498  Beziehungen  der  Rechts  wissenschaft  zur  Philosophie.

2)  Psychologie  und  Rechtswissenschaft.  Die  Versuche  einer  wissenschaftlichen
  Orientierung  in  der  Menschenseele  sind  so  alt  wie  die  Philosophie
selbst.  Das  Recht  hat  von  diesen  Bestrebungen  in  seiner  Gesamtentwickelung
nicht  immer  den  möglichen  Nutzen  gezogen.  Der  Grund  liegt  darin,  daß  die  Ergebnisse
  der  Psychologie  für  das  Recht  unmittelbar  keine  Verwendung  finden
können.  Die  Einwirkungen  der  Psychologie  auf  das  Recht  sind  durchaus
mittelbar  und  zwar  geschehen  sie  von  zwei  Seiten  her,  einmal  durch  das  Leben
selbst  und  sodann  durch  die  Rechtswissenschaft.  In  das  Leben  selbst  hat
die  wissenschaftliche  und  vor  allem  die  philosophische  Psychologie  zu  Zeiten  im
hohen  Maß  bestimmend  eingewirkt,  indem  sie  derjenige  Teil  der  Philosophie
ist,  welcher  den  Künsten  und  der  allgemeinen  Kultur  Erkenntnisse  und  Werte
von  größter  Bedeutung  zuführt.  Die  ganze  Schichtung  eines  Volkes  in  Gebildete
und  Nichtgebildete  ist  wesentlich  ein  Werk  der  Psychologie.  Psychologie  wird
hier  in  dem  weiten  Sinne  verstanden,  wonach  sie  auch  die  Pädagogik  umfaßt.
Und  diese  Schichtung  ist  auch  im  Rechte  sehr  bedeutsam.  Die  Rechtswissenschaft
ist  durch  die  Psychologie  namentlich  dadurch  beeinflußt,  daß  die  für  die  Rechtsanschauung
  im  allgemeinen  so  wichtige  Auffassung  der  menschlichen  Persönlichkeit,
ihrer  seelischen,  und  geistigen,  Willens=  und  Vernunft-Anlage  von  jeher  mehr
durch  die  Psychologie,  als  durch  die  Rechtswissenschaft  selbst  prinzipielle  und
kritische  Förderung  erfahren  hat.  Der  Einfluß  der  Kunst,  besonders  der  Poesie
auf  das  Rechtsleben  ist  freilich  weniger  durch  die  Wissenschaft  als  durch  die  allgemeine
  Kultur  vermittelt  worden,  aber  auch  an  der  Rechtswissenschaft  sind
die  künstlerisch-psychologischen  Entdeckungen  nicht  spurlos  vorübergegangen.

Eine  allgemeine  Betrachtung  über  den  Stand  und  die  Wirksamkeit  der
Psychologie  muß  hier  —  freilich  nur  in  skizzenhaftesten  Umrissen  —  eingeschoben
werden.  Die  neuere  Psychologie  ist  Wege  gegangen,  die  das  kritische  Urteil
aller  Denkenden  herausfordern.  Während  der  große  Aufschwung  der  englischen
Psychologie  des  18.  Jahrhunderts  sich  hauptsächlich  aus  dem  Umstande  erklärt,
daß  es  eine  richtige  Erkenntnis  war,  dem  Organe  des  Denkens  und  den  allgemeinsten
  Funktionen  desselben  Sinnlichkeit,  Verstand,  Vernunft,  empirisch  und
frei  von  metaphhysischen  Voraussetzungen  nachzuforschen,  scheint  die  neuere  seit
Schopenhauer  und  namentlich  seit  Fechner  und  Wundt  der  Psychologie  gegebene
Richtung  nicht  unbedenklich  zu  sein.  Das  Experiment  von  den  physiologischen
auf  die  psychologischen  Erscheinungen  zu  übertragen,  ist  zweifellos  ein  glückliches
Beginnen  gewesen,  aber  die  Gefahr  lag  nahe,  daß  fortan  alle  Wissenschaftlichkeit
  von  dieser  Seite  her  für  die  experimentelle  Psychologie  in  Anspruch  genommen
werde.  Nun  ist  aber  der  Begriff  des  Experimentes  selbst  schon  ein  nicht  geschlossener
  und  ist  jedenfalls  gar  manches  als  exakter  Versuch  anzusehen,  was  nicht
in  den  gewöhnlichen  Formen  der  naturwissenschaftlichen  Experimentalpraxivorkommt.
  Zudem  sind  die  meisten  und  weitaus  wichtigsten  seelischen  Vorgänge
  exakt  experimenteller  Methode  überhaupt  unzugänglich.  So  ist  es  nun
zwar  einerseits  ein  Gewinn,  daß  dem  Gebiete,  auf  welchem  seit  langer  Zeit  und
immer  noch  ein  haltloser  Rationalismus  mit  der  Prätension  der  Wissenschaftlichkeit
  leere  Behauptungen  für  erwiesene  Tatsachen  in  Kurs  setzt,  eine  streng
wissenschaftliche  Technik  da  und  dort  wertvolle  Aufklärung  bringt,  auf  der  anderen
Seite  aber  wird  einer  Fülle  von  inneren,  hochwichtigen  Erkenntnissen  einfach
aus  dem  Grunde,  weil  das  Experiment  dorthin  nicht  gelangen  kann,  alle  Bedeutung
  oder  doch  alle  wissenschaftliche  Bedeutung  abgesprochen.  Es  ist  an  der
Zeit,  sich  des  künstlich  aufgenötigten  Vorurteils,  das  alpartig  zu  wirken  beginnt,
zu  entledigen  und  anzuerkennen,  daß  neben  der  sehr  engbegrenzten  naturwissenschaftlichen
  Psychologie  eine  ebenfalls  wissenschaftliche  Psychologie  Raum  hat,