeiten. 
Salls Marquis Moustier Ew. pp. gegenüber auf diesen Punkt zurückkommen gollte, 
sind Sie ermächtigt, sich in diesem Sinne gegen ihn zu äußern. 
*1032. Schrelben an den Staatsminister Grafen zu Eulenburg. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Vats Abeken.] 
Am 10. Jebruar hatte der jetzt auf die Stellung als Kommandierender General des 
Armeekorps beschränkte frühere Deneralgenugerneur von Hannover o. Boigts-Abetz dem 
Wne einen Bericht eingereicht, der im Hinblicke auf die noch immer in der Prooinz fort- 
geletzten Werbungen für die Welfenlegion Krengste Dräventiomaßregeln vorschlug. Der Be- 
richt, der die hon dem General auch früher schon herausgekehrte Unjufriedenheit mit dem von 
Bismarcke u. a. in der Frage der Abfindung König Georgs V. befolgten Sustem möglichster 
Rücksichtnahme wicder deutlich Jur Schau trug, reigte auch sonst die Reigung des Generals, sich 
in politische Dinge einzumischen. 
Berlin, den 12. Sebruar 1868. 
Indem ich Ew. pp. den anliegenden, von dem Kommandierenden General in Hannover 
von Voigts-Abetz direkt an Seine Majestät den König unter dem 10. d. M. erstatteten 
Bericht auf allerhöchsten Befehl zu gefölliger Kenntnisnahme und Weiterbeförderung ganz 
ergebenst zu übersenden mich beehre, kann ich nicht umbin, darauf aufmerksam zu machen, 
daß auch dieser Bericht, wie bereits ein früherer, bei Gelegenheit der Berhandlungen über 
die Entschädigung des Königs Georg erstatteter, welcher Ew. pp. erinnerlich sein wird, 
einen Charakter von Gereistheit und Unzufriedenheit mit der olitik der Regierung trägt, 
welcher auch hier wieder in den Anspielungen auf die Luxemburger Frage und auf die Höhe 
der Abfindung des Königs Georg deutlich hervortritt und ohne Zweifel auf die ganze Auf- 
fassung und Särbung nicht ohne Einfluß geblieben ist. Sch behalte mir vor, auf diese der 
Stellung eines Kommandierenden Generals nicht entjsprechende Tonart in einer Sitzung des
        <pb n="260" />
        246 Bismarck gegen Ausnahmemahregeln in Hannover. 
Staatsministeriums mrüchkzukommen, und habe sie hier nur erwähnen wollen, weil sie für die 
Beurteilung der Ansichten und Vorschläge des Generals nicht unwichtig sein dürfte. 
Wos diese letzteren Vorschläge, worüber die in dem Immediatbericht erwähnten An- 
träge an die Nessortminister voraussichtlich schon eingegangen sein dürften, lbetrifft), j#o 
kann ich nicht umbin, mich auf das entschiedenste dagegen auszusprechen. So sehr ich da- 
mit einverstanden bin, daß gegen alle, denen Kontroventionen „nachgewiesen werden, mit 
der ganzen Strenge der Gesetze vorgegangen werde, so wenig kann ich es politisch klug 
finden, durch ausnahmsweise und voraussichtlich unfruchtbare Präventiomaßregeln, wie die 
von dem General von Voigts-Abetz vorgeschlagenen, einen Zustand berbeizuführen, der 
konsequenterweise im Belagerungszustand enden muß oder den Polizeiapparat durch Miß- 
verhältnis zwischen den Mitteln und den Erfolgen blamiert. Es kann uns in der Tat 
wenig darauf ankommen, ob eine Anzahl Bauernjungen verbindert wird, das Land zu ver- 
lassen, und ob die sogenannte Welfische Legion einige Causend Köpfe mehr oder weniger 
sählt. Der Aufwand polizeilicher Mittel, der zu einigermaßen wirksamer Verhinderung 
gehören würde, steht nicht im Verhältnis mit dem Sweck und wird nur Beforgnisse und 
Unsicherheit der Regierung verraten und dadurch die Illusionen der Anhänger des Königs 
Georg nähren. Einen viel besseren und der Regierung und dem Anerkenntnis ihrer Kraft 
günstigeren Eindruck wird es im In- und Auslande machen, wenn sie gar keine Besorgnis 
verrät und bei aller Strenge gegen wirkliche Gesetzeskontraventionen im übrigen die Leute 
ihrem Schick'al überläßt. Je größer die Sahl der Verführten ist, welche doch niemals eine 
Besorgnis erregende Proportion annehmen kann, desto schwieriger wird die Erhaltung, und 
desto eher werden die Leute selbst die Lorheit und den Leichtsinn, mit welchem sie den Vor- 
spiegelungen geglaubt, erfahren und von ihren EIllusionen geheilt werden. Die Überwachung 
der Auswanderung und Kontrolle ihres Personalbestandes wird ein für die politische Sta- 
tistik des Welfentums in der Provinz nicht unwichtiges Material ergeben, auch über die 
Frage namentlich, wo die Lokalbehörden als zuverlässig zu betrachten lind oder nicht. 
Aus demselben Grunde, um keine Besorgnisse m verraten und der Sache kein zu 
großes Gewicht beizulegen, glaube ich auch dem für die Gratulation in Hietzing bestimmten 
Extrazug" kein Hindernis in den Weg legen oder gar ihn verbieten zu sollen, wohl aber 
nach MAglichkeit zu kontrollieren, wer mitfährt. Je weniger sich die Regierung um der- 
artige Demonjtrationen, solange sie der strafenden Justiz nicht verfallen, kümmert, um so 
mehr bricht sie ihnen die Spitze ab. 
* 1053. Erlaß an den Gesandten in Wien 
Fresherrn von Werther. 
[Kontept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken.] 
Am 9. Februar hatte Freiherr von Wertber dem österreichischen AReichskanzler die ihm 
am §. (ogl. Rx. 1044) befohlenen Cröffnungen über die Welfenlegion gemacht. Er meldete 
darülber vorläufig am 10.: „Aunmehr ist aufgedeckt, daß von der Wiener Polizeidirektion 450 
1 Seitens der österreichischen Mordbobn war ein Extrazug für diejenigen Hammoveraner und Hannove- 
# — 4% die sich an der Feier der Shalrnen ochjeit König Georgs V. in Hietzing 
(18. Sebruar) beteiligen wollten.
        <pb n="261" />
        Olterreichische Begünstigung des Hletzinger Treibens. 247 
Dässe an Hannoveraner im letzten Jahre erteilt worden. Durch unser Einschreiten ist 
Jeit ... o. M. dies Verfahren eingestellt. Sreiherr v. Beust, bereit, unsern Wünschen möglichst 
nachzukkommen, schiebt lezteres auf Nachlässigkeit und Unwissenbeit unterer Behörden.“ 
Berlin, den 12. Sebruar 1868. 
Ew. pp. übersende ich anliegend eine aus zuverlässiger Quelle herrührende Zusaommen- 
stellung der auf die Bildung einer Hannöverschen Legion bezüglichen, bis jetzt u unferer 
Kenntnis gekommenen Tatsachen:. Es gebt aus diesem Gesamtbilde hervor, wie wohl 
organisiert diese Umtriebe sind, mit welchem Eifer sie von einer Anzahl untergeordneter, 
aber mit Geldmitteln wohl versehener Agenten ins Werk gesetzt, vor allem aber mit welcher 
Umsicht, Energie und Offenbeit sie von Hietzing, vom österreichischen Boden aus, geleitet 
werden. Wäre darüber ein Zweifel möglich, so würde ihn das in Abschrift anliegende 
Telegrlamm] an Grlaf] Platen= beseitigens. Daß der Inhalt dieses offenen Telegramms 
ulnd) die sonst von einem in so unmittelbarer Aähe der österreichischen Hauptstadt be- 
legenen Mittelpunkt ausgehenden Fäden der Kaiserlich Osterreichischen Regierung ver- 
borgen bleiben könnten, ist in der Cat schwer anmmehmen. 
Die Erteilung von Legitimationspapieren an die erst nach ÖOsterreich, dann nach der 
Schweiz dirigierten Individuen hat der Freiherr von Beuft, wie Ew. pp. mir telegraphisch 
melden, auf die untergeordneten Behörden geschoben. Uns scheint die Ausstellung von 
500 Pässen unter folchen Umständen unmöglich in die Kategorie jubalterner Unverantwort- 
lichkeit gebören zu können". Aber es ist auch nicht dieser Punkt allein, welcher uns Anlaß 
zur Beschwerde gibt. Sch darf mit Sicherheit behaupten, daß das ganze von Hietzing aus- 
gehende Treiben nicht möglich wäre, wenn nicht von der Kaiserlichen Regierung selbst gegen 
die Tätigkeit des Königs Georg und seiner Umgebung eine Nachsicht geübt würde, welche 
ebensosehr die natürlichen Pflichten der Gastfreundschaft überschreitet, wie diese Cätigkeit 
selbst ein Mißbrauch dieser Gastfreundschaft üst. 
Wenn die Kaiserliche Regierung wirklich in Unwissenheit über den Umfang der Tätig- 
keit sein sollte, so werden die Data, welche Ew. pp. derselben m geben in der Lage sind, 
hinreichen, um sie darüber aufmklären. 
Geradejzu den Eindruck einer Begünfstigung der Agitation muß es machen, wenn in den 
öffentlichen Blättern die Nachricht gebracht wird, daß die österreichische Rordbahn sich 
erboten habe, bis nach Braunschweig bin einen Extrazug für diesenigen zu stellen, welche 
dem Königspaar in Hietzing ihre Gratulationen zur Silbernen Hochzeit persönlich darbringen 
1 Siehe Anlage. 
Dos auf der Stuttgarter Telegrapbenstation durchgegangene und Bismarcke von dem württem- 
bergischen Gesandten Sreiherrn v. Spitzemberg am 12. Februar mitgeteilte Kelegramm, das von dem die Ge- 
schäfte der Legion in Zürich leitenden Haupkmann v. Hartwig herrührte, hatte folgenden Wortlaut: „An 
Staatsminister Platen in Hietzing. — Aus Zürich. Soeben Ordre erhalken, uns rasch nach Aube, Marne 
oder Haute Marne ju begeben. Alles wird vorbereitet. Wir bitten um schleunige Übersendung von 
10 Ooo Franken-Wechseln. Näberes brieflich. Hartwig.“ 
: Der Satz sowie die Einleitung zu dem folgenden bis zu den Worten „ulnd] die sonst“ eigenbändiger 
Zusatz Bismarcks. « 
sDeksahilteigenhöndigekEinlchanismakdcs.ZuBismakdcs Zweixel vgl.3k.Z.Gk0fV-thllks 
Ausdr-Viertel-Iohthundertea,ll,1151.,1731.DieBehauptaagBeults,qheslichaurumeiaea»ua- 
begreiflichen Verstoß" des Polizeidirektors Strobach gehandelt babe, findet Stütze in einem Privatbrief 
Werthers an Thile vom 12. Jebruar, in dem es beiht: „Ich glaube wirklich, dah die unverantwort- 
liche Daberteilung an Hannoveraner sous ordres zumschreiben ist. Der Dolileidirektor Strobach, ein 
sont auch uns in Geschäften gefälliger Mann, est le vral goupable. Guelfen-Orden, Diners in Hietzing, 
vielleicht andere douceurs mögen daju beigetragen baben. Sie wissen, ich habe gegen Beust, was Preußen 
anbetrifft, eine gebörige Dosis Mißtrauen, aber in diesen hannoverschen Umtrieben ist er aufrichtig und 
will daraus in keinem Sall Swiespalt mit uns bervorgehen lafsen.“
        <pb n="262" />
        248 Bismarck warnt in Wien, droht mit Publinität. 
wollen. Wir werden dem fraglichen Extrazuge nichts in den Weg legen; aber die Direction 
der Nordbahn wird doch darüber nicht im Sweifel sein, daß sie zu einer solchen politischen 
Extra-Leistung der dortseitigen Genehmigung nicht entbebren kanns. 
Bereits in meinem früheren Erlaß" habe ich bemerklich gemacht, wie wenig wir die 
Begünstigung, ja auch nur die Sulassung eines gsolchen TCreibens weder mit den völkerrecht- 
lichen Prinzipien noch mit den guten Beziehungen, welche von unserer Seite immer ernstlich 
angestrebt und von österreichischer Seite als auch in den dortigen Wünschen liegend be- 
zeichnet worden sind, in Übereinstimmung zu bringen vermögen. 
Es liegt ohne Zweifel in der WMacht der österreichischen Regierung, demselben ein Snde 
zu machen, indem sie entweder die von dem König Georg gemißbrauchte Sastfreundschaft 
nicht weiter gewährt oder den ferneren Mißbrauch derselben energischer als bisber ver- 
bütet 7. 
Will die Kaiflerliche) Reglierung) von ihren Rechten ulnd) ihrer Macht nach dieser 
RVichtung bin keinen Gebrauch machen, so würde die Überzeugung, die wir alsdann von den 
Absichten und Gesinnungen des Herrn Aeichskanzlers gewinnen müßten, auf die ganze 
Haltung und Aichtung unserer Politikk von unvermeidlichem Einfluß sein, ulnd] ich würde, 
um diese uns unerwünschte Wendung vor der öffentlichen Meinung Deutschlands zu recht- 
fertigen, die Mittheilungen, welche ich darüber on Ew. pp. richte, der Publicität übergeben. 
Ew. pp. sind ermächtigt, dem Klailflerlichen) Hlerrn) Aleichs)kanzler von dem Inhalte 
dieses Erlasses durch Vorlesung Kenntniß zu gebens. 
Aulage. 
Promemorias. 
lAbschrift. 
Es steht politiv fest, deb obiesenigen lablreichen Hannoveraner, die im vorigen Johre von hier beim- 
lich nach Hietzing gingen, von t merst mit Pöässen der schweizerischen Gesandtschaft in Wien, und als dies 
von der schweizerischen Aeen de kunlerjagt wurde, mit österreichischen Hässen, in denen sie als Einwohner 
von Hietzing bezeichhet waren, und mit dem visa der schweizerischen Gesandtschaft verseben, zur Bildung 
der questionierten Legion nach der Schwei; gingen. Zur Reise wurden sie vom König Georg mit den er- 
forderlichen Geldmitteln verseben. 
Nachdem den in der Schweiz) versammelten, damals etwa 300 Mann starken Hannoveranern die Rück- 
kebr in die Heimat gestattet war, wenn dieselbe bis zum 1. Januar 1868 ktattfinden würde, baben nur 
Jehr wenige Leute, und z war im gebeimen, von dieser Gnade Gebrauch gemacht. Die in der Schweiz 
anwesenden homncherschen Offiriere haben dies zu verhindern gewußt und wurden darin durch die sehr 
reichlichen Mittel, die ihnen von Hietzing aus zuflossen, unterstützt. Den meisten Ausreißern, welche viel- 
leicht gern zmrückgeehrt lein möchten, fehlten wohl die Geldmittel zur weiten Veise in die Heimat, welche 
ibnen von den welfischen Agenten versagt wurden. Die Leute wurden in der Schweiz sehr gut bejahlt. 
Suerst wurden sie mit Verpflegung einquortiert und erhielten täglich noch franc Ceschengeto, Eiter 
erhielten sie täglich 2 francs und freies Quartier und mletzt pro Kopf und Tag 20 Sgr. Viele sparten 
davon und schicheten Geld in die Heimat. Wenn die Leute bei den Cinwohnern in Arbeit standen, wurde 
ihnen täglich 1 franc abgesogen, ein ausreichender Grund, sie alle im TNichtstun und zur Disposition em 
behalten. Von ihren Offineren wurde ibnen abgeraten, Arbeit zu suchen, damit die Leute nicht eine 
Selbständigkeit erlangten, welche den Einfluß der Sührer paralpsieren konmte. 
* Der Satz eigenbändiger Einschub von Biemarck. 
Siehbe Ar. 1044. 
7 Der Satz von den Worten an: „indem si sie entweder .. .“ und die Einleitung des folgenden Satzes 
bis u den Worten: „so würde die Überzeugung“ eigenbändige Korrektur Bismarcks. 
s Der Schluhpassus und der vorbergebende Satz von den Worten an: „ulnd) ich würde 
böndig von Viomorch. das P Vericht des Generals v. Voigts--Abetz 
ist das Dromemoria aus einem Veri es Gener an 
König 2*— nanr . Dieser Bericht findet sich nicht in den Akten.
        <pb n="263" />
        Voigts-Abetz' Denkschrift über die Welfenlegion. 240 
1 
Die Werbung wurde damals besonders durch brieflichen Verkehr der Leute mit ihren Angehörigen 
und Bekonnten vermittelt; MReisegeld erhielten die Deserteurs durch geheime Agenten. Die Offiziere, welche lich 
in der Schweiz aufbielten und die dort befindlichen Leute kommandierten, lebten in luxuriöser Weise in. 
den ersten Hotels, namentlich sechs dis sieben derselben im Hotel Bauer in Zürich. In neuerer Geit soll noch 
eine weitere Anzabl von Offiieren binzugetreten sein. Von der Schweiz aus wird die Jahl der öffiziere 
auf zwölf angegeben, was kaum übertrieben erscheint, da auch von Hietzing aus noch mebrere jüngere Offi- 
niere dahin gegangen lind. « 
Als die Schweijer Vegierung erklärte, *“ Ausweisung der Aicht--Legitimierten, die keine Kaution 
Ltellen konnten, schreiten zu wollen, lind dieselben militärisch organisiert und, von ihren Offizieren trupp- 
weise geführt, nach Srankreich übergetreten. Sie sind mit Pässen von Österreich aus, die von der K. K. 
Statthalterschaft von Aieder-Ssterreich, d. d. 7. Januar 1868 ausgestellt waren, versehen worden. Die 
Behauptung der offijiösen österreichischen Hresse, daß diese Angabe unrichtig sei, ist erweislich falsch. Auch 
die über Holland und direkt von bier nach der Schweiz entwichenen Hannoveraner haben österreichische 
Pässe von jenem Datum vorgezeigt, wie solches von der schweizerischen Dresse und von Korrespondenten 
aus Bern nachgewiesen wird. Sie kamen ohne Legitimation in der Schwei) an und erdielten dieselbe erft 
dann, als sie nach Frankreich zu geben bestimmt waren. In der Schweiz bielt man dafür, daß der Über- 
tritt dieser Leute nach Frankreich infolge eines Menschenhandels geschehe, — wie dies in Hessen früher 
gelegentlich des amerikanischen Greiheitskrieges effektuiert wurde. Die Hannoveraner haben indes in den 
öffentlichen Blöttern der Schweiz hiergegen. Protest eingelegt und erklärt, f5, wenn es jum Kriege 
wischen Srankreich und preußen käme, die flüchtigen Hannoveraner beabsichtigten, sich den Granjosen an- 
luchließen, wie denn auch die Hannoveraner in der Heimat nicht ruhig litzen würdenl Grankreich hat sie 
enn auch wohlwollend, wie die französische Presse sagt, ausgenommen und sie jamt und sonders im Elsah, 
und zwar in Strahburg, Hagenau, Schlettstadt, Weißenburg und anderen Orten untergebracht. Die 
Kavalleristen wurden in Luneoille untergebracht. Die franzölischen hohen Lokalbeamten hatten von dem 
französischen Gouvernement die Weisung erhalten: 
» »eleurdonnerlagarantiedelaproteetionduGouvernement j» 
Ein Gleiches geschieht mit den Deserteurs, die über Kehl, Landau und in Transporten aus Holland über 
Belgien, Luxemburg, Metz und VNanchy nach Straßburg instradiert sind. 
Die Leute sind alle mit Geld reichlich versehen, und es wird aus Frankreich von sicherer Quelle ge- 
meldet, daß sie diszipliniert genug sind, um jetzt noch der Autorität ihrer Offiniere Solge zu leisten. Aus 
diesem Grunde (1) und infolge der oben erwähnten Instruktion sehen die fratijösischen Bebörden auch bei 
einjeln ECintreffenden über den eventuellen Mangel an Legitimationspapieren binweg und lassen sie un- 
gebindert — abweichend von den sonst befstebenden Vorschriften — unter franzölsischem Schutz sich frei 
in dem Departement bewegen. Unterstützungen erbalten sie bis jetzt in FSrankreich nicht. Die Gefamtjahl 
der von der Schweiz aus am 25. Januar in Straßburg und Segend eingetroffenen Hannoveraner beträgt 
460 Monn. Sie tragen größtenteils die Langensalza-Aledaille. 
Neuerlich wird zwar von Paris aus hierher telegraphiert, daß die hannoverschen Legionäre von 
Frankreich aufgefordert werden follten, das Land zu verlassen oder in die französische Sremdenlegion ein- 
mtreten, was dortfseitig begünstigt werden würde; es wird indes zu erwarten und festzustellen sein, ob diese 
heute wirflich ausgewiesen, oder ob sie innerhald. des Landes, eventuell in Algier, zur Disposition gehalten 
werden. 
Der König Georg aber, der sich noch heute als souveräner Monarch von Hannover betrachtet, Orden 
verteilt, Geld prägen läßt und als König Ordonnanzen an „seinen Minister der FSinanzen, — der aus- 
wärtigen Angelegenbeiten, — des Königlichen Haufes, sowie an sein Kriegsdepartement“ erläht, betrachtet 
lsich auch als Thef dieser Legion, die durch seine Agenten baabtt wird und Ordres erhält. Der Hauptmann 
von Düring, Vorstand des Kriegsdepartements, und der Mittmeister von Volger, Generaladsutant des 
Königs Georg, sind beide mehrfach mit Ordres und Aufträgen in Hollond und in der Schweiz erschienen. Der 
erstere wurde sogar nach Holland geschicktt, um mit der niederländischen Regierung wegen kostenfreier Über- 
fübrung der Legionäre nach England zu verhandeln. 
SBasel ist indes nicht der einzige Dunkt, an welchem hannoversche Deserteurs nach Grankreich über- 
gegangen sind und Aufnahme gefunden haben. Üllber Kehl und Landau wird eine gleiche Auswanderung 
von guter Quelle gemeldet. In NRastatt und Karlsruhe sind Offiziere in hannoverscher Unisorm geleben. 
Man schätzte die Jahl der Übergetretenen jedenfalls sehr übertrieben auf 2000 Mann. Nach anderen 
Nachrichten wird die Sahl der aus Baden pp. Übergetretenen nicht so boch anzuschlagen sein als das aus 
der Schweiz kommende Kontingent. Die Offiriere, die über Baden gegangen Lind, sollen zum Teil gut 
beritten gewesen sein. » » 
s ist zu bemerken, daß die Leute nicht allein die Langensalja-Medaille, sondern auch zum Teil die 
nassauische Medaille trugen. 
Ein vorzugsweises õnteresse bat indes die neuerdings schwunghaft betriebene und vollkommen orga- 
nisjerte Auswanderung aus der Prooinz Hannover nach Holland. 
Es scheint, daß von Hietzing aus sehr bedeutende Summen zu diesem Zweckee verwendet werden und 
einer größeren Anjahl von Agenten überwiesen sind, die teils in der Prooin; anjfässig sind, teils mit aus- 
ländischen Legitimationen als reisende Kaufleute das Land durchstreifen. 
Das Hauptnest der Agitation ist die Stadt Hannover Fiast mit ibrem immer noch zoblreichen Kon- 
tingent mihvergnügter Hoflieferanten F Aber auch Celle, Burgdorf, VNienburg, — und Polle sind 
Herde dieser Werberei. Einzelne Defertionen aus dem Lande kamen seitber immer noch vor. Haupt-
        <pb n="264" />
        250 Volgks-Abetc' Denkschrift. Silberne Sochjeit Georgs V. 
1 
lächlich lebendig ist das verbrecherische Treiben aber erst in neuerer Zeit, besenders Ait der Entschluß, die 
Leute nach Frankreich m fübren, feststond und dem Könige Georg wieder gröhere ittel jur Verfügung 
Ktehen, dle, wenn sie ihm auch noch nicht übergeben, doch seinen Kredit heben. 
Die ersten Desertionen aus der Drooinz selbst geschahen im größeren Maßstabe aus den waldigen 
Berggegenden an der Weser, namentlich aus der kleinen Enklave Polle, welche ein Kontingent von einigen 
dreihig WMann lieferte. Dann wurde die Slucht von einigen zwansig Leuten aus dem Lüneburgischen und 
aus Celle gemeldet, dann zablreiche Entweichungen von Hannover, aus dem Calenbergischen, aus Vien- 
burg und Wunstorf pp. 
Es scheint übrigens, daß die neue Auswanderungsphase gleichzeitig von gewissenlosen Agenten benutzt 
wird, welche für die oftindischen Kolonien der Niederlande Leute suchen, denn viele kehren zurück, die sich 
in die Heimat durchbetteln, um nicht in die schlimmste Sklaverei zu verfallen. Andere bitten ihre Eltern 
um Geld, damit sie in die Heimat zurückkebren könnten. 
Es inst festgestellt, daß eine förmliche Staoppenstraße mit festgestellten Marschquartieren zwischen bier 
und der bolländischen Grenze bestanden hat. 
In Stolzenburg an der Weser befand sich dos Hauptdepot, dort wurden die Leute in Mossen in 
einem einzelnen Gastbofe an der Weser untergebracht und mit Geld versehen. In Oldenzaal erbielt jeder 
ein Sahrbillett nach Arnheim und 10 Cbl. Neisegeld. 
In Arnbeim und Oldenjzaal waren immer noch die Hauptdepots und Ahqenten. 
Seit Luxemburg nicht mehr preußische Leraen hat, geht der Jug der flüchtigen Haonnoveraner 
von Arnbeim über Luxemburg nach Metz und Strahburg. In der letzten Seit sind etwa ĩ40 bis 150 Mann 
— nach einer zweiten Angabe über 200 Mann — in Trupps von 30 bis 40 Mamn unter besonderen 
FGHührern per Bahn durch Luxemburg nach FSrankreich befördert worden. Es wird bebauptet, daß die 
franzölischen Beamten der Luxemburger Nordbahn — denn die Luxemburger Bahnen sind ja jetzt sämt- 
ich in Besitz von Srankreich — den Transport der Leute vermitteln, ihnen Sahrbilletts geben und selbst 
Seld ausjahlen. Auf dem Bahnhofe in Luxemburg befand sich ein elegant gekleideter Herr, welcher die 
Weiterinstradierung besorgte und jedem der Leute wei Goldltücke aushändigte. 
Bereits im Auguft v. J. sind Crupps von 20 bis 30 Mann flüchtiger Hannoveraoner, meillens mit 
der Langensalza-Medaille dekoriert, durch Luxemburg passiert. Es waren dies aber Leute, die damals über 
Strahburg und Vasel nach der Schweiz gingen, von wo sie jetzt nach Srankreich übertraten. Die Leute, 
welche Luxemburg passieren, geben alle zu demselben Nestaurant und sind reichlich mit Geld versehen. 
Eigentümlich ist die Erscheinung, daß z gleicher Zeit auf allen Dunkten der französischen Grenze in 
der Ausdehnung von Basel 4 Luxemburg die Massen der Deserteure aus der Schweiz und aus Deutsch- 
land übertreten. Diese Wahrnehmung scheint auf eine ausgedehnte Organisation binzudeuten. 
*1054. Erlaß an den Gesandten in Dresden von Eichmann. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.] 
Berlin, den 12. Gebruar 1868. 
Ew. pp. wird aus den Seitungen bekannt sein, daß man die Silberne Hochzeit des 
Königs Georg m einer Demonstration m benutzen und einen Extrazug von Gratulanten nach 
Wien zustande m bringen sucht. Die Unternehmer beabsichtigten ursprünglich, denselben 
von Braunschweig abgehen zu lassen, haben aber infolge einer Weigerung der braun- 
schweigischen Sisenbahnverwaltung Leipzig als Sammelplatz der Mitreisenden und Ab- 
gangspunkt des Extrazuges bezeichnet. Ew. pp. ersuche ich ergebenst, den Freiherrn von 
Friefen vertraulich darauf aufmerksam m machen, daß der Abgang des Zuges von Leipiig 
aus dem Grunde unerwünscht sein würde, daß man darin eine Demonstration Sachsens 
gegen uns und gegen das Prinzip des Norddeutschen Bundesstaates seben oder wenigstens 
zu sehen vorgeben könnte. Die Ressortverhältnisse der jächsischen Eisenbahnen sind mir 
nicht bekannt; ich jsetze aber voraus, daß der Regierung, wenn Herr von Griesen meine Auf- 
fallung teilt, die Mittel zu Gebote stehen, das Ablassen des Extrazuges von Leipjig zu ver- 
bindern. Der Veise in Preußen ein Hindernis in den Weg zu legen, sebe ich keinen Grund 
und habe die Behörden in Hannover instruiert, falls dieser Ort ur Abfahrt gewählt werden
        <pb n="265" />
        Erla½ß nach London über Welfenlegion. 251 
sollte, den Extrazug m bewilligen. Derselbe würde aber eine andre Färbung erbalten, wenn 
er anscheinend im Widerspruch gegen nicht existirende Dreußlische) Verbote aus Sachsen 
abgingei. 
10385. Erlaß an den Botschafter in London 
Grafen von Bernstorff. 
[Konzept von der Hond des Vortragenden Vats Abeken.] 
Vertraulich. Berlin, den 12. Sebruar 1868. 
Ew. pp. übersende ich in der Anlage eine aus zuverlässiger Quelle herrührende 
Susammenstellung der auf die Bildung einer Hannöverschen Legion bezüglichen Tatsachen“. 
Diese Umtriebe haben in der letzten Seit einen so vermehrten Umfang und bei Gelegenheit 
des Übertritts der in der Schweij befindlichen Hannoveraner auf französisches Gebiet, wo 
sie sich noch durch Suzug vom Vorden her verstärken, eine solche Motorietät gewonnen, daß 
sie die ernste Aufmerksamkeit der Königlichen Regierung herausfordern. 
Wenn auch die Provokationen dieser auf einen offenen kriegerischen Sweck berechneten 
Werbungen der Natur der Sache nach so gering bleiben müssen, daß sie uns an und für sich 
keine Besorgnis einflößen würden, so können wir doch die dadurch im Lande unterhaltene 
Aogitation nicht mit Gleichgültigkeit anseben und können es nicht mlassen, daß der König 
Georg das ihm in Osterreich gebotene Aspl und die ihm von uns durch das mit so großer 
Liberalität geschlossene Abkommen gewährte günstige Stellung mißbrauche, um einen Herd 
fortwährender feindlicher Umtriebe gegen uns zu bilden und die Ruhe Deutschlands zu 
gefährden?. Wir können nicht umbin, diesen Gegenstand auch bei der Königlich Groß- 
britannischen Regierung zur Sprache zu bringen, zumal derselbe auch auf die europäische 
Situation nicht ohne Rückwirkung bleibt. Schon jetzt ist die günstige Entwicklung, welche 
unfre Beziehungen zu Oestreich zu nehmen anfingen, durch diese Irrungen gebemmt, ulnd] 
es ist der volle gute Wille des biesigen ulnd) des Pariser Cablinets] erforderlich, um zu 
bindern, daß die Existenz der Hanlnöverschen) Legion in Frankreich zu gegenseitigen Ver- 
stimmungen führes. 
Lord Stanlen wird sich erinnern, wie lebhaft das Kabinett von St. James sich für das 
Gustandekommen der Verhandlungen mit König Georg interessiert und uns wiederholt den 
Wunsch ausgedrückt hat, daß wir bei denselben mit Liberalität verfahren möchten. Es ist 
hauptsächlich im Hinblickt auf diese Wünsche der englischen Regierung und namentlich aus 
Rücksicht auf Ihre Wajestät die Königin Victoria und deren verwandtschaftliche Be- 
ziehungen zu dem König Goorg gescheben, daß Seine Majestät der König unser aller- 
gnädigster Herr das Abkommen in einer Weise hat abschließen lassen, welche wegen ihrer 
1 Der letzte Sat eigenbändiger Zusatz Bismarcks. 
1055. a Siebe Ar. 1053, Anlage. 
: Der Schluß des Satzes von den Worten an: „und die Mube elgenbändiger Zusath Bismarcks. 
2 Der Absatz von den Worten im vorletzten Satze an: „mmal derselbe. “ eigenhöndiger Jusatz Bismarcks.
        <pb n="266" />
        252 Moralische Berantwortung der englischen Regierung für Haltung Georgs V. 
Liberalität überall im Auslande und auch in England“ selbst Anerkennung, in Preußen aber 
lebhafte Anfechtung gefunden hat. * , · 
Es war damit die stillschweigende Voraussetzung verbunden, daß in diesem Abkommen 
mgleich, wenn auch nicht ein Versicht auf Aechte, doch ein Aufgeben der direkt feind- 
seligen Stellung und ein Verzicht auf Gortsetzung des Kriegsmstandes liege. Mit einem 
noch im Kriegszustand befindlichen Feinde konnte ein solches Abkommen nicht geschlossen 
werden; und der König Georg, wenn er ehrlich sein wollte, konnte von der Gnade eines 
Monarchen, den er auf allen Punkten täglich anzugreifen fortfaohren wollte, solche Kon- 
essionen nicht annehmen". Sch bin überzeugt, daß auch die Königlich Großbritannische Re- 
gierung die Bedeutung des Abkommens nicht anders als in diesem Sinne verstanden hat'. 
Wir glauben, daß die englische Regierung das Bewußtsein einer gewissen moralischen 
Verpflichtung für die Solgen des auf ihren Wunsch zustandegekommenen Abschlusses 
nicht ableugnen wird. Der Einfluß Ihrer Moajestät der Königin von England auf ihren 
Vetter wird vielleicht der einjige sein, welcher imstande ist, dem unglücklichen König über 
die Solgen, welche die Hingabe an verblendete Ratgeber haben muß, die Augen zu öffnen 
und ihn zu bewegen, der falschen Stellung, in welche er sich durch die von Hietzing aus- 
gebende Aogitation begibt, m entsagen. 
Ew. pp. ersuche ich, in diesem Sinne die Angelegenheit mit Lord Stanley vertraulich 
z besprechen und ihn auf die Solgen der Sortdauer jener Agitation aufmerksam zu machen. 
Gu hrer eigenen vertraulichen Information und Orientierung teile ich Ew. pp. an- 
liegend die beiden Erlasse mit, in welchen ich mich unter dem 5. und 12. d. M. gegen den 
Königlichen Gesandten in Wien über die Sache ausgesprochen habes-. 
In betreff der auf französischen Boden übergetretenen Hannoveraner füge ich noch 
hinzu, daß, ehe wir noch auf diplomatischem Wege in Daris Vorstellungen gemacht, die 
* Vgl. Ar. 954, Anm. 5. . 
IDekSahteilJnPreußenaberlebhafteAnfechtuag«cintchubvonBismatdc.Vgl.dank»die 
VerhandlungendesAbgeotdnetenhauIesoomLZIbtuarüberdqsGeley,betkeffeniddiedemKomge 
Geoth.unddemseriogAdolphoonRallaugewähkteaAusgleichung-Inmitten.Bismatdcmuhtelichdamals 
(liebe5.Kohl,DiepolitilcheaRedendessiikltenBismatch,Ill,415ss.)lehretnltlidhgegender-Vot- 
mirsverteidigm,dieAbjiaduagslummeaoieliuhochimHinblikkaufdiefinaazielleTagePreuhensbe- 
messen zu haben. *ê’r . 
Koenso batte sich Bismarck in seiner Abgeordnetenbusrede vom 1. Februar ausgelassen. H. Kohl, 
Die politischen Reden des Fürsten Bismarck, III, 431. 
7 In dieser Uberjeugung sollte sich Bismarck nicht gstäuscht sehen: In einer Unterredung, die Graf 
Vernstorff am 20. Februar mit Lord Stanley batte, stellte sich dieser durchaus auf den Bismarckschen 
Standpunkt. Es beißt darüber in einem Berichte Graf Bernstorffs vom 22.: „Lord Stanlen erkannte 
bereitwillig an, wie er es als eine stillschweigende Voraussehung angesehen habe, daß der vormalige König 
von Hannover, wenn er ein solches Abkommen mit der Krone Preußen, wie er es getan, abschlösse und 
die so liberal bemessene Abfindung von Seiner MWasestät dem Könige unserem allergnädigsten Herrn an- 
nähme, damit selbstoerständlich auf seine feindliche Stellung und Cätigkeit gegen Preußen, mit einem Worte, 
auf die Sortdauer einer Art von Kriegszustand, verzichten würde, wenn er auch nicht geradem seinen ver- 
meintlichen Rechten auf den Thron entsagte. Er tadelte daher ohne Rückhalt das Benehmen des Königs 
eorg und seiner Umgebung und leugnete in keiner Weise eine Art von moralischer Verpflichtung des 
englischen Hofes, auf dessen Wunsch die Abfindung vorzugsweise so reichlich und großmütig bemessen 
worden ist, seinen Einfluß anmwenden, um den verblendeten Sürsten auf die unausbleiblichen Solgen seines 
Bebarrens in dieser feindlichen Stellung aufmerksam iu machen und ihn zum Abstehen davon zu bewegen. 
Aur wußhte er, wie er sich ausdrückte, nicht, wie er an ihn gelangen sollte, und antwortete auf meine De- 
merkung, ob nicht die Königin an ibren WVetter schreiben könnte, dies würde nicht wohl zu machen sein 
und eventuell keinen großen Erfolg versprechen, da Ihre Majestät sehr wenig Sympathie für ibren ban- 
noverschen Vetter bege und sich nur für ihn verwandt habe, weil sie dies als eine Pflicht gegen ihre 
Familie angeseben. Lord Stanley lann einige Augenblickee nach und sagte dann, er könne es vielleicht 
durch den Herlog von Cambridge machen“. 
* Siehe Ar. 1044 und 1053.
        <pb n="267" />
        Auswirkung der Srage der Welsenlegion auf europäische Situalion. 252 
Kaiserlich Französische Regierung die Snitiative ergriffen hat, um uns zu erklären, dah sie 
die betreffenden Individuen, da sie dieselben gesetzlich nicht ausweisen könne, von der Grenze 
entfernen und, von ihren Sührern getrennt, im Innern verteilen werde. Wir dürfen er- 
warten, daß die kundgegebenen Absichten in lopaler Weise werden ausgeführt werden. 
*1056. Erlaß an den Botschafter in London 
Grafen von Bernstorff. 
(Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Ganz vertraulich. Berlin, den 13. Gebruar 1868. 
In meinem ostensiblen Erlaß über die Werbungen des Königs Georg habe ich schon 
auf die Rückwirkung bingedeutet, welche diese Angelegenheit auf die ganze europäische 
Situation ausmüben nicht verfehlen kann. Ew. pp. selbst haben in früheren Gesprächen 
mit Lord Stanleyu die Konsequenzen hervorgehoben, welche sich für uns aus der Haltung 
Osterreichs ergeben. Wir haben, ungeachtet der Zweideutigkeit, welche ich in meinem 
Erlaß Ar. 35 vom 29. v. M.-charakterisiert habe, doch bisber an ein im ganzen auf- 
richtiges, weil so sehr in der Aichtung der wabren nteressen Öfterreichs liegendes Be- 
streben der österreichischen Regierung nach guten Verbältnissen mit Preußen geglaubt und 
dürfen dies wohl auch namentlich bei dem cisleithanischen Ministerium wirklich voraus- 
setzen; aber die Leitung der Gesamtpolitik liegt in Händen, welche, wie SEw. pp. wissen, uns 
kein vollständiges Vertrauen auf dauernden guten Willen einflößen können; und die in 
der offenbaren Konnivenz gegen die von Hietzing ausgebende Iystematische Leitung der 
Agitation zutage tretenden Symptome lind nicht geeignet, dieses Vertrauen zu stärken: 
Dies nötigt uns, auf unsere eigene Sicherheit Bedacht zu nehmen. Daß die Dflege guter 
Beziehungen zu Rußland unter solchen Umständen ein rein defensides Gebot der Not- 
wendigkeit für uns wird, haben Ew. pp. selbst schon im Gespräch mit Lord Stanleg bervor- 
zubeben Gelegenbeit gehabt. Wir würden aber, wenn wir an einer feindlichen Tendent 
Ssterreichs nicht mehr zweifeln könnten, auch zu politischen Anknüpfungen und Vorsichts- 
maßregeln gedrängt werden, welche unter and eren Umständen nicht in der Richtung unserer 
Politik liegen. Wenn Osterreich aus seinen Beziehungen zu dem König Georg und aus der 
Agitation in Hannover sich eine Waffe gegen unñs macht, welche es unter künftigen Sven- 
tualitäten zu benutzen denkt: so müssen auch wir auf Waffen gegen Österreich Bedacht 
nehmen und die Punkte aufsuchen, auf welchen wir unter eben denselben Sventualitäten eine 
Pression auf Osterreich ausüben können. 
Die einzige Möglichkeit — wenn wir dieselbe auch zunächst nicht als eine Wahrschein- 
lichkeit anfehen — einer Kriegsgefahr liegt für uns immer auf der franzölischen Seite. 
Keine andere Macht in Europa denkt an eine Störung des Griedens; und wir sind über- 
zeugt, daß auch der Kaiser Napoleon perfönlich nicht daran denkt. Aber die französischen 
Das Konzept trägt den Vermerk von der Hand Wismarcks: „Vlon! Sleiner! Mlojestät! 
alenebmigt. 
2 Siebe Tr. 1055. 
ↄ Identisch mit Ar. 1032.
        <pb n="268" />
        254 Welche Sicherungsmaßregeln Preuhen ins Auge fassen mühte. 
Verhältnisse sind unberechenbar. Wir sehen ihrer Entwicklung mit verhälmismähiger 
Nuhe entgegen, wenn wir der Meutralität der anderen Mächte, namentlich Olsterreichs, 
sicher sind. Aber die Gefahr wird komplizierter, wenn wir erwarten müssen, daß eine wieder 
hervorbrechende Seindschaft Osterreich in die Arme Frankreichs und an die Spitze aller etwa 
noch in Deutschland vorhandenen antipreußischen Tendenzen führe. Wir müssen uns für 
diesen Sall, solange er als möglich erscheint, sichern und uns keine eventuelle Bundes- 
genossen entfremden. Wir finden folche leicht in den Bölkerschaften an der österreichischen 
Grenze, etwa den Serben“ und ihren Stammverwandten. Daß die Wiener Regierung nach 
dieser Seite als nach einem verwundbaren Punkte mit ängstlicher Sorgfalt blickt, st Ew. pp. 
bekannt. Es ist ein Akt der Notwehr, wenn wir, um Osterreich in Schach zu halten, dorthin 
Beziehungen suchen, die unserer Politik sonst fremd bleiben würden. 
Es ist keine für uns willktommene Komplikation der orientalischen Srage, welche durch 
die eventuelle Rotwendigkeit, eine solche Richtung einzuschlagen, für uns erwachsen würde. 
Aber was würde uns im nteresse unserer eigenen Verteidigung endlich übrig bleiben, wenn 
wir die bezeichneten Eventualitäten wirklich als bevorstehend betrachten müßten? Wir 
würden unfererseits nichts besseres wünschen, als vor solcher Motwendigkeit bewahrt m 
bleiben durch die Garantie, welche uns eine gesicherte und zuverlässige Haltung Österreichs 
gewähren würde. 
In Ermangelung solcher Garantien müssen wir, um nicht allein den Sventualitäten einer 
französisch-österreichischen Koalition entgegenzugehen, uns alle Bündnisse offen erhalten, 
welche sich uns bieten. 
Diese Betrachtungen werden, wie ich voraussetzen darf, bei Ew. pp. der vollen Über- 
einstimmung begegnen; sie fiehen Konsequenjen aus den Tatsachen, welche uns selbst unsum- 
patbilsch, aber schließlich im Interesse der Selbsterhaltung nöthig sinde. Sch ersuche Ew. pp. 
ganz ergebenst, sie in Ihren Unterhaltungen mit den englischen Staatsmännern, weniger in 
offizieller Weise und im Ramen hrer NRegierung als vielmehr in Ihrem eigenen Namen 
und als die Erwägungen, die sich jedem Unbefangenen von selbst aufdrängen müßten, m ver- 
werten. 
*1057. Erlaß an den Botschafter in Daris Grafen von der Goltz#. 
(Konzgzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Angesichts der immer mehr zunehmenden Zerrüttung der italienischen Sinanzen batte schon 
das Ministerium Ricasoli Anfang 1867 die Liquidation des Kirchenvermögens ins Auge gefaßt. 
Am 16. Januar war zwischen der Regierung und dem belgischen Hause Langrand-Dumonceau 
ein Vertrag darüber abgeschlossen worden. Um die Justimmung der Kirche zu sichern, sollte ihr 
In diesem Zusammenhang ist (ogl. Tr. 1006, 1031) an Bismarcks Vereitwilligkeit zum Verkauf 
preuhischer Gewehre an Serdien zu erinnern. Gerade am 12. Februar hatte Bismarck der serbischen Re- 
glerung durch Rosen von neuem seine ereitwilligkeit m erkennen gegeben. . 
* Der Aelatiolatz eigenbändiger Zusatz Bismarcks. « 
1057.10lelchitithusing-nähnliche»so-IIvertrauliche«ctlalleaa dieMiIIioaenluslokens,epgdqug 
Aom.
        <pb n="269" />
        Liquidatlon des Kirchenvermögens in Stalien. 255 
das Kirchenvermögen, nach Abzug von 600 Millionen Franken zugunsten des Staates, 
wieder überantwortet werden. er bezügliche Gesetzentwurf fand nicht die Justimmung der 
Kammern, wohl aber ein neuer Entwurf, den dos Ministerium Natani im WMai auf Grun 
eines — nach vergeblichen Berhandlungen mit den Pariser Rotbschilds — mit dem Bantkhause 
Erlanger abgeschlossenen Vertrages einbrachte. Dem Verkauf der Kirchengüter stellten sich 
jedoch infolge der intransigenten Holtung der Kurie die größten Schwierigkeiten in den Weg. 
Anfang 1866 fanden darüber wieder wwischen der italienischen Regierung und dem Notbschildschen 
Bankhause Verhandlungen statt, das aber die Zustimmung des Dapstes m den geplanten Maß- 
regeln verlangte. Mitte Gebruar sondierte der Frankfurter Bankier v. Rotbschild bei Dismarck, 
ob Preußen sich wohl einer Intervention der französischen und englischen Negierung beim Dapfte 
anschließen würde. 
Vertraulich. Berlin, den 14. Sebruar 1868. 
Der Baron Notbschild aus Frankfurt a. M., welcher gegenwärtig hier anwesend ist, 
hat mir von der italienischen Kirchengüter -Anleihe gesprochen und mir mitgeteilt, daß mon 
seinem Haufe gegenüber wieder auf dieses Geschäft zurückrgekommen sei, daß das Suftande- 
kommen desselben in London und auch in Paris, wo der dortige Baron NRotbschild mit dem 
Kaiser Aa#poleon eine Unterredung darüber gehabt habe, gewünscht werde; daß aber das 
Haus Notbschild nicht wohl auf die Sache sich einlassen könne, solange der Papfst nicht 
seine Billigung der Maßregel ausgesprochen habe. Daß auf die Erlangung dieser Billigung 
von Preußen, England und Grankreich hingewirkt werde, war sein Wunsch; und er glaubte 
sich m der Annahme berechtigt, daß man in London und in Paris bierzu bereit sein werde, 
weil man in einem solchen Refultat einen großen Schritt zu einer Annäherung zwischen dem 
Popst und Italien und zu der Herstellung eines haltbaren modus vivendi erblicke. 
Ich habe ihn darauf hingewiesen, wie unwahrscheinlich es sei, daß Rom eine golche 
Konzession mache, wenn dieselbe nur eine augenblickliche Finanzhilfe für Stalien sein solle, ohne 
für Rom die Erhaltung der Substanz des Kircheneigentums für die Zukunft und Sicherung 
desselben vor unwiderbringlicher Konfiskation und Vergeudung in sich m schließen. Ob 
letzteres beabsichtigt sei, und ob selbst alsdann auf günstige Aufnahme in Rom zu hoffen sei, 
wisse ich nicht. 
Wir selbst baben zunächst zu der Sache nur das allgemeine Interesse, welches wir an 
der Konfolidierung Italiens und an der Herstellung eines modus vivendi nehmen; doneben 
allerdings auch den Wunsch, das Interesse der in Preußen befindlichen Inhaber italienischer 
Papiere — von welchen etwa für 40 Millionen Taler oder 150 Millionen francs in preu- 
bischen Händen sein follen — wahrmnehmen. Das Interesse der durch den italienischen 
Staatsbankerott gefährdeten Gläubiger mag auch in England bedeutend zu dem Wunsch 
der Auffindung eines Mittels zur Heilung der italienischen Finanzen mitwirken. 
Wie man in Grankreich über die ganze Angelegenheit denkt, und ob namentlich der 
Kaiser Napoleon derselben, wie aus den Mitteilungen des Baron Rothschild hervorzugehen 
schien, ein lebhaftes Interesse zuwendet, würde mir erwünscht sein zu erfahren. Ew. pp. 
ersuche ich ganz ergebenst, hierüber in vorsichtiger Weise, und ohne ein besonderes Interesse 
der Königlichen Regierung erkennen zu lassen, das Cerrain zu sondieren, was Ew. pp. bei 
Ihren Unterhaltungen über die italienischen Sustände im allgemeinen in Anknüpfung an die 
Ihnen mitgeteilte Instruktion für den Grafen Usedom voraussichtlich in unauffälliger Weise 
möglich sein wird.
        <pb n="270" />
        256 Beusts Versagen gegenüber württembergischen Treibereien. 
*10383. Erlaß an die Missionen in London, Detersburg 
und Paris. 
([Konjept von der Hand des Vortrogenden Rats Abeken.] 
Vertraulich. · Berlin, den 14. Februar 1868. 
Die Wahrnehmungen, welche wir über die Stellung und das Treiben der Parteien in 
Wulüirttemberg in der letzten Seit zu machen Gelegenheit batten, baben uns gezeigt, daß 
dieses Treiben keineswegs bloß von antipreußischen Tendenzen bedingt wird, sondern in 
einem Susammenhange mit immer stärker werdenden Bestrebungen der demokratischen 
Partei steht, welche in ihrer Richtung auf den Umstur; des monarchischen Prinzips über- 
baupt eine weitergreifende und für alle bestehenden Regierungen bedenkliche Bedeutung 
gewinnen. Die Aktion der Königlich Württembergischen Regierung hat sich bisher gegen 
diese Bestrebungen als eine sehr wenig energische erwiesen. Sch hatte davon Veranlassung 
genommen, in München, Karlsruhe und Dresden die Aufmerksamkeit auf diese Erschei- 
nungen zu lenken: und auch gegen den Kaiserlich Öfterreichischen Reichskanzler mich über 
das gemeinsame nteresse aller Regierungen auszusprechen: und anzufragen, ob das Wiener 
Kabinett geneigt sein würde, auch seinerseits in Stuttgart eine Sinwirkung zu versuchen, 
durch welche die Königlich Württembergische Regierung zu einer kräftigeren Verteidigung 
der Interessen der Ordnung und der Monarchie bewogen werden könnte. 
Jch batte dies weniger in der Aussicht getan, einen Erfolg zu erzielen, als vielmehr 
um zu sondieren, wie weit die Dispositionen des österreichischen Kabinettes selbst in dieser 
Aichtung geben, und mit einiger Sicherheit m erkennen, wie der Blarlon Beust sich die 
Situation Süddeutschlands ulnd] sein eignes Verbältniß zu derselben vorstellt. Dieser Gweck 
ist vollständiger erreicht, als ich erwarten konntes. -- 
Wie der Kaiserlich Osterreichische Reichskanzler die bezüglichen mündlichen und ver- 
traulichen Eröffnungen des Sreiherrn von Werther aufgenommen hat, wollen Ew. pp. 
gefälliglt aus dem abschriftlich anliegenden Bericht des letzteren vom 11. d. M." entnehmen. 
Die Auffassungen des Freiherrn von Beust gehen danach über das Maß binaus, 
welches ich von der Kühnheit, um nicht zu sagen, dem Leichtsinn, der Politik desselben 
erwartete. Hlerr] v. Beuft beabsichtigt danach, mit Würtemberg in Liberalismus zu wett- 
eifern. Er kann das nicht einmal mit Preußen. Die centrifugalen Elemente sind in 
Oestreich zu stark dazu, ulnd) er kann nicht die einen entfesseln, die andern binden. Wenn 
er glaubt, dort mit republicanischen Cendenzen ungestraft sich verbinden ulnd] Süddeutschland 
durch östrleichischen) Liberalismus captiviren zu können, so ist er über die Situation 
Oestreichs ulnd] über seine Stellung in derselben unwissender, als ich bisher glaubtes. 
1 Siehe VAr. 1037. s 
tönbeAkloæ den Wort der Blarson Beust. 
2 en Worten an: „wie 
— enthält der erste Teil des Erlasses E 
kleinere Korrekturen von seiner S 
Hier nicht abgedruckt, da enonlh genügend charakterisiert. 
Der letzte Absatz eigenhändiger Jusath Bismarcks.
        <pb n="271" />
        Das erste österreichische „Notbuch“. 257 
Ich“brauche nicht erst darauf aufmerksam zu machen, wie sehr die bei diesem Versuch 
einer Sondierung bervorgetretenen Symptome daju beitragen müssen, unser Wißtrauen in 
die Tendenzen der österreichischen Politik zu vermehren. 
1059. Erlaß an die Missionen in London, Paris 
und Petersburg. 
[Konzgept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Am 4. Bebruar hatte der österreichische Reichskanzler Sreiherr v. Beust erstmalig unter 
dem Titel „Correspondenzen des Kaiserlich-Königlichen Ministeriums des Außern. Ar. J. Vom 
Aovember 1866 bis Ende 1867“ ein „Notbuch“ ausgehen lassen, von dem Sreiberr v. Werther 
Bismarck am 5. ein Exemplar einreichte. In zwei Berichten vom 5. und 12. legte der Gesandte 
dar, daß in dem Motbuch auch verschiedene Schriftstückte über die preußischen Schutz- und 
Trutzbündnisse mit den süddeutschen Staaten und über die Mission des Grafen Taufskirchen 
nach Wien im April 1867 (ogl. dazu: Die Gesammelten Werke, VI, Ar. 759, 762) enthalten 
leien, deren Beröffentlichung in Berlin nicht erwünscht sein könne. Sreiherr v. Werther gab 
auch sofort dem österreichischen Reichskanzler zu verstehen, daß derartige — nicht verabredete — 
ublikationen für den vertraulichen Berkehr zwischen den Kabinetten nicht erspriehlich sein 
könnten, wogegen Beust meinte, „nach sechs Monaten müßte jeder vertrauliche Sdeenaustausch 
m#blhert werden können“. Vgl. auch Ir. . Graf v. Beuft, Aus drei Viertel-Jahrhunderten, 
171 
Berlin, den 14. Februar 1868. 
Cw. pp. übersende ich anliegend zu Shrer Information Auszüge aus zwei Depeschen des 
Greiherrn von Werther vom 5. und 12. d. M., die Publikationen des österreichischen Rot- 
buches betreffend. Ew. pp. werden daraus ersehen, wie der Königliche Gesandte sofort 
Veranlassung genommen bat, die Auslegung zu berichtigen, welche der Kaiserlich Öfter- 
reichische Reichskanzler in seiner jetzt veröffentlichten Depesche an Graf Wimpffen vom 
17. April v. J.z den bei Gelegenheit der Mission des Grafen Tauffkirchen von uns kund- 
gegebenen friedlichen und versöhnlichen Tendenzen hat geben wollen. Über diese Mission 
lind Ew. pp. durch meine früheren Mitteilungen vollständig unterrichtet und daber in der 
Lage, jeder irrigen oder zu weit gehenden Deutung unserer Absichten entgegenzutreten, wozu 
Ihnen die gegenwärtigen Außerungen des Sreiherrn von Werther vermehrtes MWaterial 
darbieten werden. 
Ich kann aber bei dieser Gelegenheit nicht umbin, Ew. pp. Aufmerksamkeit auf die 
eigentümliche Auffassung von der Bedeutung und der Ausdehnung solcher Publikationen 
zu lenken, welcher der Kaiserliche Reichskanzler in seiner Unterredung mit dem Greiherrn 
Auf Anordnung Bismarcks blieb der letzte Absatz in dem Erlasse nach Paris fort. 
* Am 190. Februar gab Bismarck auch den Gesandten in Dresden, München und Karlsrube Kennt- 
nis von dem Wertherschen Bericht vom 11. Er bemerkte dazu: „Ich kann die günfstige Vorstellung von 
den Juständen Österreichs, von der der Reichskanzler auszugeben scheint, nicht teilen. Ganz abgeseben von 
der Frage, ob es zum Heile irgendeines Staates gereichen kann, den Liberalismus, das beihl, das eine 
der beiden Elemente, in deren Kampf und Sleichgewicht das Leben der Staaten bestebt, ausschließlich am 
pflegen; ganz abgeseben von dieser Frage, die für Herrn von Beust als Teichskanzler gar keine Diskussion 
mehr mulassen scheint, vermisse ich die Würdigung des Unterschiedes, daoß Österreich nicht wie Württem- 
berg aus einer bomogenen Bevoölkerung bestebt, und daß die verschiedenen Völkerschaften, deren gemein- 
lame Angelegenheiten der Herr Aeichskanzler zu leiten hat, den Vegriff Liberalismus zu sehr ver- 
schiedenen praktischen Konlequenzen entwickeln dürften. öch babe nicht unterlassen wollen, Ew. pp., jedoch 
nur zu Shrer perfönlichen Inkormation, von den Anschauungen des Baron Beust in Kenntnis m sete#n, 
welche mich mit Besorgnis um die Jukunft Österreichs erfüllen.“ 
1059. 1 Öfterreichisches Rotbuch Ar. 1, S. 29f. 
VIa 17
        <pb n="272" />
        258 Bismarcks Bedenken gegen das Rotbuch. Beufts Eröffnungen an Platen. 
von Werther Ausdruck gegeben hat, und von der allerdings die diesmalige Publikation des 
Notbuches bereits einen praktischen Beweis bildet. 
Ich glaube nicht, daß in irgendeinem der europäischen Kabinette diese Anschauung 
adoptiert werden würde. Alle Kabinette können in die Lage kommen, untereinander einem 
vertraulichen Ideenaustausch sich bhinzugeben, welcher niemals jur Veröffentlichung 
geeignet ist, wie wir selbst wiederholt dazu Veranlassung gefunden haben. Das von dem 
Freiherrn von Beust ausgesprochene Prinzip würde jede vertrauliche Berhandlung unmög- 
lich machen. Es liegt die Frage nahe, ob das österreichische Kabinett selbst nach diesem 
Prinzip bandeln und das Archio der Reichskanzlei und des Departements der auswärtigen 
Angelegenbeiten bis zu dem von ihm angegebenen sechsmonatlichen Termin, also bis zum 
September vorigen Jahres, der Ausbeutung durch Historiker, Gelehrte und tendenziöse 
Tagespolitiker eröffnen wolle. 
Wir sind zwar überzeugt, daß der Reichskanzler, so groß auch sein Bedürfnis sein mag, 
mit seiner Politik sich an die öffentliche Meinung zu wenden, weit entfernt sein wird, die 
Konsequenzen seines Grundsatzes so weit ziehen zu lassen; aber auch die vorliegende Publi- 
kation selbst, usammen genommen mit jolchen Außerungen, reicht hin, um uns in unjeren 
Beziehungen m Österreich eine vermehrte Vorsicht und Behutsamkeit zu empfehlen. 
Grohenteils bei Joh. Saß, Die Deutschen Weihbücher nur auswärtigen Dolitile 
670 bis 1914, 5S. 56. 
*1060. Telegramm an den Gesandten in Wien 
Freiherrn von Werther. 
[CEigenbändiges Konzept. 
Berlin, den 14. Februar 1868. 
Grlaf!] Wimpffen theilt mir mit, daß Blarlon Beust dem Grlafen] Platen eröffnet 
babe, die Kaiferlliche Regirung könne die dem König Georg ulnd) seinen Umgebungen bis- 
ber so großmüthig gewährte Gastfreundschaft nur unter der Boraussetzung fortdauern lassen, 
daß die Hanoverschen Gäste sich aller ulnd] jeder politischen Umtriebe ulnd! 
Wanifestationen auf das Strengste entdbielten. 
Wir haben gern Act von dieser Mittheilung genommen ulnd] sind danach, wie wir 
Cbarakter des Klönigs] Georg kennen, überzeugt, daß sein Aufenthalt in Oestreich von 
Keiner Dauer mehr sein werde. 
1061. Erlaß an den Gesandten in Wien 
Freiherrn von Werther. 
(Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken.] 
Berlin, den 15. Sebruar 1868. 
Graf Wimpffen hat nunmehr auch hier das Schreiben des Reichskanzlers an Graf 
laten vorgelesen. Ich erkenne darin wie in den gestrigen Erklärungen des Grafen 
Wimpffen und den Außerungen des Aeichskanzlers gegen Ew. pp. mit Befriedigung einon
        <pb n="273" />
        Osterreichische Aachsicht gegen Georg V. Sächsische Besorgnisse. 259 
wesentlichen Schritt auf dem Wege der Erfüllung unjerer berechtigten Wünsche; hoffe aber, 
dab demselben auch noch weitere Folge gegeben werde, da die tadelnden Worte an sich 
einen Erfolg bei König Georg kaum haben dürften:. Einen Sustand, wobei der letztere 
Münzen mit seinem Bilde und der Jahresjahl 1867 oder 1868 schlagen und in Umlauf setzen 
lassen kann, Orden verteilt und Kriegstruppen anwirbt, besoldet und einquartiert, ohne daß 
diesem Creiben von seiten der Behörden, die es durch die von Baron Beusft getadelte Paß- 
erteilung förderten, irgendein Hindernis in den Weg gelegt wird, ist auf die Dauer für uns 
nicht annehmbar. Wenn die österreichische Cinwirkung auf ihn nicht den gewünschten und 
beabsichtigten Erfolg hat, so werden wir zunächst in die Lage kommen, gegen König Georg 
und seine Umgebung ein gerichtliches BVerfahren einzuleiten"' und im Zusammenhang damit 
jede Geldzohlung an ihn zu inhibieren. Aber wir werden auch, wie ich Ew. pp. wiederhole, 
in Bezug auf Kaiflerlich) östrleichische) Unterthanen unfre Praxis ganz nach der der Kaifler- 
lichen] Reglierung) bezüglich des Königs Georg bemessens. 
Ich bitte Ew. pp., dies dem Greiherrn von Beuft vertraulich anzudeuten. Um den 
Letzteren über die tatsächlichen Verhältnisse aufuklären, baben Ew. pp. nunmehr ein 
reiches Material in Händen. 
*1062. Erlaß an den Gesandten in Dresden von Elchmann. 
l[Kondzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.] 
Da man im Königreich Sachsen, in dessen Armee nach 1866 jahlreiche ehemalige bannoversche 
Offiziere Dienste genommen hatten, an den Schickfalen des bannoverschen Landes und des ebe- 
maligen hannoverschen Hofes ein lebbaftes Interesse bewahrte, lo hatte Vismarck auch nach 
Dresden durch den Gesandten v. Cichmann nähere Mitteilungen über die Welfenlegion machen 
lassen. Wie der Gesandte am 13. Februar berichtete, hätte der sächsische Minister des Auhern 
Greiherr v. Sriesen tags zuvor ein besonderes Interesse für die Srage on den Tag gelegt, ob 
Bismarck die von Frangreich gegebenen Ausklörungen als genügend anlebe. Offenbar irug 
der sächsische Minister für den Sall auswärtiger Komplikationen mit Srankreich und Österreich 
ongesichts der zablreichen hannoverschen Offifiere in der lächsischen Armee Bedenken. n 
diesem Zusammenbang bemerkte Eichniann, daß die Rede, mit der Bismarck am 1. Februar im 
Abgeordnetenhause die Höbe der Absindung für König Georg V. verteidigt hatte (ogl. Rr. 1055, 
Anm. 6) in den Dresdner Hof- und NRegierungskreisen Verstimmung hervorgerufen bebe. 
NVamentlich hätte der von Bismarck gebrauchte Ausdruck der Eeproprüerung König Georgs V. 
bier und da wieder die Besforgnis auftauchen lassen, daß bei einer neuen europäischen Krise 
Sachsen das Schicksal Honmovers teilen könnte. 
Berlin, den 15. Februar 1868. 
Die in dem gefälligen Berichte vom 13. d. M. erwähnte Srage des Greiherrn von 
Friesen, ob die Aufklärungen, welche die französische Regierung über die hannöversche 
Legion gegeben hat, uns genügten, bitte ich dahin zu beantworten, daß die französischen Er- 
1 Das Satzstück von den Worten an: „da die tadelnden Worte . .“ eigenbäöndiger Jufatz# 
Bismarcks. 
* Tatjächlich wurde durch Beschluß des Anklagelenats des Kammergerichts vom 26. Jebruar Graf 
v. Platen in Aukletestand. wegen Hochverrats versetzt. Die gleiche Anklage wurde auf Grund der schon 
im Mai 1867 (ogl. dam die Gesammelten Werke, VI Nr. 810, Borbemerkung) gemachten Enkdeckungen er- 
hoben gegen den Hauptmann v. Düring, den Schloßbauptmann Grofen Alfred Wedel, den Mittmeister 
Volger, den Premierleutnant v. Holle, den Hauptmann o. Hartwig und einige weitere Offinere. Bol. 
rrs die Schrift: Der Berliner Hochverratsprojeh gegen den Königlich Hannoverschen Staatsminister Grafen 
Abolf v. Platen zu Hallermund (München 1868). Ein Verfabren gegen König Georg V. selbst ist natur- 
gemäß nicht einen Augenblickt ernstlich in Detracht gegogen worden. 
* Der Satz eigenbändiger Zuatz Bismarcks.
        <pb n="274" />
        260 Sachsen braucht kelne Expropriierung zu befürchten. 
klärungen mancherlei Möglichkeiten mlassen: und wir vorerst abwarten müssen, ob man 
sie in dem Sinne ausführen wird, in dem sie zu deuten und als befriedigend m akezeptieren 
wir geneigt sind. 
Die Besorgnis, daß bei einer europäischen Krisis Sachsen das Schicksal Hannovers 
haben werde, steht im Widerspruch mit den augenfälligsten Catsachen, und der Grund für 
diese Besorgnis, den man aus meinen im Landtage gehaltenen Reden über die Abfindung 
des Königs Georg herauslesen will, beruht auf einer gänzlichen Berkennung der Bedeutung 
parlamentarischer Argumente überhaupt und der im vorliegenden Falle zu überwindenden 
Schwierigkeiten insbesondere. Es ist daher von Personen der Hof- und Aegierungskreise, 
die sich in solchem Sinne äußern, kaum anzunehmen, daß sie glauben, was sie sagen. Würde 
aber auch ihnen gegenüber jeder Versuch der Belehrung nutzlos sein, so darf es doch nicht 
versäumt werden, ihnen, so oft sich die Gelegenbeit findet, zu widersprechen und solche Aus- 
streuungen zu bekämpfen; und ich ersuche Ew. pp. ergebenst, in dieser Richtung gefälligst 
wirken zu wollen, jedoch ohne in der Presse wenigstens eine Initiative der Besprechung zu 
nehmens. 
Es ist erklärlich, daß Crörterungen derart in der Gesellschaft sich an meine letzte Rede 
anknüpfen. Aber es deutet auf bösen Willen oder Urteilslosigkeit, wenn man die Sukunft 
Sachsens aus einer Rede über Hannover, aus einem einzelnen Ausdrucke berechnen will, 
anstatt aus einer Prüfung der Verhältnisse. Mein vorgezeichneter ZSweck bei der Rede 
war, den Landtag zur Annahme der Vorlage zu bestimmen, und der gleichnisweise Ausdruck 
Expropriation erschien mir geeignet, um Eingang bei den zahlreichen Juristen zu gewinnen, 
die leider in den Sdeenkreis des Munizipalrechts gebannt sind. Aber so sehr ich diese zivil- 
rechtliche Beschränktheit kenne, so wenig konnte ich erwarten, daß der Ausdruck Expro- 
priation über den augenblicklichen Sweck hinaus wirken und Anlaß dazm geben könnte, das 
Verhältnis zu unseren Verbündeten, unsere ganze deutsche Politik auf den Leisten der 
Lehre von der Swangsentäußerung zu schlagen. 
Unser Interesse, unser Bedürfnis gegenüber Hannover war schon vor dem Jahre 1866 
ein wesentlich anderes als gegenüber Sachsen; und vollends ungerechtfertigt ist es, das 
Sachsen von beute mit dem Hannover von damals auf eine Linie stellen zu wollen. Ob wir 
an Hannover einen Greund oder einen Seind hatten, das war aus einleuchtenden geogra- 
phischen Gründen eine Lebensfrage für uns; und Hannover war uns feindselig nicht erst in 
der Krifis, sondern schon lange vorher gewohnheitsmäßig. Wir konnten daher in den Ver- 
handlungen, welche dem Prager Grieden vorhergingen, nicht zweifelhaft sein, unsere Wahl 
zwischen den verschiedenen möglichen Kombinationen zu treffen. Grankreich wollte, Sfter- 
reich konnte uns nicht bindern, wenn wir, auf einen verhältnismäßigen Teil von Hannover 
verzichtend, Sachsen ganz oder teilweise hätten erwerben wollens. Frankreich würde Sachsen 
nicht geschützt, nur gegen die Einverleibung von Sachsen und Hannover Widerspruch er- 
hoben haben. Wir bedachten uns nicht, das weniger bevölkerte, weniger reiche, uns weniger 
Kräfte zubringende Gebiet vorzuziehen, weil ein unabhängiges Hannover uns bei feindlicher 
Stimmung gefährlicher war als ein unabhängiges Sachsen, gefährlicher um der geograpdi- 
1 Vgl. daju auch Ar. 10609. 
2 Der letzte Ceil des Satzes von den Worten an: „jedoch obne in der Presse. .“ eigenhändiger 
Blemarcks. 
Julat, Hiemare int mebrfach durch Korrekturen von Bismarcks Hand erweitert.
        <pb n="275" />
        Neue Petersburger Verdächtigungen Preuhens. 261 
schen Verhältnisse willen und weil wir auf die Logalität des sächsischen Hauses unter 
allen Umständen rechnen können, auf die des Königs Georg aber nicht“. 
Daß Sachsen etwa künftig bei einer europäischen Komplikotion eine Politik befolgen 
sollte wie sonst Hannover, Ut seit Crrichtung des Aorddeutschen Bundes undenkbar. Wir 
selbst halten den Bund und geben Sachsen keinen Grund, darauf m sinnen, ihn zu brechen. 
Wir haben überdies an dem Bunde Garantien, die uns befriedigen; wir haben, um auf das 
Gleichnis mrückzukommen, kein Bedürfnis zu expropriieren. Aber selbst wenn wir 
es bätten, so würden wir vor Allem das Recht achten, welches auf der Bundes-Blerl- 
fassung ulnd) den ihr zu Grunde liegenden Berträgen beruht. Wir würden selbst den alten 
mangelhaften Bundes-Bertrag. ulnd) würden ihn der feindlich gesinnten Dunastie Hanovers 
gegenüber gehalten haben, wenn nicht Hanover dem verfassungswidrigen Beschlusse vom 
14. Juni 66 zugestimmt hötte. Daß wir uns das Netz der damals votirten verfassungs- 
widrigen Bundes-Rüstungen abwartend über den Kopf werfen lassen gollten, konnte von 
uns nicht erwartet werden. Aehnliche Vorgänge stehn in der durch gemeinsame Volks- 
vertretung befestigten Bler]fassung des neuen Bundes nicht zu erwarten, ulnd) jene Be- 
fürchtungen, die sich angeblich an meine parlamentarische Redewendung knüpfen, sind voll- 
ständig aus der Luft gegriffene. 
Ew. pp. ersuche ich ergebenst, sich bei gebotener Veranlassung in diesem Sinne auszu- 
sprechen, mit der Ermächtigung, auch von dem einen beliebigen Gebrauch zu machen, was ich 
über die Vorverhandlungen des Prager GFriedens erwähnt habe. 
106. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
[Kongzept von der Hand des Vortragenden Rats Theremin.] 
Vertraulich. Berlin, den 16. Sebruar 1868. 
Ew. pp. haben in dem Berichte vom 5. d. M. Ar. 20 erwähnt, daß zu den Verdäch- 
tigungen, die man dort gegen Preußen verbreitet bat, auch die geböre, daß Graf Goltz 
seit seiner Rückkehr nach Paris in nähbere Verbindung mit der polnischen Cmigration 
getreten sei, welche letztere sich mit günstigen Anerbietungen an die Königliche Regierung 
gewendet hätte. Es ist dies eine ebenso leere Erfindung, wie die Gerüchte von unserer 
angeblichen Annäherung an Österreich und Irankreich, und der Graf von der Goltz, welcher 
außerdem gleich, nachdem er auf seinen Posten zurückgekehrt, wie Ew. pp. bekannt, infolge 
seines Leidens: die Geschäfte an Graf Solms abgegeben hat und erst in den letzten Tagen 
wieder in dieselben eingetreten ist, bat in den gedachten Beziehungen nicht die geringste 
Tätigkeit entwickelt und auch nicht entwickeln können. Die Quelle dieser verdächtigenden 
Gerüchte ist, wie ich glaube, nicht nur in Wien und Paris, sondern auch in Hietzing zu 
suchen, da verschiedene Wahrnehmungen darauf schließen lassen, daß bannoversche Organe 
sich zur Berbreitung österreichischer und französischer Insinuationen bergeben, und ich 
¾l . . ... 4 
—— 
Die letzten vier Sätze des Ablatzes elgenbändiger Zusatz Bismarcks. 
—□— Bei Graf Goltz machten sich bereits die Vorboten des Krebsleidens geltend, dem er im Jabre 18629
        <pb n="276" />
        262 Polnische Emlgration. Alexanders II. Anerbietungen für den Kriegsfall. 
würde es auch nicht für unmöglich halten, daß auch sehr bochstehende Personen aus ver- 
wandtschaftlichen Rücksichten eine derartige Vermittlerrolle am rufsischen Hofe übernehmen. 
In Bejug auf die Polen will ich hierbei vertraulich bemerken, daß einige reichere Wit- 
glieder der polnischen Aristokratie des Großherzogtums allerdings in neuerer Seit ange- 
fangen haben, sich den preußischen Kreisen sozial zu nähern. Graf Bninski, Mitglied des 
Herrenhaufes, hat mir als Motiv dazu den Umstand angegeben, daß die Kluft zwischen der 
polnischen Aristokratie und Demokratie jetzt solche Dimensionen angenommen habe, daß 
erstere sich von der letzteren trennen müßte, wenn sie nicht debordiert werden wolle, und da- 
ber in der Lage wäre, sich um Schutz für die Folge umzusehen. Allerdings sind solche An- 
schauungen selten, und zu den begüterten Polen, die ebenso wie Graf Bninski denken, sind 
bis jetzt nur wenige zu zählen, wie Morawski, AMncielski, Kwilecki. Auch gebt diese An- 
näherung nicht über das soziale Gebiet hinaus. Bei den großen materiellen nteressen, 
welche diese Herren vermöge ihrer bedeutenden Begüterung baben, finde ich ihren Wunsch, 
lich zu ralliieren, sehr erklärlich, und solange keine Symptome der Unehrlichkeit vorliegen, 
ist für die Königliche Regierung auch keine Veranlassung vorhanden, dieser Annäherung 
Hindernisse in den Weg zu legen. 
*1064. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
[(Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Theremin.] 
In einem Berichte vom 5. Februar hatte Drinz AReuß bedeutungsvolle Außerungen Kaiser 
Alexanders II. gemeldet. Der Kaiser war danach sehr beunruhigt durch die neuerliche Haltung 
Ö-terreichs in der orientalischen Srage, die auf eine militärische Intervention in Bosnien und 
der Heriegowina abzusielen scheine. Eine golche aber erklärte Alexander II. nicht dulden zu 
können. Er sagte in diesem Jusammenhange nach Drinz Reuß wörtlich: „Hoffen wir, daß das 
nicht eintreten wird, hoffen wir auch, daß Srankreich Deutschland nicht angreifen wird. Sollten 
aber wider Erwarten beide Sälle eintreten, so kann der König ebenso auf mich rechnen, um 
Osterreich lahmzulegen, wie ich seine Hilfe in Anspruch nehmen würde. Die Aufstellung einer 
rmee an der österreichischen Grenze würde in einem wie im anderen Salle genügen, um diesen 
ZSweck zu erreichen. Es sind dies Eventualitäten, die, wie gesagt, nicht eintreten werden, die 
man aber immer ins Auge len kann.“ Drinz Reuß wurde durch diese Außerungen des Kaisers 
derart frappiert, daß er, ohne auf sie einzugeben, lich begnügte, ihm für seine „echt verwondt- 
schaftlichen und freundschaftlichen Gesinnungen“ gegen Wilhelm I. u danken. Bgl. dazu 
azboff, Die Anfänge des Dreikaisferbundes, Preußische Jahrbücher 168, 292 f. und 
G. Michael, Dismarck, Curopa und England 1866—1 870, S. 166 ff. - 
Ganz vertraulich. Berlin, den 16. Februar 1868. 
Ew. pp. politische Berichte sind mir bis einschließlich NMr. 23 richtig zugegangen. 
Wir baben daraus mit großer Befriedigung die Aufnahme erseben, welche die von 
Ihnen infolge meines Erlasses vom 31. v. M.“. dort gemachten Mitteilungen sowohl bei dem 
Kaiser als bei dem Sürsten GSortschakow gefunden haben. 
Die Außerungen des Kaisers über die möglichen Eventualitäten für eintretende euro- 
pöische Verwickelungen, durch welche Ew. pp. frappiert worden sind, haben bei mir nicht 
denselben Eindruck bervorgerufen. Ich würde an Ew. Durchlaucht Stelle sofort darauf 
geantwortet haben, wie Sie nicht zweifelten, daß die Gesinnungen des Kaisers vollständig 
von Seiner Wc#jestät dem Könige geteilt würden. Sollten Ew. pp. in die Lage versetzt 
1 Slee Nr. 1033.
        <pb n="277" />
        Bismarcks Stellungnahme ju den russischen Anerbietungen. 263 
werden, noch eine Antwort abzugeben, so würde dieselbe dahin zu lauten haben, „daß Seine 
Maojestät der König ganz ebenso dächten wie der Kaiser und diesem für seine Außerungen. 
die er nicht anders erwartet habe, um so dankkbarer sei, als sie ganz seinen eigenen Gefühlen 
und Absichten entsprächen“. 
öch knüpfe hieran in weiterer Ausführung meiner Erlasse vom 31. v. M. noch einige 
vertrauliche Bemerkungen über unfere Stellung zu Rußland, die lediglich u Ew. pp. per- 
sönlicher Kenntnis bestimmt sind. 
Jede engere Beziehung zu einer der großen Mächte hat für uns ihre Vortheile ulnd)] 
ihre Nachtheile. Die Unzuverlässigkeit des Genossen ist der übelste unter den letztern ulnd) 
stellt die erstern ganz in Srage. Die Unzuverlässigkeit ist bei Srankreich ulnd) Oestreich 
evident. Die Craditionen ulnd) die Personen fallen bei den Allianzen fast mehr ins Gewicht 
als die Interessen, die Leidenschaften mehr als die Berechnung. Die Erfahrung der letzten 
Jahrzehnte lehrt uns augenscheinlich, wie wenig das, was bei ruhiger Erwägung den 
Interessen der großen Länder zu entsprechen scheint, bei den folgenreichen Entschließungen 
ihrer WMachthaber das entscheidende Gewicht übt. Das VBerhalten Rußlands, Englands 
zum orientalischen Kriege, das Frankreichs bezüglich Polens, Italiens, Moxiko's, das 
Oestreichs im dänischen Hondel ulnd) im Frühjahr 1866 entsprachen schwerlich den Interessen 
dieser Länder; dieselben traten zurück gegen Personen ulnd) Stimmungen-. « 
AnderspitzevonRußlandIehenkoireinenHerrlcherooaaufcichtigemgekaden 
Charakter und sicherem Worte, der des vollen Vertrauens des Königs unseres aller- 
gnädigsten Herrn genießt, und der uns die Garantie bietet, daß gegenseitiges Vertrauen nicht 
erstrebt wird, um es als eine Falle zu benutzen, um gegen uns ausgebeutet zu werden. Dies 
Vertrauen auf die Zuverlässigkeit des andern Ceiles würde uns für die Annäherung an die 
andern Mächte fehlen. In Österreich können wir ein solches nach hundertjähriger Erfah- 
rung nicht setzen, und wenn wir auch in die Absichten des Kaisers Aa#poleon keine Zweifel 
setzen wollten, die Verhältnisse in Frankreich sind von der Art, daß er nicht vollktommen 
Herr der Situation ist, vielmehr als abhängig von den Strömungen der Parteileidenschaften 
betrachtet werden muß. 
Bei der vollständigen Enthaltung, die England in neuerer Seit in der europäischen 
Politik beobachtet, bleibt uns daher, soweit wir einer Anlehnung bedürfen, die an Rußland 
die einzige annehmbare. Die Interessen beider Länder stehn dabei in keinem Widerspruch“. 
*1065. Telegramm an den Generalkonsul in Bukarest 
Grafen von Keyserling-Rautenburg. 
[Kontept von der Hond des Vortragenden Aats Theremln.] 
In den Bedrückungen und Verfolgungen, denen die jüdische Bevölkerung in den Donau- 
fürstentümern leit dem Beginn des Jahrhunderts ausgesetzt war, batte auch die junge Re- 
gierung des Sürsten Karl nicht Wandel m schaffen gemocht. Im Gegenteil sab sich ber önnen- 
minister I. Bratiano noch im Moi 1867 genötigt, alle Gesetze gegen die Juden, die seit 1804 
bestanden, wieder in Erinnerung umu bringen, um so die im ende berrschende Görung um be- 
schwichtigen. Die Mahregel verfehlte aber ihren Zweck; im GSegenteil kam es wieder und 
2 Der Ablatz eigenbändiger Zusatz Bismarcks. 
* Der Schluß des Erlasses von den Worten an: „blelbt uns daher . ..“ eigenböndiger Zusatz Bismarcks.
        <pb n="278" />
        264 Judenderfolgungen in Mumänien. Drohung, Georgs V. Bermögen zu sequestrieren. 
wieder zu Exjessen gegen die jüdische Beoölkerung, die vor allem in England nachteilige Ein- 
drückee bervorriefen und die englische Regierung veranlahten, in Berlin wegen gemeinfsamer in 
Bukarest zu erbebender Vorstellungen anzufragen. 
Berlin, den 17. Sebruar 1868. 
Die englische Regierung hat uns den Wunsch ausgesprochen, daß wir gemeinschaftlich 
mit ihr in Butarest Schritte tun möchten, um den Sürsten Karl zu vermögen, Vorkehrungen 
gegen die Verfolgungen und Bedrückungen der Iraeliten in den Fürstentümern zu treffen. 
Ich ersuche Ew. pp., sich zu diesem Sweck mit Ihrem englischen Kollegen zu benehmen und 
demnächst dem Wunsche der englischen Regierung in geeigneter freundschaftlicher Weise 
Folge zu geben. Aäheres schriftlich". 
1066. Telegramm an den Gesandten in Wien 
Freiherrn von Werther. 
[CEigenbändiges Konzept.) 
Berlin, den 17. Sebruar 1868. 
Ew. pp. wollen, um Blarlon Beust Platen gegenüber Waffen in die Hand zu geben, 
ersterem vertraulich andeuten, daß für den Fall, daß König Georg seine Greischaren nicht 
entläht, also fortfährt, als kriegführender Souverain zu agiren, ich Sleinelr Mlajestät] dem 
Könige vorschlagen würde, alles Cigenthum Klönig) Georgs von Neuem mit Beschlag zu 
belegen ulnd] die Verwaltung der Abfindung einem hanöolerschen) prooincialständischen 
Comité in Sequester zu übergeben, beides in Verbindung mit dem schwebenden Hoch- 
verratbs-Processe:, in den auch Grlafj) Platen voraussichtlich implicirt werden wird. 
*1067. Schrelben an den Staatsminister Grafen zu Culenburg. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden NRats Bucher.)] 
Berlin, den 17. Sebruar 1868. 
Ew. pp. werden mit mir bemerkt haben, daß in den Vorstellungen von Preßfreibeit 
allmählich eine Beränderung vorgebt, welche die ernste Aufmerksamkeit der Regierung er- 
fordert. Während in den vierziger Jahren die Sorderung, Preßfreiheit zu genießen, als 
erfüllt betrachtet wurde, wenn die Präventiozensur aufgehoben war, wird beute auch die 
Repression als unverträglich mit einer freien Presse angesehen und unter Preßfreiheit ein 
Zugtand gedacht, in welchem die Presse kein anderes Korrektio hat als sich selbst. Das Ver- 
langen danach mit dürren Worten aususprechen oder sachlich zu erörtern, hüten sich aller- 
dings die Redakteure in dem richtigen Gefühle, daß die Erörterung den Leser bedenklich 
machen würde, nicht nur die Regierung und ihre Organe, sondern auch seinen eigenen Leu- 
mund und seine geschäftlichen Interessen der Dejpotie einer literarischen Priesterschoft preis- 
zugeben, um so bedenklicher, wenn er sich klar machte, daß dieses Priestertum immer mehr 
m einem Geschäft und Handwerk wird. Man sucht vielmehr, und nicht bloh in oppolitionellen 
1 Am 186. Februar folgte dem Celegromm ein — nicht von Bismarck gezeichneter — Erlah, der die Wei- 
lung vom 17. nochmals unterstrich. 
1066. : Vol. Ar. 1061, Anm. 2.
        <pb n="279" />
        Vorstellungen von Prehfreiheit. Wesen der englischen Presse. 265 
Blättern, das Publikum bei der Ambition zu fassen, ihm jeden Preßprozeß als ein Zeichen 
unwürdiger Sustände erscheinen zu lassen, und verweist auf das Beispiel „aller freien Völker“, 
namentlich Englands. 
Man kann annehmen, daß diese Verweijung sonst in gutem Glauben gescheben ist. Dos 
Geschicke der Regierenden in England, die Sügel zu verbergen, die politische Einsicht, ver- 
möge deren große Klassen der Regierten die Unentbehrlichkeit von Zügeln begreifen, der 
Takt der Redakteure, lieber einem leisen Drucke m geborchen. als sich in einem erfolglosen 
Widerstand abzuarbeiten, alles die Frucht langer Praxis, dazu die Selbstgefälligkeit des eng 
lischen Volkes, das gern seine Freiheit preisen und beneiden hört, und die Unzugänglichkeit 
des englischen Rechtes, welches zum Teil ungeschriebenes, zum Teil in einer Gesetzgebung 
von Jahrhunderten verstreut ist — alle diese Umstände machen es in gewöhnlichen Seiten dem 
Ausländer sehr schwer, einen Cinblick in das Wesen der englischen Presse und der englischen 
Greiheiten auf den verwandten Gebieten des Vereins- und des Versammlungsrechtes z 
gewinnen. Der Ausländer liest in der englischen Presse die stolze Versicherung, daß sie frei 
sei wie die Luft; er findet in ihr über seine Heimat Dinge gesagt, welche die heimatlichen 
Blätter nicht sagen, und sieht englische Sustände und Dersonen mit einer Derbheit des Aus- 
drucks beurteilt, an die er nicht gewöhnt ist. Er siebt aber nicht, ein wie feines Gefühl für 
einen englischen Redakteur dazu gebört, in der Besprechung öffentlicher Angelegenheiten 
und Personen die Linie einzuhalten, bis zu welcher er bei dem jeweiligen Cemperamente der 
NRegierung, der Richter, der Geschworenen ohne Besorgnis geben kann. Er siebt nicht, wie 
vorsichtig der Redakteur seinen Rechtskonfulenten befragt, wenn eine Privatklage auf 
Schadensersatz denkbar ist, und weiß gar nicht, was eine solche bei uns im Jahre 1811 abge- 
schaffte Klage in England auf sich hat, weiß nicht, wieviel pikante Dinge aus dem Inlande 
von dem englischen Redakteur zurückgehalten werden, für die ein deutscher eine Geldbuße 
von 10 bis 50 Thlr., die Sache rein geschäftlich genommen, als keinen zu hoben Preis be- 
trachtet. Er weiß endlich nicht, daß in betreff der formellen Injurien, der bloßen Schimpf- 
worte, in England die Sitte viel weniger empfindlich und deshalb das Gesetz viel nachsichtiger 
ist als in Deutschland, und hält für ein Privilegium der Seitungen, für eine Eigentümlichteit 
der Preßfreiheit, was nur der Ausdruck des gewöhnlichen Lebens ist. Er weiß nicht, daß 
ein paar unglücklich abgelaufene Prozesse ein Blatt schon durch die enormen Prozeßkosten 
tot machen können. Er weiß endlich nicht, daß der unerschrocktene Gebrauch der Zunge, der 
Presse, selbst des Knüttels während der Darlamentswahlen auf einem gewissen stillschwei- 
genden Einverständnis berubt, allerseits zu kompensieren, was während dieser „Saturnalien“ 
vorkommt. 
Nur zu Seiten einer Bewegung, die nicht von einer der regierenden Parteien geführt 
ist, wird dem Auslande etwas von dem Präventions- und Repressionsapparate sichtbar, der 
für gewöhnlich im Schatten liegt. Die Gelegenheiten dazu, welche im Jahre 1848 der Auf- 
standsversuch in Grland und die CThartistenbewegung boten, sind unbenutzt vorübergegangen, 
weil damals die deutsche Presse m sehr mit einbeimischen Dingen beschäftigt war. Jetzt 
bieten sich analoge Gelegenheiten in dem Treiben der Tories und in der Reformbewegung, 
welche über das im vorigen Jahre angenommene Wahlgesetz binausgeht. Aber die Presse, 
und nicht bloh die oppositionelle, will die Gelegenbeit nicht benutzen, will die Details der 
Prehprozesse gegen die TCories nicht mitteilen, will den Lesern nicht zu der Einsicht verhelfen, 
daß eine nur durch sich jelbst genügelte Hresse auch in England nicht eristiert.
        <pb n="280" />
        266 Publsikum soll Über das Utopische der Hreßfreibeit aufgeklärt werden. 
öch glaube mich mit Ew. pp. in Übereinstimmung zu befinden, indem ich glaube, daß eine 
teitige Aufklärung des Publikkums über das Utopische einer Preßfreiheit in dem neuen 
Sinne des Wortes der Verwaltung und Mechtspflege ihre Aufgabe gegenüber der Presse 
erleichtern und vielleicht dem Lande äbnliche Kämpfe ersparen würde, wie der durch einen 
Mißverstand des englischen Staatsrechtes wenn nicht erregte, doch genährte Budgetstreit. 
Ich habe daher, seit das Widerstreben der Seitungen zu meiner Kenntnis gekommen ist, die 
Veranjtaltung getroffen, daß die Preßprozesse gegen die Tories und die Prozeduren gegen 
die Reform League aus den englischen Blättern für den „Staatsanzeiger"“ bearbeitet werden. 
Artikel der Art finden sich bereits in den Mummern von 29. v. M., I., a., 7., 14. und 
15. d. M. mit interessanten Auffschlüssen darüber, wie Erregung von Haß und Verachtung, 
Abdrücke aus ausländischen Zeitungen, Karikaturen, öffentliche Aufzüge, Bolksversamm- 
lungen von dem englischen Rechte, von englischen Staatsanwälten und Aichtern beurteilt 
werden. Na#mentlich ist der Bortrag, den der Richter Sitzgerald der großen Jury in Dublin 
gebalten hat („Staatsanzeiger“ vom 14. d. M.), in mehreren Bezjiehungen sehr ausgiebig. 
Ew. pp. erleuchtetem Ermessen stelle ich gan ergebentt anbeim, ob es sich nicht empfeh- 
len dürfte, dieses Material durch die „Pr Ip “ verwerten zu lassen. Ab- 
geseben von der weiteren Verbreitung der Catsochen, würde sich dadurch der Vorteil er- 
reichen lassen, das, was im „Staatsanzeiger" nackt mitgeteilt wird, dem Verständnis und der 
Autzanwendung der Leser durch eine entsprechende Behandlung näherzubringen. 
*1068. Erlaß an die Missionen in London, Detersburg 
und Wien. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
— 20 einem Berichte des Grafen v. d. Goltz vom 14. Sebruar hatte sich Warquis 
oustier Lor, wuun- über das von dem elhhe Reichskanzler Freiherrn v. Beuft 
resgite otbuch (ogl. Mr. 1059) ausgelassen. Beust scheine durch seine teils indiskreten, teils 
ungenauen Veröffentlichungen alle Mächte gegeneinander aufreizen zu wollen. 
Vertraulich. Berlin, den 18. Sebruar 1868. 
Ew. pp. überfende ich anliegend Abschrift eines Berichtes des Königlichen Botschafters 
in Paris vom 14. d. M., die Außerungen des Marquis de Moustier über die Publikation 
des österreichischen Rotbuches betreffend. Er bestätigt mir die schon in meinem Erlaß vom 
14. d. M. gemachte Bemerkung, daß die von dem österreichischen Reichskanzler bei dieser 
Veröffentlichung befolgten Grundjätze auch bei anderen Kabinetten keinen günftigen Ein- 
druck bervorrufen könnten, und daß das schriftstellerische: Bedürfnis ihn über die Grenzen 
hinaus geführt hat, welche die Rücksichten auf andere Regierungen auferlegen. 
Was die von dem Königlichen Botschafter speziell angedeuteten Beziehungen auf die 
Tauffkirchensche Wission anbetrifft, so ist durch die Behandlung derselben i in dem Notbuche 
das Mißverständnis nabegelegt, als bätte dieselbe die Anbahnung einer Koalition um 
Zwecke gehabt, welche eine aggressive Tendenz hätte annehmen können. Der Verfasser des 
Buchs bat sich die mündlichen Aeußerungen des Herrn Greiherrn von Werther nach dem Be- 
14 Siebe Tr. .. 
qus Wort »lchtliilttlltkllche eigenbändiger Jusatz Blemarcks.
        <pb n="281" />
        Aufreizender Charakter des Rotbuchs. VNapoleons III. Erstaunen über Welfenlegion. 267 
dürfnisse des Eindruckes, den er machen wollte, zurecht gelegt2. Ew. pp. wissen aber durch 
meine Mitteilungen, wie sehr unsere ganze Stellung zur Sache einen rein defensiven, nur für 
unsere Sicherheit berechneten Charakter trug. Daß wir in diesem Sinne gute Berziehungen 
zu Osterreich wünschen mußten, liegt in der Natur der Sache. Die damaligen, durch den 
Luxemburger Handel gespannten Verhältnisse legten uns diesen Wunsch um so mehr nabe, 
als wir die Wichtigkeit würdigten, welche die Stellung Osterreichs für unsere Beziehungen 
zu Bayern hatte. Wir konnten nicht mit Sicherbeit voraussagen, daß die Luxemburger 
Angelegenheit einen friedlichen Verlauf haben würde; für einen anderen Ausgang mußten 
wir auf die aktive Mitwirkung Süddeutschlands und vor allem Bayerns rechnen, und wir 
konnten uns nicht verhehlen, von wie großem Einfluß auf das wirksame Eingreifen Bauerns 
die Haltung Österreichs werden mußte. Daß dies letztere in Bayern selbst mit vollem Be- 
wußtsein empfunden, zeigte eben der von AMünchen aus angeregte Gedanke jener Mission; 
und daß wir demjelben daher bereitwillig und mit einem in den Grenzen unserer allgemeinen 
friedlichen und defensiven Politik gehaltenen Entgegenkommen Solge gaben, lag in der 
Natur der Sache. Wenn man nun von österreichischer Seite bemüht ist, diesem Gedanken 
eine weitergehende und den Charakter unserer Politik alterierende Bedeutung zu geben, so 
wird dies Bestreben, das übrigens im Widerspruch mit manchen anderen Außerungen und 
Klagen von österreichischer Seite über den Mangel preußischer Annäherung steht, leichtlich 
durchschaut werden; und diese Beobachtung wird die Bemerkung des Marquis de Woustier 
über den aufreizenden Tharakter der teils indiskreten, teils ungenauen Veröffentlichungen 
nur bestätigen. 
"1060. Erlaß an den Botschafter in Paris 
Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Vertraulich. Berlin, den 18. Sebruar 1868. 
Sw. pp. erwähnen in dem Immediatbericht an Seine Mojestät den König Nr. 41 vom 
14. d. M., daß der Kaiser Aapoleon Ihnen bei Shrer letzten Audien; die Uberraschung 
ausgesprochen, welche die ganje Angelegenheit der auf französisches Gebiet aus der Schweiz 
übergetretenen bannöverschen Legionäre bereitet habe. Der Kaiser habe dieser Überraschung 
durch die Frage Ausdruck gegeben, „was denn das für eine Geschichte mit den Hanno- 
veranern sei?“ 
In Widerspruch mit dieser Unwissenbeit des Kaifers steht die Außerung seines Ministers 
gegen den Sürsten Metternich, welche Ew. pp. in dem gefälligen Bericht Nr. 42 erwähnen: 
daß schon im Dezember v. J. angefragt worden sei, ob Frankreich ehemalige hannöversche 
Militärs aufnehmen werde, und daß eine befahende Zusage unter der Bedingung des ruhigen 
Verbaltens gegeben sei. Daß eine solche Anfrage erfolgt ut, überrascht mich nicht. Es war 
kaum anzunehmen, dah die Hanoveraner sich auf die Gefahr hin, an der Gränze umkehren 
* Der Satz eigenböndiger Zusatz Bismarcks.
        <pb n="282" />
        268 Moultiers weideutiges Verhalten betreffs Welfenlegion. 
zu müssen, in Masse auf den Weg gemacht haben solltenn. Die Zusage der Aufnahme ist aber 
doch schwerlich gegeben, ohne daß man sich vorher erkundigt hat, um was für Leute es sich 
handle, und von wo dieselben kommen würden; und die ganze Sache setzt Kommunikationen 
voraus, welche befremdlich genug erscheinen. 
Jedenfalls aber hat der Minister danach nicht mehr überrascht Jein können, wenn die 
Hannoveraner aus der Schweiz auf französischem Boden erschienen. Diese Verschiedenheit 
in den Außerungen des Kaisers und seines Ministers ist nicht geeignet, unser Vertrauen zu 
stärken. Sollen wir annehmen, daß hier wieder einer jener Sälle vorliege, in denen der Kaiser 
leine Politk von der seines Ministers trenne und letzteren eigne Wege geben lasse, um ihn 
nachher nach Umständen zu soutenieren oder als zu weit gegangen desavouieren zu können, 
wie dies mit Drouyn de Lhuys im Herbst 1866 der Sall war? Oder sollte der Marquis de 
Woustier wirklich so wenig Voraussicht gehabt baben, daß er ohne Wissen des Kaisers im 
Dezember jene Zufage erteilt hätte, ohne sich klar zu machen, welche Gestalt die Erfüllung 
derselben annehmen und wie der Eindruck der Wirklichkeit sein würde? 
Es kann der französischen Regierung auch nicht unbekannt geblieben sein, daß die aus 
der Schweiz übergetretenen Individuen nicht die einzigen welfischen Legionäre auf franzö- 
sischem Boden lind; daß schon seit längerer Seit über Luxemburg und an anderen Punkten 
der Grenze vereinzelt und in kleineren Trupps die von den Agenten des Hietzinger Hofes 
verleiteten Hannoveraner nach Grankreich hineingelangt sind, und daß dieser Zuzug bis 
in die neuste Seit fortgedauert hat. Wir haben einen zu guten Begriff von der französischen 
Polizei, als daß wir auf diesem Gelde an Unwissenheit glauben sollten. Die ungehinderte 
Aufnahme aller dieser schwerlich mit Legitimationen ihrer Heimatsbehörden versehenen 
Personen ist auffällig und nicht in Ubereinstimmung mit den freundschaftlichen Ver- 
sicherungen. 
So günstig daher auch die letzteren lauten, und so bereitwillig sich die französische Re- 
gierung auch in den Erklärungen und Verbeißungen gezeigt hat, welche sie uns noch vor 
jeder diplomatischen Reklamation gegeben, so ist es doch schwer, wenn alle diese Umstände 
in Betracht gezgogen werden, volles Vertrauen zu ihren Absichten zu fassen; und ich komme 
wiederholt auf die Bitte zurückt, die Ausführung, welche die Kaiserliche Regierung den 
kundgegebenen Absichten zuteil werden läßt, sorgfältig zu überwachen. Auf die Punkte, 
auf die es dabei hauptsächlich anktommt, habe ich bereits aufmerksam gemacht; und durch 
ein offenes und kräftiges Vorgeben in dieser Richtung wird die Kaiserliche Regierung am 
besten das Vertrauen herstellen und stärken. 
Das Bestreben der französischen Regierung schien in der neueren Seit, seitdem sie der 
Einwirkung auf die gesetzgebenden Faktoren zum Bebuf der Durchbringung des Militär- 
geseczes nicht mehr bedurfte, ernstlich darauf gerichtet m sein, auch in der öffentlichen 
Meinung wie bei den Regierungen das Vertrauen auf die Erhaltung friedlicher Zustände 
m beleben und zu stärken, und gewißlich wird das Bedürfnis nach der Wiederkehr des 
Vertrauens in Frankreich nicht minder als in andern Ländern um der materiellen Wohl- 
fahrt willen dringend empfunden. Sollte sie sich aber darüber täuschen können, daß gerade 
der Eindruck, den alle Welt aus der Aufnahme der hannöverschen Legionäre hat empfangen 
müssen, dem Vertrauen einen neuen und empfindlichen Stoß geben müßte? 
ie beiden letzten Sätze eigenbändlger Zusatz Bismarcks.
        <pb n="283" />
        Württembergische õnsinuationen in Karlsruhe. 269 
*1070. Erlaß an den Gesandten in Karlsruhe 
Grafen von Flemming. 
[Konfzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.)] 
Nach einem Bericht des Grafen Flemming vom 17. Sebruar machten sich in Karlsruhe 
wieder bayrische Bestrebungen geltend, Daden für eine engere politische Vereinigung der jsüd- 
deutschen Staaten zu gewinnen, ohne dah sie jedoch an dem festen Entschluß des Großberlogs 
etwas änderten, das Heil seines Landes in dem möglichst engen Anschluß an den Norddeutschen 
Bund zu suchen. Sn einer Nachschrift wies Slemming auf württembergische Versuche bin, den 
Großherzog, der obnehin über Bismarcks Zurückhaltung verstimmt war, gegen Preußen ein- 
mnebmen:; insinuierte man dem Großbersog doch von Stuttgart aus, als sei Bismarck mit der 
Haltung der württembergischen Regierung in der deutschen Frage zufriedener als mit derjenigen 
Badens. In Wirklichkeit besorgte man in Baden wohl mehr, daß Bismarck noch immer Anstoß 
an dem badischen Liberalismus nehme, ogl. den Brief H. Baumgartens an M. Duncker vom 
12. Februar, M. Duncker, Politischer Briefwechsel aus seinem Nachlaß, ed. Joh. Schultze, 
5. 443. Der preußische Gesandte in Karlsruhe schien jedenfalls den württembergischen In- 
sinuationen Gewicht beizulegen, wenigstens bemerkte er in einem Schlußsatze, er bemühe sich, 
derartige Nachrichten, deren völlige Hinfälligkeit ihm doch bewußt Jein mußte (ogl. Tr. 1014, 
1037), als unbegründet bingustellen. 
Berlin, den 19. Sebruar 1868. 
In der Nachschrift zu dem Bericht vom 17. d. M., dessen Beantwortung ich mir vor- 
behalte, erwähnen Ew. pp. der NAachricht, die Seine Königliche Hoheit der Großberiog aus 
Stuttgart erhalten hat, daß man in den dortigen Regierungskreisen glaube, die Haltung 
Württembergs in der deutschen Grage gefalle uns besser als die Haltung Badens. Wenn 
Ew. pp. nur kurz binzufügen, daß Sie sich bemüht hätten, derartige Nachrichten als un- 
begründet hinzustellen, so erkläre ich mir das aus der Kürze der Seit, welche Shnen zur Ab- 
faslung dieser eigenhändigen Vachschrift geblieben ist. 
Mein Erlaß vom 1. d. M. (Ar. 7) wird Shnen ein bereites Material geliefert haben, 
jene Aachricht zu widerlegen, denn wenn er sich auch nicht unmittelbar auf die Stellung 
Wülttembergs zu den verschiedenen Plänen für die Entwicklung der deutschen Berhältnisse 
bezieht, so beweist er doch, daß uns die Zustände in Württemberg und die Haltung der 
dortigen Regierung mit jedem vernünftigerweise denkbaren Plane unverträglich erscheinen. 
Jene Stuttgarter Nachricht hat daher unser höchstes Erstaunen erregen müssen, und ich 
ersuche Ew. pp. ergebenst, dies Seiner Königlichen Hoheit dem Großberfoge gelegentlich 
ausmudrückeen. Zu hrer perfönlichen Information und, wenn Sie dieselbe für zweckmäßig 
erachten, zur vertraulichen Mitteilung füge ich binzu, daß ich mich im Sinne meines Er- 
lasses Ar. 7 auch gegen andere, näher oder entfernter an dem Schicksal Württembergs 
interessierte Regierungen, gegen Sachsen, Bayern, Außland, selbst gegen Österreich aus- 
gesprochen habe. 
*1071. Erlaß an den Botschafter in Paris 
Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Vats Theremin.l 
Am 11. Jebruar hatte Graf v. d. Goly mit Marquis de Mouftier eine Aussprache über 
die Verhältnisse in Mumänien gebabt, die dieser mit der Bemerkung einleitete, dah Bismarck 
nach Benedettis Berichten (ogl. dam dessen TKelegromm vom 8. Sebruar, Les Origines 
1 Siebe Ar. 1037.
        <pb n="284" />
        270 ARumäniens Stellung ju den Westmächten und zu Ruhland. 
Diplomatiques, XX, 352 s.) nicht geneigt zu sein scheine, in Dukarest gen die „Bandenbildung 
auf rumän Als Goltz 
8 die preußische 2 beierung von irn S in Bukarest habe, 3 t in 
auf rumänischem B iesm— 3# nedc Dem Grafen Keuserling ** Wenhi in 
Vertraulich. Berlin, den 21. Sebruar 1868. 
Nach Ew. pp. vertraulichem Berichte vom 13. d. M. (Nr. 38) hat Marquis Moustier 
Ihnen gesagt, daß ich nach Herrn Benedettis Berichten nicht geneigt mn sein scheine, 
wegen der angeblichen, die Rube in Bulgarien bedrohenden Vorgänge auf rumänischem 
Gebiet direkt einzuwirken. Ich bemerke bierzu folgendes: Herr Benedetti sprach mir 
merst von der Sache auf einem Balle bei ihm in ziemlich großem Gedränge. Da mir die- 
selbe vollktommen neu war, so vermied ich eine bestimmte Antwort und suchte das Gespräch 
auf andere Gegenstände zu leiten. Als mich Herr Benedetti zwei Tage darauf besuchte, 
konnte ich ihm das Telegramm des Grafen Kepserling mitteilen, dessen Inhalt ich unter 
Nr. 6 an Graf Solms weitergegeben habe, und wonach die Bildung von Greischaren auf 
rumänischem Gebiete sowohl von der dortigen Regierung als von dem Sürsten Karl auf das 
bestimmteste in Abrede gestellt wurde. Ich bemerkte Herrn Benedetti bierm, daß wir uns 
unter diesen Umständen den in Bukarest zu machenden NRemonstrationen nicht wohl an- 
schließen könnten, ohne geradezu den Sürsten Karl der Unwahrheit m zeihen, daß wir aber, 
sobald die Tatsache erwiesen sein würde, gern bereit sein würden, dem Wunsche Frank- 
reichs Solge zu geben. Wenn Herr Benedetti darauf berichtet hat, daß ich „nicht geneigt 
m sein scheine . . . .“, so ist dies hiernach jedenfalls nicht der richtige Ausdruck. 
Was die Bemerkungen des Marquis Moustier über die Stellung des Fürsten Karl zu 
den Westmächten und u Außland anlangt, so können wir im Interesse des Sürsten nur 
dringend wünschen, daß er sich die Syumpatbien der ersteren und namentlich Srankreichs m 
bewahren wisse. Aber bei den schwachen Süßen, auf denen seine Regierung steht, kann ihm 
andererseits eine feindselige Haltung Rußlonds unmöglich gleichgültig sein, und wenn os 
durch die Außerungen des Baron Budberg jelbst bestätigt wird, daß bis in die neueste Jeit 
in Petersburg ein großes Übelwollen gegen den Fürsten bestanden hat, so kann es dem 
letzteren wohl nicht verdocht werden, wenn er bemüht ist, dasselbe m beseitigen. In diesem 
Sinne ist nach den Berichten des Grafen Kepserling die Mission des Bischofs von Ismasl 
und des Herrn Cantacuzeno aufjufassen, welche eine Verständigung über Konsular- 
jurisdikktion und Postverbältnisse sowie die Regulierung der russischen Kriegsschuld uum 
Zweck hat und aus dem eigenen Antriebe des Fürsten hervorgegangen ist. 
Durch mein Telegramm vom 19. d. M. (Ar. 11) habe ich Ew. pp. von der Note Wit- 
teilung gemacht, die der Marquis Moustier wegen der angeblichen Ansammlung der revo- 
lutionären Banden nach Butarest gerichtet bat, und deren Con den Fürsten Karl, wie 
1 Benedetti hatte in seinem Telegramm vom 8. Februar Tes COrigines Diplomatiques, XX, 333) 
nur bemerbe: 9 ween — au bresident 4 du Conseil qu'il n’y a pas de représentations à faire, 
ur le moment, au Couvernement roumain.“ 
! 4 Jãberes darüber in: Aus dem Leben König Karls von Rumänien, J, 240, 241, 242; ogl. auch 
Kr. 110
        <pb n="285" />
        Bismarck bringt nochmals in London Umtriebe Georgs V. ur Sprache.. 271 
Graf Keuferling meldet, verletzt u haben scheint. Bringt man dielselbe mit den Außerungen 
des Marquis Moustier gegen Ew. pp. in Verbindung, so gewinnt es den Anschein, als ob 
Frankreich die Sache montiere, um dem Sürsten Karl zur Strafe für seine vermutete An- 
näherung an Rußland Verlegenheiten zu bereiten. 
Unter Bezugnahme auf Sw. pp. Bericht vom 17. d. M. (Tr. 43) bemerke ich schliehlich 
ergebenst, daß es nach dortigem Brauche mir keineswegs unmöglich erscheint, daß der 
Abgeordnete Carp bestochen worden sein könnte, und daß ich auch abgesehen davon, nicht 
einzuseben vermag, weshalb der Fürst Karl weniger glaubwürdig als der pp. Carp sein 
ollte. 
*1072. Erlaß an den Boischafter in London 
Grafen von Bernstorff. 
lKonzept von der Hand des Vortragenden Rats Abekenp 
Auf Bismarcks Erlah vom 12. Februar (liehe Ar. 1055), der eine Einwirkung der eng- 
lischen Regierung auf König Georg V. in Sachen seiner preuhenfeindlichen Agitation erdat, war 
muächst nur ein kurzes Celegramm Graf Bernstorffs vom 20. eingelaufen, nach dem Lord Stonleny 
lepr bereit wäre, dem Könige zur Vernunft zu raten, und nur nicht recht wuhte, welchen Weg 
er dam einschlagen sollte. Die Angelegenheit aber forderte rasche Entschlüsse. Bei der De- 
ratung der beiden Vorlagen befüglich der Abfindungsverträge mit den depofsedierten Sürsten 
und des hannoverschen Drooinzialsonds im Herrenhause. hatte dessen Justimmung nur erreicht 
werden können, nachdem der Finemmirifter. Greiherr v. d. Heydt im Einverständnis mit Bismarck 
ausdrücklich erklärt hatte, „daß, wenn die Machinationen nach der Publikation des Gesetzes 
fsortdauern, wenn der König Georg eine Stellun einnimmt, die mit dem Seist und dem Sinn 
des Vertrags in Widerspruch steht, wenn der König Georg Mißbrauch macht von dem ihm 
gewährten Aufenthalt in Hietzing, munächst die Regierung allerdings verpflichtet sein wird, dos 
Vermögen des Königs Georg von neuem mit Sequester m belegen und keinen Taler von der 
Nente herauszugeben, bis auch der andere Teil ebenso ehrlich wie wir den Vertrag un halten ent- 
schlossen ist.“ Unter diesen Umständen richtete Bismarck nochmals bine dringliche Aufforderung 
um Einwirung auf König Georg nach London, indem er nunmebr die am 12. nur andeutungs- 
weise genannten Solgen, die eine FSortdauer der Agitation König — V. boben müsse, gam 
offen bezeichnete. 
Vertraulich. Berlin, den 21. Gebruar 1868. 
In meinem Erlaß Nr. 43 vom 12. d. M. habe ich Ew. pp. bereits ersucht, die Auf- 
merksamkeit der englischen Regierung auf die von Hietzing ausgehenden Umtriebe des 
Königs Georg m lenken. Die Sumptome derselben haben sich seit der Seit unter perjön- 
licher Bethätigung des Königs Georg so sehr vermehrt, und die ganze Agitation hat einen 
solchen Charakter angenommen, daß die Königliche Regierung in der Tat die Dflicht gegen 
das eigene Land versäumen würde, wenn sie derselben ruhig zuseben wollte. 
In dem Abkommen, welches wir hauptsächlich mit Rücksicht auf die Initiative der 
englischen Regierung mit dem König Georg geschlossen haben, lind wir von einem ausdrück- 
lichen Verzicht desselben auf seine Krone, dem mir durch Llord] Augluftus) Loftus ge- 
äußerten Wunsche entsprechend, abgestanden. Aber es lag mit einer Aotwendigkeit, die 
wohl nirgends bat mißverstanden werden können, unserem Verfahren die Vorausfetzung 
1 Eine Veigschit. des Erlasses trägt den Vermerk von der Hand Bismarcks: „Vlon) Sleinshr 
Mlojestät) genebmli 
2 Die Worte: „unter perfönlicher Bethätigung des Königs Georg“ eigenböndiger Einschub Biswarcke. 
2 Die Worte: „dem mir durch Llord) "“ elgenbändiger Zufatz Bismarcks.
        <pb n="286" />
        272 Drobender Sequester für Vermögen Georgs V. 
zum Grunde, daß der gegenteilige Paciscent auf die VFortsetzung eines nicht einmal ge- 
beimen, sondern öffentlichen Krieges gegen Preußen versichten und die Gelder, welche 
Seine Maojestät der König ihm ungezwungen und in reichem Maße gewährte, nicht zu golcher 
Kriegführung verwenden würde. 
Es hat das gerade Gegenteil davon stattgefunden. Die Bildung und Organisierung 
der Welfischen Legion, die Werbungen in Hannover durch gebeime Agenten sind von der 
Seit des Abkommens an öffentlich in verstärktem Maße betrieben worden; die Leitung 
dieser Umtriebe von Hietzing aus, die Besoldung der Legionäre durch die Umgebung des 
Königs sind durch Korresponden; des Grafen Platen mit den Sührern der Truppen“ 
konstatiert. 
Die Königlich Großbritannische Regierung hat sich überzeugen können, wie logal wir 
unsererseits auf das Abkommen eingegangen sind. Die Negierung hat bei den Debatten 
in beiden Häufern des Landtages, wo es ein leichtes gewesen wäre, bei dem großen Wider- 
willen der Bevölkerung, selbst der bannöverschen, und ihrer Vertreter gegen die Sache sie 
durch ein bloßes Gebenlassen zu Salle zu bringen, vielmehr allen ihren Cinfluß aufgewandt, 
um die Sustimmung des Landtags zu erlangens. 
Wir können dies aber den Tatsachen, welche eine große Aufregung im Lande hervor- 
gebracht haben, gegenüber nicht durchführen, wenn Könlig] Georg nicht aufhört, dem Sinne 
des Abkommens entgegen den Krieg, soviel an ihm ist, fortmusetzen"#. Die Stimme des 
Landes und der Provinz Hannover selbst, welche aufs äußerste dadurch beunruhigt ist, 
macht es uns zum Vorwurf, daß der König Georg die gegen Preußen geworbenen Truppen 
mit dem ihm von Preußen gegebenen Gelde besoldet. Wenn er auf diese Weise fortfährt, 
die Voraussetzungen und notwendigen Vorbedingungen des Abkommens seinerseits zu 
brechen und sich als im Kriegszustande gegen Preußen zu betrachten, so zwingt er uns da- 
durch, auch unfererseits den Kriegszustand als fortdauernd anzusehen, und macht es uns 
unmöglich, ihm Gelder behufs kriegerischer Borbereitungen gegen Preußen mu zahlen. Die 
Regierung würde das vor dem Lande nicht verantworten können, und ihre Stellung allen 
Parteien gegenüber kompromittieren. 
Wir müssen an König Georg die bestimmte Forderung richten, daß er die Organisation 
der Legion aufhebe, die geworbenen Leute entlasse, daß er ihnen den bisber gewährten Sold 
— unter welcher Form dieser auch gegeben sein mag — entziebe, und daß er endlich ferneren 
Werbungen und Konspirationen im Lande entsage. 
Wenn wir diese Erklärung und Bürgschaften für ihre lopale Ausführung nicht er- 
halten, so werden wir die Ausantwortung jedes Betrages an den König Georg inbibieren 
müssen. Wir werden alsdann eine Kommission einsetzen und derselben die Verwaltung des 
Sequesters für das Bermögen des welfischen Hauses übertragen, bis der zeitige Bertreter 
des Haufes die Feindseligkeiten gegen Preußen einstellt. Die Kosten, welche durch letztre 
verursacht werden, würden aus den NRevenuen des Vermögens zu bestreiten sein'. ** 
Ich zweifle nicht, daß die Königlich Großbritannische Regierung die Motive würdigen 
wird, welche in unserer Stellung dem eigenen Lande. gegenüber liegen. Sie ist zugleich die- 
* Val. Ar. 1053, Anm. 2. 
* Vgl. Ar. 1055, Anm. 5. !1•m · 
IDnlehteRebenlaU,,manKsnli91GIVts«-«sismbslkdlskkZulodBismckHcF. 
: Der letzte Sah und der Schluh des vorletzten von den Worten an: „bis der zeitige Vertreter 
elgenböndiger Zufsat# Wmss
        <pb n="287" />
        Aumönien bedarf freundschaftlicher Beziehungen zu Rußland. 273 
jenige, bei welcher wir am ersten einen Einfluß auf den König Georg erwarten dürfen. 
Ew. pp. ersuche ich ergebenst, in vertraulicher Weise bei dem Königlich Großbritannischen 
Staatssekretär die obigen Erwägungen geltend zu machen und darauf vorzubereiten, daß 
wir dem entsprechend verfahren werden, wenn es nicht inzwischen gelingen gollte, den 
Klönig] Gleorg] zu friedlichem Verhalten m bewegen. 
Aachschrift. 
Wie sehr die oben bezeichnete Maßregel in der Natur der Sache liegt, wird auch da- 
durch bestätigt, daß felbst der Freiherr von Beust dem Königlichen Gesandten in Wien, 
wie letzterer mir unter dem 18. d. M. meldet, „leine Berwunderung ausgedrückt hat, daß 
wir bei den Beschwerden, die wir über Umtriebe des Hietzinger Hofes erhöben, nicht mit 
Inhibierung der Auszahlung der für den König Georg bestimmten Revenuen vorgingen; 
dadurch hätten wir das geeignete Mittel, dieser Agitation ein Ende zu machen“.. 
1073. Schrelben an den Fürsten Karl von Kumänien. 
[Ablchrift.] 
Berlin, den 22. Gebruar 1868. 
Curer Hobeit gnädiges Schreiben vom 27. v. M. habe ich zu erhalten die Ehre gehabt, 
und benutze ich die erste sich heute bietende sichere Gelegenheit, um Höchstdenselben für die 
darin ausgedrückten gnädigen Gesinnungen meinen gehorsamsten Dank zu jagen. Es wird 
mir stets eine angenehme Pflicht und das Ergebnis meiner perfönlichen Anbänglichkeit sein, 
wenn ich Eurer Hoheit nteressen in meiner biesigen Sphäre zu dienen vermag. Sch bin 
bemüht gewesen, diese meine Ergebenheit in den jüngsten Phasen der Politik m betätigen, 
indem ich in London und Paris die lberzeugung vertreten habe, daß die Gerüchte über 
friedenstörende Unternehmungen auf Curer Hoheit Gebieten böswillige Erfindungen waren. 
Der Ursprung dieser Bewegung scheint bei einem belgischen Konsul zu suchen m sein, über 
den wir in Brüssel Beschwerde geführt haben:. Daneben ust nicht zu verkennen, daß in 
Paris diese Gerüchte benutzt wurden, um Curer Hoheit fühlbar zu machen, daß eine An- 
lehnung an Außland den französischen Intentionen nicht entspreche. Es ändert dies nichts 
in der Tatsache, daß eine jede stabile Regierung Rumäniens der freundschaftlichen Be- 
ziehungen zu Rußland ebenso und, nach der geographischen Lage, in höherem Maße bedarf 
als der zu den anderen europäischen Mächten. Die Gegenwirkung, die sich aus der Be- 
folgung dieses Satzes ergibt, werden Eure Hoheit im Snteresse Ihrer Mission gewärtigen 
s Der Schluß des Erlasses von den Worten an: „und darauf vorjubereiten ..“ eigenhändige Er- 
gänzung Bismarcks. 
1073. Siebe den Cext des Schreibens in: Anbang zu den Gedanken und Erinnerungen, II, 421 f. 
2 Vgl. dazu auch Ar. 1097. 
VIa 18
        <pb n="288" />
        274 Beust begehrt wegen Bismarcks Hietzinger Reklamationen auf. 
müssen. Sch zweifle nicht, daß die Mission nach Petersburg" um so günstiger wirken wird, 
als es dem Bischof von Rustschuk gelingt, sich die tätigen Sympathien seiner Petersburger 
Amts- und Glaubensgenossen zu sichern und den Eindruck, daß dies geschehen sei, öffentlich 
zur Anschauung zu bringen. 
Über die Details der laufenden Geschäfte ist Herr FSriedländer, in dem ich einen ge- 
wandten und liebenswürdigen Geschäftsmann kennen gelernt habe, unterrichtet. 
Sestatten Cure Hoheit mir noch, meinen untertänigsten Dank für die gnädige Auf- 
nahme auszusprechen, welche Höchstdieselben dem Grafen Kepferling haben zu Teil werden 
lassen, welcher dieselbe um so mehr zu rechtfertigen bemüht sein wird, als er weiß, daß er 
mir damit einen perfönlichen Sreundschaftsdienst erweist. 
22 Säiuen gem Leben König Karls von Rumänien, I, 248 f. (mit dem falschen Datum des 
*1074. Erlaß an den Gesandten in Wien Freiherrn von Werther. 
[Konrept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.) 
Als Greiherr v. Werther dem erbaltenen Auftrage gemäß den Erlaß vom 12. Februar 
Fiehe Ar. 1053) dem österreichischen Aeichskansler am 16. vorlas, jeigte sich dieler empfindlich 
berührt. Einmal glaubte er aus ihm einen Sweifel an der von ihm gegebenen Versicherung, daß 
bier lediglich ein Siizeri der Wiener Dolizeidirektion vorliege, berauszuhören, sodann empfand 
er den Ton des Erlafses als einen wenig freundlichen, fost als drohend. Biust. glaubte leinerseits 
der preußischen Regierung einen Vorwurf daraus machen zu können, daß sie die Reklamationen 
gegen die Hietzinger Umtriebe nicht schon Blrüber jur Sprache gebracht habe, worauf ihn Werther 
trocken auf die tatsächlich schon Ende 1867 wegen der schannooerschen. Emigration, er- 
hobenen Beschwerden (ogl. Die Gesammelten Werke, VI, Ar. 80 nebst Anm. 1) verwies. Beuft 
lprach dann den Wunsch aus, daß ihm klare eweise“ für die preußenfeindliche Agitation des 
Hietzinger Hofes vorgelegt werden möchten, eine Zumutung, die Bismarck sonderbar finden 
mußte anpesichts der geräuschvollen Inszenierung, mit der die Geier der Silbernen Hochzeit König 
Georgs V. (18. Sebruar) in Gang gesezt wurde. Der Unerträglichkeit der welfischen Agitation 
für Preußen vermochte sich lcliehch Vius Jelbst aicht au entziehen, wiederholt wies er Werther 
darauf bin, doß Bismarck es ja selbst in der Hand babe, dieser Agitation durch eine Beschlag- 
nahme des Vermögens König Georgs V. den Boden zu entziehen. 
Berlin, den 22. Gebruar 1868. 
Aus Ew. pp. gefälligem Bericht Mr. 62 vom 18. d. M. und aus demjenigen, was der 
Kaiserliche Reichskanzler an den Grafen von Wimpffen geschrieben und letzterer durch 
Vorlesen dem Königlichen Unterstaatsfsekretär mitgeteilt hat, habe ich mit Bedauern ent- 
nommen, daß der Greiherr von Beuft meinem Erlasse Nr. 36 vom 12. d. M., welchen Ew. 
pp. ihm vorgelesen haben, eine Auffassung hat zuteil werden lassen, welche weder in unjerer 
Absicht noch in meinen Worten lag, und welche ich mich freue, als ein Mißverständnis be- 
jeichnen zu dürfen. 
Der Kaierliche Reichskanzler hat darin einen Sweifel an seiner Erklärung über die 
den untergeordneten Behörden zur Last fallende Erteilung von Pässen und sodann eine 
komminatorische Wendung gegen Osterreich m finden geglaubt. 
Was den ersten Punkt betrifft, so glaube ich Ew. pp. nicht erst versichern zu dürfen, 
daß es mir nicht in den Sinn gekommen ist, den Inbalt der von dem Kaiserlichen Aeichs- 
* Vgl. dam Ar. 1071.
        <pb n="289" />
        Bismarck spricht sich in Wien offen aus. 275 
kanzler gegebenen Aufklärungen anzuzweifeln. WMeine Worte sollten und konnten nur — 
wie ein Blick auf dieselben Sw. pp. erkennen lassen wird — Verwunderung oder Tadel 
über das eigenmächtige Verfahren eben jener untergeordneten Behörden, von welchen die 
Nede ist, und die Überzeugung ausdrücken, daß solches Verfahren nicht in die „Kategorie 
subalterner Unverantwortlichkeit“ gehören sollte. Indem die Kaiserliche Regierung die 
gedachten Bebörden ur Verantwortung jiebt, bestätigt sie diese Überzeugung, deren 
Ausdruck danach für den Herrn Neichskanzler persönlich unmöglich etwas Verletzendes 
haben konnte. 
Vicht minder leicht wird es Ew. pp. werden, dem Herrn Reichskanzler die Gewißheit 
zu geben, daß uns jeder Gedanke einer Kkomminatorischen Wendung fernlag, wenn wir auf 
die Vorsichtsmaßregeln hinwiesen, zu welchen eine für uns bedrohliche Richtung der Kaiser- 
lichen Holitik uns nötigt. Ich habe mit der Erwähnung dieser Seite der Sache nur dem 
bohen Wert, welchen wir auf eine freundschaftliche Haltung derselben legten, Ausdruck 
verleihen und klarmachen wollen, wieviel für uns jetzt in dieser Sache auf dem Spiele stände. 
Es kann unmöglich eine Drohung darin liegen, wenn wir dem Kaiserlichen Kabinett sagen, 
daß unsere Politik auf ein friedliches und freundschaftliches Verhältnis zu Österreich ge- 
richtet sei, und daß nur eine entgegengesetzte Haltung desselben uns sehr gegen unsern 
eigenen Wunsch und Willen nötigen würde, auf unfsere eigene Sicherheit in anderer 
Richtung Bedacht m nehmen. 
Wir sind es dem Kaiserlichen Gouvernement um so mehr schuldig, uns offen über die 
ganze Bedeutung ausjusprechen, welche wir dieser Sache beilegen, als der Freiherr von 
Beust sich selbst gegen Ew. pp. beklagt hat, daß wir unfere Reklamationen nicht früher 
zur Sprache gebracht, was übrigens, wie Ew. pp. mit Recht entgegnet haben, bereits im 
Mai und Juni v. J. geschehen war. Wenn wir dies damals nicht in eindringlicher Weise 
getan und der Sache teine weitere Solge gegeben, so lag das nur in dem rücksichtsvollen 
Wunsche, der Kaiferlichen Regierung keine Verlegenbeiten zu bereiten und die Abbilfe von 
ihrer eigenen Initiative zu erwarten. Von der Bedeutung, welche die Sache für uns hat, 
wird sich aber der Kaiserliche Reichskanjler leicht überzeugen, wenn er die Sache umkehrt; 
und ich bitte denselben nur, keine neue Verletzung darin zu sehen, wenn ich ein Bild von 
diesem umgekehrten Verhältnis entwerfe; es soll das lediglich zur Illustrirung unfrer 
gegenwärtigen Eindrücke dienen:. ç 
Gesetzt, wir ließen es zu, daß sich in unserer Hauptstadt oder in der unmittelbaren Vähe 
derselben ein Komitee von unzufriedenen TCschechen oder andern Teilen der Jlawischen Be- 
völkerung des Kaiserstaates bilde mit derselben ausgesprochenen feindlichen Absicht gegen 
die österreichische Regierung, wie sie in Hietzing jetzt gegen Preußen zur Schau getragen 
wird. Dieses Komitee stände durch gebeime und offene Agenten in fortwährender 
Verbindung mit allen Ubelwollenden in den betreffenden Provinzen der österreichischen 
Monarchie; es suche Militärpflichtige ur Auswanderung, Soldaten und Offiziere zur 
Desertion zu verleiten; es werbe und besolde Cruppen und organiliere sie militärisch jenjeits 
der Grenze des Kaiserstaats in Serbien oder in Rußland mit der ausdrücklichen Erklärung, 
daß es nur auf eine Gelegenbeit warte, um diese Truppen mit den Seinden Österreichs zu 
offenem Angriff zu verbinden. Gesetzt ferner, es fänden zu diesem Komitee offene Wall- 
1 Der Schluh des Satzes von den Worten an: „es soll das lediglich." eigenhändiger Zusat 
Bismarcks. 
18
        <pb n="290" />
        276 „Es bandelt sich bier um ein politisches Verhältnis von großer Tragweite.“ 
fabrten statt, mit gegenseitigen Demonstrationen der Hoffnung, jene Prooinzen von dem 
Kaiserstaat loszureißen und unabhängig zu machen; es würden unter unsern Augen Neden 
gehalten und Toaste ausgebracht, welche dem Wortlaut des vom König Georg in Wien 
Telbst gesprochenen Toastes: genau entsprächen: — würde die Kaiserliche Regierung sich 
nicht zu den ernstesten Reklamationen berechtigt erachten? würde sie über die Tendenz der 
Bestrebungen, deren Gesamtbild ich eben entworfen habe, noch irgendwie in Ungewißbeit 
sein und andere Beweise verlangen? würde sie irgendeinen Sweifel gelten lassen an der 
Pflicht einer befreundeten Regierung, diesem Unwesen zu steuern? und würde sie endlich 
nicht ohne Bedenken erklären, daß, wenn dies nicht geschehe, ihr Bertrauen in die Ge- 
linnungen und Absichten Preußens erschüttert werde und sie in ihren politischen Be- 
jiehungen auf die Eventualitäten Bedacht zu nehmen hätte, daß fernere Bethätigung feind- 
licher Tendenz bei günstiger Gelegenbeit erfolgen werde, daß zu diesem Behufe auf die 
Malcontenten gerechnet werde?t 
Aiir scheint, diese einfache Darlegung reicht bin, um auch unser Verhältnis zur Sache 
in klares Licht zu stellen. Ich muß aber noch den einen Punkt besonders hervorheben, daß 
der Greiherr von Beuft wiederholt Catsachen und Beweise gefordert hat. Ich wüßte nicht, 
wozu er deren noch bedürfen sollte. Alle oben angegebenen Tatsachen sind notorisch; 
die Reden sind vor der Öffentlichkeit gehalten; die Leitung und Besoldung der militärisch 
organisierten Banden von Hietzing aus ist nach der eigenen Mitteilung des Herrn von Beust 
an Ew. pp. durch die von dem Kaiserlichen Telegrafenamt in Wien amtlich konstatierte 
Korrespondenz festgestellt. Daß die seit langer Seit fortgesetzte Lätigkeit der Umgebung 
des Königs Georg dem österreichischen Souvernement habe verborgen bleiben 
können, davon mag es schwer sein, die öffentliche Meinung zu überzeugen; und ich bedauere 
dies um so mehr, da ich perfönlich keinen ZSweifel daran bege, daß der Freiherr von Beust, 
dessen Aufmerksamkeit durch die neue Gesamtorganisation des Kaiserstaats so vollständig 
in Anspruch genommen war, nicht Kenntnis davon hat nehmen können. Er wird mir die 
Gerechtigkeit widerfahren lassen, nicht u glauben, daß ich nach unserer langjährigen Be- 
kanntschaft den mindesten Zweifel in sein Wort setzen könne, wenn er uns versichert, daß 
er bisher die Umtriebe des Hietzinger Hofes nicht hinreichend gekannt habe. Wenn aber 
jetzt, nachdem alle jene Catsachen offen vorliegen, noch juristische Beweise wie zur Sührung 
eines PDrozesses vor einem Gerichte verlangt werden, so wird er es uns auch nicht ver- 
argen können, wenn wir darin einen Mangel an gutem Willen sehen, der unser Vertrauen 
in die Absichten des Kaiserlichen Kabinetts erschüttert. Es handelt sich bier eben nicht um 
einen Prozeß, sondern um ein politisches Verhältnis von großer Tragweite und um die 
politischen Bejiehungen zweier großer Staaten, die auf nachbarliches Verhältnis ange- 
wiesen jind. · 
Daß wir dies dem Kaiserlichen Kabinett offen aussprechen, ist — ich wiederhole es — 
nur die Erfüllung einer freundnachbarlichen Pflicht. Wir dürfen die Spmptome, nach 
* Bei dem Sestbankett zur Feier seiner Silbernen Hochzeit (18. Kebruar) batte König Georg V. 
einen Coast auf „baldiges Wiederseben im Welfenreich“ ausgebracht. Es bieh darin u. a: „In der Ge- 
chichte meines Hauses finden sich Besfpiels, vo exilierten Sürsten, die wieder in die Heimat lmrückgekehrt 
innd; der Ahnherr meines Hauses muhte sein Land verlassen und kebrte wieder; Ihr alle wisset, daß ein 
Herrscher von Hannover jehn Jobre in der Iremde leben mußte und dann doch wiederkehrte. Ich 
ordere Cuch auf zu trinken auf die Wiederberstellung des Welfenreiches, des Welfenthrones, auf meine 
Bückekehr in Cure Mitte. Sott gebe eine baldige Auferstehung des Chrones Hannover. 
2 s Schlu des Satzes von den Worten an: „dah fernere Bethätigung ..“ eigenbändiger Zufatz 
Bismarcks.
        <pb n="291" />
        Osterreich muß Aufhören der Agitation uur Bedingung des Ajupls machen. 27 
welchen wir die Gesinnungen und die Politik Öfterreichs beurteilen müssen, nicht unbeachtet 
lossen. Wir sprechen dies lieber offen aus, als daß wir unsere Auffassung zurüchhielten 
und nur im stillen unsere Politik danach einrichteten. Wollten wir dies tun, ohne Öster- 
reich davon zu avertieren, so würde letzteres sich über Mangel an Offenheit beklagen und 
aus den Wahrnehmungen, die ihm nicht entgeben würden, auf eine prinzipiell feindfelige 
Gesinnung Preußens schließen, die uns fernliegt. Es würde hinter der defensiven Haltung, 
deren Gründe wir ihm nicht offen ausgesprochen hätten, willkürliche aggressive Cendenzen 
vermuten, da, wo wir nur Rotwehr zu üben glauben. Wir zieben es daher vor, unserem 
aufrichtigen Wunsche nach freundschaftlichen Verhältnissen gerade dadurch Ausdruck zu 
geben, daß wir die Beziehung, in welcher die Haltung Österreichs in dieser Angelegenheit 
zu unserer ganzen Politik steht, offen darlegen; und wir geben das Vertrauen nicht auf, daß 
gerade diese Offenbeit diese freundschaftlichen Berhältnisse erhalten und stärken werde. 
Der Kaiserliche Reichskanzler hat darauf hingedeutet, daß wir durch die Entsiehung 
der dem König Georg verheißenen Revenuen selbst das Mittel in den Händen hätten, seine 
fernere Tätigkeit zu verbindern. Wir werden uns eventuell genötigt sehen, zu diesem Mittel 
z greifen. Aber in der Hauptsoche wird dadurch nichts geändert werden. Der König hat 
für den Augenblick Mittel genug in den Händen, um die Aogitation noch einige Seit fort- 
zusetzen, und wird sie in der trügerischen Hoffnung auf eine nahe Zukunft rücksichtslos auf- 
wenden, solange Österreich nicht das Aufbhören der Agitation zur 
Bedingung des Asplsmacht. 
Sw. pp. wollen den gegenwärtigen Erlaß durch Vorlesen zur Kenntnis des Kaiserlichen 
Herrn Aeichskanzlers bringen. 
1075. Drlvatschrelben an den Gesandten in Wien 
Frelherrn von Werther. 
[Abschrift.] 
Berlin, den 22. Gebruar 1868. 
Haben Sie die Güte, verehrtester Ireund, wenn Baron Beuft Mitteilung von Akten- 
stückken verlangt, ihm zu sagen, daß seine Außerung über die Möglichkeit der Veröffent- 
lichung aller vertraulichen Mitteilungen, die sechs Monate alt lind, mich absolut ein- 
geschüchtert hat. Bisher existieren Geheimnisse der Kabinette, die dieselben, auch wenn sie 
Krieg gegeneinander führen, nicht zu veröffentlichen sich schuldig zu sein glaubten. Sobald 
dieses Gefühl der Solidarität und der Nitterlichkeit aufhört, so hört auch jede Möglichteit 
eines wirklich vertraulichen Verkehrs auf. Gegen König Georg werden wir in kurzem 
mit Sequester vorgehen. 
ARachschrift. Wenn ich veröffentlichen wollte, was mir über die Preßtätigkeit der 
Kaiserlichen Minister und ihrer Bertrauten urschriftlich bekannt und in Händen ist, so 
könnte das weit führen. Wir haben sehr viele der Konzepte in Händen, die von Wien und 
aus der Staatskanzlei direkt an Leute ergeben, über die man dort allein zu disponieren 
glaubt-. 
Ceilweise bei Job. Saß, Di * » 
Mo dsgl Bellt-. s« SSIL IvbssbDiedeutlchcsWetöbachekIntenswakttqeaPolstIS 
ILaatAleteaaotisbaudelttslichnseineigmhändigssschreib-aBimqu 
IVqLAr.lon
        <pb n="292" />
        278 Auch Kurfürst von Hessen läuft Gefahr der Sequestrierung seines Vermögens. 
*1026. Erlaß jan den Oberpräsidenten in Kassel von Meoeller. 
[Konfzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.] 
Berlin, den 24. Gebruar 1868. 
Das Schreiben, d. d. Prag, den 6. Januar d. J., in welchem laut öffentlichen Blättern 
der Kurfürst Sriedrich Wilhelm bei Gelegenheit des Dankes für einen Teppich die Hoffnung 
ausspricht, 
daß die gewaltsame Trennung von seiner Heimat und seinem Bolke nicht von langer 
Dauer sein, die Seit der Prüfung bald ein Ende gewinnen und Hessens Schild und 
Wappen wieder werde aufgerichtet werden, 
hat nicht verfehlen können, die Aufmerksamkeit der Regierung zu erregen. Es feblt zwar 
für jetzt an dem juristischen Beweise, daß das Schreiben wirklich von dem Kurfürsten 
herrührt; aber die Art und Weise, wie es in die Öffentlichkeit gebracht worden ist, läßt an 
der Schtbeit kaum einen Sweifel, und jedenfalls ist Grund genug vorhanden, den Kurfürsten 
zu verwarnen. Sein Seschäftsträger hat Berlin verlassen; ich setze aber voraus, daß Ew. 
pp. Mittel und Wege finden werden und ersuche Sie demgemäß ergebenst, ihm mit Bezug 
auf jenes Schreiben in vertraulichem Wege durch Mittelspersonen die Warnung zugeben 
zu lassen, daß, wenn er sich auf feindselige Demonstrationen oder Unternehmungen gegen 
Preußen einlassen sollte, die Regierung einen Akt der Gesetzgebung behufs Sequestrierung 
seines diesseitigen Vermögens bei dem Landtage beantragen würde. Ich glaube, daß be- 
sonders auf die Srau Fürstin von Hanau ein derartiger Wink von Eindruck sein würde. 
Sugleich ersuche ich Ew. pp. ergebenst, etwaige Berbindungen des Kurfürsten im Lande 
m überwachen und den Polizeipräsidenten von Madai in Srankfurt zu gleicher Wachsam- 
keit zu veranlassen. 
*1022. Erlaß an den Botschafter in Paris Grafen von der Golz. 
W’½7 oon der Hand des Vortragenden NRats Theremin.) 
n einem Berichte vom 22. Februar, der die rumänische olitik eingebend erörterte, hatte 
Graf v d. Goltz sich auf den Standpunkt gestellt, daß Fürst Karl, der Jeine Stellung vorzugs-= 
weise nicht der rufsischen, londern der franzölischen Politik verdaue, sich möglichst an Srankreich 
anlehnen müsse. Rach Goltz wäre gerade auch Preußen neben Österreich dabei interessiert, daß 
der rulsische Einfluß in den Donaufürstentümern nicht der überwiegende werde. Der Bot- 
Tchafter erinnerte an das von Preußen im Jahre 1854 mit L#errreich (9bgeschl ollene Garantie- 
bündnis, das von dieser **- Ansicht ausgegangen sei. Rach Goltz gollte — daher 
auch jetzt dahin wirken, daß Fss. t. Karl sich nicht einseitig ouf Ruhland stütze und bei der von 
m Astredten Beglaubigung felbständiger Geschäftsträger in Vukarest neben den russischen auch 
preuhische Borspanndiensjte juche. 
Vertraulich. Berlin, den 26. Februar 1868. 
Ew. pp. vertraulicher Bericht vom 22. d. M. Ar. 52, die rumänische Angelegenbeit 
betreffend, hat sich mit meinem vertraulichen Erlasse Nr. 73 vom 21. d. M. gekreuzt. 
Nach Expedition des letzteren ist mir auch noch ein Bericht des Grafen Keyserling vom 
13. d. M. zugegangen, der die Behauptung der rumänischen Regierung über die Unwahr- 
1 Der Satz Fpgenbee Zufatz Bismarckes. Auhbßerdem weist das Konzept eine Veihe kleinerer 
Korrekturen von seiner Hand auf. 
·——————
        <pb n="293" />
        Goltz' falsche Ansichten über Preuhens õnteressen in Rumänien. 279 
beit der Gerüchte von der Ansammlung revolutionärer Banden auf rumänischem Gebiete 
bestätigt und näheres über die Entstehungsgeschichte dieser Gerüchte enthält. Danach sind 
letztere, wie schon zuerst Suad Pascha: Graf Brassier gesagt, von dem belgischen Konsul in 
Bukarest ausgegangen, einem als Wucherer übel berüchtigten Bankier, der nach der An- 
nahme Fuad Paschas ein geheimer Agent Cusas sein soll, und dessen Abberufung der Fürst 
Karl schon seit längerer Zeit bei der belgischen Regierung beantragt hat. Die falsche 
Nachricht dieses belgischen Agenten ist durch die Berichte des österreichischen General- 
konsuls Baron Eder nach Wien und Konstantinopel bestätigt worden, und im gleichen Sinne 
haben die französischen Agenten das Pariser Kabinett unterbalten. 
In betreff der Beglaubigung von Geschäftsträgern in Bukarest teile ich vollkommen 
die von Ew. pp. im Berichte Ar. 52 ausgesprochene Ansicht. Wir werden uns bierbei 
vollltommen passiv verhalten, und ich glaube bisher dasselbe auch von Rußland voraussetzen 
zu können. Ubrigens lege ich der Sache keine so große praktische Wichtigkeit bei, daß es 
für den Fürsten Karl geraten sein könnte, sich über dieselbe Berwicklungen mit der Pforte 
zu bereiten, mit der eine vorgängige Verständigung unabweislich erscheint. Bisher ist diese 
Angelegenheit uns gegenüber nur von Grankreich zur Sprache gebracht worden. Daß Ew. 
pp. dieselbe gegen Marquis Moustier nicht wieder ausgenommen haben, entspricht ganz den 
allerhöchsten Intentionen. 
Was die Gesamthaltung der Aegierung der Sürstentümer zu den europäüschen 
MAächten anlangt, so bemerke ich, wie schon in meinem Erlasse Nr. 73 geschehen, daß die 
Fürstentümer und die Stellung des Gürsten Karl inlihnen zu schwach sind, um die Seindschaft 
Grankreichs oder Außlands auf die Dauer ertragen zu können. Meiner Ansicht nach 
muß der Sürst zwischen beiden lavieren, wie er kann, und keine entschiedene Entfremdung 
einer dieser beiden Mächte herbeiführen. Gelingt ihm dies nicht, so wird sein Unternehmen 
überbhaupt auf schwachen Füßen stehen, und wir werden dies aus persönlichen Rücksichten 
aufrichtig bedauern. Der von Ew. pp. entwickelten Ansicht über Preußens allgemeine 
politische Snteressen in den Donaufürstentümern vermag ich mich indessen nicht anzuschließen 
und kann den von hnen aufgestellten Satz, daß Preußen nächst SÖsterreich am meisten dabei 
interessiert sei, daß der rufsische Cinfluß in den Donaufürstentümern nicht der vorwiegende 
werde, nicht für begründet erachten. Eine Sinverleibung der Donaufürstentümer in 
Rußland würde für unsere Handelsbeziehungen nachteilig sein, da in Rußland die Rechts- 
pflege kaum besser ist wie in Rumänien und das Sollspftem ungünstiger. Aber hiervon ist 
für jetzt keine Rede. So wie die politischen Kombinationen zur Seit liegen, würde ich jenen 
Satz so formulieren, daß unsere politischen Interessen in den Donaufürstentümern nicht 
stärker find wie die Englands und Frankreichs und weniger stark als die der Grenz- 
nachbarn: Österreichs, Rußlands und der Türkei. Allerdings ist es möglich, daß bei einer 
anderen Lage der politischen Verhältnisse in Curopa als der beutigen unsere Interessen in 
den Donaufürstentümern stärker werden können als die Frankreichs und Englands-; aber 
eine Rechnung mit Saktoren, die in einer für jetzt ganz unbekannten Zukunft liegen, ist zu 
trügerisch, um ihr das entscheidende Gewicht für die Politik der Gegenwart beizumessen. 
Ich kann auch die Ansicht nicht teilen, daß der von Ew. pp. erwähnte Garantievertrag 
vom Jahre 1854 aus einer richtigen Erkenntnis der preußischen Snteressen bervorgegangen 
* Türkischer Minister des Auswärtigen. 
a Der Rest dieses Absatzes beruht auf eigemhändiger Korrektur Bismarcks.
        <pb n="294" />
        280 Die Mission Tauffkirchens 1867 und die französischen Rüstungen. 
sei. õch halte denselben vielmehr im Gegenteil für einen politischen Fehler, erklärbar da- 
durch, daß die Schüchternheit der damaligen preußischen Regierung ihr das Auge für eine 
richtige Würdigung der politischen Verhältnisse trübte. Ich habe schon damals, da ich 
persönlich in die betreffenden Berhandlungen eingeweiht war, die Überjeugung gewonnen, 
daß das Verhalten unserer damaligen Regierung ein Ergebnis ihrer Schwäche und jener 
Vertrag die Fortsetzung der Politik der Entsagung und der Hingebung an österreichische 
Leitung war, welche den Rachklang zu der auf Olmütz folgenden Periode bildete. 
*1028. Erlaß an den Boischafter in Darls Grafen von der Golz. 
. [Konzept von der Hand des Vortragenden RNats Abeken.] 
Nacheinem Bericht des Grafen v. d. Goltz vom 19. Februar hatte dieser tags zuvor 
Veranlassung genommen, Marquis Waustier über die vielfachen Prtümer Guhu lären, die be- 
süglich der Berlin-Wiener Mission des Grafen Taufskirchen im April in den im Öster- 
reichischen Rotbuch veröffentlichten Schriftfstückten, insbesondere in den Eusn' des Aeichskanjlers 
Sreiherrn v. Beust an Graf Wimpffen vom 19. April — Ar. 47 des Nolbuchs —, enthalten 
waren. Auf die von Goltz im Gespräch mit Moustier hingeworsene Bemerkung, daß das Wiener 
Kabinett dem franjösischen mutmaßlich gleich nach den Creignissen eine falsche Darstellung von 
Inhalt und Bedeutung der Taufstirchenschen Mission gegeben haben werde, bestätigte Mwustier: 
ja, man habe ihm damals mitgeteilt, daß es sich um nichts wen ger als die Wiederberstellung der 
Heiligen Allian;z gegen Srankreich gehandelt babe. Goltz ließ in seinem Bericht ein Bedauern 
durchblickeen, daß Bismarck ihm seinerjeit nicht von jenem Beuftschen Erlaß, der dem Minister 
hunch schon damals durch die von Beuft angeordnete Verlesung zur Kenntnis gekommen sei, Mitteilung 
gemacht habe; es hätte sich dann rechtzeitig einer Grreführung des französischen Kabinetts, die 
nicht ohne Cinwirkung auf die franfösischen Rüstungsmohregeln geblieben sei, vorbeugen lassen. 
Vertraulich. Berlin, den 26. Sebruar 1868. 
Ew. pp. gefälliger Bericht Ar. 46 vom 19. d. M. veranlaßt mich zu der Bemerkung, 
daß wir in gewissem Sinne dem Sreiherrn von Beust für die indiskrete Veröffentlichung 
des Rotbuchs dankbar zu sein Urfsache haben, indem er uns dadurch den Anlaß und die 
Aöglichkeit geboten bat, die an die Mission des Grafen Tauffkirchen geknüpften falschen 
Auffassungen zu berichtigen. Mit den Aufklärungen, welche Ew. pp. dem Marquis de 
Moustier darüber gegeben haben, bin ich vollkktommen einverstanden. Bis zu welchem 
Grade dies nötig war, habe ich allerdings erst jetzt erkennen können. Daß die Depesche des 
Freiherrn von Beuft vom 19. April (Nr. 47 des Notbuchs) mir damals vorgelesen worden 
wäre, ist mir durchaus nicht erinnerlich, im Gegenteil habe ich sehr bestimmt im Gedächtnis, 
daß ich nur ein längeres Gespräch mit dem Grafen Wimpffen über die Tauffkirchensche 
Mission gehabt habe, und zwar spajierengehend im Garten, wobei es schon an und für sich 
nicht wahrscheinlich ist, daß ein so langes Aktenstückt vorgelesen worden sei. Sch glaube 
nicht, daß mein Gedächtnis mich in dieser Besiehung trügt. Die Aeußerungen des Grlafenl! 
Wimpffen waren dabei vorwiegend satirischer Matur über Grlaf]j TCauffkirchen, abwehrend 
gegen bairische Intervention zwischen uns ulnd) Oestreich ulnd] auffordernd mu sperifi- 
cirten Anerbietungen des Preises, den wir für Oestreichs Allianz zu geben geneigt sein 
würden. Es ist von mir, da ich den Eindruck behielt, daß auf ehrliches Entgegenkommen 
nicht m rechnen senn, keine Antwort darauf erfolgt, ja, in der ganzen Korrespondenz mit 
dem Königlichen Gesandten in Wien findet sich keine Beziehung darauf. Die Berichte des 
letzteren über das Auftreten und die Aufnahme des Grafen Cauffkirchen in Wien und über 
: Der Elngang dieses Satzes und der vorausgebende Satz eigenhändiger Jujat Bismarcks.
        <pb n="295" />
        Bedenkliche Schwankungen der äußern Politik Napoleons IHI. 281 
seine eigenen Unterredungen mit dem Freiherrn von Beust tragen den Stempel der freund- 
schaftlichen, aber reservierten Haltung, welche ihm zur Hflicht gemacht war; und die Ew. 
pp. damals mitgeteilten Schriftstückke enthalten in der Tat alles, was zur Charakterisierung 
jener Mission dienen konnte. 
Wie sehr die letztere aber auch damals in Paris mißverstanden sein mag, so würde es 
doch schwer sein, aus diesem WMißverständnis allein die französischen Rüftungen zu erklären; 
wie Ew. pp. in dem angejogenen Berichte zu tun geneigt scheinen. Ew. pp. bitte ich sich zu 
erinnern, daß diese Rüstungen lange vorher begonnen und in großem Maßstabe energisch 
fortgeführt wurden, monatelang ehe der Gedanke an die Mission der Grafen Lauffkirchen 
dem Sürsten Hohenlohe gekommen, ja daß dieser Versuch einer Annäherung an Osterreich 
in defensivem Sinne wesentlich mit durch die Besorgnisse veranlaßt war, welche die franfö- 
sischen Rüstungen überall erweckten, Rüstungen, durch die auch die Luxemburger Grage erst 
den drohenden Charakter erhielt, den sie eine Seitlang annahm. Und welches auch die 
Darstellungen gewesen, welche dem französischen Gouvernement von den preußischen Ab- 
sichten bei jener Mission zukamen, ja, gerade wenn diese Darstellungen einen so extremen 
und, ich möchte sagen, abenteuerlichen Charakter trugen, wie die Bildung einer Koalition 
gegen Frankreich, so wäre es doch sehr unnatürlich, daß eine friedliebende Macht durch 
solche unverbürgte Insinuationen von unglaubwürdiger Seite her die Richtung ihrer Do- 
litik bestimmen und sich zu so umfassenden Rüstungen bewegen lassen gollte, ohne auch nur 
eine Erkundigung anzustellen. Die Außerung des Baron Budberg gegen Ew. pp., daß 
wir in Petersburg den Versuch einer Koalition gegen den Kaiser Napoleon gemacht hätten, 
stimmt freilich zu der seit langem bekannten Ungunst dieses Diplomaten gegen Preußen; in 
Petersburg selbst aber kennt, versteht und teilt man zu sehr die rein defensive Aichtung 
unserer olitik, als daß man uns den Gedanken einer Koalition unterschieben fgollte. 
Immerhin ist es nur erfreulich, daß Ew. pp. jetzt Gelegenbeit gefunden haben, dem 
Kaiserlichen Minister Aufklärungen zu geben, welche dazu dienen können, jeden Nest eines 
Mißpverständnisses über unsere damaligen Absichten zu beseitigen und die friedlichen Ge- 
sinnungen des Kaiserlichen Gouvernements zu verstärken. 
Daß diese friedlichen Gesinnungen bei dem Kaiser Napoleon vorhanden sind, davon bin 
ich ebenso überzeugt wie Ew. pp. selbst. Die Frage ist für uns nur, ob dieselben stark 
genug sind, dem Bedürfnis der Ableitung von inneren Sragen und der Überwindung innerer 
Krisen mit Erfolg entgegenmuwirken. Dies Bedürfnis kann bei dem jetzigen Zustande 
Grankreichs und der Stellung der Kaiserlichen Regierung bald genug eintreten. Ew. pp. 
selost erwähnen, wie die Griedenspolitik des Kaisers gleich nach der glückklichen Durch- 
bringung des Armeegesetzes sofort von neuem wieder durch eine bei Gelegenheit des Preß- 
gesetzes drohende innere Krises gefährdet gewesen. Solche Krisen können in jeder Woche 
und bei jedem neuen Gesetz von Wichtigkeit wieder eintreten; und diese ängstliche Rücksicht 
auf die inneren Schwankungen und auf eine durch die letzte Session mächtiger gewordene 
Kammermajorität unterwirft offenbar auch die äußere Politik des Kaisers bedenklichen 
Schwankungen, welche es uns schwer machen, ein volles und zuversichtliches Vertrauen in 
dieselbe zu fallen. 
: Der Satz enthält eine Reihe Kleinerer Korrekturen Bismarcks. 
2 Vgl. dazu Schultbeß’ Europälscher Seschichtskalender, Jo. 1868, S. 300 fl.
        <pb n="296" />
        282 Welfenlegion als Prüfstein für Srankreichs Haltung. 
Es ist daher natürlich und notwendig, daß wir mit Aufmerksamkeit alle Symptome 
verfolgen, welche dam dienen können, uns ein Urteil über die Stärke der friedlichen Ge- 
sinnungen des Kaisers und die Durchführbarkeit seiner Sriedenspolitik zu geben. Als ein 
solches Symptom babe ich das Verhalten in betreff der hannöverschen Legion bezeichnet. 
Daß diese Angelegenheit einen „bhöchst ungeschickten Anlaß, um Händel mit Preußen 
anmfangen, abgeben würde“, darüber bin ich mit Ew. pp. vollständig einverstanden; ich habe 
auch nie geglaubt, daß man in Paris die Sache des Königs Georg und seiner Legionäre als 
einen solchen Anlaß ansehen oder benutzen könne. Wenn man dort diese Umtriebe begünstigen 
wollte, so konnte das nur in dem Gedanken gescheben, um eine etwaige Aufregung in 
Hanover ulnd) das Bertrauen der dortigen Malcontenten auf EGrlan)kreich wach m er- 
halten ulndj päter vielleicht, wenn Krieg entstand", die Legion solchen Cruppen gegenüber 
zu stellen, bei denen man auf Desertion glaubte hoffen zu dürfen. Daß Grankreich im gegen- 
wärtigen Augenblick die verlorene Sache des Königs Georg zu der seinigen machen und 
dies als einen Anlaß zum Bruch mit Preußen betrachten würde, konnte mir nicht einfallen. 
Als ein Symptom der Tendenzen aber, welche man für die weitere Entwicklung der Ber- 
bältnisse verfolgt, mußten wir allerdings die Haltung Frankreichs gegenüber den Agita- 
tionen des Hietzinger Hofes ansehen. 
Sw. pp. bitte ich, meinen Wunsch der jsorgfältigen Verfolgung der Haltung des fran- 
zösischen Gouvernements in der hannöverschen Angelegenheit von diesem Gesichtspunkt aus 
ins Auge zu fassen. « 
*1079. Schreiben an den Staatsminister Leonhardt. 
[Pontept von der Sand des Vortragenden Vats Abeken.] 
Vach einem Schreiben des Justizministers Leonhardt, der an die Stelle des Grafen jur Lippe 
getreten war, vom 24. Sebruar stellte sich der mit der Verfolgung der „bannoverschen Hoch- 
verratsangelegenbeit“" (ogl. dazu S. 259, Anm. 2) beauftragte Oberstaatsanwalt beim Kammer-- 
ericht Adlung auf den Standpunkt, nur gegen solche Legionäre vorzugehen, die dem Offizier- 
tande angehörkten. 
Berlin, den 26. Gebruar 1868. 
Indem ich Ew. pp. meinen verbindlichsten Dank für die gefällige Mitteilung vom 
24. d. M. (I. 823), die Angelegenheit der sog. bannöverschen Legion betreffend, sage, gestatte 
ich mir zugleich die ganz ergebene Bemerkung, daß ich die Auffassung des Königlichen Ober- 
staatsanwalts nicht teilen kann, nach welcher alle diejenigen Militärpersonen, welche nicht 
zum Offizierstande gehören, weil sie nach ihrem Bildungsgrade das Bewußtsein der Straf- 
barkeit ihrer Handlungsweise entbehren, straflos sein sollten. Ganz möchte die Voraus- 
setzung dieses, wie mir scheint, nicht ganz ungefährlichen Satzes nicht einmal bei allen gemeinen 
Soldaten zutreffen; gewiß aber nicht bei den Unteroffizieren und am wenigsten bei den 
Wachtmeistern und Feldwebeln, welches alte gediente Leute, und, wenn auch mit den 
geselligen Gewohnheiten der niederen Stände, doch schon durch die lange Erfahrung des 
Dienstes und die für ihre Stellung nötige Vorbildung einen Grad des sittlichen Bewußtseins 
erlangt haben müssen, der sie auch in der vorliegenden Beziebung unbedingt zurechnungs- 
·Der Passus von den Worten an: „um eine etwaige Aufregumg .“ eigenhãandige Korrektur 
Bis marcks.
        <pb n="297" />
        Hannoverscher Hochverraksprojeß. Ledochowski und die Simultanschulen. 283 
fähig macht. Die Wachtmeister ulnd] Feldwebel haben in der Regel von der Tragweite 
ihrer Handlungen klarere Vorstellungen als mancher junger Offiziert. Würde jener Satz 
allgemein angewendet, so würde damit auch die Zurechnungsfähigkeit eines großen Theiles 
der subalternen Executiobeamten fallen, beispielsweise der ganzen Gensdarmerie:, Außer-- 
dem ist der Einfluß gerade dieser Thargierten auf die Bevölkerung besonders groß; und es 
wäre mir auch aus diesem Grunde nicht erwünscht, denselben eine straffreie Rückkehr zu 
gestatten. In diesem Sinn habe ich mich auch gegen den Kaiserlichen Botschofter in Paris 
ausgesprochen und bei großer Milde gegen die Gemeinen die Anwendung der gesetzlichen 
Strenge gegen alle Chargierten in Aussicht gestellt. Sofern daher Ew. pp. nicht etwa ander-- 
weite Verfügung bereits getroffen haben sollten, wäre es mir erwünscht, wenn die Ab- 
standnahme von der Verfolgung nur auf die gemeinen Soldaten beschränkt werden könnte. 
*1080. Schrelben an den Staatsmintster von Mähler. 
(Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Wagner!] 
Am 6. Februar hatte der Erzbischof von Gnesen und Dosen Graf v. Ledochowski aonlählich 
einer unter den katholischen Elementarlehrern seiner beiden Ertdiözesen in Umlauf geletten 
Petition an das Abgeordnetenhaus, die die Beseitigung des konsessionellen Charakters der 
Schulen und die allgemeine Einrichtung von Simultanschulen zum Siel hatte, seinen Geistlichen 
in einer öffentlichen Bekanntmachung jur Pflicht gemacht, vor einer Beteiligung an dieser 
Petition zu warnen. Der Oberpräsident von Dosen v. Horn glaubte in der öffentlichen Stellung= 
nahme des Erzbischofs gegen das Simultanschulwesen, das in einjelnen Teilen der preuhischen 
Monarchie 9uebli bestand, eine ungebörige Cinmischung sehen zu sollen und trug in einem 
Berichte an das Kultusministerium vom 23., der auch Bismarck zuging, darauf an, dah dem 
Crkbischof eine solche Einmischung verwiesen werden möge, sprach auch die Absicht aus, von sich 
aus den Erzbischof auf das Ungehörige seines Vorgebens aufmerksam machen zu wollen. 
Berlin, den 27. Sebruar 1868. 
Der Oberpräsident von Horn hat mir Abschrift eines Berichtes überreicht, welchen er 
in Veranlassung eines von dem Erzbischof von Posen und GSnesen in NAr. 2 des amtlichen 
Kirchenblattes für seine Erzdiözese veröffentlichten Erlasses vom 6. d. M. unter dem 
27. d. M. an Ew. Exzellenz erstattet hat. 
Wenn der Herr pp. von Horn in diesem Berichte die Absicht ausspricht, den Erz- 
bischof Grafen von Ledochowski zur Vermeidung fernerer Veröffentlichungen derart auf das 
Bedenkliche seines Verfahrens aufmerksam zu machen, so vermag ich mich meinerseits dieser 
Absicht und deren Begründung nicht anzuschließen. 
Allerdings bietet der in Srage stehende Erlaß vom Standpunkte der evangelischen 
Provinzialbehörde wohl die von dem Oberpräsidenten bervorgebobenen Angriffspunkte dar. 
doch darf dobei nicht überseben werden, daß der Graf Ledochowski als katholischer 
Erzbischof kaum in anderem Sinne sprechen und schreiben kann. 
Nach meinem ergebensten Dafürhalten wird es sich deshalb empfeblen, den in Frage 
stehenden Erlaß mit Stillschweigen zu übergehen und sich in der Praxis durch diejenigen 
Gründe und Gesichtspunkte bestimmen zu lassen, welche vom Standpunkte der Behörden 
aus als die richtigen erscheinen. 
1 Der Satz berubt auf eigenbändiger Korrektur Bismarchs. 
a Der Satz eigenbändiger Sufatz Bismarrks.
        <pb n="298" />
        284 Baden und Bauerns neuer Anlauf zu einem Südbund. 
*1081. Erlaß an den Gesandten in Karlsruhe 
Grafen von Flemming. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Bucher.] 
Vach wei neuerlichen Berichten des Grafen Slemming vom 21. und 23. Februar (ogl. 
auch Nr. 1070) stand ein neuer Anlauf Bauerns in der Frage eines Südbundes #u erwarten. 
Aus Besprechungen des Gesandten mit dem Großberzog und mit Minister Sreiherrn v. Freydorf 
ging bervor, daß man badischerseits den bagrischen Projekten innerlich ablehnend gegenüberstand. 
Vertraulich. Berlin, den 28. Februar 1868. 
Sw. pp. Berichte No. 19 und 20 vom 21. und 23. d. M. betreffend den neuen Anlauf 
Bayerns zu einem Südbunde, babe ich erhalten. Was ich über den Indhalt derselben zu 
bemerken babe, knüpft sich von selbst an meinen Erlaß vom 3. Dezember v. J. No. 149, in 
welchem ich auf die erste Rachricht von dem Bölderndorffschen Entwurf den Gedanken ent- 
wickelt habe, es werde für Baden ratsam sein, die von Bauern kommenden Vorschläge 
nicht von Haufe aus abzulehnen, sondern auf Besprechung derselben einzugehen und sie im 
Detail entweder so zurechtzudrücken, daß eine Brüchke zur Einigung Deutschlands daraus 
werde, oder sie scheitern zu lassen. Es ist inzwischen nichts gescheben, was meine Auffassung 
bätte modififieren können; und ich ersehe mit Befriedigung, daß der Präsident von Srey- 
dorf dieselbe wenigstens insoweit teilt, daß er jeden Schritt widerraten will, der den Fürsten 
Hobenlohe veranlassen könnte, mit seinem oder des Königs Projekte zurück uhalten. Ich 
bitte, ihn nicht nur darin zu bestärken, sondern dahin zu wirken, daß er sich nicht auf eine 
passive Haltung beschränke, sondern, wenn das Projekt in München Form gewonnen hat, 
die Diskussion desselben bereitwillig aufnehme. Cinen Grund dafür, der in dem indi- 
viduellen Interesse Badens liegt, hat er selbst schon bezeichnet: die Besorgnis, daß man 
Baden für das Scheitern der bagrischen Vorschläge verantwortlich machen werde; und 
wenn es nur auf den nächsten Sweck ankäme, Baden zum Eingehen auf die Erörterung 
geneigt zu machen oder geneigt zu erhalten, so würde es unsererseits genügen, sich auf dieses 
eine Motiv als das psuchologisch wirksamste zu verlassen. 
Unsere Ansicht von der Entwickllung der Dinge und von dem nteresse Deutschlands 
aber liefert noch einen zweiten Grund für den Wunsch, das Projekt eines Südbundes ernst- 
lich geprüfst und behandelt zu sehen; und je weniger dieser Grund den Stimmungen in Baden 
msagt, je nötiger ist es, ihn geltend zu machen. Herr von Freudorf hat über der zweiten der 
in meinem Erlaß No. 149 bezeichneten Alternativen: die Verhandlungen über einen Süd- 
bund scheitern zu lassen, die erste: das Projekt m einer Brücke für den Gesamtbund zu 
gestalten, aus dem Auge gelassen. Es folgt das aus den Wünschen und Sedanken, die man 
in Baden über die Entwicklung der deutschen Verhältnisse hegt, aus der Ungeduld, die sich 
in den badischen Kammern ausdrückte, und die in meinem Erlaß Ao. 148 vom 3. Dejember 
v. J.-, betreffend das Gutachten des verstorbenen Ministers Alathu über die Behandlung 
der MWilitärvorlagen, als erklärlich und in einem gewissen Mahe gerechtfertigt anerkannt 
ist. Aber dieselben Erwägungen, aus denen wir es damals ablehnten, die Erklärung zu 
geben, daß der Eintritt Badens in den Norddeutschen Bund unter allen Umständen 
gesichert sei, dieselben Erwägungen widorraten es jetzt, den bayrischen Plan von vorne- 
1 Siehe Ar. 975. 
Slebe Ar. 974.
        <pb n="299" />
        Wie Baden sich zu dem Projekt des Südbundes stellen goll. 285 
verein als eine verlorene Sache zu behandeln. Denn hinter den Verhandlungen über den 
Südbund, wenn sie rejultatlos verlaufen sind, wird wieder dieselbe Frage stehen, mit der 
Baden sich im vergangenen Herbjte beschäftigte, und wir würden sie ähnlich wie damals 
zu beantworten haben. Auf einen Schlag eine bomogene Sestaltung Deutschlands zu er- 
reichen, ist nur möglich im Falle eines Krieges. Abgesehen von dieser Sventualität, die wir 
weder vorhersehen noch hberbeiführen werden, wird die Entwicklung ein oder mehrere 
Übergangsstadien zu durchlaufen haben. Diese abzukürzen, kann viel geschehen, wenn man 
sich die Mühe nicht verdrießen läßt, jedes einzelne brauchbare Element festmuhalten und 
unserem letzten Zwecke dienstbar zu machen. In meinem Erlaß No. 149 habe ich aus der 
Völderndorffschen Skizze schon einige Jolcher Punkte bervorgehoben; was der ausgearbeitete 
Entwurf bringen wird, bleibt abzuwarten. Ein Moment läßt sich jedoch vorweg als uner- 
läßlich bezeichnen, wenn es nicht bloß zu Konventionen über einzelne, den Südstaaten gemein- 
same Einrichtungen, sondern zu einem Bunde derselben kommen soll — ein süddeutsches 
Parlament. 
Die Beseitigung des Bestehender ist der schwierigste Theil der Aufgabe nationaler 
Neubildung. Ist das Bestehende, sei es auch durch einen süddeutschen Bund, in Bresche 
gelegt, so wird das gesunde nationale Leben von selbst aus den Crümmern wachsen. Diese 
Bresche kann aber nur durch so eingreifende Reubildung wie ein gemeinsames Parlament, 
nicht durch einen bloßen Bund der NRegirungen gelöst werden'. Die jetzigen Verfassungen 
und ihre Landstände sind ebensoviel Sitadellen des Partikularismus. In einem Parla- 
mente würden die partikularen Snteressen einander neutralisieren und die vereinte nationale 
Partei in kurzer Seit die WMajorität gewinnen. Außerdem wären die formellen Schwie- 
rigkeiten eines Zutritts zu dem NDorddeutschen Bunde bei einem süddeutschen Parlamente 
viel geringer als bei vier doppelten Ständeversammlungen. 
Die Tichtigkeit dieser Ansicht hat der Reichstag bewährt und wird, vertraue ich, das 
Jollparlament bewähren. Schon die eben abgehaltenen Wahlen sind günftiger ausgefallen, 
als ich gehofft hatte". Auf praktische Sragen angewiesen, gibt das Sollparlament dem 
doktrinären Cigenjinn, der scholastischen Sewöhnung des Denkens, den religiösen Befangen-- 
beiten keinen Spielraum; die Beschäftigung mit großen, das ganze Sollgebiet und den 
Weltverkehr angehenden Bedürfnissen wird den Gesichtskreis der Mitglieder erweitern; 
und in dem perfönlichen Verkehr werden Vorurteile zwischen Männern schwinden, die ein- 
ander bisher nur durch das brechende und trübende Medium der Presse angesehen haben. 
Die Befriedigung jedes gemeinsamen Bedürfnisses wird ein neues Bedürfnis fühlbar machen 
und seine Befriedigung erleichtern. Sch glaube nicht zu sanguinisch zu sein, indem ich von 
jeder folgenden Legislaturperiode des Sollparlaments ein günstigeres Wahlergebnis er- 
Der Eingang des Ablatzes beruht auf eigenbändigem Zujatz Dismarcks statt längerer Ausfüb- 
rungen Buchers. . 
sBismaktscdenlcttvohlvokallemaadieiaBadenqm22.sebruakerfolgteaWTblenzumZolls 
parlament,bei·bestens-NationalliberaleKletilruleundlGtohdeutlchekgewählt-vorsch-Dagegenbattta 
inBagekadtelchoaam10.sebtuakltattqefundenenWahleneinltatlcesllbetgywtchtdetUltras 
montan«m»ethbFI-Izgl.Denkwiikdigkeitendessüklkenchi.zuHohenlohesöchillingsfllklk-1-294f.leliq 
ungünftig fielen in Bismarcks Sinn päter am 24. März die württembergischen Wablen aus, wo die natio- 
nole „Deutsche Dartei“ nicht einen einzigen Kandidaten durchbrachte. Bgl. dam: Deutscher Liberalismus 
im Zeitalter Bismarcks, I. 40# ff. Sebt ausfübrlich über die württembergischen Wablen A. Rapp, Die 
Württemberger und die nationale Srage 1863 bis 1871, S. 266 ff.
        <pb n="300" />
        286 Nasche Verschmelzung Deutschlands ohne Krieg unmöglich. Verliner Neise Jerome Napoleons. 
warte“. Man muß sich in Baden nur von der SIllusion losmachen, daß ohne Krieg die Ver- 
schmelzung in wenigen Wochen, etwa durch ein diplomatisches Actenstück, thunlich sei, man 
muß sich daran gewöhnen, für die Sukunft m arbeiten. Die Srucht nationaler Einigung 
kann in der kühleren Temperatur eines Sriedensjahres nicht dieselben Sortschritte zur Reife 
machen wie in der Hitze der Schlachten von 1866. 
Sch resümiere meine Auffassung dahin: Bapern mit seinen Vorschlägen berauskommen 
lassen; dieselben mit Muße prüfen; den Südbund, so lange er ohne Parlament geboten 
wird, deshalb ulnd) nur deshalb abzulehnen'; gemeinsame Einrichtungen, die sich an die 
entsprechenden des NDorddeutschen Bundes anlehnen oder ihnen wenigstens äbnlich sind, 
aber anzunehmen und zu fördern? — sie als kleine ECtappen auf dem Wege jum Siele 
anzusehn. 
1082. Telegramm an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
l[Eigenhändiges Konzjept.] 
Am 24. Gebruar hatte Graf v. d. Goltz auf Grund von Mitteilungen des früheren Ministers 
des Innern Lavalette gemeldet, daß (prink# erome Napoleon auf etwa acht Tage nach Berlin 
zu kommen beadsichtige. An eine amtliche Milsion eleuble der Votschafter schon Sesnegn nicht, 
weil der Prinz als Schwiegersohn König Victor Emaonuels und erklärter Widersacher der Kurie 
lich u der olitikt Kaiser Aapoleons notorisch im Gegensatz befand. Wie Goltz am 25. nach- 
sügte, war Marquis de Moustier über den Reiseplan des rinzen gar nicht unterrichtet. Aach 
einer weiteren Meldung des Votschafters vom 27. hatte Napoleon III. auf Befragen Woustiers 
geantwortet, daß er jwar dem Prinzen auf dellen schriftliche Anfrage die Erlaubnis zu der 
Beise nicht habe versagen können, indessen habe er ihm keinerlei Folitische Aufträge erteilt. 
m Mißdeutungen der Aeise vorzubeugen, beabsichtigte Moustier durch ein Sirkular an die 
a wlschen m litenen (das aber erst om 2. Mär) und, wie es scheint, nur an die Votschaften 
und Wien erging, ogl. Les Origines Diplomatiques, XXI, 13) ausdrücklich 
den rein i Charakter der Rae festiustellen. Aäheres über die öenesis und die Iwecke 
der Neise, mit der der Prinz, doch wohl im stillen Einperständas mit Napoleon IIlI. eine politische 
Rietzognesierung der Zustände in Deutschland im Hinblick auf die Srage der künftigen Einigung 
beabsichtigte, bei E. o. Wertheimer, Bismarck im politischen Kampf S. 347 ff. König Wilhelm I. 
und Bismarck, denen der Prinz schon im Grühjahr 1866 durch die Mi#ssion gi G#. Die Ge- 
lammelten Werke, V, Ar. 362) als Versucher genaht war, waren durch den Besuch nichts 
weniger als aongenehm überrascht. — besorgte, daß das Kommen des Dü#nzen den Iweck 
verfolge, den Schein eines näheren frangölisch-preußischen Einverständnisses vorzutäuschen und 
dadurch in Petersburg Argwohn bervorjurufen. 
Berlin, den 28. Sebruar 1868. 
Nachdem Grlaff Goltz gestern gemeldet, daß Prinz Aapoleon Aeise hierber ulnd] nach 
Wien beabsichtige, der Kaiser aber dagegen sei, telegraphirt Goltz soeben, daß der Prinz 
über Frankfurt in 3 Tagen bier eintreffen, im Gasthofe wohnen werde. Bisher existirte 
kein Anzeichen, welches uns auf den Sedanken an die Möglichkeit dieses SEinfalls hätte 
bringen können, ulnd) über den Zweck, falls die Reise einen hat, habe ich bisher keine Ver- 
muthungen. Sagen Sie Vorstehendes an Fürst Gortschakow. 
Teilweise bei S. v. Wertbeimer, Bismarck im politischen Kampf, S. 351. 
* Der Aest des Absatzes eigenbändiger Zusatz Bismarcks. 
* Ole Worte: „den Südbund “ eigenböndiger Jusat Bismarcks. 
7 Der Rejst des Satzes eigenböndiger Zusatz Biemarcks.
        <pb n="301" />
        Königin Victoria und Georgs V. Hietzinger Asul. 287 
*1083. Privatschreiben an den Gesandten in Wien 
Freiherrn von Werther. 
#enu“ von der Sand des Vortragenden Rats Abeken.] 
s Auherungen des englischen Staatssekretärs Lord Stanlen zu Bernltorff, über 
die dielus am 22. berichtete, und aus brieflichen Mitteilungen, die König Wilbelm I1. durch Jeine 
Gemahlin (vgl. sein Schreiben an Bismarckl vom 22. Februar, Anhang zu den Gedanken und 
Erinnerungen, I, 169 f.) vom englischen Hofe her erhalten hatte, mußte Bismarck ersehen, daß 
vor allem Königin Victoria dem König Georg V. eine starke Antipathie entgegenbrachte und 
on dem Gedanken, dah dieser nach einer etwaigen Aufkündigung der absterreichischen Gast- 
fasan leinen Aufenthalt in England nehmen könnte, förmlich erschrecktt war. Unter diesen 
Umständen ließ Bismarck am 26. Jebruar FSreiherrn o. Werther mitteilen: „Bei weiterer Be- 
Iprechung der Hietzinger Angelegenheit mit Baron Beusft bitte ich Ew. pp. alles zu vermeiden, 
was ein Dräöngen auf Entfernung des Königs aus Österreich implizierte“. Ein Drioatbrief 
Werthers vom 26. gab Bismarchk lnmieenme sich nochmals im gleichen Sinne zu äuhßern. 
Vertraulich. Berlin, den 29. Gebruar 1868. 
Ew. pp. sprechen in õhrem gefälligen Privatbrief an mich vom 26. d. M. die Absicht 
aus, den Freiherrn von Beust über den dem Könige Georg gewährten Schutz „fortdauernd 
zu interpellieren, bis das Resultat des völligen Aufhörens der Agitation des Hietzinger Hofes 
oder der Beendigung der Asyl-Gewährung erreicht sei.“ 
Das Aufbhören der Agitation ist allerdings das Siel unserer Sorderungen, und gofern 
die Drohung mit der Entziehung des Aspls als Mittel dazu gebraucht werden Kkann, ist sie 
den Umständen nicht unongemessen. Dagegen wiederhole ich die Bitte, welche ich bereits 
telegraphisch ausgesprochen, daß Cw. pp. nicht unbedingt darauf hinwirken mögen, daß der 
König Georg gezwungen werde, Österreich zu verlassen. Seine Moajestät der König ist nicht 
ganz ohne Besorgnis über die möglichen Solgen eines Aufenthalts des Königs Georg in 
England und legt einiges Gewicht auf die vertraulich und durch die Samilienverbindungen 
an ihn gelangten Wünsche der Königin Victoria. Letzterer würde es in jeder Beziehung 
böchst unangenehm sein, wenn ihr Vetter seinen Wohnsitz nach England verlegte; und es ist 
begreiflich, daß auch die englische Regierung diese Abneigung gegen einen solchen Schritt 
teilt. Da auf der Seite des Königs Georg diese Abneigung ebenso groß zu sein scheint, so 
ist wohl kaum zu erwarten, daß es dazu komme. 
Dagegen dürfen wir von der österreichischen Regierung eine strenge UÜberwachung und 
eine eventuelle Verhinderung des Treibens des Hietzinger Hofes erwarten. 
*1084. Erlaß an den Botschafter in Daris Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.) 
Berlin, den 29. Februar 1868. 
Das stete Steigen des Barvorrats der Bank von Grankreich, der nach dem letzten 
Wochenabschluß vom 20. d. M. mu der beilspiellosen Siffer von 1109 Millionen angewachsen 
ist, hat Jeit längerer Seit meine Aufmerksamkeit erregt. Um einen Anhalt für die Beur- 
teilung m gewinnen, habe ich aus dem hier vorhandenen Waterial die vorliegende Übersichtt 
1 Hier nicht abgedruckt.
        <pb n="302" />
        288 Barvorrat der Bank von Frankreich. Reserve gegen Jerome Vapoleon. 
mjammenstellen lassen, welche an Ort und Stelle leicht zu vervollständigen sein wird. Wenn 
man die letzte Siffer mit den Jahren der Prosperität und wenn man die einzelnen Monats- 
abschlüsse des Jahres 1867 mit den gleichzeitigen politischen Situationen vergleicht, so erhält 
man den Eindruck, daß die Ansammlung totliegenden Kapitals nicht oder doch nicht zum 
größeren Teil aus einer Kriegsbesorgnis, sondern aus einem Mißtrauen in die Gestigkeit 
der inneren Sustände zu erklären sei. Es wäre mir erwünscht, Ew. pp. Ansicht über diese 
Erscheinung zu erfahren, die jedenfalls um ihrer lähmenden Wirkung willen sehr beachtens- 
wert üst, auch wenn ihre Urfache nicht in dem bezeichneten Alißtrauen, sondern in anderen, 
bier nicht erkennbaren Umständen zu finden sein sollte. 
*1085. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Prinzen Reußt 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Thereminl 
Während Graf v. d. Goltz am 27. noch Iweifel geäußert hatte, ob die Reise des Primen 
Jerome Napoleon nach Berlin, die er in einem Berichte von diesem Tage als wenig erwünscht 
behandelte, wirklich stattfinden werde, mußte er am 28. melden: „Prinz Aapoleon reist morgen 
üb, bält sich unterwegs unter anderem in Frankfurt a. M. auf und kommt in drei bis vier 
Cagen nach Verlin, wo er Wohnung bei Benedetti abgelehnt hat und im Gasthof absteigen 
will. Obgleich er es mir gegenüber geleugnet, weiß ich, daß er Ew. SCxzzellenz politische Vor- 
schläge machen will, ober ausschliehlich von ihm ausgehende. Der Kaijer, welcher von ihm über- 
rumpelt worden zu sein scheint, bat ihm dies unter dem angedeuteten ausdrücklichen Vorbehalte 
erlaubt. Seine Vorschläge dürften sich auf die orientalische Srage beziehen. Verständigung 
der MAächte im Interesse der Thristen, um diese dem Einfluß Rußlands zu entjieben.“ 
Berlin, den 1. März 1868. 
Ew. pp. übersende ich unter Bezugnahme auf meine Mitteilung vom 29. v. M.-, die 
Reise des Prinzen Napoleon nach Berlin betreffend, beifolgend Abschrift des Celegramms 
des Grafen Goltz vom 28. v. M. lediglich zu Shrer perfönlichen Kenntnisnahme. 
Ich werde bei Besprechung politischer Sragen dem Prinzen gegenüber um so mehr eine 
große Reserve beobachten, als er vom Kaiser keinen Auftrag zu politischen Eröffnungen 
hat und mir daher in keiner amtlichen Eigenschaft gegenübertritt. Ew. pp. lind ermächtigt, 
sich dort vertraulich in diesem Sinn zu äußern. " - 
«1086. Erlaß an den Boischafter in London 
Grafen von Bernstorff. 
[Kanzleikon zept.] 
Nachdem Biemarck sich in den dreitägigen Debatten des Abgeordnetenhauses 
G. bis 6. Februar) über den hannoverschen Provinftalfonds mit Lärklster Energie für die vor 
allem von der konservativen Partei bekämpfte Vorlage eingesetht hatte, die schlieblich auf Grund 
eines Amendements des Abgeordneten v. Kardorff mit s97 gegen 192 Stimmen und dann 
1 i ingen nach Wien und London. An Graf o. d. Goltz telegraphierte Bismarck 
am ü uinhbicher Ert Siniger — Auffossung dort vorzubeugen, bemerke ich, dab alle von Srank- 
reich kommenden Vorschläge bei uns bereitwillige Aufnahme finden werden, daß ich aber genötigt sein 
werde, dem Prinzen Napoleon gegenüber eine unbedingte Reserve zu beodachten, wenn derselbe ohne Auf- 
trag und odne Vollmacht politische Sragen mit mir besprechen sollte. ,Q 4 » 
„ Durch Erlaß vom 29. war dem Drinzen Aeuß Abschrift eines Goltz'schen Berichtes vom 27. über- 
mittelt worden. .
        <pb n="303" />
        Bismarcks Dispensierung von den Geschäften und sein Verkehr mit den Diplomaten. 289 
infolge perfönlichen Eingreifens König Wilbelms I. bei der Endabstimmung am 7. mit 206 gegen 
175 Stimmen angenommen wurde, hatte er sich, gesundbeitlich . leit einiger Seit wieder 
leidend und durch den offen zutage getretenen Grüch mit seinen ebemaligen arteifreunden (ogl. 
dam: Gedanken und Erinnerungen, II, 142 ff., o. Roon, Denkwürdigkeiten, III, 61 ff., S. Aitter, 
Die preußischen Konservativen und Bismarcks deutsche Politik. 1858 bis 1876, S. 282 ff.) stark 
verstimmt, vom Könige bereits am 6. einen Urlaub erbeten. Wohl blieb er vorläufsig in Berlin, 
bedielt auch die Führung der wichtigsten Angelegenbeiten der Außenpolitikk, insbesondere die sich 
eben damals zuspitzende Frage der „Welfenlegion“" in Händen, jedoch erschien er nicht mehr 
in den Sitzungen des Landtags und ließ sich im Verkehr mit den Diplomaten durch Unterstaats- 
lekretär v. Thile vertreten. Zu jseiner Verwunderung erregte seine Zurückhaltung hier und da 
bei den Auslandsvertretern Anstoß. Am 25. Febuar machten Lord Loftus und Benedetti einen 
vergeblichen Bersuch, bei Bismarck vorgelassen zu werden (ogl. dazu Benedettis Bericht vom 
27., Les Origines Diplomatiques, XXI, 4% ss.), worauf Lord Loftus nicht übel Lust bezeigle, 
sich bei seiner Regierung zu beschweren. In seinen „Diplomatischen Srimerungen“ erwähnt der 
Botschafter den Swischenfall nicht. 
Berlin, den 1. März 1868. 
Wie Ew. pp. bereits bekannt sein dürfte, befinde ich infolge starker und andauernder 
Geschäftsüberbürdung mich bereits seit einiger Zeit in leidendem Zustande und habe mich 
behufs Herstellung meiner Gesundheit genötigt gesehen, Allerhöchsten Orts einen mehr- 
wöchentlichen Urlaub zu beantragen, den ich zu einer Erholungsreise zu benutzen gedachte. 
Die ungünstige Witterung einerseits und einige wichtige Amtsgeschäfte, deren Fortführung 
durch mein gänzliches Fernhalten suspendirt worden wäre", haben mich indeß an der Aus- 
führung des letztgedachten Planes verhindert, und ich habe mich darauf beschränken müssen, 
mich mit Genehmigung Seiner Majestät nur von denjenigen Geschäften zu dispenjieren, bei 
denen eine Vertretung ausführbar ist, und die mich zugleich körperlich und geistig vorzugs- 
weise angreifen und ermüden. Zu den letzteren gebört namentlich der regelmäßige perfön- 
liche Berkehr mit den fremden Missionschefs, bei welchen ich, wie Ew. pp. bekannt ist, mich 
von jeher durch den Königlichen Unterstaatssekretär häufig habe vertreten lassen. Diese 
Stellvertretung fand daher in den letzten Wochen in vollem Maße statt, und ich konnte nicht 
erwarten, daß die Mitglieder des diplomatischen Korps hierin etwas Ungewöhnliches oder 
Inkorrektes finden würden. Es mußte mich daher einigermaßen überraschen, als Lord 
A. Loftus, dem jene Verhältnisse und namentlich mein leidender Justand wohl bekannt 
waren, vor wenig Tagen mit einiger Empfindlichkeit hervorhob, daß ihm zwar der mir er- 
teilte Urlaub aus den Zeitungen bekannt sei, das diplomatische Korps aber keine ent- 
Iprechende Benachrichtigung davon erhalten habe. Sch beeilte mich, dieses formelle Be- 
denken durch das in Abschrift anliegende Sirkular: zu beseitigen. 
Weit entfernt bierdurch befriedigt m sein, hat jedoch der gedachte Botschafter seine 
Unzufriedenheit über die von mir getroffene Verfügung mündlich gegen Herrn von Thile in 
lebhafter Weise ausgesprochen. Er hat dabei hbervorgehoben, daß es für ihn und seine 
Kollegen verletzend jsei, zeitweise von mir nicht empfangen zu werden, während ich doch 
mehrfach Seiner Majestät Vortrag bielte, bei der Audien; des amerikanischen Gesandten 
(wie das mehr zufällig bei Gelegenheit eines von Sleinelr Mloajestät) befohlnen Vortrages 
der Fall war'), gegenwärtig gewesen sei, und auch einige andere Geschäfte in der Sigenschaft 
als Bundeskanzler erledige. Er hat binzugefügt, daß er dieserholb an Lord Stanley be- 
richtet habe. 
1 Der Aelatiosatz eigenhändiger Einschub Bismarcks. 
* Das vom 26. Sebruar datierte Zirkular entbielt die WMitteilung, daß wäbrend des ihm. Dismarck, 
vom Könige zur Wiederherstellung seiner Gesundbeit bewilligten Urlaubs, Thile ihn vorläufig vertreten 
werde. 
2 Die Worte in den Klammern eigenhändiger Einschub Bismarcks. 
VIa 1
        <pb n="304" />
        290 Lord Lostus' Klage. v. Kardorffs Interpellation wegen Georgs V. Verhalten. 
Ich wünsche nicht, daß Ew. pp. zu einer Besprechung dieses Vorfalles dem britischen 
Minister gegenüber die õnitiative ergreifen, habe aber, für den Sall, daß dies seinerseits ge- 
scheben sollte, nicht ermangeln wollen, Ew. pp. durch die vorstehende Darlegung über den 
Sachverhalt aufzuklären. Ew. pp. werden dadurch sich in den Stand gesetzt sehen, der 
möglichen irrigen Auffassung entgegenzutreten, als könne in der von mir getroffenen Ein- 
richtung für die fremden Vertreter, und namentlich für den englischen Botschafter, irgend 
etwas Verletzendes oder Rücksichtsloses liegen. Empfange ich Lord Loftus, so muß ich 
natürlich von dem Moment an wieder alle Missions-Chefs empfangen, ein Suwachs von 
Anstrengung, dem ich jetzt nicht gewachsen bin“. 
Es wird mir stets zum Vergnügen gereichen, sobald mein Gesundbeitszustand es muläßt, 
den persönlichen Berkehr mit Lord Loftus in der früheren befriedigenden Weise zu pflegen, 
aber ich kann der Berechtigung nicht entsagen, meine amtliche Wirksamkeit in der Weise 
einzurichten, wie es einerseits mein körperliches Befinden und andererseits das nteresse 
des Königlichen Dienjtes erheischte. Es steht mleines) Elrachtens) dem Lord Auglustus) 
nicht an, empfindlicher wie Sleine) Mlajestät) der König zu sein, der mir gestattet, ohne 
sonstige Beschränkung meiner Zeiteintheilung, mich bei den Immediat-Vorträgen durch 
Herrn von Thile vertreten zu lassen ulnd) alle Cinladungen der Höfe, wie das seit 4 Wochen 
geschehen, abzulehnen. 
1037. Immedlatbericht des Staatsministerlums. 
(Reinkon#ept.) 
Am 25. Jebruar 1868 hatte der Abgeordnete v. Kardorff im Abgeordnetenhaufe eine von 
mebr als lechzig Abgeordneten unterstützte Interpellation, betreffend die Ausführung des mit 
dem König Georg V. abgeschlossenen Vertrages, eingebracht. Sie lautete: „Nach den durch 
die Cagespresse veröffentlichten Machrichten bat der König Georg V. unmittelbar nach der 
Genehmigung des wwischen ihm und der Krone reuhen abgeschlossenen Vertrages durch den 
Preußischen Landtag — einer Deputation seiner vormaligen hannoverschen Untertanen eine 
Empfangsrede gehalten, in welcher die baldige Aestauration des Welfenthrones, die baldige 
Wiederaufrichtung eines freien, unabhängigen Welfenreiches in Aussicht gestellt wird. 
Gleichzeitig mit dieser Aa#chricht wird allgemein durch die öffentlichen Blätter verbreitet, 
„daß die Zahl der hannoverschen Deserteure, welche bisber in der Schweiz den Bersuch gemacht 
batten, eine hannoversche Legion m formieren, und von dort nach dem Elfaß geiogen waren, 
infolge mahloser Agitationen, abenteuerlicher Versprechungen und reichlicher Löhnung in stetem 
SGuwachs begriffen sei.“ 
Ich erlaube mir an die Königliche Staatsregierung die Anfrage zu stellen: 
„Ob die Königliche Regierung bei jenen erwähnten provozierenden Auherungen und diesen 
den gegenwärtigen Rechtszustand in Frage stellenden Tatsachen die Absicht hat, dem Könige 
Georg V. diesenigen Vorteile zu gewähren, welche aus der durch die Publikation in der Gesetz- 
lammlung erfolgenden Persektion des Vertrages sich ergeben würden?“ » 
Aufbieleöntetpellationverlasdersiaansminiltersreiherkv.dHeydtmdersihuag 
desAbgeordnetenhaulesooka26.ZebraareineinderbauptlachevoaBismarckcleldltkonitpiekte 
Erklärung. Sie hatte folgenden Wortlaut: 
„Indem die Königliche Regierung mit dem König Georg das Abkommen vom 29. 5ep- 
tember v. J. abschloß, hat sie nicht glauben können, damit eine definitive Anerkennung der 
Ergebnisse des Hrager Sriedens durch den König Georg erlangt zu haben, wohl aber war sie 
zu der Voraussetzung berechtigt, dah der König Georg mit seiner Unterschrift des Abkommens 
mindestens die Verpflichtung einging, auf Bortsetzung der Beindleligkeiten gegen den Preuhischen 
Staat mu versichten. Es konnte unmöglich die Absicht der Kontrahenten lein, daß der Dreuhische 
Staat dem Könige Georg die Mittel m seindlichen Handlungen gegen Preußen zur Disposition 
stellte. Wenn dennoch bald nach dem Abschluß des Vertrages durch die Verstärkung der von 
Hletzing ausgehenden Agitationen die Vermutung gerechtfertigt wurde, daß der König Georg 
Der letzte Satz eigenhändiger Zusotz Bismarcks. 
* Der Vest des Erlasses eigenböndiger Zufatz Bismarcks.
        <pb n="305" />
        Beantwortung der Interpellation durch v. d. Hepdt. 291 
lich von jener Voraussetzung loszusagen beabsichtige, so hat die Königliche Regierung sich doch 
dadurch nicht irremachen lassen in dem Bestreben, behufs der einftigen Berständigung mit dem 
König Georg oder mit dessen Erben für das fragliche Abkommen und für die in demselben be- 
dungenen Jahlungsmittel durch Zustimmung der beiden Häuser des Landtages eine geletzlich fest- 
kebende Grundlage zu gewinnen. Demungeachtet sind von seiten des Königs Georg die Feind- 
leligkeiten, soviel in seiner Macht stand, nicht eingestellt worden. Derselbe hat namentlich nicht 
unterlassen, aus preußischen Untertanen, welche durch seine Agenten angeworben und zum Teil 
tur Dejertion veranlaßt wurden, Truppenkörper zu bilden, welche unter der ausgesprochenen 
Ablicht, sie bei nächster günstiger Gelegenheit m feindlichen Handlungen gegen Preußen behufs 
Losreißung einer Provinz des Staats zu verwenden, militärisch organisiert, mit Offliieren und 
Unteroffiyleren verseben, für den künftigen Dienst gegen das eigene Vaterland militärisch ein- 
geübt wurden. Der dienstliche und der Geldverkehr zwischen diesen Truppenteilen und der bei 
dem Könige Georg in Hiehing befindlichen Hofdienerschaft deslelben ist amtlich festgestellt, und 
der König Georg perfönlich hat in seinen öffentlichen und zur Notorietät gelangten Außerungen 
sich zu den Bestrebungen gegen den Preußischen Staat, welche diesem Creiben zugrunde liegen, 
bekannt und zur Sortsetzung derselben aufgemuntert. Diesem Verfahren, soweit sie es vermag, 
ein Ziel zu setzen, eventuell demselben ihrerseits in keiner Weise Vorschub zu leisten, erkennt die 
Königliche Regierung als eine gebieterische Pflicht, welche ihr der Ruhe des Landes und dem 
Srieden Curopas gegenüber obliegt. 
In diesem Sinne hat sie bereits, und schon vor den jfüngsten Vorgängen in Hietzing den 
Versuch gemacht, durch die Cinwirkung verwandter und befreundeter Höse den König Georg 
zu demsenigen Verbalten zu vermögen, welches nach Treu und Glauben den Vorausfetzungen 
entlpräche, unter denen allein die Unterzeichnung des Vertrages vom 29. September möglich war. 
Die zu diesem Zweck erbetenen Cinwirkungen sind der Königlichen Regierung bereitwillig 
zugesagt worden, und glaubt dieselbe den betreffenden Höfen die Rückssicht schuldig zu sein, daß 
sie das Ergebnis ihrer Bemühungen abwartet. Sollten auf diesem Wege die Bürgschaften, deren 
die Königliche Regierung nach den bisberigen Erfahrungen für das Verhalten des Königs Georg 
bedarf, nicht rechtfeitig gewonnen werden, so wird sich die Königliche Regierung lediglich von 
den Dflichten leiten lassen, welche ihre Verantwortlichkeit für die Sicherheit des Staatsgebietes 
und für die Rube der Bewohner desselben ihr auferlegt. Der Landtag wird ohne Iweifel die 
Rücksichten würdigen, welche die Königliche Regierung abhalten, gegen den König Georg per- 
lönlich dasjenige Rechtsverfahren einzuleiten, welches nach den bestehenden Landesgesechen die 
Beschlagnahme seines Vermögens jur unmittelbaren Solge haben würde. Die Königliche Ae- 
gierung wird es in diesem Falle vorziehen, den Weg der Gesezgebung zu beschreiten, um das 
gesamte Vermögen des Königs Georg für die Kosten der Überwachung und der Abwehr sowie 
aller Konsequenjen der staatsgefährlichen Unternehmungen dieses Sürsten und seiner Agenten 
bar zu machen. « 
Wenn der dam in Aussicht genommene Moment eintritt, solange der Landtag der 
Monarchie noch versammelt Ust, so beabsichtigt die Königliche Regierung, demselben zu diesem 
Behufe die entsprechende Vorlage zu machen. Sollte der Schluß der jetzigen Session vor dem 
geeigneten Seitpunkte erfolgen, so gibt sich die Königliche Regierung der Hoffnung bin, dah die 
Anordnungen, welche sie zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherbeit zu treffen genötigt 
lein wird, bei dem nächsten JZusammentritt des Landtages die Genehmigung deslelben finden 
werden.“ 
Bei den in der Negierungserklärung erwähnten Versuchen, durch die Cinwirkung ver- 
wandter und befreundeter Höfe den König Georg m einem mit dem Abschluß und der Unter- 
jeichnung des Vertrages vom 29. September 1867 in Einklang stehenden Verhalten zu vermögen, 
hatte Bismarcke einmal die Bemühungen im Auge, eine Einwirkung der Königin Bictoria von 
England oder der englischen Regierung auf den König herbeizuführen (ogl. Rr. Joss, 1072), 
lodann die Bemühungen, durch den östterreichischen Reichskanzler Freiberrn v. Beuft den 
ieczinger Hof zu einem Einlenken zu bewegen (ogl. dam Tr. 1053, 1060, 1061, 1066, 107). 
iese Versuche ließen jedoch, wie sich aus den Berichten Graf Bernstorffs und Freiberrn 
v. Werthers ergab, irgendeinen Erfolg nicht erwarten. Swar ging aus den Wiener Berichten 
bervor, daß Sreiherr v. Beust wweimal an den Grafen Platen in Sachen der „Welfischen Legion“ 
selchrieden hatte; die Antworten des Grafen ließen jedoch erkennen, daß König Georg und leine 
mgebung ihre bisherige Haltung in keiner Weise zu ändern beabsichtigten. Andererseits lehnte 
der öskerreichische Reichskanzler, obwohl er aus seiner Verstimmung über das „bannoversche 
Treiben“ kein Hehl machte, ab, mit wirklichem Ernst und Nachdruck dagegen einzuschreiten. 
Unter diesen Umständen sob Bismarck keinen anderen Ausweg mehr als den des Seaquesters, der 
ja auch von den Leitern der ölterreichischen und der englischen Außenpolitik (ogl. Tr. 1072, 
Anm. ausdrücklich als der gegebene und als berechtigt anerkannt war. 
Berlin, den 2. Mär; 1868. 
Als das Staatsministerium die Genehmigung Eurer Königlichen Moajestät für das am 
29. September v. J. mit dem Könige Georg V. getroffene Abkommen ebrfurchtsvoll nach- 
19
        <pb n="306" />
        292 Immediatbericht des Staatsministeriums über Welfenfonds. 
suchte, war es sich wohl bewußt, daß dadurch eine definitive Anerkennung des Prager 
Friedens und des durch die Ereignisse in Deutschland geschaffenen Zustandes seitens des 
Königs Georg nicht erlangt war. Dessenungeachtet durfte es die allerböchste Genehmigung 
befürworten, weil es in der Matur des Bertragsverhältnisses lag, die Sort- 
setzung von Geindseligkeiten des einen paciscierenden TCeils gegen den andern auszuschließen, 
ohne die Voroussetzung eines durch die Verhandlung von selbst faktisch eintretenden 
Griedensstandes konnten die von ECurer Königlichen Mojestät in so großmütiger Weise ge- 
botenen Leistungen weder gewährt noch angenommen werden. Eine andere Auffassung des 
Vertrages darf als unmöglich bezeichnet werden. In dieser Auffassung hat Deutschland 
und Europa den Abschluß des Vertrages als eine Bürgschaft der Ruhe und des Sriedens 
begrüßt, hat der Landtag der Monarchie seine Sustimmung m den Vorlagen erteilt, durch 
welche der Ausführung des Bertrages und der Verwendung der dazu erforderlichen Geld- 
mittel eine gesetzliche Grundlage gegeben werden sollte, haben Cuere Königliche Moajestät 
das Sesetz sanktioniert. Der König Georg V. aber hat durch seine Unterschrift die notwen- 
digen Voraussetzungen und Bedingungen, sowie die ebenso notwendigen Konsequenzen des 
Vertrages vor ganz Europa anerkannt. 
Das Staatsministerium siebt sich heute genötigt, die Tatsache zu konstatieren, daß diese 
Voraussetzungen und Bedingungen von dem anderen paciscierenden Teile nicht erfüllt 
worden sind. 
Der König Georg hat auch nach dem vollständigen Abschluß des Vertrages und dem 
diesseits gemachten Anfang zur Ausführung desselben nicht unterlassen, die Geindseligkeiten 
fortmsetzen, aus Untertanen Eurer Königlichen Majestät, welche durch seine Agenten ange- 
worben und zum Teil zur Desertion verleitet worden jind, Truppenkörper zu bilden, welche 
unter der ausgesprochenen Absicht, sie bei nächster günstiger Gelegenheit zu feindlichen Hand- 
lungen gegen Preußen behufs Losreißung einer Prooinz des Staates zu verwenden, mili- 
tärisch organisiert, mit Offizieren und Unteroffizieren versehen worden sind und für den 
künftigen Dienst gegen das eigene Baterland auf fremdem Boden militärisch eingeübt 
werden. Der dienstliche Verkehr zwischen diesen Cruppenteilen und der bei dem König 
Georg in Hietzing befindlichen Hofdienerschaft, die Erteilung von Orders und die Über- 
sendung von Geldmitteln zur Besoldung der Cruppen von dort aus ist amtlich festgestellt 
worden. Der König Georg selbst hat in öffentlichen, ur Motorietät gelangten Außerungen 
sich zu den feindlichen Bestrebungen gegen den Preußischen Staat, welche von seiner Diener- 
schaft ins Werk gesetzt sind, bekannt, zur Fortsetzung derselben aufgemuntert, und die Treue 
von Untertanen Eurer Königlichen Majestät m erschüttern versucht. 
Die Hoffnung, daß der König Georg den Natschlägen und WMahnungen befreundeter 
Höfe zugänglich sein und in eigener richtiger Würdigung der durch den Vertrag ihm zuge- 
fallenen Verpflichtung die Seindseligkeiten einstellen und die geworbenen Truppen entlassen 
würde, hat sich nicht verwirklicht. 
Die Vegierung Eurer Königlichen Majestät sieht sich daher auf die Mittel angewiesen, 
welche ihr selbst zustehen, um ihrer Verantwortlichkeit für die Sicherheit des Staatsgebietes 
und die Nuhe der Bewohner desselben zu genügen. Die gerichtliche Untersuchung gegen die 
ersonen, deren dienstlicher und leitender Verkehr mit den Führern der gegen Preuhen
        <pb n="307" />
        Antrag auf Beschlagnahme. 293 
geworbenen Truppen konstatiert ist und die Versetzung dieser Dersonen in den Anklage- 
zustand ist ausgesprochent. 
Die Gesetze des Landes würden es gestatten, das gerichtliche Berfahren wegen der auf 
Losreißung einer Drooinz des Preußischen Staates gerichteten Handlungen auch auf die 
Person des Königs Georg auszudehnen. Die unmittelbare Folge davon würde die gericht- 
liche Beschlagnahme des gesamten Bermögens desselben sein. Das Staatsministerium 
glaubt den erhabenen Gesinnungen Curer Königlichen Mojestät m entsprechen, wenn es in 
Bücksicht auf die frühere Stellung des Königs Georg, sich enthält, Curer Königlichen 
Majestät diesen Weg zu empfehlen. 
Der Bersicht auf gerichtliches Verfahren führt aber u der Notwendigkeit, daß auf 
anderem Wege die reichen Hilfsmittel, welche dem König Georg vom Staate bewilligt sind, 
für letzteren so lange unschädlich gemacht werden, bis für das Verhalten des Königs Georg 
diejenigen Bürgschaften erlangt sein werden, welche sich nach seinem bisberigen Verfahren 
als notwendig herausgestellt habens. 
Der König Georg hat durch seine Handlungen deutlich zu erkennen gegeben, daß er sich 
als im Kriegszustand gegen Eure Königliche Mojestät befindlich angesehen wissen wolle. 
Mit diesem Verhältnis ist es unverträglich, daß ihm von Preußen die Mittel zur Kriegs- 
führung gegen Preußen gewährt werden. 
Das Staatsministerium erachtet sich daher verpflichtet, Curer Königlichen Majestät 
ehrfurchtsvoll vorzuschlagen, durch einen Akt der Gesetzgebung dos gesamte Vermögen des 
Königs Georg V. für die Sicherheit des Preußischen Staates, die Abwehr der vorbereiteten 
Angriffe und für alle Konsequenjen der staatsgefährlichen Unternehmungen dieses Sürsten 
und seiner Agenten, sowie für die dem Preußischen Staat dadurch verursachten Kosten haft- 
bar zu machen und dasselbe zu diesem Behuf unter Sequester zu stellens, ohne die Rechte des 
Gesamthauses Braunschweig an der Substanz des fürstlichen Sideikktommisses, welche von 
denen des Königs Georg als zeitigen Autznießers unabhängig sind, zu beeinträchtigen. 
Die Notwendigkeit des Aktes, welchen das Staatsministerium Curer Königlichen 
Majestät vorschlägt, wird nicht allein durch die Pflicht gegen das eigene Land, sondern auch 
durch die unabweisliche politische Rücksicht auf die Gefahren bedingt, welche jedes feind- 
selige Unternehmen gegen einen einzelnen Staat für die Rube Deutschlands und den 
Frieden des gesamten Europa in seinen letzten Konsequenzen in sich birgt. 
Da die Umstände nicht mehr erlaubt haben, dem Landtage der Monarchie eine ent- 
sprechende Vorlage noch in dieser Session zu machen, so bittet das Staatsministerium Eure 
Königliche Majestät ehrfurchtsvoll, die alleruntertänigst beigefügte Verordnung“ mit 
Gesetzeskraft unter Vorbehalt der Vorlegung in der nächsten Sitzung des Landtages aller- 
gnädigst erlassen zu wollen. 
L. Hahn, Fürst Bismarck, I, 762 ff. 
1 Vgngl. Ar. 1061, Anm. 2. 
* Der game letzte Ablatz eigenbändige Korrektur Bismarcks im mgrunde liegenden ersten Entwurf 
von Abekens Hand. 
„ Der folgende Schluß des Absatzes eigenböndige Korrekktur Bismarcks in Abokens erstem Entwurf. 
Siebe den Text der Verordnung in L. Hahn, Fürst Bismarck, I1, 764.
        <pb n="308" />
        294 Runderlaß über die Sequestrierung des Bermögens Georgs V. 
*1088. Munderlaß an die Missionen bei den Großmächten 
und den deutschen Höfen. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Der „Staatsanzeiger“ vom 3. Aärz veröffentlichte das vom König Wilhelm I. am 
28. Bebruar sanktionierte Gesetz, bezüglich der Abfindungen für König Georg V. und den Herlog 
Adolph von Vassau, und in unmittelbarem Anschluß daran die Königliche Verordnung vom 
2. AMärg, welche, unter Vorbehalt der Justimmung des Landtags und „ohne die ARechte des 
Sesamthauses Braunschweig an der Substanz des fürstlichen Sideikkommisses zu beeinträchtigen“, 
die Beschlagnahme des Vermögens König Georgs V. verhängte. Siebe den Text der Ver- 
ordnung u. a. auch in: Das Staatsarchio, XIV, 431 f. . 
Berlin, den 3. März 1868. 
Die Regierung Seiner Majestät des Königs hat seit längerer Zeit den Agitationen 
der Anhänger des Königs Georg, welche die Drovinz Hannover beunruhigten und in der- 
Jelben Militärpersonen durch Aufwand reicher Geldmittel zur Desertion verleiteten, eine 
ernste Aufmerksamkeit zumwenden Veranlassung gehabt. Sie hat dieselben im Vertrauen 
auf den gesunden Sinn der Bevölkerung mit Nachsicht behandelt; und dies Vertrauen ist 
auch nicht getäuscht worden, indem nur eine verhältnismäßig kleine Anzahl sich diesen 
Agitationen zugänglich erwiesen hat. 
In neuerer Zeit haben indes zwei Tatsachen diesen Umtrieben eine erhöhte Bedeutung 
gegeben, welche die Königliche Regierung nicht gleichgültig lassen kann. 
Bei Gelegenheit des Übertritts der in der Schweiz befindlich gewesenen, zum Teil auf 
anderen Wegen dorthin dirigierten Hannoveraner auf französisches Gebiet, hat die Existenz 
eines militärisch organisierten Emigrantenkorps eine Notorietät gewonnen, welche die öffent- 
liche Meinung in Deutschland beunruhigt. Sch konstatiere mit Befriedigung, daß sowohl 
die Kaiserlich Osterreichische wie die Kaiserlich Sranzösische Regierung bei dieser Gelegen- 
beit der Königlichen Regierung gegenüber die Rücksichten betätigt haben, welche wir auch 
nach den bestehbenden freundschaftlichen Beziehungen erwarten durften. Es hat sich dabei 
aber als Tatsache erwiesen, daß die von Agenten des Königs Georg angeworbenen Gndi- 
viduen zu einer unter Offizieren und Unteroffizieren militärisch organisierten Cruppe ver- 
einigt waren, daß sie fortdauernd militärisch eingeübt und exerziert und durch bezablte 
Deserteure verstärktt wurden, und daß ihre Führer von den Hofbeamten des Königs Georg 
in Hietzing ihre Ordres und die Mittel zur Besoldung der Cruppen empfingen. 
Hätte die Königliche Regierung noch einen Zweifel darüber baben Kkönnen, ob der König 
Georg selbst von diesen Umtrieben seiner Anhänger unterrichtet sei und sie billige, so mußten 
ihr die Vorgänge bei der Geier der silbernen Hochzeit in Hietzing volle Gewißbeit darüber 
geben. Der König Georg hat sich dabei öffentlich zu den Bestrebungen seiner Diener 
bekannt, zu feindlichen Handlungen gegen den Hreußischen Staat aufgefordert und ermun- 
tert und die auf den Umstur: des Bestehenden und die Losreißung einer Provinz des 
Preuhischen Staates gerichtete Absicht offen ausgesprochen. 
Die Königliche RWegierung hat gegen diese Tatsachen ihre Augen nicht verschließen 
kõnnen. Sie hat sich fragen müssen, wie dieselben sich ꝛu der Stellung verbielten, welche
        <pb n="309" />
        Beschlagnahme „gebieterische Pflicht gegen das eigene Land“. 295 
sie zu dem König Georg durch die mit ihm eingeleiteten und in der Konvention vom 29. Sep- 
tember v. J. abgeschlossenen Verhandlungen eingenommen hatte. 
Diese Konvention ist durch die Berhandlungen im Preußischen Abgeordnetenhaufe be- 
kannt und durch die von Seiner Majestät dem Könige dem auf dieselbe begründeten Gesetz 
erteilte Sanktion ein Teil des öffentlichen Rechts geworden. Sch darf daher annehmen, 
daß Ew. pp. von ihrem Inhalt unterrichtet sind. 
Sie enthält keinen Berjicht des Königs Georg auf Rechte, welche er seiner Person 
oder seinem Hause zuschreibt. Die Königliche Regierung hat einen golchen Verzicht nicht 
gefordert und die Ausantwortung von NRevenuen, welche in großartiger Weise die Mittel 
m einem fürstlichen Haushalt gewähren sollten, nicht von einem Akte abhängig machen 
wollen, welcher dem unglücklichen Fürsten allzu schwer fallen konnte. Aber sie mußte von 
der Voraussetzung ausgehen, daß der Abschluß von Verhandlungen und die Annahme der 
gewährten Leistungen den Verzicht auf die Fortsetzung offener Feindseligkeiten in sich schlösse; 
sie konnte und durfte dem Gedanken nicht Raum geben, daß die Mittel, welche sie selbst 
gewährte, direkt gegen Preußen würden verwendet werden; sie mußte in dem Abschluß der 
Konvention vom 29. September, wenn nicht einen GSriedensschluß, doch mindestens einen 
Waffenstillstand sehen. In diesem Sinne ist das Ergebnis der Verhandlungen mit dem 
König Georg als eine Bürgschaft für die Ruhe und den Frieden Deutschlands und Europas 
begrüßt worden, und das Verfahren Seiner Alojestät des Königs bat auch im Auslande 
seine Anerkennung gefunden. 
Aber diese Voraussetzungen und Hoffnungen haben, wie die oben angeführten Cat- 
sachen zeigen, sich als ülusorisch erwiesen. Die offenen Geindseligkeiten sind nicht nur fort- 
geletzt, sondern vermehrt und gesteigert worden; und König Georg hat durch unzweideutige 
Handlungen wie durch feierliche Erklärungen kundgegeben, daß er sich als im Kriegszustand 
mit Preußen befindlich betrachtet. 
Es ist der Natur der Dinge wie den völkerrechtlichen Drinzipien widersprechend und 
mit den Pflichten einer Regierung gegen das eigene Land nicht verträglich, daß sie dem 
Feinde die Mittel zum Angriffe selbst in die Hand gebe. 
Die Königliche Regierung macht daher von einem unzweifelhaften Rechte Gebrauch 
und erfüllt zugleich eine gebieterische Pflicht gegen das eigene Land, wenn sie dem König 
Georg die Mittel zur Fortsetzung der Seindseligkeiten, soweit dieselben in ihrem Bereich 
liegen, entzieht, die aus dem Preußischen Staat fließenden Einkünfte desselben für alle aus 
seinem Verhalten sich ergebenden Konsequenzen haftbar macht und zu dem Behuf sein ge- 
samtes Vermögen mit Beschlag belegt. 
Die Königliche Regierung täuscht sich nicht darüber, daß sie durch diese Maßregel dem 
König Georg nicht die Mittel der Agitation gänzlich abschneidet, wenn er fortfahren follte, 
irreleitenden Ratschlägen Gehör zu geben; es ist auch nicht so Jehr dieser Swerk und noch 
weniger eine Besorgnis vor etwaigen Gefahren der an und für sich nicht bedrohlichen Sache, 
welche sie zu ihrem Entschluß bestimmt hat, sondern vielmehr das Bewußtsein von der Un- 
haltbarkeit ihrer Stellung vor dem eigenen Lande und der öffentlichen Meinung, wenn sie 
jelbst dem König Georg jene Mittel zu Gebote stellen wollte.
        <pb n="310" />
        296 Dauer der Beschlagnahme. Lamarmoras Vorwürfe. 
Indem der König durch Verordnung vom 2. d. M. die Beschlagnahme verfügt, will 
Seine Majestät die Substanz des Vermögens dem Hause Braunschweig und, in Hoffnung 
der Rückkehr zu einer dem Vertrage entsprechenden Stellung, dem König Georg selbst er- 
halten. Aur die Ausantwortung der NRevenüen ist zu einer Unmöglichkeit geworden; und 
es ist selbstverständlich, daß die Kosten der Verwaltung sowie aller Maßregeln, welche zur 
Abwehr der feindlichen Handlungen für den Preußischen Staat erforderlich werden, aus 
denselben bestritten werden. Die Beschlagnahme wird solange aufrechterhalten werden 
müssen, bis der König Georg annehmbare Bürgschaften für sein künftiges Verhalten gegen 
Preußen gegeben haben wird. 
Ich ersuche Ew. pp., dem Hofe, bei welchem Sie beglaubigt m sein die Ehre baben, in 
diesem Sinne die geneigten Aufklärungen über die von Seiner Mojestät dem König be- 
fohlene Maßregel der Beschlagnahme des Vermögens des Königs Georg m geben, und er- 
mächtige Sie zu dem Ende zur Vorlefung dieser Depesche. 
*1089. Erlaß an den Gesandten in Florenz 
Grafen von Usedom. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Vats Abeken.] 
Im Januar 1868 batte der italienische General Lamarmora, der Sührer der französisch 
gelinnten Partei unter den italienischen Staatsmännern, den man von Paris her als einen 
unter allen Bedingungen U#onrsisigen und geborsamen Anbänger und Diener (ogl. Aus dem 
Leben Th. v. Bernhardis, VIII, 148 f.) anstatt Menabreas an das Staatsruder zu bringen suchte, 
einen Brief an seine Wähler (Agli Elettori di Biella) veröffentlicht, der bei der Schilderung 
der zrionine von 1866 die Dinge so hinustellen suchte, als habe Preußen Stalien im Stich 
gelassen. 
Berlin, den 4. März; 1868. 
Ew. pp. haben mir mit dem gefälligen Bericht Ar. 8 vom 7. v. M. die Broschüre des 
Senerals Lamarmora „Brief an die Wähler von Biella“ nebst Bemerkungen und Zu— 
lammenstellungen in betreff der darin enthaltenen Vorwürfe gegen Preußen und behufs 
etwaiger Widerlegung derselben eingereicht; unter dem 14. ej. aber den Wunsch aus- 
gesprochen, daß die Erwiderung auf diese Broschüre noch ausgesetzt bleiben möge, bis eine 
erwartete zweite Schrift des Generals erschienen sein werde. Von der letzteren hat in- 
wwischen nichts weiter verlautet, und es scheint mir nicht nötig, dieselbe für die Cinwirkung 
auf die Presse abzuwarten. Eine Erwiderung aber auf die Borwürfe des Generals würde 
in bier erscheinenden Journalen voraussichtlich wenig Wirkung haben, da dieselben in 
Stalien wohl nur Wenigen zugänglich und verständlich sind. Es kommt vielmehr haupt- 
sächlich darauf an, daß in Jtalienselbst und in italienischer Sprache, sei es durch die 
periodische Presse, sei es auch durch Broschüren, welche allerdings keinen amtlichen 
Cbarakter zu tragen haben würden, dem Eindruck der Broschüre Lamarmoras entgegen- 
gewirkt würde. Sw. pp. bemerken mit Aecht, daß dieselbe in sich Widersprüche enthält, 
welche von einer geschicktten Feder gegen sie benutzt werden können. Ich setze voraus, daß 
Sw. pp. in der resse Verbindungen haben, welche es Ihnen möglich machen, in geeigneter 
Weise, und ohne die Königliche Regierung zu kompromittieren oder direkt bineinzusiehen,
        <pb n="311" />
        Russische Klagen über Rosen. 297 
die Dolemik gegen die Behauptungen des Generals Lamarmora erfolgreich zu führen. 
Ew. pp. würden dazu nicht einmal eines andern Materials bedürfen als des in Deutschland 
bereits veröffentlichten, welches Ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen sein wird:. Die 
Ubersicht wesentlicher Theile desselben finden Ew. pp. in dem beigefügten, soeben er- 
schienenen Buche: ZSwei Jahre Preußisch-Deutscher Politik, 1866|/1867, von Dr. L. Hahn. 
*1090. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Prinzen Reuß. 
lsKonzept von der Hand des Vortragenden Rats Theremin.) 
Rach einem Bericht des Prinzen RNeuß vom 25. Februar batten sich Jowohl Fürft 
Gortschakom wie der Direktor des Deporements der orientalischen Angelegenheiten Stremuchow 
ihm gegenüber abfällig über den preuhischen Konsul in Belgrad Vosen geäußert, der in 
einem kürzlich veröffentlichten Werke über die Kürkei dargetan häben sollte, daß er alles durch 
die türkische Brille sebe. Stremuchow nahm noch besonders Anjtoß daran, daß Rosen es bisher 
gon# untersalsen babe, nöhere Beziehungen m seinem rufsischen Kollegen zu suchen. ch Reuß 
meinte, daß es besser gewesen wäre, wenn Rosen jçäbere kollegialische Baziehungen zu diesem 
gesucht bätte. 
Berlin, den 5. März 1868. 
Unter Bezugnahme auf Ew. pp. gefälligen Bericht Ar. 36 vom 25. v. M. bemerke ich 
zu öbrer perjönlichen Kenntnisnahme ergebenst, daß die Berichterstattung des Königlichen 
Generalkonsuls Rosen bisher überhaupt eine sehr wenig ausgiebige ist. Der pp. Rosen 
ist, soviel ich ihn kenne, ein Mann von ehrenwertem Charakter und ein Gelehrter, nament- 
lich Orientalist. Ob er für eine selbständige Behandlung politischer Seschäfte ganz 
geeignet, und ob namentlich seine Wahl für Belgrad eine glückliche gewesen ist, darüber 
suche ich mir ein ausreichendes Urteil noch m bilden. Bei der tadellosen Dienstführung, 
welche ihm aus früheren Verhältnissen zur Seite steht, würde es ohne Härte nicht tunlich 
sein, ihn von Belgrad zu entfernent, bevor seine weitre Stellung gesichert ist. Hierauf werde 
ich aber Bedacht nehmen, wenn meine weitern Beobachtungen den bisher gewonnenen Ein- 
druck bestätigen. 
Bei seiner letzten Anwesenheit in Berlin ist Rosen angewiesen worden, mit seinem 
rulsischen Kollegen in Belgrad möglichst nahe Bejiehungen zu unterhalten. 
*1091. Erlaß an den Gesandten in Peiersburg 
Heinrich VII. Prinzen Reuß. 
[Kontept von der BSand des Bortragenden VRats Thbereminf 
Berlin, den 5. März 1868. 
Ew. pp. erbalten beifolgend zur gefälligen vertraulichen Kenntnisnahme Abschrift eines 
auf die Reise des Prinzen Aocpoleon bezüglichen Berichts des Königlichen Botschafters in 
Der Satz eigenbändiger Zusatz Bismarcks. 
1090. 1 Der Schluß des Absatzes eigenbändige Korrektur Bismarcks.
        <pb n="312" />
        298 Prinz Jerome Napoleons Aufenthalt in Berlin. 
Paris vom 28. v. M. Den darin angejogenen Artikel der „Opinion Nationale“ vom 
20. v. M. werden Ew. pp. lsich dort vielleicht verschaffen können. Er führte die Sdee aus, 
daß es darauf ankomme, Preußen jede Besorgnis vor Srankreich zu nehmen, um es dadurch 
von einem Bündnis mit Rußland abzuziehen und sodann eine Verständigung der vier Groß- 
mächte, mit Ausschließung Rußlands, über die orientalische Srage herbeimführen. Sch 
stelle Ew. pp. anbeim, diesen Artikel gelegentlich mit dem Sürsten Gortschakowm m be- 
sprechen, als ein Symptom der Anschauungen, die wenigstens in den durch dieses Blatt ver- 
tretenen Kreisen Frankreichs sich geltend machen und, nach der Ansicht des Grafen Goltz, 
durch den Drinzen Napoleon werden vertreten werden. Meinerseits kann ich dem gegen- 
über nur auf meinen Erlaß vom 16. v. M. — Tr. 51 — Bezug nehmen. 
1092. Telegramm an den Botschafter in Darls Grafen von der Goltz. 
[Cigenhändiges Konzept.) 
Am 2. MAläärz batte auch Benedetti dem Unterstaatslekretär v. Thile vertrauliche Mit- 
teilungen über die für den 4. erwartete Ankunft des Drinzen Napoleon gemacht, der als Comte 
de Meudon in einem Hotel absteigen, aber trotz seines Inkognitos dem Könige Wilhelm I. und 
der Königlichen FSamilie Besuch machen wollte. Pfl= die Aufjeichnung v. Thiles vom 2. Aärz, 
H. Onchen, Die Abeinpolitik Koiser A#poleons III., II, 325. Tatsächlich wurde aus der Neise 
des Prinzen kein Hehl gemacht. Er verweilte zunächst in Srankfurt a. M., dann in Kassel, wohin 
ihn der französische Generalkonsul in FSrankfurt Rothan (ogl. dessen Bericht vom 5. März, 
Les Origines Diplomatiques, XXI, 24 s.) begleitete. Am Abend des 4. traf er in Berlin in 
Begleitung mehrerer franjfösischer Offiziere ein. « . 
Berlin, den 5. März 1868. 
Prlin)z Rapoleon hat heut bei Sleinelr Majsestät] dinirt, mich vorher empfangen. 
Seine bisherigen Aeußerungen waren allgemeine Fragen über deutsche Stimmungen. Seine 
Etappen in Frankfurt, Cassel: haben im Publikum hier verstimmend gewirkt, noch mehr 
seine Absicht, von hier nach Dresden zu gehn. Alles Maß der Tactlosigkeit aber übersteigt 
die von seinen Ordonnanz-Offizieren gegen die des Kronprinzen kund gegebne Absicht, von 
hier nach Posen zu gehn? ulnd) im nächsten Sommer die Ostseeküste von Schleswig bis 
Memel auf seiner Aacht m revidiren. Wir haben kein Bedürfniß, seiner Neugierde 
Schranken zu setzen; aber ich weiß nicht, ob sich der Kaiser ulnd] sein Cabinet über die 
Eindrückee klar sind, welche diese Necognoscirungsreisen in der öffentlichen Meinung 
Deutschlands ulnd] auf die Presse hervorbringen werden. 
H. Oncken, Die Abeinpolitik Kaiser Napoleons III. von 1863 bis 1870, II, 527. 
1 Siebe Nr. 1064. : 
1092. 1 BVgl. daiu A. v. Stoschs briefliche Auherung vom 15. Märl „Ich bin in Kassel auf allen meinen 
Wegen mit Prin; Aa#poleon msommengetroffen; er durchkroch alle Wintel der Vesidenz und lieh die luftige 
Vergangenheit seines Vaters wieder aufleben. Er hat ein kluges Gesicht, seine Gespröche sollen von Schärfe 
des Verstandes und Lust am Klarsehen reugen. Die ganze Reise hat nur den Zweck, den wirklichen Stand 
der Angelegenheiten in Deutschland kennentulernen. Wan läöht ihn gewähren, weil die Luft auherordentlich 
rubig isi.“ Denkwürdigkeiten aus dem Leben A. v. Stoschs. S. 137. 
: Es scheint, daß Benedetti auf das Unpassende einer solchen Exkursion nach Posen aufmerksam ge- 
mocht worden ist und dem Drinken diese Absicht ausgeredet bat, val. Benedettis Kelegramm vom 10. Mörz. 
Le Crigines Diplomaliques, XXI, .
        <pb n="313" />
        ARumönische Putschabsichten. Königin Victoria und Georg V. 299 
*1093. Telegramm an den Gesandien in Wien 
Freiherrn von Werther. 
Elsenbändises Konvept.] 
- den 6. März 1868. 
Tellegramm) Nr. 19 erhalten. Ew. pp. wollen derglleichen) nach Willkühr verbreitete 
Gerüchte als ernsthafte Nachrichten nicht acceptiren, zur Widerlegung derselben keine 
Snitiative ergreifen, ulnd] wenn sie wieder õhnen gegenüber vorgebracht werden, unser Er- 
staunen darüber durchblickten lassen, daß ein Mann wie Blarson Beuft, daran glaube. 
*1004. Telegramm an den Botschafter in London 
Grafen von Bernstorff. 
[Cigenhäöndiges Konzept.)] 
§. Mär) hatte Graf Bernstorff über Außerungen des der Königin Bictoria besonders 
nahestehenden Schatzkanklers, Disraeli das folgende gemeldet: „Sestern abend sagte mir Disroeli, 
die Königin Lchreibe ihm jeden Cag wenigstens einmal, um ihn zu veranlassen, alles aufmbieten, 
damit der König Georg nicht nach England komme, da Ihre Majestät durchaus bier nicht einen 
Herd von Intrigen gegen Preußen haben wolle; der Minister fügte binzu, enlische Gesetze 
erlaubten ihm nicht, irgend jemand den Aufenthalt in England zu verbieten, bat mich aber, Eure 
Exzellenz in seinem Namen zu beschwören, alles zu tun, was in Ihrer Macht stände, um * ver- 
bindern, daß der König Georg sich hier niederliehe.“ 
Berlin, den 8. Mör 1868. 
Tellegramm) 10. erhalten. Wir haben bereits auf die erste durch Ilhre]) Moajlestätl die 
Königin erhaltne Andeutung, daß der Könligin] Bictoria Uebersiedlung König Georg's nach 
England unerwünfscht sein würde, Blarson Werther angewiesen, nicht mehr auf Aus- 
weifung des Königs Georg aus Oestreich, sondern nur auf Ueberwachung der Umtriebe des 
Königs Georg durch die östrleichischen) Behörden zu drängen, Verhinderung der letztern im 
Interesse des europäischen Friedens befürwortend. Wir werden in diesem Sinne fort- 
fahren, da Sleine] Mlafestät) der König alles zu vermeiden bestrebt ist, was der Königin 
Victoria unangenehm sein könnte. Ew. pp. wollen Sich vertraulich dem entsfprechend 
äußern. 
*1095. Erlaß an den Gesandten in Florenz 
Grafen von AUlsedom. 
[Konzept von der Sand des Vortragenden A#ts Abeken.] 
In einem Berichte vom 16. Jebruar hatte Sraf Usedom seiner Vermunderung darüber 
Ausdruck gegeben, dah in den ihm von Bismarck übersondten Londoner und Petersburger 
richten (ogl. Ar. 1030 so viel allgemeine — nach *8 ch begründete — Besorgnisse ũber
        <pb n="314" />
        300 Usedoms Besorgnisse wegen eines französisch-italienischen Bündnisses. 
Italiens angeblich pulkanische Zustände, aber keine Besorgnisse wegen eines französisch-italienischen 
Bündnisses jum Ausdruck gelangt seien. In Usedoms eigener Berichterstattung nahmen die 
Belorgnisse vor einem solchen Bündnis einen um so breiteren Raum ein. Im Bericht vom 
16. Februar bieß es u. a.: „s kann ja nicht bezweiselt werden, daß Kaiser Napoleon sich 
Olterreichs wie Spaniens schon bis auf einen gewissen Grad versichert bat, und daß es nur noch 
des ZJutritts Italiens bedarf, um eine europäische Koalition gegen Preußen fertig hinzustellen. 
batte Cuerer Exzellen gemeldet, wie meine Beobachtungen mich nicht berechtigen, ein 
geheimes Bündnis als schon feft geschlossen anzunehmen; es i#st sehr schwierig für ein itallenisches 
Alinisterium, ein solches auf eine unbestimmte Zukunft hin zu schließen. Ich habe den Eindruck, 
dab auch das Ministerium Menabrea sich so lang als möglich dagegen sträuben würde. Man 
kann dies schon daraus schließen, daß Kaiser Napoleon, wiewohl im allgemeinen mit Menabrea 
zufrieden, dennoch unausgesetzt auf ein Ministerium Lamarmora binarbeitet. „Menobrea sei 
ja gan; gut“, beißt es, „aber volles Vertrauen könne man nur Lamarmora schenken‘. Bei 
letzterem werden nämlich keine nationalen, sondern nur noch französische Sumpathien voraus- 
geseyt. Erst die Zukunft kann entscheiden, ob sich das franjösische Ubergewicht mit Hilfse 
eines organisierten Dersonaleinflusses zu einer aktiven gegen Dreuhen gerichteten Allianz kon- 
solidieren wird.“ Ein weiterer Bericht Usedoms vom 21. Februar führte Auherungen seines 
englischen Kollegen Sir Augustus Paget an, der es für ganz sicher bielt, daß bei einem Konflikt 
wischen Grankreich und Deutschland Italien sich auf des ersteren Seite stellen werde, und wenn 
nicht, so brauche Vapoleon bloß 50 Ooo Mann nach Jtalien zu senden, die mit der ganzen 
italienischen Armee fertig sein würden, ebe Deutschland belfend eingreifen könne. 
Vertraulich. Berlin, den 9. März 1868. 
Sw. pp. gefällige Berichte sind mir bis NAr. 17 einschließlich durch den Königlichen 
Geldjäger richtig zugegangen. 
Ich kann nicht verhehlen, daß dieselben in betreff der Hoffnungen, welche wir auf 
Italien für gewisse Cventualitäten hätten jsetzen dürfen, einen entmutigenden Eindruck haben 
bervorbringen müssen. 
Ew. pp. drückten Verwunderung darüber aus, daß in den Depeschen, welche ich Shnen 
durch die letzte Kuriersendung mitteilte, und in den Berichten der Königlichen Gesandten 
über die Auffassungen der fremden Höfe neben den allgemeinen Besorgnissen wegen der 
angeblich vulkanischen Zustände Italiens keine Besorgnis wegen eines französisch--italie- 
nischen Bündnisses bervortrete. Die Tatsache ist allerdings richtig; ich glaube aber, daß 
Ew. pp. lich dieselbe erklären können, wenn Sie sich vergegenwärtigen wollen, wie wenig 
Unterschied es nach öhrer eigenen Darstellung der Sachloge noch zu machen scheint, ob ein 
solches Bündnis im geheimen bereits geschlossen oder vorbereitet ist oder nicht. 
Ich will gern glauben, daß die Darstellungen der italienischen Verhältnisse, welche eine 
allmäblich fortschreitende innere Auflösung und die Wahrscheinlichkeit innerer Katastrophen 
ohne äußeren Anstoß behaupten, übertrieben sind, wie Ew. pp. es wiederbolt erklärt haben; 
ich bege auch keinen Sweifel daran, daß Stalien, wenn es mit vollem Ernst und unter ein- 
sichtiger Führung seine ganze Kraft der Besserung seiner inneren Justände mwendet, bald 
diejenige selbständige Stellung unter den Mationen einnehmen würde, die ihm gebührt. Eben 
in dieser Hoffnung und mehr noch in diesem Wunsche haben wir die Natschläge gegeben, 
mit denen ich Ew. pp. in meiner Depesche vom 2. v. M. beauftragt habe. 
Aber wir können uns leider nicht verhehlen, daß die Konsolidierung der italienischen 
Unabhängigkeit in der letzten Seit eher Nück- als Vortschritte gemacht habe; daß die 
Sumptome innerer Schwäche, um nicht zu sagen, Auflösung, im Sunehmen begriffen lind: 
und daß in Verbindung damit Shre eigenen Darstellungen von den in den maßgebenden Re- 
1 Siebe Ar. 1039.
        <pb n="315" />
        Deprimierender Eindruck der Usedomschen Berichte. 301 
gionen berrschenden Strömungen sehr wenig Hoffnung darauf geben, daß wir eine Jelb- 
ständige Stellung Italiens mit einigem Vertrauen in den Kreis unserer politischen Be- 
rechnungen ziehen dürfen. 
Die italienische Politik erscheint auch nach den letzten Berichten Ew. pp. so abhängig 
von Frankreich, daß es in der Tat kaum noch von Bedeutung sein kann, ob ein Bündnis 
abgeschlossen ist oder nicht?. Die letzten Ministerien sind unter dem Einfluß Srankreichs 
eingesetzt; die Erzwingung der Ernennung Gualterios zum Hausminister selbst gegen den 
Wunsch des Königs zeigt, wie dieser Einfluß sich steigert; und von ihm erwartet man in der 
nächsten Zeit ein preußenfeindliches Ministerium Lamarmora. SGegenüber diesem wach- 
senden französischen Druck ist die nationale Partei, wie Ew. pp. sagen, tief entmutigt und 
gänzlich außerstande, ein Gegengewicht zu bilden. Der Schwerpunkt aber liegt schliehlich 
doch in dem Könige selbst; und wie wenig Vertrauen dieser einzuflößen geeignet ist, das 
darf ich mich enthalten näher auszuführen". Die Lust, sich von dem französischen Einfluß 
m emanzipieren, scheint jedenfalls, wenn sie jemals vorhanden, sich auf einzelne vorüber- 
gebende Velleitäten zu beschränken, die jeder Drohung sofort weichen. Seit dem Rücktritt 
Ricasolis haben wir kein Ministerium in Slorenz gesehen, welches auch nur des Gedankens 
fähig gewesen wäre, Frankreich jemals ernsten Widerstand zu leisten, auch Ratan#is über- 
stürzendes Vorgehen war nicht auf diesen Gedanken, sondern nur auf die trügerische Hoff- 
nung der Konnivenz Grankreichs begründet. Weder der König felbst, noch irgendeiner 
der italienischen Staatsmänner scheint von dem Bewußtsein getragen, daß sie sich für eine 
wirklich selbständige Politik Frankreich gegenüber auf den guten Willen des Landes und 
seine nationalen Hilfsmittel stützen könnten; keiner unter ihnen scheint den Mut zu haben, 
eine Stütze an anderem als dem französischen Bündnis zu suchen. 
Während dieser ganzen Zeit ist der Einfluß Preußens so gut wie null gewesen, unge- 
achtet der Erfahrung, welche den Italienern durch die Tat gezeigt hat, welche Vorteile die 
Anlehnung an Preußen für sie gehabt, ulnd) daß Preußen, England oder Rußland allein 
die uneigennützigen Bundesgenossen Staliens sein können“. Es ist feltlam genug, 
daß nach dieser Erfahrung und nachdem Preußens wirkliche Macht so großartig gewachsen 
ist, der falttische Einfluß Preußens sich in Floren;z zweifellos vermindert hat. Zeder 
Bericht Ew. pp. liefert den Beweis, daß man in Slorenz gespannt ulnd)] bereit zu gehorchen 
auf die Parole von aris wartet, während Ew. pp. Berichte für Hreußen nur die Auf- 
forderung wiederholen, uns durch Bitten oder Leistungen den Anspruch auf unsicheres ulnd! 
vorübergehendes Woblwollen der jeweiligen italiänischen Machthaber zu werbens. Sollen 
wir diese Erscheinung aus einem Mangel an Verständnis bei den italienischen Staats- 
männern oder aus dem überwiegenden Erfolg einer geschickt und energisch vertretenen 
2 Die gleiche Auffalsung tritt in den Tagebüchern Th. o. Bernhardis zutage. Bgl. feine Eintragung 
um 7. Februar über Auherungen ECspagnas, eines nahen Freundes des Szministerprösidenten RNatani#: „In 
iesem Augenblick besteht kein eigentliches, bestimmt formuliertes Bündnis zwischen Frankreich und Stalien, 
aber solange Menabrea oder vollends Lamarmora Minister ist, braucht Mapoleon auch ein solches Bündnis 
gar nicht. Er kann, wenn er den Augenblick gekrommen glaubt. einlech der italienischen Armee den Befebl 
jur E ( J Q #ebben gerede wie der franzölischen, und der Befebl wird ohne weiteres befolgt werden.“ 
Der Schluh des Satzes von den Worten an: „ulnd! dab Preußen ..“ eigenbändiger Fusatz Biswarchs. 
*Der Satz eigenbändlger Zusatz Bismarcks.
        <pb n="316" />
        302 Liegt die Verminderung des preuhischen Einflusses in Slorenz an Usedom? 
französischen Diplomatie erklären? oder aus einem wirklich vorbandenen Bewußtsein der 
eigenen Schwäche und SZerfahrenheit, welches die inneren Sustände so hoffnungslos ansieht. 
daß man eben nur vor dem Winde treibt und sich an Srankreich anklammert, um nicht 
gleich bei dem ersten Susammenstoß — wie Shr englischer Kollege meinte, von „350 000 
Mann“ aufgerollt und zertrümmert zu werden, ebe auch nur die Hilfe Preußens sich fühl- 
bar machen könnte? — Sch kann es doch nur bedauern, daß es Ew. pp. nicht gelungen ist, 
dem Gewicht der preußischen Macht in Slorenz denjenigen Einfluß und dadurch der 
italienischen Regierung das Bertrauen zu geben, dessen sie bedarf, um sich zu einer selbstän- 
digen Politik zu erheben. Ihre nstruktionen reichten dazu aus; sie schlossen die Zu- 
stimmung m einem aggressiven Vorgehen und zu unbesonnenen, für die Konsolidierung 
Italiens nicht notwendigen, wohl aber gefährlichen und darum abenteuerlichen Unterneb- 
mungen, wie die Natanische auf Rom es war, zwar aus, aber sie setzten Ew. pp. ebenso 
entschieden in den Stand, der italienischen Regierung die Gewißheit zu geben, daß, wenn 
es sich um einen Angriff auf Italien handle, der seine Existen; und Einbeit bedrohe, 
Preußen es nicht im Stiche lassen werde. Wenn man das in Stalien nicht verstehen konnte 
oder nicht verstehen wollte, so liegt der Gedanke nahe, daß man uns im Stiche m lafssen 
entschlossen ist, und daß wir unter keinen Umständen, und welches Ministerium auch am 
Nuder sein möge, auf den Beistand, ja nicht einmal auf die Aeutralität des ganz dem fran- 
zösischen Cinfluß bingegebenen Staliens zu rechnen haben. 
Es sind diese Wahrnehmungen allerdings unerfreulich für uns. Wir können aber nicht 
anders als sie mit Aufmerksamkeit verfolgen, um uns über die wirkliche Lage der Dinge 
klar u werden. Wenn wir die lberzeugung gewinnen müssen, daß in Stalien weder die 
materielle noch die moralische Kraft, weder die Sähigkeit noch der Mut und der Wille zu 
einer selbständigen Politikk vorhanden ist, so ist der Gewinn, den wir uns von Stalien ver- 
Iprechen können, m gering, als daß wir durch die Aussicht darauf uns bewegen lassen 
dürften, unseren Bejziehungen zu Stalien irgendwelche Opfer zu bringen. Es ist keine Über- 
schätzung, wenn wir von der Vorausfetzung ausgehen, daß Stalien unser mehr bedarf als 
wir seiner, so sehr wichtig seine Hilfe auch für uns sein könnte. Ist es aber nicht möglich, 
in Stalien das Bedürfnis und den ernsten Willen der Anlehnung an uns zum entschiedenen 
Durchbruch zu bringen; ist der französische Cinfluß so weit gediehen, das Bewußtsein der 
absoluten Abhängigkeit mit oder ohne Bündnis so fest gewurzelt, daß keine Partei den 
Mut bat, sich ihm zu entziehen: so müssen wir die Tatsache als ein fait accompli hin- 
nehmen und uns daran gewöhnen. Der jetzige Zustand der Unsicherbeit, mag er nun 
auf schwankenden und wechselnden Velleitäten oder auf absichtlicher Berhüllung schon weit 
vorgeschrittner Berabredungen beruben, ist kein Saktor, mit welchem wir rechnen dürfen. 
Ich verkenne die Schwierigkeiten nicht, welche einer wirksamen diplomatischen Ver- 
tretung in Italien vermöge der Unsicherheit und Verworrenheit der dortigen Sustände 
entgegenstehn, und welche die diplomatische Action im Cabinet wie in der Presse zu einer 
unberechenbaren machen. Aber ich kann mich des Endruckes nicht erwehren, daß die fran- 
zösische Diplomatie mit diesen Schwierigkeiten auch mzu rechnen bat, und wenn ich sehe. 
mit welchem glänzenden Erfolge dielelben durch Ihren franzölischen Collegen überwunden 
* Vgl. dazmu Nr. 1026.
        <pb n="317" />
        Bismarcks Gespräche mit Prim Jerome Napoleon. 303 
werden, so vermag ich mich der ZSweifel darüber nicht zu erwehren, ob Ew. pp. die richtigen 
Mittel ulnd) die richtige Haltung gewählt ulnd) bethätigt haben, um die Stellung, welche 
das Jahr 1866 uns Stalien gegenüber schuf, im Interesse Deutschlands angemessen zu ver- 
werthen. Aiemand kann mehr als ich von der Hingebung und dem Dflichteifer durch 
drungen sein, mit welchem Ew. pp. dem Königlichen Dienst Ihre Kräfte widmen; aber ich 
möchte Ew. pp. durch vorstehende Bemerkungen zur Erwägung der Srage veranlassen, ob 
Sie, wenn Sie Ihre Haltung gegenüber den Factoren, mit welchen Sie zu rechnen haben, 
an dem Maßstabe der Haltung Ghres französischen ulnd] andrer öhrer TCollegen messen, 
nicht einige der Ursachen ermitteln, aus welchen ein so bedeutsamer Unterschied zwischen dem 
von Grankreich ulnd) dem von Preußen seit dem Sturze Aicasoli's auf die italiänische 
Politik geübten Einflusse sich erklären läßt. Ich möchte fast behaupten, daß wir auf die 
Entschließungen Roms, Frankreichs ulnd] Oestreichs mehr Einfluß üben als auf die Staliens, 
obschon die practische Bedeutung unfrer Macht überall dieselbe ist ulnd) die ARatur der 
Dinge die doch an sich nicht urtheilslosen IStaliäner grade auf Preußen als auf den ge- 
bornen ulnd] erprobten Bundesgenossen hinweift'. 
1096. Erlaß an den Boischafter in Paris Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Vertraulich. Berlin, den 11. März 1868. 
Von dem ersten Eindruck, welchen die Herkunft des Prinzen Aapoleon hier gemacht 
hat, habe ich Ew. pp. in meinem Telegramm Nr. 16 vom 5. d. M. eine vorläufige 
Kenntnis gegeben. Der Drinz hat sich seitdem hauptsächlich damit beschäftigt, die Sehens- 
würdigkeiten von Berlin in Augenschein zu nehmen, und scheint mit der Aufnahme, die er 
bier in geselliger Beziehung und von seiten des Hofes gefunden, zufrieden m seins. 
Seine Gespräche mit mir haben bisber nicht den Charakter getragen, den die an seine 
Reise geknüpften Bermutungen und Gerüchte erwarten ließen. Er bat sich in längerer 
Unterbaltung bauptjächlich auf retrospektivem Gebiete bewegt, an die Luxemburger Srage 
angeknüpft und dies und jenes, was seit 1863 geschehen sei oder bätte geschehen können 
und sollen, erörtert. Eröffnungen in dem Sinne, wie der von Ew. pp. eingesandte Seitungs- 
artikel der „Opinion nationale“ sie vermuten ließ, hat er in keiner Weise gemacht; die 
orientalische Srage kaum berührt und auch keine besondere Eingenommenheit oder Ani- 
mosität gegen Rußland gezeigt. Mur in Bezug auf unser Berhältnis zu Süddeutschland ließ 
er einige Beforgnis blicken für den Sall, daß wir darin felbst zu rasch vorgingen oder vom 
Sollparlament gedrängt würden; wenn in letzterem eine starke Tendenz zur deutschen Eindbeit 
7 Der ganje letzte Absatz eigenhöndiger Jusatz Bismarcks unter Streichung eines Absatzes von 
Abekens Hand. 
1056. Siche Ar. 1000. 
lr*sß dam die Berichte Benedettis vom s. und 13. AMärl, Les Crigines Diplomatiques, 10, 
* vVal. Ar. 1091.
        <pb n="318" />
        304 Außerungen Prinz Jeromes. Unbequemlichkeiten seines Besuchs. 
sich kundgebe und beftige und aufreizende Reden im nationalen Sinne gehalten würden, 
so werde dies in Frankreich einen üblen und verstimmenden Eindruck machen; das Ver- 
hältnis zu Süddeutschland sei überhaupt in seiner gegenwärtigen Schwebe und Unsicherheit 
ein bedenklicher Dunkt, und es sei wünschenswert, daß bier ein Abschluß gemacht werde, 
bei dem Srankreich sich beruhigen könne. Aber auch dies Chema behandelte der Prinz 
mehr in akademischer Weise und, wenn ich den Eindruck, den seine Unterhaltung im ganzen 
und in Verbindung mit dem Wege, den er genommen, über Grankfurt-Kassel, auf mich 
gemacht, msammenfassen soll, so könnte ich sagen, es sähe weniger so aus, als ob er für 
die Segenwart oder Zukunft Politik machen wolle, als vielmehr, als ob er ein Werk 
über die Vergangenheit m schreiben beabsichtige und seine Reise zu dem Sweck unter- 
nommen habe, um sich Informationen darüber zu sammeln. 
Wenn nun hiernach seine Anwesenheit auch nicht die befürchteten politischen Unbequem-- 
lichkeiten mit sich bringt, so ist sie doch in geselliger Beziehung für den Königlichen Hof eine 
nicht geringe Unbequemlichkeit, von der man sich in Paris vielleicht aus Unkenntnis der hiesigen 
Hofgebräuche keinen rechten Begriff macht. Die Rücksicht auf Seine Majestät den Kaiser 
hat Seine Mofestät den König und das Königliche Haus mu einem Entgegenkommen und 
eifrigen Bestreben, dem Prinzen seinen Aufenthalt hier in geselliger Weise so angenehm 
wie möglich zu machen, veranlaßt, welches namentlich bei dem über die ursprüngliche Er- 
wartung binaus verlängerten Aufenthalt des Prinzen in die gewohnte Hoferisten; empfind- 
lich eingreift und für Geschäftsmänner sehr zeitraubend ist. Sch erwähne dies vertraulich 
gegen Ew. pp., indem ich zugleich die Hoffnung ausspreche, daß der Kaiser Aapoleon in 
jenem Bestreben den Ausdruck der perfönlichen freundschaftlichen Gesinnungen Seiner 
Mojestät des Königs gegen ihn erkennen werde. 
H. Oncken, Die Abeinpolitik Kaiser Aapoleons III. von 1863 bis 1670, II, 329 f. 
*1097. Erlaß an den Gesandten in Wlen 
Freiherrn von Werther. 
lsKontept von der Hand des Vortragenden Vats Abeken.] 
Nachdem schon Graf Usedom in seinen Verichten mehrfach darauf hingewiesen hatte, daß 
die österreichische Hesondischaft in FSloren; ihr möglichstes tue, um die italienische Regierung 
lum festesten Anschluß an die französische Politik zu drängen, war auch der in militärischer 
Mission nach Italien entsandte Legationsrat v. Bernhardi in einem seiner Briefberichte vom 
29. Gebruar auf dieses Thema eingegangen. Es bieß darin u. a.: „Schon seit längerer Zeit ist 
es sebr bemerklich, daß die hiesige österreichische Gefandtschaft auch ihrerseits alles tut, was in 
ihren Kräften stebt, um die italienische Regierung zu einem festen, unbedingten Anschluh an die 
franjzölische u bestimmen — Bemühungen, von denen man denken sollte, daß sie kaum nötig 
scheinen können, wie die Dinge hier stehen. In diesen Tagen habe ich erfahren, welcher Sprache 
sich die österreichische Gelandtschoft dabei bedient. 4 
Die Politikt Dreußens wird als aggressio und dem europäischen Srieden gefahrdrobend 
bezeichnet — ein Bündnis zwischen Rußland und Hreußen als vollendete Tatsache, als un- 
weifelhaft bereits geschlossen dargestellt. Dah die chriftliche Bevölkerung des europdischen Orients 
etwa aus eigenem Antrieb regen und erbeben könnte: das ist eine Vorstellung, die als ablurd 
von Haus aus abgewiesen und gar nicht diskutiert wird. uhland ist es, ganz allein Rußland, 
das den Orient künstlich aufwühlt, wo ohne diese russischen Umtriebe die vollständigste Rube 
errschen würde. Aber natürlich würde Außland das gar nicht wagen, wenn es nicht der 
nterstützung durch Preußen gewiß wäre — so gewinnt es denn fast den Anschein, als sei es 
eigentlich, in letzter Instanj, Preuhen, das den Orient in Unruhe versetzt. k
        <pb n="319" />
        Olterreich Jucht Italien für ein Bündnis mit Frankreich zu gewinnen. 305 
Ubrigens — fährt die österreichische Darstellung fort — würde Außland bei der Aus- 
führung seiner Pläne auf lehr große Schwierigkeiten stoßen. Osterreich will natürlich den euro- 
pälschen Grieden erhalten wissen; es wird unter keiner Bedingung Preuhens Stellung in Deutsch- 
lond angreifen, — am allerwenigsten sich einer Koalition anschließen, die den Zweck hätte, die 
Einigung Deutschlands zu bekömpfen. Aber freilich, daß Dußland den türkischen Staat zu ver- 
nichten und eigene Oberderrschaft an die Stelle zu setzen sucht, könnte Österreich nicht untätig 
dulden Es mühte dann, auf jede Gefahr bin, zum Schwert greifen. Auch ist die Kürkei selbsft 
gegenwärtig durchaus nicht mehr ein Gegner, den man gering achten dürfte. Auf die Griechen 
dagegen, die Rumänen, die Serben und die übrigen Südslawen, die sich allenfalls Rußlond an- 
schlieben könnten, ist wenig u rechnen. Ze weniger auf den Beistand, den Rußland von dieser 
Seite erhalten könnte, irgendein Gewicht zu legen ist, um desto entscheidender mühte es werden, 
daß außer ÖOsterreich auch England und Frankreich zugunsten der Psorte einschreiten würden. 
as alles weiß man in DPetersburg sehr wohl zu würdigen — und eben desbalb würde 
Auhland seine Pläne im Orient gewiß fallen lassen, sowie es erwarten mühte, nicht von Preuhen 
unterstützt zu werden. 
an wird also aller Wahrscheinlichkeit nach den europäischen Srieden erhalten, wenn man 
die preußische Regierung davon überzeugt, daß sie ganz Curopa — das ganze westliche Curopa 
wenigstens — gegen sich baben würde, und die Hauptlast, sowie die Hauptgefahr des Krieges m 
tragen hötte, falls sie Rußland in seinen orientalischen Plänen unterstützen wollte. 
adurch — demonstriert die österreichische Gesandtschaft — ist der engste Anschluß 
Staliens an Frankrei eboten; diese Kombination ist aber auch überhaupt die natürliche, die 
einzig mögliche Politik der italienischen NVegieruhf. die durch alle ihre SInteresseen darauf an- 
gewiesen ist. Stalien kann nur gewinnen im Anschluß an Srankreich — und komn anderer- 
leits nur in der engsten Verbindung mit Srankreich etwas gewinnen.“ 
Vertraulich. Berlin, den 12. März 1868. 
Ew. pp. übersende ich anliegend einen Auszug aus einer Mitteilung, welche mir aus 
Slorenz;, nicht von der Königlichen Gesandtschaft, aber aus einer in die dortigen Verhält- 
nisse eingeweihten Quelle über die Sprache zugegangen ist, die von der österreichischen 
Gesandtschaft doselbst angeblich geführt wird, um die italienische Regierung von uns abzu- 
wenden und einem Bündnis mit Grankreich geneigt zu machen. Sch habe keinen Grund, 
die Glaubwürdigkeit dieser Angaben zu bezweifeln; und eine derartige Sprache der öster- 
reichischen Vertretung in Ilorenz stimmt nur zu sehr mit der Haltung des Sürsten Metter- 
nich in Paris, dessen Verbindungen mit der dort gegen Preußen tätigen Presse noch durch 
die neuerlichen, aus dem Vachlaß des La Varenne (Autors der Broschüre „Care aur 
Barbares“, für welche er vom Fürsten Metternich 2000 frs. erhalten)" bekannt gewordenen 
Enthüllungen konstatiert sind. Daß eine ähnliche antipreußische Agitation in der Presse 
von der Umgebung des Reichskanzlers aus, 3. B. von dem in seinem Kabinett beschäftigten 
bekannten Schriftsteller Hermonn Orges geleitet und eifrig betrieben wird, ist uns seit 
längerer Zeit bekannt und dokumentiert; so reich die österreichische Reichskanjlei auch 
mit geheimen Fonds dotiert ist, so ist sie doch in der Wahl ihrer Agenten in der Presse 
nicht so vorsichtig, daß uns nicht vielfach die Gelegenheit geboten würde, über ihr Treiben 
actenmäßige Beweise in die Hände zu bekommen.. Alle diese Sumptome mahnen uns, 
ungeachtet unseres aufrichtigen Wunsches guter Beziehungen, doch immer von neuem 
zur Vorsicht und lassen uns zweifeln, wie weit die Versicherungen des Grafen Beuft auf- 
1 Nach einem Berichte des Grafen v. d. Goltz vom 4. Mäörz über die franjfölische Presse waren in 
dem Nachlasse des Schriftstellers H. de Varenne Popiere gefunden worden, wonach dieser von dem Sürsten 
Metternich für den Druck der Broschüre „Gare aux Barbares! La Coalltion Russa-Prusslenne, Paris 
Libvralre Centrale 1867“ 2000 frs. erhalten batte. Die Preuhenfeindlichkeit dieser Schrift erbellt daraus, 
daß es gleich in ihrem Anfang beißt: „La Prusse veut prendre toute I’Allemagne, y compris les 
Provinces Autrichiennes et devenir la QOrande Pulssance militalre de I’OccIdent, devant laquelle 
tous les autres Etats ne seront plus que pousslere.“ Wan siebt bier an elnem charakteristischen Beilpiels, 
auf welche alten Ladenhüter die —h Schuldthefe zurückgebt. . 
IVslidåtuAr.IozsncbitVorbnaeklruag. 
UDIIMEIPCUIRpübekidrcaibea...«tiqenh’q·adigcKorrekturAMICI-. 
VIa 10
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        306 Wie Reuß sich gegenilber russischen Avancen verhalten soll. 
richtig gemeint seien. õch übergehe hier die mächtige antipreußische Strömung, welche aus 
den höhern östrleichischen) Kreisen gegen den Willen des Blarson Beusft in der Hitzinger 
Angelegenbeit sich geltend machen konnte, ulnd] in Golge deren schwer verschuldete olizei- 
Beamte statt der Strafe schließlich die Crlaubniß zur Annahme des Guelphenordens er- 
halten. Ich übergebe auch die Beziehungen zu Grlaf] Bitzthum“", übergehe die Cendenzen 
des Rothbuchss. Aber aus allem diesen folgt für uns die Notwendigkeit, unsere Be- 
siehungen nach anderen Seiten hin zu pflegen und die Möglichkeit eines Rückhaltes gegen 
gewisse Eventualitäten im Auge zu behalten. 
Ich teile Cw. pp. diese Aotizen vertraulich mit, um Sie in den Stand zu setzen, nicht 
nur selbst in Ihren Beobachtungen und Urteilen mit völliger Sachkenntnis zu verfahren, 
sondern auch, um gelegentlich und in geeigneter Weise dem Greiherrn von Beust durchblicken 
m lassen“, daß es die erwähnten Spmptome jind, nicht aber unfre eignen Gesinnungen, 
welche uns bisher bindern, volles Vertrauen zu der Politik des Kaillerlichen) Kanzlers 
zu fassen. 
*1098. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Helurich VII. Deinzen Reuß. 
([Konrept von der Hand des Vortragenden Aats Theremin. 
Auf Bismarcks Erlah vom 16. Februar (siehe Ar. 1064), der dem Prinzen Reuß jum 
Vorwurf gemacht batte, auf die Eröffnungen Kaiser Alexanders II., die die gegenseitige Hilfe- 
leistung Preußens und Außlands in einem mit Grankreich oder Öfterreich ausbrechenden Kriege 
betrafen, zu urückhaltend geantwortet zu baben, batte Reuh in einem Berichte vom 6. Märi 
sich damit zu rechtfertigen gesucht, dah er sich nicht befugt geglaubt habe, Zusicherungen in der 
Aichtung einer preuhischen Hilfeleistung zu geben. 
Vertraulich. Berlin, den 12. März 1868. 
Aus Ew. pp. gefälligem Berichte vom 6. d. M. Vr. 42 habe ich ersehen, daß ich in 
meinem Erlasse vom 16. v. M. Ar. 51 von Ihnen nicht richtig verstanden worden bin. Ich 
habe nicht gemeint, daß Ew. pp. lediglich auf Grund der allgemeinen guten Besiehungen 
beider Höfe in reelle Verhandlungen oder auch nur detaillirte Besprechungen eingehn 
sollten, welche der diesseitigen Regirung eine Verbindlichkeit auferlegen könnten. Dam 
würde ich Ew. pp. ohne besondern Befehl Seiner Mojestät des Königs nicht ermächtigen 
können. Mein Wunsch war nur, daß gegenüber von allgemeinen Bersicherungen der 
Freundschaft ulnd] der Bereitwilligkeit für eintretende künftige Sventualitäten, Ew. pp. 
Schweigen nicht etwa den Eindruck der Kälte in der Gesinnung unfres allergnlädigsten] 
Herrn mache, sondern daß Ew. pp. in solchen Sällen in derselben Conart erwidern, das 
* Vgl. dam H. Oncken, Die Abeinpolitik Kalfer Vapoleons III., II, 497. Anm. 2. Die ganze Preuhen- 
feindlichkeit des kur) vorher zur Disposition gestellten bald darauf jum österreichischen Gesandten in Brüssel 
ernannten lächsischen Gesandten in London gebt aus dem von ihm verfahten „Memoire sur les moyens, 
d’établir une triple alllance entre I.Autriche, la Prance et la Grande Bretagne en Orlent“ bervor, 
das Fürst Metternich dem Kaiser Aapoleon III. im Auftrage Beufts überreichte. Bal. dazu auch den ver- 
traulichen Erlaß Moustiers an den 2 von Gramont vom 18. Januar, Les Origines Diplomatiques, 
§s. Bismarckt war auf preußenfeindliche Umtriebe Vitzthums und seine fortdauernden Bejiehungen 
ju Beuft durch einen Bericht Werthers vom 11. Sebruar aufmerksam gemacht worden. 
Die beiden letzten Sätze eigenböndiger Gufatz Bismarcks. . 
»DerschluhdesErlalleseigenhänbtgeKotkektukBismatckcs. »» » 
sos.: Das Konzept trägt den Vermerk von der Hand Vismarcks: „Vlonl Sleiner] Mlojestät! glenebmigt)".
        <pb n="321" />
        Reuß soll abwartende Stellung einnehmen. 307 
beißt, mit Bekkundung analoger Gefühle, ohne irgendwelche spezielle Verpflichtung einzu- 
gebn. Durch letztre würden Sie mehr gewähren, als Sie von Sleinelr Mloajestät) dem 
Kaiser empfangen, ulnd) das ist nicht die Absicht; sondern nur, daß der Kaiser nicht u 
besorgen habe, die diesseitige Stimmung sei weniger wohlwollend als die Seinige-. 
*1099. Privaischreiben an den Gesandten in Detersburg 
Helnrich VII. Drinzen Reuß. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Theremin.] 
In einem Immediakbericht vom 4. Mörz hatte Drinz „Aeuß neue Außerungen Kaiser 
Alexanders II. über gegenleitige preuhisch-russische Hilfeleistung in einem kommenden Kriege mit- 
geteilt. Danach war der Kaiser bereit, Ssterreich in Schach zu halten, wenn Preußen in einen 
Krieg mit Srankreich oder Österreich verwickelt werden ollte, obrabsgelebl. daß Kömit Wilhelm I. 
ihm ebenso in einem russisch-österreichischen Kriege beisoringe. Für den ersteren Sall machte der 
Kaiser sich enbesschig. eine Armee von 100 COoOo Mann an der ruflisch-Pterreichischen, Grenze 7*n 
zustellen; ein Gleiches erwartete er egebenenfalts von Preußen. Bgl. auch die Tagebu 
Aufjeichnungen des Militärbevollmächtigten Oberst von Schweinitz zum l Mn. Briefwechsel 
des Botschafters General v. Schweinitz, S. 40. Reuß hatte sich, eingedenk der Mahnung 
Bismarcks vom 16. Februar (ogl. Ar. jo64), gegenüber den neuen Auherungen des Kaisers ent- 
gegenkommender ausgesprochen, ohne sich doch schon auf Details einzulassen. Wie Reuß am 
Schlusse seines Immediatberichts anführte, hatte er die Empfindung, als ob Koiser Alexander 
auf seine Avancen noch eine weitere RMückäußerung von preuhischer Seite erwortete. Bal. dam 
#h — “rm"ß½? die Anfänge des Dreikaiserbundes Börr bis 1871). Preuhische Jeprhücher 
d. . 293 und H. MWichael, Bismarck, England und Europa 1866 bis 1870, S. 166 ff. 
Berlin, den 14. März 1868. 
Der Schluß in Ew. pp. Immediatberichte Ar. 38 vom 4. d. M. gibt mir Veranlassung, 
Ew. pp. im Anschluß an meinen vertraulichen Erlaß vom 12. d. M. Ar. 100 noch den 
Wunsch auszujprechen, daß Ew. pp. es vermeiden wollen, auf die Crörterung von Details 
für eventuelle gegenjeitige Hilfsleistungen in etwaigen Gesprächen mit Seiner Moajestät 
dem Kaiser einzugehen, Ew. pp. wollen, auch wenn der Kaiser dergleichen anregt, dam 
eine abwartende Stellung einnehmen und sich auf der Linie derjenigen allgemeinen Ver- 
sicherungen halten, welche Sie nach dem vorgedachten Immediatberichte in Gemäßbeit 
meines Erlasses vom 16. v. M. Ar. 51 gegen den Kaiser Ausdruck gegeben haben; diese 
Vorsicht wird um so nötiger sein, als der Fürst Gortschaktow, wie Ew. pp. in dem Berichte 
vom 6. d. M. Ar. 38 anführen, bis jetzt in Bezug auf jene Sventualitäten gegen Ew. pp. 
eine vollkommene Neserve beobachtet hat. Jedenfalls müssen wir vermeiden, Empfind- 
lichkkeiten bei ihm hervorzurufen. 
*1100. Erlaß an den Botschafker in Daris Grafen von der Goltz. 
[Konfzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.)] 
Wie Lord A. Loftus (ogl. Ar. 88 so batte auch Benedetti in seiner Berichterstattung 
(lebe leine Verichte vom 27. Februar und 8. Aürz, sowie seinen Privatbrief an Mouftier vom 
Origines Diplomatiqu es, XX, 442 8 ss., XXI, 15 s., 3% d5.) bittere Klage darüber 
erfübrt daß Bismarck sich leit seiner Perreitz am 6. Sebruarerfolgten, ober erst am 26. den 
2 Der Erlaß beruht vom zweiten Satze an auf eigenbändigem Konzept Bismarcks unter Streichung 
des Konzeptes Tberemins
        <pb n="322" />
        308 Bismarcks Gesundbeitszmustand und sein Verkehr mit dem Diplomatischen Korps. 
Diplomaten offiziell mitgeteilten Beurlaubung von den Geschäften, dem Verkehr mit dem Diplo- 
matischen Korps entzog. Ein lebhaftes Ccho sanden die Benedektischen Klagen in einem Gespräch, 
das Graf v. d. Goltz am 5. März mit Marquis Moustier hatte. Aicht ohne Bosbeit bemerkte 
Moustier, Bismarck scheine doch ganz gesund zu sein, gäbe sich den Geschäften mit groher Kötigkeit 
bin und versage sich auch nicht abendlichen Gesellschaften; nur für das Diplomatische Korps bliebe 
er unzugänglich. In einem eingebenden Bericht vom 7. Aêärz gab Graf o. d. Goltz die 
Moustierschen Auslassungen wieder. 
Berlin, den 14. März 1868. 
öch beeile mich, Ew. pp. gefälligen Bericht Ar. 67 vom 7. d. M. qu beantworten, 
weil mir daran gelegen ist, daß meine persönlichen Beziehungen zu Herrn Benedetti und 
dem diplomatischen Korps überhaupt nicht in einem falschen Lichte erscheinen. Überrascht 
bat mich, ich muß es gestehen, die Klage — ich will sie durchaus nicht als Beschwerde auf- 
fassen — des Herrn Benedetti gerade in diesem Augenblick, wo ich aus NBück- 
sicht für den anwesenden französischen Prinzen seit beinahe acht Tagen täglich mit ihm 
mjlammengewesen bin, sei es am Hofe, sei es bei ihm selbst, dem englischen Botschafter oder 
beut in meinem eigenen Hause — und stets so, daß die Anwesenheit des Prinzen mich 
nötigte, die Konversation bis in die Nacht binein fortzusetzen. Ich wweifle nicht, daß die 
Klagen des Botschafters mehr oder weniger ein Scho im diplomatischen Korps finden; und 
Ew. pp. haben vollktommen Necht gehabt zu bemerken, daß aus meinem Berhalten unmög- 
lich eine pezielle Rückssichtslosigkreit gegen den Vertreter Seiner Moajestät des Kaisers 
gefolgert werden könne. 
Die Tatsache ist, daß ich seit Anfang Dezjember 1865 in einem Gustande bin, den ich 
als eine fortwährende Krankbeit bezeichnen muß. Es ist ein Zustand, der sich in wechselnden 
körperlichen Sumptomen äußert, denen eine Erschöpfung der VNerven zugrunde liegt, und 
der mir jede lange fortgesetzte geistige Lätigkeit erschwert, mitunter verbietet. Körper- 
liche Anstrengung ist mir im Gegenteil wohltätig; und die Arjte verlangen, daß ich der- 
selben in viel ausgedehnterem Maße obliegen solle, als ich es tue; dagegen verlangen sie, 
daß ich meine geistige Arbeit so viel wie möglich einschränke, auf höchstens zwei bis drei 
Stunden täglich. Sch bin leider nicht imstande, mich dieser Vorschrift vollständig zu fügen:, 
so sehr meine eignen Empfindungen mir auch die Aichtigkeit derselben beweisen. Aber 
es ist meine Pflicht und mein Recht, ihr wenigstens so viel wie möglich nachzukommen. Es 
wäre dem Sweck der Pflege meiner Gesundheit allerdings entsprechender gewesen, wenn 
ich bätte m einer längeren Abwesenbeit, einer größeren Aeise oder einem Landaufent- 
halt einen vollen Urlaub von Seiner Mojestät dem Könige mir erbitten wollen; das von 
mir selbst empfundene Bedürfnis aber, angefangene Aufgaben selbst durchzuführen, und 
der Wunsch Seiner Maoajestät des Königs, mich in seiner Nähe zu behalten und meine An- 
sicht bören zu können, hat mich bewogen, diesem von den Arzten dringend befürworteten 
Mittel der Heilung zu entsagen. 
Ich glaube dabei keine Rücksicht irgendeiner Art verletzt m haben. Als der englische 
Botschafter in Ubereinstimmung, wie es scheint, mit Herrn Benedetti, sich dahin aussprach, 
dah er, um mit meinem Vertreter Geschäfte zu verhandeln, einer amtlichen Benach- 
richtigung über die Beauftragung desselben und über meine Beurlaubung bedürfe, habe 
ich, die Berechtigung dieses Verlangens anerkennend, sofort das betreffende amtliche 
De 
„ 1 Der n des Satzes eigenbändiger Zusatz Bismarcks. Auch der voraufgebende Tell des Erlasses 
entbält einige kl 
einere Korekturen Bismarcks.
        <pb n="323" />
        Benedettis ungerechtfertigte Klagen. 309 
Girkular erlassenz; und ich glaube, daß die Botschafter und Gesandten nur dankbar dafür 
sein können, daß Herr von Thile mit dieser Vertretung beauftragt worden. Die Sub- 
Kitution eines anderen Ministers, wie Ew. pp. lie als in Srankreich üblich bezeichnen, würde 
ja leicht gewesen sein; ich glaube aber, daß dies keine Erleichterung des Geschäftsganges 
sein würde, da mein Kollege sich in jedem befonderen Falle erst hätte durch den mit den 
Geschäften des Ressorts allein völlig vertrauten Unterstaatssekretär Herrn von Thile 
informieren lassen müssen. 
Indem ich hiermit der Sorm vollkkommen genügt batte, mußte ich es zugleich in der 
Sache — und ich habe dies dem englischen Botschafter gegenüber bei jener SGelegenheit jehr 
entschieden aussprechen lassen — als das einem jeden Menschen' zustehende Recht in 
Anspruch nehmen, für die Pflege meiner Gesundheit und die Schonung meiner Kräfte m 
tun, was ich vermag. Das Maß zu beurteilen, bin nur ich selbst und mit Hilfe der är#t- 
lichen Autorität imstande', ulnd) jede fremde Controlle darüber muß ich als eine beleidigende 
Verletzung meiner perfönlichen Unabhängigkeit ulnd) meines Anjpruchs auf Glaubwürdig- 
keit ansehn. 
Ganz bestimmt aber muß ich den Anführungen entgegentreten, welche sich auf meine 
Teilnahme an gesellschaftlichen Kreisen beziehen. Sie jind tatjächlich vollltommen un- 
begründet, und ich bin sicher, daß Herr Benedetti über die Art, wie ich meine Abende zu- 
bringe, besser unterrichtet ist. Er weiß, daß selbst ollen Cinladungen Shrer Mojestät der 
Königin gegenüber ich die Nachsicht Ihrer Majestät für mein Ausbleiben in Anjpruch ge- 
nommen habe, seit ich beurlaubt bin. Selbstverständlich also besuche ich andre Sezfellschaften 
überhaupt nicht. Aur aus Rücksicht für den Prinzen Alapoleon] habe ich mich in der 
letzten Woche an den ihm zu Ehren gegebnen Diners, nicht aber an den Abendgesellschaften 
bei Hofe betheiligt. Diese Ausnahme von der Negel habe ich allen Grund zu bereuen, weil 
sie mein Unwohlfein vermehrt hat“. 
Ich glaube, wenn Seine Majestät der König meine Abwesenheit von den Festen des 
Hofes entschuldigt und mir auch in geschäftlicher Beziehung gestattet, meine Vorträge auf 
die notwendigsten und ausdrücklich befohlenen Sachen zu beschränken und in vielen Sällen 
auch bei seiner allerhöchsten Person durch den Unterstaatssekretär mich vertreten zu lassen, 
so werde ich auch von den Vertretern fremder Regierungen mindestens die gleiche Rücksicht 
auf meine Gefundbeit, sowohl in geschäftlicher, wie in gejellschaftlicher Beziehung in 
Anspruch nehmen dürfen. 
Ich habe gegen Lord Augustus Loftus bei der oben erwähnten Gelegenheit die Be- 
merkung nicht zurückgehalten, daß, wenn ich diese Rücksicht nicht fände, mir nichts anderes 
übrig bleiben werde, als Seine Majestät den König zu bitten, einen besonderen MAinister der 
auswärtigen Angelegenheiten zu ernennen und mir zu gestatten, die Politik seiner Re- 
gierung nur als Ministerpräsident zu vertreten. Dadurch würde ich aller unmittelbaren 
Bejiehungen zu den fremden Diplomaten überhoben werden und den letzteren jeden Anlaß 
zur Klage entziehen; nach der Stellung aber, welche in unserem preußischen Verfallungs- 
leben der Ministerpräsident einnnimmt, und bei der Verantwortlichkeit, welche er dem 
Könige und dem Lande gegenüber für die ganze Politikt der Reglerung trägt, würde ein 
2 Bgl. Ar. 1086, Anm. 2. 
* Der VRest des Absatzes eigenbändiger Zusatz Bismarcks. 
Die drei letzten Sätze eigenhöndiger Zusatz Bismarcks.
        <pb n="324" />
        310 Bismarck verbittet sich jede Kontrolle Jeines Gefsundheitsmflandes. 
besonderer Minister der auswärtigen Angelegenbeiten doch" nicht den Grad der Unab- 
bängigkeit in seinen Entschließungen besitzen, welcher den Verkehr mit ihm für die fremden 
Diplomaten zu einem befriedigenden machen könnte. Ein solcher Minister der aluswär- 
tigen) Alngelegenheiten] würde die Befehle Sleinehr Alajestät] immer erst nach Verstän- 
digung mit dem Minlister) Präslidenten] einholen können, sobald es sich um Fragen von 
irgend welcher Bedeutung handelte. Ob daher die fremden Diplomaten mit einer solchen Ber- 
änderung zufrieden sein würden, ist mir mehr als zweifelhaft. « 
öch kann daher für jetzt nichts anders, als die Hoffnung aussprechen, daß nach dieser 
offenen Darlegung der Tatsachen, welche ich Sie dem Herrn Marquis de Moustier ebenso 
offen wiederzugeben bitte, die Kaiserliche Regierunge etwaige Ansprüche ihres Vertreters 
auf eine Controlle meines Gesundbeitszustandes ulnd] meiner Leistungsfähigkeit nicht unter- 
stützen werde. Über die Srage, in wie weit ich das Interesse meiner Gesundheit dem des 
Könliglichen] Dienstes unterordnen will, steht mir allein die Entscheidung zu, ulnd) sollte von 
Seiten einzelner Mitglieder des diplomatischen Corps eine amtliche Controlle meines Se- 
sundbeitszustandes in einer Weise fortgesetzt werden, welche mit meinem GSefühle perfön- 
licher Würde unverträglich ist, so würde mir nichts übrig bleiben, als durch Allerhöchste 
Entschließung einen Wechsel entweder in meiner Person oder in der des betreffenden 
Diplomaten herbeizuführen, da ich unter allen Umständen entschlossen bin, meine Privat- 
verhältnisse nicht weiter zum Gegenstande von Discussionen zu machen, die ich für einen 
ernsthaften Geschäftsmann von meinem Alter nicht annehmbar finde. 
Ich habe sehr gegen meinen Wunsch und Willen in der Behandlung dieser perfön- 
lichen Berhältnisse eingehender und ausführlicher sein müssen, als es der Gegenstand an sich 
wert ist; aber ich habe damit nur denselben Zweck verfolgt, welchen Ew. pp. im Auge 
hatten, indem Sie die betreffende Depesche schrieben, nämlich den, zu verbindern, daß nicht 
durch diese rein perfönlichen Verhältnisse, an denen nur meine leidende Gesundheit die 
Schuld trägt, eine sachliche Verstimmung zwischen den beiden Kabinetten erzeugt werde. 
1101. Erlaß an den Botschafter in Daris Grafen von der Goltz. 
[Kontept von der Band des Vortragenden Vats Theremin.] 
· Rad)einemVekichtdesGrafenv.d.Golfsvoms.Möt-zhatteMarquiFMoultiek 
thing-genährtbeieiaekneuetlichenStörtetungdettumänilchenscagejwatdchtstnarckclcheu 
Auffassung mgestimmt, daß Fürst Karl es so wenig mit Rußland wie mit Srankreich verderben 
dürfe. Dafür brachte aber Woustier von neuem die Behauptung vor, daß der Sürst unter dem 
Einflusse seines den Frangosen feindlich gesinnten Ratgebers J. Bratiano sich mit gefährlichen 
DPlänen trage; er wolle Siebenbürgen annektieren, aus Rumänien ein unabhängiges Königrei 
machen und denke legr an die Errichtung eines busgerischen Königreichs! Weiter beharrte 
Moustier darauf, über die preußischerseits wiederholt bestrittenen rumönischen MRüstungen ganz 
sicher unterrichtet zu sein; auch von umfassenden militärischen Vorkehrungen im südlichen Auß- 
lond wollte er wissen. Daß Frankreichs Verhalten in der rumönischen Prage sich gegen Ruß- 
land kehre, stellte Moustier durchaus in Abrede: nicht dabin gebe lein dringender Wunsch, 
Buhland zu isolieren, vielmehr, „gemeinschaftlich mit ihm die Mittel in Erwägung m siehen, 
um in den in Rede stebenden Ländern die wünschenswerte Beruhigung wiederberzustellen und m 
ichern“. Val. dazu den vertraulichen Privotbrief, Marquis Moustiers an Benedetti vom 6. März, 
— Origines Diplomatiques, 1I. 28 ss. Golt selbst neigte dam, die Dinge gan) im Sinne 
Moustiers zu beurteilen. Bismarckes Belehrungen vom 26. Gebruar (siehe Dr. 1077) waren an 
d lgende Satz el öndige Korrektur bjw. Jusatz Bismarcks. 
— z — — iese Rest des Mjedes eigenhändlger Jusatz 
Blsmarchs.
        <pb n="325" />
        Goltz' Besorgnisse vor einer rufsischen Absorption Rumöniens. 311 
ihm wirkungslos abgeprallt; er setzte unter Berufung auf seine mehrjährige amtliche Tätigkeit 
im Orient seine Überzeugung gegen die seines Chefs: „Während meiner mehrjährigen amtlichen 
Kätigkeit im Orient babe ich die Überjeugung gewonnen, dah der im preuhischen Kabinett 
traditionell gewordene, aber mit der preußischen Dolitik des vorigen Jahrhunderts im Wider-- 
spruch stehende Satz, daß Preußen bei der orientalischen Frage nicht direkt interessiert Jei, 
unrichtig ist und nur damals durch die relative Schwäche unserer Gro wachtstellung gerecht- 
sertigt werden konnte. Da wir Nachbarn der beiden kontinentalen Nachbarn der Türkei sind. 
so müssen uns vielmebr alle Eoentualitäten von Territorialveränderungen im Norden dieses 
Aeiches sehr nabe interessieren. Vor allem gilt dies aber von den Donaufürstentümern, deren 
guclerpten durch Bußland die verhängnisvollsten Solgen für die Machtstellung Preuhens 
aben wülrde. 
Vertraulich. Berlin, den 15. März 1868. 
Die Außerungen des Marquis Moustier über Rumänien, welche Ew. pp. in dem ver- 
traulichen Berichte Nr. 68 vom 8. d. M. wiedergegeben haben, lind für mich von großem 
Interesse gewesen. Sch habe mit Befriedigung ersehen, daß derselbe meine Ansicht, daß der 
Gürst Karl es ebensowenig mit Frankreich wie mit Rußland verderben dürfe, teilt, und ich 
meinerseits stimme wieder volllrommen mit dem Warquis Moustier darin überein, daß es 
für den Fürsten Karl unbedingt geraten ist, keine auswärtige Politik zu treiben und eine 
Stellung ähnlich der des verstorbenen Königs Leopold einzunehmen. Wir werden nicht 
unterlassen, unseren Einfluß bei dem Sürsten in diesem Sinne fortgesetzt zur Seltung zu 
bringen. 
Bratiano ist auch mir nicht sumpatbisch; aber ich glaube doch, daß die Projekte, die 
der Marquis Woustier ihm zuschreibt, m abenteuerlicher Natur sind, um nicht an dem ver- 
ständigen und vorsichtigen Charakter des Fürsten Karl vor der Ausführung zu scheitern. 
Was die Befürchtungen anlangt, welche Ew. pp. am Schlusse Ihres Berichtes an die 
eventuellen russischen Pläne in Bezug auf den Orient knüpfen, so glaube ich nicht, daß 
Rußland jetzt an eine Absorption der Donaufürstentümer denkt und bin überzeugt, daß man 
den rufsischen Unternehmungsgeist überhaupt überschätzt. Von den militärischen Bor- 
bereitungen, welche Marquis Moustier Ew. pp. angedeutet hat, wissen wir bis jetzt nichts, 
und erwähnen die Berichte des Königlichen Militärbevollmächtigten in Petersburg und 
unserer Konfuln in Rußland nichts derart. Existieren diese Rüstungen, so sind sie vielleicht 
aus dem Umstande m erklären, daß Rußland weniger als wir den friedlichen Cendenzen 
Grankreichs traut und entschlossen sein mag, für den Sall, daß es zwischen uns und 
Grankreich zum Konflikte käme, den günstigen Moment zu benutzen, um ohne Rücksicht auf 
Isterreich und England rasch m#zugreifen. Doch haben wir Ceine sichern Indicien für diese 
Absicht. Deutlicher erkennbar ist uns dagegen die ohne Zweifel unbegründete Befürchtung, 
daß Österreich unter französischer Konnivenz versuchen könnte, sich den Nordwesten der 
Türkei anzueignen, eine Eventualität, die, wie ich glaube, von Außland zweifellos als 
Casus belli behandelt werden würde mehr aus Rücksicht auf Flavische Gefühls-Politik ulnd) 
auf die Richtung der öffentlichen Meinung als aus wohl erwognem Snteresse. Aber jelbft 
wenn die Politikk Rußlands unter der Einwirkung eines auswärtigen Impulles eine kriege- 
rische Richtung nehmen gollte, so glaube ich nicht, daß sie auf eine Erwerbung der Donau- 
fürstentümer gerichtet sein würde; eher darauf, dieselben der Abhängigkeit von der Oforte 
zm entziehen#. Wenn eine directe Erwerbung auf der europäischen Seite Reiz ulnd) 
1 Die beilden letzten Sätze b weithin auf eigenbändigen Korrek#t blmw. Jusã B 
Der ihnen vorangehende Satz je 5 ibm uithin afge benbeinuigen Iu#r W*nn'i' des * — 
eine größere Anjahl kleinerer Korrekturen von feiner Haond. -
        <pb n="326" />
        312 Biemarck besorgt keine russische Expansion. Vermehrte Pferdeeinfuhr in Frankreich. 
practijches Interesse für Rußland hat, so wird es zunächst immer das national ulnd] 
confessionell homogene Ostgalizien sein. Wenn beides gleich viel kostet, d. h. einen sieg- 
reichen Krieg gegen Östreich, so wird man jedenfalls jenen geographisch arrondirten ulnd) 
national leicht zu assimilirenden, von über 3 Millionlen) Rutbenen bewohnten Landstrich 
wählen als sämtliche Rumänen, in deren Aichtung nur die „alte Gränze“ ein pretium 
affectionis für Rußland hat:z. Zur Zeit indessen wird nach den Eindrücken, die ich ge- 
wonnen habe, ARußland zur Verwirklichung aller derartiger Pläne Keine Initiative 
ergreifen, da ihm der Friede m notwendig ist und es Bedenken tragen wird, isoliert mit 
einem Unternehmen vorzugehen, bei welchem es auf keine Unterstützung, auch nicht die 
unfsrige zu rechnen haben würde. 
Allerdings gibt es auch in Rußland wie überall phantastische olitiker, und seine 
Politik läßt sich im voraus nicht sicher berechnen. Aber selbst wenn sie in der von Ew. pp. 
befürchteten Weise die Grenzen überschreiten Follte, so ist mir, bei aller Abneigung gegen 
eine solche Eventualität? doch nicht klar, weshalb gerade für Preußen und dessen Macht- 
stellung so verhängnisvolle Folgen damit verbunden sein würden, wie Ew. pp. dies in Aus- 
sicht nebmen, und ich würde Cw. pp. dankbar sein, wenn Sie mir Shre Ansichten hierüber 
eingehender entwickeln wollten. Die Sache läge einigermaßen anders, wenn die Donau 
von Oberdeutschland bis zur wallachischen Gränze ein schiffbarer Strom wäre. Nach dem 
sehr beschränkten Maße aber, in welche sie dies ist ulnd! zu werden Aussicht hat “, bin ich 
der Meinung, daß alle übrigen Großmächte einschließlich Italiens bei den orientalischen 
Krifen ein größeres Interesse haben als Preußen. 
Ich kann die Ansicht, daß die Eigenschaft einer „Großmacht“ an sich politische Ver- 
pflichtungen auferlege, die nicht direkt im Interesse des Landes liegen, nicht in dem Maße 
teilen, um bei jeder auftauchenden Grage eintreten zu wollen, ohne daß bei derselben unsere 
Interessen im richtigen Verhältnisse zu den zu bringenden Opfern auf dem Spiele stehen. 
*1102. Erlaß an den Botschafter in Haris Grafen von der Gotltz. 
[Kontept von der Hand des Vortragenden Aats Bucher.] 
Berlin, den 17. März 1868. 
Nach Berichten aus Süddeutschland wird wieder eine lebhafte Pferdeausfuhr nach 
GFrankreich bemerkt. Es fragt sich, ob dieser Bedarf aus der ordentlichen Zkonomie der 
französischen Armee zu erklären oder als ein weiteres Rüstungssymptom zu betrachten ist. 
Zu militärischen Maßregeln würden wir, auch wenn das letztere der Fall wäre, keine Ber- 
anlassung baben, da bei uns alles so vorbereitet ist, daß die Ausführung der Mobil- 
machungsordre keine Verzögerung erleiden würde. Politisch aber, für unser Bewußtsein 
von der Situation und für unsere Stellung, auch Osterreich und Rußland gegenüber, ist es 
von nteresse, über die Bedeutung jener vermehrten Einfuhr im klaren u sein. Ew. pp. 
ersuche ich daber ergebenft, die Catsache dem Major von der Burg mitteilen und mir öhr 
beiderseitiges Urteil zukkommen lassen zu wollen. « 
«-QiebeidenlehrensähetlgmbändlgekZufadBlsmatde5. 
spthkjszkiqllerAbntiquaqqeqeneinelolchccveutualität«eigenhändig-rSIaIchubBlk 
marche- or. Eingang des letzten Satzes und der vorangehende Satz eigenbhöndiger Zusatz Blsmarcks.
        <pb n="327" />
        Bismarck warnt in Wien vor Einmarsch in Bosnlen. 313 
*1103. Erlaß an den Gesandten in Wien Frelherrn von Werther. 
[Konzep..t von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Berlin, den 17. Aärz 1868. 
Ew. pp. erwähnen in Ihrem gefälligen Berichte Ar. 97 vom 11. d. M. der besonderen 
Aufmerksamkeit, welche der Freiherr von Beust den Verhältnissen in Bosnien und der 
Herzegowina zuwende, und der Wahrscheinlichkeit, daß im Fall von Verwicklungen in den 
Donauländern ÖOstereich jeder Bewegung in den erst gedachten beiden Prooinzen durch 
tatsächliches Cinschreiten zuvorkommen werde, indem Sie zugleich bemerken, daß nach den 
Außerungen des Barons Stackelberg diese letztere Sventualität in St. Petersburg Gegen- 
stand nicht unerbeblicher Präokkupation zu sein scheine. 
Ich kann diese Bemerkung auch nach unseren Wahrnehmungen bestätigen. 
Letztere führen mich zu der Überzeugung, daß Rußland gegenwärtig wenigstens keine 
aggreffiven Pläne im Orient verfolgt und eine Erhebung weder in den Donauländern, noch 
in Bosnien und der Herzegowina anzufachen wünscht; dagegen lassen sie mir kaum einen 
FSweifel an dem Entschlusse des Petersblurger!) Cabinetes, die Uberschreitung der 
türklischen) Gränze durch östrleichische) Truppen als casus belli zu behandeln. Sch enthalte 
mich jeder Meinungsäußerung über diese Eventualität, glaube aber, daß es im Interesse der 
Erbaltung des Friedens nützlich ist, wenn Blarlon Beust von dieser Stimmung der 
rusflischen) Politik, falls sie ihm unbekannt sein sollte, in discreter ulnd]) unauffälliger Weise 
Kenntnis erhält:. 
1104. Erlaß an den Botschafter in London 
Grafen von Beenstorff. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden RNats Abeken.)] 
Vertraulich. Berlin, den 20. März 1868. 
Ew. pp. übersende ich anliegend Abschrift eines Berichts des Königlichen Gesandten in 
Wien vom 11. d. M., die Stellung des Wiener Kabinetts zu der Eventualität von Bewe- 
gungen in den angrenzenden Teilen des tür kischen Reichs betreffend, sowie des Erlasses, 
welchen ich infolge desselben unter dem 17. ej. an Herrn von Wertdber gerichtet habe“. 
Es wäre in der Tat äußerst beklagenswert, wenn durch irgendeine Unvorsichtigkeit 
oder ein unüberlegtes Vorgehen in jenen Gegenden die friedlichen Aussichten, welche im 
gegenwärtigen Augenblick den vorberrschenden Charakter des politischen Horizontes bilden, 
getrübt werden sollten. 
In Grankreich hat sich nach allen Anzeichen die Aufregung so weit gelegt, und das 
Bewußtsein vom Bedürfnis des Friedens ist so sehr durchgedrungen, daß der Kaiser der 
Granjosen mmächst keine Veranlassung haben und es auch eventuell weniger leicht finden 
möchte, eine kriegerische Richtung einzuschlagen. Daß von der italienischen Regierung 
jetzt keine Unternehmungen zu befürchten sind, welche neue Komplikationen bervorusen 
1. Der letzte Setza zund der letzte Teil des vorletzten von den Worten an: „dagegen lassen sie mir. 
elgenhändiger Zulatz 
1104. : Siehe Ar. 1103.
        <pb n="328" />
        314 Bismarck sucht Englands Hilfe zur Erhaltung der Rube im Orient. 
könnten, scheint mir unzweifelbaft. Den vollständig friedlichen Charakter unserer Po- 
litik und den Wert, den wir darauf legen, auch die Entwicklung der deutschen Verhältnisse 
vor jeder Uberstürzung zu bewahren, brauche ich Ew. pp. gegenüber nicht erst zu betonen. 
Weaos die orientalischen Verhältnisse betrifft, so Kkann ich nur bestätigen, was ich dem 
Freiherrn von Werther ausgesprochen habe, daß wir nicht an aggressive Absichten Ruß- 
lands, oder an einen Wunsch desselben, durch Hervorrufen von Bewegungen in den Grenz- 
ländern die orientalische Srage jetzt in Sluß zu bringen, glauben können. Auch von dem 
Sürsten Karl von Rumänien hege ich die Überjeugung, daß er keine weitergehende Pläne 
begt, sondern den Wunsch hat, in Rube die so dringend notwendige Entwicklung des 
eigenen Landes im Innern zu fördern. Allerdings ist aber, mehr in den TNachbarprovinzen 
als in Rumönien, viel Sündstoff aufgehäuft, und die Agitation wird dort von den ver- 
schiedensten Seiten her durch Agenten, die zum Teil auf ihre eigene Hand handeln mögen, 
unterhalten. 
Wenn infolge irgendeiner partiellen Bewegung oder einer durch die Hetzereien solcher 
Agenten vielleicht künftlich hervorgerufenen Unruhe Österreich, der von dem Freiherrn von 
Wertber geschilderten Präokkupation nachgebend, sich u einem Einschreiten in der Her- 
regowina oder Bosnien entschließen sollte, so muß ich freilich, nach unseren Wahrnehmungen 
und nach meiner Kenntnis der rufsischen Sustände und des Drucks der national-russischen 
Partei annehmen, daß das Kaiserlich Rufsische Gouvernement zunächst mit einem Einrücken 
in die Aachbarprovinzen an der Donau darauf antworten und einen casus belli daraus 
machen würde. Wir würden dies tief beklagen; aber wir können uns nicht verhbehlen, daß 
dies voraussichtlich der tatsächliche Verlauf der Dinge sein würde. 
Sw. pp. stelle ich ergebenst anheim, von dem Inhalt dieser Mitteilung bei dem eng- 
lischen Minister denselben vertraulichen und diskreten Gebrauch zu machen, wie ich ihn dem 
Greiherrn von Werther empfohlen habe. 
1105. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Helsnrich VII. Drinzen Reuß. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Theremin.] 
Ende Januar batte Sürst Karl von Rumönien (ogl. auch Ar. 1071) eine Mission, bestehend 
aus dem Bischof von Jsmael und dem ebemaligen Justizminister Contacuzeno nach Petersburg 
gesandt, um eine Verständigung mit der russischen ARegierung über geistliche Augelegenheeiten, 
Konzjularjurisdiction (Kapitulationen), Dostoerhältnisse und über die Regulierung der ruffischen 
Kriegsschule berbeizuführen. Wie Prinz Reuß am 5. Mär)z berichtete, hatte er sich bemübt, der 
Mislion eine günfstige Aufnahme zu erwirken. Bismarck befsorgte nach dem Berichte, daß Prin 
Aeuh versuchen könnte, sich für die rumänischen Wünsche in der Kapitulationsfrage einzufetzen 
und telegraphierte ihm daher am 9.; „In der Kapitulationsfrage können wir die Rumänen nicht 
unterstützen. Wir selbst würden nicht in Ausbebung der Kapitulationen willigen.“ 
Berlin, den 20. Alärz 1868. 
Ew. pp. Bericht Nr. 39 vom 5. d. M. babe ich, was die Kapitulationsfrage ablangt, 
bereits durch mein TCelegramm vom 97. d. M. Ar. 11 beantwortet. Es ist mir erfreulich 
gewesen, daraus zu ersehen, daß die rumänische Deputation dort eine günstige Aufnahme 
gefunden hat, ulnd] daß Ew. pp. uur Herbeiführung derselben bereitwillig mitgewirkt haben. 
Sw. pp. wollen indessen nach dieser Richtung nicht weiter gehn als bisher ulnd) keinenfalls
        <pb n="329" />
        Weiterer Verlauf des Berliner Besuchs Jerome Napoleons. 315 
den Eindruck aufkommen lassen, als identificirten wir die rumänischen mit den Preußischen 
Interessen, ulnd) als handle es sich für uns um mehr als um persönliche Gefälligkeit für den 
rinzen Carl. Stwaige russische Concessionen für Rumänien ulnd] den rinzen dürfen 
uns nicht von Ruhland ins debet geschrieben werden. 
1106. Erlaß an den Botschafter in Paris Grafen von der Goltz. 
lKonzept von der Hand des Vortragenden Rats Abekenl 
Vertraulich. Berlin, den 21. AMärz 1868. 
Meiner vertraulichen Mitteilung vom 1 1. d. M.:, in welcher ich das fast gänzliche 
Gurücktreten eines politischen Charakters in der Anwesenheit und dem Auftreten des 
Prinzen Aa#poleon hier hervorbob, kann ich jetzt binzufügen daß der Prinz dieselbe Haltung 
bis ans Ende bewahrt hat. Er bat bier jede Art nformation gesucht, biesige Anstalten 
und Einrichtungen besucht, sich mit Dersonen der verschiedensten Art, auch wissenschaftlichen 
und künstlerischen Motabilitäten unterhalten und sich eine Anschauung über unsere inneren 
Gustände zu bilden gesucht. Auch in Dresden ist nach den mir zugekommenen Berichten die 
Politik weniger in den Vordergrund getreten, indem dem Prinzen weder von dem Könige, 
noch von dem Kronprinzen, bei welchem er eine kleine, nicht politische Gesellschaft gefunden, 
zu politischen Gesprächen Gelegenbeit geboten ist. Seine Majestät der König von Sachsen 
hat auf die Frage, ob Sachsen die durch den Bund vermehrten Lasten tragen könne, geant- 
wortet, daß er es hoffe. 
In seinen biesigen Konversationen ist, soviel ich mich erinnern kann, das Wort Dolen 
gar nicht über fseine Lippen gekommen, was ich besonders bervorbebe, weil in öffentlich en 
Blättern ganz entgegengesetzte Gerüchte verbreitet worden, die vielleicht auch anderswo 
Anklang gefunden haben können. Auch vom Orient ist in unseren wiederholten Unter- 
baltungen sehr wenig die Rede gewesen; und ich habe bis zum Ende fseines Aufenthaltes 
feindliche Cendenzen gegen Rußland nicht hervortreten sehen, obwohl ich gerade auf diesen 
Punkt besonders aufmerksam war. Wenn daher die in dem unmittelbar vor der Reise 
erschienenen Artikel der „Opinion nationale“ ausgesprochenen ISdeen wirklich, wie ver- 
mutet worden, die Auffassung des Prinzen enthalten sollten, so hat er wenigstens diesem 
ganzen Gedankengang während seines hbiesigen Aufenthaltes uns gegenüber keinen Aus- 
druck gegeben. Überhaupt muß ich bemerken, daß der Prinz von mir Außerungen von 
praktischer Bedeutung nicht zu provosfieren gesucht hat. 
Selbst in dem einen Punkte, auf welchen er wiederholt und mit Geflissenbeit zurück- 
kom, nämlich die Bejziehungen zu Süddeutschland, waren unsere Unterhaltungen doch mehr 
akademischer Natur. Er zeigte sich allerdings lebhaft präokkupiert über Süddeutschland:; 
und fast sein erstes Wort an mich war die Frage: wie die Stimmung in Bapern sei Er 
betonte wiederholt die Motwendigkeit, einen Abschluß der Beziehungen zwischen Aord- und 
Süddeutschland zu finden, bei welchem Frankreich sich beruhigen könne, indem er große 
„ Die beiden lepten Sähe und der Schlub des) voraufgehenden von den Worten an: „ulnd! 
daßz Ew. pp. mur Herbeifübrung “ elgenhöndiger —— faebenden 
1106. 1 Siehe Ar. 1096. ismarcks. 
2 Vgl. dam Ar. 1091.
        <pb n="330" />
        316 Jerome Napoleon und die jüddeutsche Frage. 
Besorgnis wegen der Stimmung der französischen Mation zeigte, wenn diese Verhältnisse 
zu lange in der Schwebe blieben oder einer in Grankreich nicht erwünschten Entwicklung 
entgegentrieben. 
Ich bin geneigt, diese Besorgnisse als vielleicht absichtlich übertrieben anzusehen, und 
glaube nicht, daß die Stimmung der französischen Aation so leicht in die Phase einer be- 
denklichen Aufregung geraten wird, wenn die Negierung dies nicht absichtlich befördert. 
Ich konnte denselben gegenüber nur auf den ruhigen und mäßigenden Charakter unjerer 
Politik binweisen, welche keinen Anlaß zu golcher Aufregung bieten werde. Meinerseits 
mit Plänen und Vorschlägen für einen Abschluß der jüddeutschen Berhältnisse hervor- 
zutreten, hatte ich natürlich keinen Beruf. Ebensowenig aber war der Prinz in der Lage, 
solche zu machen. Eine so genaue Sachkenntnis, als ich bei dem Prinzen voraussetztes, habe 
ich bezüglich der Verhältnisse in Süddeutschland und der gegebenen Bedingungen und 
Saktoren, mit welchen dort gerechnet werden muß, überhaupt nicht gefunden; und so war 
es natürlich, daß auch auf diesem Gebiete, dem einzigen, in welchem der Prinz die Gegen- 
wart und Zukunft eingehend berührte“, unsere Besprechungen einen mehr allgemeinen und 
akedemischen Charakter bewahrten. 
H. Oncken, Die Abeinpolitik Kaiser Rapoleons III. von 1663 bis 1870, II, 539 f. 
*1102. Erlaß an den Botschafter in Paris Grafen von der Goltz. 
[Konjept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
MWenn Bismarck bei seiner am 6. Sebruar erbetenen Beurlaubung von den Geschäften 
willens gewesen war, zur vollen Wiederherstellung seiner Gesundheit Berlin sobald als möglich 
m verlassen, so bielt ihn neben der Motwendigkeit, die Behandlung dringlicher Angelegenheiten, 
wie die der Hannoverschen Legion, nicht aus der Hand zu geben, u. a. auch die Vorbereitung 
der ersten Tagung des Jollparlaments, ju welchem Iweck durch eine Königliche Berordnung 
vom 22. Gebruar der Bundesrat des Jollvereins auf den 2. März berufen wurde, am Sitz der 
Geschäfte fest. Unter diesen Umständen entschloß er sich auch, die jeitweilige Unterbrechung des Ver- 
kehrs mit dem Diplomatischen Korps, die während der Anwesenheit des Prinzen Dapoleon in Berlin 
* Dah Biemarck in dieser Geliehun mehr Sachkunde von dem Drinzen erwartet hatte, erklärt sich 
u. o. aus einem Telegramm des Grafen Usedom vom 6. Märs: „Prinz Aapoleon hatte wei Cage vor 
Abreise lange Konferentz mit Louis NR#poleon in dessen Kabinett — soll in süddeutschen Staaten die vielen 
Sstationierten Agenten bereisen. Spezielle Überwachung daselbst wohl ratsam". Bismarck, der zu diesem 
Celegromm die eigenböndige Bemerkung fügte: „sol“, nahm danach wobl an, daß der Prinz sich auf die 
üddeutsche Srage in besonderem Mahe vorbereitet habe, was ja auch in dessen Außerungen eine gewilse 
estätigung sond. . 
Nach dieser ausdrücklichen Versicherung Bismarcks dürfte auch die belgische Srage in leinem Ge- 
Ipräche mit dem Prinzen nur 1• und mehr retrospektiv berührt worden sein. Nach einer späteren 
Kße#ng des Prinzen zu Sürst Hohenlohe (ogl. den Bericht des Geschäststrägers v. Radowitz vom 
6. Juni, H. Onchten, Die Rheinpolitik Kaiser Napoleons III., II. 586) will er Bismarck gefragt haben, 
was wohl Preußen daju sagen würde, wenn der Kaiser Ac#poleon 30 belgische Abgeordnete m gemein- 
samen Beratungen nach Paris beriefe. Eine äbnliche Frage richtete der Drinz in Berlin an Lord Loftus, 
± 
Expansionsdrang Preußen—Deutschlands zu rechnen sei, und ob in diesem Salle eine belgische Kompensation 
"a 
it für di der Anlab entsiel, den Fübler wegen Belgiens noch deutl 
li00 usgredet heten, om nn n“3 wabrgenormen haben sollte, um von sich aus der Srage 
nöher mu treten, ob und unter welchen ingungen Sronkresch seinen Widerstand rE“'i dee Einigung 
Deutschlands ausgeben werde, ist unwahrscheinsich. In dleser Beziehung hatte er frübere Erwartungen woh 
schon m Grabe getragen.
        <pb n="331" />
        Moustiers Auslassungen über Bismarcks Berkehr mit dem Diplomatischen Korps. 317 
doch illujorisch geworden war, in aller Sorm aufzuheben. Ein offizielles Sirkular vom 8. Mär! 
letzte das Diplomatische Korps davon in Kenntnis. Vach wie vor aber war Bismarck nicht 
geneigt, den Klagen der Lord Loftus, Benedetti usw. über seine Surückhaltung irgendwelche Be- 
rechtigung einzuräumen. Sein heftiger Unmut wurde erweckt, als er in einem Bericht des 
Grafen Goltz vom 17. März, der an diesem Cage den Swischenfall noch einmol mit Marquis 
Moustier erörtert hatte, den Satz fand, dah dieser durch seine, des Botschafters, Ausklärungen 
gelstds befriedigt zu jsein schien". „Aber ich nicht,“ bemerkte der Kanfler dam band- 
ich. « 
rift 
Berlin, den 21. März 1868. 
In Ew. pp. gefälligem Bericht Ar. 78 vom 17. d. M. hat mich der Ausdruck über- 
rascht, daß der Marquis de Moustier durch die Erörterungen in meinem Erlaß vom 
14. d. M." über meine Beziehungen zu den hier akkreditierten fremden Diplomaten be- 
friedigt gewesen sei. 
Ein Ausdruck der Befriedigung von seiten des Kaiserlichen Ministers würde das Ver- 
hältnis völlig auf den Kopf stellen, und ich muß mich ernstlich gegen eine Auffossung ver- 
wahren, als hätten meine Außerungen irgendwie Aufklärungen, Erläuterungen oder gar 
Entschuldigungen bezweckt, die mein Berhalten gegen Herrn Benedetti notwendig gemacht 
hätte. Ich habe nicht Beschwerde geführt über Herrn Benedetti, aber wenn irgend jemand 
das Aecht hatte, sich bei dieser ganzen letzten Phase des diplomatischen Verkehrs in Berlin 
verletzt zu fühlen und befriedigende Ertklärungen zu erwarten oder zu ver- 
langen, so wäre ich es gewesen und nicht die Botschafter oder irgend ein anderer Diplomat. 
„Die Würde seiner Stellung“ hat Herr Benedetti in keiner Weise zu wahren gehabt; sie 
t niemals verletzt worden, vielmehr mit aller Rücksicht behandelt; ich aber habe ein Vecht, 
die Würde meiner persönlichen und menschlichen Stellung verletzt zu finden, wenn man sich 
erlaubt, mein Privat- und geselliges Leben zu kontrollieren und die Einrichtungen amtlich 
zu kritisieren, zu welchen die Pflege meiner Gesundheit mich nötigt, und welche Seine 
Maojestät der König mir gestattet; und wenn man meinen Erklärungen über meinen Gelund- 
beitszustand und über die ärztlichen Vorschriften für denselben Mißtrauen oder Unglauben 
entgegengesetzt. 
Für die Art, wie ich meine amtliche Stellung mit den in meinen perfönlichen Berhält- 
nissen liegenden Bedingungen in Einklang bringe, bin ich nur Seiner Majestät dem Könige 
verantwortlich; und ich muß den Anspruch, daß das Recht der perfönlichen Unabhängig= 
keit auch von den fremden Gesandten geachtet werde, auch für die Zukunft entschieden feft- 
baltenz. Es handelt sich in der Sache nicht darum, ob Mlarqulis de Moustier „befriedigt“ 
1 Siehe Ar. 1100. . 
„ Der Nest des Erlasses eigenhändiger Zusatz Bismarcks. 
* In einem Bericht vom 28. Müärz stellte Graf v. d. Goltz fest, dah Marquis Moustier in der 
Unterredung mit ihm keinen Ausdruck der Befriedigung gebraucht babe, daß vielmehr nur er, Golt, in 
seinem Berichte vom 17. konstatiert habe, doh Moustier durch seine Erklörungen befriedigt m seln schien. 
In leiner Antwort vom 7. April betonte Bismarck, daß auch er nicht gern auf eine faktisch abgetane An- 
ßehaenhent murückikomme; immerhin habe er wünschen müssen, konstatiert zu seben, wie sehr er Grund gebabt 
abe, sich verletzt zu sütien. „Och sollte denken, daß Herr v. Moustier selber es empfinden müßte, wie ver- 
letzend namentlich die in mein Privatleben eingreisende Kontrolle meiner Bewegungen und die wiederbolt 
Hräuherten Vemerkungen darüber, daß ich dies oder jenes mit meinem Gesundbeitsjmustande und meiner 
e urloubung vertröglich finde, anderes nicht, diese Cinladung annehme und eine andere mir versage — 
mich verletzen mubten. Es liegt etwos Beleidigendes in dieser perfönlichen Kontrolle meiner Häuslichkeit 
und meiner Gesundheit im Vergleiche mi i · ich bi i 
Ver it meinen eigenen Angaben über dieselbe; und ich bin es meiner 
Stellung und meiner Unabhängigveit schuldig, dieselbe als unberechtigt zurückzuweisen. Ich werde diese ganze 
Pbase der Vergessenbeit übergeben; damit aber eine derartige Überschreitung der Grenjen, welche schon 
der gesellschaftliche Anstand zwischen den perfönlichen und amtlichen Bedingungen der diplomatischen Stellung 
Ueben sollte, nicht wieder vorkomme, ersuche ich Ew. pp. ergebenft, *“m von Woustier darüber, dah mich 
Ve, rolg ere bat, gelegentlich keinen Zweisel zu lassen, und bitte Sie mir mitwuteilen, in wescher 
ei .
        <pb n="332" />
        318 Aussisches Mißtrauen gegen Preuhen als Folge Oubrilscher Berichterstattung. 
ist, Jondern ob ich im Interesse des Könliglichen) Dienstes die Unverschämtheiten vergessen 
will, deren Gegenstand ich gewesen bin. 
*1108. Erlaß an den Gesandten in Petersburg 
Helnrich VII. Drinzen Reuß. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.) 
Obwohl Bismark sich im voraus alle Mübe gegeben hatte, in Detersburg keinen Arg- 
wohn wegen der Reise des Prinzen Terome Napoleon nach Berlin aufkommen zu lalsen (ogl. 
Ar. 1082, 1085, 1001), mußte er doch aus einem vertraulichen Briefe des Prinzen AReuß ent- 
nebhmen, dah am russischen Hofe sich ein leises Mißtrauen zu regen begann. Bismarck glaubte 
Grund zu haben, dieses auf eine tendenziöse Berichterstattung des russischen Gesandten Oubril 
mrück#zuführen, der wöhrend der Anwesenbeit des Hrinzen in Berlin ein aufgeregtes Wesen 
zur Schau getragen, auch wiederholt versucht hatte, zu Bismarck vorzudringen, obwohl dieser 
sich des Berkehrs mit den Diplomaten zu enthalten genötigt war. Bismarck selbst war 8 
bewuht, den russischen Vertreter mit besonderer Zuvorkommenbeit behandelt zu haben, au 
batte er, ols er vom 20. Mär) ab den Diplomaten wieder Zutritt zu sich gestattete, Oubril als 
ersten empfangen, um von ihm Eröffnungen der rufsischen Regierung über eine gegenjeitige 
ruflisch -preuhische Hilfeleistung in einem kommenden Kriege — einen Gegenstand, den Kaiser 
exander II. ja schon am &amp;. Sebruar und am 4. Alärz (ogl. Nr. 1064 und 1099) gegenüber 
Drin; Reuß und Oberst v. Schweinitz angeregt hatte — entgegenmnehmen. Angesichts des 
Mißtrauens, das ihm Oubrils neuerliche Haltung abnötigte, bielt Bismarck es für geboten, in 
einem Erlah an Prin) Reuß den Verlauf der Unterredung mit dem rufsischen Gesandten in be- 
londerer Ausführlichkeik und Präzision zu fixleren, um vor jeder eiwaigen rufsischen Miß- 
deutung geschützt zu sein. 
Sekret. Berlin, den 22. März 1868. 
Ew. pp. erhalten mit dieser Sendung zugleich Abschrift des Erlosses, welchen ich an den 
Königlichen Botschafter in Daris über die Anwesenheit des Prinzen Vapoleon gerichtet 
babe. Schon diese Mitteilung, welche den Inhalt und Charakter meiner Unterredungen mit 
dem Prinzen genau und erschöpfend wiedergibt, wird Ew. pp. jeigen, wie vollständig unge- 
rechtfertigt es sein würde, irgendein Mißtrauen an diesen Inzidenzpunkt zu knüpfen. 
Daß sich dennoch, wie Ew. pp. in Ihrem ganz vertraulichen Schreiben vom . v. M. 
bemerken, ein leiser Anflug davon am russischen Hofe gejzeigt hat, das hat mich allerdings 
peinlich berührt, und zwar nicht bezüglich meines festen Vertrauens in die Gesinnungen des 
ruffsischen Monarchen und des Kanzlers, sondern weil es von neuem mein an sich sehr geringes 
Vertrauen in die objektive und ungefärbte Berichterstattung des Herrn von Cubril in Frage 
ktellt. 
Ew. lpp.]) wird bekannt sein, daß H. von Oulbril) in den hiesigen Kreisen niemals den 
Ruf wohlwollender Gesinnung für Preußen besaß. Er gilt vielmehr gleich seinem Schwager 
Budberg für einen geheimen Gönner eines jeden unfrer Gegner. Es ist das an sich ein 
unerwünschter Umstand für uns, aber ich mache ihm keinen Vorwurf daraus; denn er ist 
nicht berufen, preußische, sondern russische Politik zu treiben und zu vertreten. Aber ich 
fürchte, daß bisweilen seine maßlose perjsönliche Empfindlichkeit nicht ohne Einfluß auf seine 
Anschauungen und seine Berichterstattung bleibt, und ich wünsche, daß man gegen diesen 
Einfluß in St. Petersburg auf der Hut sein möge. Diese Empfindlichkeit ist um so gefähr- 
4 Das Datum ist nicht ausgefüllt; da der Brief nicht bei den Akten liegt, ist es nicht u ergänzen. 
2 Der Eingang des Absatzes elgenbändiger Zusatz Bismarcks. .
        <pb n="333" />
        Oubrils „habituelle Ranküne"“. 319 
licher, als er sie niemals eingesteht, sie auch nicht direct, sondern nur in übelwollenden Kund- 
gebungen gegen Dritte äußert". 
Vielleicht bin ich selbst nicht ohne Schuld dabei, indem ich ihn im Verhältnis zu anderen 
Diplomaten verwöhnt und, eben infolge unserer intimen Beziehungen zu Rußland, auch dem 
Verkehr mit ihm einen intimeren Charakter gegeben habe. Ich habe ihn öfter empfangen 
als irgendeinen anderen Diplomaten, auch die Botschafter nicht ausgenommen — was, 
nebenbei gesagt, wenig lohnend für mich ist, da H. von Oubril stundenlang bei mir bleibt, 
viel fragt ulnd) zurückhaltend ulnd] unklar antwortet". Um die Häufigkeit des Verkehrs seinen 
Kollegen nicht auffällig zu machen, habe ich gerade ihn öfter Felbst besucht, wenn ich eine vertrau- 
liche Besprechung wünfchte. Er ist auch der einzige Diplomat gewesen, welchen ich auf seinen 
dringenden Wunsch während des durch mein Unwohlfein leider so vollständig motivierten 
Urlaubes bei mir empfangen habe. — Sch konnte dieß nicht wiederholen, weil inzwischen 
der englische Botschafter in eine große Aufregung wegen abgelehnten Empfanges“ ge- 
raten war". Dieser letztere Umstand ist Herrn von Oubril nicht unbekannt geblieben; und 
ich habe es daher wenig taktvoll gefunden, daß er nichtsdestoweniger von neuem während 
meines Urlaubes schriftlich und dringend mir den Wunsch, mich zu prechen, ausdrückte. 
Ich mußte dies, um nicht alle andern zu verletzen, ablehnen; aber er ist wiederum der erste 
gewesen, den ich empfangen babe, nachdem ich jetzt den Verkehr mit den fremden ARe- 
präsentanten wieder eröffnen konnte. 
Herr von Oubril scheint sich an diese weitgehenden besonderen Rücksichten so gewöhnt 
m baben, daß seine an sich große Aeizbarkeit sofort bervortritt, wenn er sich — was 
jedoch nicht immer möglich ist — nicht vor den andern Diplomaten priovilegiert findet; 
und ich erkenne die Rückwirkung davon sofort in dem Charakter seiner Berichterstattung. 
Jde weniger er sich je über die Gründe seiner babituellen Ranküne ausfpricht, um so gefähr- 
licher ist diefelbe. Er erstickt jederzeit im Keime das Vertrauen, welches zu dem Ver- 
treter Rußlands zu fassen mir stets von Neuem zum Bedürfniß wird. Sch bin aber stets 
wieder genöthigt, die allgemeine Stimmung zu theilen, nach welcher Oubrils Abnelgung 
gegen das Preußische Gesammtwesen eine zu tief gewurzelte ist, um beilbar zu sein'. 
Ich babe diese allgemeinen Bemerkungen über den Tharakter von Herrn von Oubrils 
Berichterstattung meiner Mitteilung über die Eröffnung, die er mir gesterno bei eben 
jenem ersten Besuche gemacht hat, vorausgesetzt, weil es mir daran liegt, daß in dieser 
wichtigen Hhase unferer gegenseitigen Bejiehungen meine Außerungen in vollster Klar- 
beit und Obsektiotät an Seine Maoajestät den Kaiser und den Sürsten Aeichskanzler ge- 
langen, und weil ich Ew. pp. auch für die Sukunft in den Stand setzen möchte, jede etwa 
sich zeigende FSärbung oder Trübung auf ihre Gründe zurückzuführen. 
Herr von Cubril war beauftragt, mir einen Auszug aus einem Parifer Berichte 
mitzuteilen, in welchem die Absichten Srankreichs erörtert wurden und die Überzeugung 
ausgesprochen war, Srankreich wolle warten, bis Ofterreich wieder binreichend gekräftigt 
2 Der Satz eigenböndiger Zusotz Bismarcks. 
Der letzte Aebensatz: „was, nebenbei gesagt .“ eigenbändiger Jusatz Blsmarcks. 
* Vgl. NTr. 1086. 
Der Satz beruht auf eigenböndiger Korrektur Bismarcks. 
7 Die beiden letzten Sätze eigenbäöndiger Zusatz Bismarcks. 
D. b. am 20.; das Konzept des vom 22. datierten Erlasses rührt vom 21. AMäry ber.
        <pb n="334" />
        320 Oubrils Eröffnung vom 20. März; Wilhelms I. und Bismarcks Stellungnahme. 
und mit seinen neuen Rüstungen fertig sei, werde aber dann den Anlaß m einem Kriege 
mit Preußen suchen — eine Ansicht, welche allerdings auch mir sowohl nach der in aris 
wie in Wien berrschenden Stimmung keineswegs unwahrscheinlich ist. Für diesen Fall nun 
bot Herr von Oubril — wie Seine Mofestät der Kaiser es bereits Cw. pp. und dem Oberst 
von Schweinitz persönlich angedeutet hatte — die Aufstellung von 100 ooo Mann an der 
österreichischen Grenje, um Osterreich in Schach und von einer aktiven Ceilnahme am Kampfe 
abzbalten, unter der bestimmten Voraussetzung, daß, wenn Rußland bedroht wäre, preu- 
Hücherseits ein Gleiches geschehen werde. 
Ich habe dem Kaiserlichen Gesandten darauf erwidert: Ich bäte ihn, die Aufrich- 
tigkeit unserer Überzeugungen danach zu beurteilen, daß ich gar keiner Überlegung be- 
dürfe, um mein eigenes Cinverständnis und die Zuversicht der Zustimmung Seiner MWojestät 
des Königs zu dieser CEröffnung auszujsprechen; meiner vollen und festen Überzeugung nach 
Jei für Dreußen gar keine andere Politik zulässig, und ich hätte oft genug Veranlassung 
gebabt, die Ansicht Seiner Majestät über derartige Cventualitäten einzuholen, um gewiß 
m sein, daß Allerhöchstderselbe diese Auffassung vollkktommen billige und in der vorge- 
schlagenen Gegenseitigkkeit nur den Ausdruck der natürlichen und notwendigen Entwicklung 
der Politik beider Mächte erkenne. Sch ersuchte Herrn von Oubril, den Eindruck dieser 
sofortigen und unbedenklichen Außerung in St. PDetersburg wiederzugeben; und ersuche auch 
Sw. pp., denselben durch öhre eigene Haltung zu unterstützen. 
Ew. pp. wissen aus früheren Mitteilungen, mit welcher Zuversicht Seine Majestät der 
König auf die perfönliche Zuverlässigkeit des russischen Monarchen baut und in diesem 
gegenseitigen Vertrauen die Bürgschaft für ein gemeinsames Handeln in Eventualitäten 
wie die bier vorausgesetzte erkennt. Wenn Allerhöchstderselbe daneben eine gewisse Scheu 
vor einer verfrühten Unterzeichnung eines bestimmt formulierten Bündnisses hat, so werden 
Ew. pp. mich nicht mißverstehen, wenn ich diese Scheu mit der Angstlichkeit mancher Leute 
vor der Abfassung eines Testamentes vergleiche. Sie glauben dadurch die im Testament 
vorgesehene Sventualität gewissermaßen herbeizuführen; und wenn dies ein Aberglaube 
ist, so ruht die ähnliche Beforgnis bei unserm allergnädigsten Herrn auf einem tieferen und 
realeren Grunde. Daß Seine Majestät bei seinem Alter und nach den glänzenden Erfolgen 
der letzten Jahre, deren Srüchte er im Grieden reifen zu sehen wünscht, friedlich gestimmt 
ist und die Chancen eines neuen Krieges zu vermeiden wünfcht, ist natürlich; und er fürchtet, 
daß der Abschluß eines Bündnisses für den Kriegsfall eben diesen Kriegsfall felbst herbei- 
fübren werde, weil das Bündnis doch nicht geheim bleiben könne, und die Kunde davon 
auch auf der anderen Seite zu Gegenbündnissen bewegen würde, welche dann von Stufe 
zu Stufe die Spannung so vermebren müßten, daß man zuletzt in den Krieg bineintreibe, 
auch ohne daß man denselben wolle. Daß eine solche Besorgnis nicht ungerechtfertigt ist, 
hat eine oft wiederbolte Erfahrung gelehrt; ebenso daß eine Gebeimhaltung bestimmter 
schriftlicher Akte sehr schwierig ist. Seine WMajestät der König hat mir wohl balb scherzend 
maestanden, daß oft durch den intimen Verkehr der Sürsten ulnd] ihrer Samilien mit ein- 
ander dergleichen an den Tag käme"; es komme ja vor, dah ihm selber direkte Fragen 
vorgelegt würden, die er nicht mit dem erforderlichen à plomb verneinen könne, wenn 
formulierte Schriftstücke existierten. Würde dann einmal das Mißtrauen geweckt und 
glaube man auf der andern Seite an die Existenz eines Bündnisses, dem man in der Regel 
* Oer erste Cell des Satzes bis jum Semllolon elgenböndiger Jusatz Bismarcks.
        <pb n="335" />
        „Gegenseitige Bundesgenossenschaft“, aber nicht formales Bündnis. 321 
noch eine viel größere und nicht nur defensive Tragweite beimesse, so rufe ein Schritt den 
andern hervor, bis der letzte unvermeidlich werde. 
Dies bindert aber nicht das volle Einverständnis Seiner Alajestät mit den oben aus- 
gesprochenen Intentionen, nach welchen Dreußen und Außland für den gegebenen Sall 
ihrer gegenseitigen Bundesgenossenschaft sicher sein müssen, und daß diese Bundesgenossen- 
schaft ebensosehr durch die Solidarität der beiderseitigen Interessen als durch die perfön- 
lichen Beziehungen der beiden Monarchen bedingt werde. Es sind die eigenen Worte 
Seiner Majestät, „daß Preußen ebensowenig einem gefährlichen Angriff gegen Rußland 
wie Rußland einer Bergewaltigung Preußens neutral zusehen könne, und daß es eine 
unkluge und kurzsichtige Politik wäre, eine jukzessive Kriegführrung gegen die einzelnen 
Aächte ruhig hinzunehmen. Preußen dürfe im nteresse seiner eignen Sicherbeit Rußland 
nicht im Stiche lassen ulnd] Rußland könne nicht zugebenne, daß Preußen, in einem Kampf 
gegen die Übermacht einer Koalition unterliegend, in eine Abhängigkeit geriete, welche 
die französische Grenze gegen Rußland gleichsam bis nach Schlesien vorrückte.“ 
ISch habe Herrn von Oubril in unjerer letzten Unterredung gesagt, daß wir einem 
Kriege gegen Frankreich allein gewachsen m sein glaubten und kein Bedürfnis hätten, 
den Krieg zu verallgemeinern, wenn Rußland uns nur den Rücken gegen Osterreich decke. 
Dasselbe setzten wir von Rußland voraus, wonn es in einen Krieg mit Osterreich verwickelt 
würde und wir ihm die Sicherheit gegen eine Unterstützung dieser Macht durch Grankreich 
gewährten. Sobald aber einer von uns beiden, sei es Preußen, sei es Rußland, von einer 
Koalition von zwei Aächten angegriffen werde, nötige die Solidarität der Interessen jede 
von beiden Mächten zur Unterstützung der andern. 
Ich muß bierzu bemerken, daß es in der Eröffnung des Kajijerlichen Gesandten nicht 
ganz klar hervortrat, in welcher Weise sich das ruflische Kabinett die praktische Ausfüh- 
rung im Fall eines rufsisch-österreichischen Krieges denke. Es schien fast, als wenn man 
in St. Petersburg erwarte, daß wir in diesem Falle die unmittelbare Konzentrierung einer 
Truppenmacht an der österreichischen Grenze eintreten lassen gsollten. Ich bezweifle 
aber, ob diese Auffassung eine ganz richtige und praktische ist; denn die Hauptgefahr in 
einem rufslisch)-östrleichischen) Kriege würde aus der Haltung Frankreichs m dem- 
selben bervorgehn, ulnd) es würde darauf ankommen, diese Macht in Schach zu haltent-. 
Daz gehört die Konzentrierung unserer Streitkräfte nach Westen hin; während eine 
Konzentration nach der österreichischen Grenze hin durch die Degarnierung unserer west- 
lichen Provinzen gerade Frankreich zur Teilnahme am Kriege verlocken würde. Dies 
bindert natürlich nicht, daß wir auch an der österreichischen Grenze eine entsprechende 
Deckung aufstellten, um Osterreich m bindern, seine ganze Kraft im Orient gegen Auß- 
land zu wenden; nur müßte unsere hauptsächlichste Machtentfaltung immer so gegen Frank- 
reich gerichtet sein, daß wir letzteres zu verbindern suchten, Ofterreich im Orient gegen 
Auhland zu unterstützen. Sch brauche wohl nicht erst hervorzuheben, daß jedenfalls uns 
dabei die schwierigere Nolle zufällt; und daß es eine viel größere Anstrengung erfordert, 
Frankreich in Schach zu halten als ÖOsterreich. 
6= Der Eingang dieses Satzes eigenböndiger Zusatz Bismarcks. Der vorletzte verdankt seine Ge- 
selnt Lorrkturen von seiner nd. 
Der letzte Teil des Sa kol Bismarcks an Stell es 
längeren W—— — thes vom Semikolon an eigenhändiger Zusatz Bism n e ein 
Vla r
        <pb n="336" />
        322 Defensiver Charakter der preußisch-russischen Solidarität. 
Ich glaube aber allerdings nicht, daß der Unterschied zwischen diesen Auffassungen von 
praktischer Bedeutung werden wird. Denn ich halte es nicht für möglich, daß Österreich 
allein und ohne der aktiven Unterstützung Frankreichs sicher zu sein, einen Krieg mit 
NAußland wagen sollte. Wie kühn auch die Politik des Sreiherrn von Beuft sein möge, so 
wird er doch Anstand nehmen, Österreich in einen Krieg mit Rußland zu verwickeln ohne 
ein Bündnis mit Frankreich, welches ihm dessen aktive Ceilnahme zusichert. 
Herr von Oubril hat mir die bestimmte Versicherung gegeben, daß es nicht in der 
Absicht Rußlands liege, den Kriegsfall herbeizuführen. Daß dies ebensowenig in der Ab- 
sicht Seiner Majestät des Königs liegt, ist Ew. pp. binreichend bekannt; und ich darf es 
daber als gegenseitige Voraussetzung aussprechen, daß die Solidarität der Politik beider 
MAächte einen wezsentlich defensiven Charakter tragen wird. 
Ew. pp. werden sich durch vorstehende Mittheilungen in den Stand gesetzt finden, 
etwaige Entstellungen des H. von Oubril über meine Besprechung mit ihm zu rontrolliren 
ulnd) zu berichtigen. 
1109. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden VRats Abeken.) 
Ein Bericht des Prinzen Reuß vom 20. Märj, der am 23. in Berlin eintraf, war gans 
dazu angetan, Bismarck in seinem neuangefachten Mißtrauen in Oubrils Berichterstattung noch 
zu bestärken. Wie aus dem Bericht heroorging, hatte Oubril in Petersburg Klage darüber 
geführt, daß es ihm zunächst nicht gelungen war, mit „einer äußerst wichtigen Mitteilung“ — 
es handelt sich um die Eröffnungen, die er Bismarck dann am 20. machte, ogl. Rr. 1108 — 
bis zu Bismarck zu dringen. Weiter ging aus dem Meuß'schen Berichte bervor, daß Oubril in 
leinen Berichten behauptet batte, mit Bismarck und Molike bereits eine Aussprache über eine 
gegenleitige rulsisch-preußische Hilfeleistung gepflogen zu baben, während eine solche Aussprache 
tatlächlich gar nicht Kattgefunden hatte. Schließlich wollte Oubril dem Unterstaatslekretär 
v. Thile ein Schreiben des rusfsischen Diplomaten v. Jomini mit Ausführungen über Preußens 
Haltung in einem kommenden Kriege vorgelesen haben, was ebenfalls den Tatsachen nicht ent- 
Iprach. Zu denken gab auch noch der Umstand, daß Fürst Gortschakow in seinen Auslassungen 
gegen Prin; Aeuß den Sall in Betracht sog, daß Bismarck durch den Prinzen Vapoleon in 
leiner Sreundschaft für Rußland wankend gemacht sein könnte; auch das schien auf eine nicht 
Honz einwandfreie Berichterstattung Oubrils zu deuten. 
Ganz vertraulich. Berlin, den 23. März 1868. 
Ew. pp. ganz vertraulicher Bericht Ar. 54 vom 20. d. M. ist mir durch den Königlichen 
Geldjäger erst ugegangen, nachdem mein Erlaß Ar. 114 über die Eröffnung des Herrn 
von Oubril bereits ausgefertigt war. 
Er veranlaßt mich, letzterem noch folgende Bemerkungen binzuzufügen. 
Mich überrascht die wiederholte Außerung des Sürsten Vortschakow, daß ich jelbst 
sowohl wie General von Moltke dem Kaiserlichen Gesandten „Cröffnungen“ so wichtiger 
und gebeimer Art gemacht bätte, daß eine Erwiderung seitens der Kaiserlichen Re- 
Der Aebensatz: „dah die Solidorität. eigenböndige Korrektur Bismarcks. 
1 Der letzte Satz eigenhöndiger Zusatz Bismarcks. 
110% Siebe Tr. 1108.
        <pb n="337" />
        Oubrils Unterredungen mit Bismarck und Moltke. 323 
gierung notwendig gewesen sei. Die Eröffnung, welche Herr von Oubril mir, erhaltenem 
Auftrage gemäß am 20. d. M. gemacht hat, trug in keiner Weise den Charakter einer 
Erwiderung auf diesseitige Eröffnungen, sondern war durchaus felbständiger Natur. 
Was die Unterredungen des Herrn von Oubril mit mir und dem General von Moltke 
betrifft, so würde ich auf diese, mir hier nicht zum erstenmal entgegentretende Redewendung 
kein Gewicht legen und finde es nicht nötig, daß Ew. pp. dieselbe besonders berichtigen, 
muß aber doch bemerken, daß eine tatsächliche Grundloge dafür nicht vorhanden ist und ich 
darin wieder nur eine Herrn von Oubril eigentümliche Darstellung erkennen kann. Soviel 
ich mich erinnere, habe ich mit General von Moltkke zusammen niemals mit Herrn 
von Oubril gesprochen und bin über eine etwaige Unterredung der beiden letzteren Herren 
unter sich nicht unterrichtet. Ich vermute nur, daß sie sich an den Ew. pp. gewiß erinner- 
lichen Umstand der uns mitgeteilten Außerung eines französischen Beamten des Ministeriums 
des Innern in Paris geknüpft haben möge, wonach Frankreich in ganz kurjer Seit 
100 O000 Mann über die Grenze werfen und ihnen ebenfalls in unverhältnismäßig kurzer 
Frist bedeutende Massen nachschieben könne. Ich hatte diese Rotiz dem General von Moltke 
mitgeteilt, und als dieser mir darauf die diese Übertreibungen auf ihr Maß zurücheführende 
Darstellung zukommen ließ, welche ich Ew. pp. unter dem 1. Alär; (Erlaß Nr. 82): über- 
sandte, bat ich den General, selbst gelegentlich mit Herrn von Oubril darüber m prechen, 
um ihn über das richtige Verhältnis aufzuklären. Möglicherweise hat Herr von Oubril 
eine solche Unterhaltung im Sinne und ihr eine andere Bedeutung beigelegt. 
Die Sedanken einer Truppenaufstellung an der Grenze, welche Seine Waojestät der 
Kaiser von Rußland allerdings schon früher gegen Ew. pp. angedeutet hatte“, sind zwischen 
Herrn von Oubril und mir erst infolge seiner jüngsten Eröffnung zur Sprache gekommen. 
Ein Brief des Herrn von Jomini an den Grafen Stackelberg, welchen Herr von Oubril 
bier mitgeteilt haben sollte, ist mir nicht bekkannt. Dem Königlichen Unterstaatssekretär 
Herrn von Thile hat der Kaiserlich Rufsische Gesandte kein derartiges Schriftstück vor- 
gelesen oder auch nur davon gesprochen. Sch vermute nach den Andeutungen, die Ew. pp. 
über seinen Inhalt geben, daß es das anonpme Schriftstücke ist, welches Herr von Oubril 
mir zu lesen gab, so daß ich in meinem eingangs erwähnten Erlaß es als einen Auszug aus 
einem Pariser Berichte bezeichnete. Auch hat mir dieses Schriftstückr allerdings den Ein- 
druck gemacht, als wenn man in Außland die Eventualität einer Kriegsgefahr bestimmter 
ins Auge fasse, als es nach den in Shrem letzten Bericht erwähnten Außerungen des Fürften 
Gortschakow gegen Ew. pp. der Sall zu sein scheint. 
Im Ernst kann der Fürst Gortschakkow wohl nicht auch nur einen Augenblick an die 
Möglichkeit gedacht baben, „daß es dem Prinzen Napoleon hätte gelingen können, mich in 
meinen Ansichten über unsere Bejiehungen zu Rußland wankend zu machen“. Daß dieser 
2 In dem — nicht von Biemarck gezeichneten — Erlaß vom 1. März war der Auherung des Direktors 
im frankölischen Innenministerium St. Paul, um den es sich bandelte, edensowenig Gewicht beigelegt, wie 
in dem beigesügten Schreiben Moltkes vom 28. Jebruar. Der Erlaß schloh mit den Worten: „Sügen 
Eure Durchlaucht" — bei einer Mitteilung der WMoltkeschen Auherung an Fürst Gortschakowm — „binzm, 
dah ich geneigt bin, dem Urteil des Herrn St. Daul über die französische Schlagkertigkeit daslelbe Ge- 
wicht beizulegen, was ich dem Urteil eines Direktors aus unferem Winisterium des Innern über die preu- 
bische Schlagfertigkeit beilegen würde, nämlich ein sehr geringes“. 
: Bgl. Ar. 1064, 1099. .
        <pb n="338" />
        324 Prinz Rapoleons Besuch. Oubrils gefärbte Berichterstattung. 
Gedanke nur hat ausgesprochen werden können, ist, glaube ich, nur ein Beweis von der 
Färbung der Berichterstattung des Herrn von Oubril. Letzterer hat sich während der An- 
wesenheit des Prinzen Aapoleon in so unruhiger und aufgeregter Weise darüber präokku- 
piert gejeigt und in diesem Sinne gegen den Königlichen Unterstaatsfsekretär ausgesprochen, 
daß ich Herrn von Thile gebeten habe, ihm zu sagen, ich müsse glauben, daß er mißver- 
standen worden sei, da wir ihn für zu klug bielten, als daß er ernstlich solches meinen könne. 
Ich bedaure, daß der Mangel einer sicheren Gelegenheit verhindert hat, daß meine 
ersten Mitteilungen über den Aufenthalt des Prinzen Rapoleon und meine Unterhaltungen 
mit ihm in meinem Erlaß Ar. 103 vom 13. d. M.“ früher in öhre Hände gelangt fsind. 
Sw. pp. erhalten dieselben durch den heutigen Seldjäger gleichzeitig mit meinem Nachtrage 
vom 21. d. M.“, und ich bitte Ew. pp. davon den geeigneten Gebrauch zu machen, um jeden 
Eindruck, welchen die Berichte des Herrn von OCubril etwa hervorgerufen haben könnten, 
zu verwischen. 
1110. Drtvatschrelben an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
(Abschrift.) 
Berlin, den 23. März 1868. 
Ich habe Ihnen mein Herz über Oubril ausgeschüttet, ohne zu wünschen, daß Sie seine 
Stellung angreifen oder in erkennbarer Weise auf einen Wechsel hinwirken. Sch 
kann meine Meinung in dem Worte msammenfassen, daß er ein empfindlicher Tschinownik 
ist, der jeden Sdelmann als eine ärgerliche Erscheinung auffaßt in Staat und Sesellschaft. 
„Er liebt uns nicht“, das ist die Wendung, mit der man seiner vom Könige bis zum jüngsten 
Offizier erwähnt: Er liebt, wie ich glaube, überhaupt niemand, vielleicht seinen Koch, wenn 
er gut ist. Er gilt und ich halte ihn felbst für falsch wie Galgenholz. Mit dem Aufe ist er 
kein Arbeiter in intimen Beziehungen. Ein einfacher Kopf wie Kutustow hat mehr Sym- 
pathie hier. Will man m den sicheren Greundschaftsbejiehungen der Monarchen ähnliche 
gelsandtschaftliche fügen, so müßte man jemand berschicken, der wenigstens den Eindruck 
wohlwollender Ehrlichkeit macht, sei es auch nur in weiteren Kreisen, und der wo möglich 
MAilitäruniform trüge. Oubril ist dem Könige so fremd wie am ersten Tage, ohne jede 
politische Sdee, und mißbraucht mich lediglich als Berichtutrone, die gedrückt wird, solange 
sie einen Tropfen gibt, und sollte er zwei Stunden bei mir sitzen und ich auf Kohlen. Sch will 
damit nicht sagen, daß Sie auf seine Abberufung zu wirken bätten, solche Bemühungen sind 
gefährlich für die guten Beziehungen, oft mehr, wenn sie gelingen, als wenn sie mißlingen. 
Aber wenn Aussicht auf Wechjel ist, so wehren Sie nicht dagegen. Wan sollte hier ent- 
weder einen Politiker oder einen liebenswürdigen Mann haben; dieser ist ein dinierender 
Schreiber mit viel Haß und wenig Mut, der Insinuationen im diplomatischen Korps gegen 
Durch Erlaß Vr. 103 vom 13. war der Erlß an Goltz vom 11. (iebe Ar. 1096) nach Detersburg 
mitgeteilt worden. 
* Slebe Nr. 1106.
        <pb n="339" />
        „Persoͤnliche Herzenserleichterung"“ Bismorcks über Oubril. 325 
uns ausstreut, und von dem ich nicht einmal die Überzeugung habe, daß er gegen Benedetti 
dicht hält. Er gebörte von ARechts wegen nach Wien und Stackelberg bierher, obschon ich 
einen Preußenfeind wie Oubril auch nicht gern in Wien wüßte. Er ist bezüglich unserer 
das Unterfutter für Budberg, nur ist letzterer klüger und vornehmer an Manieren. Be- 
trachten Sie dieses einstweilen mehr als eine perjönliche Herzenserleichterung von mir, und 
beobachten Sie, ob überhaupt Aussicht auf Wechsel üt, bevor Sie irgendeine Andeutung 
binwerfen. Vom Großfürsten und seinem Gefolge habe ich nichts als eine flüchtige Be- 
grüßung beim Ersteigen einer TCreppe gehabt und die Ehre einer Visitenkarte#. — Das 
Susammenhalten mit Außland behandeln Sie als eine politische AMaturnotwendigkeit, an 
der perfönliche Intrigen und Willkürlichkkeiten gar nichts ändern können. Der König wird 
ungern etwas unterschreiben, und ist das auch durchaus nicht nötig, aber er ist in der prin- 
Ripiellen Auffassung der Sache ebenso fest und klar wie ich. Beide Kabinette würden wie 
die Aarren handeln, wenn sie auf dem brüchigen Cise der Situation eins die Hand des 
andern fahren lassen wollten, um ihr Heil auf die Lügen von Paris oder Wien zu bauen. 
Die Glaubwürdigkeit der Personen fehlt an beiden Orten, und die Identität der Interessen 
oder vielmehr die Kompatibilität der Interessen ist nicht vorbanden, um über diese perfsön- 
lichen Interessen hinwegzuhelfen. Sie könnte sein, aber sie ist nicht. 
1111. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden NRats Abeken.] 
Jur Feier des Geburtstages Forig Wilhelms I. (22. März) war u. a. der russische Chron- 
folger in Berlin eingetroffen. Bismarck sah seinen Wunsch nach einer Audienz) bei dem nach- 
maligen Kaiser Alexander III. durch ein eigentümliches Verholten Oubrils vereitelt. 
Ganz vertraulich. Berlin, den 23. Mär; 1868. 
In meinem Erlasse Ar. 114 habe ich mich gedrungen gefühlt auszusprechen, daß die 
perfönliche Haltung des Herrn von Oubril mir nicht das volle Vertrauen einflöße, welches 
mir gegenüber dem Bertreter Rußlands Bedürfnis ist, und daß ich nicht umhin könne, die 
allgemeine Stimmung zu teilen, welche ihn einer übelwollenden Unaufrichtigkeit gegen uns 
anklagt-. Hat man einmal Veranlassung, an eine golche Gesinnung zu glauben, so wird man 
auch über Umstände mißtrauisch, welche man sonfst als Zufälligkeiten ansehen würde. 
In diesem Sinn erwähne ich eines Incidenzpunkts, den Ew. pp. aus der anliegenden 
Abschrift zweier Billette des Herrn von Oubril' ersehen werden, und durch den mir die 
Möglichkeit, von Seiner Kaiserlichen Hoheit dem Großfürsten-Thronfolger bei seiner dies- 
maligen Anwesenbeit eine Audienz zu erbalten, entgangen ist. 
Auf meine Bitte, mir eine Audienz mu erwirken, bejeichnete Herr von Oubril die 
Stunde um halb eins am Sonntag mittag, obwohl er aus zehnjähriger Erfahrung wissen 
1 Vgl. dam das solgende Schriftftück. 
II11. à Siehe Ar. 1109. 
2 Der Melatiofatz eigenbändiger Zujatz Bismarcks. 
2 Hier nicht abgedruckt, da inbaltlich ausreichend charakterisiert.
        <pb n="340" />
        326 Vereitelte Audien; Bismarcks beim russischen Cbronfolger. 
konnte — und ohne Sweifel in der Lage war, Seine Kaiserliche Hoheit darauf aufmerksam 
m machen —, daß dies nach feststehendem Programm genau die Stunde ist, zu welcher ich 
in jedem Jahre Seiner Wojestät den Glückwunsch der höchsten Sivilbehörden an der Spitze 
der Minister persönlich dar zubringen habe, und daß es mir daher gerade zu dieser und nur 
zu dieser Seit unmöglich fein werde, dem Großfürsten meine Aufwartung zu machen. 
Als ich mich beeilte, dem Kaiserlichen Gesandten hiervon Kenntnis zu geben, erdielt ich 
von demselben das zmeite Billett. Die Solge davon ist, daß ich Seine Kaiserliche Hoheit 
nur auf der Treppe am Abend beim Hinaufgeben zu Shren Majestäten gesprochen habe. 
Unter anderen Umständen und bei einem anderen perjönlichen Charakter würde ich 
dies als einen ungünstigen Zufall bedauern, aber der Sache keine Bedeutung weiter bei- 
legen. Sch will auch nicht behaupten, daß eine absichtliche Berechnung des Gesandten dabei 
tätig gewesen wäre; aber ich kann mich des Sefühles nicht erwehren, daß es bei einer 
mehr wohlwollenden Gesinnung des Herrn von Oubril in der Hand des letzteren gelegen 
baben würde, der Absicht des Großfürsten, mich zu sprechen, zu Hilfe zu kommen und eine 
mögliche Seit herauszufinden. 
Ich habe aus Vorsicht für den Fall, daß von Oubril der Sache, ich weiß nicht welche 
andere Gärbung gegeben werden sollte, nicht unterlassen wollen, Sw. pp. vertraulich von 
den Umständen in Kenntnis zu setzen, durch welche verhindert worden, daß Seine Kaiserliche 
Hobeit mich empfing. « 
*1112. Erlaß an den Botschafter in Harls Grafen von der Golh. 
[Konfept von der Hand des Vortragenden ARats Theremin.) 
Durch Übersendung einer Reihe von Berichten des Generalkonsuls in Bukarest Grafen 
v. Keyferling hatte Bismarck den Grafen v. d. Goltz, der sich in der Beurteilung der rumä- 
nischen Angelegenheit wieder und wieder auf die Seite Marquis Moustiers stellte, eines Besseren 
zu belebren gesucht. Aber Goltz ließ sich nicht belebren. Aus den Berichten Kepferlings wollte 
er nur auf eine zunehmende Gereiztheit des Sürsten Karl gegen FSrankreich schliehen. Die Be- 
lorgnisse der rumänischen Regierung vor österreichisch-frongösischen Zettelungen zugunsten des 
depossedierten Fürsten Kusa verwies er einfach in das Gebiet der Fabel. Über das angebliche 
französisch-österreichische Cinverständnis behufs Katholisierung des Orients machte sich Goltz 
geradezu lustig. Er batte es sich nicht nehmen lassen, seinem englischen Kollegen Lord Lyons von 
diesem abenteuerlichen Gerüchte mit dem Bemerken Mitteilung zu machen, dah nach seiner, 
Goltz's, Kenntnis der Verhältnisse die orthodoxen Christen des Orients eher Protestanten oder 
Muselmanen werden würden als Katholiken und gab mit Behagen des Lords Antwort wieder, 
„lie würden sogar eher Feueranbeter werden“. Auf überlegene Einsicht pochend suchte Goltz 
auch die dem Sürsten Karl von Keplerling in den Mund gelegte Außerung, daß der türkische 
Auhenminister Suad Pascha abwechselnd von Rußland und Grankreich bestochen m sein scheine, 
abmtrumpfen: „Ein Wyann in der Stellung dieses Winisters, welchem es an Gelegenheit nicht 
feblt, sich im Inlande in ungefährlicher und nach türkischen Begriffen legitimer Weise u be- 
reichern, setzt nicht seine ganje Existenz auf das Spiel, indem er sich an das Ausland verkauft“. 
Vertraulich. Berlin, den 24. März 1868. 
Die Gerüchte über angebliche beunruhigende Pläne des Fürsten Karl von Rumänien, 
für deren Grundloligkeit mein geheimer Erlaß vom 22. d. M. (Ar. 120): Ew. pp. einen 
1 Mittels Erlah ATr. 120 vom 22. Märf war dem VBotschafter die Abschrift eines Briefes des 
riten Karl von Rumänien an seinen Vater, den Fürsten von Hobenzollern, mugestellt worden, den bieser 
ismarci übermittelt batte. Slehe den Text des Schreibens: Aus dem Leben König Karls von Aumänien. 
I. 251 ff.
        <pb n="341" />
        Bourées Verdächtigungen. Bismarck jJucht Goltz eines Besseren zu belebren. 327 
neuen Beweis liefern wird, werden jetzt noch in erweitertem Umfange verbreitet. Wie mir 
Graf Brassier unter dem 19. d. M. telegraphiert, behauptet Herr Bourée, ein geheimes 
Schutz- und Crutzbündnis des Fürsten Karl mit Serbien, Montenegro und Griechenland 
entdeckt zu haben, wobei der Fürst Bulgarien annektieren wolle. Graf Brassier fügt hinm, 
daß es Herrn Bourée gelungen sei, die türkische Regierung durch diese Nachricht in hohem 
Grade zu alarmieren. Ganz abgesehen davon, ob man den Versicherungen des Fürsten 
Karl SGlauben schenken will oder nicht, so tragen diese Gerüchte schon durch ihre Aben- 
teuerlichkeit den Charakter der Unwahrheit an sich und, wenn dieselben von den Organen 
der französischen Regierung verbreitet werden, während letztere selbst in die Loyalität des 
FSürsten keine Zweifel jetzt, so ist man zu der Annahme gezwungen, daß dies obsichtlich zu 
dem Swecke geschieht, um bei den Mächten Mißtrauen gegen den Sürsten zu erwecken und 
ihm namentlich in Konftantinopel Schwierigkeiten zu bereiren. Es würde mir interessant 
sein, von Ew. pp. zu erfahren, ob der Marquis Mouftier etwa auch an diese neue Bourée- 
sche Aachricht glaubt. 
Bestrebungen zur Ausbreitung der römischen Kirche im Orient möchten so unbedingt 
kaum in das Gebiet des Unglaublichen zu verweisen sein, wie Ew. pp. dies in Shrem Be- 
richte Ar. 81 annehmen. Wenn nach Ew. pp. Ansicht die orthodoxen Chrifsten des Orients 
eher Protestanten oder Muselmänner als Katbolikken werden würden, Lord Lyons gogar 
glaubt, daß sie sich eher entschließen würden, das Seuer anzubeten, so sprechen manche TCat- 
sachen dagegen. Ich nehme dieserhalb auf einen Bericht Bezug, welchen Ew. pp. in Shrer 
damaligen Eigenschaft als Gesandter in Konstantinopel unter dem 4. Januar 1861 hierber 
erstattet haben. Derselbe ist der Königlichen Botschaft in Daris im Auszuge mitgeteilt 
worden und wird im dortigen Archive zu ermitteln sein. Danach hat es damals in Kon- 
stantinopel kein geringes Aufsehen gemacht, daß eine beträchtliche Anzahl orthodoxer Bul- 
garen den Glauben ihrer Bäter abschwuren und zur katholischen Kirche insoweit übertraten, 
daß sie den Papst als ihr geistliches Oberhaupt anerkannten. 
Was die Frage anlangt, ob Suad Pascha in fremdem Solde stehe, was Ew. pp. in 
dem vorgedachten Berichte als eine unrichtige Auffassung bezeichnen, so scheint es mir nicht 
notwendig, daß derselbe sich direkt derartigen für die Erreichung politischer Sweckee im 
Orient an und für sich nicht ungewöhnlichen UÜberredungsmitteln zugänglich finden lasse. Es 
gibt auch andere Kanäle, durch welche solche bei ihm zur Wirkung gebrocht werden können, 
und untergeordnete, aber einflußreiche Personen, welche für Geld auf die Sntschliehungen 
ihrer Obern wirken. Sch nebme in dieser Beziehung auf den Bericht des Grafen Brassier 
vom 5. v. M. Bezug, welcher Ew. pp. unter dem 19. v. M. mitgeteilt worden ist. Der- 
selbe gibt einen Beleg dafür, wie wenig man in Konjtantinopel felbst an der Bestechlich#keit 
der türkischen Minister durch fremdes Geld zweifelt, indem dort das Gerücht Glauben fand, 
daß bei dem Konvertierungsgeschäfte der türkischen Staatsschuld durch das Haus Erlanger 
in Paris bedeutende Summen für verschiedene türkische Minister, namentlich für Fuad 
Pascha, und demnächst für die Fürstin von Samos und auch für die dem Marquis Moustier 
nahe stehende Madame Durand abgefallen sein gollten. 
?* Französischer Botschafter in Konstantinopel.
        <pb n="342" />
        328 Lord Loftus' Berichterstattung über Bismarcks Verkehr mit den Diplomaten. 
1113. Erlaß an den Beotischafter in London 
Grafen von Bernstorff. 
. [Kontept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Bei gelegentlicher Rückesprache mit Lord Stanley über die unter den Berliner Diplo- 
maten und gerade auch bei Lord Loftus entstandene Aufregung über Bismarcks jeitweilige Un- 
zugänglichkeit (ogl. Ar. 1086) muhbte Graf Bernstorff feststellen, daß Lord Loftus die Dinge 
in leinen Berichten so dargestellt batte, als ob die Berliner Vertreter auswärtiger Mächte 
binfort überhaupt nicht mehr mit Bismarck in direkten Verkehr kommen, sondern in der 
Regel die Geschäfte mit dem Unterstaatslekretär verhandeln sollten. Lord Stanley wollte übri- 
gens, wie Graf Bernjtorff in einem Berichte vom 19. März bemerkte, bereits kaltes Wasser auf 
die Aufregung des englischen Botschafters Lefoslen haben, bei dem es grohenteils eine Srage 
der Würde gewesen sei, und der sich etwas verletzt gefüblt habe. . 
Berlin,den25.?lläer868. 
AusEw.pp.gefälligemBexichtohaeRummekvokn19.d.M.,meineBeiiehungenzu 
den hier akkreditierten fremden Diplomaten betreffend, habe ich mit Erstaunen ersehen, 
welche seltsame Gestalt diese Verhältnisse in der Auffassung und Berichterstattung des Lord 
Augustus Loftus angenommen hatten. Ew. pp. sind inzwischen durch meine Mitteilung vom 
14. Märnt in den Stand gesetzt, die ganze Ungehörigkeit der Ansprüche, zu deren besonders 
bitzigen Bertreter Lord A. Loftus sich gemacht hat, zu beurteilen. Sch muß mich aber auch 
für die Jukunft gegen Sumutungen der Art, wie sie mir in der letzten Zeit gemacht sind, auf 
das entschiedenste verwahren. Zu Shrer völligen Orientierung übersende ich Ew pp. in 
der Anlage noch vertraulich Abschrift eines Erlasses, welchen ich in dieser Angelegenbeit 
unter dem 21. d. M.= noch an den Königlichen Botschafter in Daris gerichtet hatte, um 
der, wie es schien, bei dem Marquis de Moustier sich zeigenden falschen Auffassung zu 
begegnen, als hätte es einer besonderen Aufklärung oder Entschuldigung meines Ver- 
baltens bedurft. 
Daß es nie meine Absicht sein konnte, Lord Al Loftus „bleibend von dem geschäftlichen 
Verkehr mit mir auszuschließen“, solange ich Minister der auswärtigen Angelegenbeiten 
Seiner Moajestät des Königs bin, bedarf doch wohl nicht erst der Versicherung; und es ge- 
bört in der Tat ein noch höherer Grad von Unklarheit der Auffassungen dazu, als ich sie 
bei Lord A. Loftus voraussetzte, um einen solchen Gedanken in seine Berichterstattung auf- 
Umebmen. - · 
* 1114. Erlaß an den Geschäftsträger in Karlsruhe von Neumann. 
[Kontept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.) 
Wie Graf Slemming in einem Berichte vom 15. Mär) darlegte, hatte er mit dem badischen 
Minister Freiberrn v. Freydorf an der Hand des Bismarckschen Erlasses vom 28. Gebruar (siehe 
Vr. os1) nochmals über die baprischen Bestrebungen für die Herbeiführung eines Südbundes 
elngehend gesprochen. In der Hauptsache akszeptierte Sreydorf das Vismarcksche Programm 
durchaus: He#ern mit seinen Vorschlägen herauskommen zu lassen, sie mit Muhe zu prüfen, den 
S#üdbund, solange er ohne Darlament geboten werde, desbalb und nur deshalb abmilebnen, ge- 
meinsame Einrichtungen, die sich an die entsprechenden des Norddeutschen Bundes anlehnten, 
aber anjunehmen und zu fördern und sie als kleine Etappen auf dem Wege jum Siele anzuseben. 
* Am 14. März war der Erlah an Goltz vom gleichen Cage (siebe Ar. 1100) nach London und Parie. 
mitgeteilt worden. 
2 Slehe Vr. 1107.
        <pb n="343" />
        Badische Bedenken gegen ein süddeutsches Parlament. 329 
Anur gegen das Drosekt eines süddeutschen Darloments erhob der badische Minifter starke Ein- 
wendungen. Vor allem machte er geltend, daß Vaden sich in einem süddeutschen Derlament 
einer utrarontan-Bemkratssch-wartieutersilee Wasorsick gegenüber sehen und dadurch in 
leinem Streben nach Herbeiführung der deutschen Einbeit gelähmt finden werde, ja, genötigt. 
werden könnte, seine dem norddeutschen Muster angepahte militärische Neorganfation wieder 
rückgängig zu machen. Seinen kritischen Sinwendungen sügte Srepdorf schließlich noch die Be- 
merkung hinzu, daß er bezüglich der FSrage, ob der Eintritt Badens in den Aorddeutschen Bund 
ohne Krieg möglich sein werde oder nicht, sich dem Urteile Bismarcks willig füge. 
Vertraulich. Berlin, den 25. März 1868. 
Die Unterhaltung, welche der Königliche Gesandte laut seines Berichtes vom 15. d. M. 
mit Herrn von Freydorf über das Projekt eines Südbundes geführt hat, nötigt mich, meinen 
Erlaß vom 28. v. M. No. 12 in dem Punkte weiter auszuführen, welcher die Bedenken 
des Präsidenten erregt hat, das heißt in betreff eines süddeutschen Darlamentes. 
Sch batte neben andern Punkten, die dort Gustimmung gefunden haben, empfohlen, den 
Siidbund, solange er ohne Parlament geboten wird, desbalb und nur deshalb abmlehnen. 
Es wird eine Verständigung erleichtern, wenn die gegen diesen Borschlag erhobenen Ein- 
wendungen in der ferneren ECrörterung nicht koordiniert nebeneinander steben bleiben, wie 
sie in dem Rejümee jenes Gespräches erscheinen, sondern nach den zwei Kategorien aus- 
einandergehalten werden, denen sie angehören, je nachdem sie gegen ein süddeutsches Dar- 
lament selbst oder gegen das VBerlangern nach einem golchen gerichtet sind. 
Daß ein badischer Staatsmann, der sich ein süddeutsches Parlament vorhanden und in 
Gunktion denkt, von nichts weniger als angenehmen Empfindungen beschlichen wird, be- 
greife ich vollkkommen; haben wir selbst doch mit einem dreifachen Mechanismus zu arbeiten, 
dessen Gewicht und Griktion ein süddeutsches Parlament für den Anfang vielleicht noch 
vermehren würde. Aber wir machen uns das Mühsal erträglich durch den Gedanken, daß 
es uns die Opfer einer gewaltsamen Veränderung ersparen, und daß die materiellen Be- 
dürfnisse und die sittlichen Aspirationen des deutschen Volkes die Formen dieses Mecha- 
nismus allmählich mit einem Leben erfüllen und zu einem organischen Gebilde umgestalten 
werden. Auch die Befsorgnis des Herrn von Freudorf, daß das Volk in Süddeutschland 
unter den vielfachen Wahlen ermüden werde, ist mir nicht fremd, würde sich aber einiger- 
maßen vermindern, wenn, wozu ich eventuell rate, die Wahlen zum süddeutschen Parla- 
mente identisch mit denen für das Sollparlament gemacht würden, so daß, wenn es ja zu 
einem süddeutschen Parlamente käme, die Wahlen für beide Körperschaften in einem 
Akte abgemacht wären. Daß Baden in einem süddeutschen Parlamente sich einer ultra- 
montan-demokratisch-partikularistischen Majorität gegenüber befinden würde, ist für jetzt 
richtig. Aber, wie ich schon in meinem vorbergebenden Erlasse angedeutet habe, glaube ich 
nicht, daß diese durch Drogramme und Wablmanöver msammengebrachte, buntscheckige 
Koalition sich gegen die zersetzende Wirkung feindlicher Prinzipien und widerstreitender 
partikularistischer Interessen halten wird. Sollte ich mich aber darin täufchen, lollten nicht 
schon die nächsten Wahlen zum Sollparlament ein befriedigendes Regultat liefern, so würde 
Baden, auch ungehindert durch ein süddeutsches Parlament, auf seinem Wege m uns in 
den süddeutschen Regierungen dasselbe Hindernis finden, das jetzt besteht, und das wir 
trachten müssen, durch Geduld zu überwinden. (Vergl. meinen Erlah vom 3. Dezember 
v. J.) Gewalt kann nützlich sein gegen einen Widerstand, der mit einem Schlage m 
1 Siebe Nr. 974.
        <pb n="344" />
        330 „Südbund nur mit Parlament“: beste Defensive für Baden. 
brechen ist, kann aber nur durch die Notwendigkeit gerechtfertigt werden gegen einen 
Widerstand, der dauernd niedergehalten werden müßte. Es wäre mir lieb, wenn Ew. pp. 
einmal das Gespräch mit Herrn von Greydorf darauf bringen wollten, welche Zustände sich 
in Bagern und Württemberg bilden und einbürgern würden, wenn diese beiden Staaten 
in ihrer gegenwärtigen Stimmung mit Gewalt in den Norddeutschen Bund gebracht 
würden. 
Die Hauptsache aber ist — und damit komme ich auf die zweite Kategorie der Be- 
denken des Präsidenten — daß die Forderung eines süddeutschen Darlamentes nach unserer 
Auffassung ja nur eine taktische Maßregel sein soll, gerichtet gegen die möglicherweise 
von Bauern kommende Sorderung eines Südbundes. Wie die Verhältnisse jetzt liegen, 
geben Bapern und Württemberg auf ein Parlament nicht ein; es würde also durch die 
Forderung eines solchen für Baden ohne direkte Ablehnung eine Zeit gewonnen, in der, 
wie wir erwarten dürfen, das Sollparlament und seine Rückwirkung auf die Bevölkerung 
für uns und die oben bezeichneten zersetzenden Kräfte wider die Phalanx unserer Gegner 
arbeiten würden. Auch würde Baden vielleicht diese Seit, unterstützt von dem Drange 
der Bedürfnisse, zur Herstellung einzelner gemeinsamer Einrichtungen, ähnlich den nord- 
deutschen, benutzen können. Ein jedes, was in dieser Richtung erreicht würde, und wäre 
es an sich noch so unbedeutend, würde den Wirkungskreis eines süddeutschen Parlamentes 
einschränken, folglich das Bedürfnis nach einem golchen und die Chancen des Zustande- 
kommens verringern. 
Das Verlangen: Südbund nur mit Parlament, erscheint uns als die beste Defensive für 
Baden; es wehrt einstweilen die Kombination ab, die wir als noch bedenklicher betrachten: 
einen Südbund ohne Parlament, und beberrscht den Weg zu der Kombination, welche wir, 
wenn überhaupt etwas aus dem Südbundprojekte wird, als die relativ günjtigere anseben. 
Ein Südbund soll nach der Politik, die wir verfolgen, und kann, nach meiner Beurteilung 
der Verhältnisse, nie etwas Definitives werden, sondern nur eine Übergangszeit ausfüllen; 
und die Zutat eines Parlamentes würde diese Seit abkürjen. Es ist nicht zu verkennen, 
welche Schwierigkeit in dem Umstande liegt, daß Baden früher Jeine Abneigung gegen ein 
süddeutsches Darlament m erkennen gegeben hat. Shre Größe und die Wittel, sie zu über- 
winden, werden sich jedoch erst beurteilen lassen, wenn das Projekt vorliegt. 
Wenn endlich am Schlusse des Berichtes vom 15. d. M. die Frage berührt ist, ob ohne 
Krieg der Cintritt Badens in den Dorddeutschen Bund möglich sei, so will ich zur Ver- 
bütung eines möglichen Mißverständnisses nicht unbemerkt lassen, daß der Nat, die von 
Bayern kommenden Vorschläge, auch wenn sie auf einen Südbund geben sollten, nicht von 
Haufe aus abzulehnen, nicht von der Besorgnis vor Frankreich eingegeben ist, sondern 
von dem Wunsche, alles vermieden zu sehen, was in Bauern als ein Zwang empfunden 
werden und also das Widerstreben steigern würde. Wenn, ungeachtet freier Sustimmung 
Bagerns, das Giel nicht ohne einen Konflikt mit Srankreich zu erreichen ist, so müssen wir 
gefaßt sein, denfelben seinerzeit m bestehen. 
Ew. pp. ersuche ich, sich gefälligst im Sinne dieses Erlasses gegen Herrn von Freydorf 
aussprechen zu wollen. 
Sw. pp. lsind ermächtigt, den vorstehenden Erlaß dem Präsidenten von Grepdorf 
während der Unterhaltung, wenn er den Wunsch zu erkennen geben sollte, ur Entnahme 
von Notizen in die Hand m geben.
        <pb n="345" />
        Metternich und preuhenfeindliche Presse. 331 
*1115. Erlaß an den Gesandten in Wien 
Freiherrn von Werther. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden VRats Abeken.] 
Vach einem Berichte Freiherrn v. Werthers vom 18. Märj stellte Baron v. Beust durch- 
aus in Abrede, dah die durch den österreichischen Botschafter in Paris Sürsten Metternich be- 
werkstelligte Jahlung von 2000 frs. an den Schriftsteller de la Varenne im Hinblick auf dessen 
Preuhenfeindliche Schrift „Gare aux Barbaresl“ (ogl. Tr. 1097, Anm. 1) erfolgt sei; sie habe 
vielmebr nur den Diensten gegolten, die dieser Schriftsteller der österreichischen Hrbngande in 
Italien geleistet habe. Beuft wollte überhaupt in Abrede stellen, daß Fürst Metternich mit den 
preuhenfeindlichen Dariser Organen Verbindung pflege. . 
Vertraulich. Berlin, den 26. März 1868. 
In Ew. pp. gefälligem Bericht Ar. 107 vom 18. d. M. hat es mich doch einigermaßen 
verwundert, zu finden, daß der Kaiferliche Reichskanzler Herr von Beusft es überhaupt be- 
streiten will, „daß Fürst Aletternich mit der in Paris gegen Preußen tätigen Presse viel- 
fache Verbindungen habe". Ich kann in der Cat kaum annehmen, daß er uns ernstlich zu- 
muten wolle, dieser Behauptung Glauben zu schenken; und ich bitte Ew. pp., ihn darauf auf- 
merksam zu machen, wie die Tatsache der Bezahlung des Herrn von Varenne eineswegs 
vereinzelt dostehe und für uns nicht der einzige Beweis sei, wenngleich sie durch zufällige 
Umstände in der ÖOffentlichkeit einen größeren Eklat gemacht hat. Es wird nicht schaden, 
wenn Ew. pp. ihm gelegentlich andeuten, daß die Agenten, deren er sich in der Presse zu be- 
dienen pflegt, nicht so mverlässiger Aatur sind, daß sie nicht über die ihnen zukommenden 
Weisungen und ihre Beziehungen zu Wien überbaupt auch nach anderen Seiten bin Mit- 
teilungen machten, welche zu erkaufen nicht immer mit großen Kosten verbunden ist#. Wir 
belitzen eine Sammlung offiziöser k. k. österreichischer Korrespondenzen in Originalien, deren 
Handschriften uns bekannt sind. 
*1116. Erlaß an den Gesandten in Florenz Grafen von Lsedom. 
[Kontept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken.] 
Durch ein Schreiben vom 24. Februar hatte sich der frühere Generalkonsul Schramm in 
Mailand erboten, auf die Broschüre des Generals Lamarmora „Agli Elettori di Blella“ 
(ogl. Tr. j08o) in einem offenen Sendschreiben zu antworten. Bismarck hatte das Crbieten om 
4. März mstimmend beantwortet; jedoch erhob nachträglich Graf Usedom Bedenken gegen den 
Austrag, da Schramm bei der bekannten Heftigkeit seiner Ausdrucksweise leicht über das Siel 
binausschießen könne. 
Berlin, den 27. März 1868. 
Die Bedenken, welche Ew. pp. in dem gefälligen Bericht Ar. 23 vom 15. d. M. da- 
gegen ausgesprochen haben, dem ebemaligen Königlichen Generalkonjul Schramm die Ab- 
Über die Ausführung dieses Auftrags berichtete Sreiberr v. Wertber am 31. März. Aeichskanfler 
v. Beust wollte danach die tatsächliche Begründung der preuhischen Beschwerden in Abrede stellen, doch 
muhte er zugeben, daß der Dublizist Dr. H. Orges (ogl. dazu Nr. 1032), auf dessen preuhenfeindliche Tätigkeit 
Bismarck auch gegenüber Graf Wimpffen bingewiesen hatte, #war nicht in der Preflestelle der AReichskamlei. 
wohl aber im Handelsdepartement angestellt war, also der Regierung nahestand. In der Hauptsache suchte 
Varon Beuft den Spieh umzudreben, indem er die Behauptung vorbrachte, dah tschechische Journalisten, die 
eine llawische Dreßpropaganda in Prag und Graz entfalteten, mit Berlin in Verbindung ständen. Vgl. auch 
Beusts Erlaß an Graf Wimpffen vom 2. April (liehe dessen Cert bei M. Straganz. Jur Geschichte der 
„Stoß ins 3 des Grafen Usedom, S. 102 ff.; franzölische Übersezung in: Les Origines Diplo- 
matiques, I. 135 8.), in dem dieselben Behauptungen figurieren. In einem Erlah an Greiberrn v. Wertber 
vom Jo. April stellte Bismarck darauf einfach fest, dah er diese Journalisten nicht kerme.
        <pb n="346" />
        332 Gegenschrift gegen Lamarmoras Angriffe. Judenverfolgungen in Numänilen. 
fassung einer Gegenschrift gegen die Broschüre des Generals Lamarmora zu überlassen, 
kann ich nicht in demselben AMaße teilen. Die Angriffe des letzteren gegen unsere Politik 
und seine Injinuationen gegen unfsere Aufrichtigkeit sind so plump und ihre Unwahrheit so 
handgreiflich, daß sie auch eine etwas derbe Abfertigung, wie sie von dem pp. Schramm 
vielleicht zu erwarten ist, wohl vertragen. Es versteht sich dabei von selbst, daß die Schrift 
nicht entfernt einen offiziösen Charakter tragen darf; und ich habe daher den pp. Schramm, 
welcher sich auch an mich direkt um Mitteilung von Material gewandt hatte, lediglich auf 
die bereits gedruckten Dokumente verwiesen, welche vollltommen ausreichen, um die Aich- 
tigkeit der Behauptungen des Generals ins Licht zu stellen. Die Zusammenstellung der- 
selben in dem Buche „Swei Jahre Preußisch-Deutscher Politik“ habe ich ihm zu diesem 
Zwerk überfandt. 
*1112. Telegramm an den Generalkonsul in Bukarest 
Grafen von Kegyserling-Rautenburg. 
[Kontept von der Hand des Vortragenden Rats Theremin.) 
Berlin, den 31. März 1868. 
Von Paris, London und aus dem Inlande sind dringende Gesuche jüdischer Gemein- 
schaften bei mir eingegangen, die über den in dortiger Kammer eingebrachten, gegen die 
Juden gerichteten Gesetzentwurf: aufs böchste beunrubigt find. Raten Sie dem Sürsten 
dringend, dem, wenn er authentisch ut, in der That sehr unpolitischen Gesetzentwurfes nicht 
Folge zu geben, da eine so vernichtende Verfolgung dieser immer mehr nützlichen als gefähr- 
lichen Klasse der Bevölkerung unter deren einflußreichen Glaubensgenossen in ganz Europa 
ein für die dortige Regierung gefährliches Unternehmen sein würde. 
*1118. Erlaß an den Gesandten in Stuttgart 
Freiherrn von Rosenberg. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden ABats Bucher.) 
Am 29. März batte Sreiherr v. Rosenberg neuerdings über die sehr preuhenfeindliche 
ltung der württemberpischen offiiöfen Dresse — insbesondere der „Württembergischen 
andesleitung“ und der „Bürgerzeitung“ — die während der Vorbereitung zu den Sollparlamenks= 
wablen (24. März)) besonders krah zjutage getreten war, m berichten gebabt. Reklamationen, 
die er deswegen bei Sreiberrn v. Barnbüler erhoben hatte, waren so gut wie fruchtlos geblieben. 
So fragte er denn bei Bismarckt an, wie er sich bei erneuten feindleligen und beleidigenden 
Artikeln der offiiösen würktembergischen Presse verhalten solle. 
Berlin, den 1. April 1868. 
In Beantwortung des gefälligen Berichts vom 29. v. M. ersuche ich Ew. pp. er- 
gebenst, dem Sreiherrn von Varnbüler folgendes sagen zu wollen: 
1 Dgl. dazu: Aus dem Leben König Karls von Rumönien, I, 254. 
„ Die Worte: „wenn er authdentisch ist. in der That sehr unpolitischen Gesetzentwurfe“ eigenbändiger 
Zusaotz Bismarcks. Ganz der gleichen Meinung wie Bismarck war König Wilbelm I., der auf einem der 
ben erwöhnten Gesuche elgenhändig bemerkte: „Hierauf kann doch nichts Anderes ge chehen, als den Fürst 
* auffordern, wenn ein solcher Unsinn angenommen würde, ihn nicht m bestätigen)? W.
        <pb n="347" />
        Provokationen der württembergischen Presse. „Loskauf“ Rumäniens von der Kürkei. 333 
Bisher hätten wir unseren Einfluß auf die Blätter, von denen wir annehmen konnten, 
daß sie unseren Abmahnungen Gehör schenken würden, aufgeboten und in vollem Umfange 
und immer aufs neue aufbieten müssen, um zu erreichen, daß diese Blätter gegenüber den 
unaufhörlichen Provokationen der süddeutschen Presse sich auf eine ruhige Abwehr be- 
schränkten und nicht, dem natürlichen Impulse der Redakteure und der gereizten Stimmung 
eines großen Leserkreises folgend, Angriff mit Angriff beantworteten. Solches Be- 
mühen habe uns namentlich die württembergische Presse verursacht; aber gerade mit Bezug 
auf sie hätten wir zu der Überzeugung kommen müssen, daß unsere moderierende Einwirkung 
und die zum großen Teil ihr zu dankende gemessene Haltung der preußischen Presse nicht 
allein den Zweck verfehlten, sondern den entgegengesetzten Erfolg hätten, und zwar nicht 
allein an der unabhängigen württembergischen Presse, sondern auch an einem Blatte wie 
die „Württembergische Landeszeitung“. Nachdem dieses, von der Stuttgarter Regierung 
m offiziösen Kundgebungen benutzte und, wie wir bören, den höheren Geistlichen gratis 
#zugesendete, den Prooinzialbehörden zur Verbreitung empfohlene Blatt zu den gehössigsten 
persönlichen Angriffen auf Seine Mojestät den König benutzt worden fsei, würden wir unfere 
mäßigende Einwirkung auf die diesseitige Presse einstellen und es darauf ankommen lassen, 
ob die offiziösen württembergischen Organe selbst durch die dauernde Rückkehr zu einem 
anständigen Cone zur Beruhigung der diesseitigen Presse beitragen wollen. 
Was den pejziellen õnhalt des von Ew. pp. eingesandten Artikels: betrifft, so teile ich 
die Ansicht, daß die Richter den Ausdruck „Herrschsucht“ nicht zu einer Injurie konstruieren 
würden, und bitte daher, von gerichtlichen Schritten Abstand zu nehmen. 
1110. Drtvatschrelben an den Generalkonsul in Bubkarest 
Grafen von Kegyserling-Rautenburg. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Theremin.) 
Auf Bismarckts Brief an den Fürsten Karl von Rumönien vom 22. Februar (iehe 
Ar. 107 3) hatte dieser ilm durch den Grafen Keuserling leinen Donk aussprechen und ihm zu- 
gleich die Sdee eines „Loskaufs“ Rumäniens von der Türkei vortragen (llen. Es bieß in 
Kepserlings Privatbrief an Bismarckt vom 7. Alärz, der diese Idee entwickelte: „Das Ab- 
lölungsgeschäft mübte natürlich eher von jeder anderen Macht als von Auhland angeregt und 
in die Hand genommen werden. Wenn 7. B. das englische Kabinett von dem Gedanken durch- 
drungen werden könnte, dab die Errschtüng eines kleinen unabhbängigen Rumänen--Reichs unter 
GSarantie der Mächte einen kräftigen Wall den eventuellen rufsischen Inva- asionsgelüsten entgegen- 
letzen würde, so würde vielleicht von London aus die Znitiative kommen.“ 
Berlin, den 2. April 1868. 
Ew. pp. Privatschreiben vom 7. v. AM. ist mir seiner Seit richtig zugegangen, und habe 
ich von den darin enthaltenen Mitteilungen über die orientalischen Verhältnülse, die Shnen 
der Fürst gemacht hat, mit großem Snteresse Kenntnis genommen. Sch ersuche Ew. pp., 
Seiner Hoheit für dieselben sowie für die wohlwollenden Gesinnungen, die er mir bewahrt, 
meinen aufrichtigsten Dank auszusprechen. 
Die Srage des Loskaufs Rumäniens von der Oberherrschaft der Türkei, welche Ew. 
pp. am Schlusse berühren, wird meines Erachtens mit großer Vorsicht zu behandeln sein. 
1 Die „Württembergische Landeszeitung“ hatte in einem Artikel von entschieden österreichischer 
Förbung von der „Herrschsucht“ König Wilbelms L gesprochen.
        <pb n="348" />
        334 Gortschakow leugnet russische Initiative in der Bündnisfrage. 
Wollten wir in London dieserhalb sondieren und den Versuch machen, das englische Kabinett 
für die Sache zu gewinnen, so könnte leicht die Annahme Platz greifen", daß dieses Siel, so- 
bald wir es uns überhaupt gesteckt haben, unter Umständen auch mit andern Miitteln er- 
strebt werden würde. Da die Entscheidung jedenfalls in Konstantinopel liegt, so würde es 
meiner Meinung nach immer das Sicherste sein, die Sonde dort anzulegen und zu ermitteln, 
ob und wie weit unter Zuhbilfenahme der entsprechenden Geldmittel mit derselben einm- 
dringen sein würde. 
*1120. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
[Kontept von der Hand des Vortragenden Nats Abeken. 
Am 27. März hatte Prinz Reuß mit dem Sürsten Gortschakow eine Ilängere Aussprache 
über die Aufnahme, die die Oubrilschen Eröffnungen vom 20. (ogl. NAr. 1106) bei Bismarck 
gefunden hatten. Der rufsische Bizekanjler las bei dieser Gelegenbeit den preuhischen Ver- 
treter den Bericht vor den Oubril über seine Unterredung mit Bismarck erstattet hatte. Reuß 
nahm hierbei Anlaß, den — wie es scheint, absichtlichen — Frrtum Cubrils richtigzustellen, 
ols lei die Initiative u der Erörterung über die gegenseitige Hilfeleistung Dreußens und Ruß- 
lands im Fall eines Frieges von Bismarck ausgegangen. Seinerfeits erklärte sich Gortschakow 
durchaus befriedigt von der Art, wie Bismarck die Oubrilschen Eröffnungen ausgenommen 
batte. Er betonte jetzt selbst, es bedürfe keiner schriftlichen Abmachung; Kaiser Alexander II. 
letze ein solches Vertrauen in König Wilbelm I. und Bismarck, daß er einen unterzeichneten 
Vertrag für überflüssig halte, und 58 ihm der jetzige Gedankenaustausch vollkommen genügend 
erscheine. Auch gegen den von Vismarck Rark betonten defensiven Tharakter des preußisch- 
rufsischen Sigpensnhiyen hatte Gortschakow nichts einzuwenden; ausdrücklich bemerkte er, daß 
es nicht in der Absicht Rußlands liege, den Kriegsfall berbeimführen. Immerhin klang aus 
Gortschakows Außerungen zu Drinz Aeuß eine leise Enttäuschung darüber durch, dah Bismarch 
in der Erörterung mit Oubril jorgfältig einer Erklärung darüber ausgewichen war, ob und in 
welchem Umfange Auhland im Sall einer österreichischen Sntervention im Orient auf eine preu- 
Bische Kooperation zu rechnen habe. Aicht undeutlich ließ Sortschakow durchblicklen, daß es 
ihm auch jetzt noch erwünscht Jein würde, nähere Aufklärung über diesen Dunkt — der offenbar 
für ihn der springende war — zu erbalten. 
Vertraulich. Berlin, den 7. April 1868. 
Ew. pp. haben, wie ich aus Ihrem gefälligen ganz vertraulichen Bericht Mr. 59 vom 
28. v. Al. ersehe, in der Unterredung mit dem Sürsten Gortschakow, zu welcher meine 
geheime Depesche Ar. 114 vom 22. ei.! Shnen Veranlassung gegeben hatte, es sich an- 
gelegen sein lassen, die Auffassung des Sürsten, als ob die Initiative des Gedankens einer 
Aufstellung an der österreichischen Grenze im Sall einer drohenden Kriegsgefahr von uns 
ausgegangen wäre, durch die Anführung von Daten zu berichtigen, welche über das Gegen- 
teil keinen Sweifel lassen. Ich kann die Anführungen Ew. pp. nur vollkommen bestätigen. 
Die ganze Sache ist hier zum erstenmal jur Sprache gebracht worden durch die Mit- 
teilung, welche Ew. pp. und der Oberst von Schweinitz über die vertraulichen Außerungen 
des Kaisers gemacht haben; und in amtlicher Weise ist sie erst durch die Eröffnung des 
Herrn von Oubril vom 20. März in Anregung gebracht worden. Ein Gespräch des Herrn 
von Oubril mit Genleralj) von Moltke, von dem ich erst über Petersburg erfahren, daß es 
stattgefunden habe, wird die Folge der mir von Petersburg zugegangnen Mittbeilungen 
über Aeußerungen eines franzöllischen) Beamten des Minlisteriums] des Innern, bezüglich 
Der Nest des Satzes eigenbändige Korrekktur Bismarcks. 
1120. 1 Siebe Mr. 1109.
        <pb n="349" />
        Bismarcks Berichtigung. Moustiers Vergeßlichkeit betr. Welfenlegion. 335 
der Schnelligkeit französischer Mobilmachung, gewesen sein, nachdem ich den Genleral] von 
Moltke gebeten hatte, Herrn von Oubril zu sagen, was nach unsern Nachrichten davon 
glaubwürdig seie. Unfererseits die Sache anzuregen, konnten wir um so weniger Grund 
baben, als der Gedanke an einen isolierten Kriegsfall zwischen Rußland und Österreich uns 
ganz fern lag. und wir an ein aktives Borgehen Osterreichs in der orientalischen Srage nur 
unter der Voraussetzung einer im voraus festgestellten Ceilnahme Srankreichs am Kriege 
glauben und glaubten, wobei dann die Berhältnisse sich unzweifelhaft so gestalten würden, 
wie ich es in meinem mehrerwähnten Erlasse dargelegt habe. 
Übrigens kann ich mit der Aufnahme, welche meine Erwiderung an Herrn von Oubril 
in St. Petersburg nach Ew. pp. gefälligem Bericht Ar. 57 vom 27. v. M. gefunden hat, 
nur zufrieden sein; und ich teile ganz die vom Fürsten Gortschakow schließlich ausgesprochene 
Ansicht, daß das erreichte Einverständnis hinreichend sei, „um die Ereignisse ruhig abwarten 
zu können“. Ich darf das gegenseitige Vertrauen zwischen den Monarchen und ihren 
Regierungen als so groß und die Natur der Verhältnisse als so zwingend bezeichnen, daß 
über die Entwicklung der beiderseitigen Politik kein Sweifel bestehen kanns. 
1121. Erlaß an den Botschafter in Daris Grafen von der Golh. 
[Konzept von der Hand des Bortragenden Rats Abeken.) 
vurch zwei — nicht von Bismarck gejeichnete — Erlasse vom 20. und 24. Märt) war 
Graf o. d. Goltz 6 beeuftrag worden, von der französlischen Regierung genaue Namenslisten der 
on7 zu erbitten ach einem Berichte des Botschafters vom 28. Mär; batte Marquis 
Moustier die in dieser „Veziehung erteilte Zusage noch nicht erfüllt, weil er 7*57 nach eigenem 
Zugeständnis „vergessen“ habe. Goltz glaubte, an dem guten Willen Moustiers nicht zweifeln 
u 14— shte sich aber nicht sicher, ob im Ministerium des Innern eine gleiche Bereitwilligkeit 
vor en sei. 
Berlin, den 7. April 1868. 
In Ew. pp. gefälligem Bericht Ar. 91 vom 28. v. M. hat es mich doch einigermahen 
in Verwunderung gesetzt, daß der Marquis de Moustier unsere Wünsche in betreff einer 
näheren Auskunft über die in Frankreich befindlichen hannöverschen Emigranten so voll- 
ständig vergessen hatte. Sch bitte Ew. pp., auf diesen Punkt in geigneter Weise zurück- 
zukommen und die gewünschte Mitteilung zu urgieren, welche ja auch im Interesse der 
französischen Regierung liegt, weil wir nur dann über die Bebandlung einzelner Personen 
bestimmtere Entschlüsse fassen können. Es muß uns auch daran gelegen sein, zu wilssen, ob 
die Kaiserliche Regierung uns offen in dieser Sache entgegenkommen oder eine Zurück- 
haltung beobachten will, zu welcher kein Grund vorbanden ist. 
Daneben darf ich darauf weisen, daß Sw. pp. m geeigneter Zeit die hnen zu Gebote 
stehenden Mittel anwenden werden, um unter der Hand die auch sachlich für uns wünfchens- 
werte Information mu erlangen. Stwa m diesem SZwecke nöthige Geldmittel werden Ew. 
pp. auf öhr Verlangen zur Verfügung stehn. 
* Der Satz eigenhändiger Susatz Bismarcks unter Streichung längerer Ausfübrungen Abekens. 
» Bgl. dam W. Platzboff, Die Anfönge des Dreikalserbundes (1867 bis 1871), Dreußische Jahr- 
bücher 188, 295 ff. und 7 Darstellung und tntu zit 1sh Auffallung, der ich 7i—l* 
G. MWichaei, Bismarck, England und Europa 1866 bis 1870, S. enn Platbbofz i# in diesem Susammen-
        <pb n="350" />
        336 Goltz- Bismarcksche Meinungsverschiedenheiten über europäische Politik. 
*1122. Telegramm an den Generalkonsul in Bukarest 
Grafen von Keyserling-Rauienburg. 
[Cigenhändiges Konjept.]) 
Berlin, den 7. April 1868. 
Streben Sie nach Wöglichkeit, die Regirung zu festem Auftreten gegen die Judenhetzen 
in der Moldam zu vermögen. Die Vorgänge wirken in ganz Europa sehr schädlich, ulnd) 
energisches Cinfschreiten würde günstigsten Eindruck machen. 
*1123. Erlaß an den Botschafter in Paris Grafen von der Goltz. 
. [Konzept von der Hand des Vortragenden ANats Abeken.)] 
Zn einem ausfübrlichen Vericht vom 28. Mär) hatte Graf v. d. Goltz, einer Anregung 
Bismarcks (ogl. Mr. 1101) entsprechend, leine Amscht näher begründet, daß die Absorption der 
Donaufürskentümer durch Außland verbhängnisvolle Solgen für Preußen und dessen Wacht- 
Ktellung baben müsle. 
Vertraulich. Berlin, den 9. April 1868. 
Die Ansichten, welche Ew. pp. in dem gefälligen Bericht Nr. 93 vom 28. v. M., an- 
knüpfend an die Bedeutung der Stellung der Donaufürstentümer für Preußen, über die 
eventuelle Entwicklung der allgemeinen europäischen und der rufsischen olitik ins- 
besondere aussprechen, sind mir von großem Interesse gewesen, und ich Kann Ew. pp. für 
die ausführliche Darlegung derselben nur meinen Dank sagen. Wenn ich auch nicht in allen 
Punkten die Auffassungen Ew. pp. teilen kann, so sind die Unterschiede in unseren An- 
schauungen doch für die gegenwärtige und nächste Sntwicklung unferer Politik von keinen 
praktischen Solgen. Sch glaube, daß Rußland für die nächste Seit keine auf die Absorption 
der Donaufürstentümer gerichtete Absichten hegt und selbst zu einem vorübergehenden Ein- 
schreiten daselbst sich nur dann veranlaßt finden würde, wenn Osterreich durch eine übereilte 
und unruhige Politikt oder in einem — ich lasse dabingestellt, ob gerechtfertigten — Ver- 
trauen auf den Beistand Frankreichs sich um Einrücken in Bosnien und die Herzegowina 
bange von einer „preuhisch-russischen Abmachung“ ppricht, so geht das m weit. Bismarck hat auf das 
forgfältigste sogar den 5 hein einer Abmachung vermieden; er bat sogar Gortschakows Wunsch, wenigstens 
über das Maß der preuhischen Pizelestuns im Sall einer Orientkomplitzation unterrichtet mz werden, glatt 
unker den Tisch fallen lallsen. chärfe, mit der Bismarck sich gerade in dem Augenblicke, wo 
Außland die Bande mit Preuhen zu verstärken wünschte, gegen Oubril persönlich wandte, läßt nicht darauf 
lliehen, daß er in diesem Moment den Wert der „bonne entente“ mit Rußland besonders boch anschlug. 
dürfte ihn bei seiner Zurückhaltung einmal der Wunsch geleitet haben, sich vorerst und solange er die 
nächste Entwicklung der deutschen Frage, die stark von dem Ausfall der demnächstigen Jollparlaments- 
verbandlungen abbängig war, nicht übersehen konnte, jede orientalische Komplikation vom Leibe zu balten. 
Bielleicht besorgte er auch, für den Joll einer Abmachung mit Außland sich nicht leicht dem Vorwärts- 
drängen der eigenen Militärs entliehen zu können, die die Auseinandersetzung mit Frankreich für unabwend- 
bar Hielten. edenfalls wollte er, in einer nach allen Richtungen noch nicht geklärten Situation sich die 
Freiheit selbständigen Cntschlusses wahren. Ein grohes Rijiko lief er dabei, insofern behält Dlatzboff (a. a. O., 
S. 2096) recht, nicht. Auch wenn er sich jetzt dem Drängen Auhlands versagte, durste Bismarch für den 
Fall eines unerwarteten Angriffs Napoleons IlI. damit rechnen, dah Ruhlands wohloerstandenes nteresse 
es nicht stille sitzen lassen werde. Vgl. Gedanken und Erinnerungen, II, 55. . 
IVngassuAr.lobsuadiiiL
        <pb n="351" />
        Goltz' Glaube an Auflösung Osterreichs. Kriegerische Meigungen Kaiserin Eugenies? 337 
verleiten lassen sollte. Daß ein solches Vorgehen ÖOsterreichs für Rußland einen Kriegsfall 
bilden würde, ist sehr wahrscheinlich“; und ich habe Urfache anzunehmen, daß man auch in 
Wien sich darüber nicht täuschen könne. Davon abgeseben aber glaube ich, daß es der 
russischen Regierung für den Augenblicke mit der ausgesprochenen Jurückhaltung in der 
orientalischen Srage Ernst ist, wenngleich die speziell moskowitische Partei sich vielfach zu 
einer aktiveren Politikt u drängen sucht und untergeordnete Agenten in diesem Sinne 
wirken mögen. Für die besonneneren russischen Staatsmänner ist es kaum minder wweifel- 
baft als für mich, ob eine territoriale Ausdehnung Rußlands in dieser Richtung ein wirk- 
licher Machtmwachs sein würde. 
Die weiteren Besorgnisse, welche Ew. pp. an die Entfaltung der rufsischen Macht nach 
Westen knünpfen, beruhen wesentlich auf der Voraussetzung einer gänzlichen Auflöfsung des 
österreichischen Kaiserstaates und eines Zerfallens desfelben in seine einzelnen Ceile. Gegen- 
wärtig indes ist diese Auflösung noch nicht eingetreten; und für so gewiß oder so nabe- 
liegend kann ich sie nicht erachten, daß sie ein entscheidendes Aloment in der nächsten Ent- 
wickllung unserer Politik bilden müßßte. Für den Augenblick haben wir noch mit Osterreich 
als mit einer bestehenden Macht zu rechnen und können die Frage über den eventuellen 
Ersatz dieses Saktors im europäischen Gleichgewicht der Zukunft überlassen. 
Mit der praktischen Schlußfolgerung, welche Ew. pp. aus Ihren Betrachtungen dahin 
siehen: daß eine Beförderung und Beschleunigung der Bewegungen in den fjüdflawischen 
Territorien und den Donauländern weder im Snteresse unserer Beziehungen zu Rußland, 
noch unserer Machtstellung überhaupt liege, und daß der Fürst Karl von Rumänien gegen 
unser wie gegen sein eigenes Interesse handeln und seine Stellung auf die gefahrdrohendste 
Weise kompromittieren würde, wenn er sich auf dergleichen Pläne einließe, kann ich mich 
vollkkommen einverstanden erklären und habe mich bei jeder Gelegenheit in diesem Sinne 
ausgesprochen, bin aber auch überzeugt, daß dem jungen Fürsten perfönlich dergleichen Über- 
stür ungen fernliegen, und daß er etwaigen unbesonnenen Natgebern Widerstand m leisten 
entschlossen ist. 
1124. Erlaß an den Botschafter in Darls Grafen von der Goltz. 
[Kongzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Vertraulich. Berlin, den 9. April 1868. 
Ew. pp. erwähnen in Ihrem gefälligen Bericht Ar. 95 vom 3. d. M., daß Sie gehört, der 
Prinz Aapoleon habe in Berlin über den von Shrer Majestät der Kaiserin im kriegerischen 
Sinne geübten Einfluß geklagt. Dies ist Seiner Majestät dem Könige wie mir gegenüber 
bestimmt nicht gescheheen; und auch von allen Personen, über deren Unterhaltungen mit dem 
Prinzen ich Gelegenbeit gehabt habe, mich zu informieren, ist mir nicht die leiseste An- 
deutung davon gemacht. Die Nachricht tritt mir zum ersten Male in Ew. pp. Mitteilung 
entgegen. Wenn Herr Benedetti wirklich darüber etwas nach Paris berichtet haben 
sollte, so ließe sich nur vermuten, doß derartige Außerungen von dem Drinzen gegen Herrn 
Benedetti selbst getan sein möchten. 
Bismarck selbst hatte (ogl. NAr. 1103) Beust auf diese Woabrscheinlichkeit binweisen lassen. Ebenso 
batte er Gortschakom durch Oubril geraten, in Wien eine ganz offene Sprache mu fübren. Wie Gortschakom 
am 27. März #u Hrinz) Reuh lsagte, bätte in der Cat der rufsische Gesandte in Wien eine Erklärung ab- 
gegeben, die Beust keinen ZSweifel rt deren Ernst babe W *7““ können. . 
VIa —
        <pb n="352" />
        338 Sildbund als Ubergangsstadium zu deutscher Einbeit. 
In Bezug auf die Srage wegen des Verhältnisses zu den süddeutschen Staaten, welche 
der Prin; Ew. pp. gegenüber berührt hat, jeigte er sich zwar bier ebenfalls befonders 
präokkupiert und ließ Besorgnisse wegen der Wirkung blicken, welche ein Anschluß der- 
selben an den Norddeutschen Bund in Grankreich haben würde. Es war dies der einzige 
Punkt, auf dem wesentliche Befürchtungen über die Lage bervortraten, während andere 
Iragen der Gegenwart oder Zukunft weniger von ihm berührt wurden, und ich im ganzen 
eine größere Zurückchaltung bei ihm gefunden habe, als man vorber erwartet hatte. 
H. Oncken, Die Abeinpolitik Kaiser Aapoleons III. von 1863 bis 18670, II, 548, Anm. 
*1125. Erlaß an den Geschäftsträger in Karlsruhe von Neumann. 
[Kontept von der Hand des Vortragenden Nats Bucher.)] 
GSanz vertraulich. Berlin, den 9. April 1868. 
Ew. pp. gefälligen Bericht vom 3. d. M., betreffend das Drojekt eines Südbundes, habe 
ich erhalten. Da nach den Mitteilungen des Herrn von Greydorf der bayrische Plan noch 
keine feste Gestalt gewonnen hat und so bald noch nicht zur Verhandlung mit der Großh- 
berzoglichen Regierung gebracht werden wird, so ist es weder dringend, noch besonders 
dienlich, die Crörterung darüber, wie demselben am besten zu begegnen sein werde, mit dem 
Herrn Präsidenten fortzusetzen. Ew. pp. wollen daher gefälligst die Sache einstweilen ruhen 
lassen. Sollte das Thema aber von Herrn von Sreydorf wieder aufgenommen werden, so 
bitte ich, in Ihrem Bemübhen, demselben die Sorderung eines süddeutschen Parlamentes als 
der conditio sine qua non eines Südbundes zu empfeblen, nicht so weit zu geben, daß bei 
ihm der Eindruck entstehen könnte, als betrachteten wir den Erfolg oder Michterfolg dieser 
Empfeblung als eine Srage unseres Cinflusses in Baden. Ew. pp. wollen 
vielmehr den vertraulichen, fast privaten TCharakter dieses ganzen Meinungsaustausches 
bervorheben und einfließen lassen, daß es mir nur darum zu tun sei, meine perfönliche 
Ansicht, an der ich übrigens bei der gegenwärtigen Sachlage festhielte, auszusprechen und 
m erfahren, welche Bedenken etwa dort dagegen bestünden. 
Was Ew. pp. sich im Geiste gegenwärtig halten müssen, wenn es ferner zu dergleichen 
Sesprächen kommt, ist dies: Wir wünschen ebensowenig wie die badische Regierung eine 
dauernde Sondergestaltung Süddeutschlands. Wir halten sie auch für unmöglich, täuschen 
uns aber nicht darüber, daß Versuche dazu eine kürzere oder längere Übergangsperiode 
ausfüllen werden. Die allerdings schwierige Aufgabe, die Baden dabei zufällt, erfordert 
eine doppelte, aber von einem Gedanken geleitete Tätigkeit, eine abwehrende und eine 
lchaffende. Baden muh die Versuche, die von anderer Seite gemacht werden, zu hindern 
oder, wenn sie nicht zu bindern sind, jedesmal zu der Gestaltung zu leiten suchen, bei welcher 
sich das kürzeste Übergangsstadium erwarten läßt. Gegenüber dem bayxrischen Plane 
kommt es also zunächst auf ein hinziehendes Scheingefecht an, in welchem man die Position 
„lüddeutsches Parlament“, wenn sie wider Wunsch und Willen entstanden sein sollte, wieder 
zu jerstören immer die Wittel finden wird. Die positive Cätigkeit müßte, wie ich wieder- 
holt ausgesprochen habe, auf Einrichtungen gehen, welche die süddeutschen Sustände den 
norddeutschen assimilieren, das schließliche Aufgehen in einen Gesamtverband erleichtern 
und das Bedürfnis nach einem Südbunde auf ein immer engeres Gebiet beschränken.
        <pb n="353" />
        Varnbülers Verantwortlichkeit für die württembergische Presse. 339 
Sollte Herr von Freudorf die Unterhaltung auf ein jsüddeutsches Parlament bringen 
und bei der Vorstellung beharren, daß die badische Regierung, wenn sie ein solches fordere, 
auch darauf gefaßt sein müsse, es realisiert zu sehen, so wollen Ew. pp. ihm gefälligst die 
vorstehende Auffossung als den Cindruck, den meine Erlasse auf Sie gemacht hätten, mit 
Benutzung der oben gebrauchten Ausdrücke entwickeln. 
112. Erlaß an den Gesandten in Stuttgart 
Frelherrn von Rosenberg. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden N-ats Bucher. 
Der Ankündigung Bismarcks (ogl. Dr. 1118), daß man die preußische Presse nicht mehr 
von scharfer Zurückrweisfung von Angriffen württenbergischer Blätter auf Preuhen wmurückhalten 
werde, waren sehr nachdrückliche Artikel der „Norddeutschen Allgemeinen Sokuny#t auf dem 
S#b, 7n Vgl. dazu A. Rapp, Die Württemberger und die nationale Srage 1863 bis 1871, 
7. Sie hatten ibres Eindruckrs auf Sreiherrn v. Varnbüler nicht verfehlt, der in einer 
S 5, mit Freiherrn v. Volenberg offen zugab, sich bisher nicht genügend um die württem- 
bergische Presse gekümmert zu haben und eine Ichärkere aAussicht über die offiziösen Blätter ver- 
sprach. Gleichzeitig bat Barnbüler dringend um Einstellung der Ausfälle gegen ihn, die ihn sont 
leicht nötigen könnten, seinen Abschied m nehmen und das * ld den antinationalen Elemen 
zu überlassen, die die Aufrechterhaliung der mit Preuhen geschlossenen Verträge nicht als 4½ 
Programm betrachteten. 
Berlin, den 10. April 1868. 
In der Erwartung, daß die nach dem gefälligen Bericht vom 7. d. M. Tr. 30 ver- 
beißenen Bemühungen des Freiherrn von Barnbüler bei der offiziösen württembergischen 
Dresse von Erfolg sein werden, habe ich der NRedaktion der „Norddeutschen Allgemeinen 
Zeitung" die Mahnung zugehen lassen, auf Srüheres nicht wieder zurückzukommen, so lange 
die dortigen Ausfälle sich nicht erneuern:, und ersuche Ew. pp. ergebenst, den Herrn Mi- 
nister davon in Kenntnis setzen u wollen. Die Art und Weise, wie derfelbe sich in der 
berichteten Unterredung ausgesprochen hat, macht es jedoch notwendig, an diese Mit- 
teilung zunãchst eine Betrachtung allgemeiner Aatur über die Presse zu knüpfen. 
Ich bin außerstande zu beurteilen, welcher Cinfluß, also welche Verantwortlichkeit 
dem württembergischen Ministerium in betreff der einzelnen Blätter beinmessen ist, erlaube 
mir aber die Bemerkung, daß nach der Natur der Dinge und nach dem Zeugnis der Se- 
schichte ein jedes Land, das Volkk wie die Regierung, im großen und auf die Länge der Zeit 
für seine Presse verantwortlich wird. Ich sehe bei Württemberg so wenig wie 3. B. bei 
Belgien einen Grund, weshalb diese Staaten der Vegel entgehen, weshalb sie nicht früher 
oder später in der einen oder andern Gestalt ernten sollten, was ihre Presse gesät. Ich bin 
überzeugt, daß es ein Frrtum sein würde zu meinen, wenn die Stuttgarter Seitungen jetzt 
ihre Gehässigkeit gegen Aorddeutschland ablegten, so werde die Vergangenbeit gänzlich 
begraben sein, etwa wie in einer englischen Landstadt die Whigs und die Tories, die ein- 
ander während der Parlamentswahl weidlich schlecht gemacht, am folgenden Morgen 
wieder die alten Sreunde und guten Rachbarn sind. Es wäre dabei der wesentliche Unter- 
schied übersehen, daß die Wahl zum Sollparlament, bei der in der Tat es sich formell nur 
um die Ausführung eines mit ÜUberlegung eingegangenen reiflich geprüften Vertrages, 
1 Die Worte: „Io lange ..“ eigenbändiger Einschub Bismarcks.
        <pb n="354" />
        340 Varnbülers Drohung mit seinem Abschied läßt Bismarck kalt. 
materiell nur um die Befriedigung als gemeinsam erkannter Bedürfnisse handelte, in 
Württemberg zu einer Sache der Stammeseifersucht, ja, wenn man unter Gliedern des- 
selben Bolkes ohne Widersinn davon sprechen könnte, des Aationalhasses entstellt worden 
ist. Es wäre dabei verkannt, daß zwischen der Bewegung der MWassen in der Körperwelt 
und im Völkerleben eine Ahnlichkeit besteht, daß der Stoß einen Gegenstoß erzeugt, daß 
jede Bewegung in sich die Bedingungen der Fortdauer trägt und nur durch Widerstand er- 
mattet oder durch andere Kräfte abgelenkt werden kann. Die württembergische Regierung 
wird so wenig den aufgeregten Leidenschaften im eigenen Lande wie wir der Gegenwirkung 
in der preußischen Bevölkerung einen plötzlichen Stillstand gebieten können. 
Wir haben daher auch die Folgen als möglich zu setzen, welche Herr von Varnbüler 
von einer fortdauernden Spannung für seine Person und für Württemberg vorherzusehen 
geneigt ist und durch das Einstellen der publizistischen Sehde abgewendet zu sehen bofft. 
In beiden Beziehungen sind wir es der wünschenswerten Klärung der Situation schuldig, 
offen auszusprechen, daß es unjeres Crachtens unter Umständen keine Verschlimmerung der 
Lage ist, wenn ein erklärter Gegner an die Stelle jemandes tritt, der uns Rücksichten auf- 
erlegt, aber uns seinerseits doch feindlich behandelt. Die Vorstellung, die dort zu herrschen 
scheint, daß der Bündnisvertrag vom 13. Auguft 1866 für uns wichtiger sei als für 
Württemberg, und daß wir auf eine widerwillige Crfüllung desselben Wert legen würden, 
ist als ein Mißverständnis abzuweisen. Wenn Württemberg es etwa in seinem Interesse 
finden sollte, zu andern Staaten in ein Verhältnis zu treten, dem dieser Vertrag im Wege 
Ktände, so würden wir unsere Politik danach einrichten, sobald Württemberg die gewonnene 
Überzeugung uns mitteilt und das Verlangen nach Löfung der Verträge zu erkennen gibt. 
Diese Lösung ist ja in legaler Weise ausführbar, und persönlich würde ich im voraus- 
gesetzten Salle der Ausführung des Experimentes nicht widerstrebens. » 
Ew. pp. ersuche ich ergebenst, sich nach Anleitung dieses Erlasses gegen den Freiherrn 
von Varnbüler auszusprechen. 
*1122. Erlaß an den Boischafter in Paris Grafen von der Goltz. 
lsKonfept von der Band des Vortragenden Rats Abesken.] 
Am 8. April hatte Graf, Bernstorff über eine Unterredung mit Lord Stanleun berichtet, in 
der sich der englische Staatssekretär einigermaßen besorgt über eine sich plötzlich in der fran- 
ösischen Dresse geltend machende kriegerische Stimmung aussprach. Lord Stanley, der von 
em englischen Votschafter in Paris sehr alarmierende, demnächst auch in Verlin vertraulich zur 
Kenntnis gebrachte Berichte hatte, nach denen dem Kaiser Rapoleon III. der Gedanke eines 
plötzlichen Überfalls auf Preußen nicht fremd war (siebe diese Berichte bei H. Oncken, Die Tbein- 
politik Kaiser Aapoleons III., II, sId f.), wollte die Ursache des Kriegslärms in dem rein per- 
fönlichen Regiment Mapoleons III. finden; es genüge eben in Haris, dah der Kaiser seine 
Meinung öndere, um den Krieg mit allen seinen Greueln herbeimführen; wenn der Kaiser also 
pllötlich glauben sollte, daß es sein Vorteil sei, Krieg zu führen, so würden seine kürzlich noch 
an Lord Lyons und Lord Clarendon gegebenen friedlichen ersicherungen ihn vermutlich nicht 
davon abhalten. Die pelsimistischen Eindrücke, die Graf Vernstorff in der Unterredung mit Lord 
Stanlen gewann, faßte er am Schlusse seines Berichtes in die Worte zusammen: „Die Frage steht 
blernach, wie mir scheint, doch lehr bedenklich, denn den frũheren friedlichen Versicherungen des 
Kalsers, denen jelbsi Lord Stanleu eventuell keinen großen Wert beizulegen scheint, steben die 
»Die beiden letzten Sätze entbalten elne Reihe kleinerer Korrekturen von Dismarcks Hand.
        <pb n="355" />
        England und die bedenklichen kriegerischen Sumptome in Grankreich. 341 
von den franzölischen Blättern gemeldeten höchst kriegerischen Catsachen, d. h. die ungeheuren 
Rültungen, die Cruppenbewegungen, die Zusammenziebung von sechs anstatt der früberen drei 
Dioisionen bei Chalons, die ungeheuren Summen im Budget für Swecke des Heeres und der 
Marine, die Anleihe, welche angeblich noch erhöht werden soll, und deshalb noch nicht auf den 
Markt gebracht wird, die Reise des dänischen Kriegsministers nach Daris ujw. entgegen.“ 
Ganz vertraulich. Berlin, den 1 1. April 1868. 
Der Bericht des Königlichen Botschafters in London vom 8. d. Al., dessen wesent- 
lichen Inhalt ich Ew. pp. in dem anliegenden Auszug mitteile, spricht Befürchtungen aus, 
welche gerade, weil sie von dort kommen, der Beachtung nicht unwert sein dürften. Er 
zeigt, daß man in England die wechselnden Phasen der Stimmung in Grankreich mit Auf- 
merksamkeit und offenbar nicht ohne Besorgnis verfolgt; und wenn der Königlich Groß- 
britannische Minister, welcher bisher nur ein fast absolutes Bertrauen in die friedlichen 
Absichten des Kaisers Napoleon und die Erhaltung des Sriedens auszusprechen gewohnt 
war, doch auf die Alöglichkeit hinweist, daß der Kaiser einmal plötzlich seine Meinung 
ändere, und in den an Lord Clarendon und Lord Lpons gegebenen Versicherungen keine 
Bürgschaft dagegen sieht, so muh dieser Umstand, wenn auch nicht gerade auffallen, doch 
unsere Aufmerksamkeit auf sich jiehen. 
Es kommen in der Tat mancherlei Symptome zusammen, welche auch bei uns von 
Neuem den Vertehr entmuthigen, der einen Aufschwung zum Vertrauen nehmen zu wollen 
schien:, und welche wir politisch nicht unbeachtet lassen dürfen. Daß die Rüstungen im 
Innern ununterbrochen und in großem MWaßstabe fortgesetzt werden, ist eine Tatsache. Sie 
mag ihre Erklärung, wie Ew. pp. oft hervorgehoben haben, noch immer in dem bisberigen 
mangelhaften Zustande finden. Aber es sind manche Punkte, die auf nähere und be- 
stimmtere Siele gedeutet werden können. Die Pferdeaufkäufe Jind wieder in vollem Gange: 
es wird angegeben, daß Privatleute Schwierigkeit im Ankauf finden, weil bei den Pferde- 
bändlern alles für die Regierung vorweggenommen werde. Eine andere Nachricht besagt, 
daß ungewöhnlich große Ankäufe von Medikamenten und anderem Bedarf für die La- 
sarette gemacht werden. Da dies zum großen Teil Gegenstände betrifft, von welchen man 
in Griedenszeiten keine Vorräte aufzuhäufen pflegt, so ist die Auslegung als Vorforge für 
einen nicht zu entfernten Kriegsfall naheliegend genug. Die Dislokationen der französischen 
Streitkräfte, soweit wir sie verfolgen können, scheinen sämtlich von Westen nach Osten zu 
geben, und namentlich die diesjährige Verstärkung des Lagers von Chälons auf sechs statt 
drei Divisionen ist bemerkenswert, da dieses Lager die Gelegenbeit bietet, eine zu raschem 
Handeln bestimmte Armee zu bilden, ohne den eigentlichen Swecke der Cruppenzusammen-- 
liehungen einzugestehen. Es wäre von Snteresse zu wissen, ob die Truppen von Chälons 
überwiegend den westlichen ulnd) südlichen Garnisonen entnommen werden:. 
Graf Bernstorff führt unter den bedenklichen Symptomen auch die Reise des dänischen 
Kriegsministers Raaslöff nach Daris an. Die dänische Regierung hat jede politische 
Mislion deslelben in Abrede gestellt, ja die Reise gewissermaßen entschuldigt. Andererseits 
wird in vertraulichen Nachrichten aus Kopenhagen behauptet, die Reise sei von Paris aus 
veranlaßt worden, und binzugefügt, Herr Raaslöff sei ein alter und vertrauter Be- 
kannter des Marschall Niel, babe an den Kämpfen in Algier teilgenommen und von daber 
1 Die beiden Nelatiolätze: „welche auch bel uns . eigenböndiger Einschub Bismarcks. 
» Der letzte Satz eigenbändiger Zujatz Bismarcks.
        <pb n="356" />
        342 Goltz soll die militärischen Verhältussse in Srankreich sorgfältigst beobachten. 
intime Beziehungen zur französischen Armee. Daß er in Paris garnicht über die Even- 
tualitäten künftiger Kriege sprechen sollte, ist nicht anzunehmen. 
So wie die Dinge jetzt noch in Srankreich stehen, glaube ich allerdings, daß der Krieg 
nicht im Snteresse des Kaisers und seiner Dynastie liegt, und daß die französische NMation 
im großen und ganzen den Grieden will und bedarf. Aber eine Bürgschaft gegen eine plötz- 
liche Entschließung ist nicht vorhanden; und es kann über Nacht eine Lage der Dinge 
eintreten, bei welcher der Kaiser es als seinen Vorteil ansehen würde, den Krieg zu machen. 
Jedenfalls will er, wie die fortgehenden Rüstungen zeigen, die Kriegsbereitschaft auf einen“ 
solchen Dunkt bringen, daß er im gegebenen Fall augenblicklich und ohne große und längere 
Vorbereitungen von dem Augenblick Nutzen ziehen und den Gegner überraschen könne. 
Daß es dem Kaiser mit Besorgnissen vor einem Angriff von unserer Seite ernst sein fgollte, 
ist nicht zu glauben; es ist daher schwer anzunehmen, daß die Kriegsbereitschaft defensiver 
Natur sein und nicht den ZSweck haben sollte, eine rasche Offensive, einen plötzlichen Überfall, 
möglich zu machen. 
Wir haben einer golchen Gefahr nur die Mobilmachung der Armee entgegenzufetzen, 
m welcher wir natürlich erst auf ganz bestimmte und positive Gründe hin schreiten würden. 
Um so mehr aber müssen wir wünschen, nicht überrascht zu werden. Es hängt jedenfalls 
von der Länge des ZSeitraums, in welchem wir den Krieg voraussehen können, ab, ob wir 
unsere Aufstellung auf dem rechten oder linken ARheinufer zu nehmen haben. 
Mag der Krieg nabe bevorstehn oder nicht, jedenfalls fahren alle Geschäfte fort, unter 
der Ungewißheit dessen, was man von Grankreich in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten 
zu erwarten hat, in einem Maße zu leiden, welches der Erbitterung der gesammten Se- 
schäftswelt gegen den Kaifler) Maploleon) täglich neue Mahrung giebt. Jedermann sagt, 
daß der Kaiser, wenn er ehrlich den Frieden wollte, auch die Mittel finden würde, die Welt 
in glaubwürdiger Weise davon zu überzeugen. Durch Zeitungsartikel wird das freilich 
nicht gelingen“. 
Ew. pp. werden sich sicher nichts entgehen lassen, was auf die Situation Licht zu werfen 
imstande ist; und ich ersuche Sie ergebenst, auch dem Königlichen Militärbevollmächtigten 
eine unausgesetzte sorgfältige Beobachtung aller militärischen Verhältnisse zu empfehlen. 
*1128. Erlaß an den Gesandten in Darmstadt von Wentzel. 
[Kontept von der Hond des Vortragenden VRats Burcher.] 
In Darmstadt war es wischen dem preuhenfreundlichen Hrinzen Ludwig von Hessen und 
dem bellischen Kriegsminister v. Grolman, der der Durchführung der Militärkonvention mit 
euhen einen jäben Widerstand entgegensetzte, u schweren Differenzen gekommen, die dazu 
fübrten, daß der Drinz das Kommando als bellifcher Divisionsgeneral niederlegte. Ausführliche 
Berlchte, die der Sesandte v. Wentzel darüber am 4. und 8. April erstattete, veranloßten König 
Wilbelm I., seinen Generaladjutanten General v. Bonin in befonderer Mission nach Darmstadt 
t . « i i 
m entsenden Berlin, den 12. April 1868. 
Die Differenzen, in welche der Drinz Ludwig von Hessen geraten ist, und auf welche 
sich Sw. pp. Berichte vom 4. und 8. d. Al. bejiehen, haben Seine Wajestät den König 
* Der Satz elgenböndiger Zujatz Bismarcks. 
DerAblatz eigenböndiger Sufatz Bismarcks.
        <pb n="357" />
        Bonins Mission nach Darmstadt. Dalwigks Abeinbundstendenzen. 343 
bewogen, den General von Bonin in besonderer Mission nach Darmstadt zu schicken. Der- 
selbe ist von dem Könige beauftragt, 1) die Erfüllung der in der Konvention vom 7. April 
v. J. von Hessen übernommenen, schon am 1. Cktober v. J. fällig gewordenen Verpflich- 
tungen zu verlangen; 2) zu verlangen, daß jeder Einfluß des nicht von der Bundesgewalt 
ressortierenden Kriegsministers auf K heiten aufhöre; 3) dem Großberjoge 
zu empfeblen, daß er das Kriegsministerium als reine „ Berwaltungsbehörde organisieren und 
entsprechend vereinfachen möge in Übereinstimmung mit den Vorschlägen des Drinzen 
Ludwig. 
Der General von Bonin ist angewiesen, vor dem Grohberzoge höflich und freundlich, 
gegen Herrn von Dalwigk entschiedener aufzutreten. 
Sch meinerseits habe ihm nicht verhehlt, daß ich für den Fall politischer Komplikationen 
zu Herrn von Dalwigk mit seinen rheinbündlerischen Tendenzen kein sonderliches Vertrauen 
bätte und deshalb eine baldige Abhilfe der hervorgetretenen Übelstände für unbedingt erfor- 
derlich hielte. Wenn dieselbe nicht von Darmstadt geleistet werde, so würden wir zunächft 
die zum Norddeutschen Bunde gehörenden befsischen Cruppen aus dem Großberzogtum 
wegverlegen, auf preußischem Fuß organisieren und die Kosten von Hessen einzieben müssen. 
Ich mache Ew. pp. diese Mitteilung nur zu Ihrer perfönlichen Information, bitte, der- 
selben gegen Herrn von Dalwigk keine Erwähnung zu tun und sich vorerft überhaupt nicht 
in die Sache zu mischen, sondern den General von Bonin operieren m lassen und demnächst 
weitere Weifungen abzuwartent. 
*1129. Erlaß an den Gesandten in München 
Freiherrn von Werthern. 
— von der Hand des Vortragenden Aats Bucher.)] 
m 6. April hatte Freiberr v. Werthern auf Grund von Mitteilungen des Herausgebers 
der „ Presse“ Julius Fröbel über ein Hefräch berichtet, das dieser kur: movor 
mit dem Kanzler der französischen Gesondtschaft in München Lefaiore gehabt batte. Danach 
bätte dieser den Standpunkt vertreten: „Die Dynastien hier unten seien nicht mebr lebensfähig. 
Preußen werde gest. hurch die Jurcht vor Frankreich mrückgeholten, in seinen Unifikations- 
Säneng weiter zu gehen; auch n würde Srankreich nie zugeben, daß Preußen den Main überschreite. 
en süddeutschen Staaten bleibe daher nichts übrig, als die republikanische Sorm anzunehmen 
und sich an die Schweiz anzuschließen.“ Fröbel wollte aus Lefaivres Nitteilungen schliehen, daß die 
offensichtliche Koalition der ultramontanen und der d artei. „über 
die Grenzen der einzelnen Länder binaus sich als eine allgemeine organisiert babe oder Ju organi- 
sieren suche, und dah sie sonderbarerweise auf der einen Seite die Interessen des Legitimismms 
fördere, auf der anderen offiziell oder offiziös von der krnkolischen. Politik gefördert werde, 
welche in der Dildung einer süddeutschen Nepublie und Anschluß derselben an die Schwein bine 
geringere Gesahr erblicke als in der Einbeit Deutschlands unter preußischer Sübrung“. 
einem weiteren Berichte Wertherns war auch Fürst Hobenlohe von der Unterredung Fröbels an 
Lefaiore unterrichtet. BVgl. sdamu Hobenlobes Bericht an König Ludwig II. vom 10. April 
— — I. 300), in dem sich deutliche Anklänge an das Gespräch Fröbel-Lefaivre 
fin nden. ch Ho benlobe iniicht darin von dem w offen mutage getretenen Bund der 
lerikalen och demokratischen Elemente“ und von dem „Auftauchen republikanischer Tendenjen 
unter dem Deckmantel Kenseroctioe Interessen“. Aicht minder decken die DBerchte des badischen 
Gesandten in München v. Mohl die gleichen Susammenbänge auf. Bgl. den von O. Lorem 
(Koiser Wilbelm und *— Begründung des Reichs 1866 bis 1871. S. 597) Wröfffemiichten Aus# 
1 Aäberes über Verlauf und A 7 v Die Cagebücher des Fre 
bard v. Dalwigk m elchertuft und » IV — * onins in: Die Cagedüch Freiberr#- Rein-
        <pb n="358" />
        344 Lefaiores merkwürdige Außerungen m. Fröbel. 
aus dem Bericht vom 19. April: „Außerdem verbinden sich ultramontane und demokratische 
Parteien in Süddeutschland; unahme republikanischer Tendenzen. Verner hätten ulsramonkene 
VBlätter große Summen von Srankreich erbalten, um gegen die Allianz#verträge und für den 
Bruchr derselben m wirken.“ 
Berlin, den 12. April 1868. 
Ew. pp. Bericht vom 6. d. Ml., betreffend Herrn Lefaiore, enthält eine für mich sehr 
interessante Information, würde aber zu seinem vollen Werte erst durch eine Berwendung 
gegen Dritte auszunutzen sein. Über eine solche muß ich jedoch Herrn Sröbels wegen Be- 
denken tragen. Sch erbitte mir daher zuvörderst Ew. pp. gefällige Außerung darüber, 
welcher Gebrauch von jenem Gespräche etwa schon gemacht ist oder noch zu machen wäre. 
Würde es Sröbel gleichgültig sein, wenn Lefaiore erführe, daß er dessen Außerungen weiter 
ergählt habe? Haben der Sürst Hohenlohe und Ihre süddeutschen Kollegen Kenntnis davon, 
und was meinen sie damu? Die Verwendungen von bier aus, an die sich denken ließe, 
wären eine Anfrage in Paris, ob der Gesandtschaftskanzler im Sinne seiner NRegierung 
gelsprochen habe, oder eine allgemein gehaltene Erwähnung in einem Erlaß an unseren Ge- 
sandten, daß Organe der französischen Diplomatie in Süddeutschland für das republikanische 
Prinzip Propaganda machtemn:, endlich eine mehr oder weniger bestimmte Angabe in der 
Presse. 
*1130. Erlaß an den Gesandten in Rom von Arnim. 
[Kan#sleikonzept.] 
Wenn Bismarck ursprünglich den Wahlen mum Zollparlament und dessen Sufammentritt 
mit hoben Erwartungen Wm—wS3 batte und i in, leinen Hof Iann en auch durch den Ausfall 
der Wahlen in Baden und Bagern (ogl. ARr. 1081, Anm. d) no t wesentlich berabgestimmt 
worden war, so hatten ihm doch die späteren württemberalschen Wahlen, wo — nicht obne Schuld 
der Vegierung — infolge des Jusammengebens der klerikalen und [er demokratischen Partei 
nicht ein einziger nationaler Kandidat durchgedrungen war, eine tiefe Enttäuschung bereiten 
müssen. Was ihn aber vor allem mit wachsenden Besorgnissen für die Zukunft des Eindeits- 
gedunens erfüllte, in dem das höchste Jiel seiner gelamten Dolitik beschlossen war, das war 
die unverhüllte Feindseligkeit, mit dem die in allen süddeutschen Staaten so mächtigen klerikalen 
Parteien gegen den Anschlußgedanken und gegen reuhen selbft Stellung nahmen. Der Gefahr 
einer Liga der hatbolischen Alächte gegen HDreußen-Deutschlond, die im Herbst 1867 am Horizonte 
aufgetaucht war, hatte Bismarck zunächst gelassen ins Auge sehen können; wenn aber in Süd- 
deutschland Peen eise Konfessionelle Moment, genährt r— österreichische und vielleicht auch 
durch frowrölhh e Einflüsse, das nationale ganz überwuchern Voltt e, wenn etwa gar republi- 
anische Tendenjen, ebenfalls von Grankreich genährt (ogl. Ar. 1129), in Süddeutschland 
überband nehmen sollten, so mußte die Herstellung der deutschen Einheit unter Dreußens Tgide 
allerdings aufs schwerste gefäbrdet werden. In dieser Situation bielt Bismarck, der schon zweimal, 
n den Jahren 1662 und 1866, eine Cinwirkung der Kurie auf die katholischen Kreise Preußens 
W gesucht hatte (ogl.: Die Gesammelten Werte, IV, Ar. 3, VI, Ar. 628), es für 
das Gegebene, von neuem an den Däpstlichen Stuhl, von dessen staatsmännischer Einsicht und 
Weisbeit er eine bohe Meinung hatte, m appellieren. 
Vertraulich. Berlin, den 12. April 1868. 
Die Stellung, welche die katholische Kirche zu den Ereignissen der letzten Jahre, m der 
Aeugestaltung der Dinge in Dorddeutschland und namentlich auch zu der noch im Sluß be- 
1 Von einer direkten Erwähnung Lefaiores wurde im Verfolg eines Wertbernschen Berichts vom 
15. April bpeseben doch gelhspte eine Hindeutung in einem Crlaß an Graf v. d. Golth# vom 23. April. 
Siehe Vr. 1147. Haß tatjächlich die Sdee einer Jörderung republikzanischer Onten in Süddeutschland 
eines staterechtlichen Anschlusses Süddeutschlands an vdie republikanische Schweizj der französischen Regierung 
nicht fremd war, lehrt Vapoleons III. Sespräch mit Lord Clorendon vom 19. Oktober. Bgl. dajzu 
Schreiben des englischen Votschofters in Paris Lord Lpyons an Lord Stanleu vom 20. Osctober (Lord 
Newton, Lord Lyons, I. 204): „The Emperor told Clarendon in strict confidence of a proposal whlch 
he had not. he ald, mentioned even to his ministers. Men of welgzht had proposed a Confederation 
between the South German States and Switzerland.“
        <pb n="359" />
        Stellung der katholischen Kirche zjur Neugestaltung von 1866. 345 
griffenen Entwickelung der Verhältnisse in Süddeutschland einnimmt, bietet so eigentümliche 
Erscheinungen, so seltsame Anomalien und Widersprüche dar, daß nicht allein die ernfteste 
Aufmerksamkeit der preußischen und deutschen Staatsmänner und Negierungen dadurch 
gefordert wird, sondern daß ich auch dringend wünschen muß, daß man in Rom selbst und 
am pöpfstlichen Hofe, wo ich eine Betrachtung der Dinge von einem höheren und allge- 
meineren Standpunkte erwarten darf, sich über die Sachlage und die in ihr verborgen 
liegenden Gefahren nicht täusche. 
Ich muß, um meinen Gedanken klar zu machen, in die Vergangenbeit zurückgreifen. 
In dem Vierteljahrhundert, welches den Ereignissen von 1866 voranging, ist es allge- 
mein anerkannt worden, daß die kathbolische Kirche nirgend, auch in katholischen Ländern 
nicht, günstiger gestellt war und sich einer größeren Gerechtigkeit und Billigkeit, ja einer 
freundlicheren Sürsorge von seiten der Regierung zu erfreuen hatte als gerade in Preußen. 
In Deutschland war dies Gefühl allgemein in der katholischen Kirche, und ich könnte auf 
viele Seugnisse gerade aus Süddeutschland binweisen, daß die Stellung der katholischen 
Kirche in Preußen von hbochgestellten Prälaten, Würdenträgern und Wortführern der 
Kirche als Mufter hingestellt worden. Sch erinnere mich unter andern eines Schreibens des 
Erzbischofs von GSreiburg aus dem Anfange der fünfj#iger Jahre, welches schon damals die 
ausdrückliche Bitte an Seine Mojestät den König richtete, dahin zu wirken, daß die in 
Dreußen geltenden Grundsätze, welche der Erzbischof als Ordinarius der Hohengollernschen 
Lande kennen gelernt hatte, auch in dem übrigen, nichtpreußischen Teil seiner Diözese zur 
Vichtschnur werden möchten. Viele andere, mehr oder weniger öffentliche Außerungen 
bestätigen dies. Aicht minder befriedigt hat sich der Römische Hof felbst wiederholt aus- 
gesprochen; und Ew. pp. sind am besten in der Lage zu konstatieren, mit wie günstigem Auge 
der Papst und die Kurie die Verhältnisse in Preußen anseben, und wie untergeordneter Art, 
im Vergleich zu anderen Staaten, die geringen Punkte waren, auf welchen sich gelegentlich 
noch eine Differen; oder ein unbefriedigter Wunsch der katholischen Kirche berausstellte. 
Tichtsdestoweniger ist es eine notorische Tatsache, daß, als die Ereignisse von 1866 sich 
vorbereiteten, — ich will nicht sagen, die katholische Kirche, aber doch jedenfalls der größte 
Teil der eigentlich kirchlichen Kreise in ganz Deutschland Partei gegen Preußen und für 
Isterreich ergriff. Es läßt sich leider nicht leugnen, daß uns selbst in Preußen Erschei- 
nungen begegnet sind, welche auf landesverrätherische: Agitationen aus diesen kirchlichen 
Kreisen und auf gebeime Einflüsse und Einwirkungen auf die Stimmung der katholischen 
Bevölkerung bindeuteten:. SElücklicherweise sind diese Erscheinungen vereinzelt geblieben 
und diese Einflüsse an dem gesunden Sinn der Bevölkerung und der katholischen Geistlich- 
keit Jelbst gescheitert; sie waren aber immer bedeutend genug, um uns ernste Besorgnisse für 
den FSall einzuflößen, daß die Vorsehung über den Gang der kriegerischen Ereignisse anders 
beschlossen hätte. 
1 Dos Wort: „landesverrätherische“ eigenhändige Korrektur Bismarcks statt: „preuhenfeindliche". 
* Ob Drinz Napoleon bei seiner Anwesenbeit in Verlin Bismarck Andeutungen in dieser Bejiehung 
geneacht bat? Als der Prinz kur) darauf gelegentlich der Hochjeit des Kronprinzen von Italien (ogl. dam 
r. 1131) mit dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen in Curin msammentraf, wußte er diesem iu 
erzählen, mu einem Kriege Frankreichs gegen Preußen dränge vor allem die katbolische Kirche, die deutscher- 
leits vom Ertbischof von Köln und dem Bischof Martin von Daderborn geführt werde. A. v. Stosch, Denk- 
würdigkeiten S. 143. Vach seiner Angabe hätte Stosch ausführlich darüber nach Berlin berichten mülssen. 
Tatsächlich beiht es in einem Berichte des Kronprinzen vom 26. April über seine Unterredung mit HPrin 
Rapoleon, dieser habe warnend darauf bingewiesen, dah die Geistlichkeit der katdolischen Kirche, deron 
Macht vor allem darin berube, dah sie eine Gemeinschaft über den liililierten Staaten ECuropas bilde,
        <pb n="360" />
        346 Offener Krieg katbolisch-kirchlicher Kreise gegen Preuhen. 
Bis mu einem gewissen Grade ist mir diese Parteinahme der ktatbolisch-kirchlichen 
Kreife für Osfterreich unter den damaligen Umständen ertlärlich. SÖsterreich 
wurde einmal seit uralter Seit als der Hort des Katholizismus angesehen; es galt neben dem 
protestantischen oder paritätischen Dreußen als die eigentlich katholische Macht in Deutsch- 
land. Selbst die Kurie mochte diese Auffassung teilen, wenngleich die Erfahrung sie batte 
belehren müssen, eine wie geringe Stütze gerade sie noch an Ögterreich batte. Sie konnte 
die faktischen Verhältnisse in Österreich vielleicht auch nicht genau genug kennen, um zu 
beurteilen, wie weit es mit dem Katholizismus in Österreich wirklich Ernst war; und in dem 
Konkordat konnte sie einen festen Halt über die Regierung und das Land zu haben glauben. 
In Süddeutschland war es eben jene traditionelle Hinneigung der kirchlichen Kreise zu Sster- 
reich und der vielfältige Verkehr mit den entsprechenden Kreisen dieser Monarchie, welcher 
der letzteren die Syumpathien der Katholiken zuwenden Konnte. 
Ich will daher über diese jetzt in der Bergangenheit liegenden Erscheinüngen 
nicht rechten. Sch brauche auch nicht erst zu konstatieren, daß die Preußische Aegierung 
der katbolischen Kirche diese in einer gefahrvollen Krise so unverhohlen kundgegebenen 
Slmpatbien für ihre Gegner in keiner Weise hat entgelten lassen. Wir haben eben darin 
nicht den Geist der katholischen Kirche jelbst, sondern nur die Rückwirkung weltlicher 
Leidenschaften auf gewisse Kreise innerhalb der Kirches erkennen wollen. 
Aber nicht in gleicher Weise darf ich über die Erscheinungen der Gegenwart und die 
sehr ernste Catfache binwegsehen, daß der geheime und offene Krieg der katholisch-kirch-- 
lichen Kreise gegen Preußen auch jetzt noch ununterbrochen fortdauert. 
In offenem Kampfe hat sich dieser Krieg gezeigt bei der Agitation in Süddeutschland für 
die Wahlen zum Sollparlament. Überall und fast ohne Ausnahme ist die katholische Geist- 
lichkeit" als die Gegnerin, ja als die Feindin Dreußens und des Aorddeutschen Bundes 
erwiesen. In Bapern, in Württemberg, in Baden hat sich der Klerus an die Spitze der 
Agitation gegen Aorddeutschland gestellt und seinen ganzen Einfluß auf die Bevölkerung 
zugunsten derjenigen Kandidaten aufgewendet, welche die Feindschaft“ gegen Preußen auf 
ihre Sahne schrieben! Dabei hat der Klerus keine Bundesgenossenschaft verschmäht, die 
sich ihm dafür darbot. Er hat sich zum Bundesgenossen der Demokratie und des Nadikalis- 
mus gemacht und die Bevölkerung für die Kandidaten des letzteren stimmen lassen, um nur 
diejenigen, welche für Freunde Preußens und des NRorddeutschen Bundes gelten, aus dem 
Gelde m schlagen. In den meisten Fällen ist dies gelungen; und nur dieser unnatürlichen 
Bundesgenossenschaft ist an vielen Orten in allen drei süddeutschen Staaten das Unterliegen 
bis in die preuhischen Staaten binein den Krieg gegen Preußen beschlossen habe. Als den schlimmsten Gegner 
eubens hätte der Drinz Jerome nach dem Wedt des Kronprinzen den Bischof von Maoinz reiberrn 
v. Kekteler bejeichnet. Der kronprimliche Vericht wurde am 28. Mai dem Grafen v. d. Goltz vertraulich 
m seiner ersönlichen Kenntnisnahme mitgetellt; eine andere Solge hat Bismarcke den Mitteilungen bes 
Prinzen Frone nicht gegeben. Vgl. auch noch den Brief A. v. Stoschs an G. Sreytag vom F. Juli 1868: 
Ansicht des Prinzen Rapoleon provojiert nur die katholische Kirche den Krieg, weil sie sich bewuht 
st, daß nur aus der Niederwerfung Dreußens Roms Macht nen erblüben kann. Denkwürdigkeiten 
v. Stoschs, S. 147. . 
aukdtaGeiltgetvillerKkeileindnlelben«. . « 
· Die Worte: „katholische Geistlichkeit“ eigenh ändige Korrektur Bismarcks Itatt: „die boganne 
ultramontane Partei — % eieichnung, 8 nicht gern, fbrauche. 5 indes Keum zu vermeig N# 
i immt tung in der Kirche von dieser se · « „ 
bigenben Cane. .r eust t es * kaum irgendwo möglich gewesen, die Kirche lelbst von dieser Darte## 
zu trennen“ bat Bismarck seiner Korrektur gemäß gestrichen. - « 
·QasWott-»seiadlchaft«eigenhändiqtKomlctnkBismakdcsItstt: „Gegnerschaft“.
        <pb n="361" />
        Jusammenwirken des Klerus mit der Presse im Sn- und Ausland. 347 
der sogenannten nationalen Partei zu danken. Der Vorwurf, den ich hier dem katholischen 
Klerus mache, beruht nicht etwa auf vielleicht gefärbten Darstellungen aus dem Lager 
der unterlegenen Partei; die bei den Wahlen siegreiche Partei selbst rühmt sich vielmehr 
des Erfolges, den der Bund der Kirche mit der Presse errungen. Sch brauche Ew. pp. 
bierfür nur auf das merkwürdige Aktenstück aufmerksam zu machen, welches Ew. pp. unter 
den Anlagen finden, und worin eins der gelesensten katholischen Blätter, die „Augsburger 
Postzeitung“, unter bischöflicher Autorität die Wahlsiege offen dem Zusammenwirken des 
Klerus mit der Presse muschreibt! Und welcher Pressel Diesen Bundesgenossen sind alle 
Mittel der Schmähung, der Verleumdung, der Lüge gerecht erschienen, um nur die Be- 
völkerung gegen Preußen aufuustacheln. Ich müßte voluminöse Auszüge aus der ganzen 
süddeutschen Presse machen, wollte ich Tatsachen anführen. Alle speziell katholischen Blätter 
haben darin miteinander gewetteifert, nicht etwa nur Winkelblätter, an deren Schmutz man 
gewöhnt ist, und die man unbeachtet vorübergehen lassen könnte, sondern Seitungen, die 
eine Wacht bilden. Wie sehr jetzt letzteres mit dem „Bayrischen Bolksboten“" der 
Fall ist — einem Blatte, dessen Lenden;z und Kampfesweise Ew. pp. von Öhrem früheren 
Aufenthalt in München bekannt sein wird — wollen Ew. pp. unter anderem aus dem Be- 
richt des Königlichen Gesandten in München entnehmen, welchen ich Ew. pp. ebenfalls 
mitteile'. 
Daß diese Agitation in Süddeutschland von der ausländischen Presse sekundiert wird, 
ist eine Catsache, welche den Zusammenhang der Partei über weite Kreise hin außer Sweifel 
setzt. Die französische und die belgische katholische und klerikale Presse bat in gleicher 
Weise Geindschaft gegen Preußen auf ihre Sahne geschrieben und verkündet der Welt eine 
katholische Holitik, welche sich die Demütigung, ja den Untergang Preußens zum Siele setzt. 
Und doch hat die katholische Kirche in Dreußen und Aorddeutschland, wo kein Kon- 
kordat bestande, auch jetzt nicht nur den alten Schutz, sondern eine Ausdehnung desfelben 
erfahren. Die neue Gestaltung der Dinge in NDorddeutschland ist der katbolischen Kirche 
nur förderlich gewesen. In den mit Preußen neu verbundenen Gebieten hat sie erst durch 
die Zugehörigkeit dieser Länder zu Preußen die freie und würdige Stellung erlangt, die ihr 
dort fehlte; so z. B. in Schleswig-Holstein; auch in Hannover ist die Stellung der Kirche, 
deren Bischöfe früher nicht direkt mit dem Ministerium, sondern mit einer Swischenbehörde 
in Verbindung standen, eine günstigere geworden. An anderen Orten, wie 3. B. für das 
Bistum Limburg, hat die Preußische Regierung fsofort eine Sürsorge in Verbesserung der 
Dotation eintreten lassen, welche von der früheren Regierung verabsäumt war. Im ganzen 
6i Das Belegstücke fehlt in den Akten. Das Jusammenwirken bervorragender Organe der Latbolischen 
Kirche mit der klerilkalen und der demokratischen Presse gelegentlich der Sollperlamentswablen ist auch 
sonst mebrfach bezeugt; ogl, den Bericht des badischen Gesondten in München v. Mohl vom 9. Januar 1688: 
„Die Auntiatur in München hat bei den Wahlen jzum Sollparlament bier und in Württember TL lehr tqtig 
eingewirkt, damit nur Demokraten oder Ultramontane ud Gegner Preußens gewählt werden." 
Kaiser Wilhelm I. und die Begründung des NReichs, S. 398. On Vürtkemben soll das Eintreten * Lrenn 
montanen für die antipreußischen Kandidaten nach Le#s PSenlö keines Geringeren als des Sreiberrn 
rv. Varnbüler diretzt von Rom ber befoblen sein; vgl. die Cagebucheintragung des Hürsten B0 über 
ein Gespröch mit Varnbüler vom 13. Juli 1868: „Er sprach dann noch über die Wablen, die so schlecht 
ausgefallen seien, weil die Ultramontanen, auf deren Unterstützung die Regierung gerechnet babe, im letzten 
Augenblicke umgeschlagen hätten, und twar insetge direkter Weisung aus Roml“ Denkwürdigkeiten Hoben- 
lobes, I. 322. Freilich batte Varnbüler sich selbst bei den Wablen mit seinem Regierungsapparat sehr ent- 
lihieden. gegen alle weitergebenden Alschlußbestredungen eingesetzt, ogl. A. Rapp, Die Württemberger und 
se nationale Srage 1863 bis 1871, S. 271 f., 27 
7 Hier nicht abgedruckt. 
* Wie in Österreich, dessen Kündigung in einigen gestrichenen Absätzen erörtert wurde.
        <pb n="362" />
        348 Bismarck wärmster Freund eines guten Verhältnisses zur katholischen Kirche. 
Norddeutschen Bunde kann die katholische Kirche mit Sicherheit auf eine Sreiheit und 
Selbständigkeit der Bewegung rechnen, welche ihr bei der bisberigen Vereinzelung der 
Staaten kaum je zu erreichen in Aussicht stand. Und wenn ich oben an ein älteres Schreiben 
des Erzbischofs von Sreiburg erinnerte, so füge ich zum Zeugnis über die jetzigen Zustände 
aus einem neuen Schreiben desselben Prälaten vom 30. v. M. die Worte an, in welchen 
er gegen Seine Mojestät den Wunsch ausspricht, „daß auch in seinem engeren Vaterlande 
solche kirchliche Zustände herbeigeführt werden möchten, wie sie in den Staaten Euerer 
Mojestät bestehen, allwo das Band des Friedens und der Eintracht die weltliche und geist- 
liche Gewalt umschlingt, Staat und Kirche einmütig unter Heilighaltung der beiderseitigen 
Rechtssphären zum Wohl der Gesamtheit musammenwirken!“ 
Wie verträgt sich mit dieser Erklärung des Prälaten der Kampf der katbolischen 
Partei im Großberjogtum gegen jede Annäherung Badens an Preußen und den Vord- 
deutschen Bund? 
Sw. pp. werden auch aus den preußischen Blättern, welche Ihnen zu Gesicht kommen, 
die Wirkung erkennen, welche diese sustematische Seindschaft und Opposition gegen Preußen 
bier zu Lande hervorbringen muß. Und es ist nicht allein der protestantische Teil der Be- 
völkerung, der dadurch aufgeregt wird. Auch viele, dem König und dem Lande treue Katho- 
likken werden durch diese Agitationen stutzig und erkennen die Anomalie und die Gefahren, 
die darin liegen. Daher erklärt sich die Besorgnis, welche der Gedanke an die Errichtung 
einer Auntiatur in Berlinte selbst in katholischen Kreisen hervorgerufen hat. Sie fürchten, 
daß der Auntius mit oder ohne Absicht Roms in den Dienft dieser jetzt im deutschen Klerus 
überwiegenden Partei geraten und dann mu einem gefährlichen Mittelpunkt für den Kampf 
gegen Preußen werden möge. Ist es zu verwundern, wenn diese Befürchtungen allerhöchsten 
Ortes geteilt werden? Ew. pp. wissen, daß ich selbst sie nicht in dem Maße bege und viel- 
mehr in den Einwirkungen, welche in Berlin auf einen Nuntius nicht ausbleiben können, 
ein Korrektiv für manche falsche, in Rom sich geltend machende Einflüsse erblicke. Es ist 
aber begreiflich, daß die oben dargestellten Erscheinungen es mir erschweren, meine Auf- 
fassung zu verteidigen und die ihr entgegenwirkenden Besorgnisse zu vermindern. 
Das gute Verhältnis, welches in Preußen zwischen der Regierung und der katbholischen 
Kirche besteht, hat gewiß keinen wärmeren Greund und Vertreter, als ich es bin. Aber 
dies Verhältnis hat Gegenseitigkeit zur notwendigen Voraussetzung und Bedingung. Wir 
können dasselbe nicht einfeitig fortsetzen, wenn die Kirche oder diejenigen, welche als die 
Wortführer der Kirche den überwiegenden Einfluß in derselben üben, sich überall in die 
Aeiben unserer Gegner stellen. Wir können, wie die Dinge sich eben in Süddeutschland 
gestaltet haben, denjenigen nicht Unrecht geben, welche in der katbolischen Kirche, wie sie 
dort ist, eine Gefahr für Hreußen und Norddeutschland erblickten und gegen jede Begün- 
stigung und Sörderung der Kirche, gegen alles, was ihren Einfluß vermehren könnte, 
dringend warnen. Die Stimmen, welche behaupten, daß ein dauernder Sriede wischen 
Dreußen und der katholischen Kirche nicht möglich sei, daß die letztere in Preußen immer 
nur den evangelischen, ketzerischen Staat, mit dem sie höchstens Waffenstillstand schließt, 
bekämpfen werde, finden in den angeführten Erscheinungen eine nur m starke Stütze. Sollte 
* Der Aest des Erlosses beruht auf Konjept von der Hand Abekens. “ 
1% Vach Eb. o. Vernbardi Lu dem Leben Th. o. Vernbardis, VIII, 190, 194) war Arnim bemübt, 
einen apostollschen Auntius nach Berlin zu bringen.
        <pb n="363" />
        Kurie soll mähigenden Einfluß auf Klerus ausüben. 349 
die weitere Erfahrung ihnen Recht geben, sollten wir erkennen müssen, daß die Partei, 
welche die offene Gegnerin Preußens ist, wirklich in der Kirche die Herrschaft übt und 
selbst die höchsten Instanzen in der letzteren entweder nicht den Willen oder nicht die Macht 
haben, der Haltung des deutschen Klerus einen anderen Charakter aufzuprägen, so würden 
wir dadurch in eine Stellung zur katholischen Kirche hineingedrängt werden, welche ich im 
beiderseitigen Interesse ulnd] in dem der staatlichen Ordnung im Ganzen“ aufs tiefste be- 
dauern müßte. 
Wir wissen ja, daß sich auch in Rom selbst und in der Umgebung des Papstes ver- 
schiedene Einflüsse bekämpfen. Die Aichtung, welche sich in Süddeutschland uns entgegen- 
stellt, ist dort in hochstehenden und einflußreichen Prälaten vertreten. Aber wir dürfen doch 
annehmen, daß der Papst persönlich und selbst die Kurie die Dinge überhaupt und die 
Interessen der Kirche insbesondere von einem höheren und freieren Standpunkte beurteilen, 
als dies in demjenigen Teile der Kirche geschieht, welcher unglücktlicherweise in die Leiden- 
schaften des Tages und der politischen und Parteiinteressen bineingezogen wird. Wir geben 
darum die Hoffnung nicht auf, daß man in Rom die Gefahr erkennen möge, welche für die 
Kirche ulnd) für die staatliche ulnd) gesellschaftliche Ordnungs in jenem Treiben liegt, und 
daß man sich dort entschließen werde, einen mäßigenden Einfluß, wie er bei einem ernsten 
Auftreten des Heiligen Vaters des Erfolges sicher sein kann, auszuüben. Es würde uns 
schmerzlich sein, wenn das Ausbleiben eines solchen Einflusses uns nötigte anzunehmen, daß 
man in Nom auf jenes Treiben nicht mit Mißbilligung blicke, oder daß man sich nicht 
stark genug fühle, ihm ein Siel zu setzen; — wenn wir in Vom selbst nicht einen Bundes- 
genossen gegen die Nevolution, sondern einen mehr oder weniger bewußt mit derselben 
gegen uns verbündeten: Gegner erblicken müßten. 
Ew. pp. kann ich überlassen, die vorstehenden Betrachtungen, welche die Richtschnur 
für Ihre Haltung und für Ihre Einwirkungen bilden werden, in geeigneter Weise m be- 
nutzen, um den Römischen Hof über die Lage der Dinge aufzuklären. 
1131. Schreiben an den Kronprinzen Frledrich Withelm. 
[Reinkonzept.1 
Ju den auf den 22. April angesetzten Geierlichkeiten der Vermäblung des italienischen 
Kronprinten Humbert mit der Prinzessin Margaretha von Savohen war auch Kronprinz Griedrich 
Wilhelm von Preuhen eingeladen, nicht obne leises Gutun Bismarcks, der in einem Telegramm 
an Graf Usedom vom 13. März) den Sedanken fjelbst angeregt borter Als Begleiter des Kron- 
prinzen wurde General v. Stolcs ausersehen. Am 16. April trat der W- leine Veise nach 
Turin an. Im Hinblickl auf das Kommen des Kronprinzen batte Graf Usedom am 5. April auf 
die Möglichkeit hingewiesen, daß General Lamarmora, ungeachtet seiner neuerlichen Angriffe 
auf Preußen, den Versuch machen könnte, sich an den Kronprinzen gelegentlich seines Auf- 
entholts in Italien heranzudrängen. Es hieß in dem Verichte des Gesandten: „Der General 
bat in seinen gedruckten Reden stets angedeutet, ja sogar ausgelprochen. daß er mit den aller- 
böchsten eersenen in Berlin sehr gut stehe und es nur mit Ew. Exjellenj zu tun babe. Er 
möchte also konsequent prätendieren, daß Seine Königliche Hobeit der Kronprinz die seinerseits 
Preußen und Ew. Ezgellenz gegenüber bebauptete gegnerische Stellung als ein untergeordnetes 
e Worte; „im beiderseitigen Interesse ulnd] in dem der ltaatlichen Ordnung im Ganzen“ eigen- 
bunier eer# Bismarcks. 
1 Die Worte: „an für die staatliche ulndl gesellschaftliche Ordnung“ eigenböndiger Einschub Bismarcks. 
. Die Worte: „mit derselben gegen uns verbündeten“ eigenbändiger Einschub Dismarcks. 
1131.1 Das Konzept trägt den eigenbändigen Vermerk Bismarcks: „Vlon] Sleiner]! Mlajestät) glenehmigt.“
        <pb n="364" />
        350 Direktion für Italienreise des Kronprinzen. 
Detail i arieren und jene beleidigenden gedrucketen Insinuationen als „nicht gescheben“ behandeln 
lolle. Meiner Ansicht nach könnte solche Prätension kaum einer fürfk tlichen Person, keineswegs 
aber einem Widersacher wie Seneral Lamarmora zugestanden werden, wenn nicht eine füblbare 
Kompromittierung der preußischen Dolitik daraus entstehen soll. ISch würde also, wenn es mir 
nicht positio anders befohlen wird, Seiner Königlichen Hobeit nicht raten können, den General 
uek Prechen. bevor er nicht seine öffentlichen In inuationen gegen Preußen 
Exjellenyz öffentlich widerrufen hat.“ Der Bericht Usedoms veranlaßte Bis- 
nor, S#a K##gerinnen aine politische Instruktion auf den Weg zu geben, die, ausgebend von 
der Varlegung der gegenh er Lamarmora gedotenen Zurückhaltung, überhaupt zu vorsichtiger 
Reserve in politischer Beziehung riet und schließlich in eine Warnung vor Graf Usjedom jelbft 
binauslief, von dem nach seiner bisherigen Haltung zu beforgen n daß er den Kronprinzen 
veranlassen möchte, sich weitgehender für die ime 5 Sukunftswünsche m engagieren. 
Berlin, den 13. April 1868. 
Curer Königlichen Hoheit habe ich die Ehre, Abschrift eines vertraulichen Berichts 
des Grafen von Usedom vom 5. d. Ml. untertänigst vorzulegen, in welchem derselbe auf die 
Möglichkeit aufmerksam macht, daß der ehemalige Minister General Lamarmora versuchen 
möchte, Curer Königlichen Hoheit aufzuwarten, und seine Besorgnisse über den Eindruck 
ausspricht, welchen der Empfang des Generals durch Eure Königliche Hoheit in der öffent- 
lichen Meinung machen würde. 
Einem mir mündlich erteilten Befehle Seiner Majestät des Königs folgend, füge ich 
den Außerungen des Gesandten noch einige allgemeine Bemerkungen untertänigst binm. 
Eure Königliche Hoheit wissen, daß die öffentliche Meinung in Italien und die Sym- 
pathien der italienischen Mation dasjenige Element bilden, auf welches wir in unseren Be- 
siehungen zu Stalien hauptsächlich Rücksicht zu nehmen haben, und welches unsere beste 
Stütze gegen diejenigen Tendenzen ist, die das italienische Gouvernement in eine andere 
Richtung zu drängen suchen. Höchstdieselben haben auch felbst Höchstihre Reise in dem 
Sinne einer sympatbhischen Demonstration aufgefaßt, durch welche die große nationale 
Partei in ihrer Hinneigung zu Preußen ermutigt und gestärkt werden solle. 
An der Spitze der kleineren, aber gerade in den oberen Schichten der Gesellschaft und 
des Hofes einflußreichen, gewöhnlich als die piemontesisch-französische bezeichneten Partei, 
steht der General Lamarmora. Dieser im Umgange gewandte Mann von böflichen und 
angenehmen Manieren war bei einer früheren Anwesenheit bier in Berlin sehr gut auf- 
genommen worden. Er hat aber schon während seines Ministeriums wenig Sympathien 
für Preußen gejeigt und das Zustandekommen des Bündnisses nicht gerade erleichtert; man 
Jagt, daß es in seinen Wünschen gelegen hätte, Benetien ohne Schwertstreich durch eine 
friedliche Megotiation mit Osterreich zu erlangen, und daß er daran nur durch die Strömung 
der nationalen öffentlichen Meinung verhindert worden sei. Bei der Leitung der italie- 
nischen Kriegsführung im Jahre 1866 hat er eine solche Lauheit und einen solchen Mangel 
an Cnergie gezeigt, daß schon damäls weniger seine Fähigkeit als seine Aufrichtigkeit und 
Loyalität bezweifelt wurden. Seitdem hat er die preußische Politik in Reden und Broschüren 
nicht nur bekämpft, sondern zu verdächtigen gesucht, ja geradem verleumdet. Eine im 
vorigen Jahre gehaltene Rede wird Eurer Königlichen Hobeit erinnerlich sein, ebenso wie 
sein vor nicht langer Zeit veröffentlichtes Schreiben an die Wähler von Biella“. Swei 
neuere Broschüren-, welche zwar nicht leinen: Namen tragen, aber nicht ohne seine Beteiligung 
2 Vgl. Ar. 1089. 
Es delt ne anonpme Broschüre „Replica alla Lettera del Qenerale La Marmora 
A. O. Wlri W— NWr beaue früberen. Fmieliern Jacini „Due anund dl polltica Itallana“, die beide 
boch #% Bericht Graf Usedoms vom 28. usum Lamarmoras gebalten waren.
        <pb n="365" />
        Bismarck empfiehlt Zurückhaltung gegen Lamarmora. 351 
entstanden sind, gestatte ich mir, nebst Abschrift des Berichtes, mit welchem Graf Usedom 
lie eingesandt hat, untertänigst beizufügen, da eine Sinsicht derselben gerade jetzt für Eure 
Königliche Hoheit von SInteresse sein wird. In allen diesen Kundgebungen wird, im Gegen- 
satz m einer näheren Berbindung mit Preußen eine Anlehnung an Srankreich als das 
einzige Heil für Stalien gepredigt; und es kann wohl kein Sweifel darüber sein, daß die 
öffentliche Meinung im Recht ist, wenn sie dem General Lamarmora die Absicht zuschreibt, 
falls er wieder an die Spitze eines Ministeriums treten sollte, Stalien ganz in das Sahr- 
wasser der französischen Politik zu leiten, und es dieser Politik auch bei einer eventuellen 
Wendung gegen Preußen dienstbar zu machen. Von französischer Seite wird daher der 
Wiedereintritt Lamarmoras an Stelle Menabreas gewünscht und begünjstigt, und es ist nicht 
anzunehmen, daß die persönlichen Gesinnungen des Königs Victor Emanuel eine Bürgschaft 
dagegen gewährten, oder daß an dieser böchsten Stelle eine besondere Abneigung dagegen 
vorherrschte. 
Wenn es nun gewiß im preußischen Interesse liegt, dies zu verhindern, so ist unfer bester 
Bundesgenosse dagegen die öffentliche Meinung und die Sympathie der italienischen Ration, 
welche sich in und außer den Kammern in energischer Weise ausspricht. 
General Lamarmora scheint das Gewicht dieser öffentlichen Meinung selbst zu fühlen 
und einzusehen, daß in ihr das hauptjächlichste Hindernis gegen seinen Eintritt liegt. Er 
möchte daher glauben machen, daß auch er kein unbedingter Gegner von Preußen sei 
und unter Umständen sogar in der Lage sein würde, in Verbindung mit Preußen zu treten. 
Daber das von dem Grafen Usedom erwähnte Bestreben, ein gutes Verhältnis zu den 
allerhöchsten Personen in Berlin m fingieren und sich als nur dem gegenwärtigen 
MAinisterium in Preußen mißliebig hinzustellen. Es dürfte dies Bestreben durchsichtig genug 
sein, um hier wenigstens nicht als eine Bekehrung, sondern nur als ein augenblickliches 
Manöver zur Einwirkung auf die öffentliche Meinung erkannt zu werden. 
Eine freundliche Behandlung des Generals durch Cure Königliche Hoheit würde diesem 
Manðver allerdings in der öffentlichen Meinung Vorschub leisten und dadurch die Aus- 
sichten desselben vermehren; ich glaube voraussetzen m dürfen, daß Cure Königliche Hoheit 
dies werden vermeiden wollen. Eine Aussicht, den bisherigen Gegner etwa durch Sreund- 
lichkeit gewinnen zu können, scheint mir nicht vorhanden zu sein, Jelbst wenn zu der 
Mißstimmung desselben persönliche Ursachen in der Täuschung über erwartete Ordensver- 
leihung (des Schwarzen Adlers) beigetragen haben sollten, wie behauptet worden ist. Ob 
dies begründet, muß ich dahingestellt sein lassen; jetzt etwas der Art nachzuholen, 
würde nur als ein Akt der Schwäche erscheinen“. 
kran, wer seinem Sohn 0 Aaterialien dam geliefert haben möge, so bat Bismarck (vgl. Nr. 1181, Anlage) 
au 
(a. a. O., S. 142) bervormgeben, dah dleser es gewesen ist.
        <pb n="366" />
        352 Kronprin; soll sich Besprechungen über die Zukunft möglichst enthalten. 
Wie mächtig die nationale Strömung in Stalien noch ist, das geht aus der Geschichte 
der bisherigen Ministerien in Slorenz hervor. Nachdem das Ministerium Ricasoli, welches 
sehr bestimmte Sumpathien für Preußen und die Tendenz auf eine durch enge Verbindung 
mit uns zu fördernde Unabhängigkeit der italienischen Politik von SFrankreich bekundete, 
batte weichen müssen, wurde von dem Ministerium Ratazzi allgemein eine französische 
Politik erwartet; nichtsdestoweniger wurde auch dieses sehr bald in die nationale Strömung 
bereingegogen; es verlor sogar durch Übertreibung in dieser Richtung das Steuer aus den 
Händen und fiel dann gewissermaßen als Opfer dieser Politikk. Ganz äbhnlich ist der Gang 
des jetzigen Ministeriums, nur daß es weniger leidenschaftlich und leichtsinnig verfährt. 
Durch französischen Cinfluß an Natazzis Stelle getreten, unterliegt es wiederum derselben 
Notwendigkeit, den nationalen Sympatbien gerecht zu werden und Preußens Sreundschaft 
z suchen. Die Haltung, welche es bisher beobachtet hat, gibt uns keinen Grund, an seinem 
guten Willen zu zweifeln oder in seiner Entfernung irgendeinen Vorteil für uns zu sehen. 
Diese Entwicklung scheint allerdings zu beweisen, daß ein direktes Zuwiderhandeln gegen 
diese nationalen Sumpathien und eine Einlenkung in das französische Sahrwasser nur durch 
französische Gewalt und mittels eines Staatsstreiches möglich sein werde. Sür beides gilt 
Lamarmora als der rechte Mann, und seine Kandidatur wird als implicite diese Wendung 
enthaltend angesehen. 
Eure Königliche Hoheit wollen mir gestatten untertänigst u erwähnen, daß, während 
die Befestigung und Belebung der nationalen Sympatbien ein wichtiger Sweck Höchstdero 
Reise in den Augen Seiner Majestät des Königs ist, doch eingehendere Besprechungen über 
die Zukunft und die eventuell bevorstehende Entwicklung der Lage oder über die Hal- 
tung Preußens über die allgemeine Versicherung solcher Sympatbien hinaus, bei der eigen- 
tümlichen Natur der Verhältnisse und der maßgebenden Perfönlichkeiten in Stalien, be- 
denklich sein würden. Die Korruption und die Zugänglichkeit für Motive perfönlicher Art, 
welche Frankreich auszubeuten versteht, ist am italienischen Hofe groß — und ich muß leider 
binzusetzen —, die Zuverlässigkeit und selbst die Wahrheitsliebe auf seiten des Königs 
Victor Emanuel persönlich gering, so daß sich jetzt dort ein sicherer Boden für bestimmtere 
Anknüpfungen in Aussicht auf Eventualitäten der Zukunft nicht darbietet. Eure König- 
liche Hoheit würden nicht sicher sein können, daß von Höchstihren Worten nicht ein Miß- 
brauch unter unberechenbaren Entstellungen gemacht würde. Ich darf daber wohl an- 
nehmen, daß Eure Königliche Hoheit Eröffnungen über die Zukunft, selbst wenn sie in 
intimem Gespräch von dem König Victor Emanuel selbst sollten provoziert werden, mit 
ebenso vorsichtiger als freundlicher Zurückhaltung werden entgegennehmen wollen. Eure 
Königliche Hoheit werden bei näherer Kenntnisnahme der Verhältnisse sich, wie ich glaube, 
überzeugen, daß, jselbst wenn der Königliche Gesandte das Terrain m einem bestimmteren 
Heraustreten geeignet halten sollte, eine solche Auffassung des Grafen Usedom keine aus- 
reichende Bürgschaft bieten würde, um Eure Königliche Hoheit zum Versicht auf die 
erwähnte Reserve zu bewegen. Bei allem Anerkenntnis der liebenswürdigen und geist- 
reichen Herfönlichkeit dieses Diplomaten hat mich doch eine lechsjäbrige Er fahrung gelehrt, 
daß sein politisches Urteil, seine geschäftliche Praxis und die Ergebnisse seiner Beodachtung 
mit groher Vorsicht zu behandeln lind. Auch fürchte ich, daß diejenigen nicht gan Unrecht 
haben, welche behaupten, daß Graf Usedom in betreff der Mitteilungen über amtliche Dinge
        <pb n="367" />
        Definitive Verwaltungsorganisation der Provin) Hanmooer 3552 
nicht immer die binreichende Vorsicht gegen seine Frau Gemahlin beobachte"“, und daß die 
Gräfin ibrerseits großer und bedenklicher Unvorsichtigkeit fähig jeie. 
Gröhtenteils bei Margaretha v. Polchinger, Koiser Sriedrich, II. 200 ff. 
*1132. Votum an das Dreußische Staatsministerlum. 
[Kanzleikonzept.] 
Bei der Budgetberatung im Abgeordnetenhause war es um die Mitte Jonuar m# einer 
allgemeinen Debatte über die Frage der Organisation der Verwaltung der alten und der 
neuen Drovinzen gekommen, in der aber Bismarck nicht selbst das Wort nahm. Es bandelte 
lich vor allem darum, ob die Verwaltungsorganisation der neuen Provinzen der der alten 
angeglichen werden oder zum Ausgangspunkt für eine Aeorganisation in den alten Prodimen 
genommen werden solle. Da man lich über diesen Dunkt endgültig noch nicht zu einigen ver- 
mochte, neigte die Mojorität des Abgeordnetenhauses dazu, die Positionen u. a. für die 
bannoverschen Landdrosteien nicht als Definitivum, sondern nur aols Prooisorium m be- 
willigen. Am 20. Januar siel die Entscheidung in diesem Sinne; gleichzeitig gelangte ein Antrag 
Solgers zur Annahme: „Die Königliche Staatsregierung aufjufordern, eine vollständige Re- 
organisation der gesamten inneren Verwaltung, soweit sie gegenwärtig zum Geschäftskreise der 
Regierungen geböôrt, in Übereinstimmung mit den für eine neue Ordnung der Gemeinde-, 
Kreis- und Drooinzialverfassungen m erlassenden und bereits teilweise in Aussicht gestellten 
Gesetzen baldmöglichst berbeizufüdren und in der nächsten Sitzungsperiode des Landtags die 
desfa- . 
WWMGWWMWM Verlin, den 15. April 1868. 
Nachdem das Königliche Staatsministerium in seiner Sitzung vom 7. d. M. dahin 
Ichlüijsig geworden ist, die definitive Regelung der Verwaltungsorganisation in Hannover, 
soweit es sich dabei um Beränderung des bestebenden Sustandes handelt, nicht durch einen 
Allerhöchsten Erlaß, sondern im Wege der gewöhnlichen Sesetzgebung zu bewirken, scheint 
es mir zur Förderung der Sache unabweislich geboten, die Maßregeln, um deren Diskufjsion 
und Geststellung es sich noch handeln kann, bestimmt m formulieren. 
Dabei glaube ich vorweg meine eigene Auffassung nach Lage der Sache dabin aus- 
sprechen zu sollen, daß diejenigen Behörden, welche auf den Antrag des Staatsministeriums 
in dem letzten Stat auf Grund rechtsverbindlicher Gesetze definitiv bewilligt sind, nicht 
weiter in Grage gestellt werden dürfen, sondern vielmehr desschleunigsten ins Leben 
zu rufen und in Wirkfamkeit zu setzen resp. entsprechend zu organisieren und zu besetzen sind. 
Ein Schwanken in dieser Bejiehung würde mit NRecht zu der Auslegung Veranlassung 
geben, daß die Regierung über die m befolgenden Prinzipien selbst im Unklaren Jei und 
deshalb schließlich immer wieder auf die bloße Uniformität zurücklkkomme. 
Die Behörden, um welche es sich bierbei handelt, lind die Konsistorien, denen 
die Verwaltung der Schul- und äußeren Kirch gelegenbeiten einstweilen belassen ist und 
nach meinem Wunsche auch nicht entzogen werden soll, ohne darüber zunächst die zu berufende 
Prooinzialsynode und eventuell den Prooinziallandtag gehört zu haben, und außerdem das 
„PDrovinzial-Finanz-Direktorium“, in Bezug auf welches nach einem mir 
vorliegenden Berichte des Oberpräsidenten die Details der Ausführung bereits mit dem als 
Kommissarius dorthin gesandten Ministerialdirektor Bitter vereinbart worden lind. 
In gleicher Weise ist die Amter-Verfassung nunmehr ein Definitivum, 
so dah es sich also zur ZSeit nur noch um die hannoversche Siviladministration mit 
* Vgl. dam: Aus dem Leben Th. v. Bernhardis. VIII, 12 f., 142, 146. 
* Namentlich der letzte Teil des Schrelbens entbält eine Meibe kleinerer Korrekturen Bismarcks. 
VIa 32
        <pb n="368" />
        354 Bismarck für Beibehaltung der Landdrosteien. 
ihren drei Abteilungen, um die Ausstattung des Oberpräsidenten und um die Grage 
nach der Belassung oder Modifikation der Landdrosteien handeln kann. 
Was die erste, die Giviladministration betrifft, so sind, soviel ich weiß, alle 
beteiligten Refsorts darüber einverstanden, dieselbe sobald als möglich aufmlösen und die 
Geschäfte der Abteilungen teils an das geistliche Ministerium, teils an den Oberpräsidenten, 
teils an die neu zu bildende Provinzial-Finanz-Direktion zu überweisen. 
Vicht ganz so unzweifelhaft liegt die Srage nach der Ausstattung des Ober- 
präsidenten. Denn wenn es auch zugegeben werden kann, daß die früheren außer- 
ordentlichen Bollmachten des Generalgouverneurs mit Einführung der preußischen Ver- 
fassung in Wegfall gekommen sind, so erscheint es auf der anderen Seite doch als sehr der 
Erwägung wert, ob die Sustände in Hannover es nicht als zwerkmmäßig erscheinen lassen, 
dem Oberpräsidenten, namentlich dem Beamtenstande gegenüber, gewisse außerordentliche 
Bollmachten nach Maßgabe der Allerhöchsten Kabinettsordre vom 15. ÖCktober 1866 zu 
übertragen und das Amt des Generalpolizeidirektors einstweilen zu konservieren. 
Außerdem aber ist es gewiß nicht unrichtig, wenn der Herr Minister des Innern bei 
der Beratung des letzten Etats für Hannover (Sitzung vom 18. Januar cr. Stenogr. Bericht 
S. 957) die Ansicht ausgesprochen hat, daß die Berwaltungsorganisation so eingerichtet 
werden muß, „daß dieselbe entweder stimmt mit dem, was wir in den alten rovinzen 
haben oder zum Andbaltspunkt für die Reorganisation dienen kann, welche in den alten 
Provinzen vorgenommen werden soll“. 
Liegt es daher — wie dies der Sall ist — in der Absicht, das Amt des Oberpräsidenten 
überhaupt mit größerer Berantwortlichkeit und größeren Befugnissen auszujtatten, so wird 
es sich nicht empfehlen, in Hannover das Amt des Oberpräsidenten lediglich in seiner bis- 
berigen Kompetenz einzuführen. 
Vicht minder aber glaube ich mich meinerseits dagegen aussprechen zu müssen, die 
Preußischen Regierungen in ihrer jetzigen Gestalt ohne weiteres in Hannover einzu- 
führen. Denn nicht allein, daß mit der Bildung des „Provinzial-Finanz-Kollegiums“ und 
der Belassung der Schul- und dußeren Kirch iten bei den Konsistorien, der Ge- 
schäftskreis der Regierungen sich im wesentlichen auf die Kompetenz der Abteilungen des 
Innern verengern würde, so muh ich auch meinerseits dabei beharren, den Landdrosteien 
den Vorzug vor den Regierungen zu geben, vorbehaltlich natürlich der Frage, ob die Sahl 
der Landdrosteien in etwas vermindert werden kann. Die Gründe für diese meine Ansicht 
habe ich bereits wiederholt die Chre gehabt mündlich auseinanderzusetzen und will dieselben 
daber bier nicht wiederholen. 
Jedenfalls aber darf jetzt als unstreitig hingestellt werden, daß die Beseitigung der 
Landdrosteien, da sie nicht während der Königlichen Diktatur durch Allerböchste Verord- 
nung erfolgt ist, gegenwärtig nur im Wege der ordentlichen Gesetzgebung gescheben kann. 
Dies hat nicht allein der Herr Minister des Innern bei der letzten Beratung des Etats 
seines Ministeriums mit ausdrücklichen Worten anerkannt und durch seinen Kommissarius 
anerkennen lassen (M. d. I.: „lie sind bestehende gesetzliche Institutionen und dazu, sie m 
alterieren, gehört eine Königliche Berordnung oder ein Gesetz.“), sondern ebenso hat auch 
der Abgeordnete TCwesten den staatsrechtlichen Grundsatz bingestellt, „daß jede Obrigkeit 
nur durch Gesetze geschaffen, jeder obrigkeitlichen Behörde nur durch Gesetz Sunktionen 
übertragen werden können; daß auch in den Artikeln 96 und 110 unserer Verfassung aus-
        <pb n="369" />
        Definitive Besetzung der vakanten Stellen in Hannover. 355 
drücklich gesagt sei, daß die Kompetenz nicht bloß der Gerichte, sondern auch der Verwal- 
tungsbehörden durch Gesetz reguliert werden solle, und daß die bestehenden Behörden in 
ihren Kompetenzen nicht verändert werden können, außer durch ein Gesetz“. 
Alag man diesem gegenüber immerhin die Motwendigkeit einer Abgrenzung der Kom- 
peten; der Berwaltungsbehörden nach der Interpretation des Herrn Justizministers 
nur im Drinzifp für notwendig erachten: jedenfalls bleibt nach der eigenen früheren Aus- 
legung der Regierung die Aotwendigkeit, die gesetzlich bestehenden Landdrosteien nicht 
anders als durch ein Gesetz zu beseitigen. 
Wird aber ein Gesetz als notwendig anerkannt, dann bleiben nur noch die beiden Sragen 
zu beantworten: in welcher Weise jenes Gesetz vorbereitet werden soll, und ob es sich 
empfiehlt, bis zu einer gesetzlichen Abänderung des bestehenden Zujtandes diesen seitens 
des Gouvernements auch als einen definitiven zu behandeln und demgemäß die 
vakanten Stellen definitiv zu besetzen. 
Anlangend die erste Frage, so spreche ich mich meinerseits dafür aus, zuvörderst den 
bannoverschen Provinziallandtag zu hören, und zwar außer den bereits mündlich geltend 
gemachten Gründen wesentlich noch um deswillen, weil, mag man schließlich die Landdrosteien 
behalten oder andere Bebörden etablieren, eine Berminderung dieser Behörden 
und damit die Schädigung vieler Partikularinteressen stets in den Vordergrund treten wird 
und es mir um deswillen geboten erscheint, die Erörterung dieser verschiedenen Lokal- 
interessen und die Vertretung ihrer eventuellen Verletzung zunächst in das Gremium der 
Beteiligten selbst zu verlegen. 
In gleicher Weise scheint es mir dringend geboten, dem mit einer geordneten und 
energischen Verwaltung unverträglichen Provisorium und damit auch der Wiß- 
stimmung und dem Zweifel in einflußreichen Beamtenkreisen ein Ende zu machen und zu 
dem Zwecke, soweit die bewilligten Jonds reichen, die vakanten Stellen defi- 
nitiv mzu besetzen, immerhin mit dem sich freilich von selbst verstehenden Vorbehalte, daß 
bei einer etwaigen Umbildung der Behörden die Beamten ihren Rang- und Gehaltverhält- 
nissen angemessen anderweit plaziert werden. 
Besonders wünfschenswert erscheint es mir, daß der Herr Justizminister die Güte hat, 
sich über die einschlagenden staatsrechtlichen Fragen in eingehender Weise zu äuhern. 
Abschrift dieses Botums babe ich jedem der Herrn Nessortchefs mitgeteilt. 
*1133. Erlaß an den Gesandten in Florenz Grafen von Lsedom. 
[Kankleikonjept.) 
Wiederholt hatte Graf Usedom angeregt, zu einer wirksamen Bekämpfung der 
Lamarmora'schen Bebauptung, als ob Dreuhen im Geldzuge 1866 nicht loyal gegen Italien ver- 
· . den Erlaß Vismarcks an Wertber vom 25. April 1866 
(liehe: Die Gesammelten Werke, V, Ar. 311) und seine, Usedoms, Depesche an Lamarmora 
vom 14. Juni — es handelt sich wohl um die berühmte „Stoh ins. Herz“-Depesche, ogl. Die GSe- 
Berlin, den I5. April 1868. 
Mit der Auffassung, welche Ew. pp. in Sbren verschiedenen chiffrierten Berichten 
Ar. 29, 34 und 35 vom resp. 1., 4. und 5. d. M. in betreff der Stellung des Senerals 
Lamarmora und der diesfeits ihm gegenüber m beobachtenden Haltung aussprechen, bin
        <pb n="370" />
        356 Lamarmoras Angriffe und die Stalienreise des Kronprinjen. 
ich einverstanden. Ramentlich ist es durchaus nicht meine Absicht, — wie Ew. pp. in dem 
gefälligen Bericht Nr. 34 zu beforgen scheinen, — um einer etwaigen scheinbaren An- 
näherung des Generals Lamarmora willen, die gegen Preußen gerichteten Angriffe des- 
selben ohne Erwiderung zu lassen. Sch glaube aber, daß diese wirksamer sein wird, wenn 
sie auf italienischem Boden in der Weise, wie ich dies in meinem Erlaß Nr. 48 vom 
27. v. Al.“ angedeutet habe, bewerkstelligt wird. Um dies wirksamer tun zu können, stelle 
ich CEw. pp. anheim, von dem Text der in Shrem Bericht Ar. 29 vom 1. April erwähnten 
Depesche an den Freiherrn von Werther vom 25. April 1866 Gebrauch= zu machen, was 
mir angemessener erscheint, als sie jetzt hier zu veröffentlichen. Von elner Veröffentlichung 
des anderen ebenfalls von Ihnen erwähnten Schriftstückes, nämlich Ihrer Aote an den 
General Lamarmora vom 14. Juni 1866, bitte ich dagegen Abstand zu nehmen, was schon 
wegen der darin enthaltenen Beziehungen auf die damals ins Auge gefaßte Expedition nach 
Ungarn und auf die Anknüpfungspunkte, welche letztere im Lande selbst finden würde, 
durchaus notwendig ist. Jede Bezugnahme auf diese Verhältnisse bitte ich Ew. pp. zu ver- 
meiden. 
Was etwaige Versuche der Annäherung des Generals Lamarmora an Seine König- 
liche Hoheit den Kronprinzen betrifft, so habe ich SIhren betreffenden Bericht Seiner 
Königlichen Hoheit vorgelegt, und auch meinerseits höchstdemselben nur raten können, sich 
ablehnend dagegen zu verhalten, um dem General nicht Gelegenheit zu geben, sich als eine 
dem preußischen Hofe grata persona darjzustellen und durch den Eindruck, als könne auch 
er die von den nationalen Sumpathien geforderte Verbindung mit Preußen aufrecht- 
erhalten, seine Aussichten für die Ubernahme des Ministeriums zu verbessern. Ich habe 
Seiner Königlichen Hoheit zugleich die Überzeugung ausgesprochen, daß im Gegensatz gegen 
die Bestrebungen der pi##montesisch --französischen Partei, deren fast extremer Ausdruck 
Lamarmora ist, die Sympathien der Nation in Stalien unfsern besten Bundesgenossen 
bilden. Letztere haben sich mächtig genug erwiesen, um noch nach dem Sall des Mi- 
nisteriums Aicasoli merst das MUlinisterium Natazzi und dann wieder das Ministerium 
Menabrea, welche beide unter französischen Auspizien ans Ruder gekomen waren, in ihre 
Strömung zu jiehen und das erstere sogar in leidenschaftlicher und leichtsinniger Weise zum 
Segner Srankreichs zu machen und seiner Politik zum Opfer fallen zu lassen, das letztere 
wenigstens zu einer mäßigen und besonnenen Haltung auf nationalen Prinzipien und einer 
freundschaftlichen Stellung zu Dreußen zu vermögen. Wir haben daber, wie Ew. pp. selbst 
bemerkt haben, durchaus keinen Grund, das Ministerium AMenabrea als unsern Gegner 
anmseben und irgendetwas m tun, was seine Stellung gegenüber den Aspirationen von 
General Lamarmora schwächen und diesen in der öffentlichen Meinung beben könnte. Ob 
bei ihm derselbe Einfluß gleich stark sein würde, um ihn aus dem französischen Sahrwasser 
herauszuziehen und uns ernstlich zuzuwenden, ist sehr zweifelhaft; augenblicklliche Versuche 
der Annäherung sebe ich nicht als eine ernstliche Bekehrung, sondern nur als ein Manöver 
an, um auf die öffentliche Meinung zu wirken. 
So sehr ich von dem Wunsche durchdrungen bin, daß die Reise Seiner Königlichen 
Hoheit des Kronprinzen sowohl durch den perfönlichen Sindruck in denjenigen Kreisen, mit 
denen er unmittelbar in Berührung kommt, als durch die allgemeine Einwirkung auf Er- 
1 Siehe Ar. 1116. 
* Vor dem Worte: „Gebrauch“ sind die Worte: „teilweise oder auch vollständig“ geltrichen. 
2 Vgl. damu Nr. 1131.
        <pb n="371" />
        Amnestie für rückkehrende hanmoversche Legionöre. 357 
mutigung und Bslebung jener Bundesgenossenschaft der nationalen Sumpathien die Ver- 
bindung zwischen uns und Stalien fördern und befestigen möge, so glaube ich doch zugleich 
auch, daß über diesen ZSweck hinaus weitergehende Tendenzen an dieselbe nicht zu knüpfen 
leien. Zu Versuchen bestimmterer Anknüpfungen für die ZSukunft und zu eingehenden Er- 
örterumngen politischer Eventualitäten zwischen uns und Stalien scheint mir das Terrain am 
italienischen Hofe bei der Unsicherheit des Ganges der Regierung und der Zugänglichkeit 
für perjfönliche, von Grankreich in so reichem Maße ausgebeutete Motive noch nicht ge- 
eignet. Ich habe daher Seiner Königlichen Hoheit dem Kronprinzen meine Ansicht dahin 
ausgesprochen, daß selbst in intimen Gesprächen provozierte Erörterungen nur mit der 
gröhten Vorsicht und Reserve zu behandeln und Eröffnungen, die dort kommen möchten, 
mit gleicher Jurückhaltung ausumehmen seien; und ich ersuche Ew. pp. ergebenfst, sich auf 
derselben Linie zu halten. 
*1134. Schrelben an den Staatsminister Freiherrn von der Heydt. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.)] 
Berlin, den 16. April 1868. 
Nach den Berichten des Königlichen Botschafters in Paris zeigt sich bei einem Teile 
der in Frankreich befindlichen hannöverschen Legionäre eine Neigung, in ihr Vaterland 
mrückzukehren, wenn ihnen Straflosigkeit zugesichert werden könnte. Sch babe darüber 
mit den Ministerien des Innern und des Krieges kommuniziert, und es hat sich dabei 
berausgestellt, daß für diejenigen, welche nur ausgewandert sind und sich keines unmittel- 
baren militärischen Vergehens schuldig gemacht haben, keine Strafen in Aussicht stehen, 
und daß es auch unbedenklich erscheinen würde, denjenigen Gemeinen, welche nicht aus 
aktivem Dienst desertiert sind, sondern nur der Einberufungsordre sich entzogen oder vor 
Empfang derselben ausgewandert sind, sowie den in der Reserve Befindlichen und ohne 
Urlaub davon Gegangenen die verhältnismäßig geringen Strafen zu erlassen. Seine Ma- 
jestät der König haben sich auch geneigt zu erklären geruht, den in diesen Kategorien Be- 
findlichen einen Termin zur straffreien Rückkehr zu setzen. 
Der Königliche Botschafter in Daris hat bereits einer geringen Anzahl von Leuten 
dieser Art (bis jetzt sieben) Ausweise zur Rückkehr und ein mäßiges Reisegeld gewährt und 
dabei den dringenden Wunsch ausgesprochen, ermächtigt zu werden, mit solchen Sahlungen 
von Reisegeld fortzufahren, wenn, wie er voraussetzen dürfe, eine größere Anjahl an ihn 
sich wenden sollte. 
Diese Sahlungen dürften aber voraussichtlich eine nicht unbedeutende Summe in 
Anspruch nehmen, da sich erwarten läßt, daß die Mehrzahl der Legionäre den bezeich- 
neten Kategorien angehöre und von der Erlaubnis zur straffreien Rückkehr werde 
Gebrauch zu machen wünschen. Mit Sicherbeit wird sich die Höhe der Summe erst beur- 
teilen lassen, wenn wir aus den Verzeichnissen, deren Mitteilung die franfösische Regierung 
in Auslicht gestellt bat, die Anzahl und die Kategorien der Legionäre übersehen können. 
Einstweilen hat der Königliche Botschafter gemeldet, daß nach einer Mitteilung des fran 
sischen Ministeriums die ganze Anzahl der Legionäre etwa 900 betrage.
        <pb n="372" />
        358 Warnungen vor einem österreichischen Vorgehen in Bosnien. 
Meines Erachtens eigneten sich diese Sahlungen vollständig dam, aus den Fonds des 
mit Beschlag belegten Vermögens des Königs Georg bestritten zu werden, dessen Ver- 
wendung zu allen, durch die Agitationen des Hietzinger Hofes veranlaßten Kosten bei der 
Verhängung des Sequesters ausdrücklich in Aussicht genommen ist. 
Ew. pp. beehre ich mich daher vorläufig ganz ergebenst um eine gefällige Außerung 
zu ersuchen, ob dieselben in der Lage sind, mir aus dem erwähnten Sonds die Mittel zur 
Disposition zu stellen, um den Königlichen Botschafter ermächtigen zu können, diejenigen 
Legionäre, welchen die straffreie Rückkehr nach den Gntentionen Seiner Maojestät des 
Königs zugesichert werden kann, mit Reisegeld zur Rückkehr aus ihrem jetzigen Aufent- 
haltsorte bis in ihre Heimat zu versehen. 
*1135. Erlaß an den Gesandien in Detersburg 
Heinrich VII. Prinzen Reuß. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Vertraulich. Berlin, den 16. April 1868. 
Aus den Außerungen Sir Andrew Buchanans, welche Ew. pp. in dem gefälligen 
Bericht Nr. 64 vom 8. d. M. mitteilen, ersehe ich, daß die englische Regierung nicht nur in 
Wien, sondern auch in St. Petersburg von den ihr durch Graf Bernstorff über die even- 
tuellen Solgen eines österreichischen Borgehens in Bosnien und der Herzogewina gemachten 
Andeutungen Gebrauch gemacht hat. Da der englische Botschafter ohne Sweifel dem 
Fürsten Gortschakktow von der Sache sprechen wird, ersuche ich Ew. pp ergebenst, letzterem 
nach Maßgabe der Ihnen bekannten Sachlage die Motive zu unserem in London getanen 
Schritt zu erklären und ihm zu sagen, daß wir unter Benutzung der englischen Griedens- 
liebe ulnd] des engllischen) Einflusses auf Oestreich letzteres vor übereilten Schritten zu 
warnen versucht haben. Eine solche Warnung direct von uns würrde gleichzeitig den 
Widerspruchsgeist des Herrn von Beust erregt habenz. Mit dem, was Ew. pp. Ihrem 
englischen Kollegen erwidert haben, bin ich vollkommen einverstanden, wünsche übrigens 
nicht, daß Ew. pp. die Sache weiter mit ihm besprechen, wenn er nicht dazu nötigt. 
1136. Erlaß an den Gesandten in Wien 
Fresherrn von Werther. 
[Konzept von der Hand des Bortragenden Rats Abeken. 
Vertraulich. Berlin, den 18. April 1868. 
Das Königliche Kriegsministerium teilt mir mit, daß in diesen Cagen an ein Danjziger 
Haondlungshaus eine Anzabl von Sündnadelgewehren verkauft worden seien, von denen 
ich glaube, daß sie für den Fürsten Karl von Rumänien bestimmt sindt. 
1 Vgl. Ar. 1104. . 
-* beiden letzten Sätze und der Schluß des vorletzten von den Worten an: „unter Benutzung 
eigenbändiger Susatz Bismarcks an Stelle eines längeren Palslus von Abekens Hand. 
1136.1 Vol. auch Ar. 1010.
        <pb n="373" />
        Zundnadelgewehre für Rumänien. Mißtrauen in Osterreichs Politik. 359 
öch habe dies m Ew. pp. persönlicher Kenntnis bringen wollen, damit Sie unter- 
richtet sind, wenn die Sache etwa dort besprochen werden sollte. Ich wünsche nicht, daß Ew. 
pp. sie zur Sprache bringen. Sollten Sie indes darüber von dem Freiherrn von Beuft 
interpelliert werden, so bitte ich u erwidern, daß wir keine Veranlassung gefunden, uns 
über die Bestimmung amtlich zu informieren, daß wir aber auch, wenn sie für den Fürsten 
Karl bestimmt wären, keinen Grund hätten, den Verkauf zu weigern, da der Sürfst voll- 
kommen berechtigt Jei, eine Armee zu halten. Ein Schluß auf kriegerische Dläne oder 
Tendenzen des Gürsten sei unberechtigt. 
Ew. pp. wollen daneben aber auch gelegentlich in dem Sinne, wie ich es schon wieder-- 
bolt in meinen früheren Erlassen angedeutet habe, durchblicken lassen, daß wir in dem Miß- 
trauen, welches die Haltung des österreichischen Kabinetts fortfährt uns einzuflößen, Ur- 
sache genug finden, um unsere Beziehungen nach keiner Seite bin zu vernachlässigen. Die 
von dem Königlichen Botschafter in Paris mitgeteilte Aachricht, daß man dort auf einen 
neuen Besuch des Kaisers von Osterreich in Begleitung seiner Gemahlin rechnet'“, beweist 
im Vergleiche mit der Zurückhaltung, welche Blarson Beuft gegen uns beobachtet, eine 
fortgesetzte Sorgfalt in der Pflege der Beziehungen Oestreichs zu Grankreich-, welche wir 
nicht unbeachtet lassen können. Wir streben, den Frieden Europas zu halten, er wird durch 
unfre Initiative nicht gestört werden. Aber die Abneigung des Wiener Cabinetes, uns zu der 
gleichen Beruhigung bezüglich der öftrleichischen) Politik kommen zu lassen, nöthigt uns, 
alle Eventualitäten in den Kreis unfrer Vorsorge zu jiehn. 
Gur“ Orientirung Ew. lpp.]) bemerke ich dabei, daß wir bisher an die Absicht Srank- 
reichs, uns anzufallen, nicht glauben, daß wir aber nach der Meinung unfrer militärischen 
Autoritäten jeden, auch den überraschendsten Angriff mit einer nach menschlicher Be- 
rechnung sichern UÜberlegenheit würden abweisen können, und daß wir gegen jede Ein- 
mischung Oestreichs auf die Herstellung des materiellen Gleichgewichtes zu unsern Gunsten 
durch Rußland glauben rechnen zu können. Dieß bindert nicht, daß wir angesichts der 
unsichern Haltung Oestreichs jede Sorgfalt anwenden, um unfsere defensiven Verbindungen 
zu kräftigen". 
* 1137. Erlaß an den Botschafter in Harls Grafen von der Golß. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Vertraulich. Berlin, den 20. April 1868. 
Ew. pp. werden sich erinnern, daß bei Gelegenheit der Reise des Kaisers Aapoleon 
zum Besuch des österreichischen Kaiserpaares in Saljburg ersterer auch mit dem Groß- 
heriog von Hessen zusammengetroffen war und eine Unterredung mit demjelben gehabt 
hatte. Es ist mir vertraulich mitgeteilt worden, daß der Kaiser den deutschen Fürsten dabei 
* Rach einem Bericht des Grafen v. d. Goltz vom 13. April war ein Besuch der Kaiserin von 
Olterreich in Paris für den Monat Juni in Aussicht genommen. 
* Die Worte: „beweist im Vergleiche eigenhändige Korrektur Bismarcks. 
Der letzte Ablatz und die beiden letzten Säte des vorletzten Absatzes eigenbändiger Jusatz Bismarcks. 
* Vgl. dam die Bemerkungen H. Michaels, Bismarck, England und Europa von 1866 bis 1870, S. l9r.
        <pb n="374" />
        360 Französische Insinuationen in Süddeutschland. Prinz Jerome über Benedetti. 
in einem leicht Jpöttischen (railleur) Tone gefragt: Vous avez encore T’administration civile 
à Mayence:, worauf der Großberzog mit einem einfachen Ja geantwortet. 
An diese Außerung erinnern ähnliche, welche, wie ich aus guter Quelle erfahre, Herr 
Benedetti bier gegen Vertreter füddeutscher Regierungen tut, die er oebenfalls in 
Ipöttischem Tone über angebliche Unterordnung unter Preußen bei dem Sollparlament auf- 
Miehen sucht: Eh bien! Vous allez préter serment au Roi de Prusse? u. dergl.? 
Ich führe dies nicht etwa an, damit Ew. pp. über Herrn Benedetti Klage führen 
möchten — ich habe Ew. pp. vielmehr nur die eine wie die andere Außerung mitteilen 
wollen, einmal, weil dieselben doch in der Cat einiges Licht auf die Stimmung des Kaisers 
und seines Vertreters werfen, sodann aber auch, damit Cw. pp. gelegentlich durchblicken 
lassen können, doß wir um diese Manövers wissen, zmugleich auch, daß man an den be- 
treffenden Stellen uns kein Geheimnis daraus macht. Wir dürfen danach wohl annehmen, 
daß der Großherzog von Hessen, obgleich er nicht zu unseren besonderen Sreunden gezählt 
wird, dennoch sein Verhältnis zu uns höher stellt als das Verhältnis zu Grankreich. Aus 
lehr vertraulichen Quellen wurde uns damals auch mitgeteilt, daß der Grohßherzog gleich 
nach jener Salzburger Susammenkunft im vertrauten Kreise der Bemerkung: der Kaiser 
Napoleon sei mit sehr feinen und klugen Plänen gekommen, in welche er Österreich hinein- 
U#iehen versucht, mit einer gewissen Befriedigung binzugefügt habe: er (der Kaiser) habe 
aber nicht erreicht, was er gewollt. 
Was Herrn Benedetti betrifft, so ist es mir überraschend gewesen, in einem Bericht 
aus der Schweiz zu lesen, daß der Prinz Aa#poleon sich gegen dortige Sreunde mit großem 
Lobe über die vortreffliche Vertretung der französischen Politik durch Herrn Benedetti 
geäußert habe. Mir gegenüber hat das Gegenteil stattgefunden; der Prinz hat vielmehr 
— wie ich Sw. pp. vertraulich mitteilen darf — in geringschätziger Weise von Herrn Be- 
nedetti gesprochen, und ihn für den biesigen Posten durchaus nicht gewachsen erkklärt: 
II n'a due la politique d'un rommis — war eine seiner Außerungen. Er hat denselben sehr 
wenig unterrichtet über preußische und deutsche Verhältnisse gefunden; und in der Tat 
scheint Herr Benedetti im Verständnis derselben seit seinem ersten Hierherkommen obenso- 
wenig Fortschritte gemacht zu haben wie in der Kenntnis der deutschen Sprache. Der 
Prinz war der Meinung, daß ein französischer Botschafter, um seinen Posten auszufüllen, 
sich frei und leicht in allen Kreisen der Gesellschaft bewegen und aus eigener Anschauung 
lernen müßte, und daß Unkenntnis der Sprache ihn an einem richtigen Berständnis der 
Sustände hindere. 
Sch teile diese Catsachen nur Ew. pp. perjönlich mit. 
*1138. Erlaß an den Botschafter in Daris Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken.] 
Am 16. April hatte Graf v. d. Golt Bericht über eine neue Unterredung mit Marquis 
de Moustier bejüglich der Welfenlegion erstattet. Auf Grund von Aussagen einzelner Legionäre, 
die bei der Botschaft um Aeisegeld nach der Heimat vorstellig geworden waren, hatte Goltz dem 
1 Vgl. dazu: Die Cagebücher des Sreiberrn A. v. Dalwigk m Lichtenfels, ed. W. Schüßler, S. 335. 
2 Vgl. dam die Verichte Benedettis, der von Ansang an der GFrage einer etwaigen Kompetenz- 
erweiterung des Jollparlaments im unitorischen Sinne die größte Aufmerkjamkeit zuwandte, vom 1. und 
15. April, Les Crigines Diplomatiques, I127s., 183 SS8.
        <pb n="375" />
        Sweidenutiges Verhalten Frankreichs in Sachen Welsenlegion. 361 
Miaister vorhalten können, dah die militärische Organisation der Legion trotz der ramösischen 
Versicherungen noch immer intakt sei, daß nicht allein fünf Offinere und #htreiche nekellsieer- 
bei den Leuten in verschiedenen Orten der Sdampag, seien, sondern daß ch ein förmlicher 
Stab von drei Offizieren in êMeaug befinde usw. die m— E. otschafters hatte 
sich Moustier mit den in der freme ischen Vesebwetung. liegenden Schwirigreitem nu rechtfertigen 
gesucht; streng genommen babe die Aegierung gar nicht das Recht, die Slüchtlinge zu internieren, 
londern nur die Wahl, sie ausnweisen oder ihnen in Frankreich freie Bewegung zu lassen. In 
dessen stellte Moustier von neuem in Aussicht, daß die franjösische Regierung den eingeschlag 
MAlittelweg der Trennung der Offiziere von den Wannschaften und ihrer Internierung Poual 
durchführen werde. Die versprochene Aamensliste der Legionäre konnte Moustier auch jetzt 
noch nicht dem Botschaofter übergeben, nicht einmal die volle Gelamtzahl der Legionäre vermochte 
er anzugeben. 
Berlin, den 20. April 1868. 
Die in Ew. pp. gefälligem Bericht Ar. 108 vom 16. d. M. erwähnten Außerungen 
des Kaiserlich Sranzösischen Ministers, das Verfahren gegen die hannöverschen Legionäre 
betreffend, sind wenig geeignet, hier Befriedigung zu erwecken. Solche Tatsachen, wie Ew. 
pp. in der Lage waren, dem Herrn Warquis oentgegenzuhalten, und die Solgerungen, welche 
Sie mit allem Recht daraus zogen, hätten in der Tat wohl eine andere Aufnahme bean- 
sprucht, als aus den dilatorischen Phrasen des französischen Ministers bervorgebt. Es ist 
ein seltsamer „AMittelweg“, den man zwischen der „Ausweisung“ und der „freien Be- 
wegung“ in Grankreich getroffen haben will, wenn man die Gesamtmasse der Legionäre in 
einem Zusammenhang beläßt, der unter dem fortdauernden Einfluß der Offiziere und der 
bis jeht, wie es scheint, ganz ungestörten Leitung durch Unteroffiziere einer voll- 
ständigen militärischen Organisation gleichkommt. Wie der Minister des Innern dies auch 
nur mit den französischen Vereinsgesetzen in Übereinstimmung bringen will, ist schwer zu 
begreifen; und wenn derselbe im französischen Recht kein Gesetz finden kann, um die 
militärische Organisation einer fremden Truppe auf französischem Boden zu verhindern, so 
bleibt Kaum eine andere Annahme übrig, als daß er keines finden will. 
Wie ich Ew. pp. bereits telegraphisch mitgeteilt habe, hat sich Seine Mojestät der 
König auf meinen und des Finanzministers Antrag damit einverstanden erklärt, daß das 
Reisegeld für die zurückkehrenden Hannoveraner aus dem Vermögen des Königs Georg 
bestritten werde:. Innerhalb der Kategorien demnach, welchen die Straflosigkkeit in Aussicht 
gelstellt werden kann, nämlich derjenigen, welche sich nur der Einjtellung, nicht aber dem 
bereits angetretenen Dienst in Reih und Glied entzogen haben, werden Ew. pp. den- 
denjenigen, welche sich freiwillig an Sie wenden, das Reisegeld zur Rückkehr zahlen können, 
und zwar nicht nur bis Aochen, sondern bis in die Heimat. Es wird sich auch rechtfertigen, 
das Neisegeld nicht gerade kärglich zu bemessen, so daß die Leute nicht ganz mittellos in 
ihrer Heimat ankommen. Über die mit Ausweis und Veisegeld versehenen Dersonen, ihre 
Namen und Verhältnisse und ihre Bestimmungsorte ersuche ich Ew. pp. hier Mitteilung 
zu machen, damit ich die inneren Behörden davon in Kenntnis setzen kann. 
1139. Erlaß an den Boischafter in Paris Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Bucher.] 
Berlin, den 20. April 1868. 
Vach einer zuverlässigen Mitteilung ist am 8. d. M. der französische Divisionsgeneral 
Ducrot aus Strahburg in Begleitung von acht Generahstabsoffizieren in Sivilkleidern durch 
1 Vgl. dazu Nr. 1134.
        <pb n="376" />
        362 Durrots rechtsrheinische Exkursionen. Sächsische Beklemmungen. 
Kehl nach Sundheim und von dort auf dem Seldwege nach dem Abeindamm an der Süd- 
batterie vorüber nach dem Mittelbau und über die Abeinbrücke wieder nach Strahburg 
geritten. 
Die Sache gebt zunächst die Großherzoglich Badische Regierung an, hat aber eine all- 
gemeinere Bedeutung, die auch uns berührt. Wir seben in dieser Rekognoszierung mili- 
tärisch Keine Gefahr; aber sie hat, politisch betrachtet, etwas Herausforderndes, nicht die 
badische Regierung allein Verletzendes, nicht die badische Bevölkerung allein Erbitterndes 
und kann nicht verfehlen, den Kriegsgerüchten neue Aahrung zu geben. Sw. pp. ersuche 
ich daber ergebenst, den Vorfall vertraulich zur Kenntnis des Marquis de Moustier zu 
bringen, sich in obigem Sinne darüber auszusprechen und dem Herrn Minister zu erwägen 
in geben, welchen Eindruck eine ähnliche Rekognoszierung, von deutscher Seite auf franzö- 
sischem Gebiete ausgeführt, bei dem französischen Publikum machen würdet. 
1140. Erlaß an den Gesandten in Dresden 
von Elchmann. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
· Von dem plötzlich in der Dariser Presse auftretenden Kriegslärm, der seinen teeseren Grund 
in den mit sieberhafter Hast betriebenen Rüstungsmahregeln fand, hatte Graf v. d. Goltz u- 
nächst gar keine Notiz genommen. Am 3. MAärz hatte er der Cntwicklung noch ein durchaus 
friedliches Prognostikon gestellt: „In Srankreich werden die materiellen Interessen immer stärker 
auf eine friedliche Holitik dringen, welche durch ein Einverständnis mit Preußen die sicherste 
Garantie erbalten würde, und, da diese Dolitik leit anderthalb Jahren die gefährlichsten Proben 
liegreich überwunden bat, so dürfte eine große Wahrscheinlichtzeit vorhanden sein, dah sie auch 
ferner wird aufrechterhalten werden können.“ Erst Bismarcks Erlaß vom 11. April (liehe 
Ar. 1127), aus dem hervorging, mit wie großen Besorgnissen die englischen Staatsmänner bereits 
erfüllt waren, veranlahte den Botschafter, die Situation etwas schärfer ins Auge zu fassen. 
Er wollte zwar auch jetzt nicht zugeben, daß Kaiser Napoleon mit seinen militärischen Maß- 
regeln aggreslive Ablsichten verfolge; immerbin gestand er in einem Bericht vom 13. April jelbf 
mu, daß in dem unumschränkten persönlichen Regiment des schwochen Dapoleon III. ein Gefahren-- 
moment liege. Es bieß in dem Bericht: „Ich glaube weder, daß der Kaiser Aapoleon mit seinen 
militärischen Mahregeln lediglich den Schutz des franzölischen Gebiets gegen einen Angriff von 
außen bezweckt, noch daß er seinerseits einen Angriff gegen Deutschland beabsichtigt. Er will 
vielmehr durch ein schlagfertiges Heer in die Lage versetzt werden, leiner diplomatischen Aktion 
in vorkommenden Sällen ein größeres Gewicht zu geben, und die Wiederkehr einer Lage, wie 
diejenige war, in welcher er sich im Juli 1866 und im April 1867 befand, verhindern. Dieser 
Wunsch iht an sich ein berechtigter. Die Mahregeln, welche die Erfüllung deslelben berbeiführen 
lollen, lind nur deswegen geeignet zu beunruhigen, weil der Kaiser unumschränkter Herr über 
Krieg und Srieden und, obgleich in seinen Cntschliehbungen im allgemeinen sehr schwankend, doch 
fähig ist, über Racht einen gefährlichen Cntschluß zu fassen; ferner weil die innere Lage in der 
Cat zu Besorgnissen Anlah gibt, wenngleich dieselben Jeht übertrieben werden. In letzterer Be- 
niebung bemerke ich, daß ich es auch vom Gesichtspunkte der Stellung des Kaisers zum Lande 
und der dunastischen FSrage überhaupt für einen Sebler halten würde, wenn er zu einer kriegerischen 
Politik leine Suflucht nähme; aber ich kann allerdings nicht dafür einstehen, daß er nicht einen 
solchen Fehler, sowie manchen anderen früheren begeben werde.“ In öhnlichem Sinne äußerte 
sich auch der Militärattaché Major v. d. Burg in seinen Berichten: „Die kriegerischen Gerüchte, 
welche seit einiger Jeit das Publikum aufregen und durch die Journale verbreitet werden, er- 
scheinen für den Moment nicht begründet. Alles was jetzt geschieht, ist militärischerseits feit 
dem Sommer 1867 vorbergesagt und als logische Folge der Organisationsveränderung wie der 
ausgesprochenen Ablicht des marêchal Niel angexündigt, die Armee so schlagkertig zu machen, 
daß der Kaiser nach Belieben Krieg oder Frieden machen könne.“ Wenn nun nach diesen Be- 
richten Bismarck auch für die Jukunft mit einer „permanenten Kriegsgefahr“ von französischer 
1 Soltz Bericht vom 29. April, H. Oncken, Die Abeinpolitik Kaiser Rapoleons III., II, 
572. # .oden, ir iesem Zusammenhang auch nähere aailune (5. 572, Anm. 1) über das eigen- 
tümliche Auftreten Durrots am Darmstädter Hofe (7. April).
        <pb n="377" />
        Bismarck redet Friesen Besorgnisse vor französischem Angriff aus. 363 
Seite rechnen muhte, so wenigstens doch nicht mit einem nahen und unmittelbaren Angriff. Als 
er daher aus einem Bericht des Gesandten v. Eichmann ersah, daß man in Dresden übertriebene 
Velorgnisse begte, übersandte er demselben die letzten Berichte aus Daris, damit die lächsische 
Regierung einen klaren Einblickt in die Situation gewinne. 
Berlin, den 20. April 1868. 
Sw. pp. gefälligen Bericht Ar. 31 vom 17. d. Al. babe ich erhalten und daraus die 
Besorgnis erseben, mit welcher der Königlich Sächsische Minister auf die Spmptome 
kriegerischer Eventualitäten in Grankreich blicket. Sch wünsche, daß derselbe möglichst 
klaren Einblicke in die Lage unserer Beziehungen z Grankreich gewinne und ermächtige 
Ew. pp. daher, demselben von dem mit meinem Erlaß Ar. 57 übersandten Berichte des 
Grafen Goltz vom 9. d. M. sowie von demjenigen vom 13. d. M. und dem Bericht des 
MAilitärattache der Botschaft Major von Burg, welche ich diesmal beifüge, vertraulich 
Einsicht nehmen zu lassen. Diese Ermächtigung gilt überhaupt für die meisten Mitteilungen 
dieser Art, welche ich Ew. pp. in betreff des Verhältnisses zu Grankreich und der Kriegs- 
und Sriedensfrage zu machen habe, wenn ich nicht etwa Veranlassung finde, Ew. pp. 
Diskretion und Zurückhaltung besonders m empfehlen; Ew. pp. werden nur den Herrn 
Freiherrn von Sriesen bitten, diese Mitteilungen auch fseinerseits als ganz vertrauliche und 
nur zm seiner Kenntnis bestimmte anzusehen. 
Ich ersuche Ew. pp. dabei, dem Herrn Minister von Sriesen zu sagen, daß wir, 
während wir alle diese Sumptome mit unausgesetzter Aufmerksamkeit verfolgen, doch im 
ganzen genommen bis jetzt an die Absicht Srankreichs, uns anzufallen, bisher nicht glauben, 
daß wir aber nach der Meinung unserer militärischen Autoritäten auch einen über- 
raschenden Angriff Grankreichs mit einer nach menschlicher Berechnung sicheren Über- 
legenheit abweisen zu können hoffen dürfen, solange wir Srankreich allein gegenübersteben. 
Sollte eine Einmischung Österreichs zur Unterstützung Srankreichs zu befürchten sein, so 
glaubten wir mit Sicherheit darauf rechnen zu können, daß das materielle Gleichgewicht 
zu unsern Gunfsten durch Rußland wiederbergestellt werde. 
Der Herr Minister von Friesen wird sich, wie ich hoffen darf, durch diese Mitteilungen 
überjeugen, daß wir die Eventualitäten eines Krieges, dessen Initiative, wie er weih, nicht 
von uns ausgehen wird, ohne Leichtsinn, aber auch ohne Besorgnis ins Auge fafssen. 
*1141. Telegramm an den Gesandten in Detersburg 
Helurich VII. Drinzen Reuß. 
[CEigenbändiges Konzept.] 
Die keit dem 8. Oktober 1867 in Berlin durch den Wirklichen Legationsrat Bucher als 
preußischen und den Gesandten Varon Quaade als dänischen Kommissar geführten Verbandlungen 
über die Ausführung des Artikels V des Prager Sriedens (ogl. dasu: Bismarck und die Vord- 
schleswigsche Srage 1864 bis 1679, S. 240 ff.; Fr. Höbnfen, Ursprung und Geschichte des Ar- 
tikels V des PDrager Sriedens, II, 159 ff. Aage Pris, Det Nordslesvigske Sporgsmaal 1864 
bis 1879, S. 2% ff.) waren mit der dänischen Aote vom 9. AMr) 1866 auf dem toten Dunkt 
angelangt. Die dänische Aegierung suchte sich nun von neuem den Beistond der Kabinette von 
Wien, Paris, Detersburg und London zu lichern. Als erster zeigte sich der ölterreichische Reichs- 
kansler Sreiberr v. Beust geneigt, mgunsten Dänemarcks aufjutreten. Ein Erlaß an den öster- 
reichischen Gesandten in Verlin Graf Wimpffen vom 1. April (vgl. Ssterreichisches Motbuch Nr.2, 
S. 26 f.) legte der preußischen Regierung nabe, entweder gemäh dem strengen Wortlaut des 
Prager Sriedens alle diejenigen Distrikte Schleswigs an Dänemark abzutreten, in denen die 
Mebrbeit der Stimmen die Bereinigung mit diesem fordern würde, oder aber, falls von vorn-
        <pb n="378" />
        364 Aussisches Schiedsgericht in dänischer Frage? Preuhische Truppenreduktionen. 
bereln die Abstimmung auf den nördlichsten Teil der Prooinz) mit entschieden vorberrschender 
dänischer Bevölkerung beschränkt werden sollie, ihre nur im ersteren Sall berechtigten Garantie- 
forderungen zugunsten der in Dänemark zu inkorporierenden Deutschen überhaupt fallen zu lassen 
und sich nur von der dänischen Regierung eine Begünstigung der Auswanderung der wenigen 
Deutschen ausjubedingen. achträglich aber wurde Graf Wimpffen von Beust angewiesen, den 
Erlaß vom 1. April Vismarck nicht vorzulesen. Man war in Wien, wo man sah, daß dem 
eigenen Schritt nicht einmal ein franzölischer folgte, besorgt vor den Mmöglichen Folgen. Auch 
scheint die dänische Regierung selbst in Wien die mnächst gewünschte Intervention wieder ab- 
bestellt m haben. Man schlug jetzt in Kopenhagen einen anderen Weg ein, indem König 
Cbristion IX. den Kaiser Alexander um die Übernabme eines Schiedsspruches in der dänischen 
Frage ersuchte. Nach Außerungen des Kaisers zu dem preuhischen Militärbevollmächtigten 
Oberst von Schweinitz vom 17. April war er sehr geneigt, dem Wunsche des Königs zu will- 
jahren. um so mehr als er aus Berichten des rufssischen Geschäftsträgers in Kopenhagen Baron 
v. Mohrenheim, der kur) juvor in Berlin geweilt hatte, entnehmen zu können glaubte, dah 
Bismarcht Jowohl wie Moltke nicht durchaus eingenommen gegen eine Zuweisung von Düppel 
und Alsen an Dänemark leien, um die es König Christion vor allem zu tun war. Vgl. die Be- 
richte und Briefe Schwelrig und Reuß' vom 17. April in: Bismarck und die Tbordchiesteigsche 
Srage 1864 bis 1879, 263 ff., ferner die Tegebuchsufzeichnungen Schweinitz" zum 17. April. 
Besfwecchsel des MMii General v. Schweinitz, S. 42f. 
Verlin, den 20. April 1868. 
Eigenbändig m entziffern. Ich würde für meine Person sehr gern auf rulslische) Ber- 
mittlung in der dänischen Sache eingebn, wenn es mir gelänge, meine Ansichten über 
Ausdehnung der Abstimmung bei Sleinehr Mlajestät) zur Annahme zu bringen: Aufgabe 
Düppel-Alsens für uns unmöglich. Schiedsgericht Rußlands würde Sturm der öffentlichen 
Meinung gegen uns erregen. MNähberes schriftlich, bis dahin Surückhaltung. 
Bismarck und die Nordschleswigsche Srage 1864 bis 1879, S. 287 f. 
1142.9 Telegramm an den Boischafter in Paris 
Grafen von der Goltz. 
[Eigenhändiges Konzept.] 
Gerade währendi in Paris für die Kriegsrüstungen immer höhere Summen in Anspruch ge- 
nommen wurden und dadurch eine aus TChauvinismus und Besorgnissen vor einem demnächstigen 
Kriegsausbruch zuslammengeletzte aufgeregte Sponnung enkstard, betrieb Bismarck, der seit dem 
ärz mit dem Stellvertreter Roons, General v. Pod bielski: ernstliche Kämpfe wegen der 
Überschreitung des sogenannten veisernen Stats“ auswfechten batte (ogl. dam: Denkwürdig- 
keiten Roons, III, 77 ff.), eine Herabsetzung der Ausgaben der Militärverwaltung. Am 20. April 
kam es innerhold' des Staatsministeriums zu einer Cinigung. Die Etateinschräneungen umfaßten 
die Verringerung der Kopf- und Dferdestärke, der Eskadrons und Sußbatterien, eine Er- 
mähigung der Zahl der Zkonomiehandwerker bei sämtlichen Waffen, umfangreiche Mannschafts- 
beurlaubungen bei den Jögerbataillonen und der Sestungsartillerie sowie die Anrechnung ein- 
jährig Spzwwiliger bei jämtlichen Bosen M den Etat. Insgesamt betrug die Zahl der ins 
Auge gesoßten Beurlaubungen 10- bis 12900 Mann. Wenn diese Einschränkungen zunächst aus 
finanziellen Gründen beschlossen wurden, so verfolgte Bismarck damit doch auch die Aeben- 
absicht, Ol auf die hochgehenden Wogen der ariser Erregungen zu giehen. 
Berlin, le 20 awril 1868. 
II est probable due nous allons licencier avant terme 10 à 12 000 hommes pour réta- 
blir Téquilibre du budget compromis par la cherte des provisions. Croyez-vous due Ton 
puisse mettre à profit ce falt par la presse ou autrement dans Tinterét du désarmement et 
de la paix 
1. auch ARr. 1158) den Anschein, daß Bismarck bereit gewesen wäre, 
den he n 2. 1u— zmeegi dem e ch.e Gesa adten Baron 
Guoade gegenü en c4½6 s#endlch geäußert m haben, ogl. Fr. Hähnsen, 
Ursprung und l#er schei 7 Whleis des Hon —Ji II. 213 f. Venedetti wor sogar der Anscht.
        <pb n="379" />
        Grübere Entlassung von 10- bis 12000 Mann. Beusts Vorstoß wegen Jollparlament. 365 
1143. Telegramm an den Botschafter in Paris 
Grafen von der Golgtz. 
[Cigenhändiges Konjept.] 
Auf Bismarcks Anfrage vom 20. April, ob eine fübert Entlassung en 10- bis 12000 Mann 
zut die aufgeregte öffentliche Meinung in Grankreich Küunktig einwirken würde, hatte Hraf 
.Goltz wwar am 21. bejabend geantwortet, gleichzeitig aber darauf hingewiesen, doh dem 
Kahler Rapoleon III. durch eine solche Mahregel inlofern eine Verlegenbeit bereitet werden önne, 
als der Kammeropposition damit eine Waffe gegen die Anforderungen des Kriegsministers in 
die Hände gedrücktt werde. Der Votschafter riet, unter diesen Umständen nicht offiziell die Be- 
sprechung der geplanten Maßregel in der Pariser presse zu veranlassen, sondern die Rückwirkung 
der Ankündigung in preuhischen Blättern abzuwarten. Gleichzeitig stellte er anbeim, ihn, Goltz, 
z einer vertraulichen Anfrage bei dem Kaiser oder seinem Minister zu ermöchtigen, ob die frag- 
liche Entlassung eine entsprechende Reduktion auf franzölischer Seite zur Solge haben werde. 
Berlin, den 21. April 1868. 
Besprechung der Entlassung mit Moustier oder dem Kaiser scheint bedenklich, könnte 
Freiheit unfrer weitern Entschliehungen beeinträchtigen. Bitte schriftliche Mittheilung ab- 
mwarten. 
1144. Telegramm an den Gesandten in Wien 
Freiherrn von Werther. 
[Reinkonzept.)] 
In demselben Augenblick, wo der ölterreichische Teichekemüler Freiherr v. Beuft in der 
Aordschleswigschen Wra e einen Schritt zurückwich (ogl. Nr. 1141, Vorbemerkung), Et- er aus 
einem Privatbrief des Botschafters in Horis Fürsten Metternich vom 1. April (H. Oncken, Die 
Abeinpolitik Kaiser Vapoleons III., II, 5a40), dah man in Paris auf ein auch vor kriegerischer 
Auseinandersetzung mit Preuhen nicht nmmisn volles CEinvernehmen mit Österreich 
in der deutschen und der orientalischen Srage das gröhte Vewicht legte. Die Eröffnungen, die 
Beust darauf in Paris durch Metternich machen ließ (a. a. O., II, 5a9 ff.), veranlabten den Kaiser 
Napoleon III., die präfise Anfrage an den österreichischen VReichekanmler zu stellen, was man 
gemeinsam tun' wolle, wenn die Bevölkerung Süddeutschlands sich freiwillig Dreußen in die Arme 
werfe, oder wenn Preußen gewaltsam vorgebe und von sich aus den Drager Srieden von neuem 
dertzre Angesichts des uneruigen Gustandes der österreichischen Müstungen Konnte es Sreiherr 
Beust nicht erwünscht sein, so vor eine klare Entscheidung öntellt zu werden. Er entschied 
daber, einem etwa geplanten franzölischen Vorgeben, das die Dinge vorschnell zur Ent- 
Et triebe, durch eine „action diplomatique préventive“ vorzubengen, und kündigte am 
14. April in Paris einen Schriit an, der Bismarck von neuem und stärker an die Pflicht, den 
rager Srieden innezuhalten, erinnern sollte. Tatsächlich richtete er am 15. an den Grafen 
Wimpffen einen zur Vorlegung bei Bismarck bestimmten Erlaß, der, auf das demmächstige Zu- 
lammentreten des Sollparlaments in Berlin Bezug nehmend, die Konstituierung des Sollvereins 
in seiner neuen Form als mit dem Drager Srieden nicht recht im Einklang stebend ½# 
und dann in fast drohendem Tone davor warnte, irgendeine etwo aus dem Schoß des Joll- 
parlaments beraus angeregte Erweiterung der Kompetenz dieses Organs, die erst recht — Ver- 
letzung des PDrager SFriedens bedeuten würde, zuzulassen. Der gleiche Erleih wurde auch den 
lüddeutschen Megierungen mitgeteilt (ogl. Die Cagebücher des Freiberrn R. o. Dalwigk, ed. 
W. Schühler, S. 373), offenbar zu dem Iweck, um diese r- „veranlagsen auch ibrerseits vor einer 
unitarischen Erweiterung der Kompeten; des Jollparlaments zu warnen, was denn auch von 
Heiten Hohenlohes (ogl. dessen Denkwürdigkeiten, I 303 9 — geschah. Bismarck mußte 
durch das Vorgeben Ereiberrn v. Beusts um so mehr befremdet werden, als es erst am 9. Mär? 
m dem Ablchluß eines Handels- und Solloertrages zwischen dem Deutschen Solloerein und Öfter- 
reich gekommen war, womit dieses doch eigenilich die Rechtmößigkeit der neuen Solloereins- 
daß Bismarch für an Person geneigt sein würde, Dänemark auch Düppel und Alsen m überlassen, aber 
bartnöckigen Widerstand von seiten Könt Wilhelms 1- I. finde. Berichte Benedettis vom 8. Sebruar und 
S. April, Les Origines Mirtomatiu pm K. 1538. Auch Moltke bätte nach einem Berichte 
Benedektis vom 18. April (u. a. C. W.I. 1? lich keineswegsintrqnsgentoerdaten
        <pb n="380" />
        366 überflüssigkeit der Beust'schen drohenden Warnung. 
verträge wwischen dem Norddeutschen Bunde und den süddeutschen Staaten anerkannt hatte. Wenn 
Bismarck gehofft hatte, daß aus dem Abschlusse des Joll- und Handelsvertrages mit Österreich, 
an dem diesem so viel gelegen gewesen war, sich vielleicht doch ein freundlicheres Verhältnis zu 
Olterreich entwickeln werde, so sah er sich jetzt auf das empfindlichste enttäuscht. Er verbarg dem 
Grafen Wimoffen (ogl. dessen Telegramme und Berichte vom 18. und 19. April, H. Oncken, 
a. a. O., II, 36l f.) leine Enttäuschung und seinen Unmut keineswegs. 
Berlin, den 21. April 1868. 
Der Kaijerlich Osterreichische Gesandte hat mich am 18. d. M. aufgesucht, um mir eine 
Depesche des Reichskanzlers vorzulesen, welche durch den bevorstehenden Zusammentritt 
des Sollparlaments veranlaßt worden. Da Graf Wimpffen nicht ermächtigt war, den 
Text in meinen Händen zu lassen, so kann ich Ew. pp. in folgendem von dem nhalt nur das 
wiedergeben, was mir, als die Hauptpunkte bildend, im Gedächtnis geblieben ist. 
Der Sreiherr von Beuft erwägt darin zunächst, ob die Konstituierung des Sollvereins 
in seiner neuen Sorm überhaupt mit der im Drager Srieden stipulierten unabhängigen 
Cxistenz der süddeutschen Staaten vereinbar sei. Die österreichische Regierung sei indes 
über diese Sweifel hinweggegangen und habe selbst mit dem Sollverein Berträge geschlossen, 
da sie sich babe überjeugen müssen, daß ohne diese Ausbildung der Organisation des Bereins 
seine Auflösung zu befürchten gewesen wäre. Um so mehr müsse das Wiener Kabinett 
aber auch erwarten, daß die Verhandlungen des Sollparlaments sich von der Basis, welche 
durch die materiellen Interessen als das einzige Substrat des Sollvereins gegeben, nicht 
entfernen würden. Bei einem Überschreiten der bierdurch getogenen Grenzen würde Sster- 
reich nicht gleichgültiger Suschauer bleiben können. Auch die übrigen europäischen Mächte 
verfolgten die Entwicklung der bevorstehenden Phase mit gespannter Aufmerkfamkeit, und 
ÖOlterreich rate im Interesse des Sriedens, daß die preußische Regierung jeder Ausschreitung 
entgegentreten mögen. Mit diesen Mahnungen verband sich eine wiederholte Anerkennung 
der Mãßigung und Surückhaltung, welche Preußen bisher in seinem Verhältnis m der 
Cntwicklung der Dinge in Süddeutschland beobachtet habe. 
Ich glaube in vorstehendem die Hauptelemente der Depesche richtig wiedergegeben zu 
haben. Ew. pp. werden danach begreifen, wie sehr diese Eröffnung mich überrascht und 
befremdet hat. 
Die von Preußen bisher bewiesene Aläßigung, die Kenntnis der Lage der Dinge in 
Süddeutschland und der Haltung der Regierungen, welchen gegenüber er uns doch unmöglich 
die Absicht einer Vergewaltigung zutrauen kann, hätten meines Erachtens eine solche 
Außerung im gegenwärtigen Augenblick mindestens als überflüssig erscheinen lassen sollen. 
Statt der durch diese Erwägung so nahe gelegten Surückhaltung hat Baron Boust seiner 
Cröffnung einen Charakter gegeben, den ich nach dem Sprachgebrauche, welcher zwischen 
europäüschen Mächten üblich ist, nur als den einer drohenden Warnung bezeichnen kann. 
Da mir an einem guten und freundschaftlichen Berhältnis zwischen unseren beiden Re- 
gierungen in der Cat mehr gelegen ist, als es nach diesem Vorgange bei dem Kaiserlichen 
Teichskanzler der Fall zu sein scheint, so würde ich diese unnötige Aussprache desselben am 
liebsten unbeantwortet gelassen haben, wenn ich nicht aus der Sassung der Dopesche und aus 
der bisherigen Hraxis des Freiherrn von Beust schließen müßte, daß dieses Schriftstück 
bestimmt sei, in einer künftigen offiziellen Veröffentlichung seine Stelle einzunehmen. Es 
2 Der Satz verdankt seine Gestalt der eigenbändigen Korrektur Bismarcks im ersten Konzept von 
Abekens Hand. «
        <pb n="381" />
        Das deutsche Nationalgefühl verträgt nicht fremde Einmischung. 367 
würde dann den Anschein gewinnen können, als ob der Norddeutsche Bund in der Haltung, 
welche er bei den Verhandlungen des Sollparlamentes einnehmen wird, nicht ausschließlich 
durch eigene freie Erwägung seiner Beziehungen zu den deutschen Südstaaten geleitet 
worden sei, sondern unter dem Einfluß und gewissermaßen dem Druck dieser österreichischen 
Warnung gehandelt hätte. Sch will nicht sagen, daß dies in der Absicht des Reichs- 
kanzlers gelegen habe, aber wenn die Leser eines künftigen Notbuchs diesen Eindruck 
empfingen, so würde der Kaiserliche Reichskanzler ihn vielleicht nicht ausreichend zu ent- 
kräftigen vermögen. Sch bedaure es deshalb, zur Erörterung von Gragen genötigt m sein, 
deren Bosprechung wir bisher im nteresse einer ruhigen Entwicklung derselben vermieden 
haben. 
Der Kaiserliche Herr Reichskanzler hegt Sweifel, ob die jetzige Verfassung des Soll- 
vereins mit den Bestimmungen des Prager Griedens verträglich sei. Er übersieht dabei, 
wie es scheint, eine der bedeutsamsten dieser Bestimmungen, nämlich die des Artikels 42, 
daß „die nationale Verbindung Süddeutschlands mit dem Norddeutschen Bunde der 
näheren Verständigung zwischen beiden vorbehalten ist“. Diese nationale Verbindung in 
der Weise anzubahnen, wie es uns und unseren Bundesgenossen angemessen erscheint, 
nehmen wir als unser zweifelloses Recht in Anspruch; und ebenso haben die füddeutschen 
Staaten das zweifellose Recht, von ihrer nationalen Unabhängigkeit den Gebrauch zu 
machen, der ihnen gut scheint. Es ist dies lediglich eine Frage zwischen den beiden Teilen 
selbst, in welche kein Dritter sich einzumischen das ARecht hat; vielmehr würde gerade das 
in jenem Artikel des Drager Griedens ausgesprochene Prinzip der Unabhängigkeit der 
süddeutschen Staaten durch solche Cinmischung beeinträchtigt werden. Sie zurüchzuweisen, 
ist eine Pflicht, die wir ebensowohl für unsere Verbündeten in Süddeutschland wie für 
unsere Bundesgenossen im Norddeutschen Bunde zu erfüllen haben. 
Ich habe schon in meinem, auch an Ew. pp. gerichteten und von Ew. pp. dem Greiberrn 
von Beuft vorgelesenen, seitdem auch öffentlich bektannt gewordenen Erlaß vom 7. Sep- 
tember v. J.“ bei Gelegenheit der Salzburger Susammenkunft der österreichischen und 
französischen Monarchen darauf aufmerksam gemacht, wie die damals hervorgetretenen 
Erscheinungen „von neuem gezeigt hätten, wie wenig das deutsche Aationalgefühl den Ge- 
danken ertrage, die Entwicklung der Angelegenheiten der deutschen Nation unter die Vor- 
mundschaft fremder Einmischung gestellt oder nach anderen Rücksichten geleitet zu sehen, als 
nach den durch die nationalen Interessen Deutschlands gebotenen“; und ich habe damals die 
auch vom Wiener Kabinett gegebene „bestimmte Verneinung jeder auf eine Einmischung in 
die inneren Angelegenheiten Deutschlands gerichteten Absicht mit lebhafter Genugtuung 
begrüßt“. Die damals ausgesprochenen Grundsätze sind noch heut die unfrigen, ulnd) wir 
balten uns in ihrer Vertretung der Zustimmung des deutschen Volkes versichert#. Der 
Norddeutsche Bund wird auch ferner „jedem Bedürfnisse der jsüddeutschen Regierungen 
nach Erweiterung und Befestigung der nationalen Beziehungen zwischen dem Süden und 
Vorden Deutschlands bereitwillig entgegenkommen“, wenn wir auch „die Bestimmung des 
Maßes, welches die gegenseitige Annäherung innezuhalten hat, jeder Zeit der freien Ent- 
schließung unserer süddeutschen Berbündeten überlossen“. 
* Der Eingang des Ablatzes eigenböndige Korrektur Bismarcks im ersten Konept. 
ↄ Siebe Mr. 855. 
Der Satz eigenhändiger Zusatz Bismarcks im ersten Komept.
        <pb n="382" />
        368 Beusts „leichtsinniges und frivoles“ Vorgehen. 
Diese Grundsätze und den Entschluß der Könliglichen] Reglierungl, im Namen der 
nationalen Unabhängigkeit des Südens wie des Dordens von Deutschland für sie ein- 
zustehen, wollen Ew. pp. in Beantwortung der neusten Eröffnung des Kaiserlichen Reichs- 
kanzlers nochmals kundgeben. Die Ausdrucksweise des letzteren in ähnlicher Sprache zu 
erwidern, verbindert mich das Bewußtsein der Verantwortlichkeit, welche jeder an der 
Spitze eines großen Landes stehenden Regierung für ihre Worte obliegte. 
öch ersuche Ew. pp. aber, indem Sie dem Greiherrn von Beuft unseren Standpunkt 
darlegen, das Befremden und das Bedauern, daß dies überhaupt nötig geworden, nicht zu 
verhehlen, und ermächtige Sie, diesen Erlaß auch dem Wortlaut nach durch Borlesen z 
leiner Kenntnis m bringen. 
*1145. Erlaß an den Gesandien in Wien 
Freiherrn von Werther. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.)] 
Vertraulich. Berlin, den 21. April 1868. 
öch füge dem Erlaß, durch welchen ich die Eröffnung des Grafen Wimpffen in betreff 
des Sollparlaments zu erwidern nötig gefunden habe, noch einige vertrauliche Worte bin- 
zu, um meinem Erstaunen über die leichtsinnige und frivole Weise Ausdruck zu geben, in 
welcher Baron Beuft seinem publizistischen Bedürfnis zu genügen gesucht hat. Da ich 
nicht glaube, daß es schon jetzt in seiner Absicht oder im Interesse Osterreichs liege, die Ber- 
bältnisse zwischen beiden Ländern zu verwickeln und gleichsam einen Bruch zu präludieren, 
so muß ich annehmen, daß er die Cragweite seines Schrittes und vor allem der Worte, in 
welche er denjelben eingekleidet hat, sich nicht vergegenwärtigt, sondern nur an den Ein- 
druck gedacht habe, welchen die Depesche in einem Künftigen Rotbuche machen würde. Er 
scheint sich selbst nicht klar gemacht zu haben, daß Worte so drohender Art jetzt, wo er an 
der Spitze eines großen Staates steht, eine ganz andere Bedeutung haben, als zu der Seit, 
wo er sächsischer Minister war. Ein österreichischer Minister hat meines Erachtens mehr 
und anderes zu tun, als die politische Schriftstellerei fortmusetzen, welcher ein Minister eines 
kleinen Staates sich ungestraft bingeben darf. Sch habe meinen Eindruck dem Grafen 
Wimpffen nicht verbehlt, ihm nach der Vorlefung der Depesche gesagt, daß ich es für sehr 
nützlich im Interesse der beiden Regierungen halten würde, wenn er die Depesche als nicht 
vorhanden bezeichnen dürfe; ich wolle 24 Stunden warten, ehe ich Seiner Majestät dem 
Könige davon spräche. Sch habe diese Frift innegehalten; er kam aber Tages darauf wieder 
und brachte mir ein Telegramm von Herrn von Beust, welches mir in den Beteuerungen 
der gänzlichen Abwesenhbeit eines drohenden Charakters zeigt, daß er den Eindruck nach Wien 
gemeldet, welches aber die Eröffnung selbst aufrechterbielt. 
Auch Sw. pp. bitte ich, in Ihren Außerungen über den Eindruck, den wir hier 
empfangen, nicht gerade allzu mrückhaltend m sein. Ew. pp. können dabei bemerken, daß 
* Der Eingang des Absatzes eigenböndige Korrektur Bismarchks im Aeinkonzeprt. !2½m“. 
1145.4 Siehe den Cert des Veustschen Celegrammes vom 19. April bei H. Onchen, Die Rbeinpolitik 
Kaiser Vapoltons III., 562. .
        <pb n="383" />
        Kriegerische Hintergedanken der französischen Regierung. 369 
wir nicht das Bedürfnis haben, diesen Schriftwechsel vor die Offentlichkeit zu bringen, 
daß aber jede Veröffentlichung über die österreichische Depesche selbstverständlich von uns 
beantwortet werden wird. 
1146. Erlaß an den Botschafter in Daris 
Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.)] 
Vertraulich. Berlin, den 23. April 1868. 
Sw. pp. gefälliger Bericht Ar. 107 vom 13. d. M.“ jeigt mir, daß auch Ew. pp. die 
Sefahr nicht verkennen, welche in den französischen Rüstungen liegt. 
In der Tat kann ich nicht umbin zu bemerken, daß seit meiner letzten Mitteilung die 
S#ymptome, welche auf kriegerische Hintergedanken des französischen Gouvernements 
schließen lassen, sich nicht vermindert, eher vermehrt haben. Es geben uns fortwährend 
Tachrichten über die Zunahme der Rüstungen und über die Heimlichkeiten zu, mit der die- 
lelben betrieben werden. So ist neuerdings mitgeteilt, daß die Ordre gegeben sei, drei 
Negimenter aus Algier wegzuziehen. Auch die allmählich und im stillen vor sich gehende 
Bewegung von Cruppen gegen die Ostgrenze wird in Nachrichten, die von sehr verschie- 
denen Seiten kommen, immer wieder behauptet; es wird binzugefügt, daß auch ungeheure 
Vorräte an Drovisionen etappenweise auf allen Routen, auf denen Cruppen von West nach 
Ost geführt werden können, echelonniert seien. Zwischen Lille—Straßburg sollen 50 ooo 
Mann untergebracht sein. Die Anordnung des ersten Lagers in Chälons am 1. Mai und 
des zweiten für den Juli (wobei die Hinführung der Truppen auf Cisenbahn bereits 
angeordnet sein soll), und die Ubertragung des Oberbefehls an vier Adjutanten des Kaisers, 
welche direkt und geheim mit ihm kommunizieren, wird ebenfalls in Verbindung mit weiter- 
gehenden Plänen gebracht; und die Surückziehung eines Teils der Cruppen vom Pänpft- 
lichen Gebiet wird mehr im Sinne einer Verstärkung der französischen aktiven Armee als 
im Sinne einer Verminderung der römischen Okkupations-Armee ausgelegt. Es wird 
bestimmt behauptet, daß das erste Armeekorps (Paris) und das vierte (Lyon) sowie die 
Kaiserlichen Garden vollkommen marschfertig seien. Der effektive Pferdebestand soll sich 
auf 90 000 belaufen, wozu in wenigen Tagen 15 000 auf das Land ausgegebene kommen 
würden. 
Diese uns auf verschiedenen, diplomatischen und kommerzjiellen Wegen zugehenden 
Mitteilungen und Warnungen zjeigen wenigstens, wie die allgemeine Beunruhigung im 
Wachsen ist. Mit einer fast auffallenden Einstimmigkeit wird von allen Seiten der Monat 
Juli als derjenige bezeichnet, in welchem die Rüstungen abgeschlossen sein würden. Dah der 
Krieg bei dem Kaiser Napoleon eine beschlossene Sache sei, wird freilich auch unter diesen 
Voraussetzungen nicht angenommen; aber diplomatische wie militärische Beobachter 
stimmen doch darin überein, daß alles darauf hindeute, er wolle sich in die Lage setzen, 
plötzlich und mit der allerKkürzesten augenblicklichen Vorbereitung Krieg machen zu können, 
um entweder einem unvorbereiteten Feinde seine Bedingungen zu diktieren oder uns ge- 
radem zu überfallen. 
— — 
1 Vgl. Ar. 1140, Vorbemerkung. 
Va
        <pb n="384" />
        370 Bedenkliche Sumptome: Raaslöffs Pariser Reise, Hannoversche Legion. 
Daß alles dies der ernstesten Aufmerksamkeit und Erwägung wert ist, läßt sich nicht 
leugnen. Wenn einmal ein golcher Gedanke lange gebegt und innerlich ausgebildet ist, 
äußerlich aber alle Mittel zusammengebracht sind, um ihn ausführen zu können, so wird 
die Möglich keit der Ausführung selbst leicht eine Bersuchung zur Wirtlichteit 
— eine Versuchung, welcher man in Frankreich am wenigsten widersteht, und welcher nach- 
zugeben der Kaiser sehr leicht durch eine selbst vorübergehende oder scheinbare Mötigung aus 
den inneren Zuständen des Landes bestimmt werden kann. 
Daß man auch in England nicht ohne Besorgnis vor plötzlichen Entschlüssen des Kaisers 
ist, hbaben Ew. pp. aus dem Shbnen neulich mitgeteilten Bericht des Grafen Bernstorff- 
ersehen. Ich kann heut binzufügen, daß nach ganz vertraulich und mit der Bitte um Ge- 
beimhaltung namentlich gegen englische Diplomaten mir zugekommenen Motizen diese Be- 
sorgnisse in der Tat auf Berichten der englischen Botschaft in Paris? beruhen, bei welcher 
diese Anschauung ganz geteilt zu werden scheint. 
Die Zeitungen haben sich besonders viel mit der Reise des dänischen Kriegsministers 
Naaslöff beschäftigt. Daß die Königlich Dänische Regierung jedes politische Motio mit 
großer Beflissenheit ableugnete, habe ich Ew. pp. bereits mitgeteilt“. Dies ist seitdem von 
neuem mit der ausdrüchklichen Bemerkung wiederholt worden, daß Herr Naaslöff den 
Kaiser Rapoleon gar nicht gesehen habe. Von anderer Seite wird uns dagegen mit eben- 
sogroßer Bestimmtheit versichert, daß er vom Kaiser empfangen worden sei. Die anliegende 
Abschrift einer von dem Königlichen Unterstaatssekretär darüber aufgesetzten Motiz wird 
Ew. pp. das Aähere geben, und ich bitte Sie nur, die Quelle, aus der sie stammt, mit 
Diskretion zu behandeln. Ob die Nachricht richtig ist, werden Ew. pp. dort vielleicht in 
Erfahrung bringen können. Jedenfalls haben wir der dänischen Aufrichtigkeit m trauen 
ebenfalls keine Veranlassung. Durch amtliche Berichte, die mir aus Hannover zugehen, 
wird konstatiert, daß sechs dänische Offiziere in ZSiviltracht dort, von Hamburg kommend, 
nach Paris durchgereist sind, und daß sie auf den Bahnhöfen sich nach Mißvergnügten er- 
kundigt und gegen solche die Suversicht ausgesprochen haben, daß es bald anders werde. 
Ein anderes ZSeugnis für den Wert der offiziellen Versicherungen des Kaiserlichen 
Ministers legt die Angelegenheit der hannöverschen Legion ab. 
Daß die Versprechungen einer vollständigen Auflösung der Organisation und Crennung 
der Offiziere und Unteroffiziere von den Gemeinen bis jetzt nicht durchgeführt worden, 
sind Ew. pp. selbst in der Lage gewesen, dem Warquis de Moustier entgegengehaltene. 
Schon früher mußte ich es als wenig glaubhaft bezeichnen, daß die französische Regierung 
von dem Übertritt der Legionäre aus der Schweiz auf ihr Gebiet so überrascht werde, wie 
sie es zu sein angab; und der Behauptung des Marquis de Moustier: daß vorber keine 
2 Vgl. Ar. 1127, Vorbemerkung. 
* Zu den Berichten vom 31. März (ogl. Ar. 1127, Vorbemerhunqh waren inzwischen noch weitere 
vom 7. April (H. Oncken, Die Aiheinpeliel Keiler Napoleons III., II, 552) getreten. In dem Bericht 
des onglischen Militärbevollmöchtigten von diesem Cage bieß es u. a.: A General Officer. always well 
Informed. said. that at the War Department they spoke of war with the utmost certainty and 
confience and named the month of luly as the perlod at which lt would rrobeble break out.“ 
* Vgl. dazu den vom kntensteet Petretr v. Thile gezeichneten Erlah an Hraß# d. Goltz vom 1 1. April, 
Bismarch eund die Nordschleswigsche Srage 1864 bis 1879, 5. 282. Daselbst eine eihe weiterer Schriftstücke 
über die Raaslöffsche Aeise. 
« Siebe die Ausjeichnung v. Thiles vom 20. April in: Bismarck und die Nordschleswigsche Grage, 
" Dgl. Ar. E Vorbemerkung.
        <pb n="385" />
        reuhen braucht einen franzölischen Anfall nicht zu fürchten. Die preußischen Reduktionen. 371 
Anfrage gescheben sei, tritt nun in einem offiziellen schweizerischen Berichte die Angabe 
eines der Führer der Legion jelbst entgegen. Das „Journal de Genève“ veröffentlicht näm- 
lich in seinen Mummern vom 16. und 17. d. M. den offijiellen Bericht der Regierung zu 
Basel an die schweijerische ZSentralbehörde; darin beißt es: „Nach Vorzeigung der öster- 
reichischen Pässe (der Legionäre) hatten wir dieselben entgegengenommen und für die ganze 
Dauer ihrer Gültigkeit die Berechtigung zum Aufenthalt mgestanden, als Herr von Hart- 
wig uns am 23. Januar unerwartet erklärte, daß alle Hannoveraner die Schweiz verlassen 
und sich nach dem Elsaß infolge eines vom französischen Gouvernement gemachten 
Anerbietens, ihnen in Grankreich gastfreie Aufnahme zu gewähren, begeben würden.“ 
Es ist schwer, nach solchen Erfahrungen das ganze, scheinbar so entgegenkommende 
Verfahren der französischen Regierung in betreff der hannöverschen Legion nicht als eine 
Komödie anzusehen und danach das Vertrauen zu bemessen, welches überhaupt ihrer fried- 
lichen Sprache zu gewähren ist. Daß wir danach nicht umbin können, das tiefe Mißtrauen 
in die Absichten des Kaisers, welches sich mehr und mehr kundgibt, als berechtigt zu er- 
kennen und es zu teilen, werden Ew. pp. begreiflich finden. 
Wir werden uns dadurch in der Richtung, die wir unserer olitik in den deutschen 
Angelegenheiten vorgezeichnet haben, nicht irremachen lassen. Wir werden auch durch die 
angeführten Symptome nicht beunrubigt; denn selbst wenn der Kaiser einen unerwarteten 
Überfall beabsichtigen sollte, so dürfen wir nach der Meinung unserer militärischen Autori- 
1äten und nach menschlicher Berechnung hoffen, ihn mit Überlegenheit mrückweisen zu 
önnen. 
Daß eine ernstliche Beunruhigung bei uns nicht stattfindet, zeigen auch die für den 
Mai in unserer Armee beabsichtigten Reduktionen, über welche ich Ew. pp. bereits 
telegraphisch Mitteilung gemacht habe'. Der französischen Regierung aber irgendeine 
Kommunikation darüber zu machen, kann ich nicht für angemessen erachten; es würde dies 
einmal von unserer Seite zu absichtlich erscheinen und andererseits uns gewissermaßen binden 
und, wenn es vielleicht durch scheinbar entsprechende Maßregeln ohne wirklichen Wert 
beantwortet würde, uns nachher jede Wiedereinberufung erschweren. Sch siehe daher vor, 
die Sache vorerst aus den militärischen Kreisen in der Presse bekannt werden zu lassen. 
1147. Erlaß an den Botschafter in Daris 
Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher. 
Berlin, den 23. April 1868. 
Die Sührer und die Blätter der Partei, welche sich in Stuttgart die demokratigche 
nennt, baben seit Anfang dieses Jahres kein Geheimnis gemacht aus ihrer Solidarität mit 
den sozialistisch republikanischen Bestrebungen in der Schweiz; und bei der jüngsten Arbeiter- 
bewegung in Genf hat sich ergeben, daß das dortige Komitee von den Londoner Kommunisten 
dirigiert wird. Wir baben aber auch beachtenswerte Fingerzeige darüber, daß die repu- 
blikanische Partei in Württemberg noch direktere und intimere Bejiehungen als zu Genf 
7 Siehe Nr. 1142, 1143.
        <pb n="386" />
        372 Republikanische Cendenzen in Württemberg. Beust auf dem Milckzuge. 
und London zu den französischen Republikanern unterhält oder, wie es vielleicht richtiger 
auszudrückten wäre, diese zu ihr unterbalten. Dieselben werden u. a. vermittelt durch 
M. NAogeard, den Verfasser der ihrer Zeit viel besprochenen „Propos de Labienus“, der 
sich zu dem Sweck gelegentlich auf längere Seit in Stuttgart aufhält. Eine so natürliche 
Aroziation würde ich gegen Ew. pp. zu erwähnen keine Veranlassung gefunden haben. Sehr 
bemerkenswert aber ist die Tatsache, daß Beamte der Kaiserlichen Regierung den republi- 
kanischen Bestrebungen in Württemberg und wo sie sonst in Deutschland einen geeigneten 
Boden für dergleichen Bestrebungen sehen, Beifall und Aufmunterung zuteil werden lassen. 
VNamen zu nennen muß ich Anstand nehmen, um die Quellen nicht zu kompromittieren, aber 
die Sache ist außer Sweifel:. 
Ich glaube nicht, daß es sich empfiehlt, der Kaiserlichen Regierung diese unsere Wahr- 
nehmungen mitzuteilen, und gebe sie nur zu Ew. pp. perfönlicher Information. Man wird 
in Paris wissen, wie weit republikanische Sympathien in der Bürokratie und einem Teile 
des Heeres verbreitet sind. Erführe man, daß auch wir davon wissen, so würde das Gefühl 
von Verlegenheit gesteigert und der Gedanke einer kriegerischen Ableitung, die wir doch 
abzwenden suchen, noch näher gelegt werden. 
41148. Telegramm an den Gesandten in Wien 
Freiherrn von Werther. 
[Cigenhändiges Konzept.) 
April hatte Freiherr v. Werther dem erbaltenen Auftrage gemäß dem öster- 
Frichnen sx-t- Bismarcks geharnischten Erlaß vom 21. (siehe Nr. 1144) vorgelesen. 
Freiberr v. Beust war natürlich durch den von Bismarck angeschlagenen kräftigen Ton, 
insbesondere auch durch den Vorhalt, daß der österreichische Vorsto oß wegen des Sollparlaments 
„unnötig“ gewesen sei, empfindlich berübrt. Die Absicht einer Drohung stellte Beust dur 
aus in Abrede. Da Bismarcks energische Sprache nach Werthers Weldung ihren Sweck erfüllt 
batte, konnte er sleinen Ton nun wieder mäßhigen. 
Berlin, den 23. April 1868. 
Vr. 23 erhalten. Ew. pp. wollen Blarson Beuft durchblickten lassen, daß die Depesche 
vom 21. lediglich bestimmt ist, als Gegenstück der seinigen bei deren etwaiger Veröffent- 
lichung zu dienen. Eine felbständige Bedeutung lege ich ihr nicht bei. 
1140. Erlaß an den Beotschafter in Paris 
Grafen von der Goltz. 
Konzszept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken. 
VBertraulich. Berlin, den 24. April 1868. 
Aus Sw. pp. gefälligem Bericht Tr. 118 vom 21. d. M. ersehe ich mit Befriedigung, 
daß auch Sie die hauptsächliche Wirkung der beabsichtigten Reduktionsmaßregeln in 
unjerer Armee: im wesentlichen von ihrem Bekanntwerden durch die diesseitige Dresse, wie 
es sich aus der Natur der Sache von selbst ergeben wird, erwarten. Sch bin daher mit 
1 Tgl. Nr. 1129. 
114 Vgl. Ar. 1142, 1743.
        <pb n="387" />
        Die preuhischen Reduktionen. Baden und Bundesllauidationskommission. 373 
öhrer Absicht, die Sache dort gar nicht Jelbst anzuregen, weder in der Presse noch gegen- 
über der Regierung, sondern den Vachrichten, die von hier kommen, ihren Lauf zu lassen, 
einverstanden. Wenn der Marquis de Moustier Ew. pp. darüber befragen sollte, so wollen 
Ew. pp., wie ich es den hbiesigen Diplomaten gegenüber tue, die ARichtigkeit der Tatsache 
nicht in Abrede stellen, über die Gründe sich aber nicht weiter auslassen, als daß Sie die 
nabeliegende Rücksicht, jede unnötige Ausgabe zu vermeiden, bervorheben. Die König- 
liche Regierung habe eben im Vertrauen auf die friedliche Lage der Dinge und die Ab- 
wesenbeit jeder brennenden Frage geglaubt, mit solchen erleichternden Mahregeln vorgehen 
zu können:. 
Was den Betrag der Neduktionen betrifft, über welche Ew. pp. unterrichtet m sein 
wünschen, so kann ich für den Augenblickl nur jgagen, daß für jetzt die Beurlaubung von 
10 bis 12 000 Mann aller Waffen in Aussicht genommen ist. Ich bitte Ew. pp. indes, bei 
etwaigen Außerungen gegen den Kaiserlichen Minister keine Siffern zu nennen, sondern nur 
die Beurlaubungen im allgemeinen als erbeblich zu bezeichnen. Aäheres für Ew. pp. per- 
sönliche Information mitzuteilen, muß ich mir vorbehalten. 
*1150. Erlaß an den Geschäftsträger in Karlêruhe 
von Neumann. 
l[Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Bucher.) 
Vach einem Bericht Meumanns vom I7. April batte der badische Minister Freihert 
v. Freydorf aus München die Mitteilung erhalten, dah das dortige Kabinett die Absicht babe, 
die Wiedereinberufung der Bundesliquidationskommission zu beantragen, die auf Grund des 
Prager Sriedens schon im Oktober 1866 in Frankfurt a. M. jusammengetreten war, um die 
Auseinandersetzung über das Bundeseigentum durchzuführen, sich jedoch om 31. Juli 1867 nach 
rechnerischer Feststellung der gegenseitigen Ansprüche vertagt batte, ohne an die tatsächliche 
Auseinandersetzung beranzugehen. Bgl. über diese frühere Phase der Cätigkeit der Kommission: 
Lebenserinnerungen von NRobert d. Mohl I799 bis 1875, II, 278 ff.; Denkwürdigkeiten Hoben- 
lobes, I, 310, Anm.; ferner die Publikkation: „Drotokolle der Liquidations-Commission mu 
Frankfurt a. M. vom Jahre 1866 und 1867, Sitzung 1—45“. Bapyerns Absicht ging, wie 
Ireudorf dem preußischen Gesandten mitteilte, dahin, aus der Liquidationskommission einen 
Militärausschuß hervorgehen zu lassen, der namentlich die Verteidigung Süddeutschlands ins 
Auge kasse und dafür Sorge trage, daß die süddeutschen Staaten in die Lage versetzt würden, 
ihre durch die Allianwerträge mit Dreußen eingegangenen militärischen Pflichten zu erfüllen. 
Die badische Regierung, die ja ihren Wunsch nach dem Ablchluß einer möglichst engen Militär- 
konvention mit Preußen schon 1867 ungern um der ARücksicht auf Bayern willen binaus- 
geschoben gesehen hatte (ogl. dam: Die Gesammelten Werke, VI. 388, Anm. 3), Jjah nach den 
Auherungen Sre#dorfs einem solchen Ausschuß, der sie enger an die übrigen süddeutschen 
Staaten statt an Preußen knüpfen muhte, mit gemischten Empfindungen entgegen und wünfchte 
um so mebr, auch Preußen in dem Ausschuß vertreten m leben. Edenso bestand in Baden 
der Wunsch nach einem weiteren Austausch badischer und preuhischer Offiziere, um so die 
Jusammengehörigkeit Badens und Preußens an einem neuen Beispiel dokumentiert zu jeben. 
Berlin, den 24. April 1868. 
Über die in dem Bericht vom 17. d. M. behandelten Gegenstände wollen Ew. pp. sich 
beziehungsweise gegen Herrn von Freydorf und den General von Beper gefälligst dahin 
aussprechen: 
Zu der ausgezeichneten Wirkung, die die preuhische Mahregel in Paris batte, vol. den - 
Marquis de Moustiers an den Votschafter in London Fürsten * Tour d’'Auvergne vom 4. MWoi# 
„Nous y voyons volontiers, toutefols, le témoignage de disposltions analogues à celles due nous avons 
si scuvent manikestées nous-memes, et il ne dépendra pas de nous que le Uouvernement prussien 
ne F’attache, de son Cöté. à affermir la sltuation actuelle. à apalser de plus en plus les defiances, 
et à rassurer Topinlon, d’autant plus prompte à Falarmer du’elle desire plus ardemment la palz 
et la tranquillite.“. Les Origines Diplomatlaues, XAXI. 240.
        <pb n="388" />
        374 Siiddeutscher Militärausschuß. Franjösische Komödie in Sachen Welfenlegion. 
Dem Antrage Bayerns, die Bundesliquidations! ission wieder einzuberufen, 
können wir nichts entgegensetzen, und der Gedanke, aus dieser Kommission einen Militär- 
ausschuß bervorgeben zu lassen, ist uns nach Swecke und Form zusagend. Der Form nach 
um deswillen, weil sie die Beteiligung Preußens an dem beabsichtigten süddeutschen Militär- 
ausschusse in der unauffälligsten Sorm einleitet; dem Zwecke nach, weil ein solcher Ausschuß 
die Übereinstimmung der Institutionen nicht nur unter den süddeutschen Armeen unter sich, 
sondern auch zwischen diesen und dem Heere des NDorddeutschen Bundes fördern würde, und 
zwar in der möglichst unscheinbaren Weise. 
Auf die Militärkonvention mit Baden zurückzukommen, ist der Augenblick nicht günstig. 
Dagegen habe ich es angelegentlich und, wie ich glaube, mit Erfolg bei Seiner Majestät dem 
König befürwortet, noch mehreren preußischen Offizieren den Eintritt in das badische Korps 
zu gestatten und dagegen badische Offiziere in die preußische Armee m übernehmen. 
1151. Erlaß an den Beoischafter in Paris 
Grafen von der Goltz. 
Kontept von der Hand des Vortragenden Vats Abeken. 
Berlin, den 24. April 1868. 
Nach Ew. pp. gefälligem Bericht Mr. 115 vom 21. d. M. ist die Mitteilung von Listen 
der hannöverschen Legionäre nunmehr in nächster Seit zu erwarten, die Maßregel der 
Trennung der Offiziere aber noch immer „in der Ausführung begriffen“, nachdem sie vor 
beinahe drei Monaten versprochen wordenl 
öch kann diese sich wiederholenden Sögerungen und Ausflüchte nur als eine Komödie 
und eine fortgesetzte Reihe von Unwahrhaftigkeiten ansehen, welche die Abnormität ver- 
decken gollen, daß seit Monaten eine aus preußischen Untertanen gegen uns geworbene, 
förmlich militärisch organisierte, von einem Prätendenten bezahlte und von seinen Offizieren 
und Unteroffizieren befehligte Truppe auf französischem Boden steht. Daß diese Erschei- 
nung mit den Gesetzen Srankreichs auch nur in Einklang zu bringen sei, wird bier stets 
unglaublich bleiben, noch mehr aber, daß diese Gesetze es nicht gestatten sollten, ihr in einem 
Seitraume von drei Monaten wirksam abzubelfen, wenn irgend welcher guter Wille dam 
vorhanden wäre. 
1132. Telegramm an den Gesandten in Kom von Arnim. 
I/Kontept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken.] 
Auf Bismarcks großen Erlaß vom 12. April (siebe Ar. 1130), der eine mähigende Ein- 
wirkung der Kurie auf die antipreußische Propaganda der kklerikalen Parteien besonders in 
Süddeutschland bezweckte, hatte Arnim am 21. mit der Anregung geantwortet, den Kron- 
primen gricdgich Wilhelm, dder ja gerade * den Vermäblungsfeierlichkeiten in Turin teil 
nahm (ogl. Ar. 1131), von d nach Nom mit der Mission zu entsenden, mit dem Papst „in 
eingebender und kol egialer W die Ass zu besprechen, die in jenem Erlahß erörtert 
waren. 
Berlin, den 26. April 1868. 
Ew. pp. chiffrierten Bericht wegen Reise des Kronprinzen erhalten. Die Sache ist 
bier schon zur Sprache gekommen; ich bin aber dabei auf eine so entschiedene Abneigung des 
1 Der letzte Satz eigenhändiger Zusatz Bismarcks.
        <pb n="389" />
        Bedenken gegen russischen Schiedsspruch in Nordschleswigscher Frage. 375 
Kronprinzen gestoßen, daß ich befürchten muß, selbst wenn der Prinz auf Befehl Seiner 
Mojestät des Königs nach Rom ginge, würde der eigentliche Sweck verfehlt werden. Sch 
bitte Ew. pp. daber, amtlich nicht darauf zurückzukommen. 
1153. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Prinzen Reuß. 
Konjept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Seheim. Berlin, den 26. April 1868. 
Auf Ew. pp. gefällige Berichte vom 17. und 20. d. M. (Ar. 68 und 69) und den 
darin erwähnten Immediatbericht des Obersten von Schweinitz vom 17., betreffend die 
NAordschleswigsche Angelegenbeit:, habe ich nach Vortrag bei Seiner Majestät dem Könige, 
Ew. pp. folgendes ergebenst mitzuteilen: 
Wir haben das vollste Vertrauen zu der Logalität, mit welcher der Kaiser das Schieds- 
richteramt persönlich üben würde. Aber die öffentliche Meinung in Deutschland, mit der 
wir zu rechnen haben, würde es nicht richtig auffassen, wenn auf diesem Wege die Grage 
ausgetragen würde. Die freundschaftlichen Gesinnungen des Kaisers, seine Gerechtigkeits- 
liebe, alle seine edlen Charaktereigenschaften sind dem Publikkum zwar bekannt, aber doch 
nicht in dem Maße bekannt wie Seiner Majestät dem Könige. Das Publikum hat sich 
außerdem gewöhnt, von der Perjönlichkeit des Herrschers zu abstrahieren und nur die Ver- 
hältnisse ins Auge zu fassen, und sieht Rußland nicht wie es ist, sondern wie es in der Presse 
erscheint. Daß die Vorstellungen und Urteile, die dieses Bild erzeugt, leider nicht immer 
die richtigen sind, daß wir oft genötigt sind, falschen oder übelwollenden Auffassungen unseres 
Bündnisses mit Rußland entgegenzutreten, ist bekannt; ich darf an meine eigenen Be- 
mühungen und Kämpfe im Abgeordnetenhause und im Neichstage erinnern. Schon den Akt 
der Übertragung des Schiedsspruchs an den Kaiser von Rußland würde man der NRegierung 
verdenken, weil man den Keim von Gefahren darin sehen würde, und von um so größeren, 
je unklarer die Vorstellungen davon. Der Schiedsspruch selbst müßte Preußen doch not- 
wendig irgendein Opfer auferlegen, während er das Verlangen der Dänen einesfalls ganz 
erfüllen würde. Er würde Seiner Majestät dem Kaiser in Dänemark keinen vollen und in 
Deutschland gar keinen Dank eintragen. Bei uns würde man denselben auffassen lediglich 
als eine Verminderung preußisch-deutschen Besitzstandes, und wie billig er auch sein möchte, 
alle, die seit dreißig Jahren jeden Anspruch Dänemarks auf Schleswig bekämpft haben, die 
ganze liberale Partei, die nichts abgetreten haben will, sie würden den Kaiser für seinen 
Spruch als für ein ihnen uugefügtes Übel verantwortlich machen, und um so leidenschaftlicher, 
je größer die Abtretung ausfiele. Unser ganzes Berhältnis zu Rußland würde in diesem 
Sinne der Kritik unterzogen werden, und die in der öffentlichen Meinung mühsam erreichte 
günstigere Beurteilung desselben würde wesentlich wieder beeinträchtigt werdens. Der vor- 
geschlagene Weg erscheint mir daher im gemeinsamen nteresse nicht als der richtige. 
Es fragt sich aber, ob nicht der Kaiser in einer Weise, die weniger erkennbar wäre, ihn 
weniger vor der öffentlichen Meinung für das Ergebnis verantwortlich machte, die ##ischen 
1 Siebe die fraglichen Berschte in: Bismarck und die Nordschleswigsche Frage, S. 283 ff. 
» Der letzte Satz berubt auf eigenhändiger Korrekktur Bismarcks.
        <pb n="390" />
        376 Stand der Verhandlungen mit Dänemark über Artikel V. 
uns und Dänemark schwebenden Verhandlungen zu erleichtern vermöchte. In diesem Ge- 
danken beehre ich mich, Ew. pp. um Sweck geeigneter Besprechung vertraulich mitzuteilen, 
wie diese Verhandlungen in der Hauptsache gegenwärtig stehens. Bisher ist weder eine 
Forderung dänischer-, noch ein Angebot unsererseits definitiv ausgesprochen worden. Aur 
die negative Andeutung ist gemacht worden, daß wir Alsen, das Sundewitt und die Herr- 
schaft über die Meerenge von Sonderburg keinenfalls aufgeben könnten, und zwar aus 
militärischen Gründen; wir wollten nicht in die Lage kommen, Düppel vielleicht noch einmal 
belagern zu müssen. Diesen Satz haben wir jederzeit seit 1864 in vertraulichen Be- 
sprechungen mit dänischen und französischen Agenten schon vor 1866, wie in öffentlichen Aus- 
sprachen amtlicher Aatur unbedingt festgehalten; und es wäre eine Sälschung des Prager 
Griedens, wenn man annehmen wollte, daß auch nur die Möglichkeit einer Susage, die auf 
die oben bezeichneten Positionen ginge, einem der kontrabierenden Teile damals hätte vor- 
schweben können. Es ist mir sogar von französischer Seite in ARikolsburg zu verstehen ge- 
geben worden, daß eine sehr geringe Abtretung, die nur die Bedeutung babe, daß der 
Kaiser Rapoleon sich der dänischen Wünsche erinnert bätte, für den von Grankreich beab- 
sichtigten Zweck genüigen werde. Auch würde der Wortlaut des Prager Friedens seine Er- 
füllung finden, wenn wir unter dem Ausdruck „die nördlichen Distrikte von Schleswig“ nur 
sehr kleine Distrikte, etwa einige Gemeinden, verstehen. Die Dänen legen den Artikel 
allerdings anders aus; und wenn ihre Wünsche auch nicht präzisiert sind, so ist doch erkenn- 
bar, daß dieselben sich Jogar über Slensburg hinaus in Landesteile erstrecken, in denen nicht 
nur die oberen und mittleren Schichten der Bevölkerung, sondern selbst die Mojorität der 
Kopfzjahl, auch in den untersten Ständen, deutsch ist. Wir haben niemals die Absicht haben 
können, für Deutschland im Jahre 1866 sogar noch ungünstigere Bedingungen anzunehmen 
als auf der Londoner Conferen; von 1864“. Daß wir, wenn wir auf diese übertriebenen 
Anusprüche eingingen, dadurch das Ergebnis erreichen würden, was die dänischen Unter- 
händler uns wiederholt in Aussicht gestellt haben, das heißt ein aufrichtiges Verhältnis, 
sogar ein Bündnis mit Dänemark, das kann bei dem künstlich ausgebildeten Aationalhaß 
in Dänemark und dem Mangel an Widerstandskraft gegen populäre Strömungen, den die 
Kopenbagener Negierung gejeigt hat, kaum Segenstand einer Wahrscheinlichkeitsrech- 
nung sein. Haben doch die dänischen Ofiziere, welche zu Ostern nach GSrankreich gingen, 
sich nicht enthalten, auf der Durchreise in Hannover nach Mißvergnügten auszuschauen und 
den Trost zu spenden, daß es bald anders werden solle'! Für uns liegt die Schwierigkeit der 
Situation nicht in dem Abtreten einer dänischen Bevölkerung, sondern in jedem Ab- 
treten deutscher Bevölkerung; und unglücklicherweise ist die Mischung beider Nationali- 
täten eine solche, daß es fast unmöglich ist, eine Grenze zu ziehen, die sie schiede. Aament- 
lich sind die Hauptorte des nördlichen Schleswig, Hadersleben und Christiansfeld, in ihrer 
ganzen angesessenen Bevölkerung durchaus deutsch. Es kommt dazu, dah selbst ein Teil der 
dänischen Bevölkerung, wenn auch die Minorität derselben sich noch in dem alten, früher 
ganz allgemeinen Gegensatz des Schleswigers gegen das Königreich fühlt und daher der 
Trennung vom Süden des Herzogtums widerstrebt. 
Wir haben verschiedene Auskunftsmittel versucht, um über diese Schwierigkeit hinweg- 
zukommen. Wir haben 3. B. den Gedanken angeregt, die Gemeinde Hadersleben dergestalt 
— Val. auch Ar. 1141, Vorbemerkung. 
* Der *- gorrbönsioer Zusatz Bismarcks. 
* Vgl. S. 3
        <pb n="391" />
        Notwendigkeit dänischer Garantien. Preuhisches Angebot an Dänemark. 377 
m enklavieren, daß sie deutsch bliebe mit einem gewissen Bejzirke, auch wenn das umgebende 
platte Land für den Anschluß an Dänemark stimmen sollte. Als einen anderen Modus 
haben wir versurht, für die deutsche Bevölkerung, die etwa unter dänische Herrschaft über- 
geben würde, gewisse Garantien zu erlangen, welche die frühere Bedrückung der Deutschen, 
die Ursache des feindseligen Berbältnisses (ich erinnere an die Tillichsche Regierung), not- 
wendig macht. Wie unentbehrlich diefelben sind, beweist der Umstand, daß schon jetzt die 
dänischen Blätter die deutschen Cinwohner der Vorddistricte mit der Rache für ihre An- 
hänglichkeit an Deutschland für den Sall der Wiedervereinigung mit Dänemark öffentlich 
bedrohen. Die Klagen, welche bei der Verwirklichung dieser Drohungen die Presse Deutsch- 
lands erfüllen würden, würden gleichzeitig Anklagen gegen uns ulnd] neue Gefahren für 
den Grieden beider Länder enthalten“. Lange Verhandlungen darüber haben keine Einigung 
ersielt, weil sie sich in dem vitiösen Zirkel bewegten, daß wir den Umfang der zur Ab- 
stimmung zu verstattenden Distrikte von dem Maße der den Deutschen zu gewährenden 
Garantien, die Dänen hinwieder das Maß der Garantien von dem Umfange der Distrikte, 
in welchen die Abstimmung erfolgen solle, abhängig machten. 
Die Verantwortlichkeit dafür, daß die Verhandlungen sich so verfangen haben, trifft 
die Dänen. Denn während wir die Rechtfertigung haben, daß eine geringere deutsche Be- 
völkerung mit geringeren Garantien leichter ihren Wohnsitz ändern könnte, suchen die 
Dänen mit einem Angebot größerer Garantien für eine größere deutsche Bevölkerung nur 
die Situation möglichst vorteilhaft auszubeuten. Wir dürfen daber, um einen Ausweg zu 
eröffnen, den Kreis durchbrechen mit der Frage: weshalb sollte Dänemark dieselben 
Garantien für die Deutschen, die es bei einer um etwa 50 ooo Einwohner südlicheren Grenze 
tunlich findet, nicht auch für eine geringere Bevölkerung zusagen können, welche durch eine 
nördlichere Linie abgetrennt würde? Will oder kann die dänische NRegierung gar keine 
Garantien für die Deutschen geben, so beschränkt sich die Wöglichkeit einer Abtretung auf 
diejenigen Teile, wo die Deutschen, ohne deutsche K inrichtungen, sich in geringerer 
Anzabl befinden. Sch habe auch dem dänischen Bevollmächtigten einmal ganz vertraulich 
das Anerbieten gemacht, einen Landstrich abzutreten, bei dem diese Voraussetzungen zm- 
treffen, und der ungefähr dem Bezirk entspricht, der in einer älteren mebr kirchlichen 
Einteilung den Namen Törning-Lehn geführt hat, aber heute zu strikter politischer Ab- 
grenzung einer näheren Geststellung bedürfen wiirde. Der Bevollmächtigte war indessen 
nicht vorbereitet, darauf einzugehen. Es ist nicht abzusehen, was die Dänen abhalten gollte, 
m nehmen, was sie ohne irgend welche Verpflichtungen bekommen können; eine juriftische 
Berechtigung ist ihnen aus dem Prager Srieden nicht erwachsen, und unsere moralische 
Verbindlichkeit aus demselben gegen sie, wie unsere juristische Berpflichtung gegen Otterreich 
könnten wir mit weniger lösen. 
Sw. pp. gebe ich ergebenst anheim, auf dem Wege, auf dem Ihnen der Gedanke einer 
russischen Bermittelung entgegengebracht ust, vorsichtig zu sondieren, ob der Kaiser geneigt 
sein würde, dem Könige von Dänemark das Eingeben auf diesen Ausweg zu empfeblen. 
Jede Verbandlung, bei der wir den Artikel V des Drager Sriedens über seinen Buchstaben 
binaus interpretierten, müßte zur Bedingung haben, daß Dänemark jeder Koalition gegen 
Die beiden letzten Sätze eigenhändiger Zusatz Bismarrks.
        <pb n="392" />
        378 Unterredung mit Benedetti, 23. April: Kriegsgefahr? 
uns entsagte. Seine Majestät wĩederholt den bereits von Ew. pp. ausgesprochenen warmen 
Dank, daß der Kaiser diese Bedingung aus eigener Bewegung in seine Auffassung auf- 
genommen hat. 
Bismarck und die NDordschleswigsche Srage 1864 bis 1879, S. 288 ff. 
1134. Telegramm an den Botschafter in Paris 
Grafen von der Goltz. 
[Cigenbändiges Konzept.] 
In einer Unterredung mit Benedetti vom 23. April hatte Unterstaatslekretär v. Thile 
Anlah genommen, den französischen Botschafter darauf aufmerkrsam zu machen, daß man förmlich 
mit einer FSlut von Nachrichten über kriegerische Absichten Srankreichs überschwemmt werde. 
Als der Bericht Benedettis über die Aussprache mit Thile (siehe: Les Crigines Diplomatiques, 
XXI. 208) in Paris einlief — 25. April — sandte Marquis de Moustier sofort feinen Kabinetts- 
chef Grafen St. Vallier zu Goltz, um auf das nachdrücklichste alle kriegerischen Gelüste in 
Abrede zu stellen. Goltz benutzte, wie er am 26. meldete, die Gelegenbeit, um seinerseits gemäß 
des Bismarckschen Erlasses vom 23. April (siehe Nr. 1146) dem Grafen St. Vallier Vor- 
baltungen wegen der gar nicht fortzuleugnenden zjahlreichen Sumptome aggressiver französischer 
Absichten zu machen. Näheres über St. Valliers Besuch bei Goltz in dessen Bericht vom 
29. April, H. Oncken, Die Abeinpolitik Kaiser A#poleons III., II, 570 ff. 
Berlin, den 26. April 1868. 
NA’r. 22 erhalten. Benedetti besuchte mich gestern zum ersten Male seit Monaten auf 
sein schriftliches Berlangen, hatte mir aber nichts zu gagen, wollte offenbar nur hören, ob 
Ew. pp. ulnd) ich Krieg fürchteten. Ich sagte ihm, Ew. pp. ulnd] ich gehörten zu der 
Minorität, welche an keinen Überfall Srankreichs glaubten; die Industrie aber litte fort- 
während unter der Beforgniß vor Frankreichs aggressiven Absichten. Wenn Marschall 
NViel etwa die Kriegsbesorgniß als parlamentarisches Hilfsmittel benutzen sollte, so koste 
dieß, Jagte ich Benedetti, der Industrie vielleicht jedesmal 50 Million, um dem Kriegs- 
budget 10 einzubringen. Sch sagte Benedetti, daß wir zum ersten Wai etwa 12 000 Mlann 
entlassen würden ulnd] hofften, daß Frankreich diese Gelegenheit auch m einer Demon- 
k#ration im Snteresse der Herstellung des Vertrauens zum Frieden benutzen werde. Die 
Eröffnungsrede= wird trocken geschäftlich ulnd) friedlich sein. 
H. Oncken, Die Aheinpolitik Kaiser Rapoleons III. von 1863 bis 1870, II 568. 
1135.— Erlaß an den Gesandten in Wien 
Freiherrn von Werther. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken] 
Am 24. April hatte Werther eingehend über eine tags moor stattgefundene Unterredung 
mit Beust berichtet, bei der er Bismarcks energischen Erlaß vom 21. iebe Ar. 1144) vor- 
gelesen hatte. Danach hätte Beust fehr gekränkt über die völlige Verkennung der freundlichen 
Ablsichten getan, die er mit seiner Warnung vor einer Erweiterung der Jollparlaments-- 
2 Bgl. dau Venedettis Celegramm vom 25. und seinen lehr ausführlichen Bericht vom 26. April, 
Les Crigines Diplomatiques, XXI, 214, 216 S8 
2 Gemeint ist die Chronrede König Wilhelms I. bei Eröffnung des ZSollparlaments am 27. April. 
Siehe deren Texi in: Die Gesammelten Werke, X, 465. -
        <pb n="393" />
        Aktenbegräbnis des Beustschen Vorstohßes in Sachen Jollparlament. 379 
kompetenz verfolgt habe. Auf Wertbers Vorhaltung, daß diese Warnung doch nur offene 
Türen eingestoßen habe, da eine Kompetenzerweiterung gar nicht von Bismarck beabsüichtigt sei, 
Aschlupte dem österreichischen Reichskanzler das Geständnis, er babe jenen Sr an Graf 
Wimpffen nur darum abehin t, um ein Schriftstückt darüber in den u haben; 
Bismarck hatte also ganz recht mit leinem Verdacht gehabt, daß es bei *l Depeche — eine 
Ipätere Veröffentlichung abtesehen gewesen sei. 
Berlin, den 1. Mai 1868. 
Sw. pp. haben in Ihrem gefälligen Bericht No. 165 vom 24. v. M. den Eindruck 
wiedergegeben, welchen die Vorlesung meines Erlasses vom 21. ei. auf den Kaigerlich 
Osterreichischen Reichskanzler gemacht hat. Ganz in Ubereinstimmung mit dem nhalt des- 
selben hat mir Graf Wimpffen ebenfalls mehrere Depeschen vorgelesen, in denen der Grei- 
berr von Beujst sich in ähnlicher Weise wie gegen Ew. pp. ausspricht: und namentlich jede 
Absicht einer Drohung in Abrede stellt und den Erlaß seiner früheren Depesche hauptsjächlich 
durch die Erwägung motiviert, daß Srankreich, welches als vermittelnde Macht bei den 
Griedenspräliminarien tätig gewesen, doch ein gewisses Recht habe, sich um die önnehaltung 
der durch dieselben gejogenen Grenzen zu kümmern, und daß er gerade die Absicht gebabt 
babe, vorzubeugen, daß dieses Recht nicht in einer für Preußen weniger angenehmen Weise 
geltend gemacht werde. 
Ich erkenne gern den freundlichen Ton dieser Eröffnungen an und bezweifle danach 
nicht, daß die Absicht der Drohung nicht obgewaltet babe. Daß die Demarche des öster- 
reichischen Reichskanzlers aber, zumal in Verbindung mit den Andeutungen in der 
Presse über dieselbe diesen Eindruck machen mußte und sicher in diesem Sinne aus- 
gebeutet würde, wenn sie bekannt würde und von uns unbeantwortet geblieben wäre, wird 
der Freiherr von Beust doch bei näherer Erwägung nicht verkennen. Dies machte mir die 
Erwiderung zur Pflicht; und wenn ich darin sagte, daß ich im Interesse unserer guten Be- 
Fiehungen gewünscht haben würde, sie nicht zu beantworten, und daß nur die Rücksicht auf 
eine eventuelle Veröffentlichung des österreichischen Schriftstückles mich dazu bewege, so üt 
das einfach der Ausdruck meines aufrichtigen Wunsches, jene Bejziehungen so freundlich wie 
möglich zu erhalten. 
Ebenso unerwartet, wie dem Greiherrn von Beuft der Eindruck, welchen seine Depesche 
bier gemacht hat, ist es mir gewesen, daß er sich durch meine Bemerkung, seine Eröffnung 
sei eine unnötige gewesen, verletzt gefühlt hat. Es ist mir unbegreiflich, wie darin der Aus- 
druck einer Mißachtung sollte gefunden werden können, da es doch auf der Hand liegt, daß 
ich damit nur habe sagen wollen, Baron Beust hätte wissen können, daß wir von selbst nicht 
anders handeln könnten und handeln würden. Bei unferer oft ausgesprochenen und streng 
festgehaltenen Absicht, den süddeutschen Staaten keine nähere Verbindung aufzudringen, 
als sie selbst wünschten, mußte das Ergebnis der süddeutschen Wahlen zum Sollparlament 
und die dem Greiherrn von Beust wohlbekannte Haltung der Regierungen ihm hinreichende 
Bürgschaft dafür gewähren. Der von Ew. pp. gebrauchte Ausdruck „enfoncer une porte 
1 Siehe H. Ocker: Die Abeinpolitik Kaiser Aapoleons III., II, 562. Beust nimmt in seinem Tele- 
gramm vom 15. ** Ijür. sich in Anspruch, daß er mit seinem Erlahß an Graf Wimpffen vom 15. April 
§ in * machen. Pgl. den % klraniele des Pot R. o. eal wigk, ed. W. t 
. Oncken, a. a. O., II, 550, Anm
        <pb n="394" />
        380 Griedliche Einwirkung auf Napoleon. Soll Kronprinz Papst besuchen? 
ouverte“ ist daher vollkommen zutreffend, und ich habe mit meiner Bemerkung nichts 
anderes sagen wollen. Die Depesche des Klailerlichen) Rleichs]klan)lers vom 15. war 
factisch elne gegenstandslose, wenn sie nicht etwa dam dienen sollte, unfre freiwilligen ulnd) 
vorher gesehenen Entschließungen künftig als Ergebniß östrleichischer) Pression erscheinen 
zu lalsens. 
Ich bin ganz damit einverstanden, daß diese Angelegenhbeit hiermit als erledigt 
betrachtet werde und der ganze Depeschenaustausch in den Akten begraben bleibe, wie ich 
denn auch, ungeachtet der auf Wiener Inspiration beruhenden analogen Seitungsartikel, 
bishers nach keiner Seite hin darüber Mitteilung gemacht habe. 
1156. Telegramm an den Botschafter in Paris 
Grafen von der Goltz. 
lEigenhändiges Konzept.] 
Am 30. April hatte G . d. Gol l S · über Kai 
Aopoleon III., ei' beie l * Diner eengerat Welcbe roche er 99enüber Koffer 
Berlin, den 1. Mai 1868. 
Sleine) Mlojestät) der Klönig) wünscht, daß Sie dem Kaiser gesprächsweise sagen, des 
Königs Vertrauen auf die friedlichen Intentionen des Kaisers sei unabhängig von den 
Sluctuationen der öffentllichen) Meinung ulnd]) der Presse, ulnd) sei unerschüttert; daß Sie 
aber über die Leiden klagen, welche Mangel an Vertrauen über Industrie verhänge, ulnd!] 
Hoffnung äußern, daß der Kaiser wirksame Mittel zur Hebung des allgemeinen Glaubens 
an Grieden finden werde. 
H. Oncken, Die Abeinpolitik Koiser A#poleons III. von 1863 bis 1870, II, 578. 
*1132. Telegramm an Hauptmann von Jasmund, ersten Adsutanten 
des Kronprinzen Frledrich Wilhelm, z. Zt. Florenz. 
lEigenhändiges Konsjept.] 
Es bätte anscheinend den Wünschen König Wilhelms I. entsprochen, wenn der Kron- 
prin#z# auf seiner italienischen Reise auch dem Papst in Nom einen Dsuch abgestattet hätte. 
Darauf deutet ein Celegramm des Königs, das er Bismarcke am 2. Mai zur Beförderung 
an den Kronprinzen zustellte. Bismarck, der die entschiedene Abneigung des Thronfolgers gegen 
einen solchen Besuch kannte, auch besorgen muhte, daß die günstige Wirkung des kronprim- 
lichen Besuchs auf die öffentliche Meinung in Italien (näberes darüber in den Denkwürdig- 
keiten A. v. Stoschs, S. 130 ff., K. v. Schlözers Nömischen Briefen 1864 bis 1869, S. 360 f. 
und a. a. O.) leiden könnte, wiegelte auch weiterbin von dem Besuche ad, der dann auch nicht 
kotfono. Berlin, den 2. Mai 1868. 
Ich bitte das nachfolgende Celegramm zu dechiffrieren und dem Herrn Gesandten 
von Arnim perfönlich zu übergeben: 
* Der letzte Satz eigenhändiger Jusatz Bismarckks. « 
2 Die Worte: rigebndd 2 eigenhändiger Einschub Bismarcks.
        <pb n="395" />
        Alexanders II. Vermiktlung in Nordschleswigscher Frage. 381 
An Sleine] Klönigliche] Hloheit) den Kronprinzen geht folgendes Telegramm Sleinelr 
Alojestät! des Königs“" ab: 
„Bei dem Eindruck, den Deine Veise in Frankreich zu machen scheint-, sprich mit 
Arnim, ob er Deinen Besuch in Rom für wünschenswert hält. Dank für zwei interessante 
Berichtes.“ 
Wenn die Abneigung Sleinelr Klöniglichen) Hlobeit) gegen solche Reise noch fort- 
besteht, so verspreche ich mir kaum gute Wirkung davon auf den Hapst. Ueber den Eindruck 
der Reise des Prinzen auf Frankreich fehlen mir bisher amtliche Aachrichten. Wäre der- 
selbe verstimmend, so würde die Reise des Drinzen nach Rom diese Wirkung eber erhöhen 
als vermindern. Der gute Eindruck in Stalien ulnd] bei uns im Lande würde aber abge- 
schwächt. Ew. lpp.]) wollen die Erwägung des Für ulnd) Wider ulnd)] die Entschließung 
Sleinelr Klöniglichen) Hloheit) anheimstellen, da das Celegramm Sleinel#r Mloajestätl einen 
Befehl ur Veise nicht enthält. 
1138. Erlaß an den Gesandien in Detersburg 
Heinrich VII. Prinzen Reuß. 
[Konfept von der Hand des Vortragenden NRats Bucher.] 
Seheim. Berlin, den 9. Mai 1868. 
Um die Frage zu beantworten, u der Ew. pp. am Schlusse des gefälligen Berichtes 
vom 30. v. M., Vr. 712, gelangen, innerhalb welcher Grenzen die Vermittelung des Kaisers 
von Außland überhaupt angenommen werden kann, erlaube ich mir zuvörderht, in schärferer 
Formulierung zu rekapitulieren, was wir Dänemark anzubieten bereit sind. Wir sind 
erbötig, den Artikel Vides Prager Sriedens in zwei Weisen zur Ausführung zu bringen und 
stellen Dänemark die Wahl zwischen beiden: 1. entweder mit dem Teile des Amtes Haders- 
leben, der ungefähr mit der Probstei Törninglehn zmusammenfallen würde, oder 2. mit einem 
Striche zwischen beiden Meeren, dessen südlichster Grenzwunkt die Gjenner Bucht sein würde. 
In dem Törninglehn kommen die Deutschen in geringerer Anzahl vor und würden sich Be- 
drückkungen allmählich durch Auswanderung entziehen können. Wir würden daher, wenn 
diese erste Weise gewählt wird, auf Garantien für die Deutschen und auf die Verpflichtung 
Dänemarks, keine Koalition gegen uns einzugeben, verzichten. Die Abtretung des unter 2 
bezeichneten Landstrichs würde den Dänen die Herrschaft über Kkompakte deutsche Gemeinden 
geben und könnte von uns nur zugestanden werden, wenn die Deutschen Garantien gegen die 
Wiederkehr solcher Sustände erhielten, wie sie in dem Erlaß meines Vorgängers vom 
29. Januar 1861, Nr. 14, detailliert sind, und Dänemark sich verpflichtete, keiner Koalition 
gegen uns beijutreten. 
Ich glaube, daß der Kaiser den Dänen zum besten raten würde, wenn er ihnen zuredete, 
zu nehmen, was sie bekkommen können, namentlich, was sie ohne Gegenleistung bekommen 
1 Das nachstebende Telegramm berubt auf eigenhändigem Konzept König Wilbelms I. 
2 Vgl. dahu: Aus dem Leben Th. v. Bernhardis, VIII, 216 f. 2 l. 
* Vgl. dam: Margaretba v. Poschinger, Kailer Griedrich II., 
1188.: Siehe den Bericht in: Bismarck und die Nordschleswigsche * 6. 297 fl.
        <pb n="396" />
        382 Was Preuhen Dänemark bietet. Oänische Frage als französischer Kriegsvorwand. 
können:. Kommt es nicht zur Vermittelung, so werden wir der dänischen Regierung schließ- 
lich unsere Anerbietungen direkt und präzisiert machen müssen und im Salle der Ablehnung, 
dadurch und durch eine Mitteilung nach Wien uns von dem Artikel V des Drager Griedens 
als förmlich liberiert betrachteen dürfen. 
Ew. pp. ersuche ich ergebenst, wenn die Sache dort wieder berührt wird, das Vor- 
stehende gefälligst zur Direktion nehmen und dabei vorsichtig sondieren zu wollen, ob der 
Wunsch des Königs erfüllbar ist, von dem Inhalte des Schreibens des Königs von Däne- 
mark, ehe ihm dasselbe von dem Kaiser mitgeteilt wird, vertraulich Kenntnis zu erhalten. 
Seine Majestät hat die Nachricht von dem in Petersburg beabsichtigten Schritte mit großer 
Hesitation aufgenommen in der augenscheinlichen Besorgnis, daß derselbe weiter führen 
Könnte, als in der Auffassung des Kaisers liegt. 
AAachschrift: Herr von Oubril, den ich gesehen habe, nachdem der vorstehende 
Erlaß geschrieben war, hat mich auf das Gewissen gefragt, ob mir perfönlich die Vermitt- 
lung des Kaisers erwünscht sei. Sch antwortete, daß ich selbst mir diese Srage vorgelegt 
und gefunden hätte, daß ich sie nur konditionell beantworten könnte. Wenn es gelänge, ein 
Resultat zu erreichen, so würde ich mich aus doppeltem Grunde freuen, erstens über den 
Erfolg an sich und zweitens, weil eine gelungene Bermittlung die guten Beziehungen zwischen 
Preußen und Außland noch verbessern würde. Selänge aber der Versuch nicht, so würde 
es ohne einen kleinen Niederschlag von persönlicher Verstimmung in den allerhöchsten Re- 
gionen kaum abgehen. 
Ich habe mich damit gegen Herrn von Oubril vollkkommen aufrichtig ausgesprochen. 
Der Widerstand des Königs gegen eine Abtretung ist nur insoweit zu berechnen, daß er 
weiter gebt als der meinige; im übrigen entziebt sich sein Maß meiner Beurteilung. Sch 
vermute, man wird in Petersburg den König Christian zu bewegen suchen, direkt an 
Seine Mojestät zu schreiben. Zu einem golchen Schritte wird sich meines Erachtens König 
Cbristion nur unter der Garantie vollkommener Geheimhaltung verstehen. Denn wenn es 
bekannt würde, daß der König von Dänemark die Sache verständig angriffe, sich auf 
Erreichbares beschränke, so würde man ihm das in Kopenhagen als eine Art von Verrat 
anrechnen, während eine Sorderung von Unerreichbarem die Sache hier mm Siillstande 
bringen müßte. 
Herrn von Oubrils ganzes Verhalten in dieser Unterredung hat mir den Eindruck 
gemacht, als ob durch seine Frage an mich ein vielleicht von dem Sürsten Gortschakow ge- 
wünfschtes Surückziehen eingeleitet werden sollte. Jedenfalls ist die Sachlage dazu angetan, 
daß ich Ew. pp. ersuche, an der nordschleswigschen Frage nicht zu rühren, sondern abju- 
warten, ob sie Ihnen ferner entgegengebracht wird. Seschieht das, so wollen Ew. pp. lich 
gefälligst nach Anleitung meines vorstehenden Erlasses aussprechen. Es wäre möglich, daß 
alsdann von rufsischer Seite dasselbe Motiv für eine Bermittelung geltend gemacht würde, 
das Herr von Oubril gegen mich erwähnt hat, nämlich einen Vorwand für franrösische 
Kriegsgelüste aus der Welt zu schaffen. öch habe ihm darauf erwidert, daß ich auf die Er- 
reichung dieses Vorteils wenig Wert legen könnte. Wolle man in Paris den Krieg, so 
werde man auch einen Grund zu finden wissen, über die Grenze zu brechen, und sich selbst 
2 Der Schluß des Satzes: „namentlich. ..“ eigenbändiger Zusatz# Bismarcks.
        <pb n="397" />
        Suckows und FSrepbergs Konferemen mit Moltke. 383 
über die gröbste Sadenscheinigkeit desselben mit dem Satze trösten: le vainqueur a raison — 
principe Eminemment françcais — wie der Marschall Aiel sich ausgedrückt haben soll. 
Hindere aber die Abneigung der französischen Ration den Krieg. so werde man sich von der 
Aufforderung, für 50 ooo dänische Untertanen mebr oder weniger Frankrreichs Blut und 
Schätze einzusetzen, wenig Beifall versprechen. Sw. pp. wollen diese Seite der Sache, wenn 
sie Ihnen gezeigt werden gollte, gefälligst in demselben Sinne behandeln. 
Bismarck und die Nordschleswigsche Sroge 1864 bis 1879, S. 299 ff. 
*1159. Immediatbericht. 
[Reinkonzept.] 
Die mit so viel Eklat betriebenen frantösischen Kriegsrüstungen hatten bei den süddeutschen 
Megierungen wachsende Besorgnisse vor einem plögzlichen infall der Sranzolen in Süddeutschland 
hervorgerufen und mußten ihnen nahe legen, sich mit ebreuhen in Verbindung wegen gemeinsomer 
Abwehr eines solchen Anfalls m setzen. Am a. Mai begab sich im Auftrag des württembergilchen 
Kriegsministers v. Wagner der neuernannte Chef des württembergischen Generalstabs Oberst 
v. Suckow zu diesem Iwecke nach Verlin. Er hatte hier am 6. und 12. eingebende Konferenzen 
mir General v. Moltke, die zu vollem Einvernehmen führten, am 11. auch eine 1nterredung ant 
Drct in der dieser ihm seine Absichten in der deutschen Frage en darlegte. Bgl. d 
Busch, Nückschau des Königlich Württembergischen Generals d. J. und Kriegskministere 
d. Suckow, S. 137 ff. Auch mit dem anläßlich des am 27. April eröffnelen Sollparlaments 
in Berin weilenden bayrischen Ministerpräsidenten FSürsten Hobenlohe hatte Bisma 
nchrfache Alusserachen. so schon am 27. April (ogl. dau: Denkwürdigkeiten Hohenlohes 
300) und wieder am 10. Mai über die für den Lau eines franjösischen Angriffs auf Zndt 
aep zu treffenden gemeinsamen Vorkebrungen. Bismarch äußerte sich dabei mit gröhter 
Zuversicht über den Ausgang eines eventuellen Krieges, on den er übrigens nicht glaubte. it 
stärkeren Worten betonte er die unbedingte Überlegenbeit der deutschen Waffen gegenüber den 
französischen noch am 30. April gegenüber dem Abgeordneten zum Sollparlament Professor 
Bluntschli (ogl. dessen: Denkwürdigkeiten aus meinem Leben, III, 193 ff.), wobei allerdings die 
t mitgespielt baben mag, den Süddeutschen Preußen als einen ablolut sichern Jufluchts- 
bafen binmstellen. Bei der Unterredung mit Hohenlohe vom 10. Mai wurde vereinbart, daß der 
ba brssche (Militärbevollmächtigte in Berlin Major o. Frepberg. |ch mit General v. MWoltke, 
Dalich wie Suckow, über gemeinsame Vorkehrungen verständigen solle. 
Berlin, den 10. Mai 1868. 
Der bagrische Ministerpräsident Fürst Hohenlobe jsagte mir, daß er bereit sei, den 
biesigen baprischen Militärbevollmächtigten Major von Frepberg, wenn derselbe sich für 
binreichend informiert erachte, sofort zu Konferenzen mit dem Herrn General von Moltke 
zu autorisieren; Sregberg werde sich voraussichtlich am 10. oder 11. d. M. bei dem General 
deshalb melden. In der angegebenen Vorausfetzung, daß nämlich Major von Freuberg 
binreichend informiert wäre, hält Fürst Hohenlohe für wünschenswert, daß die Verband- 
lungen mit diesem Offizier geführt werden, da die Absendung eines bayrischen Generalstabs= 
offiziers ad hoc ein gewisses Auffehen erregen würde. 
Euerer Königlichen Majestät stelle ich demnach alleruntertänigst anbeim, den General 
von Moltke zu den fraglichen Besprechungen mit dem Major von Frepberg in gleicher 
Weise, wie dies rücksichtlich des württembergischen Oberst von Suckow gescheben, aller- 
gnädigst autorisieren zu wollen. 
E 
S S 
2
        <pb n="398" />
        384 õgnatiews Auherungen über rufsisch-preußisches Zusammengeben. 
* 11560. Erlaß an den Gesandten in Konstantinopel 
Grafen von Brassier de St. Simon. 
([Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken.] 
Am 21. April hatte Graf Brassier über Auherungen des rufssischen Votschafters in 
Konstantinopel General Ignatiew berichtet, der kur; zuvor in Verlin gewesen war und auch mit 
VBismarck eine Unterredung gehabt batte. Donach hätte Ignatiew u. a. gesagt: „Aapoleon will 
den Krieg mit Preußen, well er nicht anders kann und sich selbft gind Jeine Dunajũe dadurch 
m retten hofft. Er wartet nur, bis er fertig ist, und dann wird sich der Zünder in der dänischen 
age oder irgendwo anders finden. Wenn auch mit SÖsterreich keine O#schriebenen Stipulationen 
bestehen, so ist doch sicher wischen beiden stillschweigend abgemacht, daß Österreich anfänglich 
eine strenge NReutralität proklamiert, aber sich bereit hält, um, wenn der Canz erst angefangen 
und Preußen am Ibem beschäftigt ilt und abgeschwächt worden, plötzlich irgendein grief zu 
entdecken und mit 400 ooo Mann in die Slanke zu fallen. Da es bierbei durch das Gewicht 
Auhlands lehr geniert werden könnte, geht die soerr 20 Dolitik dehin Nuhland 
im Orient zmu beschäftigen und durch die kür kischen Armierungen im NDorden und durch Drovo- 
Lierung von Aufständen in der europäischen Kürkei als Köder für Rußland, ja womnöglich durch 
Kompromittierung des Fürsten Karl Verwicktlungen eintreten zu lassen, welche den Kaiser 
Jwingen. seine bauptjächlichsten Kräfte im Süden zu verwenden.“ Das schließliche Sazit seiner 
Auhßerung n hatte General Ignatiew dann mit den Worten gezogen: „Entre St. Pétersbourg 
et Berlgen on s'entend parfaitement sur toutes choses et toutes les SVentualités, et 
j'ai dit au Comte Bismarck que nous deux nous entendons ici également bien.“ 
Berlin, den 13. Mai 1868. 
Ew. pp. gefälliger vertraulicher Bericht über die Außerungen des Generals Sgnatiew 
bei seiner Rückekehr nach Konstantinopel ist mir als Beitrag zur Charakteristik dieses 
Staatsmannes interessant gewesen. Im allgemeinen kann ich seine Anschauungen von dem 
Verhältnis zwischen Preußen und ARußland und von der Art, wie beide Länder durch 
gemeinfsames Bedürfnis gegenseitig auf gute Beziehungen miteinander angewiesen sind, als 
richtig und den tatsächlichen Verhältnissen entsprechend anerkennen; ich bin aber überzeugt, 
daß man in St. Petersburg ebensowohl wie bei uns diese guten Bejiehungen und das 
gegenseitige Vertrauen meinander nur im nteresse der Erhaltung des Sriedens zu ver- 
werten bestrebt ist. 
Was dagegen das Detail seiner Außerungen betrifft, so scheinen individuelle An- 
schauungen und Sumpathien auf die Gestaltung derselben nicht ohne Einfluß geblieben 
zu sein. 
1101. Erlaß an den Botschafter in Paris 
Grafen von der Gottz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Berlin, den 13. Mai 1868. 
Sw. pp. verschiedene Verichte über die Behandlung der hannöverschen Legionäre 
baben ein unerfreuliches Bild von dem Verfahren der französischen Bebörden gegeben. Sch 
bin mit den von Ew. pp. uur Aufklärung der Verhältnisse getroffenen Mahregeln sowie 
mit der Art, wie Sie dem Marquis de Moustier gegenüber die Sache bebandelt haben, 
vollllommen einverstanden und bitte Sie nur, immer von neuem in derselben ruhigen ulnd)
        <pb n="399" />
        Aichterfüllung französischer Versprechungen wegen Welfenlegion. 385 
objectiven Form wie bisher das illoyale Verfahren der innern Behörden dem Margqulis)] 
Mioustier ulnd) nach dessen eignem Wunsche bei Gelegenheit auch dem Kaiser gegenüber 
aufmudeckent. 
Nach Sbrem neusten gefälligen Bericht Mr. 162 vom 10. Mai, welchem der RNapport 
des nach Amiens gesandten Agenten beiliegt, lind die Versprechungen des Ministers jelbft 
in betreff der TCrennung der Leute von den Offitieren, geschweige denn von den 
Unteroffizieren, immer noch nicht durchgeführt; und die Überführung selbst nach Amiens 
erscheint in der Cat nur als ein Mittel, um die Leute den in Reims auf sie geübten Ein- 
wirkungen der Botschaft zu entzieben. 
Die Kaiserliche Regierung muß uns das Seugnis geben, daß wir vom ersten Anfang 
an in dem Glauben an die von ihr gegebenen Zusicherungen diese ganze Angelegenheit mit 
großer Surückthaltung ulnd] die zu unfrer Kenntniß gekommnen Verhältnisse der Oeffent- 
lichkeit gegenüber mit voller Discretion behandelt habens; um so weniger wird es sie aber 
befremden können, wenn wir auf die Ausführung jener Zusicherungen dringen und in 
der Verwirklichung derselben einen Maßstab für unser Vertrauen zu der Kaiserlichen 
Regierung finden. 
Ich darf darauf rechnen, daß Ew. pp. je nach den Ihnen weiter zugehenden Berichten 
über die tatfächlichen Berhältnisse fortfahren werden, die Sache zu betreiben, welche aller- 
dings mehr als ein Sumptom der Gelinnungen der NRegierung und des Ülberwiegens der 
verschiedenen Einflüsse denn als eine sachliche Gefahr für uns von Wichtigkeit üt. 
* 1162. Schrelben an den Staatsminister 
Grafen zu Eulenburg. 
[Konztept von der Hand des Vortragenden Nats Wagner.] 
Berlin, den 15. Mal 1868. 
Ew. Cazellen; beehre ich mich um gefällige Benachrichtigung darüber ganz ergebenst zu 
ersuchen, in welchem Stadium sich die Vorbereitungen zur definitiven Organisation der 
Verwaltungsbehörden in Hannover gegenwärtig befinden, und wann ich die bezüglichen 
Vorlagen für das Staatsministerium gewärtigen darf. 
*1163. Schreiben an den Staatsminister 
Grafen zu Eulenburg. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Wagner.) 
Berlin, den 15. Mai 1868. 
Ew. Exzellenz habe ich mir erlaubt in meinem Schreiben vom 13. d. M.., betreffend 
die dem Hannoverschen Provinziallandtage zu machenden Vorlagen, im allgemeinen den 
Der Schluß des Satzes von den Worten an: „immer von Neuem“ eigenbändiger Zusatz Bismarches, 
statt Abekens FSassung: „energisch darauf bintuweisen, wie durch solche Vorkommnisse alles Vertrauen immer 
von neuem wieder in Srage gesteilt wird 
„ Die Worte „ulnd] d er Ke imß .. " eigenbä inschub Bismarcks. 
1163. Ver , rW’B zu unerer Kenntniß eigenbändiger Einsch 5 
VIa r
        <pb n="400" />
        386 Vorbereitung provinzieller Selbstoerwaltung in Hannover. 
Wunsch auszsprechen, bei der Überweisung des Provinzialfonds auf die Bildung eines 
für die provinzielle Selbstoerwaltung geeigneten ständischen Organs nach Analogie der 
Kommunal--Landtage der älteren Provinzen Bedacht nehmen zu wollen. 
Wie mir inzwischen äußerlich bekannt geworden ist, haben sich auch auf den letzten 
rooinziallandtagen der Provinzen Sachsen und Schlesien ähnliche Wünsche und Be- 
strebungen geltend gemacht, welche namentlich in Schlesien in einem formulierten Gesetz- 
entwurfe Ausdruck gefunden haben, der — wie ich annehmen darf — Ew. Exgzellenz bereits 
vorliegt. 
Soweit ich unterrichtet bin, geht das Bestreben dahin, alle Institute und Anlagen, 
welche aus ständischen Mitteln begründet sind oder unterhalten werden, der bisherigen 
Verwaltung der Staatsbehörden, soweit sie dieser mehr oder weniger unterliegen, zu ent- 
siehen und der Verwaltung ständischer Organe zu unterwerfen und diese letzteren Organe 
gleichzeitig in der richtigen Mischung von Ehrenämtern und besoldeten Beamten zu bilden. 
Dies Bestreben dürfte nach meinem ganz ergebensten Dafürhalten der Beachtung und 
Förderung der Regierung um so mehr wert sein, als es zur Herstellung des von der NRe- 
gierung selbst in Aussicht genommenen größeren Maßes provinzieller Selbständigkeit und 
Selbstverwaltung in richtiger Weise den tatsächlichen Sustand um Ausgangspunkt nimmt 
und damit eine den eigentümlichen Verbältnissen entsprechende Behandlungsweise er- 
möglicht und anbahnt. · 
Ew. Exzellenz beehre ich mich deshalb ganz ergebenst zu ersuchen, bei der Vorbereitung 
der prooinziellen Selbstoerwaltung in Hannovor gefälligst auch diese Gesichtspunkte und 
Anträge mit zur Erwägung jziehen zu wollen. 
* 1164. Erlaß an den Gesandten in Florenz 
Grafen von ssedom. 
[Konzept von der Hond des Vortragenden Rats Abeken. 
Am 4. April batte Legationsrat v. Bernbardi aus Slorenz aus „Luter Guelle“ gemeldet, 
daß #wischen Frankreich und Italien mit Belug auf Aom und das geistliche Gebiet eine neue 
Konvention abgeschlossen lei, die im wesentlichen eine Wiederholung der Septemberkonvention 
von 1864, jedoch mit einigen Modifikationen zugunsten Italiens sei. Der Konvention seien 
eine Anzahl Gebeimartikel angefügt, die ein offensives und defenlives Bündnis zwischen Stalien 
und Grankreich feststellten. Bismarck ließ darauf Bernhardi am 15. mitteilen. daß derartige 
Tachrichten nur dann Wert hätten, wenn die Quelle bejeichnet werde, „da sonst ein Urteil 
über die Bedeutung der Indizien nicht möglich“. Vgl. dazu: Aus dem Leben Th. v. Bernhardis, 
VIII, 196 f., 202, 237, wonach die Nachricht von der italienischen Gesandtschaft in Paris und 
den Schweizer Gesandtschaften in PDaris und Slorenz stammte. Bismarck mah den Bernhardischen 
Meldungen immerbin Vedeutung genug bei, um sie am 17. April an den Grafen v. d. Goltz m 
nöherer Nachforschung weiterzugeben. Dieser gewann aus ußerunen des italienischen Ge- 
sandten Aigra und des Marquis de Moustier den Cindruck,, daß wirklich etwas an der Sache 
sein müsse. Catsächlich war es auch der Fall, obwohl die italienische Megierung nachträglich 
gegen Graf Uledom olles ableugnete. Bgl. Les Origines Diplomatiques, XI, 81 ss., 109 ss., 
jao s. und Bernhardi a. a. O., VIII, 236 f. » - « 
Berlin, den 15. Mai 1868. 
Graf Goltz hat mit dem italienischen Gesandten von den Gerüchten über Abmachungen 
zwischen Frankreich und Stalien gesprochen. Herr Aigra hat ihm bestätigt, daß beide 
Mächte über Fortdauer der September-Konvention einig seien. Stalien habe durch 
Depesche vorgeschlagen: 1. Gortdauer der September-Konvention; 2. Näumung des
        <pb n="401" />
        Mangelnder Einblick Usedoms in italienisch-französisches Einverftändnis. 387 
Kirchenstaats binnen gewisser Frist; 3. französische Bermittlung eines die häufig erwähnten 
Punkte umfassenden modus vivendi mit Nom. 
Die beiden ersten Punkte seien unabhängig von dem zweifelhaften Erfolge des dritten; 
doch würden in letzterem die Hauptvorteile für Stalien bestehen, für welches die September-- 
Konvention jetzt lästiger als früher. — Frankreich habe diese Vorschläge angenommen, 
welche jedoch in kein formelles Instrument verwandelt worden. Daß irgend andere Ab- 
machungen daneben beständen, hat Herr Aigra geleugnet. 
Indem ich Ew. pp. von diesen von italienischer Seite dem Königlichen Botschafter in 
Paris gemachten Mitteilungen in Kenntnis setze, kann ich nicht umhin, meine Ver- 
wunderung darüber auszudrücken, daß Ew. pp. von dieser von dem italienischen Gesandten, 
der sich sonst in der letzten Zeit mrüchkhaltend gezeigt hat, unbedenklich mitgeteilten Ber- 
ständigung zwischen den beiden Mächten nicht unterrichtet, sondern auf Vermutungen und 
Angaben aus dritter Hand beschränkt gewesen sind. Sch darf mich dabei auf den Schluß 
meines Erlasses vom 9. Alärz d. J. Ar. 44 beziehen: ulnd] wiederbolen, daß es Sleinelr 
Mlajestät] dem Könige und mir selbst schwer verständlich ist, aus welchen Gründen grade der 
Könligliche) Gesandte in Stalien, ungeachtet der günstigen Beziehungen ulndl der neuerlich 
manifestirten Volksstimmung weder analogen Einfluß besitzt noch über ähnliche Beweise 
von Vertrauen des dortigen Ministers der aluswärtigen] Alngelegenheiten) zu berichten 
hat, wie dieses bei den Vertretern der Klöniglichen) Reglierung) an den andern großen 
Höfen der Fall ist. 
11685. Erlaß an den Gesandten in München 
Freiherrn von Werthern. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.) 
DRapoleon das Anjinnen an Osterreich gestellt, mit eiger Auslegung des Artikels V des 
t dies abgelehnt, um Grankreich keine 
Handhabe zum Bruch zu gewähren. Überbaupt trat der Schreiber des Artikels na Fihsch 
für die Sriedensliebe des Öfterreichischen Reichskanjlers ein; nach ihm würde sich Ssterrei 
nur dann, dann aber auch unbedingt in den Krieg mischen, wenn Rußland gegen Grankrei 
Vertraulich. Berlin, den 15. Mai 1868. 
Ew. pp. ersuche ich ergebenst, Herrn Fröbel für die interessanten Mitteilungen zu 
danken, welche den Gegenstand des gefälligen Berichtes vom 9. d. M. bilden, und ihm zu 
2 Siebe Ar. 1095. 
* Der Rest des Erlasses eigenböndiger Zusatz Bismarcks.
        <pb n="402" />
        388 Orges als Vermittler Beustscher Einbläsereien. 
versichern, daß dieselben nicht direkt benutzt werden Jollen. Die Facta, welche der Wiener 
Korrespondent der „Süddeutschen Presse“ mitteilt, sind, soweit sie in den Kreis meiner 
Wahrnehmung fallen, sämtlich falsch, und der Schluß, zu dem er gelangt, daß ein Krieg 
mit Frankreich unmittelbar bevorstehe, ist mit dem Aesultate unserer Beobachtungen 
durchaus im Widerspruch. Vielleicht findet sich künftig ein Aufschluß darüber, ob die An- 
nahme, daß jener Korrespondent aus guten Quellen schöpfe, irrig ist, oder zu welchem 
Zwecke er wissentlich Unwahrheiten und falschen Alarm zu verbreiten sucht. 
Polen ist zwischen uns und Frankreich seit Jahren nicht genannt worden, auch von 
dem Prinzen Napoleon nicht; und mit unsern Polen sind wir seit 1848 nie auf einem so 
guten Suße gewesen wie jetzt. Eine Annäherung der aristokratischen polnischen Kreise, 
(von welchem Hintergedanken sie auch diktiert sein mag), die Haltung des Erfbischofs 
Ledochowski und unsere guten Bejiehungen zu Nom haben zu dieser erfreulichen Ver- 
änderung zusammengewirkt, die selbst in der national-polnischen Presse Ausdruck ge- 
funden hat. 
Die Verhandlungen über die Abstimmung in Nordschleswig, gerade jetzt der Gegen- 
stand unzähliger Mythen, sind in eine günstigere Phase als jemals früher getreten, an 
deren befriedigendem Verlaufe“ mich nur die Befsorgnis zweifeln macht, daß der König von 
Dänemark es nicht wagen werde, binter dem Extrem nationaler Prätensionen zurück- 
zubleiben. 
Sumptome der friedlichen Stimmung des Kaisers Aapoleon sind seit langem nicht so 
entschieden hervorgetreten wie gerade in jüngster Seit. An den Worten seiner Nede in 
Orleans: kann gedeutelt, ihre Cendenz muß in Verbindung mit der Bolksstimmung be- 
urteilt werden. Die letztere ist, was auch einzelne Journale sagen mögen, in der großen 
Majorität entschieden friedlich; selbst die Kriegslust der radotierenden Minorität würde 
Jelten die Probe bestehen, wenn ihr Steuerzuschläge oder militärische Dienste für den Krieg 
abgefordert würden. Sänne also Louis Napoleon auf Krieg, so müßte er es seine erste 
Sorge sein lassen, die Majorität, welche den Krieg als einen barbarischen Luxus betrachtet, 
durch die Fiktion großer Besorgnisse umzustimmen. Statt das zu tun, hat er in Orleans 
dem Auslande ein Zeugnis ausgestellt, daß es Frankreich nicht bedrohe. 
Käme es dennoch zu einem Konflikte, so würden wir übrigens gegen Grankreich allein 
einer Hilfe nicht bedürfen; und dafür, daß Österreich die Aeutralität nicht verlassen würde, 
Iprechen glücklicherweise andere Gründe als die Versicherung jenes Korrespondenten. 
AußHerstenfalls würden wir auch gegen beide auf unsere Kraft vertrauen. Die Stärke der 
norddeutschen Armee ist — ein Moment mehr für die Friedensliebe Louis Aapoleons — 
demselben genau bekannt, genauer, als schon eine oberflächliche Berechnung ergibt, deren 
Elemente offenkundig sind. Wenn man die jährliche Aushebung Aorddeutschlands von 
100 ooo Mann mit der Sahl der zwölf Dienstjahre multipliziert, und, was reichlich ge- 
griffen ist, ein Sechstel in Abgang stellt, so erhält man eine Million exerzierter und dissipli- 
1 Betreffs des weiteren Verlaufs der ANordschleswigschen Frage siehe: Bismarck und die Aordschles- 
wigsche Ertrelsene bis 1879, S. 301 ff.; Fr. Serisch Ursprung und Geschichte des Artikels V, II, 23aff. 
Bismarcksche Auslosfungen liegen aus der Zeit vom 18. Wai bis 18. September nicht vor. 
Gelegentlich eines Vesuchs der landwirtschaftlichen Ausstellung in Orleans am 10. Meaiĩ hatte Kalser 
VNapoleon ch Ansprache an die Vevölkerung gerichtet, in der es u. a. biehß: „J’'ai voulu ronstater 
par mol-meme vos progreès et les encourager, persuadé qu'au milieu de la tranquillite générale 
du monde, s peuvent se développer avec confiance“.
        <pb n="403" />
        Bekämpfung welsischer Umtriebe mittels Welsensonds. 389 
nierter Männer. In der Tat hatten wir im Jahre 1866 640 ooo Mann unter dem Gewehr 
und dazu die amtlich konstatierte Möglichkeit, außerdem noch eine Armee von 
200 000 Mann gegen Grankreich in das Feld zu stellen. Jetzt würden das sächsische und die 
übrigen norddeutschen Kontingente alle gleich der preußischen Armee mit voller Ausrüftung 
für die doppelte Sahl und die süddeutschen Cruppen hinzutreten. 
Ew. pp. ersuche ich ergebenst, Herrn Sröbel von dem Inhalte dieles Erlasses ge- 
fälligft Kenntnis geben und ihm sagen zu wollen, daß, wenn er es zweckmäßig findet, die 
Daten über unsere Wehrkraft direkt, das übrige für die Beurteilung der ganzen Si- 
tuation und in der Widerlegung unrichtiger Darstellungen einzelner Verhältnisse benutzt 
werden könne. 
*1166. Schrelben an den Oberpräsidenten von Hannover 
Grafen zu Stolberg-Wernigerode. 
[Kanjleikonzept.) 
Vertraulich. Berlin, den 19. Mai 1868. 
Nach den mir vorliegenden Wahrnehmungen werden die erbeblichen Geldmittel, welche 
sich durch die Sequestration des dem früheren Könige von Hannover gehörigen Privat- 
vermögens zur Bekämpfung der welfischen Umtriebe darbieten, noch nicht mit derjenigen 
Ausgiebigkeit benutzt, welche nach Lage der Sache angemessen erscheint. Die Tätigkeit der 
Welfenführer ist durch die Mißerfolge, welche sie in letzter Zeit erlitten haben, eber ver- 
stärkt als geschwächt worden. 
Vorzugsweise in der Tagespresse hat die welfische Partei mit Erfolg gewirkt, indem 
sich der Kreis der betreffenden Parteiblätter wesentlich erweitert hat. Es lassen sich 
bereits 14 in Deutschland erscheinende Seitschriften erkennen, welche wesentlich die wel- 
fischen Enteressen, teils frei und offen, teils unter der Maske volkstümlicher oder ultra- 
montaner Bestrebungen nach einem wohlgeordneten, von Hietzing aus mit unverkennbarem 
Seschick geleiteten Syftem vertreten: 
I. „Hessische Volksblätter“ in Darmstadt, 2. „Sukunft“ in Berlin, 3. „Deutsche 
Volkszeitung“ in Hannover, 4. „Hessische Volkszeitung“ in Kassel, 5. „Frankfurter Beob- 
achter“, 6ö. „Stuttgarter Beobachter“, 7. „Swickauer Tagesblatt“, 8. „Coburger Volks- 
blatt“, 9. „AMünchener Volksbote“, 10. „Neue Badische Landeszeitung“, 11. „Der ost- 
Preußische Bürger- und Bauernfreund“, 12. „Die Sächsische Geitung“ in Leipzig, 13. Das 
„Bulletin internationale“ in Dresden, 14. „Die democratische Correspondenz“ in Stuttgart. 
Der Verkehr zwischen dem Hietzinger Hofe und der Prooinz Hannover ist ebenso lebhaft als 
früher, nur wird derselbe auf kostspieligen Umwegen über Baden-Baden, Prag und 
Dresden betrieben. 
Diiesen Agitationen müßte meines Erachtens durch eine wohlorganisierte Cagespresse 
von seiten der Provinzialbehörden in Hannover mehr als bisher entgegengetreten werden, 
und es müßte überdies eine genaue Überwachung aller prononjierten Träger des 
Welfentums eingeleitet werden. Namentlich dürfte es sich empfehlen, solche Hersonen, die 
wie der in anliegender Bekanntmachung genannte Freiherr von Knigge sich nicht scheuen,
        <pb n="404" />
        390 Französisches Doppelspiel in Sachen Welfenlegion. de St. Paul. 
mit ihren welfischen Bestrebungen öffentlich hervorzutreten, einer regelmäßigen polizei- 
lichen Uberwachung zu unterziehen. Ich erlaube mir daher, Eurer Erlaucht anbeim- 
zustellen, sich nach dieser Richtung bin der reichlichen Mittel, welche das Bermögen des 
Königs von Hannover darbietet, u bedienen und bei des Herrn Finanzministers Exzellenz 
direkt die Uberweisung der erforderlichen Sonds zu beantragen. 
1167. Erlaß an den Beotschafter in Daris 
Grafen von der Goltz. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abesken.] 
Am 12. Mai batte Graf v. d. Goltz wieder mebrere Unterredungen mit Marquis de 
Moustier und Staatsminister Rouher über die hannoversche Legion gehabt. Es war dabei 
von neuem bervorgetreten, daß die Aichtausführung der oft gegebenen französischen Jusagen 
wesentlich auf die Haltung des Ministeriums des Innern zurückging, das jselbst der erklärten 
Willensmeinung Kaiser Aapoleons III. und den Vorstellungen Woustiers possiven Widerftand 
entgegensetzte. Als die Seele des Widerstandes nannte Moustier den Kabinettschef des 
MAinisters des Innern de St. Paul, der, obwohl ein Schützling des Staatsministers Rouber 
und des Ezministers Lavalette, notorischen Sriedensfreunden, nach Aussage Moustiers ein 
ausgesprochener Chauvinist war und seit langem die Departementalpresse in kriegerischem und 
preußenfeindlichem Sinne beeinflußt batte. Hatte St. Paul doch auf Vorhaltungen Aloustiers 
wegen der hannoverschen Legion geradeju derausgesagt, daß er bisber den Krieg für un- 
vermeidlich gehalten babe und daher der Ansicht gewesen sei, daß selbst eine so unbedeutende 
Hilfe wie die der bannoverschen Slüchtlinge nicht verschmäht werden dürfe. Goltz hatte unter 
solchen Umständen trotz der wiederholten Beteuerungen Nouhers und Moustiers kein rechtes 
Vertrauen dazu, daß in der Haltung der vom Ministerium des Innern abhängigen Bebörden 
endlich ein durchgreifender Wechsel eintreten werde. 
Vertraulich. Berlin, den 19. Mai 1868. 
Auch Ew. pp. letzte Berichte über die Angelegenbeit der Hannöverschen Legion vom 
12. und 13. Maoai haben noch Leine befriedigende Erledigung, ja kaum einen bemerkbaren 
Fortschritt in dieser Richtung melden können, lassen vielmehr die Widersprüche und die 
Unklarheit in der Haltung der Kaiserlichen Regierung deutlich hervortreten. Am auf- 
fallendsten ist mir dabei das Verhalten des Staatsministers Nouber in betreff des Herrn 
de St. Paul gewesen. Ew. pp. bemerken selbst, wie eigentümlich es sei, daß ein nicht allein 
im Dubliltum, sondern von dem Minister der auswärtigen Angelegenbeiten selbst als 
Chauopinist bezeichneter Beamter, welcher diese seine Gesinnung nicht einmal für sich bebält, 
sondern ihr seit Jahren aktiven Ausdruck in der Leitung der departementalen Presse ge- 
geben und dadurch die Swecke der Kriegspartei wesentlich gefördert bat, der besondere 
Günstling der beiden hauptsächlichsten Vertreter der Sriedenspolitik ist und von dem 
Staatsminister Rouher gegen den Wunsch seines nächsten Chefs in seiner Stellung gehalten 
wird. Dieser Umstand ist leider sehr geeignet, die Sweifel an der Aufrichtigkeit jener 
Friedenspolitik zu verstärken. Herr Aouher kann doch in der Tat kaum selbst geglaubt 
haben, durch seine Verteidigung dieses seines Schützlings Ew. pp. entweder von der Un- 
schuld oder von seiner eigenen Unkenntnis der Tätigkeit desselben zu überzeugen. Es ist 
nicht denkbar, daß der Staatsminister seit Jahr und Tag von der spstematisch feindlichen 
Beeinflufsung der Departementalpresse keine Aotiz genommen, und daß dieselbe ohne seine 
Zulaslung und Villigung erfolgt sei. Es wirft dies ein eigentümliches Licht auf die Auf- 
richtigkeit auch dieses Ministers, und wie geneigt ich auch bin, der Leichtfertigkeit und dem
        <pb n="405" />
        Goltz goll sich an Aa#poleon III. selbst wenden. 391 
Mangel an Disziplin in den französischen Beamten in großem Maße Vechnung zu tragen, 
so kann ich doch im gegenwärtigen Falle nicht umbin, bei dem Staatsminister selbst ein 
bewußtes Verleugnen der Wahrheit anzunehmen und dabinter eine Absicht der Täuschung 
zu vermuten, welche auf bedenkliche Pläne schließen lähßt. Daß das Vertrauen in die 
Gesamtbaltung des Ministers Rouher dadurch vollständig erschüttert werden muß und wir 
genötigt sind, die Versicherungen desselben und sein scheinbares Bestreben im nteresse des 
Friedens nur mit der größten Vorsicht aufzunebmen, werden Ew. pp. selbst fühlen. Ze 
mehr die Nachricht von dem Rücktritte des H. von St. Paul geeignet war, unser Ver- 
trauen auf die Sukunft zu beleben, um so bedeutender müßte der Rückschlag bierin sein, 
wenn mit dem Verbleiben dieses Beamten die Fortsetzung seiner bisherigen Thätigkeit ver- 
bunden wäre. 
Einen befriedigenderen Tharakter trägt das von Ew. pp. onalpusierte Schreiben des 
Marquis de Moustier an den Minister des Innern, und in der ganzen Haltung des ersteren, 
in der Bereitwilligkeit, mit welcher er die von Sw. pp. ihm mitgeteilten Aotizen über das 
Sachverhältnis aufgenommen, und der Offenbeit, mit welcher er Ihnen über die Sachen 
gesprochen und Ihnen den Wunsch ausgedrückt hat, sich auch direkt an den Kaiser m 
wenden, spricht sich der Ernst seiner Auffassung der Verhältnisse aus. 
Sch bin nur ganz damit einverstanden, daß Ew. pp. einige Tage, vielleicht eine Woche 
abwarten, ob sich eine Wirkung der von dem Minister der auswärtigen Angelegenbeiten 
getanen Schritte und der Befehle des Kaisers selbst erkennen läßt. Bleibt diese Wirkung 
auch jetzt aus, und müssen Ew. pp. sich durch die Beobachtungen zuverlässiger Agenten 
überzeugen, daß wiederum alles beim alten geblieben und keine der Maßregeln durchgeführt 
ist, welche eine wirkliche Auflösung der Legion zur Solge haben könnten, so muß ich aller- 
dings wünschen, daß Ew. pp. dem vom Marquis de MWoustier selbst Shnen gegebenen Rate 
folgen und eine Audienz bei dem Kaiser erbitten, um zu ronstatiren, ob Sleine] Mloajestät! 
selbst dieses Doppel-Spiel der Kaiflerlichen!] Organe billigens 
Ew. pp. werden die geeignete Form finden, um ihm, ohne zu verletzen, die Unaufrichtig 
keit seiner höchsten Beamten selbst und die Vereitelung der loyalen Intentionen, die wir bei 
ihm selbst voraussetzen, darzulegen. Ew. pp. werden sich darauf berufen können, mit welcher 
rücksichtsvollen Surückhaltung wir von Anfang an diese Angelegenbeit bebandelt und alles 
vermieden haben, was die Kaiserliche Regierung hätte unangenehm berühren können, 
während die öffentliche Meinung sich gleich bei uns sehr lebhaft der Sache bemächtigt und 
ihr eine größere Bedeutung beigelegt hatte, als wir geneigt waren, ihr zuzugestehen. Seine 
Maojestät der König hat die Versprechungen, mit welchen der Kaiser einer Anforderung 
von unserer Seite zuvorzukommen bemübt war, mit Vertrauen entgegengenommen und dem 
Kaiser seinen Dank dafür ausdrücken lassen, — aber diese Versprechungen sind unerfüllt ge- 
blieben; und möge nun die Schuld davon an der Unbotmäßigkeit der ausführenden Behörden 
oder an dem Mangel an Ernst und Aufrichtigkeit in den Kreisen der obersten Räte des 
Kaisers liegen: wir dürfen mit Recht fragen, ob dies der Weg sei, um das Siel zu erreichen, 
welches der Kaiser felbst oft als das gemeinsamo bezeichnet hat, nämlich die Her- 
stellung und Sicherung des Vertrauens und damit die Förderung der materiellen Interessen 
beider Länder? Wir baben dieselbe Zurückhaltung sortwährend beobachtet; wir haben so- 
Der Satz eigenbändiger Zufatz Bismarcks. 
Der letzte Aebensatz: „um m conftatieren . " eigenböndige Ergänumg Bismarcks.
        <pb n="406" />
        392 Was Soltz Napoleon III. vortragen soll. 
viel wie möglich vermieden, die eigentlich unglaublichen und selbst von dem Vertreter 
der Kriegspartei Marschall Niel als völkerrechtswidrig anerkannten Verhältnisse der 
Legion in Frankreich zum Gegenstand von Beschwerden in der Offentlichkeit zu machen: 
aber wir können freilich nicht verhindern, daß dieselben bekannt und ausgebeutet werden 
— welches letztere ja gerade von unsern Gegnern zu dem Zweck geschieht, um die Hoff- 
nungen auf Sortdauer des Griedens zu entmutigen und Mißtrauen zwischen uns und die 
Kaiserliche Regierung zu säen. Ist es ein Wunder, daß unter solchen Verhältnissen die 
öffentliche Meinung weder in Frankreich noch in Deutschland das so dringend notwendige 
Vertrauen wiedergewinnen kann, und daß trotz aller Reden und Versicherungen des 
Friedens und der Abwesenbeit brennender Fragen dennoch alle Verhältnisse stocken? Wie 
sehr in gan; Deutschland Argwohn und Mißtrauen dadurch vermehrt worden ist, davon 
kann den Kaiser ein Blick in die deutschen Seitungen überzeugen. Und wie sollen wir 
selbst m diesen Versicherungen Vertrauen fassen, wenn die Tatsachen ihnen fortwährend 
widersprechen? Daß die Intentionen des Kaisers selbst durch die Alänner, die sie aus- 
mführen berufen sind, vereitelt werden? Die Sprache, welche die französischen Staats- 
männer offiziell uns gegenüber führen, muß dann zuletzt ebensosehr ihre Wirkung verlieren, 
wie sie beruhigende Aoten im „Moniteur“ und offiziösen Blättern der öffentlichen 
Meinung gegenüber leider schon längst verloren haben. 
Ich überlasse Ew. pp., diese Erwägungen dem Kaiser in geeigneter Weise vorjutragen, 
sobald Sie zu der Uberjeugung gekommen sind, daß auch jetzt keine wirkliche Besserung in 
der Bebandlung der Legion eintritt; und schmeichle mir mit der Hoffnung, daß eine solche 
Sprache bei dem Kaiser perfönlich, welcher die Gesinnungen Seiner Majestät des Königs 
kennt und zu würdigen weiß, nicht ohne Wirkung bleiben werde. 
Ew. Exzellenz wollen eventuell dem Kaiser gegenüber die Linie einer Beschwerde bei 
Seiner Majestät über fransösische Beamte, welche Kaiserliche Befehle nicht befolgen, fest- 
balten und die einer Beschwerde über das Verhalten des Kaiserlichen Kabinetts an sich 
vermeiden. 
1168. Erlaß an den Boischafter in London 
Grafen von Bernstorff. 
[Kontrept von der Hand des Vortragenden Vats Abeken.) 
Am 14. MWai batte Graf v. d. Goltz eine Aussprache mit Marquis de Moustier über die 
Judenverfolgungen in Rumönien und deren Rückwirkungen auf die Stellung des Sürsten Karl 
gehabt. Dem Votschafter war dabei eine Aeigung Woustiers aufgefallen, die Regierung des 
Eürften „als im eigenen Lande eines ausreichenden Bodens entbebrend darzustellen und eine 
etwa bevorstehende Katastropbe im voraus bierdurch zu erklären“. Er schloh daraus, daß ein 
aus einer Umwälzung in Aumänien hervorgerufener Konflikt zwischen sterreich und Auhland. 
eine für Frankreich viel günstigere Gruppierung der Nächte herbeiführen werde als ein 
wischen Frankreich und Preußen unmittelbar wegen der deutschen Frage entbrennender Kampf. 
Goltz riet, auf diesen Sesichtspunkt beizeiten das englische Kabinett aufmerksam zu machen, das 
daraus Anlaß entnehmen könnte. Frankreich und Öfterreich eine größere Alähigung in den 
Donaufürftentümern m empfeblen. 
Vertraulich. Berlin, den 20. Mai 1868. 
Sw. pp. übersende ich anliegend vertraulich Abschrift eines Berichtes des Königlichen 
Botschafters in Paris über eine Unterredung mit dem Marquis de Moustier in betreff 
der rumänischen Verhältnisse. Ich kann die Besorgnisse, welche der Graf von der Goltz
        <pb n="407" />
        Mögliche Rückwirkung bedenklicher Justände in Rumänien auf europäischen Frieden. 39 
für eine Gefährdung des allgemeinen Griedens in Curopa an eine eventuelle Katastrophe in 
Rumänien knünpft, nicht ungerechtfertigt finden, wie ich denn Ew. pp. schon früher wieder- 
holt darauf aufmerksam gemacht habe, daß eine unvorsichtige und übereilte olitik nament- 
lich von seiten ÖOsterreichs in diesen orientalischen Grenzländern einen Konflikt zwischen 
Osterreich und Rußland unausbleiblich zur Folge haben müsse, und daß es daher von jeder 
Regierung, der es um die Erhaltung des Friedens zu tun, weise gehandelt sei, wenn sie in 
der von dem Königlichen Botschafter angedeuteten Weise mäßigend und erhaltend ein- 
zuwirken suche. 
Sür uns beschränkt sich das politische Interesse, welches wir an den rumänischen Ver- 
hältnissen nehmen, in der Tat auf die Rückwwirkung, welche sie auf den allgemeinen Frieden 
ausüben können. Es ist natürlich, daß Seine Majestät der König ein perfönliches und 
gemütliches Interesse an dem Schickal eines dem Königlichen Hause verwandten Prinzen 
nehmen. Aber dieses Interesse würde von keinem weiteren Einfluß auf unsere politische 
Haltung sein, und wir würden der verwandtschaftlichen Teilnahme keine bestimmende 
Wirkung auf unsere Politik einräumen können. Die Justände in Rumänien sind sehr 
bedenklicher Matur; und die letzten ECreignisse daselbst haben, wie sich nicht verkennen läßt, 
die Stellung des Sürsten nicht verbessert — sowohl die faktisch unleugbar stattgefundenen 
Judenverfolgungen selbst, welche offenbar von einer dem Sürsten feindlichen Partei in Szene 
gelsetzt sind, als die Übertreibung, mit welcher dieselben aousgebeutet werden, und welche zu 
einer Gefahr fremder Einmischung geführt hat, die für die Stellung des Sürfsten ver- 
bängnisvoll werden kann. Ich weiß, daß es den Gesinnungen sowohl des Sürsten selbst wie 
seines erlauchten Baters entspricht, die Stellung, sobald sie eine für die Würde des Jürften 
zweifelhafte Matur annähmet, ohne Verjzug aufzugeben. Dies würde uns zunächst nicht 
berühren; aber wir können uns nicht verhehlen, daß, wenn dort eine Katastrophe einträte 
oder der Fürst sich genötigt sähe, das Land zu verlassen, eine Lücke eintreten würde, welche 
auszufüllen schwer und nicht ohne Gefahr sein würde, weil um die Ausfüllung sehr ver- 
schiedene Interessen sich bemühen und fast notwendig miteinander in Konflikt geraten 
würden. Der Königliche Botschafter in Paris will dem französischen Kabinett nicht direkt 
den Hintergedanken zuschreiben, auf eine solche Wendung zu spekulieren; aber er hat nicht 
unrecht, wenn er glaubt, daß Grankreich dabei seine Rechnung finden und daß daber in 
einem golchen Falle die Kriegspartei in Paris, deren bedrohliche Cendenzen auch das 
Königlich Großbritannische Kabinett in der letzten Seit wiederholt und nicht ohne Be- 
sorgnis anerkannt hat, ein bedenkliches Übergewicht gewinnen könnte. Wir selbst glauben, 
daß Grankreich, welches auch seine letzten Pläne und Gedanken sind, sich sür den Augen- 
blick wenigstens noch nicht stark genug fühlt, um ohne Bundesgenossen den Entschluß uu 
einem Kriege zu fassen, der sich an die Cntwicklung der deutschen Verhältnisse knüpfte. 
Aber es kann, wie der Botschafter bemerkt, möglicherweise darauf rechnen, daß sich eine 
Bundesgenossenschaft aus der orientalischen Srage entwickeln werde; und diese Hoffnung 
kann allerdings von Einfluß auf die kriegerischen Cendenzen sein. 
Sch ersuche Ew. pp. diese Gesichtspunkte in Shren vertraulichen Unterhaltungen mit 
Lord Stanley bervorzubeben und ihn darauf aufmerksaom zu machen, wieviel gerade in 
dieser Hinsicht für die Crhaltung des Friedens von der Haltung Englands abbängen wird, 
welche wie kaum irgendwie andere Macht auf den Kaiser ermutigend oder nrückhaltend 
Die Worte: „lobald sie eine ..“ eigenhändiger Zusatz Bismarcks.
        <pb n="408" />
        394 Ducrots Besuch in RNastatt; badische Besorgnisse. 
einwirken kann. Ew. pp. wollen dabeĩ immer festhalten, daß wir den Frieden lebhaft und 
dringend wünschen und nichts tun werden, um unfrerseits eine Störung desselben zu provo- 
sieren, wenn wir uns auch stark genug fühlen, um den Krieg nicht zu scheuen, wenn er uns 
aufgedrungen wird. 
HGröhtenteils bei H. Mĩchael, Bismarck, England und Europa von 1866 bis 1870, S. 173 f. 
*1169. Erlaß an den Gesandten in Karlsruhe 
Grafen von Flemming. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.) 
Am 10. Woi hatte Graf Slemming mit dem Großherzog von Baden eine Unterredung 
ebott. in der dieser die Besorgnis aussprach, daß es schon bald zum Kriege mit Grankreich 
ommen werde. Der Grobberiog stüchte diese ales u. a. auf Auherungen, die der 
Maire von Straßburg Humann anläßlich eines neuerlichen Besuchs des Generals Ducrot zu 
dem Kommandanten von Kebl Oberst Weiler getan haben sellte, und die auf den baldigen 
Ausbruch eines deutsch--französischen Krieges deuteten. Ob ollerdinge der Besuch Ducrots in 
Rastatt wirklich stattgesunden hatte, stand nach Außerungen des Ministers v. Srepdorf, die 
Graf Slemming in einem Berichte vom 14. nachfügte, nicht sicher fest. 
Berlin, den 21. Mai 1868. 
Ew. pp. gefällige beide Berichte vom 1 1. und 14. d. M. Nr. 39 und 40, welche sich auf 
den vorausgesetzten Besuch des kommandierenden SGenerals von Straßburg Ducrot in 
Noastatt und die Außerungen des Maire von Straßburg Humann beziehen, sind mir richtig 
zmgegangen. Wir sind Seiner Königlichen Hoheit dem Großberzoge für alle derartige 
Mitteilungen zu aufrichtigem Danke verpflichtet. Ob der Besuch des Generals Durrot in 
Nastatt wirklich stattgefunden hat, ist freilich aus dem Bericht des Obersten Weiler nicht 
mit voller Sicherheit zu beurteilen; er ist aber immer wahrscheinlich genug. Auf die alar- 
mierenden Außerungen des Maire Humann bin ich nicht geneigt ein besonderes Gewicht 
m legen, da derselbe als Sohn des ehemaligen Ginanzministers unter Louis Philipp einer 
orleanistischen Samilie angehört, also nicht frei von den Anschauungen dieser Partei 
lein dürfte. 
Ich bitte Ew. pp. in Shren Unterhaltungen mit Seiner Königlichen Hoheit dem Groß- 
berzoge daran festzuhalten, daß wir den Grieden noch teineswegs in solcher Nähe für 
bedroht halten, wie er selbst es zu tun scheint. Wir kennen und würdigen allerdings die 
Bestrebungen der aus mannigfachen Elementen zusammengesetzten Kriegspartei, aber wir 
glauben, daß ihr Einfluß auf den Kaiser für jetzt wenigstens noch nicht stark genug ist, um 
bei seinen Entschlüssen die Rücksicht auf das im allgemeinen in Grankreich sehr starke 
Friedensbedürfnis und die Scheu vor einem Kriege gegen das gesamte Deutschland, nament- 
lich wenn derselbe aus einer Einmischung in die nationale Entwicklung entspränge, mu 
überwinden. Der Kaiser Vapoleon kennt das Waß der augenblicklichen kriegerischen 
Wacht seines eigenen Landes und ebenso das Maß der Kräfte, welche der Norddeutsche 
Bund, — selbst bei der noch mangelhaften Ausbildung des süddeutschen Wehrsustems, 
in welchem nur Baden in einer nachahmenswerten Weise vorangegangen ist, — ihm ent- 
gegenzusetzen haben würde, m gut, um sich ohne Notwendigkeit den Gefahren eines fgolchen 
Krieges auszufetzen. . 
Wenn wir es daher auch für geboten erachten, in jeder Weise vorbereitet und vor 
sichtig m sein, und uns in der Tat auch in der Lage glauben, lelbst einem plötzlichen und
        <pb n="409" />
        Gortschakows Besorgnisse vor Frankreich. Kongreß und Kompensationen. 395 
unvorhergesehenen Überfall mit menschlicher Berechnung nach wirksamer und nachhaltiger 
Kraft entgegenzutreten, so können wir doch die Beforgnis, daß ein jolcher Überfall beab- 
sichtigt und vorbereitet werde, nicht in dem Mabe teilen, wie dies auf manchen Seiten 
geschieht; und die ganze Haltung Frankreichs gibt uns bis jetzt noch keine Beranlassung, 
die Hoffnung der Erhaltung des Friedens aufjugeben. 
1120. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Abekern.)] 
Vach einem Berichte des Drinzen Aeuh vom 16. Mai stand Sürst Gortschakow fort- 
gesetzt unter dem Eindrucke der sehr alarmierenden Berichte des rufsischen ilitärbevoll- 
mächtigten in Daris, der aus den kriegerischen RMüstungen Kaiser Rapoleons auf den Plan eines 
nabe bevorstehenden Krieges schließen zu müssen glaubte. Aun standen diese Berichte zwar im 
Segensatz 8 ohtimistischen Auffoslungen, die der kur; zuvor von seinem Pariser Dosten zurück- 
etretene Baron Budberg von dort beimgenommen hatte, indessen hielt es Gortschokom für 
semne Pflicht, in Verü- von neuem zur Wachsamkeit zu mahnen. Auch Baron o. Jomint. 
einer der vertrauten Räte Gortschakows, bekannte sich gegen Reuh zu ähnlichen Auffallungen: 
Vach ihm hätte es Rapoleon III. vielleicht darauf abgesehen, nach der Vollendung der 
kranzölischen Rüstungen mit seiner Kongreßidee hervorzutreten, um auf diese Weise die Srage 
der Kompensationen in Sluß zu bringen, denen er noch immer nicht entsagt babe. 
Vertraulich. Berlin, den 23. Mai 1868. 
Ew. pp. haben in Ihrem gefälligen Berichte Mr. 80 vom 16. d. M. erwähnt, daß der 
Fürst Gortschakow die mehr friedlichen Anschauungen des Baron Budberg nicht teile, 
vielmehr die durch die Rüfstungen Grankreichs erregten Besorgnisse vor kriegerischen Ab- 
sichten des Kaisers Aapoleon auch jetzt nicht verloren habe und es für seine Pflicht halte, 
die Wachsamkeit der Königlichen Regierung nicht einzuschläfern. 
Abnliche Witteilungen sind mir auch in letzter Zeit wieder durch den Kaiserlich 
Russischen Gesandten gemacht worden. Sch bitte Ew. pp., dem Sürsten Gortschakowm 
meinen Dank dafür auszusprechen und ihn zu versichern, daß wir unfererseits keine Vor- 
sichtsmaßregel versäumen, um nach menschlicher Berechnung auch auf Soentualitäten 
gefaßt m sein, die wir für den Augenblick noch nicht als unmittelbar bevorstehend ansehen. 
Was übrigens den von Herrn Jomini öhnen ausgesprochenen Gedanken betrifft, daß 
der Kaiser Aapoleon vielleicht, nachdem er sich ur Ausübung eines Drurkes hinreichend 
gerüstet glaube, versuchen werde, durch einen Kongreß m den immer noch ins Auge 
gefaßten Kompensationen iu gelangen, so ist es mir schwer begreiflich, wo für der 
Kaiser der FSranzosen Kompensationen in Anspruch nehmen gollte — von uns doch schwerlich 
dafür, daß er uns zu verbindern gesucht hat, unfern Sieg im Jahre 1866 so zu verfolgen, wie 
es uns ohne ihn möglich gewesen wäre. 
*1121. Erlaß an den Geschäftsträger in München von Radowitz. 
[Kontept von der Hand des Vortragenden VRats Abeken.)] 
Vertraulich. Berlin, den 27. Mai 1868. 
Der Königlich Bayrische Gesandte Freiherr von Perglas hat, wie er dem König- 
lichen Unterstaatssekrretär gesagt, im Auftrag des Fürsten Hobenlohe in Er-
        <pb n="410" />
        396 Baurische Anfrage wegen württembergischer Garantiewünsche. 
jahrung mu bringen gesucht, wie diesseits eine Anfrage aufgenommen worden sei, welche der 
Königlich Württembergische Minister Sreiherr von Varnbüler an mich zu richten beab- 
sichtigt babe. Als Indalt dieser Anfrage gab der gedachte Gesandte die Srage an, ob 
Preußen geneigt sein würde, für den Fall eines Krieges Seiner Majestät dem Könige von 
Württemberg seinen Besitzstand zu garantieren und zugleich zu versprechen, daß letzterer 
auch bei den eventuellen Fried hand mit FSrankreich zugezogen werden solle? 
Ich kann nicht läugnen, daß mir eine solche Voraussetzung von Hause aus an Unwahrschein- 
lichkeit zu leiden schient. 
Der Sreiherr von Varnbüler hat mir keine solche Srage gestellt, sie auch nicht einmal 
von fern angedeutet, obgleich ich gerade in den letzten Cagen eine längere Unterredung mit 
ihm gebabt, wobei ihm die volle Aöglichkeit gegeben gewesen wäre. Er hat sich aber darin 
auf eine eingehende Rechtfertigung seines Verbaltens bei den württembergischen Wahlen 
zum Sollparlament beschränkt; und der Gegenstand jener angeblich beabsichtigten Anfrage 
ist dabei gar nicht berührt worden. Er würde mich dadurch in der Tat auch überrascht 
baben, da die volle Garantie für Württemberg bereits in den abgeschlossenen Verträgen 
liegt und es ein fast verletzendes Mißtrauen zeigen würde, noch eine neue Garantie zu ver- 
langen, welche doch, wenn die frühere nicht haltbar genug erschien, selbst keinen größeren 
Wert baben könnte. Das Begebren aber, zu den Sried handlungen zugezogen zu 
werden, würde in einem Augenblicke, wo der Krieg noch nicht in Aussicht steht, doch kaum 
ausgesprochen werden können. 
Ich würde dies Herrn von Varnbüler geantwortet haben, wenn er solche Sragen 
gestellt hätte; ich wiederhole aber, daß er dieselben auch nicht einmal gesprächsweise an- 
gedeutet hat. 
Es ist mir aufgefallen, daß Herr von Derglas in so positiver Weise und mit Berufung 
auf den Sürsten Hobenlobe die Sache zur Sprache gebracht hat, um so mehr, als auch 
letzterer mir bei wiederbolter Begegnung keine Andeutung gegeben hat, daß er eine golche 
Ablicht bei dem Freiherrn von Varnbüler vermute. 
Cw. pp. ersuche ich ergebenst, das Sachverhältnis vertraulich dem Fürsten Hohenlobe 
mitzuteilen. 
*1122. IZmmediotbericht. 
[Kontept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken.] 
Vachdem durch eine Königliche Ordre vom 3. Mai denjenigen Militärpflichtigen und 
Personen des Beurlaubtenstandes aus der Drovinz Hannover, welche, ohne anderweiter straf- 
barer Handlungen schuldig zu sein, sich der militärischen Dienstpflicht entzogen batten, „die straf- 
freie Rückkehr in die Geint bis ju einem noch zu bestimmenden Termin“ ungesichert war, 
ging dem Grafen Golt am 20. Wai eine von ca. 75 5 „HDannoverschen Emigranten“ unterzjeichnete 
„offene Erklärung an Seine Majestät den König Wilbelm von Preußen“ m, worin diese die 
ongebotene Amnestie mrückhimiesen. IOn die Echiheit der Unterschriften setzte der Votschafter 
indessen, wie er am 21. Mai berichtete, erhebliche Jweifel; er bat, das Original mrüchbehalten 
K dürfen, um die sich etwa auf der Botschaft meldenden Legionäre über ihre Unterschrift und 
en Ursprung der Erklärung vernehmen ju können. Am 25. Wai legte Vismarck dem Könige 
14 Der letzte Satz eigenbändiger Fusatz Bismarcks.
        <pb n="411" />
        Prãklusivfrist für straffreie Rückkehr der Welfenlegĩonãre. 397 
den Goltzschen Bericht vor, der dazu bemerkte, dah die an jener Erklärung beteiligten 
Legionäre bei einer dennoch erfolgenden Rückkehr unterschiedlich behandelt werden müßten, je 
nachdem sie die ungehörige Erklärung wirklich unterschrieben hätten oder nicht. 
Berlin, den 27. Mai 1868. 
Ew. Königliche Majestät haben aus Anlaß des Berichts des Grafen Soltz vom 
21. d. M. über die Erklärung einer Anzahl von hannöverschen Mitgliedern der Welfen- 
legion in Srankreich zu bemerken geruht, daß sich aus der Sälschung der Unterschriften, 
wenn eine solche konstatiert würde, ein Unterschied in der Strafbarkeit ergeben würde, 
welcher bei der Behandlung der Leute berücksichtigt werden müßte. Sch fürchte, daß es 
dem Grafen Goltz nicht möglich sein wird, mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln, selbst 
mit Zuziehung von Schreibverständigen und mit einer vielleicht nicht in vollem Mahe zu 
erwartenden Unterstützung der französischen Bebhörden in den einzelnen Sällen festzuftellent, 
wer in der That die Erklärung unterschrieben, resp. wessen Aame ohne sein Wissen 
daruntergesetzt sei. Es wird demnach kaum möglich sein, einen Unterschied in der Be- 
handlung der Zurückkehrenden auf den Umstand zu bauen, ob sie die Erklärung unter- 
jeichnet haben oder nicht. Die meisten Aamen sollen augenscheinlich von gleicher Hand- 
schrift berrühren. 
Sch gestatte mir, meine Ansicht alleruntertänigst dahin auszusprechen, daß Ew. König- 
lichen Moajestät huldvollen Intentionen am besten würde genügt werden, wenn Allerhöchsi- 
dieselben jetzt die in der Order vom 3. d. M. vorbehaltene Präklusiofrist für die straffreie 
Rückkehr bestimmen, damit diejenigen, welchen es wirklich Ernst ist mit dem Wunsche der 
Heimkehr, eine dringende Aufforderung haben, nicht länger zu zögern. Ew. Königliche 
Maojestät wollen mir gestatten, den 1. Juli für diesen Termin ehrfurchtsvoll vorzuschlagen?; 
er ist offenbar weit genug, um allen, welche wirklich von der Gnade Ew. Maojestät Gebrauch 
machen wollen, die Möglichkeit dam zu geben; eine noch weitere Srist aber zu gewähren, 
würde ich schon darum nicht für angemessen erachten, weil es mir bei der großen Demora- 
lisation, in welcher die Mehrzahl dieser Leute sich bereits befindet, nicht einmal wünschens- 
wert erscheint, daß dieselben in größeren Massen nach der Provinz Hannover zurückkehren. 
Aus wie schlechten Elementen die Legion zum großen Teile zusammengesetzt ist, hat gerade 
das betrügerische Berfahren derselben in der Annahme von Aeisegeld ohne die Absicht der 
Reise nur zu deutlich gezeigt; auch die Mehrzabl der Aamen, welche auf den ausgestellten 
Quittungen eingetragen, sind gefälscht und willkürlich angenommen. 
Der Seitpunkt zur Stellung einer Präklusiofrist scheint mir daher meinem allerunter- 
tänigsten Dafürhalten nach gekommen, und dürfte auf diese Weise am sichersten die Schei- 
dung der besseren Elemente von den schlechteren, der Verführten von den Verführern zu 
bewirken sein. Gegen die nicht Surückikehrenden würde alsdann der Drozeß nicht nur 
wegen Militärvergeben, sondern wegen Hochverrat einzuleiten sein. 
1123. Erlaß an den Botschafter in Daris 
Grafen von der Goltz. 
l[Konrzept von der Hand des Vortragenden Nats Abeken.] 
Mit welcher Eifersucht die franwsische Regierung und di amösische Offentlichkeit 
darüber wachten, ob nicht die erste Cagung des SWieiements in — am benutzt werde, 
Der Aest des Ablatzes beruht auf eigenbändiger Korrektur Bismarcks. 
2 Eine Königliche Ordre vom 30. Woai verfügte in diesem Sinne.
        <pb n="412" />
        3098 Französische Berdrehungen Bismarckscher Zollparlaments-Auh 
- 
Tribunal für die gesamte innere Gesetzgebung aller deutschen Staaten zu erbeben. Als Graf 
Goltz die gebässige Haltung der franjöolischen Blätter bei Moustier und dessen Kabinettschef 
Graf St. Vallier jur Sprache brachte, wollte man ihm einreden, daß sich diese Haltung aus 
dem Bestreben erkläre, von der preußischen Regierung Gelder für eine obsektioere Bericht- 
erstattung zu erpressen! Auch Benedetti, der von Anfang an dem Sollparlament und den darin 
mtage tretenden Tendenzen die größte Aufmerksamkeit gewidmet hatte, setzte voraus, daß 
die französischen Blätter nur ungenau über die Diskussion vom 18. berichten würden, weshalb 
er selbst sich einer besonders exakten Berichterstattung (Les Origines Diplomatiques, XX/I, 
284 s., 285 SS., 294 Ss.) befleihigte. 
Vertraulich. Berlin, den 28. Mai 1868. 
Aus der Nachschrift zu dem gefälligen Bericht Ar. 178 vom 21. d. M. ersehe ich, daß 
Ew. pp. bereits mit dem Marquis de WMoustier über die unverständige Auffassung gesprochen 
baben, welche die französischen ministeriellen Journale meinen Außerungen im Sollparlament 
und der ganzen Verhandlung, durch welche dieselben bervorgerufen waren, hatten zuteil 
werden lassen, und daß der Kaiserliche Minister der auswärtigen Angelegenbeiten Shre 
Bemerkungen in angemessener Weise aufgenommen hat. Ew. pp. werden gelegentlich 
auch dem Staatsminister Rouher bemerklich machen können, welches bei uns der Eindruck 
solcher offiziösen Pressevorgänge sein müsse, nachdem die Aufmerksamkeit des Herrn 
Ministers durch bedeutsame Vorgänge und glaubwürdige Autoritäten auf den Chau- 
vinismus seines Schützlings im Ministerium des Innern gelenkt worden seir. 
Wie viel zu der uns feindlichen Haltung dieser Blätter auch das von Ew. pp. in dem 
Bericht Nr. 176 vom 20. d. M. vermutungsweise erwähnte Motio, eine Subvention von 
uns zu erpressen, beitragen mag, so ist doch schwer anzunehmen, daß sie nicht zugleich von 
Inspirationen geleitet worden, welche sich, wie es scheint, dem Einfluß des Marquis 
de Moustier entziehen. Jedenfalls würde, wie Ew. pp. selbst bemerken, die Kaiserliche 
Regierung vollständig in der Lage sein, die böswillige Haltung ihrer Organe zu verhindern; 
und daß dies nicht geschieht, müssen wir der Cinwirkung solcher Persönlichkeiten zuschreiben 
wie Herr de St. Paul, und es muß uns mißtrauisch machen, wenn wir seben, daß dieser 
von dem Staatsminister Nouhber zwar gestützt und gebhalten, aber nicht im Sinne des 
Friedens angeleitet und überwacht wird. 
*1124. Erlaß an den Gesandten in Kom von Arnim. 
„Kontrept von der Hand des Vortragenden Aats Abesen. 
In einem Drivatbriefe vom 8. Mai hatte v. Arnim Bismarck auseinandergesetzt, warum 
er dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm nicht babe raten können, auf seiner Italienreise (ogl. 
dam Dr. 1152, 1157) dem Papste einen Besuch abzustatten. „Dem Poptt bat natürlich der 
Cbarakter der Demonstrationen, u denen der Kronprin; Anlaß gegeben bat, nicht gefallen 
1 Vgl. daju Ar. 1167. gam W . 5 u * t 
1 K t trägt den Kanjleinermert: „Das Mundum ist vom Herrn Unterstaatssekretär unter- 
—t Ves irem, B#er verseben worden: Vorstebender. Erlaß ist vom Herrn Gklantels etearta an- 
gegeben und im Komept genehmigt worden, eigenböndige Feichnung der Veinjchrift durch lein Erkranken 
verbindert.“"
        <pb n="413" />
        Der kronprinzliche Besuch in Stalien und die Kurie. 399 
können, und wenn ihm auch der Verdruß Vergnügen macht. welchen Aa#poleon über die gute 
Aufnahme des Drinzen empfindet, so kann er doch an dererfeits nicht überseben, daß allem 
Anschein nach der Kronprin: des Aorddeutschen Bundes nicht zu allen Jeiten von fo sumpatdi- 
schen Gesinnungen für seine Herrschaft geleitet wurde wie in diesem Augenblick. Sein obl- 
wollen für die neue Ordnung der Dinge in Deutschland wird daher durch die Vorgänge in 
Verona, Turin und Bologna (all. dazu Denkwürdigkeiten A. o. Siolchs. S. 140 ff.) wahr 
chrinien, nicht hebbofter *“—— slein, inn es wird schwer sein, ihn gerade jetzt zu bewegen, daß 
er seine eigenen Interessen fördert, wenn er seinen Einfluß für Norschland geltend macht.“ 
Berlin, den 29. Mai 1868. 
Ew. pp. bemerken in Ihrem gefälligen vertraulichen Schreiben vom 8. d. M., daß es 
gerade jetzt schwer sein würde, den Papst zu überzeugen, er fördere seine eigenen Snteressen, 
wenn er seinen Einfluß auf die katholische Kirche in Deutschland im Sinne einer offenen 
Anerkennung und Unterstützung der neuen Gestaltung der Dinge geltend mache; und daß 
namentlich der Eindruck, den man in Rom von der ANeise Seiner Königlichen Hoheit des 
Kronprinzen in Italien und seiner Aufnahme dafjelbst erhalten habe, nicht dazu beitragen 
könne, Sumpathien für Dreußen und den NDorddeutschen Bund zu erwecken. 
Daß unter diesen Umständen ein Besuch Seiner Königlichen Hobeit in Rom dort keinen 
Vorteil hätte bringen und vielleicht eher die Verstimmung vermehren können, darüber bin 
ich mit Ew. pp. einverstanden; und ich kann es nur billigen, daß Ew. pp. sich auch gegen 
Seine Königliche Hoheit in diesem Sinne ausgesprochen haben. 
Der Eindruck, welchen der Besuch des Kronprinzen am italienischen Hofe in Rom 
machen mußte, ist übrigens durchous hier nicht unerwartet gewesen, sondern vorber reiflich 
erwogen worden. Diese Erwägungen hingen mit der ganzen Stellung der Römischen Kurie 
und der katholischen Kirche zu uns zusammen, wie ich sie in meinem Erlaß vom 12. v. Al.= 
gezeichnet habe. Wäre diese Stellung eine andere, hätte die Kurie unseren wiederholten 
Mahnungen Gehör geliehen und aufrichtig dahin gewirkt, den feindseligen Tendenzen, 
welche sich in der katholischen Kirche gegen uns kundgeben, Einbalt zu tun; dürften wir 
ihre Stellung zu uns als eine ebenso freundliche bezeichnen, wie es die unfrige gegen die 
katholische Kirche bisher gewesen ist, so würde Seine Moajestät der König die Rücksichten, 
welche bei der Reise des Kronprinzen auf Rom genommen werden konnten, in höherem 
Maße haben walten lassen können, und der Besuch Seiner Königlichen Hoheit am italieni- 
schen Hofe würde vielleicht nicht die Ausdehnung und Bedeutung erbalten haben, welche 
sie jetzt gewonnen hat, vielleicht sogar unterblieben sein“. Ich wünsche, daß man dies in 
Nom erkenne und verstehe, und bitte Ew. pp., dort aus diesen Betrachtungen kein Hebl 
zu machen. 
Ich habe mich über die spstematische Geindschaft, welche von derjenigen artei, die sich 
vorzugsweise die kirchliche nennt und ihre Stütze in Rom sucht, nicht allein in Deutschland, 
Tondern überall in Osterreich, FSrankreich, Belgien, in und außer der Presse gegen uns 
geübt wird, in meinem angeführten Erlaß zu eingebend ausgesprochen, als daß ich darauf 
bier noch mrückzukommen brauchte. Daß man dies in Rom nicht wissen Follte, kann ich 
ebensowenig glauben, als daß man sich nicht die Macht zutrauen jollte, gegen diese Ten- 
denzen einzuschreiten, wenn man den ernstlichen Willen dazu hätte und sein Verhältnis zu 
uns richtig auffaßte. 
2 Siebe VAr. 1130. 
2 Der letzte Teil des Satzes: Lolelleicht. logar unterblieben sein“ eigenböndiger Zusatz Blsmarcke.
        <pb n="414" />
        400 Folgen einer spftematischen Opposition der katholischen Kirche. 
Bei Gelegenbeit einiger Maßregeln, welche ich im Interesse der katholischen Kirche im 
Großberfogtum Posen auf Wunsch des Erzbischofs Ledochowski zu befürworten in der 
Lage war, habe ich letzteren, bei welchem ich ein Verständnis für diese Dinge voraussetzen 
darf, auf die Unmöglichkeit aufmerksam gemacht, die wohlwollenden Intentionen Seiner 
Moxjestät des Königs für die katholische Kirche durchzuführen, wenn letztere in dieser spste- 
matischen Opposition fortfahre. Graf Ledochowski hat hiervon dem Kardinal Antonelli 
Mitteilung gemacht und von ihm ein Antwortschreiben erhalten, wovon er mir den abschrift- 
lich beiliegenden Auszug" mitgeteilt hat. 
Man muß in Nom in einer gefährlichen TCäuschung über sich selbst und über uns be- 
fangen sein, wenn man sich einbilden kann, mit solchen Phrasen die Sache abzutun. Diese 
allgemeinen Klagen über die schlechte Presse, unter der auch der Römische Hof m leiden 
bobe, und über die von den Negierungen derselben gegönnte Greiheit haben ebenfsowenig 
Bedeutung wie das Versprechen, auf die Jurückfübhrung irgendeines einzelnen Blattes zur 
Dflicht, „wenn es mfällig dem Römischen Hofe möglich sein jollte“, einzuwirken. Es klingt 
fast wie Spott, derartige Redensarten vorzubringen gegenüber einer so ernsten und offen- 
kundigen Sachlage wie die, welche ich bezeichnet habe. 
Ich wünsche, daß Ew. pp. dem Kardinal keinen SZweifel darüber lassen, daß wir unfer 
Verhalten zu dem Römischen Hofe nach der Haltung bemessen werden, die er gegen uns 
beobachtet. Seine Majestät der König wird die Abwehr der Angriffe einer kirchlich- 
politischen PDartei sehr wohl mit der Sürforge für seine katholischen Untertanen zu vereinigen 
wissen und darf auch zu dem gesunden Sinn der letzteren das volle Vertrauen hegen, daß sie 
die Kirche von der Partei unterscheiden werden, auch wenn der Vömische Hof selbst sich 
diesem Parteieinfluß bingibt. 
11753. Schreiben an König Wllhelm I. 
([Konzept von der Hond des Vortragenden Aats Abeken.] 
Als Bismarck sich am 6. Februar unmittelbar nach den erregenden Auseinandersetzungen 
mit der konservativen Dartei über den hannoverschen Prioinzialfonds (ogl. Ar. 1028 f.) vom 
Könige einen Urlaub auf unbestimmte Seit erdeten hatte, gestattete die Geschäftslage, außer 
dringlichen Angelegenheiten der Außenpolitik auch der Zusammentritt erst des Norddeutschen 
Reichstages (23. AMär)), donn des Jollparlaments (27. April), deren Verhandlungen sich 
ismarck nicht ganz entjiehen konnte, nicht, daß der Kanzler seinen Urlaub ausnutzte, obwohl 
sein Gesundbeitskustand fortgesetzt viel zu wünfschen übrig ließ. Erst als die jeitweilig am 
politischen Horijont aufsteigenden Besorgnisse vor einer kriegerischen Verwicklung mit Sran#- 
reich wieder dahinschwonden, dank vor allem der klugen ZJurückhaltung, die Bismarck während 
der Tagung des Zollparlaments im Hinblick auf die immer wache österreichische und fran#ösische 
Eisersucht beobachtete, konnte Bismarck an eine wirkliche Ausspannung denken. Bis Mitte 
Juni wurde Bismarck noch durch den Ausgleich eines im Reichstage am 21. April bei der 
Beratung des Gesetzentwurfs über das Bundesschuldenwesen entstandenen Konflikts, in dessen 
Folge der Sesetzentwurf mrückgejogen und alle nicht unbedingt notwendigen Arbeiten für die 
Marine eingestellt waren, in Anspruch genommen. Es gelang Bismarck, obwohl er am 
29. Wai plötlich erkrankt war, ein Nachgeben des Aeichstages zu erreichen. (Vgl. dam 
M. Dhilippfon, Aus Max o. Sorckrenbecks ungedrucktten Briefen, Deutsche Vevue, XXIIL ", 
5. 14f.) Am 15. Juni nahm der Teichstag das Gefetz über die Verwaltung der Marine- 
Hier nicht abgedruckt.
        <pb n="415" />
        Übersiedlung nach Varzin. Ausgrabung von Usedoms „StoH-ins-Herl-Depesche“. 401 
anleibe durch die Hreußche E chulderrerwallng an. An demselben Tage reiste Bismarck 
nach Varzin ab, wo er ovember verblieb, und von wo aus er nach einer mehr- 
wöchentlichen völligen 2* wieder leine Oirektiven nach Verlin gelangen ließ. 
Verlin, den 13. Juni 1868. 
Eure Königliche Mojestät 
bitte ich ehrfurchtsvoll, Allergnädigst mir gestatten zu wollen, daß ich dem Rathe des mich 
behandelnden Arstes, mich auf das Land zu begeben, Folge leiste. Dr. Struck hält grade 
in dem gegenwärtigen Stadium meiner Convalescenz einen Landaufenthalt für dringend 
geboten und erwartet von der frischeren Luft und der ländlichen Stille die besten Folgen 
für die Kräftigung meiner Aerven und meines Gesundhbeitszustandes. Mein eignes Se- 
fübl stimmt ganz mit den Nathschlägen des Arztes überein und läßt mich wünschen, die 
Abreise nicht länger binausmschieben. Curer Königlichen Majestät Allergnädigste Geneh- 
migung gestatte ich mir daber allerunterthänigst dafür zu erbitten, daß ich übermorgen am 
Montag, den 15ten d. M. früh Berlin verlassen dürfe, um mich nach Barjin zu begeben. 
Anhang zu den Sedanken und Erinnerungen von Otto Sürst von Bismarck, 1. 174. 
*1126. Telegramm an das Mintsterlum der auswärtigen 
Angelegenheiten. 
[Originaltelegrammformular.) 
Die erste Angelegendeit. der der seit Mitte Juni in Varzin weilende Bundeskanzler 
nach einigen nur der Wiederberstellung leiner stark angegriffenen Gejsundbeit gewidmeten 
Wochen wieder stärkeres Interesse mwandte, betraf die Veröffentlichung der eStohrins-Hert- 
Depesche“ des Grafen Usedom vom 17. Juni 1866 durch General Lamarmora. Dieser batte 
nach dem Erscheinen des pre ehischen Generalstabswerks über den Krieg von 1866, „Der Seld- 
jug von 1866 in Deutschland“, durch das er seine eigene mehr als schwächliche Kriegführung 
bloßgestell fand, eine Interpellation in der italienischen Deputiertenkammer angemeldet. Trotz# 
der Bemühungen des Ministerpräsidenten Menabrea, eine Debatte darüber zu verhüten. kam 
es am 21. Juli zu einer lesdenschaftlichen Anklagerede Lamarmoras, in der er die ihm am 
19. Juni 1866 übergebene „Note“ Usedoms unter beftigen Ausfällen gegen Preußen zur Ver- 
lelung brachte. Diese Mote war seinerzeit von Usedom, der nur den Auftrag batte, die Italiener 
zu einer energischen Kriegfübrung in der Vichtung auf Wien uu bewegen, lelbständig abgefaht 
und überreicht worden, ogl. dam: Die Gesammelten Werke, VI, 4, Anmerkung. Bismarck batte 
sich damals nachträglich mit der Mote einverstanden erklärt, ohne sich jedoch mit ihrer Sprache, ins- 
belondere den beftigen Wendungen gegen Ötterreich identifiieren z wollen. Er war jetzt, nachdem 
die Note in die Sllentlichteit gelangt war, um 19. weniger geneigt, die Verantwortung jür dĩe in 
ibr angeschlagene Tonart, die vor allem in leerreih Argernis erwecken mußte, auf sich m 
nehmen, als er längst mit der Dienstführung Usedoms (ogl. Tr. 1164) unzufrieden war. 
Varzin, den 29. Juli 1868. 
öch bitte einen Artikel im nicht amtlichen Staatsanzeiger drucken zu lassen, welcher die 
Erklärung enthält und einleitet, daß Useedom allein die Verantwortung für die Sprache 
seiner Note an Lamarmora trägt, m deren Erlaß er nicht ermächtigt war#. Das Be- 
14 Auf diese Direktive Bismarcks brachte der „Staatsanzeiger“ vom 31. Juli im nichtoffiziellen Teil 
die Mitteilung: „Die „Norddeutsche Allgemeine Seitung“ vom 28. d. M. bringt die Nachricht, dah die vom 
Königlichen Gesandten Grafen von Usedom unterm 17. Juni 16566 an den General Lamarmora gerichtete 
Note von seiten der Königlichen Regierung weder autorisiert noch genebmigt, sondern erst zebn Tage nach 
ihrer UÜbergabe in Berlin bekannt geworden sei. Dies ist richtig, und ergibt sich bieraus, daß der Text der 
Note teine sichere Unterlage für Schluhfolgerungen über die politischen Intentionen der Königlichen Regierung 
mzu gewähren vermag.“ Die Fassung des weiten 5atzes rührt von Bismarch selbst ber, sie war milder als 
die zunächst von Tbile vorgesch agene Faslung: „Hieraus ergibt sich, daß die Berantkwortung für diesen 
Schue und für die Sprache der Rote allein auf die Person des Königlichen Gesandten Grafen von Usedom 
mrückfäll 
Wa —
        <pb n="416" />
        402 Genesis der „Stoß-ins-Herz-Depesche“. Usedoms Berantwortlichkeit. 
streben der offijiösen Blätter, den Cext der Vote zu rechtfertigen, ist kein glückliches. 
Usedom fand Indemnität oder Vergessenheit durch Königgrätz. Abeken ist zu ersuchen, den 
Skandal im Sinne des längst erstrebten Personenwechsels zu verwerten. Weiteres 
schriftlich- · 
FUITSchreibenandasMinistekiumdekauswäkiigen 
Angelegenheiten. 
[Reinschrift von der Hand des eetions rates Grafen von Bismarck- 
o 
Varzin, den 30. Juli 1868. 
Ich bitte, die Lamarmorasche Angelegenbeit in nachstebendem Sinne in der Presse m 
behandeln: . 
Wiedie,,Aorddeutlcheöeitungk«bereitsangedeutethat,loiltdiertedesGrafen 
Uledomvom17.Zuni1866ihretRedalctionnachnichtoonderKöniglichenRegierungua- 
mittelbar ausgegangen, sondern Graf Usedom hat nach seiner persönlichen Beurteilung der 
Situation durch sein Schreiben an Lamarmora die italienische Regierung zur Annahme 
eines wirkfameren Seldzugsplanes zu bestimmen gesucht, als derjenige war, nach welchem 
Lamarmora in der Tat verfuhr. Was den Ursprung dieses Planes anbelangt, so glauben 
wir denselben mehr in den Kreisen der fähigeren italienischen Generale als in denen des 
preußischen Generalstabes suchen zu gollen, wenn auch bei letzterem dieser an und für sich 
geschicktere Seldzugsplan gewih denselben Anklang gefunden hat, wie bei allen denjenigen 
italienischen Militärs, welche ihrem Vaterlande ehrlich zu dienen entschlossen waren:. Wir 
glauben, daß die letzteren der Entstehung der Vote, vielleicht auch der Fassung derselben, 
die dem Stalienischen näher steht als dem Deutschen und dem Sranzösischen der Diplomaten, 
nicht ganz fremd geblieben sind-. Vielleicht haben die italienischen Generäle, welche ihr 
Vaterland der französischen Diplomatie Lamarmoras mit tiefem Widerwillen überliefert 
saben, durch Vermittelung des Vertreters der verbündeten Macht einen letzten Versuch 
gemacht, ob sie dem Seldzugsplan ihrer Vegierung eine nationalere Wendung geben 
könnten. Daß der Vertreter Preußens zu diesem Versuch seine Beihilfe nicht versagt hat, 
war nach der gesamten politischen Situation des Augenblicks natürlich, und daß er selbständig 
ohne Rückfrage bei seiner Regierung gehandelt hat, ist nach dem raschen Entwicklungs-- 
gange der damaligen Ereignisse erklärlich. Die Rüancen des Textes der Note verdanken 
daber ihren Ulrsprung ausschließlich den perfsönlichen Auffassungen des Grafen Usedom, 
und auch der geübtere Seitungsleser wird von Hause aus den Eindruck gehabt haben, daß 
der Stil jener Aote wenigstens nicht der in den Büros des Berliner auswärtigen Ministe- 
riums übliche ist. 
2 Siehe das folgende Schriftstück. 
IITT. a Bismarck erinnerte sich offenbar aus der Berichterstattung des im Wai 1866 nach Stalien entsandten 
Tb. v. Berndardi, daß dieser mit einem Teil der italienischen Generalität, u. a. den Generalen Cialdini, 
Poggio, Petitti, in der Forderung einer kühnen und effektiven Kriegfübrung einig gewesen war. Vgl. Aus 
dem Leben Th. v. Vernhardis, VII, 64 
„ Vol. m dor Entstebung der Aote: Aus dem Leben Th. v. Bernhardis, VII. 8: VIII, 276 ff., ferner 
" · i Dunck 8. August 1868 (Max Duncker, Politischer Briefwechsel aus seinem 
Deerneie Mier nn 8 m r— 8* te Veenztdaorstellung des Zwischenfalles gibt.
        <pb n="417" />
        Voröffentlichung Lamarmoras wenig würdig; aber Usedom nun unmöglich geworden. 40k2 
Über die Urkachen, welche den General Lamarmora bewogen haben, einen den Snteressen 
und dem Einflusse Staliens weniger förderlichen Feldzugsplan in Widerspruch mit den 
politisch und militärisch in hohem Ansehen stehenden Generälen durchzuführen, zu diesem 
Swecke die Usedomsche Aote zu unterschlagen" und nach der Schlacht von Custozza mit 
großer Bereitwilligkeit die Rolle des Besiegten zu übernehmen und auf diesem dem 
nationalen Ehrgefühl wenig zusagenden Wege die vorber abgekartete Abtretung Venetiens 
und die fernere Tatenlosigkeit der italienischen Armee vorzubereiten, diese Ursachen aufzu- 
klären haben nicht deutsche Seitungen, sondern italienische Parlamente und italienische Ge- 
schichtsschreiber den Beruf. Wir können nur wünschen, daß die darüber zu erwartenden 
Aufklärungen zur Ehre eines Mannes ausschlagen mögen, der bei den Bundesgenossen 
Italiens bisber allerdings den Eindruck gemacht hat, daß er die Snteressen seines Landes 
in der Abhängigkeit von Frankreich besser gewahrt finde als in der Selbständigkeit, und 
der niemals der Kandidat des italienischen Volkes, stets aber der der französischen Re- 
gierung für die höchste Gewalt in Stalien gewesen ist. # 
Wenn der General Lamarmora bei den parlamentarischen Verhandlungen sich den 
Anschein gegeben hat, als sei ihm im Juni. 1866 der Geldzugsplan des Grafen Usedom etwas 
Neues, Überraschendes und zurzeit nicht mehr Ausführbares erschienen, so bat er dabei 
offenbar vergessen, daß derselbe Feldzugsplan den ganzen Monat Mai des Jahres 1866 
bindurch ihm gegenüber vergeblich von seiten der einsichtigeren und patriotischeren Generäle 
verfochten worden ist. Er paßte aber nicht in das System der Abtretung Venetiens nach 
einer ehrenvollen italienischen Aiederlage und einer Kriegfübrung, welche für preuhische 
Interesseen möglichst unwirksam sein gollte. 
Wir glauben, dah die Aachteile der eines Staatsmannes wie eines Edelmannes gleich 
wenig würdigen Veröffentlichung in der öffentlichen Meinung Staliens je länger desto mehr 
auf den General zurückfallen werden, und daß niemand die preußische Regierung dafür 
verantwortlich machen werde, wenn ihr Vertreter in einer Situation, welche für regelrechte 
Instruktionen keine Zeit ließ, einen militärisch richtigen Gedanken und die Wünsche der 
patriotischen Generäle Staliens in einer Sprache ausdrückte, welche von der in den Akten- 
Ktücken der preußischen Regierung üblichen nicht unwesentlich abwich. 
In vorstehendem Sinne bitte ich in der „Kölnischen Seitung“, der „Weser- 
Geitung“ und sonstigen angesebeneren Blättern, welche offiziösen Korrespondenten zu- 
gänglich sind, womöglich auch in einer englischen und französischen Seitung, jedenfalls aber 
in der französischen „Berliner Korrespondenz“ schreiben zu lassen. Je ferner die Blätter 
äuherlich der Regierung stehen, desto bestimmter muß die Tatsache hervortreten, daß La- 
marmora in französischem Solde bandelt; im übrigen bitte ich die entsprechenden Artikel 
zur Kenntnis des Königs zu bringen und Seine Majestät darauf vorzubereiten, daß mir 
das Verbleiben Usedoms auf seinem Posten durch diese Vorgänge noch unmöglicher als 
bisher geworden zu sein scheint“. 
: Lamarmora hatte in seiner Rede vom 21. Juli jelbst mitgeteilt, dob er die Aote vom 1v. Juni 
1666 weder dem Könige von Stalien noch dem Ministerrat mitgeteilt, auch sie beim Abgang vom Minifterium 
nicht abgeliefert, sondern für sich behalten babe. 
Nach einer Aufzeichnung Abekens vom 7. August hat er tags zuvor dem Könige im Immediatvortrag 
t, Bismarck babe ihn beauftragt, den König zu bitten, „da i liche Erwã i öge, ob 
**d nech lolchen Vorgängen ir 5 lei, den Geafen -— in — 
—1x
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        404 „Staautsanrelger“Erklärung gegen Lamarmora. Halbe Desavouierung Usedoms. 
*1178. Telegramm an das Mintsterlum der auswärtigen 
Angelegenhetten. 
[Originaltelegrammformular.] 
Vatch dem Erscheinen der Erklärung im „Staatsanzeiger“ vom 31. Juli (ogl. Ar. 1176, 
Anmerkung) versuchte Lamarmora sie als eine ihm. seitens der preuhischen Regierung ge- 
wöhrte solenne Genugtuung binzustellen. (Vgl. dam den Brief Ch. v. Bernbardis an 
M. Duncker vom 8. Auguft 1868, Politischer Briefwechsel, ed. Johannes Schultze, S. d#T f.) 
Varzin, den 5. Auguft 1868. 
In der von meines Vetters Hand geschriebenen Mitteilung“ hatte ich auf viel schärfere 
Verurteilung Lamarmoras in Presse gerechnet, dann wäre dessen absichtliches Mißverstehen 
noch unmöglicher, Unterschlagung, Landesverrat lag vor. Scheint mir noch nötig, mit 
Erläuterung, daß in Ablehnung der Verantwortung für „Text“ nicht Rehabilitierung La- 
marmoras gegen bistorische Catsachen liegen kann, sondern nur Mißbilligung der sprach- 
lichen Rohheiten namentlich gegen Osterreich und des groben Tons gegen Stalien und der 
Taktlosigkeit, sfolche Dinge amtlich u Papier m bringen, wie Usedom getan. Nedaktion 
eines neuen amtlichen Aktenstückes kann Usedom nicht überlassen werden, wohl aber halte 
ich neue Erklärung im „Staatsanzeiger“ gegen Lamarmoras Entstellung der ersten für 
indiziert und dabei hervorzuheben, daß die Sprache Usedoms in betreff Gsterreichs der 
Königlichen Regierung nicht angehörte. Die Wirkung des Vorganges außerhalb Wien 
ist mir nicht bedenklich, nach Wier aber scheint mir noch jetzt eine vertrauliche Mitteilung 
ur Milderung der Worte Usedoms nützlich. Bitte, Seiner Maojestät hiernach zu berichten. 
lalsen?? Darauf erwiderte der König: „Graf Bismarck habe schon früher und wiederholt die Aotwendigkeit 
einer Verletzung hervorgehoben, und er selbst erkenne an, da sich dieselbe nicht werde vermeiden lassen. Aur 
im gegenwärtigen Augenblicke würde eine Versetzung sowohl wie eine Abberufung unfeblbar den Eindruck 
einer Desavouierung nicht des Grafen Usedom, sondern der bisberigen preuhischen Politik in Stalien machen 
und vom Seneral Lamarmora und seiner Partei in schlimmster Weile entstellt und ausgebeutet werden; er 
glaube also, es müsse gerade jetzt noch eine kurte Zeit damit gewartet werden. Aur den gegenwärtigen 
Augenblick wünsche er aus dem eben angegebenen Grunde vorübergeben zu lassen und erwarte die weiteren 
Vorschläge des Ministerpräsidenten in einiger Zeit, wenn derselbe mit Rücksicht auf diese Erwägungen den 
Augenblickt gekommen glaube.“ 
1 Siehe Nr. 1 177. 
: Am 6. Auguft übersandte Thile den Entwurf zu einer neuen Erklärung im „Staatsanzeiger", der 
von Vismarck bis auf den Eingong völlig umgeftaltet wurde. Vachdem die Bismarcksche Salsung die Se- 
nebmigung des Königs gefunden hatte, gelangte sie am 11. August im „Staatsanzeiger“ zur Veröffentlichung. 
Sie batte fsolgenden Wortlaut: „Aus der Erklärung des „Staatsanzeigers“ vom 31. v. M., daß der Text der 
Vote, welche der Königliche Gefandte Grof v. Usedom unter dem 17. Juni 1866 an den General 
Lamarmora gerichtet hatte, von seiten der Königlichen Regierung weder autorisiert noch genehmigt worden 
lei, und doh der Text der Aote daber teine sichere Unterlage für Schluhfolgerungen über die politischen 
Intemtionen der Königlichen Regierung zu gewähren vermöge, hat das italienische Journal „Opinio##e, 
oom 2. d. M. eine irrtümliche Folgerung gezogen, deren Absichtlichkeit leicht erkennbar ist. Dieles Blatt 
erblicht in jener Erklärung „eine solenne, dem General Lamarmora gewäbrte Satisfaktion". Es ist wobl 
kaum nötig zu bemerken, dah der Aedaktion des „Staatsonjeigers“ nichts serner gelegen bet. a|s der 
Sedanke, das Verfahren des Generals Lamarmora billigen oder beschönigen mu wollen. Das " erbalten 
dleses Staatsmannes begegnet in allen amtlichen und außeramtlichen Kreisen Preußens derselben Verx- 
urteilung wie in der öffentlichen Meinung Staliens. Die erwöhnte Erklärung des „Steatnneigers 
hatte nur den Zweck, die Verantwortlichkeit für den „Kext“ der bekannten Note des Grafen 2 ledom von 
der Königlichen Regierung abjulebnen, weil einige in diesem Aktenstücke entbaltenen Ae Vwenunten r. 
Form und Inhalt mit den Auffossungen der Königlichen Regierung nicht übereinstimmten. Der Sepogeptn, 
welchen jene Aote empfieblt, war von dem Augenblict an, wo der Ausbruch rW““32 L#eesenr und 
wurde, bereits re der esprechungen von dreuzichen. und italiensichen. * 9 
konnte zur Zeit der Übergabe der Rote für keinen der Beteiligten etwas A#ues **
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        Eröffnungen in Wien betr. Usedom. Verpachtung der v. Senfft-illachschen Sliter. 40 
*11209. Telegramm an das Mlnisterlum der auswärtigen 
Angelegenheiten. 
[Originaltelegrammformular.) 
Varzin, den 5. Auguft 1868. 
Gu einer Eröffnung nach Wien bitte ich Material der Mitteilung m entnehmen, die 
ich meinem Vetter vorige Woche diktiert und durch ihn nach Berlin habe schicken lassent. 
Ich bitte mnächst um Abschrift derselben, und wenn Seine Wajestät einverstanden, um 
Hersendung des Cntwurfes einer in Wien zu verlesenden Depesche an Werther:. 
1180. Schreiben an den Gehelmen Kabtnettsrat von Mähler. 
[Kanzleikon zept.] 
Varzjiun, den 7. August 1868. 
Der Oberpräsident a. D. Freiherr von Senfft-Pilsach beabsichtigt, wie Ew. Hoch- 
wohlgeboren wissen, seine Gramenzer Güter mit Einschluß der dortigen Suckerfabrik an 
ein Konfortium in der Abeinprovinz zu verpachten. 
Abgesehen von dem Interesse, welches des Königs Wajestät demselben wegen seiner 
langjährigen treuen Dienste perfönlich widmet, wird dies Unternehmen auch aus allgemeinen 
Rücksichten der Kultur Seiner Mojestät erwünscht sein. Denn es ist zu erwarten, dah ein 
solches auf solidem Grunde ruhendes Unternehmen zu lehrgunlttgenReIultaten führen und 
dadurch zur Rachfolge aufmuntern wird. 
1 Siehe VAr. 1177. 
2 Am 7. Auaist sondte der in Ems bei König Wilhelm I. weilende Abeken den Entwurf zu aem 
Erlasse an Wert Er wurde von Dismarck nur unwesentlich geändert und ging am 11. nach Wien 
ob. Die err bese Moiche. durch den Erlah, einer Verstimmung in Wien zu begegnen, wurde insoweit 
erreicht, als Aeichskanzler v. Beust in seinen Außerungen zu dem preußischen Vertreter sich einer Möhigung 
befleihigen mußte, die allerdings doch eine Empfindlichleit nicht ganr verbarg. Aach einem Berichte Wertbers 
vom 25. August sagte Beuft u. a.: „Er könne mir nicht verhehlen, dah der Indalt besogter Vote bier in allen 
Kreisen einen peinlichen ECindruck hervorgebracht und nicht nur in solchen, die nach traditionellen Auffassungen 
davon unangenehm berührt, londern auch in den liberalen Kreisen, welche von einer Reigung jur Annäherung an 
Preußen befonders beseelt wären. Bei diesen vorhandenen Eindrückten erkenne er gern unsere Absicht an, 
durch die in diesem Erlaß gegebenen Erläuterungen teine Schlüsse aus besagter Aote auf eine dauernde Ge- 
linnung und Haltung der Königlichen ARegierung liehen zu lassen und derselben jede Bedeutung für die Gegen- 
wart abzusprechen. Er sehe in dieser Eröffnung einen erfreulichen Beweis unseres Wunsches, den Be- 
siehungen zu Öfsterreich für die Gegenwart einen freundlichen Charakter geben zu wollen und, was die Ver- 
gangenbeit beträse, so glaube er durch leine Geschäftsführung während beinahe weier Jahre okelfach Be- 
lege geliefert zu baben, daß er sich durch Eindrücke der Vergangenbeit nicht leiten lasse. Wenn dieselben 
auch von manchen anderen Seiten schwer ganz der Vergessenbeit übergeben werden können, so boffe er doch 
sebnlichst, daß für die Zukunft keine Eventualitäten eintreten, welche wieder den Auffassungen besagter Note 
einige Geltung verschaffen könnten. Baron Beuft will keineswegs bezweifeln, dah diese Aote von der 
Königlichen Regierung weder veranlaßt noch genehmigt und nur verspötet zu ihrer Kenntnis gekommen ist. 
doch bedauert er, dah sie damals unterlassen habe, darüber ihre Überraschung und amtliche Mißbilligung 
ausjusprechen, indem gegenwärtig ein folches Aktenstück dieser Angelegenbeit eine erwünschtere Wendung 
geben würde.“ Vgl. dam den S- Beufts an den Geschäftsträger in Berlin Baron v. Wil#e-Beginghousen 
vom 27. Auguft 1868, (Fr. S. Graf v. Beust. Aus drei Viertel-Johrbunderten, II, S. 237 ff.), in dem Beust 
schon mehr aus sich berausgebt. Außerte sich der österreichische Meschsemer bier noch mit einer gewissen Jurück- 
boltung, so legte sich die offiziöse öskerreichische Presse in ihren Angriffen auf Dreuhen anläßlich der Usedom- 
Affäre nicht den mindesten Iwong auf. Wit zrhül er. Ninoben hat ah den auch Beust in einem 
3 
Schreiben an — Johenn von Sachsen vom 7. Jonuar 1869 (Fr. F. Graf v. Beust. Aus drei Vlertel- 
Jahrhunderten, II, 231, über die letgenome Hreuhische. ———— heußert.
        <pb n="420" />
        406 Potente Pachtgesellschaften. Kronprinzliche Aufrelchnungen Uber Besuch in Stallen. 
Auch andere größere Besitzer sind in der Lage, nur durch Verpachtung ihre so wün- 
schenswerte Beteiligung an den politischen Geschäften des Landes zu ermöglichen. Den 
einheimischen Pächtern aber fehlt es an hinreichenden Mitteln zur Übernahme gröherer 
Pachtungen. 
Gelänge es, potente Dachtgesellschaften zu gewinnen, die sich für die höhere 
Verwertung des Bodens verbänden, und ließen sich so Ströme wohlbabender und intelli- 
genter Pächter aus der Abeinprooinz nach Dommern und anderen östlichen Landesteilen 
leiten, so würde das natürlich auf den Wohlstand dieser Drovinzen böchst vorteilhaft wirken 
und würde dem landwirtschaftlichen Betrieb der Ostseeprovinzen nachhaltiger aufhelfen 
können als die Eröffnung neuer Wege zu direkter Ausnutzung des noch unbeschwerten 
Kredits der Besitzer. 
Ew. pp. ersuche ich daher ergebenst, Seine Moajestät den König in meinem Namen zu 
bitten, daß Allerhöchstderselbe bei eintretender Gelegenheit nicht nur binsichtlich des vor- 
liegenden Unternehmens, sondern überhaupt in betreff des Zustandekommens solcher Pacht- 
gesellschoften jein landesväterliches Interesse ausfsprechen wolle. 
Ausjugsweise bei H. v. Poschinger, Die Wirtschaftspolitik des Fürsten Bismarck, I, 116 f 
1181. Schrelben an König Wllhelm I. 
([Cigenbändig.] 
Am 8. August batte König Wilbelm I. von Ems aus Bismarck Aufjeichnungen über- 
sandt, die Kronprinz Sriedrich ilhelm nachträglich über seinen Aufenthalt in Stolien auf- 
gesetzt hatte. Siehe das Schreiben des Königs in: Anhang zu den Gedanken und Erinnerungen, 
I. 175f. Jur Verwunderung des Monarchen war in den Aufzeichnungen des Thronfolgers 
Varsin, den 15. August 1868. 
Eurer Majestät sage ich meinen ebrfurchtsvollsten Dank für das huldreiche Schreiben 
vom 8. aus Ems. Dasselbe ging mir etwas verspätet zu, weil ich mich auf einige Cage zmu 
meinem Schwiegervater in NReinfeld bei Bütow begeben hatte. Wenn ich dort mit Schreib- 
materialien nicht so, wie es sich für Curer Majestät Minister ziemt, versehn war, so wollen
        <pb n="421" />
        Bismarcks Befinden. Sein Urteil über- kronprinjliche Aufzeichnungen. 407 
Allerböchstdieselben in Gnaden nachsehn, daß die anliegenden Aphorismen über die italiä- 
nische Angelegenheit: auf dem Domenformate meiner Frau geschrieben sind. Heut wieder 
bier eingetroffen, beeile ich mich Curer Moajestät den allerunterthänigsten Ausdruck des 
Dankes meiner Grau für die so buldvolle Theilnahme an deren Unfall“ zu Süßen zu legen. 
Sie ist mit Gottes Hülfe vollständig hergestellt; die noch vorkommenden Nachwehn sind 
nothwendige, immer mehr verschwindende Sumptome der Arbeit, mit welcher das Blut seine 
alten Wege wieder bahnt. 
Ich fühle mich sehr viel wohler als vor zwei Monaten. Aur der Schlaf will sich 
noch nicht als regelmäßiger Gast einfinden, und wenn keine Aenderung der jetzigen politischen 
Windstille eintritt, so bitte ich allerunterthänigst, daß Cure Majestät mir einftweilen noch 
die Fortsetzung meines Urlaubs allergnädigst gestatten wollen. Sch hoffe dann für die 
Winter-Campagne mit Kammer ulnd] Reichstag wieder ganz dienstfähig zu sein und mich 
nicht so beschämend oft wie im vorigen Jahre „revier-krank“ zu melden. Die Aerste wollen 
mich noch in ein Seebad schicken; aber ich fürchte, daß ich da nicht dieselbe Rube und 
Greiheit von den Fesseln des geselligen Verkehrs finden würde wie hier im eignen Hause, 
welches ich mit den kühlen Wäldern, die es umgeben, der Gnade Curer Majestät verdanke. 
öch freue mich politisch, daß Eure Majestät zur Inspektion nach den Herzogthümern gehn 
wollens. Gern würde ich mich dem Allerhöchsten Gefolge anschließen, wenn ich nicht 
fürchtete, daß von dem Strudel, in den sich der „General“ begäbe, auch der „Minister“ 
erfaßt werden würde, so daß es dann mit der Rube und Schonung für den Winter ein 
Ende hätte. 
Meine Frau bittet, daß ich ihre ehrfurchtsvolle Empfeblung Curer Majestät zu Süßen 
lege, indem ich in denjselben Gefühlen verharre 
Curer Majestät allerunterthänigster treugehorsomer 
v. Bismarck. 
Aulage. 
Elgenhändige undatlerte Aufzeschnung. 
Der Inhalt der Bemerkungen über Ztalien zerfällt für mich in einen mir schon be- 
kannten und in einen mir neuen Theil. Der erstere umfaßt die geistreiche und zutreffende 
Schilderung der italiänischen Gustände im Allgemeinen in den RNummern bis 5 und 7 bis 9, 
die ich, ohne daß mir im Augenblicke gegenwärtig wäre, in welcher Gestalt ulnd] auf 
wessen Veranlassung sie an mich gelangten, gleich nach der Rückkehr oder sogar schon in 
Briefen Sleinelr Königllichen] Hobeit gelesen habe. Ich habe damals denjelben Eindruck 
wie jetzt gehabt und mich gefreut über die noch allen Seiten hin richtigen ulnd]) gediegenen 
Beobachtungen, welche von Sleinelr Königlichen Hoheit so klar mssammengefaßt waren. 
N-eu dagegen sind mir die unter Nr. 6 ulnd] 10 enthaltnen Bemerkungen über 
Lamarmora und über die Hreußische Legation. Daraus, daß grode diese Sindrücke or #t 
1 „ Sie Anlage. 
nach der Ankkunft in Var#in, am 21. Juni, hatte die Gräfin Bismarck inlelog eing unglũck- 
lichen vi #nen Rippenbruch erlitten. Vol. R. v. Keudell. Fürst und Fürstin Blsmarck, S, 
* Vgl. dazu das folgende Schrifftück.
        <pb n="422" />
        408 Wer ist der Gewährsmann des Kronprinten? Graf Brassier? 
jetzt ans Licht treten, schließe ich, wenn auch nicht mit Sicherheit, daß sie erst später, erst 
nach der Rückkehr Sleineyr Könliglichen) Hoheit entstanden sein mögen. n diesem Falle 
würde ich sie auf Brassier: mrückführen zu dürfen glauben. Er ist seitdem nach 
Deutschland gekkommen, hat ohne Zweifel den Kronprinzen aufgesucht, ulnd] ist er über 
Italien gekommen, so wird er auch direct oder indirect mit Lamarmora Beziehungen ge- 
pflogen haben. Graf Brassier kennt Italien genau und wünscht, als Usedoms Nachfolger 
dahin zurückzukehren:. Für diesen Fall hat er das Bedürfniß, seine früheren, ohne Sweifel 
sehr guten Beziehungen zu Lamarmora wieder aufzunehmen ulnd) die Ausföhnung dieses 
Staatsmannes mit Preußen zu bewirken; dieß um so mehr, als Grlalf Brassier mit den 
politischen Elementen, welche auß er dem piemontesischen in Stalien Einfluß gewähren 
oder haben können, vermuthlich wenig Anknüpfungspunkte haben wird. Er braucht da- 
ber, falls er wieder Gesandter in Florenz würde, die Erlaubniß, sich mit Lamarmora in 
nähere Besiehung zu setzen, und es läßt sich annehmen, daß sein Urtheil über Lamarmora 
von diesem Umstande beeinflußt werden wird. 
Die schonende Beurtheilung Usedoms aus collegialischen Aücksichten 
sieht Brassier durchaus ähnlich, ebenso der Wunsch, einen unbequemen Serretär wie 
Grlafl Dönboff losmwerden und einen concurrierenden Berichterstatter wie Bernhardi. 
Brassier liebt ein bequemes Nest. Wenn er der Gewährsmann für den neueren Theil der 
Bemerkungen Sleinelr Könliglichen) Hoheit ut, so würde damit auch die Bedeutung dieser 
günstigen Beurtheilung des Generals Lamarmora binfällig werden; denn Grlalf Brassier 
ist zwar nächst Goltz ulnd) in manchen Dingen vor Goltz der gewandteste und geistreichste 
der Königlichen Gesandten, aber für seine Wahrhbeitsliebe, namentlich außer Dienst, 
möchte ich meine Hand nicht ins Feuer legen. Er wünscht nach Florenz ulnd] glaubt dort 
Lamarmora's zu bedürfen; daber wird er sich und bei seiner Klugbeit auch Andre leicht 
überreden, daß Lamarmora in Berlin verkannt sei. Sch habe noch nicht behaupten hören, 
daß „Lamarmora Geld angenommen babe, um sich schlagen zu lassen“, wohl aber, daß er 
das Heil des Landes, der Dynastie, der eignen Stellung ulnd) Macht nur in der An- 
lehnung an Frankreich sehe und daher Preußens Segner sein ulnd] bleiben miüsse, so oft 
ulnd] in soweit letztres nicht mit GFrankreich ist. Aus dieser Verbindung kann sich La- 
marmora auch jetzt schwerlich mehr lösen, ohne auf jede politische Rolle zu verzichten, denn 
bei den anderen Harteien würde er doch immer der Vorliebe für Frankreich und Staats- 
streiche verdächtig bleiben. Den verstorbenen General Nauch hat niemand verdächtigt, 
bestochen zu sein, und doch würde jeder den französischen Gesandten ausgelacht haben, der 
durch Rauch die gegenseitige Anlehnung Preußens und Grankreichs zu Schutze gegen Kaiser 
Aicolaus bätte fördern wollen. Aehnliche Stellung wie die Sreunde des Kaisers Aicolaus 
1850 in Berlin zu Rußland kann man den Piemontesen am italiänischen Hofe, den Rauch's, 
Gröben's, Dohna's, Gerlach's von Turin, in Betreff der traditionellen Anlehnung an 
Frankreich jetzt beilegen, ohne deshalb ihre perfönliche Redlichkkeit in Sweifel zu jiehn. 
Immerhbin aber geht Lamarmora's Verfahren mit der Usedom'schen Note über die Gränzen 
der deutschen Begriffe von Sbre und Dienst erbeblich binaus. Sbn nach alle diesem 
verföhnen zu wollen, halte ich, wenn man nicht Grlalf Brassier ist, fast für kindisch. 
Brassier hat seine besondern Wege, über die ich schriftlich nicht gern urtheile. Bejüglich 
1 Vgl. die Vorbemerkung. 
* Graf Brassier war vor Usedom Gesondter in Kurin gewesen.
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        „Stob- ins-Heri-Depesche“. Usedoms „ganje Unfäbigkeit"“. 409 
Lamarmora's bleibt aber unsre Aufgabe, ihn nach Möglichkeit von den Geschäften fern zu 
halten; übernimmt er sie, so wird auch die italiänische Dolitik von Paris dirigirt. Es 
kann dieß gegen unsern Willen geschehn; geschieht es aber scheinbar mit unfrer Billigung, 
so verlieren wir das Vertrauen unsrer bisherigen Freunde in Stalien, der dortigen national- 
liberalen, auf lange Zeit. 
Was die Note Usedoms vom Juni 1866 betrifft, so hätte ein Diplomat mit nur notb- 
dürftigem TCactgefühl ganz denselben Feldzugsplan, den nerst Govone im April in Berlin 
vortrug, nachdrücklich empfehlen können, ohne durch eine unpolirte Sprache der mili- 
tärischen Empfindlichkeit der Italiäner weh zu thun, namentlich aber, ohne ein sehr übles 
Licht auf unfre letzten Hintergedanken bezüglich Oestreichs zu werfen. Wer Usedom's Note 
liest, muß glauben, die Preußische olitik habe sich damals die Aufgabe gestellt, die Oest- 
reichische Monarchie absolut zu zertrümmern, und habe zu diesem Behufe seit Jahren 
bereits usnd] beispielsweise schon, als beide Armeen gegen Dänemark im Selde standen, 
mit den Ungarn conspirirt (étudié la question hongroisel). Solche Dinge muß ein 
Diplomat niemals geschrieben aus den Händen geben, wenn sie wahr sind, sie aber er- 
finden und der eignen Regirung amtlich zur Last legen und das Actenstück darüber einem 
schon für unsicher gehaltenen fremden Minister zustellen, dam gebört die ganze Unfähigkeit, 
die dem Grafen Usedom als Diplomaten eigen ists. Ein solcher Agent bleibt eine perma- 
nente Gefahr für das Land, welches ihn verwendet. - 
Ein geschickter Agent hätte in der Mitte Juni 1866 schon wissen müssen, ob eine solche 
Vote überhaupt noch Erfolg haben konnte, und wenn nicht, so hätte er sie, als Beweis der 
bessern Einsicht ulnd) des bessern Willens bei uns, in sachlicher und höflicher Fassung, 
sans „vouloir frapper l'Autriche au coeur“ auf dem Papiere, zu den Acten des italiä- 
nischen Ministers geben können. Usedom aber kam es, nach seiner eigenthümlichen Per- 
sönlichkeit, zunächst darauf an, als Stratege, dann als Revolutionär zu posiren. Es ist das 
seine spejzielle Eitelkeit; er hält sich für den ersten Strategen der Zeit ulndl siebt es ferner 
gern, wenn unschuldige Politikker vor dem rothen NRadikalismus und vor der Sntimität 
mit allen Schreckensmännern der MRevolution, welche Usedom zur Schau trägt, einen wahren 
Schreck bektommen. Demungeachtet würde Usedom's Abberufung, grade in diesem Augen- 
blicke, einen falschen Eindruckt machen, und wird diese für den Königlichen Dienjt so 
dringend zu wünschende Mahregel leider einen Aufschub erleiden müssen. 
1182. Drlvatschreiben an den Staatsminister Grafen zu Eulenburg. 
[Abschrift.] 
König Wilbelm I., der im Juni 1868 bereits der Propin; Honnover einen — schon im 
Sommer 1867 geplanten, daomals aber von V. v. Bennigsen (ogl. dessen Schreiben an 
G. Freptag. vom J. September 1867. G. Frentags Briefe an A. v. Stosch, S. 296 f.) und auch 
von Bismarck widerratenen — Besuch abgestattet hatte, beabsichtigte, im September anlählich 
ausgedehnter militärischer Ubungen und Paraden auch in Schleswig-Holskein eine Rund- 
reise zu unternehmen. Bismarck billigte den Hlan dieser Reise (ogl. Nr. 1181) durchaus, 
riet aber dem Alinister des Innern, der sich noch vor dem Könige nach den Elbberlogtümern 
5, Vgl. dam das scharfe Urteil Cb. v. Bernhardis über die Aote Usedoms vom 17. Juni 1 
diesen selbst, das sich weitgehend mit dem Bismarcks dete. * —E Leben Cb. v. Bernbardie, mßsrßb
        <pb n="424" />
        410 Keltik an König Wilhelms I. Relise nach Apenrade und Tondern. 
begab, um für den Wonarchen einen möglichst guten Empfang vorzubereiten, daß die Reise 
möglichst nicht über Slensburg ausgedehnt werde, damit nicht durch einen Empfang in den 
nördlichen Bezirken Schleswigs die leidige Srage des Artikels V des Drager Sriedens auf- 
gerührt werde. Trotz dieses nur m begründeten Bismarckschen Ratschlages ging der König 
bis Apenrade und Tondern; nur von einem Beluch in Hadersleben, wo dänische Demonstrationen 
vorbereitet waren, wurde im letzten Moment Abstand genommen. 
Varzin, den 15. September 1868. 
Indem ich Ihrem Besuche hier mit Vergnügen entgegenfehe, bitte ich Sie, falls sich 
Gelegenheit dazu bietet, Allerhöchsten Ortes einen Eindruck zu berichtigen, u dem mein 
Schreiben wider Erwartung Anlaß gegeben hat. Der König hat daraus, daß ich mit der 
Reise nördlich Slensburg nicht einverstanden bin, den Schluß gezogen, als wollte ich Seiner 
Majestät die Abtretung von Apenrade und überhaupt alles dessen zumuten, was der König 
nicht besucht. Im Gegenteil, ich will, daß wir womöglich auch Hadersleben bebalten; der 
meines Erachtens richtige Weg dam ist aber, daß wir die Frage jetzt schlafen lassen und 
keine Sunken werfen, die jünden könnten, solange wir keinen Brand wollen. Durch die 
königliche Reise aber wird die Srage nun angeregt und beleuchtet. Das Unterlassen des 
Besuchs von Hadersleben wird erst dadurch auffallend, daß der König bis Apenrade 
geht. Allein um deswillen hätte ich gewünscht, daß die Reise mit der faktischen Haupt- 
stadt Schleswigs, mit GSlensburg, ihren Abschluß gefunden hätte, woran eine Besichtigung 
der Gestungswerke von Düppel-Sonderburg nichts geändert hätte. Wer die weitere Fahrt, 
Apenrade, Tondern, angeraten, hat Seiner Wajestät vielleicht einen vergnügten Reisetag 
verschafft, aber meines ECrachtens keinen politischen Dienst erwiesen. Cela nous donnera 
du fil à retordre. · 
Bist-sankunddieRotdlchleswiqlcheZtage1864bi81379,5.309f. 
*1183. Telegramm an den Vortragenden Rat von Keudell. 
lEigenhändiges Konzept.] 
Ende September hatte der russische Vizekanzler Fürst Gortschakow, der sich in Vaden- 
Vaden zur Kur aufhielt, den Wunsch ausgesprochen, auf seiner Rückreise nach Petersburg mit 
Bismarck zusammenzutresfen. Von einem Besuch Gortschakows in Varzin glaubte Bismarch 
(ogl. Jein Schreiben an Keudell vom 29. September, A. v. Keudell, Fürst und Sürstin Bismarck, 
S. 399 k.) wegen des damit verbundenen Auffehens abraten zu sollen, dagegen warf er die 
Idee einer Begegnung mit dem Vijekanjler in Schneidemühl und einer gemeinschaftlichen Eisen- 
babnfahrt bis Dirschau bin, freilich nicht ohne Sweifel auszusprechen, ob der Arzt ihm eine 
solche Anstrengung erlauben werde. Offenbar lag Bismarck in diesem Außenblich wenig an 
einer Zusammenkunft mit Gortschakow. Er lah voraus, dah der Vizekanfler vor allem mit 
ihm die Nordschleswigsche Frage behandeln wolle, dle schon Kaiser Alexander II. om 27. Sep- 
tember in Dotsdam mit König Wilbelm I. in dem Sinne erörtert batte, daß Preuhen diese 
Frage doch ja in möglichst entgegenkommendem Sinne erledigen möge, um jeden Borwand aus 
dem Wege zu räumen, den die Kriegspartei in Frankreich etwa benutzen konnte, um Höndel 
u suchen. Bagl. die Aufzeichnung des Prinzen Aeuß, d. d. otsdam, 27. September, Bismarck 
und die Nordschleswigsche Frage 18564 bis Isre, 5. 31o f. Bismarck, der von den Absichten 
Gortschakows vermutlich durch Keudell näher unterrichtet war, konnte aber, obwohl er an 
und für sich in der Aordschleswigschen Srage zu einem Entgegenkommen durchaus bereit ge- 
wejen wäre (ogl. Ar. 1141), im gegenwärtigen Moment eine Aussprache mit Gortschakom kaum 
4 Alcht bei den Akton.
        <pb n="425" />
        Unmöglichkeit elnes Zusammentrefkens-mit Gortschakow. Kurfürst Friedrich Wilhelms Denkschrift. 411 
ünschen, da, wenn Frankreich wirklich geneigt sein sollte, im Verfolg seiner Rüstungen 
* mit Preußen zu suchen, die Aordschleswigsche Srage für preußen einen weit günftigeren 
Ausgangspunkt geboten bätte als die süddeutsche Anschlußfrage, in der Bismarck nicht mehr 
auf die ungeteilte Sustimmung des 5Südens rechnen Konnte. 
Varzin, den 3. Cktober 1868. 
Nachdem gestern der Arzt bestimmt gegen die Weise protestirt, weil Steigerung der 
rheumatischen Leiden nach Umschlag des Wetters an sich unvermeidlich, muß ich ver- 
nünftigerweise darauf verzichten. Bor Anfang November werde ich mich wohl nicht auf 
Abreise von hier einlassen können. 
*1184. Telegramm an den Kasserlich Russischen Bizekanzler 
Fürsten Gortschakow, z. Zk. in Berlin. 
(Abschrift.) 
Varzin, le 3 octobre 1868. 
Je regrette vivement Timpossibilité où je me trouve d’exécuter le dessein due j'avais 
de Vous joindre en route. Des douleurs rhumatismales bien aigues venant de compliquer 
les difficultes de respiration qui me restent de mon dernier accident, je ne pourrai pas ren- 
trer aux affaires avant le mois prochain, et pour le moment je n'ai pas méme la force 
Physique de braver des ordres des médecins, les instances de ma femme et le souvenir de 
la pleurésie que j’ai eue dans des circonstances analogues il y a quatre mois. 
Je suis bien malheureux de perdre cette occasion de Vous serrer le main, surtout dans 
un moment si plein d’intérét politique. Toujours je suis certaln que nous nous entendrons 
sSans nous voir. Ma femme est très-reconnaissante de Votre bon souwenir. 
*1185. Telegramm an den Unterstaatssekreter von Thile. 
[Eigenbändiges Konzept.) 
Im September 1868 hatte der depossedierte Kurfürst Sriedrich Wilbelm von Hallen von 
Böhmen aus eine gedruckte Dentkschrift: tsmN“*“°7“z“= Seiner Knigl ichen Hoheit des Kur- 
fürsten Sriedrich Wilhelm I. von Hellen, belreffen die Auflösung des Deutschen Dundes und 
die Ulurpation des Kurfürstentums Hessen durch die Krone Dreußen im Jahre 18566“ an 
alle Höfe Europas versandt, in der er seine Ansprũche aufrechterbielt und die „tatkräftige 
Sumpathie der mahgebenden MNächte“ anrief. 
Varzin, den 3. Oktober 1868. 
Betrleffend) Kurflürstlichen) Protest. Mleo) vloto), ist I. gegen alle Betheiligte mit 
persönlicher Ausnahme des Kurfürsten nach der ganzen Strenge der Strafgesetze vor- 
mgebn. II. Jede Zablung an den Kurfürften einstweilen mrückzuhalten, wozu vorläufig 
eine Ordre an die Behörden genügen würde, ulnd] eine Gesetzvorlage auf Sequester zum 
Zusammentritt des Landtages vorzubereiten. Sie könnte mit dem Antrage auf Se- 
nehmigung der Verordnung wegen Könlig) Georg dem Landtage vorgelegt werden.
        <pb n="426" />
        412 Revolution in Sponien. Usedom in Baden. 
III. Abzuwarten, daß der Prinz Grliedrich] Wilhelm aus Panker sich meldet, um seine 
Interessen zu wahren, was nicht ausbleiben wird, ulnd] dann mit ihm definitiv m partiren. 
*1186. Telegrämm an das Ministerlum der auswärtigen 
Angelegenhesten. « 
[Eigenhändiges Konzept.] 
Aachdem Ende Soptember das morsche Königtum der Bourbonen infolge. einer sich rasch 
auf das ganze Land ausdebnenden revolutionären Bewegung zmusammengebrochen war und 
Königin Isabella, die eben noch mit Kaiser Vapoleon III. über eine Allian; zu verbandeln 
gewillt gewesen war, lich auf franjösisches Gebiet geflüchtet hatte, traf am 2. Oxtober ein 
Telegramm des Grafen Usedom ein, wonach der Unterstaatssekretär im italienischen Außen- 
ministerium Barbolani mit einer Mission zu dem in Baden-Baden weilenden König Wilhelm I. 
und nach London beauftragt war, „wahrscheinlich wegen Sukzelsion von portugiesischer Königs- 
familie in Spanien, welche Napoleon genehm scheint“. Wie Abeken nach Befragung des 
Königs an CThile mitteilte, bielt dieser die Sache für wichtig genug, um eine Auherung 
Bismarcks einjuholen. Der Kanzler selbst sab in dem spanischen Umstur!, der dem eng 
mit der Königin Isabella liierten Kaiser Rapoleon die Verfolgung einer kriegerischen Politik 
gegen Dreußen sicherlich nicht erleichtern konnte (ogl. Abekens Ausspruch vom 4. Cktober: 
„Für den Augenblick kann Vapoleon mit dieser spanischen Sliege im Vacken natürlich an 
keinen Krieg mit Deutschland denken“, Heinrich Abeken, Ein schlichtes Leben, S. 363), keinen 
Anlaß jur Beunruhigung. 
Varzin, den 3. Cktober 1868. 
Wenn nichts weiter als Usedom's Vernuthung vorliegt, so halte ich die ganze Sache 
noch für unreif zu irgend einer Aeußerung. Sollte wirklich Barbolani die Frage an 
Sleine] Maojlestät) in Baden stellen:, so müßten wir mleines] Elrachtens) jede Aeußerung 
ablehnen, so lange wir nicht die Aichtung der spanischen Bewegung übersehn und die 
Ansicht der Betheiligten sowie der übrigen Großmächte kennen. In London ulnd) Peters- 
burg müßten wir andeuten, daß wir ohne Einvernehmen nichts äußern würden. 
Sachsen wäre mleines) Elrachtens) von Usedloms]) Meldung zu benachrichtigen der Höflich- 
keit wegen. In unserem nteresse liegt es, daß die spanische Srage als Sriedens-Sontanelle 
offen bleibe:, ulnd) eine Mapoleon angenehme Löfsung ust schwerlich die für uns nütliche. 
*1187. Telegramm an das Mintsterlum der auswärtigen 
Angelegenhesten. 
[Enttifferung.] . 
Varzin, den 14. Oktober 1868. 
Bitte Herrn Kriegsminister mitzuteilen, daß, falls Sendung von Schiffen nach Spanien 
in Frage käme, ich vom Standpunkt meines Ressorts entschieden dagegen stimmen würde. 
1 Catjächlich traf Barbolani am 4. in Baden-Baden ein, er reiste aber nach wei Tagen wieder ob, ohne 
eine Audien; bei König Wilhelm l. nachgesucht zu baben. 4 n 
2 Vgl. auch Bismarcks Schreiben an Freiherrn v. d. Heydt vom 27. September: z panische Be- 
wegung, wenn sie einige Konsisten) entwickelt, wird ein wirksames Sugpflaster mgunften des Sriedens bilden. 
Ich boffe, daß Gott die Sriedensliebe, die wir vor 18 Monaten gezeigt haben, als wir augenscheinlich die 
Stärkeren waren, segnen wird, und fällt man uns doch an, so sind wir den Ereeln mit Gottes Hülfe noch 
beute überlegen, und Oestreich halten die Russen im Saume“. o. Keudell, Fürst und Fürftin Bismarck, 
5. 78?. Bgl. auch H. Onchen, Die Abelnpolitik Kailer Napoleons III., III, 38, Anm.
        <pb n="427" />
        Provinzielle Selbstoerwaltung in den älteren Landesteilen. Neue spanische Regierung. 413 
*1188. Votum an das Preußische Staatsministerium. 
[Konzept von der Hond des Vortragenden Rats von Keudell. 
Varzin, den 14. Oktober 1868. 
Das Königliche Staatsministerium hat am 10. d. M. beschlossen, den provinzial- und 
kommunalständischen Verbänden der acht älteren Prodinzen die Sonds der Provinzial- 
Hilfskassen zu vollem Eigentum zu überweisen, den Kommunalständen des Aegierungs= 
bezirks Wiesbaden aber die in den Anträgen des Präsidenten von Diest bezeichneten Do- 
sitionen — zusammen 376 714 fl. — zur Selbstoerwaltung zuzuweisen. 
Zur Durchführung des vom Herrn Sinanzminister vertretenen, auch von mir als un- 
abweislich anerkannten Grundsatzes, daß den alten Prooinzen die Selbstoerwaltung 
mindestens in gleichem Umfange wie Hannover und Kurbessen einzuräumen, ist ferner in 
SFrage gekommen, die budgetmäßigen Wegebaufonds im Budget abzusetzen und an die 
alten Prooinzen zu verteilen, eine bezügliche Beschlußfassung aber infolge des vom Herrn 
Handelsminister erbobenen Widerspruchs unterblieben. 
Ohne bier in Ermangelung von Material und Arbeitskräften in der Lage zu sein, die 
in dem betreffenden Botum vom 20. Juli d. J. enthaltenen Cinwendungen zu prüfen, halte 
ich dafür, daß wenigstens prinzipiell die Verteilung der fraglichen Fonds schon jetzt aus- 
msprechen wäre. 
Der Chaufseebaufonds von 1 ooo ooo Rth. soll zwar bereits für einige Jahre durch 
Allerhöchste Drämien-Bewilligungen absorbiert sein; dieser Umstand bindert indes nicht, 
daß die fraglichen Mittel, fsobald und soweit sie flüfssig werden, zur Ver- 
teilung an die acht älteren Provinzen und die Prooinz Schleswig-Holstein gelangen. 
Beim Mangel eines aus der bisberigen Verwaltung zu entnehmenden Verteilungs= 
maßstabes würden die Verhältniszahlen der Bevölkerung ausreichenden Anbalt ge- 
währen. 
*1189. Telegramm an das Ministerlum der auswärtigen 
Angelegenheiten. 
[Konzept von der Hand des Legationsrats Grafen von Bismarck 
Voblen.] 
Varzjin, den 15. Oktober 1868. 
Ich bitte bei Seiner Mojestät dem Könige dahin wirken zu wollen, daß wir die neue 
spanische Regierung auf das freundlichste und zuvorkommendste behandeln. Selbst wenn 
dieselbe nicht von Dauer sein gollte, ist für uns maßgebend, daß die gestürste Regierung uns 
feindlich war, die jetzige dagegen uns freundlich ist. 
*1100. Drivatschrelben an den Unterstaatssekretär von Thile. 
[Konrept von der Hond des Legationsrats Grafen von Bismarck- 
Boblen.] 
Vachdem Bauern (ogl. Nr. 1150 Vorbemerkung) im April 1868 die Wiederaufnahme 
der Ende Juli 1867 vertagten Arbeiten der Liquidationskommission vorgeschlagen batte, war 
es mnächst am 23. WMai m einer Verständigung über die umstrittene Sestungsfrage gekommen. 
waren dann auch mit Baden Verbandlungen über die Bildung einer süddeutschen Militär-
        <pb n="428" />
        414 Baurische Anregung wur Herstellung guter Beziehungen mit Wien. 
kommission eingeleitet worden, die aber, da Baden an der Sorderung festbielt, dah Hreußen an 
dieser Kommislion beteiligt lein müsse, wovon wieder Bapern nichts wissen wollte, lange bindurch 
nicht vom Sleck rückten. Erst am 22. Septemder traten in München Bevollmächtigte der drei 
Hddeutschen Staaten zu Beratungen über die Bildung einer süddeutschen Festungskommission 
msammen. Die Berbandlungen (ogl. darüber Lebenserinnerungen von N. v. Mohdl, II, 375 f.; 
Denkwürdigkeiten. Hobdenlobes, I. 320 ff., Rückschau A. v. Suckows, ed. W. Busch, S. 143 f.) 
erwiesen sich als sehr schwierig; vor allem stiehen die bahrischen und die badischen Auffallungen 
Icharf aufeinander. Schliehlich kam am 10. Oktober durch gegenseitiges Aachgeben „wenig- 
Kens scheinbar“ ein Vertrag, betreffend die Errichtung einer Sestungskommission, nebst Separat- 
protokoll (liebe den Text in Schultheh' Europäischer Geschichtskalender, Ig. 1860, S. 184 ff.) 
lustande. Bayern gestand zu, daß die Zusammengehörigkeit des nord- und des süddeutschen 
Defensiospftems als (Drinsip bingeltellt werde, doß die Sestungskommislion nur eine beratende 
und begutachtende Vebörde sein solle, und daß dem preuhischen Militärbevollmächtigten in 
MDünchen jeweils Witteilung über wichtigere Deratungsgegenstände gemacht werde. Dagegen 
ließ Baden sein Verlangen auf organische TCeilnahme eines preuhischen Mitgliedes der Kom- 
milsion und seine Sorderung einer Priorität der Liquidation fallen, erklärte allerdings, daß es 
den Vertrag erst nach beendigter Liquidation, die nicht vor dem Wiederiusammentritt der 
Liquidationskommission unter Cinschluß Preuhens erfolgen konnte, ratifhieren werde. Von 
dem Abschluß des Vertrages vom 10. Cktober erbielt Unterstaatslekretär v. Thile erst am 
14. durch den bahrischen Gesandten Baron Perglas Kunde. Dieser verband mit der Mit- 
teilung von dem Vertrage die Anregung, dah Preußen im Hinblick auf die noch immer 
im Bereich der Möglichkeit liegende Eoentualität eines franzölischen Angriffs einen 
neuen Annäherungsversuch an Österreich machen möge. In einer Aufzeichnung Tbiles 
vom 14. Oktober, die alsbald nach Varzin ging, bieh es darüber: „Baron Perglas besuchte 
mich gestern, um mir zu sagen, dabß er über das Nejultat der nunmehr geschlossenen Militär-- 
konferen) in München einer baldigen Mitteilung des Sürsten Hobenlobe entgegensehe. Einft- 
weilen scheine jenes Ergebnis als ein günftiges betrachtet werden m dürfen. Cr knüpfte hieran 
die Bemerkung, dah auch bei der belten Gestaltung jener militärischen Berbältnisse die Lage 
DOeutschlands eine sehr ernste und die der Südstaaten eine nabezu unerträgliche bleiben müsse, 
lolange die Sventualität eines franzölischen Krieges so nahe liegen bleibe wie seit Jahr und 
Cag. Gegenseitige gesteigerte Kriegsrüstungen würden dodurch notwendig und erböhten in 
bedauerlichem circulus vitiosus wiederum die Kriegsgefahr. Cin Mittel gebe es indessen, 
aus diesem Dilemma plötzlich herauszugelangen und den Srieden auf sehr lange Seit zu sichern. 
Dies Mittel bestehe in der Herstellung guter Bejiehungen zu Österreich. Fürst Hobenlobe babe 
ibn, den Baron Perglas, vor seiner Abreise von München beauftragt, diese Crwägung in 
Berlin eindringlich ur Geltung m bringen, und lei bereit, wenn Preußen damit einverstanden 
lei. in Wien neue Verluche in dem in Rede stehenden Sinne iu machen.“ 
Varsin, den 15. Cktober 1868. 
Sw. pp. danke ich verbindlichst für die Übersendung des bierbei nmrückerfolgenden 
Promemorias, betreffend die Unterredung mit Baron Perglas. 
Die Art, wie Blaron]) Beust jeden unfrer Annäberungsversuche nicht nur kühl ab- 
gelehnt, sondern sofort zu indiscreten ulnd] polemischen Veröffentlichungen benutzt hat, ver- 
bietet uns jede weitre Initiative. Sogar als wir der Höflichkeit ulnd] den guten Be- 
siehungen beider Cabinete ein vertrauliches désavenu der extravaganten Politik des 
GErlasfen Usedom schuldig zu sein glaubten, bat dieser Schritt eine ebenso unböfliche als 
indiscrete Aufnahme in Wien gefunden'. Wir können die Initiative zu besseren Be- 
Vgiehungen mit Österreich erst dann ergreifen, wenn man dort nicht mehr das Bedürfnis 
empfindet, wohlfeile Preßerfolge höher mzu stellen als politische Kombinationen. Für jetzt 
liegt kein Bedürfniß für uns vor, der Haltung Oestreichs im Falle eines Krieges in höherem 
Grade versichert zu sein, als wir es bereits sind. Die Darteinahme gegen uns ist einstweilen 
für Oestreich aus Gründen der innern Lage wie der auswärtigen Besjiehungen des Kaiser- 
staates- eine politische Unmöglichkeit“. 
1 Vgl. dazu Ar. II79, Anm. 2. 4 
O: A#r Eisgono des aelagg, rarnhnwia von. Biem . eamller seit Juli 1866 wieder gebeime Ver- 
i ich i inblick den Kri ll mit flog. Allerdings scheute Beult 
— —0. igo hul= Begfall. P g Oncken, Die Abeinpolitik Kaiser 
.
        <pb n="429" />
        Biemarck lehnt Initiative m besseren Beziehungen mit Wien ab. 413 
11091. Schreiben an den Bortragenden Rat von Keudell. 
[Reinschrift von der Hand des Legationsrates Srafen von Bismarc# 
Bismarcks Besorgnis, dah die Reise König Wildelms nach den Elbherzogtümern mmal 
in der Ausdehnung bis Apenrade und Tondern die Aordschleswigsche Srage wieder auf- 
rübren könnte (ogl. Nr. 1182) patte lich bewahrbeitet. Schon eine Ansprache, die der König 
am 14. September an den Aektor der Univerlität Kiel richtete, gab der ausländischen Presse 
m ausfgeregten Artikeln Anlaß. Es bieb in der Ansprache u. a.: „Was Ihren Wunsch für 
Trhaltung des Sriedens betrifft, so kann ihn wohl niemand lebbafter teilen als ich, denn es 
ist für einen Souvoerän etwas sehr Schweres und vor Gott Verantwortliches, wenn er sich 
genoungen sieht, das folgenschwere Wort „Krieg“ auszusprechen. Und doch gibt es Verbölt- 
nille, wo er sich einer solchen Verantwortlichkeit nicht entsieben kann, nicht entjieben darf. 
Sie selbst sind in diesem Lande Zeugen gewejen, dab die Aotwendigkeit mu einem Kriege an 
einen Sürsten, wie on eine Na#tion herantreten kann; ja, dab wir uns beute vertrauend und 
mit gutem Willen einander gegenübersteben, ist erst durch einen Krieg ermöglicht worden. 
Übrigens lebe ich in ganz Curopa keine Veranlallung zu einer Störung des Sriedens und jage 
Ihnen das zu öhrer Berubigung. Was Sie aber noch mehr berubigen dürfte, das ist der 
Blick auf die bier mit Shnen verlammelten Repräsentanten meiner Armee und meiner Marine, 
dieser Kraft des Vaterlandes, welche bewiesen hat, daß sie sich nicht Icheut, einen ihr auf- 
gelwungenen Kampf aufzunehmen und durchzufechten.“ Diesen Auherungen des Königs wurde 
mit Unrecht von der franzölischen Presse eine kriegerische Deutung beigelegt. Weitere Prelle- 
Napoleons III., III, 14 f.) noch vor der von dem franzölischen Kaiser am 20. Juli in erster Linie angedotenen 
ventente active dans un bout détermin“, d. b. einer kriegerischen Aktion oder dorh eines gemeinsamen, 
den Krieg im Gefolge habenden Austretens, zurück. Dagegen erwärmte er sich für den zweiten franzölischen 
Vorschlag einer „entente passive“, worunter die Veranstaltung eines Kongresses ju dem Swecke, Garantien 
für die Sesthaltung des status quo durch ein europäisches Übereinkommen zu erreichen, gemeint war. 
VNatürlich Jah Beust vorber, daß Preuhen einer Festlegung des status qduo, die in erster Linie die Ver- 
binderung des Anschlusses Süddeutschlands an Aorddeutschland bezweckte, nicht zustimmen könne und werde. 
Ausdrücklich beiht es in leiner Denkschrift: „Es kommt darauf an, nicht allein das europäische Konzert der 
Kabinette, jondern auch jenes der öffentlichen Aleinung gegen den voraussichtlichen Widerstand Preußens zu 
gewinnen und in Szene zu setzen.“ Beust sab aber auch das dorber, daß Dreuhen bei seinem Widerspruch gegen 
eine europäische Garantie des slatus quo von der öffentlichen Meinung ganz Deutschlands unterstützt werden 
würde. Daber schlug er vor, um offijiellen Drogramm des Kongresses die Sdee einer allgemeinen Abrüstung 
zm erbeben und die Garantiefrage nur nebender einzuschmuggeln. Auch wünschte Beust die Berufung des 
Kongresses noch binausgeschoben m seben, bis das geplante neue österreichische Webryesetz, das eine Er- 
böbung des Kriegsstandes auf 8o00 Oo0 Mann vorsab, auch vom Ssterreichischen Reichsrat angenommen sein 
würde. Es war ein grotesker Gedanke: nachdem Frankreich leit Jahr und Tag sieberbaft seine Kriegs- 
rüstung betrieben und Osterreich eine wesentliche Erhöbung leines Kriegsstandes vorbereitet hatte, wollten 
sie beide die Sahne der allgemeinen Entwaffnung aufrollen, um Preuhen, das seinerseits seinen FSriedens- 
willen schon durch die militärischen Beurlaubungen im April (ogl. Ar. 1162, 1143, 1149) und im August von 
neuem durch eine bedeutende Hinausschiebung der Einberufung der Vekruten dokumentiert hatte, in der 
deutschen Srage lahmmulegen! Kaiser Napoleon III. batte denn auch die entschiedensten Bedenken gegen eine 
allgemeine Cntwaffnung, die vielleicht noch tiefer in das französische als das preuhische Sleisch schneiden 
mußte; ogl. den Bericht Metternichs vom 14. September, Onden, a. a. O., III, 23 sff. Dah er erst durch 
den Einspruch Lord Clarendons, der am 19. Oktober eine Aussprache mit dem Kaiser hatte, von dem Ge- 
danken der Entwaffnung abgebracht worden wäre, wie Oncken (a. a. O., I, 7% f.) und ihm im wesentlichen 
folgend H. Alichgel (Bismarck, Erßlend und Europa 1866 bis 1870, S. 112) meinen, trifft schwerlich u; es 
war vielleicht wobl Rapoleon III. selbst, der in dem Bestreben, den von Olterreich aufs Capet gebrachten, ihm 
unerträglichon ECntwaffnungsvorschlag wieder zu eliminieren, dem englischen Staatsmann seine eigene ur- 
prüngliche Idee einer europäischen Garantie des status quo und einer englischen Vermittlung in diesem 
Sinne erfolgreich suggerierte. Das gebt deutlich bervor aus Lord Lyons' Brief an Lord Stanlen vom 
0. Oktober (Lord Rewton, Lord Lyons A record of British Diplomacy. I. 203 f.)#, und aus Graf Solms“ 
Bericht vom 5. November (H. Oncken, a. a. O., III, 57) über Außerungen Rapoleons III. u dem italienischen 
zesandten Aigra. Diese beiden Zeugnisse verdienen entschieden den Vorzug vor den Angaben Sürfst 
etternichs vom 26. Oktober (H. Oncken, a. a. O., III, 53), dem gegenüber der Kaiser und ebenso Rouber 
ibre Darstellung sichtlich gefärbt haben. Übrigens Ipielt auch in den Rouberschen Auherungen zu Graf 
Vitzthum vom 24. September (Oncken, a. a. O., III, 33 ff.) der Gedanke, dah Preuhben sich verpflichten golle, 
den durch den Prager Srieden geschaffenen status quo innerhalb der nächsten rebn Jahre auf das genaueste 
u relpektieren, die Hauptrolle. Entscheidendes Gewicht legte leldst Mouber darouf, dah Österreich erst 
einmal lein Webrgesetz unter Dach und Sach bringe. „Poussez avec toute l'ardeur possible à Lachevement 
des gmements de l'Autriche“, hatte Nouber schon am 14. September dem österreichischen Vertreter m- 
gerufen. 
Oie beiden letzten Sätze eigenböndig von Bismarck. 
ET-WEFT
        <pb n="430" />
        416 Direktiven für Beeinflussung der Presse in Nordschleswigscher Frage. 
ertitel kKnüpften lich an die Thronrede König Christians von Dönemark vom 5. Cktober, die 
in der Aordschleswigschen Frage einen durchaus intransigenten Standpunt berauskehrte. 80 
brachte u. a. die offiziöle franzölische „Patrie“ im Anschluß #a# e Vede König Christions 
einen Artikkel mit so jcharfen Ausfällen gegen Preuhen, daß *“- Moustier es für mötig 
ten. gegenüber dem preußischen Oeschäftsträger. Grafen Solms davon abzurücken; ogl. dessen 
Bericht vom 13. ÖCktober, Bismarck und die Werdy leswigsche Srage, S. 317 ff. Gleichzeitig 
mit dielen ausländischen Artikeln erhob sich auch in partikularistischen und ultramontonen 
deutschen Blättern eine Art Kesseltreiben gegen Preuhen, so daß Bismarck von neuem auf 
mögliche Jusammenbänge dieser Blätter mit dem Auslande bingelenkt wurde und eine scharfe 
Abwehraktion für erforderlich bielt. 
Varzin, den 17. Oktober 1868. 
Nachstehende Andeutungen bitte ich bei Cinflußnahme auf die Presse zu benutzen: 
1. In der dänischen Frage wird der Sälschung zu begegnen sein, als ob es sich im 
Prager Srieden um eine Abstimmung in „Nordschleswig“ handele. Es ist in dem Ver- 
trage nur von nördlichen Distrikten Schleswigs die Rede, diese sehr wichtige Unterscheidung 
ignoriert die europäische Presse fast vollständig. Es hat sich für uns in keiner Weise um 
die Sprachgrenze, sondern um die Frage gebandelt, bis zu welcher Grenze wir dem uns 
durch das Organ ÖOsterreichs vorgebrachten französischen Wunsche einer Sefälligkeit für 
Dänemark entgegenkommen könnten, ohne unsere eigenen politischen Interessen zu ver- 
letzen; die Ausdehnung der „nördlichen Dustrikte“ zu bemessen, ist nach dem Wortlaute und 
dem Sinne des Vertrages die Sache Preußens. RNiemals ist es bis zum Jahre 1867 irgend- 
einer der beteiligten Mächte in den Sinn gekommen, daß diese Ausdehnung sich bis nach 
Slensburg hin erstreckenn könnte. Die Alleinung Srankreichs zur Seit von Vikolsburg, 
sowie sie ausgesprochenermaßen den damaligen Verbandlungen und der Annahme des Satzes 
durch Preußen zu Grunde lag, ging dabin, daß ein „sehr kleiner“ Gebietsteil hinreichen 
würde, die Betätigung des guten Willens Frankreichs für Dänemark m bekunden. Die 
übertriebenen Anjsprüche der Dänen haben die nach vorstehendem vertragsmäßige Ausfühb-- 
rung bisber erschwert, und angesichts der unverbohlenen Drohungen mit einem Eroberungs-= 
kriege, welchem sich Deutschland seit eineinhalb Jahren ausgesetzt sieht, ist es noch schwie- 
riger, den Moment zu finden, in welchem Deutschland eine TNückzession machen könnte, 
die nach den ausgesprochenen Motiven jener Kriegsdrohungen die Gefahr eines feindlichen 
berfalles nicht einmal vermindern, geschweige denn beseitigen würde. Der Morddeutsche 
Bund wird bezüglich seiner nördlichen Grenzen und deren etwaiger Abänderung seine Be- 
schlüsse in der Weise fassen, wie er es den Verträgen entsprechend hält, und letzteren gewiß 
die weiteste Auslegung geben, welche mit dem Schutz der Deutschen und derjenigen dänischen 
Schleswiger, welche von Kopenhagen aus die Erneuerung früherer Bedrückungen zu 
fürchten baben, verträglich ist. 
2. Sobald bekannte offiziöse Organe der französischen resse Criegerische Artikel 
bringen, uUt denselben meiner Ansicht nach unter jedesmaliger Hervorbebung des Blattes 
und seines offiziösen Charakters mit mehr Selbstgefühl als bisber zu antworten. Die rich- 
tige Conart dafür gab die allerhöchste Außerung in Kiel, und kann dieselbe in höflicher und 
jede Herausforderung vermeidender Sorm sehr gut dahin amplifiziert werden, daß Deutsch- 
lond den Frieden zwar liebt und niemand bedroht, seine Fortdauer aber durch keine quch 
nur haarbreite Aezession oder Sefälligkkeit einer renommistischen Politik gegenüber er- 
kaufen wird. 
Es wöre dabei die Erbärmlichkeit eines Ceiles der Presse bervorzuheben, welche sich 
von jedem albernen Artikel eines Pariser Winkelskribenten aufregen läßt und durch ihre
        <pb n="431" />
        Landesverräterische Haltung eines Bruchteils der deutschen Presse. 417 
schwächliche Haltung im Inlande den Glauben an Krieg, im Auslande aber den Irrtum 
fördert, als wären Deutschlands Regierungen irgendwie empfänglich für drohende Redens- 
arten des Auslandes. Die ruhige Haltung Deutschlands beruht auf dem Bewußtsein, daß 
man eine so gewaltige Macht wie die unsrige nicht leichtfertig angreift, und es wäre zu 
wünschen, daß dieses Selbstgefühl der leitenden Kreise sich einigermaßen wenigstens der 
Aehrheit der Preßorgane mitteilte. Einen wesentlichen Teil der Schuld an der Be- 
unruhigung der öffentlichen Meinung tragen die telegraphischen Korrespondenzbüros, deren 
Agenten, wie es scheint, keine andere Beschäftigung haben, als in den obskursten aus- 
ländischen Blättern Artikel aufzufinden, welche den Srieden als bedroht darstellen, und 
diesen Artikeln, dadurch daß sie nach Deutschland telegraphiert werden, eine anscheinende 
Bedeutung verleihen, welche den Ergüssen der Feder, aus der sie stammen, an sich nicht 
beiwohnt. Das deutsche Dublikum nimmt dann diese Telegramme gläubig auf, ohne sich 
den Kopf darüber zu jerbrechen, ob die ursprünglichen Artikkel von einem welfischen Sold- 
schreiber stammen, der sein Densum für Geld liefern muß, oder von einem Gegner der fran- 
Whsischen und jeder andern ARegierung, welcher sich an einem Weltbrande glaubt wärmen zu 
können, oder ob sie ihre Existenz in offiziösen französischen Blättern der Unbotmäßigkeit 
eines malkontenten Unterbeamten verdanken, dem die Lockerung der Disziplin in der amt- 
lichen Beeinflussung der Presse freie Hand läßt. Aur wer die leichtfertige Liederlichkeit 
nicht kennt, von welcher viele und wesentliche ZSweige der französischen Staatsmaschine 
infiziert sind, kann in allen Außerungen notorisch offiziöser fronzösischer Blätter einen 
Ausdruck des leitenden Gedankens der französischen Regierung suchen. 
3. Die landesverräterische Aiederträchtigkeit derfenigen Deutschen, welche für Geld 
oder aus anderen Sonderinteressen ihr Baterland an das Ausland verraten und der Sremd- 
berrschaft über ihre Heimat Vorschub leisten wollen, wird lange nicht mit der hinreichenden 
Energie öffentlich gebrandmarkt. Wenn Leute, deren Bäter noch Deutschland in seiner 
tiefften Erniedrigung gekannt haben, sich nicht entblöden, öffentlich die Sremdberrschaft 
berbeimwünschen und zu fördern, so würden in jeder anderen Nation schon längst Welfen- 
tum und Ebrlosigkeit, Ultramontanismus und Vaterlandsverrat identische Begriffe sein, 
und kein Cag würde vergeben, wo nicht in jedem andern Volke Leute wie die Stuttgarter 
gemieteten und gratis Schreiber als ein Auswurf der Nation an den Pranger gestellt 
würden. 
Wenn Ausländer in Dresden und sonst in Deutschland Blätter wie das „Bulletin 
international“ und ähnliche schreiben, so kKönnen wir mit Stolz sagen, daß wir stark genug 
sind, um solche Gegner zu ertragen und ihre Srechheit ohne Gefahr zu dulden. In Grank- 
reich wäre 3. B. ein analoges Teiben ebenso wie in ÖOsterreich an sich eine Gefahr, welcher 
die Solidität der dortigen Zustände nicht gewachsen wäre, wie das Beispiel der „Laterne“ 
jeigt, und die bundert großen und kleinen Mittel der dortigen Staatsmaschine hätten der 
Sache notgedrungen schnell ein Ende gemacht. Unsere gelunden Zustände können dergleichen 
aber aushalten, ohne den geringsten Schaden zu leiden. Ebensowenig ist es gefährlich, da- 
gegen aber im höchsten Grade beschämend zm sehen, dah es Deutsche gibt, welche teils für 
Geld, teils aus Parteileidenschaft öffentlich die Invosion ihrer Heimaterde durch fremde 
Eroberer und den Sieg dieser letzteren berbeiwünschen. Ein Vorteil für die Konfolidierung 
der gegenwärtigen Zustände ist es, daß durch diese Politikk die Sache der gefallenen 
Dunastien zu einer unrettbar verlorenen geworden ist, und über die deutschen Mietlinge, 
Vla r—
        <pb n="432" />
        418 Bismarck, Heudt und die Deckung des deutschen Defizits. 
welche in dieser Fäulnis ihr tägliches Brot suchen, muß man sich mit der Wahrheit trösten, 
daß da, wo die Verwegung eingetreten ist, sich nicht bloß die Adler fammeln. 
Für die „Norddeutsche Seitung“ sind diese Betrachtungen im allgemeinen nicht geeignet, 
weil sie leider im Laufe der Zeit einen mu offiziösen Ruf bekommen hat, vielleicht passen 
sie für die „Kreuzzeitung“. Die Hauptsache ist aber, daß äbhnliches nicht einmal in einem 
Blatte, sondern täglich in vielen Blättern geschrieben werde. 
1192. Erlaß an den Zortragenden Rat im Zundeskanzleramt Eck. 
[Abdruck.] 
Vom 1. bis 5. Oktober weilte der Finanzminister Sreiberr v. d. Heudt in Varzin, um 
mĩt die Srage zu erörtern, wie die Deckung des in den preußischen FSinanzen vor- 
bandenen beträchtlichen Defijits von ca. 6 Millionen Talern erreicht werden könne. Im An- 
schlub an die gemeinsamen Desprechungen richtete v. d. Seudt am 6. Oktober on Bismarck ein 
Schreiben, wonach er Jzur Beschaffung neuer Einnahmequellen die Erböhung bestebender sowie 
die Einführung neuer Zölle und Steuern ins Auge fahte, um deren Bewilligung dann nicht 
der Preuhische Landtag, sondern der Teichstag biw. das Jollporlament anzugeben sein werde. 
Auf die Srage, wie mnächst das preußische Defijit aus der Welt geschafft werden könne, 
ging das Schreiben des 9 nicht ein; “ war in dichemn Punkt bei den 
Var#iner Besprechungen ein wischen ihm und Bisma 
Während der Misespräsikem die eiflerenh " 
elnem Konflikkt mit dem W 35 Keinessoige itE“z win chte der nöinan winiter 
Varzin, den 18. Oktober 1868. 
Bei Besprechung der Frage, wie das Defizit des Budgets zu decken, bin ich mit dem 
Herrn Finanzminister über das Drinzip einverstanden gewesen, daß die Deckung der 
Bundesausgaben durch Bundessteuern bis zu voller Beseitigung der regelmäßigen Matri- 
kularumlagen das zu erstrebende Siel der norddeutschen Bundespolitik Jein müsse. Die 
nächste Aufgabe der letzteren ist die Konjsolidierung der Bundes--Unstitutionen durch Kräf- 
tigung der gemeinjsamen Einrichtungen. 
Dah dieser Zweck durch ein solidarisches, das politische Leben der Einzelstaaten durch- 
dringendes und mjsammenhaltendes Finanzsustem in hohem Grade gefördert wird, daß da- 
gegen in dem bundestäglichen System der Matrikularumlagen ein Element der Gersetzung 
liegt, sehe ich als einen unbestrittenen Satz an. Diesem höchsten Zwecke gegenüber sind für 
mich die Bedenken, welche sich aus parlamentorischen Stimmungen herleiten, untergeord- 
neter und vorübergehender Natur. Es kommt m. E. nicht darauf an, was in der nächsten 
oder den nächsten parlamentarischen Sitzungen durchmbringen ist, sondern darauf, was den 
höheren politischen Swecken angemessen ist. Wollte die Regierung auf ihre Siele desbalb 
verzichten, weil die dermalige Majorität der Abgeordneten die Erreichung derselben 
vielleicht erschweren wird, so würde sie von der Höhe ihrer Aufgabe berabsteigen und die 
Politik nicht leiten, sondern sich der Leitung einer noch nicht einmal vorhandenen, vielmehr 
mutmaßlichen Mojorität mechanisch unterordnen. Der Verantwortung dafür, daß sie das 
NAichtige nicht vorgeschlagen hat, würde die Regierung durch den Hinweis auf den von ihr 
vorgesehenen Widerspruch der Majorität nicht überhoben werden. Lehnen die parlamen- 
torischen Körperschaften die Vorlagen der Regierung ab, so werden sie auch vor der 
MNation die Verantwortung ihrer Ablehnung zu tragen haben, diese Berantwortung aber
        <pb n="433" />
        Verschiedene Wöglichkeiten der Desinitdeckung. 419 
fällt auf die Regierung, wenn sie aus Furcht vor parlamentarischen Kämpfen die Vorlagen 
unterläßt, welche sie im Interesse des Vaterlandes für die richtigen erkannt hat. 
Sch schickee dies im allgemeinen voraus, um zu konstatieren, daß ich die Aussicht auf 
eine parlamentarische Aiederlage als Motiv der Unterlassung einer objektiv zweckmäßig 
erscheinenden Vorlage nicht akzeptieren kann. Will der Reichstag seine Machtbestrebungen 
böber stellen als die nationalen Interessen, so ist dies eine Sache, welche jeder Abgeordnete 
mit seinem Gewissen abzumachen hat, die Regierung aber darf eine solche Richtung der 
Volksvertretung m. E. nicht als vorhanden voraussetzen. 
Darüber, daß die Deckung des preußischern Defizits mnmächst bei dem preußischen 
Landtag nachzusuchen sei, war zwischen dem Herrn Ginanzminister und mir keine Meinungs- 
verschiedenbeit, und sind, wie ich glaube, die Vorlagen zu diesem Behuf bereits in Arbeit. 
Die verschiedenen Wege, welche die Regierung einem ablehnenden Votum des Landtags 
gegenüber einschlagen kann, sind demnächst von uns erörtert worden und dabei auch die 
Eventualität besprochen, daß unter einstweiliger Suspension der Verhandlungen mit dem 
Landtage zunächst der Reichstag oder das Sollparlament berufen und um Steuerbewilligung 
angegangen werden könnte. Ebenso haben wir erwogen, ob es sich empfeblen würde, im 
Falle einer Ablehnung der zur Deckung des Defizits nötigen Sorderungen den Landtag auf- 
mlösen oder sich den Beschlüssen desselben in der Art zu fügen, daß das Budget durch 
Abstreichung von 5 bis 6 Millionen Ausgaben auf die Höhe der zu gewärtigenden Ein- 
nahmen reduziert werde. 
über alle diese verschiedenen SEventualitäten waren aber weder der Herr Ginanzminister 
noch ich in der Lage, ohne Beratung mit unseren Kollegen und ohne Vortrag bei Seiner 
Mojestät dem Könige unsere Entschließungen definitiv festzulegen. 
Ich zweifle meinerseits kaum daran, daß der Landtag in der jetzigen politischen Lage 
bereit sein werde, der Regierung die vollen Mittel zur Leistung der beabsichtigten Ausgaben 
zu gewähren; sollte diese meine Überjeugung eine irrtümliche sein, so würde ich die erforder- 
lichen Anträge bei Seiner Mojestät dem Könige zunächst mit meinen Kollegen beraten 
wollen, bevor ich mich amtlich darüber ausspreche. Bisber aber bin ich geneigt, im Schoße 
des Ministeriums die Abminderung der Ausgaben bis auf das Niveau der Einnahmen zu 
befürworten, und habe mich auch in diesem Sinne gegen den Herrn Sinanzminister aus- 
gelprochen. Es würde danach eventuell die sehr schwierige Aufgabe der Regierung jein, 
diejenigen 5 bis 6 Millionen in den Ausgaben zu ermitteln, deren Absetzung Rechtsverbind- 
lichkeiten nicht verletzen und weniger als die anderer mit Gefahr und Schaden für das 
Gemeinwohl verbunden sein würde. 
Eine weitere Möglichkeit wäre der Rücktritt des Gesamtministeriums, nach welchem 
die Lösung der vorhandenen Schwierigkeiten der oppositionellen Majorität anbeimfallen 
würde. Die Entscheidung auf diesem Gebiete würde lediglich Seiner Moajestät dem Könige 
zustehen. 
Abgesehen von dieser letzten Eventualität, liegen nach meiner Berechnung folgende 
MAglichkeiten für den Jusammentritt des Reichstags vor, von dem ich annehme, daß er 
jedenfalls dem des Sollparlaments werde vorangehen müssen: 
1. Der Landtag könnte die Deckung des Defizits aus preuhischen Mitteln (Guschlag 
zu direkten Steuern) bewilligt haben, und es würde dann die Aufgabe sein, diese ohne 
Sweifel drückeende Art der Deckung durch Neichssteuern m erfetzen.
        <pb n="434" />
        420 Ausgabensenkung oder Steuerkuschläge? Bismarcks militärisches Verbältnis. 
2. Der Landtag könnte aufgelöst sein; alsdann würde die Cntschließung der Regierung 
wesentlich mit von dem Seitpunkte abhängen, in welchem die Auflösung erfolgt, und 
in welchen danach der Ablauf der 90 Tage bis zum Wiederzusammentritt fallen 
muß. Ist dieser Seitpunkt ein später, so würde es sich um so mehr empfeblen, den 
Reichstag in der Zwischenzeit zu berufen. — 
3. Die Regierung könnte an ihrem Ausgabebudget 5 Millionen gestrichen haben. Auch 
in diesem Falle würde der Versuch indiziert sein, durch Reichstagsbewilligungen die 
Abbilfe der erwachsenen Ubelstände für das nächste Finanzjahr sicher zu stellen. 
Unter allen Umständen scheint mir daher erforderlich, daß wir uns im Bundeskanzler- 
Amte mit der Vorbereitung von Sinanworlagen innerhalb des von dem Herrn Sinanz- 
minister angegebenen Gebietes bald beschäftigen. 
Daß die gesamten Bundesausgaben durch regelmäßige Bundeseinnahmen gedeckt 
werden, betrachte ich, wie eingangs erwähnt, als unsere politische Aufgabe. Daß wir die- 
Jelbe sofort in ihrem ganjen Umfange werden lösen können, glaube ich allerdings nicht. 
Doch kann uns diese Erwägung nicht davon entbinden, diese Lösung mit energischer Ent- 
schlossenheit und mit allen verfassungsmäßigen Mitteln zu erstreben. Mißlingt sie, so 
wird die Schuld nicht die unfere sein. 
Die Haltung der süddeutschen Regierungen und der denjelben ergebenen Abgeord- 
neten im Sollparlament kann uns m. E. auf dem betretenen Wege nicht entmutigen; unser 
Programm kann um deswillen, weil es die Zustimmung unserer Gegner nicht hat, keine 
Modifikation erleiden, und die Beantwortung der Frage, ob wir das Zollparlament schon 
in diesem Jahre wiederum zu berufen haben, wird vorzugsweise davon abhängen, ob wir 
eines festeren Susammendaltens der norddeutschen Mitglieder mehr als im vorigen Jahre 
versichert find. Ist dies nicht der Fall, so werden wir allerdings darauf gefaßt sein müssen, 
für Preußen die unbequeme finanzielle Lage, welche aus der jetzigen Situation unabweis- 
lich bervorgehen wird, so lange zu ertragen, als die gegenwärtige Zusammensetzung des 
Meichstags dauert. 
H. v. Poschinger, Aktenstückee zur Wirtschaftspolitik des Sürsten Bismarck, I, 119ff. 
1103. Schreiben an Könsg Wilhelm I. 
[CEigenbändig.] 
Durch Kabinettsordre König Wilhelms I. vom 18. Oktober war Bismarck zum Cbef des 
1. Landwebrregiments Ar. 26 ernannt und à la suite des Magdeburger Kürassierregiments 
Trr. 7 gestellt worden. Mit der Auherung seines Dankes verband Bismarck die Bitte um eine 
Verlängerung seines Varjliner Urlaubs bis Ende November; jzugleich unterbreitete er dem 
Könige Vorschläge wegen der Beletzung des Präsidiums der Oberrechenkammer. 
Varzin, den 19. Oktober 1868. 
Eure Maojestät haben mir durch die Ordre vom gestrigen Tage, durch welche mein 
militärisches Verhältniß in so huldreicher und auszjeichnender Weise geregelt, eine neue 
Snade erwiesen, für welche ich meinen ebenso herzlichen wie ebrfurchtsvollen Dank Curer 
Majestät zu Füßen lege. Sch sehe es als ein höchst werthvolles Andenken an die wichtigsten 
und ruhmvollsten Momente an, die ich erlebt habe, wenn ich ferner die Uniform tragen 
darf, in der es mir vergönnt war, Eure Majestät vor wei Jahren m begleiten, und ich 
möchte in keinem andern als diesen Ehrenkleide dereinst aus dem zeitlichen Leben scheiden.
        <pb n="435" />
        Urlaubsverlängerung für Bismarck. Personalveränderungen. 421 
Wenn es mir nach dem Willen meiner Eltern nicht gestattet gewesen ist, dem Könige als 
Soldat zu dienen, so ist es doch der Ruhm, nach dem ich strebe, stets wie ein Preußischer 
Soldat gedacht und gehandelt zu haben, und daß Eure Maojestät mich als solchen behandeln 
und auszeichnen, ist mein Stolz. Um go schwerer fällt mir in diesem Augenblicke, die un- 
militärische Bitte um Verlängexung meines ohnehin schon langen Urlaubs auszusprechen. 
Ich hatte beabsichtigt, in der zweiten Hälfte dieses Monats die Geschäfte wieder zu über- 
nehmen. Durch den Unfall mit dem Dferde, bei dem ich, wie es nachträglich scheint, doch 
zwei Aippen gebrochen habe#:, bin ich aber, vermöge bäufiger, starker Schmerzen, doch in 
der Kräftigung der Nerven etwas zurückgekommen. Sch vermag wieder jede körperliche 
Bewegung zu leisten und glaube, im Ganzen wesentlich gesunder zu sein als im Srühjahr:; 
aber der Versuch lebhafteren Verkehrs mit Menschen hat mir bisher noch jedesmal den 
Schlaf geraubt, und die Aerzte meinen, daß eine Verlängerung der Einsamkeit um einige 
Wochen mir von wesentlichem A#utzen für die Winter-Campagne sein würde. Sch habe 
mit dem Ginanz-Minister die geschäftliche Seite der Srage besprochen, und glaubte derselbe, 
daß ich den Aovember bindurch ohne wesentlichen Nachtheil für Curer Maojestät Dienst 
ausbleiben könnte; die Arbeiten des Landtags würden das Stadium der Commissions- 
Berathungen in den Hauptfragen nicht überschreiten, und schriftlich ist meine Mitwirkung 
in denselben bereits eingeleitet. Wenn Cure Majestät nicht denselben Eindrucke von der 
Situation haben, so kann ich jeden Augenblick erscheinen, und es wird mir mit Gottes Hülfe 
auch die Gesundheit nicht fehlen, den Winter besser als den vorigen durchzuhalten. Wenn 
Eure Mojestät aber die Meinung des Srleilhlelrrn von der Heudt tbeilen, so würde ich es 
mit allerunterthänigstem Danke erkennen, wenn ich noch jusqu'fa nouvel ordre, eventuell 
bis zum Ende des Aovember hier bleiben dürfte. 
Beziglich der augenblicklich schwebenden Sinanz-Berathungen des Staatsministeriums" 
habe ich mein votum heut an das Bundes-Kanzler-Amt abgesandt und erlaube mir Eurer 
Maojestät eine Abschrift einzureichen, sobald ich dieselbe von Berlin erhalten haben werde. 
Von böchster Wichtigkeit dürfte die Besetzung des Präsidiums der Ober-Aechen- 
kammer sein; bei dem bedeutsamen Einflusse, den diese Stelle in unserm Verfaffungsleben 
übt, empfiehlt es sich, dieselbe nur mit einem perfönlich den Interessen der Krone durch- 
aus ergebnen Beamten zu befsetzen. Ich würde weder Horn, noch Günther, noch Camp- 
hausen, die sich darum bewerben fsollen, befürworten; sie sind alle constitutionelle Theo- 
retiker. Besser wäre schon der Ober-Präsident von Schleinitz, der Beste aber, meines 
ebrfurchtsvollen Dafürhaltens, Witzleben, der nicht unbeliebt ist und doch ein ganz sichrer 
Diener Eurer Mojestät. Seine etwaigen Bedenken würde ich perfönlich zu überwinden 
suchen. Es ist dieß die Stelle, wo man den besten, das beißt, den sichersten Suß vor- 
setzen muß. Bevor Eure MWojestät das Ober-Präsidium von Königsberg besetzen, möchte 
ich ebenfalls um einen allerunterthänigsten Vortrag mündlich oder schriftlich ehrfurchtsvoll 
bittens. 
1. Vgl. dam den Brief Moritz v. Blanckenburgs an Kriegsminister v. Noon vom 24. Auguft 1 
*“mss9 v. Aoons, III., 90 f., ferner die Darstellung bei R. v. Keudell, Fürst und Fürstin —ii 
2 Vgl. damu Tr. 1199. 
: Val. zu der Beletzung des Präsidiums der Oberrechenkammer auch König Wilbhelms I. Antwort vom 
22. Oktober, Anbang m den Gedanken und Erinnerungen, I. I77, ferner Bismarcks Schrelben an Staats- 
minister Graf zu Culenburg vom *. Aovember, Bismarch-Jobrbuch, IV. 190.
        <pb n="436" />
        422 Bedenken gegen Umformung der hannoderschen Landdrosteien in Regierungen. 
*1194. Drlvatschreiben an den Staatsmintster 
Grafen zu Eulenburg. 
[Konszept von der Hand des s—N—— Grafen von Bismarck-- 
en 
Varzjin, den 10. Oktober 1868. 
Gestatten Sie mir, Ihnen einige Bedenken mitzuteilen, welche mir in Bezug auf 
die projektierte Beränderung in der inneren Verwaltung Hannovers bei Lesung des mir 
gütigst übersandten Protokolls, d. d. Hannover, 1. Oktober 1868, aufgestoßen sind. 
Ich glaube mich mit Ihnen in der Auffassung zu begegnen, daß die Verfassung 
unserer altländischen Regierungen eine in vielen Beziehungen mangelhafte ist, es scheint 
mir daher nicht nützlich, sie in Hannover ohne weiteres einzuführen. 
Die Schwierigkeiten, welche sich für jetzt der Errichtung nur einer Negierung in 
Hannover entgegenstellen, würdige ich vollkrommen, um so bedenklicher will es mir aber 
erscheinen, daß bei der Umformung der bisherigen sechs Landdrosteien in drei Re— 
gierungen gerade die uns am engsten befreundeten Städte Hildesheim und Aurich benach- 
teiligt werden. Wollte man auch die AMöglichkeit ins Auge fassen, Aurich statt Osnabrück 
zum Sitze der Regierungsbehörde zu machen, so würde es nicht angänglich sein, dasselbe 
mit Hildesheim im Verhältnis zu Hannover zu tun. Aleines Erachtens ist das ganze 
noch verfrüht. Man lasse die jetzige Organisation ruhig fortbestehen, lasse den Domänen 
und Gorsten ihre bisherige abgesonderte und zentralisierte Berwaltung, wobei es zur Frage 
kommt, ob es sich nicht empföhle, analoge Einrichtungen auch in den übrigen Provinzen 
zu treffen. 
Wir haben jetzt dringendere Geschäfte wie die Reform der hannoverschen Verwal- 
tung, und ich würde dafür stimmen, in den nächsten Jahren noch keine Veränderungen 
daselbst vorzunehmen. 
*1195. Telegramm an das Minssterlum der auswärtigen 
Angelegenheiten 
[Cigenhändiges Konzept.] 
Nachdem Vismarck in einem Schreiben an Keudell vom 229. September (liehe dessen Text 
V. v. Keudell, Sürft und Sürstin Bismarck, S. 399 f.) die Bitte ausgesprochen hatte: „ÖIch 
en S#inäbush mich den Geschä- ätten nähern und täre als Introduktion um einige Depeschen- 
lektüre“ waren ihm u. a. medrere Berichte des Se chöftsträgers in Madrid Freiherrn v. Saurma 
mgegangen, in denen dieser sich wenig freundlich über die Träger der proviforischen Regierung 
jnssprach. Varzin, den 21. Cktober 1868. 
Sind die Saurma'schen Berichte vom 9., 10. ulnd] 11. mit sichrer Gelegenbeit ein- 
gegangen? Wenn nicht, so ist ernste Belehrung notbwendig.
        <pb n="437" />
        Der Wechsel in Spanien und Saurmas Verichte. 423 
Anfrage bei den Höfen der andern Mächte bitte ich auf Anweisung zu ganz unauf- 
fälliger gesprächsweiser Sondirung zu reduciren. Wir müssen nicht den Eindruck machen, 
als wüßten wir nicht längst, was wir zu thun haben. 
1196. Telegramm an das Mintsterium der auswärtigen 
Angelegenheiten. 
[Cigenhändiges Konzjept.] 
Prinz Reuß, der am 6. Oxtober bei Bismarck in Barzin geweilt und von ihm in der 
sc biche Frage instruiert worden war, hatte nach seiner Wiederankunft in ersburg 
alsbald eine Unterredung mit dem Sürsten Gortschakomw gebabt, der von neuem auf ein 
gegentkommen HDreußens in jener Fra 6 drang. und als Preis basür! die dänische Aau#relttee ja 
ein Offensiv- und Defensiobündnis Dänemarks mit Dreußen für den Fall eines Krieges mit 
Prahreich in Aussicht stellen zu können meinte. Vol. gen Bericht des Deen NReuß vom 
13. Oktober, Bismarckt und die Nordschleswigsche Srage, S. 317 ff. Bismarck, der zu der Stelle 
des AReußschen Berichtes über das Offensio-- und Desenfiobündnis ein Sragereich en machte, bielt 
es für notig, dem Detersburger Gesandten möglichste Zurückhaltung in der Nordschleswigschen 
See, erade im Hinblickt auf ein böndelsuchendes Srankreich (ogl. Rr. 1191, Borbemerkung) zu 
empfehlen. 
Varzin, den 22. Cktober 1868. 
Für Prinz Reuß, St. Petersburg. 
Urgiren Sie die dänische Sache nicht ulnd] ergreifen Sie niemals die nitiative in 
Besprechung derselben. 
Bismarck und die Nordschleswigsche Srage 1864 bis 1879, S. 320. 
*1192. Schreiben an den Unterstaatssekretär von Thile. 
[Kontept von der Hand des Legationsrats Grafen von Bismarc- 
Boblen.] 
Varsin, den 23. Cktober 1868. 
Durch mein Telegramm vom 21. cr.: bat ich um Auskunft, ob die hierbei zurück- 
erfolgenden Berichte aus Madrid Nr. 3232, 3241 und 3242 mit t licherer Gelegenheit 
eingegangen sind. 
Ich habe außerdem bei Lesung dieser Berichte den Eindruck erhalten, als wäre der 
Königliche Geschäftsträger sich darüber nicht hinlänglich klar, daß die jetzt gestürte Re- 
gierung eine uns feindlich gelinnte war, daß also jeder Wechsel zunächst angenehm ulnd) 
mit Wohlwollen zu beurteilen ist. Es dürfte sich empfeblen, eine Instruktion, welche diese 
Gesichtspunkte weiter ausführt, an Herrn von Saurma durch Seldjäger abzuschicken, da- 
mit seine Berichterstattung den der neuen Ordnung der Dinge wenig wohlwollenden 
Cbarakter, der sie jetzt durchjieht, verliere und eine unbefangenere und unseren politischen 
Interelsen entlprechendere Särbung annehme. 
1 Siehe Ar. 1195.
        <pb n="438" />
        424 Prinsipielle Auseinandersetzung mit Heudt über Defsizitfrage. 
1198. Schreiben an den Staatsminister 
Freiherrn von der Heydt. 
[Abdruch.] 
Von seinem Besuch in Barzin (ogl. ARr. 1192, Borbemerkung) nach Berlin zurückgekehrt, 
scheint Sinanminister v. d Heuydt sich unter „parlamentarisch-geheimrätlichen Einflüssen“ in der 
Auffassung bestärkt zu haben, zur Vermeidung eines Konflikts mit dem Landtage die Deckung 
des Defizits auf dem Wege der Heranjsichung vorhandener Staatskapitalien zu suchen. In 
diesem Sinne richtete er ein Schreiben an Bismarck, das diesen aber in seiner prinzipiellen 
Auffassung nicht zu erschüttern vermochte. Welche Bedeutung Bismarck der Sache beilegte, 
geht aus seiner Antwort an v. d. Heudt vom 24. bervor, nicht minder aus dem Briefe an Noon 
vom gleichen Cage, dem er seine Antwort als Anlage mit dem Ersuchen beifügte, jie eventuell 
# den Akten des Staatsministeriums nehmen m lassen. Siehe den Text des Schreibens an 
N Denkwürdigkeiten Roons, III, 95 f; ebendort (5. ↄ8 ff.) Roons Antwort vom 
. ober 
Varzin, den 24. Oktober 1868. 
Von dem Sedanken, das Deficit aus dem Activ-Bermögen des Staates zu decken, 
kann ich nur dringend abrathen. Einmal scheint es mir überhaupt keine gute Wirthschaft, 
vom Capital m zehren, dann aber würde durch eine solche Maßregel die Sachlage 
bemäntelt und die fehlerhafte Politik derer, welche uns hindern, die Soll- und Bundes- 
Einnahmen zu erböhn, nicht in das richtige Licht gesetzt. Daß die Opposition auf Ver- 
minderung des Staatsvermögens und auf Verbinderung der Bewilligung dauernder Ein- 
nahmen des Staates bedacht ist, wundert mich bei dem Mangel an politischem Instinct, 
der dieselbe auszeichnet, keineswegs; diesen Herrn liegt der Gedanke, daß sie selbst ein- 
mal für den Staat verantwortlich sein könnten, noch zu fern. Wer aber die Politik als 
Staatsmann und als Patriot bandhaben will, darf m. E. sich auf dergleichen ohne drin- 
gende Voth nicht einlassen. Das richtige Auskunftsmittel für uns ist Tabak, Petroleum, 
Gas, Jucker, Branntwein u. J. f., auf dem Wege dazu verlieren wir ein volles Budget- 
Jahr, vielleicht zwei, wenn wir uns jetzt herbeilassen, mit dem Staatsvermögen als 
Palliativ vor den Riß zu treten. 
öch kann nur für Gesthaltung der Zuschläge zu den directen Steuern stimmen, ohne 
an der Unpopularität dieser Maßregel im mindesten zu zweifeln. Grade diese Unpopu- 
larität aber wird es erleichtern, anstatt dieser Suschläge demnächst vernünftigere Steuern 
zur Annabme zu bringen. Werden uns die Suschläge versagt, so müssen wir den Muth 
haben, die Ausgaben um 5 Millionen zu reduciren; natürlich kann diese Reduction nicht 
die Armee, die einzige sichre Bürgschaft des Friedens und der Unabhängigkeit, treffen, 
also auf Verminderung der Bundes-Ausgaben in der jetzigen politischen Spannung nicht 
eingegangen werden. 
Wenn wir den Nothstand der Sinanzen zwar nicht vertuschen, aber durch eine mehr 
östreichische als preußische Maßregel momentan überbrücken, so sehe ich darin kein Mittel, 
für das nächste Stats-Jahr andre Einnahmen flüssig zu machen. Dieses Mittel sehe ich 
vielmehr nur im strengsten Festhalten an dem altpreußischen Grundsatze, daß die laufenden 
Ausgaben durch laufende Einnahmen gedeckt werden müssen, und daß die laufenden Aus- 
gaben auf die Höhe der vorhandnen Deckung beschränkt bleiben müssen, so lange nicht 
Sefahr des Vaterlandes eine Abweichung von dem Satze rechtfertigt. In dem mir 
gütigst übersandten Satze aus der Tbronrede vermisse ich die Hindeutung darauf, dah das
        <pb n="439" />
        Opposition des Landtags in der Sinanz#frage; Besorgnisse Wilhelms I. 425 
jetzige Deficit von uns theilweis vorausgesehn und deshalb ein Ersatz der ausfallenden 
Einnahmen in Sestalt der Soll-Vorlagen rechtzeitig beantragt worden war, diese Vor- 
lagen aber im Sollparlament keine Annahme gefunden haben. 
H. Kohl, Bismarchbriefe 1836 bis 1672, 6. A., S. 327 f. 
1199. Schreiben an König Wllhelm J. 
Eigenhändis 
m bekämpfen imstande Jein wird. Die Zeitungen weisen bereits zut den Schatz und Ver- 
ringerun 
henn uccht sagen, wie mich diele, Finand-Srage bekümmert, da man ein dVektnn Desicit nach dem 
Jahre 1866 nie erwartet hättel 
Varzin, den 27. Oktober 1668. 
Eurer Miaojestät lege ich meinen ebrfurchtsvollen Dank für die in so gnädiger Weise 
erfolgte Bewilligung meines weitern Urlaubs zu Süßen. Mit Mücksicht auf die bevor- 
stehenden parlamentarischen Kämpfe halte ich mit Curer Majestät jede Schwächung des 
Heeres und des Schatzes für absolut ausgeschlossen vom Drogramm. Um auf den drei 
parlamentarischen Kriegsschauplätzen, auf denen wir im Lande, im Bunde und im Soll- 
verein zu operiren haben, kein Terrain zmu verlieren, müssen wir meines allerunterthänigsten 
Dafürhaltens nicht schon in dem ersten Vorpostengefechte, welches wir dem Landtage m 
liefern haben, das Capital-Vermögen des Staates zur Deckung laufender Ausgaben 
anbieten. Das hieße eine werthvolle Prooinz ohne Schwertschlag räumen. Ich bitte 
ebenso dringend als ehrfurchtsvoll, behalten Cure Waoajestät die Entschließung bierüber 
bis dahin vor, daß eventuell die ZSuschläge zu den directen Steuern abgelehnt sind; 
wir können dann immer noch als Concession verwerthen, was wir jetzt ohne Autzen gratis 
bingeben würden. Ob nach der Ablehnung jener Zuschläge, unter einstweiliger Reduc- 
tion der Ausgaben, der Rest des Deficits auf das Capital-Vermögen des Staates über-- 
nommen werden soll, darüber werden Eure Alajestät im Laufe des Dercember, nach 
erneuter Berathung im Staatsministerium und mit genauer Kenntniß der bis dahin vom 
Gegner genommenen Stellung immer noch befinden können. Die Surcht, in der Minorität 
zu bleiben, ist ein schlechter Rathgeber, wenn sie uns von vorn herein bestimmt, die Nach- 
theile freiwillig zu arceptiren, welche ein verlorener Seldzug uns bringen konn. ECure 
Mgojestät haben durch beldenmüthige Standhaftigkeit in Momenten, wo auch ich zum Nach- 
geben rieth (1862/63), große Siege auf parlamentarischem Gebiete erfochten; halten Aller- 
böchstdieselben auch jetzt, wo ich lediglich nach den Grundsätzen parlamentarischer Strategie 
dazu rathe, eine Position fest, die gegen Aequivalente später immer noch von uns auf- 
gegeben werden kann, ohne schlechtere Bedingungen als die, welche wir jetzt ohne Kampf 
uns auferlegen würden. Der Finanj-Minister schreibt mir, daß er meine Aeußerungen 
über die Deficit-Fragen Curer Maojestät vorgelegt hat, ich darf daber auf dieselben ehr- 
furchtsvoll Bezug nehmen. 
1 Siebe Nr. 1192.
        <pb n="440" />
        426 Personalfragen. Saurmas Haltung. 
Für das Ober-Präsidium von Preußen erlaube ich mir Curer Maojestät, im Einver- 
ständniß mit dem Sinanz-Minister, den Ober-Präsidenten Horn ehrfurchtsvoll vorzu- 
schlagen. Nach Posen müßte meiner Ansicht einer von den Katholiken, deren Treue Eure 
Mojestät versichert sind, damit den Umtrieben, welchen der sonst treue polnische Bauer auf 
religiösem Gedbiete unterliegt, in etwas die Spitze abgebrochen wird; zur Noth Kühl- 
wetter, besser Graf Villers in Coblenz, am Besten ein vornehmer Mann wie der Herzog 
von Natibor, der auch die Verletzung in den Sormen zu vermeiden weiß. Die rallürten 
polnischen Edelleute wünschen sich einen Radziwil (etwa Ferdinand); da wage ich kaum 
m#ureden, obschon ich Antoine für ganz sicher halte. Graf Villers wäre eventuell auch 
ein Ober-räsident für Alünfter oder Coblenze. 
Meine Srau und meine Tochter, welche morgen ohne mich zur Hochzeit meiner Vichte 
von Arnim nach Kröchlendorf reisen, bitten mich Curer Majestät den Ausdruck ihrer ehr- 
furchtsvollen Dankbarkeit zu Süßen zu legen für die allergnädigste Crinnerung, deren Eure 
Mojestät sie in dem Schreiben vom 22. gewürdigt haben. 
Anbang zu den Gedanken und Erinnerungen von Otto Sürst von Bismarck, I, 176 ff.- 
1200. Erlaß an den Geschäfisträger in Madrid 
Fresherrn von Saurma. 
[Konfept von der Hand des Vortragenden Aats Bucher.] 
Am 25. Cktober gette Bucher an Bismarck das Konzept eines Erlasses an Greiherrn 
von Saurma im Sinne der Bismarckschen Weifung vom 23. (siehe Nr. 1197) übersandt. Der 
anzler, der an dem Konzept einige Anderungen vornahm, zeichnete es mit seiner Paraphe. 
Berlin, den 28. Oktober 1868. 
Ew. pp. neuere Berichte, namentlich Nr. 33 bis 35, geschrieben inmitten der Ereignisse, 
lassen an manchen Stellen die Stimmung erkennen, welche der Anblick des Sturzes einer 
alten Monarchie bervorzurufen so sehr geeignet ist. Je natürlicher aber in dem Beobachter 
Teilnahme für die Unterliegenden entstehen und je leichter sich aus dieser Teilnahme eine 
Antipathie gegen Einrichtungen und Personen, welche an die Stelle treten, entwickeln 
wird, desto fester baben wir uns gegenwärtig zu halten, daß die Beziehungen der Re— 
gierungen zueinander nur: von dem Snteresse der Staaten beherrscht sein sollen. 
.2 Vgl. auch Vismarcks Brief an Staatsminister Graf m Eulenburg vom 5. Nodember, Bismarck- 
Jahrtuch, IV, 190. . 
IS-fehltimAnhaagjuden»6edankenundStintserungea«,wodekderuckcimGegensatziumvots 
stehenden nach dem Konzept erfolgt, der Schluß des Schreibens von der Mitte des vorletzten Absatzes ab,V 
dafür findet sich hier ein in den Akten des Brandenburg-Dreuhischen Hausarchios nicht enthaltenes Post- 
skriptum, das folgenden Wortlaut hat: « 
„Darf ich auf diesem besonderen Blatte, um dessen Secretirung ich ehrfurchtsvoll bitte, 
bervorbeben, daß der Versuch, die Position der Regirung uu fölschen und eine Capitulation vor der 
Schlacht berbeihuführen, von den mit der parlamentarischen Opposition mlammenbängenden Geheimräthen der 
Ministerien und des Bundeskanzlers Amts ausgeht. Dieser Einwirkung unterliegen die Minister. namentlich 
o. d. Heydt, Erstere aus Mangel an Arbeitskraft bei übertriebener Ausdehnung ibrer Geschöfte, Heudt, 
weil er durch geschickte Väthe, die seine Schwäche kennen, leicht zu bandhaben ist. In der Budgetfrage sind 
außerdem die Minister außer Roon und Heudt alle in der Lage, daß sie eine richtige Haltung in der Gesammt- 
politik vielleicht mit finanziellen Opfern E“ E—. sollen, und dem widerspricht der eigene 
ioti “ eben so sehr wie der Einfluß der Räthe. »- », 
«R.llkcr::ftt2:tllsekktiläfkngakxemlvektder wäremeinesallernntekthämgltenDahrhaltensjuxdceRechenz 
kammer noch eher geeignet als für ein Oberpräsidium. Letzteres erfordert mehr persönliches Auftreten. 
1200. : Das „nur“ eigenbändiger Einschub Bismarcks. 
—
        <pb n="441" />
        Direktiven für Saurma. Wilhelm I. und die Defizitfrage. 427 
Die gestür#te Regierung war uns feindlich gesinnt. Gab es auch auf politischem Ge- 
biete keinen Dunkt unmittelbarer Berührung zwischen uns und ihr, so hatten wir sie doch 
in allen Kombinationen auf die Seite unserer Gegner zu stellen. Auch die Grundjätze, die 
sie in wirtschaftlicher Beziehung befolgte, waren dem deutschen Sollverein nicht günstig. 
Ihre Beseitigung ist also ein unjerer Politik zusagendes Ereignis; wir werden für die 
einen golchen Wechsel stets und notwendig begleitenden Vorgänge eine historisch ruhige 
Betrachtung haben und die künftige Gestaltung ohne Vorurteil auf den Prüfstein unseres 
önteresses bringen müssen. 
Aus diesen Gründen habe ich Ew. pp. durch mein Telegramm vom 21. d. M. ersucht, 
Ihren Beziehungen zu Personen und Behörden in Wadrid freundliche Formen zu geben. 
Einen entsprechenden Ton bitte ich auch in hren Berichten zu bewahren. Dieselben werden 
alsdann mit dem Sedanken unserer Politik harmonieren, und sie werden nicht etwa, falls 
sie in unbefugte Hände geraten sollten, dazu benutzt werden können, um bei der provi- 
sorischen Regierung Sweifel an unserer Aufrichtigkeit zu erregen. Sollten Sie im Laufe 
einer unbefangenen objektiven Berichterstattung Mitteilungen zu machen oder Urteile 
auszusprechen haben, welche Sweifel an unjerer freundschaftlichen Gesinnung für die 
gegenwärtige spanische Regierung erregen können, so wollen Sie sich jederzeit gemäß 
meinem Telegramm vom 22. d. M. des Thiffre bedienen. 
1201. Schrelben an König llhelm IE. 
[([Cigenhänydig.) 
· den-IRiemenSchreibens-IdastnaasmtntltervomA OktobeksseheAtilSQ 
angenommenen Standpunkt, daß das Desizit im preußischen Staatshaushalt mittels Juschläge 
u den direkten Steuern, notfalls durch Beschränkung der Ausgaben gedechet werden müsse, bielt 
ismarck grundjähich fest, obwohl Greiberr v. d. Heudt sich noch einmal brieklich * ein Zurück- 
greifen auf das Staatsvermögen aussprach. In einem Schreiben vom 27. Oktober (liebe dessen 
Text im Bismarck-Jahrbuch, IV, 187) erklärte Bismarck, lieber den gamen Winter von Berlin 
fortbleiben zu wollen, als sich den „Nückzug auf die Staatskaopitalien“ aufdrängen zu lassen. 
Allenfalls zeigte er sich dazu bereit, daß die Hälfte des Defijits aus dem Kapitaloermögen 
gedeckt werde. Dem Sinanzminister gelang es indessen in Abwesenbeit Bismarcks, das ganze 
Staatsministerium zu sls½*( salung. berübermmzieben. Selbst Wbon lonst der treueste Sefolgs- 
monn Bismarcks, versch den gegen eine Droslelung der Ausgaben im St 
vorgebrachten B.erl ebish doch suchte er durch einen Vermittlungsvorschlag wenigstens 
die Steuerzuschläge zu retten, ogl. n ichte er-. an Bismarck vom 25. Oktober. Denkwürdig- 
eiten v. Noons, III, 9# . Der Finenminister schien anfangs geneigt, darauf einzugehen, um 
dann aber doch in einem Schreiben an Bismarchk nochmals alle gegen die Zuschläge prechenden 
Gründe darzulegen. Bismarck hielt seinerseits an feinem Standpunkt felt. ogl. leinen Griek 
an Roon vom 27. Oktober, Denkwürdigkeiten von Noons, III, 104 f. Der König, dem o. d. Heydt 
Bismarcks Schreiben vom 24. vorgelegt hatte, berief nun um 28. einen Winisterrat ein, in dem 
sich eine völlige Einmütigkeit im Sinne des Finanministers ergab. In einem ausführlichen 
Schreiben vom gleichen Tage (liehe dasselbe: Anhang zu den Gedanken und Erinnerungen, I. 180 ff.) 
bat der König dann Bismarck inständigst, leinen Stand y! allen zu lassen, „was gewih gescheben 
wäre, wenn Sie die Abwägung des pro et contra brer Kollegen gehört bätten, wie ich dies 
beute hörte“. Die Antwort Bismarckes E 30. jeigt, daß dieser krotz der ihm so oft nach- 
gesagten Herrschfucht zutlw Unfäbigkeit zur ti jehr wohl verstand nachmgeben. 
Varzjin, den 30. COktober 1868. 
Eurer Majestät Jage ich meinen ehrfurchtsvollen Dank für das buldreiche Schreiben 
vom vorgestrigen Cage. Sch habe für meine Pflicht gehalten, meine abweichende Ueber- 
zeugung auf dem Gebiete politischer Sweckmäßigkeit so zu vertreten, wie ich damit den In-
        <pb n="442" />
        428 .Bismarcks Vachgeben in der Defijitfrage. 
teressen Eurer Majestät am Besten zu dienen glaubte. Ich würde es aber nach den Ge- 
fühlen, welche mein Verhältniß zu Curer Mcjestät beherrschen, als eine Ueberhebung 
empfinden, wenn ich weiter auf meiner Meinung bestehn wollte. Ich verzichte darauf um 
so mehr, als ich von hier aus weder meine eignen Ansichten so vollständig darlegen noch die 
entgegenstehenden so ausreichend erwägen kann, wie es bei mündlicher Discussion der Sall 
wäre. Der Sinanz-Minister vertrat bei seiner Anwesenheit in Barzin das Princip der 
Steuer uschläge; ich war mit ihm einverstanden und erbielt von der dagegen bevorstehenden 
parlamentarischen Opposition merst durch die Räthe des Bundes-Kanzleramtes Nachricht. 
Ich antwortete darauf mit der Darlegung der Gegenzüge, welche meiner Ansicht nach die 
Regirung dieser Opposition gegenüber zu machen haben würde. Darauf ging aus dem 
Ginanz-Ministerium der jetzige Plan hervor, nach welchem dem parlamentarischen Kampfe 
für dieses Jahr ausgewichen werden soll. Nach 12 Monaten wird aber dieselbe Frage 
wieder an uns herantreten, und die Regirung wird die unentbehrlichen neuen Steuern immer 
nur durch einen Kampf mit den Waffen erlangen, auf welche ich mir hbinzuweisen erlaubt 
bobe. Daß viele Gründe dafür sprechen, diesen Kampf nicht schon in diesem Jahre, wie ich 
es beantragte, auszufechten, gebe ich gern zu, habe aber die Uebel, welche aus der Be— 
schleunigung des Kampfes bervorgehn, für die geringeren gehalten im Vergleiche mit dem 
Zeitverluste, den die Durchführung des uns bevorstehenden Seldzuges gegen das Soll- 
Parlament nunmehr erleiden wird. Sch glaube kaum, daß es sich empfehlen wird, das 
Joll-Parlament Behufs Wiederholung unfrer diesjährigen Borlagen zu berufen, bevor 
wir nicht den Widerstand der Preußischen Mitglieder dieses Parlamentes dadurch ge- 
brochen haben, daß wir in Betreff des Preußischen Budgets die Consequenzen ihrer vota 
im Sollparlamente in der vollen Schärfe durchführen. Daß letztres mit der Schädigung 
mancher Snteressen verbunden sein wird, gebe ich zu, fürchte aber, daß die Unterlassung der 
Anwendung dieser bittern Armei die Sesammt--Snteressen der Krone den Parlamenten 
gegenüber in höherem Grade schädigen werde. 
Ich würde aber in den Fehler der parlamentarischen olitiker, in den des Glaubens 
an eigne Unfeblbarkeit, verfallen, wenn ich meine Ansichten gegen den ausgesprochnen 
Willen Eurer Majestät und die übereinstimmende Aleinung meiner TCollegen festhalten 
wollte, nachdem ich dieselbe vertreten habe, wie ich konnte. Gott hat Curer Majestät 
Entschließungen bisher gesegnet und wird es auch in diesem Falle thun. Ich kann bei 
demselben nur wiederholen, was ich mir erlaubte Curer Mojestät bei Uebernahme des 
Ministeriums vor sechs Jahren zu gagen, daß ich mit meinen Ueberzeugungen mehr auf 
dem Boden des Brandenburgischen Vasallen als auf dem des cronstitutionellen Ministers 
stehe und als meinen Beruf ansehe, Surer Alajestät zu dienen, wie es einem christlichen 
Edelmann zukommt, mit unvermindertem Eifer auch dann, wenn mein Natb nicht den 
Ausschlag für Eurer Majestät Entschließungen giebt. Ich rechne in diesem Sinne aber 
auch auf Curer Majestät buldreiche Aachsicht, wenn ich meine Ueberzeugungen mit der 
Lebhaftigkeit vertrete, welche der Wärme meiner Gefühle für Curer Aajestät Person und 
meines Snteresses für den Königlichen Dienst entspricht. Sch hoffe zu Gott, daß es mir mit 
Ablauf des nächsten Monats vergönnt sein wird, frischere Kräfte als im vorigen Jahre m 
Curer Mojestät Verfügung zu stellent. 
1 Vgl. auch die schöne Antwort König Wilhelms I. vom 2. Aovember: Anhang zu den Sedanken und 
Erinnerungen, I, 183 f.
        <pb n="443" />
        Conitz“ Rückekehr nach Madrid. Dänische Thronrede. 
1202. Schreiben an den Unterstaatssekretär von Thile. 
[RNeinschrift von der Hand des Legationsrates Grafen von Bismarck- 
Bohlen.] 
Vach dem Eintritt der revolutionären ECreignisse in Spanien war in Srage gekommen, ob 
der zur Zeit auf Urlaub weilende Gesandte Sreiberr# v. Canitz auf seinen Dosten mrückkehren 
solle. Junächst batte König Wilbelm I. om 1. Oktober entschieden, daß Canitz Füig leinen 
Urlaub fortsetzen möge; der ihn vertretende Geschäftsträger Sreiherr v. Saurma solie einst- 
weilen das Weitere abwarten und sehen, was die anderen Diplomaten in Madrid machten. 
Als lich dann aber zeigte, daß Saurma der schwierigen Situation nicht ganz gewachsen war, 
schlug Thile om 29. Oktober im Einverständnis mit Bismarck dem Könige die Rückkebr Srei- 
berrn v. Canih'’ nach Madrid vor. Daju bemerkte der König: „Wenn die Qualifikation des 
pp. v. Saurma wirklich diesen Antrag bedingt, so mag pp. v. Canitz nach Madrid abgehen, 
was mir allerdings nicht angenehm t, weil es den Schein gewinnen muh, daß Preußen durch 
Jurück endung seines Gesandten zuerst die intimen Relationen mit diesem regierungslosen 
Lande wieder anknüpft. Jedenfalls ist v. Canitz zu instruieren, bei seiner Ankunft in Madrid 
kein Empressement, sich der Behörde vorzjustellen, zu zeigen, sondern absichtlich Jurückhaltung 
dabei, sowie überhaupt in seinen Relationen ju beweisen." Bei der Ülbersendung dieser Rand- 
verfügung an Bismarck schlug Thile am 30. vor, an der Rickkehr des Gesandten nach Wadrid 
festmubalten und die Instruktion für diesen dahin zu fagen. daß er sich etwa auf gleicher Linie 
wie sein englischer Kollege verhalten möge. Damit erklärte sich Bismarck am J1. Junächst tele- 
graphisch einverstanden. 
429 
Varzin, den 31. Oktober 1868. 
Wie Euer Exzellen; aus meinem heutigen Telegramm ersehen haben, bin ich mit 
Ihnen ganz einverstanden, daß Freiherr von Canitz sich nach Madrid begibt. Sollte Seine 
Maojestät der König indes zu befeblen geruhen, daß Herrn von Canitz in seiner Snstruktion 
eine größere Reserve als seinen Kollegen vorgeschrieben wird, so würde ich es bei weitem 
vorziehen, daß er nicht auf seinen Posten zurückkkehrte. Im Hinblick auf die Srage von 
Krieg und Grieden kann ich es nicht für ersprießlich balten, wenn wir uns gegen die jetzige 
Regierung Spaniens weniger freundlich wie Srankreich stellen. 
*1203. Telegramm an den Unterstaatssekretär von Thile. 
[Cigenhändiges Konzept.) 
Nachdem die CThronrede König Cbrifstians von Dänemark vom 5. Cktober (ogl. 
Vr. 1191. Vorbemerkung) kritisch auf die Holtung der preuhischen Regierung in der Nord- 
schleswigschen Frage eingegangen war, lag es nahe, dieser Srage auch einen Pallus in der bei 
er Wiedereröffnung des #chseitr Landtages am 4. Rovember zu verlesenden Chronrede zu 
widmen. Am 25. Oktober überfandte Thile einen zu diesem Swecke von Abeken aufgestellten 
Entwurf nach Varzin, der aber Bismarcks Beifall nicht fkand. Der Kanzler formulierte seiner- 
stit einen Entwurf, der am 27. nach Berlin gesandt wurde. Er lautete (vgl. Fr. Häbnsen, 
rlprung und Geschichte des Artikels V des Prager Sriedens, II, 247 f.): „Der Artikel V des 
Prager Sriedens hat Meiner Regierung Veranlassung gegeben, vertrauliche Verhandlungen mit 
dem Kopenhagener Kabinett einzuleiten, um nach dem Ausfalle derselben die Ausdebnung der- 
jenigen nördlichen Distrikte Schleswigs zu bestimmen, in welchen eine Befragung der Be- 
völkerung bezüglich der Staatsangehörigkeit stattzufinden baben wird. Rächst der Bücksicht auf 
die militärische Sicherheit der nördlichen Grenze des AReiches wird für Meine Entschliebungen die 
Ablsicht maßgebend sein, die Zukunft solcher Distrikte, welche deutsche Beoölkerungen entbalten, 
nur dann von der Abstimmung abbängig zu machen, wenn den letzteren zuvor dersenige Schutz ver- 
fallungsmäßig verbürgt wird. dessen Gewährung den wohlwollenden Gelsinnungen Seiner Wajestät 
des jetzt regierenden Königs von Dänemark entspricht. Es wird die Aufgabe Weiner De- 
gierung lsein und die Intentionen verwirklichen, in welchen der Sriede von Drag geschlosken. 
wurde, wenn auf diesem Wege die beiderseits erstrebten freundschaftlichen Beziehungen Deutsch- 
lands und Dänemarks eine seste Grundlage erbalten und gegen die Wiederkebr der Störungen
        <pb n="444" />
        430 
Preuhische Thronrede und Nordschleswigsche Frage. 
Rumänische Komplikation. 
r7* ichert werden, welche 20 Jahre hindurch die Gesamtheit der deutschen Staaten zu nationaler 
tet d derte hind b 
—— ——— w Achindursh belr 
Haltung oben, die Wbd 
les Schreiben an 
Wedeenken — et 
in — Vgl. Thi 
G. a. O., 
L4 al6: Frage überhaupt in 
eundet gewelsenes Nachbarvolk 
erlin mit Rück licht. guftn die russische 
Thronrede 
Hähnsen, 
Varzin, den 1. Aovember 1868. 
ismarck vom 31. Ctober, . 
Ich babe den Text des dänischen Passus der Thronrede nicht bier, stelle anheim, jeden 
Passus zu streichen, der dem Gefühle des Königs oder dem Shrigen Anstoß giebt. Es läßt 
sich alles bei Cröffnung des Reichstages wieder aufnehmen, und selbst der ganze Gegenstand 
würde sich auf dem mehr nationalen Hintergrunde des Neichstages besser ausnehmen, als 
auf dem mehr dynastischen des Landtages. 
Ich bitte, dieß Sleinelr Mojlestät) ulnd) dem 
Staatsministerium zu nochmaliger Erwägung vorzustellent. 
1204. 
Mandbemerkungen zu einem Schresben des 
Unterstaatssekretärs von Thile. 
[Cigenhändig.] 
In Aumänien schienen sich die Dinge infolge der sich immer wiederholenden Einfälle bul- 
garischer Banden in türkisches Gebiet neuerdings zu einem Konflikt mit der Pforte iuuspiten. 
Am 10. Sntember arichteie Srohwesir Aali Dascha ein scharfes Schreiben (siebe dellen T 
Aus dem Leben 
Karls von Rumänien, 1, 292, 
nin.), am den Sürsten Karl. Es — 
erst nach Tden nn durch den Minifter des Außern' A. Golesco obendrein in wenig geschickter 
*# beantwortet, was die Situation noch verschärfte. 
Auch in Österreich nahm die Spannung 
egen ARumänien infolge der allrumänischen bereits auf eine Angliederung Siebenbürgens ab- 
elenden Dropaganda eines Teils der rumänischen Presse immer uan 
lrtt veranlaßt, durch Generalkonsul Graf Keulserling eine Warnun 
November sah sich 
Mien Sürsten zu richten. 
Am 4. machte Tbile. nachdem auch der englische Botschafter Lord Dol die rumänische An- 
gelegenbeit zur Sprache gebracht hatte, Bismarcke von dem Stand der Dinge Mitteilung. 
Nandbemerkungen Bismarcks: 
Die vertrauliche Warnung durch 
Keuserling ist vielleicht nützlich, schadet 
sicher nichtt. Durch eine Aeußerung nach 
England würden wir aber, wie mir scheint, 
eine gewisse Verantwortlichkeit ulnd) 
väterliche Sorge für ARumänien über- 
nehmen ulnd) bekunden ulnd] unfsre freie 
Stellung zu diesem Lande ulnd) seinem 
Fürsten in Sweifel jiehn lassen. Unsre 
Meinung über Bulgarien müßte sehr bei- 
läufig ulnd) vertraulich geäußert werden, 
um einen derartigen Eindruck zu machen. 
Und außerdem, was ist wahr in Bul- 
garien; versichern wir nicht mehr, als wir 
wissen? Daß der Sürst es an Höflichkeit 
gegen Aali fehlen läßt, ist thöricht, ebenso 
Schreiben Tdiles. 
Berlin, den 4. November 1868. 
Lord Loftus, den die rumänische grage lehr zu 
beunruhigen scheint, glaubt, daß es günstig in London 
aufgenommen und nicht ohne Rückwirkung auf die 
Stellung des Dariser und Wiener Kabinetts bleiben 
würde, wenn wir Lord Stanletz gegenüber ostensible 
erklärten, daß wir für die balgen she Umtriebe keine 
ernstlich in etracht commende Grundlage finden 
könnten und den Absichten der rumänischen Regierung, 
ihnen mit allen Krä ten- entgegenzutreten, volles Ver- 
trauen schenkten. ali En as Gereiztheit Keigert 
augenblicklich di der Situation und läßt 
eine Beschwichtigung wiless, enswert erscheinen. Sch 
babe desbalb auf Hrund des anliegenden Berichts von 
Uebel: über die von 
Stil des (in E* — 
Schreibens von Solesco, insbesondere, daß ien 
den Sürsten darin als min oruverain be- 
leichne, habe ihn sehr verletzt. Es wäre erfreulich, 
wenn der Fürst den üblen Eindrucke durch ein nechr 
trögliches Schreiben vertilgte, worin die neuli 
2 Laut einem Telegramm Thiles on Bismarckt vom 3. Vovember beskimmte önig Wilhelm I. nun, 
daß der game Passus wegen Nordschleswigs aus der Chronrede fortbleiben solle. 
1206.: Da Dismorck auf eine Warnung nach Bukarest vorerst kein großes Gewicht zu legen schien, beeilte sich
        <pb n="445" />
        Bismarck warnt in Bukarest vor siebenbürgischen Apirationen. 431 
das Wort souverain der Pfordte gegen- Krankheit als Sutschusdigungsgrund seuch dafür an- 
über. Wan denkt das, schreibt es aber Saeebe „würde, doß Goleseos Schreiden nicht näher 
nichts. Vielleicht empfiehlt sich auch eine Mahnung nach 
Bukarest, daß man den sehr heftigen Streit mit der 
Deakpartei, welchen der „Noumanoul“ (Organ 
Eure Cxiellen) haben vielleicht die Geneigtbeit, 
mich wissen zu lassen, ob es Ihnen angemeslen erscheint, 
daß ich in obigem Sinne ein beruhigendes na 
London und ein warnendes nach Buvarest richte. 
Aali Pascha war bisher relatio recht günftig für 
den Sürsten Karl gestimmt, und es ist doppelt bedauer- 
lich, dah dieser ihn durch sormelle Laktloligkeiten ver- 
lect und den austro-franzlischen Einflüsterungen zu- 
gänglicher gemacht bhat. Chil 
ile. 
Die Randbemerkungen Bismarcks im wesentlichen bei H. Michael, Bismarck, England 
und Europa von 1866 bis 1870, S. 180. 
Thile mit einer folchen nicht; erst am 8. Aovember sandte er auf ein Telegramm Keplerlings vom 4., das 
das Schreiben Golescos an Aali Pascha betraf, das folgende Telegramm nach Bukarest: „Auf Vortrag 
über Telegramm vom 4. November bekundeten Seine MWasjestät fehr die nachteiligen Folgen, welche das 
Schreiben Golescos nach Sorm und Inhalt hätte haben müssen. Seine Majestät fänden es sehr erfreulich. 
wenn eine Sorm gefunden werden könnte, den nachteiligen Cindrucke zu verwischen“. Aber es scheint doch. 
dab Thile diese sanfte Mahnung nicht binreichend fand. Er lieh Bismarck kurz darauf ein von dem 
Vortrag. RNat Hepke am 10. November aufgesetztes „Promemoria, die rumänische Agitation in Sieben- 
bürgen betreffend“, zugeben, das mit der Frage schloß: „Sollte nicht vielleicht die Nücksicht auf die 
ungarischen Verhältnisse es ratsam erscheinen lassen, in Bukarest davon abzuraten?“ Bismarck bemerkte 
daju am Nande „ja“. Er nahm die Warnung alsbald selbst vor, indem er am 14. November durch 
Keudell an Kepferling schreiben ließ: 
„Der Chef gibt mir Auftrag, Dir folgendes m schreiben: Die Bewegung in Siebenbürgen für den 
Anschluß on Rumänien müsse in unserm Interesse unterdrückt werden, die Ungarn seien unsere Freunde und 
sie würden unfeblbar ins feindliche Lager gedrängt, wenn rumänische Blätter (Etoile de Torient u. a.) die 
siebenbürgischen Walachen zu ködern suchen. 
Die õdee Bratianos, gegen die ganfe Welt eine nationale Dakorumänische Dolitik zu machen, sei eine 
vollkommene Albernbeit. Selbst nach Einverleibung Siebenbürgens würde dos Land beim ersten ernsten 
Konflikkt wie ein irdener Copf #wischen eisernen zerdrückt werden. 
Die Pforte so m verletzen, wie durch den groben Brief Solescos gescheben, sei eine verderbliche Torbei#t 
gewesen, eine wirkliche, ernste Gefahr drohe Rumänien nur von seiten Österreichs, das einen natürlichen Krieb 
habe, sich dorthin ausjudehnen; um so nötiger, die Ungarn nicht m reizen. 
Eine Anlehnung finde es an Außland, aber wenn es mz einem Kriege käme, so könne auch letzteres 
sich für etwaige Opfer durch Annexion zu entschädigen in Versuchung geraten. Die unabweisbare Dflicht 
eines Herrschers, der das Land konservieren wolle, sei, sich nach auhen passio und im Innern Ordnung zu 
erhalten und ad hoc, nur ad hoc, die Armee intensio, nicht extensiv uu derbessern. .. . . 
Du könntest, meint der Chef, dem verehrten Sürsten keinen gröheren Dienft leisten, als wenn Du ihm 
recht deutlich machtest, dab er, wenn seine Minister nicht Rube balten, nach außen und nach innen unrettbar 
verloren sei, und daß wir dann nichts tun können, um ihn m balten.“ 
2 Geschäftsträger in Konstantinopel. 
2 Michael (Bismarck, England und Curopa von 1866 bis 1870, S. 180 ff.) wobl irr chen 
ntervention“ kann wenig die Aede sein, wie von „Entschlüssen“, zu denen das preuhische Kabinett 
dabinstebt, ob sie von London her inspiriert war oder aus eigenem Antrieb des Votschafters erfolgte, 
über 1 einer ganzen bisherigen 
Haltung gar nicht in Frage; ihre Ablehnung oder stillschweigende Ignorierung bätte auch in Englond 
weder überraschen noch gar verstimmen können. Dah Bismarcks Schweigen, wie MWichael meint, gescheben 
lei Ssicher im Vewuhtsein der Gefabr, Stanleys Vertrauen einzubüßen, vermutlich sogar in der Ablicht. 
vorübergebend eine engere Verbindung Englands mit Frankreich in der deutschen Srage zu er#wingen“,
        <pb n="446" />
        432 Heiraten preußischer Diplomaten mit Ausländerinnen. 
12085. Immediatberlcht. 
[Konrept von der Hand des Vortragenden Rats von Keudelll) 
Zlufneichnungen und Erinnerungen aus dem Leben des Votschofters Joseph Maria v. Nadowitz, 
ed. orn, I. 170 ff.), hielt Bismarcke es für notwendig, den Diplomatenehen mit Aus- 
länderinnen für die weitere Zukunft einen Niegel vorzuschieben. So kam auf Grund eines 
entlassungsgesuch betrachtet werden. 4 
Varzjin, den 8. Aovember 1868. 
Der Legationsfsekretär von Radowitz in München hat meinen Konsens zu seiner Ver- 
beiratung mit einer Tochter des dortigen rufsischen Gesandten von Ozerow nachgesucht. 
Bevor ich über dieses Gesuch entscheide, wollen Cure Königliche Majestät mir huldreichst 
gestatten, Allerhöchstdero Aufmerksamkeit auf die bedauerliche Erscheinung zu lenken, daß 
die meisten Chen der jüngeren diplomatischen Beamten mit Ausländerinnen geschlossen 
worden sind. Der Legationsrat Uebel ist mit einer Rufsin verbeiratet, Bunsen mit einer 
Engländerin, Prinz Croy mit einer Französin, Graf Hatzfeldt mit einer Amerikanerin, 
Graf Wesdehlen mit einer Schweijerin, von Schmidthals und Graf NRadolinski mit Eng- 
länderinnen, Graf Carl Dönhoff mit einer Stalienerin. Aur Sreiherr von Steffens und 
Herr von Katte haben preußische Damen beimgeführt. Unter den zehn Grauen der 
süngeren Diplomaten befinden sich acht Ausländerinnen. 
Das Walten der Frau gibt erfahrungsmäßig dem Hauswesen seinen Charakter; das 
Haus eines in nationaler Mischehe lebenden Diplomaten kann daher nie das für eine an- 
gemessene Vertretung im Auslande wünschenswerte vaterländische Gepräge darstellen. 
Bedenklicher noch ist die Einwirkung der Frau auf die politischen Anschauungen des 
Mannes, eine Cinwirkung, die, oft unwillkürlich, im Laufe der Jahre zu einer Bedeutung 
ist schon aus inneren Gründen undenkbar. In den ganzen Jahren von 1866 bis 1670 behielt Vismarck 
unverrüchbar Ein großes Ziel der Einigung Deutschlands unter Preuhens Agide im Auge; ihm ordnete er 
alles unter. Er bätte aber dieses Jiel gar nicht mehr gefährden können, als wenn er eine engere Ver- 
bindung Englands mit Grankreich in der deutschen Srage auch nur vorübergehend gefördert oder gar 
werwungen“ bätte. . 
Die Haltlosigkeit der Michaelschen Hupothese ergibt sich auch daraus, daß eine Verminderung 
des Vertrauens Lord Stanleus m Bismarcke, die dieser angeblich in Kauf m nehmen willens gewesen 
wäre, keineswegs eingetreten ist, und erst recht nicht eine engere Verbindung Englands mit SFrankreich in 
der deutschen Srage. Gant im Gegenteil bat Lord Stanlen in seiner Wahlrede vom 13. Vovember in 
der deutschen Srage gegen Grankreich und wesentlich ugunsten Preußens mit einer Aufseben erregenden 
Deutlichkeit Stellung genommen. Er sagte u. a.: „Früher oder später ist Dreußen die Vereinigung von 
anj Deutschland unter seiner Fübrung gewiß. Dieselbe ist so m lagen lein natürliches Erbe, und Preuhen 
*##r# nur zu warten, bis es fällig wird. Man könnte nun allerdings fragen: würde Srankreich diese 
Vereinigung zugeben? und die Antwort wäre vielleicht: beute nicht und auch morgen nicht, wenn der er- 
wöhnte Seitpunkt so bald eintreten sollte. Ich glaube indessen, daß die franzölischen Staatsmänner mehr 
und mehr zur Einsicht kommen, dah ein natürliches Cndresultot unvermeidlich, daß es nutJlos ist, gegen den 
natürlichen Lauf der Dinge sich anzustemmen, und dah schließlich eine Nation von 40 lill. Seelen mit 
möchtigen, natürlichen und künstlichen Hilfsquellen und einem unleugbaren lebhaften Datriotismus und ent 
schledenem Semeingeist zu stark ilt, um etwas von der Vergrößerung ibrer NBachbarn befürchten zu müssen.
        <pb n="447" />
        Bismarck für grundjätzliches Berbot. Osterreichs Ansprüche betr. frühere Bundesfestungen. 433 
heranwachsen kann, wie sie in den letzten Jahrzehnten bei einigen älteren Diplomaten 
fühlbar geworden ist. Die Kinder golcher Vertreter Preußens sind keine vollbürtigen 
Preußen, lernen das Deutsche nicht als Muttersprache und entbehren den natürlichen 
#Schwerpunkt nationalen Heimatsgefühls. Die Männer, welche zur Vertretung der 
deutschen Aation vorzugsweise berufen sind, sehen ihre eigenen Samilien derselben ent- 
fremdet. 
Ich babe meine Mißbilligung der Ehen mit Ausländerinnen wiederbolt im amtlichen 
Leben ausgesprochen. Die Erfahrung zeigt aber, daß es eines stärkeren Bollwerkes bedarf. 
um das weitere Eindringen ausländischer Elemente in Curer Mojestät diplomatischen 
Dienst zu verhindern. Ich würde mir deshalb den alleruntertänigsten Vorschlag gestatten, 
die fraglichen Ehen durch eine Allerhöchste Bestimmung zu verbieten, welche die Catsache 
der Verlobung eines Diplomaten mit einer Ausländerin einem Dienst 
gleichstellt. Es würde hierdurch nicht ausgeschlossen werden, in einzelnen Ausnahmefällen 
von diesem Verbote zu dispensieren, da nachgesuchte Dienstentlallung verweigert werden 
kann. Als Aegel aber müßte nach meiner unvorgreiflichen Ansicht das Verbot aufrecht- 
erbalten werden, um der Gefahr weiterer Entnationalisierung unserer Diplomatie wirksam 
zu begegnen. 
Was den vorliegenden Spezialfall betrifft, so würde ich, wenn Cure Majestät es nicht 
anders befehlen, dem Legationssekretär von Radowitz den nachgesuchten Heiratskonsens 
erteilen. Abgesehen davon, daß es nach den genannten acht Präzeden#fällen unbillig wäre, 
dem Verbote eine nur auf den neunten Fall zurückwirkende Kraft mu geben, so liegt der- 
selbe in der Tat günstiger als alle früheren. 
Fräulein von Ozerow, wie Eurer Majestät bekannt, die Tochter einer geborenen 
Gräfin Schlippenbach, ist in Deutschland erzogen und dem rufsischen Wesen, sogar der 
russischen Sprache, fremd geblieben. Unerwähnt darf ich nicht lassen, daß Seine Mojestät 
der Kaiser Alexander an der Samilie des Herrn von Ojerow perfjönlichen Anteil nehmen, 
zu der Verlobung der Tochter vor kurzem gratuliert haben soll und daber voraussichtlich 
eine Versagung des Heiratskonfenses peinlich empfinden würde. 
*1206. Schrelben an das Ministerium der auswärtigen 
Angelegenhesten. 
[Reinschrift von der Hand des Bortragenden Rats don Keudell.] 
Kellen, 4½ F7ms2 — 1335 8 6 * e Pertreter in n 7 r— -oihertbern 
er m — 
reichischen Irrtums, scha)) * 57 evierung unter Richtialeellung des der 
Varzin, den 11. November 1868. 
Eure Exzellenz ersuche ich ergebenst, den Freiherrn von Werthern m gelegentlichem 
Ausdruck unseres vollen Sinverständnisses mit der baprischen Auffallung instruieren zu 
wollen. 
VIa —
        <pb n="448" />
        434 Plan eines Besuchs Napoleons III. in Berlin. Srage der Elbiölle. 
Nach Österreich keine diplomatische Mitteilung über die Sache; dagegen scheint es mir 
zur Erbaltung des Sriedens nützlich, in der Presse einmal Herrn von Beuft die Sähne zu 
zeigen. Dr. Metzler erbält in der Anlager die wünschenswerten Andeutungen. 
*1202. Schrelben an das Ministerium der auswärtigen 
Angelegenheiten!. 
[Reinschrift von der Hand des Bortragenden Aats von Keudell.] 
In einem Berichte po 5. Rovember (siehe dessen Text in H. Oncken, Die Abeinpolitik 
Kaiser Aa#poleons III., III, 56 ff.) war der Geschäftsträger in Parĩs Graf Solms auf die schon 
früher vom Bot Uchafter Grafen v. d. Goltz angeregte, domals aber von Bismarck nicht auf- 
genommene Srage eines Besuchs des franzjösischen Kaiserpaars in Berlin als eines Wittels, 
der Welt die Absicht des shedlichen Susammengebens Preußens und *# vor Augen zu 
sühren, zurückgeommen. Dazu bemerkte König Wilhelm I. am Vand öst sofort an Graf 
Bismarck mitzuteilen. Er hat mir ganz neuerlich dieselbe Idee des Kafferlichen Besuchs in 
Berlin als besten Friedensbeweis angedeutet, so dah auch er mit Graf Selme, jedoch sehr takt- 
voll mu machender Besuchsanfspielung in Compiègne einverstanden sein wir 
Varzin, den 11. Rovember 1868. 
Der Besuch Aapoleons in Berlin würde jedenfalls günfstig auf die Konsolidation der 
Verhältnisse und belebend auf das Vertrauen der Verkehrswelt in Erbaltung des GSriedens 
wirken. Ich würde daher die Verwirklichung als einen großen Vorteil betrachten. 
Nach meiner Auffassung wäre Graf Solms zu instruieren, falls der Kaiser oder die 
Kaiserin von der Absicht eines Gegenbesuchs in Berlin zu sprechen anfangen, den allerberz- 
lichsten Empfang in Aussicht zu stellen, in keinem Falle aber eine bejzügliche Initiative zu 
ergreifen. 
Ein noch so verhüllter Schritt, welcher so gedeutet werden könnte, als fühlten wir uns 
unsicher und des französischen Entgegenkommens bedürftig, würde eine Gefahr für den 
Frieden hervorrufen. Wie entwickelte sich die Sache bei dem Besuche Seiner Majestät in 
Paris im vorigen Jahre? 
1208. Schrelben an das Preußtsche Staatsmintsterlumt. 
[Kanzleikon zept.) 
Varzin, den 12. Movember 1868. 
Durch den Eintritt Mecklenburgs und Lauenburgs in den Sollverein# sind die Tranjit= 
zölle, welchen bisber der mit dem Elbverkehr konkurriende Landverkehr zwischen dem 
Follverein und Hamburg unterworfen war, in Wegfall gekommen und somit dem, dem Elb- 
joll unterliegenden Elbverkehr eine so gefahrvolle Konkurrenz geschaffen, daß eine Auf- 
rechterhaltung des Elbzolles, auch in dem geringen Betrage, auf welchen er durch den 
1 Nicht bei den Abten. 
1207." Das Schreiben trägt den Vermerk von der Hand Thiles: „Seine Majestät Zuherten sich ut 
Ansicht des Grasen Bismarck völlig einverstanden. scribatur in diesem Sinne an Solms. v. Cb. 14. 1 
2 Zu dem Schreiben liegt ein eigenbändiges Konzeptbruchstück Biemarchs und rG. ein golches v. —- vor. 
1 rging in B enscha Minister für Lauenb 
120e. : 3 #S#btreite W 55 #t duuchest güi- die Iiesf ür des besesberen Soll- und Handels- 
— Mecktlenburgs mit Frankreich hatie vorausgeben müssen (ogl. Ar. 875), war am 11. August 
erfolgt
        <pb n="449" />
        Preußens Vorschläge für Aufhebung biw. Ablöfsung des Stbzolls. 435 
Vertrag vom 4. April 1863 herabgesetzt wurde, auf die Dauer unmöglich erscheint. Dieser 
tatsächlichen Unhaltbarkeit des Elbzolles tritt die rechtliche zur Seite, seitdem durch Artikel 54 
der Verfassung des Norddeutschen Bundes der Grundsatz ausgesprochen worden ist, daß 
auf allen natürlichen Wasserstraßen Abgaben nur für die Benutzung besonderer Anjtalten, 
die zur Erleichterung des Berkehrs bestimmt sind, erhoben werden dürfen. In An- 
erkennung dieser Verhältnisse, welche die Aufhebung des Elbjolles zu einer dringlichen 
Aufgabe machen, bat der Herr Minister der auswärtigen Angelegenbeiten mnächst den 
Versuch gemacht, eine Vereinbarung zwischen den Elbuferstaaten über die Aufhebung des 
Elbzolles berbeizuführen, und zu dem Ende unter dem 6. Juni d. Is. eine Eröffnung an diese 
Staaten gerichtet, in welcher die Aufhebung des Elbzolles und die Regelung der von 
Mecklenburg und Lauenburg für den Wegfall desselben in Anspruch genommenen Ent- 
schädigung auf folgender Grundlage vorgeschlagen wurde: 
1. Preußen verzichtet ohne Entschädigung auf seinen und des vormaligen Königreichs 
Hannover Anteil am Slbzoll; desgleichen versichten Ofterreich, Sachsen und Ham- 
burg ebenfalls ohne Entschädigung auf ihre refp. Elb--Sollanteile. 
2. Die Ablösung des Mecklenburgischen und Lauenburgischen Slbzollanteiles durch 
Sahlung des 1 5½fachen Betrages der bisherigen Aetto-Cinnahmen dieser Staaten 
wird von Preußen, ÖOsterreich, Sachsen und Hamburg zu gleichen Teilen über- 
nommen. 
3. Das Herjzjogtum Anhalt verzichtet auf seinen Anteil an dem gedachten Soll, ohne 
einerseits auf eine Ablösung Anspruch zu erbeben, andererseits an der Abfindung 
MAecklenburgs und Lauenburgs sich zu beteiligen. 
Die Erwiderungen, welche von Seiten der Elbuferstaaten auf diese Eröffnung ein- 
gegangen sind, sprechen zwar übereinstimmend das Einverständnis mit der NRotwendigkeit 
der Aufhebung des Elbzolles aus, lauten aber sämtlich ablehnend in betreff des vor- 
geschlagenen Weges. Osterreich lehnt den Vorschlag einer Ablösung des Elbzolles als 
jedes Rechtsgrundes entbehrend ab und Fpricht die Hoffnung aus, daß auf der nächsten im 
Jahre 1870 bevorstehenden Elbschiffahrts-Revisions-Kommission sich die Mittel würden 
auffinden und vereinbaren lassen, um eine gänzliche Befreiung des Elbverkehrs von un- 
gerechtfertigten Lasten baldigst herbeizuführen. Auch Sachser# bestreitet die rechtliche 
Gulässigkeit der Ablösung, glaubt auch vom Standpunkt der Elbuferstaaten aus, in 
Rücksicht auf den so mäßigen Betrag des Elbzolles und auf die gänzliche Sreiheit des ober- 
elbischen Verkehrs, daß im Interesse des Elbverkehrs selbst ein genügender Grund zu einer 
Abänderung des bestehenden Vertrages nicht wohl gefunden werden könne. Einer anderen 
Beurteilung würde aber sächsischerseits die vorliegende Srage dann unterliegen, wenn es 
sich dabei um die Ausführung des Artikels 34 der Bundesverfassung handelte. In Gemähbeit 
dieses Artikels würden allerdings die jetzt noch bestehenden Elbzölle wesentlich reduziert, 
wenn nicht ganz aufgehoben werden müssen. Ciner solchen Maßregel würde Sachsen gern 
beistimmen und die daraus etwa entstebenden Opfer gern übernehmen. Sände dann der 
Bund, daß es billig sei, den Staaten Mecklenburg und Lauenburg aus befsonderen Billig- 
keitsgründen eine Entschädigung u gewähren, so würde man jächsischerseits dafür stimmen, 
nur würde dann die Entschädigung von dem gesamten Bunde getragen werden müssen. 
Hamburg nimmt ebenfalls eine Entschädigungspflicht der Elbuferstaaten gegenüber 
Meckienburg und Lauenburg nicht an, lehnt daber das Eingehen auf den Dreuhischen 
**'
        <pb n="450" />
        436 Ablehnung der preuhischen Vorschläge durch Elbuferstaaten; Ausweg: Bundesgesetzgebung. 
Vorschlag ab, verweist vielmehr auf den Weg der Bundesgesetzgebung und würde, wenn 
abseiten des DPräsidiums des NDorddeutschen Bundes eine, wenngleich rechtlich nicht be- 
gründete Entschädigung Meckilenburgs und Lauenburgs durch die Gesamtbeit des Bundes 
im Gnteresse einer möglichst beschleunigten Aufhebung der Elbzölle beantragt werden 
würde, bereit sein, den ihn verfassungsmäßig treffenden Anteil zu übernohmen. 
Anhalt endlich lehnt den Vorschlag, nach welchem es auf seine jetzigen Bezüge ohne 
Entschädigung verzichten soll, unter Hinweis auf seine schwierige finanzielle Lage ab und 
bebt namentlich hervor, daß seiner Cinnahme aus den Elbzöllen erhebliche Kosten für Ufer- 
bauten, zur Erhaltung des Sahrwassers, gegenüberstehen, welche bei der beträchtlichen 
Länge des Elbufers von über 7 MWeilen im dortigen Lande in den letzten 10 Jahren 
213 292 Taler betragen haben, so daß von den 300 125 Talern Elbzöllen, welche in derselben 
Seit eingingen, nur ein jährlicher Üüberschuß von etwa 8000 Talern verblieb, welcher sich 
übrigens seit Abschluß der Konvention von 1863 nicht unwesentlich vermindert hat. Es könne 
daher nicht auf die Einnahmen aus den Slbzöllen ohne Entschädigung verzichten, während 
dem Lande die im nteresse der Schiffahrt aufzuwendenden bedeutenden Strombaukosten 
verbleiben würden. 
Da diese Rückantworten die Aussicht verschließen, die Aufbebung des Slbzjolles durch 
eine Vereinbarung der Elbuferstaaten herbeizuführen, so hat der Herr Minister der aus- 
wärtigen Angelegenbeiten mir zu Erwägung gestellt, ob es nicht im Hinblick auf die Be- 
stimmungen im Artikel 4 Sub 9 und im Artikel 54 der Verfassung des Aorddeutschen Bundes 
angejzeigt sein möchte, die Beseitigung resp. Ablösung der Elbzölle im Wege des bundes- 
mäßigen Verfahrens herbeizuführen. 
Es bleibt in der Cat, nachdem der Versuch einer Vereinbarung zwischen den Elbufer- 
staaten fehlgeschlagen, zu dem Siele einer schleunigen Beseitigung des Slbzolles kein an- 
derer Weg übrig als die Ausführung des Artikels 54 der Bundesverfassung im Wege der 
Bundesgesetzgebung. Ich würde meinerseits auch kein Bedenken tragen, denselben zu 
beschreiten, glaube jedoch, bevor ich weitere Vorbereitungen treffe, mich der Zustimmung 
des Königlichen Staatsministeriums zu der Beschreitung dieses Weges versichern zu müssen, 
und zwar aus folgendem Grunde: Kam es zu einer Einigung zwischen den Elbuferstaaten 
auf der von Preußen vorgeschlagenen oder irgend einer anderen der Stellung Preußens als 
Elbuferstaat entsprechenden Grundlage, so würde Preußen nur 25 oder doch eine nicht 
viel größere Quote des an Merklenburg und Lauenburg zu zablenden Entschädigungs- 
kapitals zu tragen haben. Findet dagegen die Aufhebung des Elbzolls auf dem Wege der 
Bundesgesetzgebung, also auf Bundeskosten statt, so wird Preußen nicht nur ebenso gut 
wie im anderen FSalle auf seinen Anteil am Slbzollertrage verzichten, sondern im Wege der 
Matrikular-Beiträge 80% der Entschädigungspsumme tragen müssen. Die Beschreitung 
des Weges der Bundesgesetzgebung führt also zu einer wesentlich stärkeren Belastung 
Preubens. 
Was die Entschädigungsfrage angeht, so ist gegenüber von Meckkenburg die Tatsache 
entscheidend, daß dieser Bundesstaat in dem Schlußprotokolle vom 7. Februar v. Is. die 
definitive Annahme des damaligen Entwurfs der Bundesverfassung unter anderem ab- 
hängig machte von der Sicherung einer Entschädigung für den Versicht auf die Rechte, 
weolche ihm aus der Slbschiffahrts-Akte vom 23. Juni 1821 und aus der Übereinkunft vom 
9. April 1863 zustehen, daß der Königlich Preußische Bevollmächtigte in einer Rote vom
        <pb n="451" />
        Notwendigkeit einer Entschädigung für Anhalt und Lauenburg. 437 
18. Sebruar v. Is. in betreff dieses Vorbehalts erklärte, Preußen sei bereit, mit den 
übrigen Elbuferstaaten über eine Entschädigung Mecklenburgs durch Ablösung seines 
Elbzoll-Anteiles mit dem 15½fachen Betrage der bisberigen Aetto-Einnahme in Ver- 
handlung zu treten, und daß auf Grund dieser Erklärung Mecklenburg die Bundes- 
verfalssung ratifizierte. Hiernach ist ein Anspruch Mecklenburgs auf eine Entschädigung 
nicht wohl zu bestreiten und da die erwähnte Jusage Preußens im Snteresse des Sufstande- 
Kommens der Bundesverfassung erteilt wurde, so wird nach dem Mißlingen eines Ab-- 
Kommens mit den Elbuferstaaten der Bund sich der Anerkennung dieses Entschädigungs- 
anspruches nicht wohl entziehen können. 
Anders steht es mit Lauenburg und Anhalt. Beide Herzogtümer haben dem Ver- 
fallungsentwurfe einschließlich des Artikels 54 ohne Vorbehalt zugestimmt; ein rechtlich be- 
gründeter Entschädigungsanfpruch steht ihnen gegenüber der Ausführung des Artikels 34 der 
Bundesverfassung also nicht zur Seite. Dagegen tritt ihnen gegenüber eine andere Srage 
in den Vordergrund. Die nach der Slbschiffahrtsakte für sie bestehende Verpflichtung zur 
Instandhaltung des Sahrwassers der Elbe steht im rechtlichen und logischen Jusammen-- 
hange mit dem ANecht auf Erbebung einer Abgabe vom Elbverkehr. Wird nun durch die 
Bundesgesetzgebung diese Abgabe aufgehoben, ohne daß in jener Verpflichtung überhaupt 
und insbesondere gegenüber dem außerhalb des Bundes stehenden Uferstaat (OÖsterreich) 
eine Anderung eintritt, so wäre es eine offenbare Unbilligkeit, den beiden Staaten die Auf- 
bringung der, im Verhältnis zu ihrem Sebiet und ihrem nteresse an der Elbschiffahrt 
unverhältnismäßig großen Kosten der Strom- und Uferbauten zur Instandbaltung des Sahr- 
wassers in ihrem Gebiet zu überlassen. Der Bund wird sich also die Srage vorlegen müssen, 
ob er die Instandhaltung des FSahrwassers auf eigene Kosten übernehmen oder ob er jenen 
Staaten für die Aufhebung des Elbzolls soweit Entschädigung leisten will, als der Elbzoll- 
ertrag bisher zur Deckung der Kosten der Instandhaltung des FSahrwassers der Elbe 
gedient hat. Sch halte es für unzweifelhaft, daß der Bund die letztere Alternative vorzu- 
siehen haben wird. 
Das Königliche Staatsministerium ersuche ich ganz ergebenst, über die Frage, ob die 
Aufbebung refsp. Ablöjsung des Elbzolles nach diesen Gesichtspunkten zum Gegenstand der 
Bundesgesetzgebung zu machen und demgemäß eine Präsidial-Vorlage einzubringen sei, 
sich gefälligst äußern zu wollen. 
*1200. Schreiben an den Uhterstaatssekretär von Thile. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats von Keudell. 
Namens des Heriogs Georg von Cambridge hatte dessen Bevollmächtigter Holzmann am 
I7. Juni 1868 eine Eingabe an die preußische Regierung gerichtet, in der einmal um eine Ju- 
sicherung ersucht wurde, dah die Substan# des am 2. Märj (ogl. Ar. 1088) beschlagnabmten Ver- 
mögens König Georgs V. ungeschmälert erhalten bleiben solle, sodann aber darauf gedrungen 
wurde, daß dem Herzoge ols einem der nöchstberechtigten Agnaten des Haujes Braunschweig- 
Lüneburg eine WMitwisrtzung bei der Uberwachung und Verwaltung dieses Bermögens jugestanden 
werde. Tuch an donig ilhelm I. wandte sich Herzog Georg direkt mit der gleichen Bitte, 
worauf der König den Bericht der Minister der auswärtigen Angelegenbeiten, der Finanzen und 
der W einsorderte. Der unter dem 13. Auguft erstattete Berichte der in Abwesenbeit Bismar##s 
von Thile mitunterzeichnet wurde, beontragte, „daß dem Herlog von Cambridge dejüglich der 
4 Das Schreiben beruht auf Diktat Bismarcks.
        <pb n="452" />
        438 Agnatische Mitwirkung bei Verwaltung des sequestrierten hannoverschen Hausvermögens. 
von ihm besorgten Beeinträchtigung der Rechte der Agnaten namens Allerhöchstdero Aegierung 
eine sicherstellende Erklärung gegeben, in betreff leines Wunsches wggen itwirkung der 
Agnaten bei der Uberwachung des Sausyermögene dagegen eine ablehnende Antwort erteilt werde“. 
König Wilhelm I. dagegen fand es, laut seiner den Ministern am a. September erteilten Ant- 
wort, unbedenklich, einem von dem Herloge von Cambridge zu bestellenden Bevollmächtigten „eine 
lÜberwachung in der Weise einzuräumen, daß demjelben von allen benüglich der Verwaltung 
des Hausvermögens getroffenen Doregeln Kenntnis gegeben und die Uberzeugung von der 
Keroierung der Substanz des Fideikkommisses gewährt werde“. Hieran bielt der König auch 
est, als die 
inister in einem Immediatbericht vom 12. Oktober Einwendungen erboben. In 
einer Ordre vom 26. Oktober hieß es: „Auf Ihren Bericht vom 12. d. M. eröffne Sch Shnen, 
daß Sch die von Ihnen ausgesprochenen Bedenken gegen die von Mir auf den Antrag des Herzogs 
von Cambridge wegen Alitwirkung der Agnaten des Königs bei der Verwaltung seines 
lequestrierten Hausvermögens erlassene Ordre vom 4. September d. J. nicht zu teilen vermag 
und bei derselben um so mehr verbleiben muß, als ich dem Herzoge bereits in diesem Sinne 
persõnlich geantwortet und ihn auf Shre betreffenden offijiellen Eroffnungen verwiesen babe. 
Hierdurch ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß dem Herjog von Cambridge hinsichtlich der Person 
des von ihm zu bestellenden Bevollmächtigten die im Staatsinteresse nötigen Bedingungen gestellt 
werden, und daß ferner eine Zusicherung wegen Gebeimhaltung der demselben gemachten Mit- 
teilungen erfordert wird; auch werden diese Mitteilungen in einer Weise zu gescheben hoben, daß 
keine zu grohe Belästigung der betreffenden Behörden daodurch erwächst. Ich beauftrage dem- 
nach, dementsprechend bei Ausfübrung Meiner Ordre vom 4. September d. J. dem Vevoll- 
mächtigten des Herlogs von Cambridge — M. Holzmann — die bezüglichen Eröffnungen zu 
machen, und sehe der Vorlegung des Cutwurfs dieses Schreibens zu Meiner SGenehmigung ent- 
##zen Durch ein Schreiben vom 2. AVovember gab nun Sinanzminister Greiberr v. d. Heudt 
ismarck von der Lage der Dinge Kenntnis. 
Varjin, den 12. Aovember 1868. 
Ew. pp. beehre ich mich ein Schreiben des Herrn Sinanzministers vom 9. d. M. nebst 
Anlagen mit dem ergebensten Ersuchen zu übersenden, einen zur Mitzeichnung der Herren 
Minister der Ginanzen und der Juftiz bestimmten, von mir zu vollziehenden Immediatbericht 
gefälligst entwerfen zu lassen, welcher mit Benutzung der nachfolgenden Andeutungen aus- 
führt, daß" es nicht nur nicht geboten, sondern auch gesetzlich unzulässig sein würde, dem 
Hlerzog] von Cambridge die beantragte Einwirkung auf die Berwaltung des Vermögens 
Klönig] Georgs einzuräumen. 
Wir haben vor Abschluß der Verträge mit dem König Georg, dem Kurfürsten und dem 
Herzog Adolph erwogen, ob es der Zuziehung eines Bertreters der Agnaten bedürfte, diese 
Frage indes im Einverständnis mit den Herren Kontrahenten verneint. Der König Georg 
hat überdies ausdrücklich und beharrlich abgelehnt, den Agnaten eine Mitwirkung bei der 
Überwachung und Verwaltung des konstituierten Hausvermögens einzuräumen. Der Ver- 
trag wurde dem Landtage vorgelegt, ohne eine Bestimmung, welche auf die Möglichkeit 
der Kontrolle eines ausländischen Prinzen bei der betreffenden Berwaltung bindeutete, und 
ist in dieser Fassung gesetzlich genehmigt worden. Sbenso enthält die Verordnung vom 
2. März d. J. keine derartige Hindeutung und schwerlich wird bei den bevorstehenden Be- 
ratungen eine benügliche Bestimmung hineinkommen. 
* Der Schluß des Satzes von den Worten an „daß es nicht nur . . eigenhöndige Korrektur 
Bismarcke. 
2 Der von Bismarck angeregte Immediatbericht, in den dos Schreiben an Cbile vom 12. November 
bineingearbeitet wurde, ist am 25. Aovember, unterzeichnet von Bismarck, v. d. Heydt und Leondardt, dem 
Könige überreicht worden. Er schloh mit dem Antrage: „Euere Königliche Majestät bitten wir biernach 
alleruntertönigst um die allergnädigste Ermöchtigung, dem Devollmöchtigten des Herzogs von Cambridge 
ju erwidern, daß bei Erlaß der Allerhöchsten Verordnung, betreffend die Beschlagnahme des Vermögens des 
Königs Georg, vom 2. êMär) d. J., eine Schmälerung agnatischer Rechte nicht beabsichtigt worden ist, daß 
aber den Agnaten die Ausübung eines Mitbesitzes an dem in Beschlag genommenen Vermöcen und eine 
Ceilnahme on der Verwaltung nicht eingeräumt werden könne.“ Über den Sortgang der Ange egenheit ogl. 
Ar. 12585. «
        <pb n="453" />
        Dissens wwischen Wilhelm I. und Bismarck über Cambridge's Ansprüche. 430 
Ich halte es daher für gesetzlich unmöglich, in die Verwaltung eines Vermögens- 
objektes, über welches mit Sustimmung des Landtages gesetzlich verfügt ist, einen Ausländer 
einmführen, dessen Eintreten in den Orgaonismus unserer Behörden bei Erlaß der beiden 
fraglichen Gesetze nicht vorausgesetzt werden konnte. Der Landtag würde sich über ein 
solches Vorgehen als über eine Täuschung mit vollem Recht beschweren und berufen sein, 
eine auf die Ausschließung ausländischer Kontrolle ausdrücklich gerichtete Aodifikation 
jener Gesetze anzuregen. 
Ist biernach die fragliche Beteiligung des Herzogs von Cambridge meines Erachtens 
mit der Verfassung und den Gesetzen unvereinbar, so erscheint sie mir auch zwecklos und 
politisch verwerflich. Bewahrung der Substanz des Vermögens von außenher zu ver- 
langen, ist unnötig, da ohnehin über die Substanz nicht ohne ein Gesetz, also ohne öffentliche 
Gustimmung des Landtages verfügt werden kann. Die Kontrolle der gegen die welfischen 
Umtriebe gerichteten Maßregeln aber einem Prinzen anzuvertrauen, welcher m den bef- 
tigsten Gegnern Preußens gehört und ohne SZweifel im Einverständnis mit dem König 
Georg handelt, würde die Interessen des Landes so offenbar gefährden, daß ich wenigstens 
die Verantwortung dafür nicht tragen möchte“. 
öch glaube allerdings, daß die Möglichkeit einer Konfiskation auch der Substanz des 
gesamten Bermögens König Georgs im Wege der Gesetzgebung nicht ausgeschlossen ist, und 
daß Herr Holmann den 582, Abschnitt 3 der Königlichen Verordnung vom 2. März ganz 
richtig in diesem Sinne auslegt. Einmal ist die Wirkung der Sesetzgebung überbaupt eine 
absolute, jedes Recht durchschneidende, dann aber ist der Fall möglich und liegt sogar nabe, 
daß König Georg, der bisher den Kriegsstand gegen Preußen nach Kräften aufrechterhält, 
sich an einem Kriege gegen Preußen unmittelbar beteiligt. In diesem Salle würde es doch 
keinem Sweifel unterliegen, daß der Staat alle bereiten Mittel, in erster Linie aber die 
13 Millionen des Königs Georg, zu seiner Verteidigung und Selbsterhaltung verwenden 
müßte. In golchem Salle würde ein agnatischer Einspruch dies ebensowenig verhindern 
können, als der König Georg, wenn er noch über Hannover regierte und dieses Land in 
einem Kriege zu verteidigen hätte, von der Verwendung seines fideikkommissarischen Ver- 
mögens zum Behufe seiner Landesverteidigung durch eine Einsprache des Herzogs von 
Cambridge als Agnaten abgehalten werden könnte. Es würde sich in solchem Salle höchstens 
darum handeln können, daß dem Herzoge von Cambridge, wenn er den Tod des Königs Georg 
und des Erbprinzen desfselben erlebte, für das verbrauchte FSideiktommißvermögen Ersatz ge- 
leistet würde. Solange aber dieser Fall nicht einträte, würde der Herzog über die Berwendung 
niemals mitzureden gehabt haben. Mindestens dieselben Rechte, verstärkt durch das Kriegs- 
recht gegen König Georg, hat jetzt die Krone Preußen bezüglich dieser Vermögensobjekte. 
Welche Attributionen der Überwachung ein dazu vom Herjoge von Cambridge bestellter 
Agent ausüben follte, wird schwer m definieren sein, und keinenfalls kann einem golchen 
Beamten irgendein rechtlicher Anspruch innerhalb der durch die preußische Sesetzgebung 
regulierten Sphären der Verwaltung ohne einen Akt der Gesetzgebung, d. h. ohne Mit- 
wirkung des Landtages beigelegt werden. 
Daß jede Mitwirkung eines welfischen Agenten — und ein golcher würde der Ver- 
treter des Herfogs von Cambridge notwendig sein — die Verwendung der betreffenden 
Revenuen nach Maßgabe der Königlichen Verordnung vom 2. März zur Bekämpfung 
Der letzte Sat beruht weitgebend auf eigenbändigen Korrekturen und Zusätzen Bismarcks.
        <pb n="454" />
        440 Landtag und öffentliche Meinung nicht für Agnatenansprüche zu gewinnen. 
welfischer Umtriebe illusorisch machen würde, scheint in dem Ministerialbericht vom 
12. Oktober nachgewiesen, falls es des Beweises überhaupt bedarf. Diese Seite der Sache 
würde dem Landtage und der öffentlichen Meinung in Preußen sofort einleuchten und einen 
Sturm erregen, welcher jede ersprießliche Beziehung zwischen dem Ministerium und dem 
Landtage im Keime ersticken würde. Jede vertrauliche Sondierung einflußreicher Abgeord- 
neten wird davon die Überzeugung liefern. 
Bei der gesetzlichen Sanktion des Vertrages mit dem König Georg durch den Landtag 
ist von den Rechten der Agnaten auf die bewilligte Abfindung nicht die Rede gewesen, und 
die Landesvertretung würde daher, wenn im Wege der Administration das agnatische Recht 
anerkannt und zur Meutralisierung jeder staatlichen CEinwirkung auf das Objekt benutzt 
werden sollte, mit Recht hervorheben, daß die an und für sich sehr hobe und vielfach ange- 
fochtene Abfindung nicht bewilligt sein würde, wenn man hätte voraussehen können, daß 
König Georg in dem seither eingetretenen Mißbrauch der gewährten Mittel durch den 
Schild agnatischer Intervention geschützt werden könnte. Die Staatsregierung hätte die 
betreffende Vorlage in der bedingungslosen Gestalt, welche sie hat, ohne Verletzung der 
Landesinteressen gar nicht machen können, wenn die Vorsichtsmaßregel, das Objekt in der 
Hand zu bebalten und schlimmstenfalls im Wege der Gesetzgebung unbedingt darüber ver- 
fügen zu können, durch die nunmehrige Hinzuziehung des Herjogs von Cambridge binfällig 
werden gollte. 
Die öffentliche Meinung, wie sie in Landtag und Presse Ausdruck finden würde, würde 
sich fragen, welches Interesse hat denn der Herzog von Cambridge bei seinem jetzigen Ver- 
fabren? Seine Königliche Hoheit hat kaum Aussicht, den König Georg. mit dem er gleich 
alt ist, überleben, keinenfalls aber den Kronprinzen, der 1845 geboren ist; der Herzog hat 
auch keine fideikommißberechtigte Deszendenz; außerdem bleibt ihm eine Kapitalforderung, 
wenn ihm eine solche überhaupt zusteht, dem Preußischen Staate gegenüber immer gesichert, 
unabhängig davon, ob ein Agent wie Herr Holzmann Zutritt zu den Akten in Berlin hat. 
oder nicht. Bei dieser Abwesenheit jedes direkten pekuniären Snteresses an der Sache 
drängt sich notwendig die Annahme auf, daß der Herzog nur im nteresse und in Verab- 
redung mit dem König Georg seinen Antrag gestellt bat. Der König Georg wird sich jsagen, 
daß er, solange ihm eine reiche königliche Abfindung unantastbar gesichert bleibt, seine 
Situation keinenfalls verschlechtert, wenn er alle ihm außerdem zu Gebote stehenden Wittel 
einstweilen zu Kriegszwerken, d. h. zur Löhnung der welfischen Legion in Srankreich und der 
zum Kriege betzenden Presse in Curopa verwendet. Wären diese Mittel verbraucht und 
bätten den gewünschten Erfolg nicht gehabt, so stünde es ihm dann zu jeder Stunde frei, sich 
auf die durch die agnatische Mitwirkung des Herzogs von Cambridge sichergestellte Ab- 
findung zurückezuziehen. 
Daß der Herzog sehr geneigt ist, zur Sicherstellung einer solchen Assekuranz für seinen 
Vetter die Hand zu bieten, kann bei dem leidenschaftlichen Hasse gegen Preußen, den dieser 
Herr mit allen Verwandten des Mumpenheimer Haufes teilt, nicht überraschen; gewiß aber 
würde es die öffentliche Meinung bei uns aufs höchste überraschen, wenn die Königliche 
Negierung mit voller Kenntnis dieser Verhältnisse auf die von ihr durchschaute Intrige ein- 
ginge. Ein solches Verfahren würde namentlich für den Minister der auswärtigen Ange- 
in V beim residlerenden Landgrafen 
ien ren gazemn ier der h Ver. este: zeser 2-2gin der Pbeier wrerbne mnrar 
schwägert war, nabe verwandt.
        <pb n="455" />
        Werthers zu grohe Liebenswürdigkeit gegen Beuft. 441 
legenheiten um so unmöglicher jsein, wenn derselbe sich die Erklärungen vergegenwärtigt, 
welche er im Haufse der Abgeordneten gegeben hat, um der starken Opposition gegenüber 
den Abfindungsvertrag überhaupt zur Annahme m bringen. 
Bei den Verträgen mit den früheren Souveränen von Hessen und Vassau, deren 
Privatvermögen viel unbestrittener fideiktommissarischer Natur war als das des Königs 
Georg, sind die Rechte der Agnaten nicht nur mit Stillschweigen übergangen, sondern in 
dem belsischen Falle ausdrücklich in Abrede gestellt worden. Auch bei der Abtretung von 
Homburg haben agnatische Vermögensansprüche keine Beachtung gefunden. Wenn und 
insoweit dem Herzog von Cambridge solche zur. Seite stehen, so wird dies zur Sprache zu 
bringen sein nach dem etwaigen Aussterben der Königlichen Linie, und dann wird der 
Preußische Staat denjelben gerecht zu werden um so sicherer in der Lage sein, als die König— 
liche Regierung ohne Zustimmung des Landtages über die Substanz der jetzt vorhandenen 
Vermögensobjekte nicht verfügen kann. 
*1210. Drivatschreiben an den Unterstaatssekretär von Thlle. 
[Diktat.] 
Nach seiner Rückkehr von einem Urlaube batte der Gesandte in Wien Greiherr v. Wertber 
am 10. Aovember eine Unterredung mit dem österreichischen Reichskanzler gehabt, in der er sich, 
obwohl Freiberr v. Beult sich kurz vorher bei den Deratungen im W Wezraulh chub des Reichsrats 
mit kühlen und jelbft ktitilchen Worten über das Verhältnis zu Preußßen geãußert hatte, eines 
auffallend freundlichen Tones befliß. In leinem eigenen Bericht vom 11. Rovember bieb es 
darüber: „Wie Baron Beust mich fragte, welche Eindrücke ich von Verlin mitbrächte, bejeichnete 
ich ihm dieselben als Bestrebungen zur Erhaltung des Sriedens und zur Gestaltung freundlicher 
Besiehungen zu Österreich. Ich bätte in den Negierungstereisen Berlins kein Anzeichen von Ver- 
lmmung g een sterreich, dagegen aber den aufrichtigen Wunsch gefunden, dah es der österz 
reichischen Regierung gelinge, die Schwierigkeiten ihrer inneren Verhältnisse ju überwinden.“ 
Varzin, den 16. Aovember 1868. 
Die große Liebenswürdigkeit Werthers gegen Beuft entspricht durchaus nicht meiner 
Auffassung der Sachlage, und ich bitte Sie, ihn privatim und vertraulich im Sinne meiner 
MAitteilungen vom 15. v. M. und 11. d. M.= zu informieren. Eine Haupturfache für die 
fortdauernde Unsicherheit der Handelswelt sehe ich in der Haltung Beusts. Wir haben ihm 
zwei Jahre lang fair play gelassen, und keine Gelegenbeit versäumt, um unsern Wunsch nach 
Verbefserung der Bejziehungen zu Osterreich an den Tag zu legen. Er hat nicht nur gar 
nichts getan, um diesem Wunsche entgegenzukommen, sondern er hat jede Gelegenhbeit 
benutzt, uns unhöflich zu begegnen und durch die Presse Unannehmlichkeiten zu bereiten, ja 
er hat im verflossenen Sommer durch Metternich eifrig zum Kriege betzen lassen'. Es ist da- 
her an der Zeit, ihn empfinden zu lassen, daß gute beiderseitige Beziehungen mehr in seinem 
als in unserem Interesse liegen. 
Ich bitte, von jetzt ab bei allen Außerungen in der Diplomatie wie in der Presse davon 
auszugeben, daß wir zwei Jahre lang das Verständnis Osterreichs gesucht und nicht gefunden 
haben. In der Presse wäre wiederbolt hervorzuheben, daß die Urfsache der fortdauernden 
Verkehrsstörungen weniger in Paris als in Wien, in der „olitik Beust-Metternich“ zu 
finden, und daß wir nach zwei Jahre langem Buhlen um die Gunst Österreichs die Hoffnung 
aufgeben müßten, auf diesem Wege, solange die jetzige Beustische Politik dauert, etwas zu 
erreichen; Beufst wäre in Wien genau derfelbe geblieben, der er in Dresden war. 
§he Zr- 1190. 
2 Sie 1206. 
ↄ Vgl. dazu Vr. 1115.
        <pb n="456" />
        442 Stellungnahme des Landtags zum Welsensequester. 
1211. Drivatschreiben an den Staatsminister 
Freiherrn von der Heydt. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden VRats von Keudell. 
Varzin, den 20. November 1868. 
FSür Shre freundlichen Ali#tteilungen vom 18. d. M. verbindlichsten Dank. 
Gegen die Amendierung des § 4 des Gesetzes vom 2. Alärz dahin, daß die Auf- 
bebung der Beschlagnahme nur durch Sesetz erfolgen dürfe, habe ich in letzter Snstanz 
nichts einzuwenden, doch möchte ich ergebenst empfeblen, die Sache formell mit Vorsicht so 
zu behandeln, daß unsere Abneigung dagegen ersichtlich bleibt und diese Bestimmung 
erscheint als das, was jie ist, nämlich uns vom Landtag aufgedrungen, vorläufig also 
nur außeramtlich durchblicklen zu lassen, daß das ZSuftandekommen des Sesetzes bieran 
nicht scheitern würde. 
Die Aglichkkeit einer Konfiskation des Kapitals dürfte meines Erachtens nicht 
prinzipiell zu bestreiten, sondern für den Fall, daß die feindselige Haltung des Königs 
Georg sich noch schärfer ausprägen sollte, die Cventualität weitergehender Vorlagen der 
Königlichen Regierung anzudeuten sein. Würde sie eintreten, so wäre dadurch nicht aus- 
geschlossen, auf die Stellung der Agnaten sofort, und bei einem späteren Griedensschlusse 
von neuem auf eine Dotation des Königs Georg oder seiner Erben Bedacht m nehmen'. 
Bismarch--Jahrbuch, ed. H. Kobl, IV, 189. 
* 1212. Drtvatschreiben an den Unterstaatssekretaer von Thile. 
[Reinschrift von der Hand des Vortragenden VRats von Keudell.] 
Auf die Mittellung des Bismarckschen Schreibens vom 16. AMovember (siehe Tr. 1210) 
an Wertber hatte diger in jwei Prioatbriefen an Thile geantwortet und darin Bedenken 
gegen die von Bismarck empfoblenen Prehangriffe gegen Beust geäuhert: 
Varzin, den 21. Aovember 1868. 
Curer Sxzellenz lasse ich die mir gefälligst mitgeteilten beiden Privatbriefe des Srei- 
berrn von Wertber mit dem ergebensten Bemerken zugeben, daß ich glaube, demselben 
eine kühlere Zurückhaltung gegen den österreichischen TAeichskanler empfehlen zu müssen, 
als er anscheinend bisher beobachtet hat. Unsere wiederholten Artigkeiten sind von Herrn 
1 Zu weiteren vorgeschlagenen Amendements nahm Bismarck in einem Schreiben an v. d. Heydt vom 
21. S aa erpe hlagen IV, 1090) Stellung.
        <pb n="457" />
        Kritik an der Haltung der preuhischen Vertreter in Wien und Dresden. 443 
von Beuft unrichtig aufgefaßt worden, und die Situation ist dadurch gefälscht, daß er 
glaubt, wir fürchteten Osterreich unter irgend einer Eventualität. Es kommt jetzt 
vor allem darauf an, ihm diesen Glauben zu benehmen. Sch erachte deshalb auch die Be- 
denken des Baron Werther gegen die fraglichen Preßangriffe nicht für zutreffend. 
In der Sestungsangelegenheit empfehle ich, mnächst nur nach Karlsruhe in gleichem 
Sinne wie nach Münchem zu schreiben. 
*1213. Schreiben an den Unterstaatssekretär von Thile. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats von Keudell.] 
Barzin, den 22. Aovember 1868. 
Die Berichte des Herrn von Eichmann lassen mich befürchten, daß derselbe seine 
Stellung noch nicht so auffaßt, wie es für unsere eine sehr vorsichtige Behandlung er- 
fordernden Beziehungen zu dem sächsischen Hofe zu wünfchen ist:. 
Seine Außerung gegen den Oberhofmarschall von Sriefen, daß es für den preußischen 
Gesandten peinlich sein würde, dem Kurfürsten am sächsischen Hofe zu begegnen, war zu 
starkt. Die Gefahr einer Verletzung des in seiner Sphäre berechtigten Selbstgefühls 
dieses Hofes verdiente eine sorgfältigere Beachtung als die möglichen Bewegungen des 
ganz ungefährlichen Kurfürsten, dessen Aufenthaltsort uns wenig interessiert, ulnd] dessen 
Umtriebe im Vergleiche mit den Hannöverschen von untergeordneter Bedeutung sinds. 
Noch weniger angemessen erscheinen mir die an den Minister von Griesen gerichteten 
Interpellationen wegen einiger Erzeugnisse der Jächsischen Presse. Vorstellungen von dieser 
Schärfe sfind nach bewährtem Herkommen ohne Auftrag oder ausdrückliche Ermächtigung 
des Ministers von keinem Gesandten zu erheben, am allerwenigsten aber gegen den nahe 
befreundeten Minister eines materiell abhängigen Bundesstaates, dessen Stellung in for- 
meller Beziehung eine um so jartere Schonung erfordert. 
Cure Exzellenz wollen den Königlichen Gesandten gefälligst in diesem Sinne instruieren 
und anweisen, alle Borkommnisse, über welche er sich ohne Ipezielle Instruktion befindet, 
ad referendum zu nehmen und vorber anzufragen, ehe er irgend eine Außerung von sich 
gibt, welche dem Dresdner Hofe den Eindruck eines Mangels an Rücksicht hervorrufen 
könnte. 
Der' Dresdner Posten ist für die nächste Zeit einer der schwierigsten ulnd] wichtigsten 
ulnd] erfordert ein hohes Maß von Tact ulnd) Bebutsamkeit“. Wir müssen dort be- 
scheiden auftreten. Jede Abweichung von dieser Regel bedarf der befonderen An- 
weisung, die im Falle des Bedürfnisses nicht ausbleiben wird. 
1 Vgl. Ar. 1206. 
1213.1 Der erste Satz ist weitgehend durch Korrekturen Bismarcks bestimmt. 
Der letzte Ceil des Satzes: „ulnd] dessen Umtriebe ..“ eigenbändiger Julat Bismarcks. 
2 Der letzte Absatz eigenhändiger Zusatz Bismarcks. 
Bei der großen Bedeutung, die Bismarck den Bexriehungen zu dem sächsischen Hofe beimah, nahm 
er den - König Johanns (12. Dezember) zum Wiehn az Aesem Gütz die Süch **# SLnig 
Wilhelms I. m überbringen. Vgl. dazu R. v. Keudell, Sürst und Sürstin Bisma 
Zweck dieser Neise viel orakelt worden. Das WMichtige irifft weifellos der sächst ische *3½ #ernd 
v. Friesen, mit dem Bismarck am 12. dennher in Dresden eine lange Auslprac gebabt bat. Er schreidt 
darüber in seinen „Erinnerungen (UI. 74 f.: „Es war nicht zu verkennen, T # dam lien Verdalten 
Bismarcks gegen Sachsen um großen Tell auch ein polktisches Wotiv mgrunde lag und, indem es beweisen
        <pb n="458" />
        444 Beust stellt Preußen als Unruhestifter im Orient hin. Bismarcks Gegenschlag. 
*1214. Telegramm an das Ministerium der auswärtigen 
Angelegenheiien. 
[Konzept von der Sand des Vortragenden Rats von Keudell. 
Die Ankunft der ersten 10 Ooo preußischen Zündnadelgewehre in Numänien Anfang 
August, denen im November weitere 10 ooo folgen sollten (ogl. dazu: Aus dem Leben König 
Karls von Mumänien, I, 284, 299). batte sich nicht gan; im Berborgenen abspielen können. 
Vor allen Dingen sandten die österreichischen und französischen Agenten in Butarest übertriebene 
Berichte (ogl. die Meldungen des ölterreichischen Generalkonluls Freiherrn v. Eder vom 
24. und 28. Auguft, Österreichisches Rotbuch Nr. 2 (1868), S. 80, und die seines fronzösischen 
Kollegen Hory vom 21. und 31. August, Les Origines Diplomatiques, XXII, 43, 56 ss.) nach 
Hause, worauf mit steigender Heftigkeit Angriffe in der Wiener und Dariser Presse gegen 
Preuhen einsetzten. Bismarck, der diese Borgänge auch von Varzin aus forgfältig beobachtete, 
gewann immer mehr den Eindruck, daß der eigentliche Herd der preußenfeindlichen Treibereien 
in Wien zu suchen sei. Bald stand ihm fest, daß Beust, der fselbst insgeheim den türkisch- 
rumänischen Konflikt schürte, sich mit allen Krästen bemühte, Preußen als den eigentlichen 
Unruhestifter im Orient binzustellen. In einem Erlaß an den Sürsten Metternich vom 
November behauptete Baron Beuft geradem, doß Dreußen schon 1867 mit Rumänien eine 
geheime militärische Konvention abgeschlossen babe (Oncken a. a. O., III., 39, Anm. 2). Mit 
größter Beflissenbeit suchte Beust überhaupt der französischen Regierung einzureden (ogl. seinen 
Brief an Metternich vom 6. November, a. a. O., III, 59 ff.), daß die Srage der Donau- 
fürstentümer und nicht die deutsche Frage jum Ausgangspunkt eines Krieges mit Preußen ge- 
nommen werden müsse. Auch ohne hierüber genauer unterrichtet zu sein, bielt Bismarck es im 
Hinblick auf die rumänischen Zettelungen Beufts für angezeigt, nunmehr die preußische Presse 
gegen Österreich mobil zu machen (ogl. auch Ar. 1206, 1210), während er gleichzeitig Schonung 
Frankreichs empfahl. Um den 20. VNovember diktierte er Keudell folgende Snstruktion für 
die Bebandlung der rumänischen Frage in die Feder: 
„Aumäniens Aufgabe der Belgiens vergleichbar. 
Es sei Hoffnung gewesen, daß die rumönische NRegierung die erhöhte Selbständigkeit, 
die ihr mteil geworden, benutzen würde, um die Hilfsquellen des reichen Landes zu entwickeln 
unter der Agide des allgemeinen Griedens und lder] guten Verhältnisse m den Rachbarn. Man 
könne sich nach den letzten Erfahrungen der Befürchtung nicht verschließen, dah die 
Vegierung in Rumänien nicht stark genug sei, um dieses der allgemeinen Wohlfahrt konforme 
Programm m verwirklichen. Wenn dies der Fall, wäre es jedenfalls ein Nachteil für die 
europäische Gesamtwohlfahrt und von hier aus nicht mu entscheiden, inwieweit der Sehler, der 
jugrunde liege, bei der Regierung oder bei den ARegierten zu suchen. Keinesfalls aber könne 
es der preußischen Politik entsprechen, von Rumänien aus den Srieden Europas in Grage 
gestellt zu seben, und nach der Anderung in der politischen Lage Österreichs wäre es jedenfalls 
Aumäniens Aufgabe, mit dem Nachbarland Ungarn seine Besiehungen auf der Basis der 
natürlichen freundschaftlichen Verhältnisse, auf welche Geschichte und reale Verhältnisse die 
beiden Länder anweisen, zu kultivieren. . 
Frankreich jetzt in der Presse mit besonderer Liebenswürdigkeit zu behandeln.“ 
sollte, daß auch ein Känig eine angenehme und würdige Stellung im Bunde einnehmen könne, insbesondere 
darauf berechnet war, den Widerwillen der beiden süddeutschen Könige gegen einen Eintritt in den Bund 
m überwinden.“ Sicher ist, dah Bismarck während seines Dresdener Besuchs Veranlallung genommen hat, 
mit dem Könige und Sreiherrn v. Friefen eingehend über sein Berhöltnis zu sterreich und zu Beust zu sprechen. 
Aus Beufts Schreiben an König Johann vom 7. Januar 18669 (Aus drei Viertel-Jahrhunderten, II, 250 ff.) 
ersiebt man, daß Bismarck sich sehr nachdrücklich über Beusts Haltung nach der Veröffentlichung der „Stoß 
ins Herz“-Depesche Graf Usedoms (ogl. dazu Ar. 1179, Anm. 2) und über ein neu erschienenes österreichisches 
Notbuch (ogl. daju Ar. 1227) beschwert haben muß. Hiernach kann teine Rede davon sein, daß Bismarch 
mit der Dresdner Neise, wie Benedetti (ogl. dessen Bericht vom 18. Dezember, Les Origines Diplomatiques, 
XXII. 384) und eigentümlicher Weise auch G. Sreytag (ogl. Jeinen Brief on A. v. Stosch vom 26. Dezember, 
G. Frentags Briefe an A. v. Stosch, S. 44, und dessen Antwort vom 2. Januar 1869, Denkwürdigkeiten 
A. v. Stoschs, S. 151) mutmaben, bezweckt habe, „sich durch gute Bebandlung der Sachsen eine Brücke zu 
Beust zu schlagen.“ Bismarck stand ohnehin im Woment der Dresdener Neise im Begriff, einen Hauptschlag 
gegen Beuft (ogl. dazu Ar. 1243 ff.) m führen. Allerdings hat sich Bismarck am 14. Dezember gegen Julius 
Sröbel (ogl. Julius Fröbel, Ein Lebenslauf, II, 542 f.) über ÖSsterreich und Veust in einer Weise geäuhert, 
die sehr deutlich macht, dah er in den Angriffen auf den österreichischen Beichskanzler nur ein notwendiges 
Ourchgangsstadium zu einem belseren Verhöltnis soh. Aber zunöchst kam doch nur, nach einem von Bismarc#t 
in der Unterredung mit Fröbel geprögten Ausdruck, nicht eine „Sammethond“, sondern „blanker Stahl“ in 
Frage.
        <pb n="459" />
        Ultimatives Auftreten Preußens in Butarest. 445 
Man sieht aus dieser Instruktion, wie viel Bismarck daran gelegen war, den Instematischen 
Verdöchtigungen von österreichischer Seite, als ob Preuhen seine schützende Hand über die 
woblwollend gesinnte ungarische Staatsmann an eine Rreuhisch-rumnische Komplizität 
glaubte und offen damit drohte: „Wenn Preußen in den 
begünftige, die dem Interesse Ungarns offenbar zuwiderlaufen, 4 müsse die ungarische Regierung 
in Wien und Paris die nötige Stütze suchen.“ Sofort war Bi i 
Treibereien Beufts den Nährboden zu entsiehen. Vgl. dazu die Eintragungen Th. v. Bernhardis, 
der seit dem 21. Rovember wieder in Berlin weilte, zum ovember und 1. Dezember, 
Aus dem Leben Ch. v. Bernbardis, VIII, 363 f., m 1. Dejember fahte Bernhardi 
Keudell das nicht sagt. Wir wollen deshaolb von den Südslawen und ARumänen nichts wissen. 
Die Ungarn, sagt Keudell, sind Leute, die Energie haben, mit denen etwas anzufangen ist, auf 
die man rechnen kann, die Südslawen und Rumänen dagegen sind ein weiches, korrumpiertes 
unzuverlässiges Volk, das nichts vermag, und auf das man nicht jählen darf. Es ist ratsamer, 
es mit den Ungarn zu halten. Um die Ungarn nicht mu Seinden zu haben, baben wir auch das 
Varzin, den 22. Aovember 1868. 
An Graf Keuserling Butarest. 
Ew. pp. erbalten durch Feldjäger Instruktionen. Sie wollen dem Sürsten nicht ver- 
schweigen, daß unsere bisherigen Beziehungen zu Rumänien nur haltbar sind, wenn es dem 
FSürsten gelingt, jede TCätigkeit seiner Minister abzuschneiden, welche dem europäischen 
Frieden und insbesondere den Beziehungen zu Ungarn Gefahr bringt. Anderenfalls wären 
wir mit Bedauern gezwungen, die ANichtbeteiligung und Mihbilligung Preußens öffentlich 
über jeden Sweifel zu erbeben, und müßte ich in meinen Anträgen bei Seiner Majestät zmu 
jenem Zwecke nötigenfalls bis zu dem von Ew. pp. Abberufung aus Bukarest geben. 
1215. Telegramm an das Ministerlum der auswärtigen 
Angelegenhesten. 
I/Kontept von der Hand des Vortragenden Rats von Keudell.] 
ZIm Hinblick auf den Vericht, den Graf Wesdehlen am 18. Rovember auf Grund von 
Mitteilungen des itglienischen srterltactLekelirs Barbolani über das Selpräch Graf 
—— narchele Pefpoli erstattet batte (ogl. Ar. 1214, Borbemerkung), bielt Bismarck es 
für zweckmähig, der italienischen Regierung Kenntnis von dem ultimativen preuHischen Auftreten 
in Bukarest zu geben. 
Varzin, den 22. November 1868. 
Geschäftsträger Slorenz Graf Wesdehlen. TCelegramm über unsere ernsten Vorstellungen 
in Bukarest, welche, wenn ohne Erfolg, m einer ostensiblen Anderung in unseren Be- 
siehungen zu Rumärnien führen würden. Dies könne er vertraulich Barbolani mitteilen. 
Eurona Bel. — d. Wertheimer, Graf Julius Andrafly. I, a5a f., H. Michael, Bismarck, England und
        <pb n="460" />
        446 Entlassung Bratianos. Krenskis rumänischer Urlaub. 
*1216. Schrelben an den Chef des Militarkabinetis 
Generalmasor von Tresckow. 
Konzept von der Hand des Vortragenden Rats von Keudell.] 
Varzin, den 25. November 1868. 
Nach einer unverbürgten Zeitungsnachricht wäre der Oberstleutnant von Krenski 
geneigt, einen dreijährigen Urlaub nachzusuchen, um die rumänische Armee zu organisieren. 
Sür den Sall, daß ein derartiger Antrag an Ew. pp. behufs Einholung der aller- 
böchsten Entscheidung gerichtet werden sollte, erlaube ich mir ergebenst mitzuteilen, daß ich 
die Erteilung eines längeren Urlaubs an den Oberstleutnant von Krenski oder andre 
Könligliche) Offizjiere zu dem bejeichneten Zwecke in der gegenwärtigen politischen Lage: 
nur widerraten könnte. 
Es liegt nach meiner Auffassung im Interesse des FSürsten Karl, eine zuverlässige 
Truppe von mäßigem Umfange zu organisieren, um damit die Ordnung aufrechtmerhalten 
und eine nach innen selbständige Regierung durchführen zu können; wenn aber, wie es den 
Anschein hat, das jetzige Ministerium in Buparest boabsichtigt, größere Truppen- 
massen schlagfertig m machen, um nach außen große Politik zu treiben, so liegt hierin eine 
ernste Gefahr nicht nur für die Erhaltung des Friedens, sondern auch für den Thron des 
Fürfsten. Eine solche Politik in augenfälliger Weise durch Königliche Offiziere zu unter- 
stützen, würrde uns die Sympatbien befreundeter Großstaaten entfremden, deren wir bei 
europäischen Komplikationen notwendig bedürfen. So lange daher die Siele der rumä- 
nischen Regierung nicht klarer als bis jetzt festgelegt sind, könnte ich nicht dazu raten, durch 
die längere Beurlaubung eines ausgezeichneten Offizieres nach Butarest gewissermaßen 
eine Mitverantwortlichkeit für den Gang der dortigen Cntwicklung zu übernehmen. 
1212. Telegramm an das Ministerlum der auswärtigen 
Angelegenheiten. 
[Eigenbändiges Konzsept.) 
Am 25. Vovember meldete Graf Keyserling, daß Fürst Karl von Vumänien lich im Ver- 
folg der nachdrücklichen Vorstellungen und Warnungen Bismarcks (ogl. Nr. 1206, 1214 ferner: 
Aus dem Leben König Karls von Rumänien, J, 307) entschlossen habe, das Ministerium Bratiano 
zu entlassen. Am 26. gab Thile die Meldung nach Barfsin mit den Worten weiter: „Graf 
Keplerling telegraphiert, beklagenswerter Sürst entschlolsen. vorjüglich aus Rücksicht auf die 
ungarischen Verbältaffe, das inisterium zu entlassen. Graf Bornstorff meldet gleichzeitig 
große FDeunruhigun ord Stanleys wegen Rumäniens. Kann Graf Vernstorff obige Nachricht 
mitgetellt werden . . 
s thn,den28.Rovembe-r1868. 
DieKeglerlinglcherchtichtlcannohneZweifelanBernltorff mitgetheilt werden mit 
dem Zusatze, daß wir dem Fürsten zu rathen weder im Stande noch berufen wären und an 
1 Die Worte: „oder andre Könligliche] Offiziere“ und „in der gegenwärtigen politischen Lage“ eigen- 
bändiger Zusatz Biemarchs.
        <pb n="461" />
        GFranzösische Ausstreuungen. Süddeutsche Konsidemen gegen Vertreter Srankreichs. 447 
den eventuellen Ministerwechsel einerseits die Hoffnung auf ruhigere Nachfolger geknüpft 
sehn, andrerseits aber auch die Besorgniß vor Rube-Störungen in den Sürftenthümern 
ulnd) an deren Gränzen. 
1218. Erlaß an den Gesandten in München 
Freiherrn von Werthernt 
[Konfept von der Hand des Vortragenden Aats Bucher.] 
Gelegentlich einer Reise, die der der mreuhischen Armee entstammende badische General- 
Itabschef Oberstleutnont v. Sesciunsku, im Nobember nach München und Stuttgart unter- 
nommen batte, um die im Mai in Verlin begonnenen Besprechungen über ein Zusammengehen 
der jüddeutschen Staaten mit Preußen im Fall eines französischen Krieges fortzusetzen (ogl. 
Ar. 1189, Vorbemerkung), hatte er in München durch den Vortragenden Rat im bagrischen 
Außenministerium Freiherrn v. Bölderndorff n- Folgende erfohren: „Die französische Sesandt- 
aft habe die baprische Regierung vertraulich denochrichtigt. daß Dreuben sich Franbreich — 
über verbindlich gemacht babe, innerhalb dreier Jahre keine Schritte in Süddeutschland zu 
wollen, mithin auch vorläufig nicht auf die beabsichtigte Auseinondersetzung es gra 
lichen beweglichen Sestungseigentums einzugehen.“ Lesczynsku meldete dies dem badi 
Kriegsminister v. Beuer, der es wieder seinem — Kollegen v. Roon mitteilte. . 
H. Onckhen, Die Abeinpolitik Koiser * III 3, Anm.) henso Tert der badische 
Miasster b4 EG* 7 Freiherr v# Srepdorf Bismarck durch den afen Slemmin 
okorv ember — mitteilen, daß ber kramösische Gesandte dr Karlsruhe 
pnai # vollständig über den Verlauf d er Münchener Militärkonferenzen, die am 
tober. zu dem Albschluß des Vertrages über die Errichtung einer Festung hommission 
Giu * ) geführt batten, unterrichtet gezeigt habe. Nach Sreydorf wäre die Münchener 
5 E schon vier Tage nach Unterzeichnung des Vertrages über dessen 
Inbalt genau orientiert gewesen. Der Bericht, 7 sie darüber erstattet habe, sei auch nach 
büler auf den Vertra engeredet habe, sei dieser berbreonn darauf eingegongen. Catsächlich 
* in München und Stutigart (ogl. Les Origines 
Di lomatiques, XXII, 114 ss., 127 s s8, 136 ss., 142 s., 143 66 Ve ss.), 53 lie, nicht 
önglich“: 5 
Att an * Konsidenken * Stautstemner gegenüber der französischen Diplomate 
stillschweigend vorüberugeben 
Berlin, den 6. Dezember 1868. 
Es ist zu unJerer Kenntnis gekommen, daß eine süddeutsche Regierung von einem bei 
ihr beglaudigten französischen Diplomaten vertraulich benachrichtigt worden ist, „Preußen 
habe sich Srankreich gegenüber verbindlich gemacht, innerbalb dreier Jahre keinen Schritt 
in Süddeutschland zu tun“. Sch würde diese Angabe als einen allerdings nicht erklärlichen. 
Frrtum des betreffenden Diplomaten betrachtet und nicht releviert haben, wenn nicht nsi- 
nuationen verwandter Natur in der Presse vertrieben würden. 
Der gleiche Erlaß di n in Stuttgart und den lahten Ablatz an die in Karis- 
rube, -odberuseeel Srmnmtißm-m-" — e Mission in ga obne ie
        <pb n="462" />
        448 Notwendigkeit einer Entscheidung Lauenburgs wegen Elbzjolls. 
Wir haben gegen FSrankreich irgendeine Berbindlichkeit der Art um so weniger über- 
nommen, als die bezügliche Srage zwischen der Könliglichen) ulnd] der Klailflerlich] 
Franzlösischen) Reglierung) bisher niemals auch nur zur Erörterung gelangt iste. Ew. pp. 
wollen gefälligst die Machricht, wo sich Gelegenheit dazu findet, einfach für das, was sie ist, 
für eine müßige Erfindung, erklären und hinzusetzen, daß die Rücksichten, welche unser 
Verbalten leiten, in erster Linie unsern süddeutschen Verbündeten gelten. 
In Verbindung damit wollen Ew. pp. m erkennen geben, daß wir nicht ohne Ver- 
wunderung bemerkt hätten, wie schnell und vollständig die französische Diplomatie von den 
Verbandlungen der Münchener Konferenzen unterrichtet gewesen sei. 
*1210. Schreiben an die Staatsminister Freiherrn 
von der Heydt und Grafen von Jtzenplitz. 
[Abschrift.)] 
Berlin, den 6. Dezember 1868. 
Das Schreiben, welches Ew. Exzellen; der Herr Finan minister in der Angelegenheit, 
betreffend die Aufhebung der Elbzölle, unter dem 29. v. M. an den Herrn Handelsminister 
und mich gerichtet baben, hat sich mit dem diesseits in dieser Sache abgegebenen Votum: 
vom 28. v. M. gekreuzt. Aach wiederholter Erwägung vermag ich von der in dem letzteren 
ausgesprochenen Ansicht auch jetzt nicht abzugehen und muß daher zu meinem Bedauern 
Anstand nehmen, den mir gefälligst mitgeteilten anbei zurückerfolgenden Entwurf eines von 
seiten des Königlichen Staatsministeriums an den Herrn Kanzler des Norddeutschen 
Bundes zu richtenden Schreibens mitzuzeichnen. Die ungünstigen finanziellen Verhältnisse 
Lauenburgs, in betreff deren ich auf die dem diesseitigen Botum vom 28. v. M. in Abschrift 
beiliegende Suschrift des Herrn Ministers für Lauenburg Bezug nehmen darf, lassen es mir 
nach wie vor als unabweislich erscheinen, daß für das gedachte Herzogtum eine Ent- 
schädigung für den Wegfall seines Elbzollanteils in demselben Maße in Aussicht genommen 
werde wie für Mecklenburg. Dem Umstande, daß von seiten Lauenburgs und Andalts bei 
Gelegenbeit der Natifikation der Verfassung des NDorddeutschen Bundes nicht ähnliche 
Vorbehalte binsichtlich der Ablösung des Elbzolles gemacht worden sind wie von seiten 
Mecklenburgs wird dabei nach meinem Dafürhalten ein entscheidendes Gewicht nicht bei- 
gelegt werden dürfen. 
Es war für den Minister und Vertreter Lauenburgs, welcher ugleich Bundeskanjler 
war, nicht tunlich, Vorbehalte gegen die Bundesverfalsung m formulieren. Das rechtliche 
Verhältnis des Herzogtums aber kann durch diese Unterlassung nicht alteriert werden. 
Übrigens erlaube ich mir ganz ergebenst darauf hinzuweisen, dah die nach der Ansicht 
Ew. Exzellenzen zu gewährende Entschädigung sich in dem anliegenden Cntwurf nur in 
Beug auf Anhalt mit AUffernmäßigen Daten belegt findet, wogegen in betreff Lauenburgs, 
dessen am Schlusse eventuell Erwähnung geschiebt, dergleichen Angaben nicht mitgeteilt sind. 
„ Der Satz berubt auf eigenhändiger Korrektur Bismarcks. - 
1219. 1 Nicht bei den Akten; ogl. aber Ar. 1208, aus der der Bismarcksche Standpunkt bereits im wesent- 
lichen erhellt.
        <pb n="463" />
        Liquidationskommission und Bundeseigentumsfrage. 449 
Nachdem der diesfeitige Versuch, eine Verständigung unter den Elbuferstaaten herbei- 
mführen, feblgeschlagen war, konnte es, wie auch von Ew. Exzellenzen in dem anliegenden 
Entwurfe anerkannt wird, keinem Zweifel unterliegen, daß das angestrebte Siel der Be- 
leitigung der Elbzölle, wenn überhaupt, nur im Wege des bundesmäßigen Verfahrens m 
erreichen sein werde; ich glaube mich hiernach überjeugt halten zu dürfen, daß Ew. Ex- 
jellen; der Herr FSinanzminister die in dem gefälligen Schreiben vom 29. v. M. geäußerten 
Bedenken als erledigt annehmen werden. 
Von dem Versuche, die Regierungen der Elbuferstaaten zur sofortigen Sistierung der 
Elbzollerbebung unter Vorbehalt der Entschädigungsfrage m vermögen, ist diesfeits, wie 
ich schließlich ganz ergebenst bemerke, um deswillen Abstand genommen worden, weil über 
die Erfolglosigkeit eines solchen Versuches nach den Erwiderungen auf das diesseitige 
Girkular vom 6. Juni d. J. von vornherein kein Sweifel bestehen konnte. 
1220. Delvatschreiben an den Staatsminister von Roon. 
[Entwurf von der Hand des Vortragenden VRats Bucher] 
Am 21. November hatte Kriegsminister v. NRoon ein Dromemoria über die Behandlung 
der undeseigentumsfrage in der wiedereinzuberufenden Liquidationskommission überfandt. 
Danach boten sich für die Lösung der Bundeseigentumsfrage drei Möglichkeiten: 1. Völlige 
Abfindung der Cigentumsanjsprüche des Nordens (6 402 236 Gulden) durch den Sücden, die aber 
diesem Iitangien lehr schwer fallen werde; 2. Verzichtleistung des Nordens auf seine Eigen- 
tumsrechte im Süden zugunsten des letteren; 3. vorläufiges Vortbestehen der bisherigen Eigen- 
tums- und Belitzverhöltnisse durch Verabredung eines modus vivendi. Das Kriegsministerium 
neigte in erster Linie einer völligen und reinlichen Auseinandersetzung m; in einem Sortbesteben 
der bisberigen Einrichtung wollte es nur einen Notbebelf für den Jall seben, daß die augenblick- 
liche politische Lage ein entschiedenes Vorgeben in der deutschen Wehrfrage nicht gestatte. In 
leinem Begleitschreiben sprach sich Roon für eine rasche BVerasung der Liquidationskommission 
aus, indem er gleichzeitig den Abteilungschef im Grohen Seneralstabe Oberstleutnant Grafen 
* Wartensleben und den Major Crüger vom Kriegsministerium als preuhische Bevollmächtigte 
benannte. Bismarck war, wie eine Veihe Fritischer Nandbemerkungen zu dem Dromemoria 
leigen, mit der einseitigen Betonung der militärischen Interessen Preuhens, die sich darin aus- 
rrach, nichts weniger als zufrieden; für ihn überwog das politische Interesse, möglichst enge 
und freundschaftliche Beziehungen zu dem Süden, insbesondere uu Bagern und seinem leitenden 
Staatsmann, dessen gelegentliche Seitensprünge er nachsichtig beurteilte, aufrechtzuerbalten. 
Er war daher auch, als er aus einem Bericht Sreiherrn v. Wertberns vom 7. Dejember den 
Wunsch Hobenlobes erjsab, das Zufammentreten der Liquidationskommission noch ellsgeschoben 
m jeben, ohne weiteres entschlossen, darauf Rücksicht ju nebmen. 
Berlin, den 7. Dezember 1868. 
Ew. pp. habe ich ganz ergebenst m benachrichtigen, daß der Sürst Hobenlohbe, auf die 
ihm zugekommene Kunde, daß man hier im Kriegsministerium mit der Wabl der Kom- 
milsarien zur Liquidationskommission beschäftigt Jei, dem diesseitigen Gesandten u erkennen 
gegeben hat, daß er für seine Person einen Aufschub gern sehen würde. Die Sendung des 
Obersten von Lescihnski-, in der man preußischen Einfluß wittere, habe in München eine 
unglaubliche Menge Staub aufgewirbelt; er werde darüber von allen Seiten interpelliert; 
2 Richt bei den Akten. 
1220.1 Das Schreiben gelangte nicht uur Absendung 
? Vgl. Ar. 1218, Vorbemerkung. 
VIn —
        <pb n="464" />
        450 Sohenlohe u. der Zusammentritt der Liquidationskommission. England u. die deutsche Einigung. 
die Luft sei in diesem Augenblicke gar nicht günstig, das Erscheinen preußischer Militärs 
würde eine große Aufregung verursachen. Es scheine ihm zweckmäßiger zu warten, bis die 
Kammern, die in diesen Tagen zusammentreten, im vollen Juge seien. 
Obgleich mir ein baldiger Zusammentritt der Kommisson lieber wäre, so finde ich es 
doch bedenklich, einen derartigen persönlichen Wunsch des Fürsten Hohenlohbe abzulehnen. 
Der Jürft ist unser bester Sreund in Bayern und hat eben um deswillen eine schwierige und 
bedrohte Stellung. Wir haben ihn gegen die Strömungen der ultramontanen, östreichischen, 
französischen ulnd] specifisch bairischen Cinflüsse zu unterstützeni. Wenn wir das durch einen 
kurzen Aufschub erreichen, ulnd) ich habe kein Mißtrauen in seine derfalsige Versicherung", 
so ist der Gewinn nicht zu teuer bezablt. 
Bei der nabeliegenden Gefahr, den Grund des Aufschubs von der Presse in ent- 
stellender und feindseliger Weise behandelt m seben, darf ich mir die ganz ergebene Bitte 
erlauben, daß Ew. pp. diese Mitteilung nur als zu Shrer perfönlichen Kenntnisnahme 
bestimmt betrachten wollen. 
1221. Telegramm an den Botlschafter in London 
Grafen von Bernstorff. 
[Kanzleikonzept.]“ 
Bis tief in das Jahr 186s binein hatte sich Bismarck der Erwartung bingeben dürfen, 
dah die englische Regierung einer Lösung der deutschen Srage im Sinne eines JZusammen-- 
schlusses des Südens mit dem Vorden keine Hindernisse in den Weg legen werde. Es war freilich 
nicht richtig, was Professor Bluntschli gelegentlich der Tagung des Sollparlaments (ogl. Soll- 
parlaments-Briefe des Professors Bluntschli, mitgeteilt von H. v. Poschinger, Deutsche Reoue, 
XXD2, S. 28) in Erfabrung gebracht haben wollte; daß die englischen Staatsmänner im 
MAüärt 1868 geraten hätten, „vorwärts m machen in Deutschland und ein tait accompli 
bin#u#stellen“. Im Gegenteil hatte der englische Staatssekretär Lord Stanley im Januar 
gegenüber Graf Vernjiorff seine Auffassung dabin präzisiert: „Lassen Sie Frankreich und 
ÖOlterreich Zeit, sich an die neuen Verbältnisse u gewöhnen, und wenn sie sich daran gewöhnt 
haben, wird sich die Bereinigung des deutschen Südens mit dem Norden auch ohne beftige 
Erschütterungen vollziehen.“ Dgl. H. Michael, Bismarck, England und Curopa, S. 99f. Au 
Dieroeli datte im Märj sich auf den Standpunkt rubiger SJortentwicklung gestellt; seine 
Auherung ju Vernstorff „certainly we do not wish Prussia to be disturbed in her disgestion“ 
(Vernstorsf an Bismarck e. Aärt 1868, Bismarck-Jahrbuch, VI, 190) zeugte immerbin von 
einer freundlichen Gelinnung für Preußen. Aber bereits im Grübling 1668 war der Bestand 
der konservativen Regierung in England erschüttert, und es fragte sich, wolche Haltung ein 
liberales Kabinett in der deutschen Srage einnehmen würde. Als künftiger Staatslekretär des 
Auhern galt im voraus der Vorgänger Lord Stonleys, Lord Clorendon. Dieser unternohm 
im Grühherbst 1868, wohl schon im Hinblick auf seinen Wiedereintritt in dos Foreign Oftice, 
eine Veije nach dem Kontinent, zunächst nach Deutschland, dann nach FSrankreich. In Wiesbaden 
und Koblenz batte er Unterredungen mit König Wilhelm I. und Königin Augusta, in Paris 
mit Rapoleon III., Marquis de Woustier und dem österreichischen Diplomaten Graf Bitztbum, 
der den Fürsten Metternich vertrat. Von seinen Gesprächen mit M#poleon gab Lord Clarendon 
der Königin Augusta in einem ausführlichen Memorandum vom 28. Cktober (liebe dessen 
Cext bei H. Oncken, Die Wbheinpolitik Kaiser A#poleons III., III, S1f., wo irrtümlich als 
Adressatin Königin Victoria angegeben ist) Kenntnis. Danach batte Rapoleon sehr deutlich 
m versteben gegeben, dah schon der Eintritt Badens in den Norddeutschen Bund für Srank- 
„ Die Worte: „gegen die Strömungen . eigenbändige Korrektur Bismarcks. 
DieWorte: „ulndl ich babe kein Mihtraun ... eigenbändiger Einschub Bismarcks. 
1221.: Das Konjept beruht laut Akttennotih auf Diktat Bismarcks und trägt den Vermerk von der Hand 
Chiles: „Von Seiner Maosestät genehmigt.
        <pb n="465" />
        Lord Clarendon für europöische Garantie des Prager Friedens. 451 
reich den Kriegsfall bedeuten würde, und er hatte zur Sicherung dagegen „quelques nouveaux 
actes diplomatiques, duelques garanties formellement rencuvelées du Traité de Prague“ 
verlangt. König Wilhelm übersandte das Clarendonsche Memorandum am a. NRovember an 
Bismarch mit dem Bemerken: „Die Congreß-SIde Aapoléons ist als fixe Idée zu betrachten, 
wenn die Congresse große Commotionen schließen sollen, so würde jetzt einer sie schaffen (Anhang 
tu den Gedanken und Erinnerungen, I. 184 f.). Sicherlich ist das nicht als eine Justimmung 
des Königs zu der Kongrehidee zu deuten. An Augusta schrieb Wilhelm I. am gleichen Cage: 
„Sreilich gebet Aapoléons Friedensliebe nur bis an den Main, und Du wirfst Dich immer 
mebr überzeugen, wie nothwendig es war, von Haus aus die Badenschen Wünsche einer 
le Gouvernement britannique, dans qduelques mains qu’il se trouve après le dénouement 
de la crise électorale. prit Pinitiative d’une négociation destinée à consacrer le statu 
aduo de IAllemagne, tel qu’ril résulte du traité de Prague. 4 en assurer le rigoureux 
maintien et à obtenir ’exécution du traitt en ce qui Cconcerne le duché de Sleswig et 
Diplomatiques, XXI 
in Berlin vom 16. Dezember, H. Oncken, Die Abeinpolitik Kaiser Napoleons III., III, 73, 
mehr gedeckt von Curopa, in die inneren deutschen Angelegenbeiten mischen könne, und würde 
also nur die Kriegsgefahr erhöben, statt sie zu mindern. 
Antwort auf Bericht No. 185. 
Einverstanden mit Ew. pp. Antwort an Lord Clarendon, bitte ich jeden neuen der- 
artigen Versuch mit Entschiedenbeit, welche nicht frei von Erstaunen und Entrüstung m. 
sein braucht, mrückzuweisen. Solche Velleitäten bringen Fortdauer des Griedens in jo- 
fortige Gefahr. Wir können über innere deutsche Angelegenheiten mit fremden Mächten 
nur unter Mitwirkung und Einverständnis des Norddeutschen Reichstages verhandeln und 
würden jede in dem fraglichen Sinne an uns gelongende Eröffnung zur Kenntnis desselben
        <pb n="466" />
        452 Bismarck lehnt Veto des Auslandes in Einigungsfrage a limine ab. 
bringen müssen, eventuell den Reichstag m diesem Zwecke früher zusammenberufen. Unser 
Verbalten seit zwei Jahren beweist binreichend unsere Enthaltsamkeit hinjichtlich Süd- 
deutschlands. Wenn dieselbe auch durch unfere Sriedensliebe bestärkt wird, so entspringt 
sie doch nicht aus der Furcht vor dem Kriege. Benehmen Sie Lord Clarendon jeden 
etwaigen Sedanken, als wenn wir dem Kriege mit Besorgnis vor dessen Ausgange ent- 
gegensähen. 
Vorstehendes nur für den Fall, daß bis zum Eingang meiner schriftlichen Antwort 
Lord Clarendon auf das Thema zurückkommen sollte. 
H. Michael, Bismarck, England und Europa von 1866 bis 1870, S. 215. 
1222. Erlaß an den Botschafter in London 
Grafen von Beenstorff. 
[Kanzleikonzept.)] 
Verlin, den 8. Dezember 1868. 
Ew. pp. Immediatbericht vom 4. d. M. Ar. 185° habe ich nicht ohne peinliche Über- 
raschung gelesen, da ich Lord Clarendon in höherem Grade über unsere Situation mit allen 
ihren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten orientiert glaubte. 
Unsere Politik seit dem Prager Grieden hat sich das Seugnis der AMäßigung nach allen 
Seiten hin erworben und dieselbe auch in der SCnthaltsamkeit von jeder Einmischung in 
die süddeutschen Angelegenbeiten bekundet. Der Prager Srieden gibt uns ein unbestreit- 
bores Recht, uns, wenn wir es wollten, mit den Angelegenbeiten Süddeutschlands zu be- 
fassen: einmal um die Herstellung des zu Prag in Aussicht genommenen süddeutschen Bundes 
zu fördern, sodann um die in jenem Frieden gewollten nationalen — nicht internationalen 
— Beziehungen zu Süddeutschland zu regeln. Der Prager Grieden schließt nur die Ein- 
mischung Österreichs in die deutschen, also auch in die süddeutschen Verhältnisse aus und 
begründet diejenige Srankreichs in keiner Weise. 
Ungeachtet dieser Berechtigung und Aufforderung, die jener Sriedensvertrag uns 
zuwies, haben wir die Cntschließungen der xsüddeutschen Regierungen in keiner Weise zu 
beeinflussen gesucht. Bei dlesem Verfahren haben wir uns durch keine Furcht vor einem 
Veto des Auslandes leiten lassen. Jeder gewalttätige Versuch fremder Alächte, der 
deutschen Ration ihren Willen aufzudrängen, würde die letzte einig und stark genug finden, 
um ihre Unabhängigkeit zu wahren. Was uns von einer Einwirkung auf den Süden ab- 
hielt, war Rücksicht auf die süddeutschen Staaten und Achtung vor der Unabhängigkeit 
ihrer Entschließungen. Es würde eine sehr törichte Politik jein, wenn wir die in Europa 
bekannte Stimmung der süddeutschen Regierungen und ihrer Untertanen, den hohen Wert, 
den beide auf ihre Unabbängigkeit legen, und ihre Abneigung gegen den Verlust ihrer 
eigenen Gnstitutionen durch irgendwelche Pression auf dieselben zu beleitigen versuchen 
* Das Konzept beruht laut Astennotiz auf Diktat Bismarcks. Es trägt den Vermerk: „Von Seiner 
Majestãt im Entwurf genehmi migt“. 
2 Vgl. Ar. 1221, Vorbemerkung.
        <pb n="467" />
        Bismarck droht, Einmischung des Auslandes vor den Aeichstag m bringen. 453 
wollten. Wir würden diese Elemente des Widerstrebens dadurch nur reizen und stärken, 
und die Berhältnisse des Norddeutschen Bundes sind ihrerseits bisher nicht ausreichend 
erstarkt, um sie zur Grundlage unsicherer Experimente zu machen. Diese Erwägungen sind 
es, welche unsere Politik bestimmt haben und auch ferner maßgebend sein werden. Es ist 
nichts geschehen, wodurch Preußen irgendwie den Frieden gefährdet oder nur den Verdacht 
dam auf sich gezogen haben könnte. Sleich allen europäischen Nationen wünscht die 
deutsche den FSrieden und bedarf seiner. Aber damit ist nicht gesagt, daß Deutschland den- 
lelben auch nur durch die allergeringste Konzession auf Kosten seiner nationalen Würde und 
Unabbängigkeit erkaufen möchte. Eine golche würde aber gefunden werden in der Zu- 
lallung einer Controlle der innern Angelegenbeiten des deutschen Volkes durch fremde 
MAächte'. Die Stellung einer Regierung, welche dazu die Hand m bieten Miene machte, 
würde von dem Tage an eine undaltbare sein. Schon allein das Bekanntwerden der Er- 
öffnungen, die Lord Clarendon Ew. pp. vertraulich gemacht hat, würde eine lebhafte 
nationale Entrüstung bervorrufen, welche sofort im Preußischen Landtage und in der 
Presse aller Länder um Ausdruck gelangen würde. Sch beabsichtige daher im Snteresse 
der Rube und des Vertrauens der öffentlichen Stimmung, Ew. pp. Mitteilung geheim zu 
halten, da ich den Außerungen, welche der jetzige Minister früher als PDrivatmann getan. 
eine amtliche Bedeutung beizulegen nicht verpflichtet bin; gsollte jedoch Lord Clarendon als 
britischer Minister auf ähnliche Cröffnungen Shnen gegenüber zurücklkkommen, so wollen 
Sie ihn von Hause aus darauf aufmerksam machen, daß ich es nicht für tunlich balten 
würde, die Verantwortlichkeit für so ernste Verhandlungen auf das Königliche Kabinett 
allein zu übernehmen, sondern daß ich mich in der Rotwendigkeit fähe, zu denselben, bevor 
ich mir irgendeine Außerung erlaubte, alle deutschen Regierungen zuzuziehen und den Aord- 
deutschen Reichstag zur Bekumdung der nationalen Auffassungen in Stand zu setzen. 
Ich füge noch hinzu, daß Seine Majestät der König diesen Erlaß seinem vollen Um- 
fange und Wortlaut nach zu billigen geruht haben. Im übrigen besiebe ich mich auf den 
gleichfalls von Seiner Majestät dem Könige genehmigten Text des Telegramms Tr. 21 
vom 7. d. Al.-. 
H. Michael, Bismarck, England und Curopa von 1866 bis 1870, 5. 395f. 
*1223. Erlaß an den Geschäftsträger in Stuttgart 
Grafen von Dönhoff. 
[Kongept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.) 
In der Thronrede, mit der iug Karl I. von Württemberg am 4. Dezember die Stände- 
versommlung eröffnet hatte, war mit desondrrer Betonung det „Selbständigkeit Württembergs“ 
gedacht worden: „Im Verein mit meinem Volke werde ich die Selbständigkeit Württembergs 
wahren, im Einklang mit ihm werde ich die nationalen Interessen Eslegen — mit ihm werde ich 
die Pflichten gegen das weitere Baterland treu und patriotischen Sinnes erfüllen“. Diesem 
Pafslus der Thronrede suchte Freiherr v. Varnbüler gegenüber dem preuhischen Geschäftströger 
Der Sah eigenbändiger Zufatz Bismarcks. 
Es war nicht der Sall, l. 5. Aschel Bismarck. England nd urona. 5. 187. Im Iegenteil rte 
ich “W. als n E 5 6 ter “ kter E□ Baenhrh th 4— bolnsn ein. E 
1 in Preußen getäu und sebe a reuhen eu ei 8 
Hch 105 1 *— abres * leiner Pektu zu 72 P7t . a. O., S. us 
Siehe 121.
        <pb n="468" />
        454 Unklare Auherungen Varnbülers über casus foederis. 
die Deutung zu geben, als werde Württemberg auch über die Schranken der mit Preuhen ge- 
schlossenen Verträge binaus für die nationalen Interessen einstehen. „Er wolle“ — so gab Graf 
Dönhoff in einem Berichte vom 6. Dezember die Barnbülerschen Außerungen wieder — „#. B. 
den Fall setzen, daß Preußen in einen Krieg verwickelt würde, an welchem teilzunehmen die Ver- 
träge Württemberg nicht binden, so würde dasselbe dennoch nicht loudern, Preußen jur Seite 
m stehen, wenn die nationalen Interessen dadurch gefördert würden". Diese Außerung Barn- 
bülers rief in Bismarck die Erinnerung an jenen früheren ominösen Ausspruch des württem- 
bergischen Ministers (ogl. Nr. 1014) wach, der der württembergischen Regierung allein die 
Kognition über das Eintreten des casus foederis erbalten wollte. 
Berlin, den 10. Dezember 1868. 
Sür die Aufklärungen über die Redaktion der Thronrede und über die Tendenz der 
auf die auswärtigen Verhältnisse bezüglichen Stellen derselben sind wir Herrn von Barn- 
büler dankbar, und in Beantwortung des gefälligen Berichtes vom 6. d. Al. ersuche ich 
Ew. pp., dies demselben auszudrücken, dabei aber zugleich folgendes zur Sprache zu bringen. 
In seinen Erläuterungen setzt Herr von Varnbüler den Sall, daß Preußen in einen 
Krieg verwickelt werde, an welchem teilzunehmen die Verträge Württemberg nicht 
bänden. Diese Distinktion ist uns nicht klar. Die zwischen Preußen und Württemberg 
bestehenden Verträge machen sie nicht. Schutz und Trutz und Garantie des Bestehens sind 
wechselseitig. Was follte werden, welche Bedeutung bliebe den Verträgen, wenn auch 
Preußen sich die Unterscheidung vorbehielte, ob casus foederis vorhanden oder nicht? Der 
Gedanke war uns fremd, als wir im vollen Vertrauen auf die Loyalität Württembergs 
die Verträge vom 13. August 1866 abschlossen. 
Müutwillige Angriffskriege liegen nicht in unserer und des Dorddeutschen Bundes 
Politik. Der Bund bat eine Kabinettspolitik nicht zu verfolgen; seine Aufgabe ist Er- 
holtung, Sicherheit. Wie diese Aufgabe einem drohenden Angriffe gegenüber zu erfüllen, 
ob mit Abwarten oder durch Zuvorkommen, das unterscheidet das Schutz- und Trutz- 
bündnis nicht. Trägt Württemberg etwa diesen Unterschied, wir können nicht erraten, 
vermöge welcher Snterpretation, hinein, so müssen wir Akt davon nehmen, und ich würde 
nicht umbin können, auch uns für die Dauer der jenseitigen Auslegung das Necht freier 
Beurtheilung des casus foederis zu wahren und die Divergenz in der Auffassung der 
Verträge bei einschlagenden Berhandlungen im NReichstage zur Sprache zu bringen. Wir 
haben die Bündnisse mit den süddeutschen Staaten im nationalen nteresse geschlossen, 
glaubten damit eine nationale Chrenpflicht zu erfüllen. Eine golche Bedeutung können sie 
aber nur haben, wenn sie von beiden Seiten gleich verstanden werden. 
Ew. pp. wollen sich gefälligst nach Anleitung dieses Erlasses gegen Herrn von Varn- 
büler aussprechen und ihm ausdrücklich die Srage vorlegen, worauf er die Unterscheidung 
gründet von Fällen, in denen nach den Verträgen der casus foederis für Württemberg 
vorliege oder nicht-. 
1 Die Worte „auch uns für die Dauer eigenbäöndiger Zusatz Bismarcks. Am Schluß des Er- 
lalles findet sich noch eine kleinere Korrektur von seiner Hand. « 
IAm14.Duemberbe»xichtcteGrafdsnboffiiberdieAusfiihtungdFsAuftras.Dannhats- 
Varnbüler ihm erklärt, es hötte durchaus nicht in seiner Ablicht gelegen, die Srage des casus #oederis 
wieder aufzuwerfen, vielmehr habe er nur die volle Lopyalität Württembergs in der Einhaltung der Ver- 
träge detonen wollen. Varnbüler lieh Bismarck daher bitten, auf die Frage, aus der deutlich ein Mißtrauen 
klang, nicht insistieren zu wollen. Bismarcke ließ darauf om 19. Degember dem Grafen Dönhoff durch 
Tbile mitteilen, er möge Varnbüler logen, daß er den Iwischenfall als erledigt betrachte. Am gleichen 
Cage hielt Barnbüler in der Abgeordnetenkammer gelegentlich der Adrehdebatte eine Aede, in der er 
einerseits die volle Loyolität Württenberge in der treuen Innebaltung des Schutz- und Trutzbündnisses mit 
Preuhen betonte, anbererleits den Südbundplänen eine runde Absage erteilte. Siebe den wesentlichen Text
        <pb n="469" />
        Drohender griechisch-türkischer Konflikt. 455 
1224. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Heirrich VII. Drinzen Reuß. 
[Kontept von der Hand des Vortrogenden Aats Abeken.: 
Kaum war, dank Bismarcks energischem Eingreifen in Bugarest (ogl. Nr. 1214), durch 
die Sataslung des Ministers Bratiano die Gefahr beschworen, daß sich an einem türkisch- 
rumänischen 
Dforte die Beziehungen zu Griechenland abbrechen wolle. Die Vertreter Englands, ÖOsterreichs 
und Grankreichs schienen das scharfe Vorgehen der Pforte m billigen, wenn sie es nicht gar 
lelbst angeregt bätten. Dagegen suche der russische Vertreter mäßigend auf die Pforte zu wirken. 
Bismarck mußte aus dieser Meldung den Eindruck gewinnen, daß Österreich und Frankreich, die 
schon in der türkisch-rumänischen Spannung ihre Hand im Spiele gehabt hatten, nun den Konflikt 
an einer anderen Stelle zum Ausbruch bringen wollten. Er lieh den Grafen Brassier zunächst 
am 5. Dezember anweisen, sich bis auf weitere schriftliche Instruktion ganz reserviert zu verhalten. 
London, Daris und Petersburg telegraphiert wird, bei Ihren Kollegen wirken.“ Es ist seaich. 
eust 
wirken. So hielt es denn Bismarck an der Seit, in einen Meinungsaustausch mit Rußland 
darüber einzutreten, was im Hinblicke auf das anscheinende Bestreben des Grasen Beufk, die 
orientalische Frage vorwärts zu treiben, zu tun sei. Sleichzeitig wies er den Gesandten v. Wagner 
in Atben an: „Wo sich Gelegenbeit zu beruhigender und mähigender Einwirkung auf griechische 
Rehierung dardietet, versagen Sie Ihre Mitwirkung nicht.“ . 
Ganz vertraulich. Berlin, den 10. Dezember 1868. 
Ew. pp. habe ich durch mein Celegramm Nr. 30 vom gestrigen Tage den Wunsch und 
das Vertrauen ausgesprochen, welches Seine Majestät der König hegt, daß es der Weisheit 
der Garantiemächte Griechenlands gelingen werde, den zwischen diesem Lande und der Türkei 
drohenden Konfliktt zu verhindern. Sch setze voraus, daß dies auch ernstlich in der Absicht 
der beiden Westmächte liege; und da nach Ew. pp. Telegramm vom 7. d. M. auch die 
Kaiserlich Rufsische Regierung einen mäßigenden und zur Klugbeit ratenden Einfluß in 
Athen auszuüben bereit ist, so darf ich mich der Hoffnung bingeben, daß sich für Griechen- 
land ein Ausweg werde finden lassen, um ohne Gefährdung des Thrones die normale Lage 
gegenüber der forte wiederberzuftellen. 
Wenn aber auch der Sriede nicht kompromittiert werden follte, so ist es doch immer 
zu beklagen, daß dem öffentlichen Vertrauen durch diese drohende Situation und namentlich 
durch die lötzlichkeit, mit welcher sie eingetreten, ein Stoß versetzt worden ist. Auch wir 
sind durch diese Krisis überrascht worden; nach unseren Berichten aus Atben und Konstan- 
tinopel waren wir weder auf die Expedition, welche den letzten Anstoß zu den türkischen 
Entschlüssen gegeben, noch auf die letzteren selbst vorbereitet. Die Gefahr, welche in der 
der Rede in Schultheb’ Europäischer Geschichtstalender. Ig. 1869, S. 16. 1.D Bismarck ließ darauf am 
23. Delember an den Gesandten v. Vosenberg telegrapbieren: „Teilen Sie Herrn o. Varnbüser mit, daß 
Seine Majestät der König durch seine neuliche Rede auf das angenehmste berübrt worden, und lagen Sie 
ihm auch in meinem Aamen Dank für diese offene Auslprache.“ 
1 Abekens Konzept liegen längere Aotiken Buchers zugrunde über den ihm von Bismarrtk angegebenen 
Inbalt des nachfolgenden Erlasses.
        <pb n="470" />
        456 Gedankenaustausch mit Petersburg über Orienthandel. Hat Beust Hand im Spiel? 
Möglichkeit des wiederholten plötzlichen und unerwarteten Auftauchens solcher xritischer 
Situationen entbalten ist, legt uns das Bedürfnis nahe, uns mit der Kaiserlichen Regierung 
m besprechen. Wir glauben damit im Sinne der Kaiserlichen Regierung zu handeln, welche 
mit uns den Wunsch nach Erhaltung des Sriedens ulnd] das gegenseitige durch die Gleich- 
artigkeit der Auffassungen ulnd) Interessen bedingte Vertrauen: teilt. Die Nachrichten, 
welche die Kaiserliche Regierung auf mannigfaltigen Wegen über die Situation des Orients 
empfängt, sind nach der ganzen Aatur ihrer Snteressen in diesen Gegenden und ihren daraus 
folgenden Beziehungen zu denselben notwendigerweise eingehender und glaubwürdiger als 
diejenigen, welche uns zu Gebote stehen können. Wir würden es dankbar anerkennen, wenn 
die Mitwirkung der Kaiserlichen Regierung zu einem lebhafteren Austausch der Ideen und 
Auffassungen über die orientalische Srage uns in den Stand setzte, uns über eine gemein- 
same oder analoge Haltung bei plötzlich auftauchenden Gragen rechtzeitiger zu verständigen, 
als es 3. B. in diesem Salle möglich gewesen ist. » 
öchbitteckv.pp.dielenGegenstandmitdemsiirltenReichskanzletvertraulich-zube- 
sprechen.DerlelbewirddieBedeutungeinesGedankenaustaulchsnichtverlcennen,welcher 
dam führen soll, die beiden Regierungen in den Stand zu setzen, gemeinsam und rechtzeitig 
die zur Erbaltung des Friedens dienenden Mittel aufmsuchen, wenn derselbe durch unvor- 
bergesebene Ereignisse oder durch unerwartete Wendungen der österreichischen Politik 
gefährdet wird. Ich will Ew. pp. nicht verbehlen, daß wir Sefahren für den 
Grieden gegenwärtig weniger in Paris, wo das Bedürfnis des Friedens für jetzt 
wenigstens die etwa vorhandene Lust am Kriege überwiegt, als in der unruhigen Haltung 
des Wiener Kabinetts findens. Wenn die verschiedenartigen Cableau's, in welchen die 
diplomatische ulnd] publicistische Thätigkeit des Leiters der östrleichischen) Politik die eigne 
Persönlichkeit ulnd] ihre Bedeutung dem Publikum zur Anschauung zu bringen bestrebt ist, 
überhaupt ein staatsmännischer Gedanke durchzieht, so scheint es der zu sein“, auf der 
Konstellation eines Zusammentreffens der polnischen und der orientalischen Frage für 
Osterreich ein solidarisches Susammengeben mit beiden Westmächten zu ermöglichen. Der 
österreichische Reichskanzler schmeichelt sich vielleicht, in einer solchen Lage der Dinge für 
ulnd] durch Oestreich eine ähnliche Wichtigkeit zu gewinnen, wie zur Seit des orientalischen 
Krieges, wo seiner Meinung nach Grlaf] Buol sie nicht auszbeuten verstand, oder wie 
Glürst) Metternich während des Waffenstillstandes im Jahre 1813 sie hatte, wo er das 
entscheidende Gewicht in die Schale derjenigen legen konnte, welche ihm am meisten zu 
bieten hätten“. Um der Entstehung einer solchen Konstellation im Keime entgegenzutreten, 
2 Die Worte: „ulnd] das gegenseitige ..“ eigenhändiger Zusatz Bismarcks. 
2 Diese Auffassung Bismarcks war insofern begründet, als im Spätherbst 1868 Beust durchaus das 
treibende Element in der Vichtung eines mittels der Orientfrage herbeimfübrenden Krieges mit Preuhen 
(und Ruhland) war. Bgl. dazn die bei H. Oncken, Die Abeinpolitik Kaiser Aa#poleons III., III, Sr ff. m- 
sommengestellten Aktenstücke, ferner die msammenfassende Darstellung bei E. v. Wertheimer, Zur Vorgeschichte 
des Krieges von 1670, „Deutsche Rundschau“, 185, S. 21 ff. Aber auch Aapoleon war doch ohne weiteres 
bereit, in einen sich aus der orientalischen Srage entwickelnden Krieg gegen Preußen und Auhland ein- 
mtreten und mu diesem Iwecke im voraus militärische Abreden zu treffen. 
Der erste Teil des Satzes eigenhöndiger Einschub Bismarcks, der dann folgende beruht auf Karken 
Zusammenstreichungen eines längeren Abekenschen Hassus. . 
IDeröatiltweltqebmddutcheigenhäwigekonekturenandZulsseBismakckcsbeltimmt
        <pb n="471" />
        Preuhisch-russisches Jusammenwirken für Frieden. Unsichere Beförderung Madrider Berichte. 457 
scheint es geboten, den abenteuerlichen Wendungen jener Politik in London und Paris 
rechtzeitig die Spitze abzubrechen und ihren friedensgefährlichen Charakter öffentlich bloß- 
zmlegen. Dazu dürfte ein Zusammenwirken Preußens und Rußlands, wie es durch den 
angedeuteten Ideenaustausch ermöglicht werden würde, nützlich sein. 
Ich habe dem Baron Oubril ebenfalls mündlich diese Gesichtspunkte entwickelt; Ew. 
pp. Besprechungen mit dem Sürsten Gortschakkow werden natürlich einen ganz vertrau- 
lichen Charakter tragen; und bei Shrem vollständigen Verständnis unserer Bejiehungen 
zu Rußland brauche ich kaum anzudeuten, daß bei dem Wunsch eines lebhafteren Ideen- 
austauschs jede Empfindlichkeit über mangelnde Mitteilung oder Orientierung uns feblt 
und nur der Wunsch vorwaltet, gemeinsam dem Grieden zu nützen, welcher in der Tat 
das einzige Motio unseres Vorschlages ist. 
ABachschrift. Sch teile die in Ihrem gefälligen Bericht Ar. 182 vom 7. d. M. 
ausgesprochene Bermutung, daß Graf Beusft, wie er in den rumänischen Sürstentümern 
durch Hilfe Bratianos die Agitation nicht nur ausgebeutet, sondern auch zu unterhalten 
und zu fördern sich nicht gescheut hate, auch bei der gegenwärtigen Recrudescenz der türkisch- 
griechischen Berbältnisse das Agens gewesen sei. Vachrichten aus Konstantinopel sagen, 
daß Baron von DProkesch in erster Linie tätig gewesen ist, die gegenwärtige Crifis vor- 
zubereiten ulnd) persönliche Verstimmungen seiner westmächtlichen Collegen berbeimführen 
ulnd] auszubeuten. 
Teilweise bei H. Wichael, Bismarck, England und Europa von 1866 bis 1870. S. 190. 
*1225. Erlaß an den Gesandten in Madrid 
Freiherrn von Canitz. 
[Konzept von der Sand des Vortragenden Rats Bucher.) 
Berlin, den 10. Dezember 1868. 
Ew. pp. habe ich mit den Gefahren unsicherer Beförderung für mehr vertraut ge- 
balten, als aus Ihrem chiffrierten Bericht vom 4. d. M. abzunehmen ist. Daß ein fraonzö- 
sischer Kurier nach den TCraditionen seiner Regierung ihm von einem fremden Diplomaten 
anvertraute Depeschen zur Eröffnung bergibt, scheinen Ew. pp. selbst nicht zu bezweifeln. 
Welche Nachteile aber daraus entstehen können, wenn Ew. pp. Berichte einer golchen 
Prozedur verfallen, liegt zum Teil schon in meinem Erlasse vom 28. Cktober: ausgedrückt, 
in dem ich den Königlichen Geschäftsträger darauf aufmerksam gemacht habe, daß fremde 
Mächte ein Snteresse haben könnten, uns mit der proviforischen Regierung oder einzelnen 
Mitgliedern derselben zu verfeinden. Es ist nicht lange ber, daß wir eine Erfahrung der 
Art gemacht haben, daß ein wichtiger Gesondtschaftsbericht infolge eines Versebens durch 
* Vgl. Ar. 1214, Vorbemerkung. 
7 Das letzte Stück des Satzes von den Worten an: „die gegenwärtige Crisis “ elgenbändiger 
S Bismarckss. 
1 Siehe r. 1200.
        <pb n="472" />
        458 Canitz soll seine Berichte vorsichtig befördern. „Altere“ und „neue“ Drovinzen. 
die Post befördert worden war, in einem dritten Gebiete geöffnet, kopiert und der be- 
teiligten Regierung mitgeteilt und zur Verstimmung derselben mit großem Erfolge benutzt 
worden istz. Sch bitte aber ferner zu erwägen, abgesehen von einer solchen Benutzung ein- 
gelner Stückte, welche Gefahr für den Königlichen Dienst, welcher Rachteil für unsere diplo- 
matische Tätigkeit schon darin liegen würde, daß eine WMacht, die ihre eigenen Interessen in 
Spanien zu verfolgen hat, Kenntnis davon erhält, wie Ew. pp. die Vorgänge und die Gu- 
stände ansehen und der Regierung Seiner Majestät des Königs darstellen. Auch wäre eine 
Unterscheidung zwischen gleichgültigen und wichtigen Gegenständen der Berichterstattung 
nicht durchzuführen, da, von verschiedenen Standpunkten und zu verschiedenen Seiten an- 
geseben, derselbe Gegenstand sehr verschiedene Grade von Wichtigkeit annehmen kanns. 
Ich muß daher Ew. pp. dringend ersuchen, Iöhre Ansicht von der Bedeutung der Interessen 
des Könliglichen] Dienstes, welche mit der Geheimhaltung Ihrer Berichte in Verbindung 
stehn, einer nochmaligen Hrüfung zu unterwerfen ulnd]) jedenfalls Sich jeder unchiffrierten 
politischen Berichterstattung zu enthalten, wenn dieselbe nicht auf sicherem Wege vom 
Abgangsorte bis über die Preußlische) Gränze gelangen kann. 
1226. Schrelben an den Staatsmintster 
Grafen zu Eulenburg. 
.[Kontfept von der Hand des Vortragenden Rats Wehrmann. 
Berlin, den 11. Dezember 1868. 
Der Gesetzentwurf, betreffend die Dotationsfonds der Prooinzialhilfskassen in seinem 
Titel und die darauf bezügliche Allerhöchste Ermächtigung vom 2. d. Al. sprechen von den 
provinzial- und kommunalständischen Verbänden „der acht älteren Porovinzen der 
Aonarchie“. Es scheint mir wünschenswert, daß in der Bezeichnung der Segensatz von 
alt und neu möglichst wenig zum Ausdruck gelangt, und ersuche Ew. ECxjellenz ich ganz 
ergebenst, die Beamten Ihres Aessorts im Falle des Einverständnisses danach gefülligst 
zu instruieren. Abschrift dieses Schreibens habe ich den übrigen Herren Staatsministern 
übersandt mit dem Ersuchen um gleichmäßige gefällige Beachtung. 
* 12272. Telegramm an den Gesandten in Wien 
Freiherrn von Werther. 
[Eigenhändiges Konzept.] 
Rückeisichten vermissen lieh. Es war darin u. a. ein Erlaß an Graf Wimpffen in Berlin vom 
Tchich W—3 in dem an dem Verhalten Preußens in der Aordschleswisschen Srage Kritik 
geübt wurde, ferner Meldungen österreichischer Agenten in Bukarest und Jalsu über preuhische 
2 Gemeint dürfte der Bericht Sreiherrn v. Werthers vom 18. Juni 1867 (ogl. Ar. 826) sein, durch 
dessen Veröffentlichung eine lebhafte Mißstimmung in Wien bervorgerufen war. 
2 Der Vest des Erlasses eigenböndiger Zusatz Biemarcks.
        <pb n="473" />
        Neues Osterreichisches Rotbuch. Bismarck baut Hohenlohe goldene Brücken. 459 
Waffenlieferungen nach Aumänien (ogl. dazu Ar. 1214, Vorbemerkung) usw. Ahnliche 
Indiskretionen enthielt das Rotbuch über Italien. In Wien liefen denn auch alsbald wieder 
Beschwerden, besonders von italienischer Seite, ein. Rach einer Meldung GSreiherrn v. Wertbers 
batte der am F. Dezember in den Grafenstand erbobene österreichische Reichskanzler auf die 
Beschwerde des marchese Depoli rühmend des preußischen Kabinetts gedacht, das, obwohl eben- 
falls unzufrieden, sich in würdiges Schweigen bü . . 
Berlin, den 11. Dezember 1868. 
Ich habe das Vothbuch nicht gesehn; nach dem, was die Seitungen daraus bringen, ist 
das kaiflerliche) Cabinet damit amtlich ulnd) unter eigner Sirma in die Arena der Preß- 
polemik in würdeloser Form ulnd] ohne Wahrheitsliebe herabgestiegen. Selbstachtung 
verbietet uns, ihm dahin zu folgen:; wohl aber legt uns der Vorgang die Pflicht auf, gegen 
Grlaf] Beust dieselbe Reserve zu beobachten wie gegen jede böswillige Seitungsredaction. 
Die Möglichkeit, daß dieses Sustem von Dauer sein kann, ändert darin nichts, ulnd] ersuche 
ich Ew. lpp.] um unbedingte Zurückhaltung, wenn Grlaf] Beusft die SInitiative zu politischer 
Besprechung nimmt ulndj letztre Shrerseits zu vermeiden. 
*1228. Telegramm an den Gesandten in München 
Freiherrn von Werthern. 
[Kanzleikonzept.] 
Als Freiherr v. Werthern, gemäß Bismarckes Weisung vom 6. Dejember (siehe Ar. 1216), 
am 10. dem Fürsten Hobenlohe das Befremden des Kanzlers über die Schnelligkeit und Voll- 
Ktändigkeit aussprach, mit der die französische Diplomatie über die Münchener Militärkonferenten 
unterrichtet gewesen sei, wies dieser auf die Möglichkeit bin, daß bayrische Depeschen in Paris 
auf der Post erbrochen seien. Die Möglichkeit Münchener Indiskretionen wollte Hohenlohe nicht 
mgeben. Bismarck, der ja auf ein gutes Verbältnis zu Baopern und Hobenlohe fortgesetzt hohes 
Gewicht gean. baute diesem goldene Brücken, indem er den Hinweis auf die franzölische 
Post aufgriff. 
Berlin, den 14. Dezember 1868. 
Ew. pp. erwähnen in Bericht Ar. 106 die Befürchtung, daß die Schreiben an die 
bayrische Gesandtschaft in Daris von der französischen Post eröffnet worden seien. Sch 
ersuche Sie, den Fürsten Hohenlohe zu fragen, ob er nicht wisse, daß jeder Brief an fremde 
Gesandtschaften von der französischen Post unbedingt gelesen werde. Wir seien dessen so 
sicher, daß wir den Postweg nur benutzten in Sällen, wo wir wünschten, dah die 
frlanzösische) Reglierung) auf diesem Wege vertraulich Kenntniß von unsern Anschauungen 
erhieltet. 
*1229. Schrelben an den Staatsmintster von Koon. 
[Kontept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher]) 
Berlin, den 14. Dezember 1868. 
Das Promemoria über die Behandlung des ehemaligen Bundeseigentums in der nach 
MAünchen einzuberufenden Liquidationskommission, welches Ew. pp. mittels sehr geehrten 
1 Hiernach bat es nicht den Anschein, als ob Bismarck auf die preuhische Pile im Sinne einer Auf- 
nahme der Poerlseo eingewirkt habe. Auch ohne besondere Inspiration e elgien jedoch in dem Gros 
der preuhischen Presse scharse Angrifse gegen Beusft, gegen die lich dieser in einer Instrukrtion an den Grafen 
Wimpffen vom 2. Derember — veröffentlicht im dritten Rotbuch (Nr. 6) — jur Webr letzte. 
1228.4 Der letzte Satz berubt auf eigenhändiger Korrektur Bismarcks.
        <pb n="474" />
        460 Aufschub oder Beschleunigung der Bundesliquidationskommission. 
Schreibens vom 21. v. M. mir mitzmteilen die Geneigtheit gehabt haben:, bespricht die An- 
knüpfungspunkte, welche die Auseinandersetzungs-Verhandlungen für die Entwicklung der 
Wehrkraft Deutschlands zu bieten vermögen. Sch fürchte, daß die Handhabe der percu- 
niären Snteressen, welche in der Srage liegen, zu diesem Swecke nicht stark genug sein 
werde:. Die süddeutschen Staaten werden bei der gegenwärtigen Sachlage leicht Mittel 
finden, um der Erfüllung von Verbindlichkeiten, die ihnen widerstreben, zu entgeben, so- 
lange sie nicht die Anwendung von Gewalt zu fürchten haben. Sollten sie wirklich Geld 
brauchen, um sich unsern Jumuthungen zu entziehn, so würden sie dasselbe aus Quellen, wo 
3½ Millionen kl. — 7½ Miillionen frs. nicht schwer ins Gewicht fallen, mit Leichtigkeit 
erhaltens. Unter dem gegenwärtig etwa Erreichbaren ist meines Erachtens das Günstigste 
die einstweilige Beibehaltung der Gemeinsamkeit des Cigentums an dem beweglichen 
Material der Festungen Mainz, Ulm, Aastatt, Landau mit gegenseitiger Inspektion und 
Kontrolle über die Verwendung des Materials. Ein Anspruch auf das Immobiliar- 
eigentum steht uns nicht zu, könnte jedenfalls von uns nicht erhoben werden, ohne auch 
Ssterreich eingeräumt zu werden. 
Schriftliche Instruktionen, für welche überhaupt das Bedürfnis bei den Verkehrs- 
mitteln der beutigen Seit immer geringer wird, scheinen mir in diesem Galle nicht erforder- 
lich; es dürfte genügen, wenn die Bevollmächtigten ernannt sind, dieselben mnächst mündlich 
seitens Ew. pp. und mir zu orientieren und im Verlaufe der Verhandlungen durch den 
Telegraphen mit Anweisungen zu versehen. 
Die bairlische) Reglierung] wünscht, wie Blarson Werthern uns meldet, einen kurzen 
Aufschub des Susommentrittes der Conferenz“. Ganz abgesehen von politischer Rücksicht- 
nahme auf Wünsche des Flürsstlen) Hoblenlohel, halte ich den Aufschub für geboten, um 
dem bairlischen) Minister Seit zu lassen, die Quelle zu ermitteln ulnd) zu verstopfen, aus 
welcher in München die Mittheilungen nach Grankreich über die bisherigen Berhandlungen 
der süddleutschen] Staaten unter sich geflossen sinde. 
12330. Immedtatberccht. 
[Ausfertigung.] 
OIn der Srage wegen des Zufammentritts der Liquidationskommission neigte König 
Wilbelm I., dem Thile am 13. Dezember darüber Vortrag hielt, der Auffassung des Kriegs- 
ministeriums zu, das trotz des Hobenlobeschen Wunsches nar, einem Aufschub der Angelegenheit 
auf Beschleunigung drängte. Der König richtete in der Frühe des 14. das folgende Billett an 
Bismarck: „Wegen des neuen Bayerischen incickenz-Dunktes wegen der militlärischen! Conferent, 
den mir Thile gestern vortrug, habe ich Rosenbergs Abreise auf beute verschieben lassen, da ich 
es unpassend finde, daß einer meiner Gesandten aus Berlin auf seinen Dosten mrückkehrt ohne 
Instruction in einer brennenden Frage. Mir scheint, Rosenberg müßte instruirt werden, nichts 
von der Bagerischen Mittbeilung zu wissen ulnd] sich dahin zu äuhern, daß wir unseren Devoll- 
mächtigten zur Conferenz ernannt ulnd] in einigen Cagen den Termin des Zusammentritts der- 
1 Vgl. Ar. 1220, Vorbemerkung. 
: Der letzte Satz und der Schluh des vorletzten von den Worten an: „bespricht die Anknüpfungs- 
punkte .. eigenhändiger Zusatz, biw. Korrektur Bismarcks. 
2 Der Satz eigenhändiger Einschub Bismarcks. 
* Vgl. Ar. 1220. 
* Der ganze letzte Absatz eigenhändiger Zusatz Bismarcks.
        <pb n="475" />
        Bismarck rät Berücksichtigung der Wünsche Hobenlobes an. 461 
lelben beantragen würden. — Demnächst aber müßten wir die neue Verschleppeng in München 
bestimmt zurückrweisen ulndl 4 Termin nur wirklich verlangen unter Nennung der Vamen 
der Bevollmächtigten. Sch schreibe Ihnen dies eilig, weil Rojenberg sehr nach Stuttgart drängt.“ 
Berlin, den 14. Dezember 1868. 
Im Laufe der vorigen Woche habe ich von dem Baron von Wertbern einen Bericht 
erhaltens, nach welchem der Sürst Hohenlohe einen kurzen Aufschub des Zujammen-- 
tretens der Liquidations-Kommission wünscht. Sleichzeitig ging mir ein Memoire des 
Kriegsministeriumse zu, in welchem auf Beschleunigung der Sache bingewirkt und 
an dieselbe eine politische Kombination geknüpft wird, welche ich für bedenklich und in 
ihren Voraussetzungen binfällig halte. Ich kann nämlich in keiner Weise die in dem 
Memoire vertretene Ansicht teilen, daß sich wesentliche politische Vorteile aus einer Geld- 
verlegenheit der süddeutschen Staaten bei dierem Teilungsverfahren erreichen ließen. 
Bevor ich Curer Königlichen Maojestät über die nach München zu erteilende Antwort 
Vortrag bielte, habe ich versucht, diese Meinungsverschiedenheit zwischen dem Kriegs- 
minister und mir auszugleichen. In dem Stadium des Schriftwechsels mit ersterem befindet 
sich die Sache augenblicklich. 
Vach der ganzen Stellung des Fürsten Hohenlohe im Lande und zu uns halte ich es für 
untunlich, seine sowohl durch den Freiherrn von Werthern, als durch den Baron von 
Perglas zu erkennen gegebene, also amtlich bierber gelangte Bitte, daß die Berufung der 
Liquidations-Kommission um eine kurze Seit verschoben werden möge, abzulehnen, ohne 
unfre Bejiehungen zu Hohenlohe und respektive dessen Stellung in Bayern und dadurch 
unsere eigenen Beziehungen zu Süddeutschland ganz außer Verhältnis des dadurch ge- 
wonnenen Vorteils zu benachteiligen. In Bayern, welches an Wichtigkeit die beiden 
anderen süddeutschen Staaten überragt, eventuell in kritischen Sällen entscheidend für ihre 
Haltung ifst, ist Hohenlohe der einzige amtliche Posten, auf den wir im deutschen Interesse 
zählen können, und seinen Wünschen in Behandlung unserer Beziehungen zu Bapern haben 
wir bisher erfahrungsmäßig mit Vertrauen folgen können. 
Wenn er auf eine so geringe Berücksichtigung seiner Stellung und seiner Wünsche wie 
den Aufschub einer Grage, deren weitere Behandlung ja doch Monate, wenn nicht Jahre 
erfordern würde, bei uns nicht rechnen könnte, so würden wir vielleicht seinen guten Willen, 
vielleicht seinen Cinfluß vermindern für die Bekämpfung der ultramontanen, österreichischen 
und rbeinbündlerischen Elemente, über deren tödliche Seindschaft gegen Dreußen kein 
Zweifel obwaltet. Um das wissentlich zu tun, müßte meines alleruntertänigsten Dafür- 
haltens ein wesentliches Interesse, welches sonst verloren gehen würde, vorliegen. Ein 
solches vermag ich nicht zu erkennen; die Auseinandersetzung über das Mobiliarvermögen 
der Festung ist für uns nicht wünschenswert, da wir durch sie den einzigen gemeinschaftlichen 
Boden für militärische Verhandlungen in GSriedenszeiten verlieren würden. Eine Heraus- 
zahlung zu verlangen und zu urgieren, um damit etwa Konzessionen zu erzwingen, er- 
scheint mir als eine unrichtige Politik. Bayern und Württemberg würden die Sache ver- 
schleppen, Gegenforderungen aufstellen, wie Bagern schon bezüglich der kurhessischen Exe- 
kution von 1850 andeutet; und müßten sie das Geld durchaus zablen, so würden sie zmei 
Millionen leicht felbst aufbringen, leicht von Frankreich oder ÖOsterreich vorgestreckt er- 
Vgl. Ar. 1220, Vorbemerkung.
        <pb n="476" />
        462 Wilbelm I. nur für kurzen Aufschub. Goltz über Notbuch. 
balten. Aach erfolgter Sahlung würde dann aber eine volle Auseinandersetzung nur das 
Rosiduum gegenseitiger Verstimmung hinterlassen. 
Ich lege dienstlich kein Gewicht darauf, ob der Gesandte von Nosenberg hier oder in 
Stuttgart sich aufhält. Bei der Schnelligkkeit der Berbindung ist er für Instruktionen auch 
dort jede Stunde zmugänglich. Ihn aber ohne Nücksicht auf die uns amtlich kund gewor- 
denen baprischen Wünsche m instruieren und zum Schweigen über dieselben anzuweisen, 
gleichzeitig mit der Ernennung der Bevollmächtigten ohne weiteres vorzugehen, kann ich 
nur ebenso dringend wie ehrfurchtsvoll widerraten. Es würde dem Sürsten Hohenlohe und 
daber unseren Beziehungen zu Bagern weniger schaden, wenn wir unsere Verweigerung 
des Aufschubes offen erklärten und motivierten, als wenn wir über den Schritt des 
Mçünchener Kabinettes stillschweigend zur Cagesordnung gingen 1. 
Ich kann unter diesen Umständen Cure Königliche Mojestät nur ehrfurchtsvollst bitten, 
mir gestatten zu wollen, daß ich diese Angelegenheit meiner politischen Auffassung der Ber- 
hältnisse nach, d. h. in einer für den Fürsten Hohenlohe schonenden Weise auch ferner 
behandle, indem ich mir von dem entgegengesetzten Verfahren Verstimmungen und Nach- 
teile verspreche, welche durch keine damit zu erreichenden Vorteile aufgewogen werden. 
Nandbemerkung König Wilhelms 1.: 
1 Ich habe keineswegs beute früh gemeint, daß wir gegen Bayern stillschweigend 
zur Tagesordnung übergehn sollten, sondern nur Rosenberg sollte das Aeueste aus München 
ignoriren in Stuttgart bei seiner Rückikkehr. Ich muß über öhre Auffassung, warum wir 
in München nicht unseren Bevollmächtigten nennen sollen, noch mündlich Vervoll- 
ständigung erörtern, um so mehr, da Sie selbst nebenstehend sagen, daß unsere offene 
Gurückweisung des Aufschubs uns weniger in München schaden würde. Einem kurzen 
Aufschub werde ich nicht entgegen jsein; darum handelt es sich aber jetzt nicht mehr wie 
vor Wochen, wie Ihnen dies nach Varzin geschrieben wurde. W. 16. 12. 68. 
1231. Erlaß an den Geschäftsträger in Daris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.) 
Am 2. Dejember batte Graf Solms ein Gespräch mit Kaiser Napoleon III. gehabt, in 
dem u. a. abfällige briefliche Außerungen des hoffnungslos erkrankten Botschafters Grafen 
v. d. Goltz über die Art und Weise berübrt wurden, wie das kürzlich ausgegebene Ssterreichische 
Votbuch (ogl. dam Ar. 1227, Vorbemerkung) die Nordschleswigsche Srage behandelte. Graf 
Solms hatte die GSelegenheit wahrgenommen, um dem Kaiser den preußischen Standpunkt 
in dieser Srage zu entwickeln. Siehe den Bericht des Grafen Solms vom 7. Dezember in: 
Bismarck und die Aordschleswigsche Srage, S. 324 f. » 
Berlin, den 15. Dezember 1868. 
Das Gespräch mit dem Kaiser Napoleon, über welches Ew. pp. unter dem 7. d. M. 
(Nr. 335) berichtet haben, ist durch die Erwähnung der Außerungen des Grafen Soltz 
über das Ssterreichische Rotbuch auch auf die Aordschleswigsche Angelegenbeit gelenkt worden. 
Kach Lage der Sache wünsche ich, daß Sw. pp. jede Znitiative m einer Unterhaltung 
über Nordschleswig vermeiden. Sollte der Segenstand von einer anderen Seite berührt 
werden, so wollen Ew. pp. gefälligst erwähnen, daß auch der Preußische Landtag und der
        <pb n="477" />
        Schutz der Griechen im Kriegsfall nur von Schutzmächten zu übernehmen. 463 
norddeutsche Reichstag mitzusprechen hätten, und sich persönlich dahin äußern, daß an 
diesen beiden Orten die größten der vorhandenen Schwierigkeiten zu überwinden sein 
würden. 
Bismarck und die Nordschleswigsche Srage 18664 bis 1879, S. 325 f. 
*1232. Telegramm an den Gesandten in Konstantinopel 
Grafen Brassier de St. Simon. 
[Cigenbändiges Konjept.] 
Nach einem Telegramm Graf Brassiers vom 14. Dejember ltand iu erwarten, daß die 
griechische Regierung ein von dem türkischen Desandten in Athen überreichtes schroffes Ultimatum 
abweisen werde. In Voraussicht dessen hatte der griechische Vertreter in Konstantinopel leinen 
preuhischen Kollegen gebeten, den Schutz der Griechen bei Ausbruch der Seindjeligkeiten zu 
übernehmen. . 
Berlin, den 15. Dezember 1868. 
Schutz der Griechen wird zunächst bei den 3 Schutzmächten oder einer derselben nach- 
zusuchen sein. Wir können denselben, ohne ihnen gerechten Beschwerdegrund zu geben, 
nicht vorgreifen ulnd) haben uns in diesem Sinne in Detersburg, London, Daris aus- 
gesprochen. Paris erklärte Dank dafür, ulnd] daß es eine Kränkung Grankreichs sein 
würde, wenn die Griechen diese Macht, die so viel für Griechenland gethan, übergehn 
sollten. London antwortete ähnlich mit weniger Meigung zu eigner Uebernahme, Peters- 
burg wünschte, wir sollten annehmen. Sleine) Majslestät] befehlen, daß Ew. pp. nach 
Anleitung des ersten Satzes dieser Depesche antworten. 
*1233. Telegramm an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Prinzen Reuß. 
[Kanxzleikon;ept.] 
.Bereits am 12. Dezember batte Bismarck nach London, Daris und Detersburg (Ar. 31) 
mitteilen lassen, dah um Schutz der Griechen innerhalb türkischen Gebiets im Salle eines Aus- 
bruchs der GBeindseligkeiten in erster Linie die Garankiemächte berufen seien, und daß ibnen 
voriugreifen, wie Preußen von Griechenlond zugemutet wurde, verletzend sein würde. 
Berlin, den 15. Dezember 1868. 
Sagen Sie dem Sürsten Gortschakow, mir schiene der richtigste Schachzug der. 
die Griechen zu bewegen, daß lie Srankreich zur Ubernahme des Schutzes auffordern. Die 
französische Aationaleitelkeit würde dann das übrige tun, diesen Schutz effektiv zu machen, 
der österreichischen Intrige die Spitze abzubrechen und das Susammenhalten zu Iprengen. 
Auf unsere mit Ar. 31 übereinstimmende Mitteilung haben wir aus Paris Antwort 
erhalten, nach welcher Srankreich durch Ubergeben der Schutzmächte von seiten der Griechen 
lich gekränkt fühlen, also ohne Zweifel bereit sein würde, den Schutz jelbst zu übernehmen. 
Marquis Moustier würde es als „schreienden Undank“ anseben, wenn sich die Griechen 
an eine andere als an eine der Schutzmächte wendeten, nachdem diese für Griechenland 
Opfer aller Art namentlich an Geld gebracht. 
Aus England weniger Neigung m eigener Beteiligung. 
41 Das Konzept beruht auscheinend auf Diktat Dismarcks.
        <pb n="478" />
        464 Einverständnis mit Paris betr. Griechenschutz. 
*1234. Erlaß an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken) 
Berlin, den 17. Dejember 1868. 
Es ist mir erfreulich gewesen, aus Ew. pp. Telegramm NAr. 61 vom 14. d. M. zu 
erseben, daß unsere Haltung in betreff der an uns gelangten vorläufigen Auherungen über 
die Übernahme des Schutzes griechischer Untertanen in der Türkei bei dem Kaiserlichen 
Kabinett Anerkennung gefunden hat. Wir haben in der Tat auch keinen Augenblick 
im Sweifel sein können, daß es die Dflicht der griechischen Regierung sei, sich mnächst 
mit der Bitte um diesen Schutz an die Schutzmächte zu wenden; und wir haben durch 
unseren Gesandten in Athen ihr diesen Rat erteilen lassen und auch den Königlichen Ver- 
treter in Konjtantinopel beauftragt, dem griechischen Gesandten dasselbe zu erklären. Wir 
balten es auch nicht für unmöglich, daß die drei Mächte gemeinsam den Schutz übernehmen; 
wäre dies nicht tunlich, so schiene uns Grankreich vorzugsweise berufen, seinen Schutz den 
griechischen Untertanen angedeihen zu lassen. Rußland würde nach unseren Eindrücken 
jur alleinigen Übernahme des Schutzes kaum geneigt sein, um der Türkei gegenüber nicht 
in eine falsche Lage zu kommen. England wird von den Griechen selbst als dem bellenischen 
Königreich wenig freundlich angeseben; Grankreich dagegen, welches bei allen golchen 
Verwicklungen immer ein lebhaftes humanitäres und chrifstliches Interesse gezeigt hat, 
würde bei der Übernahme des Schutzes der Griechen überall mit VBertrauen begrüht 
werden. « 
Wünschenswert ist es allerdings, daß darüber eine Erklärung erfolge; denn ein schutz- 
loses Verlassen der griechischen Untertanen, welche zahlreich durch die Türkei verstreut 
sind, würde um so bedenklicher sein, als bei der gegenwärtig in der Türkei berrschenden 
Stimmung Gewalttaten gegen die Griechen nicht außerhalb der Wabrscheinlichkeit liegen 
und selbst die von der Pforte angedrohte Ausweifung, welche sie angeblich auf Agypten, 
Serbien und Rumänien ausdehnen will, ein den gegenwärtigen Begriffen von Humanität 
im Kriege ebenso widersprechender Akt sein würde:, wie die Excesse gegen die Juden 
in Rumänien-. 
*1235. Erlaß an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abekenl!“ 
Ganz vertraulich. Berlin, den 17. Dezember 1868. 
Ich kann nicht umbin, meinem Erlasse in betreff der Übernahme des Schutzes über 
die griechischen Untertanen noch einige vertrauliche Worte über die Haltung des Herrn 
Bource hinzuzufügen. Nach unseren Vachrichten aus Konstantinopel, die uns auch von 
anderer Seite her bestätigt werden, übt Herr Bourée dort eine den vom Marquis de 
Moustier ausgesprochenen Intentionen durchaus widersprechende Sinwirkung aus und 
2 Der Aest des Satzes eigenbändiger Jusatz Bismarcks. 
2 In öbnlichem Sinne folgte om 19. Dezember ein Erlah an Graf Bernstorff.
        <pb n="479" />
        Abschliehende Auseinandersetzung mit Usedom. 465 
drängt die Türkei sowohl im allgemeinen als namentlich in betreff der Ausweisung der 
griechischen Untertanen zu gewaltsamen Schrittent. Wir können dies nur tief beklagen; 
ich teile es Ew. pp. nur mit zu öhrer Orientierung und gelegentlichem Ausdruck des Be- 
dauerns, daß an Ort und Stelle unter den Vertretern der Großmächte nicht dieselbe fried- 
liche und versöhnliche Tendenz vorzuherrschen scheine, wie bei den Kabinetten, und daß 
dort perfönliche Leidenschaften und Sympathien und Antipathien eine Rolle zu spielen in 
Sefahr seien, welche aus der Politikk verbannt bleiben gollte. 
1336. Schrelben an den Gesandten in Florenz 
Grafen von (sedom. 
([Abschrift.] 
Als König Wilhelm I. werst bei Gelegenbeit des Abekenschen Immediatvortrages vom 
. Auguft Gl. Ar. 1177, Anm. 4), dann in seinem Schreiben an Bismarcke vom 8. Augusft 
I. Nr. 1181, Vorbemerkung) die Abberufung des Grafen Uledom von seinem Posten, die 
m'ss in Hinblick auf die Veröffentlichung der „Stoh ins Herz“-Depesche vom 17. Juni 
für erforderlich bielt, prinzipiell zugestanden, aber gerade wegen des Swischenfalls 
— noch für einige Zeit binausgeschoben hatte, fand Bismarck sich 4% l l Schreiben 
an den König vom 15. August, Ar. 1181) mnächst damit ab. Im Auftra eKö#n war 
darauf von Abeken am 20. r ust ein Schrüben an U##dom gerichtet würben #es. * Text 
bei M. Straganz, Zur Geschüchse der wHto ins ins Herz-Depesche“ des Grafen Usedom, ), 
in dem einerseits anerkannt wurde, daß Inhalt seiner Rote den aus Berlin empfangenen 
Mitteilungen gemäß sei und in allem Wesentlichen den richtigen Kriegsplan darstelle, der in 
allerböchstseinen Intentionen gelegen habe“, andererseits aber dem Gesandten Vorhaltungen 
wegen der Fassung und des Kons der Note gemacht wurden, aus dem sich nachträglich solche 
Unmträglichkeiten ergeben hätten. Im NAovember hatte dann Usedom in Berlin geweilt und in 
lseiner Abschiedsaudien; am 20. dem Könige die Belorhnis ausgesprochen, doa. ihm aus dieser 
Sache für sein Amt Gefap ’ könne, worauf der Monarch (ogl. Uledoms Immediat- 
raganz, a. ca. O., S. 50 ff.) in iner gütigen Art erwi iderte,. 
bieroon könne gar keine 83. sein, mmal. 1½ gel I t babe, daß Usedoms Stellung in Stalien 
fortwährend die beste sei. Ob nun Graf Usedom *+4# dieser Jusicherung des Königs nach leiner 
Art in indiskreter Weise gerühmt und dadurch Bismarck von neuem irritiert hat — über 
ungehörige Außerungen Usedoms auf seiner Rückreife über München und Karlsrube berichten 
u. a. Fürst Hobenlobe (Denkwürdigkeiten, I, 340 ff.) und H. Daumgarten (an H. v. Sybel. 
31. Oktober 1665; Deutscher Liberalismus im Geitalter Bismarcks, ed. Julius Handetho 1#, 
420) — od er ob Bismarch schon in der Anheimgabe des Königs aus dem August, daß er „in 
einiger Zeit“ den weiteren Vorschlägen seines Ministerpräsidenten wegen der Abberufung Usedoms 
entgegenseben wolle, einen binreichene. Anlaß zur Wiederaufnahme d groclngesegendeest lsab: 
genug, Bismarcke wondte sich am 17. Dezember in voller Offenbeit an U## lelbst, indem er 
ihn unter Hinweis auf narshifen dienstliche Borkommnisse aus früheren Jahren (ogl. dazu: 
Gedanken und Crinnerungen, I1, 204) zur Einreichung seines Abschiedsgesuches aufforderte. 
Berlin, den 17. Dezember 1868. 
Sw. Exzellenz werden seit längerer Seit, ebenso wie ich, den Eindruck haben, daß eine 
prinzipiell verschiedene Auffassung der Pflichten und Grenzen des diplomatischen Berufs 
unser geschäftliches Susammenwirken erschwert. Schon meine ergebenfsten Mitteilungen 
vom 23. November 1864, 25. Mai, 21. Juni und 21. Oktober 18671 und andere Erlafsse 
1 Vgl. dasu den Bericht Bourses vom 16. Delember (Les Origines Diplomatiques, I, 3v2 ss.) 
nach dem er in der Tat gegenüber den Griechen „une attitude énergique“ empfoblen bat. Auch Fürft 
Gortschakom beklagte sich in einem Telegramm an den russischen Botschafter in Paris vom 16. Dezember 
(#n. a. O., II, 375) über die Haltung Bourées. 
* Siebe den Erlaß vzn 21. Oktober 1667 in Ar. 899. Von den anderen angesogenen „Mitteilungen“ 
12 der Erlaß vom Aovember 1864 einen Fall, in dom Graf Usedom nach Tuffagung Bismarcks 
nicht die erforderliche Ane gewahrt datte, der Erlaß vom 25. Aai 1867 die ungebübrliche 
Va
        <pb n="480" />
        466 Bismarck rät Usedom, sein Entlassungsgesuch einmreichen. 
enthalten Belege unserer Divergenzen in Bejug auf die Behandlung dienstlicher und 
politischer Fragen. Durch die Note aber, welche Ew. Exzellenz unterm 17. Juni 1866 
an den General Lamarmora gerichtet haben, ist die Überzeugung in mir begründet worden, 
daß ich die Verantwortung für die Art, wie Ew. Exzellenz die Stellung eines Königlichen 
Gesandten auffassen und versehen, Seiner Majestät dem Könige und dem Lande gegenüber 
nicht m tragen vermag, sondern die Verpflichtung fühle, Ew. Exzellenz Enthebung von 
Ihrem Posten bei Seiner Moajestät dem Könige zu beantragen, falls Sie nicht selbst einen 
entsprechenden Schritt beabsichtigen sollten. 
Schon im Jahre 1866 würde ich zu diesem Entschlusse gelangt sein, wenn der Indalt 
der bezeichneten NDote, deren Abschrift am Tage der Schlacht von Langensalza in Berlin 
eintraf, damals zu meiner Kenntnis gelangt wäre'. Erst durch die Veröffentlichung der- 
selben bin ich in die Lage gesetzt worden, wahrzunehmen, daß darin Gedanken Ausdruck 
gefunden haben, welche m. E. überbhaupt zu Papier zu bringen in Ew. Czxzellenz Stellung 
bedenklich, einer diplomatischen Aote aber einzuverleiben durchaus unzulässig wor. Ew. 
Exzellenz durften sich nicht verhehlen, daß die Verantwortlichkeit für den Indalt dieses 
Aktenstücks, welche Sie durch dessen Ausantwortung an die Minister einer fremden Macht 
der Regierung Seiner Majestät des Königs auferlegten, für letztere unannehmbar ist. 
Es gilt dies von mebreren Stellen der NMote, aber in erster Linie von derjenigen, durch 
welche volle Berechtigung zu dem Verdachte gegeben wird, als hätten wir bereits lange 
vor Ausbruch des Krieges, also zu der Seit, als Österreich im Bündnisse mit uns gegen 
Dänemark stand, die ungarische Srage im Sinne der Erregung einer Aufwiegelung des 
Volkes gegen den Kaiser, unferen Bundesgenossen, ins Auge gefaßt. Abgesehen von dem 
Verdachte, welcher durch diese Andeutungen auf die Loyalität der Königlichen Regierung 
geworfen wird, gebört es nach meiner Auffassung zu den vornehmsten Aufgaben der 
Diplomatie, künftige politische Bedürfnisse des eigenen Landes niemals aus dem Auge 
zu verlieren, künftige politische Kombinationen nicht als Unmöglichkeiten zu behandeln 
oder eigenmächtig zu gsolchen zu machen. Die Schwierigkeiten, welche Ew. Eazellenz Aote 
für die Wiederberstellung besserer Beziehungen zu Österreich geschoffen hat, sind lediglich 
Ergebnisse der unnötigen und den Berhältnissen widersprechenden Übertreibung in der 
Sprache dieses Aktenstückes. 
Ich habe nie bezweifelt, daß Ew. Exzellenz in der lberzeugung gehandelt haben, durch 
die Absendung der fraglichen Mote dem Lande einen Dienst zu erweisen. Die Sorm aber 
und die Sprache, welche Ew. Exzellenz dazu gewählt haben, befestigt meine Ansicht, daß 
ich, so viel an mir liegt, zur Vorforge verpflichtet bin, um zu verhindern, daß bei künftigen 
Verwickelungen der Politik Seiner Majestät des Königs durch ähnliche Vorkommnisse 
nicht ähnliche Verlegenbeiten bereitet werden. Unserer persönlichen Beziehungen eingedenk, 
r * · : [□ 7 — 
1nlchrritung, eines Reserlauber und Achlkehsih der Erteh oem 2. ank on Whedorw-ar. elr 
— o4h Viemarcks Ansicht eine Kompromittierung der preußischen Beziehungen zu Stalien zu besorgen 
w rde ette (l de Gesaet n Sertr, ur. 2. 2om) Witerstogtele atkmonCoher 
HSie, im Sinne derselben Ihre Bestrebungen fortusehen.“ Damit war aber nicht gesagt, dah Bismarck, der 
in den Cagen vor dem Abgang nach Böhmen aufs ftörksste überlastet war, Seit esunden bätte, die Usedomsche 
Note vom 17. Juni feldst zuu lesen. Dgl. sedoch Abekens Schreiben an Usedom vom 10. August . 
6tkaqan7.a.a.0.,.46:»öMutter-mich-wievnxlsdhwlxDOMAIN-»alsMIWYUU1366 
Apis-kl)ielten.unddaiailtekwiikdeiondamclsltchztemllckzschAJI darüber gegen Sie ausgesprochen 
haben, wenn die Ereignisse es nicht in den Hintergrund gedröngt bötten.
        <pb n="481" />
        Votum Bismarcks betr. Reaktivierung des Staatsrats. 467 
halte ich mich verbunden, Ew. Exzellenz diese Sachlage mit voller Offenheit darzustellen, 
und Ihnen anbeimzustellen, ob Sie selbst einen Schritt zur Löfung unserer geschäftlichen 
Gemeinschaft tun wollens. 
R. Keudell, Fürst und SFürftin Bismarck, S. 405 ff. (mit dem folschen Datum des 
10. DVezendern. 
*1237. Votum an das Dreußtsche Staatsministerlum. 
[Konfzept von der Hand des Vortragenden Rats Webrmann.) 
Seitdem im Jahre 1867 Vertrauensmänner aus den neu erworbenen Prooinzen nach 
Verlin berufen worden waren, um ihr Gutachten über deren Organisation abzugeben, hatte 
ismarck erwogen, ob und wie die mehr zuföllige Heranziehung golcher Vertrauensmönner 
in einer organischen Einrichtung zu gestalten sein möchte. Gegen Ausgang des Jahres 1868, 
als sich im des Staatsministeriums Widerstände gegen die von Bismarch gewünschte 
JZuziehung von Vertrauensmännern aus allen Parteien zur Beratung der im Ministerium des 
Innern vorbereiteten Kreisordnung (siehe dazu Ar. 1264) eeltend machten (ogl. auch: „Aus 
M. v. Forckenbecks ungedrockten Briefen, Deutsche Revue, III, 152. 136). ## er den 
Gedanken ins Auge, den seit 1817 bestedenden, aber seit 1848 . ! in Wirksamkeit 
getretenen Staatsrat zu reaktivieren —* gleichzeitig durch Hinznziehung einer gröheren Angahl 
Ln Mit (Veddern aus beiden Häusern des Landtages zu erweitern. Auf diese Weise hätte sich 
die von Bismarck gewünschte umfassendere und vielseitigere Prüfung der Gesechentwürfe vor 
ihrer parlamentarischen Beratung am leichtesten er#ielen lassen. 
Berlin, den 17. Dezember 1868. 
Der Staatsrat, welcher nach der Verordnung vom 20. Mär; 1817 die böchste be- 
ratende Behörde des Königs bildete und hauptsächlich für die Beratung der Gesetze benutzt 
wurde, ist durch die Verfassungsurkunde vom Jahre 1850 oder ein päteres Gesetz nicht 
aufgehoben. Sein rechtliches FJortbestehen ist nach Artikel 110 der Verfallungs- 
urkunde nicht zweifelhaft, auch durch Artikel 96 ibid. und das Gesetz vom 13. Februar 1854 
(wegen des Konflikts bei Klagen gegen Beamte) indirekt anerkannt, indem der Gerichts- 
bof für Kompetenzkonflikte, dessen Mitglieder aus den Mitgliedern des Staatsrates 
gewählt werden müssen, in dem Artikel 96 erwähnt und durch das Gesetz vom 13. Februar 
1854 in seiner Wirksamkeit erweitert ist. 
Tatsächlich bat die Wirksamkeit des Staatsrates seit der Bewegung des Jahres 
1848 geruht, mit Ausnahme einer kurzen Seit im Jahre 18354, wo auf lebhaftes Verlangen 
« am. 
Ge te der „ ein ins Sst. e esche“ des inlchaftn *7 ’m, E zucr ft. ine 2 der Imebrogen 
S- Usedom am 11. t auch an Bismarcke. Bismarck siellte leinerseits am 13. Jonuar mit einem 
längeren Immediatbericht den Antrag an den König, Usedom unter Vorbebalt späterer anderweiti ißg Ber- 
denh r. Dispolition ½r lellen. Am 24. Januar lieh Bismarck, nachdem ihm inwischen d der Usedomsche 
ben * schloß. Auf z4nr Geit, und, r# Berichte #a# und, n die stark auf das u# über- 
* mag versichtet sein. Am 14. Februar hielt Bismarckl dem Könige, der im Hinblicke auf seine dem 
* gegebenen mündlichen Zusicherungen nicht zu einem politiven Entschluß gelangen Konnte. und 
gewise bee Austeleden * ihm seine Ehre mit dem *5* Usedom lönger m weie Als 
—w½9
        <pb n="482" />
        468 Bismarck für Einführung eines der gegenwärtigen Staatsform entsprechenden Staatsrats. 
König Friedrich Wilhelms IV. im Juli die Sitzungen des Staatsrats zunächst für die Be- 
ratung der ständischen Gesetzgebung wieder ausgenommen und 30 bis 40 neue Mitglieder, 
fast ausschließlich aus der Sahl der höheren Beamten in Berlin, ernannt wurden. Die 
Organisation des Staatsrates nach der Verordnung vom 20. März 1817 und 6. Januar 
1848 blieb dabei unverändert. Eine Mitwirkung des allgemeinen Landtags wurde nur 
so weit in Anspruch genommen, als pro 1855 ein mäßiger Stat für das Staatssekretariat 
liquidiert und nach einigem Widerstreben bewilligt wurde. Im Jahre 1862 ist dieser Stat 
wieder auf Verlangen des Abgeordnetenhauses abgesetzt. Der König hat das durch Aller- 
böchste Kabinettsorder vom 22. Dezember 1862 genehmigt, nachdem das Staatsministerium 
angezeigt hatte, daß es sich mit der Absetzung des Etats im Abgeordnetenhause einver- 
standen erklärt habe, weil anerkannt werden müsse, daß eine Erneuerung der Tätigkeit 
des Staatsrats nicht in Aussicht stehe. 
Seitdem ist die Frage, ob Gesetzentwürfe behufs gründlicherer Vorbereitung dem 
Staatsrate zur Vorberatung vorzulegen seien, öfters im Staatsministerium besprochen. Die 
Gründe für und wider lind in einer Denkschrift des früheren Herrn Justiministers Grafen 
zur Lippe vom 15. Januar 1865 entwickelt, welche lithographiert ist, also den übrigen 
Herren Staatsministern vorliegen wird. Der Herr Kriegsminister General von Noon hat 
sich in einem (ebenfalls lithographierten) Botum vom 8. Dezember 1865 für die Neak- 
tivierung eines Staatsrates ausgesprochen. Andere Vota sind nicht abgegeben, und ist 
die Frage unter dem Druck der Ereignisse des Jahres 1866 damals nicht weiter verfolgt. 
Der rapide Gang, welchen die Legislation im Jahre 1867 nehmen mußte, hätte die Be- 
nutzung eines Staatsrates kaum gestattet. Jetzt aber, wo die Entwicklung eine ruhigere 
geworden, der gewöhnliche Gang der Gesetzgebung wieder eingetreten ist, wird das Staats- 
ministerium Seiner Aajestät dem Könige darüber Vortrag erstatten müssen, ob ein der 
gegenwärtigen Staatsform entsprechender Staatsrat ins Leben gerufen werden soll oder 
nicht. 
Eine absolute Notwendigkeit zur Bildung eines Staatsrates liegt nach den 
Vorschriften der Verfassungsurkunde über die Entstehung der Gesetze nicht vor. 
Wünschenswert ist aber nach meiner Ansicht, daß die Gesetz-Entwürfe, bevor 
man sie dem Landtage zur Beschlußnahme unterbreitet, durch eine umfassendere ulnd) 
vielseitigere Prüfung als bisher vorbereitet werdent. In der Negel wird jetzt das Gesetz 
von einem Neferenten in dem SJachministerium entworfen und nach Geststellung des Ent- 
wurfs vom Staatsministerium an des Königs Majestät eingereicht, nachdem in dem 
Drange einer Sitzung der mit laufenden Geschäften überbäuften= Staatsminister die 
definitive Beratung der Hauptfragen oder einzelner eingegangenen Monita stattgefunden 
hat. Häufig jirkulieren die Immediatberichte mit den Gesetzentwürfen gleich zur Unter- 
schrift ohne alle Beratung im Staatsministerium. Die MWonita der übrigen Minister 
gegen den Entwurf beschränken sich wesentlich auf die Punkte, bei denen das Ressort des 
andern Minusteriums besonders beteiligt ist. Einer allseitigen umfassenden Kritik über 
die Bedürfnisfrage, das Verhältnis des Entwurfs zu der übrigen Gesetzgebung, sowie 
über die Präzision und Sweifellosigkeit der Fassung unterliegen unsere Sesetzentwürfe, 
soweit die vielbeschäftigten Kräfte des Justizministeriums nicht ausreichen", meistens erst 
1 Der Satz beruht auf eigenböndiger Korrektur Bismarcks. 
* Die Worte: „der mit laufenden Geschäften Üüberbäuften“ eigenbändiger Jusatz Vismarchs. 
• Der letzte Vebensatz: „loweit .. eigenböndiger Einschub Bismarcks. *-
        <pb n="483" />
        Tötigkeit des künftigen Staatsrots. 46 
dann, wenn sie durch die Vorlage an den allgemeinen Landtag an die Offentlichkeit treten. 
Bisweilen tritt gegen die vorbeschriebene Regel eine Erweiterung der Vorbereitung da- 
durch ein, daß Cntwürfe, bei denen mehrere Ministerien nahe beteiligt sind, von 
Kommissarien dieser Ministerien in Konferenzen beraten werden, ebe sie an das Staats- 
ministerium gelangen. In ganz einzelnen Sällen sind auch wohl besondere Vertrauens- 
männer von dem Sachminister einberufen, um ihre Ansicht über den Entwurf zu bören. 
Eine gründliche, allseitige ulnd) unbefangne“ Kritik der Entwürfe wird aber auch in den 
lecztgedachten Sällen nicht immer erreicht und sind die Häufer des Landtages um so mehr 
in der Lage, diese Kritik nachzuholen, indem sie zugleich die Sunktion der früheren Sassungs- 
kommission des Staatsrates zu übernehmen suchen, anstatt sich auf die Diskussion der 
Bedürfnisfrage und der Hauptprinzipien zu beschränkens. 
Aus diesen Gründen halte ich die Wiederberstellung des Staatsrathes für geboten ulnd) 
zwar durch ein Gesetz“, weil es darauf ankommt, das Anseben dieser Snstitution zu sichern 
durch seine mit Zustimmung des allgemeinen Landtags bewirkte Einfügung in die gegen- 
wärtige Staatsform, weil ferner nach der Erfahrung aus dem Jahre 185 die bloße 
Wiedereinrufung des alten Staatsrates in der Gestalt vom Jahre 1817 sich als nicht 
lebensfähig erwiesen hat, und weil endlich die Geldmittel für das Büro des Staatsrates 
nach der im Jahre 1862 unter Sustimmung der ARegierung bewirkten Absetzung vom Stat 
nicht füglich ohne Einbringung eines Gesetzes über den Staatsrat liquidiert und bewilligt 
werden können. 
Die Bestimmung des Staatsrates würde nach meiner Auffassung sein müssen, sein 
Gutachten abzugeben über die Entwürfe von Gesetzen und Verordnungen, vielleicht 
auch über wichtige Fragen der Verwaltung, über welche das Gutachten vom 
Staatsministerium erfordert wird. Daß das Staatsministerium genötigt 
sein soll, jedes Gesetz dem Staatsrat vorzulegen, läßt sich meines ECrachtens nicht füglich 
anordnen, weil oft die Seit dazu nicht ausreichen wird, 3. B. bei dem Statsgesetz und bei 
andern dringlichen Gesetzen, und weil andererseits ein Bedürfnis dazu fehlen kann, wie 
bei vielen unbedeutenden Gesetzen oder Verträgen mit dem Auslande. 
Die Srage, ob und welche entscheidende Gewalt dem Staatsrat m übertragen 
sei, kann späterer Crörterung vorbehalten bleiben; das Bedürfniß ist in dieser Beziehung 
kein dringliches; denn die Instanzen für die Gegenstände, welche in dieser Beziehung früher 
in Grage gekkommen lind: 
Kompetenzkonfliktte zwischen Gerichten und Verwalt behörden, 
Konflikte bei Klagen gegen Beamte wegen lberschreitung ibrer Amtsbefugnis, 
Disiiplinarvergehen und Pensionierung der Beamten und Klagen der Beamten wegen 
Entziehung von Gehalt oder Pension, 
sind durch die Gesetze vom 8. April 1847, 13. Februar 1854, 21. Juli 1852 und 24. Mai 
1861 geordnet. 
Die Susammenjsetzung des künftigen Staatsrates denke ich mir anders, als die Ver- 
ordnung vom 20. März 1817 sie vorschreibt. Ich beantrage namentlich, Mitglieder des 
Die Worte: „allseitige ulnd] unbefangne“ eigenböndiger Zusatz Bismarcks. 
* Der Satz verdankt seine Gestalt eigenbändigen Korrekturen Bismarcks. 
*-Der Eingang des Absatzes eigenhändige Korrektur Bismarcks. 
7 Der Eingang des Absatzes beruht ouf eigenhändiger Korrektur Bismarcks.
        <pb n="484" />
        470 Jusammensehung des künftigen Staatsrats. 
allgemeinen Landtags, welche aus der Wahl des Herrenbaufes und des Abgeordneten- 
hauses hervorgeben, an den Arbeiten des Staatsrates grundsätzlich zu beteiligen. Außer-- 
dem bilden pensionierte Beamte und befähigte Privatpersonen ein unabhängiges Element, 
welchem Zeit und Befähigung zu den nötigen Arbeiten beiwohnt. 
Die Mitglieder des Herrenhauses und Abgeordnetenhaufes sind imstande, der ARe- 
gierung bei der Vorbereitung der Sesetze die nötigen Andbaltspunkte für die Beachtung 
der im Landtag entscheidenden Meinungen ulnd) Stimmungen zu gewährens. Daß dabei 
auch die Minoritäten zur Aussprache gelangen, läßt sich durch den Wahlmodus erreichen, 
indem z. B. in jedem Haufe sechs bis zehn Aamen zugleich auf die Wahlzettel geschrieben 
werden und diejenigen als gewählt gelten, welche die meisten Mamen erhalten haben. 
Die Sahl der Mitglieder darf nicht zu groß sein, weil sonst die Beratungen zu schwer- 
fällig werden. Man wird mehr auf nützliche, unabhängige Arbeitskräfte sehen müssen, 
deren Referate durch ihre Gediegenbeit das Ansehen des Staatsrates der freien Kritik 
der öffentlichen Meinung gegenüber sichern. 
Im Jahre 1817 bestand der Staatsrat einschließlich der Prinzen, der Minister, der 
durch ihr Amt berufenen bohen Beamten (von denen die Oberpräsidenten und komman- 
dierenden Generale nur während ihrer Anwesenheit in Berlin teilnahmen) und 34 durch 
besonderes Vertrauen berufenen Staatsdiener, zusammen aus ca. 70 Personen. Der im 
Jahre 1854 reaktivierte und vervollständigte Staatsrat zählte über 100 Mitglieder. Jetzt 
würde derselbe nach der Verordnung vom Jahre 1817 aus ca. 80 Miitgliedern noch be- 
stehen, von denen 31 durch besonderes Vertrauen berufen sind. 
Die Kommission von Ministerial-Kommissarien, welche am 12. Gebruar 1850 unter 
dem Vorsitz des Präsidenten Bode ein Gesetz, betreffend die Auflösung des bisherigen und 
die Errichtung eines neuen Staatsrates entworfen hat, schlug einen Staatsrat von 30 Mit- 
gliedern vor, bestehend aus einem besoldeten PDräsidenten und Staatssekretär und höchstens 
28 vom Könige ernannten Mitgliedern, von welchen sechs bis jehn besoldet werden sollten. 
Die Minister gollten nicht Mitglieder des Staatsrates sein, auch im Pleno nicht erscheinen 
dürfen, sondern nur in den Abteilungen ohne Stimmrecht ihre Ansicht selber oder durch 
Kommissarien vertreten. 
Die Minister müssen aber meines Crachtens nach ihrer Stellung und Verantwortlich- 
keit zum Staatsrat gehören. Ohne ihre Mitwirkung bei der dortigen Beratung würde 
deren Vollständigkeit leiden und ihr Erfolg gefährdet sein. Alle übrigen Mitglieder 
dürften besonders zu berufen sein; auf die Bezeichnung von andern Amtern, deren Träger 
stets Mitglieder des Staatsrates sein Follen, lege ich keinen Wert. « 
EineBeIoldungdeschrenamteseinesstaatskatsmitgliedesIcheintmirnichtans 
gemessen.RurdenauswärtigenMitgliedernwerdenDiätenundReilekoltennichtzuverss 
lagenlein.Auch-wirddieAnItellungeinigerbeloldetenisingetenBeamtenalsstaatss 
referendarien nach der früheren Erfahrung für die Beschleunigung der Arbeit nützlich sein. 
Einer derselben kann die frühere Funktion des Staatssekretärs mitübernehmen. 
Sollte das Königliche Staatsministerium die oben entwickelten Ansichten im wesent- 
lichen billigen, so dürfte die Sache in der Weise weiter vor ubereiten sein, daß durch einen 
Bericht des Staatsministeriums die Willensmeinung Seiner Maoajestät des Königs eingeholt 
· Der Satz beruht auf eigenbändiger Korrektur VBismarcks.
        <pb n="485" />
        Bismarck rät der Türkei, Ausweisung der Griechen zurückzunehmen. 471 
und inzwischen die Ausarbeitung des Gesetzentwurfs nebst Motiven und Etatsentwurf an- 
berranet wird, und zwar durch Beamte, welche noch Erfahrung über den früheren Staatsrat 
esitzen. 
Ein Exemplar dieses Votums habe ich jedem der Herren Staatsminister mitgeteilt und 
behalte mir vor, den Gegenstand in der nächsten Sitzung des Staatsministeriums zur Be- 
ratung zu bringen. 
Die Hauptfragen, welche mmächst zu erörtern sind, werden sein: 
I. Soll ein Staatsrat hergestellt werden? 
II. õst ein Gesetz darüber vorzulegen? 
III. Sollen das Herrenhaus und das Abgeordnetonhaus Mitglieder dazu präsentieren 
und wiewiele? 
VI. Sollen einige Mitglieder befsoldet oder einige befoldete Staatsreferendarien an- 
gestellt werden? und 
Sollen die auswärtigen Mitglieder Reisekoften und Diäten erbalten? 
V. Welcher Weg ist zur weiteren Vorbereitung des Gesetzes einzuschlagen. 
*1238. Telegramm an den Gesandten in Konstanttnopel 
Grafen von Brassler de St. Stmon. 
[WDiktat.] 
Da die griechische Regierung das am 11. Dezember überreichte türkische Ultimatum am 
15. ablehnte, verließ der türkische Gesoandte sofort Athen, und es traten die von der Pforte 
angedrohten Swangsmahregeln: Schließung der türkischen Häfen für den griechischen Handel. 
Ausweisung aller Griechen aus dem türkischen Gebiete usw. in Kraft. Nach einem Telegramm 
des Prinzen Reuß vom 18. Denember beabsichtigte Sürst Gortschakow, bei den Wächten gegen 
dos rigorose Vorgehen der forte zu protestieren. Bismarck suchte die Angelegenbeit, die durch 
eln schroffes BVorgeben Außlands leicht eine gefahrdrohende Wendung erhalten konnte, in das 
richtige Gleis zu leiten, indem er einerseits in Konstantinopel vor einer Überspannung des 
Vogens warnte, andererseits in Petersburg, London und Daris den Zusammentritt einer 
Konferenz in London oder Paris ur Beilegung des griechisch-türkischen Konflikts anregte. 
Berlin, den 18. Dejember 1868. 
Naten Sie dringend zur Zurückenahme der Ausweifung der Griechen und beben hervor, 
daß diese Maßregel die Ruhbe in allen den Teilen des Reiches, wo Griechen in gröberer 
Anzahl vorhanden, gefährden und die Lokalisierung des Kampfes erschweren müsse. 
*1239. Telegramm an den Geschftsträger in Darls 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Diktat.] 
Berlin, den 18. Dezember 1868. 
Uns scheint, dah durch die Ausweifung der Griechen die Pforte ihr Siel überschießt 
und die Ruhe in allen von Griechen bewohnten Ortschaften des türkischen Reichs unnötig 
Ab Das gleiche Telegramm ging nach London und Petersburg; nach Detersburg jedoch ohne den letten 
atz. . . .
        <pb n="486" />
        472 Friedliche Ratschläge Bismarcks in Petersburg. 
gefährdet. Wir würden uns jeder energischen Vorstellung der Schutzmächte gegen ein 
Verfahren, welches die öffentliche Meinung aller europäischen Länder erregen wird, gern 
anschließen, ebenso jeder Berufung auf Pariser Protokoll von 1856, in welchem die Unter- 
jeichner Versuch gemeinsamer Ausgleichung bei Kriegsgefahr sich ugesagt haben. Durch 
Verlegung der Verhandlungen in den Schoß einer Londoner oder Pariser Konferenz 
würde ohne Sweifel ruhigere Behandlung der Sache, als in Konjstantinopel zu erwarten, 
gewonnen werden. 
Fragen Sie an, ob Regierung zur Berufung von Gesandtenkonferen; ad hoc geneigt ist. 
*1240. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Helnrich VII. Drinzen Reuß. 
[Konzept von der Hand des Bortragenden Nats Abeken.) 
Berlin, den 19. Dezember 1868. 
Der Königliche Generalkonsul in Bukarest meldet mir unter dem 15. d. Al., daß die 
achricht von dem türkischen Ultimatum und der wahbrscheinlichen Ablehnung desselben 
durch Griechenland, dort eingetroffen sei, und daß der griechische Generalkonful zu — wie 
mir scheint, sogar aktiver — Parteinahme gegen die Türkei zu verlocken strebe, daß aber 
der Fürst und seine Minister in richtiger Erkenntnis der Interessen Rumäniens in einer 
ruhigen und logalen Haltung festzubleiben entschlossen wären. Die erwähnte Tätigkeit des 
Vertreters Griechenlands ust allerdings begreiflich genug; unerwarteter ist, daß selbst der 
russische Generalkonsul dieser Tendenz nicht entgegentreten, ja dieselbe beinabe be- 
günftigen goll. 
Ich teile Ew. pp. dies ganz vertraulich und nur zu Ghrer eigenen Orientierung mit, 
um Sie in den Stand zu setzen, die FSärbung der aus Butarest in St. Petersburg ein- 
gesandten und etwa zu Ihrer Kenntnis kommenden Berichte beurteilen und vielleicht bei 
sich darbietender Gelegenheit eine gewisse Kaution dagegen anbringen können. 
Die von Ew. pp. gemeldeten Vermutungen über Hetzerei und Vorwärtsdrängen der 
forte durch die Herren Bourée und Prokesch werden uns auch von anderer Seite her 
bestätigt". Es ist bedauerlich, daß gerade dort an Ort und Stelle unter den Bertretern der 
Großmächte nicht dieselben friedlichen und verföhnlichen Tendenzen vorzuherrschen scheinen, 
wie in den Kabinetten selbst, und daß dort perfönliche Leidenschaften, Sympathien und 
Antipathien eine Rolle spielen, welche aus der Politik verbannt bleiben sollten. Wir 
2 In einem Bericht des Grafen Brassier vom 4. Dezember werden der französische Gesandte Bourée 
und der österreichische Internuntius Freiherr v. Prokesch als die „eigentlichen Instigatoren“ des schroffen 
Vorgebens der Pforte bingestellt. Betreffs Bourées vgh Tr. 1235, Anm. 1. Bemüglich des Freiherrn 
o. Prokesch Jagte der italienische Gesandte in London Maffei zu Graf Bernstorff: „sSi duelquzun avait 
poussé la Porte, C#’était plutét le Baron Prokesch et qu’il croyait due FAutriche n’était pas étrangere 
aux agitations en Orient". Immediatbericht Graf Bernstorffs vom 1. Dezember; ogl. H. Michael, 
Bismarck, England und Curopo, S. 197, Anm. 26. Von den Verichten Freiherrn v. Drotzeschs, der übrigens am 
11. Degember einen Erh'olungsurlaub antrat, bringt das dritte Srsterreichische Votbuch (5. 13) nur einen 
einzigen, der eine entschiedene Darteinahme unsten der Türkei verröt. Auch Beust, der in leinen Er- 
innerungen (Aus drei Viertel-Jahrbunderten, II, 224) die Verdächtigung, als habe er auf einen Bruch 
wischen der Cürkei und Griechenlond hingewirkt, adweist, hat doch in leinem Kelegramm an v. Prokesch vom
        <pb n="487" />
        Urlaubsverweigerung für v. Krenski. 473 
wünschen und hoffen, daß der russische Vertreter in Konstantionpel, unbeirrt von solchen 
lokalen und perfönlichen Sindrücklen und Verstimmungen, die lopale Friedenspolitik des 
Kaiserlichen Reichskanzlers und seines Kaiserlichen Herrn durchführen möge. 
*1241. Erlaß an den Generalkonsul in Bukarest 
Grafen von Kegserling. 
[Konzept von der Hand des Bortragenden Aats von Keudell.] 
Auf Bismarcks Schreiben an den Chef des Militärkobinetts v. Cresckom vom 25. Movem- 
ber, in dem er lich gegen eine längere Beurlaubung des in Rumäönien weilenden Oberstleutnants 
v. Krenski ausgesprochen hatte (siehe Tr. 1216), hatte Crescktow die Befeble König Wilhelms I. 
eingeholt. Sie lauteten im Einvernehmen mit Bismarck dahin, daß ein längerer Urlaub nicht 
gewährt werden könne, daß aber, wenn v. Krenski vum Sweck des Übertritts in rumänische 
Dienste seinen Abschied nachsuchen sollte, dieser in Gnaden und unter Offenbaltung des Rück- 
tritts in preuhische Dienste zu erteilen sei. In diesem Sinne wurde Keyserling am 17. Dejember 
durch Telegramm verständigt. Sürst Karl von Rumänien wünschte indes (ogl. Aus dem Leden 
König Karls von Rumönien, I, 306), daß v. Krenski als aktiver, aber beurlaubter preuhischer 
Olfiner bei ihm bleibe, da er so gröhere Autorität in der rumänischen Armee genießen würde. 
Daber ließ der Sürst durch Keblerlia am 18. das folgende Telegramm an Bismarck gelangen: 
„Sollten vielleicht Gründe für die Urlaubsverweigerung des Oberstleutnants v. Krenski bier 
vorliegen, so würde das Möglichste geschehen, dieselben zu beseitigen; daber ersuche ich Cure 
Exjellenz dieselben gütigst zu meiner Kenntnis gelangen lassen zu wollen.“ 
Berlin, den 19. Dezember 1868. 
Gründe für Berweigerung des Urlaubs an Oberstleutnant Krenski liegen allein in der 
europäischen Situation, welche nicht gestattet, daß ohne neue Gefährdung der Stellung des 
Fürsten und neue Aufregung über unser Verhältnis zu demselben, ein im aktiven 
Dienste stehender Offinier der Königlichen Armee dort als Organisator fungiert. Ich 
habe geglaubt, daß aus der Bejugnahme auf letzte Worte Seiner Majestät des Königs 
Oberstleutnant von Krenski die Sicherheit entnehmen würde, später seinen Platz bier offen 
zu finden. Mein Vat ist, daß er den Abschied nimmt; streng geheim m balten, daß er, wie 
Seine Alajestät auch mir gesagt, nach seiner Rückkehr ohne Verlust im Avancement wieder 
eintreten sollt. 
10. Dezember (Notbuch, S. 14) eine damit nicht gon) im Einklang stebende Sprache geführt. Es beißt 
darin: „Was die Türkei betrifft, so glauben wir nicht die Berantwortung übernehmen ju sollen, Beschlüssen 
Einhalt zu tun, deren Tragweite die Pforte selbst ermessen baben muh, und für deren Aufgeben wir nicht 
den Ersatz einer wirksamen Intervention zu bieten vermöchten. — Gewichtige Gründe lassen uns jedoch Wert 
darauf legen, doß man uns nicht etwa beargwöhnen kann, die türkische Regierung m ibrem Vorgeben an- 
geeisert zu haben.“ Vgl. dazu auch dos von dem Gesandten in Weimar Greiherrn v. Pirch in einem Bericht 
vom 31. Dezember mitgeteilte Urteil des koburgischen Staatsministers Sreiherrn v. Seebach über Beust: „Bei 
Besprechung des griechisch-türkischen Konfliktts äußerte Herr v. Seebach, der längere ZSeit unter dem öfker- 
reichischen Aeichskanzler gedient hat und den Grafen Beuft genau kennt, er zweisle keinen Augenblick daran, 
daß dieser Staatsmann durch Intrigen und Hehereien die größte Schuld an der Crregung jener Frage, an 
der Cntstehung des Konflilktes und an seiner Verbitterung trage, eine Ansicht, welche der Grohber#oglich 
Sächlische Staatsminister v. Watzdorf, ein alter Freund und Genosse des Grafen Beuft, mir gegenüber eben- 
falls bereits ausgesprochen hatte.“ K. Abeindorf, Die Schwarte-Meer (Dontus-) Srage, S. 136. 
1 Auf eine vom Sürsten Karl am 26. Dejember an König Wilbelm I. gerichtete Bitte wurde doch der 
Urlaub für Oberstleutnant v. Krenski bis SEnde März 1869 unter dem Vorbebalt verlängert, ihn jofort 
mrückjurufen, sobald beunruhigende Symptome bervorträten. Bgl. das Schreiben König Wilbelms i. an 
den Sürsten Karl vom 15. Januar 1869, Aus dem Leben König Karls von Rumänien, I, 326 f. ndessen 
kebrte Krenski Ende Januar zunöchst nach Deutschland zurück, wo Bismarch dann (a. a. O., S. 338 f.) Be- 
denken gegen eine weitere Verwendung in Rumänien „aus Bücksicht auf Ungorn und wegen der zügellosen 
rumänischen Dresse“ erhob.
        <pb n="488" />
        474 
Grohfürstin Helene und die Ostseeprovinzen. 
1242. Drivatschrelben an den Gesandten in Detersburg 
Sekret. 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Burcher.] 
Zn einem Drivatbriefe vom a4. Dejember hatte Prinz Reuß Bismarck Mitteilung von 
einem Gespräch gemacht, das er tags zuvor mit der eben von einem Bejsuch in Deutschland nach 
Detersburg #urückgekehrten Großfürstin Helene, geb. Prinzessin von Württemberg, gehabt hatte. 
as Sespräch war nach einigen Bemerkungen der Grohfürstin über die Aordschleswigsche 
Frage in der sie den ihr kür#slich von König Wilhelm I. klargelegten preußischen Standpunkt 
dem Kaiser Alexander II. plausibel zu machen versucht hatte, auf die Angelegenbeit der Ostsee- 
prooinzen und deren Bussifijierung übergegangen. Wie die Großfürstin dem preußischen Ge- 
londten mitteilte, batte sie dem Kaiser u. a. von einer Außerung König Wilhelms Kenntnis 
gegeben, man möge doch aus dieser Angelegenbeit keine weite schleswig-holsteinische Srage 
machen, und sich weiterhin bemüht, den Saren jur Miedersetzung eines Komitees m bewegen, 
das ein den Deutschen entgegenkommendes Sprachenstatut für die Ostseeprooinzen ausarbeiten 
sollte. Drinz Reuh hatte sich natürlich gegenüber der Großfürstin in seinen Auherungen über 
eine so heikle Frage möglichst mrückgehalten. Auch in seinem Briefe an Bismarck nahm er den 
Standpunkt ein, daß an das beiße Eisen eines Sprachenstatuts besser nicht gerührt werde. 
ohne Aussicht ihnen zu nützent. 
*1243. Erlaß an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Kanzleikonjept.) 
R b d t eit so viele und so unzweideutige Beweise ihrer riedlichen 
irrung bee dan —t o7 unserer Unterstützung zu einer Beleitigung, der aieblsche 
i 
XXIII. a, S. 152 — ein weiteres friedliches 
sehen. So bielt er es an der Geit, den Verjuch zu machen, ob nicht durch eine 
1 Der letzte Satz eigenhändiger Zusatz Bismarcks. 
Berlin, den 19. Dezember 1868. 
Cuer Durchlaucht danke ich verbindlichst für die Mitteilung, die Sie mir über öhre 
Unterhaltung mit der Srau Großfürstin Helene unter dem 4. d. M. gemacht haben. Was 
den zweiten Gegenstand des Gespräches, die Ostseeprooinzen, betrifft, so teile ich Ew. pp. 
Bedenken gegen die Ausarbeitung eines Sprachstatutes und bitte, auch gegenüber jeder 
anderen Seite dieses wunden Fleckes (doppelt empfindlich, wenn er gerade von uns berührt 
wirdl) und gegenüber jeder anderen Person dieselbe Zurückhaltung beobachten zu wollen, 
die Sie, wie Ihr Schreiben erkennen läßt, in der Unterhaltung mit der Großfürstin bewahrt 
haben. Wir können zu meinem Bedauern den Deutschen der Ostsee-rooinzen durch jede 
noch so vorsichtige Berwendung zu Gunsten ihrer Wünsche leicht großen Schaden zufügen,
        <pb n="489" />
        Bismarck klagt in Paris über Aufgeregtheit der österreichischen Politik. 475 
Einwirkung Grankreichs, weiterhin auch Englands und Außlonds in Wien der auf eine 
kriegerische Verwicklung im Orient lossteuernden Politik des Grafen Beuft, die sich letzten 
Endes doch gegen Dreußen richtete, Einhalt getan werden könnte. Doß Biemarck sich 
keinen llusionen über die Tendenten hingab, die in Wien und in Paris, wenngleich hier nicht 
mehr im gleichen MWaße wie im Sommer 1868, u einem Kriege drängten, seigen u. g. die 
Auherungen, die Abeken am 26. Aovember zu Th. v. Bernbardi (Aus dem Leben Th. v. Bern- 
bardis, VIIr. 363 f.), Bismarck selbst am 4. Dezember zu Forchkenbeck tat. Solchen Tendenzjen 
lieh sich nicht leichter begegnen, als indem man in Verlin unter Ausnutzung der von Bismarck 
in dem griechisch-türkischen und vorber in dem rumänisch-türkischen Konflikkt eingenommenen 
betont friedlichen Holtung die Treibereien Beufts, vor allem in Paris und London, mit der 
Bitte um mäßigende Einwirkung zur Sprache brachte. Mindestens durfte Bismarck hoffen, 
auf diese Weise die Gefabr aus dem Wege geräumt zu sehen, daß der Knoten eines künftig 
etwa doch eintretenden Krieges mit dem von Olterreich unterstützten Srankreich mittels der 
orientalischen statt der deutschen Srage, wo Preußen den Kampf am wenigsten zu scheuen 
batte, gelschür#t werde. 
Berlin, den 19. Dejember 1868. 
Ich habe mich gefreut, aus Ew. pp. Berichten die günstige Aufnahme zu erseben, welche 
unsere der Erhaltung des Friedens und der Befestigung des gegenseitigen Bertrauens 
gewidmeten Schritte in Bukarest, Konstantionpel und Athen bei dem Kaiserlichen Minister 
der auswärtigen Angelegenheiten gefunden haben. Aa#ch dem, was Ew. pp. mir hierüber 
melden, scheint es, als ob Marquis de Mouftier kaum erwartet hätte, daß die Königliche 
Regierung ihren Einfluß, wo immer sie solchen m üben vermag, in so bestimmter Weise für 
Erhaltung des Griedens einsetzen würde. 
Ich hatte geglaubt, daß unser bisberiges Verbalten in allen unsere Politik näher oder 
entfernter berührenden Angelegenheiten dem Kaiserlichen Kabinette den Eindruck einer 
konsequenten Betätigung der von Seiner Majestät dem Könige bei jeder Gelegenheit be- 
kundeten friedlichen Politik gemacht haben werde, aber ich fürchte, daß ECinwirkungen, 
welche von uns nicht abhängig sind, diesen Eindruck abzuschwächen oder zu fälschen nicht 
ohne Erfolg bestrebt gewesen sind. Falls Ew. pp. Grund baben, diese Befürchtung zu 
teilen, so ersuche ich Sie, dieselben zum Gegenstande vertraulicher Besprechungen mit dem 
Kaiserlichen Minister der auswärtigen Angelegenheiten zu machen und sich dabei von der 
Überzeugung leiten zu lassen, daß die Kaiserliche Regierung gleich uns von dem Wunsche 
beseelt ist, nicht nur den europäischen Srieden m erbalten, sondern auch das öffentliche 
Vertrauen in die Dauer desselben zu kräftigen. In diesem Sinne wünschen wir mit dem 
Kaiserlichen Kabinette gemeinfchoftlich nicht nur jede wirkliche Gefahr, von welcher die 
NRube Europas bedroht sein könnte, zu entfernen, sondern auch die Urfsachen der fort- 
dauernden Schwäche des öffentlichen Vertrauens aufmsuchen und nach Möglichkeit zu 
beseitigen. Je mehr wir die Aufrichtigkeit unserer Liebe zum Srieden betätigt haben und 
von der des Kaisers Napoleon durchdrungen sind, mit um so größerem Vertrauen rechnen 
wir auf die Mitwirkung der Kaiserlichen Regierung für die vollständige Herstellung des 
gegenseitigen Vertrauens unter den großen Mächten und den von ihnen bedherrschten 
Völkern. In diesem Sinne können wir dem Kaiserlichen Kabinette unfere Ansicht nicht 
verschweigen, daß in der unruhigen Tätigkeit, welche seit einem Jahre die Politik Ofter- 
reichs charakterisiert, ein wesentliches Hindernis der Wiederkehr des öffentlichen Ver- 
trauens zu suchen ist. In welchem Maße die Gnsinuationen der österreichischen Diplomatie 
dam beigetragen haben können, über unjere Stellung zu den Donaufürstentümern und zu 
den orientalischen Serwürfnissen bei dem Kabinette der Tuilerien Eindrücke bervorzurufen, 
nach welchen die jüngsten tatsächlichen Beweise unserer friedliebenden Gesinnungen in Paris 
unerwartet sein konnten, darüber können wir dem Kaiserlichen Kabinette natürlich nicht
        <pb n="490" />
        476 Osterreich sucht in ganj Deutschland Mißtrauen gegen Frankreich zu erhalten. 
mehr mitteilen, als es ohnehin weiß; doch geben die Veröffentlichungen des österreichischen 
NRotbuches“ in ihren Erfindungen und Entstellungen mehr als einen Singerzeig darüber, daß 
Graf Beust nicht gerade bestrebt gewesen ist, das Vertrauen in die Absichten Preußens zu 
fördern. Dagegen ist das Kaiserliche Kabinett vielleicht nicht in der Lage, über die Wir- 
kungen der publizistischen und diplomatischen Agitation Ofterreichs in Deutschland ebenso 
unmittelbare Cindrücke zu empfangen wir wir. Wir können uns leider nicht verhehlen, 
daß die fortgesetzte Bearbeitung der öffentlichen Meinung Deutschlands im Sinne der 
Politik des Grafen Beust ein wesentliches Hindernis der Wiederkehr des öffentlichen Ver- 
trauens und insbesondere des Vertrauens der Deutschen auf die Sriedfertigkeit Srank- 
reichs bildet. Unser eigner Glaube an die letztere wird dadurch nicht berührt; aber wenn 
jede Kundgebung der österreichischen Dublizistikk den Sweck hat, Deutschland als bedroht 
von Grankreich darzustellen und bei den deutschen Bevölkerungen und ihren NRegierungen 
die Überzeugung lebendig zu halten, daß ihre Bedrohung durch Srankreich eine gegebene 
und dauernde Unterlage der Situation sei, und daß es daher von Österreich abhängen werde, 
ob es durch seinen Anschluß an Grankreich eine gewaltige Koalition gegen Deutschland her- 
stellen wolle, und wenn das Wiener Kabinett zur Verbreitung und Befestigung dieses 
Irrtums alle seine reichhaltigen Mittel in der Presse und Diplomatie in Bewegung jetzt, 
so arbeitet es mit Erfolg an der Vernichtung eines jeden Keimes, aus welchem sich das 
Vertrauen Deutschlands auf den Grieden und insbesondere auf gute nachbarliche Verhält- 
nisse mit Grankreich entwickeln und kräftigen kann. 
Wir bedürfen nicht bloß der eigenen Überzeugung von der Suverlässigkeit unserer 
Beziehungen zu Frankreich, sondern wir müssen wünschen, daß die Bevölkerung Deutsch- 
lands unser Vertrauen zu Frankreich teile. Erst dann wird mit dem Glauben an die Dauer 
friedlicher Verhältnisse auch die Belebung des Verkehrs sich einftellen, welche die euro- 
päischen Rationen seit Jahren vermissen und herbeiwünschen. Wir bektlagen es daher 
lebhaft, daß die von Wien ausgebenden Stimmen in ganz Deutschland das Mißtrauen 
gegen Grankreich m erhalten und neu zu beleben suchen, sobald unfere Bemühungen zur 
Beseitigung desfelben irgendwelchen Erfolg verheißen. Die diplomatischen und offiziösen 
Kundgebungen, mit welchen das Wiener Kabinett die deutsche Presse so reichlich versieht, 
sind ihrer Mehrzahl nach dem Zwecke gewidmet, Deutschland die Bedrohlichkeit einer 
französisch-österreichischen Koalition vor Augen zu halten und von einer französischen 
Invasion Deutschlands wie von einer Eventualität zu sprechen, deren einstweilige Ver- 
schiebung nur dem guten Willen Osterreichs zu danken sei. Den zablreichen Organen, 
welche dem Wiener Kabinett zu Gebote stehen, wird es auf diese Weise nicht schwer, die 
Gemüter in Deutschland in einer gewissen Aufregung zu halten und die öffentliche Meinung 
daselbst für alle, auch für unscheinbare und irrtümliche Sumptome einer angeblichen Be- 
drohung durch Srankreich in hbohem Grade empfänglich zu machen. 
Wir glauben, dem Kaiserlichen Kabinette die Sorge nicht verhehlen zu dürfen, mit 
welcher wir die Wirkungen der aufreizenden und unruhigen Dolitik des Wiener Kabinetts 
in allen den Fragen beobachten, welche die öffentliche Meinung in Curopa in Aufregung 
zu erhalten geeignet sind. Die geringe Sorgfalt, welche von Wien aus der Erhaltung des 
gegenseitigen Vertrauens unter den europäischen Mächten gewidmet, die aufgeregte Ge- 
jchãftigkeit, mit welcher von dort aus an den Grundlagen des europäischen Sriedens ge- 
.a Vgl. Ar. 1227.
        <pb n="491" />
        Nopoleon III. soll in Wien in friedlichem Sinn intervenieren. 477 
rüttelt wird, muß uns beunruhigen, wenn wir uns das Gewicht vergegenwärtigen, mit 
welchem ein so bedeutender Staatskörper wie Osterreich auf die europäischen Verbältnisse 
Urückwirkt, und wenn wir die Geschäftigkeit sehen, mit welcher der jetzige Leiter der öster- 
reichischen Dolitikk unter oftensibler Beteuerung seiner Liebe zum Grieden bemüht ist, den 
Samen der Swietracht unter den europäischen Mächten auszustreuen. 
Ich habe mir wiederholt die Frage vorgelegt, ob Graf Beust sich selbst über die Wir- 
kungen der Tätigkeit eines Staatsmannes an der Spitze eines so großen Kabinettes voll- 
ständig Rechenschaft gibt, und ob es nicht den Beeinträchtigungen, welche das öffentliche 
Vertrauen von Wien aus erleidet, einigermaßen Einhalt tun könnte, wenn wir der öster- 
reichischen Regierung unsere Ansicht über die nachteiligen Wirkungen ihres Verhaltens 
auf das eigene Land und auf die Nachbarstaaten in freundschaftlicher Weise darlegten. 
Aber nach den wenig wohlwollenden Gesinnungen, welche das Rote Buch des Grafen 
Beust für Preußen dokumentiert, dürfen wir uns auch von dem vorsichtigsten Versuche 
einer solchen Einwirkung kaum einen günstigen Erfolg versprechen. Wohl aber begen wir 
die Hoffnung, daß Graf Beuft durch die Kaiserlich Sranzösische Regierung zu einer ernsteren 
Prüfung der Folgen seiner eigenen Politik bewogen werden könnte, und daß der freund- 
schaftliche Cinfluß, welcher dem Kabinett der Tuilerien in Wien zu Gebote stebt, stark genug 
sein würde, um die Wiener Politik in ruhigere und der Befestigung des europäischen 
FSriedens, der Stärkung des Bertrauens auf demselben förderliche Bahnen zu lenken. Es 
würde unfrer Ansicht nach ein wesentlicher Erfolg in diesem Sinne sein, wenn das Wiener 
Cabinet aufhörte, Behufs Aufregung der öffentlichen Meinung in Deutschland den Namen 
Frankreichs zu mißbrauchen ulnd] über die Intentionen des kafflerlichen) Cabinets falsche 
Nachrichten zu verbreiten:. 
Wir glauben, daß das Kajserliche Kabinett all den gemeinsamen europäischen In- 
teressen, welche von einem dauerhaften und vertrauensvollen Zustande des Griedens ihr 
Heil erwarten, einen wesentlichen Dienst leisten würde, wenn Grankreich seinen Einfluß in 
Wien geltend machte, um Österreich für dieselbe Politik des Sriedens zu gewinnen, durch 
welche der Kaiser Napoleon sich den Dank der europäischen Bölker erworben hat. 
Ew. pp. wollen in diesem Sinne unsere in vorstehendem niedergelegten Eindrücke zum 
Gegenstande ganz vertraulicher Besprechungen mit dem Kaiserlichen Minister der aus- 
wärtigen Angelegenbeiten machen und uns mitteilen, ob und in welchem Maße unsere GSe- 
danken bei demselben Eingang finden. 
*1244. Erlaß an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Kanjleikonzept.] 
Berlin, den 19. Dezember 1868. 
Dem in anliegender Depesche gegebenen Auftrage wollen Sie auf dem Wege näher 
treten, daß 8ie munächst über die unruhige, feindselige und taktlose Gangart der öster- 
reichischen Politik gespröchsweise klagen, auf die Verhetzungen und Bedrohungen der 
Deutschen, u denen Oestrleich den Ramen Frankreichs mißbraucht:, und die nachteilige 
gorr „er 90 sigenäsoiger Iusas Bismar#s. Der ganze Erlaß weist im übrigen eine Sülle kleinerer 
1244.4 Der letzte Relativlatz eigenhöndiger Einschub Bismarcks.
        <pb n="492" />
        478 Auch in London bringt Bismarck Sfterreichs aufreijende Politlk zur Sprache. 
Wirkung derselben auf die Meinung über Frankreich hinweisen und die Srage stellen, ob 
die französische Regierung nicht glaubt, zur Herabstimmung der Aufgeregtheit der öster- 
reichischen Politik etwas beitragen zu können, und ob sie disponiert sei, dies zu tun. Wir 
werden uns in analogem Sinne nach London bin aussprechen: und wahrscheinlich wird von 
russischer Seite Abnliches geschehen. Letzteren Punkt wollen Sie mit Stillschweigen über- 
gehen und alles vermeiden, was wie gemeinschaftliche Cinwirkung Preußens und Auß- 
lands aussehen könnte, mit Graf Stackelberg aber die Sache besprechen, ihm Mitteilung 
von Ihren Versuchen machen und denselben um das gleiche Bertrauen bitten. 
* 12485. Erlaß an den Botschafter in London 
Grafen von Bernstorff. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.)] 
Vertraulich. Berlin, den 19. Dezember 1868. 
Ew. pp. übersende ich in der Anlage Abschrift einer Depesche, welche ich unter beu- 
tigem Datum an den Königlichen Seschäftsträger in Paris gerichtet habe:, um auf die 
Gefahren binzuweisen, welche für den Grieden Curopas in der unruhigen und aufreizenden 
Politik des gegenwärtigen Leiters des österreichischen Kabinetts liegen. Wir balten es 
für unsere Pflicht, auch die Königlich Großbritannische Regierung auf diese Gefahren in 
äbhnlicher Weise aufmerksam m machen; und ich ersuche Ew. pp. daber ergebenst, diese 
Depesche ihrem wesentlichen Inhalt nach auch als an Sie selbst gerichtet anzusehen. 
Ew. pp. wollen zunächst gesprächsweise auf den gefährlichen Charakter der öster- 
reichischen Politik hinweisen, wozu die neuesten Ereignisse und der Inhalt des öster- 
reichischen Rotbuches öhnen hinreichend Veranlassung bieten, und dabei die feste Über- 
leugung ausfsprechen, daß das englische Kabinett eine so ungeschickte und leichtfertige Be- 
handlung von Interessen, welche das öffentliche Vertrauen und schließlich den Bestand des 
Eriedens berühren, sobald es nur ihren wahren Charakter kenne, unmöglich billigen könne. 
Einen auffallenden und traurigen Beweis von der Wirkung, welche diese Dolitik her- 
vorzubringen imstande ist, gibt die augenblickliche Krifis in Konstantinopel. Es ist an und 
für sich nicht wahrscheinlich, daß die Pforte zu einem so gewaltsamen, ihre eigenen Sn 
teressen und den europäischen Frieden gleich kompromittierenden Entschluß nach so langem 
Zaudern und im Augenblicke des gänzlichen Erlöschens des Aufstandes in Kreta nur durch 
eigene Leidenschaft und ohne alle fremde Einwirkung gekommen sein sollte. Alle unsere, 
von den verschiedensten Seiten bestätigten Machrichten geben uns außerdem die Gewißheit, 
dab der Kaifjerlich Österreichische Internuntius= seine Hauptaufgabe darin sieht, durch 
Hetzereien bei der Pforte sowohl wie unter den Vertretern der europäischen Mächte eine 
Leidenschaftlichkeit und eine gegenseitige Verstimmung bervorzurufen, welche die Verhält- 
nisse gerade an Ort und Stelle so verbittert, daß die Bemühungen der Kabinette m 
einer Ausgleichung und Verföhnung durch die zum großen Teil auf jene Hetzereien be- 
ruhenden Verhältnisse unter ibren Organen paralpsiert werden. Der franzölische Bot- 
schafter Herr Bourée scheint den von seinem österreichischen Kollegen ausgehenden Ein— 
flüssen nur allzu zugänglich zu sein. Wenn es daher jetzt nicht mehr der Weisheit der 
2 Siehe das folgende Schriftstiick. 
1245. * S#n 
2 Vgl. Ar. 1½5 Anm. 1.
        <pb n="493" />
        London soll in Wien Vorstellungen machen. 479. 
Kabinette, unter welchen das englische in erster Linie m einer mäßigenden Tätigkeit be- 
rufen scheint, gelingt, die drohende Krisis im Orient, vor der bisher die ganje europäische 
Politik zurückgescheut hat, zu beschwören, so ist dies vor allem dem Leichtsinn und Übermut 
zuzuschreiben, mit welchem die österreichische Politik ein Jo großes und allgemeines euro- 
päisches Interesse hat behandeln lassen. 
Vicht minder verderblich für das öffentliche Vertrauen ist die österreichische Agitation 
in Deutschland. 
Soviel wir wissen, teilt Lord Clarendon den Glauben an die aufrichtige Friedensliebe 
des Kaisers Rapoleon, welchen ich in der anliegenden Depesche ausgesprochen habe. Es ist 
wesentlich die Schuld der aufreizenden Tätigkeit des Wiener Kabinetts, wenn dieser 
Glaube nicht auch in der öffentlichen Meinung und namentlich in Deutschland Wurzel 
fassen will. Bon Österreich aus wird mit großer Seflissenheit die Ansicht genährt, daß 
Grankreich immer zum Losschlagen bereit sei und nur auf Osterreich warte; daß nur Ofter- 
reich es für jetzt noch davon zurückhalte, daß aber Osfterreich es auch in der Hand babe, jeden 
Augenblick eine kriegerische Koalition herzustellen, indem es die von Srankreich immer dar- 
gebotene Hand ergreife. In dem dadurch genährten Mißtrauen gegen Grankreich liegt 
eine der größten Gefahren für den Grieden, und Osterreich gefällt sich darin, diese Wunde 
offen zu halten, um sich den Boden für künftige Konftellationen vorzubereiten. 
Hier ist ein PDunkt gegeben, an welchem gerade das Königlich Großbritannische Ka- 
binett wesentlich und mehr als ein anderes zur Sicherung des GSriedens nützen kann. Ew. 
pp. wollen daher an öhre Darlegungen der österreichischen Politik die Srage knüpfen, ob 
der englische Minister nicht glaube, zur Herabstimmung der Aufgeregtbeit der öster- 
reichischen Politik beitragen und durch freundliche, aber ernste Vorstellungen auf einen 
ruhigeren, den europäischen Frieden weniger gefährdenden Charakter derselben binwirken 
zu können? 
Ganz vertraulich und zu öhrer eigenen Orientierung teile ich Ihnen mit, daß man in 
St. Petersburg wesentlich dieselbe Ansicht von der österreichischen Politik hegt, und daß 
wahrscheinlich man sich von dort in demselben Sinne aussprechen wird. Sch bitte Ew. pp. 
jedoch, diesen Punkt mit Stillschweigen m übergeben und alles zu vermeiden, was wie eine. 
gemeinschaftliche Cinwirkung Preußens und ARußlands oder wie verabredete Schritte aus— 
sehen könnte. 
Dagegen wird es mir erwünscht sein, wenn Ew. pp. mit õhrem russischen Kollegen die. 
Sache vertraulich und unauffällig besprechen, ihm Mitteilung von Ihren Versuchen machen 
und ihn um das gleiche Vertrauen bitten. 
1246. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Helnrich VII. Drinzen Reuß. 
[Kontept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken.] 
Ganz vertraulich. Berlin, den 19. Dejember 1868. 
Ew. pp. übersende ich anliegend Abschrift der Depesche, welche ich unter dem 19. d. M. 
infolge des mit dem Sürsten Gortschakow stattgefundenen Gedankenaustausches: an den 
1 Siehe Ar. 1224.
        <pb n="494" />
        480 Erõffnungen nach Petersburg. Jusammentritt der Liquidationskommission. 
Königlichen Geschäftsträger in Paris gerichtet habe-, und füge zugleich Abschrift der be- 
sonderen Instruktion, womit ich dieselbe in betreff der Verwertung ihres Inhalts begleitet 
habes, sowie Abschrift desjenigen Crlasses bei, wodurch ich den Königlichen Botschafter in 
London“ aufgefordert habe, dem Königlich Großbritannischen Kabinett gegenüber in ähn- 
licher Weise sich ausmsprechen. 
Ew. pp. sind ermächtigt, diese Erlasse dem Sürsten vertraulich vorzulesen. Sch bitte 
Ew. pp. dann die Bemerkung hinzuzufügen, daß wir dies als einen Versuch anseben, um 
dos Terrain zu sondieren; und daß wir nach Maßgabe der Aufnahme, welche diese vertrau- 
liche Sprache findet, werden beurteilen können, ob und in welcher Weise sich weiter gehen 
läßt. Wir werden daraus schließen können — in London: wie weit wir bei dem neuen 
Kabinett auf eine unbefangene Würdigung der österreichischen Politik und auf ein Ver- 
ständnis für die Quelle, aus welcher dem europäischen Srieden Gefahren drohen, boffen 
dürfen; — in Paris: wie weit man etwa mit dem österreichischen Treiben einverstanden ist, 
welches dort sicher nicht wie vielleicht in London unbeachtet und unverstanden geblieben ist. 
*1247. Erlaß an den Gesandten in München 
Fretherrn von Werthern. 
[Kanzleikonjept.] 
Vertraulich. Berlin, den 19. Dezember 1868. 
Auf den gefälligen Bericht vom 4. d. M. Ar. 104 betreffend den Zusammentritt der 
Liquidationskommission, ersuche ich Ew. pp., sich in nachstehendem Sinne gegen den Sürsten 
Hohenlohe auszujprechen. 
Von dem Kriegsministerium werde unter allerhöchster Zustimmung die Beschleu- 
nigung der Sache dringend gewünscht#. Wenn ich auch, seitdem mir die jüngsten Wünsche 
des Fürsten bekannt geworden, eine dilatorische Behandlung hätte eintreten lassen, so jähe 
ich doch kommen, daß ein wiederholtes Berlangen des Kriegsministeriums und Befehle des 
Königs mich sehr bald nötigen würden, die Korrespondenz wieder aufzunehmen, um so mehr, 
als ich selbst die Beantwortung der Note des Fürsten vom 14. Cktober= bei meiner Rück- 
kehr zu den Seschäften urgiert hätte. Ich könne mir nicht denken, daß die Verhältnisse, 
welche jetzt für einen Aufschub geltend gemacht würden, das heißt das Beisammenzjein der 
baprischen Kammern in absehbarer Seit eine wesentliche Anderung der widrigen Kon- 
junkturen hberbeiführen würden; die Wirkung aber, die man sich von dem bloßen Saktum, 
daß die Stände versammelt sind, versprechen dürfe, müsse schon eingetreten sein. Ich glaubte 
daher jetzt den Moment gekommen, die Einladung zu beantworten, welche Bayern, m- 
gleich im Mamen der übrigen jüddeutschen Staaten an uns gerichtet babe. 
.» Siebe Vr. 1243. 
* Siehe Vr. 1244. 
·Siehe Ar. 1245. 
127.1 Vgl. ARr. 1220, 1229. 
2 Bgl. Ar. 1190.
        <pb n="495" />
        Bismarck mahnt in Athen und Konstantinopel zur Möhigung. 481 
*1248. Telegramm an den Gesandten in Athen von Wagner. 
[Eigenhändiges Konzept.)] 
Auf Bismarcks Anregung zu einer Konferen; zwecks Beilegung des griechisch-türkischen 
Konflikts (ogl. Ar. 1239) hatte Frangreich sofort sein volles Einverständnis ausgesprochen, 
während England die Konferen; lieber auf die Schutzmächte beschränkt geseden bätte, anfäng- 
lich auch die Vedingung stellen zu wollen schien, daß im voraus das Konferenjprogramm fest- 
gestellt werden müsse, donn aber doch ohne Bedingungen onnahm. Die Srage war nun, von 
wem die näheren Vorschläge über den Zusammentritt der Konferenz; ausgeben sollten. Marquis 
de Lavalette, der inzwischen anstatt Moustiers das franjösische Ministerium des Auswärtigen 
übernommen batte, drang am 22. Dezember in Graf Solms, daß Preußen, von dem der Vor- 
schlag uur Konferen; ausgegangen sei, auch das Weitere veranlasse. Er selbst regte an, daß 
die Konferen; sich ausschließlich mit der Beilegung des gegenwörtigen Konflikts befassen 
solle, etwa in der Weise, daß sie von den Griechen verlange, was billig sei, dagegen die 
Türken von der Austreibung der Griechen abhalte. Bismarcke war damit durchaus ein- 
verstanden, wünschte aber, dem Kaiser Rapoleon III., dem wiederholt schon die Berufung 
eines europäischen Kongresses mißglücket war, die Ehre der Konferenzeinladung zu überlassen, 
und letzte lih deswegen mit Benedetti in Berbindung, der aber mnächst Sicherheit zu haben 
wünschte, daoß eine franjösische Einladung schnellen Erfolg haben werde. Bismarck setzte 
zu diesem SZwecke mehrere eigenhöndige Celegramme auf, die aber nicht abmugeben brauchten, 
da Benedetti ihm am 24. anzeigte, daß FSrankreich sich entschlossen babe, die Mächte, welche 
den Traktat von 1856 unterzeichnet hätten, also die Großmächte nebst der Kürkei, auf den 
2. Jonuar nach Paris einjuladen. Vql. dam NAr. 1265, ferner Bismarcks Schreiben an 
König Wilhelm I. vom 24. Dezember, Anhang zu den Gedanken und Erinnerungen, I, 186 f. 
Aber noch war der Erfolg der Konferenzeinladung, da Rußlands Stellungnahme nicht völlig 
Letllärt war, nicht gesichert. Auch vom Orient selber konnten noch Schwierigkeiten kommen. 
ach einem Telegramm des Grafen Solms vom 24. Dejember besorgte Marquis de Lavalette, 
den Zusammentritt der Konferen; durch türkische Gewaltakte — man sagte dem Befebls- 
baber der türkischen Streitkräfte in Kreta die Absicht nach, 20 gefangene Griechen z er- 
schießen — und durch griechische Quertreibereien kompromittiert zu sehen. Er ließ desbalb 
Bismarck bitten, in Atben und Konstantinopel vur Bernunft zu raten. 
Berlin, den 25. Dezember 1868. 
Nachdem der Zusammentritt der Conferenz in Aussicht steht, wollen Ew. pp. bemüht 
sein, die Regirung um go dringender zur Aähigung liu] ermahnen, als jede von Griechen- 
land ausgehende Störung der übereinstimmenden Bestrebungen aller Mächte m Gunsten 
des Friedens zum Nachtheile Griechenlands auf die Verhandlungen der Conferenz rüch- 
wirken würde. Empfehlen Sie Achtung des status qduo ulnd] conciliante Haltung. Geben 
Sie Ihrem französischen Collegen Kenntniß von Ihrer Einwirkung in diesem Sinne. 
1240. Telegramm an den Gesandten in Konstanttnopel 
Grafen von Brassser de St. Simont, 
[Eigenbändiges Konjept.] 
Berlin, den 25. Dezember 1868. 
In Paris hat man Nachricht von Absicht der Pforte, 20 Gefangne in Creta erschießen 
zu lassen. Mahnen Sie nach Kräften zur Mähigung unter Hinweisung auf die bevor- 
ktehende Conferenz ulnd]) den Sindruck, unter welchem kurj nach jolchen Hinrichtungen die 
Conferenz am 2. Januar eröffnet werden würde. 
1 Vgl. die Vorbemerkung zu Ar. 1238. 
VIa
        <pb n="496" />
        482 Einladungen zur Pariser Konferenz. Teilnahme Griechenlands. 
*1250. Telegramm an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
[Cigenbändiges Konjept.] 
Berlin, den 25. Dezember 1868. 
H. v. Oubril hat gestern nochmals Uebernahme des Schutzes der Griechen empfohlen. 
Wir hoffen, daß durch Conferenz die Grage bald practisch erledigt werde. Für jetzt aber 
glaubt der König, so gern Sleine] Mlojestät) dem Wunsche des Kaisers ulnd] dem eignen 
Gefühle folgen würde, doch eine Ehrenpflicht nicht auf sich nehmen zu dürfen, zu deren 
würdiger Erfüllung unter Umständen die Mittel fehlen. Gewaltthaten gegen Schutz- 
befohlne, wie sie dort in Aufregungen möglich sind, würden nach Ansicht des Königs die 
Ebre Sleinelr Mloajestät) berühren, ohne daß Preußen im Orient Mittel bejäße, leinem 
Schutze Achtung zu schaffen. 
Im Begriff, dieses und ein andres die Einleitungen zur Conferenz betreffendes Tele- 
gramm abiufertigen, erhalte ich Benedettis Mittheilung, daß Srankreich die Einladungen 
-zur Conferenz auf 2. Januar morgen ergehn läßt, an der Annahme derselben in Petersburg 
nicht zweifelt, also weitre vorbereitende Schritte von unfrer Seite nicht mehr erforderlich 
lind. Wegen Verständigung über Verhalten auf TConferenz sind wir gern zu Gedanken- 
austausch bereit. 
*1231. Telegramm an den Geschäftsträger in Daris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
Konzept von der Hand des Vortragenden Nats von Keudell.] 
Berlin, den 25. Dezember 1868. 
Benedetti jagte mir gestern, Außland sei mit dem Tenor der Konferenzeinladung 
(les puissances signataires etc.) einverstanden. Dagegen telegraphiert Prinz Reuß, Auß- 
land nehme an, daß Türkei nur zur Konferenz zuzulassen, wenn auch Griechenland ver- 
treten; am besten keins von beiden, weil Konferenz Schiedsgericht sein solle. Graf Stackel- 
berg sei so instruiert. 
Konferenz darf bieran nicht scheitern. Beantragen Sie, Rußland die Susicherung zu 
erteilen, daß in der ersten Konferen; die Zuziehung Griechenlands beschlossen werden wird; 
melden Sie, was man daju meint. 
1232. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Wenn Viemarck sich mit leiner Konferenjanregung so jehr beeilt cbote war es jum 
t Schrittes geschehen, den Außland 1278, Vor- 
äuen il ian v 5 Th 6loch den ariechiseh-Tr#ehed n K#fü unter- 
1 Vgl. die Vorbemerkung u. Ar. 1248.
        <pb n="497" />
        Gortschakows unpraktisches Orientprogramm. 483 
nehmen wollte. Catlschlich schlug Gortschakomw in zwei an den Dotschafter Baron Brunnow 
in London gerichteten Erlassen vom I7. und 19. Dejember (liehe deren Cext in: Dos Staats- 
archio, XVI, 313 a9 in jehr vieldeutigen Werdunge die Herstellung einer Entente unter den 
Gromöchten vor, die mittels „solutions Cconformes à Phumanitk. au progres, à la civilisation“ 
die Jukunft des Orients und den allgemeinen Srieden sichern 8 it nächstes Siel forderte 
Gortschakom eine diplomatische Sntervention der Großhmächte „afin d’arréter la Porte dans la 
voie on elle est entrée et d’empscher le developpement dlune çgrise qui menace la 
palx générale“. Es war leicht vorberjusehen, r* auf einer solchen Basis ein einheikliches 
Vorgehen der Mchie keinenfolls zu erreichen stand. 
Vertraulich. Berlin, den 26. Dejember 1868. 
Baron Oubril hat mir, wie Ew. pp. mir bereits in Aussicht gestellt batten, die 
Depeschen mitgeteilt, welche der Fürst Reichskanzler unter dem §./I7. und 7./19. d. M. 
an den Kaiserlichen Gesandten in London gerichtet hat, um sowohl die gegenwärtige Lage 
und die augenblicklich im Orient entstandene brennende Frage als den Weg zu kennzeichnen, 
auf welchem eine bedenkliche Politik schrittweise bis zu dieser den Srieden Europas be- 
drohenden Krife geführt hat. Sch kann nicht zweifeln, daß Ew. pp. beide Depeschen durch 
die Güte des Sürsten Gortschakow bereits bekannt seien. 
Dem Baron Oubril habe ich bereits meine GSreude ausgesprochen über die Schärfe 
und Klarheit, mit welcher die beredte Sprache dieser Depeschen die chronische Krankbeit 
des Orients darlegt:. 
In der Tat ist es für einen Unbefangenen gewiß unmöglich, sich der Logik der in ihrer 
natürlichen Aufeinanderfolge dargestellten TLatsachen und der daran geknüpften Räsonne- 
ments zu entziehen. Die tiefen Schäden, an welchen sowohl der Orient selbst als das 
Verhältnis der europäischen Mächte zum Orient leidet, und welche statt einer rationellen 
und vernünftigen Heilung immer nur Polliative gefunden haben, eben darum aber auch 
immer wieder zum Aufbrechen bereit bleiben, sind in ebenso überzeugender Weise dar- 
gestellt, wie diesenige Politikt, welche in unruhiger Cötigkeit eben diese Schäden zum 
Zweck ihrer Agitation und ihrer auf bedenkliche Konstellationen gerichteten Hoffnungen 
ausmbeuten sucht. õn letzteren Beziehungen stimmen die in den Depeschen des Sürsten 
Vortschakow enthaltenen Andeutungen vollkommen mit der Sprache überein, welche wir in 
London und Paris durch unfere Vertreter vertraulich führen lassen, in einer Weise jedoch, 
welche des Fürsten und unserem Wunsche gemäß jeden Argwohn einer anderen als der in 
der Sache selbst liegenden Gemeinsamkeit ausschließt. Ich kann nur wünschen, dah diese 
Sprache auch an den westlichen Höfen derjenigen Unbefangenbeit begegnen möge, bei 
welcher sie ihres Cindrucks nicht verfehlen kann. 
Ich glaube auch, in den Gedanken des Sürsten TNeichskanzlers einzugehen, wenn ich 
annehme, daß es auch ihm nur darauf ankomme, die Schäden offen und überzeugend bloß- 
mlegen und auf das Bedürfnis einer radikalen Heilung binzuweisen, und daß er nicht die 
Absicht habe, im gegenwärtigen Moment eine solche Heilung direkt m finden oder 
den übrigen Kabinetten vorzuschlagen. Ein solcher Vorschlag würde augenblicklich bei den 
Westmächten wenig Entgegenkommen finden. Namentlich muß ich aus den mir aus 
London zukommenden Berichten schließen, daß man doch jeden Versuch, an dem bestebenden 
Zustand zu ändern, abweisen und jede Handhabe, um auf die Verträge, die diesen Zustand 
regeln, zurückzukommen, mit einer ängstlichen Entschiedenbeit abweisen würde. Die Kon- 
stellation und die Gruppirung der Mächte in diesem Augenblicke erscheinen für Arbeiten, 
1 Der Satz beruht auf eigenbändigen Korrekturen Bismarcks. 
N##
        <pb n="498" />
        484 Preuhen bereit, Konferenjeinladung anzunehmen. Rußland macht Schwierigkeiten. 
welche die Gestaltung der Zukunft des Orients ins Auge fassen, nicht günstig. Ich glaube 
daher, mit dem Sürsten darüber einverstanden zu sein, daß gegenüber der jetzt angeregten 
Konferenz an dem Standpunkte festzuhalten ist, daß dieselbe nur als eine Konferen; ad hoc, 
d. h. zur Beilegung des vorliegenden Konflikts bestimmte zu betrachten sei, ulnd) daß es 
vor der Hand als ein Gewinn betrachtet werden muß, die durch den ncidenz-Sall ge- 
schaffene Gruppirung mit demjelben aus der Welt zu schaffens. 
*1253. Erlaß an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
(Konzept von der Sand des Legationsrats Grafen von Hakbfeldt.] 
Berlin, le 26 décembre 1868. 
labgegangen am 28. Dezemberl= 
Par une communication en date du 25 d. m., dont Vous recevez ci-joint la copie, 
I Ambassadeur de France nous a fait parvenir Pinvitation du Gouvernement Français de 
Prendre part à une conférence des Puissances signataires du traité de Paris du 30 mars 1856 
qui doit se réunir dans cette capitale le 2 janvier prochain pour rechercher le moyven 
d’apaiser le düsérend qui sest élevẽ entte la Turquie et la Grece. 
Après avoir pris à ce sujet les ordres de Sa Majesté le Roi notre auguste maitre, je 
vous invite, Monsieur le Comte, à informer Monsieur le Ministre des Affaires Etrangères 
de Sa Majesté I’Empereur des Français due le Souvernement du Roi, animé du méme désir 
due le Cabinet des Tuileries de prévenir un conflit en Orient, accepte avec plaisir D’invi- 
tation qui lui est adressée par ce dernier et due Sa Majestée le Roi a Tintention de Vous 
donner les pouvoirs nécessaires pour prendre part aux délibérations de la Conférence. 
*1234. Telegramm an den Beotschafter in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
[Kanzsleikonsept.]# 
Berlin, den 26. Dezember 1868. 
Graf Solms telegraphiert: Rußland habe anfangs Konferenz m Sechs oder Ein- 
ladung der Türkei unter Zuziehung eines griechischen Vertreters à titre consultatif vor- 
geschlagen. Dem hätten der Kaiser Napoleon und demnächst die Botschafter von 
Osterreich und England mgestimmt. Der spätere Antrag Rußlands auf Ausschließung der 
Türkei oder gleichberechtigte Zuziehung Griechenlands habe auf Sustimmung der West- 
mächte keine Aussicht. Warquis de Lavalette fürchtet, daß die Konferenz daran scheitere. 
Ich habe auf Oubrils Wunsch unsere schriftliche Antwort auf die Sinladung= bis heut 
verschoben, mündlich aber auf Benedettis Versicherung, daß Stackelberg einverstanden, 
2 Der Satz beruht auf eigenhöndigen Korrekturen Bismarchs. 
2 Der Schluß des Satzes von den Worten an: „ulnd] daß es vor der Hand. 
Pienerd dem bi eschobenen Abgang des Erlasses Ar. 1265 
4 . naus " 4 « 
Exis- ng gemerkt steht qonlcheinend aufDiktatBismarchszurudcuadiltdanavoa ihm überarbeitet. 
2 Siehe VAr. 1253. 
r* 
" 
eigenhändiger Zufatz
        <pb n="499" />
        Bismarck redet Gortschakow zu. Wilhelm I. und Herzog von Cambridges Ansprüche. 485 
schon vor Oubrils letzter Eröffnung gesagt, wir würden annehmen. Reden Sie m, daß 
Gortschakow sich an dem rinzip der zuerst erwähnten frühern Erklärung genügen läßt. 
Tragen Sie dem Sürsten vor, wie wir ursprünglich unabsichtlich u dem Prinzip der Unter- 
zeichner von 1856, also Suziehung der TCürken gekommen sind. Wir hatten nach Paris 
daslelbe Celegramm gerichtet, welches Ew. pp. am 18. unter Ar. 35 erhalten haben'. Aus 
den alternativen Anfragen, welche dasselbe enthält, hat das Pariser Kabinett die an 1856 
anknüpfende berausgenommen, unsere Anfrage als einen Borschlag behandelt, und wir 
habe uns letzteres, um die Sache nicht zu hindern, gefallen lassen, nicht vermutend, daß 
Rußland entscheidendes Gewicht in die Frage der nächsten Beteiligung legen würde. Hätte 
ich voraussehen können, daß Frankreich unser Telegramm Ar. 35 zu einem Vorschlage 
stempeln würde, so würde ich, ehe wir denselben machten, jedenfalls die Verständigung mit 
dem SFürsten Gortschakow gesucht haben. 
*1235. Schreiben an die Staatsminlster 
Frelherrn von der Heydt und Leonhardt. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Aats König.] 
.Auf den gemeinschaftlichen Immediatbericht Bismarcks, v. d. Hepdts und Leondardts 
vom 25. Vodember betreffs eines dem Bevollmächtigten des Herzogs, von Cambridge dahin 
zu erteilenden Bescheids, dab die Beschlagnohme des Vermögens König Georgs V. keinerlei 
Schmälerung der agnatischen Rechte involvieren golle, daß aber den Agnaten eine Teilnahme 
an der Verwaltung des sequestrierten Vermögens nicht eingeräumt werden könne (ogl. Mr. 1209, 
Anm. 3), hatte König Wilbelm I. am 109. Dejember mit einem ausführlichen Schreiben ge- 
antwortet, das von der Voraussetzung ausging, daß dem Herjoge bereits früher ein MWit- 
aufsichtsrecht über die Abfindungssumme jugestanden sei. Der König wünschte daber, daß dem 
erloge wenigstens insoweit entgegengekommen werden möge, daß ihm jährlich eine Versicherung 
über die ungeschmälerte Erbaltung der Substanf des Vermögens gegeben werde. Der König 
glaubte in diesem Sinne dem Herioge bereits perfönlich eine Sujicherung gegeben m haben. 
Berlin, den 26. Dejember 1868. 
Seine Aajestät der König haben mittels des ganz ergebenst angeschlossenen Aller- 
böchsten Handschreibens vom 19. d. M. noch einige Aufklärungen bezüglich unseres gemein- 
schaftlichen, das sequestrierte Bermögen des Königs Georg betreffenden Berichts vom 
25. v. M.# zu befehlen geruht. Allerhöchstdieselben scheinen von der Voraussetzung auszu- 
gehen, daß dem Herjog von Cambridge ein Mitaufsichtsrecht über die Abfindungssumme 
jugestanden worden sei. Dies ist aber tatsächlich nicht der Sall. BVielmehr haben 
die desfallsigen Besprechungen zu keinem Ergebnis geführt. Preußischerseits bestand früher 
allerdings die Absicht, einer gemischten Kommission, in welcher auch die Agnaten vertreten 
sein sollten, zuzustimmen. Dabei lag aber die Voraussetzung zugrunde, daß durch den 
Vertrag der Friede mit dem König Georg wirklich berbeigeführt und dieser definitiv in 
den Genuß der Abfindung treten würde. Nachdem die Segquestration erforderlich ge- 
worden ist, würde mit dem Hinfälligwerden jener Voraussetzung auch der Plan einer 
gemischten Kommission selbst dann, wenn er zu Stande gekommen ulnd] in den Vertrag 
* Siebe Mr. 1229. 
1255.4 Vergl. dam Nr. 1209, Anm. 3.
        <pb n="500" />
        486 Die französischen Konferenzeinladungen in Petersburg und Berlin. 
aufgenommen worden wäre:, nicht haben aufrechterhalten werden können. Er ist aber 
garnicht zu Stande gekommen ulnd) im Vertrage nicht erwähnt'. 
Wenn Seine Moajestät der König Wert darauf legen, daß einem Bevollmächtigten 
des Herjogs jährlich eine Mitteilung über unveränderte Erhaltung der Substanz gemacht 
wird, so finde ich dagegen vom Standpunkte meines Ressorts weniger Bedenken. Da 
indessen Ew. pp., des Herrn Ginanzministers, Ressort zunächst dabei beteiligt ust, so stelle 
ich ganz ergebenst anbeim, die Sache Shrerseits einer Prüfung zu unterziehen. Finden 
Hochdieselben keine Bedenken, eine im Sinne Seiner Majestät Befehle gefaßte Ordre vor- 
mlegen, so bin ich zur Alitzeichnung eines desfallsigen Immediatberichts bereit", bitte aber 
ganz ergebenst, in diesem Berichte den tatsächlichen Hergang richtig zu stellen. 
*1256. Telegramm an den Geschäftsträger in Daris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Eigenbändiges Konzept.] 
Berlin, den 27. Dezember 1868. 
Nach Benedetti's Außerungen nahm ich an, daß die förmlichen Einladungen zum 
2. Janluar) allen Höfen gleichzeitig uugehn würden. Sch babe sie seit 3 Tagen in Händen" 
und in Petersburg scheint sie noch nicht übergeben zu sein. Als Hauptsache sehn wir 
chnelle ulnd) volle Beseitigung der Spannung an; im Interesse dieser guten Sache wird 
eine Erschwerung der an sich schwierigen Stellung Rußlands zu vermeiden sein; in einer 
formellen Isolirung oder Verspätung ARußlands würde eine golche Erschwerung liegen. 
MWachen Sie darauf verföhnlich aufmerksam ulnd) telegraphiren Sie, ob ulnd) wann Ein- 
ladung in Petersburg übergeben. 
*1232. Telegramm an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
[CEigenbändiges Konzept.] 
Berlin, den 27. Dezember 1868. 
Ist die amtliche französische Cinladung zur Conferenz in Petersburg noch nicht über- 
geben? Es follte dieß gleichzeitig geschehn, ulnd) ich habe sie seit 3 Tagen in Händen. 
2 Die Worte „lelbst dann wenn . .“ eigenbändiger Einschub Bismarcks. 
2 Der Satz eigenhändiger Zusatz Bismarcks. . k 
Statt eines schriftlichen Immediatberichts wurde dem Könige am 5. Januar von Vismarck, v. d. Heydt 
und Leonbardt mündlich in der Angelegenbeit Vortrag gehalten. Inswischen batte sich der Herog- von- 
Cambridge am 23. Dezember an König Wilbelm I. und am 26. auch an den Kronprinzen erneut min der itte 
gewandt, daß gelegentlich der bevorstebenden Beratung der Beschlagnahmeverordnung vom 2. ärl 1 
im Landtag eine sormelle Anerkennung der agnatischen Rechte auf das seauestrierte Vermögen ausgesprochen 
werden möge. Bismarck bestätigte dem Kronprinzen, Micich in dieser Angelegendeeit münduich an he 
wandte, in einem Schreiben vom 4&amp;. Jonuar 1869 ausdrücklich, daß „das jetzt belüglich dee- 1 usbgene es 
Königs Georg Ichwebende Verfahren die agnatischen Rechte an demsell enen in - atq es 
trages vom 22. September 1867 erwöhnt sind, in keiner Weise berührt“. gleiche ersi gerungre e 
der König selbst dem Herzoge von Cambridge in einem von Vismarck in- 1 surn vorse egg en reiten 
das zuum Schluh auch die Zusage periodischer Auskunfterteilung „über das Vorhan en ein der Objekte, we 
das Kapitalvermögen des Königs Georg bilden“, entbielt. 
1256. 1 Vgl. Ar. 1290.
        <pb n="501" />
        Bismarck rät jur Zujlebung Griechenlands. Elbjollfrage. 487 
*1258. Telegramm an den Geschäftsträger in Darls 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[CEigenbändiges Konzept.] 
Nach einem Telegramm des Grafen Solms hätte Benedetti nur Auftrag gehabt, 
Bismarck das Sormular der Einladung jur Konferen) vormlegen; aus Mißverständnis habe 
er aber die Einladung selbst übergeben. Bi formellen Einladungen hatten am 26. abgeschickt 
werden sollen, wegen rufssischer Schwierigkeiten seien sie aber zurückgehalten worden und follten 
nun erst am 28. oder 29. abgeben. 
Berlin, den 27. Dezember 1868. 
Benedetti hat mir Greitag die Einladung amtlich zugestellt. Beantwortet habe ich sie 
noch nicht: ulnd] werde es nach Ihrem Tellegramm) 75 bis auf Weitres nicht thun. 
*1230. Telegramm an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Eigenbändiges Konzept.] 
Berlin, den 27. Dezember 1868. 
Auf Petersburger Wunsch ersuche ich Sie: reden Sie der Suziehung Griechenlands 
in versöhnlicher Weise das Wort, ulnd] wenn, wie vorauszusehn, darauf nicht eingegangen 
wird, befürworten Sie Sesthalten an Stackelbergs erstem Vorschlage der faculté consul- 
tative für Griechenland. 
*12560. Votum an das Dreußtsche Staatsminssterium. 
[Reinschrift.] 
Verlin, den 27. Dejember 1868. 
Mit dem in dem Schreiben der Herren Minister der Sinanzen und für Handel pp. vom 
11. d. M. enthaltenen Vorschlage, betreffend die Cinholung der allerhöchsten Ermächtigung 
zur Einbringung eines Gesetzentwurfes wegen Erstattung des preußischen Anteils am Elb- 
Jolle:, vermag ich mich meinerseits nicht einverstanden zu erklären. ch halte dafür, daß, 
solange die preußischen Ginanzen sich in einem Justande des Defizit befinden, welcher nicht 
durch vorübergehende Verhältnisse herbeigeführt ist, es unzulässig sein würde, aus Libe- 
ralität auf eine Cinnahme von der Höbe wie die vorliegende zu versichten. 
Unter diesen Umständen bitte ich ganz ergebenst, der Ausführung des oben gedachten 
Vorschlages gefälligst Anstand geben und die Angelegenheit anderweitig im Königlichen 
Staatsministerium zur Beratung stellen zu wollen. 
*1261. Erlaß an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden NRats Abeken.]. 
· Am21.»D-»zembekbatteGrafsolmsGelegenheitgedabt.mitdcsaleitwentqencam 
thmtebefIadltchenirgazölilcheaAuhenminiltetMarquisdeLaoqletteüberdie unrthqt 
«Vieam26.021etabekaneteAatwottceR.iszz· kqmgzahi.sztbisi 
isso.ngl.da-uRt.-208, sei-L let Oiebe Ar ) ing erft vs
        <pb n="502" />
        488 Jusage Lavalettes, auf Ssterreichs Politik kalmierend einzuwirken. 
und friedenstörende Politike des Grafen v. Beust im Sinne der Bismarckschen Erlasse vom 19. 
(lebe Ar. 1243 und 1244) z sprechen. Naturgemäß bielt sich Lavalette in seinen Auhe- 
rungen gegen den Geschäftsträger sehr mrück,, immerbin erklärte er, unter Berufung auf fein 
berühmtes Jirkular vom 16. September 1866, daß er keine öttrreichsschen Sumpathien habe, 
und daß er gern in beruhigendem Sinne auf SÖsterreich einwirken wolle. In lseinem Berichte 
vom 22. Dezember gab Graf Solms die Außerungen Lavalettes dahin wieder: „Sie wissen, 
daß ich Lein Oberräicher bin und eine österreichischen Sympatbien habe; ich bin für den 
Frieden; ich babe dies in meinem Sirkular ausgesprochen.. Jch habe die Überzeugung, 
Sie wollen den Grieden, wir wollen ähn auch, des bin ich * sicher. Meine Ansichten waren 
bekannt, und nun ich im Amte bin, werde ich danach handeln; verlangen Sie, daß ich Öster- 
reichs Politite kolmieren soll, um den Frieden zu erhalten, so werde ich es mit Sreuden 
tun, denn dies entspricht meinen Überfeugungen. Ich muß aber mu meiner Schande gestehen, 
daß ich, von den Geschäften entfernt, mich um das erreichische Notbuch nicht bekümmert 
babe. Sch habe es nicht gelesen. Ebenso ist mir die Tätigkeit der österreichischen Diplomatie 
ganz unbekannt, denn selbst mit Sürst etternich habe ich kaum gesprochen.“ 
Vertraulich. Berlin, den 27. Dezember 1868. 
Sw. pp. babe ich bereits telegraphisch mitgeteilt, daß ich die in Ew. pp. vertraulicher- 
Depesche Nr. 358 vom 22. d. M. enthaltenen Außerungen des Marquis de Lavalette auf 
die ersten, ihm im Sinne meiner Erlasse vom 19. d. M. gemachten Eröffnungen als be- 
friedigend ansehe. In der Tat waren wir von dem ersten Eindruck nicht mehr zu erwarten 
berechtigt; es konnte ja nicht unsere Absicht sein, sofort eine bestimmte Erklärung oder 
irgendeine Tatsache berbeizuführen, in welcher sich die Wirkung unserer Vorstellung äußern 
sollte. Wenn Herr von Lavalette sich „mit Sreuden“ bereit erklärt, auf Isterreichs olitik 
kaolmierend einzuwirken, so ist dies ganz unseren Wünschen entsprechend und zeigt zugleich, 
daß der Kaiserlich Sranzösische Minister von dieser Politik ebenfalls den Eindruck der 
Unruhe und Erregtbeit hat — weil es ja gonst keines Kalmierens bedürfen würde. 
Es kommt nun allerdings darauf an, auf diesem ersten Eindruck fortzubauen; und ich 
ersuche Ew. pp. daber ergebenst, nach Anleitung des Erlasses ANr. 239“ bei dargebotener 
Gelegenheit auf die Angelegenheit gesprächsweise zurückzustommen und dabei von dem 
Unhalt meines Erlasses ANr. 398-: angemessenen Gebrauch zu machen. 
* 1262. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Hesnrich VII. Drinzen Reuß. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken.) 
Wie Marquis de Laoalette (ogl. Ar. 1261, Vorbemerkung), so batte auch Lord 
Clarendon, als Graf Vernstorff ihm in Verfolg des Bismarckschen Erlasses vom 19. Dejember 
(iehe Ar. 1245) die Bitte vortrug, auf Graf Beusts Holitik beruhigend einmwirken, msagend 
geantwortet, freilich mit der konditionellen Wendung, „wenn er sich überjeuge, daß Ötterrei 
die geschilderte Cätigkeit übe, wovon er voraussetze, daß wir zuverlässige Beweise befähen“. 
Vertraulich. Berlin, den 27. Dezember 1868. 
Ew. pp. übersende ich anliegend Abschrift der Berichte, welche der Königliche Bot- 
schafter in London unter dem 23. d. M. und der Königliche Geschäftsträger in Paris unter 
dem 22. ej. über den Eindruck erstattet haben, den ihre ersten im Sinne meines Erlasses 
vom 19. d. M. gemachten Eröffnungen bervorgebracht. Wir haben Ursache, die Auhe- 
1 Siehe Ar. 1244. 
2 Siehe Nr. 1243,
        <pb n="503" />
        Telegramm Großherjog Peters von Oldenburg an die „Königin von Hannover“. 489 
rungen des Marquis de Lavalette als befriedigend anzusehen, und konnten in der Tat 
nicht mehr erwarten, als die ausgesprochene Bereitwilligkeit, auf die österreichische Politik 
kalmierend einzuwirken, was doch jedenfalls voraussetzt, daß der französische Minister eben- 
falls den Eindruck der Unruhe und Aufgeregtheit dieser Politik habe. 
Sw. pp. ersuche ich ergebenst, dem Fürsten Gortschakktoon von dem Inhalt dieser 
Berichte vertraulich Mitteilung zu machen und dabei zu bemerken, daß die Repräfentanten 
Seiner Mojestät des Königs in London und Paris beauftragt sind, jede geeignete Ge- 
legenheit m benutzen, um in diesem Sinne weitere Einwirkung zu versuchen. 
*1263. Erlaß an den Gesandten in Oldenburg 
Prinzen zu senburg-Böüdingen. 
[Konzept von der Hand des Präsidenten des Bundeskanzleramtes 
Delbrück.) 
Berlin, den 28. Dezember 1868. 
Cuer pp. gefälliger Bericht vom 26. d. M. über das von Seiner Königlichen Hobeit 
dem Großberzog von Oldenburg nach Hietzing gerichtete Celegramm üst mir gleichzeitig mit 
einem, auf denselben Gegenstand bezüglichen Schreiben des Großberjoglichen Staats- 
ministeriums zugegangen. 
Ich bedaure auf das lebhafteste, daß das Verfahren eines Beamten, welcher einor 
von mir ressortierenden Verwaltung angebört, die Ungnade Seiner Königlichen Hobeit des. 
Großherzogs veranlaßt hat. Es bedarf kaum der Bemerkung, daß kein Beamter der 
Bundes-Telegrafen-Verwaltung befugt ist, gegen die Telegramme der Hohen Souveräne 
des Bundes eine Kritik zu üben. Für den beteiligten Beamten persönlich glaube ich die 
Nachsicht Seiner Königlichen Hoheit in Anspruch nehmen zu dürfen. Es beruht auf einer 
allgemeinen Anordnung, daß Telegramme an „den König von Hannover“ oder „die Königin. 
von Hannover"“ nicht befördert werden, da diese Anordnung eine unabweisliche Konse- 
quenz des in Deutschland bestehenden und durch europäische Verträge sanktionierten 
staatsrechtlichen Sustandes ist. So ist bei ihrem Erlaß unterblieben, die von den Hohen 
Souveränen ausgehenden Telegramme von ihrer Wirkfamkeit ausdrücklich auszunehmen. 
Ein höber stehender Beamter würde für ein eigenhändiges Telegramm Seiner Königlichen 
Hoheit des Großherjogs eine solche Ausnahme ohne weiteres gemacht haben; ein Beamter 
aber, welcher nur an die wörtliche Befolgung seiner Instruktionen gewöhnt ist, und dem die 
selbständige Stellung abgeht, deren es zur richtigen Behandlung eines Salles wie des vor- 
liegenden bedurfte, verdient, wie ich glauben möchte, eine milde Beurteilung, wenn er im 
Gehorsam gegen seine Instruktionen' nicht wagt, sich das Recht zu einer Abwendung von 
denjselben beizulegen, welche in diesem Falle die vollständige Billigung seiner vorgesetzten 
Behörden gehabt haben würde. 
Indem ich wiederhole, daß ich den Vorfall auf das lebhafteste bedaure, ersuche ich 
Euer pp. ergebenst, denselben bei Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog nach Maß- 
gabe des vorstehenden entschuldigen und Seiner Königlichen Hoheit meine perfönliche Bitte 
um Nachsicht für den betbeiligten Beamten zu Süßen legen zu wollen. 
1 Der Aest des Ablatzes eigenhändiger Zusatz, der folgende Korrektur Bismarcks.
        <pb n="504" />
        490 Bismarck drängt auf Beschleunigung des Entwurfs zur Kreisordnung. 
Tachschrift!“. Vertraulich ist der Beamte mit Empfehlung der Diskretion 
izu verständigen, daß er seine Schuldigkeit gethan ulnd) die Sestigkeit darin höber steht als 
die Beachtung ihm fremder Rücksichten der Courtoisie. 
*1264. Schrefben an den Staatsminister Grafen zu Eulenburg. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Aalts Wehrmann.] 
Unmittelbar nach der Annahme des Antrags Solger (ogl. TDr. 1132, Vorbemerkung) 
durch das Abgeordnetenhaus hatte die Aegierung offiziös in der „Prooinzial-Korresponden;“ 
vom 22. Januar 1868 verbeißen, daß gleich nach Schluß des Landtages der Minister des 
Innern bervorragende Mitglieder beider Häuser zu einer Verständigung über die Aeform 
der Kreisverfassung, an die sich später der Weiterbau der prooinziellen Selbstoerwaltung 
knüpfen sollte, berusen werde, (ogl. auch Nr. 1237, Vorbemerkung). Diese Verheißung war 
aber, da das Ministerium des Innern mit den Vorarbeiten zu der Kreisordnung im Rück- 
stande blieb, nicht erfüllt worden. Erst Anfang Aovember konnte Graf zu Eulenburg dem 
Staatsministerium leinen Entwurf unterdreiten, der jedoch auf Widerstand stieß. Am 22. Ao- 
vember übersandte Culenburg nunmehr zwei Entwürfe an den in Varsin weilenden Bismarck 
mit der Bitte, dem Projekte seine volle Aufmerksamkeit 8 widmen und ihm seine Bemerkungen 
m senden. Von einer schriftlichen Außerung scheint Bismarck aber im Hinblick auf seine 
nabe bevorstebende NBückkehr nach Berlin abgeseben zu haben. Swei Tage nach Bismarcks 
Wiedereintreffen in der Hauptstadt, am J. Dezember, wurde der Gegenstand im Staats- 
ministerium eingehend erörtert. Auf Bismarcks Antrag wurde beschlossen, „in das Prinzip 
des Gesetzes wesentliche Anderungen zu bringen und die Idee der Vertrauensmänner“, (die auf 
Betreiben des Ginanmministers fallen gelassen war), „wieder aufzunehmen“. Kurz darauf er- 
krankte Culenburg, wodurch die Angelegenbeit wieder ins Stocken geriet, zu heftigem Ver- 
druß Bismarcks, der sich aufs bittense über die Untätigkeit und Unfähigkeit von Culenburgs 
Mitarbeitern, insbesondere des Unterstaatssekretärs Suljer, ausließ. Bgl. daju den Schrift- 
wechsel zwischen Graß Culenburg und Bismarck aus dem Herbst und Winter 1868/69, H. Kohl, 
Aus der Korresponden; des Grafen Friedrich zu ECulenburg mit dem Sürsten Bismarck, 
Deutsche Reoue, XXV, 1, S. 54 ff.; ferner: Aus dem Leben des Wirklichen Geheimen Nats 
O. Wehrmann, S. 67 
Berlin, den 28. Dezember 1868. 
Sw. Exzellenz haben bei der im Königlichen Staatsministerium am 4. d. M. gehaltenen 
vertraulichen Besprechung des Entwurfes zjur Kreisordnung übernommen, den Entwurf 
nach den damals verabredeten Prinzipien (Beteiligung der Höchstbesteuerten, Aufgeben 
der Virilstimmen) umarbeiten zu lassen und den umgearbeiteten Entwurf an das Staats- 
ministerium zu weiterer Beratung zu bringen. Die Sache bedarf der äußersten Beschleu- 
nigung, da es von großer Wichtigkeit ist, noch in der jetzigen Legislaturperiode die Kreis- 
ordnung zur VFeststellung zu bringen. In der Konfeilsitzung vom 30. d. J. baben Sw. Exzellenz 
selbst Seiner Majestät dem Könige vorgetragen, daß der Erlaß einer neuen Kreisordnung 
für die alten Provinzen ein dringendes Bedürfnis und der Sntwurf dazu bereits verteilt 
sei. Von dem stellvertretenden Präsidenten des Staatsministeriums ist dabei erwähnt, 
daß die baldige Cinbringung des Entwurfs in den Landtag zu wünschen sei. 
Ew. Exzellen; ersuche ich daher ganz ergebenst, Anordnung zu treffen, daß die vom 
Staatsministerium verabredete Umarbeitung des Sntwurfes auf das schleunigste erfolgt und 
der neue Entwurf mit Motiven vor dem 7. k. M. an das Staatsministerium gelangt#. 
2 Die Nachschrift eigenböndiger Zusatz Bismarcks. Aareinrerh n beitet 
· B·smard(enErlurheaumbaldiglke»WieeF-tnretuages»ymg»eak«etcen 
åääsriknxäbältk Yasunas-: na Taslchen #el wurde darauf in einer Reihe von Staatsministerialsitzungen 
eingehend beraten, nach Vornahme ahlreicher Abänderungen am. 15.1 Februar auch dem Könige vorgelegt. 
Vom 19 Februar’ ab begannen die Teatanzen. mit einer gröheren Anjahl von ————“s aus 
beiden Häusern des Landtags, zu denen Bismarck mittels Schreiben vom 15. eingeladen datte.
        <pb n="505" />
        Bismarck kritisiert das framösische Berfahren bei den Konferenzeinladungen. 491 
*712685. Erlaß an den Geschäftsträger in Daris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
WVertraulich. Berlin, den 28. Dezember 1868. 
Ew. pp. empfangen in meinem französischen Erlaß Ar. 413 vom 26. d. M. die zu- 
sagende Antwort auf die mir am 25. d. M. amtlich von Herrn Benedetti übergebene Ein- 
ladung zum Zusammentritt der Konferenz auf den 2. k. M. u. J. — Sch muß aber, wie 
Sw. pp. nach Ihrem Telegramm Nr. 75 und meiner Antwort darauf' nicht anders erwarten 
werden, Sie bitten, diese Antwort noch zu sekretieren, bis Sie weitere Weisung von mir 
empfangen. 
Dagegen wollen Sie es dem Marquis de Lavalette nicht verhehlen, wie mich das Ver- 
fahren des Kaiserlichen Botschafters aufs äußerste hat in Verlegenbeit setzen müssen. Am 
24. Dezember legte mir Herr Benedetti vertraulich den Tenor der französischen Cinladung 
vor, um sich meiner Zustimmung und unserer Annahme für diese Sorm zu versichern, indem 
er mir zugleich bestimmt erklärte, Frankreich sei der Zustimmung des Petersburger 
Kabinetts gewiß. Da ich meinerseits gegen den französischen Vorschlag kein Bedenken 
batte, stellte er mir die amtliche Einladung für den nächsten Tag in Aussicht, welche dann 
am 25. Dezember auch wirklich in aller Sorm erfolgte, wie Ew. pp. aus der meinem fran- 
36sischen Erlaß beiliegenden Abschrift ersehen. Ich nahm diese Tatsachen um go unbe- 
fangener hin, als Herr Benedetti mgleich es auf das bestimmteste aussprach, daß die 
frühere Verabredung, wonach Preußen die übrigen Mächte vorerst vertraulich über die 
Annahme der französischen Einladung sondieren sollte, hiermit sich von felbst erledige, und 
daß die amtlichen Einladungen gleichzeitig mit der bier übergebenen abgehen würden. 
Ich batte danach sofort die Beantwortung des Einladungsschreibens sowohl an den 
Herrn Botschafter als an Ew. pp. entwerfen lassen und unterzeichnet und war im Begriff 
sie abzusenden. Es war nur eine, eigentlich übergroße und in solchen Sällen wohl nicht 
gewöhnliche Vorjicht, mehr instinktiv veranlaßt durch Erinnerung an frühere Erfahrungen, 
welche mich bewog, vorher noch an Sw. pp. die Anfrage meines Telegramms Tr. 64" zu 
richten und auch an anderen Orten m erkundigen, ob die Einladung übergeben worden sei. 
Diese Vorsicht hat sich auf unerwartete Weise gerechtfertigt. Eine Verlegenheit 
entsteht für mich namentlich auch daraus, daß ich bereits nach verschiedenen Orten hin das 
Eintreffen der Einladung und unserer Annahme derselben telegraphiert hatte, namentlich 
nach Petersburg, um auf die dortige Entschließung einzuwirken. 
Sch ersuche Ew. pp., den ganzen bistorischen Hergang Herrn von Lavalette mitzuteilen, 
welcher, ich zweifle nicht daran, davon ebenfalls unangenehm berührt sein wird. Ew. pp. 
wollen dabei jeden Ton einer Beschwerde vermeiden, da, wie gesagt, ich dem franzölischen 
MAinister keine Art von unfreundlicher Absicht dabei zuschreibe; aber Sie wollen ihn fragen, 
wie er die Sorm der Einladung nun weiter zu behandeln wünfscht? ob er das Schreiben des 
Herrn Benedetti als non avenu ansieht, und ob ich noch eine weitere Einladung zu erwarten 
habe? oder was sonst seine Absicht Jei? 
1 Siete Dr. 1253. 
: Siebe Ar. 1258. 
* Siebe VAr. 1256.
        <pb n="506" />
        492 Bismarck als ehrlicher Makler in der Konferenzfrage. 
Unsere eigene Stellung zur Sache wird durch diesen Swischenfall nicht verändert, da sie 
auf einer klaren Erkenntnis des allgemeinen europäischen Friedensbedürfnisses und dem 
Wunsche, diesem zu dienen, beruht. Wir baben uns gefreut, diese Stellung von der fran- 
zösischen Regierung vom ersten Auftauchen der gegenwärtigen Srage her anerkannt zu 
seben und bei ihr denselben Tendenzen zur Erhaltung des Sriedens begegnet zu sehen. 
Diesem Bestreben glauben wir alle anderen Rücksichter unterordnen zu sollen. Wir haben 
es uns deshalb zur Aufgabe gemacht, nach allen Seiten hin versöhnlich zu wirken und auch 
die Schwierigkeiten, welche sich dem Zustandekommen der Konferenz entgegenstellen konnten, 
beseitigen zu helfen. Aus diesem Bestreben war mein an Sie gerichtetes Telegramm Nr. 64“" 
bervorgegangen, welches den Wunsch ausdrückt, daß man die an sich schwierige Stellung 
Rußlands nicht durch formelle Isolierung oder Verspätung erschweren möge; in dem- 
selben Sinne richtete ich infolge Shres Telegramms Ar. 73 vom 26. d. M. sofort den 
telegraphischen Auftrag an unseren Gesandten in St. Petersburgs, dahin zu wirken, daß 
das Kabinett des Kaisers von Rußland wegen der Ausschließung der Pforte oder Zu- 
siehung Griechenlands keine Schwierigkeiten erheben und dies vor allen Dingen nicht zu 
einer Ursache des Scheiterns der Konferenz werden lassen möge. Sch sprach es dort aus, 
daß meiner Ansicht nach auch Rußland sich damit begnügen könne, wenn ein griechischer 
Bevollmächtigter à titre consultatif sofort zugezogen werde, wenn nichts anderes m er- 
reichen sei; und in demselben Sinne ersuchte ich Ew. pp. in meinem gestrigen Telegramm 
Ar. 66", der Zujiehung Griechenlands in versöhnlicher Weise das Wort zu reden, um Ruß- 
land (und, wie ich voraussetzen darf, einen großen Teil der öffentlichen Meinung auch in 
Deutschland) zu befriedigen; wenn aber diese nicht zu erlangen sei, auch die Berufung 
à titre consultatif zu befürworten. Gür das Letztere glauben wir der Zustimmung des 
Kaiserlich Sranzösischen Kabinetts sicher zu sein; wir halten es aber allerdings auch für 
nötig, daß alsdann an ARußland die sehr bestimmte Zusicherung gegeben werde, daß diese 
Berufung in der ersten Konferenz werde beschlossen werden, wenn man sich nicht etwa vor- 
her schon darüber verständigen will, eine Einladung à titre consultatif gleich an Griechen- 
land selbst zu richten. 
So haben wir nach allen Seiten bin keine anderen Schritte als die zur Ausgleichung 
und Applanierung der Schwierigkeiten dienenden getan, und zwar in einer Sache, welche 
weit mehr ein allgemein europäisches als ein spejiell preußisches oder deutsches Snteresse 
enthält. Wir haben uns dabei von Anfang an wesentlich auf gleicher Linie mit dem franzö- 
lischen Kabinett befunden und sind allen Wünschen desselben, sowobl in der merst beab- 
sichtigten vertraulichen Behandlung der Konferenzfrage als in der bereitwilligen Annahme 
der demnächst an uns gerichteten Einladung entgegengekommen. 
Wir können auch jetzt nur den Wunsch hegen, daß eine vorsichtige und verföhnliche 
Behandlung der ganzen Srage, welche ohne andere Rücksichten nur das nächste Siel der 
Beseitigung eines drohenden Konflikts, wie es in dem Schreiben des Botschafters vom 
25. Jelbst ausgesprochen ist, ins Auge faßt, die Erreichung dieses Siels möglich machen 
werde. 
4 Siebe Mr. 1256. 
* Siehe Ar. 1254. 
Siche Nr. 1259.
        <pb n="507" />
        Bismarck legt den Hergang der Konferenjeinladung in Detersburg dar. 493 
*1266. Erlaß an den Gesandten in Petersburg 
Heinrich VII. Prinzen Reuß. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Vertraulich. Berlin, den 28. Dezember 1868. 
Mit dem Telegramm Ew. pp. Nr. 38 vom 27. d. M. welches mir anzeigte, daß in 
St. Petersburg der Konferenz erst als einer in der Diskussion befindlichen Sdee erwähnt 
worden sei, ging mir gleichzeitig ein Celegramm des Grafen Solms zu, worin dieser auf 
meine Anfrage meldet, Herr Benedetti habe nur Auftrag gehabt, mir den Entwurf 
der Einladung zur Prüfung vorzulegen und habe daher aus Mißverständnis die 
Einladung selbst übergeben-. Die übrigen Einladungen hätten zwar am 26. abgeschickt 
werden sollen, seien aber wegen der Schwierigkeiten mit Rußland zurückgehalten worden 
und gollten nun am 28. oder 29. abgeben, sobald jene Schwierigkeiten, wie man hoffe, 
beseitigt sein würden. Das letztere hat heute Herr von Oubril dem Königlichen Unter- 
staatssekretär mündlich bestätigt. 
Ew. pp. wollen hieraus entnehmen, daß Herr Benedetti am 24. mir den Entwurf der 
Einladung vorlegte und, nachdem er meine vertrauliche Außerung über die Annahme er- 
beten und zugleich mich versichert, daß seine Regierung des russischen Einverständnisses da- 
für sicher sei, mir für den nächsten Tag die amtliche Einladung in Aussicht stellte, welche 
dann auch wirklich entsprechend der vorberigen vertraulichen Mitteilung am 25. d. M. in 
der Form erfolgte, welche Ew. pp. aus der anliegenden Abschrift des Einladungsschreibens 
ersehen wollen. 
Ich würde an sich kein Bedenken getragen haben, wie ich Herrn Benedetti bereits 
mündlich unsere Bereitwilligkkeit ur Teilnahme an der Konferen; erklärt hatte, auch die 
erfolgte Einladung schriftlich anzunehmen, versprach aber Herrn von Oubril, um wo 
möglich mit Rußland auch formell Schritt zu haltens, einen Cag zu warten; auch nachdem 
diese Frist verstrichen war, fragte ich aus Vorsicht noch in St. Petersburg und in Paris“ 
an, wie es mit der Einladung und Antwort Rußlands stehe. Diese Vorsicht ist diesmal 
vollkommen gerechtfertigt worden; und wenn es nabe liegt, in der durch den französischen 
PBotschafter vorzeitig an uns gerichteten Einladung den Versuch einer Überrumpelung und 
einer Trennung von Außland m seben, so kann ich mich nur freuen, daß derselbe miß- 
lungen ist. 
Sch glaube indes — und boffe auch dafür des Einverständnisses des Fürsten Gort- 
schaktow gewiß m sein — daß durch diesen Incidenwunkt die Stellung der beiden Höfe zur 
Sache selbst nicht verändert werden darf. 
*½ Das Konzept trägt den Vermerk von Bismarckes Hand: „Sleiner] Mloajestät) morgen früb vorzulegen; 
Sleine] Mloajestät! hat mündlicheg alllerhöchstlderen Einverständniß erklärt“ und einen weiteren Vermerk 
v. Thiles: „Sst in Konzept und Mundo von dem Herrn Cbef genebhmigt. Unterschrift deslelben vor Abreise 
ur Jagd war nicht möglich“. Bismarck reiste am 28., nachdem er morgens noch mit dem Könige konferiert 
batte, abends nach Abrensburg (Holstein), einer Einlabung des Grafen Schimmelmann jur Jagd folgend, am 
31. kehrte er nach Berlin zurück. Er durchsah nach seiner Rückkebr noch die eingelaufenen AMeldungen 
und Berichte, bielt auch dem Könige noch Vortrag: Schriftstücke bat er jedoch an diesem Cage nicht mehr 
entworfen oder gezeichnet. 
2 Vgl. Ar. 1258, Vorbemerkung. 
.. Die Worte: „um wo möglich mit Ruhland auch formell Schritt m balten“ eigenbändiger Zusat 
Dismarcks. 
Vol. Ar. 1257 und 1256.
        <pb n="508" />
        494 Rekapitulation des preuhischen Standpunkts in der Konferenzfrage. 
Es kommt meiner Ansicht nach darauf an, das eine nächstliegende Siel unbeirrt 
durch andere Rücksichten ins Auge zu fassen; nämlich die Beseitigung des augenblicklichen 
Konfliktts im Orient, um zu verhüten, daß daraus nicht eine Gefährdung des europäischen 
Friedens und ein Brand entstebe, dessen Entzündung weder in unseren noch in Rußlands 
Interessen liegen kann. 
Es war infolge eines von unserem Vertreter in Konjstantionpel eingegangenen und 
wesentlich mit durch Außerungen des dortigen rufsischen Botschafters veranlaßten Tele- 
gramms über die unmittelbar bevorstehende Austreibung der Griechen, daß wir die Er- 
klärung, welche Cw. pp. in dem Telegramm Nr. 35° empfingen, nach Petersburg, London 
und Daris richteten, um unsere Bereitwilligkeit auszufprechen, an allen Schritten 
teilzunehmen, welche die Schutzmächte Griechenlands tun möchten, um dem drohenden 
Konfliktt durch seine Verweisung vor das europäische Sorum die Spitze abzubrechen. Es 
lag nahe, dabei unter anderm einer Berufung auf das Pariser Protokoll von 1856 zu 
gedenken, in welchem die Unterzeichner sich den Bersuch gemeinsamer Ausgleichung bei 
Kriegsgefahr zugesagt baben. Wir hatten bei diesem ganz allgemeinen und vorläufigen 
Ausdruck der Bereitwilligkeit keine Veranlassung, die Srage der Teilnahme der Türkei 
an der Konferen; ins Auge zu fassen. Einen direkten Vorschlag einer Konferenz der 
Duissances signataires von 1856 würden wir nicht gemacht haben, ohne uns vorher mit 
dem Kabinett von St. Petersburg ins Einvernehmen m setzen. Grankreich knüpfte indes 
gerade an die in unserem Telegramm in zweiter Linie ausgesprochene Idee der Berufung 
auf das Protokoll von 1856 an; und da wir in den Außerungen des Kabinetts der Tui- 
lerien über unfere Erwartung binaus einer friedlichen Tendenz begegneten, so glaubten 
wir, diese Stimmung nicht ungenützt lassen zu dürfen und unsere weitere Mitwirkung m der 
Realisierung der Konferenz auch in dieser Form nicht versagen zu sollen. Es war wider 
unsere Erwartung und Absicht, daß Frankreich die von uns nur angedeutete SIdee als einen 
Vorschlag behandelte; wir glaubten indes auch dies akzeptieren zu müssen, nachdem 
wir uns durch eine Anfrage bei Herrn von Oubril vergewissert hatten, daß der Sürst 
Gortschaktom keinen Wert auf Sesthaltung der rufsischen Priorität des Konferenz- 
vorschlages lege. Es schien dies um go mehr geboten, als damals zunächst nur von vor- 
bereitenden Schritten die Rede war, durch welche wir die Ansicht der Mächte über eine zu 
berufende Konferenz im rinzip feststellen sollten. 
Diese vertraulichen Schritte wurden nun durch die Erklärungen, welche Herr Be- 
nedetti mir am 24. d. M. abgab, und worin er das bereits erlangte Einverständnis Ruß- 
lands besonders betonte, überflüssig, wie ich Ew. pp. dies in meinem Telegramm Ar. 38 
vom 25. Dezember“ mitteilte. Nachdem die Sache einmal diese Wendung genommen, war 
durch die Berufung auf das Protokoll von 1856 allerdings die Suziehung der Pforte un- 
vermeidlich geworden; und es kam nun nur noch darauf an, soviel wie möglich darauf bin- 
zuwirken, daß auch Griechenland nicht ausgeschlossen werde. Die Zuziehung deslelben 
genau in derfselben Form wie der Dforte war formal nicht'? thunlich, sobald 
das Princip der Unterzeichner von 1856 angenommen ulndl, wie ich nach Benedettis Ver- 
* Siehe Ar. 1239. 
Siehe#rr. 1250. 
7 Von König Wilhelm I. in der Ausfertigung unterstrichen.
        <pb n="509" />
        Bismarck tritt für Ruhlands Wünsche ein. Zusaommentritt der Liquidationskommission. 495 
sicherung glauben mußte, von Rußland gebilligt wars. Ich schlug deshalb in Paris vor“, an 
Rußland die Susicherung zu geben, daß die Konferenz selbst' bei ihrer Zusommen- 
kunft die Zuziehung eines griechischen Bevollmächtigten beschließen werde'. 
Welche Form man auch wählen möge — ich bin vor allem der Überzeugung, daß an 
diesem’ DPunkte das Zustandekommen der Konferenz nicht scheitern dürfe'. Ich habe 
mich in diesem Sinne sehr entschieden in Paris ausgesprochen und auf die durch die natio- 
nalen Bedingungen und Bedürfnisse eigentümlich charakterisierte Stellung Rußlands bin- 
gewiesen, ich habe dringend verlangt, daß man, wenn man ernstlich den Srieden wolle, diesen 
Bedürfnissen so gut wie der Rücksicht auf die Pforte gerecht werden und die ohnehin schon 
schwierige Stellung Rußlands nicht erschweren müssen; ich habe auf die Sefahren hin- 
gedeutet, welche in jedem Versuch einer Golierung Rußlands liegen würden, und daß wir 
zu golchem die Hand nicht bieten dürfen. 
Ich war von vornberein überzeugt, daß ich keinen Gehlgriff tun könnte, wenn ich an 
die Sriedensliebe des SFürsten Aeichskanzlers appelliere und auch dort den dringenden 
Wunsch aussprach, daß es nicht Rußland sein möge, welches an einer mehr dem Gebiete 
der Formen angehörigen Grage die Konferenz und damit vielleicht alle Bemühungen um 
die Erhaltung des Griedens scheitern ließe. Ew. pp. Telegramm Nr. 39 vom 27. d. M., 
in Übereinstimmung mit welchem ich Graf Solms sofort instruiert habe, gibt mir die Be- 
stätigung, daß ich mich in dieser Überzeugung nicht geirrt habe; und ich glaube nun, daß 
wir der Konferen; mit Beruhigung entgegensehen dürfen. 
Über das Weitere werde ich Ew. pp. nicht unterlassen, sofort telegraphisch in Kenntnis 
zu setzen. Den Indalt dieses Erlasses bitte ich CEw. pp. dem Sürsten Gortschakow voll- 
ständig mitzuteilen. 
*1267. Schreiben an den Staatsmintster von Foon. 
#emnert von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.] 
einer vom 24. Dezember 1868 datierten Antwort auf Bismarcks Schreiben vom 14. 
(iehe n 1226) batte Voon sich auf den Standpunkt gestellt, dah der von Bauyern angeregte 
Zufammentritt der Liguigatinekrommission erst dann läattfinden möge, wenn „Österreich und 
Holland von uns völli obgefunden sind, und wenn ein von Cuerer Snzellen) für uns als er- 
reichbar bezeichnetes inimalresultat leinem Hauptinhalte nach durch ein vorber aljeptiertes 
Programm sichergestellt sein wird“. 
Berlin, den 3. Januar 1869. 
In Verfolg meines ergebensten Schreibens vom 14. v. M. und in Beantwortung der 
gefälligen Rückäußerung Ew. pp. vom 24., betreffend die Liquidationskommission, beehre 
ich mich Sw. pp. m benachrichtigen, daß der Königlich Bayrische Gesandte gestern den 
Susammentritt der genannten Kommission wiederbolt beantragte und dabei die Geneigtbeit 
seiner Regierung erkennen ließ, auf den modus vivendi, den ich in meinem Schreiben an 
Ew. pp. vom 14. als das mnächst Crreichbare zu bezeichnen mir erlaubte, einzugeben, d. b. 
auf Fortsetzung der Gemeinschaft an dem ebemaligen Bundeseigentum mit gegenzjeitiger 
7 Von König Wilbelm I. in der Ausfertigung unterstrichen. 
* Der Schluh des Satzes von dem Worte „#bunlich“ an eigenhöndiger Zusatz Bismarcks. 
·* Siehe Ar. 1251. 
4% Siehe Mr. 1256.
        <pb n="510" />
        496 Nichtlinien für Verhandlungen der Liquidationskommission. 
Inspektion. Ob es bei den fernern Verhandlungen gelingen wird, zu einer annehmbaren 
Form der Verständigung zu gelangen, darüber erlaubt mir die Unbestimmtheit der münd- 
lichen Außerungen des Herrn von Perglas noch lein Urtheilt. Zu persönlicher Be- 
Iprechung mit Ew. pp. wird die morgen statthabende Sitzung des Staatsministeriums Ge- 
legenheit bieten. Die Ansichten, von denen ich dabei ausgebe, erlaube ich mir kur; zu 
präsisieren. Einverstanden mit der betreffenden Ausführung in Ew. pp. geehrtem 
Schreiben vom 24. v. Al., habe ich die Abwickelung der Aeste der Grankfurter Liqui- 
dationskommission, an denen Österreich und Holland noch beteiligt sind, bereits in Gang 
geletzt. . 
Die nunmehr in München zu eröffnenden Verhandlungen würden also nur mit dem- 
jenigen ehemaligen Bundeseigentume zu tun haben, welches Miteigentum des Aord- 
deutschen Bundes und der vier süddeutschen Staaten ist. Wir würden dajzu einen Offijier 
und einen Sivilbeamten zu bevollmächtigen haben. Unser Streben würde dahin geben, die 
Gemeinsamkeit dieses Eigentums zu erbalten unter Bedingungen, die eine gegenzjeitige 
Inspektion der früheren Bundesfestungen in Süd und Vord in Anknüpfung an die 
Controlle des beweglichen Eigenthums in denselben: sicherten. Wie weit die Wirkungen 
der Inspektion und die Befugnisse unserer Mitwirkung in den süddeutschen Festungen 
gebracht werden können, wird sich meines Erachtens vorher nicht bestimmen, sondern erst 
durch die Verhandlungen ermitteln lassen. Es wird eben die Aufgabe unserer Kom- 
missarien sein, soweit wie möglich zu gelangen. Ich würde ihnen, um sie zu instruieren, 
nmur diese Richtung bezeichnene ulnd) den gsüddeutschen Staaten vorschlagen, daß die Com- 
missarien zunächst nicht nach politischen Instructionen abstimmen, sondern nach ihrem eigenen 
Jachlichen Ermessen gutachtliche Borschläge machen. Es ist meines Erachtens nicht zu be- 
weifeln, daß, was sachlich das Sweckmäßhigste ist, auch das für uns Vorteilhafteste sein wird. 
Ein allseitig angenommenes Programm vor dem SZusammentreten der Kommission m 
gewinnen, bhalte ich für überaus schwierig, wenn nicht unmöglich, und würde im glück- 
lichsten Salle in keiner absehbaren Zeitfrist durchführbar sein. 
*1268. Erlaß an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
lsKonfept von der Hand des Vortragenden NBats Abeken.)] 
Auf Bismarchs Antrag hatte König Wilhelm I. am 27. Detember genedmigt, daß der 
Geschöftsträger in Paris Graf zu Solms, dem m diesem Sweck der Charakter als beooll- 
mächtigter Winister verlieben wurde, mit der Vertretung des Norddeutschen Bundes auf der 
am 2. Januar zu eröffnenden Konferenz zur Lösung des griechisch-türkkischen Konflikts be- 
auftragt werde. Tatsächlich wurde an diesem Cage die Konferenz; noch nicht eröffnet; vielmehr 
überreichte Benedetti am 2. Januar erst in aller Sorm eine neue Einladung für den 7. Januar, 
die noch am selben Tage bejahend beantwortet wurde. Die wirkliche Eröffnung der Kon- 
feren; fand am 9. Januar statt. . . 
Berlin, den &amp;. Januar 1869. 
Sw. pp. übersende ich anliegend die allerhöchst vollzogene Vollmacht, d. d. 3. Innuar, 
wodurch Sie beauftragt werden, an der Konferenz in der griechisch-türkischen Frage in der 
Eigenschaft eines bevollmächtigten Ministers teilzunehmen. 
3 1 Der Satz eigenhönbiiger. Zusatz Bismarcks. 
n 
„ Die Worte: „in Anknüpfung eigen äniger Zusatz Bismarcks. 
2 Der Aest des Satzes eigenhöndige Korrektur Dismarcks.
        <pb n="511" />
        Instruktion für Solms. Aussische Besorgnis türtischer Gewaltmahregeln. 497 
Gleichzeitig erhalten Sie auch in einem in französischer Sprache abgefaßten Erlaß die 
mfsagende Antwort auf die am 2. d. M. definitiv an uns ergangene Einladung". Da in- 
zwmischen wir schon einmal in der Lage gewesen fsind, die Einladung allein erhalten zu 
baben-, habe ich auch diesmal die Vorsicht für geboten erachtet, an den Höfen von St. 
Petersburg, London und Slorenz anzufragen, ob auch dort die Einladung wirklich über- 
geben ist; und ersuche Ew. pp., von dem gedachten Erlaß nicht eher Gebrauch m machen, 
als bis ich Sie auf telegraphischem Wege nach Eingang der Antwort auf meine Anfrage 
dazm ermächtiges. 
Was Ew. pp. Haltung auf der Konferenz selbst betrifft, so werden Sie sich mmächst 
börend und abwartend verhalten können, wie es überhaupt auch für die Konferenz selbst 
Uwörderst darauf ankommen wird, die beiden streitenden Parteien zu hören. Im all- 
gemeinen ist das Programm gegeben: Milderung und Beseitigung des Konflikts durch 
Nachgeben von beiden Seiten. Hierz rechne ich auf seiten der Türkei befonders die 
Surücknahme der A isungsmaßregel. Ob sich Garantien für die Zukunft gegen die 
Wiederkehr äbnlicher Verhältnisse finden lassen, wird erst beurteilt werden können, wenn 
solche von irgendeiner Seite vorgeschlagen werden. Wir werden das abwarten können 
und haben unsjererseits jedenfalls keinen Vorschlag darüber zu machen. Weitere In- 
struktionen Ew. pp. je nach Bedürfnis zukommen zu lassen, bebalte ich mir vor. 
Ich bemerke noch vertraulich, daß der Königlich Stalienische Gesandte mir den 
dringenden Wunsch seiner Regierung ausgesprochen hat, auf der Konferenz möglichst Hand 
in Hand mit uns zu gehen und zu dem Ende von der Haltung unterrichtet zu sein, welche 
wir auf der Konferenz einnehmen würden". Sch habe ihm darauf erwidert, daß diese 
Haltung durch den Sweck der Konferenz, durch unsere bei dem Gegenstand nicht unmittel- 
bar interessierte Stellung und durch unseren aufrichtigen Wunsch, zur Erbaltung des 
Friedens in Europa beizutragen, von selbst gegeben sei; und daß es auch mir böchst er- 
wünscht sein würde, wenn die Gesandten, den freundlichen Bejiehungen der beiden Länder 
entsprechend, zu dem letzteren Sweck ihre Bemühungen möglichst vereinigten. 
*1260. Telegramm an den Geschäftsträger in Daris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Kan#leikonjept.)] 
m 4. Januar hatte der rufsische Gesandte v. Oubril Bismarck im Auftrage Gortschakows 
ein iD des Botschafters in Konstantinopel General Ignatiew mitgeteilt, in dem die 
Besorgnis jum Ausdruck gelangte, dab die Türkei trotz des bevorstebenden Konferenzbeginns 
gegen Griechenland vorgeben könnte 
Berlin, den &amp;. Januar 1869. 
Telegramm Sgnatiews nach Petersburg drücktt Besorgnis aus, daß die Türkei, un- 
geachtet der Konferenz, Gewaltmaßregeln gegen Atben und Sura vornehmen könne. Zch 
balte die Vachricht für irrtümlich und derartige Mißachtung der Konferenzmächte von 
seiten der Türkei für unglaublich. Sollte Meigung dazu an öbrem türkischen Kollegen 
dennoch erkennbar werden, so wollen Ew. pp. entschiedenste Mihbilligung, eventuell in 
14 Siehe den Sert# — franjösischen Einladung in: Das Staatsarchio, XVI. 220. 
2 Ugl. dau N 
1 tb- Haoute noch im Lauf des a. Januar. 
VIa —
        <pb n="512" />
        498 Irõöbels Briefwechsel mit seinem Wiener Korrespondenten. 
Gemeinschaft mit õhrem russischen und anderen Kollegen, gegen jede mit der Annahme der 
Konferen; unverträgliche Gewalttat aussprechen. Sprechen Sie mit Marquis de Lavalette 
vertraulich über die Sventualität, an die ich bisher durchaus nicht glaube. 
*1220. Erlaß an den Gesandten in München 
Freiherrn von Werthern. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Bucher.] 
achdem lich der Herausgeber der Süddeutschen Korrespondenz“ Julius Fröbel bei 
seiner Aussprache mit Bismarck vom 14. Bejember (ogl. Julius Fröbel, Ein Lebenslauf, II, 
545 ff.) davon überjeugt hatte, daß Bismarck ungeachtet seiner scharfen Auseinondersetzungen 
mit Graf Beust sich nichts Besseres als ein freundschaoftliches Einvernehmen mit Österreich 
wünsche, hatte er den Vorlatz, nach Aglichkeit auf eine Ausgleichung der Differenzen 
wischen Wien und Verlin hinzuwirken. Er führte m diesem Zweck einen Schriftwechsel mit 
einer — nicht genannten — dem Grafen Beusft nadestehenden Derfönlichkeit, den er Ende 
Dezember dem Greiberrn von Wertbern zur Übermittlung an Bismarck einbändigte. Der 
erste Driich, des Iröbelschen Gewährsmanns, datiert vom 16. Dezember, suchte den Grafen 
Beust zu Bismarcks Überraschung in das Licht eines „Friedenskanzlers“ und des Hauptes der 
österreichischen Sriedenspartei zu rücken, der, obwohl von preußischer Seite vielfach verletzt 
und gekränkt, doch mit aller Inbrunfst das friedliche Einvernehmen mit Preußen und seinem 
Staatsmann erstrebe. Über die Beust'schen Gravamina hieh es in dem Schreiben: „Der Herr 
Graf v. Beust wurde durch die Usedomschen und Wertberschen Depeschen, von vielen kleinen 
Bitterkeiten nicht zu reden, verletzt. Er weiß, daß Graf Bismarck offen ist und wahr, er 
gibt zu, dab, was Graf Bismarck aus diesen Anlässen jsagte, wahr sei; allein die Tatsachen der 
VNoten bestehen. Doch Graf Bismarck bat auch gesehen, doß man trotzdem die Position 
des Baron Wertber bis jetzt ertrug. Ich glaube also, daß Graf Bismarck die großen Be- 
liehungen wesentlich beslern könnte, wenn er Sorge trüge, daß die kleinen Angriffe aufbören, 
wie jene, die seit 14 Tagen in der preußisch gesinnten Presse erfolgen, von denen man hier 
frappiert ist“. Weiter versicherte Fröbels Gewöhrsmann: „Ssterreich bat keine Berbindlich- 
keiten Srankreich gegenüber. Es ist frei gegen Srankreich wie gegen Preuhen. Sollte letzteres 
Osterreich nicht zu gewinnen suchen durch SZugeständnisse, die den Snteressen des heutigen 
Ölterreich entsprächen"? Was damit gemeint war: Zugeständnisse in der deutschen Srage, wurde 
wenigstens angedeutet: „Unsere Interessen liegen nicht mehr so stark als früher in Deutsch-- 
land, und wenn man unsere Interessen von Berlin aus förderte, könnte man auf die volle 
Befriedigung bier rechnen. Indessen ganz und gar sind wir nicht ohne Interesse für das, 
was in Deutschland geschieht; ideell, und vielleicht mehr als das, stehen wir nicht ganz außer- 
balb Deutschlands. Ich betone: daß man es doch nicht gleichgültig sehen könnte, wenn das 
and, das die deutschen Drovinzen an das Gesamtreich, an Sreich, knüpft, gelockert würde, 
wenn man die Existen; Ssterreichs unmöglich zu machen suchte, und das wäre ein vollständig 
unificiertes Deutschland, das uns von Sah#burg bis Oppeln umsponnte und die angrenjenden 
Provinzen aufregte.“ Auf diese Andeutungen hatte Fröbel seinem Gewährsmann am 
Dezember erwidert: „Ich glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, dah für den gegenwärtigen 
Leiter der preußischen Politik die Crhaltung Usterreichs wesentlicher Iweck ist; aber eine 
Teilung Deutschlands gehört gewiß nicht — vielleicht muß ich sagen: jetzt nicht mehr — in sein 
uslte Zu einem vollftändig unificierten und also Olterreich durch sein Sustem bedrohenden 
Deutschland kann es nur kommen, weonn sich Osterreich wieder in Deutschland eindrängen und 
damit Süddeutschlond ! politischen Corbeiten verleiten sollte. Für die preußische Freundschaft 
ibt es nach meiner Überzeugung in der österreichischen Dolitikr nur eine, aber eine ent- 
sheidesd: Bedingung: die vollständige und aufrichtige Resignation auf eine erneuerte Stellung 
in Deutschland — eine Aesignation, die den Nestaurationsparteien jede Hoffnung nehmen 
müßte.“ Auf diese Mitteilungen batte FSröbels Korrespondent wieder geantwortet, daß er 
dessen Auslaffungen an „den rechten Ort“ — womit augenscheinlich Beuft selbst gemeint war, 
delenn und als Bescheid die „ipsissima verba“ empfangen habe: „Wenn dem so“ ist, so 
akzeptieren wir mit beiden Hönden und seben nicht ein, worüber wir eigentlich streiten“. Augen- 
scheinlich lief die ganze Korrespondent des Fröbelschen Gewährsmanns mit diesem auf einen 
Versuch des Hrafen Beust felbst binaus — das deutete auch Sreiherr v. Werthern in seinem 
Begleitbericht vom 31. Detember an — seinen Frieden mit Bismarck zu machen. Dieser aber 
icht geneigt, dem Gegner goldene Brücken zu bauen. " 
n- Berlin, den 4. Januar 1869. 
Die Bemühungen des Herrn Fröbel, über welche Sw. pp. unter dem 31. v. M. be- 
richten, haben mich gefreut, und bitte ich ihm das auszusprechen. Seinem Wiener Korre-
        <pb n="513" />
        Bismarck zweifelt an der „bona lides“ des Fröbelschen Gewãhrsmanns. 499 
spondenten kann ich freilich nicht volle bona fides mtrauen, wenn derselbe den NReichs- 
kanzler als Träger der Griedenspolitik in den Vordergrund stellt. Das an die Dele- 
gationen verteilte Rotbuch enthält den juristischen Beweis dafür, daß der Herausgeber 
deslelben zwar nicht selbst gegen uns Krieg führen, aber uns mit andern in Krieg ver- 
wickeln will. Auch die Gravamina, betreffend eine Wertbersche und eine Usedomsche De- 
pesche, balte ich nicht für ehrlich. Die ganze Stellung Usedoms außerhalb der preußischen 
Regierungspolitik, die rein persönlichen Beziehungen, die ihn halten, sind in Wien voll- 
ständig bekkannt. (Sch bemerke in arentbese dazu, daß ich Hoffnung bege, der Graf 
Usedom werde den Dienst verlassen, wenngleich die Haltung des Aeichskanzlers in betreff 
der vielgenannten Note es mir sehr erschwert, es zu diesem praktischen desaveu derselben 
zu bringen.) Die Art, wie Herr von Beust sich das Ansehen gibt, an eine Mitschuld der 
Regierung an jenem, nur seinen Verfafser charakterisierenden Aktenstücke zu glauben, die 
Art, wie er meine Apologie und Entschuldigung, mein feierliches desaveu aufgenommen 
bat, ist eine perfönliche Beleidigung, von deren Impertinen; keine Vorstellung zu haben 
nur einem Charakter wie dem Grafen Beuft möglich ist. Vollends das ZJurückikkommen 
auf einen Wertherschen Berichtt, der, wenn er überhaupt existiert, gar nicht von Inten- 
tionen der preußischen Regierung spricht, sondern nur perfönliche Cindrücke von den unga- 
rischen Zuständen enthält, wie jeder Reisende sie haben und mitteilen könnte, ist ein ent- 
schiedener Beweis von Böswilligkeit. Es wird dem Wiener Korrespondenten in seiner 
Stellung nicht unbekannt sein, daß dieser Swischenfall erledigt ist, daß man einen Tag lang 
die Abberufung des Freiherrn von Werther gefordert, sobald wir Miene machten, darauf 
einzugehen, aber diese Sorderung ebenso entschieden zurückigenommen hat. 
Im übrigen ist mir das eigentlich praktische Ergebnis dieser Korrespondenz zwischen 
Herrn Gröbel und seinem anonumen Greunde wegen der elliptischen Ausdrucksweise beider 
nicht verständlich. 
Ew. pp. ersuche ich ergebenst, in Erwiderung der Mitteilung, die wir Herrn Fröbel 
verdanken, sich gegen ihn im Sinne dieses Erlosses auszusprechen. 
Aachschrift. 
Ew. pp. lind ermächtigt, Herrn Fröbel den vorstehenden Erlaß lesen und, wenn er den 
Wungsch äußert, Aotizen daraus entnehmen zu lassen. 
*1221. Erlaß an den Gesandten in Konstantinopel 
Grafen von Brassier de St. Simon. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Wäbrend Graf Brassier bisher die Ansicht vertreten hatte, daß der öfterreichilsche 
Internuntius Greiherr v. Prokesch, der am 11. Dejember Konfstantinopel verlassen hatte, um 
den Winter in Agupten mzubringen, die forte in ihren schreffen Auftreten gegen Griechen- 
lond aufgereizt babe, führte er in einem Bericht vom 20. Dejember an, man fasse die plötzliche 
Abreise des österreichischen Vertreters in Konstantinopel so auf, als wolle Osterreich in der 
gegenwärtigen Krife sich möglichst heraushalten,. um nicht kompromittiert zuu werden. 
Vertraulich. Berlin, den 5. Januar 1869. 
In dem gefälligen Bericht NAr. 184 vom 20 v. M. u. J. haben Ew. pp. die Inter- 
pretation wiedergegeben, welche die Abwesenheit des Freiherrn von Prokesch in Konstan- 
tinopel gerade in der gegenwärtigen Krise eben dort findet. Ew. pp. haben Shr eigenes 
4 Vgl. Ar. 826.
        <pb n="514" />
        500 Prokeschs Konstantinopler Nolle. Kuratorium des „Staats-Anzeigers“. 
Urteil über diese Auslegung nicht beigefügt, noch auch genauer angegeben, in welchen 
Kreisen man sich oder anderen einreden möchte, daß Österreich wirklich nur den Wunsch 
habe, sich nicht zu kompromittieren und in einer von den Westmächten provosierten 
Krüfis keine bestimmte Sarbe zeigen zu müssen. Ich möchte an Ew. pp. die Frage richten, 
ob Sie als Beobachter der Verhältnisse an Ort und Stelle selbst an diese Auslegung 
glauben? Wir haben bisber gerade der von Wien her gebilligten Cätigkeit des öster- 
reichischen Internuntius die Vorbereitung und Verbitterung der gegenwärtigen Krifis zu- 
geschrieben und angenommen, daß die merst gegen Rumänien gerichteten Intrigen, nach- 
dem sie durch den Ministerwechsel in Butarest gegenstandslos geworden, ihre Entladung 
gegen Griechenland gerichtet haben und dieselbe Bedrohung, welche man Rumänien zu- 
gedacht, Griechenland gegenüber in Szene gesetzt worden ist. Die Entfernung des Haupt- 
agenten, nachdem seine Tätigkeit ihr Siel erreicht, würde damit nicht im Widerspruch 
stehen. 
* 1272. Schrelben an die Staatsminister von Mähler 
und Grafen zu Eulenburg. 
[Kanzleikonzept.] 
In einem Schreiben an Bismarck vom 11. Dezember batten v. Mühler und Graf Culen- 
burg beanstandet, daß das Kuratorium des „Staats-Anzeigers“ vor einiger Jeit den Aegle— 
rungspräsidenten v. Biebahn in Oppeln um einen Jabresbericht über die volkks- und staats- 
wirtschaoftlichen Gustände des Regierungsbezirks zum Swerke der Veröffentlichung im „Staats- 
Anzeiger“ angegangen batte. Nach der Auffassung der beiden Nellortminister gehörte dies 
nicht zu dem Aufgabenkreis des amtlichen Organs. Sie wollten es mit den bestehenden 
Nessortoerhöltnissen nicht vereinbar finden, dah das Kuratorium des „Staats-Anzeigers“ sich 
mit den Drovinzialbehörden in direkte Kommunikation setze. Bismarck, der auf den „Nessort- 
partikularismus“ der einjelnen Ministerien ohnebin schlecht zu sprechen war, nahm lich mit 
Entschiedenheit des Kuratoriums an. . * 
Berlin, den 6. Januar 1869. 
Ew. Exjellenzien beehre ich mich auf die gefällige Zuschrift vom 11. v. M., betreffend 
die Rektifikation des Kuratoriums des „Staats-Anzeigers“, folgendes ganz ergebenst m 
erwidern. 
Wenn das Kuratorium mittels Schreibens vom 26. August v. J. den Herrn Ve- 
gierungspräsident von Viebahn ersucht hat, die Abfassung einer volks- und staatswirt- 
schaftlichen Übersicht des Regierungsbezirks Oppeln für das Jahr 1868 in Erwägung zu 
ziehen, so kann ich mich der Ansicht nicht anschließen, daß derartige provinzielle Dubli- 
kationen nicht zu den Aufgaben gehören gollten, welche dem „Staats-Anzeiger" gestellt sind. 
Es scheint mir im Gegenteil der Aufgabe dieses amtlichen Organs vollkommen ent- 
sprechend, wenn dasselbe authentische Übersichten der provinziellen Zustände zur allgemeinen 
Kenntnis bringt und dadurch das nteresse an denselben auf zuverlässigen Grundlagen 
belebt und fördert. 
Freilich kann der vorliegende Zweck wesentlich nur durch eine bereitwillige Mit- 
wirkung der betreffenden Behörden erreicht werden. Sofern eine aus eigener Ent- 
schließung hervorgehende Teilnahme nicht vorhanden ist oder von Ew. pp. nicht gebillizt 
wird:, bin ich entfernt davon, für die Herstellung der in Rede stehenden Publikationen den 
Dle Worte: „oder von Ew. pp. ..“ eigenbändiger Sinschub Vismarcks. Auch der vorausgebende 
Kell des Schreibens entbält mehrere Korrekturen von seiner Hand. -
        <pb n="515" />
        Aunderlah über friedensgefährdende Politik Beufts. 501 
Weg einer prinzipiellen Erörterung von Kompetenz- und Nessortverhältnissen ein- 
mischlagen. 
Eine derartige Zurückhaltung glaube ich auch schon aus dem Grunde vorziehen m 
sollen, weil in betreff der Aufstellung volks= und staatswirtschaftlicher Ü|ber- 
sichten in erster Linie die Refsorts der Herren Minister für die landwirtschaftlichen An- 
gelegenheiten, für Handel pp. sowie der Ginanzen beteiligt sind und die bierdurch sich er- 
gebende geschäftliche Behandlung bei vorhandenem Mangel an Willfährigkeit meine 
Geschäfte über das Maß meiner disponibeln Seit hinaus vermehren würde-. 
12723. Kunderlaß an die Missionen. 
[Konzleikonjzept.) 
Nachdem Hiemerch bereits in den Erlassen nach Daris, London und Petersburg vom 
19. Dejember (siehe Dr. 8 Gbis 1246) die zunruhige feindlelige und taktlose Gangart“ 
der Beustschen Politik aufged und die Sinszahe r dortigen Kabinette „zur Herab- 
Kimmung der Aufgeregtbeit Deu- bolans, aiban Politik“ mrtelnn batte, hielt er es für not- 
wendig, seinen Klagen und Beschwerden, die gleichzeitig auch durch scharfe Angriffe in der 
„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ und anderen der Negierung nahestehenden rggten 
unterstützt wurden, durch einen Jirkusarerlaß an Jämtliche preußische Missionen in und auher- 
balb Deutschlands noch mehr Gewicht X verleihen. Am 28. Dezember, unmittelbar vor dem 
Antritt seiner mebrtägigen Veise na brensburg (ogl. Dr. 1260, Anm. 1), erteilte er Abeken 
den Auftrag, einen Fchen Beise rechn u entwerfen, der in großen Zügen den unrichtigen und 
agitatorischen Charakter der Bessschn Politik als einen der Hauptfaktoren für die Be- 
unruhigung und den Mangel an Vertrauen in die Fortdauer des Sriedens schildere. Der am 
1. Januar von Abeken aufgesetzte Entwurf fand indessen nicht Bismarcks Beifall. Er dittierte 
nunmehr selblt einen Entwurf, der die ganze Beuftsche Politik von ihren * an mit be- 
sonderer Bückesicht auf ihre rublistlchen. Emanationen unter die Lupe nah n dem Dittat 
nahm er dann noch mancherlei Streichungen vor. In seiner endnültigen Sorm erhielt der 
Erlob auch die Justimmung des Königs. 
Berlin, den 6. Januar 1869. 
Die Gefährdung des europäischen Griedens durch die Tätigkeit des Grafen Beust zu 
einer Zeit, wo Österreich in demselben Maße des Sriedens bedarf, als alle Aationen ihn 
wünschen, hat m den verschiedenartigsten Deutungen und Beurteilungen in der Öffent- 
lichkeit sowohl als in diplomatischen Berichten Veranlassung gegeben. SIch zweifle nicht, 
daß es Cw. pp. willkktommen sein wird, die Auffassung der Königlichen Regierung in dieser 
Beziehung kennen zu lernen. Ich nehme zur Mitteilung derselben um so mehr Veran- 
lallung, als ich aus mir vorliegenden Berichten entnehme, daß die Beweggründe der öster- 
reichischen Politik zu ausschließlich in dem Temperamente des Grafen Beuft und in dem 
Bedürfnisse dieses Staatsmannes nach politischer Aufregung gesucht werden. ch bin weit 
entfernt, den Anteil gering anzuschlagen, welchen das perfönliche Bedürfnis des Grafen 
Beust nach anregender Beschäftigung an den politischen Entschließungen des Wiener Ka- 
binetts haben mag; aber man würde meines Erachtens zu einer falschen Schätzung der 
Situation verleitet werden, wenn man die friedensfeindliche Politik Osterreichs aus- 
schließlich den perfönlichen Meigungen seines AReichskanjlers zuschreiben wollte. Vielmehr 
wird man derselben eine sachliche Berechtigung nicht absprechen können, sobald man die 
2 Der Schluß de de Satzes beruht von den Worten an: „bei vorbandenem Mangel ...“ auf eigenhändiger 
Korrektur Bismar
        <pb n="516" />
        502 Beusts Bestreben, Preußen und Frankreich in Krieg zu verwickeln. 
Beseitigung des Prager Friedens als feststehendes Programm der östrleichischen] Politik 
annimmt. 
An und für sich ist Osterreich jetzt nicht hinreichend stark, um durch eigene Kraft die 
frühere Stellung im eigenen Lande und den früheren Einfluß auf Deutschland und Europa 
wiedersugewinnen. Graf Bedust stellt sich daher die Aufgabe, Konstellationen m schaffen, 
in welchen der Umstand, daß andere Mächte miteinander im Kampfe liegen, der Partei- 
nahme SÖsterreichs das entscheidende Gewicht beilegt. Die Geschichte des Kaiserstaats 
liefert naheliegende Beispiele, in welchen Osterreich, obschon auch damals durch äußere oder 
innere Kämpfe geschwächt, eine entscheidende Rolle zufiel. Es war dies der Sall während 
des Waffenstillstandes von 1813 und während des orientalischen Krieges von 1854 
und 1855. 
Wenn es dem Grafen Beuft gelungen wäre, Norddeutschland und Srankreich um 
Kriege gegeneinander m bringen, so würde von dem Ausbruch desselben an die Stimme 
ÖOsterreichs und des Staatsmannes an seiner Spitze natürlich ein Gewicht gewonnen haben, 
dessen Bedeutung umgekehrt bei friedlicher Lage Curopas in demselben Maße schwindet, 
in welchem Deutschland und Grankreich einig und befreundet sind. 
Als Graf von Beust seine jetzige Stellung übernahm und in dem ersten Jahre darauf, 
glaubten wir uns zu der Hoffnung berechtigt, daß die Heilung der Krankbeiten, welche dem 
österreichischen Staatskörper bisher eigentümlich sind, die erste Aufgabe des neuen Reichs- 
kanzlers sein und daß unter ihm die Politik Osterreichs die Berantwortung scheuen werde, 
den Grieden Curopas durch ehrgeizige Gelüste von neuem auf das Spiel zu setzen. Im 
Laufe des letzten Jahres aber mußte sich uns zu unserem Bedauern die Ülberzeugung auf- 
drängen, daß die Wiener Politik die Herbeiführrung eines Bruches zwischen Aorddeutsch- 
land und Grankreich mit allen ihren traditionellen Mitteln erstrebe. Es hat uns über- 
rascht zu sehen, in welchem Maße unrichtige Darstellungen der preußischen Politik und 
durchsichtige Erfindungen über die Tätigkeit angeblicher preußischer Agenten zum SZwecke 
der Revolutionierung ferner Länder und der Störung des europäischen Griedens bei sonst 
wohl unterrichteten Kabinetten Glauben finden konnten. Erst die freudige Uberraschung, 
mit welcher ganz unabweisliche und durchschlagende Proben der friedlichen Aichtung 
unserer Politik von fremden Kabinetten entgegengenommen wurden, klärte uns darüber 
auf, daß die Justematische Verdächtigung unserer Politikk, wie sie der Inhalt des Öster- 
reichischen Rotbuches jedermann offengelegt hat, vermöge der konsequenten und einbeit- 
lichen Tätigkeit aller dazu benutzten Organe auf keinen unfruchtbaren Boden gefallen war. 
Daß auf der anderen Seite die Organe, welche in dem deutschen Volke das Mißtrauen 
gegen Grankreich, die Beforgnisse vor einem plötzlichen Angriffe dieser Macht rege er- 
halten und die Herstellung des öffentlichen Vertrauens zu hindern bemüht sind, teils direkt 
von Österreich, teils von den in Osterreich versammelten norddeutschen Emigranten inspiriert 
wurden, ut Ew. pp. bekannt. Demungeachtet bat dieses Bestreben, zwei große und fried- 
liebende Rachbarvölker in der Mitte Europas in gegenseitigen Kampf zu verwickeln und 
aus den Verheerungen fremder Kriege Autzen zu zieben, keinen dauernden Erfolg haben 
können, weil wir rechtzeitig imstande waren, das künstlich gegen uns erregte Mißtrauen zu 
beseitigen, und weil es nicht gelang, die Weisbeit und Mäßigung des Kaisers Napoleon 
1 Der letzte Aebensac: Dlobald .“ eigenhändiger usatz Bismarcks. Der vorangebende und der 
folgende Ceil des Erlasses entbalten mebrere kleinere Korrekturen von seiner Hand.
        <pb n="517" />
        Beusts Versuche, einen Krieg von der orientalischen Seite her mu entfesseln. 502 
zu täuschen und Grankreichs Heere den Zwerken der Wiener Politik dienstbar zu machens. 
Außerdem wird Graf von Beust sich gesagt haben, daß Deutschland einer aggressiven 
Koalition gegenüber auch seinerseits defensive Bündnisse würde finden können, und daß 
andere Mächte durch etwaigen Sieg Grankreichs über Deutschland ihre eigenen Interessen 
in demselben Maße könnten gefährdet finden, in welchem diejenigen Osterreichs durch eine 
solche Wendung der Dinge nach Ansicht des Grafen Beuft gefördert werden würden. 
Uberdies erwuchs der Durchführung der Pläne des österreichischen Konzlers ein unüber- 
steigliches Hindernis in der Stimmung des ungarischen Volkes, welches mit richtigem 
politischen Blicke erkannte, daß der Sieg einer österreichischen Koalition über Deutschland 
die Vernichtung der Selbständigkeit Ungarns zur Solge haben werde. 
Der Seitraum, innerhalb dessen die österreichische Politik die Sruchtlosigkeit des Be- 
strebens, Srankreich und Deutschland direkt in Krieg zu verwickeln, erkannte und zu an- 
deren Mitteln der Störung des europäischen Griedens griff, läßt sich nach den Schwan- 
kungen der von Wien abhängigen Presse feststellen. Die Wendung der Agitation nach 
Osten wurde eingeleitet durch eine Annäherung der österreichischen Regierung an die 
polnische Cmigration, welche, dem Grafen Beust schon in Dresden nicht fremd, brauchbare 
Werkzeuge zur Beunruhigung Außlands und zur Bearbeitung der Situation im Orient 
darbot. Um die Abneigung der Ungarn gegen die antideutsche und kriegerische Politik des 
Kanzlers zu überwinden, mußte Ungarn als bedroht in seiner Unabhängigkeit durch rufsisch 
rumänische Konspirationen dargestellt werden. Es ist bekannt, in welchem Maße diese 
Bestrebungen eine Zeit lang glückten und schließlich mißglücklten. Dieselben bildeten nur 
eine Abteilung eines in seiner Gesamtheit wohlberechneten politischen Planes. 
Wenn es mißlang, die friedliche gegenseitige Stimmung Deutschlands und Grankreichs 
in eine kriegerische zu verwandeln, so konnte man sich fragen, ob es nicht in der Gewalt 
der österreichischen Politik liege, Konstellationen herbeizuführen, aus welchen eine für 
Osterreichs Swecke förderliche Gruppierung der europäischen Mächte von felbst bervor- 
ginge. Die Erinnerung an 1853/1855 legte den Gedanken nahe, daß jede ernste Gefahr 
für den Grieden, welche im Orient entstände, dieselbe Verteilung der Aächte und dieselbe 
günstige Lage und freie Hand für Osterreich wie zur Seit des Krimkrieges herbeiführen 
werde. Eine solche mit mehr Seschick ausubeuten, als es durch den Grafen Buol seiner- 
zeit geschah, wird Graf Beuft sich ohne Sweifel für befähigt halten. 
Es steht zu erwarten, daß der Konflikt, welcher dem Einfluß des österreichischen 
Internuntius auf die Pforte und auf einige seiner Kollegen den wesentlichsten Teil Jeiner 
Bedeutung verdankte, durch eine Konferenz werde beigelegt werden, nachdem die 
Aäßigung und Griedensliebe der drei Schutzmächte Griechenlands den Zusammentritt der 
Konferenz möglich gemacht hat. Was aber war der Erfolg, wenn an Stelle dieser 
Dah Bismarck wirklich an die „Weisheit und êAäßigung“ des Kaisers Napoleon im Gegensatz zu 
der Kriegstreiberei des Grafen Beust geglaubt babe, ist wobl ausgeschlossen; er wuhte genau, wessen er si 
von Vapoleon zu versehen batte, wuhte aber auch, daß dieser nicht der Cräger des für Dreußen gefäbrlichen 
Sedankens war, einen kommenden Krieg von der orientalischen Seite ber zu entfesseln, sondern daß er Ver- 
wicklungen aus den deutschen Angelegenbeiten herzuleiten suchte, was Bismarcke weniger zu scheuen brauchte. 
Wie weit Vismarck, der mit einer seltenen Intuition die Pläne seiner Gegner durchschaute, geahnt bat, daß 
gerade Anfang Januar 1869 die französisch--österreichischen Verbandlungen über einen gemeinsamen Krieg 
gepen Preußen in ein neues positioes Stadium traten (ogl. damu H. Oncken, Die Abeinpolitik Kaiser 
apoleons III, III, 87 ff.), muh dabingestellt bleiben. Bgl. ju dem Erlaß vom 6. Januar auch noch H. Michael. 
Bismarck, England und Europa von 1866 bis 18ko, S. 208 ff. und 397, Anhang II. Exkurs 8.
        <pb n="518" />
        504 Beufts Rolle bei der rumänischen und der griechischen Verwicklung. 
Aäßigung und Griedensliebe dieselbe reitbare Empfindlichkeit wie im Jahre 1883 die 
Entschließungen auch nur einer der europäischen Alächte geleitet hätte? 
Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich annehme, daß nach dem ursprünglichen Plane 
die Nolle in dem Konflikte, welche jetzt Griechenland mugefallen ist, den rumänischen 
Sürstentümern zugedacht und daß das Ultimatum, welches die Pforte an diese zu richten 
haben würde, bereits in Wien erwogen war. Es fragt sich, ob von der russischen Politik 
dieselbe Zurü#ckkhaltung tunlich gehalten worden wäre, welche sie bezüglich Griechenlands 
beobachtet hat, wenn statt dessen Rumänien im Spiele gewesen wäre. Der Ministerwechsel 
im letzten Lande durchschnitt zur rechten Seit alle Fäden, welche von langer Hand gejogen 
waren, um die Sicherheit Ungarns und der Pforte, die Ruhe der rumänischen Bevöl- 
kerung und den Grieden Curopas durch die Regierung des Sürsten Karl bedroht erscheinen 
zu lassen; alle Verleumdungen, deren Gegenstand die Beteiligung Hreußens an der rumä- 
nischen Politik gewesen war, jerfielen plötzlich, und die Solge davon war ein naturgemäßer 
Bückschlag zur Besserung der Beziehungen Preußens mit allen europäischen Kabinetten 
außer dem von Wien. Bektkanntlich war letzterer Ort der einzige, an welchem der NRück- 
tritt des Ministeriums Bratiano bedauert und dann als bedeutungslos dargestellt wurde. 
Man kann es unentschieden lassen, ob die Übertragung der bei der Pforte künstlich 
erregten Spaonnung von der rumänischen Aichtung auf die griechische mehr das perfönliche 
Werk des Greiherrn von Prokesch oder Folge der ihm zugegangenen nstruktionen war. 
Jedenfalls wurde der Pforte glaublich gemacht, daß nach so glücklicher Erledigung der 
rumänischen Schwierigkeit eine Züchtigung Griechenlands zur vollen Konfolidierung der 
Macht und des Kredites der Türkei angebracht sein würde. An diesem Kredite waren 
einflußreiche Perfönlichkeiten wesentlich interessiert, und derselbe hat sich in der Tat um 
einige Prozent gehoben. In der Hauptsache aber konnte die türkisch-griechische Krife ihre 
der österreichischen Politik förderliche Rückwirkung auf die Stellung der europäischen 
Mächte nur dann üben, wenn es gelungen wäre, Außland zu induzieren, daß es den Hand- 
schuh aufnahm, zu dessen Hinwerfung die Türkei bewogen worden war. Durch eine rumä- 
nische Frage wäre dies mit mehr Wahrscheinlichkeit zu erzwingen gewesen als durch eine 
griechische. Wenn es aber geschab, wenn die Verhältnisse zwischen den Westmächten, 
deren kollektive und an den Krimkrieg erinnernde Bejeichnung die österreichische Presse 
seit einem Jahre wieder mit Vorliebe benutzt, wenn es gelang, ein neues Bündnis gegen 
Nußland herzustellen, so entstand für Preußen diejenige Situation, welche ich als das Siel 
der österreichischen Politik in dieser Episode glaube ansehen zu sollen. Bei einem An- 
griffe Srankreichs auf Deutschland behufs Einmischung in des letztern innere Angelegen- 
beiten hätte die ganze Kraft der nationalen Defensive auf PDreußens Seite gestanden, und 
die Stimmung der Ungarn, eventuell die Macht ARußlands hätten ÖOsterreich zu wirklicher 
Neutralität gezwungen. Gelang es aber, die Spitze der Koalition zunächst gegen Rußland 
zu richten, so war Preußen vor die Alternative gedrängt, entweder Rußland zu verteidigen 
und damit einen in Deutschland wenig populären, mit dem Anscheine eines aggressiven 
Kabinettskrieges behafteten Kampf auf sich zu nehmen oder aber Rußland in seiner Slo- 
lierung im Stiche zu lassen und sich selbst der Gefahr auszusetzen, nach baldigem Griedens- 
schlusse Rußlands seinerseits einer äbnlichen Koalition isoliert gegenüber zu stehen, ohne auf 
den Beistand Rußlands rechnen zu dürfen. 
Der Plan, die angeblich preußisch-russische Allianz zuerst in Rußland anzugreifen, ist
        <pb n="519" />
        Bismarck gegen eine Verjögerung der Konferenz. 505 
mit der üblichen Indiskretion der heutigen österreichischen Politik Jeit dem vergangenen 
Winter in der Presse aller europäischen Länder und am meisten in der ungarischen und 
polnischen verarbeitet worden, und er wäre an sich auch als ein wohl ersonnener anzuseben, 
wenn Graf Beuft irgendeinen Grund gebabt hätte anzunehmen, daß die beiden Westmächte 
sich seinem Schlepptau überlassen würden, sobald es ihm gelinge, den Orient von irgend- 
einer Seite her in Brand zu setzen. 
RNachdem man in Paris und London mehr und mehr über den Zusammenhang der 
neuesten orientalischen Cpisode und über die Aolle sich aufklärt, welche den friedliebenden 
Großmächten als Unterlage der Staatskunst des Grafen Beuft zugedacht war, setzt man in 
den beiden westlichen Kabinetten einstweilen ein geringeres Vertrauen in die österreichische 
Politikk, als bisher in irgendeinem Augenblickke während der letzten zwei Jahre der 
Fall war. 
Ew. pp. wollen dem Inhalte dieses Erlasses keinen Auftrag zu Mitteilungen irgend- 
welcher Art entnehmen. Derselbe ist vielmehr lediglich bestimmt, Ew. pp. vertraulich über 
die Eindrücke zu orientieren, welche die Königliche Regierung von der österreichischen 
Politik und ihren Beweggründen und Sielen empfangen hat. 
K. Abeindorf, Die Schwarze Meer- (PDontus-) Srage, S. 157 ff. 
*1224. Telegramm an den Botschafter in London 
Grafen von Bernnstorff. 
[Cigenhändiges Konzept.) 
NVach Telegrammen der preuhbischen Vertreter in London und Paris bemüdte sich die 
Dlorte, dort eine Verschiebung der Dariser Konferen;z auf den 16. Januar zu erreichen. 
Berlin, den 6. Januar 1869. 
Wir find nicht ohne Sorge wegen der Zögerungen der Pforte; die Commentare mu 
denselben, welche wir über Petersburg aus Constantinopel erhalten, deuten Aeigung zu 
gewaltthätigen Handstreichen gegen Athen für den Fall an, daß Verlauf der Conferen 
den Wünschen der Dforte nicht entsprechen sollte. Die Rürlewirkung kriegerischen Vor- 
gehns der Pforte auf die bisber friedliche Haltung Rußlands entzieht sich jeder Be- 
rechnung. Wirken Sie der Verzögerung des Jufsammentrittes der Conferenz entgegen': 
Verlängerung der Unsicherheit könnte auch Thorheiten der Griechen ermutbhigen, worauf 
die Gegner des Sriedens in Conftantinopel zu zählen scheinen. 
1275. Schreiben an den Staatsminister 
Frelherrn von der Heydt. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Webrmann.] 
Berlin, den 7. Januar 1869. 
Sw. pp. übersende ich hierbei Abschrift einer Vorstellung des Königlichen Kom- 
missarius für das Seebad NAorderneyx Kammerberrn von der Lancken bierselbst vom 2. d. M. 
14 Im gleichen Sinne telegraphierte Bismarck am 6. Januar auch an Graf Solms.
        <pb n="520" />
        506 Unterstützung Norderneus aus Welfenfonds. Gründung eines Bodenkreditinstituts in Berlin. 
mit dem ergebensten Bemerken, daß die Revenuen der mit Beschlag belegten Abfindung 
des Königs Georg mir wohl geeignet scheinen, um daraus eine Verbesserung des Seebades 
NAorderneg zu bewirken. 
Das Seebad Norderney ist früher von den hannoverschen Königen mit besonderer 
Sorgfalt gepflegt. Dasselbe ist jetzt die einzige preußische Seebadeanstalt von Bedeutung 
von der nsel Söhr bis zur bolländischen Küste, und die preußische Regierung wird sich in 
weiten Kreisen Dank erwerben, wenn sie in der Pflege jener Badeanstalt hinter der 
früher hannoverschen Regierung nicht zmrückbleibt, sondern wo möglich mehr tut, als bis- 
ber gescheben. 
Als ein wesentlicher Mangel der Nordernepyer Einrichtungen ist mir bezeichnet, daß 
es auf der Insel an einem Strandpavillon fehlt, welcher den Versammlungspunkt der Se- 
sellschaft bilden kann. Pläne dazu sollen schon entworfen, aber aus Alangel an Sonds 
nicht zur Ausführung gekommen sein. Es dürfte sich daher empfehlen, durch Bewilligung 
der vom Kammerherrn von der Lancken erbetenen 60 0O00 Taler aus dem Welfenfonds“ 
die Errichtung eines Strandpavillons mit Restaurations- und Gesellschaftsräumen ähnlich 
wie in Ostende“ herbeimführen, die Cilgung der bisherigen Schulden aus den Nevennen- 
überschüssen aber in geordneter Weise fortgehen zu lassen. 
Suer Exzellenz ersuche ich ganz ergebenst, mir Shre Anzjicht bierüber baldgeneigtest 
mitmteilen, damit eventuell alle Einrichtungen getroffen werden können, um den Bau mit 
dem ersten Grühjahre zu beginnen. Dabei bitte ich ugleich um geneigte nähere Auskunft 
über die Aechtsverhältnisse der Seebadeanstalt Norderney und darüber, inwieweit die 
Grundstücke derselben als Domänengut unter Ew. Exzellenz Verwaltung stehen und in- 
wieweit als Heilanstalt unter Verwaltung des Kultusministeriums. 
*1226. Schreiben an den Geheimen Kommerzienrat 
Frelherrn von Oppenheim. 
[Kontept von der Hand des Vortragenden Nats Wehrmann.] 
Berlin, den 7. Januar 1869. 
Ew. pp. haben in einem Schreiben vom 19. Cktober v. J. dem Oberpräsidenten der 
Abeinprovinz mitgeteilt, daß der gegenwärtige Seitpunkt geeignet sein würde, ein Boden- 
kreditinstitut unter Ceilnahme französischen Kapitals in Berlin m gründen, dessen Obli- 
gationen auch in Frankreich Absatz finden würden. Sie haben sich dabei bereit erklärt, 
Seiner Majestät dem Könige persönlich über den Plan Vortrag zu halten, um die Details 
des Unternehmens unter Zugrundelegung eines Statutenentwurfes auseinanderzufetzen. 
Nachdem Abschrift jenes Schreibens von dem Oberpräsidenten der Abeinprovinz an 
des Königs Majestät eingereicht ist, hat Seine Moajestät meine Außerung über Shren Plan 
— nach vorheriger Prüfung desselben durch die kompetenten Stellen — zu erfordern 
geruht. * 
Ew. Hochwohlgeboren ersuche ich daber ergebenst, mnächst den Plan näher m ent- 
wickeln und mir einzureichen, damit ich dessen Prüfung veranlassen kann. 
1 Vgl. dam Nr. 1318. 4 
„ Die Worte: „äbnlich wie in Ostende“ eigenhändiger Zusatz Bismarcks.
        <pb n="521" />
        Bismarck drängt in Petersburg auf schleunigen Beginn der Konferenj. 507 
Ich würde mich freuen, wenn es gelänge, durch Verwirklichung der von Ihnen an- 
geregten Idee einem unzweifelhaft vorhandnen Bedürfniß abzuhelfent". 
* 1222. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Helnrich VII. Hrinzen Reuß. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden ABats Abeken.] 
Vertraulich. Verlin, den 9. Jonuar 1869. 
Fürst Gortschakow hatke mir durch Baron Oubril die Befürchtungen mitteilen lassen, 
welche General Ignatiew von Konstantinopel nach St. Petersburg gemeldet hatte, daß die 
Dforte, ungeachtet der Konferenz, mit gewalttätigen Handstreichen gegen Athen und Spra 
vorgehen möchtet. So töricht und den eigenen Snteressen der Türkei zuwiderlaufend ein 
solches Vorgehen wäre, so ließ sich allerdings nicht verkennen, daß gegen leidenschaftliche 
Entschlüsse der Pforte, wie gegen verderbliche Ratschläge an dieselbe von anderer Seite 
ber durchaus keine Sicherheit vorlag; und ich beeilte mich daher, auf telegraphischem Wege 
den Königlichen Missionen in Paris und London mitzuteilen", daß wir nach den uns aus 
Konstantinopel zugehenden Nachrichten nicht ohne Sorge vor einem gewalttätigen Vor- 
geben der Türken wären, und sie anzuweisen, die Kabinette der Tuilerien und von St. James 
auf die Gefahren aufmerksam zu machen, welche notwendig für den allgemeinen Grieden 
aus einem solchen Verfahren bervorgehen müßten. Sch erinnerte namentlich an die Rüchk- 
wirkung, welche dasselbe auf die bisber so friedliche Haltung Rußlands ausüben müsse, und 
bat, die Lürkei ernstlich vor jeder Sriedensstörung zu warnen. 
Das gleich darauf durch eine ganz vertrauliche Mitteilung des Marquis de Laoalette 
an den Grafen zu Solms und Ew. pp. Nachrichten aus St. Petersburg zu meiner Kenntnis 
gekommene Berlangen der Dorte nach einem Aufschub der Konferenz schien doch jene Be- 
sorgnisse zu bestätigen und zu verstärken und legte die Befürchtung nabe, daß die Pforte 
den Aufschub benutzen wolle, um mit einem fait acoompli in die Konferenz einzutreten. Ich 
säumte daher nicht, mich in UÜbereinstimmung mit den Wünschen des Sürsten Gortschakow 
in Daris und in London gegen jeden Aufschub der Konferenz auszusprechen und dringend 
davor zu warnen, daß man durch neue Sögerungen nicht alles bisher Gewonnene wieder 
in Frage stelle. Das schleunige Susammentreten der Konferenz könne allein nach beiden 
Seiten hin beruhigend wirken, während die Verlängerung der Unsicherbeit auch in Griechen 
land die Aufregung vermehren würde und möglicherweise die Griechen zu Torheiten ver- 
leiten könne, auf welche die Gegner des Sriedens in Konstantinopel zu rechnen schienen. 
Selbst wenn die Pforte am 9. nicht bereit sei, würde nichts verhindern können, daß die 
übrigen Mächte schon an diesem Cage zusammenträten, da ja die ganze Konferenz nicht den 
Charakter eines Cribunals, sondern einer konfultativen Versammlung habe; die Aussicht 
aber auf diesen Susammentritt und die dadurch dokumentierte Einigkeit der Mächte würde 
am besten dazu geeignet sein, alle Weiterungen der Pforte zu beseitigen. 
.1 Der letzte Ablatz eigenbändiger Zujatz Bismarcks. 
1277.1 Bgl. ARr. 1269. 
2 Siehe Nr. 1274.
        <pb n="522" />
        508 Solms und Stackelberg. Friesen für preuhisch-österreichische Wiederannäherung. 
Es gereicht mir zur Befriedigung, daß diese Mahnungen und Matschläge in Paris 
und London eine entgegenkommende Aufnahme gefunden haben, und daß der Erfolg die 
Richtigkeit meiner Voraussicht gezeigt hat, daß bei dem ausgesprochenen Willen der 
Mãchte, die Konferenz am 9. m eröffnen, auch die Pforte ohne weiteres nachgeben werde. 
Ich will bei dieser Gelegenheit nicht unbemerkt lassen, daß mir gestern der Baron 
von Oubril die Besorgnis aussprach, Graf Solms in Paris sei ein wenig weich (mou). Sch 
war in der Lage, ihm darauf zu erwidern, daß gerade Graf Solms mir die Klage des 
Marquis de Lavalette mitgeteilt hätte, Baron Stackelberg sei sehr schroff und erregt. 
Graf Solms sei allerdings nicht gerade eine schroffe oder eifrige Aatur, aber ich könne 
keinen Sweifel hegen, daß er die ihm erteilten Aufträge stets rückhaltlos ausführe. 
Ew. pp. wollen von dem Inhalt dieses Erlasses gelegentlich dem Sürsten Gortschakom 
Aitteilung machen; nur bitte ich, den Erlaß selbst nicht aus der Hand m geben, da in dem- 
selben der Inhalt unjerer chiffrierten Lelegramme nach Paris und London jiemlich wörtlich 
aufgenommen ist. 
*1228. Erlaß an den Gesandten in Dresden von Eichmann. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken.] 
Am 7. Januar batte Eichmann über ein Gespräch mit dem Minister Sreiherrn v. Friesen 
berichtet, dos, ausgebend von dem griechisch-türkischen Konflikt, bald auf das Berhältnis Oster- 
reichs u Hreußen übergegangen war. Der sächsische Minister sprach dabei die Velorgnis aus, 
dab die Zurückhaltung, die die preußische Regierung dem österreichischen Reichskanjler gegenüber 
beodachte, diesen immer mehr in die franfösische Allian) drängen könnte. Deutlich blickte aus 
den Auherungen Friesens der Wunsch hervor, dah zu einer Abwendung der von Frankreich her 
drohenden Gefahren wieder eine Ausgleichung der in dem österreichisch-preußischen Vederkriege 
mtage tretenden Spannung versucht werden möge. 
Vertraulich. Berlin, den 9. Januar 1869. 
Ew. pp. geben in hrem gefälligen Bericht Ar. 1 vom 7. d. M. die Außerungen des 
Freiherrn von Friesen in einer neulichen Unterhaltung mit ihm über die gegenseitige Stellung 
reußens und Osterreichs wieder und erwähnen namentlich der Besorgnis des Königlich 
Sächsischen Staatsministers, „daß die Jurückhaltung, welche die Königliche Regierung dem 
österreichifchen Reichskanzler gegenüber beobachte, letzteren mehr in die französische 
Allianz drängen werde“. Sch bitte Ew. pp. in Anknüpfung bieran den Herrn Minister 
von Griesen darauf aufmerksam zu machen, daß eine solche Surüchrhaltung uns schon durch 
die Art und Weise geboten werde, wie der Reichskanzler den diplomatischen Verkehr be- 
handelt. Die Dublikation des letzten Rotbuches hat einen eklatanten Beweis für die Ge- 
fährlichkeit dieses Systems gegeben, durch welches eine Anzahl bedenklicher und verletzender 
Aktenstücke, die jsonst unschädlich in den Akten begraben geblieben oder doch nur eine vor- 
übergebende und untergeordnete Bedeutung gewonnen hätten, zu dem Nange von öffent- 
lichen Aktenstücken, ja von Voten, an die Adresse fremder Kabinette gerichtet, erhoben 
worden und mit ihren Insinuationen und falschen Darstellungen von einer Animosität 
Zeugnis ablegen, welche zu verbreiten sie geradezu bestimmt sind. Der tendenziöse Charakter 
dieser Publikationen kann auch von Herrn von Griesen nicht bezweifelt werden; und wenn 
er es als den allgemeinen Charakter der österreichischen Politik bezeichnet, daß Graf Beust 
„den drohenden Konflikt zwischen Frankreich und Dreußen abwarten wolle“, so legt
        <pb n="523" />
        Der preuhisch--österreichische Sederkrieg. Beginn der Pariser Konferenk. 509 
mir vielmehr die ganze Art, wie Preußens Stellung im Rotbuch behandelt ist, nahe, das 
Wort „abwarten“ mit dem andern „fördern“ zu vertauschen. Er wird mir zugeben, dah, 
wenn eine Aegierung sich diese Art publizistischer Tätigkeit zur Hauptaufgabe macht und 
jede Mitteilung von fremden Kabinetten wie von ihren eigenen Agenten nur als Material 
zu tendenziöser Cinwirkung auf die öffentliche Meinung benutzt, die größte Zurückhaltung 
zur flicht, ja zmletzt jeder Verkehr unmöglich wird. 
Wenn ich daber nicht versucht habe, unsererseits dem Kriege Einhalt m tun, welcher 
sich zwischen der österreichischen und preußischen Presse erhoben, zu welchem aber, wie 
jeder Unbefangene sich überzeugen kann, die österreichische, und zwar die inspirierte öster- 
reichische Presse einschließlich des Rotbuchs das Signal gegeben hat, so bin ich dabei von 
dem Bedilürfnisse geleitet, einerseits auch den Grafen Beuft erkennen zu lassen, wie er in 
der ublizistik darauf gefaßt sein müsse, den Widerhall seiner eignen Stimme zu bören, 
ulnd] andrerseits die Ellusion zu zerstören, als bedürften wir der Sreundschaft Oestreichs in 
höherem Grade wie Oestreich die unfrige. Wenn Grlaf] Beuft zu erkennen giebt, daß jeder 
Feind VNorddeutschlands an Oestreich einen Genossen finde, so ist es zur Herstellung des 
Gleichgewichtes unentbehrlich, daß wir den Elementen, welche uns in unfrer eventuellen 
Vertbeidigung von Beistand sein können, auch keinen SZweifel über unfre Entschlossenbeit 
lallent. 
*1229. Telegramm an den Gesandten in Konstantinopel 
Grafen von Brassier de St. Stmont= 
(Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Berlin, den 10. Januar 18609. 
Die gestern in Daris zusammengetretene Konferenz hat beschlossen, nach Konstantinopel 
und Athen die Aufforderung, bis Schluß der Konferen; status duo aufrechtmerhalten, 
mittels Depesche zu richten, deren Cext der franzjösische Vertreter seinen Kollegen mit- 
teilen soll. Ew. pp. wollen diese Aufforderung im Einverständnis mit Shren Kollegen 
amtlich unterstützen. 
Text der Depesche: folgt en clair nach, wie er von Paris bier en clair mitgeteilt ist. 
*1280. Telegramm an den Gesandten in Athen 
von Wagner. 
[Kontept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Verlin, den 10. Januar 1869. 
Bei gestrigem Zusammentritt der Konferenz in Paris hat der griechische Gesandte 
geweigert teilzunehmen, wenn nicht unter gleichem Titel wie Türkei. Konferenz hat be- 
1 Der Schluß des Erlasses von den Worten im vorletzten Satze an: „ulnd) andrerseits * eigen- 
bändiger Zusatz Bism 
1277. 1 5½ gleich= rrrsn ging an den Gesandten in Atben v. Wagner. 
Siehe, den Text der Depesche vom 9. Januar in: Das Staatsarchio, XVI. 235. Daselbst S. 222 fl. 
die Prgtichene der Konferenz.
        <pb n="524" />
        510 Lok und der „dänische Agent“ in Hietzing. 
schlossen, griechische Regierung durch Marquis de Lavalette namens der Konferenz unter 
Ausdruck von Überraschung und Bedauern und Hinweisung auf ernste Verantwortung auf 
Sefahr ihres Schrittes aufmerksam m machen und zur Beschickung aufzufordern. 
3 Ew. pp. wollen diese Demarche im Einvernehmen mit Shren Kollegen amtlich unter- 
tützen. 
1281. Erlaß an den Geschäftsträger in Kopenhagen 
Freiherrn von Lo. 
Monzept von der Hand des Vortragenden Rats von Keudell.] 
in seinen Erinnerungen (Sürst Bismarck, S. 151 ff.) erblt. abt kehle 3 a. dentüch 
ismarck, dessen Reizbarkeit ihm bewu 
Berlin, den 1 1. Januar 1869. 
Ew. pp. erwähnen in dem Bericht vom 6. d. M., ein Mitglied des Diplomatischen 
Korps habe Shnen gesagt, daß ich „bei den dort vertretenen Kabinetten Europas als 
falscher Denunziant und Verleumder registriert werden würde“. « 
SUPPKIcheinensichkeineRechenIchaftdarübergegebenzuhabemdaszsiemid 
eine so grobe persönliche ulnd) amtliche Beleidigung nicht zu den Acten mittheilen 
konnten, wenn Sie nicht im Stande waren hinzuzufügen, wie Sie dieselbe geahndet oder 
auch nur zurückgewiesen haben. Andernfalls mußten Sie der Mittheilung unter Nennung 
des Beleidigers ausschließlich den Character einer Anzeige zur dienstlichen Beschwerde 
über denselben geben. Ew. pp. mußten Sich sagen, daß Sie, so lange Sie den Namen des 
Urbebers verschweigen, die Verantwortung für die von hnen actenmäßig reproducirte 
Beleidigung mir gegenüber Selbst übernehmen, worüber ich mir Weitres vorbehalte. 
Diese Wahrnehmung nötbigt mich zu meinem Bedauern mu dem Schlusse, daß Sw. pp. 
bisber nicht alle zur selbständigen Leitung der Geschäfte einer Königlichen Mission unent- 
behrlichen Eigenschaften besitzen, und ich habe daher den Königlichen Sesandten ersucht, so- 
fort auf seinen Posten zurückzukehren. 
Otto Freiherr v. Los, Sürst Bismarck, S. 151 ff. 
1 Der game folgende Absatz berubt auf eigenhändiger Korrekktur Bismarcks. 
2 Der Eingang des Ablatzes eigenbändige Korrektur Biemarchs.
        <pb n="525" />
        Riücksichtslose Haltung Griechenlands auf der Konferenz. 511 
*1282. Telegramm an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Verlin, den 12. Januar 1869. 
Auf eine Anfrage von Graf Solms, ob er, wenn Griechenlond auf Weigerung be- 
harre und die Konferenz vorschlage, ohne Griechenland weiter m tagen, beitreten solle, habe 
ich denselben nach eingeholtem Befehle des Königs ermächtigt", dem eventuellen Vorschlage 
beizutreten. Ein Scheitern der ganzen Konferenz an dem wesentlich nur formellen Dunkt 
würden wir ebenso wie das bisherige Verbalten des griechischen Vertreters im Interesse 
der Konjolidierung des Griedens lebhaft beklagen. 
* 1283. Erlaß an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Reinkonjept. 
Berlin, den 14. Jonuar 1869. 
Ew. pp. übersende ich in der Anlage Abschrift einer Depesche, d. d. 30. Dezember', 
welche der Kaiserlich Lürkische Gesandte am biesigen Hofe von seiner Regierung empfangen 
und im Auftrage derselben mir mitgeteilt hat, und welche dazu bestimmt ist, das Vorgeben 
der Pforte gegen Griechenland m motivieren und die Stellung derselben zur Konferenz und 
auf derselben zu präzisieren. 
Ew. pp. wissen bereits durch meine telegraphischen Mitteilungen, daß wir das Ver- 
halten Griechenlands, wie es in der ersten Sitzung der Konferenz am 9. d. M. hervor- 
getreten ut, in nicht geringerem Waße als die übrigen Mächte mißbilligen. Nachdem die 
griechische Regierung, wie der Präsident der Konferen; in schlagender Weise auseinander-- 
geletzt hat, die Cinladung zur Konferenz à titre consultatif ohne Widerspruch angenommen 
hatte, enthält die erst am Morgen des Sitzungstages nach Paris telegraphierte Umänderung 
des Entschlusses und das Auftreten des griechischen Gesandten in der Konferenz selbst einen 
auffälligen Mangel an Rücksicht für die konferierenden Alächte. Wenn die drei Schutz- 
mächte Griechenlands selbst über die Sorm der an seine Regierung zu richtenden Einladung 
einig waren und drei andere unbeteiligte europäische Mächte ihnen darin zustimmten, so 
konnte die griechische Regierung darin unmöglich eine Verletzung ihrer nationalen Würde 
erblicken. Wenn fechs europäische Mächte in ihrem Willen, den Grieden zu erbalten, einig 
sind, und diesem Swecke abweichende Anschauungen bereitwillig unterordnen, so gollte 
Griechenland ein größeres Gewicht, als gescheben, auf diese TLatsache legen. Wir nehmen 
keinen Anstand, unsere Mißbilligung auszusprechen, und haben unsern Gesandten in Atben 
angewiesen, auch seinerseits die griechische Regierung auf die Folgen eines ihrem eignen 
Interesse so zuwiderlaufenden Verhaltens aufmerksam zu machen. 
1 Es war durch Telegramm v. Tbiles vom 12. gescheben. 
1283.4 Das Neinkonzept trägt den Vermerk von der Hand Bismarcks: „Vlon] Sleinelr Mlojestät! ge- 
nlebmigt!“. Es berubt auf einem von Vismarck mehrfach überarbeiteten Konzept von Abekens Hand. 
: Siebe den Text der türkischen Depesche vom 30. Dezember in: Dos Staatsarchio, XVI. 212 fl.
        <pb n="526" />
        512 Auch türkische Haltung intransigent. Metternich zur ölkerreichisch-preußischen Prehfehde. 
Auf der andern Seite kann ich nicht umhin zu bemerken, daß der Inhalt des beiliegenden 
Aktenstückts die Konferenz, wie mir scheint, der Pforte gegenüber in eine analoge Ber- 
legenheit setzt. Es ist meines Wissens von keiner Seite bezweifelt worden, daß der Pforte 
Beschwerdegründe gegen Griechenland vorlagen. Sie konnte die Anerkennung derselben 
von der Konferen; der europäischen Mächte erwarten. Wenn sie aber von vornherein 
erklärt, daß sie die fünf Punkte ihres Ultimatums der Konferenz gegenüber ohne jegliche 
Konzession aufrechterhalten, d. h. sich in gar keine Verhandlungen darüber einlassen wolle, 
ja wenn sie dieselben sogar als das Minimum ihrer Sorderungen erklärt, so ist es schwer 
zu sagen, welche mit der Würde der europäischen Mächte verträgliche Aufgabe der Con- 
feren; verbleiben sollte, so lange die Pforte diese amtliche Kundgebung aufrecht erhält ulnd) 
auf der Basis derselben ihren Sitz in der Conferenz einnimmt“. 
Sch ersuche Cw. pp., den Marquis de Lavalette auch auf diese Seite der Sache ver- 
traulich aufmerksam m machen und ihm die obigen Erwägungen darzulegen, welche 
vielleicht dam beitragen können, eine praktische Ausgleichung zwischen den widerstreitenden 
Ansprüchen beider Parteien vorzubereiten. 
128 4. Erlaß an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Vats Abeken.)] 
4 Am k. Januar hatte Graf Solms eine Aussprache mit Sürst Wetternich über die preuhisch- 
Herreichische Preßfehde gehabt, über die er folgenden Tags berichtete. Danach hatte der 
österreichische Botschafter das Gespräch mit den Worten begonnen: „Woher kommt denn in 
Ihren Blättern dieler furchtbare Sturm? Können Sie denn nicht etwas kun, damit man in Verlin 
von diesen Angriffen abläßt. Beuft schreibt mir: „Je suis tres tourmenté par les attadues 
de la Presse Prussienne““. Graf Solms hatte darauf Veranlassung genommen, dem Sürsten 
Metternich, der immer wieder Graf Beusfts und seine eigene Sriedensliebe beteuerte, seine Preß- 
umtriebe und jeine Hetzereien zum Kriege auf den Kopf zutusagen. Und als Sürft Metternich 
geradezu lein Wort anbot, daß er auher mit dem „Constitutionnel“ mit keinem Dariler Blatt 
in Verbindung stehe und keinem eine Subvention zahle, bielt ihm Solms entgegen, nun wenn er 
die vielen gegen Dreußen hetzenden Blätter nicht felbst bezahle, so geschebe es eben von Agenten 
auherhalb der Botschaft. Was machte denn 1. B. Graf Bitztbum aus Brüssel alle Augenblicke 
in Paris. Darauf sagte MWetternich nach dem Solmsschen Berichte wörtlich: „Der hat sich in 
eine unglückselige Eisenbahnspekulation eingelassen, die leine Stellung bedroht. Der bat also 
böchstens Privatgeschäfte bier.“ In Wirklichkeit spielte Graf Bitzthum, wie aus seinem von 
H. Oncken (Die Abeinpolitik Kaiser Aapoleons III., III, 26 ff.) veröffentlichten Schriftwechsel 
mit Beuft bervorgeht, als zeitweiliger Vertreter des FSürsten Metternich selbst, der auf das 
genaueste darum wußte, eine erste Rolle bei den gegen Preuhen gerichteten gebeimen österreichisch- 
fronzölischen Berhandlungen. 
Vertraulich. Berlin, den 14. Januar 1869. 
Ew. pp. gefälliger Bericht Ar. 10 vom 8. d. M. über Ihre Unterredung mit dem 
Fürsten Metternich hat Seiner Majestät dem Könige vorgelegen, und ich freue mich, 
Ew. pp. die allerhöchste Gufriedenheit mit Ihrer dem Sürsten gegenüber geführten Sprache 
auszudrücken. 
Gelegentlich werden Sw. pp. dem Fürsten Metternich nicht vormenthalten brauchen, 
daß wir in ihm und seinem Auftreten in Paris ein wesentliches Hindernis der guten und 
1*s Die Gestalt des Satzes ist durch eigenbändige Zujätze und Streichungen Bismarchs bestimmt. 
„Der Schluß des Satzes von den Worten an: „so ist es schwer zu lagen .. eigenhöndiger Zusatz 
Bismarckes.
        <pb n="527" />
        Lord Clarendon bemüht sich um Ausgleich zwischen Preußen und Osterreich. 513 
freundlichen Verhältnisse zwischen Berlin und Wien sehen, welche er diesmal selbst Jo 
Jehr als in Jeinen eigenen wie in seines Chefs Absichten liegend darstellt. Wenn wir 
uns erinnern, wie oft gerade er in den letzten fünf bis sechs Jahren von Wien aus uns 
gegenüber desavouiert worden ist, während seine Tätigkeit sich offenbar immer gleich 
geblieben ist, so müssen wir annehmen, daß diese Desaveus wenig ernst gemeint waren. 
*1283. Telegramm an den Botschafter in London 
Grafen von Bernstorff. 
[Konzgept von der Hand des Vortragenden Nats Abeken.] 
Die scharfen Anariffe gegen Aeichskanzler Graf Beuft, die nach dem Erscheinen des zweiten 
Olterreichischen Notbuches (ogl. Nr. 1227) in der preußischen. Presse eingesetzt hatten, waren noch 
verstärkt worden, als Bismarck in den Erlassen vom 19. Dezember auch diplomaussch zu dem 
großen Vorstoß gegen seinen Gegner ausbolte (ogl. Ar. 1243 bis 1246). Einen neuen Angriff 
leitete die „ARorddeutsche Ulgemeine Seitung“ vom 29. Dejember ein; ogl. das Telegramm Graz 
Wimoffens an wast von diesem Cage, H. Oncken, Die Acenralitin. Kaiser Napoleons III, 
„ Anm. Die Angriffe, die natürlich in der österreichischen Presse ein scharfes Scho fanden, 
sielen #em Leiter des österreichischen Staatswelens ellimöblich schwer auf die Nerven. Deutlich 
geht das noch aus Beufts späteren „Erinnerungen und Aufzeichnungen“ (Aus drei Viertel- 
Jahrbunderten, II, 244 ff.) hervor. Hilfesuchend wandte sich der Aeichskanzler nach Paris und 
bondon gleichzeitig nahm er die verschied ensten Perjfönlichkeiten, wie den Fürsten WMetternich 
(ogl. Rr. 12834), Julius Fröbel bose. Nr. 1270), Sreiherrn v. Sriefen (ogl. Nr. 1278) uflw., als 
Mittelsmänner in Anspruch. Mit belonderem Eifer setzte sich der ungarische Ministerpräsident 
Graf Andrafsy für. eine Ausgleichung des Swists ein; einerseits gewann dieser (ogl. E. v. Wert- 
beimer, Andrafsy, I, 476) Kaiser Sranz Joseph für ein Einlenken, „mnandeererei48 ensonte er in 
dem Grafen W. einen geeigneten Unterbändler nach Berlin. Vgl. über Seherr- 
Tboß' Gespräch mit Bismarck vom 2. Januar 1869, Die Gesammelten Werke, VII, 279f. Bon 
Paris ber suchte man dem Grafen Beuft eber den Rückten z steifen. Bgl. das Telegramm 
Fürst Metternichs vom 14. Januar, H. Oncken, Die Abeinpoli#tik Kaiser AopoXleons III, III, 96. 
Dagegen bemühte sich Lord Clarendon aufrichtig um einen Ausgleich zwischen Bismarck- und 
Beuft. Er richtete zu diesem Zweck an den englischen Botschafter in Vorim Lord A. Loftus einen 
Brief, der bestimmt war. Bismarck vorgelegt ju werden. In einer vertraulichen Unterredung 
mit Bismarck vom 13. Jonuar (näheres darüber in Nr. 1288) konnte Lord Loftus diesem mit- 
teilen, daß Graf Beuft auf Anregung Lord Clarenbons bin #0 entschlossen babe, der Pressefehde 
aräten ebün er Seite Einhalt zu tun, worauf Bismarck sofort seinerseits einen analogen 
Schritt in Aussicht stellte. Als nun am 14. ein Celegramm Graf Bernklkorffs vom voraufgehenden 
Tage einlief, wonach Graf Beuft wirklich den Befeßr erteilt hatte, daß die teerreichische offiziöse 
Drese sich jeder Dolemik gegen Preußen entbhalten und auf K.leind liche Artikel in der preußischen 
resse nicht mehr erwidern solle, 16gerte Bismarck, der sich jagen durfte, dob Jeine politische 
und journalistische Gesamtaktion gegen Beust vollen Erfolg gehabt hatie daß sie, wie von 
österreichischer Seite vielfach angenommen wurde, auf den Sturz Beufts abgeziekk batte, findet 
nicht Bestätigung — keinen Augenblick mit ensprachenden. Weisungen. 
Berlin, den 14. Januar 1869. 
Antwort auf Telegramm 10 vom 13. d. M. Auch unsererseits ist, infolge gestriger 
Besprechung mit Lord Augustus Loftus, an unter unserem Einfluß stehende Presse Weisung 
ergangen, Polemik einzuftellen". 
2½ 
2 Vgl. daju auch das von H. Onchen (a. a. O. III. 96, Anm. 2) mitgeteilte Kelegramm des Grafen 
Wimpffen an Beust vom 15. Januar: „Blismarck a dit hler soir à Benedett. due Toyant le désir de 
duelques Pulssancges II avalt falt cesser completement la polémique contre nous, daß aber, Jollten 
aibers Geitungen dieser Haltung nicht entsprechen, die Polemik in 14 Tagen, und zwar in der bieligen 
offiriellen Presse, wieder anfangen würde". In gleichem Sinne lieh Bismarck auch durch einen von v. Thilo 
an Greiherrn v. Wertber gerichteten Prioatbrief vom 15. den österreichischen Minister Giskra verständigen, 
der dem Lraußischen Vertreter kur) vorber sein Leid über die Dregeesedde jwischen Berlin und Wien — 
und den Wunsch nach einer Verständigung ausgedrückt batte. Es beiht in dem Thileschen Briefe u. a.: 
„Von ganz besonderem Interesse ist demnächst unlerem Herrn Chef Ibre Mitteilung ÜUber öhr - präch 
mit dem Minister Giskra gewesen. Es wäre ihm sebr erfreulich, wenn Ew. pp. in ganz unauffälliger Weise 
VIa —
        <pb n="528" />
        514 Mähigende Einwirkung Bismarcks in Petersburg. Giskras Gespräch mit Wertber. 
*1286. Erlaß an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
sKonzept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken.) 
Am 13. Januar hatte Prin; Reuß eine Unterredung mit Sürst Gortschakow über die 
Pariser Konferenz, aus der sich ergab, daß die mäßigende und ausgleichende Haltung, die 
Bismarck in dem griechisch-türkischen Konflikkt eingenommen und wiederholt auch nach Deters- 
burg empfohlen batte, dort ihre Wirkung nicht verfehlt hatte. Swar trat in den Außerungen 
Gortschakows, über die Drin; Reuß am 13. Januar zwei Berichte erstattete, eine leije 
Empfindlichkeit über eine nur laue Unterstützung zutage, die der preußische Vertreter auf der 
Konferenz seinem mit Nachdruck für die griechische Sache eintretenden russischen Kollegen zuteil 
werden ließ. Aber er ließ doch selbst gelten, daß der rufsische Bertreter Graf Stackelberg in 
Leinem Eifer zu weit gebe, und widersprach nicht, als Reuß anregte, diesem ein wenig mehr 
ube anmempfeblen. 
Berlin, den 16. Januar 1869. 
Sw. pp. übersende ich in der Anlage vertraulich und zu öhrer Orientierung Abschrift 
wweier Berichte des Königlichen Sesandten in St. Petersburg vom 13. d. M., seine 
Unterredung mit dem Sürsten Gortschaktow über den Verlauf der Konferenz betreffend. 
Ew. pp. werden daraus ersehen, daß wir in jeder Weise bemüht gewesen sind, in 
St. Petersburg eine mäßigende und verföhnliche Cinwirkung auszuüben; und ich ersuche 
Sie ergebenst, dies — natürlich ohne direkte Beziehung auf diese Mitteilungen — 
Gelegenbeit fänden, jene Unterredung wieder anzuknüpfen. Gelingt Ihnen dieses, so wollen Sie dem öster- 
reichischen Minister vor allen Dingen jagen, daß es dem Grafen Bismarck sehr wohltuend sei, in den 
Worten des Herrn Giskra persönliche Gefühle und politische Anschauungen wieder zu finden, die mit den 
seinigen vielfach genau übereinstimmten: Preußen wünsche nichts und könne nichts wünschen, was SÖsterreich 
besäße; die oft bingeworfene Verdächtigung, als trachteten wir nach einer Gerstückelung des Kaiserstaates, 
lei eine völlig ablurde, und — ich reprodujiere wörtlich seine Außerungen — nur ein Dummkopf, dem die 
ersten Grundlagen der Politik unverständlich seien, könne auf solche Gedanken kommen; das gemeinschaft- 
liche Interesse beider Staaten sei auf freundnachbarliche Beziehungen der Aegierungen wie der Bevölke- 
rungen und als bestes Mittel hierzu auf Belebung der gegenseitigen Handels- und Verktehrsbesiehungen 
gerichtet; diese bedürften aber des gegenseitigen Gefühls politischer Sicherheit; Ssterreich könne uns gegen- 
über diesem Gefühle sich bingeben, wir# leider nicht, solange die Tätigkeit des Grafen Beust jeden Keim des 
Vertrauens vergifte. „ 
Der Minister ging sodann speziell auf den bedauerlichen „Preßkrieg“ über, den er unsererseits, soweit 
es sich um der Regierung zugängliche Hrehorgane handle, lediglich als eine Abwehr gegen das Not- 
buch besjeichnete, dessen Dublikation jede vertrauliche Besprechung vorerst unmöglich gemacht habe. Er 
fügte binzu, daß Lord Clarendon sich unlängst in einem Drivatbriefe mit der Frage beschäftigt habe, wie 
jener bedauerlichen Polemik ein Ziel gesetzt werden könne. Der britische Minister babe vorgeschlagen, 
wir möchten unsererseits den feindleligen Ton in den uns zugänglichen Blättern aufhören lassen, und ihm 
lei von österreichischer Seite gewissermaßen zugesagt worden, daß man dort ein gleiches tun wolle. Graf 
Bismarck habe bierauf entgegnet, daß die österreichischen Verbindungen mit der Presse leider nicht von 
einem Punkte aus inlpiriert würden. Aeben der direkten Einwirkung des Aeichskanzlers beftünden un- 
abhängig von derselben die Inspirationen des Sürsten Metternich und Jahlloser anderer Agenten, die 
wiederum mit unseren Gegnern in der süddeutschen demokratischen artei in vielfeitigen und unkontrollierten 
Verbindungen ständen. Eine Einstellung der Feindseligkeiten auf allen Punkten dieses weit verlweigten 
Netzes werde deshalb große Schwierigkeiten haben. Dagegen wolle der Minister einen andern Vorschlag 
machen. Man möge während vierjehn Tagen jenseits die Feindjeligkeiten und Verdächtigungen einftellen, 
dann würde von den norddeutschen Blättern, soweit unfere Regierung auf dieselben irgendeinen Einfluh 
babe, ein gleiches gescheben. Im entgegengesetzten Salle würde nach Ablauf jener Frist die Dolemik diesfeits 
wieder aufgenommen werden, und #war in dem dem Motbuche als offizieller Publikation gegenüber einzig 
möglichen Organe, nämlich dem „Dreußischen Staatsanzeiger". 
Zum Schlusse bemerkte unser Herr Chef — und es ist mir befonders wichtig, dies bervorzuheben —, 
daß Ew. pp., wenn Sie Gelegenbeit fänden, mit dem Minister Giskra im Sinne des vorstebend Bemerkten 
vertraulich zu sprechen, der Auffassung vorbeugen möchten, als entbielten Ihre Bemerkungen einen politi- 
schen Auftrag, der den Zweck habe, Herrn Giskra und Graf Beust zu entzweien, oder, wie der Herr Minister 
sich ausdrückte, einen Versuch, mit dem Minister Glstra gegen den Aeichskanzler u konlspirieren. 
Die Absicht des Chefs gehe oielmehr dabin, seine Anschauungen auf dem Umwege durch Herrn Giskra an 
den ölterreichischen Leschbomgler. gelangen zu lassen.“
        <pb n="529" />
        Sriesens Argumente zugunften Osterreichs. 515 
dem Marquis Lavalette gegenüber geltend zu machen. Wir glauben uns in diesen Be- 
strebungen in derselben Richtung mit dem französischen Kabinett zu bewegen; und Ew. pp. 
wollen besonders hervorheben, wie angenehm uns dies ist, und wie jsehr wir wünschen, mit 
demselben auch ferner in diesen Bemühungen zur Erhaltung des Sriedens zufammen- 
mtreffen und denselben dadurch ihren Erfolg m sichern. 
*1282. Erlaß an den Gesandten in Dresden von Eschmann. 
[Konfept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken.] 
Am 9. Januar hatte der Gesandte v. Eichmann eine erneute Aussprache mit dem Minister 
Sreiherrn v. Friefen über das preußisch-österreichische Verhältnis gebabt. Trotz allem, was ihm 
der breußische Vertreter vorhielt, wollte Sriesen sich nicht davon überzeugen lassen, daß Graf 
Dast es darauf abgesehen haben sollte, mittels eines auf der Bajis der orientalischen Srage 
geführten Krieges dem Prager Srieden und der durch ihn geschaffenen Ordnung der deutschen 
Verpältnisse zu Leibe zu geben, vielmehr neigte er der Auffassung zu, daß der Aeichskamler 
im Orient Kompenfationen für die verlorene Stellung in Deutschland jsuche und nicht abgeneigt 
lein werde, sich mit Dreußen wegen Erwerbung von Bosnien und anderen türkischen Grenz- 
provinzen zu verständigen. Für den Sall, daß Beufst dennoch darauf ausgeben gollte, eine 
Koalition mit den Westmächten gegen Auhland zustande zu bringen, gestand der sächsische 
Minister dem Vertreter Dreußens unumwunden m, daß alsdann der Aorddeutsche Bund Auß- 
land rechtzeitig zu Hilfe kommen müsse. 
Vertraulich. Berlin, den 16. Januar 1869. 
In dem gefälligen Berichte Ar. 5 vom 10. d. M., welchen Ew. pp. über die am Tage 
zuvor stattgefundene Unterredung mit dem Minister von Sriesen abgestattet haben, sind es 
besonders zwei Punkte, welche ein näheres Eingehen bedürfen, und von denen ich wünsche, 
daß Ew. px. sie gelegentlich in hrem eigenen Namen im Sespräch mit dem 
sächsischen Herrn Minister wieder aufnehmen mögen. 
ZSunächst habe ich zu bemerken, wie ich die Ansicht des Herrn von Griesen teile, daß, 
im Falle es Osterreich gelingen sollte, eine Koalition gegen Rußland zustande zu bringen, die 
letztere Macht von Preußen nicht im Stiche gelassen werden dürfe, damit wir nicht selbst 
gleich nachher einer ähnlichen Koalition ohne Bundesgenossen gegenüberstehen. Ich glaube 
kaum, daß in solchem Salle eine aktive Hilfsleistung an Rußland erforderlich sein, sondern 
daß es genügen würde, wenn in Deutschland mäßige Rüsftungen stattfänden, um den Aus- 
bruch eines Krieges zu verhüten. Einen rüstenden Nachbar wie Deutschland neben sich, 
würde sich Srankreich meiner Meinung nach hüten, einen Krieg zu provozieren; und in 
England ist die Erinnerung an die Erfahrungen des Krimkrieges sicher noch zu lebendig, 
um selbst unter dem Einfluß der traditionellen Antipathie gegen Rußland den Wunsch nach 
einem Kriege leichtlich aufkommen zu lassen. 
Gerner sind mir die Andeutungen interessant gewesen, daß Österreich nicht abgeneigt 
sein möchte, wegen Erwerbung von Bosnien und anderer türkischer Grenzprooinzen sich zu 
verständigen. An und für sich enthält diese Idee ja nichts unseren Interessen Wider-- 
strebendes; wir haben keinen Grund zu verbindern, dah Österreich seine Kräfte nach Süd- 
osten binwende, sich dort verstärke und die ihm so oft von berufenen und unberufenen Po- 
litikern zugewiesene Aufgabe der Ausdehnung deutscher Sidoilisation nach Osten bin 
wirklich übernehme. Aber bei dem gegenwärtigen Stande der Bejiebungen ÖOsterreichs u
        <pb n="530" />
        516 Bismarcks Bedenken gegen österreichischen Erwerb von Bosnien. 
Grankreich würde es schwer sein, dieser Idee für den Augenblick eine praktische Bedeutung 
zu geben, ohne unfere allgemeinen politischen Interessen in Gefahr zu bringen. Daß ein 
vollständiges Aufgeben und im-Stich-lassen Rußlands diese Interessen beeinträchtigen 
würde, hat der sächsische Herr Minister selbst bemerkt; er wird danach einverstanden fein, 
daß wir alles vermeiden müssen, was unsere guten Beziehungen zu Rußland stören würde. 
Eine golche Störung bervorjurufen, erscheint aber schon von der Salzburger Zusammen- 
kunft ber als das entschiedene Bestreben Osterreichs; und daß nichts diesem Zwecke besser 
dienen würde als eine direkte Begünstigung der angedeuteten österreichischen Pläne, ist 
leicht einzusehen. Unser Mißtrauen in die Aufrichtigkeit des jetzigen österreichischen 
Kabinetts ich leider so groß, daß wir kaum daran zweifeln können, daß jede Andeutung in 
jener Richtung nur dazu benutzt werden würde, um über Paris nach St. Petersburg be- 
richtet zu werden, an letzterem Orte bedenklichen Argwohn gegen uns zu erwecken und uns 
wo möglich mit Rußland zu entzweien. Letzteres ut gerade auf diesem Punkte von der 
äußersten Empfindlichkeit, und Gedanken in Beug auf die Erwerbung Bosniens, wie Herr 
von Griesen sie bei dem Grafen Beuft voraussetzt, würden jedenfalls ohne Störung des 
europäischen Sriedens nicht zu realisieren sein. Wir haben die bestimmte Gewißbeit, daß 
Rußland dieses aktive Auftreten Osterreichs in Bosnien als einen Kriegsfall ansehen 
würde, und daß darüber auch in Wien kein Sweifel herrscht. 
Ew. pp. bitte ich, diese Erwägungen in Ihren Gesprächen mit Herrn von Griesen zur. 
Geltung zu bringen, nicht mit Berufung auf einen direkten Auftrag oder bestimmten Erlaß, 
sondern als das natürliche Ergebnis des durch die Kenntnis der Sachlage und der Ansichten 
der Königlichen Regierung begründeten Urteils. So wünsche ich auch nicht, daß Ew. pp. 
dem Herrn von Griesen die Depesche vom 9. vorlesen oder direkten Bezug darauf nebmen. 
Alle solche Erwägungen sind sicher viel wirksamer, wenn sie als die Srucht der vom Geist 
der Sache durchdrungenen eigenen Überzeugung auftreten, als wenn sie nur als die Solge 
eines von außen ber gegebenen Anstoßes erscheinen. 
1288. Erlaß an den Botlschafter in London 
Grafen von Bernstorff. 
[Konzept von der Hand des Vorkragenden Rats Abeken.] 
Vachdem Hre Vernstorff bereits am 13. Januar auf Grund einer Mitteilung Lord 
Clarendons telegraphisch gemeldet batte, daß die österreichische offitiöse PDresse angewiesen sei, 
jede Polemis gegen Preuhen einzustellen (ogl. Ar. 1288), erstattete er am 14. näheren Bericht 
über die Aussprache mit dem englischen Staatssekretär. Aus den Auhßerungen Lord Clarendons 
ging bervor, daß er tatjächlich die von Bismarck am 19. Dezember (ogl. Nr. 1245) erbetenen 
freundschaftlichen, aber ernsten Vorstellungen „auf einen ruhigeren, den europäischen Frieden 
weniger gefährdenden Charakter der österreichischen Politik“ in Wien hatte eintreten lassen. 
Freilich bielt Lord Clarendon, der offenbar nicht ganz unbeeinflußt von der Darstellung Graf 
Beufts geblieben war, es für angezeigt, nun auch entsprechende Mahnungen an die preußische 
Adresse zu richten. Er wollte den Ton der preußischen Dresse womöglich noch schärfer als 
den der österreichischen finden und warf gegenüber Graf Bernstorff die Srage auf, was denn 
preußischerseits mit diesem ederkriege bezwecktt werde:; ob etwa dabinter die Absicht eines 
wrklichen Bruches stecke. Als darauf Bernstorff das Österreichische Rotbuch aufs Tapet brachte 
als einen Beweis, doß die feindfelige Konart von österreichischer Seite ausgegangen sei, und dah 
Graf Beuft von böswilligen Absichten gegen Preußen erfüllt fei und vor allem die Ungarn durch 
die behauptete Unterstützung der rumönischen Umtriebe gegen Preuhen aufzubetzen suche, warf 
Lord Clarendon ein, daß Preußen ja auch eine Menge gebeimer Agenten in Ungarn haben solle,
        <pb n="531" />
        Blerjehntägiger Waffenjtllistand in preuhisch-österreichischer Prehfebde. 517 
um dieses gegen Ssterreich aufzuwiegeln. Graf Bernstorff hatte auf diese Insinuation, die den 
Beustschen Ursprung nicht verleugnen konn, nach fseinem Bericht nur ein verächtliches Lächeln 
und Achlelzucken zur Antwort. Vgl. auch H. Michael, Bismarck, Sngland und Curopa von 
bis 1870, S. 215 f. 
Vertraulich. Berlin, den 18. Januar 1869. 
Ew. pp. gefälliger vertraulicher Bericht No. 4 vom 14. d. M. über Ihre Unterredung 
mit Lord Clarendon verpflichtet mich mnächst zu der Bitte, auch in meinem Namen dem 
britischen Staatssekretär den Dank zu wiederholen, welchen Ew. pp. ihm bereits für die 
wohlwollende und aufrichtige Weise, in der er in Wien eine nicht fruchtlos gebliebene Ein- 
wirkung bat eintreten lassen, ausgesprochen haben. Ew. pp. wollen ihn zugleich der vollften 
Bereitwilligkeit auf unferer Seite versichern, seine Bemühungen im Sinne des Sriedens z 
unterstützen. 
Bereits vor Ankunft Shres Berichts hatte mir Lord A. Loftus in einer ganz vertrau- 
lichen Unterredung und mit Berufung auf einen Privatbrief Lord Clorendons den Vor- 
schlag gemacht, daß von beiden Seiten, von Berlin und Wien, dem Kabinett von St. Jomes 
die Susage gegeben werden möge, die Polemik gegeneinander in der öffentlichen Presse 
einzustellen. Ich erwiderte dem englischen Botschafter, daß eine golche gegenseitige Be- 
dingung für uns kaum eine Bedeutung hätte, weil wir sicher wären, dabei zu kur; zu 
kommen. Wir nämlich würden dieselbe halten, während die österreichische Regierung bei 
der Organisation ihres Pressewesens, den vielen voneinander unabhängigen Preßfonds und 
Preßbüros, der Verbreitung ihrer Agenten in der ganzen auswärtigen Presse dazu selbst 
bei gutem Willen kaum imstande sei. Wir hätten zu oft m bemerken Gelegenbeit gehabt, 
wie 3. B. der Fürst Metternich in Paris, ohne sich um Weifungen von Wien her zu 
kümmern, auf eigene Hand in den französischen Blättern Politik treibe; ebenso wüßten wir 
recht gut, wie die österreichische Regierung in Preußen selbst ihre Agenten habe, die in 
preußischen Blättern für österreichisches Geld schrieben. Diese ganze komplizierte Ma- 
schinerie, welche seit Jahren gewohnt und darauf eingeübt ist, in feindlichem Sinne gegen 
uns zu agitieren, wird der österreichische Reichskanzler nicht mit einem WMale in eine andere 
Richtung bringen können. Dagegen jei ich bereit, in der Sache selbst sofort den Wünschen 
Lord Clarendons entgegenzukommen und abzuwarten, wie dies in Ofterreich wirken werde. 
Ich habe daher Lord A. Loftus versprochen, wir wollten 14 TCage lang der Polemik 
auf unserer Seite ein Siel setzen, soweit unser Einfluß reichte. Dieser ist nicht so weit ver- 
zweigt wie der österreichische; er erstreckt sich nur auf zwei oder drei wichtigere Blätter, 
welche, wenn sie auch keinen offiziösen Charakter tragen und uns nicht unbedingt zur Dis- 
polition steben, doch unsern Wünschen in dieser Bejiehung entsprechen werden. Die ein- 
gigen Blätter in Preußen, welche, wie Ew. pp. mit Recht bemerkt haben, einen offiziellen 
rejp. offiziösen Charakter in Anspruch nehmen können, nämlich der „Staats-Anzeiger“ und 
die „Provinzial-Correfponden)“, haben sich schon bisher von jeder Polemik fern gehalten. 
Ich boffe, Lord Clarendon wird in diesem ihm ohne Sweifel schon von Lord A. Loftus 
mitgeteilten Versprechen den aufrichtigen Wunsch erkannt haben, unjererseits zur Her- 
stellung besserer Beziehungen beimtragen, was in unjeren Kräften stebt. 
In der Tat bat unser ganzes bisheriges äußerlich so feindliches Auftreten schließlich 
keinen anderen Sweck, als diese Besserung unserer Bejziehungen zu Ötterreich vorzu- 
bereiten. õch komme hiermit ur Beantwortung der von Lord Clarendon ausgesprochenen 
Frage: welchem Swecke diese Polemik diene, und wozu sie am Ende fühbren golle?
        <pb n="532" />
        518 Warum Bismarck der preuhischen Presse freien Lauf gelassen hat. 
Ew. pp. haben mit Recht hervorgehoben, daß die Königliche Regierung nicht für jeden 
Artikel auch der uns näher stehenden Journale verantwortlich gemacht werden dürfe. Aber 
wir haben allerdings der durch die ersten Angriffe der österreichischen Presse und die fast 
unglaublichen Publikationen des Notbuchs hervorgerufenen leidenschaftlichen Aufregung 
der preußischen resse absichtlich freien Lauf gelassen und die Außerungen der sehr natür- 
lichen Entrüstung und des nationalen Selbstgefühls nicht zu bemmen oder zu mildern 
versucht. 
Wir sind dabei zunächst von dem Bedürfnis geleitet worden, dem Kaiserlich ÖOster- 
reichischen Reichskanzler die notwendigen Solgen amtlicher Publikationen wie die des 
Votbuches recht fühlbar werden zu lossen, indem wir wünschen, daß die Erinnerung an diese 
lästigen Solgen solcher taktlosen Veröffentlichungen von deren Wiederholung abhalte:. Die 
englische Regierung ist ja ebenfalls gewohnt, ihrem Parlamente Mitteilungen aus ihrer 
diplomatischen Korresponden; zu machen; aber sie würdigt die Bedeutung dieser Mit- 
teilungen und ist durch Erfahrung geübt, in der Auswahl derselben mit großer Vorsicht zu 
Werk mu geben. Der österreichische Reichskanzler aber, geleitet von seinem bekannten 
Bedürfnis der Publizistik, scheint den Unterschied solcher amtlichen Publikationen von 
einer gewöhnlichen publizistischen Cätigkeit noch nicht erkannt zu haben. Er müßte sich 
sonst selbst gesagt baben, daß durch diese Art der Veröffentlichung Schriftstücke, die sonst 
einen intimen Charakter haben und nur dem inneren vertraulichen Berkehr zwischen einem 
Cbef und seinen Agenten angehören, zu amtlichen Aktenstückken werden, die an die Adresse 
fremder Regierungen gerichtet sind, und für die der Chef des Ministeriums um so mehr die 
Verantwortlichkeit Jelbst übernimmt, wenn er jede Aektifikation unrichtiger Angaben, 
falscher Auffassungen oder vorübergebender Anschauungen unterläßt. 
Wir haben während anderthalb Jahren nach dem Prager Grieden unfererseits in allen 
Bezjiehungen zu Österreich die größte Freundlichkeit obwalten lassen und ihm gezeigt, daß 
auf unserer Seite nicht nur keine feindlichen Gesinnungen, keine Pläne oder Gedanken der 
Schädigung, sondern vielmehr der Wunsch guter und aufrichtiger Beziehungen bestünde. 
Dies scheint in Wien die Meinung erweckt zu haben, wir fürchteten die Seindschaft 
ÖOsterreichs und empfänden das Bedürfnis seiner Freundschaft in höherem Maße als Öster- 
reich das der unfrigen. Graf Beust schien m glauben, wir hätten uns durch die von ihm 
zur Schau getragenen Anknüpfungen mit Frankreich imponieren lassen und fühlten uns in 
unserer Politik von der Sorge vor einer IGolierung abhängig. Diese Sllusion zu zerstören, 
schien mir notwendig, um das gute Einvernehmen zu erhalten, welches nicht möglich ist, 
wenn sich auf der einen Seite ein falsches Bewußtsein der eigenen Unentbehrlichkeit zeigt, 
wie es in Wien sich ausgebildet hat. Demgegenüber kam es darauf an, auch in Wien 
einmal die Sorge vor Isolierung anschaulich zu machen und den dortigen Kreisen deutlicher 
zum Bewußtsein zu bringen, welches die Situation Österreichs sein würde, wenn von unferer 
Seite eine Feindschaft ebenso offen bekundet würde, wie es von seiten Österreichs geschehen. 
Es mußte einmal offen ausgesprochen werden, daß, wenn Österreich sich als der Sreund 
jedes wirklichen oder angeblichen Gegners Preußens zeige, ja solche Gegnerschaften herbei- 
zführen sich bemühe, uns die analoge Haltung eben so leicht ist. Daß wir längere Zeit 
bindurch die östrleichischen! Angriffe, selbst die amtlichen des Rothbuchs, stillschweigend 
4 Der Schluß des Satzes von den Worten an: „indem wir wünschen .. .“ eigenbändiger Jusatz 
Bismarcks.
        <pb n="533" />
        Erfolg des preuhischen Vorgebens. Keine preußischen Agenten in Ungarn. 519 
hinnahmen, hatte in Wien einen falschen Eindruck hervorgebracht= und die Leiter der öster- 
reichischen Politik auf dem eingeschlagenen Wege und in der oben angegebenen Sllusion 
bestärkt. Es war zur Herstellung des Gleichgewichts notwendig, auch diesseits einmal zum 
Angriffe überzzugeben. 
Daß das feindliche Auftreten unserer Presse in Wien wirklich Cindruck gemacht hat, 
zeigt sich uns an verschiedenen Sumptomen. Wenn dieser Eindruck ein nachbaltiger ist, Jo 
wird grade dieser Kampf der Hresse die Wiener Stimmung für freundliche Beziehungen 
empfänglicher gemacht haben, als sie vorher wars, und die Presse wird diesmal dem guten 
Einvernehmen einen wirklichen Dienst geleistet baben, indem sie zur Herabdrückung von 
Prätensionen und Serstörung von Illusionen des Grafen Beust beigetragen hat. So wird 
dieser Krieg in der Presse, der allerdings so lange fortgesetzt werden mußte, bis der 
Eindruck in Wien empfindlich und nachhaltig geworden, günstige Cinwirkung auf unsere 
künftigen Bejziehungen haben, nachdem dieselben allmählich ihren regelmäßigen und natür- 
lichen Charakter wieder werden angenommen haben. Schon jetzt ist uns deutlich erkenn- 
bar, daß die Verstimmung gegen uns, welche Grlaf] Beuft in Ungarn künstlich geschaffen 
hatte, fast gänzlich beseitigt ulnd) das Vertrauen zu Preußens ntentionen wieder her- 
gestellt ist“. 
Sch brauche nach allem diesen nicht erst noch ausdrücklich zu versichern, daß die Spitze 
unserer Polemik nicht gerade gegen die Person des Grafen Beust gerichtet ist, sondern 
gegen das Sustem, zu dessen Träger er sich gemacht hat, und gegen seine bisherige Cätigkeit. 
Wir haben gegen seine Person keine Antipathie und würden mit ihm so gut wie mit einem 
anderen Leiter der österreichischen Politik ein gutes Berhältnis unterhalten können, sobald 
nur diese Politik an sich es ermöglicht. Wir würden hier das Wort: measures, not men 
anwenden können. " 
Es ist noch ein Punkt in öhrer Unterredung mit Lord Clarendon, den ich wenigstens 
kurz berühren muß. Es hat mich überrascht, daß er Jelbst Cw. pp. die Bemerkung gemacht 
hat: wir sollten ja auch in Ungarn eine Menge gebeimer Agenten haben, um die Ungarn 
gegen Österreich aufzuhetzen! Ich bitte Ew. pp., Lord Clarendon ausdrücklich mitzuteilen, 
daß ich noch vor kurzem einem an mich abgesandten vertrauten Agenten der ungarischen 
Regierung“ gesagt: ich sei bereit, für jeden preußischen Agenten in Ungarn, den man mir 
nachwiese, 1000 Dukaten bar mu jahlen, und würde ganz einverstanden sein, wenn man jeden, 
der sich für einen solchen ausgäbe, ohne weiteres als Betrüger aufhängte. 
Ew. pp. werden in vorstehendem, wie ich hoffen darf, hinreichendes Material finden, 
um den Königlich Großbritannischen Staatssekretär über unsere Auffassungen aufuklären 
und ihm die Überzeugung von unserer aufrichtigen Griedensliebe zu geben. 
. 2Der Eingang dieses Satzes und der Schluß des vorangebenden von den Worten an: „uns die analoge 
Haltung“ eigenbändiger Einschub Bismarckhs. 
2 Die Worte: „so wird grade 4 eigenhändige Einfügung Bismarcks. 
Der Sat eigenbändige Ergänzung Bismarcks. 
Gemeint ist Graf Seberr-Thoh, mit dem Graf Bismarck am 2. Januar eine Auslprache batte. DVgl. 
dazu: Die Gesammelten Werke, VII, 2°9 f. n seinen Erinnerungen gibt Graf Seberr-Cboh Dismarc#s 
drastischen Ausspruch dabin wieder: „Sagen Sie dem Grasen Andrassy, daß ich ihm unter Sbrenwort 
taufend Dukaten für jeden Agenten jable, der sich als von mir geschicht erweist .. Auf Sbren Einwurf. 
dah die Gegenwart preußischer agents provocateurs in Ungarn eine Tatsache sei, kann ich nur erwidern, 
dab es für jedermann leicht 6 einige preuhische Individuen zu mieten, ihnen preuhische Taler in die Hand 
u drückken und sie für preuhische Agenten gelten zu lassen. Tore Frage, wer diese Agenten sende und de- 
98 hilich nicht beantworien. an soll die Kerls einfangen, und man wird darauf kommen, wer sie ge- 
i at“.
        <pb n="534" />
        520 Beust als Objekt Bismarckscher Erniehung. Anfrage Wertherns. 
*1289. Telegramm an den Generalkonsul in Belgrad Rosen. 
lEigenhändiges Konjept.] 
Am 15. Januar hatte Rosen über ein Gespräch mit seinem österreichischen Kollegen Baron 
v. Kallau, einem naben Freunde des ungarischen Ministerpräsidenten Graf Andraf#y, berichtet, 
das den scharfen Angriffen der preußischen Presse gegen die Beuftsche Politik galt. Aus den 
Auherungen Kallaus ging bervor, was ja auch bereits in der Sendung des Grafen Seberr-Thoß (ogl. 
Trr. 1 285, Vorbemerkung) zum Ausdruck gelangt war, daß man sich in Ungarn über die preuhisch- 
österreichische Dreßfehde zu beunruhigen begann und sich fragte, ob sich die preußischen Angriffe 
gegen den Bestand der österreichisch-ungarischen Monarchie richteten. Nachdrücklich betonte 
Kallap, daß dieser Bestand auch für die Ungarn ein noll me tangere vorstelle. „Ungarn habe 
viel Sympathie für Dreußen, aber in belagtem Falle würde die Hust der Selbsterhaltung es 
mit Leib und Seele gegen Dreußen ins Seld führen.“ Rosen gewann aus den Auherungen 
Kallaus den Eindruck, dah sie bestimmt waren, zu Bismarcks Kenntnis gebracht zu werden, und 
auf Andraffy selbst zurückgingen. · 
Berlin,den19.Zanuar1869. 
Auf den Bericht vom 15. sagen Sie Ihrem östrleichischen) Collegen, daß uns jeder der 
Integrität des östrleichisch)-ungarischen Staates feindliche Gedanke fern läge. Von dem 
Verhalten der Preußischen Presse erwarteten wir keinen andern Erfolg als den, daß dem 
Grlafen) Beust die Preßumtriebe gegen Preußen ulnd) die Beröffentlichung polemischer 
Nothbücher durch unangenehmen Nachgeschmack verleidet werde. Diese Erziehungs- 
metbode sei lediglich angewendet, um künftigen Störungen des guten Einvernehmens vor- 
zubeugen. 
Aur NAecidive der wiener Presse würden wiederholte, aber auch verstärkte Anwendung 
zur Solge haben. 
1200. Erlaß an den Gesandten in München 
Freiherrn von Werthern. 
(Konzept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken. 
Berlin, den 19. Januar 1869. 
Ew. pp. erwähnen in õhrem gefälligen vertraulichen Berichte Ar. 4 vom 15. d. M. sich die 
Ursachen der zwischen Berlin und Wien gerade vor kurzem entbrannten Seitungspolemik nicht 
haben klarmachen zu können und knüpfen daran den Wunsch, zur Mitteilung meines Erlasses 
Ar. 4 vom 6. d. M. ermächtigt zu werden, welcher den Charakter der seit längerer Seit von 
dem Grafen Beust uns gegenüber im stillen betriebenen Agitation darlegt. Sch kann 
indes auch jetzt nur wiederholen, was ich schon am Schlufse dieses Erlasses angedeutet, daß 
derselbe seinem ganzen Charakter nach nicht zur Mitteilung, sondern nur dam bestimmt 
ist, die Vertreter der Königlichen Regierung selbst über den Gegenstand zu informieren 
und sie in den Stand zu setzen, ihre regelmäßige Sprache danach einzurichten. Die über- 
zeugende Wirkung solcher Argumente und Sedanken wird größer sein, wonn der Gesandte, 
nachdem er sich von den ntentionen seiner Aegierung durchdrungen bat, sie als seine 
eigenen Außerungen wiederbolt im gewöhnlichen Verkehr mit dem fremden Minister 
14 Siehe Ar. 1273.
        <pb n="535" />
        Unmverlässigkelt der baprischen Bilros als Grund zur Zurückhaltung. 521 
dem letkeren nahe bringt, als wenn er sie in direktem Auftrage und mit bestimmter Hin- 
weisung auf eine ihm zugekommene Depesche einmal entwickelt. In diesem Sinne bitte 
ich Ew. pp. den erwähnten Erlaß m behandeln und ohne Bezugnahme darauf das Thema 
desselben in Ihren Gesprächen mit dem Sürsten Hohenlohe selbständig wiederholt wieder 
aufumehmen. 
Dasselbe gilt auch von dem anliegenden Auszuge einer an den Grafen Bornftorff 
gerichteten Depesche“, welchen ich Ew. pp. vertraulich mitteile, weil er gerade die eingangs 
erwähnte Frage des Fürsten Hohenlohe nach den Gründen der Seitungspolemik näher 
beantwortet. 
Indem ich die obige Betrachtung im allgemeinen auf die den Königlichen Missionen 
von hier zugebenden Depeschen (oweit sie nicht besonderen Auftrag zu bestimmten Mit- 
teilungen enthalten) anwende, verkenne ich allerdings nicht, daß unter Umständen auch 
direktere Bejzugnahme auf die Erlasse durch vollständiges oder teilweises Verlesen oder 
selbst durch die Mitteilung von Ausjügen als bloßes aicke-mémoire nützlich und den 
augenblicklichen Umständen angemessen sein kann. Hierin ist es aber ganz unmöglich, be- 
stimmte für alle Verhältnisse anwendbare Vorschriften u geben. Die allgemeinen An- 
ordnungen für den Könliglichen) Dienst im Auslande müssen ein Maß von Vorsicht emp- 
feblen, durch welches das Bedürfniß an Mißtrauen in jedem Salle gedeckt ist“. Ab- 
weichungen von diesen Vorschriften müssen dem Cakte und dem Urteil des Königlichen 
Gesandten über die perfönlichen und lokalen Berbältnisse auf eigene Verantwortung über- 
lassen werden. Sch bedauere es, wenn gerade in München die von Ew. pp. angeführten 
Umstände über die Unzuverlässigkeit der Büros" eine besondere Zurückhaltung erforderlich 
machen, welche ich sonst dem Gürsten Hohenlohe gegenüber gern mit einem intimeren und 
voertrauensvolleren Verkehr vertauschen würde. 
*1291. Telegramm an den Geschäftsträger in Darls 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Cigenbändiges Konzept.] 
In der ünften Sitzung der Pariser Konferen! am 16. Januar batten sich die Vertreter 
der Mächte über den Text einer Deklaration weeinigt die darauf absielte, den griechisch- 
türkischen Konflikkt aus der Welt zu Ichoffen. Dieje Oeklaration war in sofern mebr #gunsten 
der Türkei gehalten, als sie mit einer Aufforderung an Griechenland begann, in leinen 
liehungen zur Kürkei sich streng an die gemeingültigen völkerrechtlichen Regeln m halten — 
dementsprechend weder auf seinem Gediet die Bildung von Banden noch in seinen Häfen die Aus- 
rüstung von Schiffen zu dulden, die feindselige Mlchten gegen die Kürkei dverfolgten. Es stand 
u erwarten, dah der türkische Vertreter die Justimmung der Pforte zu dieler Erklärung aus- 
prechen würde, was tatjächlich in der Konferenzsitzung vom 19. geschah. Wie aber würde 
lich die griechische Regierung verholten? Bismarck bielt es für nötig, daß die Konferenzmächt#e= 
sich im voraus darüber versländigten. . 
Berlin, den 19. Januar 1869. 
Haben Sie mit Mlarjquis Lavalette noch nicht die Srage besprochen, was m geschehn 
habe, wenn Griechenland Schwierigkeiten macht ulnd) den Grieden ferner in Grage stellt? 
2 Siehe Vr 
s Dlte ebecdea lebten sahe ecgenbandtqer Einschub Blsmarcks. 
n jeinem Berichte vom 15. Januar batte Freiberr v. Werthern solbst angefübrt, dah er den Dhros 
des baprischen Auhenministeriums asche teruue
        <pb n="536" />
        522 Bismarck regt Zwangsmaßregeln gegen Griechenland an. 
Eine gquasi-polizeiliche Intervention maritimer Streitkräfte der Schutz- oder auch 
der Conferenz-Mächte dürfte die Episode in einer menschlicheren ulnd] dem Frieden 
weniger gefährlichen Gestalt abschließen als ein localisirter Krieg zwischen Griechenland 
usnd] der Türkei. Die Initiative eines Vorschlages in der Richtung wollen wir aber 
nicht übernehmen, sie müßte von einer der Schutzmächte ausgehn. Sondiren Sie ver- 
traulicht:. 
*1292. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Heinrich VII. Drinzen Reuß. 
([Konzept von der Hand des Vortragenden Nats Abeken.) 
Auf Bismarcks Anregine, 5 gegen Griechenland für den Sall ins Auge 
zm fassen, daß dieses den Beschlüssen der Pariser Konferen; Widerstand entgegensehze (ogl. 
Ar. 1291) hatte Marquis de Lavalette nach einem Telegramm Graf Solms' vom 19. Januar 
ablehnend geantwortet: Die Konferen; babe nur gütliche Bermittlung zum Zweck, darüber bin- 
ausiugeben werde schon wegen Englands voraussichtlichen Widerspruchs unmöglich sein. 
Vertraulich. Berlin, den 20. Januar 1869. 
Nachdem die Pforte schleuniger, als es selbst in Paris erwartet wurde, ihre Zu- 
stimmung m der auf der Konferenz vereinbarten Deklaration ausgesprochen bat, bleibt 
nur die Frage über die Anerkennung derselben durch Griechenland übrig, welche allerseits 
mit Spannung erwartet wird. Die Einstimmigkeit der europäischen Mächte wird hoffent- 
lich auch in Athen ihres Eindrucks nicht verfehlen, und man wird sich auch dort über- 
jeugen, daß, wie der Fürst Gortschakow laut Ew. pp. gefälligen Berichts NAr. 12 vom 
17. d. AM. bervorgehoben bat, die rücksichtsvoll abgefaßte Deklaration nichts für das 
griechische Aationalgefühl Verletzendes enthält, und daß die griechische Regierung, nicht 
mehr dem türkischen Ultimatum, sondern den von den europäischen Mächten einstimmig 
aufgestellten Prinzipien gegenübergestellt, ihre Gustimmung ohne Schädigung ihrer natio- 
nalen Stellung aussprechen kann. Sch habe daher auch den Königlichen SGesandten in 
Atben in demselben Sinne wie das Kaiserlich Russische Kabinett seinen Vertreter ange- 
wiesen, der Königlich Griechischen Regierung bierzu dringend zu ratent. 
Es ist allerdings bis jetzt nur auf diesen moralischen ECindrucke der Beschlüsse der 
Konferen; zu rechnen. Wenn der Sürst Gortschakow gegen den bloß kongultativen 
Charakter der Konferenz Bedenken erboben und die Ansicht ausgesprochen hat, es dürfe 
gar nicht in Sweifel gegogen werden, daß sich die Cürkei sowohl wie Griechenland den 
Beschlüssen derselben zu fügen habe, so liegt doch in dem Programme der Konferenz nur 
eine beratende Wission derselben. Wir teilen aber die Ansicht des FSürsten, daß, wenn 
man einen Zweifel an der Wirkfamkeit der Beschlüsse der Konferen; aufkommen lasse, das 
ganze mühsam erreichte Werk derselben in Grage gestellt werden würde. Wir würden 
1 Fü älle fragte Bismarrk am gleichen 19. Januar bei dem Kriegsminister v. Noon an 
welcheSür, alle 5 "t sein würde, um ein oder zwei Schiffe für die Levante in Dienst zu stellen. 
salls es zum Schutze des deutschen Handels oder ur Vertretung der Slagge bei gemeinfamer Ausführung 
von Konferenzbeschlüsten erforderlich werden ollte. Z„ 
1292.1 Es war durch Telegramm vom 20. Januar gescheben.
        <pb n="537" />
        Fronkreich gegen Jwang. Wie stellt sich England dapu? 522 
daber unfsererseits, gerade im Unteresse der Erhaltung des allgemeinen Friedens, bereit 
sein, die Aufgabe der Konferenz für den Sall zu erweitern, daß ihren Beschlüssen Wider- 
Ipruch entgegengestellt würdde. In diesem Sinn hatte ich mich bereits während der Ver- 
handlungen der Konferenz gegen unseren Bevollmächtigten auf der letzteren ausgesprochen 
und ihn beauftragt, vorsichtig den Marquis de Lavalette zu sondieren, wie weit Srank- 
reich in dieser Richtung zu geben geneigt sein würde. Den deshalb an den Grafen zu Solms 
gerichteten Erlaß vom 14. d. M.= süge ich m Ew. pp. Information abschriftlich bei. 
Nachdem die Zustimmung der Pforte zu der Deklaration gesichert war, habe ich durch 
den letzteren von neuem in Paris darauf aufmerksam machen lassen, wie wünschenswert 
es bei eventuellem Widerstreben Griechenlands sein würde, daß entweder die Konferen; 
selbst oder, gestützt auf ihre Autorität, die drei Schutzmächte Griechenlands auf letzteres 
eine Pression ausübten, welche die Beschlüsse der Konferenz durchmführen geeignet wäre. 
Es schien mir, als ob gegenüber der leidenschaftlichen Erregung des griechischen Aational- 
gefühles der Regierung eine golche Pression nicht unwillkktommen sein dürfte, und als 
wenn dadurch Seiner Mojestät dem Könige der Hellenen felbst ein wesentlicher Dienfst 
geleistet würde. Bliebe die Konferenz einer Weigerung Griechenlands gegenüber untätig, 
so würde die Entscheidung in die Gewalt der Waffen gelegt; das Einschreiten der euro- 
päischen Alächte aber würde die Episode, zu deren Beseitigung die Konferen; berufen, in 
einer menschlicheren, würdigeren und zugleich für den allgemeinen Srieden ungefährlichen 
Weise beendigen als die der Pforte überlassene Aktion und ein auch lokalisierter Krieg 
zwischen den beiden Parteiens?. 
Zu meinem Bedauern sind diese Erwägungen in Paris einer größeren Scheu be- 
gegnet, als ich boffte. Aus dem abschriftlich beiliegenden Telegramm des Grafen zu Solms 
vom 19. d. M., welches mir heut morgen in Erwiderung auf meine letzte Mahnung zu- 
gegangen ist, wollen Ew. pp. ersehen, daß der Marquis de Lavalette von dem rein 
konsultativen Charakter der Konferenz nicht glaubt abgeben zu können, und zwar, wie er 
angibt, bauptfsächlich aus Rücksicht auf Englands Abneigung und Mißtrauen. 
Mag mun diese Scheu vor England der wirkliche Grund sein oder vielleicht nur vor- 
geschützt werden, um eigene Unlust zu verhüllen, so halte ich es doch dieser ausgesprochenen 
Abneigung gegenüber für schwer, auf die Sache zurückzukommen, und würde mir einen 
Erfolg davon versprechen. 
Sch bemerke noch, daß ich gestern im Gespräche mit dem hier anwesenden Prinzen 
von Wales, welcher lebhaftes Snteresse für seinen Schwager von Griechenland kundgab, 
auf Befragen Seiner Königlichen Hoheit meine Ansicht ausgesprochen habe, dahß eine 
Pression auf Griechenland in dem angedeuteten Sinne im nteresse der Wenschlichkeit und 
des FSriedens ratsam erscheine. Der Prinz schien lebhaft auf diese Idee einugeben und 
fragte mich, ob er meine Ansicht an Lord Clarendon schreiben könne? was ich unbedenklich 
bejabte“. 
2 Siehe Nr. 1283. 
2 Vgl. Ar. 1291. 
*9gl. auch das folgende Schriftstilck.
        <pb n="538" />
        524 Bismarck sondiert in London wegen Swangsmahregeln. 
1293. Erlaß an den Beotschafter in London 
Grafen von Bernstorff. 
[Kongzept von der Hand des Vortragenden AUats Abeken.) 
Von der am 19. Januar nach Paris gegebenen Anregung, einen etwaigen Widerstond 
der griechischen Regierung gegen die Konferenzbeschlüsse mittels Entsendung maritimer Streit- 
kräfte der Schutzmächte in die griechischen Gewässer zu brechen (ogl. NMr. 1291), hatte Bismarck 
lofort den Grafen Bernstorff verständigt. Aber noch am gleichen Tage muhte er nach London 
mitteilen, dah Marquis Lavalette darauf nicht eingeben wolle. . 
Berlin, den 20. Januar 1869. 
Aus dem abschriftlich anliegenden Auszug eines Berichts des Grafen Solms: wollen 
Ew. pp. ersehen, wie der Warquis de Lavalette die Sdee, über den bloß konjultativen 
Cbarakter der Konferenz binauszugehen, hauptsächlich mit Rücksicht auf Abneigung und 
Mißtrauen Englands abweist. 
Unter diesen Umständen halte ich es nicht für geeignet, Sw. pp. zu einer bestimmteren 
Anregung der Sdee, welche übrigens auch den vollen Beifall Seiner Maojestät des Königs 
bat, in London m veranlassen. Der Plsrinz] von Wlalesj fragte mich gestern nach meiner 
Meinung ulnd) schien dieselbe zu tbheilen, als ich mich in obigem Sinne gegen Sleine] 
Klönigliche) Hloheit) aussprach?. Der Drinz fragte, ob er darüber an Lord Clarendon 
schreiben könne? was ich unbedenklich bejahte. Sollte etwa infolge dessen von Lord 
Clarendon Ew. pp. ein Anlaß geboten werden, so wollen Ew. pp. sich im Sinne dieses 
Erlasses aussprechen. 
Vachschrift. Ew. pp. bitte ich die vorstehende Notiz über die Besprechung mit 
Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzen von Wales Lord Clarendon gegenüber nur dann 
m benutzen, wenn Sie überzeugt sind, daß der Minister diese Einmischung des Prinzen in 
die Geschäfte nicht übel vermerkt. 
*1294. Erlaß an den Gesandtien in Detersburg 
Helnrich VII. Drinzen Reuß. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Der Militärbevollmächtigte in Detersburg Oberst o. Schweinitz, der mit Sorge 
beobachtete, daß sich in der russischen Presse preußenfeindliche Cinflüsse geltend machten (ogl. 
dam: Briefwechsel des Botschafters General v. Schweinitz, S. ) hoatte es sich angelegen 
lein lassen, mit den in Presseangelegenbeiten maßgebenden russischen Perfönlichkeiten, ins- 
besondere mit dem Publizisten Katkow nähere FSühlung zu gewinnen. Am 15. Jonuar 1869 über- 
landte Drin! Reuß ein Resümee, das Schweinitz über Gespräche mit einem Sreunde Katkows, 
Professor Seoktistow, niedergeschrieben hatte. Seoktistom hatte dabei sehr merkwürdige 
Anschauungen entwickelt, die Schweinitz dahin wiedergab: „Preußen, von Grankreich bedrobt, 
braucht uns; in Deutschtond beschäftigt, von Österreich feindlich beobachtet, kann es unlerer 
nicht entbehren; wir müssen unsere Arbeit in den baltischen Provinzen vollenden, ebe Deutsch- 
land völlig konstituiert ist; später, wenn Thron- und Ministerwechsel in Preußen eintreten und 
Deutschland einig ist, würde man uns bindern"“. Vergeblich batte Schweinitz versucht. leeinem 
russiscben Partner die Besorgnisse auszureden, die dieser an die kommende Einigung 
Deutschlands, mit der es Preußen auf keine Weise eilig habe — charakteristischerweise betonte 
der . konservative Schweinitz gegenüber Feoktistow: „wir dächten gar nicht daran, unsere 
d wächen“, woju Bismarck am Nande bemerkte: „Jehr richtig für jetzt" — 
heutschlende u chechen einer deutschen Einmischung in die Srete der baltischen Provinzen 
*l emerkte in seinem Begleit- 
1 I. Ar. 1292, Vorbemerkung. 
2 8 eigenhãndiger Jusatz Blsmarcks.
        <pb n="539" />
        Schweinit“ Gespräch mit Feoktistow über rufsische Presse. 525 
bericht bejüglich der Stellungnahme Katkows: „Er sagt mit dürren Worten: wenn Ihr uns 
nicht angreist auf dem Dunkt, wo wir verwundbar sind, d. b. in der baltischen Grage, 16 lapen 
wir Cuch in ARub; wenn Ihr' uns indessen in Curen mit der Vegierung in Verkehr enden 
Organen auf diesem Feld milde beurteilen wollt, so werden wir Cuch dies in —i — 
wiedervergelten.“ Auf ein weiteres Einverständnis bezüglich der gegenseitigen Haltung der 
offljiösen Presse wollte sich Katkow nach Drinz Reuß nicht einlassen. 
Vertraulich. Berlin, den 21. Januar 1869. 
Sw. pp. gefälliger Bericht Ar. 10 vom 15. d. M. über die Versuche einer Einwirkung 
auf die rufsische Presse nebst seiner Anlage, dem Schreiben des Oberst von Schweinitz über 
Jeine Unterredung mit Herrn Feoktistow, ist mir von großem Interesse gewesen und wirft 
ein nicht unwichtiges Licht auf die Stellung, wie auf die Motive der nationalen Partei und 
ihrer Hauptvertreterin in der Presse, die „Moskauer Seitung“. õch muß es mit Ew. pp. 
der Geit überlassen, ob die jetzt nur lose angeknüpften Verhältnisse allmählich sich gedeihlich 
entwickeln lassen; und halte es jedenfalls für einen Vorteil, daß die Gelegenbeit geboten 
und ergriffen worden ist, sich einem einflußreichen Manne dieser NRichtung gegenüber aus- 
zusprechen. Sch bitte Ew. pp. daher, dem Herrn Oberst von Schweinitz zu sagen, daß ich 
ihm für die Benutzung dieser Gelegenheit dankbar und nicht nur mit seiner Darstellung 
unserer olitik einverstanden bin, sondern daß es mir auch erwünscht sein wird, wenn er 
die Beziehungen zu Herrn Seoktistow fortsetzt und die Unterhaltungen mit ihm wieder auf- 
nimmt, um die Hauptpunkte noch schärfer zu betonen und durch wiederholtes Eingehen 
eindringlich zu machen — natürlich ohne Hinweisung auf einen bestimmten Auftrag, sondern 
im eigenen Namen und mit dem dadurch vermehrten Gewicht der Überjeugung. 
Ich habe dabei besonders zwei Punkte im Auge, über welche es wichtig ist, in den 
betreffenden Kreisen keinen Sweifel zu lassen. 
ZSunächst kommt es darauf an, den letzteren den Wahn zu benehmen, als „brauche 
Preußen Nußland, ja könne es nicht entbehren, bedroht wie es sei von Grankreich, be- 
schäftigt in Deutschland, feindlich beobachtet von Osfterreich“. Solange man auf der einen 
Seite sich solchen Sllusionen über eigene Unentbehrlichkeit bingibt, kann niemals ein festes 
und gesundes Verhältnis bestehen; und diese Ellusion m zerstören, ist die erste Bedingung 
einer vernünftigen und praktischen Politikk. Allerdings liegt es in unserem eigenen In- 
teresse, gute und freundschaftliche Beziehungen zu Rußland m pflegen. An Außland einen 
sicheren und treuen Freund zu baben, ist für uns von höchstem Wert. Aber diese Sreund- 
schaft kann nur von Bestand sein, wenn sie nicht auf der S#upposition unserer Schwäche und 
unseres Bedürfnisses, sondern auf dem Erkenntnis und Verständnis der eignen rufsischen 
Interessen beruht, welche Rußland ebensosfehr auf gute Bejiehungen zu uns binweisen wie 
umgekehrt. Die Meinung, als „gebrauchten“ wir Rußland, beruht zum großen Teil auf 
dem Mißverständnis — welches schon Herr Oberst von Schweinitz als golches bezeichnet hat 
— als sei unsere Politik eine begehrliche, welche statt der Konsolidierung des Gewonnenen 
weitergehende Siele verfolge und dazu die Hilfe Rußlands suche und seine Gegnerschaft 
fürchte. Ew. Ipp.) wissen, welche Gefahren für unfre innere Confolidirung wir als Folge 
einer übereilten Verschmelzung Süddeutschlands mit dem Vorden m erwarten hättent. 
Mit diesem Irrtum mag es auch zusammenbängen, wenn es Herrn GSeoktistow wirklich Ernst 
mit der Andeutung sein gollte, „daß die neuesten Ereignisse (im Orient) uns weder fremd 
noch unwillkkommen seien“. So weitgehende Berechnungen, wie man uns damit unter- 
schieben will, liegen uns eben schon darum fern, weil wir nichts anderes begehren, als eine 
1 Der Satz eigenbändiger Zusatz Biemarcks.
        <pb n="540" />
        526 Irrige Vorstellungen russischer Presse über preuhische Politik. Ostleeprovinzen. 
ruhige und friedliche Entwicklung der Zustände. Die orientalische Episode stört zu unserm 
Bedauern, wenn auch, wie wir hoffen, nur vorübergehend, die Befestigung des öffent- 
lichen Vertrauens auf Erhaltung des Friedens ulnd] damit die Entwicklung der materiellen 
Wohlfahrt“. Es würde mich selbst aber verwundern — und ich könnte es mir nur aus einer 
nationalen Selbstüberschätzung erklären — wenn so gescheute Leute, wie Herr Katkow und 
seine Sreunde sind, die Lage der europäischen Dinge nicht richtig genug beurteilen gollten, 
um sich zu sagen, daß, wenn Rußland uns die Sreundschaft und Unterstützung versagen 
sollte, welche wir gern bei ihm suchen, es uns nicht schwer fallen könnte, nach anderer Seite 
bin den Beistand und die Anlehnung zu finden, deren wir zu bedürfen glauben möchten. 
Wir würden dann, wenn wir uns überjzeugen müßten, daß wir auf Rußland nicht rechnen 
könnten, unserer Politik eine Richtung geben, bei welcher wir auf ein Entgegenkommen 
anderer wohl mit großer Wahrscheinlichkeit rechnen dürften. In ÖOsterreich würde, in est 
wie in Wien, wo man fortwährend von der GSurcht vor einem preußisch-rufsischen Bündnis 
gedrückt wird, eine solche Wendung mit Freuden begrüßt werden. Unsere Beziehungen zu 
England würden dadurch sicher nicht verschlechtert, und wenn wir ehrgeizige Pläne hätten, 
würden sich die Ausgleichungsobjekte, um mit Grankreich im Frieden zu bleiben, wohl 
finden. Wir würden dann freilich zu unserem jetzt so eng befreundeten Aachbarlande auch 
an unserer östlichen Grenze selbst eine ganz andere Stellung einnehmen, äbnlich der, die 
ÖOsterreich bereits einnimmt. öch führe alles dies natürlich nur an, um das Törichte des 
Gedankens zu jeigen, als sei Preußen allein auf Rußland angewiesen und bedürfe des 
letzteren in höherem Grade, als es umgekehrt der Sall ist: und ich bitte Herrn von 
Schweinitz, die Verkehrtheit dieses Wahnes recht gründlich bloß zustellen. 
Vicht minder eindringlich bitte ich ihn aber auch den anderen Dunkt m behandeln, 
nämlich das Verhältnis zu den Ostseeprovinzen. Wie ist es nur möglich, daß ernsthafte 
MAänner uns eine auf die Erwerbung dieser Prooinzen oder auch nur auf ihre Entfremdung 
von Außland gerichtete Politik zutrauen können? Sch kann dies geradezu nur einen 
kindischen Gedanken nennen, der sich beinahe jeder Diskussion entzieht. Eine Ausdehnung 
unseres Einflusses auf die baltischen Provinzen ist nicht nur eine geographische, sondern 
eine ethnographische Unmöglichkeit für uns. Welche Sympatbien auch der einzelne Deutsche 
für die Stammesgenossen in der städtischen Bevölkerung und in dem deutschen Adel 
empfinden mag, jeder praktische Politikker bei uns ist weit davon entfernt, solche Gefühls= 
politik zu treiben, und wisse recht gut, daß wir weder in jenem kleinen Bruchteil, den die 
Städte bilden, noch in dem Adel, welcher in seiner großen Majorität gut russisch gesinnt 
ist, den alle seine Interessen dorthin weisen, Elemente für eine reale und praktische Politik 
finden würden. Die rufsischen Ostseeprovinzen baben für uns keine politische Bedeutung; 
und wir glauben dies durch unsere ganze Haltung binreichend gezeigt u haben, wenn man 
uns nicht für alle einzelnen Journalartikel verantwortlich machen will. Sch selbst habe, ob- 
gleich ich gerade in jenen Gegenden perfönliche Freunde zähle, jede, auch die leiseste An- 
deutung von Spmpathien abgewiesen und auch die bescheidensten Petitionen nur mu lesen 
vermieden, um jeden Verdacht der Einmischung zu beseitigen. Wir können eben nichts 
anderes tun als uns vollständig enthalten und können die Verhältnisse und das Maß der 
Aktion, welches die Kaiserliche Regierung nach ihrem eigenen nteresse an der Su- 
friedenstellung und dem Gedeihen einer so treuen Provinz bemessen muß, nicht mit ihr 
2 Der Satz eigenbändiger Zufsatz# Blsmarcks.
        <pb n="541" />
        Hobenlohes Besorgnisse in Festungsfrage. 527 
diskutieren. Das Räsonnement, welches Herr Feoktistow dem Obersten von Schweinitz 
als das des Herrn Katkow bezeichnet hat, ist daher ein vollkommen jede Basis ent- 
behrendes; und es ist schwer anzunehmen, daß diese ganz törichte Furcht vor preußischen 
Ablichten auf die baltischen Cstseeprovinzen oder auch nur vor preußischem Einfluß in den- 
selben auf rufssischem Boden gewachsen und nicht durch fremde Einflüsse und Ein- 
flüsterungen, wie sie an so vielen Orten gegen uns tätig sind, hervorgerufen sei. 
Wenn es dem Herrn Oberst von Schweinitz gelingt, über diese beiden Punkte: den 
Wahn von der absoluten Unentbehrlichkkeit Rußlands für uns und die Furcht vor 
preußischen Tendenzen in den baltischen Provinzen, in seinen weiteren Unterhaltungen mit 
Herrn Feoktistow oder anderen Männern von ähnlicher Stellung und Gesinnung ver- 
nünftigeren und ruhigeren Ansichten Geltung zu verschaffen, so wird damit den gegen- 
seitigen guten Beziehungen ein wesentlicher Dienst geleistet sein. 
*1295. Erlaß an den Gesandten in München 
Frelherrn von Werthern. 
[(Reinkonzept.)] 
Über die Aussprache, die Bismarck am 2. Januar mit dem baurischen Gelandten Foribrera 
Perglas in Sachen des Jusammentritts der Liquidationskommission gehabt hatte (ogl. d 
Arr. 1267), scheint dieser sebr unzureichend nach München berichtet zu baben. Mit ginigem 
Erstaunen sah Bismarck jedenfalls aus einem von dem Sürsten Hohenlohe an Sreiherrn 
v. Perglas gerichteten Schreiben vom 15. Januar, das dieser am 20. dem preuhischen Minister 
öolhriftlich überreichte, daß Hohenlohe neuerdings Fragen nach dem preuhischen Standpunkt 
n der Grage der künftigen Verwaltung des beweglichen Gestungseigentums stellte, die Bismarch 
schon am 2. Januar in der Unterredung mit Perglas beantwortet hatte. Mit größerem Be- 
fremden las Bismarck noch in dem Hobenloheschen Schreiben Sätze, aus denen eine Beforgnis 
bervorzugeben schien, daß Preußens Stellungnahme in dieser Frage der Selbständigteit * 
zu nabe treten könne. Es bieß darin u. a.: „Die Königliche Regierung war und ist ehrlich 
bemüht, das Band zu erhalten, welches zwischen den süddeutschen Staaoten und dem Vorddeutschen 
Vunde besteht. Sie würde es beklagen, wenn lie durch FSorderungen, welche lie mit der Selb- 
Ktändigkeit Bayerns unvereinbar erachtet, iu einer Ablöfung des Sestungsmaterials gedrängt 
werden gollte, die jenes Band zu lockern geeignet wäre. Allein sie glaubt kein ungerechtfertigtes 
und zu weit gehendes Verlangen zu stellen, wenn sie, um kommenden Mihstimmungen vor- 
mbeugen, den Wunsch ausspricht, vor dem Zusammentreten der Liquidationskommission Mit- 
teilung über die Auffassung zu erhalten, von welcher die Königlich Dreuhische Regierung bei 
der Instruktion ihrer Bevollmächtigten zu jener Kommission ausgeht, und vertroulich in Kenntnis 
gesetzt ju werden von den Mahregeln, welche Preußen bezüglich der „Verwaltung des früheren 
beweglichen Bundeseigentums als geeignet zu erachten gesonnen ist.“ Bismarck gab lseinem 
Befremden unmittelbar nach der MRückz sprache mit Perglas in einem Telegramm an Wertbern 
Ausdruck, in dem er einen schriftlichen Erlaß ankündigte. 
Berlin, den 22. Januar 1869. 
Cure Hochwohlgeboren sind durch mein Telegramm vom 20. d. M. No. 2 vorläufig 
davon unterrichtet, daß der Baron Perglas mir eine Mitteilung Seiner Durchlaucht des 
Fürsten Hohenlohe überreicht hat, die dazu angetan ist, mich einigermaßen m überraschen. 
Dieselbe enthält im wesentlichen eine wiederholte Srage nach den ntentionen, mit welchen 
wir in die Liquidatonskommission eintreten, und nach den Anweifungen, welche wir unfern 
Bevollmächtigten erteilen würden. Dabei ist sie veranlaßt durch einen Bericht des Herrn 
von Perglas über eine sehr eingebende Unterredung, die er mit mir gehabt bat, und in der 
ich mich auf seine Anfrage über unsere Wünsche bezüglich des Festungs-Inventars soweit 
ausgesprochen babe, wie es überbaupt möglich war, wenn noch Raum uum Verdandeln 
bleiben follte.
        <pb n="542" />
        528 Bismarcks Offenheit gegen Perglas; dessen unzureichende Berichte. 
Das volle Vertrauen, welches wir zur Klöniglich) Bailrischen)] Reglierung) ulnd) ins- 
besondre zum Slürsten) Hohenlohe begen, hat mich bewogen, ganz davon abzusehn, daß 
Regirungen über Snstructionen, die sie Behufs einer bevorstehenden Verhandlung mit 
andern Staaten ihrem Vertreter zu ertheilen beabsichtigen, in der Regel einige Zurück- 
haltung beobachten. Sch bin daher gegen Blaron] Plerglas] offner gewesen, als es sonst 
unter ähnlichen Umständen üblich ist. Der Klöniglich) Blayrische] Gesandte scheint meine 
Aeußerungen aber nicht nach München gemeldet zu habem. Er gab mir in jenem Sespräche 
den Wunsch zu erkennen, wir sollten das gemeinschaftliche Sigentum an dem Sestungs- 
material fortbestehen, aber die Autznießung und Beaufsichtigung desselben, soweit es sich 
in den drei süddeutschen Festungen befindet, ohne Mitwirkung unfererseits, lediglich durch 
Beauftragte der drei süddeutschen Staaten geschehen lassen. Ich babe ihm darauf zunächst 
meine UÜberzeugung ausgedrückt, daß dieses Verlangen nach Ausschließung des Aord- 
deutschen Bundes von jeder Mitwirkung bei Beaufsichtigung und Benutzung des gemein- 
schaftlichen Cigentums gewiß nicht aus Mißtrauen gegen irgend welche Absichten Aord- 
deutschlands, sich unberechtigterweise in süddeutsche Verhältnisse einzumischen, entspringen 
werde. Doch könne das Verlangen allerdings in der Öffentlichkeit einen derartigen 
Eindruck machen, und ich sei nicht sicher, ob dasselbe in dem Bundesrate, ohne den wir doch 
nicht prozedieren könnten, eine bereitwillige Aufnahme finden und in dem Norddeutschen 
Weichstage, dem die Kenntnis nicht vorenthalten werden könne, einer wohlwollenden Kritik 
begegnen werde. Außerdem sei das technische Urteil über die Behandlung und die Kriegs- 
tüchtigkeit des Materials ein vielfach abweichendes, von verschiedenen Grundlagen aus- 
gehendes, wie wir uns in Sällen, wo die badische Regierung unsere Mitwirkung bean- 
Ipruchte, bätten überzeugen können. Deshalb würden wir uns zwar nicht weigern, auf 
Wunsch der süddeutschen Regirungen das gemeinsame Eigenthum fortbestehn zu lassens, 
aber wir glaubten, solange es fortbestehe, auf eine gemeinsame Beaufsichtigung desselben 
nicht verzichten zu können. 
Ich habe Herrn von Perglas auch weiter entwickelt, daß ich glaubte, diese gemeinsame 
Beaufsichtigung könne am füglichsten geübt werden durch gegenseitige Inspizierung des 
Materials, welches in den früheren Bundesfestungen lagere, und zwar so, daß diese Inspi- 
sierung in Mainz unter Beteiligung fsüddeutscher, in Ulm und Rastatt unter Beteiligung 
norddeutscher Sachverständigen periodisch oder nach Bedürfnis stattfinden könne. Wenn 
Herr von Perglas biervon, wie es scheint, nichts gemeldet hat und also die Frage nach 
Unsern Sntentionen wiederholt wird, so begreife ich das um so weniger, als er sich aus- 
drücklich mit diesem Prinzip der Inspizierung mir gegenüber einverstanden erklärt hat. 
Noch weniger erfindlich ist mir, was der Erlaß Seiner Durchlaucht im Sinne haben 
kann, wenn er von Sorderungen ppricht, die, mit der Selbständigkeit Bayerns unvereinbar, 
zu einer Ablösung des Festungsmaterials drängen und das Band lockern könnten, welches 
zwischen den jüddeutschen Staaten und dem Norddeutschen Bunde besteht. Jedenfalls ist 
#zwischen Herrn von Perglas und mir keine Intention auch nur entfernt berührt worden, 
welche in solcher Weise gedeutet werden könnte. Das Band der Verträge, welche zwischen 
Nord- und Sücddeutschland bestehen, sind und waren auch wir ehrlich bemüht zu erhalten. 
1 Die ersten drei Sätze des Absatzes eigenhändiger Zusatz Bismarcks, der erste Satz in einem ersten Aein- 
komept, die beiden andern in dem bier vorliegenden weiten. 
„ Der erste Cell des Satzes elgenbändiger Einschub Bismarcks im weiten Neinkonzept.
        <pb n="543" />
        Baprische Drohung mit Lockerung des Bandes zwischen Nord- und Süddemtschland. 529 
Dasselbe hat für uns genau denselben Wert wie für die Königlich Baprische Regierung, 
und in unsern Augen werden die vorbehaltlos geschlossenen Berträge von ihrer Festigkeit 
ulnd) ihrer Bedeutung dadurch nichts verlieren, daß etwa die Könliglich) Bairlische) 
Reglierung]) bezüglich der Behandlung des GSestungsmaterials mit uns nicht gleicher 
Meinung wäre. Unser Glaube an die Vertragstreue deutscher Regierungen steht zu hoch 
ulnd] zu fest, um von Divergenzen in vorübergebenden geschäftlichen Sragen berührt zu 
werden. Wir können daher dem betreffenden Passus in der Depesche Sleinejr Dlurch- 
laucht) des Slürsten) nicht die Deutung geben, als beforge die Klöniglich) Bailriche) 
ANeglierung], daß die Meinungs-Verschiedenheiten über die Behandlung eines gemeinsamen 
Vermögens-Objectes zu einer Lockerung der zwischen dem Vorden ulnd] dem Süden 
Deutschlands bestehenden Berträge führen könnten; wir halten dieß um so weniger für 
möglich, als diese Verträge von der Vatur sind, daß zwischen ihrer Lockerung ulnd)] ihrer 
Hinfälligkeit kaum eine Abstufung festzustellen sein würdes. Es würde mir im Snteresse 
des gegenseitigen Verständnisses und Bertrauens sehr erwünscht sein, wenn Ew. Hochwohl- 
geboren den Sürsten vermögen könnten, sich. näher darüber auszusprechen, welche mit der 
Selbständigkeit Bayerns unvereinbare Gorderungen in dem Erlasse gemeint sind. Denn es 
ist nicht zu denken, daß eine ebenso gewichtige, wie unerwartete Andeutung in diesem 
amtlich mitgeteilten Aktenstückte PDlatz gefunden haben würde, wenn nicht irgendein äußerer 
Anlaß m dem Verdacht vorgelegen hätte, als beabsichtigten wir Sorderungen zu stellen, 
welche eine golche Charakterisierung verdienten. Daß wir gemeinschaftliches Eigentum, 
solange es gemeinschaftlich bleibt, auch gemeinschaftlich zu beaufsichtigen und zu verwalten 
wünschen, kann unmöglich in die angedeutete Kategorie fallen, da wir ja ganz dieselben 
Rechte, welche wir bezüglich des in den süddeutschen Jestungen lagernden Materials 
beanspruchen, bezüglich des von uns in Mainz benutzten Teils des gemeinsamen Eigentums 
den jsüddeutschen Staaten einzuräumen bereit sind. 
Indem ich Ew. Hochwohlgeboren ergebenst ersuche, sich nach Anleitung dieses Erlasses 
gegen den Fürsten Hohenlohe auszusprechen, wiederhole ich, daß ich für eine Aufklärung 
des zuletzt berührten PDunktes besonders dankbar sein würde“. 
* 1206. Erlaß an den Gesandten in München 
Freiherrn von Werthern. 
(Konrept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.] 
Vertraulich. Berlin, den 22. Januar 1869. 
Die bagrische Mitteilung, auf welche sich mein Erlaß vom heutigen Tage (Mr. 9):, 
betreffend die Gestungs-Liquidationskommission beziebt, besteht in einer Depesche, welche der 
Fürst Hohenlohe an Baron Perglas gerichtet und wovon dieser mir Abschrift überreicht 
hat. Bis zu weitrer Aufklärung des beiderseitigen Standpunktes möchte ich ungern in 
derselben amtlichen Sorm antworten. Ew. pp. sind deshalb zwar ermächtigt, dem Fürsten 
* 2 Die drei letzten Sätze beruhen gröhtentells auf eigenbändigem Zufsatz Bismarcks im ersten Rein- 
onjept 
6#⅝ 7 Keebentehes Erwiderung von Ende Februar, Denkwürdigkeiten des Fürsten Chl. m 
1 Siche das 2 l 8 chriftstück. 
VIa
        <pb n="544" />
        530 Die baurischen Drohungen lassen Bismarck kalt. Warnung nach Athen. 
den Erlaß vorzulesen, ihn aber erst vertraulich um seine Meinung darüber zu bitten, ob er 
es für nützlich hält, daß ihm derselbe amtlich ausgehändigt werde. Shn vertraulich zur 
Einsicht zu überlassen, lind Ew. lpp.] jedenfalls ermächtigt, nicht beauftragte. 
Bei Mitteilung des Erlasses bitte ich Sie, dem Sürsten zu seiner perfönlichen Infor- 
mation zu sagen, der Passus seiner Depesche vom 15. d. M., der von der Lockerung des 
Bandes zwischen Nord- und Süddeutschland spreche, habe Seine Majestät den König 
verletzt. Cin Band, mit dessen Lockerung jede ungerechtfertigte Aufwallung von Empfind- 
lichkeit glaubt drohen zu dürfen, sei für uns weniger beruhigend, als gar kein Band"s. Der 
Sürst möge, wo es nötig und angebracht sei, sagen, er wisse, der Wert, den wir den Ver- 
trägen mit Bagern beilegten — und wir legten ihnen einen hohen Wert bei — sei bedingt 
durch eine gleiche Schätzung der Verträge seitens Bayerns. Setzen Sie hinzu: Wenn man 
es dort dem eigenen Snteresse angemessen fände, einen Antrag auf Lösung der Verträge zu 
Ktellen, so würden wir keinen Anstand nehmen, die entsprechenden Vorlagen an den 
Bundesrat und den NReichstag gelangen zu lassen. 
Daß wir in Perglas“ Berichterstattung, welche nach einer 1½#stündigen Unterredung 
den Hauptinhalt der letztern nicht gemeldet m haben scheint, kein volles Vertrauen jetzen, 
wollen Ew. pp. nicht verschweigen“. 
129#7. Telegramm an den Gesandten in Athen 
von Wagner. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden VRats Abeken.)] 
Berlin, den 22. Januar 1869. 
In Sitzung der Konferen; vom 20. d. M. hat türkischer Bevollmächtigter erklärt, 
daß die Pforte die im Ultimatum angekündigten Maßregeln zurücknimmt, sobald Griechen- 
land Deklaration akzeptiert. Machen Sie geltend, wie schlecht Griechenlands Stellung 
würde durch Weigerung, nachdem Pforte allen Beschlüssen der Konferenz entgegen- 
gekommen, und wie unmöglich es selbst den befreundetsten Mächten, für Griechenland, 
falls es ablehnt, etwas zu tun. 
*1298. Erlaß an den Botschafter in London 
Grafen von Bernstorff. 
lKonzeyt von der Hand des Bortragenden Rats Abeken.] 
Berlin, den 24. Januar 1869. 
Ew. pp. erwähnen in öhrem gefälligen Berichte Ar. 7 vom 20. d. M. der Ihnen von 
Lord Clarendon gemachten Mitteilung über einen Brief, den er von den Donaumündungen 
erhalten, wonach bereits 60 bis 70 griechische Schiffe unter russischer Slagge in den 
„ Die drei letzten Sätze des ersten Ablsatzes eigenhändiger Jusatz Bismarcks an Stelle eines längeren 
BVuchers. 
Ablate uautere Ablatz enthält zablreiche kleinere Korrekturen Bismarcks. 
·Der letzte Absatz eigenbändiger Zusatz Blemarcks. 
1297. : Vyl. Ar. 1291, Vorbemerkung.
        <pb n="545" />
        Englische Besorgnisse vor Rußland. Bismarrk empfiehlt in London Pression auf Athen. 531 
dortigen Gewässern herumführen. Auch Lord Augustus Loftus hat mir gestern von diesem 
Gegenstand gesprochen und sich präokkupiert darüber gezeigt. Es liegen mir keine Berichte 
darüber vor, und ich kann daher die Genauigkeit der Tatsache nicht konstatieren; ich habe 
aber Lord A. Loftus erwidert, daß ich es nicht für gerechtfertigt hielte, daraus Schlüsse 
auf die Absichten Rußlands in betreff der eventuellen Unterstützung Griechenlands zu 
siehen. Rachdem Sürst Gortschaktow in Atben zur Nachgiebigkeit geraten und auch mich 
habe auffordern lassen, in demselben Sinne dringend auf die griechische Regierung ein- 
zuwirken, könne ich nicht glauben, daß es in seinen Wünschen liege, Komplikationen herbei- 
mführen, indem er auf irgendeine Weise Griechenland im eventuellen Widerstande gegen 
die Beschlüsse der Konferenz bestärke. 
Um Ew. pp. m zeigen, wie weit der Kaiser selbst von solchen Gedanken entfernt ist. 
füge ich ganz vertraulich Abschrift eines eben eingehenden Berichts des Prinzen Reuß vom 
21. d. M. über seine Unterredung mit dem Kaisert bei. Die Kenntniß dieser Außerungen 
des Monarchen selbst, welche sich allerdings zu direktem Gebrauch nicht eignen, wird es 
Ew. pp. doch erleichtern, eine überzeugende Sprache zu führen. 
Sch selbst teile volllrtommen den Wunsch Lord Clarendons, alles zu vermeiden, was zu 
Differenzen zwischen den auf der Konferen; zu glücklicher Einstimmigkeit gelangten 
Nächten führen könnte; ich kann aber die Überzeugung nicht aufgeben, daß der wirkliche 
Ausbruch von Seindseligkeiten zwischen der Türkei und Griechenland, wenn letzteres unter 
dem Druck der Volksleidenschaft sich unvernünftig erweisen gollte, nicht allein im Interesse 
der Menschlichkeit zu beklagen sein würde, sondern leichter zu Differenzen wischen den 
Alächten führen könne als eine Pression auf Griechenland, welche wesentlich nur in einer 
Demonstration zu bestehen brauchte, um den Griechen zu zeigen, daß es der Konferen; Ernst 
mit der Ausführung ihrer Beschlüsse sei, und dadurch dem Könige Georg und seiner Re- 
gierung eine nicht unwillkommene Hilfe m bieten, um die Volksleidenschaft im Sügel zu 
bhalten. Ew. pp. wollen aber Shrerseits die Sache nicht weiter urgiren, sondern unfre 
Anregung-: als erledigt ansehn, nachdem sie in London auf ernste Bedenken gestoßen ists. 
*1299. Immediatberscht. 
([Kanzleikonjzept.] 
Berlin, den 24. Januar 1869. 
Nachdem die Kurer Königlichen Mosjestät bekannten Anstände gegen den Zusammen- 
tritt den Gestungs 1 ission nach einer Mitteilung des Freiherrn von 
Perglas beseitigt jind, beehren wir uns, den befohlnen Bericht über die Ernennung der 
diesleitigen Kommissarien und die Behandlung der Sache alleruntertänigst zu erstatten. 
Die noch übrige Auseinandersetzung über das bewegliche Cigentum des ebemaligen 
Deutschen Bundes wird unjeres Erachtens nicht in einer Teilung der Gegenstände oder 
Nach dem AReuh'schen Berichte vom 21. Jonuar hätte sich Alexander aufs un#ufriedenste daorüber 
geäußert, daß König Georg von Griechenland sich „von den Intrigen und wahnsinnigen Plänen der Darteien 
in Griechenland“ in seiner von Haus aus vernünftigen Haltung habe beirren lassen. 
2 Bgl. Ar. 1223. 
: Der letzte Satz eigenhändiger Zufatz Bismarcks. 
1299. Der Immediatbericht wurde von dem Kriegsminister v. Roon mitunterk#ichnet.
        <pb n="546" />
        532 Immedlatbericht über Jusammentritt der Liquidatfonskommission. 
ihres Geldwertes bestehen dürfen, sondern nur in einer Klarstellung der Besitzverhältnisse, 
die gegenwärtig noch die Natur des Zufälligen und Unfertigen haben, und in Vor- 
Kehrungen für die Konservierung und für die Sicherstellung angemessener Verwendung der 
Segenstände. Unter dem, was in dieser Aichtung jetzt erreichbar sein dürfte, erscheint uns 
als das Günstigste die einstweilige Beibehaltung der Gemeinsamkeit des Eigentums an 
dem beweglichen Material der Sestungen Mainz, Ulm, Rastatt und Landau mit gegen- 
seitiger Inspektion und Kontrolle über die Verwendung und Unstandbaltung des Materials. 
Wenn dieser Grundsatz allerseits angenommen und mit der Ausführung desfselben ein, 
wenn auch noch so leichter Anfang gemacht ist, so würde ein Keim gelegt sein, der die Kraft 
und den Trieb zu einer befriedigenden Entwickelung in sich trüge und, je nachdem die 
äußeren Verhältnisse es gestatteten, gefördert werden könnte. Gemeinsame Aussicht ist 
eine Befugnis, sogar eine Pflicht, die im gemeinschaftlichen Cigentum liegt; sie ausdrücklich 
anmerkennen und Einrichtungen für ihre Handhabung zu treffen, ist keine Aeuerung, 
sondern eine Erhaltung des status quo und würde der Eifersüchtelei in Süddeutschland und 
dem Ülbelwollen des Auslandes wenig Angriffsfläche darbieten. Ist aber die gegenzjeitige 
Unspektion, schlimmstenfalls nur als eine periodische, einmal ins Werk gesetzt, so wird das 
sachliche Bedürfnis später den allmählichen Ubergang zu einer ständigen Kommission er- 
leichtern, welche zumächst bezüglich der früheren Bundesfestungen mit ähnlichen Befugnissen 
wie die alte Bundes-Militärkkommission ausgestattet wäre. Man würrde einer allmäh- 
lichen Entwicklung mit der berubigenden Überzeugung entgegensehen können, daß stets das 
sachlich ISweckmäßigste auch das für die preußische olitik Borteilhafte sein wird. 
õn dieser Auffassung und mit Rücksicht auf die augenblickliche europäische Lage halten 
wir es nicht für ratsam, der in München zusammentretenden Kommission von Hause aus 
einen ausschließlich oder überwiegend militärischen Charakter zu geben, der auf ver- 
schiedenen Seiten Unruhe erregen könnte, mit dem Titel Liquidationskommission in einem 
gewissen Widerspruch stehen würde und für die Einleitung des diesseits Beabsichtigten nicht 
erforderlich ist. Es würde sich vielmehr empfehlen, der Kommission zunächst eine mehr 
zivilistische Physiognomie zu geben und erst, wenn die Grundzüge des künftigen Verhält- 
nisses vereinbart sind, durch Wechsel in der Person der Bevollmächtigten oder durch Aus- 
scheidung einer militärischen Subkommission das militärische Element in den Vordergrund 
treten zu lassen. 
Als Ausgangspunkt der Verhandlungen bietet sich die Verabredung dar, welche 
Bayern, Württemberg und Baden in dem Protokoll vom 10. Oktober v. J. getroffen 
haben, nämlich zu beantragen, 
„daß das in ihren Territorien befindliche Sestungsmaterial fortan im all- 
gemeinen deutschen Snteresse durch die betreffenden Aegierungen verwaltet und 
diese Verwaltung durch die von ihnen einzusetzende Festungskommission überwacht 
werden solle, während das in den übrigen deutschen Staaten befindliche gemeinsame 
Festungsmaterial unter der Verwaltung des Norddeutschen Bundes verbleibt". 
In dieser Gestalt ist der Antrag für uns nicht annehmbar, weil er uns die in dem 
Witeigentum liegenden Befugnisse rücksichtlich des Materials von Nastatt, Ulm und 
Landau entzieht und dafür nur das Versprechen bietet, daß die Verwaltung im 
deutschen Interesse geführt werden wird. Die Gemeinsamkeit des Eigentums würde für 
uns dabei nur dem Vamen nach fortbestehen. Aber es wird sich voraussichtlich aus diesem
        <pb n="547" />
        Ernennung der preubischen Bevollmächtigten. Ludwigs II. Bekenntnis m. Preuhen. 533 
Antrage eine befriedigende Vereinbarung entwickeln lassen, wenn die diesfeitigen Bevoll- 
mächtigten sich bereit erklären, auf denselben einzugeben unter der Bedingung, daß uns 
eine Garantie für die Wahrung des allgemeinen deutschen Interesses gegeben werde, und 
als eine solche Garantie die gegenseitige Inspektion und Kontrolle bezeichnen. 
Im Sinne des Vorstehenden, wenn dasselbe Curer Moajestät Beifall findet, würden 
die Kommissarien vor ihrem Abgange kurz zu instruieren und im Laufe der Verhandlungen 
von Zeit zu Seit mit Anweifung zu versehen sein. 
Wir stellen Curer Majestät alleruntertänigst anbeim, zu Bevollmächtigten: 1. den 
Geheimen Legationsrat v. Kehler in dem Ministerium der auswärtigen Angelegenbeiten, 
2. den Oberstleutnant Grafen v. Wartensleben, Abteilungschef im Großen Generalstabe, 
3. den Major Crüger im Kriegsministerium durch Vollziehung der anliegenden Order- 
allergnädigst ernennen zu wollen, und zwar mit der Klaufel „lamt o der sonders“, welche 
gestattet, die Berhandlungen auch nur durch einen oder zwei von ihnen führen zu lassen. 
Als Tag des Zusammentritts dürfte der Königlich Bayrischen Regierung der 1. Se- 
bruar zu bezeichnen sein, bis zu dem einige aus der Liquidationskommission von 1866" 
übrig gebliebenen, Isterreich und Holland mit interessierende Refste abgewickelt sein können. 
Da Curer Königlichen Moajestät Bevollmächtigte auch die übrigen Staaten des Aord- 
deutschen Bundes bei den Verhandlungen zu vertreten haben werden, so werde ich, der 
Bundestkanzler, nach erfolgter Ernennung der Bevollmächtigten, den jfämtlichen Bundes- 
regierungen von der Eröffnung der Verhandlungen Mitteilung machen und die Vorlegung 
des Ergebnisses an den Bundesrat zum Swerk der Sustimmung jzusagen. 
*1300. Telegramm an den Gesandten in München 
Frefherrn von Werthern. 
[Eigenbändiges Konjept.] 
Am 21. Januar batte Freiherr v. Werthern einen Immediatbericht über Bußerungen König 
Ludwigs r erstattet. Danach hätte der König tags zuvor auf einem Hofball m ihm gelagt: 
„er freue sich, daß sich die guten Beziehungen zwischen Preuhen und Bauern immer mehr 
feststellten, und Werd stokesclben könnten sich auf ihn unt edingt verlassen.“" Dieses Jo kaum 
erwartete Bekenntnis König Ludwigs II. lieh in Bismarck die Besorgnis auftauchen, ob der 
Freiherrn v. Werthern am 22. mit Bezug eun. edas Hohenlohesche Schreiben vom 15. erteilte 
Auftrag (ogl. Nr. 1295 und Ar. 1296) auf die gute Stimmung in München nachteilig ein- 
wirken könne. Er stellte desbalb nachträglich Westhern frei, den Auftrag nicht oder doch Jo 
ausjzuführen, wie er es für zweckmähig balte. 
Berlin, den 25. Januar 1869. 
Immediatbericht vom 21. erhalten. Besorgen Sie, daß diesseitiger Auftrag vom 
22. d. M. Ar. 10 nachtbeilig auf die von EShnen geschilderte gute Stimmung zurückwirkt? 
In dem Salle berichten Sie telegrlaphisch), bevor Sie handeln. Die Erlasse Ar. 9. und 10 
haben keine Spitze gegen Hohenlobe, sind nur bestimmt, ihm Mittel der Action in die Hand 
zu geben. Sindet er dieselben unanwendbar oder bedenklich, so richten Sie Sich in dem 
* Hier zicht abgedruckt. 
2 Vgl. 12. Vorbemerkung. 
1300. - Siebe E7 
* Siebe VNr. #
        <pb n="548" />
        534 Aussische Klagen über Solms' Konferenzverbalten; Bismarcks Antwort. 
Sebrauch, den Sie von den Erlassen vom 22. machen, nach den Wünschen des Fürsten. 
Sie lind ermächtigt, nach letztern öhre Eröffnungen mehr oder weniger amtlich ein- 
zurichten, sie auch ganz oder theilweise einstweilen zurückzuhalten. 
*1301. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Helnrich VII. Drinzen Reuß. 
[(Konzept von der Hond des Vortragenden NRats Abeken. 
Nach einem Vericht des Prinzen Reuß vom 25. Januar zjeigte sich Sürst Gortschakow 
wenig zufrieden mit der Haltung, die Graf Solms auf der Dariser Konferen; eingenommen 
hatte. Der rufsische Vertreter Graf Stackelberg, dessen energischem Auftreten der rufsische 
Vijekanzler allein den Erfelz der Konferen; juschreiben wollte, hätte nach ihm der Unter- 
Kützung seines preuhischen Kollegen gan; entraten müssen. Aus den Außerungen Gortschakows 
klang geradezu der Vorwurf heraus, als habe PDreußen Außland im Stich gelassen. Prinz 
*- dem Bismarck die Berichte Solms' hatte zugehen lassen, nahm daraufbin die Haltung, 
ieser auf der Konferen; beobachtet hatte, nachdrücklich gegen Gortschakow in Schut. 
die 
Berlin, den 31. Januar 1869. 
Aus Ew. pp. durch den englischen Kurier überbrachter Depesche Ar. 19 vom 25. d. M. 
habe ich mit Bedauern ersehen, daß das Verdalten unseres Bevollmächtigten in der 
Konferenz in Paris noch bis dabin Wißverständnissen begegnet war, von welchen selbst 
Gürst Gortschakow nicht ganz frei geblieben m sein scheint. Sch habe Ew. pp. bereits 
telegraphisch mitgeteilt, daß ich mit den Außerungen, welche Sie in dieser Besiehung dem 
Gürfsten gegenüber getan haben, vollltommen einverstanden bin; und ich müßte den letzteren 
nicht kennen, wenn ich nicht die Suversicht hegen gollte, daß er unserem Bevollmächtigten 
Gerechtigkeit widerfahren lassen werde. Ew. pp. haben in den Shnen mitgeteilten Be- 
richten des Grafen Solms ein binreichendes Material, von dem ich Shnen überlassen darf, 
einen diskreten Gebrauch zu machen, um alle etwa noch vorhandenen SZweifel des Sürsten 
zu jerstören, welche vor einer richtigen Würdigung der Situation übrigens von selbst ver- 
schwinden werden. 
Wir stimmen in das Lob, welches der Sürst dem Grafen Stackelberg für sein ener- 
gisches Auftreten, seine Wahrung des Standpunktes und der Würde Rußlands und für 
den dadurch erreichten Einfluß erteilt, vollständig ein. Aber wir haben uns auch von 
Anfang an gesagt, daß es nicht der richtige Weg sein würde, die Haltung des Grafen 
Stackelberg durch absolute Sdentifizierung mit derselben zu unterstützen; wenn wir nichts 
anderes getan hätten, als dieselbe Sprache zu führen, so würde meines Erachtens das 
nähere Zusammenschließen der Westmächte unter sich und mit Osterreich die Solge davon 
gewesen sein. Wie tief das Mißtrauen in Paris gewesen, haben Ew. pp. aus den Be- 
richten des Grafen Solms entnehmen können; und ich zweifle nicht, daß auch Graf Stackel- 
berg sich davon hat überzeugen können. Wir mußten es für unsere Aufgabe halten, diesem 
Mißtrauen keine Nahrung zu geben; und es ist wohl nicht zu verkennen, wie wesentlich die 
konziliante Haltung des Grafen Solms und die Wahrung der Süblung nach beiden Seiten 
dazu beigetragen hat. Wir glaubten gerade dadurch Rußland und dem Willen der Kaiser- 
lichen Regierung, den Grieden mzu erhalten, den besten Dienst zu leisten. Aur die Kombi- 
nation dieser beiden Momente, des festen und energischen Auftretens des russischen und der 
1 Es war durch Celegramm vom 30. Januar gescheben.
        <pb n="549" />
        Verschiedene Auffassung Bismarcks und Beusts über den Charakter amtlicher Veröffentlichungen. 535 
vermittelnden Haltung des preußischen Gesandten, konnte das Ergebnis erreichen. Es 
würde in Petersburg sicher ein unwillktommener Ausgang gewesen sein, wenn durch den 
Mangel dieses versöhnenden Elementes die Konferenz gesprengt worden wäre. 
Ew. pp. ersuche ich ergebenst, sich wiederholt in diesem Sinne dem Sürsten Sort- 
schakow gegenüber auszusprechen und, falls Ihnen von Seiner Majestät dem Kaiser von 
Außland ein Anlaß geboten werden und Sie bemerken follten, daß auch dort das Be- 
nehmen des preußischen Bevollmächtigten nicht richtig gewürdigt werde, die Verhältnisse 
in ihrem wahren Lichte darzulegen. 
*1302. Erlaß an den Gesandten in Wien 
Freiherrn von Werther. 
onnn von der Hand des Vortragenden Vats Abeken.] 
8. Januar hatte Bismarck Freiherrn v. Werther angewiesen, den im Bsterreichischen 
net 6 85 abgedruckten Bericht des österreichischen Verneralfonsuls in Butkarest Freiherru 
. deriaungehottgetWetledtePerlonKomWilhelms.ImZulaI-ameahaagmttdeu 
Preuhischen Waffenlieferungen an Rumönien in die Debatte Jog, bei Graf Beuft zur Sprache 
zu bringen. Als Werther sich dieses Auftrages am 26. entledigte, las ihm Beust einen an den 
Grafen Wimpffen in Berlin gerichteten Erlaß vom 2. Dezember 1868 (liebe dessen Texk im 
dritten Ssterreichischen Rotbuch, S. 8 ff.) vor, in den bereits ein Bedauern über den Abdruck 
des den preußischen König betreffenden Passus mit den Worten ausgedrückt war: „Vielleiche 
hätten wir in einem Bericht des Greiherrn v. Tder die Stelle, die von einer perfönlichen Ein- 
wirkung des Königs von Dreuhen spricht, unterdrücken können, aber auch bei der sorgfältigsten 
Sichtung des Materials kann es besbeben, dah bier und da eine wünschenswerte Emendation des 
Textes unterbleibt.“ Graf Beuft benutzte die Gelegenheit, um 4%% gegenüber dem preuhischen 
Vertreter bitterlich wegen der gegen ihn gerichteten und in manchen Blättern wie der „Weser- 
reitung“, der „Leipziger Allgemeinen Seitung“ usw. auf die die preußische. Regierung. wie 
Ver sofort dem österreichischen Techelsanle wnswebW gar keinen Einflaß batte 
noch immer fortgesetzten Prehpolemik m beschweren 
Vertraulich. Berlin, den 1. Gebruar 1869. 
Die von Ew. pp. in dem gefälligen Bericht Ar. 23 vom 26. Januar wiedergegebene 
Unterredung mit dem Kaiserlich Österreichischen Reichskanjler bestätigt mir nur den 
Eindruckt, welchen ich aus dem von Graf Wimpffen mir mitgeteilten Erlaß desfelben 
empfangen habe: daß Graf Beuft von einer ganz anderen Auffassung über den Charakter 
solcher amtlichen Veröffentlichungen ausgeht, als wir es für richtig und den Be- 
Fiehungen zwischen den europäischen Mächten förderlich erachten können, und daß er die 
Bedeutung einer amtlichen Vorlage an den Reichstag im Gegensatz zu einer historischen 
schriftstellerischen Publikation nicht in vollem Maße würdigt. 
Von der Depesche vom 2. Dejember, welche der Reichskonzler Ew. pp. in extenso 
mitgeteilt, hat Graf Wimpffen bier nur die auf den Bericht des Baron von Eder und die 
nur durch ein Ülbersehen stattgefundene Aufnahme desselben in das Notbuch bezüglichen 
Stellen vorgelesen; ich kann daher den übrigen Inhalt desselben auf sich beruhen lassen. 
In betreff der Erwähnung des Grafen Beust, „daß die Polemik, wenngleich sie in den 
offiziösen Journalen aufgehört habe, doch in der „Weser--Zeitung“, den schlesischen Blättern, 
der „Leipziger Allgemeinen Zeitung“ fortgesetzt werde“, habe ich nur m bemerken, daß Ew. 
pp. Entgegnung, „diese Zeitungen seien unabhängig“ vollkommen begründet ist. Wir haben 
keinen gesicherten Einfluß auf die Haltung derfelben, bleiben aber bemüht, auch nach diesen 
Seiten hin mäßigend einzuwirken.
        <pb n="550" />
        536 Auseinandersetzung mit Beust über den Charakter amtlicher Publikationen. 
*1303. Erlaß an den Gesandten in Wien 
Freiherrn von Werther. 
l[Konzept von der Hand des Vortragenden VRats Abesen.) 
In Verfolg des von Freiherrn v. Werther am 26. Januar getanen Schrittes (ogl. 
Tr. 1392, Borbemerkung) batte Gra Deust noch am gleichen Tage einen Erlaß an Graf 
Wimpffen gerichtet, der die Bismarcksche Auffassung bekämpfte, als ob eine Regierung, die 
Berichte idrer diplomatischen Vertreter veröffentliche, sich für die Aichtigkeit der darin 
angeführten Catsachen und Anschauungen verbürge. 
Berlin, den 1. Gebruar 1869. 
Sw. pp. finden in der Anlage den Text der Depesche, welche der Kaiserlich Öster- 
reichische Reichskanzler infolge Ihrer neulichen Unterredung mit ihm unter dem 26. Ja- 
nuar an den Grafen Wimpffen gerichtet und von welcher letzterer mir Abschrift zurück- 
gelassen hat. 
Ich darf dadurch den Punkt, welcher zunächst zu diesem Schriftwechsel Veranlassung 
gegeben hat, als in befriedigter Weise erledigt betrachten, da Graf Beust die Aufnahme 
desjenigen Berichtes aus Bukarest, welcher den Gegenstand Shrer Unterredung bildete, 
in das Rotbuch aus einem lbersehen erklärt und jede besondere Absicht dabei ausdrücklich 
in Abrede stellt. 
Der Snhalt der Depesche vom 26. Januar läßt mich annehmen, daß Graf Beufst die 
Auffafsung nicht teile, welche wir von dem Tharakter amtlicher Dublikationen haben. Wir 
Jetzen bei denselben eine Verantwortlichkeit der Regierung für den Inhalt voraus, welche 
der Kaiserlich Österreichische Reichskanzler offenbar nicht anerkennt. Natürlich kann ein 
Minister nicht für die Anschauungen und Auffassungen seiner Organe im Auslande und 
ebensowenig für die von ihnen berichteten Außerungen Dritter oder angeblichen Tatsachen 
verantwortlich gemacht werden. Dies gilt aber unserer Ansicht nach nur so lange, als dem 
Schriftwechsel zwischen dem Minister und seinen Organen jener intime Charakter gewahrt 
bleibt, welcher ihm seiner Matur nach zukommt, und welcher meines Erachtens allein ihm 
die volle Unbefangenheit und Freiheit und die volle vertrauenswerte Sicherheit erhalten 
kann, deren der Verkehr zwischen einer Regierung und ihren Bertretern bedarf. Stwas 
ganz anderes aber ist es, wenn eine Aegierung diesen Schriftwechsel nicht allein der 
Offentlichkeit, sondern der amtlichen Behandlung vor den berufenen Organen des Teichs 
übergibt und dadurch Schriftstückle, welche ihrer Sorm und ihrem Inhalte nach nur für 
jenen vertraulichen inneren Vertehr bestimmt waren, gerade ihrer Sorm und ihrem 
Inhalt nach sich aneignet und sie auch nach auß en zu vertreten sich bereit erklärt. Eine 
Vorlage von amtlichen Aktenstücken an unseren Landtag würden wir nicht als eine Su- 
sammerstellung von Berichten ansehn, welche ebensogut falsche als wahre Angaben ent- 
halten könnten, und in welcher jede einzelne Außerung nur den Wert hätte, welchen eine 
sichtende Kritik ihr beilegen will, sondern wir würden uns immer bewußt bleiben, daß wir 
durch die amtliche Beröffentlichung, wenn sie ohne jeden den Leser aufklärenden Com- 
mentar erfolgt, eine Verantwortung auch für den Inhalt der Schriftstücke übernehmen, 
welche keine weitere Bedeutung haben würden, so lange sie nur in den Akten beruhen, oder 
selbst wenn sie lediglich durch Sufall in die ôffentlichkeit gelangten:. Wenn wir für den 
Der Satz ist weitgebend durch eigenbändige Korrekturen und Sufätze Bismarcks beftimmt.
        <pb n="551" />
        Bismarck rät Sürst Karl Erhaltung guter Bezlehungen Jur Pforte an. 537 
Inhalt von Schriftstücken, die wir amtlich veröffentlichen, keine Bürgschaft übernehmen, so 
würden wir uns verpflichtet halten, dieß ausdrücklich anzuführen. 
Graf Beust scheint eine andere Auffassung von amtlichen Veröffentlichungen u begen 
und auf die objective Wahrheit ihres Inhaltes keine entscheidende Bedeutung zu legen. 
Wir bedauern, daß diese Auffassung bisber nicht öffentlich bekannt gewesen ist, da ohne 
Sweifel die öffentliche Meinung bei uns von der Publication des Nothbuchs weniger 
empfindlich berührt worden wäre, wenn sie derselben nur diejenige Bedeutung beigelegt 
hätte, welche der Herr Kanzler ihr vindicirt. 
Ew. pp. ersuche ich, in diesem Sinne sich gegen den Herrn Reichskanzler auszusprechen, 
und ermächtige Sie auch, ihm diesen Erlaß vorjzulesen“. 
1304. Schrelben an den Fürsten Karl von Kumänien. 
[Abschrift.) 
Berlin, den 2. Sebruar 1869. 
Eurer Hobeit danke ich ehrerbietigst für Höchstdero Schreiben vom 23. Dezember: und 
für die gnädigen Gesinnungen, welche Höchstdieselben darin für mich aussprechen. Eure 
Hobeit wollen überzeugt sein, daß es mir unabhängig von jeder politischen Erwägung stets 
am Herzen liegen wird, meine perfönliche Ergebenheit für Sie Jelbst und meine Anhänglich-- 
keit an das Haus Hohenzollern zu betätigen; es wird mir immer zur höchsten Sreude ge- 
reichen, Curer Hoheit dienen und nützen zu können, insoweit vaterländische Pflichten mir 
dies irgend gestatten. 
Sch halte es für eine sehr glückliche und geschickt berbeigeführte Wendung, daß Eurer 
Hoheit Beziehungen zur Dforte sich gebessert baben. Die letztere wird, meiner lber- 
geugung nach, sobald sie nicht glaubt, für ihren Besitzstand von der rumänischen Regierung 
etwas zu fürchten zu haben, ein nützlicherer Sreund und vielleicht auch ein aufrichtigerer 
für Cure Hobeit sein als die Mehrzahl der europäischen Mächte, und letztere können Curer 
Hoheit kaum irgendetwas anhaben, solange Sie mit der Pforte im Einvernehmen bleiben. 
Die Türkei hat von einer starken Aegierung in Rumänien, wenn eine solche Rube und 
Grieden hält, oiel weniger zu fürchten, als von schwankenden und revolutionären Zu- 
ständen in den Sürstentümern. Sch balte deshalb, wenn Cure Hobeit mir gnädigst ge- 
statten wollen, einer langjährigen und aktiven politischen Erfahrung Ausdruck zu geben, für 
das erste Bedürfnis der Politik Eurer Hobeit die Herstellung der fürstlichen Autorität im 
2 Der Satz eigenhändiger Jusatz Bismarcks. 
° Der Abfsatz von den Worten im ersten Satze on: „und auf die objective Wahrheit.. eigenhändiger 
Jusatz Bismarcks. 
Als Greiherr v. Werther seinen Auftrag ausrichtete, blieb nach einem darüber am 9. Februar er- 
statteten Berichte Graf Beuft auf seinem Standpunkte steben. &amp;r bari sich dafür u. a. auf die englischen 
Blaubücher, die auch oftmals Aachrichten enthielten, für die die englische Regierung keineswegs die Bürg- 
schaft übernehme. Auf Bismarck machte diese Berufung keinen Eindruck. Am 15. Gebruar richtete er noch 
einen kurjen abschließenden Erlaß an Wertber folgenden Wortlauts: „Aus dem gefälligen Bericht Ew. pp. 
vom 9, d. M. Ar. 36 erfebe ich, welche wesentlich von der unfrigen verschiedene Ansicht der Kaiserlich Sfter- 
reichische Reichskangler über die Bedeutung der in amtlichen Dudlikationen wie das Notbuch entbaltenen De- 
peschen und die Verantwortung, welche eine Regierung dadurch übernimmt, ausgesprochen bat. Obne uns auf 
einen tbeoretischen Streit darüber einmlassen, werden wir uns SÖsterreich gegenüber bei eventueller Dubli- 
kation amtlicher Aktenstücke dieser Ansicht des Herrn Aeichskanzlers erinnern. Ew. pp. wollen dies 92 
legentlich gegen den Grafen Beuft bemerken. 
1304. : Aäberes über dieses Schreiben in: Aus dem Leben König Karls von Rumönien, I, 331.
        <pb n="552" />
        538 Bismarck warnt in Bukarest vor expansiver Politik, empfiehlt gutes Verhältnis zu Ungarn. 
Innern und auf dieser Basis die Erhaltung vertrauensvoller Beziehungen zur Pforte. 
Durch welche MWittel die letzteren im perfsönlichen Berkehr mit einflußreichen Männern in 
Konstantionpel sich fördern lassen, darübeer werden Eurer Hoheit dortige Agenten ohne 
Sweifel Auskunft geben. Die Befestigung der fürstlichen Autorität im Innern beruht in 
erster Linie auf dem Vorhandenfein einer unbedingt sichern Truppe von einigen Taufend 
Mann, welche im Stande ist, überall da, wo sie msammengezogen wird, Gehorsam zu er- 
zwingen. Die Solge des Geborsams wird dann die Möglichkeit geordneter Ver- 
waltung und sicherer Rechtspflege sein. Erreichen Eure Hoheit diese, so wird der Ruhm 
und der praktische Erfolg Ihrer Regierung größer und dauernder sein, als er durch irgend- 
welche Ausdehnung der rumänischen Herrschaft im Orient bergestellt werden könnte. Das 
Erreichbare für Rumänien scheint mir der Titel de la Belgique des bouches du Damsbe, 
für Cure Hoheit der Ruhm und der Dank Europas, wie König Leopold sie hinterließ. Die 
Rumänen sind, wie wir sie hier aus der Gerne beurteilen, weder vorwiegend kriegerisch, 
noch bestrebt, über andere Nationen zu berrschen. Ein nationaler Erfolg, welcher dahin 
führte, daß die siebenbürgischen Rumänen mit den unter Eurer Hoheit Regierung stehenden 
m einem RAeiche vereinigt würden, bätte immer noch keine Bildung geschaffen, welche 
stark genug wäre, sich eine selbständige Politik, vielleicht nur eine selbständige Existen; u 
wahren, unter dem Zufammenstoß großer Alächte, welcher die Solge einer gewaltsamen 
Auflöfung der jetzigen Gestaltung des Orients sein würde. Jede expanjsive Politik bringt 
Eure Hobeit einerseits in Konflikktte mit fast allen europäischen Mächten, ohne daß eine 
preußische Regierung berechtigt wäre, die Kräfte dieses Landes für die dynastischen 
S#mpatbien, die Seine Majestät den König für Cure Hoheit beseelen, einzusetzen, anderer- 
leits schwächt jedes Streben nach außen die Autorität Curer Hoheit im Innern. Eine 
rumänische Armee, welche jahlreich genug sein sollte, um für Geltung nach außen und im 
Kriege ins Gewicht zu fallen, würde notwendig weniger fest gegliedert und weniger un- 
bedingt in der Hand Curer Hoheit sein, als eine weniger zahlreiche, besser disciplinierte und 
besoldete Truppe es sein könnte. Eure Hoheit würden die Autorität im Lande in dem 
Maße verlieren, als die Mittel für politische Wirkung nach außen gewonnen würden. 
Wenn diese Auffassung die Billigung Eurer Hoheit finden sollte, so würde sich aus ihr 
das freundliche Verhältnis zu Ungarn von selbst entwickeln. Ich will in keiner Weise zu- 
reden, die Beziehungen zu Rußland abzukühlen, dieselben werden auch unter guten Be- 
siehungen Rumäniens zu Ungarn nicht m leiden brauchen, wenn es Curer Hoheit nur 
gelingt, Beziehungen zu Petersburg, zum Kaiser wie zum Kanzler zu pflegen, welche nicht 
durch den Kanal aufgeregter und aufregender Konfularagenten geben. Die Kaiserliche 
Negierung selbst ist viel billiger und gemäßigter, als ihre orientalischen Agenten. ARußland 
füblt sich auch keinesfalls bedroht von Aumänien aus, während es nicht schwer ist, dies 
den Ungarn einzureden, welche, selbst nicht zablreich, ein Mosaikk von Völkern zusammen- 
halten, unter denen die Rumänen mit mehreren Millionen beteiligt lind. Das durch 
Wiener Einflüsse und durch Bratiano erregte Mißtrauen der Ungarn zu beruhigen, ist 
nicht nur ein rumänisches, es ist auch ein deutsches Bedürfnis. Das Vertrauen der Ungarn 
ist uns eine Bürgschaft des Friedens, ein Hindernis für die Beteiligung Österreichs an einer 
Koalition gegen uns. Segen jeden Verdacht einer Solidarität mit angeblichen rumä- 
nischen Absichten auf Siebenbürgen würde jeder preußische Minister gezwungen sein, sich 
durch alle Mittel zu verwahren. Ich zweifle nicht, daß Eure Hobeit an den Ungarn ebenso
        <pb n="553" />
        Parole für Rumänien: Erhaltung sicherer Sriedenszustände. 539 
wie an den Türken gute und ehrliche Freunde gewinnen können; denn der ungarischen Po- 
litik ist mit einem selbständigen, der Türkei befreundeten Regime der Sürstentümer besser 
gedient als mit jedem andern; sie können die Amexion Rumäniens an Ungarn nicht er- 
streben, weil sie die Zahl der nichtmagyarischen Köpfe in ihrem Staatswesen ohne Gefahr 
nicht vermehren dürfen; ebenso wenig können sie das rumänische Nachbarland in den 
Händen irgendeiner fremden großen Macht m sehen wünschen. Ungarn scheint mir also 
wesentlich interessiert bei der CErhaltung und dem Gedeiben des jetzigen Zustandes und der 
Herrschaft Curer Hoheit. ISch kann mir kaum denten, daß jemand, der Curer Hoheit 
anders riete, der Verstimmung und Mißtrauen zwischen beiden Ländern zu fördern suchte, 
nicht von einer fremden MWacht bestochen oder von der Hoffnung auf Erneuerung der 
Hospodaren-Wirtschaft verführt sein follte. 
öch hoffe, Cure Hoheit können wenigstens auf einen wesentlichen Teil der vorhandenen 
Truppen schon jetzt für jede rechtmäßige Benutzung im Innern zählen, oder sebe doch voraus, 
daß Ihr Verhältnis zu den Truppen, daß die persönlichen Beziehungen Curer Hobeit zu 
den Regimentern in kurzem zu dieser Sicherheit gelangen. Wenn und sobald dies der Sall 
ist, würde ich ehrerbietigst zu einem sehr festen, auf Biegen oder Brechen berechneten Auf- 
treten gegen alle diejenigen Elemente raten, welche Cure Hobeit in Händel mit der Pforte 
oder mit Ungarn zu verwickeln bemüht sind. Alle Aationen und die meisten Regierungen 
Europas verlangen gegenwärtig dringend nach sichern Griedenszuständen, und alles, was 
Eure Hobeit zur Erhaltung und Befestigung derselben, unter offner Kundgebung, daß es 
für den Frieden geschieht, tun, wird den Beifall Curopas haben, wie auch die vermieteten 
Seitungen der Kriegsintriganten dagegen schreiben mögen. GSlauben Eure Hoheit aber 
nicht die Macht in Händen zu haben, um die Leute unschädlich zu machen, welche für 
fremdes Geld den Grieden und die Sicherheit der Herrschaft Curer Hobeit gefährden, dann 
wüßte ich eigentlich kaum, was einen Herrn von so hohem Haufe wie Cure Hobeit bewegen 
könnte, eine undankbare Aufgabe weiter zu führen. 
Cure Hoheit wollen die Aufrichtigkeit meiner Sprache meiner warmen Teilnahme an 
Höchstdero Zukunft zugute halten und zugleich entschuldigen, wenn ich manche Dinge nur 
andeute, die ich mit sichern Leuten unumwundener besprechen würde; selbst ein Seldjäger 
kann verunglückkeen, und man weiß dann nicht, wer den Brief öffnet. 
Aus dem Leben König Karls von Rumänien, I, 331 ff. 
*1305. Erlaß an den Gesandten in München 
Frelherrn von Werthern. 
[Konfzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.] 
Vertraulich. Berlin, den 4. Sebruar 1869. 
Aachdem die Anstände beseitigt sind, welche einen Aufschub des Susammentretens der 
Liquidationskommission batten wünschen lassen, richte ich an Cw. pp. unter dem beutigen 
Tage einen Erlaht, durch den die mittels gefälligen Berichtes vom 16. Oktober v. J. ein- 
gereichte Aote des Sürsten Hobenlohe beantwortet wird. 
4 Slehe das folgende Schriftstück.
        <pb n="554" />
        540 Sũddeutscher Vertrag vom 10. Oktober 1868 über Errichtung einer Festungskommission. 
Die darin berücksichtigte eigentümliche Stellung Hessens macht es notwendig, auch von 
bier aus eine auf die Liquidationskommission bezügliche Mitteilung an die Großherzogliche 
Regierung zu richten. Ich möchte damit nicht gern der Einladung des Sürsten Hohenlohe 
moorkommen und ersuche Ew. pp. deshalb ergebenst, demselben in meinem Na#men und 
unter Hervorhebung dieses meines Motios den Wunsch auszusprechen, daß er mich von 
dem Tage, an welchem die Einladungen abgehen werden, vorber vertraulich in Kenntnis 
letzen möge, damit ich es so einrichten könne, daß seine Einladung und meine Mitteilung 
ungefähr m gleicher Seit in Darmjtadt eintreffen. 
Sw. pp. wollen gefälligst Ihre Berichte in dieser Angelegenbeit, obwohl dieselbe von 
Bundeswegen betrieben wird, an das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten 
Kuvertieren lassen. 
*1306. Erlaß an den Gesandten in München 
Fresherrn von Werthern. 
[Konfzept von der Hand des Vortragenden Aats Bucher.] 
Berlin, den 4. Sebruar 1869. 
Ew. pp. haben mittels Berichtes vom 16. Cktober v. J. dem Königlich Preußischen 
Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten eine an Sie gerichtete Aote des Gürsten 
Hohenlohe vom 14. überreicht, laut deren der letztere im Mamen und Auftrage der Re- 
gierungen von Bayern, Württemberg und Baden Abschriften des von den genannten drei 
Staaten am 10. desselben Monats unterjeichneten Vertrages über die Errichtung einer 
Sestungskommission und des darauf bezüglichen Protokolles von gleichem Datum zu über- 
senden und zugleich im Verfolg der zwischen der Königlich Preußischen und der Königlich 
Baprischen Regierung gepflogenen Korrespondenz der ersteren die Bezeichnung des Tages 
der Eröffnung der Kommission zur definitiven Auseinandersetzung über das bewegliche 
Eigentum des vormaligen Deutschen Bundes anheimzustellen die Geneigtheit hat. Diese 
Note ist von dem preußischen Ministerium den bestehenden Kompetenzverhältnissen gemäß 
an das Bundeskanzleramt abgegeben worden. 
Ew. pp. ersuche ich ergebenst, dem Sürsten Hohenlohe für die Mitteilung der beiden 
Dokumente vom 10. Cktober verbindlichst m danken mit der Bitte, denselben Dank an 
die Regierungen von Württemberg und Baden übermitteln zu wollen. Die Stellung des 
Norddeutschen Bundes zu den in jenen Dokumenten enthaltenen Vereinbarungen wird 
einen der Gegenstände der Ausei handlungen bilden, zu denen wir nach 
wie vor bereit sind, und deren Eröffnungstag zu bestimmen Seiner Durchlaucht unsererseits 
ganz ergebenst anheimgestellt wird. 
Die von Seiner Majestät dem Könige von Preußen im Namen des Norddeutschen 
Bumdes zu ernennenden Bevollmächtigten werden in der Lage sein, die erfolgte Abwicklung 
der Reste nachmweisen, welche aus der auf Grund des Artikels 7 des Drager Sriedens in 
Frankfurt bewirkten Auseinandersetzung verblieben waren. 
In betreff der Einladungen bitte ich, Seine Durchlaucht darauf aufmerksam m machen, 
daß an die Großber#oglich Hejlische Regierung in Betracht, daß die Vertretung derselben
        <pb n="555" />
        Preußens Drogramm für die Liquidationskommission. 541 
durch den Vorddeutschen Bund überhaupt und namentlich in betreff der territorialen 
Interessen von Mainz nicht vollständig gedeckt ist, eine besondere Einladung zu richten 
sein dürfte. 
Sw. pp. ersuche ich ergebenst, dem Königlich Bayrischen Ministerpräsidenten diesen 
Erlaß vorlesen und eine Abschrift desfelben binterlassen zu wollen. 
*1307. Erlaß an den Gesandten in Stuttgart 
Frelherrn von NRosenberg. 
(Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.) 
Vertraulich. Berlin, den 6. Gebruar 1869. 
Ew. pp. erbalten in der Anlage Abschrift zweier Erlasse, welche ich unter dem 4. d. M. 
in betreff der Liquidationskommission an den Königlichen Gesandten in München gerichtet 
babe:. Diese Militteilung ist zunächst nur zu öbrer perfönlichen Orientierung, nicht für 
irgend einen Schritt bei der württembergischen Regierung bestimmt. Bayuern hat den 
Antrag auf Auseinandersetzung gestellt und, uugleich im Auftrage der beiden anderen Jüd- 
deutschen Staaten uns den Vertrag über die Errichtung einer fjüddeutschen Gestungs- 
kommission mitgeteilt; unser in dem Erlaß Nr. 15 enthaltenes Empfangsbekenntnis über 
diese Mitteilungen ist ausdrücklich auch an die Adresse von Württemberg und Baden ge- 
richtet: es entspricht also der geschäftlichen Sachlage und der Rückeicht gegen den Fürsten 
Hohenlohe, abzuwarten, daß er von dem genannten Erlasse in Stuttgart und Karlsrube 
Kenntnis gibt. Sollten aber Ew. pp. wahrnehmen, daß die Mitteilung ungenau erfolgt 
oder in Stuttgart mißverstanden sei, so wollen Sie gefälligst dem Sreiherrn von Varnbüler 
den Erlaß Nr. 15 vertraulich mitteilen; der Wortlaut ist so einfach und klar, daß er jedes 
Miß verständnis beseitigen wird. 
Auf die in Ew. pp. Bericht vom 3. d. M. NAr. 7 erwähnte Anfrage der baprischen Re- 
gierung, was wir in der Liquidationskommission vorschlagen würden, habe ich geantwortet: 
Fortsetzung des gemeingchaftlichen CEigentums an dem Material der ehemaligen Bundes- 
festungen mit wechselseitiger Inspizierung. Dieselbe Auskunft ist dem Sreiherrn von 
Spitzemberg gegeben worden. Ew. pp. wollen ein Sespräch über diesen Segenstand 
nicht suchen, dem ja gerade die kKommissarischen Verhandlungen gewidmet sind. Sollte aber 
Herr von Varnbüler diesen unseren Vorschlag besprechen und in dem Sinne, wie nach Ew. 
pp. Bericht vom 3. d. M. m erwarten ist, so bitte ich ergebenst, ihm folgendes m sagen: 
Eine Modalität, durch welche Norddeutschland um eines unberechtigten Mißtrauens willen 
ausgeschlossen werde von jeder Mitwirkung bei der Aufsicht über ein Material, was zum 
größeren Anteil norddeutsches Cigentum ist, eine solche Modalität sei absolut unannehmbar, 
schon deshalb, weil sie vor dem Reichstage nicht zu vertreten sei. Mitaufsicht sei nicht nur 
ein Recht, sondern eine nicht ohne schwere Berantwortlichkeit zu vernachlässigende Pflicht 
des Miteigentümers. Herr von Varnbüler möge heute über der öffentlichen Meinung in 
Frankreich nicht vergessen, daß sich künftig die öffentliche Meinung in Deutschland über 
diesen Gegenstand äußern werde. Wenn wir aus Surcht vor Frankreich nicht einmal in 
dieser inoffensliven Weise uns mit unserem gemeinsamen Eigentume und dem Ver- 
1 Siehe Nr. 1305 und 1306.
        <pb n="556" />
        542 Finanzregulierung mit Srankfurt a. M. 
teidigungssufteme Deutschlands sollten beschäftigen dürfen, so würde das uns in NDord- 
deutschland den Eindruck machen, daß wir Gefahr liefen, propter vitam vivendi perdere 
Causam. 
*1308. Immediatbericht. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Vats Wehrmonn.n 
In die jahrelang sich binfiehenden Verhandlungen über die finanzielle Auseinandersetzung 
mit der ebemals Greien Reichsstadt Frankfurt, die durch deren Sinverleibung erforderlich ge- 
worden waren (ogl. dazu vor allem R. Schwemer, Geschichte der Sreien Stadt Srankfurt a. M., 
III. 2, S. 468 ff.), bat sich Bismarck, nachdem er sich im August und September 1867 gegenüber 
dem einfeitig die fiskalischen Interessen vertretenden Finanzminister Sreiherrn v. d. Heudt in 
wesentli er Übereinstimmung mit dem König und dem Kronprinjen (ogl. Ar. 831, 832, 860, 862) 
für eine die Interessen der Stadt mebhr berücksichtigende Regelung eingesetzt hatte, nur noch 
wenig eingegriffen. Sein anfängliches Wohlwollen für die Stadt, in der er so lange als 
Bundestagsgesandter gelebt batte, wurde freilich im Laufe der Jahre 1867 und 1868 stark 
durch die berausfordernde Art beeinträchtigt, in der die Stadt Frankfurt ihren Wider- 
stand gegen den ihr von preußischer Seite angetragenen ARejeß immer mehr verschärfte. Da 
auf dem Verhandlungswege eine Einigung nicht erjielt werden konnte, beschloß das Preußische 
Staatsministerium, nachdem ein Gutachten des Kronfspndikats eingeholt war, die Sache auf 
dem Wege der Gesetzgebung zu regulieren. Ende Januar 1868 wurde dem Landtage zu diesem 
Zwecke eine Vorlage unterbreitet, deren Genehmigung durch den König Bismarck freilich om 
26. Januar nur durch das Sugeständnis batte erreichen können, daß der Stadt noch einmal 
direkte Verhandlungen über einen Ausgleich angetragen würden. Der König wünschte, daß 
mit den Verhandlungen über einen Ausgleich der Oberpräsident der Provin) Hessen v. Moeller, 
der einen der Stadt günftigen Standpunkt einnahm, beauftragt und daß er angewiesen werden 
möge, ein großmütiges Angebot zu machen. Im Ministerium war man wohl bereit, den 
finansiellen Ansprüchen der Stadt gemäß den Wünschen des Königs entgegenzukommen, wollte 
aber das Angebot auf direktem Wege und nicht durch Vermittlung des Oberpräsidenten 
v. Moeller ergehen lassen. Am 7. Februar hielt der Finanminister dem Könige darüber Vor- 
trag, der aber bei seiner Ansicht verharrte. Er ließ dem Staatsministerium noch am 7. den 
folgenden Erlaß zugeben: „Rach weiterer Uberlegung des Vortrags des Ministers v. d. Heudt 
von beute mittag, muß ich bei meiner ihm gemachten, aber nicht genehmen Ansicht steben 
bleiben, daß der Oberpräsident v. Woeller sofort telegraphisch Angewaiesen wird, sich nach 
Frankfurt a. M. u begeben, um die Vermittlung mit der Stadt zu versuchen, ausgestattet mit 
der Vollmacht, die quest. 700 600 fl. m konzessionieren und mit fernerer Anerbietung, falls 
lolche in der jetzt abgeboltenen Staatsministerialsitzung noch beliebt werden sollte. Wenn, wie 
leider vorherzuseben ist, diese Vermittlung auf dieser Basis nicht zum Siele führt, so ist mein 
Sewissen berubigt, den Geletzesweg weiter zu verfolgen — sonst aber nicht“ 
Berlin, den 8. Gebruar 1869. 
Ew. Königlichen Majestät Allerhöchster Erlaß vom gestrigen Tage, betreffend die 
Finanzregulierung der Stadt Frankfurt a."'Main ist gestern in der Sitzung des Staats- 
ministeriums beraten. Nach sorgsamer Erwägung aller Verhältnisse haben jämtliche 
„Dem Ministerpräsidenten. — Einverstanden mit der der Stadt Slrankfurt) a. M. m machenden Er- 
öffnung in der Falsung, die mir so eben vorgelegt worden ist. Dagegen bleibe ich bei meiner Anordnung 
ehen, daß der pp. von Woeller sich sofort nach Slrankfurtj a. M. zu begeben hat, um der Stadt den Com- 
promiß mit Julegung der 756 ooo fl. dringend zu emp ehlen, während auf seine weitergebenden Vorschläge 
nicht einzugehen sei, wie dies der Crlaß des FSinanz-Ministers, welcher mir vorlag, demselben ausführt. Daß 
der pp. von Moeller wegen des Wechsels seiner Ansicht nicht geeignet sei, diese Vermittlung zu übernehmen, 
kann ich schon desbalb nicht finden, da in dieser ganzen Angelegenbeit vielfach, auch von anderer Seite ver- 
schiedentlich modificirte Auffasfungen lteltgesunden, beben wlne ur Modisication der Behandlung der 
ü in 8. ilhelm 
· t tdesDein-etinderStastsmiailterialfitsungovms.sebtu0kv«,0kp und der 
— borstebene Verfügung an den Oberpräsidenten v. Moeller demgemäh modifiziert 
sei und noch am 
Ar. 1326.
        <pb n="557" />
        Differenjen ꝛwischen Wilhelm I. und dem Staatsministerium betr. Frankfurt a. M. 543 
Staatsminister sich damit einverstanden erklärt, der Stadt im Wege des Vergleichs noch 
eine weitere Entschädigung von 756 ooo fl. (den Betrag der amortisierten Eisenbahnschuld) 
anzubieten, wenn die Stadt innerhalb acht Tagen einen solchen Bergleich abschließen will, 
so daß die Verbandlung in dem Abgeordnetenhaufe über den vorgelegten SGesetzentwurf 
keine Verzögerung erleidet. 
Größere Zugeständnisse hält das Staatsministerium für untunlich, weil man sich damit 
zu weit von der Basis des Kronfundikats--Gutachtens entfernen und keine Aussicht haben 
würde, zu solchen Bewilligungen die auch bei einem Bergleich notwendige Genehmigung des 
allgemeinen Landtags zu erlangen. 
In betreff der Sorm der weiteren Bebandlung dieser Angelegenheit ist das Staats- 
ministerium der Ansicht, daß es am geratensten sei, das obige Anerbieten direkt an den 
Magistrat in Grankfurt al Main mittels einer Verfügung der Minister der Sinanzen und 
des Innern zu richten. Diese Verfügung würde heute abgeben, eine feste Grundlage für die 
Beratung der städtischen Behörden bilden und am schnellsten dazu führen, daß die Srage, ob 
ein Vergleich möglich ist, gelöst wird. 
Von einer Absendung des Oberpräsidenten von Woeller nach Frankfurt am Main 
glaubt das Staatsministerium um deshalb abraten zu müssen, weil eine Vergleichung 
seines letzten gestern eingegangenen Berichtes mit früheren Berichten ergibt, daß der 
Oberpräsident von Moeller in seiner Auffassung von dem Maße billiger Zugeständnisse 
und von der rechtlichen Grundlage des jetzt eingeschlagenen Weges der Gesetzgebung 
geschwankt hat. Das Staatsministerium beforgt daher, daß eine mündliche Verhandlung 
des Oberpräsidenten von Woeller mit den städtischen Behörden nicht dam beitragen würde, 
diese von ihren unerfüllbaren Sorderungen berabzustimmen, vielmehr leicht die Hoffnung 
auf weitere Zugeständnisse erwecken und somit mehr schädlich als nützlich wirken würde. 
Indem ich Ew. Königlichen Moajestät im Auftrage des Staatsministeriums das vor- 
stehende Refultat der gestrigen Beratung ehrfurchtsvoll berichte, bitte ich alleruntertänigst, 
buldreichst zu genehmigen, daß die Minister der GSinanzen und des Innern beute 
die Verfügung wegen der vergleichsweise anzubietenden 756.000 fl. an den Magistrat 
in Frankfurt am Waoin erlassen dürfen. 
*1300. Telegramm an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Cigenbändiges Konzept.] 
Rach einem Telegramm des Grafen Solms vom 10. Gebruar (Nr. 28) hatte der Direktor. 
der „Correspondance Havas“ Zawardl aus München eine Meldung der „Bagyerischen Landes- 
leitung“ erhalten, wonach Bismarck die süddeutschen Staaten Jur Kriegsberritschaft für den 
1. April mit dem Hinzsügen aufgesordert bätte, daß Srankreich und Österreich dasfelbe täten. 
Vach Solms wünschte Jaward#z die Aünchener Aeldung (ogl. zu ihr auch Ar. 1322) nur mit 
einem authentischen Dementi m verbreiten. Solms' Telegramm schloß mit den Worten: 
„Wenn Ew. Exsellen; von Verlin aus dementieren und mir ebenfalls Dementi durch Telegramm 
mugeben lassen, schicke ich es sofort an die „Correspondance Havas“.“ 
Berlin, den 10. Sebruar 1869. 
Tellegrammj] 28 erhalten. 
Ich würde so wunderlichen Erfindungen zu viel Ehre erweisen, wenn ich durch Demen- 
tirung derselben mugeben wollte, daß sie eines Dementi überhaupt bedürfen. Lassen Sie
        <pb n="558" />
        544 „Wunderliche Erfindungen“ der „Bayperischen Landeszeitung“. 
Herrn Sawardg drucken, was er will, die Lächerlichkkeit wird auf ihn zurückfallen; aber 
nehmen Sie golche Improvisationen nicht so ernsthaft, daß Sie deshalb telegraphiren. Wir 
haben weder Seit noch Geld dazu übrig. 
*1310. Erlaß an den Geschäftsträger in Darls 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
([(Konzgept von der Hand des VBortragenden Rats Bucher.] 
Berlin, den 1 1. Gebruar 1869. 
Sw. pp. haben durch Ihr Telegramm Nr. 28: den Wunsch zu erkennen gegeben, daß 
ich eine angebliche Aachricht der „Bayerischen Landeszeitung“, ich hätte die süddeutschen 
Staaten zur Kriegsbereitschaft für den 1. April aufgefordert, dementieren möge, und 
haben, wie nach Ihrem Telegramm vorauszufetzen ist, es von meinem Dementi abhängig 
gemacht, ob Sie die Nachricht dort dementieren wollen. Es würde mir lieb sein zu 
erfahren, daß diese Voraussetzung nicht zutrifft, daß Sie vielmehr der Vachricht sofort den 
Stempel der Lächerlichkeit aufgedrückt und auch nicht den Schein eines Sweifels haben 
aufkkommen lassen, der bei Shrer Stellung fselbst den ungebeuerlichsten Erfindungen einen 
gewissen Kredit geben würde. 
Bevor es zu so ernsten Maßregeln wie die bejeichnete kommen könnte, mu welchen 
in der ganzen Welt augenblicklich kein Anlaß vorliegt, und welche mit unserer ganzen 
Ihnen bekannten friedlichen Haltung in grellem Widerspruch stehen würden, hätten Ew. pp. 
ganz sicher in unfserer telegraphischen und schriftlichen Korrespondenz etwas gefunden, was 
auf eine veränderte Haltung der Königlichen Regierung schließen ließe. Wir würden 
eine so wichtige Stelle wie die Botschaft in Paris bei einem gänzlichen revirement 
unserer Politik nicht ununterrichtet lassen. Ich bedauere daher, daß Sw. pp. nicht jene 
Erfindung von Haufe aus als das behandelt haben, als was sie uns hier erscheint, und 
eine Dementierung als zu viel Ehre für dieselbe von der Hand gewiesen. Sch spreche bei 
dieser Veranlassung überhaupt die Bitte aus, auf die Erscheinungen der dortigen Presse 
nicht soviel Gewicht legen zu wollen, daß Sie uns den Inhalt der Blätter telegraphieren, 
es sei denn, daß es sich um das „Journal Officiel“ handelte. Der Inhalt aller übrigen 
Blätter und die Ansichten ihrer Redakteure haben nicht eine solche Bedeutung für uns, 
daß wir nicht 24 Stunden später noch unsere etwaigen Entschließungen darüber fassen 
könnten. Die Widerlegung falscher Rachrichten ersuche ich Ew. pp. ohne Anfrage bei 
mir denjenigen Blättern, welche sie interessiert, zukommen zu lassen, davon ausgebend, daß 
das Ministerium Sie von jeder irgend erheblichen TCatsache in Kenntnis hält, und daß 
solche Sensationsnachrichten, wenn Shnen davon auf amtlichem Wege nichts bekannt ist, 
ausnahmslos als Erdichtungen behandelt werden können. Dieses Verfahren ist um so 
notwendiger, als die Berichtigungen, wenn sie von bier ausgehen, in Paris verspätet 
erscheinen und auf den Punkten, gegen welche sie gerichtet sind, mehr reizen würden. 
Durch Ew. pp. telegraphische Meldungen in dem vorliegenden Salle und in betreff der 
Instandsetzung von Wainz empfange ich den Eindruck, daß Sie den Seitungsnachrichten 
und den in den journalistischen Kreisen kursierenden Gerüchten, welche so häufig ihren 
1 Vgl. Nr. 1309, Verbemerkung. 
* Vgl. dam Nr. 1313
        <pb n="559" />
        Celegrammadressen an depossedierte Sürften. 545 
Ursprung müßiger oder böswilliger Erfindung, nicht selten der Börsenspekulation ver- 
danken, ein zu großes Gewicht beilegen, und ich ersuche Ew. pp. dringend, sich durch 
üÜberschätzung dieser Erscheinungen in SIhren eigenen Auffassungen nicht beirren zu lassen. 
Ew. pp. wollen sich bestimmt darauf verlassen, daß Sie NAachrichten von der Wichtigkeit, 
wie die vorliegende, nicht durch eine baprische Seitung zweiten Ranges merst erfahren 
werden. 
*1311. Erlaß an den Gesandien in Oldenburg 
Prinzen zu Isenburg-Büdingen. 
. tAdIchkiktj 
Vertraulich. Berlin, den 11. Februar 1869. 
Dem Erlasse vom 9. d. M.", betreffend die Adressen von Telegrammen an depossedierte 
Fürsten, erlaube ich mir noch einige vertrauliche Bemerkungen binzuzufügen. 
Ew. pp. lind jetzt vollständig davon unterrichtet, daß meine Snstruktion vom 
28. Dezember v. J# auf der Voraussetzung beruhte, die souveränen Jürsten des ARord- 
deutschen Bundes würden in ihrer Korrespondenz mit depossedierten Standesgenossen aus 
eigenem Antriebe Sormen beobachten, welche mit dem bestebenden Staatsrecht verein- 
bar sind. s 
Diese Voraussetzung hat sich rücksichtlich Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs 
von Oldenburg nicht bestätigt, ohne daß ich m erkennen vermöchte, welche Anschauung 
das entgegengesetzte Verfahren herbeigeführt hat. 
Es darf Kein Iweifel darüber aufkommen, daß ein König von Hannover gegenwärtig 
nicht existiert; ebensowenig ein König von Srankreich oder ein König beider Sizilien. 
Würde ein von einem Legitimisten an den Herrn Grafen v. Chambord unter der Adresse 
„an den König von Grankreich“ gerichtetes Telegramm von irgendeinem französischen 
Beamten, ein „an den König beider Sijilien“ adressiertes von einer italienischen Behörde 
befördert oder auch nur zum Transit zugelassen werden? würden nicht außerdem die Per- 
sonon, welche sich solcher Adressen zu bedienen versuchen, als Gegner der bestebenden 
Einrichtungen angesehen werden? 
Seine Königliche Hoheit der Großberjog hat gewiß nicht erwogen, dah in der Adresse 
„an die Königin von Hannover" ein Protest liegt gegen den bestebenden staatsrechtlichen 
Zustand, zu dessen Herbeiführung er selbst bundesfreundlich mitgewirkt hat, ein rotest, 
dessen Wiederherstellung Seiner Majestät dem Könige eine peinliche Berlegenbeit bereiten 
würde. õch vertraue daher, daß es nur einer Hindeutung bedürfen wird, um Seine König- 
liche Hoheit zu einem diesseits annehmbaren Verfahren zu disponieren, ermächtige Ew. pp. 
jedoch, nach Shrem Ermessen auch die in dem gegenwärtigen Erlasse angedeuteten Gesichts- 
punkte geltend zu machen. 
1 Aicht ckt, da d 
FE— 7 * urch das Folgende binlänglich chavakterisiert. 
Va 2
        <pb n="560" />
        546 
Lord Clarendons Warnung vor einer Konfiskatlon des welfischen Hausvermögens. 
*1312. Telegramm an den Boischafier in London 
Grafen von Bernstorff. 
lEigenhändiges Konzept.] 
In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 29. Januar war endlich der Kommissions- 
bericht über die Verordnung vom 2. März) 1868, betreffend die BDeschlagnahme des Vermögens 
König Georgs V., erstattet worden. Der Antrag der Kommission ging dahin, die Veordnung 
z3u genehmigen und mit Zustimmung der Regierung durch einen neuen Artikel dahin zu ergänzen, 
daß die Wiederaufhebung der Beschlagnahme dritten gutgläubigen Erwerbern und Cessionären 
gegenüber durch Königliche Verordnung, in allen übrigen Fällen aber nur durch ein Gesetz er- 
lolgen könne. Vach ausgiebiger Debatte, in die auch Bismarck mit ausführlichen Dorlegungen 
über die welfische Dropaganda, die Welfenlegion usw. (liebe den Text der Bismarckschen 
AReden in: Die politischen Aeden des Fürsten Bismarck, ed. H. Kohl, IV, 103 ff.) eingriff, 
wurden die Kommissionsvorschlöäge mit unerwartet großer Waiorität angenommen. Bgl. daju 
M. v. Sorchenbecks Aufzeichnung vom 2. Februar 1865 (Aus M. v. Forchtenbecks ungedruckten 
Briefen, Deutsche Reoue XXIII. a, S. 155), wonach Bismarck die Absicht gebabt haben soll, 
bei ungewissem Ausgang der Debatte die Kabinettsfrage zu stellen. Im Auslande, insbesondere 
in England und Frankreich, wurden die Außerungen Bismarcks, nach denen König Georg V. 
„sich nach wie vor seinerseits als eine kriegführende Partei betrachte, dadurch den mit 
Preußen geschlossenen Bertrag materiell und moralisch breche, dadurch sein Eigentum nach 
Kriegsrecht in die Hände des Gegners liefere, dem es erreichbar sei“. so aufgefaßt, als werde 
eine völlige Konfiskation des welfischen Hausvermögens ohne Wücksicht auf die Vechte der 
Agnaten beabsichtigt. Cotsöchlich hat Bismarck bei der onalogen Beratung der Beschlagnahme 
des Vermögens des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Heslen, die am 70. Januar im Ab- 
geordnetenhause erfolgte, wenigstens die Möglichkeit einer solchen Konfiskation mit den Worten 
angedeutek: „Der Frage, ob bei direkter oder aktiver Beteiliaung an gewalttätigen Unter- 
nebmungen gegen den Preußischen Staat nicht bis zur vollen Konfiskation der Substanz#ge- 
schritten werden könne, wolle er hier, als noch nicht vorlieqend, nicht nöbertreten.“ Das war 
wesentlich als Schreckmittel gedacht: in England aber glaubte man die innersten Absichten 
Vismarcks Hherauszufühlen. Unter Berufung auf die englische Communis opinio sprach sich 
Lord Clarendon am 11. Gebruar gegenüber Grof Bernstorff gegen eine solche Konfiskation aus. 
die die agnatischen Rechte u. a. des Herjogs von Cambridge, eines nahen Verwandten des 
englischen Königshaufes, bedrobe. 
Berlin, den 12. Gebruar 1869. 
Ar. 20 erbalten. Ich bedaure die von Lord Cllarendon] bekundete Haltung. Wir 
baben nur den Wünschen Englands das Opfer des Vertragsschlusses mit Könlig]) Georg 
gebracht, das Vertrauen auf ehrliche Auslegung auch ohne aus drücklichen Versicht, 
wolches Loftus aussprach, damals theilend. Wir bofften desbalb, die engllische! Regirung 
würde die Täuschung, deren Opfer wir beide wurden, mit uns empfinden. 
der Agnaten sind von der gegenwärtigen Vorlage gar nicht berührt. 
Bürgschaften für Frieden gegeben, würden wir Aufhebung des Segquesters beantragen 
ulnd] auch bewilligt erbalten. Daß wir der Bewilligung des Landtags dazu bedürfen, 
ist leider Solge der von Seiten Cambridge versuchten perfönlichen Einwirkung auf Sleine 
Mlofestät) den König ulnd] die Könligliche) Familie. 
1313. Erlaß an den Geschäftsträger in Daris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
([Konzept von der Hand des Vortragenden Vats Abekon.)] 
Am 5. Februar batte Sraf Solms das Solgende gemeldet: „Ein Diplomat sagt mir, daß 
in Moin) we a allen ue rell Festungen die Vo rasiert ollrden. * Kaiser Rapoleon 
habe sich besorgt geäuhert wegen des Lärms, den dies in der Presle machoen würde.“ In 
4 Vgl. dazm Ar. 1209, Vorbemerkung. 
Die Rechte 
Sobald ausreichende.
        <pb n="561" />
        Fürst Metternichs preuhemfeindliche Instnuationen. 547 
leiner Trwiderung vom gleichen Tage hatte Bismarche alle bezüglichem Gerüchte als mühige 
Ersindungen bejeichnen lassen. Aus einem Berichte des Grasen Solms vom 9. Sebruar ersah 
Diemarch *( daß mit jenem Diplomaten der österreichische Botschafter Fürst Metternich ge- 
meint gewesen war. 
Vertraulich. Berlin, den 12. Sebruar 1869. 
Aus Ew. pp. gefälligem Bericht Nr. 51 vom 9. d. M. ersebe ich, daß Sürst Metter- 
nich der in Shrem Telegramme NAr. 24 vom 5. ej. erwähnte Diplomat ist, welcher hnen 
von der Beunruhigung des Kaisers über die absurde Nachricht von der Nasierung der 
Slacis unferer rheinischen Festungen gesprochen. In diesem Namen liegt nun allerdings 
mgleich die Aufklärung über die Quelle, aus welcher die Machricht selbst stammt. 
Ich kann keinen Sweifel hegen, daß ebenso wie 2. B. die von Ew. pp. erwähnten agita- 
torischen Artikel über Rumänien und die angeblichen preußischen Intrigen dort aus der 
.Wiener Freien Presse“ an Journale wie das „Avenir National“ gelangen, auch der 
österreichische Botschafter selbst die Quelle ist, aus welcher der Kaiser Napoleon die 
Beunrubigung schöpft. welche jener Ihnen gegenüber vorschützt. Ew. pp. baben sich selbst 
gewundert, daß der Kaiser nicht Ihnen, sondern dem Sürften MWetternich über die Sache 
gesprochen; das Verhältnis ist aber vermutlich gerade umgekehrt, und nicht der Kaiser 
hot dem Sürsten Metternich, sondern der letztere dem ersteren von dem angeblichen Gerücht 
gesprochen; und der Fürst hat, um für den Fall, daß dies bekannt werden möchte, vor- 
zubauen, das Prävenire gespielt, und dabei nur die Nollen vertauscht. Seine Bitte um 
Verschweigung seines NMamens batte offenbar nur den Sweck, m verbindern, daß dies 
aufgeklärt werde. Ich würde mich wundern, wenn Ew. pp. dies nicht selbst erkannt haben 
und einem Manno, der in seiner notorischen Feindschaft gegen Preußen so wenig Rück- 
sichten auf die Wahrheit und selbst auf die Wahrscheinlichkeit seiner Behauptungen zu 
nehmen pflegt, in diesen jiemlich durchsichtigen Außerungen ernstlich Glauben beigemessen 
haben gollten. 
Aachschrift. Wie wenig auf die Wahrheitsliebe des Sürsten Metternich m rechnen 
ist, davon gibt mir Cw. pp. gefälliger Bericht Nr. 39 vom 10. d. M. einen neuen Beweis. 
Der Sürst hat Cw. pp. gesagt, er habe dem Grafen von Beust Bericht erstatten müssen, 
weil ich infolge Ihres Berichts mit dem Grafen Wimpffen über seine — des Sürsten — 
Kätigkeit in Paris gesprochen bätten. Ich kann Ew. pp. auf das bestimmteste versichern, 
daß ich nicht allein über Ihren Bericht in betreff des Sürsten, sondern überhaupt 
seit acht Monaten Kkein Wort politischen Inhalts mit dem Grafen Wimpffen ge- 
wechselt babe. Während des ganzen vorigen Sommers und Herbstes war ich von Berlin 
abwesend; seit ich, im Anfang Dezember, bierher mrückkehrte, habe ich gegenüber den 
Mißdeutungen, welchen jedes Wort von mir und von den Vertretern der Königlichen 
Regierung durch die agitatorische Tätigkeit des Leiters der österreichischen Politik aus- 
geletzt war, eine Art diplomatischer Sperre Österreich gegenüber aufrechterhalten und 
infolge dessen jede Unterbaltung über politische Dinge auch mit dem 
“ In dem von Sürst Metternich am 28. Januar erstatteten Berichte (liehe dessen Cext im Öfeer- 
reichischen Rotbuch Ar. J. 6. 11) ist von einer e DBi#ar mit —# nicht die Rede: es 
beißt vielmebr nur: „Tal regu la Cople d'un rapport de notre Envoyé à Berlin dut cite cortalug bruits. 
selon lesuols le Ehanceller federal se seralt plalnt dune facon assez explichte de mon actl- 
vits en matlièere de presse.“ Es F#umte sich also auch um ein Wisverköndnis des Grasen Solms handatn.
        <pb n="562" />
        548 Aufregung der Pariser Presse Uber Bismarcks Reden vom 29. und 30. Januar. 
Kaiserlich Osterreichischen Gesandten vermieden, so daß ich ganz sicher bin, mit dem 
Grafen Wimpffen kein Wort gesprochen m haben, welches zu jener Behauptung des 
Sürsten Metternich irgendwie Veranlassung gegeben haben könnte. 
1314. Erlaß an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Konszept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.) 
1 . k. a a.: „Es gab eine 
Seit bei uns, wo der Friede dedroht schien . Ich sage, der Sriede schien bedroht, und ich 
konn binzusügen: war vielleicht bedroht, er war bedroht aus Mißhverständnissen. Die Spannung 
lauteten: „Vertrag vom Septlember]) 1867 sei nicht Privat-- sondern Staats-Vertrag; contra- 
signire nicht Prloatoerträge. Kein Sriedens-Vertrag, aber Waffenstillstond, den König 
Seorg nicht gebolten hat. Georgs Vorfahren vertrieben die Stuart, gaben ihnen keine Ent- 
schädigung. Die verschiedenen Linien des Hauses Bourbon, welche durch die Umwöälzungen in 
Frankreich, Spaonien, Sicilien ihre Throne verloren, baben Geld-Entschädigungen weder er- 
balten noch beantragt. Jahlten die betbeiligten Staaten ihnen Gelder, so würden sie die- 
Legionen im Auslande zu dilden. Wir haben keinen roberungs-, sondern PVerteidigungs= 
Krleg gegen eine übermächtige Coalition geführt, die Preußen demüthigen usnd] Deutschland 
die Verfassung von 1863, Srankfurter Sürsten-Congreß, auf'wingen wollte. Aicht Eroberung, 
nur Slcherheit für die Jukunft haben wir durch Annexion von Hanover gesucht.“ Erhöhte Be- 
deutung gewann die franjösische Preßkampagne für Bismarck dadurch, daß Benedetti bei ihm 
über dle Haltung der preußischen Presse Klage führte. % ** 
Berlin, den 12. Februar 1869. 
Der Kailerlich Französische Botschafter hat sich, wie ich Ew. pp. bereits telgraphifch 
kurz mitgeteilt, in vertraulichen mündlichen Außerungen über einige Artikel beklagt, 
welche in hiesigen Blättern sehr verschiedener Farbe, der „Torddeutschen Allgemeinen 
Jeitung“, der „Nationalzeitung“, der We jSeitung“, erschienen waren, und welche, 
ungeachtet des sonst so weit auseinondorgohendon Charalters dieser Dlätter, in der
        <pb n="563" />
        Benedetti und die französisch-preuHßische reflesebde. 549 
scharfen Verurteilung des Gebarens gewisser Parifer Zeitungen bei Gelegenbeit der 
Diskussion über die gegen die Hietzinger Umtriebe ergriffenen Maßregeln überein- 
stimmten. " 
Es ist in Sällen einer plötzlich auftauchenden journalistischen Polemik oft schwer fest- 
mstellen, wer den Anfang gemacht, von welcher Seite der Angriff ausgegangen. On 
diesem besonderen Salle ist es ausnahmsweise klar; denn selbst dem unachtsamsten Seitungs- 
leser kann es nicht entgehen, daß die Artikel, über welche Herr Benedetti sich beklagt, 
lediglich Antworten auf ganz unprovozierte und unerwartete Angriffe sind, welche die 
Pariser Journale gegen die preußische Regierung, und zwar gegen deren innere Politik 
gemacht hatten. Wenn Herr Benedetti die Haltung unfserer Presse verfolgt hat, so wird 
er bejeugen müssen, daß das Auftreten derselben Jeit lange und namentlich in der letzten 
Seit ein durchaus freundliches, keine Mißstimmung gegen Grankreich verratendes war. 
Diese im allgemeinen gute Stimmung Konnte. aber nicht verhindern, daß eine so agressive 
Provokation bezüglich einer inneren Angelegenheit Preußens, wie sie sich bei jener 
Gelegenheit ergab, ihre Erwiderung fand; und die spontane Übereinstimmung von Blättern 
der verschiedensten politischen Muancen zeigt eben, wie sehr diese Abwehr in dem gekränkten 
nationalen Gefühle begrünndet war. Wäre es wohl denkbar, daß, wenn biesige Blätter 
von der Stellung und Bedeutung wie der „Constitutionnel“ und die „Patrie“ sich in 
beleidigenden Artikeln gegen die innere Politik Srankreichs und der französischen Re- 
gierung ergingen, die französische Presse dam schwiege? Oder wenn gar hier in Berlin 
ein französischer Orleanist mit Unterzeichnung seines Mamens in biesigen Blättern Diatriben 
gegen das Verhalten der Kaiserlichen Regierung in parlamentarischen Angelegenbeiten in 
die Welt sendete, wie es z. B. der Preuße Simon im „Comstitutionnel“ gegen die preußische 
Regierung tut: würde nicht die ganze französische Presse sich mit gerechter Entrüstung 
dagegen erheben? 
Ich muß noch bemerken, daß in all den Artikeln, auf welche Herr Benedetti auf- 
merksam gemacht hat, nichts vorkommt, was gegen die französische Regierung irgendwie 
gerichtet wäre, sondern daß die in denjselben enthaltene Beurteilung einzelner französischer 
Journale eben nur diese letzteren trifft, und die ganze Polemik daber als eine rein 
journalistische angeseben werden darf. Wie aber sollen wir es deuten, wenn Herr Bene- 
detti diese Dreßpolemik zum Gegenstand vertraulicher Reklamationen macht? Wir haben 
der französischen Regierung gegenüber auf jene Angriffe keinen Bezug genommen, sondern 
den Journalen die Abwehr journalistischer Angriffe überlossen. Sollen wir nun aus dem 
Schritte des Hlerrn] Benedetti schließen, daß die Kaislerliche) Reglierung) die angreifenden 
französlischen) Blätter unter ihren Schutz nehmen ulnd) die unsrigen an der Vertbeidigung 
bindern will:? 
öch nehme gern an, daß Herr Benedetti nicht im Auftrage seiner Regierung gebandelt, 
sondern daß seine vertraulichen Bemerkungen nur einen perfönlichen Charakter gehabt. 
Ich bitte Ew. pp. daber auch, nur in derselben vertraulichen Weise Herrn de Lavalette 
die Überjeugung auszprechen, daß es unmöglich jeine Absicht Jein könne, die von uns 
ganz unprovozierte Polemik mit den französischen Journalen zu beschützen, oder es be- 
fremdend zu finden, daß die preußischen Journale derselben entgegentreten. Bei der 
4 Der Sat eigenbändig von Bismarck.
        <pb n="564" />
        550 Blomarck gegen Reklamationen über Ptesseartikel. 
Empfindlichkeit einer jeden öffentlichen Meinung gegen fremde Einmischung in innre 
Angelegenbeiten beforge ich, daß die Polemik ein weiteres Echo in Deutschland finden 
wordes. 
1313 Erlaß an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Konfept von der Hand des Vortragenden Nats Abeken.] 
Vertraulich. Berlin, den 12. Sebruar 1869. 
Mit Bejugnahme auf meine Mitteilung über die Außerung des Herrn Benedetti in 
betreff der Polemik zwischen den biesigen und den Pariser Journalen muß ich noch 
bemerken, daß es mir nicht erwünscht war, daß Ew. pp. den Artikel des „Con- 
stitutionne!“ von selbst dem Marquis de Lavalette gegenüber zur Sprache gebracht 
baben:. Es geht dies über die Linie hinaus, welche ich mir in Berücksichtigung der An- 
griffe der fremden Presse vorgezeichnet habe ulnd] Jelbst fremden Rektlamationen gegen- 
über aufrecht erbalte“. Ich teile ganz die Ansicht des Herrn de Lavalette, daß man die 
Presse in ihren Kämpfen möglichst sich selbst überlassen muß, und daß es zu üblen Folgen 
führen kann, wenn die Negierungen für eine derartige Dolemik eine Verantwortung 
übernehmen oder fordern wollen: Ich würde sicher niemals einen so viel und so ornst 
beschäftigten Minister wie den französischen Minister der auswärtigen Angelegenheiten 
durch eine NReklamation über Journalartikel eines so unbedeutenden und verächtlichen 
Subjekts, wie es der Renegat Simon ist, behelligen, verlange aber dieselbe Rücksicht von 
Jeiten des Herrn Benedetti. Es sind lediglich die Reklamationen des letzteren selbst, welche 
mich veranlaßt haben, die Sache überhaupt zur Sprache m bringen und dabei zu kon- 
statieren, daß unfere Journale lich im Stande der Abwehr befinden, und dah ibnen dies. 
Recht gegenüber solchen Angriffen wie die vorliegenden unmöglich verschränkt werden 
könne. Es lind nicht die französischen Journale, welche mich veranlassen, Shnen Aufträge 
für Marquis de Lavalette m geben, sondern lediglich das Einschreiten des Herrn 
Benedetti“, welcher, wenn auch nicht in amtlicher und einen Auftrag verratenden Form, 
2 Der Schlußsatz eigenböndlg von Bismarck. 
1315.4 Bgl. Ar. 1314, Vorbemerkung. 
Auftra 
öbnt baben; wenn aber dieser Gegenstond etwa unter den n 
Pen nicht eingegangen, mitbegriffen lein gellte, so muß ich befürchten, daß Sw. pp. denlelben auch dem
        <pb n="565" />
        Berichtigung fallcher Angaben in der framösischen Presse. 551 
doch in markierter Weise die Artikel biesiger Journale zum Gegenstand von. Bemerkungen 
gemacht hat, deren Berechtigung ich weder objektio noch jubjektio anerkennen Konnte. 
1316. Erlaß an den Geschäftsträger in Daris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Konjzept.] 
Am 9. Gebruar datte Graf Solms verschiedene Artikel der „Patrie“ übersandt, die sich 
aus dar oinen Seite gegen die von Preußen in Rumänien espielte Rolle wandten, anderseits 
sich Uber ein angeblich gegen Bismarck geplontes Attentat lustig machten. Was dieses Attentat 
betrifft, von dem auch englische Blätter zu meleen wuhten Horl. Graf Vernstorsffs Brief an 
Bismarckt vom 8. Sebruar, Bismarck-Jahrbuch, ed. H. Kohl, VI, 192), so ging die Kunde dovon 
auf keinen Geringeren als Graf Beuft zurück, der gern die ann egeien m baben 
Icheint, feurige He en Luf dem Saupte leines politischen Gegners zu sammeln. Am 29. Jonuar 
batte Graf mpffen darüber Thile geschrieben: „Ein gewisser Lindner, der in Cübingen 
LKudlert, geheimen S ee anbehör und aus Hannover gebürtig ist, soll den Auftrag er- 
halten baben, den Grafen Bismarck zu ermorden. Vie Mitteilung stammt von einem allerdings 
wenig- verlählichen, aber doch mit revolutionären Abenteurern in Verbindung kebenden Individuum, 
im Auftrage meines Cbefs wollte ich doch nicht verabsäumen, Sie von dieser Notiy ver- 
Waulich in Kenntnis zu letzen. Darauf in Cübingen angestellte Rachforschungen ergaben, daß 
dort sich kein Studierender Mamens Lindner aufhielt. Es gewinnt danach den Anschein, Ele 
ob der Veuftschen Warnung nichts Ernsthaftes zugrunde gelegen habe; immerbin hatte das 
Blindsche Attentat vom Jahre 1866 gejeigt, dah solche Mordprojekte nicht außer dem Bereich 
der Wöglichkeit lagen. 
Berlin, den 12. Februar 1869. 
Cw. pp. ersuche lich) in Bezug auf die in den Berichten vom 9. d. M. (Ar. 52 und 53) 
übersandten Artikel der „Patrie“" vom 9. d. M., den folgenden Bemerkungen in die 
dortige Presse Eingang m verschaffen. Die „Patrie“ hat in ihrer Crörterung der rumä- 
nischen Verhältnisse die Angelegenbeit des Obersten von Krenskun entstellt. Derselbe batte 
sich in Anküpfung an frühere persönliche Bekanntschaft auf Cinladung des Sürsten Karl 
nach Bukarest begeben und zu diesem Zwecke einen Urlaub nachgesucht und erhalten, 
welcher in diesem Grühjahr abläuft. 
In demselben Artikel ist der Generalkonsul Graf von Kepferling als „Protégé“ des 
Bundeskanzlers dargestellt und hierin der Grund seiner Berufung gefunden. Diese 
kindische Reflexion wäre durch die Erwägung abjzufertigen, daß ein Minister nicht geneigt 
sein wird, etwa Personen, welche er Grund hat gering zu schätzen, auf schwierige Dosten 
zu senden. Sollte der Minister etwa Perfönlichkeiten schwierige Posten anvertrauen, 
welche kein Vertrauen verdienen oder mit den Verhältnissen unbekannt sind? Was den 
Konjul Blücher in Galatz betrifft, so ist derselbe nicht erst jetzt mit Sunktionen an diesem 
Orte betraut worden, sondern daselbst seit etwa zwanzig Jahren in Tätigkeit gewesen. In 
Bezug auf den Artikel der „Patrie“, welcher die NAachricht von einem beabsichtigten 
Attentat auf meine Derson als eine nicht ernst zu nehmende Mitteilung behandelt, 
wäre hervorzuheben, daß es auffallend bei der Redaktion eines geachteten Blattes in 
Grankreich ist, Tatsachen abschwächen oder verkleinern zu wollen, die dort so vielfach in 
der Gestalt von Meuchelmorden Antezedentien haben. Wenn die „Patrie“ die TNachricht 
vom beabsichtigten Attentat in Sweifel siebt, so möge sie sich an die Mitteilung des Herrn 
ANeichskanzlers balten. Es könne nicht angenommen worden, dah der Staatsmann, 
1 Vol. dom Tr. 1216, 1241.
        <pb n="566" />
        552 Mieue Dariser Alarmnachrichten. Votum Bismarcks über Verwendungen aus dem „Welfenfonds“. 
welcher an der Spitze eines großen Neiches steht, einer befreundeten ARegierung in durch- 
aus freiwilliger Weise eine, bloß auf Erregung von Sensation berechnete Witteilung 
gemacht baben sollte. 
*13127. Erlaß an den Geschäftsträger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.)] 
» Berlin, den 14. Februar 1869. 
Ew. pp. wird die Alarmnachricht nicht entgangen sein, welche vor kurzer Jeit die 
„Kölnische Seitung“ unter Berufung auf eine angeblich sehr glaubwürdige Wiener 
Quelle hin verbreitet, daß ein Bündnis zwischen dem Kaiser Napoleon und dem Könige 
Victor Emanuel so gut wie abgeschlossen sein. Auf dasselbe Siel, was in dieser Vachricht 
offen zutage liegt, das heißt, Deutschland mit Unruhe vor französischen Angriffsplänen zu 
erfüllen und das europäische Publikum an eine Situation glauben zu machen, in der 
ÖIsterreich das Sünglein der Wage halten würde, sind, mehr oder weniger direkt, Artikel 
und Andeutungen gerichtet, denen wir in auffälliger Übereinstimmung in denjenigen 
deutschen Blättern begegnen, deren Verbindung mit der Wiener Regierung uns bekannt 
ist. Je mehr Grund einzelne Blätter haben, diese Verbindung ihren Lesern nicht auf- 
fällig werden zu lassen, desto vorsichtiger, versteckter, aber um nichts weniger konsequent 
arbeiten sie in der bezeichneten Richtung. Bringen sie nicht jselbständige Artikel, so heben 
lie aus Artikeln oder Korrespondenjen anderer Blätter gerade das aus, was dem SZwecke 
dient. Ein Beispiel von den Operationen der letzteren Art enthält der beiliegende Aus- 
schnitt der „Bank- und Handels-Zeitung“. 
Ew. pp. ersuche ich ergebenst, diese unsere Wahrnehmung, die ich weiter zu verfolgen 
mir vorbehalte, dem Marquis de Lavalette gelegentlich vertraulich mitteilen zu wollen. 
*1318. Votum an das Dreußtsche Staatsministerlum. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden RNats Wehrmann.] 
Rachdem auch das Serrenhaus am 13. Februar leine Sustimmung zu der Verordnung vom 
2. Wärz) 1868 bejüglich der Beschlagnahme des Vermögens König Georgs V. gegeben batte, 
war am 15. Februar eine Bekanntmachung des Staatsministeriums erfolgt, wonach diese Ver- 
ordnung von beiden Häusern des Landtags genehmigt worden sei. An der Verordnung, nach der 
„aus den in Beschlag genommenen Objekten und deren Revenuen mit Ausschliehung der Aech- 
nungslegung an den König Georg die Kosten der Beschlagnahme und der Berwaltung jgowie der 
Maßregeln zur Überwachung und Abwehr der gegen reußen gerichteten Unternehmungen des 
Königs Georg und seiner Agenten zu bestreiten waren“, war Lmst nichts geändert worden; ins- 
besondere war auch keine Rechnungslegung gegenüber der Volksvertretung Ktipuliert worden. 
Nur war durch ein besonderes, ebenfalls am 15. Februar publisiertes Gesetz bestimmt worden, 
dab die Wiederaufbebung der Beschlagnahme in der Negel nur durch Gesetz erfolgen könne. 
Es wurde nun die Grage dringlich, wie die Revenuen des „Welsenfonds“ m verwenden sein 
hrkrur . 
wen Berlin, den 14. Februar 1869. 
Durch die Gesetze über die Beschlagnahme des Vermögens des Königs Georg und 
des ehemaligen Kurfürsten von Hessen, sobald deren Publikation erfolgt, erlangt die 
ine ähnli icht ging Bismarck am 15. Februar aus Bordeaux pu. In einem darauf ein- 
bente ß# achricht 2* 21. Fedruar bemerkte Bismarck: „Ich glaube nicht an die darin 
Hroebene Nachricht über den 8 eines ertrage wischen Stonkreich, Stalien und Ssterriic es ist 
aber lmmerhin nicht ohne Snteresse, daß der Glaude daran in Srankreich selbst so weit verbrestet ist.
        <pb n="567" />
        Indlrekte Bekämpfung der preuhenfeindlichen Umtriebe. 553 
Staatsregierung die Disposition über eine beträchtliche Revenue von ca. 600 000 Thaler 
jährlich, welche fürr Maßregeln zur Überwachung und Abwehr der gegen Preußen ge- 
richteten Unternehmungen der Depossedierten und ihrer Agenten bestimmt ist. Ver- 
bleibende Überschüsse sollen dem Vermögensstande, refp. einem besonderen Depositum zu- 
geführt werden. Da die gewöhnlichen Überwachungs- und Abwehrmittel der polizeilichen 
Agenten und der Presse jene Sonds bei weitem nicht abforbieren, so wird das Staats- 
ministerium sich darüber entscheiden müssen, welche anderen Maßregeln noch für geeignet 
erachtet werden zur Beförderung aus den obigen Geldmitteln. In Grage gekommen sind 
in dieser Beziehung bis jetzt 
a) Kasernenbauten, um die Soldaten antipreußischem Einfluß der Cuartiergeber zu 
b 
c. 
J— 
J— 
entziehen, 
Straßenbauten, welche teils im militärischen Interesse wichtig sind, teils auf dem 
Gebiete der öffentlichen Stimmung: preußenfeindlichen Agitationen entgegenwirken. 
Ich beziehe mich beispielsweise auf mein an den Herrn Handelsminister gerichtetes 
Schreiben vom 13. d. Al.= betreffend die Anlegung einer Straße von Kellerberg 
nach Rütenbrock an der holländischen Grenze der Prooinz Hannover. 
Bauten zu öffentlichem A#utzen, welche aus den Nevenuen der depossedierten 
Fürsten schon früher bätten ausgeführt werden sollen, deren Ausführung als eine 
rückftändige Verpflichtung jener Gürsten sich betrachten läßt. 
Der abschriftlich beiliegende Artikkel der „Heslischen Morgenzeitung“ vom 
16. Dejember v. J. bringt darüber eine beachtenswerte Ausführung, und der 
Bibliothekar Dr. theol. Bernhardi m Kassel, Mitglied des Reichstages, bat vor- 
getragen, wie nötig es sei, der dortigen Bildergallerie durch Ausbau eines Slügels 
der Kattenburg ein geeigneteres Lokal m verschaffen. Da die Bildergallerie und 
die Kattenburg zum Sürsstlich-Hessischen Familienfideiktommiß gebören, so werde 
ein solcher Bau aus den Uberschüssen der Revenuen dem Stammvermögen des 
Fideikommisses zugute kommen und außerdem vertragsmäßige ARechte des Landes 
wegen Verwendung dieses Vermögens befriedigen. 
Der Oberpräsident von Woeller bezweifelt nach dem abschriftlich beifolgenden 
Bericht vom 19. Januar d. J. die Zulässigkeit der Verwendung der Kurfürst- 
lichen Revenue zu dem gedachten Bau, und der Herr Sinanzminister hat sich in 
einem Schreiben vom 26. Januar“, welches ebenfalls abschriftlich beiliegt, dieser 
Ansicht angeschlossen. Indeß vermag ich das Bedenken nicht zu teilen. Denn die 
Preußische Regierung kann nach meiner Auffassung kaum ein edleres Mittel zur 
Abwehr der gegen Preußen gerichteten Unternehmungen der Depossedierten er- 
greifen, als wenn sie Verpflichtungen gegen die neuerworbenen Landesteile erfüllt, 
deren Vernachlässigung eine Quelle der Unzufriedenheit gegen den früheren Landes- 
berrn war. 
d) Bauten zur Hebung des Seebades Norderney', welches seine Entwicklung wesentlich 
der perfönlichen Sürforge des Königs Georg verdankt. Es scheint mir von Wich- 
tigkeit für die Anschauung in weiten Kreisen, daß die Preubische Regierung für 
Die Worte: „auf dem Gebiete der öffentlichen Stimmung“ eigenbändiger Einschub Bismarchs. 
: Hier nicht abgedruckt. 
* Vol. Ar. 1275.
        <pb n="568" />
        554 Allsährlicher Verwendungsplon für „Welfenfonds“. Serbische Ansprüche auf Bosnien. 
dieses vielbesuchte Seebad nicht weniger, sondern mehr tut, als die frühere Re- 
gierung. Das bisberige umgekehrte Verbältniß erweist sich als wirksames Agi- 
tationsmittel für welfische Zwecke“. 
Sollten den übrigen Herren Staatsministern noch andere Sälle vorgekommen sein, 
welche sich zur Verwendung der in Beschlag genommenen Nevenuen eignen, so dürften die- 
selben jetzt zur Sprache m bringen sein, damit demnächst ein in großen Zügen zu baltender 
Verwendungsplan“ aufgestellt werden kann. 
Sch meinesteils halte die oben aufgeführten Verwendungsarten jämtlich zur Berüch- 
sichtigung geeignet und erbitte darüber ganz ergebenst die erleuchtete Außerung der übrigen 
Herren Staatsminister. 
1310. Erlaß an den Gesandten in Detersburg 
Helnrich VII. Drinzen Reuß. 
[Konjept von der Hand des Vortragenden Nats Abeken., 
Vertraulich. Berlin, den 15. Februar 1869. 
Der Königliche Generalkonfsul in Belgrad berichtet über ihm zugekommene Notizen, 
wonach Serbien bei der Pforte mit Prätensionen auf Bosnien aufztreten denke und diese 
Pläne von dem Gerenten des französischen Generalkonfulats unterstützt würden. Ich würde 
vielleicht auf diese Meldung weniger Gewicht legen, wenn mir nicht aus zwei anderen 
beachtenswerten, von dieser und voneinander ganz unabhängigen Quellen, welche ich nicht 
näher bezeichnen darf, ganz ähnliches in einer Weise mitgeteilt würde, welche mich annehmen 
lassen muß, daß der Gedanke, Serbien auf Erwerbungen in Bosnien hinzuweisen und da- 
Der letzte Satz eigenhändiger Zusatz Bismarchs. 
* Tatlächlich ist, nachdem auch die übrigen Minister in ihren Votis die Zulässigkeit einer indirekten 
Vekämpfung feindjeliger Bestrebungen durch Förderung von Bauten usw. in den neuerworbenen Pro- 
eo#i##o Calern — einschließlich der in den Jahren 1867 und 1868 ausgelaoufenen Gelder — für das Mi- 
nisterium der aouswärtigen Angelegenbeiten und das Ministerium des Innern zjusammen eine Summe von 
212000 Talern um Swecke der Ueberwachung und Abwehr feindjeliger Bestrebungen ausgeworsen. In der 
Folge ist in jedem Jahre in kommissarischen Vorberatungen von Vertretern Jämtlicher Ministerien ein neuer 
Verteilungsplan ausgestellt worden, über den in einer nachfolgenden Staatsministerialsitzung Beschluß gefaßt 
wurde. Späterbin, als die Verteilung der Gelder, von denen das meiste im voraus für Bauten, jäbrliche 
Zuschüsse an Institute ujw. festgelegt war, in der Hauptjsache feststand, erfolgte einfach am Anfaug jedes 
abres eine Mitteilung dos jeweiligen Finanzministers an Bismarcke, wieviel von den Einkünften des 
Welfenfonds noch für das MUlinisterium der auswärtigen Angelegenbeiten und das Innenministerium verfüg- 
bar sei. Im Jabre 1889 bandelte es sich insgesamt nur noch um 511 900 M., im Jahre 1890 um 577 650 M. 
□# 
Pee sleindlicher Bestrebungon in Anspruch genommen wurde, läßt Hh nicht genau übersehen, da eine 
e 
R 
San Iteht fest, W die dem Auswärtigen Amt jährlich neu zur Verfügung gestellten Summen fast m 
i ttgesunden baben können. Beiläufig sei erwähnt, daß der als Agent König Georgs V. ur Be- 
hiche A elegenheiten der Welsenlegion bis März) 1870 in Daris weilende, dann aber in Ungnade 
dasß die frühesten Erbietungen Medi zu Cnthüllungen über die Welfenlegion usw. 
— do- alchon, garo iEe Leesfriche nach Verllig i. Der damals in Var#in weilende Bundes- 
kan#ler maß ibnen auch zunächst wenig Bedeutung bei. Aoch am 2. Juli lieh er durch Bucher on Cbile 
schreiben, daß ibm die Medingschen Eröffnungen elnes Geldopfers nicht wert erschienen. .
        <pb n="569" />
        Gemelnsamkelt der preußischen und itallenischen önteressen. 555 
durch einen Verzicht auf jeden Einfluß auf die Serben in der ungarischen Woywodschaft zu 
erlangen, auf seiten der österreichischen und vielleicht der ungarischen Regierung bereits 
mebr Leib gewonnen habe und schärfer ins Auge gefaßt worden sei, als es bisher den An- 
schein gehabt. 
Ew. pp. bitte ich, dies gelegentlich gegen den Sürsten Gortschakow m erwähnen. Ich 
weifle nicht, daß er seinerseits über diese Verhältnisse ebenfalls und vielleicht genauere und 
vollständigere Rachrichten hat; er wird aber aus Ihrer Mitteilung ersehen, daß wir auch 
nach dieser ARichtung bin auf dasjenige, was die rufsischen Interessen berührt, aoufmerk- 
som find. 
*1320. Schrelben an den stallentschen Gesandten in Berlin 
Grafen von Launay. 
[Konzept von der Hand des Legationsrats von Hahfeldt.) 
Aus Dernhard nsteilangen (Aus dem Leben Th. v. Bernhbardis, VIII, 363) wilslen wir, 
dab Bismarck sich über die Bestrebungen, eine antipreuhische Koalition wischen ÖIlterreich, 
Frankrelch und Italien zustande zu bringen, mindestens seit Ende Aovember 1868 im klaren 
war, wenn er auch an einen erfolgten Abschluß nicht glaubte. Um so eifriger war er bestrebt, 
Italien Lurchr freundliche Behandlung von einem Eingeben auf Lockungen von Daris und Wlen 
der zurückzuhalten. Grade als sich um die Mitte Vedruar die Nachrichten über eine Umwerbung 
Italiens im antipreuhischen Sinn häuften, nahm er die Selesenhset wahr, in Anknüpfung an 
eine italienische Mote vom 20. Januar, die ein usammengeben Preuhbens mit Italien auf der 
* Konferen gewünscht batte, die Gemeinsam eit der beiderseitigen Interessen von neuem 
iu betonen. " 
Berlin, le 15 février 1869. 
C'iest avec un vif intérét due j’ai pris Connaissance de la dépösche de M. le Comte 
de Menabrea en date du 20 janvier dernier due Vous avez bien voulu me communiquer. 
Je me suis empressé de mettre sous les yeux du Roi ce document qui constate de nouveau 
Taccord dui n'’a pas cessé de régner entre les deux gouvernements vis-à-vis du différend 
entre la Turquie et la Crèce. Sa Majesté en me témoignant Sa haute satisfaction de cet 
accord s’est plue à y reconnaitre l'effet de T’identite des interets dui dominent la poli- 
tique de la Prusse et de H’lItalie: et un gage de I’harmonie qui leur est indiquke autant par 
les relations d'amitié’ qui unissent les deuf souverains que par ’analogie des traditions 
historiques et des aspirations politiques des deux nations allemande et italienne. Je saisis 
avec empressement cette occasion pour Vous renouveler, Monsieur le Comte, D’assurance 
de ma haute considkération. 
1321. Erlaß an den Botschafter in London 
Grafen von Bernstorff. 
(Kontjopt von der Hand des Vortragenden Aats Abesken.] 
Berlin, den 15. Gebruar 1869. 
Ew. pp. habe ich schon durch mein Telegramm vom 12. d. M. 1 mein Bedauern über 
die Auffallung ausgedrückt, welche laut Ihres Celegramms Nr. 20 die Mahregeln gegen 
den König Georg und den ehemaligen Kurfürsten von Hessen bei Lord Clarondon gefunden 
2 *'r.— e Borted „S Fe plue ...“ eienbändice Korksttur Bismarcks. 
1321. 1 .rl — es eigenbän ige Korrektur Bismarcks.
        <pb n="570" />
        556 Cuglische Unzufriedenbeit mit Sequestration des welfischen Hausdermögens. 
baben. Ich muß wiederbolt Verwahrung gegen den, wie es nach dem Text Sbres Tele- 
gramms scheint, von ihm gebrauchten Ausdruck einer „Konfiskation des hannöverschen und 
bellischen Hausvermögens“ einlegen; und es ist mir angenehm, daß Ew. pp. sofort gegen 
denselben protestiert baben. An eine Konfiskation dieses Vermögens ist niemals gedacht 
worden; es handelt sich lediglich um eine Sequestration, wodurch der Genuß der NRevenuen 
dem augenblicklichen Autznießer entjogen und es ihm unmöglich gemacht werden soll, die- 
selben, wie er bisher getan, zu Akten der Geindseligkeit gegen uns zu verwenden. Wie 
irgend jemand daraus die zu Lord Clarendon erwähnte lberzeugung schöpfen soll, „daß 
das Vermögen den Agnaten für immer verloren sei“, ist mir vollkktommen unfahlich. Die 
Rechte der Agnaten werden durch diese Maßhregel nicht berührt; und ich habe in allen 
meinen amtlichen Erklärungen im Abgeordneten- wie im Herrenbaufe Sorge getragen, 
dies außer Sweifel zu stellen. Es genügt, mich hierüber auf meine Rede im Herrenhaufe 
am 13. m berufen, in welcher ich über die Rechte der Agnaten wörtlich das in der Anlage 
Entbaltene gelagt babes. 
Ich kann aber nicht umbin, mich zu wundern, daß gerade England eine Unzufriedenheit 
mit unserem Berfahren an den Tag legt. Es wird Lord Clarendon, wenn er auch damals 
nicht im Amt war, nicht unbekannt geblieben sein, daß wir das Opfer eines so kostspieligen 
Vertragsschlusses mit König Georg auf diesen Basen= und namentlich ohne ausdrücklichen 
Verzicht des Königs Georg auf den Thron, hauptsächlich den durch Lord Loftus vertraulich 
kundgegebnen Wünschen der engllischen) Reglierung) gebracht haben". Wir sind damals 
im eigenen Lande auf vielfachen Tadel und Widerstand gestoßen, und zwar nicht nur bei 
der gewöhnlichen Opposition, sondern auch auf streng konservativer und der NRegierung be- 
freundeter Seite, welche das Maß der dem König Georg ohne ausdrücklichen 
Verzicht gewährten Vorteile zu hoch fand. Wir haben diesem Widerstand gegenüber 
die Sache dennoch durchgeführt; aber wir haben das nur tun dürfen in dem Vertrauen, daß 
virtuell doch der Sweck erreicht werden würde, welchen ein ausdrücklicher Verzicht des 
Königs Georg hätte haben gollen, nämlich das Aufbören der aktio feindlichen Stellung und 
der Beunruhigung, welche er durch Agitationen in seinen ebemaligen Landen bervorrief. 
Die englische Regierung sah damals, wie aus allen Außerungen des Lord Auguftus Loftus 
bervorging, die Sache ganz ebenso an wie wir; und sie hat gewiß nicht daran gezweifelt, daß 
der König Georg in diesem Sinne den Vertrag ehrlich ausführen werde. Dies Ver- 
trauen beider Megierungen ist leider getäuscht worden, und meines Erachtens sollte auch 
die Königlich Großbritannische Regierung sich dadurch verletzt fühlen, und müßte es uns um 
so weniger verdenken, wenn wir dagegen und noch dazu innerbalb eines selbst auferlegten 
und auf das Aötigste beschränkten Maßes, Maßregeln der Abwehr treffen. 
Wir werden die Aufhebung des Sequesters beantragen, sobald uns ausreichende Bürg- 
schaften für das Verhalten Könlig) Georgs geeben lind“, und wir baben keinen Sweifel, daß 
wir dann die Zustimmung des Landtags erbalten werden. Daß wir diese letztere in An- 
.2 BSiebe den Text der Bismarchschen Herrenhausrede vom 13. Februar in: Die politischen Reden des 
Sürsten Bismarck, ed. H. Kobl, IV, 13# ff. « 
·DekAeltd-ssahestigenbsndiqerZulatz Bismarcks. 
· . Ar. 1055. 
- # kar- Jobald ...“ eigenböndiger Zusatz Bismarcks, der im übrigen das Komept stark 
gesürnt hat. .
        <pb n="571" />
        Wertherns pessimistische Drognose betr. Bauerns Haltung. 557 
spruch nehmen müssen, und daß ein Gesetz dam erforderlich ist, ist eine unerwünschte Solge 
der perfsönlichen Einwirkungen, welche im nteresse des Herzogs von Cambridge auf die 
Königliche Familie versucht worden sind, und welche auf der liberalen Seite des Haufes 
nicht unbekannt geblieben. 
Ew. pp. ersuche ich, sich in diesem Sinne gegen Lord Clarendon auszusprechen. 
1322. Erlaß an den Gesandten in München 
Fresherrn von Werthern. 
(Konsept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.] 
In einem Berichte vom 14. Seuar batte Sreiherr von Werthern die Cartarennachricht 
der „Bayerischen Landesjeitung", daß Biemarck die südden Lhen Eieoirrungen ausgefordert 
habe, ihre Armeen bis zum 1. April in Kriegsbereitschaft m setzen (ogl. Ar. 1309), behandelt. 
Der Gesandte bemängelte u. a., daß Sürst H Hepenkrae dieser — die auf unverantwortliche 
Nedereien des italienischen Gesandten in München zurückging, aus Rückssichtnahme auf die hinter 
dem Blatte stebende „Mittelpartei“ nur ein verwaschenes Dementi entkgegengesetzt habe. Der 
Vorfall gab Werthern Anlaß, an der schwächlichen und nur wenig Verlah bietenden Haltung 
des banrischen Miisters eine Hlchorse Kritikt zu üben, die in einen Fger. pesfftimistischen Ausblick 
in die Zukunft auslief. Schluh des Verichts lautete: „Das ist die Signatur des Momentes. 
Es ist unnötig, sich jetzt 8 darüber zu bekümmern, daß wir von Königgrä nicht nach M-ünchen 
und Stuttgart marschiert sind und Vabern überbaupt irgendeine Initiative im deutschen Sinne 
ugetraut baben. Aber beute, wo es zwei Jahre sind, daß ich die Ebre habe, bier beglaubigt zu 
ein, wage ich Cuerer Exzellenj mit welltommener. Sicherdelt zu sagen: Erwarten Sie eine Krists. 
lo machen Sie Ihre Rechnung ohne Bauern; denn das Schutz= und Trutzbündnis könnte im 
Momente der Entscheidung zerrissen werden, wider den Willen derer, die es jetzt noch aufrecht- 
erhalten, und die Gesahr wäre dann nur um so öher. Bleibt Bauern wider Verhoffen tren. 
gut; wo aicht- dann vielleicht um so besser. Denn dann ergibt sich das, was u tun ist, um so 
einfacher aus dem, was mon 166 unterlassen bat — und ein anderer Weg zur Einigung Deutsch- 
lands Feitt D0 nich übrig.“ 
Berlin, den 18. Sebruar 1869. 
Ew. pp. gefälliger Bericht vom 14. d. M. Ar. 16 veranlaßt mich, den Wunsch aus- 
msprechen, daß Sie allgemeine und theoretische Konjekkturen über die Sukunft, besonders 
wenn dieselben eine trübe Aussicht eröffnen wie die am Schlusse ausgesprochenen, um 
Gegenftande gesonderter Berichte machen wollen. Die Schlüsse, zu denen Ew. pp. gelangen 
über die künftige Gestaltung der Verhältnisse, in deren Mitte Sie stehen, haben für mich 
perfönlich einen großen Wert; sie erschweren aber, wenn sie mit faktischen Meldungen mu- 
lammengefaßt sind, zuweilen die geschäftliche Behandlung der Berichte. Es geht nicht an, 
die letzteren für den Geschäftsgang zu teilen. Auhßerdem bin ich nicht jedesmal imftande, 
gleichzeitig Latsachen und Erwägungen geltend zu machen, ohne deren Berücksichtigung 
Ihre Auffassungen einen meines Erachtens m deprimierenden Eindruck auf den Leser 
machen. Ebensowenig aber möchte ich in einem solchen Falle durch schweigende Vorlegung 
des Berichtes an Seine Masestät und Seine Königliche Hoheit den Kronprinzen eine Ver- 
antwortung für die Aichtigkeit der darin enthaltenen Konjekturen oder der darin ent- 
baltnen directen oder indirecten Kritik abgeschlossener Phasen unfrer Politik übernehmens:. 
Es ist 3. B. schwer u Jagen, ob unfre Beziehungen zu Süddeutschland jetzt bessere oder 
1 Der Schlus dleses Satst von den Worten an: „ darin... und der Mast des Crlasses. . 
— Julatz Bismarces. Drr voraongesbenbe Ceil —8 * Imtbölt ehnigs Korrekturen von er
        <pb n="572" />
        558 Solms' Pariser Eindrücke und Bismartks Auffassung. 
schlimmere wären, wenn wir 1866 München ulnd) Stutgart befetzt hätten. Aber auch wenn 
ich glaubte, daß wir daran wohl gethan hätten, so würde ich es doch nicht gern auf mich 
nehmen, die Unterlassung dieser Operation dem Könige gegenüber zu critisiren. 
H. Holborn, Bismarck und Freiherr Georg v. Werthern, Archio für Politlk und Geschichte, 
Jahrgang 1925, 478 f. 
1323. Erlaß an den Geschäftsträger in Daris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
4 Bismarcks wiederholte Moahnung, aufgeregten Alarmartikeln der Pariser Dresse keine 
übertriebene Bedeutung beizumessen (ogl. Ar. 1309, 1310, 1315), hatten den Grafen Solms ver- 
anlaht, m zwei Berichten vom 15. und 16. Gebruar „gewissermahen m seiner Entschuldigung“ 
die Gründe darkulegen, warum er dem aufgeregten Gebaren der Pariser Zeitungen, die aus 
Bismarcks Reden vom 29. und 30. Januar (ogl. Rr. 1314, Vorbemerkung) neue Kriegsbesorgnisse 
batten schöpfen wollen, so viel Beachtung geschenkt babe. Er berief sich u. a. auf Auherungen 
des italienischen Gesandten Chbevalier AMigra, der Solms gemahnt hatte, ja auf feiner Hut m 
ein, ferner auf Auherungen des rufsischen Botschafters Graf Stackelberg, der die Lage sehr 
pessimistisch beurteilte und Solms von Andeutungen des Kriegsministers Marschall Niel Kenntnis 
gab, wonach es nach den bevorstehenden Frühjahrswahlen doch wobl zum Kriege kommen worde. 
Tluch ber edem Auhenminister Marquis Lavalette wollte Solms eine nervöse Beunruhigung be- 
merkt baben. 
Vertraulich. Berlin, den 19. Februar 1869. 
Ew. pp. haben in öhren gefälligen Berichten Ar. 62 und 63 vom 15. und 16. d. Al. 
ein Bild der Situation, wie sie in den letzten Kagen in Paris in der in verschiedenen 
Kreisen herrschenden Stimmung und in den daraus fließenden Zeitungsartikeln sich in weniger 
günstigem Lichte darstellte, gezeichnet und finden darin, wie Sie am Schlufse des ersten der 
beiden genannten Berichte bemerken, eine Entschuldigung für die Färbung Öhrer Bericht- 
erstattung in der vergangenen Woche, in welcher Sie Sumptome hervorgehoben, die Sie 
unter anderen Umständen der Erwähnung kaum wert erachtet haben würden. Ich bitte 
Ew. pp. nicht zu glauben, daß es einer Cntschuldigung für öbre Berichterstattung 
bedürfe, und überzeugt zu sein, daß Seine Majestät der König nie etwas anderes von Shnen 
erwartet als ein gewissenhaftes Wiedergeben des Bildes, wie os von Jhrem S-tand- 
punkte aus sich Ihnen darstellt. Ich darf aber auch nicht unterlassen, Ew. pp. von dor 
Auffassung zu unterrichten, welche dieses Bild auf unserm Standpunkt findet, 
welcher nach vielen Seiten hin eine andere Beleuchtung gewährt als derjenige, den Ew. pp. 
in der Mitte all der wechselnden und lebhaften Stimmungen der Pariser Einflüsse ein- 
nehmen. Es ist natürlich, daß in Paris und bei der beständigen Berührung mit den in 
derselben Atmosphäre lebenden Kollegen die Eindrücke andere sind als für den Fern- 
stehenden oder in der heimischen Atmosphäre Lebenden; und ich darf voraussetzen, daß es 
Ew. pp. erwünscht sei, wenn ich Sie wiederholt in den Stand setze, sich von dieser 
Atmosphäre zu durchdringen und den Wert und die Bedeutung der Dinge in öbrer Räbe 
auch von diesem Standpunkt aus zu beurteilen. - 
UmdiesjutumbitteichSw.pp.vorallemdaranfeltzuhalten,dakkwirdenKtieq 
nicht fürchten. Wir sind fern von jeder Überhebung wie von jedem Wunsch nach 
Krieg; aber wir haben auch nach gewissenhafter Prüfung unserer Kräfte wie der des 
eventuellen Gegners die llberzeugung, daß wir einem Kriege mit Frankreich hewachsen sind, 
und daß, wünn auch die Entscheldung in elner höheren Hond liegt, die Chancen des Sleyes.
        <pb n="573" />
        „Wir find fern von jeder Aberhebung wie von jedem Wunsch nach Krieg“. 559 
menschlicherweise zu reden, auf unserer Seite liegen. Ein Krieg ist an und für sich stets ein 
Unglücke; aber daß er ein größeres Unglück für uns sei als für Srankreich, daß wir mehr 
Urfsache hätten, ihn zu vermeiden, als Frankreich, ist ein Gedanke, den wir hier nicht ver- 
stehen. Dies Bewußtsein im Verein mit einer aufrichtigen Sriedensliebe bestimmt unsere 
ganze Haltung Frankreich gegenüber. Darum legen wir auch auf die wechselnden Phasen 
in der Stimmung selbst der leitenden Kreise in Frankreich und auf das zeitweilige Hervor- 
treten feindlicher Belleitäten weniger Gewicht, als Ew. pp. anzunehmen scheinen. Wir sind 
an dieses Schwanken in der Kaiserlichen Politik seit dem Jahre 1866 gewöhnt; und die 
ganze Reihe der Depeschen des Königlichen Botschafters seit jener Zeit gibt uns mehr oder 
weniger dasselbe Bild publizistischer Crregtheit und Anmaßung und drohender Konjekturen 
in wochselnder Gestalt. Wir können ihnen gegenüber nichts anderes tun, als im Bewußt-- 
sein unserer Stärke die vollste Ruhe bewahren, um auch jenseits des Rheins den Eindruck 
immer fester wurzeln zu lassen, daß man uns nicht einschüchtern kann. Wir sind so voll- 
kommen gerüstet, wie unsere innere Organisation es uns gestattet: und hoben eben dieser 
ganzen Organisation wegen auch kein Bedürfnis, unsere Rüstungen und Vorbereitungen 
augenblicklich und um seder zeitweilig wachfenden Aussicht auf Krieg willen sofort m ver- 
mehren. Unsere politischen Beziehungen sind ebenfalls derart, daß sie uns mit Ruhe in die 
Fukunft zu blicken erlauben. Einer unserer besten Bundesgenossen aber ist jedenfalls der 
Eindruck der Furchtlosigkeit, den wir den Granzosen gegenüber fgorgfältig aufrechthalten. 
müssen. " 
SelbltindemsolledahetzdafzdiezeitungspolemilcdetlehteaZeitdieWiklcungund 
das Sumptom einer auch in den leitenden Kreisen weniger günstigen Stimmung wäre, 
wũrden wir immer noch kein großes Gewicht darauf legen. Es mag sein, daß es der 
Kaiserlichen Regierung selbst nicht unangenehm ist, wie Ew. pp. bemerken, wenn die Ani- 
molsität gegen Preußen von Zeit zu Seit geweckt wird, um gegebenenfalls den Ableiter nach 
außen zur Hand m haben. Aber eben darum hat die dadurch bewirkte Polemik in den 
Journalen auch keine andere Bedeutung für uns als die eines Zeichens. daß jenes uns 
bekkannte Bedürfnis seit zweieinhalb Jahren immer noch in der franjösischen Regierung 
vorhanden ist und sich von Seit zu Seit fühlbar macht; und es wird ihre Wirkung am beften 
neutralisiert werden, wenn wir sie sich selbst überlassen und uns darauf beschränken, die 
Dresse in der Presse selbst u bekämpfen. Dies dort zu tun, habe ich Ew. pp. die Mittel zu 
Gebote gestellt! und bin dies auch ferner nach Bedürfnis zu tun bereit, wie denn die von 
Ew. pp. bereits angeknüpften Verbindungen durchaus zufriedenstellend find. Ew. pp. 
können daneben auf die Unterstützung der biesigen Presse, auch was Berichtigungen, 
Dementis oder Abwehr betrifft, rechnen, auch ohne daß Ew. pp. jedesmal besonders darum 
nachsuchen. Doch jiehe ich die Beschränkung der Polemik auf französische Blätter im 
Ganzen vor, weil sie weniger internationale Aufregung verursacht als ein Streit zwischen 
Berlin und Paris-. Ich glaube kaum, daß selbst Herr Benedetti, dessen unrubige Cätig- 
keit sich sonst bemerklich genug macht', die ein zelnen Berliner Journale in seiner offi- 
niellen Berichterstattung mit besonderem Eifer verfolgt und auf ihre Stimmen großen Wert 
1 Vgl. dazu ARr. 1310 und Tr. 1316. 
* Der Satz eigenbändiger Zujatz Blemarcks. 
* Vgl. daju Ar. 1314 und Tr. 1315.
        <pb n="574" />
        560 Bismarck gegen Mühlers Gesetzentwurf betr. klrchliche Ressortwerbältnisse im Beurik Kassel. 
leot“", ulnd] doch haben dieselben, wie ich glaube, für Srankreich nicht weniger Bedeutung 
als die französischen Seitungen für Deutschland. 
Jenen Gesichtspunkt, daß wir zwar gar keine Urfache haben, den Krieg zu suchen, 
aber gewiß nicht mehr Urfsache, ihn zu vermeiden, als Frankreich, bitte ich Ew. pp. auch im 
Verkehr namentlich mit öhren Kollegen niemals z verleugnen. Graf Stackelberg scheint 
die Nervosität, über welche Ew. pp. schon bei der Konferenz m klagen hatten, auch in 
Besiehung auf die Presse u beweisen. Wenn der Chevalier Aigra glaubt, Ihnen doch 
raten zu sollen, scharf zu beobachten, so werden Sie ihm eine solche freundschaftliche War- 
nung dankend zurückegeben und ihm bemerklich machen können, daß Mahnungen an den 
grm der Situation auch bei den Staatsmännern auf der andern Seite wohl angebracht sein 
möchten. 
Es kommt für uns vor allem darauf an, uns durch wechselnde Strömungen und Auf- 
wallungen nicht beirren zu lassen, sondern eine feste und sichere Haltung zu bewahren, welche 
nicht unsere Gegner, wohl aber unfere Freunde ermutigt. 
H. Oncken, Die Abeinpolitik Kaiser Napoleons III., III, 114 ff. 
*1324. Schrelben an den Staatsmintster von Mähler. 
[Kanzleikon zept.] · 
Berlin, den 21. Februar 1869. 
Euer Exzellenz beehre ich mich auf das gefällige Schreiben vom 8. d. M. ganz ergebenst 
zu erwidern, daß ich es unter den obwaltenden Verhältnissen vorziehen würde, von der 
Einbringung des von Ihnen vorgelegten Gesetzentwurfes, betreffend die Ressortwerhältnisse 
der kirchlichen Verwaltungsbehörden im ARegierungsbezirke Kafsel, abzusehen. * 
Denn, wenngleich ich, ebenso wie der Herr Kriegsminister, bei dem materiellen Inhalte 
des questionierten Gesetzentwurfes nichts zu erinnern finde, so glaube ich doch meinerseits 
nicht allein, daß der Entwurf keine Aussicht hat, die Zustimmung des Abgeordnetenhauses 
zu finden, sondern ich würde es auch aus anderen Gründen für bedenklich erachten, den- 
selben in seiner vorliegenden Form und in dem gegenwärtigen Stadium noch einzubringen. 
Soweit ich der betreffenden Diskussion im Abgeordnetenhause gefolgt bin, will man 
dort das Konjistorium überhaupt nicht in Warburg, sondern in Kassel etabliert wissen, und 
der bereits gemachte vergebliche Versuch, sich mit den Abgeordneten aus Hessen m ver- 
Ktändigen, läßt über das Schicksal des vorliegenden Gesetzentwurfes kaum einen Sweifel. 
Es tritt binzu, daß durch die Einbringung, wie es mir scheint, auch die Zwecke nicht 
erreicht werden, welche Cuer Exzellen; dabei im Auge haben. Es wird kaum als ein Ent- 
gegenkommen betrachtet werden oder dam beitragen, das Abgeordnetenbaus m Geld-- 
bewilligungen geneigter zu machen, wenn man demselben durch eine formulierte Gesetzvorlage 
die Überzeugung gewährt, daß die Regierung in der Hauptsache auf ihrer Stellung bebarre. 
Viel eher wird man dort geneigt sein, solches Vorgehen als ein demonstratives gegen sich 
selbst aufzufassen und zu behandeln. " , –4 
Wenn daher, wie dies Ew. Exzellenz selbst aussprechen, für die Sache sonst kein 
dringendes Bedürfnis zu einer solchen Gesetzvorlage vorhanden ist, Jo erlaube ich mir Euer 
SCyzellenz ganz ergebenjt zu ersuchen, die fragliche Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen. 
· Der Aest des Satzes elgerhöndiger Jusotz Biemarcks.
        <pb n="575" />
        Epilog zur Pariser Konferenz. 561 
*1325. Erlaß an den Geschäftstraͤger in Paris 
Grafen zu Solms-Sonnenwalde. 
lsKontept von der Hand des Vortragenden Aats Abeken.] 
Am uls. Februar batte die Schlußsitzung der Dariser Konferen; stattgefunden, nochdem 
sowodl die Pforte wie Griechenland die Konferenzdeklaration angenommen und sich bereit erklärt 
batten, ihre gegenseitigen diplomatischen Besiehungen wiederauffunehmen. In der Schluhsitzung 
konnte der franzölische Bevollmächtigte erklären, dah die in der Konferenz) vertretenen Kabinette 
den Konflikkt, der im Osten auszubrechen im egriff gewesen war, glücklich obgewandt und 
dadurch eine Ursache europäischer Verwicklung entfernt hätien. Der friedliche Ausgang der 
Konsferen: bedeutete einen Triumpb der Dolitikk Bismarcks. Aicht nur war die Anregung m 
der Konferen; von ihm ausgegangen, nicht nur war der Ausgleich der widerstreitenden Interessen 
Auhlands einerseits. IOsterreichs und der Westmächte andererseits vorugsweise seiner ebrlichen 
Waktlertätigkeit m danken, sondern vor allem war es ihm doch gelungen, die Gefahr fürs orste 
abmwenden, daß Preußen um der orientalischen Sroge willen in einen Krieg gelogen wurde, 
der, wenn er überbaupt nicht vermieden werden konnte, im Hinblicke auf das grohe Jiel der 
Cinigung Deutschlands nur um eine deutsche Srage geführt werden konnte und durfte. 
Vertraulich. Berlin, den 22. Gebruar 1869. 
Aus Ew. pp. gefälligen Berichten Mr. 67 und 68 vom 19. d. M. haben Seine Majestät 
der König mit Genugtuung den befriedigenden Verlauf ersehen, welchen die letzten Ver- 
handlungen der Konferen; genommen baben; und es ist mir angenehm, Shnen die aller- 
höchste Zufriedenheit mit der Weise auszusprechen, in welcher auch Ew. pp. m der Er- 
reichung eines für den europäischen Srieden erwünschten Refultats mitgewirkt haben. 
Ncchdem nunmehr dieser Incidenzpunkt als völlig erledigt anzuseben ist und die An- 
gelegenheiten des Orients wieder in die frühere Phase einer größeren Nuhe zurück- 
getreten sind, wünsche ich, daß Ew. pp. auch in Bezug auf dieselben wieder eine gröhere 
Jurückhaltung sich zur Regel machen und auch Außerungen über die mit der griechischen 
Frage etwa noch zusammenbängenden Detailfragen vermeiden. Die griechische Srage hatte 
für uns eben nur die Bedeutung, welche ihr durch die Rückwirkung auf die allgemeinen 
europäischen Verhältnisse gegeben wurde; dah sie an und für sich für uns in zweiter Linie 
stebt, und daß auch die Angelegenheiten des Orients im allgemeinen unser Interesse nicht 
direkt berühren, bitte ich Ew. pp. auch in Shrem Verhalten hervortreten zu lalsen. 
1326. Schrelben an König Wilhelm I. 
[Reinschrift.] : 
Mundes-f augenpolitiichem Gebiete, wo Bismarcks Staatskunst gerade zu Begian des 
Jahres 1869 die vom Orient ber drobenden kriegerischen Gefabren erfolgreich beschworen hatte, 
zwischen König Wilbelm J. und Bismarch ein völliges Einvernebmen bestand, hatte sich in inner- 
politischen und DHersonalfragen mancherlei Reibungsstoff angehäuft. Eine starke Verstimmung 
hatte schon die von Bismarck nachdrücklich gesorderte Entbebung des Gesandten in Sloren; Graf 
Usedom von seinem Dosten (ogl. Ar. 1236, Anm. 3) berbeigeführt; erst am 21. Sebruar deutete 
sich ein Aachgeben des Königs an. Ebensowenig hatte Bismarck von dem MWonarchen die selt 
langem gewünschte enderwaeitige Besetzung wichtiger Posten in verschiedenen Ministerien, so die 
Cnifernung des Unterstaatssekretärs im Ministerium des Innern Suher erreichen können, der 
durch seine Untätigkeit in der Srage der Kreisordnung (ogl. Rr. 1264, Vorbemerkung) Blamarcks 
beftigen Unwillen erregt hatte. Mit steigender Bilterkeit erfüllte es Bismarck auch, dah der 
Konig in Sragen von mehr lokaler Bedeutung sich durch NAebeneinflüsse bewegen lieh, von Cnt- 
scheidungen, zu denen er nur mit Mühe hatte bewogen werden können, wieder zurückzutreten 
und so abgetane Sragen von neuem aufzurollen. Das war 1. V. eingetreten bei dem Vabnban 
Kilsfit—Memel, wo der König (ogl. sein Schreiben an Blsmarck vom 14. Februar, Anhang zu den 
Ge#ken und Erinnerungen, I, 167 f.) durch Dazwischentreten seines Generalodjutanten Frei- 
Vla *“.
        <pb n="576" />
        562 
Die Genesis des Bismarckschen Cntlassungsgesuchs. 
berrn v. Manteuffel, der dos Königsberger Armeekorps befebligte, bewogen wurde, die bereits 
entschiedene Srage von neuem aufjunehmen. Noch mehr irritierte Bismarck die Srage der Aus- 
einandersetzung mit Frankfurt a. M., in der der König durch seinen dort als Dioisions- 
kommandeur siehonden Generaladjutanten v. Boyen (ogl. dant W. v. Tümpling, Erinnerungen 
aus dem Leben des Seneraladjutanten Kaiser Wilhelms I., H. v. Boyen, S. 191 f.), durch die 
als Lady-Datroneß Srankfurts auftretende Srau des Bankiers Metzler, Srau Emma Metzler, 
und vor allem auch durch die Königin Augusta zugunsten der Stadt beeinflußt wurde. Am 
8. Februar hatten sich ja (ogl. Ar. 1308) der König und Bismarck auf der Basis geeinigt, 
der Stadt nochmals einen Vergleich anzubieten, der auf die Sahlung einer Abstandsfumme von 
756 000 Gulden binauslief, bei einer Ablehnung dieses Angebots aber die Angelegenbeit mittels 
Weiterverfolgung der dem Abgeordnetenhaus jugegangenen Vorlage zum Abschluß zu bringen. 
Als eine nach Berlin gekommene Deputation der Stadt jedoch erklärte, den Vergleich nur bei 
einer wesentlichen Erhöhung der Entschädigungssumme in der Bürgerschaft durchsetzen zu können, 
war der König sogleich entschlossen, dorauf einzugeben. Auch Bismarck verschloß sich der Not- 
wendigkeit eines weiteren Cinlenkens nicht und zeigte sich in einer Sitzung des Staatsministeriums 
vom 14. bereit, in eine Srhöhung der Ausgleichsfumme auf zwei Millionen Gulden zu willigen. 
Aber auch damit waren die Frankfurter nicht zufrieden. Eine sehr tumultuarische Bürger- 
versammlung vom 14. verlangte eine weitere Erhöhung auf drei Millionen. Dem Könige lag 
eine friedliche CEinigung mit der für die Stimmung in Süddeutschland maßgebenden Stadt so sehr 
am Herzen, daß er selbst dadurch in der Dolitik des Aachgebens nicht beirrt wurde. Er war 
schon ohne Vorwissen Bismarcks an den Präsidenten des Abgeordnetenhauses v. Forckenbeck 
mit der Bitte berangekreten (oglI.: Aus Max v. SJorckenbecks ungedrucktten Briefen, Deutsche 
Neoue, XXIII, 4. S. 185), daß die Kommission über die Angelegenheit der Stadt Frankfurt a. M. 
nicht eber an das Haus berichten möge, als bis die Deputation der Stadt Srankfurt zurück sei. 
Jetzt ordnete er, wieder ohne Vorwissen Bismarcks, deren Nückkehr nach Berlin an, lieh sie 
auch im voraus von seiner Bereitschaft zu neuem Entgegenkommen in Kenntnis setzen. Bismarck 
war seinerseits schon aus prinzipiellen Gründen gegen eine weitere Nachgiebigkeit. Auf seinen 
Antrag beschloß das Staatsministerium am 20. Februar, nicht über das Angebot von zwei 
Millionen Gulden hinauszugehen, vielmehr dem Könige die Fortführung der gesetzgeberischen 
Aktion zu empfehlen. Dieser aber eröffnete in einem zum 22. einberufenen Kronrat, an dem 
Bismarck wegen eines Unwohlseins nicht teilnahm, daß er sich entschlossen habe, die inzwischen 
wieder in Berlin eingetroffene Frankfurter Deputation noch am gleichen Abend zu empfangen 
und ihr zu sagen: das Staatsministerium wolle sich auf nicht mehr als zwei Millionen einlassen; 
falls die Deputation jedoch auf der böheren Summe beharre, wolle er die dritte Million aus 
seiner eigenen Tasche hergeben, sein Sohn, der mitanwesende Kronprin; werde nichts dagegen 
baben. Als Bismarck biervon nach Beendigung der Sitzung durch den Vortragenden Vat im 
Staatsministerium Wehrmann (ogl. Aus dem Leben des Wirklichen Geheimen Rats O. Webr- 
mann, S. 69) erfuhr, entschloß er sich, gereizt vor allem dadurch, daß der König sich am 21./22. 
auf einen kurzen schriftlichen Meinungsaustausch mit ihm über einen Artikel der „Spenerschen 
Feitung“ (siehe denselben in: Gedanken und Erinnerungen, I, 188 f.) beschränkt, ihm aber nicht 
Gelegenheit geboten hatte, noch einmal mündlich seine Auffallung über die Untunlichkeit der 
Frankfurter Sorderungen vorzutragen, zur Stellung der Kabinettsfrage. Cr entsandte zunächst 
Wehrmann mit der mündlichen Anzeige zum Könige, daß er sich entschlossen habe, um seine Ent- 
lolsung zu bitten, und mit der Abfassung des Abschiedsgesuchs beschäftigt sei. Wehrmann war 
lugleich beauftragt, dem Könige die Gründe des Bismarckschen Entschlusses mündlich darzulegen. 
ie Mitteilung machte den tiefsten Sindruck auf den König. In seiner Bestürzung warf er ein 
Klebr flüchtiges, aber desto eindringlicheres Billet“# (a. a. O., J, 189 f.) bin, in dem er Bismarch 
daran erinnerte, dah diefer ihm erst vor wenigen Monaten gelegentlich der Meinungsverschieden- 
beiten über das Defizit (ogl. Mr. 1201) mgesichert babe, sich nach pflichtmößiger Außerung seiner 
Ansichten stets seinen, des Königs Entschlüssen fügen zu wollen, und in dem er zum Schlusse lein 
erstes „Aiemals“ aussprach. Bismarck war insofern mit dem Billett des Königs nicht m- 
frieden, als dieser darin auf den jüngsten Streitpunkt, die Srhöhung der Frankfurter Ausgleichs- 
summe, überhaupt nicht einging. In einer Besprechung mit Noon am Abend des 22, bielt er 
noch an dem Entschlusse fest, ein im erlten Entwurf (siehe denselben: Bismarck-Jahrbuch, 
ed. H. Kohl, I, 76 ff.) bereits aufgesetztes schriftliches Entlassungsgesuch an den Monarchen zu 
richten. In einem dringenden Schreiben vom 23., das noch die von Bismarck an dem „fast 
ärtlichen Billett des Königs“ geübte Kritik deutlich widerspiegelt (Bismarck-Jahrbuch, a. a. O., 
V. 169 f.) bat Roon den Freund, das Sefuch sedenfalls so zu falsen, dab ein Einlenken mögllch 
bleibe. „Vielleicht baben Sie es noch nicht abgeschickt und können noch daran öndern. Tat- 
sächlich dat Bismarck das Schreiben einstweilen jurückbehalten (ogl. Bismarcks Antwort an 
Aoon vom 23. Februar, Denkwürdigkeiten Aoons, llI, 113). Es ging auch am 23. noch nicht ab. 
da inzwischen ein Erlah des Königs an das Staateministerium eingelaufen war, nach dem er noch 
ein Einlenken des Ministeriums in der Franksurter Angelegenbeit erboffte. Der Erla besagte: 
er hade inzwischen die Franbfurter Deputation empfangen; diele beharre auf den drei Willionen 
sollte das Staatsministerium seinerleits bei dem Entschlah bleiben, nicht über. 1 Millionen bun 
auszugeben, so mlisse es bei seinem Entschluß, das Feblende aus eigener Tasche zuzulegen. 7
        <pb n="577" />
        Das einzige Motiv des Entlassungsgesuchs. 563 
Bewenden baben; darüber möge das Staatsministerium einen Beschluß faslen. In einer Sitzung 
des Staateministeriums om Abend des 23. sezte sich Bismarck nun dafür ein, daß der Finam- 
minister den Re über wwei Millionen abschliehe, und daß dos Angebot des Königs, die dritte 
Million lelbst berzugeben, einfach angenommen werde. In diesem Sinne wurde sofort an den 
König berichtet, der (ogl. sein Schreiben an einen unbekannten Adressaten vom 25. Bebruar, 
Kaiser Wilbelms des Grohen Briefe, Reden und Ehristen, ed. C. Verner, II, 164 f.) in den 
Stohseufrer ousbrach: „O, das geizige Ministerium!“ ei solcher Sachlage glaubte Bismarck 
von einer umfalsenden schriftlichen Darlegung an den König, die jämtliche zwischen ihnen vor- 
bandenen Weinungsverschiedenheiten auf einmal um Austrag bringen follte, nicht absehen zu 
können. In dem Bismarck-Jahrbuch (I, 7 ff.) und danach in dem Anhang zu den Gedanken 
und Erinnerungen (I, 190 ff.) wird eine gegen den ersten Cntwurf wesentlich veränderte neue 
Aedaktion mitgeteilt. Sie ist undatiert, läht aber insofern bereils die Aoonsche Cinwirkung 
erkennen, als sie dem König anbeimgibk, die Entscheidung bis nach der Tagung des erst am 
4. März msammentretenden Neichstags binauszuschieben. Vach einer Angabe H. Kohls im 
Blsmarck-Jahrbuch wäre in dieser zweiten Redaktion bereits die „endgültige Sassung“ des 
Entlassungsgesuches gegeben. Das ist indessen nicht richtig. Die im Hausarchio befindliche 
Reinschrift des Schreibens, die am 24. abgegangen, aber auf den 22. murückrdatiert ut, weist auch 
der zweiten Redaktion gegenüber noch sehr zahlreiche und einfschneidende Veränderungen auf. 
Insbesondere ist der Schluß in einer Weise umgestaltet, daß der auch jetzt noch festgehaltene 
Wunsch nach Entlassung noch weniger quf die AMeinungsverschiedenheit mit dem Könige, peziell 
in der Frankfurter Angelegenheit, um so mehr aber auf das Nachlassen der Gesundbeit Bismarcks 
und seine „innere AMüdigkeit“ mrückgeführt wird. An dem „Aiemals“ des Königs hat das 
Bismarcksche Schreiben eine Anderung nicht hervorgebracht; es gelangt in der königlichen Ant- 
wort vom 26. Sebruar (Anhang zu den Gedanken und Erinnerungen, I, 195 ff.) nochmals um 
Ausdruck, obwohl die Verstimmung des Königs (vgl. A. v. Stoschs Brief an G. Freygtag vom 
9. MAärl, Denkwürdigkeiten, S. 153 und G. Breytags Brief an H. Baumgarten vom 28. März, 
Deutscher Liberalismus im Zeitalter Bismarcks, ed. J. Helderboff. I, a35 f.) noch länger nach- 
gewirkt zu haben scheint. 
Berlin, den 22. Februar 1869. 
Das huldreiche Schreiben, mit welchem Cure Majestät mich beehrt haben, würde mich 
tief beschämen, wenn die Gründe, welche mich nach langem Kampfe zu der durch Wehrmann 
gemeldeten Entschließung bestimmt haben, diejenigen wären, welche Eure Moajestät voraus- 
setzen. Eine einzelne Meinungsverschiedenheit in einer verhältnismäßig so untergeordneten 
Frage, wie es die Frankfurter ist, würde mich niemals zu einem so ernsten und meinem eigenen 
Gefühle so Jehr widerstrebenden Schritte bestimmt baben. Die von Varzin aus bekundete 
Auffassung meiner Stellung in Eurer Majestät Dienst ist noch beut die meinige; ich stütze 
mich nicht einmal darauf, daß Cure Majestät in dem Srankfurter Falle nicht die Snade 
gehabt haben, mich vor Seststellung der allerhöchsten Willensmeinung m pflichtmäßiger 
Außerung meiner Ansicht und meiner Gegengründe m berufen. Die GSrage, ob einer Stadt 
ein Vortheil in Gelde mzuwenden sei, dessen Höhe nach meiner Auffassung mit der Rück- 
sicht auf die übrigen Steuerjahler nicht vereinbar ist, würde mich an sich nicht haben dahin 
bringen können, daß ich zum ersten Male in meinem Leben die Entlassung aus Eurer 
Mojestät Diensten erbat. Mein einziges Motiv m diesem schweren Schritte ist das in den 
letzten Monaten täglich wachsende Gefühl der Unmlänglichkeit meiner Kräfte und meiner 
Gesundbeit für die Erledigung der unabweisbaren Geschäfte. Eure Majestät wollen Sich 
huldreichst erinnern, daß ich zu Anfang des Dezember 1865 zuerst nachhaltig erkrankte und 
seitdem unter stets wachsender Geschäftslast niemals meine Herstellung babe vollständig ab- 
warten können. Wenn ich vor 3 Monaten glaubte, den Geschäften bei regelmäßigem Ver- 
laufe derselben bis auf Weitres wieder gewachsen zu sein, so bat sich dieß als eine Unter- 
schätzung der bevorstehenden Geschäfte herausgestellt. — 
Die Gesammtheit der mir obliegenden Arbeiten ist schon dann nur mit Aufwand aller 
Kräfte zu erledigen, wenn mir jede Erleichterung zu Theil wird, welche in der Auswahl der 
1 Die Aeinschrift trägt den Vermerk von der Hand Wilbelms I.: „Pr. 24. 2. 69“.
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        564 Olfferenzpunkte zwischen Wilhelm I. und Bismarck. 
MWitarbeiter, so wie in dem vollsten Maße des allerhöchsten Vertrauens und der dadurch 
gestatteten Sreiheit der Bewegung liegen kann. ZJu einer unmöglichen aber wird die 
Leistung, sobald sie nicht von dem einbeitlichen Zusammenwirken der berufenen Organe mit 
Curer Masestät getragen wird, oder wenn die erzielte und geschäftlich confstatirte Ueber- 
einstimmung nachträglich wieder in Frage gestellt wird. 
Die Hemmungen, welche in der Griction einer constitutionellen Staatsmaschine liegen, 
haben bisber den regelmäßigen Gang der Seschäfte nicht auffällig gestört. Die Aufgabe, 
über schwierige Fragen die Uebereinstimmung zwischen Curer Majestät und acht Ministern 
herzustellen, dabei die Sühlung mit drei parlamentarischen Körperschaften und ihren Srac- 
tionen nicht zu verlieren und die nötbige Rücksicht auf verbündete und fremde Regirungen 
zu nehmen, hat bisher annähernd gelöst werden können. Die entscheidende Vorbedingung 
dieser Möglichkeit lag, nach meinem ebrfurchtsvollen Dafürhalten, in dem Umstande, daß 
Eure Mojestät niemals, so lange ich die Ehre habe, im unmittelbaren Dienste zu sein, eine 
amtlich festgestellte allerhöchste Entschließung später wieder in Zweifel gezogen, und doß 
Eure Majestät vor Feststellung einer Entschließung jederzeit den von Allerhöchstdeuselben 
dafür verordneten verantwortlichen Minister gehört haben. Wenn dagegen durch Dar- 
stellungen in der Presse, in Briefen oder im mündlichen Verkehr, bei deren Entstehung 
kein Gefühl der Verantwortlichkeit für die HSesammtheit der Geschäfte mitgewirkt 
bat, Curer Mojestät Interesse für lokale Sragen angeregt und voreingenommen wird, oder 
wemn bereits festgestellte Entschließungen in erneuten Verhandlungen die Arbeitskraft der 
Minüster wiederbolt in Anspruch nehmen, so wird leicht, wie es in den letzten Wochen der 
Fall war, die Geschäftslast der berufenen Räthe der Krone über die Möglichkeit der 
Leistung binaus gesteigert, und auch die angestrengteste Arbeit vermag das niederdrückende 
Bewußtsein nicht zu beseitigen, daß die laufenden Geschäfte unerledigt, dringende Pflichten 
unerfüllt bleiben. Die Entmuthigung, mit welcher mich dieses Bewußtsein erfüllt, wird 
vermehrt durch die Wahrnehmung, daß in den Personenfragen die wohlwollenden Tradi- 
tionen der Dienstpragmatik jeden Wechsel minder leistungsfähiger Beamten erschweren; die 
Geschäfte derer, die nicht arbeiten, fallen zum Theil auf die zurück, welche arbeiten. Meine 
Eurer Waojestät vorgetragnen Correspondenzen mit Grlaf] Usedom über seine Dflichtwidrig- 
keiten füllen von 186 bis jetzt Actenbände, an deren Inhalt ich viele Stunden und manchen 
Tag unter körperlichen Leiden und schwerem Drange andrer Geschäfte zu arbeiten gebabt 
babe. In Beiug auf den Unterstaatsfecretär Sulzer sind die ersten Anträge auf seine Er- 
setzung wegen unzulänglicher Leistungen aus dem Jahre 1863. Eure Majestät wollen Sich 
der Verhandlungen erinnern, welche einige Jahre später ein Antrag des Staatsministeriums 
in gleicher Richtung hervorrief, welcher zur Einschränkung der Competenz Sulzers, aber 
nicht zu seiner Erfetzung durch eine frischere Kraft führte. Grlaf] ECulenburg, der einzige, 
der damals für seine Beibehaltung war, erliegt jetzt der Last der Arbeit, und von dem 
Tage ab, wo er wieder erkrankt-, was, wie ich fürchte, bald bevorsteht, hört jede Mit- 
wirkung des Ministeriums des Innern auf, weil keine Bertretung da ist. Diese Sachlage 
hat meine Arbeitslost bei Berathung der Kreisordnung mehrelre) Wochen bindurch in einem 
nicht zu beschreibenden Maße gesteigert. 
éure Mojestät wollen mir huldreichst glauben, daß ich unter dem Drucke dieser Ver- 
bältnisse und in täglich steigendem Maße schwer gelitten habe, und daß ich meinen er- 
* Val. Rr. 1264.
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        Bismarck mit Hinausschiebung der Königlichen Entscheidung einverftanden. 565 
schöpften Kräften jede Anstrengung zugemuthet habe, bevor ich zu dem Gedanken kommen 
konnte, aus Eurer Majestät Dienst zu scheiden. Sch habe unter den Eindrücken der letzten 
Monate die SZuversicht verloren, der Erfüllung meiner Pflichten noch gewachsen m sein 
und daneben die mächtigen Gegenströmungen überwinden zu können, mit denen jeder in 
meiner Stellung zu kämpfen haben würde. Diese Kämpfe, welche ich in dem mir von 
Curer Moajestät anvertrauten Amte zu bestehn gehabt, baben mir die Ungnade boch- 
stehender und die Abneigung einflußreicher Personen zugejogen. Als Aequivalent dafür 
habe ich stets nur die Sufriedenheit Curer Majestät erstrebt, und Allerhöchstdieselben können 
es in hrer erhabenen Stellung nicht nachempfinden, wie schwer jeder Moment der Unzu- 
friedenheit, der Kälte, ja jede Mei heit mit Curer Mojestät auf dem Herjen 
eines anhänglichen Dieners lastet, und wie Gemüthsbewegungen auf körperliche Leiden m- 
rückwirken. Cure Majestät wollen mit dieser Schwäche Nachsicht haben, da sie ein Aus- 
fluß, wenn auch ein krankhafter, der Liebe zu Curer MWoajestät Person ist. Ein Minister 
sollte kühlern Herzens, weniger reizbar und vor Allem gesunder sein, als ich es bin. Sch 
habe seit dem Vortrage am 14. d. M. (Sonntag), nach welchem ich glaubte, daß mein Ent- 
lassungsgesuch Curer Majestät nicht unerwartet Jein würde, weder Ruhe noch Schlaf mehr 
gefunden. Bei solchen Aervenzuständen ist meine Brauchbarkeit eine bedingte, mein Recht, 
in dieser Stellung zu bleiben, ein Jehr zweifelhaftes. Eure Mojestät weisen den Gedanken 
an mein Ausscheiden in Gnaden zurück, und ich werde mich der buldvollen Weise, in der 
es geschieht, auch dann dankbar erinnern, wenn die Vermuthungen, die ich bezüglich meiner 
Gesunddeit bege, sich als richtig bewähren sollten. Es hat nicht meine Absicht Jein können, 
dem bevorstehenden Aeichstage gegenüber den Dienst m versagen, und im Verlaufe dieser 
Arbeit wird sich herausstellen, ob und inwieweit ich dieselbe noch zu leisten vermag. Eure 
Maojestät werden dann die GSnade haben zu entscheiden, ob ich die letzten Jahre meines 
Lebens, von denen ich nicht so fern zu sein glaube, wie mein Alter besagt, in Ruhe und 
dankbarer Erinnerung an Eurer Majestät Gnade zubringen kann. Meine innere Alüdig- 
keit ist eine so große, daß der Gedanke an Auhe in jeglicher Gestalt, und sobald es Gott 
gefällt, mir kein unwillkommener ist; nur die Möglichkeit schrecktt mich, daß mein Geist 
früher zur Rube gelangen könnte als mein Körper. Berzeihn Eure MWojestät, daß ich so 
viel von mir rede; aber es ist mir ein Herzensbedürfniß darzuthum, daß ich der Ueberhebung 
nicht schuldig bin, Curer Majestät gegenüber in der Frankfurter Geldsache meine ab- 
weichende Meinung mit einem willkührlichen Entlassungsgesuch unterstützen zu wollen. Letztres 
ist nur der Ausdruck der Hoffnungslosigkeit, mit welcher der Contrast #wischen der wach- 
senden Arbeitslost und meinen abnehmenden Kräften mich erfüllt. 
Entziehn Eure Maojestät mir Ihre Gnade nicht deshalb, weil mein Wille die schon 
längere Zeit fehlende Kraft nicht mehr zu ersetzen vermag. In treuer Anhänglichkeit er- 
sterbe ich ehrfurchtsvoll 
r 
Eurer Mafestät 
allerunterthänigster 
v. Bismarck.
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