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        <title>Bernhard Fürst von  Bülow - Denkwürdigkeiten. Zweiter Band. Von der Marokko-Krise bis zum Abschied.</title>
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        FÜRST BÜLOW 
DENKWÜRDIGKEITEN 
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        BERNHARD 
FÜRST VON BULOW 
DENKWÜRDIG: 
KEITEN 
ZWEITER BAND 
VON DER MAROKKO-KRISE BIS ZUM ABSCHIED 
HERAUSGEGEBEN VON FRANZ VON STOCKHAMMERN 
  
IM VERLAG ULLSTEIN -BERLIN
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        1. bis 25. Tausend 
EINBANDENTWURF VON BEUCKE » ALLE RECHTE VORBEHALTEN 
COPYRIGHT 1930 BY ULLSTEIN A-G BERLIN » PRINTED IN GERMANY
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        BERNHARD FÜRST VON BÜLOW 
DENKWÜRDIGKEITEN 
IN VIER BÄNDEN 
1. Vom Staatssekretariat bis zur Marokko-Krise 
2. Von der Marokko-Krise bis zum Abschied 
3. Weltkrieg und Zusammenbruch 
4. Jugend- und Diplomatenjahre 
Die Bände erscheinen in der Reihenfolge 
ihrer Niederschrift
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        INHALT DES ZWEITEN BANDES 
ERSTES KAPITEL. 
Die Marokko-Angelegenheit - Königin Marie Christine von Spanien « Frühere 
Berichte Metternichs über Marokko . Prinz Reuß VII. über Petersburger Zu- 
stände - Admiral Tirpitz in Petersburg . Die Reichstagswahlen von 1903: 
weiteres Anschwellen der Sozialdemokratie - Redekümpfe mit Bebel - Der 
Abbau des Jesuitengesetzes » Wilhelm II. und die Jesuiten - Widerstände bei 
Hofe, Briefe des Kardinals Kopp und des Zentrumsabgeordneten Franz Arenberg 
Mittelmecrreise Wilhelms II. im Mürz 1904 . Professor Theodor Schiemann 
Sehnsucht des Kaisers nach einer Begegnung mit dem Präsidenten Loubet 
Rückreise über Karlsruhe - Eckardstein in Karlsruhe - Autorennen in Homburg 
ZWEITES KAPITEL 
Herero-Aufstand (1904) - Kriege sollen nicht nur militärisch, sondern olitiach 
geführt werden - Der Russisch- Japanische Krieg - Kuropatkin « Besuch König 
Eduards in Kiel - Bülow mit Tirpitz zum Vortrag beim Kaiser, Eintreffen 
Eduards VII. in Kiel (25. VI. 1904) - Bülows Unterredung mit dem englischen 
König - Die Presse beider Länder - Toaste in Kiel - Besuch des englischen 
Herrschers in Hamburg - Bülows Unterredung mit dem Earl of Selborne » Der 
Segelsport in Kiel 
DRITTES KAPITEL 
Deutscher Flottenbesuch in Plymouth ir im Juli 1904 - Bericht des Grafen Metter- 
nich, Erläuterungen zu diesem Briefe - Vorbereitung der deutsch-russischen 
Handelsvertragsverhandlungen » Graf Witte, seine Verhandlungsmethode - Die 
Ermordung des russischen Ministers des Innern Plehwe + Handelsvertrag mit 
Rumänien, H mit Österreich-Ungarn » Verhei- 
ratung des Kronprinzen » Diei in Aussicht ı genommenen Prinzessinnen « Verlobung 
mit Prinzessin Cecilie von Mecklenburg 
VIERTES KAPITEL 
Tod des Fürsten Herbert Bismarck (is. IX. 1909. Seine Charakteristik - Aus- 
bruch des Russisch- Japanischen Krieges » Brief des Grafen Metternich über den 
Doggerbankzwischenfall « Der Lippische Thronfolgestreit, seine Beilegung im 
Bundesrat » Besuch des italienischen Ministerpräsidenten Giolitti in Homburg 
Wilhelm II. drängt zu einer Allianz mit Rußland » Der Kaiser auf den Jagden in 
Schlesien, ungünstige dortige Einflüsse, Bericht des Gesandten von Schön - Anti- 
englische Stimmung Wilhelms II. » Die Frage der dänischen Neutralität - Be- 
sorgte Briefe Philipp Eulenburgs aus Schlesien - Unterredung mit Wilhelm II. 
am Silvestertag 1904: Bülow bemüht sich, die deprimierte Stimmung Seiner 
Majestät zu heben und den Kaiser aufzurichten
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        x 
INHALT DES ZWEITEN BANDES 
FÜNFTES KAPITEL 
Neujahr 1905 » Denkschrift der englischen Admiralitüt über Flottenfragen + Fall 
von Port Arthur - Neuerliche und bedenkliche Erregungszustünde bei Wilhelm II. 
Die belgische Neutralität - Der ein Jahr vorher erfolgte Besuch des Königs 
Leopold von Belgien in Berlin - Dessen damalige Unterredung mit Bülow, sein 
Tete-a-Töte mit Wilhelm II. - Richtlinien Bismarcks hinsichtlich unserer Stel- 
lungnahme zur belgischen Neutralität « Graf Alfred Schlieffen über das belgische 
Problem » Artikel der Deutschen Revue « Feststellung des Auswärtigen Amtes 
vom 6. VII. 1920, bezüglich angeblicher Meinungsverschiedenheiten mit dem 
Generalstabe über die Frage eines Durchmarsches durch Belgien »« Generaloberst 
Moltke über die belgische Frage + Wunsch Wilhelms II. nach einem Bündnis mit 
Düncmark » Betrachtungen zur außen- und innenpolitischen Lage im Jahre 1905 
Der englische Botschafter Lascclles über Wilhelra II. . Idiosynkrasie des Kaisers 
gegen Japan 
SECHSTES KAPITEL ..... 2.222 22. 
SIEBENTES KAPITEL. 
ACHTES KAPITEL. 
Bülows Verhültnis zu Wilhelm II.: Bülow hat das Gefühl, Seiner Mojestät all- 
mühlich unbequem zu werden » Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet - Die Berg- 
arbeiternovelle-Debatte im Preußischen Abgeordnetenhaus + Die neuen Handels- 
verträge im Reichstag (1. II. 1905) - Zustimmende Briefe und Erklärungen « Die 
Annahme der Kanalvorlage (25. I1. 1905) . Minister von Budde - Verhültnis 
Wilbelms II. zu den Parteien » Briefe des Grofen Monts über Zentrum und 
Katholizismus »- Mission des Freiherrn von Hertling nach Rom « Rücktritt des 
Oberprüsidenten von Schlesien, Fürsten Hatzfeldt-Trachenberg » Dr. Michaelis, 
der spätere Reichskanzler, wird für die Stellung einesOberprüsidialrats in Breslau 
zu unbedeutend befunden » Die Marokko-Frage, Stellungnahme Wilhelms II. 
Die Mittelmeerreise Wilhelms II. im März 1904 » Entwicklung der Marokko-Frage 
Ihr Stand beim Antritt der Mittelmcerreise des Kaisers - Programm der deut- 
schen Regierung » Der bestehende Rechtszustand » Unsere Taktik » Anlaufen des 
Kaisers in Tanger « Landung des Kaisers in Tanger « Legationssekretär Kühl- 
mann » Mission des Grafen Tattenbach nach Fez » Graf Monts bemüht sich, unter 
dem Einfluß seines Kollegen Barröre, eine Rettungsaktion für Delcasse zu 
inszenieren » Englische Bemühungen für Delcass€ » Sturz Delcass&amp;s 
Vermählung des Kronprinzen (6. VI. 1905) « Bülows Erhebung in den Fürsten- 
stand - Wilhelm II. und der französische General Lacroix » Folgen des Sturzes von 
Delcasse - Rouvier » Der französische Patriotismus « Brief Metternichs zur Lage 
Eduard VII. lüdt den Deutschen Kronprinzen zu Jagden ein » Wilhelm Il. gegen 
diese Reise - Die Lage in Rußland - Brief der Großfürstin Maria Pawlowna an 
ihren Onkel Prinz Heinrich VII. Reuß - Das Verhältnis zwischen Wilhelm II. 
und Nikolaus II. . Prinz Heinrich von Preußen - Entwurf eines deutsch-russischen 
Rückversicherungsvertrages » Korrespondenz zwischen Wilhelm II. und 
Nikolaus II. 
88 
- 106 
- 121
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        INHALT DES ZWEITEN BANDES 
NEUNTES KAPITEL . 
Begegnung des deutschen und des russischen Kaisersi in Björkö . Enthusiastisches 
Telegramm Wilhelms II. über seinen Triumph in Björkö » Bülows Immediat- 
bericht an den Kaiser (3. VIII. 1905), er reicht seine Demission ein » Ablehnung 
durch den Kaiser » Das kaiserliche Schreiben, Bülows Antwort » Wilhelm II. ‚wie 
neugeboren“ - Abschluß der Björkö-A llüre 
ZEHNTES KAPITEL . 
Englische Flottendemonstration i in der Ostsee - . Einladung des Kronprinzen zu 
den Jagden nach England « Bericht des Gesandten von Tschirschky über die zu- 
nehmende Gereiztheit Wilhelms II. gegen England » Graf Albert Mensdorff 
Kündigung der Union zwischen Schweden und Norwegen « Graf Metternich über 
den Prinzen von Wales (Georg V.) - Gürung in Rußland » General Trepofl, 
Militärdiktator - Attentate, Großfürst Sergius ermordet - Persönliches Regiment 
Wilhelms II, sein schüdlicher Einfluß auf die Berichterstattung der deutschen 
Diplomaten - Bülows Zirkular an die Deutschen Missionen im Ausland über 
Berichterstattung - Besuch des französischen Politikers Millerand bei Staats- 
sekretär von Richthofen 
ELFTESKAPITEL ..... 00 on 
Indiskretionen Delcass&amp;s - Vorarbeiten für die Marokko-Konferenz « Russisch- 
japanische Friedensverhandlungen » Wittes Erfolg in Portsmouth - Witte auf 
der Rückreise in Berlin und Rominten « Brief Philipp Eulenburgs über Rominten 
(September 1905) - Brief der Gräfin Witte an Herrn von Mendelssohn « GroB- 
fürstin Wladimir an ihren Onkel, Prinz Heinrich VII. Reuß, über russische Zu- 
stände - Die Heirat des Großfürsten Kyrill » Kaisermanöver in der Rhein- 
provinz, Bülow wird zumGencralmajor ä la suite der Armee mit der Uniform des 
Königshusaren-Regiments ernannt » Herr von Bethmann Hollweg preußischer 
Minister des Innern 
ZWÖLFTES KAPITEL .. 
Die Frage der Nachfolge des Generalstabschefs Grafen Schlieffen - Bülows Unter- 
redung mit General Hellmuth von Moltke, während sie auf dem Berliner 
Hippodrom um den Wasserturm reiten - Graf Hülsen, Chef desMilitürkabinetts, 
zu dieser Frage « Der Kaiser besteht auf der Wahl Moltkes . Erbprinz von 
Hohenlohe-Langenburg Kolonialdirektor - Erstes Auftreten Erzbergers - Die 
Verstimmung zwischen Wilhelm II. und Eduard VII. macht sich immer fühl- 
barer « Brief Wilhelins II. über seine Unterredung mit dem englischen Finanzier 
Beit (30. XII. 1905) 
DREIZEHNTES KAPITEL on 
Aufgeregter Brief Wilhelms II. vom Silvesterabend 1905 - Seine Furcht v vor Krieg 
Die Konferenz von Algeciras - Herr von Radowitz und Graf Tattenbach » Graf 
Metternich über die Lage von Algeciras - Die Neuwahlen in England Januar 1906 
Niederlage der Unionisten, ihre Bedeutung für die Entspannung in den deutsch- 
englischen Beziehungen « Weitere Nachrichten aus St. Petersburg + Graf Udo 
Stolberg zur Marokko-Politik - Rede Wilhelms II. bei der Paroleausgabe 
(1.1.1906) . Großherzog Friedrich von Baden an Wilhelm II. - Bülows Unter- 
redung mit dem Kaiser 
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        XI INHALT DES ZWEITEN BANDES 
VIERZEHNTES KAPITEL 
Der Vertrag von Algeciras - Der amerikanische Botschafter Charlemagne Tower 
über die Algecirns-Akte +» Bülows Reichstagsrede vom 5. IV. 1906 . Bülows 
Ohnmachtsanfall - Rücktritt des Herrn von Holstein »- Bülows Rekonvaleszenz 
in Norderney « Freundliche Kundgebungen »- Wilhelm II. an Goluchowski 
(„brillanter Sekundant“) - Besuch des Kaisers bei Bülow in Norderney « Rede 
Wilhelms II. in Cuxhaven über Bülows Genesung 
FÜNFZEHNTESKAPITEL. 
Bülows grundsätzliche Stellung als Reichskanzler gegenüber der Heeresleitung 
Sein Schreiben an den Kriegsminister von Einem (1. VII. 1906) « Die Unter- 
schätzung der Technik durch unsere Militärs + Bülows Brief an seinen Bruder, 
den Gesandten Alfred von Bülow in Bern, über die innere und außenpolitische 
Lage - Bülows Glückwunschschreiben an den Kaiser anläßlich der Entbindung 
der Kronprinzessin - Ein „Privatissimum‘“ für Wilhelm II. 
SECHZEHNTESKAPITEL 
Auswärtige Fragen » Bericht des Herrn von Jenisch ı aus * Drontheim über außen- 
politische Gesprüche des Kaisers - Phantastische Ideen und Pläne des Professors 
Dr. Schiemano » Beilimann und die polnische Frage » Brief der Kaiserin an Bülow 
Begegnung zwischen Wilhelm II. und Eduard VI. in Friedrichshof - Der Herzog 
von Connaught in Kiel » Tod des Prinzen Albrecht, Prinzregenten von Braun- 
schweig « Der Braunschweigische Regentschaftsrat + Amnestie anläßlich der 
Entbindung der Kronprinzessin + Die Denkwürdigkeiten des Fürsten Hohenlohe 
Stellungnahme Wilhelms II. zu Memoiren von Ministern » Ableger der Familie 
Hohenlohe im Ausland - Die Affäre Tippelskirch, Minister von Podbielski - Neue 
und üble Entgleisung des Botschafters Monts 
SIEBZEHNTES KAPITEL 
Wilhelm II. und das Zentrum » Zusammentritt. des s Reichstage. . Prinz Arenberg 
über die Politik des Zentrums » Brief des Fürsten Lichnowsky an Bülow + Philipp 
Eulenburg über die Stimmung Wilhelms II. - Eulenburgs Sorge für Bülows 
Gesundheit » Besuch des Generalstabschefs von Moltke » Reichstagssitzung vom 
14. XI. 1906 . Dernburg Kolonialdirektor - Sein erstes Auftreten im Reichstag 
Fürst Bülow tritt für Dernburg ein + Angriffe Erzbergers auf die Kolonial- 
verwaltung » Bülow erwügt die Auflösung des Reichstags » Die entscheidende 
Reichstagssitzung vom 13. XII. 1906 . Auflösung des Reichstags + Brief des 
Kardinals Kopp 
ACHTZEHNTESKAPITEL. 
Brief des Generals von Deines zur Reichstags-Au f lösung - "Weitere Schreiben 
an Bülow . Bülows Silvesterbrief « Die Wahlparole des Reichskanzlers » Der 
Wahltag (25. I. 1907) » Vernichtende Niederlage der Sozialdemokratie « Glück- 
wunschbriefe « Eröffnung des neuen Reichstags » Die Präsidentenwahl - Bülows 
Rede bei der ersten Beratung des Etats (Februar 1907) - Bülows Rede beim 
Deutschen Laudwirtschaftstag + Zuschriften aus führenden Kreisen des geistigen 
Lebens in Deutschland - Gustav Schmoller 
211 
. 226 
. 243 
. 257 
. 274
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        INHALT DES ZWEITEN BANDES 
NEUNZEHNTES KAPITEL. 
Kieler Woche 1907 . Der Konflikt Eelenburg-Holstein - Die &amp;gt; Angriffe der „Zu- 
kunft“ . Begegnung des Kaisers mit Nikolaus II. in Swinemünde - Iswolski, 
russischer Minister des Äußern, die Beziehungen zwischen beiden Reichen 
Zusammenkunft Wilhelms II. mit dem König von England in Wilhelmshöhe 
Freiherrvon Eckardstein - Die zweite Friedenskonferenz im Haag England billigt 
Deutschlands Haltung - Brief des Admirals Montagu an Wilbelm II. - Bethmanu 
Hollweg Staatssckretär des Innern » Graf Wedel Statthalter in Elsaß-Lothringen 
ZWANZIGSTES KAPITEL. 
Gegenbesuch Wilhelms II. am dänischen Hofe » Die Nordmark - . Stellung der 
Kaiserin zu Düncemark - Vorgünge vor der Kaiserreise nach England » Festmahl 
in Windsor (12. X1. 1907) » Stimmung Wilhelms II. in Higbelilfe »« Der Prozeß 
Moltke-Iarden im Reichstag - Beginn der Tragödie des Fürsten Fulenburg 
Die romantische Heirat der Komtesse Augusta Eulenburg - Brief Eulenburgs an 
den Kaiser - Eulenburg uimmt trotz Abmahnung seiner Freunde am Ordensfest 
teil - Kaiserliche Order vom 31. V. 1907 über Erledigung des Falles Eulenburg 
Bülows Prozeß gegen den „Schriftsteller* Brand - Das Meineidsverfahren gegen 
Eulenburg 
EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL 
Entrevue von Reval zwischen Eduard VII. und Nikolaus IJ. dei 1908) » Rus- 
sisch-englische Interessensphären in Asien » Döberitzer Rede Wilhelms II., 
seine Besorgnisse vor einer Deutschland drohenden Einkreisung - Begegnung 
Wilhelms II. und Eduards VII. in Homburg (11. VIII. 1908) - Botschafter 
Graf Metternich über die deutschen Flottenrüstungen » Unterredung Wil- 
helms II. mit dem englischen Unterstaatssckretür Sir Charles Hardinge » Brief 
des Kaisers an Lord Tweedmouth - Bülows Zirkularnote an die preußischen 
Gesandten über die Begegnung von Reval » Die türkische Revolution 
ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL 
Kritik der deutschen Propaganda im Weltkrieg - Die bosnische Krise setzt ein 
Zusammenkunft Iswolskis und Achrenthals in Buchlau - Annexion von Bosnien 
und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn am 5. X. 1908 - Vorbereitungen 
für die Reichsfinanzreform » Das Manuskript für den Artikel des „Daily Tele- 
graph“ » Trotz strenger Weisung Bülows, es sorgsam zu prüfen, kommt das 
verhängnisvolle Elaborut vom Auswürtigen Amt als „unbedenklich“ zurück 
Wilhelm II. wüuscht eine plötzliche und radikale Kursünderung der auswärtigen 
Politik « Die preußische Thronrede - Vermählungsfeier des Prinzen August 
Wilhelm 
DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL 
Tagung der Interparlamentarischen Konferenz in Berlin - Die  Enthöllung « der 
Bismarck-Büste in der Walhalla bei Regensburg - Das Reich und Bayern » Das 
Wolffsche Telegraphenbüro verbreitet olıne vorherige Anfrage den Artikel des 
„Daily-Telegraph“ über die politischen Gespräche Wilhelms II. in England 
(29. X.1908) - Bülows Immcediatbericht an Wilhelm II. - Verlautbarung der 
„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ - Bülows Unterredung mit Wilhelm II. 
Die an der Veröflentlichung schuldigen Beamten 
XI 
. 289 
. 303 
316 
. 332 
« 345
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        XIV INHALT DES ZWEITEN BANDES 
VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL. 
Diskussion der Lage im Bundesratsausschuß für auswärtige Angelegenbeiten, 
vertrauliche Aussprache unter den leitenden Ministern + Die Stimmung im 
Preußischen Staatsministerium « Besonders scharfe Kritik der konservativen 
Presse - Reichstugsdebatte über die kaiserlichen Gespräche » Die Veröffent- 
lichung eines neuen unbesonnenen Interviews Wilhelms II, kann noch recht- 
zeitig inhibiert werden 
FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL 
Bedenkliche Wirkung der kaiserlichen Äußerungen im Ausland - Kurz vorher ge- 
haltene deutschfreundliche Reden englischer Staatsmänner + Bülows Interview 
mit Sidney Whiteman » Audienz bei Wilbelm II. - Stellungnahme der „Nord- 
deutschen Allgemeinen Zeitung“ « Die Reichsfinanzreform im Reichstag - Wil- 
helm II. will abdanken « Der Kronprinz zur Lage » Feier im Berliner Rathaus 
Wilhelm II. verlicst zum erstenmal seine Rede - Briefe und Kundgebungen zu 
den Novemberereignissen - Wilhelm II. erholt sich 
SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL. 
Veränderte Stimmung des Kaisers Bülow gegenüber - Höfische Einflüsse und 
Intrigen gegen Bülow » Reflexionen über die Pflichten des Staatsmannes - Weiter- 
gang der bosnischen Krise » Rundreise Iswolskis - Sein Besuch in Berlin » Früh- 
stück beim Kaiser - Bülows Erlaß an den deutschen Botschafter in Wien - Die 
Haltung der Großmächte . Der russische Botschafter Graf Osten-Sacken bei 
Bülow - Rußland stimmt vorbehaltlos zu (24. III. 1909) - Die kriegerische 
Stimmung in Wien « Aelrrenthal 
SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL 
Bülows Besuchein Rom und Wien - Audienz bei Pius X. - Der Erzherzog-Thron- 
folger - Kaiser Franz Josc[ - Die bosnische Trage im Reichstag (23. III. 1909) 
Deutschlands „Nibelungentreue‘“ »- Deutsch-französisches Abkommen über 
Marokko, Casablanca « Der Deutsche Kronprinz kritisiert dieses Abkommen 
Charakteristik des Kronprinzen » Frage der Abdankung Wilhelms II. » Brief des 
Kronprinzen über Herrn von Kiderlen-Wächter, Bülows Antwort an ihn - Die 
Haltung Englands wührend der bosnischen Krise - Neuerliche Briefe des Grafen 
Metternich zur Tlottenfrage + Besuch des englischen Königspaares in Berlin 
Tod des Gcheimrats von Renvers 
ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL .. . 
Frühstück auf der Englischen Botschaft - Unterredung mit Eduord vın. . "Lord 
Crewe » Der englische Besuch im Reichstag « Das Problem einer Verstündigung 
über das Tempo des Flottenbaus mit England » Bericht Walter Rathenaus über 
seine englischen Eindrücke »- Brief Wilhelms II. - Konferenz über die Flotten- 
frage unter den beteiligten Ressorts 
NEUNUNDZWANZIGSTES KAPITEL .. , 
Der Kaiser zu dieser Konferenz - Wandlung im Verhältnis Wilhelms IL. zu Bülow 
Erschwerung seiner Geschäftsführung - Neue Kabinettschefs - Schwierigkeiten 
im Auswärtigen Amt + Geheimrat Hammann « Unterredung zwischen Kaiser 
und Kanzler - Die Majestäten zum Diner im Kanzler-Palais -» Wilhelm II. 
wieder in bester Laune
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        INHALT DES ZWEITEN BANDES 
DREISSIGSTES KAPITEL.... 
Die Stimmung im Lande - Schmoller und Harnack « Der Stand der Reichs- 
finanzreform - Die Konservativen machen Schwierigkeiten » Ihre Führer beim 
Reichskanzler (29. IV. 1909) - Herr von Heydebrand mit Bülow unter vier Augen 
Die Frage der Übertragung des Reichstags-Wahlrechts auf Preußen 
EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL 
Bülows Abschiedsbesuch bei Holstein - Begegnung mit Tittoni in n Venedig - Wil- 
helm II. trifft in Venedig ein - Spricht Monts als künftigen Kanzler an » Weitere 
Schicksale des Grafen Monts - Der Kaiser führt nach Korfu - Bericht des Frei- 
herrn von Wangenlieim über die Begegnung Wilhelms II. mit dem italienischen 
Königspaar in Brindisi - Der Kaiser in Wien » Stand der Reichsfinanzreform 
Wilhelm II. nimmt. in Wiesbaden Bülows Vortrag über die Finanzreform ent- 
gegen » Süngerfest in Frankfurt, jubelnder Empfang Wilhelms II. - Die deutschen 
Bundesfürsten zum Geburtstag des Kaisers in Berlin - Die Intrigen gegen den 
Kanzler mehren sich « Der Bund der „Kaisertreuen‘“ . Rudolf Martin und Fürst 
Fürstenberg + Begegnung zwischen Wilhelm II. und Nikolaus II. - Die „Zehn 
Gebote‘ für den Kaiser 
ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL 
Die Steuerfragen im Reichstag (16. VI. 1909) . Bülows letzte Rede im N Reichstag 
Das Ostmarken-Problem » Die Enteignungsvorlage » Wilbelm II. zu diesem 
Gesetz « Bülows frühere Reden (1907, 1908) zur Ostmarkenpolitik - Kund- 
gebungen zur Annahme der Enteignungs-Vorlage « Widerspruchsvolle Haltung 
Wilhelms II. Bülow gegenüber - Unterirdische Intrigen gegen Bülow » Erzberger, 
Röder, Mortin » Wer wird Kanzler? - Brief des Fürsten Wedel an Bülow 
DREIUNDDREISSIGSTES KAPITEL 
Wilbelm II. hält nach außen noch zu Bülow - Deutsch-französische Beziehungen 
Briefe des Grafen Metternich - Die Würfel fallen im Reichstag. Abstimmung 
vom 24. VI. 1909 . Bülows Demissionsgesuch » Audienz bei Wilhelm II. in Kiel 
Herr von Bethmann Hollweg als Kanzler in Aussicht genommen « Kabincttsrat 
von Valentini - Frühstück an Bord der Jacht des Fürsten von Monaco » Abschied 
vom Kaiser — Bülows letzte Ermahnungen » Herr von Voalentini wünscht 
Kanzlerwechsel erst im Herbst 
VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL 
Amtliche Verlautbarungen zum Kanzlerwechsel - Die Presse - Dritte Lesung « der 
Finanzreform - Haltung der Konservativen - Erneutes Abschiedsgesuch - Bülows 
Interview mit Herr von Eckardt - Bei Pbilippi schen wir uns wieder + Ver- 
öffentlichung der Entlassung Bülows im Reichsanzeiger (14. VII. 1909) - Kaiser- 
liches Ilandschreiben « Abschiedsaudienz bei Wilhelm II. « Die Majestäten 
zum !ctztenınal beim Reichskanzler zum Diner + Unterredung des Kaisers mit der 
Fürstin Bülow - Abschied von der Kaiserin - Abreise von Berliu (17. VII. 1909) 
466 
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        VERZEICHNIS DER BEILAGEN 
Reichskanzler Fürst von Bülow ................--.2222c2cccsenne 8 
Familientag derer von Bülow ..............c2esceeeeeenenenennen 48 
Telegramm Wilhelms II. an Bülow ..................2.ccccccere: 112 
Vertrag von Björkö...........22ceeceeeeeeneeneneeneneeneennnen 140 
Friede von Portsmouth ............2222eseeeeeeenseernen en nren nn 168 
Graf Alfred Schlieffen..............:22c2ceeceseseeneneseneeneenn 184 
General Viktor von Podbielski...................:2-22es@eesonen 252 
Bernhard Dermburg..............222222222ceesseeenenesenenennenn 264 
Reichstagswahlen 1907............-.2-2222nsesensenenenennnnensn 280 
Der Kaiser in England...................2ccceeeseeneenenennnenn 304 
Simplieissimus-Karikatur ...............2.2eeeeeeeesceeseeenens 320 
Freiherr Aloys Achrenthal ...............222ceseeeenseeenenenenn 332 
Marginal Wilhelms II. über die Annektion Bosniens ............. 336 
Der Daily Telegraph-Artikel ..... jeresssseeeesennenssnenennnnn 352 
Albert Ballin ..........2..2coecccueserseeeneesenen seen nenn 360 
Alexander Petrowitsch Iswolski ...............22222ecnseeecsereen 400 
Bricf von Holstein an Bülow ...............-..--.-222 22er 416 
Freiherr von Lo&amp; auf dem Sterbebett ..............-..--........ 440 
Geheimrat Professor Dr. von Renvers .................22c220000% 444 
Wilhelm II. auf einem Kostümball ......................2222.0.. 480 
Letzte Rede Bülows im Reichstag ...............2--rerccccccens 488 
Wilhelm II. nach einem Gemälde von P. A. Lazlö................ 496 
Abschiedsbrief des Kronprinzen an Bülow......................- 520 
Bülow und Bethmann Hollweg..................2222cseeeeenenen 528 
* 
Ein Namen- und Sachregister für die ersten drei Bände wird der dritte Band 
enthalten. Dem vierten Band (Ergünzungsband: Jugend- und Diplomatenjahre) 
wird ein eigenes Register beigegeben
        <pb n="21" />
        REICHSKANZLERSCHAFT 
1903 bis 1909 
1 Bülow I
        <pb n="22" />
        <pb n="23" />
        Il. KAPITEL 
Die Marokko- Angelegenheit » Königin Marie Christine von Spanien + Frübere Berichte 
Metternichs über Marokko » Prinz Reuß VII. über Petersburger Zustände »- Admirul 
Tirpitz in Petersburg » Die Reichstagswablen von 1903: weiteres Anschwellen der 
Sozialdemokratie » Redekämpfe mit Bebel » Der Abbau des Jesuitengesetzes - Wil- 
helm Il. und die Jesuiten - Widerstände bei Hofe, Briefe des Kardinals Kopp und des 
Zentrumsabgeordneten Franz Arenberg »- Mittelmeerreise Wilhelms Il. im Mürz 1904 
Professor Theodor Schiemann » Sehnaucht des Kaisers nach einer Begegnung mit dem 
Prüsidenten Loubet » Rückreise über Karlsruhe » Eckardstein in Karlsruhe - Auto- 
rennen in Homburg 
eit Jahr und Tag hatte ich Marokko nicht aus den Augen verloren noch die 
Möglichkeit, daß sich Frankreich und England durch ein Tauschgeschäft 
zwischen diesem Lande und Ägypten immer näher aneinanderschließen 
könnten. In Wien, während des Kaiserbesuchs, hatteich Gelegenheit gehabt, 
in dieser Richtung Neues zu hören. Ich war von der Königin-Mutter Maria 
Christine von Spanien empfangen worden, einer charaktervollen und einsich- 
tigen Frau, deren Klugheit und würdiger Lebensführung es zu danken war, 
wenn die spanische Dynastie den unglücklichen Ausgang des Spanisch-Ameri- 
kanischen Krieges überstanden hatte. Sie erzählte mir vertraulich, daß 
Frankreich seit längerem Spanien ein Schutz- und Trutzbündnis anbiete. 
Spanien sei trotz starkem Drängen der Franzosen bisher nicht darauf ein- 
gegangen. Gleichzeitig mit einer Allianz proponiere Frankreich eine Teilung 
von Marokko auf der Basis, daß Frankreich den Norden, Spanien den Süden 
erhalte. Die Königin gab der Vermutung Ausdruck, daß sich die Franzosen 
unter Vermittlung des Königs Eduard der Zustimmung Englands zu diesem 
Plan versichert hätten. Für Spanien komme es im wesentlichen nur darauf 
an, daß es nicht ganz leer ausgehe, da dies bei den traditionellen spanischen 
Ansprüchen auf Marokko und mit Rücksicht auf die geographische Lage 
von Marokko den Sturz der spanischen Dynastie herbeiführen könne. 
Nach meinem Wiedereintreffen in Berlin forderte ich den Botschafter in 
London zu einer brieflichen Äußerung auf. Graf Metternich ging in seiner 
Antwort von dem Artikel eines großen englischen Blattes aus, in dem aus- 
geführt wurde, daß während des Burenkrieges die Haltung der deutschen 
Regierung, insbesondere des Reichskanzlers und des Staatssekretärs des 
1. 
Marokko und 
die Mächte 
Berichte des 
Grafen 
Metternich
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        4 KEINE ISOLIERUNG DEUTSCHLANDS 
Äußern und auch die des Deutschen Kaisers zweifellos eine für England 
freundliche gewesen wäre. Dagegen hätte das deutsche Volk während dieser 
ganzen Zeit England gegenüber mehr Haß und Neid, Schadenfreude und 
Feindschaft an den Tag gelegt als irgendeine andere Nation. Da anderer- 
seits Deutschland durch seine gewaltige wirtschaftliche Entwicklung, den 
überraschenden Aufschwung seiner Industrie und seines Handels, die all- 
mählich die Welt eroberten, durch die Entwicklung seiner überseeischen 
Interessen und durch den Bau einer starken Flotte immer mehr für Eng- 
land der weitaus gefährlichste Rivale und Konkurrent würde, müsse 
England seine Politik darauf einstellen. Frankreich hätte längst aufgehört, 
für England ein ernster Mitbewerber zu sein. Rußland wäre nur in Asien 
gefährlich. Ernste Gefahr drohe England nur von Deutschland. Im An- 
schluß hieran entwickelte mir Metternich, wie er trotzdem nicht glaube, 
daß Frankreich auf die Dauer der Freund von Rußland und England blei- 
ben könne. Wohl aber wäre ein vorübergehender Vergleich zwischen Eng- 
land und Rußland und ein Zusammengehen ad hoc zwischen England, 
Rußland und Frankreich gegen Deutschland wohl denkbar. Sollte es aber 
selbst zeitweise gelingen, ein solches Zusammengehen jener drei Mächte 
herbeizuführen, so wäre es doch noch immer verfrüht, von einer Isolierung 
Deutschlands zu reden: denn einmal bliebe Österreich auf das Bündnis mit 
Deutschland angewiesen, während andererseits bei geschickter und 
ruhiger deutscher Politik Rußland weder geneigt sei, Frankreich das 
Elsaß zurückzuerobern, noch für die schönen Augen der Engländer den 
deutschen Handel zu zeı,tören. In Rußland bekämpften sich nach allem, 
was Metternich inoffiziell, aber von gut unterrichteter Seite höre, zwei 
Strömungen: das Mißtrauen der leitenden russischen Kreise gegen das 
republ.kanische und atheistische Frankreich auf der einen, der alte Haß 
des Slawentums gegen die Deutschen auf der anderen Seite. Das Weitere 
würde von der Geschicklichkeit unserer Politik abhängen. „Ich wiederhole‘““, 
bemerkte Metternich am Schluß seines Briefes, „und betone, daß nach 
meiner Überzeugung die englische Regierung nicht mit uns zu brechen 
wünscht und nichts leichtsinnig gegen uns unternehmen wird. Die Anti- 
pathie gegen die Deutschen ist aber in England so tief, daß keine englische 
Regierung, auch wenn sie es wollte, in internationalen Fragen von größerer 
Bedeutung auf unserer Seite zu finden sein wird. Alles, was wir für den 
Augenblick wünschen können, ist die Aufrechterhaltung dessen, was man 
in der diplomatischen Sprache korrekte und freundschaftliche Beziehungen 
von Regierung zu Regierung nennt. . Seitdem Sie die Leitung der Politik 
haben, hat sich unser Verhältnis zu Rußland langsam, aber stetig gebessert. 
Es scheint mir, daß es ein großer Fehler sein würde, wollten wir diesen Gang 
gewaltsam beschleunigen.“
        <pb n="25" />
        DIE AUFTEILUNG MAROKKOS 5 
Am 4. Oktober 1903 schrieb mir der Botschafter in London mit Bezug 
auf Marokko: „Falls Frankreich, England und Spanien sich über einen 
Plan zur Aufteilung Marokkos einigten, könnten wir den drei Mächten 
zunächst mitteilen, daß wir einen Teilungsplan, an dem wir nicht beteiligt 
wären, nicht anerkennten. Wir erhöben also Protest, weil unsere bedeu- 
tenden Handelsinteressen an der atlantischen Küste nicht berücksichtigt 
worden wären. Dem steht freilich entgegen, daß ein leerer Protest ohne 
Druck- und Drohmittel in seinen Folgen meist verhängnisvoller ist als 
ruhiges Geschehenlassen. Solche Mittel ließen sich wohl finden, ihre Anwen- 
dung wäre aber ein nicht ungewagtes Spiel. Wenn England den Franzosen 
große Zugeständnisse in Marokko macht, so wird es trachten, bei diesem 
Anlaß Ägypten aller internationalen Fesseln zu entledigen. Die Franzosen 
haben längst ein Kreuz über Ägypten gemacht und würden für Marokko 
gern an England das wenige zugestehen, was sie in Ägypten noch an poli- 
tischem Einfluß besitzen. Wir dürfen in eine aktive antienglische Politik 
in Ägypten natürlich nur eintreten, wenn sich England in Marokko gegen 
uns stellt. Der bloße Verdacht genügt nicht, wenn wir nicht die englische 
Regierung geradezu in eine grundsätzlich feindliche Stellung gegen uns 
drängen wollen.“ 
Der Brief Metternichs schloß: „Wenn England sich tro:z allem mit 
Frankreich über eine gründliche Aufteilung Marokkos verständigt, was ich 
immerhin noch bezweifle, deun die Aufgabe der wenigen den Franzosen in 
Ägypten übriggebliebenen Rechte wiegt für die Engländer nicht den Ver- 
zicht von Marokko auf, so dürfte England hierzu nur durch den Wunsch 
bewegt werden, die neue Freundschaft mit Frankreich ä tout prix fester zu 
knüpfen. Gegen Frankreich haben wir ein weit stärkeres Druckmittel als 
gegen England, sofern über unsere Köpfe hinweg die Teilung inszeniert wer- 
den sollte. Wir können der französischen Regierung le cas €ch&amp;ant sagen, 
daß sie viel zu weise wäre, um die mehr als dreißig Jahre mit Vorsicht 
gepflegten friedlichen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland 
leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Wir brauchen deshalb kein Armeekorps zu 
mobilisieren, und die Franzosen werden dies auch nicht obne weiteres tun. 
Aber Marokko ist ein ernstliches Game of blufl.*“ Metternich warnte vor 
einem vorzeitigen deutschen Hervortreten in der Marokko-Frage und 
namentlich vor einer innpportunen Preßkampagne. „Wenn überhaupt, 
können wir nur im opportunen Moment durch schweres diplomatisches 
Geschütz etwas ausrichten. Je früher wir die Batterie auffahren, um so 
mehr Zeit wird den Gegnern gegeben, sich zu verschanzen und Gegenmaß- 
nahmen zu treffen. Wann der richtige Augenblick für uns eintritt, kann nur 
die Entwicklung der Dinge lehren oder erst durch die genauere Kenntnis 
der englisch-französischen Abmachungen bestimmt werden.“
        <pb n="26" />
        Prinz 
Heinrich VII. 
Reuß über 
Petersburg 
6 GEFAHR FÜR DIE RUSSISCHE DYNASTIE 
Nicht lange nach der Begegnung unseres Kaisers mit dem russischen 
Kaiserpaar in Wollsgarten hatte ich von meinem früheren Chef in St. Peters- 
burg und späteren langjährigen Gönner und Freund, dem Prinzen 
Heinrich VIl. Reuß, einen nicht uninteressanten Brief über russische Hof- 
vorgänge und Hofzustände erhalten. Er hatie auf seinem Gute Trebschen in 
der Neumark den Besuch seiner Nichte, der Großfürstin Wladimir, erhalten. 
Über die vertraulichen Mitteilungen der schönen Frau schrieb er mir: „Von 
allem, was ich habe hören können, habe ich einen recht unerfreulichen Ein- 
druck gewonnen. Der gute Wille, die bessere Einsicht des Kaisers Nikolaus 
kommen nicht zur Geltung, weil Tatkraft gänzlich fehlt und auch Inter- 
esse an den Geschäften. Auch weil sich Einflüsse geltend machen, die 
perniziös sind, und zwar von weiblicher Seite, mit einer bedenklichen Bei- 
mischung von Mystizismus, deren Trägerinnen die montenegrinischen Prin- 
zessinnen sind, welche ihrerseits entschiedenen Einfluß auf die regierende 
Kaiserin ausüben, ein Einfluß, dem selbst die Kaiserin-Mutter nicht mehr 
gewachsen ist. Beispiel: die Ungnade Wittes, der sich weigerte, Geld für den 
Beherrscher der Schwarzen Berge herzugeben in dem Umfange, wie es von 
den Töchtern verlangt wurde. In dem Hang zu dem mystischen Treiben 
dieser Clique liegt nach der Überzeugung der Großfürstin Wladimir eine 
große Gefahr für die Dynastie. Das russische Volk wittere Unrat, und da- 
durch litte das Ansehen Väterchens. Das würde von der revolutionären 
Partei geschickt benutzt, um das kaiserliche Ansehen noch mehr zu unter- 
graben. Die Nihilisten hätten ihre Taktik geändert. Nicht mehr Mord des 
Dynasten, sondern Schüren gegen seine dynastische Unfehlbarkeit in den 
breiten Schichten des Volks sei heute die Losung. Und oben sei man voll- 
kommen blind gegen diese Gefahr, bilde sich ein, alles ginge zum besten, 
und wenn man überhaupt jemand Gehör schenke, so sei es denen, die alles 
schön zu färben verstünden. Niemand werde gehört, und mit eifersüchtigen 
Augen würden diejenigen beobachtet resp. abgedrängt, die den Mut hätten, 
die Wahrheit zu sagen.“ 
Diesen Mitteilungen seiner Nichte, der Großfürstin, fügte Prinz Reuß 
hinzu: „Erfreulich ist, daß der Zar Sympathie für unseren Allergnädig- 
sten Herrn hat, und wenn das Wasser auch keine Balken hat und ein 
unsicheres Element ist, so sind doch die Rendezvous auf demselben 
eine treflliche Erfindung, besonders auch deshalb, weil das Ewigweib- 
liche davon ausgeschlossen bleibt. Zur größten Vorsicht ist aber zu raten, 
nicht zu viel Avancen zu machen. Das macht dort den entgegengesetzten 
Effekt des Gewünschten. Die Leidenschaft für den Alliierten an der Seine 
scheint nur künstlich genährt zu werden. Über Lambsdorff meinte die 
Großfürstin, es fehle ihm viel zum hervorragenden Staatsmann, aber er 
wäre zuverlässig.“
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        ROTE, SCHWARZE ODER GELBE AFFEN 7 
Einige Wochen vor dem Besuch der Großfürstin Wladimir in Trebschen 
hatte Tirpitz in St. Petersburg geweilt. Er war von Kaiser Wilhelm beauf- 
tragt worden, dem Zaren Zeichnungen von unseren im Bau begriflenen 
Panzerschiflfen zu übergeben und ihm darzulegen, daß unsere Seemacht 
auf die Nordsee konzentriert bleibe. Die von der französischen Presse ver- 
breitete Nachricht, wir wollten Danzig in einen Kriegshafen verwandeln, 
sei unbegründet. Tirpitz hatte natürlich keine Gelegenheit gehabt, in die 
Intimitäten des Zarenhofes einzudringen, aber er war mit größter Auszeich- 
nung empfangen worden. Er hatte in Zarskoje Selo im engsten Kreis bei 
den Majestäten gefrühstückt. Die bisher für wenig deutschfreundlich 
geltenden Großfürsten Alexei Alexandrowitsch und Alexander Micha- 
ilowitsch waren ihm sehr freundlich entgegengekommen. Der Vizeadmiral 
Avellan, der dreizehn Jahre früher das russische Geschwader nach Toulon 
geführt hatte, zeigte sich besonders empressiert. 
In Deutschland hatten die Wahlen von 1903 der Sozialdemokratie einen 
bedeutenden Zuwachs an Stimmen gebracht. Wilhelm II. war zu intelli- 
gent, um nicht zu fühlen, daß zu diesem Anschwellen der sozialdemo- 
kratischen Stimmen er selbst durch seine Reden und Gesten nicht unwesent- 
lich beigetragen hatte. Wie dies aber leider nur zu oft seine Art war, ver- 
schloß er seine Augen vor der eigenen Verantwortung und richtete proprio 
motu ein Telegramm en clair an mich, in dem es hieß, es sei ihm vollständig 
gleichgültig, ob in dem Reichstagskäfig rote, schwarze oder gelbe Affen 
herumsprängen. Daß dies mehr als burschikose Telegramm nicht in die 
Öffentlichkeit kam, war ein schöner Beweis für die Treue und Verschwiegen- 
heit des Telegraphenpersonals. Für mich war es weniger der von der Sozial- 
demokratie erzielte Gewinn, der mir bedenklich erschien, als die in Deutsch- 
land immer weiter um sich greifende und schließlich bei vielen fast zum 
Glaubenssatz gewordene Meinung, daß die sozialdemokratische Bewegung 
unter keinen Umständen zum Stillstehen zu bringen wäre, sondern wie ein 
Naturereignis, dem Meere oder einer Lawine vergleichbar, unaufhaltsam 
weiterrolle. Ich suchte deshalb nach einer Gelegenheit zur öffentlichen Ab- 
rechnung mit der sozialdemokratischen Partei. Ich war von der Notwendig- 
keit durchdrungen, im passenden Augenblick eine Reichstagsauflösung 
herbeizuführen, um einen besser zusammengesetzten Reichstag zu erhalten. 
Unerschütterlich gewillt, Gesetz und Ordnung aufrechtzuerbalten, war ich 
nach wie vor gegen unprovozierte Gewaltmaßregeln, geschweige denn 
einen Staatsstreich und Bruch der beschworenen Verfassung. Ich war und 
bin der Ansicht, daß große soziale Bewegungen und Strömungen auf die 
Dauer nur geistig zu überwinden eind, das heißt mit Vernunft und Geist, 
was eine feste Hand im Notfall nicht ausschließt. In Deutschland wird die 
Bedeutung des gesprochenen Wortes vielfach unterschätzt. Ohne faustisch 
Reichstags- 
wahlen 
von 1903
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        8 DIE DEUTSCHE SOZIALDEMOKRATIE 
angelegt oder gar begabt zu sein, betet mancher deutsche Philister das Wort 
des Faust nach: „Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen.“ In 
Wirklichkeit ist die Bedeutung des Worts ungeheuer groß. Ich glaube, daß 
wir im Jahre 1906 nicht einen so glänzenden Sieg über die Suzialdemokratie 
erfochten haben würden, wenn meine vorher gehaltenen und in Millionen 
von Exemplaren verbreiteten Reichstagsreden nicht das Terrain vorbereitet 
hätten. Wenn ich die Sozialdemokratie bekämpfte, so geschah dies nicht aus 
Mangel an Verständnis für den berechtigten Kern ihrer Bestrebungen. Noch 
weniger aus dem Gesichtswinkel eines beschränkten Aristokratendünkels 
oder gar aus irgendwelchen selbstsüchtigen Motiven. Ich war überzeugt, 
daß die Herrschaft der Sozialdemokratie gerade in Deutschland das Ende 
der Größe, Macht und Wohlfahrt des Deutschen Reichs bedeuten würde. 
Nicht nur die Schwächen, auch die Vorzüge des deutschen Charakters 
machen die Sozialdemokratie für Deutschland besonders gefährlich. Der 
Deutsche ist doktrinärer als irgendein anderes Volk. Er versteht es viel 
weniger als der Engländer, Franzose und Italiener, sich in praktischen 
Fragen von den Netzen der Theorie zu befreien. Er geht in seinem Doktrina- 
rismus mit dem Kopf durch die Wand. Als während meiner Amtszeit in 
Bern ein internationaler Kongreß zum Zweck der Regulierung der Frauen- 
und Kinderarbeit stattfand, sagte der französische Delegierte, der spätere 
Präsident der Französischen Republik, Alexandre Millerand, damals einer 
der Führer der französischen Sozialdemokraten, meinem Bruder Alired, 
der deutscher Gesandter in Bern war: „Zügeln Sie doch Ihre Geheimen Räte, 
die man aus Berlin zu diesem Kongreß hierhergesandt hat. Die sind ja 
doktrinärer und unpraktischer als unsere törichtsten sozialistischen 
Schwärmer. Que diable, avant tout i} faut que l’industrie marche.‘“ Der 
Typus Millerand, Briand, Albert Thomas, Livyd George, Crispi, Fortis, 
d. h. der Typus des Demagogen, der sich allmählich zu einem verständigen 
Staatsmann durchmausert, findet sich immer von neuem und zum Wohl 
dieser Länder in Frankreich, England, Italien. In Deutschland ist er selten. 
Wir haben in Deutschland noch keinen Clemenceau gehabt, der, Minister 
geworden, auf streikende Arbeiter schießen ließ und, gegenüber diesem 
grausamen Vorgehen an frühere arbeiterfreundliche Reden erinnert, kühl 
erwiderte: „A present je suis de l’autre cöt&amp; de la barricade.‘“‘ Vor allem ist 
das Nationalgefühl bei unseren Nachbarn viel, unendlich viel stärker als 
bei uns. Der französische Sozialist will, daß auch ein sozialistisch organi- 
siertes. Frankreich in Europa dominieren soll, schon weil Frankreich, das 
Frankreich von 1789, „la m&amp;re de la revolution“ ist. Gerade so wie der 
französische Klerikale fordert, daß Frankreich als „Als aine de l’Eglise“ 
die katholische Welt beherrsche. Der französische Sozialist sucht eich 
emporzuheben aus dem Dunst der Niederung, der deutsche will die anderen
        <pb n="29" />
        Du 
Reichskanzler Fürst von Bülow
        <pb n="30" />
        <pb n="31" />
        DEBATTE MIT BEBEL 9 
in seine Niederungen hinabziehen. Selbst die größte Gabe des Deutschen, 
sein Organisationstalent, hat unendlich viel zum Aufschwung der deutschen 
Soziallemokratie beigetragen, aber auch gleichzeitig zu ihrer Erstarrung. 
Sidney Sonnino sagte mir einmal im Winter 1914 auf 1915: „Gewiß be- 
wundere ich die Fähigkeit des Deutschen im Organisieren. Aber so unbe- 
schränkt, wie sie bei Ihnen waltet, führt sie zur Arteriosklerose, zur geistigen 
Verkalkung.“ Ähnlich meinte während des Weltkrieges Ballour: die Deut- 
schen hätten ein für die Welt gefährliches Talent zum Organisieren, aber 
vielleicht gerade deshalb wären sie keine Psychologen. 
Während meines Rededuells mit Bebel am 10., 14. und 15. Dezember 
1903* setzte ich mich mit Programm und Weltanschauung der deutschen 
Sozialdemokratie auseinander. Ich hatte vielleicht gerade deshalb Erfolg, 
weil ich, bis auf einige positive Mitteilungen über Skandalosa in der Garni- 
son Forbaclı und über die Erhebung von Abgaben auf den Wasserstraßen, 
unvorbereitet sprach. Als ich die von Bebel auf dem Dresdener Sozial- 
demokratischen Parteitag gezeigte Unduldsamkeit geißelte, fand ich bis 
weit in Jdie Linke hinein Verständnis. Die revisionistischen Sozialisten 
schmunzelten stillvergnügt. Als ich der Sozialdemokratie für Disziplin und 
Opferireudigkeit die Zensur la, für positive Leistungen und Klarheit des 
Programms die Zensur V b erteilte, sagte ich leider nur zu sehr die Zukunft 
voraus. Man hat mich oft gefragt, woher das von mir Bebel zugerufene Zitat 
stamme: „Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag’ ich dir den 
Schädel ein.“ Ich wußte es damals nicht und weiß es auch heute noch nicht. 
Da das Verschen mir im Laufe meiner Rede einfiel, so möchte ich annehmen, 
daß ich es schon in meiner ersten Jugend in Frankfurt a. M., Sachsenhausen 
oder Bonames habe singen hören, wo damals noch mancherlei Remini- 
szenzen an das Jahr 1848 lebendig waren. 
Die sehr gescheite Nichte des Fürsten Bismarck, die Tochter seiner 
geliebten Malle, Frau von Kotze, geborene von Arnim-Kröchlendorff, 
schrieb mir: „In meinem Bismarckschen Blute steckt die glühende Liebe 
zum Vaterland, und diese hat aufgejubelt bei Ihrer Rede. Eine solche ist 
seit Bismarcks Zeiten im Reichstag nicht gehalten worden. Da lacht einem 
das Herz im Leibe, wenn der Führer der Nation so tapfere, klare, scharfe 
Kampfesworte findet. Worte, die nicht nur Worte sind, sondern eine Tat. 
Sie richten das Vertrauen zu Ihnen auf und beleben die Überzeugung, daß 
vielleicht manches anders wäre, wenn sich Ihrem Wollen nicht oft unüber- 
windliche Hivdernisse entgegentürmten. Jeder Patriot muß den brennenden 
Wunsch hegen, Sie noch lange Jahre an der Spitze unserer Regierung zu 
sehen. Daß diesen Wunsch jemand ausspricht, der so wie ich über beide 
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, S. 1 £.; Kleine Ausgabe III, S. 10 ff.
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        Aufhebung 
des Jesuiten- 
Gesetzes 
10 DIE JESUITEN 
Ohren in den alten Traditionen drinsteckt, möge Ihnen die Stärke meiner 
tiefen, freudigen Erregung beweisen.“ Der Dichter Ernst von Wildenbruch 
schrieb mir: „Wie schon manchmal ist es auch diesmal Ihnen gegeben ge- 
wesen, einem allgemeinen Empfinden überzeugenden Ausdruck zu ver- 
leihen. Und wenn ich zu jedem Ihrer kraft- und geistvollen Worte Ja und 
Amen sage, so geht für mich aus dem Gesamteindruck Ihrer Reden doch 
noch eine höhere Befriedigung hervor, die Freude, daß wir Deutsche an 
solcher Stelle einen Mann von so umfassendem Blick und zugleich von so 
unbeirrbarer innerer Geschlossenheit besitzen.“ Ein anderer Dichter, 
Adolf Wilbrandt, schrieb: „Lieber, verehrtester Freund. Herrlich! Ehe ich 
an mein dramatisches Tagewerk gehe, muß ich Ihnen sagen, daß ich von 
Ihren jüngsten Reichstagsreden geradezu entzückt bin. Hätt’ ich sie doch 
selbst gehört! Den Grauschimmel Bebel haben Sie meisterhaft geritten!“ 
Und aus Hamburg telegraphierte mir der nüchterne, gescheite Albert 
Ballin: „Ich bitte um die Erlaubnis, Euer Exzellenz es aussprechen zu 
dürfen, wie sehr mich Ihre letzten Reden gegen Bebel begeistert haben. 
Das war das rechte Wort zur rechten Zeit. Das Wort, auf welches die Nation 
gewartet hatte und welches Euer Exzellenz Freunde und Verehrer erwerben 
wird weit über des Vaterlandes Grenzen hinaus.“ 
Wenn ich nach Jahren an diese Debatten zurückdenke, so werde ich in 
der Überzeugung bestärkt, daß die kaum zu bestreitende Dürre und Lange- 
weile derzeitiger deutscher parlamentarischer Verhandlungen nicht zum 
kleinsten-Teil auf die leidige Neigung unserer heutigen Parlamentarier zu 
langen, seit lange vorbereiteten, mehr oder weniger vom Manuskript ab- 
gelesenen Einzelvorträgen zurückzuführen ist. Solche Monologe ohne direktes 
Eingehen auf Argumente des Gegners, ohne sofortige Replik auf Zwischen- 
rufe können nie die Lebhaftigkeit und Frische, die Unmittelbarkeit und Wirk- 
samkeit französischer Debatten erreichen, die eine wirkliche Auseinander- 
setzung mit unmittelbarer und deshalb auch viel stärkerer Wirkung sind. 
In jeder Reichstagssession wurde von seiten des Zentrums ein Antrag 
auf Aufhebung des sogenannten Jesuitengesetzes, d. h. des Reichsgesetzes 
vom 4. Juli 1872, betreffend den Orden der Gesellschaft Jesu, oder wenig- 
stens auf Modifikation dieses Gesetzes gestellt. Es handelte sich hierbei 
zunächst nicht um den in $ l niedergelegten Grundgedanken des Gesetzes, 
durch den die Tätigkeit des Jesuitenordens im Deutschen Reich verboten 
wurde. Wohl aber sollte der $ 2 des Gesetzes aufgehoben werden, wonach 
die Angehörigen des Ordens oder der ihm verwandten Orden oder ordens- 
ähnlicher Kongregationen aus dem Bundesgebiet ausgewiesen werden 
durften, wenn sie Ausländer waren. Waren sie Inländer, so konnte ihnen 
der Aufenthalt in bestimmten Bezirken oder Orten versagt oder angewiesen 
werden. Ich war mit Ausnahme unserer Ostmark, wo wir uns gegenüber
        <pb n="33" />
        „HÖLLENSÖHNE“ 11 
der großpolnischen Agitation im Zustande der Notwehr befanden und wo 
es um Sein oder Nichtsein des Preußischen Staates und deutschen Volks- 
tums ging, kein Freund von Ausnahmegesetzen. Es erschien mir unbillig, 
daß die Angehörigen des Jesuitenordens die einzigen Deutschen sein sollten, 
denen das Recht genommen oder wenigstens beschränkt werden konnte, 
in der Heimat zu weilen. Seit mehreren Jahren hatten sowohl die Kon- 
servativen wie die große Mehrheit der Liberalen regelmäßig für den Antrag 
auf Aufhebung des $ 2 des Jesuitengesetzes gestimmt. Nachdem ich schon 
am 3. Februar 1903 auf eine Anfrage des Abgeordneten Spahn erwidert 
hatte, daß nach meiner Ansicht die konfessionellen Verhältnisse innerhalb 
des Deutschen Reichs es nicht länger notwendig erscheinen ließen, einzelne 
deutsche Staatsangehörige deshalb, weil sie der Gesellschaft Jesu ange- 
hörten, unter die Bestimmung eines Ausnahmegesetzes zu stellen, setzte 
ich am 8. März 1904 in einer Sitzung des Bundesrats die Aufhebung des 
$ 2 durch und erlangte am selben Tage die Unterschrift des Kaisers für den 
nunmehr vorliegenden übereinstimmenden Beschluß von Bundesrat und 
Reichstag. Die Unterschrift Seiner Majestät zu erreichen, war in diesem 
Falle nicht ganz leicht. Der Kaiser war wie viele Protestanten, übrigens auch 
nicht wenige Katholiken, gegen die Jesuiten sehr eingenommen. Wenn in 
einem Bericht von Söhnen des hl. Ignaz von Loyola die Rede war, pflegte 
er „Höllensöhne‘“ oder „Teufelsbraten“ an den Rand zu schreiben. 
Im Bundesrat widerstrebten namentlich Sachsen und die thüringi- 
schen Staaten. Der weise und weitblickende König Albert hatte immer der 
Tatsache Rechnung getragen, daß Sachsen die Wiege der Reformation 
war und daß das sächsische Volk in seiner überwältigenden Mehrheit an 
seiner evangelischen Konfession festhielt. Sein Bruder und Nachfolger, 
der König Georg, dessen Söhne und Enkel huldigten einer ultraklerikalen 
Weltanschauung, die sie auch nach außen gelegentlich zur Schau trugen 
und die jedermann kannte. Es machte deshalb keinen erhebenden Eindruck, 
als im ausdrücklichen Auftrag des Königs Georg der sächsische Kultus- 
minister in der Sächsischen Zweiten Kammer erklärte, daß nach einem 
vom Sächsischen Staatsministerium einstimmig gefaßten Beschluß die 
sächsischen Stimmen im Bundesrat gegen die Aufhebung des $ 2 abgegeben 
worden seien. Unter lebhaften Bravorufen der damals sehr loyalen 
Sächsischen Kammer fügte der Minister hinzu, daß dies Vorgehen der 
Minister die vollste Zustimmung des Königs Georg gefunden habe, was den 
tief empfundenen und aufrichtigen Dank des sächsischen Volkes verdiene, 
Das bedeutete natürlich einen aus rein partikularistisch-dynastischen 
Motiven hervorgehenden, nebenbei gesagt von wenig Mut und ebensowenig 
Aufrichtigkeit zeugenden Stoß in meinen Rücken. Es liegt eine gewisse 
Ironie darin, daß der Enkel des Königs Georg, der Kronprinz Georg von
        <pb n="34" />
        12 HEYDEBRAND 
Sachsen, nach dem Umsturz erst Priester wurde und dann als Pater Georg 
von Sachsen Mitglied der Gesellschaft Jesu. 
Die Debatten, zu denen im Preußischen Abgeordnetenhaus die 
Aufhebung des $2 des Jesuitengesetzes führte, gewährten mir reichlich Ge- 
legenheit, mich von der Unzuverlässigkeit und Unehrlichkeit unserer 
Parlamentarier aller Parteien zu überzeugen. Der Abgeordnete von Heyde- 
brand, der nach dem Rücktritt des einsichtigeren Grafen Stirum die Füh- 
rung der preußischen Konservativen an sich gerissen hatte, erklärte in der 
pathetischsten Haltung und Stellung, zu der er sich bei seiner kleinen 
Figur emporrecken konnte: „Bis hierher, Herr Reichskanzler, aber nicht 
weiter!“ Die berufenen Stellen, führte er weiter aus, wahrten nicht ge- 
nügend die evangelischen Interessen, die regierenden Faktoren zeigten 
gegenüber dem Ultramontanismus keine Festigkeit. Während der Dis- 
kussion konnte ich beobachten, wie Herr von Heydebrand auf einen aus- 
gesprochenen Kulturkämpfer in der nationalliberalen Partei, den Abge- 
ordneten Sattler, übrigens einen tüchtigen Mann, der bald nachher an einer 
schmerzhaften Krankheit sterben sollte, lebhaft einredete, daß er noch 
schärfer gegen die Regierung vorgehen möge. Es sollte die Zeit koımmen, wo 
Herr von Heydebrand in schrofler Form und mit beklagenswerter politi- 
scher Kurzsichtigkeit mit den Nationalliberalen brach, um sich ganz dem 
Zentrum in die Arme zu werfen. Die höchsten Töne schlug der national- 
liberale Führer Professor Dr. Friedberg an. Ich sehe ihn noch vor mir, 
wie er wir mit erhobener Stimme und ausgestrecktem Arm zurief: Wenn ein 
künftiger Treitschke die innere preußische Politik vom Jahre 1904 schildern 
sollte, so würde der Kanzler Bülow schlecht wegkommen, der die Tür des 
deutschen Hauses wieder den Jesuiten geöffnet hätte. Es war mir noch ver- 
gönnt, denselben Abgeordneten Friedberg im Jahre 1917 vor mir zu sehen, 
wie er als Vizepräsident des preußischen Staatsministeriums den Sitzungs- 
saal des Herrenhauses Arm in Arm mit dem Ministerpräsidenten Hertling 
betrat, ein Herz und eine Seele mit ihm, der Zeit seines Lebens den Jesuiten 
immer besonders nahegestanden hatte. „Die ganze Welt ist Bühne, und alle 
Frau’n und Männer bloße Spieler‘, sagt bei Shakespeare der melancholische 
Edelmann Jacques zu seinem verbannten Herzog. Ich brachte wenigstens 
die Lacher auf meine Seite, als ich einen Abgeordneten, der ein Jahr vorher 
für den Antrag auf Aufhebung des $ 2 gestimmt hatte, mich nun aber, als 
ich diesem Antrag entgegenkam, deshalb angriff, frug, ob er etwa jenen 
Antrag eingebracht hätte in der stillen Hoffnung, mit der Reservatio 
mentalis, die Regierung würde nicht darauf eingehen. Das wäre ja beinahe 
jesuitisch. Ich gab meinen innersten Empfindungen Ausdruck, als ich gegen- 
über den bei dieser Gelegenheit gegen mich gerichteten, zum Teil recht 
platten Angriffen bemerkte, ich verstünde jetzt die Gefühle, mit denen Hus
        <pb n="35" />
        GATTE EINER KATHOLIKIN 13 
dem alten „und stupiden“ Weibe zusah, das Reieig zu seinem Scheiter- 
haufen herbeitrug. „Sancta simplicitas!“ 
Am Hofe wurde mir namentlich von den Damen der Kaiserin die Auf- 
hebung des $2 nicht wenig verargt. Wenn ich im Laufe des südafrikanischen 
Krieges zahlreiche anonyme und nicht anonyme Zuschriften erhalten hatte, 
in denen ich als „Knecht Englands“ und „Verräter an der deutschen Sache“ 
geschmäht und bedroht wurde, so kam die Reihe jetzt an meine liebe, ganz 
unpolitische Frau, der während Wochen hitzige Protestanten in meist 
anonymen Briefen und Postkarten, bisweilen unter wüsten Drohungen, 
vorwarfen, daß sie, als Katholikin, das Vaterland und ihren Gatten an die 
S. J. verriete. Auch diese Zuschriften wanderten in den Papierkorb. Aus 
der Umgebung der Majestäten schrieb mir ein freundlich gesinnter Flügel- 
adjutant: „Während der gestrigen Abendtafel meinte eine der Damen Ihrer 
Majestät seufzend: ‚Der Herr Reichskanzler hat eine katholische Frau, 
einen katholischen Adjutanten, den Erbprinzen von Salm, auch sein Privat- 
sekretär, der Hofrat Schefer, soll katholisch sein. Jedenfalls ist sein Haus- 
freund, der Prinz Franz Arenberg, ein eifriger Katholik, der die Frau 
Reichskanzlerin jeden Sonntag zur Messe in die Hedwigskixche geleitet. 
Wo soll das hinführen ”® S. M. antwortete nichts, I. M. schwieg auch, sah 
aber betrübt aus.“ Ich ließ mich durch solche Mischung von Bosheit und 
Einfältigkeit nicht irremachen. Ich begreife die Abneigung und das Miß- 
trauen, das in weiten evangelischen Kreisen gegen die Societas Jesu be- 
steht. Sehen doch auch viele Katholiken mit gleichen Empfindungen auf 
diesen Orden. Niemand hat an den Jesuiten eine vernichtendere Kritik 
geübt als in seinen unsterblichen Briefen „Les Provinciales‘‘ Blaise Pascal, 
einer der größten katholischen Geister aller Zeiten. Es ist ein Katholik, der 
gesagt hat: „O vos, qui cum Jesu itis, non ite cum Jesuitis.‘“ Es ist ein 
katholischer Tiroler, Hermann Gilm, der wie kaum ein anderer in seinen 
Jesuitenliedern die Geißel über diesem Orden geschwungen hat. Ich möchte 
meine Ansicht dahin zusammenfassen, daß in ganz überwiegend pro- 
testantischen Ländern wie England und Amerika die Jesuiten wenig 
Schaden anrichten können. Daß sie in überwiegend oder rein katholischen 
Ländern durch Leidenschaftlichkeit, Kurzsichtigkeit und Herrschsucht viel 
zu verderben vermögen, zeigt die polnische, die österreichische und die 
französische Geschichte. Bei einem Volk wie dem deutschen, wo sich zwei 
Konfessionen annähernd gleich stark gegenüberstehen, hat der Orden nicht 
immer zur Verträglichkeit zwischen den Konfessionen beigetragen. Um so 
mehr wird es an dem evangelischen Teil der Bevölkerung sein, in groß- 
zügiger Toleranz, aber auch mit treuem Festhalten an seinem Bekenntnis, 
die Rechte und die Stellung der evangelischen Kirche zu verteidigen. Ich 
möchte ausdrücklich betonen, wie ich weit davon entfernt bin, zu bestreiten, 
Widerstand 
in protestanti- 
schen Kreisen
        <pb n="36" />
        14 WILHELM II. AUF DEM HAPAG-DAMPFER 
daß es unter den Jesuiten nicht nur kluge und tüchtige, sondern auch 
gute, edle, von reinstem Idealismus erfüllte Männer gibt. Während des 
Deutsch-Französischen Krieges stand ich bei derselben Schwadron mit 
einem westfälischen Freiherrn von Böselager. Ich fühlte mich zu ihm hin- 
gezogen. Er war ein ungewöhnlich unterrichteter und begabter junger 
Mann, dabei ein tüchtiger Soldat, der sich von keinem Königshusaren an 
Eifer im Dienst, an Unermüdlichkeit im Patrouillereiten, an Tapferkeit bei 
der Attacke übertreffen ließ. Wir führten oft lange religiöse Gespräche, 
im Geiste des großen Wortes: „In necessariis unitas.‘“ Sobald der Feldzug 
zu Ende war, bestimmte Böselager sein ganzes nicht unbeträchtliches Ver- 
mögen für fromme Zwecke, dann trat er in den Jesuitenorden ein. Als ich 
mich viele Jahre später bei einem seiner Verwandten nach seinem Ergehen 
erkundigte, hörte ich, daß Karl Böselager in den sumpfigen Niederungen 
des Ganges einer Pestepidemie erlegen wäre, bis zum letzten Atemzuge die 
Kranken pflegend und verschend, die Gesunden aufrichtend und tröstend. 
Ave, pia anima! 
Als ich die Aufhebung des $ 2 des Jesuitengesetzes erreicht hatte, schrieb 
mir Kardinal Kopp: „Eure Exzellenz wollen geneigen, wenigstens ein 
stilles Dankeswort für die Erledigung der Jesuiten-Frage entgegenzu- 
nehmen. Die Wogen der wohl meist nur künstlichen Aufregung werden sich 
voraussichtlich bald verlaufen, die Katholiken aber hoffentlich der Opfer 
eingedenk bleiben, die Eure Exzellenz für diese Friedensaktion gebracht 
haben. In unwandelbarer Treue und Verehrung. G. Kard. Kopp.“ Mein 
lieber alter Freund der Prinz Franz Arenberg schrieb mir: „Julius Bachem, 
der Redakteur der Kölnischen Volkszeitung, sagt mir soeben, die zweite 
Auflage des Katholischen Staatslexikons sei fertiggestellt, und die Redaktion 
habe beschlossen, Dir ein Exemplar in Prachtband zu verehren. Die Leute 
wissen sehr gut, welches Maß von Dank sie Dir für alle Anfechtungen 
schulden, denen Du Dich ihretwegen ausgesetzt hast, und wollen Dir mit 
dieser Aufmerksamkeit ihre Verehrung und Erkenntlichkeit zeigen. Diesen 
Beweis anständiger Gesinnung bin ich sehr glücklich Dir übermitteln zu 
können.“ Mündlich sagte mir Arenberg in jenen Tagen: „Als Zentrumsmann 
danke ich dir. Als dein Freund sage ich dir: Nun aber Schluß! Wenn in 
Deutschland eine Partei ungefähr alles erreicht hat, was sie vernünftiger- 
weise verlangen kann, dann ist für die Regierung nicht mehr mit ihr auszu- 
kommen, dann wird sie unverschämt.“ Diese Prophezeiung sollte sich schon 
zwei Jahre später erfüllen. 
Im März 1904 unternahm Kaiser Wilhelm seine erste Mittelmeerreise. 
Mittelmeer- Die Hamburg-Amerika-Linie hatte ihm zu diesem Zweck einen ihrer größten 
fahrt des Dampfer zur Verfügung gestellt, was Seine Majestät die Möglichkeit bot, 
Kaisers eine stattliche Zahl von Bekannten auf diese Fahrt mitzunehmen. Als der
        <pb n="37" />
        PROFESSOR SCHIEMANN 15 
Kaiser von der Reise zurückkehrte, sagte mir der Chef des Militärkabinetts 
Graf Dietrich Hülsen, der viel gesunden Menschenverstand besaß: „Warum 
haben Sie uns diesen gräßlichen Schiemann auf die Reise mitgegeben ? Er 
ist ein Schmarotzer, ein Schleicher und ein Schmeichler, das zusammen ist 
zu viel.‘“ Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, so muß ich gestehen, 
daß, wenn Irren überhaupt menschliches Los ist, ich das Malheur hatte, 
in personalibus häufig zu irren. Als ich Staatssekretär des Äußern wurde, 
lenkten Waldersee und Holstein meine Aufmerksamkeit auf einen baltischen 
Professor der Geschichte, Herrn Theodor Schiemann, der sich in einer 
materiell bedrängten Lage befände. Ich lud ihn zu Tisch ein und fand einen 
in der russischen Geschichte wohlbeschlagenen Mann. Da ich mich für Ge- 
schichte immer lebhaft interessiert, auch während meines langen Aufent- 
haltes in Rußland selbst russische Geschichte studiert hatte, fand ich Ge- 
fallen an ihm, obwohl mich die allzu weit getriebene Unterwürfigkeit seiner 
Manieren nicht angenehm berührte. Da es ihm wirklich recht schlecht zu 
gehen schien, so unterstützte ich ihn gelegentlich aus dem kleinen Fonds, 
der mir für solche Zwecke zur Verfügung stand. Ich erfüllte auch seinen 
brennenden Wunsch, dem Kaiser vorgestellt zu werden, und ließ ihn nach 
einem Diner, an dem Seine Majestät teilgenommen hatte, seine Parade- 
stücke aufsagen: die Hinrichtung des unglücklichen Zarewitsch Alexei 
durch seinen Vater, Peter den Großen, die Ermordung des Kaisers Peter III. 
durch seine Gemahlin, die Kaiserin Katharina, die Erdrosselung des Kaisers 
Paul unter stillem Mitwissen, wenn nicht mit Konnivenz seiner Gemahlin 
und seines ältesten Sohnes, des Kaisers Alexander I. Ich setzte ihn auch auf 
die Liste der Personen, die ich dem Kaiser vorschlug auf die Mittelimeerfahrt 
mitzunehmen. Da Schiemann nicht nur sehr verhungert aussah, wodurch 
er von vornherein das weiche Herz meiner Frau gerührt hatte, sondern auch 
recht schäbig angezogen war, so ließ ich ihn für die Reise neu ausstaflieren. 
Er erhielt einen stattlichen dunkelblauen und einen schmucken hellgrauen 
Anzug, mit denen bekleidet er sich ohne Scheu dem Allerhöchsten Gefolge 
anschließen konnte. Aber Theodor Schiemann vertrug wie manche andere 
Gelehrte die Hofluft nicht. Er bildete sich immer mehr zum Speichellecker 
und Ohrenbläser aus und sollte mir und, was schlimmer war, unserer Politik 
im Laufe der Jahre viele Ungelegenheiten bereiten. Schiemann schrieb 
damals in der „Kreuzzeitung‘‘ die wöchentliche Rundschau über auswärtige 
Politik und benutzte fast jeden seiner Artikel zu einem Trompetenstoß für 
mich. Diese Aufsätze sind später in Buchform erschienen. Sie stehen wohl- 
geordnet in meiner Bibliothek. Sie waren schön eingebunden in prächtigem 
rotem Leder, sie brauchten also nicht zu erröten, als sich Professor Schie- 
mann mir gegenüber nach meinem Rücktritt aus einem eifrigen Lobredner 
in einen gehässigen Gegner verwandelte.
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        Keine 
Begegnung 
mit Loubet 
16 PLÖTZLICHER KURS AUF GENUA 
Während der Kaiser das Mittelmeer befuhr, erfolgte der Besuch des 
Präsidenten der Französischen Republik Loubet in Rom. Wilhelm II. hätte 
gar zu gern eine Begegnung mit Loubet herbeigeführt. Er überlegte sich 
eifrig das Zeremoniell des Zusammentreffene. Er bezeichnete es mir als un- 
möglich, bei einem Besuch von Loubet an Bord eines deutschen Schiffes die 
„Marseillaise‘‘ spielen zu lassen. „Das wäre gegen meine legitimistischen 
Grundsätze‘, meinte der Kaiser. Dagegen wollte er dem Präsidenten den 
französischen Armeemarsch „Sambre et Meuse‘“‘ konzedieren, obwohl 
auch dieser Marsch die Bluttaufe der Revolution erhalten hatte. Ich sagte 
dem Kaiser, daß er sich umsonst den Kopf zerbreche, denn Loubet würde 
schwerlich den Mut haben, mit ihm zusammenzutreffen und dadurch alle 
französischen Chauvinisten, Deroul&amp;de und die Ligue des Patriotes vor den 
Kopf zu stoßen. Das würde er gerade in dem Augenblick nicht wollen, wo 
er bemüht wäre, unter Brüskierung des Papstes die Italiener einzufangen. 
Der Kaiser hielt aber an seinem Plan mit der Hartnäckigkeit fest, die ihm 
eigen war, wo es sich um persönliche Inspirationen handelte. 
Er hatte ursprünglich die Absicht gehabt, vor Beendigung seiner Mittel- 
meer-Reise Korfu anzulaufen, um dort mit seiner Schwester, der Kron- 
prinzessin Sophie von Griechenland, zusammenzutreffen und sich gleich- 
zeitig das Achilleion anzusehen, das schöne Schloß der Kaiserin Elisabeth 
von Österreich, von dem er viel gehört hatte, das er zu besitzen wünschte 
und später auch erworben hat. Plötzlich wurde, obne daß es mir nach Berlin 
mitgeteilt worden wäre, der Kurs des Dampfers, der Seine Majestät trug, 
geändert und statt auf Korfu und Venedig auf Genua genommen, in der 
Hoffnung, unterwegs dem in denselben Tagen von Neapel nach Frankreich 
zurückkehrenden Präsidenten Loubet zu begegnen, richtiger gesagt, um 
ihn zwischen Neapel und Genua zu überfallen. Der Kaiserliche Botschafter 
in Rom Graf Monts schrieb mir unter dem 3]. März 1904, daß Seine 
Majestät an der Ausschiffung in Genua festhalte. Es hieß} in diesem Brief: 
„Da der für Genua in Aussicht genommene Termin des 29. mit dem Termin 
der Abreise des Präsidenten Loubet aus Neapel zusammenfällt, war von 
italienischer Seite vertraulich angeregt worden, ob nicht eine Änderung des 
Reiseprogramms Seiner Majestät zu ermöglichen wäre. Der Kaiser hatte 
indes ein Parallelprogramm, in welchem Major von Chelius eine Aus- 
schiffung in Triest in Vorschlag brachte, abgelehnt. Da gegen Schluß der 
Reise ein Besuch des Adriatischen Meers, speziell der Insel Korfu in Aussicht 
stebt, wird vermutlich italienischerseits in der Rückkehr in das Mittellän- 
dische Meer zwecks Ausschiffung in Genua eine Absichtlichkeit gefunden 
werden. Dieselbe würde in erster Linie auf den König Viktor Emanuel 
verstimmend einwirken und den tatsächlich guten Verlauf der Neapler 
Entrevue beeinträchtigen. Der italienische Hof würde nicht umhinkönnen,
        <pb n="39" />
        UM LOUBET ABZUFANGEN 17 
in Genua eine offizielle Begrüßung zu inszenieren. Ein deutscher Kaiser auf 
einem Kriegsschiff mit Kriegsschiffsbegleitung kann nicht als Privatmann 
den Fuß ans Land setzen. Zur Begrüßung unseres Herrn würde höchstens 
ein italienischer Prinz, wohl der Herzog von Genua, mobil gemacht werden, 
während der König die Einschiffung des Präsidenten Loubet in Neapel zur 
gleichen Stunde persönlich überwacht. Es ergäben sich da Vergleiche, die 
weder für die Öffentlichkeit nützlich noch für Seine Majestät persönlich 
erfreulich sein würden. Abgesehen hiervon, müßten die jetzt schon hin und 
wieder auftauchenden Gerüchte über den Wunsch nach einer Entrevue 
mit Loubet neue Nahrung erhalten, wenn der Deutsche Kaiser sozusagen 
die Kiellinie des französischen Geschwaders kreuzt. Die Angelezenbeit ist 
von mir mehrfach mit dem Vertreter des Auswärtigen Amts an Bord des 
kaiserlichen Schiffes, Herrn von Tschirschky, erwogen worden. Derselbe 
meinte, daß es nur Eurer Exzellenz persönlich möglich sein würde, den 
Kaiser unter Darlegung obiger Gründe von der Rückkehr ins Mittelmeer 
abzubringen. Es wird überhaupt sowieso nicht leicht sein, Seine Majestät 
zur Änderung des Programms zu veranlassen, da Allerhöchstderselbe zu 
einigen Adjutanten, nicht zu Herrn von Tschirschky oder mir, den Wunsch 
ausgesprochen hat, dem französischen, nach Neapel gehenden Geschwader 
wie zufällig auf der Fahrt zu begegnen. Übrigens würde, wenn esschon einem 
Nelson nicht gelang, die nach Ägypten gehende Flotte zu treffen, auch dem 
Comodore Usedom es sicherlich schwerfallen, die Panzer der Republik auf 
offener See sozusagen abzufangen. Zum Schlusse bemerke ich noch ehr- 
erbietigst, daß während meines Aufenthalts in Neapel öfter Äußerungen aus 
dem Munde des Kaisers fielen, die auf den Wunsch einer nächstjährigen 
Wiederholung der Osterfahrt hindeuten. Hiermit quadriert auch die trotz 
aller gegenteiligen Äußerungen Seiner Majestät doch sehr auffallend ge- 
wesene Freundlichkeit gegen den König sowie die allen Vorschlägen ent- 
gegenkommende, oft dieselben geradezu überholende Bereitwilligkeit, 
Gnaden und Orden auszuteilen.“ Am 2. April fügte der Botschafter das 
nachstehende Postskriptum hinzu: „Unmittelbar vor Postschluß erhalte ich 
ein Telegramm des Gesandten von Tschirschky. Derselbe bittet dringend. 
Eure Exzellenz möchten ja nicht zu $. M. irgend etwas darüber verlauten 
lassen, daß Allerhöchstderselbe den Wunsch geäußert hat, die französische 
Flotte im Mittelmeer zu treffen. Die betreffende Marine- und Adjutanten- 
quelle würde dadurch aufs peinlichste kompromittiert und für den aus- 
wärtigen Dienst für immer verstopft werden.“ 
Dem Kaiser blieb schließlich nichts anderes übrig, als sich mit den land- 
schaftlichen Reizen Siziliens zu entschädigen, die sein für das Schöne emp- 
fängliches Gemüt in helle Begeisterung versetzten. Die erhabenen Grab- 
denkmäler zweier großer deutscher Kaiser, des genialen und unglücklichen 
2 Bülow II
        <pb n="40" />
        Der Kaiser 
und 
Frankreich 
18 ECKARDSTEINS „TAMOSER“ RAT 
Kaisers Friedrich II. und seines gewaltigen Vaters, Heinrichs VI., im Dom 
von Palermo riefen ihm die Hohenstaufen ins Gedächtnis, die in Sizilien 
selbst ziemlich vergessen und deren Bilder jedenfalls für die Einheimischen 
bereits stark verblaßt sind. Es erregte deshalb einiges Erstaunen, als der 
Kaiser bei seiner Rückkehr nach Deutschland in Karlsruhe am 28. April 
1904 auf eine Ansprache des Bürgermeisters erwiderte, er komme aus einem 
Lande, wo das Andenken an die deutschen Kaiser treuer gepflegt und leben- 
diger aufrechterhalten würde als irgendwo sonst. Ich tönte diese Rede nach 
Möglichkeit ab, bevor sie veröffentlicht wurde, sie erregte aber doch Kopf- 
schütteln. Es war nun einmal der Charme, aber auch die Klippe Wilhelms II., 
sich den wechselndsten Eindrücken unterschiedslos mit dem gleichen 
Impetus hinzugeben. 
Als ich einige Stunden vor dem Kaiser in Karlsruhe eintraf, um ihn dort 
zu begrüßen, [and ich ein chiffriertes Telegramm des Auswärtigen Amts vor, 
in dem mir gemeldet wurde, daß sich der Legationsrat von Eckardstein 
nach Karlsruhe begeben habe. Der Staatssekretär von Richthofen, der dies 
Telegramm an mich gesandt hatte, fügte hinzu, er höre von einem großen 
und durchaus zuverlässigen Berliner Bankier, daß Eckardstein stark 
a la baisse engagiert sci. Ich möge ein Auge auf seinen Verkehr mit dem 
Kaiser haben. Eckardstein hatte nicht lange vorher den Dienst verlassen, 
in dem Augenblick, wo ich, trotzdem mir allmählich manches an ihm miß- 
fiel, für ihn an einen kleineren Gesandtenposten dachte. Er motivierte 
seinen Rücktritt damit, daß seine Frau nur in England leben könne und 
daß ihn selbst beträchtliche Vermögensinteressen an die Heimat seiner 
Gattin knüpften. In späteren Jahren sollte essich herausstellen, daß Eckard- 
stein schon damals zu tief in große und gewagte Börsenspekulationen ver- 
wickelt war, um fern von der Londoner City ein Amt übernehmen zu können. 
In Karlsrube merkte ich bald, was ihn dorthin geführt hatte. Der Kaiser 
erzählte mir in seiner oflenherzigen Weise, daß Eckardstein ihm einen 
„famosen“ Rat gegeben habe. Er möge die erste sich darbietende Gelegen- 
heit, z. B. die unmittelbar bevorstehende Einweihung eines Kriegerdenkmals 
in Metz oder Saarbrücken, benutzen, um einen festen Kaltwasserstrabl nach 
Paris zu richten. Das würde des Kaisers Prestige erhöhen, die Franzosen 
aber dämpfen. Der Ratschlag war insofern gefährlich, als der Kaiser sich 
gerade damals in gereizter Stimmung gegen die Franzosen befand, weil 
Loubet es nicht zu der von Seiner Majestät brennend gewünschten Entrevue 
hatte kommen lassen. Es gelang mir, den Kaiser von Entgleisungen in der 
von Eckardstein empfohlenen Richtung abzuhalten, und bald nachher 
führte ein anderer Zwischenfall bei Seiner Majestät einen neuen und vollen 
Umschwung zugunsten der „belle France“ herbei. Bei einem in Homburg 
vor der Höhe abgehalt Aut bil ‚dem der Kaiser beiwohnte,
        <pb n="41" />
        „VIVE L’EMPEREUR!*“ 19 
siegte ein französischer Fahrer. Als der Kaiser ihm den von Ihrer Majestät 
ausgesetzten Ehrenpreis überreichte, riefen einige der anwesenden Fran- 
zosen: „Vive l’Empereur!“ Der Kaiser war von dieser Huldigung so be- 
geistert, daß er stante pede an Präsident Loubet drahtete: „Ich beeile mich, 
Ihnen zu dem Siege Glück zu wünschen, den die französische Industrie 
soeben davongetragen hat und dessen Zeuge ich zu meiner Freude gewesen 
bin. Der dem Sieger vom Publikum bereitete Empfang beweist, wie sehr 
ein durch Intelligenz und mutiges Streben errungener Sieg dazu dient, 
Gefühle frei von Rivalität zu erzeugen.“ Der Kaiser hatte seinem Enthusias- 
mus ursprünglich weit mehr die Zügel schießen lassen wollen. Es gelang 
meinem Freunde, dem Kabinettsrat von dem Knescbeck, der in meiner 
Abwesenheit mit der Redaktion der Depesche betraut wurde, eine verstän- 
dige Fassung durchzusetzen. Präsident Loubet antwortete mit Würde und 
Vorsicht. Mir telegraphierte der Kaiser: „Gordon-Bennet-Rennen groß- 
artig verlaufen! Ungeheure Beteiligung namentlich aus Frankreich. 
Franzose gewann. Französischer Präsident des Pariser Autoklubs und Vor- 
standsmitglieder wurden mir vorgestellt und brachten mir proprio motu 
ein Hurra namens Frankreichs, in welches die vielen Hunderte von Fran- 
zosen und Französinnen begeistert einstimmten. Man hörte vielfach: ‚Vive 
P’Imp£ratrice* und ‚Vive l’Empereur!* Haltung der Franzosen tadellos, 
Tribünen im Stil eines römischen Zirkus, von Jacobi, einfach großartig! 
Allgemeine Zufriedenheit und Begeisterung, ganz hervorragende Arrange- 
ments. Behörden haben brillant gearbeitet. Ich glaube, beide Länder sind 
sich einen Schritt nähergekommen.“ Der kleine Vorfall zeigte wieder, wie 
sehr Wilbelm II. dazu neigte, politisch ziemlich gleichgültigen Episoden 
eine übertriebene Bedeutung beizulegen. Diesmal war es das „Vive l’Em- 
pereur!“, das den Kaiser elektrisierte. Schon Bismarck hatte anläßlich 
des von Wilhelm II. bald nach seinem Regierungsantritt geförderten Be- 
suchs seiner Mutter in Paris, der bekanntlich zu einem Fiasko wurde, 
bitter geäußert: „Unserem Allergnädigsten Herrn genügt das preußische 
Hurra nicht mehr, er sehnt sich nach dem französischen Vive l’Empereur.“ 
Der naive Subjektivismus Wilhelms II., seine, um ein modernes Schlagwort 
zu gebrauchen, egozentrische Veranlagung zeigte sich auch gegenüber dem 
Automobil. Als die ersten Automobile Unter den Linden auftauchten, der 
Kaiser selbst sie aber noch nicht benutzte, ärgerte er sich über die Straßen- 
fahrzeuge, die seine Pferde scheu machten. Er verlangte ihre polizeiliche 
Überwachung und Einschränkung und meinte vor mir: „Ich möchte ara 
liebsten jedem Chauffeur mit Schrot in den - - - schießen !“ Als er dann selbst 
fuhr und seine eigenen Chauffeure lustig ihr Tatütata erschallen ließen, 
wurde er ein feuriger Lobredner und Anhänger des Automobilsports und 
betrachtete jede Kritik seiner Auswüchse fast als persönliche Beleidigung. 
2°
        <pb n="42" />
        I. KAPITEL 
Herero-Aufstand (1904) « Kriege sollen nicht nur militärisch. sondern politisch geführt 
werden » Der Russisch- Japanische Krieg + Kuropatkin - Besuch König Eduards in Kiel 
Bülow mit Tirpitz zum Vortrag beim Kaiser, Fintreffen Eduards VII. in Kiel (25. VI. 
1904) « Bülows Unterredung mit dem englischen König » Die Presse beider Länder 
Tonste in Kiel » Besuch des englischen Herrschers in Hamburg « Bülows Unterredung 
mit dem Earl of Selborne - Der Segelsport in Kiel 
ährend des Jahres 1904 wurde meine Aufmerksamkeit besonders 
Aufruhr durch zwei Fragen in Anspruch genommen. Einmal durch den Aufstand 
in Deutsch- in unserer südwestafrikanischen Kulonie, dann und in noch höherem Grade 
Südwestafrika Arch den Krieg zwischen Rußland und Japan. In Deutschland wurde viel- 
fach behauptet, die Insurrektion der Hereros wäre von den Engländern 
angestiftet worden. Ich habe das damals nicht geglaubt und glaube es auch 
heute nicht. Solche Erhebungen in afrikanischen Kolonien und namentlich 
in neu erworbenen Kolonien hat es immer und überall in allen Teilen des 
dunklen Erdteils gegeben. Der Aufstand war ernst, wurde aber dank der 
Zähigkeit und Bravour unserer Truppen, wenn auch unter schmerzlichen 
Opfern und mit erheblichen Kosten, in langen und mühsamen Kämpfen 
überwunden. Die ausgezeichnete Haltung der Truppe war ein schöner Beweis 
dafür, daß unser Volk in langer Friedenszeit seine kriegerischen Tugenden 
nicht eingebüßt hatte. Mit Recht durfte ich in meiner „Deutschen Politik“ 
sagen, daß die Namen der Tapferen, die im afrikanischen Wüstensand 
kämpften und starben, es verdienten, im Gedächtnis unseres Volks fortzu- 
leben.* Damals, 1916, fügte ich hinzu: „Möge dies Blut nicht umsonst 
geflossen sein und Südwestafrika, die älteste deutsche Kolonie, das große 
Gebiet, wo, von Bismarck geführt, Deutschland zum erstenmal afrikanischen 
Boden betrat, nach diesem Krieg mit seinen Diamantfeldern für immer in 
unseren Besitz zurückkehren.“ Diesen Wunsch hat die Vorsehung nicht 
erfüllt. Südwestafrika ging im Weltkrieg Deutschland nach heldenmütigem 
Widerstand verloren. 1904 bezeichnete der südwestafrikanische Aufstand 
eine Krisis in unserer Kolonialpolitik, aber auch eine Wendung zum 
Besseren. Alle unsere Kolonien waren in bester Entwicklung, Verständnis 
* Fürst von Bülow, Deutsche Politik, Volksausgabe, S. 107.
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        DIE HEREROS IN DIE SANDWÜSTE 21 
für den Wert und die Bedeutung unserer Kolonien war allmählich in die 
weitesten Kreise des deutschen Volks gedrungen, als der unglückliche Aus- 
gang des Weltkriegs mit dem Sturz des glorreichen Deutschen Reichs auch 
diese schönen Hoffnungen zerstörte. 
Wenn ich an den südafrikanischen Aufstand zurückdenke, so drängt sich 
mir unwillkürlich die Erinnerung an einen Zwischenfall auf, der mir während 
des Weltkrieges mehr als einmal wieder lebendig wurde. Der General von 
Trotha, ein schneidiger Gardeinfanterist, war im Frühjahr 1904 mit der 
Leitung der Operationen in Südwestafrika betraut worden. Um rascher 
mit den Hereros fertig zu werden, schlug er vor, sie mit Frauen und Kindern 
in eine wasserlose Wüste zu treiben, wo sie einem sicheren und qualvollen 
Tod entgegengegangen wären. Ich erklärte Seiner Majestät, daß ich meine 
Zustimmung zu diesem Vorgehen nicht geben würde. Der Kaiser machte 
erst große Augen, dann geriet er in Erregung. Meinem Hinweis auf unser 
Christentum begegnete er mit der Einwendung, daß dessen Gebote gegen- 
über Heiden und Wilden keine Geltung hätten. Ich sagte ihm: „Ich ver- 
zichte auf alle theologischen Argumente und berufe mich nicht auf die Berg- 
predigt, sondern auf einen sehr unheiligen Mann, auf Talleyrand, der nach 
der Erschießung des Duc d’Enghien meinte: ‚Cest’ pire qu’un crime, c’est 
une faute.‘ Eurer Majestät Kein-Pardon-Rede hat schon viel Unheil an- 
gerichtet, obwohl das nur eine Ankündigung war. Wenn Sie jetzt von der 
Theorie zur Praxis übergehen, so richten Sie einen Schaden an, der den 
Einsatz nicht lohnt. Kriege können nicht rein militärisch geführt werden, 
die Politik muß mitsprechen.‘‘ Der Kaiser brauste auf, und wir trennten 
uns in nicht freundlicher Stimmung. Nach einigen Stunden erhielt ich 
einen Brief von ihm, in dem er mir mitteilte, er füge sich meinen Vor- 
stellungen, und den er mit jener Mischung von Güte und Geist, die ihm oft 
eigen sein konnte, unterzeichnete: 
Wilbelm I. R, 
qui laudabiliter se subjecit. 
Ich bin fest überzeugt, daß, wenn Wilhelm II. im Weltkrieg als politischen 
Berater an seiner Seite statt vier Unzulänglichkeiten einen Kanzler gehabt 
hätte, der diesen Namen verdiente, wir nicht militärische Maßnahmen er- 
griffen haben würden, deren reeller praktischer Vorteil nicht die Einbuße 
aufwog, die sie uns moralisch und politisch zufügten. Kriege werden im 
letzten Ende nicht allein militärisch, sondern vor allem politisch gewonnen 
oder verloren. Ich möchte ausdrücklich betonen, daß auch unsere schärfsten 
militärischen Maßnahmen während des Weltkriegs nicht entfernt an die 
Grausamkeit eines Davoust in Hamburg, eines Melac in der Pfalz, eines 
Kitchener in Südafrika heranreichten und daß die von England im Weltkrieg
        <pb n="44" />
        Russisch- 
Japanischer 
Krieg 
22 DER ZAR IN DEN KRIEG GETAUMELT 
gegen uns in Szene gesetzte Blockade, die den Mord an vielen tausenden 
unschuldigen deutschen Frauen und Kindern bedeutete, verabscheuungs- 
würdiger war als die Versenkung der „Lusitania““ und die Erschießung 
von Miß Cavell. Aber wie beim Beginn des Krieges durch unsere täppische 
diplomatische Taktik, so beluden wir uns in dessen weiterem Verlauf durch 
die blöde Ungeschicklichkeit unsrer „Frightfulness‘“ mit dem bösen Schein. 
Auch hier waren wir das Schaf im Wolfspelz. 
Graf Osten-Sacken, der ein alter und erfahrener Diplomat war, hatte mir 
gegenüber schon im Herbst 1903 die Reibungen zwischen Rußland und 
Japan, die dem Ausbruch des Krieges vorausgingen, nicht ohne Grund mit 
dem Ursprung des mexikanischen Abenteuers verglichen. Der Russisch- 
Japanische und der Französisch-Mexikanische Krieg glichen sich darin, 
daß sie beide aus unsauberen Börsenspekulationen hervorgingen. Sie glichen 
sich auch darin, daß diese von Jobbern inszenierten kriegerischen Unter- 
nehmungen mit patriotischen Phrasen als weitsichtige politische Aktionen 
drapiert wurden. In Frankreich hatte Rouher die mexikanische Expedition 
„la plus grande pensee du rägne‘‘ genannt. In Rußland versicherten die 
Kumarilla, die den Zaren umgab, die Großfürsten, die am Jalu Geld ge- 
winnen wollten, und alle Höflinge dem Zaren, daß die russische Expansion 
in Ostasien an die große Politik des großen Peter und der großen Katharina 
erinnere. Um so begreiflicher war das Unbehagen der Panslawisten, die 
gewünscht hätten, daß Rußland alle seine Kräfte für Europa und insbe- 
sondere für den Balkan zusammenfasse und aufspare. Zum Oberbefehls- 
haber der russischen Landarmee in der Mandschurei wurde Kuropatkin 
ernannt, bis dahin der Abgott russischer Patrioten. Er galt nicht nur für 
einen glänzenden Haudegen a la Skobelew, sondern auch als ein ganz großer 
Stratege von fast napoleonischen Dimensionen. Ich bin ihm in Petersburg 
mehr als einmal in Gesellschaft begegnet, auch bei kleineren Diners. Er 
wirkte dadurch, daß er wenig sprach, was als Zeichen eines tiefen Geistes 
ausgelegt wurde. Statt zu reden, trank er ein Gläschen Wodka nach dem 
anderen, was als Beweis einer echt russischen Natur allgemein gefiel. Der 
arme Mann sollte das Schicksal von Gyulai und Benedek, von Lebauf, 
Bazaine und Trochu und manchen anderen zuerst überschätzten, dann 
geschmähten Feldherren erfahren. Kaiser Nikolaus war in diesen Krieg 
hineingetaumelt. Der Zusammenstoß mit Japan war ihm immer als möglich, 
zeitweise sogar als wahrscheinlich erschienen; er hatte aber nicht gedacht, 
daß der Krieg so bald und so plötzlich ausbrechen würde. Am Tage bevor 
japanische Torpedoboote das russische Geschwader auf der Außenreede 
von Port Arthur angriffen, beehrte auf einem Hofball in St. Petersburg der 
Zar den japanischen Gesandten mit einer längeren und gnädigen Ansprache. 
Im weiteren Verlauf des Balles äußerte der Japaner mit dem unbeweglichen
        <pb n="45" />
        DIE ANGEREGTE ENTREVUE 23 
Gesicht des Ostasiaten zu der deutschen Botschafterin, der Gräfin Alvens- 
leben: „Der arme Zar weiß nicht, daß, wäbrend er hier mit mir spricht, 
sein Geschwader in Port Arthur von uns versenkt wird.“ Auch nachdem das 
Seegefecht von Tschemulpo tatsächlich Korea in japanischen Besitz ge- 
bracht hatte, erwiderte Kaiser Nikolaus dem Hofmarschall Benckendorff 
auf dessen Frage, ob im Hinblick auf den Krieg mit Japan die bevorstehen- 
den Hofbälle nicht abgesagt werden sollten: „Es wird ja gar nicht zu cinem 
erostlichen Krieg kommen. Les Japonais n’oseront pas.“ Eine russische 
Freundin sagte mir später darüber: „Les imperiaux dans tous les pays ne 
veulent jamais croire et admettre ce qui ne leur convient pas.“ Sie hätte 
auch den lateinischen Spruch zitieren können: „Quos deus perdere vult, 
dementat prius.‘* 
Wenn der Mai gekommen war und die Bäume ausschlugen, pflegte sich 
in der beweglichen Brust des Kaisers Tatendrang zu regen. Nicht immer zu 
seinem Heil. Im Frühjahr 1904 überraschte er mich mit der Mitteilung, 
daß sein Oheim König Eduard sich zu einem Besuch in Kiel angesagt hätte. 
Ich hatte sogleich Zweifel daran, ob dieser Besuch wirklich aus der Initiative 
des Königs hervorgegangen wäre. Ich hörte denn auch später, daß der Kaiser 
durch seinen Bruder, den Prinzen Heinrich, dem König den Wunsch eines 
Zusammentreffens in Kiel hatte nahelegen lassen. Der Gedanke, den eng- 
lischen Monarchen gerade in die Werkstatt unserer Flotte, in unseren 
schönsten Hafen zu führen und ihm die raschen Fortschritte unserer Marine 
ad oculos zu demonstrieren, behagte mir nicht. Ich hätte lieber einen Be- 
such in Berlin oder ein Zusammensein in Wilhelmsböhe mit seiner prächti- 
gen Umgebung oder in Homburg v. d. Höhe mit Automobilausflügen im 
Taunus und hübschen Fahrten auf dem Rhein gesehen. Während ich mir 
diese Erwägungen durch den Kopf gehen ließ, trat Tirpitz bei mir ein, dem 
der Kaiser den ihm angeblich angesagten englischen Besuch in Kiel gleich- 
falls telephonisch mitgeteilt hatte. Die Entrevue in Kiel mißfiel ihm fast 
noch mehr als mir. Er meinte, der Kaiser würde bei seiner kindlichen Eitel- 
keit es nicht lassen können, sich vor den Engländern mit der raschen Ent- 
wicklung seiner Flotte und den von ihm auf diesem Gebiet bereits erzielten 
Erfolgen zu brüsten. Das Renommieren wäre ihm nun einmal nicht abzu- 
gewöhnen. Es handle sich also nur noch darum, ihm keine zu bedenkliche 
Gelegenheit zum Prahlen zu geben. Jedenfalls müßten wir verhindern, daß 
der Kaiser die ganze Flotte in Kiel zusammenzöge. Je weniger Schiffe er 
dort den Engländern vorführe, um so besser. Wir beschlossen, dem Kaiser 
gemeinsam Vorstellungen zu machen, und fuhren zu diesem Zweck sogleich 
von Berlin nach dem Neuen Palais. 
Als ich dem Kaiser sagte, daß ich eine Begegnung in Homburg, Wil- 
helmshöhe und auch in Berlin lieber geschen hätte als in unserem größten 
Eduard VII. 
kommt nuch 
Kiel
        <pb n="46" />
        24 IMPONIEREN 
Kriegshafen, erwiderte er nicht ohne Gereiztheit, sein Onkel habe ihm den 
Besuch in Berlin bisher verweigert, um einen solchen „betteln“ wolle er aber 
nicht. Da ich diesen Einwurf vorausgesehen hatte, zog ich ein den Akten 
entnommenes Telegramm aus der Tasche, aus dem hervorging, daß König 
Eduard schon vor längerer Zeit dem Kaiser einen Besuch in Berlin hatte 
abstatten wollen. Von seiten des Kaisers, dem der Besuch damals nicht 
paßte, da er andere Dinge vorhatte, war abgewinkt worden. Seiner Majestät 
blieb nichts anderes übrig, als sich darauf zu berufen, daß er dem König 
von England bereits telegraphiert hätte, er wäre hocherfreut über dessen 
baldige Ankunft in Kiel. Dabei müsse es bleiben. In ruhiger und sachlicher 
Weise entwickelte nun der Staatssekretär des Reichsmarineamts, daß wir 
besser täten, nicht unsere ganze Flotte in Kiel zusammenzuzieben. Der 
Kaiser, der Tirpitz seit längerer Zeit nicht mehr mochte, während er für 
mich damals noch von gütigen und freundschaftlichen Gefühlen beseelt 
war, erklärte in unwirschem Tone, es sei kindisch, zu glauben, daß die 
Engländer nicht über den Bestand unserer ganzen Flotte, von den Groß- 
kampfschiffen bis zur kleinsten Pinasse, genau orientiert wären. Tirpitz 
entgegnete, daß auch er daran nicht zweifle. Es sei aber ein Unterschied, 
ob König Eduard und die ihn begleitenden Admirale und Secofüiziere über 
unsere Marine nur durch die Berichte des englischen Marineattaches in 
Berlin und gelegentliche Meldungen von Agenten und Spionen informiert 
würden oder ob sie unsere Flotte in ihrer ganzen Stärke und Manövrier- 
fähigkeit vor sich erblickten. Gerade auf den Engländer wirke schr stark, 
was er vor sich sehe, der direkte Eindruck. Ich unterstützte lebhaft und 
nachdrücklich die durchaus zutreffenden Vorstellungen von Tirpitz. 
Schließlich meinte der Kaiser, Tirpitz möge so viele oder so wenige Schiffe 
nach Kiel zusammenziehen, wieer wolle. Am nächsten Tage stellte sich her- 
aus, daß der Kaiser trotzdem im Laufe der Nacht durch das Marine- 
kabinett direkt Weisung gegeben hatte, auch den kleinsten Kahn nach 
Kiel zu schicken. Er wollte auch bei diesem Anlaß vor allem „imponieren“, 
Am 25. Juni sollte der König von England in Kiel eintreffen. Der Kaiser 
hatte die Absicht, seinen Onkel, der den Weg durch den Kaiser-Wilhelm- 
Kanal einschlagen wollte, in Brunsbüttel zu empfangen, wovon ich ihn mit 
Mühe abhielt, unter Hinweis darauf, daß es dem nicht mehr ganz jungen 
King schwerlich angenchm sein würde, morgens zwischen vier und fünf Uhr 
im Schlafe gestört zu werden. Der Kaiser bestand aber darauf, daß er 
dann wenigstens dem König an Bord seines Schiffes den ersten Besuch 
abstatten wolle. Als er seinen Oheim dies wissen ließ, entgegnete dieser mit 
dem von ihm nie verleugneten Takt, es wäre an dem Besucher, dem Be- 
suchten die erste Visite zu machen. Der Kaiser hatte alles in Bewegung 
gesetzt, um den Empfang so glänzend wie nur irgend möglich zu gestalten.
        <pb n="47" />
        TOASTE AN BORD DER „HOUENZOLLTUERN“ 25 
Wie man auf französisch sagt, er hatte zu diesem Zweck die kleinen Töpfe 
in die großen Töpfe gestellt, il avait mis les petits pots dans les grands. 
Alle Staatsminister waren zum Empfang Seiner Großbritannischen Ma- 
jestät nach Kiel befohlen worden. Wenn ich mich nicht täusche, auch die 
Staatssekretäre. Ein wahrer Schwarm von goldbetreßten, mit Ordens- 
sternen bedeckten Exzellenzen bewegte sich mit feierlicher Würde am Ufer 
des Hafens. Alle königlichen Prinzen mußten bei der Ebrenkompagnie 
eintreten, die an der Landungsstelle aufmarschiert war. Der Kaiser war so 
nervös, daß er in dem Augenblick, wo sein Onkel die Landungsbrücke be- 
trat, die zum Ehrendienst bei ihm kommandierten Generäle und Admiräle 
mit kleinen freundschaftlichen Rippenstößen zu größerem Empressement 
ermunterte. Um so ruhiger war der Onkel. Er hatte den Ersten Lord der 
Admiralität, den Earl of Selborne, den Admiral Prinz Louis Battenberg 
und den englischen Militärattache in Berlin, Graf Gleichen, mitgebracht. 
Die beiden letzteren waren von Geburt Deutsche: Battenberg der Sohn 
des Prinzen Alexander von Hessen und der polnischen Gräfin Hauke, 
Gleichen ein Sohn des Prinzen Viktor von Hohenlohe-Langenburg und 
einer englischen Miss Seymour. Wie es mit deutschen Renegaten zu gehen 
pflegt, suchten beide ihre deutsche Abstammung durch outriertes englisches 
Jingotum in Vergessenheit zu bringen. Battenberg war der Schwager des 
Prinzen Heinrich von Preußen, Gleichen ein leiblicher Vetter der Kaiserin 
Auguste Viktoria. Auf diese Weise hörten beide mehr, als gut war. 
Am Tage der Ankunft des englischen Besuchs fand an Bord der „‚Hohen- 
zollern“ eine Festtafel statt. Der Kaiser hatte die bei diesem Anlaß von 
ihm zu haltende Rede mit mir entworfen. Daß er auf einer Wendung be- 
standen hatte, wonach der Künig „gütigst“ an den Veranstaltungen des 
deutschen Segelsports Anteil nehmen wolle, schadete nichts. Dafür ließ er 
meine Sätze stehen, daß die deutsche Flotte, erbaut zum Schutz unseres 
Handels und des deutschen Bodens, für die Aufrechterhaltung des Friedens 
bestimmt wäre, den das Deutsche Reich seit über dreißig Jahren gehalten 
und gemeinsam mit den anderen Großmächten Europa miterhalten habe. 
„Einem jeden ist bekannt, durch Euer Majestät Wort und Wirken, daß 
Eurer Majestät Streben auf eben dieses Ziel gerichtet ist: die Erhaltung des 
Friedens. Da dieses Ziel zu erreichen auch Ich stets meine gesamten Kräfte 
eingesetzt habe, so möge Gott unseren gemeinsamen Bestrebungen Gelin- 
gen verleihen.“ Am Schluß folgte eine von Wilhelm II. gewünschte Wen- 
dung, die an die vom König und vom Kaiser, vom Sohn und vom Enkel 
gemeinsam verlebten unvergeßlichen Stunden am Sterbebette der großen 
Beherrscherin des jetzt von König Eduard gelenkten Weltreichs erinnerte. 
Der König antwortete in deutscher Sprache, in freier Rede und mit Wärme, 
er sei gerührt, daß sein Bestreben nach Erhaltung des Friedens so freundlich
        <pb n="48" />
        Unterredung 
Eduards VII. 
mit Bülow 
26 UNTER VIER AUGEN 
anerkannt worden wäre, und beglückt in der Gewißheit, daß der Deutsche 
Kaiser das gleiche Ziel im Auge habe. „Möchten unsere beiden Flaggen bis 
in die fernsten Zeiten, ebenso wie heute, nebeneinander wehen zur Aufrecht- 
erhaltung des Friedens und der Wohlfahrt, nicht allein unserer Länder, 
sondern auch aller anderen Nationen.“ Mit einem Hinweis auf die unvergeß- 
liche Königin Victoria, deren Andenken dem Sohn und dem Enkel gleich 
heilig sei, erhob der König sein Glas auf das Wohl der deutschen Majestäten. 
Nach einem Frühstück, das am nächsten Tage an Bord der Segeljacht 
„Meteor“ stattfand, zog mich der König in ein fast einstündiges Gespräch 
unter vier Augen. Es ist falsch, wenn später hier und da verbreitet worden 
ist, ich hätte bei diesem Anlaß dem König eine Allianz zwischen Deutsch- 
land und England vorgeschlagen. Niemand kann mir ernstlich die Takt- 
losigkeit zutrauen, die dazu gehört hätte, dem König von England nach 
einem Luncheon, ex abrupto eine solche Proposition zu machen, nachdem 
die Allianzverhandlungen zwischen uns und England einige Jahre früher 
an dem Widerstand des damaligen englischen Premierministers und an dem 
Unverstand der deutschen öffentlichen Meinung gescheitert waren. Der 
König kam bei jenem Gespräch auf dem „‚Metcor“ zunächst auf Ostasien 
zu reden. „Die Russen‘, sagte er mir, „haben sich ihr Mißgeschick selbst 
zuzuschreiben. Ihre Diplomatie war ebenso ungeschickt, wie es jetzt ihre 
Kriegführung zu Wasser und zu Lande ist. Die Japaner machen sich in 
jeder Richtung ausgezeichnet. Sie sind auch moralisch im Recht, Rußland 
hatte weder Befugnis noch Anlaß, nach Port Arthur zu gehen. Es hat in 
Korea gar nichts zu suchen und hat die Mandschurei den Chinesen in bru- 
taler Weise entrissen.‘‘ Der König erzählte mir hierbei, daß Rußland, wenn 
es auf ihn gehört hätte, um den Krieg herumgekommen wäre. „Ich habe“, 
führte er aus, „Ende November dem damals in Spala weilenden Kaiser 
Nikolaus die maßvollen Bedingungen übermittelt, unter denen Japan zu 
einer Verständigung mit Rußland bereit gewesen wäre. Kaiser Nikolaus 
hat die Antwort auf diese Vorschläge zu lange hinausgeschoben, woran 
allerdings auch der Tod der kleinen Prinzeß Elisabeth von Hessen mit 
schuld war, der ihn sehr impressionierte. Die Japaner haben immer wieder- 
holt, daß, wenn Rußland nicht bald eine Antwort gebe, sie ihre kriegslustige 
öffentliche Meinung nicht länger zügeln könnten. Als sich der Zar endlich 
entschloß, die japanischen Vorschläge anzunehmen, war es zu spät. Die 
leitenden japanischen Männer hatten sich inzwischen für den Krieg ent- 
schlossen.“ König Eduard machte kein Hehl daraus, daß er ein baldiges 
Ende des ostasiatischen Krieges wünsche und zu diesem Zweck bald seine 
Vermittlung eintreten lassen möchte. Die Japaner würden kulant sein. 
Als ich einwarf, daß Rußland nach solchen Niederlagen ohne schwere 
Erschütterung seines Prestiges kaum Frieden schließen könne, bemerkte
        <pb n="49" />
        „EINE GROSSE NARRHEIT" 27 
der König, er sähe nicht ein, wie sich die Lage für Rußland verbessern solle. 
„Auf russische Erfolge ist weder zu Wasser noch zu Lande zu rechnen, und 
das Klügste, was die Russen tun können, wäre, baldmöglichst und zu mög- 
lichst akzeptablen Bedingungen Frieden zu schließen.‘ Der König kam 
auch auf die von Kaiser Wilhelm proklamierte „gelbe Gefahr“ zu sprechen 
und meinte: er könne im Gegensatz zu seinem Neflen und, wie er annehmen 
möchte, in Übereinstimmung mit mir eine solche nicht anerkennen. „Die 
Japaner sind ein intelligentes, tapferes und ritterliches Volk, ebenso zivili- 
siert wie die Europäer, von denen sie nur die Hautfarbe unterscheidet. Es 
wäre bedauerlich, wenn die Besorgnis vor dem nach meiner Ansicht gar 
nicht vorhandenen Yellow peril die deutsche Politik in einem Japan feind- 
lichen Sinn influenzieren würde.“ Ich entgegnete dem König mit Be- 
stimmtheit, daß wir in dem Östasiatischen Krieg auch weiter eine neutrale 
und loyale Haltung beobachten würden. Wir dächten nicht daran, uns in 
diesen Konflikt einzumischen. 
Als ich dann dem König meinen Dank für seinen Toast vom vorher- 
gehenden Tage aussprach, bemerkte der hohe Herr, daß ihm ein friedliches 
und freundliches Verhältnis zu Deutschland aufrichtig am Herzen liege. 
„Deshalb bin ich Ihnen auch persönlich dankbar für den Mut und für die 
Festigkeit Ihrer Haltung während des Burenkriegs. Sie hatten es damals 
nicht leicht. Es ist ein Unglück, daß das deutsche und das englische Volk 
sich nicht besser verstehen. Es ist das eigentlich schwer zu begreifen, denn 
der einzelne Deutsche, der nach England kommt, fühlt sich dort sehr wohl 
und schätzt die großen Eigenschaften des englischen Volks. Umgekchrt sind 
alle Engländer, die in Deutschland leben, voll Anerkennung für die Tüchtig- 
keit und Leistungsfähigkeit des deutschen Volkes auf allen Gebieten, in der 
Wissenschaft, in der Kunst, neuerdings auch in Handel und Industrie.“ Ich 
erlaubte mir lächelnd einzuwerfen: „With the exception of Mr. Saunders.“ 
Es war dies der damalige Korrespondent der „Times“, der, wie ich dies 
schon 1899, bei meinem damaligen Besuch in England, Mr. Balfour 
auseinandergesetzt hatte, in der gehässigsten und perfidesten Weise 
gegen uns hetzte. Der König stimmte mir mit Lebhaftigkeit bei. „An der 
Verstimmung zwischen Deutschland und England“, äußerte er mit Nach- 
druck, „trägt die Presse eine Hauptschuld. Ich will nicht untersuchen, ob 
die deutsche Presse mehr sündigt oder die englische. Ich will nur feststellen, 
daß zwischen Deutschland und England zwar leider viel Illfeeling vor- 
handen ist, aber ganz gewiß kein unversöhnlicher Interessengegensatz. 
Ein Zusammenstoß zwischen beiden Ländern wäre das größte Unglück, 
das der Welt widerfahren könnte, und speziell für Europa. Es wird aber 
nicht dazu kommen, da es nicht nur ein großes Unglück, sondern auch eine 
große Narrheit (folly) sein würde. Man muß nur in Deutschland wie in
        <pb n="50" />
        Der König 
über den 
englisch- 
französischen 
Koloniul- 
vertrag 
28 ENGLISCH-FRANZÖSISCHES AGREEMENT 
England nicht zu mißtrauisch und nicht zu empfindlich sein. Weite eng- 
lische Kreise sind überzeugt, daß die Deutschen ihre Flotte mit der Absicht 
bauen, wenn sie zur Sce stark genug sein werden, über England herzufallen 
und ihm durch Vernichtung seines Handels oder gar durch eine Invasion 
für immer das Rückgrat zu brechen. Ich teile diese Auffassung nicht, ich 
bekämpfe sie sogar. Sie müssen aber auch verstehen, daß, da England steht 
und fällt mit seiner Sicherheit zur See, die englische Admiralität für jedes 
neue deutsche Schiff zwei neue englische Schiffe baut. In Deutschland ist 
man geneigt, freundschaftliche Beziehungen zwischen England einerseits, 
Frankreich, Rußland, Italien, Spanien andererseits als eine direkte Bedro- 
hung aufzufassen. Solche Beziehungen sind aber von demselben defensiven 
Geist eingegeben wie der Dreibund und wie die deutschen Flottenbauten. 
Wenn man in Berlin wie in London kaltes Blut bewahrt und keine ‚ganz 
großen Dummheiten‘ macht, so wird die Spannung zwischen Deutschland 
und England mit der Zeit gerade so vorübergehen, wie während der 
letzten neunzig Jahre ähnliche, sogar noch bedenklichere Spannungen 
zwischen Frankreich und England und zwischen England und Rußland 
sich allmählich verflüchtigt haben.“ 
Im Anschluß hieran kam der König aus eigener Initiative auf das 
„Agreement“ zu sprechen, das vom Kabinett Balfour am 8. April mit Frank- 
reich über die Schlichtung kolonialer Streitfragen abgeschlossen worden 
war. Es war an demselben Tage unterzeichnet worden, an dem Wilhelin II. 
auf einer Mittelmeerreise Malta besucht hatte. Das Abkommen bestand aus 
drei Erklärungen: l. England versprach, an dem bestehenden Zustande in 
Ägypten nichts zu ändern; Frankreich, keinen Räumungstermin zu for- 
dern. 2. Frankreich versprach, den politischen Zustand in Marokko nicht 
zu ändern; England erkannte an, daß Frankreich als Nachbarstaat Ma- 
rokkos das Recht habe, die Ruhe dort zu erhalten und dem Sultan im Not- 
fall bei seinen Verwaltungsreformen militärische und finanzielle Hilfe zu 
leisten. 3. Langjährige Grenz- und Zolldifferenzen zwischen beiden Län- 
dern in Senegambien, am Niger, in Siam, in Madagaskar sowie die alten 
Streitigkeiten wegen der Neufundländer Fischerei und der Rechtslage der 
Eingeborenen auf den Hebriden sollten durch gegenseitige Nachgiebigkeit 
gütlich geschlichtet werden. König Eduard bemerkte über dieses sehr be- 
deutsame Agreement, an dessen Zustandekommen er persönlich einen 
großen Anteil gehabt hatte: „Zwischen England und Deutschland bedarf 
es keiner besonderen Abmachungen, da ja zwischen uns keine konkreten 
politischen Interessengegensätze obwalten. Mit Frankreich lag die Sache 
anders. Eine Verständigung über alte und schwierige Differenzpunkte war 
bier eine absolute Notwendigkeit. Die Verständigung zwischen Englaud 
und Frankreich richtet aber ihre Spitze nicht gegen Deutschland. Ich denke
        <pb n="51" />
        „MIT GEDULD UND TAKT“ 29 
nicht daran, Deutschland isolieren zu wollen. Ich wünsche im Gegenteil, 
die Reibungsflächen zwischen allen Großmächten zu verringern und Europa 
für möglichst lange Zeit den allgemeinen Frieden zu sichern, der ebenso- 
sehr im deutschen wie im englischen Interesse liegt. Ich werde trachten, 
auch zwischen England und Rußland die Reibungsflächen zu verringern. 
Der Friede ist eine Notwendigkeit für alle Völker, die alle unter der Last 
ihrer Rüstungen und Steuern seufzen.“ Beiläufig äußerte der König, er 
würde es beklagen, wenn es im näheren Orient zu Unruhen käme. „Ich bin 
überall für Ruhe. Mit dem Sultan und den Türken ist freilich nicht mehr 
viel anzufangen. Der erstere ist unbelehrbar, und die letzteren haben sich 
überlebt. Die Zukunft auf der Balkanhalbinsel gehört den Rumänen, 
Griechen und Bulgaren.“ Mit großer Liebe sprach König Eduard von seiner 
Nichte, der Kronprinzessin Maria von Rumänien. Er verstünde nicht recht, 
weshalb Kaiser Wilhelm sich über diese seine leibliche Kusine überall so 
wenig freundlich äußere. Ein wenig Koketterie, hier und da ein kleiner 
Flirt wären einer jungen und hübschen Frau wohl zu gönnen. Übrigens 
pflege in solchen Fällen die Fama meist zu übertreiben. Unfreundliche 
Äußerungen des Kaisers über die Kronprinzessin von Rumänien wären ihr 
binterbracht worden und hätten sie gegen Seine Majestät verstimmt. 
„Ihren Mann natürlich auch“, fügte der König lächelnd hinzu. „Man tut 
gut, nicht überall den Schulmeister zu spielen.“ Die inneren russischen 
Verhältnisse beurteilte König Eduard sehr pessimistisch, General Bobrikow 
verglich er mit dem Landvogt Geßler. Über Kaiser Nikolaus sprach er mit 
verwandtschaftlicher Zuneigung. Der König beendete die Unterredung, die 
durch ihre Länge den Kaiser zu präokkupieren schien, der aber nicht ein- 
griff, sondern außer Hörweite auf dem Achtersteven des „Meteor“ den 
anwesenden Marineleuten Vorträge über Schiffsbau hielt, mit den ruhig 
und bestimmt gesprochenen Worten: „Mit Geduld und Takt werden 
beide Völker allmählich wieder zu einem besseren gegenseitigen Verständ- 
nis gelangen. Ich habe persönlich nach wie vor Vertrauen zu Ihnen, zu 
Ihrer aufrichtigen Friedensliebe und zu Ihrer Geschicklichkeit.“ 
Wenn ich mir diese Unterredung, die ich ihrer historischen Bedeutung 
wegen auf Grund einer sofortigen Aufzeichnung fast wörtlich wiedergegeben 
habe, rückschauend vergegenwärtige, so steht für mich heute wie damals 
fest, daß es das eifrigste Bestreben des Königs Eduard war und blieb, 
Deutschland und Rußland auseinanderzuhalten. Er war gewiß bemüht, 
im Hinblick auf alle Möglichkeiten der Zukunft die englischen Beziehungen 
zu Frankreich wie zu Rußland, aber auch zu Amerika und zu Japan, zu 
Italien und zu Spanien sorgsam zu pflegen. Ich habe schon einmal, bei der 
Besprechung der Pariser Weltausstellung von 1878, ausgeführt, daß König 
Eduard, obschon er rein deutscher Abstammung war, von väterlicher Seite
        <pb n="52" />
        Kaiserlicher 
Toast im 
Jachtklub 
30 DER TEE-NABOB LIPTON 
Koburger, von mütterlicher Welfe, die Franzosen sympathischer fand als 
uns Deutsche und daß er seine innere Abneigung gegen das Bismarcksche, 
das starke und mächtige Deutschland während des Deutsch-Dänischen, des 
Preußisch-Österreichischen und namentlich des Deutsch-Französischen 
Krieges offen zur Schau trug. Ich wiederhole, daß König Eduard seinem 
Neffen gern bei passender Gelegenheit ein wenig auf die Finger klopfte. 
Krieg mit uns wollte er nicht. Zwischen Onkel und Neffen hätten sich auch 
allmählich manche Ecken abgeschliffen, wenn der Kaiser nicht immer 
wieder seinen Oheim durch seinen vielleicht größten Fehler, seine Takt- 
losigkeit, verärgert hätte. Ich habe schon gesagt, daß eine Böte noire des 
Königs der verschuldete, tief verschuldete und liederliche Lord Lonsdale 
war. Warum sich gerade Kaiser Wilhelm dieses mauvais sujet als Spezial- 
freund ausgesucht hatte, verstand niemand in England und noch weniger 
in Deutschland. Die von deutscher Seite erfolgte Einladung des Earl of 
Lonsdale nach Kiel verstimmte von vornherein den König von England. 
Es war mir aber nicht möglich gewesen, die Einladung des edlen Lords nach 
Kiel zu verhindern. Das Amt des Reichskanzlers, wenn es gewissenhaft 
aufgefaßt und ausgeübt wurde, nahm die Arbeitskraft eines guten Arbeiters 
voll in Anspruch. Aber die richtige Behandlung des Kaisers, die im Inter- 
esse des Landes notwendige ständige Fühlung mit ibm, die Pflicht, seine 
Entgleisungen zu redressieren oder, noch besser, solchen vorzubeugen, 
erforderte mindestens ebensoviel Zeit und Kraft. König Eduard war durch 
die Anwesenheit des ihm unausstehlichen Lonsdale in Kiel arg verschnupft. 
Er wollte nun wenigstens, daß sein Spezialfreund, der große Teemagnat 
Sir EdwardLipton, den er nach Kiel mitgebracht hatte, vom Kaiser gnädig 
bebandelt würde. Das war nicht zu erreichen. Der Kaiser behauptete, daß 
sein Onkel den steinreichen Lipton, der ganz England mit seinem Ceylon- 
Tee versorgte, um Millionen angepumpt hätte; ein so unwürdiges Verhält- 
nis könne er nicht fördern. Verständigerweise hätte es natürlich dem Kaiser 
ganz gleichgültig sein können, worauf die Freundschaft zwischen dem 
König und dem gar nicht dummen noch uninteressanten Lipton sich grün- 
dete. Der Kaiser hätte, wenn er weltklug gewesen wäre, durch einige kleine 
Aufmerksamkeiten für den Tee-Nabob seinem Onkel eine große Freude 
bereiten und den von ihm im übrigen so stürmisch gefeierten Beberrscher 
des Weltreichs besser für sich stimmen können. „Pour @tre aime&amp; il faut ötre 
aimable“, pflegte Marco Minghetti zu sagen. 
Wenn die am 25. Juni ausgewechselten Reden verständig waren, so hielt 
Wilhelm II. zwei Tage später im Kaiserlichen Jachtklub eine mehr naive 
als staatskluge, aber für sein innerstes Wesen überaus bezeichnende An- 
sprache. Er feierte zunächst den König als den Admiral der Royal-Yacht- 
Squadron, dem England die Entwicklung und den Aufschwung seines
        <pb n="53" />
        „MEIN LIEBER WILLY“ 3l 
prächtigen Sports verdanke. Er erinnerte dann daran, daß er in England 
seine Lehrzeit als Seemann absolviert habe, und sagte wörtlich: „An der 
Hand gütiger Tanten und freundlicher Admirale durfte Ich als kleiner Junge 
Portsmouth und Plymouth besuchen und in diesen beiden herrlichen Häfen 
die stolzen englischen Schiffe bewundern. Da entstand in Mir der Wunsch, 
auch solche Schifle zu bauen, und der Plan, auch einmal eine so schöne 
Flotte wie die englische zu besitzen.‘ Während der Kaiser so sprach, 
glänzten ehrliche Tränen in seinem Auge. Er war gerührt über sich selbst. 
Als der Aufforderung des Kaisers, „nach echter Seglerart‘‘ drei Hurras 
auf den englischen König auszubringen, mit „Hipphipphurra !““ Genüge ge- 
leistet worden war, antwortete der König. Seine Gabe, sich in jede Situation 
zu finden, und seine weltmännische Sicherheit mußte ich wieder bewundern. 
Seine Antwort war eine Mischung von gutmütiger Ironie und freundlichem 
Dank für den ihm im Jachtklub bereiteten Empfang. „‚Du bist, mein lieber 
Willy“, führte er in deutscher Sprache aus, „für mich immer so sehr nett und 
so überaus freundlich gewesen, daß es mir wirklich schwerfällt, dir für alle 
deine Liebenswürdigkeiten so zu danken, wie dies mein Herz wünscht. 
Ich bin stolz, heute Mitglied dieses Klubs geworden zu sein. Ich danke 
tausendmal für alle deine guten Wünsche, ich trinke auf deine Gesundheit 
als Admiral des Kaiscrlichen Jacht-Klubs.“ Ich hatte, während der Kaiser 
seinen Toast ausbrachte, dem Vertreter von Wolils Telegraphenbüro ver- 
boten, diesen Trinkspruch nach Berlin zu drahten, bevor ich ihn korrigiert 
hätte. Sobald ich das Stenogramm erhalten hatte, entwarf ich, wie schon 
öfters bei ähnlichen Anlässen, eine neue, freundliche, aber nüchterne 
Kaiserrede, die ich durch Wolff verbreiten ließ. Als der Kaiser sie später in 
der „Kieler Zeitung‘ las, meinte er obne Zorn, aber in elegischem Ton: 
„Sie haben mir ja wieder eine ganz andere Rede gemacht! Gerade das 
Schönste haben Sie fortgelassen.‘“ Ich erwiderte ruhig und ernst: „Eure 
Majestät können mir glauben, daß es so besser für Sie und für uns ist. Wenn 
Sie unsere große, nicht ungefährliche, jedenfalls arbeits- und kostenreiche 
Flottenaktion in so sentimentaler Weise als Ausfluß persönlicher Neigungen 
und Jugenderinnerungen hinstellen, wird es nicht leicht sein, vom Reichs- 
tag immer weitere Millionen für die Marine zu erhalten.“ Der Kaiser 
brummte: „Ach, der verfluchte Reichstag!“ Aber dabei hatte es sein Be- 
wenden. 
Am nächsten Tag fuhr der König nach Hamburg. Der Besuch unserer 
größten Handelsstadt verlief ausgezeichnet. Es war sicherlich der Glanz- 
punkt der ganzen Begegnung. Die Hamburger Art gefiel dem König. Bei 
dem Essen, das die Stadt ihm gab, war er in der allerbesten Stimmung, 
freier und unbefangener als unter den Uniformen in Kiel. In der kurzen 
Ansprache, die er hielt, erklärte er, daß, wenn er in sein Land zurückkehre, 
Eduard VI. 
in Hamburg
        <pb n="54" />
        Gespräch 
Bülows mit 
Selborne 
Die Kieler 
Woche 
32 DIE HAMBURGER POKALE 
er jede Gelegenheit ergreifen würde, um allen zu sagen, wie gut und herz- 
lich er in Hamburg empfangen worden wäre. Er wisse schr wohl, daß dieser 
Empfang nicht nur seiner Person, sondern auch dem großen Reich gelte, 
zu dessen Herrscher Gott ihn eingesetzt hätte. Ein kleiner Zwischenfall 
trug dazu bei, den König in noch bessere Stimmung zu versetzen. Auf dem 
Tisch standen einige prächtige Pokale, beste Goldschmiedekunst. Als der 
König sie lobte, bat ihn der Bürgermeister, diese Becher zum Andenken an 
Hamburg als Geschenk anzunehmen. Der König, der wie manche große 
Souveräne kleine Geschenke liebte, akzeptierte mit Vergnügen und meinte 
in der besten Laune, er würde bei dem Anblick dieses schönen Pokals 
stets an das herrliche Hamburg denken und die guten Beziehungen, die 
zwischen dieser großen Stadt und England seit Jahrhunderten bestünden. 
Nach seiner Rückkehr von Hamburg sagte mir der König, er habe an Lord 
Lansdowne, den damaligen Staatssekretär des Foreign Ofüce, telegraphiert, 
daß er in einer englischen Stadt nicht besser hätte empfangen werden 
können als in Hamburg. 
Am 29. Juni hatte ich ein eingehendes Gespräch mit dem Earl of Sel- 
borne. Er erzählte mir viel von Lord Salisbury, der wenige Monate vorher 
auf seinem Schlosse Hatfield die Augen geschlossen hatte. Er hatte dem 
großen englischen Staatsmann nahegestanden, ich glaube, er war sein 
Schwiegersohn. Er sagte mir unter anderem, daß Salisbury immer für fried- 
liche und freundliche Beziehungen zwischen Deutschland und England 
gewesen wäre. Eine Allianz habe er freilich nicht gewollt, da er grundsätz- 
lich ein Gegner von Bündnissen zwischen England und kontinentalen 
Staaten gewesen wäre. Er sei, wie er dies einmal an unseren Botschafter 
gesagt habe, der Meinung gewesen, daß das Meer und die englischen Kreide- 
felsen für England die besten Alliierten wären. Auch habe er zwar die 
Begabung von Chamberlain geschätzt, ihn aber auf dem Gebiet der aus- 
wärtigen Politik für unruhig, stürmisch und unbesonnen gehalten und ihn 
persönlich überhaupt nicht besonders gemocht. Lord Salisbury habe sich 
noch während seiner letzten Krankheit vor seinen Söhnen und nächsten 
Freunden dahin ausgesprochen, daß England trachten müsse, mit Deutsch- 
land trotz gelegentlicher Friktionen auf einem friedlichen Fuße zu bleiben. 
Ein Krieg zwischen beiden Völkern würde eine Katastrophe für unseren 
Erdteil und weder für Deutschland noch für England ein Glück sein. 
Wie glänzend war das Bild, das, von freundlicher Junisonne bestrahlt, 
in jenen Tagen die Kieler Föhrde bot! Die „Kieler Woche‘, das Kieler 
Leben und Treiben war die Schöpfung Kaiser Wilhelms II. Nirgends war er 
zufriedener als dort. Es war für ihn, was das Schlachtfeld mit Kanonen- 
gebrüll und wiehernder Rosse Getrabe für Napoleon, der Exerzierplatz von 
Krasnoje Selo für Nikolaus I., die Gemsjagd für Kaiser Maximilian I.,
        <pb n="55" />
        WILHELM II. STEUERT 33 
Galerien und Museen für die Mediceer waren. Er konnte es nach meiner 
Ernennung zum Staatssekretär kaum erwarten, mich während der „Kieler 
Woche“ dort zu sehen. Jahr für Jahr mußte ich in seiner Begleitung in Kiel 
weilen, obschon es mir manchmal recht unbequem war, Berlin zu verlassen. 
So dankbar ich auch heute noch dem Kaiser für die Güte und Liebens- 
würdigkeit bin, die er gerade in Kiel mir erwiesen hat, so gestehe ich doch, 
daß ich in mancher Hinsicht mit einem gewissen Grauen an jene Tage 
zurückdenke. Wir schifften uns gewöhnlich schon schr früh, vor sechs Uhr 
auf dem „Meteor“ ein. Es war nicht das frühe Aufstehen, was mir schwer- 
fiel, wohl aber die nun folgende endlose Langeweile. Da ich für den Segel- 
sport wenig Interesse hatte, auch von nichts anderem auf dem „Meteor“ 
gesprochen wurde, so suchte ich mich nach einigen Tagen einer der zwei 
kleinen Kabinen zu bemächtigen, die für die Gäste des „Meteor‘‘ bestimmt 
waren. Als Lektüre befanden sich an Bord nur englische Romane, deren ich 
eine ganze Anzahl von der ersten bis zur letzten Zeile bei diesem Anlaß 
durchgelesen habe. Mit Vergnügen erinnere ich mich an „Peter Simple“, 
einen Seeroman, der in reizender Weise die Erlebnisse eines englischen 
Midshipman schilderte, an „Japhet in search of his father“, an „David 
Copperfield“ und manche andere. Von Zeit zu Zeit zeigte ich mich auf Deck, 
um festzustellen, wie lange das Vergnügen wohl noch dauern würde. Das 
Beste war das Frühstück um ein Uhr, das der englische Koch schmackhaft 
zurichtete und bei dem es gute Eisgetränke zu geben pflegte. Im übrigen 
verlief die Fahrt fast immer in folgender Weise: Wenn wir den „Meteor“ 
bestiegen, standen am Steuer die beiden englischen Skipper, wie man die 
Kapitäne der Jacht zu nennen pflegte. Der Kaiser war stets von dem bren- 
nenden Wunsch erfüllt, die Jacht selbst zu steuern, wußte aber, daß die 
Skipper dies nicht gern sahen, da sie im Interesse ihrer Reputation zu 
siegen wünschten und überzeugt waren, daß dies ausgeschlossen wäre, 
wenn der Kaiser steuerte. Nun versuchte der Kaiser, die Skipper durch 
Liebenswürdigkeit für seine Absicht zu gewinnen. Er knüpfte freundliche 
Gespräche mit ihnen an, er klopfte ihnen auf die Schulter, er offerierte ihnen 
Zigaretten. Schließlich hatte er sie gewöhnlich so weit, daß sie ihm das 
Steuer überließen. Dann trat früher oder später der Moment ein, wo alles 
darauf ankam, die Jacht so um das Endziel herumzubringen, daß sie weder 
an die dort liegende Boje anstieß, noch auch einen zu weiten Bogen machte, 
der Zeitverlust bedeutete. Steuerte der Kaiser selbst, so stießen wir regel- 
mäßig an die Boje. Dann war der Kaiser sehr betrübt, die Skipper brummten 
und fluchten auf englisch, Prinz Heinrich, der die Sache verstand, machte 
ein verdrießliches Gesicht, und dieser oder jener vorwitzige Flügeladjutant 
meinte mit melancholischem Lächeln: „So geht es immer, wenn er selbst 
steuern will.‘ 
3 Bülow Il
        <pb n="56" />
        Metternich 
über Intrigen 
zwischen 
Berlin und 
London 
IU. KAPITEL 
Deutscher Flottenbesuch in Plymouth im Juli 1904 » Bericht des Grafen Metternich, 
Erläuterungen zu diesem Briefe « Vorbereitung der deutsch-russischen Handelsvertrags- 
verhandlungen » Graf Witte, seine Verbandlungsmethode - Die Ermordung des rus- 
sischen Ministers des Innern Plehwe « Handelsvertrag mit Rumänien, Handelsver- 
tragsverhandlungen mit Österreich-Ungarn » \erheiratung des Kronprinzen « Die in 
Aussicht genommenen Prinzessinnen, Verlobung mit Prinzessin Cecilie von Mecklenburg 
m letzten Tage der Kieler Begegnung hatte König Eduard dem Kaiser 
proponiert, die deutsche Flotte nach Plymouth zuschicken, um diesem 
großen englischen Kriegshafen einen Besuch abzustatten. So behauptete 
wenigstens der Kaiser. Mir war es, wie ich offen gestebe, schon damals 
wahrscheinlicher, daß dieser Vorschlag in Wirklichkeit von Wilhelm II. 
ausging, der hoffte, mit seinen stolzen und schmucken Schiffen in England 
Eindruck, vielleicht moralische Eroberungen zu machen, jedenfalls den 
Briten gewaltig zu imponieren. Diese seine Erwartung ging nicht in Erfül- 
lung. Der Besuch unserer Flotte in Plymouth war a failure, ein Fehlschlag. 
Der Empfang unserer Schiffe von seiten der Bevölkerung war nicht freund- 
lich, von seiten der englischen Marine frostig. Englische Zeitungen brachten 
häßliche Artikel, in denen wir beschuldigt wurden, englische Häfen durch 
den Besuch deutscher Schiffe ausspionieren zu wollen. Ein großes englisches 
Blatt stellte die alberne Behauptung auf, die deutschen Marineautoritäten 
hätten die geeignete Landungsstelle für eine Invasion Englands aussuchen 
und prüfen wollen. 
Unser Botschafter in London, Graf Metternich, schrieb mir darüber: 
unser Flottenbesuch in Plymouth habe in der englischen Presse „einen sehr 
mäßigen Erfolg“ erzielt. Die englischen Zeitungen zeigten oder heuchelten 
Mißtrauen über die „Auskundschaftung‘‘(!) englischer Kriegshäfen. Mit 
Bezug auf die immer wiederholten, aber nicht immer taktvollen Bemühun- 
gen unseres Kaisers, sich in England anzubiedern, fügte der Botschafter 
hinzu: „Es ist nicht dignified, von Leuten mehr Liebe zu verlangen, als sie 
geneigt sind zu geben. Alles zu seiner Zeit.“ Einige Tage später erhielt ich 
von Metternich einen Brief, in dem er sich mit Quertreibereien beschäftigen 
mußte, die nicht ohne ernsten und bedenklichen Hintergrund waren. Er 
schrieb mir unter dem 9. Juli 1904:
        <pb n="57" />
        DER BLAUE AFFE 35 
„Ich habe heute an anderer Stelle über den Eindruck berichtet, den 
der Kieler Besuch des Königs Eduard in England gemacht bat. Prince 
of Wales, Herzog von Connaught, die Prinzessinnen, alle sprachen sich mir 
gegenüber sehr erfreut über diesen erfolgreichen Besuch aus. Aber nicht nur 
am Hof, sondern überall höre ich von Kiel als ‚a great success‘ reden. Sie 
wissen, ich gebe im allgemeinen auf Klatsch und Tratsch nicht schr viel 
und bin Kombinationen, die keine solide Basis haben, nicht sehr geneigt. 
Es unterliegt mir aber keinem Zweifel, daß wir es schon länger mit einer 
geheimen Verschwörung zu tun haben, die gegen die deutsch-englische Ver- 
ständigung gerichtet ist. In der Publizistik, besonders in den Revuen, finde 
ich mitunter Angaben, die nur auf fremde diplomatische Einflüsterungen 
zurückzuführen sind. Der Engländer, auch der gebildete, ist geneigt, von 
seinen Monatsschriften anzunehmen, daß sie keinen politischen Einfluß aus- 
üben, weil sie nur von wenigen gelesen werden. Ich bin nicht der Ansicht. 
Von wenigen geht der Impuls aus, der sich auf die Menge überträgt, und 
selbst die abstrakten Gedanken der Wissenschaft, wenn sie tief und packend 
sind und eine Wahrbeit enthalten, formieren das Geschlecht der Zeitgenos- 
sen, die jene ursprünglich kaum kannten noch verstanden. Den Anonymus 
des Revueschreibers habe ich häufig auf seinen richtigen Namen zurück- 
geführt, über seinen dahinterstehenden Informanten bleibt aber der Schleier 
gedeckt. Vor Kiel wurde ein allgemeiner Anlauf unternommen, uns zu ver- 
dächtigen und vor uns zu warnen, nicht nur in den politischen Zeitschriften, 
sondern auch bei Hofe. Ich weiß bestimmt, daß starke Einflüsse auf König 
Eduard eingewirkt haben, um ihn von Kiel abzuhalten. Unter den Diplomaten 
gibt es nur drei, die das Ohr des Königs haben: der Portugiese Soveral, 
der Österreicher Mensdorff und der Russe Benckendorff. Soveral ist 
nicht intrigant, auch nicht deutschfeindlich, und könnte uns sogar sehr 
nützlich sein, wenn er nicht glaubte, an höchster Stelle bei uns zu miß- 
fallen und gesnobbed worden zu sein. Ich weiß, daß Seine Majestät ein 
starkes Vorurteil gegen ihn hat. Ich bedauere dies und möchte glauben, 
daß Seine Majestät nicht immer richtig über Soveral informiert worden ist. 
Wie alle Südländer und auch wie mancher Nordländer ist er eitel, und wenn 
ich wüßte, daß er in Berlin auf der Durchreise gut behandelt würde (das 
heißt von Seiner Majestät), so würde ich ihn gelegentlich durch Hans 
Heinrich Pleß nach Fürstenstein einladen lassen. Ohne daß er von Seiner 
Majestät empfangen wird, würde er, soweit ich ihn beurteilen kann, nicht 
nach Berlin reisen. Die Zeiten, wo er der ‚blaue Affe‘ war, sind vorüber, 
und er ist jetzt eine nicht unwichtige und allgemein beliebte Persönlichkeit, 
die für uns hier vielleicht von großem Nutzen sein könnte, insofern, als er 
Verdächtigungen und Beschuldigungen entgegentreten würde, die er jetzt 
laufen läßt, wenn er, bei der Eitelkeit gefaßt, von Seiner Majestät gut und 
Pr
        <pb n="58" />
        36 DER RUSSE BENCKENDORFF 
mit einer gewissen Auszeichnung behandelt würde. Soveral sagte mir auch 
dieser Tage in einem längeren Gespräch, das ich mit ihm hatte, daß König 
Eduard außerordentlich befriedigt von Kiel zurückgekommen sei. Soveral, 
der ein kluger Mann ist und den König vielleicht ebenso gut kennt wie 
irgendein anderer, bemerkte, dem König habe stets außerordentlich viel 
an guten politischen Beziehungen zu Deutschland gelegen. Der König sei 
der Tradition und dem Gefühle nach für Deutschland, und Mißhelligkeiten 
mit Deutschland wirkten geradezu ungünstig auf sein Wohlbehagen ein. 
Soveral verhehlte mir nicht, daß wir irgendwo einen starken Feind 
sitzen hätten, dessen Hand man vielfach verfolgen könne, der aber zuletzt 
immer verschwinde. Er konnte oder wollte nicht sagen, wer er sei. Ich halte 
Soveral wirklich nicht für so diabolisch, daß er mir dies gesagt hätte, wenn 
er selbst der verborgene Feind wäre. Es ist das Interesse Österreichs, daß 
die deutsche und die englische Politik sich in ähnlichen Bahnen bewegen. 
Schon deshalb glaube ich nicht, daß Mensdorff gegen uns intrigiert. Außer- 
dem habe ich gar keine Anzeichen dafür und nie gehört, daß er gegen uns 
wirkt. Er wird wohl mitunter mitschwätzen und mitsympathisieren, wenn 
eine Royalty glaubt, ein ‚grief* gegen uns zu haben, aber ich bin überzeugt, 
daß er sich nicht politisch gegen uns stellt. Ich weiß sogar bestimmt, daß 
es ihm höchst fatal war, als die deutsch-englischen Beziehungen sich ver- 
schlechterten. Bleibt Benckendorff. Bei ihm erfordert das politische Inter- 
esse schlechte Beziehungen zwischen England und Deutschland. Ich habe 
mehrfach lange Gespräche mit ihm gehabt, worin er sich als sehr deutsch- 
freundlich gibt. Er mag aber dem Grundsatz huldigen, daß gute Beziehun- 
gen zwischen Rußland und Deutschland ebenso nützlich sind wie schlechte 
zwischen Deutschland und England. Er ist sehr geschickt und glatt, und bis 
ich lerne, daß ich mich getäuscht habe, wende ich auf ihn den Grundsatz 
an: ä larron, larron et demi. Alles, was ich ihm sage, mag er unbeschadet 
hier und in Petersburg wiederholen. Obschon ich ungern ohne feste Grund- 
lage anklage, so kann ich nicht umhin, Ihnen mitzuteilen, daß mir von 
verschiedenen Seiten zu Ohren gekommen ist, daß Benckendorff bei 
König. Eduard den Besuch in Kiel zu hintertreiben versucht hat. 
Von allen Gerüchten ist Hofgerüchten vielleicht am wenigsten zu trauen. 
Der Consensus of opinion ist aber doch auffallend. Wenn man einen ver- 
borgenen Gegner hat, den man nicht fassen kann, so wäre natürlich nichts 
ungeschickter, als wollte man ihn in der Öffentlichkeit oder in der Presse 
brandmarken. Es würde ibn dies nur um so bissiger, giftiger und vorsich- 
tiger machen. Sich nichts merken lassen, beobachten, auf der Hut sein und 
abwarten, bis man ihn mit etwas Tatsächlichem am Wickel hat, ist hier das 
richtige Rezept. Bei dem Intrigenspiele gegen das Deutsche Reich muß auch 
die Botschaft herhalten. Es amüsiert mich, zu erfahren, wie ich das eine
        <pb n="59" />
        IN DER LOGE EDUARDS VIl. 37 
Mal als gefährlicher Mensch hingestellt werde, der den armen Lansdowne 
und das Foreign Office stets übers Ohr haut, das andere Mal als ein unver- 
söhnlicher Anglophobe geschildert werde, der nur auf den Ruin Englands 
sinnt. Aber leider wird auch aus dem eigenen Lager die Botschaft nicht 
unbehelligt gelassen. Was mich selbst betrifft, so ist es mir gänzlich gleich- 
gültig, was man über mich sagt. Ich kann mich schon wehren, wenn es der 
Mühe wert ist — wenn aber ein früheres Mitglied der Botschaft, lediglich 
aus Unmut über geknickte, weitgehende Hoffnungen, die außer ihm selbst 
von niemandem geteilt wurden, die Stellung der jüngeren Botschafts- 
mitglieder unter Ausnutzung seiner persönlichen gesellschaftlichen Be- 
ziehungen zu diskreditieren sucht, so ist das ein unpatriotisches Vorgehen, 
das selbst gekränkte Eitelkeit und seine übertriebene Meinung von der 
eigenen Wichtigkeit nicht rechtfertigen kann. Über Viktor Eulenburg, der 
sich hier in überraschend kurzer Zeit eine vorzügliche Stellung erworben 
hat, wird ausgestreut, daß er bei den Engländern sehr unpopulär und zu 
dem Zweck hierhergeschickt worden sei, um als eine Art gesellschaftlicher 
Spion Seiner Majestät über den tagtäglichen Klatsch aus London zu 
berichten. Da diese Geschichte hier die Runde macht, so bin ich ihr nach- 
gegangen und habe wenigstens die eine Hälfte auf ihren Urheber fest- 
genagelt. Von einem absolut zuverlässigen Ohrenzeugen ist mir folgende 
kleine Szene geschildert worden: König Eduard im Hintergrunde seiner 
Box in der Oper, eine Zigarette rauchend, in Begleitung eines ihm befreun- 
deten Herrn, der mir die Sache erzählt hat. Unter vielen Verbeugungen und 
Händereiben tritt unaufgefordert herein Alfred Rothschild, der sich nach 
dem Befinden des hohen Herrn und dem Verlauf der Kieler Reise unter 
mannigfacher Fragestellung erkundigt, unter anderm auch danach, wie 
S.M. der Kaiser den Ostasiatischen Krieg beurteile, worauf der König 
kurze und ausweichende Antworten erteilt. A. Rothschild erwähnt dann, 
daß ein neuer Sekretär, Graf Eulenburg, bei der deutschen Botschaft sei, 
der sich allgemein unpopulär hier mache, wie er höre. Der König sagt, 
davon wisse er nichts. In Kiel habe sich der junge Eulenburg im Gegenteil 
recht nützlich erwiesen (er hatte dort mit den Herren des Gefolges kleine 
Ordensangelegenheiten in meinem Auftrage zu besprechen). Befragt, 
erklärt A. Rothschild, Eckardstein habe ihm gesagt, daß Eulenburg hier 
sehr unpopulär sei. Der andere Herr greift nun in die Unterhaltung ein und 
bemerkt, das sei gar nicht der Fall, Eulenburg gefalle hier im Gegenteil recht 
gut, sei ein sehr angenehmer Mensch, und Eckardstein erzähle so etwas 
nur aus Pik gegen die deutsche Botschaft, weil er nicht mehr dazu gehöre 
und selber hätte Botschafter werden wollen. Darauf der König: ‚Good 
heavens no, that would never do!“ Alfred Rothschild, still und perplex, 
bemerkt zu spät, daß er seinem Freunde und Günstling Eckardstein einen
        <pb n="60" />
        38 TRÜFFELGRAB, WOLKENSCHIEBER, SEMMELAFFE 
schlechten Dienst erwiesen hatte. Ob Eckardstein auch die Historie von der 
geheimen Berichterstattung an Seine Majestät kolportiert hat, kann ich 
nicht sagen. Da aber beide Geschichten immer zugleich erzählt werden, so 
ist es naheliegend, daß sie auch denselben Urheber haben können. Ich darf 
wohl darauf rechnen, daß Sie dafür sorgen, daß die private Äußerung in der 
Opera box nicht an Eckardstein oder A. Rothschild zurückgelangt, beson- 
ders da letzterer sich uns häufig als nützlich und als Freund erwiesen hat, 
mit dem ich auch persönlich die besten Beziehungen pflege.“ 
Ich muß meinerseits diesem Brief unseres Botschafters in London einen 
kurzen Kommentar beifügen. Der Marquis Soveral hatte als erster Sekretär 
der portugiesischen Gesandtschaft in Berlin, unter dem alten Regime, in 
der Berliner Gesellschaft der achtziger Jahre eine gewisse Rolle gespielt. 
Er war allgemein beliebt, ein häufiger Gast bei den Liebesmahlen der Garde- 
kürassiere und Gardeulanen, ein großer Ladies-man. Der alte Kaiser, der 
wie seine ganze Generation Leute mit weltmännischen Allüren und ins- 
besondere elegante Kurmacher gern mochte, hatte Soveral wiederholt 
ausgezeichnet. Der Berliner Witz hat sich seit jeher darin gefallen, bekann- 
ten Leuten Spitznamen zu geben. Der Hofmarschall des Prinzen Karl, 
Graf Gerhard Dönhoff, ein berühmter Gourmand, wurde das Trüffelgrab 
genannt. Ich habe gelegentlich erzählt, daß mein Großonkel, der Oberst- 
kämmerer Graf Wilhelm Redern, wegen seiner steifen Gangart und weil er 
die Nase hoch trug, der Wolkenschieber, sein Bruder, der Obergewand- 
kämmerer Graf Heinrich Redern, der nicht gerade mit viel Geist, aber mit 
einem auffällig großen Mund begabt war, der Semmelaffe hieß. Soveral 
nannte man wegen seiner südländisch blauschwarzen Haare den „blauen 
Affen“. Das neue Regime, das 1888 begann, war leider weniger taktvoll als 
das alte. Wilhelm II. gefiel sich darin, den Marquis Soveral nicht nur im 
Gespräch mit anderen den „blauen Affen‘ zu nennen, sondern ihn mitun- 
ter, wenn auch nur in der Form eines jovialen Scherzes, als solchen anzu- 
reden. Das war nicht nur geschmacklos, es war auch ungeschickt. Als 
Gesandter nach London versetzt, wurde Soveral sehr bald ein Günstling 
und Freund des Königs Eduard und der Königin Alexandra und ein Lieb- 
ling der Londoner Gesellschaft mit großem sozialem, nicht geringem politi- 
schem Einfluß. Von dem berühmten englischen Seemann Sir Walter 
Raleigh wird erzählt, daß er einmal, als die Königin Elisabeth von England 
an einem Regentag vor ibrem Palast aus ihrem Wagen aussteigen wollte, 
seinen kostbaren Mantel vor ihr ausgebreitet habe, damit sie ihre weißen 
Atlasschuhe nicht beschmutze. Soveral soll denselben Akt heroischer 
Galanterie gegenüber einer schönen Botschafterin vollzogen haben. Schon 
daß solche Anekdoten über ihn erzählt wurden, machte ihn den Lon- 
doner Upper ten thousand interessant. Meine Bemühungen, den Kaiser
        <pb n="61" />
        FORTÜNE 39 
Wilhelm II. dahin zu bringen, den Marquis Soveral, mit dem ich persönlich 
seit jeher,gut stand, durch Liebenswürdigkeit wiederzugewinnen, blieben 
ebenso erfolglos wie mein jahrelanges Bestreben, Seine Majestät freund- 
licher für die Japaner zu stimmen. 
Graf Benckendorff war deutschen Ursprungs. Die Karriere seiner 
Familie war bezeichnend für altrussische Verhältnisse. Sie bewies, daß 
Kaiser Paul I. nicht unrecht hatte, als er dem englischen Botschafter, der 
vor ihm einen Fürsten Dolgoruky einen Grandseigneur nannte, zornig 
anfuhr: „Sachez, Monsieur, que dans mon pays on n’est grandseigneur que 
quand je parle a quelqu’un et pendant que je parle a quelqu’un.“ Die 
Gemahlin ebendieses Kaisers Paul, die Kaiserin Maria Feodorowna, eine 
württembergische Prinzeß, suchte nach einer zuverlässigen Gouvernante 
für ihre Kinder. Schon im Hinblick auf ihren launenhaften und unberechen- 
baren Gatten war diese Frage für sie von Wichtigkeit. Ein ehemaliger rus- 
sischer Gouverneur der baltischen Provinzen lenkte die Aufmerksamkeit 
der Kaiserin auf die wohlerzogene Tochter eines Artilleriemajors aus Riga 
namens Benkendorf. Vater und Tochter gehörten nicht dem alten baltischen 
Adel an, waren auch nicht mit der märkischen Familie Beneckendorff- 
Hindenburg verwandt, welcher der ruhmvolle Generalfeldmarschall ent- 
sproß. Fräulein Benkendorf aus Riga machte sich gut als Erzieherin der 
kaiserlichen Kinder, die ihr stets ein dankbares Andenken bewahrten. Sie 
selbst wurde mit einem Herrn von Lieven aus gutem baltischem Adel ver- 
mählt, der dank seiner Frau Botschafter in London und Fürst wurde. Sie 
konnte auch für die Karriere ihrer Brüder sorgen. Sagt doch Mephisto von 
dem Floh, den der König liebt, daß auch seine Geschwister bei Hofe bald 
große Herren wurden. Ein Benckendorff (das feudal klingende „,c“ setzte 
die Familie später vor das „k“ in ihrem Namen und verdoppelte das „f“ 
am Schluß) wurde unter Kaiser Nikolaus Chef der Dritten Abteilung, d.h. 
der geheimen politischen Polizei, damals der wichtigste Posten im russischen 
Reich. Ein anderer heiratete die Tochter des russischen Gesandten in Berlin, 
Alopeus, der auch ein Glücksritter war, eigentlich Fuchs hieß und es vom 
Kandidaten der Theologie zum Baron und russischen Gesandten in Berlin 
brachte. Mancher Deutsche hat im siebzchnten, auch noch im achtzehnten 
und neunzehnten Jahrhundert in Rußland Fortüne gemacht. Ich erinnere 
an Cancrin, der als Sohn des Professors Krebs in Hanau zur Welt gekommen 
war und in Rußland unter Kaiser Nikolaus I. vom kleinen Angestellten im 
Salzwerk von Staraja Russa allmählich bis zum vieljährigen Finanzminister 
und Grafen Cancrin avancierte, an Brunnow, der vom Hauslehrer zum Bot- 
schafter in London emporstieg, an die nach Rußland ausgewanderten Söhne 
und Enkel des von dem schwärmerischen Studenten Sand ermordeten Lust- 
spieldichters Kotzebue, die Generäle, Admiräle, Gesandte und General- 
Die 
Bencken- 
dorffs
        <pb n="62" />
        Viktor 
I:ulenburg 
und Erbprinz 
Salm 
40 ADJUTANTEN 
gouverneure wurden, und manche andere. Der Botschafter Benckendorff, 
von dem mir Metternich sprach, war, wie die von den Bolschewisten in- 
zwischen veröffentlichten Papiere beweisen, in der Tat bestrebt, seine 
deutsche Herkunft in St. Petersburg durch antideutsche Treibereien in 
Vergessenheit zu bringen. Am übelsten war, was Graf Metternich mir über 
die Umtriebe von Eckardstein schrieb, der offenbar immer tiefer sank, bis 
einige Jahre später der von ihm gegen seine Frau angestrengte skandalöse 
Ehescheidungsprozeß seinen gesellschaftlichen und moralischen Zusammen- 
bruch nach sich zog. 
Graf Viktor Eulenburg, ein Sohn des damaligen Oberhofmarschalls 
und späteren Hausministers, war ein ungewöhnlich tüchtiger, begabter, 
durch und durch anständiger junger Mann, der mehrere Jahre Adjutant 
bei mir gewesen war. Ich habe als Reichskanzler drei Adjutanten gehabt, 
die alle vor mir in jungen Jahren gestorben sind und denen ich ein dank- 
bares Andenken bewahre. Mein erster Adjutant war der Erbprinz Emanuel 
von Salm-Salm, der später eine Erzherzogin von Österreich heiratete. Als 
Rittmeister bei den Gardeducorps starb er im Weltkrieg den Heldentod. 
Er wurde vom Ausbruch des Weltkriegs in Indien überrascht, wo er Tiger 
schießen wollte. Von den Engländern interniert, gelang es ihm mit Hilfe 
der Tante seiner Frau, der Königin Christine von Spanien, die Erlaubnis 
zur Rückreise nach Deutschland zu erhalten. In Gibraltar wurde er ein 
zweites Mal festgenommen, aber infolge seiner inständigen Bitten durch 
Vermittlung der Königin nochmals in Freiheit gesetzt. Er reiste, ohne sich 
in der Heimat aufzuhalten, direkt nach dem östlichen Kriegsschauplatz, 
wo sein Regiment stand, das soeben siegreich gegen Russen gefochten hatte. 
Während seine Kameraden ihn jubelnd begrüßten, traf eine letzte Kosaken- 
kugel Emanuel Salm, der, an der Schläfe getroffen, lautlos, schmerzlos 
umsank. Der weise Solon würde ihn neben dem Tellos von Athen als einen 
der wenigen ganz und wirklich Glücklichen bezeichnet haben. Auf Emanuel 
Salm passen die schönen Verse, die Ernst Moritz Arndt dem 1814 in den 
Ardennen gefallenen Friedrich Friesen gesungen hat: 
War je ein Ritter edel, 
Du warst es tausendmal, 
Vom Fuße bis zum Schädel 
Ein lichter Schönheitsstrahl, 
Sein Nachfolger Graf Viktor Eulenburg erlag in verhältnismäßig jungen 
Jahren einer tückischen Tuberkulose, die er sich als Teilnehmer an einer 
Expedition nach Abessinien zugezogen hatte. Bei seiner ungewöhnlichen 
Begabung lag eine große Zukunft vor ihm. Mein letzter Adjutant, Erich 
von Schwartzkoppen, der Sohn eines ausgezeichneten Heerführers im
        <pb n="63" />
        MENDELSSOHN VERBINDET MIT WITTE 41 
Kriege von 1870/71, war ein echter Vertreter jener aus dem Kadettenkorps 
bervorgegangenen, durch Pflichttreue, Tüchtigkeit und jede soldatische 
und menschliche Tugend ausgezeichneten preußischen Offiziere, die uns, 
wie Bismarck einmal sagte, niemand nachmacht. Auch er starb in jungen 
Jahren. 
Bei sorgsamer Prüfung unserer handelspolitischen Beziehungen zu 
unseren Nachbarn hatte ich mich davon überzeugt, daß wir vor allem mit 
Rußland zu einer Verständigung kommen müßten. War eine solche erreicht, 
so würden Rumänien, Österreich-Ungarn, die Schweiz und die übrigen 
Länder folgen. Ich war weiter der Ansicht, daß der russische Staatsmann, 
mit dem wir uns am leichtesten verständigen könnten, der frühere Finanz- 
minister, nunmehrige Ministerpräsident Sergeji Juljewitsch Witte war. 
Aber wie an ihn herankommen? Ich erinnerte mich, daß mir Witte bei 
unserer Begegnung in Petersburg gesagt hatte, es gäbe zwei große Finanz- 
männer in Europa, zu denen er absolutes Vertrauen habe, Rothschild in 
Paris und Ermst Mendelssohn in Berlin. Ich setzte mich mit letzterem in 
Verbindung, der ein kluger Kopf, ein ausgezeichneter Geschäftsmann war 
und unbedingte Zuverlässigkeit mit warmem Patriotismus verband. Er 
war in der Lage, sich auf geheimem und sicherem Wege in Verbindung mit 
Witte zu setzen. Ich ließ bei diesem anfragen, ob er geneigt sein würde, 
mit mir über einen neuen Handelsvertrag direkt zu verhandeln und, sofern 
dies der Fall wäre, wie seine Entsendung zu diesem Zweck am besten in 
die Wege geleitet werden könnte. Witte hatte bis dahin in den ihm nahe- 
stehenden russischen Blättern eine heftige, teilweise sogar sehr grobe 
Polemik gegen die deutschen Wünsche und Ansprüche auf handelspoliti- 
schem Gebiet führen lassen. Das machte mich nicht irre. „La langue“, 
sagte Talleyrand, „a et&amp; donnee a l’homme pour deguiser ses pensees.“ 
Nicht lange nachher konnte Herr von Mendelssohn mir mitteilen, daß Witte 
gern mit mir direkt verhandeln wolle. Um hierzu die Möglichkeit zu bieten, 
wäre der beste Weg, daß der Deutsche Kaiser in möglichst unauffälliger, 
recht natürlicher Form diesen Gedanken in seiner Korrespondenz mit Kaiser 
Nikolaus durchschimmern ließe. Kaiser Wilhelm, der mit meinen Plänen 
einverstanden war, gestattete mir, ein oder zwei in diesem Sinn redigierte 
Briefe an den Zaren aufzusetzen. Wir sagten ungefähr: Um die Beziehungen 
zwischen Rußland und Deutschland von jeder Trübung frei zu halten, 
würde es sich empfehlen, dafür zu sorgen, daß die langweiligen Zollplacke- 
reien aufhörten und auf wirtschaftlichem Gebiet eine Verständigung herbei- 
geführt würde. Wenn nur deutsche Geheimräte und russische Tschinowniks 
mit dieser Aufgabe betraut würden, wäre kein Ende abzusehen. Praktischer 
wäre es, zwei wirkliche Staatsmänner, also die größte wirtschaftliche und 
finanzpolitische Autorität in Rußland, Herrn Witte, und den deutschen 
Der 
Handels- 
vertrag mit 
Rußland
        <pb n="64" />
        Witte in 
Norderney 
42 DIE KAPPS 
Kanzler, zusammen einzusperren, damit sie möglichst rasch zu einem 
für beide Teile befriedigenden Ergebnis gelangten. In einem Gefängnis 
brauchten sie sich ja nicht gerade zu begegnen, Witte möge nach Norderney 
kommen, wo der deutsche Kanzler die heißen Monate zu verleben pflege 
und wo die gute Seeluft auch Sergej Juljewitsch neue Spannkraft verleihen 
würde. Die Antwort des Zaren lautete freundlich und zustimmend. 
Im Laufe des Juli traf Witte in Norderney ein. Er hatte einen großen 
Stab von Beamten mitgebracht, darunter den früheren russischen Finanz- 
attache in Berlin und späteren Handelsminister Timiriaseff, der ein guter 
Musiker und schlauer Unterhändler war. Ich hatte eine größere Anzahl 
leitender Beamten nach der Nordseeinsel zitiert, unter ihnen Posadowsky, 
Podbielski, Wermuth, Körner und eine Reihe vortrefllicher Hilfskräfte, 
darunter Kapp und Göbel. Wolfgang Kapp war in New York geboren, als 
Sohn eines Westfalen, der als Vierundzwanzigjähriger im September 1848 
zu den revolutionären Sturmgesellen gehört hatte, die versuchten, die 
Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche mit Waffengewalt 
zu sprengen. Er mußte deshalb sein Vaterland verlassen, blieb aber auch 
in Amerika ein guter Deutscher und kehrte 1870 nach Deutschland 
zurück. Er hat ein vortreflliches Buch über den schmählichen Sol- 
datenhandel deutscher Kleinfürsten geschrieben. Der Sohn Kapp trat 
jung als Hilfsarbeiter ins Preußische Finanzministerium ein und wurde 
dann Landrat des Kreises Guben, wo er als ultrakonservativer Parteimann 
auftrat und in beständiger Fehde mit dem Vertreter des Kreises, dem liberal 
gerichteten Prinzen Heinrich Carolath, lebte, obwohl der letztere eine 
liebenswürdige, aber weiche Natur war, weswegen er auch den Spitznamen 
„Butter-Heinrich“ führte. 1900 wurde Wolfgang Kapp Vortragender Rat 
im Preußischen Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten, 
als dessen Kommissar er bei den Handel handl in Norder- 
ney 1904 fungierte. Er war ein hervorragend fleißiger und tüchtiger Beamter, 
von durchaus ehrenhaftem Charakter, ein Patriot und ein Idealist, aber es 
fehlte ihm die Einsicht in die Grenzen seiner bescheidenen Fähigkeiten wie 
der Überblick über größere Verhältnisse und die allgemeine Lage. Als 
selbsternannter Reichskanzler während des Putsches vom Frühjahr 1920 
war er eine tragikomische Figur und erinnerte halb an den General Claude 
Francois de Mallet, der sich im Oktober 1812, unmittelbar nachdem 
Napoleon das brennende Moskau geräumt hatte, zum Gouverneur von 
Paris proklamierte und sich für vierundzwanzig Stunden der Gewalt 
bemächtigte, halb an den Hauptmann von Köpenick. Dem bescheidenen 
Kommissar, der in Norderney in respektvoller Entfernung seinem Chef, 
dem jovialen Podbielski, zu den Sitzungen folgte, war seine bewegte Zu- 
kunft nicht anzusehen, in die ihn letzten Endes wohl die kleinlichen und 
ciu azeV
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        WITTE ÜBER SEINE ENTLASSUNG 43 
gehässigen Angriffe getrieben haben, die später von der Höhe seiner Reichs- 
kanzlerstellung in offener Reichstagssitzung Bethmann Hollweg während 
des Weltkrieges gegen den inzwischen zum G Nandschaftsdirektor in 
Königsberg gewählten Kapp richtete, den er dadurch um Amt und Brot 
brachte. 
In Norderney setzte ich mich von vornherein mit Witte auf den Fuß, 
daß ich ihn bat, abends bei uns in unserer Villa zu essen. An das Diner 
schloß sich dann gewöhnlich eine gemütliche, manchmal zwei und selbst 
auch drei Stunden dauernde Plauderei. Witte sprach ungeniert über alles, 
was die erste Voraussetzung ist, bei häufigerem Zusammensein nicht lang- 
weilig zu wirken. Er war bei seinem Monarchen in Ungnade gefallen und 
grollte ihm. Er liebte auch die Kaiserin Alexandra Feodorowna nicht, die er 
beschuldigte, ihren Gemahl gegen ihn aufgestachelt zu haben. Sie hätte sich 
hierzu des bewährten Mittels bedient, dem Zaren zu sagen, die Petersburger 
Gesellschaft wäre davon überzeugt, daß er eine Marionette in den Händen 
von Witte wäre. Die Kaiserin hätte sogar eine kleine Karikatur gezeichnet, 
die Witte mit seiner massigen Figur und seinen eher groben Gesichtszügen 
darstellte, wie er einen kleinen Hampelmann in der Hand hielt, der die 
feinen Züge des angeblichen Selbstherrschers trug. Mit gutem Humor 
schilderte Witte, wie die montenegrinischen Großfürstinnen es anfingen, mit 
Hilfe eines französischen Spiritisten, eines Monsieur Philippe, die Zarin 
und den Zaren in ihr Garn zu ziehen. Der Spiritist ließ den Geist des Kaisers 
Alexander III. erscheinen. Gefragt, welche Ratschläge er dem Sohn zu geben 
habe, mahnte der Geist zu treuem Festhalten an dem Vermächtnis des 
Vaters und insbesondere an dem Bündnis mit Frankreich. Schließlich aber 
rief er mit Grabesstimme dem erschrockenen Sohn zu: „Et, surtout, 
n’oublie pas de donner beaucoup d’argent au Prince de Montenegro, mon 
meilleur ami.‘“ Ich nahm mir vor, meinerseits dafür zu sorgen, daß an unse- 
rem Hofe und in der hellen Berliner Luft solches Blend- und Zauberwerk 
nicht um sich greife. Seine Entlassung schilderte mir Witte folgender- 
maßen: „Als ich meinen üblichen Vortrag, den Daklod, wie wir auf rus- 
sisch sagen, an dem festgesetzten Tage beendet hatte, sah der Kaiser 
Nikolaus einige Zeit verlegen vor sich auf seinen Schreibtisch. Dann sagte 
er mir mit sanfter Stimme, ohne mich anzusehen, er habe den Eindruck, 
daß meine Gesundheit in der letzten Zeit gelitten hätte, er wolle nicht, daß 
ich mich überarbeite. Deshalb enthebe er mich meines Postens als Finanz- 
minister und ernenne mich zum Vorsitzenden des Minister-Konseils.“ Witte 
fuhr fort, wobei dem heftigen Mann der Zorn noch nachträglich die Backen 
rötete: „Da verlor ich die Geduld. So viel Falschheit und Heuchelei empör- 
ten mich. Ich sagte dem Kaiser: ‚Ich verstehe nicht, warum Sie eine sulche 
Komödie mit mir aufführen. Die Stellung des Präsidenten des Minister-
        <pb n="66" />
        44 WITTE KEIN SLAWOPHILE 
komitees ist ja in Rußland eine reine Sinekure. Ebensogut hätten Sie mich 
nach dem Kaukasus oder nach Sibirien verschicken können‘.““ Nach einer 
kleinen Pause fügte Witte nicht ohne eine gewisse Rührung in der Stimme 
hinzu: „Nun werden Sie sehen, daß der Kaiser auch wieder gute Seiten hat. 
Am selben Abend schickte er mir ein dickes Kuvert, in dem 400000 Rubel 
waren.“ Witte war augenscheinlich stolz auf dieses Schmerzensgeld. 
Witte war ein überzeugter Anhänger guter Beziehungen zwischen seinem 
Vaterland und Deutschland. Nicht als ob er besondere Sympatbhien für die 
Deutschen empfunden hätte. Er zog Paris als Stadt Berlin vor, die Fran- 
zosen gefielen ihm persönlich besser als die Deutschen, die Engländer und 
Amerikaner imponierten ihm in höherem Grade. Aber er war überzeugt, 
daß von der Aufrechterhaltung des Friedens und guter Beziehungen zwi- 
schen Deutschland und Rußland das Schicksal des russischen Kaiserhauses 
abhing, und bei aller Ranküne gegen den derzeitigen Zaren und obschon 
nicht ohne gelegentliche liberale Anwandlungen, war er durchaus mon- 
archisch gesinnt. Er war schon 190% der Meinung, daß der Sturz der Mon- 
archie in Rußland das Signal für Anarchie, Elend, Ruin und Zerrüttung 
des Riesenreichs bedeuten würde. Ähnlich wie mancher andere russische 
Staatsmann mißbilligte und verachtete Witte die slawophile Schwärmerei 
für die Balkanvölker, die Rußland seine Blut- und Geldopfer, alle, ohne 
Ausnahme, die Serben früher, die Bulgaren später, die Griechen und 
Rumänen bei jeder Gelegenheit, mit schnödem Undank gelohnt hätten. 
Rußland brauche keine Vergrößerung, es sei cher zu umfangreich. Nicht 
nur in Sibirien und in Turkestan, auch im Kaukasus und selbst im euro- 
päischen Rußland warteten ungeheure Flächen darauf, bebaut und kul- 
tiviert zu werden, wären noch unermeBßliche Bodenschätze zu heben. Der 
Besitz von Konstantinopel würde für Rußland ein zweifelbaftes Glück sein. 
Kaiser Nikolaus I. habe einmal an den Rand eines Berichts, in dem gesagt 
worden war, das orthodoxe Kreuz müsse wieder auf der Sophienkirche auf- 
gepflanzt werden, mit fester Hand geschrieben: „In der Theorie ist das 
schön und gut, aber in Wirklichkeit wäre der Besitz von Konstantinopel 
kein Glück für Rußland, eher ein Moment der Schwäche als der Stärke. 
Wollen wir drei Hauptstädte haben ? Petersburg, die Schöpfung des größten 
russischen Kaisers, das wir doch nicht aufgeben können, das heilige Mütter- 
chen Moskau, das wir noch weniger aufgeben können, und endlich Byzanz ?“ 
Witte war erst recht mit Entschiedenheit gegen jede Gebietserweiterung des 
russischen Reichs in Europa. Ostpreußen? Rußland habe schon genug 
Deutsche. Posen? Rußland habe schon genug Polen. Galizien? Rußland 
habe schon genug Juden. Der Hauptgrund aber, aus dem Witte ein Ver- 
treter des Friedens und der Eintracht mit dem deutschen Nachbar war, 
lag in seiner felsenfesten Überzeugung, der er, wie ich höre, bis zum letzten
        <pb n="67" />
        BLUFF 45 
Augenblick seines Lebens treu geblieben ist, daß ein Krieg zwischen Ruß- 
land und Deutschland vielleicht zum Sturz der Hohenzollern, sicherlich 
zum Sturz der Romanows führen und nur der Revolution zugute kommen 
würde. 
Die Handelsvertragsverhandlungen fanden gewöhnlich am Vormittag, 
bisweilen auch am Vor- und Nachmittag statt. Witte begegnete sich mit 
mir in dem Wunsch, nicht über Detailfragen und Kleinigkeiten zu stolpern, 
sondern das ganze Problem von einem höheren Gesichtspunkt aus zu behan- 
deln. Es war nicht zu leugnen, daß er meinen verehrten deutschen Mit- 
arbeitern an Großzügigkeit überlegen war. Wenn diese sich mit dem Stabe 
von Witte einige Zeit herumgezankt hatten, pflegte letzterer mir einen 
kleinen Zettel herüberzureichen, auf dem etwa stand: „Mettons fin ä ces 
commerages inutiles! Je vous propose la solution suivante... .‘“ Seine Vor- 
schläge waren immer praktisch, meist annehmbar. Als ihm einer der deut- 
schen Delegierten einmal entgegenbielt, daß, wenn er in diesem oder jenem 
Punkt nicht nachgebe, es uns vielleicht nicht unmöglich sein würde, in 
einiger Zeit einen Reichstagsbeschluß herbeizuführen, durch den die Regie- 
rung aufgefordert werden könnte, gerade in diesem Punkt den Russen nicht 
nachzugeben, entgegnete Witte lächelnd: „Und ich kann mit einem kurzen 
Telegramm einen kaiserlichen Ukas erwirken, durch den alle unsere For- 
derungen um 400 Prozent erhöht werden. Laissons ces enfantillages.‘“ 
Natürlich war ich weit davon entfernt, mich von ihm bluffen zu lassen, 
schon weil ich wußte, daß dies seit langem ein beliebter Kunstgriff gerade 
der Russen war. Eines Nachmittags, nach einer ziemlich heftigen Dis- 
kussion, die zu keiner Verständigung geführt hatte, schickte Witte mir 
einen seiner Sekretäre, um sich zu erkundigen, um welche Zeit der Schnell- 
zug nach Berlin von Norddeich, der Endstation der Bahn gegenüber der 
Insel Norderney, am nächsten Tage abginge. Ich erwiderte ihm nach einer 
Stunde, ich hätte Weisung gegeben, daß er für die Reise von Norddeich 
nach Berlin einen Salonwagen bekäme, schon im Hinblick auf die lange 
Fahrt, die ihm noch von Berlin bis St. Petersburg bevorstünde. Er kam 
nicht wieder auf den Gedanken der Abreise zurück. 
® Unvergeßlich ist mir eine kleine Szene aus einer der letzten Sitzungen. 
Witte, der den Abend vorher in meiner Villa in angeregtem Gespräch bis 
spät in die Nacht zugebracht hatte, holte einen Zettel hervor und hielt 
dabei eine kleine Ansprache, in der er etwa sagte: In Anerkennung des auch 
von deutscher Seite gezeigten guten Willens und um seiner persönlichen 
Sympathie für den deutschen Kanzler Ausdruck zu geben, wolle er uns 
freiwillig noch einige nicht ganz unbeträchtliche Konzessionen machen. 
Er hatte kaum diese Zugeständnisse verlesen, als der Unterstaatssekretär 
Wermuth, der neben mir saß, obwohl ich ihn durch sanften Druck meines 
  
Die 
Handels- 
vertrags- 
verhandlungen
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        46 DER UNTERSTAATSSEKRETÄR WERMUTH 
Fußes auf seinen Stiefel warnte und zurückzuhalten suchte, in einem sehr 
mangelbaften Französisch erklärte: Wo die Russen in der Gebelaune zu 
sein schienen, müßten die Deutschen noch vier oder fünf andere Wünsche 
zur Sprache bringen, die den russischen Zugeständnissen erst ihren vollen 
Wert verleihen würden. Witte erwiderte kühl: „J’ai voulu vous faire plaisir, 
mais comme vous semblez mal comprendre mes mobiles et mes intentions, 
je retire ce que j’ai dit.“ Der Unterstaatssekretär Wermuth war ein arbeits- 
freudiger und kenntnisreicher, aber nicht gerade feinfühliger Beamter. Er 
war der Sohn eines ebemaligen Polizeipräsidenten des Königs Georg von 
Hannover, eines Beamten, der sich durch sein reaktionärese Verbalten in den 
letzten Jahren vor der Katastrophe von 1866 sehr verhaßt gemacht hatte, 
aber vielleicht gerade deshalb von dem blinden König geschätzt wurde. 
Damals sangen die Straßenjungen von Hannover: 
Du hast den groben Tschirnitz, 
Hast Liebig, den süßen Friseur, 
Du hast den bitteren Wermuth, 
Mein Georgie, was willst du noch mehr? 
Tschirnitz war ein ob seines rauhen Wesens gefürchteter General- 
adjutant, Liebig der besondere Günstling des letzten Königs von Hannover. 
Der Sohn Wermuth war, als er mir bei den Handelsvertragsverhandl 
zur Seite stand, ausgesprochen agrarisch und ängstlich bemüht, nicht bei 
den Konservativen anzustoßen, vor denen ihm sehr bange war. Ich hätte 
damals nicht geglaubt, daß er sich in späteren Jahren als Oberbürgermeister 
von Berlin auf das beste nicht nur mit den Mehrheitssozialisten, sondern 
auch mit den Unabhänzigen und Kommunisten im Roten Hause in der 
Königstraße verstehen würde. 
Eine wackere Stütze war mir der Direktor der handelspolitischen Ab- 
teilung im Auswärtigen Amt, der Geheime Rat Körner. Sein Vater hatte 
in der alten Zeit im sächsischen Finanzministerium die Zollfragen be- 
arbeitet, und man sagte von dem Sohn, daß er unter Tabellen und Zoll- 
verordnungen aufgewachsen wäre wie andere Kinder zwischen Schaukel- 
pferden und Baukästen. Seine Tüchtigkeit und sein Wissen imponierten 
Witte, dem auch sein Auftreten und sein Wesen gefielen. Bei der Dis- 
kussion einer nicht unwichtigen Zollposition, die für die Chemnitzer 
Industrie von Bedeutung war, sagte Witte: „Je vous c&amp;de cette position 
pour faire plaisir a Mr. Körner qui est Saxon.“ Als einundzwanzig Jahre 
später die deutsche Republik Zollverhandlungen mit Sowjet-Rußland einzu- 
leiten wünschte, konnte sie nichts Klügeres tun, als an die Autorität dieses 
hervorragenden Beamten des alten Systems zu appellieren und ihn zu bitten, 
die Verhandlungen mit dem neuen Rußland zu führen.
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        DIE BOMBE FÜR PLEHWE 47 
Kaiser Wilhelm, dem ich melden konnte, daß die Verhandlungen mit 
Witte zum Abschluß gekommen seien, richtete an mich das nachstehende 
Telegramm: „Ihre Meldung hat Mich mit hoher Befriedigung und herz- 
licher Freude erfüllt. Nach jahrelanger mühevoller, dorniger Arbeit ist 
Ihnen das große Werk gelungen, dank Ihrer nie erlahmenden Arbeitskraft 
und aufopfernden Hingabe. Möge unser Volk und Vaterland sich zu voller 
Würdigung dessen, was Sie ihm errungen haben, durch die Unterzeichnung 
des Handelsvertrages emporarbeiten und Ihnen ebenso warmen und rück- 
haltlosen Dank zollen, wie Ich es jetzt schon tue. Genießen Sie nun Ihre 
Ferien in verdienter Ruhe.“ 
Für einige Tage nach Berlin zurückgekehrt, wo ich Geschäfte zu erledigen 
hatte, begegnete ich bei einem Morgenritt im Tiergarten meinem Freund 
Witte, der mir schon von weitem in freudiger Erregung zurief: „Une bonne 
nouvelle! Plelhwe vient d’etre assassin&amp;!“ Der russische Minister des Innern, 
Herr von Plehwe, ein Gegner Wittes, war am 28. Juli auf einer Fahrt nach 
dem Warschauer Bahnhof von einem Anarchisten mittels einer Spreng- 
bombe getötet worden. Plehwe war einer jener Deutschrussen, die, vielleicht 
weniger grausam als die Nationalrussen, sich doch durch ihre methodische 
Härte und Strenge noch verhaßter als diese machten. Er war ein Typus, 
wie man ihn seit Peter dem Großen in Rußland häufig gesehen hatte. 
Sohn eines verarmten ostpreußischen Gutsbesitzers, war er als Kind mit 
seinem Vater nach Russisch-Polen gekommen, wo dieser, der in seiner Hei- 
mat auf keinen grünen Zweig kommen konnte, sich ein kleines Gut gekauft 
hatte. Der junge Plehwe wurde dort zum Polen erzogen. Später siedelte der 
Vater nach dem inneren Rußland über, wo der Sohn sich ebenso rasch aus 
einem Polen in einen Russen verwandelte wie früher aus einem Deutschen 
in einen Polen. Der ehrliche Wilhelm Plehwe war bald ein polnischer 
Vaclav geworden. Mit der gleichen Fixigkeit und Unbefangenheit ent- 
wickelte er sich etwas später aus einem Vaclav zu einem russischen 
Wjatscheslaw. Plehwe hatte eine ungewöhnliche Arbeitskraft, eine eiserne 
Faust, einen unbeugsamen Willen und hohen persönlichen Mut. Beständig 
von Bomben und Kugeln bedroht, fuhr er in einem gepanzerten Wagen 
und bestimmte erst im letzten Augenblick beim Einsteigen das Ziel der 
Fahrt. Trotzdem galt er für einen gezeichneten Baum. Jedermann war 
überzeugt, daß er früher oder später in die Luft gesprengt werden würde. 
Er hatte der Frau eines französischen Militärattach&amp;s eine große Leiden- 
schaft eingeflößt. In hysterischer, beinahe pathologischer Weise behauptete 
sie, daß mit dem von ihr heiß geliebten Mann gemeinsam in Todesgefahr 
zu schweben für sie der höchste Genuß wäre. An dem Tage, wo Plehwe die 
Sprengbombe traf, war sie zufälligerweise nicht mit ihm im Wagen. 
Vierzehn Tage nach der Ermordung von Plehwe wurde Kaiser Nikolaus II. 
Plehwes 
Ermordung
        <pb n="70" />
        Handels- 
verträge mit 
Rumänien 
un 
Österreich 
48 DER THRONFOLGER ALEXE]J 
der langersehnte Sohn geboren, der den echt russischen Namen Alexej 
Nikolajewitsch erhielt und schon am Tage seiner Geburt zum Chef eines 
finnländischen Leibgarderegiments, eines ostsibirischen Schützenregiments, 
zum Hetman aller Kosakenregimenter ernannt und gleichzeitig &amp; la suite 
von zwei Garde- und vier Linienregimentern gestellt wurde. Alle diese heute 
fast kindlich anmutenden Auszeichnungen haben nicht hindern können, 
daß das arme Kind ein frühes und schreckliches Ende fand, ein um so grau- 
sameres Schicksal, als es sich um einen seit seiner Geburt kränklichen 
Knaben handelte. Alexej Nikolajewitsch war, was man einen Bluter nennt. 
Seine Taufpaten waren Kaiser Wilhelm und König Eduard. Der erstere ließ 
sich bei der Taufe in Petersburg durch seinen Bruder Heinrich vertreten, 
der mir bei seiner Rückkehr nicht genug zu rühmen wußte, wie glücklich 
die kaiserlichen Eltern über die Geburt des Thronerben wären. Die Kaiserin 
Alexandra Feodorowna war zur Belohnung zum Chef eines Dragoner- 
regiments ernannt worden. 
Durch den Abschluß eines Handelsvertrags mit Rußland waren wir 
gegen die Gefahr einer wirtschaftlichen Isolierung Deutschlands gesichert. 
Die Anbahnung vertrauensvoller und freundschaftlicher Beziehungen 
zwischen mir und dem hervorragendsten Staatsmann, über den das rus- 
sische Reich damals gebot, war für uns ein nicht zu verachtender Neben- 
gewinn. Ich wünschte auch den Handelsvertrag mit Rumänien so bald als 
möglich unter Dach und Fach zu bringen und lud zu diesem Zweck meinen 
alten persönlichen Freund, den rumänischen Staatsmann Demeter Sturdza, 
nach Homburg v.d. H. ein, wo ich im Herbst einige Wochen verlebte. In 
kurzer Zeit kam zwischen uns eine Verständigung zuwege. Da ich dem um 
das Zustandekommen des Zolltarifs sehr verdienten Grafen Posadowsky 
die Freude bereiten wollte, einen wichtigen Vertrag, den Handelsvertrag 
mit Österreich-Ungarn, selbständig abzuschließen, so entsandte ich ihn zu 
diesem Zweck nach Wien. Es zeigte sich bald, daß eine ungewöhnliche Ar- 
beitskraft und ebenso seltene wirtschaftliche Kenntnisse noch nicht zum 
Unterhändler befähigen, mit anderen Worten, daß die Diplomatie, um mit 
Bismarck zu reden, nicht, wie die Deutschen bisweilen glauben, eine 
Wissenschaft, sondern eine Kunst ist. Posadowsky fuhr sich in Wien in 
kurzer Zeit völlig fest. Statt die dortigen Verhältnisse zu nehmen, wie sie 
nun einmal waren, und das Beste aus ihnen zu machen, hielt er Zis- und 
Transleithaniern im Tone des geheimrätlichen Berliner Besserwissers Vor- 
träge über die Nachteile des Dualismus, bei dem niemand wisse, wer eigent- 
lich Koch und wer Kellner sei. Die Nachteile jener Staatsordnung waren 
unbestreitbar, sie schrien zum Himmel. Aber die österreichischen Unter- 
händler waren nun einmal nicht in der Lage, sie zu beseitigen, und wünsch- 
ten vor allem nicht, durch einen Fremden darüber belehrt zu werden. „Je
        <pb n="71" />
        Familientag derer von Bülow 
Aufnahme aus dem Jahre 1903. In der Mitte Graf Bernhard von Bülow
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        <pb n="73" />
        EINE PARTIE FÜR DEN KRONPRINZEN 49 
sais bien que je suis laid““, meinte jener Franzose, „mais je n’aime pas qu’on 
me le dise.““ Da sich die Beziehungen zwischen Posadowsky und den Ver- 
tretern der Doppelmonarchie auch persönlich immer weniger freundlich 
gestalteten, so sah unser Staatssekretär des Innern selbst ein, daß er nicht 
weiterkam. Statt dies ruhig einzugestehken — non omnia possumus 
omnes —, beschuldigte er unseren Botschafter, den Grafen, späteren 
Fürsten Karl Wedel, ihn nicht ausreichend unterstützt zu haben. Wedel, 
als alter Gardeulan, nahm die Sache persönlich und frug sich und mich, ob 
er Posadowsky fordern solle. Ich mußte letzteren nach Berlin zurückrufen 
und dort die Verhandlungen mit den von Wien entsandten österreichischen 
Delegierten persönlich führen. Jakob Grimm hat schon vor einem halben 
Jahrhundert und länger geschrieben, daß die Deutschen in allen formalen 
Fragen, wo es sich um verhältnismäßig nebensächliche Punkte handle, 
streitsüchtiger und rechthaberischer wären als irgendein Volk. In großen 
Fragen operiere der Deutsche im allgemeinen unbeholfener und unglück- 
licher als jeder andere. 
Unter den österreichischen Delegierten, mit denen wir in Berlin bald zu 
einer vollen Verständigung gelangten, fiel mir durch seine Gewandtheit 
Baron Max Beck auf. Er war bei der Vorbereitung der Heirat des Erz- 
herzogs Franz Ferdinand mit Sopherl Chotek der juristische Beistand 
Seiner Kaiserlichen Hoheit gewesen. Er trug in seiner Brusttasche ein Bild, 
das den Erzherzog Arm in Arm mit der Erwählten seines Herzens dar- 
stellte und das die Unterschrift trug: „Ein glückliches Paar dem treu be- 
währten Freund.“ Als Beck bald nachher als österreichischer Minister- 
präsident ein auf dem allgemeinen Stimmrecht beruhendes Wahlgesetz 
durchbrachte, das gerade die Klerikalen und manche Aristokraten ge- 
wünscht hatten, fiel er bei dem launischen Erzherzog in tiefe Ungnade. 
Wie oft vergessen auch kluge Leute den weisen Rat des Psalmisten: „Ver- 
lasset euch nicht auf Fürsten‘ (Psalm 146, 3). Den Abschluß der übrigen 
Handelsverträge konnte ich vertrauensvoll meinen bewährten Mitarbeit 
insbesondere Exzellenz von Körner, überlassen. 
Die Verheiratung des Kronprinzen beschäftigte seit Jahr und Tag seine 
treue Mutter, die Kaiserin Auguste Viktoria. In ihrer schlichten Frömmig- 
keit und strengen Sittlichkeit wünschte sie, daß ihre Söhne möglichst früh 
heiraten möchten, um rein und unberührt in den Stand der heiligen Ehe 
zu treten. Für den ältesten Sohn des Kaiserpaares wurde zunächst an eine 
der Töchter des Herzogs von Cumberland gedacht. Die Kaiserin, die selbst 
die Tochter eines nicht zum Ziel gelangten Prätendenten war, empfand 
begreifliche Sympathie für das welfische Haus, das, ebenso wie das hol- 
steinische, der großen Politik des großen Fürsten Bismarck zum Opfer 
gefallen war. Philipp Eulenburg, der mit seiner eminenten persönlichen 
4 Bülow II 
Hohenzoliern- 
Cumberland
        <pb n="74" />
        Verlobung des 
Kronprinzen 
50 HEINRICH XVIII. REUSS SCHLÄGT CECILIE VOR 
Gewandtheit gute Beziehungen zu der Familie Cumberland angeknüpft 
hatte, war eifrig bestrebt, der von Ihrer Majestät gewünschten Verbindung 
die Wege zu ebnen. Seine Bemühungen scheiterten aber an der Vis inertiae 
des Herzogs Ernst August von Cumberland, der durch seinen passiven 
Widerstand Kaiser Wilhelm in so großen Zorn versetzte, daß er einmal an 
den Rand eines Eulenburgschen Briefes schrieb: „Ehe Ich den unver- 
schämten Welfen auf Braunschweigs Thron klettern lasse, möge er lieber 
verderben!“ Das hat Wilhelm II. nicht abgehalten, dem Sohn des „un- 
verschämten‘‘ Welfen später seine einzige, übrigens charmante Tochter 
und als Morgengabe Braunschweigs Thron zu gewähren. Die Kaiserin 
dachte in zweiter Linie an eine der beiden Töchter des Prinzen Albert von 
Sachsen-Altenburg und einer preußischen Prinzessin. Auf Wunsch Ihrer 
Majestät bat ich die jungen Damen zu Tisch. Sie sahen recht blaß aus, 
bei Tisch fühlte sich die eine unwohl. Ich hatte den Eindruck, daß sie für 
die aufreibende Stellung einer preußischen und deutschen Kronprinzessin 
zu zart wären. Sie haben übrigens beide später geheiratet, die eine einen 
Prinzen Reuß, die andere einen Grafen Pückler. 
Zu meinen ältesten und treusten persönlichen Freunden gehörte der 
Prinz Heinrich XVIII. Reuß. Es ist allgemein bekannt, daß alle Prinzen 
Reuß einem der größten deutschen Kaiser, dem Hohenstaufen -Kaiser 
Heinrich VI. zu Ehren den Vornamen Heinrich führen. Sie unterscheiden 
sich durch ihre Nummern, wobei die ältere Linie bis 100 zählt, die jüngere 
mit jedem Jahrhundert wieder mit I beginnt. Da sie sich im Familienkreise 
nicht mit ihren Nummern anreden lassen mochten, so führten sie kleine 
Beinamen: Der hochverdiente Botschafter in St. Petersburg, Konstanti- 
nopel und Wien Prinz Heinrich VII. Reuß wurde Septi genannt, einen 
anderen Reuß, der die Nummer IX trug, nannte man scherzweise Pio Nono, 
noch einen anderen Enrico, und so weiter. Das Fürstentum Reuß war der 
kleinste deutsche Bundesstaat. Als Friedrich der Große bei einer Reise 
durch seinen Staat einmal an der Grenze von einem Fürsten Reuß begrüßt 
wurde, redete er ihn mit den Worten an: „Voila deux souverains qui se 
rencontrent.‘ Prinz Heinrich XVIII. Reuß, der mit einer Prinzessin von 
Mecklenburg vermählt war, lenkte meine Aufmerksamkeit auf die Kusine 
seiner Frau, die Prinzessin Cecilie von Mecklenburg-Schwerin. Der Kaiserin 
war diese Verbindung von vornherein sympathisch. Sie stieß sich auch 
nicht an der exzentrischen Mutter der Prinzeß Cecilie, der Großherzogin 
Anastasia, einer Tochter des Großfürsten Michael Alexandrowitsch von 
Rußland. Als die Verlobung zustande kam, sagte mir die Frau Großherzogin 
Luise von Baden, die wie niemand sonst befähigt war, eine junge Fürstin 
zu beurteilen: „Sie werden mit ihr zufrieden sein und das Land auch. Die 
junge Prinzessin Cecilie hat mehr Welt und weitere Horizonte als die meisten
        <pb n="75" />
        DER KAISER UND DIE BRAUT sl 
deutschen Prinzessinnen. Dabei aber wird sie von keiner mir bekannten 
deutschen Prinzessin an Herz und Charakter übertroffen.“ Diese Beur- 
teilung hat Prinzeß Cecilie als Kronprinzessin vollauf gerechtfertigt, im 
Glück wie im Unglück. Durch die Anmut und die Natürlichkeit ihres 
Wesens, ihren großen Liebreiz eroberte sie alle Herzen. Durch ihren Ver- 
stand, ihr Streben, sich geistig immer weiter auszubilden, den Ernst ihrer 
Lebensauffassung, ihre Pflichttreue gewann sie die Achtung aller, die ihr 
nähertraten. Sie hat Anspruch auf das Lob, das in einem seiner schönsten 
Gedichte Heinrich von Kleist der Königin Luise spendete. Auch Kron- 
prinzessin Cecilie hat mit der Grazie Schritt auf jungen Schultern das 
Unglück edel getragen. Am 4. September 1904 teilte mir die Kaiserin auf 
dem Herbstmanöver des 9. Armeekorps in Altona mit, daß die Verlobung 
des Kronprinzen mit der Prinzessin Cecilie in Schloß Gelbesande bei Doberan 
stattgefunden habe. Im Laufe des Paradediners, das am Abend im Hotel 
Kaiserhof in Altona stattfand, proklamierte der Kaiser freudestrahlend in 
schwungvoller Rede die vollzogene Veriobung. Mit Tränen der Rührung 
und Freude in den Augen erhob die gute Kaiserin das kleine Gläschen, das 
vor ihr stand, und trank mir zu.
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        IV. KAPITEL 
Tod des Fürsten Herbert Bismarck (18. IX. 04) - Seine Charakteristik + Ausbruch des 
Russisch- Japanischen Krieges » Brief des Grofen Metternich über den Doggerbank- 
zwischenfall - Der Lippische Thronfolgestreit, seine Beilegung im Bundesrat » Besuch 
des italienischen Ministerpräsidenten Giolitti in Homburg « Wilhelm II. drängt zu einer 
Allianz mit Rußland » Der Kaiser auf den Jagden in Schlesien, ungünstige dortige 
Einflüsse. Bericht des Gesandten von Schön » Antienglische Stimmung Wilhelms II. 
Die Frage der dänischen Neutrolität » Besorgte Briefe Philipp Fulenburgs aus Schlesien 
Unterredung mit Wilhelın Il. am Silvestertag 1904: Bülow bemüht sich, die deprimierte 
Stimmung Seiner Majestüt zu heben und den Kaiser aufzurichten 
chon seit längerer Zeit waren beunruhigende Gerüchte über den Gesund- 
Herbert heitszustand des Fürsten Herbert Bismarck verbreitet. Es war schwer 
Bismarck zu glauben, daß der stattliche Mann, der ein Bild von Kraft und Lebens- 
bejahung schien, den Todeskeim in sich tragen sollte. Um so erschütternder 
wirkte auf mich die Nachricht von seinem Tod, die mich am 18. September 
1904 überraschte. Ich habe fünf Freunde gehabt, die meinem Herzen 
besonders nahestanden: llerbert Bismarck, Philipp Eulenburg, Franz 
Arenberg, Bodo Knesebeck, Friedrich Vitzthum. Herbert habe ich wohl 
am meisten geliebt, wozu auch die Bewunderung beigetragen haben mag, 
die ich von Kindesbeinen an und durch mein ganzes Leben hindurch für 
seinen großen Vater empfand. Meine erste Erinnerung an Herbert ist, daß 
ich in dem hübschen Garten unseres Frankfurter Hauses in der Mainzer 
Gasse mit Herbert, seinem Bruder Bill und unserer gemeinsamen Freundin, 
der damaligen kleinen Christa Eisendecher, späteren Gräfin Eickstedt- 
Peterswaldt, spielte. Herbert und Bill wollten die kleine Christa zwingen, eine 
dicke Kröte zu küssen. Ein Zug germanischer Roheit war beiden Brüdern 
eigen. Mein Bruder Adolf und ich verteidigten Christa, was zu einer solennen 
Prügelei führte. Das Leben führte uns erst viele Jahre später wieder zusam- 
men. Politisch tratich Herbert während meiner Petersburger Dienstzeit nahe, 
wo eine lange fortgesetzte politische Privatkorrespondenz zwischen uns ihren 
Anfang nahm. Nach dem Sturz seines Vaters suchte Herbert mich im 
August 1890 in Wildbad auf, wo ich einige Wochen mit meiner Frau weilte. 
Was er mir hier über die Trennung zwischen dem großen Fürsten und Kaiser 
Wilhelm II. erzählte, konnte meine Treue für den ersteren nur noch vertiefen.
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        HERBERT BISMARCKS SCHICKSAL 53 
Meinen politischen Aufstieg hatte Herbert von meiner Beförderung zum 
Legationssekretär nach Absolvierung meines diplomatischen Examens bis 
zu meiner Ernennung zum Reichskanzler, also während eines Viertel- 
jahrhunderts, von 1875 bis 1900, mit aufrichtiger Genugtuung begrüßt. 
Als ich auf dem Stuhl seines Vaters saß, konnte er diesen Anblick doch 
nicht recht vertragen. Ich habe ihm dies nie übelgenommen. Wer wie er 
sich mit der Hoffnung getragen hatte, einmal an die Stelle des unvergleich- 
lichen Vaters zu treten, wer sich als legitimer Erbe betrachtete, von dem 
war nicht zu verlangen, daß er auch einen guten Freund gern in dem Pala's 
in der Wilhelmstraße sah, in dem er groß geworden war. Als Herbert einmal 
im zweiten oder dritten Jahr meiner Kanzlerschaft bei uns aß, zeigte ihm 
meine Frau die verschiedenen Räume des ihm so wohlbekannten Reichs- 
kanzlerpalais und führte ihn schließlich auch in das sogenannte „Bismarck- 
Zimmer“, wo wir alle Erinnerungen an den Fürsten gesammelt hatten 
und das nur seinem Andenken geweiht war. Herbert war sehr bewegt und 
küßte ihr mit sicherlich nicht gespielter Rührung die Hand. Er erzählte dies 
am nächsten Tage einem gemeinsamen Freunde, fügte aber hinzu: „Ich 
kann es aber trotzdem nicht vertragen, daß Bernhard Bülow jetzt dort ist, 
wo wir waren. Es geht über mein Vermögen.“ Daß er der Nachfolger seines 
Vaters sein wollte, war Herberts Kraft, aber auch sein Unglück: seine 
Kraft, weil dieser Wunsch seinem Eifer für die Geschäfte Flügel gab, sein 
Unglück, weil es ihn von vornherein politisch in eine schiefe Stellung brachte 
und ihn, nachdem sein Wunsch sich nicht erfüllt hatte, in steigendem Maße 
bitter machte. Der Generaloberst von Plessen erzählte mir, er sei, als er 
Flügeladjutant des alten Kaisers Wilhelm I. war, kurz vor dessen Tod, 
1887 oder 1888, zu Seiner Majestät ins Zimmer getreten, der gerade einen 
Vortrag von Herbert entgegengenommen hatte. Er fand den Kaiser er- 
schöpft, beinahe niedergeschlagen. Der alte Herr sagte zu Plessen: „Die 
Vorträge des jungen Bismarck sind für mich immer so ermüdend. Er ist 
80 stürmisch, noch viel mehr als der Vater. Er hat gar keinen Takt. Ich ver- 
misse schmerzlich den Staatssekretär von Bülow, mit dem ich mich so gut 
verstand. Ich vermisse auch den Grafen Paul Hatzfeldt, obschon mir 
manches an ihm mißfiel, aber er war homme du monde, mit guten Formen. 
Das war auch Radowitz, wenn er gleich ein bißchen viel sprach.“ Der 
Kaiser schwieg einen Augenblick, dann fügte er hinzu: „Neuerdings kommt 
es mir beinahe so vor, als ob der Fürst möchte, daß Herbert einmal an seine 
Stelle tritt. Das ist ja ganz unmöglich. Solange ich lebe, werde ich mich nie 
vom Fürsten trennen, der mich wahrscheinlich und hoffentlich überleben 
wird. Er iet achtzehn Jahre jünger als ich. Aber auch meine Nachfolger 
werden das Kanzleramt nicht erblich machen wollen. Das geht ja gar nicht.“ 
Graf Stirum, ein treuer Bismarckianer, meinte gelegentlich mir gegenüber,
        <pb n="78" />
        54 EIN PRÄTENDENT 
es sei für Sohn und Vater Bismarck kein Glück gewesen, daß Herbert die 
Sukzession seines Vaters angestrebt habe. Stirum fügte hinzu: „Dem 
Fürsten dies auszureden, wäre freilich niemand imstande gewesen außer 
seiner Frau, und die war zu vernarrt in Herbert, um das übers Herz zu 
bringen.“ Es ist bezeichnend für die geniale Unbefangenheit des großen 
Kanzlers, daß er trotz des Wunsches, einmal das Kanzleramt an Herbert zu 
hinterlassen, sich über dessen Fehler und Schwächen keine Illusionen 
machte. Ich habe ihn selbst sagen hören: „Herbert ist mit nuch nicht 
vierzig Jahren unbelehrbar und eingebildeter, als ich es mit über siebzig 
Jahren und nach einigen Erfolgen bin.“ Er sagte auch zu dem Unterstaats- 
sekretär Busch, der die Arbeitskraft des neuen Staatssekretärs Herbert 
Bismarck rühmte: „Sie brauchen ihn mir gar nicht zu loben. Ich würde ihn 
auch zum Staatssekretär gemacht haben, wenn er alle jene Eigenschaften, 
die Sie an ihm preisen, gar nicht besäße, denn ich will neben mir einen 
Mann haben, auf den ich mich absolut verlassen kann und der mir ganz 
bequem ist. In meinem hohen Alter und nachdem ich mich im königlichen 
Dienst verbraucht und verzehrt habe, darf ich das wohl beanspruchen.“ 
Ähnlich äußerte er sich nach seinem Sturz gegenüber dem ihm nahestehen- 
den freikonservativen Abgeordneten Wilhelm von Kardorff. 
Bei den außerordentlich diskreten Dingen, die er im Auswärtigen Amt 
und als Reichskanzler zu behandeln gehabt hätte, wäre es für ihn sehr ver- 
führerisch gewesen, sich im gegebenen Fall keiner anderen Beihilfe als der 
seines Sohnes bedienen zu dürfen. Der Gedanke, Herbert zu seinem Nach- 
folger zu machen, ist bei dem großen Fürsten erst in den allerletzten Jahren 
vor seinem Sturz hervorgetreten. Würde Herbert ein guter Reichskanzler 
für Wilhelm II. gewesen sein ? Bei aller Freundschaft für Herbert kann ich 
diese Frage nicht bejahen. Ich glaube, daß die Verbindung Wilhelm II.- 
Herbert Bismarck gefährlich gewesen wäre. Gewiß besaß Herbert viel 
mehr politische Routine und eine weit größere politische Begabung als 
Caprivi oder gar Beihmann und Michaelis. Aber obwohl an Ernst für die 
Geschäfte, an Fleiß wie an politischem Scharfblick Wilhelm II. überlegen, 
besaß er manche Fehler des letzteren. Er hatte mehr Energie und mehr 
Mut als Wilhelm II., aber er war dafür leichter geneigt, mit dem Kopf durch 
die Wand zu gehen. Er verstand es nicht, vor einem Hindernis abzubiegen, 
er konnte sich nicht wieder fangen, wie der Terminus technicus seines 
Vaters lautete. Er war oft zu heftig, zuweilen eigensinnig, bisweilen brutal. 
Und doch werde ich niemals die Stunde vergessen, wo ich, vorbei an dem 
Balkon des schlichten Hauses im Sachsenwald, von dem Fürst Bismarck 
oft zu seinen Verehrern und über sie weg zur Nation gesprochen hatte, 
vorbei an dem Hirsch, der mit seinem mächtigen Geweih die ihn anfallenden 
Hunde verscheucht, die sterbliche Hülle von Herbert Bismarck zur letzten
        <pb n="79" />
        „ICH LASSE DAS MILITÄR NICHT VEREIDIGEN!" 59 
Ruhe in das Mausoleum geleitete, wo sein großer Vater ruht. Nehmt alles 
nur in allem, er war ein Mann, mit seinen Fehlern und mit seinen Tugenden. 
Er war eine achilleische Natur, und wie dem Peliden war ihm kein langes 
Leben beschieden. Über den Tod von Herbert Bismarck schrieb mir Philipp 
Eulenburg: „Der Tod Herbert Bismarcks hat auch bei mir eine Welt von 
Erinnerungen wachgerufen! Welch ein armer Mensch! Das innerliche 
Leben zu Bitterkeit und unbefriedigtem Erdenhoffen zusammengetrocknet. 
Wie wenig Liebe gab er, und wie wenig empfing er. Ich habe ihn einst sehr 
gern gehabt. Sein Leben war wie eine leuchtende Rakete, die wir so schnell 
aufsteigen sehen und die vor uns plötzlich in einzelnen verglimmenden 
Teilen im Dunkel verschwindet. Daß ich ihn überleben würde, habe ich 
niemals für möglich gehalten. Du hast durch den Tod dieses Unzufriedenen, 
der um seine Träume mit immer leidenschaftlicherer Energie kämpfte, je 
mehr die Jahre seines Lebens den Zenit überschritten, gewonnen. Du 
beklagst seinen Tod, weil Du ein guter Mensch bist.“ 
Während der Heimgang des Fürsten Herbert Bismarck vor der Nation 
wieder die gewaltige Gestalt seines Vaters erstehen ließ, war die an sich un- 
beträchtliche Erbschafts- und Regentschaftsfrage in Lippe-Detmold durch 
den Tod des Regenten von Lippe, des Grafen Ernst zu Lippe-Biesterfeld, 
wieder einmal aufgerollt worden. Der Kaiser richtete aus Rominten an den 
Grafen Leopold von Lippe, der ihm den Heimgang seines Vaters in der 
respektvollsten Form gemeldet hatte, das nachstehende Telegramm: „Ich 
spreche Ihnen mein Beileid zum Ableben Ihres Herrn Vaters aus. Da die 
Rechtslage in keiner Weise geklärt ist, kann Ich die Regentschaftsüber- 
nahme Ihrerseits nicht anerkennen. Ich lasse auch das Militär nicht ver- 
eidigen.‘‘ Der Kaiser hatte dieses Telegramm unmittelbar nach dem Ein- 
gang der Meldung des Grafen Leopold und ohne Rückfrage bei mir abge- 
sandt, obwohl ich ihn immer wieder ersucht hatte, diese an und für sich 
kleine und kleinliche Angelegenheit nicht durch die Art und Weise, wie er 
sie behandelte oder, richtiger gesagt, mißhandelte, zu einer größeren und 
für die innere Ruhe des Reichs nicht unbedenklichen Frage aufzubauschen. 
Das scharfe Telegramm des Kaisers an den Sohn, in dem Augenblick, wo 
dieser um seinen Vater trauerte, machte nicht nur an fast allen deutschen 
Höfen, sondern in den weitesten Kreisen des deutschen Volks einen sehr 
ungünstigen Eindruck. Das kleine Land stellte sich hinter den Grafen 
Leopold. Der Vizepräsident des Lippeschen Landtages, der Kommerzien- 
rat Hoffmann, erschien bei mir in Homburg v. d. H., wo ich mich gerade 
aufbielt, um mir die Erregung zu schildern, die in seiner Heimat herrsche. 
Der Kaiser antwortete auf meine Telegramme, in denen ich zu größerer 
Vorsicht riet, mit dem von ihm immer wieder ins Feld geführten Argument 
der vollen Ebenbürtigkeit als der Grundlage deutscher Fürsten- und somit 
Wilhelm II, 
an den Solın 
des Biester- 
Jelders
        <pb n="80" />
        56 „IN LIPPE ALLES AUF DER KIPPE*“ 
deutscher Reichsherrlichkeit. An den Rand der ihm von mir vorgelegten 
Zeitungsartikel, die seine Romintener Depesche heftig tadelten, schrieb er 
kleine Scherze, mit besonderer Vorliebe „In Lippe — steht alles auf der 
Kippe“ und ähnliche jokose Marginalien. 
Gegenüber dieser Sachlage richtete ich an den Vizepräsidenten Hoff- 
mann ohne vorherige nochmalige Anfrage bei Seiner Majestät das nach- 
stehende Schreiben: „Geehrter Herr Kommerzienrat! Sie haben mich 
heute mündlich um eine authentische Interpretation des Telegramms 
Seiner Majestät des Kaisers und Königs vom 26. v. M. gebeten. Ich bin 
gern bereit, Ihnen meine Antwort schriftlich zu bestätigen, und ermächtige 
Sie, unter Berufung auf mich öffentlich zu erklären, daß Seine Majestät der 
Kaiser mit diesem Telegramm lediglich bezweckt hat, die vorläufige Nicht- 
vereidigung der Truppen für den Regenten und den Grund derselben mit- 
zuteilen. Mit der Auffassung des Bundesrates, daß die Rechtslage noch 
ungeklärt sei, konnte Seine Majestät sich nicht in Widerspruch setzen. 
Jeder Eingriff in die verfassungsmäßigen Rechte des Fürstentums hat 
Seiner Majestät dem Kaiser selbstverständlich ferngelegen, und insbe- 
sondere liegt es außerhalb Allerhöchstseiner Absicht, der derzeitigen Aus- 
übung der Regentschaft im Fürstentum durch den Herrn Grafen Leopold 
zu Lippe irgendwelches Hindernis zu bereiten. Wie stets im Reiche wird 
auch im vorliegenden Falle der Rechtsboden nicht verlassen werden, und 
die Lippesche Frage wird ihre Erledigung ausschließlich nach Rechtsgrund- 
sätzen finden. Ich hoffe, daß es unter den Auspizien des Bundesrats bald 
gelingen wird, auf schiedsrichterlichem Wege zum Wohle des Lippeschen 
Landes zu einer endgültigen Lösung der Frage zu gelangen, und werde das 
meinige tun, um dieses Ziel in möglichst kurzer Zeit zu erreichen. In vor- 
züglicher Hochachtung Graf von Bülow, Reichskanzler.““ Ich ließ dieses 
Schreiben sogleich durch Wolff verbreiten und übersandte es ohne weiteren 
Kommentar an Seine Majestät. Der Kaiser hatte mir unmittelbar nach dem 
Eingang der Nachricht vom Tode des Grafen Ernst kurz und bündig tele- 
graphiert: „Biesterfelder ist tot. Ich erkenne selbstverständlich den Sohn 
nicht an.“ Nachdem er von meinem Schreiben an Hoffmann Kenntnis er- 
halten hatte, telegraphierte mir Seine Majestät in direktem Gegensatz zu 
seiner früheren Willensmeinung: „Mit allem einverstanden. Bin erstaunt 
über die fabelhaft malveillante und absichtliche Verdrehung, mit der Mein 
gänzlich harmloses, streng geschäftliches Telegramm wieder gegen besseres 
Wissen verdreht worden ist. Ihre Antwort an Hoffmann entspricht wörtlich 
Meinen Ansichten, die eigentlich sich klar daraus lesen lassen. Diese Wirt- 
schaft nenne ich chercher midi ä quatorze heures.‘‘ Nach Berlin zurück- 
gekehrt, setzte ich eine Sitzung des Bundesrats an, in der ich der hohen 
Versammlung darlegen konnte, daß die leidige Lippesche Sıreitfrage
        <pb n="81" />
        IM GARTEN VON BELLEVUE 57 
nunmehr endgültig geregelt wäre. Die Vertreter der deutschen Regierungen 
baben mir selten mit größerer Wärme gedankt als bei diesem Anlaß, der 
die deutschen Souveräne und Minister an ihrer kitzligsten Stelle berührte, 
nämlich ihrem mehr oder weniger formalen, aber ausgesprochenen Rechts- 
gefühl und in ihrem souveränen Bewußtsein. 
Am nächsten Tage hatte ich über die ganze lippesche Angelegenheit im 
Garten des Schlosses Bellevue eine abschließende Unterredung mit dem 
Kaiser. Ich dankte ihm für sein Einlenken, konnte mich aber nicht ent- 
halten, ihm zu sagen, daß es sich in der ganzen Sache eben doch um 
Imponderabilien gehandelt habe, die nicht ungestraft mißachtet würden. 
Ich sagte Seiner Majestät: „Es liest eine große Gefahr darin, daß Eure 
Majestät alle Vorgänge zu persönlich nehmen, nur nach Ihren persönlichen 
Empfindungen, Ihren Sympathien und Antipathien, statt lediglich vom 
Standpunkt der Staatsräson uud mit kühler Überlegung.“ Während wir 
um den Rasen gingen, auf dem der tapfere Prinz August von Preußen, der 
sich bei Kulm so brav hielt, der Freund von Madame de Sta£l, seinen im 
Kindesalter verstorbenen Anverwandten bescheidene Denksäulen errichtet 
hat, hörte mir der Kaiser in freundlichster Weise zu. Er schien wirklich 
überzeugt zu sein, daß ich es nicht nur gut mit ihm meinte, sondern auch 
in der Sache recht hätte. Leider fanden sich immer wieder Byzantiner in 
der Art von Theodor Schiemann und Adolf Harnack, die ihm versicherten, 
daß Boutaden wie die seinigen auch Friedrich dem Großen eigentümlich 
gewesen wären und zu der Art und Weise ganz großer Fürsten gehörten. 
Gutmütig wie Wilhelm II. im Grunde war, trug er dem Hause Biesterfeld, 
nachdem er sich nun einmal mit ihm hatte versöhnen müssen, dessen frühere 
Übeltaten nicht lange nach, sondern verlich dem einst so hart angelassenen 
Grafen Leopold später den huhen Orden vom Schwarzen Adler und schoß 
im Lippeschen Wald mit besonderem Vergnügen starke Hirsche. 
Graf, später Fürst Leopold gehörte zu den nicht allzu zahlreichen 
Personen, die mir für einen geleisteten Dienst dankbar waren. Ich brauche 
wohl nicht hinzuzufügen, daß meine Regelung der Lippeschen Frage nicht 
pour les beaux yeux des Hauses Bicsterfeld, sondern im Interesse der inne- 
ren Festigkeit des Deutschen Reichs erfolgte. Der nunmehrige Beherrscher 
des Bundesstaats Lippe schrieb mir, nachdem in Ausführung des Be- 
schlusses des Bundesrats vom 18. November und in Gemäßheit des Schieds- 
vertrages vom 5./8. November die Lippesche Streitsache der richterlichen 
Kognition überwiesen worden war: „Daß diese Streitsache in einer das 
allgemeine Rechtsgefühl so hoch befriedigenden Weise zum endgültigen 
Austrag gebracht wurde, ist dem Rechtssinn und der weisen Energie Eurer 
Exzellenz zuzuschreiben, und es drängt mich, nach dem Abschluß dieses 
allseitig anerkannten Aktes Eurer Exzellenz für die glänzende Erledigung 
Unterredung 
Bülows mit 
dem Kaiser
        <pb n="82" />
        Giolitti in 
Homburg 
58 GIOVANNI GIOLITTI 
der Angelegenheit auch meinen wärmsten Dank auszusprechen. Eurer Exzel- 
lenz allezeit dankbar ergebener Leopold Graf-Regent zu Lippe.‘ Alsich in 
einem der folgenden Sommer in Norderney weilte, stattete mir der 1905 zum 
Fürsten und zur „Hochfürstlichen Durchlaucht‘ avaneierte Leopold IV. 
dort einen sehr freundlichen Besuch ab. Als mein langjähriger italienischer 
Kammerdiener Augusto den hohen Herrn in einem bescheidenen Miets- 
wagen vor unserer Villa ankommen sah, meinte er erstaunt: „E questo 
si chiama in Germania un Sovrano!“ Der ganze Unterschied zwischen 
italienischer und deutscher Einheit, italienischer und deutscher Mentalität 
liegt in dieser kleinen Bemerkung. Und doch war der Lippesche Streitfall, 
der Höfe, Regierungen und Volk in Deutschland so unverhältnismäßig er- 
regte, ein Wetterleuchten, das dem Novembersturm von 1908 vorausging. 
Gerade in den Tagen, wo durch den Tod des Graf-Regenten Ernst zu 
Lippe die Erbschafts- und Regentschaftsfrage in jenem Ländchen die 
Deutschen beschäftigte, empfing ich in Homburg v. d. H. den Besuch des 
italienischen Ministerpräsidenten Giolitti, zu dem ich schon wührend des 
Kaiserbesuchs in Rom gute persönliche Beziehungen angeknüpft hatte. 
Giovanni Giolitti ist einer der bedeutendsten Staatsmänner, die das an 
politischen Köpfen nicht arme moderne Italien seit dem Risorgimento 
hervorgebracht hat. Piemontese, besitzt er die tüchtigen Eigenschaften 
seines Stammes. Er hatte schon unter Marco Minghetti im Finanzmini- 
sterium gearbeitet, war noch während dessen Ministerpräsidentschaft 
Generalinspektor des Steuerwesens geworden, später Generaldirektor des 
Rechnungshofes. Erst 1882, mit vierzig Jahren, ließ er sich zum Deputierten 
wählen. Es ist Giolitti immer zustatten gekommen, daß er als Beamter von 
der Pike auf gedient hatte und die Verwaltung in allen ihren Zweigen 
gründlich kannte. Als Abgeordneter zeigte er bald ungewöhnliche parla- 
ınentarische Vorzüge: unerschütterlichen Gleichmut gegenüber parlamen- 
tarischen Stürmen, Festigkeit, wo solche nottat, eine elastische Hand, wo 
sie sich empfahl. Wie er nie seine Ruhe verlor, so auch nicht seine gute 
Laune. Er war imstande, in den Wandelgängen der Kammer zwei Dutzend 
Deputierte nacheinander anzusprechen und sie dadurch zufriedenzustellen. 
Er war auch imstande und besaß die physische Widerstandsfähigkeit, im 
Ministerium des Innern, dem alten Palazzo Braschi, vor dem das Erz- 
denkmal von Marco Minghetti steht, die zahlreichen Bittsteller freundlich 
zu empfangen, die in Italien die Vorzimmer aller Minister füllen und die 
den heftigen Crispi, den kränklichen Rudini, den menschenscheuen 
Sonnino zur Verzweiflung brachten. In seinem Auftreten und in seinen 
Manieren ist Giolitti, wie die meisten seiner Landsleute, einfach und natür- 
lich, ohne Pose noch Prätention. Das aflektierte Wesen, das manche 
Deutsche an den Tag legen, sobald sie eine gewisse Stellung erklettert haben,
        <pb n="83" />
        „MORTE A GIOLITTI" 59 
und das sie dann leider antipathisch oder ridikül erscheinen läßt, liegt ihm 
fern. Giolitti wurde 1889 zum erstenmal Minister, Schatzminister, ein Jahr 
später Finanzminister, 1892 Ministerpräsident. Er stürzte im November 
1893, wie ich seinerzeit erzählte, über die in Sizilien und in der Lunigiana 
ausgebrochenen Aufstände. Als ich im Dezember 1893 in Rom eintraf, galt 
Giolitti dort als ein für immer erledigter Mann. In einem römischen Salon 
charakterisierte ihn damals der geistreiche Duca Onorato Sermoneta unter 
allgemeinem Beifall mit den Worten: „Una mortadella di Bologna, mezzo 
asino, mezzo porco.‘ Die übrigens recht schmackhafte Wurst, die man in 
Italien „Mortadella di Bologna“ nennt, wird halb aus Schweine-, halb aus 
Eselfleisch zubereitet. Von Crispi verfolgt, brachte Giolitti den Winter 
1893 auf 1894 in Deutschland, in Charlottenburg bei Berlin, zu. Aber dieser 
hochgewachsene Manu mit den breiten Schultern und dem schweren Gang 
besaß zu große staatsmännische Eigenschaften, als daß man ihn nicht bätte 
zurückrufen sollen. Von 1901 bis 1903 war er wieder Minister des Innern, 
im März 1905 und seitdem wiederholt Ministerpräsident. Selbst in Italien 
hat kaum ein anderer Staatsmann so oft den Weg vom Kapitol hinab zum 
Tarpejischen Felsen und wieder vom Tarpejischen Felsen hinauf zum 
Kapitul durchmessen. Im Mai 1915 durchzogen von der Französischen Bot- 
schaft und dem damaligen Ministerpräsidenten Salandra bezahlte Banden 
mit dem Rufe „Morte a Giolitti!“ die Straßen Roms. Wenige Jahre später 
rief ganz Italien nach demselben Giolitti, und als er 1921 wieder als Minister- 
präsident den Senat betrat, erhoben sich alle Mitglieder, darunter nicht 
wenige alte Gegner, und verneigten sich schweigend vor ihm. 
Als Giolitti im Herbst 1904 mit mir durch die schönen Wälder schritt, 
die Homburg umgeben — Giolitti ist wie ich ein großer Spaziergänger —, 
brachte er zunächst das Gespräch auf den empfindlichsten Punkt des 
Dreibundes und das schwierigste Problem der italienischen auswärtigen 
Politik, nämlich das Verhältnis Italiens zu Österreich. Das Kabinett 
Zanardelli habe dem Irredentismus zu sehr die Zügel schießen lassen. 
Aber andererseits, fuhr Herr Giolitti fort, würde die österreichische Re- 
gierung wohl daran tun, gegenüber ihren italienischen Untertanen eine we- 
niger unfreundliche und weniger unkluge Politik zu führen. Schon infolge 
ihrer geringen Zahl könnten die Italiener in Zisleithanien dem öster- 
reichischen Staatsgedanken gar nicht wirklich gefährlich werden. Warum 
sie in die Opposition gegen den österreichischen Staat und das deutsche 
Bevölkerungselement treiben? Das natürliche sei doch, daß Italiener und 
Deutsche gegen die Slawen zusammenhielten. Italien wolle sich in Albanien 
nicht engagieren, dies müsse aber auch für Österreich ein Noli me tangere 
sein. Die Adria frei zu erhalten, sei eine Lebensfrage für Italien, das auf der 
Balkanhalbinsel gewiß Österreich nicht verdrängen wolle, dort aber auch 
Giolitti über 
die Irredenta
        <pb n="84" />
        Italien und 
die Kurie 
60 DER GEIST DES DREIBUNDVERTRAGS 
kein österreichisches Übergewicht und namentlich kein aggressives Vorgehen 
der Österreicher gegen Rumänien oder Serbien tolerieren könne. In dieser 
Beziehung müßten beide, Österreich wie Italien, nicht nur dem Buchstaben, 
sondern auch dem Geist des Dreibundvertrages treu bleiben. „Patti 
chiari, lunga amicizia.‘““ Ohne unnötige Emphase, die nicht in seiner Art 
liegt, aber mit ruhiger Bestimmtheit erklärte mir Herr Giolitti, daß Italien 
sich nicht von Frankreich aus dem Dreibund herauslocken lassen werde. 
Es läge im italienischen Interesse, nicht in gespannten Beziehungen zu 
Frankreich zu stehen, wie das in den neunziger Jahren zeitweise der Fall 
gewesen wäre. Auch sei der durch den Besuch des Königs Viktor Emanuel 
in Paris hervorgerufene Gegenbesuch von Loubet in Rom für Italien sehr 
nützlich gewesen, weil dadurch die Frage der weltlichen Herrschaft des 
Papstes ein für allemal aus der Welt geschafft worden wäre. Es habe nur 
eine einzige Macht gegeben, der zuzutrauen gewesen wäre, daß sie das 
Potere temporale wiederherzustellen Neigung empfinden könne. Diese 
Macht sei Frankreich gewesen. Nachdem das französische Staatsoberhaupt 
Rom besucht habe, ohne irgendwelche Notiz vom Papst zu nehmen, sei 
diese Frage erledigt und Rom tatsächlich die Capitale intangibile des Regno 
d’Italia geworden. Das vor allem habe Italien von Frankreich erreichen 
müssen. Die italienische Regierung denke aber nicht daran, die Allianz mit 
Deutschland durch ein Bündnis mit Frankreich zu ersetzen. Das italienische 
Volk, inklusive der vorgeschrittenen Radikalen, sei zu klug, als daß es 
nicht in seiner Mehrheit in dieser Beziehung ebenso dächte wie die Regie- 
rung. König Viktor Emanuel sei von der Notwendigkeit des Zusammen- 
gehens mit Deutschland heute noch mehr durchdrungen als früher. 
Als wir aus dem Walde herauskamen, sahen wir eine Reihe von kleinen 
Dörfern vor uns liegen, in jedem eine hübsche Kirche. Ich machte meinen 
Besucher darauf aufmerksam, daß in dieser Taunus-Gegend Protestanten 
und Katholiken so durcheinandergewürfelt wären, daß häufig neben einem 
evangelischen Dorf ein katholisches liege. Dadurch kamen wir auf das 
Verhältnis der italienischen Regierung zur Kurie. Herr Giolitti war mit 
PiusX. zufrieden, der ein einfacher Landgeistlicher sei. dem politische 
Kombinationen fernlägen. Leo XIII. und Rampolla hätten das Ziel ver- 
folgt, die italienische Monarchie zu beseitigen, um eine italienische födera- 
tive Republik unter französischem Schutz und mit dem Papst an der Spitze 
herzustellen, wie sie schon Napolcon Ill. im Frieden zu Villafranca vor- 
geschwebt habe. Seit dem guten Pius X. sei davon nicht mehr die Rede. 
Natürlich könne der Papst pro foro externo den Prinzipien der römischen 
Kirche nichts vergeben; das verlange auch kein Italiener von ihm. In 
Wirklichkeit suche Pius X., der als patriotischer Italiener fühle, die italie- 
nische Monarchie zu erhalten und zu stützen. Über den damals tobenden
        <pb n="85" />
        HOHENZOLLERN — ROMANOW 61 
französischen Kulturkampf empfand Giolitti begreifliche Genugtuung, 
betonte aber, daß er nicht dumm genug sein würde, einen solchen in Italien 
zu inszenieren. Die Italiener wären ein skeptisches Volk und begriffen nicht, 
wie man sich wegen religiöser Fragen echauffieren könne. Es gelang mir 
nur schwer, Herrn Giolitti klarzumachen, weshalb sich eigentlich ein großer 
Teil der Deutschen über die Aufhebung des $ 2 des Jesuitengesetzes auf- 
geregt habe. Als Giolitti die Sache endlich begriff, meinte er, der deutsche 
Doktrinarismus sei „unergründlich‘“. In Italien wäre seit 1848 eine Reihe 
von Gesetzen gegen die Jesuiten erlassen worden, die aber gar nicht an- 
gewandt zu werden brauchten. Die Jesuiten wüßten, daß, wenn sie sich 
direkt oder indirekt gegen die italienische Nationalidee vergingen, sie sofort 
ausgewiesen werden würden. Sie verhielten sich also ganz ruhig und sehr 
korrekt. Herr Giolitti besorgte damals, daß Monsieur Combes durch seine 
Übertreibungen in Frankreich eine klerikale Reaktion hervorrufen könnte, 
was für Italien natürlich unerwünscht sein würde. Der Präsident Loubet 
und der Minister des Äußern Delcasse hatten bei ihrem Besuch in Rom 
Herrn Giolitti gesagt, daß sie den Antiklerikalismus von Combes „sehr 
übertrieben“ fänden. In demselben Sinne hatten sich beide gegenüber der 
streng katholischen Königin-Mutter Margherita ausgesprochen. Hinsicht- 
lich seiner inneren Politik wiederholte mir Giolitti, was er mir schon öfters 
gesagt hatte, nämlich, daß die Ordnung mit fester, mit sehr fester Hand auf- 
rechterhalten werden müsse, daß aber bei dem Druck, der in Italien 
namentlich auf der ländlichen Arbeiterbevölkerung laste, die italienische 
Monarchie sich nicht ganz mit den ländlichen Arbeitgebern, den „‚Signori“, 
identifizieren dürfe. Übrigens stehe die Monarchie in Italien viel fester, als 
im Ausland angenommen würde. Wenn die Berichte veröffentlicht werden 
sollten, welche die in Italien akkreditierten fremden Gesandten in den 
sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts über die italienischen 
Zustände geschrieben hätten, so würde sich herausstellen, daß diese Herren, 
vielleicht mit alleiniger Ausnahme des ruhig beobachtenden Engländers, 
alle den Sturz des Hauses Savoyen prophezeiten. Wie sich die damaligen 
Propheten geirrt hätten, so würden auch diejenigen unrecht behalten, 
die heute die italienischen Zustände mit übertriebener Schwarzscherei 
beurteilten. Die Monarchie werde sich in Italien weiterbehaupten, Italien 
aber werde bei verständiger, ruhiger und taktvoller Politik von beiden 
Seiten an der Seite von Deutschland bleiben. 
Kaum ein anderer Gedanke hat Kaiser Wilhelm II. während seiner Re- 
gierung lebhafter beschäftigt als der Wunsch einer Allianz zwischen den 
Häusern Hohenzollern und Romanow, zwischen der preußisch-deutschen 
und der russischen Monarchie. Wie fast ir mer bei Seiner Majestät war auch 
dieser Wunsch des Kaisers aus persönlichen Empfindungen hervorgegangen, 
Der Kaiser 
und Rußland
        <pb n="86" />
        62 DAS ZERREISSEN DES DRAUTES 
Wilhelm II. wußte sehr wohl, wenn er es auch nicht eingestand, daß er an 
der von deutscher Seite erfolgten Kündigung des Bismarckschen Rück- 
versicherungsvertrages mit Rußland, die ipso facto zur russisch-französi- 
schen Allianz geführt hatte, wenn nicht die Hauptschuld, so doch einen 
großen Teil der Schuld trug. Bei seiner von ihm nur zu oft proklamierten 
Theorie von der alleinigen Verantwortung des Monarchen vor Gott, vor 
seinem Volk und vor der Geschichte wäre er sogar der allein Schuldige 
an diesem inkommensurablen Fehler gewesen. In den ersten Jahren nach 
der Entlassung des Fürsten Bismarck motivierte Wilhelm II. das Zerreißen 
des Drahtes nach Rußland mit ethischen Motiven: der Vertrag wäre ein 
„Verrat an Habsburg‘‘ gewesen. Da dieses ihm von Holstein und Phili 
Eulenburg soufflierte Argument auf die Länge nicht zog, behauptete der 
Kaiser, er hätte sich von Rußland abwenden müssen, um wirklich gute 
Beziehungen zu England zu erreichen. Auch diese Behauptung war nach 
der Krüger-Depesche nicht mehr aufrechtzuerhalten. So blieb’ dem Kaiser 
nichts anderes übrig, als den Beweis zu führen, daß er auch nach Bismarck, 
ohne Bismarck und trotz Bismarck wieder mit Rußland zu einem Vertrags- 
verhältnis kommen könne. Ich hatte dem Kaiser schon bei meiner Berufung 
von Rom nach Berlin, 1897, gesagt, daß, nachdem der deutsch-russische 
Vertrag sieben Jahre früher von uns, noch dazu unter wenig erquicklichen 
Begleiterscheinungen und in unfreundlicher Form, gekündigt worden wäre, 
die russische Regierung sich nicht bereitfinden lassen würde und tatsächlich 
bei der Volksstimmung in Rußland auch kaum in der Lage sei, unter Zer- 
reißung der feierlich proklamierten Allianz mit Frankreich ein Bündnis 
mit uns zu schließen. Was wir selbst 1890 erschlagen hätten, könne nicht 
wieder zum Leben erweckt werden. Was aber durchaus möglich sei, wäre, 
durch eine geschickte und ruhige Politik nicht nur Frieden, sondern auch 
Freundschaft mit Rußland zu erhalten. Der Kaiser gab aber die Hoffnung 
nicht auf, durch persönliche Einwirkung auf den Zaren sein Ziel zu er- 
reichen. Es lag in seiner Natur und in der irrigen Auffassung seiner Stellung 
als Herrscher, daß er auswärtige Politik vor allem durch Einwirkung auf 
andere Souveräne und mit anderen Souveränen machen wollte. Er hatte 
dem Ausbruch des Kriegs zwischen Rußland und Japan vor allem deshalb 
mit von mir schwer zu zügelnder Ungeduld entgegengesehen, weil er hoffte, 
daß die Not eines großen auswärtigen Konfliktes Kaiser Nikolaus nötigen 
werde, bei seinem deutschen „Kollegen“ Unterstützung und vor allem 
guten Rat zu erbitten. Als der Kaiser am 21. Januar 1904, also mehr als 
zwei Wochen vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten, ein Telegramm des 
Zaren erhalten hatte, das die Hoffnung aussprach, daß der Friede nicht 
gestört werden würde, war Seine Majestät sehr niedergeschlagen. Er be- 
sorgte, daß der Zar es keinesfalls zum Krieg mit Japan kommen lassen
        <pb n="87" />
        DER KAISER BESTÜRZT 63 
wolle. Das würde, so kombinierte Wilhelm II. weiter, zu einer französisch- 
englischen Vermittlung führen, aus der eine französisch-englisch 
Koalition gegen uns hervorgehen könne. Die Besorgnisse, die Japan, 
Amerika und namentlich England dem Zaren bereitet hätten, würden ihn 
zu einer Annäherung an diese Mächte bewegen, wahrscheinlich auch zu 
einer festeren Schürzung des Allianzknotens mit Frankreich. Vor allem 
aber drohe uns die Gefahr, daß durch die schwächliche Politik der Russen 
die Japaner übermütig werden würden. Wir wären den Japanern zur See 
noch nicht gewachsen. Kiautschou erschien Seiner Majestät schon so gut 
wie verloren. Ich entgegnete, wir müßten vor allem vermeiden, bei dem 
Zaren den Argwohn zu erwecken, als ob wir ihn in einen Krieg treiben woll- 
ten, zu dem er und seine Minister aus naheliegenden Gründen gar keine 
Lust hätten. Je weniger wir uns jetzt dekuvrierten und je stiller wir 
säßen, um so besser. Wenn wir weder den Zaren mißtrauisch machten, 
und vor allem, wenn wir ihm nicht als falsche Freunde erschienen, uns aber 
andererseits auch nicht von anderen gegen England vorschieben ließen 
noch Japan brüskierten, könnten wir der weiteren Entwicklung ruhig ent- 
gegensehen. Ich hatte gehofft, den Kaiser einigermaßen kalmiert zu haben. 
Dies war jedoch nicht der Fall. Jedenfalls hatte die Beruhigung nicht lange 
gedauert. Am 14. Februar erschien der Kaiser schon in ganz früher Morgen- 
stunde bei mir. Der Kaiser sah niedergeschlagen, fast bestürzt aus. 
Zwischen ihm und mir entspann sich folgender Dialog, über den ich noch 
am gleichen Tage die nachstehende Niederschrift zu meinen Akten nahm: 
Der Kaiser: Ich dachte, die Wärme meiner letzten Briefe würde den 
Zaren veranlassen, seine ganze Macht gegen Japan einzusetzen. Statt 
dessen bleibt seine Haltung nach wie vor eine schlappe. Er scheint nicht 
fechten zu wollen. Er ist imstande, schließlich die Mandschurei ohne 
Schwertstreich, wenigstens ohne ernstlichen Widerstand, den Japanern zu 
überlassen. Eine solche Wendung der Dinge muß &amp; tout prix verhindert 
werden. 
Ich: Das sicherste Mittel, um zu erreichen, daß die Russen mit Japan 
einen voreiligen und faulen Frieden schließen, würden unvorsichtige 
deutsche Ermutigungen an die Adresse des Zaren sein. Wenn der Zar den 
Wunsch Eurer Majestät merkt, daß er sich mit Japan fest verbeißen soll, 
so wird ihn das veranlassen, so bald als möglich abzuschnappen. 
Der Kaiser: Vom Standpunkt des Staatsmanns mögen Sie recht haben. 
Ich fühle aber als Souverän, und als solcher empfinde ich die Blößen, die 
sich Kaiser Nikolaus durch sein kleinmütiges Auftreten gibt, als eine 
Schande für alle Monarchen und insbesondere für mich. Damit kompro- 
mittiert der Zar alle großen Souveräne. Im Interesse des Ansehens der 
Monarchie muß etwas geschehen, damit Kaiser Nikolaus forscher auftritt. 
  
Unterredung 
mit Bülow 
14. Febr. 1904
        <pb n="88" />
        64 „DIE NACHWELT SOLL SEHEN* 
Ich: Eure Majestät haben nur die Pflicht, Ihre eigene Ehre und das 
Interesse des preußischen und des deutschen Volkes zu wahren. Für andere 
Herrscher und für andere Völker ist der Deutsche Kaiser nicht verantwort- 
lich. Kaiser Wilhelm I. und Friedrich der Große haben sich nicht für andere 
den Kopf zerbrochen. Wie Ludwig XV. und Peter III. regierten, war dem 
großen König höchst gleichgültig, wenn er nur seine eigenen Vorteile wahr- 
nahm. 
Der Kaiser: Jetzt sind andere Zeiten. Damals gab es keine Sozialisten 
und keine Nihilisten, die aus der Blamage der Fürsten Vorteile ziehen. 
Durch sein jämmerliches Verhalten schädigt der Zar das monarchische 
Prinzip. Er muß nach Moskau fahren, das heilige Rußland zum Kampf auf- 
zurufen, ihm das Kreuz vorantragen, seine ganze Armee mobilisieren. 
Ich: Ob der Zar das tun will, überlassen Eure Majestät doch ihm selbst. 
Noch weniger als andere Menschen lieben Fürsten, belehrt zu werden. 
Sie selbst lassen sich ja auch nur recht ungern belehren. (Seine Majestät 
lächelte.) Zuviel Belehrung würde jedenfalls den Kaiser Nikolaus nicht in 
die gewünschte Richtung bringen, sondern verstimmen und mißtrauisch 
machen. 
Der Kaiser: Ihre Argumente mögen vom politischen Standpunkt aus 
zutreffend sein. Sie übersehen aber eine ungeheure Gefahr, die ich als 
Souverän besser würdigen kann als.alle Diplomaten, die gewohnheits- 
mäßig nur mit der Gegenwart rechnen, nämlich die gelbe Gefahr. Sie ist die 
größte Gefahr, welche die weiße Rasse, Christentum und unsere gesamte 
Kultur bedroht. Wenn die Russen vor den Japanern kneifen, wird die 
gelbe Rasse in zwanzig Jahren in Moskau und Posen stehen. 
Ich: Eure Majestät wissen seit langem, daß ich an eine solche gelbe 
Gefahr nicht glaube. Sie berührt jedenfalls alle anderen Weltmächte, 
Rußland und England, Amerika und Frankreich näher als uns. Sie über- 
schätzen die gelbe Gefahr. Eure Majestät sind zu sehr geneigt, die politi- 
schen Vorgänge durch ein Vergrößerungsglas zu betrachten. Wie Sie im 
fernen Osten die gelbe Gefahr überschätzen, so im nahen Osten die grüne 
Fahne des Propheten, d. h. Macht und Bedeutung des Islam, des Sultans 
und der Türken. 
Der Kaiser: Ich bleibe bei meiner Ansicht. Bringen Sie jedenfalls alles, 
was ich Ihnen soeben auseinandergesetzt habe, zu Papier und deponieren 
Sie diese Niederschrift im Archiv, damit die Nachwelt sieht, wie richtig ich 
die Situation beurteilt habe. Es ist eine wahre Schande, daß Frankreich 
seine russischen Verbündeten im Stich läßt und England und die Ver- 
einigten Staaten mit Japan sympathisieren. Wir müssen den Zaren auf die 
Größe der gelben Gefahr aufmerksam machen, die der Arme noch gar nicht 
begreift.
        <pb n="89" />
        „GRÄSSLICH VERFAHREN“ 65 
Ich: Das würde nur die Folge haben, daß der Zar uns auffordern würde, 
ihm gegen eine Gefahr, die uns so groß erscheint, bewaffnete Hilfe zu leisten. 
Damit wäre der Krieg zwischen uns und England gegeben, den ich zu ver- 
meiden wünsche und seit Jahr und Tag zu vermeiden mit Erfolg bemüht 
bin, ein Konflikt, den Sie, Majestät, ja auch gar nicht wünschen. Leider 
sehen Sie aber die Weltlage nicht richtig. Darf ich ganz offen sein? Eure 
Majestät haben l’esprit batailleur. Aber Sie haben nicht wie Napoleon 1. 
und Karl XII. von Schweden, wie Friedrich der Große une äme guerritre. 
Sie wollen ja gar nicht den Krieg! Sie haben ihn nie gewollt und werden ihn 
nie wollen. Sie haben mir oft selbst gesagt, Ihr Ideal wäre, wie Friedrich 
Wilhelm I. vorzuarbeiten, das Rüstzeug zu schmieden, das einst Ihr Sohn, 
noch besser Ihr Enkel brauchen soll. Warum bei innerlich ganz friedfertiger 
Gesinnung die Nachbarn entweder reizen oder mißtrauisch machen ? 
Der Kaiser (durch die letzten, mit Nachdruck gesprochenen Worte er- 
nüchtert): Lieber Bernhard, wie denken Sie sich denn einen Ausweg aus 
dieser durch die Schwäche des Zaren, die Perfidie der Engländer und die 
Selbstsucht der Franzosen so gräßlich verfahrenen Situation? 
Ich: Es gilt, zweierlei zu vermeiden. Einmal, daß unsere Beziehungen zu 
Rußland durch den Krieg geschädigt werden. Zu diesem Zweck müssen 
wir unterlassen, was uns dort als unsichere und namentlich als schaden- 
frohe und hinterlistige Nachbarn erscheinen lassen könnte. Andererseits 
wärc es ein grober Fehler, uns von den Russen gegen Japan oder gar gegen 
England vorschieben zu lassen. Beide Klippen werden wir um so sicherer 
umschiffen, je mehr wir uns einer besonnenen Haltung befleißigen. — 
Nicht lange nach diesem Gespräch trafen Nachrichten ein, die für die 
russischen Waflen sehr ungünstig lauteten. Es war mir gelungen, den Kaiser 
während des ganzen Jahres 1904 gegenüber dem Konflikt im fernen Osten 
trotz seiner innerlichen Erregung nach außen zu einem verständigen Ver- 
halten zu bestimmen. Während sich der Kaiser im Spätherbst 1904 in 
Schlesien aufhielt, wo er gern in dieser Jahreszeit den großen Jagden der 
dortigen Magnaten beiwohnte, hatten sich allerlei Einflüsse geltend ge- 
macht, die aufreizend auf den hohen Herrn einwirkten. Hierzu trug natür- 
lich auch die immer deutlicher hervortretende gehässige Stimmung nicht 
der englischen Regierung, aber weiter Kreise des englischen Volkes gegen 
uns bei. Alle militärischen Aktionen der Russen im fernen Osten standen 
unter einem ungünstigen Stern. Am meisten aber war dies der Fall bei der 
Fahrt der russisch-baltischen Flotte nach Ostasien, auf die Kaiser Nikolaus 
und der russische Hof große Hoffnungen gesetzt hatten. Die Führung der 
Flotte zeigte von Anfang an ein verhängnisvolles Ungeschick. Beim Passieren 
der Doggerbank eröffneten die Russen ein heftiges Feuer auf Fahrzeuge, 
deren Bauart ihnen unbekannt war und die sie für japanische Torpedoboote 
5 Bülow II 
Der 
Doggerbank- 
Zwischenfall
        <pb n="90" />
        Geheimbericht 
von Schöns 
66 NICHT DER TERTIUS GAUDENS 
hielten. In Wahrheit waren cs harmlose englische Fischerkutter, deren 
mehrere in den Grund gebohrt wurden. Die englische Presse erhob großen 
Lärm, sie beschimpfte in allen Tonarten den russischen Admiral Roschdest- 
wensky, forderte eine eklatante Genugtuung und erklärte, daß ein Krieg 
schwer zu vermeiden sein würde. Gleichzeitig aber war die englische Re- 
gierung im stillen bestrebt, es nicht zum Krieg mit Rußland kommen zu 
lassen. Noch eifriger bemühten sich in dieser Richtung die beiden dänischen 
Schwestern, die Zarin-Mutter Maria Feodorowna und die Königin Alexandra 
von England, die, wie man sich erinnert, schon 1885 während der afghani- 
schen Krise viel zu einer Verständigung zwischen Walfisch und Bär bei- 
getragen hatten. Unser Botschafter Graf Metternich schrieb mir bereits 
am 6. November 1904: „Den Nordseezwischenfall schätze ich, soweit Eng- 
land in Betracht kommt, gering ein. Nach kurzem werden englischerseits 
dieselben Anstrengungen wie vorher gemacht werden, um zu einer Verstän- 
digung mit Rußland zu gelangen. Frankreich wird dieses Ziel, solange es 
erreichbar ist, nie aus dem Auge verlieren und stets besänftigend und im 
Sinne der Annäherung nach beiden Seiten hin wirken. Irgendeine deutsch- 
englische Kombination halte ich nicht within the reach of practical politics. 
Im Gegenteil, die Abneigung gegen uns ist hier im Wachsen, obwohl wir 
ihr seit längerer Zeit gar keine Nahrung gegeben haben.“ Ich hatte nach 
Möglichkeit darauf hingewirkt, daß unsere Presse gegenüber der Dogger- 
bank-Affäre nicht nach übler deutscher Gewohnheit den Tertius gaudens 
spielte, sondern sich einer taktvollen Zurückhaltung befleißigte. Die Lehre, 
die aus diesem Zwischenfall gezogen werden mußte, war, daß alle Streitig- 
keiten zwischen den Deutschland umgebenden Mächten Rußland, England 
und Frankreich verhältnismäßig leicht beizulegen waren, da sie sich, wenn 
auch aus sehr verschiedenen Gründen, untereinander kein Auge auszu- 
hacken wünschten. Um so vorsichtiger mußten wir in unserer zentralen 
Lage, bei dem Neid, den unsere glänzende wirtschaftliche Entwicklung, 
und bei den Besorgnissen, die unsere gewaltige Machtstellung in der Welt 
hervorriefen, der Gefahr ausbiegen, den anderen Mächten eine opportune 
Gelegenheit für einen kriegerischen Gang mit uns zu bieten. 
Der Niederschlag aller kaiserlichen Stimmungen und Verstimmungen 
war ein geheimer Bericht, den am 2. Dezember 1904 der als Vertreter des 
Auswärtigen Amtes den Kaiser auf Reisen begleitende damalige Gesandte 
von Schön, der spätere Botschafter in St. Petersburg und Paris und Staats- 
sekretär des Äußern, an mich richtete. Herr von Schön meldete mir: 
„Seine Majestät der Kaiser und König hatten im Laufe der Reise nach 
Schlesien aus Allerhöchsteigener Initiative die Gnade, mich, nach der Vor- 
bemerkung, daß es sich um eine ganz geheime Sache handle, in längerer 
Ausführung über die Entschließungen zu unterrichten, zu denen Aller-
        <pb n="91" />
        DIE MEERENGEN 67 
höchstderselbe eich für den Fall veranlaßt sehen könnte, daß die verbitterte 
Stimmung Englands gegen uns und namentlich die anscheinend immer 
ernstlicher erwogene Absicht, der weiteren Entwicklung der Kaiserlichen 
Marine entgegenzutreten, sich zu konkreten Handlungen verdichten 
sollten, die unsererseits als unfreundliche Akte aufgefaßt werden müßten. 
Seine Majestät würden es in derartigem Falle für unabweisbar erachten, 
den unerhörten britischen Anmaßungen mit bewaffneter Hand Halt zu 
gebieten und feindseligen Unternehmungen gegen unsere Nord- und Ostsee- 
küsten durch schleunige und umfassende militärische Maßnahmen vorzu- 
beugen. Dabei würden Seine Majestät nicht umhinkönnen, die bislang 
geübte und nicht überall nach Gebühr gewürdigte Rücksicht auf große und 
kleine Nachbarn beiseitezusetzen und diese vor die binnen kürzester 
Frist zu entscheidende Frage zu stellen, ob sie in dem Konflikt unsere 
Freunde und Bundesgenossen sein oder sich zu unseren Gegnern rechnen 
wollen. Derartige Sommationen würden in Paris, in Brüssel, im Haag und 
in Kopenhagen überreicht werden, am letzteren Platze gleichzeitig mit der 
Besetzung einiger strategisch wichtiger Punkte in und an den dänischen 
Wasserstraßen. Dänemark werde zwar auf seine Neutralität verweisen. 
Da es zu deren wirksamer Aufrechterhaltung und Verteidigung indessen 
nur kläglich unzulängliche Machtmittel besitze, sei diese wertlos. Überdies 
werde sie noch dadurch illusorisch — Seine Majestät betonte diesen Punkt 
besonders —, daß Dänemark grundsätzlich fremden Kriegsschiffen Lotsen 
und Durchfahrt der Meerengen gewähre. Meiner Bemerkung, daß Dänemark 
bei der grundsätzlichen Gestellung von Lotsen sich auf internationale Ver- 
pflichtungen (Sundverträge), auf eine feststehende Tradition und auf 
praktische Notwendigkeiten stütze, begegnete Seine Majestät mit der 
Äußerung, daß man über derartige Dinge eben hinweggehen müsse. Gegen 
jedes der vorerwähnten Nachbarländer, so fuhr Seine Majestät fort, das 
nicht umgehend und unzweideutig sich für uns entscheide, würde unverzüg- 
lich mit militärischer Gewalt vorgegangen werden. Der Zeitpunkt, wo ein 
feindseliger Akt Englands zu erwarten stehe, würde mit dem Moment als 
eingetreten zu erachten sein, wo es seine Flotte aus dem Mittelmeer nach 
den heimischen Gewässern ziehe. Auf meine vorsichtige Zwischenfrage, 
ob nicht mit der Möglichkeit zu rechnen sein dürfte, daß unsere Besetzung 
dänischen Bodens und Gewässers schließlich Rußland beunruhigen und, 
vielleicht unter der gleichzeitigen Wirkung fremder Einflüsterungen, von 
uns hinwegziehen und England in die Arme treiben könnte, äußerte Seine 
Majestät, diese Gefahr liege zu einer Zeit nicht nahe, wo der Krieg in Ost- 
asien im Gange sei und voraussichtlich sich noch Jahre hinziehen werde, 
wo ferner die alten Gegensätze zwischen Rußland und England durch 
des letzteren hinterlistiges Vorgehen in Tibet sowie durch die Art der 
5
        <pb n="92" />
        Brief der 
Kaiserin über 
den Kaiser 
68 DER HERR WAR MIT DAVID 
Behandlung des Doggerbank-Vorfalls in tiefgehender, nachhaltiger Weise 
verschärft seien. Bei späterer Gelegenheit kam Seine Majestät auf die 
dänische Frage mit der Äußerung zurück, Dänemark werde sich entschließen 
müssen, sich in irgendeiner Weise, zunächst in Form eines Zollbündnisses, 
sodann auch mit militärischen Einräumungen, unter den Schutz des Deut- 
schen Reichs zu stellen, wogegen ihm sein Besitzstand gewährleistet werde. 
Zu Lebzeiten König Christians werde Er, der Kaiser und König, möglichste 
Rücksicht walten lassen, später aber würde diese hinwegfallen. In ähn- 
lichem Sinne wie Seine Majestät hat sich der Generaladjutant von Plessen 
bezüglich Dänemarks in einem Tischgespräch zu mir geäußert. Der General 
bemerkte noch, daß es für uns im höchsten Grade erwünscht sei, nicht nur 
Dänemark, sondern auch Holland mit seinen Kolonien in die Fand zu 
bekommen, schon in Hinsicht auf die dringlich erforderliche Errichtung 
von Kohlenstationen. Auf meine Bemerkung, daß solche Pläne nicht ohne 
blutige Konflikte mit nahezu allen Großmächten einschließlich Amerikas 
durchführbar seien, gab der General zu, daß ihre Verwirklichung vielleicht 
noch in weite Fernen zu rücken sei.“ 
Philipp Eulenburg, der den Kaiser nach seiner Rückkehr von den 
schlesischen Jagden gesehen hatte, schrieb mir unter dem 19. Dezember 
1904, nicht ohne Besorgnis: „In diesen komplizierten Zeiten fulge ich 
Deinen Wegen mit treuer Liebe und Teilnahme. Ganz große Politik läßt 
sich nur in vollkommener Ruhe und bei tiefem Schweigen machen. Alle 
Gewehre aus seinem eigenen Gewehrschrank nehmen und damit seine 
Feinde bewaffnen — das geht nicht. Hier ist nicht der Platz, über so ernste 
Dinge zu reden. Ich will damit warten, bis wir uns wiedersehen. Ich denke 
mir, daß es in der Weihnachtswoche sein kann. Dein treuer alter dankbarer 
Philipp E.“ Die Kaiserin schrieb mir nach den schlesischen Jagden: „Der 
Kaiser scheint sehr zufrieden mit Jagd und Gesellschaftskreis der ver- 
schiedenen von ihm besuchten Häuser. Ich freue mich über diese Abwechs- 
lung, denn der Kaiser war durch die jetzige politische Lage so sehr ernst 
gestimmt. Ich babe versucht, ihn wieder freundlicher zu stimmen, indem 
ich ibm sagte, wenn wir auch schwächer wären in der Marine, erstens ist 
unser Menschenmaterial doch besser durchgebildet und mehr Verlaß, und 
dann sagte ich dem Kaiser, wie bei David und Goliath, auf Davids Seite 
war die Kraft, da der Herr mit ihm war. Und das hoffe ich bei uns auch. 
Freilich dürfen wir die Arbeit nicht ruhen lassen, und dafür sorgen Sie und 
der Kaiser. Ich würde Ihnen aber doch dankbar sein, wenn Sie mir ein 
Wort senden würden, ob Sie auch so schwarz sehen. Ich habe neulich die 
kleine Altenburg gesehen, bin aber sehr dankbar, daß ich eine andere 
Schwiegertochter habe. Diese kleine Altenburg sieht schrecklich zart und 
langweilig aus. Mit herzlichen Grüßen Ihre Viktoria.“
        <pb n="93" />
        WILHELMS II. „ERSTER“ MISSERFOLG 69 
Trotz aller Beschwichtigungsversuche der vortrefllichen Kaiserin wurde 
die Stimmung Seiner Majestät immer düsterer und namentlich immer 
erregter. Der Kaiser hatte während der beiden letzten Monate dem Zaren 
aus den schlesischen Jagdgründen mit Briefen zugesetzt, in denen er im 
Widerspruch zu allem, was ich ihm empfohlen batte, gegen meinen aus- 
drücklichen Rat ihn von Frankreich abzuziehen suchte. Diese Briefe hatten 
natürlich das gerade Gegenteil des von Seiner Majestät erwarteten Erfulges 
erzielt. Am 28. Dezember 1904, drei Tage vor Jahresschluß, schrieb mir 
der Kaiser, der Zar habe ihm „eine klare Absage an jeden Gedanken einer 
Verabredung ohne Vorwissen Galliens“ erteilt, „ein gänzlich negatives 
Resultat nach zweimenatiger ehrlicher Arbeit“. Das sei „der erste Miß- 
erfolg‘‘, den er seit seinem Regierungsantritt „persönlich“ erlebe. Hofent- 
lich eröffne er nicht eine Reihe ähnlicher Vorgänge. Jetzt müßten wir Japan 
kultivieren und Paris „eins auswischen“. Delcasse, der „verflucht geschickt 
und sehr stark“ sei, habe die Verhandlungen Seiner Majestät vereitelt. In 
einer langen Unterredung, die ich am Silvestertag 1904 mit dem Kaiser 
hatte, gab er mündlich seiner Entmutigung noch drastischeren Ausdruck. 
Die Depression, die ihn befallen zu haben schien, war selbst für sein leicht 
von einem Gegensatz zum anderen überspringendes Naturell ungewöhnlich. 
„Ich verstehe“, erwiderte ich, „Eurer Majestät Befürchtungen, ich verstehe 
sehr wohl Ihre Sorgen, die ich seit langem selbst empfinde. Darum dürfen wir 
aber nicht den Mut verlieren. Ich erinnere Eure Majestät an Goethes Wort: 
Nur heute, heute nur laß dich nicht fangen, 
So bist du hundertmal entgangen. 
Auf die Politik und auf uns übertragen heißt das: nicht bei jeder Gefahr, 
bei jedem Hindernis die Nerven verlieren, sondern die Hindernisse mit Mut, 
Geduld und Zähigkeit überwinden, Gefahren klug ausweichen. Ich erinnere 
Sie an die Worte, die ich in Gegenwart Eurer Majestät beim Stapellauf des 
Linienschiffs ‚Preußen‘ in der Hauptstadt Pommerns gesprochen habe. 
Der Staat, sagte ich damals, dessen Namen dieses Linienschiff tragen soll, 
war von Aufang an bedroht, gefürchtet und gehaßt von seinen Gegnern, 
aber geliebt und hochgebalten von seinen Söhnen mit Anspannung aller 
Kräfte wie kaum ein anderer. Oft von Stürmen umbraust, hat er mit 
Gottes Hilfe alle Stürme siegreich überstanden. Sie haben uns oft bedrängt, 
von unserer Jugend auf, aber uns nicht übermocht. Heute am letzten Tage 
des bewegten Jahres 1904 sage ich dem König von Preußen und Deutschen 
Kaiser: Unsere Neider und Feinde werden uns auch weiter nicht übermögen, 
wenn wir uns selbst, wenn wir dem Geist der preußischen Geschichte treu 
bleiben. Mit festem Mut, mit kaltem Blut und mit elastischer Hand kommen 
wir in Ehren durch.“ 
Absage des 
Zaren
        <pb n="94" />
        V.KAPITEL 
Neujahr 1905 . Denkschrift der englischen Admiralität über Flottenfragen » Fall von 
Port Arthur » Neucrliche und bedenkliche Erregungszustände bei Wilhelm II. . Die 
belgische Neutralität - Der ein Jahr vorher erfolgte Besuch des Königs Leopold von Bel- 
gien in Berlin . Dessen damalige Unterredung mit Bülow, sein Töte-A-Töte mit Wil- 
helm II. - Richtlinien Bismarcks hinsichtlich unserer Stellungnahme zur belgischen 
Neutrnlität - Graf Alfred Schlieflen über das belgische Problem » Artikel der Deutschen 
Revue - Feststellung des Auswärtigen Amtes vom 6. VII. 1920, bezüglich angeblicher 
Meinungsverschiedenheiten mit dem Gencralstabe über die Frage eines Durchmarsches 
durch Belgien « Generaloberst Moltke über die belgische Frage «- Wunsch Wilhelms II. 
nach einem Bündnis mit Dänemark » Betrachtungen zur außen- und innenpolitischen 
Lage im Jalıre 1905 » Der englische Botschafter Lascelles über Wilhelm II. » Idiosyn- 
krasie des Kaisers gegen Japan 
D: Jahr 1905, von dem ein dunkles Gefühl den Völkern und insbe- 
Neujahrs- sondere uns Deutschen sagte, daß es ein ereignisreiches sein würde, von 
predigt und dem viele besorgten, daß ihm im Zeitenschoße mehr schwarze als heitere 
Defiliercour [ge zuhten, begann für mich, wie üblich, in der Kapelle des Königlichen 
Schlosses. Rechts vom Altar saßen die Staatsminister, links die Ritter 
vom Schwarzen Adler. Ich hatte die Wahl, ob ich meinen Platz bei den 
einen oder bei den anderen nehmen wollte, schloß mich aber grundsätzlich 
den Ministern an, die als feste Pfeiler den preußischen Staat stützten oder 
jedenfalls stützen sollten, während die Ordensritter in ihren Ordens- 
ınäntelo von rotem Samt mit blauem Futter diesen Staat mehr als ornamen- 
taler Schmuck zierten. Gegenüber dem Altar saß der Kaiser mit der Kai- 
serin, umgeben von den Prinzen des königlichen Hauses und den zur 
Neujahrscour in Berlin erschienenen fürstlichen Gästen. Es gab keinen 
aufmerksameren Zuhörer als Wilhelm II. Er, sonst so quecksilberig, 
lauschte der längsten Predigt und dem langweiligsten Vortrag mit gespann- 
ter Aufmerksamkeit und in der unbeweglichen Haltung, die er bei allen 
Hofzeremonien und auf allen Paraden zeigte. Darin wie in vielem anderen 
war mir der Kaiser entschieden über. Vorträgen oder Predigten zu folgen, 
war mir von Jugend an beschwerlich. Selbst im Reichstag hörte ich den 
Rednern nur zu, wenn ich wußte, daß ich auf ihre Ausführungen sofort 
würde antworten müssen. Während der Predigt in der Schloßkapelle 
pflegte ich die Königsbilder zu mustern, mit denen die romantische Phan-
        <pb n="95" />
        DIE REDE DES ZIVILLORDS LEE 71 
tasie des Königs Friedrich Wilhelm IV. die Wände der Kapelle geschmückt 
hatte. Da sah man neben dem biederen, verständigen und nüchternen 
Friedrich Wilbelm III. den jähzornigen und wilden Frankenkönig Chlod- 
wig, neben David mit der Harfe Friedrich Barbarossa mit wallendem Barte 
und steilem Reichsschwert, neben dem glaubensstarken Gustav Adolf den 
rationalistischen großen König. 
Aufden Gottesdienst in der Schloßkapelle folgte die Defiliercour, bei der 
mir die Blässe des Kaisers auffiel. Nach der Cour hörte ich von Tirpitz, daß 
die Denkschrift, die am Ausgang des verfiossenen Jahres der Erste Lord 
der englischen Admiralität, der Earl of Selborne, dem House of Commons 
vorgelegt hatte, den Kaiser stark impressioniert habe. In dieser Denkschrift 
wurde als Ziel der Admiralität bezeichnet, die ganze englische Marine 
kriegsbereit in dem Sinn zu halten, daß sie stets gerüstet sei, einen sofortigen 
Schlag führen zu können. Die Heimatflotte solle künftig Kanalflotte, die 
jetzige Kanalflotte dagegen Atlantische Flotte genannt werden. Es lag auf 
der Hand, daß diese Dislokation ein Zugeständnis an die durch unsere 
Schiflsbauten mehr und mehr erregte englische öffentliche Meinung war. 
Es war auch ziemlich wahrscheinlich, daß die Bildung einer besonderen 
Atlantischen Flotte die englische Antwort auf die wenig glückliche Idee des 
Kaisers war, sich „„Admiral of the Atlantic“ zu nennen. Der Veröffentlichung 
der Denkschrift des Earl of Selborne war ein Artikel der „Army-and-Navy- 
Gazette‘ vorausgegangen, in dem es hieß: „Früher hätte England eine 
Flotte, von der wir Grund hatten anzunehmen, daß sie zu unserem Schaden 
gebraucht werden könne, einfach vernichtet. Wir wollen offen aussprechen, 
daß der gegenwärtige Augenblick ganz besonders günstig ist, zu erklären, 
daß diese Flotte fürderhin nicht vergrößert werden solle. Die anderen 
Mächte würden einer solchen Aktion wahrscheinlich mit schlecht verhehltem 
Vergnügen, wenn nicht mit offener Billigung zuseben.“ Nicht lange nachher 
hatte der Zivillord der englischen Admiralität Mr. Lee eine Rede gehalten, 
in der er erklärte, England müsse Deutschland den Ausbau seiner Flotte 
verbieten. Als der Führer der liberalen Opposition, Mr. Campbell Bannerman, 
in der Adreßdebatte im Unterhaus sein Bedauern darüber aussprach, daß 
Lee Deutschland grundlos provoziert habe, nahm der Premierminister 
Balfour den streitbaren Zivillord in Schutz, erklärte den Tadel des Führers 
der Opposition für „unedelmütig‘‘ und lobte mit Pathos den Fleiß und die 
große Geschicklichkeit von Lee, die für sein Land von hohem Werte wären. 
Es war nicht zu bestreiten, daß bei Beginn des Jahres 1905 viel auf die 
erregbaren und labilen Nerven des Kaisers einstürmte. Am 2. Januar 
kapitulierte Port Arthur mit 8 Generälen, 4 Admirälen, 57 Stabsoffizieren, 
über 30000 Kombattanten, über 50 Geschützen und 4 Schlachtschiffen, 
was die Erregung und, voreingenommen wie er gegen die „‚Japs‘ war, den 
Dislokation 
der 
englischen 
Flotte
        <pb n="96" />
        Zwischenfall 
mit dem 
König der 
Belgier 
72 DAS FALSCHE PFERD 
Zorn Seiner Majestät noch steigerte. Wie während des Spanisch-Amerika- 
nischen Krieges, so hatte Wilhelm II. auch diesmal die Belligerenten un- 
richtig eingeschätzt und ebenso bestimmt auf den Sieg der Russen gerechnet 
wie sieben Jahre früher auf den Triumph der Spanier. Er hatte wieder ein- 
mal auf das falsche Pferd gesetzt. In seinem Bedürfnis, überall dabeizusein 
und immer im Vordergrunde der Bühne zu stehen, verfiel er auf den Aus- 
weg, den Sieger und den Besiegten gleichmäßig auszuzeichnen, indem er 
sowohl dem Verteidiger von Port Arthur, dem General Stössel, wie dem 
Eroberer, dem General Nogi, die höchste preußische militärische Auszeich- 
nung, den von Friedrich dem Großen gestifteten Orden Pour le merite, 
verlieh. Als er mich post festum von diesem Einfall in Kenntnis setzte, 
verhehlte ich Seiner Majestät nicht, daß das mißgünstige Ausland in diesem 
Akt wieder das Bestreben schen werde, nach rechts und links Kränze aus- 
zuteilen und damit den Arbiter mundi zu spielen. „Eure Majestät‘, sagte 
ich dem Kaiser, „sind das Oberhaupt eines großen, mächtigen und blühen- 
den, aber von Neidern und Feinden umgebenen Reichs. Sie sind nicht ein 
römischer Caesar-Imperator, der den kämpfenden Gladiatoren entweder 
zunickt oder sie pollice verso zum Tode verurteilt.‘ Der Kaiser schwieg. 
Aber in einer langen Unterredung, mit derer mich bald nachher nach einem 
Hoffest beehrte, machte sich seine innere Erregung in selbst bei ihm unge- 
wöhnlich stürmischer Weise Luft. Er wiederholte mir hierbei alles, was er 
einige Wochen vorher in Schlesien dem Gesandten von Schön über die 
Maßnahmen gesagt hatte, die er „unweigerlich“ treffen werde, wenn Eng- 
land es wagen sollte, ihn am Weiterbau seiner Flotte zu hindern. 
Ich muß bei diesem Anlaß auf ein Ereignis zurückgreifen, das zwar an 
sich fast ein Jahr zurücklag, das aber erst in Zusammenhalt mit der Geistes- 
verfassung, in der ich den Kaiser an diesem schwer zu vergessenden Januar- 
tag 1905 fand, in seiner eigentlichen Tragweite zutage tritt. Ich besitze auch 
über jenen Vorfall, der sich am 28. Januar 1904 in demselben altersgrauen, 
für mein Herz so ehrwürdigen Schloß abgespielt hatte, Notizen, die ich 
damals sofort gemacht und zu Papier gebracht habe. 
Im Januar 1904 hatte mir der Kaiser zu meiner Überraschung erklärt, 
daB König Leopold von Belgien ihm den Wunsch ausgesprochen habe, 
ihm in Berlin einen Besuch abzustatten. Diese günstige Gelegenheit müsse 
nach seiner festen Überzeugung benutzt werden, um Belgien enger an uns 
zu fesseln. „‚Der Belgierkönig‘“, setzte mir der Kaiser auseinander, ‚ist jetzt 
eine Non-valeur, ein Mr. Nobody unter den großen Fürsten, um den sich 
niemand kümmert, und doch hat Belgien eine herrliche Vergangenheit. Wir 
müssen König Leopold auf den Glanz und die Pracht des alten Burgund 
hinweisen, an Philipp den Gütigen und Karl den Kühnen erinnern. Wenn 
wir ihm die Aussicht eröffnen, durch ein Bündnis mit uns zu gleicher Höhe
        <pb n="97" />
        LEOPOLD VON BELGIEN IN BERLIN 73 
emporzusteigen, wird Leopold zu allem bereit sein.“ Natürlich riet ich 
ab. Die Belgier wären nicht ambitiös. Sie sängen nicht: 
O nein, nein, nein! 
Mein Vaterland muß größer sein! 
Sie wären nur auf ihre Neutralität und Unabhängigkeit bedacht, das aber 
sehr. Der Kaiser versprach mir, auf die Versucherrolle zu verzichten, die 
er sich schon zurechtgelegt hatte. Ich will nicht verschweigen, daß ich mir 
noch heute im Zweifel darüber bin, ob König Leopold sich wirklich aus 
eigenem Antrieb zum Besuch in Berlin angemeldet hatte, oder ob die Ein- 
ladung vom Kaiser ausging, oder ob der Militärattache in Brüssel den An- 
stoß gab. König Leopold traf am 26. Januar 1904 in Berlin ein. Er beehrte 
mich am nächstfolgenden Tage, am Geburtstage Seiner Majestät, am 
27. Januar, mit einem langen Besuch, in dessen Verlauf wir an der Hand 
einer auf meinem Schreibtisch ausgebreiteten großen Karte von Zentral- 
afrika eine Reihe strittiger Kolonialfragen regelten, über die ich mir von 
der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts eingehenden Vortrag hatte 
halten lassen. Der König war ein guter Geschäftsmann. Seine Klarheit, 
Sachlichkeit und Sicherbeit machten mir einen günstigen Eindruck. Von 
unseren kleinen Kolonialdifferenzen kamen wir auf die allgemeine euro- 
päische Lage und im Anschluß hieran auf die Beziehungen zwischen Belgien 
und Deutschland zu sprechen. Der König hob nicht nur als seinen persön- 
lichen Wunsch, sondern als den Wunsch aller Belgier ohne Unterschied der 
Partei, als das Hauptinteresse Belgiens die Aufrechterhaltung des Friedens 
hervor, die ihm durchaus möglich erschien, wenn in Berlin, London und 
St. Petersburg eine verständige und ruhige Politik gemacht werde. Was 
das Verhältnis zwischen Belgien und Deutschland angehe, so sei es so gut 
als möglich. Französisch sei die Muttersprache der Wallonen, ganz Belgien 
stehe unter dem Einfluß der französischen Zivilisation, Brüssel sei in 
geistiger, literarischer und künstlerischer Hinsicht sozusagen un faubourg 
de Paris. Die Belgier wären aber viel zu nüchtern und viel zu vernünftig, 
um sich dadurch politisch beeinflussen zu lassen. Politisch hätten sie mehr 
Vertrauen zu Deutschland als zu Frankreich. Die Furcht, von Frankreich 
einmal überrannt oder gar heruntergeschluckt zu werden, sei in Belgien alt, 
sei weit verbreitet und werde neuerdings in dem gut katholischen Land 
durch die antiklerikale Richtung der Französischen Republik noch ver- 
schärft. Von Deutschland, führte der König aus, wisse jeder Belgier schon 
aus den Bismarckschen Veröffentlichungen vor dem Beginn des Deutsch- 
Französischen Krieges von 1870, daß es der Verteidiger und treue Wächter 
der belgischen Neutralität und Unabhängigkeit sei. Der König lobte den 
damaligen deutschen Gesandten in Brüssel, den Grafen Nikolaus Wallwi tz,
        <pb n="98" />
        74 ABREISE NACH KRACH 
den Gatten meiner Stieftochter, der Gräfin Eugenie Dönhoff. „On m’a dit“, 
meinte der König, „que vous destinez Wallwitz a une ambassade. Si tel 
€tait le cas, je ne voudrais pas entraver la carriere de ce diplomate tres 
distingue. Mais personnellement je serais heureux de garder le comte Wall- 
witz a Bruxelles, oü il jouit de beaucoup de consid£ration et de la confiance 
gen£rale.‘“ Ich erwiderte, daß ich nicht die Absicht hätte, den Grafen Wall- 
witz Seiner Majestät dem Kaiser schon jetzt für eine Botschaft vorzu- 
schlagen, und daß er bis auf weiteres in Brüssel bleiben werde, was den 
König sichtlich erfreute. Über die Aämische Bewegung äußerte der König, 
daß sie an Boden gewönne, selbstverständlich im Rahmen des belgischen 
Staates und in voller Treue für das Flamen und Wallonen gemeinsame 
Vaterland. Die Flamen wären ebensogute Belgier wie die Wallonen. Ihr 
berechtigtes Streben, ihre reiche und schöne Sprache zu pflegen und ihre 
kulturelle Eigenart zu erhalten, würde auch bei den Wallonen um so mehr 
Verständnis finden, je weniger sich die deutsche Presse um die flämische 
Bewegung kümmere. 
Der hohe Herr wollte auch meine Frau begrüßen, der er gleichfalls 
in high terms von ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn sprach, und 
überreichte mir schließlich eine prächtige Tabatiere mit seinem von 
Brillanten umgebenen Porträt. Die Tabatiere steht noch auf einer 
Etagere der Villa Malta, neben den Büsten des Königs Eduard und der 
Königin Alexandra von England, einem Bilde der Königin Alexandra mit 
ihrem Enkel, dem jetzigen Prinzen von Wales, auf dem Arm, zwei Porträts 
des Zaren, den Bildern der Großfürstin Maria Paulowna, der Königin Olga 
von Griechenland, des Königs und der Königin von Rumänien, der Kai- 
serin von China und vieler anderer Fürstlichkeiten. Als mich während 
des Winters 1914 auf 1915, wo ich mich, von Berlin alles eher denn loyal 
unterstützt, von Wien beständig konterkariert, in Rom bemühte, dem 
Ausbruch des Krieges zwischen Italien und den Zentralmächten vorzu- 
beugen, ein geistreicher deutscher Freund in der Villa Malta besuchte 
und jene Erinnerungen einer glücklicheren Vergangenheit erblickte, meinte 
er: „Ich finde Sie umgeben von den Trümmern der Bethmann Hollweg- 
schen Politik.“ 
Als jene wehmütige Äußerung fiel, im Januar 1915, war mehr als ein 
Jahrzehnt verflossen seit dem Besuch, den König Leopold II. der Reichs- 
hauptstadt abgestattet hatte. Die ersten Tage jenes Besuchs waren damals 
in voller Harmonie vorübergegangen. Es kam der letzte Tag, der 28. Januar 
1904, an dem der König abreisen wollte. Die Abendtafel war zu 8 Uhr ange- 
sagt,’ die Abreise sollte unmittelbar nachher erfolgen. Alle Eingeladenen 
waren erschienen, auch die Kaiserin war schon lange da, nur der Kaiser und 
sein belgischer Gast fehlten. Endlich traten beide ein. Mir fiel sogleich der
        <pb n="99" />
        DER VERKEHRT AUFGESETZTE DRAGONERHELM 75 
gereizte Ausdruck des Kaisers und die verstörte Miene des Königs auf, der 
gegen seine Gewohnheit bei Tisch mit der neben ihm sitzenden Kaiserin 
kaum sprach. Sobald die Tafel aufgehoben war, verließ der König mit dem 
Kaiser das Schloß, um zum Bahnhof zu fahren. Der König drückte mir im 
Vorübergehen die Hand mit den leise, aber ernst und bestimmt gesprochenen 
Worten: „L’empereur m’a dit des choses epouvantables. Je compte sur 
votre bonne influence, sur votre sagesse et sur votre savoir-faire pour €viter 
de grands malheurs.‘ Als der Kaiser vom Bahnhof zurückkehrte, frug mich, 
sichtlich erschrocken, einer der Adjutanten, der ihn begleitet hatte: „Was 
hat denn der Belgierkönig ? Es scheint einen Krach gegeben zu haben. Der 
König sah ganz verbiestert aus. Der alte Herr war so sehr aus dem Häuschen, 
daß er den Helm seines preußischen Dragonerregiments falsch aufgesetzt 
hatte, mit dem Adler nach hinten anstatt nach vorn.‘ Der hinzutretende 
Kaiser entführte mich der Gesellschaft, die er rasch und zerstreut entließ. 
Als er mit mir in sein schönes Arbeitszimmer eingetreten war, in dem 
die Bilder seines Vaters und seines Großvaters, des großen Fürsten Bis- 
marck und des großen Meisters von Bayreuth, des Zaren und der Queen 
Victoria friedlich nebeneinander an der Wand hingen, erfolgte ein sehr 
temperamentvoller Ausbruch über die „Jämmerlichkeit“ seiner „Kollegen“. 
Er habe dem Belgierkönig in denkbar gütigster Weise von seinen stolzen 
Vorgängern, den Burgunderherzögen, gesprochen und hinzugefügt, wenn 
der König wolle, könne er deren Reich wieder errichten und sein Zepter 
über Französisch-Flandern, Artois und die Ardennen ausstrecken. Der 
König habe ihn zunächst verständnislos „angeglotzt‘“ und schlieBlich „grin- 
send‘ gemeint, daß von so hochfliegenden Plänen weder die belgischen 
Minister noch die belgischen Kammern etwas wissen wollten. „Da verlor 
ich die Geduld‘, fuhr der Kaiser fort, „ich sagte dem König, daß ich einen 
Monarchen nicht achten könne, der sich Deputierten und Ministern verant- 
wortlich fühle, anstatt allein unserem Herrgott im Himmel. Ich habe ihm 
auch gesagt, daß ich nicht mit mir spaßen ließe. Wer im Falle eines euro- 
päischen Krieges nicht für mich sei, der sei gegen mich. Als Soldat gehörte 
ich der Schule Friedrichs des Großen an, der Schule Napoleons 1. Wie 
jener den Siebenjährigen Krieg mit der Invasion von Sachsen begonnen 
habe und dieser stets blitzschnell seinen Gegnern zuvorgekommen wäre, 80 
würde ich, sofern Belgien nicht mit mir gehe, mich nur von strategischen 
Erwägungen leiten lassen.“ Es entstand eine lange Pause. „Ich hoffte“, 
meinte endlich der Kaiser sichtlich verstimmt, „bei Ihnen Verständnis und 
Lob zu finden, allein leider scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Das ist 
mir die herbste Enttäuschung an diesem Tag.“ Ich legte darauf in ruhiger, 
möglichst präziser Form Seiner Majestät den Standpunkt politischer Ver- 
nunft dar. Mein Streben wäre auf die Aufrechterhaltung des Friedens
        <pb n="100" />
        76 DER DURCHMARSCH DURCH BELGIEN 
gerichtet, eines Friedens in Ehren und mit Würde. Einen solchen Frieden 
wünsche und erstrebe ja auch er, der Kaiser. Ein Frieden mit Würde und 
in Ehren liege im deutschen Interesse, denn die Zeit gehe für uns. Würden 
wir angegriffen und sullten unsere Gegner, Franzosen oder Engländer, in 
Belgien einrücken oder dort Truppen landen, so wären wir selbstverständ- 
lich berechtigt, auch unsererseits sofort in Belgien einzumarschieren. Aber 
ohne vorhergegangene Verletzung der belgischen Neutralität durch unsere 
Feinde dürften wir nicht unter Mißachtung der auch von uns unterzeich- 
neten und feierlich beschworenen Verträge in Belgien einfallen. Zu einem so 
ungeheuren Fehler würde ich nicht die Hand bieten, denn durch ein solches 
Verfahren würden wir jene Imponderabilien in die Hand unserer Gegner 
bringen, jene unwägbaren Faktoren, die, um mit Bismarck zu reden, 
schwerer wögen als materielle Werte. Ich wiederholte nochmals, daß wir im 
Kriegsfall nur nicht die ersten sein dürften, welche die belgische, völker- 
rechtlich garantierte Neutralität verletzen. Kriege würden im letzten Ende 
nicht allein militärisch gewonnen oder verloren, sondern mindestens eben- 
sosehr politisch. Napoleon hätte trotz seiner überragenden militärischen 
Genialität als Gefangener in St. Helena geendigt, Friedrich der Große, 
nicht nur Feldherr, sondern auch Staatsmann, wäre auf dem Thron gestor- 
ben. Unser Gespräch zog sich bis nach Mitternacht hin. Der Kaiser wurde 
im Laufe der Unterhaltung nervöser und heftiger, als das sonst mit mir 
seine Art war. Er ließ halblaut die Äußerung fallen: „Wenn Sie so denken, 
werde ich mich im Falle eines Krieges nach einem anderen Reichskanzler 
umsehen müssen.“ Ich schied von ihm mit dem Empfinden, daß ich den 
Kaiser zwar nicht ganz überzeugt hätte, daß er aber, solange ich im Amte 
bliebe, im entscheidenden Moment mir folgen würde, vielleicht weniger 
aus Einsicht als aus Vorsicht, in dem ihn damals noch beherrschenden 
Gefühl, daß er mit mir am sichersten fahre, 
Ich will diese lange Parenthese nicht schließen, ohne hinzuzufügen, daß 
sowohl Graf Alfred Schlieffen als dessen Nachfolger Hellmuth Multke 
die Frage eines Durchmarsches durch Belgien gelegentlich und gesprächs- 
weise mit mir berührt haben. Meine persönlichen Beziehungen zu beiden 
waren die besten. Moltke war mein alter und treuer Jugendfreund und ist 
es mir bis zu seinem Tode geblieben. Schlieffen hatte das 1. Gardeulanen- 
Regiment kommandiert, eines der schönsten Regimenter der Armee, vor 
dessen alter Kaserne in Potsdam jetzt das Denkmal des sterbenden Reiters 
steht, das kein guter Preuße ohne Wehmut und tiefe Bewegung betrachten 
kann. Zwei meiner Brüder, die späteren Generäle Adulf und Karl Ulrich 
Bülow, hatten unter Schlieffen bei diesem Regiment gestanden. Ich ent- 
sinne mich, daß Schlieffen sich einige Zeit vor meinem Rücktritt, 1904 oder 
1905, mit mir über die Chancen eines etwaigen Krieges unterhielt. Er führte
        <pb n="101" />
        SCHLIEFFEN UND DIE BELGISCHE NEUTRALITÄT 71 
hierbei aus, daß im Falle eines Krieges mit Frankreich und Rußland wir 
trachten müßten, zuerst Frankreich niederzukämpfen. Der sicherste Weg, 
um dies Ziel zu erreichen, führe über Belgien. Ich entgegnete, daß mir dies 
wohlbekannt wäre. Schon als Bonner Husarenleutnant hätte ich unter dem 
Einfluß meines damaligen Kommandeurs, des späteren Feldmarschalls 
Lo&amp;, Clausewitz studiert und dort die Wendung gefunden, daß die Herzgrube 
Frankreichs zwischen Brüssel und Paris liege. Wir dürften aber, fügte ich 
hinzu, aus schwerwiegenden politischen Gründen diesen Weg nur dann 
einschlagen, wenn und sofern die belgische Neutralität vorher von unseren 
Gegnern verletzt worden wäre. Ich erinnerte den genialen Strategen an 
einen mir unvergeßlichen Vorgang aus dem Winter 1887 auf 1888. In jener 
Zeit habe zwischen Deutschland und Frankreich eine starke Spaunung 
bestanden, der Krieg bätte, ähnlich wie schon 1875, 1879 und 1885, in der 
Luft gelegen. Damals seien die englischen Sympathien auf deutscher Seite 
gewesen, und ein großes englisches Blatt, wenn ich nicht irrte, der „Stan- 
dard‘“, habe ungefähr geäußert: Allerdings hätte sich England seinerzeit 
für die belgische Neutralität verbürgt. Das wolle aber nicht bedeuten, daß 
es diese Neutralität unter allen Umständen mit den Waffen für Frankreich 
und gegen Deutschland zu verteidigen brauche. Auf diese verführerische 
Andeutung habe Fürst Bismarck in einem von ihm selbst angegebenen 
Artikel eine Antwort erteilt, deren ich mich genau erinnere. Ich sei in 
jenen kritischen Tagen Geschäftsträger in St. Petersburg gewesen und hätte 
als solcher die in Rede stehende Auslassung meines großen Chefs mit begreif- 
licher Aufmerksamkeit gelesen und durchdacht. 
|In jenem Artikel eines hochoffiziösen Blatts, der Berliner „Post“, hätte 
Fürst Bismarck die nachstehenden Richtlinien aufgestellt, die auch für 
mich maßgebend geblieben wären: 
1. Die deutsche Politik würde nie deshalb einen Krieg beginnen, weil 
sie glaube, daß er ihr sonst aufgedrungen werden könnte, 
2. Vor allem würde Deutschland niemals einen Krieg mit der Verletzung 
eines europäischen Vertrags beginnen. 
3. Wenn man in England annähme, daß die deutsch-französische 
Grenze durch die französischen Sperrforts für jede deutsche Offensive 
unzugänglich geworden sei und daß infolgedessen der deutsche General- 
stab den Durchbruch durch Belgien ins Auge fassen müßte, so meine man 
in Berlin, daß die Kombinationen des deutschen Generalstabs nicht so 
leicht zu erschöpfen wären. Jedenfalls befänden sich alle die im Irrtum, 
die glaubten, die Leitung der Politik sei in Deutschland den Gesichts- 
punkten des Generalstabs unterworfen und nicht umgekehrt. 
4. Ebensowenig wie die Schweizer werde jemals die belgische Neutra- 
lität von Deutschland verletzt werden. 
Bismarck über 
den Kriegsfall
        <pb n="102" />
        78 SCHLIEFFENS ALARM 
5. Die deutsche Staatsleitung lege den höchsten Wert auf Wahrung 
ihres Rufs als strenge Beobachterin der Verträge, die Europa zur Be- 
wahrung seines Friedens geschlossen habe. Überdies lehre der gesunde 
Menschenverstand, daß es nicht gerade klug wäre, die Waffenkräfte 
Belgiens oder der Schweiz zur Waffengemeinschaft mit dem französischen 
Angriff zu zwingen. 
Graf Alfred Schlieffen, mit dem ich nach wie vor diesem Gespräch in 
einem ungetrübten freundschaftlichen Verhältnis gestanden habe, drehte 
nach seiner Gewohnbeit mehrmals sein Monokel im Auge herum und meinte 
dann: „Natürlich! Das stimmt noch heute. Wir sind seitdem nicht dümmer 
geworden.“ Allerdings, fügte Schlieffen hinzu, neige er zu der Ansicht, daß 
Holland im Kriegsfall in uns seinen natürlichen Bundesgenossen gegen 
England sehen würde. Was Belgien angehe, so würde essich einem deutschen 
Einmarsch wohl kaum mit Waffengewalt widersetzen, sondern sich mit 
einem Protest begnügen. Übrigens glaube er, Schlieffen, daß im Falle eines 
großen Krieges die Franzosen, eventuell auch die Engländer, sofort in 
Belgien einrücken würden. Damit bekämen wir die Hände frei. Ich betone 
ausdrücklich, daß nach meiner Kenntnis der Verhältnisse es bis zum Welt- 
krieg auch Generalstäbler gegeben hat, die für den Fall eines deutsch- 
französischen Krieges den Weg durch Belgien nicht für den richtigen hielten, 
jedenfalls nicht für den einzig möglichen, um Frankreich zu schlagen. Auch 
nach dem Kriege sagte mir einer unserer bekanntesten Generäle, wir hätten 
besser getan, nicht den Weg über Belgien mit seinen fürchterlichen poli- 
tischen Konsequenzen zu wählen, sondern uns für eine andere Kombination 
zu entscheiden. 
Ich will bei diesem Anlaß auch noch vorgreifend erwähnen, daß einige 
Monate vor meinem Rücktritt Graf Alfred Schlieffen in der „Deutschen 
Revue“ einen ziemlich alarmierend gehaltenen Aufsatz über die Chancen 
eines allgemeinen Krieges veröffentlichte, der einige Wendungen enthielt, 
die in Belgien Unbehagen erregten. Einen darauf bezüglichen Bericht des 
Grafen Wallwitz, der zu jener Zeit noch das Reich in Brüssel vertrat, 
übersandte ich dem damaligen Chef des Generalstabes der Armee, dem 
Generaloberst von Moltke, der mir unter dem 19. Januar 1909 wörtlich 
erwiderte: „Es ist mir unerfindlich, wie aus den Ausführungen des Grafen 
Schlieffen herausgelesen werden kann, daß man maßgebenden Orts mit 
dem Durchmarsch unserer Truppen durch Belgien als etwas Höchstwahr- 
scheinlichern, etwas Gegebenem rechnet. Es dürfte Graf Wallwitz, dem zur 
Zeit seiner Berichterstattung der Urtext des Aufsatzes noch nicht vorlag, 
nicht schwerfallen, an der Hand des Textes etwa auftretende Bedenken zu 
zerstreuen.‘‘ Ich möchte endlich noch feststellen, daß auf meine Anfrage 
vom 1. Juli 1920, ob nach dem Rücktritt des Fürsten Bismarck, unter der
        <pb n="103" />
        TIRPITZ WILL NORDSCUHLESWIG ZURÜCKGEBEN 79 
Kanzlerschaft des Grafen Caprivi, des Fürsten Hohenlohe oder während 
meiner Amtszeit zwischen dem Auswärtigen Amt und dem Generalstab der 
Armee ein Meinungsaustausch wegen eines etwaigen Einmarsches in Luxem- 
burg, Belgien oder Holland stattgefunden hätte, mir der Staatssekretär des 
Auswärtigen Amts, Herr von Haniel, am 6. Juli 1920 amtlich erwiderte: 
„Hochzuverehrender Fürst! Auf die gefällige Anfrage vom 1. d.M., ob 
während der Jahre 1890 bis 1909 ein Meinungsaustausch zwischen dem 
Auswärtigen Amt und dem Generalstab der Armee wegen eines etwaigen 
Einmarsches in Luxemburg, Belgien oder Holland stattgefunden hat, 
beehre ich mich, Eurer Durchlaucht mitzuteilen, daß die Akten des Aus- 
wärtigen Amts nichts über die Führung eines derartigen Schriftwechsels 
enthalten. In aufrichtiger Verehrung Ihr sehr ergebener E. Haniel.“ 
Kaiser Wilhelm II. ist während der zweiten Hälfte meiner Reichskanzler- 
zeit, von 1904 bis 1909, mir gegenüber auf den Gedanken einer Invasion 
Belgiens nicht wieder zurückgekommen. Um so eifriger beschäftigte er sich 
mit dem Plan, ein engeres Verhältnis zu Dänemark herzustellen. Dieser 
Wunsch war in den Kreisen unserer Marine weit verbreitet. Um ein Bünd- 
nis mit Dänemark zu erreichen, wäre Tirpitz gern bereit gewesen, Nord- 
schleswig an Dänemark zurückzugeben. Andere unserer Seeleute hielten es 
in dieser Richtung mehr mit dem Erlkönig: „Und bist du nicht willig, so 
brauch’ ich Gewalt.“ Ich bin mir nie im Zweifel darüber gewesen, daß jeder 
Versuch, ein näheres Verhältnis zu Dänemark herbeizuführen oder gar zu 
erzwingen, sicherlich England, wahrscheinlich auch Frankreich und viel- 
leicht selbst Rußland uns auf den Hals ziehen würde. Als mir der Kaiser 
im Februar 1905 zweimal hintereinander ex abrupto telegraphierte: „Wir 
müssen ein engeres Verhältnis zu Dänemark herstellen“, schrieb ich ihm, 
daß eine deutsche diplomatische Aktion zur Herbeiführung einer Allianz 
mit Dänemark die schon vorhandene Unsicherheit der Weltlage noch erheb- 
lich erhöhen würde. Eine Allianz zwischen dem mächtigen Deutschen Reich 
und dem kleinen Dänemark würde allgemein als ein Verzicht Dänemarks 
auf seine Unabhängigkeit und als dessen Angliederung an das Deutsche 
Reich aufgefaßt werden. Der greise König Christian IX. hege für den Deut- 
schen Kaiser innerlich vielleicht jene „väterliche Zuneigung‘, von welcher 
der Kaiser mir wiederholt gesprochen habe. Der König könne aber gar kein 
Bündnis abschließen ohne Zuziehung der konstitutionellen Organe, welche 
letztere wieder von der Volksstimmung abhängig wären. Das dänische Volk 
sei deutschfeindlich. Diese Gesinnung habe sich im Laufe von vierzig Jahren 
dank dem heilenden Einfluß der Zeit und einer vernünftigen Politik von 
deutscher Seite allmählich beruhigt, aber der Verdacht, daß Dänemark in 
Abhängigkeit von Deutschland gebracht werden solle, würde sofort In- 
stinkte wachrufen, die sich diplomatischer Einwirkung entzögen. Nicht 
Wilhelm II. 
und 
Dänemark
        <pb n="104" />
        Professor 
80 DIE GEISEL-THEORIE 
nur die dänische Presse und das dänische Volk, sondern auch die dänische 
Regierung und der dänische llof würden sich um Hilfe nach England und 
Rußland wenden, denn jede dänische Regierung, die in einem solchen 
Augenblick nicht den nationalen Gefühlen Rechnung trüge, würde im 
Handumdrehen beseitigt werden, und selbst das dänische Königtum, dem 
man seine deutschen Wurzeln nicht ganz vergessen hätte, könnte dann 
gefährdet sein. England würde so Gelegenheit geboten, sich zum Vertei- 
diger des kleinen Landes und seiner Unabhängigkeit gegen eine „erzwun- 
gene“ deutsche Allianz aufzuwerfen. „Manche englische Kreise warten ja 
nur darauf, die dankbare Rolle des Beschützers der verfolgten Unschuld 
und eines schwachen Landes uns gegenüber zu spielen.“ Delcasse würde es 
sich mit Vergnügen angelegen sein lassen, wie den Engländern so auch den 
Russen klarzumachen, daß zwischen ihnen keine Gegensätze beständen, 
die ein anglo-russisch-französisches Zusammenwirken zum Schutz der 
dänischen Unabhängigkeit verhindern könnten. Die Hineinziehung Däne- 
marks in die äußere Peripherie des deutschen Reichsverbandes sei ein 
Traum, ein nicht ungefährlicher Traum. Zu seiner Verwirklichung gehöre, 
daß entweder die englische Flotte anderweitig beschäftigt oder daß ihr die 
deutsche, sei es allein, sei es mit einer verbündeten zusammen, ungefähr 
gleichwertig wäre. Zur Zeit sei weder die eine noch die andere Voraus- 
setzung gegeben. Unvorsichtige Schritte in der Richtung einer Angliederung 
von Dänemark an Deutschland würden unseren Feinden und namentlich 
den diplomatischen Förderern eines französisch-russisch-englischen Drei- 
bundes nur erwünscht sein. Damit wäre unseren Gegnern in Paris, London 
und St. Petersburg derjenige Anlaß zum Zusammenschluß geboten, der 
ihnen durch die Verhinderung der Aufteilung Chinas zeitweilig genommen 
worden sei. Je schlechter infolgedessen die Laune mancher Leute in Paris 
und London wäre, um so eilriger würden sie die unerwartet gebotene Ge- 
legenheit ergreifen, um zunächst wegen Dänemarks den neuen Dreibund ins 
Leben zu rufen, der, wenn erst einmal zustande gebracht, weitere Auf- 
gaben suchen und finden würde. 
In jener langen und ernsten Unterredung über Belgien, die sich meinem 
Gedächtnis so fest eingeprägt hat, daß ich mich jeder Redewendung, fast 
  
Theodor jeder Geste und jedes Wortes des Kaisers erinnere, hatte ich Seine Majestät 
Schiemann 
auch davor gewarnt, mit der sogenannten Geisel-Theorie Mißbrauch zu 
treiben. Diese Theorie war eine Erfindung des Professors Theodor Schie- 
mann. Oder richtiger gesagt, dieser geschwätzige und taktlose Wichtigtuer 
hatte eine Boutade von Holstein, der gemeint hatte, daß, wenn England 
uns überfallen sollte, wir uns an Frankreich halten würden, in plumper 
Weise wiederholt und breitgetreten. Als nun gar eine Pariser Zeitung die 
Wendung vom „Schiemannisme“ geprägt hatte, um damit die angeblich in
        <pb n="105" />
        EIN FRISCHER, FRÖHLICHER KRIEG 8l 
Berlin herrschende Doktrin zu bezeichnen, nach der die Deutschen, un- 
fähig, sich gegen England zur See zu wehren, im Falle eines Krieges mit 
England sich auf Frankreich stürzen würden, fühlte sich Schiemann als 
eine europäische Zelebrität und erging sich in so unvorsichtigen und immer 
wiederholten Wendungen und Drohungen, daß ich ihn durch den Unter- 
staatssekretär von Mühlberg ernstlich und scharf verwarnen ließ. Er rich- 
tete daraufhin einen demütigen Brief an mich, in dem er hoch und teuer 
schwor, er lege einen so „außerordentlich hohen Wert‘‘ darauf, in seiner 
„bescheidenen publizistischen Tätigkeit‘ nicht in Gegensatz zu den von 
mir vertretenen und gewahrten Interessen Deutschlands zu geraten, daß 
er künftig noch vorsichtiger als bisher sprechen und schreiben würde. 
Der Brief schloß mit den Worten: „Wenn ich aber trotzdem noch zu viel 
sagen sollte, bitte ich, es unter keinen Umständen meinem üblen Willen, 
sondern nur meinem Ungeschick zuzuschreiben. In stets dankbarer Ver- 
ehrung Eurer Exzellenz ehrfurchtsvoll ergebener Theodor Schiemann.“ 
Dieser Schwur verhinderte Herrn Schiemann nicht, sich dem impres- 
sionablen und phantasievollen Kaiser immer wieder mit unsinnigen Vor- 
schlägen und Projekten zu nähern. Bald sollten wir mitten im Frieden 
Libau und Riga besetzen, um gegenüber Rußland ein Pfand in der Hand zu 
haben, bald auch an England ein Ultimatum stellen, daß dieses entweder 
aufhören solle, uns wegen unseres Flottenbaues zu bedrohen, oder es auf 
einen „ehrlichen und ritterlichen Waffengang‘ zur See mit uns ankommen 
lassen möge. Gegenüber den uns drohenden inneren und äußeren Gefahren, 
80 versicherte Schiemann dem Kaiser, sei ein frischer, fröhlicher Krieg „‚das 
einzige Auskunftsmittel“. Für den Waffengang mit England müsse aller- 
dings wie für ein Turnier des Mittelalters der Kampfplatz und die Wabl der 
Waffen, in diesem Fall also die Zahl der einzusetzenden Schiffe, im voraus 
bestimmt werden. Es bedeutete tatsächlich eine starke Belastung meiner 
Geduld und meiner durch ermste Geschäfte in Anspruch genommenen 
Leistungsfähigkeit, daß ich auf die Widerlegung und Abwehr solcher auf 
die in manchen Dingen große Naivität des Kaisers berechneten Kindereien 
Zeit und Kraft verwenden mußte. Bei hoher, ja höchster Meinung von 
Würde und Heiligkeit seines königlichen Berufes verstand Wilhelm II. 
nicht, daß gerade dieser Beruf wie kein anderer Arbeitsamkeit, Konzen- 
tration und Ernst verlangt. Er hat nie die tiefe Wahrheit des Rats begriffen, 
den in den „Wahlverwandtschaften“ die Weisheit unseres größten Dichters 
dem verständigen Hauptmann in den Mund legt. ‚Nur eines laßt uns fest- 
setzen und einrichten“, spricht der Hauptmann zu seinem Freunde Eduard, 
„trennen wir alles, was eigentlich Geschäft ist, vom Leben! Das Geschäft 
verlangt Ernst und ‚Strenge, das Leben Willkür; das Geschäft die reinste 
Folge, dem Leben tut eine Inkonsequenz oft not, ja sie ist liebenswürdig 
6 Bülow II
        <pb n="106" />
        Bilanz 1905 
82 IM REICHSKANZLERPALAIS 
und erheiternd.“ Kaiser Wilhelm II. hielt es mehr mit Eduard, der nie dazu 
kommen konnte, seine Papiere nach Fächern abzuteilen, und auch Geschäfte 
und Beschäftigung, Unterhaltung und Zerstreuung nicht genugsam von- 
einander absonderte. 
Während meiner ganzen Amtszeit habe ich daran festgehalten, von Zeit 
zu Zeit in der Stille meines Schreibzimmers in Ruhe und Sammlung die 
internationale Situation wie unsere innere Lage durchzudenken. Wenn je 
ein Jahr, so bot das Jahr 1905, das unter für die Mentalität Wilhelms II. so 
bedeutungsvollen Auspizien begonnen hatte, hierzu Anlaß. Die alten 
schönen Bäume im Garten des Reichskanzlerpalais, unter denen die erste 
Liebe unseres guten alten Kaisers, die Prinzessin Elise Radziwill, träumte 
und litt, auf denen das Auge des Fürsten Bismarck geruht hat, sind mir 
Zeugen, wie oft ich mit ernsten und schweren Sorgen um Sicherheit und 
Zukunft des Vaterlandes auf sie geblickt habe. Wie jeder, der im öffent- 
lichen Leben gestanden hat, habe ich geirrt. Als der vielerfahrene und 
menschenkundige König Salomo den Tempel zu Jerusalem einweihte, 
wandte er sein Angesicht und segnete die ganze Gemeinde Israel und sprach 
zu ihr: „Es ist keiner, der nicht sündigt.‘“ Das gilt von den Fürsten und 
Staatsmännern unserer Tage noch viel mehr als von den Zeitgenossen des 
Monarchen, dessen Weisheit größer war denn aller Ägypter Weisheit, der 
3000 Sprüche redete, 1005 Lieder dichtete und alle Bäume kannte, von der 
Zeder auf dem Libanon bis zum Ysop, der aus der Wand wächst. Aber wenn 
ich meine Fehler und Irrtümer in keiner Weise beschönigen will, so gibt es 
doch einen Vorwurf, der mir bisweilen, aber mit großem Unrecht, gemacht 
worden ist, nämlich die Behauptung, daß ich, ein Lächeln auf den Lippen, 
in immer gleich strahlender Heiterkeit meines Amtes gewaltet hätte. Die 
von mir in ihrer künstlerischen Bedeutung nicht unterschätzte Karikatur 
hat gegenüber der geschichtlichen Wahrheit manches auf dem Kerbholz. 
Impressionistisch wie keine andere Kunstart, hat sie aus mir den heiteren 
Lebenskünstler, hat sie später aus Bethmann Hollweg den tiefsinnigen 
Philosophen gemacht. Ich war ebensowenig ein Epikuräer wie Bethmann 
ein Kantianer, der zu diesem Epitheton nur kam, weil unsere Witzblätter 
ihn wieder und immer wieder mit der „Kritik der reinen Vernunft‘ unter 
dem Arm darstellten. Ich bin während meiner zwölfjährigen Amtszeit in 
Berlin selten ohne ernste Sorgen aufgewacht und habe mich nur zu oft, 
wenn die Nacht sich niedersenkte, sorgenvoll auf das Lager gestreckt. 
Aber ich war allerdings der Meinung, daß der leitende Staatsmann eines 
großen Landes nicht wie ein bedrückter Aktuarius dreinschauen und unseren 
Gegnern entgegentreten soll, und ich war vor allem der Ansicht, daß es 
besser ist, den Hektor zu spielen als die Kassandra, daß-das englische „‚never 
say die‘ ein gutes Wort ist, daß, um unseren größten Dichter anzurufen:
        <pb n="107" />
        AUSWÄRTIGE LAGE ERNST 83 
Nimmer sich beugen, 
Kräftig sich zeigen, 
Allen Gewalten 
Zum Trotz sich erhalten 
die Arme der Götter herbeiruft und das Schicksal zwingt. 
Gewiß, die auswärtige Lage war ernst. Die Indier sagen, jeder Mensch 
trüge sein Schicksal auf seiner Stirn geschrieben. So auch die Völker. Dem 
deutschen Volk bedeutet seine geographische Lage in der Mitte von Europa, 
eingepfercht zwischen Franzosen und Slawen, sein Schicksal. In diesem 
Sinne habe ich geschrieben*, eingekreist seien wir seit dem Vertrage von 
Verdun, seit mehr denn tausend Jahren. Die Schwierigkeiten unserer Lage 
wurden erhöht durch die englische Eifersucht auf die sich immer mächtiger 
entfaltende, immer stürmischer, vielleicht zu stürmisch auf allen Welt- 
märkten vordrängende deutsche Industrie. Die Demokratie unserer großen 
Städte, die Asphalt-Demokratie, wie ich sie einmal genannt habe, verstand 
nicht, daß ich für den Schutz der deutschen Landwirtschaft nicht nur aus 
Gründen innerpolitischer ausgleichender Gerechtigkeit eintrat. Ich sah in 
einer blühenden Landwirtschaft auch ein Gegengewicht und einen Hemm- 
schuh gegen eine zu ausschließlich industrielle Entfaltung, die aus inner- 
wie aus außenpolitischen Erwägungen gleich bedenklich war. Aber schon 
Bismarck hatte gesagt, daß sich unsere industrielle Entwicklung nicht 
gewaltsam „kappen“ ließe. Wo wir uns nun einmal in dieser Richtung 
entwickelten, mußten wir, aus den in meinen öffentlichen Reden und jetzt 
in diesen meinen Denkwürdigkeiten oft dargelegten Gründen, den großen, 
von uns der See anvertrauten Teil unseres Nationalvermögens schützen, 
d.h. Kriegsschiffe bauen, was die englische Feindschaft gegen uns erheblich 
verschärfte und damit die Schwierigkeiten unserer Politik vermehrte. Als 
ich 1904 Seine Majestät zur Vereidigung der Marinerekruten nach Wilhelms- 
baven begleitete, hatte während des im Anschluß an die Vereidigung im 
Marinekasino stattfindenden Mittagessens der Kaiser, neben dem ich saß, 
plötzlich seine Hand auf meinen Arm mit den leise gesprochenen Worten 
gelegt: „Ist es nicht entsetzlich, zu denken, daß diese guten blauen Jungen, 
denen ich soeben den Eid abgenommen habe, vielleicht in wenigen Wochen 
tot auf dem Grund der Nordsee liegen sollen?“ Während er dies sagte, 
sprach aus seinen guten Augen eine solche Webmut, so viel Kümmernis 
und Sorge, daß es mir durch das Herz schnitt. Diese menschlich gewiß 
begreifliche Regung konnte aber nicht meine aus ruhiger Prüfung der Lage 
hervorgehende Überzeugung beeinflussen, daß trotz aller drohenden Reden 
der englischen Seeleute, deren bedeutendster, Lord Fisher, dem König 
  
* Deutsche Politik, 9. 293,
        <pb n="108" />
        84 DELCASSE 
Eduard VII. beständig in den Ohren lag, er möge ihm erlauben, bevor es 
zu epät würde, die deutsche Flotte zu „kopenhagenen“, das heißt ohne 
Kriegsansage zu überfallen und zu vernichten, England nur gegen uns 
vorgehen würde, wenn und nachdem wir mit Rußland in Krieg geraten 
wären. Schon darum mußten wir, der Bismarckschen Mahnungen und 
Warnungen eingedenk, mit Rußland Frieden balten. Das erschien möglich, 
wenn wir Rußland nicht an den Dardanellen entgegentraten und in unseren 
östlichen Provinzen der großpolnischen Propaganda keine Zugeständnisse 
machten. Wir durften natürlich Oesterreich nicht zertrümmern lassen. Wir 
durften aber die antirussischen Tendenzen und Pläne aufgeregter öster- 
reichischer Generäle und traditionell unfähiger Wiener Diplomaten wie der 
allzu hitzigen Magyaren nicht bis an die Grenze heranlassen, wo der Krieg 
zwischen Oesterreich und dem slawischen und orthodoxen Rußland unver- 
meidlich wurde. 
Bedenklich war auf dem europäischen Schachbrett eine Figur, und das 
war der französische Minister des Äußern, Delcass&amp;, König Eduard war 
nicht der Maon, uns plötzlich zu überfallen, wie manche Jingoes mit und 
ohne Marineuniform dies wollten. Auf meinen Neujahrsglückwunsch hatte 
er mir erwidert: „The Queen and I thank you for your good wishes and trust 
that the new year may bring peace and prosperity to the world at large. 
Eduard R.“ Eine andere Frage war, ob der König ein französisches Vor- 
gehen gegen uns nicht ganz gern sehen würde. Delcasse manövrierte nach 
dem berüchtigten Wort, das vor Olmütz dem Fürsten Felix Schwarzen- 
berg in den Mund gelegt wurde: „Il faut avilir la Prusse et puis la demolir.“ 
Delcasse wollte zunächst einmal unserem Ansehen in der Welt einen tüch- 
tigen Stoß versetzen, das Weitere werde sich dann schon finden. Daß Ruß- 
land momentan mit dem japanischen Krieg beschäftigt war, störte Delcasse 
nicht. Er hatte, wie damals die ganze Welt, eine ungeheure Meinung von 
den unbegrenzten Machtmitteln des unermeßlichen russischen Reichs mit 
seinen 130 Millionen Einwohnern. Er glaubte auch, daß sich im Falle eines 
deutsch-französischen Krieges der Friede zwischen Rußland und Japan 
unter englischer Ägide rasch herstellen lassen würde. Bismarck pflegte 
zu sagen, daB er, im Gegensatz zu dem bekannten englischen Spruch: 
„Measures not men“, der Ansicht wäre, es käme mehr auf die Männer an, 
die eine Maßregel durchzuführen hätten, als auf die Maßnahme selbst. 
Er hat auch das von ihm in das Goldene Buch des Germanischen Museums 
zu Nürnberg eingetragene tiefe Wort: „Unda fert nec regitur“ selbst 
dahin definiert, daß Gang und Stärke der Welle von der Vorsehung 
bestimmt würden, daß aber die Fähigkeit, sich von der Welle tragen zu 
lassen, von Kraft und Geschick des Schwimmers abhinge. Längeres 
Zuwarten gegenüber den bösen Absichten wie den Intrigen des franzö-
        <pb n="109" />
        DER MONARCHISCHE REITER 85 
sischen Ministers des Äußern erschien bedenklich, seine Beseitigung ohne 
Krieg erstrebenswert. 
Im Mittelpunkt meiner inner- und außenpolitischen Sorgen stand nach 
wie vor die Persönlichkeit des Kaisers. Bismarck hatte mit vollem Bewußt- 
sein den König zum Träger des preußischen und damit des deutschen 
Staatswesens gemacht. Nach seinem Rücktritt hat Bismarck mehr als 
einmal geäußert, er habe dem monarchischen Reiter wieder in den Sattel 
geholfen, aber zu sehr. „Troppo mi ha aiutato Sant’ Antonio“, meint der 
neapolitanische Schiffer, wenn der heilige Antonius, den er um Wind ge- 
beten hat, ihm einen Sturm schickt. Schon lange vor dem Schicksals- und 
Unheilsjahr 1890 hatte mein Vater, ein kirchlich gläubiger, politisch kon- 
servativer und ganz monarchisch gerichteter Mann, dem Fürsten Bismarck 
mehr als einmal gesagt, er habe das Schwergewicht des Staatswesens, Wohl 
und Wehe des Reichs zu sehr mit der Person des Monarchen verknüpft. 
Bismarck hat sich über diesen Punkt meinem Vater gegenüber, der einer 
der wenigen war, von denen er Ratschläge annahm, offen ausgesprochen. 
Er erwiderte meinem Vater auf dessen Bemerkung, für das Staatsganze 
wie für des Fürsten eigene Stellung würde es nützlich sein, der Volksver- 
tretung einen größeren Einfluß einzuräumen, statt sich ganz auf den Thron 
einzustellen: „An und für eich haben Sie wohl recht, aber niemand kann 
über seinen Schatten springen. Ich bin nun einmal in erster Linie Royalist, 
alles andere kommt hinterher. Ich schimpfe auf den König, ich kann mir 
auch denken, daß man als Junker gegen den König rebelliert, ich nehme 
den König in meiner Weise, ich beeinflusse, ich ‚behandle*, ich leite ihn, 
aber er ist mir der Mittelpunkt meines Denkens und Handelns, der Punkt 
des Archimedes, von dem aus ich die Welt bewege.“ Wie nun einmal 
Bismarck das Deutsche Reich erbaut und eingerichtet hatte, war für die 
äußere wie für die innere Politik die Individualität des Königs von Preußen 
und Deutschen Kaisers von der allerentscheidendsten Bedeutung. Darüber 
war sich Bismarck selbst nie im Zweifel. Nach dem Nobiling-Attentat 1878 
sagte er in meiner Gegenwart zu seinem Sohn Herbert, der trübe Betrach- 
tungen über die Zukunft angestellt hatte: „Um das deutsche Volk ist mir 
nicht bange, der Klumpen ist zu groß, als daß er ganz zerrieben werden 
könnte. Die einzelnen Teile werden sich wohl immer wieder in irgendeiner 
Weise zusammenfinden. Aber die Hohenzollern könnten allerdings kopf- 
über gehen, wenn sie die Eigenschaften verlieren sollten, die unser alter 
Herr besitzt, den nüchternen, hausbackenen Menschenverstand, die auf 
ein ruhiges und gutes Nervensystem fundierte Courage, die Bescheidenheit.“ 
Gerade diese Qualitäten mangelten zu seinem und unserem Unglück 
dem im übrigen so reich, so glänzend begabten Wilhelm II. Von ihm noch 
mehr als von seiner Mutter galt das Wort, das über diese einmal einer der
        <pb n="110" />
        86 WILHELM II. RÄSONIERT 
ausgezeichnetsten englischen Staatsmänner der Victorianischen Ära, der 
1891 verstorbene Earl of Granville, zu meiner ihm durch Verwandtschaft 
verbundenen Schwiegermutter, Donna Laura Minghetti, gesprochen hatte: 
„Our Princess Royal, the Crown Princess of Prussia, is very clever, but not 
wise.‘“‘ Nach außen erregte Wilhelm II. nach siebzehnjähriger Regierung 
bei den Völkern schon vielfach Widerspruch und Abneigung, aber noch 
immer Neugierde und Interesse. Das Vertrauen der Höfe und Regierungen 
zu ihm hatte sehr abgenommen. Die meisten Fürstlichkeiten hatte er sich 
ebenso wie viele fremde Staatsmänner durch die Unvorsichtigkeit, mit der 
er seiner Zunge freien Lauf ließ, zu Feinden gemacht. „Die Zunge“, 
schreibt der Apostel Jakobus, „ist ein kleines Glied, aber sie richtet große 
Dinge an.“ Bei Wilhelm II. hat sie viel Böses angerichtet und vor allem 
ihm selbst viel Schaden zugefügt. Er hätte sich schwere Stunden, seinen 
Ratgebern schwere Mühen ersparen können, wenn er der Warnung des 
Apostelfürsten Petrus besser eingedenk geblieben wäre, die ich ihm ge- 
legentlich vor einer bevorstehenden Reise ins Ausland, als Vademecum, 
niedergeschrieben auf ein Blättchen Papier, mitgab: „Wer leben will und 
gute Tage sehen, der schweige seine Zunge.“ (1. Petr. 3, 10.) Der englische 
Botschafter in Berlin, Sir Frank Lascelles, mein langjähriger Freund, 
sagte mir 1905, die Abneigung König Eduards gegen seinen Neffen flöße 
ihm weniger Besorgnis ein als die Tatsache, daß der Kaiser bei den maß- 
gebenden englischen Politikern allmählich alles Vertrauen einbüße. Sir 
Frank begründete diese Äußerung damit, daß der Kaiser jedem Engländer 
hoch und heilig beteuere, er sei schon als Enkel der Königin Victoria Eng- 
lands bester Freund; hinter dem Rücken der Engländer aber hetze er 
gegen sie. Als ich das bestritt, vertraute mir Lascelles den nachstehenden 
Vorfall an: Während der letzten Kieler Woche habe der Kaiser wiederholt 
dort eingetroffene amerikanische Jachten besucht. Wenn ich dabei gewesen 
wäre, hätte er leidlich verständig gesprochen, sonst aber in allen Tonarten 
über die Englünder räsoniert und den Amerikanern anempfohlen, bei ihm, 
dem Kaiser, Schutz gegen das perfide Albion zu suchen. „Der Kaiser“, 
fuhr Lascelles fort, „wußte nicht, daß sich auf einer der amerikanischen 
Jachten unter den Amerikanern der englische Marineattache in Washington 
befand, der über die Auslassungen Seiner Majestät nach London berichtete. 
Ich habe den Bericht selbst gesehen und gelesen.‘ Die Gefühle des Zaren 
für den Kaiser waren allmählich mehr und mehr erkaltet, weil „Nicky“ 
den Ton, den „Willy“ ihm gegenüber bisweilen anschlug, zu belehrend 
und überheblich fand. Der Großfürst Wladimir sagte mir bei einer zufälligen 
Begegnung, die ich mit ihm hatte: „Votre Empereur commence ä donner 
sur les nerfa A mon neveu, l’Empereur. Mon neveu le trouve trop outre- 
cuidant et les conseils que votre Empereur lui donne, trop cousus de fil
        <pb n="111" />
        DIE GELBEN BÄUME 87 
blanc, sourtout quand dans ses lettres il lui dit du mal de I’Oncle Edouard 
et de la R&amp;publique frangaise.‘“ In Italien hatte es Wilhelm II. mit dem 
König Viktor Emanuel III. und der Königin Elena persönlich schon längst 
verdorben. Der einzige Hof, den er menagierte, war der Wiener Hof, und 
auf den kam es verhältnismäßig am wenigsten an, weil Österreich uns 
notwendiger brauchte als wir die Doppelmonarchie. 
Auch die Idiosynkrasie des Kaisers gegen die Japaner störte unsere 
politischen Kreise. Als der Russisch- Japanische Krieg sich seiner Entschei- 
dung näherte, schrieb ich darüber Seiner Majestät: Ein Wiedcerauferstehen 
der Tamerlan und Dschingiskhan hätten wir vorläufig nicht zu befürchten. 
Einer solchen Gefahr entgegenzutreten, wären übrigens, wie ein Blick auf 
die Landkarte zeige, in erster Linie Rußland, England und Frankreich 
berufen. Es wäre Sache dieser Mächte, einer etwaigen gelben Gefahr ent- 
gegenzutreten. Von diesen drei Vertretern der weißen Rasse erschiene aber 
jetzt Rußland allein auf dem Plan. Frankreich hätte in aller Stille seine 
Nadel aus dem Spiel gezogen, England sich mit der gelben Rasse verbündet. 
Für Deutschland liege in der gegenwärtigen Dislozierung der Machtfaktoren 
meines Erachtens eine ernste Mahnung zur Vorsicht. Daß die gelben 
Bäume nicht in den Himmel wüchsen, dafür sei auch ohne Deutschlands 
Mitwirkung mehr als genügend gesorgt. Ich betonte: „Viel näher liegt die 
Gefahr, daß wir eines Tages Japan als den Verbündeten weißer Feinde 
gegen uns haben.‘ Wir hätten also ein unmittelbares und erhebliches poli- 
tisches Interesse daran, die gegenwärtige Krisis auszunutzen, um unsere 
Beziehungen zu Japan zu verbessern, was ohne Falschheit gegen Rußland 
geschehen könne, wenn wir an unserer bisherigen loyalen Neutralität auch 
weiter festhielten.
        <pb n="112" />
        Persönliche 
Beziehungen 
Bülows zum 
Kaiser 
VI. KAPITEL 
Bülows Verhältnis zu Wilhelm II.: Bülow hat das Gefühl, Seiner Majestät allmählich 
unbequem zu werden » Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet » Die Bergarbeiternovelle- 
Debatte im Preußischen Abgeordnetenhaus » Die neuen Handelsverträge im Reichstag 
(1.11. 1905) « Zustimmende Briefe und Erklärungen + Die Annahme der Kanalvorlage 
(25. II. 1905) - Minister von Budde » Verhältnis Wilhelms Il. zu den Parteien - Briefe 
des Grafen Monts über Zentrum und Katholizismus » Mission des Freiherrn von Hert- 
ling nach Rom - Rücktritt des Oberpräsidenten von Schlesien, Fürsten Hatzfeldt- 
Trachenberg » Dr. Michaelis, der spätere Reichskanzler, wird für die Stellung eines 
Oberpräsidialrats in Breslau zu unbedeutend befunden + Die Marokko-Frage, Stellung- 
nahme Wilhelms II. 
uf dem Gebiet der inneren Politik fehlte es so wenig an kaiserlichen 
Entgleisungen wie hinsichtlich der diplomatischen Behandlung unserer 
Nachbarn, nur waren sie weniger gefährlich. Das in der auswärtigen Politik 
zerschlagene Porzellan war kostbarer, als was im Innern zu Schaden kam. 
Ich habe bis zu meinem Rücktritt an der Überzeugung festgehalten, daß 
es zu einer Revolution nur nach einem unglücklichen Krieg kommen würde. 
Zu wünschen war allerdings, daß Wilhelm II. nicht durch ungeschickte 
autokratische Allüren die intellektuellen Kreise zu sehr vor den Kopf 
stieß. Dabei war Wilhelm II. im Grunde und in Wirklichkeit in keiner Weise 
ein Monarch a la Friedrich Wilhelm I. oder Nikolaus I. Er gab sich nur den 
Anschein eines Autokraten, ohne es zu sein. Er hat nie ernstlich daran ge- 
dacht, die Verfassung aufzuheben. Es fehlte ihm zum wirklichen Autokraten 
die Festigkeit, die Härte, die geistige Energie, die Stetigkeit. Seine Auf- 
fassung des Herrscherberufs ist mir nie deutlicher entgegengetreten als bei 
einem kurzen Gespräch, das ich einmal im Neuen Palais mit ihm hatte. 
Ich war mit meiner Frau und meiner Schwiegermutter zur Mittagstafel 
eingeladen. Nach Tisch zeigte uns der Kaiser in liebenswürdiger Weise die 
von Friedrich dem Großen bewohnten Zimmer. Auf einem Tisch lag unter 
einer Glasplatte ein Faksimile des Testaments des großen Königs, das, 
an seinen Neffen und Nachfolger gerichtet, in französischer Sprache un- 
gefähr mit den Worten anhebt: Der Zufall der Geburt habe den künftigen 
Friedrich Wilhelm II. zum Erben der Krone bestimmt. Nur durch Tüchtig- 
keit, Gewissenhaftigkeit und ernste Arbeit könne er beweisen, daß er diese 
Stelle verdiene. Wilhelm II. trat auf mich zu, als ich diese herrlichen Worte
        <pb n="113" />
        „LANGE NICHT SO INDISKRET...“ 89 
las, und sagte zu mir: „Ich kann mir denken, daß Sie diese Auffassung be- 
wundern. Ich selbst denke aber doch nicht ganz so.“ Nach einer kleinen 
Pause fügte er hinzu: „Ich halte es mit Kaiser Maximilian I. Der mußte 
auf einer Gemsjagd in einer kleinen Jagdhütte übernachten. Während er 
schlief, schrieben einige Herren seines Gefolges, so ein paar freche Junker, 
mit Kreide an die Wand: ‚Maximilian! Maximilian! Du bist nur ein Mann 
wie ein anderer Mann.‘ Kaiser Maximilian schrieb mit derselben Kreide 
darunter: ‚Wohl bin ich ein Mann wie ein anderer Mann, nur daß mir Gott 
hat Ehre angetan.‘ Da hatten die Junker ihr Fett weg.“ Von dem Kaiser 
Maximilian sagt Gregorovius in seiner klassischen Geschichte der Stadt Rom 
im Mittelalter, daß sein Geist nicht tief, aber aufgeregt und phantasievoll 
gewesen wäre. 
Mein persönliches Verhältnis zum Kaiser blieb trotz gelegentlicher 
Friktionen noch gut. Doch mag ich ihm schon damals hier und da un- 
bequem geworden sein. Dies trat charakteristisch bei nachstehendem Vor- 
fall zutage. Als ich ihm vor einer Begegnung mit dem König Georgios von 
Griechenland, der als dänischer Prinz und weil vom Kaiser damals nicht 
immer freundlich behandelt, auch infolge des alten Gegensatzes zwischen 
den Häusern Glücksburg und Augustenburg den Kaiser persönlich nicht 
mochte, andererseits aber als Bruder der Königin Alexandra von England 
und der Kaiserin-Mutter Maria Feodorowna von Rußland manche Möglich- 
keit besaß, uns zu schaden, Vorsicht in seinen politischen Äußerungen an- 
empfahl, telegraphierte mir der Kaiser: „Ich finde es zum mindesten 
entwürdigend, daß Eure Exzellenz Mich für eine solche klatschsüchtige 
alte Kafleeschwester halten. Ich bin lange nicht so indiskret wie Ihre Büro- 
und Auswärtigen-Amts-Räte!“ 
Als ich hierauf die Antwort nicht schuldig blieb, telegraphierte mir 
Seine Majestät von der Burg Hohenzollern, die er gern von Zeit zu 
Zeit aufsuchte: „Sende Ihnen von der Stammfeste meines Hauses, die 
ich eben besuche, herzlichste Grüße. Ein großartiger Rundblick wird 
uns bei herrlichstem Wetter gewährt und erhebt den Geist dankerfüllt 
zu den blauen Fernen empor, aus denen Gott dieses Schloß und sein 
Geschlecht so herrlich gesegnet, nicht zum mindesten mit so treuen 
Dienern, wie Sie einer sind.“ Man konnte Wilhelm II. nicht lange böse sein. 
Rubige Überlegung führte mich zu dem Entschluß, in der inneren Politik 
zunächst die zur parlamentarischen Beratung stehenden Gesetzesvorlagen 
durchzuführen. In Voltaires unsterblichem „Candide‘ antwortet der Held 
des Romans seinem Lehrer Pangloss auf dessen metaphysische Betrach- 
tungen: „Cela est bien dit, mais il faut cultiver votre jardin.‘“ Und der 
Freund beider, der alte Philosoph Martin, meint: „Travailler sans raisonner, 
c’est le seul moyen de rendre la vie supportable.“
        <pb n="114" />
        Vermittlung 
im Ruhrgebiet 
9% BERGARBEITERSTREIK 
Die erste innerpolitische Frage, die meiner Aufmerksamkeit bedurfte, 
war der drohende Bergarbeiterstreik. Unter den Bergarbeitern des Ruhr- 
reviers zeigte sich seit Anfang Januar 1905 eine starke Gärung. Sie klagten 
über das Sinken der Löhne in den letzten Jahren, namentlich darüber, daß 
die Ein- und Ausfahrt nicht in die Arbeitszeit mit eingerechnet würde, 
über hohe Geldstrafen, rigoroses Wagennullen, aber auch über schlechte 
Behandlung von seiten ihrer Vorgesetzten. Am 14. Januar 1905 streikten 
schon 60.000, acht Tage später 200000 Bergarbeiter von 270000. Der Kaiser 
neigte zu der Ansicht, daß wir in den Streik nicht eingreifen und namentlich 
nicht vermitteln sollten. Je toller es im Ruhrgebiet hergehe, um so besser, 
das würde die Bourgeoisie klüger und vorsichtiger machen. Das würde ihr 
zeigen, daß er, der Kaiser, als er in seiner berühmten Bielefelder Rede für 
jeden, der einen deutschen Arbeiter am Arbeiten hindere, Zuchthausstrafe 
verlangt habe, ganz recht gehabt hätte. Er vertrat mit einem Wort den 
Standpunkt, den er seinerzeit lebhaft bekämpft hatte, als nicht lange vor 
dem Rücktritt des Fürsten Bismarck zwischen dem großen Kanzler und 
dem Kaiser wegen der Arbeiterfrage im allgemeinen und insbesondere 
wegen des damaligen Streiks im Ruhrrevier die Ansichten weit auseinander- 
gingen. Bei aller Bewunderung für den Fürsten Bismarck konnte ich mich 
der Auffassung, die er im Frühjahr 1890 in der Arbeiterfrage vertreten 
hatte, nicht anschließen. Amicus Plato, amicior veritas. Jedenfalls fand ich 
die Taktik, die fünfzehn Jahre früher mit dem Gründer des Reichs vielleicht 
triumphiert hätte, für 1905 nicht angebracht. Ich entsandte den Oberberg- 
hauptmann von Velsen in das Streikgebiet, um eine Verständigung herbei- 
zuführen. Er begegnete bei den Zechenbesitzern schrofler Ablehnung. Sie 
erklärten, daß sie unter keinen Umständen mit der Gesamtheit der Arbeiter 
verhandeln wollten, sondern nur Unterhandlungen zwischen einzelnen 
Zechen und einzelnen Arbeitern admittierten. Einige der großen Arbeit- 
geber wiesen dem Oberberghauptmann, zu dem sie früher in freundschaft- 
lichen Beziehungen gestanden hatten, die Tür. Infolge dieser schroffen 
Haltung der Arbeitgeber wandten sich die Sympathien mehr und mehr 
den Arbeitnehmern zu. Der Erzbischof Fischer von Köln schenkte den 
Christlichen Gewerkschaften Mk. 1000.—, der Evangelisch-soziale Kongreß 
forderte zur Unterstützung der Arbeiter auf, ohne deshalb alle ihre Forde- 
rungen billigen zu wollen. 
Mitte Januar kam die Frage im Reichstag zur Erörterung. Ich nahm 
keinen Anstand, zu erklären*, daß nach meiner Auffassung die Behörden 
bei Streiks eine doppelte Pflicht zu erfüllen hätten. Sie müßten dafür ein- 
stehen, daß Ordnung und Ruhe aufrechterhalten blieben und die Gesetze 
* Fürst Bilows Reden, Große Ausgabe II, S.151 ff., 203 £., 219 ff., 224 ., 233 ff.; Kleine 
Ausgabe III, S. 205 ff., 285 ff., 292 ff., 298 ff., 306 ff., 317 £.
        <pb n="115" />
        DER LANGE MÖLLER 9 
gleichmäßig und gerecht zur Anwendung gebracht würden. Sie müßten 
eich aber auch nach Kräften bemühen, im Interesse des sozialen Friedens, 
des Gedeihens der Industrie und des Schutzes der Arbeiter eine Einigung 
zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern herbeizuführen. Ich forderte 
die Arbeitnehmer auf, sich von Ausschreitungen fern und streng im Rahmen 
der Gesetze zu halten. Ich richtete an die Arbeitgeber die Mahnung, 
gegenüber den Wünschen und Beschwerden der Arbeitnehmer Verständnis 
und Entgegenkommen zu zeigen. Deshalb schlösse ich mich von ganzem 
Herzen der Hoffnung an, die, bevor ich das Wort ergriff, der Zentrums- 
abgeordnete Herold ausgesprochen hatte: daß auf beiden Seiten die be- 
sonnene Überlegung die Oberhand behalten möge! Inzwischen hatte ich 
im preußischen Staatsministerium nicht ohne Schwierigkeit einen Gesetz- 
entwurf durchgesetzt, der unter Abänderung des Berggesetzes hinsichtlich 
des Arbeiterschutzes die Interessen der Bergarbeiter gegen die Folgen des 
willkürlichen Stillegens der Zechen von seiten der Besitzer sicherstellte. Ich 
hielt es für meine Pflicht, die Bergarbeiternovelle im Abgeordnetenhaus 
selbst zu vertreten. Es kam dazu, daß der Handelsminister Möller von 
seiner eigenen Partei, den Nationalliberalen, so scharf befehdet wurde, daß 
ich für ihn einspringen mußte. 
Der Handelsminister Möller war vor seiner Ernennung ein allgemein ge- 
achtetes und besonders beliebtes Mitglied des Reichstags gewesen. Ich hatte 
ihn dem Kaiser als Handelsminister vorgeschlagen, nicht nur, weil er dieser 
Stellung sachlich gewachsen war, sondern auch, um einen Anfang mit der 
Berufung von Parlamentariern in das Staatsministerium zu machen. Er 
war kaum ernannt, als gerade von parlamentarischer Seite seine Ernennung 
getadelt und er selber angegriffen wurde. Eugen Richter erregte Stürme von 
Heiterkeit, als er bei der Etatsdebatte seine Betrachtungen über den Etat 
des Handelsministeriums mit den Worten begann: „Es wird immer döller, 
da kommt der lange Möller.“ Minister Möller war ein hochgewachsener, 
stattlicher Mann. Am giftigsten befehdete ihn seine eigene Partei. Als ich 
ibn einmal frug, worauf dies zurückzuführen wäre, meinte er mit dem Gleich- 
mut und dem Humor, die diesen echten Westfalen nie verließen: „Das ist 
sehr einfach! In meiner Fraktion sind mindestens drei, die selbst gern 
Minister geworden wären.“ Die Hauptschwierigkeiten kamen ihm von dem 
nationalliberalen Abgeordneten Heyl. Herr Cornelius Heyl war ein reicher 
Lederhändler aus Worms. Er hatte das bei Worms gelegene, altberühmte 
Gut Herrnsheim gekauft, das einst das Stammgut der historischen Familie 
Dalberg war, die als Erbkämmerer des Hochstifte Worms dem alten Reich 
mehrere Erzbischöfe und Kurfürsten geschenkt hatte. Bei jeder Krönung 
mußte der Reichsherold rufen: „Ist kein Dalberg da?“ War einer da, so 
erhielt dieser den ersten Ritterschlag vom neuen römischen Kaiser deutscher 
Möller und 
die National. 
liberalen
        <pb n="116" />
        Novelle zum 
Berggesetz 
92 RITTER VOM LEDER 
Nation. Karl Dalberg war der letzte Kurfürst von Mainz und Erzkanzler 
des alten Reichs, dann Großherzog von Frankfurt. Wolfgang Dalberg 
wurde die Zierde seines Geschlechts, indem er als Intendant des Mann- 
heimer Nationaltheaters Schillers erste Dramen aufführen ließ. Emmerich 
Dulberg schloß sich erst Napoleon, nach dessen Sturz den Bourbonen an 
und wurde französischer Duc. Er war der letzte Dalberg der Herrnsheimer 
Linie. Seine einzige Tochter heiratete den englischen Lord Acton, einen 
Onkel meiner Frau. Herrnsheim wurde an den reichen Cornelius Heyl ver- 
kauft. Der ließ sich vom Großherzog von Hessen baronisieren und gleich- 
zeitig ein prächtiges Buch schreiben, in dem Schloß Herrnsheim und die 
Familie Dalberg verherrlicht wurden. Seitdem hielt sich Cornelius Heyl 
durch eine Art von Autosuggestion für einen Dalberg. In einer parlamenta- 
rischen Diskussion mit ihm ließ sich Eugen Richter einmal zu der bos- 
haften Äußerung hinreißen: Es gäbe Ritter vom Schwert, diesen könne er 
seine Achtung nicht versagen. Es gäbe auch Ritter von der Feder, die er 
gleichfalls hochstelle. Aber für die Ritter vom Leder habe er nichts übrig. 
Im Gegensatz zu dem Freiherrn von Heyl machte mir der sozialdemo- 
kratische Vertreter von Bochum-Gelsenkirchen, Otto Hu&amp;, einen sehr 
sympathischen Eindruck. Sohn eines Hüttenarbeiters, erst Schlosser, 
dann Bergarbeiter, hatte er sich auf den Reisen, die er als Handwerks- 
bursche mit offenem Blick unternommen hatte, eine ungewöhnliche Kennt- 
nis der Arbeiter- und insbesondere der Bergarbeiter-Verhältnisse nicht nur 
in Deutschland, sondern auch in Belgien, Frankreich und England ange- 
eignet. Er blieb auch in der Debatte immer sachlich und besonnen. Man 
brauchte bloß in sein ehrliches Gesicht zu sehen, um zu wissen, daß er ein 
kreuzbraver Mann war. Bei den Verhandlungen in Spa (1920), bei denen 
der redliche, aber spießbürgerlich wirkende Kanzler Fehrenbach durch die 
Rührseligkeit seiner Reden mehr als einmal den leisen Spott der Entente- 
Staatsmänner erregte, äußerte Lloyd George, daß Hu&amp; ihm von den deut- 
schen Vertretern weitaus den besten Eindruck gemacht habe. 
Bebel behandelte 1905 den Streik und die Streiklage lediglich vom Stand- 
punkt der Agitation. Natürlich goß er alle Schalen seines Zorns über mich 
aus, dem er Verständnislosigkeit für die Nöte und Wünsche der Arbeiter 
und Unterwürfigkeit gegenüber den Arbeitgebern vorwarf, die ihrerseits 
mich feindseliger Gesinnung gegen sie selbst und des Kokettierens mit der 
Sozialdemokratie beschuldigten. So konnte ich wieder einmal mit dem 
Apostel Paulus sagen: „Judaeis scandalum, Graecis stultitia.‘‘ Ich tröstete 
mich damit, daß mir der französische Botschafter nach Beendigung des 
Streiks sagte, ein wochenlanger Ausstand von 200000 Bergarbeitern ohne 
einen einzigen Krawall, obne daß ein einziger Schuß gefallen wäre, sei für die 
sichere Fundierung der deutschen Verhältnisse und für die verständige Art,
        <pb n="117" />
        AGRAR- UND INDUSTRIELAND 93 
mit der in Deutschland regiert würde, ein glänzendes Zeugnis. Die von mir 
eingebrachte Novelle zum Berggesetz, die es der Regierung ermöglichte, 
übermäßige Arbeitszeiten herabzusetzen, die das Strafsystem reformierte, 
eine Reihe sanitärer Vorschriften brachte und vor allem Arbeiterausschüsse 
einsetzte, um die Wünsche der Arbeiterschaft den Besitzern vorzutragen, 
stieß im Preußischen Landtag auf starken Widerstand bei den Konserva- 
tiven und fast noch mehr bei dem rechten Flügel der Nationalliberalen, 
wurde aber schließlich durch eine Mehrheit, die aus Zentrum, Freikonserva- 
tiven und einem Teil der Nationalliberalen bestand, in der von mir ge- 
wünschten Form angenommen. Ich war immer der Ansicht, daß Arbeit- 
geber und Arbeitnehmer berufen sind, an unserer wirtschaftlichen Ent- 
wicklung gemeinsam mitzuwirken. Ich hoffte, daß der große Gedanke der 
Arbeitsgemeinschaft unserer werktätigen Bevölkerung sich im Frieden, 
allmählich und ohne gewaltsamen Umsturz durchsetzen werde. Möge nach 
so viel Blut und Tränen die Notwendigkeit der Zusammenfassung aller 
schaffenden Kräfte unseres Wirtschaftslebens mehr und mehr unser Volk 
durchdringen und dazu beitragen, die Wunden zu heilen, die Krieg und 
Revolution uns geschlagen haben. 
Am 1. Februar brachte ich im Reichstag die neuen Handelsverträge ein 
mit einer mehr als zweistündigen Rede*. Die Parteien, die mir im vorigen 
Reichstag geholfen hatten, den Zolltarif durchzusetzen, blieben mir auch 
jetzt treu. Als ich feststellte, daß es meinen Mitarbeitern und mir gelungen 
wäre, bei erheblich verstärktem Schutz für die Landwirtschaft doch auch 
die Interessen unserer Industrie und unseres Handels wahrzunehmen, ent- 
sprechend meiner Überzeugung, daß Deutschland Agrar- und Industrie- 
land wäre, unterbrachen mich Protestrufe der Linken. Ich habe nie etwas 
davon gehört, daß, als sich unsere Industrie und unser Handel unter dem 
Schutz dieser von meinen Mitarbeitern und mir abgeschlossenen Handels- 
verträge während des nächsten Jahrzehnts glänzend entwickelten, die 
Zwischenrufer von damals ihren Irrtum eingestanden hätten. Wohl aber 
behielt ich recht mit der von mir am Schluß meiner langen Rede ausge- 
sprochenen Überzeugung, daß von den neuen Handelsverträgen kein Er- 
werbsstand im Deutschen Reich ganz befriedigt sein werde, daß sie aber 
das Wohl unserer gesamten nationalen Arbeit fördern würden und daß, wer 
ihnen seine Zustimmung erteile, der inneren und äußeren Wohlfahrt des 
Deutschen Reichs diene. 
Diese Auffassung teilten die deutschen Bundesfürsten, von denen mir 
der Großherzog Friedrich von Baden telegraphierte, sein nationales Emp- 
finden dränge ihn, mir seine Dankbarkeit auszusprechen „für diesen großen 
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, S. 157—176; Kleine Ausgabe III, S. 212—238. 
Annahme der 
neuen 
Handels- 
veriräge
        <pb n="118" />
        94 THEODOR BARTH 
Akt staatsmännischen Wirkens“. Der König von Sachsen schrieb mir, daß 
dies ganz besonders für Sachsen hocherfreuliche Ereignis meiner Klugheit 
zu verdanken wäre. Der badische Staatsminister von Brauer schrieb: 
„Wir wissen alle, daß das Zustandekommen dieses wichtigen Vertragswerks 
in allererster Linie Ihrem geschickten Vorgehen zu danken ist.‘ Aus 
München richtete der damals schon vierundachtzigjährige Prinzregent 
Luitpold ein Handschreiben an mich, in dem es hieß: „Mit der Aunahme 
der neuen Handelsverträge können Eure Exzellenz auf ein Werk zurück- 
blicken, das zu den schwierigsten und mühevollsten der Staatskunst gehört. 
Ich hoffe zuversichtlich, daß die für die wirtschaftliche Entwicklung des 
Reichs so bedeutsamen Verträge für alle Erwerbsstände unseres deutschen 
Vaterlandes von segensreicher Wirkung sein werden. Das Verdienst, dieses 
große Werk durch alle Schwierigkeiten hindurchgeführt und zum glück- 
lichen Abschluß gebracht zu haben, gebührt vor allem Eurer Exzellenz. 
Es gereicht mir zur wahren Freude, dies auszusprechen und Sie zu diesem 
neuen Erfolge Ihres mühevollen und aufopfernden Wirkens herzlichst zu 
beglückwünschen.““ In Ergänzung dieses Handschreibens schrieb mir der 
bayrische Staatsminister von Podewils: „Die bayrischen Minister fühlen 
sich gedrungen, ihrer Überzeugung Ausdruck zu geben, daß das gewaltige 
Vertragswerk, das den ökonomischen Interessen Deutschlands auf lange 
Jahre hinaus den unschätzbaren Vorteil ruhiger, gedeihlicher Entwicklung 
zu sichern bestimmt ist, ohne die unermüdliche Tatkraft und weise, von 
großen Gesichtspunkten getragene Leitung Eurer Exzellenz schwerlich 
hätte zur Vollendung gelangen können.“ Freiherr von Podewils bezeichnete 
es gleichzeitig als die tiefgefühlte Pflicht der bayrischen Regierung, ihrem 
innersten Dank dafür rückhaltlosen Ausdruck zu geben, daß ich neben den 
allgemeinen Interessen auch den Sonderinteressen des bayrischen Landes 
stets volle Beachtung und Förderung hätte angedeihen lassen. Gegenüber 
den von freihändlerischer Seite und ganz besonders von dem Bremer 
Syndikus und Abgeordneten Theodor Barth gegen meine Handelspolitik 
gerichteten Angriffen war es mir eine Beruhigung, daß der Präsident des 
Norddeutschen Lloyd, dem ebenso wie der Hamburger Hapag mein be- 
sonderes Interesse galt, die Überzeugung aussprach, die neuen Handels- 
verträge, die in erster Linie der Tatkraft und Energie des Reichskanzlers 
zu verdanken wären, würden dem deutschen wirtschaftlichen Leben reichen 
Segen bringen. Vielleicht die größte Freude bereitete mir das nachstehende 
Telegramm meines alten Freundes, des Poeten Adolf Wilbrandt, aus 
Rostock: „Sie haben in diesen letzten Jahren und Wochen ein großes Stück 
Ihres Lebenswerks vollendet, nicht etwas Makelloses, das noch niemand 
vom Himmel herunterbolte, oder gar das allen Genügende, das beim 
Schöpfer in den Winkeln der schreienden Unmöglichkeiten schlummert,
        <pb n="119" />
        MINISTER BUDDE 95 
aber ein großes Werk voll Patriotismus, Klugheit und Tatkraft, bei dem 
wir ehrenvoll und kräftespannend weitergedeihen mögen, das segne Gott! 
Lieber Freund, ich beglückwünsche Sie von ganzem Herzen.“ Der Kaiser 
richtete ein Handschreiben an mich, in dem es hieß: „Gern und freudig 
erkenne Ich an, daß es vornehmlich das Verdienst Ihrer staatsmännischen 
Kunst und Ihrer zielbewußten Leitung der Verhandlungen gewesen ist, 
daß dieser schöne Erfolg trotz aller entgegenstehenden Schwierigkeiten 
erreicht worden ist. Ihnen gebührt daher in erster Linie Mein Dank, den Ich 
Ihnen von ganzem Herzen ausspreche, und Ich bitte Sie zugleich, als 
äußeres Zeichen Meiner Anerkennung und Meines Wohlwollens Meine 
Büste in Marmor freundlichst anzunehmen.“ Die Unterschrift dieses Hand- 
schreibens lautete: „Ihrer treuen Dienste allezeit eingedenk, verbleibe 
Ich Ihr dankbarer Kaiser und König Wilhelm, I. R.“ Das Wort „allezeit‘ 
hatte Seine Majestät dick unterstrichen. Auf meinen Vorschlag verlieh der 
Kaiser meinem hochverdienten Mitarbeiter, dem Grafen Posadowsky, den 
Schwarzen Adlerorden und ernannte den Staatssekretär von Richthofen, 
der sich um das Zustandekommen der Handelsverträge ebenfalls sehr ver- 
dient gemacht hatte, zum preußischen Staatsminister. 
Seit Jahr und Tag spielte in unserer inneren Politik die Kanalfrage eine 
große Rolle. Sie hatte viel Staub aufgewirbelt, sie hatte sehr zur Vergiftung 
der inneren Atmosphäre und unserer inneren Politik beigetragen. Dem 
Kaiser schwebte, wie nicht selten, ein gutes Ziel vor, würdig des Schweißes 
der Edlen. Um so verfehlter war seine Taktik, bald zu drohen und zu toben, 
dann wieder alle Hoffnung aufzugeben. In langwierigen Besprechungen 
und Beratungen erreichte ich schließlich, daß die Kanalvorlage am 27. Fe- 
bruar 1905 mit 256 gegen 132 Stimmen angenommen wurde. Eine Reihe 
führender Konservativer war einsichtig genug, für die Vorlage zu stim- 
men, unter ihnen Wartensleben-Rogasen und Wartensleben-Schwirsen, 
Pappenheim, der Chefredakteur der „Kreuzzeitung‘‘ Dr. Kropatschek, 
Arnim-Züsedom, Saldern-Plettenburg, Bülow-Bothkamp, Bülow-Bossce, 
Putlitz. Das Hauptverdienst an dem endlichen Zustandekommen des 
großen Werks hatte der Minister der öffentlichen Arbeiten, Budde. Deralte 
Obrigkeitsstaat hat viele hervorragende Beamte und Offiziere hervor- 
gebracht, kaum einen tüchtigeren Mann als Hermann Budde. Sein Leben 
verdiente auch in den Schulen des neuen Deutschland, wo leider nur zu 
viele „Republikaner“ mit flachem Verstand und kurzem Gedärm alle Er- 
innerungen an bessere Zeiten in Vergessenheit bringen möchten, unserer 
heranwachsenden Jugend als Vorbild erzählt zu werden, damit sie lerne, 
was ein Mann ist. In Bensberg bei Köln geboren, aus dem Kadettenkorps 
hervorgegangen, war er als blutjunger Offizier im Deutsch-Französischen 
Krieg durch die Brust geschossen worden, leistete trotzdem nach dem Krieg 
Annalıme der 
Kanalvorlage
        <pb n="120" />
        96 INDUSTRIEGEHALT UND MINISTEREINKOMMEN 
noch einige Jahre Frontdienst, wurde aber dann in den Generalstab ver- 
setzt, wo seine Vorgesetzten bald seine ungewöhnliche Begabung für das 
Eisenbahnwesen erkannten. Er nahm 1900 seinen Abschied als General- 
major. Seine Befähigung war so allgemein bekannt und anerkannt, daß 
mehrere große industrielle Unternehmungen sich bemühten, ihn als Mit- 
arbeiter zu gewinnen. Er entschied sich für die Waffenfabrik Löwe, die ihn 
mit einem für damalige Verhältnisse sehr hohen Gehalt anstellte. Als der 
Ruf an ihn erging, Minister der öffentlichen Arbeiten zu werden, fuhr ich 
mit ihm von Berlin nach dem Neuen Palais in Potsdam, um ihn dem Kaiser 
vorzustellen. Er erzählte mir unterwegs, daß es ihm schon mit Rücksicht 
auf Frau und Kinder nicht leicht falle, das große Gebalt und die noch 
größeren Tantiemen, die er jetzt beziehe, mit dem bescheidenen Einkom- 
men eines preußischen Ministers zu vertauschen. Er sei aber jederzeit bereit, 
persönliche Neigungen und alle materiellen Rücksichten dem staatlichen 
Interesse unterzuordnen. Während er noch für die Kanalvorlage focht, 
wurde er von schwerer Krankheit befallen, einem sich rapide entwickelnden 
Krebsleiden, das nicht nur von Anfang an unbheilbar und hoffnungslos er- 
schien, sondern ihm auch entsetzliche körperliche Schmerzen verursachte. 
Er stand aber bis zum letzten Hauch auf der Bresche. Auf meine Bitte ver- 
lieh der Kaiser, gern und mit Freuden, dem heldenhaften Mann auf seinem 
Sterbebette den Schwarzen Adlerorden. Frau Budde schrieb mir nach der 
Verleihung: „Eure Exzellenz wissen die schweren Stunden, welche wir 
durchgemacht haben, und daß mein Mann mit den größten körperlichen 
Schmerzen seine ihm gestellte Aufgabe gelöst hat. Bange Sorgen haben mich 
oft dabei erfüllt und wollen auch für die Zukunft nicht weichen. Daß es 
aber meinem Gatten noch vergönnt worden, diesen Erfolg zu erleben, 
dafür bin ich unendlich dankbar. Gott gebe, daß mein Mann seine alte 
Gesundheit wiederfindet, dann wird auch seine letzte Kraft dem Vaterlande 
gehören.“ Der Minister Budde starb im Frühjahr 1906. Seine junge und 
schöne Frau folgte ihm wenige Jahre später in die Ewigkeit. Ein Bruder 
von ihm war der bekannte protestantische Theologe, der über althebräische 
Literatur und biblische Geschichte wertvolle Schriften veröffentlicht hat. 
Nach der Annahme der Kanalvorlage dankte mir der Kaiser telegraphisch 
„auf das wärmste“ für die „ebenso geschickte wie tatkräftige Förderung der 
Kanalpläne“. Herr von Heydebrand-Nassadel, oratorisch und dialektisch 
nicht so begabt wie sein Vetter auf Klein-Tschunkawe, aber besonnener 
und einsichtiger, schrieb mir: „Eure Exzellenz wollen geneigtest auch mir 
einen aufrichtigen Glückwunsch gestatten. Nicht allein zu dem Aller- 
höchsten Gnadenbeweis, sondern vor allem zu dem Monumentum aere 
perennius, welches Eure Exzellenz sich selbst dadurch gesetzt haben, daß 
die deutsche Landwirtschaft, auch wenn ihre Wünsche nicht alle erfüllt sind
        <pb n="121" />
        „DIE HUNDEBANDE VOM ZENTRUM“ 97 
und sehr vieles von der Ausführung und Handbabung abhängt, wieder 
Vertrauen fassen kann. Sehr wohl hat mir und vielen auch die gerechte 
Würdigung getan, welche Eure Exzellenz in der Rede bei dem Festessen 
des Deutschen Landwirtschaftsrates der Haltung der Parteien in der Kanal- 
frage, unter denen diejenige der konservativen Partei besondere Schwierig- 
keiten bot, haben zuteil werden lassen. Das Meisterstück in der temporären 
maßgebenden Erledigung der beiden Vorlagen wird Eurer Exzellenz wohl 
so bald niemand nachmachen.“ 
Mein Verhältnis zu den bürgerlichen Parteien war im großen und ganzen 
befriedigend. Keine der bürgerlichen Parteien war ganz zufrieden mit mir, 
und das war ein gutes Zeichen. Denn in einem Lande, wo leider der Partei- 
geist so sehr den Staatssinn und die Rücksicht auf staatliche Interessen 
überwiegt wie in Deutschland, ist es immer bedenklich, wenn eine Partei 
an einem Minister gar nichts mehr auszusetzen findet. „Get you home you 
fragments!“ ruft in den „Gedanken und Erinnerungen“ mit Shakespeares 
Coriolan Fürst Bismarck den von ihm so tief verachteten Fraktionen zu. 
Wenn der Kampf gegen die Selbetsucht der Parteien mir als die Pflicht 
eines gewissenhaften Ministers erschien, so war ich immer bestrebt, den 
Kaiser aus dem Parteigetriebe herauszuhalten und ihn von jedem Angriff 
und auch von zu vielem Räsonieren auf die einzelnen Parteien abzuhalten. 
Die Krone mußte nach meiner Auffassung über den Parteien stehen, sich 
weder für noch gegen sie engagieren. Das war vom Kaiser nicht immer leicht 
zu erreichen. Am meisten ärgerte sich Wilhelm II. über jede Opposition der 
Konservativen, die ihm ebenso verwerflich erschien, als wenn das erste 
Garderegiment rebellieren wollte. Seine besondere Abneigung galt dem 
Zentrum. Anläßlich einer belanglosen Debatte im Münchener Landtag 
über eine untergeordnete Heeresfrage telegraphierte der Kaiser, wahr- 
scheinlich noch erregt durch die von mir kurz vorher durchgesetzte Auf- 
hebung des Artikels 2 des Jesuitengesetzes, mir en clair: „Die Hundebande 
vom Zentrum ist bestrebt, die Fundamente der Disziplin des Heeres und 
damit der Hohenzollernmonarchie zu unterwühlen.‘“ Es handelte sich um 
einen ziemlich belanglosen Konflikt zwischen dem bayrischen Kriegs- 
minister Asch und dem bayrischen Abgeordneten Pichler wegen eines Ein- 
jährig-Freiwilligen, der bestraft worden war, weil er unter Abweichung 
vom Dienstweg eine Beschwerde eingereicht hatte. 
Wilhelm II. dachte in allen konfessionellen Fragen groß und gerecht. 
Jede Abneigung gegen die katholische Kirche und die Katholiken lag ihm 
ebenso fern wie aller Antisemitismus. Aber wie er an seine Schwester Sophie, 
die damalige Kronprinzessin von Griechenland, als sie zur orthodoxen 
Kirche übertrat, ein Schreiben richtete, durch das er sie „für alle Zeiten“ 
aus seinen Landen „verbannte“, so geriet er auch in ganz großen Zorn, als 
7 Bülow II 
Der Kaiser 
und das 
Zentrum
        <pb n="122" />
        Wilhelm II. 
an die 
Generalität 
98 MIT REVOLVER UND DEGEN 
die Landgräfin Anna von Hessen, eine Tochter des Priuzen Karl von 
Preußen, die in ihrer Jugend viel geliebt hatte, im Alter Ruhe und Frieden 
im Schoße der katholischen Kirche suchte. Er schrieb der alternden Büßerin 
einen wutschnaubenden Brief, und ich hatte, als er mir das Konzept zeigte, 
nicht geringe Mühe, die ärgsten Stellen auszumerzen. Der Kaiser bestand 
aber darauf, daß die Wendung stehenblieb: „Das Haus Hohenzollern stößt 
Eure Königliche Hoheit aus und hat Ihre Existenz vergessen.“ Umsonst 
erinnerte ich Wilhelm II. an das Wort seines größten Vorgängers, daß im 
preußischen Staat jeder nach seiner Fasson selig werden könnte, umsonst 
auch an das noch schönere Wort des Heilands, daß im Hause unseres himm- 
lischen Vaters viele Wohnungen sind. Die Neigung zu starken Worten war 
nun einmal bei Wilbelm II. unüberwindlich. Freilich folgte auf den Donner 
der Worte selten der Blitz der Tat. Mit seiner schönen Schwester Sophie 
hat Wilbelm II. sich bald wieder ausgesöhnt und auch der Tante Anna nicht 
lange gegrollt. Aber die Unbesonnenheit in Worten blieb doch bedenklich. 
Im Sommer 1905 telegraphierte mir der Kaiser wiederum en clair: „,B.T.* 
hat die Frechheit und Unflätigkeit, meiner Mutter die abscheulichsten 
Sachen nachzusagen. Ich habe Plessen und Löwenfeld mit Revolver und 
Degen auf das Redaktionsbüro geschickt und den Redakteur zum Widerruf 
gezwungen. Ew. Exzellenz überlasse Ich, in geeigneter Weise das Schweine- 
pack von Zeitungspiraten durch die Presse gebührend zu brandmarken.“ 
Die Auslassung des „Berliner Tageblatts“, die sich, wenn mich mein Ge- 
dächtnis nicht täuscht, auf das alberne Gerücht bezog, die Kaiserin Friedrich 
hätte nach dem Tode ihres Gemabls eine zweite Ehe geschlossen, ging mehr 
aus Geschmack- und Taktlosigkeit als aus Bösartigkeit hervor. Die von Seiner 
Majestät „mit Revolver und Degen“ auf das Redaktionsbüro geschickten 
beiden Generäle hatten übrigens verständigerweise keinen Skandal provo- 
ziert, sondern in einer von beiden Seiten mit Höflichkeit geführten Unter- 
redung die Sache beigelegt. 
Im Frühjahr 1905 hatte der Kaiser nach einer Parade, die er in Straß- 
burg abhielt, die Generalität um sich versammelt und an sie eine Ansprache 
gehalten, in der er in seiner farbenfrohen und drastischen, aber zu oft un- 
besonnenen Art über Russen und Japaner gleichmäßig die Schale zorniger 
Kritik ergoß. Er wisse von seinem Vetter, dem Prinzen Friedrich Leopold, 
der es ihm erzählt habe, daß die russischen Generäle zwar keine General- 
stabskarten besäßen, dafür aber Körbe voll Sekt mitgeschleppt hätten. 
Das russische Heer, das bei Mukden gefochten habe, sei durch Alkohol und 
Unzucht entnervt gewesen. Jetzt hätte Deutschland die Aufgabe, der 
gelben Gefahr allein entgegenzutreten, da Rußland leider versagt habe. 
Otliziere und Mannschaften des deutschen Heeres sollten strenge darauf 
halten, daß ihre Zeit gut ausgefüllt sei, damit sie nicht wie die Russen in
        <pb n="123" />
        DER ARRETIERTE REDAKTEUR 99 
Völlerei und Hurerei verfielen. Was die Japaner angehe, so würden sie nie 
triumphiert haben, wenn der Deutsche Reichstag dem Deutschen Kaiser 
früher eine deutsche Flotte bewilligt haben würde, mit der er sie rechtzeitig 
hätte zu Paaren treiben können. Ein nicht weit vom Kaiser stehender 
Reporter der „Straßburger Bürgerzeitung‘ war bei dem lauten Organ 
Seiner Majestät in der Lage gewesen, die kaiserliche Rede nachzu- 
stenographieren, und veröffentlichte sie noch am selben Abend. Als ich 
wegen dieser nach beiden Seiten, für die Russen wie für die Japaner sehr 
beleidigenden Rede ernste Vorstellungen erhob, antwortete mir der Kaiser 
aus Urville, wo er inzwischen eingetroffen war, die Journalisten wären so 
aufdringlich, daß er sich nicht vor ihnen retten könne. Er habe in seinem 
Garten in Urville persönlich einen berüchtigten Redakteur einer Metzer 
Zeitung arretiert. „Es fehlte nicht viel, daß ich ihm selbst das Fell versohlt 
hätte.“ Der Mann am Steuer des Schiffs bedurfte angespannter Aufmerk- 
samkeit und nicht geringer Geduld, um den richtigen Kurs zu halten, 
während der Kapitän solchen Unfug trieb. 
Ich habe während meiner Amtszeit mehr als einmal an ein Wort ge- 
dacht, das ich als Sekretär unserer Botschaft in Paris von dem damaligen 
klugen Korrespondenten der „Times“ in der französischen Hauptstadt, 
Herrn Oppert-Blowitz, hörte. Als ich meiner damaligen und niemals er- 
loschenen Bewunderung und Verehrung für den Fürsten Bismarck Aus- 
druck gab, meinte Blowitz: „C’est bien, mais n’oubliez pas que Bismarck 
est une rose dont l’Empereur est la tige.‘ In einem Lande, dessen Monarch 
eine so gewaltige Stellung einnahm, wie sie seit und durch Bismarck der 
König von Preußen und Deutsche Kaiser besaß, war es sehr schwierig, 
ohne dauernden und festen Rückhalt an ihm Politik zu machen. Der alte 
Kabinettsrat von Lucanus sagte mir, als ich Staatssekretär wurde: „Auf 
unseren Allerhöchsten Herrn hat jeder Einfluß und doch eigentlich nie- 
mand.“ Das sollte heißen, daß der Kaiser gelegentlich und vorübergehend 
auf jeden, dauernd auf keinen höre. Natürlich benutzten alle Streber und 
Intriganten gereizte Stimmungen Seiner Majestät gegen diese oder jene 
Partei, um da einzubaken. 
Der Botschafter in Rom Graf Monts hatte kaum gehört, daß der Kaiser 
auf das Zentrum schelte, als er seine alte Abneigung gegen alles Katholische 
mit Ostentation zur Schau trug. In diesem Sinne schrieb er an meinen 
Personaldezernenten, den ähnlich denkenden Prinzen, späteren Fürsten 
Lichnowsky, daß meine innere Politik ihm wegen meiner freundlichen 
Haltung gegenüber der katholischen Kirche schwere Besorgnis einflöße. 
Es hieß in diesem Brief von Monts, der auch als Botschafter in Rom mir 
gegenüber den gewohnten Ton des Adoranten vorläufig noch beibehielt: 
„Bülow überragt geistig uns, seine Freunde alle ja so bedeutend, daßesan 
Pi 
Graf Monıs 
über die 
katholische 
Kirche
        <pb n="124" />
        100 PAPST PIUS 
sich schon schwierig ist, ihn auf Irrtümer aufmerksam zu machen.“ Lich- 
nowsky sei der einzige, der mir gelegentlich den Revers meiner inneren 
Politik zeigen könne, er sei vorurteilslos und freidenkend. Er müsse mir 
sagen, daß auch der Klügste irre und daß ich die ultramontane Gefahr be- 
deutend unterschätze. Opfere ich die Schule den „Römlingen“ und schlüge, 
namentlich in bezug auf die Universitäten, „bayrische Wege‘ ein, so 
wären wir verloren, so würde uns Frankreich geistig den Rang ablaufen. 
„Der Bund mit dem Pfaffen führt zum Orkus.“ Monts, der sich, als er diesen 
Brief schrieb, gerade auf Urlaub in Südtirol, in Campiglio befand, wies 
darauf hin, daß man in diesem ganz unter geistlichem Einfluß stehenden 
Lande sehen könne, wohin die Herrschaft der katholischen Kirche führe. 
„Dabei verkommt das schöne Land, da der Pfaff’ jede Aufklärung und 
jeden Fortschritt in Ackerbau und Waldwirtschaft verhindert. Grenzenlose 
Armut und Stumpfheit herrschen vor.“ Über den neuen Papst Pius X. 
meinte Monts: „Über Papst Sarto bin ich noch nicht informiert. Er wird 
bei den römischen vielfachen Totalisatoren als Outsider kolossale Quoten 
gebracht haben. Meo voto ist jetzt für den ‚Stuhl‘ die Hauptfrage die 
französische. Die Basis der materiellen Erkenntnis bildet für die Firma 
Heiliger Stuhl die gallische Kirchenprovinz. Wird nun Piuschen X. nach- 
geben, z.B. in der Besuchsfrage?... Die Sorge ist nicht unbegründet, 
daß uns frei erzogene Franzosen geistig ein- resp. überholen, zumal, wenn 
wir weiter die jetzigen Wege wandeln. Es gibt Kleriker in Rom, die im Ab- 
falle Frankreichs das Ende der universalen geistigen Großmacht des 
Papstes erblicken. Das wäre ja an und für sich für uns nur erwünscht, 
könnte aber bei Lage unserer inneren Dinge die unerfreuliche Rückwirkung 
haben, daß wir uns an Frankreichs Stelle zum Protector Petri aufwerfen, 
was nur zu neuen Konzessionen gegenüber der Geistlichkeit und zu äußeren 
Niederlagen führen müßte. Ich begegne leider immer erneut der völligen 
Verkennung der Institution des Papsttums, das nun einmal generell das 
fatale Deutschland mit seinem protestantischen Kaisertum und Luthertum 
als Urquell aller Bedrängnisse ansieht... Aber wir, die idealen Deutschen, 
konstruieren uns Traumgebilde von Schwesterkirche, Thron und Altar, 
Gottesfurcht und Untertanentreue, die auf dem Boden rechtgläubiger 
römischer Weltanschauung schlechterdings Blech sind... Doch wissen 
Sie, lieber Lichnowsky, das alles ja viel besser als ich.‘“ Monts würde wahr- 
scheinlich noch mehr getobt haben, wenn er gewußt hätte, wie wohlwollend 
mir auch der neue Papst Pius X. gesinnt war. Schon im Frühjahr 1904 
hatte mir der damalige Reichstagsabgeordnete Freiherr von Hertling, 
der spätere Reichskanzler, der in meinem Auftrage zweimal in besonderer 
Mission in Rom geweilt hatte, nach seiner Rückkehr nach München von 
dort geschrieben: „Alsich am Schluß meiner Abschiedsaudienz den Heiligen
        <pb n="125" />
        DER FALL DES FÜRSTEN HATZFELDT 101 
Vater frug, ob er mir einen Auftrag an Eure Exzellenz zu geben habe, ant- 
wortete er zunächst durch Betonung seiner wohlgeneigten Gesinnung und 
fügte dann hinzu: ‚Il papa se gli raccomanda‘, einen Satz, den er nochmals 
mit Nachdruck wiederholte.“ Ich habe Hertling zweimal nach Rom ge- 
schickt, 190% und 1905. Ale Zweck dieser Mission wurde von mir nach 
außen nur die Errichtung einer katholisch-theologischen Fakultät in Straß- 
burg angegeben, die im Vatikan auf Schwierigkeiten stieß. Ich verfolgte bei 
der Entsendung von Hertling aber in petto auch die Absicht, ihn mit den 
römischen Verhältnissen vertraut zu machen. Ich wünschte die preußische 
Gesandtschaft beim Päpstlichen Stuhl mit der Zeit in eine deutsche Bot- 
schaft zu verwandeln, und Hertling erschien mir als geeigneter Reichsbot- 
schafter. Mit der Entsendung von Hertling war Kardinal Kopp nicht ein- 
verstanden. Dieser große Kirchenfürst, der mir bis zu seinem Tode ein 
gütiger Gönner und treuer Freund blieb, schrieb mir darüber: „Wenn der 
gute Hertling in Rom nur sehr vorsichtig ist, um nicht nach zwei Seiten anzu- 
stoßen, in den vatikanischen Kreisen unter dem Verdachte, die Rolle des 
t Kraus fortsetzen zu wollen, in unseren einheimischen liberalen Kreisen 
durch die scheinbare Übernahme einer Nebenstellung zu unserem Ge- 
sandten, Herrn von Rotenhan. Hertling muß sehr zurückhalten und sich 
nicht im Reden gefallen. Doch werden Eure Exzellenz seine Aufträge mit 
gewohnter weiser Umsicht genau umschrieben haben.“ Ich habe mich 
während meiner ganzen Amtszeit weder durch wechselnde Stimmungen an 
Allerhöchster Stelle noch durch die bei uns meist mehr durch Gefühl und 
vorgefaßte Meinung als durch ruhige Einsicht bestimmte öffentliche Mei- 
nung in der Überzeugung erschüttern lassen, daß in unserem konfessionell 
gespaltenen Vaterland Gerechtigkeit gegen beide Konfessionen, volle 
Parität und sorgsame Schonung der Gefühle der katholischen Minorität im 
Interesse der nationalen Einheit eine Lebensfrage für die Nation sind. 
Diese meine grundsätzliche Stellung zur katholischen Kirche hat mich 
allerdings nicht verhindert, auch der Zentrumsfraktion entgegenzutreten 
und auch mit ihr den Kampf aufzunehmen, wenn mir dies im staatlichen 
Interesse geboten erschien. 
Bei diesem Rückblick auf unsere innere Politik möchte ich noch einen 
an und für sich bedeutungslosen Vorfall erwähnen, dessen ich mich aber 
zwölf Jahre später in einem traurigen Moment unserer Geschichte erinnern 
sollte. Der langjährige Oberpräsident von Schlesien, Fürst Hermann Hatz- 
feldt, Herzog von Trachenberg, hatte seinen Abschied eingereicht, angeblich 
wegen eines plötzlich hervorgetretenen Augenleidens, in Wahrheit, weil er 
sich in dem Irrgarten der Licbe verirrt hatte. Er gehörte einem alten und 
vornehmen Geschlecht an, von dem aber nicht mit Unrecht gesagt wurde, 
daß es mehr Liaisons, Scheidungen und Entführungen aufzuweisen hätte 
Fürst 
Hatzfeldı 
geht
        <pb n="126" />
        102 DR. MICHAELIS 
als irgendein anderes bochadliges Haus. Diesem Haus war die strahlend 
schöne Fürstin Elisabeth Carolath entsprossen, die von Herbert Bismarck 
bewogen wurde, sich von ihrem ungeliebten Gatten scheiden zu lassen. 
Als aber nach erfolgter Scheidung Herbert die Freundin heiraten wollte, 
stieß er auf heftigen Widerspruch bei seinen Eltern, und es erging der 
armen Elisabeth wie der auf Naxos von Theseus verlassenen Ariadne. 
Herbert ließ sie sitzen und heiratete elf Jahre später die Gräfin Marguerite 
Hoyos. Ich bin noch heute überzeugt, daß der Konflikt, den er damals durch- 
kämpfen ınußte, bei Herbert Bismarck tiefe Spuren hinterlassen hat und 
daß diese seinem Herzen geschlagene Wunde nie ganz vernarbt ist. Eine 
geistig bedeutende Tochter des Geschlechts war die Gräfin Sophie Hatz- 
feldt, die Freundin von Ferdinand Lassalle. Sie war die Mutter des Bot- 
schafters Paul Hatzfeldt. Bei dem Oberpräsidenten von Schlesien, dem 
Herzog von Trachenberg, regte sich Cupido noch im späten Alter. Er wurde 
von einem Schaffner überrascht, als er in der Eisenbahn zwischen Breslau 
und Berlin einer jungen schlesischen Komteß Unterricht in den Anfangs- 
gründen der ars amandi erteilte. Der Schaffner stellte den Herzog scharf zur 
Rede, dieser erwiderte allzu heftig. Als der Herzog, der für knauserig galt, 
den Mann des Gesetzes durch ein mehr als kärgliches Trinkgeld zu beruhigen 
trachtete, drohte dieser mit Strafanzeige. Um einem Skandal zu entgehen, 
reichte Hatzfeldt-Trachenberg seinen Abschied ein, der ihm in Gnaden 
und mit einem Orden bewilligt wurde. Dankbar und gerührt schrieb mir 
der edle Herzog: „Eurer Durchlaucht geehrte vorgestrige Zeilen verpflichten 
mich zu neuem Dank. Wenn ich meinen wärmsten Dank hiermit zum Aus- 
druck bringe, bitte ich gleichzeitig die Versicherung aufrichtiger Verehrung 
entgegennehmen zu wollen als Eurer Durchlaucht gehorsamster Hatzfeldt.“ 
An Stelle Hatzfeldts wünschte der Kaiser den ihm befreundeten Grafen 
Tiele-Winkler auf Moschen, einen der reichsten schlesischen Magnaten, 
oder den Prinzen Heinrich XXVIII. Reuß zu setzen, der das war, was die 
Engländer „a good whip‘‘ nennen, das heißt ein Gentleman, der ein Vierer- 
gespann vom Bock zu lenken versteht. Lucanus frug bei mir an, ob ich 
meine Zustimmung zu der einen oder der anderen dieser beiden Kandida- 
turen geben würde. Dabei ließ er einfließen, daß, wenn Tiele oder Reuß 
Oberpräsident werden sollte, der Oberpräsidialrat Dr. Michaelis durch eine 
bessere Kraft ersetzt werden müsse, denn er sei schon unter normalen Ver- 
hältnissen unzureichend, geschweige denn unter einem wenig geschulten 
Aristokraten. Ich hätte damals wahrlich nicht gedacht, daß zwölf Jahre 
später derselbe Büromensch, der nicht der bescheidenen Stellung eines 
Oberpräsidialrats in Breslau gewachsen war, in denkbar ernstester, kriti- 
scher und bedrohter Lage des Landes zum Kanzler des Deutschen Reichs 
ernannt werden würde. 1905 gelang es mir, als Nachfolger des Herzogs
        <pb n="127" />
        EIN HOMO NOVUS: BETHMANN 103 
von Trachenberg den 1892 als Kultusminister zurückgetretenen, 1899 
zum ÖOberpräsidenten von Hessen-Nassau ernannten Grafen Robert von 
Zedlitz-Trützschler durchzusetzen, einen der bedeutendsten und dabei 
charaktervollsten Staatsmänner, über die Preußen zu verfügen hatte. 
In demselben Jahre, wo ich zum ersten Male in meinem Leben von 
Michaelis hörte, schlug ich Seiner Majestät den damaligen Oberpräsidenten 
von Brandenburg, Herrn von Bethmann Hollweg, zum Minister des Innern 
vor. Ich hatte ihn schon 1904 für diesen Posten in Aussicht genommen, 
da er mir durch seine Tüchtigkeit als Verwaltungsbeamter wie durch sein 
bescheidenes und biederes Wesen angenehm aufgefallen war. Damals hatte 
er mich gebeten, von ihm abzusehen, solange die Kanalfrage nicht gelöst 
wäre. Als „homo novus“, als Mann von jungem Adel, „halb kaufmännischer, 
halb professoraler Extraktion“, könne er nicht gut gegen die Konservativen 
kämpfen, unter denen der alte, bodenständige Adel prävaliere, dem wohl 
seine Frau, aber nicht er selbst angehöre. „Sie würden mich übel zurichten‘“, 
hatte er nicht ohne Ängstlichkeit gemeint. Aber am Abend des Tages, wo 
er mir 1904 diese Absage erteilte, hatte er mir einen sentimentalen Brief 
geschrieben, aus dem eine gewisse Reue sprach und in dem er sich mir für 
die Zukunft „zu geneigter Berücksichtigung‘ empfahl. Schon damals zeigte 
sich bei dem unglücklichen Mann jenes 
„bänglichs Schwanken, weibische Zagen, 
ängstliche Klagen“, 
das uns in den „dümmsten und unnötigsten aller Kriege‘, um mit Albert 
Ballin zu sprechen, ungeschickt straucheln und dann diesen Krieg verlieren 
ließ. 
Bereits bei früheren Betrachtungen über unsere auswärtige Politik habe 
ich ausgeführt, wie mein Wunsch, mit England zu einer Verständigung 
über Marokko zu gelangen, trotz der geschickten Bemühungen unseres 
damaligen Botschafters Paul Hatzfeldt und desguten Willens des englischen 
Botschafters in Berlin, Sir Frank Lascelles, an der Scheu des Premier- 
ministers Salisbury vor jeder Bindung der englischen Politik, vielleicht 
ebensosehr an seiner tiefen Abneigung gegen Wilhelm II., gescheitert war. 
Als Lord Salisbury 1902 die politische Bühne verlassen hatte, war die 
Stimmung in England gegen uns zu mißgünstig und feindlich ge- 
worden, als daß an ein englisch-deutsches Abkommen über Marokko zu 
denken gewesen wäre. Auch gegenüber einer ganz unfreundlichen englischen 
Mentalität ist mir die Erhaltung des Friedens mit dieser großen Macht, 
sofern wir Rußland gegenüber vorsichtig manövrierten, bis zuletzt als 
möglich erschienen, ein deutsch-englisches Abkommen über Marokko 
freilich nicht. Hinsichtlich Marokkos bestanden zwischen Kaiser Wilhelm IT. 
Bethmuann 
Hollıceg 
Minister 
des Innern 
Die 
Marokko- 
Frage
        <pb n="128" />
        104 ELSASS UND MAROKKO 
und mir seit jeher Mei hiedenheiten. Nach der Ansicht Seiner 
Majestät lag es im deutschen Interesse, daß sich Frankreich in Marokko 
engagiere und festlege. Dadurch würden die Blicke der Franzosen von den 
Vogesen abgelenkt. Sie würden so allmählich Elsaß-Lothringen vergessen 
und verschmerzen. Auch würde Frankreich durch die Eroberung und Be- 
hauptung von Marokko militärisch geschwächt werden. Zu meinem Er- 
staunen wurde der Kaiser in dieser Auffassung von militärischer Seite 
bestärkt. Überhaupt kann ich bei aller Bewunderung für Wissen, Arbeits- 
kraft, Pflichttreue und Vaterlandsliebe der ausgezeichneten Männer, die in 
dem nun leider verwaisten, historischen roten Backsteinbau am Königs- 
platz im Geiste unseres großen Feldmarschalls Moltke wirkten, doch nicht 
verschweigen, daß unser Generalstab neuen Erscheinungen gegenüber nicht 
rechtzeitig Verständnis und richtige Einschätzung zeigte. So wie unsere 
Generalstäbler später die Improvisationsfähigkeit der Engländer und 
Amerikaner auf militärischem Gebiet, deren Artillerie und Tanks, überhaupt 
die Bedeutung des technischen, maschinellen Elements für die moderne 
Kriegführung, die Energie der vom Geiste der Konventszeit getragenen 
Kriegführung des Advokaten Poincare und des Arztes Clemenceau unter- 
schätzten, so schätzten sie schon zehn Jahre früher die militärische Trag- 
weite der nordafrikanischen Eroberungen Frankreichs nicht richtig ein. 
Im Gegensatz hierzu habe ich schon 1913 in meiner Studie über deutsche 
Politik darauf hingewiesen”, daß die volle und unbeschränkte politische, 
wirtschaftliche und militärische Herrschaft über Marokko für die Zukunft 
eine erhebliche Stärkung Frankreichs bedeuten könne, ein Eindruck, den 
ich schon bei meiner Reise durch Tunis und Algier im Frühjahr 1884 gewon- 
nen hatte. Ich war mir auch nie im Zweifel darüber, daß Frankreich einen 
vollgültigen Ersatz für den Verlust Elsaß-Lothringens selbst in dem gewal- 
tigsten Kolonialbesitz nicht erblicken würde, daß Tunis und Fez, Kairuan 
und Rabat die Blicke der Franzosen vom Straßburger Münster und der 
Metzer Esplanade nicht ablenken würden. Ich hatte diese Auffassung seit 
jeher gegenüber dem Kaiser vertreten, der aber bei seiner Ansicht blieb. 
Er hatte schon am 20. August 1904 zu dem Unterstaatssekretär von Mühl- 
berg gesagt, es sei ganz gut, wenn Frankreich Marokko pazifiziere und dort 
Ordnung schafle, da ihm diese Kulturarbeit große Opfer an Blut und Geld 
kosten werde. Habe Frankreich seine Aufgabe erfüllt, sei Marokko erst der 
Zivilisation erschlossen, so werde der deutsche Handel dort schon seinen 
Platz finden, eine Ansicht, welcher der Unterstaatssekretär unter Hinweis 
auf die prohibitionistische französische Kolonialpolitik vergeblich wider- 
sprochen hatte. 
* Fürst von Bülow, Deutsche Politik, S. 84.
        <pb n="129" />
        KÖNIG ALFONS 105 
Schon früher hatte der Kaiser dem König Alfons XIII. von Spanien bei 
ihrer Begegnung in Vigo am 16. März 1904 ein gutes Verhältnis mit Frank- 
reich in beinahe stürmischer Weise anempfoblen. Seinen ersten Auslands- 
besuch müsse der König jedenfalls in Paris abstatten. Gegenüber England 
möge er dagegen vorsichtig, gegenüber Portugal mißtrauisch sein. Der 
Kaiser hatte dabei nachdrücklich betont, daß Deutschland in Marokko kei- 
nerlei Interessen habe, natürlich auch keine territorialen Wünsche verfolge, 
sondern sich ausschließlich auf Förderung der Kulturarbeit beschränken 
würde. Auch Spanien müsse in Marokko nur eine Kulturmission verfolgen, 
auf sie allein seine Kräfte richten und Verständigung mit den anderen in 
Nordafrika engagierten Nationen suchen, in erster Linie mit Frankreich. 
König Alfons war über soviel Liebe für Frankreich bei Wilhelm IL., ver- 
bunden mit einer solchen Selbstlosigkeit, beinahe erstaunt gewesen, zumal 
sich Spanien, wie mir die Königin-Mutter Christine bei unserem Wiener 
Besuch im September 1903 erzählt hatte, seit Mitte der neunziger Jahre 
der französischen Umwerbungen und Allianzanträge kaum erwehren konnte. 
Der Eifer, mit dem Wilhelm II. den Spaniern ein möglichst gutes Verhältnis 
zu Frankreich anempfahl, entsprang zum Teil auch der Hoffnung, daß dies- 
bezügliche Äußerungen Seiner Majestät von Madrid nach Paris gelangen 
und dort Stimmung für den Kaiser machen würden. Der Wunsch, sich mit 
Frankreich zu „versöhnen“, ist von seiner Thronbesteigung bis zum Welt- 
krieg bei Wilbelm II. immer wieder hervorgetreten, allerdings mit gelegent- 
lichen Schwankungen, bisweilen auch, wenn sein Liebeswerben gar keinen 
Erfolg gehabt hatte, mit Ausbrüchen übler Laune, die im Grunde nur 
„depit amoureux“ waren.
        <pb n="130" />
        Zweite 
Mittelmeer- 
reise des 
Kaisers 
VIL KAPITEL 
Die Mittelmeerreise Wilhelms II. im März 1904 » Entwicklung der Marokko-Frage » Ihr 
Stand beim Antritt der Mittelmcerreise des Kaisers »- Programm der deutschen Regie- 
rung + Der bestehende Rechtszustand » Unsere Taktik « Anlaufen des Kaisers in Tanger 
Landung des Kaisers in Tanger - Legationssekretär Kühlmann » Mission des Grufen 
Tattenbach nuch Fez » Graf Monts bemüht sich, unter dem Einfluß seines Kollegen 
Barröre, eine Rettungsaktion für Delcass&amp; zu inszenieren » Englische Bemühungen für 
Delcass6 » Sturz Delcasa&amp;s 
chon bei der Rückkehr von seiner Palästina-Reise, 1898, hatte der 
Kaiser den Wunsch gehegt, den Weg über Gibraltar zu nehmen. Bei 
diesem Anlaß wollte er auch Tanger berühren. „Nachdem ich nun in Asien 
war, möchte ich gern einmal meinen Fuß auch auf afrikanischen Boden 
setzen, zumal ich auf Ägypten verzichten mußte“, meinte der Kaiser da- 
mals zu mir. Dieser Wunsch ging lediglich aus Reiselust hervor, ohne jede 
politische Nebenabsicht. Wie ich seinerzeit erzählte, gelang es 1898 der 
Kaiserin und mir, den Kaiser zu bewegen, von Malta auf dem kürzesten 
Wege durch das Adriatische Meer nach Deutschland zurückzukehren. Die 
Kaiserin drängte, als gute Mutter, die sie war, zu ihren Kindern; ich hielt 
es für nötig, nach längerer Abwesenheit in Berlin im Auswärtigen Amt die 
Zügel wieder selbst in die Hand zu nehmen. Bei seiner ersten Mittelmeer- 
reise, die Wilhelm II. am 12. März 1904 an Bord des Lloyddampfers 
„König Albert“ in Bremerhaven angetreten hatte, wollte er ursprünglich 
auch Tanger besuchen, wiederum nur als Tourist, der nach neuen und 
interessanten Eindrücken begierig ist. Ich sprach mich damals gegen einen 
Aufenthalt in Tanger aus, da es mir im Frühjahr 1904 nicht angezeigt 
erschien, in irgendeiner Weise die Aufmerksamkeit auf diesen Punkt zu 
lenken, und der Kaiser verzichtete sogleich und willig auf das Anlaufen 
dieser afrikanischen Küstenstadt. Als er sich am 28. März 1905 in Cux- 
haven an Bord des Hapag-Dampfers „Hamburg“ für die zweite Mittel- 
meerreise einschiffte, auf der er, wie bei seiner ersten Mittelmeerfahrt, nicht 
nur von einem stattlichen militärischen Gefolge, sondern auch von einer 
großen Anzahl persönlicher Freunde und Bekannter in allen Lebensstel- 
lungen begleitet war, tauchte in der ausländischen Presse das Gerücht auf, 
er werde Tanger anlaufen. Eine solche Absicht lag damals bei Seiner
        <pb n="131" />
        PENETRATION PACIFIQUE 107 
Majestät in keiner Weise vor. Es mag aber sein, daß indiskrete Redereien von 
Berliner Hofleuten über frühere Wünsche des Kaisers, sich einmal Tanger 
anzusehen und afrikanischen Boden zu betreten, ihren Weg in die Presse 
gefunden hatten. Jedenfalls ergingen sich französische Blätter bereits in 
den Tagen, als der Kaiser 1905 seine Mittelmeerreise antrat, in überheben- 
den, zum Teil frechen Drohungen für den Fall, daß der Deutsche Kaiser 
sich unterstehen sollte, eich in Tanger zu zeigen. 
Die Haltung nicht nur der Pariser Presse, sondern auch des Staats- 
mannes, der sie inspirierte, des Ministers des Äußern Delcasse, wurde 
nach und nach dreister. Drei Wochen vor dem Abschluß des englisch- 
französischen Vertrages von 1904 hatte Herr Delcasse unserem Botschafter 
in Paris, dem Fürsten Radolin, die Hauptbestimmungen der Konvention 
mitgeteilt und ihm zugleich versichert, daß die Rechte dritter Staaten, 
auch Deutschlands, durch sie nicht in Frage gestellt würden. Ich hatte 
diese Mitteilung sogleich in höflicher Weise quittiert, indem ich am 
12. April 1904 im Reichstag gesagt hatte*: Wir hätten keine Ursache, anzu- 
nehmen, daß das englisch-französische Kolonialabkommen eine Spitze 
gegen eine andere Macht enthalte. Es schiene sich nur um den Versuch zu 
handeln, eine Reihe alter Differenzpunkte zwischen England und Frank- 
reich durch Verständigung aus dem Weg zu räumen. Dagegen hätten wir 
vom Standpunkt deutscher Interessen nichts einzuwenden. Gegenüber 
Widerspruch von alldeutscher Seite erklärte ich zwei Tage später, daß wir 
weder auf das ganze noch auf Teile des Scherifischen Kaiserreichs Anspruch 
erhöben**. Gleichzeitig hatte ich im April 190% in der Presse ausführen 
lassen, daß Deutschland in Marokko nicht politischen Einfluß suche, 
sondern bloß die Interessen der deutschen Volkswirtschaft zu schützen 
habe. 
Als im Oktober 1904 bekanntgeworden war, daß Paris mit Madrid einen 
Vertrag über Marokko abgeschlossen habe, hatte ich mich um Auskunft 
nach Puris gewandt, worauf Delcass&amp; versicherte, auch dieses Überein- 
kommen würde den deutschen Handel in Marokko nicht benachteiligen, 
ihm sogar infolge der zu erwartenden Verbesserung der Rechtspflege in 
Marokko nützlich sein. Ich ließ daraufhin durch den Staatssekretär Richt- 
hofen dem französischen Botschafter Bihourd erklären, wir wären durch 
diese Mitteilung befriedigt. Im Winter 1904 auf 1905 trat jedoch ein Um- 
schwung ein, und Delcasse zeigte die Krallen. Er ließ in seiner Presse nicht 
nur das Wort von der „Penetration pacifique“ Marokkos in Umlauf setzen, 
sondern die französischen Zeitungen forderten die „tunisification‘“ des 
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, S. 73 ff.; Kleine Ausgabe II, $. 67 ff. 
** Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, S. 90 ff.; Kleine Ausgabe II, S. 87 ff. 
Marokko- 
Konflikt
        <pb n="132" />
        108 DIE KRIEGSFRAGE 
Marokkanischen Kaiserreichs, das heißt dessen Herabdrückung zum Va- 
sallenstaat in der Art von Tunis. Wir waren nicht um unsere Ansicht gefragt 
worden. Es war nicht einmal die Rücksicht geübt worden, den Vertrag von 
1904, nachdem er den Parlamenten in Paris und London vorgelegt worden 
war, auch in Berlin und Wien mitteilen zu lassen. 
In Marokko selbst spitzten sich die Dinge immer schärfer zu. Am 
21. Februar 1905 war der französische Gesandte Saint-Rene Taillandier in 
Fez eingetroffen und hatte vom Sultan kategorisch, „en termes pressants‘* 
verlangt, dieser solle seine Truppen von französischen Offizieren ausbilden, 
auch die Zölle unter Aufsicht französischer Oberbeamten eintreiben lassen. 
Der Sultan, zu dem der französische Vertreter du haut en bas, wie zu einem 
Vasallen, gesprochen hatte, wandte sich an die deutsche Regierung und 
frug insbesondere, ob die Behauptung Taillandiers, daß er seine Forderun- 
gen nicht nur als französischer Gesandter, sondern im Namen Europas 
stelle, der Wahrheit entspreche. Gegenüber dieser Kette französischer 
Herausforderungen erschien es mir notwendig, in Paris wieder das Deutsche 
Reich in Erinnerung zu bringen. 
Es war nicht sowohl die Größe unserer wirtschaftlichen und politischen 
Interessen in und an Marokko, die mich bestimmte, dem Kaiser zu Wider- 
stand und Abwehr zu raten, sondern die Überzeugung, daß wir uns gerade 
im Interesse des Friedens derartige Provokationen nicht länger gefallen 
lassen dürften. Damals so wenig wie vorher oder nachher wollte ich den 
Krieg mit Frankreich, schon weil ich wußte, daß jeder ernstliche Konflikt 
in Europa, wie die Verhältnisse lagen, zum Weltkrieg führen würde. Aber 
ich scheute mich nicht, Frankreich vor die Kriegsfrage zu stellen, weil ich 
mir das Geschick und die Kraft zutraute, es nicht zum Äußersten kommen 
zu lassen, wohl aber Delcasse zu Fall zu bringen, damit den aggressiven 
Plänen der französischen Politik die Spitze abzubrechen, Eduard VII. und 
der Kriegsgruppe in England ihren festländischen Degen aus der Hand zu 
schlagen und so gleichzeitig mit dem Frieden die deutsche Ehre zu wahren 
und das deutsche Ansehen zu stärken. In meinem Entschluß wurde ich 
durch den Brief eines alten und zuverlässigen Pariser Freundes bestärkt, 
desselben, der mich sieben Jahre früher über.den Windsor-Vertrag orientiert 
hatte. Er war von Geburt Schweizer, wir hatten uns in Lausanne kennen- 
gelernt. Später ließ er sich in Paris nieder. Er hegte lebhafte Sympathien 
für Frankreich, ebenso für England, das er häufig besuchte und wo er iin den 
besten Kreisen verkehrte. Aber alles trat bei ihm zurück hinter seinem auf 
tiefster Überzeugung beruhenden, beinahe leidenschaftlichen Pazifismus. 
Er wurde nicht müde, die entsetzlichen Konsequenzen zu schildern, die, 
wie die Dinge in der Welt lägen, ein großer Krieg nach sich ziehen würde. 
Ein solcher würde alle bösen Leidenschaften und Triebe der Menschheit
        <pb n="133" />
        DIE MADRIDER KONFERENZ VON 1880 109 
wecken, Haß und Rachsucht, Roheit und Grausamkeit, er würde Milliarden 
verschlingen, Hekatomben von Menschenleben fordern, Europa für Jahr- 
zehnte, vielleicht für Jahrhunderte zugrunde richten. Der Gute, der den 
Weltkrieg nicht mehr erleben sollte, hat nur zu richtig gesehen. Er war mit 
Recht überzeugt, daß ich ehrlich bemüht wäre, den Frieden zu erhalten. 
Noch mehr aus diesem Grunde als aus persönlicher Anhänglichkeit an mich 
ließ er mir von Zeit zu Zeit nützliche Winke zukommen. Ich hatte ihm mein 
Ehrenwort geben müssen, daß ich ihn nie als Quelle nennen, auch seine 
Briefe nacb Kenntnisnahme sofort vernichten würde, denn er wünschte 
nicht das Schicksal des Hauptmanns Dreyfus zu teilen. 
Dieser Mann, der nur von den reinsten Absichten geleitet war und ein 
ideales Ziel verfolgte, schrieb mir fast in demselben Augenblick, als der 
Kaiser 1905 seine zweite Mittelmecerreise antrat: Delcasse wäre entschlossen, 
es auf den Krieg ankommen zu lassen, überzeugt, daß König Eduard ihn 
nicht im Stich lassen und daß es möglich sein würde, zwischen Rußland 
und Japan rasch den Frieden wiederherzustellen. König Eduard und die 
von ihm beeinflußten englischen Minister und Staatsmänner wollten nicht 
sofort in den Krieg mit Deutschland eintreten, würden aber eine völlige 
Niederwerfung Frankreichs nicht zulassen und jedenfalls, sobald der Kampf 
begonnen hätte, an Deutschland die kategorische Forderung richten, 
seinen Flottenbau einzustellen. Ich war von Anfang an gewillt, mich in der 
marokkanischen Frage auf dem Boden der Verträge zu halten. Ich wußte 
sehr wohl, daß es töricht wäre, sich in Lebensfragen, wo es um Ehre und 
Sicherheit des Landes geht, nur auf Verträge zu verlassen. Die einzige 
wirkliche und dauernde Sicherheit liegt für ein großes Volk in der eigenen 
Kraft, in seiner Macht und vor allem in der nationalen Gesinnung und dem 
Patriotismus seiner Bürger. Aber selbst vom Standpunkt der Realpolitik 
ist es in hohem Grade wünschenswert, weil nützlich, sich auf den Boden der 
Verträge zu stellen, das Vertragsrecht für sich zu haben und damit die 
Sympathien der rechtlich und ethisch Denkenden. Es war daher eine 
Unglücksstunde für das Deutsche Reich, als der Kanzler Bethmann Holl- 
weg in seiner (leider) nicht vergessenen Unterredung mit dem englischen 
Botschafter Goschen Verträge als Papierfetzen, als „chiffon de papier“, 
als „scrape of paper““ bezeichnete. Wir konnten uns 1905 für unser Vorgehen 
auf das Ergebnis der 1880 zu Madrid abgehaltenen Marokko-Konferenz 
berufen, auf der die am Handel mit Marokko beteiligten Staaten (Deutsch- 
land, Frankreich, England, Österreich-Ungarn, Italien, Spanien, die 
Vereinigten Staaten und Holland) übereingekommen waren, daß vom 
Scherifischen Kaiserreich den Untertanen irgendeines fremden Staates 
Vorzugsrechte nicht gewährt werden dürften. Wollte also Frankreich das 
wirtschaftliche oder politische Übergewicht in Marokko an sich reißen, so
        <pb n="134" />
        Bülow rät 
dem Kaiser, 
in Tanger zu 
landen 
110 DEMONSTRATIVE LANDUNG 
mußten die übrigen Unterzeichner jener Madrider Konferenz von 1880 um 
ihre Zustimmung angegangen werden. Abgesehen von diesem Madrider 
Vertrage bestand seit 1890 ein Handelsabkommen zwischen Deutschland 
und Marokko, in dem uns Meistbegünstigung eingeräumt worden war. Wir 
befanden uns also in der günstigen Lage, uns auf das internationale Recht 
stützen zu können. Was die Taktik unseres Vorgehens betraf, so hatte 
Frankreich auch in dem Abkommen vom 8. April 1904 ausdrücklich ver- 
sprochen, daß es den politischen Zustand von Marokko nicht ändern werde. 
Schon deshalb schien es mir indiziert, zunächst abzuwarten, ob die fran- 
zösische Regierung diese Zusage erfüllen, wie sie überhaupt das Abkommen 
in der Praxis ausführen und namentlich wie sie sich mit unseren vertrags- 
mäßigen Rechten in Marokko und den dortigen deutschen Interessen 
abfinden würde. Hiervon abgesehen, hängt es immer von den Umständen 
ab und ist eine Frage der Opportunität, wann eine diplomatische Aktion 
begonnen werden soll. Es erschien mir ratsam, das englisch-französische 
Abkommen weder mit sofortigen Drohungen zu beantworten, noch mit 
Nervosität aufzunehmen. Ich wollte Frankreich auch in der marokkanischen 
Frage nicht a priori Mißtrauen oder Übelwollen zeigen. Es lag kein Anlaß 
vor, gegen denjenigen Teil des französisch-englischen Abkommens Stellung 
zu nehmen, der sich auf Ägypten bezog. Wir würden durch einen solchen 
Einspruch unsere ohnehin schwierigen Beziehungen zu England noch mehr 
kompliziert haben, auch abgesehen davon, daß unsere Politik traditionell 
gerade in Ägypten den Engländern nie Schwierigkeiten bereitet hatte. Um 
so mehr waren wir berechtigt, uns gegen eine Verletzung des bestehenden 
Rechtszustandes und unserer wirtschaftlichen Interessen in Marokko zur 
Wehr zu setzen, wenn es sich zeigte, daß Frankreich diese zu achten nicht 
gewillt sei. 
Darum legte ich zunächst weder Überraschung noch Verstimmung an 
den Tag. Als aber Delcass€ in seiner Presse wie in seinen Auslassungen gegen- 
über den in Paris akkreditierten fremden Vertretern immer dreister jene 
„tückische Feindseligkeit‘ an den Tag legte, die ihm Deutschland gegen- 
über Jaures in der Kammer vorwarf, als selbst Lord Rosebery erklärte, es 
sei unstatthaft, eine große Macht wie Deutschland im Welthandel mit 
Ostentation beiseitezuschieben, als Delcasse jedes Einlenken trotzig ab- 
lehnte, riet ich brieflich dem Kaiser, Tanger anzulaufen. Ich empfahl 
gleichzeitig, dort keine Prunkrede zu halten, sondern nur mit möglichster 
Unbefangenheit zu sagen, er habe keinen Grund gehabt, nicht auch dem 
Sultan von Marokko, der ein unabhängiger Herrscher sei, einen Besuch ab- 
zustatten; er hoffe, daß Marokko, das sich auf den Madrider Vertrag und 
auf das internationale Recht berufen und stützen könne, auch fernerhin 
dem friedlichen Wettbewerb aller Nationen offenstehen würde. Der Kaiser
        <pb n="135" />
        DER BOCKENDE BERBERHENGST 111 
entschloß sich nicht gern zu diesem Besuch in T'anger, da er natürlich 
sogleich fühlte und überdies aus meinem Brief ersah, daß es sich dabei nicht 
um ein touristisches Sight-seeing, sondern um einen sehr schwerwiegenden 
politischen Akt handelte. Dazu kam, daß das Mcer, als Seiner Majestät 
meine Anregung zuging, stürmisch bewegt, das Ausbooten und demnächstige 
Landen mit der Gefahr eines nassen Bades verbunden war. 
Es war bei dieser Gelegenheit, daß der damalige Geschäftsträger in 
Tanger, Herr von Kühlmann, zum erstenmal die Aufmerksamkeit Seiner 
Majestät auf sich lenkte. Der junge Kühlmann, ein Sohn des langjährigen 
Vertreters von Hirsch, dem sogenannten Türken-Hirsch in Konstantinopel, 
kam nach dem Eintreffen der „Hamburg“ an Bord des kaiserlichen Schifles. 
Die körperliche Gewandtheit, mit der Kühlmann, noch dazu in der 
schmucken Uniform des bayrischen Ulanenregiments Seiner Majestät, mit 
der Tschapka auf dem Kopf und in langen Stiefeln aus dem auf und ab 
schaukelnden Boot an einer Strickleiter an Bord der „Hamburg“ gelangte, 
trug wesentlich dazu bei, daß er sich dauernd in der Gunst Seiner Majestät 
festsetzte, die seinen ganzen späteren Aufstieg bis zum Staatssekretär 
begleitete. Als Minister des Äußern zeigte er leider nicht dieselbe Geschick- 
lichkeit und namentlich nicht die gleiche Sicherheit wie bei der Turn- 
übung auf dem Hapag-Dampfer. Josef Joachim, der große Violinspieler 
und liebenswerte Mensch, erzählte mir einmal, er habe sich im Winter auf 
der Rousseauinsel im Berliner Tiergarten im Schlittschuhlaufen versucht. 
Als er ein paarmal auf die Nase gefallen war, hatte der dabeistehende 
Wärter der Eisbahn mit gutmütigem Lachen gemeint: „Ja, ja, Herr Pro- 
fessor, Schlittschublaufen ist nicht so leicht wie Geigespielen.‘“ Mit Kühl- 
mann stand es umgekehrt: er mußte die Erfahrung machen, daß sich, um 
ein Bismarcksches Bild zu gebrauchen, auf dem straffen Seil der großen 
Politik im Gleichgewicht zu erbalten schwieriger ist, als am Fallreep 
heraufzuklettern. Kühlmann warf als Staatssckretär des Äußern voll- 
ständig um und verschwand seitdem von der politischen Bühne. An jenem 
31. März 1905, dem Tage der Landung in Tanger, gelangte der Kaiser 
physisch wohlbehalten an Land, aber psychisch durch das Risiko des 
ganzen Unternehmens erregt. Dazu kam, daß die Pferde, die ihm der Sultan 
an den Landungsplatz entgegengeschickt hatte, Berberhengste, unruhig 
gingen, so daß der Kaiser, nachdem er gefürchtet hatte, ein nasses Bad im 
Mittelmeer zu nehmen, unmittelbar nachher besorgen mußte, vor den 
Augen der staunenden und gaffenden Mauren und Araber von seinem Gaul 
heruntergebockt zu werden. Infolgedessen trugen die beiden Ansprachen, 
die der Kaiser an den ihn begrüßenden Oheim des Sultans sowie an die 
deutsche Kolonie hielt, einen erregteren und schärferen Charakter, als dies 
ursprünglich seine Absicht gewesen war.
        <pb n="136" />
        Der 
problematische 
Holstein 
112 HOLSTEIN ÄRGERT SICH 
Holstein, mindestens ebenso impressionabel wie der Kaiser, aber älter 
und verbrauchter, ärgerte sich über diese Abweichung vom Programm, das 
er gern als das seine betrachtet zu sehen wünschte, so sehr, daß er in der 
darauffolgenden Nacht eine starke Magenblutung erlitt. Sie war das erste 
Auftreten eines Leidens, dem er vier Jahre später erliegen sollte. Ich will 
bei diesem Anlaß feststellen, daß die ganze Aktion, für die ich vor dem 
Reichstag wie vor der Öffentlichkeit sofort die volle Verantwortung über- 
nommen habe, von mir ausging. Gerade weil Holstein sich möglichst im 
Hintergrunde und im Dunkeln hielt, nur wenig Menschen sah, einsam in der 
von der Wilhelmstraße weit entfernten Großbeerenstraße in drei kleinen 
Zimmern hauste, erschien seine Persönlichkeit und seine politische Tätigkeit 
den meisten in fast romanhaftem, jedenfalls sehr übertriebenem, bisweilen 
auch verzerrtem Licht. Sein Einfluß war während meiner Amtszeit nicht 
80 groß wie in den vorhergegangenen zwei Jahrzehnten. So paradox dies 
auch manchem erscheinen mag, Holstein übte nie einen größeren Einfluß 
aus als während der zweiten Hälfte der Ära Bismarck. Damals war seine 
Macht namentlich in Personalien sehr weitreichend, seine Stellung fast 
unerschütterlich durch das absolute Vertrauen, das der große Kanzler 
persönlich in ihn setzte, wie durch die intime Freundschaft, die Herbert 
Bismarck seit seiner ersten Jugend mit Holstein verband, der als Attach&amp; 
der preußischen Gesandtschaft in St. Petersburg ständiger Gast im Hause 
des damaligen Gesandten von Bismarck-Schönhausen gewesen war. 
Namentlich seit dem 1879 erfolgten Tode meines Vaters, der, solange er 
das Auswärtige Amt leitete, durch seine alten, vertrauensvollen Beziehun- 
gen zum Fürsten Bismarck wie durch seine Ruhe und Abgeklärtheit ein 
nützliches Gegengewicht zu Holstein gebildet hatte, trat letzterer mehr und 
mehr in den Vordergrund. Mein Vater liebte Holstein nicht, sie waren ganz 
verschiedenartige Naturen. Holstein, dem, wenn er wollte, auch ein senti- 
mentaler Augenaufschlag zu Gebote stand, hat mir mehr als einmal gesagt, 
er wisse sehr gut, daß er bei meinem Vater nicht in Gnaden gestanden 
habe; um so rührender wären die Hingebung und Treue, mit der er mich 
unterstütze und mir „diene“. Nachdem Fürst Bismarck, zweifellos nicht 
ohne Mitwirkung von Holstein, gestürzt worden war, klammerten sich seine 
Nachfolger Caprivi und Marschall, denen zunächst jeder Überblick über 
das internationale Schachbrett, alle diplomatische Routine und selbst die 
nötigen Sprachkenntnisse fehlten, an Holstein an wie Ertrinkende an einen 
Rettungsgürtel. Er mußte aber die Macht, die er dadurch gewann, mit 
Kiderlen teilen, der sich nicht gern die Butter vom Brot nehmen ließ. Auch 
war er gerade damals der Gegenstand heftiger Presseangriffe namentlich 
im „Kladderadatsch‘“ und in der Hardenschen „Zukunft“, die ihn noch 
menschenscheuer und damit noch weltfremder machten als früher. Unter
        <pb n="137" />
        Telegramm des Kaisers an Bülow über die Landung in Tanger 
(Zu Seite 110) 
21. März 1905 v.S. M/B 
[von Seiner Majestät 
Bülow] 
S.[einer] E.[xzellenz] Reichskanzler 
Ersehe aus Wolff und Wedekind daß deutsche Colonie und Marokkaner 
Vorbereitungen machen um meinen Besuch auszuschlachten und Briten ihn 
gegen Gallier ausspielen. Es ist sofort nach Tanger zu telegraphieren, daß es 
höchst zweifelhaft ist ob ich lande; und daß ich incog.: als Tourist nur Reise. 
also keine Audienzen, keine Empfänge 
Wilhelm I. R.
        <pb n="138" />
        <pb n="139" />
        <pb n="140" />
        NHFAR ga 24 Marz 1905. 0: 
f f 
   
      
      
BEL E 
ED a ET 
  
  
  
Gebühren: Telegraphie des Deutfchen Reiches, Petdrdet din 7 10 
M. .BE. Ubr M mit. in Ltg. 
Angenonmen burd: TE an 
- Berlin ©. Schloß-@elegraphenamt. 7" 
Nr. mit MW.190... den.. / ‚um Uhr „Min... mitt. 
  
Telegramm 
Sr. Wajekät des Kaifers und Königs. 
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vKorıa 
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M Zn bus h Mas. 
  
  
     
  
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        <pb n="141" />
        <pb n="142" />
        DAS DEUTSCHE REICH PROTESTIERT 113 
Hohenlohe atmete er wieder auf, denn die Presseangrifte, die seine empfind- 
same Seele tief verletzt hatten, flauten allmählich ab. Hohenlohe behandelte 
Holstein mit der immer gleichen, vornehmen Höflichkeit, die iım eigen 
war, hatte aber nicht entfernt das Vertrauen zu ihm, mit dem Fürst Bis- 
marck den Geheimen Rat von Holstein ausgezeichnet hatte. Als ich Staats- 
sekretär wurde, hatte Hohenlohe mich vor Holstein gewarnt mit den Wor- 
ten: „Alle bedenklichen und schlechten Ratschläge kommen meist von 
Holstein.“ Im direkten Gegensatz hierzu hatte Fürst Bismarck zu meinem 
Vater, der eine abfällige Äußerung über Holstein gemacht hatte, zwanzig 
Jahre früher nachdenklich geäußert: „Er ist aber doch sehr fein. Ich ver- 
danke ihm manche nützliche Warnung, manchen klugen Gedanken, auch 
manchen guten Ratschlag.“ 
Ich kehre zu der Marokko-Differenz zurück. Am Tage, wo der Kaiser in 
Tanger landete, hatte Delcasse in der französischen Kammer keinen Zweifel 
darüber gelassen, daß er sich auf dem von ihm betretenen Wege durch 
deutschen Widerspruch nicht irremachen lassen würde. Man kann darüber 
streiten und stritt schon im April 1905 darüber, ob es ratsam war, den 
Kaiser in Tanger in den Vordergrund treten zu lassen. Nachdem dies einmal 
geschehen war, mußten wir durchhalten. Am 11. und 12. April richtete ich 
Erlasse an unsere Vertretungen in London, Petersburg, Wien und bei einer 
Reihe anderer Regierungen, in denen ich ausführte, daß die kaiserliche 
Regierung ein Recht Frankreichs, Englands und Spaniens auf eine selb- 
ständige Ordnung der marokkanischen Angelegenheit nicht anerkennen 
könne und die Mitwirkung der acht Staaten fordere, die den Madrider 
Vertrag von 1880 unterzeichnet hatten. Ich wies die französische Behaup- 
tung, die Madrider Akte habe nur die Regelung der Privatrechte der fremden 
Untertanen in Marokko bezweckt, als rabulistisch zurück und rückte noch- 
mals die völkerrechtliche Bedeutung des Vertrages in den Vordergrund. 
Deutsche Rechte könnten nicht von anderen Mächten an irgend jemanden, 
auch nicht von England an Frankreich abgetreten werden. In dem an den 
kaiserlichen Botschafter in London gerichteten Erlaß schrieb ich: wir 
träten für unsere Interessen ein, über die ohne unsere Zustimmung verfügt 
werden solle. Die Bedeutung der Interessen wäre dabei nebensächlich. Der- 
jenige, dem Geld aus der Tasche genommen werden soll, werde sich immer 
nach Möglichkeit wehren, einerlei ob es sich um fünf oder um fünftausend 
Mark handle. Wenn wir unsere nicht unerheblichen wirtschaftlichen Inter- 
essen in Marokko stillschweigend preisgäben, würden wir damit andere zu 
ähnlichen Rücksichtslosigkeiten gegen uns ermuntern, und das vielleicht bei 
öß lel htigeren Fragen. Ich entsandteden GrafenTattenbach, 
bis dahin Gesandten in Lissabon, in besonderer Mission nach F ez, um den 
Sultan in der Zurückweisung der vertragswidrigen französischen Ansprüche 
8 Bülow II 
Sendung 
Tattenbachs 
nach Fez
        <pb n="143" />
        Delcasss 
wanks 
Rettungs- 
versuch des 
Grafen Monts 
114 DELCASSE, DER „GROSSE FRANZOSE“ 
auf die Oberaufsicht seiner Armee und seiner Finanzen zu bestärken und 
ihm zu raten, die bei dem Madrider Vertrag beteiligten Kabinette be- 
hufs Feststellung seiner Rechte zu einer Konferenz einzuladen. Ich betonte 
dabei nochmals ausdrücklich, daß Deutschland für sich in Marokko keine 
Vorteile anstrebe, dagegen die Aufrechterhaltung eines im Wesen verletzten 
Vertrages für alle Vertragsteilnehmer wünsche. Dadurch, daß der Sultan 
von Marokko nicht nur uns um Schutz anging, wurde unsere Stellung in 
dem Streit gestärkt. Tattenbach behielt auch weiterhin die Scherifische 
Majestät fest in der Hand. Graf Tattenbach war ein Altbayer und besaß 
den tapferen Mut und die unbeugsame Festigkeit, die diesen wackeren 
Volksstamm auszeichnen. Er war als bayrischer Offizier im Deutsch-Fran- 
zösischen Krieg verwundet worden, ein treuer, ja leidenschaftlicher Patriot. 
Inzwischen wurde die Lage von Delcasse schwierig. In der Sitzung 
der französischen Kammer vom 19. April 1905 wurde er nicht nur von den 
Sozialisten Jaur&amp;s und Pressens€, sondern auch von dem früheren und 
späteren Kammerpräsidenten, dem opportunistischen Deschanel, dem 
schönsten und noch für Jahre hinaus glücklichsten Mann des französischen 
Parlaments, heftig angegriffen, von dem Ministerpräsidenten Rouvier lau 
unterstützt. Um so leidenschaftlicher trat, unbekümmert um die klare 
Rechtslage, die englische Presse und Diplomatie für ihn ein. Die „Times“ 
hörte nicht auf, Delcasse den „großen Franzosen‘ zu nennen, während sie 
gleichzeitig Deutschland bedrohte und schmähte. Die Idee einer Konferenz 
über Marokko wurde von ihr als Demütigung, als Kapitulation weit abge- 
wiesen. In derselben Richtung tobten auch andere englische Blätter: 
„Daily Chronicle“, „Standard“, vor allem „Daily Mail“, das Organ North- 
cliffes. König Eduard erschien am 6. April 1905 selbst in der französischen 
Hauptstadt und riet dem Präsidenten Loubet in langer Unterredung, 
Delcasse€ zu halten. Am 31. April 1905 traf der König auf der Rückkehr von 
Nizza nochmals in Paris ein und empfing dort Delcasse zu eingehender 
Rücksprache. Eduard VII. tat alles, was in seinen Kräften stand, um den 
deutsch-französischen Streit erbitterter werden zu lassen, wie er sich auch 
drei Jahre später eifrig bemühte, während der bosnischen Krise Rußland 
gegen Deutschland aufzuhetzen. Er war ein geschickter Giftmischer. 
Neben König Eduard, proximus sed longo intervallo, unternahm unser 
Botschafter in Rom, Graf Monts, einen schüchternen, etwas seltsamen 
Versuch, den schon stark ins Wackeln geratenen Minister Delcass€ zu 
stützen. Bismarck hat nicht selten darüber geklagt, daß die deutschen 
Diplomaten meist für irgendein fremdes Land schwärmten: der deutsche 
Diplomat, der einige Zeit in England gelebt hätte, würde anglophil und 
behaupte, daß man nur in England sich anzuziehen, nur in England zu 
reiten und zu jagen, zu segeln, zu rudern, zu angeln und sich zu benehmen
        <pb n="144" />
        MONTS UND RARRERE 115 
verstehe. Andere deutsche Diplomaten sähen in Österreich den Sitz wahrer 
Vornehmheit und würdiger Tradition. Noch anderen imponiere das rus- 
sische Reich, der russische Zar, das russische Leben von den Bärenjagden 
bis zu den Bällen im Winterpalais. Für noch andere wäre Paris das einzige 
Klima, das sie vertrügen. In die letztere Kategorie gehörte Montes. Errühmte 
sich, von einem Dynasten des Languedoc abzustammen. Leute, die in der 
Genealogie besser Bescheid wußten als ich, behaupteten dagegen, der 
Großvater Monts habe zu den französischen Finanzkommis gehört, die 
Friedrich der Große in den letzten Jahren seiner Regierung aus Frankreich 
bezog, um in Preußen die indirekten Steuern mit französischer Härte und 
Habsucht einzuführen. Wie dem auch sein möge, Monts führte gern den 
angeblichen Wahlspruch seines Geschlechts „Fortis ut mons“ im Munde 
und trug auf seinen Manschettenknöpfen drei kleine Berggipfel, mit denen, 
wie er zu verstehen gab, auf ihrem Schilde seine Ahnen in Toulouse bei 
ritterlichen Turnieren in die Schranken geritten wären. Als er Botschafter 
zu werden wünschte, äußerte er mir gegenüber: „Ich möchte mich nicht 
selbst rühmen, aber ich glaube, daß ich für die große Diplomatie zwei 
Eigenschaften mitbringe, un nom ronflant et un devouement absolu für 
Sie.“ Monts warin Rom bald unter den Einfluß seines ihm an diplomatischer 
Routine, in der Menschenbehandlung, vor allem an Geschicklichkeit sehr 
überlegenen französischen Kollegen Barrere geraten. Barräre war ein 
intimer persönlicher Freund von Delcasse. Er setzte alles in Bewegung, um 
seinen Chef zu halten. In derselben Richtung arbeitete Luigi Luzzatti, ein 
namhafter Volkswirt, ein guter Schatzminister, ein Idealist, aber durch und 
durch französisch gesinnt. Barrere und Luzzatti veranlaßten Monts, im 
Höhepunkt der Delcasse-Krisis einen Bericht an mich zu richten, der als 
Rettungsgürtel für Delcasse dienen sollte und in dem es hieß: Luzzatti habe 
ihn, Monts, aufgesucht und ihm in bewegten Worten die Sorgen geschildert, 
die Barrere um seinen Chef und Freund Delcasse empfinde. Als Luzzatti 
auf die prononciert antideutsche Politik des französischen Ministers des 
Äußern hingewiesen hätte, habe Barrere diese Politik mit dem Hinweis dar- 
auf verteidigt, daß die Republik die Traditionen Gambettas, der im Herzen 
unwandelbar die Hoffnung auf eine Wiederangliederung von Elsaß-Loth- 
ringen genährt hätte, wenigstens im Prinzip nicht aufgeben könne und daß 
das französische Volk zu einer Versöhnung mit uns noch nicht reif wäre. 
Diesen Ausführungen sei von ihm, Luzzatti, entgegengesetzt worden, daß 
mit der Revanche es sich wie mit dem Blute des heiligen Januarius in 
Neapel verhielte. Nur wenn die Drahtzieher in Paris es wünschten, ließen 
sie die elsässische Wunde bluten. Tatsächlich aber wolle die große Masse der 
französischen Nation den Frieden. Das empfinde jetzt Delcasse. Man glaube 
in Paris zu wissen, daß Monts persönlich jedes Chauvinismus bar sei und zu 
g*
        <pb n="145" />
        116 DIE WUNDE VON 1870 
einem Ausgleich mit Frankreich hinneige. Da er, Luzzatti, in gleicher Weise 
mit Barrere und Monts durch Freundschaft verbunden wäre, hätten sich 
die Augen der französischen Staatsmänner auf die genannten beiden Diplo- 
maten gelenkt, um durch sie zur Behebung der gegenwärtigen Spannung zu 
gelangen. Frankreichs Lage sei jetzt prekär. Die Nation wünsche, 
einer unhaltbaren und nach französischer Ansicht unheilschwangeren Krisis 
ein Ende zu bereiten, die Regierung wisse aber nicht, wie sie aus der 
marokkanischen Sackgasse herauskommen solle. Man frage sich in Paris, 
ob Seiner Majestät dem Kaiser und König irgendeine Allerhöchstihm von 
Frankreich zu erweisende eklatante persönliche Genugtuung genehm 
sein würde. Der französische Botschafter sei von Delcasse ermächtigt, mit 
seinem Freunde Monts die Sachlage zu erörtern. Herr Luzzatti hatte noch 
geäußert, daß England die französischen Hoffnungen bitter enttäuscht habe. 
Man hätte in London erklärt, daß das Marokkoabkommen England ver- 
pflichte, diplomatisch Frankreichs Ansprüche zu unterstützen. Darüber 
hinaus könne England nicht gehen. Auch an der Newa wolle man wegen 
Marokkos die freundschaftlichen Beziehungen zu Deutschland nicht aufs 
Spiel setzen. Luzzatti gab zu, daß Delcasse den Plan verfolgt hätte, 
Deutschland völlig zu isolieren. Er habe aber mit falschen Prämissen ge- 
rechnet. Die japanischen Siege hätten, wie Delcasse selbst an Barrere 
schrieb, seine Pläne umgeworfen, nachdem er noch im vergangenen Früh- 
jahr die ihm von Deutschland dargebotene Hand zurückgewiesen habe. 
Herr Delcass@ habe damals in Rom die ihm von Italien übermittelte An- 
regung einer Begegnung des französischen Präsidenten mit Seiner Majestät 
dem Kaiser mit der ausdrücklichen Begründung abgelehnt, im französischen 
Volk brenne die Wunde von 1870 noch zu tief, es würde seine Staatsmänner 
nicht verstehen und sie, vielleicht sogar den Präsidenten, fortjagen, wenn 
es zu einer Begegnung zwischen dem Deutschen Kaiser und dem franzö- 
sischen Staatsoberhaupt komme. Jetzt herrsche in den weitesten Schichten 
des französischen Volks negativ „‚paura“, positiv der Wille, die Regierung 
zu einem Ausgleich mit uns zu zwingen. Leichten Herzens würden sich die 
glübenden Patrioten Delcasse und Barrere gewiß nicht zu einem immerhin 
demütigenden Schritt entschlossen haben, denn sie bäten jetzt durch 
Luzzatti bei Monts direkt um gutes Wetter. Auf die Frage des deutschen 
Botschafters, ob die französische Regierung einen ehrlichen Frieden mit uns 
wolle, der ohne endgültigen Verzicht auf Elsaß-Lothringen nicht möglich 
sei — denn der Gott der Schlachten, 1870 nicht von uns angerufen, habe für 
Deutschland entschieden, die Reichslande wären mit dem Blute von hundert- 
tausend braven deutschen Männern erkauft, so lange ein Deutsches Reich 
existiere, gäben wir sie nicht heraus, darüber dürfe kein Zweifel und kein 
Sous-Entendu bestehen —, hatte Luzzatti keine klare Antwort gegeben.
        <pb n="146" />
        DELCASSES SPIEL 117 
Dagegen hatte er den ihm von Monts „suggerierten“ Gedanken eines 
großen Arrangements zwischen Deutschland und Frankreich, ähnlich 
dem englisch-französischen, unter das dann auch neben nahem und fernem 
Orient Marokko zu subsumieren wäre, mit Begeisterung aufgegriffen. 
Luzzatti hätte ausgerufen, daß, wenn ein solches Arrangement gelänge, die 
Geschichte den Namen Kaiser Wilhelms II. als den des größten Pazifikators 
der Weltgeschichte und eines zweiten Titus für immer in ihre ehernen 
Tafeln eintragen würde. Hierbei stellte sich jedoch heraus, daß Herr Del- 
casse Teilungsvorschläge meditierte oder vorspiegelte. Darauf hatte Monts 
entgegnet, Deutschland könne den durch die Madrider Konvention ge- 
schaffenen Boden nicht verlassen. Es verlange für sich nur die gleichen 
Rechte wie für alle, und gerade deshalb sei seine Position so unangreifbar. 
Übrigens wäre ja die ganze marokkanische Angelegenheit nur das Symptom 
einer tiefgebenden Krankheit. An uns hätte es nicht gelegen, daß die 
deutsch-französischen Beziehungen nicht schon längst normale und solche 
geworden wären, wie sie zwischen Nachbarn bestehen sollten. Aber auch 
der übergeduldige deutsche Michel lasse sich nicht dauernd als Quantite 
negligeable behandeln. 
Diesem langen Bericht hatte Monts einen Privatbrief beigegeben, in 
dem er mir schrieb: „Ohne irgendwie der Entscheidung Eurer Exzellenz 
vorzugreifen, möchte ich als meinen persönlichen Eindruck, wie ich ihn aus 
den Äußerungen Luzzattis und sonstigen Symptomen hier gewinne, 
Hochdemselben folgendes ehrerbietigst unterbreiten: Delcasse sucht augen- 
scheinlich in geschickter Wendung dort eine Stütze, wohin er bisher alle 
seine Angriffe richtete. Der ehrgeizige Mann sieht sich ohne einen Ausgleich 
mit uns verloren. Vielleicht hätten wir daher a priori gerade mit ihm leichtes 
Spiel. Dazu kommt, daß Barrere, der längst für Rom das Interesse verloren, 
für sich persönlich den Berliner Posten bei der Sache heraushängen sicht. 
Er-würde also mit Dampf arbeiten und schließlich seine gewichtige Stimme 
einlegen, wenn die Verhandlungen, wie vorauszusehen, schwierig werden 
sollten. Er wäre vielleicht später auch tatsächlich der richtige Mann, um 
die Verhältnisse zwischen Berlin und Paris dauernd zu guten zu gestalten. 
Eure Exzellenz würden ihn schon in seinen Schranken zu halten wissen! 
Der ehrgeizige Barrere will partout persönliche Erfolge erringen. Er würde 
mit Feuereifer vielleicht noch mehr für seinen Ruhm als für Frankreich 
arbeiten, wenn er sein Spiel auf die erstklassige deutsch-französische Karte 
setzen kann. Herr Barr£re hatte mir vor zwei Jabren in Camaldoli schon 
einmal gesagt: ‚Weshalb habt ihr, statt den Dreibund zu erneuern, nicht 
eine Allianz mit uns geschlossen * Das X für mich ist freilich die Wandel- 
barkeit des französischen Volkscharakters. Oder sollte die Bourgeois- 
Republik sich schon zu einem solchen Phäakentum und Philistertum
        <pb n="147" />
        118 EIN KUCKUCKSEI 
umgebildet haben, daß man noch für eine weitere Reihe von Jahren auf ihr 
Fortbestehen und auf Ruhe in Frankreich rechnen kann? Wie Eurer 
Exzellenz höhere Einsicht hierüber auch urteilen mag und wie weit Hoch- 
dieselben in Ihrer französischen Politik auch eventuell gehen mögen, Sie 
wollen mir für heute gestatten, daß ich zu dem in der Marokkosache jetzt 
schon sichtbaren großen Erfolg unter dem heutigen Datum des faustus 
eventus Ihres Geburtstages meine wärmsten Glückwünsche ausspreche. 
Die Frucht des Canossagangs der Franzosen wird eine doppelte sein, wenn 
Seine Majestät der Kaiser in allen seinen Verlautbarungen Allerhöchstsich 
die größte Reserve jetzt auferlegen wollte.“ 
Fistula dulce canit, volucrem dum decipit auceps. 
Ex post neige ich heute noch mehr als 1905 zu der Ansicht, der Holstein 
schon damals Ausdruck gab, nämlich zu der Meinung, daß dem Monts- 
schen Rettungsversuch für Delcasse der Wunsch zugrunde lag, auf diese 
Weise mit Nachhilfe von Barrere und Delcasse als Botschafter nach Paris 
zu kommen. Monts fühlte sich nicht mehr wohl in Rom, schon weil er sich 
dort in kurzer Frist allgemein unbeliebt gemacht hatte, in der italienischen 
Gesellschaft wie in der deutschen Kolonie. Das Ziel seiner Ambitionen 
war inerster Linie Paris, in zweiter Wien. Holstein war eine mißtrauische 
Natur, bisweilen, wie unbestreitbar ist, von krankhaftem Mißtrauen 
erfüllt. Aber wenn Robespierre gesagt haben soll, daß das Mißtrauen die 
notwendigste aller republikanischen Tugenden sei, 80 ist nicht zu leugnen, 
daß eine gute Dosis von dieser Eigenschaft auch dem Diplomaten zu 
empfehlen ist. 
Nüchtern sei, gedenk des Argwohns, dieses hält den Geist gelenk, 
sagt irgendwo Aristophanes, dessen Seele nicht nur nach Plato der Lieb- 
lingssitz der Anmut, sondern auch erleuchteter Vernunft war. Welches 
auch die Motive von Monts gewesen sein mögen, sie mußten erfolglos bleiben. 
Nur en passant gedenke ich eines Vorschlages von Eckardstein, der auf 
Umwegen an den Kaiser den Plan heranbrachte, in einer von Seiner Ma- 
jestät zu haltenden „großen“ Rede auszuführen, daß er zwar sein Recht 
wahrnehmen wolle, daß aber eine Friedensstörung ihm und seiner Regierung 
völlig fernliege. Ich zertrat dieses Kuckucksei in der Schale, zumal ich bald 
erfuhr, daß die Eckardsteinsche Proposition wieder einmal auf eine größere 
Börsenoperation zurückzuführen war, bei der er diesmal aber nicht &amp; la 
baisse, sondern ä la hausse spekulierte. Als Kuriosum erwähne ich endlich 
noch, daß die „eklatante Satisfaktion“, die von Barrere und seinem 
Freunde Delcasse für Kaiser Wilhelm II. in Aussicht genommen war, wie 
sich später herausstellte, entweder das Großkreuz der Ehrenlegion sein
        <pb n="148" />
        DIE 150 000 ENGLÄNDER 119 
sollte oder das Versprechen des Präsidenten Loubet, im nächsten Jahr auf 
eine Begegnung mit dem Deutschen Kaiser einzugehen. 
In meinen Unterredungen mit dem französischen Botschafter Bihourd, 
einem sehr höflichen, wohlerzogenen, eher schüchternen Diplomaten, den 
Delcasse wohl gerade deshalb nach Berlin geschickt hatte, um unter diesem 
Samthandschuh seine härtere Hand zu verbergen, vermied ich alle Drohun- 
gen, jede schroffe oder auch nur unhöfliche Wendung. In freundlichem 
Tone sagte ich dem Botschafter, daß, wenn er überzeugt sei, daß England 
den Franzosen zu Hilfe eilen werde, ich die Richtigkeit dieser Auffassung 
nicht a priori in Zweifel ziehen wolle. Ich gäbe auch vollkommen zu, daß 
England unserem Handel schwere Schläge versetzen, daß es unsere im Bau 
befindliche Flotte zerstören könne. Aber nach Lage der Dinge würde bei 
einem Krieg, den ich ebenso und geradeso wie Bihourd zu vermeiden 
wünsche, das arme Frankreich am meisten leiden. „C’est vous, je le con- 
state avec tristesse, qui payerez les pots cass&amp;s, non par notre mechancete, 
mais par la force des choses.‘* 
Je mehr sich die Situation zuspitzte, um so eifriger war England bemüht, 
seinen Schützling Delcass€ zu halten. Die englische Regierung ließ Delcasse 
wissen, daß sie ihn nicht sitzenlassen würde. Frankreich möge ruhig die 
Konferenz ablehnen und abwarten, ob Deutschland es wagen würde, die 
Offensive zu ergreifen. Delcasse versicherte bestimmt und wiederholt seinen 
Ministerkollegen, daß England bereit wäre, 150000 Mann nach Holstein 
zu werfen, die einen großen Teil der deutschen Landarmee von der deutschen 
Westgrenze abziehen würden. Am 6. Juni fand in Paris die entscheidende 
Ministersitzung statt. Delcasse vertrat die Ansicht, daß, wenn Frankreich 
auf seiner Ablehnung der Konferenz mit Festigkeit beharre, Deutschland 
zurückweichen, d.h. eine Demütigung dem Kriege vorziehen würde. Der 
Kriegsminister Bertaux zeigte sich weniger zuversichtlich. Der Minister- 
präsident Rouvier gab die Entscheidung, alser die Überzeugung aussprach, 
daß Delcasse sich täusche, wenn er glaube, daß Deutschland nur blufle. 
Der Ministerrat sprach sich für die Beschickung der Konferenz, also gegen 
Delcasse, aus. Da erhob sich dieser, erklärte seinen Austritt aus der Re- 
gierung und verließ tief gekränkt den Sitzungssaal. Er sollte erst acht Jahre 
später, vier Jahre nach meinem Rücktritt, wieder auf der großen politischen 
Bühne erscheinen, als ihm 1913 die Botschaft in St. Petersburg übertragen 
wurde, wo er alle Hebel in Bewegung setzte, um Rußland für den Krieg 
gegen Deutschland zu gewinnen und in diesen Krieg hineinzutreiben. 
Wenn er sich 1905 vergeblich bemüht hatte, entweder den Revanchekrieg 
oder eine tiefe Demütigung Deutschlands herbeizuführen, so war er 1913 
der Sturmvogel, der dem Gewitter vorauszog, das sich ein Jahr später 
entlud. Die Beseitigung von Delcasse hat uns den Frieden für viele Jahre 
Sturz 
Delcasses
        <pb n="149" />
        120 DER BRANDSTIFTER 
erhalten, Ein Blatt, das seinerzeit meine Politik von 1905 lebhaft kritisiert 
hatte, das „Berliner Tageblatt‘, schrieb nach dem 1923 erfolgten Tod von 
Delcasse in einem „Das Ende eines Brandstifters‘ überschriebenen Artikel: 
die Laufbahn dieses Brandstifters habe mit dem Abschluß der Entente 
cordiale begonnen, wäre dann aber jäh unterbrochen worden, als der von 
Haß und Ehrgeiz geschwollene, mit aller Kraft zum Kriege gegen Deutsch- 
land treibende Delcasse 1905 gestürzt worden wäre. Neun Jahre später habe 
Delcasse, nachdem er als Abgesandter seines Freundes Poincare in Sankt 
Petersburg den Weltkrieg vorbereitet hätte, seinen Traum, die Entzündung 
des Weltbrandes, verwirklicht gesehen.
        <pb n="150" />
        vIL KAPITEL 
Vermählung des Kronprinzen (6. VI. 1905) « Bülows Erhebung in den Fürstenstand 
Wilhelm II. und der General Lacroix « Folgen des Sturzes von Delcasse « Rouvier 
Der französische Patriotismus » Brief Metternichs zur Lage - Eduard VII. lädt den 
Deutschen Kronprinzen zu Jagden ein » Wilhelın II. gegen diese Reise » Die Lage in 
Rußland » Brief der Großfürstin Maria Pawlowna an ihren Onkel Prinz Heinrich VII. 
Reuß - Das Verhältnis zwischen Wilhelm II. und Nikolaus II. - Prinz Heinrich von 
Preußen -« Entwurf eines deutsch-russischen Rückversicherungsvertrages + Korrespon- 
denz zwischen Wilhelm II. und Nikolaus II. 
n demselben 6. Juni 1905, da Delcasse stürzte, fand in Berlin die 
Trauung des Deutschen Kronprinzen mit der Herzogin Cecilie von 
Mecklenburg-Schwerin statt. Am Vormittag dieses Tages erschien der Kai- 
ser bei mir im Reichskanzlerpalais, um mir mitzuteilen, daß er mich in den 
Fürstenstand erhoben hätte. Mit der liebenswürdigen Natürlichkeit, die 
sein großer Zauber war und blieb, meinte er: „Diesmal können Sie mir nicht 
entwischen. Das Patent ist unterzeichnet, die Ernennung wird schon durch 
Wolff verbreitet. Lucanus hat alles besorgt.‘ In sehr herzlicher, sehr gütiger 
Weise fügte der Kaiser hinzu, er freue sich, gerade am Hochzeitstage seines 
ältesten Sohnes, des künftigen Königs und Kaisers, einem der hervor- 
ragendsten Diener seines Hauses diese Auszeichnung zuteil werden zu 
lassen. Bei diesem Anlaß möchte ich erwähnen, daß meine Erhebung in den 
Fürstenstand in keiner Weise mit dem Rücktritt des Herm Delcasse 
zusammenhing, der erst am Abend des 6. Juni in Berlin bekannt wurde. 
Kaiser Wilhelm II. hat während seiner Regierungszeit sieben Erhebungen 
in den Fürstenstand vorgenommen. Vor mir wurden 1899 der Botschafter 
Graf Münster-Derneburg, 1900 der Botschafter Graf Philipp Eulenburg, 
Graf Richard zu Dohna-Schlobitten und Graf Edzard Kyphausen, 1901 
Graf Guido Henckel-Donnersmarck, nach mir 1913 der Statthalter von 
Elsaß-Lothringen, Graf Karl Wedel, in den Fürstenstand erhoben. Fürst 
Hermann Hatzfeldt hatte 1900 die Herzogswürde erhalten. 
Die Vermählung des Kronprinzen wurde mit großem Glanz gefeiert. Der 
Kronprinz sah glücklich, seine junge Frau reizend aus. Am Abend fand nach 
altem Brauch des königlichen Hauses der Fackeltanz statt. Ursprünglich 
wurden bei diesem altdeutschen Hochzeitstanz die Fackeln von den 
Hochzeit 
im Berliner 
Schloß
        <pb n="151" />
        Wilhelm II. 
und General 
Lacroix 
122 DER FACKELTANZ 
Ministern getragen. Wilhelm II. fand mit Recht, daß es kein sehr ästhetischer 
Anblick wäre, bejahrte, zum Teil schon gebrechliche, zum Teil allzu beleibte 
Staatsmänner mühsam auf dem glatten Parkett des Weißen Saales eine 
Reihe von Rundgängen ausführen zu sehen, qualmende Fackeln in der 
Hand, die ibre reich vergoldeten Uniformen mit Wachs beträufelten. Er 
bestimmte, daß künftig junge und adrette Pagen die Fackeln tragen sollten, 
was in der Tat viel besser aussah. Jeder Prinz und jede Prinzessin mußten 
hinter dem Pagen, die paarweise vorausschritten, einen Rundgang durch 
den Saal unternehmen. Voraus schritt der Oberstmarschall Fürst Max 
Fürstenberg. Früher hatte der inzwischen zum Hausminister ernannte 
Oberhofmarschall und Oberzeremonienmeister Graf August Eulenburg mit 
unübertrefflicher Sicherheit, Würde und Vornchmheit den Fackeltanz 
geleitet. Er sah aus wie herausgeschnitten aus einem schönen Stich des 
Grand Sitcle. Aber auch Max Fürstenberg, wenngleich weniger distinguiert, 
gewährte in der roten Galauniform der Gardeducorps einen stattlichen 
Anblick. Ich stand während der Zeremonie neben dem französischen Bot- 
schafter, der mit einer Mischung von Melancholie und Neid die Bemerkung 
fallen ließ: „Et nous aussi, nous avons vu et connu tout cela lorsque le 
Roi-Soleil trönait a Versailles et attirait tous les regards. Enfin, chacun son 
tour, comme disait en mourant ce bon Benjamin Constant.‘ Das Hochzeits- 
fest des Kronprinzen war glänzend und mußte jeden kultivierten Europäer 
erfreuen, jeden, der nicht böotisch empfand. Und doch ließen auch die 
prächtigsten Hoffeste bei mir meist einen melancholischen Eindruck zurück. 
Ich entsinne mich einer Paradetafel am 2. September, dem Sedantag, nach 
deren Aufhebung Posadowsky und ich aus einem der Fenster des Schlosses 
auf das von der untergehenden Sonne rot beleuchtete Berlin blickten. Mit 
dem Ausdruck schweren Ernstes, der ihm eigen war, sagte mir Posadowsky, 
auf den roten Abendhimmel deutend: „Wenn der Kaiser fortfährt, so über- 
mütig und insbesondere so unbesonnen zu sein, so wird früher oder später 
dies Schloß von der Masse bedroht, vielleicht gestürmt werden.“ 
Als ich am 6. Juni 1905, etwas ermüdet von den langen Zeremonien der 
Hochzeitsfeier und noch mehr von der großen Hitze, die an diesem Tage in 
Berlin geherrscht hatte, mich gegen Mitternacht auf der Gartenterrasse 
neben meinem Arbeitszimmer in der nächtlichen Kühle erholte, ließ mir der 
Kaiser telephonieren, er habe soeben von Wolff die Nachricht erhalten, daß 
Delcasse zurückgetreten wäre. Ich hatte den Rücktritt erwartet, der mich 
freute, ohne mich zu überraschen oder gar zu erregen. Aber ich beging einen 
Febler, als ich mir nicht sogleich sagte, daß der Kaiser bei seinem Naturell 
und mit seinem Temperament aus der quälenden Sorge, die ihn wegen der 
Spannung mit Frankreich bisher beherrscht hatte, in das andere Extrem, 
in übertriebenen Jubel, übertriebene Hoffnungen und namentlich in ein
        <pb n="152" />
        DER FRANZÖSISCHE HOCHZEITSGAST 123 
übertriebenes Entgegenkommen gegenüber Frankreich verfallen würde. 
Das Verständnis für die Notwendigkeit des Horazischen 
Aequam memento rebus in arduis 
Servare mentem, non secus in bonis 
Ab insolenti temperatam 
Laetitia, moriture Delli 
lag ihm nicht. Dieselbe Empfindung wie ich hatte der wohlmeinende, 
politisch nicht unverständige Flügeladjutant Graf Kuno Moltke gehabt, 
ein Jugendfreund von mir aus Neustrelitz, der mir in der Nacht schrieb, 
der Kaiser würde am nächsten Tage bei einer von ihm angesetzten Feld- 
dienstübung den zu den Hochzeitsfeierlichkeiten entsandten französischen 
General Lacroix treffen. „Ich teile Ihnen dies mit, auf daß rechtzeitig in 
den schäumenden Wein der kaiserlichen Freude, ich will nicht sagen Bitter- 
wasser, aber doch aqua destillata von Ihnen gemischt werde.“ Leider 
erhielt ich diesen Brief durch ein Versehen oder die Bummelei des mit 
seiner Überbringung beauftragten Lakaien erst am Mittag des folgenden 
Tages. Inzwischen hatte der Kaiser in einem erregten Herzenserguß dem 
General Lacroix seine enthusiastische Freude über den Rücktritt von Del- 
casse und gleichzeitig die feste Überzeugung ausgedrückt, daß nunmehr 
alles in schönster Ordnung wäre. Auf Marokko habe er nie Wert gelegt, 
er gönne es gern den Franzosen. Diese spontane, gut gemeinte, aber un- 
diplomatische und unpolitische Expektoration des Kaisers hat uns bis zur 
Konferenz von Algeciras und darüber hinaus die Unterhandlungen mit 
Frankreich und die Beziehungen zu Frankreich sehr erschwert. Nicht mit 
Unrecht sollte mir Holstein vor der Algeciras-Konferenz im Herbst 1905 
schreiben: „Während wir im Schweiße unseres Angesichts für einen 
unseren wirtschaftlichen und politischen Interessen entsprechenden Aus- 
gang des Marokkostreits kämpfen, hatte Seine Majestät schon längst nach- 
gegeben. Die Franzosen wußten das, aber unser Publikum wußte es nicht, 
sondern stand ohne Erklärung vor der Tatsache, daß die französische 
Regierung vor der Rückkehr des Generals Lacroix weich und nachgiebig 
gewesen, nachher aber zähe und selbstbewußt geworden war. Die Franzosen 
hatten eben die direkte Zusage des Kaisers.“ 
Der Sturz von Delcasse war für uns kein Augenblickserfolg. Sein Sturz 
lähmte den französischen Chauvinismus in gleichem Maße wie die englischen 
Jingoes. Das erleichterte nicht nur die Fortführung unseres Flottenbaus, 
sondern unsere ganze Politik. Delcasse war das Instrument, dessen sich 
unsere Gegner bedienen wollten, um uns zu treffen. Durch Delcasse dachten, 
wie der damals in London weilende Karl Peters mit Recht schrieb, die- 
jenigen englischen Kreise, die uns unser Flottenprogramm nicht ausführen
        <pb n="153" />
        Rouvier 
wünscht Ver- 
ständigung 
124 ROUVIER 
lassen wollten, Frankreich zum Kriegsbündnis mit England zu bewegen, 
um uns dann mit der englischen Flotte zu überfallen. Daß wir dies verhin- 
derten, war gerade damals, wo wir uns mit unserem Flottenbau auf der 
Mitte des Weges befanden, besonders wichtig. Rouvier, der an die Stelle 
von Delcasse trat, war, wie alle französischen Minister, die seit 1871, seit 
dem Frankfurter Frieden in dem schönen Palais am Quai d’Orsay gewaltet 
haben, durch und durch Patriot. Er hatte Gambetta nahegestanden. Sein 
Aufstieg ist charakteristisch für das dramatische Element, das die franzö- 
sische Geschichte und französische Politik so anziehend macht. Wenige Tage 
nachdem die französische Nationalversammlung in Bordeaux den Prälimi- 
narfrieden mit Deutschland angenommen hatte, begegneten sich in der 
Hauptstadt der Gironde zwei junge Südfranzosen, Cremieux und Rouvier. 
Seit langem befreundet, überlegten sie miteinander, was sie unter den ob- 
waltenden Verhältnissen anfangen sollten. Cr&amp;mieux schlug vor, nach 
Marseille zu fahren, wo die radikale Partei, der sie beide angehörten, sich 
der Gewalt bemächtigt habe. Als Wahlmacher von Gambetta hatte 
Cr&amp;mieux dort Beziehungen und Einfluß. Rouvier meinte, es sei ratsamer, 
mit Thiers nach Versailles zu gehen. Am nächsten Morgen traf Cremieux 
in Marseille ein, er wurde dort von seinen Freunden empfangen und nach 
dem Rathaus geleitet, wo er die Kommune von Marseille proklamierte und 
sich selbst zum Chef der Kommune. Im Laufe des Nachmittags wurde er 
von dem in Marseille kommandierenden General, der nicht den Kopf ver- 
loren hatte, arretiert und im Laufe der darauffolgenden Nacht nach franzö- 
sischer, in allen französischen Revolutionen bewährter Tradition er- 
schossen. Gambetta kam, auch nachdem er der mächtigste Mann in Frank- 
reich geworden war, nie nach Marseille, ohne der Witwe von Cremieux 
einen Besuch abzustatten. Der vorsichtigere Rouvier überstand im Schatten 
von Thiers die Krisis der Kommune, ließ sich 1876 in die Deputierten- 
kammer wählen, wurde 1881 Handelsminister, 1887 und dann wicder 1905 
Ministerpräsident. Er kam nach und nach nicht nur zu erbeblichem politi- 
schem Einfluß, sondern als geschickter Financier auch zu einem nicht un- 
bedeutenden Vermögen. Er stand in guten Beziehungen zu der Pariser 
Hautefinance, namentlich zum Hause Rothschild. Er war für die nach dem 
Rücktritt von Delcasse entstandene Situation der gegebene Mann,daerschon 
im Hinblick auf die französischen Finanzen vor allem den Frieden wollte. 
Schon vor dem Rücktritt von Delcasse hatte mir der Unterstaatssekretär 
von Mühlberg, dessen ruhiges und abgewogenes Urteil sich mehr und 
mehr bewährte, geschrieben: „Alle Anregungen, die von Delcasse kommen, 
möchte ich für Versuche halten, uns aus unserer jetzigen Position herauszu- 
drängen, ohne uns Ernsthaftes zu bieten. Nicht so mit Rouvier, der vor 
allem Finanzmann ist. Wie alle Leute dieser Kategorie will er in dieser
        <pb n="154" />
        NOCH KEINE FRANZÖSISCHEN VORSCHLÄGE 125 
seiner hervorragenden Eigenschaft den Frieden. Er möchte. keine Ver- 
wicklungen mit uns. Ich möchte deshalb seine Annäherungsversuche für 
ehrlich gemeint halten. Sie bestehen eine Prüfung, wenn Radolin auf seine 
Friedenswünsche mit uns eingeht und ihm bei gegebener Gelegenheit, die 
er aber nicht zu suchen hat, sagt: Bist du wirklich so versöhnlich und 
deutschfreundlich gesinnt, nun gut — eine Konferenz ist der beste Weg, 
die Sache zu ordnen. Wir werden dann hören, ob Rouvier seine Freund- 
schaftsschalmei weiterbläst. Die Konferenz ist nicht allein ein äußerer 
Erfolg unserer Politik, der im Ausland wie im Inland uns Prestige verleiht, 
sie kann auch materiell gut von uns ausgefüllt werden.“ Der Gesandte Graf 
Tattenbach hatte, nachdem er sich de visu in Fez von der Zerfahrenheit 
und Verrottung der Verhältnisse im Scherifischen Reich, dem Maghreb el 
Aksa, überzeugt hatte, den Vorschlag gemacht, Frankreich und Spanien 
die Teilung von Marokko nach Interessensphären vorzuschlagen. Dieser 
Gedanke hätte sicherlich zunächst den stürmischen Beifall aller Alldeutschen 
gefunden, ich glaube aber noch heute, daß Herr von Mühlberg sich nicht 
irrte, wenn er in seinem Votum vom 30. April ausführte: „Wenn nach 
Dezennien ein Historiker in unseren Archiven das Telegramm Nr. 1084 
ausgräbt, so wird er wahrscheinlich sagen: Der Gesandte hat recht gehabt. 
Warum wirft sich die deutsche Politik zur Schützerin von Reichen auf, die 
wie Türkei und Marokko durch den Lauf der Geschichte zum Untergang 
bestimmt sind? Allein wir armen Zeitgenossen müssen mit den gegebenen 
Tatsachen rechnen. Einer Politik, wie sie Graf Tattenbach inauguriert zu 
sehen wünscht, steht zuerst der Widerwille Seiner Majestät entgegen, der 
kein militärisches Festlegen in Marokko wünscht, und dies müßte ins Auge 
gefaßt werden, sobald wir dort uns eine Interessensphäre aneignen. Sodann 
stehen dieser Politik entgegen unsere bisherigen Erklärungen und Versiche- 
rungen, den Status quo zu erhalten und nur für ‚open door‘ zu fechten.“ 
Positive Vorschläge wegen einer Verständigung über Marokko sind uns 
1905 von französischer Seite überhaupt nicht gemacht worden. Das stellte 
sechs Jahre später in der Sitzung der Budgetkommission des Reichstags 
vom 11. November 1911 der damalige Staatssekretär des Auswärtigen 
Amts von Kiderlen-Waechter fest, indem er ausführte: Nach der Tangerreise 
des Deutschen Kaisers habe Delcasse den Versuch einer direkten Verhand- 
lung mit uns gemacht, der aber mangels positiver Vorschläge von franzö- 
sischer Seite zu keinem Ergebnis geführt hätte. Nach dem Rücktritt von 
Delcasse habe Rouvier auf offiziellem und ofhiziösem Wege dem Wunsch 
nach einer Verständigung mit uns Ausdruck gegeben, wobei zum erstenmal 
das Wort „Kongo“ gefallen wäre. Wir hätten positive Vorschläge erbeten, 
ohne damit zu irgendeinem Ergebnis zu kommen. „Inzwischen“, schloß 
Kiderlen seine damaligen Ausführungen, „hatten wir uns auf den Stand-
        <pb n="155" />
        Antideutscho 
Stimmung in 
England 
126 ENGLISCHER ÄRGER ÜBER DELCASSES STURZ 
punkt festgelegt, daß Änderungen in Marokko nur mit Zustimmung der 
Signatarmächte der Madrider Konferenz erfolgen dürften, um uns eventuell 
nicht zwischen zwei Stühle zu setzen. Daher konnte Fürst Bülow nicht 
weiter auf die französischen Verständigungswünsche eingehen, die niemals 
von positiven Vorschlägen begleitet gewesen waren.“ In ihrer Beurteilung 
des ganzen Streits um Marokko ging unsere öffentliche Meinung deshalb so 
oft in die Irre, weil sie die Unterströmungen in Frankreich und die Leiden- 
schaftlichkeit und Intensität des französischen Patriotismus nicht richtig 
einschätzte. Schr friedlich, sehr gutmütig, etwas naiv, bei allen seinen 
sonstigen großen und herrlichen Eigenschaften politisch wenig begabt, be- 
urteilte und beurteilt der Deutsche den Franzosen zu sehr nach sich selbst 
und unterschätzt den brennenden französischen Ehrgeiz, die grenzenlose 
französische Ritelkeit, die französische Härte und Grausamkeit, aber auch 
die französische Spannkraft und Elastizität, den bewunderungswürdigen 
Patriotismus aller Franzosen. Deshalb wies ich schon vor dem Weltkrieg* 
auf die nie übertroffene Schilderung des französischen Charakters durch 
Alexis de Tocqueville hin, der um die Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem 
meisterhaften Werk „L’ancien regime et la revolution“ schrieb: „Quand 
je consid®re cette nation, je la trouve plus extraordinaire qu’aucun des 
cvenements de son histoire, faisant toujours plus mal ou mieux qu’on ne 
s’y attendait. La plus brillante et la plus dangereuse des nations de l’Europe 
etla mieux faite pour y devenir tour a tour un objet d’admiration, de haine, 
de pitie, de terreur, mais jamais d’indifference.‘“ 
Je mehr von englischer Seite Neid und Haß bemüht gewesen waren, 
Delcasse zu stützen, die englische Presse laut und dreist, König Eduard 
und die unter seinem Einfluß stehenden Minister des Tory-Kabinetts mehr 
im stillen, um so größer war an der Themse der Ärger über den Sturz dieses 
Staatsmannes, der durch den Lauf der Ereignisse wie in seinem tiefen und 
hitzigen Haß gegen Deutschland die Revanche-Idee verkörperte. Am 
25. Juli 1905 schrieb mir unser Botschafter Paul Metternich aus London: 
„Ihre Königlichen Hoheiten der Kronprinz und die Kronprinzessin von 
Griechenland und die Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, welche mit 
ihren Kindern in Seaford, einem kleinen englischen Badeort, weilen und 
seit etwa acht Tagen im Buckingham Palace zum Besuch sind, hatten sich 
heute zum Lunch bei mir angesagt. Die Kronprinzessin sagte mir, sie sei 
ganz erschrocken und traurig über die antideutsche Stimmung, die hier bei 
Hofe herrsche. Sie sei ahnungslos in dieses erbitterte Milieu hineingeraten. 
Es wäre dies sehr traurig, da England und Deutschland eigentlich dazu 
berufen wären, zusammenzugehen. König Eduard wünsche, trotz seiner 
* Fürst von Bülow, Deutsche Politik, Volksausgabe, S. 81 f.
        <pb n="156" />
        EDUARD VII VERSTIMMT 127 
augenblicklichen Verstimmung, im Grunde seines Herzens gute Beziehun- 
gen zu uns. Viel habe wohl bei der Verstimmung die Eifersucht des Königs 
auf die größere Begabung seines kaiserlichen Neffen zu tun. Auch Marokko 
spiele dabei mit. Eine Zusammenkunft zwischen unserem Allergnädigsten 
Herrn und König Eduard würde gewiß viel dazu beitragen, um die persön- 
liche Verstimmung auf beiden Seiten zu heben. König Eduard gehöre der 
alten Schule an, sei von Natur gut und wohlwollend und leicht zu gewinnen 
avec de petits egards. Die Kronprinzessin von Griechenland, die, wie Sie 
wissen, eine aufrichtige Bewunderung für ihren kaiserlichen Bruder, zu- 
gleich aber auch viele englische Sympathien hat, bedauert die hiesige Ge- 
reiztheit und gab mir darin recht, daß dafür gar kein Grund vorliege, da 
wir den Engländern nichts Unfreundliches getan hätten. Auch die Prin- 
zessin Friedrich Karl von Hessen bestätigte mir das Vorhandensein einer 
an das Unvernünftige grenzenden antideutschen Stimmung. Ich weiß 
nicht, wie Graf Seckendorff sich Ihnen gegenüber ausspricht. Da seine 
Äußerungen nicht frei von persönlichen Beweggründen sind, so lege ich 
ihnen kein allzu großes Gewicht bei. Hier suchte er beschwichtigend zu 
wirken, aber ohne sonderlichen Erfolg. Er erzählte hier, daß wir unsere 
Flotte bauten, damit wir ein wertvoller Bundesgenosse für England 
werden. Die Engländer mokierten sich natürlich über dergleichen Versuche 
im jetzigen Moment. Es hat, wie ich aus guter Quelle weiß, König Eduard 
ganz besonders verstimmt, daß man in Deutschland geglaubt und ver- 
breitet hätte, England wolle die Franzosen nur in die Marokko-Affäre 
hineinjagen, um sie mit uns zu verhetzen und sie dann sitzenzulassen. Mich 
sucht man hier bei Hofe, besonders von gelegentlich durchreisenden Lands- 
leuten, auch anzuschwärzen und einer stark antienglischen Politik zu be- 
schulligen. Diese Bemühungen haben bisher aber hier keinen Erfolg ge- 
habt, besonders nicht bei König Eduard. Ich vermute, daß dieselben Ge- 
legenheitsbesucher mich in Berlin oder Norderney einer anglophilen 
Haltung verdächtigen.“ 
Die Verstimmung des Königs Eduard über die deutsche Presse war 
in diesem Fall nicht ganz unbegründet. Plumpe Insinuationen mancher 
deutscher Blätter über das „perfide Albion“, das die „armen“ Franzosen 
in den Marokko-Sumpf gelockt habe, um sie dann kaltblütig ihrem Schick- 
sal zu überlassen, ärgerten nicht nur den englischen König, sondern auch 
weite Kreise des englischen Volks. Die Absicht solcher Insinuationen lag 
zu klar zutage, als daß sie nicht Verstimmung hätte hervorrufen sollen. 
Der frühere Oberhofmeister der Kaiserin, Friedrich Graf Götz Seckendorff, 
war nicht der einzige Hofmann, der sich für die Londoner Botschaft be- 
sonders geeignet hielt. Von dem gleichen Wahn waren auch andere Höf- 
linge, wie der Hofmarschall Reischach und der Zeremonienmeister Eugen
        <pb n="157" />
        Kritische 
Situation 
Rußlands 
128 WILHELM Il. UND „DER JUNGE“ 
Röder, befangen. Der erstere stützte seine Ansprüche auf die weitläufige 
Verwandtschaft seiner Frau, einer geborenen Hohenlohe, mit dem englischen 
Königshause, der letztere berief sich auf den Umstand, daß seine Gattin 
sogar von Geburt Engländerin wäre. Da die durch die Natur der Dinge 
hervorgerufene Gegnerschaft zwischen uns und England durch das un- 
freundliche Verhältnis zwischen dem Onkel in London und dem Neffen 
in Berlin noch verschärft wurde, so war ich bemüht, wenigstens in letzterer 
Richtung eine Besserung herbeizuführen. Unser Kronprinz gefiel dem 
König Eduard persönlich weit besser als unser Kaiser. Der Kronprinz war 
weniger glänzend als sein Herr Vater, nicht so vielseitig begabt, aber er 
war bescheidener als dieser, weniger laut, er hatte mehr Takt, eine Eigen- 
schaft, die bekanntlich angeboren ist und sich weder erwerben noch lernen 
läßt. Vor allem lagen zwischen dem König und seinem Großneffen nicht die 
bösen Erinnerungen, die seit San Remo und den neunundneunzig Tagen das 
Verhältnis zwischen Neffen und Onkel vergifteten. König Eduard hatte 
wiederholt seinen Großneffen zu einem Besuch in England eingeladen. 
Ich wünschte, daß der junge, damals dreiundzwanzigjährige Prinz die Ein- 
ladung annehmen möge, stieß aber auf hartnäckigen Widerstand sowohl 
beim Kaiser wie bei der Kaiserin. Der Kaiser wollte selbst gern nach Eng- 
land fahren, und zwar so oft als möglich. Wenn das nicht zu erreichen war, 
so sollte auch ‚der Junge“, wie er seinen ältesten Sohn zu nennen pflegte, 
nicht die Freuden englischer Gastfreundschaft und des großartigen engli- 
schen Lebens genießen. Es war damit nicht anders wie mit der Uniform 
der Gardeducorps. Auf seine wiederholte Bitte erhielt der Kronprinz 
zwar eine Schwadron bei diesem Eliteregiment, aber nicht dessen Uniform. 
Er mußte sich mit dem Koller eines Linien-Kürassierregimentes begnügen. 
Es gab Rechte und Genüsse, die Wilhelm II. mit niemandem, auch nicht 
mit seinem ältesten Sohn teilen wollte. Dahin gehörte das Recht, die 
stärksten Hirsche in Rominten zu schießen, das Monopol der prächtigsten 
Uniformen und das Herumreisen in England. Die Kaiserin war erst recht 
gegen eine englische Reise ihres ältesten Sohnes, schon aus Besorgnis, 
daß die Tugend des Kronprinzen in dem Lande der schönen Frauen und 
reizenden Misses gefährdet werden könnte. 
Je feindseliger gegen Deutschland die Stimmung in England wurde, 
um so mehr drängte Wilhelm II. nach der russischen Seite. Als letztes Ziel 
schwebte ihm ein regelrechtes und förmliches deutsch-russisches Bündnis 
vor, obwohl ich ihm schon bei meiner Geschäftsübernahme und seitdem 
wiederholt auseinandergesetzt hatte, daß das, was er im Frühjahr 1890 
mit der von seiner Seite erfolgten Kündigung des Bismarckschen Rück- 
versicherungsvertrages ausgeschlagen hätte, nachdem sich inzwischen die 
russisch-französische Allianz bei beiden beteiligten Völkern eingelebt habe,
        <pb n="158" />
        GEFAHR IN RUSSLAND 129 
in der alten Form nicht wieder zurückzubringen wäre. Hierbei betonte ich 
immer wieder, daß bei einer vorsichtig und einigermaßen klug geführten 
deutschen Politik ein gutes und freundschaftliches Verhältnis mit Rußland 
auch ohne Staatsvertrag möglich sei. Der Wunsch, mit Rußland zu einem 
vertragsmäßigen Verhältnis zu gelangen, tauchte bei Wilhelm II. wieder 
schr lebhaft auf, als ihm der Zar infolge des für Rußland unerfreulichen 
Ganges des Russisch- Japanischen Krieges anlehnungsbedürftiger erschien. 
Es waren nicht allein die Erfolge der wie von Wilhelm II. so auch vom 
russischen Hofe lange verachteten Japaner, die dem Zaren Sorgen ein- 
Nößten. Auch im Innern des russischen Riesenreichs gestaltete sich die 
Lage kritisch. Die Großfürstin Maria Pawlowna schrieb an ihren Onkel, 
den Prinzen Heinrich VII. Reuß, unseren ehemaligen Botschafter in 
St. Petersburg, Konstantinopel und Wien, der mir auch diesen Brief ver- 
traulich mitteilte: Der Arbeiterunruhen sei man Herr geworden durch die 
Macht der Truppen. Die Geister aber hätten sich nicht beruhigt. Im 
Gegenteil, aller Klassen und Kreise habe sich eine Art Fieber bemächtigt, 
und jeder glaube sich berufen, das Vaterland zu retten und zu führen. 
Dieser allgemeine Zustand sei ein nur zu günstiger Boden für ernste Um- 
sturzpläne, und die Leute wären auch nicht müßig pour exploiter et diriger 
le mouvement. Es hieß weiter in diesem Schreiben: „Das Traurigste bei 
dem allen ist der totale Mangel d’une ligne de conduite von oben. Man 
schwankt von einem System zum andern, oft von einem Tag zum andern, 
und Du kannst Dir denken, wie das alles zurückwirkt. Darum ist auch wenig 
Hoffnung und Rettung, und die scheinbaren Reformen haben keinen Ge- 
halt, denn man läßt ihnen keine Zeit. Kaum ausposaunt, sind sie schon 
durch neue ersetzt, meistens gelähmt. Man will oder kann nicht klar sehen, 
und warnende Stimmen wie zum Beispiel Wladimirs bleiben ohne Erfolg. 
Ich fürchte, Attentate werden bald ihre Schrecken verbreiten und die all- 
gemeine Konfusion noch vergrößern. Könnte ein halbwegs anständiger 
Frieden bald kommen, ließe sich die Geschichte vielleicht noch aufhalten. 
Eine feste, energische Hand könnte überhaupt alles noch retten. Nun, das 
steht in Gottes Willen. In treuer Liebe Maria.‘ Ähnlich wie die Großfürstin 
Wladimir sprach sich mir gegenüber vertraulich der russische Botschafter 
Osten-Sacken aus. Die Hauptgefahr wurzle in einem allgemeinen Gefühl 
von Unsicherheit. Beinahe weinend resümierte der greise Diplomat seine 
Ansicht in die Worte: „Un peu d’energie pourrait nous sauver, mais on ne 
la voit paraitre nulle part.‘ Für Osten-Sacken stand nach seiner eigenen 
Mentalität wie nach den Traditionen seiner Familie die Rettung der russi- 
schen Dynastie in erster Linie. Deshalb war er gegen einen Frieden mit 
Japan um jeden Preis. Einen solchen wünschten nach seiner Angabe 
Liberale und Umstürzler, die in Rußland manchmal schwer zu unterscheiden 
9 Bülow II
        <pb n="159" />
        130 DIE RUSSISCHEN NIEDERLAGEN 
wären. Auch Witte empfehle einen solchen, aber aus Ranküne gegen Kaiser 
Nikolaus II. Gewiß würde ein Friedensschluß in diesem Augenblick, 
meinte der russische Botschafter, momentan von der Presse in Rußland 
und von den Börsenkreisen der ganzen Welt mit Befriedigung begrüßt, 
aber bald nachher von dem ganzen russischen Volk als eine furchtbare 
Demütigung empfunden und für diese der Zar persönlich und direkt ver- 
antwortlich gemacht werden. „Ga pourrait £tre la fin.“ Wenn aber der Zar 
durchhalte, würde sich die Lage für ihn bessern und für Japan verschlech- 
tern. Der deutsche Generalstab beurteilte die militärische Lage in Ostasien 
ähnlich. Er hielt es für ausgeschlossen, daß Rußland selbst durch weitere 
japanische Siege zu Lande oder zu Wasser gezwungen werden könnte, 
Frieden zu machen. Japan könne Sachalin und auch Wladiwostok erobern, 
aber irgendwo in den sibirischen Steppen würde es haltmachen müssen und 
werde dann genötigt werden, mit Gewehr bei Fuß und unter kolossalen 
Geldopfern zu warten, bis die russische Armee nach längeren Monaten 
wieder schlagfertig sei. General Kuropatkin habe einige große Fehler ge- 
macht, aber bei Rückschlägen eine außerordentliche Tatkraft entwickelt. 
Der russische Soldat habe auch im Unglück eine ganz ungewöhnliche 
Widerstandskraft und Zähigkeit gezeigt. Unser Generalstab sah das ent- 
scheidende Moment für Rußland in der Ausdauer. Für mich waren damals 
zwei Momente entscheidend, um ein weiteres Durchhalten Rußlands 
gegenüber Japan zu wünschen: einmal die Besorgnis, daß ein übereilter, 
allzu ungünstiger Friedensschluß mit Japan den Zarenthron gefährden 
könne. Ich hielt alles in allem mit meinem größten Vorgänger ein zaristisches 
Rußland für den Weltfrieden wie für die deutschen Interessen für nütz- 
licher als ein parlamentarisch regiertes oder republikanisches, in dem die 
grundsätzlich und leidenschaftlich antideutschen panslawistischen Ele- 
mente zu noch größerem Einfluß gelangen würden. Hiervon abgesehen, 
erschien es mir in unserem Interesse ratsam, daß Rußland sich in Ostasien 
so sehr als möglich engagierte, schon um dadurch die russische Aufmerk- 
samkeit vom Balkan und die russischen Heere von der österreichischen und 
deutschen Grenze abzulenken. 
Kaiser Nikolaus stand seit seinem Regierungsantritt unserem Kaiser 
mit gemischten Gefühlen gegenüber, bald freundschaftlich und selbst ver- 
trauensvoll, bisweilen gereizt und übellaunig. Der Kaiser hatte den Zaren 
nicht allein, wie ich schon mehrfach andeutete, durch allzu häufige und 
unerbetene Ratschläge wie Besuche verstimmt, sondern auch mit seiner 
fast naiv zur Schau getragenen Präpotenz, über die sich namentlich die 
beiden russischen Kaiserinnen, Maria Feodorowna und Alexandra Feodo- 
rowna, ärgerten. Diese Präpotenz kam nicht nur in den Briefen des Kaisers 
zum Ausdruck, sondern auch in den nach seinen Angaben von seinem Leib-
        <pb n="160" />
        NICKY UND WILLY 131 
maler Knackfuß angefertigten Bildern, die er dem Zaren zu Weihnachten 
und zu seinem Geburtstag als eigene Erzeugnisse verehrt hatte. Das 
erste dieser Bilder war nach der Besitzergreifung von Kiautschou ent- 
standen und zeigte Wilhelin II. in sinnbildlicher Verherrlichung als Erz- 
engel mit feurigem Schwert, der die Großmächte zum Kampf gegen den 
unheiligen Buddha auffordert. Ich habe bei Besprechung unserer wirtschaft- 
lichen wie pulitisch wichtigen Beziehungen zu Japan erwähnt, wie sehr 
uns diese geschmacklose Allegorie bei Millionen Buddbisten geschadet und 
unser Verhältnis zu Japan erschwert hat. Dem russischen Kaiser hat sie 
vielleicht zugesagt. Das zweite Bild, wo der heilige Michael mit dem eisernen 
Kreuz auf der Brust und vielen Reichsadlern auf seinem Harnisch die gegen 
den Tempel der Ordnung und des Friedens anstürmenden Dämonen der 
Hölle abwehrt, konnte revolutionären Geistern mißfallen, aber kaum dem 
Russenkaiser. Ganz übel aber war das dritte Bild, auf dem Kaiser Wilhelm 
in prächtiger Haltung und schimmernder Rüstung, in der hocherhobenen 
Rechten ein riesiges Kruzifix, vor dem Zaren steht, der in demütiger, 
beinahe lächerlicher Positur und in einem byzantinischen Gewande, das 
mehr einem Schlafrock gleicht, bewundernd zu dem Deutschen Kaiser 
aufschaut. Im Hintergrunde kreuzen deutsche und russische Panzer- 
schiffe. 
Wenn also die Gefühle des Kaisers Nikolaus für Kaiser Wilhelm geteilt 
waren, so empfand der Zar für seinen Schwager, den Bruder des Deutschen 
Kaisers, den Prinzen Heinrich von Preußen, nur Freundschaft und Ver- 
trauen. Das hatte mich im April 1905 veranlaßt, den Prinzen zu bitten, 
den Zaren persönlich aufzusuchen, um sich de visu et auditu über dessen 
Stimmung zu informieren und ihm Mut und Ausdauer einzuflößen. Der 
Prinz war immer bereit, sich seinem Bruder, dem Kaiser, und dem Lande 
nützlich zu machen. Er schrieb mir, daß auch seine Privatnachrichten aus 
Petersburg beunruhigend lauteten. Man fürchte am Hofe besonders die 
Rachsucht von Witte, der mit der Kaiserin-Mutter gut stehe, um so 
schlechter mit der regierenden Kaiserin, die ihm zutraue, daß er unter 
Umständen kein Mittel, auch das schlimmste nicht, scheuen würde, um seine 
Zwecke zu verwirklichen. Weiter hieß es in diesem Brief: „Mit unserem 
Kaiser hatte ich auf der Fahrt von Bremen nach Cuxhaven, wie immer im 
Kreise einer größeren Zuhörerschaft, ein leider wenig sachliches Gespräch 
über den Zaren, währenddessen ich in die Rolle gedrängt wurde, die Person 
des Zaren vor Anklagen und Ausdrücken schärfster Art zu schützen. Im 
Verlauf dieses Gesprächs betonte S. M. die Notwendigkeit, daß der Zar zu 
seinen Truppen nach der Front müsse. Daß das Haus Romanow um seine 
Krone und somit um seine Existenz kämpft, unterliege wohl keinem 
Zweifel... Die Rolle, die Sie mir zugedacht haben, wird sich am besten 
0. 
Nachrichten 
des Prinzen 
Heinrich
        <pb n="161" />
        Deutsch- 
russisches 
Defensiv- 
bündnis 
scheitert 
132 DER KAISER WILL DIE KRONE NIEDERLEGEN 
dadurch einleiten lassen, daß ich meine Frau nach Zarskoje Selo begleite, 
woselbst sie ihre Schwester Elisabeth trifft, um gemeinsam mit dieser nach 
Moskau zu reisen und dort einige Wochen zu verbleiben. Ich selbst dachte 
meinen Aufenthalt auf zwei bis drei Tage in Zarskoje zu beschränken. 
Aufrichtig danke ich für das mir in letzter Zeit wieder mehrfach erwiesene 
Vertrauen, dessen ich mich würdig zu erweisen versuchen will. Ihr Chiffreur, 
der mir Ihren Brief überbrachte, soll Ihnen diese Zeilen übergeben mit einem 
schr herzlichen Gruß von Ihrem allzeit dankbaren und ebenso treuen wie 
aufrichtig ergebenen Heinrich, Prinz von Preußen.“ Nach mehrtägigem 
Aufenthalt in Zarskoje Selo drahtete mir Prinz Heinrich: „Kaiser vor- 
läufig entschlossen, Krieg fortzusetzen, ungeachtet starker Friedens- 
agitation. Er setzt seine ganze Hoffnung auf Roschdestwensky, welcher 
binnen kurzem im Sunda-Archipel ankommen soll, Kaiser in ruhiger, 
normaler Stimmung.“ Trotz ernster Bedenken von meiner Seite bestand 
Wilhelm II. darauf, daß die unter Admiral Roschdestwensky gegen 
die Japaner entsandte russische Flotte durch deutsche Kohlenlieferungen 
unterstützt würde, wobei auch der Wunsch mitsprach, der von Seiner 
Majestät so sehr geliebten Hapag, der Hamburg-A ischen Paket- 
fahrt-Aktiengesellschaft, ein von Albert Ballin lebhaft befürwortetes, für 
unsere größte Dampfschiffsgesellschaft in der Tat vorteilhaftes Geschäft 
zuzuwenden. Der Drang Seiner Majestät, der russischen Flotte einen ver- 
nichtenden Schlag gegen die verhaßten Japaner zu ermöglichen, war so 
ungestüm, daß er mir, als ich im Hinblick auf Japan wie auf England Vor- 
sicht anempfahl, mit gewohnter hitziger Übertreibung seiner Rednerei 
sagte und mir sogar schrieb: Er persönlich könne es weder mit seiner brüder- 
lichen Freundschaft für den Zaren noch mit seiner Christenpflicht verein- 
baren, die russische Flotte in ihrem Kampf für das Kreuz im Stiche zu 
lassen. Da ich aber bei der schwierigen internationalen Gesamtlage für die 
Leitung unserer auswärtigen Politik unentbehrlicher wäre als er selbst, so 
würde er, wenn ich auf meinem Widerspruch gegen die deutschen Kohlen- 
lieferungen an die russische Flotte beharre, die Krone niederlegen und 
seinen Sohn auffordern, mit meiner Unterstützung in der mir richtig er- 
scheinenden Weise weiterzuregieren. Natürlich habe ich diese Boutade 
ebensowenig ernst genommen, wie: zahlreiche gleich exzentrische Margi- 
nalien. 
Als der Zar nach dem Zwischenfall bei der Doggerbank, der ihn wenig- 
stens vorübergehend aus seiner gewohnten indolenten Apathie aufgerüttelt 
hatte, in einem Augenblick besonderer Mutlosigkeit, verbunden mit Gereizt- 
heit gegen die perfiden Engländer, dem Kaiser eine Allianz vorgeschlagen 
hatte, setzte ich seinen Wünschen entsprechend einen Vertragsentwurf 
in drei Artikeln auf, der trotz des bestehenden russisch-französischen
        <pb n="162" />
        EIN BRIEF, DEN DIE BOLSCHEWISTEN VERÖFFENTLICHEN 133 
Allianzvertrages vielleicht die russische Zustimmung finden konnte. Als 
Zweck dieses Vertrages war im Eingang der Wunsch bezeichnet worden, 
den Russisch- Japanischen Krieg möglichst zu lokalisieren. Der defensive 
Charakter des Bündnisses wurde in den Vordergrund gestellt. In Artikel I 
bieß es, daß, wenn eines der beiden Kaiserreiche angegriffen werden sollte, 
sein Verbündeter mit allen seinen Streitkräften zu Lande und zur See ihm 
beistehen müsse. Vorkommendenfalls würden die beiden Verbündeten 
gemeinsame Sache machen, um Frankreich zur Beachtung der Verbind- 
lichkeiten aufzufordern, die es nach dem Wortlaute des französisch- 
russischen Bündnisvertrages übernommen habe. Durch Artikel II ver- 
pflichteten sich die beiden hohen Parteien, keinen Scparatfrieden mit 
irgendeinem gemeinsamen Feinde zu schließen. Artikel III bestimmte die 
Verpflichtung zu gegenseitiger Hilfeleistung auch für den Fall, daß Hand- 
lungen, die von einer der beiden vertragschließenden Parteien während des 
Krieges vollzogen worden wären, wie z.B. die Lieferung von Koblen an 
einen der Kriegführenden, Reklamationen seitens einer dritten Macht als 
angebliche Verletzung des Neutralitätsrechts veranlassen sollten. Ich hatte 
Seiner Majestät vorgeschlagen, den Vertragsentwurf dem Zaren mit einem 
von mir aufgesetzten, kurzen und rein sachlichen Brief zugehen zu lassen. 
Der Kaiser erweiterte aber mein diesbezügliches Konzept zu einem langen 
Schreiben, von dem die Welt fünfzehn Jahre später Kenntnis erhielt, als die 
Bolschewisten die von ihnen aufgefundenen Briefe des Kaisers an den Zaren 
veröffentlichten. Wenn es in diesem Schreiben hieß, daß das deutsche Aus- 
wärtige Amt von der Antwort des Kaisers nichts wisse, so stand diese 
Versicherung mit der Wirklichkeit nicht im Einklang. Der etwas sentimen- 
tale Taufsegen, den ich, nach dem Schreiben Seiner Majestät, nach erfolgter 
Redaktion des Vertragsentwurfs über den Entwurf gesprochen haben sollte 
(„Möge Gottes Segen ruhen auf dem Vorhaben der beiden Herrscher und 
die mächtige dreifache Gruppe Rußland, Deutschland, Frankreich für 
immer Europa den Frieden bewahren helfen, das walte Gott!“), war nur die 
malerische Ausschmückung eines an und für sich nüchternen Vorgangs, 
wie der Kaiser sie liebte. 
Wie ich das vorausgesehen und Seiner Majestät vorausgesagt hatte, 
scheiterten unsere Bündnispläne an dem Widerspruch von Lambsdorff, 
dem cs gelang, seinen Herrscher davon zu überzeugen, daß der deutsche 
Vorschlag mit dem russisch-französischen Bündnis in Widerspruch stünde, 
diesem h£ritage sacrE de feu l’Empereur Alexandre III d’imperissable 
memoire, und obschon ich gegenüber den Bedenken des schwankenden 
Zaren dessen Wünschen in einem zweiten Vertragsentwurf tunlichst 
Rechnung trug. Ob der Widerstand des Grafen Lambsdorff auch dann 
so hartnäckig gewesen wäre, wenn er nicht früher von Wilhelm II.
        <pb n="163" />
        134 WILHELM II. DRÄNGT DEN ZAREN 
persönlich verletzt worden wäre ? Vielleicht hätte ein vom Deutschen Kaiser 
mit immer gleichmäßiger Freundlichkeit behandelter Lambsdorff schließ- 
lich gefunden, daß die russisch-französische Allianz und ein vorsichtig 
redigiertes russisch-deutsches Defensiv-Abkommen nebeneinander be- 
stehen könnten. Es lag bier ähnlich wie bei den deutsch-englischen Allianz- 
möglichkeiten um die Jahrhundertwende, wo auch der halsstarrige Wider- 
stand des englischen Premierministers Salisbury zu einem nicht geringen 
Teil auf dessen persönliche Ranküne gegen den Deutschen Kaiser zurück- 
zuführen war. Erst nachdem ich in einer Unterredung mit dem Grafen 
Osten-Sacken mit Nachdruck erklärt hatte, ich hätte keine Lust, den 
„dindon de la farce“ zu spielen, und würde deutsche Kohlenlieferungen an 
Rußland nur zulassen, wenn uns Rußland bindende Zusicherungen für den 
Fall gäbe, daß solche Lieferungen uns in einen Konflikt mit Japan oder 
England verwickeln sollten, bequemte sich das St. Petersburger Kabinett 
zu einer schriftlichen Zusage. 
Trotz der durch mich an ihn gelangten Warnung des Großfürsten 
Wladimir, dem schwachen, aber, wie die meisten schwachen Menschen, 
gleichzeitig empfindlichen Zaren nicht zuviel Ratschläge zu erteilen, 
versteifte sich Wilhelm II. auf seine Mentorrolle. Schon im Februar 1905 
hatte der Kaiser einem seiner Vertrauten, dem Professor Theodor Schie- 
mann, gesagt, er arbeite an einem „prächtigen“ Briefe, in welchem er dem 
Zaren „gute Ratschläge“ geben wolle. Dieser müsse von Moskau aus eine 
Proklamation erlassen, ständische Vertretungen einführen und die an- 
archistische Bewegung mit Gewalt niederschlagen. Nach und nach ging 
Kaiser Wilhelm noch mehr aus sich heraus. Wie aus den von den Bolsche- 
wisten veröffentlichten Briefen des Kaisers an den Zaren weiter erhellt, 
rieterihm, sich selbst an die Spitze seiner Schwarze-Meer-Flotte zu stellen, 
aus eigener Kraft deren Durchfahrt durch die Meerengen zu erzwingen und 
mit seinen stolzen Schiffen in den Kampf zu ziehen. Er möge, um sein Volk 
mit fortzureißen, Vertreter aller Provinzen nach Moskau in den Kreml 
berufen, um sie in einer flfammenden Ansprache für den Krieg zu begeistern 
und ihre Unterstützung für die vaterländische Sache und das ötlentliche 
Wohl zu gewinnen. Derselbe Monarch, der anderen gegenüber so freigebig 
mit kühnen und hochherzigen Ratschlägen war, ließ selbst, ein Dezennium 
später, in einem noch viel schwereren Kriege die Zügel der politischen 
Leitung am Boden schleifen. Er spielte, nachdem er so oft seine Stellung 
als oberster Kriegsherr als den Rocher de bronze seines Thrones bezeichnet 
hatte, im Weltkrieg die Rolle des tatenlosen Zuschauers und verhielt sich 
in allem passiver als die wegen ihrer bescheidenen Zurückhaltung von ihm 
oft getadelten und verspotteten Monarchen von Belgien und Italien, 
Rumänien und Griechenland, ja als die Präsidenten der Französischen
        <pb n="164" />
        „DER RUHMREDIGE* 135 
Republik und der Vereinigten Staaten von Amerika. So wahr ist das Wort, 
das einst der alte Destouches geprägt hat: „La critique est aise et l’art est 
diffieile.‘“ Der war ein Favorit des Regenten von Frankreich, des Herzogs 
Philipp von Orleans. Er schrieb eine seinerzeit berühmte Komödie: „Le 
Glorieux‘“, die am 18. Januar 1732, genau einunddreißig Jahre nach der 
Krönung des ersten Preußenkönigs, in Paris aufgeführt wurde. In ihr be- 
findet sich jene treffliche Bemerkung über Kritik und Kunst.
        <pb n="165" />
        Verabredung 
des 
Zusammen- 
treffens in 
Björkö 
IX. KAPITEL 
Begegnung des deutschen und des russischen Kaisers in Björkö « Enthusiastisches 
Telegramm Wilhelins II. über seinen Triumph in Björkö »- Bülows Immediatbericht an 
den Kaiser (3. VIII. 1905), er reicht seine Demiession ein « Ablebnung durch den Kaiser 
Das kaiserliche Schreiben, Bülows Antwort - Wilhelm II. „wie neugeboren‘ + Abschluß 
der Björkö-Affüre 
ls mir Kaiser Wilhelm II. im Juni 1905 mitteilte, daß er im Hinblick 
auf den zwischen Norwegen und Schweden ausgebrochenen Zwist in 
diesem Jahre auf seiner gewohnten sommerlichen Nordlandsfahrt nicht die 
norwegischen Fjorde aufsuchen, sondern lieber in der Ostsee kreuzen werde, 
konnte ich dieser Entschließung nur zustimmen. Als ich bald merkte, daß 
der Kaiser in der Ostsce mit dem Zaren zusammenzutreffen wünschte, 
wurde in Gesprächen zwischen Seiner Majestät und mir die Opportunität 
einer solchen Begegnung mehrfach erwogen. Ich stimmte dem Kaiser 
darin bei, daß es ihm vielleicht glücken könne, wie ihm dies vorschwebe, 
den schwergeprüften russischen Monarchen durch die Teilnahme, die er 
ihm jetzt zeigen wolle, dauernd an sich zu fesseln, wie das einst Alexander I. 
von Rußland mit Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise bei ihrem 
ersten Wiedersehen nach den schwarzen Tagen von Jena und Tilsit ge- 
lungen wäre. Ich machte aber gleichzeitig darauf aufmerksam, daß es dem 
Zaren ebensogut peinlich sein könne, sich besiegt und mehr oder weniger 
blamiert seinem „Bruder“ zu zeigen. Ich gab zur größten Verwunderung 
Seiner Majestät der Meinung Ausdruck, es sei besser, wenn Graf Lambs- 
dorff bei der Begegnung zugegen wäre, wo er seine Bedenken und Gegen- 
gründe mit offenem Visier vorbringen und vertreten müsse, als wenn er 
hinterher, nach der Rückkehr des Zaren nach St. Petersburg, die Rolle der 
Penelope spicle, die das am Tage gewirkte Gewebe in der Nacht wieder auf- 
trennte. Unter allen Umständen möge der Kaiser nicht vergessen, daß ohne 
die Zustimmung des russischen Ministers des Äußern schwerlich etwas 
Dauerhaftes zu erreichen sei. Deshalb empfehle es sich, vom Zaren nur die 
Zusage zu erwirken, diese aber in möglichst bindender Form, daß er seinem 
Minister des Äußern den Abschluß eines Defensivabkommens mit Deutsch- 
land ernstlich anbefehlen und die Ausführung eines solchen ernsten und
        <pb n="166" />
        BJÖRKÖ 137 
deutlichen Befehls auch durchsetzen würde. Ich legte dem Kaiser, nament- 
lich in der letzten Unterredung, die ich vor seiner am 10. Juli 1905 in 
Swinemünde erfolgten Abreise mit ihm hatte, besonders ans Herz, keine un- 
vorsichtige Verabredung über Dänemark und die Ostsee zu treffen, da uns 
dies nach meiner Beurteilung der Gesamtlage jetzt einem englischen An- 
griff oder wenigstens einer Demütigung durch England aussetzen könne. 
Ich ließ Seiner Majestät keinen Zweifel darüber, daß es meines Erachtens 
am ratsamsten wäre, wenn er vom Zaren nur die bereits erwähnte Zusage 
erwirken würde, daß er Lambsdorff den Abschluß eines deutsch-russischen 
Defensiv- und Friedensabkommens, qui serait une infraction ni aux 
stipulations austro-allemandes ni au traite russo-frangaie, mais qui garan- 
tirait et assurerait le repos et la paix du monde, deutlich anempfehle, 
alles Weitere aber den Besprechungen zwischen Lambsdorff und mir über- 
ließe. Zu diesem Zwecke könnten wir beide uns entweder in Baden-Baden 
treffen, oder Lambsdorff möge bei seiner üblichen Herbstreise nach Paris 
auf ein paar Tage nach Berlin kommen, oder ich würde nach St. Petersburg 
gehen, wo ich Beziehungen besäße und das Terrain kenne. Ein leichter 
Schatten flog über das aufgeweckte, bewegliche Gesicht Seiner Majestät 
und zeigte mir, daß der hohe Herr gerade diesmal im Vertrauen auf die 
bezwingende Macht seiner Persönlichkeit alles allein besorgen und machen 
wolle. Als ich frug, ob ich mitfahren solle, erwiderte mir der Kaiser mit 
größter Liebenswürdigkeit, meine Gesellschaft wäre ihm an und für sich 
immer und überall im höchsten Grade angenehm und erwünscht, aber dies- 
mal glaube und fühle er, daß er mehr erreichen würde, wenn er allein, 
Aug’ in Auge, dem Selbstherrscher aller Reußen gegenüberstünde. Nur der 
„treue“ Tschirschky solle ihn begleiten. 
Am 22. Juli erhielt ich ein Telegramm des Kaisers, in dem er mir 
erfreut mitteilte, daß der Zar ihn aufgefordert habe, in B jörkö, einer kleinen 
Insel in den finnischen Schären, mit ihm zusammenzutreffen. Am folgenden 
Tage erreichte mich in Norderney, wo ich mich aufhielt, ein noch freudigeres 
Telegramm Seiner Majestät, um mir zu sagen, der Zar sei tief bewegt und 
hoch beglückt durch das Wiedersehen. Er sei auf alle Wünsche des Deut- 
schen Kaisers eingegangen, der deutsch-russische Vertrag sei perfekt. Ich 
habe manches exzentrische Telegramm vom Kaiser erhalten, aber nie eine 
so enthusiastische Kundgebung wie aus Björkö. Mit überschwenglicher 
Begeisterung schilderte mir Wilhelm II. den Augenblick der Unterzeich- 
nung. Als er die Feder aus der Hand gelegt hätte, mit der er diesen welt- 
historischen Akt unterschrieben habe, sei ein Sonnenstrahl durch das 
Fenster der Kabine auf den Tisch gefallen, wo die Unterschrift vollzogen 
worden war. Er habe nach oben geblickt. Da wäre ihm gewesen, als ob 
im Himmel sein Großvater Wilhelm I. und Kaiser Nikolaus I. sich tief 
Der Vertrag 
ist in ‚perfekt‘
        <pb n="167" />
        „En Europe“ 
138 DAS „SLOSCHUSS" DES ADMIRALS BIRILEW 
bewegt die Hände gereicht und zufrieden auf ihre Enkel herabgeblickt 
hätten. 
Als mir bald nachher der Gesandte von Tschirschky, der als Vertreter 
des Auswärtigen Amts den Kaiser auf seiner Reise begleitete, den Text des 
Vertrages übersandte, stieß ich zunächst im ersten Artikel auf den Zusatz 
„en Europe“: der deutsch-russische Vertrag war auf Europa beschränkt 
worden. Ich erkannte natürlich sogleich, daß durch diese Einschränkung 
der Vertrag für uns einen großen Teil seines Wertes verlor, denn Rußland 
konnte uns gegen England in Europa keine Dienste leisten. Nur wenn es 
Indien bedrohte, wurden die Engländer an einem für sie empfindlichen 
Punkt getroffen. Für noch bedenklicher hielt ich die Absicht des Kaisers, 
Dänemark in das deutsch-russische Bündnis hineinzuziehen, um so zu 
erreichen, daß Dänemark eintretendenfalls durch Sperrung des Sundes 
einer britischen Flotte die Einfahrt in die Ostsee unmöglich mache. Daß 
sich der Kaiser inzwischen schon nach Kopenhagen begeben hatte, um 
von dem alten König Christian IX. persönlich den Anschluß des dänischen 
Staates an das deutsch-russische Abkommen zu erreichen, machte die 
Sache noch schlimmer und erhöhte die von dieser Seite drohenden Gefahren. 
Endlich mußte es mir in hohem Grade mißfallen, daß der vom Kaiser 
durchgesetzte Vertrag nicht von den auswärtigen Ministern beider Reiche, 
sondern von unserer Seite durch den damaligen Gesandten in Hamburg, 
Herrn von Tschirschky, von russischer durch den Marineminister Birilew 
unterzeichnet worden war. Der kaum vierzehn Tage vorher zum Marine- 
minister ernannte Admiral Birilew, ein biederer Seemann, hatte von Politik 
keine Ahnung und erklärte denn auch später, er habe den von ihm gegen- 
gezeichneten Vertrag von Björkö überhaupt nicht gelesen, da der Deutsche 
Kaiser seine Hand über das Dokument gehalten hätte. Als der Zar ihn auf- 
gefordert hätte, den Vertrag gegenzuzeichnen, habe er pflichtschuldigst 
erwidert: „Sloschuss!“, das heißt „Ich gehorche!“, die Formel, mit welcher 
der russische Soldat antwortete, wenn er einen Befehl erhielt. 
Nach längerem und gründlichem Durchdenken der durch das Vorgehen 
des Kaisers entstandenen Lage schrieb ich an Holstein, der in diesem Falle 
wie bisweilen in kritischen Phasen, aus Scheu, eine Verantwortlichkeit zu 
übernehmen, zu keiner klaren Stellungnabme kam: „Es besteht ein Gegen- 
satz zwischen der Art und Weise, wie Sie in Ihrem soeben erhaltenen Brief 
den Vertrag von Björkö beurteilen, und Ihren letzten Telegrammen. 
In Telegramm Nr. 51 sagten Sie: ‚Der Vertrag in seiner jetzigen Fassung 
ist immer noch entschieden vorteilhaft für uns.“ In Telegramm Nr. 57 
meinten Sie noch: ‚Der Vertrag ist zwar durch die beiden Zusätze ver- 
schlechtert, ist aber immer noch der Konservierung wert. Eine Ver- 
weigerung der Gegenzeichnung würde ich für durchaus nachteilig halten.‘
        <pb n="168" />
        DER ZUSATZ „EN EUROPE“ 139 
Dagegen schreiben Sie mir jetzt: ‚Die Öffentlichkeit wird den Vertrag, 
so wie er ist, als einen diplomatischen Reinfall für Deutschland ansehen.“ 
Falls die letztere Auffassung zutrifft, denke ich gar nicht daran, den Vertrag 
gegenzuzeichnen, sondern werde ihn entweder durch Verweigerung meiner 
Gegeuzeichnung hinfällig machen oder zurücktreten. Ich glaube mich nicht 
zu irren, wenn ich Ihre Vermutung, daß der Zar den Vertragsentwurf 
Seiner Majestät vorgelegt habe, für unrichtig halte. Ich glaube nicht ein- 
mal, daß der Zar einen Vertragsentwurf mitgebracht hatte. Ich glaube bei- 
nahe, daß der Zar, als er in Björkö erschien, gar nicht mehr an den Vertrag 
dachte. Ich glaube, daß die ganze Initiative von Seiner Majestät ausge- 
gangen ist — alles dies aber sauf erreur. Worin ich mich sicherlich nicht 
irre, ist, daß der Zusatz ‚en Europe‘ nicht von Tschirschky inspiriert 
worden ist. Beide Zusätze sind zweifellos von Seiner Majestät ausgegangen. 
Tscbirschky trifft nur der Vorwurf, daß er den Zusatz ‚en Europe‘ nicht 
verhindert hat. Deshalb ist es unmöglich, Seiner Majestät zu sagen, daß 
Techirschky die Schuld an der Verschlechterung trüge; Seine Majestät ist 
zu loyal, um das zu akzeptieren, wo es eben nicht der Fall ist. Wir dürfen 
auch nicht vergessen, daß das Verdienst an dem Zustandekommen des 
Vertrages — si merite il ya — lediglich bei Seiner Majestät liegt. Das alles 
verhindert aber nicht, daß ich den Vertrag nicht akzeptiere und lieber ab- 
gehe, wenn derselbe nach reiflicher Prüfung sich dem Lande als schädlich 
herausstellt. Neugierig bin ich, ob meine Vermutung bestätigt werden wird, 
daß Lambsdorff durch den Abschluß des Vertrages ebenso überrascht 
worden ist wie Sie und ich. Sehr wichtig erscheint mir noch folgender 
Punkt: Wenn wir den Vertrag mit Rußland konservieren wollen, so dürfen 
wir nach meiner festesten Überzeugung in der nächsten Zeit keine 
Schiebereien mit Frankreich haben und namentlich nicht in der Marokko- 
Frage. Daß wir uns mit Frankreich im wesentlichen geeinigt baben, war 
wohl zweifellos die Voraussetzung dafür, daß der Zar überhaupt auf den 
Vertrag einging.“ 
Am 3. August unterbreitete ich dem aus der Ostsee nach Wilhelms- 
höhe zurückgekehrten Kaiser den nachstehenden Immediatbericht, in 
dem ich gegenüber einigen ungnädigen Randbemerkungen Seiner Majestät 
zu zwei Telegrammen, die ich unmittelbar vor seinem Eintreflen in Björkö, 
am 22. Juli, und sodann vor seiner Ankunft in Kopenhagen, am 28. Juli, 
an ihn gerichtet hatte, Stellung nabm und dann ausführte: 
„Ew. K. u. K. Majestät Allerhöchste Marginalien zu meinen unter- 
tänigsten Telegranımen vom 22. und 28. v. M. habe ich zu erhalten 
die Ehre gehabt. In einer für Ew. Majestät und das Land so ernsten 
und wichtigen Frage, wie es der zwischen Ew. Majestät und Sr. Ma- 
jestät dem Kaiser von Rußland abgeschlossene Vertrag ist, bin ich 
Immediar- 
bericht 
Bülows
        <pb n="169" />
        140 DIE VERSCHLECHTERUNG 
Ew. Majestät gegenüber vor allem zu voller Aufrichtigkeit verpflichtet. Als 
ich durch Ew. Majestät huldvolles Telegramm vom 24. v.M. die Nachricht 
von dem Abschluß des Vertrages erhielt, war ich hocherfreut. Als mir der 
Text des Vertrages telegraphiert wurde und ich auf den Zusatz ‚en Europe‘ 
stieß, glaubte ich zunächst, es handle sich um ein Versehen beim Chif- 
frieren. Als festgestellt war, daß kein solches Versehen vorlag, nahm ich an, 
daß jener Zusatz auf lebhaftes Drängen Sr. Majestät des Kaisers Nikolaus 
oder eine hartnäckige Weigerung Höchstdesselben zurückzuführen sei, 
den Vertrag in seiner ursprünglichen Fassung anzunehmen. Seitdem ich 
weiß, daß jener Zusatz von unserer Seite ausgegangen ist, bin ich redlich 
bemüht gewesen, ihm eine günstige Seite abzugewinnen. Ew. Majestät 
wissen, daß ich nicht rechthaberisch bin. Je länger ich mir aber die Sache 
überlege, um so mehr befestigt sich in mir die Überzeugung, daß der Zu- 
satz ‚en Europe‘ eine wesentliche und verhängnisvolle Verschlechterung 
des Vertrages bedeutet. Durch diesen Zusatz wird das Verhältnis zwischen 
dem deutschen Einsatz und dem russischen Einsatz für den Fall eines durch 
Angriff auf Deutschland provozierten Krieges ein für uns zu ungünstiges. 
Was setzt Deutschland ein ? Eine schöne Flotte, einen blühenden Handel, 
reiche Küstenstädte, unsere Kolonien. Was setzt, nachdem Asien ausge- 
schaltet ist, Rußland ein? Eine kaum noch vorhandene Marine, einen ge- 
ringen Handel, unbedeutende Küstenorte, keinen Kolonialbesitz. Das 
Risiko ist mit der Einschränkung ‚en Europe‘ ein ganz unverhältnis- 
mäßiges. Mit dieser Limitierung werden auch die eintretendenfalls zu for- 
dernden Leistungen sehr ungleiche. In Europa kann uns Rußland mit 
seiner Flotte wenig, mit seinem Hcere gegen England nichts nutzen. 
Gerade derjenige Punkt, wo sich England vor Rußland fürchtet, nämlich 
Indien und Persien, ist durch den Zusatz ‚en Europe‘ von einer Bedrohung 
durch die Russen expressis verbis ausgenommen worden. Das Argument, 
daß ein russischer Vorstoß gegen Indien schwierig oder gar undurchführbar 
sei, ist meines ehrfurchtsvollsten Erachtens nicht stichhaltig. Es kommt für 
die Beurteilung der Wirkung des Vertrages nicht auf die Meinung unseres 
Generalstabes über die Aussichten eines russischen Vorgehens in Zentral- 
asien, sondern auf die in dieser Beziehung in England herrschenden An- 
schauungen an. Warum würden die Engländer Millionen über Millionen in 
die Befestigung der indischen Grenzen und in die Verstärkung der indischen 
Armee stecken, warum würden sie ihren besten General gerade nach Indien 
senden, wenn sie sich nicht vor einer russischen Invasion fürchteten ? Die 
ganze anglo-indische Literatur, die englische Presse, die englische politische 
Welt und die breiten Massen des englischen Volks steben unter dem Ein- 
druck dieser Besorgnis. Gerade jetzt sind die Engländer bei der Erneuerung 
der anglo-japanischen Allianz bestrebt, von Japan bindende Zusicherungen
        <pb n="170" />
        <pb n="171" />
        Der Vertrag von Björkö nach der eigenhändigen Niederschrift Wilhelms II. 
Björkoe 24/VII 1905 
11/VII 
Leurs Majestes les Empereurs de toutes les Russies et d’ Allemagne, 
afın d’assurer le maintien de la paix en Europe ont arräi6 les 
Articles suivants d’un traite d’Alliance defensif. 
Article I. 
En cas ou !’un des deux Empires serait attaqu&amp; par une Puissance 
Europeenne son alli6 l’aidera en Europe de toutes ses forces de 
terre et de mer. 
Article II. 
Les hautes parties contractantes s’engagent ä ne conclure de paix 
separee avec aucun adversaire commun. 
Article III. 
Le present Traite entrera en vigueur aussitöt que la paix entre la 
Russie et le Japon sera conclue, et restera valide tant qu’il ne sera 
pas denoncd une annee d l’avance. 
Article IV. 
L’Empereur de toutes les Russies, aprös l’entree en vigueur de ce 
traite, fera les dömarches necessaires pour initier la France &amp; cet 
accord et l’engager d s’y associer comme alliee. 
Nicolas 
4A Birileff 
Wilhelm I. R. 
von Tschirschky und Bögendorff 
(Zu Seite 137) 
Björkö 24/VIT 1905 
11/VII 
Ihre Majestäten die Kaiser aller Reußen und von Deutschland haben, 
um die Fortdauer des Friedens in Europa zu sichern, die folgenden 
Artikel eines Vertrags über ein Defensiv- Bündnis festgelegt. 
Artikel I. 
Falls eines der beiden Kaiserreiche von einer europäischen Macht 
angegriffen werden sollte, wird sein Verbündeter ihm mit allen 
seinen Streitkräften zu Land und zu Wasser Hlilfe leisten. 
Artikel II. 
Die hohen Vertragschließenden verpflichten sich, keinen Separat- 
Jrieden mit irgendeinem gemeinsamen Gegner einzugehen. 
Artikel III. 
Der vorliegende Vertrag wird in Kraft treten, sobald der Friede 
zwischen Rußland und Japan abgeschlossen sein wird, und in 
Geltung bleiben, sofern er nicht ein Jahr vorher gekündigt wird. 
Artikel IV. 
Der Kaiser aller Reußen wird, nachdem dieser Vertrag in Kraft 
getreten ist, die notwendigen Schritte tun, um Frankreich in diese 
Vereinbarung einzuweihen und es aufzufordern, ihr als Ver- 
bündeter beizutreten. 
Wilhelm I. R. 
von Tschirschky und Bögendorff 
Zrelans 
Birileff
        <pb n="172" />
        Rjüchae Ä Ma 1909 
Mo 
x“ 
Lu nass Is Unrpouunı dı bla ba fan LM Ulmmanne, fin Arsana Iemaintion dla jiaix 
ann ur da Bir auimnks Man Tai” dell def 
m lundu dan Guss 1 fr su Inst pa ‚ un 
Lunepinme li like im de boclı au dı de u Til, ls dummen aureniue pahah Amkv 
tor A dl un vn re U Teanu ren Klngagar Su aueh ui 
du huulıı park ntin hund nt me mehardı 
har Aposıe ae kutm Mar mm. 
Aid U. f / 
de put Teils eltern u ae mit gu [a pasyuchı Il 
In fnaiı El Iupan Ana undu Erlen valid ut 
rl au aun pas demme‘ mu wur &amp; U owaucc .
        <pb n="173" />
        <pb n="174" />
        DIE ENGLÄNDER WERDEN GEREIZT 141 
für den Fall eines russischen Angriffs auf Indien zu erlangen. Nach der An- 
sicht der Engländer ist Indien außer Kanada die einzige verwundbare Stelle 
des britischen Weltreichs. Die Besorgnis, daß im Falle eines englischen 
Angriffs auf Deutschland Indien durch die Russen bedroht wäre, würde die 
Engländer uns gegenüber vorsichtiger machen. Nachdem durch den Zusatz 
‚en Europe‘ diese Gefahr ausgeschaltet erscheint, ist zu befürchten, daß 
ein solcher Vertrag die Engländer nur reizen wird. A strong bullet stops a 
man; a small bullet excites a man. Der Vertrag in seiner ursprünglichen 
Form war a strong bullet; mit dem Zusatz ‚en Europe‘ ist der Vertrag, 
wie ich fürchte und glaube, a small bullet. Eure Majestät meinen in Aller- 
höchst Ihren Marginalien zu meinem ehrfurchtsvollen Telegramm vom 
28.v.M., daß die Russen auch ohne Vertrag mit uns Indien angreifen 
könnten, wir könnten ihnen im Falle eines Krieges mit England zu einem 
Vorgehen gegen Indien raten. Hier gilt aber das Wort: ‚Was man schwarz 
auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.‘ Wenn die Russen 
von einem Vorgehen auf Indien nicht ausdrücklich befreit worden wären, 
würden sie im Falle eines Krieges mit England an der indischen Grenze 
mindestens militärische Demonstrationen vorgenommen haben, welche 
einen Teil der englischen Streitkräfte von Europa weg- und nach Asien ab- 
gezogen hätten. Freiwillig werden sie das schwerlich tun. Es liegt jetzt 
sogar die Möglichkeit vor, daß Rußland früher oder später mit England 
ein Abkommen trifft, das einen Krieg an der indischen Grenze ausschließt, 
die Wucht des Krieges also auf Europa beschränkt und eine Situation her- 
vorruft, in der uns Rußland gegenüber England geradezu gar keine Heeres- 
folge leistet. Die Stimmung des Zaren kann sich ändern. E mobile. Die 
hohen Damen am russischen Hofe neigen, soweit sie Einfluß haben, mehr 
zu England als zu Deutschland. Ob im Falle eines Krieges mit England ein 
Rat Ew. Majestät den Zaren bewegen würde, freiwillig gegen Indien vor- 
zugehen, ist meines untertänigsten Erachtens sehr zweifelhaft. Seit zehn 
Jahren haben wir oft erlebt, daß eine persönliche Einwirkung Ew. Majestät 
auf den Zaren möglich war, schriftliche Vorstellungen aber wenig Erfolg 
hatten. In einem derartigen Falle würde selbst ein persönlicher Druck weit 
schwieriger sein, weil der Zar nicht wie diesmal in Björkö in derschwächeren 
und hilfsbedürftigeren, sondern bei einem auf Europa beschränkten Kon- 
flikt zwischen England, Deutschland und Rußland in der günstigeren und 
stärkeren Lage wäre als wir. Die Hauptsache aber bleibt immer, daß durch 
die Beschränkung ‚en Europe‘ die englische Kriegslust uns gegenüber, 
welche die Gefahr des Augenblicks und nach menschlicher Berechnung 
der nächsten Zukunft bildet, nicht abgeschwächt, sondern erhöht wird. 
Das Mißtrauen der Engländer gegen uns ist durch das Gerücht, daß 
wir die Neutralisierung der Ostsee anstrebten, neu genährt worden. Die
        <pb n="175" />
        142 SOCIETAS LEONINA 
Engländer, welche wohl wissen, dal3 insbesondere Dänemark sich freiwillig 
nie Tendenzen anschließen wird, die es mit England in Konflikt bringen 
könnten, würden, wenn solche auf den Ausschluß der englischen Flotte aus 
der Ostsee gerichtete Absichten greifbare Gestalt annähmen, gegen uns vor- 
gehen. Die Kriegsgefahr ist näher, als sie seit Jahren war. Ich habe mich 
gefragt, ob Ew. Majestät bei Einfügung des Zusatzes ‚en Europe‘ vielleicht 
nur den Fall im Auge gehabt haben, daß England Rußland angreift und 
wir beizuspringen haben. In diesem Fall sind für Angriff und Küsten- 
verteidigung in Europa erforderlich die deutsche Flotte, das bißchen 
russische Flotte und geringe Teile der deutschen und der russischen Armee. 
Es blieben also noch disponibel fast die gesamte deutsche und russische 
Armee, welche an die einzige sonst noch in Betracht kommende Kriegsstelle, 
die indische Grenze, sich zu werfen hätten. Der Fall, daß England Rußland 
angreift, ist aber sehr viel unwahrscheinlicher, als daß England uns an- 
greift. Das hat sich schon 1885, vor zwanzig Jahren, bei dem afghanischen 
Konflikt, das hat sich vor einem Jahr bei der Beschlagnahme englischer 
Handelsschiffe durch russische Kreuzer und anläßlich des Zwischenfalls bei 
der Doggerbank wiederum gezeigt. Das geht aus der ganzen Tendenz der 
gegenwärtigen englischen Politik wie aus den persönlichen Dispositionen 
Sr. Majestät des Königs Eduard hervor. Und wenn es zu einem solchen 
englischen Angriff gegen Rußland käme, würde immer noch ein Vorgehen 
der englischen Flotte gegen die russischen europäischen Küsten wahr- 
scheinlicher sein als ein englischer Vormarsch in Asien. Auch liegt es auf der 
Hand, daß die Erfüllung der Verpflichtung, Truppen nach Asien zu senden, 
in aller Loyalität wohl jederzeit von uns wird abgelehnt werden können im 
Hinblick auf die Notwendigkeit, Frankreich gegenüber unsere militäri- 
schen Kräfte zusammenzuhalten. So weit meine Voraussicht reicht, wird der 
Vertrag in seiner jetzigen Fassung mit dem Zusatz ‚en Europe‘, wenn er 
bekannt wird, in England mit einem großen Gefühl der Erleichterung auf- 
genommen werden. Dem deutschen Volk aber wird dieser Vertrag als eine 
Societas leonina erscheinen, wo wir unendlich viel mehr geben und riskieren 
als der andere Teil. Was Frankreich angeht, so sind wir durch den Vertrag 
mit oder ohne ‚en Europe‘ gesichert an unserer Ostgrenze für die Fälle, daß 
uns Frankreich angreift oder neutral bleibt. Der erstere Fall ist wenig wahr- 
scheinlich. Der letztere wäre das Ungünstigste, was uns passieren könnte, 
denn Frankreich würde nur so. lange neutral bleiben, bis wir durch England 
8o weit geschwächt wären, daß es uns gegenüber freiere Hand hätte. Der 
Fall, daß wir Frankreich angreifen, ist durch den Vertrag nicht gedeckt, 
wohl aber durch den russisch-französischen Zweibundsvertrag. Der deutsch- 
russische Vertrag in seiner ursprünglichen Fassung ohne den Zusatz ‚en 
Europe‘ würde bei einem Zusammenstoß mit England die Chancen so
        <pb n="176" />
        ABSPRINGEN 143 
verteilt haben, daß ein Zusammengehen Frankreichs mit Deutschland und 
Rußland auch im Falle eines englischen Angriffs auf Deutschland nicht 
ausgeschlossen erschien. Durch die ausdrückliche Eximierung von Asien 
werden die Chancen eines Krieges zwischen den beiden Kaiserreichen und 
England für uns so wenig günstig, daß Frankreich sich uns nicht an- 
schließen wird. Es wird dadurch aber auch die Möglichkeit einer russisch- 
englisch-französischen Verständigung über Asien gefördert. Dieser Zusatz 
nimmt uns einen Haupttrumpf aus der Hand, während Rußland seine 
Stiche behält und England das As der Gegner nicht mehr zu fürchten hat. 
Ich bin meinem Kaiserlichen Herrn schuldig, offen zu sagen, daß ich nach 
ruhiger und rein sachlicher Prüfung vor Gott und meinem Gewissen den 
Zusatz ‚en Europe‘ für schädlich und gefährlich halten muß. Auf der 
anderen Seite sehe ich wohl ein, daß Ew. Majestät bei Sr. Majestät dem 
Kaiser Nikolaus eine Modifikation des soeben von Ew. Majestät vor- 
geschlagenen und unterschriebenen Vertrags nicht wohl anregen können. 
Se. Majestät der Kaiser Nikolaus wird schwerlich auf einen Zusatz ver- 
zichten wollen, der für Rußland eine Erleichterung und Bequemlichkeit 
bedeutet. Alvensleben, der nicht im Geheimnis ist, meldet, daß Lambsdorff, 
der im Winter nicht an den Vortrag heranwollte, jetzt nach Björkö in 
ungewöhnlich guter Laune war. Werden die Russen den ihnen in den Schoß 
gefallenen Vorteil preisgeben ? Wird es möglich sein, ihnen die nachträgliche 
Eliminierung der Worte ‚en Europe‘ mundgerecht zu machen? Der Zar 
wird auch schwerlich für einen Zusatz oder eine Interpretation zu dem 
Vertrag zu gewinnen sein, dem zufolge Rußland sich verpflichtet, auch im 
Falle eines Angriffs auf Deutschland den Krieg für das gesamte russische 
Reichsgebiet zu erklären, oder nach dem beide Mächte sich verpflichten, 
jeden aus dem Bündnis folgenden Krieg für ihr gesamtes Gebiet zu erklären. 
Würden solche Anregungen nicht wie Rauhreif auf die jetzige gute Stim- 
mung des Zaren fallen? Ich verkenne auch nicht, daß jede solche Anregung 
deshalb höchst gefährlich wäre, weil sie den Russen die Möglichkeit bieten 
könnte, von dem ganzen Vertrage abzuspringen. Geschähe dies, wo würde 
eine Situation geschaffen werden, die schlechter wäre als diejenige, die vor 
dem Abschluß des Vertrages bestand. Deshalb bitte Ew. Majestät ich in 
tiefster Ehrfurcht, die Leitung der auswärtigen Politik anderen Händen 
anvertrauen zu wollen. Es ist möglich, daß ein anderer, in die Situation 
eingeweiht, sie anders beurteilt als ich. Er könnte sich vielleicht mit gutem 
Gewissen auf Ew. Majestät Standpunkt stellen und mit dem Vertrag in 
dieser Fassung weiteroperieren. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich meinen 
Rücktritt selbstverständlich nur mit Gesundheitsrücksichten begründen 
würde. Ich brauche noch weniger zu sagen, daß meine treuesten, dank- 
barsten und allerinnigsten Wünsche immer meinen Kaiserlichen Herm
        <pb n="177" />
        144 DIE ZERSTREUTHEIT DES ZAREN 
begleiten würden und daß bis zu meinem letzten Atemzug mein ganzes Herz 
für das Glück und den Ruhm Ew. Majestät schlagen wird. gez. Bülow.“ 
Ich hatte es in diesem Immediatbericht absichtlich vermieden, der 
Ahnung Ausdruck zu geben, die sofort in mir aufgestiegen war, als ich das 
Telegramm des Kaisers über den in Björkö von ihm erzielten Triumph 
erhalten hatte, namlich dem Argwohn, daß es dem Grafen Lambsdorff nach 
dem Wiedereintreflen seines Souveräns in Petersburg gelingen würde, den 
Zaren zur nachträglichen Desavouierung des von Kaiser Wilhelm im Sturm 
errungenen Vertrages und zur Zurückziehung seiner Unterschrift zu be- 
wegen. Der Zar hatte sich dem Kaiser gegenüber schwach, unselbständig 
und einfältig gezeigt. Gegenüber seinem Minister zeigte er sich ebenso 
schwach, ebenfalls unselbständig, aber außerdem noch perfide. Als Kaiser 
Nikolaus den Grafen Lambsdorff wiedersah, der ihm durch seine große 
Höflichkeit, sein unterwürfiges Wesen, vor allem durch seine stille Art, die 
angenehm abstach von den gröberen Manieren, dem lauten Organ und dem 
herrischen Auftreten des Finanzministers Witte, besonders sympathisch 
war, fand er den Minister des Äußern sehr verstimmt. Wladimir Nikolaje- 
witsch zeigte sich tief verletzt, daß er zu einem so wichtigen Staatsakt wie 
dem „traite ou soi-disant traite de Björkö“ nicht zugezogen worden war. Er 
deutete an, daß der selbstherrschende Zar sich vom Deutschen Kaiser habe 
überrennen lassen. Dieser hätte die allzu große Courtoisie, vielleicht auch 
eine momentane „distraction“ des Zaren benutzt, um ihn hinter das Licht 
zu führen. So wurde mir später von Witte und Iswolskij die Szene zwischen 
dem aus Björkö zurückkehrenden Zaren und seinem Minister des Äußern 
geschildert. Jedenfalls wurde es Lambsdorff nicht schwer, seinen Monarchen 
davon zu überzeugen, daß der von ihm in Björkö unterzeichnete Vertrag 
nicht in Einklang mit dem russisch-französischen Bündnis zu bringen wäre. 
Dem deutschen Botschafter sagte Graf Lambsdorff, es sei zu bedauern, daß 
er, der zuständige Minister, in Björkö nicht zugezogen worden wäre. Er 
würde vor übertriebenen Hoffnungen gewarnt und verhindert haben, daß 
die Monarchen einen Pakt unterzeichneten, dessen Ausführung unmöglich 
sei. Es ist nur zu wahrscheinlich, daß sich Lambsdorff in diesem Sinne auch 
gegenüber dem französischen, vielleicht auch dem englischen Botschafter 
ausgesprochen hat. Jedenfalls wurde der St. Petersburger Korrespondent 
des „Daily Telegraph‘“, Mr. Dillon, von russischer Seite in die Lage ver- 
setzt, die Version des Grafen Lambsdorff über die Björköer Zusammenkunft 
der englischen Regierung zu übermitteln. 
Der Besuch des Kaisers Wilhelm Il. in Kopenhagen war völlig erfolglos 
geblieben. Der damals schon siebenundachtzigjährige König Christian IX. 
war durch ein langes, wechselvolles Leben, das ihm schwere Prüfungen, 
aber dafür Erfahrung gebracht hatte, viel zu gewitzigt, um nicht der
        <pb n="178" />
        BÜLOWS ABSCHIEDSGESUCH 145 
stürmischen Umwerbung des Deutschen Kaisers eine höfliche, aber be- 
stimmte Ablehnung entgegenzusetzen. Er schickte sogar seinen Minister 
des Äußern, den Grafen Raben, nach London, um dort die Versicherung 
abzugeben, daß Dänemark sich unter allen Umständen der striktesten 
Neutralität befleißigen würde. Graf Raben, mit dem mich alte Beziehungen 
und eine entfernte Verwandtschaft verbanden, erzählte mir später, der 
König Christian sei zu dieser Entsendung auch durch einen Brief seiner 
Tochter, der Königin Alexandra von England, bewogen worden, die bei 
ihm „ganz entsetzt‘ angefragt habe, ob er England „verraten“ wolle. Die 
englische Presse verbreitete die Nachricht, daß der Deutsche Kaiser nicht 
nur die norwegische Krone für einen Prinzen seines Hauses erstrebe, 
sondern auch Dänemark zwingen wolle, die Ostsee allen Schiffen außer 
denen der baltischen Nationen zu verschließen. Gleichzeitig wurde der 
bevorstehende Besuch eines englischen Geschwaders in der Ostsee 
angekündigt. 
Dies war in großen Umrissen die Lage, als Kaiser Wilhelm II. im Schloß 
Wilhelmshöhe, wohin er sich nach seiner Rückkehr von seiner Ostseefahrt 
begeben hatte, mein Abschiedsgesuch erbielt. Seine Antwort war der nach- 
stehende Brief: „Mein lieber Bülow, Ihren Brief per Boten eben erhalten. 
Ich bin nach reiflicher Erwägung völlig außerstande, zu sehen, daß die 
Lage für uns durch ‚en Europe‘ eine so ernstere oder gefährlichere gegen die 
bisherige geworden sei, daß Sie Veranlassung haben, Mir Ihre Entlassung 
anzubieten. Sie haben von Mir mitgeteilt erhalten zwei Tatsachen, die 
allein schon einen so enormen Fortschritt bedeuten gegen früher, daß sie 
für uns hoch eingeschätzt werden müssen: 1. daß S.M. der Kaiser Mir 
feierlich erklärte, daß für Rußland die Elsaß-Lothringen-Frage un incident 
clos sei, 2. daß er Mir in die Hand versprochen hat, niemals mit England 
gegen uns eine Verabredung oder Bündnis einzugehen. Wenn es Bismarck 
gelungen wäre, einen dieser beiden Punkte von Alexander II. oder III. zu 
erreichen, so wäre er außer sich vor Freude gewesen und hätte sich von 
allem Volk feiern lassen, als ob er einen großen Erfolg errungen hätte. Das 
sind zwei so schwerwiegende Tatsachen, daß Ich glaube, diese allein be- 
deuten für unser Vaterland eine festere Sicherung als alle Verträge und 
sonstigen Rückversicherungen. Aus Meinem Privatbriefe werden Sie er- 
sehen haben, wie hochernst, ja wie heilig Mir das Wohl Meines Landes war, 
wie ich überzeugt war, daß Ich Ihnen eine große Erleichterung Ihrer 
schweren Aufgaben zu bringen imstande war — wovon Ich auch jetzt 
überzeugt bin — und daß Ich vor allem stets vor Augen hatte, Ihnen vor- 
zuarbeiten und Ihnen zu helfen. Denken Sie an Ihre Abschiedsworte an 
Mich in Saßnitz: ‚O wenn es doch möglich wäre, daß Sie mit dem Zaren 
zusammentreffen könnten, ich würde mich unendlich freuen, es wäre für 
10 Bülow II 
Antwort des 
Kaisers
        <pb n="179" />
        146 DES KAISERS SEELENZUSTAND 
beide Völker und die Welt von größtem Segen, aber wir können es nicht 
von Berlin aus anregen; schlägt er es vor oder bittet darum, dann gehen 
Sie hin, und Gott sei mit Ihnen.‘ Nun geschah es also, Ich glaubte für Sie 
gearbeitet und etwas Besonderes geleistet zu haben, da senden Sie Mir ein 
paar kühle Zeilen und Ihre Entlassung! ! ! Meinen Seelenzustand Ihnen zu 
schildern, werden Sie, lieber Bülow, wohl Mir erlassen. Vom besten, in- 
timsten Freund, den Ich habe — seit meines armen Adolf Tode —, so 
behandelt zu werden, ohne Angabe eines stichhaltigen Grundes, das hat 
mir einen solchen fürchterlichen Stoß gegeben, daß ich vollkommen zu- 
sammengebrochen bin und befürchten muß, einer schweren Nerven- 
krankheit anheimzufallen! Sie sagen, die Situation durch den Vertrag mit 
‚en Europe‘ sei so ernst geworden, daß Sie keine Verantwortung über- 
nehmen können. Vor wem? Und im selben Atemzuge glauben Sie es vor 
Gott verantworten zu können, in der von Ihnen als besonders verschärft 
und ernst angesehenen Lage Ihren Kaiser und Herrn, dem Sie Treue ge- 
schworen, der Sie mit Liebe und Auszeichnungen überhäuft hat, Ihr Vater- 
land und, wie Ich glaubte, Ihren treusten Freund in derselben sitzenzu- 
lassen! ? Mein lieber Bülow, das werden Sie uns beiden nicht antun! Wir 
sind beide von Gott berufen und füreinander geschaffen, für unser liebes 
deutsches Vaterland zu arbeiten und zu wirken! Ist wirklich — was Ich 
nicht glaube — durch einen Fehler von Mir eine Ihrer Ansicht nach 
bedenklichere Situation geschaffen, so ist das im vollsten guten Glauben 
gewesen! So weit werden Sie Mich doch wobl kennen, um das anzunehmen! 
Ihre Person ist für Mich und unser Vaterland 100 000 mal mehr wert als 
alle Verträge der Welt. Ich habe sofort beim Kaiser Schritte getan, die 
diese beiden Worte abschwächen oder eliminieren sollen! Vergessen Sie 
nicht, daß Sie Mich persönlich gegen Meinen Willen in Tanger ein- 
gesetzt haben, um einen Erfolg in Ihrer Marokko-Politik zu haben. Lesen 
Sie Mein Telegramm vor dem Tangerbesuch durch. Sie haben Mir selbst 
gestanden, Sie hätten eine solche Angst ausgestanden, daß, als Sie die 
Meldung erhalten hätten, Ich sei wieder fort, Sie einen Weinkrampf bekom- 
men haben. Ich bin Ihnen zuliebe, weil es das Vaterland erheischte, gelandet, 
auf ein fremdes Pferd, trotz Meiner durch den verkrüppelten linken Arm 
behinderten Reitfähigkeit, gestiegen, und das Pferd hätte Mich um ein 
Haar ums Leben gebracht, was Ihr Einsatz war! Ich ritt mitten zwischen 
den spanischen Anarchisten durch, weil Sie es wollten und Ihre Politik 
davon profitieren sollte! Und jetzt wollen Sie, wo Ich das alles — und 
wie Ich zuversichtlich glaube, noch weit mehr — für Sie getan, Mich einfach 
fahrenlassen, weil eine Situation Ihnen zu ernst erscheint! ! Aber Bülow, 
das habe Ich nicht um Sie verdient! Nein, Mein Freund, Sie bleiben im 
Amt und bei Mir und werden mit Mir gemeinschaftlich weiterarbeiten ad
        <pb n="180" />
        APPELL AN DIE FREUNDSCHAFT 147 
majorem Germaniae Gloriam. Sie sind Mir durch Meine diesjährige Ver- 
wendung ja geradezu verpflichtet. Sie können und dürfen Mir nicht ver- 
sagen, damit wäre Ihre ganze eigene diesjährige Politik von Ihnen selbst 
desavouiert und Ich auf ewig blamiert. Was Ich nicht überleben 
kann. Gönnen Sie mir ein paar Tage erst der Ruhe und Sammlung, ehe 
Sie kommen, denn die durch Ihre Briefe verursachte Nervenaufregung ist 
zu groß, Ich bin jetzt außerstande, in Ruhe zu debattieren. Ihr treuer 
Freund Wilhelm I. R.— P. S. Ich appelliere an Ihre Freundschaft für Mich, 
und lassen Sie nicht wieder etwas von Ihrer Abgangsabsicht hören. 
Telegraphieren Sie Mir nach diesem Briefe: ‚Allright!‘, dann weiß Ich, daß 
Sie bleiben! Denn der Morgen nach dem Eintreffen Ihres Abschieds- 
gesuches würde den Kaiser nicht mehr am Leben treffen! Denken Sie 
an Meine arme Frau und Kinder. W.— P.S. Habe ein Chiffretelegramm an 
den Zaren vorbereitet, worin Abänderung vorgeschlagen wird in Ihrem 
Sinne. Ich stehe seit Björkö so mit ihm, er hat ein so festes Vertrauen auf 
Mich, daß Ich hoffe, es zu erreichen. Soll Ich Sie und konstitutionelle 
Vertretungsgründe noch mit hineinbringen ? Oder nur von uns aus direkt? 
Bitte Drahtautwort. W.“ 
Als ich diesen Brief las, war ich tief bewegt. Es fehlt in dem Schreiben 
Seiner Majestät nicht an Übertreibungen. Einiges war frei erfunden. Die 
mir in den Mund gelegten feierlichen Abschiedsworte angesichts der Kreide- 
felsen von Saßnitz hatte ich nie gesprochen. Ich hatte dort nur dem Kaiser 
für den Fall einer Begegnung mit dem Zaren, der ich rebus sie stantibus 
nüchtern, eher skeptisch gegenüberstand, Vorsicht und ruhiges Blut an- 
geraten. Die von mir leider nicht genügend in Anschlag gebrachten Fähr- 
lichkeiten der Landung und des Einzugs in Tanger habe ich hinterher leb- 
haft bedauert. Die Behauptung, ich hätte dem Kaiser erzählt, daß ich nach 
seiner Abfahrt aus Tanger von einem Weinkrampf befallen worden wäre, 
war unwahr. Von einem solchen bin ich weder damals noch später heim- 
gesucht worden. Je n’ai pas la larme aussi facile, so locker sitzen mir die 
Tränen nicht. Mit diesem Weinkrampf verhält es sich ebenso wie mit den 
Weinkrämpfen, die Wilhelm II. in seinem nach der Entlassung des Fürsten 
Bismarck an Kaiser Franz Josef gerichteten Brief seinem größten Kanzler 
andichtet. 
Aber trotz solcher kleinen Schönheitsfehler erschütterte mich dieser 
kaiserliche Brief. Namentlich der Hinweis auf seinen unvollkommenen 
Arm rührte mich. Unter den vielen gewinnenden menschlichen Eigen- 
schaften des Kaisers war mir kaum eine sympathischer als die wahrhaft 
männliche Art, wie er die Lähmung seines linken Armes ertrug und über- 
wand. Ohne diesen körperlichen Mangel irgendwie zu verstecken, hatte er 
sich durch eiserne Konsequenzen trotzdem zu einem kühnen Reiter, einem 
10°
        <pb n="181" />
        148 ACHT JAHRE ZUSAMMENARBEIT 
brillanten Schützen und gewandten Lawn-Tennis-Spieler ausgebildet. In 
achtjährigeın Zusammenarbeiten mit dem Kaiser hatte ich mich davon 
überzeugen müssen, daß ihm viele Eigenschaften abgingen, die ein Staats- 
oberhaupt besitzen muß, um mit dauerndem Erfolge zu regieren. Es hatte 
schon manche Meinungsverschiedenbeit zwischen uns gegeben, wir hatten 
uns nicht selten „gekabbelt‘‘, um einen Lieblingsausdruck Seiner Majestät 
zu gebrauchen, ich hatte mich bisweilen, sogar recht häufig, über ihn ge- 
ärgert. Aber trotzdem liebte ich ihn mit ganzem Herzen, nicht nur für alle 
Güte, alles Wohlwollen, die er mir fast überreichlich gezeigt und erwiesen 
hatte, sondern ich liebte auch den hochbegabten, edel veranlagten Men- 
schen, der so liebenswürdig und liebenswert, so einfach und natürlich, so 
großherzig und großzügig sein konnte. Ich scheue mich nicht, es zu sagen, 
daß ich noch ganz unter seinem Zauber stand. Obwohl ich kaum zehn Jahre 
älter war als der Kaiser, war ich gereifter als er. Die im Purpur geboren 
wurden, die Porphyrogeniti, bleiben im allgemeinen lange unreif, sie sind 
bisweilen mit vierzig Jahren jugendlicher als andere Sterbliche mit fünf- 
undzwanzig Jahren. Das Schwabenalter beginnt für Prinzen später als für 
die meisten Erdenbewohner. Die Empfindungen, die ich für den Kaiser 
begte, waren die, die ein Vater für seinen Sobn hat, der ihn bisweilen ver- 
stimmt, der ihm noch öfter Sorgen einflößt, dessen glänzende Talente, 
dessen große Geistes- und Herzensgaben, dessen viele schöne Eigenschaften 
ihn aber doch immer wieder erfreuen und anziehen. Auch in späteren 
Jahren, als ich mir über die Oberflächlichkeit und Eitelkeit, die Unzu- 
verlässigkeit und namentlich über die Unwahrhaftigkeit des Kaisers 
Wilhelm II, keine Illusionen mehr machen konnte, selbst nachdem er, 
Ruinen hinter sich zurücklassend, ins Ausland geflohen war, konnte ich 
mich nie entschließen, ihn zu hassen. Auch in den Novembertagen 1908 
war ich dem Kaiser gegenüber frei von jeder Abneigung oder Gereiztheit 
oder auch nur Ungeduld. Ich empfand damals, wenn ich den Vergleich 
gebrauchen darf, wie ein gewissenhafter Arzt, der im gegebenen Augenblick 
die Pflicht hat, beim Patienten, wie teuer dieser ihm auch sein möge, den 
schmerzlichen, aber heilenden Schnitt vorzunehmen. Vor allem habe ich 
vom ersten bis zum letzten Tage meiner Amtsführung in Wilhelm II. 
immer den Sohn seines herrlichen Vaters, den Enkel des Siegers von Sadowa 
und Sedan, den Nachfahren des großen Königs und des Großen Kurfürsten, 
den König von Preußen und Deutschen Kaiser erblickt, den Vertreter der 
ruhmvollsten Dynastie, die Deutschland seit den Hohenstaufen sah, der 
Dymastie, für die und mit der Bismarck Deutschland geeinigt hatte, des 
Herrschergeschlechts, auf dessen Schultern die Zukunft des Deutschen 
Reichs rulhte. 
Der Brief des Kaisers wurde mir durch den Generaladjutanten von
        <pb n="182" />
        BÜLOWS ANTWORT 149 
Moltke überbracht, der mir erzählte, daß der Kaiser durch mein Abschieds- 
gesuch völlig aus der Fassung gebracht worden sei. Er fürchte jetzt nicht 
nur ein Abspringen von Rußland, sondern auch einen englischen Angriff. 
General Moltke gab mir eine bewegliche Schilderung von der anfänglichen 
Erregung des Kaisers, der bald tiefe Niedergeschlagenheit gefolgt wäre, 
auch von seiner körperlichen Ermüdung, die „durch das ewige Hinundher- 
flitzen“‘ hervorgerufen, durch die Augustlitze noch gesteigert worden 
wäre. Er säße vor seinem Schreibtisch mit unglücklichem Ausdruck, 
Schweißtropfen perlten von seiner Stirn, er sei sehr blaß. Moltke bat mich 
dringend, dem Kaiser so bald und vor allem so herzlich als irgend möglich 
zu schreiben, um ihn zu beruhigen. Andernfalls wäre ein „totalerZusammen- 
bruch‘“ zu befürchten. 
Ich schrieb sogleich und nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem 
Herzen. Ich schrieb, daß mich seine Worte tief erschüttert hätten. Ihm 
Sorge und Unruhe bereitet zu haben, sei mir schmerzlich. Ich würde ja 
mein Leben geben, um für meinen König und Kaiser alles günstig zu 
gestalten, aus seinem Wege Steine fortzuräumen, ihm die Erreichung der 
großen Ziele zu ermöglichen, die er für das Wohl des Vaterlandes so 
eifrig anstrebe. Wirkliche Erfolge des Kaisers erweckten bei mir nicht 
Eifersucht, sondern machten mich stolz. Ich wäre auch nicht undankbar 
und hätte immer die große Güte vor Augen, die er mir seit vielen Jahren 
gezeigt habe, die vielen Auszeichnungen, mit denen er mich überhäuft 
hätte. Ich wäre ja der kleinlichste aller Menschen, wenn dem König und 
Kaiser gegenüber Regungen jämmerlicher Rechthaberei oder Eitelkeit in 
mir aufsteigen könnten. Aber gerade die mir so vielfach erwiesene Güte 
verpflichte mich gegenüber Seiner Majestät zu voller Offenheit, auch dann, 
wenn es mir schwer würde. Gerade weilich den Kaiser nicht nur als meinen 
König und Herrn, als den Träger der nationalen Idee, sondern auch als den 
hochbegabten, an Geist und Charakter hochragenden Menschen liebte, 
müsse ich offen und wahr sein. Ich würde das Vertrauen Seiner Majestät 
nicht verdienen, wenn ich nicht den Mut und die Ehrlichkeit hätte, immer, 
in allen Lagen und cofite que cofite so zu handeln, wie ich es vor meinem 
Gewissen für recht bielte. Ich hätte nicht aus alberner Empfindlichkeit 
oder aus Arroganz auf drohende Nachteile und Gefahren hingewiesen, 
sondern weil mich mein Gewissen dazu getrieben hätte. Wenn ich gebeten 
hätte, die auswärtigen Geschäfte anderen Händen anzuvertrauen, so wäre 
dies in dem Gefühl geschehen, daß ein anderer die Situation anders und 
vielleicht richtiger als ich beurteilen und unter den gegebenen Umständen 
den Intentionen Seiner Majestät besser entsprechen würde. Wolle der 
Kaiser mich behalten, auch nachdem ich meine Bedenken und Sorgen 
offen dargelegt hätte, so würde mein Streben darauf gerichtet sein, das
        <pb n="183" />
        Der Zar 
revoziert 
Björkö 
150 ALA HUSSARDE 
möglichste zu tun, damit das, was der Kaiser in Björkö erreicht zu haben 
glaube, dem Vaterland und unserer Politik tatsächlich zum Vorteil gereiche. 
Gegenüber seinen Sorgen und Ängsten erinnerte ich ihn an den Spruch des 
ersten und größten Oraniers: „Saevis tranquillus in undis.‘“ Das wäre 
dessen Wahlspruch gewesen, unter einem Sturmvogel, der über Wellen und 
Stürmen ruhig, ganz ruhig und still schwebe. Auch der tapfere Oranier 
wäre von Feinden und Neidern bedrängt worden, hätte ihnen aber mit 
Ruhe und Ausdauer standgehalten. An seinem Vorbild möge der Kaiser 
sich aufrichten. Wenn er mich weiter verwenden wolle, so würde ich ihm 
zur Seite stehen in Dankbarkeit und Hingebung und mit dem einzigen 
Wunsch und Gedanken, ihm so zu nützen, wie es meiner Pflicht und 
meiner Liebe zu ihm und zum Lande entspräche. Ich schloß mit der 
Bitte, mich wissen zu lassen, wann ich ihm über einen etwaigen Brief an 
den Zaren und über die allgemeine Lage Vortrag halten könne. Seine 
Majestät erwiderte mir sofort telegraphisch: „Herzlichen Dank, ich bin 
wie neugeboren.“ 
Es stand mir nun noch die delikate Aufgabe bevor, die Björkö-Episode 
so abzuwickeln, daß sie beim Kaiser Nikolaus keinen tieferen Stachel 
zurückließ. Kaiser Wilhelm hielt längere Zeit an der Illusion fest, daß der 
Zar dem ihm in Björkö a la hussarde aufgenötigten Vertrage treubleiben 
werde. Er hat noch im September dem Zaren vorgeschlagen, er möge seine 
Vertreter im Ausland anweisen, in allen Fragen gemeinsamer Politik mit 
ihren deutschen Kollegen zusammenzugehen und zu diesem Zweck ihre 
deutschen Kollegen über ihre Instruktionen und Ideen zu unterrichten. Als 
aber Lambsdorff den russischen Botschafter in Berlin anwies, mir ver- 
traulich mitzuteilen, der Zar fühle sich durch dringende Gründe bestimmt, 
von der in Björkö getroffenen Abmachung zurückzutreten, mußte 
Wilhelm II. erkennen, daß sich durch einen Handstreich in wenigen 
Stunden eine seit fünfzehn Jahren bestehende Machtgruppierung nicht 
ändern läßt. Graf Osten-Sacken hatte mir übrigens auf ausdrücklichen 
Befehl des Kaisers Nikolaus und im Auftrag des Grafen Lambsdorff mit- 
geteilt, daß beide zu mir nicht nur volles Vertrauen bätten, sonderu daß 
es auch der aufrichtige und lebhafte Wunsch des Zaren wie des St. Peters- 
burger Kabinetts wäre, mit dem deutschen Nachbar nach wie vor die 
friedlichen, freundschaftlichen und sicheren Beziehungen fortzusetzen, die 
seit hundertundfünfzig Jahren zwischen Rußland und Preußen-Deutsch- 
land bestünden. Kaiser Wilhelm richtete unter meiner Mitwirkung, die er 
bei seinen Briefen an den Zaren während einiger Zeit unter dem einen oder 
dem anderen Vorwand umgangen hatte, im Dezember 1905 ein würdiges 
Schreiben an Kaiser Nikolaus, in dem er dem russischen Herrscher sagte, 
es wäre nicht seine Absicht, ihm eine Lösung aufzudrängen, die Rußland
        <pb n="184" />
        DIE STAATSRÄSON 151 
unerwünscht erscheinen möge, und fügte hinzu: „Unter allen Umständen 
werden wir treue und loyale Freunde bleiben.“ 
Die erste ernste Belastungsprobe, der ich zum Wohle des Reiches mein 
persönliches Verhältnis zu Wilhelm II. hatte unterziehen müssen, war 
befriedigend, im Sinne der Staatsräson verlaufen. Ob unsere Beziehungen 
eine zweite derartige Belastung ertragen würden, erschien mir schon 
damals zweifelhaft. Das Jahr 1908 brachte die Bestätigung meiner 
Annahme.
        <pb n="185" />
        Die englische 
Flotte vor 
Swinemünde 
X. KAPITEL 
Englische Flottendemonstration in der Ostsee - Einladung des Kronprinzen zu den 
Jagden nach England » Bericht des Gesandten von Techirschky über die zunehmende 
Gereiztheit Wilhelms II. gegen England » Graf Albert Mensdorff - Kündigung der Union 
zwischen Schweden und Norwegen « Graf Metternich über den Prinzen von Wales 
(Georg V.) « Gärung in Rußland - General Trepoff, Militärdiktator +» Attentate, Groß- 
fürst Sergius ermordet » Persönliches Regiment Wilhelms II., sein schädlicher Einfluß 
auf die Berichterstattung der deutschen Diplomaten - Bülows Zirkular an die Deutschen 
Missionen irm Ausland über Berichterstattung « Besuch des französischen Politikers 
Millerand bei Staatssekretär von Richthofen 
D: Nachrichten, die auf höfischen wie auf diplomatischen Wegen, unter 
teilweise arglistiger Entstellung der Tatsachen, über die Kaiser- 
begegnung von Björkö aus St. Petersburg nach London gedrungen waren, 
mehr noch vielleicht der improvisierte und demonstrative Besuch, den 
Wilhelm II. in Kopenhagen abgestattet hatte und über den sich der uns 
feindliche Teil der europäischen Presse in den verworrensten Mutmaßungen 
erging, war in den englischen Regierungskreisen nicht ohne die voraus- 
zusehende Wirkung geblieben. Ende August erschienen englische Schiffe 
in der Ostsee, wo sich die Kriegsflotte Großbritanniens seit langem nicht 
mehr hatte sehen lassen. 
Über den Eindruck dieser englischen Demonstration auf Wilhelm II. 
wie über seine Stimmung gegenüber dem englischen Hofe berichtete mir 
am 22. August 1905 der Vertreter des Auswärtigen Amtes bei Seiner 
Majestät, Gesandter von Tschirechky: „Euer Durchlaucht möchte ich 
nicht unterlassen von Nachstehendem gehorsamst Kenntnis zu geben. 
S. M. zeigten mir heute nachmittag ein Telegramm 5. K. H. des Kronprinzen. 
Letzterer meldete darin, er habe von Onkel Bertie einen Brief erhalten, in 
dem er und Cecilie für Anfang November zur Jagd nach Windsor ein- 
geladen werden. Der Kronprinz fügte noch hinzu, dem König scheine viel 
daran zu liegen, daß die Einladung angenommen werde, da er ihm zur Reise 
die Königliche Jacht ‚Victoria and Albert‘ zur Verfügung stelle. Der 
Kronprinz bittet schließlich, die Annahme der Einladung zu gestatten. 
S.M. waren über diesen neuen ‚Winkelzug‘ seines Onkels sehr aufgebracht. 
Schon im vorigen Jahre, meinten S.M., habe König Eduard den Kron-
        <pb n="186" />
        DER PLAN MIT DEM KRONPRINZEN 153 
prinzen eingeladen, ohne zuvor, wie dies sich gehöre, ihm, dem Kaiser, 
Nachricht zu geben. Dem Kronprinzen gegenüber habe der König sogar 
wider besseres Wissen behauptet, er hätte sich des Einverständnisses des 
Kaisers vorher versichert, und daraufhin habe damals der Kronprinz die 
Einladung angenommen. Er, der Kaiser, habe dann mit vieler Mühe dem 
Kronprinzen klarmachen müssen, daß er als Verlobter unmöglich sich dort 
in England von all den Damen den Hof machen lassen könne. Jetzt, 
nachdem der König ihn selbst, den Vater, so ostentativ gemieden, fange er 
wieder damit an, seinen Sohn ‚hintenherum‘ einzuladen. Der König ver- 
folge damit den doppelten Zweck: einmal, seinen Sohn mit seinem Vater zu 
entzweien, und dann wolle er nach altem englischem Rezepte sich hier 
eines Mitgliedes der Familie versichern, das ihm als Spion und Kundschafter 
dienen und das er nach Gutdünken für seine Interessen benutzen könne. 
Mit Geschick habe sein Onkel denjenigen seiner Söhne herausgefunden, 
der am leichtesten für solche Pläne einzufangen sei. Der Kronprinz sei 
blind in seiner Bewunderung Englands und könne den Reizen des dortigen 
Lebens und der schönen Engländerinnen nicht widerstehen. Die Einladung 
des Kronprinzen sei eine ‚offene Beleidigung‘ für ihn, den Kaiser, nach 
allem, was vorhergegangen. Ihre Majestät unterstützte den Kaiser in seiner 
Auffassung. Es soll nun der Kronprinz telegraphisch antworten, er könne 
wegen des Besuchs des Königs von Spanien (der in der Woche zwischen 
dem 5. und 12. November nach Berlin kommen soll) die Einladung leider 
nicht annehmen. General von Plessen wurde später auch ins Geheimnis 
gezogen und äußerte, bei dem Charakter des Kronprinzen sei es zweifellos, 
daß er von König Eduard und den dortigen Damen völlig ‚eingewickelt‘ 
werden würde. General von Plessen sagte mir noch heute abend, der Kaiser 
habe befohlen, daß er und General Löwenfeld sich unauffällig während 
des Besuchs der englischen Flotte in Swinemünde aufhalten sollten, um 
den Gang der Dinge an Ort und Stelle zu beobachten und dann zu berichten. 
Ich habe General von Plessen eindringlich vorgestellt, daß seine Anwesen- 
beit in Swinemünde doch nicht geheim bleiben werde und daß es einen sehr 
schlechten Eindruck machen werde, wenn er bei seinen nahen Beziehungen 
zu S.M.dort quasi als Geheimagent des Kaisers auftauche. Auf meine 
Veranlassung ist nun zunächst an den General von Löwenfeld, und zwar 
chiflriert, durch das A. A. die Weisung ergangen, in Zivil dorthinzugehen. 
Plessen will S.M. bitten, von seiner Entsendung abzusehen. Am letzten 
Tage seiner Anwesenheit in Wilhelmshöhe kam Max Fürstenberg noch zu 
mir und erzählte mir ganz erregt, S. M. habe ihm gegenüber in solchen 
Ausdrücken über König Eduard gesprochen, daß er noch ganz perplex sei. 
Er könne mir gar nicht wiederholen, was der Kaiser gesagt habe; und auch 
auf den österreichischen Botschafter in London, Graf Mensdorff, scheine
        <pb n="187" />
        Graf Mens- 
dorff-Pouilly 
154 DIE ENGLÄNDER BETRUNKEN MACHEN 
S.M. sehr schlecht zu sprechen zu sein. Ich sagte zu Fürst Max Fürstenberg, 
der Kaiser habe augenscheinlich mit ihm als seinem persönlichen Freund 
gesprochen, und ich hoffte, er werde als solcher die Worte S. M. in seinem 
Busen bewahren. $. M. habe ich abends unter vier Augen erzählt, was mir 
Fürstenberg gesagt hatte, und ich habe S. M. beschworen, vorsichtig zu 
sein. Der persönliche Zwist zwischen ihm und dem König Eduard könne 
die weittragendsten und unheilvollsten Konsequenzen haben; die Engländer 
warteten doch nur darauf, daß er sich eine Blöße gebe. Nun kommt leider 
wieder die Sache mit dem Kronprinzen! Beide Majestäten sind unter dem 
Eindruck der bedauerlichen Unreife des Kronprinzen. Ich habe neulich ein 
langes Gespräch mit der Kaiserin darüber gehabt und habe ihr gesagt, ich 
hätte ihr schon vor zwei Jahren geraten, den Kronprinzen einmal beim 
Landrat oder, wenn es nicht anders gehe, beim Oberpräsidenten ordentlich 
arbeiten zu lassen. Denn bisher, auch militärisch, spielt er ja nur. Die 
Kaiserin fand allerhand Gründe, weshalb es bis jetzt nicht möglich ge- 
wesen sei, will nun aber alles tun, damit im Herbst eine Entscheidung in 
dieser Richtung getroffen werde. Eine Unterstützung dieses Planes durch 
Eure Durchlaucht würde gewiß von bester Wirkung sein und die guten 
Absichten der Majestäten zu praktischer Ausführung bringen. Mit dem 
Ausdruck ausgezeichneter Hochachtung und tiefster Verehrung Euer 
Durchlaucht ganz gehorsamer von Tschirschky.“* 
Der Gedanke, zwei Generaladjutanten nach Swinemünde zu schicken, 
um dort das Verhalten der englischen Flotte zu beobachten, war in der Tat 
nicht glücklich. Fast noch kindlicher, um nicht zu sagen kindischer, war, 
was in derselben Zeit, am 25. August 1905, Kaiser Wilhelm ohne mein 
Wissen an seinen Freund Nicky schrieb: „Ich habe Meiner Flotte befohlen, 
der britischen in der Ostsee wie ein Schatten zu folgen und, wenn sie in 
Swinemünde Anker geworfen hat, in der Nähe der britischen Flotte an- 
zulegen, ihnen ein Diner zu geben und sie so betrunken zu machen wie mög- 
lich, um herauszukriegen, was sie vorhaben, und dann wieder fortzusegeln.“ 
In Wirklichkeit wurde die englische Flotte in Swinemünde von allen 
Behörden in der üblichen Form, mit ruhiger Höflichkeit begrüßt und auf- 
genommen. Alle Offiziere unserer Marine, mit denen ich während meines 
Lebens in Berührung gekommen bin, zeichneten sich durch gute Manieren 
und ein einnehmendes Wesen aus, erwarben sich auch überall Sympathien. 
Der in dem Briefe des Gesandten von Tschirschky erwähnte öster- 
reichische Botschafter in London Graf Albert Mensdorff war Persona in- 
gratissima bei Seiner Majestät. Die Mensdorffs entstammten einer kleinen 
lothringischen Familie, die ursprünglich Pouilly hieß. Ein Pouilly emi- 
grierte während der Französischen Revolution nach Koblenz und wurde von 
dort nach Österreich verschlagen, wo es ihm gelang, das Herz der Prin-
        <pb n="188" />
        DAS VÄTERLICHE VERBOT 155 
zessin Sophie von Sachsen-Saalfeld-Koburg zu erobern. Um die Heirat zu 
ermöglichen, wurde er in den Grafenstand erhoben und erhielt den Namen 
des Dorfes Mensdorff, aus dem er stammte. Die Königin Victoria erstreckte 
die unbegrenzte Licbe, die sie für ihren Gemahl empfand, auf alle seine 
Verwandten, auf alle, die irgendwie mit dem Hause Koburg zusammen- 
hingen, also auch auf die Familie Mensdorff. Wenn ein Mensdorff zur 
Königin eingeladen wurde, erhielt er einen besonderen sehr hohen Rang. 
König Eduard machte es in dieser Beziehung wie seine Mutter. Der Erz- 
herzug Franz Ferdinand erzählte mir gelegentlich mit zornigem Ausdruck, 
man habe ihn in England bei einem feierlichen Anlaß in derselben Reihe 
mit einem österreichischen Untertan, dem Botschafter Mensdorff, 
placiert. Die Königin und ihr Sohn gingen davon aus, daß der Rang sich 
nach dem Grade der Verwandtschaft mit dem englischen Königshause 
richte. In England fand alle Welt mit englischem Aplomb und englischem 
Hochmut dies völlig in der Ordnung, Tories und Whigs, Aristokraten wie 
Demukraten. Kaiser Wilhelm, obwohl er von allen nichtenglischen Fürst- 
lichkeiten dem englischen Königshause verwandtschaftlich am nächsten 
stand und schon deshalb sein Rang nicht angetastet werden konnte, 
ärgerte sich doch darüber, daß Albert Mensdorfl, der übrigens ganz ge- 
wandt, auch etwas intrigant war und es nicht ungern sah, wenn die 
englische Gesellschaft den „netten“ (nice) Österreicher dem „bösen“ 
(wicked) Deutschen vorzog, so sehr fetiert wurde. 
Am 8. September berichtete mir Tschirschky weiter: „Euer Durchlaucht 
beehre ich mich Nachstehendes gehorsamst zu melden. Seine Majestät ge- 
ruhten mir soeben mitzuteilen, daß S. K. H. der Kronprinz einen Brief 
des Königs Eduard erhalten hat, in dem der König sich darüber beklagt, 
daß Seine Majestät auch dieses Jahr den Besuch des Kronprinzen in Eng- 
land verhindert habe. Hiernach sei es klar, daß der Kaiser überkaupt nicht 
wolle, daß der Kronprinz nach England komme. Der Ton des Briefes sei 
wenig freundlich gewesen. S. M. fügten hinzu, der Kronprinz scheine leider 
seiner Weisung, als Grund für die Ablehnung der Einladung den Besuch des 
Königs von Spanien anzuführen, nicht gefolgt zu haben, sondern habe in 
seinem Unmute über das entgangene Amüsement in England sich nur auf 
das kaiserliche Verbot berufen. S. M. will nun dem König direkt schreiben 
und ihm ganz ruhig sagen, daß der bei allen Höfen herrschende Brauch bei 
Einladungen von Prinzen eine vorgängige Anfrage bei dem Familien- 
oberhaupt fordert. Lord Lonsdale tut, wie gewöhnlich, das Mögliche, um 
den Antagonismus zwischen den beiden Herrschern zu schüren. $.M. er- 
zählte mir, der Lord habe ihm vorgeklagt, daß der König ihn nicht mehr 
empfangen wolle, und zwar nur desbalb, weil er mit dem Deutschen Kaiser 
befreundet sei! Der Lord habe ihm weiter bestätigt, daß die Presse- 
Einladung 
des Kron- 
Prinzen nach 
England ab- 
gelehnt
        <pb n="189" />
        Trennung 
Norwegens 
von Schweden 
156 „A GREAT LIAR" 
kampagne in England gegen uns vom König persönlich geleitet werde. Er, 
Lonsdale, habe im Laufe des Sommers verschiedene deutschfreundliche 
Artikel in die englische Presse lanciert und sei deshalb durch dritte Per- 
sonen im Auftrage des Königs zur Rede gestellt worden. Er habe sich aber 
dieses Vorgehen des Königs energisch verbeten und ihm antworten lassen, 
falls der König etwas von ihm wolle, so möchte er ihn als Peer des Reichs 
und Mitglied des Oberhauses zu sich rufen lassen. Seitens der Deutschen 
Botschaft sei bei Behandlung der Presse in England nicht geschickt ver- 
fahren worden. Graf Bernstorff habe mit untergeordneten Presseleuten 
gearbeitet und dadurch nur erreicht, daß die eigentlichen Leiter der Blätter 
sich gekränkt fühlten. Auch habe man von der Botschaft antifranzösische 
Artikel in die englischen Blätter lancieren wollen; das sei natürlich sofort 
bekanntgeworden und habe den gegenteiligen Effekt hervorgerufen. Lord 
Lonsdale hat S. M. weiter erzählt, er sei mit der Minorität im Oberhause 
gegen den Abschluß des neuen japanischen Vertrags; die Regierung habe 
aber jede Kundgebung in dieser Richtung verboten. Der Vertrag müsse 
für England verhängnisvoll werden! Der Lord hat im Anschluß hieran von 
der ‚asiatischen‘ und der ‚gelben Gefahr‘ gesprochen.“ Die renommistischen 
Aufschneidereien des Earl of Lonsdale bewiesen, daß König Eduard nicht 
unrecht hatte, diesen verkrachten Nobleman und Personal friend des 
Kaisers „a great liar‘‘ zu nennen. Die Insinuation gegen Bernstorff war 
unbegründet. Graf Bernstorff, damals Botschaftsrat in London, später 
Botschafter in Washington, hatte, im Gegensatz zu Eckardstein, die 
schwierigen Beziehungen der Deutschen Botschaft zur englischen Presse 
mit ebensoviel Würde wie Geschick vermittelt. 
Im Juni 1905 war die lange erwartete Kündigung der Union zwischen 
Schweden und Norwegen durch Norwegen erfolgt. Die Beziehungen 
zwischen den beiden Völkern waren, seitdem der Wiener Kongreß sie zu- 
sammengeschweißt hatte, nie wirklich freundliche gewesen. Das Verhältnis 
glich einer jener trostlosen Ehen, wie sie Strindberg schildert. Es ist schwer 
zu sagen, ob die englische Politik zu der schließlichen Scheidung bei- 
getragen hat. Jedenfalls entsprach diese dem englischen Interesse. Schwe- 
den hatte während des achtzehnten Jahrhunderts bald zu Rußland geneigt, 
bald zu Frankreich. Im neunzehnten Jahrhundert war es unter dem Einfluß 
einer Dynastie französischen Ursprungs bis in die achtziger Jahre fran- 
zösisch gerichtet, seitdem aber traten bei dem ritterlichen schwedischen 
Volk starke Sympathien für Deutschland hervor. Um Norwegen hatte 
Wilhelm II. sich viel Mühe gegeben. Er besuchte jedes Jahr, wie viele andere 
Deutsche, das herrliche Land. Der Sang an Ägir, der in Wirklichkeit von 
Phili Eulenburg verfaßt und komponiert war, erschien unter dem Namen des 
Kaisers. Der Kaiser hatte einem Helden der norwegischen Sage, Frithjof,
        <pb n="190" />
        KAISERLICHE PRÄSENTE 157 
der nach Überwindung unendlicher Gefahren und Schwierigkeiten die 
Tochter des Königs Belli, die schöne Ingibjorg, trotz des Widerstands 
ihrer bösen Brüder, Helgi und Halfdan, zur Gemahlin errang, am norwe- 
gischen Strande ein prächtiges Denkmal errichtet. Aber die politischen 
Sympathien der Norweger gingen wie ihr Handel und ihre Schiffahrt über- 
wiegend in englischer Richtung. Die Errichtung eines Monuments für den 
wackeren Frithjof war ebensowenig von dauernder Wirkung wie das 
Geschenk eines Denkmals des größten Preußenkönigs an die Vereinigten 
Staaten, die Errichtung eines Goethe-Denkmals in Rom, eines Denkmals 
für König Wilhelm III. von England in London. Als das letztgenannte 
Monument seinen Weg nach England genommen hatte, legte ich dem 
Kaiser einen Ausschnitt aus der „Times“ vor, derzufolge im englischen 
Parlament angefragt worden war, was die englische Regierung mit dieser 
seltsamen Gabe zu tun gedenke. Ein schlagfertiger Vertreter des Foreign 
Office auf der Regierungsbank hatte geantwortet, die Regierung beab- 
sichtige, das Denkmal König Wilhelms III., der ein Oranier gewesen wäre, 
vor einer Orangerie aufzustellen. Hinter dieser Bemerkung verzeichnete der 
Parlamentsbericht: „Loud and general laughter.““ Auch das machte den 
Kaiser nicht irre in seiner Neigung, andere Völker und Staaten durch 
Geschenke zu erfreuen. Für Wilhelm II. traf, ein Beweis seiner gutmütigen 
Veranlagung, die englische Wendung zu: to enjoy one’s self. Anderen Auf- 
merksamkeiten zu erweisen, sich anderen gegenüber generös und nobel zu 
zeigen, bereitete ihm selbst den größten Spaß. Es gelang König Eduard, 
den Norwegern als König des selbständig gewordenen Norwegen den mit 
seiner dritten Tochter, der Prinzessin Maud, verheirateten Prinzen Karl 
von Dänemark, den zweiten Sohn des Königs Friedrich VII. von Dänemark, 
mundgerecht zu machen. Die junge Prinzeß, die bis dahin mit ihrem Gatten 
eine reizende Cottage in der Nähe von Sandringham bewohnt hatte, 
empfand gar keine Lust, das großartige und bequeme englische Leben mit 
einer weit weniger brillanten Existenz in dem melancholischen Christiania 
(jetzt Oslo genannt) zu vertauschen. Sie sagte zu ihrem Vater, sie wolle 
lieber auf dem kleinsten englischen, ja selbst irischen Pachthofe sitzen als 
auf dem norwegischen Thron. König Eduard, der bei aller Bonhomie in 
seiner Familie keinen Widerspruch duldete, erwiderte seiner Tochter auf 
ihre Klagen und Bitten: „Prinzessinnen haben nicht Liebhabereien, son- 
dern Pflichten.“ Prinz Karl nahm den echt norwegischen Namen Haakon 
an mit der Chiffre VII., da es in fabelhaften Zeiten schon sechs norwegische 
Könige mit dem Namen Haakon gegeben hat, darunter Haakon den Alten, 
der sich im dreizehnten Jahrhundert Island und Grönland unterwarf. Des 
jungen Königs Haakon Söhnchen, das 1905, bei der Erhebung des Vaters 
auf den Königsthron, noch nicht zwei Jahre alt war und bis dahin Alexander
        <pb n="191" />
        Der Prinz von 
Wales gegen 
antideutsche 
Agilation 
158 DIE ENGLISCHE PRESSE MALIZIÖS 
hieß, wurde in Olav umgetauft. König Oskar von Schweden, der während 
seiner langen Regierung mehr nach dem Lorbeer des Dichters als nach dem 
des Monarchen gestrebt hatte, empfand den Abfall der Norweger sehr 
bitter. Als er mir bei seiner Durchreise durch Berlin davon sprach, wurde 
er von einem Weinkrampf überwältigt und fiel mir schluchzend um den 
Hals. Ich sah keinen Anlaß, in diesem skandinavischen Zwist, nachdem die 
Trennung erfolgt war, Partei zu ergreifen. Als König Haakon VII. am 
25. November 1905 in Christiania landete, wurde er auf meinen Vorschlag 
nicht nur von englischen, sondern auch von deutschen Kriegsschiffen 
begleitet, und Prinz Heinrich von Preußen, der Bruder Seiner Majestät, 
wohnte den Feierlichkeiten der Thronbesteigung bei. 
Wenn die Sprache der englischen Presse während des ganzen Jahres 
1905 im allgemeinen recht unfreundlich gewesen war, die Haltung des 
Königs Eduard, gelinde gesagt, undurchsichtig und maliziös, so waren 
jenseits des Kanals doch auch vernünftige Stimmen laut geworden. Als ein 
toll gewordener englischer Seeofhzier, der Vizeadmiral a. D. Fitzgerald, 
noch dazu in der „Deutschen Revue“ auseinandersetzte, ein baldiger 
Krieg zwischen England und Deutschland sei unvermeidlich, wenn Deutsch- 
land seine Flotte weiter verstärke, wurde dieser Ausfall von der großen 
Mehrheit der englischen Presse zum Teil mit Schärfe abgelehnt. Erfreulich 
war und gute Hoffnungen für die Zukunft erweckte die ruhige Sprache 
und Haltung des damaligen Prinzen von Wales, des nachmaligen Königs 
Georg V. Darüber schrieb mir der Botschafter Metternich: „Ich hahe gestern 
bei König Eduard diniert und saß neben dem Prinzen von Wales. Der 
Prinz besprach mit mir die Arthur Leesche Rede, die er als eine Ungeschick- 
lichkeit ohne böse Absicht hinstellte. Er verwies den Gedanken kriegerischer 
Absichten Englands gegen Deutschland in das Gebiet der Fabel und sprach 
sich sehr heftig gegen die Zeitungen im allgemeinen und besonders gegen 
die ‚Times‘ aus. Die Verhetzungen dieses Blattes wären unerhört. Die 
hiesige Regierung sei diesem Treiben gegenüber aber machtlos. Er könne 
nicht verstehen, wie man in Deutschland an kriegerische Absichten Eng- 
lands habe glauben können. A rotten paper, wie die ‚Army and Navy 
Gazette‘, habe gar nichts zu bedeuten, ebensowenig wie das sogenannte 
‚Court Journal‘, das außer seinem selbstverliehenen hochtrabenden Namen 
mit dem hiesigen Hofe nicht mehr zu tun habe wie die ‚Daily Mail‘. Kriege- 
rische Verwicklungen zwischen England und Deutschland seien so sehr 
gegen das Interesse der beiden Völker und gegen den gesunden Menschen- 
verstand, daß er für seine Person es ausgeschlossen halte, daß es jemals 
dazu kommen könne. Das größte Unglück, das die Welt treffen könne, sei, 
seiner Ansicht nach, ein Krieg zwischen England und Frankreich oder 
zwischen England und Deutschland oder zwischen Deutschland und
        <pb n="192" />
        BISMARCK NIE ANTIZARISTISCH 159 
Frankreich. Auch König Eduard sprach lange mit mir, ohne jedoch politisch 
Wichtiges bervorzuheben.‘“ Daß der damalige Prinz von Wales Deutschland 
und dem Deutschen Kaiser unbelangener gegenüberstand als sein Vater, 
bestärkte mich in meiner auf die Erhaltung des Friedens gerichteten Politik. 
Die Zeit ging für uns. Es kam aber darauf an, Riffe und Sandbänke zu ver- 
meiden, bis eine Änderung der gesamten Weltlage, wie eine solche von Zeit 
zu Zeit immer wieder eintritt, denn zdrra pel, ewig wechselt alles, uns 
leichtere und ruhigere Fahrt vergönnte. 
Ob ein autokratisch regiertes Rußland für uns nützlicher sei oder ein 
revolutionäres, konnte zweifelhaft erscheinen. Fürst Bismarck war der 
ersteren Ansicht. Herbert Bismarck äußerte mir gegenüber, als ich 1884 
als Botschaftsrat nach St. Petersburg geschickt wurde, sein Vater habe seit 
jeber seine Politik gegenüber Rußland auf die Person des gerade regierenden 
Zaren eingestellt. Andererseits war es klar, daß, wenn es für uns leichter 
war, uns mit dem zaristischen Rußland zu verständigen als mit einem 
republikanischen, weil wir am russischen Hofe, in der russischen Gesell- 
schaft und im russischen Beamtentum viel mehr Anknüpfungspunkte, Ver- 
ständnis und Sympathien fanden als bei den die Autokratie bekämpfenden 
Elementen, doch das Hochkommen der letzteren die russische Macht 
schwächen mußte. Jedenfalls hat Fürst Bismarck recht behalten mit seiner 
Voraussage, daß ein Krieg zwischen den drei Kaiserreichen eine ernste 
Gefahr für die drei Kaiser bedeuten würde. Er würde nie einem Krieg gegen 
Rußland eine so antizaristische Spitze gegeben haben, wie dies Bethmann 
tat. Er hätte auch schwerlich die bolschewistischen Führer aus der Schweiz 
nach Rußland zurückgeführt. Daß die innere Lage in Rußland, je länger 
der Krieg gegen Japan dauerte, um so bedrohlicher wurde, war zweifellos. 
Der russische Botschafter in London, Graf Benckendorff, sprach sich 
seinem deutschen Kollegen gegenüber hinsichtlich der weiteren Entwicklung 
der innerrussischen Verhältnisse sehr ängstlich aus. Kaiser Nikolaus, hatte 
der russische Botschafter in London dem Grafen Metternich unter anderem 
gesagt, sei vorläufig noch entschlossen, den Krieg gegen Japan mit allen 
Mitteln weiterzuführen. Es könne sich dies aber auch plötzlich ändern, 
da die verschiedensten Einflüsse auf den Zaren einwirkten. Im Gegensatz zu 
früher, wo der Zar sich abgeschlossen habe, könne jetzt jeder, der irgend- 
einen Plan zur Rettung Rußlands hege, persönlich an ihn herankommen. 
Den ganzen Tag kämen und gingen Vertreter der Semstwos und andere mit 
Vorschlägen und Bittschriften zum Zaren. Auf eine Frage des Grafen 
Metternich nach der Stellung des Grafen Witte hatte der russische Bot- 
schafter erwidert, der Zar könne Witte nach wie vor nicht ausstehen, dessen 
Macht sei aber trotzdem auf Grund seiner bedeutenden Persönlichkeit nicht 
zu unterschätzen. 
Innere Vor- 
gänge in 
Rußland
        <pb n="193" />
        Beginn der 
russischen 
Revolution 
160 MASSAKER UND DIKTATUR IN PETERSBURG 
Das Jahr 1905 hatte für Rußland damit begonnen, daß der Präsident 
der Moskauer Semstwos, Fürst Trubetzkoi, in einem offenen Schreiben an 
den Minister des Innern, den eher liberal gesinnten Fürsten Mirski, die 
Notwendigkeit von Reformen betonte, „um eine Revolution zu vermeiden“. 
Es folgten zahlreiche Kundgebungen der Arbeiterschaft wie der „Intelli- 
genzia“ für konstitutionelle und administrative Reformen. Die Polizei 
schritt vergeblich dagegen ein. Stärkeren Eindruck machte auf den Zaren, 
daß bei dem jedes Jahr am Epiphaniastage stattfindenden Feste der Was- 
serweihe, die vom St. Petersburger Hof seit jeher mit besonderem Glanz 
gefeiert wurde, in das Zelt, unter dem sich der Kaiser mit dem Hof auf dem 
Eise der Newa versammelt hatte, beimSalutschießen plötzlich mehrere 
Kartätschkugeln einschlugen. Es ist niemals festgestellt worden, wie es 
möglich war, daß dieser Scharfschuß abgefeuert werden konnte. Drei Tage 
später folgte ein blutiger Zusammenstoß zwischen Militär und einer Massen- 
deputation streikender Arbeiter, die von dem Popen Gapon, einem aus- 
gesprungenen Priester, geführt wurden. Die Arbeiter, an deren Spitze Gapon 
mit dem orthodoxen Kreuz in der einen Hand, ein Bild des Zaren in der 
anderen, marschierte, wollten im Winterpalais eine Bittschrift überreichen, 
die alle jene Wünsche und Grundrechte aufzählte, welche die Demokratie 
des Westens seit langem erreicht hatte, die aber in Rußland nie öffentlich 
verlangt worden waren und die übrigens nach erfolgtem Umsturz von der 
siegreichen Revolution mit Füßen getreten werden sollten: Freiheit des 
Worts, Gewissensfreiheit, Gewährleistung des Versammlungsrechts, Ga- 
rantien der persönlichen Sicherheit, eine Volksvertretung, Gleichbeit aller 
vor Gericht, Verantwortlichkeit der Minister, obligatorischer Schulbesuch 
auf Staatskosten, Einkommensteuer usw. Dazu traten neue sozialistische 
Forderungen, wie Achtstundentag, Streikrecht, Vorkehrungen gegen die 
Bedrückungen der Arbeiter durch das Kapital. Ein rasch herbeigeholtes 
Garderegiment verhinderte die Demonstranten, bis zum Winterpalais zu 
gelangen. Es gab mehrere Tausende von Toten. Unter den Verhafteten 
befand sich der talentvolle Dichter Maxim Gorki, dessen „Nachtasyl“ auch 
in Deutschland, meisterhaft gegeben, viel Interesse erregt hatte. Acht- 
undvierzig Stunden nach diesem Zusammenstoß wurde in St. Petersburg 
die Militärdiktatur erklärt, an deren Spitze General Dimitrij Fedorowitsch 
Trepow trat. Er war eine echt russische Erscheinung. Sein Vater war als 
ausgesetztes Kind auf der Treppe eines reichen deutschen Kaufmanns in 
Wassily-Ostrow gefunden worden, der ihm den Namen Trepow (Treppauf) 
beilegte. Er kam später in das Kadettenkorps, brachte es in der Armee bis 
zum Obersten und wurde als solcher unter Kaiser Alexander II. Polizei- 
präsident von Petersburg. Das Attentat, das Vera Sassulitsch 1875 gegen 
ihn gerichtet hatte, bezeichnet den Beginn der modernen, von unten auf-
        <pb n="194" />
        DIE ERMORDUNG DES GROSSFÜRSTEN SERGEI 161 
steigenden revolutionären Bewegung in Rußland. Bis dahin hatte Rußland 
nur Palastrevolutionen und Adelsverschwörungen gekannt. Ein russischer 
Bauer drückte das gegenüber dem mir befreundeten Grafen Lewaschow 
nach der Ermordung des Kaisers Alexander II. mit den Worten aus: 
„Früher war es nur den großen Herren erlaubt, einen Zaren umzubringen, 
jetzt macht das aber auch den kleinen Leuten Spaß.“ Die Reden, die der 
arıne junge Kaiser Nikolaus II. von Zeit zu Zeit an Arbeiterdeputationen 
oder Abordnungen von Bauern richtete, waren matt und machten keinen 
Eindruck. Weitere Attentate erfolgten in rascher Folge. Der Großfürst 
Wladimir, der neue Minister des Innern Bulygin, der für energisch galt, 
der Generalgouverneur Trepow selbst entgingen nur mit Mühe den für sie 
bestimmten Kugeln. Die meisten großen Städte waren der Schauplatz 
blutiger Straßenkämpfe. In Russisch-Polen kam es neben sozialistischen 
Unruhen auch zu national-polnischen Emeuten. 
Der Großfürst Sergei, Schwager und Oheim des Zaren, wurde in dem 
Augenblick ermordet, wo Prinz Friedrich Leopold von Preußen am rus- 
sischen Hofe weilte. Der Prinz erzählte mir nach seiner Rückkehr, die Nach- 
richt von dem in Moskau verübten Verbrechen wäre in Peterhof, wo sich 
der Zar aufhielt, zwei Stunden vor der Abendtafel eingetroffen. Der Prinz 
ließ sich erkundigen, ob die Abendtafel stattfinden würde, oder ob der von 
einem solchen Schicksalsschlag betroffene Kaiser lieber allein sein wolle. 
Der Prinz erhielt die Antwort, daß er ruhig zum Diner kommen möge. 
Die Kaiserin erschien allerdings nicht, dagegen waren der Kaiser und 
sein gleichfalls anwesender Schwager, der Großfürst Alexander Michailo- 
witsch, in bester Stimmung. Von der Ermordung des Großfürsten war 
überhaupt nicht die Rede. Nach Tisch amüsierten sich der Kaiser und 
sein Schwager damit, daß sie vor den Augen des erstaunten deutschen 
Gastes sich gegenseitig von einem schmalen und langen Sofa herunter- 
zudrängeln suchten. In derselben Stunde betrat die Großfürstin Sergei, 
eine Prinzessin von Hessen-Darmstadt, allein den Kerker, in dem der 
Attentäter, der ihren Gatten ermordet hatte, vor seiner auf den nächsten 
Tag angesetzten Hinrichtung gefangensaß. Sie frug ihn, weshalb er ihr in 
so grausamer Weise den Gatten geraubt hätte. Der Mörder erwiderte, er 
hätte persönlich nichts gegen den Großfürsten gehabt, und es betrübe ihn, 
der Großfürstin Schmerz bereitet zu haben, aber seine Grundsätze hätten 
ihm das Attentat zur Pflicht gemacht. Als die Großfürstin den Kerker 
verließ, verneigte er sich vor ihr und küßte den Saum ihres Kleides. Die 
Großfürstin Elisabeth Feodorowna ist bekanntlich im Juni 1918 in 
Alajagawesk, einem kleinen Städtchen im Ural, von Bolschewisten in 
einen tiefen Schacht gestürzt worden. Auf den noch lebenden, aber zer- 
schmetterten und röchelnden Leib wurde ungelöschter Kalk geschüttet. 
11 Bülow U
        <pb n="195" />
        Brief 
Tschirschkys 
zum Björkö- 
Vertrag 
162 DAS SATYRSPIEL VON BJÖRKO 
Die Schwester der Großfürstin, die in England lebende Prinzessin Viktoria 
von Battenberg, erreichte durch Mittelspersonen die Herausgabe der Leiche, 
die sie in Jerusalem am Fuße des Ölberges in geweihter Erde beisetzen ließ. 
George Sand hat die richtige Bemerkung gemacht: ‚que la vie ressemble 
plus au roman que le roman a la vie“. Die Geschichte verzeichnet entsetz- 
lichere Tragödien, als sie die Phantasie der größten Dichter, eines Äschylos 
oder Shakespeare, zu ersinnen vermochte. 
Damit dem Drama von Björkö neben seinen tragischen Momenten auch 
ein Satyrspiel nicht fehle, erhielt ich Mitte August ein längeres Entschul- 
digungsschreiben des den Kaiser damals auf seinen Reisen als Vertreter 
des Auswärtigen Amtes begleitenden Gesandten von Tschirschky. Der 
füblte natürlich, daß er während der Entrevue von Björkö vollkommen 
versagt hatte, indem er, nur bestrebt, Seiner Majestät nach dem Munde zu 
reden, und stets in Angst, das Allerhöchste Mißfallen zu erregen, weder auf 
die Schädlichkeit des Zusatzes „en Europe“ hingewiesen noch überhaupt 
davor gewarnt hatte, ohne Zuziehung des deutschen Reichskanzlers und des 
russischen Ministers des Äußern einen Staatsvertrag mit der unbesonnenen 
Schnelligkeit abschließen zu wollen, mit der sich kaum ein Leutnant ver- 
loben würde. In einem mit „Privat“ und „Ganz vertraulich‘ bezeichneten 
Brief schrieb er mir, daß er „einem inneren dringenden Bedürfnisse fol- 
gend‘ mir einige Betrachtungen unterbreiten müsse, die mir mündlich 
vorzutragen er nicht den Mut gefunden habe. Er sei mir eine Antwort auf 
die von mir an ihn gerichtete Frage schuldig, warum er mich nicht besser 
über alle Vorgänge vor und in Björkö unterrichtet hätte. Er habe dies 
unterlassen, weil seine Versuche, mir außeramtlich näherzutreten, die 
„aus seinem innersten Herzen‘ hervorgegangen seien, bei mir nach seiner 
Empfindung kühler Zurückhaltung begegnet wären. Insbesondere wären 
weder er noch seine Gattin, obwohl sie regelmäßig Karten bei mir gelassen 
hätten, in der letzten Zeit mit einer Einladung in mein „sonst so gast- 
freies Haus‘ beehrt worden. Im Winter 1903 auf 1904 wäre er fast eine 
ganze Woche in Berlin gewesen, ohne vom Reichskanzler zu Tisch geladen 
zu werden. Das hätte ihn doppelt geschmerzt, weil er gehofft habe, von mir 
einige tröstende Worte zu hören, nachdem er zu seinem Kummer bei einer 
kürzeren Reise Seiner Majestät „übergangen“ worden sei. Nichts wäre 
ihm mehr zuwider als der Gedanke, sich aufzudrängen, er würde auch nie 
wagen, dem Kanzler Vorschriften machen zu wollen, aber seine betrübte 
Stimmung und die aus dieser Stimmung hervorgehende Zurückhaltung 
wären doch begreiflich. Vor zwei Jahren hätte ich ihm wegen eines Ver- 
sehens einen dienstlichen Verweis erteilt, der ihn, der sich mehr als „‚deut- 
scher Edelmann und sächsischer Kammerherr“ fühle wie als Beamter, tief 
verletzt habe. Er nähme sich nicht heraus, an mir Kritik zu üben, glaube
        <pb n="196" />
        TSCHIRSCHKYS MONOLOG 163 
aber, daß seine „Treue“ und seine „edelmännischen Eigenschaften‘ von 
mir nicht genügend gewürdigt würden. Dann hieß es wörtlich: „Ich will 
nicht davon sprechen, wie ich, besonders in den letzten Wochen, meine 
ganze Person für die Aufrechterhaltung guter Beziehungen zwischen Seiner 
Majestät und Eurer Durchlaucht eingesetzt habe. Das war einfach meine 
Pflicht. Für mich selbst erstrebe ich gar nichts. Streber bin ich nicht; 
vielleicht weniger aus bewußter Tugend als nach Charakteranlage. Die 
beinahe sechs Jahre, die ich bei Seiner Majestät bin, habe ich, soviel 
mir bewußt, noch nie mit einem Worte von mir selber gesprochen oder 
irgend etwas ‚herausschlagen‘ wollen. Ich will niemanden verdrängen, 
habe auch gar keinen Ehrgeiz, in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen zu 
wollen. Wenn ich die Hoffnung hege, daß mir gelegentlich einmal eine Bot- 
schaft anvertraut werden könnte, so liegt das in der Natur der Dinge. 
Wünschen würde ich es vielleicht in erster Linie meiner Frau wegen, die 
eigentlich zu etwas Besserem geboren ist, als ihre besten Jahre in Hamburg 
zu verbringen, wo, wie Euer Durchlaucht bekannt ist, das Leben des 
Charmes entbehrt, wenn man nicht selber Hamburger Kaufmann oder 
Reeder ist.‘ Am Schlusse seines Briefes bat mich Tschirschky, der sich mir 
gegenüber schon einmal, nach Absendung der Swinemünder Depesche des 
Kaisers an den Prinzregenten von Bayern, in ebenso mesquinen und 
larmoyanten Quengeleien ergangen hatte, seine Ausführungen als einen 
„Monolog“ zu betrachten, der aus der Tiefe seiner Seele aufsteige. Er ver- 
sicherte mich, daß er stets mit schuldigem Respekt alles akzeptieren würde, 
was seine Vorgesetzten über ihn beschlössen, und endigte mit den Worten: 
„Euer Durchlaucht wollen die Länge dieses Schreibens entschuldigen. Es 
wird aber hoffentlich nur kurz erscheinen im Verhältnis zu der Länge der 
Zeit, während der ich hoffen darf, meine geringen Dienste in Zukunft Eurer 
Durchlaucht in Ihrem hohen Amte ganz zur Verfügung stellen zu dürfen.“ 
Die Behauptung dieses Petenten, daß er keinen besseren Posten an- 
strebe als das von ihm „als Edelmann“ so sehr verachtete Hamburg, traf Zirkular an 
natürlich nicht zu. Der Kaiser hatte mich, sicherlich nicht aus eigenem An- 
trieb, schon mehrfach gefragt, ob Tschirschky sich nicht gut für die Lon- 
doner oder die römische Botschaft eignen würde. Dies kleine Beispiel zeigt, 
wie sehr mir die Führung der Geschäfte durch Beamte erschwert wurde, 
bei denen kleinliche persönliche Empfindlichkeiten und Ambitionen in so 
hohem Maße sachliche Gesichtspunkte und die Rücksicht auf die großen 
Interessen des Vaterlandes überwogen. Auch dieser Mißstand war zweifellos 
eine Folge des von Wilhelm II. auf die Spitze getriebenen persönlichen 
Regiments. Nicht nur drehten sich allech und solche 
wird cs in jedem Lande und unter jedem Regime geben — nach dem Kaiser- 
thron wie die Sonnenblume nach der Sonne, sondern bei nur zu vielen 
11? 
die Vertreter
        <pb n="197" />
        164 DEUTSCHE DIPLOMATEN 
überwog jede andere Rücksicht der brennende Wunsch, die Zeit, wo sie in 
der Nähe Seiner Majestät weilen durften, zu benutzen, um, wie Fürst 
Bismarck dies nannte, die eigene Matratze zu stopfen, d.h. die eigene 
Karriere zu fördern. Ganz frei von einer solchen Tendenz war als Begleiter 
des Kaisers der spätere Botschafter in London, Graf Paul Metternich, ge- 
wesen. Er hat nie einen Finger gerührt, um den damaligen Botschafter in 
London, Grafen Paul Hatzfeldt, zu verdrängen, obschon er selbst sich für 
London hervorragend eignete und obwohl Hatzfeldt durch seinen traurigen 
Gesundheitszustand die Möglichkeit bot, ihn zu „demolieren‘“, wie der 
diplomatische Terminus technicus lautet. Holstein und Kiderlen hatten 
gewiß ihre großen Fehler, aber im Gegensatz zu Tschirschky, Schön, 
Flotow, Jagow e tutti quanti war der rein politische Betätigungsdrang bei 
ihnen stärker ausgebildet als die persönliche Ambition. Ein anderer Fehler, 
der mir in den Berichten unserer Auslandsvertreter nur zu oft entgegentrat, 
war die Neigung, fremde Länder, fremde Zustände, ausländische führende 
Persönlichkeiten mit übertriebener Schärfe zu kritisieren und vor allem sie 
mit mehr Behagen als Witz zu ironisieren. Auch diese Unsitte war im 
letzten Ende auf Schwächen Seiner Majestät zurückzuführen. Die Bericht- 
erstatter wußten, daß dem hohen Herrn ein gewisses überhebendes Her- 
untermachen alles Ausländischen, ein gewisser, sit venia verbo, naßforscher 
Ton nicht mißfielen und daß er insbesondere gern über schlechte Witze 
lachte, namentlich wenn sie ihm unsympathischen Fürstlichkeiten, 
Ministern oder gar Parlamentariern galten. Ich sah mich deshalb am 
20. Mai 1905 veranlaßt, an unsere Missionen das nachstehende Zirkular zu 
richten: 
„Ein mir vorliegender Bericht gibt mir Anlaß zu der Bemerkung, daß 
eine einseitige Kritik über das öffentliche Leben fremder Staaten ein 
Fehler ist, in den unsere Diplomaten zu meinem Bedauern zu häufig ver- 
fallen. Negierende Kritik ist ohne praktischen Wert. Bei den Kaiserlichen 
Vertretern im Auslande kommt es auf positive Tätigkeit an. Manche 
Beamte des auswärtigen Dienstes anderer Länder zeigen, was mit ziel- 
bewußter, vorurteilsloser und intensiver positiver Arbeit zu erreichen ist. 
Auch wir müssen bemüht sein, aus den Verhältnissen, wie sie nun einmal 
gegeben sind, den möglichsten Nutzen für uns zu ziehen. So hat, um nur ein 
Beispiel anzuführen, der deutsche Export die Aufgabe, sich den Gewohn- 
heiten und Wünschen der fremden Einfuhrländer anzupassen, ohne Ver- 
such, unseren Geschmack dort aufzudrängen. Häufige Reisen im Lande, 
persönliche Betätigung an Ort und Stelle und reger Verkehr gerade mit 
inländischen Kreisen werden dazu beitragen, daß die Kaiserlichen Ver- 
treter für die besonderen Verhältnisse der Fremde ‚Verständnis erwerben. 
Sie müssen dabei abweichenden Anscl gen und Gebräuchen unbefangen
        <pb n="198" />
        DIE MAROKKO-KONFERENZ 165 
Gerechtigkeit widerfahren lassen und vermeiden, ihremUrteil den Maßstab 
der Heimat, abstrakte Grundsätze oder subjektive Liebhabereien zugrunde 
zu legen. Die Förderung der deutschen wirtschaftlichen und politischen 
Interessen muß allein Ziel sein. Lamentationen über fremde Fehler und 
mehr oder weniger gelungene Ironisierungen ausländischer Zustände sind 
wertlos. Die vorstehenden Direktiven werden nicht nur bei der Bericht- 
erstattung, sondern auch materiell als Richtschnur dienen können.“ 
Inzwischen waren die Vorarbeiten für die Marokko-Konferenz wesentlich 
vorangeschritten. Zwischen uns und Frankreich waren über das Programm 
am 8. Juli und am 28. September 1905 Vereinbarungen getroffen worden, die“ 
bewiesen, daß es leichter war, mit Herrn Rouvier zu einer Verständigung 
zu kommen als mit seinem Vorgänger. Auch in den parlamentarischen 
Kreisen Frankreichs machte sich eine Besserung der Stimmung bemerkbar. 
Die seit dem Frankfurter Frieden bestehende Unterströmung blieb natürlich 
unverändert, aber die Oberfläche hatte sich seit dem Rücktritt von Delcasse 
erheblich geglättet. Im Herbst 1905 besuchte der Abgeordnete Millerand, 
damals einer der Führer der französischen Sozialdemokraten, später ein 
sehr nationalistischer Kriegsminister, Ministerpräsident und Präsident der 
Französischen Republik, die Reichshauptstadt. Über seine Begegnung mit 
Millerand meldete mir der Staatssekretär von Richthofen: „Herr Millerand 
besuchte mich heute. Aussehend wie aus mittlerem Bürgerstand, nicht groß, 
etwas rund, von guten Formen und sehr höflich. Er ist mit seiner Frau 
unterwegs nach Wien zu einem Arbeiterversicl } ß, weilt zwei 
Tage hier, reist heute abend ab und will morgen einige Stunden die Museen 
in Dresden besuchen. Zum erstenmal hier, scheint ihm Berlin sehr zu ge- 
fallen. Er äußerte sich sehr befriedigt über seine Aufnahme hier und daß 
ihm so vieles, insbesondere durch die Herren Bödecker und Freund, gezeigt 
worden sei; alles Amtliche scheine ihm vortrefflich organisiert. In poli- 
tischer Beziehung sprach Millerand abfällig über Delcasse. Nachdem man 
ihn Deutschland geopfert habe, hätte man in der Marokko-Frage größeres 
Entgegenkommen erwartet und sei etwas desillusioniert gewesen. Ich 
erwiderte ihm, es handle sich wesentlich um Bagatellen, und ich verstünde 
nicht, daß man wegen dieser in Paris so schwierig sei. Es scheine aber jetzt 
sich alles zu ordnen. Millerand bemerkte ferner, man gehe fehl, wenn man 
in Deutschland etwa geglaubt habe, daß Frankreich mit England eine 
Allianz zu schließen beabsichtige. England habe als in seinem Interesse 
liegend befunden, die Sache so darzustellen: ‚L’alliance avec la Russie et 
bon ami avec l’Angleterre et avec l’Allemagne si elle veut.‘ Je besser die 
Beziehungen zu Deutschland sich gestalteten, desto mehr werde man in 
Frankreich befriedigt sein, und er hoffe — welche Hoffnung ich teilte —, 
daß sich aus den Marokko-Beratungen schließlich ein besseres Verhältnis 
Millerand in 
Berlin
        <pb n="199" />
        166 DER MINISTRABLE MILLERAND 
zwischen den beiden Nachbarn entwickeln werde. Er sei eben in Hamburg 
gewesen und bewundere, was deutsche Tatkraft hier und dort geschaffen 
habe. Deutschland scheine ihm ein besonders glückliches Land, da es schon 
allein durch sein Schwergewicht und seine Machtfülle und sodann durch 
den Fleiß der Deutschen im Ausland überall seinen Einfluß ausübe. Keine 
Äußerung des Herrn Millerand verriet auch nur andeutungsweise sozial- 
demokratische Anschauungen. Sichtlich bestrebt, Ministerkandidat zu 
bleiben! Ich sagte Herrn Millerand, daß Eure Durchlaucht sich jedenfalls, 
wenn Sie hier gewesen wären, gern die Freude verschafft hätten, seine Be- 
%kanntschaft zu machen.“
        <pb n="200" />
        XI KAPITEL 
Indiskretionen Delcass&amp;s « Vorarbeiten für die Marokko-Konferenz « Russisch-japanische 
Friedensverhandlungen - Wittes Erfolg in Portsmouth - Witte auf der Rückreise in 
Berlin und Rominten » Brief Philipp Euleuburgs über Rominten (September 1905) 
Brief der Gräfin Witte an Herrn von Mendelssohn »- Großfürstin Wladimir an ihren 
Onkel, Prinz Heinrich VII. Reuß, über russische Zustände -» Die Heirat des Croßfürsten 
Kyrill Kuisermanöver in der Rheinprovinz, Bülow wird zum Generalmajor A la suite der 
Armee mit der Uniform des Königshusaren-Regiments ernannt » Herr von Bethmann 
Hollweg preußischer Minister des Innern 
er von Herrn Millerand so unglinstig beurteilte Delcass&amp; konnte seinen 
Sturz und das Scheitern seiner kriegerischen Pläne nicht verwinden. 
Kaum einen Monat nach seinem Rücktritt erklärte er einem Mitarbeiter 
des „Gaulois‘, er habe in der Ministerratssitzung, in der er seine Entlassung 
gab, seinen Kollegen auseinandergesetzt, daß sie im Vertrauen auf England 
alles wagen könnten. Nachdem Frankreich sich entschlossen hätte, jede 
Konkurrenz zur See gegenüber England aufzugeben und ihm die Herr- 
schaft über das Meer und seine Wellen nie wieder streitig zu machen, 
stünde einer englisch-französischen intimen Allianz nichts mehr im Wege, 
die automatisch zu besseren Beziehungen zwischen Rußland und England 
führen werde. Seine Kollegen hätten ihm auf seine mutigen Worte ängst- 
lich erwidert: „Aber dann wird uns Deutschland angreifen!“ Er, Delcasse, 
habe den furchtsamen Ministern zugerufen: „Nun, so mag uns Deutsch- 
land angreifen, wir sind in der Lage, zu antworten!“ Delcasse hatte mit 
den Worten geschlossen: „Sich zur Konferenz zu begeben, ist für Frank- 
reich ein Fehler, und welch ein Fehler!“ 
Drei Monate später wurde Delcasse in seinen Indiskretionen kühner. 
Er ließ durch den „Matin‘“ verbreiten, er sei während der Marokko-Krise 
in der Lage gewesen, im Minister-Konseil mitzuteilen, daß England der 
französischen Regierung das Versprechen gegeben hätte, es werde im Falle 
eines deutschen Angriffs seine Flotte mobilmachen, den Kaiser-Wilhelm- 
Kanal besetzen und 100000 Mann in Schleswig-Holstein landen. Aus diesem 
Grunde sei er, Delcasse, für die Ablehnung des Konferenzvorschlages ge- 
wesen. Auf diese Enthüllung erwiderte wenige Tage später der Führer 
der französischen Sozialisten, Jaur&amp;s, Delcasse habe bei der englischen 
Delcass&amp; nach 
dem Sturz
        <pb n="201" />
        Vorbereitung 
für Algeciras 
168 EIFERSUCHT IM A. A. 
Regierung den Eindruck hervorgerufen, daß er zu allem bereit sei, und die 
englische Regierung hätte bei dem eitlen Ex-Minister die Rolle des Ver- 
suchers gespielt. Die Mehrzahl der französischen Blätter tadelten Delcasse, 
weil er Staatsgeheimnisse preisgegeben habe. Die offiziöse „Agence Havas“ 
erklärte sich ermächtigt, die vom „Gaulois“ und vom „Matin“ verbreiteten 
Erzühlungen über die Zwischenfälle, die den Rücktritt Delcasses herbei- 
geführt hätten, wie über die Einzelheiten bezüglich der Sitzung des damali- 
gen Ministerrats als unzutreffend zu bezeichnen. Gleichzeitig erklärte das 
Büro Reuter die Enthüllungen des „Matin‘“ über das militärische Ver- 
sprechen Englands für unwahr. Der englische Botschafter suchte mich auf, 
um mir amtlich, im Auftrag seiner Regierung zu erklären, daß die Behaup- 
tung des Ex-Ministers Delcasse, die englische Regierung habe ihm militä- 
rische Hilfe in Aussicht gestellt und 100000 Mann in Holstein landen 
wollen, unwahr wäre. Ich erwiderte meinem Freunde Lasccelles, ich hielte 
an der Hoffnung fest, daß das englische und das deutsche Volk sich nicht 
durch französische Treibereien verleiten lassen würden, sich „pour les beaux 
yeux de la belle France“ in die Haare zu geraten und das namenlose Un- 
glück eines allgemeinen Krieges über die Welt heraufzubeschwören. In der 
offiziösen „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung‘ ließ ich den Enthül- 
lungen des „Matin‘ und des „Gaulois“ jede Bedeutung für die in den 
letzten Monaten erzielte freundlichere Gestaltung des deutsch-französischen 
Verhältnisses absprechen. In der halboffiziösen „Kölnischen Zeitung“ 
wurde gleichzeitig ausgeführt, daß die Enthüllungen des „‚Matin“ nicht als 
lächerliche Phantastereien abgetan werden könnten. Es empfehle sich, sie 
ernst zu nehmen. Es habe wenig gefehlt, daß die leidenschaftliche Gefühls- 
politik des Herrn Delcasse Europa in einen Krieg gestürzt hätte, wie er 
furchtbarer nicht gedacht werden könne. 
Bei den Vorarbeiten für die Konferenz von Algeciras machten sich in der 
politischen Abteilung des Auswärtigen Amts allerlei Eifersüchteleien und 
Zänkereien geltend. Sie waren zum großen Teil auf die Unverträglichkeit 
des Geheimen Rats von Holstein zurückzuführen, der dem Staatssekretär 
Richthofen, nachdem er eine Zeitlang mit ihm leidlich ausgekommen war, 
neuerdings Amt und Leben sehr erschwerte. Gleichzeitig hatte er einen der 
kenntnisreichsten und begabtesten Beamten im Auswärtigen Amt, den 
damaligen Legationsrat, späteren Gesandten und endlich nach dem Um- 
sturz kurze Zeit Minister des Äußern Rosen, Gott weiß warum, en grippe 
genommen. Der Botschafter Radolin in Paris bildete sich ohne Grund ein, 
Rosen wäre zu seinem Nachfolger bestimmt, und erschwerte infolgedessen 
Rosen, als dieser zur Besprechung mehrerer Spezialfragen für einige Wochen 
nach Paris geschickt worden war, in etwas kleinlicher Weise seine Aufgabe. 
Der Vertrauensmann von Holstein war damals der Geheime Rat Kriege,
        <pb n="202" />
        Der Friede von Portsmouth 
Die Vertreter Rußlands und Japans als Gäste Roosevelts auf der Präsidenten- 
yacht „‚Mayflower‘“ am 5. August 1905. Von links nach rechts Witte, der russische 
Botschafter in Washington Baron Rosen, Roosevelt, Baron Komura. Takahira
        <pb n="203" />
        <pb n="204" />
        DER ZAR MACHT FRIEDEN 169 
der als Jurist zu tüchtig war, um ein brauchbarer Diplomat zu sein. Da 
endlich die ängstliche Eifersucht von Radolin durch den damaligen Bot- 
schaftsrat in Paris, Hans von Flotow, dessen dienstliche Tüchtigkeit und 
politische Befähigung nicht auf der Höhe seiner Neigung zu Intrigen 
standen, noch erheblich verstärkt wurde, so herrschte gerade bei der Be- 
handlung der so eminent wichtigen Marokko-Frage unter den Dii minorum 
gentium ein bedauerliches Durcheinander. Ich schrieb darüber an den 
Staatssekretär: „Besten Dank für die Nachrichten über den Fortgang der 
Marokko-Angelegenheit. Für unsere Weltstellung wie für die Stimmung in 
Deutschland ist es von entscheidender Bedeutung, daß wir anständig aus 
dieser Frage herauskommen. Vorbedingung bierfür ist, daß alle Beteilig- 
ten — Rosen und Kriege, Radolin und das Amt — unter Zurückdrängung 
kleinlicher persönlicher Gesichtspunkte nur an das Vaterland und sein 
Wohl denken. Darauf müssen Sie kinwirken, und in dieser Richtung werde 
ich Sie, wenn es nötig werden sollte, mit rücksichtsloser Entschiedenheit 
unterstützen. Ich dulde jetzt keine Quertreibereien und persönliche Emp- 
findlichkeiten.“ 
Die russische Widerstandskraft gegenüber den Japanern näherte sich 
inzwischen ihrem Ende. Da sich gleichzeitig die innere Lage des großen 
Reichs immer bedrohlicher gestaltete, entschloß sich Kaiser Nikolaus zum 
Frieden, obwohl die meisten älteren Ratgeber des Zaren, viele Generale 
und insbesondere der Großfürst Nikolaus Nikolajewitsch, davon abrieten. 
Es war, wenn auch mühsam, gelungen, in Moskau eine Erhebung, die keine 
Revolte mehr war, sondern eine sozialistische Revolution, in mehrtägigem 
Straßenkampf niederzuwerfen. Die Versuche der Polizei, die Erregung der 
Massen auf die Juden abzulenken, unter denen entsetzliche Metzeleien an- 
gerichtet wurden, schadeten dem zaristischen System bei allen Gebildeten 
und menschlich Empfindenden, obne der Autokratie mehr als vorüber- 
gehende Entlastung zu verschaffen. In einem ad hoc einberufenen Kronrat 
gab der Zar für die Friedenspartei den Ausschlag. Er entschloß sich auch, 
den ihm persönlich antipatbischen Witte mit den Friedensverhandlungen 
zu betrauen, die unter amerikanischer Ägide in Portsmouth, einem ameri- 
kanischen Städtchen nördlich von Boston, im Staate New Hampshire, 
stattfanden. Witte zeigte sich als ein Friedensunterhändler ersten Ranges. 
Obwobl er schlecht Englisch sprach, gelang es ihm doch durch sein impo- 
nierendes Äußeres, die slawisch-russische Leichtigkeit seiner Umgangs- 
formen und die Unermüdlichkeit, mit der er Händedrücke austeilte, durch 
sein ganzes Auftreten sich in Amerika rasch Bewunderung und Sympatbhien 
zu erwerben. Er hat mir später selbst erzählt, daß er an jenem Nachmittage 
stundenlang jeden, der sich meldete, empfangen und so viele Shake-hands 
ausgetauscht habe, daß ihm hinterher die ganze Nacht seine rechte Hand 
Der Friede 
von Ports- 
mouth
        <pb n="205" />
        170 VERTRAULICHES DINER MIT WITTE 
geschmerzt hätte. Er habe sie mit Opodeldok eingerieben und am nächsten 
Tage wieder angefangen. Er bewies durch seinen Erfolg, daß Talleyrand 
nicht unrecht hatte, wenn er meinte, qu’avec un front d’airain et le sourire 
sur les l&amp;vres un diplomate de race passe partout. Das Beste für Witte tat 
natürlich sein berühmter Name. Es ist betrübend, zu denken, daß, als 
Deutschland sich zu Friedensverhandlungen genötigt sah, wir den sieg- 
reichen Franzosen in den Wald von Compitgme keinen besseren Unterhänd- 
ler entgegenzusenden wußten als den armen Matthias Erzberger, über den 
der kluge Papst Benedikt XV., nachdem er ihn im Frühjahr 1915 einige 
Male empfangen hatte, zu einem Herrn seiner Umgebung äußerte: „Pare 
che questo famoso Erzberger sia molto bravo nel parlamento. Ma come, 
per Bacco, si mescola nella diplomazia per la quale mi pare non sia adatto 
a fatto.“ 
Die englische Politik war während der Friedensverhandlungen von 
Portsmouth bestrebt, die Japaner von übertriebenen Forderungen abzu- 
halten und sich den Russen nützlich zu machen. Witte erreichte in Ports- 
mouth weit mehr, als man in Rußland angenommen hatte. Aus Petersburg 
wurde mir geschrieben, daß dank seiner Geschicklichkeit Rußland nach 
einer militärisch schlecht verlaufenen Kampagne eine diplomatische Nieder- 
lage vermieden habe. Der Zar richtete ein würdiges Telegramm an den 
General Linjewitsch, der nach der Abberufung des unglücklichen Kuro- 
patkin den Oberbefehl über die russischen Truppen in Ostasien übernommen 
hatte, in dem er dem russischen Soldaten für die wiederum von ihm be- 
wiesene Mannhaftigkeit und Selbstaufopferung dankte. Im altrussischen 
Stil, im Stil des Kaisers Nikolaus I. hieß es: „Möge die Armee wissen, 
daß ich und Rußland ihre in diesem schweren Krieg gebrachten Opfer 
schätzen.‘ Es war vorauszusehen, daß das für Rußland unglückliche Ende 
des Russisch- Japanischen Krieges einerseits den nahen Osten, die Balkan- 
halbinsel, wieder wie in den siebziger und achtziger Jahren zum Mittelpunkt 
der russischen Aspirationen und Wühlereien machen, andererseits intime 
Beziehungen zwischen Rußland und England erheblich erleichtern würde. 
Als Witte aus Amerika nach Europa zurückkehrte, ließ er mich um eine 
vertrauliche Begegnung bitten. Ich lud Witte zu einem Diner in dem alt- 
berühmten Restaurant von Borchardt ein, bei dem wir von acht Uhr bis 
nach Mitternacht alle uns interessierenden Fragen gründlich durchsprachen. 
Das Ideal von Witte war noch immer die deutsch-russisch-französische 
Allianz gegen England. Er suchte mich davon zu überzengen, daß, wenn wir 
den Franzosen Lothringen zurückgäben, eine solche Gruppierung nicht 
unmöglich wäre. Er fügte hinzu, daß die Franzosen sich in diesem Fall 
wohl bereitfinden lassen würden, die Festungswerke von Metz niederzu- 
reißen. Ich entgegnete ihm, daß es für jeden deutschen Kanzler und auch
        <pb n="206" />
        WITTE IN ROMINTEN 171 
für jeden deutschen Kaiser sehr schwer sein würde, Metz, für das so viel 
deutsches Blut geflossen wäre, das wir nun seit einem Vierteljahrhundert 
besäßen, wieder herauszugeben. Dann frug ich ihn a brüle pourpoint, ob 
er wirklich sicher wäre, daß die Franzosen, wenn sie Metz wiederhätten, 
ehrlich und aufrichtig auf Straßburg verzichten würden. Witte, der wie alle 
ernsthaften Staatsmänner kleine Finasserien, Winkelzüge und Unwahr- 
heiten verachtete, erwiderte mir nach kurzem Nachdenken: „Non! Is 
deposeront des le lendemain des couronnes aux pieds de la statue de Stras- 
bourg sur la Place de la Concorde, en criant: Et Strasbourg ? Strasbourg!“ 
Er suchte mich davon zu überzeugen, daß ein kontinentaler Bund gegen 
England mit unserem Verzicht auf Elsaß-Lothringen nicht zu teuer er- 
kauft wäre. Ich mußte ihm darlegen, daß ein deutscher Verzicht auf unsere 
Reichslande nicht so leicht zu bewerkstelligen wäre wie die Preisgabe von 
Sachalin und selbst von Korea. Man könne nachträglich darüber streiten, 
ob Fürst Bismarck seinerzeit alle Folgen der Abtretung von Elsaß-Loth- 
ringen an Deutschland vorausgesehen habe. Vielleicht habe er selbst 1871 
die leidenschaftliche Zähigkeit des französischen Patriotismus, das Einheits- 
gefühl der Franzosen, die Bedeutung der geistigen Fäden wie der Erinne- 
rungen, die Elsaß und Lothringen seit der großen Französischen Revolution 
mit Frankreich verbänden, unterschätzt. Aber nachdem vor einem Men- 
schenalter dieser Schritt geschehen wäre und nun die deutsche Fahne auf 
dem Straßburger Münster und auf den Wällen von Metz wehe, sei eine 
rückwärtige Revision des Frankfurter Friedens nicht möglich. 
Von Berlin begab sich Witte nach Rominten, wo ihn Kaiser Wilhelm, 
der kaum etwas so sehr goutierte wie Begegnungen und Unterredungen mit 
prominenten Ausländern, mit Sehnsucht erwartete. Philipp Eulenburg, 
der einige Tage vorher in Rominten eingetroffen war, schrieb mir am Tage 
vor dem Eintreffen von Witte, am 24. September 1905, über seine dortigen 
Eindrücke: Er könne mir nicht verhehlen, daß ihn, der dem diplomatischen 
Dienst Valet gesagt hätte, der trotz aller äußerlichen Unruhe und Bewegung 
stehengebliebene Hof, die Intrigen, die lächelnde Maske der in Ehrgeiz und 
Hoffnungen aufgeblähten Figuren, die sich Menschen nennten, merkwürdig 
anmuteten. Er müsse unaufhörlich an sich halten, um nicht Wahrheiten 
ganz schlicht, ohne Groll und Haß, zu sagen, die aber in diesem Milieu er- 
staunen und verletzen würden. Eulenburg fuhr fort: „Und doch ist es mir 
schwer, zu schweigen, wenn $. M. mir in alter Vertraulichkeit den ganzen 
Gang der Politik erzählt und sie mit bundert Details ausschmückt, in 
welchen ich haarscharf die Grenze zwischen Wirklichkeit und Phantasie 
zu unterscheiden vermag. Bisweilen will er imponieren, bisweilen auch amü- 
sieren — bisweilen hat es gar keinen Zweck — eine Angewohnheit wie eine 
andere. Ich werde, wenn wir uns wiedersehen, eine kleine Kontrolle bei Dir 
Wilhelm II. 
empfängt 
Witte
        <pb n="207" />
        172 DAS FATALE AUTO 
eintreten lassen und die Bilder Monaco, Bourgeois, Rouvier, Zaren- 
begegnung usw. Revue passieren lassen. Von all diesen Bildern scheint mir 
die Gegnerschaft zwischen Onkel Bertie und Neffe Willy am wahrsten 
hervorzutreten, und sie scheint schr beachtenswert, weil die stärkste Trieb- 
feder aller Handlungen — also auch der Politik — immer persönliche Leiden- 
schaft sein wird. In manchen Naturen wirkt der Neid, in anderen die Rache 
als stärkste Triebfeder. Bei Onkel Bertie wohl beides, denn die sittliche 
Entrüstung des Neffen über den ‚spielenden Onkel‘ wird dieser wohl niemals 
vergessen haben. Auch will er jetzt, an der Spitze des gewaltigen England, 
mehr gehört werden als der Neffe. Früher waren es die Weiber, jetzt ist die 
Politik sein Sport, und da er sein Leben lang nur Sport getrieben hat, wird 
die Mischung von Sport und persönlicher Leidenschaft von seinen Feinden 
zu fürchten sein. Der bevorstehende Besuch Wittes interessiert mich 
sehr. Ich werde Dir den Besuch schildern, fürchte aber, daß S. M. 
wieder einmal zu offen sein wird — was sich schließlich meiner Kon- 
trolle entzieht.“ 
Zwei Tage später schrieb mir Eulenburg unter dem 26. September 1905: 
„Witte traf heute Mittwoch %1 Uhr auf der Station ein. Ich holte ihn in 
einem geschlossenen Automobil ab und mußte mich bei dem Gebrause des 
fatalen Vehikels anstrengen, den leise sprechenden Mann zu verstehen. 
Wir kamen bald in medias res, es freute mich, zu konstatieren, wie genau er 
mit seinen Gedanken unsere Wege wandelt. Er fühlt sich in der Tat soli- 
darisch mit unseren Interessen — aber was nützt es, wenn Kaiser Nikolaus 
ihn nicht an die Spitze stellt? Um 1 Uhr trafen wir am Jagdhaus ein. 
Der Kaiser empfing Witte, vor der Tür promenierend. Er geleitete ihn mit 
August Eulenburg in sein Zimmer. Um 142 Diner. Witte rechts von der 
Kaiserin. Die Unterhaltung über amerikanische Gewohnheiten war 
fließend, aber nicht übermäßig lebhaft. Nach dem Essen ging es besser. 
Der Kaiser, Witte und ich harmlos plaudernd und lachend. Dann empfahl 
sich die Kaiserin. Um 153 wanderte der Kaiser mit Witte in sein Zimmer 
hinauf, und ich höre jetzt — %5 Uhr — in meinem Zimmer daneben bald 
lebhafter, bald schwächer die tönenden Laute der Unterhaltung. Um %45 
wurde der Pirschwagen gemeldet, und nach einem Gespräch von 2%, Stun- 
den trat der Kaiser mit Witte aus dem Zimmer. Der Kaiser sagte mir leise: 
‚Es war großartig‘, und ich begleitete Witte in sein Zimmer. Er stand ganz 
unter dem Zauber der Persönlichkeit des Kaisers und sagte mir — so be- 
wegt, als er es überhaupt sein konnte: ‚Björkö est le plus grand soulagement 
de ma vie! — le seul moyen d’arriver ä une politique stable.‘ (S. M. hatte 
ihm gesagt, daß ich orientiert sei.) Es knüpfte sich natürlich an diese Be- 
merkung ein Gespräch über die Wirkung und die Art der Behandlung der 
Angelegenheit. Ich betonte öfters, daß die absolute Verschwiegenheit
        <pb n="208" />
        DIE RUSSEN UND DIE PARISER HETÄREN 173 
vorderhand das wichtigste Erfordernis sei. Frankreich würde in eine sehr 
schwierige Lage kommen, und König Eduard würde diese Situation aus- 
nutzen, wenn jetzt nicht peinlichste Stille waltete. Besonders eifrig 
wandte sich Witte gegen Benckendorff und Nelidow. Wie weit sein Einfluß 
in dieser Hinsicht reichen wird, Wandlung zu schaffen, lasse ich dahin- 
gestellt. Er hat den Eindruck, daß ihm der Besuch in Rominten und die 
Wiedergabe des Gesprächs mit S. M. nützen werden — um so mehr, als er in 
der Lage ist, seinem Herrn allerhand Details über englische Machenschaften 
zu geben, die den Zaren höchst unangenehm berühren müssen. Hoffen wir 
das Beste! Den Inhalt seiner Besprechung mit Witte wird Dir S. M. mit- 
teilen. Es führt mich hier zu weit — und ich habe schon viel mehr getan, 
als ich mit meiner elenden Gesundheit vermag.“ 
Am 27. September 1905 berichtete Eulenburg mir weiter: „Witte war 
gestern abend beim Souper ganz aufgetaut und erzählte sehr behaglich. 
Ob ihn nach dem Essen eine endlose Erzählung Hollmanns über einen 
Schiffschronometer, der nicht aufgezogen war, und eine Erzählung des 
Kaisers über eine Boje, die eigentlich eine andere hätte sein sollen, sehr 
begeistert haben wird, bezweifle ich. Als aber darauf gar Richard Dohna 
eine schr ernste Geschichte von einem Erdbeben erzählte, bei dem sich 
gar nichts ereignete, sagte ich, daß eine Dame durch ein Erdbeben einen 
Nervenschock erlitten habe und so empfindlich geblieben sei, daß sie, als 
auf einer Station ein Kellner sehr laut ‚Erdbeeren! rief, in Ohnmacht fiel. 
Diese dumme Geschichte erregte so große Heiterkeit, daß die Majestäten 
aufstanden und zur Erlösung Wittes zu Bette gingen. Es war eine Pille, 
die endlich zu Stuhle führte. Heute früh um Y49 fand die gemeinschaftliche 
Mahlzeit statt, an der auch Witte, den Schlaf noch in den Augen, teilnahm. 
Um 9 Uhr fuhr der Kaiser mit Witte und mir zur Station. Die Unterhaltung 
drehte sich meist um Frankreich und die Schwierigkeit, es zu ködern. Bei 
der Rückfahrt sprach S. M. alles nochmals mit mir durch. Wie immer bei 
solchen Gelegenheiten schätzte er die Werte zu hoch ein.“ Über die russi- 
schen Botschafter in London und Paris, Graf Alexander Benckendorff 
und Alexander Iwanowitsch Nelidow, hatte sich Witte auch mir gegen- 
über sehr abfällig ausgesprochen. Er meinte, daß der letztere, der früher ein 
ausgesprochener Anhänger guter Beziehungen zu Deutschland gewesen wäre, 
jetzt alles mit französischen Augen ansche unter dem bestrickenden Einfluß 
der Pariser Hetären, in deren Armen der schon siebzigjährige Nelidow nicht 
nur seine Gesundheit, sondern auch seinen früheren politischen Scharf- 
blick eingebüßt habe. Mit Benckendorff stünde es noch übler. Trotz seiner 
wohlhabenden Frau stäke er oftin Geldschwierigkeiten. Er, Witte, habe als 
Finanzminister in früheren Zeiten mehrfach die Schulden von Benckendorff 
bezahlen müssen, auf Wunsch der Kaiserin-Mutter, deren Wohlwollen
        <pb n="209" />
        174 DAS FRANZÖSISCH DER FRAU WITTE 
Benckendorff als Mazurka-Tänzer erworben hätte. Jetzt wäre es die engli- 
sche Regierung, welche die Aufgabe übernommen habe, Benckendorff 
finanziell über Wasser zu halten. „Il se fait payer par l’Angleterre.‘“ Die 
Bemerkung Eulenburgs, daß Kaiser Wilhelm ‚„‚meist die Werte zu hoch ein- 
schätze“, war zutreffend. In vorliegendem Fall war freilich Eulenburg 
selbst in diesen Fehler verfallen. In seinen Memoiren erzählt Witte in 
direktem Gegensatz zu den Äußerungen Seiner Majestät und den Mittei- 
lungen Eulenburgs, daß ihm Kaiser Wilbelm den Text des Vertrages von 
Björkö habe zeigen wollen, er hätte dieses Anerbieten aber abgelehnt und 
dem Kaiser nur gesagt, daß dessen Worte ihn mit Freude erfüllten. Als er 
später von Lambsdorff den genauen Wortlaut des Vertrages erfahren hätte, 
sei er entsetzt gewesen. Es ist wohl zweifellos, daß auch Witte trotz seines 
Wunsches, wenn möglic,h ein festländisches Bündnis zwischen Deutschland, 
Rußland und Frankreich zu erreichen, jedenfalls aber mit Deutschland 
Frieden und Freundschaft aufrechtzuerhalten, die Überrumplung von 
Björkö mißbilligte und beklagte. Er hat sich ebenso wie Lambsdorff be- 
müht, den Zaren zum Abspringen von diesem Vertrage zu bewegen, 
Lambsdorff in giftigerer Weise, Witte offener und rücksichtsloser. 
Ein bezeichnendes Licht auf russische Zustände warf ein Brief, den die 
Gräfin Witte in jenen Wochen an Herrn Ernst Mendelssohn richtete und 
in dem sie unsere Vermittlung erbat, damit ihr Mann russischer Botschafter 
in Paris würde. Sie schrieb in einem seltsamen Französisch, mit origineller 
Orthographie und mit einiger Naivität an den großen Berliner Bankier, 
der die russischen Anleihen vermittelte: „Cher Monsieur Mendelsohn, 
voila je m’adresse a Vous de nouveau avec une grande pri£re, voilä en quoi 
elle consiste. Maintenant dans quelques semaines viendra le jour oü on 
proposera a mon mari toute sorte des postes en Russie. Vue la sante de mon 
mari et la position int@rieure de la Russie pour lui ce serait tout bonnement 
un malheur de se fourrer dans toute cette affaire. D’un autre cötE vu que 
maintenant le poste d’Ambassadeur en France devient non seulement pour 
la Russie mais au plus forte raison tr&amp;s grave aussi pour l’Allemagne ce 
serait un vrai bonheur pour nous si l’Empereur nomme mon marie Ambassa- 
deur a Paris. Je sais que l’Empereur est m&amp;content de Nelidoff et Sa Ma- 
jest€ trouve lui-m&amp;me vu les circonstances qu’il faut nommer une personne 
qui a des autres vues. Vous nous ferez, cher Monsieur Mendelsohn, un 
veritable service d’ami si Vous insinuerez cette idee &amp; Sa Majeste Votre 
Empereur. Nous sommes sür que Votre Empereur trouvera cette idte 
magnifique et si Il insiste sur cette id&amp;e chez notre Empereur, notre Empe- 
reur consentira, mais seulement il ne faut pas perdre du temps. 
Je vous serai trös reconnaissant si vous trouvez le moyen de me faire sa- 
voir le resultat de Vos d&amp;marches. J’espere que vous ne m’en voudrez pas
        <pb n="210" />
        DER BIEN MUSS 175 
pour les ennuis que je vous cause, mais votre amiti€ me donne le courage 
de vous deranger avec ma lettre. Mes compliments les plus amicales ä 
Madame Mendelsohn. Je me dis Votre tr&amp;s devouee Comtesse Witte.“ 
Die treue Gattin hatte darin recht, daß es für Sergej Juljewitsch besser 
gewesen wäre, russischer Botschafter in Paris zu werden, als sich in der 
inneren russischen Politik zu verbrauchen. Eine Förderung ihres Wunsches 
aber war nach Lage der Verhältnisse für uns nicht gut möglich. Während 
meines letzten Zusammenseins mit Witte bei Borchardt sagte ich ibm, 
er sei unter Kaiser Alexander III. ein guter Minister gewesen, er würde 
wahrscheinlich unter dessen Großvater, Kaiser Nikolaus I., noch besser am 
Platze gewesen sein. Auch unter dem schwächeren Nikolaus II. habe er, 
solange der Zar, wenigstens dem Namen nach, Selbstherrscher gewesen 
wäre, ErsprieBliches geleistet. Zum parlamentarischen Ministerpräsidenten 
aber fehle ihm ungefähr alles. Als Witte mir, nicht ohne Pikiertheit, aus- 
einandersetzte, er sei ein Liberaler, er freue sich auf das Zusammen- 
arbeiten mit dem Parlament und werde die Duma zähmen und zu leiten 
wissen, verhehlte ich ihm nicht meine Bedenken und Zweifel. Gewiß wären 
seine Allüren liberal, er verfüge auch über eine bemerkenswerte europäische 
Bildung, aber seine ganze Denkungsweise wäre nicht nur echt russisch, 
sondern altrussisch. Im Grunde halte er es mit dem Spruch des Kaisers 
Nikolaus Pawlowitsch: „Der Bien will nicht, aber er muß.“ Nachdem ein- 
mal, nicht ohne sein Zutun, in Rußland die Schleusen des Parlamentarismus 
geöffnet worden wären, werde er bald erkennen, daß sein ganzes Naturell 
nicht in ein parlamentarisches Rußland passe. Jedenfalls möge er die Arbeit 
mit der Duma lieber anderen überlassen, er sei nun einmal kein Ministre 
parlamentaire und noch weniger ein Chancelier parlamentaire, es fehle ihm 
die Gewandtheit, die „souplesse‘“. Witte machte ein sauersüßes Gesicht. Er 
war nicht ohne Eitelkeit, aber die Ereignisse sollten mir recht geben. 
Und dabei hatte ich, um Wittes Selbstgefühl zu schonen, ihm nicht einmal 
gesagt, daß seine Rauheit nach den Erfahrungen, die ich mit ihm in Norder- 
ney gemacht hatte, mehr eine äußere Haut war, die keine wirkliche, un- 
beugsame und stählerne Energie verhüllte. 
Über die immer unerfreulicher werdenden russischen inneren und ins- 
besondere russischen Hofzustände schrieb, wenige Wochen bevor Sergej 
Juljewitsch zum ersten konstitutionellen russischen Ministerpräsidenten 
ernannt wurde, die Großfürstin Wladimir ihrem Onkel, dem Prinzen Hein- 
rich VII. Reuß, in einem Brief, den dieser mir vertraulich mitteilte: „Mein 
lieber Onkel, am Sonntag, dem 8. Oktober n. St., hat sich Kyrill mit 
Viktoria-Melitta von Koburg trauen lassen. Die Hochzeit fand in Tegernsee 
stattund ward durch den Priester meiner Schwägerin vollzogen. Die Situation 
war unhaltbar geworden, und da nun Frieden bei uns einzog, so hatte 
Großfürstin 
Wladimir 
über die 
russische 
Dynastie
        <pb n="211" />
        176 KYRILLS EHE 
Kyrill sein Versprechen gehalten, bis dahin zu warten. Wir haben in diesen 
vier Jahren alles getan, um diese Ehe zu verhindern; die Herzen wollten 
aber nicht voneinander lassen, und so war es schließlich für Kyrills Namen 
und Ehre besser, die Sache endete mit einer Heirat. Daß die Sache hier 
nicht ganz glatt verlaufen würde, wußten wir und waren auf einige momen- 
tane Unannchmlichkeiten gefaßt. Die blinde Rachsucht und Wut der jungen 
Kaiserin hat aber alles übertroffen an Bosheit, was die wildeste Phantasie 
sich ausmalen könnte. Sie hat wie eine Wahnsinnige getobt und gewütet, 
ihren schwachen Mann mit fortreißend, der ihr seine Macht hergab, um an 
ibrer Ex-Schwägerin sich zu rächen in dem Mann ihrer Wahl. Man hat ge- 
handelt, als ob ein furchtbares Verbrechen begangen worden sei, und so 
gerichtet. Dieses Wüten gegen einen Großfürsten, der ein Opfer des Krieges 
ist, der sich einen Namen in Port Arthur machte, der eine ebenbürtige 
Frau sich wählte, der, statt zu desertieren wie die anderen, gleich herkam, 
sich seinem Kaiser zu stellen zur Sühne! Dem Sohn des ältesten Onkels, 
der seit fünfundzwanzig Jahren unermüdlich und treu an der Spitze der 
hiesigen Truppen steht, hundertmal den Kaiser herausgerissen hat usw., 
und dasin diesem Moment, das ist den Menschen doch zu viel, und es geht 
ein furchtbarer Aufschrei der Entrüstung durch alle Klassen der Bevölke- 
rung. Wladimir hat infolge der entehrenden Behandlung seines Sohnes seine 
Entlassung eingereicht, denn er, der Treuste der Treuen bisher, sagt, er 
könne mit den Gefühlen jetzt im Herzen gegen den Kaiser ihm nicht mehr 
dienen. Die Truppen sind sehr aufgebracht, daß sie ihren geliebten Führer 
verlieren sollen, und ich weiß, daß von allen Seiten in den Kaiser gedrungen 
wird, ihm klarzumachen, es läge Gefahr darin, diesen Onkel gehen zu 
lassen. Darum verzögert sich die Antwort nun schon seit sechs Tagen. Aber 
ich glaube nicht, daß Wladimir bleiben kann, auch aufeine Bitte des Kaisers 
hin nicht, außer man rehabilitiert unseren Sohn. Was der Sache die Krone 
aufsetzt, ist, daß Kyrill mit Genehmigung des Kaisers herkam, seine 
Heirat ihm zu melden, und daß ihm gerade dies Herkommen als Haupt- 
schuld angerechnet wird. Du, lieber Onkel, mußt glauben, daß dies so nicht 
möglich ist; aber, leider, hier ist jetzt alles möglich, und wenn ich hinzu- 
füge, daß diese Genehmigung ohne Wissen der Kaiserin gegeben wurde, 
wirst Du Dir wobl ein genaues Bild der Situation machen können. Also es 
wurde so gehandelt: Kaum war Kyrill angekommen, erschien der Haus- 
minister mit dem Befehl, sofort Rußland wieder zu verlassen. Die Kaiserin 
wollte, noch an demselben Abend, aber das wäre nur im Luftballon möglich 
gewesen. Dann Ausstreichen aus Flotte und Armee. Verlust aller Uni- 
formen und Grade; Verlust seines Chefregiments, bei seiner Geburt von 
seinem Großvater ihm verliehen. Verlust seiner Apanagen: Verlust seines 
Namens und Titels und ewige Verbannung. Die Sache mit dem Namen
        <pb n="212" />
        HASS DER SCHWÄGERINNEN 177 
mußte der Kaiser einige Tage darauf zurücknehmen, da ihm alle Minister 
klarmachten, daß er dics einfach nicht könne. Und warum das alles? 
Weil die Kaiserin die gehaßte Ex-Schwägerin nicht in der Familie haben 
will, denn alle anderen Gründe sind Formsachen, die sich leicht arangieren 
ließen, denn gegen die Ehre ist nichts in dieser Heirat, wenn wir sie auch 
nicht wünschten. Wir haben schwer gelitten und leiden noch. Dabei macht 
mir Wladimirs Gesundheit Sorge. Der Kaiser weiß, daß starke Emotionen 
ihm gefährlich sind! Aber das zählt alles nicht. Denke unserer! Deine 
Maria.“ 
Ich habe bei einem früheren Anlaß erwähnt, daß die Großherzogin 
Viktoria-Melitta von Hessen, eine Tochter des Herzogs Alfred von 
Koburg und der einzigen Tochter des Kaisers Alexander II. von Rußland, 
sich 1901 hatte scheiden lassen, um vier Jahre später ihren Vetter, den 
Großfürsten Kyrill Wladimirowitsch von Rußland zu beiraten. Die Kaiserin 
Alexandra Feodorowna von Rußland, die mit großer Liebe an ihrem Bruder, 
dem Großherzog Ernst Ludwig, hing, haßte seitdem ihre frühere Schwägerin. 
Sich selbst überlassen, würde der schwache Nikolaus II. gegen seinen Vetter 
Kyrill und dessen Gattin schwerlich etwas unternommen haben. Die willens- 
stärkere Kaiserin aber ruhte nicht, bis dem jungen Großfürsten in einer für 
ihn und seine Eltern allerdings sehr verletzenden Weise sein Regiment, 
seine Uniform, seine Apanage genommen und er gleichzeitig für immer aus 
Rußland verbannt wurde. Die Sache machte in der Petersburger Gesell- 
schaft böses Blut und trug erheblich dazu bei, Kaiser Nikolaus im Lichte 
eines Schwächlings und Pantoffelhelden, seine in mancher Hinsicht edle, 
aber unglücklich veranlagte Gemahlin als hysterische Närrin, wie sie im 
vertrauten Kreise die jungen Großfürsten nannten, erscheinen zu lassen. 
Die Großfürstin Wladimir und ihre Söhne nährten seitdem für den großen 
Hof, die Kaiserin, den Kaiser und den kränklichen Thronfolger die Ge- 
fühle, die das Haus Orleans von Philipp Egalit&amp; bis zu Louis Philippe für 
die ältere Linie Bourbon empfunden hat. Wie weit die „Wladimirowitschs‘“ 
an dem Sturz des Kaisers Nikolaus beteiligt waren, wird schwer festzu- 
stellen sein. Nach dessen Abdankung erließen die jungen Großfürsten 
öffentliche Erklärungen, in denen sie sich vom Kaiser lossagten und dessen 
unglückliche Gemahlin in gehässiger und roher Weise beschimpften. Viel 
Glück hatte ihnen diese Felonie nicht gebracht. Die ungeheure Welle des 
Bolschewismus ging bald genug auch über sie hinweg. 
Beim Rückblick auf das bewegte Jahr 1905 muß ich noch des Kaiser- 
manövers in der Rheinprovinz gedenken, das in der ersten Septemberhälfte 
auch mein liebes Regiment nach Koblenz führte. An der Spitze des 8. Ar- 
meekorps stand damals mein alter Regimentskamerad und Freund Adolf 
von Deines. Er war einer der wenigen wirklich guten Menschen, die mir 
12 Bülow II 
Bülows 
Freund Adolf 
v. Deines
        <pb n="213" />
        178 DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH-UNGARN, RUSSLAND 
im Leben begegnet sind. Sein einziger Fehler war ein zu weit gehender 
Idealismus, der, von der eigenen Herzensgüte und Reinheit der Seele aus- 
gehend, bei anderen gleiche Gefühle voraussetzte. Er war der Sohn eines 
kurhessischen Beamten, der an seinem angestammten Kurhause trotz dessen 
bekannter Sünden und Narrheiten mit deutscher Treue bing. Der Alte 
wollte dem Sohn, den Neigung und Begabung zum Heere zogen, anfänglich 
nicht erlauben, in der preußischen Armee auf Avancement zu dienen. 
Erst als der Sohn Reserveoffizier geworden war, gestattete ihm der Vater 
den Übertritt zur aktiven Armee. Deines führte in Wirklichkeit den Vor- 
namen Adolf, hieß aber bei allen seinen Freunden und in der ganzen Armee 
„Anton“, vielleicht, um damit die Biederkeit seines Wesens zu charakteri- 
sieren. Er wurde ein ausgezeichneter Offizier, der sich im Krieg als Leutnant 
bei den Königshusaren ebenso bewährte wie später als Rittmeister bei den 
für ihr kühnes Reiten berühmten Zietenhusaren und endlich als General- 
stäbler. „Anton“ und ich waren seit dem Feldzug treue Freunde, obschon 
er mir nicht verhelilte, daß er die Diplomaten gar nicht mochte, weil er sie 
mit wenigen Ausnahmen entweder für falsch oder für schlapp hielte. Deines 
war ein Liebling von Waldersee, dem sein forsches Wesen gefiel und der 
auch fühlen mochte, daß jener nach seiner ganzen Art dazu neigte, das will- 
füährige Werkzeug eines Listigeren zu werden. Das brachte Deines während 
seiner Tätigkeit als Militärbevollmächtigter in Wien in einen für beide Teile 
charakteristischen Konflikt mit dem Fürsten Bismarck. 
Im Dezember 1887 hatte Major von Deines über eine Unterredung mit 
dem Kaiser Franz Josef und im Anschluß hieran über die Stimmung in 
Österreich-Ungarn und über die dort allgemein herrschende Begeisterung 
für einen Krieg der Mittelmächte gegen Rußland berichtet. Man glaube in 
Österreich-Ungarn fest an einen schließlichen Erfolg Schulter an Schulter 
mit dem Deutschen Reich. Die österreichische Armee würde in einen Krieg 
gegen Rußland ohne Deutschland mit banger Besorgnis und mit bitteren 
Gefühlen gegen Deutschland eintreten. Die Masse denke sich unter der 
deutsch-österreichischen Allianz ein festes Schutz- und Trutzbündnis für 
alle Fälle. Diese Stimmung sei nicht künstlich erzeugt, sie habe sich von 
selbst gebildet, man müsse mit ihr rechnen. Im gesamten Offizierkorps der 
Doppelmonarchie bestehe ein felsenfestes Vertrauen zu uns und unseren 
sieggewohnten Falınen. Schlügen wir gleich los, so würden alle Bedenken 
schwinden. An ihre Stelle würden Begeisterung und ein gesunder Ehrgeiz 
treten, es den Deutschen gleichzutun. Auf diesen seinen Bericht erhielt mein 
Freund Anton einen Erlaß des Fürsten Bismarck, dessen Schluß so be- 
zeichnend für die Art des großen Kanzlers ist, daß ich ihn hier wiedergeben 
will: „Wenn ich Euer Hochwohlgeboren diese Erwägungen, welche mich 
bei der politischen Beratung Seiner Majestät des Kaisers leiten, hier in
        <pb n="214" />
        BISMARCK GEGEN GENERALSTABSPOLITIK 179 
Kürze darlege, so geschieht dies nicht, um Euer Hochwohlgeboren von der 
Richtigkeit derselben zu überzeugen, sondern um mich der mir unerwünsch- 
ten Notwendigkeit zu überheben, den Abbruch der dienstlichen Beziehun- 
gen, in welchen sich das Auswärtige Amt zu Euer Hochwohlgeboren 
befindet, von Seiner Majestät zu erbitten. Die auswärtige Politik Seiner 
Majestät wird nicht vom Generalstab, sondern ausschließlich von mir 
beraten.‘ Vorher befand sich in diesem Erlaß der nachstehende monu- 
mentale Satz: „Die wichtigste Frage, die überhaupt an die Politik des 
Deutschen Reichs gestellt werden kann, ist diese: Ob wir Österreich und 
demnächst Deutschland freiwillig und bewußterweise in einen Angriffs- 
krieg gegen Rußland verwickeln sollen, der für uns den Verteidigungs- 
krieg gegen Frankreich sofort nach sich ziehen würde, also den größten jetzt 
möglichen Krieg nach zwei Seiten hin, und der für uns, auch wenn wir ihn 
siegreich nach beiden Seiten hin durchführen, keinen annehmbaren Kampf- 
preis und keinen anderen im voraus berechenbaren Erfolg haben wird als die 
dauernde Ausdehnung der französischen Revanchestimmung auf die russi- 
sche Nation.‘ Der brave Deines fühlte das Wehen des Genius, der aus diesen 
Worten sprach. Er richtete einen der Lauterkeit seines Wesens entsprechen- 
den Brief an den Fürsten, in dem er ihm seinen Dank für die hochgeneigtest 
erteilte Weisung und Warnung aussprach und gleichzeitig das feste Ver- 
sprechen gab, fortan nur im Sinne der Instruktion Seiner Durchlaucht zu 
wirken. Mir aber haben sich diese vom Fürsten Bismarck 1887 an den Mili- 
tärattach€ von Deines gerichteten Worte, die er während meines Aufent- 
haltes in Koblenz, während der Septembermanöver von 1905, zu meiner 
Kenntnis brachte, tief eingeprägt, und sie sollten mir drei Jahre später, 
bei der bosnischen Krise, eine Mahnung und eine Direktive sein. 
Deines war Kaiser Wilhelm II. durch meinen Bruder Adolf als Gou- 
verneur für den Kronprinzen empfohlen worden. In dem Brief, den mein 
Bruder im November 1894 an Deines richtete, um ihm klarzumachen, daß 
er der richtige Mann für die Erziehung des Kronprinzen sei, hieß es: ‚„‚Wes- 
halb ich Sie für geeignet halte? Sie sind, wie König Philipp über Posa sagt, 
einer der so wenigen, ‚gut und fröhlich und kennt doch alle Menschen‘. 
Sie sind nicht in der Gefahr, eine solche Aufgabe flach äußerlich aufzufassen 
oder nach einiger Zeit stumpf und blasiert zu werden: nicht in der Gefahr, 
mit Parademarsch, Uniform und Wachtstube allein die Seele des Kaisers 
der Zukunft zu erfüllen, nicht in der Gefahr, auf Äußerlichkeiten und Ge- 
dächtnis statt auf Inneres und Charakter zu wirken. Ich vertraue fest, daß, 
wenn der künftige Kaiser Sie einige Jahre als Beispiel vor sich hat, er so 
werden wird, wie unser Vaterland es braucht.“ Es war in der Tat nicht mög- 
lich, eine bessere Wahl zu treffen als Deines, der, tapfer und hochgebildet, 
streng gegen sich und gütig für andere, das Muster eines preußischen Offiziers 
12°
        <pb n="215" />
        Wechsel im 
Preußischen 
Ministerium 
des Innern 
180 A LA SUITE 
und gleichzeitig, um mit Goethe zu sprechen, ein wahrhafter Deutscher 
war. Adolf von Deines starb nicht lange vor Beginn des Weltkriegs an den 
Folgen einer schweren Operation unter großen Schmerzen. Zu der ihn 
pflegenden Diakonissin sagte er: „Ich klage nicht über die Schmerzen, die 
ich empfinde. Aber, liebe Schwester, der Tod auf dem Schlachtfeld ist doch 
schöner.“ Während des Manövers ließ mich der Kaiser zu meiner Freude 
zweimal mein altes Regiment vorbeiführen, im Trabe und im Galopp. Als 
ich nach dem Vorbeimarsch mit der vorschriftsmäßigen Volte mich links 
von Seiner Majestät postierte, sagte mir Deines, der neben dem Kaiser 
hielt: „Das du die Volte so schön geritten hast, macht Seiner Majestät 
mehr Spaß, als wenn du ihm die längsten Denkschriften schmiedest.‘“ 
Ich begrüßte später die Offiziere meines Regiments, von denenein Jahrzehnt 
später viele ihre Treue für König und Vaterland mit ihrem Blute besiegeln 
sollten. Auch im Weltkrieg hat das Königshusaren-Regiment, an dessen 
Spitze im vergangenen Jahrhundert Graf Karl Lazarus Henckel von Don- 
nersmarck, Graf Eduard von Oriola,: Graf Carl von der Goltz, der Freiherr 
Walter von Loö, der Prinz Heinrich XIII. Reuß, Karl von Colomb, Richard 
von Winterfeld und Friedrich von Hertzberg gestanden haben, seinem alten 
kriegerischen Ruhm Ehre gemacht. und neue Lorbeeren um seine stolze 
Standarte geflochten. . 
Während des Manövers, unmittelbar nach dem Parademarsch, über- 
reichte mir der Kaiser das Patent, durch das er mich zum General a la 
suite der Armee mit der Uniform des Königshusaren-Regiments ernannte. 
Das Patent lautete: „Hochgeborener Fürst! Es ist mir besonders er- 
freulich, Ihnen an dem heutigen Tage einen erneuten Beweis Meiner wohl- 
wollenden Gesinnungen dadurch zu geben, daß ich Ihnen, unter Belassung 
der Uniform des Husaren-Regiments König Wilhelm I. (1. Rheinisches 
Nr. 7), hierdurch den Charakter als Generalmajor verleihe. Ich verbleibe 
mit besonderer Wertschätzung des Herrn Fürsten wohlgeneigter und stets 
dankbarer Wilhelm R.“ Die Schlußworte „und stets dankbarer‘‘ waren 
von Seiner Majestät eigenhändig hinzugefügt und das Wort „stets“ doppelt 
unterstrichen worden. 
Im März 1905 war der Minister des Innern, der biedere Freiherr Hans von 
Hammerstein, einem Herzschlag erlegen. Bei ihm wie ein Jahr später 
bei Richthofen war Überarbeitung die eigentliche Todesursache. Hammer- 
stein starb so arm, und die Witwenpensionen waren damals so bescheiden, 
daß die Familie des Staatsministers kaum die Beerdigungskosten und die 
Kosten für den Umzug in ihr Lüneburger Häuschen bestreiten konnte. 
Wenn ich angesichts solcher Einfachheit und Genügsamkeit auf die in den 
Anfängen der Republik bei uns eingerissene Unwirtschaftlichkeit blicke, 
so möchte ich den Machthabern jener Zeit zurufen, was bei Vergil der
        <pb n="216" />
        BETHMANN HOLLWEG WIRD MINISTER 181 
König Euander dem frommen Aeneas sagt, als er ihn unter den Giebel des 
eng umschließenden Hauses führt: 
Aude, hospes, contemnere opes, et te quoque dignum 
Finge Deo, rebusque veni non asper egenis. 
Als Nachfolger des Freiherrn von Hammerstein wählte ich Herrn Theo- 
bald von Bethmann Hollweg, der sich als Regierungspräsident von Brom- 
berg wie als Oberpräsident von Brandenburg wohl bewährt hatte, auch 
vom Kaiser gewünscht wurde, dem sein redliches, freilich sehr untertäniges 
Wesen gefiel. Weniger zufrieden mit dieser Wahl war der Führer der Kon- 
servativen im Landtag, Herr von Heydebrand, der mir sagte: „Als Mi- 
nister des Innern brauchen wir einen Mann mit fester Hand und Rückgrat. 
Einen Mann wie Fritz und Botho Eulenburg, Puttkamer, Köller. Statt 
eines Mannes geben Sie uns einen Philosophen.“ Bethmann Hollweg hatte 
einen ausgesprochen doktrinären Zug und nahm schon als Minister des 
Innern meine Zeit ungebührlich mit langatmigen Denkschriften in An- 
spruch, in denen er seine Pläne einer „Vergeistigung‘‘ des preußischen Staats 
unter gleichzeitiger „Ertüchtigung‘‘ des deutschen Volkes durch preußi- 
sches Wesen mehr akademisch als praktisch realisierbar entwickelte.
        <pb n="217" />
        XI KAPITEL 
Die Frage der Nachfolge des Generalstabachefs Grafen Schlieffen - Bülows Unterredung 
mit General Hellmuth von Moltke, wührend sie auf dem Berliner Hippodrom um den 
Wasserturm reiten « Graf Hülsen, Chef des Militürkabinetts, zu dieser Frage « Der Kaiser 
besteht auf der Wahl Moltkes « Erbprinz von Hohenlohe-Langenburg Kolonial- 
direktor -« Erstes Auftreten Erzbergers » Die Verstimmung zwischen Wilhelm II. und 
Eduard VII. macht sich immer füblbarer « Brief Wilhelms II. über seine Unterredung 
mit dem englischen Finanzier Beit (30. Dezember 1905) 
A: einem schönen Herbsttage des Jahres 1905 begegnete ich bei meinem 
Schlieffens gewohnten Morgenritt auf dem Berliner Hippodrom dem mir seit Jahren 
Rücktrit befreundeten Generaladjutanten IIellmuth Moltke. Der sorgenvolle Aus- 
druck seines Gesichts fiel mir auf. Nachdem wir eine Zeitlang nebenein- 
ander galoppiert hatten, meinte Moltke, er möchte eine ernste Angelegen- 
heit in Ruhe mit mir besprechen, zu welchem Zwecke es wohl ratsam sei, 
sich in Schritt zu setzen. Wir lenkten nun unsere Pferde nach dem soge- 
nannten Wasserturm, nicht weit vom Eingang zum Hippodrom. Während 
wir im Schritt immer wieder um diesen Turm ritten, sagte mir Moltke, 
der Kaiser habe sich entschlossen, den derzeitigen Chef des Großen General- 
stabes in den Ruhestand treten zu lassen. Seine Majestät zolle der Genialität 
des Grafen Schlieffen volle Anerkennung, fände ihn aber mit dreiund- 
siebzig Jahren zu alt für diesen nicht nur große Arbeitskraft, sondern auch 
unveriminderte körperliche Rüstigkeit verlangenden Posten. Übrigens 
wolle Graf Schlieffen selbst gehen. Moltke fuhr fort: „Nun will der Kaiser 
partout mich als Nachfolger haben. Dagegen sträubt sich alles in mir.“ 
In ruhiger, klarer Weise entwickelte Moltke, daß er sich nicht kleiner machen 
wolle, als er sei. Er würde das Arbeitspensum des Generalstabschefs ge- 
wissenbaft und, wie er annehme, gut erledigen. Er würde sich auch nicht 
einen Augenblick besinnen, Seiner Majestät zu sagen, daß die bisherige 
„Manöverspielerei aufhören müsse“, über die viele und begründete Klagen 
laut würden. Er habe endlich schon als junger Offizier beim Sturm auf 
Saint-Privat vor der Front des Alexander-Regiments bewiesen, daß es ihm 
nicht an Mut feble. Aber eine innere Stimme sage ihm, daß er für die Auf- 
gabe, die der Chef des Generalstabs im Kriege zu erfüllen habe, nicht der 
richtige Mann sei. In der bei ihm gewohnten schlichten Art und mit edler
        <pb n="218" />
        „NE JANZ DOLLE IDEE VON S.M.* 183 
Bescheidenheit setzte, jedes Wort betonend, Moltke mir auseinander: „Für 
die Aufgabe des Feldherrn im Kriege bin ich zu schwerblütig, zu bedächtig 
und bedenklich, zu gewissenhaft, wenn Sie wollen. Es geht mir die Fähigkeit 
ab, unter Umständen alles auf eine Karte zu setzen, was die eigentliche 
Größe des wahren und geborenen Feldherrn, die Größe von Napoleon, 
von unserem Alten Fritz und meinem Onkel ausmachte. Der Meister der 
theoretischen Kriegskunst, Karl von Clausewitz, nennt ja Napoleon einen 
leidenschaftlichen Spieler. Clausewitz meint auch, und diese Worte sind mir 
in diesen Tagen oft durch den Sinn gegangen, daß der Krieg immer etwas 
von der Natur des Glücksspiels behalte. Deshalb werde der Feldherr, der 
zu wenig Neigung für dieses Spiel habe, im großen Kontobuche der kriege- 
rischen Erfolge in eine tiefe Schuld geraten. Ich habe keine Neigung, auch 
nicht das Temperament zum Hasardieren.““ Moltke fügte hinzu, daß ihm 
der Gedanke entsetzlich wäre, mit dem Bewußtsein seiner Unzulänglichkeit 
einen derartig wichtigen Posten zu übernehmen, auf die Gefahr hin, nicht 
nur die Armee und das Land zu schädigen, sondern auch auf den hell 
leuchtenden Namen seines Oheims einen Schatten zu werfen. Er knüpfte 
an diese mit Überzeugung gesprochenen Worte die dringende Bitte, ich 
möchte den Kaiser von dem Gedanken abbringen, ihn zum Chef des preußi- 
schen Generalstabes zu ernennen. Ich erwiderte Moltke, daß es mir peinlich 
wäre, ihm seine Bitte abzuschlagen. Ich hätte mir aber zur Regel gemacht, 
mich nicht in militärische Angelegenheiten und insbesondere Perso- 
nalien einzumischen. Ich erlaubte keine Ingerenz in meinen eigenen Wir- 
kungskreis, wolle aber auch nicht in die Rechte und Obliegenheiten anderer 
eingreifen. Mit dem Ausdruck des Bedauerns, aber in Würdigung meiner 
Beweggründe trennte sich Moltke mit kräftigem Händedruck von mir. 
Am Nachmittage desselben Tages begegnete ich in der Wilhelmstraße 
dem Chef des Militärkabinetts, dem Grafen Dietrich Hülsen, der ebenso 
wie Moltke seit langem zu meinen besten Freunden gehörte. Ich erzählte ihm 
meine Unterredung mit Moltke. Mit Humor und in seinem unverfälschten 
Berliner Deutsch erwiderte mir Hülsen: „Det is sehr vernünftig von Julius 
(so wurde Moltke von seinen Freunden, ich weiß selbst nicht warum, 
genannt), so zu sprechen. Er paßt auch jar nicht in den roten Kasten am 
Königsplatz. Det is ne janz dolle Idee von S. M.“ Sehr ernst werdend, fuhr 
Hülsen fort: „Es wird aber unendlich schwer sein, dem Kaiser diesen Ge- 
danken auszureden. Wenn ich dem Kaiser für irgendein Armeekorps einen 
neuen Kommandierenden General vorschlage, für die wichtigsten Korps, 
für Metz oder Posen, und es soll nicht gerade Kaisermanöver bei dem be- 
treffenden Korps sein, so stimmt Seine Majestät ohne weiteres zu. Aber wenn 
es sich um Posten handelt, mit deren Trägern er in häufige Berührung 
kommt, also z. B. um die Kommandeure der Leibregimenter oder um den
        <pb n="219" />
        184 WER WIRD GENERALSTABSCHEF? 
Kommandierenden General des Gardekorps oder um den Kommandanten 
des Großen Hauptquartiers oder auch um den Chef des Großen General- 
stabs, so ist es Seiner Majestät in hohem Grade unerwünscht, ja beinahe 
unerträglich, in solchen Stellungen nicht ihm ganz sympatbische Leute, 
womöglich gute Freunde zu haben.“ Ich erwiderte, daß dann der Kaiser bei 
der Auswahl der militärischen Spitzen bedauerlicherweise sehr verschieden 
von seinem Großvater wäre. Der hätte den späteren Feldmarschall Man- 
teuffel bei seinem Regierungsantritt zum Chef des Militärkabinetts be- 
stimmt, obwohl er sich gerade mit diesem Offizier, solange derselbe Adju- 
tant des Königs Friedrich Wilhelm IV. gewesen war, wiederholt und heftig 
gestritten hätte. Als Manteuffel, von der ihm bevorstehenden Beförderung 
informiert, den alten König an diese Vergangenheit erinnert hätte, habe 
Wilhelm I. erwidert: „Gerade weil Sie meinem Bruder so treu gedient haben, 
habe ich Sie für den in Rede stehenden wichtigen Posten ausgesucht.“ 
Der alte Herr habe auch den berühmten General von Voigts-Rhetz, einen 
der wenigen ihm persönlich ganz antipathischen Generale nicht nur rasch 
avancieren lassen, sondern ihn 1866 zum Generalstabschef der ersten 
preußischen Armee, später zum Generalgouverneur von Hannover und 
1870 zum Führer des 10. Armeckorps designiert. Ich frug dann Hülsen, 
wer außer Moltke für den Posten des Generalstabschefs nach seiner Ansicht 
noch in Frage kommen könne. Hülsen nannte mir in erster Linie den Kom- 
mandierenden General des 3. Armeekorps Karl Bülow, den späteren Feld- 
marschall, fügte aber gleich hinzu: „Den nimmt der Kaiser nicht, er er- 
klärt ihn für einen Dickkopf.“ Er nannte dann noch die beiden Generale 
Bock von Polach, den Generalleutnant, der damals das 9., und den General 
der Infanterie, der das 14. Armeekorps kommandierte, den General von 
Falkenhausen, den General Colmar von der Goltz, den General von Hin- 
denburg, den General von Eichhorn und den General von Woyrsch, be- 
merkte aber bei jedem Namen, daß der Betreffende aus diesem oder jenem 
Grunde persönlich Seiner Majestät nicht konveniere. Den einen nenne er 
einen Zimmerstrategen, den andern einen Klugredner, einen dritten einen 
Phantasten. Es war dies, nebenbei gesagt, das erstemal in meinem Leben, 
daß ich den großen Namen des Siegers von Tannenberg, des späteren Gene- 
ralfeldmarschalls von Hindenburg, hörte. Schließlich sagte mir Hülsen, er 
habe nicht das mindeste dagegen, sondern würde sich im Gegenteil sehr 
freuen, wenn ich versuchte, Seine Majestät von der Ernennung von Moltke 
abzubringen. Ich schrieb noch an demselben Tage einen Brief an den Kaiser, 
in dem ich ihm etwa sagte: er wisse aus langem Zusammenarbeiten mit 
mir, daß mir eine Einmischung in militärische Fragen und Personalien 
fernläge. Der General von Moltke habe mir aber in so bestimmter Weise,, 
mit solcher Redlichkeit und mit so zutreffenden Gründen die Überzeugung
        <pb n="220" />
        Graf Alfred Schlieflen 
Chef des Großen Genecralstabs von 189] bis 1905
        <pb n="221" />
        <pb n="222" />
        MOLTKE BITTET, ES NICHT ZU WERDEN 185 
ausgesprochen, daß er sich für den ihm zugedachten, nicht nur militärisch, 
sondern auch politisch für Wohl und Wehe des Landes ungeheuer wichtigen 
Posten nicht eigne, daß ich den Kaiser dringend bitte, sich die Sache noch 
einmal zu überlegen und von der Wahl abzustehen. Der Kaiser antwortete 
mir zuerst in Kürze brieflich, später eingehend mündlich in freundlichster 
Weise, er nähme mir meine Vorstellung gar nicht übel, da er darin nur 
einen neuen Beweis meiner Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit sähe. Er 
wisse auch wohl, daß Moltke nicht wolle. Diese seine Weigerung mache 
seiner Bescheidenheit Ehre, sie könne aber ihn, den Kaiser, nicht in seinem 
Entschluß irremachen, der wohlüberlegt und unwiderruflich wäre und dem 
der göttliche Segen nicht fehlen würde. Der Kaiser erinnerte mich daran, 
daß auch ich mich nur nach reiflicher Überlegung und nach Überwindung 
mancher Bedenken bereit erklärt hätte, den Posten des Staatssekretärs des 
Äußern zu übernehmen. Schließlich wäre es ganz gut mit mir gegangen. 
Er sei überzeugt, daß es auch mit Moltke gut gehen würde. Es ist bekannt, 
daß in Preußen alle militärischen Ernennungen vom König in seiner Eigen- 
schaft als oberster Kriegsherr, ohne Gegenzeichnung des Kriegs- 
ministers und lediglich auf Vorschlag des Militärkabinetts vollzogen 
wurden. Unter einem weisen, sachlichen und erfahrenen Monarchen wie 
Wilhelm I. hatte die Durchführung dieses Grundsatzes nichts Bedenkliches, 
sie hat sogar dazu beigetragen, im preußischen Offizierkorps jenen Geist 
großzuziehen, dem wir drei siegreiche Kriege verdanken. Unter Wilhelm II., 
der in vielem das gerade Gegenteil seines Herrn Großvaters war, zeigten 
sich die Schattenseiten dieses Systems. 
Im November 1905 trat der bisherige Kolonialdirektor Stübel zurück. 
Als Nachfolger schlug mir der Kaiser den Erbprinzen Ernst zu Hohenlohe- 
Langenburg vor, mit dem Hinzufügen, daß es ihm eine besondere Freude 
sein würde, wenn ich mich mit dieser seiner Wahl einverstanden erklärte. 
Ich bin nie dahintergekommen, wer den Kaiser auf den Einfall gebracht 
hatte, mir Erni Hohenlohe als Kolonialdirektor zu proponieren. Der Gute, 
dessen ganze Force in seinen hohen Verwandtschaften bestand, hatte von 
1900 bis 1905 nach dem Tode des Herzogs Alfred von Koburg mehrere 
Jahre die Herzogtümer Koburgund Gotha als Regent beherrscht. Er machte 
sich nicht klar, daß es damals leichter war, einen thüringischen Kleinstaat 
zu „regieren“, als einem ziemlich schwierigen Reichsressort. vorzustehen, 
das Arbeitskraft, Verwaltungspraxis und die Fähigkeit voraussetzte, 
gelegentlich im Parlament Anfragen zu beantworten und Angriffe abzu- 
wehren. Erni Hohenlohe war nicht nur mit einer englischen Prinzessin, 
der Tochter des verstorbenen Prinzen Alfred von Großbritannien und 
Irland, Herzogs von Edinburgh, des zweiten Sohnes der Königin Victoria, 
vermählt, sondern er war auch der Sohn einer badischen Prinzeß und 
Erbprinz 
zu Hohen- 
lohe-Langen- 
urg 
Kolonial- 
direktor
        <pb n="223" />
        Dr. Beseler 
preußischer 
Justizninister 
186 ERNI 
gleichzeitig ein leiblicher Vetter der regierenden Kaiserin, deren Mutter 
bekanntlich eine Hohenlohe-Langenburg gewesen war. Dies verhinderte 
die immer pflichttreue und mir stets freundlich gesinnte Kaiserin nicht, 
mich in ihrer vorsichtigen Weise mit leiser Andeutung zu warnen. Sie hegte 
den Argwohn, daß Ermi den Posten als Leiter der Kolonialabteilung als 
Sprungbrett betrachten wolle, um sich auf den Reichskanzlersessel zu 
schwingen. „Und dieser Aufgabe“, fügte sie lächelnd hinzu, „ist der arme, 
kleine Erni ja gar nicht gewachsen.“ Für ganz unbegründet halte ich auch 
heute diesen Verdacht nicht. Ich halte es sogar für nicht ausgeschlossen, 
daß Holstein bei dieser Intrige die Hand im Spiele hatte, denn er wußte, 
daß der Erbprinz von Langenburg bei seiner politischen Hilflosigkeit 
Wachs in den Händen des routinierten alten Geheimrats sein würde, mit 
dem ihn seit Jahren persönlich freundliche Beziehungen verbanden. Wie 
dem auch sein möge, ich ließ mich in diesem Fall so wenig wie bei manchen 
anderen Gelegenheiten durch solche Umtriebe beeindrucken und akzep- 
tierte den Erbprinzen als Kolonialdirektor, dem ich — er war, wiesein Vater, 
der Statthalter von Elsaß-Lothringen, ein sehr eifriger Protestant — nur 
die Bedingung stellte, daß er in seinem Amt, das ibn mit den katholischen 
Missionen in enge Fühlung brachte, konfessionell unparteiisch und vor- 
urteilslos handeln und auftreten müsse. 
Einige Wochen später hatte ich Gelegenheit, diesen von mir unentwegt 
festgehaltenen Grundsatz der Toleranz und vollen Parität auch meinerseits 
zu betätigen. Der Justizminister Schönstedt trat aus Gesundheitsrück- 
sichten zurück. Sein Nachfolger wurde der bisherige Präsident des Ober- 
landesgerichts in Breslau, Dr. Beseler, ein tüchtiger Jurist. Er entstammte 
der bekannten holsteinischen Gelehrtenfamilie, deren berühmtester Sproß, 
Wilhelm Hartwig Beseler, 1844 Präsident der Schleswigschen Stände- 
versammlung, 1848 Präsident der schleswig-holsteinischen provisorischen 
Regierung, Mitglied der Statthalterschaft und der Deutschen National- 
versammlung war. Nach Breslau kam der bisherige Oberlandesgerichts- 
präsident in Kiel Dr. Vierhaus. Für dessen Nachfolgeschaft schlug ich den 
damaligen Reichsgerichtsrat und Reichstagsabgeordneten Peter Spahn 
dem königlichen Staatsministerium vor, stieß aber damit zunächst auf 
starken Widerstand. Die meisten meiner Kollegen trugen Bedenken, einem 
Katholiken und Zentrumsmann das in Rede stehende hohe Amt in einer 
ganz protestantischen Provinz zu übertragen. Ich hielt gegenüber diesem 
Widerspruch an dem Grundsatz fest, daß, wenn das Staatsministerium 
keinen Anstand nähme, Protestanten nach der Rheinprovinz, nach West- 
falen und Oberschlesien zu schicken, ich nicht einsehe, warum nicht ein 
Katholik auch in einer überwiegend oder ganz protestantischen Provinz 
eine erfolgreiche Wirksamkeit ausüben könne. Erwähnen möchte ich endlich
        <pb n="224" />
        DER UNMUT DES KÖNIGLICHEN ONKELS 187 
noch, daß in diesem Jahr 1905 der Abgeordnete Matthias Erzberger 
zum erstenmal in das Licht der Öffentlichkeit trat. Die „Kölnische Volks- 
zeitung‘‘ veröffentlichte Angriffe auf die Kolonialverwaltung, die un- 
richtige Mitteilungen über die Kamerun-Eisenbahn gemacht hätte und für 
private literarische Veröffentlichungen Reichsgelder zur Verfügung stelle. 
Die Kolonialverwaltung wies diese Behauptung unter Anführung von 
überzeugendem Aktenmaterial scharf als „leeres Gerede‘ zurück. Die 
„Kölnische Volkszeitung‘ erkannte an, daß die Behauptung ihres Gewährs- 
mannes unhaltbar wäre. Es stellte sich bald heraus, daß der Urheber dieser 
verleumderischen Insinuationen der Abgeordnete Matthias Erzberger war. 
Mit dieser Stänkerei begann die politische Laufbahn des unseligen Mannes, 
der, nachdem er viel Schaden angerichtet hatte, ein böses Ende finden 
sollte. 
Im Spätherbst 1905 erbielt ich mehrere Briefe von Metternich aus 
London, die sich mit den persönlich leider so wenig freundlichen Beziehun- 
gen zwischen unserem Kaiser und seinem Oheim, dem König Eduard VII., 
beschäftigten. 
Am 2. Oktober 1905 hatte mir Metternich während seines Herbst- 
urlaubs geschrieben: „Lascelles hat, wie Sie wissen, an Seine Majestät 
König Eduard über eine Unterredung Bericht erstattet, die er kürz- 
lich mit Seiner Majestät dem Kaiser in Homburg über die persönlichen 
Beziehungen zwischen den Monarchen gehabt hat. Der Botschafter hat vor 
einigen Tagen die Antwort des Königs durch Lord Knollys erhalten. Als 
ich jetzt in Berlin bei Lascelles war, teilte er mir aus der Antwort einzelnes 
vertraulich mit. Der König beginnt mit der Behauptung, er habe keinen 
Streit mit Seiner Majestät dem Kaiser und wünsche auch keinen zu haben. 
Eine Zusammenkunft auf der Reise nach Marienbad wäre nicht möglich 
gewesen, weil jeder Tag seines Programms für die Badekur festgesetzt 
gewesen sei, und jeden einzelnen Beschwerdepunkt Seiner Majestät des 
Kaisers hält der König für unbegründet. Er stellt dafür die Behauptung 
auf, daß Seine Majestät der Kaiser überall gegen ibn, den König, seinen 
Einfluß geltend zu machen suche. Aus dieser kurzen Übersicht ist ersicht- 
lich, daß die Zeit für eine Aussprache oder Aussöhnung zwischen den beiden 
hohen Herren noch nicht reif ist. Je ruhiger sich Seine Majestät der Kaiser 
dem Unmute seines Königlichen Onkels gegenüber verhält, um so mehr wird 
dieser in das Unrecht versetzt, und um so eher wird wieder ein richtiges 
Verhältnis zwischen den beiden Herrschern eintreten. Ich weiß bestimmt, 
daß schon jetzt den leitenden englischen Staatsmännern aus politischen 
Rücksichten das persönliche Zerwürfnis zwischen Kaiser und König höchst 
unerwünscht ist. Sobald sie deutlicher empfinden, daß die Schuld am 
König liegt und daß aus den persönlichen Beziehungen der beiden Herrscher 
Briefe des 
Botschafters 
Metternich
        <pb n="225" />
        188 DIE POTS CASSES 
politische Störungen drohen, werden sie selbst bei dem Könige vermittelnd 
einzugreifen versuchen, da seine Untertanen nicht die geringste Lust haben, 
sich an den Deutschen die Köpfe blutig zu rennen, weil der Onkel den Neffen 
nicht mag. Seine Majestät König Eduard ist klug genug, selbst einzulenken, 
sobald er empfindet, daß er zu weit gegangen ist. Nur muß man den Prozeß 
dieser Erkenntnis den Engländern selbst überlassen. Sollten wir 
irgend etwas tun, was so gedeutet werden kann, als wollten wir die Eng- 
länder gegen ihren eigenen König einnehmen, so würden sie einstimmig für 
ihn einstehen und gegen uns Front machen. Die Beziehungen zwischen 
Souveränen in die Zeitungen zu zerren, ist überhaupt unangebracht. In 
diesem Falle würde es außerdem direkt fehlerhaft sein. Ich werde hier nach 
wie vor vollkommen unbefangen auftreten und versöhnend und beruhigend 
wirken, wo sich mir eine Gelegenheit dazu bietet. Falls Seine Majestät 
König Eduard mit mir über die Einladung des Kronprinzen anfängt, werde 
ich ihm in der entsprechenden Form zu verstehen geben, daß es nicht 
freundlich ist, den Sohn ohne Wissen des Vaters einzuladen in dem Augen- 
blick, wo man einer Begegnung mit dem letzteren ausweicht und zu ver- 
stehen gibt, daß man nichts mit ihm zu tun haben will. Das Argument, daß 
die Anwesenheit des Kronprinzen in Berlin während des Besuchs des Königs 
von Spanien ebenso notwendig ist wie die Anwesenheit des Prinzen von 
Wales in London während des gleichen Besuchs, werde ich deshalb nicht 
verwerten können, weil König Eduard, ehe er den Kronprinzen einlud, 
sich in Madrid nach dem Datum des spanischen Besuchs in Berlin erkundigt 
hat und den Kronprinzen nach Ablauf des spanischen Besuchs in Berlin 
nach England eingeladen hatte. Ich bedaure die Haltung eines wichtigen 
Teils unserer Presse in ihrer Stellungnahme gegen das englisch-japanische 
Bündnis. Dieses vertritt seinem Wortlaute nach genau unsere erklärte 
Politik: Integrität Chinas, Aufrechterhaltung des Status quo, Gewähr- 
leistung des Besitzstandes der einzelnen Mächte in Ostasien, Gleichberech- 
tigung des Handels für alle. Wir können abwarten, ob der Geist des neuen 
Abkommens sich gegen unsere Interessen richten wird. Es ist von unserem 
Standpunkte aus unnütz und gefährlich, einen deutsch-russischen Gegen- 
satz gegen das englisch-japanische Bündnis zu konstruieren; denn dieselbe 
Rolle wie Frankreich in einem deutsch-englischen Kriege würde Deutsch- 
land in einem russisch-englischen Krieg, in den wir verwickelt würden, 
spielen, d.h. wir würden die Pots casses zu zahlen haben. Eine deutsch- 
russische Annäherung sollte sich mit Frankreich, nicht mit England 
beschäftigen. Sie sollte Frankreich entweder kaltstellen oder zu uns hinüber- 
ziehen, obwohl es nicht ausgeschlossen ist, daß es dann auch ganz zu den 
Engländern übergeht. Eine deutsch-russische Annäherung mit der Spitze 
gegen England bringt uns gar keinen Nutzen, sondern nur Schaden und
        <pb n="226" />
        DER MANN IM MOND 189 
Gefahr, aus dern einfachen Grunde, weil, wie ich schon kürzlich mir erlaubte 
zu sagen, die russische Hilfe gegen England für uns ungefähr so viel wert 
ist wie die des Mannes im Mond. Eine Flotte besitzt Rußland nicht, unsere 
Häfen und unseren Handel kann cs nicht schützen, und sein Landheer kann 
uns gegen England nichts nützen. Dagegen würden wir uns unter Um- 
ständen noch die Japaner auf den Hals ziehen und Kiautschou verlieren. 
Deshalb sollten wir das englisch-japanische Bündnis möglichst in Ruhe 
lassen und es den Russen, die Grund dazu haben, allein überlassen, sich 
darüber aufzuregen.“ 
b-:Metternich hatte nur zu recht, wenn er die fortgesetzten Entgleisungen 
deutscher Blätter gegenüber England tadelte. Es war taktlos, die Streitig- 
keiten zwischen Onkel und Neffen in die öffentliche Diskussion zu ziehen. 
Es war ungeschickt, gegen das englisch-japanische Bündnis von vornherein, 
noch dazu mit wenig glücklichen Argumenten Sturm zu laufen. Am 19. Ok- 
tober schrieb mir Metternich mit dem Vermerk „ganz geheim‘ über das 
gleiche unerquickliche Thema: „Aus Andeutungen, die mir aus Hofkreisen 
seit meiner Rückkehr nach England gemacht worden sind, entnehme ich, 
daß die Verstimmung König Eduards gegen S.M. den Kaiser außer der 
Politik auch zum großen Teil auf Äußerungen zurückzuführen ist, die 
unser Allergnädigster Herr in diesem Jahre in Kiel im Kreise von fremden 
Gästen, hauptsächlich Amerikanern, gemacht zu haben scheint. Solche 
Äußerungen kommen stets wieder hierher zurück, gewöhnlich in vergrößer- 
tem und entstelltem Maße. S. M. soll sich im Jachting-Kreise über die lie- 
derliche englische Gesellschaft und über die Beziehungen König Eduards 
zu Mrs. Keppel ausgelassen haben. In dem letzteren Punkt ist König 
Eduard sehr empfindlich, und es soll ihn das mehr als alles aufgebracht 
haben. Ich schreibe Ihnen dies nicht als Klatsch, sondern damit Sie über 
die Gründe der in höchstem Grade beklagenswerten tiefen Entfremdung 
zwischen den beiden nahe verwandten Souveränen möglichst genau orien- 
tiert sind. Ich glaube nicht, daß sich vorläufig irgend etwas Ersprießliches 
zur Annäherung der beiden hohen Herren tun läßt. Graf Seckendorff hat 
dem Könige vor einiger Zeit geschrieben, es sei seine Pflicht, sich mit dem 
Kaiser auszusöhnen. Über diesen Brief hat der König bemerkt, es sei eine 
Impertinenz, ihm vorschreiben zu wollen, was seine Pflicht sei. So weit 
dies unerfreuliche Thema. Hoffentlich entsteht keine deutsche Preßfehde 
gegen Lord Lansdowne auf Grund des Artikels der ‚Neuen Freien Presse‘. 
Es würde das nicht nur die Stellung des Ministers hier stärken, sondern 
auch seiner Partei zugute kommen, zum Schaden der Liberalen, die” offen 
auf eine Aussöhnung mit Deutschland hinarbeiten.“ " 
Am 3. November 1905 erhielt ich von Metternich die nachstehenden 
Zeilen: „Ich weiß bestimmt, aus sicherster Quelle, daß König Eduard den
        <pb n="227" />
        Der Finanzier 
Beit in Pots- 
dam 
190 DIE BEIDEN SOUVERÄNE 
Wunsch hat, Anfang nächsten Jahres, ‚wenn nichts dazwischenkommt‘, 
mit $S.M. dem Kaiser zusammenzutreffen. Ich vermute, dies ist aber ledig- 
lich Vermutung, durch Einladung nach England. Es ist ja auch möglich, 
daß König Eduard daran denkt, daß sich die Sache im Mittelländischen 
Meer machen läßt. Ich möchte aber dringend abraten, irgend jemand, auch 
nicht Lascelles, davon zu sprechen.“ Über die Lage der Dinge in Rußland 
fügte der Botschafter Nachstehendes hinzu: „Ich weiß nicht, ob nach Ihren 
Nachrichten die Lage der Autokratie in Rußland ebenso gefährdet erscheint 
wie nach den meinigen. Nach meiner Überzeugung ist die Autokratie ver- 
loren. Wenn auch jetzt die Revolution nochmals mit Gewalt unterdrückt 
werden sollte, wonach es aber auch nicht aussieht, so wird sie binnen eines 
halben Jahres mit bewaffneter Gewalt doch wieder losbrechen. Die Gärung 
ist zu allgemein und die Unzufriedenheit zu weit verbreitet, um die Wieder- 
herstellung der Ruhe im alten Geleise zu ermöglichen.“ 
Über das Thema der dynastischen Beziehungen zwischen Berlin und 
London schrieb ich um dieselbe Zeit an den Staatssekretär von Richt- 
hofen: „Als ich mich in Koblenz von Seiner Majestät trennte, schien er 
nicht mehr die Absicht zu haben, direkt an den König Eduard zu schreiben, 
namentlich mit Rücksicht darauf, daß er sich gegenüber dem Botschafter 
und bis zu einem gewissen Grade auch gegenüber dem englischen Militär- 
attache offen ausgesprochen hatte. Sagen Sie an Lascelles, ich teilte seine 
Ansicht, daß unter den beiden Völkern die unvernünftige Gegnerschaft, 
gerade weil sie so durchaus unvernünftig sei, allmählich etwas abflaue. Um 
so mehr müsse alles geschehen, um die persönliche Gereiztheit zwischen den 
beiden Souveränen zu mildern. Ich täte in dieser Beziehung, was ich könnte, 
was meine persönliche alte und aufrichtige Anhänglichkeit für den König 
Eduard mir erleichtere. Ich sei überzeugt, daß Lascelles, der seinerseits die 
guten und edlen Seiten des Kaisers kenne, mich dabei unterstützen würde. 
Die Hauptsache ist, daß keine weiteren gegenseitigen Häkeleien statt- 
finden, sondern zunächst wenigstens beiderseitige Ruhe ohne gegenseitiges 
Sichanärgern und Reizen eintritt.“ 
Am 30. Dezember 1905 schrieb mir der Kaiser aus dem Neuen Palais 
in Potsdam einen sehr langen Brief über eine Unterredung, die er mit dem 
Londoner Financier Beit gehabt hatte. Beit, von Geburt Hamburger, war 
in Südafrika zu einem Riesenvermögen gekommen. König Eduard, den 
eine ausgesprochene Vorliebe für sebr reiche Leute erfüllte, hatte Beit in 
den Kreis seiner „personal friends‘‘ gezogen. Beit war ein Landsmann und 
Freund von meinem Freunde Albert Ballin, der mir diesen originellen und 
in seiner Art bedeutenden Mann oft geschildert hat. Mit allen seinen Mil- 
lionen bewohnte Beit ein nicht allzu großes Haus, dessen Zimmer aber mit 
Meisterwerken der größten Maler angefüllt waren. In seinem Schlafzimmer
        <pb n="228" />
        WILHELM II. UND DER SPEKULANT 191 
hingen Gemälde von Tizian, Rembrandt und anderen Großen. Der Brief 
Seiner Majestät lautete: „Lieber Bülow. Gestern war der berüchtigte 
Börsenfreund und Spekulant of H.M. E. VII., Herr Beit, bei Mir, um Mir 
den illustrierten Katalog seiner Kunstschätze — vom guten Bode gemacht — 
zu überreichen. Nachdem Ich alles gebührend bewundert und ihm die 
Wohnung Friedrichs des Großen gezeigt hatte, kam bald das Gespräch auf 
Marokko und die Beziehungen von England zu Deutschland. Auf Meine 
Bemerkung, es sei sehr erfreulich, daß von hüben und drüben in Versamm- 
lungen pp. die Leute sich regten und trachteten, die Reibungen zu mindern, 
fiel er mit seiner hastigen Lebhaftigkeit ein, voll zustimmend, und um so 
mehr, als England ja gar nichts von uns wolle als mit uns in guten Bezie- 
hungen sein. Nur Marokko sei ein dunkler Punkt. Auf Meine Frage, weshalb, 
erwiderte er: weil in England die Ansicht vorherrsche, wir wollten den 
Franzosen den Krieg machen, weil sie mit England das Abkommen ge- 
troffen und die ‚Entente cordiale‘ geschlossen hätten. Ich bemerkte dazu, 
‚es sei höherer Blödsinn‘. Die Engländer könnten mit Frankreich so viel 
‚ententes cordiales‘ machen, wie sie wollten, das wäre uns ebenso egal wie 
der gallo-russische Zweibund, der uns auch nicht erschüttert hätte. Das 
Abkommen betreffend, so habe England seine Interessen an Frank- 
reich abgetreten, also sich ‚desinteressiert‘, das ginge uns auch nichts an 
und sei lediglich Englands Sache, allein damit nicht genug, habe es Frank- 
reich Vorzugsrechte auf Kosten der anderen Staaten und deren Interessen 
zugebilligt, und das gehe nicht an, da dadurch die Konvention von Madrid 
geschädigt werde. Wie es anderen Staaten in unter französischem Protek- 
torat stehenden Ländern ergehe, zeige ja Tunis, Algier — und, setzte Beit 
hinzu, ‚Madagaskar‘. Das habe uns allen in Marokko gedroht, und das 
wollten wir nicht. Zudem sei es doch recht unmanierlich gewesen, daß 
niemand es für gut befunden, uns das geringste über das Abkommen, in 
dem unsere Rechte ignoriert würden, mitzuteilen. Dazu die englischen 
Intrigen in Paris, die durch die Delcasseschen Enthüllungen herausgekom- 
men, wären Grund genug, daß wir uns nicht in der rosigsten Laune befän- 
den. Sondern eben den Eindruck hätten, zwei Buschkleppern uns gegen- 
über zu befinden, die einen nach Verabredung beim Spazierengehen zu 
überfallen sich anschickten; dann griffe man eben zum Revolver! Lebhaft 
unterbrach Mich Herr Beit und erklärte: Was das in den Delcasse-Enthül- 
lungen erwähnte Angebot beträfe mit bewaflneter Hilfe, so ‚sei das nur 
in dem Falle gemeint gewesen, falls Deutschland Frankreich 
unrechtmäßigerweise überfiele‘! England fühle eben durch die 
‚entente cordiale‘ sich an Frankreich in der Marokko-Frage fest gebunden 
und werde die französischen Ansprüche unterstützen, weil das im Abkom- 
men so bedungen sei und sie die französische Freundschaft sich absolut
        <pb n="229" />
        192 KRIEGSAUSBRUCH NAHE? 
fürs erste erhalten wollten. Daher erachte sich England im Falle eines 
Krieges zwischen Deutschland und Frankreich für unbedingt verpflichtet, 
dem letzteren sofort beizuspringen, und das werde es auch bestimmt 
tun. Aber von sich aus allein einen Krieg mit Deutschland machen oder gar 
uns überfallen, daran dächte niemand in England, da wäre das ganze große 
Publikum absolut dagegen, denn es wolle unbedingt gute Beziehungen mit 
uns haben. Auch die Regierung, deren Mitglieder er kenne, sei von demsel- 
ben Wunsche erfüllt und würde alles tun, die freundschaftlichen Gefühle zu 
fördern. Dafür wäre es aber enorm wichtig, daß die leidige Marokko-Frage 
erst von der Tagesordnung verschwinde, denn die laste wie ein Alp auf den 
Engländern, gerade wegen des in Aussicht stehenden Krieges Deutschlands 
gegen Frankreich. Als Ich nochmals erklärte, davon sei gar keine Rede, wir 
würden mit den Franzosen schon zu Rande kommen, wenn London sie nur 
in Frieden ließe, sagte Beit: in Frankreich glaube man ebenso fest an den 
nahen Ausbruch des Krieges wie in London! Rouvier, den er vor ein 
paar Tagen besucht habe, habe es ihm auch gesagt, als er über die Kon- 
ferenz mit ihm gesprochen, die werde sich wohl allmählich abwickeln, aber 
er habe große Sorgen vor Überraschungen, ‚car il est incontestable qu’il 
y a quelque chose dans l’air‘. Nicht genug damit, habe Beit in Paris kon- 
statiert, daß man sich in aller Stille auf einen Krieg vorbereite! Die Re- 
serveoffiziere hätten ihre Einberufungsorders zu Ende Februar erhalten, 
dem mutmaßlichen Datum des Kriegsausbruchs, und überall hätten Vor- 
bereitungen stattgefunden, soweit man solche treffen könne, ohne direkt 
mobilzumachen. Die Stimmung in Paris sei ernst, besorgt, aber fest und 
entschlossen gewesen. Der Schreck vom Frühjahr sei fort, und im Bewußt- 
sein der sichergestellten englischen Hilfe sei man auch guten Muts. Ich 
erwiderte: wir hätten seit den Enthüllungen nie daran gezweifelt, daß 
England mit Frankreich gehen werde — überhaupt stets auf der Seite 
unserer jeweiligen Gegner zu finden sein werde. Die ganze Kriegsangst 
der Franzosen sei lächerlich, an Irrsinn grenzend; falls sie entschlossen 
seien, sich loyal und gentlemanlike in der Konferenz zu benehmen, würden 
sie bei uns dasselbe Verfahren finden, und hoffte Ich, daß aus dem Verlauf 
sich ein ‚good understanding‘ herausentwickeln werde. Da sei also gar kein 
Grund zu irgendwelchem Krieg und Sorge vor Überfall von uns. Aber der 
Grund zu allem diesem Verdrusse sei nicht in Frankreich, sondern in 
London zu suchen! Das sei die verfluchte englische organisierte Hetze 
gegen uns, die systematisch unter der Hand in der Presse aller Länder mit 
skrupelloser Verleumdung, Lüge und Verdächtigung alles gegen uns ein- 
zunehmen und aufzubringen trachte! ‚Glauben Sie, daß die englische 
Regierung das macht ?* fragte Beit. Ich erwiderte: ‚Nein!‘ Aber englisches 
Kapital von reichen Privatiers, welche der Regierung indirekt damit
        <pb n="230" />
        DIE BRUNNENVERGIFTER 193 
Dienste leisten! Ich sei von Franzosen informiert, daß England 300000 Fres. 
in die Pariser Presse stecke für antideutsche Hetzartikel! Beit bestätigte 
das, nur die Summe sei ihm nicht bekannt gewesen, das Faktum sei aber 
absolut richtig! Desgleichen hätten auch die Russen ihre Summen, die sie 
in Paris spielen ließen, auch gegen uns; Ich wisse da auch die Summe, 
360000 Francs! Dazu setzte Beit ‚monatlich‘! Desgleichen wisse Ich es aus 
Belgien, wo die liberalen Parteichefs, die gern ein freundschaftliches Ver- 
bältnis mit uns haben wollten, sich beklagten, daß sie ihre Presse nicht 
dirigieren könnten, da sie glatt von England bestochen und im anti- 
deutschen Sinne redigiert werde! Ebenso in Rußland, wo auch einflußreiche 
Blätter erkauft und gegen uns mit Gift versehen würden! Zu diesen 
Operationen im Auslande träte die systematische jahrelange Brunnen- 
vergiftung in den zahllosen englischen Revuen, wo die Leute, die sich 
Calchas, Diplomaticus, One who knows, Vates etc. unterschrieben, die 
unerhörtesten, schamlosesten Verleumdungen und Lügen über Deutsch- 
land und Mich dem englischen Publikum unwidersprochen vorgesetzt 
hätten, die daher auch geglaubt worden seien. Herr Beit rief da aus: ‚Ja, 
wenn man nur wüßte, nur herauskriegen könnte, wer diese infamen Kerle 
sind!? Ich habe mich ja auch schmählich darüber geärgert.‘ Als Ich ihm 
erwiderte, die Herren seien uns längst bekannt, machte er ein erstauntes 
Gesicht, aber noch größer wurden seine Augen, als Ich ihm sagte: ‚Wes- 
selitzky, Toklewsky, Tatischeff und Delcasses Privatsekretär.‘ ‚Donner- 
wetter, davon, das kann ich Ihnen versichern, hat man in England keinen 
Schimmer!“ war die Antwort. Dann fuhr Beit fort: Das, worüber Ich 
geklagt, sei recht, die Presse habe sich ganz unqualifizierbar benommen 
und habe die Hauptschuld an dem Zustande, wie er heute sei. Peccatur 
extra et intra! Es sei auch leider wahr, daß viel englisches Geld in die 
fremde Presse zu unlauteren und bösen Dingen gesteckt worden sei. Aber 
es sei jetzt der Anfang ehrlicher Annäherung gemacht, und er verspreche 
Mir, mit seinem ganzen Einfluß sich dafür einzusetzen, daß dem Preß- 
treiben und Hetzen ein Ende bereitet werde. Er tue das um so freudiger, 
als er sich aus Meinen Ausführungen überzeugt habe, daß Ich ehrlich 
Frieden wolle und nicht die Franzosen überfallen wolle, wie ihm das in 
London und Paris eingeredet worden sei. Seine Majestät K.E. VII. 
wolle bestimmt auch nur den Frieden, noch vor kurzem habe ihm 
ein Offizier, auf den Burenkrieg angeredet, erklärt, in dem nächsten 
Krieg werde es besser gehen, dazu hätten sie sich besser vorbereitet, 
worauf H.M. ausrief: ‚There shan’t be any more war, I won’ı have any 
more war, peace, peace, peace!‘ Das sei auch das Gefühl, von dem die 
gesamte Regierung erfüllt sei und alle Börsen-, City- sowie Handelskreise 
in ganz England. Sie wollten alle keinen Krieg; sie seien nur besorgt, 
13 Bülow II
        <pb n="231" />
        194 ADMIRALE NACH TISCH 
wegen Marokkos, eventuell, wenn die Franzosen angegrifieun würden, ihnen 
beispringen zu müssen. Diese Sorge werde er in London zerstreuen. Ich 
setzte hinzu, er möge doch sofort dahin wirken, daß die Preßhetze in Paris 
eingestellt werde, denn, wenn wir auch die besten Absichten hätten und 
loyal sein und friedlich bleiben wollten, so sei doch die Gefahr nicht aus- 
geschlossen, daß bei fortgesetztem Aufputschen der Franzosen seitens 
Londons diese schließlich, im Vertrauen auf die ihnen sichere englische 
Hilfe, uns gegenüber dergestalt ungezogen, renitent und provokant auf- 
treten würden, bis endlich die nationale Ehre ins Spiel komme und dieser 
zulicbe die Waflen angerufen werden müßten. Dann müßten wir losschlagen, 
und damit wäre der Grund für Englands Mithilfe gegeben, i. e. der ‚un- 
rechtmäßige Überfall‘ von uns auf Frankreich. Und das sei eine ungeheuer- 
liche Perfidie, auf so etwas hinzuarbeiten. Herr Beit sagte sofort, das soll 
und darf unter keinen Umständen geschehen. ‚Ich werde in London sagen: 
man wünsche in Berlin nur eines, London möge Paris endlich mal in Frieden 
lassen, damit Paris mit Berlin sich vertragen und einen Modus vivendi 
finden könne. England habe von Berlin ungestört seine Entente cordiale 
mit Frankreich gemacht, nun dürfe es aber auch anstandshalber keine 
Schwierigkeiten Deutschland in den Weg legen, wenn es auch mit Frank- 
reich zu einer ebensolchen Entente kommen wolle. Im Gegenteil, London 
müsse Berlin dazu beistehen und in Paris zureden.‘ Was seine obigen Aus- 
lassungen über die Friedensliebe der Regierung beträfe, müsse er noch eine 
Ergänzung machen. Ein einziger sei nämlich vorhanden, der wolle den 
Krieg, habe ihn bis ins Detail vorbereitet und hetze dazu. Das sei der 
Admiral Sir John Fisher. Der habe neulich noch gesagt: ‚We are now quite 
ready and as powerful as possible, the Germans are not yet ready and are 
weak, now is the time for us, let us hit them on the head.‘ Ich erwiderte, 
das hätte Ich von Sir John Fisher als selbstverständlich vorausgesetzt und 
dementsprechend Meine Vorsichtsmaßregeln getroffen: alle Anordnungen 
der britischen Flotte seit November 1904 seien für Mich nur Mobilmachungs- 
und Kriegsvorbereitungen gewesen und als solche eskomptiert worden. 
‚Nun‘, erwiderte Herr Beit, ‚lassen Sie sich das nicht weiter zu Herzen 
gehen, Fisher ist ein Hitzkopf, hat aber politisch nichts zu sagen und muß 
sich der Regierung fügen. Auch wenn Admirale nach Tisch Reden halten, 
nehmen Sie das nicht zu ernst, wie z. B. mit der lächerlichen Drohung der 
Landung von 100000 bei Ihnen, das ist ja Unsinn und zu dumm!‘ Ich er- 
klärte darauf, das sei gar kein Unsinn, sondern bei dem kolossalen numeri- 
schen Übergewicht der englischen Flotte gut ausführbar, und zwar in 
Dänemark, da, wo die britische Flotte in diesem Sommer rekognosziert 
hätte. ‚So?‘ sagte Herr Beit. ‚Das ist möglich? Ja, aber wenn sie an Land 
gekommen sind, dann schlagen Sie sie alle tot!‘ Darauf erwiderte Ich:
        <pb n="232" />
        DER CASUS FOEDERIS 195 
‚Das ist wieder etwas ganz anderes, und das ist lediglich unsere Sache!‘ 
Er wollte vor Lachen platzen. ‚Nun‘ — so schieden wir — ‚machen Sie, 
daß Sie mit den Franzosen ins reine kommen über Marokko, so werden Sie 
mit England keine Schwierigkeiten mehr haben. Ich werde für die nötige 
Aufklärung in London sorgen.‘ ‚Nehmen Sie nur unsere Hauptgegner aufs 
Korn dort‘, sagte Ich, ‚nämlich Herrn Moberly-Bell und Mr. Harmsworth, 
den H.M. jetzt zum Lord macht!‘ ‚Ja‘, sagte Beit, ‚und noch einen, der 
schr übel ist, das ist Mr. Saunders, Times-Korrespondent in Berlin; der 
hat jetzt eben vor kurzem nach London telegraphiert, daß er aus sicherer, 
einwandfreier Quelle wisse, daß binnen zwei Monaten — also Ende 
Februar — der Krieg erklärt werden solle von hier!!! ‚That is a 
fat lie and a good one.‘ Die Konversation mit Herrn Beit hat Material 
zutage gefördert, das sehr wichtig ist. Einmal, daß in der Marokkosache 
England und Frankreich wie zwei Verbündete handeln werden. Daß Fisher 
brennend gern die Gelegenheit benutzen möchte, unsere See- und Handels- 
marine bei dieser Gelegenheit zu vernichten. Daß zu diesem Zweck die 
fremde Pariser Presse mit englischem Privatkapital auf das schärfste 
bearbeitet wird, um die Gallier möglichst mutig zu machen und dazu zu 
bringen, uns zu provozieren, um den Casus foederis zu haben. Daß es ganz 
richtig von unserem Admiralstabschef geurteilt und gesehen war, als die 
im vorigen November 1904 begonnenen Marineveränderungen für Kriegs- 
vorbereitungen und nicht bloß gewöhnliche Dislokationen angesehen wur- 
den. Daß die Berichte über die Stimmung in Paris vollkommen richtig 
sind, die Gallier zum Kampf entschlossen, wenn auch schweren Herzens 
so doch geschlossen und fest geschart hinter ihrer Regierung stehen und 
tatsächlich eine Menge Kriegsvorbereitungen gemacht haben und noch 
machen, wodurch sie eine Überraschung ausschließen und den Ein- 
fall bedeutend erschweren werden. Daß der von Saunders nach London 
telegraphierte, wenn auch fingierte Termin in London und Paris als echt 
angenommen wird, das geht daraus hervor, daß England einen Beobach- 
tungskreuzer nach Kiel schickt, um zu sehen, ob wir schon in der heimlichen 
Mobilmach itung sind, und die Gallier jetzt noch einen Kreuzer 
nach Kopenhagen schicken, um zu beobachten, ob in Dänemark Abwehr- 
maßregeln von dort oder von uns vorbereitet werden. Damit stimmt ferner 
überein die Neuformation — soeben beendet — des englischen Nordsee- 
(Eastern Squadron) Geschwaders — 6 Linienschiffe, 5 Kreuzer — und die 
zu Anfang Februar befohlene Konzentration der gesamten englischen 
Seestreitkräfte — 33 Linienschiffe, 25 Panzerkreuzer — an der portu- 
giesischen Küste. Id est: 1. Kanalflotte mit 11 Linienschiffen und einer 
Kreuzerdivision, 2. Atlantic-Flotte mit 8 Linienschiffen und einer Kreuzer- 
division, 3. Nordsee-Geschwader mit 6 Linienschiffen und einer 
13*
        <pb n="233" />
        196 DIE ANGST DER FRANZÖSISCHEN SCHWIEGERMÜTTER 
Kreuzerdivision, 4. Mittelmeerflotte, 8 Linienschiffe und eine Kreuzer- 
division. Dieser Termin (Februar) ist Mir auch von anderer Seite bestätigt 
worden, durch den Oberhofmeister Ihrer Majestät, Mirbach, der jetzt einen 
Monat mit seiner belgischen Frau in Belgien zubrachte. Zu dem sind über 
ein Dutzend in Tränen aufgelöste Schwiegermütter französischer Reserve- 
offiziere aus den Verwandten- und Bekanntenkreisen seiner Frau gekom- 
men, um zu hören, ob er es wüßte, ob es wahr sei, daß in zwei Monaten der 
Krieg ausbreche. Als er sich darüber totlachte, wurden die Damen ganz 
ärgerlich und erzählten ihm, daß sie von ihren Schwiegersöhnen die Mit- 
teilungen erhalten hätten, letztere seien alle angewiesen, sich bereit zu 
halten, zum Februar einzurücken, da Deutschland dann den Krieg erklären 
werde. Sie hätten auch alle ihre Testamente geschrieben! Mirbach hat die 
Damen dann ernstlich vermahnt, nicht solchen Blech zu glauben, und sie 
ermächtigt, nach Paris zu schreiben, das sei alles Unsinn und Lüge. Das 
haben die Drachen aufatmend umgehend getan. Daß ferner nur die Zu- 
sammenwirkung mit Frankreich in der Marokko-Frage in London zum 
Kriege führt, sonst aber ohnedem, weil dann Frankreich nicht direkt 
beteiligt, England nicht mit uns Krieg haben will, der großen Kreisen des 
Volkes unsympathisch ist. Daß H.M. E. VII. auch friedlicher geworden ist 
und keinen Krieg an sich mehr will. Daß Herr Beit eine Rekognoszierung 
hierber über Paris unternommen hat, um zu dementieren und orientiert zu 
werden. Daß er wohl nach allen Seiten hin beruhigend und kalmierend 
wirken wird. Daß Mr. Saunders ein Erzschweinehund erster Klasse ist! 
Daß — was das Allerwichtigste ist — tatsächlich England an Frank- 
reich ein Angebot mit Waffenunterstützung gemacht hat — 
Herr Beit hat das ohne Umschweife zugegeben, nur etwas eingeschränkt — 
und auch jetzt noch die Unterstützung aufrechterhält! Also hat Lans- 
downe Metternich angelogen, was wir ja gleich vorausgesetzt hatten, des- 
wegen konnte er auch nicht Dementi erlassen. Daß die Berichte unserer 
Herren in Paris richtig und ihre Beobachtungen genau und korrekt sind, 
i.e. daß die Gallier keine Angst mehr vor uns haben wie im Frühjahr, geht 
außerdem noch aus ihrer gesamten Militärliteratur hervor. Aus einer wei- 
teren Andeutung Beits nehme ich an, daß die nächste konservative Re- 
gierung unter Chamberlains Ägide die Schutzzollpolitik einführen wird, für 
die Herr Beit auch sehr eingenommen zu sein scheint. Mit besten Grüßen 
Ihr Wilhelm I. R.“
        <pb n="234" />
        XII KAPITEL 
Aufgeregter Brief Wilhelms II. vom Silvesterabend 1905 » Seine Furcht vor Krieg 
Die Konferenz von Algeciras - Herr von Radowitz und Graf Tattenbach » Graf Metter- 
nich über die Lage von Algeciras - Die Neuwahlen in England Januar 1906 - Niederlage 
der Unionisten, ihre Bedeutung für die Entspannung in den deutsch-englischen Be- 
ziehungen » Weitere Nachrichten aus St. Petereburg « Graf Udo Stolberg zur Marokko- 
Politik « Rede Wilhelms II. bei der Paroleausgube (l. Januar 1906) » Großherzog 
Friedrich von Baden an Wilhelm II. - Bülows Unterredung mit dem Kaiser 
D; Widersprüche, das Sprunghafte im Wesen Wilbelms II. kamen nicht 
nur in seinen Reden und Gesprächen, sondern auch in seiner Korre- 
spondenz zum Ausdruck. In seinem Vorwort zu meinen Denkwürdigkeiten 
wird der Herr Herausgeber feststellen, daß ich nur wenige eigenhändige 
Briefe Wilbelms II. besitze, da ich nach meinem Rücktritt unaufgefordert 
alles, was der Kaiser an mich geschrieben hatte (Briefe, Telegramme, lose 
Zettel) dem Chef des Geheimen Zivilkabinetts, Herrn von Valentini, aus 
freien Stücken zurückgegeben hatte. Vom Inhalt nur weniger Piecen habe 
ich mir seinerzeit als Gedächtnisstütze Aufzeichnungen gemacht. Andere 
sind zufällig unter meinen Papieren geblieben. Unter ihnen befindet sich 
der Brief, den Wilhelm II. vierundzwanzig Stunden nach seiner Unter- 
redung mit Beit am Silvesterabend 1905 an mich richtete. Jeder unpartei- 
ische Leser wird zugeben, daß der Kaiser, von einigen etwas forcierten 
Ausdrücken abgesehen, diese Unterredung nicht nur mit glänzender 
Schlagfertigkeit, sondern auch geschickt und verständig, daß er sie vor 
allem mit Würde geführt hatte. Aber leider wechselten bei Wilhelm II. 
die Stimmungen rascher als das Wetter im April oder die Farbe des 
Chamäleons. Es hat wenige Monarchen gegeben, die so notwendig wie er 
einen kaltblütigen, vorsichtigen, vor allem einen mutigen Berater 
brauchten. 
In dem erwähnten Silvesterbrief schrieb mir derselbe hohe Herr, der in 
der Unterredung mit Beit so gut abgeschnitten und in seinem Bericht 
darüber sich als Mann von Common sense gezeigt hatte, er habe beim 
Jahresschluß sich die Weltlage durch den Kopf gehen lassen unter dem 
wiederangezündeten Tannenbaum. Er wolle keinen Krieg, bevor wir nicht 
ein festes Bündnis mit der Türkei geschlossen hätten. Eine Allianz mit dem 
Silvesterbrief 
Wilhelms II.
        <pb n="235" />
        198 SOZIALISTEN ABSCHIESSEN — KRIEG NACH AUSSEN! 
Sultan müsse coüte que coüte erreicht werden, ebenso mit „allen arabischen 
und maurischen Herrschern‘“. Bevor ein solches Bündnis mit dem Islam 
nicht perfekt wäre, dürften wir nicht losgehen. Allein könnten wir über- 
haupt nicht gegen England und Frankreich Krieg führen, wenigstens nicht 
zur See. Die letzteren vier. Worte hatte Seine Majestät dick unterstrichen. 
Übrigens sei das Jahr 1906 zum Kriegführen besonders ungünstig, weil 
wir gerade in der Neubewaflnung unserer Artillerie begriffen wären, die 
mindestens ein Jahr in Anspruch nehmen würde. Auch die Infanterie sei 
in der Neubewaffnung begriffen, bei Metz wären viele unvollendete Forts 
und Batterien. Die Hauptsache aber wäre, daß wir wegen unserer Sozia- 
listen keinen Mann aus dem Lande nehmen könnten ohne äußerste Gefahr 
für Leben und Besitz der Bürger. „Erst die Sozialisten abschießen, köpfen 
und unschädlich machen, wenn nötig per Blutbad, und dann Krieg nach 
außen. Aber nicht vorher und nicht a tempo!“ Der Kaiser forderte mich in 
diesem Brief schließlich auf, die auswärtige Politik so zu führen, daß uns 
„so weit als irgendmöglich und jedenfalls für jetzt‘ die Kriegsentschei- 
dung erspart würde. Es dürfe aber nicht aussehen „wie ein Faschoda“. 
Aus jeder Zeile dieses Briefes sprach die Angst des Kaisers vor Kricg. Allein 
dieser Brief widerlegt die von unseren Feinden im Weltkrieg und auch nach 
dem Weltkrieg vorbereitete Lüge, daß Wilhelm II. den Krieg absichtlich 
herbeigeführt hätte. Er war beinahe zu friedfertig, insofern er seine Scheu 
vor jedem ernstlichen Konflikt für schärfer blickende Beobachter allzu 
deutlich durchschimmern ließ, und das bisweilen unmittelbar nachdem er 
fremde Völker und Potentaten, die öffentliche Meinung in allen Ländern 
durch Großsprechereien gereizt oder durch taktlose Entgleisungen vor den 
Kopf gestoßen hatte. Als mich der Kaiser bei der Neujahrscour von 1906 
mit besorgter Miene frug, was ich zu seinem Silvesterbrief meine, entgegnete 
ich ihm: Ich hätte seinerzeit lebhaft bedauert, daß er der schönen Feier 
ferngeblieben wäre, dieam 9. Mai, dem hundertjährigen Todestag Schillers, in 
Berlin stattgefunden habe. Bei dieser Feier wäre nach einer erhebenden Rede 
von Erich Schmidt das Reiterlied aus Wallensteins Lager gesungen worden: 
Und setzet ihr nicht das Leben ein, 
Nie wird euch das Leben gewonnen sein. 
Wenn wir uns erfüllten mit dem Schillerschen Geist, der recht eigentlich 
der deutsche Geist, der idealistische deutsche Geist wäre, und wenn wir 
uns dabei mit dem in der Politik gebotenen Sinn für Realitäten vor Fall- 
stricken und Fallgruben unserer Gegner hüteten, wäre kein Anlaß zum 
Verzagen oder gar zum Verzweifeln. Gewiß wollten wir nicht ä la Vogel 
Strauß den Kopf in den Sand stecken, aber wir brauchten auch nicht den 
Kopf zu senken, und vor allem dürften wir nicht den Kopf verlieren.
        <pb n="236" />
        ALGECIRAS 199 
Am 16. Januar 1906 wurde die Marokko-Konferenz in Algeciras er- 
öffnet, ciner in der Provinz Cadiz, nicht weit von Gibraltar, gegenüber von 
Ceuta gelegenen kleinen spanischen Hafenstadt. Hier hatte 105 Jahre früher 
eine französisch-spanische Flotte die Engländer besiegt, einige Tage später 
hatten die letzteren eine eklatante Revanche genommen. Jetzt traten hier 
die beiden Westmächte eng verbunden auf, und Spanien bemühte sich um 
eine Verständigung zwischen ihnen und uns. Vertreten waren auf der 
Konferenz außer Deutschland, Frankreich, England, Rußland, Italien, 
Österreich-Ungarn und Spanien die Vereinigten Staaten, die Niederlande, 
Schweden, Belgien, Portugal und natürlich auch der Maghreb el Aksa, das 
Reich des Scherifse, Marokko. Ich war mir, als wir nach Algeciras gingen, 
nicht im Zweifel darüber, daß wir dort diplomatisch einen harten Stand 
haben würden. Rußland war seit fünfzehn Jahren der Verbündete von 
Frankreich, England durch den Vertrag vom 8. April 1904 in der Marokko- 
Frage an Frankreich gebunden. Italien befand sich, wie sein Minister des 
Äußern, der Marquis Guicciardini, im Italienischen Senat ausführte, in 
einer besonders delikaten Lage, denn die Konferenz solle eine Streitfrage 
regeln zwischen einer Macht, mit der Italien verbündet wäre, und einer 
anderen Macht, mit der es vor Jahren ein Sonderabkommen über die das 
Mittelmeer betreffenden afrikanischen Fragen abgeschlossen habe. Schon 
im Mai 1905 hatte der damalige italienische Minister des Äußern, Tittoni, 
in der Italienischen Kammer erklärt, daß sich Italien in Tripolis von allen 
Mächten gewisse Vorrechte habe garantieren lassen. Italien beabsichtige, 
sich dieser Vorzugsrechte durch eine Besetzung von Tripolis jedoch nur 
dann zu bedienen, wenn die Umstände dies ganz unerläßlich machen sollten. 
An die tatsächliche Besetzung von Tripolis dürfe Italien nicht denken, so- 
lange es mit der Türkei in freundschaftlichen Beziehungen stehe, da es 
durch ein solches Vorgehen diejenigen ermutigen würde, die das Ende der 
Türkei beschleunigen wollten, deren Integrität eine der Grundlagen der 
auswärtigen Politik Italiens bilde. Diese Erklärung des Herrn Tittoni hatte 
die Zustimmung der ganzen Kammer gefunden. In der Tat hat sich Italien 
zu einem Vorgehen in Tripolis erst 1911 entschlossen, als kein Zweifel mehr 
darüber bestehen konnte, daß Deutschland durch den zwischen Kiderlen 
und Jules Cambon abgeschlossenen Kongo-Vertrag Marokko völlig den 
Franzosen preisgegeben hatte. In Algeciras war 1906 von Italien nach Lage 
der Dinge eine vorsichtig lavierende und ausgleichende Haltung zu erwarten, 
die es mit keinem der Streitenden ganz verdarb, eine Taktik, die übrigens 
den bewährten Traditionen der italienischen Diplomatie entsprach, die 
sich immer durch die Gabe ausgezeichnet hat, sich möglichst jeder Lage 
anzupassen und sich immer eine Tür offenzulassen. Diese Taktik hat es 
später der Kurie ermöglicht, das Gewitter des Weltkriegs ohne Schädigung 
Eröffnung 
der Marokko- 
Konferenz
        <pb n="237" />
        Die deutschen 
Vertreter : 
Radowitz und 
Toattenbach 
200 RADOWITZ 
zu überstehen, dem italienischen Nationalstaat aber geholfen, in seinem 
hundertjährigen Werdegang auch Rückschläge und Mißerfolge zu über- 
winden, um schließlich alle Aspirationen der italienischen Patrioten von 
Azeglio Gioberti und Mazzini bis zu Cavour, Crispi und Giolitti restlos zu 
verwirklichen. 
Wenn ich mir über die uns in Algeciras erwartenden erheblichen 
Schwierigkeiten keine Illusionen machte, so wußte ich erst recht, daß die 
deutsche öffentliche Meinung in ihrer von Gefühlsmomenten inspirierten, 
zwischen dröhnenden Welteroberungsphrasen und weltfremden pazifisti- 
schen Sentimentalitäten hin und her schwankenden, meist kindlich-naiven 
Betrachtungsweise auch mit einem relativ günstigen Ergebnis der Konferenz 
unzufrieden sein würde. Wenn ich trotzdem nach Algeciras ging, 50 war es, 
weil es mir nützlich erschien, den Beweis zu erbringen, daß auch eine sehr 
schwierige, recht verwickelte, ernste und gefährliche Differenz, wie es der 
Streit um Marokko zweifellos war, sich in friedlicher Beratung, ohne 
Krieg, am Konferenztisch beilegen ließe. Hätten nicht neun Jahre später, 
im Unglückssommer 1914, die diplomatischen Leiter aller Großmächte den 
Kopf verloren, die deutschen, Gott sei es geklagt, noch mehr als die anderen, 
und wäre in der zweiten Julihälfte 1914 eine Konferenz der Großmächte zur 
Schlichtung des serbisch-österreichischen Konflikts zusammengetreten, so 
hätte sich die entsetzlichste Katastrophe vermeiden lassen, welche die Welt 
seit Jahrhunderten sah. 
Auf Vorschlag des deutschen Delegierten wählte die Konferenz von 
Algeciras den spanischen Vertreter, den Herzog Almodovar, zum Vor- 
sitzenden. Als unsere Vertreter hatte ich Seiner Majestät unseren Bot- 
schafter in Madrid, Herrn von Radowitz, und unseren Gesandten in 
Marokko, den Grafen Tattenbach, vorgeschlagen. Radowitz gehörte zu 
denjenigen Staatsmännern, von denen Thiers zu sagen pflegte, daß sie eine 
große Zukunft hinter sich hätten. Als er dreißig Jahre alt war, sah man in 
dem glänzend begabten, schnell und gut redigierenden, viel und geistreich 
sprechenden, in jeder Richtung brillanten Diplomaten den „rising man of 
Germany“, den kommenden Mann. Von meinem Vater schr geschätzt, 
wurde Radowitz vielleicht gerade deshalb von Holstein angefeindet. 
Während des Berliner Kongresses, dessen Sekretariat Radowitz vorstand, 
wurde er von Holstein beim Fürsten Bismarck angeschwärzt. Er gehört in 
die lange Reihe der Opfer Holsteinschen Mißtrauens und Holsteinscher 
Verfolgungsmanie. Schließlich war Radowitz doch noch in verhältnismäßig 
jungen Jahren, 1882, Botschafter in Konstantinopel geworden. Aber sein 
früher Nimbus war schon verblaßt, und eine der bedeutendsten Frauen, 
denen ich begegnet bin, Cosima Wagner, meinte damals von ihm, als er sie 
in Bayreuth besucht hatte: „I n’a pas assez d’esprit pour celui qu’il veut
        <pb n="238" />
        FRIEDRICH WILHELM IV. WEINT TRÄNEN 201 
faire.‘“ Immerhin blieb er ein Mann von Geist und wußte interessant aus 
dem Leben seines Vaters zu berichten. So erzählte er gern als Beitrag zur 
Psychologie der Fürsten, wie sich Friedrich Wilhelm IV. von seinem liebsten 
Freunde trennte. Als dieser im November 1850, wenige Tage vor der Ol- 
mützer Konvention, seinen Vortrag als Minister des Äußeren beendigt 
hätte, habe der König ihn in seine Arme geschlossen und ihm unter Tränen 
versichert, daß nichts auf der Welt sie voneinander scheiden könne und 
werde. Er begleitete seinen Günstling noch bis ins Vorzimmer und sah ihm 
nach, bis er die Schloßtreppe hinabstieg. Zu Hause angekommen, habe der 
Minister ein Schreiben des Königs vorgefunden, etwa folgenden Inhalts: 
Als Seine Majestät den Minister soeben in seine Arme geschlossen hätte, 
wären seine Tränen um so reichlicher geflossen, als er gewußt hätte, daß 
er ihn nicht so bald wiedersehen würde. Er müsse der Staatsräson das 
schmerzliche Opfer bringen, sich von seinem teuersten Freund zu trennen. 
Dem gefallenen Minister wurde eine Sinekure in Erfurt übertragen mit 
der Weisung, diesen Ort nur mit spezieller Erlaubnis Seiner Majestät zu 
verlassen. Der Gestürzte überlebte seinen Fall nur um zwei Jahre. Der 
Sohn war nach zehnjähriger verdienstvoller Tätigkeit am Goldenen Horn 
auf Betreiben Holsteins in Madrid kaltgestellt worden. Mir war es eine 
Freude, ihm am Ende seiner politischen Laufbahn, nach vielen ihm wider- 
fabrenen Enttäuschungen die Genugtuung zu verschaffen, in den Vorder- 
grund der politischen Bühne zu treten. 
Über die europäische Konstellation und speziell über die Lage der Dinge 
in England im Augenblick, wo die Konferenz von Algeciras begann, hatte 
mir Metternich einen interessanten Brief geschrieben. Es war ihm 
gelungen, im Sommer 1905 mit angesehenen Führern der englischen 
Liberalen die gemeingefährliche Deutschenhetze in England zu be- 
sprechen und sie auf die Gefahr dieser Agitation aufmerksam zu 
machen. Einer der angesehbensten Führer der Liberalen, der leider bald 
nachher durch einen Schlaganfall der politischen Arena entrückte 
Lord Spencer, hatte daraufhin öffentlich in eindringlicher Weise zur 
Versöhnlichkeit gemahnt. Die englische Presse, besonders die liberale, 
hatte einen ruhigeren, zum Teil sogar freundlichen Ton gegenüber 
Deutschland angeschlagen. Auch eine Anzahl Novembernummern ver- 
schiedener Revuen hatten verständige Artikel über die deutsch-englischen 
Beziehungen gebracht. Metternich fuhr fort: „Aus allem gebt hervor, daß 
man hier Einsicht nimmt und an eine Umkehr denkt. Leider sind die Matin- 
Enthüllungen dazwischengefahren und haben das deutsche Volk, wie das 
nicht anders sein konnte, mit Erbitterung gegen England erfüllt. Ich mache 
nicht zum ersten Male, seitdem ich England kenne, die Beobachtung, daß, 
wenn Neigung in Deutschland zur Annäherung an England hervortritt, sie 
Brief 
Moetternichs 
an Bülow
        <pb n="239" />
        202 MR. HALDANE FÜR ENGLISCH-DEUTSCHE VERSTÄNDIGUNG 
in England nicht erwidert wird und umgekehrt. Die Instrumente werden 
nicht auf beiden Seiten zu gleicher Zeit gestimmt, und die Harmonie auf 
der einen wird mit einer Dissonanz auf der anderen beantwortet. England 
und Deutschland haben nicht den gleichen Resonanzboden. Wie es aber 
auch sein mag, ich weiß, Sie sind mit mir der Ansicht, daß ich die versöhn- 
liche Stimmung unterstützen soll. Ich möchte nun Ihre besondere Aufmerk- 
samkeit auf eine kürzlich stattgehabte Unterredung mit Mr. Haldane 
lenken, da sie von weittragender Bedeutung für unser Verhältnis zu Eng- 
land und zum Ausgangspunkt einer Ära der Aussöhnung zwischen beiden 
Völkern werden kann. Die maßgebenden Leiter der liberalen Partei, die 
nach allgemeiner Ansicht spätestens im Februar oder März nächsten Jahres 
die Zügel der Regierung ergreifen wird, sind zu diesem Werke gewonnen. 
Mr. Haldane, Mitglied eines früheren liberalen Ministeriums und dazu be- 
stimmt, einen wichtigen Posten in dem kommenden Kabinett einzunehmen, 
genießt großes Ansehen bei beiden Parteien. Er hat deutsche Bildung ge- 
nossen, spricht Deutsch und ist durch und durch deutschfreundlich ge- 
sinnt. Er wird, nach dem hiesigen Ausdruck, zum ‚inner circle of the 
Cabinet‘ gehören. Er ist ein Liberaler der neuen Roseberyschen imperia- 
listischen Richtung, aber ohne jeden Anflug von Chauvinismus. Rosebery, 
Sir Edward Grey, Asquith sind in demselben Fahrwasser und persönliche 
Freunde Haldanes. Er hat sich aber nicht wie Rosebery mit dem radikalen, 
mehr doktrinär angehauchten Flügel der Partei, zu dem Sir Henry Camp- 
bell-Bannerman, Mr. Morley und Mr. Bryce gehören, überworfen, sondern 
übt auch bei ihnen großen Einfluß aus. In auswärtigen Fragen hört der 
Engländer lieber auf Rosebery als auf Bryce. Die Doktrinär-Radikalen 
stehen hier im Geruch des Little-Engländertums, der liberale Imperialist 
dagegen nicht. Ich sagte Mr. Haldane, ich hätte mit Bedauern der Rede 
Sir Edward Greys, dessen Ansichten über auswärtige Fragen bei der libe- 
ralen Partei besonders ins Gewicht fielen, entnommen, daß auch er ein 
besseres Verhältnis zwischen England und Deutschland davon abhängig 
mache, daß wir anstandslos die französische Marokko-Politik hinunter- 
schluckten. Wir hätten den dringenden Wunsch, mit Frankreich in Frieden 
und Freundschaft zu leben, wir ließen aber nicht unsere Rechte und Inter- 
essen mit Füßen treten, auch nicht dann, wenn England, welches ebenso- 
wenig wie Frankreich über Marokko verfügen könne, den Franzosen seine 
Hilfe anbiete. Ich sähe nur darin eine Gefahr für den Frieden, daß Frank- 
reich in dem Glauben an englische Hilfe dahin getrieben werden könne, 
sich über unsere Rechte und Interessen binwegzusetzen. Dies würden wir 
uns nicht gefallen lassen. Es sei möglich, daß wir manche Fehler hätten, 
aber Feiglinge seien wir nicht. Wir hofften und nähmen an, daß durch unser 
Abkommen mit Frankreich über das Konferenzprogramm die Haupt-
        <pb n="240" />
        DIE BEWAFFNETE ENTENTE CORDIALE 203 
schwierigkeiten behoben seien. Ich könne mich aber nicht der Sorge ver- 
schließen, daß die Franzosen, wenn sie von England sich angespornt 
fühlten, weiter gingen, als sie nach Recht und Billigkeit dürften. Leider 
seien die Beziehungen zwischen England und Deutschland infolge der 
jüngsten Enthüllungen und Preßfehden auch nicht gerade besser geworden. 
Man scheine sich hier nicht recht darüber klargeworden zu sein, welchen 
tiefen Eindruck es in Deutschland habe machen müssen, plötzlich zu er- 
fahren, daß England sich bereit erkläre, mit den Franzosen gegen uns zu 
kämpfen, und zwar freiwillig, ohne vorher eingegangene Verpflichtung. Zu 
sehen, daß ein Land, mit dem wir nie in Krieg gewesen wären, mit dem keine 
wichtigen Interessengegensätze beständen, sich ganz kühl dazu bekenne, 
daß es gegen uns kämpfen würde, wenn es mit unserem Erbfeinde zum 
Kriege käme, habe nicht Furcht, aber notwendige Erbitterung im deut- 
schen Volk erwecken müssen. Wenn man nun auch von allem Sensationellen 
und Unwahren der jüngsten Enthüllungen absehe, so bleibe doch die nackte 
Tatsache bestehen, daß sowohl die englische öffentliche Meinung erklärt 
wie auch die englische Regierung zu verstehen gegeben habe, daß bei einem 
deutschen Angriff die Franzosen die bewaffnete Hilfe Englands haben 
würden. Über die Verklausulierungen hinsichtlich des Angriffs mache sich 
wohl niemand eine Illusion, der die hiesige Stimmung kenne. Wenn die 
Franzosen morgen über die deutsche Grenze gingen, so würde es übermorgen 
in ganz England heißen, daß sie durch die herausfordernde Haltung 
Deutschlands dazu gezwungen worden seien. Wenn man hierzu noch das 
ihm, Mr. Haldane, bekannte Verhältnis zwischen König und Kaiser nähme, 
so sei das Bild vollständig. (Mr. Haldane war gerade einige Tage in Bal- 
moral bei König Eduard zu Gast gewesen und weiß genau, wie es zwischen 
den beiden hohen Herren steht.) Ich führe nur dies aus meinen Ausfüh- 
rungen an, um die Antwort Mr. Haldanes verständlich zu machen, über- 
gehe aber der Kürze halber vieles andere und insbesondere alle meine 
Äußerungen, die den englisch-deutschen Gegensatz als unverständig und 
die Preßhetze als gefährlich bezeichneten. Ich malte absichtlich schwarz, 
um meinen Zuhörer zu impressionieren und in ihm den Wunsch nach Ab- 
änderung des vorhandenen Zustandes zu befestigen. Mr. Haldane bemerkte, 
er wisse ganz bestimmt, daß Sir Edward Grey die Aussöhnung mit Deutsch- 
land wünsche. Von konservativer Seite werde versucht, die liberale Partei 
als im Gegensatz zur bisherigen auswärtigen Politik Englands hinzustellen. 
Das gute Einvernehmen mit Amerika, die Entente cordiale und das japa- 
nische Bündnis seien aber Grundsätze der auswärtigen Politik, an denen 
ganz England festzuhalten wünsche. Sir Edward Grey habe daher mehr von 
dem Gesichtspunkte der inneren Politik aus die auswärtige Lage beleuchtet, 
um die Kontinuität der auswärtigen Politik Englands festzustellen und um
        <pb n="241" />
        204 HALDANE ÜBER DIE ENTENTE 
dem konservativen Wahlmanöver der Anschwärzung der liberalen Partei 
in auswärtigen Dingen entgegenzutreten. Von diesem Gesichtspunkte aus 
müsse die Rede betrachtet werden. Sir Edward Grey und die übrigen Leiter 
der liberalen Partei seien aber einig darin, daß gegen die Verhetzung zwi- 
schen England und Deutschland etwas geschehen müsse. Der Enthusiasmus 
für Frankreich sei hier deshalb so groß, weil die Liebe noch jung sei. Mit 
der Zeit werde alles in ruhigere Bahnen gleiten, und wenn, wie er hoffe, 
die Marokko-Konferenz ohne neue ernstliche Reibungen zwischen Deutsch- 
land und Frankreich vorübergegangen und die liberale Regierung in einigen 
Monaten am Ruder sei, so sei der Augenblick für eine Annäherung an 
Deutschland gekommen. Die liberale Partei wünsche zwar die Entente mit 
Frankreich festzuhalten, sie wolle deshalb aber nicht einen Gegensatz zu 
Deutschland schaffen. Er und seine politischen Freunde hätten den Wunsch, 
eine ebensolche Annäherung zwischen England und Deutschland herbeizu- 
führen, wie sie zwischen England und Frankreich gelungen sei. Wenn in 
einigen Monaten die liberale Regierung formiert sei, so werde systematisch 
an dem Werke der Annäherung an Deutschland gearbeitet werden. Auch 
müsse versucht werden, eine Annäherung zwischen den beiden Herrschern 
herbeizuführen. Die Mißstimmung bei König Eduard hänge noch vielfach 
mit Erinnerungen an die Behandlung zusammen, die er als Prinz von Wales 
erfahren habe. Wenn das Werk der Annäherung zwischen den beiden Na- 
tionen gelingen solle, so müsse bei dem großen persönlichen Einfluß der 
beiden Souveräne auf den Gang der Politik auch eine Annäherung zwischen 
ihnen wieder erfolgen. Ich erwiderte Herrn Haldane, daß er und seine Mit- 
arbeiter bei dem Werke der Aussöhnung zwischen beiden Ländern auf meine 
bescheidene Hilfe und auch auf den guten Willen der kaiserlichen Regie- 
rung zählen könnten. Er war über diese Zusicherung sehr erfreut. Die Aus- 
söhnung mit Deutschland steht schon jetzt auf dem Programm der liberalen 
Partei, wie aus vielen Reden und Schriften ihrer Mitglieder ersichtlich ist. 
Die Parteileitung will sich aber vor den Wahlen nicht zu sehr avancieren, 
um nicht der Beschuldigung ausgesetzt zu werden, daß sie die populäre 
Entente cordiale dadurch störe. Sie hat aber die Absicht, sobald sie fest 
im Sattel sitzt, eine Annäherung an Deutschland zu betreiben. Ende 
nächster Woche treffe ich mit zwei oder drei anderen liberalen Partei- 
führern eigens zu dem Zweck zusammen, um die deutsch-englischen Be- 
ziehungen mit ihnen zu besprechen. Ich glaube, daß auch unter der libe- 
ralen Regierung die Entente mit Frankreich den Pivot der englischen 
Politik bilden wird. Es ist aber immerhin schon erfreulich, den guten Willen 
vorzufinden, um die Spannung mit Deutschland zu beseitigen.“ 
Am 6. November 1905 hatte der englische Minister des Äußern Lord 
Lansdowne erklärt, daß die englischen Einvernehmen mit Japan und
        <pb n="242" />
        BALFOUR WEICHT DEN LIBERALEN 205 
Frankreich in keiner Weise eine Entfremdung gegenüber anderen Mächten 
bedeuteten. England halte an der Freundschaft mit Frankreich und Japan 
fest, sei aber gewillt, auch mit anderen Mächten die besten Beziebungen zu 
unterhalten. Einige Tage später hatte der Ministerpräsident Balfour auf 
dem Lordmayorsbankett ausgeführt: „Ich bin so sanguinisch, zu denken, 
daß wir in Zukunft keinen Krieg sehen werden, es sei denn, daß eine Nation 
oder ein Herrscher erstände, die unfähig wären, einen Plan nationaler Ver- 
größerung anders auszuführen als durch Niedertreten der Rechte der Nach- 
baro. Ich habe aber keinen Grund zu der Annahme, daß ein solches Un- 
glück in Europa eintreten wird. Soweit die menschliche Voraussicht geht, 
glaube ich, einen langen Frieden prophezeien zu können.“ Bald nach dieser 
Rede von Mr. Balfour kam ich im Reichstag bei der ersten Beratung des 
Etats auch auf die in England hervortretende Abneigung der öffentlichen 
Meinung gegen uns zu sprechen. Erst in allerletzter Zeit hätten sich An- 
läufe gegen diese bedenkliche Spannung in ernsten englischen Kreisen 
bemerkbar gemacht. Unter dem Beifall des Hauses hatte ich hinzugefügt: 
„Ich begrüße aufrichtig solche günstigeren Zeichen. Ich möchte gern darin 
einen Aufang dafür sehen, daß man zu dem leider unterbrochenen wechsel- 
seitigen Verständnis zweier großer Völker von gleichartiger Kultur zu- 
rückkehren will.‘“* 
Am 4. Dezember 1905 hatte das Ministerium Balfour seine Demission 
eingereicht. Am 10. Dezember war das neue liberale Kabinett gebildet 
worden mit Sir Henry Campbell-Bannerman als Premierminister, 
Asquith als Schatzkanzler, Sir Edward Grey als Minister des Äußern, 
Haldane als Kriegsminister, Lord Tweedmouth für die Admiralität, 
Lloyd George für das Handelsamt, John Burns von der Arbeiter- 
partei für die Lokalverwaltung, Bryce für Irland. Der Earl of Crewe, der 
Schwiegersohn des Earl of Rosebery, wurde Lord-Präsident des Geheimen 
Rates, der Marques of Ripon Lord-Geheimsiegelbewahrer. Mit dem Gefühl 
für die Notwendigkeit einer stetigen auswärtigen Politik, das alle englischen 
Parteien auszeichnet, hatte der neue Ministerpräsident Campbell-Bannerman 
am 21. Dezember 1905 in seiner Programmrede ausgeführt, daß das ganze 
englische Volk an dem von Lord Lansdowne „so weise‘ abgeschlossenen 
Abkommen mit der französischen Regierung festhalte, aber hinzugefügt: 
„Was Deutschland anbelangt, so sehe ich nicht die geringste Veranlassung 
zur Entfremdung in irgendeinem Interesse der beiden Völker, und wir heißen 
die inoffiziellen F dschaftsd trationen, die in der letzten Zeit 
zwischen den beiden Ländern ausgetauscht wurden, willkommen.“ Im 
Januar 1906 fanden die englischen Neuwahlen statt, die zu einer gewaltigen 
  
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, 250 f.; Kleine Ausgabe IV, 30 ff. 
Das Kobinett 
Campbell- 
Bannerman
        <pb n="243" />
        Die Nervosität 
dauert an 
206 NIE KRIEG UM MAROKKO 
Niederlage der Unionisten führten, das heißt der Partei, die recht eigentlich 
den englischen Chauvinismus und die aus diesem Chauvinismus hervor- 
gehende Abneigung gegen Deutschland verkörperte. Der frühere Minister- 
präsident Balfour selbst wurde im ersten Wahlgang nicht gewählt und 
kam nur durch eine Nachwahl wieder in das Parlament, in dem 400 Liberalen 
mit 29 Mitgliedern der Arbeiterpartei und 83 Iren nur 159 Unionisten 
gegenüberstanden. Die Ursachen der deutsch-englischen Entfremdung 
lagen zu tief, sie waren auch in der Natur der Dinge zu sehr begründet, 
als daß ein Kabinettswechsel sie hätte beseitigen können. 
Immerhin bedeutete der in England eingetretene Regierungswechsel 
eine erhebliche Erleichterung für unsere Politik und eine Gewähr für 
die Aufrechterhaltung des Friedens. Ernst lautete ein Brief, den ich aue 
St. Petersburg von einer klugen russischen Freundin über die Lage der 
Dinge in Rußland erhielt und in dem es hieß: „Lors de ma dernitre visite 
a Berlin, vous m’avez peut-ötre trouvee tres pessimiste pour tout ce qui 
se passe chez nous, hölas mes points de vue Etaient d’un rose tendre en 
comparaison du noir que l’on broie ici. J’ai tort de dire noir, c’est rouge 
qu’il faut dire, car l’horizon est rouge du sang des assassinats, de la re&amp;- 
pression et des incendies. Quel chaos dans les idees! J’ai passe deux jours 
ä la Douma et, quoique j’aie vu plus d’une seance orageuse ä Paris, Londres 
et Berlin, tout cela est päle en comparaison de ce qui s’est pass&amp;iciilya 
quelques jours. Vous avez lu les discours de ces forcen&amp;s, mais ce que vous 
n’avez pas pu voir ce sont des poings tendus avec des gestes insolents vers 
les ministres qui avaient l’air d’etre non seulement des accuses mais des 
condamnes, des regards langant la haine, des tötes de forgats. Si comme 
moi vous aviez entendu les applaudissements frenetiques qui saluaient 
l’apparition de ces quart-d’intellectuels, vous vous seriez dit que la revolu- 
tion est la et que peut-ätre elle nous balayera tous. Quand je pense 
qu’il y a un an et demi a peine ces murs du palais de la Tauride &amp;taient 
couverts de splendides portraits du XVIlli&amp;me sitcle qu’une foule 
elegante venait admirer, il me semble que ces images du grand rögne de 
Catherine avaient eteE Evoquees expr&amp;s pour faire ressortir encore davan- 
tage le contraste avec toute cette canaille haineuse, crachant sur les 
beaux meubles Louis XVI et n’ayant en fait d’opinion politique q’une 
seule idee, la terre d’autrui.‘“ Die Umwälzung, die zwölf Jahre später 
über das russische Reich hereinbrechen sollte, warf für den schärfer 
Blickenden ihre Schatten voraus. 
Ich habe nie die Absicht gehabt, es anläßlich des Marokko-Streits zu 
einem Kriege kommen zu lassen, weder vor noch während der Konferenz 
von Algeeiras. Unverrückbar war meine Überzeugung, daß nach der Ge- 
samtlage der Weltverhältnisse jeder ernstliche europäische Konflikt aller
        <pb n="244" />
        EIN FOYERGESPRÄCH 207 
Wahrscheinlichkeit nach zu einem Weltkriege führen würde. Ebenso fest 
stand für mich, daß die Aufrechterhaltung eines würdigen Friedens in der 
Gegenwart und für die Zukunft nicht nur im deutschen Interesse läge, 
sondern eine Lebensfrage für unser Volk wäre. Kaiser Wilhelm teilte sach- 
lich durchaus diese meine Auffassung, erschwerte mir aber meine Aufgabe 
bald durch unvorsichtiges Reden und Agieren auf der Weltbühne, dann 
wieder, indem er, wie ich schon einmal sagte, bei Krisen in der auswärtigen 
Politik seine Kriegsfurcht gar zu offenherzig an den Tag legte. Aus Paris 
hörte ich durch einen dortigen Agent de change deutschen Ursprungs, 
von dem ich bisweilen gute Nachrichten erhielt, daß König Eduard nach 
wie vor allen Franzosen gegenüber in allen Tönen über seinen kaiserlichen 
Neffen schimpfe und insbesondere immer wiederhole: „Croyez-moi, dans 
l’affaire marocaine il ne bougera pas. Il rentrera dans son coin.““ Auch in 
deutschen parlamentarischen. Kreisen wurde die Lage zum Teil mit unbe- 
gründeter Besorgnis betrachtet. Es berührt eigentümlich, daß dieselben 
Parlamentarier und dieselbe deutsche öffentliche Meinung, die während der 
Algeciras-Konferenz, ebenso vier Jahre später während der bosnischen 
Krisis mit übertriebener Nervosität den Krieg für unvermeidlich hielten, 
im Sommer 1914 nicht sahen und nicht erkannten, daß der Kriegswolf 
wirklich vor der Tür stand. 
Zur Illustrierung des hyperkritischen Geistes, der in Deutschland in 
weiten und ernsten Kreisen an die Konferenz von Algeciras gewendet 
wurde, möge die nachstehende kleine Episode dienen. Mein Pressechef, 
Geheimrat Dr. Hammann, der in der Behandlung der öffentlichen 
Meinung und ihrer journalistischen Vertreter nicht immer geschickt, 
bisweilen geschmacklos war, aber überall horchte und herumschnüffelte 
und einen guten Detektiv abgegeben haben würde, meldete mir: „Foyer- 
gespräch. Graf Udo Stolberg: ‚Mir wird unsere Marokkopolitik immer 
unverständlicher. Es wäre doch unerhört, wenn wir wegen der Jesuiten 
einen Krieg mit Frankreich führen sollten!‘ — ‚Wieso?‘ — ‚Na, das ist 
doch klar. Wir sollen für den Papst Rache an der antiklerikalen französi- 
schen Republik nehmen.‘ — ‚Ernst oder Spaß?‘ — ‚Voller Ernst. Sieht 
man doch jeden Sonntag die Fürstin Bülow mit dem Prinzen Arenberg 
zur Messe gehen.‘ — Moral: Was soll man von parteiverrannten Zeitungs- 
schreibern erwarten, wenn ehemalige Oberpräsidenten im Auswärtigen 
solche Kinder sind?“ — So weit Dr. Hammann. Graf Udo Stolberg, 
früher Oberpräsident in Königsberg, einer der Führer der Konserva- 
tiven, ein persönlicher Freund von mir, war im übrigen ein ganz ver- 
ständiger Mann. 
Am Abend des Neujahrstages 1906 hatte sich in Berlin das Gerücht ver- 
breitet, der Kaiser habe bei Gelegenheit der Ausgabe der großen Parole
        <pb n="245" />
        208 KAISERLICHE NEUJAHRSREDE IM ZEUGCHAUS 
im Lichthof des Zeughauses an die versammelten Offiziere eine aufgeregte 
Rede gehalten, in der er sich über die europäische Lage sehr pessimistisch 
geäußert hätte. Die Börse quittierte diese Nachricht mit einer Baisse. Aus 
der Umgebung Seiner Majestät wurde mir vertraulich gemeldet, daß der 
Kaiser, anknüpfend an die hundertjährige Erinnerung des Jahres 1806, 
unter anderem ausgeführt hätte: Er habe einen trefflichen Reichskanzler, 
den er schätze und liebe, der aber den Wagen bisweilen zu nah am Graben 
fahre. Als ich mich in unbefangenem Tone beim Kaiser erkundigte, was er 
im Zeughaus gesagt hätte, übersandte er mir den Text seiner Rede, die wohl 
nachträglich von ihm etwas zurechtgestutzt worden war, aber jedenfalls 
nichts Bedenkliches enthielt. Sie war im Stil der meisten kaiserlichen Kund- 
gebungen gehalten. Das Wort „oberster Kriegsherr‘‘ kam fünfmal vor. 
Als Zweck der Ausbildung des Heeres wurde bezeichnet, daß die Armee das 
„unüberwindliche Werkzeug Seiner Majestät‘‘ sein müsse. Alle Anstren- 
gungen des Offizierkorps wären darauf zu richten, „das Heer perfekt für 
seinen König zu machen“, dessen Lob und Zufriedenheit der schönste Lohn 
für die Armee wäre. 
Die Aufforderung, zur alten preußischen Sparsamkeit zurückzukehren, 
den Luxus zu fliehen, altbewährte Einfachheit der Sitten unserer 
Väter wieder einzuführen, sich selbst zu überwinden, war durchaus 
berechtigt, nur hätte der Kaiser selbst in dieser Richtung mit gutem Bei- 
spiel vorangehen sollen, wovon leider nicht viel zu merken war. Die Mah- 
nung, daß der Offizier nicht nur für seinen Kriegsherrn sterben müsse, son- 
dern auch ein anderes Leben zu führen habe „als der gewöhnliche Sterb- 
liche“, daß der ÖOffiziersstand „in seiner Abgeschlossenheit‘“ strengeren 
Anschauungen huldigen müsse als der Bürger, entsprach einer schönen 
und bewährten preußischen Tradition, wurde aber von Wilhelm II. nach 
außen schärfer und lauter akzentuiert als von Friedrich dem Großen oder 
Wilhelm I. 
Es freute mich, dem Kaiser, der dem Gang der Beratungen und Verhand- 
lungen in Algeciras mit übertriebener Besorgnis entgegensah, bald nach der 
Eröffnung der Konferenz schreiben zu können, daß der aus London zurück- 
gekehrte englische Botschafter Lascelles mir vertraulich die Überzeugung 
ausgedrückt habe, eine Besserung der deutsch-englischen Beziehungen 
wäre unter der neuen liberalen englischen Regierung nach Abwicklung der 
Marokko-Frage nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Sei die Marokko- 
Frage erst einmal erledigt und damit eine Detente in den deutsch-französi- 
schen Beziehungen eingetreten, so würde die neue englische Regierung in der 
Öffentlichkeit uns gegenüber freundlichere Saiten aufziehen. Ein liberales 
englisches Ministerium, namentlich wenn es von einer starken parlamenta- 
rischen Mehrheit getragen werde, könne uns gegenüber eine andere Politik
        <pb n="246" />
        WILHELM II. IN UNRUHE 209 
machen als Lansdowne-Chamberlain-Balfour in den letzten Jahren. Ich 
fügte in meinem Brief an den Kaiser hinzu, und dies nicht bloß referierend, 
sondern recht eigentlich in usum Delphini: „Ich habe mit beiden Knien 
auf unsere Presse gedrückt, damit sie nun kein Triumphgeschrei anstimmt 
und auch die Anbiederung an England nicht zu weit treibt, denn es kommt 
jetzt darauf an, die englischen Liberalen nicht durch ein forciertes 
Sichherandrängen kopfscheu zu machen und der englischen Aktions- 
partei nicht die Möglichkeit zu geben, die Liberalen als germanophil zu 
diskreditieren.“ 
Je länger die Konferenz von Algeciras dauerte, um so höher stieg die 
Nervosität Seiner Majestät. Sie wurde noch durch einen wohlgemeinten, 
aber nach Lage der Verhältnisse nicht glücklich wirkenden Brief des treff- 
lichen Großherzogs Friedrich von Baden verstärkt, der Seiner Majestät 
unter anderem schrieb: „Wie schädlich ein Krieg mit Frankreich dermalen 
für uns wäre und wie unpopulär in Deutschland, das ist wohl selbstredend. 
Ein solcher Krieg kann nur von denen gewünscht werden, die unsere hoch- 
entwickelte Industrie durch Hinderung eines genügenden Exportes rui- 
nieren wollen, was auch erfolgen würde, wenn der Krieg endlich siegreiche 
Erfolge zu Lande hätte. Aber wir würden alle Verbündeten verlieren und 
nur schwer wiedergewinnen. Bei der gottlob vorhandenen friedlichen Ge- 
sinnung der deutschen Reichsregierung würde man in Deutschland ein 
Entgegenkommen derselben in der Marokko-Frage freudig begrüßen und 
dem Wiederaufblühen unserer industriellen Interessen dankbar entgegen- 
sehen. Ist Frankreich seiner östlichen Grenzen sicher und überzeugt, 
daß Deutschland aufrichtig den Frieden will, so wird uns trotz der 
elsaß-lothringischen Frage ein Entgegenkommen in Algeciras von 
größtem Nutzen sein.“ Ich ließ es mir angelegen sein, den patriotischen 
und weisen, mir freundlich gesinnten Großherzog durch eingehende 
vertrauliche Mitteilungen aus den Akten darüber aufzuklären, daß seine 
Wünsche sich mit meinen Zielen deckten, die ich mit Gottes Hilfe auch 
zu erreichen hoffe. 
Dem Kaiser gegenüber hielt ich daran fest, daß, wenn wir nicht die 
Nerven verlören, wir zu einer Verständigung gelangen würden, auch ohne 
„nach Olmütz zu gehen“. Ich glaube, daß wir in Algeciras in verschie- 
denen Einzelfragen noch mehr durchgesetzt haben würden, wenn wir, un- 
beeindruckt durch das Geschrei der englischen und französischen Presse 
und das ziemlich unwürdige Gewinsel einiger deutscher Zeitungen, keinen 
Zweifel darüber gelassen hätten, daß wir ein ergebnisloses Auseinandergehen 
der Konferenz nicht mehr als andere zu fürchten hätten. Der Kaiser wollte 
es aber auf einen solchen Ausgang nicht ankommen lassen. In einem langen 
Gespräch im Garten des Reichskanzlerpalais, Anfang April 1906, drückte 
14 Bülow II
        <pb n="247" />
        210 „OHNE BLAMAGE“ 
er mir die feste Überzeugung aus, daß, wenn ich in Algeciras nicht noch 
einige Konzessionen machte, es zum Krieg kommen würde, für den „zur 
Zeit‘ aus militärisch-technischen Gründen die Chancen so ungünstig wie 
möglich lägen. Er wolle und könne es auf einen solchen Krieg nicht 
ankommen lassen. Ich möge ihn nicht im Stich lassen, sondern ihn 
„ohne Blamage“ vor dem Krieg bewahren, für den weder bei den 
deutschen Fürsten, noch im Reichstag, noch im Volk irgendwelche 
Stimmung sei.
        <pb n="248" />
        XIV. KAPITEL 
Der Vertrag von Algeciras »- Der amerikanische Botschafter Charlemagne Tower über 
die Algeciras-Akte - Bülows Reichstagsrede vom 5. April 1906 - Bülows Ohnmachtsanfall 
Rücktritt des Herrm von Holstein - Bülows Rekonvaleszenz in Norderney » Freundliche 
Kundgebungen + Wilhelrh II. an Goluchowski („brillanter Sekundant‘) « Besuch des 
Kaisers bei Bülow in Norderney « Rede Wilhelms II. in Cuxhaven über Bülows Genesung 
m 7. April 1906 wurde die Algeciras-Akte unterzeichnet, die über die 
Organisation der Polizei in Marokko, die Unterdrückung des Waffen- Die 
schmuggels, die Einrichtung einer Staatsbank, die Verbesserung der Steuer- Algeciras 
erträge, die Verbesserung des Zolldienstes, die Einrichtung des öffentlichen Akte 
Dienstes und der öffentlichen Arbeiten Bestimmungen enthielt, durch die 
wir nicht alles Erwünschte, aber doch das Wesentliche erreichten. Die 
Souveränität des Sultans wurde aufs neue anerkannt und blieb Bestandteil 
des Völkerrechts. Frankreich erlangte nicht das von ihm angestrebte 
Protektorat über den Sultan, vor allem nicht den Oberbefehl über dessen 
Heer, den es im Frühjahr 1905 in erster Linie gefordert hatte. Wir hatten 
die Handelsfreiheit in Marokko erfolgreich verteidigt. An der künftigen Ge- 
staltung der marokkanischen Angelegenheiten war uns ein entscheidendes 
Mitbestimmungsrecht gesichert, auf das wir ohne ausreichende Kompen- 
sation nicht zu verzichten brauchten. Der Versuch, uns von einer großen 
internationalen Entscheidung auszuschließen, war erfolgreich durch- 
kreuzt worden. Die Beschlüsse der Konferenz von Algeciras waren, wie ich 
mich elf Jahre später in meinem Buch über die „Deutsche Politik“ aus- 
drückte*, ein Riegel vor den Tunifikationsbestrebungen Frankreichs in 
Marokko; sie waren auch eine Klingel, die wir jederzeit ziehen konnten, 
wenn Frankreich wieder solche Tendenzen an den Tag legte. Als nach dem 
Bekanntwerden der Algeciras-Akte in manchen deutschen Kreisen Ver- 
wünschungen und Klagen laut wurden, sagte mir der verständige, uns wohl- 
gesinnte amerikanische Botschafter Charlemagne Tower: „Ich verstehe 
wirklich nicht das Geschrei, das hier jetzt einige Leute erheben. Sie haben 
ja in Algeciras ungefähr alles erreicht, was Sie vernünftigerweise fordern 
konnten.“ Ach, es sollte die Zeit kommen, wo die Toren und Narren, 
die damals von „deutscher Schmach“ und „deutschem Elend‘ faselten, 
* Deutsche Politik, Volksausgabe, $. 91. 
14*
        <pb n="249" />
        212 ALGECIRAS VOR DEM REICHSTAG 
erkannten, was wirkliches Elend, was wirkliche Schmach sind ! Als ich Seiner 
Majestät das Ergebnis der Algeciras-Konferenz und die unmittelbar bevor- 
stehende Unterzeichnung der Algeciras-Akte meldete, aprach mir der Kaiser 
telegraphisch seine lebhafte Befriedigung aus. Dieser friedliche Ausgang der 
schwierigen Verhandlungen bedeute für ihn eine wahre Erleichterung. Von 
dem Ergebnis sei er durchaus befriedigt. Das Telegramm schloß mit einem 
lateinischen Zitat: Hic optime manebimus. 
Am 5. April hatte ich die erste sich mir bietende Gelegenheit benutzt, 
um im Reichstag festzustellen, was Ausgangspunkt, Ziel und Ergebnis der 
Konferenz von Algeciras gewesen wäre”. Wir hätten in Marokko keine 
direkten politischen Interessen, auch keine politischen Aspirationen, wohl 
aber vertragsmäßige Rechte und wirtschaftliche Interessen. Über sie nicht 
ohne unsere Zustimmung verfügen zu lassen, wäre eine Frage der Würde 
des Deutschen Reichs gewesen, das sich nicht als Quantite negligeable be- 
handeln lasse. Es wäre ein Mangel an Augenmaß gewesen, wenn wir wegen 
untergeordneter Fragen die Konferenz gesprengt hätten. Für sekundäre 
Forderungen Kopf und Kragen daranzusetzen, wäre nicht praktische 
Politik. An dem großen Grundsatz der offenen Tür hätten wir unerschütter- 
lich festgehalten, an diesem Grundsatz, der uns während der ganzen 
Marokko-Aktion geleitet habe und leiten mußte. Ich schloß mit den Worten: 
„Meine Herren, es war ein ziemlich schwieriger Berg, den wir zu ersteigen 
hatten. Manche Übergänge waren nicht ohne Gefahr. Eine Zeit der Mühe 
und Unruhe liegt hinter uns. Ich glaube, daß wir jetzt mit mehr Ruhe ins 
Weite blicken dürfen. Die Konferenz von Algeciras hat, wie ich glaube, 
ein für Deutschland und Frankreich gleich befriedigendes, für alle Kultur- 
länder nützliches Ergebnis geliefert.“ In der Tat sind die Beziehungen 
zwischen Deutschland und Frankreich seit dem Frankfurter Frieden nie so 
ruhig und verhältnismäßig freundlich gewesen wie während der fünf Jahre, 
die zwischen der Algeciras-Akte und dem Panthersprung nach Agadir 
lagen. Die Ausführungen, die ich am 5. April 1906 im Reichstag machte, 
wurden von allen bürgerlichen Parteien mit Zustimmung aufgenommen, 
insbesondere stimmte mir unter lebhaftem Beifall im Namen des Zentrums 
der Abgeordnete Freiherr von Hertling zu. Nach Hertling erging sich der 
Abgeordnete Bebel in den gewohnten sozialdemokratischen Klagen über 
die Regierung im allgemeinen und ihre auswärtige Politik im besonderen. 
Er meinte, daß Bismarck, den er übrigens noch maßloser anzugreifen 
pflegte als mich, nie die Konferenz von Algeciras zugelassen haben würde. 
Noch weit fehlerhafter als meine Marokko-Politik wäre, daß ich freundliche 
Beziehungen zu dem „barbarischen“ Rußland unterhielte, 
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, 303 ff.; Reclam-Ausgabe IV, 92 fl.
        <pb n="250" />
        OHNMACHTSANFALL BÜLOWS 213 
Wäbrend Bebel sprach, wurde ich von einer Ohnmacht befallen. Bcebel, 
der mir als Mensch nicht mißfiel und von dem ich glaube, daß er ein gutes 
Herz hatte, ließ mir später durch unseren gemeinsamen Freund, den Ver- 
treter der „Frankfurter Zeitung‘, August Stein, sagen, er bedaure, daB 
die Wucht seiner Angriffe die Schuld an meiner Ohnmacht getragen hätte. 
Diese Selbstanklage war unbegründet. Der gute Bebel, der in den letzten 
Jahren schr gealtert hatte, auch, wie ich gern anerkenne, sich in rastloser 
Agitation für die von ihm als richtig betrachteten Ziele verzehrte, hatte am 
5. April 1906 recht matt gesprochen. Mein Unwohlsein war lediglich darauf 
zurückzuführen, daß ich während des ganzen Winters und speziell während 
der letzten Wochen, mit Arbeiten überhäuft, meinen Schlaf zu sehr ver- 
kürzt hatte. In den letzten Tagen vor jener Reichstagssitzung ging ich 
selten vor zwei Uhr, manchmal drei Uhr nachts zu Bett und mußte, um den 
Kaiser, der sehr früh bei mir vorzusprechen pflegte, zu empfangen, schon 
um sieben Uhr wieder aufstehen. Richtig ist nur, daß das letzte, was ich 
mit vollem Bewußtsein sah, das von einem schon stark ergrauten Bart 
umrahmte, nicht unsympathische Gesicht von August Bebel und seine 
lebhaften und intelligenten Augen waren. Im übrigen kann ich nur sagen, 
daß das Gefühl, mit dem ich in Ohnmacht fiel, angenehm war. 
Des Geistes Flutstrom ebbet nach und nach, 
Ins hohe Meer werd’ ich hinaus gewiesen. 
Die Spiegelilut erglänzt zu meinen Füßen, 
Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag. 
Ein Feuerwagen schwebt auf leichten Schwingen 
An mich heran! Ich fühle mich bereit, 
Auf neuer Bahn den Äther zu durchdringen 
Zu neuen Sphären reiner Tätigkeit. 
Als ich wieder erwachte, befand ich mich außerhalb des Sitzungssaales, 
in dem für den Reichskanzler bestimmten Büro. Das Zimmer war von 
Menschen angefüllt, die mir teile die Hände rieben, teils die Füße, nachdem 
sie mir Stiefel und Strümpfe ausgezogen hatten. Andere flößten mir 
Kognak ein, noch andere einen greulichen heißen Zichorienkaffee. Ich hörte 
deutlich, wie meine verehrten Kollegen, die Minister, sich darüber unter- 
hielten, wer mein Nachfolger, oder wenn mit einer längeren Beurlaubung 
zu rechnen wäre, Vizekanzler werden würde. Der einzige, der den Kopf 
nicht verlor, war Geheimrat Hammann. Ich habe ihm das nicht vergessen 
und ihn, als er nicht lange vor meinem Rücktritt in eine schwierige Situation 
geriet, meinerseits gehalten. Hammann trieb Minister, Abgeordnete und 
Journalisten aus meinem Zimmer und telephonierte nach meiner Frau 
und nach meinem ausgezeichneten Arzt und Freund, dem Geheimen Rat 
Der 
Zwischenfall 
vom 5. April 
1906
        <pb n="251" />
        Holsteins 
Abschieds- 
gesuch 
214 STURZ HOLSTEINS 
Renvers. Letzterer erschien sehr bald, untersuchte mein Herz, ließ mich 
einige Gehversuche machen und sagte mir dann ernst und bestimmt: 
„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Ehrenmann, daß es nur eine Ohn- 
macht, in keiner Weise ein Schlaganfall war. Daß Sie sich übergeben haben, 
kommt nur daher, daß man Ihnen unsinnigerweise alles mögliche Zeug in 
den Hals gegossen hat. Sie werden in kurzer Zeit völlig wiederhergestellt 
sein, aber Sie müssen Ruhe und vor allem Schlaf haben.“ Der Kaiser, dem 
mein Unfall telephonisch mitgeteilt worden war, erschien sogleich im Reichs- 
tag, den er sonst nie zu betreten pflegte, sprach in herzlichster, rührender 
Weise meiner Frau seine Teilnahme aus und wollte mich durchaus sehen, 
was aber Renvers als gewissenhafter Arzt nicht zuließ. Renvers fuhr mit 
mir und meiner Frau nach dem Reichskanzlerpalais, wo er mich ins Bett 
steckte und mir für vier bis fünf Tage jede andere Beschäftigung als die 
Lektüre illustrierter Zeitungen verbot. Dann durfte ich Romane lesen, 
deren ich während der folgenden Wochen eine ganze Reihe verschlang, 
darunter ganz hübsche. Betreut und mit selbstloser Aufopferung gepflegt 
wurde ich in diesen Tagen von der langjährigen Kammerfrau meiner Frau, 
die heute noch in unseren Diensten und von dem Tage nicht mehr fern ist, 
an dem sie auf fünfzig Jahre in unserem Hause zurückschauen kann. In 
ihrer Hingabe, ihrer Umsicht und Opferfähigkeit ersetzte sie jede Berufs- 
pflegerin. Frau Luise Cholin, von meiner Frau mehr als Freundin denn als 
Dienerin behandelt, ist ein seltener Charakter. Unermüdlich in Pflicht- 
erfüllung, nur ihrem Dienste und ihrer Familie lebend, stellt sie den besten 
Typus einer guten deutschen Frau dar, die sie, die Tochter des Breisgaues, 
auch geblieben ist, nachdem sie Monsieur Cholin, unsern langjährigen Koch, 
geheiratet hatte. 
Meine Ohnmacht war der ungewollte Anlaß für den politischen Tod des 
Geheimen Rats von Holstein, der bis dahin so viele Stürme, alle Fährnisse 
überstanden hatte. Sein Sturz beweist, daß der Krug in der Tat so lange zu 
Wasser geht, bis er bricht. Er hatte sich, wie schon bemerkt, wie mit vielen 
anderen so auch mit dem Staatssekretär von Richthofen auf die Länge nicht 
vertragen können. Als mir am 17. Januar 1906 der Tod diesen ausge- 
zeichneten, klugen und treuen Mitarbeiter entrissen hatte, war es nicht 
leicht, einen Nachfolger zu finden, der gleichzeitig seinem Amt gewachsen, 
Seiner Majestät genehm und Holstein nicht zu ungenehm war. Der Kaiser 
lehnte sowohl Mühlberg wie Kiderlen ab, die übrigens Holstein beide auch 
nicht wollte. Seine Majestät wünschte seinen treuen „Mimile“, wie er, ich 
weiß nicht weshalb, Tschirschky zu nennen pflegte. Holstein befürwortete 
mit Enthusiasmus diesen Wunsch Seiner Majestät, zu meinem Befremden, 
denn er pflegte im allgemeinen sich immer in Gegensatz zum Kaiser zu 
stellen. Sein, wie oft, verschlungener Gedankengang war der folgende:
        <pb n="252" />
        SEIN ABSCHIEDSGESUCH 215 
Tschirschky hatte sich als Botschaftsrat des Fürsten Radolin in St. Peters- 
burg sehr mit diesem angefreundet. Namentlich hatte sich Frau von 
Tschirschky in der Rolle einer Suivante der Fürstin Radolin gefallen. 
Holstein, der intime Freund des Ehepaars Radolin, glaubte deshalb 
Tschirschkys völlig sicher zu sein. Diese Hoffnung scheiterte an der im 
Auswärtigen Amt berühmten Verbindungstür zwischen dem Zimmer des 
Staatssekretärs und dem des Geheimen Rats von Holstein, durch die der 
letztere bei jedem Anlaß, unangemeldet, hinter dem Rücken seines Chefs 
einzutreten pflegte. Marschall hatte sich das gefallen lassen. Da ich Zeit 
meines Lebens gute Nerven gehabt habe, hatte es mich auch nicht weiter 
gestört. Tschirschky schloß die Tür ab, da seine Nerven die fortgesetzte 
Bedrohung, den finsteren Holstein unvermutet hinter sich zu fühlen, nicht 
ertrugen. Als Holstein, durch diesen Ab- und Ausschluß schon gereizt, 
das Zimmer des Staatssekretärs durch die Korridortür betrat, mit einem 
großen Stoß Akten unter dem Arm, forderte ihn Tschirschky kühl und 
trocken auf, die Akten auf den Tisch zu legen und zu warten, bis er gerufen 
würde. Bei der Verzogenheit und Reizbarkeit von Holstein bedeutete dies 
den Bruch. Er reichte sofort seinen Abschied ein, war aber überzeugt, daß 
ich die Annahme desselben verhindern würde. Während einiger Tage er- 
neuerte er fortgesetzt sein Abschiedsgesuch in an mich gerichteten Briefen, 
in denen er einen elegischen, fast weltschmerzlichen Ton anschlug. Er wolle 
mir keine Schwierigkeiten bereiten und sehne sich nach Ruhe und Stille. 
Macchiavelli erzählt in seinem „Principe“, Cesare Borgia habe ihm gesagt, 
er und sein Vater, der kluge Papst Alexander VI., hätten alle Möglichkeiten 
der Zukunft erwogen, nur die eine nicht, daß sie gleichzeitig sterben oder 
wenigstens schwer erkranken würden. Nun trat aber gerade dieser Fall ein. 
Alexander VI. wünschte sich einiger ihm unbequemer Kardinäle zu ent- 
ledigen. Zu diesem Zweck lud er sie zu einem Gastmahl ein, bei dem den 
Betreffenden vergiftete Speisen vorgesetzt werden sollten. Durch ein un- 
liebsames Versehen verwechselten die Diener die Teller, und die gefähr- 
lichen Gerichte wurden dem Papst und seinem Sohn gereicht. Der Papst 
selbst starb in der folgenden Nacht, die Riesennatur des Sohnes überwand 
das Gift, aber er blieb mehrere Wochen an das Bett gefesselt. Inzwischen 
empörten sich die von ihm eroberten Städte und Schlösser der Romagna, 
und die Herrschaft des Hauses Borgia brach zusammen. So hatte auch 
Fritz von Holstein vieles wohl berechnet, aber nicht an den Fall gedacht, 
daß ich gerade in dem Augenblick erkranken und auf Grund ärztlicher An- 
ordnung für Rücksprachen und Akten unerreichbar werden könnte, in dem 
sein Abschiedsgesuch sich in den Händen des mit ihm verfeindeten Staats- 
sekretärs Tschirschky befinden würde. Tschirschky benutzte die günstige 
Gelegenheit, um Holstein kaltblütig abzuwürgen.
        <pb n="253" />
        Bülow in 
Norderney 
216 HOLSTEIN, DER HÖLLENSOHN 
Der Kaiser genehmigte ohne Bedenken das Abschiedsgesuch. Als ich 
zwei Jahre früher, der unaufhörlichen Streitigkeiten zwischen Hulstein 
und anderen Beamten des Auswärtigen Amtes müde, dem alten Geheimrat 
erklärt hatte, wenn er nicht endlich Ruhe gäbe, würde ich genötigt sein, 
wenn auch mit Bedauern, aber im Interesse des Dienstes, mich von ihm zu 
trennen, ließ er diese meine Mahnung durch seinen Freund Radolin sofort 
zur Kenntnis des Kaisers bringen. Das nächste Mal, wo der Kaiser mir be- 
gegnete, es war bei einem Galadiner im Schloß, schoß er auf mich zu mit den 
lebhaft hervorgestoßenen Worten: „Bernhard, das sage ich Ihnen, meinen 
alten guten Holstein müssen Sie mir in Ruh lassen. Er war der einzige, 
der in meinem Kampf gegen den Beelzebub Bismarck treu zu mir gestanden 
hat.‘ Als es sich nach der Ernennung von Tschirschky zum Staatssekretär 
bald herausstellte, daß dieser seiner Aufgabe nicht gewachsen war, meinte 
der Kaiser mit derselben Lebhaftigkeit und mit derselben Überzeugung: 
„Lieber Bernhard, das muß ich mir ausbitten, an Tschirschky laß ich nicht 
rühren. Der war der einzige, der mir in meinem Kampf gegen den 
Höllensohn Holstein treu zur Seite gestanden hat.“ 
Als ich den zu lange versäumten Schlaf einigermaßen nachgeholt hatte, 
schickte mich Renvers nach Norderney. Ich habe selten in sv hohem Grade 
das empfunden, was die Franzosen „la joie de vivre“ nennen, als während 
meiner Rekonvaleszenz im Wonnemonat 1906, wo ich in kräftiger Seeluft, 
am Strande des weitaufrauschenden Meeres lange Ritte um die Insel unter- 
nahm. Von Kindesbeinen an ritt ich gern. Als Minister machte ich auch bei 
schlechtem Wetter meinen täglichen Galopp. Gern denke ich an die braven 
Pferde, die micb in Berlin durch die Alleen des Tiergartens und um das 
Hippodrom, in Norderney zum Leuchtturm trugen, später durch die römi- 
sche Campagna und auf den Sandwegen längs der hulsteinischen Knicks, 
an die unermüdliche Roßbach und den braven Peter mit seinem Schlitz- 
ohr, an die kukette Senta und den flotten Torero, an die schöne Apfel- 
schimmelstute Lina und den klugen Hans. Ich habe nie ein Pferd verkauft, 
sondern ihnen, wenn sie dienstunfähig wurden, das Gnadenbrot gegeben, im 
Freien auf grüner Wiese. Zwei dieser guten Tiere sind dem Weltkrieg zum 
Opfer gefallen. Die Roßbach flog nicht weit von P&amp;ronne bei der Explosion 
eines Munitionsdepots in die Luft, der Torero wurde in demselben Augen- 
blick von einer Kugel erreicht, wo sein tapferer Reiter, der Bataillons- 
adjutant des 1. Garderegiments zu Fuß Leutnant von Oppen vor der 
Front seines stolzen Regiments, von einer Kugel getroffen, den Heldentod 
starb. 
Auf diesen Ritten begleitete mich mein treuer Diener Joseph Vehres, 
heute noch in meinem Dienst und mir durch seine Anhänglichkeit und An- 
stelligkeit eine unentbehrliche Stütze. Rheinländer von Geburt, stand er
        <pb n="254" />
        NORDERNEY UND BERLIN 217 
bei meinem Regiment, den Königshusaren, und hat in diesem Regiment 
auch den Weltkrieg mitgemacht. Er ist ein Musterbeispiel dafür, was in 
unserm Volk an Tüchtigkeit und Intelligenz, an Fleiß und Ernst steckt. 
Er hat sich Italienisch vollkommen angeeignet und weiß in technischen 
Dingen, in Elektrizität und Mechanik nicht weniger gut Bescheid als früher 
mit seinen von ihm mit Hingabe betreuten Gäulen. Er war ein forscher 
Reiter, hatte im Rennstall Suermondt in Aachen eine gute Schule gehabt 
und schon mit zehn Jahren jedes Hindernis auf ungesatteltem Gaul und 
ohne Bügel zu nehmen gelernt. Hätte das Schicksal seine Eltern mit mehr 
Glücksgütern gesegnet und hätte er studieren können, so wäre er ein ausge- 
zeichneter Beamter, ein scharfer Staatsanwalt, ein energischer Landrat ge- 
worden. Aus vielen Gesprächen mit diesem trefflichen Diener habe ich die 
Erfahrung gewonnen, daß ein Mann aus dem Volk mit offenem Kopf die 
Dinge dieser Welt oft rascher und klarer erfaßt als mancher Intellektuelle 
und Politiker. 
Was ich in Norderney aus Berlin hörte, war nicht immer erfreulich. 
Zwar wurde die Reichsfinanzreform mit ihren Steuervorlagen im 
Reichstag angenommen, was dem Kaiser Gelegenbeit bot, ein gnädiges 
Handschreiben an mich zu richten, in dem es hieß: „Ich bin mir wohl be- 
wußt, welcher hervorragende Anteil an dem Entstehen wie an dem Gelingen 
dieses bedeutsamen Reformwerkes dem staatsmännischen Geschick und der 
aufopfernden Hingebung gebührt, mit denen Sie die mühevollen Arbeiten 
geleitet und gefördert haben. Von ganzem Herzen beglückwünsche Ich Sie 
zu diesem Erfolge, durch welchen: Sie sich von neuem den Dank Ihres 
Kaisers und Königs wie des Vaterlandes erworben haben. Zugleich benutze 
Ich die Gelegenheit, Ihnen, mein lieber Fürst, meine innige Freude darüber 
auszusprechen, daß Ihre durch das Übermaß der Arbeit angegriffene Ge- 
sundheit durch Gottes Gnade vollständig wiederhergestellt ist und Ich mich 
der zuversichtlichen Hoffnung hingeben kann, daß Ihre ausgezeichneten 
Dienste Mir noch recht lange erhalten bleiben zum Segen für das deutsche 
Volk und das Vaterland. Ich verbleibe mit unveränderlichem Wohlwollen 
und Vertrauen Ihr wohlgeneigter und dankbarer Kaiser und König.“ 
Auch die für die Armee bedeutungsvollen Militär-Pensions-Gesetze 
waren vom Reichstag endgültig angenommen worden, um deren Ein- 
bringung und für deren Annahme ich mich sehr bemüht hatte. Seiner 
Meldung, daß die Pensionsgesetze definitiv durchgegangen wären, fügte 
der Kriegsminister von Einem hinzu: „Ohne die Maßnahmen Eurer Durch- 
laucht und ohne Ihre Mitwirkung wäre ein solches Resultat niemals möglich 
gewesen. Eurer Durchlaucht füble ich mich daher gedrängt meinen 
wärmsten Dank ehrfurchtsvoll zum Ausdruck zu bringen. In aufrichtiger 
Hochachtung und Verehrung und in der Hoffnung, daß Eure Durchlaucht 
Annahme der 
Reichs- 
finanzreform
        <pb n="255" />
        Sympathie- 
kundgebungen 
218 KEIN STAATSSEKRETÄR FÜR DAS KOLONIALAMT 
in vollster Gesundheit und Kraft hierher zurückkehren werden, habe ich 
die Ehre, zu zeichnen Eurer Durchlaucht sehr ergebener von Einem.“ 
Zu diesem Dank des Kriegsministers hatte der Kaiser ad marginem be- 
merkt: „Ich schließe mich dem Herrn Kriegsminister an.‘‘ Dagegen lehnte 
der Reichstag zu allgemeiner Überraschung in dritter Beratung des Etats 
den Posten des Staatssekretärs für das Kolonialamt mit 142 gegen 119 
Stimmen bei 9 Enthaltungen ab. Nicht lange nachher wurde ferner die 
Fortführung der Bahn Lüderitzbucht—Kubub nach Keetmanshoop, an 
deren sachlicher Notwendigkeit gar kein Zweifel obwalten konnte, mit 
186 gegen 95 Stimmen abgelehnt. Allerdings war in beiden Fällen der 
Standpunkt der Regierung von dem Staatssekretär Tschirschky und dem 
Kolonialdirektor Hohenlohe-Langenburg sehr schwach, von dem Staats- 
sekretär Posadowsky, der darüber verstimmt war, daß er nicht meine 
Sukzession angetreten hatte, gar nicht verteidigt worden. Es gab doch zu 
denken, daß mein verhältnismäßig kurzes Fernbleiben von den Geschäften 
genügte, damit die gouvernementale Maschinerie knarrte und stockte. Es 
war immerhin nicht unbedenklich, daß meine fortgesetzte Fühlungnahme 
mit den Parteiführern und die stete Leitung und Überwachung der Kollegen 
nötig war, um die Geschäfte in Gangzuerhalten. War die ganze Maschinerie, 
war unser staatlicher Organismus nicht zu sehr auf die Person des Kanzlers 
eingestellt? Gar nicht zu reden von den Schwierigkeiten und Gefahren der 
auswärtigen Politik, die bei der damaligen internationalen Lage besondere 
Erfahrung, Umsicht und eine geschickte Hand verlangten. Dagegen wurde 
der Schulvorlage im Preußischen Landtag durch ein Kompromiß zwischen 
Konservativen, Zentrum und Nationalliberalen zur Annahme verholfen. 
Ein sehr bedeutsamer Erfolg für den, der nicht vergaß, wie schwierig seit 
jeher in Preußen die Behandlung aller Schulfragen war, wie heftige Kämpfe 
und gefährliche Krisen gerade Schulgesetze in der Vergangenheit hervor- 
gerufen hatten. Auf meine Bitte und zu meiner Freude verlieh der Kaiser 
bei diesem Anlaß dem trefflichen Kultusminister Studt, einem schon vor 
seiner Berufung zum Unterrichtsminister als Landrat in Ostpreußen, als 
Unterstaatssekretär in Elsaß-Lothringen und als Oberpräsident von West- 
falen sehr bewährten, charaktervollen und tüchtigen Beamten, den 
Schwarzen Adler. 
Ich darf es mir versagen, alle Beweise von Sympathie wiederzugeben, 
die mir anläßlich meiner Erkrankung aus ganz Deutschland zugingen. Die 
Kaiserin hatte mir nach meiner Erkrankung telegraphiert: „Ich bete zu 
Gott, daß der Herr Ihre Gesundheit zum Besten des Kaisers und des Lan- 
des wiederherstelle. Viele herzliche Grüße Ihrer Frau.‘‘ Vom Kronprinzen 
erhielt ich einen Brief, in dem er mir seine Teilnahme an meiner Erkran- 
kung wie herzliche Wünsche für baldige völlige Besserung aussprach und
        <pb n="256" />
        HINZPETER SCHREIBT 219 
sich unterzeichnete als „Ihr stets treuer Kronprinz Wilhelm“. Ich erhielt 
viele Hunderte von Telegrammen und Briefen zum Teil von mir persönlich 
unbekannten Verehrern. Am meisten rührte mich der Brief, in dem Prinz 
Heinrich XXXIIL. Reuß mir den am Tage vor meinem Geburtstag, am 
2. Mai 1906, erfolgten Tod seines Vaters, des Prinzen Heinrich VII. Reuß, 
mitteilte. Prinz Septi Reuß, wie er zum Unterschied von seinen zahlreichen 
Namensvettern genannt wurde, war mir im Winter 1875/76 in St. Peters- 
burg ein gütiger Chef gewesen, als ich, damals ein sechsundzwanzigjähriger 
Botschaftssekretär, dort debütierte. Er war zehn Jahre später mein Trau- 
zeuge, als ich in Wien heiratete und damit das innerliche Glück meines 
Lebens begründete. Er blieb mir stets ein von mir hochverehrter Gönner 
und Freund. Sein Sohn schrieb mir: „Diese Zeilen sollen Eurer Durch- 
laucht die letzten herzlichsten Grüße von meinem heute früh sanft heim- 
gegangenen Vater bringen. Papa trug mir noch gestern abend, als er nur 
noch mühsam sprechen konnte, auf, ja nicht zu vergessen, Euer Durch- 
laucht seine herzlichsten und wärmsten Glückwünsche zu Ihrem Geburts- 
tag zu übermitteln. ‚Gute Besserung, gute Besserung‘, war sein herz- 
lichster Wunsch. Wollen Euer Durchlaucht mich nicht für unbescheiden 
halten, wenn ich Ihnen unseren tiefsten Dank sage für die treue Freund- 
schaft zu meinem Vater, die ihm so gut tat, ihn so erfreute. Er hat sich 
stets das Befinden Euer Durchlaucht aus der Zeitung vorlesen lassen und 
sich so an den Fortschritten erfreut.“ Einen starken Eindruck machte mir 
ein Brief des Erziehers Seiner Majestät, des Dr. Hinzpeter, der mir nach 
Norderney schrieb: „Auch ich wage die Bitte, meinen Glückwunsch vor- 
zubringen, zugleich mit dem Ausdruck der Freude darüber, daß wirnoch mit 
dem Schrecken davongekommen sind. Der Schrecken aber war groß und 
bei mir noch größer als bei den meisten anderen. Denn mein Hauptgedanke 
bei der Nachricht von dem Zusammenbruch des Kanzlers war nicht: Der 
arme Fürst! sondern: Der arme Kaiser! Ob dem Fürsten Bülow seine 
glänzenden Erfolge ein genügender Lohn für die ungeheure Arbeit und die 
ungeheure Mühe sind und also die Fortführung eines so harten Lebens ihm 
besonders wünschenswert erscheint, kann ich nicht wissen; aber ganz 
bestimmt weiß ich, daß des Kaisers weiteres Leben und Wirken ohne seinen 
jetzigen Kanzler wesentlich ärmer und unfruchtbarer geworden sein würde, 
weil er als Mensch und als Regent einen absolut unersetzlichen Verlust 
erlitten haben würde.“ Es gab nicht viele, die Wilhelm II. so von Grund aus 
kannten wie Hinzpeter. Da er überdies gar keinen Anlaß hatte, sich um 
meine Gunst zu bewerben, denn er erwartete nichts mehr vom Leben, so 
hatte sein Urteil für mich Wert. Der spätere Hausminister, damalige Ober- 
hofmarschall August Eulenburg schrieb mir nach Norderney: „Gott sei 
Dank, daß Sie dem Kaiser, dem Vaterlande und Ihren Freunden und
        <pb n="257" />
        220 TATTENBACH ÜBER ALGECIRAS 
Bewunderern in alter Tatkraft und Frische wiedergegeben sind. Mit ange- 
legentlichen Empfehlungen an die Frau Fürstin, die nun wieder aufatmen 
und sich des Lebens freuen kann, bin ich in aufrichtiger und herzlicher Ver- 
ehrung Ihr treu und dankbar ergebener August Eulenburg.“ 
Der Gesandte Graf Tattenbach, dem ich für seine erfolgreiche Tätigkeit 
in Algeciras eine wohlverdiente Auszeichnung erwirkt hatte, schrieb mir 
mit der bei diesem wackeren Mann gewohnten Bescheidenheit: „Wenn ich 
in Algeciras einiges Nützliche habe leisten können, darf dies nicht meinem 
Verdienst zugute kommen. Die gründliche Kenntnis von Land und Leuten, 
eine Frucht siebenjährigen Aufenthalts daselbst und einige nützliche 
juristische und administrative Reminiszenzen aus meiner Dienstzeit in den 
Reichslanden haben mir die Sache leicht gemacht. Ich habe zahlreiche 
Zuschriften erhalten, aus denen hervorgeht, daß man in Deutschland in den 
praktisch interessierten Kreisen mit dem Ergebnis zufrieden ist, u. a. auch 
von der Hamburger Kaufmannschaft. Der politische Wert der Abmachun- 
gen liegt aber m. E. darin, daß Frankreich fernerhin in Marokko auf unseren 
guten Willen angewiesen ist. Wir können, wenn wir es für nötig erachten, 
ein Auge zudrücken. Wir können aber auch die zahllosen Vorbehalte und 
Kautelen, die sich in den Abmachungen vorfinden, benutzen, um den 
Franzosen auf Schritt und Tritt ernste Schwierigkeiten zu bereiten.‘ Graf 
Tattenbach beurteilte die Algeciras-Akte genau so, wie die leitende fran- 
zösische Hallhmonatsschrift, die „Revue des Deux Mondes“, es tat, die 
meinte: „On a vu nulle part une souverainete aussi garuttee par des liens 
multiples et assujettie a de si nombreuses et si minutieuses servitudes... 
Les puissances, ou plutöt la principale entre elles, l’Allemagne, ont con- 
Benti ä ce que nous €tablissions notre protectorat au Maroc A la conditiun de 
n’y juuir d’aucun avantage Economique.... La France, c’est triste ä dire, 
n’a obtenu aucune prime de gestion au Maroc.“ 
Der Reichstagspräsident Graf Ballestrem, der mir vor meiner Abreise 
nach No derney einen längeren Besuch abgestattet hatte, schrieb mir, daß 
es ihm erne große Freude gewesen wäre, dem Reichstag in dessen nächster 
Sitzung imitzuteilen, daß er mich in gutem Gesundheitszustand und unver- 
ändert durch die Krankheit gefunden habe. Seine Mitteilungen wären von 
allen Seiten des Hauses mit lebhaftem Beifall aufgenommen worden, der 
bewiesen hätte, daß ich wohl politische Gegner, aber keine persönlichen 
Feinde im Parlament hätte. Der Führer des Zentrums, Herr Spahn, sprach 
mir brieflich die Hoffnung aus, daß es ihm uoch vergönnt sein möge, ge- 
meinsam mit mir für das Vaterland zu wirken. Herr von Hertling schrieb 
mir in demselben Sinne, er hoffe, mich bald an derselben Stelle in alter 
geistiger und körperlicher Kraft wiederzusehen. Herr von Heydebrand, dem 
ich für seine Mitwirkung beim Zustandekommen des Schulgesetzes gedankt
        <pb n="258" />
        ELASTISCHES NATURELL 221 
hatte, schrieb mir: „Auf dem arbeits- und dornenvollen Felde der Politik, 
das Eure Durchlaucht wie kein anderer kennen, belebt und erfrischt den 
von formalem Ehrgeiz Freien, mit anderen selten, mit sich nie Zufriedenen 
kaum etwas besser als die so freundliche Anerkennung unseres bedeu- 
tendsten Staatsmannee. Ich kann hieran nur die Bitte um ferneres Wohl- 
wollen und den Ausdruck der Hoffnung knüpfen, die ich mit allen Patrioten 
teile, daß Euer Durchblaucht Gesundheit sich wieder völlig zu der alten 
Kraft stählen möge, der ich bin Eurer Durchlaucht ehrerbietigst ergebener 
von Heydebrand.“ Der Führer der Reichspartei, Fürst Hermann Hatz- 
feldt, Herzog von Trachenberg, schrieb: „Eure Durchlaucht wollen mir 
gestatten, meiner aufrichtigen Freude darüber Ausdruck zu geben, daß Sie 
sich von dem vorübergehenden Unwohlsein so rasch erbolt und die Zügel 
der Regierung wieder in die kräftige, zielbewußt leitende Hand genommen 
haben. In hoher Verehrung verbarre ich Eurer Durchlaucht gehorsamster 
Hermann Hatzfeldt.“ Der alte Vertraute des Hauses Bismarck und sein 
Wortführer in der Presse, Hugo Jacobi, schrieb mir: „Durch das Rauschen 
der Wellen in Norderney klingt Ihnen das Lied vom Vaterlande als eine 
unaufhörliche Ermahnung zur Gesundung, von der für uns alle, für Deutsch- 
land so viel abhängt.“ Sein Antipode, der Chefredakteur der „Frankfurter 
Zeitung‘, Theodor Curti, sprach mir seine besten Wünsche dafür aus, daß 
ich mich bald wieder im Besitz meiner ganzen Kraft und früheren Rüstig- 
keit befinden möge: „Neben der Kunst des Hippokrates ist Ihre eigne 
Kunst, mit der Sie Handlung und Betrachtung, Staatssorge und Philo- 
sophie miteinander zu verbinden wissen, ein Elixier, das Ihnen noch lange 
Jahre mit frohen Tagen geben wird.“ Curti hatte recht, wenn er annahm, 
daß mein schon von meinem verehrten Lehrer Hermann Adalbert Daniel 
in Halle beobachtetes elastisches Naturell persönliche Prüfungen und Ent- 
täuschungen überwinden würde. Über meinen Rücktritt und die bei diesem 
Anlaß zutage getretene Undankbarkeit des Kaisers wie über die Jämmer- 
lichkeit so mancher, die jahrelang vor mir scherwenzelt hatten, um mich 
später im Augenblick der Schwierigkeiten und Gefahren feige im Stich 
zu lassen, hat mir die in einem bewegten Leben allmählich erworbene 
Selbstbeherrschung in der Tat später weggeholfen. Gegen das Herzeleid, 
das mir der Zusammenbruch, die Not und Schmach des Vaterlandes 
brachten, ist für mich kein Kraut gewachsen. Graf Udo Stolberg schrieb an 
meinen Arzt Renvers, nachdem er mir vor meiner Abreise nach Norderney 
einen Besuch abgestattet hatte: „Ich muß sagen, daß mir ein sehr schwerer 
Stein vom Herzen gefallen ist, als ich mich durch den Augenschein davon 
überzeugen konnte, daß dem Fürsten von seinem Unfall absolut nichts an- 
zumerken ist, da ich mir eine Zukunft, in der er mit verminderter Kraft 
oder gar nicht mehr wirken könnte, eigentlich nicht denken kann. Diese
        <pb n="259" />
        222 FERN DER ZENTRALE 
Zukunft wird ja einmal eintreten, aber nicht mehr für mich. Sie sollten 
aber, sehr geehrter Herr Renvers, zusammen mit Bülow eine hygienische 
Reform für die oberen Zehntausend dadurch herbeiführen, daß es polizei- 
lich verboten würde, später als um 7 Uhr zum Diner einzuladen.“ Die 
letztere Bemerkung war zutreffend. Die Unsitte später, lange dauernder 
und allzu reichlicher Diners war eine Kalamität, unter der die Börse der 
weniger bemittelten Staatsbeamten und die Gesundheit aller litten. Unter 
den gesundheitsschädlichen Folgen der Berliner Diners litt ich weniger als 
die meisten meiner Kollegen, da ich mir seit meiner Ernennung zum Mi- 
nister eine strenge Diät auferlegt, Tabak, Kaffee, Bier und Liköre von einem 
Tage zum anderen ganz abgewöhnt und den Weingenuß auf eine halbe 
Flasche Rotwein am Abend eingeschränkt hatte. Ich verband diese Diät 
mit täglichem, fünfunddreißig Minuten langem, strammem Turnen nach der 
bewährten Methode des biederen Dr. Schreber in Leipzig (Ärztliche Zimmer- 
gymnastik, Leipzig, Friedrich Fleischer). Insbesondere die von Schreber 
angeratene Übung Nr. 33 (Niederlassen bei festgeschlossenen Fersen, auf 
den Fußspitzen und mit senkrecht erhaltenem Rumpf) nehme ich bis in 
mein Greisenalter jeden Morgen 25 mal vor. Diese Lebensweise, verbunden 
mit täglichem Reiten bei guter Jahreszeit und einem mehrstündigen Fuß- 
marsch am Sonntag nachmittag hat mich nach menschlicher Berechnung 
vor dem Schicksal von Herbert Bismarck, Marschall, Richthofen, Kiderlen 
und manchen anderen bewahrt, die vor der Zeit aus dem Leben schieden 
pour avoir brüle la chandelle par les deux bouts. Nicht umsonst mahnte 
Juvenal, der im sinkenden Rom reichliche Gelegenheit gehabt haben dürfte, 
die Wichtigkeit einer verständigen Hygiene zu studieren: 
Mens sana in corpore sano. 
Das soll natürlich nicht heißen, daß nicht auch in einem gebrechlichen 
Leibe eine feurige Seele und ein starker Wille leben können. Aber für Staats- 
diener wie für Staatslenker wird im allgemeinen die Sanitas des Körpers 
eine Garantie für das Gleichgewicht der Seele wie für gute Nerven sein. Ich 
habe mir oft den Gedanken durch den Kopf gehen lassen, ob sich die vor- 
treffliche Einrichtung des englischen Weekend nicht bei uns einbürgern 
ließe. Aber meine Anregungen scheiterten teils an der unübertrefflichen 
Gewissenhaftigkeit und Arbeitsfreudigkeit des deutschen Beamten unter 
dem alten Regime, der mit dem großen jonischen Maler, mit Apelles aus 
Kolophon, dem Grundsatz des „Nulla dies sine linea“ huldigte, teils auch 
an der in Deutschland traditionellen Überschätzung der „Schreibe“, an 
unserer Schreibewut. 
Es liegt in der Natur der Dinge, daß der an der Zentralstelle mit Arbeit 
überhäufte, fortgesetzt in Anspruch genommene, oft gestörte Minister
        <pb n="260" />
        DER UMGETAUFTE BISMARCK-PLATZ 223 
kleine, an sich untergeordnete Symptome im öffentlichen Leben weniger 
scharf beobachtet, als wenn er während einer auch nur kurzen Zeit der Ruhe 
und Ausspannung die Zeitereignisse verfolgt. Ich erinnere mich des schmerz- 
lichen Eindrucks, den es mir machte, als ich bald nach meiner Ankunft in 
Norderney las, daß der Gemeinderat von Waldshut in Baden den dortigen 
Bismarck-Platz in St.- Josefs-Platz umgetauft habe. Dazu hatte ein klerikal- 
partikularistisches Blatt, „Der badische Landsmann“, geschrieben: 
„Bravo! Es ist an sich ein Zeichen großer Charakterschwäche, daß bei uns 
im Badener Land Bismarck solche Verehrung genießt. Wir Badener sollten 
uns doch etwas mehr auf uns selbst besinnen und bedenken, daß Bismarck 
es war, der ad majorem gloriam Borussiae uns anno 1866 den blutigen 
Krieg aufgehalst und nachher verschiedene Silberlinge abgeknöpft hat. 
Mögen All- und Stalldeutsche Bismarcksäulen bauen und alljährlich am 
1. April, an dem man nichts ernst nimmt, darauf ihrem Götzen Bismarck 
ein Rauchopfer darbringen — wenn sie einen Stier oder besser einen (aber 
vierbeinigen) Esel darauf brieten, wäre das Ganze noch natürlicher —, das 
badische Volk als solches hat keinen Teil daran.“ In welche abgrundtiefe 
Gemeinheit, Dummheit und Vaterlandslosigkeit ließen solche Auslassungen 
blicken! War eine solche Sprache in Italien über Cavour oder Minghetti, in 
Frankreich über Thiers oder Gambetta, in England über Disraeli oder 
Gladstone auch nur denkbar? Ja, Treitschke hat recht: Es gibt Niedrig- 
keiten, zu denen nur in Deutschland der Parteihaß hinabsteigt. Während 
ich diese Zeilen diktiere, liegt der Artikel eines deutschen Intellektuellen 
vor mir, des „Kunstschriftstellers‘‘ Julius Meier-Graefe, der in der „Neuen 
Rundschau“ vom September 1922 über die von ihm bei einem Ausfluge 
nach Paris dort empfangenen Eindrücke schreibt: „Was vermochte ein 
Weltkrieg gegen dieses Paris! Es ist hundertmal schöner hier als früher, da 
wir um ebensoviel häßlicher geworden sind. Auch die Menschen sind nicht 
anders. Wie sollten sie? Wie könnten sie, selbst wenn sie möchten ? Soll die 
Sprache der Racine, Stendhal und Flaubert plötzlich krächzen? Soll 
das Mädchen, das von Fouquet bis Renoir lächelnd gemalt wurde, auf 
einmal Grimassen schneiden ? Kann die Place de la Concorde verschwinden ? 
Es war auch kein reizloses Vergnügen, wieder einmal richtigen Camembert 
zu essen. Ich muß Ihnen sagen, daß ich die ersten drei Tage morgens, 
mittags und abends Camembert zu mir genommen habe. Dabei die Unter- 
haltung beim Essen in dem Ton, den es nur in Paris gibt!... Die Pazi- 
fisten sind den Parisern so etwas wie in der Kunst die Kubisten, die längst 
abgewirtschaftet haben. Auch von den sogenannten deutschen Greueltaten 
wird nicht mehr gesprochen. Legen wir den Krieg ad acta. Aber Reparieren, 
um Gottes willen, und n’en parlons plus. Der Rentner-Instinkt der Fran- 
zosen wird von uns gründlich unterschätzt. Auch er gehört zur franzö-
        <pb n="261" />
        Wilhelm II. 
an 
Goluchowski 
224 DER „BRILLANTE SEKUNDANT“ 
sischen Kultur. Sie wollen nicht so arbeiten wie wir und haben 
recht. Man kann der deutschen Regierung nicht dringend genug diesen 
Wunsch ans Herz legen. Es gibt gegenwärtig keine ernstere Frage auf dem 
Globus.“ So schreibt ein deutscher Ästhet, während die Franzosen am 
deutschen Rhein stehen, während sie uns den letzten Groschen abpressen, 
uns mit sadistischer Grausamkeit quälen, uns mit Füßen treten! Ja, es 
gibt eine Niedrigkeit der Gesinnung, die nur in Deutschland möglich ist! 
Wie anders der Franzose mit seiner von Eitelkeit nicht freien, aber darum 
nur um so leidenschaftlicheren Vaterlandsliebe, der Engländer mit seinem 
oft selbstsüchtigen, nicht selten heuchlerischen, aber robusten und uner- 
schütterlichen Patriotismus, der Italiener mit seinem Slancio, seiner feu- 
rigen Liebe zur Heimat! 
Aber je mehr den tiefer und schärfer blickenden Vaterlandsfreund die 
noch immer nicht überwundene Schwäche des deutschen Nationalgefühls, 
der Mangel des Deutschen an patriotischer Selbstdisziplin, an nationalem 
Ehrgefühl, oft genug selbst am einfachsten Geschmack, schon 1906 be- 
kümmern mußte, um so wünschenswerter war es, daß der Kaiser durch 
Vernunft und durch Würde vorbildlich wirkte, daß er wenigstens sich keine 
Blößen gab. „Il fallait a l’Allemagne un chef grave, silencieux, constant et 
mesure“, hatte im Frühjahr 1904 ein französischer Publizist, Henri de 
Noussanne, in einer Studie über Wilhelm II. geschrieben, an der auch andere 
französische Schriftsteller beteiligt waren, die aus der Beobachtung deut- 
scher Zustände und Persönlichkeiten ihr Spezialstudium gemacht hatten, 
„mais le Destin a donne aux Allemands un maitre qui s’imagine que des 
paroles et des gestes suffisent a conduire les hommes. Encore faut-il 
approprier les paroles et les gestes a l’£poque et aux circonstances. En 
r&amp;alite, aucun chef d’Etat couronn&amp; n’a fait plus de mal ä la monarchie que 
Guillaume Il.“ Kaum vierundzwanzig Stunden nach meiner Erkrankung 
im Reichstag hatte Wilhelm II. an den österreichisch-ungarischen Minister 
des Äußern, den Grafen Goluchowski, ein Telegramm gerichtet, das mit den 
Worten schloß: „Sie haben sich als brillanter Sekundant erwiesen und 
können gleicher Dienste in gleichem Falle auch von mir gewiß sein.“ Das 
im Ton allzu burschikose Telegramm rief durch seinen Inhalt in Wien Ver- 
legenbeit, in Budapest Verwahrungen, in dem uns ungünstig gesinnten 
Ausland Gelächter und ironische Kommentare hervor. Im Herbst sollte 
mit der sogenannten Schwarzseher-Rede eine noch ärgere Entgleisung 
folgen. Ich machte den Kaiser brieflich darauf aufmerksam, daß ich bei 
der Wiedereröffnung des Reichstags im Spätherbst Mühe haben würde, 
sein Sekundanten-Telegramm zu vertreten. Der Kaiser ging auf die Sache 
nicht weiter ein, aber am 18. Juni traf er unvermutet zur See in Norderney 
bei mir ein. Er hätte mich am liebsten ganz unerwartet überrumpelt, da
        <pb n="262" />
        IN DER GLASVERANDA 225 
ihm nichts größere Freude machte als Überraschen und Alarmieren. Aber 
einer seiner Adjutanten hatte die Freundlichkeit gehabt, mich zwei Stun- 
den vorher zu avertieren, damit ich wenigstens für die leibliche Notdurft 
Seiner Majestät und des Allerhöchsten Gefulges ‚während ihres Aufent- 
halte auf der Insel Vorkehrung treffen könne. 
Der Besuch war charakteristisch für die seltsame Mischung aus Lie- 
benswürdigkeit und Derbheit, aus großer Güte und Rücksichtslosigkeit, 
die Wilhelm II. eigen war. Er setzte sich zunächst mit mir in eine von der 
Sonne beschienene Glasveranda, in der eine derartige Hitze herrschte, daß 
es in der Tat ein gutes Zeichen für meine völlige Genesung war, wenn ich 
nicht einen neuen Ohnmachtsanfall erlitt. Nachdem er auf diese Weise 
während einer fast zweistündigen angeregten Konversation meinen Ge- 
sundheitszustand gründlich geprüft hatte, begab er sich mit mir zu meiner 
Frau, die er durch die Herzlichkeit, mit der er ihr seine Genugtuung über 
meine Wiederherstellung aussprach, wahrhaft bezauberte. Am Abend 
des nächsten Tages hielt er in Cuxhaven beim Festmahl des Norddeutschen 
Regatta-Vereins eine Ansprache, in der er unter anderem sagte: „Gott hat 
uns den Frieden erhalten, den Frieden in Ehren, den er uns auch weiter 
schenken möge. Derjenige aber, der die größte Arbeit an diesem Friedens- 
werk geleistet hat, der erste Ratgeber des Reichs, den wir alle in den 
vergangenen Wochen mit unseren Segenswünschen verfolgt haben, befin- 
det sich, wie ich Ihnen zu meiner Freude mitteilen kann und wovon ich 
mich gestern persönlich überzeugt habe, im vollsten Wohlsein und in bester 
Gesundheit und wird in der Lage sein, wieder in vollem Umfang als mein 
erster Ratgeber im Lenken des Reichs zu wirken.“ Der Kaiser hatte sogar 
bei dem Diner in Cuxhaven in Wirklichkeit mich den „Lenker des Reichs“ 
genannt und der Erwartung Ausdruck gegeben, daß ich wieder in vollem 
Umfange das Reich „regieren“ würde. Bevor die Verbreitung der Rede 
durch Wolffs Telegraphenbüro erfolgte, wurde korrekterweise bei mir ange- 
fragt, und ich änderte den Lenker natürlich in Ratgeber um. 
15 Bülow I
        <pb n="263" />
        Bülow an den 
Kriegsminister 
v. Einem 
XV. KAPITEL 
Bülows grundsützliche Stellung als Reichskanzler gegenüber der Heeresleitung + Sein 
Schreiben an den Kriegsminister von Einem (1. Juli 1906) - Die Unterschätzung der 
Technik durch unsere Militärs « Bülows Brief an seinen Bruder, den Gesandten Alfred 
von Bülow in Bern, über die innere und außenpolitische Lage » Bülows Glück- 
wunschschreiben an den Kaiser anläßlich der Entbindung der Kronprinzessin « Ein 
„Privatissimum‘“ für Wilhem II. 
eit den ersten Tagen meiner Amtsführung als Reichskanzler hatte ich 
an dem Grundsatz festgehalten, mich im Frieden in militärische Ange- 
legenheiten nicht einzumischen, während ich andererseits fest entschlossen 
war, im Fall eines großen Kriegs der politischen Führung, die letzten Endes 
ausschlaggebend bleibt und bleiben muß, unter allen Umständen die Ober- 
hand zu sichern. Ich hatte vor mir das große Vorbild Bismarcks, der Moltke 
gegenüber in den kritischen Tagen des Beginnes des Krieges von 1866 wie 
während des ganzen Deutsch-Französischen Krieges diesen Standpunkt 
mit unbeugsamer Energie behauptet hatte. Die schwere Sorge aber, mit 
der ich zu Beginn des Jahres 1906 die Weltlage betrachten mußte, veran- 
laßte mich zum Abgehen von meinem Grundsatz, in Friedenszeiten die 
Arbeit des Militärs nicht durch politische Erwägungen zu stören. 
Am 1. Juli 1906 hatte ich aus Norderney das nachfolgende Schreiben 
an den Kriegsminister von Einem gerichtet: „Bei der Lektüre französischer 
Zeitungen ist mir seit Monaten aufgefallen, daß in denselben viel von den 
großen Vorbereitungen die Rede ist, die Frankreich seit einem Jahr auf 
militärischem Gebiet getroffen hat. Man spricht von vielen hundert Mil- 
lionen, die Frankreich zu diesem Zwecke aufgebraucht hat. Es ist mir mit 
Gottes Hilfe gelungen, aus der Marokko-Frage Deutschland in einer Weise 
herauszuführen, die unter voller Wahrung unserer Rechte, unserer Inter- 
essen und unserer Würde uns den Frieden erhalten hat. Nach mensch- 
licher Voraussicht werden wir einige Jahre der Ruhe und des Friedens 
haben. Das Friedens- und Ruhebedürfnis in der Welt ist sehr groß. 
Ihnen, verehrter Freund, brauche ich aber nicht zu sagen, daß in einigen 
Jahren und, wenn es wider Hoffen und Erwarten ginge, schon früher die 
Lage eine ganz andere sein könnte. Es ist viel Neid, Haß und Feindschaft 
gegen uns in der Welt vorhanden. Die englische Abneigung und Eifersucht
        <pb n="264" />
        BÜLOW AN DEN KRIEGSMINISTER 227 
gegen uns haben sich zwar verringert, sind aber noch nicht endgültig über- 
wunden. In Frankreich ist die Revanche-Idee, der Gedanke nicht nur an die 
Wiedereroberung von Elsaß-Lothringen, sondern auch an eine Genug- 
tuung für die vor fünfunddreißig Jahren erlittenen Niederlagen und die 
Wiedergewinnung der leitenden Stellung in Europa, die Frankreich von 
Heinrich IV. bis Napoleon III., also zweihundertsiebzig Jahre, eingenom- 
men hat, nicht erloschen. Die russischen Verhältnisse sind unberechenbar. 
Die in Rußland anscheinend mehr und mehr emporsteigende demokratisch- 
revolutionäre Richtung ist antideutsch, teils wegen ihrer Hinneigung zu den 
panslawistischen Strömungen, teils weil sie in dem deutschen Kaiserreich 
und in der preußischen Monarchie im Gegensatz zu dem radikal-demokra- 
tischen Frankreich und dem konstitutionell-liberalen England einen Hort 
der ihr verhaßten hisch-konser vativen Ordnung sieht. Von unseren 
Bundesgenossen war der eine (Italien) ein nie ganz sicher einzuschätzender 
Faktor, der andere (Österreich-Ungarn) wird im besten Fall noch lange mit 
schweren inneren Problemen zu kämpfen haben. Unter diesen Umständen 
ist es unsere heilige Pflicht, nichts zu verabsäumen, damit die Nation, wenn 
früher oder später sich ein Ungewitter über uns entladen sollte, diesem so 
wohlgerüstet entgegensieht, als dies zu erreichen nur immer in unserer 
Kraft steht. Wie eintretendenfalls die Würfel auf dem Schlachtfelde fallen, 
steht in Gottes Hand. Aber wir sind vor Gott und der Geschichte dafür 
verantwortlich, daß hinsichtlich der technischen Ausrüstung der Armee 
nichts verabsäumt wird, damit das deutsche Volk, wenn es den Kriegspfad 
beschreiten muß, dies in tadelluser und lückenloser Rüstung mit allen 
Chancen des Erfolges tut. Es ist ein militärischer Laie, der zu Ihnen spricht. 
Deshalb kann ich natürlich nicht auf Einzelheiten eingehen, und auch für 
die nachstehenden Fragen erbitte ich die Nachsicht eines so kompetenten 
Militärs, wie Sie es sind. Welche militärischen Maßnahmen technischer 
Natur könnten unsererseits in Betracht kommen als Gegenmaßregeln gegen 
die französischen Maßnahmen und Anstrengungen ? Brauchen wir nicht mehr 
Maschinengewehre? Ist eine schnellere Umbewaffnung der Artillerie 
nicht notwendig? Wie steht es mit der Ausgestaltung der Verkehrstruppen ? 
Mit der Bespannung der schweren Artillerie des Feldheeres? Mit den lenk- 
baren Luftschiffen ? Mit einer praktischeren, mehr als jetzt auf den Ernst- 
fall berechneten, lediglich nach kriegerischen Rücksichten und Erwägungen 
ausgewählten Uniformierung der Armee? Was nun die taktische Be- 
handlung einer eventuellen Vorlage angeht, so empfiehlt es sich natürlich, 
zu vermeiden, was im Auslande Mißtrauen oder auch nur unnötiges Aufsehen 
erregen könnte. Wir müssen in dieser Beziehung den Franzosen nach- 
ahmen, die ihre Rüstungen in aller Ruhe und Stille vornehmen. Also keine 
provozierenden Reden, keine gegen irgendeine Macht besonders ihre Spitze 
15°
        <pb n="265" />
        228 DER TRADITIONSGEIST 
richtenden Agitationen, keine hoch- oder auch nur rein-politischen Argu- 
mente, überhaupt keinen unnötigen Lärm. Von der eventuellen Forderung 
muß vorher und namentlich jetzt unmittelbar nach Annahme der Finanz- 
vorlage im Reich möglichst wenig die Rede sein, sonst setzt die Gegen- 
agitation ein. Die Forderung muß seinerzeit so ruhig als nur irgend möglich 
vertreten werden, mit technischen Argumenten. Ich bemerke noch aus- 
drücklich, daß Seine Majestät der Kaiser von diesem Brief nichts weiß.“ 
Abschrift des vorstehenden Schreibens ließ ich dem Generalstabschef von 
Moltke zugehen, dem gegenüber ich mich schon wiederholt mündlich im 
gleichen Sinne ausgesprochen hatte. 
Meine Mahnungen und Warnungen waren nicht allein durch die krampf- 
haften militärischen Anstrengungen namentlich der Franzosen hervor- 
gerufen. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, daß-die Bedeutung 
der Technik in unserem Heer unterschätzt würde. Solche Denkweise hatte 
1870 bei Mars-la-Tour und Saint-Privat Offizieren und Mannschaften der 
preußischen Garde Gelegenheit geboten, einen persönlichen Heldenmut zu 
betätigen, wie ihn die Welt seit Leutben und Möckern nicht mehr gesehen 
hatte, aber auch zu schweren, in diesem Umfange nicht erforderlichen Ver- 
lusten geführt. Übertriebener Konservativismus, allzu strenges Festhalten 
an alter Tradition, Abneigung und Mißtrauen gegen alles Neue verhinderten 
während der auf zwei siegreiche Kriege folgenden, fast halbhundertjährigen 
Friedensperiode, daß aus den Erfahrungen von 1870 die richtigen Lehren 
gezogen wurden, obschon Graf Alfred Schlieffen mit der Feder und mit dem 
Wort dazu angeregt hatte. Auf seinen Manövern hatte Wilhelm II. nur zu 
oft Gefechtsbilder vorgeführt, die auf Verkennung der Grenzen beruhten, 
welche die moderne Waffenwirkung dem Vorgehen nicht allein der Ka- 
vallerie, sondern auch der Infanterie zieht. Der Mangel an technischem 
Verständnis und Empfinden zeigte sich auch auf artilleristischem Gebiet, 
nicht nur in unserer Artillerietaktik, sondern auch in der Anschauungsweise 
dieser Waffe, die sie einerseits zu einer Überschätzung des Furor Teutonicus 
verführte, andererseits zu unzutreffender Einschätzung der Bedeutung der 
technischen Leistungsfähigkeit wie des großen Unterschieds zwischen 
Manöverbildern und kriegsmäßigen Verhältnissen. In keinem anderen 
Heer herrschte ein so schöner kameradschaftlicher Geist wie in der deut- 
schen Armee. Es fehlte aber auch nicht an schädlichen Vorurteilen. Die 
Kavallerie galt manchen für die eleganteste Waffe, für die ritterliche Waffe 
par excellence, die Infanterie für die entscheidende, dann erst kam für viele 
die Artillerie, aus der doch ein Napoleon hervorgegangen war. Die eigent- 
lich technischen Truppen wurden in einen für sie nicht schmeichelhaften 
Gegensatz zu den „kämpfenden Truppen“ gebracht, die hohe Wichtigkeit 
des Trains nicht nach Verdienst gewürdigt, und die Militärtechnische
        <pb n="266" />
        FLOTTE UND ARMEE 229 
Akademie führte den Spitznamen „Schlosserakademie“. Solche Wahr- 
nehmungen, Erwägungen und Sorgen veranlaßten mich, von dem sonst 
festgehaltenen Grundsatz der Nichteinmischung in militärische Angelegen- 
heiten in diesem Fall abzusehen. 
Ich hatte noch einen besonderen Grund zu meinen Vorstellungen beim 
Kriegsminister wie beim Chef des Generaletabs. Ich hatte den Ausbau 
unserer Flotte im preußischen Staatsministerium wie im Bundesrat eifrig 
gefördert. Ich hatte im Reichstag und im Lande mit Erfulg Stimmung für 
die Marine gemacht. Niemand hat das wärmer und lebhafter anerkannt als 
Tirpitz während und nach meiner Amtszeit. Aber ich verkannte nicht die 
Gefahr, daß bei der starken Persönlichkeit von Tirpitz und seiner rastlosen 
Energie, die naturgemäß mit einer gewissen Einseitigkeit verbunden war, 
gegenüber der Flotte die Armee zu kurz kommen könnte. Auch deshalb 
babe ich mich vom ersten bis zum letzten Tage meiner Amtsführung gegen- 
über dem Kriegsministerium bereit erklärt, jede notwendige und nützliche 
militärische Forderung jederzeit vor dem Reichstag und vor dem Lande zu 
vertreten, und zwar usque ad effusionem sanguinis, d. h. in diesem Falle bis 
zur Reichstagsauflösung mit allen ihren Konsequenzen. Die felsenfeste 
Überzeugung, daß auf den Schultern der Armee im letzten Ende der Be- 
stand des Reichs und die Zukunft des deutschen Volks und des Deutsch- 
tums beruhten, war es, die mich veranlaßte, gegenüber Kriegsminister und 
Generalstab auf gewisse Vorurteile und Selbsttäuschungen hinzuweisen, 
die bei so vielen leuchtenden Vorzügen unserem Heer, richtiger gesagt dem 
preußischen militärischen Denken, eigentümlich waren. 
Einige Tage nachdem ich dem Kriegsminister geschrieben hatte, richtete 
ich an meinen Bruder Alfred, der nach kurzem Zusammensein mit mir in Bülow an 
Norderney bei seiner Schwiegermutter, der Gräfin Dillen-Spiering, auf seinen Bruder 
ihrem Schloß Dätzingen, im Herzen Schwabens, im Oberamt Böblingen, Alfred 
weilte, den nachstehenden Brief, in dem ich Stellung zu der exzessiven 
Kritik nahm, die von alldeutscher Seite an der Algeciras-Akte geübt 
wurde: 
„Liebster Alfred, vor allem möchte ich Dir sagen, wie sehr ich mich über 
Deinen Besuch gefreut habe. Unsere schönen Spaziergänge am Meer und 
am Watt, unser Gedankenaustausch über so manche Fragen und Probleme 
haben mir wohlgetan. Mit wem könnte ich offener reden als mit meinem 
fast gleichaltrigen Bruder? Seit des armen Adolf zu frühem Tode bisı Du ja 
der einzige, mit dem mich Erinnerungen seit unserer Kindheit verbinden. 
Es war mir eine Genugtuung, daß auch Du der Ansicht bist, wir hätten in 
Algeciras erreicht, was vernünftigerweise zu verlangen und zu erlangen war. 
Gewiß hätten wir, wenn S. M. nicht zum Schluß nervös geworden wäre, in 
einer Reihe von Einzelpunkten noch mehr erreichen können. Aber wir haben
        <pb n="267" />
        230 DAS GESCHREI DER ALLDEUTSCHEN 
alles in allem unseren Standpunkt behauptet, unter schwierigen Verhält- 
nissen behauptet. Dazu kommen zwei Errungenschaften: Wir haben gezeigt, 
daß auch stachlige Fragen, bei denen das Prestige großer Mächte engagiert 
war, in friedlicher Beratung am Konferenztisch beigelegt werden können. 
Ohne Krieg, bei dem wir, wie die Dinge in der Welt liegen, viel einsetzen, bei 
dem wir sehr viel verlieren, aber nicht viel gewinnen können! Wenn ich 
dazurechne, daß ich durch meine Behandlung der Marokko-Frage Delcasse 
gestürzt habe, den gefährlichsten unserer Gegner, der gar zu gern die 
Brandfackel an das europäische Pulverfaß gelegt hätte, so meine ich, wir 
können zufrieden sein. Es wird Dich interessieren, daß der Präsident Roose- 
velt unserem Botschafter Speck von Sternburg schon im März sagte: 
seinem Gefühle nach habe Deutschland den Zweck seiner Intervention in 
der Marokko-Angelegenheit mit der Konferenz erreicht, das getroffene 
Arrangement sei ein Triumph der deutschen diplomatischen Leitung. Vom 
Standpunkt eines beiden Parteien freundlich Gesinnten und — soweit nicht 
die Interessen des Friedens berührt würden — am Ausgang der Konferenz 
nicht direkt interessierten Beobachters habe der Präsident triftige Gründe 
anzunehmen, daß, wenn die Konferenz daran scheitern solite, daß Deutsch- 
land noch weitere Zugeständnisse von Frankreich erpressen wolle, die 
öffentliche Meinung von Europa und Amerika sich gegen Deutschland 
wenden und Deutschland an Kredit und Einfluß erheblich verlieren, ja 
voraussichtlich weit über jede Berechtigung hinaus für alle schlimmen 
Folgen verantwortlich gemacht werden würde, die sich dann für die 
Störung der allgemeinen Weltlage ergeben könnten. Vorstehendes meldete 
mir nach einem langen Gespräch mit dem amerikanischen Präsidenten 
unser Botschafter Speck von Sternburg am 7. März. Das Geschrei der All- 
deutschen läßt mich kalt. Woher nehmen diese Narren das Recht, mir un- 
genügende und schwächliche Vertretung der deutschen Rechte und Iuter- 
essen vorzuwerfen? Wo es sich um die Vertretung unserer Interessen und 
Rechte handelt, bin ich ebenso empfindlich, 8o gewissenhaft und fest wie 
irgendwer. In dieser Beziehung stehe ich niemandem nach und lasse mich 
von niemandem übertreffen. Was die mir bisweilen vorgeworfene Liebens- 
würdigkeit dem Ausland gegenüber angeht, so soll man mir doch sagen, 
wo ich die deutschen Rechte und Interessen, die deutsche Würde unge- 
nügend vertreten habe. Da man mir keinen einzigen solchen Fall nennen 
kann, so schließe ich daraus, daß meine Gegner die Urbanität, deren ich 
mich als Mensch und im persönlichen Verkehr befleißige, obne weiteres auch 
meiner politischen Tätigkeit als einzige Richtschnur unterstellen. Das ist 
ein Irrtum! Und ich muß ferner annehmen, daß Hasse, Liebermann von 
Sonnenberg e tutti quanti sich nicht gegenwärtig halten, wie in der aus- 
wärtigen Politik Höflichkeit und Festigkeit sich gar nicht ausschließen.
        <pb n="268" />
        DIE BERUFUNG AUF BISMARCK 231 
Es kommt nur darauf an, die eine wie die andere Eigenschaft im richtigen 
Moment zur Anwendung zu bringen. Ein konsequent überheblicher und 
rücksichtsloser, chauvinistischer Ton, knotige Manieren, ungestüme An- 
remplungen des Auslandes, wie wir sie leider nur allzu häufig in einem Teil 
unserer Presse erleben, wirken schädlich. Es würde unberechenbare Kon- 
sequenzen nach sich ziehen, wenn ich in meiner verantwortlichen Stellung 
einen solchen Ton anschlüge. Ich denke also auch weiterhin festzuhalten 
an dem Motto, das auf einem alten Bülowschen Familienstammbuch von 
1650 steht: 
Der ist nicht flugs ein Edelmann, 
Der geboren ist aus großem Stamm 
Oder der Geld und Reichtum hat 
Und tut duch keine redliche Tat. 
Die Tugend und die Höflichkeit 
Adelt den Menschen allezeit. 
Wenn die Alldeutschen sich auf den Fürsten Bismarck berufen, so zeigt 
ein eingehenderes Studium der Reden und Handlungen dieses größten 
deutschen Staatsmannes, daß dessen Force nicht in sporenklirrenden 
Kürassierstiefeln noch im rasselnden Pallasch bestand, sondern im rechten 
Augenmaß für Menschen und Dinge. Ein Minister, hat Bismarck einmal 
im Reichstag gesagt — oder war es im Preußischen Abgeordnetenhaus? — 
könne den Strom der Zeit nicht hervorrufen, könne ihn nicht einmal lenken. 
Er könne das Staatsschiff nur steuern nach seiner Ansicht und Überzeugung. 
Steuere er es mit Glück, so habe er seinem Lande gut gedient, steuere er 
es mit Ungeschick, so verfalle er der Vergessenheit. Die Bestrebungen des 
Alldeutschen Verbandes haben das Gute, daß sie das Nationalgefühl wach- 
zuerhalten suchen, indem sie dem Hang des deutschen Philisters zu ver- 
schwommenem Kosmopolitismus und zu beschränkter Kirchturmspolitik 
entgegenwirken. Aber für die praktische Führung der Politik kommt es 
noch mehr auf den Kopf als auf Wärme und Güte des Herzens an, davon 
würde sich selbst der gute Professor Hasse überzeugen, wenn er an meiner 
Stelle stünde. Mein Nationalgefühl ist mindestens ebenso empfindlich und 
ebenso lebendig wie das des gesinnungstüchtigsten Alldeutschen. Aber mein 
Patriotismus ist verbunden mit einem größeren Maß von Selbstbeherr- 
schung und Vorsicht, von Mäßigung und Überlegung. Ich besitze eine 
genauere Kenntnis der Verhältnisse als diese guten Leute und schlechten 
Musikanten, eine Kenntnis, die mich in den Stand setzt, Gefahren zu 
erkennen, die sie nicht sehen, und die mich verhindert, mich subjektiven 
Empfindungen widerstandslos hinzugeben. Ich kann besser als sie über- 
sehen, welche Folgen eine impuleive Politik für das Land haben würde.
        <pb n="269" />
        232 DIE POLITIK DER KÜRASSIERSTIEFEL 
Und deshalb und weil ich die Verantwortung trage für den Gang der Dinge, 
wende ich mich im Reichstag und am Hofe gegen Bestrebungen und Ten- 
denzen, welche dieses Moment der Verantwortlichkeit nicht genügend 
würdigen. Ich wende mich dagegen, daß bei Angelegenheiten, die eine sehr 
behutsame Hand und einen klaren Kopf verlangen, uns jene berühmte Po- 
litik der Kürassierstiefel empfohlen wird, die Fürst Bismarck nie am un- 
rechten Ort angewandt hat. Wenn man mir immer wieder vom „National- 
stolz‘ redet, so meine ich, der wahre Nationalstolz besteht darin, stets und 
unter allen Umständen das wirkliche und dauernde Interesse des Landes 
im Auge zu behalten. Wohin eine romantisch-sentimentale Politik führt, 
das haben wir beim zweiten Empire, bei Napoleon IIl. geschen. Der war 
weder unedel noch unbegabt, und doch ging er schließlich kopfüber. Ich 
möchte nicht, daß auch wir mit einer großen Dummheit endigten. 
Du erzähltest mir, daß viele Leute, auch bei Hofe und selbst im Aus- 
wärtigen Amt, meinten, ich ließe es an der nötigen Entschiedenbeit fehlen. 
Ich glaube seit Jahr und Tag in China und in Marokko, in Polynesien und 
in Südamerika, in Venezuela und in Haiti, von den deutschen Gläubigern 
Griechenlands zu schweigen, bewiesen zu haben, daß ich es mit der Ver- 
tretung unserer Rechte und Interessen im Auslande sehr ernst nehme. Oder 
habe ich es etwa bei den Zwischenfällen, die stattfanden, seitdem ich die 
auswärtige Politik leite, also z. B. im Frühjahr 1899, als sich die Samoa- 
Frage zu einer akuten Krisis zuspitzte, oder im Januar 1900, als deutsche 
Postdampfer in brutaler Weise von England mit Beschlag belegt wurden, 
an der nötigen Festigkeit fehlen lassen ? Gegenüber diesen Zwischenfällen 
hatten wir die Wahl zwischen drei Wegen. Entweder konnten wir den 
Krieg erklären. Gewiß!! Entweder haben die alldeutschen Klagen über 
meine angebliche Nachgiebigkeit bei diesen und ähnlichen Zwischenfällen 
gar keinen Sinn, oder sie involvieren einen Tadel darüber, daß wir damals 
nicht an die Ultima ratio regum appelliert haben. In der auswärtigen Politik 
muß man der Konsequenz dessen, was man sagt und rät und tadelt, klar 
und rechtzeitig ins Auge sehen. Da ist mit Halbheiten, mit Unklarheiten, 
mit allgemeinen Hochgefühlen nicht gedient. Also ich sage, der eine Weg 
war, daß wir den Krieg erklärten. Ich weiß nicht, ob selbst Hasse und Lie- 
bermann von Sonnenberg und Jordan Kröcher, der auch in mir den ‚star- 
ken Mann‘ vermißt, wirklich bedauern, daß ich nicht den Kriegspfad be- 
schritten habe. Ich weiß namentlich nicht, ob selbst diese Herren diesen 
Weg eingeschlagen haben würden, wenn sie an verantwortlicher Stelle 
stünden. Ich bezweifele das. Dazu habe ich trotz allem doch eine zu 
günstige Meinung von ihrem Patriotismus. Wenn wir angegriffen werden 
sollten, von wem es auch sei, und wenn wirkliche deutsche Lebens- 
interessen, die Sicherheit und die Ehre unseres Landes wirklich verletzt
        <pb n="270" />
        KRIEG LEICHTEN HERZENS 233 
würden, von wem es auch sei, so müßten wir uns wehren, und wir werden, 
solange ich am Ruder stehe, in einem solchen Fall uns wehren, und wir 
werden kämpfen bis aufs Messer. Aber ohne zwingende Gründe einen Krieg 
zu provozieren, der gesittete Völker, unter ihnen Völker, die sich noch nie 
mit der Waffe in der Hand gegenübergestanden haben, in einen furcht- 
baren Kampf verwickeln würde, dessen Konsequenzen für das Wirtschafts- 
leben dieser Völker, für ihr ganzes Erwerbsleben, und nicht nur für den 
Erwerb, für den Wohlstand dieser Völker, nein auch für den Wohlstand der 
ganzen Welt, für die Kulturfortschritte der Menschheit ich Dir gar nicht 
erst auszumalen brauche, dafür kann derjenige nicht die Verantwortung 
übernehmen, dem es mit dem Wohl des Landes wirklich Ernst ist und dessen 
Vaterlandsliebe nicht nur in tönenden Worten besteht. Er habe drei Kriege 
geführt, die notwendig gewesen wären, hat in seiner unsterblichen Rede auf 
dem Marktplatz zu Jena Fürst Bismarck ausgeführt. Nachdem diese Kriege 
geführt worden wären, hielte er es nicht für notwendig, daß wir weitere 
Kriege führten. Wir hätten in solchen nichts zu erstreben. Er hielte es 
für frivol oder ungeschickt, wenn wir uns in weitere Kriege hineinziehen 
ließen. Ich will die Frage unerörtert lassen, ob es bei uns Leute gibt, 
welche sich die Chauvinisten und Jingoes anderer Länder zum Vorbild 
genommen haben. Wenn manche Leute und manche Richtungen bei uns, 
auch Leute bei Hofe, auch Reichsboten und Journalisten, auch Leute auf 
dem Katheder, einen Minister des Äußern haben wollen, der unser Land, 
le cur leger, wie ein französischer Minister sich ausgedrückt hat, mit 
leichtem Herzen, in Abenteuer stürzt, müssen sie sich nach einem andern 
Reichskanzler umsehen. Dafür bin ich nicht zu haben. Mit dem Mißbrauch 
der edlen Worte ‚Ehre‘ und ‚Ruhm‘ hat man große Völker in den Ab- 
grund geführt. 
Ich halte, wie ich Dir oft sagte, eine verständige Kritik gegenüber jeder 
Regierung und gegenüber jedem Minister für sehr indiziert. Eine vernünf- 
tige Kritik ist für die politische Gesundheit und das seelische Gleichgewicht 
eines Ministers ebenso zuträglich wie das Salz für die leibliche Kost und das 
körperliche Wohlbefinden. Die Kritik hat das Gute, daß sie zur Selbst- 
beobachtung zwingt und der Selbstgenügsamkeit ein Ende bereitet, die 
ein ganz großer Fehler ist. Ich betrachte eine solche Kritik geradezu als die 
Würze meiner amtlichen Tätigkeit. Und darum lese ich seit neun Jahren 
das ‚Berliner Tageblatt‘ und die ‚Deutsche Tageszeitung‘ zu meinem 
Morgentee. Wenn mich die eine schont, tadelt mich gewöhnlich die andere, 
manchmal gehen sie auch gleichzeitig mit mir ins Gericht, aber meist in 
sachlicher Weise, so daß ich dabei profitiere. Auf diese Weise nehme ich 
jeden Morgen das nötige Quantum kritischen Salzes in mich auf, das för- 
dert die Verdauung. Aber, wie das auch bisweilen geschieht, ohne wirkliche
        <pb n="271" />
        234 DER KREDIT IN DER WELT 
Kenntnis der internationalen Beziehungen, ohne tiefere Einsicht in die 
wirkliche Weltlage, ohne Überblick über das komplizierte Schachbrett der 
auswärtigen Politik durch törichte Hetzartikel mit nervöser, tendenziöser, 
hysterischer Kritik einzugreifen in die Speichen des Rades der auswärtigen 
Politik, lähmt die Aktion des Landes nach außen, diskreditiert und schwächt 
das Land nach außen. Der Kredit, den ein Land in der Welt genießt, muß 
geschont werden, ihn ohne Not zu erschüttern, ist leichtfertig und kann 
ruchlos sein. 
Wenn wir also wegen jener eben genannten Zwischenfälle in Samoa und 
an der ostafrikanischen Küste nicht Krieg führen wollten, so blieb uns 
noch ein zweiter Weg, den wir auch nicht eingeschlagen haben, nämlich 
die Dinge ihren Lauf gehen zu lassen und still nach Haus zu gehen, uns 
höchstens auf Proteste zu beschränken. Mit leeren Protesten ist aber der aus- 
wärtigen Politik selten, mit Maulheldentum nie gedient, und auch mit der 
lauten ‚Entrüstung‘ nicht. Es bleibt der dritte Weg, nämlich: durch 
diplomatische Verhandlungen das möglichste für uns herauszuschlagen, 
unter entschiedenem Festhalten an unseren Rechten und mit geschickter 
Vertretung unserer Interessen unseren Standpunkt zu verteidigen. Indem 
ich dies tat, glaube ich nicht nur das klügste getan zu haben, was man tun 
konnte, sondern das einzige, was den dauernden Interessen des deutschen 
Volkes entsprach. Auf diese Art haben wir seinerzeit die Angelegenheit der 
beschlagnahmten Dampfer in einer für uns zufriedenstellenden Weise 
erledigt. Was Samoa angeht, so haben wir schließlich Upolu mit Apia 
bekommen und auch in dieser Frage das reale Interesse des deutschen 
Volkes erfolgreich wahrgenommen. Einen anderen Leitstern als das reale 
dauernde Interesse der Nation wird es für mich nie geben. Deshalb machen 
mich auch die Vorwürfe und das Geschrei der Alldeutschen nicht irre. 
Denn wer diesem Leitstern folgt, der behält schließlich doch recht. Was 
nun unser jetzt wieder viel erörtertes Verhältnis zu Engländ angeht, so 
mißbilligt die Mehrheit des deutschen Volkes, das ein gebildetes und zivili- 
siertes Volk ist, die plumpen und rohen Gehässigkeiten, zu welchen leider 
auch bei uns die Sympathiekundgebungen für die Buren geführt haben. 
Diese Mehrheit erkennt willig an, daß, wenn die Buren für Haus und Hof 
wacker gekämpft haben, das englische Heer, Offiziere und Soldaten, seinen 
alten Ruf der Tapferkeit und Ausdauer bewahrt hat und daß die englische 
Nation während des Südafrikanischen Krieges eine Zähigkeit, eine Ent- 
schlossenheit und eine Vaterlandsliebe an den Tag gelegt hat, die zu ver- 
kennen kleinlich wäre und die ich uns eintreffendenfalls wünsche. Die 
neuerlichen Hetzereien der englischen Presse gegen uns sind natürlich 
ebenso verwerflich und ebenso töricht, wie es früher diejenigen der deut- 
schen Presse gegen England waren. Vor allem aber begreift die Mehrheit
        <pb n="272" />
        VERBRECHERISCH UND STUPIDE 235 
des deutschen Volkes, daß die Regierung nicht die Aufgabe hat, die Vor- 
sehung auf Erden zu spielen, wie ihr das der grübelnde deutsche Doktri- 
narismus immer wieder zumutet. Sie hat auch keine Sittenpolizei auszu- 
üben, wie dies die zu ethischer Betrachtungsweise geneigte öffentliche 
deutsche Meinung möchte. Die deutsche Regierung hat lediglich die blei- 
benden Interessen des Reichs zu vertreten. Das habe ich getan, und damit 
habe ich mich um das Land verdient gemacht. Eine andere Politik hätte, 
das sage ich Dir mit der größten Bestimmtheit, die Sicherheit des Reiches 
gefährdet. Sie würde vielleicht die Gefahr eines Weltkrieges herauf- 
beschworen haben. Ohne Grund das Land solchen Eventualitäten auszu- 
setzen, war nicht meine Sache. Solange ich Kanzler bin, werde ich, unbe- 
kümmert um ungerechte Angriffe, unbeirrt durch Verdächtigung und 
Verkennung, gleichgültig für den Civium ardor prava jubentium wie für 
den Vultus instantis tyranni nur die Wege wandeln, die die Zukunft des 
deutschen Volkes nicht gefährden. Mit dem mir anvertrauten Pfund der 
nationalen Wohlfahrt, Ehre und Zukunft spiele ich nicht va banque, dazu 
bin ich zu gewissenhaft und zu patriotisch, dazu bin ich auch zu klug. 
Die Politik eines großen Landes kann nicht nach Sympathien und 
Antipathien, sondern nur im Hinblick auf die allgemeine Weltlage geführt 
werden. So einfach und leicht ist unsere Stellung in Europa und in der 
Welt denn doch nicht, daß wir uns den Luxus gestatten könnten, unpoliti- 
schen Gefühlswallungen nachzugeben. Eine von innerpolitischer Tendenz 
beeiuflußte auswärtige Politik, wie sie bei uns manche Konservative, 
Agrarier, auch nationalliberale Industrielle gegenüber England möchten, 
wie sie Demokraten und Sozialdemokraten gern gegenüber Rußland sähen, 
ist immer falsch. Um das Schiff des Reiches zwischen Klippen in Süd und 
Nord, in Ost und West kindurchzusteuern, dazu bedarf es der Abwesenheit 
von vorgefaßten Meinungen, von jeglicher Sentimentalität, eines klaren 
Kopfes und einer ruhigen Hand. Ich wünsche mit England in guten Be- 
ziehungen zu bleiben, im Zeichen der Gleichberechtigung und auf der Basis 
voller deutscher Selbständigkeit. Als Festlandsdegen Englands dürfen wir 
une nicht mißbrauchen lassen, am wenigsten gegen Rußland. Unser Ver- 
hältnis zu einem großen Reich wie England muß mit nationalem Selbst- 
bewußtsein, es muß aber auch mit ruhiger Vernunft, ohne unklare Leiden- 
schaften behandelt werden. Die Stimmung des deutschen Volkes gegen 
England zu erbittern, immer und überall gegen England zu hetzen, kleine 
Verstimmungen anzublasen, damit womöglich ein Feuer daraus entsteht, 
ist nicht nur verbrecherisch, sondern auch stupide. Wir haben gar keinen 
Anlaß, uns in eine Erbfeindschaft mit England zu bringen, so zu England 
zu stehen, daß wir von vornherein sicher sind, es bei jeder politischen Kon- 
stellation unter unseren Gegnern zu wissen. Wenn historische Notwendig-
        <pb n="273" />
        236 DIE REICHSVERDROSSENHEIT 
keiten, der Gang der Weltgeschichte, was die Griechen die ‚Ananke‘ 
nannten, zwischen zwei Völkern ein solches Verhältnis herbeiführen, wie 
es zwischen uns und Frankreich nun einmal der Fall ist, so muß man das in 
Kauf nehmen, wie man elementare Ereignisse mit in Kauf nimmt. Aber sich 
künstlich einen mächtigen Gegner zu schaffen — ich wiederhole —: das 
ist ruchlos und dumm. Wir haben zahlreiche Berührungspunkte mit Eng- 
land. England ist für unsere Ausfuhrindustrie der größte Abnehmer und der 
beste Zahler. Es hat uns bisher seine Häfen und seinen Handel eröffnet 
wie seinen eigenen Angehörigen. Wir streiten gemeinsam mit England für 
Handelsfreibeit in fremden Ländern. Gewiß gibt es Punkte, wo zwischen 
Deutschland und England Friktionen denkbar wären, es gibt sogar Fragen, 
wo es gegenseitigen Entgegenkommens bedarf, um Reibungen zu vermeiden. 
Es gibt aber nach meiner Ansicht keinen Punkt, wo sich bei gegenseitigem 
gutem Willen, mit Ruhe und dem nötigen doigt€ nicht zwischen deutschen 
und englischen Interessen auf einer friedlichen und gerechten Basis ein 
Ausgleich finden ließe. Das ist meine wohlerwogene Überzeugung. 
So lange ich am Steuer stehe, werde ich festhalten an meiner bisherigen 
Politik. Wenn wir Rußland nicht durch Kokettieren mit den Polen miß- 
trauisch machen, ihm nicht an den Dardanellen, dem Herzstück des Bis- 
marckschen Rückversicherungsvertrages, entgegentreten und wenn wir im 
Orient die habsburgische Monarchie von abenteuerlichen Ak- 
tionen gegen die Balkanvölker (Rumänien, Montenegro, Serbien) ab- 
halten,Aktionen, von denen ehrgeizige k.und k. Generalstäbler und hitzige 
Magyaren träumen, die dem alten Kaiser Franz Josef aber im Grund gar 
nieht liegen und seinem antiungarischen, slawophilen Thronfolger auch 
nicht, Aktionen, die Rußland nach seiner Geschichte und seinen Tradi- 
tionen nicht zulassen kann, 80 sehe ich keinen Grund, warum wir nicht den 
Frieden bewahren sollten, dessen Aufrechterhaltung in unserem Interesse 
liegt. Den Frieden zu erhalten, wäre unsere erste Aufgabe und wäre für uns 
ein Bedürfuis, sagte vor genau vierzehn Jahren Bismarck, den ich noch 
einmal zitieren will, zu schwäbischen Verehrern, die ihm in Friedrichsruh 
huldigten (vielleicht waren Dätzinger und Böblinger unter ihnen). Das gilt 
auch heute für unsere Politik. 
Noch ein Wort über die ‚Reichsverdrossenheit‘. Ich verstehe es, wenn die 
Sozialdemukraten mit der Feder und dem Munde bestrebt sind, solche 
Reichsverdrossenheit zu züchten. Das liegt in ihrem Programm, in ihrem 
Wesen. Die Unzufriedenheit ist der Nährboden, ohne den sich der Bazillus 
der Sozialdemokratie gar nicht entwickeln kann. ‚Die verdammte Zu- 
friedenheit!‘ meinte, von seinem Standpunkt mit Recht, schon Ferdinand 
Lassalle. Was ich weniger verstehen kann, ist die Hypochondrie und Nörgel- 
wut, mit der Nichtsozialdemokraten und Patrioten par excellence hinter
        <pb n="274" />
        DIE „WAHREN“ PATRIOTEN 237 
jedem, auch dem unbedeutendsten Vorfall her sind, um unsere Zustände 
schwarz in schwarz zu malen. Und das sage ich mit aller Bestimmtheit, 
daß solche Gehässigkeiten und Übertreibungen von nationaler Seite 
mindestens ebenso schädlich wirken wie die sozialdemokratischen Treibe- 
reien und Tiraden. Je mehr nach oben das Vertrauen untergraben wird, 
desto mehr Sozialdemokraten entstehen unten. Wie soll uns das Ausland 
achten, wenn diejenigen, die sich bei uns als die wahren Patrioten, als die 
Hüter des vaterländischen Feuers betrachten und aufspielen, sich gar nicht 
genug tun können im Herunterreißen unserer Verhältnisse, im Nachweisen 
von Mißerfolgen und mit wahrer Wollust jeden Fehler aufkauschen, immer 
alles in pejus drehen und hinstellen ? Dieses Sichselbsterniedrigen und Sich- 
zerfleischen ist eine Krankheitserscheinung, deren Verbreitung sich leider 
auf Deutschland beschränkt. Nur der deutsche Vogel beschmutzt in dieser 
Weise sein Nest. Wo findest Du das anderswo? Gibt es nicht auch anderswo 
Unvollkommenheiten, Fehler und Mißstände in Hülle und Fülle?! Sie 
werden aber nicbt derartig in die Öffentlichkeit gezerrt, nicht in so künst- 
licher Vergrößerung vorgeführt wie bei uns. Ich denke bisweilen an das 
Wort von Treitschke, der Deutsche im Inland möge für deutsche Zustände 
nur einen kleinen Teil des Verständnisses zeigen, das der Deutsche im Aus- 
land so gern ausländischen Zuständen entgegenbringt. Sieht es im Ausland 
wirklich so viel besser aus als bei uns? Ich möchte die Konservativen 
sehen, wenn sie plötzlich nach den Vereinigten Staaten versetzt würden, 
oder die Herren vom Zentrum im kirchenfeindlichen Frankreich oder die 
Herren Sozialdemokraten nicht nur in Rußland, sondern auch in England 
und Italien, wo es kein allgemeines, gleiches, direktes, geheimes Wahlrecht 
gibt, in Frankreich, wo noch immer die Einkommensteuer nicht existiert, 
in Amerika, wo man mit den Schülern von Marx wenig Federlesen macht. 
Wenn das Ausland uns nach unserem eigenen Urteil über unsere inneren 
Zustände beurteilt, so muß es einen schönen Begriff von uns bekommen, 
Was soll man dazu sagen, wenn große deutsche Blätter, von dem Spieß- 
bürger auf der Bierbank gar nicht zu reden, über den angeblichen deutschen 
„Militarismus‘ sich das Maul zerreißen, während die Franzosen, die ich fast 
ebensogut kenne wie meine eigenen Landsleute, im Grunde, im innersten 
Kern viel militaristischer sind als wir! Was soll das Geschrei über den 
deutschen ‚Imperialismus‘, der im Vergleich zu dem englischen Im- 
perialismus und Marinismus sehr harmlos ist! Wir liefern durch unsere 
übertriebene, ungezügelte Selbstkritik fortgesetzt dem Ausland Waffen, 
und wirksame Waffen, gegen uns. 
Ich bin mehr in die Länge und Breite gegangen, als dies ursprünglich 
meine Absicht war. Das kommt vom Diktieren! Der ‚Diktator‘ wird gar zu 
leicht redselig und weitschweifig. Vielleicht macht sich auch bei mir schon
        <pb n="275" />
        Brief Bülows 
an den Kaiser 
238 NOCHMALS DIE SEKUNDANTENDEPESCHE 
das Alter bemerkbar. Ich habe zwar noch nicht wie Nestor drei Menschen- 
alter geschen, aber mit siebenundfünfzig Jahren beinahe zwei. Übrigens 
glaube ich, daß die Gewohnheit des Diktierens, die ich vor einem Viertel- 
jahrhundert an der Pariser Botschaft annahm, auch ihr Gutes hat. Ich 
glaube fast, daß ich die Leichtigkeit, mit der ich aus dem Stegreif, unvor- 
bereitet öffentlich spreche, zum großen Teil der Gewohnheit des Diktierens 
verdanke. Das Diktieren zwingt dazu, die Gedanken rasch zu ordnen, 
schnell eine Disposition zu entwerfen, verführt allerdings zu allzu reich- 
lichem Redefluß. Nun aber: Claudite jam rivos, pueri, sat prata biberunt! 
Mit diesem Wort des alten Palaemon in den Eklogen des Virgi) schloß 
während meines ersten römischen Winters 1874/75 ein glänzender Redner, 
Marco Minghetti, eine Rede, der ich als junger Autach&amp; bewundernd 
lauschte. Ich hatte merkwürdigerweise, bevor ich selbst im Reichstag reden 
mußte, außer Minghetti nur vier parlamentarische Redner gehört. Als 
Primaner hörte ich Bismarck, der am 1. April 1867 die Bennigsensche 
Interpellation über Luxemburg beantwortete. Ich stand im Hintergrund der 
diplomatischen Loge, in die unser Vater, damals mecklenburgischer Ge- 
sandter in Berlin, mich eingeschmuggelt hatte. 1875 hörte ich, wie eben er- 
wähnt, Mingbetti, den Stiefvater von Marie, den sie so sehr liebte und 
verehrte. 1879 hörte ich in Paris, oder vielmehr in Versailles, wo damals 
noch das französische Parlament tagte, Gambetta, Leon Say und Dufaure. 
Als ich 1897 im Reichstag zum erstenmal sprach, stand mir Leon Say vor 
Augen mit seiner ruhigen, sicheren, klaren Art zu reden. Vale ac me ama. 
Bhd.“ 
Wenn ich heute diesen im Jahre 1906 an meinen Bruder gerichteten 
Brief, in dem ich zusammenfaßte, was ich in vielen Unterredungen mit 
deutschen Politikern und Publizisten, was ich zum Teil auch im Reichstag 
ausgeführt habe, wieder vor mir sehe, so berührt mich die Äußerung 
Roosevelts, der damals noch als deutschfreundlich gelten konnte, wahrhaft 
tragisch. Deutschland hat acht Jahre später, als es zur Verteidigung seiner 
Existenz zu den Waffen griff, die öffentliche Meinung der gesamten Welt 
von vornherein gegen sich gehabt. Das deutsche Volk ist, um mit Roosevelt 
zu sprechen, weit über jede Berechtigung hinaus für den Weltkrieg und 
seine Folgen verantwortlich gemacht worden. Und es wird mit einer in der 
Weltgeschichte noch nie gesehenen Brutalität bis aufs Blut für Entschädi- 
gungen ausgebeutet, zu denen es sich mit abgepreßter Unterschrift ver- 
pflichten mußte. 
Die mindestens unvorsichtige Sekundantendepesche an Goluchowski 
und manches, was ich in der gleichen Richtung aus Berlin hörte, ließen es 
mir nützlich erscheinen, dem Kaiser, der seit unserer durch meine Er- 
krankung herbeigeführten räumlichen Trennung seinen selbstherrlichen
        <pb n="276" />
        PRIVATISSIMUM FÜR DEN KAISER 239 
Trieben neuerdings wieder allzuschr die Zügel schießen ließ, ein historisch- 
politisches Privatissimum zu lesen. Noch ein anderer Vorfall hatte mir zu 
denken gegeben. Bei dem gnädigen Besuch, mit dem mich Wilhelm II. in 
Norderney beehrt hatte, war mir in der langen Unterredung, die Seine 
Majestät mit mir führte, eine Äußerung besonders aufgefallen. Als ich den 
Mut und die Einsicht des neuen russischen Ministerpräsidenten Stolypin 
wie des eben zurückgetretenen Finanzministers Witte rühmte, die zwar die 
Revolution bekämpften, aber nicht die Rückkehr zum alten autokratischen 
System wollten, hatte der Kaiser nach kurzem Nachdenken gemeint: „Ja, 
gewiß, Stolypin und Witte sind klug und schneidig, aber mir scheint, daß 
sie doch mehr an Rußland denken als an den Zaren, ihren Herrn.“ Ich 
benutzte für meine Admonition die günstige Gelegenheit, die mir das 
Glückwunschschreiben bot, das ich anläßlich der Entbindung der Kron- 
prinzessin, am 17. Juli 1906, an Seine Majestät richtete. 
In diesem Briefe riet ich zunächst Seiner Majestät, anläßlich der Taufe 
des Prinzen-Enkels in einer würdigen Kabinettsorder, wie sie Lucanus aus- 
zuarbeiten verstehe, dem deutschen Volk seinen Dank für den Anteil ab- 
zustatten, den alle Kreise an diesem erfreulichen Ereignis genommen 
hätten. Ich schlug vor, der Gesellschaft für die Bekämpfung der Säuglings- 
sterblichkeit, welche die Gründung eines Säuglingskrankenhauses betreibe, 
mit dem auch eine Forschungsstätte für Säuglingserkrankungen verbunden 
werden solle, eine möglichst große Spende zukommen zu lassen. Ich empfahl 
weiter, den König Eduard um die Annahme einer Patenstelle bei dem Erst- 
geborenen des Kronprinzen zu bitten. Der König, der wie alle Koburger 
einen ausgeprägten Familiensinn besitze, werde gern annehmen. „Les 
petits cadeaux entretiennent l’amitie.““ Ich regte auch an, dem Präsidenten 
der Vereinigten Staaten eine Patenstelle anzubieten. In der ersten Hälfte 
des 18. Jahrhunderts hätten bei der Taufe von preußischen Prinzen und, 
wie ich glaubte, speziell bei der Taufe Friedrichs des Großen, der Schult- 
heiß von Bern und die Niederländischen Generalstaaten Paten gestanden. 
In dem bedeutungsvolleren Teil meiner Ausführungen ging ich von der 
Lage der Dinge in Rußland aus. Die dortige Situation sei sehr ernst. Wir 
stünden vor dem Zusammenbruch des russischen autokratischen Systems, 
das während fast eines Jahrhunderts der Abscheu und nicht selten der 
Schrecken des demokratischen, andererseits die Hoffnung und bisweilen 
die Stütze des konservativen und monarchischen Europas gewesen wäre. 
Dieses System habe dem slawisch-tatarischen, dem asiatischen Kern des 
russischen Wesens entsprochen, dem germanischen Empfinden wäre es 
immer fremd geblieben. Der Germane sei individualistisch und freiheits- 
liebend. Als die germanischen Völker auf der Weltbühne erschienen wären, 
hätten sie Begriffe von Freiheit und Gleichheit gebabt, die an die heutigen
        <pb n="277" />
        240 „DER STAAT BIN ICH" 
amerikanischen Einrichtungen erinnerten. Als in Deutschland, im 18. Jahr- 
hundert, der absolutistische Gedanke vorübergehend die Oberhand ge- 
wonnen hätte, was übrigens unserer staatlichen Ausbildung und auch dem 
kulturellen Fortschritt zugute gekommen wäre, habe es sich um eine Nach- 
äffung der Bourbons gehandelt, denen die deutschen Fürsten nicht nur 
ihre Schlösser, sondern auch ihre Regierungsweise nachmachten. Und dabei 
doch welch ein Unterschied zwischen Friedrich dem Großen und Lud- 
wig XIV.! Der letztere sagt: „L’Etat c’est moi“; der erstere: „Je ne suis 
que le premier serviteur de l’Etat.‘“ Die Deutschen hätten seit jeher das 
Verhältnis zwischen Fürst und Volk als ein gegenseitiges aufgefaßt: Treue 
um Treue. Der Kaiser selbst habe mich, als ich die Ehre gehabt hätte, mit 
ihm der Aufführung des „Zar Feodor‘‘ durch eine übrigens exzellente 
russische Schauspielertruppe beizuwohnen, darauf aufmerksam gemacht, 
daß die russische Unterwürfigkeit noch mehr der Institution als der Person 
des Herrschers gelte. Darum verneige sich der Türke vor dem Thron, und 
der Chinese werde hingerichtet, wenn er nicht vor dem Bilde des Sohnes 
des Himmels die Mütze ziehe. Alle solche Sitten und Vorstellungen wären 
dem Germanen von jeher unverständlich gewesen, der weder vom chinesi- 
schen Kotau noch von der byzantinischen Proskynese etwas wissen wolle. 
Welch ein Unterschied zwischen der trotzigen Haltung der Edlen von 
Brabant in dem urgermanischen „Lohengrin“ und der Kriecherei der 
Bojaren im „Zar Feodor“! Ich betonte weiter, daß der Kaiser wohl daran 
tue, gegenüber den inneren Vorgängen in Rußland Reserve zu beobachten 
und sich in keiner Weise in die dortigen Vorgänge einzumischen. Das zu 
versuchen, würde die Wiederholung des groben Fehlers sein, den Friedrich 
Wilhelm II. beging, als er bei Beginn der Französischen Revolution in 
Frankreich einrückte. Übrigens sei der jetzt regierende Zar von Mitschuld 
an der in Rußland herrschenden Gärung ebensowenig freizusprechen wie 
sein verewigter Vater. Ich fuhr fort: „Beide haben die Zeichen der Zeit nicht 
zu erkennen vermocht. Sie glaubten, daß eine große Bewegung, wie es die 
freiheitliche Bewegung in Rußland im Grund und trotz aller Auswüchse 
doch ist, ohne Reformen noch rechtzeitige Zugeständnisse, nur durch 
Peitschenhiebe der Kosaken, Lanzen der Ulanen und Flintenschüsse der 
Grenadiere unterdrückt werden könnte. Das war ein verhängnisvoller 
Irrtum, nicht nur der Plehwe und Tscherewin, sondern auch zweier Zaren. 
Sobald nun ein unglücklicher Krieg kam, den gerade ein persönliches Re- 
gierungssystem nicht verträgt, erfolgte das Debäcle, das auch die schwere 
und strenge Hand Alexanders III. vielleicht hätte aufhalten, aber schwerlich 
vermeiden können. Dieses russische Debäcle erleichtert uns unter gewissen 
Voraussetzungen unsere auswärtige Lage. Andererseits wird aber dadurch 
der Unterschied in der Entwicklung der östlichen Monarchien mit derjenigen
        <pb n="278" />
        DIE MONARCHIE 241 
der westlichen Staaten den Völkern ad oculos demonstriert. Das konstitu- 
tionelle und liberale England steht glänzend da, vor der amerikanischen 
Republik öffnen sich gewaltige Zukunftsmöglichkeiten. Die von Sozialisten 
mitregierte Französische Republik genießt allgemeine Sympathien, und alle 
Könige geben sich in ihrer Hauptstadt Stelldichein. Auch in dem parla- 
mentarisch regierten Italien sieht es lange nicht so schlimm aus, wie manch- 
mal behauptet wird. Demokratische kleine Länder, wie Dänemark, Belgien, 
Holland, Norwegen, erfreuen sich im Innern großer Blüte, während in der 
jahrhundertjährigen Hochburg monarchischer und konservativer Grund- 
sätze, in der altehrwürdigen habsburgischen Monarchie alles aus dem Leim 
geht und in Rußland, das der unzerstörbare Hort streng autokratischer, 
militärischer und orthodoxer Grundsätze schien, Fundamente, Giebel und 
Balken wackeln.“ Auch für einen mächtigen und starken Monarchen werde 
durch diese Entwicklung die Situation erschwert. Ich betrachtete diese 
nach wie vor nicht pessimistisch, aber nur unter der Voraussetzung, daß 
wir in unserer inneren Pulitik Festigkeit mit Umsicht und Vorsicht ver- 
bänden, mit einem Wort: unerschrocken, aber ruhig und insbesondere ver- 
nünftig operierten. „Wer die Entwicklung der letzten hundert Jahre ge- 
wissermaßen ä vol d’oiseau überschaut, wird wieder in der alten Überzeu- 
gung bestärkt, daß die irdischen Dinge sich nicht in gerader Linie, sondern 
in Oszillationen oder wie Ebbe und Flut fortbilden. Die große französische 
Revolution bedeutete einen ungeheuren Ruck nach vorwärts für die demo- 
kratischen Ideen und Ideale. Nach der Niederwerfung von Napoleon, der 
einerseits der größte Soldat seiner Zeit, andererseits der Erbe der Revo- 
lution war, versuchten die wiederhergestellten alten Monarchien den 
Status quo ante 1789 wiederaufzurichten, allerdings mehr mit reinen 
Prinzipien als mit Vernunft und Geschicklichkeit. Schon 1830 kam der erste 
Rückschlag, 1848 der zweite und stärkere. Dann kam mit und durch Bis- 
marck der ungeheure Umschwung von 1866 und 1870. Seitdem war die 
Ansicht verbreitet, daß eine starke Monarchie mit tüchtigen Ministern mehr 
Wert hätte als liberale Institutionen, demokratische Tendenzen und parla- 
mentarische Spielereien. Der gute alte Herr an der Donau und der liebens- 
würdige junge Herr an der Newa haben es durch eine Kette von Fehlern, 
Versäumnissen und Übereilungen fertigbekommen, daß jetzt wieder viel- 
fach geglaubt wird, das Heil läge doch mehr links als rechts.“ Darin sähe 
ich so lange keine Gefahr, als wir im Innern mit Vernunft und Ruhe, 
nach außen mit Ruhe und Geschicklichkeit regierten. Da ich die Vorliebe 
Seiner Majestät für lateinische Zitate kannte, so schloß ich mit der War- 
nung, die in einer seiner besten Oden der kluge Quintus Horatius Flaccus 
der Kalliope zuruft: 
Vis consilii expers mole ruit sual 
16 Bülow II
        <pb n="279" />
        242 „JETZT DOZIERT ER“ 
Sinn und Hintergrund dieses Briefes verstand der Kaiser nicht. Er 
äußerte gegenüber meinem Vetter, dem Gesandten von Jenisch, der ihn 
als Vertreter des Auswärtigen Amtes auf seiner Nordlandreise begleitete: 
„Ich habe vom Reichskanzler eine lange Epistel erhalten, mit der ich nichts 
anzufangen weiß. Er schrieb früher brillant, geistreich, es war eine Freude. 
Jetzt doziert er. Nach seiner Erkrankung haben ihm alle Parteien Liebens- 
würdigkeiten gesagt. Er wird sich doch nicht von den — — Parlamentariern 
einseifen lassen ?“
        <pb n="280" />
        XVL KAPITEL 
Auswärtige Fragen « Bericht des Herrn von Jenisch aus Drontheim über außenpolitische 
Gespräche des Kaisers + Phantastische Ideen und Pläne des Professors Dr. Schiemann 
Bethmann und die polnische Frage - Brief der Kaiserin an Bülow »- Begegnung zwischen 
Wilhelm II. und Eduard VII. in Friedrichshof « Der Herzog von Connaught in Kiel 
Tod des Prinzen Albrecht, Prinzregenten von Braunschweig » Der Braunschweigische 
Regentschafisrat « Amnestie anläßlich der Entbindung der Kronprinzessin « Die 
Denkwürdigkeiten des Fürsten Hohenlohe - Stellungnahme Wilhelms II. zu Memoiren 
von Ministern « Ableger der Familie Hohenlohe im Ausland « Die Alläre Tippelskirch, 
Minister von Podbielski » Neue und üble Entgleisung des Botschafters Monts 
Der bewegliche, bisweilen phantastische Geist Seiner Majestät bereitete 
mir bei der Führung der auswärtigen Geschäfte des Landes noch mehr 
Sorgen und Schwierigkeiten als in innerpolitischen Fragen, namentlich 
wenn sich Dilettanten und Intriganten fanden, um diese Schwäche auszu- 
nutzen. Der Vertreter des Auswärtigen Amts bei Seiner Majestät, Herr von 
Jenisch, hatte mir Ende Juli aus Drontheim gemeldet: „Nach einer längeren 
Unterredung mit Professor Schiemann sagte mir Seine Majestät der Kaiser 
heute ungefähr folgendes: Falls in Rußland demnächst alles drunter und 
drüber geht und sich dort, wie Schön in seinem Bericht voraussieht, die 
Bildung einer Anzahl föderativer Republiken vorbereitet, dann lasse ich die 
baltischen Provinzen unter keinen Umständen im Stich, sondern 
komme ihnen zu Hilfe, und sie müssen dann dem Deutschen Reich ange- 
gliedert werden. Ich werde keinen Finger rühren, solange die russische 
Regierung noch besteht, aber umkommen lasse ich die Balten nicht in ihrer 
Not. Die Polen werden natürlich versuchen, ihren Machtbereich bis in den 
Norden an das Meer auszudehnen, das lasse ich niemals zu. Sie mögen sich 
nach Osten und Südosten ausbreiten, wo sie ihre wirtschaftlichen Interessen 
haben. Ich habe schon mit Bülow und Bethmann Hollweg gesprochen, 
daß wir im Fall einer Katastrophe in Rußland dem polnischen Programm 
(Wiederberstellung des Königreichs Polen) keine Hindernisse in den Weg 
legen. Dann wird der Moment gekommen sein, wo alle polnischen Groß- 
grundbesitzer mir den Homogialeid leisten müssen. Wer den nicht leistet, 
muß das preußische Gebiet verlassen, so entledigen wir uns am besten der 
unbequemen polnischen Elemente. Unsere Politik und unsere Diplomatie 
Der Kaiser 
über einen 
Zerfall 
Rußlands
        <pb n="281" />
        Die polnische 
Frage 
244 DIE BALTISCHEN PROVINZEN ANGLIEDERN 
wird in der nahen Zukunft vor ganz andere Aufgaben gestellt werden wie 
heute.“ Freiherr von Jenisch hatte hinzugefügt, es unterläge für ihn keinem 
Zweifel, daß dieser Ideengang des Kaisers die Fulge seiner Gespräche mit 
Schiemann sei. Schiemann hatte sich Jenisch gegenüber schon vorher in 
ähnlichem Sinne geäußert. Dieser hatte ihn dringend davor gewarnt, dem 
Kaiser solche Vorschläge zu machen oder Ratschläge zu geben. Schiemann 
hatte das auch fest zugesagt, aber sein Versprechen nicht gehalten. 
Herr von Jenisch fuhr in seiner Meldung fort: „Ich habe dem Kaiser 
gesagt, daß, wie mir Kapitän Hintze versichert, von einer Gravitie- 
rung der deutschen Elemente in den baltischen Provinzen bisher nichts zu 
merken sei und daß Schiemann die Verhältnisse in den Ostseeprovinzen 
sehr einseitig zu beurteilen scheine. Wie mir Admiral von Müller erzählt, 
fängt der Kaiser an ungeduldig darüber zu werden, daß aus Peterhof noch 
keine bestimmten Mitteilungen über die Absichten des Kaisers Nikolaus 
hinsichtlich einer Begegnung mit ihm eingetroffen sind. Seine Majestät 
wollten daher dort telegraphisch anfragen. Ich habe Admiral von Müller in 
seiner Ansicht bestärkt, daß ein solcher Schritt notwendigerweise in Peter- 
hof den Eindruck hervorrufen würde, als ob uns besonders an der Begeg- 
nung gelegen sei und wir in diesen kritischen Zeiten den Zaren zum Ver- 
lassen seines Reichs bewegen wollten. Das werde dann wieder wie schon 
früher politisch gegen uns ausgenutzt werden. Der Kaiser hat sich nunmehr 
damit einverstanden erklärt, daß Kapitän Hintze, der nach den Festlich- 
keiten in Drontheim nach Petersburg zurückkehrt, sich unter der Hand 
nach den Absichten des Zaren erkundigt. Prinz Heinrich hat neulich in Kiel 
mich dringend ersucht, Dich zu bitten, Du möchtest Tirpitz in seinem Amt 
zu erhalten suchen. Der Kaiser sei von irgendeiner Seite gegen ihn beein- 
flußt worden und habe ihm, Prinz Heinrich, wiederholt gesagt, Tirpitz sei 
mit an Deiner Erkrankung schuld. Das habe Prinz Heinrich gleich zurück- 
gewiesen, ebenso die Insinuation, daß Tirpitz Reichskanzler werden wolle. 
Er, der Prinz, kenne Tirpitz viel zu genau, um uicht zu wissen, daß er nie- 
mals solche Ambitionen haben würde. Leider sei Tirpitz von Charakter sehr 
mißtrauisch und übelnehmerisch. Der französische Jachtbesitzer Mönier, 
derselbe, der vor vier Jahren Waldeck-Rousseau an Bord hatte, wurde mit 
zwei schönen jungen Frauen und seiner sonstigen Begleitung ganz besonders 
vom Kaiser ausgezeichnet. Er plädierte für einen Zusammenschluß der 
europäischen Mächte gegen Amerika und für einen Besuch des Kaisers in 
Paris. Seine Majestät hat übrigens den Wunsch ausgesprochen, daß seine 
sämtlichen Gäste, mit der Gesandtschaft 34 Personen, zu dem Galadiner 
in Drontheim eingeladen werden.“ 
Der von mir bereits mehrfach erwähnte Professor Theodor Schiemann 
gehörte zu denjenigen Balten, die alle Vorgänge und Verhältnisse, die ganze
        <pb n="282" />
        BETHMANN HOLLWEG UND DIE WIEDERHERSTELLUNG POLENS 245 
Weltlage aus dem schmalen Gesichtswinkel ihrer engeren Heimat beur- 
teilten. So rührend, ja bis zu einem gewissen Grade begreiflich dieser Lokal- 
patriotismus der in einem jahrhundertjährigen Kampf für ihr Deutschtum 
gestählten Balten nun auch ist, so hatte eine solche Unterordnung der 
Reichsinteressen, der nationalen Salus publica unter die Leidenschaften 
und Hoffnungen eines kleinen Bruchteils des Germanentums doch ihre 
großen Bedenken. Bei Schiemann kam dazu, daß er persönlich zu den 
Schmeichlern gehörte, die seit jeher gerade für die Fürsten gefährlich 
waren, deren Phantasie nicht genügend durch nüchterne Überlegung 
gezügelt wurde. Hintze war unser tüchtiger Marineattache in St. Peters- 
burg, der sich dort eine bedeutende Stellung gemacht und nützliche Ver- 
bindungen angeknüpft hatte. Tirpitz war eine Kraft ersten Ranges, aber 
das, was die Franzosen „un mauvais coucheur“ nennen. Es war nicht leicht 
mit ibm auszukommen. Die Behauptung Seiner Majestät, er habe mich für 
sein pulnisches Programm gewonnen, war mir ein neuer Beweis dafür, wie 
sehr die lebhafte Art des Kaisers, seine Redseligkeit und seine Phantasie 
dazu neigten, anderen Äußerungen in den Mund zu legen, die genau so 
erfunden waren wie die Erzählungen des seligen Münchhausen. Der Kaiser 
hatte mir gegenüber die polnische Frage selten berührt, war aber von mir 
nieim unklaren darüber gelassen worden, daß ich die Wiederherstellung 
eines selbständigen Polen ale den größten Fehler betrachten würde, 
den die preußische, die deutsche Politik überhaupt, begehen könnte. Ein 
polnisches Reich an unserer Ostgrenze würde, hatte ich ihm wiederholt 
gesagt, der geborene Bundesgenosse unserer unversöhnlichen Gegner im 
Westen sein, eine polnische Armee in Warschau so viel bedeuten wie fran- 
zösische Truppen auch an unserer östlichen Flanke. Daß Bethmann llollweg 
sich für die polnischen Ideale erwärmt hatte, führte ich auf atavistische 
Regungen zurück. Der Großvater von Theobald Bethmann, der Professor 
August Moritz von Bethmann Hollweg, der seit jeher und bis zu seinem Tod 
Otto von Bismarck mit giftigem Haß bekämpfte, hatte sich in den fürffziger 
und sechziger Jahren in politischen Kreisen wie am preußischen Huf mit 
blindem Eifer für eine polenfreundliche Politik eingesetzt. 
Als ich im Spätsommer 1906, bei meiner Rückkehr nach Berlin, den 
damaligen Minister des Innern, Theubald vun Bethmann Hullweg, wieder- 
sah, stellte ich ihn bei einem gemeinsamen Abendessen im Zuologischen 
Garten mit ihm und anderen Ministerkollegen wegen seiner Stellung zur 
Poleufrage direkt zur Rede. Bethmann erwiderte mir nicht ohne Ver- 
legenheit, daß es sich bei seinen Auslassungen gegenüber Seiner Majestät 
nur um eine „rein akademische Idee“, nur um eine „Gedankenspielerei“ 
gehandelt haben könne. Als ich ihm über meinen ablehnenden Standpuukt 
gegenüber derartigen Narreteien keinen Zweifel ließ, versicherte er mir, daß
        <pb n="283" />
        Brief der 
Kaiserin an 
Bülow 
246 DER SCHOKOLADENFABRIKANT MENIER 
ihm während seiner Tätigkeit als Regierungspräsident in Bromberg die 
Gefährlichkeit der polnischen Propaganda für Monarchie und Reich viel zu 
sehr zum Bewußtsein gekommen wäre, als daß er je ernstlich an eine solche 
„Tollheit‘“ wie die Wiedererweckung von Polen denken könne. Bethmann 
Hullweg hat auch in der Tat seitdem und bis zu meinem Rücktritt als preu- 
Bischer Minister wie als Staatssekretär des Innern im Reich mir gegenüber 
den strammen Hakatisten gespielt. Er plädierte sogar mit Eifer für die Ent- 
eignungsnovelle, die mir große Bedenken einflößte. Bald nach meinem 
Rücktritt erwiderte er als Reichskanzler auf eine Anfrage des Ostmarken- 
vereins, ob unter ihm der alte Kurs in der Ostmarkenfrage beibehalten 
werden würde, mit einem pathetischen „Nunquam retroreum!“ Nicht lange 
nachher fing er an, in der Ostmarkenfrage zu schwanken und zu lavieren, 
um 1914, seit Beginn des Weltkriegs allmählich die Wiederaufrichtung von 
Polen anzubahnen, anfänglich mehr im stillen und versteckt, dann auch 
in seinen Reden und in Verhandlungen mit Wien, trotz aller Warnungen 
und trotz des lebhaften Widerspruchs des preußischen Staatsministeriums. 
Wie mit dem unsinnigen Ultimatum an Serbien, so bleibt auch mit dem 
zweitgrößten Fehler unserer Geschichte, der Wiedererrichtung von Polen, 
der Name Theobald von Bethmann Hollweg für immer verknüpft. 
Der Jachtbesitzer Menier, der französische Schokoladenfabrikant, sollte 
mir im Juni 1909 in Kiel begegnen, wo er mit seiner Jacht an der Kieler 
Woche teilnahm. Es war an Bord dieser Jacht, bei einem von den Franzosen 
gegebenen Frühstück, daß ich an dem Tage, an dem ich meinen Abschied 
erbat, zum letztenmal auf dem Meer mit Wilhelm II. zusammentraf. 
Ich bemübte mich während meines Urlaubs von 1906 auch brieflich, 
das noch immer gereizte und unfreundliche Verhältnis zwischen dem Kaiser 
und seinem Onkel, dem König von England, zu entgiften, was mir um so 
gebotener erschien, als in den politischen Beziehungen zwischen den beiden 
Völkern eine entschiedene Besserung eingetreten war. Leider wurden meine 
ständigen Bemühungen in dieser Richtung von der sonst gütigen und ver- 
ständigen Kaiserin mehr gehemmt als unterstützt. Sie schrieb mir nach 
Norderney Ende Juli 1906: „Lieber Fürst! Entschuldigen Sie, bitte, 
wenn ich schon wieder Ihre Norderneyer Ruhe durch diese Zeilen störe. 
Ich erhielt nämlich heute ein Telegramm vom Kaiser, in welchem er mir 
mitteilt, daß der König von England ihm einen Besuch machen werde, 
und zwar in Friedrichshof. Bei der Abreise sagte mir der Kaiser, wenn der 
König ihn besuchen wolle, könne er ja zu ihm kommen, nach Potsdam, 
Wilhelmshöhe oder Homburg. Nun plötzlich soll es wieder in Friedrichshof 
sein, dem Landsitz der hessischen Prinzeß, nicht einmal im eigenen 
Schluß des Kaisers! Das finde ich doch eine etwas unglückliche Idee. Wie 
denken Sie darüber? Meiner Ansicht nach muß der König nach allem, was
        <pb n="284" />
        DER ÜBERRUMPELTE DUKE 247 
zwischen den hohen Herren und ihren Ländern zum mindesten an Reibe- 
reien sich zugetragen hat, den Kaiser im eigenen Schloß, wenn nicht in der 
eigenen Residenz besuchen. Ich will mich nicht in Dinge mischen, die mich 
nichts angehen, aber ich möchte nicht, daß die Welt hierüber wieder mit 
Recht ihre Glossen machen könnte. Warum kann der gute dicke Herr nicht 
bis Wilhelmshöhe fahren oder der Kaiser selbst in unserem Homburger 
Schloß wohnen und ihn dort begrüßen? Dies kann ich nicht einschen. 
Mit herzlichen Grüßen für Ihre Frau und besten Wünschen für Ihre Ge- 
sundheit Ihre herzlich ergebene A. Viktoria.‘ Ich beruhigte die Kaiserin 
und ließ, nachdem der Besuch in Friedrichshof stattgefunden hatte, die 
Zusammenkunft in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung‘ in einem 
freundlichen Artikel kommentieren, der in England gut aufgenommen 
wurde. 
Begegnung und Aussprache waren um so erwünschter gewesen, als sich 
während der Kieler Woche ein Zwischenfall ereignet hatte, der an und 
für sich kaum der Erwähnung wert sein würde, der aber nicht ganz mit 
Unrecht den Herzog von Connaught, einen in England in allen Kreisen ange- 
sehenen und beliebten, dabei uns wohlgesinnten Prinzen, und seine Gattin, 
eine preußische Prinzessin, stark verschnupft hatte. Das Herzogspaar befand 
sich auf der Rückreise von der Taufe seines Enkels in Stockholm. Die eng- 
lische Jacht „Enchanteress“, auf der der Herzog und die Herzogin reisten, 
war den Behörden des Kaiser-Wilhelm-Kanals zur Durchfahrt angezeigt 
und gleichzeitig die ausdrückliche Bitte ausgesprochen worden, in Kiel 
wegen Zeitmangels von Ehrenbezeigungen und Besuchen abzusehen. Das 
war Seiner Majestät gemeldet worden. Trotzdem hatte der Kaiser, der sich 
zur Kieler Woche im Kieler Hafen befand, es nicht unterlassen können, 
sehr früh mit einer Pinasse nach dem Eingang des Kanals, nach Holtenau 
zu fahren, um selbst festzustellen, ob sein Onkel die im Hafen wehende 
Kaiserstandarte honorieren und ihm einen Besuch abstatten würde. Der 
Kaiser faßte die „Enchanteress“ in dem Augenblick ab, wo sie gerade in 
die Kanalschleuse einfuhr. Er kletterte sofort an Bord der englischen Jacht, 
Der Herzog war gerade dabei, sich zu rasieren, die Herzogin begann ihre 
Morgentoilette. Als sie beide, in dieser Weise überrumpelt, sich dem Kaiser 
zeigten, machte dieser ihnen gereizte Vorwürfe. Der Herzog erwiderte, 
er habe ja gar nicht gewußt, daß sein Neffe sich in Kiel befinde, was den 
Ingrimm Seiner Majestät noch verstärkte. Wenn wir auch nicht mehr in 
den Zeiten leben, in denen ein Glas Wasser über Krieg und Frieden ent- 
schied, so ist doch leider nicht zu leugnen, daß Wilhelm II. durch eine immer 
wieder hervortretende Mischung von Zudringlichkeit und Empfindlichkeit 
sehr dazu beigetragen hat, sich fast allen fremden Höfen unangenehm zu 
machen und damit unsere Politik zu erschweren, bisweilen auch zu stören. 
Der Kaiser 
und der 
Herzog von 
Connaught
        <pb n="285" />
        Die braun- 
schweigisrhe 
Frage 
248 WER WIRD REGENT VON BRAUNSCHWEIG? 
Bevor ich zu dem bedeutsamsten Vorgang des Jahres 1906, der am 
13. Dezember erfolgten Reichstagsauflösung, übergehe, möchte ich einige 
andere Ereignisse vorwegnehmen, die in die zweite Hälfte dieses Jahres 
fallen. Am 13. September starb infolge eines Schlaganfalls ziemlich uner- 
wartet Prinz Albrecht von Preußen, seit 1885 Regent von Braunschweig. 
Auf Grund des Gesetzes von 1879 konstituierte sich der Regentschaftsrat, 
der aus drei stimmführenden Mitgliedern des Staatsministeriums bestand, 
nämlich dem Staatsminister Dr. von Otto, dem Wirklichen Geheimrat 
Hartwig und dem Wirklichen Geheimrat Trieps, sowie aus dem Präsidenten 
des letzten Landtags und dem Präsidenten des herzoglichen Oberlandes- 
gerichts. Ich war in der Lage, dem Regentschaftsrat sogleich die Unter- 
stützung des Kaisers zu versprechen. Wie sehr unterschied sich diese, aus 
bewährten und ernsten Männern gebildete provisorische Regierung von 
dem Triumvirat lächerlicher und unwürdiger Gestalten, die nach der No- 
vemberrevolution in der alten Welfenstadt die Zügel an sich rissen. An der 
Spitze des Braunschweigischen Novemberministeriums stand bekanntlich 
Herr Sepp Orter, ein bayrischer Landstreicher, der sich bis dahin in Braun- 
schweig mit dem Stopfen von Matratzen durchschlug. übrigens vor seiner 
Ministerschaft im Gefängnis und sogar jahrelang im Zuchthaus gesessen 
hatte. Dieser würdige Ministerpräsident vertraute die Ministerialabteilung 
für Volksbildung, das höhere Schulwesen und das Volksschulwesen einer 
Hebamme an, was einerseits eine schöne Anerkennung der politischen 
Gleichberechtigung der Frauen bedeutete, andererseits vielleicht als feine 
Huldigung für die Ars obstetricia gedacht war. Der Präsident der provi- 
sorischen Regierung von 1906, Herr von Otto, gebörte zu den ausgezeich- 
neten Verwaltungsbeamten, die unter dem alten Regime nicht nur Preußen, 
sondern auch allen anderen Bundesstaaten zur Zierde und zum Segen ge- 
reichten. In einer Unterredung, zu der ich den Minister von Otto nach 
Berlin gebeten hatte, frug ich ihn, ob der gegebene Nachfolger für den 
Prinzen Albrecht nicht dessen Sohn, der Prinz Friedrich Heinrich, sein 
würde. Mit einiger Verlegenheit erwiderte mir der braunschweigische 
Staatsminister, der älteste Sohn des verstorbenen Regenten passe nicht 
recht nach Braunschweig, da er auf religidsem Gebiet zu ausgesprochen 
orthodox-pietistischen Anschauungen und Neigungen huldige. Als einige 
Zeit später Prinz Friedrich Heinrich wegen schwerer sittlicher Verirrungen 
sich in das Privatleben zurückziehen mußte, wurde es mir klar, daß Herr 
von Otto von dem moralischen Defekt des Prinzen wohl schon Wind hatte 
und ihn deshalb unter einem anderen Vorwand ablehnte. Prinz Friedrich 
Heinrich, der persönlich einen tüchtigen und dabei bescheidenen Eindruck 
machte, war nicht nur in dem von ihm kommandierten Regiment, den 
berühmten, 1689 von Markgraf Georg Friedrich errichteten Schwedter
        <pb n="286" />
        GROLL GEGEN CUMBERLAND 249 
Dragonern, geachtet und beliebt, sondern auch in Berliner gelehrten und 
gebildeten Kreisen, vor allem in den Kreisen der Geistlichen. Er wurde, als 
geine Verirrungen ans Tageslicht kamen, aus der Armee ausgestoßen, der 
Hof wurde ihm verboten und ihm der Schwarze Adlerordeu entzogen, 
den er wie alle preußischen Prinzen mit zehn Jahren erhalten hatte. Als 
der Weltkrieg ausbrach, bat der Prinz um Wiederanstellung in der Armee. 
Er erhielt die Erlaubnis, als Gemeiner wieder einzutreten. Er wurde, ob- 
wohl er sich vor dem Feinde brav hielt, nicht befördert. Er faßte seinen 
Dienst so ernst auf, daß, wenn sein ehemaliger Bursche vorbeikam, der es 
im Gegensatz zu seinem Herrn im Felde zum Gefreiten brachte, er vor ihm 
stramm stand. Man kann dem alten Regime nicht abstreiten, daß es sitt- 
lichen Verfehlungen mit berechtigter Strenge entgegentrat. 
In der braunschweigischen Frage hat Wilhelm II., den Philipp Eulen- 
burg nicht ohne Grund Wilhelm-Proteus zu nennen pflegte, viele Wand- 
lungen durchgemacht. Bevor die Verfehlungen des Prinzen Friedrich Hein- 
rich bekannt wurden, wünschte der Kaiser dessen Sukzession. Dann dachte 
er daran, für seinen eigenen Sohn, den Prinzen Eitel Friedrich in Braun- 
schweig eine hohenzollernsche Sekundogenitur zu errichten. Vorübergebend 
kam ihm auch der Gedanke, Braunschweig zu annektieren und mit der 
Provinz Hannover zu vereinen. Schließlich hat Wilbelm II. bekanntlich 
seine einzige Tochter mit dem Prinzen Ernst August von Cumberland ver- 
mählt und dann das junge Paar auf den Thron Heinrichs des Löwen gesetzt. 
Die Heirat der Kaisertochter war das Siegel auf die Aussöhnung der Hohen- 
zollern mit den Welfen, die schon den Hohenstaufen eine hartnäckige 
Opposition gemacht hatten. 1906 war man von einer solchen Aussöhnung 
noch weit entfernt. Damals zürnte der Kaiser dem Herzog von Cumberland 
nicht nur, weil dieser dauernd an seinen Ansprüchen auf Hannover fest- 
hielt, sondern auch weil er den Wunsch des Kaisers und noch mehr der 
Kaiserin, die Hand zur Verbindung einer seiner Töchter mit dem Kron- 
prinzen von Preußen zu bieten, nicht ohne Unfreundlichkeit abgelehnt 
hatte. Darüber schrieb mir Philipp Eulenburg, der sich wieder in der Um- 
gebung Seiner Majestät befand: „Die braunschweigische Frage hat, wie Du 
ja spürtest, einigermaßen aufgeregt, und die Heftigkeit, mit der gegen den 
Herzog von Cumberland getobt wurde, erklärst Du Dir leicht aus der Ver- 
geblichkeit des aus kaiserlicher Initiative zurückgezahlten Welfenfonds und 
der Brautbewerbungsabsage. Doch dauerte die Aufregung nur kurze Zeit, 
da die ungeschickte Passivität des unglücklich veranlagten Herzogs voll 
befriedigte. Als gestern das Schreiben des Herzogs an den Kaiser anlangte, 
in dem dieser Seiner Majestät mitteilt, daß er und sein ältester Sohn Prinz 
Georg Wilhelm ihre Rechte auf die Regierung im Herzogtum auf den 
jüngsten Sohn des Herzogs, den Prinzen Ernst August, übertragen hätten,
        <pb n="287" />
        Bülow 
beantragt 
‚AÄmnestie- 
Erlaß 
250 WILHELM Il. GEGEN AMNESTIE 
der nunmehr als Herzog die Regierung von Braunschweig übernehmen 
könne, erklärte der Kaiser, daß hiervon nicht die Rede sein könne, und 
fügte hinzu: ‚Na, wenn Bülow die Sache energisch durchhält, hat er ja 
Gelegenheit, zu zeigen, daß er noch der alte ist!““ Ich ließ mich dadurch 
nicht abhalten, die Schreiben, die der Herzog von Cumberland an den 
Kaiser und an mich gerichtet hatte, fortiter in re, aber suaviter in modo zu 
beantworten, mit der Höflichkeit, die nicht nur dem Oberhaupt eines der 
ältesten und erlauchtesten deutschen Fürstenhäuser, sondern auch dem 
Unglück gebührt. 
Bald nach der Entbindung der Frau Kronprinzessin hatte ich in einem 
wohlfundierten und -motivierten, vom ganzen preußischen Staats- 
ministerium unterzeichneten Immediatbericht beim Kaiser den Erlaß einer 
Amncstie angeregt. Ich hatte in meinem Bericht gesagt, daß, je hochherziger 
die Sache behandelt werde, um so größer der politische Erfolg sein würde. 
Der Kaiser hatte diesen Vorschlag schroff und mit sehr ungnädigen Be- 
merkungen abgelehnt. Er denke gar nicht daran, aus Anlaß der Geburt 
eines Enkels eine Amnestie zu erlassen. Bei seiner Geburt sei auch keine 
Amnestie erlassen worden. Er sei ein grundsätzlicher Gegner aller Amnestien. 
In dieser Frage hätte überhaupt nicht hinter seinem Rücken ein Staats- 
ministerialbeschluß herbeigeführt werden sollen, sondern man hätte ihn 
zunächst fragen müssen. Das Ministerium habe grundsätzlich zu warten, 
bis der Herrscher ihm seine Anregungen zugehen ließe. Auch sei der Zeit- 
punkt für eine eventuelle Amnestie bereits verpaßt. (Das war eine Contra- 
dictio in adjecto.) Die liberale Presse habe zuerst „in frecher Weise“ eine 
Amnestie gefordert; dann, als sie die Hoffnung auf Erlaß einer solchen auf- 
gegeben hätte, die Allerhöchste Person „in unverschämter Weise‘ ange- 
griffen. Wenn er jetzt den liberalen Forderungen nachgebe, so würde das 
als Schwäche ausgelegt werden. Ich ließ aber nicht locker und erreichte mit 
Hilfe von Lucanus, der mich auch in dieser Frage treu unterstützte, daß 
am 24. August ein umfassender Allerhöchster Gnadenerlaß erschien. 
Der Kaiser bestand nur auf einer Formulierung des Erlasses, durch die zum 
Ausdruck gelangte, daß, nachdem ihm durch Gottes Gnade ein Enkel ge- 
schenkt worden sei, der in wenigen Tagen die heilige Taufe empfangen solle, 
und da dieser Tag dazu auffordere, empfangene Unbill zu verzeihen und 
Vergebung zu üben, er auch denjenigen verzeihen wolle, die sich gegen seine 
Person vergangen hätten. Die Verurteilungen wegen Majestätsbeleidigung 
hatten unter der Regierung Wilhelms II. sehr zugenommen. Es hing dies 
zweifellos damit zusammen, daß der Kaiser, wie ich schon oft erwähnen 
mußte, weniger in der Sache als in der Form den Majestätsbegrifl über- 
spannte. Um so notwendiger erschien mir, bei passendem Anlaß das Kor- 
rektiv einer Amnestie eintreten zu lassen, schon weil die Verurteilungen
        <pb n="288" />
        DIE PEINLICHEN HOHENLOTNE-MEMOIREN 251 
nicht selten auf Grund häßlicher Denunziationen, womöglich nach vorher- 
gegangenem Erpressungsversuch oder aus persönlicher Rache erfolgten. 
Ich will aber nicht verfehlen, hinzuzufügen, daß es mir während meiner 
Amtszeit niemals in den Sinn gekommen ist, zum Schutz der kaiserlichen 
Majestäten ein Gesetz von der Art des 1922 von Herrn Joseph Wirth durch- 
gesetzten Gesetzes zum Schutz der Republik in Vorschlag zu bringen, ein 
drakonisches und gleichzeitig kleinliches Gesetz, durch das die republikani- 
schen Machthaber beweisen, daß sie für ihr doch diskutables System und 
ihre recht unbedeutenden Personen fast so empfindlich sind, wie es in der 
Zeit der Karlsbader Beschlüsse die sogenannte „Reaktion“ war. Ich stelle 
nicht ohne Genugtuung fest, daß es mir während meiner zwölfjährigen 
Ministertätigkeit nie in den Sinn gekommen ist, den Schatten des seligen 
Fürsten Clemens Metternich heraufzubeschwören. Malo periculosam 
libertatem. 
Anfang Oktober 1906 erschienen die Denkwürdigkeiten meines ver- 
ehrten Amtsvorgängers und langjährigen Chefs in Paris, des Fürsten Chlod- 
wig Hohenlohe. Sie enthielten mancherlei Neues über die Entlassung des 
Fürsten Bismarck, das Verhältnis Deutschlands zu Rußland und Öster- 
reich, Urteile Bismarcks über Kaiser Wilhelm II., waren aber im großen 
und ganzen in dem Geist der Mäßigung und vorsichtigen Behutsamkeit 
gehalten, der den alten Fürsten ausgezeichnet hatte. Wilhelm II. geriet 
über die Publikationen in sehr große Erregung. Die Veröffentlichung war 
von dem dritten Sohn des Fürsten Chlodwig, dem Prinzen Alexander 
Hobenlohe veranlaßt worden, den der Kaiser nie gemocht hatte und dem 
er nur, weil ich sehr insistierte, den schönen Posten des Bezirkspräsidenten 
in Kolmar übertragen hatte. Der Kaiser richtete an den ältesten Bruder 
des Prinzen Alexander, den Fürsten Philipp Ernst, ein zorniges Telegramm, 
in dem er erklärte, er habe mit „Erstaunen“ und „Entrüstung‘ von dieser 
Veröffentlichung Kenntnis genommen. „Wie konnte cs zugehen, daß 
dergleichen Material der Öffentlichkeit übergeben werden konnte, ohne 
zuvor Meine Erlaubnis einzuholen ? Ich muß dieses Vorgehen als im höchsten 
Grade taktlos, indiskret und völlig inopportun bezeichnen.“ Es sei uner- 
hört, über einen Souverän etwas ohne dessen Genehmigung zu veröffent- 
lichen. Der arme Prinz Alexander erschien bei mir in Homburg vor der 
Höhe, wo mir der Kaiser, um meine völlige Wiederherstellung zu beschleu- 
nigen, in überaus gütiger Weise sein dortiges Schloß zur Verfügung gestellt 
hatte und wo ich schöne Spazierritte in den mir seit meiner frühesten 
Jugend so wohlbekannten Wäldern und Tälern unternahm. Die idyllische 
Ruhe, die ich dort seit einigen Tagen genoß, wurde durch den Prinzen 
Alexander unterbrochen. Er war sehr unglücklich. Er redete sich auf den 
Herausgeber der Memoiren, Dr.Curtius, heraus, der sich wiederum damit 
Wilhelm Il. 
und die 
Tagebücher 
Hohenlohes
        <pb n="289" />
        252 DER FALL BISMARCK 
entschuldigte, daß er geglaubt hätte, durch das, was er über den Bruch 
zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck veröffentlicht habe, 
Seiner Majestät zu nützen. Ich bemühte mich vor allem, die Einleitung 
einer Disziplinaruntersuchung gegen den Prinzen zu verhüten, nicht nur 
aus Pietät gegen das Andenken seines Vaters, sondern auch mit Rücksicht 
auf ihn selbst. 
Der Kaiser war schwer zu beruhigen. Wenige Dinge waren ihm anti- 
pathischer als Publikationen über Souveräne und ganz besonders sulche 
über ihn selbst, die in einer anderen Tonart als in einer sehr devoten, wenn 
nicht byzantinischen und verhimmelnden, im Stile Schiemann oder Har- 
nack, gehalten waren. Darüber habe ich mit Seiner Majestät manches inter- 
essante Gespräch geführt. Am liebsten wäre dem Kaiser ein Gesetz gewesen, 
durch das Ministern, Generälen und Hofbeamten verboten wurde, Denk- 
würdigkeiten zu hinterlassen, und das Verlegern untersagte, solche Er- 
innerungen zu publizieren. In diesem Punkte begegnete sich Wilhelm II. 
mit Ludwig XIV., den nichts mehr ergrimmte als der Gedanke, daß er, 
der Sonnenkönig, nach seinem Tode anders gesehen werden könnte als im 
Glanz seiner Macht und Unfehlbarkeit. Ich hatte mich über diese Materie 
schon acht Jahre früher, anläßlich des Erscheinens der „Gedanken und 
Erinnerungen“ des Fürsten Bismarck, mit Seiner Majestät gestritten. Ich 
erinnerte, 1898 wie 1906, daran, wie aller Argwohn und alle Strenge von 
Ludwig XIV. nicht verhindert hätten, daß lange nach seinem Tode die 
Memoiren des Duc de Saint-Simon erschienen, in denen dieser große 
Schriftsteller das Bild des eitlen und allzu selbstsüchtigen Monarchen mit 
unvergänglichen Strichen für die Nachwelt fixierte. Ich zitierte auch das 
schöne Wort von Chateaubriand, der in seiner pathetischen Weise ausruft: 
„Während die Cäsaren der römischen Dekadenz ihr Unwesen treiben, 
wächst schon im verborgenen der junge Cornelius Tacitus heran, der ihr 
wahres Bild der Nachwelt überliefern wird.“ Das einzige Mittel, sagte ich 
Seiner Majestät, durch das ein Souverän ein ihm günstiges Urteil der 
strengsten der neun Musen, der Clio, erwirken könne, sei, vernünftig zu 
regieren. Es gelang mir schließlich, die Disziplinaruntersuchung gegen den 
Prinzen Alexander zu verhindern. Er verlor aber seinen Posten. Er gestand 
mir bei seinem Besuch in Homburg, daß er die Denkwürdigkeiten seines 
Vaters vor ihrer Publikation überhaupt nicht gelesen hatte. Der Statthalter 
von Elsaß-Lothringen, Fürst Hermann von Hohenlohe-Langenburg, 
dem der ganze Vorfall schr peinlich gewesen war, schon im Hinblick auf das 
Verhältnis seines erlauchten Hauses zu Seiner Majestät dem Kaiser, schrieb 
mir, er sei mir „zu hohem Dank“ verpflichtet, daß ich ihn der traurigen 
Aufgabe überhoben hätte, eine förmliche Disziplinaruntersuchung gegen 
seinen Neffen eröffnen zu müssen, dessen Verhalten er als eine „unverzeih-
        <pb n="290" />
        „Pod“, General Viktor von Podbielski 
von 1897 bis 1901 Staatssekretär des Reichspostamts, bis 1906 
preußischer Landwirtschaftsminister
        <pb n="291" />
        <pb n="292" />
        POD 253 
liche Indiskretion“ und ein „unglückseliges Beginnen“ bezeichnete. Er 
habe seinen Neffen veranlaßt, um Versetzung in den einstweiligen Ruhestand 
zu bitten, und in diesem Sinne sofort schriftlich und direkt an Seine 
Majestät berichtet. 
Der Langenburger Zweig des Hauses Hohenlohe illustriert den inter- 
nationalen Zug, der dem deutschen Hochadel seit jeher nur zu sehr eigen 
war. Ein Bruder des Familienchefs ging nach England und heiratete durt 
eine Engländerin aus kleiner Familie, eine Miß Seymour. Sein Sohn, der den 
Titel Count of Gleichen erbielt, war, wie ich anläßlich des Kieler Besuchs 
des Königs Eduard VII. erwähnte, Stockengländer, sehr chauvinistisch, 
sehr antideutsch. Ein anderer Bruder des Fürsten Hermann heiratete ein 
schwäbisches Mägdelein, Marie Gratwohl, deren Wiege, wie es in dem 
hübschen Sozialistenlied heißt, in ärmlichem Haus gestanden hatte. Der 
Sohn aus dieser Ehe wurde vom König von Württemberg zum Freiherrn 
von Bronn erhoben, ging nach Österreich, wurde dort Adjutant des Erz- 
herzogs Franz Ferdinand, heiratete eine Gräfin Czernin, wurde katholisch 
und schließlich Fürst von Weikersheim. Er gab sich als Stockösterreicher 
mit outriert schwarzgelben Anschauungen und war ebenso antideutsch wie 
sein englischer Vetter. Für die Nation hat auf allen Gebieten der sogenannte 
kleine Adel und insbesondere der Junker weit mehr geleistet als die in der 
zweiten und dritten Abteilung des Gothaer Almanachs verzeichneten 
standesherrlichen und fürstlichen Häuser. 
Zu den originellsten Figuren des alten Regimes gehörte der Landwirt- 
schaftsminister Podbielski, allgemein Pod genannt. Über diesen seinen 
Spitznamen scherzte niemand lieber als er selbst. Er frug gelegentlich eine 
etwas prüde Ministerfrau, neben der er bei Tisch saß, ob sie wisse, warum 
Seine Majestät nie einem Panzerschiff seinen Namen geben würde. Als die 
würdige Frau Ministerin erwiderte, sie sei schr gespannt auf die Lösung 
dieses Rätsels, meinte Podbielski: „Ein Panzerschiff Seiner Majestät kann 
doch unmöglich Pod heißen.“ Podbielski war nicht nur, wie ich ihn vor 
meiner Ernennung zum Reichskanzler gegenüber Seiner Majestät charakte- 
risiert hatte, findig und forsch, sondern er besaß auch, wie ich anläßlich 
seiner Ernennung zum Landwirtschaftsminister hervorhob, ein in Rathenow 
an der Havel wie in Hannover und Berlin bewährtes ausgesprochenes 
Organisationstalent. So hatte er auch vor seiner Ernennung zum Minister 
geholfen, die Firma Tippelskirch zu organisieren, die bald die Haupt- 
lieferantin für die Schutztruppe wurde. Als Minister wurde er nun beschul- 
digt, daß er diese Firma bevorzugt habe, auch bei seiner Ernennung zum 
Minister seine Anteilscheine auf seine Frau übertragen hätte. Eulenburg 
schrieb mir aus Rominten, der Kaiser sei „sehr erschrocken“, da er die 
Tragweite der Handlungsweise Podbielskis nicht übersehen könne. Er 
Rücktritt 
Podbielskis
        <pb n="293" />
        254 POD STOPFT AN SEINER MATRATZE 
habe sich aber mit der Bemerkung begnügt, daß Podbielski vielleicht 
„an seiner Matratze stopfe‘“, im übrigen aber ungewöhnlich brauchbar 
sei. Eulenburg fügte hinzu: „Ich nehme an, daß es keine unmöglichen 
Wünsche Seiner Majestät gibt, die Podbielski jetzt nicht erfüllen würde, 
und es tut mir leid, annelımen zu müssen, daß Seine Majestät eine so 
windelweich gewordene Persönlichkeit nicht ungern als Minister sieht, 
besonders in dem Ressort des dicken Podbielski, dem die Forsten, Wälder 
und Jagden unterstellt sind. Podbielski ging hier lahm an Gicht herum 
und sagte mir, daß ihn die Preßkampagne gegen ihn doch arg mitgenommen 
habe.“ In der Tat trat der wackere Podbielski, der sich nicht nur im 
Frieden in allen von ihm bekleideten Stellungen, sondern auch vorher 
auf dem Schlachtfelde ausgezeichnet hatte, im November 1906 freiwillig 
zurück. 
Ich kann mich eines ironischen Lächelns kaum erwehren, wenn ich an das 
Aufsehen und — um ein vor der Revolution sehr beliebtes, seitdem, wo viel 
mehr Anlaß dazu vorläge, weit weniger gebrauchtes Wort anzuwenden — 
an die „Entrüstung“ denke, die damals in der ganzen oppositionellen Presse 
über die „Afläre‘‘ Podbielski herrschte. Zunächst handelte es sich tatsäch- 
lich mehr um Gerede und Gerüchte als um bewiesene Anschuldigungen. 
Vor allem verhielt sich alles, was man Podbiclski vorwarf, zu den Verfeh- 
lungen, deren viele Jahre später Matthias Erzberger überführt wurde, 
wie der Brocken zum Chimborasso. Und trotzdem wurde Erzberger nach 
dem für ihn niederschmetternden Ausgang seines Prozesses gegen Helflerich 
und nach einem Urteilsspruch, durch den ihm gewohnheitsmäßige Unwahr- 
haftigkeit und unanständige Vermischung öffentlicher Interessen mit 
privaten Geschäften bescheinigt wurde, von dem Reichstagspräsidenten 
wie von dem damaligen Reichskanzler, zwei Sozialisten, nicht nur ent- 
schuldigt, nicht nur verteidigt, sondern öffentlich und laut gepriesen. In 
jenen Tagen des Erzberger-Helfferich-Prozesses frug ich den mir befreun- 
deten Redakteur eines demokratischen Blattes: „Wenn ich, als einst Pod- 
bielski wegen angeblicher kleiner Verfehlungen in seinen Beziehungen zur 
Firma Tippelskirch angegriffen wurde, ihn im Reichstag von der Minister- 
bank aus glorifiziert hätte, was würden Sie dazu in Ihrem geschätzten Blatt 
gesagt haben?“ Er erwiderte mir lächelnd: „Ich würde wohl geschrieben 
haben, daß seit den Zeiten des Niedergangs des römischen Reichs so etwas 
von schamlosem Zynismus und völligem Mangel an ethischem Empfinden 
nicht dagewesen wäre.‘ Andere Zeiten, andere Sitten! 
Als ich gerade im Begriff war, von Berlin mich zu meiner völligen 
Grof Monıs Wiederherstellung nach Norderney zu begeben, ließ sich unser Botschafter 
meldet sich in Rom, Graf Monts, bei mir melden. Ihm war ein arges Mißgeschick wider- 
fahren. In Mailand hatte eine Ausstellung stattgefunden, zu deren Ein-
        <pb n="294" />
        MONTS IM REGEN 255 
weihung, die in Gegenwart des Königs von Italien erfolgen sollte, das ganze 
Diplomatische Korps eingeladen war. Gerade als die Feier beginnen sollte, 
setzte ein kleiner Regenschauer ein. Das Diplomatische Korps war, der in 
solchen Fällen üblichen Etikette entsprechend, in Uniform erschienen. 
Nun war Monts einerseits ein großer Hypochonder, dem immer für seine 
Gesundheit bange war, andererseits aber berühmt geizig. Er fürchtete, 
bei dem Regen sich einen Schnupfen zu holen, er zitterte für scine Uniform. 
Er geriet allmählich in solche Erregung, daß er auf dem durch den Regen 
etwas mitgenommenen Festplatz mit lauter Stimme rief: „Regardez-moi 
cette salet&amp;!““ Neben ihm ging sein französischer Kollege Barre£re. Ich habe 
schon bei einer anderen Gelegenheit erzählt, daß der viel gewandtere und 
zielbewußtere Barrere mit Monts spielte wie die Katze mit der Maus. 
Sobald er die Aufregung von Monts bemerkte, ging er mit freundlichster 
Miene auf ihn los, um ihn noch mehr aufzustacheln: „Cette pluie est 
vraiment d@sagr&amp;able, nous allons tous attraper un gros rhume, vous avez 
’air bien päle. Et puis nos uniformes seront abimes. Et ces uniformes 
chamarres d’or coütent tr&amp;s cher!“ Monts, der nun völlig den Kopf verlor, 
ging auf den Minister des Äußern, den Grafen Guicciardini, los und schrie 
ihm mit lauter Stimme zu: „In’y a ici que les diplomates et les domesti- 
ques qui soient en uniforme. Je vous fais la une observation tr&amp;s serieuse.“* 
Schließlich machte er dem Bürgermeister von Mailand, dem Grafen Ponti, 
eine solche Szene, daß der ihm erwiderte: „Wenn Sie als Graf Monts zu mir 
sprächen, würde ich gezwungen sein, als Graf Ponti Sie fordern zu lassen. 
Da Sie aber deutscher Botschafter sind, werde ich mich bei meiner Regie- 
rung beschweren.‘ Beide, Ponti sowohl wie Guicciardini, galten, und mit 
Recht, für deutschfreundlich. Während Monts in dieser Weise auf dem 
Festplatz herumtobte, äußerte Barr£re lächelnd zu den ihn umringenden 
Italienern: „Comme les Allemands sont violents! Comme ils sont mal 
eleves! Comme ils aiment a provoquer des rixes! On a bien raison de parler 
de querelles d’Allemand.““ Bekanntlich nennt der Franzose „une querelle 
d’Allemand“ einen vom Zaun gebrochenen Streit. Als sich Monts am näch- 
sten Tage von seinem Koller erholt hatte, fühlte er doch, daß diesmal seine 
Form- und Taktlosigkeit das Maß des Erlaubten überschritten habe. Er 
suchte einen kurzen Urlaub nach und bat mich schriftlich um Empfang und 
Unterredung. Als ich ihn kurz vor meiner Abreise aus Berlin vorließ, 
erklärte er mir, er wisse wohl, daß sein Verhalten nicht zu rechtfertigen 
wäre. „Ich habe mich unglaublich benommen“, sagte er mir wörtlich. Seine 
einzige Entschuldigung sei die durch seine Kränklichkeit hervorgerufene 
totale Zerrüttung seiner Nerven. Er bäte mich, einen längeren Urlaub für 
ihn zu beantragen, damit er sich in einem Sanatorium gründlich auskurieren 
könne.
        <pb n="295" />
        256 O DANKBARKEITI 
Die vom Irrtum zur Wahrheit reisen, 
Das sind die Weisen; 
Die im Irrtum verharren, 
Das sind die Narren! 
Im Falle Monts gehörte ich leider in die letztere Kategorie, ich versteifte 
mich auf meinen Irrtum. Ich benutzte nicht die günstige Gelegenheit, 
Monts aus der Karriere zu entfernen, sondern ich sagte ihm, daß ich die 
Sache wieder einrenken würde. Inzwischen möge er sein Nervensystem 
wieder in Ordnung bringen. „Ich hatte nicht gedacht, daß Sie mich behal- 
ten würden“, meinte Monte, anscheinend sehr gerührt. Dann ergrifl er 
meine Hand und sagte mir, ich hätte schon viel für ihn getan, aber diesen 
Beweis von „Herzensgüte‘“ und „edler Nachsicht‘ werde er nie, nie ver- 
gessen. 
O Dankbarkeit, du süße Pilicht, 
Du Himmelslust, du Himmelslicht! 
Wie hab’ ich dich mir eingeprägt, 
Wie hab’ ich stete dich heilig gehegt!
        <pb n="296" />
        XVIU. KAPITEL 
Wilbelm II. und das Zentrum - Zusammentritt des Reichstags - Prinz Arenberg über 
die Politik des Zentrums +» Brief des Fürsten Lichnowsky an Bülow + Philipp Eulenburg 
über die Stimmung Wilhelms II. - Eulenburgs Sorge für Bülows Gesundheit - Besuch 
des Generalstabschefs von Moltke +» Reichstagssitzung vom 14. XI. 1906 « Dernburg 
Kolonialdirektor » Sein erstes Auftreten im Reichstag - Fürst Bülow tritt für Dernburg 
ein + Angriffe Erzbergers auf die Kolonialverwaltung + Bülow erwägt die Auflösung des 
Reichstags » Die entscheidende Reichstagssitzung vom 13. XII. 1906 + Auflösung des 
Reichstags - Brief des Kardinals Kopp 
chon im Hochsommer 1906, während ich in Norderney weilte, hatte 
So aus der Umgebung Seiner Majestät gehört, daß der hohe Herr sich 
wieder in gereizter Stimmung gegen die Parteien im allgemeinen und gegen 
das Zentrum insbesondere befinde. Ich war in dieser Richtung so abge- 
brüht, daß ich mich durch die in Rede stehende Meldung nicht weiter beein- 
drucken ließ. Der Kaiser schwärmte an und für sich für keine Partei, was ich 
ihm nachfühlen konnte. Je nach der politischen Konstellation nahm er aber 
abwechselnd und rasch wechselnd die eine oder die andere Fraktion vor- 
zugsweise en grippe. Während der Kanalkämpfe richtete sich sein Zorn gegen 
die Konservativen. Später waren die Nationalliberalen schlecht angeschrie- 
ben. Auch die Freisinnigen fielen gelegentlich in Ungnade, obschon es 
gerade unter ihnen Männer gab, die er besonders achtete. Ich nenne in 
dieser Beziehung nur Mommsen und Virchow, die ihm freilich schon als 
alte Bismarckfeinde sympathisch waren. Aber auch Kämpf, Schrader, 
Heckscher konnte er gut leiden. Seit dem Lärm, den die Aufhebung des 
Paragraphen 2 des Jesuitengesetzes in politisch einsichtslosen Kreisen 
hervorgerufen hatte, auch unter dem Eindruck der Konversion der Land- 
gräfin Anna, die doch politisch gänzlich bedeutungslos war, trat bei Seiner 
Majestät eine stärkere Verstimmung gegen das Zentrum hervor, die durch 
die sachlich ungerechtfertigte und verkehrte Haltung verstärkt wurde, 
die diese Partei unter dem Einfluß des jungen Matthias Erzberger plötz- 
lich und unerwartet in kolonialen Fragen einnahm. 
Darüber hatte ich schon aus Norderney, im Juni 1906, an den Staats- 
sekretär von Tschirschky, der nur zu sehr geneigt war, jeden Stimmungs- 
wechsel Seiner Majestät mitzumachen und lediglich das Echo Seiner 
17 Bulow U 
Gereiztheit 
Wilhelms II. 
gegen das 
Zentrum
        <pb n="297" />
        258 UNVERANTWORTLICHE SCHWÄTZER 
Majestät zu sein, das Nachstehende geschrieben: „Sehr dankbar wäre ich 
Ihnen und meine, Sie würden sich ein Verdienst um das Vaterland erwer- 
ben, wenn Sie S.M. von sich aus, ohne Bezugnahme auf mich, darauf 
aufmerksam machen wollten, daß das ewige Schimpfen und Aufreizen gegen 
das Zentrum zu nichts führt. Ich bin gewiß ein guter Protestant, aber poli- 
tisch kann mit Erregung, Erbitterung und derartigen Gefühlen nichts 
gemacht werden. Sie könnten $.M. darauf hinweisen, daß jede Partei, 
welche die Mehrheit habe und daher ausschlaggebend sei, das Bestreben 
hätte, sich der Regierung unangenehm zu machen, schon um den Wählern 
ihre Unabhängigkeit zu zeigen, da sie sonst bei ihnen an Boden zu verlieren 
fürchte. Das ist ja eine der Grundregeln der deutschen Fraktionspolitik und 
parteipolitischen Kunst. Die Konservativen des Abgeordnetenhauses haben 
sich in der Kanallrage störrischer gezeigt und größere Krisen herbeigeführt 
als das Zentrum in der nicht so wichtigen Kolonialfrage. Die National- 
liberalen haben, als sie in den siebziger Jahren die Mehrheit hatten, dem 
Fürsten Bismarck fortwährend Steine in den Weg gerollt. Welche Partei 
auch immer die Mehrheit hat — und ob nun das Parlament aus dem allge- 
meinen Stimmrecht, aus indirekten Wahlen oder aus ständischer Ver- 
tretung hervorgegangen ist —, wird die Tendenz haben, der Regierung 
ihren Willen zu zeigen. Wenn daher unverantwortliche Ratgeber S.M. 
gegen das Zentrum hetzen, so machen sie sich die Folge einer solchen 
Handlungsweise nicht klar. Gewiß, wenn es sich um die Einheit Deutsch- 
lands, um die Wehrhaftigkeit und Sicherheit des Reichs handelt, muß 
jeder Konflikt durchgekämpft werden, es koste, was es wolle. Aber ein 
solcher Konflikt darf nicht leichtsinnig heraufbeschworen werden. In der 
Politik kommt es darauf an, de donner aux choses leur juste valeur. Es 
kommt vor allem darauf an, den richtigen Augenblick beim Schopf zu 
nehmen. Es kommt auch darauf an, sich nicht von unverantwortlichen 
und unwissenden Schwätzern impressionieren zu lassen.‘ 
Mehr Eindruck als die wechselnden Stimmungen Seiner Majestät hatte 
mir das gemacht, was mir mein alter Freund, der Zentrumsabgeordnete 
Prinz Arenberg, sagte, als er mich im Hochsommer 1906 in Norderney 
besuchte. Auf einem Spaziergang nach dem Leuchtturm eröffnete er mir, 
daß er sich entschlossen habe, sich bei den nächsten Wahlen, also 1908, 
nicht wieder aufstellen zu lassen. Ich erwiderte, daß ich das tief bedauern 
würde. Er habe sich als ständiger Referent für den Etat des Auswärtigen 
Amts hochverdient gemacht. Er sei das Bindeglied zwischen mir und dem 
Zentrum und habe stets ausgleichend gewirkt. Davon abgesehen, würde es 
mir sehr schmerzlich sein, ihn nicht mehr mir gegenüber auf seinem gewohn- 
ten Platze zu sehen. „Max, bleibe bei mir, geh nicht von mir, Max!“ rief 
ich ihm zu. Er erwiderte, daß gerade seine Freundschaft und Liebe für
        <pb n="298" />
        TOD FRANZ ARENBERGS 259 
mich in ihm den Gedanken hervorgerufen hätten, aus dem politischen Leben 
auszuscheiden. Er sehe voraus, daß es in absehbarer Zeit zu cinem Konflikt 
zwischen seiner Partei und mir kommen würde, und einer solchen für ihn 
peinlichen Situation möge und wolle er sich nicht aussetzen. Seine Befürch- 
tungen und Sorgen waren mir unverständlich. Ich wies auf meine fast zehn- 
jährige Zusammenarbeit mit dem Zentrum hin, bei der sich beide Teile gut 
gestanden hätten. Ohne Ruhmredigkeit könne ich daran erinnern, daß 
kürzlich nach der Annahme der Schulvorlage der preußische Episkopat mir 
durch den Kardinal Kopp seine Zufriedenheit und seinen Dank hätte aus- 
sprechen lassen und nur deshalb seinen Gefühlen nicht öffentlichen Aus- 
druck gegeben habe, um mich nicht Verdächtigungen und Angriffen von 
der anderen Seite auszusetzen. „Gerade weil meine Fraktion saturiert ist, 
wird sie übermütig werden“, replizierte Arenberg. Einen Kampf seiner 
Fraktion, mit der ihn tief gewurzelte Überzeugungen und Gefühle verbän- 
den, gegen seinen besten Freund wolle er nicht mitmachen und sich deshalb 
rechtzeitig aus der politischen Arena zurückziehen. Auch in wiederholten 
Gesprächen gelang es mir nicht, Arenberg umzustimmen. Bei seiner Abreise 
begleitete ich ihn an den Landungssteg. Es war das letztemal, daß ich 
meinen lieben, guten Francois in diesem Leben sah. Er erkrankte nicht 
lange nachher an einem schweren inneren Leiden auf dem Schlosse Pesch 
in der Rheinprovinz, wo er zum Besuch bei seinem Bruder Jean weilte. 
Er mußte sich unter qualvollen Schmerzen legen, um nicht wieder aufzu- 
stehen. Mögen wir uns einst dort wiedersehen, wo es keine Erbärmlich- 
keiten und Kleinlichkeiten, keine Bosheiten und Gehässigkeiten mehr gibt. 
Wenn ich einst von jenem Schlummer, 
Welcher Tod heißt, aufersteh’ 
Und. befreit von jedem Kummer, 
Jenen schönen Morgen sch’ — 
Oh, dann wach’ ich anders auf, 
Schon am Ziel ist dann mein Lauf. 
Träume sind des Pilgers Sorgen, 
Großer Tag, an deinem Morgen. 
Am 13. November 1906 eröffnete der Reichstag wieder seine Sitzungen. 
Auf den nächsten Tag war die Beratung einer von dem Abgeordneten 
Bassermann über auswärtige Politik eingebrachten Interpellation ange- 
setzt. Es war mir erwünscht, bei diesem Anlaß nicht nur dem Reichstag 
und dem deutschen Volk ein Bild unserer Gesamtlage zu geben, sondern 
auch manches zu sagen, was in Paris wie in Wien, in London wie in St. Pe- 
tersburg nützlich wirken konnte. Metternich hatte mir aus London ge- 
schrieben, daß sein russischer Kollege Graf Benckendorff kürzlich in Paris 
17 
Deutschland 
und Rußland 
1906
        <pb n="299" />
        260 WOYRSCH MUSS ÜBER DEN STOCK SPRINGEN 
mit dem russischen Minister des Äußern Iswolski zusammengetroffen 
wäre. Iswolski habe ihm dort gesagt, daß und warum Rußland nach seiner 
Niederlage in Ostasien sich mit England über asiatische Fragen verständigen 
müsse, daß er aber nicht wünsche, einer solchen Verständigung eine Spitze 
gegen die deutschen Interessen zu geben. Aus Berlin hatte Iswolski an 
Benckendorff telegraphiert: „Impressions de Berlin excellentes.“ Über die 
Polenfrage hatte Benckendorff bemerkt, daß die völlige Übereinstimmung, 
die in dieser Beziehung zwischen Iswolski und mir herrsche, sehr dazu 
beitrage, zwischen Deutschland und Rußland vertrauensvolle und freund- 
liche Beziehungen aufrechtzuerhalten. Über die inneren russischen Zu- 
stände hatte Benckendorff aus St. Petersburg gehört, daß das ehrliche 
Wollen von Stolypin bei allen Verständigen Anerkennung finde. Die kon- 
stitutionellen Versprechungen des Zaren müßten gehalten werden, andern- 
falls sci eine dauernde Beruhigung Rußlands nicht mehr möglich. Ein 
Zurückgreifen auf den reinen Absolutismus würde ein verhängnisvoller 
Fehler sein. Hinsichtlich der englisch-russischen Beziehungen hatte 
Benckendorff noch gemeint, Afghanistan sei ein Punkt, über den eine Ver- 
ständigung auch beim besten Willen schwerfallen würde. Afghanistan 
stünde unter dem alleinigen Schutz England-Indiens. Es beziehe Subsidien 
aus Kalkutta. England werde sich schwer dazu bereit finden lassen, auf die 
Dauer seine Stellung in Afghanistan mit Rußland zu teilen. Eine haltbare 
Verständigung über Persien sei zwischen England und Rußland nicht aus- 
geschlossen. Über Afghanistan sei eine solche auf die Dauer und für die 
Dauer schwer zu haben. 
Aus Schloß Slawentzitz in Oberschlesien, wo der Kaiser bei dem Fürsten 
Christian Krafft-Hohenlohe-Oehringen für die Herbstjagden weilte, hatte 
mir der gleichfalls dorthin eingeladene Fürst Lichnowsky, bis 1904 mein 
Personaldezernent im Auswärtigen Amt, vertraulich geschrieben: „S. M. 
hat hier im Augenblick der Abreise dem Gottfried Hohenlohe zu dessen 
völliger Überraschung einen Brief an den Zaren (!) in die Hand gedrückt, 
und zwar mit dem Vermerk: ‚Par le prince Hohenlohe‘, so daß es diesem, 
wie er selbst nicht ohne Verlegenheit bemerkte, nunmehr unmöglich ist, 
den Brief an den preußischen Militärbevollmächtigten in St. Petersburg, 
den General Jacobi, zu übergeben. Daß S.M. wiederum, trotz der vor- 
jährigen traurigen Erfahrungen, sein Herz dem genannten österreichischen 
Militärattach&amp; ausschüttete, versteht sich wohl von selbst. Dafür mußte 
Woyrsch vor versammelten Zuschauern ä la Mohr über meinen Stock 
springen.“ Mohr war mein treuer Pudel, der durch die Witzblätter populär 
geworden war. Die Vertrauensseligkeit des Kaisers gegenüber dem damali- 
gen österreichischen Militärattache in St. Petersburg war ein neuer Beweis 
der politischen Unbesonnenheit Seiner Majestät. Prinz Gottfried Hohen-
        <pb n="300" />
        DIE LUFT VOLL VON KRIEGSGERÜCHTEN 261 
lohe war nichts weniger als deutschfreundlich und galt den Russen in 
St. Petersburg eher als unser Gegner. Er hat später während des Welt- 
kriegs als österreichischer Botschafter in Berlin mit rücksichtslosem Egois- 
mus die österreichischen Interessen auf Kosten der deutschen gefördert. 
General von Woyrsch war einer unserer besten Offiziere, der sich während 
des Weltkriegs als Schützer Schlesiens mit Ruhm bedeckt hat. Wilhelm II. 
hatte ungehörige Scherze wie das Springen über einen hingehaltenen Stock 
in England gelernt, wo derartige „practical jokes‘“‘ sehr beliebt sind, auch 
bei einem Football-Match oder an Bord einer Jacht nicht übelgenommen 
werden. Nach Deutschland paßte das nicht, und es gehörte sich namentlich 
nicht gegenüber einem älteren preußischen General. 
Ich sah in diesem Jahr der Wiedereröffnung des Reichstags wenn nicht 
mit Ungeduld so doch gern entgegen. Während des Herbstes war die Luft 
voll von Kriegsgerüchten. Es mögen auch allerhand Intrigen gespielt haben. 
Philipp Eulenburg schrieb mir aus Rominten: „Ich muß zu Deiner Orien- 
tierung noch von der Haltung sprechen, die S.M. einnahm, wenn von Dir 
die Rede war. Der Kaiser hatte Dich in Wilhelmshöhe vollkommen frisch, 
wie früher, gefunden, in Berlin angegriffen. In Gegenwart von August 
Eulenburg hatte er über die Angelegenheit der afrikanischen Bahn sehr 
heftig getobt. Mir gegenüber sprach er sich nur in sehr gemäßigtem Ton 
aus, gewissermaßen vorsichtig. Es klang durch, als schöbe er einen ge- 
wissen Mangel an Energie auf die Krankheit, von der Du noch nicht voll- 
kommen genesen seist. Ich habe den Eindruck, daß er auf der Note ‚Ener- 
gie‘ herumreitet. Sicher ist, daß er absolut niemand weiß, den er an Deine 
Stelle setzen könnte. Ich fühle das heraus aus der Art, wie er trotz gelegent- 
lichen Ärgers über Dich spricht. Das ist immerhin nützlich und führt ihn 
nicht auf Abwege. Unleugbar ist ihm der Gedanke, Du könntest tatsäch- 
lich zu leidend sein, um die Geschäfte weiterzuführen, höchst störend, 
unbequem und fatal. Als ich vor einigen Tagen zufällig mit der Kaiserin 
auf Deine Gesundheit zu sprechen kam (S.M. saß daneben und las) und 
sagte: ‚Nun, gottlob ist ja jetzt alles in Ordnung. Es wäre ja schrecklich 
gewesen, wenn Bülow hätte zurücktreten müssen‘, blickte 5. M. plötzlich 
von seinem Zeitungsblatt auf und sagte: ‚Ja, wahrhaftig, das hätte noch 
gefehlt.‘ Diese spontane Bemerkung ist sehr bezeichnend. Bezeichnend aber 
auch für seinen Charakter, daß er jede Handlung, welche nicht seinem 
Willen entspricht, als Energielosigkeit bezeichnet und nun an Deine 
Krankheit knüpft. Ich gebe Dir ein möglichst präzises Bild. Wer würde 
Dir das sonst wohl geben ? Mein geliebter, guter Bernhard!“ Dagegen ließ 
mir unser Botschafter in Wien, der spätere Fürst, damals Graf Karl Wedel, 
ein rechtschaffner Mann und mein treuer Freund, durch meinen Bruder 
Karl Ulrich, Flügeladjutant Seiner Majestät, in jener Zeit Militärattach6 
Philipp 
Eulenburg 
über Bülows 
Gesundheit
        <pb n="301" />
        262 DER KOMPLIZIERTE PHILIPP EULENBURG 
in Wien, vertraulich sagen, daß stark gegen mich gearbeitet würde, auch 
und sogar namentlich von Philipp Eulenburg, der den Chef des General- 
stabs, Hellmuth Moltke, als Reichskanzler wünsche. Eulenburg rede dem 
Kaiser vor, ich sei viel kränker, als S. M. glaube. „Es geht um Bernhards 
Leben.“ Übrigens würde es auch ohne den „teuren“ Bernhard und sogar 
ganz gut gehen. Der Kaiser müsse die auswärtige Politik allein, unterstützt 
von ihm, Eulenburg, und dem treuen Tschirschky, machen, im Innern aber 
ein starker Mann, also ein General, mit eisernem Besen gründlich ausfegen. 
Ob an dieser Mitteilung, die mich übrigens in keiner Weise aufregte, etwas 
Wahres war, habeich nie erfahren. Richtig ist, daß, nicht lange nachdem ich 
mich von Norderney über Berlin und Wilhelmshöhe nach Homburg begeben 
hatte, Philipp Eulenburg den Geheimen Rat von Renvers aufsuchte, um 
ihm zu sagen: wer es gut mit mir meine, müsse mirim Interesse meiner 
Gesundheit raten, meinen Abschied zu nehmen. Als Renvers mich für 
völlig gesund erklärte, hatte Eulenburg gemeint, daß ich dem kühlen 
Blick des Arztes vielleicht so erscheinen könne, nicht aber dem besorgten 
Auge des Freundes, der wisse, daß mein Leben von der baldigen Abschütt- 
lung der unerträglichen Last des Reichskanzleramts abhänge. 
Ich halte es auch heute nicht für ausgeschlossen, daß Eulenburg aus 
wirklicher Freundschaft für mich so sprach. Er war tatsächlich eine sehr 
komplizierte Natur. Wie der geistreiche Wiener Burgtheaterdirektor und 
Schriftsteller Alfred Berger einmal meinte: eine Zwiebel mit sehr vielen 
Häuten, bei der es schwer sei, auf den Kern zu kommen. Übrigens war 
Eulenburg nicht der einzige, der mir, wenn es ihm paßte, Kränklichkeit 
und Krankheiten andichtete. Auch Bethmann Hollweg erzählte, wenn er 
als Reichskanzler ins Schwanken geriet, mit Vorliebe, daß meine Wieder- 
berufung zum Reichskanzler ‚leider‘ durch meinen traurigen Gesundheits- 
zustand ausgeschlossen wäre. Und doch hat die Vorsehung gewollt, daß 
ich beide, Phili Eulenburg und Theobald Bethmann, überlebt habe, und 
das, dank der göttlichen Gnade, in bester Gesundheit und ungebrochener 
Kraft. „Ironie delicieuse de la divine Providence!“ pflegte in solchen Fällen 
Monsignore Duchöne in Rom zu sagen. 
Als ich im Spätsommer 1906, einige Tage nach dem Eingang des Wedel- 
schen Bricfes, dem Kaiser auf einem Diner bei seiner Schwester, der Prin- 
zessin Margarethe von Preußen, begegnete, fand ich ihn unbefangen und 
liebenswürdig. Nichts konnte harmloser sein, als wie er mit seiner jüngsten 
Schwester und meiner ihr seit langem befreundeten Frau konversierte und 
scherzte. Auf der Svuiree, die am 22. Oktober, dem Geburtstag der Kaiserin, 
im Neuen Palais stattfand, wurde ich von verschiedenen Seiten gefragt, 
ob es wahr wäre, daß Hellmuth Moltke an meine Stelle treten werde. Ich 
erwiderte, daß ich Moltke dankbar sein würde, wenn er mich von der Bürde
        <pb n="302" />
        DIE EINKREISUNGSPOLITIK 263 
meines Amts befreien wollte, aber nicht glaube, daß er hierzu Lust habe. 
Am nächsten Morgen brachte eine Berliner Zeitung, wenn ich nicht irre 
das „Berliner Tageblatt‘, ohne direktes oder indirektes Zutun von meiner 
Seite, die Nachricht, daß intrigiert würde, um Moltke an meine Stelle zu 
bringen. Schon am Nachmittag desselben Tages erschien Moltke bei mir 
und sagte mir mit der Offenheit, die seinem vornehmen Wesen entsprach, 
daß ihn die in Rede stehenden Gerüchte und Klatschereien auf das pein- 
lichste berührt hätten. Er dächte nicht daran, den Reichskanzlerposten zu 
erstreben, dem er sich in keiner Weise gewachsen fühle. Ich erwiderte ihm 
in voller Aufrichtigkeit, daß ich niemals weder an seiner Loyalität noch an 
seiner Freundschaft für mich gezweifelt hätte. Ich bin auch heute fest 
überzeugt, daß dieser unglückliche, aber durch und durch edle Mann mir 
damals wie immer die Wahrheit sagte. Im Hinblick auf die schwüle inner- 
politische Lage aber war ich zufrieden, als mit dem Wiederbeginn der 
parlamentarischen Diskussionen ein frischer Luftstrom in die Stickluft der 
höfischen Intrigen und Salonklatschereien fuhr. 
Als ich mich am 14. November zu Fuß aus dem Reichskanzlerpalais 
nach dem Reichstag begab, begegnete ich am Brandenburger Tor meinem 
lieben Freund und ärztlichen Berater Renvers, der tat, als ob er dort zu- 
fällig hingekommen wäre. Er begleitete mich bis zum Eingangsportal des 
Reichstagsgebäudes. Dort befühlte er meinen Puls, dann meinte er: „Ihr 
Puls kann gar nicht ruhiger sein. Nun gehen Sie los!“ Ich hielt am 14. No- 
vember 1906 in Beantwortung einer von dem Abgeordneten Bassermann 
eingebrachten Interpellation über unsere auswärtige Lage eine der längsten 
Reden meiner Amtszeit*. Ich sprach ganz frei, ohne einen Zettel vor mir, 
ohne Manuskript. Ich beleuchtete zunächst unsere Beziehungen zu Frank- 
reich, über dessen Unversöhnlichkeit wir uns gerade im Hinblick auf die 
traditionellen und glänzenden Eigenschaften unserer temperamentvollen 
Nachbarn, auf ihren lebhaften Patriotismus, ihren hochgespannten und 
starken Ehrgeiz keine Illusionen machen dürften. Auf den Zwischenruf der 
Sozialisten: „Jaures!“ erwiderte ich: „Eine Schwalbe macht noch keinen 
Sommer, selbst wenn sie eine rote Schwalbe ist.‘““ Gegenüber der Entente 
cordiale wies ich mit Ernst darauf hin, daß eine Politik, die darauf gerichtet 
wäre, Deutschland einzukreisen, einen Kreis von Mächten um uns zu bil- 
den, um uns zu isolieren und lahmzulegen, eine für den Frieden in Europa 
bedenkliche Pulitik sein würde. Gegenüber England hob ich mit großem 
Nachdruck hervor, daß wir nicht daran dächten, eine Flotte zu schaffen, 
die so stark wie die englische wäre. Wir hätten aber das Recht und die 
Pflicht, eine der Größe unserer Handelsinteressen entsprechende Flotte zu 
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, 306; Reclam-Ausgabe IV, 108. 
Reichstagsrede 
über die aus- 
wärtige Politik
        <pb n="303" />
        Erklärungen 
über Verant- 
wortlichkeit 
264 „ZU NERVÖS OBEN UND UNTEN!“ 
halten, die nur die Aufgabe habe, unsere überseeischen Interessen zu 
schützen und unsere Küsten zu verteidigen. König Eduard VII. widmete 
ich achtungsvolle und höfliche Worte. Ich konnte mit Recht feststellen, 
daß die Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland seit langem nicht 
8o normal, so ruhig und so korrekt gewesen wären. Ich nahm auch die 
Gelegenheit wahr, mit einigen Irrtümern und törichten Vorurteilen abzu- 
rechnen, die bei uns immer wieder auftauchten. Den Kritikern, die mir in 
der Presse meine übertriebene Liebenswürdigkeit vorwarfen, sagte ich, 
daß die Urbanität, deren ich mich als Mensch und im persönlichen Verkehr 
gern befleißige, nicht die einzige Richtschnur meiner politischen Tätigkeit 
wäre. In der auswärtigen Politik schließe die Höflichkeit die Festigkeit 
nicht aus. Es komme darauf an, die eine wie die andere Eigenschaft im 
richtigen Moment zur Anwendung zu bringen. Es war in dieser Rede, daß 
ich das Wort vom „mißverstandenen Bismarck“ prägte, das meinem 
damaligen Pressechef, dem Geheimen Rat Hammann, den Titel für eines 
seiner politischen Bücher lieferte, die wenig gründlich, nicht immer wahr- 
heitsgetreu, aber flüssig und ganz unterhaltend geschrieben sind. Mit Nach- 
druck warnte ich in meiner Rede am 14. November 1906 vor Nervosität. 
„Wir sind alle in Deutschland zu nervös geworden, rechts und links, oben 
und unten.“ Als mich die Sozialisten nach diesem Satz unterbrachen, 
wiederholte ich: „Das sagte ich ja eben: unten und oben!“ Ich erinnerte 
daran, wie Fürst Bismarck in seiner letzten, unsterblichen Rede vom 
6. Februar 1888 dargelegt hatte, daß während des ganzen neunzehnten 
Jahrhunderts Koalitionen mit einer daraus resultierenden Kriegsgefahr 
bestanden, immer Kriegswolken am politischen Horizont gestanden hätten, 
und ich fuhr fort: „Es ist gut, alle Wetterzeichen am Horizont der aus- 
wärtigen Politik zu beobachten und namentlich jedes Wetterleuchten. 
Aber vor jedem Stirnrunzeln des Auslands zu erbeben, ist nicht die Art 
großer Völker, und wir wollen und sollen ein großes Volk sein.“ 
Ich hatte über zwei Stunden gesprochen, unter sehr lebhaftem Beifall, 
mußte aber in derselben Sitzung noch einmal das Wort ergreifen, um auf 
Angriffe zu antworten, die von verschiedenen Seiten gegen das angebliche 
persönliche Regiment des Kaisers, gegen Entgleisungen und Unvorsichtig- 
keiten Seiner Majestät erhoben worden waren.* Ich hob die großen Eigen- 
schaften, die starke Persönlichkeit, die reichen Gaben des Kaisers hervor, 
seinen geraden Charakter, seinen klaren Kopf, sein Pflichtgefühl. Der 
Kaiser habe die Verfassung stets gewissenhaft beobachtet. Das deutsche 
Volk wolle keinen Schattenkaiser, es wolle einen Kaiser von Fleisch und 
Blut. Ich entwickelte, daß es Sache des politischen Augenmaßes, des 
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, 337; Reclam-Ausgabe IV, 148.
        <pb n="304" />
        Kolonialdirektor Bernhard Dernburg 
in seinem Haus in der Villenkolonie Grunewald
        <pb n="305" />
        <pb n="306" />
        DER WELLENBRECHER 265 
Pflichtgefühls gegenüber Krone und Land sei und in das Gebiet der politi- 
schen Imponderabilien gehöre, wie weit ein Minister das persönliche Her- 
vortreten, die Meinungs- und Gefühlsäußerungen des Monarchen mit seiner 
Verantwortlichkeit decken wolle, und fügte hinzu: „Ich kann mir sehr 
wohl denken, daß ein Minister finden kann, daß ein übertriebenes persön- 
liches Hervortreten des Regenten, daß ein zu weit getriebener monarchi- 
scher Subjektivismus, ein zu häufiges Erscheinen des Monarchen ohne die 
ministeriellen Bekleidungsstücke, von denen die Weisheit des Fürsten 
Bismarck sprach, dem monarchischen Interesse nicht zuträglich ist und 
daß er dafür die Verantwortung vor Land und Geschichte nicht über- 
nehmen kann.“ 
Als ich, nicht lange nach dieser Rede, mit dem Zentrum gebrochen hatte, 
tauchte in Zentrumsblättern die Behauptung auf, ich hätte die Interpella- 
tion Bassermann mit diesem verabredet und ihn zu seinen Bemerkungen 
über das persönliche Regiment veranlaßt. An dieser Behauptung war kein 
wahres Wort. Ich hatte vor der Debatte vom 14. November weder direkt 
noch indirekt irgendwelche Rücksprache mit Bassermann genommen, ihn 
überhaupt nicht gesehen. Charakteristisch für deutsche parlamentarische 
Verhältnisse war, daß mir der Pressechef Hammann am 15. November 
nach einer Unterredung mit dem Vertreter der „Frankfurter Zeitung‘, 
August Stein, schrieb, daß dessen „Kritizismus‘‘ durch meine gestrigen 
Reden zum Schweigen gebracht worden wäre, daß er sich aber als über- 
zeugter Demokrat ärgere über den „weiten Abstand zwischen dieser glän- 
zenden Leistung und den hilflosen Reden aus dem Hause“. Aber nicht nur 
August Stein hatte sich über meine Rede geärgert, sondern auch Kaiser 
Wilhelm II., der den ihm vorgelegten Parlamentsbericht über die Sitzung 
vom 14. November mit mißtrauischen und gereizten Randvermerken ver- 
sah. Ich antwortete ihm, daß ich, indem ich mich gegenüber den vielen 
während der letzten Wochen gegen das Oberhaupt des Reichs gerichteten 
Kritiken und Angriffen zum Wellenbrecher machte, diese Angriffe aufmich 
abgelenkt und dadurch zweifellos die Stimmung im Lande gebessert habe. 
Ich würde mich auch weiter, wie es meine Pflicht wäre, vor den Thron 
stellen und, soweit ich es vermöchte, Unerfreuliches und Schädliches von 
Seiner Majestät abhalten. Ich fügte aber hinzu: „Was die bestehende Ver- 
stimmung betrifft, so würden auch die geschicktesten Presseintrigen sie 
nicht haben hervorrufen können, wie Eure Majestät dies annehmen, wenn 
ihr nicht noch anderes zugrunde läge. Die große Mehrheit des deutschen 
Volks ist monarchisch gesinnt. Auf dem letzten sozialdemokratischen 
Parteitag war das Geständnis eines sozialdemokratischen Führers inter- 
essant, daß von den 3 Millionen sozialistischer Wähler im Jahre 1903 
höchstens 400000 organisierte, d. h. zielbewußte, Sozialdemokraten wären. 
Randvermerke 
des Kaisers
        <pb n="307" />
        Neubesetzung 
des 
Kolonialamıs 
. 
266 DERNBURG WIRD KOLONIALDIREKTOR 
Auch unter den letzteren sind nach der Versicherung guter Kenner der 
Verhältnisse viele innerlich nicht antimonarchisch. Andererseits ist aber 
das deutsche Volk unendlich empfindlich gegenüber allem, was nach 
Absolutismus aussieht. Ich habe nur die Wahrheit gesagt, wenn ich öffent- 
lich erklärte, Eure Majestät hätten nie die Verfassung verletzt und würden 
sie nie verletzen. Aber manche Reden und Telegramme Eurer Majestät 
sind in diesem Sinne gegen Sie ausgebeutet worden. Die hierdurch hervor- 
gerufene unruhige und mißtrauische Stimmung bei allen Parteien und in 
allen Schichten der Bevölkerung erschüttert in keiner Weise mein Vertrauen 
in Gott, zu Eurer Majestät und in den Stern des deutschen Volks, macht 
mir aber eine umsichtige Taktik zur Pflicht. Sie wollen mir glauben, daß 
meine Worte und Vorstellungen eingegeben sind von wahrer Liebe und 
treuer Sorge für Eure Majestät.‘ Der Kaiser schrieb ad marginem dieses 
Briefes: „Einverstanden! Besten Dank! Ich ändere mich nicht! Und es 
wird weiter geschimpft werden.‘ In seinem Buch „Die europäische Politik 
unter Eduard VII.“ erzäblt J. A. Farrer: der bekannte englische Politiker 
Sir Charles Dilke habe die Rede des Fürsten Bülow vom 14. November 1906 
über die internationale Lage als eine der besten gerühmt, die je ein Staats- 
mann gehalten habe. 
Als sich Anfang September die Angriffe gegen die Kolonialabteilung 
immer mehr häuften, hatte ich den Leiter des Kolonialamtes um ein- 
gehenden Vortrag gebeten. Die Ausführungen des Erbprinzen von Hohen- 
lohe-Langenburg waren sehr dürftig. Er beschränkte sich im wesentlichen 
darauf, mir in überaus höflicher Form zu sagen, es würde ihn lebhaft 
interessieren, zu hören, wie ich selbst über die ganze recht schwierige und 
verwickelte Materie dächte. Ich sah ein, daß es nicht so weiter ginge, und 
da er mir am Tage vorher gesagt hatte, wie sehr er bedaure, den Winter 
nicht mit englischen Verwandten und guten Bekannten in Nizza verleben 
zu können, ersuchte ich ihn in freundlichster Weise, die Cöte d’Azur aufzu- 
suchen und die Politik lieber anderen zu überlassen. Aber wen als Nach- 
folger wählen ? Erni Hohenlohe war außer an seiner Unfähigkeit auch daran 
gescheitert, daß er wegen seiner nahen Beziehungen zum Evangelischen 
Bund vom Zentrum mit Mißtrauen behandelt worden war. Da erinnerte ich 
mich an ein Wort, das mir in seiner humoristischen Weise der Präsident des 
Reichstags, der treflliche Graf Ballestrem, einmal gesagt hatte: „Ein 
evangelischer Kultusminister ist uns nicht gerade sympathisch‘, meinte 
er, „einen katholischen können wir als Minorität nicht verlangen, wie wäre 
es, wenn Sie uns einen jüdischen Kultusminister gäben ?““ Ich dachte für 
das Kolonialamt zuerst an Walter Rathenau, den ich damals noch nicht 
persönlich kannte, von dessen vielseitiger Begabung ich aber gehört hatte. 
Schließlich entschied ich mich für den Direktor der Darmstädter Bank,
        <pb n="308" />
        DER „BÖRSENJOBBER-TON“ 267 
Bernhard Dernburg. Der Kaiser gab gern seine Zustimmung. Als ich 
ihm gar erzählte, daß Dernburg bei mir in einem prächtigen Automobil vor- 
gefabren wäre, meinte er befriedigt: „Das ist recht! Ich wollte, alle meine 
Minister führen Automobil.“ Dernburg ist auch immer gut mit Seiner 
Majestät ausgekommen, obwohl er sich nur allmählich an höfische Sitten 
gewöhnte. Als einmal bei einem Diner in meinem Hause der Kaiser ihm zu- 
trank, stand er nicht auf, wie dies in solchen Fällen der Brauch war. Als 
darüber Bemerkungen laut wurden, meinte der gleichfalls anwesende, sehr 
witzige Chef des Militärkabinetts, Graf Dietrich Hülsen: „Nanu! Dernburg 
soll ja doch den Aufstand in Afrika dämpfen, da kann er doch nicht auf- 
stehen.“ 
Ich ließ es mir angelegen sein, gerade beim Zentrum Stimmung für den 
neuen Kolonialdirektor zu machen, und sagte allen Zentrumsabgeordneten, 
mit denen ich zusammentraf, ich rechnete bestimmt darauf, daß die unbe- 
gründete und schädliche Opposition gegen unsere Kolonialverwaltung jetzt 
aufhören würde. Am 28. November begründete ich vor dem Reichstag 
den Wechsel im Kolonialamt. Ich protestierte gegen das kleinliche und 
schädliche Breittreten auch der bedeutungslosesten Vorfälle, da dadurch 
unser gutes und zuverlässiges Beamtentum gekränkt würde, im Ausland 
aber ganz falsche Vorstellungen über unsere Zustände entstünden. Dann 
führte sich Dernburg mit einer sachlichen, verständigen Rede selbst ein. 
Am folgenden Tage richtete Erzberger gegen Dernburg ähnliche Angriffe, 
wie er sie schon gegen den Erbprinzen Hohenlohe häufig vorgebracht hatte, 
aber in weniger scharfem Ton als nach ihm der Zentrumsabgeordnete 
Roeren, der daraufhin von Dernburg glänzend abgeführt wurde. Unter 
lebhaftem Beifall der Rechten schloß Dernburg seine Replik mit den Wor- 
ten: „Wir werden die Missionen in den Kolonien unterstützen, denn unser 
Staatswesen ist aufgebaut auf christlicher Grundlage, und wir leben in 
einer christlichen Kultur.“ Unter vier Augen hatte Dernburg mir schon 
früher nicht ohne Stolz erzählt, daß „Pastorenblut“ in seinen Adern fließe. 
Mit gleicher Tendenz sagte mein langjähriger Freund, der ebenso unter- 
haltende und witzige wie gutmütige Paul Lindau, einmal zu mir: „Wenn ich 
nur wüßte, woher ich die verfluchte Nase habe, wo ich doch der Enkel von 
einem Superintendenten bin.“ Der Abgeordnete Roeren, ein dickköpfiger 
Westfale, Oberlandesgerichtsrat in Köln, seit jeher ein Enfant terrible der 
Zentrumspartei, der sich auch nach meinem Rücktritt als solches betätigte, 
antwortete Dernburg mit rohen und plumpen Schmähungen. Er warf ohne 
jeden Anlaß mit ungehöriger und ungezogener Anspielung darauf, daß 
Dernburg vor seiner Berufung zum Kolonialdirektor ein angesehener 
Bankier und Leiter einer geachteten Bank gewesen war, diesem „‚Börsen- 
jobber- und Kontorton“ vor, beschimpfte einen jüngeren Beamten der
        <pb n="309" />
        268 DIE „EITERBEULE“ 
Kolonialabteilung als „grünen Assessor‘‘ und schloß unter großer Bewe- 
gung des Hauses und andauerndem Lärm mit den Worten: „Ach, Herr 
Kolonialdirektor, nach Ihrer ganzen Vergangenheit sind Sie nicht fähig, 
mich bloßzustellen.“ Wir haben seit der Revolution und unter der Republik 
in deutschen Volks- und Stadtvertretungen noch ganz andere Szenen 
erlebt, aber damals wurde nicht nur vom Reichstag und von den Zuschauern 
auf den Tribünen, sondern von allen Gebildeten im Lande ein so roher Ton 
mißbilligt und peinlich empfunden. In seiner Antwort wies der Kolonial- 
direktor nach, daß die Kolonialverwaltung keinen Tadel verdiene, daß die 
gegen die Beamten erhobenen Vorwürfe unbegründet wären, daß aber 
Roeren und andere Zentrumsabgeordnete im Interesse von Parteiange- 
hörigen oder sonstigen Schützlingen sich fortgesetzt in die Personalien der 
Kolonialverwaltung eingemischt hätten. Diese Anspielung bezog sich, wie 
ich einschalten will, darauf, daß es Erzberger durch die Pflichtvergessen- 
heit zweier Subalterobeamten namens Wistuba und Pöplau möglich ge- 
worden war, sich Kenntnis über interne Vorgänge innerhalb der Kolonial- 
verwaltung zu verschaffen, die er dann in illoyaler Weise als Angriffs- 
material verwandte. Als Dernburg mit den Worten schloß, daß diese Eiter- 
beule aufgestochen werden mußte, daß er sie aufgestochen habe und gern 
die Konsequenzen trage, zischten Zentrum und Sozialdemokratie, aber 
auf der Rechten erscholl lebhafter Beifall und auf den Tribünen Hände- 
klatschen. Ich hatte der Sitzung vom 3. Dezember wegen anderweitiger 
dringender Amtsgeschäfte nicht beiwohnen können, erschien aber am 
4. Dezember im Reichstag, um in einer kurzen, ganz sachlichen Rede keinen 
Zweifel darüber zu lassen, daß ich die Haltung des Kolonialdirektors und 
insbesondere seine Verteidigung grundlos angegriffener Beamten wie seine 
Abwehr ungerechtfertigter Pressionen selbstverständlich billige. Ich schloß 
mit der Bemerkung, ich würde gewünscht haben, daß Herr Roeren weniger 
dem Beispiel des wie immer allzu heftigen Abgeordneten Bebel als dem 
seines Fraktionskollegen Erzberger gefolgt wäre, der sich einer ruhigeren 
Tonart befleißigt habe über Vorgänge, deren Untersuchung zum Teil noch 
im Gange sei. 
Ich glaubte noch immer nicht, daß das Zentrum es zum Bruch treiben 
würde, den ich zu vermeiden wünschte. Ich ließ die zwei einflußreichsten 
Führer des Zentrums, Herrn Spahn und Herrn Groeber, zu mir bitten. In 
einer längeren Unterredung ä trois erinnerte ich sie an meine gerechte 
und wohlwollende Haltung gegenüber der Zentrumspartei wie gegenüber 
dem katholischen Teil des deutschen Volks seit fast einem Jahrzehnt. Ich 
würde nie den Rechten und den Gefühlen der Katholiken und der katho- 
lischen Kirche zunahetreten. Aber wo es sich um staatliche Interessen und 
um die Grundsätze handele, auf denen unser Staatswesen beruhe, ließe ich
        <pb n="310" />
        AUFLÖSUNG DES REICHSTAGS? 269 
nicht mit mir spaßen. Ich gab der Hoffnung Ausdruck, daß meine War- 
nung vom Zentrum verstanden werden würde. Beide Herren beteuerten 
mir, daß sie die im Zentrum neuerdings hervortretende Opposition miß- 
billigten. Sie würden alles tun, damit ein Konflikt mit der Regierung ver- 
mieden würde. Herr Spabn sagte mir mit der Rechtschaffenheit, die diesem 
ausgezeichneten Justizbeamten wohl anstand: „Schuld an allem ist Erz- 
berger, ein vordringlicher, ziemlich gewissenloser junger Streber, den leider 
unser Freund Groeber in den Reichstag gebracht hat. Er sitzt in Lichter- 
felde und redigiert dort eine Parlamentskorrespondenz, durch die er einen 
großen Teil der Zentrumspresse beherrscht. Da er weiter nichts zu tun hat, 
ist es für mich, der ich die Pflichten meiner hohen richterlichen Stellung in 
Kiel gewissenhaft erfüllen will, nicht leicht, mit ihm fertig zu werden.“ 
Der redliche Groeber drückte sein lebhaftes Bedauern aus, daß er die Henne 
gewesen sei, die diese Ente ausgebrütet habe. In seinem gemütlichen 
Schwäbisch meinte Groeber: „Ich hätt’ freili was Gescheiteres tun können, 
als diesen Erzberger mit seinem ungewaschenen Maul in den Reichstag zu 
bringen. Nun müssen wir trachten, ihn kaltzustellen.‘“‘ Das war aber nicht 
80 leicht, wie es zwölf Jahre später der Reichskanzler Hertling und nach 
dem Prozeß Erzberger-Helfferich die ganze Zentrumsfraktion erfahren 
sollten. Im Dezember 1906 verließen mich Spahn und Groeber mit der 
erneuten Versicherung, daß sie alles tun würden, damit bei der bevor- 
stehenden Abstimmung über den Nachtragsetat für Südwestafrika das 
Zentrum nicht in die Opposition ginge. In demselben Sinne sprach ich mit 
dem Reichstagspräsidenten Ballestrem, der mir erklärte, daß er für den 
Nachtragsetat stimmen werde und hoffe, die Fraktion werde seinem Bei- 
spiel folgen. 
Während ich in dieser Richtung beruhigend wirkte, hielt ich es doch für 
geboten, für den Fall, daß meine Warnungen nicht beherzigt werden soll- 
ten, mein Pulver trockenzuhalten. Ich schrieb an den Kaiser: „‚Die Situation 
ist eine ernste. Nach dem bisherigen Ergebnis der Kommissionsberatungen 
muß mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß die Kommission einen 
erheblichen Abstrich an den Forderungen vornimmt, die zur Erhaltung der 
notwendigen Truppenzahl in Südwestafrika und zur Niederwerfung des 
Aufstandes nötig sind. Sollten solche Beschlüsse von der Kommission 
gefaßt und vom Plenum des Reichstags bestätigt werden, würde ich Eurer 
Majestät zur Auflösung raten müssen. Diese Auflösung ist zweifellos ein 
folgenschwerer Entschluß. Ein Konflikt im Reich ist aus Gründen äußerer 
und innerer Politik schwieriger und gefährlicher, als es früher Konflikte in 
Preußen waren. Wenn wir eine derartige Aktion erfolgreich durchführen 
wollen, müssen wir so manövrieren, daß wir in den Augen der Bundes- 
fürsten und der Nation das Recht und die Vernunft auf unserer Seite haben. 
Krise in Sicht
        <pb n="311" />
        270 „DEN KAISER SCHONENI!" 
Wir müssen uns jeder Drohung, jeder Provokation des Reichstags wie ein- 
zelner Parteien und überbaupt aller demonstrativen Schritte enthalten, 
Herausforderungen, Beleidigungen und Unrecht müssen auf der Seite 
unserer Gegner sein, auf unserer Seite ruhige und besonnene Festigkeit. 
Insbesondere darf von der Absicht, eintretendenfalls den Reichstag aufzu- 
lösen, bevor die Auflösung erfolgt, nach keiner Seite hin das mindeste ver- 
lauten.“ Eine solche Mahnung zur Reserve und Vorsicht erschien mir bei 
dem Naturell Seiner Majestät geboten. Der Kaiser schrieb ad marginem 
meines Briefes an ihn: „Einverstanden! Sie haben Meine vollste Billigung 
und Meine Autorisation auch zu dem ernstesten Schritt.“ Ich war durch 
diese Beurteilung der Lage seitens Seiner Majestät nicht überrascht, aber 
ich las dieses Marginal cum grano salis wie alle kaiserlichen Randvermerke. 
Ich wußte, daß es leicht war, Wilhelm II. für kühne Ideen und Pläne zu 
begeistern, aber schwer, sodann von ihm ein stetiges und mutiges Weiter- 
gehen auf dem einmal eingeschlagenen Wege zu erreichen. Überdies hatte 
mir gerade an dem Tag, wo ich die Allerhöchste Zustimmung zu einer 
eventuellen Auflösung des Reichstags erbat, die Kaiserin in ihrer rührenden 
Sorge für ihren hohen Gemahl geschrieben: „Ich möchte Sie darauf auf- 
merksam machen, daß der Kaiser, obgleich wohl aussehend, doch vor Auf- 
regungen geschützt werden muß. Ich bin überzeugt, daß der Kaiser in 
einiger Zeit seine volle Frische wiederhaben wird, aber jetzt muß er noch 
geschont werden. Der Kaiser ist durch all die politischen Aufregungen und 
wirklich sehr verletzenden Dinge mehr angegriffen, als man nach außen 
denkt. Ich habe keine Gelegenheit gehabt, Sie in diesen Tagen zu sehen, 
daher entschuldigen Sie diese flüchtigen Zeilen.“ Die Nerven Seiner 
Majestät mußten berücksichtigt und geschont werden. Schon deshalb war 
ich bestrebt, bei einem vielleicht bevorstehenden Kampf die Person Seiner 
Majestät aus der Schußlinie zu bringen. 
Ich wollte dem Kaiser die Möglichkeit wahren, im Fall eines unglück- 
lichen Ausgangs des Konflikts sich von mir zu trennen und ohne Schädigung 
der kaiserlichen Stellung und Autorität mit einem anderen, z. B. mit Posa- 
dowsky, weiterzuregieren. Von meinen Kollegen standen Posadowsky und 
Tirpitz, die beide seit langem gewohnt waren, der eine seine Sozialpolitik, 
der andere den Bau seiner Flotte mit dem Zentrum zu betreiben, einer Auf- 
lösung des Reichstags ablehnend gegenüber. Namentlich Posadowsky 
erhob alle möglichen, auch formalen Bedenken und wünschte, daß wenig- 
stens die Auflösung nicht vor Weihnachten stattfinde. Auch nach voll- 
zogener Auflösung sah er dem Wahlkampf voll Besorgnis entgegen. Der 
preußische Minister des Innern, Herr von Bethmann Hollweg, hielt sich, 
bevor mein Entschluß gefaßt war, vorsichtig zurück. Sobald ich mich ent- 
schieden hatte, stellte er sich mit Begeisterung hinter mich. Er schrieb mir,
        <pb n="312" />
        UNANNEHMBAR 271 
daß zwei Führer der äußersten preußischen Rechten, Herr von Kröcher und 
Herr von Arnim-Züsedom, ihm gegenüber, der den „Nochnichtinformier- 
ten und Unbefangenen“ gespielt habe, sich für eine eventuelle Reichstags- 
auflösung erklärt hätten, und zwar „auf der Grundlage einer naturwüchsi- 
gen, ich möchte sagen einer naiven Überzeugung“. Durch diese bei mär- 
kischen Junkern herrschenden Anschauungen sei er in der Ansicht bestärkt 
worden, daß die von mir gefaßten Beschlüsse nicht nur vom Standpunkt 
der Staatsautorität notwendig wären, sondern auch „einem volkstümlichen 
Empfinden“ entsprächen, das die bereits gebrachten Opfer an Leben und 
Gut höher bewerte als parlamentarische Herrschaftsgelüste. Der Brief 
schloß: „Eure Durchlaucht wollen verzeihen, daß ich gewissermaßen noch 
post festum diesem Gedanken Ausdruck gebe. Ich werde dabei lediglich von 
dem Bestreben getrieben, Tatsachen nochmals zu konstatieren, die Eure 
Durchlaucht bereits in Rechnung gestellt haben. Eurer Durchlaucht gehor- 
samster Diener von Bethmann Hollweg.‘““ Seine Dankbarkeit für mein ihm 
schon mehrfach bewiesenes Wohlwollen war damals unbegrenzt. Als ich 
ihm kurz vor der Reichstagsauflösung zu einem Familienfest gratulierte, 
antwortete er mir: „Eurer Durchlaucht sage ich aufrichtigsten Dank für 
die so gütigen Glückwünsche, unter der Versicherung, daß Eurer Durch- 
laucht nachbsichtiges Wohlwollen eine unentbehrliche Stütze für meine 
Arbeit ist.“ 
Als am 13. Dezember die zweite Beratung des Nachtragsetats für 
Deutsch-Südwestafrika begann, eröffnete ich die Debatte mit einer 
kurzen, sehr ruhigen Ansprache, in der ich die Gründe darlegte, aus denen 
der Vorschlag, uns schon jetzt für das Etatsjahr 1907 auf eine unbestimmte, 
gegenüber der jetzigen wesentlich verminderte Truppenanzall festzulegen, 
für die verbündeten Regierungen unannehmbar sei. Ich könne nicht an- 
nehmen, daß der Reichstag einen solchen, in finanzieller und militärischer, 
in politischer wie nationaler Hinsicht gleich bedauerlichen und bedenklichen 
Entschluß fassen würde. Sollte ich mich hierin täuschen, so würde ich als 
verantwortlicher Leiter der Reichsgeschäfte nicht in der Lage sein, vor dem 
deutschen Volk und der Geschichte eine solche Kapitulation zu unter- 
schreiben. Während ich sprach, las ich in den Mienen der Abgeordneten 
und namentlich der Zentrumsvertreter, daß sie an den Ernst dieser meiner 
Erklärung nicht recht glaubten. Nach einigem Gezänk zwischen Roeren und 
Dernburg, dann zwischen dem gräßlichen Ledebour, einem der ganz auti- 
pathischen Sozialisten, und dem konservativen Abgeordneten von Richt- 
hofen ergriff ich nochmals und zum letztenmal das Wort. Ich sprach aus 
dem Stegreif und nicht ohne Erregung. Ich frug, wohin es führen würde, 
wenn sich bei uns die Gewohnbeit einbürgere, militärische Maßnahmen im 
Kriegszustande, Leben und Gesundheit unserer Truppen, unsere Waflenehre 
Die Auf- 
lösungsorder
        <pb n="313" />
        272 n::. HABEN SIE DIE KRISIS!* 
von Fraktionsbeschlüssen und Parteirücksichten abhängig zu machen. Ich 
erinnerte an die Entschlossenheit, mit der andere Völker, Engländer, 
Franzosen, Holländer, ohne mit der Wimper zu zucken, ihre Kolonialkriege 
geführt hätten. Ich erklärte, daß ich das mir in den Mund gelegte einfältige 
Wort: „Nur keine inneren Krisen!“ nie gesagt hätte, und fügte hinzu: „Es 
gibt Situationen, wo ein Zurückschrecken vor Krisen ein Mangel an Mut, 
ein Mangel an Pflichtgefühl wäre. Wenn Sie wollen, haben Sie die Krisis!“ 
Ich erklärte mit erhobener Stimme, daß die in den Couloirs umhergetragene 
Behauptung, ich würde vom Kaiser geschoben, eine „dreiste Unwahrheit“ 
sei. Ich brauchte gar keine Direktiven, um zu erkennen, daß hier nationale 
Notwendigkeiten vorlägen. Ich schloß mit den Worten: „Was würde es für 
einen Eindruck machen, nach innen und nach außen, wenn die Regierung 
in einer solchen Lage, in einer solchen Frage kapitulieren und nicht die 
Kraft in sich finden sollte, ihre nationale Pflicht zu erfüllen? Wir werden 
unsere Pflicht tun im Vertrauen auf das deutsche Volk.“ Die Sozialdemo- 
kraten zischten, die Mehrheit brach in Beifall aus. In der nun folgenden 
namentlichen Abstimmung wurde die Regierungsvorlage mit 177 gegen 168 
Stimmen abgelehnt. Nachdem ich das Wort erbeten hatte, erhob ich mich 
und erklärte: „Ich habe dem Reichstag eine kaiserliche Verordnung 
mitzuteilen.“ Als ich nun die rote Mappe hervorholte, erscholl auf der 
Rechten stürmischer Beifall, die Nationalliberalen und die Freisinnigen 
klatschten mit den Händen, die Sozialdemokraten, die mit Sicherheit auf 
einen großen Sieg bei den Wahlen rechneten, schrien vor Vergnügen. Das 
Zentrum schwieg betreten und ärgerlich. Der allgemeine Lärm wurde über- 
täubt von dem Jubel und Händeklatschen der Zuhörer auf den Tribünen. 
Ich verlas die kaiserliche Verordnung, durch die der Reichstag aufgelöst 
wurde. Das Verlesen der aus Bückeburg datierten Verordnung wurde 
wiederum von den Konservativen, den Liberalen und den Tribünen mit 
fortgesetztem Händeklatschen begrüßt. Vom Zentrum hatte, seiner mir 
gegebenen Zusage entsprechend, Graf Ballestrem demonstrativ für die 
Regierung gestimmt, außer ihm noch drei Zentrumsabgeordnete, unter 
ihnen der Sohn des Begründers der Zentrumsfraktion, der Abgeordnete 
von Savigny. Als ich den Reichstag verließ, meinte Ballestrem elegisch: 
„Mein Nachfolger auf dem Präsidentenstuhl wird wohl der sozialistische 
Abgeordnete Singer werden.‘ Herr von Heydebrand, der sehr perplex war, 
murmelte etwas von einem „Husarenstreich“ des ehemaligen Königs- 
husaren. 
Unbekümmert um das nicht zu rechtfertigende Verhalten der Zentrums- 
Ein Brief des partei mir gegenüber, hatte ich einige Tage nach der Auflösung des Reichs- 
Kardinals tags dem Fürstbischof von Breslau, Kardinal Kopp, in gewohnter Weise 
Kopp and in voller Aufrichtigkeit meine Wünsche zum Weihnachtsfest darge-
        <pb n="314" />
        DER KARDINAL GEGEN DIE ZENTRUMSFRAKTION 273 
bracht. Er antwortete mir „mit bewegtem Herzen“ und fügte hinzu: „Es 
wird die Zabl der Personen und Kreise nicht groß sein, die das Verhalten 
des Zentrums in diesem Jahre billigen und an ihm Freude haben. Ich brauche 
nicht zu bezeugen, daß ich nicht zu ihnen gehöre. Auch im Vatikan ist 
man bestürzt und unwillig über die jüngsten Ereignisse und bewertet die 
Haltung des Zentrums in abfälligster Weise. Man hält es nicht allein für 
einen schweren Fehler nach oben, sondern auch für eine unbegreifliche 
Undankbarkeit gegen Eure Durchlaucht, der man eine solche Lage hätte 
ersparen müssen... Was aber auch kommen möge, solange Eure Durch- 
laucht das Ruder führen, blicke ich ruhig in den Wirrwarr der Parteien. 
Diese Überzeugung aber erhöht meine unbedingte Anhänglichkeit und den 
heißesten Wunsch, nach Kräften zur Entwirrung und zur Förderung Ihrer 
auf den inneren Frieden allein abzielenden Absichten beitragen zu können. 
Genehmigen Eure Durchlaucht diese aus tiefstem Herzensgrunde hervor- 
gehende Versicherung und zugleich die innigsten Wünsche zum Feste wie 
für das kommende Jahr, in die ich auch die Frau Fürstin einschließe. Eurer 
Durchlaucht stets treugesinnter G. Card. Kopp.“ Einige Wochen später 
schrieb mir der Kardinal, er höre durch den Kardinalst kretär, daß Erz- 
berger, der leider im Vatikan Verbindungen angeknüpft hätte, dort unwahre 
Nachrichten über mich verbreite. Zur gleichen Zeit hatte Kopp an den ihm 
befreundeten Monsignore Montel, den langjährigen deutschen Vertreter an 
der Rota Romana, geschrieben: „An dem Verhalten des Zentrums habe auch 
ich keine Freude. Ich mißbillige es sehr und beklage die Kurzsichtigkeit. 
Dem Zentrum im Reichstage fehlt der Führer. Tatsächlich regieren unge- 
schulte und unreife Kräfte, wie z. B. Herr Erzberger. Die Ursache dieses 
Krachs muß schon ziemlich weit zurückliegen, denn sie scheint nicht allein 
die unglückliche Abstimmung gewesen zu sein. Die Taktik des Zentrums 
war schon seit den letzten Jahren eine unsichere und zum Teil provokato- 
rische. Aller Klatsch gegen die Regierung wurde zusammengetragen und 
breitgetreten und unter dem Vorgeben, für das Recht eintreten zu müssen, 
auf der Tribüne des Reichstags in die Öffentlichkeit gezogen. Leider geht 
dem Zentrum im ganzen zu sehr Vornehmheit und politischer Takt ab.“
        <pb n="315" />
        XVI.KAPITEL 
Brief des Generals von Deines zur Reichstagsauflösung - Weitere Schreiben an Bülow 
Bülows Silvesterbrief » Die Wahlparole des Reichskanzlers -» Der Wahltag (25. I, 
1907). Vernichtende Niederlage der Sozialdemokratie - Glückwunschbriefe - Eröffnung 
des neuen Reichstags » Die Präsidentenwahl « Bülows Rede bei der ersten Beratung des 
Etats (Februar 1907) » Bülows Rede beim Deutschen Landwirtschuftstag - Zuschriften 
aus führenden Kreisen des geistigen Lebens in Deutschland - Gustav Schmoller 
8 erschien mir als ein gutes Omen, daß die erste Sympathiekundge- 
Sympathie- bung, die mir nach der Reichstagsauflösung zuging, von meinem alten 
kundgebungen Kriegskameraden, dem inzwischen zum Kommandierenden General des 
8. Armeekorps aufgerückten Deines, kam, der mir aus Rom, wohin er mit 
seiner jungen Frau einen Winterausflug unternommen hatte, am 14. De- 
zember 1906 schrieb: „Laß Dir aus der Ewigen Stadt, der Stätte Deines ersten 
Ruhms, mit bestem Glückwunsch herzlich die Hand drücken zu der Auf- 
lösung dieses jämmerlichen Reichstags. Ja, das war eine Tat, eine große, 
entscheidende Tat, die erste seit Jahrzehnten. Jedes deutsch fühlende Herz 
jubelt. Wenn man fern von der Heimat ist, fühlt man noch deutscher wie 
daheim. Bravo, bravissimo! Ich habe nur erst im ‚Popolo Romano‘ Deine 
Reden von gestern im Auszug gelesen und bin ganz begeistert. Da ist Geist 
und Kraft. Auch der Moment war ausgezeichnet gewählt. Der große natio- 
nale Schwung, der durch das Reich geht, wird hoffentlich, von Dir geschickt 
und kraftvoll geleitet, die Nationalliberalen und die Konservativen er- 
heblich stärken.“ Der Dichter Adolf Wilbrandt schrieb mir aus Rostock: 
„Teurer Reichskanzler und Freund. Ich muß Ihnen doch sagen, daß ich 
glücklich bin. Daß die Grundursache dieser Krisis traurig und beinahe 
tragisch ist, das stammt aus unserer Geschichte seit zweitausend Jahren, 
darüber haben wir resigniert. Aber was geschehen mußte, das ist geschehen. 
Und daß es Ihr eigenstes Werk ist, das freut mich doppelt, weil ich Sie so 
liebe. Wenn wir nur ein Dutzend Mandate gewinnen, haben wir gewonnen! 
Doch wie auch immer: was unsere Ehre und unsere Zukunft verlangten, 
das haben Sie gesagt und getan. Zu jedem Ihrer Worte sage ich Amen. 
Und danke Ihnen von Herzen. Ihr und der Donna Maria bis zum Tod er- 
gebener Adolf Wilbrandt.‘“ Der Nachfolger von Schleiermacher auf der
        <pb n="316" />
        BRIEFE, TELEGRAMME 275 
Kanzel der Dreifaltigkeitskirche, zu deren Sprengel das Reichskanzlerpalais 
gehört, Labusen, mit dem ich zweiunddreißig Jahre früher in Rom unter 
dem deutschen Weihnachtsbaum im Palazzo Caffarelli gestanden hatte, 
er als Geistlicher der dortigen kleinen evangelischen Gemeinde, ich als 
Attache der Botschaft, telegraphierte mir: „Eure Durchlaucht wollen mir 
gestatten, daß auch aus der Mitte der Kirchengemeinde heraus jubelnde 
Zustimmung und heißer Dank ausgesprochen werde für die befreiende Tat. 
Gott stärke Eure Durchlaucht für das schwere Werk und sei Ihnen und 
unserem deutschen Volk, was die Losung des heutigen Tages sagt, Burg 
und Schild.“ Diese Losung — „Herr, mein Fels, meine Burg, mein Erretter, 
mein Gott, mein Hort, auf den ich traue, mein Schild“ (Psalm 18, 3) — war 
auch mir eine Stärkung gewesen. 
Es ging eine gewaltige Bewegung durch das deutsche Volk, die in vielen 
Hunderten von Briefen, Telegrammen und Schreiben an mich, auch in 
vielen Blumenspenden zum Ausdruck kam. Unter den mir zugehenden 
Versen waren auch solche, die zwar nicht an die Schönheit der Strophen in 
dem herrlichen „Meister von Palmyra““ meines Dichter-Freundes Wil- 
brandt heranreichten, aber gut gemeint waren. Ich führe als Zeichen der 
damaligen Zeit nur die nachstehenden Verse an: 
Das war mal recht! hör’ ich’s das Land durchdröhnen. 
Wer fordert Frucht vom ungedüngten Feld? 
Ob Grimm, ob Haß, ob Neid ihn bitter höhnen, 
So bleibt doch fest der sturmerprobte Held. 
Erworbene Rechte werden wir uns wahren. 
Nie kann sich Licht dem Blinden offenbaren. 
So war es recht! Es sollen nicht verzagen 
Die Treuen, die voll Tapferkeit gekämpft. 
Auch künftig soll der Feind es nimmer wagen, 
Die Flamm’ zu schüren, die wir kaum gedämpft. 
Die Kolonien wollen wir behalten 
Und sie voll Lust nach unserm Sinn gestalten. 
So war es recht! Wir lassen uns nicht rauben, 
Was deutsche Kraft dem Vaterland erwarb. 
Wir halten fest an unserm alten Glauben, 
Daß deutscher Opfermut noch nicht erstarb. 
Den Sohn der Niederelbe erfreute das plattdeutsche Telegramm, das 
mir Oldenburger Verehrer sandten: 
19°
        <pb n="317" />
        2706 IN DER KAMPAGNE ALLEIN 
Wi Luet ut us butjenterland 
Sünt van jo wohl red entflammt! 
Us makt unmannig viel Vergnuegen 
Dat rot und swart ehr fett hebt kreegen: 
Drum ducht us dat just nich verkehrt 
wenn wie jo hartlich gratuleert! 
Es kam nun darauf an, den Strom der nationalen Erregung und Be- 
Der geisterung auf die politische Mühle zu leiten. Der Wahlkampf begann. 
Wahlkampf Meine natürlichen Stützen in diesem Kampf wären der preußische Minister 
beginnt ges Innern Bethmann Hollweg und der Staatssekretär des Innern im Reich 
Graf Posadowsky gewesen. Aber der letztere war aus den schon von mir 
angedeuteten Gründen ein Gegner der Auflösung gewesen. Ich glaubte mich 
nicht zu irren, wenn ich annahm, daß ein Mißerfolg meines Wahlkampfes 
ihn nicht gerade betrübt haben würde. Bethmann war kein finsterer 
Verrina, der seinen Fiesko samt dem Mantel in das Meer stürzt, aber er 
lebte in Abstraktionen, d. h. in wolkenhaften Gebilden ohne Kern. Er war 
durch und durch doktrinär, dabei ein Zauderer, der schwer zu einem Ent- 
schluß kam, er war vor allem sehr ängstlich. So mußte ich die Wahl- 
kampagne allein führen. Aber ich hatte an meiner Seite in dem Chef der 
Reichskanzlei, dem damaligen Geheimen Rat, späteren Staatsminister von 
Loebell, den besten aller Mitarbeiter. Loebell war ein wirklich guter 
Mensch, was selten ist, ein lauterer Charakter, ein goldenes Herz. Sein 
Wesen war Treue: Treue für Preußen und Deutschland, für den König und 
Kaiser, für mich, seinen Vorgesetzten und Freund. Dabei ein unermüdlicher 
Arbeiter, was ihn leider nur zu oft dazu verleitete, seine Kräfte zum Schaden 
seiner Gesundheit zu überspannen. Ein klarer Verstand. Er hat vielleicht 
bisweilen die Menschen zu günstig beurteilt, aber nie einem Menschen 
wissentlich etwas Böses angetan. Er sprach und schrieb gleich gut. „Fortes 
creantur fortibus et bonis“, sagt Horaz. Loebells Vater, ein Urmärker, 
hatte viele Jahre bei den Brandenburger Kürassieren gestanden, er war 
mit ihnen 1870 nach Frankreich gezogen und verbrachte, nachdem er 
seinen Abschied als Major genommen hatte, seinen Lebensabend in seiner 
alten Garnison, in Brandenburg an der Havel, wo er eine Kurie bewohnte. 
Wer ihn, der über neunzig Jahre geworden ist, mit seiner nur wenige Jahre 
jüngeren Frau unter einer alten Linde vor seinem Häuschen sitzen sah, 
glaubte Philemon und Baucis vor sich zu sehen. Der Sohn Loebell war 
mein immer wachsamer, immer arbeitsfreudiger, intelligenter Gehilfe und 
Berater für die Fühlungnahme mit den Parteiführern wie mit dem 
Beamtenkörper in den Provinzen. Er teilte meine Ansicht, daß es nicht 
auf diesen oder jenen Parteibonzen, überhaupt nicht auf kleine Mittel 
ankomme, sondern darauf, im Lande eine Strömung hervorzurufen, die
        <pb n="318" />
        DIE WAHLPAROLE 277 
die Parteien zwang, das nationale Interesse über ihre selbstsüchtigen 
Zwecke zu setzen. 
In meinem Silvesterbrief an den Vorsitzenden des Reichsverbands gegen 
die Sozialdemokratie, den General von Liebert, gab ich als Parole für den 
Wahlkampf aus: Für Ehre und Gut der Nation, gegen Sozialdemokraten, 
Polen, Welfen und Zentrum. Ich gab mit vollem Bewußtsein dem Kampf 
die Spitze gegen die Sozialdemokratie. Ich verkannte nicht, daß auch in 
den Reihen dieser Partei redliche und tüchtige Männer, edle Idealisten 
standen, daß in ihren Bestrebungen ein guter und berechtigter Kern stak. 
Aber ich wußte auch, daß es bei der doktrinären Verbohrtheit, der fanati- 
schen und verbissenen Parteiwut gerade der deutschen Sozialdemokratie, 
daß es vor allem bei der weltfremden Art, mit der sie im Gegensatz zu den 
Sozialdemokraten anderer Länder Fragen der auswärtigen Politik lediglich 
vom Standpunkt des Fraktionsinteresses beurteilte, überdies sich über das 
Ausland und die ausländischen „Genossen“ in den größten Illusionen be- 
wegte, ein schweres Unglück bedeuten würde, wenn sie die Zügel der Macht 
an sich risse. Ich habe nie daran gezweifelt, daß die deutsche Sozialdemo- 
kratie nicht imstande sein, auch gar nicht ernstlich versuchen würde, die 
Ideen von Marx praktisch durchzufüren. Aber ich sah voraus, daß sie, 
ans Ruder gelangt, die Verwaltung desorganisieren, die öffentliche Sicherheit 
gefährden, alle schlechten Leidenschaften entfesseln, alle ungesunden 
Appetite wecken, daß sie die „Klassenjustiz“, gegen die sie, als eine solche 
nicht bestand, gezetert und getobt hatte, selbst zur Befestigung der eigenen 
Herrschaft verlangen und anstreben, daß sie vor allem dem Auslande 
gegenüber weder das nötige Rückgrat noch ein klares Auge haben würde. 
Am 19. Januar 1907 hielt ich im Palast-Hotel bei einem Abendessen, 
an dem außer einer großen Anzahl Vertreter der Minderheitsparteien vom 
13. Dezember auch zahlreiche Industrielle, Gelehrte, Künstler, Bankiers 
teilnahmen, vor einer Versammlung, die, wie ich sagte, wirklich ein Kreis 
hoher Bildung und höchsten Strebens war, eine Rede, in der ich unter Hin- 
weis auf das Goethesche Wort: „Was ist deine Pflicht? Die Forderung des 
Tages“, für die Wahlen die Parole ausgab: Ein Reichstag, dessen Mehrheit 
in nationalen Fragen nicht versagt — das ist die Forderung des Tages! 
Zwei Tage später erklärte der Führer der Sozialdemokratie, der Abgeordnete 
Singer, einem Vertreter der ausgesprochen deutschfeindlichen imperialisti- 
schen „Daily Mail“, die deutsche Sozialdemokratie gehe dem heißesten 
Kampf ihrer Geschichte mit vollem Vertrauen entgegen. Sie werde ihre 
Fraktionsstärke von 79 auf mindestens 90 Köpfe erhöhen. Am Abend des 
25. Januar, des Wahltags, traf gegen 10 Uhr das erste Telegramm bei mir 
ein. Es meldete mir, daß in meinem Heimatskreis Pinneberg der Frei- 
sinnige Carstens den bisherigen sozialistischen Vertreter geschlagen hätte.
        <pb n="319" />
        Das 
Wahlrasultat 
278 WAHLSIEG UND WAHLNACHT 
„Über Eurer Durchlaucht Heimat weht wieder die nationale, die schwarz- 
weiß-rote Flagge“, hieß es in dem Telegranım. Es folgte eine ganze Reihe 
günstiger Nachrichten. Namentlich aus dem Königreich Sachsen, das bisher 
fast nur Sozialisten in den Reichstag entsandt hatte und deshalb das rote 
Königreich genannt wurde, kam die gute Kunde, daß die bürgerlichen 
Parteien an 15 Wahlsitze erobert hatten. 
Als ich mich gegen Mitternacht zu Bett legte, stand die Partie günstig. 
Einige Stunden später weckte mich meine Frau. Sie glaubte vor dem Haus 
singen zu hören. Ich erwiderte ihr lachend, sie hätte wohl geträumt, und 
schlief weiter. Aber bald darauf klopfte es stark an die Tür. Ein Beamter 
der Reichskanzlei meldete, daß eine große Menschenmenge sich vor dem 
Reichskanzlerpalais angesammelt habe und mich zu sehen wünsche. Ich 
kleidete mich eo rasch wie möglich an und hielt an die Tausende, die im 
Hofe des Reichskanzlerhauses und in der Wilhelmstraße mich begrüßen 
wollten, ganz unter dem Eindruck des Augenblicks die nachstehende An- 
sprache: „Meine Herren! Ich danke Ihnen [ür Ihre freundliche Begrüßung, 
vor allem aber für die nationale Gesiunung, die Sie hierhergeführt hat. 
Mein großer Amtsvorgänger, vor dem wir alle in Ehrfurcht uns neigen, hat 
vor bald vierzig Jahren gesagt: ‚Setzen wir das deutsche Volk in den 
Sattel, reiten wird es schon können.‘ Ich hoffe und glaube, das deutsche 
Volk hat heute gezeigt, daß es noch reiten kann. Und wenn bei den Stich- 
wahlen jeder seine Schuldigkeit tut, so wird die ganze Welt erkennen, daß 
das deutsche Volk fest im Sattel sitzt und alles niederreitet, was sich seiner 
Wohlfahrt, seiner Größe in den Weg stellt. Und nun meine Herren, bitte ich 
Sie, mit mir einzustimmen in den Ruf: Die Nation, das deutsche Volk 
hoch!“ Meine Worte wurden von fortwährendem Beifall unterbrochen, 
mit Jubel aufgenommen. 
Eine genaue Prüfung der Wahlresultate am nächsten Morgen ergab die 
Gewißheit, daß, wenn die am 5. Februar angesetzten Stichwahlen leidlich 
gingen, die Regierung im Reichstag über eine ausreichende Mehrheit aus 
Konservativen, Nationalliberalen und Freisinnigen verfügte. Die Wucht des 
nationalen Zorns hatte die Sozialdemokratie so vernichtend getroffen, daß 
sie 36 Sitze verlor und von 79 Mandaten auf 43 herabsank. Ohne das von 
den meisten Bischöfen, übrigens auch von Hertling, Praschma und Balle- 
strem mißbilligte Wuhlbündnis des Zentrums mit den Sozialdemokraten 
hätten die letzteren mindestens noch ein weiteres Dutzend Sitze eingebüßt 
und wären auf 30 Mandate zurückgedrängt worden. Mächtig bewegt, wie 
nie seit den Tagen des Fürsten Bismarck, war die Seele unseres Volkes. 
Großstädte, die seit langem als sicherer Besitz der Sozialdemokratie galten, 
wie Leipzig, Dresden, Magdeburg, Halle, Elberfeld, Frankfurt a. M., 
Darmstadt, Breslau, Königsberg, Bremen, Braunschweig, Stettin, waren der
        <pb n="320" />
        WILHELM II. UND DER „PRINZ VON HOMBURG“ 279 
Sozialdemokratie schon im ersten Anlauf entrissen worden. Die Parteien der 
Rechten baben bei den Wahlen von 1907 im Ganzen 113 Mandate erobert, 
die Liberalen 106. Die Sozialisten verfügten nur noch über 43 Mandate. 
Es war die schwerste Niederlage, welche die Partei seit ihrem Bestehen zu 
verzeichnen hatte. Sie war ihres Sieges bis zum Wahltag so sicher gewesen, 
daß das sozialdemokratische Witzblatt „Der wahre Jakob“ schon ein Bild 
vorbereitet hatte, das gerade am Wahltag erschien und das Bebel als Sieger 
mit der roten Fahne in der Hand darstellte, wie er über den am Boden 
liegenden und um Gnade bittenden Reichskanzler wegreitet. Das war der 
erste gute Witz, den ich, immer ein Freund der Witzpresse, im „Wahren 
Jakob‘ gefunden hatte. 
Am Tage nach der Wahl erschienen, von der Kaiserin entsandt, die 
königlichen Prinzen, mit Ausnahme des abwesenden Kronprinzen, bei 
meiner Frau, um sie zu beglückwünschen und ihr Blumen zu überreichen. 
Der Kaiser selbst kam am Nachmittag, hocherfreut und in sehr gehobener 
Stimmung. Am nächsten Tage meinte er schon, er habe nie daran gezweifelt, 
daß jeder Reichskanzler, der mit einer Militär- oder Flottenparole in den 
Wahlkampf zöge, siegen müsse und werde. Am dritten Tage stellte er bei 
seinem Morgenbesuch Betrachtungen darüber an, daß es im letzten Ende 
ziemlich gleichgültig wäre, wie sich die Parteiverhältnisse im Reichstag 
gestalteten. Die Hauptsache wäre, daß der Reichstag als solcher nicht frech 
würde. Am Abend des Stichwahltages hielt der Kaiser an die vor dem 
königlichen Schloß ihm Huldigungen darbringende Menge eine Ansprache, 
in der er, nach seiner Art meine Worte vom Abend des ersten Wahltages 
übertreibend, aus dem „Prinzen von Homburg‘ das Wort des alten Kott- 
witz zitierte, der dem Großen Kurfürsten sagt, es komme nicht auf die Regel 
an, nach der man den Feind besiege, wenn er nur geschlagen werde, und 
ausrief: „Die Kunst jetzt lernten wir, ihn zu besiegen, und sind voll Lust, 
sie fürder noch zu üben!“ Auch vor das Reichskanzlerpalais zogen wieder 
tausende patrivtische Bürger, ich mußte wieder erscheinen und wies darauf 
hin: Wer bei den Stichwahlen wie bei den Hauptwahlen gesiegt habe, das 
sei der deutsche Geist, 
Der gekämpft hat allerwegen, 
Der noch kämpft zu dieser Frist, 
Und der darum nicht erlegen, 
Weil er ja unsterblich ist. 
Von verschiedenen Seiten, auch brieflich, gefragt, von wem diese Verse 
wären, wußte ich keine Antwort. Um so erfreuter war ich, als mir der Ober- 
landesgerichtsrat Creizenach aus Frankfurt a. M. schrieb, daß die Verse 
von seinem verstorbenen Vater stammten, dem Professor der Geschichte
        <pb n="321" />
        Reichstags- 
eröffnung und 
Thronrede 
280 DIE MANTILLE IHRER MAJESTÄT 
am dortigen städtischen Gymnasium, Dr. Theodor Creizenach, dessen ich 
in meinen „Jugenderinnerungen“ gedacht habe. Als Quartaner war ich im 
Winter 1861/62 sein lernbegieriger Schüler gewesen, und sein schönes 
Gedicht auf den unsterblichen deutschen Geist hatte sechsundvierzig Jahre 
lang in meinem Gedächtnis gehaftet. 
Die Schattenseiten der Höfe und die Enge ihrer Begriffswelt kam mir 
zum Bewußtsein bei einem an und für sich sehr geringfügigen Vorgang am 
Schluß des Gottesdienstes vom 27. Januar, dem Geburtstag des Kaisers. 
Nach Beendigung des Gottesdienstes war mit Ausnahme der Majestäten 
alles noch in der Kapelle versammelt. Meine Kollegen und die Mitglieder 
des Bundesrats umringten mich, neugierig, Näheres über das Resultat der 
Wahlen zu hören. Die Hofstaatsdame Gräfin Mathilde Keller, sonst ein 
vortreffliches älteres Fräulein, drängte uns ungeduldig beiseite mit den 
Worten: „So hören Sie doch auf mit Ihrem politischen Unfug und lassen 
Sie mich durch! Ich muß Ihrer Majestät ihre Mantille bringen.‘ Dagegen 
beehrte mich der sonst sehr kritische und auch mir und meiner Politik 
kritisch gegenüberstehende Erbprinz Bernhard von Sachsen-Meiningen, 
der Gatte der ältesten Schwester des Kaisers, der Prinzeß Charlotte von 
Preußen, mit nachstehendem Brief: „Unter den Tausenden, die Euer 
Durchlaucht zu dem großen Erfolg Glück wünschen, möchte auch ich nicht 
fehlen. Mein Glückwunsch dem genialen Organisator des ‚inneren Sedan‘ 
ist um so aufrichtiger, als ich an eine so gründliche Abfertigung der staats- 
feindlichen Sozialdemokratie nicht geglaubt habe und um so angenehmer 
enttäuscht bin.“ 
Am 19. Februar fand die Eröffnung des Reichstags statt. Die Thronrede, 
die ich redigiert hatte, begann mit den Worten: „Aufgerufen zur Entschei- 
dung über einen Zwiespalt zwischen den verbündeten Regierungen und der 
Mehrheit des vorigen Reichstags, hat das deutsche Volk bekundet, daß es 
Ehr’ und Gut der Nation ohne kleinlichen Parteigeist treu und fest ge- 
hütet wissen will. In solcher Bürger, Bauern und Arbeiter einigenden Kraft 
des Nationalgefühls ruhen des Vaterlandes Geschicke wohlgeborgen. Wie 
ich alle verfassungsmäßigen Rechte und Befugnisse gewissenhaft zu achten 
gewillt bin, so hege ich zu dem neuen Reichstag das Vertrauen, daß er es 
als seine höchste Pflicht erkennt, unsere Stellung unter den Kulturvölkern 
verständnisvoll und tatbereit zu wahren und zu befestigen.“ Die erste 
Schwierigkeit ergab sich bei der Wahl des neuen Reichstagspräsidiums. 
Das Zentrum wünschte als Reichstagspräsidenten seinen Führer, Herrn 
Spahn. Ich hatte an sich gar nichts gegen Herrn Spahn einzuwenden. Ich 
habe überhaupt nie die Absicht gehabt, das Zentrum dauernd auszuschalten. 
Es hatte sich zu meinem Bedauern selbst ausgeschaltet. Ich habe auch 
niemals die nationale Gesinnung der großen Mehrheit des Zentrums
        <pb n="322" />
        Die Reichstagswahlen im Januar 1907 
Ovationen vor dem Berliner Schloß : Nach einem Gemälde von F. Skarbina
        <pb n="323" />
        <pb n="324" />
        DER NEUE REICHSTAG 281 
bezweifelt, wie mir dies im Wahlkampf von der Zentrumspresse imputiert 
wurde. In Erwiderung einer amerikanischen Anfrage, ob die Meldung 
richtig sei, daß der Sieg der nationalen Parteien bei den Wahlen die deutsche 
Regierung ermutigen werde, eine aggressive auswärtige Politik einzuleiten, 
hatte das Pressebüro des Auswärtigen Amts der „Publishers’ Press Asso- 
ciation“ in New York die nachstehende Antwort zukommen lassen: „Die 
Annahme, als bedeute der Ausfall der neuen Reichstagswahlen eine Wen- 
dung zu aggressiver Weltpolitik, ist gänzlich irrig. Der Kaiser ist nicht 
kriegerisch gesinnt, dem Fürsten Bülow kann man ebensowenig abenteuer- 
liche Tendenzen nachsagen. Man irrt sich sehr, wenn man die nationale 
Stimmung, aus der heraus der neue Reichstag gewählt ist, nicht fürnnational, 
sondern für nationalistisch und chauvinistisch hält. Er ist gewählt gegen die 
antinationale Arroganz einer widernatürlichen Parteikonstellation. Diese 
Arroganz hat das nationale Empfinden des Volks empört. Dieselbe Mehrheit, 
welche Südwestafrika behaupten will, würde sich gegen phantastische 
Pläne aussprechen.“ Dieses Telegramm hatte mir vor seinem Abgang nicht 
vorgelegen, andernfalls würde ich die Wendung von der antinationalen 
Arroganz wohl gestrichen haben. Aber auch bei der dem Telegramm an die 
„Publishers’ Press Association‘ von einem jüngeren Beamten unseres 
Preßbüros gegebenen Form gehörte viel Empfindlichkeit und insbesondere 
viel böser Wille dazu, aus dieser überdies augenscheinlich mehr vom Stand- 
punkt der auswärtigen als der inneren Politik inspirierten Antwort eine 
Beleidigung der Zentrumsfraktion herauszulesen. Bei der politischen Ge- 
samtsituation konnte ich mir aber trotz aller Objektivität, mit der ich dem 
Zentrum nach wie vor gegenüberstand, nicht verhehlen, daß die Erhebung 
des Zentrumsführers auf den Präsidentenstuhl unmittelbar nach dem Wahl- 
kampf von der großen Mehrheit des deutschen Volkes nicht verstanden, 
sondern als eine Schädigung des nationalen Aufschwungs betrachtet 
werden würde. Dieser Reif in der Frühlingsnacht hätte viele Blüten zer- 
stört. 
Ich gab deshalb meine Zustimmung zu der Wahl eines neuen Reichstags- 
präsidiums. Erster Präsident wurde Graf Udo Stolberg, ein Konservativer 
ohne Vorurteile und mit weitem Horizont, verbindlich gegen alle Parteien, 
in guten Beziehungen zum Zentrum, höflich auch mit der Sozialdemokratie. 
Erster Vizepräsident wurde der Freisinnige Kämpf, ein naher Freund von 
Eugen Richter, Berliner Stadtrat und Stadtältester, in seiner sachlichen 
Nüchternheit und vollkommenen Ehrenhaftigkeit ein echter Sohn seiner 
Vaterstadt Neu-Ruppin. Zweiter Vizepräsident wurde leider das schwarze 
Schaf der Nationalliberalen, wie ihr Führer Ernst Bassermann ihn zu nennen 
pflegte, der Dr. Paasche, der sich zu Bassermann ungefähr verhielt wie 
Erzberger zu Spahn. Eine innige Seelenverwandtschaft hat auch viele
        <pb n="325" />
        Etats- Debatte 
282 DIE KONSERVATIV-LIBERALE PAARUNG 
Jahre Matthias Erzberger und Hermann Paasche verbunden. Der letztere 
legte in jenem Jahr 1907 eine unbegrenzte Schwärmerei für mich an den 
Tag, flößte mir aber wenig Vertrauen ein. Ich habe schon früher erwähnen 
müssen, daß er zu den sehr wenigen Volksvertretern gehörte, die bereits 
vor dem Umsturz vom November 1918 ihre Eigenschaft als Abgeordnete 
für persönliche Vorteile ausnützten. Paasche hatte einen Sohn, der bei der 
Marine eingetreten war, dann sich in Ostafrika betätigt und über seine 
Erlebnisse ein von Begeisterung für Kolonial- und Weltpolitik triefendes 
Buch geschrieben und mir überreicht hatte. Der Vater fand den Sohn mit 
dem für ihn von mir erwirkten preußischen Kronenorden vierter Klasse 
mit Schwertern noch nicht genügend ausgezeichnet und drängte unab- 
lässig, ihm noch eine bundesstaatliche Auszeichnung, womöglich einen 
mecklenburgischen, also ganz feudalen Orden zu verschaffen. Derselbe 
ordenslüsterne Hans Paasche schloß sich, ähnlich wie der älteste Sohn des 
Professors Adolf Harnack, nach dem Fall der Monarchie sofort der sozial- 
demokratischen Partei an und tat sich am 9. November 1918 durch be- 
sondere Roheit gegenüber der schwergeprüften und schwerleidenden 
Kaiserin hervor. Er hat später als Kommunist bei einem Krawall ein 
trübes Ende gefunden. Ich erwähne auch solche an und für sich kleine Vor- 
kommnisse, weil sie in mancher Hinsicht für die Psychologie revolutionärer 
Zeiten und Persönlichkeiten bezeichnender sind als lange Betrachtungen. 
Am 25. Februar 1907 begann im neuen Reichstag die erste Beratung des 
Etats. Der Führer der Nationalliberalen, Ernst Bassermann, begrüßte 
freudig die Erklärungen der Thronrede, insbesondere auch ihr klares und 
rückhaltloses Bekenntnis zu den sozialen Verpflichtungen gegenüber den 
arbeitenden Klassen und das Gelöbnis, alle verfassungsmäßigen Rechte 
und Befugnisse, also auch das Reichstagswahlrecht, gewissenhaft zu achten. 
Die Wahlen hätten — das wäre ihre eigentliche Signatur und ihre große 
Bedeutung — den Nimbus der „unwidersteblichen“ Sozialdemokratie 
zerstört. In meiner Antwort” erklärte ich zunächst mein im Wahlkampf 
geprägtes Wort von der wünschenwerten Paarung von konservativem und 
liberalem Geist. Alle wahrhaft fruchtbaren Epochen unserer inneren Ent- 
wicklung wären zurückzuführen auf die richtige Mischung von konserva- 
tivem und liberalem Geist. Der Paarung Roeren— Singer wäre ich allerdings 
am 13. Dezember 1906 entgegengetreten. Ich hob die Verdienste der Zen- 
trumspartei, mit deren Unterstützung ich lange Jahre regiert hätte, auf 
vielen Gebieten dankbar hervor, fügte aber hinzu, daß ich mir die Tyrannei 
keiner Partei gefallen ließe. Der Führer des Zentrums, Herr Spahn, der vor 
mir zu Wort gekommen war, hatte mir vorgeworfen, daß ich die Zentrums- 
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 2; Reclam-Ausgabe IV, 202,
        <pb n="326" />
        BEBEL 283 
partei in denselben Topf mit der Sozialdemokratie geworfen hätte. Ich 
entgegnete, daß mir dies nie eingefallen wäre, wobl aber hätte ich zu meinem 
Erstaunen und zu meinem Bedauern plötzlich das Zentrum in dem Topf 
der sozialdemokratischen Partei gefunden, der Sozialdemokratie, die ein 
großes katholisches Blatt noch vor einigen Monaten die Partei der Christus- 
feindlichkeit genannt hatte. Man sündige nicht ungestraft gegen große 
ethische Gesichtspunkte. Ich wandte mich scharf gegen den albernen Vor- 
wurf, ich hätte die Wahlen in unzulässiger Weise beeinflußt. In jedem Lande 
der Welt nehme die Regierung für sich das Recht in Anspruch, bei den 
Wahlen die Wähler aufzuklären über ihre Absichten und über die Absichten 
ihrer Gegner. Dieses Recht nähme ich auch für mich in Anspruch. Unter 
stürmischem Beifall und Händeklatschen der Mehrheit fügte ich hinzu: 
„Von diesem Rechte werde ich, wenn ich dann noch an dieser Stelle stehe, 
bei künftigen Wahlen sogar noch in viel weiterem Umfange Gebrauch machen. 
Da werde ich Ihnen, meine Herren von der äußersten Linken, noch ein ganz 
anderes Lied vorblasen.‘“ Wer in diesem Wahlkampf gesiegt habe, sei das 
deutsche Volk. Ich würde mir in dem Schutz aller nationalen Arbeit, in der 
gleichmäßigen Berücksichtigung der Interessen aller Erwerbszweige, in 
dem vollen Schutze für die Landwirtschaft, in der Förderung der Industrie 
und vor allem in der Fürsorge für die Arbeiter treu bleiben. Diese Politik 
betrachte ich als mein eigenstes Werk, das ich nicht zerstören lassen würde. 
Dazu hätte ich um so weniger Veranlassung, als sich diese meine Politik 
durchaus bewährt habe, wirtschaftlich und auch politisch bei den Wahlen. 
Als der Abgeordnete Bebel mir vorwarf, daß ich nirgends mehr Vertrauen 
fände, selbst die Alldeutschen und der Flottenverein wollten nichts mehr 
von mir wissen, weil sie mich zu schwächlich fänden, allein die Soziuldemo- 
kratie vertrete den Fortschritt, deshalb würde ich auch nervös, sobald die 
Rede auf die Sozialdemokratie käme oder wenn ich Bebel vor mir sähe, 
antwortete ich: „Ach du lieber Himmel! Ich nehme die sozialdemokratische 
Gefahr ernst, ich nehme sie sehr ernst, aber nervös macht sie mich nicht.“ 
Ich machte kein Hehl daraus, daß es eine Zeit gegeben habe, wo ich Hoff- 
nungen, ernste Hoffnungen auf die Revisionisten gesetzt hätte. Aber nach 
dem Kotau der Revisivnisten vor der fanatischen, terroristischen Mehrheit 
der Partei hätte ich solche Hoffnungen aufgeben müssen. Solange die Sozial- 
demokratie eine so unpatriotische Haltung einnehme, wie sie dies in Deutsch- 
land tue, solange sie öffentlich erkläre, daß sie nur so weit patriotisch wäre, 
als ihr Parteiprinzip dies zulasse, wäre keine Verständigung mit ihr möglich. 
Die Mehrheit ermahnte ich, es nicht zu machen wie die alten Deutschen, die, 
wenn sie gesiegt hatten, nachher auf dem Bärenfell und vor dem Methorn 
alles vergaßen. „Dann kamen die Feinde, überfielen sie und besiegten sie 
schließlich doch. Wir müssen wach bleiben!“
        <pb n="327" />
        Bankett des 
Landwirt- 
schaftsrats 
284 DER AGRARISCHE REICHSKANZLER 
Auf dem Festmahl des Deutschen Landwirtschaftsrats vom 14. Mai 1907 
hob ich hervor”, daß ich in meiner Stellung zur Landwirtschaft der alte 
bleibe. Wenn ich mich einmal aus dem öffentlichen Leben zurückzöge, der 
Augenblick werde ja mal kommen, wenn auch vielleicht nicht so bald, wie 
das dieser oder jener wünsche, so möge man auf meinen politischen Leichen. 
stein schreiben: „Dieser ist e ein agrarischer Reichskanzler gewesen“. Es 
würde auch in der Zukunft N heiten zwischen mir und 
dem Bund der Landwirte neben. denn für mich könne es nur eine einzige 
Richtschnur geben: das wohlerwogene Gesamtinteresse des Landes. Darum 
könne ich mich nie einer Partei, einer Richtung ganz zu eigen geben. Ich 
hoffe aber, es würde zwischen mir und den Landwirten gehen wie in einer 
guten Ehe, wo man sich zunächst hier und da zanke, bis man sich kennen- 
lerne und dann aneinander gewöhne und ineinander finde. Ich erklärte den 
um mich versammelten, ganz überwiegend konservativ und zum Teil selbst 
ultrakonservativ gesinnten Landwirten, daß ich entschlossen wäre, eine 
Reform des Vereins- und Versammlungsrechts, des Strafrechts und der 
Strafprozeßordnung im liberalen Sinne durchzuführen. Ein führender 
Staatsmann dürfe nicht zögern, unzeitgemäße Zustände durch sachgemäße 
Reformen zu ändern. Auch eine Reform des Börsengesetzes würde ich in 
Angriff nehmen. Die Landwirtschaft habe gar kein Interesse daran, daß 
durch die einige Jahre früher durchgeführte Börsengesetzgebung Treu und 
Glauben im Geschäftsverkehr erschüttert würden. Sie habe im Gegenteil 
ein Interesse daran, daß unsere Börse gegenüber den Börsen des Auslandes 
nicht in den Zustand der Inferiorität gerate, daß der hohe Bankdiskont, 
der mit eine l'olge unserer verfehlten Börsengesetzgebung sei, herabgesetzt 
werde. Die Landwirtschaft habe gar kein Interesse daran, daß die Börsen 
von Paris und London die Berliner Börse überflügelten, kein Interesse, 
daß das deutsche Kapital in das Ausland wandere, kein Interesse, daß die 
kleinen Banken aufgesogen würden durch die großen. Die Landwirtschaft 
habe vielmehr ein Interesse daran, daß die Börse als hochwichtiges Wirt- 
schaftsinstrument erhalten und leistungsfähig erhalten würde. Wir hätten 
in Deutschland noch viel zu viel Vorurteile bei allen Parteien, in allen 
Schichten, in allen Lagern. „Wir haben viel zu viel vorgefaßte Meinungen, 
die wie Scheuklappen den Blick einengen.“ Vor Jahren sagte mir einmal 
ein liberaler Professor, ein ganz verständiger Mann: „Wie können Sie, Herr 
Reichskanzler, eine agrarische Politik machen, wo Sie doch so gebildet sind ?“* 
Als ob man nicht ganz gebildet und dabei ein Stockagrarier sein könnte. Es 
gibt aber auch Konservative und Agrarier, die in Handel und Börse ein un- 
eittliches, jedenfalls ein verderbliches Element sehen. Dassind Scheuklappen, 
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 247; Reclam-Ausgabe IV, 317.
        <pb n="328" />
        DEUTSCHE PROFESSOREN 285 
die wir ablegen müssen, Einseitigkeiten, die man in anderen Ländern nicht 
kennt, wo das Gefühl der Solidarität der verschiedenen Seiten des Wirtschafts- 
lebens und der Notwendigkeit ihrer Vereinigung im Interesse des Ganzen 
stärker entwickelt ist, als das bei uns bisher der Fall war. 
Nicht nur aus politischen Kreisen kam mir Zustimmung, sondern auch 
aus den Reihen der Führer des geistigen Lebens der Nation, mit denen 
enge Beziehungen zu unterhalten mir von jeher am Herzen gelegen hatte. 
Ich weiß wohl, daß man gegen die politische Tätigkeit des deutschen Pro- 
fessors manches sagen kann und daß er sich weder 1848 in der Frankfurter 
Paulskirche noch vierzehn Jahre später in seinem Kampf gegen Bismarck 
während der Konfliktszeit mit Ruhm bedeckt hat. Ich gebe auch zu, daß 
er im Weltkrieg durch verstiegene Gedankengänge und weltfremde Vor- 
schläge, durch kindlichen Pazifismus und dann wieder durch aggressiven 
Chauvinismus, durch plump zur Schau getragenen geistigen Dünkel und 
monotones, witzloses Ableiern der alten, zu Phrasen gewordenen Prahle- 
reien von der „alle und alles überragenden deutschen Kultur“ und der un- 
überwindlichen deutschen „wissenschaftlichen Methode“, kurz: durch 
Mangel an Psychologie, an Geschmack, an Takt, unseren Feinden nur zu 
oft Gelegenheit bot, uns zu verdächtigen, zu verleumden oder wenigstens 
zu verspotten. Professoren wie Lasson und Sombart, Hans Delbrück und 
Johannes Haller, Theodor Schiemann und Adolf Harnack haben manchen 
Unsinn gesagt und viel Schaden angerichtet. Der sozialdemokratische 
Professor Leo Arons hatte nicht ganz unrecht, wenn er einmal schrieb, daß 
nach den Blößen, die sich der deutsche Professor politisch im Weltkrieg 
gegeben habe, er gut daran tun würde, sich auf lange hinaus eines vor- 
sichtigen Schweigens zu befleißigen. Das verhindert aber nicht, daß der 
deutsche Gelehrte, dessen nächtliche Lampe den ganzen Erdball erleuchtet, 
der höchsten Achtung würdig ist und daß er jetzt, in der Zeit der Not, 
bei der akademischen Jugend mit Ernst den nationalen Gedanken hütet 
und pflegt. 
Meine besondere Verehrung hat immer Gustav Schmoller gegolten. 
Als Primaner des Pädagogiums in Halle hatte ich ihn zuerst erblickt. Er 
war kaum achtundzwanzig Jahre alt, sein Haupthaar und sein Bart waren 
pechschwarz, er hielt feurige Ansprachen an die Studenten, die ihn ver- 
götterten. Ich habe ihn damals eine solche Rede aus dem Fenster eines 
Hauses am Marktplatz halten hören, ohne daß ich ihn persönlich gekannt 
hätte. Dann trat er mir geistig nahe, als ich während meiner Pariser Tätig- 
keit ein eifriger Leser des von ihm herausgegebenen „Jahrbuch für Gesetz- 
gebung, Verwaltung und Volkswirtschaft‘ wurde. Ich entsinne mich, daß 
ich in dem herrlichen Wald von Fontainebleau einen ganzen langen Sommer- 
tag Schmoller las und meditierte. Sein „Grundriß der allgemeinen Volks- 
Brief 
Gustav 
Schmollers
        <pb n="329" />
        286 KEINE SCHARFMACHERPOLITIK MEHR 
wirtschaftslehre‘“ ist mir, um mit Tukydides zu reden, ein xrjua Es all 
geworden, ein Besitztum für immer. Seine treffliche Studie über die Epochen 
der preußischen Finanzpolitik hat vieles in mir angeregt und geklärt. 
Der Schwabe Schmoller war ähnlich wie der Sachse Treitschke, wie die 
Hannoveraner Scharnhorst und Hardenberg, wie der an der Lahn geborene 
Freiherr vorn und zum Stein tieferin Wesen und Geist des preußischen Staats 
eingedrungen als mancher geborene Preuße. Die Stärke von Schmoller 
bestand darin, daß er unser politisches Leben, unser Parteileben, unsere 
wirtschaftlichen Verhältnisse, vor allem die preußische Verwaltung aus der 
Nähe kennengelernt hatte, daß er mit Miquel und Althoff, mit Thiel und 
Lohmann, mit Klemens Delbrück und Berlepsch, mit Möller und dem 
Kölner Oberbürgermeister Becker, mit meiner Wenigkeit in langjähriger 
Fühlung stand, daß er im Staatsrat und in vielen vorbereitenden Ver- 
waltungs- und G t l ‚ bei vielen Enqueten, im 
Herrenhaus als Vertreter der Berliner Universität einen unmittelbaren 
Einblick in das Räderwerk der Staatsuhr gewonnen hatte. Ein Quenichen 
Anschauung wiegt bekanntlich schwerer als ein Zentner von Vorstellungen. 
Er schrieb mir nach dem Ende des Wahlkampfes am 10. Februar 1907: 
„Es drängt mich an dem ersten ruhigen Tage, den ich habe, nun doch dazu, 
Ihnen zu gratulieren, Ihnen zu sagen, wie sehr ich glaube, daß das ganze 
deutsche Volk Ursache hat, Eurer Durchlaucht zu danken. Die Auflösung 
war die Tat Ihres Mutes, Ihr genialer Blick hat das gute Resultat voraus- 
gesehen, während die meisten Patrioten es nicht zu wagen hofften. Die 
richtige Einschätzung der Imponderabilien, die die Zukunft bestimmen, 
macht das Wesen des erfolgreichen Staatsmanns aus. Sie haben zugleich 
durch diesen Erfolg einen wichtigen Teil Ihrer inneren Politik so glänzend 
gerechtfertigt, wie es kaum jemand so rasch zu hoffen gewagt hätte. Es ist 
der Teil, wegen dessen ich und alle vernünftigen Sozialreformer Sie so 
hoch schätzen. Die Niederlage der Sozialdemokratie zeigt heute aller Welt, 
wie richtig Ihre Abweisung der Scharfmacherpolitik, der Ausnahmegesetze 
war. Sie haben durch die der Sozialdemokratie beigebrachte Niederlage 
auch das Beste dafür getan, daß mit der Zeit eine innere Umbildung der- 
selben, eine vernünftigere Führung möglich wird, daß die Gewerkschafts- 
bewegung sich rascher von den fanatischen revolutionären Führern der 
Sozialdemokraten loslösen wird, daß die nicht sozialdemokratischen 
Arbeiterorganisationen Luft bekommen und wachsen werden. Daß Ihnen 
diese Hintanstellung einer Scharfmacherpolitik seit dem Antritt Ihres 
hohen Amtes gelang, ist Ihnen um so höher anzurechnen, als Sie zugleich 
genötigt waren, die Konservativen wieder regierungsfreundlicher zu machen, 
und ihre Hauptführer doch nicht auf die Hauptministerstellen setzten. 
Sie mußten — da nun einmal bei uns eine parlamentarische Regierung nicht
        <pb n="330" />
        DER WEG DER EVOLUTION 287 
möglich, eine Beamtenregierung über den Parteien und Klassen nötig ist — 
die großen Schwierigkeiten, welche darin liegen, in den Kauf nehmen. Es 
wird Ihr Rubmestitel immer bleiben, daß Sie diese Schwierigkeiten über- 
wunden haben. Wir besprachen vor einem Jahr einmal, bei Fürst Knyp- 
hausen, daß und warum heute nur so zu regieren sei. Es ist Ihnen gelungen, 
doch immer wieder eine Majorität zu erhalten. Sie haben jetzt Konservative, 
Nationalliberale und Fortschritt besser zu gemeinsamer Aktion gebracht 
als kaum je in der preußischen Verfassungsgeschichte. Es wird sich nun 
freilich darum handeln, dieses Verhältnis aufrechtzuerhalten, und das wird 
vielleicht noch schwieriger sein, als es in der Wahlkampagne herbeizu- 
führen. Es wird Ihnen dadurch erleichtert werden, daß Sie die Karten in 
der Hand haben, auch wieder eine konservativ-ultramontane Mehrheit zu 
bilden. Aber ich hoffe, daß es Ihrer Kunst gelingt, ohne das auszukommen! 
Denn dieses Aushilfsmittel würde Ihnen die große Popularität und Macht, 
die Ihnen die Wahlen verschafft haben, wieder nehmen. „Bülow ist so klug, 
daß ihm gelingt, was allen anderen mißlingt‘ — so sagte mir mal das Mit- 
glied der Bismarckschen Familie, das nach dem Tode des großen Kanzlers 
doch wohl das feinste und weitsichtigste ist, das im übrigen aber natürlich 
nicht an zu bedingungsloser Verehrung für den heutigen Reichskanzler 
leidet. Verzeiben Sie, Durchlaucht, diese Zeilen der Belästigung und ant- 
worten Sie mir nicht darauf. Sie haben mehr und Besseres zu tun. Ich und 
Millionen Deutsche mit mir danken heute noch viel inniger als im Sommer 
1906 dem Schicksal, das Ihre Gesundheit wieder so vollständig herstellte. 
Möge sie Ihnen noch recht viele Jahre erhalten bleiben zu Ihrer Freude, 
zum Wohl des Vaterlandes. Ihr treu ergebener Gustav Schmoller.““ Nicht 
alle Hoffnungen, die der ausgezeichnete Mann an den Wahlsieg von 1907 
knüpfte, haben sich erfüllt. Wenn es mir vergönnt gewesen wäre, noch 
einige Jahre am Staatsruder zu stehen, so glaube ich, daß ich meinem Ziel, 
mit der Monarchie und durch die Monarchie, die im neunzehnten Jahr- 
hundert dem Bürgertum, dem gebildeten und gelehrten wiedem schaffenden, 
die ihm gebührende Stellung gab, auch dem Arbeiter die volle Gleich- 
berechtigung mit den anderen Ständen und Klassen zu verschuffen, den 
vierten Stand auf friedlichem Wege, auf dem Wege der Evolution in das 
Staatsleben einzurenken, um ein gut Teil nähergekommen wäre. Und das 
wäre für Volk und Land besser gewesen als die Novemberrevolution, denn 
nicht mit Unrecht sagt ein scharfer, ein tiefer Denker, Hippolyte Taine: 
„En fait d’histoire il vaut mieux continuer que recommencer.“ 
Der sehr von mir geschätzte, mir befreundete Ministerialdirektor Althoff, 
ein bedeutender Mann, telegrafierte mir: „Ich möchte mir nicht ver- 
sagen, meine helle Freude über den 25. Januar und den von Eurer Durch- 
laucht hervorgerufenen nationalen Aufschwung auszudrücken als Ihr in 
Telegramm 
Althoffs
        <pb n="331" />
        288 VEXILLA REGIS PRODEUNT 
unbegrenzter „Verehrung allergetreuster Althoff.“ Mit dem enthusia- 
stischen Empressement, das er der Macht gern entgegentrug, hatte mir 
der Hoftheologe Adolf von Harnack bereits früher, sofort nach der 
Reichstagsauflösung, geschrieben: „Was auch kommen möge, Sie haben 
getan, was getan werden mußte, und darum wird es eine heilsame 
Frucht schaffen, auch wenn diese Frucht nicht sofort uns geschenkt 
wird. Vexilla Regis prodeunt.“
        <pb n="332" />
        XIX. KAPITEL 
Kieler Woche 1907 » Der Konflikt Eulenburg-Holstein »- Die Angriffe der „Zukunft“ 
Begegnung des Kaisers mit Nikolaus II. in Swinemünde + Iswolski, russischer Minister 
des Äußern, die Beziebungen zwischen beiden Reichen » Zusammenkunft Wilhelms II. 
mit dem König von England in Wilhelmshöhe «- Freiherr von Eckardstein - Die zweite 
Friedenskonferenz im Haag - England billigt Deutschlands Hlaltung - Brief des Admirals 
Montogu an Wilhelm II. . Beihmann Hollweg Staatssekretär des Innern « Graf Wedel 
Statthalter in Elsaß-Lothringen 
Die Kieler Woche des Frühjahrs 1907 verlief besonders glanzvoll. 
Namentlich war eine größere Anzahl distinguierter Franzosen erschienen. 
Der Kaiser, hocherfreut über ihr Kommen, feierte sie in fast überschweng- 
licher Weise. Ihre lebhafte, witzige Konversation, ihre vollendete Höflich- 
keit entzückten Seine Majestät. Unter den nach Kiel gekommenen Fran- 
zosen wareinRohan-Chabot. Vom Kaiser gefragt, ob er mit den österreichi- 
schen Rohans verwandt wäre, erwiderte er, sie wären seine Vettern, Nach- 
dem während der französischen Revolution mehrere Mitglieder der Familie 
Rohan guillotiniert worden wären, seien einige überlebende nach Österreich 
geflüchtet. Der Kaiser meinte daraufhin in seiner raschen und natürlichen 
Art, daran hätten sie wohlgetan, sonst wäre auch ihnen der Hals abge- 
schnitten worden. Mit großem Ernst erwiderte Rohan-Chabot: „Non, Sire, 
je ne suis pas de votre avis! Quand on a l’honneur d’etre Frangais, on se 
laisse plutöt trancher la t&amp;te que d’abandonner son pays.‘ Eine Antwort, 
würdig des alten Geschlechts, dessen Wahlspruch lautete: „Prince ne 
daigne, Roi ne puis, Rohan suis.“ 
Je besser die französischen Gäste dem Kaiser gefielen, um so erzürnter 
war er darüber, daß der französische Botschafter in Berlin, JulesCambon, 
nicht mit ihnen in Kiel erschienen war. Ich schrieb Seiner Majestät, daß 
Cambon, der mich bald nachher unaufgefordert in Norderney besuchte, 
mir dort auseinandergesetzt hätte, er sei zunächst gar nicht nach Kiel ein- 
geladen worden. (Dazu schrieb der Kaiser ad marginem: „Faule Ausrede! 
Er konnte bei Knesebeck oder Eulenburg fragen!) Wenn Cambon eine 
Einladung erhalten hätte, schrieb ich weiter, würde er gern gekommen 
sein. (Hier schrieb der Kaiser an den Rand: „Alles Quatsch, er mußte 
fragen!“) Pflichtgemäß meldete ich dem Kaiser aber auch, Cambon, den 
19 Bülow U 
Französische 
Gäste in Kiol
        <pb n="333" />
        Bruch 
zwischen 
Eulenburg 
und Holstein 
290 WILHELM II. GEGEN CAMBON 
ich persönlich seit über zwanzig Jahren kenne, habe mir offen und wieder- 
holt dargelegt, daß es hinsichtlich der deutsch-französischen Beziehungen 
darauf ankomme, nichts zu überstürzen. Übertriebene Avancen von unserer 
Seite wären ebensowenig angebracht wie Drohungen und Brüskierungen. 
Für intime Beziehungen mit Deutschland sei in Frankreich die öffentliche 
Meinung noch nicht reif. Sie wolle aber ebensowenig oder vielmehr noch 
viel weniger den Konflikt, sondern Ruhe, ohne „soubresauts“ in der einen 
oder anderen Richtung. (Dazu schrieb der Kaiser an den Rand: „Der- 
gleichen Frechheiten kann Cambon füglich für eich behalten! Wie Ich die 
Gallier behandelt wissen will, ist Meine Sache und habe Ich in Kiel dazu 
die nötigen ÖOrientierungen vorgenommen.) Ich berichtete im weiteren 
Verlauf meines Schreibens, daß Cambon sich über Marokko verständig aus- 
gesprochen hätte. Er habe betont, daß Frankreich sich auf dem Boden der 
Algeciras-Akte halten wolle. Wenn einzelne Bestimmungen jener Akte in 
einigen Jahren abgelaufen sein würden, so hätten Deutschland und Frank- 
reich bis dahin Zeit, sich zu überlegen, was hinterher eintreten solle. In 
Frankreich wisse man sehr gut, daß dies wesentlich davon abhängen werde, 
wie sich die allgemeinen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich 
inzwischen gestaltet haben würden. Trotz dieser ganz verständigen 
Sprache des französischen Botschafters schrieb der Kaiser übellaunig und 
vorschnell unter meine Meldung: „Cambon hat Ihnen absolut nichts Neues 
oder Interessantes gebracht, zudem olle Kanıellen aufgewärmt. Über Ma- 
rokko weiß er ebensowenig, was Frankreich eigentlich machen will, wie 
Clemenceau oder sonst einer von der Regierungsbande. Seine Bemer- 
kungen erheben sich über die flachste diplomatische Salonkonversation 
nicht heraus.“ Was mich an diesen Allerhöchsten Bemerkungen störte, 
war nicht sowohl die in ihnen zum Ausdruck gebrachte üble Laune, denn 
sie pflegte rasch zu verlliegen. Was mich mit ernsterer Sorge erfüllte, war 
die offensichtliche Tendenz des Kaisers, das Verhältnis zu Frankreich suo 
modo zu behandeln, persönlich und nach eigenen Ideen und Impressionen, 
also seinen eigenen Minister des Äußern zu spielen und damit eine Aufgabe 
zu übernehmen, der er in keiner Weise gewachsen war. 
Im politischen Leben ist es traurig, daß neben schönen, großen, er- 
hebenden Momenten und Eindrücken immer wieder das Gemeine und 
Niedrige sich bemerkbar macht. Während meiner Erkrankung hatten sich 
Holstein und Philipp Eulenburg veruneinigt. 
Wer der Unsterblichen reizte sie auf zu feindlichem Hader? fragt im 
Eingang der Ilias der blinde Sänger die Muse, bevor er den Zwist des 
Völkerfürsten Agamemnon mit dem mutigen Renner Achilleus schildert. 
Bei dem morbiden Zug, der dem im übrigen so glänzend begabten Eulen- 
burg eigen war, und da Holstein bei aller Verstandesschärfe nur zu oft ein
        <pb n="334" />
        DIE LIEBENBERGER TAFELRUNDE 291 
pathologisches Mißtrauen zeigte, das ihm falsche Bilder vorspiegelte und 
ihn dann zu hyänenhafter Verfolgungssucht verleitete, würde wohl nur ein 
erfahrener Psychiater Ursprung und Berechtigung dieser Entzweiung 
feststellen können. Aus dem Zusammenstoß dieser beiden Männer, deren 
jeder lange Jahre eine maßgebende Rulle gespielt hatte, stiegen nach und 
nach üble Dünste empor, die die Atmosphäre des öffentlichen Lebens in 
Deutschland vergifteten und grell kontrastierten mit dem glanzvollen 
Aufschwung, den der nationale Gedanke anläßlich der Reichstagsauflösung 
erlebt hatte. 
Im Mai 1906 hatte mir Eulenburg sehr erschrocken mitgeteilt, daß ihm 
Holstein bald nach seinem Rücktritt plötzlich einen über alle Maßen be- 
leidigenden Brief geschrieben habe, der mit den Worten anfing: „Mein 
Pbili! Dieser Anruf ist kein Zeichen der Hochschätzung, denn ‚Phili‘ be- 
deutet beute unter Zeitgenossen — nichts Gutes. Ihr langjähriges Ziel, 
meine Beseitigung, ist nun endlich erreicht. Auch sollen die gemeinen Preß- 
angriffe gegen mich gerade Ihren Wünschen entsprechen.“ Den Rest des 
Hulsteinschen Briefes teilte mir Eulenburg nicht mit, da der Inhalt gar 
ru abscheulich sei. Eulenburg schrieb mir weiter, daß dieser Brief ihn um so 
tiefer getroffen habe, als er sich schon vor Empfang dieser ihn aufs höchste 
aufregenden Post krank und recht angegriffen gefühlt hätte. Er habe sich 
aber gesagt, duß, um seinen heißgeliebten Kindern einen in seiner Ehre 
intakten Vater, dem Kaiser einen intakten Freund zu erhalten, Blut fließen 
müsse. Obwohl ein prinzipieller Gegner des Duclls, trotz dem Bewußtsein, 
dem Mittelalter eine Konzession zu machen, die der gesittete Brauch 
anderer Kulturländer ablehne, habe er Holstein fordern lassen. In einer 
langen Denkschrift, die er mir übersandte, führte er weiter aus, daß sein 
Freund, der württembergische Gesandte Baron Axel Varnbüler, als sein 
Sekundant die Angelegenheit in der Weise in Ordnung gebracht bätte, 
daß Eulenburg auf Ehrenwort erklärte, er habe weder bei der Entlassung 
von Holstein mitgewirkt, noch sich an Angriffen der Presse gegen ihn 
beteiligt, Holstein dagegen die von ihm in seinem Brief an Eulenburg 
gebrauchten, im höchsten Grade beleidigenden Ausdrücke zurückgenom- 
men habe. Bald nachher brachte die Berliner „Zukunft“ sehr scharfe An- 
griffe gegen Philipp Eulenburg, dessen Freund, den Kommandanten von 
Berlin, Graf Kuno Moltke, und die „Liebenberger Tafelrunde‘“, die be- 
schuldigt wurde, durch ihre nahen Beziehungen zum Kaiser politisches 
Unheil anzustiften. In diesem Kreise sollten, so hieß es in der „Zukunft“, 
Spiritismus, Gesundbeterei „und andere krankhafte Neigungen“ herrschen. 
Ich ließ Philipp Eulenburg zu mir bitten. Wie ich ausdrücklich betonen 
möchte, war ich fest überzeugt, daß der gegen Eulenburg erhobene Vor- 
wurf perverser Neigungen unbegründet wäre. Sein überaus herzliches Ver- 
10° 
Die Angriffe 
der „Zukunft“
        <pb n="335" />
        292 DER EULENBURG-SKANDAL 
hältnis zu seiner Frau und zu seinen Kindern, die schwärmerische Liebe, 
mit der seine gute, ausgezeichnete Frau an ihm hing, ließen mir diese Ver- 
dächtigung als eine Ungehenuerlichkeit erscheinen. Es kam dazu, daß, als 
sein einziger Bruder, der Rittmeister Graf Friedrich Eulenburg, solcher 
Verfehlungen überführt wurde, Philipp Eulenburg sich mit, wie mir schien, 
ganz ehrlichem Abscheu von ihm losgesagt hatte. Ich habe das bereits 
erwähnt. Auch hatte Philipp Eulenburg mir einige Zeit vorher anvertraut, 
daß eine „edle“ Frau, mit der er vor Jahren eine Liebelei gehabt hätte, 
dadurch in eine schreckliche Lage gekommen wäre. Ihr Mann, ein Spieler 
und Lump, drohe mit Skandal und Scheidung; es wäre eine größere Summe 
nötig, um diesen Erpresser zum Schweigen zu bringen. Alles schien mir 
dafür zu sprechen, daß Philipp Eulenburg unnatürliche Laster mit Un- 
recht nachgesagt würden. An dieser Überzeugung habe ich bis zu jenem 
Münchener Prozeß festgehalten, bei dem der unglückliche Eulenburg unter 
der Aussage eines Starnberger Fischers zusammenbrechen sollte. Ich habe 
gelegentlich hören müssen, daß ich in Philipp Eulenburg ein wenn auch nicht 
leichtfertiges, so doch unvorsichtiges Vertrauen gesetzt hätte. Ich kann 
mich darauf berufen, daß auch der verehrungswürdige Graf Botho Eulen- 
burg, der seinen Vetter seit dessen Kindheit kannte, ihn bis zu der Mün- 
chener Bloßstellung widernatürlicher Verfehlungen für unfähig hielt. Daß 
Philipp Eulenburg in seinen Briefen oft in einen allzu süßlichen Ton ver- 
fiel, machte mich nicht irre. Wie schwärmerische Briefe schrieben sich die 
Mitglieder des Göttinger Hainbundes! Der fast achtzigjährige, feierliche, 
eher steife Goethe schreibt an seinen gleichaltrigen Freund, den Musiker 
Zelter, er könne den Augenblick nicht erwarten, wo er ihn, den Geliebten, 
wieder in seine Arme schließen würde. Aber wenn ich im Frühjahr 1907 an 
der Intaktheit von Eulenburg noch nicht zweifelte, so wußte ich doch 
nur zu gut, daß er zu spiritistischem Unfug neigte, obwohl ich ihn mehrfach 
gewarnt hatte. Ich kannte sein neurasthenisches Naturell und wußte, daß 
schon der seinerzeit von Marschall kurz vor seinem Rücktritt angestrengte 
Prozeß Tausch, in dem Eulenburg als Zeuge vorgeladen wurde, ihn ent- 
setzlich aufgeregt und beinahe auf das Krankenbett geworfen hatte. Ich 
war also bestrebt, wenn irgend möglich, einem Prozeß vorzubeugen. In 
diesen meinen Bemühungen unterstützte mich sowohl Walter Rathenau, 
damals ein intimer Freund von Maximilian Harden, den ich persönlich noch 
nicht kannte, wie der gleichfalls mit Harden befreundete Leiter des Deut- 
schen Schauspielhauses in Hamburg, der geistig bedeutende und dabei 
warmbherzige und hilfsbereite Baron Alfred Berger, der Gatte der großen 
Schauspielerin Stella Hohenfels. Ich werde im nächsten Kapitel darlegen 
müssen, wie trotz der redlichen und klugen Bemühungen von Rathenau 
und Berger, und obwohl Eulenburg selbst sich einem Prozeß in jeder Weise
        <pb n="336" />
        FANFARE AN BORD DER „STANDART“ 293 
zu entziehen suchte, die Kabinettschefs Seiner Majestät, Lucanus und 
Hülsen, und der Kommandant des Kaiserlichen Hauptquartiers, General 
Plessen, unterstützt von der ganzen Maison militaire, trotz meinem Abraten 
und Warnen und gegen das Staatsinteresse es schließlich dahin brachten, 
daß Kuno Moltke den Prozeß anstrengen mußte. 
Der für die Regierung so glänzende Ausfall der Reichstagswahlen hatte 
unsere Stellung nach außen und in der Welt befestigt und gehoben. Das 
Ausland war überzeugt, daß Fortschritte der sozialdemokratischen Be- 
wegung in Deutschland eine Schwächung des Reichs bedeuteten. Man kann 
geradezu sagen, daß das Wachsen oder Abnehmen der sozialdemokratischen 
Partei ein Thermometer war, nach dem die Welt den Gesundheitszustand 
des deutschen Volkskörpers und damit dessen Stärke beurteilte. Die beiden 
Begegnungen, die im Sommer 1907 zwischen Kaiser Wilhelm II. einerseits, 
dem Zaren und dem König von England andererseits in Swinemünde und in 
Wilhelmshöhe stattfanden, boten Anlaß zu lehrreichen Beobachtungen und 
Feststellungen in dieser Hinsicht. Beide Begegnungen verliefen gut. Bei der 
Abschiedsfeier an Bord der russischen Jacht „Standart“ brachte Kaiser 
Nikolaus am 6. Juni 1907 einen für seine Zurückhaltung und Wort- 
kargheit ungewöhnlich warmen Toast aus, in dem er die Fortdauer der 
Beziehungen überlieferter Freundschaft und Verwandtschaft betonte, die 
beständig ein enges Band zwischen den beiden Ländern und den beiden 
Dymastien gebildet hätten. Für Kaiser Wilhelm hatte ich einen in keiner 
Weise pointierten, vielleicht etwas farblosen Toast entworfen, der nirgend 
Anstoß erregen konnte. Der Kaiser, durch das freundliche Entgegen- 
kommen des Zaren ermuntert, konnte es sich aber nicht versagen, einen 
Fanfarenstoß ertönen zu lassen. Er hielt eine Rede, in der er seine prächtige 
Flotte herausstrich und betonte, wie stolz er wäre, seinem Bruder und 
Freunde eine solche Flotte vorführen zu können. Er hoffe, daß dem Zaren 
recht bald ein gleiches Glück beschieden werden möge. Inzwischen beglei- 
teten seine heißesten Wünsche den Neubau der russischen Flotte. Ich unter- 
drückte kurzerhand diesen oratorischen Erguß und wies den an Bord der 
„Hohenzollern“ befindlichen Vertreter von Wolffs Telegraphenbüro an, 
meine Version zu verbreiten. Der neue russische Minister des Äußern, 
Iswolski, der 1906 den wegen Kränklichkeit zurückgetretenen und bald 
nachher, im März 1907, in San Remo verstorbenen Grafen Lambsdorff 
ersetzt hatte, erhob zunächst einige Bedenken, meinte aber schließlich 
lächelnd: „Certainement le discours de Sa Majest&amp; l’Empereur £tait plus 
beau, mais le vötre est plus sage. Publions le vötre!“ Als Kaiser Wilhelm 
am folgenden Tage nicht seine, sondern meine Rede in den Zeitungen 
fand, brunımte er ein wenig, beruhigte sich aber bald. Er war damals noch 
lenkbar. 
Begegnungen 
desKaisersmit 
Nikolaus II. 
und 
Eduard VII.
        <pb n="337" />
        Iswolskis 
Karriere 
294 DER SNOB ISWOLSKI 
Alexander Petrowitsch Iswolski war ein alter Freund von mir. Wir 
hatten uns während meiner vierjährigen Tätigkeit als Botschaftsrat in 
St. Petersburg im Klub und in der Gesellschaft viel gesehen. Ich hatte 
auch Gelegenheit gehabt, mich ihm durch meine guten Beziehungen zu dem 
Minister Giers, zu dessen Adjoint Vlangaly wie zu dem einflußreichen Chef 
des asiatischen Departements, Zinowjew, nützlich zu machen. In dem da- 
maligen Rußland spielten, wie in allen absolutistisch regierten Ländern, 
persönliche Beziehungen und Einflüsse, die Klubs und Salons, Empfeh- 
lungen und Konnexionen eine große Rolle. Iswolski war vor allem ein Snob. 
Aus kleinen Verhältnissen hervorgegangen, wünschte er den Damen zu 
gefallen. Damals lag er einer schönen Witwe, der Generalin A., zu Füßen. 
Sie schlug aber seine wiederholten Heiratsanträge ab. Ale Iswolski es 
später zum Botschafter und Minister des Äußern brachte, wurde MudameA. 
von einer Freundin gefragt, ob sie nicht bedaure, eine so glänzende Partie 
refüsiert zu haben, Sie erwiderte: „Je l’ai regrett&amp; tous les jours, mais je 
m’en suis felicitee toutes les nuits.‘“ Iswolski war sehr häßlich, er sah aus 
wie ein Kalmücke, aber er war intelligent und ehrgeizig. Er hatte in seiner 
Karriere les hauts und les bas gekannt. Erst nur an kleinen Balkanposten 
verwandt, wo er sich nach der alten Tradition der russischen Baulkan- 
diplomatie mit Eifer an Komplotten und Verschwörungen beteiligte, wurde 
er Gesandter beim Päpstlichen Stuhl, während ich Botschafter beim 
Quirinal war. Er verkehrte viel in meinem Haus. Er hatte inzwischen eine 
liebenswürdige, hübsche und elegante Frau aus distinguierter Familie 
geheiratet, eine Gräfin Toll, Tochter des langjährigen russischen Gesandten 
in Weimar, die nach Abstammung und Erziehung halb oder vielmehr drei- 
viertel deutsch war, übrigens auch evangelisch. Alexander Petrowitsch 
liebte und bewunderte sie, sans comparasion, etwa wie Napoleon als junger 
republikanischer General zu der Vicomtesse Josephine Beauharnais 
emporsah als zu einem Wesen aus einer höheren Gesellschaftssphäre. Er 
begleitete sie jeden Sonntag zum Gottesdienst in die evangelische Kapelle 
des Palazzo Cuflarelli. Von Rom kam Iswolski zu seinem Schmerz nach 
Japan. Er fürchtete bei der heiklen Natur der russisch-japanischen Bezie- 
hungen, da die russischen Generäle und viele einflußreiche Spekulanten 
Japan brutalisierten, die russischen Diplomaten aber keinen Krieg mit 
Japan wollten, sich dort den Hals zu brechen. Ich tröstete ihn mit der 
Versicherung, daß seine Gewandtheit ihm schon durchhelfen würde. Mein 
Zuspruch tat ihm wohl, und er hat mich oft dankbar daran erinnert. Er 
kam auch mit heiler Haut aus Japan zurück, um Gesandter in Kopenhagen 
zu werden, für Rußland eine Familiengesandtschaft und ein Sprungbrett 
für künftige Botschafter. Als Iswolski hörte, daß in St. Petersburg ein 
großes diplomatisches Revirement vorbereitet würde, schickte er seinen
        <pb n="338" />
        UNTERREDUNG IN SWINEMÜNDE 295 
intelligenten deutschen Kammerdiener dorthin mit dem Auftrag, sich um- 
zuhören, welche Botschaft ihm bestimmt wäre. Wenn der Kammerdiener 
höre, daß Iswolski Botschafter bei dem Königreich Italien werden solle, 
möge er ihm telegraphieren: Makkaroni; wenn er aber für Berlin bestimmt 
wäre, wohin Iswolski am liebsten gegangen wäre: Sauerkraut. Als der 
Kammerdiener hörte, daß Iswolski voraussichtlich Minister des Äußern 
werden würde, telegraphierte er: Kaviar. Iswolski war von Hause aus in 
keiner Weise antideutsch. Er wurde es erst allmählich, besonders nachdem 
er von Kaiser Wilhelm bei gelegentlichen Begegnungen schlecht behandelt 
worden war. In dem Maße, wie unsere oft wenig geschickte Presse aus ihm 
einen Kinderschreck für alle guten Deutschen machte, nahm die Deutsch- 
feindlichkeit von Iswolski natürlich zu. Ähnlich ist es später mit Sir Edward 
Grey gegangen. Die Rahel schrieb einmal, ihre Liebhaber wären Schatten 
gewesen, von ihrem Feuer koloriert. Unsere politischen Gegner, von Ignatieff 
und Iswolski bis zu Grey und König Eduard VII., haben wir, besunders 
Wilhelm 1I., mit hypernervöser Phantasie ärger gemacht, als sie in Wirk- 
lichkeit waren. Mißtrauen ist gut, sogar nötig, aber es darf nicht übertrieben 
werden. 
Die Aussprache, die ich mit Iswolski in Swinemünde hatte, war nicht 
unbefriedigend. Ich fand den russischen Minister des Äußern sehr impres- 
sioniert durch die trotz aller Unterdrückungsmaßnal und trotz man- 
cher Konzessionen und Reformen in Rußland immer mehr um sich greifende 
und fortschreitende revolutionäre Gärung. Ich erblickte darin für uns einen 
Grund mehr, einem kriegerischen Konflikt mit Rußland auszuweichen. Ich 
erinnerte mich daran, wie schon Fürst Bismarck den Grafen Käluoky dar- 
auf hingewiesen hatte, daß wir durch Abwarten vielleicht früher den 
inneren Verfall und die Zersetzung Rußlands als einen russischen Angriff 
erleben würden. An dieser Auffassung habe ich immer festgehalten und 
fand sie bestätigt, als mir im Mai 1914 der kurz vorher zurückgetretene 
russische Ministerpräsident Kokowzew in Rom auf meine Frage, ob er an 
Krieg glaube, ruhig und bestimmt erwiderte: „A la guerre? Non. A moins 
d’y Etre forc&amp;s par vous, nous ne ferons pas la guerre. Mais je crois a la pos- 
sibilite, et, malheureusement, je crois möme a la vraisemblance d’une 
revolution en Russie.‘“ Hinsichtlich Frankreichs wiederholte mir Iswolski in 
Swinemünde, was mir Murawiew zehn Jahre früher gesagt hatte, nämlich 
daß Rußland der Verbündete Frankreichs sei und bleiben müsse, daß es 
aber darum doch nicht unfreundliche Beziehungen zu uns, geschweige denn 
Krieg wolle. Mit England müsse sich Rußland nach seiner schweren Nieder- 
lage in Ostasien verständigen. Aber es würde uns gegenüber nicht den 
„lansquenet de l’Angleterre“ spielen. Vor allem war Iswolski damals noch 
überzeugt, daß schlechte Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland
        <pb n="339" />
        „Pcace and 
good will“ 
296 EDUARD VIL.IN WILHELMSHÖHE 
nur der Revolution zugute kommen würden, die beide Reiche bedrohe, 
Rußland noch mehr als Deutschland. Es sei ein grober Irrtum mancher 
russischer Chauvinisten, äußerte er zu mir, anzunehmen, daß ein auswärtiger 
Krieg gegenüber der inneren, revolutionären Gefahr als „derivatif“ 
wirken würde. Ich entgegnete ihm: „Vous parlez d’or, mon cher ami. Se 
precipiter dans la guerre pour Eviter la revolution serait imiter l’exemple de 
Guibollard, qui, chez Rabelais, se jette dans l’eau pour Echapper a la plujie.‘“ 
Er lachte und gab mir recht. Wenn man in St. Petersburg kaltes Blut 
bewahre, von deutscher Seite Rußland nicht in der polnischen Frage und 
auf der Balkanhalbinsel brüskiere, würden wir beide nicht ersaufen. 
Am 14. August fand in Wilhelmshöhe eine Zusammenkunft zwischen 
Wilhelm II. und Eduard VII. statt. Der König beehrte mich mit einer lan- 
gen Aussprache, in der er den Gedanken in den Vordergrund stellte, daß, 
je törichter sich vielfach diesseits und jenseits des Kanals die Presse, je 
unvernünftiger auch die Völker oder wenigstens eine Minorität innerhalb der 
beiden Völker sich benähmen, um so mehr die beiden Regierungen kaltes 
Blut bewahren müßten. Er versicherte mich seines unveränderten Ver- 
trauens und fügte hinzu, ich könne sicher sein, daß er nach wie vor auf das 
lebhafteste „Peace and good will“ zwischen Deutschland und England 
wünsche. In einem sehr warmen Trinkspruch, dessen Veröffentlichung er 
ausdrücklich erbat, dankte er für den herzlichen Empfang, der ihm bereitet 
worden sei, nicht nur von seiten der Behörden und der Truppen, die in Parade 
gestanden hätten, sondern auch von dem Volk, wo es ihm in den Straßen 
begegnet wäre. Er fuhr in seinem Trinkspruch fort: „Indem ich von ganzem 
Herzen meinen besten Dank ausspreche, füge ich hinzu, es ist mein größter 
Wunsch, daß zwischen unseren beiden Ländern nur die besten und ange- 
nehmsten Beziehungen bestehen. Ich freue mich sehr, daß Eure Majestät 
mich bald in England besuchen werden. Ich bin fest davon überzeugt, daß 
nicht nur meine Familie, sondern das ganze englische Volk Eure Majestät 
und Ihre Majestät die Kaiserin mit der größten Freude empfangen werden.“ 
Vor dem Abendessen unternahm der Kaiser mit dem König eine Rund- 
fahrt durch die anmutige Umgebung von Wilhelmshöhe und die Straßen 
des aufblühenden Kassel, dessen Bürgermeister damals noch nicht Herr 
Philipp Scheidemann, sondern ein bewährter Jurist und Verwaltungs- 
beamter war. Der König hatte den Kaiser aufgefordert, mich zur Teilnahme 
an dieser Fahrt einzuladen, worauf der Kaiser mit Freude einging. Die 
Unterredung ä trois war ungezwungen und durchaus freundlich. Ich weiß 
nicht, wie der Kaiser auf die Idee kam, den König zu fragen, wie es Eckard- 
stein ginge. Der König antwortete mit verächtlicher Betonung und einer 
wegwerfenden Handbewegung, daß er nicht wisse, „what became of that 
fellow‘. Als der Kaiser den König erstaunt frug, ob er etwa Eckardstein
        <pb n="340" />
        PROZESS MAPLE-ECKARDSTEIN 297 
nicht mehr empfange, meinte der König: „Oh, good gracious! He is not 
more received anywhere.“ Er erzählte dann dem Kaiser, daß sich Eckard- 
stein „in a most inconvenient, a most ungentlemanlike way“ gegenüber 
seiner Gattin benommen habe. Deren Vater, der reiche Möbelhändler 
Maple, hätte ursprünglich Eckardstein zu seinem Erben eingesetzt. Als 
Eckardstein trotz aller Warnungen seines würdigen Schwiegervaters immer 
wieder große Summen durch unsinnige Spekulationen verloren hätte, habe 
Maple sein Vermögen seiner Tochter zu deren freier Verfügung hinterlassen. 
Nun habe Eckardstein angefangen, immer größere Summen von seiner 
Gattin zu erpressen, was die Beziehungen zwischen den beiden natürlich 
verschlechtert hätte. Als die Baronin Eckardstein endlich erklärt habe, sie 
könne nicht mehr für die Börsengeschäfte und Schulden ihres Gatten auf- 
kommen, von dem sie de facto schon getrennt lebte, hätte Eckardstein sie 
mit einem Skandalprozeß bedroht, und als sie sich dadurch nicht beein- 
drucken ließ, gegen sie einen Prozeß wegen Ehebruchs, begangen mit ihrem 
Arzt in London, angestrengt. Aus dem Prozeß wäre die Baronin Eckardstein 
völlig gerechtfertigt hervorgegangen, Eckardstein aber derartig bloßgestellt 
undin einem so üblen Lichte, daß das anwesende Publikum ihn beim Verlassen 
des Gerichtssaals beschimpft, tätlich bedroht und fast verprügelt hätte. Er 
sei seitdem für alle anständigen Leute erledigt. Kaiser Wilhelm geriet in 
heftige Erregung und erklärte sofort, nicht ohne Pathos, denn er wollte 
seinem Onkel zeigen, ein wie strenger Hüter des Anstandes und guter Sitte 
er sei, daß Eckardstein den „schlichten Abschied“ erhalten müsse, wie der 
militärische Terminus technicus laute, und daß dies im Reichsanzeiger 
öffentlich bekanntgegeben werden solle. Ich habe diesen Befehl wie manchen 
anderen nicht buchstäblich ausgeführt und Eckardstein wie später den 
unglücklichen Philipp Eulenburg ohne Aufschen noch Lärm aus der Stel- 
lung z. D. in die Stellung a. D. überführen lassen. Ich sollte erst während 
der letzten Zeit meiner Reichskanzlerschuft wieder von Eckardstein hören, 
wo er gemeinsam mit dem Pamphletisten Rudolf Martin, der sich nach der 
Novemberrevolution von 1918 der U.S.P.D., dem linken Flügel der 
Sozialdemokratie, anschloß, und dem Zeremonienmeister Eugen Röder, 
dem üblen Bruder der intriganten Gräfin Paula Alvensleben, gegen mich 
einen „Bund der Kaisertreuen“ bilden wollte. 
Vom 15. Juni bis zum 15. Oktober 1907 tagte im Haag die zweite Frie- 
denskonferenz, die durch den niederländischen Minister des Äußern, den 
früheren niederländischen Gesandten in Berlin, Herrn Tets van Goudrian, 
einen wohlgesinnten und taktvollen Diplomaten, eröffnet wurde. Den 
Vorsitz übernahm der russische Bevollmächtigte, Botschafter Nelidow. In 
der Frage der internationalen Friedens- und Abrüstungsbestrebungen 
gegenüber der pazifistischen Propaganda und den Forderungen nach 
Zweite Haager 
Friedens- 
konferenz
        <pb n="341" />
        298 ZWISCHEN SZYLLA UND CHARYBDIS 
Abrüstung mußte ich, wie in so manchen anderen Fragen, den Weg zwischen 
Szylla und Charybdis nehmen, die Mittelstraße, die in diesem Falle die 
richtige war. Ich habe natürlich nie daran gedacht, die Sicherheit des 
Landes scheinheiligen Versicherungen unserer Feinde und Neider, hohlen 
Phrasen weltfremder, bisweilen auch unehrlicher Schwärmer zu opfern. 
Das brauche ich nicht weiter zu begründen, nachdem die Sieger des Welt- 
kriegs, sobald sie mit Ililfe der auf die eiulältigen deutschen Pazifisten 
berechneten „Vierzehn Punkte“ Wilsons ihr Spiel gewonnen hatten, die 
pazifistische Maske abgeworfen haben und uns unverhüllt ihr grinsendes, 
grausames Antlitz zeigten. Der Vertrag von Versailles, der nicht nur allen 
pazifistiischen Ideen und Grundsätzen ins Gesicht schlägt, allen Bestre- 
bungen [ür Völkerversöhnung und Völkerbund den Boden entzieht, son- 
dern der in seinem ganzen Aufbau wie in seiner Ausführung ein Hohn auf 
Gerechtigkeit und Vernunft, auf Treue und Redlichkeit ist, zeigt zu deut- 
lich, wie innerlich verlogen die feindliche Propaganda uns gegenüber ist 
und von jeher war. Um so trauriger, daß aus Einfältigkeit und Verblendung, 
bisweilen auch aus niederträchtiger Parteiverbissenheit oder erbärmlichen 
persönlichen Motiven ınanche Deutsche solchem Treiben unserer Feinde Vor- 
schub geleistet haben. Das Brandmal der Schande und Infamie, das die Ge- 
schichte auf die Stirn des Ephialtes und des Judas Ischariot drückte, haftet 
fürimmer an den Namen Grelling und Eisner, Friedrich Wilhelm Förster und 
Fechenbach. Aber gerade weil ich die Verlogenheit der Deutschland feind- 
lichen Propaganda auf Grund eigener und langjähriger Erfahrung im Aus- 
land nur zu wohl kannte, war ich bemüht, den Kaiser von Reden und Gesten 
abzuhalten, die ihn als einen Friedensstörer erscheinen ließen, der er gar 
nicht sein wollte und tatsächlich auch gar nicht war. Ich hatte ihn schon im 
Mai 1899 bei dem ersten Friedensvorschlag des Zaren ermahnt, nicht die 
odiose Rulle des Störenfrieds zu spielen, der die edlen Pläne der Friedens- 
freunde vereitle und die Schuld trüge, wenn die Welt unter der Last 
wachsender Militärausgaben seufze. Darum bestand ich auch jetzt, acht 
Jahre später, gegenüber dem anfänglichen Widerspruch Seiner Majestät 
auf unserer Teilnahme an der zweiten internationalen Friedenskonferenz. 
Wie ich schon öfters hervorheben mußte, gefiel sich Wilhelm II., der im 
Kern seines Wesens ein echter und ernster Friedensfreund und jedenfalls im 
Handeln ein aufrichtigerer Pazifist war als mancher andere Souverän und als 
die meisten demokratischen Schwätzer im Inlande und namentlich im 
Auslande, mit der ihm eigenen Zwiespältigkeit des Wesens, mit seiner so 
häufigen Verwechslung von Schein und Wesen darin, pazifistischen Bestre- 
bungen nach aulien hin ablehnend gegenüberzutreten und, wo sich eine 
passende oder auch unpassende Gelegenheit bot, die Schale seines Spotts 
über solche Bestrebungen auszugießen.
        <pb n="342" />
        DIE PARTEI DER EHRLICHEN LEUTE 299 
Zum deutschen Vertreter im Haag hatte ich unseren Botschafter in 
Konstantinopel, Herrn von Marschall, ausersehen, der ein guter juristischer 
Kopf war und sich im diplomatischen Dienst auch nach und nach die 
wünschenswerte Verbindung von Würde und Kulanz angeeignet hatte. Es 
gelang ihm bald, im Haag eine führende Rolle zu spielen. Der englische 
Friedensapostel Stead, der fünf Jahre später beim Untergang des Dampfers 
„Titanic“ einen tragischen Tod fand, gibt in seinem Buch über die Haager 
Konferenz zu, daß der deutsche Vertreter nicht nur der scharfsinnigste 
Redner der Versammlung gewesen wäre, sondern auch durch seine Sach- 
kenntnis die positiven Arbeiten mehr als irgendein anderer gefördert hätte. 
Mit wahrem Ingrimm fügte der Engländer Stead hinzu: „Statt daß die 
englischen Vertreter in der Friedenskonferenz die Führung hätten über- 
nehmen sollen, blieben sie im Rückstand und ließen Deutschland den ersten 
Platz. Eine kläglichere und schändlichere Niederlage habe ich selten geseben.“ 
Die Einsetzung eines ständigen internationalen Schiedsgerichts- 
hofes war das Verdienst des deutschen Delegierten, der auch später für die 
Minderheit das Wort führte, die das obligatorische Schiedsgericht ablebnte. 
Es war bezeichnend für den Unterschied zwischen Redlichkeit und Unred- 
lichkeit, daß zu denjenigen Staaten, die mit Deutschland und Österreich- 
Ungarn das obligatorische Schiedsgericht ablehnten, Belgien, die Schweiz 
und die Türkei gehörten. An der ehrlichen Friedensliebe dieser Länder war 
kein Zweifel möglich, während sich als Verfechter des obligatorischen 
Schiedsgerichtshufs gerade die Staaten der Entente gerierten, deren Pazifis- 
mus doch nur sehr naive Politiker für bare Münze nehmen konnten. Als ich 
unsere Haltung auf der Zweiten Haager Friedenskonferenz im Reichstag 
erläuterte*, fand ich die Zustimmung aller Parteien und zu meiner Genug- 
tuung auch den Beifall fast der ganzen englischen Presse. Die liberalen 
englischen Blätter hoben die Würde und Ehrlichkeit der deutschen Reichs- 
tagsdebatte wie meiner Erklärungen hervor, und auch die unionistischen 
Journale stellten fest, daß ich mit meiner freimütigen, den deutschen Stand- 
punkt darlegenden Rede einen überraschenden Erfolg in England erzielt 
und die „Partei der ehrlichen Leute‘ gewonnen hätte. 
Daß meine Haltung und Sprache gegenüber der Haager Friedens-Kon- 
ferenz in England einen guten Eindruck gemacht und daß insbesondere die 
ruhige Freundlichkeit, mit der ich mich am 30. April* über die deutsch- 
englischen Beziehungen geäußert hatte, die Anerkennung selbst der „Times“ 
fand, erfüllte den Kaiser mit lebhafter und aufrichtiger Freude. Er über- 
sandte mir sehr beglückt den nachstehenden Brief eines hervorragenden 
englischen Seemannes, des Admirals Montagu, der ihm über meine Rede 
* Fürst von Bülow, Deutsche Politik, Volksausgabe, Verlag Reimar Hobbing, Berlin.
        <pb n="343" />
        Für 
Posadowsky 
Bethmann — 
für 
Tschirschky 
Schön 
300 DIE BLOCKPOLITIK 
im Reichstag geschrieben hatte: „Your Majesty, If anything in the world 
can conduce to peace and harmony, sound sense and great ability of 
statement, the speach of Prince Bülow on foreign policy in my humble 
opinion is the finest piece of rhetoric and absolutely sound judgement it is 
possible to conceive. I write as humble individual, but I hope, I aspire to 
common sense. But as an Englishman all I say is, that his statement should 
be accepted throughout the world as a master-piece uf sound reasoning. He 
not only shows his patriotism as his first duty, but holds out the olivebranch 
of peace to the world, in the most graceful manner. I hope that individuals 
of other countries besides my own will note the greatness of Your Majesty’s 
Chancellor. Your most obedient servant V. A. Montagu.“ 
Das Jahr 1907 brachte zwei bedeutungsvolle Wechsel im Reich und in 
Preußen. Bei aller Wertschätzung der eminenten Kenntnisse und der 
Arbeitskraft des Grafen Posadowsky mußte ich mich, nachdem ich mich 
einmal für die, nicht von mir aber von anderen, „Blockpolitik‘ getaufte 
Richtung entschieden hatte, die ich lieber als eine besonnene und allmäh- 
liche Überleitung zu einem liberaleren inneren System und einer stärkeren 
und häufigeren Heranziehung parlamentarischer Kräfte in die Regierung 
bezeichnen möchte, von einem Mitarbeiter trennen, der dieser Wendung 
innerlich widerstrebte. Ich ersetzte Posadowsky durch Bethmann, der 
seinem Vorgänger in vieler Hinsicht nicht gewachsen war, von dem ich 
aber sicher sein konnte, daß er, so lange ich Reichskanzler war, um mit 
Bismarck zu reden, einschwenken würde wie ein Unteroffizier. Preußischer 
Minister des Innern wurde der Bruder des Generalstabschefs, der Ober- 
präsident von Ostpreußen, Friedrich von Moltke, um vier Jahre jünger als 
jener, an gutem Willen und Lauterkeit des Wesens ihm ähnlich. Ich sorgte 
dafür, daß Seine Majestät der Kaiser den hochverdienten Grafen Pusa- 
dowsky durch ein für ihn in hohem Grade ehrenvolles Handschreiben und 
durch die Übersendung seiner Büste in Marmor wie durch die ausdrückliche 
Versicherung seines unveränderten Wohlwollens beglückte. Auch der vor- 
treffliche Kultusminister Studt trat zurück, weniger unter dem Eindruck 
der von liberaler Seite gegen ihn gerichteten Angriffe als im Hinblick auf 
Kränklichkeit und hohes Alter. Er wurde ins Herrenhaus berufen und gleich- 
zeitig mit einem besonders gnädigen Handschreiben ausgezeichnet. Vor- 
greifend möchte ich jetzt schon erwähnen, daß im Herbst 1907 auch im 
auswärtigen Dienst bedeutungsvolle Wechsel stattfanden. Der mir von 
Seiner Majestät mehr oder weniger aufgedrängte Staatssekretär des Äußern 
Tschirschky zeigte sich seiner Aufgabe, das Amt zu leiten und mich im 
Verkehr mit den Diplomaten zu entlasten, in keiner Weise gewachsen. Er 
war innerlich hochmütig, äußerlich steif und hölzern, Pessimist, immer der 
„docteur tant pis‘‘, um mit Lafontaine zu sprechen, sehr empfindlich, allzu
        <pb n="344" />
        DER NEUE STAATSSEKRETÄR DES ÄUSSERN 301 
geneigt, die „gekränkte Leberwurst‘‘ zu spielen, wie in seinem drolligen 
Jargon der Berliner sich ausdrückt. Da der Kaiser gleichzeitig auf der 
Abberufung des allerdings schon fünfundsiebzigjährigen, selbst dem damals 
ziemlich bequemen Posten des Statthalters von Straßburg nicht mehr 
gewachsenen Fürsten Hermann zu Hohenlohe-Langenburg bestand, so 
ergab sich die Notwendigkeit eines umfassenden Revirements. Eine große 
Schwierigkeit meines Amtes war von Anfang an für mich gewesen, der nicht 
bös gemeinten, meist aus gütigem Herzen hervorgehenden, aber nicht immer 
den Interessen des Dienstes entsprechenden Einmischung des Kaisers in 
Personalien zu begegnen. Bei seiner Vorliebe für Tschirschky würde der 
Kaiser dessen Enthebung von dem Posten des Staatssekretärs nie zuge- 
stimmt haben, wenn der „allezeit Getreue“, der zwar im Reichstag nicht 
sprechen konnte, Seiner Majestät aber nie widersprach, nicht ein ausrei- 
chendes Äquivalent erhalten hätte, Ich muß übrigens zugeben, daß 
Tschirschky den Posten des Staatssekretärs nur ungern übernommen hatte. 
Er hatte mir im Augenblick seiner Ernennung in wehmütigem Tone ge- 
schrieben: „Euer Durchlaucht ist nicht unbekannt, daß mein Sinn nie 
darauf gerichtet gewesen ist, in der Öffentlichkeit irgendeine Rolle zu spie- 
len. Die ganze Anlage meiner Natur liegt nicht in dieser Richtung.“ Nach- 
dem er dargelegt hatte, daß und warum das Glück im Winkel mehr sein 
Ideal sei als rauschende Erfolge auf der Agora, daß ihm die Nerven fehlten, 
um dem Parlament gegenüber wirksam aufzutreten, bat er darum, ihm die 
parlamentarischen Pflichten seines Amtes „durch Unterstützung von 
anderer Seite‘ zu erleichtern. 
Da ich bei meiner geschäftlichen Überlastung unmöglich jede an den 
Staatssekretär des Auswärtigen Amts gerichtete Anfrage in der Kom- 
mission oder im Plenum selbst beantworten konnte, wir in Deutschland 
auch keine besonderen Sprechminister hatten, wie ihn das zweite Kaiser- 
reich in Frankreich in Rouber besaß, und endlich der Unterstaatssekretär 
auch nicht nach parl ischen Triumphen verlangt, trennte 
ich mich von Tschirschky. Als dessen Nachfolger verlangte der Kaiser einen 
ihm „sympathischen“ Diplomaten, was leider nicht immer ein Beweis für 
die Tüchtigkeit des Betreflenden war. Endlich wünschte Seine Majestät 
nach Straßburg einen General zu setzen, entweder den Chef des Militär- 
kabinetts Dietrich Hülsen oder den Kommandanten des Großen Haupt- 
quartiers, den General von Plessen. Ich entschloß mich schließlich zu einer 
auf gegenseitigen Zugeständnissen beruhenden Lösung, durch die 
Tschirschky nach Wien kam, der bisherige Botschafter in Petersburg, 
Herr von Schön, Staatssekretär des Äußern wurde und der bisherige Bot- 
schafter in Wien, Graf Karl Wedel, Statthalter von Elsaß-Lothringen. 
Die letztere Wahl war die einzige wirklich gute. Tschirschky war im Grunde
        <pb n="345" />
        302 LE BARON DE SCHOEN 
kein Botschafter, konnte aber in Wien weniger Schaden anrichten als in 
London, wohin ihn der Kaiser ursprünglich dirigieren wollte. Die Minder- 
wertigkeit des Baron de Schoen, wie sich der deutsche Staatssekretär auf 
seinen Visitenkarten nannte, die mir schon früher bisweilen Sorge bereitet 
batte, sollte in ihrem ganzen Umfange erst nach seiner Berufung an die 
Zentralstelle zutage treten. Ich weiß nicht, ob der berüchtigte Semi-Gotha 
recht hat, wenn er behauptet, Schön sei aus der „uralten Wormser Juden- 
gemeinde“ hervorgegangen, er gehöre sogar dem besonders geachteten 
jüdischen Stamm Isaschar (Schochem) an. Das mit der Familie Schön ver- 
wandte Haus Heyl zu Herrnsheim sei gleichfalls eine durch Leder reich 
gewordene Wormser Judenfamilie. Die jüdische Extraktion des Barons von 
Schön würde mich nicht gestört haben. Ich muß aber leider feststellen, daß 
ich bei ihm jene Arbeitslust und Arbeitskraft, die Klarheit und Schärfe 
des Verstandes, die geschäftliche Tüchtigkeit und den geschäftlichen Ernst 
vermißt habe, die mir bei vielen Israeliten entgegengetreten sind und die 
ihnen auch von ihren Gegnern nicht abgesprochen werden können. Frau 
von Schön, eine Belgierin, durch langen Aufenthalt im Seinebabel bedenk- 
lich verparisert, trug nicht dazu bei, die ohnedieg bescheidene dienstliche 
Brauchbarkeit ihres Gatten zu erhöhen. Der Kaiser war aber nicht dazu zu 
bewegen, Mühlberg oder Kiderlen als Staatssekretär zu akzeptieren. Bot- 
schafter in Petersburg wurde Graf Friedrich Pourtales, der dort mehrere 
Jahre Botschaftsrat gewesen war und das dortige Terrain kannte, auch in 
der Bismarckschen Zeit als Amanuensis von Herbert Einblick in die große 
Politik gewonnen hatte.
        <pb n="346" />
        XX. KAPITEL 
Gegenbesuch Wilhelms TI. am dänischen Ilofe « Die Nordmark + Stellung der Kaiserin 
zu Dänemark « Vorgänge vor der Kaiserreise nach Euglund « Festmahl in Windsor 
(12. XI. 1907) » Stimmung Wilbeims Il. in IHigbeliffe » Der Prozeß Moltke-IMurden 
im Reichstag +» Beginn der Tragödie des Fürsten Eulenburg - Die romantische Heirat der 
Komtesre Augusta Euleuburg + Brief Eulenburgs an deu Kaiser « FEuleuburg nimnit trotz 
Abmahnung seiner Freunde am Ordensfest teil » Kaiserliche Order vom 31. V. 1907 über 
Erledigung des Falles Eulenburg »- Bülows Prozeß gegen den „Schriftsteller“ Brand » Das 
° Meineideverfahren gegen Eulenburg 
Im Juni 1907 erwiderte der Kaiser mit der Kaiserin dem neuen König 
von Dänemark, Friedrich VIII., den ihm von diesem nicht lange vorher in 
Berlin abgestatteten Besuch. Ich hatte einige Monate früher mit Däuemark 
einen Vertrag abgeschlossen, nach dem die bisher staatenlosen Optanten- 
kinder auf ihren Antrag in jedem der beiden Staaten die Staatsangehörig- 
keit erhalten konnten. Dieser „Optantenvertrag“ war in Dänemark durch- 
weg günstig beurteilt worden. Das dänische Regierungsblatt bezeichnete 
ihn als das bedeutungsvollste Ereignis in der Geschichte der Beziehungen 
zwischen Dänemark und Deutschland seit 1864, lobte den „redlichen Willen“ 
der deutschen Regierung und drückte die Hoffnung aus, daß dieser Vertrag 
eine Scheide zwischen Vergangenheit und Zukunft werden würde. Ich habe 
nie die Illusionen des Kaisers geteilt, der immer wieder hoffte, Dänemark 
für einen ganz engen Anschluß an Deutschland oder wenigstens für ein 
Bündnis mit Deutschland gewinnen zu können. Ich habe auch Tirpitz, der 
im Interesse seiner Seepolitik Dänemark möglichst an uns heranziehen 
wollte, nicht verhehlt, daß korrekte Beziehungen ohne Hintergedanken 
auf dänischer Seite das Äußerste wären, was wir erreichen könnten. Das aber 
wäre bei verständiger Behandlung der dänischen Nordschleswiger aller- 
dings möglich. 
Ich habe die Nationalitätenverbältnissein Nordschleswig immer anders 
beurteilt als den Kampf um die Ostmark. „Il faut donner ä toute chose sa 
juste valeur‘“, war eine von mir gern zitierte Lieblingswendung des weisen 
Minghetti. Im Osten handelte es sich um den Schutz der Wurzeln des 
preußischen Staats, um die Erhaltung lebenswichtiger Bestandteile des 
Deutschen Reichs. Fortschritte der polnischen Propaganda bedeuteten die 
Reise des 
Kaisers nach 
Kopenhagen
        <pb n="347" />
        304 DIE TOCHTER DER NORDMARK 
höchste Gefahr für unsere Sicherheit und für unsere Zukunft. Ein Pak- 
tieren mit den Polen konnten nur weltfremde deutsche Phantasten emp- 
fehlen. Dagegen waren die kaum 135000 Dänen in Nordschleswig keine 
ernstliche Gefahr für unseren Staat und für unser Volkstum. Mein Wunsch 
war, vom Landtag eine größere Summe für das allmähliche Aufkaufen der 
dänischen Bauerngüter in Schleswig zu erlangen und an ihrer Stelle Süd- 
schleswiger oder Holsteiner anzusiedeln. Die Sprachenfrage wollteich kulant 
behandeln, denn wenn leider eine alte Erfahrung zeigte, daß die romanischen 
Sprachen, Französisch und Italienisch, der deutschen leicht Terrain abge- 
winnen und daß selbst die slawischen im Kampf gegen die deutsche Sprache 
traurige Erfolge aufzuweisen haben, so ist die deutsche Sprache in Nord- 
schleswig seit Jahrhunderten im Fortschreiten gewesen. Gegen die Forderung 
eines größeren Fonds für Nordschleswig hatte leider das Staatsministerium 
Bedenken, und in der Sprachenfrage wollte der Kaiser unter dem Einfluß 
seiner Augustenburgischen, sehr antidänischen Verwandten nicht nach- 
geben. Die Kaiserin hatte meinem Vetter Jenisch, der sie und den Kaiser 
nach Kopenhagen begleitete, nicht verhehlt, daß sie mich zu „dänen- 
freundlich“ fände. Sie schrieb ihm: „Ich bin als Kaiserin und Frau meines 
Mannes nach Dänemark gegangen, natürlich auch höflich und freundlich 
gewesen, da diese Reise es von mir verlangte. Es ist das erstemal, daß ich 
als Tochter der Nordmark dies tun mußte. Wo ist der Dank? Der Nutzen? 
Sie wissen, daß ich mich nicht gern politisch einmische, aber etwas Lokal- 
patriotismus hat man doch. Die Kämpfe Schleswig-Holsteins gegen Däne- 
mark sind derartig mit meiner eigenen Familie verquickt gewesen, mein 
eigener Vater ist ein Opfer dieser Kämpfe geworden, da werden Sie ver- 
stehen, daß es auch mir ins Herz schneidet, wenn das Deutschtum in 
Nordschleswig durch zu larges Entgegenkommen für Dänemark froissiert 
wird. Die Dänen sind stets glatt gewesen, aber falsch.“ Wenn die gute 
Kaiserin in an und für sich begreiflicher Familientradition keinerlei Scho- 
nung der Dänen wünschte, so hatte bei dem Besuch in Kopenhagen der 
Kaiser es umgekehrt übelgenommen, daß ich ihn durch den Vertreter des 
Auswärtigen Amts hatte bitten lassen, in seinen dortigen Auslassungen die 
dänenfreundliche Note nicht zu forcieren. Herr von Jenisch schrieb mir 
darüber: „Ich sagte Seiner Majestät, es sei Deines Erachtens wichtig, in 
Kopenhagen den richtigen Ton anzuschlagen und bei der Ängstlichkeit des 
Königs nicht zu chaleureux zu werden. Das hättest Du mir bei Deiner 
Abreise noch besonders ans Herz gelegt. Seine Majestät antwortete mir, 
das solle man nur ruhig ihm überlassen, er werde schon den richtigen Ton 
treffen. Dafür regiere er schon zwanzig Jahre. Nach dieser Antwort war es 
natürlich für mich ganz unmöglich, ohne Gefahr zu laufen, einen gewaltigen 
Zorn zu erregen, Deinen Entwurf zu einer Rede vorzulegen.“
        <pb n="348" />
        Der Kaiser in England (November 1907) 
König Eduard, Herzog von Connaught und Kaiser Wilhelm 
auf einer Jagdpartie in Windsor
        <pb n="349" />
        <pb n="350" />
        DIE DROHENDEN HARDEN-PROZESSE 305 
Am 9. November 1907 sollte das Kaiserpaar seine Reise nach England 
antreten. Die Alten glaubten, daß, wenn menschlichen Unternehmungen 
Gefahr und Unheil drohten, die Götter dies vorher durch Unglück ver- 
heißende Zeichen ankündigten. Dann flogen die Adler links statt rechts, 
oder die heiligen Hühner weigerten sich, das ihnen vorgeschüttete Futter zu 
fressen. Der Kaiserreise nach England ging ein im Geiste der antiken Denk- 
weise bedeutungsvolles Vorspiel voraus. Alle Vorbereitungen waren getrof- 
fen, als der Kaiser mich plötzlich ans Telephon rief, um mir mitzuteilen, 
daß er einen Unfall gehabt hätte. Er habe sich schwindlig gefühlt und auf 
ein Sofa ausgestreckt. Plötzlich wäre er, offenbar von einer kurzen Ohn- 
macht befallen, vom Sofa heruntergefallen. „Mein Kopf schlug so hart auf 
den Boden auf, daß meine Frau, von dem Lärm erschreckt, voll Angst 
hereinstürzte.‘“ Der Kaiser fügte hinzu, daß er bei so angegriffenem 
Gesundheitszustand unmöglich die ermüdende Reise nach England unter- 
nehmen könne und dies seinem Onkel, dem König, telegraphiert habe. 
Bald nachher erschien der Oberhofmarschall Graf August Eulenburg bei 
mir, um mir im Auftrag der Kaiserin zu sagen, daß der „Unfall“ nicht 
schlimm gewesen wäre. Die Ohnmacht und das Aufschlagen des Kopfes auf 
den Boden hätten nur in der Phantasie Seiner Majestät existiert. Mit der 
Bitte um strengste Diskretion erklärte mir Graf August Eulenburg den 
ganzen Vorgang damit, daß es dem Kaiser im Hinblick auf die Kampagne 
der Hardenschen „Zukunft“ gegen den Fürsten Eulenburg, den Grafen 
Kuno Moltke und andere Freunde Seiner Majestät und die drohenden 
Skandalprozesse peinlich sei, sich jetzt in England zu zeigen. Einige 
Stunden später kam, sehr bestürzt, der englische Botschafter zu mir. Er 
habe von seinem Souverän ein dringendes Telegramm erhalten, durch das 
ihm König Eduard mitteile, er habe vom Kaiser die Nachricht bekommen, 
daß dieser seine Reise nach England aufgebe. Ein so plötzlicher, ganz uner- 
klärlicher Entschluß würde politisch von bedenklichen Folgen sein und 
jedenfalls die in der letzten Zeit in erfreulicher Weise gebesserten deutsch- 
englischen Beziehungen nicht günstig beeinflussen. Der König bat um 
sofortige Aufklärung über den rätselhaften Entschluß des Kaisers. Ich ver- 
sprach dem Botschafter, daß ich Rücksprache mit Seiner Majestät nehmen 
würde. Er meinte, daß sich dies in der Tat empfehlen würde. „Das 
schlimmste ist nämlich‘, fuhr er fort, „daß ich vor einer Stunde im Tier- 
garten dem angeblich schwer erkrankten Kaiser begegnet bin, der sehr 
vergnügt, umgeben von einem Schwarm Adjutanten, die große Querallee 
herunterritt.‘“ Ich schrieb nun Seiner Majestät einen ernst gehaltenen 
Brief, in dem ich meinerseits um Aufklärung bat, nicht nur, um den eng- 
lischen Botschafter beruhigen zu können, sondern auch für meine eigene 
Beruhigung im Hinblick auf die deutsch-englischen Beziehungen. Der 
29 Billow II 
Abreise mit 
Hindernissen 
nach England
        <pb n="351" />
        306 EINE STEHAUF-NATUR 
Kaiser ließ mich nach einigen Stunden bitten, den Abend mit ihm im 
Theater zu verbringen oder wenigstens, wenn meine Geschäfte dies nicht 
zuließen, ihm dort während der großen Pause in dem kleinen Salon vor 
der kaiserlichen Loge meinen Vortrag zu halten. Ich fand den Kaiser sehr 
munter, ganz unbefangen. Er war wirklich eine Stehauf-Natur. Er meinte, 
die Indisposition wäre überwunden. Er habe einen ihn erfrischenden 
Spazierritt gemacht und gut gegessen. Er fühle sich wieder ganz unter- 
nehmungslustig, sehr „‚kregel‘, und sei bereit, überall hinzureisen, wohin 
ich ihn im Interesse unserer Politik schicken wolle. Ich konnte meinen 
alten Freund Lascelles noch an demselben Abend davon in Kenntnis 
setzen, daß Seine Majestät der Kaiser sich wieder wohl und in der Lage 
fühle, die Reise nach England zu unternehmen. 
Am 10. November traf das Kaiserpaar in London ein. Am 12. November 
war das große Festmahl in Windsor. König Eduard konnte sich nicht ver- 
sagen, in seine Rede den etwas maliziösen Passus einzufügen, er hätte seit 
langer Zeit gehofft, diesen Besuch zu empfangen, aber im letzten Augen- 
blick gefürchtet, daß die Reise infolge einer Unpäßlichkeit des Deutschen 
Kaisers nicht stattfinden könnte. „Glücklicherweise sehen Eure Majestäten 
jetzt beide so voller Gesundheit aus, daß ich nur hoffen kann, Eurer Ma- 
jestäten Aufenthalt in England werde Euren Majestäten recht wohltun.“ 
Der König hatte mit dem Kaiser, obwohl dieser inzwischen schon acht- 
undvierzig Jahre alt geworden war, gelegentlich immer noch den schalk- 
haften Ton eines würdigen und erfahrenen Onkels mit einem noch jugend- 
lichen, unreifen und etwas unberechenbaren Neffen. Dann aber fuhr der 
König fort, daß er niemals, so lange er lebe, die Güte und Sympathie ver- 
gessen werde, die ihm der Kaiser in der Zeit erwiesen hätte, als die große, 
verehrte Königin Victoria aus dem Leben schied. Der Kaiser möge ver- 
sichert sein, daß seine Besuche in England stets eine aufrichtige Freude 
wären sowohl für das englische Königspaar als für das ganze englische 
Volk. „Ich hege“, schloß der König, „nicht nur innige Hoffnungen für das 
Gedeihen und das Glück des großen Reichs, über das Eure Majestät herr- 
schen, sondern auch für die Erhaltung des Friedens.‘ Am nächsten Tage 
wurden in der Guildhall sehr freundschaftliche Trinksprüche zwischen dem 
Lordmayor und dem Kaiser gewechselt. Der Kaiser nahm die Würde eines 
Ehrendoktors des Zivilrechts der Universität Oxford aus den Händen von 
Lord Curzon, einem der hervorragendsten und einflußreichsten englischen 
Staatsmänner, entgegen. Alle englischen Zeitungen widmeten ihm freund- 
liche Artikel und betonten, daß die Beziehungen zwischen Deutschland und 
England sich bedeutend verbessert hätten. Es liege kein Grund zur Span- 
nung vor. Einige Tage später hielt der Minister des Äußern, Sir Edward 
Grey, in Berwick eine öffentliche Rede über die auswärtige Politik, in der
        <pb n="352" />
        DER BESUCH IN HIGHCLIFFE 307 
er hervorhob, daß das englisch-japanische Bündnis gegen kein anderes 
Land gerichtet wäre. England sei bereit, ähnliche Abmachungen mit anderen 
Ländern über Angelegenheiten abzuschließen, die sie und England direkt 
angingen. Die Abmachungen mit Rußland bezweckten die Sicherung der 
indischen Grenze, die Sicherung des Friedens zwischen England und Ruß- 
land, und würden dazu beitragen, den Frieden der ganzen Welt zu sichern. 
Auch die orientalische Frage, insbesondere die Wirren in Mazedonien wür- 
den das Konzert der europäischen Mächte nicht stören. Was die deutschen 
Flottenbauten angehe, so wolle er diese in keiner Weise kritisieren. Wenn 
andere Nationen ihre Flotte vergrößerten, so müsse England die seinige 
auch vergrößern. Doch brauche sich England nicht in besondere Unkosten 
zu stürzen, noch sich über Flottenausgaben irgendeines anderen Landes zu 
beunruhigen. Einige Tage vorher hatten 136 liberale Unterhausmitglieder 
dem Premierminister Campell-Bannerman eine Denkschrift überreicht, 
worin sie die Herabsetzung der Ausgaben für Heer und Marine vorschlugen. 
Wenn die Kaiserreise nach England den besten Verlauf genommen und 
zweifellos Gelegenheit geboten hatte, die friedlichen Wünsche der großen 
Mehrheit des englischen wie des deutschen Volks zum Ausdruck zu bringen, 
50 war ich weniger erfreut über das, was ich über Stimmung und Reden des 
Kaisers während seines Besuchs in Highcliffe hörte, der schön gelegenen 
Besitzung des englischen Obersten Stewart Wortley auf der anmutigen 
Insel Wight, dem Garten Englands. Während der Kaiser dort weilte, wur- 
den im Reichstag von dem Führer des Zentrums, dem Abgeordneten Spahn, 
die Enthüllungen zur Sprache gebracht, die der Prozeß Moltke-Harden über 
Unsittlichkeiten zutage gefördert hätte, die an das heidnische Rom er- 
innerten. Er rügte, daß zwei besonders schuldige Offiziere, GrafLynar und 
GrafHohenau, mit Pension entlassen worden wären, sprach aber ausdrück- 
lich dem Kaiser und dem Kronprinzen für ihr rasches Einschreiten seinen 
Dank aus. Ich erwiderte*, daß die im Prozeß Harden-Moltke zur Sprache 
gebrachten sittlichen Verfehlungen auch mich mit Ekel und Scham 
erfüllten, aber ich müsse mich gegen die Auffassung wenden, als ob das 
Der Harden- 
Molike- 
Prozeß vor 
dem Reichstag 
deutsche Volk und das deutsche Heer in ihrem innersten Kern nicht voll- ° 
kommen gesund wären. So wie es niemanden gäbe, der an dem sittlichen 
Ernst unseres Kaiserpaares zweifle, das in seinem Familienleben dem Lande 
ein schönes Vorbild gebe, so sei auch das deutsche Volk kein Sodom, und in 
der deutschen Armee herrschten nicht Zustände wie im sinkenden römi- 
schen Kaiserreich. Die Volksvertretung könne sich darauf verlassen, daß 
gerade unser Kaiser mit scharfem Besen alles ausfegen werde, was nicht zur 
Reinheit seines Wesens und seines Hauses passe. Was die Klagen über 
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, 250ff.; Kleine Ausgabe IV, 301. 
20°
        <pb n="353" />
        308 DIE KAMARILLA 
Kamarilla angebe, so wäre doch die erste Voraussetzung für das Gedeihen 
solcher Giftpflanzen die Abgeschlossenheit und Unselbständigkeit des 
Monarchen, Nun habe man ja dem Kaiser manchen Vorwurf gemacht, wie 
man jedem Menschen diesen oder jenen Vorwurf mache. Aber daß er sich 
abschließe im Verkehr und keinen eigenen Willen hätte, fügte ich unter 
großer Heiterkeit des Hauses hinzu, das sei ihm meines Wissens noch nie- 
mals vorgeworfen worden. Man möge also endlich aufhören mit dem Ge- 
rede und Geraune und Geflüstere über Kamarilla. Dem Abgeordneten 
Bebel, der gemeint hatte, nur in Monarchien gebe es Kamarilla und ähnliche 
betrübende Erscheinungen, entgegnete ich, daß es nicht nur eine höfische 
Kamarilla gebe, sondern auch eine rote Kamarilla, nicht nur vor fürstlicher 
Eitelkeit würde Weihrauch angezündet, sondern auch vor König Demos. 
„In der Kunst des Bauchrutschens und des Schweifwedelns sind die Höf- 
linge des Königs Demos den Höflingen des Fürsten über, das können Sie 
mir glauben, der ich beide Spielarten kenne.“ Ich schloß mit den Worten: 
„Wir leben in einer Zeit, wo der Minister sich gar nicht so zu fürchten 
braucht vor der Tyrannei von oben. Was hat denn heute ein Minister von 
oben zu riskieren ? Höchstens seine Entlassung! Glauben Sie denn, daß es 
ein solches Vergnügen ist, Minister zu sein ? Wohl aber soll in unseren Tagen 
ein Minister sich nicht fürchten vor der Tyrannei von unten, die die 
drückendste und schlimmste aller Tyranneien ist.‘ 
Diese meine Rede war im Auszug wie gewöhnlich ins Ausland, also auch 
nach England, telegraphiert worden. Als der Kaiser bei seinem Abendessen 
in Highcliffe, im Kreise seiner deutschen Umgebung das betreffende Tele- 
gramm des Reuterbüros las, geriet er in heftige Erregung. Es sei unerhört 
von mir, daß ich den Moltke-Prozeß berührt hätte. Ich hätte dem Reichstag 
verbieten sollen, diese Materie zur Sprache zu bringen. Von Kamarilla, 
höfischen Intrigen, überhaupt vom Hofe dürfe im Reichstag nicht gespro- 
chen werden. Der Kaiser setzte ein in diesem Sinn gehaltenes, scharfes 
Telegramm an mich auf, das er seinen Tischgenossen vorlas. Sie schwiegen 
alle. Nur der Botschafter Metternich machte Seine Majestät darauf auf- 
merksam, daß, wenn ich das vom Kaiser entworfene unhöfliche Telegramm 
erhielte, ich zweifellos meinen Abschied einreichen würde. Der Botschafter 
fügte hinzu, daß, hiervon abgesehen, Seiner Majestät sicherlich damit besser 
gedient werde, wenn sein erster Minister die Verteidigung im Reichstag 
übernehme, als wenn er gegenüber Vorgängen, über die allenthalben 
gesprochen würde, sich in verlegenes Schweigen hülle. Der Kaiser pro- 
testierte heftig und entwickelte sein Lieblingsthema, daß ein Minister 
überhaupt nicht das Recht hätte, seinen Abschied zu verlangen; er habe zu 
warten, bis er den Abschied bekomme. Aber während er so sprach, zer- 
knüllte er allmählich den von ihm schon auf ein Telegrammformular nieder-
        <pb n="354" />
        EULENBURGS ZUSAMMENBRUCH 309 
geschriebenen zornigen Erguß, und als dies Schriftstück zu einer kleinen 
Kugel geworden war, schleuderte er sie in die Ecke mit den Worten: „Na, 
meinetwegen!“ Der arme Herr hat lange die Fähigkeit bewiesen, sich auch 
nach starken Entgleisungen wieder zu fangen. Schlimmer als diese Vor- 
gänge intra muros, d.h. im Kreise seiner deutschen Umgebung, waren die 
Gespräche, die Wilhelm II. in Highcliffe mit zahlreichen dort eingeladenen 
oder ihn besuchenden Engländern führte, Gespräche, von denen ich nichts 
wußte und die erst später in dem bekannten Artikel des „Daily Telegraph“ 
das Tageslicht erblicken sollten. 
Bevor ich mich den großen politischen Vorgängen des Jahres 1908 zu- 
wende, muß ich die Tragödie des Fürsten Philipp Eulenburg mit ihren 
Begleiterscheinungen zu Ende führen, nicht allein weil sie während 
Monaten den Gesprächsstoff in allen Berliner Kreisen bildete, sondern 
auch weil sie Wilhelm II. in hohem Grade erregte und affızierte und dadurch 
politische Folgen nach sich zog. Diese sehr unerquicklichen Vorgänge 
erinnerten, toute proportion gardee, an die mysteriösen, unheimlichen Aus- 
schreitungen und Laster, die zweihundert Jahre früher unter Ludwig XIV. 
zur Errichtung der Chambre ardente führten. Auf den armen Fürsten 
Eulenburg stürmte allmählich viel ein. Während eines Aufenthalts, den er 
mit seiner Familie in Territet am Genfer See genommen hatte, war seine 
dritte Tochter, die Komteß Augusta, ein liebenswürdiges Mädchen, mit dem 
Privatsekretär des Vaters, Herrn Jaroljmek durchgegangen. Die Eltern 
hatten zunächst an einen Selbstmord ihrer Tochter geglaubt angesichts 
der Weigerung des Vaters, seinen Konsens zu der von der jungen Komteß 
gewünschten, in der Tat etwas exzentrischen Verbindung zu geben. Die 
ganze Nacht suchte man in der Nähe von Territet den See mit Stangen ab, 
aber ohne die Vermißte zu finden. Das war auch ganz begreiflich, denn sie 
hatte sich inzwischen mit dem Geliebten trauen lassen. Eulenburg schickte 
mir die Abschrift des geradezu verzweifelten Briefes, den er an den Kaiser 
geschrieben hatte und der mit den Worten begann: „Eure Majestät sehen 
heute einen Menschen vor sich, dem grenzenloses Leid angetan ist, dem er 
ohnmächtig gegenübersteht, — das Schwerste, das einem liebenden Vater, 
einem Familienhaupt angetan werden kann.“ Nun war dieser Vorfall 
gewiß schmerzlich und peinlich. Als ich den intimen Freund von Eulenburg, 
den württembergischen Gesandten Axel Varnbüler, frug, was für eine Art 
Mensch dieser Jaroljmek wäre, erwiderte er: „Jaroljmek war der vertraute 
Sekretär und besondere Liebling unseres guten Philipp. Er ist ein Südslawe, 
sehr schön, sehr romantisch. Er hat ganz große Augen, ganz schwarzes 
Haar und trug, als ich ihn zuletzt sah, einen Strohhut, der mit roten Vogel- 
beeren umrankt war.‘ Wenn Eulenburg wahrscheinlich recht hatte, an den 
Kaiser zu schreiben, Jaroljmek sei ein junger Fant, der zu nichts zu 
Der 
Eulenburg- 
Skandal
        <pb n="355" />
        310 KEIN EINGRIFF IN DEN PROZESS 
brauchen wäre, so fand ich es doch übertrieben, wenn er hinzufügte, er habe 
seine Tochter für immer verstoßen, ihr Name dürfe in seinem Hause nicht 
mehr genannt werden, sein schönes Familienleben wäre unwiderruflich 
zerstört, besser, der Tod hätte ihm diese unwürdige Tochter entrissen, 
niemand werde ihn und die Seinigen mehr achten können, seine Qual sei 
„unsäglich“. Sein Brief an den Kaiser schloß: „Wenn ich ruhiger bin, kann 
ich Eurer Majestät mündlich gelegentlich Näheres mitteilen, heute muß ich 
Unglücklicher schließen.‘ Mir schrieb Eulenburg in einem kurzen Begleit- 
schreiben: „Ich leide so furchtbar, daß mir jedes Wort eine Qual ist. Mein 
Leben hatte viel Sonnenschein, jetzt kommen die tiefen Schatten. Es ist 
Zeit, heimzukehren — Gott wolle mir in Gnaden bald das Ende geben.“ 
Ich schrieb Eulenburg einen freundschaftlichen, herzlichen Brief, um 
ihn zu beruhigen und wieder aufzurichten. Ich schrieb, es wäre doch nicht 
das erstemal, daß ein junges Mädchen über alle Hürden springe, um dem 
Mann ihrer Liebe zu folgen. Kein zurechnungsfähiger Mensch würde des- 
wegen auf ihn und seine Familie einen Stein werfen. Ich glaubte nach wie 
vor an die sittliche Reinheit von Eulenburg, aber die Ängstlichkeit, mit der 
er den Prozeß Moltke-Harden verfolgte, der zur Freisprechung des Schrift- 
stellers Maximilian Harden führte, begann auch mich zu beunruhigen, 
obwohl ich seit langem wußte, wie neurasthenisch Eulenburg war. Er hörte 
nicht auf, mich brieflich zu bitten, ich möge darauf hinwirken, daß in dem 
in Rede stehenden Prozeß sein, Eulenburgs, Name nicht genannt und er in 
keiner Weise in diesen Prozeß hineingezogen werde. „Dieser. Prozeß“, 
schrieb er mir, „ist für mich, wenn ich auch tatsächlich nichts zu fürchten 
habe, doch ein Schrecken, weil ich so krank bin, weil meine Nerven so 
zerrüttet durch die namenlos schwere Zeit sind, die ich körperlich und see- 
lisch durchzukämpfen hatte, daß mich der Gedanke, wiederum durch alle 
Gossen geschleift zu werden, geradezu mit Entsetzen erfüllt und ich das 
Gefühl habe, solchen Qualen nicht gewachsen zu sein. Abgesehen davon, 
halte ich eine neue Auflage der Hardenschen Skandale für eine Gefahr. 
Nachdem ‚man‘ durch die Eile, mit der allerhand Entlassungen stattfanden, 
eine tiefe Verbeugung vor diesem Judenbengel gemacht hat, würde jeder 
neue Skandal, der natürlich europäische Formen annimmt, geradezu 
staatsgefährlich sein. Wie man aber den Prozeß und weiteren Skandal 
verhindern könnte, das weiß ich wahrhaftig nicht. Trotz allen Grübelns 
fällt mir nichts ein als höchstens die Instruktion an den Vorsitzenden, 
jedes Wort abzuschneiden, das nicht streng auf die Beleidigung Kunos 
Bezug hat.“ Ich mußte ihm natürlich antworten, daß ich als höchster 
Reichsbeamter in den Gang der unabhängigen Justiz nicht eingreifen 
könne. Anfang Januar 1907 hatte ich Eulenburg, der, noch ganz erfüllt von 
der Flucht seiner Tochter, mich besuchte, geraten, diesen an und für sich ja
        <pb n="356" />
        WILHELM II. GEGEN PHILI 3ıll 
betrübenden Vorfall zu benutzen, um für einige Zeit ins Ausland zu gehen, 
was alle Welt natürlich finden würde. Er möge den Winter mit den Sei- 
nigen in der Schweiz oder in Italien verleben, sich dem Berliner Geklatsche 
und Gerede entziehen, gleichzeitig die widrigen Eindrücke der letzten Zeit 
vergessen und seine angegriffenen Nerven wiederherstellen. Nach dem, was 
mir Rathenau und Berger gesagt hatten, hoffte ich, daß, wenn Eulenburg 
Berlin verließe und sich namentlich dem Kaiser fernhielte, sowohl seine 
Gegner am Hofe wie Harden ihn in Ruhe lassen würden. Aber der Arme 
glich der Mücke, die immer wieder in das Licht fliegt. Er konnte nicht ohne 
den Kaiser, die kaiserliche Nähe und die kaiserliche Gunst leben. Er hatte 
mir geschrieben: „Ich möchte im Verkehr mit den Meinen und den mir 
gebliebenen Freunden in tiefe Vergessenheit sinken. Ich bin tatsächlich zu 
krank für alles andere. Ich habe genug an den Qualen dieser Erde und will 
Gott auf Knien danken, wenn er mich in Ruhe sterben läßt.“ 
Nichtsdestoweniger und trotz meiner ausdrücklichen Warnung erschien 
er im Januar 1907 in Berlin, um sich mit dem Schwarzen Adlerorden 
investieren zu lassen. Die Verleihung des höchsten preußischen Ordens an 
Eulenburg hatte schon seinerzeit in weiten Kreisen Ärgernis gegeben. Seine 
Anwesenheit bei der Investitur, die ihm vom Kaiser mit besonderer Herz- 
lichkeit erteilte Akkolade erregte seine Gegner am Hofe, namentlich die 
Kabinetts-Chefs, und erbitterteden Kronprinzen. Das Kesseltreiben gegen 
ihn begann wieder von allen Seiten. Im Mai 1907 wandte sich der Kaiser 
ebenso plötzlich und ebenso stürmisch gegen Eulenburg, wie er ihn jahre- 
lang an sich gezogen hatte. Nachdem er schon einige Tage vorher meinem 
Bruder Karl Ulrich, der damals die 2. Gardeulanen kommandierte, bei 
einer Besichtigung gesagt hatte, er fände mich Eulenburg gegenüber zu 
gutmütig, nicht energisch genug, ich müsse mich endlich aufraffen, traf 
am 31. Mai 1907 ein kaiserliches Schreiben bei mir ein, in dem es hieß: 
Seine Majestät habe erfahren, daß Eulenburg bereits seit Monaten in der 
„Zukunft“ angegriffen werde, ohne etwas dagegen zu unternehmen. 
Dagegen habe Eulenburg sich unter der Hand mit Harden in Verbindung 
gesetzt und ihn gebeten, von ferneren Angriffen abzustehen. Im Wider- 
spruch mit diesem tatsächlichen Sachverhalt habe Eulenburg Seiner Maje- 
stät in mehreren Briefen versichert, daß er von den Artikeln der „Zukunft“ 
gar keine Kenntnis hätte, die „Zukunft“ nicht lese und überhaupt nicht 
wisse, was in ihr stünde. Seine Majestät müsse daraus schließen, daß 
Harden Briefe von Eulenburg an Moltke besäße, die in jeder Richtung 
kompromittierend wären. Seine Majestät habe ferner gehört, daß Eulen- 
burg während eines Kaiserbesuchs in seinem Schlosse Liebenberg anrüchige 
Persönlichkeiten eingeladen hätte, unter ihnen einen französischen Diplo- 
maten, der sich des schlechtesten Rufes erfreue und deshalb von dem könig-
        <pb n="357" />
        312 DER FREUND LECOMTE 
lichen Gesandten in München niemals eingeladen worden wäre. Er, der 
Kaiser, sei empört, daß Eulenburg Allerhöchst ihn dadurch in eine für 
einen Monarchen unerhörte Situation gebracht hätte. Der in Rede stehende 
französische Diplomat war ein gewisser Lecomte, der allerdings eine üble 
Persönlichkeit war und von dem mir der bayrische Ministerpräsident Pode- 
wils gesagt hatte, er hätte als Mitglied der französischen Mission in München 
allgemein im Rufe perverser Neigungen gestanden und wäre deshalb sogar 
polizeilich überwacht worden. Ich hatte wiederholt und ernstlich Eulen- 
burg vor ihm warnen lassen. Er hatte trotzdem die allerdings grobe Takt- 
losigkeit begangen, seinen Freund Lecomte gleichzeitig mit Seiner Majestät 
einzuladen. Die Order Seiner Majestät an mich schloß: „Ich erwarte hier- 
nach, daß Eulenburg sofort seine Pensionierung nachsucht. Sofern die 
gegen ihn erhobenen Anschuldigungen wegen perverser Neigungen un- 
wahr sind und sein Gewissen Mir gegenüber vollständig frei und klar ist, 
sehe Ich einer unzweideutigen Erklärung von ihm hierüber entgegen, 
worauf er gegen Harden vorzugehen hat. Andererseits erwarte ich, daß er 
unter Rückgabe des Schwarzen Adlerordens und Vermeidung jeden Auf- 
sehens alsbald das Land verläßt und sich ins Ausland begibt.‘ Den Anstoß 
zu diesem Vorgehen des Kaisers hatte, wie ich aus der Umgebung Seiner 
Majestät erfuhr, Fürst Max Fürstenberg gegeben, der an die Stelle von 
Eulenburg als Favorit Seiner Majestät getreten war und seinen Vorgänger 
haßte. 
Ich ließ Eulenburg die Allerhöchste Willensäußerung durch seinen 
Freund Varnbüler in möglichst schonender Weise übermitteln. Nach 
Empfang der betreffenden Order schrieb mir Eulenburg: „‚Dieser Abschluß 
ist eine abscheuliche Roheit. Äußeren Glanz zu verlieren, gibt mir ein 
schönes Gefühl der Freiheit. Den langjährigen kaiserlichen Freund zu ver- 
lieren, von dessen Treue ich sprechen konnte, war nicht die grausame Ent- 
täuschung, die Du vielleicht in mir vermutet hast, denn ich kenne den See- 
fahrer zu genau, der das Ölzeug stets anzieht, noch lange bevor es nötig ist. 
Die Enttäuschung lag nur in der häßlichen Form, mich abzuschlachten. 
Und doch bin ich objektiv genug, zu verstehen, daß ein Monarch bei der 
widerlichen Wendung, die meine Sache dank der Kompagnie Holstein- 
Harden nahm, so schnell als möglich einen unbequemen Freund los- 
sein will. Für mich liegt darin nur die Gefahr, daß ich für den Kaiser jetzt 
auch so schuldvoll, so schlecht als irgend möglich sein muß. In dieser 
Hinsicht flehe ich um Deinen Freundschaftsschutz, an den ich fest glaube. 
Nicht flehe ich für mich. O nein! Meine Frau, meine Kinder, die Du kennst 
seit frühen Jahren, die Dir lieb waren. Nur um ihretwegen stehe treu neben 
mir! Bei der Untersuchung habe ich keine Zeugen zu fürchten. Ich fühle 
mich vollkommen unschuldig und kann abwarten, aber falsche Zeugen
        <pb n="358" />
        DIE KRONE EX NEXU 313 
fürchte ich, weil es Holstein nicht auf 10000 Mark ankäme, wenn er dafür 
einen einwandfreien Zeugen bekäme. Zu welcher Macht Harden resp. 
Holstein durch die erfolgten Verabschiedungen (Kuno Moltke, beide 
Hohenau) stiegen, ist ganz unerhört. Und dennoch finde ich es absolut 
richtig, daß Du diese fabelhaften Fehler geschehen ließest, ohne eine Krise 
zu machen. Du hättest nur die Stellung der Generäle bis ins Unendliche 
gesteigert, und wir hätten leicht, nachdem ihr Einfluß so gewachsen ist, 
wie die letzten Vorgänge zeigen, einen Reichskanzler Hülsen haben können. 
Deine Leitung durch die Stromschnellen ist die einzig mögliche und eine 
patriotische Tat, wenn Du sie vollbringst. Du siehst hieraus, geliebter 
Bernhard, wie ich die Lage auffasse und wie es mir darum ganz fern lag, 
Deine Mitarbeit an meinem letzten Akt als Kränkung zu empfinden. Ich 
danke Dir auch von Herzen für die Art, wie du den treuen Axel benütztest. 
Was Du in alter Freundschaft in der gefährlichsten Lage für mich getan 
und tust, weiß ich durch Axel Varnbüler und meinen Vetter August Eulen- 
burg und werde es Dir niemals vergessen.“ 
Dem Kaiser schrieb ich, einige Tage nachdem ich seine Order erhalten 
hatte, Philipp Eulenburg sei schwerkrank. Er habe mir telegraphiert, daß 
er völlig aus dem Dienst scheiden wolle, aus dem er bis dahin mit Wartegeld 
beurlaubt gewesen war. Ich fügte hinzu: In diesen peinlichen Angelegen- 
heiten müßten wir darauf halten, daß einerseits die Krone ex nexu gehalten 
und aus der Sache ganz herausgebracht würde, daß aber auch andererseits, 
soweit dies unsere Gesetzgebung zuließe, nicht zur Freude des Auslands 
zu viel Skandal öffentlich breitgetreten würde. Über jedes Lob erhaben 
war die unerschütterliche Treue und unbegrenzte Liebe, mit der während 
dieser furchtbaren Prüfung die Fürstin Augusta Eulenburg zu ihrem Manne 
hielt. Sie hat nie an ihm gezweifelt, ihn immer und gegen jeden verteidigt, 
ihn bis zu seinem Tode mit Liebe und Zärtlichkeit umgeben. Nicht mit Un- 
recht hatte Eulenburg sie in den Gedichten seiner Jugend mit den stillen 
Seen ihrer schwedischen Heimat verglichen. Alles in ihr war klar und rein. 
Das Unechte und Unrechte lag ihr nicht nur fern, sondern war ihr unver- 
ständlich. Als Philipp Eulenburg im Herbst 1921 starb, schrieb sie an meine 
Frau, die ihr kondoliert hatte, sie habe nur noch den einen Wunsch, bald 
mit ihrem geliebten „‚Märtyrer‘‘ vereinigt zu sein, dort, wo Gottes „flam- 
mende Gerechtigkeit‘ alles erhellen werde, was jetzt dunkel sei. Mein 
Bruder Alfred, der Philipp Eulenburg von Jugend auf nahestand, mit ihm 
in Straßburg studiert und die Referendarszeit gemeinsam mit ihm in Neu- 
Ruppin verlebt hatte, schrieb mir im Winter 1907/1908: „Alles kommt dar- 
auf an, daß Philipp Eulenburg, wenn er auch in noch so jammervollem 
körperlichem und seelischem Zustande ist, seinen Prozeß, der ja, wie ich in 
den Zeitungen lese, angestrengt ist, klar und unzweideutig durchficht und
        <pb n="359" />
        Prozeß 
gegen Brand 
314 DER „SCHRIFTSTELLER“ BRAND 
unzweideutige Erklärungen abgibt. Ich hoffe, daß er sich seine Situation 
klarmacht und sich nicht verhängnisvollen Illusionen hingibt.‘“ Das traf 
den Nagel auf den Kopf. Statt dessen suchte Eulenburg seine Rettung in 
allerlei phantastischen Ausflüchten, mit besonderer Vorliebe in der Be- 
hauptung, alle Angriffe gegen ihn wären auf die Jesuiten zurückzuführen, 
die ihm seine in München betätigte antikatholische Weltanschauung nicht 
verzeihen könnten. Übrigens haben auch die Frauen der anderen Ver- 
irrten, die ähnlich wie Eulenburg damals scheiterten, die beiden Gräfinnen 
Hohenau und die Gräfin Johannes Lynar, ihre Männer nicht im Stich 
gelassen. Die letztgenannte, eine geborene Prinzessin Solms, Schwester 
der Großherzogin von Hessen-Darmstadt, begleitete ihren Gatten, der, 
weil er sich an Untergebenen vergangen hatte, zu einer längeren Freiheits- 
strafe verurteilt worden war, nach Leipzig, wo er seine Strafe verbüßte, 
um ihm näher zu sein. Solche Treue war der einzige Lichtblick in diesen 
an und für sich so traurigen und widerwärtigen Vorgängen. „Das Ewig- 
Weibliche zieht uns hinan.“‘ Die Söhne des Fürsten Eulenburg folgten dem 
Vorbild der Mutter. Der älteste stand treu zu seinen Eltern, ich habe über 
ihn nur Gutes gehört. Der zweite, Graf Sigwart Eulenburg, musikalisch sehr 
begabt, verheiratet mit der trefilichen Kammersängerin Helene Staege- 
mann, starb im Weltkrieg auf dem östlichen Kriegsschauplatz den Helden- 
tod. Der jüngste Sohn des Grafen Fritz Hohenau fiel als Flieger im letzten 
Jahre des Weltkriegs im Luftkampf bei Peronne, der zweite Sohn des 
Grafen Johannes Lynar als Gardeulan in Galizien. Beide haben die Ver- 
fehlungen ihrer Väter ritterlich gesühnt. 
Als ich in meiner Reichstagsrede vom 28. November 1907 die Behaup- 
tung des Abgeordneten Spahn zurückwies, daß ich den Kaiser früher über 
die Verfehlungen einiger seiner Freunde hätte informieren müssen, hatte 
ich gesagt, daß etwas Tatsächliches oder auch nur Greifbares erst im Früh- 
jahr 1907 zu meiner Kenntnis gekommen wäre. Ein verantwortlicher 
Minister könne so schwerwiegende Anschuldigungen nur erheben, wenn er 
in der Lage sei, Beweise vorzubringen. Ich fügte hinzu: „Was wird in unserer 
Zeit nicht alles geklatscht und gelogen. Bin ich nicht selbst der Gegenstand 
unwürdiger Verdächtigungen, sinnloser Verleumdungen gewesen?“ Das 
bezog sich auf den Prozeß, den ich gegen den „Schriftsteller“ Adolf Brand 
angestrengt hatte. Während ich in Flottbek weilte, war mir gemeldet 
worden, daß der Genannte, der eine „Gesellschaft der Eigenen“ ins Leben 
gerufen hatte, welche die „Berechtigung‘‘ der Männerliebe verteidigte, 
mir sittliche Verfehlungen vorgeworfen habe. Ob es mir peinlich wäre, 
einen Prozeß gegen ihn zu führen ? Ich erwiderte, daß die Klage sofort er- 
hoben werden solle. Der Prozeß wurde in Moabit verhandelt. Zu der Ver- 
handlung hatte sich Philipp Eulenburg eingefunden, offenbar in der Hoff-
        <pb n="360" />
        EULENBURGS MEINEID 315 
nung, im Laufe des Prozesses eine ihm selbst nützliche Erklärung abgeben 
zu können. Der Angeklagte, ein verkommenes Subjekt, saß neben der 
Bank, wo ich als Kläger Platz zu nehmen hatte. Bei meiner Vernehmung 
erklärte ich, daß die in Rede stehenden Verirrungen mir seit jeher nicht 
nur in hohem Grade ekelhaft, sondern vollkommen unbegreiflich er- 
schienen und gewesen wären. Ich fügte hinzu: „Diese meine eidliche Er- 
klärung bezieht sich nicht nur auf Zuwiderhandlungen gegen den 8 175 des 
Strafgesetzbuches, sondern auf alle und jede widernatürliche, anormale, 
perverse Neigungen, Anlagen und Empfindungen in jeder Form und in 
jedem Grade.“ Es ging eine starke Bewegung durch den gefüllten Saal, 
als ich diese Erklärung abgab. Am Schluß meiner Vernechmung wies ich 
darauf hin, daß dies der erste Prozeß sei, den ich in meinem Leben führe. 
Ich hätte ihn angestrengt im Interesse der öffentlichen Reinlichkeit. 
Gegenüber derartig niedrigen und sinnlosen Verleumdungen appellierte ich 
an den Schutz der Gerichte und an die Strenge der Gesetze. Brand wurde 
zum höchsten zulässigen Strafmaß, 11% Jahren Gefängnis, verurteilt. 
Bevor seine Verurteilung erfolgte, hatte er einen förmlichen Widerruf ge- 
leistet und seine Verleumdungen zurückgenommen mit dem Ausdruck des 
Bedauerns, daß er sich getäuscht habe. Mit geradezu pathologischer Feier- 
lichkeit fügte er hinzu, der einzige Lichtblick an diesem für ihn trüben Tage 
sei gewesen, daß er den „edlen“ Fürsten Philipp Eulenburg erblickt habe. 
Als meine Vernehmung beendigt war und ich entlassen wurde, erhoben sich 
die Richter von ihren Sitzen und verneigten sich vor mir, mit den Richtern 
alle im Saale Anwesenden. 
Der unglückliche Fürst Eulenburg kam erst nach einiger Zeit dazu, 
jenen Eid zu leisten, durch den er, allerdings von Harden und von den 
Advokaten der Gegenpartei scharf bedrängt, eidlich bestritt, jemals wider- 
natürliche Handlungen begangen zu haben. Als in dem bekannten Münche- 
ner Prozeß im Frühjahr 1908 ein Starnberger Fischer zugab, mit Eulenburg 
solche Verfehlungen begangen zu haben, wurde gegen den Fürsten in 
Berlin ein Meineidsprozeß eingeleitet, der bekanntlich mit Rücksicht auf 
seinen Gesundheitszustand nicht zu Ende geführt werden konnte und auch 
nie wieder aufgenommen worden ist, weil Eulenburg stets erklärte, er sei 
physisch noch nicht vernehmungsfähig. War er schuldig? Als ich einige 
Jahre später in Berlin einem Herrn begegnete, der zu den Geschworenen 
gehört hatte, vor denen das gegen Eulenburg eingeleitete Meineidsverfahren 
behandelt wurde, sagte mir dieser: „Wir waren alle überzeugt, daß Fürst 
Eulenburg schuldig wäre. Wir hätten ihn aber doch freigesprochen. Die 
Sache lag weit zurück, und der alte Mann tat uns so leid.“
        <pb n="361" />
        Englisch- 
XXI KAPITEL 
Entrevuc von Reval zwischen Eduard VII. und Nikolaus II. (Juli 1908) - Russisch- 
englische Interessensphüren in Asien « Döberitzer Rede Wilhelms II., seine Besorgnisse 
vor einerDeutschland drohenden Einkreisung - Begegnung WilhelmsII. und Eduards VII. 
in Homburg (11. VIII. 1908) . Botschafter Graf Metternich über die deutschen Flotten- 
rüstungen » Unterredung Wilhelms II. mit dem englischen Unterstaatssekretär Sir 
Charles Hardinge + Brief des Kaisers an Lord Tweedmouth » Bülows Zirkularnote an die 
preußischen Gesandten über die Begegnung von Reval » Die türkische Revolution 
m Mittelpunkt der politischen Begebenheiten des Jahres 1908 steht für 
die rückschauende Betrachtung die Begegnung, die am 9. und 10. Juli in 
russisch Reval zwischen König Eduard und dem russischen Kaiserpaar stattfand. 
Monarchen- 
Zusammen- 
kunft 
Ich brauche kaum zu sagen, daß ich mir über die Tragweite und, bei unvor- 
sichtiger und ungeschickter deutscher Politik, über die möglichen schlimmen 
Folgen des Zusammentreffens des englischen Königs mit dem Zaren nicht 
im Zweifel war. Die vernichtenden und für den russischen Hochmut be- 
schämenden Niederlagen der russischen Armee und der russischen Flotte 
im Krieg gegen Japan hatten die russische Politik aus dem fernen in den 
nahen Osten zurückgeworfen. Die Enttäuschung war zu groß gewesen, als 
daß irgendeine russische Regierung Lust gehabt hätte, sich wieder in Ost- 
asien die Finger zu verbrennen. Es kam dazu, daß die russische Volksseele 
sich für Wladiwostok und Charbin nie erwärmt hatte. Alle Traditionen und 
Gefühle des russischen Volkes richteten sich seit Jahrhunderten auf Zari- 
grad und die Hagia Sofia. Daraus mußte ein verschärfter Gegensatz zu 
Österreich und, bei nicht sehr vorsichtig geleiteter deutscher Politik, zu 
Deutschland hervorgehen. Immerhin besaß Rußland auch nach seinen MiB- 
erfolgen noch eine Reihe von Stützpunkten am Stillen Ozean. Es besaß in 
Sibirien und in Zentralasien ein ungeheures Imperium, und das nötigte 
wieder die russische Politik zur Rücksichtnahme auf England. Fast ein 
Jahr früher, im August 1907, war zwischen Bär und Walfisch, zwischen 
Rußland und England, ein Vertrag über die Teilung der Einflußsphären in 
Asien zustande gekommen. Nordpersien wurde den Russen, das persische 
Küstenland den Briten zugeteilt. Der Vertrag war im Grunde für die Russen 
günstiger als für die Engländer, und die Befriedigung, die nach dem Ab- 
schluß des Vertrages der zu Eitelkeit neigende Iswolski zur Schau trug,
        <pb n="362" />
        DIE EINKREISUNG DURCIH REVAL 317 
nicht unbegründet. Daß dies Arrangement zustande kam, bewies — und 
ich lenkte die Aufmerksamkeit des Kaisers gerade auf diesen Gesichts- 
punkt —, daß wir für England der Hauptgegenstand seiner Eifersucht und 
seiner Sorge geworden waren und daß es auch zu beträchtlichen Opfern 
bereit war, um sich gegen uns zu sichern. Alle fortschrittlichen Elemente 
in Rußland drängten ohnehin zu den liberalen Westmächten in der Er- 
wartung, daß nähere Beziehungen zu ihnen den Sieg liberaler und demo- 
kratischer Ideen in Rußland erleichtern würden. 
Die Begegnung von Reval hatte schon einige Wochen vorher ihre 
Schatten vorausgeworfen. In Berlin liefen Kriegsgerüchte um. Die Zeitun- 
gen schrieben über „Einkreisung“, vielfach ohne zu bedenken, daß das Zur- 
schautragen übertriebener Nervosität unseren Feinden als ein Beweis von 
Schwäche und Ängstlichkeit erschien, dagegen unsere Freunde entmutigte 
und somit die Kriegsgefahr steigerte. Am 29. Mai 1908 hielt Kaiser Wil- 
helm II. auf dem Exerzierplatz von Döberitz eine Rede, in der er, auf die 
Einkreisung Deutschlands hinweisend, einen kriegerisch-drohenden Ton an- 
schlug. Bei dieser Rede waren in Hörweite der russische und der japanische 
Militärattache zugegen gewesen, die selbstverständlich für das Bekannt- 
werden der feurigen Allokution sorgten. Es scheine, hatte der Kaiser ge- 
sagt, daß die Taktik der Einkreisung Deutschlands fortgesetzt werden 
solle. Es werde dadurch eine Lage geschaffen, die sehr ernst sei. Das Bei- 
spiel Friedrichs des Großen müsse uns vorleuchten, der, von Feinden um- 
ringt und eingeschlossen, einen nach dem andern geschlagen hätte. Als ich 
den Kaiser wiedersah, wiederholte ich ihm oft Gesagtes: Gerade weil die 
Lage eine gespannte und in mancher Hinsicht unsichere wäre, müßten wir 
nach dem Spruch handeln: Non cantu sed actu. Solche Kritik hörte der 
Kaiser nicht gern. 
Als er nun einige Wochen später bei einem Besuch in Hamburg dort mit 
Begeisterung akklamiert wurde, schrieb er mir, übrigens in freundlichem 
Ton, er wäre während seiner ganzen Regierung nie in so großartiger Weise üb 
empfangen worden wie jetzt in der größten deutschen Handelsstadt. 
Enthusiasmus und Wärme hätten jeden Begriff überstiegen. Die Zahl der 
zu seiner Begrüßung zusammengeströmten Menschen wäre unglaublich 
gewesen, ihre Haltung und Disziplin musterhaft, die Huldigung auf der 
Alster geradezu ergreifend. Als er dem Senat und der Seefahrtsgenossen- 
schaft sein bewegtes Erstaunen über einen derartig überwältigenden, alles 
übertreffenden Empfang ausgedrückt hätte, habe er die Antwort erhalten: 
„Das ist der Dank für die Döberitzer Rede, sie hat wahrhaft zündend ge- 
wirkt. Ein wahres Wort zu rechter Zeit.“ Der Ärger über Eduard VII. und 
sein Entente-Getriebe sei allgemein. Den Hamburgern wäre die Geduld 
ausgegangen. Es folgte eine lange Reihe von Nachrichten aus England, die 
Rede 
Wilhelms 11. 
in Döberitz 
Der Kaiser 
über 
Eduard VII.
        <pb n="363" />
        Ernster Vor- 
trag Bülows 
318 EDUARD VII, DER „BÖRSENMAKLER“ 
der Kaiser von dem eben aus London zurückgekehrten Ballin erhalten 
haben wollte, die aber wohl mehr den Wünschen und der lebhaften Phanta- 
sie Seiner Majestät entsprangen als dem Kopf des Leiters der Hapag. 
Die Politik des Königs Eduard werde in England allgemein kritisiert, seine 
Deutschfeindlichkeit überall scharf verurteilt. Sir Richard Henderson, 
der größte englische Schiffsreeder, habe in einem vornehmen Londoner 
Klub unter allgemeinem Beifall und Händceklatschen die Politik des 
Königs in Grund und Boden verdammt. Sir Ernest Cassel, der bekannte 
Londoner Bankier und intime Freund des Königs Eduard VII., von Geburt 
Kölner, hätte im Auftrag des englischen Königs Ballin gesagt, der Deutsche 
Kaiser möge endlich mit dem Flottenbau aufhören. Der König glaube nicht, 
daß der Kaiser ihn überfallen wolle, aber wenn er sterbe, dann werde es 
über seinen Sohn hergehen, und dem wolle Eduard VII. vorbauen. Ballin 
hätte geantwortet, wenn ein so unerhörtes Postulat von England oder 
gar von England, Rußland und Frankreich an Deutschland gestellt würde, 
dann gebe es für den Kaiser nur eine Antwort: die Mobilmachung! Die 
Revaler Zusammenkunft, hieß es weiter in dem Brief Seiner Majestät 
an mich, wäre Geldgeschäfte wegen arrangiert worden. Cassel und sein 
Strohmann Lord Revelstoke sollten eine Anleihe für Rußland machen. 
Damit sie reüssiere, hätten sie König Eduard veranlaßt, nach Reval zu 
gehen. König Eduard habe bei dem Geschäft „‚kolossal“ verdient. Die City 
säße aber jetzt bis zum Hals mit der Anleihe fest, da Japan vor dem 
Bankerott stehe. Cassel habe seine Schilderung mit dem Ausruf beendigt: 
„Warum ist aber der König auch so furchtbar dumm gewesen, diese ver- 
dammte Allianz mit den ekelhaften Japs zu machen, er wird uns noch alle 
ruinieren.‘‘ Der König sei voll Neid und Eifersucht gegen seinen kaiser- 
lichen Neffen. Jeden Morgen beim Frühstück suche er in den Zeitungen, 
was der Kaiser getan hätte, und dächte darüber nach, wie er ihn über- 
trumpfen könne. Sein einziger Wunsch wäre, daß nur von ihm in den 
Zeitungen gesprochen werde. Eduard VII. sei eigentlich nur noch „ein 
Makler in Börsensachen“, hauptsächlich für den französischen Markt. 
Dieses etwas phantastische Schreiben veranlaßte mich, dem Kaiser bald 
nachher einen der längsten und ernstesten Vorträge zu halten, deren ich 
mich erinnern kann. Ich legte Seiner Majestät eingehend dar, daß das von 
allen Seiten ertönende Wort „Einkreisung‘ mich nicht aus der Fassung 
bringe. Eingekreist wären wir, wie ich schon wiederholt ausgeführt hätte, 
seit dem Frieden von Verdun, also seit 1065 Jahren. Koalitionen wären wir 
infolge unserer geographischen Lage immer ausgesetzt gewesen. Aber 
Schwierigkeiten wären da, um überwunden zu werden, durch Ruhe, mit 
Mut, aber auch mit Besonnenheit. Ich betonte das letztere Wort. Ich ging 
nun die Reibe unserer Nachbarn durch. Ich erinnerte den Kaiser an die
        <pb n="364" />
        UNFREUNDLICHE ENTREVUE IN VENEDIG 319 
Auseinandersetzung, die ich im Frühsommer 1907 über unser Verhältnis 
zu Frankreich mit ihm gehabt hatte, und an die ungnädigen Marginalien 
Seiner Majestät zu meinem Brief vom 25. August 1907. Ich gab nochmals 
der Überzeugung Ausdruck, daß, wie der Franzose nun einmal wäre, das 
Rezept von Cambon für uns das richtige sei, über das wir uns vor einem 
Jahr nach der Kieler Woche gestritten hätten: nichts zu überstürzen. 
Über Italien faßte ich mich kurz. Die letzte Begegnung unseres Kaisers 
mit dem König Viktor Emanuel IIlI., die am 25. März 1908 in Venedig statt- 
gefunden hatte, war nicht gut verlaufen. Der König hatte, als er mit dem 
Kaiser in die Gondel eingestiegen war, das Gespräch auf den Balkan ge- 
lenkt, was bei der damaligen Gärung in Mazedonien ziemlich natürlich, 
jedenfalls kein Verbrechen war. Der Kaiser hatte jedoch jede Diskussion 
über dieses Thema schroff abgelehnt. Als der König, der ein lebhaftes 
Interesse für Geschichte hatte, im weiteren Verlauf der Konversation 
Napoleon I. als großes Genie bezeichnete, unter starker Betonung seiner 
italienischen Abkunft, hatte dies den Kaiser geärgert. Als schließlich der 
König, um seinen hohen Gast in bessere Laune zu bringen, die Rede auf die 
prächtige deutsche Flotte brachte, hatte der Kaiser gemeint: Während 
seiner langen Regierung habe er die Erfahrung machen müssen, daß seine 
Kollegen, die anderen Souveräne, seine Reden und Worte zu wenig be- 
achteten. Eine möglichst starke deutsche Flotte werde in Zukunft dazu 
beitragen, daß man den Worten des Deutschen Kaisers mehr Gehör schenke. 
Ich hatte einen achttägigen Besuch, den ich bald nachher, im April 1908, 
in Rom abstattete, nicht ohne Erfolg dazu benutzt, um in längerer Unter- 
redung mit dem Minister des Äußern, Herrm Tittoni, und später in Vene- 
dig mit dem Ministerpräsidenten Giolitti den ungünstigen Eindruck der 
Entrevue zwischen den beiden Souveränen nach Möglichkeit zu verwischen. 
Der Hauptzweck meines Immediatvortrags vom Juli 1908 war, den 
Kaiser zu einer vorsichtigeren Haltung England gegenüber zu bewegen. 
Alles, was ich aus London hörte, stimmte darin überein, daß weder König 
Eduard noch die Minister den Krieg mit uns wollten. Der König, hatte mir 
noch im Juli 1908 ein wohlinformierter englischer Publizist erzählt, habe, wie 
er bestimmt wisse, kürzlich geäußert: „I shall never allow a rupture witb 
Germany.‘ Ich legte dem Kaiser dar, daß, wenn wir durch eine Verlang- 
sarnung unseres Flottenbautempos erreichen könnten, daß England uns zu- 
sage, Frankreich nicht beizustehen, wenn dieses uns angreife, wir ein gutes 
Geschäft machen würden. Der Kaiser widersprach meinen Ausführungen 
auf das allerheftigste: Er werde sich in der Flottenfrage von niemandem 
hereinreden lassen. Ich konnte mich gegenüber Seiner Majestät wiein meinen 
Konferenzen mit Tirpitz darauf berufen, daß ich zur Popularisierung des 
Flottengedankens im Lande wie für die Bewilligung der für den Flottenbau 
Verlang- 
samung des 
Flottenbaues
        <pb n="365" />
        320 DAS SYSTEM TIRPITZ 
erforderlichen Mittel durch den Reichstag einiges beigetragen hätte. Schon 
deshalb hätte ich das Recht, zu Maß und Vorsicht zu mahnen. „Est modus 
in rebus, sunt certi denique fines“, zitierte ich aus den Satiren des Horaz. 
Ich wäre nach wie vor der Überzeugung, daß wir wie das Recht so die 
Pflicht hätten, uns eine für unsere Verteidigung ausreichende Flotte zu 
bauen. Ich könne aber nicht einsehen, warum wir nicht trachten sollten, 
auf der Basis eines langsameren Tempos im Ausbau der Flotte mit England 
zu einer Verständigung zu gelangen. Es gibt kaum eine andere Frage, über 
die ich so häufige und bisweilen so scharfe Diskussionen mit Seiner Majestät 
gehabt habe. Mit Tirpitz ging ich mehr auf Einzelheiten ein. Unter voller 
Anerkennung seines ÖOrganisationstalents, bei aller Achtung für seine 
geniale Persönlichkeit und seine glühende Vaterlandsliebe frug ich, warum 
wir unsere Flotte immer sprungbereit England gegenüber in der Nordsee 
hielten, statt unsere Kriegsflagge auch einmal in anderen Meeren, im Mittel- 
meer oder im Stillen Ozean zu zeigen. Ich frug auch, warum wir uns ganz 
auf den Bau der Großkampfschiffe konzentrierten, statt mehr Gewicht auf 
die Küstenbefestigungen und das Torpedowesen zu legen und namentlich 
und vor allem auf die Entwicklung und Förderung der U-Boot-Waffe. 
Tirpitz antwortete mir, der Kaiser besorge, daß, wenn wir seine geliebten 
Großkampfschiffe aus den heimatlichen Gewässern herausschickten, die 
Engländer sie „„kopenhagenen“ würden, um eine Wendung von Lord Fisher 
zu gebrauchen. Die Großkampfschiffe erklärte Tirpitz für den wenn nicht 
allein so doch ganz überwiegend entscheidenden Faktor in einem even- 
tuellen Krieg. Der ganze Gedankengang des Erbauers der deutschen Flotte 
ging offenbar dahin, daß wir, wenn es zum Kriege käme, sofort mit unserer 
Flotte auslaufen und die Engländer zu einer großen Schlacht auf offener 
See zwingen müßten. In einer solchen könnten wir vielleicht siegen. 
Jedenfalls hätten wir gute Chancen und würden zweifellos die englische 
Flotte so schwächen, daß dann der Augenblick gekommen wäre, mit Unter- 
seebooten das nicht mehr die Meere beherrschende Albion zum Frieden zu 
zwingen. Ich maße mir kein Urteil über die Richtigkeit dieses Gedanken- 
gangs an. Aber ich bin der Meinung, daß Wilhelm II. nach dem Ausbruch 
des Weltkrieges wohl daran getan hätte, dem Erbauer und Schöpfer der 
Flotte, Tirpitz, auch ihre Verwendung und Leitung zu überlassen. Und ich 
bin weiter der Überzeugung, daß in diesem Falle wir nicht das jammervolle 
Ende erlebt hätten, das unserer tapferen Flotte in Scapa Flow beschieden 
war. Diejenigen, die Tirpitz bei Beginn des Weltkrieges die Disposition 
über die Flotte aus der Hand nahmen und ihn selbst kaltstellten, der Chef 
des Marinekabinetts Admiral Müller, der Admiral Holtzendorff, vor allem 
Bethmann Hollweg und Jagow, die England nicht „reizen“ wollten, tragen 
die Schuld, wenn so langjährige Arbeiten und Mühen, so viel Geist und
        <pb n="366" />
        nTield dei ung, Onlel Bernhard, die bdican Männer ftehen drangen!” 
Aus den: Simplieissimus vom 23. 12. 1907
        <pb n="367" />
        <pb n="368" />
        "OHEIM UND NEFFE IN HOMBURG 321 
Kraft umsonst verschwendet worden waren, so viel kostbares Blut umsonst 
floß. Und Wilhelm II., der solche „Diener“ gewähren ließ, trägt vor Land 
und Geschichte leider gleiche Verantwortung. 
1908 trat bei Seiner Majestät alles gegen den Wunsch zurück, in mög- 
lichst raschem Tempo weiter und immer weiter Kriegsschiffe zu bauen. 
Als ich ein Jahr vorher zu der Begegnung mit dem Zaren naclı Swinemünde 
gefahren war, kam mir der den Kaiser begleitende Gesandte von Treutler 
entgegen, um mich zu beschwören, Seine Majestät nicht wieder vor einem 
überhitzten Tempo beim Bau der Großkampfschiffe zu warnen, da dies 
den Kaiser „tief unglücklich“ machen und „ganz aus dem Häuschen“ 
bringen würde. 
Diese Wolke stand seit einem Jahr zwischen Seiner Majestät und mir, 
als der Kaiser und sein Oheim, der König, sich in Homburg trafen. Bei 
dieser kurzen Begegnung, die am 11. August 1908 stattfand und der ich 
wegen anderweitiger dringender Amtsgeschäfte nicht beiwohnen konnte, 
kam es zwischen dem Kaiser und dem den König begleitenden Unterstaats- 
sekretär im englischen Auswärtigen Amt, Sir Charles Hardinge, zu einem 
Gespräch, in dessen Verlauf Sir Charles unter lebhafter Betonung der fried- 
lichen Gesinnung der englischen Regierung andeutete, daß dasrasche Tempo 
der deutschen Flottenrüstungen in England Besorgnisse hervorrufe. Über 
dieses Thema hatte mir unser Botschafter in London, Graf Metternich, nicht 
lange vorher geschrieben: „Niemand wird imstande sein, den Engländern 
beizubringen, daß eine deutsche Flotte von 38 Linienschiffen, 20 Panzer- 
kreuzern und 38 kleinen geschützten Kreuzern mit den entsprechenden 
Torpedobooten und Unterseebooten — der Sollbestand unserer schwim- 
menden Streitkräfte nach Durchführung des Flottengesetzes im Jahre 1920 
— für sie eine belanglose Sache ist. Was wir zur Rechtfertigung dieses 
Tempos an technischen Argumenten vorbringen, macht die Engländer nur 
noch mißtrauischer.‘‘ War schon dieser Brief des Deutschen Botschafters 
in London, den ich beim Kaiser zum Vortrag gebracht hatte, von Seiner 
Majestät ungnädig aufgenommen worden, so mißfielen ihm die Äußerungen 
von Hardinge in noch höherem Grade. Ex post erschien ihm die ganze Unter- 
haltung, die er mit dem genannten englischen Diplomaten gehabt hatte, 
und insbesondere seine eigenen Ausführungen und sein eigenes Auftreten 
in phantastisch übertriebenem und vergrößertem Licht. 
Am folgenden Tage, dem 12. August 1908, erhielt ich von Seiner Majestät 
ein langes, sehr langes Telegramm, in dem er mir das in Rede stehende Ge- 
spräch in dramatischem Stil schilderte. Hardinge habe ihm von „grave 
appreheusion“ gesprochen, die alle Kreise Englands über unsern Flottenbau 
erfüllten. Das englische Volk sei darüber voll Aufregung und schwerer Be- 
sorgnis. Er, der Kaiser, habe erwidert: „Dasist ja absoluter Blödsinn! Werhat 
21 BülowDI 
Gespräch 
Wilhelms II. 
mit Hardinge
        <pb n="369" />
        322 HARDINGE „DIE ZÄHNE GEZEIGT“ 
Ihnen denn den Unsinn aufgebunden ?“ Als Sir Charles sich auf das authen- 
tische Material der englischen Admiralität berufen habe, hätte er dem 
Unterstautssekretär entgegnet: „Ihr Material ist falsch, ich biu Admiral 
auch der englischen Flotte, die ich genau kenne, und verstehe das besser 
als Sie, der Sie ein Zivilist sind und gar nichts davon verstehen.“ Als er 
daraufhin den „Nauticus“‘ habe herunterholen lassen, ein von dem deut- 
schen Reichsmarineamt herausgegebenes maurinetechnisches Handbuch, 
und Sir Charles die vom „Nauticus“ veröffentlichten Tabellen mit den 
Schiffsbaukurven vorgehalten hätte, da habe sich „sprachluses Erstaunen“ 
auf den Gesichtszügen des englischen Diplomaten ausgeprägt. Während 
dieser Szene hätte der englische Botschalter in Berlin, Sir Frank Lascelles, 
sich vor Lachen gar nicht zu halten gewußt. Sir Frank sei vom „Nauticus“ 
begeistert und akzeptiere rite dessen Anschauungen. Daun sei das Ge- 
spräch mit Hardinge fortgesetzt worden. Dieser habe gefragt: „Can’t you 
put a stop to your building? Or build less ships?“ Es möchte duch ein 
Arrangement getroffen werden, um den Bau einzuschränken. Da habe er, 
der Kaiser, erwidert: „Then we shall fight, for it is a question of national 
honour and dignity.“ Dabei hätte der Kaiser dem englischen Diplomaten 
„fest und scharf“ in die Augen gesehen, der habe einen „feuerruten“ Kopf 
bekommen, einen Diener gemacht und um Entschuldigung gebeten für 
seine „versehentlichen Bemerkungen“, die Seine Majestät ihm vergeben 
und vergessen möge. Am Abend sei Sir Charles ein ganz anderer gewesen, 
liebenswürdig und vergnügt, er habe sogar würzige Anekdoten erzählt. 
Als er ihm schließlich den Roten Adlerorden I. Klasse verliehen habe, 
wäre Hardinge „windelweich‘ geworden. „Die offene Aussprache mit mir, 
in der ich ihm scharf die Zähne gezeigt habe, hat ihre Wirkung nicht ver- 
feblt. Mit Eugländern muß man immer so verkehren.“ Beim Scheiden habe 
der Kaiser den Unterstaatssekretär an seine, des Kaisers, letzte Guildhall- 
Rede erinnert, an welche die englische Regierung sich zu halten habe, 
und hinzugefügt: „Wenn der Kaiser spricht, macht er keine Phrasen. He 
speaks what he means.“ 
Ich merkte diesem telegraphischen Erguß sogleich an, daß die Phan- 
tasie Wilhelms Il. in maiorem gloriam suam einen Vorgang von der 
Art der welthistorischen Szene zu konstruieren wünschte, die sich im 
Juli 1870 in Ems zwischen Wilhelm I. und Benedetti abgespielt hatte. 
Den Unterstaatssekretär Stemrich, der in diesen Tagen Vortrag hatte, 
empfing der Kaiser mit den Worten: „Haben Sie mein Telegramm an 
den Reichskanzler gelesen? Habe ich es Sir Charles nicht ordentlich 
gegeben?“ In Wirklichkeit war das Zwiegespräch von Homburg, wie ich 
später von deutschen Zuhörern erfuhr, gemütlicher verlaufen. Der Kaiser 
und Hardinge hatten nebeneinander auf einem Billard gesessen. Hardinge
        <pb n="370" />
        DER KAISER VON BÜLOW BITTER ENTTÄUSCHT 323 
hatte mit englischer Unbefangenheit, aber durchaus respektvoll und ruhig 
gesprochen, der Kaiser mit guter Laune und schr höflich. Sir Charles Har- 
dinge. der spätere Vizekönig von Indien, wurde von König Eduard sehr 
geschätzt. Er hatte den König im August 1907 zu der Begegnung von Wil- 
helmshöhe begleitet, wo ich mich mit ihm über die politische Lage und ins- 
besondere über die deutsch-englischen Beziehungen in rubiger und be- 
friedigender Weise aussprechen konnte. Sir Charles hatte eine große Stel- 
lung in der Londoner Gesellschaft, wozu auch seine schöne, elegante und 
liebenswürdige Frau beitrug. Er und ich waren gute Freunde geblieben, 
seitdem wir uns in Bukarest, zwanzig Jahre vor der Homburger Entrevue, 
kennengelernt hatten, wo Hardinge damals Sekretär der englischen Ge- 
sandtschaft war, während ich als Gesandter das Deutsche Reich bei König 
Carol vertrat. 
Der ganze Vorgang an und auf dem Homburger Billard, namentlich wie 
ihn sich Wilhelm II. hinterher konstruierte, trug aber leider dazu bei, 
den Kaiser gegenüber allen Versuchen, mit England zu einer Verständigung 
über die Flottenfrage zu kommen, noch eigensinniger zu machen, als dies 
schon früher der Fall gewesen war. Als ich nach wie vor der Begegnung von 
Homburg den Kaiser brieflich auf die große Vorsicht erheischende euro- 
päische Lage aufmerksam machte und insbesondere darauf hinwies, daß 
die deutsch-englischen Beziehungen, vor allem die Flottenfrage, behutsam 
behandelt werden müßten, ließ er mir durch den ilın begleitenden Vertreter 
des Auswärtigen Amts, den Freiherrn von Jenisch, antworten: er teile in 
keiner Weise meine Sorgen. Jedenfalls habe er inzwischen in seinen wenn 
auch kurzen Gesprächen mit Hardinge, Lascelles und König Eduard alles 
wieder eingerenkt. Zu meiner Orientierung begleitete Jenisch diesen kaiser- 
lichen Auftrag mit einem streng vertraulichen Kommentar, in dem er mir 
nicht verhehlte, daß der Kaiser sehr verstimmt gegen mich wäre. Meine 
„kühle Haltung‘ nach dem Empfange seiner Mitteilung über seinen „Er- 
folg‘“ in Homburg habe ihn bitter enttäuscht. Er hätte „Dank und Lob“ 
erwartet. Er habe gehofft, daß ich ihn für seine Sprache gegenüber Har- 
dinge „beloben“, daß ich den guten Dienst begreifen und würdigen 
werde, den er mir und dem Vaterlande in Homburg erwiesen habe. Er 
verstehe es nun einmal besser als die anderen Deutschen, die Engländer zu 
nehmen und ihnen in aller Freundlichkeit Wahrheiten zu sagen, die ihnen 
zu denken gäben und sie überzeugten. Er habe die volle Zuversicht, daß er 
jetzt in Homburg im Handumdrehen nicht nur Hardinge, sondern auch 
seinen Obeim, den König, für sich und seinen Standpunkt gewonnen hätte. 
Der Moment sei auch besonders günstig gewesen. Der begeisterte Emp- 
fang, der ihm, dem Kaiser, kürzlich in Hamburg bereitet worden sei, 
dieser Empfang, bei dem er den Pulsschlag des deutschen Volks gefühlt 
21” 
Brief des 
Kaisers an 
Lord Tweed- 
mouth
        <pb n="371" />
        324 PRESSESTURM IN ENGLAND 
habe, die wachsende Begeisterung für Zeppelin, alles das gebe John Bull 
zu denken und stimme ihn vorsichtig. Überdies versichere ihm der General- 
stabschef Moltke, daß wir gut gerüstet wären. Da hätten wir keinen Anlaß, 
leisezutreten, und namentlich gar keine Veranlassung, das Tempo des 
Flottenbaues zu verlangsamen oder zu irgendwelchen Flottenarrangements 
mit Albion die Hand zu bieten. Ich möge ihn, den Kaiser, nur ruhig ge- 
währen und die Dinge „nach seiner Fasson““ machen lassen. Mit den Eng- 
ländern sei rücksichtslose, selbst brutale Offenheit das einzig Richtige. 
Da wäre mit Diplomatisieren und Finassieren nichts zu machen. Auf die 
Engländer verstehe er sich, er sei ja selbst „ein halber Engländer“. Ähnlich 
wie früker in Björkö trat mir auch in Homburg wieder die Tendenz Seiner 
Majestät entgegen, die auswärtigen Geschäfte möglichst selbständig zu 
führen, froh „das innerliche Licht‘‘ verfolgend, wie im zweiten Teil des 
Faust der Bakkalaureus. Das war aber gegenüber England noch gefährlicher 
als mit Frankreich, schon weil Wilhelm II. sich einbildete, gerade in der 
Behandlung der Engländer Meister zu sein. Aus dieser leider unbegründeten 
Überzeugung gingen die verhängnisvollen Gespräche hervor, die Wilhelm II. 
in Highcliffe Castle mit englischen „Freunden“ führte. Dieser Mentalität 
war auch der bedauerliche Brief entsprungen, den der Kaiser im März 1908 
hinter meinem Rücken an den Ersten Lord der Britischen Admiralität, 
Lord Tweedmouth, gerichtet hatte, um ihn von der Harmlosigkeit der 
deutschen Flottenbauten zu überzeugen. Nicht lange vorher hatte ich 
Seiner Majestät einen Brief des Botschafters Metternich an mich unter- 
breitet, in dem dieser, oft Gesagtes wiederholend, ausführte, daß jede Ver- 
sicherung, unser Flottenbau sei harmlos, „das sofortige, allgemeine und 
energische Dementi‘ der englischen öffentlichen Meinung erzeugen würde. 
Das Bekanntwerden der neuen kaiserlichen Ingerenz in eine der hei- 
kelsten Fragen der englischen Verwaltung und Politik rief in England einen 
Pressesturm hervor, der den Kaiser erschreckte. Überdies hatte sein Oheim, 
der König, ihn höhnisch in einem Brief gefragt, ob sein direktes Schreiben 
an Lord Tweedmouth etwa „a new departure“, eine neue Aera in den 
internationalen Gebräuchen und Beziehungen bedeuten solle. Der Kaiser 
wollte sich bei mir damit entschuldigen, daß ich in den Tagen, wo er an 
seinem Brief gedrechselt hätte, einen Schnupfen gehabt habe und er sich 
wegen seines alten Ohrenleidens Katarrhen nicht aussetzen dürfe. Aber er 
war sichtlich verärgert, daß sein Versuch, sich zur Verbesserung der deutsch- 
englischen Beziehungen einmal wieder selbst zu „betätigen“, ein völliger 
Mißerfolg, a failure, gewesen war. Über den kaiserlichen Brief an Admiral 
Tweedmouth war niemand entsetzter als Admiral Tirpitz, der insbesondere 
beklagte, daß der Kaiser, um Lord Tweedmouth „einzuseifen“, in fast 
kindlicher Weise eine Reihe falscher Angaben gemacht hatte, die von den
        <pb n="372" />
        ISWOLSKI DURCH EDUARD VII. GEWONNEN 325 
Engländern natürlich sofort als solche erkannt worden waren. Die englischen 
Minister, insbesondere Asquith und Grey, hatten bei einer Interpellation im 
Unterhaus die ganze peinliche Angelegenheit mit Takt und dem sichtlichen 
Bestreben behandelt, die Gemüter zu beruhigen. Der Botschafter in Lon- 
don, Graf Metternich, meldete gleichzeitig: „Der englischen konstitu- 
tionellen Auffassung läuft es zuwider, daß ein fremder Souverän sich in 
direkten amtlichen Verkehr mit einem englischen Minister setzt. Ich wurde 
nicht amtlich, aber von ministerieller Seite auf den sehr unangenehmen 
Eindruck hingewiesen, den der Brief unseres allergnädigsten Herrn an 
Lord Tweedmouth hier hervorgerufen hat. Ich wurde gefragt, wie es wohl 
Seine Majestät der Kaiser und die kaiserliche Regierung aufnehmen würden, 
wenn König Eduard sich mit Umgehung seiner verantwortlichen 
Organe in Flottenfragen direkt an den Staatssekretär des Reichsmarine- 
amts in Berlin wendete. Ich bin mir wohl bewußt, daß es eine höchst un- 
dankbare Aufgabe ist, Dinge zu schreiben, die sich nicht angenehm lesen. 
Wenn man aber in einer verantwortlichen Stellung ist, so muß man auch 
dazu den Mut finden.“ Es ist verständlich, daß mich eine derartige, die 
Grenze des Zulässigen bedenklich überschreitende Eigenmächtigkeit des 
Kaisers nicht nur verstimmen, sondern auch mit tiefer Sorge erfüllen und 
mich in dem Entschluß bestärken mußte, im Interesse des Landes die 
nächste sich bietende Gelegenheit zu einer energischen Korrektur der das 
Woll des Reichs gefährdenden und schädigenden kaiserlichen Übergriffe 
pflichtgemäß wahrzunehmen. 
Die Begegnung in Reval, die am 9. und 10. Juni vor sich gegangen war, 
hatte König Eduard die Möglichkeit geboten, mit seiner großen Kunst der 
Menschenbehandlung und unterstützt von seiner Nichte, der Kaiserin 
Alexandra Feodorowna von Rußland, die sehr englisch und, obwohl die 
Tochter eines uralten deutschen Fürstenhauses, antideutsch fühlte, den 
russischen Kaiser für sich einzunehmen. 
}« Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß der König den eitlen und schon 
deshalb beeinflußbaren Iswolski für ein Programm gewonnen hatte, das 
auf eine Lösung der mazedonischen Frage im Sinne einer weitgehenden 
Beschneidung der Macht des Sultans herauskam. Die Unruhe, um nicht zu 
sagen die Furcht, die dieser russisch-englische Aktionsplan in einer großen 
Balkanfrage in Österreich hervorrief, ließ es in erster Linie geboten er- 
scheinen, den Österreichern Mut zu machen. Es lag die Gefahr vor, daß die 
Doppelmonarchie, wenn zu sehr eingeschüchtert, die Nerven verlor und 
Rußland ins Maul flog wie der eingeschüchterte Kolibri der drohenden 
Klapperschlange. Die Kunst unserer Politik mußte darin bestehen, daß 
wir Österreich an unserer Seite hielten und für den bei geschickter Politik 
durchaus nicht unvermeidlichen, aber natürlich immer in Rechnung zu 
Zirkular- 
Erlaß Bülows
        <pb n="373" />
        326 BEDROHUNG NOCH NICHT UNMITTELBAR 
stellenden Fall eines Krieges die trotz der inneren Zersetzung Österreichs 
noch immer tüchtige und starke k. und k. Armee auf unserer Seite hatten, 
uns aber andererseits von Österreich nicht gegen unseren Willen in einen 
Weltkrieg hineinziehen ließen. Ich richtete deshalb am 25. Juli 1908, bald 
nach der Begegnung von Reval, an die königlich preußischen Missionen in 
München, Dresden, Stuttgart, Karlsruhe, Darmstadt, Hamburg, Weimar 
und Oldenburg einen Zirkularerlaß, in dem ich ausführte, daß die durch 
die Revaler Begegnung hervorgerufene Situation ernst sei, daß aber kein 
Anlaß wäre, den Kopf zu verlieren. Wir hätten überwiegende Gründe, 
„bis auf weiteres“ der Annahme zuzuneigen, daß in Reval keine „direkt“ 
feindseligen Pläne gegen den Dreibund und Deutschland gefaßt worden 
wären. Wir stützten diese Annahme nicht nur auf die allgemeine politische 
Lage, die in Reval gewechselten und veröffentlichten Tischreden, sondern 
auch auf die von der russischen wie von der englischen Regierung uns und 
anderwärts abgegebenen bestimmten Erklärungen, endlich auch auf ein in 
Potsdam am 11. Juni, also unmittelbar nach der Begegnung, eingetroffenes 
direktes Telegramm des Kaisers von Rußland an den Deutschen Kaiser, 
daß die Begegnung an der politischen Lage „absolut nichts“ geändert habe. 
Der russische Minister des Äußern habe dem kaiserlichen Botschafter in 
St. Petersburg erklärt, daß in Reval über andere Fragen als die durch 
das vorjährige englisch-russische Abkommen behandelten keinerlei Ver- 
einbarungen getroffen worden wären, insbesondere nicht über die all- 
gemeine Politik. Am allerwenigsten sei etwas vereinbart oder auch nur 
besprochen worden, das sich irgendwie gegen Deutschland richten könne. 
Einige Zeit später habe Iswolski durch seinen politischen Vertrauensmann, 
den Abteilungschef Baron Taube, erneut mündlich in Berlin versichern 
lassen, daß die Revaler Begegnung in den deutsch-russischen Beziehungen 
absolut nichts ändern werde. In sachlich gleicher Art wie der russische 
Minister habe sich Sir Edward Grey in London gegenüber unserem Bot- 
sChafter Metternich dahin ausgelassen, daß in Reval nichts gegen Deutsch- 
land verabredet oder geplant worden sei. 
In meinem Zirkularerlaß hieß es weiter: „Sind wir nach alledem nicht 
veranlaßt, der Revaler Begegnung auch im Zusammenhang mit den ihr 
vorausgegangenen Entrevuen und Ententen zunächst nicht den Cha- 
rakter einer unmittelbaren Bedrohung für uns und Österreich-Ungarn bei- 
zulegen, so würde es doch ein verhängnisvoller Fehler sein, wollten wir 
etwa, im Vertrauen auf die uns abgegebenen Versicherungen verkennen, 
daß durch diese Vorgänge unsere politische Bewegungsfreiheit unter Um- 
ständen beeinträchtigt werden könnte. Wir haben damit zu rechnen, 
daß, wenn wir oder Österreich-Ungarn mit einer der Entente- 
mächte in einen ernsteren Interessenkonflikt geraten sollten,
        <pb n="374" />
        DER DRAHT MIT PETERSBURG 327 
die bis dahin noch losen und vagen Ententen und Verständi- 
gungen sich zu konkreten Bündnissen verdichten würden, 
so daß wir, zusammen mit Österreich-Ungarn, uns einer 
starken Koalition gegenüberschen könnten. Die Grundursachen 
der uns umgebenden politischen Gefahren können wir nicht beseitigen, 
ohne uns selbst aufzugeben. Sie liegen, was Deutschland angeht, in der fort- 
gesetzten Erstarkung seiner wirtschaftlichen Kraft seit Gründung des 
Reichs. Es ist die — natürlich nicht berechtigte — Furcht vor einem 
etwaigen Mißbrauch der wirtschaftlichen und damit auch politischen Macht 
Deutschlands und seines nächsten Bundesgenossen, die andere Staaten 
zu Ententen gegen uns treibt. Diese Ententen und Allianzen sind ihrem 
Ursprung nach eher defensiven Charakters. Man würde aber vielleicht nicht 
zögern, auch aggressiv gegen uns vorzugehen und uns womöglich niederzu- 
zwingen, wenn man sich dazu die Macht zutraute. In gleicher Weise wie 
wir wird durch die neue Konstellation auch unser österreichisch-ungarischer 
Bundesgenosse bedroht, zumal bei ihm in den gegen den Bestand und die 
Zukunft der habsburgischen Monarchie gerichteten Leidenschaften und 
Umtrieben dritte Nationen gewisse Chancen für das Einsetzen einer von 
außen kommenden Zerstörungsarbeit zu erblicken scheinen. Ist ja doch der 
angeblich nahe bevorstehende Zerfall der Doppelmonarchie ein ständiges 
und beliebtes Thema in der französischen und sonstigen auswärtigen Presse. 
Auch ist Österreich-Ungarn infolge seiner großen Interessen auf der Balkan- 
halbinsel dort mehr als wir der Gefahr von Konflikten mit den Entente- 
mächten ausgesetzt. Das Vorstehende ergänzend, möchte ich zur Charakte- 
ristik unserer allgemeinen Beziehungen zu den Nachbarstaaten, einerseits 
zu Rußland, England und Frankreich, andererseits zu den Dreibund- 
mächten, folgendes bemerken: Rußland ist infolge des Japanischen Krieges 
noch für längere Zeit wenig aktionsfähig. Seine Regierung sucht im Hin- 
blick auf ihre besonders in Asien geschwächte und gefährdete Position mit 
dem bisherigen Gegner, England, zu paktieren, zugleich aber an der tradi- 
tionellen Freundschaft mit uns festzuhalten. Wir unsererseits haben 
auch ferner Interesse daran, den alten Draht mit St. Peters- 
burg nicht zu durchschneiden. England, bedrückt von — unbegrün- 
deter — Furcht vor dem vermeintlich drohenden deutschen Übergewicht 
in wirtschaftlicher wie in militärischer Beziehung, sucht dagegen wenn 
auch noch nicht Allianzen so doch Freundschaften, immer von seiner her- 
gebrachten Politik geleitet, andere für sich ins Feuer zu schicken. Uns bleibt 
demgegenüber nur übrig, unsere bisherige Politik der Geduld und Vor- 
sicht fortzusetzen und uns zu bemühen, unbegründete Befürchtungen 
nach Möglichkeit zu zerstreuen. Frankreich geht militärisch wie an Volks- 
kraft eher zurück, es schwebt in ständiger Besorgnis vor einem Konflikt
        <pb n="375" />
        328 FÜR UNS LÄUFT DIE ZEIT 
mit uns und sucht, ohne eigentlich kriegerische Absichten gegen uns zu 
hegen, nach deckenden Freundschaften. Frankreich will korrekte Bezie- 
hungen und selbst einen Modus vivendi mit uns. Doch sind die Revanche- 
träume, das Verlangen nach Wiedergewinnung der Hegemonie, die es zwei 
Jahrhunderte hindurch in Europa ausgeübt hat, und selbst der Wunsch 
nach der Rheingrenze in Frankreich noch keineswegs erloschen. Für uns 
läuft — schon aus dem biologischen Grunde der in Frankreich bekanntlich 
nahezu stationären, bei uns aber im ganzen noch immer zunehmenden Be- 
völkerungsvermehrung — die Zeit. Je weiter wir den Zeitpunkt eines be- 
waflneten Konflikts mit unserem westlichen Nachbarn hinausschieben, 
um so weniger wird dieser imstande sein, den schon numerisch immer un- 
gleicher werdenden Kampf mit uns, selbst bei Unterstützung von anderer 
Seite, aufzunehmen. Unsere Politik gegenüber Frankreich ist uns damit 
gegeben: sie muß dilatorisch sein und irritierende Reibungen vermeiden. 
Dagegen würde jedes direkte oder indirekte Anerbieten eines intimen Ver- 
hältnisses zu Frankreich heute dort nur falsch verstanden werden und das 
Gegenteil von einer Verbesserung der beiderseitigen Beziehungen zur Folge 
haben. Für unsere Haltung im Orient und speziell auf der Balkanhalbinsel, 
wo wir nur wirtschaftlichen Interessen nachgehen, sind und bleiben in 
erster Linie maßgebend die Wünsche, Bedürfnisse und Interessen des uns 
eng befreundeten und verbündeten Österreich-Ungarn. Aus der vorstehend 
skizzierten Konstellation, die ich nicht anstehe als eine für die beiden mittel- 
europäischen Monarchien in gleichem Maße ernste zu bezeichnen, ent- 
springen nach Ansicht der kaiserlichen Regierung die nachstehenden Folge- 
rungen für unsere politische Haltung. Unsere auswärtige Politik wird wie 
bisher, bei aller Entschlossenheit in der Wahrung unserer Rechte und be- 
rechtigten Interessen, Gelegenheiten sorgsam vermeiden, die andere Mächte 
zu dem Versuche der Bildung von übermächtigen Koalitionen gegen uns 
anreizen könnten. Deshalb wird die Reichsleitung sich z. B. ein Nachgeben 
gegenüber chauvinistischen Bestrebungen, mögen sie von alldeutscher oder 
sonstiger Seite kommen, entschieden zu versagen und ihre Aufgabe vor- 
nehmlich in der Verteidigung unserer Rechte und berechtigten Interessen 
zu erblicken haben, indem sie den weiteren Ausbau unserer wirtschaftlichen 
Stellung, wenigstens eine Zeitlang, mehr der deutschen Privatinitiative 
überläßt und die fördernde staatliche Hand dabei nach außen hin tunlichst 
im Hintergrunde hält. Ich darf dabei darauf hinweisen, daß ich in der ersten 
Rede, die ich als Staatssekretär des Auswärtigen Amts vor dem Reichstag, 
am 6. Dezember 1897, über auswärtige Politik gehalten habe, sagte: Wir 
empfänden nicht das Bedürfnis, unsere Finger in jeden Topf zu stecken, 
seien aber der Ansicht, daß es sich nicht empfehle, Deutschland in zukunfts- 
reichen Ländern von vornherein auszuschließen vom Mitbewerb mit anderen
        <pb n="376" />
        MÖGLICHST GERÄUSCHLOS 329 
Völkern. An diesem Standpunkt halte ich auch heute noch fest. Ferner 
müssen wir in der Erkenntnis, daß es die Furcht vor unserer Stärke ist, 
die andere Mächte davon abhält, über uns herzufallen, unsere militärische 
Rüstung zu Wasser und zu Lande so achtunggebietend wie möglich 
gestalten. Mißstimmung, die dadurch anderwärts entsteht, müssen wir 
gelassen in Kauf nehmen, ohne darüber Erregung zu zeigen. Vereinbarun- 
gen, die auf eine Einschränkung unserer Wehrmacht hinauslaufen, sind 
für uns unter keinen Umständen diskutierbar. Eine Macht, die uns zu einer 
solchen Vereinbarung auffordert, möge sich darüber klar sein, daß eine 
solche Aufforderung den Krieg mit uns bedeutet. Neben der militärischen 
dürfen wir aber auch nicht die finanzielle und wirtschaftliche Rüstung ver- 
nachlässigen. Es ist auch vom Standpunkt unserer auswärtigen Politik, 
d.h. im Interesse der Wahrung des Friedens und unserer Weltstellung, 
unumgänglich, unsere öffentlichen Finanzen, deren heutiger Zustand dem 
Auslande fortgesetzt zu übelwollender Anzweiflung unserer wirtschaft- 
lichen und damit auch unserer politischen Widerstandskraft Anlaß bietet, 
ohne Zögern und unter Hintansetzung ängstlicher Bedenken und Rück- 
sichten auf Sonderinteressen einzelner Berufs- oder Bevölkerungsklassen 
auf eine gesunde und für lange hinaus genügende Basis zu 
bringen. Wie eine vielfältige Erfahrung lehrt, ist ein gutes Teil der Miß- 
stimmung, die das Ausland gegen uns hegt und in politische Aktion umzu- 
setzen strebt, auf Manifestationen unserer Presse und öffentlichen Meinung 
zurückzuführen, in denen auf Denkweise und Stimmung anderer Nationen 
keine binreichende Rücksicht genommen wird. Deshalb ist es erforderlich, 
daß bei der konsequenten Verfolgung unserer oben bezeichneten Aufgaben 
ruhig und möglichst geräuschlos verfahren wird. Die bessere Züge- 
lung einer manchmal bemerkbaren herausfordernden und andere Nationen 
ohne Not verletzenden Ruhmredigkeit in unserer Presse und in öffentlichen 
Versammlungen ist eine wesentliche Vorbedingung für die Durchführung 
einer kühlen und vorsichtigen, dabei aber entschlossenen Politik, wie sie 
uns die derzeitige internationale Gestaltung auferlegt. Behalten wir anderer- 
seits die vorbezeichneten Gesichtspunkte als Richtschnur gewissenhaft im 
Auge, so werden wir getrost und ohne Furcht in die Zukunft sehen dürfen. 
Solange Deutschland fest, einig und mutig bleibt, stellt es eine gewaltige 
Volkskraft und eine große militärische Kraft dar, an die sich andere nicht 
s0 leicht heranwagen werden. Deutschland und Österreich-Ungarn bilden 
einen starken Block, der allen Stürmen Trotz zu bieten vermag. Ihr auf 
Interessensolidarität und gemeinsamer Hochhaltung des monarchischen 
Staatsgedankens beruhender Bund ist für die beiden Monarchien die beste 
Sicherheit gegen andere, vielfach von revolutionären Bestrebungen und 
autoritätsfeindlichen Ideen angefressene Mächte. Treues Zusammenstehen
        <pb n="377" />
        Die türkische 
Revolution 
330 UOCHSOMMER-GEWITTER 
mit Österreich-Ungarn soll und muß auch in Zukunft der oberste Grund- 
satz der deutschen auswärtigen Politik bleiben. Ich schließe hier in Ab- 
schrift zwei Situationsberichte des Grafen Pourtalös vom 12. und 14.d.M., 
zwei Berichte des Grafen Metternich vom 5. und 15. d. M. und eine Auf- 
zeichnung des Staatssekretärs von Schön über dessen oben erwähnte 
Unterredung mit dem russischen Abteilungschef Baron Taube bei.“ 
Ich möchte zu diesem meinem streng vertraulichen Erlaß vom 
25. Juni 1908 bemerken, daß, wenn ich fremde Einmischung in unsere Wehr- 
verhältnisse ablehnte, ich damit nur unser gutes und selbstverständliches 
Recht wahrte, als souveräner und unabhängiger Staat Maß und Umfang 
unserer übrigens nur defensiven Zwecken dienenden Rüstungen selbst zu be- 
stimmen. Das schloß natürlich nicht aus, daß wir über das Tempo unserer 
Schiffsbauten sehr wohl mit England zu einer gütlichen Verständigung 
gelangen konnten. Was den Schlußsatz betrifft, der darauf berechnet war, 
Österreich-Ungarn bei der Stange zu halten, so war ich mir damals wie 
immer nicht im Zweifel darüber, daß, wenn Talleyrand, der gewiegte 
Diplomat, bekanntlich jede Allianz mit dem Verhältnis zwischen Reiter 
und Pferd verglichen hat, wir bei unserem Zusammengehen mit der Donau- 
monarchie den Reiter zu spielen hatten. Mein Zirkularerlaß vom 25. Juli 
1908, den ich durch den Grafen Szögyönyi direkt zur Kenntnis des mir 
damals schr gnädig gesinnten Kaisers Franz Josef hatte bringen lassen, 
trug wesentlich dazu bei, daß Seine Kaiserliche und Königliche Apostolische 
Majestät, als sich ihr am 13. August in Ischl König Eduard als Verführer 
näherte, besseren Widerstand leistete als unsere Ahnfrau Eva der Schlange 
im Paradies. 
In die schwüle Atmosphäre, die im Hochsommer 1908 über Europa lag, 
fuhr wie ein reinigendes Gewitter die türkische Revolution. Sie war zum 
Teil durch die in Reval von Rußland und England angekündigten Reform- 
‚pläne für Mazedonien hervorgerufen worden, denen nach der Ansicht der 
türkischen Patrioten der immer finassierende, dabei von beständiger Angst 
für sein Leben erfüllte Sultan Abdul Hamid keinen genügenden Wider- 
stand leistete. Der türkische Umschwung machte den russisch-englischen 
Reformplänen schon deshalb ein Ende, weil die englischen Liberalen, die 
am Ruder waren, gestützt auf eine starke Mehrheit im Unterhause, nichts 
von einer Vergewaltigung der freiheitlich gesinnten Jungtürken wissen 
wollten. Ich ließ in unserer offiziösen Presse keinen Zweifel darüber, daß 
wir uns zu der Umwälzung in der Türkei freundlich stellten. Ich konnte 
mich darauf verlassen, daß unser Botschafter Freiherr von Marschall, der 
sich in Konstantinopel in elf Jahren eine große Stellung gemacht hatte, 
mit den Jungtürken gerade so gut auskommen würde wie vorher mit dem 
ins Exil geschickten Padischah. Ich konnte also ohne Gefahr, in Kon-
        <pb n="378" />
        STÜTZUNG DES OTTOMANISCHEN REICHS 331 
stantinopel Widerspruch hervorzurufen, in einer inspirierten Kundgebung 
der Wiener „Politischen Korrespondenz“ erklären lassen, daß sich an den 
deutsch-türkischen Beziehungen nichts geändert hätte: „Das türkische 
Volk ist sich jetzt wie immer dessen bewußt, daß Deutschland einer der 
wenigen Staaten ist, die nie auf den oft prophezeiten Zusammenbruch der 
Türkei spekulierten, sondern im Gegenteil stets darauf bedacht waren, 
zur wirtschaftlichen und politischen Kräftigung des ottomanischen Reichs 
beizutragen.“
        <pb n="379" />
        AXI KAPITEL 
Kritik derdeutschen PropagandaimWeltkrieg« DiebosnischeKrise setztein-Z 
kunft Iswolskis und Aehrenthals in Buchlau » Annexion von Bosnien und der Herze- 
gowina durch Österreich-Ungarn am 5. X. 1908 « Vorbereitungen für die Reichsfinanz- 
reform « Das Munuskript für den Artikel des „Daily Telegraph‘* - Trotz strenger Wei- 
sung Bülows, es sorgsam zu prüfen, kommt das verhängnisvolle Elaborat vom 
Auswärtigen Amt als „unbedenklich“ zurück. Wilhelm II. wünscht eine plötzliche und 
radikale Kursänderung der auswärtigen Politik « Die preußische Thronrede » Vermäh- 
lungsfeier des Prinzen August Wilhelm 
ch habe Bismarck gelegentlich sagen hören, in der Politik sei Weitsichtig- 
Die Balkan- keit gefährlicher als Kurzsichtigkeit. Obwohl ich selbst ähnlich denke, 
krise von 1908 50 verstehe ich doch, daß man in diesem Punkt anderer Ansicht sein kann. 
Zweifellos aber ist es ein nicht seltener Fehler deutscher politischer Be- 
trachtung, Ereignisse und Fragen der Gegenwart auf allzu weit zurück- 
reichende Ursachen zurückzuführen. Es hängt dies mit der deutschen Nei- 
gung zu gründlicher, bisweilen pedantischer Betrachtung zusammen, mit 
dem Trieb, sich in verstiegene Gedankengänge zu vertiefen. 
Der Philosoph, der tritt herein 
Und beweist euch, es müßt’ so sein; 
Das Erst’ wär’ so, und das Zweite eo, 
Und drum das Dritt’ und Vierte so, 
Und wenn das Erst’ und Zweit’ nicht wär, 
Das Dritt’ und Viert’ wär nimmermehr, 
Das preisen die Schüler allerorten, 
Sind aber keine Weber geworden. 
Diese Neigung hat uns auch während des Weltkriegs geschadet. Ein 
französischer Schriftsteller persiflierte damals diese Manie nicht übel so: 
Als Thiers nach Sedan den ihm seit langem befreundeten Leopold von 
Ranke frug, gegen wen nach dem Sturz von Napoleon III. die Deutschen 
noch Krieg führten, habe ihm der deutsche Historiker mit Geist erwidert: 
gegen Ludwig XIV. In der Tat habe der Roi Soleil seinerzeit die damalige 
Schwäche des Deutschen Reichs benutzt, um Deutschland das Elsaß zu 
entreißen. Woher rührte diese Schwäche? Vom Dreißigjährigen Krieg.
        <pb n="380" />
        Freiherr (dann Graf) Aloys Achrenthal 
Österreichisch-ungarischer Minister des Äußern
        <pb n="381" />
        <pb n="382" />
        DIE BÜCHSE DER PANDORA 333 
Warum der Dreißigjährige Krieg? Er war eine Folge der Reformation. Und 
warum die Reformation ? Sie war eine Phase in der Geschichte des Christen- 
tums. Und warum mußte Christus kommen? Um die seit dem Sündenfall 
verlorene Menschheit zu erlösen. „Also“, schloß der Aufsatz, „wäre nach 
deutscher wissenschaftlicher Methode der Weltkrieg darauf zurückzu- 
führen, daß unsere graziöse Ältermutter Eva in den Apfel biß. Sans Eve et 
sans la pomme, point d’ultimatum, point de guerre.‘“ Unsere während des 
Weltkriegs überhaupt wenig wirkungsvolle Propaganda gefiel sich zu schr 
in langatmigen Betrachtungen über längstvergangene Ereignisse, die nicht 
nur im feindlichen, sondern auch im neutralen Ausland wenig interessierten, 
während es doch darauf ankam, unser Vorgehen und unsere Haltung im 
Sommer 1914 zu erklären und, so gut es ging, zu rechtfertigen. Dies war 
insbesondere nach dem unglücklichen Ausgang des Krieges, als es sich 
darum handelte, der Schuldlüge der Feinde entgegenzutreten, nur möglich, 
wenn wir das Ungeschick derjenigen einräumten, ja unterstrichen, in deren 
Händen 1914 die deutsche auswärtige Politik lag. Das soll später ausgeführt 
werden, wenn mir die schmerzliche Aufgabe obliegen wird, die Gründe zu 
beleuchten, aus denen unser friedliches, tüchtiges, gutes und besonnenes 
Volk, unser friedliebender, ja kriegsscheuer Kaiser in den entsetzlichsten und 
dabei dümmsten aller Kriege stolperten. An dieser Stelle will ich nur meine 
Parenthese über die Bedenken allzu genereller retrospektiver Betrachtung 
mit der Einschränkung schließen, daß es selbstverständlich Ereignisse gibt, 
die das Schlußglied einer langen Kette sind. 
Dahin gehört diebosnische Frage, dieim Herbst 1908 zu einer ernsten 
Spannung zwischen Rußland und Österreich führte und damit Deutsch- 
land vor eine nicht ungefährliche, jedenfalls schwierige Lage stellte. Die 
bosnische Frage, cette boite de Pandore pleine de surprises, de p£rils et de 
graves possibilites, wie ein rumänischer Diplomat sie mir schon früher 
charakterisiert hatte, läßt sich mit gutem Recht und ohne weiteres auf den 
Russisch-Türkischen Krieg von 1877 zurückführen. Als Alexander II. 1876, 
sehr ä contre cceur, unter dem Druck der starken slawophilen Strömung in 
Rußland, natürlich auch beeinflußt von alten zaristischen Traditionen und 
Gefühlen, sich entschloß, das russische Schwert für die glaubens- und 
stammverwandten Balkanslawen zu ziehen, erinnerte sich sein Kanzler 
Gortschakow daran, daß Rußland im Krimkrieg im letzten Ende an der 
feindlichen Haltung von Österreich gescheitert war. Als damals Kaiser 
Nikolaus I. beim Beginn des Krimkriegs, 1854, nach Besetzung der Moldau 
und Walachei seine Heere in Bulgarien hatte einrücken lassen, sah er sich 
bald nachher zur Räumung der ganzen Balkanhalbinsel genötigt, sobald 
Österreich in Galizien ein Heer zusammenzog. Um Rußland nicht wieder 
der Gefahr auszusetzen, von einer österreichischen Armee im Rücken
        <pb n="383" />
        Iswolski und 
Aehrenthal 
in Buchlau 
334 BOSNIEN GEGEN DARDANELLEN 
gefaßt zu werden, entschloß sich Gortschakow 1876, die österreichische 
Zustimmung zu dem russischen Vorgehen gegen die Türken durch Über- 
lassung von Bosnien und der Herzegowina an die habsburgische Monarchie 
zu erkaufen. Ich werde bei der Darstellung der dem Berliner Kongreß vor- 
ausgehenden Vorgänge diese Zusammenhänge eingehend erörtern. „I faut 
faire la part du feu‘“, so hatte der alte Kanzler seinem Souverän gegenüber 
diesen Schachzug motiviert. Als junger Botschaftssekretär in Wien erlebte 
ich die in der Ofener Königsburg abgeschlossene Konvention, durch die 
Gortschakow die Zeit und die Mittel der militärischen Okkupation Bosniens 
und der Herzegowina in die Wahl des Wiener Kabinetts stellte. Als Sckre- 
tär des Berliner Kongresses wurde ich Zeuge der Konsekration der Ofener 
Abmachung unter freudiger Zustimmung Rußlands durch den Berliner 
Vertrag (Artikel XXV des Berliner Vertrags): „Les provinces de Bosnie et 
d’Herzegovine seront occupees et administrees par l’Autriche-Hongrie.“ 
Seitdem waren wiederholt, schon während des Berliner Kongresses und 
sechs Jahre später in Skierniewice, mündlich und in der Form des Aide- 
Memoire zwischen Österreich-Ungarn und Rußland Erklärungen ausge- 
tauscht worden, wonach Rußland keine Einwendungen erheben würde, 
wenn Österreich im Interesse der Ruhe auf der Balkanhalbinsel wie zum 
Besten des europäischen Friedens die Okkupation in eine Annexion ver- 
wandeln sollte. Es war also an und für sich nicht auffällig, daß Iswolski, 
unmittelbar nach der Zusammenkunft von Reval, schriftlich dem öster- 
reichisch-ungarischen Minister des Äußern den Vorschlag machte, einer- 
seits über die Umwandlung der Okkupation in eine Annexion, andererseits 
über die Öffnung der Meerengen Unterhandlungen einzuleiten. Ver- 
wunderlich war freilich, daß Iswolski seinem Wiener Kollegen eine solche 
Offerte machte, obwohl ihn dieser kurz vorher mit dem österreichisch-tür- 
kischen Vertrag über den Bau der Sandschak-Bahn, d. h. des Mittelstücks 
zwischen der bosnischen und der mazedonischen Linie, überrascht hatte, 
eine Überrumplung, die nicht nur die russische öffentliche Meinung stark 
erregte, sondern auch zu gereizten Auseinandersetzungen zwischen den 
Kabinetten von St. Petersburg und Wien führte. 
Der Vorschlag Iswolskis ist wohl dadurch zu erklären, daß der ehrgeizige 
aber gleichzeitig unbesonnene russische Außenminister alles über dem 
brennenden Wunsch vergaß, durch die Realisierung der jahrhundert- 
alten russischen Wünsche und Aspirationen hinsichtlich der Dardanellen 
sich einen dauernden Platz in den Herzen aller guten Moskowiter wie in der 
russischen Geschichte zu erobern und gleichzeitig vielleicht auch den 
Grafentitel mit dem Andreasorden. Es kam noch hinzu, daß Aehrenthal, 
der fast seine ganze diplomatische Karriere in St. Petersburg gemacht hatte, 
als Attache, als Sekretär, dann als Botschaftsrat, schließlich als Botschafter,
        <pb n="384" />
        AEHRENTHAL 335 
die Russen genau zu kennen glaubte und jedenfalls in der St. Petersburger 
Gesellschaft sehr populär war, wozu eine Liaison mit einer schönen Dame 
der Petersburger Gesellschaft beigetragen hatte. Seine Stellung in den 
Petersburger Salons war in der Tat stärker als die von Iswolski, auf den er 
gesellschaftlich etwas herabsah. Er glaubte sich der Russen ganz sicher. 
Daraus schöpfte er die Zuversicht, daß er mit Iswolski unter allen Um- 
ständen fertig werden würde. „Je tiens les Russes dans ma poche“, sullte er 
geäußert haben. Aehrenthal übersah, daß in der russischen Hauptstadt 
allmählich neben wuhlbeleibten, ruheliebenden Generaladjutanten und 
Ministern, geistreichen Frauen und charmanten Großfürstinnen eine rauhe 
nationalistisch gefärbte Opposition emporgekommen war, die, Österreich 
grundsätzlich feindlich, mit Eifersucht und Misstrauen über die slawischen 
und orthodoxen „Brüderchen“ auf der Balkanhalbinsel wachte. Zunächst 
erreichte Achrenthal, daß sein russischer Kollege Iswolski mit Freude die 
Einladung annahm, mit ihm auf dem mährischen Schluß Buchlau des öster- 
reichischen Botschafters in St. Petersburg, des Grafen Leopuld Berch- 
told, des späteren so unglücklichen Ministers des Äußern, zusammen- 
zutreffen. Graf, vor seinem Erfulg in der bosnischen Sache Freiherr von 
Aehrenthal war der Enkel des israelitischen Getreidehändlers Lexa in Prag, 
der im Anfang des 19. Jahrhunderts im Hinblick auf seinen lukrativen 
Beruf unter dem prägnanten Namen Aehrenthal nobilitiert worden war. 
Die Großmutter des Ministers, eine Gräfin Wilczek, seine Mutter, eine 
Gräfin Thun, waren dem österreichischen Hochadel entsprossen. Seine 
Schwester war mit einem Grafen Bylandt vermählt, er selbst mit einer 
Gräfin Szechenyi aus großem ungarischem Hause. Er vereinigte den scharfen 
Verstand, die Betriebsamkeit und die überlegte Klugheit seiner väterlichen 
Vorfabren mit dem innerlichen Hochmut, dem „Fumo“, um sich wiene- 
risch auszudrücken, der österreichischen Aristokratie. Groß, breitschul- 
terig, etwas gebückt, sehr kurzsichtig, allmählich fast blind, mit meist 
balbgeschlossenen Augenlidern und müdem Gesichtsausdruck, aber mit 
regelmäßigen Zügen und vornehmen Allüren, zurückhaltend, eher indolent, 
fast apathisch, stand Aehrenthal auch äußerlich im Gegensatz zu dem 
kleineren, unruhigen, aufgeregten, bisweilen vordringlichen Kalmücken 
Iswolski. Wie mit Iswolski war ich auch mit Aehrenthal seit langem befreun- 
det, habe aber nie das Vertrauen in ihn gesetzt, das ich für seinen Vorgän- 
ger Goluchowski empfand. Als dieser im Oktober 1906 zurücktrat, hatte er 
mir in Erwiderung meines Abschiedsgrußes telegraphiert: „Tief gerührt 
durch die so warmen und freundschaftlichen Worte, welche Eure Durch- 
laucht anläßlich meines Scheidens aus dem Amt an mich zu richten die 
Güte hatten, enpfinde ich es als ein wahres Herzensbedürfnis, Ihnen, ver- 
ehrter Fürst, für das Vertrauen und Entgegenkommen, welches Sie mir in
        <pb n="385" />
        336 DIE GEDENKTAFEL IN BUCHLAU 
den langen Jahren unserer gleichzeitigen amtlichen Tätigkeit nie versagt 
haben, meinen herzlichsten Dank auszusprechen. Zugleich bitte ich Eure 
Durchlaucht, die Versicherung entgegennehmen zu wollen, daß ich die so 
weit zurückreichenden freundschaftlichen Beziehungen, welche mir mit 
Ihnen zu unterhalten vergönnt war, zu den angenehmsten Erinnerungen 
zähle, welche ich aus der Zeit meiner amtlichen Tätigkeit in das Privat- 
leben hinübernehme.“ 
Es war eine eigentümliche Fügung, daß Goluchowski, der in Petersburg 
anfänglich großem Mißtrauen begegnet war, mit dem 1903 in Mürzsteg 
zwischen Österreich und Rußland abgeschlossenen Übereinkommen eine 
Periode ruhiger und freundlicher Beziehungen zwischen den beiden alten 
Rivalen auf der Balkanhalbinsel einleiten konnte, während Aehrenthal, 
der sich nur zu oft in St. Petersburg im Gegensatz zu dem Polen Golu- 
chowski als wahrer Russenfreund geriert und drapiert hatte, es fast zum 
Bruch mit Rußland treiben sollte. Es war das mir ein neuer Beweis für die 
Richtigkeit der Bemerkung, die mir einst ein rumänischer Minister, Herr 
Vernesco, machte, als ich, damals ein junger Gesandter, ihn an mir früher 
von ihm gegebene, aber, nachdem er an die Macht gekommen war, nicht 
gehaltene Zusagen erinnerte: „Vous ne sauriez croire, mon cher monsieur, 
ä quel point le gouvernement change les id&amp;es d’un homme.“ Es ist deshalb 
fast immer falsch, aus der früheren Haltung, den früheren Sympathien und 
Antipathien eines Politikers auf die Richtung zu schließen, die er als lei- 
tender Minister einschlagen wird. D faut le voir a l’oeuvre. Es empfiehlt 
sich, abzuwarten, wie er manövrieren wird, erst zu sehen, wie er sich an- 
raucht, um wieder einmal ein Bismarcksches Bild zu gebrauchen. 
Ich weiß nicht, ob die Gedenktafel, die Graf Berchtold im Oktober 1908 
in seinem Schloß Buchlau anbringen ließ, um der Nachwelt zu verkünden, 
daß hier Aloys Aehrenthal und Alexander Iswolski am 15. September 1908 
über die europäischen Angelegenheiten beraten hätten, noch vorhanden ist 
oder ob die Regierung des tschechisch-slowakischen Staates, dessen strup- 
piges Karyatidenhaupt Friedrich Hebbel mit ahnungsvollem Grauen sich 
in der Zukunft erheben sah, dieses Erinnerungszeichen an die „‚fluchwürdige 
Vergangenheit‘ inzwischen entfernt hat. Über die Besprechung zwischen 
den beiden leitenden Ministern habe ich nachträglich die Aehrenthalsche 
und die Iswolskische Version vernommen. Mein erster Eindruck, den die 
Zeit und alles, was ich später hörte und sah, nur bestärkte, ist, daß das for- 
male Recht auf der Seite von Aehrenthal war, der auch schlauer operierte, 
daß aber sein Verhalten nicht ganz „fair‘‘ war, um ein in diesem Fall zutref- 
fendes englisches Wort anzuwenden. Gewiß war es unklug und unbesonnen 
von Iswolski, daß er Aehrenthal, nachdem er ihm sein grundsätzliches Ein- 
verständnis mit der in Aussicht genommenen Annexion ausgesprochen
        <pb n="386" />
        Marginal Wilhelms II. 
datiert Rominten, 6. Oktober 1908, auf einem Schreiben des Fürsten Bülow über das 
Ersuchen des österreichisch-ungarischen Botschafters Szögenyi-Marich um Audienz zur 
Überreichung eines persönlichen Briefes Franz Josefs I. an den Deutschen Kaiser 
(Zu Seite 341) 
Das wir gegen die Annexion nichts thun ist selbstverständlich! Ich bin aber 
persönlich auf das tiefste in meinen Gefühlen als Bundesgenosse verletzt, daß 
ich nicht im Geringsten vorher von S. M. ins Vertrauen gezogen wurde. Die 
1. Nachricht von der bevorstehenden Annexion bekam ich gestern (5*) Abends 
aus Stambul aus türkischer Quelle. Die Polit. Veränderungen in Stambul, 
die als Grund für die Annexion im Briefe S. M. angegeben werden, fanden 
im Juli statt. Es wäre wohl angängig gewesen, wenn am 18. August der 
Botschafter — für mich persönlich — eine streng vertraul. Mittheilung ge- 
macht hätte, daß Etwas dergleichen im Werke sei. So bin ich der Letzte von 
Allen in Europa, der überhaupt Etwas erfahren! Das ist ein netter Dank für 
die Hilfe in der Sandschackbahnfrage, wo wir die ganze Wuth Iswolskis 
monatelang auszuhalten hatten, und für die Huldigung in Wien! Ich beklage 
tief die Form in der die Angelegenheit gestartet wurde. Der lügnerische Heuchler 
Ferdinand und der würdige alte Kaiser die gemeinsam als Spoliatoren der 
Türkei in Bengalischer Beleuchtung auf der Bühne erschienen!! Die Engländer 
werden nun erst Recht behaupten, daß alles von Österreich und uns vorher 
mit Bulgarien — also gegen die Türkei! — arrangirt gewesen sei, und daß 
wir in der Orientbahnfrage eine unsaubere Comödie gespielt haben. Vom 
Türkischen Standpunkt aus betrachtet ergiebt sich die Lage, daß nach 20 Jahren 
Freundespolitik von mir, mein bester Verbündeter der erste ist der das Signal 
zum Auftheilen der Europ. Türkei gegeben hat! Eine angenehme Situation 
für uns in Stambul. Die Griechen werden schäumen bei ihrem grenzenlosen 
Haß gegen Bulgarien und Rußland, die in ihren Augen stets zusammen- 
gehen. Aehrenthal will — wie Ew. D. sagen — die Russen nicht auf dem 
Balkan sehen, dabei stärkt er ihre Avantgarde und Hauptagenten die Bul- 
garen! Angesichts dieser Verhältnisse muß nun aber die elende Marokko- 
affaire zum Abschluß gebracht werden, schnell und endgültig. There is much 
labour lost, das ist der Eindruck, den der vorzügliche Bericht von Vassel mir 
hinterließ. Es ist nichts zu machen, französisch wird es doch; also mit Anstand 
aus der Affaire heraus, damit wir endlich aus den Friktionen mit Frankreich 
herauskommen, jetzt wo große Fragen auf dem Spiele stehen. Wenn der Sultan 
in seiner Noth den Krieg erklärt und in Stambul die Grüne Fahne des Heil. 
Kriegs entrollte, würde ich ihm das nicht sonderlich verdenken, und den 
Christen — falschen Galgenvögeln — auf dem Balkan wäre es gesund!
        <pb n="387" />
        <pb n="388" />
        <pb n="389" />
        seines Allergnädigsten Herrn dem Auswärtigen Amte 
zur alleruntertänigsten Vorlage bei Euerer Kaiser- 
lichen und Königlichen Majestät übergeben. Er hält 
sich der Allerhöchsten Befehle Euerer Kaiserlichen 
und Königlichen Majestät gewärtig und bittet, Euere 
Kaiserliche und Königliche Majestät möchten die 
Gnade haben, ihn sobald als möglich in Audlenz zu 
    
empfangen. 
      
Seiner Majestät ae 
swmn 
“ “
        <pb n="390" />
        <pb n="391" />
        <pb n="392" />
        DIE SERBEN TOBEN 337 
hatte, nicht sofort frug, wann der k. und k. Minister den von ihm ange- 
kündigten Schritt zu unternehmen gedenke. Er mußte auch sogleich darauf 
hinweisen, daß er Zeit brauche, das von den früheren russisch-österreichi- 
schen Abmachungen nichts ahnende russische Publikum und den davon 
auch nicht viel wissenden Zaren auf den österreichischen Schritt vorzu- 
bereiten. Aber Iswolski hat, als Aechrenthal am Abend des 16. September 
von Buchlau nach Wien zurückkehrte, während sein russischer Kollege erst 
am nächsten Morgen das mährische Schloß verließ, sicherlich nicht ange- 
nommen, daß der k. und k. Minister schon nach kaum drei Wochen die 
Welt mit der Annexion von Bosnien und der Herzegowina überraschen 
würde. 
Die vom 5. Oktober 1908 datierte Proklamation des Kaisers Franz 
Josef erschreckte Europa wie ein plötzlicher Donnerschlag. Die Serben 
tobten, der serbische Kronprinz stellte sich an die Spitze der Demon- 
stranten und erklärte, daß er bereit sei, mit allen Serben für die groß- 
serbische Idee zu sterben. Der Belgrader Pöbel brachte den Vertretern von 
Rußland, Frankreich, England und Italien Huldigungen dar und wollte 
auf der österreichischen Gesandtschaft die Fenster einwerfen. In Konstan- 
tinopel wurden unter Ausschreitungen gegen österreichische Staatsange- 
hörige alle österreichischen Waren boykottiert. Die russische Presse nahm 
mit Leidenschaft für die Serben Partei, die mindestens große Kompen- 
sationen von Österreich verlangen müßten. Um die Verwirrung zu steigern, 
erklärte an demselben Tage, wo Kaiser Franz Josef durch ein Hand- 
schreiben an Aehrenthal seine Souveränität auf Bosnien und die Herzego- 
wina erstreckte, Fürst Ferdinand von Bulgarien sein Land als unabhän- 
giges Königreich. Europa war seit vielen Jahren nicht in solcher Erregung, 
in solcher Bewegung gewesen. 
Während ich an meinem Schreibtisch in Norderney angesichts des 
Meeres, das ich, ein Sohn der Niederelbe, von Kindesbeinen an so sehr 
liebte, mit gespannter und begreiflicher Aufmerksamkeit an der Hand der 
sich überstürzenden Telegramme und Berichte die Entwicklung der bos- 
nischen Krisis verfolgte, hatte ich gleichzeitig die Gesetzentwürfe über die 
Brau-, Wein-, Branntwein-, Tabak-, Elektrizitäts-, Gas- und Anzeigen- 
steuer zu prüfen, die mit der Nachlaßsteuer, der Wehrsteuer, dem Erbrecht 
des Staats und der Erbschaftssteuer der Finanznot des Reichs abhelfen 
sollten. In der allgemeinen Begründung der vorgeschlagenen Reichs- 
finanzreform hieß es: „Durch das dauernde Mißverhältnis zwischen Bedarf 
und Deckung ist dem Deutschen Reich eine schwere Schuldenlast auf- 
gebürdet worden. Die immer erneute Ausgabe von Schuldverschreibungen 
und Schatzanweisungen ohne die Aussicht einer Tilgung hat den Kurs- 
stand der Anleihe in einer Weise herabgedrückt, daß der Kredit des Reichs 
22 Bülow II 
Die 
Okkupation 
Bosniens 
von Kaiser 
Franz Josef 
proklamiert
        <pb n="393" />
        Die „Daily- 
Telegraph“- 
Affäre 
338 DAS MANUSKRIPT AUS ROMINTEN 
bereits in Friedenszeiten Einbuße zu erleiden droht... Die Beseitigung 
dieses Mangels ist eine unbedingte Notwendigkeit für die Macht und das 
Ansehen des Reichs und zugleich eine unerläßliche Voraussetzung für die 
gedeihliche Weiterentwicklung der deutschen Volkswirtschaft. Nur durch 
das einmütige und opferwillige Zusammenwirken aller Kreise des Volks 
können die Finanzen des Reichs wieder auf eine dauernd gesicherte Grunud- 
lage gestellt werden.“ Mit welchen Empfindungen erinnere ich mich heute 
meiner Begründung der von mir vorgeschlagenen Reichsfinanzreform, 
heute, wo die damals von mir beklagten Mißstände und vorgeschlagenen 
Steuern so geringfügig, so harmlos und so bescheiden erscheinen! 
Zu der am Horizont aufsteigenden, gewitterschwangeren bosnischen 
Krisis und der finanziell, wirtschaftlich und innerpolitisch schwierigen, ver- 
wickelten und nicht minder wichtigen Aufgabe der Reichsfinanzreform trat 
im Herbst 1908 noch ein ärgerlicher Zwischenfall in Casablanca, der 
den marokkanischen Zwist wieder anzufachen und damit die deutsch- 
französischen Beziehungen auf eine neue Belastungsprobe zu stellen drohte. 
Ich schaffte mir nach dieser Seite Luft, indem ich der französischen Regie- 
rung vorschlug, den ziemlich undurchsichtigen Streitfall, wo jeder recht 
und jeder unrecht hatte, dem Haager Schiedsgericht zu unterbreiten. Aber 
die Vorlagen der Reichsfinanzreform sollten fertiggestellt werden, der bos- 
nische Brandherd durfte sich nicht zum Weltfeuer entwickeln! 
Während ich, mit Arbeit überhäuft, von früh bis spät in die Nacht mich 
diesen schwierigen Materien widmete, erhielt ich aus dem kaiserlichen 
Jagdschloß Rominten von dem Seine Majestät begleitenden Herrn von 
Jenisch ein umfangreiches, mit ganz unleserlicher Schrift auf dünnem und 
schlechtem Durchschlagpapier geschriebenes Manuskript mit einem Brief, 
in dem ich gefragt wurde, ob der von Seiner Majestät gewünschten Publi- 
kation des dem Brief beigeschlossenen Artikels durch ein englisches Blatt 
Bedenken entgegenstünden. Eine seltsame Fügung des Schicksals wollte, 
daß gerade in den Tagen, wo mir aus dem kaiserlichen Hoflager diese 
ominöse Sendung zuging, ein Brief des achtzigjährigen Hinzpeter bei mir 
eintraf, in dem mir der greise Mentor Seiner Majestät schrieb, er lauere seit 
längerer Zeit auf die Gelegenheit, dem Reichskanzler seine Zustimmung und 
sogar seine Bewunderung auszudrücken, „nicht seiner genialen Leitung der 
auswärtigen Politik des Reichs, auch nicht seiner überlegenen Behandlung 
der inneren Parteien, sondern, was mir eher möglich, meiner Bewunderung 
seines pädagogischen Genies, welches sich zeigt in der Entwicklung seines 
kaiserlichen Herrn unter seiner Leitung. Mit freudigem Erstaunen habe ich 
verfolgt, wie die Selbstbeherrschung, diese für den Kaiser schwerste und 
notwendigste Tugend, in Gedanken, Worten und Werken sich allmählich 
in ihm entfaltete. Welcher wohltätige Einfluß dies bewirkt, kann keinem
        <pb n="394" />
        „SORGSAM ZU PRÜFEN“ 339 
Zweifel unterliegen, und ich beuge mich in Ehrfurcht vor dieser Leistung 
des Herrn Reichskanzlers auf einem Gebiete, auf welchem mir die Befähi- 
gung zu einem Urteil nicht wohl bestritten werden kann. Ein hohes Alter 
hat auch seine Privilegien, und wenn man achtzig Jahre alt ist, darf man 
mancherlei sagen, was man vorher für sich behalten mußte.“ Auch der 
langjährige Kenner der kaiserlichen Psyche war nicht bis auf den Grund 
ihrer Unberechenbarkeit gelangt. Während er mir über die von mir damals 
in elfjäbriger Arbeit erzielten pädagogischen Erfolge so freundliche Kom- 
plimente machte, lag auf meinem Schreibtisch das kleine Paket, dessen 
Inhalt mehr als alles bisher Dagewesene die Gedankensprünge, die Vergeß- 
lichkeit und die ganze, mit übertriebenem Betätigungsdrang so seltsam 
verbundene politische Unvernunft Kaiser Wilhelms II. enthüllen sollte. 
Völlig abnungslos, was das Schriftstück enthielt, und bei meiner damaligen 
Überlastung mit dringenden Fragen der Politik nicht in der Lage, das 
Elaborat selbst zu lesen, ließ ich den Brief des Gesandten von Jenisch mit 
Anlage dem Auswärtigen Amt mit nachstehender eigenhändiger und 
bestimmter Weisung zugehen: „Ich bitte, den Artikel sorgsam prüfen, 
den Artikel sodann auf gebrochenem Bogen mit Kanzleihand (oder noch 
besser mit Schreibmaschine) abschreiben und wünschenswerte Korrek- 
turen, Zusätze und Weglassungen (mit derselben Handschrift) am 
Rand eintragen zu lassen. Ferner soll eine Abschrift mit dem verän- 
derten Text zurückbehalten werden für Seine Majestät. Ich bitte um 
strengste Geheimhaltung und möglichste Beschleunigung der Über- 
sendung an mich.“ 
Die beiden Worte „sorgsam“ und „Weglassungen‘“ hatte ich dick 
unterstrichen. 
Nach einigen Tagen gelangte die Piece von seiten des Auswärtigen 
Amts wieder an mich zurück, mit der Meldung, daß sich nur einige gering- 
fügige und unerhebliche Korrekturen empföhlen, die sich auf den Namen des 
nach Fez entsandten deutschen Konsularbeamten und einige ähnliche 
Quisquilien bezogen. Ich übergab das Aktenstück noch einmal dem mich 
als Vertreter des Auswärtigen Amts begleitenden Gesandten von Müller 
mit der ausdrücklichen Weisung, die ganze Angelegenheit nochmals 
gründlich zu prüfen, da mir selbst hierfür in diesen bewegten Tagen die 
erforderliche Zeit nicht zu Gebote stünde. Als mir Herr von Müller am 
nächsten Tage die Pitce zurückreichte, frug ich wiederum und mit Nach- 
druck, ob die Publikation des Artikels auch wirklich ganz unbedenklich 
wäre. Der Gesandte von Müller bejahte mit Emphase meine Trage, 
und ich ermächtigte ihn, die Anfrage aus Rominten zu beantworten. 
Ich ahnte nicht, daß diese Sendung aus dem kaiserlichen Jagdlager 
eine Dynamitbombe war, deren Explosion nicht lange nachher die 
22°
        <pb n="395" />
        Ein Aiten- 
täter in 
Norderney 
340 EIN MYSTERIÖSER VORFALL 
schwierigste innere Krise hervorrufen sollte, der ich während meiner 
Amtszeit zu begegnen hatte. 
Bevor ich zu dieser Krise gelange, will ich noch eines Zwischenfalles 
Erwähnung tun, der sich im Herbst in Norderney abgespielt hatte, der 
schönen friesischen Insel, die ich erst nach meinem Rücktritt wiedersehen 
sollte. Ich pflegte nach dem Abendessen mit meiner F'rau einen Spaziergang 
am Strande zu unternehmen, wo wir um diese Stunde kaum noch Menschen 
begegneten. Meine Frau glaubte zu bemerken, daß ein ihr unbekannter 
Mann uns folgte, und in ihrer rührender Fürsorge für mich wollte sie, um 
mich zu schützen, zwischen dem Mann und mir gehen, was uns Anlaß zu 
Neckereien bot. Ich hatte den kleinen Vorfall schon längst vergessen, als 
ich nach einem kurzen Aufenthalt in Berlin, das ich von Zeit zu Zeit für 
mündliche Rücksprachen und Vorträge regelmäßig aufsuchte, wieder nach 
Norderney zurückgekehrt war. Am Morgen nach meiner Rückkehr meldete 
mir die Polizeibehörde, daß man am Strande die Leiche eines Mannes 
gefunden habe und bei ihm den nachstehenden, auf schmutzigem Papier 
mit Bleistift geschriebenen Brief: „An die Polizei! Sollten Sie mich ster- 
bend finden, so lassen Sie mich ruhig sterben. Ich war des Lebens satt, von 
dem ich nichts mehr zu hoffen hatte. Ich bedaure mein Opfer sehr, aber 
ich konnte nicht anders. Ich mußte mich rächen an irgendeinem schönen 
Weibe, welches ich gern lieben möchte. Es ist aber schon zu spät, da ich 
ohne Mittel bin und keinen anderen Ausweg mehr finde. So sterbe ich mit 
dem Bewußtsein, meine Schuldigkeit getan zu haben. Ich hatte mir eigent- 
lich ein anderes Opfer auserlesen, und zwar den bekannten Wahlrechtsfeind, 
den Fürsten Bülow, welcher das arbeitende Volk bei jeder Gelegenheit 
verhöhnt und beleidigt bat. Nun reichen ja meine Mittel nicht mehr aus, 
um den Fürsten Bülow von Berlin kommend zu erwarten, sonst wäre ihm 
eine Kugel sicher gewesen: dies ist der Grund, welchen ich anfangs erwähnte, 
zu meiner schrecklichen Tat. (Gez.) D. Braun.‘ Weitere polizeiliche Nach- 
forschungen ergaben, daß der Attentäter aus Stuttgart kam und sich dort 
als eifriger Sozialdemokrat geriert und betätigt hatte. In der kleinen Nor- 
derneyer Wirtschaft, wo er abgestiegen war, hatte er sich wiederholt nach 
meinen Gewohnheiten und besonders nach der Art und der Stunde meiner 
Spaziergänge erkundigt. Er hatte geklagt, daß er obne Subsistenzmittel 
sei. Er habe sogar seinen Mantel versetzen müssen, was für ihn als 
Brustkranken bei den stürmischen Winden von Norderney unerträglich 
sei. Der Genosse Braun war in der Tat tuberkulös, was durch die Sektion 
der Leiche festgestellt wurde. Auf seine Erkundigungen war ihm von seinen 
Wirtsleuten gesagt worden, der Reichskanzler sei nach Berlin gefahren, 
und es hieße, daß er nicht so bald nach Norderney zurückkehren würde. 
Die Auskunft war von den Wirtsleuten ohne jede Absicht noch Hinter-
        <pb n="396" />
        WILHELM II. FÜR TOTALEN KURSWECHSEL 341 
gedanken erteilt worden. Daraufhin hatte der Bursche nachts in einer 
menschenleeren Straße auf eine ihm völlig unbekannte Dame geschossen, 
sie nicht unerheblich am Kinn verwundet, dann aber sich selbst durch 
einen wohlgezielten Schuß ins Ohr getötet. Die betreffende Dame, die 
unbescholtene Gattin eines angesehenen Bremer Kaufmanns, bat dringend, 
daß ihr Name nicht der Öffentlichkeit preisgegeben werden möge, da sie 
dadurch Klatschereien und Verleumdungen ausgesetzt sein würde. Ich 
trug diesem Ersuchen um so lieber Rechnung, als es mir ohnehin wider- 
strebte, von dem ganzen Vorfall Aufheben zu machen. Persönliche Furcht 
habe ich nie gekannt. Von Jugend auf war ich von der Wahrheit der herr- 
lichen Worte durchdrungen, die bei Shakespeare auf dem Forum Romanum 
Julius Cäsar zu Calpurnia spricht: 
Von allen Wundern, die ich je gehört, 
Scheint mir das größte, daß sich Menschen fürchten, 
Da sie doch sehn, der Tod, das Schicksal aller, 
Kommt, wann er kommen soll. 
So blieb der ganze Vorfall der Öffentlichkeit verborgen. Als ein Jahr 
vorher galizische Polen in Norderney verhaftet wurden, die zugaben, daß sie 
mit der Absicht gekommen waren, einen Schießversuch auf mich zu unter- 
nehmen, habe ich gleichfalls Weisung gegeben, keinen Lärm zu schlagen, 
sondern die Lumpen stillschweigend über die Grenze abzuschieben. 
Nach Berlin zurückgekchrt, fand ich den Kaiser wegen der Vorgänge 
auf der Balkanhalbinsel in der von mir erwarteten hohen Erregung. Was 
ihn am meisten wurmte, war die den Türken widerfahrene Kränkung, die 
auch nach dem Sturz seines Spezialfreundes, des Sultans Abdul Hamid, 
und sogar nach der Proklamierung einer demokratisch-parlamentarischen 
Verfassung in Konstantinopel seine Lieblinge geblieben waren. Es ärgerte 
ihn auch, daß der ihm persönlich unsympathische König Ferdinand von Bul- 
garien sich erkühnt hatte, ohne vorherige Rückfrage bei ihm sich das 
Prädikat Majestät anzumaßen. 
In stürmischem Redefluß machte mir der Kaiser bei einem langen 
Spaziergang im Garten des Reichskanzlerpalais, wo so manche Diskussion 
zwischen ihm und mir stattgefunden hatte, den Vorschlag eines totalen 
Kurswechsels. Wir müßten in Wien die sofortige Zurücknahme der An- 
nexions-Proklamation des Kaisers Franz Josef und den gleichzeitigen 
Rücktritt des Ministers Aehrenthal verlangen. Dem dreisten Bulgaren 
dürfe die Anerkennung der von ihm usurpierten Majestät nun und nimmer 
gewährt werden. Ich erwiderte, daß ich die österreichische Allianz nie 
überschätzt hätte und auch jetzt nicht überschätze. Ich wisse auch, 
daß Fürst Ferdinand ein vielgewandter Odysseus sei. Aber darum 
Der Kaiser 
im Reichs- 
kanzler- 
Palais
        <pb n="397" />
        Thronrede im 
Preußischen 
Landtag 
342 DER WEICHENSTELLER 
brauchten wir Österreich-Ungarn noch nicht mit einem Fußtritt direkt in 
das Lager unserer Feinde zu treiben — und die Bulgaren auch nicht. Wir 
dürften dies um so weniger, als die habsburgische Monarchie in der bos- 
nischen Frage nicht nur das Vertragsrecht für sich habe, sondern auch in 
dem im Juni von Iswolski an Aehrenthal gerichteten Schreiben für alle 
Fälle eine sehr starke diplomatische Waffe besitze. Zum Krieg würde ich es 
ganz gewiß nicht kommen lassen. Ich wäre nicht gewillt, den Österreichern 
ein militärisches Vorgehen gegen Serbien oder gar gegen Rußland, natürlich 
auch nicht gegen Italien, zu erlauben. Ich würde Österreich nicht preisgeben, 
mich aber noch weniger von Österreich in einen europäischen Krieg hinein- 
ziehen lassen. Der Kaiser könne sich auf mich als Weichensteller verlassen. 
Ich traute mir das Geschick und die Kraft zu, die Weiche so zu stellen, daß 
der österreichische und der russische Zug nicht karambolieren würden. Das 
große Vorbild, nach dem wir uns zu richten hätten, sei die Bismarcksche 
Taktik während früherer Balkankrisen. Das Problem liege so: Wir dürften 
Österreich-Ungarn mit seinen fünfzig Millionen Einwohnern, seiner starken 
und braven Armee nicht verlieren, uns aber auch nicht von Österreich in 
kriegerische Konflikte hineinziehen lassen, die sich nach meiner Überzeu- 
gung schwer lokalisieren lassen würden und zu einem allgemeinen Krieg 
führen könnten, an dem wir gar kein Interesse hätten. Ich könne mir nicht 
im voraus die kaiserliche Erlaubois für jeden Schachzug erbitten, den ich 
zu tun gedächte. Ich könne Seiner Majestät nicht einmal sagen, wie ich im 
einzelnen zu operieren beabsichtige. Aber ich glaubte bestimmt, daß wir gut 
durchkommen würden. Wir würden nach meiner Meinung mit verstärktem 
Ansehen aus dieser diplomatischen Kampagne hervorgehen. 
Mein Einfluß auf Wilhelm II. war damals noch so stark, daß ich ihn 
nach einer anderthalbstündigen Unterredung völlig umgedreht hatte. Er 
überließ die weitere Behandlung der bosnischen Krise vertrauensvoll 
meiner Einsicht. Er genehmigte sogar an demselben Vormittag den ihm von 
mir vorgetragenen Entwurf der Thronrede, mit der am 20. Oktober der 
Landtag der preußischen Monarchie eröffnet werden sollte und deren Ein- 
gang ich wie folgt gefaßt hatte: „Ein Jahrhundert ist verronnen, seit Mein 
in Gott ruhender Vorfahr weiland König Friedrich Wilhelm III. durch 
Erlaß der Städteordnung die Bürger Preußens zur Teilnahme an der Ver- 
waltung des städtischen Gemeinwesens berief. Mit dem Erlaß der Ver- 
fassung ist die Nation in die Mitarbeit auch an den Geschäften des Staats 
eingetreten. Es ist Mein Wille, daß die auf ihrer Grundlage erlassenen Vor- 
schriften über das Wahlrecht zum Hause der Abgeordneten eine organische 
Fortentwicklung erfahren, welche der wirtschaftlichen Entwicklung, der 
Ausbreitung der Bildung und des politischen Verständnisses sowie der 
Erstarkung staatlichen Verantwortungsgefühls entspricht. Ich erblicke
        <pb n="398" />
        WAHLRECHTSREFORM IN PREUSSEN 343 
darin eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart.‘ Der Kaiser sprach 
mir proprio motu den Wunsch aus, diese bedeutsame Thronrede selbst zu 
verlesen. Er wollte keinen Zweifel darüber lassen, daß er wie ich eine Reform 
des preußischen Wahlrechts im Interesse nicht allein des Landes, sondern 
auch der Krone für wünschenswert und notwendig hielte. Ich sah natürlich 
voraus, daß die Ankündigung der Thronrede die Konservativen erregen 
würde, die sich bisher im Preußischen Abgeordnetenhaus gerade so als die 
Herren fühlten, wie sich unter demselben Wahlrecht fünfundvierzig Jahre 
früher die Fortschrittler als omnipotent betrachtet hatten. „Plus cela 
change, plus c’est la möme chose““, heißt es in einem französischen Vaude- 
ville. Ich hoffte aber damals, daß die Konservativen mehr Staatssinn und 
eine größere politische Einsicht an den Tag legen würden, als dies in der 
ersten Hälfte der sechziger Jahre ihre politischen Antipoden getan hatten. 
Ich hoffte, daß die Konservativen die preußische Staatsräson höher stellen 
würden als ihr noch dazu falsch verstandenes Parteiinteresse. Mit sorgen- 
voller Miene bei mir eingetreten, verließ mich der Kaiser in heiterer Stim- 
mung mit den Worten: „Also ich kann in aller Ruhe meinen guten Auwi 
mit seiner von ihm so sehr geliebten Alix verheiraten und selbst nach 
Wernigerode fahren und dort Hirsche schießen.‘ Auwi wurde in der Familie 
Seiner Majestät der vierte Sohn des Kaisers, Prinz August Wilhelm, 
genannt. Liebenswürdig, wohlerzogen, etwas weich, geistig nicht unbegabt, 
mit künstlerischen Neigungen, erschien er dem Vater besser für die Zivil- 
karriere geeignet als für das rauhe Handwerk der Waffen. Nachdem er sein 
Referendarexamen abgelegt hatte, sollte er nach der Auffassung Seiner 
Majestät Landrat, Regierungspräsident, Oberpräsident in Preußen und 
schließlich Statthalter der Reichslande werden. Prinz August Wilhelm 
hatte sich mit seiner hübschen Base Alix verlobt, der zweiten Tochter des 
Herzogs Friedrich Ferdinand von Glücksburg und der Prinzessin Karoline 
Mathilde von Augustenburg. Die letztere war die älteste Schwester der 
Kaiserin und ebenso gut und verständig wie diese. Selten wurde eine Ehe 
unter anscheinend glücklicheren Auspizien geschlossen als die Verbindung 
zwischen Alix und Auwi.' 
Bei der Hochzeitstafel am 22. Oktober 1908 hielt Kaiser Wilhelm II. 
eine gefühlvolle Rede, in der er seine liebe Alix, die Tochter des meer- 
umschlungenen Landes, feierte, die er mit offenen Armen aufnehme, 
denn sie würde ihrer Tante und Schwiegermutter, der Kaiserin, ein treue 
Helferin sein in allen Werken barmherziger Liebe. Er lobte seinen Sohn 
für sein kurz vorher rühmlich abgelegtes Examen, durch das er seinem 
Hause Ehre gemacht hätte und das ihm für seine Zivillaufbahn den Weg 
geöffnet habe. Die gute Kaiserin, der nichts höher stand als die ganz ehrbare, 
die legitime und dabei doch recht innige, recht zärtliche Liebe, die Liebe,
        <pb n="399" />
        344 AUWIS HOCHZEIT 
die Hermann und Dorothea zueinanderführt und noch Philemon und 
Baucis verbindet, schwamm in Wonne. Quo promcessa cadunt et somnia 
Pythagorea! Gerade diese Verbindung sollte zwölf Jahre später mit einem 
grellen Mißklang endigen, mit einer Scheidung, die unserer armen, durch 
den Umsturz schon so schwer getroffenen Kaiserin die letzten Lebensjahre 
noch mehr verbitterte. Ein langes und ereignisreiches Jahrzebnt trennte 
unser Kaiserpaar damals noch von jenen tragischen Ereignissen, die seinen 
Lebensabend verdüstern sollten.
        <pb n="400" />
        XXI KAPITEL 
Tagung der Interparlamentarischen Konferenz in Berlin » Die Enthüllung der Bismarck- 
Büste in der Walhalla bei Regensburg + Das Reich und Bayern » Das Wolffsche Tele- 
graphenbüro verbreitet olıne vorherige Anfrage den Artikel des „Daily-Telegraph“ 
über die politischen Gespräche Wilhelms II. in England (29.X. 1908) - Bülows Immediat- 
bericht an Wilhelm II. + Verlautbarung der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ 
Bülows Unterredung mit Wilhelm II. . Die an der Veröffentlichung schuldigen Benmten 
n den Herbst 1908 fielen zwei Vorgänge, die, an und für sich nicht von 
besonderer Bedeutung, doch einerseits auf unsere internationale Stellung 
ein freundliches Licht warfen und andererseits förderlich waren für die 
sicheren und guten Beziehungen unter den Bundesstaaten, auf denen das 
von Bismarck geschaffene Reich sicher ruhte. Vom 17. bis zum 19. Sep- 
tember tagte die Interparlamentarische Konferenz in Berlin, zu der 
Parlamentarier aus allen Ländern erschienen waren. Es war das Verdienst 
des trefflicheu freisinnigen Reichstagsabgeordneten Eickhoff, daß sich die 
Interparlamentarische Konferenz entschlossen hatte, sich in der deutschen 
Reichshauptstadt zu versammeln. Ich war mir darüber nicht im unklaren, 
daß die Träume und Illusionen mancher und insbesondere deutscher 
Pazifisten realpolitisch ebenso töricht und unter Umständen ebenso 
bedenklich waren wie die Drohungen und Prahlereien der Alldeutschen. Ich 
habe auch die Bedeutung solcher Kongresse nie tiberschätzt. Aber ein Zu- 
sammentreffen gerade in Berlin bot Gelegenheit, manche Vorurteile gegen 
Deutschland zu zerstreuen, manche falsche Auffassung und schiefe Beur- 
teilung deutscher Verhältnisse zu widerlegen. Das war nützlich und sogar 
erforderlich, gerade wo es sich um deutsche Zustände handelte, die von 
unserer linksstehenden Presse nur zu oft s0 schief und verzerrt geschildert 
wurden, daß das Ausland ein ganz falsches Bild von dem großen Staat und 
dem blühenden Reich in Europas Mitte erhielt. Der Deutsche hat zwar ein 
altes Sprichwort, das lautet: Ein schmutziger Vogel, der sein eigenes Nest 
beschmutzt. Aber gegen dieses Sprichwort ist leider in keinem Lande der 
Welt so blind gefrevelt worden wie in dem alten glücklichen Deutschland 
der Vorkriegszeit. 
Namentlich Franzosen und Engländer waren 1908 in beträchtlicher Zahl 
zum Kongreß nach Berlin gekommen, dem damals noch so glänzenden und 
Rede zur Kr- 
öffnung der 
Interparla- 
mentarischen 
Konferenz
        <pb n="401" />
        346 BERLIN ALS MITTELPUNKT 
noch 30 schönen Berlin, das auch äußerlich Jdie bestgehaltene aller Städte 
war. „Berlin est propre comme un salon“, pflegte Donna Laura Minghetti 
zu sagen, die Rom und Paris, London und Wien gleich gut kannte. Berlin 
gefiel nicht nur unseren Gästen, sondern erweckte bei denen, die es noch 
nicht kannten, Überraschung, Staunen und Bewunderung. Das Berlin der 
Kaiserzeit mit seinem gewaltig pulsierenden Leben und seiner musterhaften 
Ordnung, das größte Industriezentrum des Kontinents und dabei Residenz 
mit einem glänzenden Hofe und einer prachtvollen Armee, konnte sich sehen 
lassen. Und was den tieferblickenden Besucher noch mehr zum Nachdenken 
anregen, ihm in noch höherem Grade Zustimmung und Beifall abgewinnen 
mußte, war die günstige Lage der arbeitenden Klassen wie des Mittel- 
standes, die Entwicklung der sozialen Fürsorge bei uns, wie sie ähnlich in 
keinem anderen Lande auch nur annähernd erreicht worden war. Es war 
um diese Zeit, daß eine Deputation englischer Arbeiter, nachdem sie die 
deutschen sozialen Einrichtungen studiert, die deutschen Arbeiter- 
verhältnisse geprüft hatte, einen deutschen Genossen mit dem unbefan- 
genen und vorurteilslosen Blick des Engländers frug: „Wofür agitiert ihr 
eigentlich noch, ihr habt ja schon alles erreicht.“ 
Bei der Eröffnung der Interparlamentarischen Konferenz hielt ich eine 
Rede, in der ich mich gegen den Skeptizismus wandte, mit dem die Bestrc- 
bungen der interparlamentarischen Zusammenkünfte hier und da behandelt 
worden waren. „Sie haben mehr erreicht, als anfangs angenommen worden 
war“, rief ich den Teilnehmern an der Interparlamentarischen Konferenz 
zu, „und Ihr Erfolg hat von Jahr zu Jahr zugenommen.“ Ich berief mich 
auf das Zeugnis des Nestors der interparlamentarischen Kongresse, des ehr- 
würdigen Frederic Passy, den ich bei dieser Tagung der Interparlamen- 
tarischen Konferenz ebenso jugendlich, feurig und hochherzig wiedergetrof- 
fen habe, wie ich ihn fünfundzwanzig Jahre früher in Paris verlassen hatte. 
Ich erinnerte auch daran, daß Deutschland auf der Zweiten Haager Kon- 
ferenz ein auf das Schiedsgericht bezügliches Abkommen vorgeschlagen 
und unterzeichnet und den Entwurf unterstützt hätte, der auf die Er- 
reichung eines dauernden Schiedsgerichtshofes hinziele, dessen Annahme 
den Mächten in einem Schlußprotokoll der Konferenz empfohlen wurde. 
Deutschland habe in verschiedenen Verträgen von dem Schiedsgerichts- 
verfahren Gebrauch gemacht. Wir hätten in eine große Zahl von Handels- 
verträgen die Schiedsgerichtsklausel obligatorisch oder mindestens fakul- 
tativ eingefügt. Wir würden an der Konferenz der Seemächte teilnehmen, 
die in einigen Wochen in London stattfinden solle. Unsere Mitwirkung sei 
im voraus für alle Vorschläge gewonnen, die mit dem Interesse der recht- 
mäßigen Verteidigung wie mit den unverjährbaren Gesetzen der Mensch- 
lichkeit vereinbar wären. Ein schlagender Beweis für das Interesse, das
        <pb n="402" />
        VÖLKERVERSÖHNUNG 347 
Deutschland an diesem \Werke der Vülkerverständigung und Völker- 
versöhnung nehme, sei die wachsende Zahl der deutschen Abgeordneten, 
die an der Interparlamentarischen Vereinigung teilnehmen wollten. Ich 
wandte mich gegen die Auffassung, als ob Friedensliebe Mangel an Vater- 
landsliebe bedeute. „Es sind Patrioten“, führte ich aus, „die sich bemühen, 
Konflikten vorzubeugen durch Bekämpfung der immer schädlichen Un- 
wissenheit, ungesunder Ranküne, des oft blinden Hasses, der nicht selten 
trügerischen Ambitionen.“ Ich schloß mit den Worten: „Eine schon ziem- 
lich lange Erfahrung hat mir bewiesen: um Mißverständnisse zu zerstreuen, 
ist nichts so geeignet, als sich durch Anknüpfung persönlicher Beziehungen 
kennenzulernen. Ich weiß mich mit meinen Landsleuten einig, indem ich 
Ihnen sage: Mögen Ihre Arbeiten fruchtbar sein, mögen sie nutzbringend 
sein für alle Völker, deren Vertreter uns die große Freude und die große 
Ehre erwiesen haben, nach Berlin zu kommen.“ Meine Rede wurde mehr- 
fach durch lebhaften Beifall unterbrochen, der Schluß mit allgemeinem 
Händeklatschen aufgenommen. Ich hatte mich, dem Beispiel des Fürsten 
Bismarck folgend, der französischen Sprache bedient, die mein großer Amts- 
vorgänger bei allen internationalen Zusammenkünften, insbesondere beim 
Berliner Kongreß, als Verhandlungssprache gebrauchte. Ich bin von 
Jugend auf des Französischen in Schrift und Wort ebenso mächtig gewesen 
wie des Deutschen, was ich für kein Unglück halte. Daß mein deutscher 
Patriotismus darunter nicht gelitten hat, konnte ich in einem langen Leben 
hinreichend beweisen. Zwei Sprachen zu beherzschen, veredelt den Stil 
und klärt die Gedanken. Das oft zitierte Wort von Bismarck, Sprachtalent 
sei eine schöne Sache für einen Oberkellner, war, wenn es überhaupt 
gefallen ist, natürlich eine Boutade. Ich möchte eber sagen, daß, wer sich 
in mehr als einer Sprache ausdrücken kann, dem Manne gleicht, der aus 
mehr als einem Fenster seines Hauses ins Freie zu blicken vermag. Der 
Beifall der Franzosen war besonders lebhaft. Der Franzose, wie alle 
Romanen ein geborener Redner, wird durch Erziehung und Tradition mehr 
als der Durchschnittsdeutsche auf die Wichtigkeit der Form hingewiesen, 
auf die schon von Aeschines und Demosthenes, von Quintilian und Cicero 
eingeschärfte Wahrheit, daß dem Redner Pathos wie Geschmack zu Gebote 
stehen müssen, daß Geist und Witz eine Rede nicht verunzieren, daß, wie 
ich schon einmal hervorhob, der Vortrag trotz allem, was der griesgrämige 
und sich mit Selbstmordgedanken tragende Faust dagegen vorbringt, nicht 
nur des Redners Glück macht, sondern auch seinen Worten erst die wahre 
Wirkung auf die Zuhörer gibt. 
Am 18. Oktober 1908, dem Jahrestag der Schlacht bei Leipzig und dem Bismarck- 
Geburtstag unseres herrlichen Kaisers Friedrich, sollte die Aufstellung der feier in der 
Büste des Fürsten Bismarck in der Walhalla bei Regensburg erfolgen. Ich Walhalla
        <pb n="403" />
        348 BULOW ÜBER FÖDERATIVE GRUNDLAGEN DES REICHS 
hatte die Einladung zu dieser Feier gern angenommen, da ich grundsätzlich 
jede Gelegenheit begrüßte, die Beziehungen gerade zwischen Berlin und 
München zu festigen und zu fördern. Ich hatte nicht vergessen, daß Fürst 
Bismarck einst vor mir äußerte: „Wenn unsere Feinde wieder versuchen 
sollten, Deutschland aus den Fugen zu treiben, so werden sie den Hebel in 
München ansetzen.‘ Ich stelle mit besonderer Genugtuung fest, daß wäh- 
rend meiner Amtszeit vom ersten bis zum letzten Tag zwischen dem Reich 
und Bayern die besten, die vertrauensvollsten und sichersten Beziehungen 
bestanden haben, daß das Verhältnis zwischen dem leitenden Staat nörd- 
lich des Mains und dem zweitgrößten Bundesstaat im Süden unter mir nie 
die leiseste Trübung erfuhr. Dieser meiner festgewurzelten Überzeugung 
von dem föderativen Fundament des Reichs, auf dem der Genius des Für- 
sten Bismarck wie auf einem Rocher de bronze den Einheitsgedanken 
stabiliert hatte, gab ich in der Rede Ausdruck, die ich am 18. Oktober 1908 
in der Walhalla bei Regensburg hielt. Der Enkel des großen Mannes, dessen 
Büste enthüllt werden sollte, war zu der Feier erschienen, ein zarter Knabe, 
der in seinem Äußern mehr an seine österreichisch-englische, immer krän- 
kelude Mutter als an den starken Vater oder gar an die Riesengestalt des 
Großvaters erinnerte. Als der Festakt begann, bat ich den jugendlichen 
Träger des großen Namens, dem die Feier galt, sich neben mich zu stellen. 
Der bayrische Ministerpräsident, mein alter und lieber Freund Podewils, 
begrüßte mich in einer formvollendeten, ausgesprochen reichstreuen und 
mit edlem Schwung vorgetragenen Rede. In meiner Antwort formulierte 
ich meine Überzeugung über das wünschenswerte Verhältnis zwischen dem 
Reich und den Bundesstaaten, Preußen und Bayern in programmatischer 
Form dahin: „Kein Kanzler des Deutschen Reichs wird sich jemals von den 
Bahnen entfernen dürfen, die in dieser Beziehung Fürst Bismarck vorge- 
schrieben hat. Und mir persönlich ist es ein Bedürfnis, Zeugnis dafür abzu- 
legen, daß ich die Achtung vor den Rechten der deutschen Fürstenhäuser 
als gleichbedeutend betrachte mit der Achtung vor den föderativen Grund- 
lagen des Reichs.‘‘ Während ich sprach, brach der zehnjährige Fürst Otto 
Bismarck plötzlich mit einem lauten Schrei zusammen und mußte hinaus- 
getragen werden. Nachdem festgestellt worden war, daß es sich nur um 
einen vorübergehenden, jedenfalls nicht lebensgefährlichen Schwächeanfall 
handle, setzte ich meine Rede fort, in der ich die Verdienste des Bayern- 
königs Ludwig I. um die Belebung und Hebung des deutschen National- 
gefübls und die Förderung deutscher Kultur rühmte und die mit den 
Worten schloß: „Die deutschen Dynastien und die deutschen Stämme, 
durch gleiche Vaterlandsliebe und gemeinsame nationale Gesinnung in 
unlöslicher Einheit miteinander verbunden, sie können sicher sein, daß die 
Ansprüche der Gesamtheit niemals das Opfer ihrer Eigenart verlangen,
        <pb n="404" />
        DIE RUHMESHALLE 349 
mit deren Verschwinden das Deutsche Reich um ein wesentliches Gut ver- 
armen würde, jene Eigenart, die sich erst recht zu entfalten vermag im 
Schirm und Frieden des Deutschen Reichs, wie es der Dichter besingt: 
Eine nach außen, schwertgewaltig 
Um ein hoch Panier geschart, 
Doch im Innern vielgestaltig, 
Jeder Stamm nach seiner Art. 
Als ich meine Rede beendet hatte, traten wir aus der majestätischen 
Ruhmeshalle heraus, wo Heinrich der Finkler zu Kaiser Wilhelm I., 
Friedrich Barbarossa zu Friedrich dem Einzigen von Preußen, Ulrich von 
Hutten zum Reichsfreiherrn vom Stein, Georg von Frundsberg zu Gerhard 
Lebrecht von Blücher hinüberschaut, wo die weißen Marmorbüsten von 
Johann Sebastian Bach und Richard Wagner, von Dr. Martin Luther und 
Immanuel Kant, von Goethe und Albrecht Dürer nebeneinander stehen, 
wo alles an die Mannigfaltigkeit und Großartigkeit unserer Geschichte er- 
innert und den Deutschen, der sich ihrer inneren Einheit bewußt ist, zu 
Vaterlandsliebe und damit zur Einigkeit mahnt. In der schönen Oktober- 
sonne lag die herrliche Landschaft, die fruchtbare Ebene vor mir: der 
größte deutsche Strom, der das Schiff der Nibelungen trug und noch immer 
deutsche Güter und deutsche Menschen vom Schwarzwald bis zur Dobru- 
dscha und dem Pontus Euxinus führt, die alte Stadt Regensburg, der Barbara 
Blomberg, die schöne Mutter von Don Juan d’Austria, entsproß, die Stadt, 
die Blüte und Reichtum des von starken Händen geleiteten alten Reichs, 
aber später auch jämmerlichen Verfall und so viel Kleinlichkeit und Elend 
sah, das fruchtbare Land bis zu den fernen, wie dämmernde Schatten auf- 
steigenden bayrischen Alpen. Hier wurde mir von dem Ministerpräsidenten 
Podewils sein Kabinettschef, der Legationsrat und königlich bayrische 
Kämmerer Franz Xaver von Stockhammern vorgestellt als der ausge- 
zeichnete Beamte, der ihm nicht nur in seinem schwierigen Amte und in oft 
angefochtener Stellung die beste Stütze sei, sondern der auch das Haupt- 
verdienst an dem Gelingen des schönen Walhallafestes habe. Ich wußte 
nicht, daß ich an diesem Tage einen Mann kennenlernte, der mir, als ich 
ihm sechs Jahre später in Rom wiederbegegnete, ein Freund für das Leben 
werden sollte. Herr von Stockhammern ist der Sohn eines tapferen, im 
Deutsch-Französischen Krieg von 1870 wohlbewährten Generals, dessen 
Familie zweihundert Jahre früher aus dem Erzstift Salzburg nach Bayern 
übergesiedelt war. Seine durch Verstandesschärfe und Willenskraft aus- 
gezeichnete Mutter entstammte dem alten Ulmer Geschlecht der Kraft 
von Delmensingen, dessen Wilhelm Hauff in seinem „Lichtenstein“ Er- 
wähnung tut, aus dem der Baumeister des Ulmer Doms hervorging und das
        <pb n="405" />
        Der Ausbruch 
der Krise 
350 VOR DER GRELLEN DISSONANZ 
im Weltkrieg dem deutschen Heer einen seiner besten Führer stellte. Franz 
Stockhammern war in Augsburg bei den Benediktinern erzogen worden, 
dem edlen Orden, dessen Bienenfleiß schon das Mittelalter rühmte und 
dessen wahre Menschlichkeit und innerliche Bescheidenheit sich in der 
herrlichen Regel seines Stifters ausprägt: „Spernere mundum, neminem 
spernere, spernere sperni, spernere se ipsum“. Nach dem Vorbild und unter 
der Leitung der Benediktiner von St. Stefan hatte Stockhammern schon 
als Knabe sich die italienische Sprache so gründlich angeeignet, daß er sie 
fast wie seine Muttersprache sprach und schrieb. Ein längerer Aufenthalt 
in Spanien in einem dortigen Benediktinerkloster bot ihm die Gelegenheit, 
sich auch mit der spanischen Sprache und der reichen spanischen Literatur 
vertraut zu machen. Wiederholte Reisen nach Rom, wo er Vorlesungen an 
der Universitas Gregoriana hörte, machten aus ihm einen gründlichen 
Latinisten, d. h. einen Mann, der das Lateinische spricht und schreibt, wie 
man eine moderne Sprache spricht und schreibt, eine Fähigkeit, die in 
Italien noch ziemlich verbreitet, in Deutschland selten geworden ist. Mit 
so vielseitigen Kenntnissen, einem eisernen Fleiß und unermüdlicher Wiß- 
begierde verbindet Stockhammern den lautersten, zuverlässigsten Charak- 
ter, eine idealistische Weltanschauung mit praktischem Sinn. Ein treuer, ja 
schwärmerischer Sohn der katholischen Kirche, aber ohne jede Engherzig- 
keit oder Intoleranz, Bayer bis in die Fingerspitzen und dabei ein glühender 
deutscher Patriot, vereinigt Stockhammern diejenigen Eigenschaften, 
deren unser Volk bedarf, wenn es sich aus der Not und dem Elend der Gegen- 
wart wieder erheben soll. Franz Xaver von Stockhammern gehört mit 
Friedrich Wilhelm von Loebell zu den wenigen, allzuwenigen wirklich 
guten Menschen, mit denen mich das Schicksal zusammengeführt hat. 
In Regensburg schloß sich an den Festakt in der Walhalla ein Frühstück 
im Ratsstübl, bei dem es echt bayrische Weißwürstl und ausgezeichnetes 
Franziskaner-Bräu gab, dem ich ausnahmsweise, aber mit Vergnügen zu- 
sprach. Im Ratbause, wo hundertdreiundvierzig Jahre der Deutsche 
Reichstag tagte, mußte ich zum zweitenmal das Wort ergreifen und zum 
drittenmal abends bei dem Festessen im Regierungsgebäude. Der Regens- 
burger Tag, der mit einer freundlichen Huldigung schloß, die mir von einer 
großen Menschenmenge am Bahnhof dargebracht wurde, war ein letzter 
harmonischer Klang vor der grellen Dissonanz der „Daily-Telegraph“- 
Affäre. 
Als ich wieder in Berlin eintraf, fand ich einen Brief des Gesandten 
von Jenisch vor, in dem er mir meldete, daß die Begegnung zwischen dem 
Kaiser und dem österreichischen Thronfolger, die auf einer der vielen 
Herbstreisen des Kaisers stattgefunden hatte, diesmal einen besonders 
herzlichen Verlauf genommen habe. Das Verhältnis zwischen den beiden
        <pb n="406" />
        DIE WOLFFSCHE DEPESCHE 351 
hohen Herren sei jetzt rückhaltlos gut geworden, was nach der Überzeugung 
Seiner Majestät des Kaisers Wilhelm bei dem hohen Alter des Kaisers 
Franz Josef eine große Garantie für die Zukunft sei. Zur lebhaftesten 
Freude Seiner Majestät habe der Erzherzog den Kaiser zu Hirschjagden 
eingeladen. Der Besuch des Kaisers in den österreichischen Jagdgründen 
solle mehrere Tage dauern, dann werde Seine Majestät auf wenigstens eine 
Woche zu seinem besten Freunde, dem Fürsten Max Egon Fürstenberg, 
nach Donaueschingen fahren, worauf er sich fast noch mehr freue als auf 
das Zusammensein mit dem österreichischen Thronfolger. Man spreche von 
glänzenden Vorbereitungen, die der Schloßherr von Donaueschingen treffe, 
um Seine Majestät den Kaiser nicht nur in großartiger Weise zu empfangen, 
sondern um ihm auch den Besuch in dem Fürstenbergischen Stammschloß 
50 kurzweilig wie möglich zu gestalten. Die Allerhöchste Atmosphäre war 
wieder einmal in die Farbe der rosenfingrigen Eos getaucht. 
Die ersten Tage nach meiner Rückkehr von Regensburg nach Berlin 
verliefen in Rücksprachen wegen der Reichsfinanzreform, in Unterredungen 
mit den fremden Botschaftern über die bosnische Krisis und in meist recht 
mühsamen Besprechungen mit den Führern der Blockparteien. Mein 
Freund Albert Ballin sagte mir einmal, Journalisten von Entgleisungen und 
Seitensprüngen ab- und auf einer richtigen Linie zu halten, sei schwieriger, 
als einen Schwarm von Flöhen wieder einzufangen nach der Öffnung des 
Sacks, in dem sie eingesperrt waren. Die Aufgabe, Liberale und Konserva- 
tive zusammenzuhalten, war bei der deutschen Eigenbrötelei und Recht- 
haberei nicht minder mühsam. Immer wieder fiel mir das böse Wort von 
Goethe über uns Deutsche ein: „Im einzelnen achtungswert, im ganzen 
miserabel.“ 
Am 29. Oktober trat ich wie jeden Morgen an meinen großen Schreib- 
tisch, den mir dreißig Jahre früher ein wackerer Tischler im Faubourg 
Saint-Antoine, dem alten Sitz Pariser Kunstfertigkeit, mit Pariser Ge- 
schmack und Sorgfalt angefertigt hatte und der mich von der Seine an die 
Newa, von dort an den Tiber und schließlich zur Spree begleitete. Unter den 
zahlreichen Eingängen, die den Schreibtisch bedeckten, an dem ich so viele 
Berichte gelesen und viele Briefe und Erlasse geschrieben habe, erblickte 
ich eine lange Londoner Depesche des Wolffschen Telegraphenbüros. Mit 
gewohnter Ruhe griff ich nach ihr. Aber mein Gleichmut verwandelte sich 
in maßloses Erstaunen, als ich las. Die Wolffsche Depesche war das Resumee 
eines Artikels des Londoner „Daily Telegraph‘ über eine Unterredung mit 
dem Deutschen Kaiser, die kürzlich stattgefunden hätte, eines Berichts, der 
nach der Versicherung des englischen Blattes einer unantastbaren Autorität 
entstamme. Der Artikel enthielt eine Reihe wenig glücklicher Äußerungen, 
z. B. die wehleidige Bemerkung, daß der Kaiser die falsche Auslegung und
        <pb n="407" />
        352 DER ARTIKEI DES „DAILY TELEGRAPR“ 
Verdrehung seiner wiederholten Freundschaftsanerbieten an die Engländer 
durch einen Teil der englischen Presse als persönliche Kränkung empfinde. 
Eine solche Haltung der englischen Presse mache seine ohnehin nicht leichte 
Aufgabe als Herrscher zu einer unsäglich schwierigen. Bedenklicher und gar 
zu naiv war das Eingeständnis des Kaisers, daß die in weiten Kreisen der 
mittleren und unteren Klassen des deutschen Volks gegenüber England 
herrschende Gesinnung keineswegs eine freundschaftliche für England 
sei. Er spreche nur im Namen der Minorität in seinem eigenen Lande, 
aber es sei eine Minorität aus den besten Elementen, wie dies auch in Eng- 
land mit Bezug auf Deutschland der Fall sei. Das sei ein weiterer Grund, 
weshalb es der Kaiser sehr übel vermerke, daß die Engländer sich weigerten, 
sein verpfändetes Wort, Er sei der beste Freund Englands, gläubig hinzu- 
nehmen. Er strebe trotzdem nach wie vor unablässig danach, die Bezie- 
hungen zu England zu verbessern. 
Nun folgten die drei Horrenda: 1. Der Kaiser habe die Aufforderung der 
russischen und der französischen Regierung, sich mit ihnen zu vereinigen, 
um die Burenrepubliken zu retten und England „bis in den Staub zu 
demütigen“, nicht nur mit dem Hinweis darauf abgewiesen, daß Deutsch- 
land es niemals aufeinen Streit mit einer Seemacht wie England ankommen 
lassen könne, sondern er habe den genauen Wortlaut der vertraulichen 
französischen und russischen Noten und seine Antwort auf die besagten 
Noten der Königin von England sofort mitgeteilt, die diese Schriftstücke 
in den Archiven von Windsor Castle deponiert habe. 2. Er habe im De- 
zember 1899, in der für England düstersten Periode des Südafrikanischen 
Krieges, nicht allein seiner Großmama seine tiefe und herzliche Teilnahme 
ausgedrückt, sondern er habe durch einen deutschen Offizier einen ganz 
genauen Bericht über die Zahl der Kämpfenden auf beiden Seiten und über 
die Stellung der in Südafrika einander gegenüberstehenden Streitkräfte 
aufsetzen lassen. Nach diesen Plänen habe der Kaiser den nach seiner An- 
sicht besten Feldzugsplan für die Engländer ausgearbeitet, diesen seinen 
Plan von dem deutschen Generalstab revidieren lassen und ihn dann nach 
England geschickt, wo sich derselbe gleichfalls unter den Staatspapieren 
in Windsor Castle befinde. Es sei „ein merkwürdiges Zusammentreffen“, 
daß der vom Kaiser ausgearbeitete Plan demjenigen sehr nahekomme, der 
wirklich von Lord Roberts angenommen und von ihm glücklich ausgeführt 
worden wäre. Mit anderen Worten: Eigentlich habe nicht Lord Roberts, 
wie bisher angenommen wurde, sondern Wilhelm II. die Buren besiegt und 
vernichtet. 3. Deutschland baue seine Flotte gar nicht gegen England, 
sondern für den Fernen Osten und den Stillen Ozean. Das war natürlich auf 
die Japaner gemünzt, denen angekündigt wurde, daß Deutschland sie eines 
schönen Tages Arm in Arm mit England bekriegen könnte.
        <pb n="408" />
        Der Artikel des „Daily Telegraph‘“ in deutscher Übersetzung 
(Zu Seite 352) 
Der Deutsche Kaiser und England 
Persönliches Interview 
Offene Darlegung der Weltpolitik 
Freundschaftsbeweise 
Wir haben die folgende Mitteilung aus einer Quelle von so unantastbarer 
Autorität erhalten, daß wir ohne Zögern die deutliche Kundgebung, die sie ent- 
hält, der öffentlichen Aufmerksamkeit empfehlen. 
Diskretion ist die erste und letzte Eigenschaft, die man von einem Diplomaten 
verlangt, und sollte auch von denen noch beobachtet werden, die, wie ich selbst, 
längst aus dem öffentlichen Leben in das Privatleben übergegangen sind. Dennoch 
gibt es manchmal in der Geschichte der Nationen Augenblicke, in denen eine 
berechnete Indiskretion einen außerordentlichen Dienst der Öffentlichkeit gegen- 
über bedeutet. Deshalb habe ich mich entschlossen, die Grundgedanken einer 
längeren Unterredung bekanntzugeben, die mit Seiner Majestät dem Deutschen 
Kaiser zu führen ich unlängst den Vorzug hatte. Ich tue es in der Hoffnung, daß es 
dazu beitragen mag, das hartnäckige Mißverständnis über die Art der Gefühle 
des Kaisers für England zu beseitigen, das, so fürchte ich, tief in der Brust des 
Durchschnittsengländers wurzelt. Es ist der aufrichtige Wunsch des Kaisers, daß 
dieses Mißverständnis ausgerottet werde. Er hat das wiederholt in Wort und Tat 
bewiesen. Aber, um es freiheraus zu sagen, seine Geduld wird hart auf die Probe 
gestellt, da er sich so fortdauernd mißverstanden findet und so oft den Schmerz 
erfahren hat, zu finden, daß auf jede vorübergehende Besserung der Beziehungen 
erneute Ausbrüche des Vorurteils folgen und eine schnelle Rückkehr zu der alten 
argwöhnischen Gesinnung. 
Wie ich bemerkte, ehrte mich Seine Majestät durch eine lange Unterredung 
und sprach mit impulsivem, ungewöhnlichem Freimut. „Ihr Engländer“, sagte er, 
„seid verrückt, verrückt, verrückt wie Märzhasen. Was ist über euch gekommen, 
daß ihr euch so völlig einem Argwohn überlassen habt, der einer großen Nation 
ganz unwürdig ist? Was kann ich mehr tun, als ich schon getan habe ? Ich habe 
mit allem Nachdruck, der mir zu Gebote steht, in meiner Rede in der Guidhall 
erklärt, daß das Ziel meines Herzens der Friede ist und einer der mir teuersten 
Wünsche, in den besten Beziehungen zu England zu leben. Habe ich jemals mein 
Wort nicht gehalten? Falschheit und Ränke sind meiner Natur immer fremd 
gewesen. Meine Taten eollten für sich sprechen, aber Sie hören nicht auf sie, 
sondern auf diejenigen, die sie mißverstehen und entstellen. Das ist eine persön- 
liche Kränkung, die ich fühle und die mir nachgeht. Immer mißverstanden zu 
werden, zu sehen, wie meine wiederholten Freundschaftsangebote mit arg-
        <pb n="409" />
        wöhnischen, mißtrauischen Augen gewogen und nachgeprüft werden, stellt meine 
Geduld auf eine harte Probe. Ich habe immer wieder gesagt, daß ich Englands 
Freund bin, und Ihre Presse — oder wenigstens ein beträchtlicher Teil — fordert 
das englische Volk auf, meine ausgestreckte Hand zurückzuweisen, und insinuiert, 
daß in der andren ein Dolch verborgen sei. Wie kann ich eine Nation gegen ihren 
Willen überzeugen ? 
Ich wiederhole“, fuhr Seine Majestät fort, „daß ich Englands Freund bin, aber 
Sie erschweren mir die Dinge. Meine Aufgabe ist keine von den leichtesten. Die 
vorherrschende Empfindung in großen Teilen der mittleren und unteren Klassen 
ıneines eignen Volkes ist England nicht freundlich. Ich bin also sozusagen in 
einer Minderheit in meinem eignen Land, aber sie ist eine Minderheit der besten 
Elemente, geradeso wie in England gegenüber Deutschland. Dies ist ein zweiter 
Grund, weshalb mich Ihre Weigerung, mein verpfändetes Wort, daß ich Englands 
Freund bin, anzunehmen, kränkt. Ich bin unaufhörlich bestrebt, die Bezichungen 
zu verbessern, und Sie erwidern, daß ich Ihr Erzfceind bin. Sie machen es für 
mich schr schwer. Warum ?““ 
Hierauf wagte ich, Seine Majestät daran zu erinnern, nicht England allein, 
sondern ganz Europa habe mit Mißbilligung kürzlich das Verhalten Deutschlands 
gesehen, daß es dem deutschen Konsul erlaubte, von Tanger nach Fez zurück- 
zukehren, und den gemeinsamen Schritt Frankreichs und Spaniens vorweg- 
genommen habe, indem es den Mächten nahclegte, es sei an der Zeit, daß Europa 
Muley Hafid als neuen Sultan von Marokko anerkenne. 
Seine Majestät machte eine ungeduldige Bewegung. „Ja“, sagte er, „das ist 
ein vorzügliches Beispiel, wie das Vorgehen Deutschlands falsch dargestellt 
wird. Zunächst also: die Reise des Dr. Vassel. Wenn die deutsche Regierung den 
Dr. Vassel auf seinen Posten in Fez zurücksandte, war nur der Wunsch für sie 
maßgebend, daß er sich um die Privatinteressen deutscher Untertanen in dieser 
Stadt kümmern solle, die um Hilfe und Schutz nach der langen Abwesenheit eines 
konsularischen Vertreters riefen. Und warum sollte man ihn nicht senden ? 
Wissen diejenigen, die Deutschland beschuldigen, es sei den andren Mächten 
zuvorgekommen, daß der französische Konsularvertreter schon mehrere Monate 
in Fez war, als Dr. Vassel aufbrach ? Dann: die Anerkennung von Muley Hafid. 
Die europäische Presse hat mit großer Schärfe beklagt, Deutschland hätte seine 
Anerkennung nicht empfehlen sollen, bis er Europa seine völlige Einwilligung in 
den Vertrag von Algeciras mitgeteilt habe als eine Verpflichtung für ihn als Sultan 
von Marokko und Nachfolger seines Bruders. Meine Antwort ist, daß Muley Hafıd 
eine Mitteilung dahin schon vor Wochen gemacht hat, ehe noch die entscheidende 
Schlacht stattfand. Schon in der Mitte des vergangenen Juli hat er eine identische 
Note an die Regierungen von Deutschland, Frankreich und Großbritannien gesandt 
mit der ausdrücklichen Anerkennung, daß er vorbereitet sei, alle Verpflichtungen 
gegen Europa, die Abdul Aziz während seines Sultanats sich zugezogen hat, 
seinerseits zuzugestehen. Die deutsche Regierung hat diese Mitteilung als end- 
gültigen, autoritativen Ausdruck von Muley Hafıds Absichten betrachtet und war 
deshalb der Meinung, man brauche nicht eine zweite Mitteilung abzuwarten, bevor 
ınan ihn als den tatsächlichen Sultan von Marokko anerkenne, der seinem Bruder 
durch das Recht eines Siegs auf dem Schlachtfeld auf dem Thron nachfolgte.““
        <pb n="410" />
        Ich hielt Seiner Majestät vor, ein wichtiger und einflußreicher Teil der deut- 
schen Presse habe das Vorgehen der deutschen Regierung ganz anders ausgelegt 
und es deshalb überschwenglich gebilligt, weil diese Blätter darin eine starke Tat 
statt bloßer Worte sähen und ein entscheidendes Zeichen, daß Deutschland noch- 
mals in den Gang der Ereignisse in Marokko einzugreifen im Begriff sci. „Is 
gibt“, entgegnete der Kaiser, „Unheilstifter in beiden Ländern. Ich will ihre 
Fähigkeit, falsch darzustellen, nicht gegeneinander abwägen. Aber die Tatsachen 
sind so, wie ich festgestellt habe. Nichts in Deutschlands neuerlichem Vorgehen in 
Marokko steht in Gegensatz zu der ausdrücklichen Erklärung meiner Friedensliebe, 
wie ich in der Guildhall und in meiner letzten Rede in Straßburg sie gegeben habe.“ 
Seine Majestät ging dann nochmals auf den Punkt ein, der ihn am meisten 
beschäftigt, auf die Beweise seiner Freundschaft für England. „Ich habe mich‘, 
sagte er, „auf die Reden bezogen, in denen ich, wie es ein Souverän irgend kann, 
meinen guten Willen verkündet habe. Aber da Handlungen lauter sprechen als 
Worte, lassen Sie mich auch mich auf meine Handlungen bezichen. Im allgemeinen 
glaubt man in England, während der Dauer des Südafrikanischen Kriegs sei 
Deutschland feindlich gesinnt gewesen. Zweifellos war die öffentliche Meinung in 
Deutschland den Engländern feindlich — bitter feindlich. Die Presse war feind- 
lich; die private Meinung war es. Aber wie ist es mit dem offiziellen Deutschland ? 
Lassen Sie meine Kritiker sich fragen, was die europäische Reise der Buren- 
Delegierten, die eine Intervention Europas zu erreichen strebten, zu einem plötz- 
lichen Stillstand und dann zu völligem Zusammenbruch gebracht hat ? Sie wurden 
in Holland gefeiert; Frankreich bewillkommnete sie mit Begeisterung. Sie wollten 
nach Berlin kommen, wo das deutsche Volk sie mit Blumen bekränzt haben 
würde. Aber als sie baten, von mir empfangen zu werden, habe ich das abgelehnt. 
Die Agitation war unmittelbar darauf tot, und die Delegierten kehrten mit leeren 
Händen zurück. Handelt, frage ich, so ein heimlicher Feind ? 
Und ferner: Als der Kampf auf der Ilöhe war, wurde die deutsche Regierung 
von denen Frankreichs und Rußlands eingeladen, sich mit ihnen zu verbinden 
und England aufzufordern, dem Krieg ein Ende zu machen. Der Moment, so 
sagten sie, sei da, nicht nur die Burenrepubliken zu retten, sondern England bis 
in den Staub zu demütigen. Was war meine Antwort ? Ich sagte, daß Deutschland, 
weit entfernt davon, an irgendeinem verabredeten Vorgehen Europas zum Druck 
auf England und zu dessen Erniedrigung teilzunehmen, immer eine Politik ver- 
meiden müsse, die es in Verwicklungen mit einer Seemacht wie England bringen 
könne. Die Nachwelt wird eines Tags den genauen Wortlaut des Telegramms — 
es liegt jetzt in den Archiven des Windsor-Schlosses — lesen können, worin ich 
den Souverän Englands von meiner Antwort an die Mächte, die damals es zu 
stürzen suchten, unterrichtet habe. Engländer, die jetzt mich beleidigen, indem 
sie mein Wort anzweifeln, sollten wissen, wie ich in der Stunde ihres Mißgeschicks 
gehandelt habe. 
Und das war nicht alles. Gerade während Ihrer schwarzen Woche, im Dezen- 
ber 1899, als ein Unglück nach dem andern in rascher Folge kam, empfing ich 
einen Bricf von der Königin Victoria, meiner verchrten Großmutter, der in Sorge 
und Kummer geschrieben war und deutliche Spuren der Angst trug, die an ihrem 
Geist und an ihrer Gesundheit zehrte. Ich schickte ihr sofort eine mitfühlende
        <pb n="411" />
        Antwort. Ich tat ınchr. Ich ließ mir durch einen meiner Offiziere einen möglichst 
genauen Bericht über die Zahl der Kämpfer auf beiden Seiten in Südafrika und 
über die momentane Stellung der einander gegenüberstehenden Streitkräfte be- 
schaffen. Mit den Zeichnungen vor mir, arbeitete ich den Plan aus, der mir unter 
diesen Umständen der beste schien, und legte ihn meinem Generalstab zur Kritik 
vor. Dann sandte ich ihn eiligst nach England, und auch dieses Dokument liegt 
in Windsor unter den Staatspapieren und erwartet den ruhigen und unpartei- 
ischen Spruch der Geschichte. Als merkwürdiges Zusammentreflen lassen Sie mich 
hinzufügen, daß der von mir aufgestellte Plan denı schr nahekam, der wirklich 
von Lord Roberts angenommen und von ihm erfolgreich ausgeführt wurde. War 
das, wiederhole ich, die Handlungsweise eines, der England übelwollte? Lassen 
Sie die Engländer gerecht sein und es sagen! 
Aber, werden Sie fragen, was ist mit der deutschen Flotte ? Sicherlich ist sie 
eine Drohung für England! Gegen wen anders als gegen England werden meine 
Geschwader gerüstet? Wenn die Deutschen, die sich anstrengen, eine mächtige 
Flotte zu schuflen, nicht an England denken, warum wird von Deutschland ver- 
langt, daß es in solche neue und schwere Steuerlasten willigt ? Meine Antwort ist 
klar. Deutschland ist ein junges, wachsendes Reich. Es hat einen weltweiten, 
schnell sich ausdelinenden Handel, und der berechtigte Ehrgeiz der patriotischen 
Deutschen weigert sich, diesem irgendwelche Grenzen zu setzen. Deutschland 
muß eine mächtige Flotte haben, um diesen Handel und seine mannigfaltigen 
Interessen auch in den entferntesten Meeren zu schützen. Es erwartet, daß diese 
Interessen sich noch ausbreiten, und muß fähig sein, sie in jedem Teil des Erdballs 
männlich zu verteidigen. Deutschland schaut vorwärts. Seine Horizonte er- 
strecken sich in die Weite. Es muß für alle Eventualitäten im Fernen Osten ge- 
rüstet sein. Wer kann vorausschen, was in kommenden Tagen im Stillen Ozean 
geschehen kann, in Tagen, die nicht so fern sind, wie manche glauben, Tagen 
jedoch, auf die jedenfalls alle europäischen Mächte mit Interessen im Fernen 
Osten ständig sich vorbereiten sollten ? Blicken Sie auf den vollzogenen Aufstieg 
Japans; denken Sie an die Möglichkeit des nationalen Erwachens von China; und 
dann erwägen Sie die ungeheuren Probleme des Stillen Ozeans. Nur die Stimme 
derjenigen Mächte, die große Flotten haben, wird mit Achtung gehört werden, 
wenn die Frage der Zukunft des Stillen Ozeans zu lösen sein wird; und deshalb 
allein muß Deutschland eine starke Flotte haben. Vielleicht wird England sogar 
froh sein, daß Deutschland eine Flotte hat, wenn sie gemeinsam auf derselben 
Seite in den großen Debatten der Zukunft ihre Stimme erheben.“ 
Dies war der Inhalt des Gesprächs mit dem Kaiser. Er sprach mit allem Ernst, 
der für ihn charakteristisch ist, wenn er über tief erwogene Fragen spricht. Ich 
möchte meine Landsleute, die die Sache des Friedens überprüfen, bitten, was ich 
geschrieben habe, zu beurteilen und nötigenfalls ihre Meinung über den Kaiser 
und seine Freundschaft für England auf Grund der eignen Worte Seiner Majestät 
zu revidieren. Hätten sie wie ich sich des Vorzugserfreut, zu hören, wie er diese 
Worte sprach, so würden sie nicht länger an dem festen Wunsch Seiner Majestät, 
in den besten Beziehungen zu England zu leben, zweifeln und auch nicht an 
seiner wachsenden Ungeduld über das fortdauernde Mißtrauen, mit dem sein 
Freundschaftsangebot so oft aufgenommen wurde.
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        DIE PERSÖNLICHEN WÜNSCHE VON S.M. 353 
Während ich diese an Unbesonnenheit und Taktlosigkeit kaum zu über- 
bietenden Auslassungen las, stieg in mir plötzlich der Verdacht auf, daß ich 
den Artikel vor mir hätte, den mir vor einiger Zeit Herr von Jenisch im 
Auftrage Seiner Majestät aus Rominten übersandt und den ich nicht selbst 
gelesen hatte. Ich ließ den Legationsrat Klehmet zu mir bitten, der als zu- 
ständiger Referent das in Rede stehende Manuskript zu prüfen gehabt hatte. 
Als er das Wolff-Telegramm vor sich sah, meinte er zögernd und mit sicht- 
licher Verlegenheit, daß es sich in der Tat um den von Rominten nach 
Norderney geschickten und von dort an das Auswärtige Amt zur Prüfung 
ibersandten Zeitungsartikel handle. Als ich weiter frug, wie er diese un- 
glaublichen Äußerungen habe durchlassen können, meinte Klehmet, er 
habe den entschiedenen und bestimmten Eindruck gehabt, daß Seine 
Majestät der Kaiser die Veröffentlichung des Artikels und gerade der jetzt 
von mir beanstandeten Kraftstellen persönlich lebhaft wünsche. Ich habe, 
als ich mit dem Diktieren meiner Erinnerungen begann, mir gesagt, daß 
ich das, was ich schreibe, gewissermaßen unter meinen Eid stellen wolle. 
Wie man vor Gericht schwöre, die volle Wahrheit zu sagen, also nichts hin- 
zuzufügen und nichts Wesentliches zu verschweigen, so wollte ich in meinen 
Denkwürdigkeiten auch das sagen, was mir persönlich peinlich oder schmerz- 
lich wäre, begangene Fehler eingestehen und selbst Worte wiederholen, 
die gesprochen zu haben ich nachträglich bedaure. So will ich denn nicht 
verschweigen, daß, als der Wirkliche Legationsrat Klehmet sich in dieser 
Weise zu rechtfertigen suchte, ich ihm in der ersten Erregung antwortete: 
„Haben Sie noch nicht erfaßt, daß die persönlichen Wünsche Seiner Maje- 
stät bisweilen Narreteien sind ?“ Mit gutem Gewissen kann ich hinzufügen, 
daß dies das einzige Mal in meinem dienstlichen Leben war, wo ich leider die 
Haltung verlor. Ich ließ nun den Chef der Reichskanzlei, Herrn von Loebell, 
und den Pressechef Hammann kommen, um ihnen die Sachlage zu ex- 
plizieren. Es gelte jetzt, nicht den Kopf zu verlieren. Ich gab zwei Richt- 
linien aus: einerseits über den ganzen Vorfall die volle Wahrheit zu sagen, 
einerlei ob ich und das Amt dadurch bloßgestellt würden, andererseits und 
vor allem die Krone außerhalb des Meinungsstreits zu halten. Es stellte sich 
bei diesem Anlaß heraus, daß das Manuskript im Auswärtigen Amt von 
dem Staatssekretär von Schön, dem Unterstaatssekretär Stemrich und 
dem Referenten Klehmet gelesen worden war. Die beiden ersteren hatten den 
Bericht von Klehmet, daß das Manuskript nichts Bedenkliches enthielte, 
eigenhändig paraphiert. 
Ich diktierte hierauf den nachstehenden Immediatbericht an Seine 
Majestät: „Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät überreiche ich in 
der Anlage eine Reihe von Zeitungsartikeln über das Interview, das der 
Oberst Stewart Wortley über eine mit Eurer Majestät geführte Unter- 
23 Bulow II 
Der 
Legationsrat 
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        354 BÜLOW BIETET RÜCKTRITT AN 
redung veröffentlicht hat. Die englische Presse bespricht das Interview 
überwiegend in skeptischer, kritischer und ablehnender Weise. Maßgebende 
englische Persönlichkeiten, wie Lord Roberts und Sir Edward Grey, haben es 
abgelehnt, sich über dieses Interview überhaupt zu äußern. Die französi- 
schen und russischen Blätter benutzen die Gelegenheit zu heftigen Aus- 
fällen gegen Eure Majestät und die deutsche Politik. Vor allem ist die 
deutsche Presse mit verschwindenden Ausnahmen der Ansicht, daß durch 
das Interview unsere Politik und unser Land schwer geschädigt worden 
sind. Die Angriffe der deutschen Zeitungen sind ungerecht. Denn Eure 
Majestät haben die Gnade gehabt, mir durch den Gesandten Freiherrn von 
Jenisch die Aufzeichnungen des englischen Autors zur Prüfung zu über- 
senden. Ich war damals in Norderney mit ernsten Fragen (Orientkrisis, 
Reichsfinanzreform, andere innere Angelegenheiten) überhäuft und habe 
deshalb das auf schlechtem Papier sehr unleserlich geschriebene lange 
Elaborat des Obersten Wortley nicht selbst gelesen, sondern zur Prüfung 
an das Auswärtige Amt geschickt. Ich gab hierbei die strikte Weisung, 
den Artikel auf seine Wirkung auf das sorgfältigste zu prüfen und mir zu 
melden, wo Änderungen, Zusätze, Weglassungen notwendig erschienen. 
Das Auswärtige Amt reichte mir das englische Manuskript mit einem Be- 
richt zurück, in dem es einige kleine Änderungen vorschlug, sonst gegen die 
Veröffentlichung keinerlei Bedenken geltend machte. Im Sinne dieses 
Berichts schrieb der bei mir weilende vortragende Rat an den Gesandten 
von Jenisch. Wenn ich von dem Manuskript selbst Kenntnis genommen 
hätte, so würde ich Eure Majestät gebeten haben, die Erlaubnis zu der 
Veröffentlichung, zumal im gegenwärtigen Augenblick, nicht zu geben. 
Wenn Eure Majestät mein Verhalten darin mißbilligen, daß ich im Drange 
der Geschäfte das englische Manuskript nicht selbst geprüft habe, und den 
vom Auswärtigen Amt bewiesenen Mangel an Umsicht mir zum Vorwurf 
machen, so bitte ich alleruntertänigst, mich aus meiner Stellung entlassen zu 
wollen. Wenn ich aber das Vertrauen Eurer Majestät nicht verloren habe, 
kann ich nur bleiben, sofern ich in die Lage versetzt werde, den ungerecht- 
fertigten Angriffen gegen meinen Kaiserlichen Herrn offen und nachdrück- 
lich entgegenzutreten. Eure Kaiserliche und Königliche Majestät muß ich 
deshalb um die Erlaubnis bitten, in der ‚Norddeutschen Allgemeinen Zei- 
tung‘ amtlich sagen zu dürfen, daß die gegen Eure Majestät in einem großen 
Teil der Presse erhobenen Angriffe vollkommen ungerecht sind, daß Eure 
Majestät mir das Manuskript des englischen Autors zugesandt haben, daß 
ich dasselbe dem Auswärtigen Amt hätte zugehen lassen und daß dieses nur 
geringe Änderungen vorgeschlagen hätte.“ 
Ad marginem dieses Immediatberichtes bemerkte der Kaiser, daß ich 
sein Vertrauen nicht verloren hätte und daß er mit der von mir in Aussicht
        <pb n="418" />
        LAUTES GELÄCHTER IM UNTERHAUS 355 
genommenen amtlichen Feststellung in der „Norddeutschen Allgemeinen 
Zeitung‘ einverstanden wäre. Zu meinen Ausführungen über die bedauer- 
liche Wirkung seiner Äußerungen schrieb der Kaiser: „Einverstanden !“* 
Am Schlusse meines Immediatberichts hatte der Kaiser noch bemerkt: 
„Es kann noch hinzugefügt werden, daß das Manuskript den Niederschlag 
einer Reihe von Gegprächen darstelle, die Ich im Laufe des vorigen 
Herbstes in England mit verschiedenen Persönlichkeiten gehabt hätte. 
Und daß es der Wunsch derselben gewesen sei — weil sie so überzeugend für 
das englische Publikum sein würden —, den Inhalt einem möglichst 
großen Kreise ihrer Landsleute zugänglich zu machen; was Ich genehmigte 
nach Einschlagung des oben gekennzeichneten Weges.“ 
Was die Wirkung der kaiserlichen Äußerungen auf England betraf, so 
hätte ich in meinem Immediatbericht noch hinzufügen können, daß unmit- 
telbar nach dem Erscheinen des „Daily-Telegraph“-Artikels ein Abgeord- 
neter im Unterhaus den Kriegsminister frug, ob wirklich der Feldzugsplan 
zur Beendigung des Burenkriegs, eines Kriegs, von dem in England bisher 
geglaubt worden wäre, daß ihn Feldmarschall Roberts gewonnen habe, vom 
Deutschen Kaiser ausgearbeitet worden sei, und wenn das der Fall wäre, 
ob Kriegsminister Haldane dieses Schriftstück veröffentlichen wolle. Der 
Kriegsminister erwiderte, daß die Archive des Kriegsministeriums kein 
derartiges Schriftstück enthielten, auch sei ein solches nicht in den Besitz 
irgendeiner anderen mit dem Kriegsministerium zusammenhängenden 
Stelle gekommen. „Ich bin daher nicht in der Lage“, hatte der Kriegs- 
minister Haldane geschlossen, „den Wunsch nach Veröffentlichung des 
betreffenden Schriftstücks zu erfüllen.“ Hinter dieser Antwort des Kriegs- 
ministers verzeichnete der englische Parlamentsbericht: „Lautes und all- 
gemeines Gelächter.‘ Wenn dieses Gelächter die Stimmung der Mitglieder 
des Unterhauses gegenüber den Phantastereien des Kaisers wiedergab, 
80 will ich nicht verschweigen, daß die Haltung der englischen Regierung 
durchaus korrekt und freundlich war. Sie ließ mich durch den englischen 
Botschafter in Berlin vertraulich wissen, daß sie alles tun würde, was in 
ihren Kräften stünde, um meine durch den Artikel des „Daily Telegraph“ 
schwierig gewordene Lage zu erleichtern und jedenfalls eine Verschärfung 
der Situation zu verhindern. An der Spitze der „Norddeutschen All- 
gemeinen Zeitung“ ließ ich die nachstehende Verlautbarung veröffentlichen: 
„Ein großer Teil der ausländischen und inländischen Presse hat wegen 'des 
im ‚Daily Telegraph‘ veröffentlichten Artikels kritische Betrachtungen 
gegen die Person Seiner Majestät des Kaisers gerichtet, wobei von der An- 
nahme ausgegangen wurde, der Kaiser hätte Jiese Publikation ohne Vor- 
wissen der für die Politik des Reichs verantwortlichen Stelle veranlaßt. 
Diese Annahme ist unbegründet. Seine Majestät der Kaiser hatte von einem 
23° 
Wirkung 
des Artikels 
in England
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        Wirkung in 
Deutschland 
356 DAS HARAKIRI 
englischen Privatmann, mit der Bitte, die Veröffentlichung zu genehmigen, 
das Manuskript eines Artikels erhalten, in dem eine Reihe von Gesprächen 
Seiner Majestät mit verschiedenen englischen Persönlichkeiten und zu ver- 
schiedenen Zeiten zusammengefaßt war. Jener Bitte lag der Wunsch zu- 
grunde, die Äußerungen Seiner Majestät einem möglichst großen Kreise 
englischer Leser bekanntzugeben und damit den guten Beziehungen 
zwischen England und Deutschland zu dienen. Der Kaiser ließ den Ent- 
wurf des Artikels an den Reichskanzler gelangen, der das Manuskript dem 
Auswärtigen Amt mit der Weisung überwies, dasselbe einer sorgfältigen 
Prüfung zu unterziehen. Nachdem in einem Bericht des Auswärtigen Amts 
Bedenken nicht erhoben worden waren, ist die Veröffentlichung erfolgt. 
Als der Reichskanzler durch die Publikation des ‚Daily Telegraph‘ von dem 
Inhalt des Artikels Kenntnis erhielt, erklärte er Seiner Majestät dem Kaiser: 
er hätte den Entwurf des Artikels nicht selbst gelesen; andernfalls würde 
er Bedenken erhoben und die Veröffentlichung widerraten haben; er be- 
trachte sich aber als für den Vorgang allein verantwortlich und decke die 
ihm unterstellten Ressorts und Beamten. Gleichzeitig unterbreitete der 
Reichskanzler Seiner Majestät dem Kaiser sein Abschiedsgesuch. Seine 
Majestät der Kaiser hat diesem Gesuch keine Folge gegeben, jedoch auf 
Antrag des Reichskanzlers genehmigt, daß dieser durch Veröffentlichung 
des oben dargestellten Sachverhalts in die Lage versetzt werde, den unge- 
rechten Angriffen auf Seine Majestät den Kaiser den Boden zu entziehen.“ 
Sowohl Loebell wie namentlich Hammann hatten starke Bedenken gegen 
diesen Artikel, da ich mich dadurch persönlich zu schr bloßstelle, weit mehr, 
als nötig wäre. Hammann meinte: „Wollen Eure Durchlaucht wirklich zur 
Rettung der eigentlich Schuldigen ein solches Harakiri an sich selbst voll- 
ziehen ?“ Auch mein Stellvertreter im Reich, der Staatssekretär des Innern 
von Bethmann Hollweg, riet mir dringend und, wie ich überzeugt bin, 
in redlicher Absicht, die Beamten des Auswärtigen Amts zu opfern, statt sie 
ausdrücklich zu decken und alles auf mich zu nehmen. Es erschien mir aber 
nicht würdig, es zu machen wie der russische Bauer, der, von Wölfen ver- 
folgt, ihnen erst seinen Hammel, dann sein Kind und schließlich seine Frau 
vorwirft, um sich selbst zu retten. Vor allem wollte ich die Krone aus der 
Feuerlinie bringen. Es stellte sich nur zu bald heraus, daß dies über mein 
Vermögen ging, wie ich heute hinzufüge, auch über das Vermögen jedes 
unter den damaligen Verhältnissen und in der damaligen Lage im Amt 
befindlichen Reichskanzlers. 
Der Sturm, der sich wegen des „Daily-Telegraph“-Interviews in Deutsch- 
land erhob, galt nicht den bei der Behandlung dieser Angelegenheit be- 
gangenen formalen Versehen. Die durch den „Daily Telegraph‘‘ bekannt- 
gewordenen politischen Betrachtungen und Äußerungen des Kaisers
        <pb n="420" />
        DAS GEFÄSS LÄUFT ÜBER 357 
bildeten nur den Tropfen, der das bis zum Rande gefüllte Gefäß der öffent- 
lichen Unzufriedenheit über die sich immer wiederholenden Unvorsichtig- 
keiten und Entgleisungen Seiner Majestät zum Überlaufen brachte. Die 
Nation wurde durch die englischen Gespräche Wilhelms II. gewaltsam, wie 
mit einem Rippenstoß, an alle politischen Fehler erinnert, die der Kaiser 
während der zwanzig Jahre seiner bisherigen Regierung sich hatte zuschul- 
den kommen lassen, an alle Warnungen, an alle grollenden Prophezeiungen 
des entamteten Fürsten Bismarck. Es ging auch wie eine dunkle Ahnung 
durch die weitesten Kreise, daß ein so unvorsichtiges, übereiltes, unkluges, 
ja kindisches Reden und Handeln des Oberhaupts des Reichs schließlich zu 
Katastrophen führen könne. Der Kaiser selbst fühlte, wenigstens vorüber- 
gehend, den Boden unter seinen Füßen wanken. Er hatte die Absicht ge- 
habt, Ende Oktober Hamburg und Kiel einen kurzen Besuch abzustatten, 
gab aber dieses Projekt auf, nachdem ihm Ballin geschrieben hatte, er möge 
nicht Hamburg passieren, da dort unfreundliche Demonstrationen zu 
gewärtigen wären. Dieser Avis au lecteur machte den Kaiser sehr betroffen. 
Er stattete mir am 31. Oktober, zwei Tage nach der Veröffentlichung des 
„Daily Telegraph‘“, einen Tag nach dem Artikel in der „Norddeutschen 
Allgemeinen Zeitung‘, einen mehr als zweistündigen Besuch ab. Er war, 
wie immer in kritischen Augenblicken, sehr weich, sehr klein. Ich verlichlte 
ihm nicht, daß, wenn ich auch gern bereit wäre, mich nicht nur, wie dies 
meine Pflicht sei, vor ihn zu stellen, sondern auch die Angrifte tunlichst auf 
mich zu lenken und immer wieder die bei der Behandlung des Artikels 
begangenen Büro-Versehen in den Vordergrund zu rücken, es im Reichstag 
doch wieder auf eine große Debatte über das schon so oft beanstandete 
persönliche Regiment Seiner Majestät herauskommen würde. Ich erinnerte 
den Kaiser daran, daß ich am 14. November 1906, also gerade zwei Jahre 
früher, vor dem Reichstag erklärt hätte: ich könne mir sehr wohl denken, 
daß ein Minister finden könne, daß ein übertriebenes persönliches Hervor- 
treten des Regenten, daß ein zu weit getriebener monarchischer Subjcktivis- 
mus dem monarchischen Interesse nicht zuträglich sei und daß er dafür die 
Verantwortung vor Krone, Land und Geschichte zu übernehmen nicht in 
der Lage wäre. Ich würde diesmal ähnlich sprechen müssen, und das im 
Interesse der Krone. Der Kaiser antwortete mir sehr ruhig: „Tun Sie, 
was Sie nicht lassen können.“ Mit fast bittendem Ausdruck fügte er hinzu: 
„Bringen Sie mich nur durch, vor allem bringen Sie uns durch!“ Seine ver- 
trauensvolle, kindliche Haltung rührte mich um so mehr, je weniger er mir 
Vorwürfe wegen des Versagens des doch sonst von ihm gar nicht geliebten 
Auswärtigen Amts machte. 
Auch hier muß ich wieder einen Fehler beichten, diesmal aber nicht 
einen moralischen, sondern einen intellektuellen Irrtum. Ich hätte
        <pb n="421" />
        Die beteiligten 
Beamten 
358 KABARETT IN DONAUESCHINGEN 
unbedingt darauf bestehen müssen, daß der Kaiser während der bevorstehen- 
den Krisis in Berlin blieb. Das würde mir die weitere Behandlung Seiner 
Majestät sehr erleichtert haben. Wenn der Kaiser den damaligen Stand der 
öffentlichen Meinung in der Reichshauptstadt, die Stimmung im Parlament, 
die große Erregung auch und gerade in den intellektuellen Kreisen aus der 
Nähe beobachtet hätte, so würde er mein Verhalten und Vorgehen ganz 
anders und weit richtiger beurteilt haben als aus dem sicheren Port in 
Donaueschingen, umgeben von zum Teil frivolen und unwissenden Ele- 
menten. Nun wünschte aber der Kaiser dringend, noch einmal mit dem Erz- 
herzog Franz Ferdinand von Österreich zusammenzukommen, und hielt 
eine solche Begegnung im Hinblick auf die bosnische Krisis für durchaus 
notwendig. Er sehnte sich freilich auch nach Donaueschingen, wo ihm 
Fuchsjagden, Kabarettvorträge, alle möglichen Genüsse in Aussicht ge- 
stellt waren. Ich gab seinem Wunsch nach, auch in der Erwägung, daß ich 
in einer parlamentarisch und politisch so bewegten Zeit, die so viele per- 
sönliche Rücksprachen und Direktiven von mir erforderte, die Schwierig- 
keiten besser überwinden würde, wenn ich nicht täglich von Berlin nach 
dem Neuen Palais in Potsdam zu fahren brauchte, wo, wenn er nicht auf 
Reisen war, der Hof bis nach Weihnachten weilte. Bevor der Kaiser Berlin 
verlicß, ermahnte ich ihn mündlich und schriftlich, weder in Wien noch in 
Konopischt noch gegenüber den in Donaueschingen weilenden Öster- 
reichern, unter denen sich der spätere Minister des Äußern Graf Ottokar 
Czernin befand, hinsichtlich der Dardanellenfrage irgendeine Verpflichtung 
einzugehen oder Zusagen zu machen. Wir müßten uns in dieser Beziehung 
ganz freie Hand wahren. Gegen die russischen Wünsche in dieser Richtung 
würde ich keinesfalls aktiv auftreten. 
Bevor ich zur Reichstagsdebatte über den „Daily-Telegraph“-Artikel 
komme, möchte ich in Kürze das weitere Schicksal der schuldigen Beamten 
erwähnen. Klehmet überreichte mir nach unserer etwas stürmischen Unter- 
redung unmittelbar nach dem Erscheinen des „Daily-Telegraph“-Artikels 
eine längere Aufzeichnung, die im wesentlichen wieder darauf hinauskam, 
er habe annehmen müssen, daß Seine Majestät der Kaiser die Veröffent- 
lichung des Artikel „entschieden“ verlange und daß die vorherige Mittei- 
lung an den Reichskanzler lediglich bezwecke, zu etwa wünschenswert 
erscheinenden Abänderungen „einzelner Stellen“ die Möglichkeit zu 
bieten. Er sei überzeugt gewesen, daß Seine Majestät den größten Wert 
darauf lege, von dem dankenswerten englischen Anerbieten Gebrauch zu 
machen. Aus einem in der Fleischerschen Revue enthaltenen (mir, nebenbei 
gesagt, unbekannten) Aufsatz habe er geglaubt entnehmen zu dürfen, 
daß alles Wesentliche aus dem englischen Artikel bereits bekannt wäre. 
Um so weniger habe er gewagt, dem „entschiedenen Willen des Kaisers“
        <pb n="422" />
        ENTSCHULDIGUNGEN 359 
entgegenzutreten. Er habe geglaubt, es komme darauf an, angesichts der 
(von Seiner Majestät und Tirpitz abgewiesenen) Versuche von Haldane 
und Lloyd George, zu einer Vereinbarung über Einschränkungen der See- 
rüstungen zu gelangen, die englische Stimmung uns gegenüber „a tout 
prix“ zu besänftigen, und daß es deshalb gerechtfertigt sein könnte, 
nach altem Bismarckschem Prinzip zur Erreichung des Hauptziels, der 
Besserung unserer Stellung zu England, alle anderen Rücksichten, nament- 
lich diejenigen auf Frankreich und Rußland, einstweilen beiseitezustellen. 
Er habe auch der Versicherung des nominellen englischen Verfassers 
Wortley, daß der Artikel in England gut wirken werde, glauben müssen. 
Es hätte ihm an durchschlagenden Gründen gefehlt, um der Auffassung 
Seiner Majestät entgegenzutreten. Er hätte angenommen, daß eine Äuße- 
rung über die Opportunität der Veröffentlichung von ihm gar nicht ver- 
langt worden wäre. Einzelne Stellen auszumerzen wäre nicht möglich ge- 
wesen, weil das Ganze eine „streng einheitliche Argumentation‘ gewesen 
sei. Insbesondere sei der Passus über den von Seiner Majestät ausge- 
arbeiteten Feldzugsplan unentbehrlich gewesen als „Kulmination der 
ganzen Beweisführung‘. Der Unterstaatssekretär Stemrich und der Staats- 
sekretär von Schön hätten doch den von ihm, Klehmet, entworfenen 
Bericht ohne jede Änderung gezeichnet. Er habe sich auch gesagt, daß die 
Authentizität der in dem Artikel angeführten kaiserlichen Ausführungen 
gar nicht zu bestreiten wäre, daß eine Veröffentlichung dieser Äußerungen, 
auch wenn Seine Majestät die Veröffentlichung ablehne, doch von anderer 
Seite erfolgen würde und daß es würdiger wäre, wenn Seine Majestät sich 
jetzt sogleich zu seinen Auslassungen bekenne, als wenn er später dazu ge- 
zwungen würde. Die Verbreitung des Artikels des „Daily Telegraph“ 
durch Wolfis Büro sei ohne Rückfrage bei ihm und beim Reichskanzler 
auf Weisung des Geheimen Rats Hammann erfolgt. Der vorletzte Satz 
war richtig. Es war in der Tat zweifellos, daß die gegenüber so vielen Eng- 
ländern, vor so vielen Zuhörern aus allen Kreisen von Seiner Majestät in 
pointierter Form, mit Nachdruck und Bestimmtheit gemachten und immer 
wiederholten Ausführungen derartig sensationeller Natur in irgendeiner 
Weise in die Öffentlichkeit gelangt wären. Es war auch zutreffend, daß 
wegen der Verbreitung des „Daily-Telegraph‘-Artikels durch Wolfls Büro 
weder bei Klehmet noch vor allem bei mir angefragt worden war. Holstein, 
der den Menschen, mit denen er sich überworfen hatte, gern alles Schlechte 
nachsagte, wollte mich bis an sein Lebensende davon überzeugen, daß 
Hammann meine Ermächtigung zur Verbreitung des „Daily-Telegraph‘“- 
Artikels durch Wolff in böser Absicht nicht eingeholt habe, um mir auf diese 
Weise Ungelegenheiten zu bereiten. Ich möchte eher annehmen, daß es sich 
um eine Bummelei des bisweilen bummeligen Hammann handelte.
        <pb n="423" />
        360 SCHÖN LEGT SICH ZU BETT 
Viel jämmerlicher als die Entschuldigung des Legationsrats Klehmet 
war der Rechtfertigungsversuch des Gesandten von Müller, den noch schwe- 
rere Schuld traf als den Legationsrat Klehmet. Zunächst entschuldigte sich 
Müller damit, daß er nicht Zeit gehabt hätte, meiner Weisung entsprechend 
das Manuskript zu prüfen. Als ich ihn am nächsten Tage, und sehr nach- 
drücklich, gefragt hätte, ob er die ganze Sache auch wirklich ernstlich und 
genau geprüft habe, hätte er sich geschämt, mir zu sagen, daß er dies ver- 
säumt habe. Bis zu meinem Rücktritt ließ er nichts weiter von sich hören, 
versicherte aber dann meine Frau in einem weinerlichen Briefe seines 
tiefsten Mitgefühls. Er wisse, wie sie gewöhnt sei, auch auf politischem 
Gebiet Freud und Leid mit mir zu teilen. Die Kämpfe, die ich zu bestehen 
hätte, erweckten deshalb seine, Müllers, innigste Teilnahme. Tröstend fügte 
er hinzu, er erinnere sich bei diesem Anlaß der zahlreichen „Wohltaten‘, 
die er schon seit einer langen Reihe von Jahren durch die ihm in meinem 
Hause bewiesene, sich stets gleichbleibende Güte erfahren hätte. Sie träten 
ihm immer neu vor die Seele. Er versichere uns seiner unwandelbaren 
Dankbarkeit. „Sind die traurigen Stunden des Abschiednehmens von lieb- 
gewordenen Beziehungen und Gepflogenheiten erst vorüber, so bin ich in 
dem Gedanken beglückt, daß einesteils am Nordseegestade, wo die ver- 
größerte Villa Ihrer harrt, teils in der Ewigen Stadt sonnigere Zeiten 
winken.“ 
Am erbärmlichsten benahm sich der Staatssekretär von Schön. Er legte 
sich einfach zu Bett. Seine belgische Gattin schrieb mir in einem ziemlich 
mangelhaften Deutsch, ihr Mann habe „un arröt du caur“ erlitten. Ich 
glaubte an einen lebensgefährlichen Herzkrampf und schickte meinen Arzt 
und Freund Geheimrat Renvers zu Schön. Nach einer halben Stunde kehrte 
Renvers lächelnd mit der beruhigenden Versicherung zurück, daß die Er- 
krankung des Staatssekretärs nur Angst vor den Schwierigkeiten sei, in die 
er durch seine Nachlässigkeit geraten sei. Er fürchte sich, das Auswärtige 
Amt und dessen Geschäftsgang vor dem Reichstag zu verteidigen, er 
fürchte sich noch mehr vor etwaigen Friktionen zwischen Kaiser und Kanz- 
ler. Ich schickte Schön auf Urlaub und ließ den Gesandten in Bukarest, 
Kiderlen-Wächter, nach Berlin kommen, um ihm die provisorische 
Leitung des Auswärtigen Amts anzuvertrauen. Am unschuldigsten war der 
Unterstaatssekretär Stemrich, der, erst kurze Zeit im Amt, den Fall nicht 
genügend übersehen konnte. Der wackere Mann ist bald nachher erkrankt 
und früh gestorben. Klehmet, der mir leid tat, habe ich noch vor meinem 
Rücktritt als deutschen Delegierten der Internationalen Finanzkommission 
in Athen untergebracht, wo er 
im Schatten des Ölbaums, 
wo flüsternd leis zu der Ulme sich neigt die Platane,
        <pb n="424" />
        Albert Ballin 
Präsident der Hapag
        <pb n="425" />
        <pb n="426" />
        DER GESANDTE VON MÜLLER 361 
noch einige gute Jahre verlebte. Felix von Müller hat sich lange nach der 
„Daily-Telegraph‘‘-Affäre erschossen. Ich bin weit entfernt anzunehmen, 
daß Reue und Selbstvorwürfe über sein undienstliches Verhalten ihm die 
Pistole in die Hand gedrückt haben. Er war kein Brutus, der sich in das 
eigene Schwert stürzt. Seine Mutter gehörte der Familie Stumm an, die 
ausgezeichnete Männer hervorbrachte, u. a. den Freiherrn Karl Ferdinand 
von Stumm-Halberg, den sogenannten König Stumm, den bekannten 
Großindustriellen und Reichstagsabgeordneten, einen der tüchtigsten und 
charaktervollsten Männer, die das deutsche Wirtschaftsleben sah, die aber 
auch manche Angehörige gehabt hat, die, erblich belastet, in Geistes- 
krankheit verfielen. Ich glaube, diejenigen haben recht, die mir erzählten, 
Felix von Müller sei in einem Anfall geistiger Störung aus dem Leben 
geschieden.
        <pb n="427" />
        %xXIV. KAPITEL 
Diskussion der Lage im Bundesratsausschuß für auswärtige Angelegenheiten, vertrau- 
liche Aussprache unter den leitenden Ministern » Die Stimmung im preußischen Staats- 
ministerium +» Besonders scharfe Kritik der konservativen Presse « Reichstagsdebatte 
über die kaiserlichen Gespräche »- Die Verölfentlichung eines neuen unbesonnenen 
Interviews Wilhelms II. kann noch rechtzeitig inhibiert werden 
evor der Reichstag wieder zusammentrat, fand langjähriger Tradition 
Sitzung des Bien eine Sitzung des Bundesratsausschusses für auswärtige 
Bundesrats- Angelegenheiten statt, in der ich eingehende Mitteilungen über den Stand 
ausschusses Jer deutschen internationalen Beziehungen, die bosnische Frage, die Casa- 
blanca-Affäre und über unser Verhältnis zu England gab. Der Ausschuß 
sprach mir einmütig den Dank der verbündeten Regierungen und ihr volles 
Vertrauen aus. Alle Bundesregierungen ohne jede Ausnahme wären von 
dem lebhaften und aufrichtigen Wunsche erfüllt, daß ich noch viele Jahre 
die auswärtige und innere Politik des Reiches leiten möge. Bevor die Mit- 
glieder des Ausschusses den Sitzungssaal verließen, kam es noch zu einer 
freien und freimütigen Aussprache über die durch die englischen Gespräche 
des Kaisers hervorgerufene Lage. Von allen Seiten wurde mir in ange- 
messener und würdiger Form, aber mit Ernst und mit Nachdruck gesagt, 
daß es so nicht weiter ginge, Seine Majestät der Kaiser müsse sich endlich 
größerer Vorsicht in Reden und Tun befleißigen, müsse besonnener werden, 
wenn nicht die monarchische Idee in Deutschland und damit das Reich 
selbst schweren Schaden leiden sollten. Von verschiedenen Seiten wurde 
angeregt, ob es sich nicht empfehle, daß sämtliche deutschen Fürsten in 
corpore in Berlin erschienen, um persönlich dem Kaiser ihre Sorgen und 
Bedenken vorzutragen. Ich widersprach, und nicht ohne Schärfe, diesem 
Vorschlag, der für mich nicht diskutabel sei. Eine solche Schilderhebung 
der deutschen Fürsten würde an trübe Zeiten des alten Reichs erinnern, 
sie würde im Ausland als eine Demonstration der Partikularfürsten gegen 
die Kaiserkrone und die in der Kaiserkrone gipfelnde Einheit des Reiches 
aufgefaßt werden und somit die Lage verschlimmern. Ich übernähme per- 
sönlich die volle Verantwortung dafür, daß der Kaiser sich künftigruhiger 
halten und vernünftiger benehmen würde.
        <pb n="428" />
        STAATSKANZLER, NICHT HOFKANZLER 363 
Am Abend dieses Tages fand ein Diner bei mir statt, zu dem ich alle 
im Auswärtigen Ausschuß vertretenen Bundesratsmitglieder mit den 
preußischen Staatsministern eingeladen hatte. Die würdigen Herren waren 
derartig erregt, daß sie nicht nur mir, sondern auch meiner schr unpoliti- 
schen Frau heftig zusetzten, wobei sich namentlich der Staatssekretär des 
Innern, Herr von Bethmann Hollweg, durch seinen Eifer hervortat. Mit 
dem ihm eigenen feierlichen Pathos rief er meiner Frau zu: „Sie müssen 
Ihrem Herrn Gemahl, dem von mir so hochverehrten Fürsten, immer wieder 
sagen, daß er nicht Hofkanzler, sondern Staatskanzler ist.“ Derselbe 
Bethmann hat später nie den Mut gefunden, meine Haltung in den No- 
vembertagen gegenüber dem Kaiser zu rechtfertigen oder auch nur zu 
verteidigen. 
Besonders animos war die Stimmung im preußischen Staatsministerium. 
In der von mir zusammenberufenen Sitzung erklärten alle Minister, daß es 
die Pflicht des Königlichen Staatsministeriums sci, Seine Majestät 
den Kaiser im Interesse, für das Wohl, ja vielleicht für die Rettung der preu- 
Bischen Monarchie auf das entschiedenste vor weiteren Fehlern zu warnen, 
ihm mehr Selbstbeherrschung, mehr Ernst anzuempfehlen, ihn auf das 
Vorbild seiner großen Ahnen, vor allem auf das Vorbild seines 
Herrn Großvaters hinzuweisen. Der Kriegsminister von Einem führte 
aus, daß die Unzufriedenheit mit dem Verhalten und Gebahren des 
Kaisers, mit den Auswüchsen des persönlichen Regiments, mit den kai- 
serlichen Temperamentsausbrüchen und Launen auch in Offizierskreisen 
mehr und mehr um sich greife. Das wirke demoralisierend, und darin 
liege eine große Gefahr. Gewiß seien ehrenhafte und ruhmvolle Tra- 
ditionen im Heere noch stark und lebendig. Das Offizierkorps würde 
im Ernstfall zweifellos gegenüber dem Feind voll und glänzend seine Pflicht 
erfüllen wie 1870, wie 1866, wie anno 13 und wie im Siebenjährigen Krieg. 
Aber das Ansehen des Königs, seine Stellung gegenüber dem Ofßizierkorps 
seien doch nicht mehr so fest fundiert wie früher, und das durch die Schuld 
Seiner Majestät. Es habe militärisch mehr oder weniger begabte preußische 
Könige gegeben, aber keinen, der sich so sehr nur in „Soldatenspielerei“, 
in falschen Manöverbildern, in „albernen Kinkerlitzchen“, in reinen 
Äußerlichkeiten, in der Einführung neuer Uniformen und Griffe gefallen, 
der in dem ernstesten aller Ressorts, in der Armee, so sehr Schein und Wirk- 
lichkeit, Schale und Kern verwechselt hätte. Der Staatssekretär von Tirpitz 
sprach sich in gleichem Sinne aus. Die Marine, die Lieblingswaffe Seiner 
Majestät, denke ebenso. Sie sei gewiß dankbar für das besondere Inter- 
esse, das der Kaiser seiner Flotte entgegenbringe, für alles, was er für die 
Flotte getan habe und noch tue. Aber es gebe wenig Marineoffiziere, die 
uicht der Überzeugung wären, daß der größte Dienst, den der Kaiser wie 
Sitzung des 
preußischen 
Staats- 
ministeriums
        <pb n="429" />
        364 EIN VERNICHTETES PROTOKOLL 
der Armee so insbesondere auch der Marine erweisen könne, größere 
Zurückhaltung, mehr Sachlichkeit, mehr Ernst, Umsicht und Vorsicht in 
scinem ganzen Verhalten sein würde. 
Der Staatssekretär des Innern, Herr von Bethmann Hollweg, zog daraus 
das Fazit, daß es die Pflicht des Ministerpräsidenten sei, Seiner Majestät 
dem Kaiser ein „Bis hierher und nicht weiter!“ zuzurufen. Gegenüber 
dem Reichstag aber dürfe der Kanzler keinen Zweifel darüber lassen, daß 
der Kaiser künftig Handlungen und Worte unterlassen müsse und würde, 
die für die Autorität der Krone und die Ruhe im Lande gleich gefährlich 
wären. Ich darf nicht verschweigen, daß, als ich einige Monate später das 
Protokoll dieser denkwürdigen Sitzung verlangte, der Unterstaatssekretär 
im Staatsministerium mir mit einiger Verlegenheit meldete, auf dringende 
Bitte mehrerer Mitglieder des hohen Staatsministeriums sei dieses Proto- 
koll „im Interesse der Würde der Krone“ vernichtet worden. 
Am 6. November brachte die „Konservative Korrespondenz‘, das 
offizielle Organ der Konservativen Partei, eine parteiofhizielle Kundgebung, 
in der es hieß: „Wir sehen mit Sorge, daß Äußerungen Seiner Majestät des 
Kaisers, gewiß stets von edlen Motiven ausgehend, nicht selten dazu bei- 
getragen haben, teilweise durch die mißverständliche Auslegung, unsere 
auswärtige Politik in schwierige Lage zu bringen. Wir halten, geleitet von 
dem Bestreben, das kaiserliche Ansehen vor einer Kritik und Diskussion, 
die ihm nicht zuträglich sind, zu bewahren, sowie von der Pflicht beseelt, 
das Deutsche Reich und Volk vor Verwicklungen und Nachteilen zu 
schützen, uns zu dem ehrfurchtsvollen Ausdruck des Wunsches verbunden, 
daß in solchen Äußerungen künftig eine größere Zurückhaltung beobachtet 
werden möge.“ 
Die „Kreuz-Zeitung“ erklärte in ihrem Kommentar zu dieser Kund- 
gebung der Konservativen Parteileitung: „Möge der alles Dankes würdige, 
mutige Schritt unserer Parteiführer zum Segen des Vaterlandes gereichen! 
Und sollte er selbst nicht vollen Erfolg haben, so wissen wir doch von 
neuem, daß die Konservative Partei sich auf die Einsicht und Selbstlosig- 
keit unserer Führer immerdar verlassen kann, wie sie selbst sich auf die 
Partei verlassen können.“ 
In weiten Kreisen wurde die Erregung gegen den Kaiser noch dadurch 
verstärkt, daß über den Aufenthalt Seiner Majestät in Donaueschingen 
durch seinen Gastgeber, den Fürsten Max Fürstenberg, taktlose Berichte 
in die Presse gelangten, in denen nur von prächtigen Fuchsjagden und 
höchst amüsanten Vorträgen eines aus Frankfurt nach dem Fürstenbergi- 
schen Schloß berufenen Kabaretts die Rede war. Alsich durch Vermittlung 
des Oberhofmarschalls und Hausministers August Eulenburg in Donau- 
eschingen darauf aufmerksam machen ließ, daß das dortige, wenig ernste
        <pb n="430" />
        DER GANZE REICHSTAG OPPONIERT 365 
Treiben im Lande keinen guten Eindruck mache, kam der Kaiser, schnell 
von Entschluß wie er war und immer bereit und fähig, sich umzuschalten, 
auf den Einfall, der öffentlichen Meinung, wie er meinte, „ein Paroli zu 
bieten“, indem er gerade an dem Tage, an dem im Reichstag die Inter- 
pellationen über das Kaiserinterview beantwortet werden sollten, am 
10. November 1908, dem anfänglich von ihm verspotteten, dann wenig 
beachteten Grafen Zeppelin eine melodramatische Huldigung darbrachte, 
ihm den hohen Orden vom Schwarzen Adler umhängte, ihn dreimal umarmte 
und eine Rede an ihn hielt, in der er ihn, anno 1908, zum größten Deutschen 
des ganzen (eben angebrochenen) zwanzigsten Jahrhunderts proklamierte. 
Am gleichen Tage begann die Reichstagsdebatte. Die Nationalliberalen, 
die Freisinnigen, die Sozialisten, die Deutschkonservativen und die 
Reichspartei hatten Interpellationen eingebracht. In würdigen, maßvollen 
Worten eröffnete der Führer der Nationalliberalen, Ernst Bassermann, die 
Debatte. Er hob hervor, daß der Reichskanzler während seiner Amtszeit 
und insbesondere gegenüber der bedrohlichen bosnischen Krisis eine Politik 
der Sachlichkeit und Festigkeit gemacht habe, eine Politik, die allgemein 
gebilligt werde. Bassermann protestierte gegen die unvorsichtige und ge- 
fährliche Behauptung des Kaisers, daß das deutsche Volk in seiner großen 
Mehrheit nicht freundlich oder gar feindlich für England gesinnt sei. Der 
Schwerpunkt der ganzen Krisis, führte Bassermann aus, liege keineswegs 
in der Veröffentlichung, sondern in den Tatsachen: „Auch wenn diese Ge- 
spräche nicht bekannt geworden wären vor aller Welt, in England laufen 
sie von Mund zu Mund. Und wieviele andere Gespräche mögen in den 
Archiven fremder Nationen liegen!“ Am Schluß seiner Ausführungen 
protestierte Bassermann gegen die Behauptung des Kaisers, daß die 
deutsche Flotte dazu bestimmt sei, Weltpolitik im Stillen Ozean zu 
treiben. Der Reichstag müsse feierlich erklären, daß das deutsche Flotten- 
gesetz einen defensiven Charakter habe, daß die deutsche Flotte zur Ver- 
teidigung unserer Küsten, unserer Flußläufe, unserer Küstenstädte be- 
stimmt sei. Vor allem liege der großen Mehrheit des verständigen und fried- 
liebenden deutschen Volkes Feindschaft gegen England wie gegen Japan 
durchaus fern. 
Der Führer der Sozialdemokratie, Herr Singer, sprach sehr maßvoll. 
Vielleicht mit dem Hintergedanken, daß der Weizen der Sozialdemokratie 
nur um so üppiger blühen würde, je mehr das Oberhaupt des Reichs 
seinem Naturell die Zügel schießen ließe. Es mögen aber auch weniger 
parteiegoistische Motive mitgesprochen haben. Mein Freund Renvers er- 
zählte mir am Vormittag des 10. November, er sei zufällig am Abend vorher 
mit Herrn Singer in einem beiden befreundeten Hause zusammengetroffen. 
Singer habe ihm bei diesem Anlaß proprio motu gesagt, die Sozialdemo- 
Reichstags- 
debatte
        <pb n="431" />
        366 AUCH DIE KAISERTREUEN 
kratische Partei werde mir keine besonderen Schwierigkeiten bereiten, 
mich auch nicht mit unnötiger Heftigkeit angreifen. Sie wünsche keinen 
Krieg und glaube trotz aller innerpolitischen Differenzen zwischen ihr und 
mir, daß unter meiner Leitung der auswärtigen Politik bei der derzeitigen 
verworrenen europäischen Lage der Friede am besten gesichert sei. Der 
Führer der Konservativen Partei, Herr von Heydebrand, sprach viel 
schärfer als Paul Singer. Er bezeichnete die in Deutschland herrschende 
Erregung als eine sehr große und sehr nachhaltige. Man würde dieser Er- 
regung nicht gerecht werden, wenn man lediglich an die letzten Veröffent- 
lichungen anknüpfen wolle. Es müsse offen ausgesprochen werden, daß es 
sich um einen Unmut handle, der sich seit Jahren angesammelt habe. 
Dieser Unmut herrsche auch in den Kreisen, denen es an Treue zu Kaiser 
und Reich bisher noch niemals gefehlt habe. Die im Auswärtigen Amt 
begangenen Versehen seien keineswegs das Wichtigste, sondern die Vor- 
gänge, die hinter dieser Veröffentlichung lägen. Die Konservativen hätten 
auf das bestimmteste allem zugestimmt, was ich früher über die schwer- 
wiegende Frage ausgeführt hätte, wie weit ich die Verantwortung für 
Äußerungen des Kaisers zu tragen imstande sei. „Aber ich weiß nicht“, 
fuhr Herr von Heydebrand fort, „ob der Reichskanzler nicht selbst die 
Empfindung hat, ob er den Nachdruck immer in der gehörigen Weise in 
die Erscheinung hat treten lassen und daß das vielleicht noch entschiedener 
hätte geschehen müssen und in der Zukunft geschehen muß, wenn Vor- 
gänge dieser Art verhindert werden sollen. Es wäre ungerecht, fuhr Herr 
von Heydebrand fort, in diesem Augenblick zu vergessen, was Fürst 
Bülow in seiner Tätigkeit für das Deutsche Reich und das deutsche Volk 
getan und geleistet habe. So stünden die Dinge nicht, daß man wegen einer 
einzelnen Frage mir nichts dir nichts auslöschen könne, was viel Arbeit, 
was viel Pflichttreue, was viel Geschick und viel Vaterlandsliebe bedeutet 
habe.“ 
Herr von Heydebrand schloß mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß 
die Antwort des Reichskanzlers ehrlich, entschieden, aber auch eine Hoff- 
nung für die Zukunft sein würde. Die Rede des Führers der Reichspartei, 
des Fürsten Hatzfeldt, Herzogs von Trachenberg, erinnerte an die Limonade 
der armen Luise Miller, die Ferdinand von Walter matt fand. Er begnügte 
sich mit der Versicherung, daß er die monarchische Gesinnung in den Vor- 
dergrund stelle. Auf diese wenigen Worte glaube er sich in dem gegenwär- 
tigen Stadium beschränken zu dürfen. Diese Ausführungen bewiesen, daß 
der edle Herzog noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben hatte, schließ- 
lich doch noch einmal den Eckplatz auf der Ministerbank im Reichstage 
einzunehmen, und daß er sich seine wenn auch bescheidenen Chancen für 
den Reichskanzlerposten an Allerhöchster Stelle nicht verderben wollte.
        <pb n="432" />
        REDE BÜLOWS 367 
Auch die Auslassungen des Freisinnigen Wiemer waren weder kalt noch 
warın. 
Nach Hermann Hatzfeldt ergriff ich das Wort*. Ich glaube sagen zu 
dürfen, daß ich im Parlament immer Verständnis für das gehabt habe, 
was die Italiener das Ambiente nennen, d. h. die Stimmung der Umgebung, 
in der man spricht, die Atmosphäre, die im Sitzungssaal herrscht. Ich 
fühlte, daß ich sehr ernst und sehr offen sprechen müsse, wie das ührigens 
durchaus meinem inneren Empfinden entsprach. Ich hatte vor allem die 
Pflicht, die durch die unbesonnenen kaiserlichen Äußerungen im Auslande 
hervorgerufenen Verstimmungen zu beruhigen, das in England, Rußland, 
Frankreich, Japan neugeweckte Mißtrauen zu besänftigen. Ich führte aus, 
daß das, was der Kaiser über seine Verhinderung einer russisch-französi- 
schen Intervention im Burenkrieg erzählt habe, eine längst bekannte 
Sache sei. Von einer Enthüllung könne keine Rede sein. Der Kaiser habe 
allerdings die Farben zu stark aufgetragen. Ich stellte auch die Geschichte 
mit dem Feldzugsplan richtig. Es habe sich nicht um einen ausgearbeite- 
ten und detaillierten Feldzugsplan, sondern um einige „rein akademische 
Gedanken“, um „Aphorismen“ gehandelt. Als mich bei diesen Worten 
das Gelächter der Sozialdemokraten unterbrach, erinnerte ich daran, daß 
wir uns in einer ernsten Debatte befänden. Die Dinge, über die ich spräche, 
seien ernster Natur und von großer politischer Tragweite. Ich bat, 
mich ruhig anzuhören, was dann auch geschah. Der Chef des General- 
stabs, General von Moltke, und sein Vorgänger, General Graf Schlieffen, 
hätten erklärt, daß der Generalstab zwar über den Burenkrieg, wie über 
jeden großen oder kleinen Krieg, dem Kaiser Vortrag gehalten habe. Beide 
hätten mir aber gleichzeitig versichert, daß der deutsche Generalstab niemals 
einen Feldzugsplan oder eine ähnliche auf den Burenkrieg bezügliche Arbeit 
des Kaisers geprüft oder nach England weitergegeben habe. Diese meine 
Feststellung entsprach durchaus dem Sachverhalt. Tatsächlich war alles, 
was Wilhelm II. seinen englischen Freunden über seinen persönlichen An- 
teil an der Besiegung der armen Buren erzählt hatte, nur Geflunker ge- 
wesen. Ich führte weiter aus, daß manche Ausdrücke in dem Artikel des 
„Daily Telegraph‘“ nicht glücklich gewählt gewesen wären. „Das gilt 
zunächst“, erklärte ich unter allseitigem und schr lebhaftem Bravo, „von 
der Stelle, wo der Kaiser gesagt haben soll, die Mehrheit des deutschen 
Volks sei England feindlich gesinnt. Zwischen Deutschland und England 
haben Mißverständnisse stattgefunden, ernste, bedauerliche Mißverständ- 
nisse. Aber ich weiß mich einig mit diesem ganzen hohen Hause in der Auf- 
fassung, daß das ganze deutsche Volk auf der Basis gegenseitiger Achtung 
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 134ff.; Reclam-Ausgabe V, 82T.
        <pb n="433" />
        368 DER KAISER WIRD SICH ZURÜCKHALTEN 
friedliche und freundliche Beziehungen zu England wünscht, und ich kon- 
statiere, daß sich die Redner aller Parteien heute in gleichem Sinne aus- 
gesprochen haben. Die Farben sind auch zu stark aufgetragen an der Stelle, 
die Bezug hat auf unsere Interessen im Pazifischen Meer. Sie ist in einem für 
Japan feindlichen Sinne ausgelegt worden. Mit Unrecht! Wir haben im 
Fernen Osten nie an etwas anderes gedacht als dies: für Deutschland einen 
Anteil an dem Handel Ostasiens bei der großen wirtschaftlichen Zukunft 
dieser Gebiete zu erwerben und zu behaupten. Wir denken nicht daran, 
uns dort auf maritime Abenteuer einzulassen. Aggressive Tendenzen liegen 
dem deutschen Flottenbau im Stillen Ozean ebenso fern wie in Europa. 
Im übrigen stimmt Seine Majestät der Kaiser mit dem verantwortlichen 
Leiter der auswärtigen Politik völlig überein in der Anerkennung der hohen 
politischen Bedeutung, die sich das japanische Volk durch politische Tat- 
kraft und militärische Leistungsfähigkeit errungen hat. Die deutsche Politik 
betrachtet es nicht als ihre Aufgabe, dem japanischen Volk den Genuß und 
den Ausbau des Erworbenen zu schmälern.“ 
Nachdem ich in dieser Weise die übelsten Äußerungen Seiner Majestät 
nach Möglichkeit glattgebogen und eingerenkt hatte — noch mehr, ich 
wiederhole es, noch viel mehr im Hinblick auf das Ausland, auf die Welt, 
als auf den Reichstag —, ging ich, als ich fühlte, daß sich die Gemüter 
unter dem Eindruck meiner Ausführungen allmählich einigermaßen be- 
ruhigt hatten, zu einer direkten Apologie des Kaisers und seiner Persönlich- 
keit über. „Dem Kaiser“, rief ich dem Reichstag zu, „‚geschieht schweres 
Unrecht mit jedem Zweifel an der Reinheit seiner Absichten, an seiner 
idealen Gesinnung und seiner tiefen Vaterlandsliebe.‘“ Und nun sprach 
ich die Worte, die, nachdem der Sturm vorüber war, von Ohrenbläsern und 
Speichelleckern, von Ränkeschmieden und Achselträgern benutzt wurden, 
um die Eigenliebe des Kaisers gegen mich aufzustacheln, die Worte, die 
ich damals mit voller Überzeugung gesprochen habe und von denen ich 
noch heute überzeugt bin, daß sie unbedingt notwendig waren, um nicht 
nur den Reichstag, sondern auch das deutsche Volk zu beruhigen und ihm 
wieder Vertrauen einzuflößen, um zwischen Volk und Kaiser gegenseitiges 
Verständnis und Eintracht zu schaffen: „Meine Herren, die Einsicht, daß 
die Veröffentlichung seiner in England geführten Gespräche die von Seiner 
Majestät dem Kaiser gewollte Wirkung nicht hervorgerufen, in unserem 
Lande aber tiefe Erregung und schmerzliches Bedauern verursacht hat, 
wird, diese feste Überzeugung habe ich in diesen Tagen gewonnen, Seine 
Majestät den Kaiser dahin führen, ferner auch in Privatgesprächen jene 
Zurückhaltung zu beobachten, die im Interesse einer einheitlichen Politik 
und für die Autorität der Krone gleich unentbehrlich ist.“ Hier erscholl, 
namentlich auf der rechten Seite des Hauses, lebhafter Beifall. „Wäre es
        <pb n="434" />
        DIE WARNUNG 369 
nicht so“, so fügte ich unter anhaltendem Beifall der Konservativen und der 
Nationalliberalen hinzu, ,‚so könnte weder ich noch einer meiner Nachfolger 
die Verantwortung tragen.‘ Als der Artikel des „Daily Telegraph‘ er- 
schienen sei, dessen verhängnisvolle Wirkung mir nicht einen Augenblick 
zweifelhaft sein konnte, hätte ich mein Abschiedsgesuch eingereicht. 
Dieser Entschluß sei geboten gewesen, er sei mir nicht schwer geworden. 
Der ernstete und schwerste Entschluß, den ich in meinem politischen Leben 
gefaßt hätte, sei, dem Wunsch des Kaisers folgend, im Amte zu bleiben. 
Ich hätte mich hierzu nur entschlossen, weil ich es für ein Gebot der poli- 
tischen Pflicht ansehe, gerade in dieser schwierigen Zeit Seiner Majestät 
dem Kaiser und dem Lande weiter zu dienen. Auch hier erscholl lebhafter 
und allseitiger Beifall. Wie lange mir das möglich sein werde, stehe dahin. 
Ich wolle aber noch eins sagen: In einem Augenblick, wo vieles in der Welt 
wieder einmal im Flusse sei, wo es darauf ankomme, unsere Stellung nach 
außen zu wahren und, ohne uns vorzudrängen, mit ruhiger Festigkeit 
unsere Interessen zur Geltung zu bringen, wo die Gesamtlage. ernsteste 
Aufmerksamkeit erheische, dürften wir uns vor dem Ausland nicht klein- 
mütig zeigen, dürften wir ein Unglück nicht zur Katastrophe machen. Ich 
wolle mich jeder Kritik der Übertreibungen enthalten, die wir in diesen 
Tagen erlebt hätten. Gewiß dürfe keiner die Warnung vergessen, welche die 
Vorgänge dieser Tage uns allen gegeben hätten. Ich betonte die Worte 
„keiner“ und „allen“. Aber es sei keine Ursache, eine Fassungslosigkeit 
zu zeigen, die bei unseren Gegnern den Anschein erwecken müsse, als wäre 
das Reich im Innern und nach außen gelähmt. Ich schloß mit den Worten: 
„An den berufenen Vertretern der Nation ist es, die Besonnenheit zu zeigen, 
die dem Ernst der Zeit entspricht. Ich sage es nicht für mich, ich sage es für 
das Land. Die Unterstützung hierbei ist keine Gnade, sie ist eine Pflicht, der 
sich dies hohe Haus nicht entziehen wird.“ 
Als ich unter starkem Beifall schloß, fühlte ich, daß die Partie gewonnen 
war. 
Nach mir sprach der Zentrumsführer Hertling, ruhig und gemessen. 
Er stimmte mit Bassermann darin überein, daß die veröffentlichten Tat- 
sachen weit wichtiger seien als die begangenen Kanzleiversehen. Trotz der 
damals zwischen der Zentrumspartei und mir bestehenden Spannung er- 
klärte Herr von Hertling: Der Reichskanzler Fürst Bülow habe „in der 
loyalsten Weise‘ die Verantwortung übernommen sowohl für die Versehen 
seiner Untergebenen als für die unbesonnenen Äußerungen des unverant- 
wortlichen Kaisers. Der Sinn und die Bedeutung für die Ministerver- 
antwortlichkeit liege aber darin, daß es für die verantwortliche Stelle ein 
„Bis hierher und nicht weiter!“ gebe und geben müsse. Er nehme deshalb 
auch an, daß ich meine Demission eingereicht habe nicht wegen der 
24 Bülow II
        <pb n="435" />
        Reichstags- 
debatte, 
zweiter Tag 
370 1908 — 1918 
Veröffentlichung, die ich nicht verhindert hätte, sondern wegen des 
Inhalts. Er nehme auch an, daß, als ich Seiner Majestät die Zusiche- 
rung gegeben habe, die Geschäfte weiterzuführen, ich ganz bestimmte 
Garantien gefordert hätte. Das deutsche Volk habe ein Recht, zu ver- 
langen, daß es dem Reichskanzler in Zukunft beschieden sein möge, 
ähnlichen Vorkommnissen vorzubeugen. Am Schluß der Sitzung sprach 
der Antisemit Liebermann von Sonnenberg, roh und plump, weit 
ausfallender gegen den Kaiser als Singer oder gar als Hertling und Wiemer. 
Als ich vom Reichstag zu Fuß durch den Tiergarten nach Hause ging, 
begegnete ich Ernst Bassermann. Er drückte mir die Hand mit den Worten: 
„Heute haben Sie ein politisches und oratorisches Meisterstück geleistet.“ 
Nachdenklich fügte er hinzu: „Aber wie wird’s zwischen Ihnen und dem 
Kaiser?‘ Als ich entgegnete, ich hoffte und glaubte, Seine Majestät der 
Kaiser werde die Staatsräson und das Wohl des Reichs über kleinliche 
persönliche Regungen setzen, meinte Bassermann: „Ja, wenn er wäre wie 
sein Vater und wie sein Großvater. Aber er ist gar so eitel!“ 
Bassermann hat recht behalten. In den ersten Tagen nach der November- 
debatte von 1908 und auch zeitweise während des folgenden Winters siegte 
in Wilhelm II. die bessere Stimme. Aber schließlich behielten — wie ich 
zur Entschuldigung Seiner Majestät ausdrücklich hervorheben möchte, 
unter dem Einfluß selbstsüchtiger Ohrenbläser — die gekränkte Eitelkeit, 
der verletzte Hochmut die Oberhand. Und das Verhängnis ging seinen Weg. 
Zehn Jahre nachdem ich diese Rede für den Kaiser hielt und im Deutschen 
Reichstag für Wilhelm II. in die Bresche getreten war, im November 1918 
überschritt bei grauem, düsterem Himmel und strömendem Regen Kaiser 
Wilhelm II. als Flüchtling die holländische Grenze. 
Am 11. November 1908 wurde im Reichstag die am vorhergegangenen 
Tage begonnene Debatte fortgesetzt. Miquel, ein gründlicher Kenner des 
deutschen Parlamentarismus, sagte mir einmal, die Kunst der Rede sei 
in Deutschland so wenig entwickelt und gepflegt, politische Begabung sei 
so selten, unser politisches Temperament so matt, daß jede parlamentarische 
Diskussion am zweiten Tage zu versanden pflege. In der Debatte vom 
11. November 1908 gab zunächst im Namen der Konservativen der Ab- 
geordnete von Normann die Erklärung ab: „Wir erachten die gestrige Ant- 
wort des Reichskanzlers für eine der Gesamtsituation entsprechende und 
dürfen nur die Erwartung aussprechen, daß der Herr Reichskanzler den 
Worten auch diejenige Ausführung geben wird, welche das Wohl des Vater- 
landes erfordert.“ Herr von Normann war ein Mann, der seiner Partei wie 
dem Reichstag zur Zierde gereichte. Er war aus den roten Husaren, den 
Zietenhusaren, hervorgegangen und hatte als Ordonnanzoffizier des Prinzen 
Friedrich Karl am Vorabend der Schlacht bei Königgrätz auf einem
        <pb n="436" />
        KIDERLEN WIRD VERLACHT 37ı 
kühnen Ritt, der ihn mitten durch die feindlichen Vorposten führte, dem 
Kronprinzen die Meldung überbracht, wo am folgenden Tage, dem Schlacht- 
tage, Prinz Friedrich Karl seinem Vetter zu begegnen hofle. Nach ihm betrat 
der württembergische Demokrat Konrad Haußmann die Tribüne. Während 
vieler Jahre haben neben dem in keiner Weise hervorragenden, aber red- 
lichen und gutmütigen Herrn von Payer, dem späteren Vizekanzler der 
letzten Übergangszeit vor dem Umsturz, die Brüder Haußmann in der 
Süddeutschen Volkspartei eine gewisse Rolle gespielt. Konrad und Fried- 
rich Haußmann waren Zwillinge. Von Konrad Haußmann pflegte der 
Korrespondent der „Frankfurter Zeitung“, August Stein, der, selbst 
Demokrat, es wissen mußte, zu sagen, daß er derjenige der Zwillinge wäre, 
der noch weniger politisches Verständnis besäße als der andere. Seine Rede 
vom 11. November erhob sich nicht über das Plädoyer eines mittelmäßigen 
Advokaten in einer schwäbischen Kleinstadt. Dann folgte nach einer ge- 
diegenen und relativ gemäßigten Rede des Sozialisten Heine ein unglück- 
liches Intermezzo, dessen unfreiwilliger Held mein Freund Kiderlen war. 
Da ich Kiderlen als einen starknervigen und dreisten Mann kannte, der 
in keiner Weise auf das Maul gefallen war, so hatte ich ihn gefragt, ob er 
Neigung verspüre, für das viel und damals überwiegend mit Unrecht an- 
gefochtene Auswärtige Amt ein paar Worte zu sagen. Kiderlen ging sofort 
und mit Vergnügen auf meine Anregung ein und ergriff am Schluß der 
Sitzung vom 11. November das Wort. Was er sagte, war sachlich gar nicht 
übel. Er sprach auch weit fließender als Tschirschky, der Erbprinz von 
Hohenlohe-Langenburg, Stübel, Jagow und andere Herren, die vor ihm 
oder nach ihm für das Auswärtige Amt das Wort ergriffen haben. Aber er 
vergriff sich im Ton. Als er erklärte, er sei ermächtigt, den Herren im 
Reichstag mitzuteilen, die Regierung gedenke die verlangte Reform des 
Auswärtigen Amts damit einzuleiten, daß sie dem Reichstag Vorschläge 
für Vermehrung des Personals machen werde, entstand allgemeine Heiter- 
keit. Seitdem haben wir gesehen, daß republikanische Regierungen in 
Deutschland im Auswärtigen Amt keine durchgreifenden Reformen vor- 
genommen, wohl aber die Zahl der Beamten verdoppelt und verdreifacht 
haben, um Parteigenossen unterzubringen, ohne daß damit im Parlament 
irgendein Widerspruch erweckt worden wäre. Der arme Kiderlen erregte 
aber noch größere Heiterkeit, als er nicht nur die Gewissenhaftigkeit der 
Beamten des Auswärtigen Amts und ihre Arbeitsfreudigkeit rühmte, 
sondern auch die Vortrefflichkeit unserer Büros, die man uns im Auslande 
nicht nachzumachen vermöge. Das Gelächter wurde schließlich so groß, 
daß Kiderlen seine Rede nicht zu Ende führen konnte. Das hatte aber noch 
andere Ursachen als die sachlichen Argumente des Redners. Der Deutsche 
Reichstag hat vor der November-Revolution von 1918 nie Stürme und 
24°
        <pb n="437" />
        372 SEINE GELBE WESTE 
Ausschreitungen erlebt, wie sie das französische und das italienische Parla- 
ment bisweilen gesehen haben, aber seine Stimmung wurde von Zeit zu Zeit 
ulkig. Es gibt keinen richtigeren Ausdruck, um sie zu kennzeichnen, eine 
Stimmung, wie sie, wenn die Fidelitas beginnt, auf deutschen Studenten- 
kommersen, auf Liebesmählern in Offizierkorps, auf Vereinsfesten im alten, 
fröhlichen Deutschland herrschte. Der Mißerfolg von Kiderlen war auch auf 
seine prononciert schwäbische Aussprache und, horribile dictu, auf die von 
ihm getragene gelbe Weste zurückzuführen. 
Während sich das Haus noch in dieser nicht gerade würdigen Stimmung 
befand, wurde ich von verschiedenen Seiten gebeten, nach Kiderlen noch 
einmal das Wort zu ergreifen, um wieder, aber noch eingehender als am 
vorhergegangenen Tage, die Angriffe gegen den Kaiser zurückzuweisen. 
Ich hatte schon am Abend des vorhergehenden Tages für alle Fälle einige 
Schlußworte in dieser Richtung an Hammann diktiert, der ebenso wie 
Loebell mir riet, in diesem Sinne und auf diese Weise die Debatte zu be- 
endigen. Mein Stellvertreter im Reich, Herr von Bethmann,riet mir drin- 
gend ab. Ich würde den ganzen großen Erfolg vom vorhergegangenen Tage 
in Frage stellen, wenn ich wieder das Wort ergriffe. Ich habe später öfters 
hören müssen, daß Bethmann Hollweg mir absichtlich einen schlechten Rat 
gegeben hätte. Ich habe das damals nicht geglaubt und glaube es heute 
nicht, obwohl ich inzwischen manche Illusionen über Bethmann Hollweg 
verloren habe. Ich bin nach wie vor der Ansicht, daß ich am 11. November 
1908 recht gehabt habe, nicht noch einmal zu sprechen. Freilich ist dieses 
mein wohlüberlegtes Schweigen gerade von denjenigen, die während des 
Sturms sich in ihren Mauselöchern versteckt hatten, benutzt worden, um 
dem Kaiser einzureden, ich hätte ihn wirkungsvoller und wärmer ver- 
teidigen müssen. Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß dieselben Intriganten, 
wenn ich wirklich noch einmal das Wort ergriffen hätte, Seiner Majestät 
gesagt haben würden: die Wirkung meiner ersten Rede sei dadurch paraly- 
siert worden, daß ich mit meiner bekannten Neigung, dem Reichstag bei 
jeder Gelegenheit Rede zu stehen und meine oratorischen Leistungen be- 
wundern zu lassen, Seine Majestät überflüssigerweise neuerdings in den 
Mittelpunkt der Debatte gestellt hätte. Ich wiederhole nochmals: Ich würde 
mit einer zweiten Rede den Eindruck der ersten abgeschwächt haben. 
Das Land hätte darin nur eine Verbeugung vor dem Kaiser gesehen, und 
das Land wünschte, daß der Kaiser seine Regierungsweise ändere. Das 
Land hätte sein damals großes Vertrauen zu mir verloren. Endlich würde 
eine neue Rede von mir natürlich neue Repliken aus dem Hause hervor- 
gerufen haben, und die Debatte wäre uferlos geworden. Ich tat wohl daran, 
nicht zum zweitenmal zu sprechen, zumal bei der augenblicklichen Stim- 
mung, in der sich das Parlament befand.
        <pb n="438" />
        DIE HULDIGUNG FÜR ZEPPELIN 373 
Meine Rede vom 10. November wurde von der rechtsstehenden deut- 
schen Presse mit Beifall aufgenommen. Die sozialdemokratische Presse 
warf dem Reichstag vor, daß er keine ausreichenden Garantien zur Beseiti- 
gung des persönlichen Regiments gefordert und sich von Bülow habe hinter 
das Licht führen lassen. Das leitende Wiener Blatt, „Die Neue Freie Presse“, 
schrieb über die Sitzung des Deutschen Reichstags: „Fürst Bülow, der nie- 
mals einen sympathischeren Eindruck gemacht hat als in dem Augenblick, 
da er in einer der schwierigsten Situationen war, in der sich ein Staatsmann 
überhaupt befinden kann, hat nicht als Höfling, sondern als ein für die 
Geschäfte verantwortlicher Staatsmann gesprochen.“ Der Pariser „Figaro“ 
meinte: „Le discours du Prince de Bülow semblera un peu €trange dans 
sa forme brutale a peine voilee par quelques pr&amp;cautions de langage. 
Mais il faut reconnaitre qu’il correspondait a une situation non moins 
etrange et a peu pres sans precedent. Le ministre n’avait qu’un moyen d’en 
sortir: la franchise entitre. Et ilen a heureusement us£.“ Die ganze englische 
Presse betrachtete meine Rede als Zeichen der freundschaftl'chen Gesin- 
nung der deutschen Regierung für England und sprach die Hoffnung aus, 
daß das deutsche Volk diese Gesinnung teile. Die freimütige Kritik kaiser- 
licher Mißgriffe nicht nur in der deutschen Presse, sondern auch im Deut- 
schen Reichstag sei ein erfreuliches Zeichen für verfassungsmäßige Zu- 
stände in Deutschland und die Unabhängigkeit des deutschen Parlaments. 
Kaiser Wilhelm II. ließ zunächst gar nichts von sich hören. Von seiner 
Umgebung hörte ich, daß seine Stimmung einerseits stark erregt, anderer- 
seits recht beklommen wäre. Seine Niedergeschlagenheit wurde dadurch 
erhöht, daß die dem Grafen Zeppelin dargebrachte kaiserliche Huldigung 
durch ihre Übertreibungen die von Seiner Majestät erhoffte Wirkung auf 
das deutsche Volk nicht gehabt hatte. Die Mehrzahl der Deutschen fand es 
an und für sich ganz erfreulich, daß der Kaiser sich zu einer gerechten 
Würdigung des unermüdlichen, unerschrockenen, nie verzagenden Bahn- 
brechers der Luftschiffahrt durchgerungen hatte. Aber dieselben biederen, 
verständig-nüchternen Deutschen schüttelten den Kopf, wenn sie in der 
auf Allerhöchsten Befehl sofort durch Wolff verbreiteten Ansprache an 
Zeppelin lasen: „Es dürfte wobl nicht zu viel gesagt sein, daß wir heute 
einen der größten Momente in der menschlichen Kultur erlebt haben. 
Ich danke Gott mit allen Deutschen, daß er unser Volk für würdig erachtete, 
Sie den Unseren zu nennen.“ Als diese wieder mindestens exzentrische 
Rede am 11. November in Berlin bekannt wurde, machte sie im Reichstag 
keinen guten Eindruck. Auch im Lande wurde sie als neuer Beweis man- 
gelnden inneren Gleichgewichts aufgefaßt. Inzwischen fuhr die nicht- 
deutsche Presse fort, sich über die Persönlichkeit, das Auftreten und die 
Regierungsweise des Deutschen Kaisers mit einer bis dahin noch nicht 
Fortdauer der 
Kritik in der 
Auslands- 
Presse
        <pb n="439" />
        Kaiserliches 
Interview mit 
dem Ameri- 
kaner Hale 
374 EIN NEUER SKANDAL ERSTICKT 
dagewesenen Schärfe zu verbreiten. Englische Blätter erklärten nach wie 
vor, daß sie in den kaiserlichen Freundschaftsbeteuerungen für Groß- 
britannien lediglich eine wenig würdige Bemühung um die englische Gunst 
sähen. Im übrigen könnten die Auslassungen des Kaisers seinen Gegnern 
nur erwünscht sein: Frankreich und Rußland würden wegen seiner Mit- 
teilungen über ihre Interventionspläne im Burenkrieg jedes Vertrauen in 
die deutsche Diskretion verlieren. Japan werde aufs neue mißtrauisch 
werden. Die angebliche Ausarbeitung des Feldzugsplanes sei einfach un- 
glaublich, geradezu eine England von Wilhelm II. zugefügte Beleidigung. 
Wilhelm II. als der wahre Sieger im Burenkrieg wurde auch in kleinen 
englischen Blättern verhöhnt. Gleichzeitig hieß es, daß Lord Roberts tief 
beleidigt wäre und nur mit Mühe davon abgehalten würde, den Schwarzen 
Adlerorden zurückzuschicken, den ihm sieben Jahre früher der Kaiser zum 
großen Unbehagen der damals burenfreundlichen deutschen öffentlichen 
Meinung verliehen hatte. Große französische Blätter ironisierten die per- 
sönliche Politik des Deutschen Kaisers als phantastische Romantik. In 
Rußland erklärte das größte und einflußreichste russische Blatt, die „Nowoje 
Wremja“, die Russen würden an diese Worte des Deutschen Kaisers nicht 
glauben, wenn sie nicht gedruckt vor ihnen lägen. Der Kaiser habe Ruß- 
land und Frankreich gegenüber „taktlos und perfide““ gehandelt. Die 
italienische Presse fällte ebenso harte Urteile über die kaiserliche Politik 
und Regierungsweise: Wilhelm II. scheine es darauf anzulegen, das 
Deutsche Reich mit aller Welt zu verfeinden. Die japanische Presse meinte, 
daß die Bemerkungen des Kaisers über den Fernen Osten nutzlos und schäd- 
lich seien. Die Japaner begriffen nicht, warum der Kaiser Vorbereitungen 
gegen Japans Fortschritte und gegen Chinas Erwachen treffe. 
Namentlich und vor allem auf England war die Wirkung der von Wil- 
helm II. in England mit Engländern geführten Gespräche die eines Hagel- 
schlags im Frühsommer. Und sie wäre noch niederschmetternder geworden, 
wenn es mir nicht gelungen wäre, die in Amerika eben in Gang befindliche 
Veröffentlichung eines Interviews zu verhindern, das Wilhelm II. dem 
amerikanischen Journalisten Hale gewährt hatte und das in krassem Gegen- 
satz zu seinen Auslassungen in Highcliffe stand. Derselbe Kaiser, der in so 
stürmischer Weise England und die Engländer seiner treuen Freundschaft 
versichert hatte, sprach gegenüber dem Amerikaner gerade umgekehrt. 
Er hatte ihn vor der englischen Tücke und den feindlichen Absichten der 
Engländer gegen Amerika gewarnt und den Amerikanern geraten, bei 
Deutschland Schutz gegen das perfide Albion zu suchen. Es gelang, den 
wohlmeinenden Besitzer der amerikanischen Zeitschrift „Century Maga- 
zine“‘, der dies Interview erworben hatte, zu bewegen, auf die Veröffent- 
lichung zu verzichten. Um dieselbe Zeit meldete mir der deutsche General-
        <pb n="440" />
        HARMSWORTH HATTE VERZICHTET 375 
konsul in New York, Herr Bünz, daß das auf England bezügliche „famose 
Interview“ des „Daily Telegraph‘, bevor es in die Hände dieses Blatts ge- 
langt sei, dem Besitzer der „Daily Mail“, dem im Weltkrieg als Lord North- 
cliffe zu trauriger Berühmtheit gelangten Mr. Harmswortb, angeboten 
worden wäre. Die „Daily Mail“ habe „schweren Herzens‘ auf die Publi- 
kation verzichtet, nachdem Herrn Harmsworth im englischen Auswärtigen 
Amt gesagt worden wäre, die Veröffentlichung sei nicht erwünscht.
        <pb n="441" />
        Grey, Chur- 
chill, Har- 
court maßvoll 
gegenüber 
Deutschland 
XXV. KAPITEL 
Bedenkliche Wirkung der kaiserlichen Äußerungen im Ausland » Kurz vorher gehaltene 
deutschfreundliche Reden englischer Staatsmänner - Bülows Interview mit Sidney Whit- 
man +» Audienz bei Wilhelm II. - Stellungnahme der „Norddeutschen Allgemeinen Zei- 
tung“ + Di2 Reichsfinanzreform im Reichstag « Wilhelm II. will abdanken « Der Kron- 
prinz zur Lage - Feier im Berliner Rathaus » Wilhelm II. verliest zum erstenmal seine - 
Rede - Briefe und Kundgebungen zu den Novemberereignissen + Wilhelm II. erholt sich 
er Bärendienst, den Wilhelm II. meiner Politik und den deutsch-eng- 
lischen Beziehungen geleistet hatte, war um so bedauerlicher, als gerade 
im Sommer 1908 eine Reihe beachtenswerter Symptome darauf hinge- 
deutet hatte, daß maßgebende Männer des englischen öffentlichen Lebens 
sich bemühten, die englische öffentliche Meinung gegenüber Deutschland 
und auch gegenüber den deutschen Flottenbauten zu beruhigen. So hatte 
im Juli im Unterhause im Namen der Admiralität Mr. Mac Kenna gegen- 
über einer alarmierenden Rede des Admirals Lord Beresford erklärt, daß 
die große Überlegenheit, die England in den älteren Schiffstypen besitze, 
und das Übergewicht, das zwölf Dreadnoughts und Invincibles gegenüber 
neun auf Seiten Deutschlands verliehen, England vollkommene Sicherheit 
im Jahre 1911 verbürge. Gewiß sei diese unbedingte Sicherheit eine Lebens- 
frage für Großbritannien, aber darüber hinauszugehen, würde Verschwen- 
dung sein. Der Staatssekretär des Äußern, Sir Edward Grey, hatte am 
27. Juli im Unterhause betont, daß er nicht auf die Isolierung Deutschlands 
ausgehe. Der bis dahin sehr streitbare Handelsminister Churchill hatte am 
15. August in Swansea in einer Bergarbeiterversammlung eine von Lord 
Cromer im Oberhause kurz vorher gehaltene Rede scharf getadelt, die 
gegen die angeblich England von Deutschland drohenden Gefahren ge- 
richtet gewesen war. Ein Krieg zwischen England und Deutschland würde 
für beide Länder und für die Welt eine furchtbare Katastrophe bedeuten. 
„Mag auch das Schnappen und Knurren in den Zeitungen und Klubs von 
London immer so fortgehen, die beiden Völker haben gar keinen Grund, 
sich zu bekämpfen. Es wird in Deutschland keine zehntausend Personen 
geben, die ein solches höllisches und verruchtes Verbrechen ernstlich in 
Betracht ziehen, und in England, glaube ich, nicht einmal so viele.“ Ende 
September 1908 hatte in Lancaster in einer öffentlichen Versammlung das
        <pb n="442" />
        AUDIENZ IN POTSDAM 377 
Mitglied des Ministeriums für öffentliche Arbeiten, Mr. Harcourt, gegen den 
„halb feigen, halb chauvinistischen“ Lärm der englischen gelben Presse 
protestiert. Er erklärte: „Innerhalb der letzten zehn oder fünfzehn Jahre 
hat es keine Zeit gegeben, und ich spreche mit Wissen und Bewußtsein der 
vollen Verantwortlichkeit, in welcher unsere Beziehungen zu Deutschland 
auf festerem und freundschaftlicherem Fuße gewesen sind als heute. 
Wenn in beiden Ländern eine kleine Schicht von Publizisten vorhanden ist, 
die infolge selbstsüchtiger, unpatriotischer Absichten kriegerische Wünsche 
hegen, so sind sie Straßenräuber der Politik und Feinde des Menschen- 
geschlechts. Halten Sie den Kopf kühl, die Flotte bereit und die Zunge 
höflich, und Sie brauchen das Gekläff dieser Pariahunde nicht zu fürchten, 
welche die Hütte beschmutzen, in der sie wohnen.“ Ich hatte dieses Ent- 
gegenkommen benutzt, um meinerseits im September 1908 in einer vom 
„Standard“ wiedergegebenen Unterredung mit dem friedlich und deutsch- 
freundlich gesinnten englischen Schriftsteller Sidney Whitman, der in 
Deutschland im Vitztumgymnasium zu Dresden erzogen worden war und 
dem Fürsten Bismarck wiederholt als Sprachrohr gedient hatte, das 
deutsch -englische Verhältnis freimütig, aber natürlich mit gebotenem 
Takt, in einer Tonart zu besprechen, die in England günstig aufgenommen 
worden war. 
Als Wilhelm II. im November 1908 endlich wieder in Potsdam einge- 
troffen war, erbat ich eine Audienz, die mir der Kaiser am 17. November 
im Neuen Palais bewilligte. Seit unserer langen Unterredung vom 31. Ok- 
tober hatte ich direkt nur zwei Lebenszeichen von ihm erhalten. Durch den 
Gesandten von Jenisch ließ er mir telegraphieren, es würde bei Besprechung 
der „Daily-Telegraph“-Angelegenheit viel zu wenig Gewicht darauf gelegt, 
daß der Wunsch der Veröffentlichung nicht von uns, sondern von eng- 
lischer Seite ausgegangen wäre und daß in England die Meinung vorge- 
herrscht hätte, die Veröffentlichung würde den Interessen der deutsch- 
englischen Beziehungen dienen. Am Vorabend der Reichstagsdebatte 
telegraphierte mir Seine Majestät in englischer Sprache, ich möge nicht ver- 
gessen, daß auch hinter der schwärzesten Wolke ein silberner Sonnenstrahl 
verborgen wäre. Am 17. November 1908 traf ich den Kaiser auf der Ter- 
rasse vor dem Neuen Palais. Die Kaiserin stand neben ihrem hohen Gemahl. 
Sie ging mir rasch einige Schritte entgegen und sagte mir leise: „Seien Sie 
recht gut zum Kaiser, recht milde. Er ist ganz gebrochen.“ Dann forderte 
mich der Kaiser auf, ihn in sein Arbeitszimmer zu begleiten. Dort ange- 
langt, setzten wir uns. Der Kaiser sah in der Tat recht niedergeschlagen aus. 
Er war namentlich sehr blaß. Er erwartete offenbar von mir eine große 
Strafpredigt. Es wäre geschmacklos gewesen, ihm in diesem Augenblick 
eine solche zu halten. Ich begnügte mich, zu bemerken, daß wir alle Punkte, 
Bülow bei 
Wilhelm II.
        <pb n="443" />
        378 DIE VERWUNDBARSTE STELLE 
alle Fragen, die jetzt den Gegenstand leidenschaftlicher Beschwerden und 
Klagen bildeten, ja schon oft besprochen hätten. Der Kaiser erwiderte mit 
natürlichem und offenem Ausdruck: „Gewiß, Sie haben mir das alles vor- 
ausgesagt.“ Dann frug er zögernd und mit sichtlicher Besorgnis: „Aber was 
nun? Was wird? Kommen wir durch ?“ Ich erwiderte, daß ich daran nicht 
zweifle, wenn Seine Majestät sich nur entschlösse, künftig größere Vorsicht 
und Zurückhaltung zu beobachten. Das gelte namentlich für das Feld der 
auswärtigen Politik: die „Hunnenrede“ und die „Dreizackrede‘‘ wären 
bedenklicher gewesen als das natürlich auch nicht löbliche Swinemünder 
Telegramm oder die Schwarzseher-Rede. Der Scherz mit dem „Admiral of 
the Atlantic“ und der direkte Brief an Lord Tweedmouth hätten mehr ge- 
schadet als gelegentliche Boutaden unter Landsleuten. 
Der Kaiser nickte zustimmend. Er wolle, äußerte er, „ganz gewiß‘ sich 
von jetzt an mehr in acht nehmen. Er wolle es auch vermeiden, die Leute 
vor den Kopf zu stoßen. „Worüber haben sich denn die Menschen so ge- 
ärgert?“ Ich erwiderte, daß die unbestreitbare Verärgerung nicht auf poli- 
tische Momente zurückzuführen wäre. Ich wies auf sein allzu absprechendes, 
allzu heftiges Auftreten gegenüber der modernen Richtung in Kunst und 
Literatur hin. Gerade in diesem Punkte sei der Deutsche gar empfindlich 
und lasse sich nicht von oben in diese oder jene Richtung stoßen. Hier 
protestierte der Kaiser zum erstenmal. Gegen Liebermann und Haupt- 
mann Stellung zu nehmen, halte er nicht nur für sein Recht, sondern für 
seine Pflicht, denn solche Menschen vergifteten die Seele des deutschen 
Volkes. Ich entgegnete, daß Max Liebermann doch einige recht schöne 
Bilder gemalt und Gerhart Hauptmann, Denker und Dichter in einer Per- 
son, manches tiefe und ergreifende Stück von bleibendem Wert auf die 
Bretter gebracht hätte, welche die Welt bedeuteten. Gegen Talent und 
Genie zu kämpfen sei immer mißlich. Jedenfalls würde der Kaiser in diesem 
Streit unterliegen, wenn er Liebermann nur Knackfuß und Hauptmann 
nur den Major Lauff entgegenzuhalten habe. Die „Netzflickerinnen‘“ und 
das „Altmännerhaus“ von Liebermann würden immer Bewunderer finden, 
„Hannele“ und „Die versunkene Glocke“, „Die Weber“ und „Florian 
Geyer“ Hauptmanns noch lange Herzen rühren und bewegen. Ich sagte das 
ohne Schärfe, im leichten Gesprächston, unter Bezugnahme auf frühere 
Unterredungen mit Seiner Majestät über dieses Thema. Ich fühlte aber 
sogleich, daß merkwürdigerweise hier die verwundbarste Stelle war, und 
lenkte die Konversation auf die für mich ja auch erheblich wichtigeren 
Fragen der Politik. 
Ich wies in langem Vortrag auf die Schwierigkeiten hin, die in dem bevor- 
stehenden Winter zu überwinden wären. Innerpolitisch stehe die große 
Reichsfinanzreform im Vordergrunde, deren Erledigung eine absolute Not-
        <pb n="444" />
        DER VORTRAG BÜLOWS 379 
wendigkeit wäre. Das deutsche Volk sei kein steuerfreudiges Volk. Dazu 
käme die Frage, ob wir nur indirekte Steuern beantragen oder auch eine 
direkte Steuer in Vorschlag bringen sollten. Ich hielte es politisch und sozial 
für gefährlich, eine so eingreifende Finanzreform nur auf indirekte Steuern 
zu basieren. Es würde aber nicht leicht sein, die von mir in Aussicht 
genommene direkte Steuer durchzubringen, da sie bei den Konservativen 
auf starken Widerstand stoßen dürfte. Daraus könne, da das Zentrum jeden 
Spalt im Block benutzen würde, um die gegenwärtige Parteigruppierung zu 
sprengen, eine innere Krisis hervorgehen. Der Kaiser betonte mit Leb- 
haftigkeit, wie sehr er die weitere Aufrechterhaltung des Blocks wünsche. 
Ich bestärkte ihn in dieser Auffassung mit dem Bemerken, daß mein Be- 
streben dahin ginge, unter Aufrechterhaltung der derzeitigen freundlichen 
Beziehungen zwischen Konservativen und Nationalliberalen und ohne Ab- 
stoßen der Freisinnigen allmählich wieder einen Modus vivendi mit dem 
Zentrum zu finden. Einem solchen Ausgleich hätten wir durch sorgsame 
Schonung der Rechte der katholischen Kirche und aller katholischen 
Gefühle vorgearbeitet. Auch hoffte ich, daß meine freundschaftlichen Be- 
ziehungen zu dem von mir sehr verehrten Kardinal Kopp und die wohl- 
wollende Gesinnung des Heiligen Vaters und der Kurie für mich eine all- 
mähliche Versöhnung mit der Zentrumspartei erleichtern würden. In diesem 
Falle würde ich mir erlauben, die Erhebung der Preußischen Gesandtschaft 
beim Päpstlichen Stuhl zur Deutschen Botschaft in Vorschlag zu bringen. 
Ich hätte auch schon einen Kandidaten für diesen Posten in Aussicht: 
den Reichstagsabgeordneten von Hertling. Der Kaiser schien nicht ab- 
geneigt. 
Ich kam nun auf die äußere Lage zu sprechen, die in noch höherem 
Grade unsere ernsteste Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen müsse. Die 
bosnische Frage befinde sich zur Zeit in einem akuten Stadium. Ich hielte 
aber durchaus an der Hoffnung fest, daß wir ohne irgendwelche Preisgabe 
des guten Rechts wie der Sicherheit der habsburgischen Monarchie, aber 
auch ohne Schädigung unserer eigenen Beziehungen zu Rußland die Krisis 
zu einem befriedigenden Abschluß bringen würden. Ich verhehlte Seiner 
Majestät dem Kaiser nicht, daß Allerhöchstseine Gespräche in Highcliffe 
sich wie Reif in der Frühlingsnacht auf die gerade in den letzten Monaten 
emporsprossenden Blüten besseren Verständnisses zwischen den beiden 
großen Völkern diesseits und jenseits des Kanals niedergesenkt hätten. 
Aber auch darüber wäre wegzukommen. Der englische Botschafter habe 
mir vertraulich gesagt, daß König Eduard sich mit der bestimmten Absicht 
trage, seinen Wunsch, zwischen England und Deutschland „peace and good 
will“ walten zu schen, durch einen mit der Königin Alexandra in Berlin 
abzustattenden, ganz offiziellen Besuch urbi et orbi zu dokumentieren,
        <pb n="445" />
        380 „EINVERSTANDEN WILHELM IR.“ 
„Das ist ja wunderschön“, meinte schon sichtlich erleichtert der Kaiser- 
Er schien aber immer noch zu erwarten, daß ich für mein Verbleiben im 
Amt noch eine ernste, böse Bedingung stellen würde. 
Nach kurzem, von beiden Seiten beobachtetem Schweigen frug der 
Kaiser, der offenbar diesen Punkt in seinem Innern schon eingehend er- 
wogen hatte: „Verlangen Sie eine Proklamation an das Volk? Oder eine 
Kabinettsorder an Sie und für Sie? Ich bin zu allem bereit.‘“ Er sagte das 
in liebenswürdigem Ton. Ich erwiderte, daß ich meinem allergnädigsten 
Herrn keinerlei Kapitulation oder gar ein unwürdiges Pater peccavi zu- 
muten würde. Ich schlüge vor, in der „Norddeutschen Allgemeinen Zei- 
tung“ zu sagen, daß Seine Majestät der Kaiser mir die Möglichkeit geboten 
hätte, ihm die durch die Veröffentlichung des „Daily Telegraph‘ hervor- 
gerufene Erregung zu schildern und meine Behandlung der Reichstags- 
interpellation zu motivieren. Im Anschluß hieran könne gesagt werden, 
daß der Kaiser die Wahrung der verfassungsmäßigen Verantwortlichkeiten 
im Reich und der Stetigkeit der Reichspolitik als seine Pflicht betrachte 
und mich nach wie vor mit seinem Vertrauen beehre. Ich hatte schon am 
vorhergehenden Tage einen in diesem Sinne gehaltenen Entwurf aufgesetzt, 
der wie folgt lautete: „In der dem Reichskanzler gewährten Audienz hörte 
Seine Majestät der Kaiser und König einen mehrstündigen Vortrag des 
Fürsten von Bülow. Der Reichskanzler schilderte die im Anschluß an die 
Veröffentlichung des ‚Daily Telegraph‘ im deutschen Volk hervorgetretene 
Stimmung. Er erläuterte die Haltung, die er in den Verhandlungen des 
Reichstags über die Interpellationen eingenommen hatte. Seine Majestät 
nahm die Darlegungen und Erklärungen des Reichskanzlers mit großem 
Ernst entgegen und gab Seinen Willen dahin kund: Unbeirrt durch die von 
Ihm als ungerecht empfundenen Übertreibungen der öffentlichen Kritik, 
erblicke Er Seine vornehmste Kaiserliche Aufgabe darin, die Stetigkeit der 
Politik des Reichs unter Wahrung der verfassungsmäßigen Verantwort- 
lichkeiten zu sichern.“ Der Kaiser stimmte sofort zu und mit Empressement. 
Er schien geradezu erstaunt, so gut davonzukommen. Als ich ihm das 
Entrefilet zum zweitenmal vorlas, fügte ich im ersten Absatz hinter dem 
Wort „Stimmung“ noch die Worte ein: „und deren Ursachen“. Mit dem 
von mir vorgeschlagenen Schluß der Verlautbarung war der Kaiser nach 
seiner Versicherung besonders einverstanden. Er lautete: „Demgemäß 
billigte Seine Majestät der Kaiser und König die Ausführungen des Reichs- 
kanzlers im Reichstage und versicherte den Fürsten von Bülow Seines fort- 
dauernden Vertrauens.“ Der Kaiser bestand darauf, auf den Entwurf dieses 
Artikels sein „Einverstanden Wilhelm I. R.“ zu setzen, obwohl ich dies für 
nicht erforderlich erklärte. „Ich bin ja mit jedem Wort einverstanden“, 
aneinte er, „und das soll bei den Akten bleiben und in den Akten stehen.“
        <pb n="446" />
        AKKOLADE 381 
Als ich in das Arbeitszimmer eingetreten war, das neben dem Sterbe- 
zimmer des Kaisers Friedrich lag und dessen Tür mit einer hübschen 
Melodie auf und zu ging, hatte der Kaiser mir mit einem starken Hände- 
druck gesagt: „Helfen Sie mir! Retten Sie mich!“ Bevor ich das Zimmer 
verließ, umarmte und küßte er mich auf beide Wangen, was er nur zweimal 
getan hat, diesmal und als er mir 1901 bei meiner Investitur mit dem hohen 
Orden vom Schwarzen Adler die übliche Akkolade erteilte. Während ich 
mich unter der Tür verbeugte, wiederholte der Kaiser zweimal: „Ich danke 
Ihnen! Ich danke Ihnen von Herzen!“ Als ich bei meiner Rückkehr aus 
dem Neuen Palais wieder im Reichskanzlerpalais eintraf, sagte ich zu meiner 
Frau, die mir in einem oft stürmischen Leben mit immer gleicher Treue und 
Liebe zur Seite gestanden hat: „Den Kaiser und die Krone habe ich noch 
einmal durchgebracht. Wie lange wir in diesem Hause bleiben, das ist eine 
andere Frage.“ 
Achtundvierzig Stunden später begann im Reichstag die Beratung der 
Reichsfinanzreform. Ich eröffnete sie mit einer Rede, die über zwei 
Stunden dauerte*. 
Ich sprach, wie immer, ganz frei. Ich hatte mich monatelang mit 
den einschlägigen Fragen beschäftigt, sie im Kopfe hin und her gewälzt. 
Ich habe gelegentlich sagen hören, ich wäre bei der Reichsfinanzreform zu 
Fall gekommen, weil ich nach meinem ganzen Lebensgang diese Materie 
nicht genügend beherrscht hätte. Selbst gute Freunde haben mir gegenüber 
gelegentlich gemeint, daß meine persönliche Gleichgültigkeit in Geld- und 
Finanzfragen bei meiner Behandlung der Reichsfinanzreform einen nach- 
teiligen Einfluß ausgeübt hätte. Diese Auffassung trifft nicht zu. Auch bei 
der Vorbereitung wie bei der parlamentarischen Behandlung und Ver- 
tretung des Zolltarifs war ich weit davon entfernt, jedes Detail zu kennen. 
Ich habe schon einmal gesagt, daß es sich für einen leitenden Staatsmann 
gar nicht empfiehlt, in den Einzelheiten aufzugehen. „Le detail est une 
vermine qui ronge les grandes choses.““ Ich wiederhole: Es ist nicht 
unerläßlich, daß ein leitender Mann jeden Baum im Walde kenne. Aber 
er soll und muß den Fehler vermeiden, den Wald vor Bäumen nicht 
zu sehen. Und aus Gründen, die unseren Fehlern wie unseren Vorzügen 
entspringen, verfällt der Deutsche leicht in den letzteren Febler. Ich 
hätte die Reichsfinanzreform geradeso gut durchgebracht wie Zolltarif 
und Handelsverträge, wenn 1908/1909 die Konservativen eine so ver- 
ständige Haltung eingenommen hätten wie acht Jahre früher bei der 
Tarifaktion und den Handelsverträgen und wenn der Kaiser fest hinter 
mir gestanden hätte. 
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 141ff.; Reclam-Ausgabe V, 89. 
Rede zur 
Reichsfinanz- 
reform
        <pb n="447" />
        382 WILHELM II. WILL ABDANKEN 
Der hohe Herr aber hatte schon im Frühjahr 1908, Monate vor dem 
Erscheinen des „Daily-Telegraph‘“-Artikels, zu dem Kriegsminister von 
Einem, der es mich, streng vertraulich, aber in guter Absicht und warnend, 
wissen ließ, unmutig geäußert: „Bülow wird mir zu groß.“ Als durch die 
Reichstagsdebatte vom November 1908 sein überspanntes Selbstgefühl 
verletzt worden war und als Intriganten, Neider und Streber in diese Wunde 
das Gift der Verdächtigung und Verleumdung träufelten, wandte sich der 
Kaiser erst von mir ab, dann gegen mich. Mir gegenüber trug er vorerst 
noch die Maske des Wohlwollens und der Freundschaft. 
Als ich mich in der Reichstagssitzung vom 19. November 1908 zum 
Worte gemeldet hatte, um die Vorlage zur Reichsfi f 
flüsterte einer der Herren der Reichskanzlei mir leise zu: „Seine Majestät 
der Kaiser läßt Eurer Durchlaucht durch den Kammerdiener Schulz 
telephonisch mitteilen, daß er die Absicht habe, abzudanken.“ Ich hatte 
gerade noch Zeit, zu antworten: „Telephonieren Sie sehr ernst zurück, 
man möge nichts überstürzen und jedenfalls die Feier im Rathaus abwarten, 
die übermorgen vor sich gehen wird.“ In diesem Augenblicke hörte ich 
schon die Stimme des Präsidenten: „Der Herr Reichskanzler hat das Wort.“ 
Ich wies zunächst in großen Zügen auf die Grundlagen unserer inter- 
nationalen Stellung hin. Emporkömmlinge seien im allgemeinen nicht 
beliebt. Das Deutsche Reich, das jüngste Mitglied der europäischen 
Staatengemeinschaft, hätte seit seiner Errichtung im Ausland mehr 
Respekt und selbst Furcht als Zuneigung genossen. Deutschland, früher 
der bequeme Tummelplatz für fremde Einmischung, wäre eben ein unbe- 
quemer Konkurrent geworden. Auch Bismarck habe nicht verhindern 
können, daß der Revanchegedanke in Frankreich nicht erlöschen wolle, 
daß in Rußland nach dem Türkenkrieg eine deutschfeindliche Welle ge- 
kommen sei. Es sei auch nicht ganz unnatürlich, daß unsere aus dem 
Wachstum unserer Bevölkerung und unserer produktiven Kräfte hervor- 
gegangene wirtschaftliche Expansion wenigstens bei einem Teil des engli- 
schen Volks die einst freundlicheren Gefühle allmählich in eine gewisse 
Besorgnis verwandelt hätte. Solche Gegnerschaften beruhten im letzten 
Ende auf elementaren Ursachen, wären aber nach meiner Über- 
zeugung in keiner Weise unüberwindlich. Manche Gegensätze werde die 
Zeit heilen oder mildern. „Was wir brauchen, ist Kaltblütigkeit, Furcht- 
losigkeit, Stetigkeit, Ruhe nach außen und im Innern!“ Unter Bewegung 
im ganzen Hause erinnerte ich an das tiefsinnige Bild unseres größten 
deutschen Meisters, an jenes Bild von Albrecht Dürer, das einen Ritter 
darstellt, der in voller Rüstung neben Tod und Teufel ruhig und kaltblütig 
das Tal hinan reitet. Diesem Bild stellte ich ein anderes gegenüber, das 
ich vor einiger Zeit in einer französischen Zeitung gefunden hatte. Es 
m zu begründen,
        <pb n="448" />
        DIE SCHULDENWIRTSCHAFT 383 
stellte einen deutschen Kürassier dar, mit blankem Pallasch und Helm, 
aber in abgerissener Uniform, der einem hochmütig, mit abwehrender Geste 
vorübergehenden Fremden bettelnd die Hand entgegenstreckt, ein Bild, 
wie sich unsere Finanzlage und damit unsere Verteidigungsfähigkeit, 
unsere Schlagfertigkeit in weiten Kreisen des Auslandes darstelle. Hier 
liege eine Gefahr, und diese Gefahr zu überwinden, hänge ganz allein von 
uns ab. Wir wollten und müßten diesmal ganze Arbeit tun. Kein Mensch 
in der ganzen Welt zweifle daran, daß das deutsche Volk stark genug wäre, 
die für eine gründliche Reichsfinanzreform erforderlichen Lasten zu tragen. 
Jedermann wisse, daß in Deutschland jahraus, jahrein über drei Milliarden 
in Bier, Wein und Branntwein versoffen würden, daß der Deutsche die 
billigsten und preiswertesten Zigarren der Welt rauche. Der Tabak wäre 
bei uns mit etwas über 11, Mark pro Kopf belastet, in Österreich mit fast 
5 Mark, in Großbritannien mit über 6 Mark, in Frankreich gar mit fast 
8 Mark! In Deutschland entfielen an Abgabe auf Bier auf den Kopf der 
Bevölkerung kaum 11, Mark, in Großbritannien dagegen über 64, Mark! 
An Branntweinsteuer betrüge die durchschnittliche Belastung auf den 
Kopf bei uns etwas über 21, Mark, in Frankreich mehr als 61, Mark, in 
Großbritannien 8%, Mark! Dabei nehme der Reichtum in Deutschland er- 
freulicherweise gewaltig zu. Ich schätzte unseren jährlichen Zuwachs an 
Nationalvermögen auf fast vier Milliarden Mark. Der Wert der Privatdepots 
bei den Banken steige jährlich um 400 Millionen Mark. Allein in Börsen- 
werten würden jährlich in Deutschland etwa drei Milliarden aufgenommen. 
Dazu kämen 500 Millionen Mark Sparkassen-Neueinlagen und 225 Mil- 
lionen Einlagen bei den Genossenschaftsbanken. Ein solches Land sei 
nicht arm, ein solches Land könne im Interesse seines Ansehens, seiner 
Sicherheit noch weit stärkere Lasten tragen. Das alles sche nicht nach 
Bankrott aus, deute nicht auf Niedergang hin. Aber einen moralischen 
Bankrott würden wir erleiden, wenn wir nicht endlich Wandel schafften 
und mit der Schuldenwirtschaft brächen. Ich berief mich auf den mir 
befreundeten freisinnigen Prorektor der Freiburger Universität, den Pro- 
fessor von Schulze-Gävernitz, der kürzlich erklärt habe, daß die deutsche 
Finanzmisere nicht auf mangelnder Steuerfähigkeit, sondern auf mangeln- 
der Steuerwilligkeit beruhe. Ich berief mich auf meinen alten Gönner und 
Freund, den Professor Adolf Wagner, der von deutscher „Steuerfilzigkeit“ 
und „Steuerknickrigkeit‘‘ gesprochen hätte. 
Ich richtete an den Reichstag und über den Reichstag hinaus an das 
deutsche Volk gleichzeitig eine ernste Mahnung zu größerer Sparsamkeit. 
Ziemlich plötzlich reich geworden, glichen wir demjenigen Erben, der seine 
Verhältnisse überschätze, sich nicht einzurichten verstehe und nun wahr- 
nehme, daß er über sein Budget hinaus gelebt habe. „Wir waren zu lange
        <pb n="449" />
        Debüt 
des Staats- 
sekretärs 
Sydow 
384 DER ÜBERFLÜSSIGE LUXUS 
arın, um nicht der Versuchung zu unterliegen, es unseren reichen Nachbarn 
in Wohlleben und Luxus gleichzutun. Ich will es offen aussprechen. Es ist 
bei uns eine Zeit des Luxus, der Überschätzung des materiellen Genusses 
eingerissen, die jeden mit ernster Sorge erfüllen muß, dem das höchste 
Gut unseres Volkes, seine intellektuelle Kultur, am Herzen liegt. Wir 
müssen alle in unserer ganzen Lebenshaltung zurück zu größerer Einfach- 
heit.‘ Als mich Zurufe von den Sozialdemokraten unterbrachen, erwiderte 
ich: „Ich nehme niemanden aus. Eine einfache Lebenshaltung ist würdiger, 
sie ist vornehmer, und gerade den Deutschen kleidet sie besser.“ Ich er- 
innerte daran, daß von jeher Reichtum ein Mittel zur Macht gewesen ist. 
Er werde das mit jedem Jahrzehnt mehr, weil mit jedem Jahrzehnt die 
wirtschaftlichen und industriellen Beziehungen und Abhängigkeitsver- 
hältnisse wichtiger würden für die internationalen Beziehungen und für die 
Gruppierung der Völker. Ich rühmte die mir aus meinem langen Aufenthalt 
in Frankreich wohlbekannte, bewunderungswürdige Sparkraft der Fran- 
zosen, die „force d’epargne‘ des einzelnen Franzosen und der einzelnen 
Französin, die uns in dieser Beziehung ein nachahmenswertes Beispiel 
gäben. Ich forderte die Fachmänner auf, diese meine Ausführungen aus 
persönlicher Kenntnis und Erfahrung im einzelnen zu ergänzen und zu 
bereichern. Ich betonte unter dem Beifall der Sozialdemokraten, daß meine 
Mahnung über den überflüssigen Luxus sich in erster Linie an die mittleren 
und an die höheren Stände richte. Ich ging auch hier von meinen persön- 
lichen Erfahrungen aus, und ich erinnerte daran, wie einfach es in Bonn 
auf unserem Kasino zugegangen wäre, als ich dort als Leutnant bei den 
Königshusaren gestanden hätte. Als diese Reminiszenz von einem Teil des 
Hauses mit Heiterkeit aufgenommen wurde, wiederholte ich noch einmal, 
daß dies ein sehr ernstes, ein trauriges Kapitel sei: Es sei des deutschen 
Volkes, es sei seiner kulturellen Größe, es sei seiner ruhmvollen geistigen 
Geschichte unwürdig, daß solche gesellschaftliche Sitte oder vielmehr Un- 
sitte, welche die gesellschaftliche Schätzung zu einer Frage des Geldes 
mache, solche soziale Moral oder vielmehr Unmoral hätte aufkommen 
können. Ich schloß mit dem Ausdruck der festen Zuversicht, daß der 
Reichstag die Dringlichkeit und die Größe der ihm gestellten Aufgabe 
erkennen, daß die Vertreter der Nation diese Aufgabe so erfüllen würden, 
wie es eines großen, friedlich vorwärtsstrebenden und starken Volkes 
würdig wäre. 
Nach mir ergriff der neue Staatssekretär des Reichsschatzamts Sydow 
das Wort. Ich muß hier gleich bemerken, daß seine Wahl keine glückliche, 
sondern ein Mißgriff von mir war. Als ich die Unerläßlichkeit einer gründ- 
lichen Finanzreform und damit einer für damalige Begriffe erheblichen 
Steuervermehrung erkannt hatte, war mir klargeworden, daß diese Aufgabe
        <pb n="450" />
        DER KAISER NICHT FÜR RATHENAU 385 
mit dem bisherigen Reichsschatzsekretär Stengel nicht zu lösen war. Er 
war ein gewissenhafter, vorzüglicher Beamter, aber als langjähriger 
bayrischer Bevollmächtigter zum Bundesrat mit dem bisherigen System 
zu eng verknüpft, um als scharfer Besen verwertet werden zu können. 
Auch stand er der Zentrumspartei nahe, die wünschte, mich anläßlich der 
Finanzreform und durch die Finanzreform zu Fall zu bringen. 
Als Nachfolger dachte ich zunächst an Walter Rathenau, der viel in 
meinem Hause verkehrte und mir wiederholt Beweise großer und feuriger 
Verehrung für mich gegeben hatte. Am Abend des 17. November übersandte 
er mir cin prächtiges Blumenarrangement mit seiner Visitenkarte, auf der 
stand: „Dem Retter des Vaterlands sein allezeit getreuer Walter Rathenau.“ 
Ich glaube noch heute, daß er sich zum Reichsschatzsekretär wohl geeignet 
haben würde, besser als später zum Minister des Äußern. Bei Kaiser Wil- 
helm war er woblgelitten. Ich habe schon gelegentlich erwähnt, daß dem 
Kaiser konfessionelle Voreingenommenheit und Rassenvorurteile, ins- 
besondere auch jeder Antisemitismus völlig fernlagen. Er meinte aber, 
daß die Ernennung eines Israeliten für dieses im damaligen Moment 
besonders wichtige Amt des Reichsschatzsekretärs die Rechte zu schr ver- 
stimmen würde, die ohnehin gerade in Steuerfragen schwer bei der Stange 
zu halten war. Aus diesem Grunde lehnte er auch den sehr klugen Bankier 
Carl Fürstenberg ab und selbst seinen Liebling Albert Ballin. Ich bin 
übrigens nicht sicher, ob die beiden letztgenannten, vorher und nachher 
von mir sehr geschätzten Herren meinem Rufe gefolgt wären, wenn ich 
einen solchen an sie gerichtet hätte. Ich wendete mich dann an einen 
anderen hervorragenden Bankier, Herrn Waldemar Müller von der 
Dresdner Bank. Er lehnte ab, da er gerade in diesem Augenblick nicht aus 
der Bank ausscheiden könne, deren Hauptdirektion kurz vorher zwei ihrer 
Mitglieder verloren habe. So mußte ich einen Beamten wählen, und meine 
Wahl war auf den bisherigen Unterstaatssekretär Sydow gefallen. 
Sydow war ein ehrenhafter, fleißiger und gewissenbalter Mann, den 
viele der traditionellen guten Eigenschaften des preußischen Beamten 
zierten, aber er besaß auch manche der Fehler, die unseren Bürokraten nun 
einmal anhaften. Er war steif, er war starr, er übersah über kleinen Er- 
wägungen oft die große Linie, er war unbeholfen, er war zu gründlich. Er 
hatte nicht über das tiefsinnige Wort des französischen Dichters nach- 
gedacht, das freilich gerade der brave Deutsche schwer versteht: 
Glissez, heureux mortels, 
n’appuyez pas. 
Die Rede, mit der er sich am 19. November einführte, war offenbar in Die Kaiserin 
mühseliger Arbeit am Schreibtisch entstanden, lang, streng sachlich, aber interveniert 
25 Bülow II
        <pb n="451" />
        386 DER LAKAI DER KAISERIN 
langweilig und deshalb wirkungslos. Während die Worte von seinen Lippen 
fielen wie die Tropfen eines stillen Landregens, verließ ich das Parlament. 
Als ich in der Richtung vom Reichstag nach dem Großen Stern ging, um 
mir die Beine zu vertreten und mich ein wenig zu erfrischen, näherte sich 
mir ein Herr, den ich als einen königlichen Lakaien erkannte, obwohl er in 
Zivil, nicht in Livree war. Er übergab mir einen Brief. Ich erkannte auf 
der Adresse des Kuverts sofort die Handschrift der Kaiserin. Das Billett 
enthielt nur die wenigen Worte: „Ich möchte Sie sprechen. Alles Weitere 
durch den Überbringer. V.“ Wir gingen nun zusammen weiter. Wenige 
Minuten später hielt mein Begleiter eine verschlossene Droschke an, mit der 
wir zum Potsdamer Bahnhof gelangten, von wo wir mit der Wannseebahn 
nach Potsdam fuhren. Wir benützten, um unerkannt zu bleiben, ein Abteil 
zweiter Klasse. Von Potsdam aus fuhren wir wieder in einer verschlossenen 
Droschke bis in die Nähe des Neuen Palais. Ihre Majestät die Kaiserin 
empfing mich im Erdgeschoß. Sie hatte rotgeweinte Augen, aber ihre Hal- 
tung war durchaus königlich. Sie frug mich sofort: „Muß denn der Kaiser 
abdanken? Wollen Sie, daß er abdankt ?“ Ich entgegnete ohne einen 
Augenblick der Besinnung mit größter Bestimmtheit, daß mir jeder solche 
Gedanke fernliege und daß ich die Abdankung auch in keiner Weise für 
notwendig hielte. Die Kaiserin setzte sich und bat mich, auch Platz zu 
nehmen. Sie erzählte mir, daß der Kaiser einen „Nervenschock“ erlitten 
habe, einen „Kollaps“. Das wäre schon früher dagewesen nach starken Er- 
regungen, z. B. nach seiner mißglückten Rede an die Brandenburger 
Herren, auch nach der Swinemünder Depesche an den Prinzregenten von 
Bayern. Diesmal sei es aber viel ärger. Der Kaiser habe sich zu Bett legen 
müssen, mit Schüttelfrost und Weinkrämpfen. 
Ich setzte nun der Kaiserin die Lage auseinander. Ich brauchte ihr nicht 
die Gründe darzulegen, die zu der heftigen Erregung der öffentlichen 
Meinung geführt hatten, denn obwohl in felsenfester Treue und grenzen- 
loser Liebe ihrem Gemahl ergeben, machte sich die Kaiserin mit ihrem 
feinen Takt und ihrem ausgeprägten Bon sens keine Illusionen über die 
gefährlichen Seiten in der Natur ihres hohen Gemahls. Ich erklärte der 
Kaiserin, und mit voller Überzeugung, ich könne ihr mit bestem Gewissen 
die Versicherung geben, daß der nach meiner Reichstagsrede schon im Ab- 
flauen begriffene Sturm bald vorübergegangen sein werde. Ich würde es zu 
keinerlei Verkürzung der verfassungsmäßigen und traditionellen Rechte der 
preußischen Krone kommen lassen, darauf könne sie sich fest verlassen. 
Der Kaiser müsse freilich endlich ruhiger werden, vorsichtiger und be- 
sonnener im Auftreten, im Reden und Schreiben, in allem seinem Tun. Ich 
würde es für sehr nützlich halten, wenn der Kaiser bei der Feier erschiene, 
die am 21. November, d. h. übermorgen, im Berliner Rathaus stattfände.
        <pb n="452" />
        DER THRONERBE INFORMIERT SICH 387 
Die Kaiserin meinte, sie wisse nicht, ob Seine Majestät dazu übermorgen 
schon imstande sein würde. Ich entgegnete, der Kaiser sei eine Steh-auf- 
Natur. Wenn Ihre Majestät ihm gut zuspräche, werde er kommen und seine 
Sache im Rathause sehr gut machen. Ich hätte ihm eine schöne Rede vor- 
bereitet. Als die Kaiserin mich entließ, schien sie getröstet und beruhigt. 
Ich kam auf demselben Wege, in derselben Weise völlig unerkannt wieder 
nach Hause, wo meine Abwesenheit gar nicht bemerkt, sondern auf einen 
längeren Spaziergang im Tiergarten zurückgeführt worden war, wie ich 
solche nicht selten unternahm, auch ohne Begleitung durch die mir bei- 
gegebenen wackeren Polizisten. 
Am 20. November kam der Kronprinz zu mir. Er wußte ebensowenig 
wie sein Herr Vater, daß ich am Tage vorher im Neuen Palais vorgesprochen 
hatte. Er kam, um sich über die Lage der Dinge zu informieren. Er war wie 
immer höflich und bescheiden, im Gegensatz zu seinem Herrn Vater mehr 
zögernd, mehr rezeptiv als perorierend. Ich merkte aber bald, daß er nicht 
ungern wenigstens für einige Zeit die Zügel der Regierung ergriffen hätte. 
Während er sich über die überall hervortretende, gereizte, ja erbitterte 
Stimmung weiter Kreise gegen Seine Majestät den Kaiser in vorsichtigen, 
aber doch durchsichtigen Wendungen verbreitete, stieg vor meinem Geiste 
die berühmte Szene auf, in der Shakespeare den Prinzen von Wales, den 
nachmaligen König Heinrich den Fünften, schildert, wie er, am Bette 
seines schlafenden Vaters, König Heinrichs des Vierten, sitzend, die auf 
dessen Kissen liegende Krone erblickt, sie ergreift, sie sich aufsetzt: 
Hier sitzt sie, seht; 
Der Himmel schütze sie! 
Der Kronprinz frug, ob ich glaube, daß der Kaiser, der namentlich von 
Maximilian Harden, aber auch von anderen Seiten so maßlos angegriffen 
werde, „ohne weiteres‘ fortfahren könne zu regieren, als ob nichts vorge- 
fallen wäre. Ob nicht eine Pause, und sogar eine längere Pause, wün- 
schenswert, ja notwendig sei? Ich erwiderte, daß meines Erachtens der 
Kaiser schon morgen, geschweige denn in acht Tagen, sein hohes Amt in 
seinem ganzen Umfange wieder aufnehmen könne und werde. Wenn Seine 
Majestät der Kaiser und König künftig angemessen auftrete, werde er nicht 
mit verminderter, sondern mit vermehrter Autorität weiterregieren können. 
Die preußische Krone sei aus sehr festem Metall geschmiedet. Sie verkörpere 
eine fast fünfhundertjährige glorreiche Geschichte, stromweise sei für sie das 
Blut des märkisch-preußischen Volkes geflossen, von Fehrbellin bis Mars-la- 
Tour. Die deutsche Kaiserkrone, die Wilhelm I. mit Bismarck aus dem Kyff- 
häuser hervorgeholt habe, umgebe noch immer ein Zauber, ein Nimbus ohne- 
gleichen. Es müßten „ungeheure Dummbheiten‘‘ gemacht werden, um diesen 
25° 
Besuch des 
Kronprinzen
        <pb n="453" />
        Der Kaiser im 
Berliner Rat- 
haus 
388 „MEINE STADT BERLIN“ 
Zauber, diesen Nimbus zu zerstören, diese Treue ins Wanken zu bringen, 
Der Kronprinz verließ mich mit etwas enttäuschtem Ausdruck. Wenn er 
in seinen Denkwürdigkeiten erzählt, daß er nach den Novembertagen als 
Stellvertreter seines Vaters tiefe und ihn beunruhigende Einblicke in unsere 
Regierungsmaschine getan habe, so täuscht ihn sein Gedächtnis. Ich ent- 
sinne mich nicht, ihm in jener Zeit einen einzigen wirklich wichtigen Bericht 
unterbreitet oder einen bedeutsamen Vortrag gehalten zu haben. Jedenfalls 
habe ich, bevor der Kaiser völlig wiederhergestellt war, vom Kronprinzen 
keinerlei Entscheidung von irgend größerer Tragweite erbeten. 
Am 21. November fand im Berliner Rathaus die Hundertjahrfeier der 
preußischen Städteordnung statt. Der Kaiser erschien mit gewohnter 
Pünktlichkeit. Er sah noch immer blaß aus. Er begrüßte alle Anwesenden 
mit großer Freundlichkeit. Auf die Ansprache des Oberbürgermeisters er- 
widerte er nicht, wie dies bisher seine Gewohnbeit gewesen war, in freier 
Rede, sondern er nahm aus meinen Händen die von mir aufgesetzte Rede 
entgegen, die er mit kräftiger Stimme, ganz unbefangen vorlas. Es hieß in 
dieser Ansprache: „Der mit der Gewährung der Selbstverwaltung von 
Meinem Ahn seinem Volk gegebene Beweis des Vertrauens und der damit 
verbundene Appell an die geistige und sittliche Kraft des Bürgertums 
haben reiche Früchte gezeitigt. Echtes Gold wird klar im Feuer. Das echte 
Gold deutscher Treue und Tüchtigkeit, welche die Bürgerschaft der Städte 
erfüllen, ist im Feuer der Befreiungskriege geklärt und in hundertjähriger 
ernster, opferfreudiger Arbeit für das Gemeinwohl bewährt. Wenn nach 
den Worten des Preußenliedes nicht immer heller Sonnenschein leuchten 
kann und es auch trübe Tage geben muß, so sollen aufsteigende Wolken 
ihre Schatten niemals trennend zwischen Mich und Mein Volk werfen. Gott 
segne Meine Stadt Berlin!“ Die Rede wurde von allen Anwesenden, auch 
von den linksgerichteten Stadtverordneten, mit Beifall aufgenommen. Als 
er seine Rede verlesen hatte, winkte mich der Kaiser zu sich und gab mir 
das Manuskript der Rede wieder zurück, worauf er mir die Hand schüttelte. 
Er wollte zeigen, daß er sich als konstitutioneller Herrscher fühle. 
Die Erregung, welche die Novemberereignisse im deutschen Volke her- 
vorgerufen hatten, zeigte sich auch in einer Flut von Briefen und Zu- 
schriften an mich, von denen ich nur einige wenige wiedergeben kann. Der 
verständige, sehr patriotische König Wilhelm von Württemberg telegra- 
phierte mir: „Ich kann mir nicht versagen, meiner lebhaften Freude Aus- 
druck zu geben, daß Eure Durchlaucht auch fernerhin die Leitung der Ge- 
schicke unserer gemeinsamen Lande in Ihrer erprobten Hand behalten 
werden.“ Auch sein ausgezeichneter Ministerpräsident Weizsäcker gab 
seiner „innigen“ Freude Ausdruck, daß ich an der Spitze der Reichse- 
geschäfte verbliebe. Die badische Regierung sprach mir ihre „dankbare
        <pb n="454" />
        KUNDGEBUNGEN 389 
und freudige Genugtuung‘‘ darüber aus, daß mein Verbleiben auf dem 
Posten des Reichskanzlers gesichert wäre. „Möge es Eurer Durchlaucht 
noch lange vergönut sein, die deutsche Politik sicher und stetig zu leiten 
zum Segen des Reichs und zur Förderung des Friedens unter den Völkern.“ 
In der Zweiten Sächsischen Kammer erklärte der Staatsminister Graf 
Hohenthal in einer Debatte über die Reichspolitik: „In der Sitzung des 
Bundesratsausschusses für auswärtige Angelegenheiten hat Fürst Bülow in 
vierstündigem freiem Vortrage über alles eingehende Mitteilung gemacht, 
was sich in den letzten Jahren in bezug auf die auswärtigen Angelegen- 
heiten begeben hat. Diese Mitteilungen waren streng vertraulich. Ich kann 
aber hervorheben, daß in der Aussprache, an der sämtliche Mitglieder des 
Ausschusses teilnahmen, festgestellt wurde, daß die Leitung der aus- 
wärtigen Politik in den allerbesten Händen ist und daß der Reichskanzler, 
wenn er, wiewohl schweren Herzens, sich entschlossen hat, in kritischer 
Stunde die Bürde seines Amtes weiter zu tragen, dies aus reinem Patrio- 
tismus, Pflichtgefühl und Anhänglichkeit an den Kaiser geschah.“ Der 
bayrische Gesandte gab mir gegenüber im Auftrage des greisen Prinz- 
regenten mit großer Wärme dem Wunsche Ausdruck, ich möge im Amt 
verbleiben. Zwei journalistische Veteranen aus der Bismarckzeit, Paul 
Lindau und Ludwig Pietsch, gratulierten mir mit gleicher Wärme wie 
Eugen Zimmermann, der spätere Mitarbeiter Wilhelms II. bei seinen „Er- 
scheinungen und Gestalten“. Dr. Oertel, Chefredakteur der agrarischen 
„Deutschen Tageszeitung“, ein konservativer Politiker und Parlamentarier 
von Talent und Gewicht, begrüßte in einem an mich gerichteten Tele- 
gramm mein Bleiben „nicht nur im Interesse Eurer Durchlaucht, sondern 
in dem des Kaisers und des Reichs‘; Gott möge mir Kraft und Frische 
geben, noch lange des schweren hohen Amtes zu walten, damit diese letzten 
bangen Tage bleibende gute Früchte zeitigten. In gleichem Sinne tele- 
graphierte mir der Leiter der konservativen „Schlesischen Zeitung‘, Otto 
Ruoese. Es fehlte auch nicht an scherzhaften Zuschriften. Ein „English 
admirer‘ schickte mir nachstehende, mit kunstvollen Lettern und großen 
Initialen auf Pergamentpapier gedruckten Verse: 
For the Kaiser 
Something to remember: 
If your lips you’d keep from slips 
Five things observe with care: 
Of whom you speak, to whom you speak 
And how, and when, and where. 
Albert Ballin telegraphierte mir „glücklich und von Herzen dankbar“, 
daß ich in der hohen Stellung dem Vaterland erhalten bliebe. Der General
        <pb n="455" />
        390 DAS BEFINDEN VON S.M. BESSERT SICH 
von Kracht, ein Veteran von Siebzig und Ehrenbürger der Stadt Zerbst, 
schickte mir eine Postkarte mit dem Bilde einer alten preußischen Fahne, 
die einer seiner Vorfahren geführt hätte. Er fügte hinzu, daß in seinen 
Kreisen nur eine Stimme der Genugtuung herrsche, daß ich weiter an der 
Spitze bliebe. Ein alter würdiger Pfarrer aus Unterfranken dankte mir für 
die Mannestat, die ich im Reichstag wie im Neuen Palais unter Zurück- 
stellung persönlicher Interessen zum ‚„‚Wohl des Vaterlandes‘ vollbracht 
und für das „unermeßliche Verdienst“, das ich mir dadurch um Volk und 
Monarchie erworben hätte. Er fügte hinzu: „Mein Christenglaube, der mich 
in dem Herrn aller Herren und König aller Könige den Lenker unserer 
Geschicke erkennen läßt, möchte Dank und Wunsch an Eure Durchlaucht 
in die Worte fassen: Der Herr segne Ihr ferneres Wirken zum Wohl des 
deutschen Vaterlandes und gebe Seiner Majestät dem Kaiser und Eurer 
Durchlaucht Kraft und Weisheit zu allem löblichen Tun.“ Ein deutscher 
Professor aus der national alt- und vielumstrittenen Stadt Flensburg 
schrieb: „Aus dem schwarzen Tag wurde ein großer Tag, vielleicht Ihr 
größter. Zu den Hunderttausenden, die in Dankbarkeit und Bewunderung 
heute abend zu dem Staatsmann und Menschen aufschauen, gehöre auch 
ich mit Frau und Kindern. Im Geiste ist mir ein Händedruck erlaubt.“ 
Aus dem Rheinland schrieb mir ein anderer Professor: „Möge Ihnen die 
feste Zuversicht nicht fehlen, daß dasjenige, was Sie für Deutschland ge- 
leistet haben und leisten wollen, überall von verständigen Männern nicht 
nur der Jetztzeit, sondern auch in der späteren Geschichte gewürdigt 
werden wird. Möge die Gottheit Sie schützen!“ Er unterzeichnete: „Ein 
Deutscher, abseits der Bierbänke und der Parteien, fern allem Byzantinis- 
mus, voll einer hohen und von Lüge und Äußerlichkeit völlig freien 
Achtung.“ 
Während sich der Sturm der tiefgehenden Erregung im deutschen Volk 
allmählich beruhigte, besserte sich auch das körperliche Befinden Seiner 
Majestät. Am Tage nach der Rathausfeier ließ er mir noch telephonieren, 
ich möge ihm keine anderen Eingänge unterbreiten als solche, die auf seine 
Villa Achilleion in Korfu Bezug hätten. Von Politik wolle er nie wieder 
etwas hören. Einige Tage später schrieb mir Graf August Eulenburg, der 
Kaiser sei schon wieder recht munter, er spiele ganz vergnügt mit seinen 
Teckeln. In dieser Beziehung konnte ich den Kaiser ganz verstehen. Ich 
mag alle Tiere, ich liebe außer den Pferden besonders die Hunde und unter 
den Hunden neben dem Pudel die Teckel. Sie sind seit dem Beginn meiner 
glücklichen Ehe immer um mich gewesen. In St. Petersburg die kleine Erda, 
die wir in der Mochowaja begruben, wo sie schlief, während sich das 
zaristische Rußland in die Sowjet-Union verwandelte. Nach Bukarest und 
Rom begleitete uns Waldi I, der seine letzte Ruhestätte im Garten des
        <pb n="456" />
        BÜLOWS HUNDE 391 
Palazzo Caffarelli fand, des vieljährigen Sitzes der preußischen und deutschen 
Vertretung, den wir im Weltkrieg verlieren sollten. Im Garten des Reichs- 
kanzlerpalais wurde der kluge T'roh beigesetzt, neben den Windspielen des 
Fürsten Radziwill und dem großen Tyras des großen Kanzlers. Im Garten 
der Villa Malta, nahe der von Goethe gepflanzten Palme, hat Erdmann 
seine Ruhe gefunden, der in Berlin und Norderney so oft Besucher in die 
Beine biß oder ihnen wenigstens die Hosen zerriß. Und jetzt leistet mir 
Waldi II Gesellschaft, der seit einem Jahrzehnt dem entamteten Kanzler 
ein treuer und liebevoller Gefährte ist. All meinen Hunden bewahre ich in 
meinem Herzen ein kleines, aber treues Plätzchen.
        <pb n="457" />
        XXVL KAPITEL 
Veränderte Stimmung des Kaisers Bülow gegenüber » Höfische Einflüsse und Intrigen 
gegen Bülow + Reflexionen über die Pllichten des Staatsmannes » Weitergang der 
bosnischen Krise » Rundreise Iswolskis - Sein Besuch in Berlin - Frühstück beim 
Kaiser » Bülows Erlaß an den deutschen Botschafter in Wien « Die Haltung der 
Großmächte - Der russische Botschafter Graf Osten-Sucken bei Bülow - Rußland stimmt 
vorbehultlios zu (24. III. 1909) - Die kriegerische Stimmung in Wien » Aehrenthul 
ach und nach erholte sich Kaiser Wilhelm körperlich und seelisch von 
den Eindrücken des Novembersturms. Ich habe irgendwo eine hübsche 
Anekdote von einem Alpinisten gelesen, der sich bei Chamonix verstiegen 
hatte. Er versprach dem Führer, wenn er ihn gesund vom Montblanc her- 
unterbringe, hunderttausend Francs. Als die schlimmsten Gletscher und 
Grate überwunden waren, offerierte er fünfzigtausend Francs. Im Tale an- 
gelangt, meinte er, daß zehntausend Francs eigentlich mehr als genug 
wären; er zürnte sogar dem Führer, daß er die Notlage übertrieben, ihn 
auch falsch geführt hätte. Als die durch die Gespräche des Kaisers in Eng- 
land hervorgerufene akute Krise überwunden war, setzten sofort Versuche 
ein, die Nachwirkung der Krise auf das Gemüt Seiner Majestät zu benutzen, 
um meine Stellung zu untergraben. 
Dadurch wurde zunächst eine verständige, wirtschaftlich und ins- 
besondere politisch ersprießliche Durchführung der Reichsfinanzreform er- 
schwert. Ich war nie im Zweifel darüber, daß ich eine Umgestaltung der 
Reichsfinanzreform in einer nach meiner Überzeugung nicht nur wirtschaft- 
lich, sondern auch politisch für uns schädlichen und verhängnisvollen Form 
nicht akzeptieren dürfe und könne. Ich habe immer wenig von denMinistern 
gebalten, „die auch anders können“. Ein Minister und nun gar ein 
Reichskanzler soll in großen Fragen mit seiner Überzeugung stehen und 
fallen, und er soll Überzeugungen haben. In Fragen, für die er sich ernstlich 
eingesetzt hat, soll der leitende Staatsmann keine Wetterfahne sein, die sich 
ebenso gern und ebenso leicht nach rechts wie nach links dreht. In Fragen, 
von deren richtiger Lösung nach seiner Überzeugung die Zukunft des 
Landes abhängt, soll der führende Staatsmann nicht umfallen. Mit solcher 
Auffassung meiner Stellung, meines Amtes und seiner Pflichten mußte 
ich 1908 bei der Flatterhaftigkeit und Unzuverlässigkeit Wilhelms II. die
        <pb n="458" />
        MÖGLICHKEIT VON BÜLOWS RÜCKTRITT 393 
Möglichkeit meines Rücktritts ernstlich ins Auge fassen. Um so mehr war 
ich bemüht, meinem eventuellen Nachfolger die außen- und innenpolitischen 
Geschäfte in möglichst gutem Stand zu hinterlassen. In der inneren Politik 
wollte ich einerseits Konservative und Liberale zusammenhalten, denn es 
erschien mir bedenklich, die Regierung nur auf die Ritter und auf die 
Heiligen zu stellen. Gleichzeitig aber mußte durch eine gerechte, ver- 
nünftige und entgegenkommende Haltung nicht nur gegenüber der katho- 
lischen Kirche, dem Episkopat und dem Vatikan, sondern auch gegenüber 
dem Fühlen, Glauben und Empfinden des katholischen Teils des deutschen 
Volkes der Zentrumspartei der „aditus ad pacem“ offengehalten werden. In 
der bosnischen Frage mußte die Krise zu einem Abschluß gebracht werden, 
der ohne Schädigung unserer Beziehungen zu Rußland den Fortbestand 
Österreichs sicherte. Eine Verständigung mit England über die Flottenbau- 
frage, namentlich über das Bautentempo, lag mir nicht minder am Herzen. 
Ich kehre zunächst zur bosnischen Frage zurück, die zuletzt Ende 
Oktober 1908 Gegenstand einer längeren Besprechung zwischen Seiner 
Majestät und mir gewesen war. „Wehe denen, die bei sich selbst weise sind 
und halten sich selbst für klug‘, warnt Jesaias, und Paulus empfiehlt der 
jungen Christengemeinde in Rom unter anderen goldenen Lebensregeln: 
„Haltet euch nicht selbst für klug.“ Ob die ersten Leser des Römerbriefs 
diese Lehre beherzigt haben, wissen wir nicht, möchten es aber annehmen. 
Dagegen haben die Könige Usia, Jotham, Ahas und Jehiskia von Juda 
nicht den Rat des größten Propheten des Alten Bundes befolgt. Und das 
bekam ihnen schlecht. Alexander Petrowitsch Iswolski hielt sich selbst für 
sehr klug. Er besaß auch tatsächlich eine gute Portion jener slawischen 
Schlauheit, die namentlich im dreisten Lügen und unbefangenen Fordern 
besteht und durch die sich der redliche Deutsche im Laufe seiner Ge- 
schichte oft hinter das Licht führen ließ, hier und da von den Russen, noch 
häufiger von Tschechen und Serben, am häufigsten von den Polen. Und 
trotz solcher Pfiffigkeit beging Iswolski seit der Begegnung mit Aerenthal 
in Buchlau Fehler auf Fehler, Dummheit über Dummheit. Es war, wie ich 
schon ausführte, ein grober Fehler, daß er am 15. September 1908 Aehren- 
thal in Buchlau nicht ersucht hatte, ihm klipp und klar zu sagen, wann und 
in welcher Form er die Annexion Bosniens und der Herzegowina vorzu- 
nehmen gedenke. Es war ein weiterer und großer Fehler, daß er, als ihn 
Aehrenthal mit der Annexionsproklamation vom 5. Oktober 1908 über- 
raschte, nicht sofort nach St Petersburg zurückkehrte, um dort sowohl 
gegenüber dem Zaren wie in der Duma seine Politik mit offenem Visier 
und mannhaft zu verteidigen. Statt dessen hatte er, ein anderer Odysseus, 
in fast komischer Weise Quer- und Irrfahrten durch die europäischen Haupt- 
städte unternommen. Er war nach Wien erst in London, dann in Paris 
Iswolskis 
Mißerfolg
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        394 ISWOLSKI GEBROCHEN 
erschienen. Der Zweck seiner Reisen sollte die Förderung, vielleicht und 
hoffentlich die Erfüllung der russischen Dardanellenwünsche sein. Damit 
hatte er nun weder an der Themse noch an der Seine Glück gehabt. In 
London wurde ihm gesagt, daß das liberale englische Kabinett mit Rück- 
sicht auf den linken Flügel der liberalen Partei sich nicht durch Unter- 
stützung der russischen Dardanellenaspirationen den Jungtürken unan- 
genehm machen könne, die als Freiheitshelden dem englischen Radika- 
lismus ebenso sympathisch waren, wie dieser vordem den Sultan als „‚blood- 
stained tyrant‘‘ verabscheut hatte. Auch in Paris hatte Iswolski nichts 
erreicht. In beiden westlichen Hauptstädten ging er mit seinen Klagen über 
Aehrenthal wie mit seinem inopportunen Drängen wegen der Dardanellen 
aller Welt auf die Nerven. „Iswolski is a great boar“‘, hieß es in London, 
„Iswolski nous embete“ in Paris. Iswolski brachte es aber nicht über das 
Herz, auf die ihm in englischen Schlössern winkenden „‚selected parties“ zu 
verzichten. Er brachte es noch weniger über sein zärtliches Gattenherz, 
seiner Frau die Bitte abzuschlagen, in Paris für sie Weihnachtstoiletten zu 
kaufen. Mimi Iswolski war eine reizende Frau, eine liebevolle Gattin und 
gute Mutter, dabei hübsch und elegant. Die galanten Franzosen nannten 
sie später, als Iswolski russischer Botschafter in Paris geworden war: Le 
sourire de Paris. Aber im Herbst 1908 war sie kein Glück für ihren Mann, 
den sie zu weiterem Hinausschieben seiner Rückkehr nach St. Petersburg 
veranlaßte. Am 24. Oktober 1908 traf Iswolski in Berlin bei mir ein. Er 
erschien vor mir als gebrochener Mann. 
In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling, 
Still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis. 
Je betrübter Iswolski war, um so mehr ließ ich es mir angelegen sein, 
ihm mit ruhiger Freundlichkeit zu begegnen, und das nicht nur aus an- 
geborener Gutmütigkeit und in Erfüllung einer Christenpflicht, sondern 
weil ich es für politisch nützlich hielt. Iswolski erinnerte mich daran, daß, 
als er in einer allerdings lange nicht so fatalen Lage, vor seiner Versetzung 
nach Tokio, meinen Rat erbeten hätte, ich ihn nicht nur in freundschaft- 
licher, sondern auch in überlegter und kluger Weise remontiert hätte. Es 
ginge ihm wirklich schlecht. „‚Alors je me trouvai devant une täche diffhi- 
cile. Aujourd’hui je suis dans un aflreux petrin.““ Ich erwiderte ihm, daß 
ich nicht nur von dem Wunsch erfüllt wäre, mich ihm als meinem lang- 
jährigen Freund nützlich zu machen, sondern vor allem die traditionellen, 
für beide Länder gleich lebenswichtigen guten Beziehungen zwischen dem 
deutschen und dem russischen Reich vor Schädigung zu bewahren. Ich 
könne aber natürlich nicht Österreich im Stiche lassen. Lächelnd fügte ich 
hinzu: „Sie wollen sich ja auch nicht von Frankreich trennen.“ Es war
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        EIN WÜTENDER AFFE 395 
dem russischen Minister nicht zu verargen, wenn er darauf entgegnete, daß 
die Weigerung, den Bismärckschen Rückversicherungsvertrag fortzusetzen, 
von deutscher Seite, von Caprivi, Marschall und Holstein ausgegangen wäre. 
Ich schnitt diese retrospektiven Betrachtungen ab, indem ich darauf hin- 
wies, daß in der bosnischen Frage die habsburgische Monarchie nicht nur 
das Vertragsrecht auf ihrer Seite habe, sondern auch in ihrem diplomati- 
schen Spiel einige sehr starke Atouts in Händen halte, ganz besonders den 
Brief, durch den Iswolski selbst Aehrenthal aufgefordert hätte, die Okku- 
pation in eine Annexion zu verwandeln. Alexander Petrowitsch hatte hier- 
auf nicht viel zu erwidern. Die von ihm begangenen Fehler lagen zu deutlich 
zutage. Er wiederholte nur immer: „Le sale juif m’a trompe, il m’a menti, 
il m’a mis dedans, l’affreux juif.‘“ Aufgeregt, mit hochrotem Kopf und ver- 
zerrtem Gesicht, glich er einem wütenden Affen. Ich steckte meine beiden 
Zeigefinger in meine beiden Ohren und sagte ihm ruhig und ernst: „Tant 
que vous direz du mal de mon ami Achrenthal, je me bouche les oreilles. 
Mais je vous promets que, si Achrenthal se servait jamais de termes aussi 
inconvenants sur mon ami Iswolski, je me boucherais &amp;galementles oreilles.“ 
Nach und nach beruhigte sich der erregte Mann. Zur Erklärung der von 
ihm begangenen diplomatischen Fehler wußte er freilich nichts Neues vor- 
zubringen. Er wiederholte, daß er „leider“ an die Rechtschaffenheit und 
Ehrlichkeit von Aehrenthal geglaubt habe, aber grausam enttäuscht 
worden sei. Das war fast komisch von seiten eines russischen Ministers, 
da der berühmteste russische Diplomat der letzten fünfzig Jahre, Ignatiew, 
mit Stolz den ihm von den Türken gegebenen Beinamen „Vater der Lüge“ 
trug und auch Gortschakow, Saburow und manche andere russische Staats- 
männer sich nicht gerade durch Wahrheitsliebe ausgezeichnet hatten. Ich 
flocht die Frage ein, ob Iswolski in London und Paris hinsichtlich der 
Dardanellen-Frage positive Ergebnisse erzielt hätte. Er erwiderte mir mit 
einiger Verlegenheit, in London sei ihm gesagt worden, daß eine liberale 
englische Regierung bei der Stimmung der liberalen englischen Wähler 
gegenwärtig nicht russische Wünsche unterstützen könne, welche die Jung- 
türken in große Aufregung versetzen und in eine schwierige Position 
bringen würden. Als ich mich erkundigte, wie man sich in Paris zur Darda- 
nellen-Frage stelle, meinte Iswolski, die Franzosen behaupteten, in dieser 
Angelegenheit nichts obne England tun zu können. Auch müsse die fran- 
zösische Regierung Rücksicht auf den kleinen französischen Rentier 
nehmen, der stark in türkischen Werten engagiert sei. Ohne in den Ton 
des Pharisäers zu verfallen, der Gott dankt, daß er nicht sei wie der Zöllner, 
verhebhlte ich dem russischen Minister nicht meinen Standpunkt zur Darda- 
nellen-Frage. Ich stünde in dieser Beziehung noch immer auf dem Boden 
des Bismarckschen Rücl i gsvertrages. Deutschland habe an der
        <pb n="461" />
        396 DIE EUROPÄISCHE KONFERENZ 
Meerengenfrage kein primäres Interesse. Unsere Stellungnahme zu dieser 
Frage sei abhängig von der allgemeinen Lage und der Konstellation 
zwischen den Mächten, natürlich auch von der uns von Rußland zuteil 
werdenden Behandlung. Wir würden die russische Meerengenpolitik nicht 
bekämpfen. Daß wir sie bei der heutigen Gruppierung der Mächte förderten, 
werde lswolski selbst kaum erwarten, da ja sein Verbündeter Frankreich 
weder im Sandschak noch in den Meerengen die volle Souveränität der 
Türkei beeinträchtigen wolle. „Je ne vous dis pas: lächez la France et nous 
lächerons l’Autriche, mais je vous dis: soyons, vous dans l’Entente, nous 
dans la Triple-Alliance, un El&amp;ment de paix et de conciliation.‘“ Iswolski 
reichte mir die Hand mit den Worten: „Votre langage est non seulement 
celui d’un homme d’etat, mais aussi celui d’un ami de la Russie. J’ai pleine 
confiance en vous, et mon souverain a pour vous les mömes sentiments que 
moi.“ 
Als Iswolski mich am nächsten Tage wieder aufsuchte, war er in ruhigerer 
Stimmung als bei seinem ersten Besuch. Ich benutzte dies, um die all- 
gemeine Lage und eine Reihe von Einzelpunkten sachlich mit ihm durch- 
zusprechen. Hinsichtlich der Konferenz sagte ich ihm, ich hätte keine 
grundsätzliche Abneigung gegen den Konferenzgedanken, lehnte eine 
solche auch nicht prinzipiell ab. Als notwendige Voraussetzung für eine 
Konferenz betrachtete ich aber eine vorherige Einigung zwischen den 
Mächten über die auf der Konferenz zu behandelnden Fragen. Ein Konzert 
dürfe erst beginnen, wenn die Instrumente gestimmt wären. Iswolski irre 
sich, wenn er jeden österreichisch-ungarischen Schritt auf unser Konto 
setze. Ich machte ihn auch nicht für alles verantwortlich, was in Paris 
geschehe, dort gefördert und gehofft werde. Österreich-Ungarn sei eine 
ebenso unabhängige Großmacht wie Frankreich. Es treibe eine unabhän- 
gige Balkanpolitik. Bei einer retrospektiven Kritik des österreichisch- 
ungarischen Vorgehens käme nicht viel heraus. There is no use erying for 
spilt milk. Daß wir für Österreich-Ungarn in seiner augenblicklichen Be- 
dränguis fest und ehrlich eingetreten wären, sei für uns ein Gebot nicht nur 
der Loyalität, sondern auch der Klugheit gewesen. Für den Türken brauch- 
ten wir uns jetzt gar nicht besonders einzusetzen, da England ihn unter 
seinen besonderen Schutz genommen habe. „Les Anglais sont devenus plus 
turcs que les Turcs.“ (Iswolski nickte.) Da wir in der Türkei nach meiner 
Ansicht keine direkten politischen Interessen hätten, so wäre dort für uns 
jede Politik möglich, natürlich unter Rücksichtnahme auf unsere erheb- 
lichen wirtschaftlichen Interessen. Die Garantierung des europäischen Be- 
sitzstandes der Türkei erschiene mir als ein Gedanke, dessen Durchführung 
im Interesse aller Mächte wie des Friedens liege. Iswolski griff diese im 
Konversationston leicht hingeworfene Äußerung sofort auf. Er sei zu lange
        <pb n="462" />
        EIN FRÜHSTÜCK IM BERLINER SCHLOSS 397 
im Orient gewesen, um nicht den Egoismus, die Unzuverlässigkeit und die 
durchaus demokratisch-radikalen Instinkte der Balkanvölker zu kennen. 
Bulgaren und Serben, Rumänen und Griechen seien gleich nichtsnutzig, 
gleich unzuverlässig. Wenn die Dardanellen-Frage in einer für Rußland an- 
nebmbaren Weise geregelt würde, so wäre der Status quo auf der Bulkan- 
halbinsel und der Fortbestand der Türkei alles in allem für Rußland das 
Erwünschteste. Als ich Iswolski sagte, daß sich die Türken bereits direkt 
mit Österreich-Ungarn und Bulgarien in Verbindung gesetzt hätten, und 
zwar, soweit Bulgarien in Frage komme, auf Frankreichs Rat, zuckte er 
die Achseln mit melancholischem Lächeln. Wahrheitsgemäß konnte ich ihm 
schließlich versichern, es sei mir ganz lieb, daß ich von Aehrenthal über 
dessen Annexionspläne erst so spät informiert worden sei. Auf diese 
Weise hätte ich freie Hand und keine Verantwortung. Wir trennten uns in 
freundschaftlicher Weise. Als mir Iswolski immer wiederholte, er gehe in 
St. Petersburg einem wahren Fegefeuer entgegen, er glaube nicht, daß er 
sich als Minister des Äußern halten werde, übrigens lauere sein Adjoint 
Tscharykow nur darauf, an seine Stelle zu treten, sagte ich ihm: „Vous 
serez encore ministre ou ambassadeur, quand je planterai mes choux dans 
le jardin de la Villa Malta.“ Er erhob abwehrend die Hände: „A Dieu ne 
plaise! Restez a votre poste, nous avons tous besoin de vous.“ 
Kaiser Wilhelm hatte Iswolski zum Frühstück eingeladen: Ich hatte 
Seine Majestät gebeten, mit dem russischen Minister des Äußern keine ein- 
gehenderen politischen Gespräche zu führen, auf die bosnische Frage nur in 
allgemeinen Wendungen einzugehen, um so bestimmter aber unseren 
Wunsch nach Aufrechterhaltung des Friedens und der traditionellen guten 
Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland zu betonen. Vor allem 
möge er den russischen Minister mit ruhiger Freundlichkeit behandeln. 
Leider befolgte Wilhelm II. diesen Rat nicht. Im Grunde war ihm jeder 
Minister des Äußern unsympathisch, weil er am liebsten die großen poli- 
tischen Geschäfte mit den fremden Souveränen ohne Mittelsperson be- 
handelt hätte. „Ich verstehe mich am besten direkt mit meinen Kollegen“, 
pflegte er zu sagen. Ich erkenne aber dankbar an, daß der Kaiser, solange 
er mich mochte, meinen Rat bereitwillig in Anspruch nahm, wenn auch 
nicht immer befolgte. Bei jenem Frühstück im königlichen Schloß am 
25. Oktober 1908 schien der Kaiser etwas darin gesucht zu haben, alle 
politischen Bemerkungen, Anspielungen, geschweige denn Fragen des rus- 
sischen Ministers, zu überhören und das Gespräch immer wieder auf die 
gleichgültigsten Vorgänge zu lenken. Zur Abwechslung unterbrach der 
Kaiser die Konversation durch uralte Kalauer und Anekdoten, unter großer 
Heiterkeit der anwesenden deutschen Gäste, denen vorher angekündigt 
worden war, daß Seine Majestät in dieser Weise Iswolski „‚frozzeln‘“ würde, 
Iswolski Gast 
des Kaisers
        <pb n="463" />
        Bülow an 
Tschirschky 
398 WILHELMS II. ERHEITERT SICH 
Ich war bei diesem Frühstück nicht zugegen. Iswolski sagte mir beim Ab- 
schied: „Vous avez et@ charmant pour moi. Quant a Sa Majeste l’Empereur, 
il s’est beaucoup €gaye&amp; a mon sujet. J’ai eu l’honneur de lui servir de t&amp;te 
de turc.‘“ Ich hatte Seiner Majestät seit dem Beginn der bosnischen Krise 
immer wiederholt, es käme darauf an, daß einerseits die Österreicher nicht 
die Nerven verlören, sich andererseits aber auch nicht zu Schritten hin- 
reißen ließen, die zu einem allgemeinen Krieg führen könnten. 
Um der erstgenannten Gefahr vorzubeugen, richtete ich am 12. De- 
zember 1908 einen Erlaß an den kaiserlichen Botschafter in Wien, Herrn 
von Tschirschky, in dem ich die von englischer wie namentlich von russi- 
scher Seite über die Möglichkeit und selbst Wahrscheinlichkeit eines 
Krieges im kommenden Frühjahr verbreiteten Nachrichten als Einschüch- 
terungsversuche bezeichnete. Nach unseren Nachrichten aus Rußland und 
über Rußland denke dort trotz der gereizten Sprache des in seiner Eigen- 
liebe gekränkten Iswolski kein ernster Staatsmann an Krieg. Wie ich aus 
Paris, aus gut unterrichteten Bankkreisen, hörte, müsse Rußland spätestens 
im Frühjahr größere Ansprüche an den europäischen Geldmarkt erheben. 
Die Einlösung der in Frankreich placierten, im Mai fälligen Schatzbonds 
lasse sich kaum länger verschieben. Das Defizit des außerordentlichen 
Budgets, zirka hundertfünfzig Millionen Rubel, müsse gedeckt werden. 
Über die dazu erforderliche Anleihe von einer Milliarde Mark sei ein Über- 
einkommen zwischen Rußland und Frankreich im Prinzip fertig. Beide 
Länder hätten daher alles Interesse, die vorhandene politische Spannung 
beseitigt zu sehen. Gerade weilin Rußland an eine kriegerische Aktion zur 
Zeit nicht ernstlich gedacht werde, sei Iswolski um so emsiger bemüht, 
die Doppelmonarchie durch Kriegsfanfaren einzuschüchtern. Rebus sic 
stantibus, sei Festigkeit für Österreich die richtige Politik. Andererseits 
möge sich die österreichisch-ungarische Monarchie gegenüber der Türkei 
namentlich in Geldfragen kulant zeigen. Sie werde auch sehr wohl daran 
tun, durch eine geschickte und entgegenkommende Politik Bulgarien, 
Rumänien und Griechenland auf ihre Seite zu ziehen. Österreich dürfe 
weder die Türkei zu hart behandeln noch die Balkanstaaten vernach- 
lässigen oder gar brüskieren. Österreich müsse Rumänien in den Handels- 
vertragsverhandlungen entgegenkommen, es möge auch die Rumänen im 
Bereich der Stefanskrone freundlicher behandeln. Griechenland könne auf 
Albanien verwiesen werden. Natürlich müsse das Wiener Kabinett Italien 
in Tripolis freie Hand lassen, da dort Italien wegen Ägyptens den Eng- 
ändern, wegen Tunis den Franzosen nicht bequem wäre, österreichische 
und deutsche Interessen aber in keiner Weise schädige. Bulgarien müsse 
ebenso wie Rumänien von Österreich auch in der Form freundlich behandelt 
werden. Ich schloß diesen Erlaß, den der Botschafter von Tschirschkv
        <pb n="464" />
        ÖL INS FEUER 399 
dem Minister Aehrenthal vorzulesen hatte, mit der Versicherung, ich sei 
überzeugt, daß die ganze Krisis durch Festigkeit auf der einen, durch 
Entgegenkommen auf der anderen Seite zu einem guten Ende geführt 
werden könne. 
Ende Dezember 1908 sah ich das erste sichere Anzeichen, daß Iswolski den 
Rückzug antrat. Er richtete ein Rundschreiben an die Mächte, in dem er Iswolskis 
zwar das österreichische Vorgehen scharf kritisierte und seinen Vorschlag Rückzug 
auf Berufung einer europäischen Konferenz des näheren begründete, aber 
sich doch bereit erklärte, dem Wunsch der österreichischen Regierung inso- 
fern Rechnung zu tragen, als die Konferenz der vollendeten Tatsache, der 
Annexion, ohne Beratung zustimmen solle. Die Erörterung darüber 
zwischen den einzelnen Kabinetten könne vorher stattfinden. In ähnlichen 
Wendungen, die im Grunde eine Rückzugskanonade waren, bewegte sich 
Iswolski in der Rede, die er am 25. Dezember 1908 in der Duma hielt. 
König Eduard war während der ganzen bosnischen Krise eifrig bemüht, 
Öl ins Feuer zu gießen. Seine Lust an politischen Intrigen und seine Be- 
gabung für politische Giftmischerei zeigten sich in hellem Licht. Er hätte 
am liebsten Aehrenthal aus dem Sattel gehoben und ihn durch den öster- 
reichischen Botschafter in London, den Grafen Albert Mensdorff, ersetzt, 
der schon als entfernter Verwandter der englischen Königsfamilie, wie ich 
früher gelegentlich erwähnte, die volle Gunst des englischen Hofes genoß. 
Vorsichtiger und bedächtiger war die Haltung des englischen Ministers des 
Äußern. Sir Edward Grey war zweifellos von dem Wunsch erfüllt, es nicht 
bis zum Bruch zu treiben. Auch der damalige Unterstaatssekretär im 
Ministerium des Äußern, Sir Charles Hardinge, der seinerzeit im Homburger 
Schloß auf dem Billard mit Wilhelm II. die von mir geschilderte Unter- 
redung gehabt hatte, wirkte in friedlichem Sinne. Dagegen hetzte der eng- 
lische Botschafter in Petersburg, Nicolson, die Russen nicht nur gegen 
Österreich, sondern fast noch mehr gegen uns. Daß, wie ich vorgreifend 
erwähnen will, nicht lange nach meinem Rücktritt Nicolson im Jahre 1910 
an Stelle Hardinges beständiger Unterstaatssekretär im Ministerium des 
Äußern wurde, war ein fast ebenso übles Symptom wie die zwei Jahre 
später, 1913, erfolgte Entsendung von Delcasse als Botschafter nach 
St. Petersburg. Tadellos war während der ganzen Krisis das Verhalten 
Rumäniens oder richtiger gesagt des Königs Carol. Der König ließ mir 
schon im ersten Stadium der Krisis sagen, ich könne mich ebenso fest auf 
eine korrekte Haltung von seiner Seite verlassen, wie er überzeugt sei, 
daß ich in voller Bündnistreue für Österreich doch den Weltfrieden nicht 
gefährden lassen werde. 
Die italienische Politik geriet in eine schwierige Lage. In der Debatte, Die Haltung 
die Anfang Dezember 1908 in der italienischen Deputiertenkammer über Italiens
        <pb n="465" />
        Bülow 
vermittelt 
400 ITALIEN IM DILEMMA 
die auswärtige Politik Italiens stattfand, richtete nicht nur der Triestiner 
Flüchtling und Irredentist Barzilai, sondern auch der Radikale Fortis, ein 
früherer Minister des Äußern, scharfe Angriffe gegen Österreich. Es gelang 
aber der Gewandtheit des damaligen Ministers des Äußern, späteren Bot- 
schafters in London und Paris und Senatspräsidenten Tittoni, unterstützt 
von der unerschütterlichen Ruhe des Ministerpräsidenten Giolitti, zwischen 
der Szylla und Charybdis, d. h. zwischen den italienischen Verpflichtungen 
gegenüber Österreich und der antiösterreichischen Stimmung weitester 
italienischer Kreise sich mit Erfolg durchzuwinden. Als es mir geglückt war, 
die bosnische Krise ohne Preisgabe noch Schädigung der habsburgischen 
Monarchie, aber auch ohne eine große Koniplikation zum Abschluß zu 
bringen, machte sich gerade in Italien neben allgemeiner Befriedigung eine 
höhere Bewertung des Dreibunds geltend. Der damulige Führer der konsti- 
tutionellen Opposition und spätere Minister des Äußern, Sidney Sonnino, 
richtete an seine Wähler ein Sendschreiben, in dem es hieß: „Der Dreibund 
hat während der letzten Jahre fortgefahren, wirksam zur Erhaltung des 
Weltfriedens beizutragen. Es ist daher in jeder Hinsicht wünschenswert, 
daß es der Diplomatie gelinge, so bald wie möglich jeden leisen Zweifel, Arg- 
wohn oder Mißverständnis, die zwischen den Verbündeten entstanden sein 
könnten, zu zerstreuen, und daß schleunigst zwischen der italienischen 
Regierung und der des benachbarten Kaiserreichs (Österreich) die Beziehun- 
gen von Vertrauen und Herzlichkeit wiederhergestellt werden, welche die 
Lösung jeder noch so verwickelten und schwierigen Frage so sehr er- 
leichtern.“ Der frühere und spätere Minister des Äußern, Guicciardini, hielt 
vor seinen Wählern in San Miniato eine Rede, in der er erklärte, daß er den 
Dreibund für die große Bürgschaft des Friedens und also auch für einen 
großen Faktor des Fortschritts erachte. Trotz solcher günstigen Symptome 
konnte es für den rubigen und mit einigem Scharfsinn begabten Beobachter 
der internationalen Beziehungen und der allgemeinen Weltlage natürlich 
nicht zweifelhaft sein, daß, wenn Österreich in Serbien einrücken würde 
und daraus eine Verwicklung entstünde, es ohne starke Angebote an Italien 
nicht möglich sein würde, die Halbinsel im Dreibund zu halten. 
Am 14. März 1909 ließ sich der russische Botschafter, Graf Osten- 
Sacken, bei mir melden. In der Unterredung, die ich noch am gleichen 
Tage mit ihm hatte, appellierte er an unsere Unterstützung, um den russi- 
schen Minister des Äußern aus einer für ihn persönlich wie politisch gleich 
peinlichen Lage zu befreien. Der österreichische Minister des Äußern habe 
gedroht, er werde, um seine von russischer Seite angezweifelte Loyalität 
zu beweisen, eine Anzahl geheimer Dokumente veröffentlichen, in denen 
Iswolski nicht nur seine volle Zustimmung zu der Annexion von Bosnien 
und der Herzegowina gegeben, sondern den Minister geradezu ermutigt
        <pb n="466" />
        | 
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Alexander Petrowitsch Iswolski 
Kaiserlich Russischer Minister des Äußern
        <pb n="467" />
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        DIE FRIEDLICHE LÖSUNG 401 
habe, diesen Schritt zu tun, wenn nicht zu beschleunigen. Ich sagte dem 
russischen Botschafter, fortiter in re, suavissime in modo, ich wäre gern zur 
freundschaftlichen Vermittlung bereit, um nicht nur Iswolski aus der 
Sackgasse herauszuhelfen, in die er sich verrannt hätte, sondern auch um 
der Welt den Frieden zu erhalten und ganz besonders im Interesse der 
weiteren Aufrechterhaltung der traditionellen Freundschaft zwischen 
Deutschland und Rußland. Es sei doch gar zu töricht, aus rein formellen 
Erwägungen einer Annexion entgegenzutreten, die an dem Status quo 
auf dem Balkan tatsächlich nichts ändere und schr wohl zwischen den 
direkt Beteiligten in friedlicher Weise zum Austrag gebracht werden könne. 
Es würde ein Verbrechen gegen den gesunden Menschenverstand sein, 
das friedensbedürftige Europa in einen Krieg zu stürzen, von dem nur eins 
sicher wäre, nämlich, daß er ungeheure Opfer kosten und Elend und Ruinen 
hinterlassen würde. Die Voraussetzung für ein Eingreifen unsererseits 
wäre aber natürlich, daß Rußland die Serben an die Leine nähme, wozu cs 
Mittel und Wege hätte. Insofern uns Iswolski in dieser Richtung keine 
bündige Zusage geben könne, bliebe uns zu unserem lebhaften Bedauern 
kaum etwas anderes übrig, als es unserem österreich-ungarischen Bundes- 
genossen zu überlassen, in der ihm geeignet erscheinenden Weise vorzu- 
gehen. Wäre aber Rußland ernstlich gewillt, Serbien zur Ruhe zu bringen, 
sei ich gern bereit, mit Iswolski in einen freundschaftlichen Gedankenaus- 
tausch darüber einzutreten, wie ein energischer Druck Rußlands in Belgrad 
ermöglicht werden könnte, obne daß er mit seiner bisherigen Politik in 
Widerspruch gerate. Bei gutem Willen auf beiden Seiten und einiger Ge- 
schicklichkeit würde sich wohl eine „combinazione“* finden lassen, um 
mich des italienischen Terminus technicus zu bedienen. Wenn Rußland es 
übernähme, von sich aus auf Serbien einzuwirken, würde das Verdienst des 
Ausgleichs dem Petersburger Kabinett zufallen. Wenn die Mächte der 
Annexion Bosniens durch amtliche Erklärungen zustimmten, brauche eine 
europäische Konferenz überhaupt nicht stattzufinden. Auf diese Art lasse 
sich der viel zu sehr aufgebauschte Streitfall am besten erledigen. Aus 
naheliegenden Gründen bat ich mir in St. Petersburg nur aus, daß Iswolski 
dem englischen Botschafter nicht früher eine Mitteilung über meine Vor- 
schläge machen dürfe, bevor er selbst eine Entscheidung getroffen habe. Es 
war ein gutes Vorzeichen für eine friedliche Lösung, daß Iswolski vor Herrn 
Nicolson tatsächlich Schweigen bewahrte. 
Zehn Tage nach meiner Unterredung mit dem Grafen Osten-Sacken 
traf die vorbehaltlose Zustimmung Rußlands zur Annexion von Bosnien 
und der Herzegowina in Berlin und in Wien ein. Erst dann wurde Nicolson 
in Kenntnis gesetzt, der seinem Ärger und seiner Enttäuschung dadurch 
Luft machte, daß er die Lüge verbreitete, Deutschland habe durch 
28 Blow UI 
Rußland 
stimmt vor- 
behalılos zu
        <pb n="469" />
        402 DAS ZERSCHNITTENE TISCHTUCH 
Drohungen, durch einen Druck „mit gepanzerter l'aust‘“ Rußland zum 
Einlenken bewogen. Unaufgefordert sei Deutschland dazwischengefahren. 
Ich lasse dahingestellt, ob Iswolski nicht mitgeholfen hat, diese Legende zu 
verbreiten. Jedenfalls war er ihr nicht mit dem erforderlichen Nachdruck 
entgegengetreten. Ich ließ deshalb bei Herrn von Tscharykow durch 
unseren Botschafter anfragen, ob cs sich nicht empfehle, durch gleichzeitige , 
Veröffentlichung der gleichlautenden Aktenstücke den tatsächlichen Her- 
gang bei unserer von Rußland erbetenen, wohlmeinenden, freundlich- 
höflichen und erfolgreichen Vermittlung klarzulegen und die in Umlauf 
gesetzten böswilligen Verdächtigungen aus der Welt zu schaffen. In den 
weiteren Besprechungen zwischen Herrn von Tscharykow, Herrn Iswolski 
und unserem Botschafter stellte sich heraus, daß von russischer Seite ge- 
wisse Abänderungen an den in Frage kommenden Aktenstücken dringend 
gewünscht wurden. Deshalb und vor allem, damit aus der ganzen bosnischen 
Verwicklung zwischen uns und Rußland keinerlei Verstimmung zurück- 
bliebe, stand ich von der Veröffentlichung ab. 
Damit war der erste Akt der bosnischen Verwicklung erledigt. Die 
Gefahr, daß Rußland die Serben zu weiterem Widerstand gegen Österreich- 
Ungarn hetzte, war beseitigt. Und zwar, worauf ich besonderes Gewicht 
gelegt und besondere Mühe gewandt hatte, ohne Bruch mit Rußland, 
Iswolski habe ich seit jener denkwürdigen Unterredung zwischen ihm und 
mir, vom 26. Oktober 1908, nicht mehr geseben. Er hatte mir damals, 
als er von mir Abschied nalım, gesagt: „Zwischen Aehrenthal und Rußland 
ist das Tischtuch für immer zerschnitten, noch mehr aus persönlichen wie 
aus sachlichen Gründen. Achrenthal hat sich gegen uns nicht nur illoyal, 
sondern auch allzu undankbar benommen. Er hat uns als Attache, uls 
Sekretär, als Geschäftsträger, als Botschafter in St. Petersburg beständig 
erzählt, er wäre ein treuer Freund Rußlands und ein unbeugsamer Ver- 
treter guter Beziehungen zwischen seiner Monarchie und dem russischen 
Reich. Als er St. Petersburg verließ, um Minister des Äußern zu werden, 
haben wir ihm den Andreasorden umgehängt. Zum Dank hat er uns so 
brüskiert, mit uns ein so perfides Spiel gespielt, daß ohne Ihre kluge und 
freundschaftliche Vermittlung der Krieg hätte ausbrechen können, d. h. 
das größte Unheil, das die Welt und insbesondere die drei Kaiserreiche 
treffen kann.“ Zu dieser Erklärung Iswolskis bemerke ich meinerseits 
ex post, daß die russische Diplomatie und der russische Hof Aehrenthal 
sein Verhalten in der bosnischen Krise nicht verziehen baben. Einige Zeit 
nach dem Abschluß der busnischen Krisis passierte ein russischer Groß- 
fürst Wien. Er ließ durch den russischen Botschafter wissen, daß er glück- 
lich sein würde, Seiner Kaiserlichen und Königlichen Apostolischen Majestät 
seine ehrfurchtsvolle Aufwartung zu machen, er würde sich auch sehr
        <pb n="470" />
        DIE DREI MONARCHIEN 403 
freuen, österreichische und ungarische Würdenträger und Staatsmänner 
zu sehen. Ein Zusammentreffen mit Achrenthal sei für ihn ausgeschlossen. 
Aehrenthal hatte gewünscht, daß nach dieser schroffen Ablehnung seiner 
Person sein allerhöchster Herr auf den Besuch des russischen Großfürsten 
verzichten möge. Der alte Kaiser Franz Josef aber wollte den diplomatischen 
Streit zwischen Österreich und Rußland nicht zu einem Zerwürfnis zwischen 
den beiden Höfen und Dynastien ausarten lassen und empfing den Groß- 
fürsten mit gewohnter ritterlicher Courtoisie. u 
Über das österreichisch-russische Verhältnis hatte bei unserem letzten 
Zusammensein Iswolski gemeint, er würdige nach wie vor alles, was ich 
ihm oft genug über die schweren Gefahren geragt hätte, die jeder ernstliche 
Konflikt zwischen den drei Kaiserreichen für den Bestand der monarchi- 
schen Ordnung und der Dynastien in sich berge. Das monarchische und 
konservative Rußland habe an und für sich gar kein Interesse an einem 
Krieg mit der habsburgischen Monarchie. Es habe bisher nie einen Krieg 
zwischen Österreich und Rußland gegeben trotz mancherlei Interessen- 
gegensätze und gelegentlicher Zerwürfnisse. Was im achtzehnten und 
neunzehnten Jahrhundert möglich gewesen sei, nämlich die Vermeidung 
einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Rußland und Österreich, 
sollte auch im zwanzigsten Jahrhundert gelingen. Die Voraussetzung aber 
sei, daß Österreich nicht versuche, Rußland ganz von der Balkanhalbinsel 
zu verdrängen. Fürst Bismarck habe lange empfohlen, einen Modus 
vivendi zwischen Rußland und Österreich auf der Basis zu suchen, daß 
Rußland in Bulgarien, Österreich in Serbien freie Hand erhalte, Inzwischen 
sei erst durch die Battenberg-Episode, dann durch die Wahl des Prinzen 
Ferdinand von Koburg zum Fürsten von Bulgarien der österreichische 
EinAuß in Sofia weit stärker als der russische geworden. Ähnlich stünde es 
in Bukarest, wo man sich mehr nach Berlin und Wien als nach Petersburg 
orientiere. Damit wäre die alte Bismarcksche Lösung hinfällig geworden. 
Jedenfalls dürfe Österreich, nachdem es jetzt einen eklatanten Erfolg in 
der bosnischen Frage erzielt habe, Serbien nicht weiter bedrängen. Ne bis 
in idem! Serbien habe auf der ganzen Linie nachgegeben, es sei gedemütigt, 
es sei genügend gestraft worden. Weitere Fußtritte würden vom Übel sein. 
Österreich-Ungarn würde sogar klug daran tun, in wirtschaftlichen Fragen 
den Serben einige Konzessionen zu machen. Würde ein kleiner llafen für 
Serbien an der adriatischen Küste wirklich eine Gefahr für die große öster- 
reichisch-ungarische Monarchie sein? Iswolski sagte mir wörtlich: „Si 
j’avais des arriöre-pensces, je me r@jouirais des maladresses des Autrichiens 
et des Hongrois vis-a-vis des Serbes qu’on pousse ainsi dans nos bras. 
Mais dans l’interet de la paix europeenne et des grandes dynasties je vou- 
drais que l’Autriche soit un peu plus habile.““ Iswolski schloß unsere letzte 
26 
Österreichisch- 
russische 
Beziehungen
        <pb n="471" />
        Conrad will 
losschlagen 
404 DIE ZERSCHLAGENEN TÖPFE 
Unterredung mit der Erklärung, daß die deutsch-russischen Beziehungen 
dieselben blieben wie früher. Er sei mir dankbar für meine vermittelude 
Haltung. Ich erfreute mich nach wie vor des Wohlwollens und des Ver- 
trauens des Kaisers Nikolaus. „Vous avez la pleine confiance de l’Empereur 
Nicolas qui sait ce que vous devez a l’alliance avec l’Autriche, mais qui sait 
aussi que vous £tes l’ami de la Russie et un homme d’etat sage et babile. 
Nous esperons tous que vous resterez encore longtemps ä la tete des af- 
faires.‘“ Auf ein Album mit Ansichten meiner rönischen Villa Malta 
deutend, das auf dem Tische lag, meinte Iswolski: „N’allez pas de sitöt 
jouir de votre belle Villa. Restez a Berlin.“ Die letzten Worte, die ich in 
meinem Leben an Iswolski gerichtet habe, waren: „Je vous le r&amp;pete et le 
Prince de Bismarck Il’a dit avant moi: Dieu seul sait, comment finirait 
militairement une guerre entre les trois empires. Mai ce que l’homme 
reflechi et prudent peut prevoir est ceci: Ce seront en-tout-cas, et quelle que 
soit l’issue militaire du conflit, les trois dynasties qui payeront les pots 
cass6s.‘“ Iswolski hat lange genug gelebt, um die Richtigkeit meiner Voraus- 
sage am eigenen Leibe zu spüren. Er hat die Niederlage und den Sturz des 
Zurismus mitansehen müssen, er hat erlebt, daß das alte, mächtige und 
stolze Rußland in einem Meer von Blut und Tränen unterging. Er ist als 
abgetakelter Botschafter krank und verbittert in einer ärmlichen Wohnung 
in einer kleinen südlranzösischen Stadt gestorben, wo er von der franzö- 
sischen Regierung eine bescheidene Unterstützung bezog, eine kärgliche 
Belohnung für seine hetzerische Tätigkeit unmittelbar vor dem Weltkrieg 
und im Welıkrieg, eine mehr als kärgliche Spende, verglichen mit den 
Millionen, die während Jahrzehnte aus Rußland in die Taschen geld- 
gieriger französischer Journalisten und Politiker geflossen waren. 
Nachdem die von Norden drohende Kriegsgefahr beseitigt war, kam es 
1909 darauf an, Wien zu zügeln. Es gab auch dort eine Kriegsgefahr. Ich 
wußte sehr wohl, daß namentlich die österreichischen Generäle, ähnlich wie 
in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts, 
auch 1908/1909 zum Losschlagen drängten. Der Chef des österreichisch- 
ungarischen Generalstabs, Freiherr Conrad von Hoetzendorf, warf mir 
seit Jahren vor, daß ich den richtigen Moment zum Losschlagen verpaßte. 
Denselben Vorwurf hatten die österreichischen Generäle zwanzig Jahre 
früher dem Fürsten Bismarck gemacht. Freiherr von Hoetzendorf hatte es 
namentlich auf Italien abgesehen, aber auch gegen Rußland wollte er los- 
schlagen, natürlich erst recht gegen Serbien, das „gezüchtigt‘‘ werden müsse. 
Seine Argumente waren die gleichen, die zwei Jahrzehnte früher in Berlin 
Graf Alfred Waldersee in seinem Kampf gegen den Fürsten Bismarck vorge- 
bracht hatte. Die Abrechnung mit Serbien, Italien, Rußland sei unver- 
meidlich, predigte im Winter 1908/1909 der Freiberr Conrad von Hoetzen-
        <pb n="472" />
        DIE KRIEGSTREIBEREIEN 405 
dorf. Je länger man zögere, desto schwieriger werde die Lage. Der Feind 
werde mit jedem Tage stärker, während die Zentralmächte auf der Höhe 
der für sie möglichen Machtentfaltung angelangt seien. Also: Schlagen wir 
sofort los, bevor es zu spät ist! Ich war nicht gewillt, Deutschland durch 
solche Quertreibereien in einen Krieg von unberechenbaren Dimensionen 
hineinziehen zu lassen, bei dem nur eins sicher war: Wir hatten nicht viel 
zu gewinnen, was Jie natürliche Entwicklung der Dinge uns nicht auch ohne 
Krieg bringen konnte. Wir riskierten ungeheuer viel, wir setzten unermeß- 
liche Werte aufs Spiel. Ich sprach in diesem Sinne, sobald mir das Einlenken 
der Russen gewiß war, ernst und nachdrücklich mit dem österreichisch- 
ungarischen Botschafter Szögyenyi. Ich ließ auch in diesem Sinne durch 
meinen Bruder Karl Ulrich, der sieben Jahre deutscher Militärbevoll- 
mächtigter in Wien gewesen war und dort gute Bezichungen besaß, nament- 
lich zu der Umgebung des Erzherzugs Franz Ferdinand, nach Wien 
schreiben. Ich sagte dem österreichischen Botschafter, der, ein alter und 
erfahrener Diplomat, innerlich ganz meiner Meinung war und in diesem 
Sinne privatim an Freunde in der Umgebung des Kaisers Franz Josef 
schrieb: Ein österreichischer Einmarsch in Serbien bedeute neun gegen eins 
den Krieg mit Rußland, ein Krieg mit Rußland neunundneunzig gegen eins 
den Weltkrieg. Auf eine so ungeheure Partie könne ich mich nur einlassen, 
wenn vorher alle für uns erreichbaren Trümpfe in das Spiel der Zentral- 
mächte gebracht würden. Ich verwies auf den Artikel VII des Dreibund- 
vertrages, der bestimme, daß im Falle der Ausdehnung Österreich-Ungarns 
Italien ein Recht auf Vergrößerung habe. Dieser Verpflichtung könne sich 
Österreich nicht dadurch entziehen, daß es behaupte, die Niederwerfung 
Serbiens, der von österreichischen Gencralen betriebene Einmarsch in 
Serbien wäre keine Landerwerbung in dem vom Dreibundvertrauge vor- 
gesehenen Sinne. Das seien Sophismen, Kniffe, mit denen in großen, die 
Völker bewegenden Fragen nicht durchzukommen wäre. Natürlich würde 
durch die Eroberung Serbiens und schon durch den Einmarsch in Serbien 
das Kräfteverhältnis auf der Balkanhalbinsel verschoben. Habe Österreich 
Lust, Italien hierfür ein Äquivalent zu gewähren? Etwa das ehemalige 
Bistum Trient? Görz, Gradiska, Pola, Triest? Ähnlich stünde es mit Ru- 
mänien. Habe Österreich Lust, Rumänien mit der Bukowina zu entschädi- 
gen? Um eine ehrliche Kooperation der Rumänen mit Österreich sicherzu- 
stellen, müsse mindestens den ungarländischen Rumänen eine freundlichere 
Behandlung und eine stärkere Vertretung im ungarischen Parlament 
garantiert werden. 
Ich fand bei meinem erfolgreichen Bestreben, Österreich-Ungarn von 
unbesonnenem Vorgehen abzuhalten, die Unterstützung sowohl des Mi- 
nisters Aehrenthal wie des T'hronfolgers, des Erzherzogs Franz Ferdinand.
        <pb n="473" />
        406 DER STERBENDE AEHRENTHAL 
Aehrenthal wurde infolgedessen von der unter dem Einfluß des österreichi- 
schen Generalstabs steheuden Wiener Presse mit einer Gehässigkeit ango- 
grillen, welche die letzten Lebenstage des inzwischen schwer erkrankten 
Ministers vergiftete. Namentlich die Witzblätter ergingen sich in den ge- 
meinsten Beschimpfungen und Verdächtigungen gegen den sterbenden 
Maun. Er blieb aber fest. Meine Haltung in der bosnischen Frage hatte von 
Anfang an Verständnis bei Aehrenthal gefunden. Als im Reichstag der 
bayrische Zentrumsabgeordnete Speck, dessen Horizont sich nie über den 
Eichstätts ausgedehnt hat, mir mit erhobener Stimme und pathetischer 
Entrüstung den Vorwurf unzuläuglicher Unterstützung des österreichi- 
schen Bundesgenossen machte, schrieb Baron Achrenthal an den Bot- 
schalter von Szögyenyi: „Die Verkehrtheit der gegen den Reichskanzler 
aus dem Grunde erhobenen Angriffe, weil er unserer Politik nicht genügen- 
den Rückhalt und Unterstützung gewährt habe, hat Fürst Büluw sehr 
treffend als ein allzu durchsichtiges Manöver charakterisiert. Ein Verlassen 
der Linie, welche Fürst Bülow sich vorgezeichnet, wäre, wie er klar er- 
kannte, nach zwei Seiten hin inopportun gewesen. Es hätte nämlich hier 
ein liervortreien der deutschen Politik aus ihrer freundschaftlichen und 
zurückhaltenden Reserve als eine gewisse Bevormundung angesehen werden 
und schlechtes Blut erzeugen können, während andererseits durch eine 
solche veränderte Haltung Deutschlands unsere direkten Verkandlungen 
mit der Türkei gewiß nicht gefördert worden wären. Die prinzipielle An- 
nahme unserer Vorschläge in der bosnischen Frage seitens des Großwesirs 
und das dem letzteren durch das türkische Parlament ausgesprochene 
Vertrauensvotum sind schlagende Beweise dafür, daß die Methode des 
Fürsten Bülow mit Bezug auf die uns zu gewährende Unterstützung in 
jeder Hinsicht die richtige war.“
        <pb n="474" />
        XXVI KAPITEL 
Bülows Besuche in Rom und Wien +» Audienz bei Pius X. » Der Erzberzog-Thronfolger 
Kaiser Frunz Josef « Die bosnische Frage im Reichstag (23. Ill. 1909) - Deutschlunds 
„Nibelungentreue‘ « Deutsch-französisches Abkommen über Marokko, Cusablunca 
Der Deutsche Kronprinz kritisiert dieses Abkommen - Charakteristik des Kronprinzen 
Frage der Abdankung Wilbelms II. . Brief des Kronprinzen über Herrn von Kiderlen- 
Wächter, Büluws Antwort an ihn » Die Haltung Englands während der bosnischen Krise 
Neuerliche Briefe des Grufen Metternich zur Fluttenfruge +» Besuch des englischen 
Königspaares in Berlin « Tod des Geheimrats von Renvers 
ie der österreichische Minister des Äußern, so war auch der Thron- 
folger, Erzherzog Franz Ferdinand, einverstanden mit meiner Haltung 
und Politik in der bosnischen Frage und insbesondere damit, daß ich den 
europäischen Frieden nicht gefährden ließ. Ich hatte im Frühjahr 1908 die 
parlamentarischen Osterferien benutzt, um in Rom wie in Wien kurze Be- 
suche abzustatten. In Rom hatte ich mit König Victor Emanuel wie mit 
dem Ministerpräsidenten Giolitti und dem Minister des Äußern, Tittoni, 
denen ich die mir von ihnen in Homburg und Baden-Baden abgestatteten 
Besuche erwiderte, eingehende Unterredungen, die, wie die ofliziöse 
„Agenzia Stefani“ mit Recht hervorhob, die Übereinstimmung unserer 
Gesichtspunkte und Anschauungen ergab. Eine Audienz bei Pius X., der 
mich und meine Frau mit der rührenden Güte empfing, die diesem ver- 
ehrungswürdigen Greis eigen war, der auch einem Nicht-Katholiken als ein 
wahrer Nachfolger der Apostel erscheinen mußte, bot dem Papst Gelegen- 
heit, mich seines fortdauernden vollen Vertrauens und Wohlwollens zu 
versichern, das durch die mir vom Zentrum gemachte Opposition nicht 
beeinträchtigt würde. Die deutschen Katholiken gehörten, so meinte der 
Papst, zu den treusten und besten Söhnen der Kirche, aber ihre parla- 
mentarische Vertretung sei oflenbar gelegentlich etwas verbohrt (osti- 
nato). Natürlich hatte ich meine Differenz mit der Zentrumspartei nicht von 
mir aus zur Sprache gebracht. Pius X. ließ aus eigener Initiative, mit 
feinem Lächeln, diese Bemerkung fallen. 
In Wien warich von Kaiser Franz Josef mit gewohnter Huld empfangen 
Audienzen 
in Rom 
worden. Mit dem Erzherzog Franz Ferdinand, der mir immer wohlgesinnt Audiens 
gewesen war, hatte ich im März 1908 ein langes Gespräch geführt. Der in Wien
        <pb n="475" />
        408 DIE HERZOGIN VON HOHENBERG 
Erzherzog hatte die Güte gehabt, mich zum Afternoon-tea einzuladen. 
Ich blieb zwei Stunden allein mit ihm und seiner Gemahlin, der Herzogiu 
von Hohenberg. Wie lebhaft steht das Bild dieses Zusammenseins mir vor 
Augen! Der Erzherzog, eine männliche, schöne Erscheinung, mit leiden- 
schaltlichen, vielleicht etwas zu leidenschaftlichen Augen, energischen Hand- 
bewegungen, offenem, geradem Wesen. Die Herzogin, keine eigentliche 
Schönheit, aber überaus anmutig, durch und durch die elegante, rassige, 
„fesche“ österreichische Komteß aus gutem Hause. Ich entsinne mich, 
daß der Erzherzog immer wieder das Gespräch auf die Zustände in Bosnien 
lenkte. Er machte aus seiner Abneigung gegen die Magyaren und seiner 
Vorliebe für die Slawen kein Hehl, klagte aber über die russisch- 
panslawistische Agitation in Galizien, in Böhmen und namentlich in 
Bosnien und der Herzegowina. Die Herzogin von Hohenberg stimmte leb- 
haft in diese Klagen ein. Sie war namentlich über die Hindernisse entrüstet, 
die der schismatische Klerus der Missionstätigkeit der „guten Franziskaner“ 
in den Weg lege. Die Franziskaner hätten unter dem religiösen Indilferentis- 
mus der ungarischen Staatsmänner und den josefinischen Tendenzen der 
österreichischen Beamten fast mehr zu leiden als früher unter der Herrschaft 
des Islam. Es war hauptsächlich ihr warmes Interesse für die katholische 
Sache, an welcher der Erzherzog und die Herzogin mit Treue und Leiden- 
schaft hingen, das sechs Jahre später das unglückliche Paar nach Serajewo 
trieb, wo, wie es in den Lamentationen von Heinrich Heine heißt, der böse 
Thanatos ihrer wartete, auf fahlem Roß. Die Ermordung des Erzherzogs 
gerade durch Serben war um so unsinniger, als der Thronerbe sicherlich die 
Slawen den Magyaren und Italienern, im Grunde auch den Deutschen, vor- 
zug. Die Slawenfreundlichkeit des Erzherzogs Franz Ferdinand war einer 
der Gründe, die ihn veranlaßten, meine Bemühungen um die Aufrecht- 
erhaltung des Weltfriedens ehrlich und aufrichtig zu unterstützen. Darin 
begegnete er sich, trotz mancher sonstiger Dillerenzen, mit dem alten 
Kaiser, der von meiner Politik so erbaut war, daß er dies auch äußerlich 
zum Ausdruck bringen wollte. Da ich schon alle österreichischen Orden 
besaß, den Stefansorden mit Brillanten, die Photographie des Kaisers 
Franz Josef in prächtigem Rahmen und mit eigenhändiger Unterschrift, 
seine Statuette aus Bronze, so verehrte mir der alte Herr nach glücklicher 
Erledigung der bosnischen Schwierigkeit sein überlebensgroßes Bild in der 
Uniform seines preußischen Regiments mit dem Bande des Schwarzen 
Adlerordens. Das Bild war von dem ungarischen Maler Leopold Horovitz 
gemalt und hat einen beträchtlichen künstlerischen Wert. 
Über die einfältigen Angriffe, die der bayrische Zentrumsabgeordnete 
und Oberzollrat Speck wegen angeblich mangelhafter Unterstützung 
unseres österreichischen Verbündeten gegen mich gerichtet hatte, be-
        <pb n="476" />
        SERBIEN KEINEN WELTBRAND WERT 409 
ruhigte mich, wenn es dessen bedurft hätte, völlig die Kundgebung eines 
der rüchtigsten und weitestblickenden österreichischen Staatsmänner, des 
Freiherrn von Chlumecky, nacheinander österreichischer Ackerbau- und 
Handelsminister, langjähriger Führer der deutschen Liberalen im Wiener 
Abgeordnetenhause, erster Vizepräsident, schließlich Präsident des Ab- 
geordnetenhauses, der mir nach Abschluß der Krise telegraphierte: 
„Ianigen, tiefgefühlten Dank eines alten Österreichers für alles, was Durch- 
laucht für den Verbündeten getan, und für die herrlichen Reichstagsreden.“ 
In meiner Reichstagsrede vom 29. März 1909* hatte ich keinen Zweifel 
darüber gelassen, daß wir seit Beginn der bosnischen Verwicklung treu 
zu unserem österreichischen Verbündeten gestanden hätten. Ich hatte das 
Wort von der Nibelungentreue geprägt, das später von berufener und un- 
berufener Seite totgehetzt worden ist, aber im Augenblick, wo es gesprochen 
wurde, günstig wirkte. Ich hatte namentlich hervorgehoben, daß Serbien 
keinen Krieg, geschweige denn einen Weltbrand wert wäre. Es sei ein un- 
erträglicher Gedanke, daß der europäische Friede wegen Serbiens gefährdet 
werden sollte, zumal die Annexion der beiden Provinzen kein zynischer 
Landraub, sondern nur der letzte Schritt auf der Balın einer seit dreißig 
Jabren unter Anerkennung aller Mächte betätigten kulturellen Arbeit 
wäre. Ich hob hervor, daß ich dem russischen Minister des Äußern zwar 
keinen Zweifel darüber hätte lassen dürfen, daß wir uns in der Konferenz- 
frage nicht von Österreich-Ungarn trennen könnten, fügte aber mit Nach- 
druck hinzu: „Im übrigen begegneten wir, Ilerr Iswolski und ich, uns in der 
Überzeugung, daß die russische Politik keine Spitze gegen Deutschland 
baben solle und umgekehrt, vielmehr die alten freundschaftlichen Be- 
ziehungen bestehenbleiben müßten. Der russische Minister hat mir aufs 
neue versichert, daß keine, weder offene noch geheime russisch-englische 
Abmachungen bestünden, die sich gegen die deutschen Interessen richten 
könnten.“ 
Die Haltung der französischen Regierung war während der ganzen 
bosnischen Krise für Deutschland nicht unfreundlich. Das trat selbst in 
sonst recht deutschfeindlichen Pariser Blättern zutage. Die Pariser Presse 
stand dem österreichisch-serbischen Konflikt ruhiger gegenüber als ein 
großer Teil der englischen. Der „Temps“ erklärte mit dürren Worten, 
Frankreich habe kein Interesse an einem großen Krieg, bei dem es mchr 
riskiere als England, aber trotzdem einen größeren militärischen und 
finanziellen Einsatz zu leisten haben würde. Der Beistand der französischen 
Armee in einem europäischen Krieg, in den England verwickelt würde, 
habe für England einen unschätzbaren Wert. Der Beistand Englands in 
  
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 179; Reclam-Ausgabe V, 1171. 
Marokko- 
Abkommen 
miütFrankreich
        <pb n="477" />
        Brief des 
Kronprinzen 
an Bülow 
410 DER KRONPRINZ UND DER POMMERSCHE GRENADIER 
einem europäischen Krieg, in den Frankreich verwickelt wäre, habe für 
Frankreich nicht entfernt den gleichen Wert. Es war mir geglückt, diesen 
verständigen Artikel durch eine mir seit langem befreundete Dame in das 
führende Pariser Blatt bringen zu lassen. Der französische Botschafter in 
Konstantinopel, Herr Constans, sagte zu seinem deutechen Kollegen, dem 
Freiherrn von Marschall: „Si les Russes croient que nous allons faire la 
guerre pour leurs beaux yeux, ils se fourrent le doigt dans l’oeil.‘“ Die vor- 
sichtige und zurückhaltende Haltung der Franzosen in einem Augenblick, 
wo ein großer Krieg in den Bereich der Möglichkeiten rückte, war auch auf 
die Unterhandlungen zurückzuführen, die ich nach dem äfrgerlichen 
Zwischenfall bei Casablanca mit den Franzosen wegen Marokkos aufge- 
nommen hatte und die schließlich, am 9. Februar 1909, zu dem besten Ab- 
kommen führten, das über den Maghreb el Aksa zwischen uns und Frank- 
reich zustande gekommen ist. Wir räumten den Franzosen in politischen 
Dingen den Vortritt ein, ohne ihnen die völlige Unterwerfung des Landes 
zuzugestehen, dessen Integrität und Souveränität nochmals von der franzö- 
sischen Regierung zugesichert wurde. Dagegen sicherten uns die Franzosen 
in Marokko die volle wirtschaftliche Gleichberechtigung zu, worauf es in 
erster Linie ankam. 
Während meiner Unterhandlungen mit Frankreich über Marokko hatte 
ich am 2. Oktober 1908 vom Kronprinzen einen Brief erhalten, in dem er 
unter Bezugnahme auf einen alarmierenden Artikel der alldeutschen ultra- 
chauvinistischen „Rheinisch-Westfälischen Zeitung“, welche die Ent- 
sendung eines deutschen Kriegsschiffes nach Casablanca verlangte und dabei 
mir vorgeworfen hatte, ich hätte unserem „früher ehrliebenden und furcht- 
losen Volke“ den Gedanken beigebracht, daß Ruhe und Friede höher zu 
schätzen wären als Ehre und Krieg, mir Nachstehendes schrieb: „Euer 
Durchlaucht bitte ich zunächst, den Blei zu entschuldigen, aber hier im 
Jagdhaus, wo ich zur Zeit weile, sind die Schreibmaterialien sehr mangel- 
haft. Sie sind stets so freundlich und offen gegen mich gewesen, und wir 
haben so manche politische Frage zusammen erörtert, daß ich mir den Mut 
nehme, Ihnen folgendes zu schreiben. Ich bin der festen Überzeugung, 
daß dieser Casablanca-Zwischenfall keine zufällige Sache ist, sondern 
eine französische Kraftprobe, festzustellen, wieviel wir uns bei unserer 
Friedensliebe gefallen lassen. Ich spreche jetzt im vollen Ernst und nach 
reiflicher Überlegung und in dem Gedanken, daß ich später einmal die 
Folgen tragen werde. Wenn den Franzosen diese Sache durchgeht, olıne daß 
sie uns absolute und klare Genugtuung geben und ganz gehörig sich ent- 
schuldigen, ist unser Ansehen auf lange Zeit dahin. Unsere Ehre ist sehr 
stark engagiert, und es ist die höchste Zeit, daß die freche Bande in Paris 
einmal wieder fühlt, was der pommersche Grenadier kann. Glauben mir
        <pb n="478" />
        DIE DESERTEURE VON CASABLANCA 411 
Durchlaucht, ein großer Teil des Volkes denkt so, und die gesamte Armee 
schnt sich danach, sich zu betätigen. Wenn die Sacho einem englischen Kon- 
sul passiert wäre, so wären vier englische Kreuzer vor Casablanca mit den 
Mannschaften an den Geschützen angetreten. Wenn ich diese meine innerste 
Überzeugung schreibe, werden Sie es mir auch nicht verübeln und mich 
recht verstehen. Ich bitte Sie inständig, eine volle Genugtuung zu fordern, 
widrigenfalls mit ernsten Maßnahmen gedroht wird. Unsere deutschen 
Kaufleute sollen schon in Verzweiflung darüber sein, daß ihre Heimat sie 
ganz im Stiche läßt. Ew. Durchlaucht können mir immer vorhalten, daß 
mich dies alles nichts angeht, aber schließlich muß ich später doch die Folgen 
tragen, und kommt man einmal in den Ruf, ‚überaus friedliebend zu sein‘, 
ist es schwer, seine Stellung wiederzugewinnen. Mit tausend Grüßen in 
Treue Ihr Wilhelm.“ 
Ich beantwortete diesen Brief am 11. Oktober 1908 mit nachstehendem 
Schreiben: „Eure Kaiserliche und Königliche Hoheit haben mich durch 
den gnädigen Brief aus Groß-Mützelburg schr beglückt. Ich bitte, meinen 
untertänigsten Dank aussprechen und das Vertrauen, mit dem Eure 
Kaiserliche Hoheit mich beehrt haben, durch die vollste Offenheit er- 
widern zu dürfen. In dem Spezialfall, um den es sich handelt, liegt die Sache 
doch nicht ganz so einfach, wie es nach den Zeitungsnachrichten den An- 
schein hat. Vom völkerrechtlichen Standpunkte aus ist es einigermaßen 
zweifelhaft, ob unser Konsulat in Casablanca berechtigt gewesen ist, 
französischen Deserteuren zur Flucht zu verhelfen. Jedenfalle war es nicht 
berechtigt, sich auch nicht-deutscher Deserteure anzunehmen. Im engsten 
Vertrauen, denn die Sache ist glücklicherweise noch nicht zur Kenntnis 
der Franzosen gelangt, bemerke ich, daß seitens des deutschen Konsulats 
(hoffentlich nur aus Verschen) eine Bescheinigung falsch ausgestellt 
worden ist, das heißt, es waren auf dieser Bescheinigung unter anderen 
auch österreichische Staatsangehörige als Deutsche eingetragen. Natürlich 
haben sich in dieser Angelegenheit auch die Franzosen Blößen gegeben, 
und deshalb reklamieren wir. Aber die Handlungsweise unseres Konsulats 
ist nicht ganz einwandfrei, und die Individuen, um die es sich handelt, 
verdienen tatsächlich wenig Sympathie, da sie, soweit sie Deutsche sind, 
Deserteure sind. Im engsten Vertrauen möchte ich noch betonen, was die 
Franzosen besser nicht erfahren, daß zur Zeit des Fürsten Bismarck nach 
den sehr viel strengeren Grundsätzen der Allgemeinen Dienstinstruktion 
zum Konsulargesetz von 1871/73 verfahren wurde, wonach unsere Konsulate 
der Deserteure sich nicht annehmen, namentlich sie nicht nach Deutsch- 
land zurückbefördern sollten, da nach der Ansicht des großen Kanzlers 
solche Leute dies gar nicht verdienten. Hierbei verfehle ich nicht, zu er- 
wähnen, daß Seine Majestät der Kaiser und König durch Randvermerk in
        <pb n="479" />
        412 BÜLOW BELEURT DEN KRONPRINZEN 
ähnlicher Weise Allerhöchst Seine Willensmeinung kundgegeben hat. Über 
den Einzelfall hinaus gestatte ich mir Nachstehendes zu sagen: Mit Eurer 
Kaiserlichen und Königlichen Hoheit stimme ich darin vollkommen über- 
ein, daß es nicht ratsam ist, die eigene Friedensliebe zu oft zu betonen, 
da das die anderen zu sicher macht. Vor allem bin ich davon durchdrungen, 
daß, wo es sich um die Ehre des Landes handelt, coüte que coüte lusge- 
schlagen werden muß, wie auch die Chancen liegen. Wo aber unsere Ehre nicht 
engagiert ist, müssen wir uns doch immer fragen, was bei einem Kriege 
herausschaut. Wir haben bei einem Krieg in Europa nicht viel zu gewinnen. 
Mehr slawische und französische Elemente und Gebietsteile können wir 
nicht brauchen. Durch die gewaltsame Inkorporierung kleiner Länder 
würden wir nur die zentrifugalen Elemente verstärken, die in Deutschland 
leider obnehin nicht fehlen. Alles das würde uns natürlich an einem Krieg 
nicht hindern, wenn er uns aufgedrungen wäre oder unsere Ehre ihn ver- 
langte. Aber der Kriegsfrage gegenüber bleibt Vorsicht geboten. In den 
Jahren 1866 und 1870 winkte uns ein großer Preis. Von einem solchen ist 
jetzt nicht die Rede. Vor allem darf nicht vergessen werden, daß man in 
unserer Zeit Kriege nur dann führen kann, wenn das Volk davon überzeugt 
ist, daß der Krieg notwendig und daß er gerecht ist. Ein in frivoler und 
leichtsinniger Weise hervorgerufener Krieg würde, selbst wenn er glücklich 
ausliefe, im Innern nicht günstig wirken. Ein Krieg, der, in solcher Voraus- 
setzung, schief ausginge, würde nach menschlicher Voraussicht eine Kata- 
strophe für die Dynastie bedeuten. Die Geschichte lehrt, daß auf jeden 
großen Krieg eine liberale Ära folgt, denn die Völker verlangen für die 
große Anstrengung, die der Krieg ihnen auferlegt, entschädigt zu werden. 
Ein unglücklicher Krieg aber zwingt die Dynastie, die ihn geführt hat, 
mindestens zu Konzessionen, die ihr vorber unerträglich erschienen wären. 
Ich erinnere an die Zugeständnisse, die Seine Majestät der Kaiser Franz 
Josef nach 1859 und dann nach 1866 hat machen müssen, und an die 
Konsequenzen, die der Japanische Krieg für Rußland gehabt hat. Deshalb 
hat Fürst Bismarck, der selbst die Verantwortung für zwei große Kriege 
auf sich genommen hat, um so eindringlicher vor Kriegen gewarnt, die 
nicht durch die Staatsräson und durch vitale Interessen des Landes ge- 
boten waren. Er hat namentlich davor gewarnt, Zwischenfälle, wie sie 
sehr häufig sich ereignet haben, zu dramatisch zu nehmen. Die Stimmung 
in der Armee kann da nicht allein maßgebend sein. Es ist gewiß gut und in 
der Ordnung, wenn die Armee immer bereit ist, vom Leder zu ziehen: so 
muß sogar die Armee denken. Aber die Aufgabe der politischen Staats- 
leitung ist es, sich auch die politischen Folgen klarzumachen. Quidquid agis 
prudenter agas et respice finem! Im Jahre 1875 waren manche Militärs der 
Ansicht, wir sollten Frankreich, wo der Chauvinismus sich wieder zu regen
        <pb n="480" />
        WILHELM Il. UND SEIN SOHN 413 
anfing, niederschlagen, bevor es stärker werde. Seitdem haben wir mit 
Frankreich Frieden durch dreiunddreißig Jahre, in denen unser Wohlstand 
und unsere Bevölkerung sich ganz außerordentlich gehoben haben. 1887 
und 1888 wurden Fürst Bismarck lebhafte Vorwürfe gemacht, weil er gegen 
Rußland nicht den sogenannten prophylaktischen Krieg führen wollte. 
Es hieß Jamals allgemein, dieser Krieg sei doch unvermeidlich. Seit zwanzig 
Jahren haben wir trotzdem F’rieden mit Rußland. Ich wiederhole, daß wir, 
wenn es sein muß, wie der große König, auch gegen eine Welt in Waffen 
kämpfen würden. Allein wir müßten uns auch dann bewußt bleiben, daß 
ein Krieg heutzutage eine sehr ernste Sache sein würde, viel ernster als vor 
achtunddreißig Jahren, denn die französische Armee ist jetzt besser als 
damals. Außerdem würde ein Krieg mit Frankreich voraussichtlich einen 
solchen mit England bedeuten. Wenn wir Frankreich angriffen, würde auch 
Rußland für Frankreich eintreten. Unter diesen Umständen scheint es mir 
angesichts der recht schwierigen Lage, in der sich Europa gegenwärtig be- 
findet, hauptsächlich darauf anzukommen, daß wir unser Pulver trocken 
halten, daß wir alles daransetzen, unsere Armce auf der Höhe zu halten, 
und im übrigen kaltes Blut bewahren.“ 
Der Kronprinz besaß weder die ungewöhnlich rasche Auffassung seines 
Vaters noch dessen rednerische Begabung. Es fehlte ihm auch der persön- 
licbe Charme, mit dem Wilhelm II. namentlich bei der ersten Begegnung 
und bevor seine Fehler und Schwächen hervortraten, viele Menschen be- 
zaubert hat. Der Kronprinz hatte aber von seiner verständigen Mutter 
einen vorsichtigen, nüchternen Zug geerbt, der seinem Herrn Vater leider 
abging. Bei größerer Besonnenheit hatte der Sohn doch gleichzeitig 
widerstandsfähigere Nerven als der Vater. Der Kronprinz war, wie alle 
seine Brüder, wie sein Onkel Prinz Heinrich, wie Kaiser Friedrich und 
Kaiser Wilhelm I., wie Prinz Friedrich Karl und Prinz Albrecht, ganz 
furchtlos. Er würde, wenn er auf den Thron gelangt wäre, die Welt weniger 
in Erstaunen gesetzt haben als scin Vater, er hätte die allgemeine Auf- 
merksamkeit weit weniger auf sich gelenkt, er hätte aber nicht so oft wie 
der Vater Souveräne, Minister und ganze Völker vor den Kopf gestoßen. 
Es wäre leichter gewesen, mit ihm zu regieren als mit Wilhelm II. Ich 
bin nach unserem Unglück bisweilen gefragt worden, warum ich die 
Novemberereignisse nicht benutzt hätte, um den Kronprinzen an die 
Stelle seines Vaters zu setzen. Ich habe darauf erwidert und erwidere heute: 
Ich hatte Wilbelm II. als Minister Treue geschworen und würde unter keinen 
Umständen meinen dem König und Kaiser geleisteten Eid gebrochen 
haben. Eine unfreiwillige, durch Überredung, drängenden Zuspruch, 
Überrumplung oder List herbeigeführte Abdankung des Kaisers war für 
mich ausgeschlossen. Ich würde mich einem Versuch von dritter Seite,
        <pb n="481" />
        414 SOLLTE DER KAISER ABDANKEN? 
auf diese Weise die Abdankung des Kaisers herbeizuführen, mit allen Mitteln 
und nötigenlalls mit Gewalt widersetzt haben. Ich glaube nicht, daß 
Kaiser Wilhelm II. 1908 zu einer freiwilligen Abdankung zu bewegen 
gewesen wäre, zumal einer solchen auch die Kaiserin mit allen einer Frau 
und namentlich einer so charaktervollen Frau zu Gebote stehenden Mitteln 
opponiert haben würde. Ich füge auch heute nach allem, was sich inzwischen 
ereignet hat, hinzu, daß die ungeheure Mehrheit des deutschen Volkes 1908 
nicht die Abdankung des Kaisers wollte. Die Nation würde einen Thron- 
verzicht nicht verstanden haben, Sie wollte die Monarchie, die so viel Ehre, 
Ruhm, Glück und Segen verkörperte und ohne jede Frage an und für sich 
für Deutschland nicht nur die geeignetste, sondern die einzig wirklich 
brauchbare Regierungsform war und bleibt. Ich sage das nicht aus vor- 
gefaßter Meinung. Ich sage es auch nicht als grundsätzlicher Anhänger der 
Lehre vom Gottesgnadentum und nun gar eines Gottesgnadentums im 
Sinne der Stuarts, der Bourbons und des letzten Welfenkönigs, sondern 
auf Grund meiner geschichtlichen Kenntnisse und Erfahrungen. Die Macht 
der Kaiseridee war in Deutschland so stark, daß die Nation dem Träger 
dieser Idee, wie sich nach glücklicher Beilegung der Novemberkrise zeigte, 
bald und gern verzich, was er gefehlt haben mochte. Wenn auf den Fürsten 
Felix Schwarzenberg hingewiesen worden ist, der 1848 Kaiser Ferdinand I. 
von Österreich zur Abdankung, dessen Bruder, den Erzherzog Franz Karl, 
zum Verzicht auf die Krone bewog und den achtzehnjährigen Erzherzog 
Franz Josef auf den Thron erhob, so halte ich dem entgegen, daß Wil- 
helm II. kein Trottel war wie Kaiser Ferdinand I. und der gute Erzherzog 
Franz Karl, sondern im Gegenteil bei manchen Mängeln und Schwächen 
ein ungewöhnlich begabter Mann. Wir befanden uns 1908 auch nicht, 
wie 1848 die österreichische Monarchie, im Bürgerkrieg, im Kampf mit 
aufständischen Provinzen und im Krieg mit einem Nachbarstaat. Die 
deutschen Fürsten und das deutsche Volk wollten im Spätherbst 1908 
lediglich ein verständigeres und vorsichtigeres Verhalten des Reichs- 
oberhaupts, mehr Selbstbeherrschung und mehr Ruhe. Die Novemberkrisis 
blieb auch nicht ohne nützliche Wirkung auf den Hauptleidtragenden. 
Wenn nicht im Unglückssommer 1914 die ganze Welt, und leider 
Deutschland in erster Linie, durch einen selten oder nie dagewesenen 
Mangel an Scharfblick, Klugheit, Gewandtheit in die schlimmste Kata- 
strophe vieler Jahrhunderte hineingesegelt wäre, hätte Wilhelm II. sich 
noch viele Jahre in Ehren auf dem Thron bebaupten können. Einer 
Belastungsprobe, wie sie der Weltkrieg mit sich brachte, war er persönlich 
nicht gewachsen. Da er, unfähig, selbst das Schiff im Sturm zu führen, 
auch nicht für brauchbare Männer am Steuerruder sorgte, so scheiterte 
unser gutes Schiff.
        <pb n="482" />
        DER KRONPRINZ UND FRAU KYPKE 415 
Meine persönlichen Beziehungen zum Kronprinzen waren immer gut. 
Zu seinen vortrefllichen Eigenschaften gehörte, daß er nicht übelnehmerisch 
war. Er war auch nicht eitel. Er zeigte sich gern auf einem flotten Pferd, 
er war ein kühner Reiter, gewandt in allen körperlichen Übungen, er trug 
die Mütze im Nacken, wie dies der schneidige Leutnant von den Garde- 
husaren oder den Gardeducorps tat, er huldigte nicht ungern hübschen 
Mädchen und schönen Frauen. Aber wie jedcs hochfahrende Wesen, so 
lagen ihm auch geistiger Hochmut und geistige Eitelkeit fern. Alle Pose, 
alles Feierliche war ihm zuwider, vielleicht zu sehr, denn die Völker wollen 
nun einmal, daß ihre Fürsten einen gewissen Nimbus um sich verbreiten 
und mit einer gewissen Grandezza auftreten. Das verlangt der Deutsche 
eigentlich schon von seinen Ministern und Kanzlern. Mein lieber Freund 
Franz Arenberg hat mir oft gesagt: „Du bist nicht feierlich genug. Du 
posierst nicht genug. Du bist zu natürlich! Nicht nur die Beamten, sondern 
auch die Parlamentarier in Deutschland sind anders, als es in Englund, in 
Italien, in Frankreich die Leute sind. Unsere Volksboten sind Spießbürger 
von Lieber bis zu Eugen Richter und Bebel. Sie verlangen jene Würde, 
jene Höhe, durch die bei Schiller das Mädchen aus der Fremde die Ver- 
traulichkeit entfernt.“ Ich gab die Richtigkeit dieser Kritik bis zu einem 
gewissen Grade zu, habe mich aber doch nicht ändern wollen oder können, 
da die natürliche Anlage oder Begabung sich schließlich immer wieder 
durchsetzt. Derselbe alte Destouches, der das von mir oft zitierte Wort 
geprägt hat, leicht sei die Kritik und schwer die Kunst, hat auch mit Recht 
gesagt: „„Chassez le naturel, il revient au galop.‘“ Gerade weil ich mich in 
vielen Dingen gut mit dem Kronprinzen verstand und uns das verband, 
was der Franzuse „les atomes crochus“ nennt, nahm ich mit ihm bei ge- 
legentlichen M hiedenheiten noch weniger als mit seinem Vater 
ein Blatt vor den Mund. Ich erinnere mich, daß er mir im Winter 1908/1909 
mit einem ziemlich aufgeregten Brief einen Zeitungsartikel übersandte, 
der den von mir zur Vertretung des unbrauchbaren Staatssekretärs von 
Schön einberufenen Gesandten von Kiderlen boshaft und ordinär angriff. 
Kiderlen wurden unerlaubte Beziehungen zu seiner Haushälterin, der 
Witwe Kypke, vorgeworfen. Der Kronprinz schrieb mir, er halte es für 
seine Pflicht, mich auf derartige Zustände aufmerksam zu machen, „die 
man nicht so hingehen lassen kann“. Ich müsse sofort eingreifen. „Ich 
habe schon einmal Eurer Durchlaucht Aufmerksamkeit auf diese Vorgänge 
zu lenken mir erlaubt, ich habe auch von ernsten Menschen, die die dortigen 
Verhältnisse kennen, dasselbe gehört. Ein offizielles Dementi, wenn dieses 
angreifbar ist, scheint mir sehr gefährlich.“ Ich richtete nach Empfang 
dieses Briefes ein geharnischtes Schreiben an den jungen Herrn, in dem ich 
ihm sagte, ich hoffte, daß, wenn er einmal in ferner Zukunft den Thron seiner 
Eine Intrige 
gegen Kiderlen
        <pb n="483" />
        Die 
Beziehungen 
zu England 
416 KIDERLENS HAUSDAME 
Abnen bestiege, er nicht tüchtige, begabte und bewährte Beamte unwürdi- 
gem Klatsch opfern würde. Jedenfalls ließe ich Kiderlen nicht fallen, 
weil irgendein Neider oder Konkurrent oder vielleicht auch ein unbe- 
schäftigter Reporter schmutzige Pfeile gegen ihn abschösse. Der Kron- 
prinz nahm mir, was ich ihm zur Ehre anrechne, diese Abfuhr nicht übel. 
Ich hörte übrigens später, daß die ganze Intrige gegen Kiderlen von dem 
damaligen Gesandten in Athen und späteren Botschafter in Konstantinopel, 
dem ehrgeizigen Baron .von Wangenheim, ausging, der Kiderlen als Kon- 
kurrent für Konstantinopel ausschalten wollte, wobl auch gern selbst 
Staatssekretär geworden wäre. Wangenheim hatte eine ganz hübsche 
Frau, die Tochter des langjährigen württembergischen Gesandten in 
Berlin, Baron Spitzemberg, welcher der Kronprinz, natürlich in allen Ehren, 
zu Füßen lag. Als ich, nachdem die Intrige abgewehrt war, Kiderlen von 
der Sachlage in Kenntnis setzte, erwiderte er mir in unverfälschtestem 
Schwäbisch sehr gemütlich: „Wenn ich Ihnen das Corpus delicti vorführen 
würde, Durchlaucht, so würden Sie schwerlich an unerlaubte Beziehungen 
zwischen mir und dieser dicken Alten glauben. Sie ischt eine brave Schwäbin, 
längscht über das kanonische Alter hinaus. Meine Schwester, die Baronin 
Gemmingen, hat sie mir als Hausdame besorgt.“ Ich habe nicht viele Mit- 
arbeiter gehabt, die mir als ausführende Organe so bequem waren wie 
Kiderlen. Eine ungewöhnliche Arbeitskraft, ausdauernd und behende, von 
rascher Auffassung und scharfem Urteil, verstand Alfred von Kiderlen- 
Wächter wie kaum ein anderer meine Gedanken und Intentionen. Ich gebe 
aber zu, daß er den Pferden glich, die nicht unter jedem Reiter gehen. 
Unter Bethmann Hollweg, der nichts von auswärtiger Politik verstand und 
sich dabei vor Kiderlen fürchtete, konnte dieser später seinem derben, 
bier und da rohen Naturell und seiner bisweilen hervorbrechenden Takt- 
losigkeit zu sehr die Zügel schießen lassen. 
Es konnte mir nicht entgehen, daß die Haltung der Russen und selbst 
der Franzosen während der bosnischen Verwicklung für uns freundlicher 
gewesen war als die der Engländer. Damit meine ich nicht die englische 
Regierung und ebensowenig die große Mchrheit des englischen Volkes. 
Insbesondere der englische Minister des Äußern, Sir Edward Grey, war 
bestrebt gewesen, es nicht wegen Serbien zu einer großen Konflagration 
kommen zu lassen. Aber der englische Botschafter in St. Petersburg, 
Nicolson, hatte die Russen nicht nur gegen Österreich, sondern fast noch 
mehr gegen Deutschland aufgewiegelt und dabei mit Verdächtigungen 
unserer Absichten, mit Intrigen und Verleumdungen nicht gespart. Und 
König Eduard hatte diesem Spiel schmunzelnd zugeschen, es sogar be- 
günstigt und gefördert. Auch jetzt, nachdem wir schaudernd den Welt- 
krieg erlebt haben, glaube ich nicht, daß Eduard VII. 1908 direkt auf einen
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        Brief Holsteinsan Bülow 
(Zu Seite 415) 
16. Dez. 08 
Lieber Bülow, 
Ich höre daß der Kronprinz sich mit der Absicht 
trägt,gegen Kiderlen dieselbe Rolle zu spielen wie am 2. Mai 1907 
gegen Eulenburg, d. h. den Kaiser „aufzuklären‘“. 
Ich kann nicht sagen wie ich das erfuhr, aber die Quelle ist sicher. 
Der Kaiser weiß, daß der Kronprinz ihn heute kritisirt und gegen 
ihn frondirt. SM wird daher mit Eifer eine Gelegenheit ausnutzen 
wo er dem Publikum zeigen kann, daß er sich in voller Überein- 
stimmung mit dem Thronfolger befindet, und wo er überdies dem AA 
und dem RK einen Nasenstüber geben kann. 
Wenn Sie, wie ich vermuthe, den Kronprinzen rechtzeitig auf- 
klären wollen, brauchen Sie ja nur auf die Müttheilung Bezug zu 
nehmen die der Kaiser Ihnen vor drei Wochen gemacht hat, daß der 
Kronprinz es Ihnen zum Vorwurf machte, den unmoralischen 
Kiderlen herangezogen zu haben — 
Die Heitzer beim Kronprinzen mögen jüngere Generalstäbler 
sein, vielleicht aber auch Andere, denn die Heranziehung von Kiderlen 
stört wohl auch diplomatische Pläne — 
2. In Betreff des Kaisers höre ich: er soll mit Vorliebe das Thema 
behandeln: „Gewiß, er möge ja Fehler gemacht haben, aber der RK 
habe ihn niemals auf Fehler aufmerksam gemacht“. (Ein starkes 
Stück wenn es wahr ist). Außerdem soll SM aus Nord und Süd 
Zuschriften erhalten, wo ihm gesagt wird, er sei nicht genügend 
verständigt worden! Das wäre ein noch stärkeres Stück —
        <pb n="491" />
        Ich denke mir aber, daß der Kaiser, falls er seine Lage 
richtig würdigt, doch erkennen muß, welchen starken Schutz 
Sie ihm gewähren in jeder Richtung. Ein Kanzlerwechsel würde 
heute das Signal sein für ein wüstes Drängen nach erweiterten 
Rechten des Bundesraths und Reichstags — Die persönliche Stellung 
des Kaisers ist heute sehr viel schwächer als 1890 — Der Kronprinz 
soll die Redensart an sich haben „Der Herr verdirbt mir die ganze 
Carriere“‘ Im Übrigen steht SKH ganz unter militärischem Einfluß, 
sein Ideal würde also wohl eher ein militärischer RK sein — Aber 
das ist nur ein Schluß den ich ziehe. Jedenfalls sollte der Prinz 
baldmöglichst über Kiderlen aufgeklärt werden. 
Die Kaiserin soll selbstbewußter auftreten als früher, und un- 
verzagter mitreden. 
3. Die Orientfrage wird hoffentlich gut laufen, falls SM sie nicht 
wieder mit Kindereien stört. Der beifolgende österreichisch-offiziöse 
Artikel zeigt, welchen vorzüglichen Eindruck Ihre jüngsten Reichs- 
tagserklärungen in Wien gemacht haben.
        <pb n="492" />
        DIE FLOTTENVERSTÄNDIGUNG 417 
solchen hingesteuert hat. Aber er fürchtete nichts mehr als freundschaft- 
liche und vertrauensvolle Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland. 
Er sah nichts lieber als Friktionen und Mißtrauen zwischen den beiden 
großen nordischen Reichen. Ich habe nie geglaubt, daß England uns an- 
greifen würde, auch nicht, als der „naval scare‘, die Angst vor einem deut- 
schen Überfall, in England schr hoch gestiegen war, auch nicht, als der 
impressionable, schr nervöse Kaiser die deutsche Flotte schon von der eng- 
lischen überfallen und vernichtet sah und Tirpitz die Jahre, die Monate 
zählte, bis die Gefahrzone durchschritten sein würde. Freilich habe ich 
auch andererseits nie daran gezweifelt, daß, wenn wir in Krieg mit Rußland 
und dadurch auch mit Frankreich gerieten und wenn wir gar früher als die 
Franzosen in Belgien einrücken sollten, England gegen uns vorgehen 
würde. Unter allen Umständen erschien es mir während des Winters 
1908,09 im Hinblick auf meinen voraussichtlich nicht mehr allzu fernen 
Rücktritt als eine meiner vornehmsten Pflichten, den Frieden mit England 
auch für die Zukunft nach Möglichkeit zu sichern. Als beste Gewähr in 
dieser Richtung erschien mir ein Abkommen mit England auf der Basis 
einer Verlangsamung unseres Flottenbautempos gegen die Zusicherung 
englischer Neutralität für den Fall, daß uns Frankreich angreifen sollte. 
Metternich hatte mir am 2. November 1908 geschrieben: „Man bereitet 
sich in England militärisch und politisch auf den Zustand vor, der nach 
englischer unerschütterlicher Auffassung mit dem Anwachsen der deutschen 
Flotte innerhalb der von uns festgesetzten Grenzen für England verbunden 
ist. Wir tun am besten, wenn wir hiermit als mit einer feststehenden, 
unabänderlichen Tatsache rechnen. Der Engländer ist ein Matter-of-fact- 
Mensch. Nach seiner Ansicht bedeutet unser Flottenprogramm, so wie es 
ist, für ihn eine Gefahr, durch deren Abwehr er, immer nach seiner An- 
sicht, zu neuen ungeheuren Anstrengungen und Ausgaben getrieben wird.“ 
Am 25. Januar 1909 schrieb mir unser Botschafter in London: „Es er- 
scheint mir immer unzweifelhafter, daß wir das politische Zugeständnis 
der Neutralität Englands auch für eine Verständigung auf dem Flotten- 
gebiete nicht erreichen werden, solange die Marokko-Frage nicht ausge- 
schaltet wird. Der Revanchegedanke ist verblaßt und wird noch mehr ver- 
schwinden, wenn nach gütlicher Beilegung des Marokko-Zwiespalts keine 
englische Hilfe mehr in Aussicht steht. Kann der marokkanische Zank- 
apfel zwischen uns und Frankreich beseitigt werden, so wird bei gleich- 
zeitiger Verlangsamung unseres Flottenbautempos eine deutsch- 
englische Detente sofort eintreten. Nach meiner festen Überzeugung wird 
aber die englische Regierung die Franzosen nicht preisgeben, solange unser 
Druck auf ihrer Marokko-Politik lastet. Je eher wir die überkommene 
Tradition von der Treulosigkeit der englischen Politik aufgeben, um so 
27 Rülow II
        <pb n="493" />
        418 NICHT AUS DER NOT EINE TUGEND MACHEN 
besser in unserem Interesse. Wenn die englische Regierung den ehrlichen 
Wunsch bei uns erkennen kann, daß wir Marokko aus unserer Politik in 
Zukunft ausscheiden wollen, sobald wir nach Lage der Möglichkeit neue 
Bürgschaften für die Wahrung unserer materiellen Interessen von 
den Franzosen erlangt haben, so möchte ich annehmen, daß England in 
den darüber zu führenden Verhandlungen — auch wenn sie nur zwischen 
uns und Frankreich geführt werden, so wird England doch von französischer 
Seite unterrichtet bleiben — eine ähnliche Haltung einnehmen wird wie 
zwischen Österreich und der Türkei, d. h. die englische Regierung wird 
sagen, wir geben zu allem unseren Segen, was Frankreich annehmbar 
erscheint. Das Bestehen des deutsch-französischen Gegensatzes wegen 
Marokkos ist für England nur so lange günstig, als esin uns einen möglichen 
militärischen Gegner erblickt. Sonst nicht. Mit der Flottenverständigung 
tritt die militärische Gegnerschaft Deutschlands gegen England weit in den 
Hintergrund. Es handelt sich nun ferner um die Frage, wie eine Flotten- 
verständigung am geeignetsten herbeigeführt wird. Dazu gehört vor allem 
absolute Geheimhaltung der Absicht bis zu dem Moment, wo wir ihre Aus- 
führung ernstlich in Angriff nebmen, also keine vorherige Stimmungsmache 
in der Presse. Ferner gehört dazu, daß es nicht so aussieht, als ob wir aus 
der Notwendigkeit eine Tugend machten, d.h. es muß ein ‚bon mouvement‘ 
unsererseits sein, geleitet von dem Wunsche, mit England ins reine zu 
kommen. Dies wird hier einen großen und starken Eindruck machen. Für 
unsere Stellung gegenüber England in der Frage der Verständigung halte 
ich es von der größten Wichtigkeit, daß die von Ihnen angestrebte Finanz- 
reform die Sanktion des Reichstags erhält, so daß wir aller Welt beweisen, 
daß unsere Steuerkräfte nicht erschöpft sind und daß wir nicht unser 
finanzielles Dasein durch Pump fristen müssen. Wenn es uns nicht gelingt, 
die Reichsfinanzen auf eine gesunde Basis zu stellen, ein Prozeß, der hier 
mit sehr großer Aufmerksamkeit verfolgt wird, so wird in England, wenn 
wir mit Verhandlungen hervortreten, sofort der Schluß gezogen werden, 
daß uns finanziell der Atem ausgegangen ist und daß wir gezwungen sind, 
unsere Flotte langsamer zu bauen, ob wir nun mit England verhandeln 
oder nicht. Daß dies keine günstige Grundlage für eine Auseinandersetzung 
bietet, erfordert wohl kaum eine nähere Erklärung. Das englische Budget 
wird, nach allem, was ich darüber höre, lediglich auf eine Belastung der 
Reichen hinauslaufen, so daß unter den besitzenden Klassen große Be- 
unruhigung wahrzunehmen ist. Einkommen von einer gewissen Höhe 
sollen enorm besteuert werden. Die Death Duties haben in diesem Jahr, 
irre ich nicht, das ungeheure Erträgnis von zweiundzwanzig Millionen 
Sterling erzielt. Alles dies trägt, wie ich höre, dazu bei, das englische Kapital 
ins Ausland zu treiben. Die von Ihnen befürwortete Nachlaßsteuer bewegt
        <pb n="494" />
        GEHEIMHALTUNG 419 
sich im Vergleich zu der englischen in den bescheidensten Grenzen. Gegen 
die Nachlaßsteuer an und für sich werden in England kaum Einwendungen 
erhoben. Es ist nur ihre exorbitante Höhe, welche hier beängstigt und den 
Grundbesitz und damit den Einfluß der großen Familien, welche Englands 
tüchtigste Staatsmänner geliefert haben, zu zerstückeln droht. Indirekte 
Steuern ohne Konzessionen an den Schutzzoll können hier nicht mehr 
stärker in Anspruch genommen werden, während wir fast noch jungfräu- 
liche Steuerobjekte in Bier, Tabak und Wein besitzen. Ihr Programm, die 
breiten Schultern der Mehrheit durch indirekte Steuern an der allgemeinen 
Last mittragen zu lassen, anstatt sie allein den chosen few durch direkte 
Steuern aufzubürden, diese aber in einer mäßigen Nachlaßsteuer auch 
heranzuziehen, beruht auf einer gesünderen Steuerwirtschaft als die eng- 
lische und wird weniger als Klassenbesteuerung empfunden. Wenn aber, 
wie bei uns in Deutschland, jeder die neue Belastung auf den anderen ab- 
schieben will, so ist das Resultat: nil! Mit Bezug auf den Modus vivendi 
für eine Flottenverständigung würde ich es vorziehen, zunächst nicht mit 
Grey, sondern mit Asquith, und zwar rein akademisch und persönlich, 
ohne Auftrag, zu sprechen. Die Möglichkeit einer Reduzierung unserer 
Flotte sollte in der geheimsten Kammer unseres Busens bis auf weiteres 
verschlossen bleiben. Als Verhandlungsobjekt genügt es, mit der Ver- 
langsamung des Bautempos zu operieren, wobei natürlich von dem 
Standpunkt abgegangen werden muß, daB wir das, was wir in den ersten 
drei Jahren weniger, in den nächsten drei Jahren wieder mehr bauen wollen. 
Darin liegt kein Verhandlungsobjekt, sondern höchstens die Vorhaltung, 
daß die Gefahr mit den Jahren wächst. Eine Verlangsamung des Tempos, 
mit der sich hier etwas ausrichten läßt, denke ich mir etwa so, daß wir 
jährlich nicht mehr als zwei Hauptschiflfe bauen wollen.“ 
Am 9. Februar 1909 trafen der König und die Königin von England in 
Berlin ein, wo sie von Kaiser und Kaiserin, dem Kronprinzenpaar und 
allen Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses empfangen wurden. 
Während der Zug langsam in die Halle des Lehrter Bahnhofs einfuhr, 
sagte der zwischen mir und Tirpitz stehende Botschafter Metternich, der, 
wie dies der Übung entsprach, für den Besuch der englischen Majestäten 
nach Berlin gekommen war, zu dem Staatssekretär des Reichsmarineamts: 
„Wenn Sie es dem Fürsten Bülow nicht ermöglichen, das von ihm ge- 
wünschte und angestrebte Flotten-Agreement mit England zustande zu 
bringen, so wird dies wohl das letzte Mal sein, daß ein englischer König 
einem Deutschen Kaiser einen Besuch abstattet.“‘ Der König kam, sobald 
er unsere Majestäten begrüßt hatte, direkt auf mich zu und gab seiner Be- 
friedigung Ausdruck, mich wiederzusehen. Bei der Galatafel, die abends 
im Weißen Saal des königlichen Schlosses stattfand, hieß es in dem Trink- 
27° 
Eduard VII. 
in Berlin
        <pb n="495" />
        420 BERLINER TOAST EDUARDS VII. 
spruch des Kaisers, den er mit mir aufgesetzt hatte: „Eure Majestäten 
können versichert sein, daß zugleich mit mir auch meine Haupt- und Re- 
sidenzstadt und das gesamte Deutsche Reich in Eurer Majestäten An- 
wesenheit ein Zeichen der freundschaftlichen Gesinnung erblicken, welche 
Eure Majestät zu diesem Besuch bewogen hat. Das deutsche Volk begrüßt 
den Beherrscher des mächtigen britischen Weltreichs mit der ihm ge- 
bührenden Achtung und sieht in dem Besuch eine neue Bürgschaft für die 
fernere friedliche und freundschaftliche Entwicklung der Beziehungen 
zwischen unseren beiden Ländern. Ich weiß, wie sehr unsere Wünsche 
nach Erhaltung und Festigung des Friedens übereinstimmen, und ich kann 
Eurer Majestät kein schöneres Willkommen bieten als mit dem Ausdruck 
der zuversichtlichen Überzeugung, daß Eurer Majestät Besuch zur Ver- 
wirklichung jener unserer Wünsche beitragen wird. Indem ich der Hoffnung 
Ausdruck verleihe, daß das weite Reich, über welches Eure Majestät herr- 
schen, auch fernerhin gedeihen und blühen möge, weihe ich mein Glas 
Eurer Majestät und Ihrer Majestät der Königin Wohl!“ Der König, zu 
dessen Kenntnis ich den Text der kaiserlichen Ansprache vorher hatte 
bringen lassen, erwiderte, gleichfalls in deutscher Sprache: „Obgleich ich 
meine wiederholten Besuche in Kiel, Wilhelmshaven und Cronberg in 
angenehmster Erinnerung behalten habe, so gereicht es mir doch zu 
besonderer Genugtuung, daß es der Königin möglich war, mich bei dem 
gegenwärtigen Besuch zu begleiten, und daß wir ihn in diesem alten 
Schlosse Eurer Majestät Vorfahren, in der Mitte Ihrer Haupt- und Re- 
sidenzstadt Berlin abstatten konnten. Eure Majestät haben in betreff 
des Zweckes und des erwünschten Resultats unseres Besuches meinen 
eigenen Gefühlen beredten Ausdruck gegeben, und ich kann daher nur 
wiederholen, daß unser Kommen nicht allein die engen Bande der Verwandt- 
schaft zwischen unseren Häusern vor der Welt in Erinnerung zu bringen 
beabsichtigt, sondern auch die Befestigung der freundschaftlichen Bezie- 
hungen zwischen unseren beiden Ländern und dadurch die Erhaltung 
des allgemeinen Friedens, auf welche mein ganzes Streben gerichtet ist, 
erzielt. Mit dem Wunsch, daß die gedeihliche Entwicklung Eurer Majestät 
ganzen Reichs auch in Zukunft andauern möge, erhebe ich mein Glas auf 
das Wohl Seiner Majestät, Ihrer Majestät der Kaiserin und Ihres Hauses.“ 
Während der Galatafel trank Kaiser Wilhelm II. mir mit demonstrativer 
Herzlichkeit zu. Ein günstiges Zusammentreffen hatte es mir ermöglicht, 
das von mir bereits erwähnte deutsch-fi he Abl über Marokko 
gerade an dem Tage zu unterzeichnen, wo das englische Herrscherpaar in 
der Reichshauptstadt eintraf. In dem Gespräch, in das mich der König nach 
Aufhebung der Tafel zog, sprach er mir seine Befriedigung über die von 
mir erreichte Verständigung mit Frankreich aus. „Sie haben‘, meinte er
        <pb n="496" />
        NICHT ZU SEHR PRAMPIEREN 421 
lächelnd, „einen diplomatischen Erfolg gehabt, zu dem ich Ihnen persönlich 
gratuliere. Aus der bosnischen Schwierigkeit werden Sie wohl auch gut 
herauskommen.“ Indem er mich bei einem der Knöpfe meines Attilas 
faßte, fügte er lächelnd hinzu: „Nun sorgen Sie dafür, daß Er damit nicht 
zu sehr prampiert.“ Dabei blickte der König auf seinen in einiger Ent- 
fernung stehenden Neffen, den Kaiser. Unser Gespräch wurde auf englisch 
geführt, für diese leise Warnung aber bediente sich der König des Berliner 
Ausdrucks: prampieren. 
Am 10. Februar stattete König Eduard dem Berliner Rathaus einen 
Besuch ab. Der Kaiser war von dem Erscheinen seines Oheims im „Roten 
Hause“ innerlich nicht besonders erbaut, erschien auch nicht zu dieser 
Veranstaltung. Der König ging gern auf meinen Vorschlag ein. Er gab sich 
im Kreise der Berliner Stadträte und Stadtverordneten viel ungezwungener 
als bei dem Prunkmahl im Schloß. Er erschien heiter und freundlich, fast 
gemütlich im Gespräch mit den biederen Stadtvätern. Seine deutschen 
Vettern in Koburg, Darmstadt oder Strelitz hätten in ihren Residenzen 
nicht liebenswürdiger Cercle halten können. Auf die Ansprache des Ober- 
bürgermeisters Kirschner erwiderte der König kurz, aber mit lauter 
Stimme und gutem Ausdruck: „Ich danke Ihnen, daß Sie mir Gelegenheit 
gegeben haben, Ihnen meinen herzlichsten Dank für den schönen Empfang 
am gestrigen Tage aussprechen zu können, und daß ich Gelegenheit habe, 
dies schöne Rathaus zu sehen. Es freut mich sehr, wieder nach Berlin 
zu kommen. Mein größter Wunsch ist, daß die Beziehungen zwischen den 
beiden Ländern immer die besten sein mögen.“ Die Ansprache wurde mit 
allgemeinem Bravo aufgenommen. Als die Musikvorträge begannen, 
forderte der König mich auf, neben ihm Platz zu nehmen. „Very nice, 
very nice indeed‘‘, meinte er mehrfach zu mir. „They seem to be very good 
people and quite reasonable.‘“ Offenbar hatte ihm sein kaiserlicher Neffe 
eine abfällige Bemerkung über die Munizipalität der Haupt- und Residenz- 
stadt gemacht, auf die der Kaiser nicht gut zu sprechen war, da sie seinen 
persönlichen Wünschen hinsichtlich der Verschönerung der Hauptstadt 
wiederholt Widerstand geleistet hatte und nach der Meinung des hohen 
Herrn überhaupt zum Frondieren neigte. Gegenüber dem König stand an 
der Wand eine größere Anzahl distinguierter Herren, die zu dem Rathaus- 
fest eingeladen worden waren. Als ich Seiner Majestät die Namen dieser 
Herren nannte, unter denen sich auch der Geheime Rat von Renvers 
befand, bat mich der König, sobald er den Namen des großen Arztes hörte, 
diesen heranzuwinken. Erseisehr bewegt, fügteer hinzu, dem 
Arzt zu begegnen, der seiner geliebten ältesten Schwester, der Kaiserin 
Friedrich, während ihrer schweren Krankheit so treu zur Seite gestanden 
hätte. Als Renvers sich dem König näherte, wiederholte ihm dieser mit
        <pb n="497" />
        Wilhelm II. 
und Renvers 
422 EIN MEDIZINISCHER TERMINUS TECHNICUS 
warmem Händedruck seinen Dank. „Sie haben‘, sagte er ihm, „durch 
Ihre Kunst, aber auch durch Ihre Hingebung und Herzensgüte der armen 
Kaiserin ihre entsetzlichen Qualen so weit erleichtert, als dies in mensch- 
licher Kraft stand.“ 
Als die Berliner Zeitungen am nächsten Morgen ohne jedes Zutun von 
amtlicher Seite über den Besuch des Königs von England im Rathaus be- 
richteten, erwähnten einige von ihnen, daß der englische Monarch den 
Professor Dr. Renvers, der bekanntlich die Schwester des Königs, die 
Kaiserin Friedrich, während ihrer letzten Krankheit behandelt hätte, 
freundlich angesprochen habe. Einer dieser Artikel war ohne Einwirkung 
von mir von der Presseabteilung unter den üblichen Zeitungsausschnitten 
dem Kaiser vorgelegt worden. Zornig schrieb Seine Majestät an den Rand: 
„Unsinn! Meine Mutter hat Renvers gar nicht gekannt!“ Ich zeigte dieses 
Marginal vertraulich an Renvers. Er war sehr betroffen. „Das ist übel“, 
sagte er, „das ist beinahe krankhaft.‘“ Er fügte hinzu, daß ihm 1899 nach 
eingeholter Genehmigung des Kaisers die Behandlung der an einem 
Karzinom erkrankten Kaiserin Friedrich übertragen worden wäre. „Bevor 
der Kaiser“, sagte mir Renvers wörtlich, „im Todesjahr der Kaiserin Fried- 
rich 1901 seine Nordlandreise antrat, empfing er mich zu längerer Unter- 
redung. Er machte mir zur Pflicht, ihn, sofern sich der Gesundbheitszustand 
der Mutter verschlimmere, so rechtzeitig zu benachrichtigen, daß er sie 
noch lebend antreffe. Dies ist auch geschehen, und Seine Majestät der 
Kaiser hat mit mir, dem behandelnden Arzt, während der ganzen Agonie, 
viele Stunden lang am Bett der Sterbenden gestanden.“ Nach dem Tode 
seiner Mutter hatte der Kaiser noch eine sehr lange Unterredung mit 
Renvers über die Natur der Krebskrankheit gehabt. Und nun dieses 
Marginal! Ich frug Renvers, wie er als Arzt diesen Fall beurteile. Er meinte: 
„Wenn der Kaiser ein gewöhnlicher Patient wäre, würde ich auf Pseudo- 
logia phantastica diagnostizieren.‘“‘ Als ich weiter frug, was dieser ärztliche 
Terminus technicus bedeute, meinte Renvers lächelnd: „Hang zum Fabu- 
lieren, vulgo Lügen !“ Wir erörterten, was da zu machen wäre. Der erfahrene 
Arzt, dessen Spezialität Nervenleiden waren, setzte mir auseinander, daß 
solche Pseudologie gerade bei Neurasthenikern häufig sei. Man könne damit 
sehr alt werden, auch vieles betreiben und manches leisten. Dieser Defekt 
sei mit großer, ja glänzender Begabung durchaus vereinbar. Für ein ver- 
ständiges Regieren sei die Pseudologia phantastica freilich nicht förderlich. 
Was dagegen zu tun wäre? Das habe er, Renvers, mit dem alten Leibarzt 
Seiner Majestät, dem Generalarzt von Leuthold, schon früher öfters be- 
sprochen. Es gäbe nur ein Heilmittel für Neurasthenie: körperliche und 
geistige Ruhe, innere Sammlung, Selbstzucht. „Wenn Sie‘, äußerte 
Renuvers, „vom Kaiser erreichen könnten, daß er täglich zwei Stunden
        <pb n="498" />
        WILHELM II. SOLL „WILHELM MEISTER" LESEN 423 
allein ein ernstes Buch liest, das zum Nachdenken anregt und Sammlung 
erfordert, so wäre schon viel gewonnen.“ Ich empfahl dem Kaiser gelegent- 
lich und indem ich sorgsam vermied, einen pädagogischen Ton anzuschlagen, 
eine solche geistige Diät. Ich nannte ihm auch einige Bücher: die Parerga 
und Paralipomena von Schopenhauer, Wilhelm von Humboldts Briefe an 
eine Freundin, Thukydides, einige Dialoge des Plato, „Wilhelm Meisters 
Lehrjahre“. Ich glaube aber nicht, daß der hohe Herr meinen Rat 
befolgt hat.
        <pb n="499" />
        XXVIU. KAPITEL 
Frühstück auf der Englischen Botschaft »- Unterredung mit Eduard VII. « Lord Crewe 
Der englische Besuch im Reichstag - Das Problem einer Verständigung über das Tempo 
des Flottenbaus mit England « Bericht Walther Rathenaus über seine englischen Ein- 
drücke - Brief Wilhelms II. »- Konferenz über die Flottenfrage unter den beteiligten 
Ressorts 
uf Wunsch des Königs Eduard waren zu dem Luncheon, das am 12. Fe- 
Eduard VII. bruar auf der Englischen Botschaft stattfand, nur meine Frau und ich 
erkundigt sich eingeladen worden. Der König forderte mich auf, der Königin den Arm zu 
geben, und führte selbst meine Frau zu Tisch. Er war in guter Stimmung. 
Er sprach lange mit meiner Frau über seine verstorbene Schwester, die 
Kaiserin Friedrich, der meine Frau so nahegestanden hätte, und meinte 
dann: „Ihr Mann hat es mit meinem Neffen, dem Kaiser, nicht gerade 
leicht.‘“ Der Kaiser sei sehr begabt, aber oft very imprudent. Durch die 
„Daily-Telegraph“-Affäre, oder vielmehr durch alles, was er in Highcliffe 
geredet habe, hätte der Kaiser seinen ersten Minister in eine wirklich sehr 
peinliche, überaus schwierige Lage gebracht. Nach dem Essen zog mich der 
König zur Seite: „Shall You remain ? I wish You to remain for the benefit of 
Your country and for peace in Europe. How do You get on with the Em- 
peror? It does not scem to be very easy for his ministers to get on with 
him.“ Es wäre geschmacklos und unklug gewesen, wenn ich gegenüber 
dem König, der seinen Neffen so genau kannte wie ich, mich auf banale 
Wendungen beschränkt hätte. Ich sagte ihm vielmehr, der Kaiser sei in 
seinen mündlichen Äußerungen allerdings bisweilen unvorsichtig, er neige 
namentlich zu Übertreibungen, sei zu erregbar, sei überhaupt trotz seiner 
fünfzig Jahre noch sehr jugendlich. „Aber eins“, fuhr ich fort, „kann ich 
Eurer Majestät in voller Aufrichtigkeit und mit der größten Bestimmtheit 
versichern: Der Kaiser ist friedlich gesinnt, schon weil er es mit seinen 
Pflichten als Christ und Monarch sehr ernst nimmt. Er ist auch in keiner 
Weise intrigant angelegt. Nichts liegt ihm so sehr am Herzen wie ein gutes 
Verhältnis zu England, zu dem er sich durch seine ganze Erziehung und 
sein Naturell hingezogen fühlt.‘“ Der König meinte, ich hätte recht, die 
Absichten des Kaisers seien fast immer die allerbesten. Er müsse aber vor- 
sichtige und dabei erfahrene und kluge Ratgeber haben und sich nicht ein-
        <pb n="500" />
        DAISY PLESS 425 
bilden, daß in unserer Zeit und an der Spitze eines großen Reichs ein Souve- 
rän alles allein machen könne. „That will never do in modern times.“ 
Der König sagte mir noch, daß er mir seine und der Königin Bronzebüsten 
übersenden würde zur Erinnerung nicht nur an diesen Besuch, sondern 
auch an seine langjährigen Beziehungen zu mir und an meine noch älteren 
Beziehungen zur Königin. Es fiel mir während unseres Gesprächs auf, daß 
der König einen kranken Eindruck machte. Er sah übermüdet und er- 
schöpft aus. Sein Atem ging schwer. Als unser Gespräch beendigt war, 
setzte sich der König in einen großen Lehnstuhl, während ich mich den 
Herren seines Gefolges in einem anderen Teil des Zimmers näherte. Ich 
konnte aber auch von hier beobachten, wie die Blässe des Königs zunahm, 
bis er einzuschlafen schien. Ein englischer Arzt, der ihn zu dem Luncheon 
begleitet hatte, bat alle Anwesenden, das Zimmer zu verlassen. Nach einer 
guten Viertelstunde wurden die Gäste wieder zurückgerufen. Der König 
nahm auf seinen Anfall in keiner Weise Bezug. Er winkte die Fürstin 
Daisy Pleß zu sich heran, die nach dem Luncheon auf der Englischen Bot- 
schaft erschienen war. Die Fürstin Daisy war eine der schönsten Frauen, 
denen ich begegnet bin, eine typische englische Schönheit, groß, wunderbar 
gewachsen, mit herrlichem Teint, weißer Haut, prächtigem Haar, prächti- 
gen Zähnen, a real beauty. Sie war eine geborene Miß West aus dem Hause 
der Earls of Delawarr, vermählt mit dem Fürsten Hans Heinrich von Pleß, 
dem ältesten Sohne des Herzogs von Pleß und eines Fräulein von Kleist. 
Fürst Hans Heinrich, im Gegensatz zu seinem ausgezeichneten Vater 
ein in Äußerlichkeiten aufgehender, unbedeutender Mensch, gehörte zu 
den intimen Freunden Wilhelms II. In seinem mit asiatischem Luxus ein- 
gerichteten Schloß Pleß hat Kaiser Wilhelm II. einen großen Teil des Welt- 
krieges vertan, statt sich an der Front der kämpfenden Truppe zu zeigen 
oder wenigstens die Etappe mit eisernem Besen auszukehren und die Ver- 
wundeten in den Lazaretten zu besuchen. Das schlesische Hauptquartier 
Wilhelms II. war sehr verschieden von dem schlesischen Feldlager seines 
großen Ahnen im Siebenjährigen Krieg. Hundertfünfzig Jahre nach der 
Schlacht von Leuthen, sechs Jabre vor dem Weltkrieg kniete die schöne 
Schloßherrin von Pleß in der Englischen Botschaft in der Berliner Wilhelm- 
straße mit anmutiger Bewegung vor Eduard VII., voll Besorgnis für das 
Wohl des Königs ihrer Heimat, während der Beherrscher des britischen 
Weltreichs mit dem zufriedenen Blick eines alten Kenners weiblicher 
Schönheit auf die Fürstin blickte. Es war das letzte Mal, daß ich den König 
sah, und so steht das Bild dieses Monarchen vor mir, der weder so böse 
noch so bedeutend war, wie namentlich in Deutschland angenommen 
wurde, aber diejenigen überaus schätzbaren Eigenschaften der Menschen- 
kenntnis und Menschenbehandlung, der Vorsicht und des Takts besaß,
        <pb n="501" />
        ‚Annäherung 
an England 
vorbereites 
426 ENGLISCHE REALPOLITIK 
die ihn ebenso zum Leiter eines großen Wirtschaftskonzerns befähigt 
hätten, wie sie ihn zu einem erfolgreichen konstitutionellen Monarchen 
eines parlamentarisch regierten Weltreichs qualifizierten. 
In der Begleitung des Königs befand sich der Lordpräsident des Ge- 
heimen Rats, der Earl of Crewe, ein Schwiegersohn des Earl of Rosebery, 
der 1886 und 1892 Minister des Äußern und 1894 bis 1895 Premierminister 
gewesen war. Lord Crewe war ein guter Typus des vornehmen englischen 
Staatsmanns, wie sie seit Jahrhunderten mit Common sense, mit Zähigkeit 
und Festigkeit, mit unerschütterlicher Ruhe, mit traditionellem Verständ- 
nis für die Voraussetzungen gesunder Realpolitik das englische Weltreich 
regiert, erhalten und vergrößert haben. Lord Crewe sprach sich mir gegen- 
über ebenso friedlich und verständig aus wie sein Souverän. Aber auch er 
betonte, wie wünschenswert ein Flotten-Agreement zwischen uns sein 
würde. Er gebe mir vollkommen zu, daß die englischen Besorgnisse vor 
der doch noch viel schwächeren deutschen Flotte übertrieben wären. Ich 
dürfe aber nicht vergessen, daß nicht nur das englische Weltreich, sondern 
auch das englische Mutterland mit seiner absoluten Sicherheit zur See, 
seiner Herrschaft über die Meere und seiner Unangreifbarkeit stehe und 
falle. England wolle weder die deutsche Industrie noch den deutschen 
Handel noch die deutsche Schiffahrt, überhaupt nicht das Deutsche Reich 
schädigen oder gar vernichten. Deutschland sei ja Englands bester Kunde 
und umgekehrt. Aber gerade weil die Deutschen ein ausgesprochenes 
Organisationstalent besäßen, weil die junge deutsche Flotte eine ganz vor- 
zügliche Flotte sei, wollten die Engländer nicht, daß es ihnen gegenüber 
Deutschland zur See ginge, wie es 1866 den Österreichern, 1870 den Fran- 
zosen gegenüber Deutschland zu Lande gegangen war. 
Als einige Wochen später im Reichstag der Etat für den Reichskanzler 
und die Reichskanzlei beraten wurde, benutzte ich die Gelegenheit, den 
Besuch des englischen Königspaars in seinem harmonischen Verlauf als 
ein in jeder Beziehung glückliches Begebnis zu bezeichnen*. Die vom 
König in Berlin gehaltenen Ansprachen, die durch die englische Thronrede 
und die bei der Adreßdebatte des englischen Parlaments gehaltenen Reden 
bekräftigt worden wären, hätten beiden Völkern wieder einmal deutlich 
zum Bewußtsein gebracht, wie viel Grund sie hätten, sich gegenseitig zu 
achten und friedlich, in Friedensarbeit miteinander zu wetteifern. Ich 
fuhr fort: „Das Netzwerk ihrer Beziehungen ist nicht so leicht zu zerstören, 
soviel auch von mutwilligen Händen daran gezerrt worden sein mag: denn 
es hat, von allen ideellen Werten abgesehen, seine Festigkeit dadurch er- 
langt, daß ein großer Teil der Arbeit beider Völker mit hineinverknüpft 
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 179; Reclam-Ausgabe V, 117.
        <pb n="502" />
        DAS ALPHA UND OMEGA 427 
worden ist. Es gibt ja kaum zwei Länder, die für ihre nationale Arbeit so 
sehr aufeinander angewiesen sind wie Deutschland und England.“ Ich be- 
wies, die Statistik in der Hand, daß Deutschland der beste Kunde des Ver- 
einigten Königreichs wäre: andererseits nehme kein Land von deutscher 
Ausfuhr so viel auf wie Großbritannien. Aus den von mir angeführten Zahlen 
sprächen Werte, die ihre verbindende Kraft jahraus, jahrein praktisch 
betätigten. Wie bei uns, so fehle es auch bei einem politisch so reifen Volk 
wie dem englischen nicht an Fanatikern, die keinen Blick hätten für die 
große Interessengemeinschaft zwischen dem deutschen und dem englischen 
Volk. Ich bliebe aber der festen Hoffnung, daß es ihnen nicht gelingen werde, 
einen ausschlaggebenden Einfluß auf das politische Denken der britischen 
Nation zu gewinnen, und die Eindrücke, die ich während des englischen 
Besuchs in einer Reihe von politischen Gesprächen gewonnen hätte, 
bestärkten mich in dieser Auffassung, der ich nicht zum erstenmal im 
Reichstag Ausdruck verliehe. 
Die Herbeiführung einer Flottenverständigung zwischen Deutschland 
und England ist diejenige Frage, die mir während der letzten Periode 
meiner Amtszeit mehr als irgendeine andere am Herzen gelegen hat. Im 
Frühjahr 1909 erzählte mir Albert Ballin, sein englischer Freund Sir 
Ernest Cassel, der König Eduard sehr nahestand, habe ihm wiederum 
vertraulich geschrieben, unsere Schiffsbauten wären ‚‚das Alpha und Omega 
des englischen Mißtrauens gegen uns wie aller englischen Machinationen““, 
Nicht lange nachher übersandte mir Ballin einen langen und glänzenden 
Bericht, in dem Walter Rathenau ihm seine Eindrücke in und über Eng- 
land geschildert hatte. Rathenau hob hervor, daß England von zwei 
schweren Sorgen erfüllt wäre, der wirtschaftlichen und der kolonialen. Die 
neueren, vorwiegend wirtschaftlich gearteten Industrien, also Maschinen- 
industrie, chemische Industrie, Elektrizitätsindustrie, beruhten auf zwei 
Faktoren: Technik und Organisation, d. h. auf der Tüchtigkeit des techni- 
schen und des kaufmännischen Beamten. England behaupte scine starke 
Position noch immer in denjenigen älteren Industriezweigen, die detail- 
fähige Gebrauchsware lieferten; aber in den modernen Großindustrien, 
die vermöge erweiterter Arbeitsteilung die fertigmachenden Industrien mit 
Produktionsmitteln versorgten, bleibe es hinter Deutschland zurück. 
Andererseits machten sich in den englischen Kolonien immer mehr zentri- 
fugale Kräfte geltend, denen England nichts entgegenzusetzen habe als 
seine Flotte. Mit jedem Schiff, das Deutschland baue, lockere sich ein Stein 
des britischen Kolonialgebäudes. Gegenüber diesen zwei schweren Sorgen 
habe England nur zwei Mittel der Abhilfe. Das eine, der Schutzzoll, sei 
grundsätzlich durchaus ausführbar, aber vermutlich nicht heilsam, das 
andere, die Flottenvermehrung zweckentsprechend, aber vielleicht nicht 
Ein Bericht 
Walter 
Rathenaus
        <pb n="503" />
        428 RATHENAU ÜBER ENGLAND 
so bequem durchführbar, wie es auf den ersten Blick erscheine. England sei 
nicht mehr so ausgabefroh wie früher. Es hieß dann wörtlich: „In hohem 
Maß beachtenswert ist es, daß beide Sorgen, die industrielle und die kolo- 
niale, den englischen Blick nach Deutschland hinüberlenken. Hier sitzt der 
Konkurrent und der Rivale. Aus allen Unterhaltungen mit gebildeten Eng- 
ländern klingt es heraus, bald als Kompliment, bald als Vorwurf, bald als 
Ironie: Ihr werdet uns überflügeln, ihr habt uns überflügelt. Und ein drittes 
gewichtiges Moment tritt binzu, das wir uns in der Heimat nicht immer ver- 
gegenwärtigen: die Beurteilung Deutschlands, wie es sich dem Außen- 
stehenden darstellt. Man blickt von außerhalb in den Völkerkessel des 
Kontinents und gewahrt, von stagnierenden Nationen eingeschlossen, ein 
Volk von rastloser Aktivität und enormer physischer Expansion. Acht- 
hunderttausend neue Deutsche jährlich! Jedes Lustrum eine additionelle 
Bevölkerung, nahezu gleich der von Skandinavien oder der Schweiz! Und 
man fragt sich, wie lange das evakuierte Frankreich dem Atmosphären- 
druck dieser Bevölkerung standhalten könne. So substantiiert und lokali- 
siert sich jede englische Unzufriedenheit im Begriffe Deutschland. Und 
was bei den Gebildeten als motivierte Überzeugung auftritt, das äußert sich 
beim Volk, bei der Jugend, in der Provinz als Vorurteil, ale Haß und 
Phantasterei in einem Umfange, der weit über das Maß unserer journalisti- 
schen Apperzeption hinausgeht. Es wäre schwächlich und oberflächlich, 
wollte man glauben, daß kleine Freundlichkeiten, Deputationsbesuche 
oder Pressemanöver Unzufriedenheiten stillen können, die aus so tiefen 
Quellen fließen. Nur unsere Gesamtpolitik ist imstande, England wenigstens 
diesen Eindruck zu verschaffen, daß von Deutschlands Seite aus keine 
Verstimmung, keine Furcht, kein Expansionsbedürfnis und keine Offensive 
besteht. Die Massen werden hierdurch nicht überzeugt, wohl aber die Re- 
gierungen im Bewußtsein ihrer Verantwortung erhalten werden.“ Ich legte 
diesen Ausführungen um so mehr Wert bei, als Rathenau, sehr ambitiös, 
sehr besorgt, nicht an Allerhöchster Stelle anzustoßen, im übrigen in diesem 
Promemoria sichtlich bestrebt war, sich nicht mit den ihm wohlbekannten 
Allerhöchsten Wünschen und Ambitionen in Widerspruch zu setzen. Er 
schloß seine Denkschrift mit einer Wendung, die aus der Feder von Tirpitz 
hätte fließen können, nämlich mit der Behauptung, daß mit jedem Jahre, 
das vergehe, das maritime Machtverhältnis sich für uns günstiger gestalte 
und hierdurch „eine allmähliche Konsolidierung‘ eintrete. Vorher aber 
stand der kluge Satz: „Ist es zutreffend, daß seit dem Aufhören der 
Eroberungskriege es vorwiegend ratlose Verlegenheiten gewesen sind, 
die europäische Konflikte veranlaßt haben, so ergibt sich von neuem der 
Anlaß, nichts zu versäumen, was zur politischen Beruhigung beitragen 
kann.“
        <pb n="504" />
        DER SUNDENBOCK METTERNICH 429 
Ich machte diesen Bericht zum Gegenstand eines längeren Immediat- 
vortrages bei Seiner Majestät. Der Kaiser stimmte meiner günstigen Be- 
urteilung der Rathenauschen Denkschrift bei. Aber leider wollte Wilhelm II. 
nicht einsehen, daß es an der Zeit, ja hohe Zeit war, mit England zu einer 
vernünftigen Flottenverständigung zu kommen. Je mehr unsere Flotten- 
bauten England beunruhigten, um so mehr suchte Wilhelm II. nach 
einem Sündenbock für diese ihm unbehagliche und sehr unerwünschte 
Stimmung und fand ihn ungerechterweise in unserem früher bei ihm wohl- 
gelittenen Botschafter in London, Paul Metternich, dem er vorwarf, daß 
er den englischen Besorgnissen und falschen Vorstellungen nicht mit der 
nötigen Energie entgegentrete. Ein Niederschlag solcher Verstimmung 
war Anfang April der nachstehende Brief Seiner Majestät an mich: „Ich 
habe heute, ehe Tirpitz zu Ihnen ging, noch einmal die ganze englische 
Flotten- und Dreadnought-Schweinerei mit ihm in Gegenwart von Müller 
und Plessen durchgesprochen und ihn ermächtigt, im selben Sinne auch 
Ihnen gegenüber sich auszusprechen. Es ist dabei übereinstimmend kon- 
statiert worden, an der Hand der historischen Daten, daß tatsächlich 
Metternich einen Teil der Schuld trägt an dem Verfahren der Situation, 
indem er von vornherein die kolossale persönliche Konzession, die Ich 
ihm zu eventuellem Gebrauch zur Verfügung gestellt hatte, nämlich, daß 
1912 keine Novelle kommen werde, ohne Grund von vornherein aus der 
Hand gegeben hat, ohne von England die geringste Gegenleistung zu 
erhalten als ungezählte Lügen, Verleumdungen und Verdächtigungen und 
Grobheiten. Dadurch ist das Ganze schlecht und falsch ‚gemanaged‘ 
worden und er, und dadurch wir, in die Ecke gedrückt worden. Weil erstens 
die Engländer, trotzdem sie der konstitutionelle Staat par excellence sind, 
den groben politischen Fehler begingen, in Cronberg unter Überspringen 
aller konstitutionellen Persönlichkeiten und Gepflogenheiten, also Sie, 
Schön, Tirpitz usw., direkt den Monarchen und Obersten Kriegsherrn zu 
koramieren und zu stellen, und zwar ‚per Drohung und im Befehlstone‘: 
‚You must stop building‘. Das durfte nicht geschehen, da das kein ‚An- 
gebot zu Verhandlungen‘, wie jetzt im Parlament behauptet wurde, 
war, sondern nur ganz einseitiges Verlangen von England an uns, das 
nur so beantwortet werden konnte, wie es geschah. Dieses Verfahren 
mußte im Herbst, als man sich Metternich mit allerhand Anfragen und 
Konversationen, unverbindlich, näherte seitens England, der Botschafter 
mit aller Schärfe und allem Nachdruck der Regierung in gröbster Form 
unter die Nase reiben und sie veranlassen, erstmal für das unqualifizierbare 
Benehmen uns um Verzeihungzubitten. Erstnachdemdasgeschehen, 
konnte man verbindliche Vorschläge von London entgegennehmen 
und darüber verhandeln. Zweitens: Weil der Botschafter leider das obige 
Brief 
des Kaisers 
an Biilow
        <pb n="505" />
        430 DIE UNVERBINDLICHEN ENGLISCHEN OUVERTÜREN 
Verfahren unterlassen hat, ist Cronberg bzw. der Ton und die Haltung 
Englands von damals bestehengeblieben, und es hat Metternich und 
durch ihn uns stets in peremptorischer Weise attackiert mit neuem ver- 
kapptem Verlangen, was wir erfüllen sollten. Daher, wenn es auch 
unverbindlich geschah, die Situation nie die einer Verhandlung über 
Vorschläge zwischen zwei gleichberechtigten Mächten wurde, sondern 
stets als ein ziemlich hochmütiges Ersuchen eines Stärkeren an einen von 
ihm nicht gleichgeachteten Schwächeren wirken mußte. Daher auch 
die Ablehnung, da stets die eigene Ehre beinahe auf dem Spiel stand, 
Drittens: Weil die englischen Ouvertüren, wie gesagt, wenn auch in ‚un- 
verbindlicher Form‘, stets nur in Form von Ersuchen und Aufforderungen, 
die unsererseits sofort möglichst zu erfüllen seien, an uns gerichtet wurden, 
war aus ihnen niemals die Absicht einer Verhandlung herauszulesen, die 
von Gleichem zu Gleichem geht, mit derselben Verbindlichkeit 
für beide Teile. Es war also weder in Cronberg — wo es ‚you must stop 
building‘ hieß — oder später bei den Unterhaltungen im Herbst und Winter 
irgendwo auch nur die leiseste Spur zu entdecken, daß die Engländer 
auch selbst Abrüstung wirklich beabsichtigten, sondern es wurde uns 
stets nur klargemacht, es läge im englischen Interesse, daß wir mit 
Rüsten aufhörten! Damit sie wohlverstanden ihren Vorsprung mit 
möglichst wenig Geduld und Mühe aufrechterhalten konnten. Das war ein 
Standpunkt, auf den wir uns vom militärischen wie nationalen Ehren- 
standpunkt nicht einlassen konnten. Viertens: Weil die ganzen Machina- 
tionen Englands darauf hinauslaufen, daß es sich von uns die absolute 
Anerkennung des ,Two Powers Standard‘ erzwingen will und wir das 
ohne Kapitulation vor der Welt oder ohne Verletzung unserer nationalen 
Ehre einfach nicht können, noch wollen, noch werden. Es kann eine Über- 
legenheit zur See beanspruchen, soviel es will, und danach bauen, es kann 
das auch nach irgendwelchen Verhältniszahlen konstruieren, dagegen ist 
nichts zu sagen, aber den Two Powers Standard, noch dazu gegen uns 
allein angewendet, anzuerkennen,dazu bin Ich vollkommen außerstande, 
noch weniger, denselben durch Abmachungen irgendwelcher Art für die 
Ewigkeit zu verbriefen. Einen gewissen Vorsprung sollen sie haben, 
den Two Powers Standard niemals. Das sind die Worte, die Admiral 
Tirpitz vor Zeugen ausgesprochen hat. Fünftens: Aus obigem geht folg- 
lich hervor: daß bisher England keine ehrliche Eröffnungen für Verhand- 
lungen verbindlich als von gleich zu gleich gemacht hat, sondern nur 
unverbindlich versucht hat, uns in die Ecke zu drücken und am Bauen 
einseitig zu hindern. Daher konnte darauf nicht eingegangen werden. 
Ich bin aber nach Übereinkunft mit Admiral Tirpitz vollkommen bereit 
und einverstanden, auf der von ihm skizzierten technischen Basis,
        <pb n="506" />
        GROSSE SITZUNG 431 
wenn England uns ehrlich um Verhandlungen bittet, mit Eng- 
land zu verhandeln auf der Relation 3:4 in Linienschiffen, mit Fallen- 
lassen des Vorschlags vom Herbst, der Nichteinbringung einer Novelle 1912. 
Das kann anderweitig erledigt werden nach Tirpitz’ Vorschlag. Lassen 
Euer Durchlaucht sich also von Tirpitz eine Formel ausarbeiten, wo Zahlen 
und Typen vorläufig beiseitegelassen sind, die in großen Zügen unsere 
Vorschläge darstellt, die wir machen wollen, falls die englische Regierung 
uns wieder Gelegenheit offizieller, verbindlicher Natur gibt, uns 
darüber zu äußern. Natürlich muß sie ehrlich ihrerseits die Einstellung 
des übermäßigen Baues uns vorschlagen und versprechen. Also Ver- 
handlungen in höflicher Form von gleich zu gleich, nicht aber perempto- 
rische Wünsche einerseits. Das ist der Inhalt des Vortrages von Tirpitz 
an Mich, mit dem Ich einverstanden bin. Wilhelm J. R.“ 
Zu dem kaiserlichen Brief, den ich wortgetreu wiedergebe, bemerke ich 
erläuternd, daß der am Eingang genannte Müller der Chef des Marine- 
kabinetts, Plessen der von mir bereits eingehend geschilderte langjährige 
diensttuende Generaladjutant und Kommandant des Kaiserlichen Haupt- 
quartiers war. Am 3. Juni 1909 fand eine von mir einberufene Besprechung 
über die Frage einer Verständigung mit England im Reichskanzlerpalais 
statt, an der außer mir, Tirpitz, Metternich die Staatssekretäre des Innern 
und des Äußern, Bethmann Hollweg und Schön, der Chef des Marine- 
kabinetts Vizeadmiral von Müller und der Chef des Generalstabs General 
von Moltke teilnahmen. Ich lasse das amtliche Protokoll über diese Be- 
sprechung folgen: 
„Der Herr Reichskanzler eröffnet die Besprechung nach einem kurzen 
Hinweis auf die hohe Wichtigkeit des Gegenstandes mit Verlesung des 
Briefes Seiner Majestät des Kaisers vom 3. April 1909. In diesem Brief gibt 
Seine Majestät der Kaiser sein Einverständnis mit den Allerhöchstihm 
von Admiral von Tirpitz vorgetragenen Anschauungen über eine eventuelle 
Verständigung mit England kund und weist den Herrn Reichskanzler an, 
von dem Herrn Staatssekretär des Reichsmarineamts eine Formel als 
Basis für Verhandlungen ausarbeiten zu lassen. Der Brief tadelt das Ver- 
halten des Botschafters Grafen Metternich, der von den englischen Staats- 
männern keine Gegenleistung für unseren etwaigen Verzicht auf eine 
Flottennovelle erlangt und für das inkonstitutionelle Vorgehen des 
Sir Charles Hardinge in Cronberg keine Sühne verlangt habe. Der Herr 
Reichskanzler verliest hierauf ein Schreiben des Grafen Metternich, worin 
dieser seine Haltung rechtfertigt. Der Herr Reichskanzler betont, daß unter 
den Anwesenden von persönlicher Empfindlichkeit nicht die Rede sein 
dürfe und könne. Alle wären einig in dem Bestreben, Kaiser und Reich 
nach bestem Wissen zu dienen. Über einen Punkt aber wolle er keinen 
Konferenz im 
Reichs- 
kanzlerpalais
        <pb n="507" />
        432 DIE VERLANGSAMUNG DES BAUTEMPOS 
Zweifel lassen. Erste Pflicht eines Vertreters Seiner Majestät im Auslande 
sei, die Wahrheit zu berichten und die Verhältnisse so zu schildern, wie sie 
in Wahrheit lägen. Einen Botschafter, der das tue, werde er, der Reichs- 
kanzler, stets decken, unbekümmert darum, ob diese ungeschminkte Wahr- 
heit zu hören immer angenehm sei. Es nütze auch nichts, auf das Barometer 
zu schelten, weil es schlechtes Wetter anzeige. 
Die zunächst zur Erörterung stehende Frage war, ob der Vorschlag 
des Admirals von Tirpitz einer Relation von 3:4 mit Fallenlassen des 
Verzichts auf eine Novelle als Basis einer Verständigung mit England 
betrachtet werden könne. Nach der Ansicht des Botschafters würde 
ein derartiges an England gerichtetes Ansinnen in kürzester Frist zum 
Kriege führen. Der Reichskanzler hob seinerseits hervor, daß nach 
allen ihm zugehenden Nachrichten die Stimmung in England uns gegen- 
über eine sehr ernste sei. Sie werde von der Befürchtung beherrscht, daß 
wir im Flottenbau den Engländern gefährlich nahe kommen könnten. 
Unter dem Eindruck dieser Besorgnis trete uns England in letzter Zeit 
überall in der Welt feindlich gegenüber; es versuche auch andere Mächte 
in Konflikt mit uns zu treiben. Wir hätten dafür in jüngster Zeit manche 
Belege erhalten. Ernsthafte Leute in England sähen einen Krieg mit 
Deutschland kommen. Es frage sich nun, wie in einem solchen Kriege 
unsere Chancen liegen würden. Admiral von Tirpitz habe seine Ansicht 
dahin ausgesprochen, daß wir einem Zusammenstoß mit England in 
den nächsten Jahren mit Ruhe nicht entgegensehen könnten. Da dränge 
sich die Frage auf, ob nicht eine Verständigung mit England möglich 
sei. Diplomatische Mittel genügten augenscheinlich nicht mehr, um 
England zu beruhigen. Eine Verständigung mit England über die 
Flottenbaufrage könnten wir vielleicht erreichen auf der Basis einer 
gegenseitigen Verlangsamung des Bautempos. Eine solche würde 
am besten in Verbindung mit einer Verständigung in anderen Fragen, zum 
Beispiel auf kolonialem Gebiet, in Handelspolitik, und allgemeinpolitischer 
Natur, etwa in Form eines Neutralitätsabkommens, erfolgen. Unsere Be- 
ziehungen zu England seien die einzige schwarze Wolke am Horizont unserer 
auswärtigen Politik, der im übrigen jetzt heller sei als seit vielen Jahren. 
Wir hätten seit zwanzig Jahren in der Welt nicht so geachtet und gefürchtet 
dagestanden wie jetzt. Aber das Verhältnis zu England trübe den Ausblick 
in die Zukunft. 
Graf Metternich gibt auf Anregung des Herm Reichskanzlers eine 
Schilderung der Stimmung in England: Diese sei noch vor zwei Jahr- 
zehnten uns und dem Dreibund günstig gewesen. Durch die Krüger-De- 
pesche und die Haltung der deutschen öffentlichen Meinung während des 
Burenkrieges habe sie allerdings eine Trübung erfahren. Sie habe sich aber
        <pb n="508" />
        INITIATIVE GEFÄHRLICH 433 
gründlich und ernstlich erst verdüstert, seitdem unsere Flottenbauten und 
die Agitation für diese den Engländern die immer mehr anwachsende feste 
Überzeugung beigebracht hätten, daß unsere Flotte eine ernste Bedrohung 
für England bedeute, für welches die absolute Sicherheit und Überlegenheit 
auf maritimem Gebiet nun einmal eine Lebensfrage sei. Nicht die deutsche 
Konkurrenz auf dem Weltmarkt, wenn sie auch den Engländern un- 
bequem, wäre es, welche die tiefgehende Verstimmung erzeugt habe, 
sondern lediglich die deutsche Flottenpolitik. 
Acmiral von Tirpitz meint, daß sich in dem Briefe Seiner Majestät 
und dessen Auslegung vielleicht Mißverständnisse finden könnten. Er 
sei stets bemüht gewesen, Seine Majestät davon zu überzeugen, daß es 
unrichtig wäre, eine Diskussion über eine gegenseitige Verständigung in 
den Flottenrüstungen a limine abzulehnen. Bei dem von Seiner Durch- 
laucht berührten Immediatvortrage vom 3. April 1903, der auf Veranlassung 
desselben erfolgt sei, habe es sich nur um die Vergangenheit gehandelt 
und habe er hierbei Seiner Majestät gegenüber erwähnt, daß sich im 
Herbste 1908 wohl Gelegenheit geboten haben würde, eine Relation 3:4 
in Neubauten als Grundlage für Verhandlungen mit England zu benutzen. 
Damals hätte der Vorschlag wohl Aussicht auf Annahme seitens Englands 
gehabt, da die Engländer damals nur vier neue Schiffe bauen wollten. 
Jetzt sei dies anders. Für solche Verhandlungen wäre es zweckmäßiger 
gewesen, den Verzicht auf eine Novelle für 1912 nicht aus der Hand 
gegeben zu haben, sondern ihn als Verhandlungsmittel auszunutzen. Die 
Gefahr eines Zusammenstoßes mit England sei im übrigen seiner An- 
sicht nach nicht so groß, wie Graf Metternich es schilderte, die Verstimmung 
der Engländer wurzele nach seinen Erfahrungen in dem Unbehagen über die 
wirtschaftliche und politische Konkurrenz, die jetzige Erregung aber sei in 
der Hauptsache Mache Sir John Fishers, der die englische Admiralität 
repräsentiere und mit allen Mitteln der Perfidie gegen Deutschland arbeite. 
Je stärker wir unsere Flotten machen, desto mehr wird sich England hüten, 
mit uns ernstlich anzubinden. Er glaube, daß der „navy scare“ in England 
überwunden sei. Er könne nur nochmals bedauern, daß Graf Metternich die 
Zusicherung, es sei 1912 keine Novelle beabsichtigt, ohne Gegenkonzession 
gegeben habe, aber er, der Staatssekretär, sei bei der dem Grafen Metter- 
nich erteilten Instruktion nicht gehört worden. Eine Initiative zu einer 
Verständigung mit England unsererseits zu ergreifen, halte er nach dem 
Verhalten der englischen Regierung in diesem Frühjahr nicht für angezeigt, 
ja für gefährlich. England solle seinerseits zunächst mit Vorschlägen hervor- 
treten, dann könne man ja hören, was angeboten wird, und danach sein 
Gegenangebot machen. Übrigens gingen unsere Neubauten im Jahre 1912 
von vier auf zwei Schiffe herunter, ein Umstand, der an sich schon eine Ver- 
28 Bülow U
        <pb n="509" />
        434 POLITIK DES VOGELS STRAUSS 
langsamung des Bautempos darstelle und als solche den Engländern hätte 
dargestellt werden müssen. Diese Tatsache bedeute aber seines Erachtens, 
daß ein erneuter Agreements-Versuch gar nicht zu erwarten sei. In keinem 
Falle könnten wir uns auf eine Verständigung mit England ohne genügende 
militärische Gegenleistungen von englischer Seite einlassen. Im ganzen sei 
er in jetziger Lage für ruhiges Abwarten. 
Graf Metternich betont nochmals, daß er von Seiner Majestät dem 
Kaiser die bestimmte Weisung erhalten habe, den Engländern zu sagen, 
Seine Majestät habe nicht die Absicht, über das Flottenprogramm 
hinauszugehen. Von einer etwaigen Novelle für 1912 habe er bis vor 
wenigen Tagen nie etwas gehört. 
Admiral von Tirpitz erklärt, daß es allgemein, auch bei den Engländern, 
bekannt sein müßte, daß das Jahr 1911 ein kritisches sei, in dem eine 
Novelle erwartet werden könnte. Die Befürchtung der Engländer, daß in 
einigen Jahren eine abermalige Novelle zum deutschen Flottengesetz 
kommen werde, sei vom Herrn Botschafter bereits in seinem Berichte 
über die Unterredung mit Sir Charles Hardinge vom 30. Juni 1908 klar 
ausgesprochen worden. 
Der Herr Reichskanzler hebt hervor, daß er bisher aus den münd- 
lichen und schriftlichen Besprechungen mit dem Herrn Staatssekretär 
des Reichsmarineamts niemals den Eindruck erhalten habe, daß dieser 
eine Verständigung mit England in der Flottenfrage wünsche. Er sei er- 
staunt, jetzt zu hören, daß der Herr Staatssekretär im vorigen Herbst eine 
solche Verständigung für möglich und sogar für erstrebenswert gehalten habe; 
davon habe er, der Reichskanzler, bisher keine Ahnung gehabt. Er verstehe 
aberauchnichtrecht, warum das, was damals dem Staatssekretär möglich und 
nützlich erschienen wäre, jetzt von ihm perhorresziert würde. Die Beunruhi- 
gung in England sei nicht Mache Sir John Fishers, sondern entspringe leider 
der tiefen und festen Überzeugung des englischen Volks, daß das Anwachsen 
unserer Seemacht das britische Reich an der Wurzel bedrohe. Darüber 
dürften wir uns keinen Täuschungen bingeben. Man könne mancherlei Po- 
litik treiben; die bedenklichste Politik aber sei die Politik des Vogels Strauß. 
Trotz der von uns allen anerkannten und bewunderten Tüchtigkeit unserer 
Flotte seien wir, nach der Ansicht des Admirals von Tirpitz, jetzt nicht in 
der Lage, einen Konflikt mit England siegreich zu bestehen. Um die zwischen 
heute und dem Ausbau unserer Flotte liegende Gefahrzone zu durch- 
schreiten, empfehle sich eine Verständigung mit England. Selbstverständ- 
lich könne eine solche Verständigung nur auf Gegenseitigkeit beruhen. Daß 
er, der Reichskanzler, keine Lösung akzeptieren und keinen Schritt emp- 
fehlen werde, der nicht im vollen Einklang mit der Würde der Nation sei, 
brauche er nicht besonders zu betonen. Dafür bürge wohl die Art und Weise,
        <pb n="510" />
        SCHEITERN BEDEUTET KRIEG 435 
wie er seit nunmehr zwölf Jahren die auswärtigen Geschäfte des Landes 
führe. 
Admiral von Tirpitz verschließt sich nicht der bestehenden Gefahr, 
auf die er auch schon früher aufmerksam gemacht und deren Erkenntnis 
ihn auch veranlaßt habe, die Agitation des Flottenvereins unter General 
Keim zu mißbilligen. Er sei auch für Herbeiführung einer Detente. In bezug 
hierauf und auf die Darlegung des Herrn Reichskanzlers verweise er auf 
seinen schriftlichen Bericht an Seine Durchlaucht vom 20. Januar 1909, 
in dem er gemeldet habe, daß er durchaus der Ansicht des Herrn Reichs- 
kanzlers sei, man dürfe eine erneute Anregung seitens Englands, in eine 
vertragsmäßige Verminderung der beiderseitigen Flottenbauten einzu- 
treten, nicht a limine ablehnen, schon allein aus dem Grunde nicht, um das 
Odium einer solchen Abweisung von uns abzuhalten. In diesem Berichte 
habe er, der Staatssekretär, weiter gemeldet, daß er sich schon Ende Sep- 
tember 1908 bemüht habe, Seiner Majestät dem Kaiser diesen Standpunkt 
klarzulegen. Sein in demselben Bericht gemachter Vorschlag der Grundlage 
einer Relation von 3:4 würde den Engländern innerhalb zehn Jahren noch 
immer nahezu die Stellung des Two Powers Standard, nämlich des Ver- 
hältnisses 2:3—6 gegeben haben. 
Staatsminister Bethmann hält eine Initiative unsererseits zu einer 
Verständigung nur dann für ratsam, wenn wir einen bestimmten Vor- 
schlag zu formulieren in der Lage wären. So weit seien wir aber in der 
heutigen Beratung noch nicht gelangt. Vielleicht lasse sich eine gewisse 
Detente mit England auch auf kolonialem Gebiete und in der Handels- 
politik erreichen. Für letztere schienen ihm aber die Voraussetzungen, 
nämlich der Übergang Englands zum Schutzzoll, zu fehlen. 
Graf Metternich hält eine Verständigung über koloniale und handels- 
politische Fragen für erwünscht, abernicht fürgenügend zur Beruhigung Eng- 
lands. Diese sei allein durch eine Flottenverständigung zu erzielen. Sollte es 
nicht möglich sein, eine Konzession an England durch Verlangsamung 
unseres Bautempos in Schiffen zu machen? Admiral von Tirpitz weist 
demgegenüber auf den Sprung hin, der im Jahre 1912 von vier auf zwei 
Schiffe stattfinden wird. 
Der Herr Reichskanzler stellt zur Erwägung, ob nicht Graf Metternich 
ermächtigt werden soll, den Engländern gesprächsweise zu sagen, wir seien 
bereit, in Flottenfragen mit uns reden zu lassen, dabei zwar seinerseits 
keine konkreten Vorschläge zu machen, aber anzudeuten, daß unsere 
Konzessionen in Verlangsamung des Bautempos und in Verzicht auf 
Novellen bestehen könnten. Staatsminister von Bethmann wirft zu- 
nächst die Frage ein, ob eine Verlangsamung des Bautempos ohne Ände- 
rung des Flottengesetzes möglich sei. General von Moltke vertritt den 
'28*
        <pb n="511" />
        436 DIE GEFAHRZONE 1915 ÜBERSTANDEN 
Standpunkt, daß wir keinerlei Chance haben, einen Konflikt mit England 
erfolgreich auszufechten. Eine ehrenvolle Verständigung, etwa auf der Basis 
einer Verlangsamung des Bautempos, scheine daher auch ihm erstrebens- 
wert. Dabei dürfe man sich freilich nicht verhehlen, daß ein Scheitern von 
Verständigungsversuchen den Krieg bedeuten könnte. Der Herr Reichs- 
kanzler weist wiederholt auf die Gefahren der Situation hin. Die einzige 
schwarze Wolkelagere zur Zeit über der Nordsee, aber sie sei gewitterschwer. 
Admiral Tirpitz hebt den von Jahr zu Jahr wachsenden Wert unserer Flotte 
hervor, auch in den Reservebildungen. Ein etwaiges Hinausziehen des 
Bauprogramms um fünf Jahre, also bis 1925, wie es Graf Metternich im 
Auge zu haben scheine, würde für uns aber den Verlust von fünfzehn 
Capital Ships bedeuten. Wolle man solche Verlangsamung, dann werde das 
ganze Flottenprogramm wertlos. 
Staatsminister von Bethmann: ‚Das Erstarken unserer Flotte ist 
eben das, was die Engländer erkannt haben und was sie so lebhaft beun- 
ruhigt. Was könnte unsere Marine bieten, wenn eine freundschaftliche An- 
regung seitens Englands zu erneuter Besprechung erfolgen sollte ” 
Admiral von Tirpitz: ‚Unser etwaiges Angebot kann sich nur nach 
einem englischen Vorschlag richten, nicht vorher formuliert werden.‘ 
Staatsminister von Bethmann: ‚Ist nicht eine Verlangsamung des Bau- 
tempos in dem Sinne möglich, daß wir im nächsten Jahr nicht vier, 
sondern nur drei Schiffe bauen, wenn die Engländer ihrerseits sich auf vier 
Neubauten beschränken — immer nur Capital Ships gerechnet ”* 
Admiral von Tirpitz führt aus: Zu einer solchen Verlangsamung des 
Bautempos sei eine Änderung des Flottengesetzes nicht erforderlich, 
eine Verlangsamung von vier auf drei Schiffe lasse sich im Etat durch- 
führen. 
Der Herr Reichskanzler konstatiert, daß die Verlangsamung also mög- 
lich sei, ohne daß dies zu Debatten im Reichstag führe oder überhaupt sehr in 
die Öffentlichkeit trete. Admiral von Müller betont, es dürfe kein Mißver- 
ständnis darüber bestehen, daß eine Verständigung mit England auf Basis der 
Ver.angsamung des Bautempos nur unter der Bedingung zustande kommen 
dürfe, daß auch England eine Gegenleistung auf dem gleichen Gebiete, also 
ebenfalls eine Verlangsamung, bietet. Alle Anwesenden sind darüber einig, 
daß solche Gegenseitigkeit unbedingt Voraussetzung für das Zustande- 
kommen einer Verständigung sein müsse. Insbesondere wiederholt der 
Herr Reichskanzler, daß England uns nicht nur volle Gegenseitigkeit auf 
militärisch-technischem Gebiet, sondern auch eine politische Assekuranz 
geben müsse. 
Admiral von Tirpitzführt aus: Nach seiner Ansicht würde die Gefahrzone 
in unserem Verhältnis zu England in fünf bis sechs Jahren, also etwa 1915,
        <pb n="512" />
        EIN RÜSTUNGSABKOMMEN? 437 
nach Erweiterung des Kaiser-Wilhelm-Kanals und Fertigstellung der 
Helgolandposition überstanden sein. Schon in zwei Jahren werde sie 
erheblich geringer sein. 
Der Herr Reichskanzler: ‚Das ist sehr schön. Die Frage ist aber 
immer wieder: Wie kommen wir über die derzeitigen Gefahren weg?" 
Admiral von Tirpitz hält eine Beseitigung der Gefahr durch eine 
Verständigung über Neubauten im Verhältnisse 3:4 für möglich. 
Der Herr Reichskanzler ersucht den Staatssekretär des Reichs- 
marineamts, den Befehlen Seiner Majestät gemäß eine Formel für eine 
Verständigung auszuarbeiten. Er macht aber dabei darauf aufmerksam, 
daß keine Diplomatie der Welt die englische Regierung dahin bringen könne, 
eine Formel zu akzeptieren, die England als für seine Existenz bedrohlich 
erscheine. 
Admiral von Tirpitz kann der Aufstellung einer Formel im jetzigen 
Augenblicke keinen Wert beimessen. Besonders, da bei der praktischen 
Verwendung derselben durch einen anderen in etwaigen Verhandlungen 
mit den Engländern leicht Mißverständnisse unterlaufen könnten. Eine 
solche Formel könne nur als eine Vorbereitung aufzufassen sein für den 
Fall, daß England tatsächlich einen Schritt zur Annäherung an uns zum 
Zwecke der Herbeiführung eines Rüstungsabkommens tun sollte. Erst 
nach dem Maße der englischen Annäherung würde zu beurteilen sein, 
welche Gestalt eine eventuelle Formel anzunehmen habe. Der Staats- 
sekretär von Tirpitz wiederholt im Anschluß daran seine früher gemachten 
Ausführungen (s. S.5 des Protokolls), daß nach dem Verhalten der eng- 
lischen Regierung in diesem Frühjahr die Initiative nicht von uns ausgehen 
dürfe. 
Der Herr Reichskanzler bittet schließlich, die Tatsache und den Inhalt 
dieser Besprechung streng geheim zu halten.“
        <pb n="513" />
        Immediat- 
vortrag über 
die große 
Konferenz 
XXIX. KAPITEL 
Der Kaiser zu dieser Konferenz » Wandlung im Verhältnis Wilhelms II. zu Bülow « Er- 
schwerung seiner Geschäftsführung » Neue Kabinettschefs » Schwierigkeiten im Aus- 
wärtigen Amt + Geleimrat Hammann »- Unterredung zwischen Kaiser und Kanzler - Die 
Majestäten zum Diner im Kanzler-Palais « Wilhelm II. wieder in bester Laune 
ie Konferenz vom 3. Juni 1909 hat mir einen dauernden Eindruck 
hinterlassen. Graf Paul Metternich, sehr ruhig, fast phlegmatisch, aber 
klar, nüchtern, ganz Matter-of-fact-Mensch. Er wußte, daß er, lange bei 
Seiner Majestät gut angeschrieben, durch seinen Widerspruch gegen die 
allmählich über ihre Ufer tretende Flottenpolitik des hohen Herrn sich 
dessen Gunst verscherzte. Aber er stellte seine Überzeugung über sein Amt. 
Tirpitz, innerlich leidenschaftlich bewegt, nach außen kalt, bisweilen ver- 
bissen, voll brennenden Ehrgeizes, voll glühender Vaterlandsliebe, voll 
Vertrauen auf sein Werk, auf die Kraft des deutschen Volks, groß auch in 
seinen Irrtümern, aber einseitig. Die beiden Staatssekretare des Innern 
und des Äußern, Bethmann Hollweg und Schön, gleichmäßig bestrebt, 
weder bei Seiner Majestät anzustoßen noch auch beim Reichskanzler, von 
dem man nicht wissen könne, ob er nicht schließlich duch im Amte bleiben 
würde. Par nobile fratrum, aber in dem sarkastischen Sinne, in dem Horaz 
diese Wendung geprägt hat. Moltke, wohlmeinend in seinen Gedankengän- 
gen, verständig und klar, leider nur kein Maun der Tat. Der Chef des Marine- 
kabinetts von Müller, damals noch ein Anhänger von Tirpitz, dessen per- 
fider Gegner er werden sollte, sobald sich die kaiserliche Gnadensonne von 
dem Erbauer der Flotte abwandte. Ich hielt es für meine Pflicht, Seiner 
Majestät über den Verlauf der Konferenz vom 3. Juni und über die Gründe, 
welche die Einberufung dieser Konferenz und meine Haltung in der 
Besprechung bestimmt hatten, auch noch mündliche Erläuterungen zu 
geben. Der von mir erbetene Immediatvortrag wurde mir erst nach einer 
Woche, am 11. Juni gewährt. Über seinen Verlauf nahm ich die nach- 
stehende Notiz zu den Akten: „Seine Majestät erklärte mir auf meine heu- 
tigen Vorstellungen über die von englischer Seite infolge der englischen Be- 
sorgnisse vor unseren Schiflsbauten drohenden Gefahren: Er könne nicht an 
eine solche Gefahr glauben. Die Engländer würden uns allein nie angreifen.
        <pb n="514" />
        DER ZWEIFRONTENKRIEG DER ZUKUNFT 439 
Bundesgenossen fänden sie jetzt nicht. Wir brauchten auch einen eng- 
lischen Angriff nicht zu fürchten, denn wir könnten den Engländern zur 
See schon jetzt den größten Schaden zufügen. Die angebliche englische 
Aufregung über unsere Schiffsbauten sei nur ‚Mache‘, aus innerpolitischen 
Motiven hervorgegangen. Das sei die Auffassung, die iım Admiral von 
Tirpitz vorgetragen habe, und der müsse er sich anschließen.“ 
Die vorstehende Aufzeichnung gibt nur das Gerippe meines langen und 
eingehenden Immediatvortrages vom 11. Juni 1909. Ich wiesnachdrücklich, 
mit statistischem Material und an der Hand der Geschichte auf die großen 
Hilfsquellen hin, über die England verfüge, auf die gewaltige Leistungs- 
fähigkeit und Energie, die es in allen seinen Kriegen, von den Kriegen gegen 
Ludwig XIV. und Napoleon I. bis zum Burenkrieg, entfaltet habe. Ich 
sagte Seiner Majestät, ich glaubte auch jetzt nicht, daß England uns von 
heute auf morgen, unerwartet, überfallen werde, wieder Kaiser dies mehrfach 
befürchtet habe. Wohl aber bestehe die Gefahr, daß, wenn das Rennen mit 
England im Schiffsbau im bisherigen Tempo fortgesetzt würde, England, 
sobald wir in Verwicklung mit irgendeiner andern Macht gerieten, ins- 
besondere mit Rußland, sich sofort auf die Seite unserer Gegner schlagen 
würde. Das lähme unsere Politik nicht nur in der Gegenwart, sondern be- 
drohe uns für die Zukunft mit schweren Gefahren. Ein Zweifrontenkrieg 
sei unter allen Umständen für uns eine ernste Sache, mit England auf der 
Seite von Frankreich und Rußland auf der anderen Seite. Der Kaiser 
wollte meine Besorgnisse nicht gelten lassen. Er berief sich dabei auf 
unseren Generalstab. Ich erwiderte, auch der Generalstab sei nicht unfehl- 
bar; so unterschätze er auch erheblich die Force noire der Franzosen und 
meine, aus Afrika würde Frankreich nicht viel brauchbares Soldaten- 
material ziehen können; Afrika würde im Gegenteil den Franzosen mehr 
Soldaten zum Überwachen kosten, als Soldaten für die französische Armee 
gegen uns stellen. Diese Auffassung hielte ich auf Grund meiner bei einer 
Reise in Algier und Tunis gewonnenen Eindrücke für irrig. Ich hätte, 
betonte ich, die denkbar beste Meinung von dem preußischen Generalstab, 
diesem klugen Hirn der Armee, aber es sei von alters her ein Fehler unseres 
preußischen militärischen Denkens gewesen, die Westmächte und speziell 
die Engländer militärisch zu unterschätzen. Ich schalte hier ein, daß mir 
die Zukunft, zu meinem Schmerz, in dieser Beziehung recht gegeben hat. 
Schon Weihnachten 1914 standen fast fünfhunderttausend Engländer in 
Frankreich, 1917 an zwei Millionen. England hat im Weltkrieg über sechs 
Millionen Mann ins Feld gestellt, dazu noch über drei Millionen Soldaten 
aus seinen Kolonien, aus seinen Dominions und aus Indien. Es hat im 
ganzen zehu Millionen Mann mobilisiert. Im Laufe meiner wiederholten, von 
meiner Seite ruhig und mit möglichster Klarheit ernst und nachdrücklich
        <pb n="515" />
        Verhältnis 
Bülows 
zum Kaiser 
440 DER KAISER IST UNGNÄDIG 
gehaltenen, von Seiner Majestät hier und da ungeduldig und gereizt ange- 
hörten Vorträge über die Vorteile einer durch Verlangsamung unseres Flotten- 
bautempos zu erreichenden Verständigung mit England erinnerte ich den 
Kaiser mehr als einmal an die allerersten Unterredungen, die ich nach 
meinem Eintreffen aus Rom in Kiel, im Juni 1897, mit ihm über unsere 
Flottenpolitik gehabt hätte. Vor die Aufgabe gestellt, den Bau unserer 
Flotte ohne Zusammenstoß mit England zu ermöglichen, hätte ich ihn 
damals an ein römisches Dichterwort erinnert. Wir dürften nicht, hätte ich 
ihm gesagt, propter vitam vivendi perdere causas. Jetzt, zwölf Jahre 
später, müsse ich diese Warnung mit größerem, mit dem größten Nach- 
druck wiederholen. Wir hätten die Flotte gebaut zu unserer Sicherheit und 
zu unserem Schutze, wir dürften uns aber nicht wegen dieser Flotte und 
durch diese Flotte unser Verhältnis zu England ganz verderben. 
Die letzten sieben Monate meiner Amtszeit sind nicht zu verstehen ohne 
Berücksichtigung der eigenartigen, sprunghaften, wandelbaren, der inko- 
härenten Natur Wilhelms II. Nach außen hatte sich sein Benehmen mir 
gegenüber nicht geändert. Er war sogar in mancher Hinsicht rücksichts- 
voller geworden, widersprach mir selten und ungern, wurde nur in der Flot- 
tenfrage ärgerlich, und das auch nur dann, wenn ich diese Frage anschnitt. 
Er schien auch sehr besorgt um meine Gesundheit, obschon sie nichts zu 
wünschen übrigließ. Am 6. Februar 1909, dem Geburtstag meiner Frau, 
erschien der Kaiser mit der Kaiserin bei mir, um meiner Frau unter Über- 
reichung eines schönen Straußes aus roten Nelken, seinen Lieblingsblumen, 
seine herzlichsten Glückwünsche darzubringen. Aber ich hörte von allen 
Seiten, daß hinter meinem Rücken der Kaiser sich nicht nur ungnädig über 
mich ausließ, sondern allerlei Märchen über die Vorgeschichte der Novem- 
berkrisis und mein Verhalten während dieser Krisis erzähle. Das erschwerte 
mir in hohem Grade die Geschäfte, Ich hatte es ohnehin schwerer als früher, 
wo die damaligen drei Kabinettschefs, Lucanus, Hülsen und Senden, mir 
feste Stützen gewesen waren. Der Letztgenannte hatte mir durch seine 
antienglischen Marotten, nicht selten auch durch Taktlosigkeit die Führung 
der auswärtigen Politik erschwert, aber er hatte immerhin mein Bleiben 
im Interesse des Reichs wie des Kaisers für notwendig erachtet und sich 
aus diesem Grunde Intrigen gegen mich widersetzt. Sein Nachfolger, 
Admiral von Müller, war liebenswürdiger, taktvoller, aber unzuverlässiger 
und dem Kaiser gegenüber ganz unterwürfig. Dabei innerlich ein unklarer, 
pietistisch angehauchter Pazifist, was seinem Gemüt vielleicht Ehre machte, 
ihn aber nicht zum Vertreter des brillanten Geistes der Entschlossenheit 
und Handlungsfreudigkeit qualifizierte, der unsere Marine auszeichnete. 
Der Generaladjutant von Hahnke war mir, dem weit jüngeren Manne, ein 
wohlwollender, durchaus verläßlicher Gönner gewesen, sein Nachfolger
        <pb n="516" />
        Generalfeldmarschall Freiherr von Lo&amp; auf dem Sterbebett
        <pb n="517" />
        <pb n="518" />
        DIE NEUEN KABINETTSCHEFS 441 
Graf Hülsen-Hacseler ein langjähriger und persönlicher Freund. Hülsen 
war während der Novemberkrisis im Schlosse Donaueschingen von einem 
Herzschlag gerührt tot umgesunken, nur wenige Stunden nachdem er dem 
Kaiser dringend geraten hatte, sich nicht von mir zu trennen. Sein Nach- 
folger, Generalvon Lyncker, war ein tüchtigerMilitär, ein tadelloser Ehren- 
mann, aber ohne Initiative. Er betrachtete sich nur als immer dienst- 
bereiten und dienstbeflissenen Generaladjutanten. Und endlich war an die 
Stelle des sehr klugen, sehr gewandten, mir gleichfalls treu ergebenen 
Lucanus Herr von Valentini getreten. Ein geistreicher russischer Freund, 
Ernst Meyendorff, sagte mir einmal: „Une longue experience m’a prouve 
qu’on ne r&amp;ussit jamais a tuer son successeur.‘‘ Lucanus kannte die Wetter- 
wendigkeit Sciner Majestät. Als er zu bemerken glaubte, daß der hohe Herr 
für den Vortragenden Rat in Allerhöchstseinem Kabinett, Herrn von Berg, 
Korpsbruder und persönlichen Freund Seiner Majestät, große Vorliebe 
zeigte, sorgte er für dessen Versetzung. Zu seinem Nachfolger wählte 
Lucanus den Regierungspräsidenten in Frankfurt a. O., Herrn von Valentini, 
der ihm so unbeträchtlich erschien, daß er ihn als Chef des Zivilkabinetts 
Seiner Majestät für ausgeschlossen hielt. Seinen eigentlichen Zweck, Berg 
aus der Umgebung Seiner Majestät zu entfernen, hat Lucanus nicht erreicht, 
denn Berg wurde schließlich doch, nicht lange vor dem Umsturz, Chef des 
Zivilkabinetts. Valentini hat aber während eines Jahrzehnts Gelegenheit 
gehabt, seine Unbedeutendheit und leider auch seinen Mangel an Charakter 
nur zu reichlich an den Tag zu legen. Ich füge den letzten Brief bei, den ich 
von Lucanus kurz vor dessen Heimgang erhielt: „Eure Durchlaucht haben 
mich erfreut und beglückt durch den so warmen Ausdruck Ihrer Teilnahme 
an meinem Wohlergehen. Ich habe das Bett verlassen dürfen und hoffe, bald 
wieder auf dem Posten zu sein. Wie viele und große Aufgaben harren jetzt 
der Lösung durch Ihre Hand! Möge Gottes Schirm und Schutz über Eurer 
Durchlaucht walten. In unwandelbarer Verehrung und steter Anhänglich- 
keit bin und bleibe ich Eurer Durchlaucht treu und dankbar ergebener von 
Lucanus.“ 
Schmerzlicher noch als der Wegfall der drei Kabinettschefs hatte mich 
der Heimgang meines verehrten und lieben Kriegsobersten, meines lang- 
jährigen väterlichen Freundes, des Generalfeldmarschalls von Lo&amp;, be- 
troffen, der zur großen Armee abberufen worden war. Tiefbewegt richtete 
ich an seine Witwe, die erst vierzehn Jahre später, fast neunzig Jahre alt, 
ihrem Gatten in die Ewigkeit folgte, das nachstehende Telegramm: „Die 
Nachricht von dem Heimgang Ihres hochverehrten Mannes hat mich tief 
bewegt. Der Name des verewigten Feldmarschalls wird unvergänglich 
fortleben in der preußischen und in der deutschen Geschichte. Er war ein 
Ritter ohne Furcht und Tadel, treu Gott, König und Vaterland. Sein 
Tod des Feld- 
marschalls 
von Loö
        <pb n="519" />
        Veränderun- 
gen im Aus- 
wärtigen Amt 
442 DER FALL HAMMANN 
Patriotismus kannte keine Schranken. Er verkörperte die unlösbare Zu- 
sammengehörigkeit der Rheinlande mit der Monarchie. Persönlich werde 
ich dem teuren Entschlafenen, der mir seit dem großen Kriege in allen 
Lebenslagen ein väterlicher Freund war, immer das dankbarste und liebe- 
vollste Andenken bewahren. Meine Frau schließt sich meinen Empfindungen 
von Herzen an.“ Möge der Feldmarschall Lo&amp;, der ein ritterlicher Soldat, 
ein treuer Sohn der katholischen Kirche, ein treuer Diener vier preußischer 
Könige und dreier deutscher Kaiser, ein glühender preußischer und deutscher 
Patriot war, den Söhnen der schönsten preußischen Provinz als Vorbild vor 
Augen stehen, bis einst an dem von Knechtschaft und Schmach befreiten 
deutschen Rhein sich der Denkstein erheben wird, den wir Walter Lo&amp; jetzt 
nur in unserem Herzen errichten können. 
Im Auswärtigen Amt hatte ich esschwerer als früher. Herr von Schön 
war nicht von den Interessen der Geschäftsführung, sondern wie sein Vor- 
gänger Tschirschky in erster Linie von dem Gedanken beherrscht, nicht an 
Allerhöchster Stelle anzustoßen. Nur daß, im Gegensatz zu Tschirschky, 
der das vorstellte, was man auf französisch „un rond de cuir“ nennt, das 
heißt ein Aktenmensch, der auf seinem amtlichen Sessel am Schreibtisch 
seinen Mann steht, le Baron de Schön ebenso unzulänglich wie unzuver- 
lässig war. Und endlich versagte infolge widriger Privatverhältnisse mein 
Pressechef, Otto Hammann, gerade imletzten Winter meiner Amtszeit. 
Hammann hatte, bald nachdem ich Staatssekretär geworden war, seine 
erste Frau auf einer mit ihr im Schwarzwald unternommenen Fußreise 
durch einen plötzlichen Tod verloren. Holstein, der, wenn er haßte, zügellos 
in seinen Verdächtigungen war, wollte, nachdem er sich mit seinem früheren 
Fidus Achates und Kampfgenossen gegen den entamteten Bismarck, dem 
Geheimrat Hammann, überworfen hatte, mir einreden, daß die erste Frau 
Hammann keines natürlichen Todes gestorben sei. Ich habe das nie ge- 
glaubt und diese Insinuation weit von mir gewiesen. Allerdings soll der 
Kummer über die Liebe ihres Gatten für eine andere das Ende der armen 
Frau beschleunigt haben. Witwer geworden, drängte Hammann, der nicht 
wie ein Lovelace aussah, aber offenbar eine leidenschaftliche Seele war, die 
von ihm angebetete Dame zur Scheidung. Deren Gatte, der einer der ersten 
Architekten in Deutschland war, widersetzte sich. Schließlich kam ein 
Arrangement zustande, das einen finanziellen Hintergrund hatte. Die 
geschiedene Frau sollte von ihrem bisherigen Mann eine nicht unbedeutende 
Jahresrente erhalten, unter der Bedingung, daß zwischen ihr und ihrem 
künftigen Ehemann bis zur Wiederverheiratung keine intimen Beziehungen 
stattfänden. Der verlassene Gatte war nicht in bester Laune, was sich den« 
ken läßt. Er war noch immer eifersüchtig, was auch begreiflich ist. Er 
ermittelte durch einen gewiegten Detektiv, wo die Ungetreue sich mit ihrem
        <pb n="520" />
        DER PRESSECHEF VON 1914 443 
Liebhaber traf. Er mietete ein Zimmer über dem Zimmer, wo die Rendez- 
vous der Verliebten vor sich gingen, bohrte dort ein Loch durch den Fuß- 
boden und beubachtete die Vorgänge, die sich unter ihm abspielten und 
die ihn nicht erfreuten. Das Ganze würde einem Boccaccio den Stoff zu 
einer lustigen Erzählung geboten haben. Leider griff der Staatsanwalt ein 
und erhob gegen den Geheimrat Hammann, der die Korrektheit seiner 
Beziehungen zu seiner Dulcinea eidlich bekräftigt hatte, Anklage wegen 
Meineids. Ich wurde von vielen Seiten gedrängt, Hammann vom Dienste zu 
suspendieren. Der furchtsame Staatssekretär Schön weigerte sich, mit 
Hammann zugleich in der Budgetkommission des Reichstags zu erscheinen. 
Ich ließ Hammann in dieser bedrängten Lage nicht fallen. Er hatte sich 
mir gegenüber in einem kritischen Moment, nach meiner Ohnmacht im 
Reichstag, treu und tapfer benommen, und cs war seit jeher eine meiner 
Lebensregeln, geleistete Dienste nicht zu vergessen. Es wurde ein Ausweg 
dahin gefunden, daß Hammann von sich aus seine Entbindung vom Dienste 
bis auf weiteres beantragte. Er wurde schließlich freigesprochen, aber es 
war entschuldbar, daß er in den bangen Wochen, wo er mit einem Fuß 
im Zuchthaus zu stehen fürchtete, für sein Ressort unter ohnehin schwie- 
rızen Verhältnissen und bei stürmischer politischer Lage nicht die wün- 
schenswerte Ruhe und geistige Freiheit besaß. Ich habe übrigens Hammann 
nicht nur für seine mir am 5. April 1906 bewiesene Treue belohnt, sondern 
ihm dauernd wieder in den Sattel geholfen. Er blieb auch unter Betlimann 
Hollweg und gewann unter diesem einen politischen Einfluß, den er unter 
mir nicht hatte, wo er insbesondere auf dem Gebiete der auswärtigen 
Politik nur die für die Orientierung der Presse wünschenswerten Direktiven 
erhielt, nicht aber tieferen Einblick in vertrauliche außenpolitische Vor- 
gänge. Ich fürchte, daß Hammann, der für die Behandlung verwickelter 
diplomatischer Fragen und nun gar für große Probleme der auswärtigen 
Politik weder Erfahrung noch Kenntnis des Auslands noch den unerläß- 
lichen Takt mitbrachte, im Sommer 1914 zu der mit dem Ultimatum an 
Serbien eingeleiteten plumpen Politik sein Teil beigetragen hat. Die unglück- 
liche Bethmannsche Rede vom 4. August 1914 erinnerte mich in Fassung und 
Gedankengang an Hammannsche Entwürfe für ufhiziöse Presseartikel, die 
noch nicht meine Zensur passiert hatten. Die Pressepropaganda während 
des Weltkrieges hat der inzwischen zur Exzellenz avancierte Otto Ham- 
mann mit wenig Glück geleitet. Die verschiedenen Bücher, die Hammann 
später über zeitgenössische Politik veröffentlicht hat, stehen unter dem 
Einfluß der jeweiligen Machtverhältnisse in Deutschland. Als sein erstes 
Buch „Der neue Kurs“, d.h. der Caprivi-Kurs, erschien, fühlte sich der 
Kaiser noch ganz Herr der Lage. Rebus sic stantibus behandelte Hammann 
den Sturz von Bismarck in der Tonart eines Offiziösen von 1891: „Nach der
        <pb n="521" />
        Tod des 
Geheimrats 
Renvers 
444 RENVERS STIRBT 
Reichsverfassung ernennt und entläßt der Kaiser den Reichskanzler; 
Kaiser Wilhelm II. war somit völlig berechtigt, Bismarck fortzuschicken; 
also wozu der Lärm?“ Bötticher hätte es nicht schöner sagen können. Auch 
in einem späteren Buch über die Vorgeschichte des Weltkrieges wird vor 
allem auf Seine Majestät Rücksicht genommen. Das Buch „‚Um den Kaiser“, 
das nach dem Novemberumsturz erschien, geht mit dem gestürzten Kaiser 
grausam ins Gericht. Alle drei Bücher sind ohne bleibenden Wert. Höher 
steht das später entstandene Buch „Vom mißverstandenen Bismarck“, 
dessen Titel eine Anleihe bei mir war. Ich hatte in meiner Reichstagsrede 
vom 14. November 1906 gesagt: „Das Dogmatisieren des Fürsten Bismarck 
ist übrigens, das möchte ich doch einmal aussprechen, nicht nur zu einer 
Manie, sondern zu einer Kalamität geworden. Wir laborieren an dem miß- 
verstandenen Fürsten Bismarck. Da zeigt sich recht unsere deutsche Nei- 
gung, alles zu einem System zu machen.“ Auch die jüngste Gabe der Ham- 
mannschen Muse: „Bilder aus der letzten Kaiserzeit“, ist leichte Ware, aber 
ganz unterhaltend. Die in diesen „Bildern“ wiedergegebenen Briefe und 
Direktiven von mir sind nicht auf meine Veranlassung publiziert worden; 
ich verleugne sie aber nicht. 
Bedeuteten die Veränderungen, die in der Umgebung Wilhelms II. und 
in dem für den Reichskanzler so wichtigen Auswärtigen Amt eingetreten 
waren, eine Erhöhung meiner geschäftlichen Schwierigkeiten, eine Ver- 
mehrung der Reibungsflächen, so traf mich der im Frühjahr 1909 erfolgte 
Tod meines lieben Freundes und langjährigen ärztlichen Beraters Renvers, 
der im besten Mannesalter sterben mußte, als ein persönlicher Schmerz, 
der mich im Innersten erschütterte. Mit immer gleicher Treue und Güte, 
mit hoher ärztlicher Kunst hatte er mich während meiner Amtszeit, die so 
große Ansprüche an meine körperlichen Kräfte stellte, beschützt und geleitet. 
Mit psychologischer Meisterschaft wußte er mich, der ich, von Hause aus 
kräftig, mich bis dahin wenig um meine Gesundheit gekümmert hatte, zur 
Selbstbeobachtung und zu einer vernünftigen Lebensweise zu bewegen. Er 
pflegte zu sagen: „Wer nicht mit fünfzig Jahren sein eigener Arzt sein 
kann, an dem ist Hopfen und Malz verloren.‘ Er hielt auf Maß im Essen 
und noch mehr im Trinken, auf regelmäßiges dreiviertelstündiges oder 
wenigstens halbstündiges Turnen, auf Geben und Reiten. Er war aber 
nicht nur der Arzt des Körpers, er war auch Seelenarzt. In manchen poli- 
tischen und persönlichen Schwierigkeiten fand ich bei ihm Verständnis und 
klugen Rat. Er, der mich so gewissenhaft betreute, der so vielen Menschen 
Gesundheit und Leben gerettet hatte, starb eines frühen Todes, weil er ein 
eigenes inneres Leiden vernachlässigte. Er, dessen Diagnose für unfehlbar 
galt, er, der mir bisweilen scherzend gesagt hatte, die eigentliche Arznei- 
kunde habe seit Hippokrates nur bescheidene Fortschritte gemacht, sehr
        <pb n="522" />
        Geheimrat Professor Dr. von Renvers 
  
Arzı der Kaiserin Friedrich und des Fürsten Bülow
        <pb n="523" />
        <pb n="524" />
        DIE ERBSCHAFTSSTEUER 445 
große aber die Chirurgie, ließ sich zu spät operieren. Als ich mich unter 
seiner Obhut nach meinem Ohnmachtsanfall im Reichstag wieder voll- 
kommen erholt hatte, veranstaltete meine Frau ein kleines Essen in unserem 
Hause, zu dem wir außer Renvers und seiner liebenswürdigen Gattin eine 
Anzahl Freunde einluden. Ich hielt einen Trinkspruch auf ihn, in dem ich 
an das Wort von Schopenhauer erinnerte, daß der Advokat den Menschen 
in seiner ganzen Schlechtigkeit sehe, der Theologe in seiner ganzen Dumm- 
heit und der Arzt in seiner ganzen Schwäche. Bei aller Bewunderung für 
den scharfsinnigen, tiefen Denker und großen Prosaisten Schopenhauer 
erklärte ich sein Urteil über den Advokaten und über den Geistlichen für 
ungerecht. Vor allem stellte ich fest, daß der Arzt den Menschen zuweilen 
auch in seiner ganzen Dankbarkeit vor sich sehe, und das gelte für mein 
Verhältnis zu Renvers. Ich werde ihn nie vergessen. 
Bei der grundsätzlichen Opposition des Zentrums und der starken 
Abneigung der Konservativen sowohl gegen die von mir in Preußen beab- 
sichtigte Wahlreform wie gegen die von mir vorgeschlagene Erbschafts- 
steuer war der Block nur zusammenzuhalten, wenn die Krone fest hinter 
mir stand. Das Zentrum war ursprünglich und an und für sich der Erbschafts- 
steuer in keiner Weise abgeneigt gewesen. Als ich 1905 die sogenannte 
kleine Finanzreform in Angriff nahm, hatte ich in der Rede, die ich am 
6. Dezember 1905 bei der ersten Etatsberatung hielt*, eingehend und offen 
die Bedenken ausgeführt, die ich gegen die Erbschaftssteuer empfände. 
Als ich meine Rede gehalten hatte, machte mir der Führer des Zentrums, 
Herr Spahn, artige Komplimente über die Klarheit, mit der ich diesen 
schwierigen Gegenstand behandelt hätte. Ich hätte es verstanden, sogar 
diesem spröden Stoff Geist abzugewinnen. Er verstünde nur nicht, weshalb 
ich gegen die Erbschaftssteuer Bedenken hätte. Ich entgegnete ihm, daß 
ich einige Tage vorher eine Eingabe der rheinisch-westfälischen Malteser 
erhalten hätte, die vom Standpunkt der Familie gerade gegen diese Steuer 
protestierten. Ich hörte, daß auch die Bischöfe von Bedenken gegen die 
Erbschaftssteuer erfüllt wären. Nicht ohne Humor erwiderte mir Herr 
Spahn: „Ja, wenn Sie die Finanzreform und Steuervorschläge aus dem 
Gesichtswinkel der Maltesergenossenschaft oder auch der hochwürdigen 
Herren Bischöfe machen wollen, dann werden Sie nicht weit kommen.“ 
Nach Tische las man’s anders. Gerade die von mir aus wohlerwogenen, 
sachlichen Gründen vorgeschlagene Erbschaftssteuer erschien dem Zentrum 
als der geeignete Boden, die Konservativen zu sich herüberzulocken und 
gemeinsam mit ihnen mich zu Fall zu bringen. Um einerseits die Reichs- 
finanzreform in einer dem wahren Interesse des Reichs wie der Krone ent- 
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, 237; Reclam-Ausgabe IV, 12. 
Die Haltung 
des Zentrums
        <pb n="525" />
        Bülow stellt an 
den Kaiser die 
Vertrauens- 
Srage 
446 DEN STIER BEI DEN HÖRNERN FASSEN 
sprechenden Form, d. h. mit der Erbschaftssteuer, durchzubringen, anderer- 
seits auch um ein Flottenabkommen mit England vor meinem Rücktritt 
und für alle Eventualitäten der Zukunft unter Dach und Fach zu bringen, 
mußte mein persönliches Verhältnis zum Kaiser geklärt werden. 
Ich beschloß, den Stier bei den Hörnern zu fassen. Nachdem ich am 
11. März 1909 dem Kaiser über die auswärtige Lage Vortrag gehalten hatte, 
bat ich, mir noch einen Augenblick in persönlicher Angelegenheit Gehör 
zu schenken. Ich hätte die Empfindung, daß er, der unmittelbar nach den 
Novemberereignissen von der Richtigkeit und namentlich von der abso- 
luten Loyalität meiner Haltung überzeugt gewesen wäre, mir seitdem nicht 
mehr in dem früheren Maße sein Vertrauen entgegenbrächte. Ob und von 
welcher Seite ich verleumdet worden sei, wolle ich nicht erörtern. Ich könne 
mein schweres Amt nur weiterführen, wenn ich das volle Vertrauen meines 
kaiserlichen Herrn besäße. Ich möge in dieser oder jener Einzelheit geirrt 
haben. Niemand sei unfehlbar. Ich hätte aber niemals etwas anderes 
gewollt, als einen dauernden Zwiespalt zwischen dem Träger der Kaiser- 
krone und dem deutschen Volke verhindern. Mein ganzes Streben sei 
darauf gerichtet gewesen, dem Kaiser das Vertrauen der Bundesfürsten zu 
erhalten, die Fürsten und die erregten Gemüter gerade der Gutgesinnten in 
Deutschland zu beruhigen, Seiner Majestät die Liebe seines Volkes 
zu wahren. Ich hätte immer das Ziel vor Augen gehabt, das Schiff 
so zu führen, daß, wenn der Sturm vorüber, der Kaiser bei den 
deutschen Fürsten wie bei dem deutschen Volke an Vertrauen und Liebe 
nicht verloren, sondern gewonnen hätte. Wenn aber das Vertrauen Seiner 
Majestät zu mir irgendwie gelitten habe, so möge der Kaiser mich in 
Gnaden entlassen. Er könne das ruhig tun. Ich würde weder frondieren, 
noch ihm sonst Unannehmlichkeiten bereiten, sondern mit dem aufrichtigen 
Wunsche scheiden, daß ihm eine lange, ruhmreiche und glückliche Regierung 
beschieden sein möge. 
Seine Majestät dankte mir für meine Offenheit. Es sei ihm lieb, auch 
seinerseits seinem Herzen Luft machen zu können. Er habe allerdings den 
Eindruck gehabt, ich hätte gegenüber den Angriffen, denen er ausgesetzt 
gewesen sei, nicht genügend darauf hingewiesen, daß alle gegen ihn 
erhobenen Vorwürfe völlig unbegründet gewesen wären. In dem Gespräch, 
das sich jetzt entwickelte, sagte ich Seiner Majestät in Ehrfurcht, aber 
offen, daß scine während seines Besuchs in England verschiedenen Personen 
gegenüber gemachten Eröffnungen, die in dem Artikel des „Daily Tele- 
graph‘ von dem Oberst Stuart Wortley zusammengefaßt worden seien, 
geeignet gewesen wären, im Inland die Gemüter zu erregen und uns gegen- 
über dem Ausland ernste Schwierigkeiten zu bereiten. Seine Majestät 
erwiderte: er habe mir seinerzeit aus England alles geschrieben oder
        <pb n="526" />
        DIE AUSSPRACHE MIT S.M. 447 
telegraphiert, was in dem Artikel des „Daily Telegraph“ stände. Als ich 
das auf das entschiedenste bestreiten mußte, meinte der Kaiser, er habe es 
mir entweder vorher angekündigt oder nachträglich erzählt. Als ich auch 
das wahrheitsgemäß nicht zugeben konnte, brachte Seine Majestät die Rede 
auf die allgemeine Ungerechtigkeit, die in seiner Beurteilung so oft hervor- 
trete. Ich wies an einer Reihe von Vorgängen der letzten Jahre nach, daß 
nicht nur die öffentliche Meinung, sondern auch die Bundesregierungen 
durch manche Antezedenzien (Swinemünder Depesche, Fall Lippe, ver- 
schiedene Reden usw.) beunruhigt worden seien. Darauf hätte ich ihn schon 
früher mehr als einmal hingewiesen und ihn um mehr Vorsicht und Zurück- 
haltung gebeten. Die in Deutschland nach und nach entstandene Verstim- 
mung habe sich während der Novembertage zu einem glücklicherweise nur 
kurzen Gewitter verdichtet, bei dem gewiß Übertreibungen und Ungerech- 
tigkeiten mit untergelaufen wären. Seine Majestät erinnerte sich dieser Vor- 
gänge, insbesondere der Swinemünder Depesche, deren Existenz er anfäng- 
lich bestritt, nicht im einzelnen und fand, daß sie jedenfalls sehr auf- 
gebauscht worden wären. Als ich nochmals bat, mich gehen zu lassen, 
sofern Seine Majestät irgendwie Grund zu Unzufriedenheit oder zu Tadel 
zu haben glaube, erklärte mir der Kaiser, daß davon nicht die Rede sein 
könne. Nicht nur hätte ich ihm während langer Jahre in so vielen schweren 
Lagen ausgezeichnete Dienste geleistet, sondern auch gerade in diesem 
Winter „in meisterhafter Weise‘ die auswärtige Politik geleitet. Er wisse 
auch, daß meine Absichten immer die besten und reinsten gewesen seien. Er 
lasse sich nicht an mir irremachen. Die Unterredung schloß, indem ich 
Seiner Majestät meinen herzlichen Dank für das gnädige Vertrauen aus- 
sprach und Seine Majestät mich seines vollsten Vertrauens versicherte, 
Ich gebe im Vorstehenden wörtlich die Aufzeichnung wieder, die ich 
noch am gleichen Tage zu den Akten nahm. Die ganze Unterhaltung wurde 
von Seiner Majestät in freundlichster Form, von mir mit der denkbar 
größten Ruhe geführt. Die Anerkennung, die der Kaiser die Güte hatte 
mir bei diesem Vortrag zu spenden, habe ich in meinem Diktat cher abge- 
schwächt. Ich erinnere mich, daß der Kaiser wiederholt äußerte, ich sei 
„ein Meister der auswärtigen Politik“, und er wisse gar nicht, was ohne mich 
aus der auswärtigen Politik werden solle. Die Unterredung fand ambulando 
im Weißen Saal des Berliner Schlosses statt. Als der Vortrag zu Ende 
war, unterhielt sich der Kaiser noch einige Zeit in liebenswürdiger Weise 
mit mir über die Verschönerungen, die er im Weißen Saal, der histo- 
rischen Stätte so vieler bedeutsamer Ereignisse der preußischen Ge- 
schichte, vorgenommen habe. „Auch das ist Ihr Verdienst‘, meinte er, 
„da Sie uns den Frieden erhalten haben, der es mir ermöglicht, die Künste 
zu pflegen.“ 
Diktat Bülows 
über die 
Unterredung
        <pb n="527" />
        448 FROBEN UND SEIN HERR 
Ich möchte endlich noch eine Äußerung des Kaisers erwähnen, die ich 
seinerzeit absichtlich nicht in die Registratur über meinen Immediat- 
vortrag vom 11. März 1909 aufgenommen habe, die ich aber nachträglich 
wiedergeben möchte, weil sie überaus charakteristisch ist für die Mischung 
von naiver Selbstsucht und sentimentaler Romantik, die Wilhelm II. 
eigen war. Im Laufe unseres Gesprächs ließ der Kaiser die Äußerung fallen: 
„In der Reichstagsdebatte vom 10. November würde Froben anders 
gesprochen haben als Sie.‘ Ich frug in ernstem Ton, ob der Kaiser damit 
sagen wolle, daß ich mich scheuen würde, für den König mein Leben einzu- 
setzen. Mit herzlicher Betonung entgegnete der Kaiser, daß ihm ein solcher 
Gedanke völlig fernliege und immer ferngelegen habe. „Ich meinte nur dies. 
Wenn der Stallmeister Froben, der sich bei Fehrbellin auf den Schecken des 
Großen Kurfürsten setzte, um die feindliche Kugel von seinem Herm 
abzulenken, als Reichskanzler vor dem Reichstag gestanden hätte, würde 
er wohl erklärt haben, er hätte dem Kaiser geraten und anempfoblen, in 
England so zu reden und zu sprechen, wie der Kaiser dies getan habe.“ 
Ich erwiderte: „Ich bitte, ganz offen sein zu dürfen. Als die Bombe des 
‚Daily-Telegraph‘-Artikels platzte, schärfte ich meinen Untergebenen zwei 
Gesichtspunkte ein: erstens, über den ganzen Vorfall nur die Wahrheit zu 
sagen, nichts als die Wahrheit.‘‘ (Der Kaiser zuckte die Achseln.) „Doch, 
Eure Majestät! In einer so ernsten Krisis durften wir das Land nicht an- 
schwindeln. Zweitens gab ich die Weisung, alles zu tun,um die Krone aus 
der Feuerlinie zu bringen, um die Krone zu decken, um sie durchzubringen.“ 
Der Kaiser: „Na also!“ Ich: „Ich habe Eurer Majestät schon wiederholt 
gesagt, daß der ‚Daily-Telegraph‘-Artikel vier besonders bedenkliche Punkte 
enthielt: die Behauptung, daß Eure Majestät ungefähr der einzige England 
freundlich gesinnte Deutsche wären. Diese Behauptung stand im Wider- 
spruch nicht nur mit der Wirklichkeit, sondern auch mit allem, was ich seit 
Jahren im Reichstag, in meinen Gesprächen mit englischen Staatsmännern, 
in Interviews gesagt hatte. Eure Majestät hatten ferner in Ihren Unter- 
redungen mit Engländern erklärt, Sie bauten Ihre Flotte gegen Japan. 
Wie sollte ich Eurer Majestät zu einer solchen Behauptung geraten haben, 
wo ich, wie sehr viele Leute wissen, seit meinem Amtsantritt, das heißt seit 
bald zwölf Jahren, Ihnen ständig empfohlen habe, Japan nicht unnötig 
zu kränken, zu reizen und vor den Kopf zu stoßen! Weiter hatten Eure 
Majestät den Engländern versichert, Sie hätten England davor gerettet, 
durch Rußland und Frankreich bis in den Staub gedemütigt zu werden. 
Nun habe ich Eure Majestät immer gebeten, nicht mit dem A über den B 
und dann mit dem B über den A zu räsonieren, denn A und B könnten sich 
einmal begegnen und sich gegenseitig Konfidenzen machen, und das würde 
zur Folge haben, daß A sowohl wie B jedes Vertrauen zu Eurer Majestät
        <pb n="528" />
        „WIR BLEIBEN ZUSAMMEN!" 449 
verlieren würden. Und endlich haben Eure Majestät sich in Highcliffe 
gerühmt, der wahre Sieger über die Buren zu sein, denn der Plan, mit dem 
Lord Roberts die Buren besiegt hätte, wäre von Ihnen ausgearbeitet worden. 
Ich halte es für ausgeschlossen, daß irgendein Mensch in Deutschland oder 
in England mir zugetraut haben würde, ich hätte Eurer Majestät dazu 
geraten, so etwas zu behaupten.“ Der Kaiser: „Das heißt so viel, als daß 
Sie mich für ein Rindvieh halten, dem man Dummheiten zutraut, die man 
Ihnen nicht zutrauen würde.“ Ich: „Das sei ferne! Ich muß mal wieder 
zitieren: Non omnia possumus omnes, sagt der Lateiner, und Schiller 
konstatiert, daß die Lebensgüter ungleich verteilt sind. Die menschlichen 
Gaben sind auch ungleich verteilt. Eure Majestät sind mir auf vielen, auf 
sehr vielen Gebieten sehr überlegen, nicht nur, wie das selbstverständlich 
ist, auf militärischem und noch viel mehr auf marinetechnischem Gebiet, 
sondern in allen Naturwissenschaften. Ich habe oft mit Bewunderung 
angehört, wie Sie das Barometer erläuterten oder die drahtlose Telegraphie 
oder die Röntgenstrahlen. Ich bin in allen Zweigen der Naturkunde von 
einer mich beschämenden Unwissenheit. Ich habe keine Ahnung von Chemie 
und Physik, ich bin ganz außerstande, den einfachsten naturwissenschaft- 
lichen Vorgang zu explizieren. Dafür habe ich einige historische Kenntnisse 
und besitze vielleicht auch gewisse für die eigentliche Politik, insbesondere 
für die Diplomatie nützliche Qualitäten.“ Der Kaiser stimmte mir lebhaft 
zu. „Ich habe Ihnen immer gesagt“, meinte er, nun wieder in bester 
Stimmung, „daß wir beide uns famos ergänzen. Wir müssen zusammen- 
bleiben, und wir bleiben zusammen!“ Er schüttelte mir mehrmals kräftig 
die Hand und fuhr von mir direkt zum Justizminister Dr. Beseler, 
bei dem er sich zu ein Uhr zum Trübstück angesagt hatte. Es war 
inzwischen einhalb zwei geworden, denn mein Immediatvortrag hatte 
lange gedauert. 
Im Justizministerium angelangt, wo alles gespannt und unruhig auf den 
hohen Herrn wartete, ging dieser direkt auf den Chef der Reichskanzlei, 
meinen treuen Mitarbeiter Loebell, zu, dem er die Hand mit den Worten 
reichte: „Ich habe mich soeben mit dem Reichskanzler ausgesprochen, 
alles ist in schönster Ordnung. Wer mir jetzt noch etwas gegen den Fürsten 
Bülow sagt, dem fahre ich mit der Faust unter die Nase.“ Dabei machte der 
Kaiser eine entsprechende Handbewegung. Am nächsten Tage erzählte mir 
mein alter Kriegskamerad und treuer Freund, der Kabinettsrat Ihrer Ma- 
jestät, Bodo Knesebeck, er habe am vorhergegangenen Abend an der Tafel 
der Kaiserlichen Majestäten teilgenommen, zu der außer den kaiserlichen 
Kindern nur er befohlen war. Der Kaiser habe, zu seinen Söhnen und zu ihm 
gewandt, mit freudigem Ausdruck gesagt: „Mir ist ein Stein vom Herzen 
gefallen. Ihr könnt mir alle gratulieren, zwischen mir und dem Kanzler 
29 Bülow JI
        <pb n="529" />
        Neue 
Abirrungen 
450 DAS MÄRCHEN VON DEM WEINKRAMPF 
ist alles im reinen.‘ Die Kaiserin wäre überglücklich gewesen und hätte das 
auch ausgesprochen. 
Am 12. März erschien im Auftrage Seiner Majestät Graf August Eulen- 
burg bei meiner Frau, überreichte ihr auf Allerhöchsten Befehl ein präch- 
tiges Blumenbukett und frug, ob der Kaiser mit der Kaiserin an demselben 
Abend bei uns im kleinen Kreise speisen könne. Meine Frau bat Eulenburg, 
den Majestäten ihren Dank und ihre Freude zu übermitteln. Allerdings war 
sie in einiger Verlegenheit, ob sich in so kurzer Zeit ein Diner für die 
Majestäten bewerkstelligen lassen würde. Sie ließ unseren langjährigen 
Küchenchef, Monsieur Cholin, kommen und frug ihn, was da zu machen 
wäre. Dieser erwiderte mit Würde: „Je ne suis nullement etonn&amp;, cela 
ressemble bien a Sa Majeste. II n’en fait jamais d’autres. Mais je n’en 
tirerai &amp; mon honneur.“ Das Essen war nicht nur gut, sondern das ganze 
Diner verlief in harmonischer Stimmung. Wilhelm II. begrüßte meine Frau 
mit den Worten: „Wie glücklich bin ich, wieder hier zu sein! Was war das 
für ein schrecklicher Winter! Nun ist aber alles wieder in schönster Ord- 
nung.“ Der Kaiser blieb von acht bis einhalb ein Uhr. Tags darauf kam 
Graf August Eulenburg, um im Allerhöchsten Auftrag meiner Frau noch- 
mals zu sagen, wie glücklich der Kaiser über die volle Aussöhnung wäre. 
Ich habe Wilhelm II. während meiner langjährigen dienstlichen und per- 
sönlichen Beziehungen zu ihm selten in einer besseren, freundlicheren 
Stimmung gesehen als während der nun folgenden Wochen. Das erste Wölk- 
chen, das sich an dem sonst geklärten Horizont zeigte, war die mir aus 
sicherster Quelle zugehende Nachricht, daß der Kaiser am Abend meiner 
langen Aussprache mit ihm, am 11. März, an seinen Bruder, den Prinzen 
Heinrich, telegraphiert habe: „Ich habe Bülow verziehen, nachdem er 
Mich unter Weinkrämpfen um Pardon gebeten hat.“ Ich sprach über diese 
völlig unwahre, doch sehr seltsame Kundgebung mit August Eulenburg, der 
ihr keine größere Bedeutung beimaß. Er meinte, der Kaiser sei in Verlegen- 
heit gewesen, wie er seinem Bruder seine Versöhnung mit mir erklären solle, 
nachdem er während der letzten Zeit sich diesem gegenüber über mich sehr 
unfreundlich und ausfallend geäußert hätte. Da habe er zu dem Märchen 
von dem Weinkrampf gegriffen. „Bei der größten Wahrheitsliebe kommt 
derjenige, der vom Absurden Rechenschaft geben soll, immer ins Gedränge. 
Er will einen Begriff davon überliefern, und so macht er es schon zu etwas, 
da es eigentlich ein Nichts ist, welches für etwas gehalten werden will“, 
bemerkt Gocthe in seiner italienischen Reise, als er sich anschickt, die 
Villa Pallagonia in Palermo zu schildern, über deren phantastische Ex- 
zentrizitäten der normale Mensch von gesundem Menschenverstand den 
Kopf schüttelt.
        <pb n="530" />
        XXX. KAPITEL 
Die Stimmung im Lande » Schmoller und Harnack » Der Stand der Reichsfinanzreform 
Die Konservativen machen Schwierigkeiten - Ihre Führer beim Reichskanzler (29. IV. 
1909) - Herr von Heydebrand mit Bülow unter vier Augen - Die Frage der Übertragung 
des Reichstags-Wahlrechts auf Preußen 
ie steigenden Schwierigkeiten, die ich in dieser Zeit mit den Parteien im 
Hinblick auf die herannahende Entscheidung in der Erbschaftssteuer- 
frage hatte, konnten mich nicht von der Richtlinie abdrängen, die ich mir 
seit Beginn meiner Amtsführung für mein Verhältnis zum Parlament ge- 
zogen hatte und die dahin ging, daß es an dem Reichskanzler wäre, die 
in Deutschland oft allzu selbstsüchtigen, meist sehr kurzsichtigen Parteien 
zu leiten, nicht aber sich von ihnen führen zu lassen. Ich war auch der 
Überzeugung, die der Ausfall der Wahlen von 1907 mir bestätigt hatte: 
daß das Volk verständiger ist als die Fraktionen. „Le pays est sage, les 
partis ne le sont gu£re“‘, sagte Thiers als Präsident der Französischen Re- 
publik 1872 oder 1873 zu dem damaligen deutschen Botschafter in Paris, 
Harry Arnim, und Bismarck lobte dieses kluge Wort. Auch in der letzten 
Zeit meiner Amtstätigkeit war das Land auf meiner Seite. Die Stimmung 
weiter Kreise gab eine genial gezeichnete Karikatur des „Simplicissimus“* 
wieder, die eine behäbige Germania darstellte, die sich ängstlich an den 
Reichskanzler anklammert mit den Worten: „Bernhard, bleibe bei mir! 
Die bösen Männer stehen schon vor der Tür.‘ Durch das Fenster schauen 
zwei Einbrecher in die Stube: ein Sozialdemokrat mit der Ballonmütze 
auf dem Kopf und ein Geistlicher im Pastorenhut. 
Ich konnte die Stimmung des Landes aus zahlreichen Zuschriften ent- 
nehmen, die mir aus allen Teilen des Reichs zugingen. Ich führe von den in 
jener Zeit an mich gelangten Schreiben nur einen Bricf an, den der lang- 
jährige bayrische Minister des Innern Graf Feilitzsch am 31. März 1909 
an mich richtete und in dem es hieß: „Seit dem Deutsch-Französischen 
Kriege, der Deutschlands Einigung und Größe begründet hat, ist wohl 
kein so wichtiges Ereignis in die Erscheinung getreten als die friedliche 
Begleichung der Balkan-Frage. Wir haben dies der zielbewußten, energischen 
Politik Eurer Durchlaucht zu danken. Deutschland war stark genug, um 
29r 
Graf Feilitzsch 
an Bülow
        <pb n="531" />
        Reden im 
Reichstag und 
‚Abgeordneten- 
haus 
452 DIE REICHSFINANZREFORM 
Europa den Frieden zu diktieren, uns vor einem Kriege zu bewahren. 
Die Nörgler sind nun still. Die jüngsten großzügigen Reden Eurer Durch- 
laucht im Reichstag haben sowohl dort selbst, aber auch in der ganzen in- 
und ausländischen Presse, wie bei allen patriotisch gesinnten Männern 
Zustimmung und Bewunderung hervorgerufen. Mag dies Ihnen eine kleine 
Entschädigung bieten für die unsägliche Mühe und Arbeit, für die gehässigen 
Angriffe und Verdächtigungen, die Durchlaucht in neuerer Zeit über sich 
ergehen lassen mußten. Das schönste und edelste ist doch das Bewußtsein, 
für Deutschland Großes geleistet zu haben. Gestatten Sie einem Mann, 
der den Krieg 70/71 mitgemacht, der dann unter vier Reichskanzlern 
länger als ein Vierteljahrhundert als Minister und Bundesratsbevollmäch- 
tigter das Glück hatte, Zeuge der großartigen Entwicklung und Macht- 
entfaltung unseres Vaterlandes sein zu dürfen, daß derselbe Eurer Durch- 
laucht zu diesem großartigen Erfolge seine ebenso aufrichtigen als herz- 
lichsten Glückwünsche darbringt. Es erübrigt sich nun, noch eine ebenso 
wichtige wie schwierige Frage der Erledigung zuzuführen. Wichtig, weil 
hiervon die fernere Machtstellung Deutschlands abhängt, schwierig, weil 
die Zersplitterung der Meinungen selbst in großen Fragen bei uns eine 
schwer zu heilende Krankheit ist. Es ist dies die Reichsfinanzreform! 
Durchlaucht haben in einer von mir soeben gelesenen Rede im Reichstage 
so klar und überzeugend den Weg bezeichnet, der zu beschreiten ist. 
Alles ist über die absolute Notwendigkeit der Reform einig, fast alles ist 
der Überzeugung, daß neben einer Konsumsteuer auch eine Besitzsteuer 
Platz greifen muß, niemand hat bisher einen akzeptablen Gegenvorschlag 
gemacht, und trotz alledem wird man nicht einig. Wir sind in Süddeutsch- 
land auch schwer an die Nachlaß- oder Erbschaftssteuer gegangen, aber es 
muß eben sein, weil kein anderer Ausweg für die restlichen hundert Millionen 
zu finden ist. Ich hoffe und glaube, daß der Widerstand der Konservativen, 
wenigstens der Mehrzahl derselben, noch zu beheben ist. Die gestrige Rede 
Eurer Durchlaucht wird wohl dazu beitragen! Es wird hier viel für das 
Zustandekommen der Reform gearbeitet. Verzeihen Eure Durchlaucht, 
daß ich Ihre kostbare Zeit über Gebühr in Anspruch nehme, aber wenn das 
Herz voll ist, geht der Mund über. Stets in unbegrenzter Verehrung Euer 
Durchlaucht ganz ergebenster Dr. Graf von Feilitzsch, k. Staats- 
minister a. D.“ 
Graf Feilitzsch, ein Staatsmann von langjähriger und reicher Erfahrung, 
hob nicht mit Unrecht die günstige Wirkung meiner Reden auf die Stim- 
mung im Lande hervor. Ich habe es mir gerade am Ausgang meiner amt- 
lichen Tätigkeit angelegen sein lassen, über den Reichstag hinaus zum 
Lande zu sprechen und unserem Volk noch einmal die Grundwahrheiten 
vor Augen zu halten, von deren Erkenntnis unsere Zukunft abhing. In
        <pb n="532" />
        DAS UHLAND-BILD IM STERBEZIMMER BISMARCKS 453 
meiner Rede vom 30. November 1907* hatte ich die von mir in meiner 
inneren Politik erstrebten Ziele und gleichzeitig Kern und Wesen der Block- 
politik in die Worte zusammengefaßt: „Gegenüber dem Spott, der vielfach 
an dem Worte von der konservativ-liberalen Paarung geübt worden ist, 
möchte ich Ihnen ein Erlebnis erzählen, das zu den tiefsten und dauerndsten 
Eindrücken meines Lebens gehört. Als ich im Sterbezimmer des Fürsten 
Bismarck stand, diesem einfachen und schmucklosen Zimmer im Sachsen- 
walde, fiel mein Blick auf ein Bild, das an der Wand hing. Es war ein Holz- 
schnitt, es war das Bild von Ludwig Uhland. Der Sänger des guten alten 
Rechts, der Mann, der in der Frankfurter Paulskirche gesagt hatte: es wird 
kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem reichlichen 
Tropfen demokratischen Öls gesalbt ist, schaute hinüber nach dem Lager, 
wo der große Mann der Tat verschieden war, der dem deutschen Volke 
den Traum der Jahrhunderte erfüllt hatte. Die ganze deutsche Geschichte 
sprach aus diesem Gegenüber, und nur die Verbindung von altpreußisch- 
konservativer Tatkraft und Zucht mit deutschem, weitherzigem liberalem 
Geiste kann die Zukunft der Nation zu einer glücklichen gestalten.‘ Am 
26. März 1908** hatte ich gegenüber Bebel, der gemeint hatte, es würde 
kein Unglück sein, wenn der preußische Staat verschwände, betont: „Das 
Reich kann Preußen nicht missen, aber Preußen kann auch das Reich 
nicht entbehren. Das ist das segensreiche, das glorreiche Ergebnis der 
preußischen und deutschen Geschichte seit 250 Jahren; das ist die Frucht 
der Arbeit und der Genialität des Großen Kurfürsten und des großen 
Königs und der Männer von 1813. Das ist vor allem das Ergebnis der Bis- 
marckschen Politik. In dieser Einheit ruht die Zukunft der Nation, diese 
Einheit ist unser höchstes Gut, diese Einheit — das betone ich nicht nur 
vor dem Inlande, sondern auch vor dem Auslande — diese Einheit wird 
weder durch auswärtige Angriffe noch durch innere Krisen je wieder zer- 
stört werden können.“ Den gleichen Zweck hatte die Rede verfolgt, mit der 
ich am 19. Januar 1909 mich in der Etatsdebatte des Abgeordnctenhauses 
über Stellung und Bedeutung der Krone ausgesprochen hatte***. Ich hätte 
mich, führte ich aus, seitdem ich die Verantwortung trüge für den Gang der 
Staatsgeschäfte, niemals der Verpflichtung entzogen, den Träger der Krone 
zu decken. „Ich habe aber auch die Pflicht“, fuhr ich fort, „dafür zu sorgen, 
daß zwischen dem Träger der Krone und den Wünschen und Empfindungen 
des Landes nicht ein Zwiespalt entsteht, der für beide Teile verhängnisvoll 
sein müßte. Der verantwortliche Minister hat dafür zu sorgen, daß der 
Träger der Krone nicht irre wird an dem Land und das Land nicht an dem 
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III; 93f., Reclam-Ausgabe V, 43f. 
** Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III; 132f., Reclam-Ausgabe V, 65. 
*** Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III; 174ff., Reclam-Ausgabe V, 189 ff.
        <pb n="533" />
        454 ABENDESSEN MIT PROFESSOREN 
Träger der Krone. Er hat dafür zu sorgen, daß die Verfassung nicht nur dem 
Buchstaben nach, sondern auch dem Geiste nach aufrechterhalten bleibt. 
Der preußische Ministerpräsident hat vor allen Dingen dafür zu sorgen, daß 
die historische Stellung der Krone, die eine ruhmvolle Vergangenheit uns 
überliefert hat und die die Grundlage unserer Wohlfahrt und Macht, 
unserer Einheit und unserer Zukunft ist, nicht auf das Spiel gesetzt wird 
und daß sie nicht abgenutzt wird.“ Nachdem ich daran erinnert hatte, daß 
Preußen groß geworden sei durch seine Herrscher, hob ich die edlen Ab- 
sichten, den Idealismus, die Verdienste des jetzt regierenden Königs und 
Kaisers um die Schlagfertigkeit des Heeres, um die Schaffung der Flotte, 
um Handel und Industrie, um Technik und Wissenschaft hervor und schloß 
mit den Worten: „In dem Verständnis zwischen König und Volk, in dem 
Vertrauen zwischen König und Volk, in dem Ernst, mit dem von beiden 
Seiten dieses Verhältnis aufgefaßt wird, darin, daß der Fürst sich fühlt als 
erster Diener des Landes und daß das Land weiß, daß die Interessen des 
Landes, und nur die Interessen des Landes, auch die Interessen des Fürsten 
und seine Richtschnur sind, darin lag in der Vergangenheit unsere Kraft, 
darau[ beruht auch unsere Zukunft.“ Als ich einige Tage später meinem 
verehrten Freund Gustav Schmoller begegnete, bezeichnete er mir gegen- 
über diese meine Ausführungen als „das Testament eines wahren Mon- 
archisten‘“, das ihn tief ergriffen habe. 
Der eine fragt: was kommt danach? 
Der andre: was ist recht? 
Und dadurch unterscheidet sich 
Der Freie von dem Koecht. 
Bald nach der Novemberkrise hatte ich Gustav Schmoller und Adolf 
von Harnack zu einem Abendessen bei mir eingeladen. Schmoller sprach 
mir mit dem Freimut eines aufrechten Mannes seine Zustimmung zu meiner 
Sprache und Haltung in der Novemberdebatte aus. Ich hätte gegenüber 
dem Land und auch gegenüber dem Kaiser meine Pflicht als preußischer 
Ministerpräsident und deutscher Reichskanzler getan. Er erinnerte daran, 
daß, von dem Fürsten Bismarck zu schweigen, auch andere preußische 
Minister sich genötigt gesehen hätten, ihrem Könige entgegenzutreten: so 
Graf Brandenburg und Freiherr von Manteuflel mehr als einmal dem König 
Friedrich Wilhelm IV., der große Freiherr vom Stein und Wilhelm von 
Humboldt gegenüber Friedrich Wilhelm III, Graf Robert Zedlitz und 
Kultusminister von Goßler, der Kriegsminister Bronsart von Schellendorff 
gegenüber Wilhelm II. Harnack schwieg verlegen, obschon er sich als Theologe 
an manche Stelle aus dem Alten wie ausdem Neuen Testament hätte erinnern 
können, in der Wahrheit und Freimut dem Christen zur Pflicht gemacht
        <pb n="534" />
        „IST ER WENDIC" 455 
werden. Nach einigen Tagen hörteich aus der Umgebung Seiner Majestät, daß 
Harnack durch seinen baltischen Landsmann und intimen Freund Theodor 
Schiemann dem Kaiser habe sagen lassen, er würde eine Einladung bei mir 
nicht angenommen haben, wenn sie nach meiner Novemberrede an ihn er- 
gangen wäre; er sei aber schon vorher von mir eingeladen worden und habe 
nicht wohl nachträglich absagen können. Diese Entschuldigung war nicht 
einmal wahr, Harnack war nach der Novemberdebatte von mir zu Tisch 
gebeten worden, aber unmittelbar nach unserem kleinen Symposion bekam 
er es mit der Angst. Die Ratten verließen das sinkende Schiff. 
Inzwischen schleppten sich die Verbandlungen in der Finanz- 
kommission des Reichstags langsam und mühsam fort, wie in der alten 
guten Zeit zwischen Oranienburg und Berlin im märkischen Sande die 
Postkutsche, mit der ich als Primaner aus den im Elternhaus in Neu- 
Strelitz verlebten Ferien auf das Pädagogium zu Halle, das alte gute „„Päd- 
chen“, zurückkehrte. Sydow besaß nicht die Gabe, auszugleichen, über 
Schwierigkeiten wegzuleiten, das zu ersinnen und durchzuführen, was die 
Italiener „una combinazione“ nennen. Bismarck pflegte, wenn man ihm 
jemand zu einer leitenden Stellung vorschlug, zu fragen: „Ist er wendig?“ 
Sydow war gar nicht wendig. Bismarck pflegte auch zu sagen, in gewissen 
Situationen müsse ein Minister „flöche de tout bois“* machen. Als er diese 
Maxime einmal während der Konfliktszeit gegenüber dem damaligen Kron- 
prinzen zum Ausdruck brachte, war dieser in seiner durch und durch gewis- 
senhaften, edlen und ganz und gar ethischen Art darüber entsetzt. Aber für 
die Verhandlungen der Finanzkommission war das Bismarcksche Wort zu- 
treffend. Sydow war weder wendig noch „un homme a expedients“. Dazu 
kam, daß er, ohne in bösem Sinne zu kleben, doch gern, sehr gern „ein 
großes Tier“ bleiben wollte, wie man das in Berlin nannte. Das ist ihm auch 
gelungen. Als Sydow als Staatssekretär des Reichsschatzamts in der Frage 
der Erbschaftssteuer umgefallen war, schlug ihn nach meinem Rücktritt 
der Sydow seelenverwandte Bethmann Hollweg zum Handelsminister vor, 
als welcher er den zum Staatssekretär des Innern avancierten Clemens 
Delbrück ersetzte. Wilhelm II. war Sydow wohlgesinnt, besonders seitdem 
ihm Bethmann Hollweg gesagt hatte, daß Sydow geäußert habe: „Ich reiche 
meinen Abschied überhaupt nicht ein, ich warte, bis Seine Majestät ihn mir 
gibt.“ Sydow überdauerte als Minister alle seine Kollegen und hat, wenn ich 
mich nicht irre, als letzter preußischer Minister den Schwarzen Adlerorden 
erhalten, im Herbst 1918, kurz vor der Flucht Wilhelms II. nach Holland. 
Die Schwierigkeiten in der die innere Politik beherrschenden Frage der 
Reichsfinanzreform kamen vor allem von den Konservativen. Bismarck 
hat einmal gemeint, Parteipolitiker scheuten in der Politik nicht vor Hand- 
lungen zurück, die sie als Privatleute im Privatleben als unanständig weit 
Schwierig- 
keiten in der 
Finanz- 
konmission 
Opposition der 
Konservativen
        <pb n="535" />
        456 DER KRAKEELER HEYDEBRAND 
von sich beweisen würden. Das trifft auf das Verhalten der Konservativen 
mir gegenüber im Winter 1908/1909 zu. Als die von Wilhelm II. in High- 
cliffe geführten unvorsichtigen Gespräche bekannt wurden, waren die 
Konservativen die ersten gewesen, die in dem erwähnten Artikel der 
parteioffiziösen „Konservativen Korrespondenz“ die Alarmglocke läuteten. 
In der Reichstagsdebatte vom 10. und 11. November hatten sich die kon- 
servativen Redner weit schärfer als die Vertreter anderer Parteien, schärfer 
als die Sozialisten Heine und Singer über die kaiserlichen Entgleisungen 
ausgesprochen. Wenige Tage später, als die Konservativen, denen es nie- 
mals an Beziehungen zum Hof fehlte, gehört hatten, daß es nicht ganz 
sicher sei, ob mir der Kaiser meine Haltung in der Novemberdebatte nicht 
nachträglich übelnehmen würde, erklärte dieselbe „Konservative Korre- 
spondenz“, ich hätte den Kaiser besser in Schutz nehmen sollen. Das 
Hauptorgan der Konservativen, die „Kreuz-Zeitung“, und die agrarische 
„Deutsche Tageszeitung“ machten zwar gegen diese perfide Insinuation 
Front, aber es war klar, daß Herr von Heydebrand die Segel umstellte. 
Ernst von Heydebrand und der Lasa auf Klein-Tschunkawe in Ober- 
schlesien, damals 58 Jahre alt, war ein Mann von hoher Begabung, voll 
geistiger Interessen, sehr kenntnisreich. Er hatte viel gelesen und noch 
mehr, was wichtiger ist, über das Gelesene nachgedacht. In allen Staats- 
wissenschaften, im Staatsrecht und Verwaltungsrecht, in Nationalökonomie 
und Finanzwissenschaft war er wohlbewandert. Er interessierte sich für 
Geschichte und sogar für Philosophie. Er war einer der schlagfertigsten 
Redner, die mir vorgekommen sind. Er sprach oft scharf, aber nie banal und 
noch weniger roh, immer als hochgebildeter Mann und in gewählter Form. 
Er war ein Charakter. Mit seinen Fähigkeiten hätte erim Verwaltungsdienst 
eine große Zukunft gehabt. Er hatte einige Jahre bei der Regierung in 
Oppeln unter Graf Robert Zedlitz gearbeitet, dem seine Begabung auffiel. 
Von 1887 bis 1895 war er Landrat von Militsch-Trachenberg, in welcher 
Stellung er sich beständig mit den beiden größten Grundbesitzern seines 
Kreises, dem Grafen Andreas von Maltzan-Militsch und dem Fürsten 
Hermann von Hatzfeldt-Trachenberg, stritt. Er war ein Krakeeler. 1895 
schied er freiwillig aus dem Staatsdienst aus, um für seine parlamentarische 
Tätigkeit volle Ellbogenfreiheit zu haben. Ich habe mich oft über ihn 
geärgert, persönlich unsympathisch ist er mir nie gewesen. Aber die partei- 
politischen Gesichtspunkte standen für ihn in erster Linie, vielleicht ohne 
daß er sich hiervon selbst Rechenschaft ablegte. Er substituierte die 
Staatsräson dem Interesse seiner Partei, und wie er davon überzeugt war, 
daß für Preußen und damit auch für Deutschland das Heil nur von einer 
ausgesprochen konservativen Politik zu erwarten wäre, so hielt er sich 
selbst für den besten, wenn nicht den einzig richtigen Vertreter und Leiter
        <pb n="536" />
        DIE HERRSCHAFT DER KONSERVATIVEN 457 
einer solchen Politik. Nicht als ob er je hätte Minister werden wollen. Er 
würde eine solche Aufforderung mit Entrüstung, jedenfalls mit Gereiztheit 
abgelehnt haben. Aber er wollte hinter den Kulissen die innere Politik 
dirigieren. Herr von Heydebrand war von sehr kleiner Statur. Der alte 
Georg von Köller, langjähriger Präsident des Abgeordnetenhauses, das 
wackere Urbild eines pommerschen Junkers von altem Schrot und Korn, 
pflegte zu sagen, es wäre das Unglück von Heydebrand, daß er so klein sei. 
Er wolle immer beweisen: „Klein, aber oho!“ Der spätere Minister des 
Innern Friedrich von Moltke meinte gelegentlich, wenn er etwas von 
Heydebrand erreichen wolle, richte er es so ein, daß die Unterredung von 
ihm sitzend, von Heydebrand stehend geführt würde. Andernfalls wäre 
Heydebrand dem baumlangen Moltke gegenüber von vornherein in einer 
pikierten Stimmung. In der letzten Zeit vor meinem Rücktritt kam es Heyde- 
brand vornehmlich auf zwei Punkte an. Er wollte im Abgeordnetenhause die 
Alleinherrschaft der Konservativen nicht erschüttern lassen, und er wollteim 
Reichstag nichts von Erbschafts- oder Nachlaßsteuer wissen, um nicht den 
Bund der Landwirte zu verstimmen, der eine Hauptstütze seiner Macht war. 
Ende April 1909 fand eine Besprechung zwischen mir und dem Prä- 
sidenten des Herrenhauses, dem Freiherrn Otto von Manteuffel, Herrn 
von Heydebrand und Herrn von Normann statt, über deren Verlauf mir 
die nachstehende Registratur für die Akten vorgelegt wurde: „Der Herr 
Reichskanzler führte etwa folgendes aus: Er höre, daß die Herren für Frei- 
tag, den 30. dieses Monats, den weiteren Vorstand (Fünfziger-Ausschuß) der 
Konservativen Partei zusammenberufen hätten, um zur Reichsfinanz- 
reform Stellung zu nehmen. Er wisse nicht, welche Beschlüsse sie vor- 
schlagen wollten. Nach den Artikeln der konservativen Presse müsse er 
aber befürchten, daß sie die Partei gegen die erweiterte Erbschaftssteuer 
festlegen wollten, deswegen halte er es für seine Pflicht, sie über die poli- 
tische Situation aufzuklären. Es sei ihm, dem Kanzler, sicher, daß, wenn 
die konservative Partei sich mit ihrem Widerstand gegen die Erbschafts- 
steuer festlege, für ihn das Zustandebringen der Finanzreform unmöglich 
sei, aus sachlichen und persönlichen Gründen. Übereinstimmung bestehe 
darüber, daß bei Fünfhundert-Millionen-Bedarf hundert Millionen auf 
den Besitz gelegt werden sollen. Über die Art der Besitzsteuer sei viel 
debattiert und geschrieben worden. Auch ihm, dem Kanzler, sei eine Erb- 
schaftssteuer an und für sich wenig sympathisch. Es sei für ihn ein schwerer 
Entschluß gewesen, seine Ansicht zu ändern, aber er sei dazu gezwungen 
worden von einer „dira necessitas“. Hätten wir inzwischen einen Krieg 
gehabt oder einen neuen Aufstand in Südwestafrika, so hätte er ebenso 
handeln müssen. Es gebe nach der Ansicht der verbündeten Regierungen 
und insbesondere der größeren Bundesstaaten keine andere ausreichende 
Besprechung 
mit den 
konservativen 
Führern
        <pb n="537" />
        458 BÜLOWS AUSEINANDERSETZUNG MIT IHNEN 
und zweckmäßige Besitzsteuer, die den erforderlichen Ertrag bringe. Die 
von den Konservativen vorgeschlagene Wertzuwachssteuer sei durchaus 
erwägenswert. Schon seit langer Zeit werde dieser Gedanke erwogen, aber 
sehr viele Bedenken, die jetzt auf Wunsch der Konservativen sachlich 
geprüft werden sollten, ständen seiner Durchführung entgegen. Er sei über- 
zeugt, daß die Bedenken überwiegen, vor allem, daß diese Steuer nicht an- 
nähernd den vom Reichstag berechneten Betrag ergeben, sich vielmehr 
höchstens auf fünfundzwanzig Millionen stellen werde. Es stehe jetzt schon 
fest, daß die Wertzuwachssteuer auf Wertpapiere einfach undurchführbar 
gei. Diese Steuer könne also nicht als voller Ersatz der Erbschaftssteuer 
gelten. Eine weitere Erhöhung der Matrikularbeiträge sei ausgeschlossen. 
Veredelte Matrikularbeiträge seien eine Reichseinkommen- oder Vermögens- 
steuer, die rohen für die kleinen und mittleren Staaten unerträglich. Der 
Kanzler müsse also die Finanzreform als gescheitert ansehen, wenn die 
Erbschaftssteuer falle. Er könne keine Reform machen allein mit Kon- 
servativen, Wirtschaftlicher Vereinigung, Zentrum und Polen. Er würde 
seiner ganzen Politik ins Gesicht schlagen, wenn er jetzt die Situation durch 
die Polen retten ließe. Die Nationalliberalen müßten dabei sein, sie würden 
eich aber einer solchen Mehrheit nicht anschließen. Er, der Kanzler, wolle 
aber auch die Reform nicht gegen die Konservativen machen. Wenn diese 
bei ihrem Widerstand blieben, sähe er sich außerstande, die Geschäfte des 
Landes zu führen. Auf die Konservativen gehe dann die Verantwortung 
über. Da er den Kaiser bei seinem Abgange auch wegen der weiteren Politik 
und der Männer, die sie eventuell durchführen sollen, beraten müsse, so 
frage er die Herren: Erstens, welches Programm sie nach dem Scheitern 
dieser Reform zur Sanierung der Finanzen aufstellen wollten? Zweitens, 
mit welchen Parteien sie das Programm durchführen wollten? Und 
drittens, welche Männer sie sich an der Spitze der Regierung dächten, um 
ihre Ziele zu erreichen? Die heutige Besprechung solle nicht dartun, daß 
der Kanzler zum parlamentarischen Regime übergehe und sich einer poli- 
tischen Partei, sei es auch die konservative, unterwerfe. Er habe es aber als 
seine Pflicht betrachtet, die Herren vollständig aufzuklären, weil er bisher 
während der ganzen Zeit seiner Kanzlerschaft mit der konservativen Partei 
konservativ-agrarisch regiert habe. Alles Gerede von der antikonservativen 
Regierung sei Blödsinn oder Verleumdung. Jeder verständige Mensch wisse, 
daß in der Verwaltung und in der Politik von ihm, dem Kanzler, konser- 
vative Grundsätze zur Geltung gebracht seien. Die Regierung werde in 
konservativem Geist und landwirtschaftsfreundlich geführt und so, wie 
jeder der Herren, wenn er Minister wäre, sie führen müßte, wenn er in 
der Politik vorwärtskommen wolle. Auch Herr von Heydebrand würde 
an Stelle des Kanzlers nicht lediglich Grundsätze seines konservativen
        <pb n="538" />
        UNTER VIER AUGEN 459 
Programms durchführen können. Er, Fürst Bülow, habe es als seine Pflicht 
angesehen, zwischen Krone und Konservativen wieder normale Beziehun- 
gen herzustellen. Er wolle keine Reform gegen die Konservativen, mache 
aber auch keine mit Zentrum und Polen. Wenn die Reform scheitere, so 
hätten die Konservativen die Verantwortung und müßten ihr Programm 
zur Geltung bringen. Es werde jetzt vielfach Auflösung vorgeschlagen. Er 
könne dem Kaiser die Auflösung nicht mit gutem Gewissen vorschlagen, 
weil sie zur Dezimierung der Konservativen und zur Wiedererstarkung der 
Sozialdemokraten führen würde, die durch seine, des Kanzlers Politik in 
ihrem bisherigen Siegeslauf aufgehalten, geschwächt, diskreditiert und bei 
den letzten Wahlen halbiert worden wären. Das würde seiner ganzen bis- 
herigen Politik widersprechen. Er werde dem Kaiser nur Ratschläge 
erteilen, die sich mit seinen Grundsätzen vereinten. Und nun bitte er um 
Beantwortung seiner vorhin gestellten Fragen. Die drei Herren erwiderten 
ad eins: sie hofften für die von ihnen perhorreszierte Erbschaftssteuer eine 
geeignete Ersatzstcuer auf den Besitz zu finden, die vorzugsweise die Börse 
treffen müsse; ad zwei: sie hielten die Reform nicht ohne das Zentrum für 
durchführbar; ad drei: darüber erlaubten sie sich kein Urteil.“ 
Bedeutsamer war eine Unterredung, die ich einige Tage später unter vier 
Augen mit Herrn von Heydebrand hatte. Er setzte mir auch hier ausein- 
ander, daß er weder für die Erbschaftssteuer noch für irgendeine Verände- 
rung des preußischen Wahlrechts zu haben wäre. Er müsse sich 
nach den Wünschen und Überzeugungen seiner Parteigenossen richten, und 
die wollten weder von einer Reform des preußischen Wahlrechts noch von 
Nachlaß- oder Erbschaftssteuer etwas wissen. Ich sagte ihm, daß sein Stand- 
punkt mich an eine Äußerung des Pariser Polizeipräfekten Caussiditre 
erinnere. Der sei im Jahre 1848, gefolgt von einer Anzahl unrubiger Ele- 
mente, über die Boulevards gezogen. Von einem Freunde gefragt, wie er 
eine solche Demonstration mit solchen Elementen unternehmen könne, 
hätte er geantwortet: „Je suis leur chef, il faut que je les suive.“ Ich fuhr 
dann fort: „Sie glauben unsere innerpolitischen Verhältnisse besser zu 
kennen als ich. Ich will das gar nicht bestreiten. Mein langer Aufenthalt 
im Ausland macht, daß ich nicht in allen Schlupfwinkeln und Irrgängen 
unserer Parteipolitik so Bescheid weiß wie Sie. Aber glauben Sie mir, ich 
sehe weiter als Sie. Sie wollen die Verbindung zwischen den Konservativen 
und den Nationalliberalen lösen, unbekümmert darum, daß Bismarck auf 
das Zusammengehen gerade dieser Parteien immer den größten Wert gelegt 
hat. Sie glauben besser zu fahren, wenn Sie sich dem Zentrum an den Hals 
werfen. Ich habe an und für sich gar nichts gegen das Zentrum. Im Gegen- 
teil! Ich denke an das Zentrum zurück wie an eine alte Geliebte, von der 
man sich nur ungern trennte und für die man noch immer etwas übrighat. 
Mi 
Heydebrand 
allein
        <pb n="539" />
        460 LETZTER APPELL 
Ich möchte Sie auch daran erinnern, daß Sie mir während der Debatte im 
Abgeordnetenhaus über die Aufhebung des $2 des Jesuitengesetzes nicht 
ohne Pathos zuriefen: ‚Bis hierher, Herr Reichskanzler, aber nicht weiter! 
Sie sind in Ihrer Nachgiebigkeit, Ihrem Entgegenkommen gegenüber dem 
katholischen Teil der Bevölkerung bis zur äußersten Grenze des Erträglichen 
gegangen.‘ So sprachen Sie damals, im März 1904. Ich mache auch heute 
kein Hehl daraus, daß ich auf katholische Gefühle und Überzeugungen 
stets große Rücksicht genommen habe, gerade weil die Katholiken bei uns 
die Minderheit bilden. Aber diese meine Rücksichtnahme, meine Achtung 
und Sympathie für die großen Seiten der katholischen Kirche können 
meine politische Haltung gegenüber der politischen Zentrumspartei nicht 
beeinflussen. Ich kenne das Zentrum besser als Sie, Herr von Heydebrand. 
Der von Ihnen gewollte Bund mit dem Zentrum wird nicht von langer 
Dauer sein. Im Grunde sind mebr Berührungspunkte zwischen dem Zen- 
trum und den liberalen Fraktionen als zwischen dem Zentrum und den 
Konservativen. Der Weg von Erzberger zu Haußmann und Payer, von 
Bassermann zu Hertling ist kürzer als der von Klein-Tschunkawe zu den 
maßgebenden Leuten im Zentrum. Ich will Ihnen voraussagen, wohin Ihr 
Bruch mit den Nationalliberalen führen wird: zu jener Koalition Windt- 
horst-Richter-Grillenberger, die Bismarck in seinen bösen Träumen sah.“ 
Herr von Heydebrand erwiderte: „Hier steht Überzeugung gegen Über- 
zeugung, Ansicht gegen Ansicht. Ich glaube die Situation richtiger zu beur- 
teilen.“ Ich erinnerte ihn daran, daß er sich in seinen politischen Prognosen 
bisweilen getäuscht hätte. So habe er nach der Reichstagsauflösung am 
13. Dezember 1906 erklärt, sie werde zu einer schweren Niederlage der 
Regierung wie der Konservativen führen. Die Sache sei gerade umgekehrt 
gekommen. Nicht ohne Selbstgefühl meinte Heydebrand: auch er sei nicht 
unfehlbar. Was er aber mit Bestimmtheit voraussagen könne, wäre, daß die 
nächsten Wahlen „sehr gut, ja glänzend‘ für die Konservativen gehen 
würden, gerade wenn sie sich von den Liberalen trennten und dem Zentrum 
näherten. Ich richtete noch einen letzten Appell an den Führer der Konser- 
vativen. Ich sagte ihm: „‚Vora Standpunkt des Politikers ist es natürlich 
nichts weniger als geschickt, daß ich Ihnen, Normann und Manteuffel 
gesagt habe, ich würde jetzt nicht auflösen und nicht gegen die Konser- 
vativen den Wahlkampf führen. Ich bin klug genug, das wohl zu wissen. 
Ich gelte doch im allgemeinen nicht für dumm oder ungeschickt. Aber ich 
will gerade mit den Konservativen nicht finassieren, nicht au plus fin 
spielen. Und vor allem will ich nicht meinen Grundsätzen untreu werden, 
nicht meiner Überzeugung von dem, was dem Staatswohl frommt, und von 
dem, was ihm schadet. Eine Auflösung in diesem Augenblick liegt weder 
im Interesse des preußischen Staats noch des Deutschen Reichs noch der
        <pb n="540" />
        EIN TOTENGRÄBER DES ALTEN PREUSSEN 461 
Krone. Als Preuße, als Royalist und als deutscher Kanzler löse ich nicht 
auf. Aber als Mann, der mit seiner Überzeugung steht und fällt, bleibe ich 
nicht, wenn Sie jetzt den Block sprengen, statt sein natürliches Ende abzu- 
warten, wenn Sie mir eine verständige Reichsfinanzreform verhunzen, wenn 
Sie alle Errungenschaften der letzten Wahlen leichtfertig aufs Spiel setzen.“ 
Herr von Heydebrand verabschiedete sich mit der Bemerkung, daß er mir 
meine zum Teil scharfen Wendungen nicht übelnehme, teils weil er die 
verbitterte Stimmung eines mit Arbeit überhäuften und von manchen 
Sorgen gequälten Staatsmauns begreife, teils auch weil meine royalistische 
und preußische Grundgesinnung für ihn über jeden Zweifel erhaben sei. 
Aber auch er könne seine Überzeugung nicht opfern. 
Im Gegensatz zu Wilhelm von Kardorff-Wabnitz, zu Graf Limburg- 
Stirum, zu Graf Kanitz-Podangen, zu Graf Udo Stolberg, zu Graf Mirbach- 
Sorquitten kam Heydebrand nicht aus der Bismarckschen Schule. Er 
wurzelte mit seinen Anschauungen in den Gedankengängen von Julius 
Stahl, von Karl von Bodelschwingh, von Graf Leopold Lippe, von Ludwig 
von Gerlach. Er würde, wenn er zwanzig Jahre früher auf die Welt gekom- 
men wäre, während der Konfliktszeit mit Begeisterung den Ministerpräsiden- 
ten von Bismarck-Schönhausen unterstützt haben, er wäre als guter Preuße 
auch mit ihm Sadowa entgegengezogen. Aber in den siebziger Jahren wäre 
erin die Opposition gegangen, und er hätte zu den Deklaranten der „Kreuz- 
Zeitung‘ gehört. Mit ungewöhnlichen Gaben und lauterer Gesinnung ist 
Heydebrand schließlich durch Kurzsichtigkeit, Einseitigkeit und blinden 
Eigensinn zu einem Totengräber des alten Preußen geworden. In der Frage 
der Erbschaftssteuer stand Herr von Heydebrand mehr unter dem Druck 
des Bundes der Landwirte, als daß er aus innerem Antrieb einen intransi- 
genten Standpunkt eingenommen hätte. Der Bund der Landwirte wider- 
setzte sich der Nachlaß- und Erbschaftssteuer aus agitatorischen Gründen. 
Ich hatte im Laufe der Jahre die vernünftigen und berechtigten Wünsche 
der deutschen Landwirtschaft erfüllt. Um eine so sehr auf Agitation ge- 
stellte Organisation wie den Bund der Landwirte bei der Stange zu halten, 
mußte seinen Anhängern immer wieder ein Streitobjekt und Kampfziel 
vorgehalten werden. Der Schlachtruf: Keine Erbschaftssteuer, keine Nach- 
laßsteuer! erschien als der beste Cry für eventuelle Wahlen. Der Wider- 
stand des Herrn von Heydebrand gegen jede Reform des preußischen 
Wahlrechts aber kam aus der Tiefe seiner Seele, beruhte auf seinen inner- 
lichsten Wünschen, Leidenschaften und Überzeugungen. Er wollte ä tout 
prix seine dominierende Stellung im Hause der Abgeordneten behaupten. 
Das war nur möglich, wenn die Konservativen dort über die absolute 
Mehrheit verfügten, und das wiederum hing davon ab, daß das bestehende 
Wahlrecht in keiner Weise modifiziert wurde.
        <pb n="541" />
        Bülow gegen 
Reichstags- 
wahlrecht 
für Preußen 
462 DAS PREUSSISCHE WAHLRECHT 
Ich habe nie daran gedacht, das Reichstagswahlrecht auf Preußen zu 
übertragen. Ich hatte mich darüber schon ein Jahr früher, am 26. März 
1908, ausgesprochen, und zwar nicht im Landtag, wo ich für diesen meinen 
Standpunkt einen starken Resonanzboden gefunden hätte, sondern im 
Reichstag, dessen Mehrheit, wenigstens in der Theorie, das Reichstags- 
wahlrecht in Preußen eingeführt wissen wollte*. Ich betonte mit Nachdruck, 
voller Überzeugung und Wahrhaftigkeit, daß die verbündeten Regierungen 
an keine Änderung des bestehenden Reichstagswahlrechts dächten. Ich 
entwickelte aber auch die Gründe, aus denen im Reich ein Wahlrecht auf 
breitester Basis gerechtfertigt sei, in Preußen eine gewisse Abstufung des 
Wahlrechts nicht unbillig. Ich machte kein Hehl daraus, daß auch das 
direkte, allgemeine und geheime Wahlrecht kein Dogma sei, kein Götze 
und kein Fetisch. Ich sei kein Fetischanbeter, treibe keinen Götzen- 
dienst, und an Dogmen glaube ich in der Politik überhaupt nicht. Es gebe 
gar kein für alle Länder und für alle Verhältnisse passendes, absolut gutes 
Wahlrecht. Den Abgeordneten Friedrich Naumann, der mit besonderem 
Eifer die Übertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen verlangt 
hatte, erinnerte ich daran, daß weder in England noch in Italien noch in 
Belgien das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht bestände. Unter 
großer Heiterkeit aller Parteien frug ich Naumann, ob er wirklich glaube, 
daß das von ihm wegen seiner patriarchalischen Verfassungszustände so 
sehr perhorreszierte Mecklenburg schlechter regiert würde als Haiti. Haiti 
besäße ein pikfeines Wahlrecht, das allgemeine, gleiche und direkte Wahl- 
recht. Ich erinnerte die Freisinnigen daran, daß jede radikale Änderung des 
preußischen Wahlrechts mit zwingender Notwendigkeit zu der Frage führe, 
ob dann noch das Dreiklassenwahlrecht in den Kommunen aufrechterhalten 
bleiben könne. Ich erinnerte daran, daß kein Land der Welt eine so integre, 
tüchtige, leistungsfähige städtische Verwaltung habe wie unser Land, daß 
sich unsere kommunale Verfassung unter einem überwiegend liberalen 
Regiment voll bewährt hätte. Ich sagte: „Stellen Sie sich doch nur eine 
Berliner Stadt d lung vor, die aus dem allgemeinen, 
gleichen Wahlrecht hervorgegangen wäre, und dann wünschen Sie noch, 
daß das gewiß mangelhafte Dreiklassenwahlrecht ersetzt werden soll durch 
ein System, das in mehr als einer Kommune die Herrschaft nur einer Partei 
bedeuten könnte, welche die unduldsamste von allen Parteien ist.“ Ich 
glaube dieser meiner Bemerkung vom 26. März 1908 heute die Frage hinzu- 
fügen zu können: Gibt es einen Demokraten in Deutschland, der befriedigt 
ist von der Wirkung, welche die Einführung des Reichstagswahlrechts in 
den Kommunen und speziell in Berlin für die städtische Verwaltung gebabt 
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 122ff.; Reclam-Ausgabe V, 54ff.
        <pb n="542" />
        STROH UNTER DEN AST 463 
bat? Der erfreut ist von dem parlamentarischen Ton, der seit der Ein- 
führung des gleichen, allgemeinen Wahlrechts in der Berliner Stadt- 
verordnetenversammlung herrscht? Während ich diese Zeilen diktiere, 
liegt mir eine Zeitung vor, in der über einen kürzlich vorgekommenen Zwi- 
schenfall in einer Sitzung des Berliner Stadtparlaments das Nachstchende 
berichtet wird: Der sozialdemokratische Stadtverordnete Ullrich stürzte 
sich im Laufe der Debatte über die Zirkus-Busch-Krawalle plötzlich auf 
seinen rechts gerichteten Kollegen Lucdtke, hieb auf ihn ein, stieß ihn in 
den Rücken und rief dem Zubodengeworfenen zu: „Sie Lump, Ihnen zer- 
reiße ich in Stücke.““ Der Mißhandelte erhob Klage vor der Schöffenabtei- 
lung Berlin-Mitte. Der Amtsanwalt vertrat die Anklage mit großer Milde. 
Er gestand dem sozialdemokratischen Rohling „eine gewisse Erregung“ 
zu, fand aber doch, daß derartige Szenen die deutschen Parlamente im 
In- und Auslande etwas in Mißkredit brächten. Offenbar erinnerte er sich 
an das Wort des Reichskanzlers Josef Wirth, daß der Feind immer rechts 
stehe. Er beantragte schließlich nur sechs Wochen Gefängnis. Das Gericht 
verurteilte zu einer höheren Geldstrafe oder entsprechender Gefängnis- 
strafe. Meines Erachtens hätte der Genosse Ullrich vor allem veranlaßt 
werden sollen, noch einige Zeit die Elementarschule zu besuchen, um zu 
lernen, daß, wenn ein waschechter Sozialist allenfalls einen Kollegen an 
Leib und Leben bedrohen kann, er ihm doch nicht zurufen darf: „Ihnen 
zerreiße ich in Stücke“, sondern sagen muß: „Sie zerreiße ich in Stücke.‘ 
In der Frage des preußischen Wahlrechts war es meine Absicht, die 
wünschenswerte und notwendige Reform in einer Weise durchzuführen, 
die der Alleinherrschaft und Präpotenz der Konservativen ein Ende setzte, 
ohne ihnen deshalb die Möglichkeit zu nehmen, sei es mit dem Zentrum, sei 
es mit den Liberalen, eine Mehrheit zu bilden. Um dahin zu gelangen, gab 
es damals mehr als einen gangbaren und verständigen Weg. Gerade die 
Liberalen wünschten im letzten Jahr meiner Amtsführung eine besonnene 
und möglichst maßvolle Wahlreform. Der Führer der Nationalliberalen, 
Professor Robert Friedberg, ein Jahrzehnt später Vizepräsident des Preu- 
Bischen Staatsministeriums unter Hertling, erklärte mir: „Wir National- 
liberalen können bei jeder Wahlreform nur verlieren. Wenn wir einer sol- 
chen zustimmen, sägen wir den Ast ab, auf dem wir sitzen. Legen Sie 
wenigstens ordentlich Stroh unter, damit wir uns nicht den Hals brechen.“ 
Einer der klügsten und einflußreichsten Freisinnigen, Reinhart Schmidt- 
Elberfeld, 1895 erster, 1898 bis 1900 zweiter Vizepräsident des Reichstags, 
sagte mir, die Einführung des Reichstagswahlrechts in Preußen werde 
zweifellos die Einführung dieses Wahlrechts auch in den Kommunen 
nach eich ziehen, also Stellung und Einfluß der bürgerlichen Demo- 
kratie gerade da bedrohen, wo die starken Wurzeln ihrer Kraft lägen.
        <pb n="543" />
        Abendtafel 
in Potsdam 
464 ABENDTAFEL IM NEUEN PALAIS 
„Gebe der Himmel“, meinte Schmidt-Elberfeld, „daß die Regierung fest 
bleibt und es nicht dahin kommen läßt! Lassen Sie sich nur nicht da- 
durch irremachen, daß wir eine Erklärung verlesen werden, durch die wir 
die Übertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen fordern werden, 
Das ist gar nicht ernst gemeint! Wir werden gerade Ihnen in dieser Frage 
ebensowenig ernste Schwierigkeiten machen wie seinerzeit beiden Kämpfen 
um den Zolltarif.‘“ Herr Schmidt-Elberfeld hatte Eugen Richter nahe- 
gestanden. Er sagte mir, daß auch dieser innerlich ein Gegner der Über- 
tragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen gewesen wäre. Eifrig und 
aufrichtig betrieb von den Freisinnigen nur Friedrich Naumann die Ein- 
führung des allgemeinen, geheimen und direkten Wahlrechts in Preußen. 
Als ich meinen Freund Albert Ballin frug, wie er es sich erklärte, daß ein 
hochgebildeter, ideal angelegter Mann wie Naumann so unverständig sein 
könne, den Erisapfel der Wahlrechtsfrage unter die Blockparteien zu 
werfen, entgegnete mir Ballin mit seinem ausgesprochen hamburgischen 
Akzent: „Aber, Durchlaucht, haben Sie noch nicht gemerkt, daß unser 
guter Naumann politisch enorm dumm ist?“ Er sprach das Wort „enorm“ 
als echter Hamburger aus: „eno-o-o-rm“. Ballin sollte mir im Laufe des 
Weltkriegs noch zweimal über die „eno-o-o-rme“ politische Torheit des 
D. Naumann klagen: als dieser sein sehr oberflächliches Buch über Mittel- 
europa schrieb und als er gemeinsam mit Hans Delbrück, Riezler-Rüdorffer 
und ähnlichen Narren die Wiederherstellung von Polen betrieb. Von links 
sabotierte Naumann durch seine Unbesonnenheit den Block. Von rechts 
ließ, unbelehrt durch alles, was ich ihm gesagt hatte, unbekümmert um 
meine ernsten Warnungen, Herr von Heydebrand den Nationalliberalen 
durch Herrn von Normann parteioffiziell erklären, die Konservativen 
würden keine Besitzsteuer akzeptieren, und insbesondere würden sie unter 
keinen Umständen die Nachlaß- oder Erbschaftssteuer bewilligen. Das 
war natürlich die Kündigung des Blocks, wie dies auch von konservativer 
Seite zugegeben wurde. 
Während die innerpolitische Lage einer gefährlichen Krisis entgegen- 
trieb, war die Stimmung des Kaisers mir gegenüber, allerdings nur vorüber- 
gehend, wieder freundlich und vertrauensvoll geworden. Dazu trug vor 
allem der günstige Gang der auswärtigen Politik bei. Die bosnische Krisis 
war in einer unseren Interessen und unserem Prestige gleich förderlichen 
Weise gelöst worden. Nicht lange nach dem für ihren Abschluß bedeutungs- 
vollen 14. März hatte ich, während ich einer Sitzung des Reichstags bei- 
wohnte, aus dem Neuen Palais eine telephonische Einladung zur Abendtafel 
erhalten. Als ich antworten ließ, ich bäte, mich zu entschuldigen, da ich 
im Reichstag zurückgehalten würde, ließ mir der Kaiser telephonieren, er 
werde mit dem Essen auf mich warten. Er schickte mir zwei Automobile,
        <pb n="544" />
        TIRPITZ BINDET SICH NICHT 465 
mit denen ich und meine Frau kommen möchten, wann es uns paßte. 
Wenn das eine Automobil unterwegs eine Panne hätte, sollten wir in das 
andere steigen. Meine Frau und ich trafen erst nach neun Uhr in Potsdam 
ein. Als meine Frau sich bei der Kaiserin entschuldigte, meinte diese: „Wir 
haben gern auf Sie und Ihren Mann gewartet. Der Kaiser freut sich so sehr, 
Ihren Mann zu sehen und ihm zu danken.“ Bald nachher erschien der 
Kaiser und sagte mir freudestrahlend, er habe ein Telegramm des Zaren 
erhalten, der ihm aus eigener Initiative eine Begegnung in den finnischen 
Schären vorschlage. „Das wagte ich ja gar nicht zu hoffen“, meinte der 
Kaiser, „das geht über meine Erwartungen und Hoffnungen! Die bosnische 
Frage haben Sie großartig gedeichselt.““ 
Die freudige Stimmung des Kaisers wurde noch dadurch erhöht, daß 
in denselben Tagen der Marineetat im Reichstag glatt über die Bahn ging. 
Alle bürgerlichen Parteien stimmten zu, die Sozialdemokraten enthielten 
sich der Abstimmung, aber erhoben keinen Widerspruch. Gerade im Hin- 
blick darauf, daß durch diese Haltung und Abstimmung des Reichstags uns 
die Möglichkeit gegeben war, England in der Frage der Verlangsamung des 
Flottenbautempos entgegenzukommen, ohne uns der Mißdeutung auszu- 
setzen, als ob wir aus der Not eine Tugend machten — ein Moment, auf das 
in seinem Brief vom 25. Januar 1909 Metternich besonders Gewicht gelegt 
hatte —, entschloß ich mich zu einem sehr eingehenden und sehr ernsten 
Schriftwechsel mit dem Staatssekretär des Reichsmarineamts. Gerade 
weil ich nicht wußte, wie lange ich noch die auswärtige Politik des Reichs 
führen würde, wollte ich noch einmal auf das Wünschenswerte einer freund- 
lichen Verständigung mit England nachdrücklich hinweisen und jedenfalls 
einer Forcierung unserer Schiffsbauten für die Zukunft einen Riegel vor- 
schieben. Meine Ausführungen kamen im Kern darauf hinaus, daß die 
Marine uns endlich erklären müsse, wann wir die für unsere Verteidigung 
notwendige Flottenstärke erreicht haben würden. Ich erinnerte an meine 
früheren Ausführungen in dieser Richtung. Ich erinnerte auch an alles, was 
ich positiv und negativ für den Bau der Flotte getan hätte: positiv, indem 
ich im Lande das Verständnis für die Notwendigkeit einer verteidigungs- 
fähigen Flotte erweckte und die zu diesem Zwecke nötigen Vorlagen im 
Reichstage durchbrachte; negativ, indem ich unter sehr schwierigen Ver- 
hältnissen erreichte, daß die Flotte im Frieden gebaut werden konnte. 
Tirpitz antwortete ausweichend. Er wollte sich nicht binden, sich alle 
Möglichkeiten offenhalten, getrieben von edlem Ehrgeiz, von tiefer Vater- 
landsliebe, von überragender Sachkenntnis auf seinem Spezialgebiet, dem 
Schiffsbau, aber doch mit Unterschätzung der Gefahren, die im Fall einer 
europäischen Konflagration von einem durch unsere Schiffsbauten allzu 
gereizten und allzu mißtrauisch gewordenen England drohten. 
3% Bülow II 
Bülow 
an Tirpitz
        <pb n="545" />
        XXXI KAPITEL 
Bülows Abschiedsbesuch bei Holstein - Begegnung mit Tittoni in Venedig - Wilhelm II. 
trifft in Vencdig ein - Spricht Monts als künftigen Kanzler an » Weitere Schicksale des 
Grafen Monts » Der Kaiser fährt nach Korfu + Bericht des Freiherrn von Wangenheim 
über die Begegnung Wilhelms II. mit dem italienischen Königspaar in Brindisi - Der 
Kaiser in Wien » Stand der Reichsfinanzreform « Wilhelm II. nimmt in Wiesbaden 
Bülows Vortrag über die Finanzreform entgegen » Sängerfest in Frankfurt, jubelnder 
Empfang Wilhelms II. » Die deutschen Bundesfürsten zum Geburtstag des Kaisers in 
Berlin » Die Intrigen gegen den Kanzler mehren sich - Der Bund der „Kaisertreuen“ 
Rudolf Martin und Fürst Fürstenberg - Begegnung zwischen Wilhelm II. und Nikolaus II. 
Die „Zehn Gebote“ für den Kaiser 
uf Wunsch meines lieben ärztlichen Beraters und Freundes Renvers 
Bei dem hatte ich beschlossen, mich während der Osterferien zu meiner Er- 
erkrankten holung nach Venedig zu begeben, das wie wenige andere Orte der Welt zur 
Holstein S2mmlung und zum Nachdenken auffordert und das erregte Innere be- 
ruhigt. Da ich gehört hatte, daß Holstein erkrankt sei, machte ich ihm 
vor meiner Abreise einen Besuch. Er hatte mich, wohl nur wegen seines 
Gesundheitszustandes, seit langem nicht mehr aufgesucht. Ich selbst war 
während unserer mehr als dreißigjährigen Beziehungen nie in seiner Behau- 
sung gewesen. Dieser Mann, der unter Bismarck, unter Caprivi und unter 
Hohenlohe einer der mächtigsten Leute im Staat gewesen war, der auch 
unter mir nach allen Seiten seine Fühlhörner ausstreckte und durch seine 
weitreichenden persönlichen Beziehungen wie durch seine Geschäftskennt- 
nis und seine große Erfahrung, durch die Schnelligkeit seiner Auffassung, 
seine Entschlußkraft und (last not least) seine Verschlagenheit und Rück- 
sichtslosigkeit eine große Rolle spielte, bewohnte in der entlegenen, nüch- 
ternen, in keiner Weise eleganten Großbeerenstraße im dritten Stock zwei 
einfache Zimmer, die einem bescheidenen Subalternbeamten kaum genügt 
hätten. Im Vorzimmer fand ich die langjährige Freundin von Holstein, 
Frau von Lebbin. Sie hatte sich zwei in Papier eingewickelte Butterstullen 
mitgebracht, die mit einem Stückchen Käse und einem Glase Bier ihr 
Mittagsmahl bilden sollten. Im Nebenzimmer lag Holstein im Bett. An der 
Wand hingen nur drei Bilder: das Bild des Botschafters Paul Hatzfeldt, 
des ihm politisch am nächsten stehenden deutschen Diplomaten, ein Bild
        <pb n="546" />
        HOLSTEIN: „SIE MÜSSEN BLEIBEN!“ 467 
des langjährigen italienischen Botschafters in Berlin, Grafen Launay, den 
Holstein als das Vorbild eines abwägenden, vorsichtigen Staatsmannes 
schätzte, und endlich eine Photographie, die meine Frau und meinen Bruder 
Alfred darstellte, wie sie in Venedig auf dem Markusplatz Tauben füttern. 
Solche Bilder werden bekanntlich in Venedig für einige Lire in kürzester Frist 
hergestellt. Holstein hatte von Fieber glänzende Augen und stark gerötete 
Wangen. Von Frau von Lebbin war mir vorher gesagt worden, daß er, um 
bei seinem Schwächezustand mit mir sprechen zu können, sich zur Anregung 
der Herztätigkeit eine starke Kampfereinspritzung hatte geben lassen. 
Die erste Frage, die er an mich richtete, war, ob ich bleiben würde. Ich 
erwiderte, daß das nicht allein von mir abhinge. Holstein setzte mir mit 
sichtbarer Anstrengung in eindringlichstem Ton auseinander, ich müsse 
im Hinblick auf die auswärtige Lage unter allen Umständen bleiben, einer- 
lei ob der Kaiser noch Vertrauen zu mir habe oder nicht, einerlei ob der 
Reichstag meinen Vorschlägen in der Reichsfinanzreform zustimme oder 
nicht. Ich antwortete, daß,sich Situationen ergeben könnten, wo es mir 
nicht möglich sein würde, zu bleiben. Ich wollte nach zwölfjähriger Amts- 
tätigkeit als aufrechter Mann bleiben oder fallen. Ich würde meinen Namen 
nicht unter Gesetze setzen, nicht Maßnahmen zustimmen, von deren Schäd- 
lichkeit ich überzeugt wäre, überhaupt eine Entwicklung nicht mitmachen, 
die ich für falsch und verderblich hielte. In erregten, sich überstürzenden 
Worten entgegnete der alte Holstein: „Sie müssen bleiben, ich sage Ihnen, 
Sie müssen bleiben! Wer soll denn außer Ihnen mit einem so unberechen- 
baren und unvorsichtigen Kaiser, mit einem so unpolitischen Volk und mit 
einem in allen auswärtigen Fragen kindlich unreifen Reichstag unser Schiff 
steuern ? Bleiben Sie wenigstens noch vier, fünf Jahre! Sie haben die bos- 
nische Krise brillant überwunden, Sie haben es gleichzeitig verstanden, 
uns wieder zu Rußland in ein besseres Verhältnis zu bringen, als wir es seit 
Bismarck gehabt haben. Selbst Harden, der Sie nie gesehen hat, der Sie 
seit Ihrem Amtsantritt, also seit zwölf Jahren, auf das schärfste angreift, 
erklärt in der ‚Zukunft‘, daß Sie im Balkanrennen, wie er es nennt, der 
einzige wirkliche Sieger wären. König Eduard habe die erste sichtbare 
Niederlage seines Regentenlebens erlitten, Iswolski den Ruf eines boshaften 
Narren erreicht, Clemenceau sich nur durchgeschlängelt, Aebrenthal die 
Erreichung seines Ziels mit zu hohem Preise bezahlt. Sie allein hätten alles 
erreicht, was Sie angestrebt hätten, und sich wieder”als unentbehrlicher 
Meister der Diplomatie bewährt. Sie müssen bleiben! Das sagt sogar Har- 
den, Ihr Feind Maximilian Harden! Man soll Ihnen wenigstens Zeit lassen, 
ein Flottenabkommen mit England zustande zu bringen. Dann mag man 
Sie in Teufels Namen fortschicken. Aber jetzt sind Sie noch unentbehrlich !“* 
Ich wollte den dem Tode nahen Mann nicht durch Widerspruch noch mehr 
30°
        <pb n="547" />
        Eintreffen 
in Venedig, 
Besuch 
Tittonis 
Der Kaiser 
in Venedig 
468 HOLSTEINS TOD 
erregen. Ich beschränkte mich darauf, zu wiederholen, daß ich mich nicht 
unter ein kaudinisches Joch beugen könne, möge mir das vom Kaiser oder 
von den feindlichen Parteien zugemutet werden. Es war das letzte Mal, daß 
ich Holstein sah, dem ich zum erstenmal, dreißig Jahre früher, während des 
Berliner Kongresses, nähergetreten war. Noch in der Tür, während ich mich 
von Frau von Lebbin verabschiedete, hörte ich seine heisere Stimme: 
„Bleiben ! Bleiben !““ Das war meineletzte Begegnung mit dem eigenartigen 
Mann, der mir nie sympathisch war, dessen hohe politische Begabung ich 
aber nicht verkennen konnte. Er starb bald nachher. Zu seinem Begräbnis 
erschien zum allgemeinen Erstaunen Josef von Radowitz, den er während 
dreißig Jahren gehaßt und verfolgt hatte: wie die einen glaubten, um dem 
Gebote der Bergpredigt zu folgen, die uns mahnt, unsere Feinde zu lieben; 
wie die anderen meinten, um sich davon zu überzeugen, daß Holstein 
wirklich dorthin abgereist sei, von wo es keine Wiederkehr gibt. 
Am 12. April traf ich in Venedig ein. Bald nach meiner Ankunft erhielt 
ich den Besuch des damaligen italienischen Ministers des Äußern Tommaso 
Tittoni. Er war „un Romano di Roma“, ein echter Sohn der Ewigen Stadt, 
in seiner abgewogenen, vorsichtigen, überlegten und klugen Art. Er hatte 
einen Teil seiner Studien in Oxford absolviert, sprach Englisch und hatte 
einige Jahre als Botschafter in London gewirkt. Er war ein Mann des Aus- 
gleichs und der Verständigung, der auch als italienischer Minister und 
Botschafter gute Beziehungen zum Vatikan zu unterhalten wußte. Mein 
Verhältnis zu ihm war immer vortrefflich gewesen. Auch diesmal waren wir 
uns darüber einig, daß bei einer ruhigen und vernünftigen Politik an den 
maßgebenden Stellen weder für die deutsch-italienischen Beziehungen noch 
für den europäischen Frieden unüberwindliche Gefahren drohten. 
Kurz nachher traf der Kaiser, begleitet von der Kaiserin, auf der 
„Hohenzollern“ in Venedig ein. Als wir uns acht oder zehn Tage früher in 
Potsdam getrennt hatten, war der hohe Herr für mich in einer freundschaft- 
lichen, in einer sehr vertrauensvollen und liebenswürdigen Stimmung 
gewesen. Jetzt fand ich ihn kühler, nervös, augenscheinlich verstimmt und 
mißtrauisch. Ich habe später gehört, daß es während unserer kurzen Tren- 
nung meinen höfischen Gegnern, insbesondere dem Fürsten Max Fürsten- 
berg, dem Zeremonienmeister Eugen Röder und einigen anderen Hof 
schranzen gelungen war, ihn wieder gegen mich einzunehmen. Dagegen war 
der hohe Herr für meine Frau wie immer von ritterlicher Courtoisie. Gleich- 
zeitig mit mir war unser Botschafter in Italien, Graf Monts, in Venedig 
eingetroffen. Ich hatte schon während des vorjährigen Besuchs in Rom 
mich zu meinem Bedauern davon überzeugen müssen, daß Monts sich dort 
vollkommen festgefahren hatte. In der italienischen politischen Welt, bei 
der Regierung und in parlamentarischen Kreisen und erst recht in der
        <pb n="548" />
        „ICH HABE NIE ETWAS VON BEÜLOW GEHALTEN* 469 
italienischen Gesellschaft geradezu verhaßt, hatte er sich gleichzeitig auch 
mit der deutschen Kolonie überworfen. Er drängte selbst von Rom fort. 
Sein Ziel war Wien. Diesem seinem Wunsch stand aber die schon früher von 
mir erwähnte ausgesprochene Abneigung sowohl der österreichischen wie 
der ungarischen Regierung gegen ihn und die fast noch stärkere Anti- 
pathie des alten Kaisers Franz Josef wie des Thronerben Franz Ferdinand 
im Wege. Niemand in Österreich-Ungarn wollte von dem „grausligen“* 
Monts etwas wissen. Monts war gleichzeitig mit mir und meiner Frau zur 
Abendtafel auf der „Hohenzollern“ befoblen worden. Als wir uns verab- 
schiedeten, um in unser Hotel zurückzukehren, sah ich, wie der Kaiser 
raschen Schritts auf Monts zuging, der sich tief, übertrieben tief vor ihm 
bückte. Am nächsten Tage hörte ich von einem durchaus verläßlichen 
Herrn der Allerhöchsten Umgebung, daß Wilhelm II. den Grafen Monts 
laut und vernehmlich mit den Worten angeredet hatte: „Bülow hat mich 
verraten! Sie müssen an seine Stelle. Bülow ist ja auch vom Botschafter in 
Rom Reichskanzler geworden.‘ Monts erwiderte, immer in gleich respekt- 
voller, fast demütiger Haltung: „Eure Majestät nehmen mir das Schloß 
vom Munde. Ich habe nie etwas von Bülow gehalten.“ So hatte sich Monts 
von Anfang an bis zu Ende den Vetter Anselmo zum Vorbild genommen, 
wie ihn, Strebern und Augendienern zum abscheulichen Exempel, Chamisso 
gezeichnet hat. Bei Chamisso gibt schließlich der weise Yglano dem Vetter 
Anselmo einen Backenstreich und läßt ihn dann vor die Tür setzen. Bei 
Monts übernahm das Schicksal den Hinauswurf. 
Strahlend verließ Graf Anton Monts am 15. April 1909 Venedig in dem 
beglückenden Bewußtsein, daß er bald Reichskanzler werden würde. In 
Rom eingetroffen, suchte er meine Schwiegermutter auf und sagte ihr, 
seines Bleibens im Palazzo Caffarelli werde nicht mehr lange sein, aber er 
fiele nicht die Treppe hinunter, sondern er würde höher, sehr hoch steigen. 
Er traf Vorbereitungen für seine Übersiedlung nach Berlin und bereitete 
sich geistig durch Gedankenaustausch mit einigen bewährten Freunden aus 
der Finanzwelt auf den ihm in Aussicht gestellten hohen Posten vor. Wirk- 
lich und tatsächlich hat, wie ich vorgreifend schon hier bemerken will, Wil- 
helm II., als ich zwei Monate später meinen Abschied einreichte, in erster 
Linie Monts zu meinem Nachfolger machen wollen. Diese Absicht scheiterte 
an dem Widerspruch des Kabinettsrats Valentini. Sonst nur zu willfährig, 
erklärte er in diesem Fall, ein so takt- und direktionsloser Geselle wie 
Monts, der sich überall, in Wien, in Pest, in Oldenburg, in München und 
schließlich in Rom unmöglich gemacht habe, der überdies der freien Rede 
so wenig mächtig sei, daß er nur mit Ach und Krach an Kaisers Geburts- 
tag vor der deutschen Kolonie mühsam einige Worte habe stammeln 
können, sei als Reichskanzler nicht möglich. Der Kaiser bestand nicht 
Graf Monıs 
in Erwartung
        <pb n="549" />
        Wilhelm II. 
in Korfu 
470 DAS BLAUE MITTELMEER 
ernstlich auf seinem Einfall und ließ durch Valentini an Monts schreiben: 
er bedaure, ihn nicht zu seinem Kanzler machen zu können. Er brauche aber 
jetzt einen Reichskanzler, der mit den innerpolitischen Verhältnissen in 
Deutschland genauer vertraut wäre. Er behalte sich vor, den erprobten Rat 
des Grafen Monts, auch wenn er nunmehr in den Ruhestand treten sollte, 
oft in Anspruch zu nehmen. Er lüde Monts ein, den nächsten Winter in 
Berlin zu verbringen. Erwartungsvoll erschien der inzwischen zur Dispo- 
sition gestellte Anton Monts auf dem ersten Hofball des Jahres 1910. Der 
Kaiser beglückte ihn mit einer langen und viel bemerkten Ansprache. Auf 
dem zweiten Hofball sprach ihn der Kaiser nur kurz an, und auf dem dritten 
nahm er gar keine Notiz mehr von ihm. Seitdem war seine Rolle ausgespielt. 
Er hat den Abend seines Lebens in der Nähe von München zugebracht, wo 
er sich sogar als abgetakelter Diplomat so unbeliebt machte, daß ihm auf 
Weisung des würdigen und gütigen Prinzregenten Luitpold die Streichung 
von der Liste der bei Hof vorgestellten Fremden angedroht werden mußte. 
Ich kehre nach Venedig zurück, von wo Wilhelm II. am 15. April 1909 
auf der „Hohenzollern“ nach Korfu abdampfte. Seitdem der Kaiser das 
schöne Achilleion erworben hatte, konnte er esim Frühjahr kaum erwarten, 
sich auf der Insel der Phäaken von den Anstrengungen des Berliner Winters 
zu erholen. Im Frühjahr 1909 war die Sehnsucht nach den seligen Gestaden, 
wo einst die königliche Jungfrau Nausikaa sich des vom Schwimmen 
erschöpften edlen Dulders Odysseus erbarmte, besonders groß, denn die 
Krisis vom vergangenen November hatte, wie der Kaiser mir wiederholt 
versicherte, auch sein körperliches Befinden affıziert. Der Kaiser hatte schon 
am 28. Februar 1909 ad marginem eines Pariser Berichts, in dem eine ge- 
plante Mittelmeerreise des Königs Friedrich August von Sachsen erwähnt 
wurde, wehmütig bemerkt: „Glücklicher Mann! Wäre ich erst so weit, daß 
ich auf dem blauen Mittelmeer schwämme.“ 
Über die Stimmung und Tätigkeit Seiner Majestät während der vier 
halkyonischen Wochen, die Wilhelm II. in Korfu verlebte, schrieb der 
damalige Gesandte am griechischen Hofe, spätere Botschafter in Kon- 
stantinopel, Freiherr von Wangenheim, an meinen Personaldezernenten 
Flotow: „In aller Eile möchte ich meinen in einer halben Stunde abgehen- 
den Berichten über Korfu noch einige erklärende Worte hinzufügen. Ich 
schreibe an Sie, weil Sie den Reichskanzler eher sehen als die anderen 
Herren. Was ich Ihnen sagen werde, ist natürlich streng vertraulich. Die 
Berichte habe ich auf den mir dreimal wiederholten Wunsch des Kaisers 
erstatten müssen, der durchaus wollte, daß der Reichskanzler über seine 
Erfolge in Korfu unterrichtet werde. S. M. war in den letzten Tagen von so 
berückender Liebenswürdigkeit gegen mich, daß er offenbar einen Zweck 
damit verfolgt hat. Er wollte erreichen, daß ich ihm beim R.K. eine gute
        <pb n="550" />
        RETUSCHIERTE KAISERGESPRÄCHE 471 
Zensur gebe. Ob S.M. damit auch seiner Stellung als konstitutioneller 
Monarch nachträglich Rechnung tragen oder nur mit dem Achilleion und 
den angeblichen Erfolgen seiner politischen Tätigkeit auf Korfu sich brü- 
sten wollte, weiß ich nicht. Jedenfalls lautete der Auftrag so bestimmt, daß 
ich ihn ausführen mußte. Der Kaiser sagte mir noch beim Abschied, daß er 
sich meine Berichte vorlegen lassen werde. Damit sollte mir die Note ange- 
wiesen werden. Sie können sich denken, wie wenig der erteilte Auftrag 
mir sympathisch war. Es ist das erste Mal, daß ich in einem Bericht über 
Blumenflor und Volkstänze schreiben muß. Aber der Kaiser hat gewollt, 
daß alle diese Kindereien in dem Berichte erwähnt würden. Noch weniger 
leicht war es, über die von dem Kaiser geführten Gespräche zu berichten. 
Nach meiner Darstellung nimmt es sich so aus, als ob S. M. in hoher Weis- 
heit immer gleich die richtigen Antworten erteilt habe. Das war aber keines- 
wegs immer der Fall. Im Gegenteil haben Jenisch und ich immer retu- 
schieren müssen, um bei den Griechen eine richtige Auffassung der kaiser- 
lichen Reden zu erzielen. Gleich bei der ersten Begegnung mit König Georg 
hatte der letztere den Kaiser so gerührt, daß er bereits versprochen hatte, 
den anderen Kabinetten eine baldige Lösung der Kreta-Frage im griechen- 
freundlichen Sinne zu empfehlen. Nachdem er dann mit mir und Jenisch 
gesprochen, ist er geschickt umgeschwenkt. Drei Wochen lang habe ich mich 
bemüht, S.M. davon zu überzeugen, daß wir nichts für Griechenland tun 
könnten, solange die Kreta-Frage nicht gelöst und die Möglichkeit von 
Schwierigkeiten zwischen Griechenland und der Türkei vorhanden ist. 
Trotzdem ist uns der Kaiser, der die Richtigkeit des obigen Grundsatzes 
voll anerkannt hatte, in den letzten Tagen wieder durchgegangen, indem 
er dem König und dann Theotoki einen Admiral anbot und auf die Flotten- 
frage zurückkam. Theotoki, der ja selbst zu klug ist, um nicht zu sehen, daß 
jede griechische Machenschaft mit Deutschland sofort Englands Wider- 
stand und damit Schwierigkeiten wegen Kreta hervorrufen würde, hat 
selbst ausweichend geantwortet und den Kaiser auf später vertröstet. Ich 
habe alles dies in meinem Berichte nicht sagen können, sondern in einer 
kleinen, aber frommen Geschichtsfälschung den Kaiser als den großen, 
weisen Mann erscheinen lassen. Wenn S.M. meine Berichte liest, möchte 
ich aber beinahe annehmen, daß er nachträglich sich freut, so logisch ge- 
sprochen zu haben, besonders, wenn ihm der R.K. bei sich bietender Ge- 
legenheit zu seiner Weisheit gratuliert. Korfu war sehr interessant, aber 
nicht immer angenehm. Die Griechen sind dieses Mal besser behandelt 
worden. Jenisch hatte zum Schluß Angst vor Brindisi und der Absicht des 
Kaisers, Tittoni den Kopf zu waschen. Was mag daraus geworden sein ?“ 
Die Zweifel des Gesandten von Wangenheim an der Opportunität der von 
SeinerMajestät auf Korfu betriebenen Politik waren nicht ganz unberechtigt.
        <pb n="551" />
        Wilhelm II. 
in der Wiener 
Hofburg 
472 „DER KLEINE ZWERG“ 
Wilhelm II. wollte 1909 ebenso stürmisch für die griechischen Aspirationen 
auf Kreta eintreten, wie er zwölf Jahre früher die türkischen Rechte auf 
die Insel des Minos vertreten hatte. Er bewegte sich gern in Extremen, er 
mußte oft gezügelt, immer überwacht und geleitet werden. In Brindisi, 
wo am 12. Mai eine Begegnung zwischen dem deutschen und dem italieni- 
schen Herrscherpaar stattfand, gelang es dem Gesandten von Jenisch, der 
Seine Majestät als Vertreter des Auswärtigen Amts begleitete, den italieni- 
schen Minister des Äußern, Tittoni, vor der ihm angedrohten kaiserlichen 
Strafpredigt zu bewahren. Herr von Jenisch konnte nicht verhindern, daß 
der Kaiser, als der König mit seinem Boot bei der „Hohenzollern“ anlegte, 
seiner Umgebung zurief: „Nun paßt einmal auf, wie der kleine Zwerg das 
Fallreep heraufklettert.““ Ein dem Deutschen Kaiser zum Ehrendienst zuge- 
teilter italienischer Offizier, der die wenig taktvolle Bemerkung mitanhören 
mußte, sagte mit scharfer Betonung zu seinem neben ihm stehenden 
Kameraden: „Ich verstehe Deutsch.“ Der Zwischenfall wurde nicht 
weiter releviert, es wurden sogar bei dem Diner an Bord des italienischen 
Kriegsschifls „Vittorio Emanuele“ korrekte Trinksprüche gewechselt. Aber 
das Verhältnis zwischen den beiden Souveränen war und blieb frostig und 
prekär. 
Am 13. Mai traf Wilhelm II. über Pola in Wien ein, wo er einen neuen 
und selbst für mich überraschenden Beweis seiner geistigen Desinvoltura, 
seiner staunenswerten Unbefangenheit ablegte. Er, der bei Beginn der 
bosnischen Krisis plötzlich, unvorbereitet, von einem Tage zum andern 
unsere ganze Politik auf den Kopf stellen und damit Österreich-Ungarn in 
die Arme der Entente treiben wollte, hielt jetzt in der Hofburg eine Rede, 
die nicht nur von Begeisterung für die „erhabene Person des allverehrten 
Kaisers Franz Josef“ und für „die goldenen Alt-Wiener Herzen“ überfloß, 
sondern in der er auch erklärte, der Friede sei der Welt erhalten worden, 
weil er, der Kaiser Wilhelm II., sich in schimmernder Wehr neben Öster- 
reich gestellt habe. Der Botschafter Tschirschky nahm mit Recht an, daß 
ein solcher Trompetenstoß mein Mißfallen erregen würde, und er änderte 
mit freudiger Zustimmung der Österreicher den betreffenden Passus für 
Wolffse Telegraphenbüro in den milderen Satz um: „Alle Welt weiß, 
wie wirkungsvoll gerade in den letzten Monaten unser Bündnis dazu 
beigetragen hat, ganz Europa den Frieden zu erhalten.“ Die Hul- 
digungen der Stadt Wien, die eine Wiener Straße unter Bezugnahme auf 
die von mir geprägte Wendung in „Nibelungenstraße‘“‘ umgetauft hatte, 
taten dem Kaiser wohl. Er befahl dem Botschafter Tschirschky, über 
den ihm in Wien bereiteten Empfang einen eingehenden Bericht an den 
Reichskanzler zu senden, „damit der sieht, daß man hier noch etwas 
von mir hält“.
        <pb n="552" />
        BÜLOW, DER ANGEBLICHE SOZIALIST 473 
Während Kaiser Wilhelm im eigentlichsten Sinne des von Bismarck 
geprägten Wortes auf der Basis der Phäaken in Korfu schöne Tage ver- 
lebt hatte, waren meine Aufmerksamkeit und meine Bemühungen ganz 
überwiegend auf die große Forderung des Tages, die Reichsfinanzreform, 
gerichtet gewesen. Die Stimmung im Lande wurde der Reform in der von 
mir vorgeschlagenen Form, d. h. mit der Erbschaftssteuer, immer günstiger. 
Ich bemühte mich, und nicht ohne Erfolg, diese Stimmung durch Rück- 
sprachen mit einflußreichen Männern des Erwerbslebens aus allen Kreisen 
und Parteien zu beleben und zu vertiefen. Ich empfing in dieser Zeit bis 
zebn und zwölf Personen an einem Tage zu Einzelunterredungen. Auf wei- 
tere Kreise suchte ich durch Schreiben und Telegramme zu wirken, die in 
der Presse veröffentlicht wurden. Auf ein Telegramm des Abgeordneten 
Bassermann, in dem er mir im Namen der Nationalliberalen Partei volles 
Vertrauen und unbedingte Unterstützung zusagte, erwiderte ich: „Stärker 
als die Sorge um die sich türmenden Schwierigkeiten ist in mir der feste 
Glaube an des deutschen Volkes Zukunft. In dieser Zuversicht werde ich 
unverzagt an dem begonnenen Reformwerk weiterarbeiten und freue mich, 
dabei Ihrer Unterstützung sicher zu sein.“ Ähnliche Kundgebungen 
ergingen in allen Richtungen und nach allen Teilen des Reichs. 
Am 20. April hatte ich im Kongreßsaal des Reichskanzlerpalais Depu- 
tationen aus Bayern, Sachsen, Baden, Württemberg und Thüringen emp- 
fangen. Unter ihnen befanden sich hervorragende Männer des Wirtschafte- 
lebens, Wortführer und Vertrauensmänner weiter Schichten des deutschen 
Volks. In einer längeren Rede, die ich an die um mich versammelten Herren 
hielt, betonte ich, daß ich in ihnen nicht Sprecher bestimmter Parteien 
sähe, sondern Männer, denen das Wohl des Vaterlandes am Herzen liege 
und die deshalb die Reichsfinanzreform nicht als eine Parteifrage betrach- 
teten. Ich warnte vor dem Doktrinarismus und seinem Schlagwort „Wider 
alle Monopole!““ Das sei eine Phrase, die ihre Bedeutung verliere im Zeit- 
alter der Kartelle und Trusts. Ich mahnte die Landwirtschaft, nicht zu ver- 
gessen, daß ich gerade ihre Interessen mit der größten Gewissenhaftigkeit 
gefördert hätte. Ich ermahnte die Konservativen, die Stimmen aus dem 
Mittelstand nicht zu überhören. Meine Ausführungen wurden von diesen 
ernsten Männern mit Zustimmung aufgenommen und nach jedem Satz 
durch Beifall unterbrochen. Insbesondere fand mein Standpunkt in der 
Frage der Erbanfallsteuer volle Zustimmung. Mit Wehmut erinnere ich 
mich heute an einen Passus in meinen damaligen Ausführungen. Ich wandte 
mich in meiner Ansprache gegen den Vorwurf des Sozialismus, der mir von 
Konservativen gemacht worden war, weil ich einem aus allgemeinen Wahlen 
hervorgegangenen Parlament wie dem Reichstag die Erbschaftssteuer in 
die Hand geben wolle. In diesem Zusammenhang sagte ich: „Solange die 
Bülow 
empfängt 
Deputationen
        <pb n="553" />
        474 MIT DER ERBSCHAFTSSTEUER STEHEN UND FALLEN 
Sozialdemokratie nicht Bundesrat und Reichstag beherrscht, so lange 
besteht nicht die Gefahr konfiskatorischer Ausbeutung dieser Steuer. 
Sollten aber einmal die Sozialdemokraten die Geschäfte in die Hand 
nehmen, so würden die Erbschaften daran glauben müssen, ob die Sozial- 
demokratie die Deszendentenbesteuerung vorfände oder nicht. Mit dem 
Vorwurf des Sozialismus soll man uns also nicht kommen. Vor dem brau- 
chen wir uns ebenso wenig zu fürchten, wie es Fürst Bismarck tat.‘ So 
sprach ich nach dem Ausfall der Wahlen von 1907. Und heute darf ich 
wohl sagen, daß, wenn Unverstand und Verblendung der bürgerlichen 
Fraktionen die Früchte jenes Wahlsieges nicht verscherzt hätten, die Dinge 
eine andere Entwicklung genommen haben würden, als wir sie in den auf 
meinen Rücktritt folgenden Jahren erleben mußten. Meine persönliche 
Stellung zu der Frage der Erbschaftssteuer hatte ich in die Worte zusam- 
mengefaßt: „Was in den verschiedensten Ländern der Welt, was in den 
Hansestädten, in Elsaß-Lothringen, in den deutschen Kantonen der 
Schweiz, in Österreich-Ungarn, in England und in Frankreich in jahrzehnte- 
langer Übung zu keiner Erschütterung des Familiensinns geführt hat, das 
wird auch in Deutschland, wenn sich die Wogen gelegt haben, als eine 
erträgliche Steuer angesehen werden, und spätere Generationen werden 
die Erregung unserer Tage in dieser Hinsicht kaum noch begreifen können.“ 
Eine so klare und bestimmte Erklärung ließ natürlich keinen Zweifel dar- 
über, daß ich persönlich mit der Erbschaftssteuer stünde und fiele. Nach dem 
Empfang der am 20. April im Kongreßsaal bei mir erschienenen Herren 
hatte ich mich noch lange mit jedem einzeln unterhalten und immer wieder 
die zweifellos ehrliche und aufrichtige Versicherung gehört, daß die über- 
wiegende Mehrheit des Landes mit meiner Haltung einverstanden sei. 
Anders standen die Dinge im Reichstag. In der zweiten Hälfte des 
Heydebrand April 1909 batte ich Herrn von Heydebrand mit dem Führer der sächsischen 
rechnet auf Konservativen und Präsidenten der Zweiten Sächsischen Kammer, Meh- 
Bülows Sturz nert, zu Tische geladen. Di der Konservativen Partei 
gehörten zu meinen treusten Anhängern und standen unentwegt auf meiner 
Seite, auch in der Frage der Erbschaftssteuer. Sie wußten warum. Bei den 
Wahlen von 1907 hatten die bürgerlichen Parteien in Sachsen nicht 
weniger als dreizehn Wahlsitze auf Kosten der Sozialisten erobert. Während 
Mehnert mit Heydebrand die Treppe zu mir hinaufstieg, setzte er ihm mit 
großer Eindringlichkeit auseinander, wie bedauerlich mein Rücktritt für 
den weiteren Gang nicht nur unserer auswärtigen, sondern auch unserer 
inneren Politik sein würde und daß die Konservative Partei eine große Ver- 
antwortung übernehme, wenn sie helfe, einen solchen herbeizuführen. 
Heydebrand erwiderte: „An und für sich haben Sie ganz recht, Sie ver- 
gessen aber, daß, auch wenn wir dem Reichskanzler die Erbschaftssteuer 
snhetanh AN:+ 1:
        <pb n="554" />
        IMMEDIATVORTRAG BEI S.M. 475 
konzedieren, wir ihn damit doch nicht retten. Der Kaiser ist fest ent- 
schlossen, sich von Bülow zu trennen. Wir essen bei einem toten Mann, 
einem solchen dürfen wir weder die Erbschaftssteuer noch die Reform des 
preußischen Wahlrechts in sein Grab nachwerfen.‘“ So erzählte Mehnert 
nach meinem Rücktritt meinem alten Freunde, dem Präsidenten der Ersten 
Sächsischen Kammer, dem Grafen Friedrich Vitzthum. Heydebrand war 
über die Stimmung Seiner Majestät mir gegenüber sehr genau orientiert. 
Er war ein Schulfreund des Grafen Anton Monts, und obwohl sie inner- 
politisch sehr verschiedenen Anschauungen huldigten, Heydebrand stand 
sehr weit rechts, Monts dagegen damals ganz links, waren sie persönlich 
gute Freunde geblieben. Monts hatte, nachdem ilım in Venedig durch Kaiser 
Wilhelm II. meine Nachfolge in Aussicht gestellt worden war, sofort an 
Heydebrand geschrieben, er könne mit der unumstößlichen Tatsache rech- 
nen, daß der Kaiser entschlossen sei, sich von mir zu trennen. Er hatte 
ihm nicht verraten, daß er selbst sich mit Hoffnungen auf meine Nachfolge 
trug, denn er wußte, daß Heydebrand hiervon nicht sehr entzückt sein 
würde. Aber er hatte ihm keinen Zweifel darüber gelassen, daß meine 
Stellung beim Kaiser endgültig erschüttert sei. 
Zu viele Symptome deuteten für mich darauf hin, daß der Sitz aller 
Schwierigkeiten, denen ich begegnete, an der Allerhöchsten Stelle war, 
als daß ich nicht das Bedürfnis empfunden hätte, mein Verhältnis zum 
Kaiser noch einmal und endgültig zu klären. Ich erbat einen Immediat- 
vortrag, der mir am 18. Mai in Wiesbaden gewährt wurde. Ich fand den 
Kaiser in frohster Stimmung. Er begrüßte mich mit der Versicherung, 
daß sein diesmaliger Empfang in Wien „wirklich und wahrhaftig‘ alles 
übertroffen hätte, was er bei solchem Anlaß an Begeisterung und Liebe je 
erlebt habe. Er war auch sehr stolz auf seine politischen Erfolge in Korfu. 
Er habe die Griechen für immer auf unsere Seite gebracht, und das bedeute 
ein starkes Aktivum in unserer gesamten politischen Bilanz. Als ich auf 
Grund meines eigenen, fast zweijährigen Aufenthalts in Griechenland der 
Meinung Ausdruck gab, daß die modernen Griechen bei ihren zerfahrenen 
inneren Verhältnissen, ibrer militärischen Schwäche und ihrer Unzuver- 
lässigkeit mehr an die Graeculi der Römerzeit erinnerten als an die Helden 
von Marathon und den Thermopylen und daß wir sie deshalb nicht als einen 
ernsten und gewichtigen Faktor in unsere politische Rechnung einstellen 
dürften, schlug die anfänglich gute Laune Seiner Majestät rasch um. Sie 
wurde nicht besser, als ich das ihm ohnehin langweilige und unsympathische 
Thema der Reichsfinanzreform anschnitt. Ich ließ aber keinen Zweifel 
darüber, daß ich ihm gerade über den Stand dieser Frage eingehend Vortrag 
halten müsse. Unbekümmert darum, daß der Kaiser mehrfach Zeichen von 
Ungeduld gab und ein- oder zweimal nur mühsam ein Gähnen unterdrückte, 
Immediat- 
vortrag 
Bülows 
in Wiesbaden
        <pb n="555" />
        Sängerfest 
in Frankfurt 
a.M. 
476 DER KAISER FÜNFZIGJÄHRIG 
verbreitete ich mich während einer guten Stunde über die Haltung der 
Parteien, über die Lage im Reichstag und über meine eigene Stellung gegen- 
über dieser Situation, vielleicht zu eingehend, aber möglichst klar und ohne 
Umschweife. Als ich davon sprach, daß sich die politische Situation durch 
die Kurzsichtigkeit und unstaatsmännische Haltung der Konservativen 
bedenklich zugespitzt hätte, meinte der Kaiser, mich rasch unterbrechend, 
daß er einer Auflösung des Reichstags nicht zustimmen könne. Ich er- 
widerte, ich hätte die Auflösung ja gar nicht in Vorschlag gebracht, da 
auch ich eine solche im Interesse des Landes und der Krone nicht für rat- 
sam halte. Eine andere Frage sei, ob ich eine politische Entwicklung würde 
mitmachen können und wollen, die mit der Sprengung des Blocks begonnen 
habe und durch die Verwerfung der Erbschaftssteuer gekrönt werden 
solle. Ich beobachtete, während ich dies entwickelte, das Mienenspiel 
Seiner Majestät. Ich kannte den hohen Herrn zu genau, um nicht zu merken, 
daß zwei Gefühle in ihm stritten. Erwünschte meinen Rücktritt, er wollte 
mich loswerden. Aber er wollte den Augenblick meines Ausscheidens, die 
Form und die Modalität meines Fortgehens selbst bestimmen. 
Vier Tage später begegneten wir uns wieder auf dem Sängerfest in 
Frankfurt a. M. Ich habe selten einen enthusiastischeren Empfang erlebt 
als den, der Wilhelm II. bei diesem Wettstreit deutscher Männergesang- 
vereine in der alten Wahl- und Krönungsstadt deutscher Kaiser bereitet 
wurde, in der schönen Mainstadt, wo ich meine Kindheit verlebt hatte. 
Der Jubel war unbeschreiblich. Als der herrliche Kaisermarsch von Richard 
Wagner ertönte, drückte mir die Kaiserin die Hand. Sie hatte Tränen im 
Auge, als sie mir sagte: „Es ist alles so gut gekommen, wie Sie es mir im 
Neuen Palais voraussagten, ich danke Ihnen von Herzen.“ Sie sagte das 
mit leiser Stimme und mit einem ängstlichen Blick auf den Kaiser, der in 
einiger Entfernung mit lauter Stimme seiner Umgebung auseinandersetzte, 
er habe recht behalten mit seiner Überzeugung, daß das deutsche Volk ihm 
stets durch dick und dünn folgen würde. Das Selbstgefühl Seiner Majestät 
hob sich immer mehr. Er hatte schon bald nach seinem letzten Geburtstag 
in dieser Richtung ein bezeichnendes Marginal zu den Akten gegeben. 
Ich hatte den Bundesfürsten vertraulich nahelegen lassen, zum fünfzigsten 
Geburtstag des Kaisers, zum 27. Januar 1909, nach Berlin zu kommen. 
Das Erscheinen aller deutschen Souveräne trug nicht wenig dazu bei, 
den Glanz dieser Geburtstagsfeier zu erhöhen. In Vertretung seines Vaters, 
des durch sein hohes Alter am Erscheinen verhinderten Prinzregenten 
Luitpold, verlas Prinz Ludwig von Bayern eine sehr schöne Ansprache, 
in welcher der Gedanke der Reichseinheit zu erhebendem Ausdruck ge- 
langte. Während des Cercles, der nach der Galatafel in der Bildergalerie 
stattfand, gaben fast alle Bundesfürsten ihren patriotischen Empfindungen
        <pb n="556" />
        IM KREIS DER KRONENTRÄGER 477 
und Gesinnungen mir gegenüber lebhaften Ausdruck. Die meisten von ihnen 
sprachen mir gleichzeitig die Hoffnung aus, daß ich zum Wohle des Reichs 
noch viele Jahre in meinem Amt bleiben würde, mit besonderer Wärme der 
Prinz Ludwig von Bayern, der Großherzog von Baden und der König von 
Württemberg. König Wilhelm von Württemberg, ein ebenso patriotischer 
wie verständiger Herr, dem Kaiser schon als alter Gardehusar treu ergeben, 
aber ebenso treu dem Reich, sagte mir: „Wir hoffen alle, daß Sie bleiben, und 
das Volk wünscht und hofft es auch. In meinem Lande gibt es sogar viele 
Zentrumswäbler, die, wie mir katholische Herren in Württemberg versichert 
haben, schon im Hinblick auf die auswärtige Politik Ihr Bleiben wünschen.“ 
Der Kaiser bewegte sich mit hohem und markiertem Selbstgefühl im Kreise 
der Kronenträger. Mein Freund Knesebeck sagte mir, leise auf den Enkel 
des bescheidenen Kaisers Wilhelm I. deutend: „Sieht er nicht aus wie ein 
Pfau, der sein Rad schlägt?“ Und mit melancholischem Lächeln fügte der 
kluge und treue Freund hinzu: „Und noch mehr erinnert er leider an den 
jungen Lord von Edenhall in Uhlands Gedicht. Absit omen!“ Als einige 
Tage später in einigen Berichten der preußischen Gesandten bei den deut- 
schen Höfen die diskrete Einwirkung gestreift wurde, die zu dem Erscheinen 
aller deutschen Fürsten im Berliner Schloß beigetragen batte, schrieb der 
Kaiser an den Rand, daß solche Beeinflussung unnötig gewesen wäre, denn 
die Bundesfürsten wüßten selbst, was des Kaisers Majestät gegenüber ihre 
verfluchte Pflicht und Schuldigkeit sei. 
Inzwischen hatte die von Herrn von Heydebrand gegen den Wider- 
spruch vieler Konservativer (Schwerin-Löwitz, Kanitz-Podangen, Kap- 
hengst, Hohenlohe-Oehringen, Pauli usw.) hartnäckig verfolgte Annäherung 
an das Zentrum und die Polen unter Abwendung von den Liberalen weitere 
Fortschritte gemacht. Es wurde immer unwahrscheinlicher, daß die 
Reichsfinanzreform mit der von mir gewünschten Besitzsteuer im Reichstag 
durchgehen würde. Graf Udo Stolberg, seit dem durch die Wahlen von 
1907 herbeigeführten Umschwung Präsident des Reichstags, seit achtund- 
dreißig Jahren Mitglied des Reichstags, einer der klügsten und bewährtesten 
Vorkämpfer der konservativen Richtung und Partei hatte schon am 22. Mai 
1909 an Herrn von Loebell geschrieben: „Meine einzige Hoffnung, daß es 
nicht schiefgeht, beruht auf der Person des Reichskanzlers. Ich bin in 
einer ähnlichen Lage wie Ballestrem, der einen Febler, den seine Freunde 
begingen, sah, aber nicht ändern konnte. Ich nehme an, daß Sie diesen 
Brief nicht veröffentlichen oder daß Sie es erst tun, wenn ich tot bin, in 
welchem Fall es mir gleichgültig ist.‘“ Gleichzeitig wurde mehr als je beim 
Kaiser gegen mich intrigiert. Es hatte sich zu diesem Zweck eine Gruppe 
zusammengefunden, die sich der „Bund der Kaisertreuen“ nannte. Eine 
Hauptrolle in dieser Koterie spielte Fürst Max Fürstenberg, der, wie ich 
Eine Koterie 
bildet sich
        <pb n="557" />
        478 DER BUND DER KAISERTREUEN 
schon anläßlich des Sturzes des armen Philipp Eulenburg erwähnte, 
letzteren als Favorit des Kaisers abgelöst hatte. Er war durch den Tod 
seines Vetters Karl Egon in den Besitz der großen schwäbischen Standes- 
herrschaft Donaueschingen getreten, aber innerlich schwarzgelber Öster- 
reicher geblieben. Seine Erzichung war eine österreichische gewesen, seine 
Mutter, eine Khevenhüller, seine Frau, eine Schönborn-Buchheim, waren 
Vollblut-Österreicherinnen. Er war mir oft dadurch unbequem geworden, 
daß er den Kaiser nicht nur als Schwarzgelber gegen Italien, sondern auch 
gegen Rußland aufstachelte. Dagegen trat er, wo er konnte, für die Polen 
ein. Der Oberhofmarschall Reischach, mit einer Ratibor verheiratet, deren 
Mutter eine Fürstenberg gewesen war, fühlte sich beglückt, mit einem 
Fürsten Fürstenberg als „Vetter“ renommieren zu können, und hielt, wo 
er konnte, dem Günstling des Kaisers den Steigbügel. Daß Max Fürstenberg 
in Geldverlegenheiten geraten war, störte den Kaiser nicht. Neben Fürsten- 
berg spielte der Zeremonienmeister Eugen Röder mit seiner Schwester, 
der Gräfin Paula Alvensleben, im Bunde der Kaisertreuen eine Rolle. Er 
hatte schon gegen Bismarck, Vater und Sohn, intrigiert und intrigierte 
jetzt gegen mich, obwohl er mir jahrelang in platter Weise die Cour gemacht 
hatte. Wenn ich zu einem Hofball fuhr, so pflegte er mich und meine Frau, 
den federgeschmückten Hut in der Hand, am herrlichen Eosanderschen 
Portal des Schlosses zu erwarten, um die Ehre zu haben, meine Frau vom Tor 
bis in den Weißen Saal zu führen. Wenn ich ihn ermahnte, sich nicht einem 
Schnupfen auszusetzen, legte er die Hand aufs Herz und meinte mit he- 
roischer Miene: „Lieber eine Lungenentzündung, als meine Pflicht gegen- 
über der Frau Fürstin versäumen.‘ Durch den in England gescheiterten 
früheren Botschaftsrat Eckardstein waren die „Kaisertreuen““ mit dem 
Pamphletisten Rudolf Martin in Verbindung getreten. Martin war ein 
sächsischer Beamter gewesen, der bei seinen Vorgesetzten durch outriertes 
Strebertum mißliebig geworden war. Es gelang der sächsischen Regierung, 
ihn aus Sachsen fortzuloben und ihn dem Reichsamt des Innern anzuhängen. 
Dort geriet er in Konflikt mit dem Grafen Posadowsky, der ihn in seiner 
mit Unzuverlässigkeit verbundenen Unbrauchbarkeit bald erkannte und in 
einem unbedeutenden Dezernat kaltstellte. Um sich zu rächen, veröffent- 
lichte Martin eine Broschüre gegen Posadowsky. Er hatte die Frechheit, 
sie mir zu übersenden. Er hatte gehört, daß zwischen Posadowsky und mir 
Mei hiedenheiten bestünden, und hoffte, sich bei mir durch seinen 
hinterrückschen Angriff gegen seinen Chef lieb Kind zu machen. Natürlich 
ließ ich eine Disziplinaruntersuchung gegen ihn einleiten, die zu seiner Ent- 
fernung aus dem Reichsdienst führte. In wessen Solde Burschen wie Rudolf 
Martin und Eckardstein standen, möchte ich nicht weiter erörtern. Der 
damalige Direktor im Scherl-Verlag und spätere Mitarbeiter des Kaisers
        <pb n="558" />
        DER BÖSE KANZLER DES MEROWINGERS 479 
bei den „Gestalten und Erscheinungen“, Eugen Zimmermann, der während 
der letzten Monate meiner Kanzlerzeit. eifrig und schneidig meine Sache 
in der Presse führte, sagte und schrieb mir, hinter Piraten wie Rudolf 
Martin und Eckardstein stünden schlesische Magnaten, die mir meine nach 
ihrer Auffassung zu arbeiterfreundliche Sozialpolitik übelnähmen. Ich habe 
solchen Mitteilungen keinen Wert beigelegt und mich auch in meinen per- 
sönlichen Beziehungen namentlich zu dem Fürsten Guido Henckel- 
Donnersmark und anderen schlesischen Herren dadurch nicht irremachen 
lassen. 
Sicher ist, daß derselbe Graf Oppersdorff, der zehn Jahre später in 
Deutschlands schwerster Stunde sein Vaterland verraten und zu den Polen 
überlaufen sollte, einer der eifrigsten Teilnehmer des Bundes der Kaiser- 
treuen war. Er hatte sich mit dem Elsässer Wetterl&amp; angefreundet, der be- 
kanntlich sofort nach Ausbruch des Weltkrieges bei Nacht und Nebel von 
Kolmar über die Grenze nach Frankreich floh, dort während des ganzen 
Krieges gegen uns hetzte und sich noch jetzt in Paris als französischer 
Patriot und Todfeind der ‚‚Boches‘ geriert. Der Abb&amp; Wetterle brachte im 
Auftrag von Oppersdorff durch den Chefredakteur des „Figaro“, Calmette, 
Artikel in dieses Blatt, die bestimmt waren, dem Kaiser vorgelegt zu 
werden. Sie waren nicht ungeschickt auf die kindliche Phantasie Seiner 
Majestät berechnet. Ich erinnere mich eines Artikels, in dem als warnendes 
und abschreckendes Exempel dem Kaiser das Schicksal eines Merowinger- 
königs vorgeführt wurde, den sein böser Kanzler Gonthram-Bose mit arger 
List erst umstrickte und betörte, dann durch eine fein eingefädelte Ver- 
schwörung lahmlegte und schließlich scheren ließ und in ein Kloster steckte. 
Näheres über diesen traurigen Vorfall ist in den „Recits des temps mero- 
vingiens“ von Augustin Thierry nachzulesen. Es heißt da über den bösen 
Gontbram: „Gonthram Bose presentait dans son caract£re une singularit£ 
remarquable. Germain d’origine, il surpassait en habilet€ pratique, en talent 
de ressources, en instinct de rouerie, si ce mot peut &amp;tre employe&amp; ici, les 
hommes plus delies parmi la race gallo-romaine. Ce n’etait pas la mauvaise 
foi tudesque, ce mensonge brutal accompagne&amp; d’un gros rire: c’&amp;tait quelque 
chose de plus raffin€ et de plus pervers en m&amp;me temps, un esprit d’intrigue 
universel et en quelque sorte nomade, car il allait e8’exergant d’un bout 
a l’autre de la Gaule. Personne ne savait mieux que cet Austrasien pousser 
les autres dans un pas dangereux et s’en tirer a propos. On disait de lui 
que jamais il n’avait fait de serment &amp; un ami, sans le trahir aussitöt, 
et c’est de la probablement que lui venait son surnom germanique. Bose, 
en Allemand moderne boese, signifie malin, mächant.‘ Die Parallele 
zwischen dem arglistigen Gonthram-Bose und dem Fürsten Bülow, dem 
bösen Kanzler des Deutschen Kaisers, lag auf der Hand. Einige der 
Graf 
Oppersdorff
        <pb n="559" />
        Zehn Gebote 
für den Kaiser 
480 „SCHMERZLICHES BEDAUERN“ 
„Kaisertreuen“ hat später das Schicksal ereilt oder wenigstens entlarvt. 
Von Calmette zu schweigen, den kurz vor Beginn des Weltkriegs Frau 
Caillaux erschoß, wurde Eckardstein während des Weltkriegs unter Ver- 
dacht des Landesverrats von der Militärbehörde hinter Schloß und Riegel 
gebracht. Rudolf Martin schwenkte, als die Novemberrevolution ausbrach, 
von den Kaisertreuen zu den Sozialisten über. Graf Hans Oppersdorff auf 
Oberglogau in Schlesien verfiel als „Oppersdorffski‘‘ der allgemeinen Ver- 
achtung. 
Ich habe schon erwähnt, wie beglückt Wilhelm II. war, daß ihn sein 
Kollege Nicky aus eigenem Antrieb zu einer freundschaftlichen Begegnung 
in den russischen Gewässern aufforderte. Im Hinblick auf die kritische 
innere Lage dispensierte mich der Kaiser proprio motu von der Teilnahme 
an der Entrevue durch das nachstehende Schreiben, das der Chef des 
Zivilkabinetts schon am 2. Juni 1909 an mich richtete. „Eurer Durchlaucht 
beehre ich mich auf Allerhöchsten Befehl ganz ergebenst zu melden, daß 
Seine Majestät der Kaiser und König Allerhöchstsich sehr gefreut hätten, 
wenn bei der bevorstehenden Zusammenkunft mit Seiner Majestät dem 
Kaiser von Rußland Eure Durchlaucht Allerhöchstihnen zur Seite gestanden 
hätten. Seine Majestät haben aber erfahren, daß der Reichstag am 15. d.M. 
wieder zusammentritt, und glauben bei der besonderen Wichtigkeit der 
bevorstehenden Beratungen über die Reichsfinanzreform die Anwesenheit 
Eurer Durchlaucht im Reichstage für unentbehrlich halten zu müssen. 
Unter diesen Umständen wollen Seine Majestät zu Allerhöchstihrem 
schmerzlichen Bedauern auf Eurer Durchlaucht Begleitung nach Danzig 
verzichten und ersuchen Eure Durchlaucht, Sich durch den Herrn Staats- 
sekretär des Auswärtigen Amts vertreten zu lassen. Unter dem Ausdruck 
meiner ausgezeichneten Verehrung Eurer Durchlaucht sehr ergebener 
von Valentini.‘“ Der Brief des Kabinettschefs war mit Maschinenschrift 
geschrieben. Das Wörtchen „schmerzlich“ hatte Herr von Valentini nach- 
träglich noch mit der Feder eingetragen. 
Ich gab Herrn von Schön, der Seine Majestät begleiten sollte, als Direk- 
tive eine kurze Aufzeichnung mit, die ich „Zehn Gebote‘ überschrieb. 
Dieser Dekalog, von dem ich Seiner Majestät eine Abschrift übersandte, 
lautete wie folgt: 
1. Die Russen, insbesondere Iswolski, freundlich behandeln. Wir müssen 
mit Iswolski über Politik sprechen, da er zu diesem Zweck von seinem Sou- 
verän mitgebracht wird. Natürlich ist gerade ihm gegenüber Vorsicht ge- 
boten. Ihn reden lassen. 
2. Den Russen nichts sagen, was, nach Wien (sei es direkt, sei es 
indirekt, etwa via London oder Paris) gemeldet, dort Mißtrauen erregen 
könnte.
        <pb n="560" />
        Kaiser Wilhelm II. als Großer Kurfürst 
Eigenhändiger Vermerk Bülows auf der Rückseite: 
Avant la lettre, vor den November-Ereignissen
        <pb n="561" />
        GH jı G aZrı WW &amp;lt;.; 
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77
        <pb n="562" />
        DIE BEFOLGTEN ZEHN GEBOTE 481 
3. Dardanellen-Frage nicht anschneiden. Falls Russen davon anfangen, 
ihnen freundlich erwidern: das sei eine europäische Frage, aber an unserem 
Widerstand würden die russischen Wünsche gewiß nicht scheitern, 
sofern die weitere Gestaltung der deutsch-russischen Beziehungen uns eine 
für Rußland entgegenkommende Haltung gestatte. 
4. Kreta-Frage nicht anschneiden. Falls die Russen sie anregen, sagen: 
wir seien nicht Schutzmacht und gänzlich uninteressiert. 
5. Bei etwaigen Klagen der Russen über Österreich seufzen oder lächeln 
wir, je nach ihrer Intensität, zucken die Achseln, stimmen aber nicht ein. 
6. Wir betonen immer wieder die traditionellen freundschaftlichen 
deutsch-russischen Beziehungen, die Basis der monarchischen Ord- 
nung in der Welt und des Friedens. Das Dreikaiserbündnis bleibt 
unser Ideal, aber Russen damit kommen lassen. Wir können uns jetzt auf 
keine Separatverständigung mit Rußland einlassen, nur gemeinsam mit 
Österreich. 
7. Wenn die Russen die Zustände in der Türkei als unsicher und un- 
berechenbar hinstellen, ihnen nicht widersprechen; aber selbst die türki- 
schen Vorgänge mit heiterer Ruhe behandeln. Wir sind dort nicht in erster 
Linie engagiert. 
8. Kein Wort gegen England sagen! Es würde sofort dorthin weiterge- 
geben werden und überdies die Russen nur in ihrer gegenwärtigen Hin- 
neigung zu England bestärken. 
9. Wir denken nicht daran, in Persien oder sonst im Orient den Russen 
entgegenzutreten. Die persischen Vorgänge interessieren uns gar nicht. 
Nescio quid nobis magis farcimentum sit. 
10. Nicht ratsam, zu sehr auf die Vorgänge vom vorigen Winter zurück- 
zukommen. Wenn die Russen davon anfangen, ihnen sagen: wir waren 
loyal gegenüber Österreich, ehrlich-freundschaftlich für Rußland; wir 
haben stets den Frieden gewollt. Auf Björkö nicht zurückkommen.“ 
Die Begegnung, die am 17. Juni in den finnischen Schären bei Frederiks- 
haven stattfand, war die letzte, die während meiner Amtszeit zwischen dem 
Kaiser und dem Zaren erfolgte. Sie verlie[ gut. Der Kaiser befolgte meine 
„Zehn Gebote“. Er hielt auf meinen ausdrücklichen Wunsch auch keine 
Rede aus dem Stegreif, sondern verlas einen von mir sorgsam erwogenen 
und schriftlich aufgesetzten Toast. Kaiser Nikolaus hatte bei früheren 
Entrevuen darunter gelitten, daß der Kaiser bei solchem Anlaß seine her- 
vorragenden rednerischen Gaben zu entfalten liebte, während der Zar, der 
kein Demosthenes war, mülısam und gequält von einem großen weißen 
Blatt seinen Toast ablas. Diesmal verlasen beide Monarchen ihre An- 
sprachen, was den Zaren sehr angenehm berührte. In dem politischen 
Gespräch, das sich nach dem Diner entspann, gab der Zar dem Kaiser sein 
31 Bülow I 
Die 
Begegnung 
in den 
finnischen 
Schären
        <pb n="563" />
        482 ISWOLSKI GEGEN AEHRENTHAL 
„ernstes und heiliges Wort‘, er würde weder gegenüber Frankreich noch 
gegenüber England auf eine Zumutung eingehen, die eine Spitze gegen 
Deutschland habe oder einer gegen Deutschland gerichteten Absicht ent- 
springe. Er sei Kaiser Wilhelm in aufrichtiger und vertrauensvoller Freund- 
schaft verbunden und werde dieser für ihn, seine Krone und sein Reich 
überaus wertvollen Freundschaft unter allen Umständen treu bleiben. Er 
bitte Kaiser Wilhelm, dieser seiner Versicherung unbedingten Glauben zu 
schenken. 
Iswolski war in seinen Gesprächen mit dem Kaiser Wilhelm begleiten- 
den Staatssekretär des Äußern, Baron Schön, wieder auf die „Unzuver- 
lässigkeit‘“‘ und die „Indiskretion“‘ des Barons Aehrenthal zurückgekommen, 
den er wegen seiner Drohung, streng vertrauliche russische Schriftstücke 
zu veröffentlichen, der Chantage beschuldigte. Aehrenthal habe es dadurch 
persönlich für immer mit dem russischen Hofe verschüttet, der berechtigt 
gewesen wäre, von dem langjährigen und mit russischen Gnadenbeweisen 
und Auszeichnungen überschütteten österreichisch-ungarischen Botschafter 
in St. Petersburg eine andere Handlungsweise zu erwarten. Gegenwärtig 
seien die Beziehungen zwischen Rußland und Österreich-Ungarn dadurch 
auf den Gefrierpunkt äußerlich halbwegs korrekter Formen gesunken. 
Die russische Politik bleibe nichtsdestoweniger friedlich. Allerdings hoffe 
und erwarte das St. Petersburger Kabinett, daß die deutsche Regierung 
die österreichische Regierung eintretendenfalls von einem neuen aggressiven 
Vorgehen auf der Balkanhalbinsel abhalten würde, da Rußland als slawische 
und orthodoxe Macht ein solches nach seinen Traditionen nicht rubig hin- 
nehmen könnte. Herr von Schön erwiderte auf Grund der ihm von mir 
erteilten Weisungen, daß die Österreicher die Idee des Vormarsches auf 
Saloniki aufgegeben hätten. In der Annexions-Frage habe es sich lediglich 
um die formelle Erledigung einer im Prinzip längst entschiedenen Frage 
gehandelt, zu deren praktischer Lösung äußere Umstände gedrängt hätten. 
Weder bei dem österreichischen Vorgehen im Sandschak noch in der 
Annexions-Frage hätten wir schiebend hinter Österreich-Ungarn gestanden. 
Der russische Minister des Äußern ließ mir durch Schön die bestimmte 
Versicherung übermitteln, daß sich das russisch-englische Einvernehmen 
ausschließlich auf die bekannten zentralasiatischen Fragen erstrecke und 
ein weiterer Ausbau desselben von ihm nicht beabsichtigt und niemals, 
auch nicht in Reval, in Frage gekommen wäre. Er wolle weder die deutschen 
wirtschaftlichen Interessen in Persien beeinträchtigen, zumal er deren maß- 
volle Verfolgung von unserer Seite gern anerkenne, noch insbesondere 
seinem Einvernehmen mit England eine Spitze gegen Deutschland geben. 
Die Triple-Entente sei eine Erfindung der Presse. Kaiser Nikolaus und er 
dächten nicht daran, sich durch eine feste Gruppenbildung die Hände für
        <pb n="564" />
        DER ERSTE PRÄPARIERTE TOAST 483 
immer zu binden. Der Ministerprärident Stolypin sprach sich sowohl dem 
Kaiser wie Baron Schön gegenüber sehr erfreut über die Monarchen- 
begegnung und ihren guten Verlauf aus. Er erblicke in der Aufrechterhal- 
tuug friedlicher und freundschaftlicher Beziehungen zwischen den beiden 
nordischen Nachbarmächten für Rußland eine Lebensfrage, und zwar nicht 
nur in außen-, sondern auch in innerpolitischer Richtung. 
Im Augenblick, wo er die russischen Gewässer verließ, erhielt Kaiser 
Wilhelm das nachstehende Telegramm des Zaren: „Glad to hear you 
arrived safely. Alix and I were most happy to have received you. We 
thank you hearty for the great pleasure you gave us by your visit and 
for your kindness to all our children who kiss their uncle. Your loving 
and devoted friend Nicky.“ Gleichzeitig übergab mir der russische 
Botschafter in Berlin einen vertraulichen Brief des Ministers Iswolski, in 
dem letzterer der hohen Befriedigung des Kaisers Nikolaus über den Ver- 
lauf der Begegnung Ausdruck gab. Es hieß in diesem Brief: „Pour la 
premiere fois nous avons vu l’Empereur Guillaume lisant en langue 
frangaise un toast pr&amp;par&amp; d’avance et presque calqu&amp; sur celui de notre 
Auguste Maitre dont on nous avait demand le texte.“
        <pb n="565" />
        Bülows letzte 
Reichstags- 
rede 
XXX KAPITEL 
Die Steuerfragen im Reichstag (16. VI. 1909) - Bülows letzte Rede im Reichstag - Das 
Ostmarken-Problem - Die Enteignungsvorlage -« Wilhelm II. zu diesem Gesetz - Bülows 
frühere Reden (1907, 1908) zur Ostmarkenpolitik « Kundgebungen zur Annahme der 
Enteignungs-Vorlage « Widerspruchsvolle Haltung Wilbelms Il. Bülow gegenüber 
Unterirdische Iutrigen gegen Bülow - Erzberger, Röder, Martin - Wer wird Kanzler? 
Brief des Fürsten Wedel an Bülow 
m Tage bevor die Entrevue in den finnischen Schären stattfand, am 
16. Juni, begann im Reichstag die zweite Lesung der Steuervorlage*. Beim 
Beginn der Sitzung ergriff ich sogleich das Wort, um mich mit den großen 
bürgerlichen Parteien auseinanderzusetzen. Gegenüber dem Zentrum kon- 
statierte ich, daß es mir nicht eingefallen wäre, seine Mitwirkung bei der 
Reichsfinanzreform abzulehnen. Auf meine ausdrückliche Weisung wäre 
das Zentrum wie alle anderen bürgerlichen Parteien von vornherein über 
die Absichten der verbündeten Regierungen unterrichtet worden. Ich hätte 
überhaupt nie eine Partei an positiver Arbeit verhindert, ich würde sach- 
liche Unterstützung auch von den Sozialdemokraten annehmen. Ich hielt 
dem Zentrum die Verdächtigungen vor, die von Angehörigen seiner Partei 
gegen mich erhoben worden wären. In meiner politischen Haltung hätte 
mich das nicht irregemacht. Gegen Verleumdungen wäre ich abgebrüht. 
Ich verstünde allmählich, was Fürst Bismarck gemeint hätte, als er einmal 
einem ausgezeichneten Mann, der wenig Neigung zeigte, ein Minister- 
portefeuille zu übernehmen, in der ihm eigenen drastischen Ausdrucksweise 
sagte: „Eigentlich begreife ich, daß Sie nicht Lust haben, in die Drecklinie 
einzurücken.“ Ich hätte mich auch nicht dadurch beirren lassen, daß Mit- 
glieder des Zentrums ihre gesellschaftlichen Beziehungen zu mir abge- 
brochen hätten. „Vielleicht trägt mein langer Aufenthalt im Ausland dazu 
bei, daß ich nicht gewohnt bin, daß man sich gegenseitig gesellschaftlich 
ausschließt, weil man politisch aneinandergeraten ist oder politisch oder 
wirtschaftlich anders denkt. Ich hoffe, daß sich in dieser Beziehung der 
Takt bei uns bessern wird, daß man auch bei uns dahin kommen wird, wo 
andere Völker schon lange sind. Namentlich in England denkt man nicht 
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 214; Kleine Ausgabe II, 194.
        <pb n="566" />
        PREUSSEN UND DAS REICH 485 
so kleinlich, die politischen Gegensätze auf das persönliche Gebiet zu über- 
tragen. Ich hofle. wir werden auch dahin kommen, daß man den, der in 
politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Fragen anders denkt als man 
selbst, deshalb nicht gleich für einen Narren oder für einen Schurken hält. 
Das wird dann ein schöner Fortschritt sein auf dem Wege der Befreiung 
von geistiger Gebundenheit, auf dem von Goethe empfohlenen Wege der 
Abstreifung von Philisternetzen. Aber vorläufig sind wir noch nicht so 
weit.“ 
Im weiteren Verlauf meiner Ausführungen ließ ich keinen Zweifel über 
meinen festen Eutschluß, die Geschäfte so zu führen, daß die Liberalen 
nicht von der Mitwirkung ausgeschlossen würden, denn eine solche Mit- 
arbeit erscheine mir im Interesse einer ruhigen und gesunden Fortentwick- 
lung in hohem Grade wünschenswert. Den liberalen Geist auszuschalten 
aus unserem Öffentlichen Leben und unserer Gesetzgebung, würde ich für 
ein historisches Unrecht halten und für einen politischen Fehler. „Was in 
dem alten Einheitsstaat Preußen möglich und gut war, ist nicht immer 
möglich und gut in dem Bundesstaat Deutsches Reich. Man wird in Süd- 
deutschland und in Mitteldeutschland lernen müssen, den Wert des kon- 
servativen Preußen noch höher, viel höher zu schätzen. Man wird aber auch 
in dem konservativen Preußen nicht vergessen dürfen, daß die stämme- 
verbindende Kraft des Liberalismus mit seinem Anrecht auf national- 
deutsche Gesinnung für das Deutsche Reich unentbehrlich ist.“ Dann 
rechnete ich mit der Rechten ab. Ich erinnerte sie daran, daß ich, kaum 
Minister geworden, die damalige Spannung zwischen der Konservativen 
Partei und der Krone beseitigt, daß ich in jahrelanger Arbeit, mit großer 
Mühe, mit großer Geduld die gänzlich verfahrene Kanalfrage eingerenkt 
hätte, daß ich seit dem ersten Tage, buchstäblich seit der ersten Stunde 
meiner amtlichen Tätigkeit für die Wünsche, die Bedürfnisse, die Interessen 
der Landwirtschaft eingetreten wäre. Unter lebhafter Zustimmung und 
großer Heiterkeit der Linken rief ich den Konservativen zu: „Sie werden 
lange warten können, bis Sie wieder einen Kanzler bekommen, der kon- 
servative Interessen, die wahrhaft konservativen Interessen und die wirk- 
lichen und dauernden Bedürfnisse der Landwirtschaft so konsequent und 
namentlich so erfolgreich fördert wie ich. Ja! Ich habe sie gefördert, aber 
im Rahmen des Staatsinteresses. Von der Linie, die mir die Staatsräson 
vorschreibt, lasse ich mich auch durch die Konservative Partei nicht ab- 
drängen.“ Die Konservativen irrten sich, fuhr ich fort, wenn sie glaubten, 
daß Konsequenz auch politische Fehler rechtfertige. „Der Sieg in der 
Gegenwart ist häufig der Pfad zur Niederlage in der Zukunft!“ Ich scheute 
mich nicht, trotz lärmendem Widerspruch der Linken zu sagen, daß unter 
Führung der Monarchie die Junker, jawohl, die mit Unrecht viel geschmähten
        <pb n="567" />
        486 WARNUNG AN DIE KONSERVATIVEN 
Junker, die preußische Macht aufgerichtet hätten und mit der preußischen 
Macht das Deutsche Reich. Ich wisse wohl, was die Elemente, die das Rück- 
grat der Konservativen Partei bildeten, während Jahrhunderten für 
Preußen geleistet hätten. Wenn sich aber die Konservative Partei berech- 
tigten Forderungen verschließe, wenn sie unhaltbare Positionen nicht recht- 
zeitig räume, grabe sie sich durch ihre eigene Schuld ihr eigenes Grab. 
Ich richtete an die Konservative Partei jene warnenden Worte, die die 
Weiterentwicklung der Dinge nur zu sehr bestätigt hat: „Durch Ihr ‚Un- 
annchmbar‘ werden Sie die Erbschaftssteuer vielleicht in diesem Augen- 
blick zu Fall bringen. Aber Sie werden dadurch für die Zukunft neuen 
Erbschaftssteuern die Wege bahnen, die ohne Sie und gegen Sie kommen 
und die den Gesichtspunkten und Wünschen der Konservativen Partei 
weniger Rechnung tragen werden als die Ihnen heute vorgeschlagene Be- 
steuerung. Die Haltung der Konservativen Partei in dieser großen nationalen 
Frage wird einen tiefen Eindruck machen auf das deutsche Volk. Es können 
dadurch Widerstände und Gegensätze gegen die Konservative Partei 
hervorgerufen und gesammelt werden, es kann dadurch einem Radikalis- 
mus der Weg geebnet werden, den zu begünstigen weder Sie noch ich vor 
der Nachwelt verantworten können. Ich habe heute morgen in einem Zei- 
tungsartikel gelesen, daß mein Gedanke einer Annäherung zwischen Kon- 
servat'ven und Liberalen nur ein Einfall zu taktischen Zwecken, zu Er- 
langung einer vorübergehenden parlamentarischen Konstellation gewesen 
wäre. Das trifft nicht zu. Durch die konservativ-liberale Parteikombination 
habe ich nicht nur die Liberalen zu politischer Mitarbeit und zur Aner- 
kennung staatlicher Notwendigkeiten, sondern auch die Konservativen 
zu gesunder Fortentwicklung führen wollen. Ich habe dadurch Gegensätzen 
und Kämpfen vorbeugen wollen, die das politische Leben des zukünftigen 
Deutschland schwer erschüttern können. Daß das ein staatsmännischer 
Gedanke war, wird die Zukunft zeigen, und das wird auch die Geschichte 
anerkennen, gleichviel, ob der Träger dieses Gedankens früher oder später 
von seinem Platz abtreten wird.‘‘ Ich betonte noch einmal scharf und klar, 
daß und warum ich an der Erbschaftssteuer festhielte. Ich Ichnte es ab, 
im Bundesrat Steuern zu vertreten, die Handel und Verkehr schädigten, 
die Industrie belasteten, unsere gesamtwirtschaftliche Stellung verschiech- 
terten. „Ich betrachte es als eine Pflicht ausgleichender Gerechtigkeit, als 
eine sozialpolitische Notwendigkeit, daß die der Gesamtheit aufzulegenden 
neuen Steuern zu einem erheblichen Teil von den Besitzenden getragen 
werden. Es geht nicht an, fünfhundert Millionen neue Steuern nur auf 
Verbrauchsabgaben oder andere indirekte Steuern zu legen, welche die 
Mittelklassen und die Wenigerbemittelten verhältnismäßig härter treffen 
als die Begüterten. Weil sie den Anforderungen sozialer Gerechtigkeit
        <pb n="568" />
        ANSAGE DES RÜCKTRITTS 497 
entspricht, deshalb, nicht aus Eigensinn oder Rechthaberei, halte ich an der 
Erbschaftssteuer fest. Ich hoffe, daß im Reichstag Gemeinsinn, nationales 
und soziales Empfinden den Sieg davontragen werden über Kleinlichkeit 
und Parteigezänk.“ Ich schloß mit den Worten: „Wenn ich mich überzeugen 
sollte, daß meine Person der Sache entgegensteht, daß ein anderer leichter 
zum Ziel gelangt, oder wenn sich die Verhältnisse in einer Richtung ent- 
wickeln sollten, die ich nicht mitmachen kann, nicht mitmachen will und 
nicht mitmachen werde, so wird ea mir auch möglich sein, den Träger 
der Krone von der Opportunität meines Rücktritts zu überzeugen, und 
dann wird mein Wunsch, daß meinem Nachfolger Erfolg beschieden sein 
möge, ebenso ehrlich sein, wie es meine Arbeit im Dienste des Landes war.“ 
Es war das letzte Mal, daß ich im Deutschen Reichstag das Wort er- 
griffen habe. Während des ersten Teils meiner Rede wurde ich vom Zentrum 
und von den Sozialdemokraten mehrfach unterbrochen, dann aber schwei- 
gend angehört. Die beiden mir feindlichen Parteien zischten auch nicht, 
als ich schloß, während die Liberalen und die Mehrheit der Konservativen 
in stürmischen Beifall ausbrachen. Von den Berliner Abendblättern meinte 
das demokratische „Berliner Tageblatt“, es würde zum mindesten nicht 
überraschen, wenn sich Fürst Bülow auch diesmal, trotzdem er mit seinem 
Rücktritt spiele, als Herr der Situation erweisen sollte. Die konservative 
„Kreuz-Zeitung“ versicherte: „Die hohen Verdienste dieses Reichskanzlers 
auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik und der auswärtigen Politik sichern 
ihm für alle Zeit die Dankbarkeit der Nation und auch der Konservativen 
Partei. Wir hoffen und vertrauen auch heute noch, daß sein großes und 
staatsmännisches Geschick ihn Mittel und Wege finden läßt, um die gründ- 
liche Reform der Reichsfinanzen in einer befriedigenden Weise zu lösen.“ 
Das leitende klerikale Blatt, die „Germania“, bezeichnete meine Rede als 
„einen neuen Aflront‘“ gegen das Zentrum. Die freikonservative „Post“ 
schrieb: „Darüber konnte niemand im Zweifel sein, daß der Tag der Ab- 
rechnung gekommen war, als Fürst Bülow sich erhob, um sofort mit einem 
mächtigen Ausfall ‚aufs Ganze‘ vorzugehen. Klar und bestimmt übernahm 
er seine Führerrolle. Jedem einzelnen sagte er offen und ohne mit der 
Wimper zu zucken, wohin er sich verlaufen hätte und wo sein Platz sein 
muß, jeder Fraktion zeigte er ihre Irrtümer und taktischen Fehler und 
seine eigene Stellung.“ 
Mit Befriedigung konnte ich in diesen Monaten, die meinem Rücktritt 
vorangingen, auf den Stand der Ostmarkenfrage blicken. Ich hatte, nach- 
dem die Zügel der preußischen Regierung in meine Hand gelegt worden 
waren, mehr als einmal erklärt, daß ich die Östmarkenfrage als die wichtigste 
Frage unserer inneren Politik betrachte. Der Schwerpunkt lag in der konse- 
quenten und entschlossenen Förderung des Ansiedlungswerks. Aber je 
Die 
Ostmarken- 
rage
        <pb n="569" />
        488 W-P.-, P-P.- UND A-A.-JAGOW 
bessere Fortschritte das Ansiedlungswerk machte, um so intensiver und 
leidenschaftlicher wurden die Anstrengungen der Polen, den Übergang 
polnischen Besitzes in deutsche Hand zu verhindern. Vor allem suchten sie 
zu verhindern, daß das Deutschtum zusammenhängenden Besitz auf 
Kosten des Polentums erwarb. Das aber war gerade notwendig, um den 
einmal für die deutsche Kolonisation erworbenen Grund und Boden gegen 
polnische Einbrüche und Übergriffe zu sichern. Schon seit längerer Zeit 
war zwischen mir und den beiden Oberpräsidenten von Posen und West- 
preußen eingehend und gründlich die Frage besprochen worden, wie der 
polnische Widerstand am besten zu überwinden wäre. Herr von Waldow 
und Herr von Jagow gehörten beide zu den tüchtigsten Beamten im ulten 
preußischen Staat, und das wollte etwas bedeuten. Von Waldow sagte mir 
Bill Bismarck, der seinerzeit als Oberpräsident von Ostpreußen Herrn von 
Waldow als Regierungspräsidenten neben sich gehabt hatte, dieser wäre aus 
dem Holz, aus dem Fürst Bismarck brauchbare Verwaltungsbeamte zu 
schnitzen liebte. Seine Gegner nannten Waldow wegen seiner kühlen und 
etwas steifen Art „das gefrorene Handtuch“, aber er war ein Mann. Jagow 
war nicht weniger brauchbar. Damals waren im Staatsdienst drei Sprossen 
dieser alten und trefllichen märkischen Familie: der W.-P.-Jagow, Ober- 
präsident von Westpreußen, der P.-P.-Jagow, Polizeipräsident von Berlin, 
und der A.-A.-Jagow, der epätere Staatssekretär im Auswärtigen Amt. 
Die beiden Erstgenannten haben ihrer Familie und der Mark Brandenburg 
Ehre gemacht. Bei dem A.-A.-Jagow entsprach die kleinliche Seele dem 
kümmerlichen Körper, in dem sie hauste. Durchdrungen von der Not- 
wendigkeit, die deutsche Ansiedlung in den Ostmarken zu fördern, ent- 
schloß ich mich, eine Enteignungsvorlage vor den Landtag zu bringen. 
Ich mache kein Hehl daraus, daß ich mich während meiner langen Amtszeit 
zu keiner anderen gesetzgeberischen Maßnahme so ungern entschlossen 
habe wie zu dem Enteignungsgesetz. Der Gesetzentwurf fand Gegnerschaft 
auf allen Seiten, nicht nur bei den traditionellen Gegnern jeder kräftigen 
Ostmarkenpolitik, dem Zentrum und den Freisinnigen, bei denen in diesem 
Fulle das Fraktionsinteresse oder doktrinäre Betrachtungsweise und vor- 
gefaßte Meinungen die Salus publica überwogen, sondern auch bei staats- 
treuen, einsichtigen und im übrigen regierungsfreundlichen  Persönlich- 
keiten. Gewiß fielen Bedenken von dieser Seite für mich besonders ins 
Gewicht. Es gab aber keinen anderen Weg, uns die Möglichkeit zu ge- 
währen, solchen Grundbesitz, der von polnischer Seite nur zu dem Zweck 
erworben und festgehalten wurde, um der Staatspolitik Widerstand und 
Hindernisse zu bereiten, auch gegen den Willen des jeweiligen Besitzers für 
den Staat zu erwerben. Rückschauend muß ich sogar gestehen, daß ich 
heute meine damaligen Bedenken gegen die streng, fast ängstlich umgrenzte, 
oO
        <pb n="570" />
        über seine Stellun 
Letzte Rede Bülows im Reichstag am 16. Juni 1909 
u den Parteien
        <pb n="571" />
        <pb n="572" />
        „IMMER FESTE AUF DIE WESTEIM 489 
auf ganz bestimmte Fälle beschränkte Enteignungsvorlage ziemlich über- 
trieben finde. In einem Blatt, das seinerzeit meine Enteignuugspolitik 
heftig bekämpfte, im „Berliner Tageblatt“, las ich um die Weihnachtszeit 
1922: „Hinter der erschreckenden Ziffer der seit der Besitzergreifung 
deutschen Landes durch die Polen allein aus Posen und Westpreußen ver- 
triebenen siebenmalhunderttausend Deutschen steigt die ganze Mensch- 
heits- und Kulturtragödie herauf, die sich hinter den Grenzmauern des 
neuen Polen, innerhalb des deutschen Posen, Westpreußen und Ober- 
schlesien abspielt.‘ ‚Seht, wir Wilden sind doch beßre Menschen! läßt 
Seume seinen Kanadier sagen. 
Als ich dem Kaiser gemeinsam mit dem Landwirtschaftsminister Arnim- 
Krieven und dem Finanzminister Rheinbaben über die Enteignungsfrage 
Vortrag hielt, hub ich mit Ernst und rückhaltlos alle Bedenken hervor, die 
ich gegen diese gesetzgeberische Maßnahme gehegt und nur schwer und nur 
angesichts einer Dira necessitas in mir überwunden hätte. Wilbelm II. 
ging rasch und mit Ungeduld über meine Skrupel weg. „Nur immer feste 
auf die Weste!“ meinte er. „Ich wünsche seit langem ein solches Gesetz! 
Endlich!“ Als der Vortrag zu Ende war und wir die Marmortreppe hin- 
untergingen, die in breiten, eckigen Windungen die verschiedenen Stock- 
werke des Schlosses verbindet, frug mich der eifrige und redliche Rhein- 
baben erstaunt und beinahe unwillig: „Warum in aller Welt haben Eure 
Durchlaucht in den schäumenden köstlichen Wein der kaiserlichen Be- 
geisterung für unsere Vorlage den Wermut Ihrer Zweifel und Bedenken 
gegossen ?““ Ich entgeguete, daß ich es für meine Pflicht gehalten habe, 
wie bei jedem gewagten Vorgehen auch diesmal Seiner Majestät das Pro 
wie das Contra gewissenhaft vorzutragen. Ich fügte hinzu: „Freuen wir uns, 
wenn Seine Majestät bei der Stange bleibt. Den Kaiser für neue Ideen, 
ein neues Unternehmen zu begeistern, ist leicht. Aber zu erreichen, daß er 
durchhält, daß er, wenn Schwierigkeiten und Gefahren eintreten, nicht aus- 
biegt oder umfällt, das ist nicht eo leicht.“ Es dauerte auch nicht lange, 
daß Wilhelm II., namentlich unter dem Einfluß seines Günstlings, des 
Fürsten Max Fürstenberg, in der Enteignungsfrage ins Schwanken geriet, 
daß er diese Maßnahme tadelte, daß er sie rückgängig machen wollte, und 
nach meinem Rücktritt wurde die Enteignungsvorlage für Seine Majestät 
ein Lieblingsthema, um meine politische Beschränktheit und moralische 
Minderwertigkeit zu beweisen. Immerhin: Quod licet Jovi, non licet bovi. 
Jupiter hat Rechte und Freiheiten, die dem Bos nicht zustehen. 
Während der Chef der Reichskanzlei, Loebell, meine Bedenken und Zwei- 
fel gegenüber der Enteignung würdigte, in sich erwog und durcharbei- 
tete, überbot der Vortragende Rat in der Reichskanzlei, Wahnschaffe, 
wegen seiner glänzenden Fassade der „schöne“ Wahnschaffe genannt, in 
Die 
Enteignung 
polnischen 
Großgrund- 
besitzes
        <pb n="573" />
        Die Vorlage 
im Abgeord- 
netenhaus 
490 WAUNSCHAFFE 
seinem Kampfeseifer gegen die Polen die schärfsten Hakatisten. Ich mußte 
ihn mehr als einmal daran erinnern, daß ich eine Anwendung der Enteig- 
nung nur da zuließe, wo essich um Grundbesitz handelte, der erst in neuester 
Zeit aus deutschen in polnische Hände übergegangen war oder dessen 
polnische Eigentümer seit Jahr und Tag der eigenen Scholle fern im Aus- 
lande, in Paris oder Monte Carlo, weilten. Wahnschaffe wäre am liebsten 
ohne Wahl noch Unterschied gegen jeden polnischen Besitz vorgegangen. 
Derselbe Wahnschaffe hat als treuer Knecht von Bethmann Hollweg 
während des Weltkriegs mein Buch über „Deutsche Politik“ im Bereich 
des Oberkommandos Ost verbieten lassen, da das, nebenbei gesagt, sehr 
maßvolle Kapitel über Ostmarkenpolitik die Gefühle unserer „ritterlichen 
polnischen Freunde“ verletzen könnte. Es war derselbe Geheimrat Wahn- 
schaffe, der unter Prinz Max von Baden im November 1918 als Chef der 
Reichskanzlei nicht aus der Telefonzelle der Berliner Reichskanzlei wich 
und immer wieder Spa mit der Frage anklingelte, ob Seine Majestät der 
Kaiser und König nicht endlich abdanken wolle. Bei der besonderen Schwie- 
rigkeit der Enteignungsvorlage habe ich, wie ich hier zusammenfassend 
bemerken möchte, sie im Abgeordnetenhaus wie im Herrenhaus persönlich 
vertreten. 
Ich hatte schon am 26. November 1907 konstatiert*, daß während meiner 
Amtszeit ungefähr doppelt so viel deutsche Bauernfamilien im deutschen 
Osten angesiedelt worden waren wie in allen vorangegangenen Jahren seit 
1886, wo Fürst Bismarck die Ansiedlung in Angriff nahm. Es wäre also, 
führte ich aus, die Hoffnung berechtigt, daß durch unsere Ostmarkenpolitik 
in der Provinz Posen die seit 1867 beständige Verschiebung der Bevölke- 
rungsziffer zuungunsten des Deutschtums allmählich zum Stillstand ge- 
kommen wäre. Ich wies mit reichhaltigem Material darauf hin, daß im 
letzten Ende der Grundbesitz darüber entscheide, ob unsere Ostprovinzen 
deutsch oder polnisch sein würden. Ginge es so weiter, so würde voraus- 
sichtlich in zwanzig Jahren der deutsche Grundbesitz nur aus Fidei- 
kommissen und Domänen bestehen und gegenüber dem polnischen sich 
in verschwindender Minderheit befinden. Unter lärmendem Widerspruch 
der Polen erklärte ich klipp und klar: „Wir können unsern Landbedarf im 
freihändigen Ankauf nicht mehr decken, und daraus ergibt sich mit zwin- 
gender Notwendigkeit, daß ein eminentes Staatsinteresse die Einräumung 
der Enteignungsbefugnis an die Ansiedlungskommission erfordert.“ Der 
preußische Staat würde seine oberste Pflicht, die Pflicht der Selbsterhaltung, 
versäumen, wenn er die wirksamste Schutzmaßregel, die Ansiedlungs- 
politik, in dem Augenblick aufgeben wollte, wo sie anfınge, dauernde Erfolge 
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 45ff.; Reclam-Ausgabe IV, 257.
        <pb n="574" />
        STURM IM LANDTAG 491 
zu verheißen. Ich sprach den Parteien, die meine Politik bis dahin unter- 
stützt hatten, den Dank der Königlichen Staatsregierung aus für die Ein- 
mütigkeit, mit der sie unter Zurückstellung gewichtiger Bedenken sich 
bereit erklärt hätten, freie Bahn zu schaffen für die Fortsetzung unserer 
Ansiedlungspolitik, einer Politik, durch die allein unser Staatswesen 
bleiben könne, was es immer bleiben müsse, ein nationaler Staat. Der 
Sitzungsbericht vom 16. Januar 1908 verzeichnet hinter meiner bei der 
zweiten Beratung der Enteignungsvorlage im Hause der Abgeordneten 
gehaltenen Rede*: „Lebhaftes Bravo rechts und bei den Nationalliberalen, 
Zischen bei den Polen und im Zentrum. — Wiederholtes starkes Bravo 
rechts und bei den Nationalliberalen, erneutes heftiges Zischen bei den 
Polen und im Zentrum. Stürmisches Bravo rechts und bei den National- 
liberalen.“ Ich habe selbst im Reichstag kaum stürmischere Debatten er- 
lebt als die Redekämpfe im Preußischen Landtag anläßlich der Ent- 
eignungsvorlage. 
Noch schwieriger als im Abgeordnetenhaus war die Enteignungsvorlage 
im Herrenhaus durchzubringen. Hier opponierte ihr, in gewählter Form, 
würdig und maßvoll wie immer, aber mit großer Zähigkeit, mein verehrter 
Gönner und Freund, der Kardinal Kopp. Auch der frühere Landwirtschafts- 
minister Lucius, mein alter Freund Graf Mirbach-Sorquitten, Leo Buch 
und andere treffliche Männer machten mir scharfe Opposition. Ich hielt 
aber in stundenlangen Debatten während drei Tagen fest an meinem 
Leitsatz. Ohne die Möglichkeit der Enteignung keine zweckmäßige An- 
siedlungspolitik, ohne die Ansiedlungspolitik verlieren wir unsere östlichen 
Marken. Ich mußte fünf- oder sechsmal im Landtag das Wort ergreifen, 
im Herrenhaus mehrmals in derselben Sitzung. Gegenüber Rechtsbedenken, 
die gegen die Enteignungsvorlage geltend gemacht worden waren, sagte ich: 
„Die Kehrseite des lebendigen und warmen Rechtsgefühls, das unser Volk 
auszeichnet, dieser seiner vielleicht schönsten Eigenschaft, ist seine politisch 
oft gefährliche Neigung, sich in abstraktem Formalismus zu verirren, ist 
der uns Deutschen seit jeher eigene Trieb, auch große politische Fragen 
lediglich vom Standpunkte des Privatrechts zu beurteilen. Damit kommt 
man in großen politischen Existenzfragen nicht durch. Die erste, die oberste 
und vornehmste Pflicht des Staats ist, eich selbst zu behaupten. So machen 
eg alle anderen Völker, und wenn wir es nicht ebenso machen, so kommen 
wir unter die Räder.‘“ Gegenüber der Behauptung, daß unsere Ostmarken- 
politik in Österreich mißfiele und uns dort schaden würde, erklärte ich: 
„Es ist gut, alle Wetterzeichen am Horizont der auswärtigen Politik zu be- 
achten und namentlich jedes Wetterleuchten. Aber vor jedem Stirnrunzeln 
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, 90f.; Reclam-Ausgabe IV, 286. 
Im 
Hoerrenhaus
        <pb n="575" />
        Nach An- 
nahme des 
Kompromisses 
Adickes 
492 POLEN-KOMPROMISS 
des Auslandes zu erbeben, ist nicht die Art großer Völker. Es ist unsere 
Pflicht, durch eine gerechte und ruhige Politik Vertrauen und Achtung 
zu erwerben und mitzuarbeiten an der großen, gemeinsamen Aufgabe 
der Zivilisation. Aber allen Haß und jeden Neid zu entwaflnen, das ist 
weder dem einzelnen möglich noch einem ganzen Volk. Wir müssen uns 
mehr ruhiges Nationalgefühl angewöhnen, mehr trotzigen Selbsterhaltungs- 
trieb.‘“ Schließlich gelang es mir, in beiden Häusern des Landtags den 
Kompromißantrag Adickes durchzubringen, durch den die Beschränkung 
der Enteignung auf neun Kreise von Posen und Westpreußen beseitigt 
und der Regierung das Recht eingeräumt wurde, in allen Teilen der ge- 
nannten Provinzen bis zu einer Gesamtfläche von siebzigtausend Hektar 
zu enteignen. Im Gegensatz zu manchen seiner konservativen und agra- 
rischen Freunde trat Herr von Oldenburg mit Schwung und Schneid für 
die Enteignungsvorlage ein. Er war mit seinem Humor, in seiner Originali- 
tät und Urwüchsigkeit ein Junker von der besten Sorte. Er sprach mir aus 
der Seele, als er seine Rede mit den Worten schloß: 
Der Adler Preußens wendet sich zum Lichte, 
Schwer ist sein Flug, er trägt die Weltgeschichte. 
Nach Durchbringung der Vorlage erhielt ich von dem Vorstand des Ost- 
markenvereins ein Dankschreiben, in dem die unter meiner „hingebungs- 
vollen und zielbewußten Führung‘ erkämpfte Annahme des Enteignungs- 
gesetzes als ein dem Deutschtum in den Ostmarken erwiesener Dienst von 
weltgeschichtlicher Tragweite bezeichnet wurde. Die überwältigende Mehr- 
heit der ostdeutschen Bevölkerung atme, von einem schweren Alpdruck 
befreit, freudig und hoffnungsvoll auf. Der ehrwürdige, mehr als achtzig- 
jährige General Graf Wartensleben, im siegreichen Kriege gegen Frankreich 
der ruhmvolle Oberquartiermeister der Ersten Armee, schrieb mir: „Euer 
Durchlaucht beglückwünsche ich von ganzem Herzen zu dem schweren, 
aber entscheidenden Siege in der Ostmarkensache. Ich hatte mich schon vor 
längerer Zeit für den 26. zum Wort gemeldet. Leider bin ich aber zum 
erstenmal mit meinen einundachtzig Jahren zur unrechten Zeit erkrankt 
und mußte auf entschiedenes Verbot des Arztes die Reise nach Berlin 
aufgeben. Ich trage schwer daran, daß ich dieses Mal meiner Pflicht nicht 
genügen konnte. Die Hauptsache aber ist das gestrige, anscheinend über 
Erwarten günstige Ergebnis. In altbekannter Verehrung Eurer Durch- 
laucht aufrichtig ergebenster Graf Wartensleben, General der Kavallerie.“ 
Mein Personalreferent Fürst Lichnowsky erzählte mir bald nach der An- 
nahme der Enteignungsvorlage vertraulich, daß seine an den Polen 
Lanskoronski verheiratete jüngste Schwester ihm geschrieben habe, sie 
höre von allen ihren galizischen Verwandten, Nachbarn und Freunden die
        <pb n="576" />
        BÜLOWS GEGNER 493 
Ansicht, daß, wenn nun das Enteignungsgesetz ohne unnötige Härten, 
aber mit ruhiger Festigkeit und Stetigkeit zehn Jahre durchgeführt würde, 
das Deutschtum im preußischen Osten gesiegt habe. So standen im Osten 
die Dinge, als Heydebrand und sein Schildknappe Westarp mit Hilfe der 
Polen meinen Rücktritt herbeiführten und damit einer Entwicklung die 
Wege ebneten, die zu der Wiederherstellung von Polen und damit zum 
Verlust der deutschen Ostmark führte. 
Je näher in der Frage der Erbschaftssteuer die Entscheidung rückte, 
um so höher stieg die Erregung im Lande, das ohne Frage und gerade in 
seinen besten, in den national gesinnten Kreisen mein Bleiben wünschte. 
Um so eifriger aber wurden auch die Bemühungen meiner Gegner und 
namentlich meiner böfischen Gegner, meinen Rücktritt herbeizuführen. 
Die Haltung Seiner Majestät wurde immer widerspruchsvoller. Ich hatte 
Weisung gegeben, dem Kaiser alle ernsten Zeitungsartikel über die inner- 
politische Lage und insbesondere über mich selbst vorzulegen, nicht nur die 
freundlichen, sondern auch, und zwar vorzugsweise, die unfreundlichen. 
Ad marginem der für mich günstigen Artikel schrieb Seine Majestät; 
„Bravo! Bravissimo! Ganz vorzüglich! So sollten alle denken!“ Tadel und 
Angriffe gegen mich wurden mit Randvermerken versehen, wie „Lüge! 
Verleumdung! Elender Preßpirat!“ Ich entsinne mich des Artikels eines 
Wiener Blatts, in dem ausgeführt wurde, der Kaiser wäre zu edel und zu 
patriotisch, als daß er mir meine Haltung während der Novemberkrisis von 
1908 nachtragen könnte. Der Kaiser schrieb ad marginem: „Ist mir aus 
der Seele geschrieben!“ Ich entsinne mich auch eines anderen Artikels, 
in dem es hieß, daß der Kaiser innerlich meinen Fortgang nicht ungerr. 
sehen würde, denn er grolle mir wegen der Vorhaltungen, die ich ihm im 
November 1908 gemacht hätte. Der Kaiser schrieb an den Rand: „Schurke! 
Erbärmlicher Verleumder!“ Leider hörte ich aber auf der anderen Seite von 
Vorgängen, die nicht ganz mit diesen Allerhöchsten Marginalien überein- 
stimmten. Graf August Eulenburg teilte mir vertraulich mit, daß der Kaiser 
zu längerer Unterredung denselben Eckardstein empfangen hätte, den er 
nach seinem skandalösen Ehescheidungsprozeß und allerlei anderen üblen 
Streichen und öffentlicher Brandmarkung aus dem Beamtenstand hatte 
ausstoßen wollen. Ich hörte auch, daß der Kaiser einen meiner gehässigsten 
Gegner, den Grafen Hans Oppersdorff, mit seiner Frau zu einem kleinen 
Diner befohlen und sich lange mit ihm unterhalten habe. Um diese Ein- 
ladung vor der Kaiserin, die lebhaft mein Bleiben wünschte, zu motivieren, 
war ihr gesagt worden, daß die Gräfin Oppersdorff nicht weniger als zwölf 
Kindern das Leben gegeben hätte und das in vierzehn Jahren. Unter den 
zwölf Sprossen waren nämlich zwei Zwillingspärchen. Die Gräfin Dodo 
Oppersdorff, eine geborene Prinzessin Radziwill, war übrigens eine schöne 
Wilhelm II. 
und Biloro
        <pb n="577" />
        494 EIN BINTERTREPPENROMAN 
und gute Frau, sehr verschieden von ibrem üblen Gatten. Die Kaiserin 
Auguste Viktoria, die das war, was die Heilige Schrift eine fröhliche Kinder- 
mutter nennt, interessierte es sehr, eine Frau zu schen, die so Großes für 
die Volksvermehrung geleistet hatte. Am ärgsten trieb es der Zeremonien- 
meister Eugen Röder. Er hatte heimliche Zusammenkünfte mit meinem 
heftigsten Gegner im Zentrum, dem später viel genannten Matthias Erz- 
berger, dem er auseinandersetzte, daß der Kaiser mir innerlich feindlich 
gesinnt sei und sehr erfreut sein würde, wenn es dem Zentrum gelänge, 
mich zu stürzen. Der Abgeordnete von Biberach, damals noch nicht vier- 
unddreißig Jahre alt, wurde dadurch zu einer sehr heftigen Rede veranlaßt, 
in der er mich unter Anspielung auf ein bekanntes Gedicht von Ludwig 
Uhland mit dem schlechten Knecht verglich, der seinen edlen Herm 
erstach, weil er selbst gern Ritter sein wollte. Das ließ sich als Witz allen- 
falls hören, wenn es auch nicht geistreich war, wie die schon erwähnten 
Artikel des Pariser „‚Figaro“‘, in denen ich mit Gonthram-le-Bose verglichen 
worden war. Ganz plump war ein Pamphlet, das Rudolf Martin gegen mich 
vom Stapel ließ. Hier wurde im Stil und mit den Mitteln eines Hinter- 
treppenromans meine Verworlenheit enthüllt. Ich hätte den Kaiser dazu 
verleitet, in England die Äußerungen zu tun und die Gespräche zu führen, 
die ich dann absichtlich durch den Artikel des „Daily Telegraph‘ zur all- 
gemeinen Kenntnis gebracht habe. Mein Plan sei gewesen, den auf diese 
Weise kompromittierten Kaiser durch den von mir ad hoc gebildeten Block 
absetzen zu lassen. Zweck und Ziel des Ganzen: die Proklamierung der 
Republik unter meiner Präsidentschaft. Ich erinnere mich nicht mehr an 
den Titel dieses Machwerks und auch nicht genau an seinen Inhalt. Solche 
Schmähschriften haben mir übrigens nie den mindesten Eindruck gemacht, 
die Martinsche so wenig wie das dreizehn Jahre später erschienene. noch 
dümmere Pamphlet des Professors Dr. Johannes Haller in Tübingen. Gegen- 
über derartigen Angriffen tröstete ich mich mit dem Verschen von Goethe, 
daß, wo sogar der große Walfisch seine Laus habe, der kleinere Mensch sich 
über Insektenstiche nicht aufzuregen brauche. Immerhin war es kein gutes 
Symptom, daß der Kaiser das Martinsche Pamphlet mehrfach als ein ganz 
gutes Buch empfohlen hatte, das ein neues Licht auf die Novemberkrisis 
von 1908 werfe. 
Wie stimmte das zu der freundlichen Haltung Seiner Majestät mir 
gegenüber? Wie stimmte es namentlich zu den Allerhöchsten Marginalien ? 
Ich glaube nicht, daß von seiten des Kaisers bewußte Falschheit, absicht- 
liche Doppelzüngigkeit vorlag. Er war kein Louis XI von Frankreich und 
noch weniger, trotz der törichten Schrift, die bald nach seinem Regierungs- 
antritt unter dem Titel „„Caligula“ der freisinnige Professor Quidde über 
ihn veröffentlicht hatte, ein vom Cäsarenwahnsinn erfaßter römischer
        <pb n="578" />
        OHNE KAISERLICHEN SCHILD 495 
Kaiser. Er war, wie sich eine englische Freundin von mir ausdrückte, die 
Wilhelm II. seit seiner Jugend kannte: „Not false but fickle“. Je nach 
seiner momentanen Stimmung wechselten seine Ansichten und Urteile. 
Die Stimmung hing wieder zum großen Teil von den Menschen ab, die er 
gerade gesehen hatte. Albert Ballin pflegte zu sagen: „Wenn ich zum Kaiser 
gehen muß, pflege ich immer zu fragen, wer zuletzt mit ihm gesprochen hat. 
Dann weiß ich auch, was er denkt.‘ Ich möchte übrigens ausdrücklich 
betonen, daß unter den „Kaisertreuen‘“, die gegen mich intrigierten, 
Unterschiede, zum Teil tiefgehende Differenzen in Art und Wesen bestan- 
den. Einige waren nur Werkzeuge, die von den Höherstehenden benutzt, 
aber gleichzeitig verachtet wurden. Als einige Jahre nach meinem Rücktritt 
der Kaiser die Schweiz besuchte, nahm er Eugen von Röder zur Belohnung 
für seine Kaisertreue mit auf die Reise. Der Vater Röder war deutscher 
Gesandter, und ein ganz tüchtiger Gesandter, in der Schweiz gewesen. 
Deutscher Gesandter in Bern war während dieses Kaiserbesuchs mein 
Bruder Alfred. Als der Kaiser mit seinem Gefolge bei einem kleinen 
Spaziergang auf einem Schweizer Bauernhofe weilte, wo sich in ländlicher 
Unschuld auch eine Mistgrube breitmachte, bemerkte mein Bruder, wie sich 
Röder in allzu großer Nähe dieser übel duftenden Grube befand, und gab 
der Besorgnis Ausdruck, daß er in diese Grube fallen und so zu Schaden 
kommen könnte. „Lassen Sie nur gut sein‘, meinte der neben meinem 
Bruder stehende Max Fürstenberg, „in die Jauche gehört das Ferkel.“ 
Zu meinem Geburtstag hatte ich ein ungewöhnlich herzliches Telegramm 
des Kaisers erhalten. Ich habe schon einmal gesagt, daß ich nach meinem 
Rücktritt freiwillig und unaufgefordert dem Kaiser alle von ihm an mich 
gerichteten Briefe und Telegramme zurückgereicht und nur von wenigen 
Abschrift behalten habe. Ich erinnere mich aber mit Bestimmtheit, daß der 
Kaiser in diesem letzten Geburtstagstelegramm, das er während meiner 
Amtszeit an mich richtete, dem Wunsch und der Hoffnung Ausdruck gab, 
ich möge ihm noch lange als Kanzler zur Seite stehen. Es folgte in dem 
kaiserlichen Telegramm ein sehr kräftiger Satz, daß er sich weder durch 
gegen mich gerichtete Angriffe noch durch Presseumtriebe oder parlamen- 
tarische Beschlüsse an mir irremachen lassen würde. Loebell bat um die 
Erlaubnis, diesen Beweis Allerhöchster Gnade und Allerhöchsten Ver- 
trauens zu veröffentlichen. Ich habe das abgelehnt. Nachdem ich im No- 
vember 1908 den Kaiser im Interesse des Landes wie der Krone vor allzu 
häufigem Erscheinen auf der politischen Bühne gewarnt hatte, erschien es 
mir nicht würdig, jetzt den kaiserlichen Schild vor mich zu halten. Ich 
pflegte, solange ich Reichskanzler war, zu meinem Geburtstage viele 
Glückwünsche zu erhalten. Donec eris felix, multos numerabis amicos. 
Zum 3. Mai 1909 war die Zahl der Gratulanten besonders groß. Der General- 
Bülows 
00. Geburtstag
        <pb n="579" />
        496 BÜLOWS SECHZIGSTER GEBURTSTAG 
adjutant von Plessen schrieb mir: „Klassischer Zeuge der unermüdlichen 
Mühen und Sorgen, welche täglich aufs neue Ihren Schultern zugemutet 
werden, zittere ich vor dem Gedanken, daß Sie eines Tages diese Bürde 
abschütteln könnten. Wollte Gott, daß Ihr kommendes Lebensjahr dem 
Kaiser und dem Vaterlande geweiht sei! Ich weiß sonst nicht, was werden 
soll. Die Fürstin hat Sie so lange in der schweren Arbeit gestützt und 
gepflegt, möchte ihre selbstlose Hingabe der guten Sache auch ferner bei- 
stehen! Das sagen Sie ihr, bitte, mit meinen besten Empfehlungen.“ Der 
Staatssekretär von Bethmann Hollweg, dem ich anläßlich der Annahme 
des Vereins- und des Börsengesetzes meine Befriedigung ausgesprochen 
hatte, telegraphierte mir mit gleichzeitigem Glückwunsch zu meinem Ge- 
burtstag: „Die Mitarbeit an der durch Eure Durchlaucht neu orientierten 
inneren Politik, welche zahllose, früher verbitterte Kräfte zu neuem Leben 
erweckt und welche schließlich auch eine neue Brücke über den Main 
schlagen wird, ist mir der größte Lohn.‘ Natürlich fehlte auch der auf- 
dringliche Professor Schiemann nicht, den ich wieder einmal wegen eines 
taktlosen Artikels hatte koramieren müssen. Er schrieb nach submissem 
Glückwunsch zu meinem sechzigsten Geburtstag: „Ich bin mir bewußt, 
mit größter Vorsicht vorzugehen, und weiß nicht, worin ich fehlgegriffen 
babe. Aber das Bewußtsein, nicht zu nützen, sondern schädlich zu wirken, 
wäre mir unerträglich! Aus dieser Empfindung heraus bin ich in stets glei- 
cher Verehrung Eurer Durchlaucht ehrfurchtsvollst ergebener Theodor 
Schiemann.“ Mein Pressechef Hammann wollte seinen Glückwunsch nicht 
nur mündlich, sondern auch schriftlich darbringen und schrieb trotz der 
Fährden und Nöte seines Meineidsprozesses: „Eure Durchlaucht mögen 
überzeugt sein, daß ich mich heute wie immer unter denen befinde, die dem 
Menschen wie dem Staatsmann von ganzem Herzen Glück und Segen und 
neue Erfolge für des Reiches Wohl im reichsten Maße wünschen. Ein Jahr 
voll großer Arbeit liegt hinter Ihnen. Sie haben das Schwerste standhaft und 
treu im gottbegnadeten Vollbesitz Ihrer körperlichen, geistigen und see- 
lischen Kräfte und Gaben überwunden. Möge Eure Durchlaucht im neuen 
Jahr der alte bleiben, im Menschlichen wie im Politischen, im Mühen wie 
im Erfolg. In dankbarer Verehrung Euer Durchlaucht gehorsamer Ham- 
mann.“ 
Der langjährige Korrespondent der „Frankfurter Zeitung‘, August 
Stein, der politisch nicht immer mit mir einverstanden war, mir mensch- 
lich aber wohlwollte, hatte nicht lange vor meinem Geburtstag sein füuf- 
undzwanzigjähriges Jubiläum als Mitarbeiter des großen Frankfurter 
Blattes gefeiert. Aufeinen Glückwunsch, den ich ihm bei dieser Gelegeubeit 
ausgesprochen hatte und in dem ich dem scherzhaften Erwarten Ausdruck 
gab, er werde auf die silberne Hochzeit mit der Frankfurterin auch noch
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        ENSE N m 
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R Ka 39, 
Kaiser Wilhelm II. nach einem Gemälde von P. A. Lazlö 
Bülow vermerkt auf der Rückseite: Apres la lettre, nach den November- 
Ereignissen. Geschenk Seiner Majestät an mich zu meinem Geburtstag, 1909
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        WER WIRD NACHFOLGER? 497 
die goldene folgen lassen, antwortete mir August Stein: „Eure Durchlaucht 
bitte ich, meinen besten Dank entgegenzunehmen für die freundlichen 
Worte und Wünsche, mit denen Sie mich aus Anlaß meiner silbernen Hoch- 
zeit mit der Frankfurterin geehrt haben. Doch Eurer Durchlaucht mögen 
mir verzeihen: noch fünfundzwanzig Jahre in diesem Dienst und noch einen 
Reichskanzler, der mir wohlgesinnt ist und dem ich durch persönliche Ver- 
ehrung in allen Wechseln der Politik ergeben bin — — nein, Durchlaucht, 
das wären ‚Vota diis exaudita malignis‘. Der Publizist wandelt in Deutsch- 
land nicht ungestraft unter der Gunst und in der Verehrung für den lei- 
tenden Staatsmann. Ich habe gar keine Sehnsucht nach irgendeinem Nach- 
folger. Die sozialdemokratische Leipziger Volkszeitung hat mich in diesen 
Tagen ‚neben Mohrchen den treusten Stubenhund des Reichskanzlers‘ 
genannt. Das nehme ich lachend hin, aber der Gedanke ängstigt mich, daß 
ein späterer Kanzler irgendein anderes Haustier halten könnte, mit dem 
dann sozialdemokratische Liebenswürdigkeit mich vergliche. Dem Nächsten 
würde ich unbedingt opponieren. Und da ich das nicht gern täte, lassen 
Eure Durchlaucht sich vielleicht bewegen, noch einige Jahre an der Spitze 
zu bleiben, und lassen sich gefallen die aufrichtige Verehrung Ihres ganz 
ergebenen A. Stein.‘ Gustav Schmoller, neben und mit Ulrich von Wilamo- 
witz seit Mommsens Tod der größte lebende deutsche Gelehrte, schrieb 
meiner Frau: „Ich kann diese Zeilen nicht abgehen lassen, ohne Ihnen von 
ganzer Seele zu gratulieren zu den letzten Reden des Reichskanzlers. Er 
hat sich mit denselben selbst übertroffen. Ganz Europa bewundert ihn als 
den Friedensstifter, und mit Recht. Und ich hoffe, seine große Staatskunst 
wird ihm auch in der inneren Politik, in der Reichsfinanzreform weitere 
große Erfolge sichern. Je schwieriger die innere Lage bei uns in Deutsch- 
land ist, je mehr das Parteigetriebe die Leitung der Reichspolitik erschwert 
und großen Reformen Hindernisse bereitet, desto unentbehrlicher ist Fürst 
Bülow für uns. Seine Geschicklichkeit in der Behandlung der Menschen und 
Parteien ist ebenso groß wie seine Beredsamkeit, welche glücklichen Humor 
mit der Höhe der Gesichtspunkte und der zwingenden Kraft durchschlagen- 
der Argumente verbindet.“ 
Es war begreiflich, daß seit der Novemberkrisis von 1908, und insbe- 
sondere seitdem abfällige Äußerungen Seiner Majestät über mich kol- 
portiert wurden, die Frage meiner Nachfolgerschaft diskutiert wurde. 
Während mancher Ehrgeizige sich in dieser Richtung bemühte, erhielt ich 
von dem Statthalter von Elsaß-Lothringen, dem damaligen Grafen, 
späteren Fürsten Karl Wedel einen Brief, den ich folgen lasse, weil er den 
lauteren Charakter, die vornehme Bescheidenheit und den Patriotismus 
dieses ausgezeichneten Mannes treu wiedergibt: „Mein lieber Bülow! Die 
langjährigen freundschaftlichen Beziehungen, die uns verknüpfen, geben 
32 Rblow II 
Brief des 
Stauhalters 
Grafen Wedel
        <pb n="583" />
        498 GRAF WEDEL WILL NICHT 
eine Bürgschaft dafür, daß Sie mich nicht mißverstehen, wenn ich Ihnen 
ganz offen mit einem Anliegen komme, das Ihnen im ersten Moment 
vielleicht eigenartig erscheinen mag. Ich hatte anfangs die Absicht, Ihren 
Bruder Karl Ulrich als Vermittler in Anspruch zu nehmen, bei ruhigem 
Nachdenken erscheint es mir indessen viel richtiger und einfacher, mich 
vertrauensvoll an Sie direkt zu wenden. Ich erachte mich dazu sogar ver- 
pflichtet, da Sie wissen, daß ich Ihnen nicht nur in Freundschaft, sondern 
auch in aufrichtiger Dankbarkeit ergeben bin. Doch zur Sache, um Sie 
nicht zu lange aufzuhalten. Verschiedene Blätter nennen mich seit einiger 
Zeit unter denen, die berufen sein könnten, einmal Ihre Nachfolge anzu- 
treten. Darauf baute ich nicht, weil die Zeitungen viel dummes Zeug 
schwätzen. Auch auf privatem Wege sind Andeutungen in dieser Richtung 
an mich herangetreten. Demlege ich ebensowenig Bedeutung bei, indem ich 
mich indifferent oder ablehnend verhalte. Was mich aber frappiert hat, 
ist, daß mir vor etlichen Monaten zugetragen wurde, Sie hätten die Absicht 
geäußert, mich damals im Falle Ihres Abgangs zu Ihrem Nachfolger vorzu- 
schlagen. Im stillen hatte ich gehofft, daß Sie während unseres langen, 
intimen Tete-ä-töte im Januar mir eine bezügliche vertrauliche Andeutung 
machen würden, da ich meinerseits ja aus begreiflicher Diskretion die Frage 
nicht anrühren konnte. Wäre ersteres geschehen, so hätte ich mich Ihnen 
gegenüber sofort vertraulich und offen ausgesprochen, und dieser Brief 
wäre gegenstandslos geworden. Vielleicht war ja übrigens jene Nachricht 
überhaupt falsch. Dann würde ich freilich die Prämisse verloren haben, die 
Aussprache aber bleibt mir trotzdem Bedürfnis. Ohne mich eines Mangels 
an Bescheidenheit schuldig zu machen, glaube ich sagen zu dürfen, daß es 
mir an tiefem Pflichtgefühl und Patriotismus niemals gefeblt hat. Ich bin 
daher auch stets bereit, meinem kaiserlichen Herrn und meinem Vater- 
lande jedes Opfer zu bringen. Aber ich halte es ebenso für die vornehmste 
Pflicht jedes reifen und ehrlichen Mannes, sich selbst zu erkennen und 
gewissenhaft zu prüfen. Ein Amt zu übernehmen, dem man sich nach 
innerster, fester Überzeugung nicht gewachsen fühlt, erachte ich für eine 
leichtfertige und unpatriotische Handlung, denn um Versuche oder 
Experimente zu wagen, dazu stehen zu hohe Güter auf dem Spiel. Das 
Vertrauen anderer ist gewiß ein köstlich Ding, aber es verliert einen großen 
Teil seiner Bedeutung, wenn es nicht durch das Vertrauen auf das eigene 
Ich die unbedingt notwendige Ergänzung findet. Das Wollen reicht nicht 
aus, auf das Können kommt es an! Nun, da haben Sie meine Lage! Sapienti 
sat! Wenn man mir also einmal den Kanzlerposten anbieten sollte, so würde 
meine Antwort nach Pflicht und Gewissen ein unerschütterliches ‚Nein‘ sein, 
auch wenn die Konsequenz der Verzicht auf mein jetziges Amt sein müßte. 
Mein Ehrgeiz ist längst befriedigt, und wenn ich auch noch arbeitsfähig
        <pb n="584" />
        SEIN FREUNDESBRIEF 499 
und arbeitslustig bin, so würde doch das Bewußtsein, mit meinem Refus 
lediglich eine patriotische Pflicht erfüllt zu haben, mir den eventuell not- 
wendigen Rücktritt leicht machen. Daß jenes Anerbieten niemals an 
mich herantreten wird, hoffe und glaube ich zwar aus verschiedenen Grün- 
den, daß Sie aber gegebenenfalls dasselbe nicht anregen, ist der Zweck dieser 
Zeilen, indem ich die inständige Bitte an Sie richte, von meiner Kandidatur 
ein für allemal Abstand zu nehmen und mich nicht in die peinliche Not- 
wendigkeit einer kategorischen Ablehnung bringen zu wollen. Glücklicher- 
weise liegt ja der Fall vorderhand noch auf rein hypothetischem Gebiete 
und wünsche ich von Herzen, daß Sie uns noch lange an der Spitze der 
Reichsverwaltung erhalten bleiben, so schwer Sie auch manchmal unter den 
jetzigen Verhältnissen die Bürde des Amtes drücken mag. Daß gegen Sie 
intrigiert und an gewisser Stelle Stimmung gegen Sie gemacht wird, das 
hörte ich ja, und ebenso kann ich mir nach meiner Personalkenntnis 
psychologisch das Vorhandensein einer tiefen Gereiztheit wohl erklären. 
Aber das kann und wird sich ändern, besonders wenn Ihre Unentbehrlich- 
keit sich von neuem durch Erfolge dokumentiert und der zur Waffe ge- 
schmiedete Vorwurf lauer Vertretung bei längerer, ruhiger Erwägung der 
tatsächlichen Verhältnisse sich als haltlos verflüchtigt. Ganz objektiv 
betrachtet, hat ja der jetzige formelle Verkehr gute Früchte gezeitigt, denn 
seit Jahren haben wir uns nicht solcher Ruhe und Stetigkeit erfreut wie in 
den letzten Monaten, und das trotz der ernsten inneren und äußeren 
politischen Lage. Ich freue mich dessen als treuer Diener unseres 
Herrn und als Patriot, und zwar für Ihn wie für das Vaterland. Mit 
dem warmen Wunsche, daß Ihnen das große Werk der Finanz- 
reform gelingen und es Ihnen damit beschieden sein möge, dem Reichs- 
schiffe diejenige Festigkeit zu geben, deren es bedarf, um etwaige Stürme 
nicht nur nicht zu scheuen, sondern ihnen im Notfall auch erfolgreich zu 
trotzen, bin ich in alter Freundschaft Ihr treu ergebener Carl Wedel.“
        <pb n="585" />
        XXXI. KAPITEL 
Wilhelm II. hält nach außen noch zu Bülow » Deutsch-französische Beziehungen 
Briefe des Grafen Metternich « Die Würfel fallen im Reichstag - Abstimmung vom 
24. VI. 1909 » Bülows Demissionsgesuch « Audienz bei Wilhelm II. in Kiel » Herr 
von Bethmann Hollweg als Kanzler in Aussicht genommen - Kabinettsrat von Valentini- 
Frühstück an Bord der Jacht des Fürsten von Monaco » Abschied vom Kaiser, Bülows 
letzte Ermahnungen » Herr von Valentini wünscht Kanzlerwechsel erst im Herbst 
e näher die entscheidende Abstimmung des Reichstags über die Erb- 
J schaftssteuer rückte, um so eifriger wurden von meinen Gegnern abfäl- 
lige Äußerungen Seiner Majestät über mich kolportiert. Ich konnte an 
ihrer Authentizität nicht zweifeln, obschon der Kaiser bis unmittelbar vor 
der Ablehnung der Erbschaftssteuer durch den Reichstag in seinen öffent- 
lichen Kundgebungen sich demonstrativ auf meine Seite stellte. Noch am 
22. Juni 1909 hielt Wilhelm II. in Cuxhaven bei dem Festmahl des Nord- 
deutschen Regattavereins an Bord des zehn Jahre früher auf der Werft 
des Vulkan in Stettin von mir getauften Hapag-Dampfers „Deutschland“ 
eine Rede, in der er der bestimmten Hoffnung Ausdruck gab, daß in der 
Frage der Reichsfinanzreform, dieser für unser Vaterland nach innen wie 
nach außen unumgänglich notwendigen Reform, Gemeinsinn über Partei- 
sinn siegen würde. In schwungvollen Worten teilte er gleichzeitig den um 
ihn versammelten Sportsfreunden mit, daß er mit Seiner Majestät dem 
Kaiser aller Reußen bei der Zusammenkunft in den finnischen Schären 
sich über eine energische Bekräftigung und Verteidigung des Friedens 
geeinigt habe. „Wir fühlen uns als Monarchen unserem Gott verantwortlich 
für das Wohl und Wehe unserer Völker. Alle Völker brauchen den Frieden. 
Daher werden wir beide stets danach streben, mit Gottes Hilfe für Förde- 
rung und Wahrung des Friedens zu wirken. Unter diesem Frieden kann sich 
natürlich auch der Sport in vollster Weise entwickeln.“ Es lag im Interesse 
meiner Friedenspolitik, mit der Wilhelm II. ehrlich und aufrichtig einver- 
standen war, daß er trotz seiner alten Abneigung gegen die „Japs‘“ auf 
meinen Wunsch zwei japanische Prinzen, dieim Frühjahr nach Deutschland 
gekommen waren, mit einer Einladung nach dem Neuen Palais in Potsdam 
beehrte, sie freundlich behandelte, sie an einer Potsdamer Parade teil- 
nehmen ließ und ihnen sogar den Schwarzen Adlerorden verlieh. Es war
        <pb n="586" />
        DIE CASABLANCA-AFFÄRE BEIGELEGT 501 
das ein kleines, aber dankbar empfundenes Pflaster auf die Wunde, welche 
die von Seiner Majestät in Highcliffe über Japan gesprochenen bösen Worte 
dem Selbstgefühl der Japaner geschlagen hatten. 
Mit meinem Dank für die Folgsamkeit Seiner Majestät in dieser Bezie- 
hung konnte ich dem Kaiser gleichzeitig melden, daß die schr heikle Casa- 
blanca-Affäre nun auch in der Form völlig und endgültig beigelegt sei. Am 
29. Mai hatten, wie bereits bemerkt, beide Regierungen in Berlin ein Pro- 
tokoll unterzeichnet, in dem sie erklärten, daß jede, soweit sie betroffen sei, 
ihr Bedauern über das in dem Haager Schiedsspruch ihren Angestellten in 
Casablanca zum Vorwurf gemachte Verhalten ausdrücke. Der befriedigende 
Abschluß dieser Affäre war ein Beweis dafür, daß auch eine kniflliche 
Streitfrage, wo Recht und Unrecht schwer zu unterscheiden waren und bei 
der die nationale Ehre mitspielte, auf schiedsgerichtlichem Wege beigelegt 
werden konnte. Ich entsinne mich kaum einer Zeit, wo die deutsch-fran- 
zösischen Beziehungen so rubig waren wie im Frühjahr 1909. Auf Ein- 
ladung des Zentralkomitees für eine Annäherung zwischen Deutschland und 
Frankreich hatte Ende April 1909 der französische Senator Baron d’Estour- 
nelles de Constant im Kaisersaal des Preußischen Herrenhauses einen 
Vortrag über das Thema gehalten: „Die deutsch-französische Annäherung 
als Grundlage des Weltfriedens“. D’Estournelles de Constant war ein alter 
Freund von mir. Ich war ihm bei der schönen Reise begegnet, die ich ein 
Vierteljahrhundert früher als Erster Sekretär unserer Botschaft in Paris im 
Lenz 188% nach Tunis und Algier unternommen hatte. D’Estournelles de 
Constant hatte mir damals in liebenswürdiger Weise die Honneurs von Tunis 
gemacht, wo er als Legationssekretär bei dem französischen Minister- 
residenten tätig war. Wir waren uns später mehrmals wieder begegnet, 
zuletzt in Kiel bei der Entrevue, die dort 1904 zwischen Kaiser Wilhelm und 
König Eduard stattfand. Eduard VII. hatte Baron d’Estournelles mit- 
gebracht, den er seit der Zeit schätzte, wo dieser Sckretär der Französischen 
Botschaft in London gewesen war. D’Estournelles war ein überzeugter 
Pazifist. Er wünschte Frieden zwischen England und Deutschland, Frieden 
in der ganzen Welt, vor allem Frieden und allmähliche, ganz allmähliche, 
mit Vorsicht und Takt anzubahnende Aussöhnung zwischen seinem Vater- 
lande und uns. Sein Vortrag im Herrenhaus war recht verständig. Ebenso 
vernünftig sprach er sich aus, als er einen Tag später in kleinem Kreise bei 
mir aß. Beim Abschied schenkte er mir ein mit Pariser Geschmack einge- 
bundenes Exemplar des „Chasseur vert‘“ von Stendhal. Er kannte meine 
Bewunderung für den großen Schriftsteller, der nicht nur seinem Vater- 
lande, sondern der Welt zwei Meisterwerke wie „Le Rouge et le Noir“ und 
„La chartreuse de Parme“ geschenkt hat. Der „Chasseur vert“ steht noch 
in meiner Bibliothek. Es ist das einzige, was von den Beziehungen zwischen 
Ausgleichs- 
Protokoll 
zwischen 
Deutschland 
und 
Frankreich
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        Telegrammdes 
Zaren an 
Bülow 
502 EIN WUNSCH DES ZAREN 
dem guten d’Estournelles de Constant und mir noch übriggeblieben ist. 
Als der Weltkrieg ausgebrochen war und wir Frankreich den Krieg erklärt 
hatten, verwandelte sich d’Estournelles, wie alle französischen Pazifisten 
und wie dies jeder, der Frankreich und die Stärke des französischen Pa- 
triotismus kannte, nicht anders erwarten konnte, in einen leidenschaft- 
lichen Patrioten, der mit Begeisterung in den allgemeinen Kriegsruf ein- 
stimmte: „Aux armes, citoyens |“ 
Ungefähr um dieselbe Zeit, wo mein Freund d’Estournelles de Constant 
seinen schönen Vortrag in Berlin hielt, hatte ich ein direktes Telegramm 
vom Kaiser Nikolaus erhalten, in dem er mir in ungewöhnlich warmen 
Worten mitteilte, daß er mir als Zeichen seines Vertrauens und seines 
besonderen Wohlwollens den Andreas-Orden mit Brillanten verleihe. Als 
der russische Botschafter mir einige Tage später diese mit prächtigen 
Diamanten verzierte Dekoration überreichte, sagte er mir vertraulich, daß 
der Kaiser mit seiner Ordensverleihung noch einen besonderen Zweck ver- 
folge. Er habe selbstverständlich weder das Recht noch die Absicht, sich in 
innerdeutsche Verhältnisse einzumischen. Er habe aber doch zum Ausdruck 
bringen wollen, wie sehr er im Interesse der guten Beziehungen zwischen 
beiden Ländern und des europäischen Friedens wünsche, daß ich Reichs- 
kanzler bleiben möge. Deshalb habe er mir eine so ungewöhnliche Aus- 
zeichnung zuteil werden lassen. Mit einer ähnlichen Wendung hatte mir 
der rumänische Gesandte um dieselbe Zeit den von König Carol von 
Rumänien kurz vorher gestifteten Carols-Orden überreicht, den der mir 
seit so lange freundlich gesinnte, weise Monarch mir als erstem Nicht- 
Souverän verlieh. 
Aus Rom hatte mir schon während des Winters mein Freund Schor- 
lemer geschrieben, daß Pius X., dem er die Glückwünsche Wilhelms II. 
zum Bischofsjubiläum überbracht hatte, ihm mit sichtlicher Freude von 
dem Besuch gesprochen habe, den ich gemeinsam mit meiner Frau im 
Frühjahr 1908 dem Heiligen Vater abgestattet hatte. Es hieß in diesem 
Brief weiter: „Einen sehr angenehmen Eindruck hat mir der Kardinal 
Rampolla gemacht. Er sprach sehr erfreut davon, daß es Eurer Durchlaucht 
gelungen sei, die Novemberkrisis zu einem guten Abschluß zu bringen. 
Auch unter den übrigen Diplomaten, die ich bei dem spanischen und öster- 
reichischen Botschafter gesprochen habe, kam unverhohlen die Freude zum 
Ausdruck, daß Eure Durchlaucht die Geschäfte des Reichskanzlers weiter- 
führen würden.“ Im Frühjahr schrieb mir Kardinal Kopp: „Daß Eurer 
Durchlaucht die Reise nach Venedig eine wirkliche Erholung und Kräfti- 
gung gewesen sei, ist mein innigster Wunsch.“ Im Vatikan dauere der 
günstige Eindruck fort, den mein vorjähriger Besuch dort hinterlassen 
habe. Insbesondere sei Seine Heiligkeit über die Lage der katholischen
        <pb n="588" />
        ÜBER DIE FLOTTENFRAGE LÄSST SICH REDEN 503 
Kirche in Preußen ganz beruhigt. Der Brief schloß: ‚Ich freue mich in dem 
beruhigenden Bewußtsein, daß Eure Durcblaucht das Staatsruder in Hän- 
den haben. In treuester Verehrung und Anhänglichkeit Eurer Durchlaucht 
ergebenster G. Kardinal Kopp.“ 
Gerade in den Tagen, wo im Reichstag die Würfel fielen, wurden zwischen 
mir und dem Botschafter in London bedeutsame Briefe gewechselt. Ich gab 
in meinem Schreiben vom 23. Juni 1909 an Metternich der Ansicht Aus- 
druck, daß der Wunsch, durch eine Verständigung mit Deutschland die 
Sorgen um die Sicherung der englischen maritimen Unantastbarkeit und um 
die finanziellen Lasten, die eine zu schnelle und starke Flottenvermehrung 
erfordere, einigermaßen vermindert zu schen, nach wie vor in England 
vorhanden wäre. Daß ein ähnlicher Wunsch in weiten Kreisen auf unserer 
Seite bestehe, hätte ich dem Botschafter in früheren Erlassen mehr als 
einmal dargelegt. Eine Änderung in dieser Beziehung sei bei uns nicht 
eingetreten. Ich hielte es für ratsam, in England an geeigneter Stelle zu- 
nächst andeutungsweise zu erkennen zu geben, daß wir nicht abgeneigt 
wären, auf billiger Grundlage mit uns über die Flottenfrage reden zu 
lassen. Ich schrieb: „Es ist meine feste Überzeugung, daß man bei gutem 
Willen auf beiden Seiten und wenn englischerseits alles vermieden wird, 
was als Drohung oder Druck aussieht, sehr wohl im Rahmen einer allge- 
meinen Annäherung auch zu einer Verständigung über die Schiffsbauten 
gelangen könnte. Daher bitte ich Sie, sobald die Finanzfrage bei uns geklärt 
sein wird, Gespräche mit leitenden politischen Persönlichkeiten über die 
Flottenfrage nicht gerade zu forcieren, aber bei jeder sich bietenden Ge- 
legenheit keinen Zweifel darüber zu lassen, daß eine Verständigung mit 
England auch über die Flottenfrage durchaus nicht außer dem Bereich der 
Möglichkeit liegt, sofern damit eine uns freundlichere Orientierung der 
allgemeinen englischen Politik verbunden ist. Es empfiehlt sich um so mehr, 
daß Sie sich auch gegenüber Sir Edward Grey und Sir Charles Hardinge, 
immer ungesucht, im Sinne meiner Erlasse äußern, damit bei ihnen nicht 
der Eindruck hervorgerufen wird, als ob wir unsere Ansicht verändert 
hätten. Falls Grey und Hardinge Sie auf die Sache direkt anreden, können 
Sie auch schon vor der Erledigung der Finanzreform bei uns sich in diesem 
Sinne äußern, doch müßte vermieden werden, daß bei den beiden Staats- 
männern der Eindruck erweckt wird, wir kämen ihnen mit dieser Sache, 
weil uns der Atem auf finanziellem Gebiete ausginge. Wie wir in der Sache 
weiter handeln, wird vornehmlich von den Gegenäußerungen und etwaigen 
Vorschlägen abhängen, denen Sie begegnen werden und über die ich Ihren 
Berichten mit Interesse entgegensehe.‘“‘“ Eine Woche später schrieb mir 
Paul Metternich: „Ich werde Ihnen in den nächsten Tagen einen eingehen- 
den Bericht oder Privatbrief über die hiesige Lage mit Bezug auf die 
Driefwechsel 
mit dem 
Grafen 
Metternich
        <pb n="589" />
        Entscheidung 
im Reichstag 
504 KEINE INTERVENTION BEI EDUARD VII. 
Flottenfrage zusenden, der sich zugleich mit dem wertvollen Gedanken Ihrer 
letzten Briefe befassen wird. Heute möchte ich nur meinem großen Be- 
dauern Ausdruck geben über Ihren Entschluß, den die Zeitungen veröffent- 
lichen, daß Sie nach Durchführung der Finanzreform Ihr Amt niederlegen 
wollen. Ich hoffe immer noch, daß die Verhältnisse sich so gestalten werden, 
daß Ihr Entschluß rückgängig gemacht werden kann, obwohl die letzte 
Nachricht, wonach Ihr Entschluß unwiderruflich sein soll, hierzu wenig 
Aussicht läßt. Ich fürchte, daß nicht nur die unerquicklichen Partei- 
verbältnisse im Reichstag, sondern auch andere Umstände in den letzten 
Tagen Sie dazu bewogen haben, Ihren Rücktritt ins Auge zu fassen. Ich 
mag mich hierin aber auch täuschen. Wenn ich wüßte, daß es politisch 
nützlich wäre, so würde ich Lord Knollys gegenüber in Gesprächen betonen, 
daß Ihr etwaiger Rücktritt auch deshalb zu bedauern sei, weil Sie einer 
Verständigung auf dem Flottengebiet keineswegs abgeneigt seien. Ich werde 
in dieser Beziehung aber nichts unternehmen, ohne daß Sie mich dazu 
ermutigen.“ Lord Knollys war ein Vertrauter, vielleicht der intimste Ver- 
traute des Königs Eduard. Ich habe den Botschafter sofort gebeten, in der 
von ihm nach seiner Andeutung erwogenen Richtung keinerlei Schritte zu 
unternehmen, weil ich mein Bleiben oder Gehen nicht von irgendwelcher 
fremden Einwirkung abhängig machte. 
Am 24. Juni 1909 fielen die Würfel. Im Namen der Konservativen Partei 
eröffnete Herr von Richthofen die zweite Lesung des Erbschaftssteuer- 
gesetzentwurfes, der allmählich in den Vordergrund der Steuervorlagen 
getreten war. Heydebrand zog es vor, sich im Augenblick der Entscheidung 
nicht in den Vordergrund zu stellen, arbeitete aber um so eifriger hinter den 
Kulissen. Karl Freiherr von Richthofen-Damsdorf war ein typischer Kon- 
servativer der alten Sorte: Rittergutsbesitzer, Korpsstudent, Rittmeister 
der Reserve des Garde-Kürassier-Regiments, hintereinander Assessor, 
Regierungsrat und Oberregierungsrat, bewirtschaftete er sein schlesisches 
Ahnengut und erfreute sich als Mitglied der Landwirtschaftskammer und 
des Kreistages allgemeiner Achtung. Er hatte in den von mir geleiteten 
Wahlen im schlesischen Wahlkreis Schweidnitz-Striegau den bisherigen 
Vertreter, einen Sozialisten, verdrängt. Ich glaube kaum, daß Herr von 
Richthofen innerlich mit der von Heydebrand eingeschlagenen Richtung 
einverstanden war. Aber den deutschen politischen Traditionen und 
Gepflogenheiten entsprechend, unterwarf er sich dem Willen des Partei- 
führers. Seine Rede war matt und farblos. Unter Gelächter der Linken er- 
klärte er, es sei niemals die Absicht der Konservativen gewesen, einen 
Minister zu stürzen, die Konservativen wollten lediglich eine Pflicht gegen 
das Vaterland erfüllen. Hoffentlich würden sich nach Ablehnung der Erb- 
schaftssteuer alle bürgerlichen Parteien zum Zustandebringen der Reform
        <pb n="590" />
        DIE ABSTIMMUNG 505 
auf anderem Wege zusammenfinden. Inzwischen würden die Konservativen 
das Erbschaftssteuergesetz mit großer Mehrheit ablehnen. Der Reichs- 
schatzsekretär Sydow antwortete in einer kurzen Rede, der einzigen guten, 
die er als Schatzsekretär gehalten hat: die Erbschaftssteuer sei die beste 
Steuer im ganzen Bukett der Regierung, man möge sie darum nicht zer- 
pflücken. Ausländern sei der ablehnende Standpunkt gegen die Erbschafts- 
steuer ganz unverständlich. Auch Deutschland würde sich an die Steuer 
gewöhnen. Für die Reichspartei verlas Fürst Hermann Hatzfeldt, Herzog 
von Trachenberg, eine windelweiche Erklärung, wonach seine Freunde an 
der Erbschaftssteuer zwar keinen Geschmack fänden, aber trotzdem mit 
wenigen Ausnahmen für sie stimmen würden, um einen letzten Versuch zu 
machen, die Finanzreform zur Verabschiedung zu bringen. Die Erklärung 
war so formuliert, daß sie die allerdings bescheidenen Chancen des Herzogs, 
mein Nachfolger zu werden, möglichst wenig schädigte. 
Nun folgte Freiberrvon Hertling. DasZentrumhattesein konservativstes 
Mitglied vorgeschickt, um die Rechte zu beruhigen und zu gewinnen. Herr 
von Hertling hatte keinen glücklichen Tag. Er begann seine Rede mit der 
Bemerkung, in manchen Kreisen wäre das Gefühl verbreitet, daß der 
heutige Tag die Entscheidung sein würde für das Schicksal der Finanz- 
reform. Er wisse nicht, ob das richtig sei, denn die Zukunft wäre dunkel. 
Die von der Linken ertönenden Zurufe „Sehr richtig!“ erweckten stür- 
mische, anhaltende Heiterkeit auf allen Bänken. Hertling machte weiter 
mysteriöse Andeutungen, daß es sich nicht um eine einzelne Steuerfrage 
handle, sondern um einen grundsätzlichen und großen Machtkampf zwi- 
schen Rechts und Links. Damit wollte Hertling natürlich die Konservativen 
gruselig machen. Die durch das Schwenken der Konservativen zum Zen- 
trum eingeleitete Entwicklung sollte aber tatsächlich ganz andere Wege 
gehen. Sie sollte zu einer Konstellation führen, bei der unter Ausschaltung 
der Konservativen das Zentrum der Dritte im Bunde mit Demokraten und 
Sozialdemokraten wurde, zu einer Lage der Dinge, die es dem stärksten 
Mann im Zentrum, Herrn Wirth, ermöglichte, später von der Reichstags- 
tribüne die Parole auszugeben: „Der Feind steht rechts.“ Als Hertling es 
dann für begreiflich erklärte, daß das Zentrum in dieser Frage auf seiten 
der preußischen Konservativen stünde, wurde ihm, wieder unter großer 
Heiterkeit, zugerufen: „Nein, umgekehrt! Die Konservativen haben sich 
auf Ihre Seite gestellt.‘“ Der sozialdemokratische Redner, Dr. David, eine 
der sympathischen Figuren in der sozialdemokratischen Partei, ein feiner 
und geistvoller Kopf, hatte es nicht allzu schwer, die schwachen Argumente 
des Freiherrn von Hertling zu zerpflücken. 
Es kam die Abstimmung. Zunächst wurden Einleitung und Überschrift 
der Vorlage abgelebnt. Der Vizepräsident Dr. Paasche teilte mit, daß damit
        <pb n="591" />
        506 DIE ERBANFALLSTEUER ABGELEHNT 
vom Gesetzentwurf nichts mehr übrig sei und es also nicht zur dritten 
Lesung kommen könne. Bei der nun folgenden Abstimmung über die 
Erbanfallsteuer stimmten die Nationalliberalen, Freisinnigen und Sozial- 
demokraten geschlossen für die Erbanfallsteuer, gegen sie geschlossen 
Zentrum und Polen. Die Konservativen stimmten überwiegend mit „Nein“. 
Ich möchte die Namen der Konservativen nennen, die für die Erbanfall- 
steuer stimmten und damit als Patrioten und Ehrenmänner das Staats- 
interesse über den engen Fraktionsstandpunkt stellten. Es waren die Abge- 
ordneten von Kaphengst, Fürst Hohenlohe-Oehringen, Pauli (Potsdam), 
Arnold (Reuß ä.L.) und zwei Sachsen: Wagner (Freiberg) und Giese 
(Oschatz-Grimmen). Von den Nationalliberalen drückten sich die Abge- 
ordneten Cornelius Heyl zu Herrnsheim und Graf Waldemar Oriola um die 
Abstimmung, da sie sich persönlich alle Wege offenzuhalten wünschten und 
nirgends anstoßen wollten. Von der Wirtschaftlichen Vereinigung und der 
Reformpartei stimmten die Antisemiten Liebermann von Sonnenberg, 
Bindwald, Köhler und die beiden Brüder Vogt gegen mich. Die Erbanfall- 
steuer wurde mit 195 gegen 187 Stimmen abgelehnt. Ich hatte während der 
Rede des Abgeordneten Hertling den Saal verlassen. Ich ging zu Fuß durch 
den Tiergarten nach Hause. Ich fühlte mich frei von Erregung und Un- 
sicherheit. Der Mensch ist innerlich ruhig, wenn er mit sich selbst im reinen 
ist: 
„Denn Recht hat jeder eigene Charakter, 
Der übereinstimmt mit sich selbst, 
Es gibt kein Unrecht als den Widerspruch“ 
sagt die Gräfin Terzky zu Wallenstein, dem Herzog von Friedland. Der 
Widerspruch ist aber nicht nur ein Unrecht, sondern auch die Quelle der 
Unsicherheit, Zerfahrenheit, kurz der Schwäche, d. h. der politischen Tod- 
sünde wider den Heiligen Geist. 
Ich nabm den Weg durch den Tiergarten und freute mich, wie gut ge- 
halten er war. Ich freute mich an den schönen alten Bäumen, unter denen 
sich wahre Riesen befinden, an den wohlgepflegten Blumenbeeten, an dem 
hübschen See, der sich um die Rousseau-Insel schlängelt, über die ritter- 
lichen, schneidigen Offiziere, die auf schönen Pferden die Reitwege herunter- 
galoppierten. Ich freute mich auch über die Spaziergänger, denen ich 
begegnete, die alleso gesund, wohlgenährt und kräftig ausschauten. Deutsch- 
land war doch ein kerngesundes Land mit seinen Buchen, Eichen und Lin- 
den, wie Heinrich Heine es gerühmt hatte. Zu Hause angekommen, fand 
ich meine Frau in dem kleinen Gartensalon zu ebener Erde. Hier hatte der 
musikfreundliche Fürst Anton Radziwill, der seinerzeit zu Gocthes Freude 
die Musik zum „Faust“ komponierte, dem Klavierspiel und Gesang seiner
        <pb n="592" />
        DAS ABSCHIEDSGESUCH 507 
Tochter Elise gelauscht, der Jugendliebe unseres alten guten Kaisers. 
Meine Frau sah der weiteren Gestaltung unseres Schicksals ebenso ruhig 
entgegen wie ich, denn sie war seit langem gewöhnt, das innere Glück über 
äußere Ereignisse und Eindrücke zu stellen. Es war ein schöner Junitag. 
Die Sonne blickte durch der Zweige Grün und malte die gewaltigen Schat- 
ten der alten Bäume des Reichskanzlergartens auf den freundlichen Rasen. 
Während wirüber allerlei plauderten, wurde mir eine verschlossene Mappe 
gebracht, in der sich eine Mitteilung des Chefs der Reichskanzlei befand, 
der mir die Verwerfung der Erbschaftssteuer anzeigte. Ich ließ einen meiner 
Sekretäre kommen und diktierte ihm ein Telegramm an den Kaiser, in 
dem ich Seiner Majestät das Resultat der Abstimmung meldete und gleich- 
zeitig unter Hinweis auf meinen dem Kaiser am 18. Mai in Wiesbaden 
gehaltenen Immediatvortrag bat, mir eine Audienz zu gewähren, um Seiner 
Majestät mein Abschiedsgesuch zu unterbreiten. Am nächsten Tage erhielt 
ich eine ziemlich kühle Antwort, in der mir mitgeteilt wurde, daß der Kaiser 
mich am 26. Juni in Kiel an Bord der „Hohenzollern“ empfangen wolle. 
Schon am 25. Juni traf eine große Anzahl von Briefen und Telegrammen 
bei mir ein, in denen Bedauern, Erbitterung und Zorn über die Abstimmung 
im Reichstag zum Ausdruck kam. In allen Zuschriften wurde die Haltung 
des Zentrums und noch mehr die der Konservativen als unpatriotisch 
getadelt. Die Wendung von dem „schwarz-blauen Block“ tauchte auf und 
die Versicherung, daß sich das Land unter dieses Joch nicht beugen würde. 
Kaisers alten Landen 
Sind zwei Geschlechter nur entstanden, 
Sie stützen würdig seinen Thron: 
Die Heiligen sind es und die Ritter; 
Sie stehen jedem Ungewitter 
Und nehmen Kirch und Staat zum Lohn. 
So spricht im zweiten Teil des „Faust‘‘ der Kanzler zu seinem Kaiser. 
Aber solche Zeiten waren vergangen, und für den Weiterblickenden konnte 
es von Anfang an nicht zweifelhaft sein, daß die durch die Politik des 
Herrn von Heydebrand eingeleitete Entwicklung im letzten Ende nur der 
Sozialdemokratie zum Vorteil gereichen würde. Ich erhielt übrigens schon 
in den ersten Tagen nach der Verwerfung der Erbschaftssteuer auch zahl- 
reiche Briefe konservativ gerichteter Männer, die ihr Bedauern über die 
Schwenkung der Konservativen ausdrückten. Männer wie Graf Kanitz und 
Graf Schwerin-Löwitz, um nur zwei der besten Konservativen zu nennen, 
waren von Heydebrand mehr überrumpelt als überzeugt worden. Mancher 
Konservative hatte bei der entscheidenden zweiten Abstimmung gegen die 
Erbschaftssteuer votiert, weil ihm vorgespiegelt worden war, es würde noch 
Telegra- 
phische Bitte 
an den Kaiser 
um Abschieds- 
audienz
        <pb n="593" />
        Bülows Reise 
nach Kiel 
508 WESTARP 
eine dritte Lesung stattfinden. Die Hauptstütze des Führers Heydebrand 
bei seiner Wendung gegen mich v war Graf Cuno Westarp. Er stammte aus 
Hoym mit einem bürgerlichen Fräulein Westarp. Er sprach leicht und 
flüssig, aber ohne zu packen, auch ohne neue Gedanken zu entwickeln, 
bisweilen bissig, nie witzig, meist klar, niemals tief. Er schrieb eine behende 
Feder, aber immer banal. Er gehörte zu den Politikern, die an enttäuschtem 
Ehrgeiz leiden und dadurch etwas Bitteres, unter Umständen Verbissenes 
bekommen. Man hat ihn mit einem zu früh pensionierten Polizeikommissar 
verglichen. In der Tat war er in jüngeren Jahren erst Polizeidirektor, dann 
Polizeipräsident von Schöneberg gewesen, vorher Hilfsarbeiter eines Land- 
rats, dann selbst Landrat in Bomst, einer Kleinstadt im Regierungsbezirk 
Posen, an der faulen Obra, einem der verrufensten Nester des Ostens, 
wenig geeignet, Lebensfreude zu erwecken. Westarp hatte es nie zum Re- 
gierungspräsidenten bringen können und betrachtete das als ein ihm wider- 
fahrenes schweres Unrecht. Nicht ganz ohne Grund, denn er war fleißig, 
pünktlich, akkurat. Ich war ihm vor seinem Eintritt in den Reichstag nie 
persönlich begegnet, hatte aber seine dienstlichen Qualitäten rühmen hören 
und regte wiederholt im Ministerrat seine Beförderung zum Regierungs- 
präsidenten an, stieß aber immer auf Widerspruch bei meinen Kollegen. 
Der blasse, verdrossen dreinschauende Westarp galt im Ministerium des 
Innern für einen Streber und war dort als solcher unbeliebt. Westarp war 
durch eine Nachwahl in den Reichstag gekommen. Nach dem Tode des 
konservativen Abgeordneten von Gersdorff gaben alle deutschen Parteien 
des Kreises Meseritz-Bomst ihm ihre Stimme, und er siegte mit gut zwei- 
tausend Stimmen Mehrheit über seinen polnischen Gegenkandidaten. Um 
so unverantwortlicher war es von ihm, daß er die Politik von Heydebrand 
unterstützte, der mit Hilfe der Polen den entschiedensten und konsequen- 
testen Vertreter einer kräftigen Ostmarkenpolitik zu Fall brachte. 
Am 26. Juni trat ich die Reise nach Kiel an. Vor meiner Abreise von 
Berlin suchte mich der Staatssekretär des Innern Herr von Bethmann 
Hollwegauf. Ich habe Hamlet gelesen und auf der Bühne gesehen, bin auch 
im Leben mancher schwankenden Gestalt begegnet, aber keiner schwan- 
kenderen als Bethmann Hollweg. Wünschte er mein Nachfolger zu werden ? 
Wollte er es nicht? Sicher bin ich mir darüber auch heute nicht. Fast in 
demselben Atemzug sagte er mir, daß er mich dringend bäte, von ihm abzu- 
sehen, dann wieder riet er mir von Schorlemer ab, „‚der katholische Scheu- 
klappen trägt“, und warnte mich vor Rheinbaben, der in unruhigem 
Ehrgeiz es kaum erwarten könne, Reichskanzler zu werden. Er war ganz 
Zweifel, Sorge und Angst, aber mit einem Untergrund von Strebertum und 
hoher Meinung von der eigenen Vortrefflichkeit. Er bat, mich bis an die
        <pb n="594" />
        IM WAGEN MIT VALENTINI 509 
Bahn begleiten zu dürfen, und ich nahm ihn in meinem Wagen mit. Sein 
letztes Wort an mich war: „Also lieber nicht! Es sei denn daß...‘ Am 
Babnhof stand der Kabinettsrat Valentini. Erkam vom Kaiser, zu dem er 
unmittelbar nach der Abstimmung im Reichstag gefahren war, um dessen 
Befehle entgegenzunchmen. Wie viele verabschiedete Minister hatte sein 
Vorgänger Lucanus während seiner fast zwanzigjährigen Tätigkeit in die 
Unterwelt geleitet! Valentini war offenbar stolz darauf, daß er seine Tätig- 
keit als Führer zum Hades mit einem Reichskanzler beginnen sollte, wollte 
aber seines Amtes mit Milde walten. Er versicherte mich, als wir zusammen 
allein in einem Abteil Platz genommen hatten, daß er meinen Rücktritt 
lebhaft bedaure, namentlich im Hinblick auf die auswärtige Politik. In 
dieser Beziehung habe er große Sorgen. Er kam dann auf die „Daily- 
Telegraph“-Affäre zu sprechen. Sie sei nicht die Ursache der Allerhöchsten 
Unzufriedenheit mit mir. Der Kaiser wisse wohl, daß ich Allerhöchstihn 
nicht nur mit „großartiger Geschicklichkeit“ und mit „bewunderungs- 
würdiger Ruhe und Energie‘ über den Sturm und die Krise weggebracht, 
sondern auch als wirklich „treuer Diener‘ gehandelt hätte. Aber meine 
innere Politik seit dem Wahlsieg von 1907 hätte dem Kaiser wachsendes 
Mißtrauen eingeflößt, ihn tief beunruhigt. Der Kaiser habe befürchtet, daß 
ich das „stramm monarchische““, das heißt persönliche, Regiment beseitigen 
und ein parlamentarisches Regime wie in England, Belgien, Italien ein- 
führen wolle. 
Ich folge bei der Wiedergabe meiner Unterredung mit Valentini einer 
Aufzeichnung, die ich am 27. Juni 1909 zu meinen Privatakten nahm. Ich 
erwiderte Herrn von Valentini auf seine Andeutung hinsichtlich der Be- 
sorgnisse Seiner Majestät vor meinen parlamentarischen Neigungen: „Ein 
parlamentarisches Regime wie in England bei uns einführen zu wollen, ist 
mir nie eingefallen, denn ich weiß sehr wohl, daß die Voraussetzungen 
hierfür bei uns fehlen. Ich wollte ebensowenig eine Regierungsweise wie in 
Italien, Belgien, Rumänien usw., denn ich weiß, daß darunter nicht nur 
unsere Verwaltung leiden würde, sondern auch die Armee, das ganze Staats- 
gefüge in Preußen, vielleicht selbst die Reichseinheit. Aber allerdings halte 
ich eine stärkere Heranziehung von Parlamentariern für nützlich und 
wünschenswert, um auf diese Weise eine allmähliche und besonnene Par- 
lamentarisierung unserer Verhältnisse zu erreichen. Warum sollte nicht 
zum Beispiel in Preußen Spahn Justizminister werden? Schwerin-Löwitz 
Landwirtschaftsminister? Fischbeck Handelsminister? Der national- 
liberale Miquel ist ja auch Finanzminister geworden, und zwar ein sehr 
guter! Warum sollen wir nicht im Reich Bassermann zum Staatssekretär 
des Reichsjustizamts machen ? Heinrich Carolath oder Hertling zum Unter- 
staatssekretär im Auswärtigen Amt? Gamp zum Minister der öffentlichen
        <pb n="595" />
        510 NOCH SCHÄRFERES PERSÖNLICHES REGIMENT 
Arbeiten? Kanitz oder Udo Stolberg zum Staatssekretär des Reichsschatz- 
amts? Auch aus Heckscher, Dove, Dohrn, Mommsen und anderen Frei- 
sinnigen ließen sich ganz brauchbare Staatssekretäre und Unterstaats- 
sekretäre machen. Sind erst einmal drei oder vier Abgeordnete Minister 
oder Staatssekretäre geworden, so werden sich mehr als bisher tüchtige und 
fühige Männer in den Reichstag wählen lassen, das Niveau des Reichstags 
wird sich heben, und das wird in jeder Hinsicht gut sein. Ich wäre sogar nicht 
abgeneigt, diesen oder jenen wirklich tüchtigen Sozialisten, z. B. Otto Hu&amp; 
oder Carl Legien als Direktoren oder Vortragende Räte in das Reichsamt 
des Innern zu setzen. Jetzt, nach der schweren Niederlage, welche die sozial- 
demokratische Partei bei den Wahlen erlitten hat, wäre gerade der richtige 
Moment gewesen.“ Valentini (entsetzt): „Darauf wird Seine Majestät nie 
eingeben.“ Ich: „Ich wollte das ja auch nicht von heute auf morgen, son- 
dern nach und nach, allmählich und besonnen. Ich erinnere Sie übrigens 
daran, daß ich Seine Majestät über den Novembersturm gebracht habe, 
ohne irgendwelche Minderung oder Beeinträchtigung der Kronrechte. Ich 
würde es für illoyal gehalten haben, diese Krisis zu benutzen, um ein libe- 
rales Regime anzubahnen.“ Valentini: „Seine Majestät will das Gegenteil 
von solchen Plänen. Seine Majestät möchte das, was Sie persönliches Re- 
giment nennen, noch schärfer akzentuieren.“ Ich: „Das halte ich für sehr 
bedenklich. Worauf wollen Sie denn eigentlich hinaus? Auf Zustände wie 
in Rußland?“ Valentini: „Nicht gerade wie in Rußland, aber ähnlich, 
unseren Verhältnissen entsprechend. Vor allem muß der Reichstag mehr an 
den Zügel genommen werden! Seine Majestät findet seit langem, daß Sie dem 
Reichstag zu sehr um den Bart gehen. Eure Durchlaucht haben Seiner Ma- 
jestät dort auch zu viele und zu schöne Reden gehalten.“ Ich: „Damit habe 
ich doch während zwölf Jahren ungefähr alles erreicht, was Seine Majestät 
anstrebte und was im Staatsinteresse lag. Was wollen Sie denn noch mehr ?““ 
Valentini: „Gewiß! Aber das alles wurde dank Eurer Durchlaucht Geschick- 
lichkeit bewilligt, dank Ihrer rednerischen Überlegenheit, kurz Ihrer Indivi- 
dualität, aber nicht grundsätzlich, nicht aus Gehorsam gegenüber dem 
Kaiser. Die Parlamentarier sind unter Eurer Durchlaucht zu frech geworden, 
und Sie sind seit langem Seiner Majestät etwas zu groß geworden, hochver- 
ehrte Durchlaucht.“ Ich: „Vous vous plaignez que la mariee est trop belle, 
würde ich mich auf französisch ausdrücken.“ Valentini (der diesen Witz 
augenscheinlich nicht versteht): „Mögen Eure Durchlaucht überzeugt sein, 
daß ich wie alle Patrioten Eurer Durchlaucht hohe Verdienste auf allen 
Gebieten anerkenne, Eure Durchlaucht hochschätze und verehre und 
Eurer Durchlaucht Scheiden mit Schmerz und Sorge begleite.‘“ Wir schüt- 
telten uns die Hände, er gerührt, ich sehr höflich. Während der Zug in die 
Kieler Bahnhofshalle einfuhr, sagte mir Valentini, er habe die Frage meiner
        <pb n="596" />
        AN BORD DER „HOHENZOLLERN* 511 
Nachfolge mit mir nicht berühren können, da der Kaiser sich vorbehalte, 
darüber Allerhöchstselbst mit mir zu sprechen. Lächelnd und mit leiser 
Stimme fügte er hinzu: „Monts habe ich ihm ausgeredet, und zwar ohne 
besondere Mühe. Unser Allergnädigster Herr hat zuweilen komische 
Einfälle.“ 
Vor uns lag die Kieler Föhrde, diese Königin der Ostseebuchten. Wie 
immer, wenn der Kaiser für die Kieler Woche in Kiel weilte, lag der Hafen 
vollerKriegsschiffe. Ein gewaltiges Panzerschiffdrängtesichneben dasandere. 
Ich sah nachdenklich auf diese mächtige Flotte: „Es ist gerade zwölf Jahre 
her“, äußerte ich, „auf den Monat, auf den Tag, daß ich am 26. Juni 1897 
in Kiel, an Bord der ‚Hohenzollern‘, mit der Leitung der auswärtigen Ge- 
schäfte betraut wurde.“ Valentini war zu pfiffig, um nicht zu erraten, was 
ich nicht aussprechen wollte, aber innerlich empfand. „Eure Durchlaucht“, 
meinte er mit einer gewissen Feierlichkeit, „können sich heute, am 26. Juni 
1909, mit berechtigtem Stolz sagen, daß diese herrliche Flotte, die seit 
Ihrer damaligen Audienz’ bei unserem Allergnädigsten Herrn ohne Zu- 
sammenstoß mit England emporwuchs, Eurer Durchlaucht hohes Verdienst 
ist, der Sie den Bau ermöglichten, gleichzeitig den Frieden erhielten, 
unser wirtschaftliches Wachstum förderten, unsere politische Macht- 
stellung wahrten.‘“ Wir schüttelten uns nochmals die Hand. Inzwischen 
hatte sich der Chef des Marinekabinetts, Admiral von Müller, genähert, 
der mich an Bord der „Hohenzollern“ bringen sollte. Er war in besorgter 
Stimmung. Ihm sei bange, meinte er, als Valentini sich entfernt hatte, 
wegen des weiteren Ganges unserer auswärtigen Politik. Als langjähriger 
Adjutant des Prinzen Heinrich wisse er, daß man am englischen wie am 
russischen Hofe unserem Allergnädigsten Herrn im Grund nicht traue, 
weil man ihn für unberechenbar halte, ihn auch nicht möge, weil er durch 
sein präpotentes Wesen und seinen Mangel an Takt nicht nur den fürst- 
lichen Damen, sondern auch den Männern an beiden Höfen auf die Nerven 
gehe. „Eure Durchlaucht werden uns schr fehlen“, wiederholte er mehr- 
mals. Ich beruhigte den Admiral, der sich übrigens bald genug in einen be- 
geisterten Anhänger der Bethmannschen Politik verwandeln sollte. Wenn 
wir eine vernünftige Politik machten, sagte ich ihm, furchtlos, aber vor- 
sichtig, kämen wir mit Gottes Hilfe durch. 
Der Kaiser empfing mich am Fallrcep, augenscheinlich nervös, zappelig, 
ungeduldig, mit einem Anflug von Verlegenheit. Seine heftigen Gestiku- 
lationen fielen mir auf. Es entspann sich der nachstehende Dialog, dem ich 
wiederum eine am 27. Juni 1909 gemachte Aufzeichnung zugrunde lege. — 
S. M.: „Wegen Ihrer Nachfolge, lieber Bülow, brauchen Sie sich nicht mit 
einem längeren Vortrag zu quälen, auf den Sie sich wahrscheinlich vor- 
bereitet haben. Ich bin entschlossen, Bethmann zu nehmen. Damit sind 
Dialog mit 
dem Kaiser
        <pb n="597" />
        512 DAS DEMISSIONSGESPRÄCH MIT WILITELM IL 
Sie ja gewiß sehr einverstanden. Er ist treu wie Gold, ein Biedermann 
durch und durch, ein kolossaler Arbeiter, auch sehr schneidig, er wird Mir 
den Reichstag aufmöbeln. Übrigens habe Ich bei ihm in Hohenfinow Meinen 
ersten Rehbock geschossen.“ Ich: „Da Eurer Majestät Wahl schon ge- 
troffen ist, kann ich nur mit Hamlet sagen: The rest is silence.“ S.M.: „Im 
Zitieren sind Sie immer noch großartig, aber machen Sie nicht ein so 
elegisches Gesicht. Setzen Sie Mir Ihre Bedenken auseinander. Ich bin zwar 
sehr eilig, weil Ich um ein Uhr bei dem Fürsten Monaco luuchen soll. Aber 
Sie höre Ich immer gern.“ Ich: „Für die innere Politik ist Bethmann wohl 
alles in allem der Beste. Die Linke wird er bei der Stange halten, das Zen- 
trum wieder heranziehen, die Konservativen sind ihm, soviel ich weiß, 
auch wohlgesinnt. Er versteht nur gar nichts von auswärtiger Politik.“ 
S. M. (lachend, heiter): „Die auswärtige Politik überlassen Sie nur Mir! 
Ich habe bei Ihnen einiges gelernt. Es wird schon gehen.“ Ich: „‚Das hoffe 
ich. Aber Eure Majestät brauchen wenigstens als Amanuensis einen guten 
Staatssekretär des Auswärtigen Amts. Schön ist unfähig.“ S. M.: „Er hat 
in der bosnischen Frage aber doch famos abgeschnitten, denke Ich.“ 
Ich: „Ja, unter mir.“ 5. M. (zum erstenmal etwas gereizt): „Was unter 
Ihnen ging, mein lieber Bülow, wird wohl auch unter Mir gehen.“ Ich: 
„Als Stütze und Hilfe für das auswärtige Ressort empfehle ich Eurer 
Majestät Mühlberg oder Kiderlen.“ S.M.: „Die nehme Ich beide nicht.“ 
Ich: „Dann nehmen Eure Majestät Bernstorff. Der würde sich eventuell 
auch zum Reichskanzler eignen.“ S.M.: „Das will Ich Mir merken, Ich habe 
Bernstorff sehr gern.“ Ich: „Ein begabter Mensch ist auch Brockdorff- 
Rantzau.“ S. M.: „Den nehme Ich nicht. Er ist ein Neffe von Therese 
Brockdorff, der Oberhofmeisterin Meiner Frau, und Ich mag keine Ver- 
wandtschaften zwischen dem Auswärtigen Amt und Meinen Hofleuten.“ 
Ich: „Sachlich lege ich Eurer Majestät zwei Bitten ans Herz, sehr ernst 
und sehr dringend.“ S. M. (abwehrend, ungeduldig, sieht nach seiner Arm- 
banduhr): „Lieber Bernhard, Ich habe wirklich keine Zeit mehr.“ Ich: 
„Das tut mir leid. Ich werde mich aber bemühen, Extrakt zu reden, in 
fliegender Eile, wie der arme Dietrich Hülsen zu sagen pflegte. Trachten Sie, 
zu einem Naval agreement mit England zu kommen.“ S. M. (sehr gereizt): 
„Nun kommen Sie Mir zum Schluß noch mit dieser Sache! Habe Ich Ihnen 
nicht oft genug gesagt, mündlich und brieflich und in soundsoviel Margi- 
nalien, daß Ich Mir in Meine Schiffsbauten nicht hineinreden lasse! Jeder 
solche Vorschlag ist eine Demütigung für Mich und Meine Marine.“ Ich: 
„Ich habe Eurer Majestät nie zu etwas geraten, worunter unsere Ehre leiden 
könnte. Aber eine so weitreichende und dabei schwierige Frage kann nicht 
vom Standpunkt des Paukkomments behandelt werden. (Seine Majestät 
runzelt die Stirn.) Und dann! Wie soll unsere Ehre darunter leiden,
        <pb n="598" />
        POLYKRATES 513 
wenn wir freiwillig, avec un beau geste, mit England zu einem Abkommen 
gelangen, das mit der englischen Besorgnis vor dem Tempo unserer Schiffs- 
bauten die latente Kriegsgefahr verringert?“ S. M. (mit großer Bestimmt- 
heit): „Ich glaube nicht an eine solche Kriegsgefahr!““ Der Kaiser blickte, 
während er so sprach, auf die seine „Hohenzollern“ umgebende Kriegs- 
flotte. Indem er mit der Hand auf die gewaltigen Panzerschifle deutete, 
rief er mit erhobener Stimme und mit stolz zurückgebogenem Haupte mir 
zu: „Wenn einer, wie Ich in diesem Moment, die Früchte seiner ehrlichen 
und sauern Mühen so unmittelbar vor Augen hat, dann darf er wohl ein 
gewisses Selbstgefühl betätigen.“ Ich mußte an Schillers Polykrates denken, 
der von seines Daches Zinnen auf Samos schaute mit vergnügten Sinnen. 
Ich erwiderte: „Auch ich glaube nicht, daß England von heute auf morgen 
über uns herfallen wird wie seinerzeit Nelson über Kopenhagen und die 
kleine dänische Flotte. Was ich glaube, ist, daß, wenn wir unseren Schifls- 
bau forcieren — ich unterstreiche das Wort: forcieren! — ein durch das 
Tempo unserer Bauten schließlich allzu sehr beunruhigtes und gereiztes 
England sich gegen uns wenden wird, falls irgendeine größere Komplikation 
ihm dazu Gelegenheit bietet.“ S. M.: „Ich will Mich doch im guten und in 
Frieden von Ihnen trennen, lieber Bülow, warım kommen Sie auf diesen 
alten Streitpunkt zurück ?“ Ich: „Weil die Gelegenheit für eine Verständi- 
gung mit England gerade jetzt günstig liegt. Mein Rücktritt, ein neuer 
Reichskanzler, das gibt a new departure. Auch kann es jetzt nicht so aus- 
sehen, als ob wir deshalb über das Tempo unserer Schiffsbauten mit uns 
reden ließen, weil uns der finanzielle Atem ausginge. Unsere Kassen sind 
wieder voll.“ S. M.: „Ich kann und will John Bull nicht erlauben, Mir das 
Tempo Meiner Schiffsbauten vorzuschreiben!“ Ich: „Es handelt sich ja 
gar nicht um ein Vorschreiben, um ein Diktat, auch nicht um einen Zwang, 
sondern um ein freiwilliges und freundliches Arrangement.‘ S. M. (sehr 
ungeduldig): „Das sind Wortspielereien! Ich bitte Sie noch einmal, hören 
Sie damit endlich auf. Wir wollen uns doch im guten trennen, nicht wahr ?“ 
Ich: „Dixi et salvavi animam meam.“ S. M.: „Schon wieder ein Zitat! 
Nun, und wie ist es mit der zweiten Ermahnung des großen Pädagogen ?“ 
Ich: „Wiederholen Sie nicht die bosnische Aktion.“ S. M. (mißtrauisch): 
„Die war aber doch ein Triumph für Sie!“ Ich: „Die Situationen wieder- 
holen sich in der auswärtigen Politik selten in ganz gleicher Weise. Im 
vorigen Winter lagen die Dinge, wie sie kaum je wieder liegen werden. 
Ne bis in idem!“ S.M. (wieder heiter, freundlich): „Sie zitieren zum Schluß 
aber noch gewaltig. Das wenigstens macht Ihnen keiner nach. Also, Sie 
meinen, Ich soll auf dem Balkan vorsichtig sein ?“ Ich: „Ja, dort noch mehr 
als anderswo. Dort liegt die Gefahr. Denken Eure Majestät, bitte, an alles, 
was Bismarck in dieser Beziehung gesagt, geschrieben, gewarnt hat. 
33 Bülow I
        <pb n="599" />
        Beim Fürsten 
von Monaco 
514 DER BLICK AUF DIE ARMBANDUHR 
Denken Eure Majestät an seinen Erlaß an den guten Deines, meinen alten 
Freund und Regimentskameraden, Eurer Majestät ausgezeichneten 
Generaladjutanten. Ich habe Eurer Majestät nach dem Manöver in Koblenz, 
es war wohl 1905, die Abschrift dieses Bismarckschen Erlasses, die ich mir 
genommen hatte, vorgelesen und Eure Majestät gebeten, sie an Sich zu 
nehmen.“ 5. M. (sieht wieder nach der Armbanduhr): „Schön, schön. Ich 
werde das nicht vergessen. Seien Sie ganz ruhig. Nun muß Ich aber fort. 
Ich darf Monaco nicht warten lassen. Ich nehme Sie aber mit in Mein Boot 
und fahre Sie hin.‘ Ich: „Sehr gnädig, Eure Majestät! Nur noch das eine: 
Gerade wenn Sie zu meinem lebhaften Bedauern ein Agreement mit England 
über das Tempo unserer Schiffsbauten ablehnen, müssen Sie doppelt vor- 
sichtig mit den Russen sein. Ich sage es noch einmal, an einen plötzlichen 
Überfall von seiten der Engländer glaube ich nicht, wohl aber, daß ein durch 
das Tempo unserer Schiffsbauten ganz außer Rand und Band gebrachtes 
England gegen uns vorgehen wird, sobald wir mit Rußland aneinander sind. 
Und dann: Wollen Sie wirklich Bethmann? Karl Wedel wäre besser.‘ 
S. M. (während er zum Fallrecp geht): „Der ist Mir zu eigensinnig, zu sehr 
Dickkopf, das wissen Sie ja seit langem.“ Ich: „Oder Schorlemer? Er hat 
mehr Kavalierperspektive als Bethmann. Oder Rheinbaben ? Der hat mehr 
Courage.“ S.M.: „Nein! Es bleibt bei Bethmann. Passen Sie nur auf, wenn 
der lange Kerl sich von der Bank des Bundesrats im Reichstag erhebt und 
die verehrten Reichsboten mit seinen strengen Augen ansieht, dann kriegen 
sie es alle mit der Angst und verkriechen sich in ihre Mauselöcher. Und dafür 
ist es hohe Zeit! Nun aber rein ins Boot.“ 
Einige Minuten später waren wir an Bord der „Alice“, der Dampfjacht 
des Fürsten von Monaco. Der Fürst, der sich ganz als Franzose fühlte, 
hatte eine größere Zahl französischer Freunde an Bord. Andere Franzosen 
waren von der Dampfjacht des reichen Schokoladenfabrikanten Menier 
gekommen, die gleichfalls im Kieler Hafen lag. Sie alle wußten, daß ich in 
Kiel war, um meinen Abschied einzureichen, und beobachteten mit ge- 
spannter Aufmerksamkeit, mit nicht geringer Neugier und mit einer ge- 
wissen Malice, wie sich der Verkehr zwischen dem Kaiser und seinem Kanzler 
abspielen würde. Ich war natürlich vollkommen ruhig und führte eine leb- 
hafte Konversation. Der Kaiser war auch in bester Haltung und lachte 
sehr über einige Anekdoten, die ich erzählte. Als wir uns von Tisch erhoben, 
näherte sich mir einer der französischen Herren, ein früherer Minister — 
wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, hieß er Jules Roche oder 
ähnlich — und sagte mir: „Ma foi, ce dejeuner a ete delicieux. Nous avons 
cru assister a une scene de th£ätre, a un drame de Scribe ou de notre grand 
Hugo. J’ai vu plus d’un ministre s’en aller, mais pas un dans une aussi 
belle attitude. Vous avez Et&amp; parfait, mon Prince, le sourire sur les l&amp;vres et
        <pb n="600" />
        ES RÖCHE NACH PARLAMENTARISMUS 515 
le front haut. Je vous en fais mon compliment.‘“ Es berührte mich eigen- 
tümlich, daß bei dieser Henkersmahlzeit für den preußischen Minister- 
präsidenten und deutschen Reichskanzler außer Seiner Majestät, mir und 
dem diensttuenden Flügeladjutanten nur Franzosen zugegen waren. 
Als ich mich auf der „Alice“ vom Kaiser verabschiedete, um auf die 
„Hohenzollern“ zurückzukehren, fand ich dort den General von Plessen 
und den Kabinettsrat Valentini. Plessen sagte mir: „Sie wissen, wie lebhaft 
ich Ihr Bleiben gewünscht habe. Aber jetzt sage ich Ihnen: Sie haben recht, 
zu gehen. Das Verhältnis zwischen Ihnen und dem Kaiser ist unhaltbar 
geworden. Aber alles, was recht ist: Sie haben bis zuletzt famos die Hal- 
tung gewahrt.“ Valentini frug mich, ob er mich zur Bahn begleiten dürfe. 
Unterwegs erkundigte er sich, ob der Kaiser mir mitgeteilt hätte, daß er 
Bethmann Hollweg als meinen Nachfolger in Aussicht genommen habe. 
Als ich diese Frage bejahte, meinte Valentini mit entschiedener und nach- 
drücklicher Betonung: „Bethmann ist auch weitaus der Beste, darüber kann 
kein Zweifel sein.“ Bethmann und Valentini waren intime Freunde. Wenn 
ich nicht irre, hatten sie zusammen studiert. Darüber beruhigt, daß die 
Nachfolge von Bethmann Hollweg endgültig gesichert war, frug Valentini, 
ob ich mich nicht entschließen könne, bis zum Herbst zu bleiben. Natürlich 
müsse ich in diesem Fall vor Reichstag und Land die Verantwortung für die 
Reichsfinanzreform in der Fassung übernehmen, wie sie ihr von Konserva- 
tiven und Zentrum gegeben worden wäre. Die Zumutung war naiv und zeigte 
den Mangel an staatsmännischem Denken, der Valentini charakterisierte. 
Ich erklärte ihm, daß mir dies nicht möglich wäre. Ich sei der Meinung, daß 
die Ausmerzung der Erbschaftssteuer wie die Sprengung des Blocks in der 
Weise, wie sie von den Konservativen vorgenommen wurde, verhängnis- 
volle Febler seien. Diese meine Überzeugung könne ich nicht verleugnen. 
Nach meiner Ansicht müsse ein Minister mit seiner Überzeugung stehen 
oder fallen. Valentini schien enttäuscht und betrübt, daß ich nicht aufseinen 
Wunsch eingehen wollte. Ich sagte Valentini expressis verbis, ich hätte 
nicht Friktionen mit Seiner Majestät und die mir neuerdings immer un- 
gnädiger gewordene Stimmung Seiner Majestät als Grund meines Rück- 
tritts hinstellen wollen, sondern die Verwerfung der Erbschaftssteuer unter 
Sprengung des Blocks. Valentini meinte, letzteres wäre sicherlich besser, 
viel besser als Rücktritt wegen Zerwürfnis mit dem Kaiser, aber das eigent- 
lich Wünschenswerte sei es nicht, denn es röche nach Parlamentarismus. 
Ich möge die von der neuen Reichstagsmehrheit angebotenen Millionen 
nehmen und bis zum Wiederzusammentritt des Reichstags bleiben, das sei 
die einzig richtige Lösung. Sie würde auch von meinem Nachfolger Beth- 
mann Hollweg gewünscht, der sein schweres Amt erst im Spätherbst an- 
treten möchte. Gegenüber dem fortgesetzten Insistieren von Valentini und 
33°
        <pb n="601" />
        516 NOCH EINE FEIERLICHE AUDIENZ 
seinem fast taktlosen Drängen sagte ich ihm schließlich: „Beste Exzellenz, 
Sie können nicht von mir verlangen, daß ich mich selbst kastriere.““ Bevor 
sich der Zug nach Berlin in Bewegung setzte, eröffnete mir Valentini, daß 
mich der Kaiser in den nächsten Tagen in Berlin, im königlichen Schloß, 
in feierlicher Abschiedsaudienz empfangen würde. „Das wird‘, fügte er 
hinzu, „ein großer Tag, eine ernste und doch schöne Stunde für Eure 
Durchlaucht werden.“ 
Nach Berlin zurückgekehrt, brachte ich sogleich meine Eindrücke zu 
Papier. Diese Aufzeichnung liegt der vorhergehenden Schilderung der 
Unterredungen und Vorgänge dieses bewegten und interessanten Tages 
zugrunde.
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        XXXIV. KAPITEL 
Amtliche Verlautbarungen zum Kanzlerwechsel . Die Presse - Dritte Lesung der Finanz- 
reform - Haltung der Konservativen » Erneutes Abschiedsgesuch » Bülows Interview 
mit Herrn von Eckardt » Bei Philippi sehen wir uns wieder » Veröffentlichung der Ent- 
lassung Bülows im Reichsanzeiger (14. VII.1909) - Kaiserliches Handschreiben » Ab- 
schiedsaudienz bei Wilhelm II. » Die Majestäten zum letztenmal beim Reichskanzler 
zum Diner » Unterredung des Kaisers mit der Fürstin Bülow - Abschied von der 
Kaiserin « Abreise von Berlin (17. VII. 1909) 
ach meiner Abreise aus Kielließ Valentini durch das Wolfische Büro eine 
Kundgebung verbreiten, in der es hieß, der Reichskanzler habe Seine 
Majestät um seine sofortige Entlassung gebeten. Der Kaiser hätte es jedoch 
abgelebnt, im gegenwärtigen Augenblick dem Ansuchen des Fürsten Bülow 
zu entsprechen. Er könne der Erfüllung des Wunsches des Fürsten nicht 
eher nähertreten, als bis die Arbeiten für die Reichsfinanzreform ein 
positives und für die verbündeten Regierungen annehmbares Ergebnis 
haben würden. Ich ließ sogleich an der Spitze der „Norddeutschen All- 
gemeinen Zeitung“ unter der Überschrift „Zur weiteren Klarstellung“ er- 
klären: Allerdings habe der Kaiser den Fürsten Bülow gebeten, sein Amt 
noch so lange zu führen, bis die Reichsfinanzreform zustande gebracht 
sei. Der Reichskanzler habe sich dem Ersuchen des Kaisers nicht ent- 
ziehen wollen. „Jedoch ist Fürst Bülow mit Rücksicht auf die politische 
Entwicklung, die durch die Abstimmung über die Erbschaftssteuer ihren 
Ausdruck gefunden hat, unwiderruflich entschlossen, alsbald nach Er- 
ledigung der Finanzreform aus dem Amte zu scheiden.“ 
Der erste Besuch, den ich in Berlin erhielt, war der von Bethmann 
Hollweg. Er war sehr kleinlaut. Er frug mich immer wieder, ob ich meinen 
Rücktritt nicht bis zum Herbst hinausschieben könne. Wenigstens möge 
ich vor dem Lande die Verantwortung für die Reichsfinanzreform in der 
ihr von den Konservativen und dem Zentrum gegebenen Fassung über- 
nehmen. Obwohl ich ihm dies mündlich abschlug, kam er schriftlich in 
einem larmoyanten und ziemlich konfusen Brief noch einmal darauf 
zurück und übersandte mir schließlich alle betreffenden Schriftstücke 
in einem Umschlag, auf dem mit Bleistift geschrieben stand: „Mit der 
gehorsamsten und dringenden Bitte, die Unterschriften zu vollziehen 
Vertagung 
von Bülows 
Demission
        <pb n="603" />
        518 DER UMFALL 
und damit Eurer Durchlaucht großen Namen unter ein großes Werk zu 
setzen.‘ Ich sandte die Aktenstücke ohne Begleitschreiben zurück, da ich 
der Ansicht war, daß in dieser Frage nun der Worte genug gewechselt 
wären. Die Stimmung in Berlin war in allen Kreisen eine gedrückte. Die 
„Frankfurter Zeitung‘ wies in einem Artikel nach, daß hinter den Parteien, 
welche die Erbschaftssteuer verworfen hätten, kaum vier Millionen Wähler 
stünden, hinter den Parteien, die für die Erbschaftssteuer gestimmt hätten, 
dagegen rund sieben Millionen. Natürlich erklärte die demokratische 
„Frankfurter Zeitung“, daß sich daraus die absolute Notwendigkeit einer 
Neueinteilung der Wahlkreise ergebe. In der Tat hat damals die Bewegung 
für diese Neueinteilung ihren Anfang genommen, während ich während 
meiner langen Amtszeit keine Mühe gehabt hatte, daraufbezügliche Anträge 
a limine abzuweisen. Das leitende Blatt der Zentrumspartei, die „Ger- 
mania“, hatte die Lüge verbreitet, zwischen mir und den Mitgliedern des 
Bundesrats und insbesondere zwischen mir und dem bayrischen Gesandten 
Lerchenfeld hätten stets starke Verstimmungen bestanden. Der bayrische 
Gesandte Graf Hugo Lerchenfeld, ein untadliger Ehrenmann und mir seit 
Jahrzehnten durch persönliche Freundschaft verbunden, gab darauf im 
Reichstag spontan eine Erklärung ab, durch die er die Behauptung der 
„Germania“ in das Gebiet der Fabel verwies. Fürst Bülow habe während 
zwölf Jahren mit allen Mitgliedern des Bundesrats die besten, vertrauens- 
vollsten Beziehungen unterhalten. Insbesondere weise er, Lerchenfeld, die 
Erfindung von einer persönlichen Verstimmung zwischen ihm und dem 
Fürsten Bülow auf das allerentschiedenste zurück. 
Ernster war der Sturm, den der bisherige Staatssekretär Sydow ent- 
fesselte, als er bei der zweiten Lesung der Branntweinsteuervorlage am 
3. Juli versuchte, die Haltung der verbündeten Regierungen zu verteidigen, 
die unter Verzicht auf die von ihnen einmütig gewünschte und immer wieder 
mit Nachdruck geforderte Erbschaftssteuer der Reichsfinanzreform in der 
ihr von Konversativen und Zentrum gegebenen Fassung zustimmten. 
Gegenüber dem Lärm im Hause konnte Sydow kaum zu Worte kommen. 
Als er, sehr verlegen und befangen, endlich seine Rede mit den mehr ge- 
stammelten als gesprochenen Worten begann: „Die verbündeten Regie- 
rungen stehen auf dem Standpunkt“, rief ihm der Führer der Sozialdemo- 
kraten, der Abgeordnete Singer, mit Stentorstimme zu: „Sie stehen ja 
gar nicht, Sie sind schon längst umgefallen!“ Das stürmische Gelächter, 
das hierdurch hervorgerufen wurde, dauerte minutenlang. Der arme Sydow 
klammerte sich an die Tribüne, ohne seine Rede fortsetzen zu können. Der 
Reichstag hatte seit Jahren keine solche Lärmszene erlebt. 
In einer besonders fatalen Lage befanden sich die Konservativen in 
Sachsen. Sie erklärten, sie hätten nicht den Wunsch gehabt, den unbestreitbar
        <pb n="604" />
        HEYDEBRAND BEREUT 519 
hochverdienten Fürsten Bülow aus dem Amt zu bringen. Es half ihnen das 
nicht viel. 1907 hatten, wie ich schon erwähnte, die bürgerlichen Parteien 
in Sachsen dreizehn Sitze erobert; 1912 sollten sie fast alle diese Sitze 
wieder an die Sozialdemokratie verlieren. Heute pendelt Sachsen zwischen 
einer rein sozialistischen und einer sozialistisch-kommunistischen Regierung 
hin und her und ist zeitweise sogar der Tummelplatz des deutschen Rinaldo 
Rinaldini, des Herrn Max Hölz, geworden. 
Heydebrand, der fühlen mochte, einen wie großen Fehler er begangen 
hatte, benutzte die dritte Lesung der Finanzreform, am 10. Juli, um sich 
nach Möglichkeit reinzuwaschen. Seine Rede war dialektisch recht ge- 
schickt. Aber die Wahlen von 1912 sollten beweisen, daß es Fälle gibt, wo 
alle Rabulistik versagt. Heydebrand spendete mir, dem „hochverdienten“ 
Kanzler, hohes Lob. Die Konservative Partei würde nie vergessen — hier 
rief die Linke: „Daß Sie ihn gestürzt haben!“ — Heydebrand replizierte: 
„Nein, sondern was dieser Staatsmann für uns gewesen ist. Dieser Saal 
ist oft genug Zeuge gewesen, mit welch hinreißender Klarheit und Geistes- 
schärfe dieser bedeutende Mann die Interessen des Landes und des ganzen 
Reichs nicht bloß im Innern, sondern auch nach außen hin vertreten hat.“ 
Die Konservativen würden niemals vergessen, was dieser Kanzler auch für 
die wirtschaftlichen Interessen des Landes, deren Schutz und Sicherheit 
getan hätte, mit welcher „niederschlagenden Beredsamkeit“ er der sozial- 
demokratischen Partei entgegengetreten wäre. Besonders aber erkenne die 
ganze Konservative Partei einmütig und dankbar die „männliche und feste 
Art‘ an, mit der Fürst Bülow so oft vor die Person des Kaisers und Königs 
getreten sei. Mit sichtlicher Verlegenheit und gegen seine Gewohnheit in 
fast stockendem Tone suchte Heydebrand das Zusammengehen der Kon- 
servativen mit den Polen wenn nicht zu rechtfertigen so doch zu beschöni- 
gen. Dies Zusammengehen sei „ein mehr zufälliges‘“ gewesen. Die Kon- 
servativen würden nach wie vor für die deutsche Kultur im Osten eintreten, 
sie würden, wenn es sein müsse, für diese Kultur „bis auf den letzten Mann“ 
fallen. Vierundzwanzig Stunden nach diesem sehr schwachen Rechtferti- 
gungsversuch erklärte das offizielle Organ der polnischen Fraktion, der 
„Dziennik Berlinski“, im Namen und Auftrag der Polenpartei: „Wir er- 
klären mit allem Nachdruck, daß die polnischen Mitglieder des Reichstags 
mit ihrer Abstimmung, die das Schicksal der Vorlage über die Erbschafts- 
steuer entschied, einzig und allein die Beseitigung des Fürsten Bülow er- 
zielen wollten.“ In der Tat war, wie bereits bemerkt, die Erbanfallsteuer 
am 24. Juni mit 195 gegen 187 Stimmen abgelehnt worden, d. h. mit einer 
Mehrheit von nur acht Stimmen. Ohne die Hilfe der polnischen Stimmen 
wäre die Erschaftssteuer durchgegangen. Der Sprecher der Wirtschaft- 
lichen Vereinigung, der Abgeordnete Raab, folgte dem Vorbild des
        <pb n="605" />
        Erneutes Ab- 
schiedsgesuch 
520 DIE ANGEBLICHE SCHULD DER LINKEN 
Abgeordneten Heydebrand, indem er in derselben Sitzung vom 10. Juli 
mir zwar meine Illusionen hinsichtlich der Liberalen vorwarf, aber doch 
erklärte: „Auch wir bedauern das Scheiden des Kanzlers! Wer weiß, ob 
wir je einen solchen Mann wiederbekommen! Wir waren aber an seinem 
Sturz nicht schuld, den hat die Linke verursacht.“ 
Am 13. Juli 1909 wurden die Verhandlungen des Reichstags geschlossen, 
am Tage darauf erneuerte ich mein Abschiedsgesuch. An demselben Tage 
sprach ich mich gegenüber dem Chefredakteur des „Hamburgischen Corre- 
spondenten“, Felix von Eckardt, über meine Auffassung der politischen 
Lage aus”. Ich verfolgte mit dieser Unterredung einen doppelten Zweck. 
Einmal wollte ich der schon sehr verbreiteten und nicht ganz grundlosen 
Meinung entgegentreten, als ob der eigentliche Grund meines Rücktritts in 
dem Verhalten des Kaisers mir gegenüber zu suchen wäre. Aus Rücksicht 
auf die Krone, um den Kaiser nicht bloßzustellen, bezeichnete ich die Hal- 
tung der Konservativen mir gegenüber als den einzigen Grund meines 
Rücktritts. „Daß die Erweiterung der Erbschaftssteuer gefallen ist“, 
erklärte ich Herrn von Eckardt, „bedauert niemand tiefer als ich. Die Folgen 
der Ablehnung dieser vernünftigen und gerechten Steuer werden sich in 
ernster Weise bemerkbar machen. Daß das Zentrum die Erbschaftssteuer zu 
Fall gebracht hat, das hat mich nicht gewundert. Das Zentrum hat sich über 
die unbestreitbaren Vorzüge dieser Steuer, über die Tatsache, daß viele seiner 
namhaftesten Vertreter ebenso wie leitende Zentrumsblätter seit Jahren 
für diese Steuer eingetreten sind, über die Tatsache, daß sie sozialpolitisch 
und steuertechnisch dem Zentrumsprogramm entspricht, über alles das hat 
sich das Zentrum in dem Augenblick mit der ihm eigenen taktischen Elasti- 
zität hinweggesetzt, wo es hoffen konnte, die Konservativen zu sich hin- 
überzuziehen und mir damit ein Bein zu stellen. Ich nehme das dem Zen- 
trum gar nicht übel. Ich nehme das dem Zentrum so wenig übel, wie ich die 
gleiche Haltung den Polen übelnehme, die auch, obwohl an und für sich 
Freunde der Erbschaftssteuer, aus Haß gegen mich gegen die Erweiterung 
der Erbschaftssteuer gestimmt haben. A la guerre, comme ä la guerre. Von 
der Seite hatte ich es nicht anders erwartet. Die Haltung der Konservativen 
ist mir weniger verständlich gewesen, und es wird nicht gelingen, sie dem 
Lande verständlich zu machen. Der Eindruck wird unverwischbar haften, 
daß die Konservativen dem zur ausschlaggebenden Stellung zurückver- 
langenden Zentrum Handlangerdienste geleistet haben. Wenn die Konser- 
vativen jetzt erklären lassen, sie hätten die grundsätzliche Ausschaltung 
des Zentrums für einen politischen Fehler gehalten, so kann damit nur die 
Blockpolitik gemeint sein. Denn den politischen Fehler der grundsätzlichen 
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 369; Kleine Ausgabe V, 210.
        <pb n="606" />
        Brief des Kronprinzen Wilhelm an Bülow 
(Zu Seite 520) 
Euer Durchlaucht, 
danke ich von Herzen für den so freundlichen 
Brief und die gute Meinung die Sie darin von mir haben. Sie 
sind stets offen und freundlich gegen mich gewesen und haben wir 
manches ernste Wort in Ihrem schönen Zimmer gesprochen. 
Ich bedaure von Herzen daß Sie aus Ihrem dornenvollen Amte 
scheiden, besonders wegen des großen Einflusses den Durchlaucht 
stets bei meinem Vater genossen haben. Auf der anderen Hand 
verstehe ich es sehr gut, daß ein friedliches Leben auch recht 
verlockend erscheinen muß nach all den Jahren des Kampfes. 
Ihr Herr Nachfolger hat in der inneren Politik kein ganz leichtes 
Erbe. Er wird versuchen müssen den Blochgedanken Ew. Durchl. 
zuletzt doch wieder durchzusetzen, wegen des deutschen Volkes. 
Er muß S. M. den Konservativen gegenüber beruhigen, wir 
können nicht den Ast absägen auf dem wir sitzen. Er muß auf 
sparsame Wirtschaft in allen Zweigen der Verwaltung halten, 
besonders der Eisenbahn. Diese 3 Punkte halte ich für ernst. 
Glauben Sie nicht auch? Indem ich Ew. Durchlaucht alles Gute 
für die Zukunft wünsche verbleibe ich mit einem Handkuß der 
Frau Fürstin 
stets Ihr 
treuer 
Wilhelm K. 
P.S. Ich habe mir erlaubt Ew. Durchl. noch das versprochene 
Bild zu senden.
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        <pb n="608" />
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        <pb n="610" />
        <pb n="611" />
        EINE KÜNSTLICH AUFGEBAUSCHTE FRAGE 521 
Ausschaltung des Zentrums habe ich niemals begangen. Wenn aber die 
Konservativen die Blockpolitik für einen Fehler gehalten haben, so ver- 
stehe ich nicht, warum sie zweieinhalb Jahre hindurch diese Politik mit- 
gemacht und durch Stellung des ersten Präsidenten sanktioniert haben. 
Ich vermag hier politische Logik und Konsequenz nicht zu erkennen.“ 
Ich wies weiter darauf hin, daß die Frage der Ausdehnung der Erbschafts- 
steuer, deren Prinzip die Konservativen ja schon anerkannt hätten, gar 
nicht eine Frage wäre, die konservative Grundsätze berühre, von der Sein 
oder Nichtsein der Konservativen Partei abhänge. „Die Frage ist von der 
Konservativen Partei-Führung künstlich aufgebauscht worden. Und wenn 
man jetzt nachträglich das Prinzip des Reichstagswahlrechts in die Debatte 
wirft, in einem Moment, wo man den Massenkonsum erheblich belastet, so 
hat man damit nur Wasser auf die sozialdemokratischen Agitationsmühlen 
geleitet. Das Land wird auch mehr und mehr erkennen, daß, wenn die 
Haltung der Konservativen eine andere gewesen wäre, die Finanzreform 
in einer nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ befriedigenden 
Weise, ohne Sprengung des Blocks, ohne Wechsel in der Regierung, ohne 
Preisgabe der Errungenschaften und Hoffnungen des Walhlkampfs vom 
Januar 1907, des schönen Aufschwungs von damals, schr wohl zustande 
kommen konnte.“ 
Ich wies auf die Besorgnisse hin, welche die Haltung der Konservativen 
im Lande hervorgerufen hätte. „Das Land fühlt die Gefahren, welche 
diese Haltung der Konservativen für die Partei selbst und für das Vater- 
land in sich birgt. Diese Haltung kann der Ausgangspunkt einer Ent- 
wicklung werden, die erbitterte Parteigegensätze schafft, unnatürliche 
Parteigruppierungen hervorruft und für das Wohl des Landes nicht 
zuträglich ist. Fürst Bismarck hat mehr als einmal gesagt, ob eine 
politische Aktion richtig sei oder nicht, lasse sich meist nicht im Moment, 
sondern erst einige Jahre später beurteilen. Das gilt auch für die Aktion, 
welche die Führer der Konservativen Partei jetzt gegen mich in Szene 
gesetzt haben. Ob sie richtig und für das Land ersprießlich war, wird sich 
bei den nächsten Wahlen zeigen.“ Ich erinnerte Herrn von Eckardt daran, 
daß ich die Sozialdemokratie nicht nur in ihren Führern rednerisch über- 
wunden, sondern ihr auch eine schwere, praktisch und politisch sehr be- 
deutungsvolle Wahlniederlage beigebracht babe. Und ich fügte hinzu: 
„Indem die sozialdemokratische Fraktion von achtzig auf vierzig Sitze 
heruntergedrückt wurde, ist der Beweis geliefert worden, daß die Sozial- 
demokratie auch ohne Ausnahmegesetze und ohne Polizeimaßregeln be- 
kämpft und besiegt werden kann. Wir werden sehen, ob dies bei den 
nächsten Wahlen wieder gelingt. Die Sozialdemokratie befindet sich jetzt 
in rückläufiger Bewegung. Wir werden sehen, ob die sozialdemokratische 
34 Bülow I
        <pb n="612" />
        Die Ent- 
lassung wird 
veröffentlicht 
522 BEI PHILIPPI SEHEN WIR UNS WIEDER 
Flut weiter zurückgehen wird. Wir werden auch sehen, ob die Fortschritte 
des Deutschtums in der Ostmark, die von den Oberpräsidenten von Posen 
und Westpreußen gerade in der letzten Zeit konstatiert worden sind, auf- 
rechterhalten und weiterentwickelt werden, ob man die Welfen nieder- 
halten wird, die im Jahre 1907 fortgefegt worden eind. Wenn dies gelingt, 
so wird sich niemand mehr darüber freuen als ich. Denn ich werde darin 
die Bestätigung erhalten, daß ich mit meiner Politik auf dem rechten Wege 
war, daß sie sich durchsetzt trotz der Febler der Konservativen. Wenn nicht, 
so wird man darin das schlimme Ergebnis der Haltung der Konservativen 
zu sehen haben, die dann als frivoles Spiel mit den Interessen der Mon- 
archie und des Landes erkannt werden würde. Bei Philippi sehen wir uns 
wieder.‘ Wenn ich zurückschauend an diese Worte denke, so halte ich sie 
aufrecht, auch wenn ein historisch gerechtes Urteil die Mitschuld des 
Kaisers nicht bestreiten kann. Der Hinweis auf Philippi war selbstverständ- 
lich keine Hoffnung, sondern eine Warnung. Auch Kassandra wünschte 
nicht den Untergang Trojas, als sie ihn fürchtete und, wie es in Schillers 
Ballade so schön heißt, ihn in „‚trauriger Klarheit‘ ahnte. Meine Unterredung 
mit Herrn von Eckardt schloß mit den nachstehenden, von mir an ihn ge- 
richteten Worten: .„.Ich scheide mit dem Wunsche, daß das deutsche Volk 
unter Überwindung aller Hindernisse und Gefahren in steigendem Wohl- 
stand, in Sammlung und ungebeugter Kraft seine Bahnen weiterverfolgen 
und seine Stellung in der Welt behaupten möge.“ Was den Vorwurf be- 
trifft, daß Heydebrand und Westarp im Winter 1908/09 mit den Interessen 
der Monarchie und des Landes ein frivoles Spiel getrieben hätten, so vermag 
ich ihn nicht zurückzunehmen, sondern kann höchstens hinzufügen, daß 
das von den konservativen Fraktionsführern betriebene Spiel nicht nur 
frivol, sondern gleichzeitig einfältig war. 
Am 14. Juli veröffentlichte der Reichsanzeiger meine Entlassung unter 
Verleihung der Brillanten zum Schwarzen Adlerorden und gleichzeitig 
die Ernennung des Staatssekretärs von Bethmann Hollweg zum Reichs- 
kanzler, des bisherigen Handelsministers Delbrück zum Staatssekretär des 
Innern, des bisherigen Schatzsekretärs Sydow zum preußischen Handels- 
minister und des bisherigen Unterstaatssekretärs im Reichsamt des Innern, 
Wermuth. zum Schatzsekretär. Der Kabinettsrat von Valentini überbrachte 
mir das Handschreiben, das der Kaiser anläßlich meines Rücktritts an mich 
gerichtet hatte und das ich nachstehend wiedergebe: „Mein lieber Fürst! 
Aus Ihrem erneuten Gesuch habe Ich zu Meinem schmerzlichsten Bedauern 
ersehen, daß Sie entschlossen sind, von Ihren verantwortungsvollen 
Ämtern als Reichskanzler, Präsident des Staatsministeriums und Minister 
der auswärtigen Angelegenheiten zurückzutreten. So schwer es Mir fällt, 
auf Ihre bewährte Kraft bei der Leitung der Reichs- und Staatsgeschäfte
        <pb n="613" />
        IM GARTEN AM BERLINER SCHLOSS 523 
zu verziehten und das Band vertrauensvollen Zusammenwirkens, das Mich 
so viele Jahre mit Ihnen verbunden hat, zu lösen, habe Ich doch in Würdi- 
gung der gewichtigen Gründe Ihres Entschlusses geglaubt Ihrem dringenden 
Wunsch Mich nicht länger verschließen zu dürfen. Ich habe daher Ihrem 
Antrage entsprochen und Ihnen die erbetene Entlassung gewährt. Es ist 
Mir aber ein Bedürfnis des Herzens, Ihnen bei dieser Gelegenheit für die 
Hingebung und Aufopferung, mit denen Sie in den verschiedensten 
Ämtern und Stellungen Ihrer ehrenvollen und segensreichen Dienst-Lauf- 
bahn Meinen Vorfahren, Mir und dem Vaterlande so hervorragende Dienste 
geleistet haben, Meinen wärmsten Dank auszusprechen. Gott der Herr 
schenke Ihnen nach einem so taten- und arbeitsreichen Leben noch viele 
Jahre ungetrübten Glückes. Indem Ich Ihnen als äußeres Zeichen Meiner 
Dankbarkeit, Anerkennung und Zuneigung den hohen Orden vom 
Schwarzen Adler mit Brillanten verleihe und die Insignien desselben hier- 
neben zugehen lasse, verbleibe Ich Ihr Ihnen stets wohlgeneigter, dank- 
barer Kaiser und König Wilhelm I. R.“ Bei Überreichung dieses Aller- 
höchsten Handschreibens bemerkte Herr von Valentini aus eigenem An- 
trieb, bevor ich das Schreiben gelesen hatte und mit einiger Befangenheit, 
der kaiserliche Abschiedsbrief entspräche nicht meinen Verdiensten. Er 
hätte dem Kaiser einen Entwurf vorgelegt, der viel wärmer gehalten ge- 
wesen wäre. Der Kaiser habe diese Fassung aber abgelehnt und ein kühleres 
Schreiben verlangt. Valentini fügte hinzu, er führe diese Stimmung Seiner 
Majestät in erster Linie auf Einflüsterungen des Professors Schiemann 
zurück, der an dem Tage, wo mein Rücktritt sicher festgestanden habe, 
sich aus einem enthusiastischen Bewunderer und Anhänger des Fürsten 
Bülow in einen hämischen Feind verwandelt hätte. 
Am nächsten Tage fand meine Abschiedsaudienz bei Seiner Majestät statt. 
Der Kaiser empfing mich in dem Gärtchen an dem sogenannten „Grünen 
Hut“, einem Anbau des Schlosses. Der Name soll von der Farbe des durch 
sein ehrwürdiges Alter grün gewordenen Kupferdachs herrühren, das sich 
über dem Turmgebäude erhebt, an das der kleine, von der Kurfürstenbrücke 
aus sichtbare Garten anstößt. Gegenüber dem „Grünen Hut“ liegt das älteste 
Berliner Hotel, der „König von Portugal‘, dessen Geschichte in das 17. Jahr- 
hundert zurückreicht. Anfänglich ein Logierhaus mit Ausschank, hatte die 
bescheidene Herberge in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Ehre, 
daß eine an den Hof des Königs von Preußen entsandte portugiesische Ge- 
sandtschaft in diesem Gasthof abstieg. Beglückt durch solche Auszeichnung, 
nahm die Herberge den Namen „Zum König von Portugal“ an. Ob der da- 
malige portugiesische Reichskanzler, der Freund der Aufklärung und Feind 
der Jesuiten, der berühmte Jos@ de Carvallo Emello Graf von Oeyras und 
Marquis von Pombul, von dieser Huldigung für Lusitanien etwas gewußt 
-,® 
Letzte Audienz 
in Berlin
        <pb n="614" />
        524 DIE GESTÖRTEN SOMMERPLÄNE DES KAISERS 
und sich darüber gefreut hat, kann ich nicht sagen. Das Hotel „Zum König 
von Portugal‘ verdankte übrigens seine Entstehung der Gnade des Kur- 
fürsten Friedrich III., des nachmaligen ersten Königs in Preußen. Der 
bewilligte einer ehrsamen Berliner Witwe, einer Frau Hammerstein, ein 
Baudarlehn von zweitausend Talern, für damalige Verhältnisse eine er- 
kleckliche Summe. Weshalb diese Munifizenz? Frau Hammerstein war die 
Witwe des langjährigen Geheimen Kammerdieners des großen Kurfürsten. 
Der älteste Berliner Gasthof verdankt seine Entstehung einem schönen Akt 
der Pietät gegenüber einem großen Fürsten. Das hat auch dem Hotel Glück 
gebracht. In seinen Mauern hat Gotthold Ephraim Lessing gewohnt. Hier 
spielt die Handlung der „Minna von Barnhelm‘“. Hier entstand auch eine 
der reizendsten Novellen von Hauff: „Die Sängerin“. E. T. A. Hoffmann 
zechte abwechselnd bei Lutter und Wegener und im „‚König von Portugal“. 
Hier hat König Friedrich Wilhelm IV. oft vorgesprochen, sich sein Lieb- 
lingsgericht, Sauerkraut mit Würstchen, eine echt Berliner Speise, vor- 
setzen lassen und dazu eine „kühle Blonde“, ein Glas Weißbier. Die Sage 
geht, daß Friedrich Wilhelm IV. einmal beim Verlassen des „Königs von 
Portugal“ von einem respektlosen wütenden Bullen angegriffen worden 
sei, vor dessen Stößen er sich nur durch schleunige Flucht gerettet habe. 
Nahe der lärmenden Königsstraße, macht der „König von Portugal“ einen 
sehr gemütlichen Eindruck. Über seiner Eingangstür steht die Inschrift: 
„Freyhaus‘“. Rechts und links von der Tür steht: „Festsäle, Fein- und 
Stadtküche““. 
Dieses Idyll der Ruhe und Behaglichkeit, ein Idyll aus der Biedermeier- 
zeit, hatte ich vor Augen, als ich als verabschiedeter Reichskanzler und 
Ministerpräsident vor Wilhelm II. trat. Hätte ich mich nicht ohnehin in 
gefaßter, ruhiger und sicherer Stimmung und Haltung befunden, so würde 
der Anblick des dem „Grünen Hut‘ gegenüberliegenden „Königs von 
Portugal“ mich kalmiert haben. Im Gegensatz zu mir war der Kaiser 
nervös, unwirsch und kurz angebunden. Er habe an diesem Tage noch viele 
Audienzen zu erteilen. Insbesondere müsse er den Vertretern der größeren 
Bundesstaaten den Kanzlerwechsel erklären, den sie vorläufig noch nicht 
zu begreifen schienen. Übrigens sei es unerhört, wie sehr seine Sommerpläne 
durch die plötzlich ausgebrochene Krisis gestört würden. Er würde seine 
Nordlandreise später antreten müssen als er dies ursprünglich in Aussicht 
genommen hätte. Das wäre ihm sehr, aber sehr unangenehm! Das hätte er 
erst vor einer Stunde an seinen Freund, den Erzherzog Franz Ferdinand 
geschrieben, der das Glück habe, ein freier Mann zu sein. Der Kaiser entließ 
mich mit den Worten: „Die Kaiserin möchte gern noch einmal bei Ihnen 
essen. Sorgen Sie dafür, daß Ihr berühmter Koch alle seine Künste auf- 
bietet.“
        <pb n="615" />
        BÜLOW „FAST EIN TROTTEL“ 525 
Als der Kaiser mich entließ, traf ich im Vorzimmer die Vertreter von 
Bayern, Württemberg, Sachsen und Baden. Von einem dieser Herren 
wurde mir am nächsten Tage erzählt, daß der Kaiser ihm und seinen Kol- 
legen einen „sehr krausen““ Vortrag gehalten hätte. Er habe sich von mir 
trennen müssen, weil ich mein Gedächtnis völlig verloren hätte. Ich hätte 
bisweilen nicht mehr gewußt, was ich am Tage vorher gesagt hätte. Ich sei 
ganz konfus geworden „und fast ein Trottel“. Er wolle das in gnädiger An- 
erkennung gewisser früherer Verdienste auf Überarbeitung zurückführen 
und habe es deshalb für seine „Christenpflicht‘ gehalten, mir den Übergang 
in das Privatleben zu erleichtern. Übrigens hätte ich ihm ganz unerhörte 
Personalvorschläge gemacht. Ich hätte z. B. verlangt, daß ein gewisser 
Herr vom Rath, ein früherer Privatsekretär von Herbert Bismarck, ein 
versoflener Spieler, Botschafter werden solle. Die Behauptung von meiner 
Gedächtnisschwäche war absurd. Was Herrn vom Rath betrifft, so war er 
in der Tat als Legationssekretär dem Staatssekretär Herbert Bismarck für 
besondere Aufträge zugeteilt gewesen. Wie sein damaliger Chef, liebte Rath 
einen guten Tropfen. Er hat auch einmal in Bukarest oder Belgrad, ich 
entsinne mich nicht mehr genau, bei einem Bridge oder Ecarte eine größere 
Summe verloren, sie aber, da er wohlhabend war, sofort ausgezahlt. Ich 
hatte nie für ihn an eine Botschaft gedacht, geschweige denn ihn für eine 
solche in Vorschlag gebracht. Ich hatte ihn überhaupt seit genau zweiund- 
zwanzig Jahren nicht mehr erblickt. Er hatte aber unsere auswärtige Politik 
während der bosnischen Krisis durch einige gut geschriebene Artikel in 
Wiener und Hamburger Blättern unterstützt. In Anerkennung dieses 
Dienstes hatte das Auswärtige Amt vorgeschlagen, ihm, der bis dahin 
Lagationsrat gewesen war, den Charakter als Ministerresident zu verleihen. 
Ich hatte den betreffenden Bericht an Seine Majestät, der noch eine ganze 
Anzahl ähnlicher bescheidener Auszeichnungen an verdiente Beamte, 
auch an solche des mittleren Dienstes, enthielt, natürlich anstandslos 
unterzeichnet. Wenn ich denke, daß eine solche Lappalie als Entschuldi- 
gung für die Haltung Seiner Majestät mir gegenüber herangezogen wurde, 
so kann ich nur noch einmal mit Goethe wiederholen: „Bei der größten 
Wahrheitsliebe kommt derjenige, der vom Absurden Rechenschaft geben 
soll, immer ins Gedränge. Er will einen Begriff davon überliefern, und so 
macht er es schon zu etwas, da es eigentlich ein Nichts ist, welches für etwas 
gehalten werden will.“ 
Mit einem Gefühl der Erbitterung schied ich aus dieser Abschieds- 
audienz. Haltung und Ton des Kaisers waren die eines schlecht erzogenen 
Knaben gewesen. Ich gedachte jenes lateinischen Spruchs, mit dem 
siebzehn Jahre früher Fürst Bismarck seine Meinung über die Reden ge- 
äußert hatte, in denen der Kaiser ihn, den so großen und gewaltigen Mann,
        <pb n="616" />
        Abschied 
von den 
Mitarbeitern 
526 LETZTE DINERS 
einen Handlanger und Pygmäen genannt und mit Zerschmetterung be- 
droht hatte: „Sunt pueri pueri, pueri puerilia tractant“ hatte Bismarck an 
den Rand des Zeitungsausschnittes geschrieben, in dem diese Schmähungen 
wiedergegeben worden waren. Und ich dachte auch an die alte weise Königin 
Victoria, die ihren ältesten Enkel „an overgrown schoolboy“ genannt hatte. 
Um meine Gedanken von solchen unerquicklichen Eindrücken abzulenken, 
ging ich vom „Grünen Hut“, dem Schauplatz meiner Abschiedsaudienz, 
zu Fuß nach Hause. Ich blickte auf das Reiterstandbild des Großen Kur- 
fürsten. Mit ihm hatte der Heldengang der brand 
Geschichte begonnen. Ich ging vorbei an den Denkmälern der Generäle 
von 1813, an den Monumenten von Blücher, Gneisenau, Bülow-Dennewitz, 
Yorck, von Scharnhorst, vielleicht dem edelsten von allen. Ich blickte empor 
zu dem Eckfenster, an dem in den letzten Jahren seiner gesegneten Re- 
gierung unser guter alter Kaiser sich zu zeigen pflegte, ich blickte auf das 
herrliche Denkmal des großen Königs. Ich schaute nach dem schlichten 
Palais, in dem so viele Jahre der ritterliche Held und Sieger von Wörth, 
unser lieber Kaiser Friedrich, gewohnt hatte. Ich ging weiter bis zum 
Brandenburger Tor, durch das dreimal in sieben Jahren das siegreiche 
preußische Heer eingezogen war, auf dem die Quadriga steht, die 1814 
aus Paris zurückgeholt worden ist, nachdem die Franzosen sie uns ge- 
stohlen hatten. Ich ging die Wilhelmstraße hinauf, wo schräg gegenüber 
dem Hause, in dem Bismarck das Reich schuf, die Helden des Sieben- 
jährigen Krieges unsterblichen Ruhm verkörpern. Die Erinnerung an eine 
so große Vergangenheit klärte und beruhigte mein erregtes Inneres. 
Obwohl weder mir noch meiner Frau danach zumute war, Feste zu 
veranstalten, so wollte ich doch mein Amt nicht verlassen, ohne meine 
Mitarbeiter noch einmal bei mir zu sehen. 
Am6. Juli hatte ich die preußischen Staatsminister und die Mitglieder des 
Bundesrats zu einem Diner von achtundvierzig Kuverts vereinigt, am 10. Juli 
lud ich die Herren vom Auswärtigen Amt zu einem Essen, zu dem zweiund- 
fünfzig Einladungen ergangen waren. Ich legte Wert darauf, zu diesem Essen 
auch die Subalternbeamten einzuladen, die mich so viele Jahre mit immer 
gleicher Pflichttreue und Hingebung unterstützt hatten. Auf eine Ansprache 
des Staatssekretärs von Schön erwiderte ich mit einer Rede, in der ich an 
die alten und engen Beziehungen erinnerte, die mich mit dem Auswärtigen 
Amt verbänden. Vor mehr als einem Menschenalter, vor sechsunddreißig 
Jahren sei ich als vierundzwanzigjähriger Attache in das Amt eingetreten, 
an dessen Spitze damals als Staatssekretär des Äußern mein seliger Vater 
gestanden habe. Zwei Jahrzehnte später sei ich selbst Staatssekretär 
geworden. Von Jugend auf mit dem Auswärtigen Amt verwachsen, danke 
ich jedem einzelnen und bitte alle, mir ein freundliches Andenken zu
        <pb n="617" />
        „BERNHARD HAT GEHEN WOLLEN“ 527 
bewahren, „Ich sage Ihnen Lebewohl mit dem Wunsch und mit der Zuver- 
sicht, daß das Auswärtige Amt, den Blick gerichtet auf die mahnende 
Gestalt des größten deutschen Mannes, des ersten deutschen Reichskanzlers, 
der ihm seinen Stempel aufgedrückt hat, stets auf dem Posten bleiben wird 
für Deutschlands Interessen, für Ehre und Wohlfahrt unseres Volkes, für 
Kaiser und Reich.“ Diese meine Zuversicht ist zu meinem tiefsten Schmerz 
nicht in Erfüllung gegangen. Unter Schön, der sich nach meinem Rücktritt 
nicht mehr beaufsichtigt fühlte, verbummelte das Amt. Durch Kiderlen 
kam zeitweise wieder ein besserer Zug in die Behörde. Unter Jagow als 
Staatssekretär wurde das Auswärtige Amt trotz der Gewissenhaftigkeit 
und Pflichttreue des gediegenen Unterstaatssekretärs Zimmermann die 
eigentliche Brutstätte der unheilvollen Politik, die mit dem Ultimatum 
an Serbien eingeleitet wurde und Deutschland ins Verderben führte. 
Am 15. Juli aßen die Majestäten ein letztes Mal bei uns. Sie hatten 
spontan den Wunsch ausgesprochen, noch einmal meine Gäste zu sein. 
Meine Frau kam dadurch in eine nicht ganz leichte Lage, da Silberzeug, 
Livreen usw. für unsere Übersiedlung nach Rom, wo sie in ihrer liebevollen 
und umsichtigen Weise schon 1904 für den Ankauf eines Tuskulums, der 
Villa Malta, gesorgt hatte, sowie nach Norderney und Flottbek zum Teil 
schon eingepackt waren. Der Kaiser erschien mit einem prachtvollen 
Blumenbukett, das er meiner Frau mit den Worten überreichte: „Diese 
Rosen habe ich heute früh bei meinem Morgenspaziergang in der Tiergarten- 
straße bei Rothe gekauft, um sie Ihnen zu Füßen zu legen.“ Gleichzeitig 
übergab er ihr ein schönes goldenes Armband mit seinem Porträt auf 
Emaille von hübschen Brillanten umgeben. Der Kaiser sah sehr vergnügt, 
die Kaiserin traurig aus. Unmittelbar nachdem der Kaiser meiner Frau 
das Bracelet überreicht hatte, führte er mit ihr die nachstehende Unter- 
redung, die meine Frau noch an demselben Abend in ihr Tagebuch eintrug. 
Ich gebe diese Aufzeichnung wortgetreu wieder mit ihren kleinen stilisti- 
schen Unebenheiten: „Seine Majestät: ‚Nun, das ist also das Abschieds- 
diner. Was sagen Sie dazu?‘ Ich: ‚Ich bin sehr traurig, mich von Eurer 
Majestät zu trennen, und bedanke mich herzlich für alle Güte, die Eure 
Majestät und die Kaiserin für mich gehabt haben während der zwölf Jahre 
meines Aufenthalts in Berlin.‘ S.M.: ‚Ich bin viel trauriger als Sie. Ich 
habe Mich lange genug mit Händen und Füßen gesträubt, aber Bernhard 
hat gehen wollen.‘ Ich: ‚Er ist gegangen, weil er überzeugt war, nicht mehr 
Eurer Majestät nützlich zu sein. Der Reichstag hat die Erbschaftssteuer 
abgelehnt. Der Block ist zersprengt. Unter solchen Umständen konnte 
Bernhard nicht bleiben.‘ S.M.: ‚Ja, der Reichstag ist fuchswild. So etwas 
ist Mir in Meiner ganzen Regierung nicht vorgekommen. Ich: ‚Herr von 
Heydebrand hat die Konservativen so bockbeinig geführt.“ S. M.: ‚Heyde- 
Wilhelm II. 
Bülows Gast
        <pb n="618" />
        528 „MARSCH HINAUS!" 
brand ist verrückt. Nun wollen wir aber ein ernstes Wort miteinander 
reden. Sie müssen nicht glauben, daß die Erbschaftssteuer oder der Block 
Bernhard gestürzt haben. Den wahren Grund müssen Sie in den November- 
ereignissen suchen. Sehen Sie, die Herren haben Mich unter der Hand wissen 
lassen, daß sie sich in die Erbschaftssteuer hineingefunden hätten. Aber sie 
haben ihn gestürzt, weil sie gefunden haben, daß er seinen kaiserlichen 
Herrn nicht genug verteidigt hätte.‘ Ich: ‚Aber, Majestät, die Konser- 
vativen waren ja am schroffsten im November und haben ja die Adresse 
gemacht.‘ (Damit meinte meine Frau die am 6. November 1908, vier Tage 
vor der Reichstagsdebatte, von der „Konservativen Korrespondenz“ und 
der „Kreuz-Zeitung‘ veröffentlichte, sehr scharfe parteioffizielle Kund- 
gebung gegen die unvorsichtigen Äußerungen des Kaisers auf dem Gebiet 
der auswärtigen Politik.) S.M.: ‚Na, das gehört auf ein anderes Brett. Die 
Herren werde Ich Mir noch kommen lassen und ihnen gehörig den Kopf 
waschen.‘ Ich: ‚Majestät, ich bin keine Politikerin, aber das eine weiß ich, 
und ich schwöre darauf, daß Bernhard Eurer Majestät mit Leib und Seele 
ergeben ist. Er hat seit zwölf Jahren keinen anderen Gedanken gehabt, als 
Ihnen treu zu dienen. Im November hat er schwer gelitten, er hat sich Tag 
und Nacht gewissenhaft überlegt, wie er Eure Majestät retten könnte und 
das Verhältnis zwischen Eurer Majestät und der Nation wiederherstellen. 
Das ist ihm gelungen, und Eure Majestät stehen wieder hochverehrt da.“ 
S.M.: ‚Jawobl, Ich stehe hoch da, weil die Leute einsehen, daß sie Mir 
Unrecht getan haben.‘ Ich: ‚Aber was finden Eure Majestät, das Bernhard 
im Novembersturm hätte tun sollen?‘ S.M.: ‚Er hätte im Reichstag auf- 
stehen und erklären müssen: Ich verbitte mir eine solche unverschämte 
Sprache gegen den kaiserlichen Herrn. Wie untersteht ihr euch, so zu 
sprechen ? Marsch, hinaus! Bernhard hätte sich mit Mir solidarisch erklären 
müssen. Er wußte genau, was im „Daily Telegraph““ stand. Ich habe es ihm 
geschrieben aus Highceliffe.‘ Ich: ‚Aber Bernhard hat einen solchen Brief nie 
erhalten.‘ S.M.: ‚Wenn Ich ihm nicht geschrieben habe, so habe Ich es ihm 
gesagt. Ich kann Ihnen den Baum in Ihrem Garten zeigen, wo Ich es ihm 
sagte.‘ Ich: ‚Majestät sind in diesem Winter gegen Bernhard gehetzt 
worden. Die Konservativen haben die Erbschaftssteuer nicht zahlen 
wollen. Als sie aber bemerkten, daß sie dies unpopulär machte, haben sie es 
so gedreht, als ob es wegen der Novemberereignisse gewesen wäre, und haben 
Bernhard gestürzt. Das Zentrum hat sich natürlicherweise für die Auflösung 
rächen wollen. Aber es ist unmöglich, daß Eure Majestät auf diese Intrigen, 
Klatschereien und Verdrehungen ’reinfallen. Sie kennen Bernhard seit 
vielen Jahren, und es ist nicht möglich, daß Eure Majestät diesen treuen 
Diener und diesen glühenden Patrioten vor Intrigen und Parteihaß ver- 
dächtigen können. Es wäre zu traurig, wenn elende Intrigen so triumphierne
        <pb n="619" />
        Bülow und sein Nachfolger Bethmann Hollweg 
am Lehrter Bahnhof in Berlin vor der Abreise Bülows am 17. Juli 1909
        <pb n="620" />
        <pb n="621" />
        BEI TISCH UND NACHHER 529 
sollen.“ S. M.: ‚Wenn Sie sich orientieren wollen, so rate Ich Ihnen, das 
Buch von Martin zu lesen. Aber Ich verstehe wenig von allen politischen 
Treibereien und Sie noch weniger. Gehen wir jetzt zu Tisch.‘ “ 
Ich saß dem Kaiser gegenüber, links von mir in einiger Entfernung 
Professor Theodor Schiemann, den der Kaiser an die Spitze der einzu- 
ladenden Gäste gesetzt hatte. Während des Essens wandte sich Schiemann 
direkt an den Kaiser mit den Worten: „Eure Majestät können mir glauben. 
Die Engländer sind feige!“ Schiemann, der einen ausgesprochen baltischen 
Akzent hatte, sprach das letztgenannte Wort aus wie „faije“. Der Kaiser 
machte ein verlegenes Gesicht. Ich sagte zu Schiemann: „Man kann den 
Engländern manchen Vorwurf machen, man kann sagen, daß sie zu Selbst- 
sucht, zu Hochmut, bisweilen auch zu Brutalität und Heuchclei neigen, 
aber Feigheit kann man ihnen wirklich nicht vorwerfen. Sie haben in allen 
ihren Kriegen zu Lande wie zu Wasser, von Malplaquet bis Waterloo und 
Trafalgar und bis zum Burenkrieg, von Marlborough, Nelson und Welling- 
ton bis zu Sir Henry Havelock und Lord Roberts große Tapferkeit und 
Zähigkeit an den Tag gelegt.“ Schiemann schwieg sehr pikiert. Bald nach- 
her fing er wieder an: „Majestät, ich habe erfreuliche und ganz sichere 
Nachrichten. Das englische Reich kracht in allen Fugen. In Südafrika 
bereitet sich ein großer Burenaufstand vor, Kanada will sich an die Ver- 
einigten Staaten anschließen, Australien sich unabhängig erklären. In 
Indien gärt es ganz gewaltig. Das englische Weltreich bricht auseinander.“ 
Der Kaiser sah nach einer anderen Seite. Ich sagte, nicht ohne Schärfe, zu 
Schiemann: „Ich bedaure aus vielen Gründen, mich von Seiner Majestät 
zu trennen. Aber wenn ich solchen Unsinn anhören muß wie die Phan- 
tastereien, die Sie uns da eben vorsetzten, so bedaure ich doppelt, nicht 
mehr in der Nähe Seiner Majestät zu weilen.‘“ Schiemann bekam einen 
feuerroten Kopf. Nach Tisch näherte sich mir die Kaiserin und sagte mir: 
„Ich habe mich so gefreut, daß Sie diesem gräßlichen Schiemann auf die 
Finger geklopft haben. Solche Leute sind Gift für den Kaiser, der mit 
seinem guten Herzen und seinem edlen Sion viel zu sehr auf sie hört. 
Schiemann ist so entsetzlich aufdringlich! Cissy (so wurde in der kaiser- 
lichen Familie die Prinzessin Viktoria Luise, die spätere Herzogin von 
Braunschweig, genannt) sagt immer: ‚Professor Schiemann läuft hinter 
Papa her wie ein Bräutigam hinter seiner Braut.‘ Ich habe Cissy gesagt, 
ein kleines Mädchen brauche gar nicht zu wissen, wie ein Bräutigam hinter 
seiner Braut herläuft.‘“ Die Kaiserin setzte nach einer kleinen Pause hinzu: 
„Aber seien Sie auf Ihrer Hut mit Schiemann. Er sah so giftig aus, als Sie 
ihn zurechtwiesen.“ 
Nach Tisch zog die Kaiserin meine Frau in ein längeres Gespräch. In 
ihrer gütigen und wahrhaften Art bat sie meine Frau, nicht zu vergessen,
        <pb n="622" />
        Abschied von 
der Kaiserin 
530 BEI DER KAISERIN 
wie sehr der Kaiser während der Novembertage gelitten habe. Er habe 
„wie ein Kind geweint‘, weil ihm der Undank und die Ungerechtigkeit 
weiter Kreise so nahegegangen seien. Das müßten wir uns immer vor 
Augen halten, um das Verhalten des Kaisers richtig zu beurteilen. Valen- 
tini äußerte zu meiner Frau, sie hätte, während sie mit Seiner Majestät 
gesprochen habe, nicht so liebenswürdig und freundlich ausgesehen wie 
gewöhnlich. Sie hätte ein ganz strenges Gesicht gemacht. Meine Frau er- 
widerte: sie wäre ganz bereit abzugehen, aber sie könne ungerechte und 
unwahre Urteile über ihren Mann nicht schweigend anhören, auch nicht, 
wenn sie aus dem Munde Seiner Majestät kämen. „Ach Gott“, antwortete 
ihr Valentini achselzuckend, „über solche Auslassungen Seiner Majestät 
muß man nicht zu lange und nicht zu tief nachdenken. Übrigens bin ich 
bereit, mit Ihnen eine Wette zu machen, daß Sie in zwei Jahren wieder in 
diesem Palais sitzen werden.“ Der Kaiser blieb bis elf Uhr. Ich begleitete 
ihn wie immer bis zu seinem Automobil. Als wir die Treppe hinunter- 
gingen, sprach er mit einiger Erregung davon, daß ein spanischer Infant, 
der eine Kusine Seiner Majestät, die hübsche Prinzessin Beatrice von 
Koburg, geheiratet hätte, seiner militärischen Würden und des Ordens vom 
Goldenen Vlies entkleidet worden wäre, weil er eine Kcetzerin zur Gattin 
erkoren habe. „Schöne Bundesgenossen, die sich Heydebrand ausgesucht 
hat“, fügte er lachend hinzu. Ich entgegnete, daß man die deutsche 
Zentrumspartei, in der es viele ehrenwerte und durchaus patriotische 
Männer gebe, nicht für die Rückständigkeit spanischer Exaltados verant- 
wortlich machen könne, die sich noch im Zeitalter der Inquisition und des 
Autodaf&amp; wähnten. Der Kaiser schüttelte mir die Hand und stieg in sein 
Automobil, in dem er oft mit lustigem Ta-tü-ta-ta bei mir vorgefahren war. 
Am 16. Juli wurden meine Frau und ich in Abschiedsaudienz von der 
Kaiserin empfangen. Die gute und edle Frau war sehr bewegt und sagte mir 
in herzlichen Worten und ohne Zweifel mit voller Überzeugung, daß sie 
meinen Rücktritt beklage und tief bedaure. „Wenn es nach mir gegangen 
wäre“, meinte sie mit wehmütigem Lächeln, „würden Sie noch zwanzig 
Jahre geblieben sein.“ Ich erwiderte, daß Seiner Majestät dem Kaiser mit 
einem achtzigjährigen Kanzler kaum gedient sein würde. Die Kaiserin 
hatte gehört, vermutlich von mir unfreundlicher Seite, daß ich die Absicht 
hätte, mich in den Reichstag wählen zu lassen. Sie bat mich mit rührendem 
Ausdruck: „Nicht wahr, Sie werden im Reichstag keine Reden gegen den 
Kaiser halten?‘ Ich entgegnete, indem ich ihr die Hand küßte, daß ich 
weder im Reichstag noch anderswo Seiner Majestät Schwierigkeiten machen 
würde. Ich sei und bliebe Monarchist. Sie sagte mir auch, immer in der ihr 
eigenen, durch und durch ehrlichen und wahrhaftigen Art, sie wäre „fast 
immer“ mit mir einverstanden gewesen. Da sie nicht viel von Politik
        <pb n="623" />
        BÜLOW VERLÄSST BERLIN 531 
verstünde, würde ich das wohl nicht als ein besonderes Lob betrachten. Nur 
in zwei Fragen sei sie nicht meiner Ansicht gewesen. Sie habe mich oft zu 
englandfreundlich gefunden; sie selbst wäre überzeugt, daß den Engländern 
nicht zu trauen sei. Ich antwortete, daß die englische Politik im großen und 
ganzen nicht perfider wäre als die der meisten anderen Länder. Tutto il 
mondo 2 paese. Aber selbst wenn England wirklich gar so perfide sei, wäre 
schon deshalb bei seiner Behandlung besondere Vorsicht geboten. Das 
zweite Gravamen der Kaiserin war, daß ich die Erbschaftssteuer vorge- 
schlagen habe, die den Adel zugrunde richte, der doch die sichere Stütze 
von Thron und Altar sei, und die gleichzeitig das Familienleben zerstöre. 
Das war natürlich Ihrer Majestät von törichten Hofleuten gesagt worden. 
Einen Tag später verließ ich Berlin. Ich hatte Weisung gegeben, Tag 
und Stunde meiner Abreise nicht in die Presse zu bringen, da ich Demon- 
strationen vermeiden wollte. Es hatte sich aber doch herumgesprochen, 
daß ich am 17. Juli von Berlin nach Norderney abreisen würde. Als ich mit 
meiner Frau im Wagen das Reichskanzlerpalais verließ, warteten Tausende 
von Menschen in der Wilhelmstraße, am Brandenburger Tor, vor dem 
Bismarck-Denkmal und vor dem Lehrter Bahnhof und begrüßten mich mit 
freundlichen Zurufen. Der Bahnhof war voll von Menschen, unter ihnen 
meine Kollegen, die Staatsminister, der Bundesrat, das Diplomatische 
Korps, persönliche Freunde, namentlich zahlreiche Offiziere, aber auch sehr 
viele mir Unbekannte. Ich war äußerlich ruhig und gefaßt, aber innerlich 
sehr bewegt und (warum soll ich es nicht gestehen?) voll trüber Ahnungen. 
Als sich der Zug in Bewegung setzte, entblößte die Menge das Haupt und 
stimmte das Deutschlandlied an. Während der Eisenbahnzug die Halle 
verließ, drangen die letzten Klänge an mein Ohr: 
Von der Maas bis an die Memel, 
Von der Etsch bis an den Belt, 
Deutschland, Deutschland über alles, 
Über alles in der Welt. 
Die Abfahrt
        <pb n="624" />
        Gedruckt 
im Ullsteinhaus 
Berlin
        <pb n="625" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
