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        <title>Bernhard Fürst von Bülow - Denkwürdigkeiten. Dritter Band. Weltkrieg und Zusammenbruch.</title>
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            <forname>Bernhard von</forname>
            <surname>Bülow</surname>
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        FÜRST  BÜLOW
DENKWÜRDIGKEITEN
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        BERNHARD
FÜRST  VON  BULOW

DENKWÜRDIG-KEITEN


DRITTER  BAND
WELTKRIEG  UND  ZUSAMMENBRUCH

HERAUSGEGEBEN  VON  FRANZ  VON  STOCKHAMMERN

 

IM  VERLAG  ULLSTEIN  -BERLIN
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        1.  bis  30.  Tausend

EINBANDENTWURF  VON  BEUCKE  ALLE  RECHTE  VORBEHALTEN
COPYRIGHT  1931  BY  ULLSTEIN  A-G  BERLIN  .  PRINTED  IN  GERMANY
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        BERNHARD  FÜRSTVONBÜLOW

DENKWÜRDIGKEITEN

IN  VIER  BÄNDEN

1.  Vom  Staatssekretariat  bis  zur  Marokko-Krise
2.  Von  der  Marokko-Krise  bis  zum  Abschied
3.  Weltkrieg  und  Zusammenbruch

4.  Jugend-  und  Diplomatenjahre

 

Die  Bände  erscheinen  in  der  Reihenfolge

ihrer  Niederschrift
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        INHALT  DES  DRITTEN  BANDES

ERSTES  KAPITEL.

Fahrt  von  Berlin  nach  Homburg  a  am  17.  VII.1909  »  Alte  "Erinnerungen  u  und
jüngste  Eindrücke  «  In  Hamburg  »  Hotel  Atlantic  «  Der  kleine  Pfordte  »  Ballins
Plan  einer  Besprechung  zwischen  dem  deutschen  und  dem  englischen  Seelöwen
scheitert  an  Betlimanns  Widerspruch  »  Zu  Schiff  von  Hamburg  nach  Cuxhaven,
von  dort  nach  Norderney  »  Der  Gesandte  Dr.  Rosen  +  Kundgebungen  zu  Bülows
Rücktritt:  Der  Bundesrat,  die  Bundesfürsten  und  Freien  Stüdte  -  lat  Bismarck
das  von  ihm  organisierte  Reich  zu  schr  auf  die  Fürsten  basiert?  -  Bülows  Einstellung
  zu  Parteien  und  Volksvertretung

ZWEITES  KAPITEL  .
Die  politische  Lage  nach  Bülows  Rücktritt  +  Letzte  ,  Unterredungen  mit  Betbmann
  Hollweg  -  Letzte  Staatsministeriulsitzung  -  Einzelheiten  zu  Bethmanns
Amtsantritt

DRITTES  KAPITEL  .
Nach  dem  Rücktritt:  Schmoller,  Oncken,  Riezler,  Philipp  Eulenburg

VIERTES  KAPITEL

Charakterstudien  anlüßlich  des  Rücktritts  «+  .  Tschirechky  +  Schön  +  Kiderlen
Radowitz  »  Jagow  »  Monts  «  Flotow  -  Walter  Rathenau,  sein  Verhältnis  zum
Kaiser  und  zur  Republik

FÜNFTES  KAPITEL.

Das  Verhalten  des  Kaisers  Wilhelm  II.  gegenüber  Bülow  nach  dessen  Rücktritt
Preßtreibereien  «  Schiemann  »«  Unterredung  des  Kaisers  Wilhelm  II.  mit  dem
Grafen  Friedrich  Vitztbum-Lichtenwalde  über  den  Rücktritt  des  Fürsten  Bülow
Verdächtigung  in  der  „Mürkischen  Volkszeitung“  +  Schreiben  Bülows  an  Bethmann
  »  Antwort  Bethmanns  aus  Linderhof  -  Wahnschaffe,  Chef  der  Reichskanzlei,
  in  Norderney  »  Briefwechsel  zwischen  Fürst  Bülow  und  Bodo  von  dem
Knesebeck  über  die  November-Ereignisse  von  1908

SECHSTES  KAPITEL.

In  Berlin  -  Unterredung  mit  Bethmann  im  Oktober  1909  -  Frühstück  bei  den
Moajestäten  im  Neuen  Palais  +  Die  Soiree  zum  Geburtstag  der  Kaiserin  aım  22.  X.
1909  «  Letzte  Begegnung  zwischen  Fürst  Bülow  und  Wilhelm  Il.  vor  dem  Ausbruch
  des  Weltkriegs  «  Reise  nach  Bern  »  Wiedersehen  mit  dem  Bruder  Alfred
Ankunft  in  Rom  »  Die  Villa  Malta  +  Geschichtliches  «  Erster  Gang  zum  Kapitol
Leben  in  Rom  «  Barr&amp;amp;re  «  Der  Chef  der  Reichskanzlei  von  Loebell

22

3
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        vum  INHALT  DES  DRITTEN  BANDES
SIEBENTES  KAPITEL.

Wechsel  in  der  Brüsseler  Gesandtschaft  »  Intrigen  I  Flotows  gegen  Wallwitz
Briefwechsel  zwischen  Bülow  und  Bethmann  »  Neuorientierung  der  deutschen
Politik  gegenüber  Belgien  durch  Bethınann  «  Bismarck  und  Belgien  1870  »  Besuch
  Bethmanns  in  Rom  im  März  1910  »  Frau  von  Flutow  +  Die  politische  Gesamtlage
  «  Die  Reichstagswahlen  1912  »  Tod  Eduards  VII  »  Herr  von  Kiderlen  in  Rom
Briefe  aus  der  Heimat:  lörnst  Bassermann,  Lichnowsky

ACHTES  KAPITEL.

Besuch  Adolf  von  Harnacks  in  Rom  »  Harnacks  Stellung  zum  Kaiser  vor  und
noch  der  Revolution  «  Besuch  in  Brandenburg  a.  d.  H.  im  Sommer  1913  +  Familiening
  in  Doberan  »  Gedächtnisrede  anläßlich  der  Enthüllung  des  Denkmuls
für  den  General  von  Bülow-Dennewitz  +  Zustimmende  Briefe  »  Graf  Roon  +  Besuch
  bei  Fitger  in  Bremen

NEUNTES  KAPITEL.

Montreux.  Oktober  1913  »  Audienz  bei  Pius  X,  «  Besoreniserrezende  nußenpolitische
  Lage  -  Menıorundum  für  den  Kaiser?  Verhalten  des  Kaisers  Wilhelm  IT.
gegenüber  entumteten  Ministern  »  Wilhelm  II.  zieht  Bülow  nach  dessen  Rücktritt
nie  ınchr  zu  Rat,  vnuch  nicht  vor  dem  Ultimatum  au  Serbien  noch  in  den  kritischen
  Julitagen  1914  «  Brief  Bülvws  au  den  Hausminister  Gruf  August  Bulenburg
  über  die  auswärtige  Lage  ein  Jahr  vor  der  Katastrophe  vom  Sommer  1914

ZEHNTES  KAPITEL  ..
Politik  Beuhmann  Hollwegs  von  1909  bis  1914  »  ‚Seine  Zurückhaltung  gegenüber
Bülow  in  allen  politischen  Fragen,  Bülow  wird  wührend  des  Quinquenniums  1909
bis  1914  politisch  völlig  ausgeschaltet  «  Ernennung  Lichnowskys  zum  Botschafter
in  London  »  Ausländische  Politiker  zur  Lage  -  Besuch  Peter  Carps  in  Rum  »  Krupenski
  »  Instruktion  Sasonows  an  Krupenski  »  Kokuwzow  und  Kriwoschein  in
Rum  »  Der  englische  Botschafter  Sir  Rennel  Rodd  -  Das  Buch  „Deutsche  Politik‘*

ELFTES  KAPITEL.
Berlin  Juni  1914  »  Die  Nachricht  von  der  Ermordung  des  österreichischen  Thronfolgers
  -  Unterredung  mit  Beihmann  und  mit  Wilhelın  Il.  -  Betlimanns  Illusionen

ZWÖLFTES  KAPITEL
Die  deutsche  Politik  unmittelbar  vor  Ausbruch  des  Weltkriegs  .  Stellung  Wilhelms
  Il.  zum  Kriegsproblem  «  Betbmann  uls  Diplomat  »-  Seine  Unterredung
mit  dem  englischen  Butschafter  Goschen  «  Stautssekretär  von  Jagow  «  Bericht
des  belgischen  Gesandten  Beyens  »  Wilhelm  Stumm  »  Zimmermann  +  Diego  von
Bergen  »  Wie  war  die  damalige  diplomatische  Lage  ?

DREIZEINTES  KAPITEL

Rücktrittsabsichten  Bethmann  Hollwegs  »«  Heroische  Stimmung  und  Haltung
des  deutschen  Volkes  «-  Bethmanns  Kriegserklärung  an  Rußland,  seine  Motive
Ungeschickte  diplomatische  Behandlung  Italiens  «  Rumänien  +  Gespräch  mit
Fürst  Wedel  über  die  militärische  Lage  +  Die  Telephonate  Lichnowskys  ınit  Grey
Der  Fall  Lüttichs  «  General  Ludendorff  »  Die  ersten  Nachrichten  über  die  Marneschlacht
  -  Der  Einfall  in  Belgien  -«  Der  Schlieffensche  Plan  -  Rede  Bethmanns
über  Belgien  vom  4.  August  1914  «  Der  Fetzen  Papier

93

.  107

-  120

.  137

163
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        INHALT  DES  DRITTEN  BANDES  IX
VIERZEHNTESKAPITEL  ..  ...  2.22.2220...  177

War  der  Weltkrieg  zu  vermeiden?  +  Warum  wurde  die  Flotte  nicht  eingesetzt?
Die  oberste  militärische  Führung  »  Generaloberst  von  Moltke  »  Die  Mission  des
Oberstleutnants  Hentsch  -  Die  Schlacht  bei  Tannenberg  »  Gencral  von  Falkenhayu
  Nachfolger  Molikes  -  Für  uns  bedenkliche  Entwicklung  der  Dinge  in  Rom
Der  österreichisch-ungarische  Botscbnfter  Merey  »  Passivität  des  deutschen  Botschafters
  Flotow  +  Italiens  Neutralitätserklürung

FÜNFZEHNTES  KAPITEL....  een...  193

Bülows  rörnische  Mission  1914/1915  «  Brief  Bethmanns,  Antwort  Bülows  «  Reise
nach  Rom  Mitte  Dezember  1915  +  Jagow-Flotow  gegen  Bülow  +»  Brief  Bullins  -  Für
Bülow  freundliche  Stimmen  aus  der  Heimat

SECHZEHNTES  KAPITEL....  .  204

Audienz  bei  Kaiser  Wilhelm  II.  -  Abschiedsbesuch  bei  Moltke  »  Abreise  nach
Rom  «»  Flatow  bleibt  in  Italien  und  intrigiert  weiter  gegen  Bülow  »  Erzbergers
Ankunft  in  Rom,  dessen  loyanles  Verhalten  «  Aus  den  Akten  der  römischen  Botschaft
  -  Tätigkeit  des  Fürsten  in  Rom  +  Briefe  aus  Deutschland  »  Stimmung  des
Kaisers  +»  Die  deutsche  Kolonie  »  Graf  Greppi  »  Ersetzung  des  österreichisch-ungarischen
  Botschafters  von  Merey  durch  den  Freiherrn  von  Macchio

SIEBZEHNTES  KAPITEL  ....  ..  een  een.  218

Sidney  Sonninno,  italienischer  Minister  des  Äußern  .  Propaganda  der  Entente
in  Italien  «  Ausbeutung  der  Invasion  Belgiens  von  seiten  der  Entente  -  König
Vittorio  Emanuele  III  »  Königin  Margherita,  vertrauliche  Äußerungen  der
Königin-Mutter  zur  Fürstin  Bülow  «  Batschaftsrat  von  Hindenburg  +  Giolittie
„Parecchio*  »  Papst  Benedikt  -  Klägliche  politische  Zügelführung  in  Berlin
Brief  Betlimanns  on  Bülow  «  Flotow  taucht  wieder  in  Rom  auf  -  Abschiedsaudienz
  Bülows  beim  König  Viktor  Emanuel  Ill.  »  lörzbergers  Optimismus

ACHTZEHNTES  KAPITEL....  .  238

Zurück  nach  Berlin  -  Diner  bei  Bethmaun  Hollwog  +  +  Kein  "Empfang  i  des  Fürsten
durch  den  Kaiser  »  Brief  Bethmanns  an  Bülow  -  Antwort  des  Fürsten  und  Duplik
Bethmanns  »  Empfang  in  Hamburg  »  Die  kriegerischen  Ereignisse  »  Betbmann
Hollweg  nimmt  Stellung  zum  polnischen  Problem  mit  der  Absicht,  ein  selbstündiges
  polnisches  Reich  zu  errichten

NEUNZEHNTES  KAPITEL.....  .  250

Winter  1915/1916  i  in  Luzern  »  Graf  Ledochowski,  General  S.  7.  +  Initiative  des
Kaisers  für  Friedensnngebot  der  Zentralmächte,  Verfehltheit  dieses  ungeschickten
  Schrittes  «  Letzte  Begegnung  des  Fürsten  Bülow  mit  Wilhelm  II.
Umsichgreifen  des  Defaitismus  in  Deutschland  -  Energie  der  französischen
Regierung  gegenüber  ähnlichen  Erscheinungen  in  Frankreich  »  Schrift  des
Fürsten  Lichnowsky  «  Unterredung  mit  Bethmann  Hollweg  «  Allgemeine  Webrpflicht
  in  England

ZWANZIGSTES  KAPITEL  ......  2220.  .  ..  .  263

Der  U-Boot-Krieg  -  Unterredung  des  Kronprinzen  mit  führenden  Münnern  des
Reichstags  -  Rücktritt  Bethmanns  »  Frage  der  Rückberufung  des  Fürsten  Bülow
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        x  INHALT  DES  DRITTEN  BANDES

Berlin-Wiener  Intrigen  gegen  Bülow  .  Diplomatische  Friedensmöglichkeiten
Unterstaatssekretär  Michaclis  Reichskanzler  -  Denkschrift  des  Grafen  Czernin
Friedensresolution  des  Reichstags  »  Erzberger  »  Erste  Zersetzungssymptome  bei
der  Flotte  in  Kiel  »  Staatssekretär  Zimmermann  »  Ersetzung  von  Michaelis  durch
Ilertling  -  Staatssekretär  Kühlmann  »  Der  Friede  von  Brest-Litowsk  -  Stimmung
in  Berlin  »  Adolf  von  Harnack

EINUNDZWANZIGSTES  KAPITEL  .  .  .
Ungünstige  Nachrichten  aus  Österreich  -  Der  dortige  deutsche  Botschafter  Graf
Botho  Wedel  »  Rumänien  tritt  in  den  Krieg  ein  »  Hindenburg-Ludendorff  »  Der
Gang  der  militärischen  Operationen  »  Die  große  Offensive  in  Frankreich  im
Frühjahr  1918  «  Symptome  zunehmender  Erschöpfung  in  Deutschland  +  Jämmerliche
  Schwüche  der  deutschen  Regierung  »  Besuche  Ballins  in  Klein-Flottbek,
  sein  letzter  Versuch,  Wilhelm  II.  aufzuklären  »  Brief  Heckschers  an  den
Fürsten  über  den  Zusammenbruch,  Bülows  Antwort  «  Der  Sowjet-Botschafter
Joffe

ZWEIUNDZWANZIGSTES  KAPITEL.  ..  .
Prinz  Max  von  Baden  Reichskanzler  +  Seine  Persönlichkeit,  seine  Ungeeignetheit
zum  Kanzleramte  »  Neuerliche  Kandidatur  des  Fürsten  «  Die  Frage  der  Abdankung
  Wilhelms  II.,  seine  Flucht  nach  Holland  und  sein  Brief  an  den  Kronprinzen
  »  Vollzug  der  Abdankung  -  Die  Spießbürgerlichkeit  der  deutschen
Revolution  »  Meuterei  in  Kiel  «  Die  Ereignisse  in  München  »  Flucht  Ludwigs  IIl.
von  Bayern  «  Wie  Friedrich  August  von  Sachsen  Abschied  nahm

DREIUNDZWANZIGSTES  KAPITEL.  ..
Sieg  der  Revolution  in  Berlin  -  Abreise  des  Prinzen  Max  nach  Baden  »  Die  Spartakus-Unruhen
  »  Ebert  und  Noske  »  Erlebnisse  im  Hotel  Adlon  +  Grüfin  Treuberg,
Dr.  Stampfer,  Dr.  Breitscheid  -  Rückkehr  der  Truppen  von  der  Front  »  Die  Wuffenstillstands-Verhandlungen
  in  Compiegne,  Erzbergers  Geschäftsbehandlung  als
Vorsitzender  der  Wa-Ko  «  Der  Diktat-  und  Schandfriede  von  Versailles  -  Die
deutsche  Akten-Publikation

VIERUNDZWANZIGSTES  KAPITEL.
Der  Geist  von  Weimar  +  Erzberger  »  Die  politische  Unfühigkeit  «  der  führenden
Münner  in  Weimar  +  Fehler  des  alten  Systems,  seine  Stellung  zum  Parlamentarismus
  +  Wieviele  Reichskanzler  seit  der  Revolution?  Hat  Bismarck  die  Stellung
der  Krone  zu  stark  gestaltet?  -  Rückblick  Bülows  auf  sein  eigenes  Leben  »  Bülow
nicht  einseitiger  Laudator  temporis  acti  «  Symptome  allmählicher  Besserung
der  Verhültnisse  in  Deutschland  «  Hindenburg  »  Deutschlands  Zukunft

ANHANG.
Die  Kundgebungen  z  zu  Bülows  Rücktritt

NAMEN-  UND  SACHREGISTER  FÜR  BAND  I-IIT.

.  279

.  305

«  321

.  337

.  373
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        VERZEICHNIS  DER  BEILAGEN

Bernhard  Fürst  von  Bülow  .........  2222220  cceneneereee  8
Abschiedsbrief  der  Kronprinzessin  Cecilie  .............2....  16
Villa  Klein-Flottbek  ...........22220ueneeeeeeeeereee  een  24
Dr.  Walter  Rathenau  ..........22c2eceseneeeeeeereee  een  40
Die  Villa  Malta  in  Rom  .........2222seserersee  ernennen  712
Wilhelm  II.  im  Kaisermanöver  .......22202ceeseereeeenn  nn  112
Fürst  Max  Lichnowsky........222222eeseeeseeeenee  nenn  124
Bericht  Lichnowskys  an  Bethmann  Hollweg  ...............  128
Flottenmanöver  in  Kiel  ............2ccsonesneeeneenenne  138

Handschriftliche  Notiz  von  Bethmann  Hollweg  an  Jagow  ...  152

Leopold  Graf  Berchtold  ..............c2esnsssaeenneenenn  160
Giovanni  Giolitti  ...  2...  2222  n  seen  eesennsereeenenenene  168
Englische  Belgien-Note  an  Deutschland  ...................  176
Botschafter  v.  Tschirschky  und  Bögendorff  ................  180
Marchese  Antonio  di  San  Giuliano  ...........222c.2  cn  188
Antonio  Salandra............2ceucsenseeeneensnr  nern  216
Telegramm  von  Bethmann  Hollweg  an  Bülow..............  224
Papst  Benedikt  XV.  .........22222cseneeneeeenesnnenennn  232
Brief  des  Papstes  an  Bülow..........22222oceeeeennennenn  240
Bethmann  Hollweg  mit  Hellferich  und  Jagow  ..............  256
Genecralfeldmarschall  Paul  von  Beneckendorf  und  Hindenburg  280
Glückwunsch  Hindenburgs  an  Bülow.............ecssnco..  320
Brief  von  Tirpitz  an  Bülow  ..........222oooceeeenenenrenn  324
Bülow  nach  der  Bestattung  der  Fürstin  mit  Felix  v.  Eckardt  328
Eigenhändiges  Schlußwort  des  Fürsten  Bülow  .............  334
*

Am  Schluß  dieses  dritten  Bandes  befindet  sich  das  Namen-  und  Sachregister
für  die  ersten  drei  Bünde.  Dem  vierten  Band  (Ergänzungsband:  Jugend-  und

Diplomatenjahre)  wird  ein  eigenes  Register  beigegeben
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        VON  DER  DEMISSION
BIS  ZUM  ENDE  DES  WELTKRIEGS

1  Bülow  II
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        I.  KAPITEL

Fahrt  von  Berlin  nach  ITamburg  am  17.  VII.  1909  »  Alte  Erinnerungen  und  jüngste
Eindrücke  «  In  Hamburg  »  Hotel  Atlantie  «  Der  kleine  Pfordte  »  Ballins  Plan  einer  Besprechung
  zwischen  dem  deutschen  und  dem  englischen  Seclöwen  scheitert  an  Bethmanns
  Widerspruch  -  Zu  Schiff  von  Hamburg  nach  Cuxhaven,  von  dort  nach  Norderney
Der  Gesandte  Dr.  Rosen  «  Kundgebungen  zum  Rücktritt:  Der  Bundesrat,  die  Bundesfürsten
  und  Freien  Städte  -  Hat  Bismarck  das  von  ihm  organisierte  Reich  zu  schr  auf  die
Fürsten  basiert?  +  Bülows  Einstellung  zu  Parteien  und  Volksvertretung

ls  ich  nach  meinem  Abschied  von  der  Reichshauptstadt  meiner  Frau

im  Salonwagen  gegenübersaß,  der  uns  von  Berlin  nach  Hamburg
führte  und  den  Verehrung  für  sie  in  einen  Hain  von  Rosen,  Nelken  und
Orchideen  verwandelt  hatte,  denn  vor  dem  Weltkrieg  wurde  kaum  irgendwo
  ein  Blumenflor  entfaltet  wie  in  Berlin,  war  mein  erstes  Gefühl  Dank
gegen  Gott,  daß  es  mir  vergönnt  gewesen  war,  während  eines  bewegten,
bisweilen  stürmisch  bewegten  Jahrzehnts  das  Land  vor  Schaden  zu
bewahren,  seinen  Woblstand  zu  fördern,  seine  Machtstellung  zu  befestigen
und  zu  erweitern  und  uns  den  Frieden  in  Ehren  zu  erhalten,  der  unser  erstes
und  vornehmstes  Bedürfnis  war  und  blieb.  Ich  dankte  meiner  lieben  Frau
für  ihre  Treue  und  Fürsorge,  die  es  mir  ermöglicht  hatten,  in  zwölfjähriger
angestrengter  und  aufreibender  Tätigkeit  meine  Schuldigkeit  zu  tun.  Oft
war  ich  die  Strecke  von  Berlin  nach  Hamburg  gefahren,  um  dem  Kaiser  in
Kiel  Vortrag  zu  halten  oder  mit  ihm  auf  seiner  schnellen  Jacht  „Meteor“,
auf  der  schmucken  „Iduna‘“  der  Kaiserin  dem  Segelsport  zu  huldigen.  Jetzt
zog  ich  als  entamteter  Kanzler  denselben  mir  wohlbekannten  Weg,  und
Erinnerungen  meiner  Jugend  stiegen  während  der  Fahrt  in  mir  auf.  Ich
gedachte  meines  guten  Vaters,  der  auch  auf  Reisen  jede  Gelegenheit  benutzt
hatte,  mir  Land  und  Leute  zu  deuten  und  meinen  historischen  Horizont  zu
erweitern.

Wir  kamen  an  Spandau  vorüber,  der  alten  Stadt,  wo  die  ersten  Kurfürsten
  aus  dem  Hause  Hohenzollern  regiert  hatten,  wo  Joachim  II.  am
1.  November  1539  das  Abendmahl  sub  utraque  empfing  und  damit  der
neuen  Lehre  in  der  Mark  Brandenburg  den  Weg  ebnete,  wo  der  Julius-Turm
  stand,  der  Goldturm,  in  dem  der  preußische  Kriegsschatz  verschlossen
war,  der  die  Phantasie  des  Volkes  lange  beschäftigt  hatte.  Jetzt  war  ich  über

je

Reise  nach
Hamburg
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        4  DIE  VON  BÜLOW

eine  Finanzreform  gefallen,  bei  der  es  sich  schon  um  größere  Summen  handelte.
  Und  es  sollte  die  Zeit  kommen,  wo  vor  unseren  trauernden  Augen
mehr,  viel  mehr  Milliarden  unserem  erschöpften  und  gemarterten  Vulk  ausgepreßt
  werden  sollten,  als  uns  früher  Millionen  erschwinglich  erschienen.
Kremmen,  Fehrbellin  tauchten  in  der  Ferne  auf:  Kremmen,  wo  Märker  und
Pommern  miteinander  rauften,  die  später  Schulter  an  Schulter  manche  gute
Schlacht  schlagen  sollten,  Fehrbellin,  der  erste  große  Sieg  der  brandenburgpreußischen
  Heldengeschichte.  Der  Geist  des  größten  preußischen  Dichters,
der  Geist  Heinrichs  von  Kleist  schwebt  über  dieser  heroischen  Landschaft.
Wilsnack  ruft  mir  einen  mittelalterlichen  Exzeß  meines  Geschlechts  ins
Gedächtnis.  Der  Ritter  Hennecke  von  Bülow,  ein  streitbarer  Mann,  der  den
Beinamen  „Grote  Kop“  führte  und  die  Städte  Plau,  Dömnitz  und  Neustadt
in  seinen  Besitz  gebracht  hatte,  äscherte  1383  während  einer  Fehde,  die  er
gegen  den  Bischof  von  Havelberg  führte,  in  barbarischer  Weise  Wilsnack
ein.  Er  schonte  auch  die  Kirche  nicht,  in  der  das  Sakrament  ausgesetzt  war.
Die  Hostie  verbrannte  nicht,  aber  sie  blutete,  und  dadurch  wurde  das
„Heilig  Blut  von  Wilsnack“  ein  berühmter  Wallfahrtsort.  „Beim  heiligen
Blut  von  Wilsnack‘“  war  im  Mittelalter  eine  beliebte  Beteuerungsformel.
Das  Geschlecht  von  Bülow  aber  mußte  die  Missctat  seines  entarteten
Sohnes  mit  dreijährigem  Kirchenbann  büßen.  Da  die  Familie  in  den  Jahrhunderten
  vor  der  Reformation  der  Kirche  fünf  treffliche  Bischöfe  gestellt
hat,  vier  für  Schwerin  und  einen  für  Lebus,  so  gebe  ich  mich  der  Hoffnung
hin,  daß  der  Frevel  eines  einzelnen  ihr  nicht  dauernd  angerechnet  werden
wird.  Der  Übeltäter  hat  übrigens  seinen  Exzeß  nicht  lange  überlebt.  Die
Familien-Chronik  meldet,  daß  der  „Grote  Kop“  bald  nach  der  Zerstörung
von  Wilsnack,  kaum  30  Jahre  alt,  zur  Hölle  fuhr.

Wir  kamen  an  dem  Rittergut  Düssin  vorbei,  das  lange  im  Besitz  meiner
direkten  Vorfahren  gewesen  war.  Von  fast  neunzig  Rittergütern,  sagte  ich
mir,  die  seit  dem  14.  Jahrhundert  meiner  Familie  in  unserer  alten  mecklenburgischen
  Heimat  gehört  hatten,  sind  kaum  noch  zwanzig  in  unserem
Besitz,  und  wie  wird  es  in  hundert  Jahren  ausschen  ?  Und  insbesondere,
wenn  an  der  Zentralstelle  eine  unkluge  Politik  gemacht  wird?  Wir  hielten
in  Ludwigslust,  wo  ich  als  Knabe  geweilt  hatte,  um  damals  dort  lebenden
ehrwürdigen  Oheimen  und  Tanten  meine  Aufwartung  zu  machen,  und  die
Biedermeierzeit  stieg  vor  mir  auf  mit  Lavendelduft  und  goldenen  Schnupftabakdosen.
  Mit  welcher  Ehrfurcht  hatte  ich  damals  in  dieser  typischen
Kunst-  und  Zufallsstadt  fürstlichen  Willens  den  Goldenen  Saal  im  Schloß,
den  Schloßpark  mit  seinen  Anlagen,  die  Kaskade  mit  ihren  breiten  Doppelfällen
  betrachtet.  Ich  konnte  mich  auch  noch  wohl  an  die  Hofkirche
erinnern  mit  ihrer  seltsamen  Inschrift:  „Magaus  Dux  Megapolitanus
Magnus  Peccator  Magno  Redemptori“.  Wie  aber  der  in  Rede  stehende
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        IM  RÜCKBLICK  5

große  Herzog  und  große  Sünder  hieß,  hatte  ich  vergessen.  Das  Mausoleum
von  Friedrichsruh!  Ich  habe  es  auf  meinen  vielen  Fahrten  zwischen
Berlin  und  Hamburg  nie  erblickt,  ohne  mich  in  ernsten  Gedanken  und  zu
ernster  Betrachtung  zu  sammeln.  Aber  mit  tieferer  Bewegung  habe  ich  nie
auf  diese  Grabstätte  geblickt  als  bei  meiner  Fahrt  aus  dem  Amt  und  in  den
Ruhestand,  am  17.  Juli  1909.

Ich  hatte  in  den  letzten  bewegten  Wochen  meiner  Amtszeit  keine  Zeit
zu  ciner  ruhigen  Aussprache  mit  meiner  Frau  gefunden.  Ich  setzte  ihr  jetzt
die  tieferen  Ursachen  meines  Rücktritts  auseinander.  Es  unterlag  keinem
Zweifel,  daß  die  Finanzreform  in  der  von  mir  in  Aussicht  genommenen
Gestalt  durchgegangen  wäre,  wenn  nicht  die  latente  Gegnerschaft  des
Kaisers  das  Zentrum  in  seinem  Kampf  gegen  mich,  die  Konservativen  zu
ihrem  Abfall  von  mir  ermutigt  hätte.  Ungleich  seinem  Großvater  und  Vater,
hatte  Wilhelm  II.  mehr  auf  die  Stimme  seiner  in  den  Novembertagen  von
1908  gekränkten  Eitelkeit  gehört  als  auf  die  Staatsräson  und  die  Gebote
politischer  Klugheit  und  Vernunft.  Meine  Frau,  die  den  ihr  stets  gütig
gesinnten  Kaiser  schon  im  Hause  sciner  Eltern  gekannt  hatte  und  die  ihm
herzlich  zugetan  war,  bestärkte  mich  in  dem  Entschluß,  alles  zu  unterlassen
und  zu  vermeiden,  was  die  Krone  schädigen  könnte.  Es  wurde  mir  das  durch
die  Erwägung  erleichtert,  daß  auch  die  selbstsüchtige  und  dabei  kleinlich
ungeschickte  Taktik  der  Konservativen  große  Schuld  an  der  Ablehnung
der  Erbschaftssteuer,  dem  vorzeitigen  Zerfall  des  Blocks  und  damit  an
meinem  Rücktritt  trüge.  Ich  begegnete  mich  mit  meiner  Frau  in  dem  Gedanken,
  daß  vielleicht  manches  anders  gekommen  wäre,  wenn  mir  im
letzten  kritischen  Winter  meiner  Amtszeit  die  alten  Freunde  zur  Seite
geblieben  wären,  die  mich  verstanden,  mutig  und  treu  zu  mir  hielten  und
die  inzwischen  der  Tod  abberulen  hatte.  Mit  Richthofen  als  Staatssekretär
des  Äußern  wäre  eine  so  leichtfertige  und  nachlässige  Behandlung  des
Manuskriptes  des  „Daily  Telegraph“,  wie  sie  sich  Schön,  Müller  und
Klehmet  zuschulden  kommen  ließen,  nicht  vorgekommen.  Der  rührige,
weltkundige  Franz  Arenberg  hätte  im  Zentrum  auf  eine  verständigere
Haltung  hingewirkt  und  jedenfalls  die  Treibereien  eines  Matthias  Erzberger
nicht  aufkommen  lassen.  Graf  Limburg-Stirum  als  Führer  der  Konservativen
  hätte  sich  schwerlich  so  vergaloppiert  wie  der  kleinere,  engstirnige
Heydebrand  und  dessen  herzlich  unbedeutender  Famulus  Westarp.  Der
alte  Wilhelm  von  Kardorfl,  der  langjährige  Vertraute  des  Bismarckschen
llauses,  ein  Mann  von  Feuer  und  weitem  Blick,  war  als  Leiter  der  Reichspartei
  mir  eine  bessere  Stütze  gewesen  als  sein  Nachfulger,  der  konfuse
und  dabei  ängstliche  Ilatzfeldı-Trachenberg.

Die  Türme  von  Hamburg  tauchten  auf,  die  Stadt  mit  dem  Blick  auf  Ankunft  in
das  Meer,  in  die  Ferne.  Am  Bahnhof  erwarteten  uns  Albert  Ballin  und  Jlamburg
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        Gespröche
mit  Bullin

6  EINE  DEUTSCH-ENGLISCHE  SEEKONFERENZ?

Felix  von  Eckardt.  Eine  große  Menschenmenge  bot  uns  ein  freundliches
Willkommen.  Als  wir  von  unseren  beiden  Freunden  begleitet  nach  dem
Hotel  Atlantic  gingen,  wo  wir  abzusteigen  pflegten,  stand  vor  der  Tür  der
kleine  Pfordte.  Er  war  ein  Wahrzeichen  von  Hamburg  wie  die  Maus  an  der
Marienkirche  ein  Wahrzeichen  von  Lübeck.  Jeder  Handwerksbursche,  der
nach  Lübeck  kam,  mußte  die  Maus  gesehen  haben;  und  wer  Hamburg  in
unserer  guten  Zeit  besuchte,  mußte  Pfordte  kennen,  denn  er  repräsentierte
in  der  deutschen  Stadt,  in  der  man  am  besten  aß,  die  Kunst,  der  Anthelme
  de  Brillat-Savarin  seine  „Physiologie  du  goüt“  und  Karl  Friedrich
von  Rumohr  seinen  „Geist  der  Kochkunst“  gewidmet  hat.  Wie  von  dem
Zwerg  Perkeo  in  Scheflels  Lied  auf  das  Heidelberger  Faß  konnte  man  auch
von  Piordte  sagen,  daß  er  am  Wuchse  winzig,  am  Geiste  groß  war.  Er  war
als  armer  Junge  von  Wittenberge  nach  Hamburg  gekommen  und  beschluß
sein  Leben  als  anerkannte  Autorität  in  seinem  l’ach.  Er  setzte  uns  ein
kleines,  aber  ausgesuchtes  Abendessen  vor  nach  seiner  Maxime,  daß,  wenn
der  Mensch  anderswo  esse,  er  bei  ihm  diniere.  Um  nicht  in  den  Verdacht
der  Prahlerei  zu  geraten,  will  ich  einschalten,  daß  ich  nicht  den  Anspruch
erheben  kann,  als  Gourmet  bezeichnet  zu  werden.  Ich  pflege  ziemlich.
wahllos  zu  verspeisen,  was  mir  vorgesetzt  wird.  Pfordte  konnte  das  nicht
loben,  meinte  aber  tröstend,  meine  kulinarische  Unzuständigkeit  tue  seiner
politischen  Anerkennung  für  mich  keinen  Abbruch.  Bis  spät  nach  Mitternacht
  tauschte  ich  mit  den  Hamburger  Freunden  Eindrücke  und  Gedanken
aus  und  leider  auch  Besorgnisse.

Ballin  bedauerte  vor  allem,  daß  ich  verhindert  worden  wäre,  das  von  mir
in  Angriff  genommene  Abkommen  mit  England  über  das  Tempo  der
Schiffsbauten  noch  zustande  zu  bringen.  Reich  an  Auskünften,  wie  Ballin
war,  findig  und  biegsam,  kam  ihm  ein  neuer  Gedanke:  Tirpitz  und  Lord
Fisher,  der  deutsche  und  der  britische  Seelöwe,  sollten  sich  im  Laufe  des
Sommers  irgendwo  in  der  Schweiz  treffen,  in  Mürren  oder  Engelberg,  und
trachten,  zu  einer  freundlichen  Verständigung  zu  kommen.  Ballin  ging,
meines  Erachtens  mit  Recht,  davon  aus,  daß  Tirpitz  bei  seiner  nicht  immer
glücklichen,  aber  ausgesprochenen  Neigung  zu  politischer  Betätigung  nicht
ungern  einen  diplomatischen  Erfolg  einheimsen  und  deshalb,  wenn  er  selbst
die  volle  und  direkte  Verantwortung  trüge,  entgegenkommender  sein  würde,
als  wo  er  nur  zu  kritisieren  hatte.  Ballin  nahm  an,  daß  auch  der  englische
Seelöwe  für  diplomatische  Lorbeeren  nicht  unempfänglich  sein  würde.
Ballin  hat  es  sich  im  Laufe  des  Sommers  1909  tatsächlich  angelegen  sein
lassen,  die  beiden  Souveräne  für  seine  Idee  zu  gewinnen.  König  Eduard
fand  den  Vorschlag  gut  und  versprach,  auf  Lord  Fisher  im  Sinne  der
Verständigung  einzuwirken.  Als  Wilhelm  Il.  am  3.  August  1909  von  seiner
Nordlandreise  zurückkehrte,  fuhr  Ballin  ihm  nach  Swinemünde  entgegen.
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        BETIMANN  PIKIERT  7

Der  Kaiser,  der  auf  Albert  Ballin  hörte  und  dem  an  und  für  sich  jede  neue
Idee  gefiel,  namentlich  wenn  sie  originell  war,  nahm  den  Vorschlag  gnädig
auf  und  ließ  sofort  Bethmann  Hollweg  kommen,  der  gleichfalls  in  Swinemünde
  eingetroffen  war.  Als  nun  Ballin  vor  dem  neuen  Kanzler  seinen  Vorschlag
  entwickelte,  machte  dieser  ein  langes  und  pikiertes  Gesicht.  Er
meinte  schmollend:  „Gegen  diesen  Vorschlag  muß  ich  alleruntertänigst  Verwahrung
  einlegen.  Ich  habe  mir  die  Herstellung  eines  vertraucnsvollen,
wirklich  freundschaftlichen  Verhältnisses  zu  England  als  das  Hauptziel
meiner  Kanzlertätigkeit  und  als  meine  persönliche  Aufgabe  ausgesucht.  Ich
habe  mich  während  Eurer  Majestät  Nordlandreise  gründlich  in  diese  Materie
  eingearbeitet,  die  Akten  fleißig  studiert.  Das  ist  mein  eigenstes  Ressort,
in  das  ich  keine  Eingriffe  erlauben  kann.““  Bethmann,  so  schloß  Ballin  seine
Mitteilung  an  mich,  als  wir  uns  bald  nachher  wieder  begegneten,  sah  dabei
50  verstimmt  aus,  daß  Wilhelm  II.,  der  ungern  unzufriedene  Gesichter  in
seiner  Umgebung  sah,  das  Thema  fallen  ließ  und,  als  Bethmann  sich  entfernt
hatte,  zu  Ballin  sagte:  „Sie  haben  sein  pikiertes  Gesicht  gesehen!  Ich  kann
doch  nicht  die  Ära  Bethmann  Hollweg  mit  einem  Krach  beginnen,
nachdem  die  Ära  Bülow  socben  mit  einem  solchen  geendet  hat.“

Am  nächsten  Morgen  fuhren  wir  die  Elbe  hinunter  auf  der  prächtigen
„Viktoria  Luise“,  einem  der  größten  Hapagdampfer,  auf  dem  uns  der  gute
Ballin  bis  Cuxhaven  geleitete.  Wir  fuhren  an  Altona  vorüber,  an  der
Donnersburg,  wo  im  Herbst  1904  unser  Kaiserpaar  während  der  Manöver
abgestiegen  war  und  wo  es  die  Nachricht  von  der  Verlobung  des  Kronprinzen
  erhielt,  vorbei  an  Ocvelgönne,  wo  die  alten  Kapitäne  vor  ihren
malerischen  Häuschen  sitzen  und  mit  langen  Fernrohren  in  wehmütiger
Erinnerung  an  ihre  eigenen  Fahrten  den  vorüberziehenden  Schiffen  prüfend
nachschauen.  Wir  passierten  das  Landhaus  in  Flottbek,  wo  ich  geboren
bin.  Es  liegt  an  der  Flottbeker  Chaussee,  die  Detlev  von  Liliencron,  wie  ich
meine  mit  Recht,  die  schönste  deutsche  Straße  genannt  hat.  Der  uns  benachbarte
  und  befreundete  Dichter  war  in  den  Tagen  meines  Rücktritts  zu
unserem  Leidwesen  gestorben.  Die  Chaussee  war  voll  Menschen,  die  uns
mit  „Hoch!“  und  „Hurra!“  begrüßten.  Der  spitze  Turm  der  Kirche  von
Nienstedten  ward  sichtbar,  deren  längst  heimgegangener  würdiger  Pastor
Classen  mich  als  Siebzigjähriger  einst  getauft  hat.  Er  liegt  neben  der  Eingangstür
  zum  Friedhof  begraben,  auf  dem  auch  ich  meine  letzte  Ruhe
finden  soll.  Täufer  und  Täufling  werden  sich  Auge  in  Auge  gegenüberstehen
am  großen  Tage  der  Auferstehung.  Die  malerisch  am  Ufer  aufsteigenden
Häuser  von  Blankenese,  das  man  mit  Sorrent  verglichen  hat  und  das  in
seiner  Art  für  mich  ebenso  reizvoll  ist,  Schulau,  Wedel,  Glückstadt  ziehen
vorüber.  Die  Elbe  wird  immer  breiter,  immer  mächtiger.  Brunsbüttel,  von
wo  ich  zehn  Jahre  früher  mit  unserem  Kaiserpaar  die  Fahrt  nach  England

Flottbek
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        Landung  in
Norderney

8  DIE  SPRÜCHE  DES  ZELTMACIERS

antrat,  zeigt  sich  rechts,  Cuxhaven  links,  und  endlich  das  Meer,  das  ewige
Meer,  die  Thalatta  des  Xenophon,  dessen  Hopliten  auf  dem  IRückmarsch
vom  Euphrat  von  den  Höhen  der  Paphlagonischen  Berge  den  Pontus
Euxinus  mit  Jubelruf  begrüßten,  das  Meer,  von  dem  der  einzige  deutsche
Dichter  unserer  Tage,  Gerhart  Hauptmann,  schrieb,  daß  es  seine  Wasserberge
  unter  den  blinden  Augen  von  Jahrmillionen  einherwälze,  nicht  minder
blind  als  diese  Jahrmillionen.

In  Cuxhaven  wurden  wir  umgebootet,  ein  kleiner  Dampfer  trug  uns
von  dort  nach  Norderney.  Ich  hatte  mir  als  Reiselektüre  ein  Büchelchen
mitgenommen,  das  nicht  lange  vorher  der  damalige  Legationsrat  Friedrich
Rosen  mir  geschenkt  hatte.  Es  nannte  sich  „Die  Sinnsprüche  Omars  des
Zeltmachers“.  Der  wackere  Zeltmacher  Omar  Kajjam,  der  von  sich  sagt,
er  habe  nicht  die  Zelte  umherschweifender  Ilirten,  sondern  die  Zelte  der
Philosophie  genäht,  hat  um  die  Wende  des  11.  und  12.  Jahrhunderts  in  der
nordost-persischen  Stadt  Nischapur  gelebt.  Rosen,  der  die  Vierzeiler  des
persischen  Dichters  und  Philosophen  ins  Deutsche  übertrug,  war  einer
meiner  besten  Mitarbeiter  im  Auswärtigen  Amt.  Er  war  in  Jerusalem  geboren,
  wo  sein  Vater  in  der  Bismarckschen  Zeit  als  Konsul  gewirkt  hatte.
Er  selbst  war  von  Jugend  auf  mit  dem  Orient  wohlvertraut.  Er  hatte  am
Orientalischen  Seminar  in  Berlin  Persisch  und  Hlindostanisch  doziert,
war  dann  Konsul  in  Beirut,  Bagdad  und  Teheran  gewesen.  Er  hatte  einige
Jahre  im  Hause  des  Marquis  of  Dufferin  gelebt,  der  nacheinander  englischer
Botschafter  in  St.  Petersburg,  Konstantinopel,  Rom  und  Paris,  Generalgouverneur
  von  Kanada  und  endlich  Vizekönig  von  Indien  gewesen  war.
Rosen  hatte  Lord  Duflerin  nach  Indien  begleitet  und  dort  seinen  politischen
Blick  geschärft  und  erweitert  und  im  Verkehr  mit  einem  hervorragenden
Staatsmann  die  Kunst  der  Menschenbehandlung  gelernt.  Er  hatte  mir
während  meiner  Amtszeit  gute  Dienste  geleistet,  1905  als  Führer  einer  Gesandtschaft
  nach  Abessinien,  wo  er  einen  für  uns  vorteilhaften  Handelsvertrag
  abschloß,  später  in  Paris  als  Unterhändler  mit  Rouvier  vor  der
Algeciras-Konferenz,  endlich  als  Gesandter  in  Tanger.  Die  Sprüche  des
Zeltmachers  und  Philosophen  aus  Nischapur  hatte  Rosen  während  seiner
Kreuz-  und  Querzüge,  die  ihn  auf  langen  Karawanenwegen  durch  Persien
geführt  hatten,  im  Sattel  übersetzt.  Rosen  hat,  wie  ich  hier  erwähnen
möchte,  nach  meiner  Amtszeit  als  Gesandter  in  Bukarest,  Lissabon  und  dem
Haag  sich  wohl  bewährt.  In  Bukarest  erfreute  er  sich  vor  dem  Weltkrieg
des  besonderen  Wohlwollens  des  Königs  Carol,  dem  seine  Klugheit,  seine
große  Kultur  und  seine  angenehmen  Formen  gefielen.  In  Lissabon  leistete
er,  was  nach  dem  Ausbruch  des  Weltkrieges  in  dieser  englischen  Sukkursale,
auf  verlorenem  Posten,  im  Ilinhalten  zu  erreichen  möglich  war.  Im  Haag

sollte  Rosen  als  Gesandter  die  Flucht  Wilhelms  II.  nach  Holland  erleben
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        Fürst  Bernhard  von  Bülow
        <pb n="26" />
        <pb n="27" />
        „WAS  DANN?"  9

und  in  einer  der  schwierigsten  Situationen,  in  die  ein  kaiserlicher  Vertreter
geraten  konnte,  Charakter  wie  Takt  an  den  Tag  legen.  Zum  Minister  des
Äußern  eignete  sich  Rosen  nicht  allein  durch  glänzende  Beherrschung  des
Französischen  wie  des  Englischen,  sondern  auch  durch  weltmännische
Formen  und  Erfahrungen.  In  einem  Kabinett  Wirth  konnte  sich  Friedrich
Rosen  gegenüber  dem  damaligen  Reichskanzler  nicht  lange  behaupten,
als  er  im  Mai  1921  Reichsminister  des  Äußern  wurde.  Die  ersten  Vierzciler
  des  Omar  Kajjam,  auf  die  ich  bei  meiner  Meeresfahrt  stieß,  lauteten:

Und  lebtest  du  dreihundert  Jahr  und  drüber  noch  hinaus,
Aus  dieser  Karawanserei  mußt  du  einst  doch  hinaus.

Ob  du  ein  stolzer  König  warst  oder  ob  bettelarım,

Das  kommt  an  jenem  letzten  Tag  aufs  selbe  doch  hinaus.

Nimm  an,  dein  Leben  sei  ganz  nach  Wunsch  gewesen  —  was  dann?
Und  wenn  das  Lebensbuch  nun  ausgelesen  —  was  dann?

Nimm  an,  du  lebtest  in  Freuden  hundert  Jahr  —

Nimm  meinethalb  an,  es  seien  zweihundert  gewesen  —  was  dann?

Es  war  dieselbe  ewige  Weisheit,  die  Bismarck  als  Bundestagsgesandter
in  einem  Brief,  den  er  an  seine  Johanna  richtete,  um  sie  über  einen  widrigen
Zwischenfall  zu  beruhigen,  in  die  Worte  kleidete:  „Nach  neun  Uhr  ist  alles
aus.“

Wir  trafen  am  Nachmittag  des  21.  Juli  bei  strahlendem  Sonnenschein
in  Norderney  ein.  Die  ganze  Insel  war  auf  den  Beinen,  Einheimische  und
Kurgäste  begrüßten  uns  am  Landungssteg.  Der  Bürgermeister  hielt  eine
gutgemeinte  Rede.  Ich  hatte  mir  beim  Scheiden  aus  dem  Amt  gelobt,  keine
Reden  mehr  zu  halten,  da  ich  während  zwölf  Jahren  mich  in  dieser  Beziehung
  nur  zu  reichlich  verausgabt  hatte:

Weil  viel  Reden  ungesund,

Gab  Natur  uns  einen  Mund.
Mit  dem  einen  Maule  schon
Schwatzt  zu  viel  der  Erdensohn.

Aber  die  schlichten  Worte  des  wackeren  Ortsvorstehers  und  die  herzliche
Begrüßung  von  seiten  der  biederen  Fischer  und  Schiffer  rührten  meine  Frau
und  mich,  so  daß  ich  meinem  Gelübde  untreu  wurde.  Nachdem  ich  dem
Bürgermeister  für  seine  Worte  und  den  Insulanern  für  den  mir  bereiteten
Empfang  gedankt  hatte,  führte  ich  in  einer  improvisierten  Antwort  etwa
folgendes  aus:  Ich  bezöge  die  Kundgebung  der  mich  Begrüßenden  nicht  auf
mich,  sondern  auf  den  nationalen  Gedanken,  dem  ich  nach  bestem  Wissen
und  Gewissen  gedient  hätte.  Der  nationale  Gedanke  verkörpere  sich  für
uns  in  dem  Hause  der  Hohenzollern,  das  dem  deutschen  Volke  die  Wege
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        Zuschriften
und  Adressen

10  FLUT  UND  EBBE

gewiesen  habe,  vom  Großen  Kurfürsten  bis  zum  Großen  König,  unter  dessen
Szepter  einst  ja  auch  Norderney  gestanden  habe,  und  von  dem  großen
König  bis  zu  unserem  guten  alten  Kaiser.  Im  Dienste  des  nationalen  Gedankens
  stünde  auch  unser  jetzt  regierender  Kaiser  mitseinem  edlen  Herzen,
seinem  auf  das  Beste  gerichteten  Wollen.  „Solange  Kaiser  und  Nation
einig  sind,  können  wir  getrost  in  die  Zukunft  blicken.“  Wenn  mir  anläßlich
meines  Rücktritts  in  Norderney  wie  anderswo  ein  wohlwollendes  Abgangszeugnis
  ausgestellt  worden  sei,  so  glaubte  ich  dies  darauf  zurückführen
zu  dürfen,  daß  ich  nie  einen  anderen  Leitstern  gekannt  hätte  als  das  Wohl
des  Landes,  das  Staatswohl  und  das  Wohl  der  Dynastie,  die  unauflöslich
miteinander  verknüpft  seien.  Denn  was  nützlich  und  notwendig  sei  für
die  Nation,  das  fromme  auch  dem  wahren  Wohl  der  Krone.  Ich  war  bei
diesen  Worten,  wie  vorher  bei  meiner  Unterredung  mit  Felix  von  Eckardt,
von  dem  Wunsch  geleitet,  nach  Möglichkeit  der  Gefahr  vorzubeugen,  daß
mein  Rücktritt  auf  Seine  Majestät  zurückgeführt  würde,  was  nach  Lage  der
Dinge  im  Hinblick  auf  die  Novemberereignisse  und  manches,  was  diesen
vorhergegangen  war,  dem  Träger  der  Krone  und  dem  monarchischen
System  in  der  öffentlichen  Meinung  nur  schaden  konnte.

In  Norderney  fand  ich  eine  Fülle  von  Zuschriften  und  Adressen,  deren
Beantwortung  während  einiger  Wochen  meine  Vormittage  in  Anspruch
nahm.  Um  so  größer  war  das  Behagen,  mit  dem  ich  nachmittags  auf  meinen
Pferden,  die  ich  nach  Norderney  vorausgeschickt  hatte,  am  Strande  galoppierte,
  dabei  auf  die  Wogen  blickte  und  mir  angesichts  der  ewigen  Flut  und
Ebbe  den  Wechsel  im  menschlichen  Dasein  wie  im  Dasein  der  Völker  durch
den  Sinn  gehen  ließ.  Wenn  ich  einige  der  Zuschriften  und  Adressen  wiedergebe,
  die  mir  bei  meinem  Rücktritt  zugingen,  so  geschicht  dies  nicht  aus
Eitelkeit  oder  Rechthaberei,  über  die  ein  normaler  Mensch  weg  ist,  wenn
ersich  dem  Alter  des  Psalmisten  nähert  und  die  Wahrheit  des  salomonischen
„Vanitas!  Vanitatum  Vanitas!“  oft  in  der  Praxis  erprobt  hat.  Ich  will
aber  feststellen,  daß  viele  Patrioten,  viele  Gebildete  aus  allen  Kreisen  bei
meinem  Abgang  mein  politisches  Wirken  richtiger  einschätzten,  daß  sie
weiter  sahen  als  die  kurzsichtigen  Führer  der  Konservativen,  klarer  als  die
gehässigen  Treiber  im  Zentrum,  und  daß  sie  sich  nicht  mit  dem  gerade  in
Deutschland  nicht  seltenen  kleinlichen  und  blinden  Fraktionsstandpunkt,
dem  Parteiinteresse  sans  phrase,  identifizierten*.

*  Diese  Zuschriften  und  Adressen  werden  im  Anhang  dieses  Bandes  abgedruckt.
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        I.  KAPITEL

Die  politische  Lage  nach  Bülows  Rücktritt  «  Letzte  Unterredungen  mit  Betlmann
Hollweg  «  Letzte  Staatsministerialsitzung  +  Einzelheiten  zu  Betlumanns  Amtsantritt

ch  habe  schon  angedeutet,  daß  ich  nicht  ohne  Sorgen  für  unsere

Zukunft  aus  dem  Reichskanzlerpalais  auszog.  Warum  erfüllten  mich,  als
ich  nach  erfolgter  Genehmigung  meines  Abschiedsgesuches  das  Fallreep  der
„Hohenzollern“  herunterstieg,  als  ich  einige  Tage  später  von  Berlin  abfuhr,
bange  Ahnungen,  die  meinem  Naturell  fernlagen?  Ich  neigte  nie  zu
Ilypochondrie.  „Nil  desperandum“  war  ein  alter  Wappenspruch  meiner
Familie,  eingraviert  auf  dem  Petschaft  meines  Großonkels  und  Paten
Karl  von  Bülow,  eines  bodenständigen,  strammen  Altmecklenuburgers.  Als
Großherzoglich  Mecklenburg-Schwerinscher  Kammerherr  und  Vize-Kanzleidircktor
  war  er  im  Obotritenlande  einer  der  überzeugtesten  Verteidiger
  der  altständischen  Verfassung  gewesen.  Bei  aller  politischen  Rückständigkeit
  war  er  ein  Mann  von  unverwüstlicher  Frische.  „Nu  erst  recht,
und  so  dull  als  möglich!“  pflegte  er  nach  Rückschlägen  zu  sagen.  Warum
war  ich  bewegt,  fast  erschüttert,  als  mir  von  unbekannter  Seite,  am  Abend
bevor  ich  Berlin  verließ,  ein  von  dem  bereits  verstorbenen  Dichter  Ernst
vonWildenbruchverfaßtes,  baldnach  dem  Rücktrittdes  Fürsten  Bismarck
entstandenes  schwermütiges  Gedicht  zugesandt  wurde,  in  dem  es  hieß:

Wenn  ich  an  Deutschland  denke,  tut  mir  die  Secle  weh,

Weil  ich  ringsum  um  Deutschland  die  vielen  Feinde  sch.

Mir  ist  zur  Nacht  die  Ruhe  des  Schlafes  dann  zerstört,

Weil  stets  mein  Ohr  das  Flüstern  und  böses  Raunen  hört,

Mit  dem  sie  sich  bereden  zu  Anschlag  und  zu  Rat,

Um  Deutschland  zu  verderben  durch  eine  schwere  Tat.

Dann  kehren  die  Gedanken  bei  ferner  Zukunft  ein

Und  fragen:  Wird  denn  jemals  das  Deutschland  nicht  mehr  sein  ?
Und  wenn  ich  also  denke,  wird  mir  so  wch,  so  schwer,

Wie  wär  die  Welt,  die  reiche,  alsdann  so  arm  und  leer!

Meine  Sorgen  galten  nicht  dem  deutschen  Volk,  das,  wenn  ihm  ein  hohes
und  edles  Ziel  gezeigt  und  wenn  es  richtig  geführt  wird,  in  seiner  Tiefe
        <pb n="30" />
        Bülows
Nachfolger

12  MISSTRAUEN  BETHMANN  HOLLWEGS

gewaltige  Kräfte  und  Energien  birgt,  wie  es  dies  noch  bei  den  letzten
Wahlen,  den  Wahlen  von  1907,  bewiesen  hatte.  Meine  Sorgen  galten  erst
recht  nicht  unserem  Heer,  dem  tapfersten  und  tüchtigsten,  dem  kühnsten
und  ausdauerndsten  Hcere  der  Welt,  vom  prächtigen  alten  Haeseler  und
dem  wackeren  Bock  von  Polach  bis  zum  letzten  Musketier.  Meine  sorgenvollen
  Gedanken  beschäftigten  sich  mit  dem  Kaiser,  sie  bezogen  sich  auf
meinen  Nachfolger.  Wilhelm  Il.  war  für  die  Leitung  und  auch  für  die
Kontrolle  unserer  Politik  ebensowenig  befähigt  wie  für  die  militärische
Führung  in  einem  etwaigen  Krieg.  Daß  er  sich  selbst  auf  beiden  Gebieten
hoch  einschätzte,  bewies  leider  nur  seine  eigene  Urteilslosigkeit.  Er  hatte
in  einem  Anfall  von  Überhebung  zu  dem  Grafen  Alfred  Waldersee,  wie
dieser  mir  selbst  erzählte,  als  er  ilın  von  der  Stellung  des  Chefs  des
Generalstabs  enthob  und  in  Altona  als  Kommandierenden  General  kaltstellte,
  von  oben  herunter  gesagt:  Er,  Wilbelm  II.,  brauche  keinen  Chef
des  Generalstabs,  denn  im  Kriege  würde  er  selbst  führen  und  allein
entscheiden,  wie  das  der  große  König  auch  getan  hätte;  im  Frieden
genüge  ihm  ein  Amanuensis.  In  Wirklichkeit  bedurfte  er  schon  im  Frieden,
geschweige  denn  für  den  Fall  eines  Krieges,  in  hohem  Grade  eines  Mentors,
eines  Beraters  und  Führers,  der  immer  auf  dem  Posten  war  und  der  dabei
ihn  zu  nehmen  wußte,  eines  Vormunds,  der  überall  nach  dem  Rechten  sah.

War  Bethmann  Hollweg  hierfür  die  geeignete  Persönlichkeit  ?  Gerade
weil  ich  dem  Kaiser  noch  vor  einigen  Wochen  an  Bord  der  „Hohenzollern“
von  Bethmann  abgeraten  hatte,  hielt  ich  es  doppelt  für  meine  Pflicht,
diesen  nach  Kräften  in  die  Geschäfte  und  vor  allem  in  die  auswärtige  Lage
einzuführen.  Loebell  hatte  mir  nicht  verhehlt,  daß  sich  Bethmann
Hollweg  mir  gegenüber  in  einer  mißtrauischen  und  gekränkten  Stimmung
befinde.  Valentini  habe  meinem  Nachfolger  erzählt,  daß  ich  über  seine
Wahl  nicht  gerade  entzückt  gewesen  sei.  Allen  Ministern  und  Staatssekretären
  hätte  ich  mein  Bild  mit  freundlicher  Widmung  zugehen  lassen.
Warum  nicht  auch  ihm?  Loebell  hielt  dabei  eine  kleine  Photographie  von
mir  in  der  Hand  und  bat  mich,  um  von  vornberein  allen  dem  Staatswohl
nicht  zuträglichen  Friktionen  und  Mißverständnissen  zwischen  mir  und
meinem  nun  einmal  empfindlich  und  grämlich  angelegten  Nachfolger
vorzubeugen,  unter  diese  Photographie  zu  schreiben:  „Dem  willkommenen
  Nachfolger“.  Ich  erfüllte  diesen  Wunsch  meines  treuen
Mitarbeiters,  und  ich  freue  mich,  daß  ich  es  tat,  denn  ich  habe  jetzt  hinsichtlich
  meines  Verhältnisses  zu  meinem  Nachfulger  ein  ganz  reines
Gewissen.

Loebell  war  ein  persönlicher  und  langjähriger  Freund  von  Bethmann
Hollweg  wie  von  Valentini.  Er  hat  später  die  allzu  gute  Meinung,  die
er  von  den  beiden  gehabt  hatte,  bitter  bereut.  Die  vortreflliche  Frau  von
        <pb n="31" />
        KEIN  INTERESSE  AN  KRIEG  13

Loebell  sagte  mir  1915  oder  1916,  die  Erinnerung  daran,  daß  ihr  Gatte  beide,
Bethmann  Hollweg  wie  Valentini,  mir  gegenüber  immer  in  Schutz  genommen
  und  herausgestrichen  habe,  hätte  ihm  später  oft  schlaflose  Nächte
bereitet.  Vorgreifend  will  ich  schon  hier  erwähnen,  daß  Loebell  und
Bethmann  schließlich  ganz  auseinandergekommen  sind.  Bei  der  Juli-Krisis
  von  1917  empfahl  Loebell,  damals  preußischer  Minister  des  Innern,
dem  Kaiser  einen  Kanzlerwechsel,  da  sich  Bethmann  in  der  äußeren  wie  in
der  inneren  Politik  als  unzulänglich  erwiesen  habe  und  jedenfalls  völlig
verbraucht  sei.  Dieser  Wechsel  müsse  vor  Ankündigung  der  preußischen
Wahlreform  erfolgen,  denn  man  dürfe  nicht  neuen  Wein  in  alte  Schläuche
gießen.  In  seinen  ledernen  Denkwürdigkeiten  spricht  sich  Bethmann
Hollweg  denn  auch  gereizt  und  unfreundlich  über  Loebell  aus.

Der  Geist  einer  gewissen  Pikiertheit,  der  Bethmann  überhaupt  eigen
war,  trat  schon  bei  den  letzten  Unterredungen  zutage,  die  ich  mit  meinem
Nachfolger  hatte,  bevor  ich  am  17.  Juli  1909  Berlin  verließ.  Ich  folge  auch
hier  einer  Aufzeichnung,  die  ich  unmittelbar  nach  unseren  Gesprächen  zu
Papier  brachte.  In  unserer  ersten  Unterredung  setzte  ich  Bethmann  auseinander,
  daß  unsere  Weltstellung  äußerlich  glänzend  und  auch  tatsächlich
  in  jeder  Beziehung  günstiger  sei,  als  sie  dies  zu  irgendeiner
Zeit  seit  dem  Rücktritt  des  Fürsten  Bismarck  gewesen  sei.  Aber  Vorsicht
und  Umsicht  seien  nach  wie  vor  im  höchsten  Grade  geboten.  Unsere
geographische  Lage  sei  nun  einmal  gefährlich.  Auch  bewege  sich  der
Diplomat  überhaupt  auf  einem  Terrain,  das  reich  an  Löchern,  an  Fallstricken,
  selbst  an  Minen  sei.  Ich  sei  fest  davon  überzeugt,  daß  der  Krieg
vermieden  werden  könne,  wie  wir  ihn  während  meiner  zwölfjährigen
Amtszeit  und  vor  mir  während  fast  drei  Jahrzehnten,  trotz  gelegentlicher
Krisen  und  einiger  zum  Teil  recht  schwieriger  Zwischenfälle,  in  vollen
Ehren  vermieden  hätten.  Der  Friede  müsse  und  könne  aufrechterhalten
werden.  Wir  hätten  gar  kein  Interesse  an  Krieg,  das  allergrößte  an  der
Wahrung  des  Friedens,  denn  die  Zeit  laufe  für  uns.  Wir  müßten  aber  mit
Vorsicht,  Einsicht  und  Geschick  operieren.  Worauf  es  ankomme,  wäre,
de  ne  pas  pröter  le  flanc.

Bethmann  erwiderte,  ich  hätte  doch  meine  schönsten  Erfolge  eher  durch
Kühnheit,  mit  Tanger  und  Bosnien  erzielt.  Mit  Tanger  hätte  ich  eine
Hypothek  auf  Marokko  gewonnen  und  vor  allem  Delcass&amp;amp;  gestürzt,  den
hinterlistigsten  und  gefährlichsten  unserer  Gegner.  Mit  meiner  „tapferen“
Behandlung  der  bosnischen  Krisis  am  Schluß  meiner  politischen  Laufbahn
hätte  ich  „geradezu  glänzend‘  abgeschnitten  und  abgeschlossen.  Ich
entgegnete  Bethmann  Hollweg  genau  wie  vor  ihm  Seiner  Majestät:  „Ne  bis
in  idem!“  Als  Bethmann  Hollweg  schon  mit  leiser  Empfindlichkeit  erwiderte,
  ihm  könne  doch  auch  einmal  und  auf  demselben  Terrain,  auf  dem

Gespräche  mit
Beihmann
vor  der  Abreise
        <pb n="32" />
        14  BETHMANN  WILL  SICH  EINARBEITEN

ich  mich  so  glücklich  bewegt  hätte,  ein  Erfolg  blühen,  entgegnete  ich  ihm:
„Non  cuivis  homini  contingit  adire  Corinthum.‘““  Dies  Zitat  war  sehr
unglücklich.  Der  würdige  Direktor  Schmidt  des  Gymnasiums  Carolinum
in  Neu-Strelitz  hatte  recht  gehabt,  fünfundvierzig  Jahre  früher  den
damaligen  Sekundaner  Bernhard  von  Bülow  vor  zu  vielem  Zitieren  zu
warnen  und  ibn  namentlich  zu  schr  sorgfältiger  Auswahl  und  Prüfung
seiner  Zitate  zu  mahnen.  Diesen  Vers  aus  den  Episteln  des  Horaz  hätte  ich
lieber  für  mich  behalten  sollen.  Als  Alumnus,  ja  als  Primus  omnium  der
gelehrten  Schulpforta,  verstand  Bethmann  nur  zu  wohl  den  Sinn  des
Zitats.  Sichtlich  gereizt,  erging  er  sich  in  einer  längeren  Auseinandersetzung
darüber,  daß  er  wohl  wisse,  es  fehle  ihm  die  eigentlich  diplomatische  Vorschule.
  Er  hoffe  aber  und  er  vertraue,  daß  er  mit  Fleiß  und  Geduld  das
Versäumte  bald  nachholen  würde.  „Ich  werde  mich  schon  in  die  auswärtige
Politik  einarbeiten  !““  wiederholte  er  zweimal  nicht  ohne  Pathos.

Ich  hielt  es  für  richtig,  die  Unterredung  mit  meinem  Nachfolger  nicht  in
einen  persönlichen  Disput  ausarten  zu  lassen,  sondern  sie  auf  dem  Boden
eines  akademischen  Dialogs  zu  halten.  Ich  griff  das  Wort  „einarbeiten“
auf.  Ich  legte  dar,  daß  man  sich  in  die  auswärtige  Politik  nicht  von  heute
auf  morgen  einarbeiten  könne.  Der  Verwaltungsbeamte,  der  von  Trarbach
nach  Aurich  versetzt  werde,  könne  sich  der  Hoffnung  hingeben,  daß  er  sich
in  die  Eigenheiten  des  ostfriesischen  Torfbaus  ebenso  tüchtig  einarbeiten
werde,  wie  ihm  das  mit  den  Bedürfnissen  eines  Weinbau  treibenden
Moselbezirks  gelungen  wäre.  Die  auswärtige  Politik  sei  aber  nun  einmal
keine  Wissenschaft  und  noch  weniger  ein  Zweig  der  Ethik.  Sie  sei  eine
Kunst,  und  da  komme  es  nicht  auf  die  Moral,  nicht  auf  den  guten  Willen
an,  sondern  lediglich  auf  das  Können,  das  seinerseits  durch  Flair,  Takt  und
Intuition  bedingt  sei.  Ich  fügte  hinzu,  daß  ich  stets  bereit  sein  würde,
meinem  langjährigen  Mitarbeiter  mit  gutem  Rat  gern,  gewissenhaft  und
loyal  zur  Seite  zu  stehen.  Er  könne  sich,  wie,  wo  und  wann  es  ihm  nützlich
erscheine,  vertrauensvoll  an  mich  wenden.  An  meinem  Patriotismus  werde
er  nicht  zweifeln,  und  schon  weil  ich  aus  ganzer  Seele  dem  Lande  Glück
und  Ruhm,  Wohlfahrt  und  Sicherheit  wünsche,  sei  ich  auch  für  ihn,
meinen  Nachfolger,  und  seine  Amtstätigkeit  von  herzlichen  und  aufrichtigen
  Gesinnungen  erfüllt.  Bethmann  Hollweg  verneigte  sich  würdig,
aber  steif.  Ich  sah  in  einen  Abgrund  von  Empfindlichkeit  und  Selbstüberschätzung.


Tatsächlich  hat  mich  Bethmann  nach  meinem  Rücktritt  niemals  und  in
keiner  Situation  je  um  Rat  gefragt.  Tatsächlich  hat  er,  insbesondere  bevor
er  im  Sommer  1914  die  mit  dem  Ultimatum  an  Serbien  begonnene  fürchterliche
  Aktion  einleitete  und  während  der  hierdurch  hervorgerufenen
lebensgefährlichen  Krisis,  mich  nie  weder  direkt  noch  indirekt  um  meine
        <pb n="33" />
        „FRIEDE!“"  15

Meinung  gebeten.  Auch  während  des  Weltkrieges  hat  er  sich  niemals  nach
meiner  Beurteilung  der  Lage,  höchstens  argwöhnisch  nach  meinem
Aufenthalt  und  meinem  Umgang  erkundigt,  mich  auch  nie  gefragt,  wie  ich
über  etwaige  Friedensmöglichkeiten  dächte.  Er  hat,  als  er  den  verhängnisvollen
  Entschluß  faßte,  Polen  wiederherzustellen,  mich  nicht  um  meine
Ansicht  gefragt,  geschweige  mir  die  Möglichkeit  geboten,  ihn  unter  Hinweis
auf  Friedrich  den  Großen  und  auf  den  Fürsten  Bismarck  vor  diesem  wahnwitzigen
  Projekt  zu  warnen.  In  jener  letzten  oder  vielmehr  vorletzten
politischen  Unterredung,  die  ich  bei  meinem  Ausscheiden  aus  dem  Amt  mit
Bethmann  hatte,  ließ  ich  mich  durch  seine  Empfindlichkeit  und  Verstimmung
  nicht  abhalten,  ihm  noch  einmal,  wie  schon  dem  Kaiser,  Vorsicht
mit  Rußland  anzuempfehlen.  Dort  liege  der  Schlüssel  der  Weltlage.  Solange
wir  mit  Rußland  Frieden  hielten,  würde  weder  Frankreich  noch  insbesondere
  England  uns  angreifen.  Das  Verhältnis  zu  Rußland  hinge  außer
von  einer  klaren  und  festen  preußischen  Ostmarkenpolitik  von  der  Behandlung
  der  Dardanellen-Frage  sowie  von  geschicktem  Vermitteln
zwischen  den  russischen  und  den  österreichischen  Interessen  auf  der
Balkanhalbinsel  ab.  „Vergessen  Sie  nicht,  daß  die  Dardanellen-Frage  ein
heißes  Eisen  ist.  Und  lernen  Sie  vom  Fürsten  Bismarck,  der  es  uns  gezeigt
hat,  wie  wir  es  anfangen  müssen,  um  einerseits  Österreich  weder  überrennen
zu  lassen  noch  preiszugeben,  um  aber  andererseits  auch  nicht  durch
Österreich  in  einen  Krieg  mit  Rußland  verstrickt  zu  werden,  bei  dem
schwerlich  etwas  Gutes  herauskommen  dürfte.“  Dreizehn  Jahre  bevor  der
arme  Walter  Rathenau  bei  der  Konferenz  von  Genua  sein  Pace!  Pace!  rief,
trennte  ich  mich  von  meinem  Nachfolger  Betbmann  mit  dem  Worte:
„Pax!“

Dieser  ersten  Unterredung  folgte  ein  zweites  langes  Gespräch,  das  sich
namentlich  um  die  deutsch-englischen  Beziehungen  drehte.  In  Erinnerung
an  die  Empfindlichkeit,  die  Beihmann  bei  unserer  vorhergegangenen
Besprechung  hatte  durchblicken  lassen,  eröffnete  ich  unsere  zweite  Unterredung
  mit  einer  direkten  Apostrophe  an  meinen  Nachfolger.  Ich  sagte  ihm
im  freundlichsten  Tone  und  indem  ich  alles  Belehrende  vermied:  „Lieber
Bethmann,  Sie  haben  nicht  wie  ich  den  größten  Teil  Ihres  Lebens  im
Auslande  zugebracht.  Sie  sind  nicht  durch  eigene  Anschauung  mit  französischen
  und  russischen,  englischen  und  österreichischen,  italienischen  und
ungarischen,  rumänischen  und  griechischen  Verhältnissen  vertraut.  Dafür
wissen  Sie  in  unserer  Verwaltung  besser  Bescheid  als  ich.  Sie  sind  ein
vortrefllicher  Jurist,  was  ich  trotz  hoffnungsvoller  Anfänge  schließlich
leider  doch  nicht  geworden  bin.  Sie  kennen  aber  nicht  wie  ich,  der  ich  in
einem  Diplomatenhause  aufgewachsen  bin  und  so  viel  herumgeworfen
wurde,  persönlich  fast  alle,  ich  kann  sagen  alle  europäischen  Souveräne,  die

Die  deutschenglischen

Beziehungen
        <pb n="34" />
        16  DAS  ABKOMMEN  MIT  ENGLAND

meisten  Minister.  Sie  sind  nicht  wie  ich  mit  Staatsmännern  aller  Länder
persönlich  befreundet.  Ich  will  mich  Ihnen  nicht  aufdrängen,  ich  sehne  mich
gar  nicht  nach  politischer  Betätigung.  J’en  ai  pardessus  la  töte.  Ich  freue
mich,  daß  ich  endlich  meine  Ruhe  habe.  Ich  möchte  [ast  über  das  Portal
der  Villa  Malta  die  Worte  schreiben,  die  einst  ein  berühmter  englischer
Staatsmann,  Lord  Brougham,  den  ich  mir  im  übrigen  nicht  zum  Vorbild
nehmen  möchte,  nach  seinem  Rücktritt  über  die  Eingangstür  seiner  Villa
in  Cannes  setzte:

Inveni  portum,  spes  et  fortuna  valete!
Sat  me  ludistis,  ludite  nunc  alios.

Aber  Ihnen,  ich  wiederhole  es  noch  einmal,  stehe  ich  jederzeit  und  für
jede  Rückfrage  zur  Verfügung.“  Der  herzliche  Ton,  in  dem  ich  das  sagte,
schien  auf  Bethmann  Eindruck  zu  machen,  sein  Gesicht  nahm  einen  guten
Ausdruck  an.

Unsere  zweite  Unterredung  nahm  cinen  freundlichen  Verlauf.  Ich  riet
Bethmann,  baldmöglichst  zu  dem  von  mir  in  Angriff  genommenen  Abkomnien
  mit  Englaud  über  das  Tempo  der  Schiffsbauten  zu  gelangen.  Er
würde  es  in  dieser  Beziehung  mit  Seiner  Majestät  dem  Kaiser  weit  leichter
haben  als  ich.  Er  habe  für  den  Kaiser  noch  den  Reiz  der  Neuheit,  während
ich  mich  gegenüber  dem  hohen  Herrn  schon  sehr  verbraucht  hätte.  Er
möge  sich  nicht  der  Illusion  hingeben,  als  ob  sich  das  deutsch-englische
Verhältnis  von  heute  auf  morgen  zu  einem  ganz  intimen,  rückhaltlosvertaueusvollen
  gestalten  lasse.  Was  wir  aber  erreichen  könnten,  wäre,  daß
die  deutsch-englischen  Beziehungen  sich  nicht  verschlechterten,  sondern
korrekt  und  normal  blieben.  Mehr  zu  erwarten  oder  anzustreben,  hieße
die  traditionelle  englische  Politik  vergessen.  Seit  Jahrhunderten  habe
England  jeder  politisch  oder  wirtschaftlich  aufsteigenden  Macht  mißtrauisch,
  unter  Umständen  feindlich  gegenübergestanden.  Das  hätten
nacheinander  Spanien,  Holland,  Frankreich,  Rußland  erfahren.  Unser
beispielloser  wirtschaftlicher  Aufschwung,  unsere  große  politische  Machtstellung,
  insbesondere  unsere  stürmischen  Fortschritte  in  Handel  und
Schiffahrt  stünden  jetzt  für  England  im  Vordergrund  seiner  Betrachtung,
seiner  Beobachtung  und  seiner  Sorge.  Daraus  folge  noch  nicht,  daß  ein
Krieg  mit  England  zu  erwarten  oder  gar  daß  er  unvermeidlich  sei.  Wir
müßten  aber  dafür  sorgen,  daß  sich  die  Beziehungen  zu  England  nicht
verschlechterten.  Das  sei  mit  Vorsicht  und  Takt  zu  erreichen.  König  Eduard
sei  nicht  kriegerisch,  wenn  auch  politisch  sehr  unbequem.  Er  würde  uns
nicht  überfallen.  Er  würde  auch  nicht  ewig  leben.  Bei  meiner  letzten  Begegnung
  mit  ihm  seien  mir  der  hippokratische  Zug  in  seinem  Gesicht,  sein
fetter  Hals,  sein  schwerfälliger  Gang  aufgefallen.  Sein  präsumtiver  Nach-
        <pb n="35" />
        Abschiedsbrief  der  Kronprinzessin  Cecilie

an  die  Fürstin  Bülow

Potsdam  17  Juli  1909.

Meine  liebe  und  sehr  verehrte  Fürstin!

Zu  meinem  großen  Bedauern  las  ich  gestern  in  der  Zeitung,  daß  der
Fürst  schon  morgen  Berlin  verläßt  und  Sie  ihn  wohl  begleiten.  Ich
hätte  Ihnen  so  gerne  noch  persönlich  adieu  gesagt  und  Sie  besucht  ehe
Sie  uns  verlassen,  fürchte  aber  nun  dieses  hiermit  tun  zu  müssen,  da
ich  fürchte  heute  nach  der  gestrigen  Reise  wieder  nach  Berlin  zu  fahren,
und  ich  mich  doch  etwas  schonen  muß.

Ich  kann  Ihnen  garnicht  sagen  wie  leid  es  mir  tut  Sie  nun  späterhin
nicht  ınehr  wie  sonst  öfters  zu  sehen,  und  wie  schr  mein  Mann  und  ich
Sie  und  den  Fürsten  in  Berlin  vermissen  werden.

Ich  hoffe  der  große  Wechsel  wird  Ihnen  nicht  zu  schwer  werden,  und
daß  Ihnen  Ihr  schönes  neues  Heim  in  Rom  vieles  ersetzen  wird.

Mit  der  Bitte  mich  dem  Fürsten  herzlich  zu  empfehlen,  und  mich
Sreundlichst  wissen  zu  lassen  ob  Ihre  Abreise  für  morgen  wirklich

feststeht  verbleibe  ich,  liebe  Frau  Fürstin  Ihre  sehr  ergebene
Cecilie

P.S.,
Meinem  Mann  tut  es  auch  sehr  leid  Ihnen  und  dem  Fürsten  nicht  mehr
seinen  Besuch  machen  zu  können  mußte  aber  heute  und  morgen  verreisen.
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        fl  pr

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Kuh  den  Gl  hans
Und  du  ik  Be
Auch  dien  Mrs  War
A  hauuın  wu  ehr
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        PRÄVYENTIVKRIEG  EIN  VERBRECHEN  17

folger,  der  gegenwärtige  Prinz  von  Wales,  sei  ein  ruhiger,  phlegmatischer
Herr,  mit  dem  viel  leichter  auszukommen  sein  würde  als  mit  seinem  Herrn
Vater.  Wir  wären  jetzt  als  Scemacht  so  stark,  daß  es  auch  England
unratsam  erscheinen  würde,  ohne  Not  mit  uns  anzubinden.  Wir  dürften
aber  nie  vergessen,  daß,  wie  die  Weltlage  nun  einmal  wäre,  jeder  ernstliche
europäische  Konflikt  zu  einem  Weltkrieg  mit  seinen  unabschbaren  Fulgen
führen  könne.  Ich  sagte  zu  Bethmann:  „Jeder  große  Konflikt  würde  für
uns  einen  Kampf  auf  Leben  und  Tod  bedeuten  mit  einem  ungeheuren
Einsatz.  Wir  haben  bei  einem  Krieg  gar  nichts  zu  gewinnen.  Eine  zwangsweise
  Angliederung  der  Dänen,  Schweizer,  Holländer,  Belgier  könnte  nur
ein  Narr  ins  Auge  fassen.  Eine  Ausdehnung  des  Reichs  nach  Osten  wäre
nicht  minder  bedenklich.  Wir  haben  schon  Polen  genug,  mehr  als  genug
innerhalb  der  schwarz-weißen  Grenzpfähle.  Forcieren  wir  nicht  unsere
Schiffsbauten!  Und  namentlich  nicht,  und  vor  allem  nicht  den  Bau  von
Panzerschiffen!  Beherzigen  Sie,  was  ich  in  dieser  Beziehung  und  in  dieser
Richtung  in  meinem  letzten  ernsten  Briefwechsel  mit  Tirpitz  über  die  Bedenken
  einer  zu  einseilig  auf  dem  Bau  immer  neuer  Panzerschiffe  und
Dreadnoughts  gerichteten  Seepolitik  ausgeführt,  mit  großem  und  starkem
Nachdruck  ausgeführt  habe.  Sie  finden  meine  Warnungen  und  Mahnungen,
meine  Zuschrilten  und  Denkschriften  bei  den  Akten.  Schon  Bismarck  hielt  es,
wie  mir  Tirpitz  selbst  erzählt  hat,  für  bedenklich,  nur  und  ausschließlich
ganz  große  Kasten  zu  bauen.  Entwickeln  wir  lieber  unser  Torpedowesen,
die  U-Boote.  Sorgen  wir  andererseits  unbedingt  und  ohne  hier  ganz
unangebrachte  Pfennigfuchserei  dafür,  daß  unsere  Rüstung  zu  Lande  keine
Lücke  aufweist,  daß  wir  in  dieser  Richtung  Frankreich  überlegen,  mindestens
  durchaus  gewachsen  bleiben.  Frankreich  ist  und  bleibt  die  Unruhe
in  der  europäischen  Uhr.  Auf  die  Länge  wird  die  französische  Bevölkerung
trotz  ihres  glänzenden  Patriotismus  die  dreijährige  Dienstzeit  schwerlich
ertragen.  Wenn  Frankreich  diese  unnatürlich  schwere  Rüstung  ablegt,  in
der  Einsicht,  daß  es  uns  militärisch  doch  nicht  zu  überflügeln  vermag,  ist
die  Möglichkeit  für  eine  lange  Friedensperiode  gegeben.  Lassen  Sie  sich  nicht
irremachen  durch  das  dumme  Gerede  über  unseren  Zickzack-Kurs.  Als
Odysseus  glücklich  zwischen  der  Szylla  und  der  Charybdis  durchkam,
wurde  ilım  von  Nörglern  in  seinem  Boot  wahrscheinlich  auch  Zickzack-Kurs
vorgeworfen.  Eine  andere  Politik  wäre  nur  möglich,  wenn  wir  es  auf  den
Präventivkrieg  ankommen  ließen,  und  ein  solcher  wäre  ein  Verbrechen,
denn,  wie  ich  nur  immer  wiederholen  kann,  die  Zeit  läuft  für  uns.“  Wir
trennten  uns  nach  dieser  Unterredung  in  guter,  bei  meinem  Nachfolger
sogar  gerührter  Stimmung.

Am  folgenden  Tage  wohnte  ich  zum  letztenmal  einer  Sitzung  des
preußischen  Staatsministeriums  bei.  Ich  erinnerte  in  kurzen  Worten  daran,

2  Bülow  III
        <pb n="44" />
        Vor  den
preußischen
Ministern

Abschiedsrede
Bethmanns

18  AUS  DEM  STEGREIF

daß  zwölf  Jahre  verflossen  wären,  seitdem  ich,  eingeführt  durch  meinen
verehrten  Vorgänger,  den  Fürsten  Hohenlohe,  zum  erstenmal  an  den
Beratungen  des  königlichen  Staatsministeriums  teilgenommen  hätte.  Nach
einer,  leider  nur  kurzen,  nur  dreijährigen  Lehrzeit  hätte  ich  neun  Jahre  die
Ehre  gehabt,  den  Sitzungen  des  Staatsministeriums  zu  präsidieren.  Ich
möchte  nicht  in  einen  mir  unsympathischen  Ton  der  Hoffart  und  Überhebung
  verfallen.  Ich  müsse  aber  doch  als  ein  vielgewanderter  Mann,  der
vieler  Menschen  Städte  gesehen  und  Sitten  kennengelernt  hätte,  der  Überzeugung
  Ausdruck  geben,  daß  in  wenigen  Behörden  der  Welt  so  viel
Gewissenhaftigkeit  und  Pflichttreue,  Arbeitskraft  und  Kenntnisse  vertreten
  seien  wie  im  königlich-preußischen  Staatsministerium.  Große
Fürsten,  ein  Friedrich  Wilhelm  I.  und  ein  Fridericus  Rex,  und  große
Minister,  ein  Stein,  ein  Hardenberg,  ein  Bismarck,  die  Gründer  des  Zollvereins,
  Motz  und  Maaßen,  der  geistige  Stifter  der  Universität  Berlin,
Wilhelm  von  Humboldt,  und  der  Begründer  des  preußischen  Schulwesens,
der  Vater  jenes  preußischen  Schulmeisters,  der  die  Schlacht  von  Königgrätz
gewann,  Altenstein,  und  endlich,  last  not  least,  Männer,  die  wir  selbst  noch
gekannt  hätten,  von  der  Heydt  und  Miquel,  Maybach  und  Budde,  Botho
Eulenburg  und  Robert  Zedlitz,  hätten  der  preußischen  Verwaltung  und  dem
preußischen  Beamtentum  ihren  starken  Stempel  aufgedrückt.  Freilich,  fuhr
ich  etwa  fort,  hülfe  auch  die  beste  Verwaltung  nicht,  wenn  nicht  nach  außen
eine  kräftige  und  geschickte,  eine  vorsichtige  und  tapfere  Politik  gemacht,
wenn  nicht  im  Innern  nach  dem  Grundsatz  des  ausgezeichneten  französischen
  Staatsmannes  Thiers  regiert  würde:  Gouverner  c’est  prevoir!  Die
Leitung  der  Politik  sei  die  Aufgabe  des  preußischen  Ministerpräsidenten
und  deutschen  Reichskanzlers,  dem  ich  aus  warmem  und  aufrichtigem
Herzen  Glück  und  Erfolg  wünsche.

Ich  hatte  nach  meiner  Art  aus  dem  Stegreif  und  mehr  im  Konversationston
  gesprochen.  Mein  Nachfolger  erwiderte  auf  meine  Ausführungen  mit
einer  langen,  offenbar  sorgsam  präparierten  und  sehr  schönen  Rede,  in  der
er  dem  Bedauern  des  Staatsministeriums  über  meinen  Rücktritt  und  seiner
Bewunderung  und  Dankbarkeit  für  mein  Wirken  fast  überschwenglichen
Ausdruck  gab.  Am  nächsten  Tage  erhielt  ich  von  ihm  den  Text  seiner
Abschiedsrede,  in  dem  manche  seiner  Ausführungen  abgekürzt,  andere
ganz  unterdrückt  worden  waren,  der  aber  im  großen  und  ganzen  seine
Ansprache  richtig  wiedergibt,  die  ich  folgen  lasse:  „Im  Namen  des  königlichen
  Staatsministeriums  danke  ich  Eurer  Durchlaucht  ehrerbietigst  für
die  gütigen  Abschiedsworte,  die  Sie  soeben  an  uns  gerichtet  haben.  Wir  alle
stehen  unter  dem  tiefen  Eindruck  der  jüngsten  politischen  Ereignisse  und
sehen  ihrer  weiteren  Entwicklung  nicht  ohne  ernste  Sorge  entgegen.  Mit
besonderem  Schmerze  erfüllt  es  uns,  daß  diese  Vorgänge  Eure  Durchlaucht
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        DIE  ERREGTEN  WOGEN  19

veranlaßt  haben,  Seine  Majestät  den  Kaiserund  König  um  die  Entlassung  aus
Ihren  Ämtern  und  damit  auch  aus  dem  Präsidium  im  königlichen  Staatsministerium
  zu  bitten,  und  wir  beklagen  es  aufrichtig,  daß  sich  in  Ihr
Scheiden  ein  nur  zu  berechtigtes  Gefühl  der  Bitterkeit  mischt.  Aber  Eure
Durchlaucht  teilen  dies  Geschick  mit  den  meisten,  vielleicht  mit  allen
großen  Staatsmännern.  Und  wie  Eure  Durchlaucht  stets  in  allen  staatlichen
und  politischen  Geschehnissen  mit  scharfem  Blick  die  großen  bestimmenden
Umrißlinien  erkannt  haben,  so  werden  auch  in  der  Erinnerung  Eurer
Durchlaucht  die  Erfolge,  die  Sie  erzielt  haben,  das  Bleibende  sein,  das
Ihnen  niemand  rauben  kann.  Das  kleine  Gewölk  wird  schnell  von  der  Sonne
verzehrt  werden.  Das  königliche  Staatsministerium  ist  stolz  darauf,  unter
Eurer  Durchlaucht  Präsidium  an  den  großen  Aufgaben  mitgewirkt  zu
haben,  die  Sie  zu  gutem  Ende  geführt  haben.  Für  Preußen  brauche  ich  bloß
die  Worte:  Wasserstraßengesctz,  Schulgesetzgebung,  Ostmarkenpolitik,
Berggesetzgebung,  Beamtenfürsorge  auszusprechen,  um  die  zum  Teil  unter
harten  Kämpfen  erstrittenen  Fortschritte  zu  bezeichnen,  die  sich  dauernd
an  Eurer  Durchlaucht  Namen  knüpfen  werden.  Und  Hand  in  Hand  hiermit
geht  Ihr  Schaffen  im  Reich,  das  uns  in  der  Stärkung  von  Heer  und  Marine,
in  der  Kolonialpolitik,  in  der  Schaffung  neuer  Grundlagen  für  unsere
handelspolitischen  Beziehungen,  in  der  sozialen  Gesetzgebung  und  vor
allem  in  der  Leitung  unserer  auswärtigen  Politik  glänzende  Erfolge  gebracht
hat.  Eurer  Durchlaucht  amtliche  Laufbahn  ist  überall  durch  Taten
bezeichnet,  ist  so  schaffensreich  gewesen  wie  die  weniger  Staatsmänner.
Und  eine  Tat  war  es  schließlich  —  vielleicht  nicht  die  geringste  —,  die  nur
der  geschickten  Hand  Eurer  Durchlaucht  gelingen  konnte,  daß  Sie  weite
Kreise  unseres  Volkes,  die  bis  dahin  von  der  politischen  Negation  lebten,
zu  positiver  Mitarbeit  gewonnen  und  damit  die  Basis  unseres  politischen
Lebens  verbreitert  haben.  Die  Schwankung,  die  jetzt  eingetreten  ist,  ist
nur  eine  augenblickliche.  Die  erregten  Wogen  haben  Schmutz  und  Schlamm
aufgewühlt  und  an  die  Oberfläche  getragen.  Der  Strom  selbst  wird  ruhig
weiterziehen.  Das  ist  ja  gerade  das  Charakteristische  an  Eurer  Durchlaucht
Arbeit,  daß  sie  nicht  Augenblickstaten  und  Augenblickserfolge  bedeutete,
sondern  in  die  Ferne  weist  und  wirkt.  Die  Geschichte  und  auch  die  Öffentlichkeit
  wird  das  erkennen.  Wir  tun  es  schon  heute.  Wir  danken  Eurer
Durchlaucht  für  die  Arbeit,  die  Sie  im  Dienste  von  Kaiser  und  Reich,  von
König  und  Vaterland  geleistet,  wir  danken  auch  für  die  stets  unveränderte
Freundlichkeit,  mit  der  Eure  Durchlaucht  uns  die  Mitarbeit  gestattet  und
erleichtert  haben.  Mit  unseren  herzlichsten  Abschiedsgrüßen  verbinden  wir
die  Hoffnung,  daß  die  gemeinsame  Arbeit  mit  dem  königlichen  Staatsministerium
  einen  hellen  und  lichten  Punkt  in  Eurer  Durchlaucht  Erinnerungen
  bilden  möge.“

2»
        <pb n="46" />
        Frau  von
Bethmann
Hollwweg

20  EIN  SCHWACHER  CHARAKTER

Am  nächsten  Tage  schrieb  mir  mein  Nachfolger:  „„Sehr  verehrter  Fürst!
Eure  Durchlaucht  wollten  eine  Aufzeichnung  der  Worte  hahen,  mit  denen
ich  im  Staatsministerium  versucht  habe,  unserm  Schmerz  über  Ihr
Scheiden  und  unserem  Dank  für  Ihr  Schaffen  Ausdruck  zu  geben.  Beim
Rekonstruieren  dessen,  was  ich  gesagt  habe,  erkenne  ich  von  neuem  die
Unvollkommenheit  meines  Versuchs.  Ich  muß  Eure  Durchlaucht  bitten,
erneut  Nachsicht  mit  mir  zu  haben.  Was  ich  sagte,  kam  aus  dem  Herzen
und  zum  größten  Teil,  wie  es  die  Anregung  des  Augenblicks  eingab.  Ich
habe  auch  jetzt  am  Ausdruck  nicht  mehr  zu  feilen  versucht.  Der  erste
Trubel  der  Briefe  und  Depeschen  ist  glücklich  vorüber,  und  ich  kann  an  die
Arbeit  gehen.  Darin  liegt  für  mich  die  einzige  Möglichkeit,  das  innere
Gleichgewicht  wiederzuerlangen.  Ich  werde  glücklich  sein,  wenn  Sie  mir
nach  einiger  Zeit  gestatten  wollen,  durch  brieflichen  Meinungsaustausch
gewonnene  Eindrücke  und  Urteile  zu  rektifizieren.  Heute  kann  ich  nur
immer  wiederholt  meinem  Dank  dafür  Ausdruck  geben,  was  Eure  Durchlaucht
  mir  alles  in  den  letzten  Jahren  gewesen  sind.  Der  Fürstin  küsse  ich
ehrerbietigst  die  Hand  und  bin  in  steter  und  aufrichtigster  Verehrung
Eurer  Durchlaucht  treu  ergebenster  Bethmann  Hollweg.“  War  die  Gesinnung
  treuester  Anhänglichkeit,  wärmster  Verehrung,  die  aus  diesen
Zeilen  sprach,  aufrichtig  ?  Ich  glaube  nicht,  daß  hinter  diesen  Beteuerungen
Heuchelei  oder  gar  Hinterlist  lauerten.  Aber  die  Zukunft  sollte  zeigen,  daß
Bethmann  Hollweg  ein  schwacher  Charakter  war,  und  schwache  Charaktere
sind  weder  ganz  aufrichtig  noch  wirklich  dankbar.

Bei  der  Ernennung  von  Bethmann  zum  Reichskanzler  fehlte  es  nicht  an
warnenden  Vorzeichen.  Als  feststand,  daß  Bethmann  mein  Nachfolger  werden
würde,  bat  ich  meine  Frau,  sich  zu  Frau  von  Bethmann  zu  begeben,  um  ihr
zu  sagen,  daßsie  sichihrer  Nachfolgerin  fürdie  Einrichtung  des  Reichskanzlerpalais
  mit  ihren  eigenen  Erfahrungen  auf  diesem  Gebiet  gern  zur  Verfügung
stelle.  Frau  von  Bethmann  war  eine  treffliche  Frau.  Sie  hatte  sich  nicht  ganz
leicht  entschließen  können,  dem  aus  einem  anderen  Milieu  hervorgegangenen
Theobald  die  Hand  zu  reichen,  denn  sie  entstammte  der  alten  märkischen
Junkerfamilie  Pfuel,  von  der  in  seinen  prächtigen  Wanderungen  durch  die
Mark  Theodor  Fontane  manches  Hübsche  erzählt.  Einmal  mit  Bethmann
Hollweg  verheiratet,  wurde  sie  ihm  eine  gute  und  liebevolle  Frau.  Die  Ehe
war  sehr  glücklich.  Als  meine  Frau  bei  der  Gattin  des  künftigen  Kanzlers
eintrat,  sagte  ihr  diese  unter  Tränen:  „Das  ist  ein  Unglück  für  meinen
armen  Mann!  Ich  liebe  meinen  Mann,  und  gerade  deshalb  hätte  ich  gewünscht,
  daß  dieser  Kelch  an  ihm  vorüberginge.  Er  ist  bei  aller  seiner
Pflichttreue,  seiner  Gewissenhaftiskeit  und  mit  so  vielen  schönen  Gaben
dieser  Stellung  nicht  gewachsen.  Er  ist  so  unentschlossen,  so  schwankend,
so  ängstlich,  und  dann  wieder  verrennt  er  sich.  Wir  machen  in  unserem
        <pb n="47" />
        PAPA  KOMMT  ZU  KEINEM  ENTSCHLUSS  21

Familienkreise  darüber  unsere  kleinen  Witzchen.  Wir  sagen  manchmal:
‚Heute  hat  Papa  seine  Ansicht  schon  zum  drittenmal  geändert!“  oder:  ‚Seit
drei  Tagen  kann  der  Papa  nicht  zu  einem  Entschluß  kommen‘.  Meine
Frau  hatte  Mühe,  Frau  von  Beihmann  zu  beruhigen  und  aulzurichten,  die
übrigens  während  der  Jahre,  die  ihr  noch  auf  Erden  vergönnt  waren,  einen
guten  Einfluß  auf  ihren  Gatten  hatte.
        <pb n="48" />
        Il.  KAPITEL

Nach  dem  Rücktritt:  Schmoller,  Oncken,  Riezler,  Philipp  Eulenburg

ährend  meiner  ganzen  Amtszeit  hatte  mir  Professor  Gustav

Ein  Konflikt  Schmoller  mit  immer  gleichem  Wohlwollen,  in  treuer  Freundschaft
mit  England  zur  Seite  gestanden.  Auf  den  Brief,  in  dem  er  seinem  Schmerz  über  mein
verhängnisvoll  Scheiden  lebhaften  Ausdruck  gab,  antwortete  ich  aus  Norderney  am
7.  August  1909:  „Sie  berühren  die  drei  Fragen,  die  mich  während  meiner
Amtszeit  in  erster  Linie  in  Anspruch  genommen  haben.  In  der  auswärtigen
Politik  ist  es  in  der  Tat  die  Aufgabe  unserer  Generation,  Deutschland  zur
See  Sicherheit  und  Selbständigkeit  zu  gewährleisten,  ohne  daß  vor
Erreichung  dieses  Ziels  durch  gegenseitige  Mißverständnisse
mit  England  ein  Konflikt  herbeigeführt  wird,  der  für  beide
Länder  und  für  die  Kultur  der  Welt  verhängnisvoll  sein  müßte.
Im  Innern  habe  ich  es  als  eine  Hauptaufgabe  betrachtet,  den  Vierten  Stand
in  den  Organismus  des  monarchischen  und  nationalen  Staats  allmählich
einzufügen,  wie  das  vor  hundert  Jahren  mit  dem  Dritten  Stande  zum  Heile
unseres  Volkes  geschehen  ist.  Wenn  naturgemäß  auf  diesem  schwierigen
Gebiete  erst  Anfänge  vorhanden  sind,  so  meine  ich  doch,  daß  es  zukunftsreiche
  Anfänge  sind  und  daß  damit  der  Weg  gewiesen  wird,  den  wir  weiterverfolgen
  müssen.  Und  endlich  sche  ich  in  der  nationalen  und  kolonisatorischen
  Deicharbeit  gegenüber  der  polnischen  Sturmflut  die  zweite
große  Aufgabe  unserer  inneren  Politik.  Es  ist  das  eine  Aufgabe,  die  wir  von
unseren  Vorfahren  überkommen  haben,  denn  es  handelt  sich  um  die
Fortsetzung  der  Arbeit  nicht  nur  des  großen  Königs,  sondern  der  großen
deutschen  Kolonisatoren  des  dreizehnten  Jahrhunderts.“  In  der  Antwort,
die  ich  von  Schmoller  erlielt,  hieß  es:  „Daß  es  bei  uns  in  der  Politik  immer
trüber  aussieht,  seit  Sie  weg  sind,  empfinden  nicht  bloß  Ihre  Verehrer  und
Freunde.  Herr  von  Bethmann  hat  gewiß  seltene  und  große  Eigenschaften,
er  verfügt  über  manche  Gaben,  die  zum  Staatsmann  gehören.  Ich  will  seine
jetzige  zurückhaltende  Art  auch  nicht  tadeln,  aber  im  ganzen  habe  ich  doch
den  Eindruck,  daß  er  ein  besserer  Professor  als  Reichskanzler  geworden
wäre.  Er  kommt  über  die  rationes  dubitandi  nicht  leicht  hinaus.  Die
frische,  kühne  Entschlußfähigkeit,  die  zugleich  ansteckt  und  die  Menschen
        <pb n="49" />
        EINE  VERFEHLUNG  23

mit  sich  reißt,  die  ist  ihm  wohl  ganz  versagt.  Seine  Frau  erzählte  mir  einmal,
welche  stunden-  und  tagelangen  Schmerzen  ihm  die  Vorbereitung  jeder
Rede  mache.“

Professor  Hermann  Oncken,  der  Biograph  von  Rudolf  von  Bennigsen,
übersandte  mir  einen  von  ihm  veröffentlichten  Artikel  über  die  innere  Lage
in  Deutschland.  In  meiner  Antwort  führte  ich  im  Hinblick  auf  manche
irrigen  Anschauungen,  die  in  liberalen  Kreisen  über  meine  innerpolitischen
Richtlinien  bestanden,  das  Nachstehende  aus:  „Ich  weiß,  daß  in  liberalen
Kreisen  mein  konsequentes  und  bewußtes  Eintreten  für  die  Landwirtschaft
und  die  Rücksicht,  die  ich  in  politischen  Fragen  auf  die  konservative  Partei
genommen  habe  —  soweit  dies  im  Rahmen  des  Gesamtwohls
möglich  war!  —,  vielfach  getadelt  worden  ist.  Die  Gründe,  die  mich
hierbei  geführt  haben,  sind  nicht  auf  Erziehung,  Tradition,  Influence  du
milieu  zurückzuführen,  sondern  darauf,  daß  ich  an  leitender  Stelle  es  für
meine  Hauptpflicht  betrachtet  habe,  die  spät  und  mühsam  errungene
Weltstellung  des  deutschen  Volkes  zu  sichern.  Ein  überstürzter  Übergang
zum  reinen  Industrie-  und  Handelsstaat  unter  Vernachlässigung  und  Zurückdrängung
  der  Landwirtschaft  würde  in  Deutschland  meines  Erachtens
ähnlich  wirken  wie  in  einem  Segelschiff  die  Entfernung  des  Ballasts  bei
fortgesetzter  Erhöhung  der  Masten  und  immer  fortschreitender  Vermehrung
  der  Segel.  Solange  die  Sozialdemokratie  so  dogmatisch,  so
unpolitisch  und  unnational  bleibt,  wie  sie  es  leider  in  Deutschland  in  ihrer
Mehrheit  noch  ist,  und  solange  sie  ihren  gegenwärtigen  überragenden
Einfluß  auf  den  Industriearbeiter  behauptet,  bedürfen  wir  doppelt  des
Gegengewichts  der  ländlichen  Bevölkerung.  Und  solange  es  den  liberalen
Parteien  noch  schwerfällt,  losgelöst  von  überkommenen  Theorien  praktische
  Politik  zu  treiben,  können  wir  nicht  das  Kapital  von  politischer
Energie  und  Erfahrung  missen,  über  das  die  Konservativen  verfügen.  Daß
ich  aber  andererseits  die  Mitwirkung  des  Liberalismus  in  unserem  öffentlichen
  Leben  für  nützlich  und  für  notwendig  halte,  habe  ich  durch  die  Tat
bewiesen,  durch  meine  Amtsführung  wie  durch  meinen  Rücktritt.  Von  der
Politisierung  der  Liberalen  und  der  Modernisierung  der  Konservativen  —
verzeihen  Sie  die  beiden  unschönen  Fremdworte  —  hängt  unsere  Zukunft
  ab.“

Wie  ich  bei  der  Schilderung  meiner  Abschiedsaudienz  im  „‚Grünen  Hut“
schon  erwähnte,  bezeichnete  Wilhelm  II.  gegenüber  den  Vertretern  der
größeren  Bundesstaaten  als  eine  meiner  schweren  Verfehlungen,  die  ihn
zum  Bruch  mit  mir  genötigt  hätten,  die  Tatsache,  daß  das  Auswärtige
Amt  (nicht  etwa  auf  meine  Veranlassung,  sondern  aus  eigenem  Antrieb)
den  Legationsrat  vom  Rath  für  den  Charakter  als  Ministerresident  in
Vorschlag  gebracht  hatte,  nebenbei  gesagt  ein  sehr  bescheidener  Gnaden-Liberalismus


und  Konservaltismus
        <pb n="50" />
        Dr.  Riezler-Rüdorffer


24  DAS  STUBENMÄDCHEN  IN  WINDSOR

beweis.  Ich  lasse  jetzt  einen  Brief  folgen,  den  Herr  vom  Rath  am  28.  Juni
1909  an  einen  Herrn  meiner  Umgebung  richtete  und  aus  dem  hervorgehen
dürfte,  daß  dieser  von  Wilhelm  II.  so  ungnädig  beurteilte,  übrigens  nicht
lange  nach  meinem  Rücktritt  verstorbene  Beamte  Menschen  und  Dinge
richtiger  sah  als  die  Männer,  denen  der  Kaiser  sein  Ohr  lich:  „Erst
heute  erfahre  ich  in  meiner  ländlichen  Abgeschiedenheit,  daß  der  Kanzler
seinen  Abschied  erbeten  hat  und  daß  dessen  Annahme  zu  erwarten  ist.  Im
ersten  Moment  überwiegt  das  Gefühl  der  Befriedigung  über  diesen  Schritt
des  Kanzlers  sogar  die  Besorgnis,  was  nun  werden  soll.  Letztere  ist  allerdings
  groß.  Wo  ist  der  Erbe  des  Vertrauens,  das  Fürst  Bülow  bei  den
Freunden,  und  der  Achtung,  die  er  bei  den  Gegnern  erworben  hat?!  Aber
Befriedigung  empfinde  ich  darüber,  mit  meinem  Namen  und  nach  bester
Überzeugung  für  die  auswärtige  und  innere  Politik  eines  Staatsmannes
eingetreten  zu  sein,  der  seiner  Überzeugung  bis  zuletzt  treu  geblieben  ist.
Des  Kanzlers  Bestreben,  die  Konservativen  zu  modernisieren  und  dadurch
in  führender  Stellung  zu  erhalten,  scheitert  an  ihrer  eigenen  kurzsichtigen
Interessenpolitik,  die  sie  im  Volke,  nicht  nur  bei  der  Masse,  verhaßt  macht.
Die  Bülowsche  Politik  des  letzten  Jahres  hatte  die  Zahl  der  roten  Mitläufer
noch  weiter  dezimiert  und  der  sozialdemokratischen  Partei  die  wirksamsten
Schlagworte  entzogen,  denn  diese  Politik  war  kräftig,  gesund  und  konstitutionell.
  Unter  dem  Block  hat  die  demokratische  Linke  sich  zu  einer
gemäßigten  liberalen  Partei  gemausert,  durch  die  Opposition  gegen  die
heutige  Majorität  wird  sie  an  den  äußersten  linken  Flügel  herangedrängt
werden.  Die  für  die  Gesamtheit  so  nützlichen  Nationalliberalen  werden
kaltgestellt  und  von  gesetzgeberischer  Mitarbeit  ausgeschaltet  werden.“

Im  Pressebüro  diente  während  meiner  Kanzlerzeit  in  den  letzten  Jahren
ein  jüngerer  Beamter,  Dr.  Riezler,  der  sich  durch  lebhaft  zur  Schau
getragene  Bewunderung  für  mich  hervortat.  Er  übertrug  nach  meinem
Rücktritt  diesen  Enthusiasmus  auf  meinen  Nachfolger,  übrigens  nachdem
er  mir  korrekterweise  schriftlich  seinen  ehrfurchtsvollen  Dank  für  das
Wohlwollen  dargebracht  hatte,  das  ich  ihm  während  der  Jahre  gezeigt
hätte,  wo  er  das  Glück  gehabt  habe,  unter  mir  zu  arbeiten  „und  zu  lernen“.
Die  Kaiserin  Friedrich,  die  Geist  mit  Humor  verband,  erzählte  gern,  sie
habe  einmal  bei  einem  Rundgang  durch  die  herrlichen  Gemächer  von
Windsor  ein  Stubenmädchen  bemerkt,  das  bitterlich  weinte.  Sie  frug  das
arme  Kind,  ob  sie  etwa  ihren  sweet-heart,  ihren  Liebsten,  verloren  habe.
Das  Mädchen  antwortete,  nicht  ohne  eine  gewisse  Entrüstung:  „Oh  no!
It  is  not  for  love,  that  I  feel  unhappy.  Thank  to  God  I  can  love  any  man.“
Riezler  gehörte  zu  den  strebsamen  Leuten,  die  jeden  lieben  können  und
jeden  lieben,  der  das  Füllhorn  der  Gnaden  in  der  Hand  hält.  Er  verleugnete
aber  seine  Dankbarkeit  für  mich,  als  er  nicht  lange  vor  dem  Ausbruch  des
        <pb n="51" />
        Villa  Klein-Flottbek

Bliek  vom  Arbeitszimmer  des  Fürsten  in  den  Park.  Im  Hintergrund  die  Elbe
        <pb n="52" />
        <pb n="53" />
        FEHLPROPHEZEIUNGEN  25

Weltkrieges  unter  dem  Pseudonym  Rüdorffer  ein  „Grundzüge  der  Weltpolitik
  in  der  Gegenwart“  betiteltes  Buch  veröffentlichte,  in  dem  er  meine
Politik  mit  liebloser  Schärfe  kritisierte  und  auf  ihrem  dunklen  Hintergrund
die  raschen  und  glänzenden  Erfolge  meines  Nachfolgers  um  so  heller
erstrahlen  ließ.  Leider  hatte  er  die  Unvorsichtigkeit,  gleichzeitig  hinsichtlich
  der  bald  zu  erhoffenden  Folgen  und  Früchte  der  Bethmannschen
Tätigkeit  sich  in  Prophezeiungen  zu  ergehen,  die  durch  den  Weltkrieg  in
schauriger  Weise  zuschanden  gemacht  wurden.  Nun  wollte  der  Zufall,  daß
Riezler  im  zweiten  Jahre  des  Weltkrieges  in  einer  Berliner  Gesellschaft  mit
einem  Wiener  Gast  zusammentraf,  der  in  einem  allgemeinen  Gespräch  über
die  Kriegs-  und  Vorkricgsliteratur  die  Bemerkung  fallen  ließ:  in  Berlin
habe  die  politische  Literatur  ausgezeichnete  Werke  hervorgebracht,  aber
auch  einige  ganz  verfehlte  Bücher,  und  nun  nannte  er  in  diesem  Zusammenhang
  das  Buch  von  Rüdorffer.  Sein  Nachbar  gab  ihm  einen  leisen
Stoß,  dem  er,  als  der  Wiener  noch  einmal  das  Rüdorffersche  Buch  in  Grund
und  Boden  verdammte,  einen  stärkeren  Rippenstoß  folgen  ließ,  indem  er
auf  den  gegenübersitzenden  Herrn  Riezler  hinwies,  der  sehr  rot  wurde.
Darauf  der  Österreicher:  „Ja,  was  geht  denn  Herrn  Riezler  das  alberne
Buch  des  Rüdorffer  an?‘  Tableau!  pflegt  in  solchen  Fällen  der  Franzose
zu  sagen.  Im  August  1917  bemerkte  ein  größeres  rheinisches  Blatt,  die
„Düsseldorfer  Zeitung“,  bei  einer  Besprechung  des  Rüdorffer-Riezlerschen
Buches  nicht  übel:  „Dieses  Buch  hat  den  eigenen  Reiz,  daß  es  die  Entwickelung
  der  Weltpolitik  diametral  entgegengesetzt  der  wirklich  eingetretenen
  voraussagte.““  Im  Weltkriege  spielte  Riezler  unter  Bethmann
Hollweg,  dessen  vertrauter  Mitarbeiter  er  bald  wurde,  eine  wenig  glückliche
Rolle  und  hat  mit  Hans  Delbrück  zu  den  Ratgebern  gehört,  die  zur
Wiederherstellung  von  Polen  trieben,  dem  größten  pulitischen  Fehler,  der
seit  Beginn  des  Krieges  gemacht  wurde.  1917  kursierte  in  Berlin  das
nachstehende  Gedicht:

Ein  schöner  Wahn  schafft  uns  nicht  Frieden,

Der  Hohlweg  sperrt  den  Blick  zum  Horizont.

Ihm  ward  durch  einen  Riez  die  Welt  zu  sehn  beschieden,
Doch  hinter  diesem  Riez  war  alles  leer.

Wahnschaffe  war  ein  sogenannter  schöner  Mann,  Bethmann  Hollweg
hatte  uns  in  den  Hohlweg  des  Krieges  geführt,  und  Riezler  war  in  der  Tat
leer.  Das  Beste  an  ihm  war  seine  niedliche  Frau,  eine  Tochter  des  Malers
Liebermann.  Natürlich  ist  Riezler  nach  dem  Sturz  des  Kaisertums  mit
ebenso  behendem  Fuße  in  das  Schiff  der  Republik  gesprungen,  wie  er  sich
nach  meinem  Rücktritt  von  mir  ab-  und  Bethmann  zugewandt  hatte.
Nach  dem  November-Umsturz  drängte  er  sich  dem  Reichspräsidenten
        <pb n="54" />
        Brief  des
Fürsten

Eulenburg

26  EIN  GESTÜRZTER

Ebert  als  Kabinettschef  auf.  Der  biedere  Ebert  ließ  sich  aber  diesen
Adlatus,  der  ihm  weder  als  Charakter  noch  als  Arbeitskraft  genügte,  nicht
lange  gefallen  und  setzte  ihm  bald  den  Stuhl  vor  die  Tür.

Unter  so  manchen  Beweisen  von  Wohlwollen  und  Anerkennung,  die  ich
bei  meinem  Rücktritt  erhielt,  berührte  mich  wehmütig  und  schmerzlich
ein  Brief  von  Philipp  Eulenburg.  Ich  hatte  mich  bemüht,  soweit  dies
im  Rahmen  meiner  Amtspflicht  zulässig  war,  ihm  während  seiner  gegen
meinen  Wunsch  und  trotz  meines  dringenden  Abratens  angestrengten
Prozesse  und  insbesondere  nachdem  in  Folge  der  Aussage  eines  Starnberger
  Fischers  seine  Verhaftung  erfolgt  war,  sein  bitteres  Los  zu  erleichtern,
  wobei  mir  Renvers,  der  Arzt  und  Menschenfreund,  behilflich  war.
Geschen  hatte  ich  den  armen  Phili  nicht  mehr,  scitdem  ich  in  meinem
Prozeß  gegen  den  „Schriftsteller‘‘  Brandt  seine  melancholische  Gestalt  im
Hintergrunde  des  Gerichtssaales  erblickte.  Nach  meinem  Rücktritt  erhielt
ich  von  ihm  den  nachstehenden  Brief:

„Lieber  Bernhard,  ich  habe  Dir  seinerzeit  geschrieben  oder  durch
Alfred  mitteilen  lassen,  daß  ich  Dir  nicht  schreiben  würde,  solange  Du
im  Amte  seiest.  Ich  fand,  daß  cs  meine  Freundschaftspflicht  sei,  Dir
nicht  durch  irgend  etwas  die  Schwierigkeiten  zu  vergrößern,  die  Dir,
in  einer  grausamen  Verkettung  von  Umständen,  durch  unsere  alte,
hundertfach  bewährte  Freundschaft  erwachsen  waren.  Auch  heute  noch
hätte  ich  Dir  nicht  geschrieben,  wenn  mir  nicht  der  Zufall  eine  Zeitungsnotiz
  in  die  Hand  gespielt  haben  würde,  wonach  Du  in  den  nächsten
Tagen  mit  Deinem  Bruder  Alfred  in  Bern  vereint  sein  würdest.  Es
packte  mich  eine  heiße  Sehnsucht,  wie  in  alter  Zeit  in  Eurer  lieben
Mitte  sein  zu  können!  Und  da  ich  Alfred  längst  schreiben  wollte,  entstand
  nun  auch  dieser  Brief  an  Dich,  der  keinen  besonderen  Zweck  zu
erfüllen  hat.  Immerhin  soll  er  Dir  einiges  sagen,  was  mich  Deinetwegen
beschäftigt.  Mein  Schicksal  will  ich  versuchen  mit  Schweigen  zu  übergehen.
Du  hast  so  viel,  mein  Glück,  mein  Empfinden  und  Denken  —  meine  Mutter,
meine  Kinder,  Augusta  —  gekannt,  um  genau  zu  wissen,  wie  nun  dieses
mein  Schicksal  ist.  Und  ich  meine,  Du  bist  nicht  der  Mensch,  der  vergessen
könnte,  was  uns  verbindet.  Ich  lese  als  einzige  Zeitung  den  ‚Tag‘.  Bei
meinem  bis  zur  Übelkeit  gesteigerten  Widerwillen  gegen  Politik  wählte
ich  dieses  unpolitische  Blatt,  um  ungefähr  zu  wissen,  wie  es  in  der  Welt
aussieht.  Und  zwischen  den  Zeilen  zu  lesen  haben  wir  ja  beide  gelernt.
Darum  habe  ich  auch  Deinen  Wegen  genau  folgen  können.  Deinen  Rücktritt
  betrachte  ich  als  ein  nationales  Unglück,  und  ich  habe  das
Gefühl,  nun  auf  einem  Schiff  zu  fahren,  auf  dem  der  Kapitän  ein
Schauspieler,  der  erste  Steuermann  ein  Alpinist  ist.  Der  Kapitän  glaubt
überdies,  daß  es  le  moment  venu  sei,  um  durch  eine  ‚kolossale‘  Fahrt
        <pb n="55" />
        DER  KAPITÄN  RUFT  NICHT  ZURÜCK  27

einen  neuen  ‚Rekord‘  zu  schaffen,  nachdem  sein  erster  Rekord  in  die
Brüche  ging.  Es  ist  der  Augenblick  eingetreten,  den  wir  beide  oft  kommen
sahen,  nicht  ohne  Schaudern.  Dir  gönne  ich  die  Freiheit  von  Herzen,  Du
wirst  ja  nun  auch  besser  verstehen  können,  wie  jemand  zumute  sein  muß,
dem  auch  diese  ersehnte  Freiheit  in  Trümmer  geschlagen  wurde.  Übrigens
wird  der  Kapitän  Dich  nicht  zurückrufen,  wenn  er  nicht  muß.  Das  könnte
allerdings  wohl  einmal  eintreten.  Ein  gewisser  Max  Fürstenberg  trägt
wesentlich  die  Schuld  an  der  Wendung  der  Dinge,  soweit  sie  Dich
betreffen.  Ich  habe  darüber  sichere  Kunde  aus  seinem  früheren  und
jetzigen  engeren  Vaterland.  Wohl  haben  die  Konservativen  große
Dummheiten  gemacht  —  aber  der  Schwerpunkt  liegt  doch  woanders,  und
diejenigen  haben  das  Hornsignal  gegeben,  die  im  ersten  Garderegiment  die
Muttermilch  tranken.  Im  übrigen  kann  ich  Dir  nicht  ersparen,  auch  Dir
einen  Vorwurf  zu  machen:  So  wie  Holstein  mir  mein  Grab  schaufelte,  weil
ich  ihn  zu  wenig  fürchtete  (und  wie  oft  denke  ich  an  Deine  Warnungen!)  —
so  hat  er  Dir,  wenn  auch  unabsichtlich,  die  Lokomotive  zur  Abreise  geheizt,
indem  Du  ihn  zu  schr  gefürchtet  hast.  Auch  erlaube  ich  mir  die  Bemerkung,
daß  cs  mich  von  einem  so  gründlichen  Kenner  der  Deutschen  gewundert
hat,  mit  dem  so  vernünftigen  Gedanken  des  Blocks  zu  operieren.
Werden  die  Deutschen  dafür  jemals  reif  werden?  Wie  unausgesetzt  man  in
Briefen  über  Briefen  versucht  hat,  mich  zu  überzeugen,  daß  Du  der
Urheber  alles  meines  und  der  Meinen  Unglücks  seist,  kannst  Du  Dir  ja
denken.  Es  ist  vielen  Menschen  geradezu  ein  Greuel,  feste  und  unwandelbare
  Treue  zu  schen,  die  sich  durch  nichts  beirren  läßt.  Es  nutzte  durchaus
nicht  meine  Versicherung,  daß  Du  der  letzte  seist,  der  auf  sein  Gewissen
die  Schuld  laden  könnte,  gerade  mich  und  die  Meinen  zu  verraten.  Ich  hatte
nur  in  einer  Richtung  einen  schweren  Stand  (weil  ich  selbst  es  niemals
verstanden  habe),  daß  die  ofiziöse  —  und  auch  die  offizielle  —  Presse  nicht
für  einen  der  ersten  Beamten  des  Reichs  eingetreten  ist  und  den  Kampf
mit  der  Skandalpresse  aufgenommen  und  durchgefochten  hat.  Denn  es
hatte  sich  doch  von  Anfang  an  zu  einer  Machtfrage  zugespitzt:  Presse  oder
Regierung.  Und  die  Presse  siegte.  Auch  in  den  Novembertagen.  Niemals
wird  die  Regierung  dieses  einmal  verlorene  Terrain  wiedergewinnen.
Einhundertundfünfundvierzig  Anschuldigungen  gegen  mich  hat  Harden
schön  gedruckt  dem  Gericht  zugesendet.  Zwei  von  den  hundertfünfundvierzig,
  die  sich  alle  als  Lüge  offenbar  enthüllten,  sollten  mir  den  Hals
brechen  —  zwei  elende  Lügen  von  den  hundertfünfundvierzig  andern,  die
in  Neid  und  Gift  meine  eigenen  Standesgenossen  erfanden  und  zu  Herrn
Harden  trugen!!  —  Jetzt  bin  ich  zu  Tod  krank  und  vermag  kaum  noch  zu
hoffen,  den  Prozeß  durchzuführen,  der  mir  mit  absoluter  Sicherheit  Freisprechung
  bringen  muß.  Aber  angesichts  der  Tatsache  des  Verhältnisses
        <pb n="56" />
        28  PARAGRAPH  HUNDERTFÜNFUNDSIEBZIG

145  zu  2  war  doch  wohl  die  ofhiziöse  Presse  durchaus  in  der  Lage,  sofort  den
Kampf  aufzunehmen.  Aber  ich  habe  oft  an  Deine  Mahnung  denken  müssen,
daß  ich  einer  der  gehaßtesten  Menschen  in  Deutschland  sei.  Nun,  meine
Freunde  wissen,  ob  ich  das  verdient  habe!  Ich  spreche  nicht  von  den
ungeheuerlichen  Dummheiten,  die  von  Anbeginn  an  die  Generals-Kamarilla
anrichtete  und  die  auch  Dir  schließlich  die  Hände  gebunden  haben.
Glaubst  Du  wohl,  daß  unter  Albedyli  und  dem  alten  Herrn  solche  Dinge
möglich  gewesen  wären?  Scheußliche  Mischung  von  Haß,  Feigheit,  Neid
und  Kurzsichtigkeit.  Doch  genug  davon!  Ich  will  Dir  nur  sagen,  daß  ich
Dich  in  Gedanken  nach  der  Villa  Malta  begleite,  das  Glücksgefübl  Deiner
lieben,  gütigen  Frau  im  Geiste  vor  mir  sehe.  Möchte  Euch  nichts  den  Genuß
trüben  und  die  gütige  Donna  Laura  Euch  frisch  und  gesund  in  ihrem  seligen
Empfinden  umarmen!  Wie  wird  Deine  liebe  Frau  im  Herrichten  der  Villa
Malta  schwelgen,  und  wie  schön  wird  es  werden.  Vermagst  Du  es  über  Dich,
so  schreibe  mir  einmal  von  Rom  aus  Euerm  Leben.  Ich  bin  ein  toter
Mann.  Doch  besucht  man  ja  um  des  Toten  willen  bisweilen  einen  Kirchhof.
Es  kostete  mich  dieser  lange  Brief  viel  Nerven  und  körperliche  Qual.  Aber
es  tat  mir  wohl,  nach  langer  Zeit  mit  Dir  in  alter  Art  zu  sprechen.  Nun  ist
es  genug.“

Als  ich  diesen  Brief  las,  der  zwischen  Sophismen  und  einigen  Unwahrheiten
  auch  echte  und  schöne  Gefühle  und  kluge  Gedanken  zum  Ausdruck
brachte  und  der  in  mir  von  neuem  inniges  Mitleid  für  den  alten  Freund
erweckte,  dem  die  Götter  neben  gefährlichen  Neigungen  auch  reiche  Gaben,
einen  ungewöhnlichen  Charme,  edle  Eigenschaften  in  die  Wiege  gelegt
hatten,  drängte  sich  mir  wieder  die  Frage  auf,  die  zwei  Jahre  vorher,
während  der  seinerzeit  von  mir  erwähnten  unerquicklichen  Prozesse,  an
mein  Gewissen  gepocht  hatte:  Hat  der  Staat  die  Pflicht,  hat  er  auch  nur
das  Recht,  anormalen  Trieben  das  Brandmal  der  Infamie  aufzudrücken  ?
Als  in  mir  in  jener  Zeit  eine  von  vielen  Intellektuellen  unterschriebene
Adresse  zuging,  die  für  die  Aufhebung  des  8  175  plädierte,  frug  ich  Renvers,
wie  sich  nach  seiner  Meinung  der  Staat  zu  diesem  Problem  zu  stellen  habe.
Er  antwortete  mir:  „Als  Arzt  muß  ich  Ihnen  sagen,  daß,  rein  wissenschaftlich
  betrachtet,  der  anormale  Trieb  ebenso  berechtigt  ist  wie  der  normale.
Ich  brauche  Sie  auch  nicht  daran  zu  erinnern,  daß  die  Antike  die  Schwärmerei
  des  Kaisers  Hadrian  für  den  schönen  und  melancholischen  Antinous
ebenso  in  der  Ordnung  fand  wie  die  Leidenschaft  des  Marcus  Antonius  für
die  bezaubernde  Kleopatra.  Aber  als  Staatsbürger  protestiere  ich  gegen  die
Gleichstellung.  Wenn  das  Gesetz  die  Perversität  nicht  mehr  brandmarkt,
wird  die  sittliche  Gesundheit  des  Volkes  wie  die  physische  gefährdet.‘  Diese
Antwort  bestärkte  mich  in  dem  Entschluß,  die  auf  Aufhebung  des  $  175
gerichteten  Wünsche  und  Bestrebungen  abzulehnen.  Wozu  freilich  mein
        <pb n="57" />
        HISTORISCHE  PERSPEKTIVEN  29

intensiver,  innerlicher  Widerwille  gegen  alles  Widernatürliche  beigetragen
haben  mag.

Ich  antwortete  Eulenburg:  „Lieber  Phili,  Dein  in  Bern  erhaltener  Brief
hat  mich  sehr  bewegt.  Aufrichtig  und  groß  ist  die  Verehrung,  die  ich  für
Deine  teure  Mutter  und  Deine  liebe  und  treffliche  Frau  empfinde.  Herzlichen
  Anteil  nehme  ich  an  dem  Ergehen  Deiner  guten  Kinder.  Während
langer  Jahre  waren  wir  in  treuer  Freundschaft  verbunden.  Wie  könnte  ich
ohne  Mitgefühl  sein  für  Deine  Leiden!  Was  möglich  war  innerhalb  der
Grenzen,  die  mir  die  Pflicht  meines  Amtes  zog,  habe  ich  getan,  um  die  tieftraurigen
  Vorgänge  zu  verhindern,  die  mir  auch  menschlich  zu  Herzen
gingen.  Ich  habe  getan,  was  ich  vermochte,  um  Deine  Lage  zu  mildern.  Ich
hoffe  von  Herzen,  daß  die  Liebe  der  Deinen  Dich  tröste  und  der  Gedanke
Dich  stärke,  wie  die  göttliche  Güte  und  das  göttliche  Erbarmen  größer  sind
als  alles  Elend  auf  dieser  armen  Erde.  Ich  habe  ein  schweres  Jahr  hinter
wir.  Von  Kindheit  an  in  den  Sielen  und  während  zwölf  Jahren  in  ununterbrochener
  Anspannung,  bedarf  ich  jetzt  des  Ausruhens  und  der  Erholung.
Ich  habe  als  Aufenthaltsort  Rom  gewählt,  weil  die  großen  historischen  Perspektiven
  dieser  Stadt  zu  philosophischer  Betrachtung  leiten  und  die  geschichtlichen
  Studien  begünstigen,  die  mich  immer  angezogen  haben.  In
Rom  ist  alles  große  Vergangenheit,  und  deshalb  entrückt  diese  Stadt  der
Gegenwart.  Ich  lese  viel.  Ich  habe  im  Sommer  die  sechs  Bände  von  Gorce:
Histoire  du  second  Empire,  gelesen  und  bin  jetzt  an  das  noch  dickleibigere
Werk  von  Gregorovius  über  die  Geschichte  Roms  im  Mittelalter  gegangen.
Ich  lese  auch  wieder  die  Alten:  Virgil,  Sallust,  vor  allem  Tacitus  und  Homer.
Ich  habe  die  Klassiker  immer  besonders  geliebt,  und  hier,  an  ihrer  Wiege,
werden  sie  mir  noch  lebendiger.  Goethe  sagte  einmal,  erst  am  Mittelmeer
habe  er  Odyssee  und  Ilias  verstanden.  Das  kann  ich  ihm  nachfühlen.  —
Meine  Schwiegermutter  ist  schon  achtzig  Jahre  alt.  In  ihrem  hohen  Alter
ist  sie  dankbar,  für  die  ihr  noch  vergönnte  kurze  Lebensspanne  ihre  Tochter
in  ihrer  Nähe  zu  haben.  Meine  Frau  ist  müde  von  dem  zwölfjährigen,  unruhigen
  und  aufreibenden  Treiben,  das  von  einer  (sogenannten)  hohen
Stellung  in  der  Reichshauptstadt  nun  einmal  unzertrennlich  ist.  Sie  will
hier  gar  nicht  weltlich  leben.  Sie  sucht  die  Freude  wie  den  Trost  unserer
irdischen  Tage  im  Unpersönlichen,  in  Musik  und  Gärtnerei.  Das  Wicdersehen
  mit  Alfred  und  den  Seinigen  war  sehr  rührend.  Die  große  Trauer,  die
durch  den  Tod  des  Bräutigams  ihrer  ältesten  Tochter  über  sie  kam,  ist  noch
nicht  von  ihnen  gewichen.  Gott  schütze  die  Deinigen  und  gebe  Dir  Frieden.
Dein  Bernhard  B.“

Nachdem  sich  Philipp  Eulenburg  während  der  vielen  Jahre,  die  zwischen
der  Unterbrechung  des  wegen  Meineids  gegen  ihn  angestrengten  Verfahrens
und  seinem  Tode  liegen,  nicht  dazu  hatte  aufraffen  können,  die  Wieder-
        <pb n="58" />
        30  DIE  „GENERALS-KAMARILLA“

aufnahme  seines  Prozesses  zu  beantragen,  obschon  er  während  dieser
langen  Zeit  in  seinem  Schlosse  Liebenberg  viele  Besucher  bei  sich  sah,  die
ihn  in  leidlichem  Wohlsein  und  meist  auch  in  leidlicher  Stimmung  fanden,
ist  es  begreiflich,  daß  er  weiten  Kreisen  für  schuldig  gilt.  Mir  persönlich  sind
erst  allmählich  Zweifel  an  Eulenburgs  Unschuld  aufgestiegen,  Zweifel,  die
leider  durch  den  Ausgang  seines  Prozesses  bestätigt  werden  sollten.

Zur  Erläuterung  des  Eulenburgschen  Briefes  möchte  ich  hinzufügen,  daß
Eulenburg  mit  dem  ersten  Steuermann,  der  ein  „Alpinist‘  sei,  den  Staatssekretär
  des  Äußern  Herrn  von  Schön  meinte,  der  sich  in  Berchtesgaden
den  kaiserlichen  Prinzen  als  Bergführer  nützlich  gemacht  hatte.  Es  ist  dies
übrigens  der  einzige  Satz,  den  Haller  (Aus  dem  Leben  des  Fürsten  Philipp
zu  Eulenburg-Hertefeld,  Seite  367)  aus  diesem  langen  Brief  erwähnt  hat,
über  den  er  im  übrigen  hinweggeht,  wohl  weil  die  Note  der  Dankbarkeit,
auf  die  der  Brief  gestellt  ist,  sich  schwer  mit  der  einseitigen  Gesamtdarstellung
  Hallers  hätte  vereinigen  lassen.  Fürst  Max  Fürstenberg,  der
Schloßherr  von  Donaueschingen,  der  Philipp  Eulenburg  in  dessen  Stellung
als  politischer  Vertrauter  Seiner  Majestät  abgelöst  hatte,  mag  allerdings
gegen  mich  gehetzt  haben,  weil  er  mich  gegenüber  den  oft  übertriebenen
Wünschen  und  Ansprüchen  seines  österreichischen  Vaterlandes  nicht  empressiert
  genug  fand.  Unter  der  „Generals-Kamarilla“  verstand  Eulenburg
die  Generäle  Hülsen-Häseler,  Kessel  und  Plessen,  die  in  Phili  wegen  seiner
spiritistischen  Neigungen  und  seines  Hangs  zur  Intrige  allerdings  einen
Schädling  sahen  und  darauf  gedrängt  hatten,  daß  er  sich  von  dem  Verdacht
perverser  Verirrungen  durch  einen  Prozeß  gegen  Maximilian  Harden  reinigen
  solle.  Mit  den  „‚neidischen  Standesgenossen“  sind  zwei  Jugendfreunde
Eulenburgs  gemeint,  der  Fürst  Richard  Dohna  und  der  Graf  Bolko  Hochberg,
  die,  wie  ich  früher  erwähnen  mußte,  im  Laufe  der  von  Phili  gegen  den
Hofrat  Pierson  angezettelten  Intrige  seine  Gegner  geworden  waren.  Bei
diesem  Rückblick  auf  die  Ängste  und  Prüfungen  des  armen  Phili  drängt
sich  die  Ähnlichkeit  auf,  die  nach  Veranlagung  wie  nach  Lebensschicksal
zwischen  ihm  und  Oscar  Wilde  besteht.  Nur  daß  der  Poet  die  harte  Strafe
verbüßen  mußte,  welcher  der  Fürst  entging.  Dafür  ist  als  Dichter  der  Engländer
  dem  Deutschen  überlegen.  „The  picture  of  Dorian  Gray“  und  „Salome“,
  „De  profundis“  und  „Die  Ballade  vom  Zuchthaus  zu  Reading“
stehen  künstlerisch  höher  als  die  „Skaldengesänge“  und  die  „Rosenlieder“.
        <pb n="59" />
        IV.  KAPITEL

Charakterstudien  anläßlich  des  Rücktritts  +  Tschirschky  «  Schön  »  Kiderlen  .  Radowitz
  +  Jagow  »  Monts  -  Flotow  »  Walter  Rathenau,  sein  Verhültnis  zum  Kaiser
und  zur  Republik

ch  hatte  während  der  Krankheit  des  edlen  Kaisers  Friedrich  wie  nach

dem  Sturz  des  großen  Fürsten  Bismarck  zu  tiefe  Einblicke  in  die  Gesinnungslosigkeit
  und  Erbärmlichkeit  der  Menschen  und  vor  allem  der  sogenannten
  Weltmenschen  gewonnen,  um  mich  zu  wundern  oder  gar  zu
betrüben,  daß  bei  manchen  meiner  Verehrer  auf  ihre  früher  mit  Schwung
und  Lust  für  mich  zur  Schau  getragene  Bewunderung  mein  Rücktritt  sehr
abkühlend  wirkte.  Tschirschky,  der,  als  ich  ihn  zum  Gesandten  befördert
hatte,  seiner  „tiefen  Dankbarkeit“  für  mein  „gnädiges  Wohlwollen‘  emphatischen
  Ausdruck  gegeben  und  mich  seiner  „unwandelbaren‘  Anhänglichkeit
  seitdem  bei  jeder  Gelegenheit  schriftlich  und  mündlich  versichert  hatte,
benutzte  den  Besuch,  den  Kaiser  Wilhelm  II.  im  Mai  1909  in  Wien  abstattete,
  um  Seiner  Majestät  zu  sagen,  wie  „unsäglich“  er  während  des
Novembersturms  um  seinen  kaiserlichen  Herrn  gelitten  hätte.  Der  Kaiser,
der,  wie  ich  noch  einmal  hervorheben  möchte,  einen  naiven  Zug  besaß,  der
mich  immer  wieder  mit  ihm  aussöhnte,  erzählte  mir  selbst  sehr  gerührt
diesen  Beweis  „felsenfester“  Treue  seines  Wiener  Botschafters,  dem  er  zum
Dank  sein  Bild  in  kostbarem  Rahmen  und  mit  einer  schmeichelhaften  Widmung
  verlieh,  von  dem  ich  aber  nie  wieder  ein  Lebenszeichen  erhalten  habe.

Ich  erwähnte  schon,  daß,  als  der  Novembersturm  einsetzte  und  gleichzeitig
  die  bosnische  Krise  sich  zuspitzte,  der  Staatssekretär  von  Schön
sich  ins  Bett  legte.  Als  der  Sturm  vorüber  war  und  ich  auch  die  bosnische
Krisis  überwunden  hatte,  tauchte  Schön  wieder  auf.  Er  hatte  mich  einst
seiner  „ehrerbietigsten,  wärmsten  Erkenntlichkeit‘  versichert  und  hinzugefügt,
  er  werde  „alle  seine  Kraft‘‘  daransetzen,  sich  solchen  Wohlwollens
würdig  zu  erweisen,  wohl  wissend,  wieviel  er  meiner  Fürsprache,  meinem
gütigen  Interesse  verdanke.  Jetzt  erzählte  ‚le  Baron  de  Schoen“  dem  Kaiser
von  seinen,  in  Wirklichkeit  gar  nicht  vorhandenen,  persönlichen  Verdiensten
  um  die  Beilegung  der  bosnischen  Schwierigkeit  und  hielt  gegenüber
  Seiner  Majestät  nicht  zurück  mit  scharfer  Kritik  meiner,  gegenüber

Tschirschky,
Schön,
Kiderlen
        <pb n="60" />
        32  „TREUE  KAISERLIKE"

Volk  und  Parlament  zu  nachgiebigen,  gegenüber  der  erhabenen  Person
Seiner  Majestät  viel,  viel  zu  strengen  Haltung  im  November  1908,  die  ihn
so  empört  habe,  daß  er  einen  schweren  Herzkrampf  erlitten  hätte.  Seine
belgisch-pariserische  Gattin  schrieb  nach  Paris  und  Brüssel,  daß  ich  un
homme  fini  wäre,  und  erklärte  in  den  Berliner  Diplomatensalons,  daß  sie
und  ihr  Mann  als  „treue  Kaiserlike‘‘  mit  mir  nichts  mehr  zu  tun  haben
wollten.

Kiderlen  schrieb  mir  nach  meinem  Rücktritt:  „Durchlauchtigster
Fürst,  nachdem  die  Tage  der  Aufregung  und  Kämpfe  und  die  nicht  minder
ermüdenden  Tage  zahlloser  ehrenvoller  Sympathiekundgebungen  vorüber
sind,  wollen  es  Eure  Durchlaucht  einem  bescheidenen,  aber  treuen  Anhänger
  gestatten,  Ihnen  direkt  noch  einmal  die  Gefühle  treuer  und  sich
gleich  bleibender  Verehrung  auszusprechen,  die  durch  äußere  Vorgänge
keinen  Wandel  erfahren  können.  Als  Deutscher  und  ganz  besonders  als
langjähriger  Beamter  des  auswärtigen  Dienstes  kann  ich  das  Ausscheiden
Eurer  Durchlaucht  aus  Ihrem  bisherigen  erfolgreichen  Wirkungskreise  nur
auf  das  tiefste  beklagen.  Dies  bedarf  einer  besonderen  Ausführung  nicht.
Ich  habe  aber  auch  genügenden  Einblick  in  die  schwere  und  verantwortungsvolle
  Tätigkeit  Eurer  Durchlaucht  gehabt,  um  es  Ihnen  nachfühlen
zu  können,  daß  Sie  jetzt  ein  gewisses  Gefühl  der  Befriedigung  überkommt,
wenn  Sie  in  Ruhe  und  ohne  die  täglichen  Sorgen  auf  das  Erreichte  und
Geschaffene  zurückblicken  können.  Eure  Durchlaucht  werden  es  aber  verstehen,
  wenn  ich  dabei  den  Wunsch  ausspreche,  daß  Eure  Durchlaucht  auch
fernerhin  mit  der  inneren  und  ganz  besonders  mit  der  äußeren  Politik
unseres  Vaterlandes  eng  verknüpft  bleiben  werden  und  Kaiser  und  Reich
nie  Ihres  erfahrenen  Rates  entbehren  mögen.  Wenn  ich  aber  heute  an  Eure
Durchlaucht  schreibe,  so  geschieht  es  vor  allem,  um  Ihnen,  verehrter  Fürst,
und  der  verehrten  Fürstin  meinen  innigen  und  aufrichtigen  Dank  für  die
stets  so  liebenswürdige,  unvergeßliche  Aufnahme  in  Ihrem  Hause  auszusprechen
  und  ebenso  dem  Dank  und  der  Verehrung  Ausdruck  zu  geben,
die  ich  stets  dem  wohlwollenden  Vorgesetzten  bewahren  werde.  Ich  werde
ganz  besonders  mit  lebhaftem  Dank  stets  des  letzten  Winters  gedenken,
während  dessen  es  mir  vergönnt  war,  längere  Zeit  direkt  unter  Eurer  Durchlaucht
  zu  arbeiten.  Ich  hoffe,  daß  Eure  Durchlaucht  einen  Teil  des  Sommers
oder  Winters  in  Berlin  zubringen  werden  und  ich  dann  auf  Urlaub  Gelegenheit
  haben  werde,  Eure  Durchlaucht  und  die  Fürstin  auch  mündlich  meiner
unwandelbaren  Gefühle  zu  versichern.  Vorläufig  bitte  ich,  auf  diesem  Wege
den  Ausdruck  meiner  treu-dankbaren  Anhänglichkeit  entgegenzunehmen.
Meine  besten  und  herzlichsten  Wünsche  für  Ihr  Wohlergehen  begleiten  Sie
beide.  Indem  ich  bitte,  mich  der  Frau  Fürstin  zu  Füßen  zu  legen,  verbleibe
ich  mit  dem  Ausdruck  alter  anhänglicher  Verehrung  stets  Eurer  Durch-
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        WETTERFAHNEN  33

laucht  treuer  und  gehorsamster  Kiderlen.‘“  Auch  die  alte,  innige  und  unwandelbare
  Anhänglichkeit  und  Verehrung  des  treu  gehorsamsten  Kiderlen
hielt  nicht  allzu  lange  vor.  Aus  seinen  nach  seinem  Ableben  publizierten
Briefen  an  Frau  Kypke  war  zu  ersehen,  wie  er  sich  von  mir  ab-  und  gegen
mich  wandte,  als  es  ihm  sicher  schien,  daß  ich  an  Allerhöchster  Stelle  ganz
und  endgültig  in  Ungnade  gefallen  sei.  Ich  möchte  ausdrücklich  betonen,
daß  solches  Abrücken  von  gestürzten  Größen  nicht  etwa  nur  mir  widerfuhr.
  Welche  Erfahrungen  mußte  in  dieser  Beziehung  Fürst  Bismarck
machen!  Er  sei,  hat  der  größte  aller  Kanzler  in  seinen  Briefen  und  noch
mehr  in  seinen  mündlichen  Äußerungen  geklagt,  nach  seinem  Rücktritt  von
vielen  seiner  früheren  Freunde,  Anhänger  und  namentlich  Untergebenen
„wie  ein  Pestkranker“  gemieden  worden.  Um  seinem  ältesten  Sohn,  dem
einst  umschmeichelten  Staatssekretär  Graf  Herbert,  nicht  Unter  den
Linden  zu  begegnen,  hätte  „mancher  Lumpenhund“  einen  weiten  Umweg
gemacht.  In  Frankreich  wurde  in  den  dreißiger  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts
  unter  dem  Titel  „Dictionnaire  des  Girouettes‘“  (Wörterbuch  der
Wetterfahnen)  ein  Lexikon  veröffentlicht,  das  alle  diejenigen  Männer  des
öffentlichen  Lebens  aufführte,  die  seit  1788  ihre  Ansichten,  Überzeugungen
und  dementsprechend  ihre  Beziehungen  und  Freundschaften  gewechselt
hatten.  Es  war  ein  stattlicher  Band.

Ich  konnte  aber  auch  unter  meinen  Untergebenen  auf  erfreuliche  Ausnahmen
  blicken.  Der  Botschafter  von  Radowitz,  der  mir  einst  ein  strenger
Vorgesetzter,  dann  ein  folgsamer  und  eifriger  Untergebener  gewesen  war,
wahrte  den  Anstand  und  telegraphierte  mir:  „Eure  Durchlaucht  wollen  mir
gestatten,  den  Ausdruck  aufrichtiger  Verehrung  und  größter  Dankbarkeit
für  mir  stets  bewiesenes  Wohlwollen  darzubringen.  Wir  senden  innigste
Wünsche  für  Eurer  Durchlaucht  und  der  Frau  Fürstin  ferneres  Wohlergehen.“


Wer  aus  einem  Amte  scheidet,  das  wie  das  des  Reichskanzlers  seinem
Träger  das  dienstliche  Wohl  und  Wehe,  die  Hoffnungen  und  Zukunft  der
nach-  und  untergeordneten  Beamten  in  die  Hand  gibt,  erlebt  natürlich
allerlei  Unerfreuliches.  Das  war,  wie  gesagt,  zu  allen  Zeiten  und  in  allen
Ländern  so.  Es  ist  kein  Grund  zur  Verwunderung,  noch  weniger  zu  moralischer
  Entrüstung,  daß  der  Träger  eines  solchen  Amtes  mehr  von  Streberei
umwedelt  als  von  Treue  umgeben  ist.  Homines  sumus.  Einige  der  Herren
aber,  die  der  Dienst  mir  nähergebracht  hatte,  haben  das  normale  Maß  von
Undankbarkeit,  das  bei  derartigen  Anlässen  oft  zu  beobachten  ist,  erheblich
  überschritten.  Ihre  Fälle  sind  nicht  typisch,  aber  lehrreich.

An  erster  Stelle  steht  hier  Gottlieb  Jagow.  Während  meiner  Botschafterzeit,
  es  muß  1895  gewesen  sein,  erhielt  ich  einen  Brief  von  einem  Gottlieb
alten  und  braven  Regimentskameraden,  Hermann  Jagow,  der  damals  schon  vor  Jagow

3  Bülow  IH
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        34  EIN  PROTEGE  BÜLOWS

längst  den  Husarensäbel  mit  der  Pflugschar  vertauscht  hatte.  Er  schrieb
mir,  er  habe  einen  jüngeren  Bruder  mit  schwacher  Gesundheit  und  noch
schwächerem  Geldbeutel,  der  aber  nichtsdestoweniger  von  dem  brennenden
Wunsch  erfüllt  wäre,  Diplomat  zu  werden.  Ob  er  mir  als  Attache  genchm
sein  würde?  Rom  mit  seinem  guten  Klima  und  seinen  nicht  allzu  teueren
Lebensbedingungen  wäre  für  Gottlieb,  so  hieß  der  Anwärter,  das  Ideal
seiner  Wünsche  und  Träume.  Ich  verwandte  mich  beim  Auswärtigen  Amt
für  den  jungen  Mann  mit  der  Erklärung,  daß  ich  ihn  gern  nehmen  würde.
Er  meldete  sich  bald  darauf  im  Palazzo  Caflarelli,  wurde  auf  das  freundlichste
  aufgenommen  und  während  zwei  Jahren  als  Kind  im  Hause  behandelt.
  Ich  würde  die  Apostrophe  des  Friedländers  an  Max  Piccolomini
zitieren:  „Sieh,  als  man  dich  im  Pragschen  Winterlager  ins  Zelt  mir  brachte,
einen  zarten  Knaben“,  wenn  nicht  der  Abstand  gar  zu  groß  wäre  zwischen
Gottlieb  Jagows  Statur  und  dem  ritterlichen  Reitceroberst,  der,  mit  hochgeschwungenem
  Säbel,  mit  wehendem  Helmbusch  und  im  langen  Haar
bei  Neustadt  in  das  schwedische  Feldlager  einbrach,  den  Tod  suchend.  Ich
hielt  auch  als  Staatssekretär  und  als  Reichskanzler  weiter  meine  Hand
über  Jagow,  ich  verwandte  ihn  nur  an  ihm  erwünschten,  billigen  und
gesunden  Posten:  in  Hamburg,  in  München,  vor  allem  immer  wieder  als
Dritten,  Zweiten  und  Ersten  Sekretär  in  Rom.

1906,  nach  meinem  Ohnmachtsanfall  im  Reichstag,  wurde  Jagow  in
das  Auswärtige  Amt  einberufen,  weil  man  meinem  kleinen  Proteg&amp;amp;  dort
auf  den  Zahn  fühlen  wollte.  Nach  meiner  Genesung  erschien  er  bei  mir,
um  mir  zu  sagen,  daß  seine  zarte  Gesundheit  die  sitzende  Lebensweise
  und  die  starke  Arbeit  in  der  Politischen  Abteilung  des  Auswärtigen
Amtes  nicht  vertrüge,  er  es  auch  gar  zu  gern  bis  zum  Gesandten
bringen  möchte.  Ich  verschaffte  ihm  den  angenehmen  und  bequemen
Posten  eines  deutschen  Gesandten  in  Luxemburg,  von  wo  er  oft  nach
Brüssel  fuhr,  um  sich  durch  den  dortigen  deutschen  Gesandten  am  belgischen
  Hofe,  den  Grafen  Wallwitz,  und  dessen  Frau,  meine  Stieftochter,
mir  in  empfehlende  Erinnerung  zu  bringen.  Als  nun  Monts  Rom  verließ,
weil  er  selbst  fühlte,  daß  er  sich  dort  bei  Italienern  und  Deutschen  gleich
unmöglich  gemacht  hatte,  schlug  ich  dem  Kaiser  Jagow  als  Nachfolger  vor.
Ich  habe  schon  einige  Dummheiten  gebeichtet,  die  ich  gerade  in  Personalien
  begangen  habe.  Die  Beförderung  von  Jagow  zum  Botschafter  in
Rom  war  eine  meiner  Dummheiten.  „Was,  diesen  Knirps  wollen  Sie  als
Botschafter  in  die  Welt  schicken  ?“  meinte  erstaunt  Wilhelm  II.,  als  ich
ihm  meinen  Vorschlag  unterbreitete.  Zu  meiner  Entschuldigung  möchte  ich
sagen,  daß  Jagow  durch  langen  Aufenthalt  in  Rom  das  dortige  Terrain
kannte,  daß  unsere  Beziehungen  zu  Italien  damals,  1909,  sehr  gut  waren
und  daß  für  Monts,  der  durch  sein  taktloses  Gebaren  viel  Anstoß
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        DER  SPRUNG  IN  DEN  PALAZZO  CAFFARELLI  35

erregt  hatte,  ein  Nachfolger  mit  stillem  und  bescheidenem  Auftreten
wie  Gottlieb  Jagow  adaptiert  erschien.  Als  letzterer  seine  Bestimmung  erfuhr,
  den  ungeheuren  Sprung  von  Luxemburg  in  den  Palazzo  Caffarelli,
schwamm  er  in  Seligkeit.  Ich  hatte  ihm  die  frohe  Botschaft  vor  einem
kleinen  Diner  bei  uns  mitgeteilt.  Nach  Tisch  näherte  er  sich  mir  in  meiner
Bibliothek.  Er  begann  mit  stockender  Stimme:  „Durchlaucht,  ich  bin  kein
Redner!“,  eine  Behauptung,  die  unzweifelhaft  richtig  war,  wie  sich  herausstellte,
  als  er  vier  Jahre  später,  1913,  unter  Bethmann  Staatssekretär  des
Äußern  wurde.  1909  fuhr  Jagow  fort:  „Aber  das  möchte  ich  Eurer  Durchlaucht
  sagen,  meine  Dankbarkeit,  meine  Treue  und,  wenn  ich  es  sagen
darf,  meine  Liebe  zu  Eurer  Durchlaucht  werden  nur  mit  meinem  letzten
ÄAtemzuge  aufhören.“  Ich  erwiderte  ihm:  „Sie  kennen  die  römischen  Verhältnisse
  aus  langjährigem  Aufenthalt.  Ich  denke,  Sie  werden  Ihre  Sache
gut  machen  und,  was  Monts  verpfuscht  hat,  wieder  ins  Lot  bringen.  Was
das  übrige  angeht,  so  tragen  Sie  einen  guten  Namen,  und  ich  hoffe,  Sie
werden  sich  dementsprechend  benehmen.“  Ach,  auch  diese  Hoffnung  trog!
Damals  schrieb  Jagow  an  meine  Frau:  „Hochverehrte  Frau  Fürstin!  Heute
erhielt  ich  den  Erlaß,  der  meine  definitive  Ernennung  enthält.  An  einem
Höhepunkt  des  Lebens  zu  stehen,  ist  ein  schöner  Augenblick,  den  Freude
und  Dankbarkeit  erfüllt,  und  es  drängt  mich,  Ihnen  zu  sagen,  wie  glücklich
und  wie  dankbar  ich  bin.  Darf  ich  Sie  bitten,  meinen  Gefühlen  aufrichtiger
  Dankbarkeit  auch  dem  Fürsten  gegenüber  Ausdruck  zu  geben.  Ich
möchte  ihn  bei  seiner  schon  allzu  besetzten  Zeit  nicht  noch  mit  einem  Brief
belästigen.  Dieser  dornenvolle  Winter  hat  wirklich  schon  fast  übermenschliche
  Anforderungen  an  seine  Kräfte  und  Nerven  gestellt.  Hoffentlich  gelingt
  es  mir,  sein  Vertrauen  einigermaßen  zu  rechtfertigen.  Donna  Laura
scheint  es  ja  nach  allen  Briefen,  gottlob,  ausgezeichnet  zu  gehen.  Trotz
ihrer  achtzig  Jahre  hat  sie  sich  die  Herzensfrische  und  Geistesfrische  einer
Zwanzigjährigen  bewahrt.  Ich  freue  mich  so,  sie  wiederzusehen,  und  werde
sie  hegen  und  pflegen,  soweit  dies  in  meinen  Kräften  steht.  Von  Flotow
erhalte  ich  aus  Italien  zu  meiner  Freude  bessere  Nachrichten.  Seine  Briefe
aus  Berlin  waren  so  furchtbar  deprimiert  und  hoffnungslos.  Der  Luftwechsel
  scheint  ihm  sehr  gutgetan  zu  haben.  In  treuester  und  dankbarster
  Verehrung  bleibe  ich  stets  Eurer  Durchlaucht  gehorsamster
Jagow.“

Nach  meinem  Abgang  richtete  der  inzwischen  nach  Rom  übergesiedelte
Jagow  von  dort  am  14.  Juli  1909  den  nachstehenden  Brief  an  meine  Frau:
„Hochverchrte  Frau  Fürstin!  Vielleicht  sollte  ich  jetzt,  wo  die  Entscheidung
  gefallen,  Ihnen  gratulieren,  daß  Sie  der  Berliner  Tretmühle  entronnen
  sind;  aber  ein  für  das  Vaterland  so  folgenschweres  Ereignis,  wie  es
der  Rücktritt  des  Kanzlers  von  der  Leitung  unserer  Politik  ist,  bewegt  mich

3»
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        Johannes
von  Flotow

36  DIE  GÜTIGE  HAND

zu  tief,  erfüllt  mich  zu  sehr  mit  Gefühlen  der  Wehmut  und  Sorge.  Abgesehen
  von  dem  persönlichen  Bedauern,  mit  dem  ich  den  Verlust  eines
verehrten  Vorgesetzten  beklage,  stellt  sich  dem  Patriotismus  die  Frage:
Wie  wird  das  Staatsschiff  die  führende  Hand  des  bewährten  Steuermanns
entbehren  können?  Und  Sie  selbst  werden  das  alte  Haus  in  der  Wilhelmstraße,
  in  dem  Sie  sich  ein  so  schönes  Heim  geschaffen,  schließlich  auch
nicht  ohne  Wehmut  verlassen.  Die  langen  Jahre,  die  Sie  es  bewohnten,
haben  neben  vielfacher  Last  Ihnen  doch  auch  manche  Freude  und  reiche
Erfolge  gebracht,  und  es  knüpft  sich  daran  die  Erinnerung  so  vieler  schöner,
harmonischer  Stunden,  die  Sie  sich  und  anderen  zu  bereiten  wußten.  Ich
selbst  habe  so  oft  an  dem  Genuß,  in  Ihrem  Kreise  zu  weilen,  teilnehmen
dürfen,  daß  ich  Ihnen  dafür,  wie  für  alle  Güte,  die  Sie  mir  erwiesen  haben,
heute  nochmals  meinen  innigsten  Dank  sagen  muß!  Auch  möchte  ich  Sie
bitten,  dem  Fürsten  mit  dem  aufrichtigsten  Bedauern  über  den  Verlust,
den  wir  erleiden,  den  Ausdruck  meiner  treuesten  und  tiefgefühlten  Dankbarkeit
  für  das  reiche  Maß  von  Wohlwollen  zu  übermitteln,  das  er  mir  stets
hat  zuteil  werden  lassen  von  dem  Augenblick  an,  da  ich  vor  vierzehn  Jahren
hier  als  Attache  eintrat,  bis  heute,  wo  ich,  geführt  von  seiner  gütigen  Hand,
mich  auf  diesem  schönen  Posten  befinde.  Ich  werde  diese  Dankesschuld
nie  vergessen!  Ein  kleiner  Trost  ist  die  frohe  Aussicht,  Sie  nun  im  Winter
in  der  Ewigen  Stadt  begrüßen  zu  können!  Ganz  Rom  freut  sich  mit  mir
darauf.  Mit  dem  Ausdruck  meiner  treuen  und  dankbaren  Verehrung  für  Sie
und  den  Fürsten  bleibe  ich,  gnädigste  Frau  Fürstin,  stets  Eurer  Durchlaucht
  gehorsamster  Jagow.“

Ich  muß  leider  feststellen,  daß  diese  Versicherungen  treuester  und
tiefgefühlter  Dankbarkeit,  denen  Gottlieb  Jagow  so  gefühlvollen  Ausdruck
  gab,  nicht  standhielten,  als  sie  im  Winter  1914/1915  auf  die  Probe
gestellt  wurden.  Jagow  hatte  sich  willig  von  meiner  gütigen  Hand  aus
bescheidenen  Niederungen  auf  die  Höhe  der  großen  Stellung  eines  Botschafters
  führen  lassen.  Dort  angelangt,  verleugnete  er  in  entscheidender
Stunde  die  Dankesschuld,  die  er  früher  gern  betonte.  Ich  bedaure  das
nicht  für  mich,  der  ich  persönlich  Trost  in  dem  erleichternden  Gefühl
gründlicher  Mißachtung  zu  finden  gelernt  habe,  wohl  aber  für  das  Vaterland,
  dem,  wie  ich  später  darlegen  werde,  das  Verhalten  des  Staatssekretärs
von  Jagow  gegen  mich  schweren  Schaden  gebracht  hat.

Jagow  hatte  einen  gleichaltrigen  Freund,  Johannes  von  Flotow.
Arcades  ambo.  Sie  hatten  zusammen  die  Ritterakademie  in  Brandenburg
an  der  Havel  besucht.  Beide  hatten  dann  feudalen  Korps  angehört,  Jagow
den  Bonner  Borussen,  Flotow  den  Saxoborussen  in  Heidelberg.  Sie  waren
gleichzeitig  in  den  diplomatischen  Dienst  eingetreten.  Sie  glichen  sich  auch
in  Kränklichkeit  und  ständiger  Sorge  um  die  eigene  Gesundheit.  Sie  hatten
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        EINE  LUSTSPIELSZENE  37

beide  etwas  Stilles  und  Scheues,  waren  aber  innerlich  Streber  in  des  Wortes
verwegenster  Bedeutung.  In  der  schwärmerischen  Liebe,  die  sie  verband,
glichen  sie  den  herrlichen  Jünglingen  der  Aeneis,  Nisus  und  Euryalus,  denen
Virgil  ein  unvergängliches  Denkmal  gesetzt  hat:

Fortunati  ambo.  Si  quid  mea  carmina  possunt
Nulla  dies  unguam  memori  vos  eximet  alvo,
Dum  domus  Aeneae  Capitoli  immobile  saxum
Accolet,  imperiumque  pater  Romanus  habebit.

Freilich  waren  Jagow  und  Flotow  lange  nicht  so  schön  wie  die  Helden
der  Aeneis.  Sie  hatten  beide,  als  sie  sich,  spät,  als  angehende  Fünfziger,
unter  Hymens  sanftes  Joch  beugten,  gleichaltrige  Wahlen  getroffen.
Jagow  führte  eine  einundvierzigjährige  Jungfrau,  Flotow  eine  neunundvierzigjährige
  Witwe  zum  Altar.  Als  mein  Personaldezernent  hatte
Flotow  während  der  letzten  Monate  meiner  Amtszeit  meine  Geduld  und
meine  allerseits  anerkannte,  bisweilen  mir  sogar  vorgeworfene  Höflichkeit
  auf  eine  schwere  Probe  gestellt,  weil  er  durchaus  vor  meinem  Rücktritt
  noch  rasch  einen  Gesandtenposten  erhaschen  wollte.  Zu  diesem  Zweck
suchte  er  bald  diesen,  bald  jenen  Gesandten  aus  seinem  Nest  zu  verscheuchen,
  um  sich  selbst  hineinzusetzen.  Er  hatte  sein  Auge  zunächst  auf
München  geworfen,  wo  damals  als  Gesandter  Karl  von  Schlözer  wirkte,
ein  Neffe  des  ausgezeichneten  langjährigen  Gesandten  in  Washington  und
beim  Vatikan  Kurd  von  Schlözer,  bekannt  durch  seine  wertvollen  historischen
  Abhandlungen  über  die  Beziehungen  zwischen  Friedrich  dem
Großen  und  Katharina  II.  und  über  die  Geschichte  der  deutschen  Ostseeländer,
  noch  bekannter  durch  seine  reizenden  römischen  Briefe,  vor  allem
allgemein  geachtet  wegen  seiner  unerschütterlichen  Treue  für  Bismarck,
dem  er  einst  in  St.  Petersburg  ein  unbequemer  Untergebener,  später  ein
tüchtiges  diplomatisches  Werkzeug  war  und  dem  er  nach  dessen  Sturz  die
Treue  hielt.  Sein  Neffe,  Karl  von  Schlözer,  hat  auch  ein  hübsches  Buch
geschrieben,  die  Humoreske  „Aus  Dur  und  Moll“.  Er  war,  wie  sein  Onkel,
sehr  witzig.  Als  er  sich  in  Kairo  mit  einer  liebenswürdigen  Rheinländerin
verlobte,  zeigte  er  mir  dies  mit  den  Worten  an:  „Auch  ich  habe  meine
Schlacht  an  den  Pyramiden  gewonnen.“  Als  ich  zurücktrat,  dankte  er  mir
ganz  besonders,  daß  ich  ihn  vor  „giftigen  Floh-tow-stichen“  geschützt  hätte.
Als  Flotow  sah,  daß  München  nicht  für  ihn  zu  erlangen  war,  wandte  er  seine
Blicke  nach  Karlsruhe,  der  badischen  Residenz,  weniger  glänzend  als  München,
  aber  auch  ein  behaglicher  Posten.  Das  führte  zu  einer  Szene,  die  fast
etwas  Lustspielartiges  hatte.  Der  preußische  Gesandte  in  Karlsruhe,  Herr
von  Eisendecher,  der  dort  seit  einem  Vierteljahrhundert  tätig  war,
fühlte,  als  er  seine  silberne  Hochzeit  mit  der  badischen  Hauptstadt  feierte,
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        38  ZU  SCHIFF  NACH  NORDERNEY

in  seiner  Gewissenhaftigkeit  das  Bedürfnis,  im  Auswärtigen  Amt  anzufragen,
  ob  man  dort  damit  einverstanden  sei,  daß  er  noch  länger  Seine
Majestät  den  König  von  Preußen  beim  badischen  Hofe  vertrete.  Er  glaube
übrigens  versichern  zu  können,  daß  den  badischen  Herrschaften,  und  insbesondere
  der  Frau  Großherzogin  Luise,  sein  Bleiben  erwünscht  sein  würde.
Als  dieser  Brief  bei  Flotow,  dem  Personaldezernenten,  eintraf,  meldete  er
mir,  daß  der  Gesandte  in  Karlsruhe  seinen  Abschied  erbeten  hätte.  Er,
Flotow,  würde  unaussprechlich  glücklich  sein,  wenn  er  diesen  Posten  erhalten
  könnte,  dessen  Klima,  eine  Mischung  von  Höhenluft  und  der  milden
Wärme  der  Rheinebene,  gerade  für  seine  zarte  Gesundheit  zuträglich  wäre.
Ich  erwiderte,  daß,  wenn  zu  meinem  Bedauern  Eisendecher  wirklich  zurücktreten
  wolle,  ich  mir  vorerst  die  Frage  der  Nachfolge  reiflich  überlegen
müsse.  Bald  nachher  traf  Eisendecher  in  Privatangelegenheiten  in  Berlin
ein.  Er  wurde  bei  uns  zu  Tisch  eingeladen,  ich  konnte  aber  nicht  erscheinen,
da  ich  einen  starken  Grippeanfall  hatte  und  von  dem  guten  Renvers  ins
Bett  gesteckt  worden  war,  um  durch  eine  Schwitzkur  möglichst  rasch
wieder  sprechfähig  für  den  Reichstag  zu  werden.  Als  Eisendecher  und  seine
Gattin  im  Reichskanzlerpalais  erschienen,  fiel  ihre  traurige  Miene  meiner
Frau  auf.  Wie  sich  bald  herausstellte,  war  die  Betrübnis  darauf  zurückzuführen,
  daß  Eisendecher  von  dem  Personaldezernenten  Flotow  die  telegraphische
  Benachrichtigung  erhalten  hatte,  sein  Abschiedsgesuch  wäre
eingetroffen  und  in  den  Geschäftsgang  geleitet  worden.  Als  nun  meine  Frau
sogleich  zu  mir  kam,  um  mich  über  diesen  Sachverhalt  aufzuklären,  ließ
ich  Eisendecher  durch  sie  sagen,  ich  dächte  nicht  daran,  seine  Abberufung
bei  Seiner  Majestät  zu  beantragen,  sondern  freute  mich,  daß  er  seine  nützliche
  Wirksamkeit  in  Karlsruhe  fortsetzen  wolle.  Meine  Frau  teilte  dies  dem
würdigen  Herrn  mit,  zu  dessen  lebhafter  Freude,  aber  zur  großen  Enttäuschung
  des  gleichfalls  zu  Tisch  geladenen  Flotow,  der  ihr  mit  giftigem
Ausdruck  zuflüsterte:  „Das  ist  ein  Todesstoß  für  mich.“  Er  machte  in  der
kurzen  Zeit,  die  ihm  bis  zu  meinem  endgültigen  Rücktritt  blieb,  noch
einige  krampfhafte  Versuche,  erst  Kopenhagen,  dann  sogar  das  bescheidene
Oldenburg  frei  zu  machen.  Als  auch  das  mißlang,  verließ  er  Berlin.

Als  ich  wenige  Tage  vor  meinem  Abschied  von  Berlin  ihn  zu  mir  bitten
ließ,  um  noch  einige  dienstliche  Angelegenheiten  zu  regeln,  wurde  mir  die
Antwort,  welche  die  Königin  Elisabeth  bei  Schiller  erhält,  als  sie  dem
Grafen  Kent  den  Befehl  erteilt:  „Graf  Leicester  komme  her!“  Lord  Kent
antwortet  bekanntlich:  „Der  Lord  läßt  sich  entschuldigen,  er  ist  zu  Schiff
nach  Frankreich.“  Mir  antwortete  nur  ein  Kanzleidiener,  der  mir  meldete,
daß  Herr  von  Flotow  bereits  nach  Norderney  abgereist  sei.  Er  wollte  den
Berliner  Abschiedsfeierlichkeiten  für  mich  ausweichen.  Als  ich  in  Norderney
eintraf,  war  er  nicht  am  Landungssteg  zugegen,  wo  sich  alle  unsere
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        DER  JEUNE  PREMIER  39

Bekannten  eingefunden  hatten,  auch  der  Regierungspräsident  von  Aurich
und  spätere  tüchtige  Oberpräsident  von  Westfalen,  Prinz  Karl  Ratibor,  der
vom  Festland  herübergekommen  war,  um  mich  zu  begrüßen.  Zu  Tisch  aber
erschien  Flotow  und  blieb  unter  allerlei  Vorwänden  noch  etwa  eine  Woche.
Wie  ich  später  in  Berlin  hörte,  war  er  geblieben,  um  in  täglichen  Briefen
nach  Berlin  über  mein  Leben  und  Verhalten  zu  berichten.  Er  konnte  freilich
nicht  viel  anderes  melden,  als  daß  ich  vormittags  zu  Hause  bliebe  und  nachmittags
  spazierenritte.  Er  war  aber  sehr  aufgeregt,  als  sechshundert  Beamte
aller  Kategorien  aus  Wilhelmshaven  in  Norderney  erschienen,  um  mir  eine
Dank-  und  Huldigungsadresse  zu  überreichen,  und  beruhigte  sich  auch
nicht,  als  ich  den  braven  Männern  in  einer  herzlichen,  aber  völlig  unpolitischen
  Rede  dankte,  in  der  ich  nur  darauf  hinwies,  daß  ich  als  alter  Beamter
  wisse,  was  unser  Land  an  seiner  Beamtenschaft  habe.  Es  sei  doch
eigentlich  „nicht  ganz  korrekt‘,  meinte  Flotow,  daß  „einem  im  Ruhestand
befindlichen  Staatsminister“  Adressen  überreicht  und  Ovationen  bereitet
würden.

Als  Flotow  endlich  aufgehört  hatte,  mich  und  unsere  Villa  zu  umschleichen,
  und  nach  Berlin  zurückgekehrt  war,  um  dort  die  Jagd  nach
einem  guten  Posten  fortzusetzen,  erschien  bei  uns  der  erste  erwünschte  Besuch,
  den  ich  nach  meinem  Rücktritt  in  Norderney  erhielt.  Es  war  Walter
Rathenau,  ein  ungewöhnlich  begabter  Mann  und  zweifellos  nicht  ohne
Noblesse  der  Gesinnung,  die  mich,  nachdem  ich  Flotow  noch  einmal  hatte
sehen  müssen,  doppelt  sympathisch  berührte.  Ich  hatte  seine  Bekanntschaft
  zwei  Jahre  vorher  durch  Bernhard  Dernburg  gemacht,  der  mich
nicht  lange  nach  seiner  Ernennung  zum  Leiter  der  Kolonialabteilung  des
Auswärtigen  Amts  frug,  ob  ich  geneigt  wäre,  seinen  besten  Freund,  den
Dr.  Walter  Rathenau,  zu  empfangen.  Ich  entgegnete,  daß  es  mir  eine
Freude  sein  würde,  den  Sohn  des  von  mir  hochgeschätzten  Generaldirektors
der  A.E.G.  kennenzulernen,  zumal  ich  von  seiner  Begabung  schon  mancherlei
  gehört  hatte.  Als  ich  am  nächsten  Nachmittag  auf  der  Terrasse  des
Reichskanzlerpalais  saß,  die,  neben  meinem  Amtszimmer  gelegen,  mir  im
Sommer  ein  angenehmer  Aufenthalt  war,  trat,  von  einem  meiner  Diener
geleitet,  Walter  Rathenau  zum  erstenmal  vor  mich.  Er  war  damals  kaum
vierzig  Jahre,  sah  aber  älter  aus.  Eine  sehr  sympathische  Erscheinung.  Er
war  tadellos  angezogen.  Er  näherte  sich  mir  mit  einer  gleichfalls  tadellosen
Verbeugung,  in  der  Haltung  eines  jeune  Premier  des  Theätre-Frangais,
Delaunay  oder  Guitry,  der  in  einem  Stück  von  Emile  Augier  oder  Victorien
Sardou  bei  dem  strengen  Vater  um  die  Hand  der  angebeteten  Tochter  anhält.
  „Eure  Durchlaucht“,  begann  er  mit  wohltönendem  Organ  und  indem
er  die  rechte  Hand  auf  die  linke  Brust  legte,  „bevor  ich  der  Gunst  eines
Empfangs  gewürdigt  werde,  eine  Erklärung,  die  zugleich  ein  Geständnis

Walter
Rathenau
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        40  RATHENAU  UND  DERNBURG

ist.“  Er  machte  eine  kleine  Pause,  dann,  mit  schönem  Ausdruck:  „Durchlaucht,
  ich  bin  Jude!“  Ich  entgegnete,  daß  ich  keinen  Anlaß  gegeben  hätte,
bei  mir  Vorurteile  und  insbesondere  antisemitische  Tendenzen  vorauszusetzen.
  „Von  dem  Fürsten  Bülow“,  meinte  Walter  Rathenau,  indem  er  sich
nochmals  und  feierlich  verbeugte,  „habe  ich  diese  edle  Antwort  erwartet.“
Er  blieb  lange.  Wir  führten  ein  angeregtes  Gespräch  de  omni  re  scibili,  dem
manche  ähnliche  Unterhaltung  in  Berlin,  Norderney  und  Rom  folgen  sollte.

Walter  Rathenau  wurde  ein  gerngesehener  Gast  in  meinem  Hause.  Er
war  glänzend  begabt.  Er  besaß  eine  ungewöhnliche  Aufnahme-  und  Adaptionsfähigkeit,
  er  war  vor  allem  ungemein  vielseitig.  In  Italien  ist  noch  das
Andenken  des  Giovanni  Pico  della  Mirandola  lebendig,  der  in  der  Blütezeit
der  Renaissance  lebte.  Pico  sprach  Lateinisch,  Griechisch,  Hebräisch,  Chaldäisch
  und  Arabisch  gleich  geläufig.  Er  wollte  die  Philosophie  mit  der
Religion,  die  aristotelische  mit  der  platonischen  Doktrin  versöhnen  und
begründete  seine  Ansichten  in  einer  Streitschrift  mit  neunundneunzig
Thesen,  den  berühmten  und  gefürchteten  Conclusiones  philosophicae,
cabbalisticae  et  theologicae.  An  solche  Vielseitigkeit  reichte  Walter
Rathenau  nicht  heran,  aber  er  sprach  gleich  beredt  und  gleich  gern  über
den  ihm  geistesverwandten,  jüdisch-hellenistischen  Philosophen  Philo  aus
Alexandria  wie  über  die  letzte  Börsenoperation  des  Hauses  Bleichröder,
über  eine  technische  Erfindung  wie  über  ein  Bild  seines  Vetters  Max  Liebermann.
  Ich  kann  nicht  bestreiten,  daß  gegenüber  dem  Multa  das  Multum
bei  Walter  Rathenau  bisweilen  zu  kurz  kam.  Sein  Vater,  der  Schöpfer  und
Leiter  der  Allgemeinen  Elektrizitäts-Gesellschaft,  Emil  Rathenau,  hat  mir
alles  in  allem  einen  bedeutenderen  Eindruck  gemacht  als  der  Sohn,  von
dem  er  gesagt  haben  soll,  dieser  sei  ein  Baum,  der  mehr  Blüten  als  Früchte
trage.  Wenigstens  für  die  Politik  fehlte  Walter  Rathenau  der  Wirklichkeitssinn,
  die  Nüchternheit,  die  ruhige  Stetigkeit,  vor  allem  die  Sachlichkeit.
  Ich  glaube  nicht,  daß  er  ein  Staatsmann  geworden  wäre.  Er  kannte
aus  eigener  Anschauung  England,  Italien  und  Frankreich.  Trotzdem
täuschte  er  sich  nicht  selten  in  der  Beurteilung  der  Politik  anderer  Länder
und  schwankte  zwischen  allzu  hitzigem  Optimismus  und  übertriebener
Schwarzseherei.  Das  galt  auch  für  seine  persönlichen  Freundschaften,  insbesondere
  mit  anderen  Israeliten.  Ich  habe  ihn  als  intimen  Freund  und  als
ebenso  intimen  Feind  von  Maximilian  Harden  gekannt.

Als  ich  seine  Bekanntschaft  machte,  war  er  ein  Verehrer  von  Bernhard
Dernburg,  der  ihn  bei  mir  eingeführt  hatte.  Bei  seiner  Rückkehr  von  einer
mit  Dernburg  gemeinsam  unternommenen  Reise  nach  unseren  afrikanischen
  Kolonien  konnte  Walter  Rathenau  sich  nicht  genug  tun  in  Spott
und  Hohn  über  den  Kolonialminister,  der  in  Wildnis  und  Wüste  einen
Bratenrock  getragen  habe  und  über  dem  Bratenrock  das  weiß  und  rot
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        Dr.  Walther  Rathenau
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        RATHENAUS  WESEN  41

geränderte  Band  des  Zanzibarischen  Ordens  vom  „Strahlenden  Stern“.
Umgekehrt  versicherte  Dernburg  jedem,  der  es  hören  wollte,  daß  sich  Walter
Rathenau  durch  unausgesetzte  Selbstbespiegelung  und  fortwährendes
Selbstlob  allen  Mitreisenden  unausstehlich  gemacht  habe.  Treitschke  meint
im  vierten  Band  seiner  Deutschen  Geschichte,  daß,  als  sich  Heine  und
Börne  veruneinigt  hätten,  alle  üblen  Gerüche  des  Getto  in  dicken  Schwaden
über  Deutschland  hingezogen  wären.  Als  Walter  Rathenau  und  Bernhard
Dernburg  aneinandergerieten,  roch  es  auch  nicht  nach  Rosen.  Der  Hauptvorwurf,
  der  Walter  Rathenau  von  seinen  Bekannten  gemacht  wurde,  war
der  einer  ungemessenen  Eitelkeit.  Ich  möchte  diesem  Vorwurf  nicht  ohne
weiteres  beitreten.  Jedenfalls  hat  mich  die  viel  getadelte  Eitelkeit  von
Walter  Rathenau  nie  verletzt,  weil  sie  durchaus  naiv  war.  Albert  Ballin,
der  Walter  Rathenau  von  Jugend  auf  kannte  und  seine  brillanten  Eigenschaften
  schätzte,  erzählte  gern,  daß  dieser  iım  einmal  gesagt  habe:  „Seit
der  Erschaffung  der  Welt  hat  es  drei  ganz  große  Männer  gegeben,  merkwürdigerweise
  alle  drei  Juden:  Moses,  Jesus,  —  den  dritten  zu  nennen,
verbietet  mir  meine  Bescheidenheit.‘  Senon  &amp;amp;  vero,  &amp;amp;  ben  trovato.  Es  läßt
sich  nicht  bestreiten,  daß  Walter  Rathenau  sehr  persönlich,  sehr  ambitiös
war,  zu  persönlich  und  zu  ambitiös,  um  einen  wirklich  brauchbaren  diplomatischen
  Vertreter  oder  gar  Leiter  abzugeben.  Nach  seiner  entsetzlichen
Ermordung  meinte  sein  ihm  herzlich  zugetaner  Staatssekretär  Haniel  zu
mir,  für  Rathenaus  politischen  Ruhm  sei  sein  früher  Tod  ein  Glück
gewesen,  er  würde  als  Minister  des  Äußern  bald  abgewirtschaftet  haben.
Er  sei  bei  reicher  Begabung  zu  persönlich,  zu  unruhig,  zu  unstet  gewesen,
habe  jeden  Tag  einen  neuen  Einfall  gehabt,  aber  keine  Idee  länger  verfolgt
und  keinen  Plan  reifen  lassen.  Vor  allem  habe  er  alle  Vorgänge  und  alle
Menschen  zu  sehr  vom  rein  subjektiven  Standpunkt  beurteilt.

Wenn  ich  Walter  Rathenau  gegen  den  oft  erhobenen  Vorwurf  allzu
großer  Eitelkeit  in  Schutz  nehmen  möchte  —  ich  fand  den  Vater  der  Weimarer
  Verfassung,  den  Herrn  Professor  Dr.  Hugo  Preuß,  als  ich  später  seine
Bekanntschaft  machte,  bei  geringerer  Begabung  noch  viel  eitler  —,  so  gebe
ich  doch  zu,  daß  Rathenau  zur  Pose  neigte,  daß  er  nicht  selten  affektiert,
daß  er  bisweilen  recht  manieriert  sein  konnte.  Ich  weiß  nicht,  ob  er  wirklich,
wie  Albert  Ballin  und  Bernhard  Dernburg  gern  erzählten,  während  sein
Vater  in  den  letzten  Zügen  lag,  die  Gedenkrede  memoriert  hat,  die  er  bei
der  Trauerfeier  zu  halten  beabsichtigte,  und  daß  er  vor  dem  Spiegel  sorgsam
  die  Gesten  und  Blicke  einstudierte,  mit  denen  er  seinen  Trauersermon
vortragen  wollte.  Der  Sermon,  den  er  mir  später  in  Maroquin  eingebunden
verehrte,  war  übrigens  sehr  schön.  Unbestreitbar  ist,  daß  Walter  Rathenau
die  Natürlichkeit  abging,  die  nicht  nur  unseren  Allergrößten,  Kaiser  Wilhelm
  I.  und  Kaiser  Friedrich,  Bismarck,  Moltke  und  Roon,  Helmholtz  und
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        Rathenaus
Besuch  bei
Bülow

42  RATHENAU  UNTER  DEN  LINDEN

Mommsen  eigen  war,  sondern  die  auch  Bennigsen  und  Windthorst,  Menzel
und  Ulrich  Wilamowitz-Möllendorf,  Maybach  und  Budde,  Schmoller  und
Miquel,  Lenbach  und  Liebermann,  die  Göben,  Schlieffen  und  Hindenburg,
Walter  Lo@  und  Häseler  so  wohl  anstand.

Als  ich  im  Frühjahr  1922  von  Rom  in  Berlin  eingetroffen  war,  suchte
mich  Rathenau,  der  inzwischen  Reichsminister  des  Äußern  geworden  war,
im  Hotel  Bristol  auf,  und  der  Grund  seines  Kommens  war  ein  Beweis  für
sein  feines  Empfinden.  Er  hatte  in  der  Zeit,  wo  er  dem  Reichskanzler  Wirth
den  Hof  machte,  in  einer  Rede  oder  in  einem  Zeitungsartikel  der  Ansicht
Ausdruck  gegeben,  daß  dieser  unter  den  letzten  acht  bis  zehn  Reichskanzlern
  der  weitaus  bedeutendste  sci.  Maximilian  Harden,  einst  der  beste
Freund  von  Walter  Rathenau,  nach  dessen  Erhebung  zum  Minister  sein
Gegner,  richtete  in  der  „Zukunft“  an  Rathenau  die  maliziöse  Frage,  ob  er
Josef  Wirth,  der  während  seiner  kurzen  Amtszeit  noch  gar  nichts  geleistet
habe,  über  den  Fürsten  Bülow  stelle.  Rathenau  legte  Gewicht  darauf,  mir
zu  erklären,  daß  er  eine  so  geschmacklose  Äußerung  nie  gemacht  habe.
Nachdem  ich  ihn  lächelnd  beruhigt  hatte,  entspann  sich  zwischen  uns  ein
langes,  freundschaftliches  Gespräch.  Rathenau  erinnerte  mich  daran,  daß
er  mir  im  Herbst  1914,  aus  dem  damals  von  mir  bewohnten  Salon  im  Hotel
Adlon  auf  das  Brandenburger  Tor  deutend,  gesagt  hatte:  „Wenn  durch
dieses  stolze  Tor  ein  als  Mensch  interessanter  und  sympathischer,  zum
Regieren  untauglicher  Monarch  wie  Wilhelm  II.,  rechts  von  sich  einen  total
unzulänglichen  Kanzler  wie  Bethmann,  links  einen  so  leichtfertigen  Chef  des
Stabes  wie  Falkenhayn,  einziehen  sollte,  so  hätte  die  Weltgeschichte  ihren
Sinn  verloren.‘  Jetzt  zeigte  er  aus  dem  Fenster  des  Hotel  Bristol  auf  die
belebten  Linden  und  meinte:  „Wenn  ich  mich  dort  auf  den  Mittelweg  der
Linden  aufstelle  und  rufe:  ‚Hoch  die  große  alte  Zeit,  hoch  Bismarck,  hoch
Kaiser  und  Reich,  hoch  das  alte  glorreiche  Preußen,  hoch  die  alte  Armee,
so  werde  ich  vielleicht  verhaftet,  aber  die  Männer,  von  einigen  Strolchen
abgesehen,  blicken  mit  Rührung  auf  mich,  und  die  Frauen  werfen  mir  Kußhändchen
  zu.  Wenn  ich  aber  schreie:  ‚Hoch  die  Republik‘,  so  lacht  alles.
Die  Republik  hat  bei  uns  in  Deutschland  etwas  Spießbürgerliches,  etwas
fast  Ridiküles.‘“  Walter  Rathenau  besaß  in  hohem  Grade  jene  Gabe  geistvoller
  und  dabei  gutmütiger  Selbstironie,  der  ich  öfters  bei  gebildeten
Israeliten  begegnet  bin.  Als  ich  einmal  mit  ihm  über  den  Chefredakteur
einer  demokratischen,  sehr  verbreiteten  Berliner  Zeitung  sprach,  stimmte
er  mir  gern  zu,  als  ich  nicht  nur  dessen  stilistische  Begabung,  sondern  auch
seinen  ehrenhaften  Charakter  rühmte.  Als  ich  dabei  meinem  Bedauern
darüber  Ausdruck  gab,  daß  der  betreffende  Publizist  im  Banne  seiner
Parteieinstellung  oft  allzu  einseitig  und  dadurch  monoton  würde  und  so
zum  Widerspruch  reize,  meinte  Walter  Rathenau:  „Richtig!  Wissen  Sie,
        <pb n="73" />
        AN  DER  NORDSEE  43

was  geschehen  würde,  wenn  ich  gezwungen  wäre,  während  längerer  Zeit  nur
das  in  Rede  stehende  Berliner  Blatt  zu  lesen?“  Ich  zuckte  die  Achseln.
Darauf  Walter  Rathenau  mit  feinem  Lächeln:  „Ich  würde  Antisemit
werden.“  Ein  guter  Witz,  den  Heinrich  Heine  hätte  machen  können.

Zum  letzten  Male  in  meinem  Leben  sah  ich  Walter  Rathenau,  als  ich  mit
meiner  Frau  einem  von  ihm  in  dem  mir  so  wohlbekannten  Garten  der  Villa
des  Staatssekretärs  veranstalteten  Empfang  beiwohnte.  Er  war  sehr  beglückt
  und  gerührt  durch  unser  Kommen  und  dankte  uns  wiederholt  aufs
wärmste.  Hier  drückte  ich  ihm  zum  letzten  Male  die  Hand.  Die  Nachricht
von  seinem  bald  nachher  erfolgten  Tode  hat  mich  schmerzlich  bewegt.  Ein
Jahrzehnt  vor  diesem  tragischen  Abschluß  eines  noch  viel  versprechenden
Lebens  ging  ich  mit  Walter  Rathenau  ahnungslos  dessen,  was  die  Zukunft
uns  Trübes  und  Widriges  bringen  sollte,  am  Strande  der  Nordsee  spazieren.
Er  sprach  mir  von  seinen  Arbeiten,  ich  erzählte  ihm  aus  meinen  politischen
und  persönlichen  Erinnerungen.  Er  war  der  erste,  der  mir  lebhaft  zuredete,
meine  Memoiren  zu  schreiben.  Leider  habe  ich  mich  erst  lange  Jahre  später
an  die  Arbeit  gemacht.  Ende  August  1909  erhielt  ich  von  ihm  das  nachstehende
  Schreiben:  „Eure  Durchlaucht  bitte  ich  meinen  herzlichen  und
ehrfurchtsvollen  Dank  aussprechen  zu  dürfen  für  die  hohe  Gunst  Ihres
Schreibens.  Die  höchste  Auszeichnung  ist  mir  zuteil  geworden  in  dem  Vertrauen
  und  in  der  Anerkennung  Eurer  Durchlaucht.  Ein  offizieller  Akt  kann
diese  Auszeichnung  sichtbar  machen,  aber  nicht  erhöhen.  Es  ist  mir  im
Leben  das  große  Glück  zuteil  geworden,  daß  ich  einzelnen  Menschen  förderlich
  und  hilfreich  sein  konnte.  Das  Glück,  zu  empfangen,  und  um  so  freudiger
  und  dankbarer,  je  unverdienter,  haben  Eure  Durchlaucht  mich
gelehrt.  Der  Tag,  der  mich  in  den  Umkreis  Eurer  Durchlaucht  führte,
bedeutet  eine  Epoche  für  mein  Leben.  Und  wenn  ich  daran  denke,  welche
Helligkeit  und  Wärme  in  diesen  zwei  Jahren  aus  Ihrem  und  der  Frau
Fürstin  Herzen  in  meine  Einsamkeit  gestrahlt  ist,  wenn  ich  mich  der  Abende
in  der  Wilhelmstraße,  Ihrer  Gespräche  und  zuletzt  der  schönen  Tage  in
Norderney  erinnere,  so  ergreift  mich  ein  nie  gekanntes  Gefühl,  und  es  tritt
der  eigensinnige,  fast  quälende  Wunsch  auf,  es  möchte  sich  eine  Gelegenheit
  finden,  wo  ich  Eurer  Durchlaucht  meine  Ergebenheit  anders  als  durch
Worte  bezeigen  kann.  Darf  ich,  in  weitem  Abstand  von  diesen  Empfindungen,
  einer  kuriosen  Bemerkung  über  die  Ausführungen  von  Exzellenz
von  Valentini  Raum  geben,  ohne  dem  Vorwurf  der  in  den  Gesprächen  Eurer
Durchlaucht  oft  kritisierten  Personalpolitik  zu  verfallen?  Es  scheint  mir
kein  Zufall,  daß  Exzellenz  von  Valentini  meine  zweite  afrikanische  Expedition
  ignoriert.  Eine  Quelle,  deren  Ursprung  ich  nicht  sicher  bestimmen
kann,  die  aber  nahe  dem  Kolonialamt  vorbeifließt,  läßt  folgendes  durchsickern:
  Eure  Durchlaucht  hätten  sich  beim  Kaiser  für  einige  Herren,

Rathenau
in  Norderney
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        44  DER  „GRÖSSTE  MANN  DES  JAHRHUNDERTS“

u.  a.  für  den  Geheimen  Rat  Witting  und  meine  Wenigkeit  verwandt;  das
Gesuch  sei  abgelehnt  worden.  Daß  die  Nachricht  in  dieser  Form,  soweit  sie
mich  betrifft,  als  inkorrekt  bezeichnet  werden  muß,  geht  aus  den  Zeilen
Seiner  Exzellenz  von  Valentini  hervor,  die  Eure  Durchlaucht  die  Güte
hatten  mir  streng  vertraulich  zu  übermitteln.  Sollte  man  etwa  Informationen
  bei  Exzellenz  Dernburg  eingezogen  haben,  der  auf  diese  Weise
Kenntnis  auch  anderer  Namen  bekam?  Und  sollten  vielleicht  in  der  Antwort
  meine  beiden  Reisen  in  eines  zusammengeflossen  sein  nach  dem  Muster
dessen,  was  man  juristisch  ‚fortgesetztes  Delikt‘  nennt?  Verzeihen  Eure
Durchlaucht  dieses  Intermezzo,  das  ich  der  Kuriosität  wegen  einflocht,  um
zu  den  ernsten  und  aufrichtigen  Empfindungen  dieses  Tages  zurückzukehren.
  Ich  war  sehr  glücklich  über  das  blühende  Aussehen  und  die  Stimmung
  Eurer  Durchlaucht  und  sehe  meinen  Eindruck  durch  die  gütige  Mitteilung
  bestärkt.  Daß  die  Frau  Fürstin  so  gnädig  und  freundlich  sich  meiner
erinnert  und  sich  der  Aufforderung  anschließt,  die  mich  zu  einem  Besuch
in  Rom  ermutigt,  ehrt  und  erfreut  mich  aufs  höchste.  Die  Frische,  die  ich
von  Norderney  heimbrachte,  wurde  in  den  letzten  Tagen  auf  die  Probe
gestellt  und  hat  nicht  hingereicht,  mich  gestern  in  Berlin  zu  halten;  ich
ging  über  Land.  Zu  einer  Zeit,  als  das  Volk  und  die  maßgebenden  Faktoren
den  ‚größten  Mann  des  Jahrhunderts‘  mit  Entschiedenheit  ablehnten,  war
ich,  voll  Bewunderung  für  die  Opferfreudigkeit  und  Ausdauer  des  Grafen,
in  der  erfreulichen  Lage,  den  Abschluß  seines  Lebenswerkes  mit  meinen
Kollegen  von  der  Studiengesellschaft  sicherstellen  zu  können.  Der  begeisterten
  technischen  Begutachtung  durch  die  Berliner  Bevölkerung  kann  ich
mich  leider  als  Ingenieur  nicht  anschließen,  ebensowenig  dem  Enthusiasmus,
  der  alles  in  Schatten  stellt,  was  Deutschland  zu  Lebzeiten  Bismarcks
oder  irgendeines  seiner  großen  Staatsmänner,  Denker  und  Dichter  aufgebracht
  hat.  In  tiefer  und  treuer  Verehrung  Eurer  Durchlaucht  ergebenster
Walter  Rathenau.“

Die  bissige  Wendung  über  die  dem  „größten  Mann  des  Jahrhunderts“
dargebrachten  Huldigungen  ging  natürlich  auf  den  Grafen  Zeppelin  und
war  der  Ausfluß  einer  gewissen  Neigung  zu  kleinlicher  Eifersucht,  die  Rathenaus
  Freunde  bisweilen  an  ihm  störte.  Dieam  Anfang  des  Rathenauschen
Briefes  gestreifteDifferenz  mitExzellenz  vonValentini  bezog  sich,  ebenso  wie
mein  Brief  an  ihn,  auf  eine  Ordensauszeichnung,  die  ich  mich  bemüht  hatte
noch  kurz  vor  meinem  Rücktritt  für  Rathenau  zu  erwirken.  Ich  hatte  ihm
ein  Jahr  vorher  durch  direkte  Verwendung  bei  Seiner  Majestät  den  Kronenorden
  zweiter  Klasse  verschafft.  Der  Orden  und  das  prächtige  blaue  Band,
an  dem  er  um  den  Hals  getragen  wurde,  gefielen  Rathenau  sehr  wohl,  Ich
hätte  gewünscht,  ihm,  der  auf  äußere  Auszeichnungen  Wert  legte,  vor
meinem  endgültigen  Rücktritt  mit  dem  Stern  zum  Kronenorden,  der  bei
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        DIE  VERARMTE  POLITIK  45

jüngeren  Offizieren  der  „Sternickel“  hieß,  noch  eine  persönliche  Freude  zu
bereiten,  war  aber  damit  bei  Valentini  und  bei  Seiner  Majestät  nicht  durchgedrungen.


Ich  darf  endlich  hier  noch  den  Brief  wiedergeben,  den  Walter  Rathenau
am  Ende  des  Jahres  1909  an  meine  Frau  richtete:  „Gnädigste  Fürstin,
endlich  gibt  das  Herannahen  des  Festes  und  des  neuen  Jahres  mir  die  Freiheit,
  Ihnen  und  dem  Fürsten  ein  Wort  der  Verehrung  und  Anhänglichkeit
auszusprechen.  Ich  höre  mit  Freuden,  daß  Sie  und  der  Fürst  auf  der  klassischen
  Stätte  der  Erinnerungen  Ruhe  und  Erholung  finden;  wir  aber  hier  im
Norden  sind  durch  Ihre  Entfernung  sehr  verarmt.  Die  Politik  hat  alles
Interesse  verloren.  Wir  glauben  sie  in  guten  Händen,  allein  der  Eindruck
überschüssiger  Kraft,  der  jedem  Werk  der  Kunst  und  Praxis  Leben  und
Reichtum  verleiht,  ist  geschwunden.  Sparsames  Zusammenhalten  der
Kräfte,  Vorsicht  und  Zurückhaltung  ist  an  die  Stelle  einer  fast  künstlerischen
  Freiheit  de  Waltens  getreten;  aber  diese  an  sich  vorzüglichen
Eigenschaften,  die  in  beruhigten  Zeiten  wohltuend  und  konservierend
wirken  können,  kontrastieren  seltsam  gegen  die  maclıtvolle  innere  Expansion
  des  Landes  und  die  Druckkräfte,  die  es  nach  außen  erzeugt.  So  ist
Politik  und  Verwaltung  wieder  einmal  im  Begriff,  sich  als  unser  ärmstes
und  unfreiestes  Lebensgebiet  zu  erweisen,  und  das  Interesse  des  Privatmanns
  wendet  sich  wieder  von  diesem  Zentralpunkt  ab  und  eigenen  Berufsaufgaben
  zu.  Wie  sehr  hierneben  Ihre  und  des  Fürsten  Gegenwart  auch  mir
fehlt  und  mit  welchen  Gefühlen  ich  an  die  letzten  Jahre  zurückdenke,  kann
ich  nicht  aussprechen.  Die  schönen  Tage  in  Norderney  haben  mir  den  Eindruck
  gegeben,  daß  der  Fürst  in  der  souveränen  Freiheit  seines  Denkens
das  Gleichgewicht  der  Seele  befestigt  hat,  ich  selbst  kann  mich  von  einer
leidenschaftlichen  Betrachtung  nicht  frei'machen.  Ich  bitte  Eure  Durchlaucht,
  dem  Fürsten  die  Versicherung  meiner  verehrungsvollsten  Treue  zu
übermitteln.“
        <pb n="76" />
        Der  Kaiser
nach  der
Trennung

V.KAPITEL

Das  Verhalten  des  Kuisers  Wilhelm  II.  gegenüber  Bülow  nach  dessen  Rücktritt  »  Preßtreibereien
  +  Schiernann  +  Unterredung  des  Kaisers  Wilhelm  II.  mit  dem  Grafen  Friedrich
Vitzthum-Lichtenwalde  über  den  Rücktritt  des  Fürsten  Bülow  -  Verdächtigung  in  der
„Märkischen  Volkszeitung‘  «  Schreiben  Bülows  an  Bethmann  +  Antwort  Bethmanns  aus
Linderhof  «  Wahnschuffe,  Chef  der  Reichskanzlei,  in  Norderney  +  Briefwechsel  zwischen
Fürst  Bülow  und  Bodo  von  dem  Knesebeck  über  die  November-Ereignisse  von  1908

s  konnte  nicht  ausbleiben,  daß  manche  unschönen  Züge  im  Wesen

Wilhelms  II.nach  meinem  Rücktritt  auch  mir  gegenüber  zutage  traten.
Ich  hatte  während  meiner  zwölf  Ministerjahre  wiederholt  Beobachtungen
gemacht,  die  mich  nachdenklich  stimmten  und  die  mich  wenig  Erfreuliches
für  die  Zeit  erwarten  ließen,  wo  die  Politik  uns  trennen  würde.  Ich  hatte
mir  in  dieser  Hinsicht  daher  nie  Illusionen  gemacht  und,  trotz  der  bisweilen
fast  überschwenglichen  Beteuerungen  seiner  freundschaftlichen  und  herzlichen
  Gefühle  für  mich,  von  Wilhelm  II.  nicht  erwartet,  daß  er  sich  gegen
mich  weniger  undankbar  und  weniger  rücksichtslos  benehmen  würde  als
gegenüber  manchen  anderen  und  insbesondere  gegenüber  meinem  größten
Vorgänger.  Es  gab  aber  hier  eine  gewisse  Grenze,  die  ich  zu  wahren  entschlossen
  war.

Wilhelm  II.  war,  das  kann  ich  nicht  oft  genug  hervorheben,  an  und  für
sich  im  Verkehr  mit  Menschen,  die  ihm  sympathisch  waren  und  solange  sie
ihm  sympathisch  waren,  ein  netter  Kerl.  „Comme  l’Empereur  est  bon
gargon“,  sagte  mir  einmal  während  der  Kieler  Woche  ein  liebenswürdiger
und  intelligenter  Franzose,  der  mit  dem  Kaiser,  dem  Prinzen  Heinrich,
einigen  Admirälen  und  mir  den  ganzen  Tag,  von  acht  Uhr  morgens  bis
neun  Uhr  abends  auf  dem  „Meteor“  gesegelt  war.  Wilhelm  II.  konnte
wirklich  ein  guter,  ein  sehr  guter  Junge  sein.  Er  konnte  leider  auch  ein
unartiger  Junge  sein,  wenn  ihn,  den  Neurastheniker,  üble  Laune  plagte  oder
wenn  ihn  die  Hybris  überkam,  der  alte  Fluch  autokratisch  angelegter  und
dabei  nicht  in  sehr  festen  Schranken  gehaltener  Monarchen.  Solange  ich
1909  in  der  Nähe  des  Kaisers  weilte,  ließ  er  sich  nicht  völlig  gehen.  Er
beobachtete  eine  gewisse  Vorsicht  und  wahrte  das  Staatsinteresse  wie  seine
eigene  Würde.  Gewiß  wird  er  nach  den  Novembertagen  mit  Hans  Oppersdorff,
  Theodor  Schiemann,  Eckardstein,  Eugen  Röder  und  ähnlichen
        <pb n="77" />
        „NIBELUNGENTREUE*  47

Herren  manches  Häßliche  und  Unwahre  über  mich  gesagt  haben.  Er
mag  auch  schon  früher  mit  Vertrauten  über  mich,  den  ihm  oft  unbequemen
Mentor,  räsoniert  haben.  Aber  erst  nach  unserer  endgültigen  Trennung
verlor  er  jede  Haltung.  Die  Ranküne,  die  wegen  der  Novemberereignisse
immer  wieder  in  ihm  aufstieg  und  die  im  letzten  Ende  der  Ärger  darüber
war,  daß  ich  ihn  so  klein  gesehen  hatte,  machte  sich  endlich  ganz  Luft.  Er
hatte  den  Professor  Schiemann  zur  Teilnahme  an  der  Nordlandreise  von
1909  aufgefordert,  vertraute  ihm  seine  unwahre  Version  über  die  Novemberkrise
  an  und  legte  ihm  nahe,  sie  in  die  „Kreuz-Zeitung“  zu  bringen,
deren  Mitarbeiter  Schiemann  damals  war.  Ungefähr  um  dieselbe  Zeit
drängte  der  Zeremonienmeister  Röder  den  Abgeordneten  Erzberger,  in
seiner  „Märkischen  Volkszeitung“  in  dasselbe  Horn  zu  blasen.  Erzberger
hat  mir,  als  wir  uns  sechs  Jahre  später  in  Rom  nähertraten,  aus  eigenem
Antrieb  gestanden,  und  mit  dem  Ausdruck  aufrichtigen  Bedauerns,  daß
Eugen  Röder  ihm  —  er  drückte  sich  anders  aus  —  gesagt  habe,  er  könne  sich
und  seiner  Partei  beim  Kaiser  einen  Stein  ins  Brett  setzen,  wenn  er  helfe,
„die  Wahrheit“  über  die  Novemberereignisse  zu  verbreiten.  So  wurde  derselbe
  Matthias  Erzberger,  den  der  Kaiser  während  der  Sommer-  und
Herbstmonate  vor  der  Reichstagsauflösung  von  1906  in  vielen  Marginalien
als  „Lügenpeter“,  „Molch‘“  und  sogar  als  „Jesuit‘‘  bezeichnet  hatte,  als
Eideshelfer  für  Seine  Majestät  aufgerufen.

Bevor  die  Verleumdungen  der  „Kreuz-Zeitung‘  und  der  „Märkischen
Volkszeitung‘  mein  ernstes  und  ehrliches  Bestreben,  die  Unbesonnenheiten
und  Verfehlungen  des  Trägers  der  Krone,  die  zu  dem  Novembersturm
geführt  hatten,  in  Vergessenheit  zu  bringen,  wieder  zu  vereiteln  drohten,
erhielt  ich  einen  Brief  meines  alten  und  treuen  Freundes,  des  sächsischen
Oberhofmarschalls  und  Präsidenten  der  Ersten  Sächsischen  Kammer,
Grafen  Friedrich  Vitzthum,  der  ein  bezeichnendes  Schlaglicht  auf  die
Stimmung  warf,  in  der  sich  der  Kaiser  seit  seiner  Trennung  von  mir  befand.
Es  hieß  in  diesem  Brief  vom  25.  September  1909:  „Heute  muß  ich  Dir  ganz
vertraulich  über  eine  Unterredung  berichten,  die  ich  am  20.  ds.  in  dem
alten  historischen  Kapellensaal  der  Albrechtsburg  in  Meißen  mit  dem  Kaiser
hatte.  Der  sächsiche  Minister  Beck,  ein  eifriger  Verehrer  von  Dir,  der  einige
Schritte  davon  stand  und  wohl  ein  paar  Worte  aufgeschnappt  hatte,
klopfte  mir,  als  die  Unterredung  vorüber  war,  auf  die  Schulter  mit  dem
freundlichen  Worte:  ‚Nibelungentreue.‘  Hoffentlich  bist  Du  auch  mit
meiner  Haltung  einverstanden,  wenn  meine  Freundschaft  für  Dich  mich
auch  verleitete,  vielleicht  etwas  weiter  zu  gehen,  als  unbedingt  nötig  war.
Ich  hatte  mich  beim  Empfang  des  Kaisers  absichtlich  zurückgehalten,  und
erst  als  man  sich  zu  Tisch  setzte,  bemerkte  er  mich,  da  ich  ihm  schräggegenüber
  placiert  war.  Er  begrüßte  mich  sogleich  in  seiner  lebhaften  Weise

Unterredung
Vitzthums  mü
dem  Kaiser
        <pb n="78" />
        48  ‚BERNHARD  HAT  MICH  VERRATEN!“

mit  einigen  Späßen.  Beim  Dessert  trank  er  mir  zu,  und  gleich  nach  der
Tafel  kam  er,  obgleich  ich  mich  nicht  bemerkbar  gemacht  hatte,  durch  den
halben  Saal  direkt  auf  mich  zu  und  schüttelte  mir  die  Hand  mit  den  Worten:
‚Wir  haben  uns  ja  noch  gar  nicht  gesehen  seit  Bernhards  Abgang.‘  Während
er  sich  seine  Zigarette  an  meiner  Zigarre  ansteckte,  sagte  ich:  ‚Nein,
Majestät,  ich  war  aber  vierzehn  Tage  bei  Bernhard  in  Norderney.‘  ‚So,  wie
haben  Sie  ihn  gefunden?‘  ‚Sehr  frisch,  Majestät,  wir  ritten  alle  Tage  zusammen,
  und  ich  war  erstaunt,  wie  schneidig  er  reitet.‘  ‚So,  und  wie  haben
Sie  ihn  sonst  gefunden  ?*  ‚Eure  Majestät  wissen,  daß  ich  ein  treuer  Freund
Bernhards  bin;  ich  würde  aber  nicht  wagen,  meine  Eindrücke  freimütig  zu
sagen,  wenn  Eure  Majestät  mich  nicht  direkt  darauf  angesprochen  hätten:
Ich  fand  Bernhard  auch  geistig  sehr  frisch,  aber  tief  gekränkt,  weil  er  weiß,
wie  Eure  Majestät  über  ihn  sprechen.“  ‚Es  ist  mir  sehr  schwer  geworden,
mich  von  Bernhard  zu  trennen,  er  hat  mich  aber  in  den  Novembertagen
verraten.  Wie  wir  zusammen  standen,  durfte  er  im  Reichstag  nicht
zugeben,  daß  ich  unkonstitutionell  gehandelt  hätte,  er  mußte  sagen,  daß
er  das  alles  gewußt  und  gebilligt  hätte.‘  ‚Das  kann  ich  nicht  beurteilen,  aber
Eure  Majestät  wollen  verzeihen,  wenn  ich  sage,  daß  Eure  Majestät  niemals
populärer  gewesen  sind  wie  jetzt,  und  das  würde  doch  nicht  der  Fall  sein,
wenn  Bernhard  falsch  operiert  hätte,wenn  er  damals  anders  gehandelt  hätte,
als  er  gehandelt  hat.  Ich  kann  versichern,  daß  er  das  getan,  was  er  in  dem
Moment  für  das  Richtige  hielt  im  Interesse  Eurer  Majestät  und  der  Dynastie,
und  daß  Eure  Majestät  niemals  einen  loyaleren  Diener  gehabt  haben  als
Bernhard.  Die  jetzige  Popularität  Eurer  Majestät  spricht  noch  dafür,  daß
Bernhard  den  richtigen  Weg  eingeschlagen  hat.‘  ‚Ja,  gewiß,  das  Volk  jubelt
mir  überall  zu,  in  ganz  Deutschland  ist  man  auf  meiner  Seite.  Das  Volk  will
mir  eben  zeigen,  daß  es  weiß,  daß  mir  bitter  Unrecht  geschehen  ist.‘  ‚Verzeihen
  Eure  Majestät,  aber  zu  diesem  Umschwung  hat  doch  Bernhards  ganze
Haltung  wesentlich  beigetragen,  der  Erfolg  spricht  doch  für  ihn,  und  wenn
Eure  Majestät  ihm  nun  gar  vorwerfen,  daß  er  sich  damals  von  Harden
hätte  beeinflussen  lassen,  so  ist  das  doch  kränkend.  Bernhard  hat  Harden,  das
weißich  bestimmt,  nie  gesprochen,  nie  gesehen  oder  mit  ihm  verkehrt.  Harden
hat  ihn  vom  ersten  bis  zum  letzten  Tage  verfolgt  und  auch  jetzt  nach  seinem
Sturz.‘  ‚Das  mag  sein;  dann  ist  es  aber  indirekt  geschehen  durch  Holstein,
der  hatte  Bernhard  ganz  eingesponnen  das  letzte  halbe  Jahr,  der  hat
Deutschland  regiert.‘  ‚Eure  Majestät  entsinnen  sich  vielleicht,  daß  ich
Holstein  immer  gehaßt  und  seinen  Einfluß  im  Auswärtigen  Amt  in  früheren
Jahren  bedauert  habe  —  aber  einen  solchen  Einfluß,  wie  Eure  Majestät
glauben,  hat  er  auf  Bernhard  nie  gehabt.  Bernhard  hat  mir  oft  gesagt,  daß
er  Holstein  nach  dessen  Sturz  weiter  gesehen  habe  aus  zwei  Gründen:
erstens  weil  Holstein  zu  viel  gewußt  habe,  was  er,  wenn  gereizt,  zum
        <pb n="79" />
        BÜLOWS  GUTES  GEDÄCHTNIS  49

Schaden  des  Staates  veröffentlichen  konnte,  und  zweitens  weil  es  —
wofür  gerade  Eure  Majestät  das  größte  Verständnis  haben  werden  —  nicht
gentlemanlike  gewesen  wäre,  einen  Mann,  mit  dem  man  dreißig  oder
vierzig  Jahre  Beziehungen  gehabt  hat,  zu  schneiden,  weil  er  gestürzt  ist.‘
„Bernhard  war  nicht  mehr  derselbe.  Er  war  vergeßlich  geworden  seit  seinem
Unfall  im  Reichstag,  er  hatte  auch  vergessen,  daß  ich  den  ganzen  Inhalt
des  Interviews  mit  ihm  in  Norderney  besprochen  hatte,  daß  er  meinen
Brief  an  meine  Großmutter  mit  dem  Feldzugsplan  selbst  korrigiert  hatte.“
‚Aber,  Euer  Majestät,  ich  habe  gar  nichts  gemerkt  von  VergeBlichkeit,
Bernhard  war  jetzt  lebhafter  und  brillanter  denn  je.‘  ‚Ja,  das  ist  in  der
Konversation,  in  den  Geschäften  wußte  er  manchmal  nicht,  was  wir  den
Tag  vorher  besprochen  hatten.‘  ‚Darüber  kann  ich  mir  ja  kein  Urteil
anmaßen,  aber  wenn  dem  so  wäre,  wenn,  wie  Eure  Majestät  glauben,  das
die  unglückliche  Folge  seiner  Ohnmacht  im  Reichstag  wäre,  so  könnte  das
doch  nur  ein  Grund  für  Eure  Majestät  sein,  Bernhard  jetzt  um  so  milder
zu  beurteilen.‘  ‚Auf  diese  Brücke  bin  ich  auch  getreten,  sonst  hätten  wir
uns  schon  gleich  getrennt.  Darum  ist  es  noch  so  lange  gegangen.  Aber  die
Konservativen  haben  mir  ja  gesagt,  als  ich  ihnen  vorhielt,  wie  sie  sich
unterstehen  könnten,  der  Krone  Opposition  zu  machen,  sie  hätten  den
Kanzler  nicht  unterstützen  können,  der  mich  so  im  Stich  gelassen  hätte.‘
Hier  unterbrach  uns  der  König,  weil  es  Zeit  war,  zur  Illumination  zu  fahren.
Der  Kaiser  sprach  aber  noch  lebhaft  auf  mich  ein,  um  sich  —  ich  kann  es
nicht  anders  ausdrücken  —  zu  rechtfertigen,  bis  der  König  ein  zweites  Mal
kam,  worauf  der  Kaiser  etwas  unwillig  abbrach  und  folgte.  Ich  muß
billigerweise  hinzufügen,  daß  der  Kaiser  sich  nicht  unzugänglich  zeigte,
daß  er  mich  ruhig  ausreden  ließ  und  meinen  Widerspruch  durchaus  nicht
ungnädig  aufnahm.  Die  Umstehenden,  darunter  Minister  Metzsch,  hatten
die  lange  Unterredung  mit  größter  Spannung  beobachtet:  ich  hätte  ein  so
ernstes  Gesicht  gemacht  und  so  eindringlich  gesprochen,  daß  man  wohl
bemerkt  hätte,  daß  wir  uns  keine  Späße  erzählten.  Leider  habe  ich  nicht
Dein  angezweifeltes  herrliches  Gedächtnis,  und  Du  mußt  Dich  nur  mit  den
Umrissen  begnügen,  die  ich  behalten  habe.  Der  Kaiser,  der  den  Tag  über
sehr  guter  Laune  gewesen,  war  auf  dem  Schiff,  von  dem  aus  die  Illumination
betrachtet  wurde,  auffallend  ernst,  in  seinen  Mantel  gewickelt,  sprach  mich
auch  nicht  wieder  an.  Valentini,  dem  ich  einiges  erzählte,  sagte  mir:  ‚Wir
können  Ihnen  nur  dankbar  sein,  wir  geben  uns  ja  alle  die  größte  Mühe,  den
Kaiser  von  seiner  falschen  Ansicht  abzubringen.  Und  was  das  Gedächtnis
betrifft,  so  ist  das  eine  alte,  haltlose  Geschichte,  kein  Mensch  hat  ein  solches
Gedächtnis  wie  der  Fürst  Bülow.  Wir  tun  natürlich  alles,  damit  diese
schiefen  Urteile  nicht  in  weiteren  Kreisen  bekannt  werden.  Sie  werden
sehen:  wenn  der  Fürst  zur  Konfirmation  der  jungen  Prinzeß  nach  Berlin

4  Bülow  II
        <pb n="80" />
        50  BÜLOW  UND  HARDEN

kommt  und  den  Kaiser  sieht,  wird  alles  wieder  in  Ordnung  sein.‘  Damit
endeten  meine  Gespräche  an  diesem  denkwürdigen  Tage.  Es  war  ja  nicht
ganz  leicht,  dem  Kaiser  gegenüber  den  eigenen  Standpunkt  zu  wahren,
weil  S.M.  einen  geradezu  über  den  Haufen  rennen  will  mit  seinen  Argumenten.
  Ich  blieb  aber  ganz  fest  bei  meiner  Ansicht,  und  wenn  nicht  der
König  uns  getrennt  hätte,  so  wäre  das  Gespräch  wahrscheinlich  noch  lange
fortgesetzt  worden,  denn  ich  hatte  noch  alles  mögliche  auf  der  Zunge.
Jedenfalls  habe  ich  das  gute  Gewissen,  nicht  nachgegeben  zu  haben  and
to  have  had  my  way.  Hoffentlich  hat  es  den  Erfolg,  daß  S.M.  etwas
Einkehr  hält  und  in  seinen  Gesprächen  Dir  etwas  mehr  Gerechtigkeit
widerfahren  läßt  als  in  den  letzten  Wochen!“

Ich  bemerke  zu  diesem  Brief  meines  Freundes  Vitzthum,  daß  ich
während  meiner  Amtszeit  Harden  nie  gesehen  habe.  Ich  bin  ihm  erst  später,
wenn  mich  mein  Gedächtnis  nicht  täuscht,  im  Herbst  1911  bei  Felix  von
Eckardt  in  Hamburg  begegnet.  Es  ist  richtig,  daß  mich  Harden,  bis  wir
uns  persönlich  kennenlernten  und  über  manches  aussprachen,  mit  großer
Schärfe  angegriffen  hat.  Daß  er  mich  in  den  Novembertagen  beeinflußt
haben  sollte  oder  ich  ihn,  ist  eine  absurde  Annahme.  Harden  ist  bekanntlich
schwer  zu  beeinflussen,  und  wie  sollte  ich  mich  von  einem  Publizisten
inspirieren  lassen,  der,  von  seiner  damaligen  ausgesprochenen  persönlichen
Gegnerschaft  gegen  mich  zu  schweigen,  politisch  auf  einem  ganz  anderen
Boden  stand  als  ich.  Gewiß  unterhielt  Harden  freundschaftliche  Beziehungen
  wie  zu  Holstein  so  auch  zu  Walter  Rathenau  und  zu  dem
damaligen  Direktor  des  Deutschen  Schauspielhauses,  dem  Freiherrn  Alfred
von  Berger,  die  beide  gute  Bekannte  von  mir  waren.  Ich  habe  diese  indirekten
  Beziehungen  zu  Harden  nur  zu  dem  Versuche  benutzt,  ihn
während  und  nach  den  Novembertagen  zu  einer  maßvolleren  Beurteilung
des  Kaisers  zu  veranlassen,  und  schon  früher,  um  ihn  zu  bewegen,  seine
Kampagne  gegen  Pbilipp  Eulenburg  einzustellen.  Charakteristisch  für  den
Kaiser  war,  daß  er  unmittelbar  nach  seiner  Unterredung  mit  dem  Grafen
Friedrich  Vitzthum  meinem  Freunde  seinen  höchsten  Orden,  den  Schwarzen
Adlerorden,  verlieh.  Zum  allgemeinen  Erstaunen,  denn  eine  Veranlassung
für  diesen  ungewöhnlichen  Gnadenbeweis  lag  nicht  vor,  und  Vitzthum  war
für  eine  solche  Auszeichnung  gar  nicht  an  der  Reihe.

Was  die  „Kreuz-Zeitung“  und  die  „Märkische  Volkszeitung“  über  die
Novemberereignisse  verbreiteten,  entsprach  ungefähr  dem,  was  mir  der
Kaiser  in  der  von  mir  früher  wiedergegebenen  Unterredung  vom  11.  März
1909  gesagt  und  was  ich  ihm  gegenüber  damals  mit  Ernst  zurückgewiesen
hatte.  Ich  bin  mir  auch  heute  noch  nicht  ganz  im  klaren  darüber,  ob
Wilhelm  II.,  wenn  er  derartige  Behauptungen  aufstellte,  mit  Bewußtsein
  fabulierte,  oder  ob  es  sich  um  eine  Autosuggestion  handelte:  in  der
        <pb n="81" />
        NOCHMALS  DER  „DAILY  TELEGRAPH“  51

Art,  daß  er  aus  Eitelkeit  oder  Rechthaberei  eine  Behauptung  aufstellte,
von  der  er  ursprünglich  wohl  wußte,  daß  sie  nicht  wahr  war,  die  er  aber
so  lange  wiederholte,  bis  er  schließlich  selbst  an  sie  glaubte.  Als  ich
die  unwahren  „Enthüllungen‘“  der  „Märkischen  Volkszeitung“  und  der
„Kreuz-Zeitung‘  gelesen  hatte,  bat  ich  den  Staatssekretär  von  Schön  an
das  Telephon,  das  Norderney  mit  Berlin  verbindet,  und  ersuchte  ihn,  dieser
plumpen  Wiederaufwärmung  schon  mehrfach  widerlegter  Klatschereien
und  Lügen  amtlich  entgegenzutreten.  Ich  fügte  hinzu,  daß  es  nach  meiner
pflichtmäßigen  Überzeugung  weder  der  Wahrheit,  noch  dem  Interesse  des
Landes,  noch  insbesondere  dem  Interesse  des  Kaisers  entspräche,  meinen
Rücktritt  auf  die  Novemberereignisse  und  überhaupt  auf  Differenzen  mit
der  Krone  zurückzuführen.  Schön  erwiderte  mit  einer  Stimme,  der  selbst
durch  das  Telephon  Verlegenheit  anzumerken  war,  daß  er  mich  beschwöre,
auf  die  genannten  Verdächtigungen  nicht  meinerseits  in  der  Presse  zu
antworten,  da  eine  derartige  Polemik  der  Krone  zu  schwerem  Schaden
gereichen  könne.  Er  sei  überzeugt,  daß  der  Reichskanzler,  mit  dem  er  sich
alsbald  in  Verbindung  setzen  wolle,  für  Remedur  sorgen  werde.

Ich  richtete  daraufhin  an  meinen  Nachfolger  ein  längeres,  in  der  Form
sehr  ruhig  gehaltenes,  sachlich  bestimmtes  Schreiben,  in  dem  es  hieß:
„Der  Staatssekretär  des  Auswärtigen  Amtes  wird  Ihnen  gemeldet  haben,
daß  ich  gegenüber  den  unwürdigen  Verdächtigungen,  denen  ich  seit  einiger
Zeit  ausgesetzt  bin,  ein  amtliches,  unzweideutiges  und  entschiedenes
Dementi  für  notwendig  halte.  Die  gegen  mich  verbreiteten  Anschuldigungen
sind  dreiste  und  unsinnige  Lügen.  Es  ist  nicht  wahr,  daß  ich  von  dem
Inhalt  des  im  ‚Daily  Telegraph‘  veröffentlichten  Artikels  vorher  etwas
gewußt  hätte.  Ich  habe  das  umfangreiche  Manuskript  im  Drange  der
Geschäfte  und  im  Vertrauen  auf  meine  Untergebenen  seinerzeit  nicht
selbst  gelesen  und  war  überrascht  und  entsetzt,  als  ich  es  einige  Wochen
später  aus  der  mir  vorgelegten  Wolff-Depesche  kennenlernte.  Die  Veröffentlichung
  des  Interviews  durch  Wolff  ist  spontan  erfolgt,  ohne  vorherige
Anfrage  bei  mir.  Das  Interview  enthielt  eine  Reihe  allgemeiner  Betrachtungen
  über  das  Wünschenswerte  einer  Verbesserung  der  deutschenglischen
  Beziehungen,  die  harmlos  waren.  Es  enthielt  eine  Bemerkung
über  die  englandfeindliche  Stimmung  weiter  deutscher  Kreise,  die  besser
nicht  Seiner  Majestät  in  den  Mund  gelegt  worden  wäre,  aber  relativ
unschädlich  war.  Das  Interview  enthielt  aber  weitere  drei  Punkte,  auf
welche  die  Sensation  zurückzuführen  war,  die  es  in  der  Welt  hervorrief,  und
die  Erregung,  die  in  Deutschland  entstand:  Die  Behauptung,  daß  Seine
Majestät  Rußland  und  Frankreich  verhindert  hätte,  England  bis  in  den
Staub  zu  demütigen;  die  Behauptung,  daß  Seine  Majestät  für  England  den
Feldzugsplan  gegen  die  Buren  ausgearbeitet  hätte  und  daß  dieser  Plan  mit

ss

Brief  Bülows

an  Beihmann
        <pb n="82" />
        52  DIE  ALLERHÖCHSTEN  ÄUSSERUNGEN

dem  von  Lord  Roberts  durchgeführten  ziemlich  identisch  gewesen  wäre;
die  Behauptung,  daß  wir  unsere  Flotte  mit  dem  Hintergedanken  bauten,
sie  im  Stillen  Ozean,  d.  h.  gegen  Japan,  zu  verwenden.  Ich  habe,  bevor  das
Interview  erschien,  nicht  geahnt,  daß  Seine  Majestät  sich  über  diese  drei
Punkte  in  der  im  ‚Daily  Telegraph‘  angegebenen  Weise  in  England  ausgesprochen
  hatte,  geschweige  denn,  daß  ich  mich  nachträglich  mit  einer
solchen  Sprache  einverstanden  erklärt  oder  gar  dazu  geraten  hätte.  Ich
habe  Seine  Majestät  während  meiner  Amtszeit  stets  eindringlich  um  Vorsicht
  und  Zurückhaltung  in  politischen  Gesprächen  gebeten.  Ich  habe  einen
großen  Teil  meiner  Zeit  und  Arbeitskraft  darauf  verwenden  müssen,  die
stattgefundenen  Entgleisungen  und  Indiskretionen  wiedergutzumachen.
Ich  habe  Seine  Majestät  speziell  gebeten,  den  Engländern  kein  Wort  zu
sagen,  das  Russen  und  F'ranzosen,  Japaner  und  Amerikaner  nicht  wiedererfahren
  könnten.  Ich  wäre  mir  natürlich  nicht  einen  Augenblick  darüber
im  Zweifel  gewesen,  daß  eine  so  drastische  Anschwärzung  der  Russen  und
Franzosen  bei  den  Engländern  von  letzteren  nur  als  ein  Versuch  aufgefaßt
werden  würde,  die  von  ihnen  angebahnte  Annäherung  an  jene  Länder  zu
durchkreuzen,  und  daß  damit  das  gerade  Gegenteil  der  gewünschten
Wirkung  erzielt  werden  mußte.  Die  Allerhöchste  Äußerung  über  den
Feldzugsplan  gegen  die  Buren  kann  ich  schon  deshalb  nicht  angeraten  oder
gutgeheißen  haben,  weil  ich  den  betreffenden  Brief  Seiner  Majestät  an  die
Königin  Victoria  gelesen  hatte  und  wußte,  daß  derselbe  nur  aphoristische
und  akademische  Betrachtungen  über  Kriegführung  enthielt  und  für  den
Ausgang  des  südafrikanischen  Feldzuges  nicht  von  praktischer  Bedeutung
gewesen  sein  konnte.  Und  was  endlich  Japan  angeht,  so  habe  ich  Seine
Majestät  immer  und  immer  wieder  gewarnt,  dieses  empfindliche  und
mißtrauische  Volk  nicht  noch  argwöhnischer  zu  machen,  als  es  durch
mancherlei  Vorgänge  (‚Völker  Europas,  wahrt  eure  heiligsten  Güter!‘,
Reden  über  ‚Yellow  peril‘  usw.  usw.)  ohnehin  geworden  sei.  Ich  entsinne
mich,  daß  ich  vor  zwei  oder  drei  Jahren  telegraphisch  einen  schon  seit
mehreren  Tagen  abgegangenen  Brief  Seiner  Majestät  an  Roosevelt  zurückgehalten
  habe,  weil  er  mir,  als  ich  nachträglich  von  seinem  Inhalt  erfuhr,
unvorsichtige  Wendungen  über  Japan  zu  enthalten  schien.  Ich  kann  mich
nicht  erinnern,  Seiner  Majestät  im  Herbst  1907  während  seines  Besuchs  in
England  überhaupt  über  die  von  ihm  geführten  Unterredungen  geschrieben
zu  haben.  Ich  glaube  es  nicht.  Das  aber  kann  ich  mit  der  äußersten  Bestimmtheit
  erklären,  daß  ich  mich  gegenüber  Seiner  Majestät  mit  Äußerungen
  wie  die  vom  ‚Daily  Telegraph‘  wiedergegebene  über  jene  drei
Punkte  niemals  weder  schriftlich  noch  mündlich,  weder  brieflich  noch
telegraphisch  einverstanden  erklärt  habe  noch  einverstanden  erklären
konnte.  Die  ‚Deutsche  Tageszeitung‘  behauptet,  Seine  Majestät  der  Kaiser
        <pb n="83" />
        PROTEST  GEGEN  UNWAHRE  ANGRIFFE  53

habe  gelegentlich  Briefe  von  mir,  in  denen  ich  meinem  Einverständnis
Ausdruck  gegeben  hätte,  ‚einem  Politiker‘  gezeigt.  Man  zeige  mir  diese
Bricle!  Sie  existieren  ebensowenig  wie  der  fragliche  Politiker.  Ich  habe  die
in  Rede  stehenden  Äußerungen  Seiner  Majestät  vorher  ebensowenig
gekannt,  wie  ich  vorher  etwas  wußte  von  dein  Brief  an  Lord  Tweedmouth,
von  der  Verwahrung  gegen  die  Kandidatur  des  amerikanischen  Botschalters
  Hill,  von  der  S$winemünder  Depesche  an  den  Prinz-Regenten  von
Bayern,  von  dem  Telegramm  an  den  Fürsten  von  Lippe,  von  selr  vielen
Reden,  von  der  Hunnen-Rede  des  Sommers  1900  bis  zur  Schwarzscher-Rede
  im  Manöver  1906.  Die  gegen  mich  gerichteten  Angriffe  enthalten  nuch
andere  und  zahlreiche  Unwahrheiten.  So  ist  es  unwahr,  daß  ich  im  Juni
mit  der  Hoffnung  nach  Kiel  gefahren  wäre,  Seine  Majestät  würde  mein
Entlassungsgesuch  nicht  annehmen.  Ich  war  im  Gegenteil  mit  Rücksicht
auf  die  innerpolitische  Lage  fest  entschlossen,  auf  meinem  Abschiedsgesuch
zu  bestehen.  Ohne  auf  andere,  geringlügigere  Einzelheiten  einzugehen,  will
ich  nur  noch  einen  Punkt  hervorheben,  nänılich  die  Behauptung  der
‚Kreuz-Zeitung‘,  ich  hätte  das  Vertrauen  Seiner  Majestät  nur  noch  ‚ofliziell‘
besessen  und  es  auch  nicht  wieder  zurückgewonnen.  Seine  Majestät  hat
zweimal  mein  Entlassungsgesuch  unter  Betunung  seines  Vertrauens  zu  mir
abgelehnt.  Er  hat  nach  der  eingehenden  Rücksprache,  die  ich  im  März  mit
ihm  hatte,  mich  in  der  gnädigsten,  herzlichsten  und  wärmsten  Weise  seines
vollen  und  unerschütterlichen  Vertrauens  versichert.  Er  hat  sich  wiederholt
zu  Tische  bei  mir  angesagt,  mich  besucht,  mich  nach  Potsdam  eingeladen,
in  Berlin,  Potsdam,  Wiesbaden  usw.  in  der  gnädigsten  freundschaftlichsten
  Weise  mit  mir  verkehrt.  Er  hat  mich  und  meine  F'rau,  als  er  von
uns  Abschied  nalım,  eingeladen,  zum  Geburtstag  Ihrer  Majestät  der
Kaiserin  nach  Potsdam  zu  kommen.  Er  hat  mir  wiederholt  (zu  meinem
Geburtstag  am  3.  Mai,  vor  seiner  Abreise  zur  Begegnung  mit  dem  Kaiser
von  Rußland  und  noch  nach  der  Ablehnung  der  Erbschaftssteuer)  im
herzlichsten  Tone  und  in  einer  Weise  telegraphiert,  die  keinen  Zweifel  ließ
an  seinem  Wunsch,  daß  ich  im  Anıte  bleiben  möge.  Er  hat,  als  ich  in  Kiel
um  meine  Entlassung  bat,  die  innere  und  auswärtige  Lage  wie  die  Wahl
meines  Nachfolgers  freundschaftlich  mit  mir  durchgesprochen.  In  welchem
Lichte  erscheint  Seine  Majestät,  wenn  das  alles  Komödie  war.  Ich  habe  nach
meinem  Rücktritt  keinen  anderen  Wunsch,  als  jedes  Hervortreten  in  der
Öllentlichkeit  zu  vermeiden  und  ein  friedliches  und  unabhängiges  Leben
zu  führen.  Ich  habe  aber  das  Recht,  zu  verlangen,  daß  derartigen  niederträchtigen
  Verleumdungen  entgegengetreten  wird,  die  sich  gegen  die  Ehre
eines  Mannes  richten,  der  unter  schwierigen  Verhältnissen  und  nicht  ohne
Eriolge  zwölf  Jahre  Minister  und  neun  Jahre  Reichskanzler  war.  Wohin
soll  es  führen,  wenn  diese  Verleumdungs-Kampagne  weitergeht,  wenn  ich
        <pb n="84" />
        54  BETIMANN  SEHR  ERSCHÜTTERT

schließlich  nicht  länger  schweigen  kann,  wenn  es  vielleicht  zu  Prozessen
kommt  und  wenn  meinen  Erklärungen,  die  ich  auf  meinen  Eid  nehme,
angebliche  Äußerungen  Seiner  Majestät  entgegengehalten  würden.  Wenn
der  Reichsanzeiger  ein  deutliches  und  entschiedenes  Dementi  bringt,  Seine
Majestät  mich  bei  meinem  in  der  zweiten  Hälfte  Oktober  bevorstehenden
kurzen  Aufenthalt  in  Berlin  sieht  und  ich  dann  nach  Rom  übersiedle,  wird
das  ganze  elende  Getratsche  aufhören.  Das  Dementi  muß  aber,  wenn  es
wirken  soll,  klipp  und  klar  feststellen,  daß  die  von  einer  Reihe  von  Blättern
übernommenen  und  ausgeschmückten  Angaben  der  ‚Märkischen  Volkszeitung‘,
  sowohl  was  das  Interview  im  ‚Daily  Telegraph‘  angeht  als  hinsichtlich
  des  Verhältnisses  Seiner  Majestät  zu  mir,  in  allen  Punkten  unwahr
sind.  Ich  zweifle  nicht  daran,  daß  Sie,  verehrter  Freund,  der  Sie  alle
Mühen  und  Kämpfe  dieses  Winters  mit  mir  durchgemacht  haben,  im
Interesse  der  Dynastie  wie  des  Vaterlandes  weiterem  Schaden  vorbeugen
werden.“

Als  mein  Nachfolger  diesen  Brief  erhielt,  befand  er  sich  in  Linderhof,
einem  Rokokoschlößchen  im  bayrischen  Hochgebirge,  wohin  er  von  dem
Prinzregenten  eingeladen  worden  war,  um  einen  Hirsch  zu  schießen.  Mit
ihm  weilten  dort  der  Geheime  Rat  von  Flotow,  dem  es  sehr  bald  gelungen
war,  sich  bei  dem  neuen  Kanzler  zu  insinuieren,  und  mein  früherer  Adjutant,
der  Hauptmann  von  Schwartzkoppen,  der  in  gleicher  Eigenschaft  zu
Herrn  von  Bethmann  übergetreten  war.  Schwartzkoppen,  einer  der  zuverlässigsten
  Menschen,  die  mir  vorgekommen  sind,  ein  durch  und  durch
ehrenhafter  Charakter,  hat  mir  später  erzählt,  daß  Herr  von  Bethmann
durch  meinen  Brief  anfänglich  sehr  erschüttert  gewesen  sei.  Herr  von
Betlimann  habe  zunächst  geäußert:  Jedes  Wort,  das  ich  ihm  geschrieben,
sei  wahr.  Er  habe  in  jenen  schweren  Novembertagen  neben  mir  gestanden.
Er  habe  mein  Verhalten  durchaus  gebilligt.  Es  sei  seine  Pflicht,  nicht  nur
seine  Amtspflicht,  sondern  auch  eine  Ehrenpflicht  für  ihn,  das  dem  Kaiser
zu  sagen  und  Seine  Majestät  um  die  Ermächtigung  zu  einer  dementsprechenden
  Erklärung  im  Reichsanzeiger  zu  ersuchen.  Der  brave  Schwartzkoppen
  freute  sich  über  diese  anständige  Haltung  seines  Vorgesetzten  und
sprach  das  auch  aus,  bescheiden,  aber  ohne  Umschweife.  Nicht  so  Flutow.
Dieser  richtete  mit  erschrockenem  Gesicht  an  den  Reichskanzler  die  Frage,
ob  er  die  Absicht  habe,  nach  kaum  dreimonatiger  Tätigkeit  in  den  Ruhestand
  zu  treten.  Ein  direktes  und  offenes  Eintreten  für  mich  würde  voraussichtlich
  einen  sofortigen  Bruch  mit  dem  Kaiser  nach  sich  ziehen,  jedenfalls
das  Verhältnis  zu  Seiner  Majestät  von  vornherein  vergiften.  Der  Kanzler
sci  cs  dem  Lande  schuldig,  sich  dem  Lande  zu  erhalıen,  das  seine  Berufung
mit  Freude  begrüßt  habe  und  mit  Vertrauen  auf  ibn  blicke.  Nach  einigem
Zögern  beschritt  Bethmann  diese  Brücke.  Er  sehe  ein,  meinte  er,  daß  sein
        <pb n="85" />
        BETIIMANN  AKKOMMODIERT  SICH  55

Ausharren  in  seinem  verantwortungsvollen  Amt  seine  vornehmste  Pflicht
sei,  daß  dahinter  alle  anderen  Erwägungen  zurücktreten  müßten,  und  er
könne  vllenbar  nur  bleiben,  wenn  er  sich  Seiner  Majestät  „akkomınodliere*.
Beihmaun  Hollweg  benahm  sich  also  nach  der  zweifellus  wahrlieitsgetreuen
Schilderung  des  redlichen  Hauptmanns  Schwartzkoppen  gerade  so,  wie  er
sich  später  in  der  Frage  der  belgischen  Invasion,  gegenüber  der.  Frage  des
U-Boot-Kriegs  und  in  vielen  anderen  schwerwiegenden  Fragen  benehmen
sollte.  Er  beschloß  auch,  dem  Rate  Flotows  folgend,  meinen  Brief  nicht
schriftlich  zu  beantworten,  sondern  den  Chef  der  Reichskanzlei,  den
Geheimrath  Wahnschaffe,  nach  Norderney  zu  entsenden,  um  mich  von
einer  öffentlichen  Stellungnahme  gegen  die,  wie  Herr  von  Bethmann
natürlich  wohl  wußte,  von  Seiner  Majestät  direkt  oder  indirekt  inspirierten
Verleumdungen  der  „Märkischen  Volkszeitung“  und  der  „Kreuz-Zeitung“
abzuhalten.

Wahnschaffe  traf  nicht  lange  nachher  in  Norderney  bei  mir  ein.  Dieser
Beamte  hat  sich  zu  meinem  Bedauern  später  während  des  Weltkrieges
durch  seine  Schwenkung  in  der  Polenirage  wie  durch  sein  Verhalten  in  der
Abdankungsfrage  begründetem  Tadel  ausgesetzt.  Ich  muß  aber  anerkennen,
daß  er  die  ihm  von  seinem  Chef  übertragene  Mission  nach  Norderney
loyal  und  anständig  ausführte.  Er  sagte  mir  freimütig,  es  sei  eine  schr
starke  Zumutung,  die  an  meinen  Patriotismus  und  meine  monarchische
Gesinnung  gestellt  würde.  Er  sei  aber  überzeugt,  daß  ich  als  guter  Preuße
dem  Vaterland  und  dem  Herrscherhause  jedes  Opfer  bringen  und  von  einer
öffentlichen  Erklärung  in  der  Presse  oder  gar  einer  gerichtlichen  Klage
Abstand  nchmen  würde.  Bethmann,  der  inzwischen  nach  Berlin  zurückgekehrt
  war,  schien  hocherfreut  über  meine  Selbstüberwindung.  Er  schrieb
mir  sogleich,  in  allerdings  etwas  gewundener  Weise:  „Sehr  verehrter  Fürst!
Wahnschaffe  berichtete  mir  soeben  über  die  Ausführung  seines  Auftrages
bei  Eurer  Durchlaucht.  Zuvörderst  freue  ich  mich,  von  ihm  zu  hören,  daß
Eurer  Durchlaucht  die  Form  der  mündlichen  Beantwortung  Ihres
Schreibens  vom  28.  v.  M.  genehm  gewesen  ist.  Daß  die  ernsten  Besorgnisse,
die  ich  an  die  Eventualität  eines  Vorgehens  Eurer  Durchlaucht,  sei  esin  der
Presse,  sei  es  durch  Beleidigungsklage,  knüpfen  zu  müssen  glaubte,  nur  ein
Reflex  der  Anschauungen  sind,  in  denen  Eure  Durchlaucht  dem  Wohl  des
Landes  und  der  Krone  dienen,  war  mir  keinen  Augenblick  zweifelhaft
gewesen.  Und  ebenso  wollen  Eure  Durchlaucht  versichert  sein,  daß  Ihr
Verlangen  nach  schleunigstem  Abschluß  dieser  für  Sie,  für  das  Land  und
für  die  Krone  gleich  schweren  Angelegenheit  bei  mir  überzeugteste  Zustimmung
  findet.  Wenn  ich  zunächst  und  wie  ich  hoffe  nicht  ganz  ohne
Erfolg  bemüht  gewesen  bin,  einen  nicht  unwesentlichen  Teil  der  Presse  zum
Schweigen  zu  bringen,  daneben  auch  maßgebenden  Politikern  die  Augen

Wahnschaffes
Mission
        <pb n="86" />
        Wilhelm  II.
zum  Empfang
Bülows  bereit

56  DIE  SUCHE  NACH  DER  LÖSUNG

zu  öffnen  versucht  habe,  so  stimme  ich  endlich  doch  auch  darin  mit  Eurer
Durchlaucht  überein,  daß  die  Frage  des  Eınpfanges  Eurer  Durchlaucht
durch  Seine  Majestät  sofort  gelöst  werden  muß.  Ich  kann  dies  aber  nur
durch  mündlichen  Vortrag  bei  Seiner  Majestät  tun  und  muß  zugleich  für
diesen  Vortrag  einen  Zeitpunkt  wählen,  zu  dem  ich  Seiner  Majestät  nicht
ungelegen  komme.  Da  Seine  Majestät  morgen  früh  Rominten  verläßt  und
in  der  gewohnten  Weise  über  Königsberg,  Cadinen,  Marienburg  und  Langfuhr
  nach  Hubertusstock  reist,  muß  ich  meinen  Vortrag  bis  Hubertusstuck,
d.h.  bis  zu  den  Tagen  vom  9.  ds.  Mts.  ab  aufschieben.  So  sehr  ich  diese
Verzögerung  in  dem  besonderen  Interesse  Eurer  Durchlaucht  beklage,  so
darf  ich  doch  vor  allem  nicht  den  Erfolg  des  Vortrags  durch  ungeschickte
Wahl  seines  Zeitpunktes  gefährden.  In  dieser  Beurteilung  einer  aufgezwungenen
  Situation  hoffe  ich  von  Eurer  Durchlaucht  Ansicht  nicht
abzuweichen.  Wenn  es  mir  danach  gelingt,  eine  Lösung  zu  finden,  die  die
berechtigten  Ansprüche  Eurer  Durchlaucht  erfüllt,  werde  ich  eine
menschlich  und  politisch  gleich  große  Genugtuung  empfinden.  Mit  dieser
Versicherung,  der  ich  bitte  meine  ehrerbietigsten  Empfehlungen  an  die
Frau  Fürstin  anschließen  zu  dürfen,  bin  ich  in  treuester  Verehrung  Eurer
Durchlaucht  ergebenster  Bethmann  Hollweg.“

Am  11.  Oktober  fulgte  ein  weiterer  Brief  meines  Nachfolgers:  „Mein  schr
verehrter  Fürst!  Gestern  nacht  bin  ich  aus  Hubertusstock  zurückgekehrt,
wo  ich  Seiner  Majestät  Vortrag  gehalten  habe.  Seine  Majestät  waren  sehr
dankbar  dafür,  daß  Eure  Durchlaucht  gegenüber  den  beklagenswerten
Pressetreibereien  persönliche  Zurückhaltung  geübt  haben,  und  auf  meinen
Vortrag  gern  bereit,  Eure  Durchlaucht  zu  empfangen.  Seine  Majestät
beabsichtigen  außer  der  bereits  mündlich  ausgesprochenen  Einladung
Eurer  Durchlaucht  und  der  Frau  Fürstin  zum  Geburtstage  Ihrer  Majestät
der  Kaiserin  Sie  und  die  Fürstin  wahrscheinlich  in  den  Tagen  zwischen  dem
18.  und  22.  Oktober  im  intimsten  Kreise  zur  Mittagstafel  in  Potsdam  zu
befehlen.  Ein  früherer  Termin  ließ  sich  im  Hinblick  auf  die  sonstigen
Dispositionen  leider  nicht  wählen.  Ich  möchte  aber  glauben,  daß  die
Allerhöchsten  Absichten  auch  in  dieser  Form  den  Wünschen  Eurer  Durchlaucht
  gerecht  werden,  zumal  wenn  ich  —  übrigens  unter  ausdrücklicher
Zustimmung  Seiner  Majestät  —  demnächst  in  der  Presse  auf  die  bevorstehenden
  Empfänge  Eurer  Durchlaucht  am  Kaiserlichen  Hoflager  aufmerksam
  mache.  Großen  Wert  würde  ich  darauf  legen,  wenn  ich  Eure
Durchlaucht  vorher  noch  persönlich  sehen  könnte,  um  Ihnen  mündlich
nähere  Mitteilungen  über  meine  Eindrücke  zu  machen  und  auch  damit,
meinem  dringenden  Verlangen  entsprechend,  zu  definitiver  Erledigung  der
unseligen  Angelegenheit  beizutragen.  Indem  ich  bitte,  der  Frau  Fürstin
meine  angelegentlichen  Empfehlungen  zu  Füßen  zu  legen,  bin  ich  in
        <pb n="87" />
        DIE  KAISERLICHE  LESART  57

aufrichtiger  Verebrung  Eurer  Durchlaucht  sehr  ergebener  Bethmann
Hollweg.“

Seiner  Wesensart  entsprechend  trat  Herr  von  Bethmann  nur  in  sehr
ängstlicher  Weise  den  gegen  mich  verbreiteten  Verleumdungen  entgegen,
aber  der  gute  Wille,  auf  den  nach  Schopenhauer  in  der  Moral  alles  ankommt,
  war  wenigstens  vorhanden.  Herr  von  Schön  drückte  sich  um  jede
Stellungnahme.  Er  war  völlig  von  dem  Wunsche  erfüllt  und  beherrscht,
den  Posten  des  Staatssekretärs  des  Äußern,  der  nicht  nur  an  seine  Fähigkeiten,
  sondern  auch  an  seine  Arbeitskraft  allzu  hohe  Anforderungen  stellte,
mit  der  von  ihm  und  seiner  Frau  seit  langem  ambierten  Botschaft  in  Paris
zu  vertauschen.  Da  der  damalige  Botschafter  in  Paris,  Fürst  Radolin,  keine
Lust  hatte,  das  deutsche  Botschaftspalais  in  der  Rue  de  Lille  zu  räumen,  so
entspann  sich  zwischen  ihm  und  Schön  ein  Kampf,  der,  nebenbei  gesagt,  bei
der  schlaffen  Zügelführung  von  Bethmann  auch  politisch  nachteilige  Folgen
hatte.  Jeder  der  beiden  Konkurrenten  versicherte  den  Franzosen,  daß  er
der  rechte  Mann  wäre,  um  von  Paris  aus  auf  die  Berliner  Zentralstelle  im
Sinne  weitgehender  deutscher  Nachgiebigkeit  gegenüber  den  französischen
Wünschen  in  der  Marokko-Frage  zu  wirken.  Das  steigerte  natürlich  mit  dem
französischen  Übermut  die  französischen  Prätentionen,  und  die  Früchte
des  von  mir  am  9.  Februar  1909  mit  Frankreich  abgeschlossenen  Abkommens
  gingen  uns  bald  nachher  verloren.

Hammann  hatte  mir  noch  zu  meinem  letzten  Geburtstage  geschrieben,
daß  er  mir  von  ganzem  Herzen  Glück  und  Segen  und  neue  Erfolge  für  des
Reiches  Wohl  im  reichsten  Maße  wünsche.  Ein  Jahr  voll  großer  Arbeit
liege  hinter  mir;  ich  hätte  im  gottbegnadeten  Vollbesitze  meiner  körperlichen,
  geistigen  und  seelischen  Kräfte  und  Gaben  das  schwerste  überwunden.
  Möge  ich  stets  der  alte  bleiben,  im  Menschlichen  wie  im  Politischen,
im  Mühen  wie  im  Erfolg.  Jetzt  verurteilte  er  mir  gegenüber  in  scharfen
Worten  „das  alte,  dumme  Geschwätz‘‘  von  Martin  und  fügte  hinzu:  Die
gehässigen  Albernheiten  der  „Märkischen  Volkszeitung‘  hätten  kurze
Beine  gehabt,  wenn  nicht  der  Artikel  der  „„Kreuz-Zeitung‘‘,  der  mir  statt  der
Bosheit  nur  Täuschung  über  die  Wirkung  des  sogenannten  Interviews  und
frommen  Betrug  nachsagte,  hinzugekommen  wäre.  Schiemann  hatte  ihm
bei  einer  zufälligen  Begegnung  anvertraut,  daß  der  Artikel  der  „Kreuz-Zeitung“
  die  kaiserliche  Lesart  enthalte.  Der  Redakteur  der  „Kreuz-Zeitung“
scheine  nachträglich  zu  empfinden,  was  er  angerichtet  habe.  Diese  unglückselige
  Veröffentlichung  setze,  ohne  der  konservativen  Partei  irgendwie  zu
nützen,  Krone  und  Land  der  Gefahr  neuer  Kaiserdebatten  aus  und  versetze
mich  in  einen  tief  zu  beklagenden  Konflikt:  Auf  der  einen  Seite  Wahrung
meines  historischen  Namens,  auf  der  anderen  Seite  Rücksicht  auf  meine
royalistische  Vergangenheit.  In  dem  Bewußtsein,  daß  mir  vor  dem  Urteil
        <pb n="88" />
        58  VIEL  EXTREMERE  BESCHLÜSSE

der  Geschichte  nicht  bange  zu  sein  brauche,  würde  ich  mich  hoffentlich
nicht  auf  den  Beifall  der  Liberalen  verlassen.  Das  Wort,  daß  die  Liberalen
den  Nachruhm  machten,  sei  nur  mit  Einschränkung  wahr.  An  Caprivi  habe
es  sich  zum  Beispiel  nicht  bewährt.  Der  Staatssekretär  habe  ihm  meinen
Brief  gezeigt,  dessen  klare  Widerlegung  der  schweren  Irrungen  in  den

-  gegenwärtigen  Preßtreibereien  diesen  den  Weg  zur  Geschichte  verlege.  Das

Bodo  von
dem  K.nesebeck
über  die
Konflikttage

Wort  über  den  Nachruhm  war,  wenn  mich  mein  Gedächtnis  nicht  täuscht,
vom  „Berliner  Tageblatt‘  geprägt  worden;  der  Hohn  über  den  armen
Caprivi  klang  nicht  schön  im  Munde  von  Hammann,  der  seine  Karriere
nach  dem  Sturze  von  Bismarck  als  treuer  Knappe  des  zweiten  Kanzlers
begonnen  hatte.

Wohltuend  berührte  mich  der  nachstehende  Brief  des  diensttuenden
Kammerherrn  der  Kaiserin  und  Vize-OÖberzeremonienmeisters  Bodo  von
dem  Knesebeck,  meines  alten  Regimentskameraden,  der,  zur  iftimen
Umgebung  der  Majestäten  gehörend,  die  November-Ereignisse  aus  nächster
Nähe  miterlebt  und  beobachtet  hatte.  Er  schrieb  mir  spontan:  „Die  widerwärtigen
  Preßtreibereien,  die  ihren  Ursprung  darin  haben,  daß  gewisse
Leute  sich  reinwaschen  wollen,  ekeln  mich  so  an,  daß  ich  ganz  krank  davon
bin.  Was  mich  geradezu  traurig  macht,  ist  die  Auffassung,  die  an  anderer
Stelle  über  die  Novembertage  sich  gebildet  hat  und  diesen  Angriffen
Vorschub  leistet.  Das  Ganze  ist  ein  widerwärtiges  Bild  politischer  Gemeinheit
  auf  der  einen,  des  Unverstandes  zum  mindesten  auf  der  anderen
Seite.  Du  weißt,  wie  ich  über  das  alles  denke,  wie  ich  seit  zwanzig  Jahren
die  Verstimmung  entstehen  sah,  die  zu  dem  Ausbruch  elementarer  Leidenschaft,
  die  nur  zu  oft  zurückgedrängt  worden  war,  führte.  Daß  es  heute
anders  ist,  verdankt  man  nicht  zum  mindesten  Deiner  Behandlung  jener
Konflikttage.  Denn  ich  habe  heute  noch  die  Überzeugung,  daß  bei  der
herrschenden  Kopflosigkeit  es  zu  viel  extremeren  Beschlüssen  gekommen
wäre,  wenn  das  Parlament  durch  den  Verlauf  der  Dinge  das  Vertrauen  in
den  Reichskanzler  verloren  hätte.  Es  hätte  dann  selbst  seine  Sache  in  die
Hand  genommen  und  unter  Umgehung  der  ersten  Beamten  des  Reichs
direkt  an  die  Krone  appelliert.  Die  Konservativen,  die  ja  überhaupt  am
weitesten  in  der  von  Partei  wegen  formulierten  Kritik  gegangen  waren,  hätten
das,  ihrer  ganzen  Haltung  nach,  mitmachen  müssen.  Wer  denkt  heute  noch
daran,  daß  Du,  als  Du  am  11.  November  aufstandest,  um  die  Verantwortung
auf  Dich  zu  nehmen,  in  der  Verteidigung  der  Krone  niemand  und  nichts
binter  Dir  hattest?  Weder  den  Bundesrat,  noch  eine  Partei,  noch  ein
Mitglied  des  Reichstages.  Du  warst  ganz  allein  auf  Dich  angewiesen.  Diese
Situation  zu  beherrschen,  ist  nicht  so  leicht,  wie  nachträglich  an  allem  in
selbstsüchtiger  Absicht  Kritik  zu  üben.  Ich  weiß  nicht,  ob  ein  Staatsmann
jemals  vor  eine  solche  Aufgabe  im  parlamentarischen  Leben  gestellt  worden
        <pb n="89" />
        DIE  „DEGAGIERTE“  KRONE  59

ist.  Ich  bezweifle  es.  Doch  genug  davon,  mögst  Du  Deinen  Gleichmut
bewahren  wie  bisher.  In  schlaflosen  Nächten  gehen  mir  diese  Dinge  durch
den  Kopf,  und  ich  konnte  mich  nicht  zurückhalten.  Viele  Grüße  der  lieben,
verehrten  Fürstin.  In  Gedanken  viel  bei  Euch  Dein  B.  K.“

In  meiner  Antwort  an  meinen  Waffenbruder  aus  großer  Zeit,  mit  dem
ich  Schulter  an  Schulter  in  der  Schlacht  an  der  Hallue  attackiert  hatte,
hieß  es:  „Ich  habe  in  diesen  Tagen  manche  Zeichen  von  Anhänglichkeit
und  Wohlwollen  erhalten,  aber  keine  schöneren  und  verständnisvolleren
als  die  Deinigen.  Als  vor  bald  einem  Jahre  die  Bombe  platzte,  von  der  ich
nicht  wußte,  welchen  Sprengstoff  sie  in  sich  barg,  war  mein  erster  und
leitender  Gedanke,  Seine  Majestät  den  Kaiser  aus  der  Schußlinie  zu  bringen.
Ich  hatte,  mit  Arbeit  überhäuft,  durch  schwerwiegende,  sehr  ernste  Aufgaben
  der  inneren  und  äußeren  Politik  absorbiert,  im  Vertrauen  auf  meine
Untergebenen  (Schön,  Stemrich,  Müller,  Klehmet)  das  Manuskript  des
‚Daily-Telegraph‘-Artikels  nicht  selbst  geprüft.  Meine  Untergebenen  hatten
aus  Respekt  vor  kaiserlichen  Äußerungen,  in  der  Befürchtung,  daß  nachträgliche
  Korrekturen  die  Sache  noch  schlimmer  machen  könnten,  und
wohl  auch  aus  Mangel  an  Perspikazität  die  Sache  durchgelassen.  Dieses
Versäumte  benutzte  ich,  um  in  dem  Dir  bekannten  Artikel  der  ‚N.  A.  2.
als  alleinverantwortlicher  Beamter  im  Reich  alle  Verantwortung  auf  mich
allein  zu  nehmen.  Ich  stellte  das  Auswärtige  Amt  und  mich  selbst
rücksichislos  bloß,  um  die  Krone  zu  degagieren.  In  diesem  Sinne  wurde
auch,  soweit  sie  zugänglich  war,  auf  meine  Weisung  die  Presse  instruiert.
Es  gibt  aber  Strömungen,  die  sich  nicht  länger  zurückdrängen,  die  sich  nicht
mehr  aufhalten  lassen.  Es  gibt  Situationen,  wo  lange  angesammelter
Zündstofl  eine  Explosion  herbeiführt.  Trotz  meiner  Bemühungen  gingen
öffentliche  Meinung,  Presse,  die  ganze  Nation  über  die  formale  Schuldirage
und  über  das  Versäumnis  im  Auswärtigen  Amt  stürmisch  weg,  um  sich  nur
an  die  Frage  zu  halten:  Hat  Seine  Majestät  wirklich  solche  Dinge  gesagt  ?
Und  wenn  ja,  wie  soll  die  Wiederholung  solcher  Vorkommnisse  verhindert
werden?  Es  war  eben  seit  zwanzig  Jahren  zu  viel  vorausgegangen,  was  die
weitesten  Kreise  erregt  und  verstimmt  hatte.  Gegenüber  diesen  mit
elementarer  Gewalt  durchbrechenden  Strömungen  verlor  ich  nicht  den
Kopf,  sondern  richtete  alle  meine  Bemühungen  auf  das  eine  Ziel:  Verhindern,
  daß  die  Krone  aus  diesem  Sturm  geschwächt  hervorgehe,  dahin
wirken,  daß  sie,  wenn  der  Sturm  sich  gelegt,  ebenso  fest  und  sicher  und
glanzvoll  dastehe  wie  vorher,  im  Innern  und  nach  außen,  vor  den  deutschen
Fürsten  und  vor  dem  deutschen  Volke.  Denn  die  Kaiserkrone  ist  der
Schluß-  und  Eckstein  unserer  Einheit,  Sicherheit  und  Zukunft.  Um  dies
Ziel  zu  erreichen,  durfte  ich  Seine  Majestät  den  Kaiser  diesesmal  nicht
dialektisch  verteidigen  wie  früher  im  Lippe-,  im  Swinemünder  und  in

Bülovs  -
Antwort
        <pb n="90" />
        60  DIE  AUFGEHELLTE  STIMMUNG  DER  NATION

vielen  ähnlichen  Fällen.  Damit  wäre  nichts  erreicht  worden.  Ich  durfte
auch  nicht  rein  advokatorisch  auftreten,  alles  Leugnen  und  Beschönigen
hätte  die  Sache  nur  schlimmer  gemacht.  II  fallait  faire  la  part  du  feu.
Ich  stellte  also  im  Reichstag  alles  richtig,  was  sich  sachlich  irgendwie
richtigstellen  ließ.  Ich  beschwichtigte  vor  allem  die  durch  das  Interview
vor  den  Kopf  gestoßenen  fremden  Mächte.  Ich  behandelte  die  Angelegenheit
mit  dem  Ernst,  den  die  Nation  erwartete  und  der  nich  selbst  erfüllte.  Daon
bat  ich  Seine  Majestät  um  die  Erklärung,  mit  der  ich  nicht  nur  Bundesrat
und  Staatsministerium,  die  erregter  waren  als  ich,  sondern  auch  die  Einsichtigen
  im  ganzen  Volk  beruhigte  und  ihr  Vertrauen  zu  Seiner  Majestät
wiederherstellte.  Als  das  geschehen  war,  sagte  ich  Ihrer  Majestät  der
Kaiserin,  daß  wenn  Seine  Majestät  der  Kaiser  sich  nur  sechs  Monate
zuhighielte  und  keine  neuen  Unvorsichtigkeiten  beginge,  alles  wieder  in
Ordnung  kommen  würde.  Meine  weitere  Taktik  war,  daß  ich  Seiner  Majestät
riet,  unmittelbar  nach  der  Krisis  zur  Zentenarfeier  in  das  Berliner  Rathaus
zu  gehen,  um  der  Welt  zu  zeigen,  daß  er  trotz  allem,  was  vurgelallen  wäre,
auch  im  Roten  Hause  unter  demokratischen  Stadtverordneten  gerade  so
sicher  sei  wie  überall  zwischen  Maas  und  Memel.  Ich  wirkte  weiter  dafür,
daß  zum  fünfzigsten  Geburtstag  Seiner  Majestät  alle  deutschen  Fürsten
erschienen  und  Seine  Majestät  umgaben.  Dann  kam  der  Besuch  des  Königs
von  England,  der  glatt  und  gut  verlief.  Und  endlich  sorgte  ich  auf  dem  Gebiete
  der  auswärtigen  Politik  dafür,  daß  Deutschland  und  mit  Deutschland
der  Kaiser  im  Frühjahr  d.  J.  nach  der  großen  diplomatischen  Winterkampagne
  so  stark  und  mächtig  dastanden  wie  seit  zwanzig  Jahren  nicht.
Das  waren  die  Worte,  die  vor  zwei  Monaten  ein  uns  nicht  besonders
freundliches  englisches  Blatt  gebrauchte.  Und  ein  russischer  Diplomat
schrieb  im  Mai:  Es  sei  mir  leider  gelungen,  die  supr@ämatie  allemande
wiederherzustellen,  dienach  Bismarcks  Rücktritt  glücklich  beseitigt  worden
wäre.  Auch  die  Stimmung  der  Nation  hellte  sich  auf  der  ganzen  Linie  auf.
Die  kleinen  Anläufe,  die  der  Reichstag  im  Sinne  einer  parlamentarischen
Beschränkung  der  kaiserlichen  Prärogativen  machte,  verliefen  im  Sande.
Als  ich  im  Mai  mit  den  Majestäten  dem  Sängerfeste  in  Frank[urt  a.  M,
beiwohnte  und  achtzehntausend  Sänger  das  Kaiserpaar  unter  grenzenlosem
Jubel  mit  der  Wagnerschen  Kaiserhymne  begrüßten,  sagte  ich  mir,  daß  das,
was  ich  Ihrer  Majestät  der  Kaiserin  im  November  in  Aussicht  gestellt  hatte,
in  Erfüllung  gegaugen  sei  und  daß  das  Land  unversehrt,  die  Krone  und  der
Kaiser  neu  gestärkt  aus  dem  Sturm  herausgekommen  wären.  Das  ist  der
wirkliche  Tatbestand,  die  historische  Wahrheit.  Ich  habe  dem  Kaiser
immer  treu  gedient,  nie  treuer  als  während  der  Novembertage.  Ich  habe  in
zwölljähriger  ministerieller  Tätigkeit  dem  Lande  und  dem  Kaiser  manchen
Dienst  geleistet,  niemals  größere  als  während  der  letzten  sechs  Monate
        <pb n="91" />
        NICHT  ESEL,  NICHT  SCHURKE  61

meiner  Amtszeit.  Du  kannst  Dir  denken,  welche  Verachtung  unter  diesen
Umständen  die  Verleumdungskampagne  in  mir  hervorruft,  die  gegen  mich
in  Szene  gesetzt  worden  ist.  Diese  Verachtung  überwiegt  auch  die  nicht
weniger  begreiflichen  Gefühle  der  Frbitterung  und  des  Zornes  über  so  viel
Niedertracht  und  so  ungeheure  Dummheit.  Sohn  eines  Diplomaten,  von
Jugend  auf  selbst  Diplomat,  Gesandter,  Botschafter,  Staatssekretär,
Reichskanzler,  während  zwölf  Jahren  Leiter  unserer  auswärtigen  Politik,
soll  ich  nach  den  konservativen  Blättern  die  gefährliche  Wirkung  des
bedenklichen  Teiles  des  Interviews  nicht  vorausgeschen  haben.  Nach
Herrn  Erzberger  und  den  klerikalen  Blättern  soll  ich  absichtlich  eine
Situation  herbeigeführt  haben,  die  das  Land  im  Innern  und  nach  außen  in
die  schwierigste  Situation  und  mich  selbst  als  Reichskanzler  in  die
unbequemste  und  gefährlichste  Lage  brachte,  in  der  sich  ein  Minister
befinden  kann.  Nein!  Ein  solcher  Esel  bin  ich  nicht  und  ein  Schurke  auch
nicht.  Welch  ein  Schauspiel  würde  es  sein,  wenn  den  durchschlagenden  und
ganz  unwiderleglichen  Erklärungen,  die  ich  kürzlich  dem  Kanzler  gegeben
habe,  Hofklatsch  und  Hintertreppenerzählungen  entgegengehalten  würden,
welche  Nahrung  würde  daraus  das  Gerede  über  Kamarilla  und  Persönliches
Regiment  ziehen!  Mein  Patriotismus  und  meine  Königstreue  lassen  mich
schweigen,  aber  nur  deshalb  schweige  ich.  Die  Parteien  sind  egoistisch.  Der
blauschwarze  Block  will  das  Odium  für  den  wenig  günstigen  Ausgang  der
Reichsfinanzreform  nicht  tragen  und  auch  nicht  die  volle  Verantwortung
für  meinen  Rücktritt.  Das  Zentrum  will  nicht  im  Lichte  niedriger  Rachsucht
  dastehen,  die  Konservativen  nicht  als  diejenigen,  die  einen  um  Landwirtschaft
  und  konservative  Interessen  verdienten  Kanzler  zum  Rücktritt
gezwungen  haben.  Deshalb  suchen  die  Parteien  das  Odium  auf  die  Krone
abzuladen.  Das  sind  die  Motive  der  Verleumdungskampagne,  von  der  Du
sagst,  daß  sie  Dich  mit  Widerwillen  erfüllt.  Es  war  mir  ein  Bedürfnis,  Dir
gegenüber  meinem  Herzen  Luft  zu  machen,  wo  uns  eine  so  alte  Freundschaft
verbindet  und  weil  Dein  Brief  mir  tiefes  Verständnis  zeigt.  Wir  werden  uns
freuen,  bei  unserer  Durchreise  nach  Rom  bei  Dir  zu  essen,  und  hoffen  sehr
auf  Deinen  Besuch  in  Rom.  Immer  Dein  treu  ergebener  Bülow.“
        <pb n="92" />
        Wiederbegegnung
  mit
dem  Kaiser

VI.  KAPITEL

In  Berlin  »  Unterrednng  mit  Bethmann  im  Oktober  1909  .  Frühstück  bei  den  Majestäten
im  Neuen  Palais  «  Die  Soirce  zum  Geburtstag  der  Kaiserin  am  22.  X.  1909  .  Letzte
Begegnung  zwischen  Fürst  Bülow  und  Wilhelm  II.  vor  dem  Ausbruch  des  Weltkriegs
Reise  nach  Beru  -  Wiedersehen  mit  dem  Bruder  Alfred  -  Ankunft  in  Rom  -  Die  Villa
Malta  »  Geschichtliches  «  Erster  Gang  zum  Kapitol  «  Leben  in  Rom  -  Barriere  »  Das
Pamphlet  „Deutsche  Machthaber“  «  Der  Chef  der  Reichskanzlei  von  Locbell

m  21.  Oktober  trafen  wir  aus  Norderney  wieder  in  Berlin  ein.

Bethmann  erschien  sogleich  bei  mir  im  Hotel  Adlon,  um  mir  zu  sagen,
wie  dankbar  er  mir  wäre,  daß  ich  keine  Preßkampagne  begonnen  hätte.  Er
wisse,  wie  viele  inländische  Publizisten  aller  Parteien  und  auch  ausländische
Journalisten  sich  mir  zur  Verfügung  gestellt  hätten.  Noch  dankbarer  sei  er
dafür,  daß  ich  keinen  Preßprozeß  gegen  Theodor  Schiemann  und  Matthias
Erzberger  angestrengt  habe.  Die  Konsequenzen  eines  solchen  für  den
Kaiser  wären  ja  ganz  unberechenbar  gewesen.  „Eure  Durchlaucht“,
erklärte  er  nicht  ohne  Emphase,  „haben  sich  dadurch  wiederum  und  von
neuem  ein  hohes,  ein  sehr  hohes  Verdienst  um  die  Krone  und  damit  auch
um  das  Land  erworben.“

Am  nächsten  Vormittag  war  ich  mit  meiner  Frau  bei  den  Majestäten  im
Neuen  Palais  zum  Frühstück  geladen.  Der  Kaiser  begrüßte  mich,  als  ob
er  mich  am  Tage  vorher  zum  letztenmal  geschen  hätte  und  zwischen  uns
gar  nichts  vorgefallen  wäre,  sprach  aber  bei  Tisch  nur  über  das  Aquarium  des
Professors  Dohrn  in  Neapel,  das  er  meiner  besonderen  Obhut  empfahl.  Nach
Tisch  ging  er  mit  zwei  gleichfalls  eingeladenen  deutschen  Diplomaten,  dem
Botschafter  in  Japan,  Herrn  von  Mumm,  und  dem  Gesandten  in  Marokko,
Dr.  Rosen,  im  Park  spazieren,  ohne  sich  weiter  mit  mir  zu  beschäftigen.

Die  Kaiserin,  die  durch  dieses  seltsame  Benehmen  in  große  Verlegenheit
  versetzt  zu  sein  schien,  frug  mich  mit  rührender  Liebenswürdigkeit,
  ob  ich  nicht  einige  Albums  mit  ihr  ansehen  wolle,  die  wunderhübsche
  Photographien  enthielten.  Während  wir  die  Photographien
betrachteten,  sagte  sie  mir:  „Der  Kaiser  hatte  heute  morgen  so  Kopfweh,
er  muß  an  die  Luft.“  In  ihrem  Verhältnis  zum  Kaiser  lag  trotz  ihrer
Gleichaltrigkeit  etwas  Mütterliches.  Als  ich  mit  Rosen  und  Mumm  nach
Hause  fuhr,  erzählten  mir  beide,  der  Kaiser  habe  ihnen  mit  mehr  Phantasie
        <pb n="93" />
        ARBITER  MUNDI  63

als  Vernunft  den  Gedanken  entwickelt,  daß  in  allernächster  Zeit  ein  Krieg
zwischen  Amerika  und  Japan  ausbrechen  würde.  Auf  diesen  Krieg  lauere
er  schon  seit  zwanzig  Jahren  und  sei  mehr  wie  je  davon  überzeugt,  daß  ein
solcher  Konflikt  ihm  die  Entscheidung  über  das  Geschick  der  Welt  in  die
Hände  spielen  würde.  Mumm  hatte,  unterstützt  von  Rosen,  vergeblich
widersprochen.

Am  Abend  fuhren  wir  wieder  nach  Potsdam.  Die  Soiree  zu  Ehren  des
Geburtstags  der  Kaiserin  war  sehr  glänzend  und  dauerte  lange.  Der  Kaiser
konnte  sich  aber  nicht  entschließen,  mich  anzusprechen.  Statt  dessen  zog
er  meine  Frau  in  eine  fast  anderthalbstündige  Konversation.  Er  vermied
dabei,  im  Gegensatz  zu  der  langen  politischen  Unterredung,  mit  der  er  sie
beim  Abschiedsdiner  im  Juli  beehrt  hatte,  jede  politische  Anspielung.
Dagegen  wollte  er  Näheres  über  die  Villa  Malta  hören  und  wissen,  ob  meine
Frau  sie  so  schön  einrichten  würde  wie  seinerzeit  das  Reichskanzlerpalais.
Der  Kaiser  hatte  eine  hohe  Meinung  von  dem  künstlerischen  Verständnis
und  dem  Geschmack  meiner  Frau  und  sagte  nicht  lange  nach  meinem
Rücktritt  zu  Albert  Ballin,  der  es  mir  wiedererzäblte:  „Um  Bülow  ist  es
nicht  schade,  aber  der  Fortgang  seiner  Frau  von  Berlin  ist  ein  wahrer
Verlust.  Sie  repräsentierte  in  dem  nüchternen  und  prosaischen  Berlin  das
Cinquecento.‘“  An  jenem  letzten  Abend  im  Neuen  Palais  ließ  der  Kaiser
übrigens  meiner  Frau  gegenüber  die  etwas  gereizte  Bemerkung  fallen:  „Sie
sind  wahrscheinlich  ganz  froh,  daß  Sie  mich  luswerden,  und  Sie  und
Bernhard  werden  in  Rom  in  Ihrer.  herrlichen  Villa  Malta  ein  viel  angenehmeres
  Leben  führen,  als  ich  es  hier  habe.“  Die  Soiree  im  Neuen
Palais  ging  zu  Ende,  ohne  daß  der  Kaiser  mich  angesprochen  hätte.  Um  so
mehr  war  die  Kaiserin  ostentativ  bemüht,  durch  wiederholte  freundliche
und  herzliche  Ansprachen  das  von  ihrem  hohen  Gemahl  Versäumte
nachzubolen.

Ich  habe  den  Kaiser  erst  fünf  Jahre  später  wiedergesehen,  im  August
1914,  wenige  Tage  nachdem  Wilhelm  II.,  schlecht  beraten  von  Bethmann
und  Jaguw,  aber  auch  durch  eigene  Leichtfertigkeit  und  Hybris  in  den  Krieg
gestolpert  war,  der  den  Zusammenbruch  unseres  stolzen,  mächtigen,
glücklichen  Reichs  herbeiführen  sollte.  Ich  will  keinen  Zweifel  darüber
lassen,  daß  die  Undankbarkeit  Wilhelms  II.  und  selbst  seine  Unarten
meine  dynastische  Treue  wie  meinen  preußischen  und  deutschen  Patriotismus
  selbstverständlich  in  keiner  Weise  zu  erschüttern  vermochten.
Ich  dachte  an  unseren  alten  Herrn,  Wilhelm  I.,  und  an  die  Worte,  die  er
nach  dem  Tode  meines  Vaters,  im  Oktober  1879,  in  Frankfurt  a.M.  an
mich  gerichtet  hatte,  ich  dachte  an  unseren  lieben  Kaiser  Friedrich.  Wenn
ich  in  dieser  Beziehung  noch  einer  Stärkung  bedurft  hätte,  so  wurde  sie
mir  zuteil,  als  die  Großherzogin  Luise  von  Baden,  die  Tochter  Kaiser
        <pb n="94" />
        Reise  Bülots
nach  Bern

64  „ICH  BIN  NICHT  UNDANKBAR"

Wilhelms  I.,  die  Schwester  des  Kaisers  Friedrich,  mich  in  das  Niederländische
  Palais  zu  sich  bitten  ließ.  Mit  der  Würde  und  Hoheit,  aber  auch
mit  der  edlen  Gesinnung  und  Herzensgüte,  die  ihr  eigen  waren,  sagte  sie  zu
mir:  „Es  ist  mir  cin  Bedürfnis,  als  Tochter  meines  Vaters  und  Schwester
meines  Bruders,  Ihnen  zu  danken  für  die  treuen  und  ausgezeichneten
Dienste,  die  Sie  während  zwölf  Jahren  Preußen  und  dem  königlichen
Hause  wie  dem  Deutschen  Reich  geleistet  haben.  Ich  werde  diese  Dienste
und  Verdienste  niemals  vergessen.“  Die  erlauchte  Frau  hatte  viel  zu  viel
Taktgefühl,  als  daß  sie  die  Differenzen  zwischen  ihrem  kaiserlichen  Neffen
und  mir  berührt  hätte.  Nur  beim  Abschied,  als  sie  mir  die  Hand  zum  Kusse
reichte,  meinte  sie,  indem  sie  das  Wörtchen  „ich“  betonte:  „Ich  bin  nicht
undankbar.“

Wenige  Tage  nach  jener  glänzenden  Soiree  im  Potsdamer  Neuen  Palais,
mit  der  Wilhelm  Il.  den  zweiundfünfzigsten  Geburtstag  seiner  Gemahlin
feierte,  führte  mich  der  Schnellzug  von  Berlin  nach  Bern,  wo  mein  Bruder
Alfred  seit  einem  Jahrzehnt  das  Deutsche  Reich  bei  der  Schweizer  Eidgenossenschaft
  vertrat.  Das  Wiedersehen  mit  ihm  trug  dazu  bei,  mich  in
ruhiger  und  gefaßter  Stimmung  zu  erhalten  und  zu  befestigen.  Mein
Bruder  war  eine  im  wahren  Sinne  religiöse  Natur.  Mein  Rücktritt  erschien
ihm  alles  in  allem  als  eine  glückliche  Wendung  für  mich,  für  die  ich  Gott
dankbar  sein  müsse.  Was  hülfe  es  dem  Menschen,  so  er  die  ganze  Welt
gewönne  und  nähme  doch  Schaden  an  seiner  Seele?  Solchen  Gefahren  setzte
nach  seiner  Meinung  jede  hohe  Stellung  nur  zu  leicht  ihren  Inhaber  aus.

Mein  Bruder  erfreute  sich  durch  seine  unbedingte  Zuverlässigkeit,
seine  aufrechte  Art  und  sein  gemütvolles  Wesen  großer  Achtung  und  Beliebtheit
  bei  den  kernigen  und  biederen  Eidgenossen,  die  gerade  diese
Eigenschaften  und  solche  Naturen  zu  schätzen  wissen.  Als  einmal  zwischen
Deutschland  und  der  Schweiz  in  der  Gotthard-Frage  Differenzen  entstanden
waren,  empfahl  ein  Vertreter  des  Schweizer  Bundesrats  im  Nationalrat  die
Erfüllung  der  deutschen  Wünsche  damit,  daß  der  Gesandte  von  Bülow  sie
vertrete,  von  dem  der  Bundesrat  überzeugt  wäre,  daß  er  ein  gerecht
denkender  Mann  und  ein  guter  Freund  der  Schweiz  sei.  In  der  nachbismarckischen
  Zeit  machte  sich,  noch  dazu  unter  gotteslästerlicher  Berufung
  auf  Bismarck  und  unter  dem  Einfluß  der  Allüren  und  der  Wesensart
Wilhelms  II.,  bei  uns  die  Auffassung  breit,  es  sei  gar  nicht  die  Aufgabe  des
deutschen  Auslandsvertreters  und  nicht  einmal  wünschenswert,  daß  er  sich
auf  seinem  Posten  beliebt  mache.  Unserem  klugen  und  geschickten  Botschafter
  bei  den  Vereinigten  Staaten,  dem  Baron  Speck  von  Sternburg,
wurde  seine  Popularität  in  Amerika  geradezu  zum  Vorwurf  gemacht.  Ein
deutscher  Vertreter,  hieß  es,  möge,  statt  auf  Beliebtheit  auszugehen,  lieber
danach  trachten,  mit  drohend  gerunzelter  Stirn  und  gelegentlich  mit
        <pb n="95" />
        BEBEL  ÜBER  BISMARCK  65

gepanzerter  Faust  den  Fremden  Furcht  einzujagen  und  jedenfalls  ihnen
zu  „imponieren“.  Nun  Hat  Fürst  Bismarck  es  wiederholt  als  eine  der
vornehmsten  Pflichten  des  deutschen  Vertreters  im  Ausland  bezeichnet,
sich  in  seinem  Wirkungskreis  ein  solches  Vertrauen  und  so  starke
Sympathien  zu  erwerben,  daß  er  auch  im  Falle  sachlicher  Differenzen
zwischen  dem  Lande,  bei  dem  er  beglaubigt  wäre,  und  seinem  eigenen
Lande  „als  Matratze‘  dienen  könne,  welche  die  Stöße  auffange.  Der
Gesandte  müsse  ein  möglichst  großes  Kapital  von  Beliebtheit  ansammeln,
  damit  er,  wenn  an  der  Zentralstelle  Dummheiten  begangen
würden,  von  diesem  seinem  Schatz  noch  leben  könne,  bis  bessere  Zeiten
kämen.  Wilhelm  von  Humboldt  hat  den  feinsten  menschlichen  Takt
für  die  oberste  Maxime  der  Diplomatie  erklärt.  Und  selbst  Talleyrand,
der  nicht  sentimental  war,  meinte:  „C’est  la  bienveillance  qui  fait  les
grandes  affaires.“

Mein  Bruder  sah  in  seinem  Hause  viele  Schweizer.  Einer  von  ihnen,  ein
Züricher,  erzählte  mir,  daß  er  in  seiner  Heimatstadt  bisweilen  August
Bebel  begegnet  sei,  der  dort  bei  seiner  in  Zürich  an  einen  Arzt  verheirateten
  Tochter  geweilt  habe.  Bebel  habe  in  seinem  Beisein  nach  meinem
Rücktritt  geäußert:  Wenn  er  nicht  Atheist  wäre,  würde  er  glauben,  daß
Gott  es  mit  der  deutschen  Sozialdemokratie  besonders  gut  meine.  1890  habe
Fürst  Bismarck  gegen  sie  zu  einem  furchtbaren  Schlage  ausgeholt.  Sie
würde,  wie  er  glaube,  die  Prüfung  ertragen  und  überwunden  haben;  es  wäre
aber  doch  eine  schwere  Heimsuchung  geworden.  Da  habe  Wilhelm  II.
seinem  großen  Kanzler  den  Stuhl  vor  die  Tür  gesetzt,  damit  sich  selbst
eines  gewaltigen  Ministers  beraubt  und  Zwiespalt  in  die  Reihen  der  Nichtsozialdemokraten
  getragen.  Sechzehn  Jahre  später  habe  Fürst  Bülow  versucht,
  der  Sozialdemokratie  in  anderer  Weise  beizukommen;  nicht  mit  der
Wucht  und  der  Rücksichtslosigkeit  von  Bismarck,  aber  vielleicht  in  einer
für  sie  gefährlicheren  Manier.  Er  habe  einen  Keil  zwischen  die  Arbeiterpartei
  und  das  liberale  Bürgertum  getrieben,  der  Sozialdemokratie  mit  einer
zündenden  nationalen  Wahlparole  viele  Mitläufer  entzogen,  ihr  die  empfindlichste
  Niederlage  beigebracht,  die  sie  in  Deutschland  jemals  erlitten
hätte.  Nach  seinem  Wahlsieg  sei  er  gewillt  gewesen,  durch  zeitgemäße
Reformen,  durch  freiwillige  Zugeständnisse  im  Geist  der  modernen  Entwicklung
  der  Sozialdemokratie  den  Wind  aus  den  Segeln  zu  nehmen.  Tatsächlich
  sei  seitdem,  dank  der  geschickten  Bülowschen  Taktik,  die  Stimmung
  gegenüber  der  Sozialdemokratie  in  Deutschland  eine  ungünstigere
geworden.  Gleichzeitig  hätten  innerhalb  der  Sozialdemokratie  die  Revisionisten
  mehr  und  mehr  an  Boden  gewonnen.  „Da  schmeißt  Wilhelm  II.  auch
Bülow  hinaus.  Ja,  der  liebe  Gott  meint  es  wirklich  gut  mit  den  unentwegten
Sozialdemokraten.“

&amp;lt;=  Bülow  III
        <pb n="96" />
        Ankunft

in  Rom

In  der
Villa  Malta

66  WOLLTE  BÜLOW  ZURÜCKKOMMEN?

Über  oder  richtiger  gesagt  durch  den  Gotthard,  den  ich  einst  zu  Fuß
überschritten  hatte,  führte  uns  der  Eisenbahnzug  weiter  nach  Italien,  nach
Rom,  das  mich  nach  zwölf  Jahren  wieder  aufnahm,  Ich  habe  die  beruhigende,
  die  heilende,  klärende  und  aufrichtende  Kraft  der  Ewigen  Stadt
nie  stärker  empfunden,  als  nachdem  ich  mich  vom  Reichskanzleramt  und
damit  von  der  Macht,  dem  Einfluß,  der  Möglichkeit,  Gutes  und  Nützliches
zu  wirken,  aber  auch  von  den  Enttäuschungen,  Bitternissen  und  Sorgen
dieses  Amts  nach  menschlicher  Voraussicht  für  immer  getrennt  hatte.  Die
Ranküne  des  in  seiner  Eitelkeit  verletzten  Kaisers,  der  kleinliche  Haß  der
Parteien,  die  ich  im  Staatsinteresse  bekämpft  hatte,  die  unruhige  Eifersucht
des  mit  allen  Kräften  an  seinem  Posten  klebenden  Bethmann,  die  so  weit
ging,  daß  er  während  der  Kriegsjahre  meinen  persönlichen  Verkehr  im
Hotel  Adlon  durch  Geheimagenten  überwachen  ließ,  haben  mir  angedichtet,
ich  verzehrte  mich  in  dem  Verlangen,  wieder  in  das  Reichskanzlerpalais
einzuziehen.

D  überstelleich  klippund  klar  dienachstehenden  drei  Punktefest:

l.  Ich  würde,  wenn  ein  solcher  Ruf  an  mich  ergangen  wäre,  jederzeit
bereit  gewesen  sein,  die  Führung  der  Geschäfte  wieder  zu  übernehmen.

2.  So  weit  menschliche  Voraussicht  reicht,  bin  ich  überzeugt,  daß  ich,
vor  Ende  Juli  1914  zurückgerufen,  den  Ausbruch  des  Krieges  verhindert
hätte.  Unter  allen  Umständen  würde  ich,  wenn  ich  vor  der  Überreichung
des  Ultimatums  an  Serbien  um  meine  Meinung  gefragt  worden  wäre,
von  einer  solchen  Dummheit  mit  allen  Kräften  abgeraten  haben,  wie  ich
den  Weichensteller  aufgerüttelt  haben  würde,  den  ich  vor  der  Einfahrt
zweier  sich  kreuzender  Eisenbahnzüge  schlafend  angetroflen  hätte.  Jedenfalls
  und  unter  allen  Umständen  würde  ich  im  Juli  1914  darauf  bestanden
haben,  daß  Österreich  manu  militari  gegen  Serbien  erst  nach  eingehender
Prüfung  der  serbischen  Antwort  durch  Deutschland  und  mit  deutscher  Erlaubnis
  vorgehen  dürfe.

3.  Weder  in  die  Situation  eingeweiht  noch  jemals  um  Rat  gefragt,
konnte  ich  nicht  helfen.  Ich  wußte  aus  langer  Praxis  zu  gut,  daß  sich  ohne
genaue  Kenntnis  der  ganzen  politischen  Lage  wohl  kannegießern,  aber  kein
Rat  erteilen  läßt.  Daß  ich  versucht  hätte,  nach  meinem  Rücktritt  durch
Intrigen  wieder  an  die  Spitze  zu  kommen,  ist  eine  alberne  Verleumdung.

In  Rom  nahm  uns  die  Villa  Malta  auf,  die  ich  fünf  Jahre  früher  gekauft
hatte  dank  einer  Erbschaft,  die  ich  von  einem  Vetter  meiner  Mutter,
Wilhelm  von  Godeffroy,  gemacht  hatte.  Mein  im  Beginn  meiner  Aufzeichnungen
  erwähnter  Urgroßvater  Martin  Johann  Jenisch  hatte  drei  Töchter.
Die  älteste  heiratete  meinen  Großvater  Wilhelm  Rücker,  die  zweite  den
hanseatischen  Gesandten  in  Berlin  Karl  Godeffroy,  dessen  Vorfahren  aus
Genf  nach  Hamburg  gekommen  waren,  die  jüngste  den  gleichfalls  schon
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        GESCHICHTE  EINER  RÖMISCHEN  VILLA  67

von  mir  genannten  preußischen  Oberstkämmerer  Graf  Wilhelm  Redern.
Sie  war  eine  nicht  nur  äußerlich,  sondern  auch  innerlich  vornehme  T'rau,
voll  Hamburger  Bürgerstolz,  dabei  schlagfertig.  Bald  nach  ihrer  Heirat
richtete  in  Berlin  ein  alberner  Prinz  an  sie  die  Frage:  „Womit  handelt  Ihr
Herr  Vater  ?“  Sie  antwortete:  „Mit  Klugheit  und  Verstand.‘  Der  Gesandte
Karl  Godeffroy  hatte  nur  einen  Sohn,  den  später  von  Preußen  in  den  Adelsstand
  erhobenen  Wilhelm.  Der  war,  was  die  Menschen  einen  Sonderling
nennen,  hat  aber  mehr  Gutes  getan  und  besaß  einen  edleren  Kern  als  die
meisten  Weltleute.  Er  war  in  kleinen  Dingen  ungemein  genau.  Er  konnte
in  sechs  oder  acht  Schuhmacherläden  vorsprechen,  bevor  er  sich  für  das
billigste  Paar  Stiefel  entschied,  Er  bestand  noch  während  seiner  letzten
Krankheit  darauf,  daß  das  Pfand  für  die  von  ihm  ausgetrunkenen  leeren
Mineralwasserflaschen  eingelöst  würde.  Dabei  war  er  jederzeit  bereit,  für
wirklich  gute  und  edle  Zwecke  Hunderttausende  zu  geben.  Die  schöne
neue  Kirche  in  Blankenese  ist  von  ihm  erbaut  worden;  er  schenkte  der
Hamburger  Michaeliskirche  ihre  Orgel,  eine  der  schönsten  Orgeln  in
Deutschland.

Als  es  zum  Sterben  ging,  ließ  er  seinen  Generalbevollmächtigten
kommen  und  forderte  ihn  auf,  ihm  alle  Schuldverschreibungen  vorzulegen.
Als  sehr  reicher  Mann  war  Wilhelm  von  Godeffroy  von  vielen  Seiten  um
Darlehen  angegangen  worden.  Er  ließ  alle  Schuldverschreibungen  vor
seinen  Augen  verbrennen,  dann  griff  er  nach  dem  Neucn  Testament  mit  den
Worten:  „Nun  willich  nur  noch  an  Gott  denken.“  Bald  nachher  verschied
er.  Er  hat  etwa  zwanzig  Millionen,  eine  damals  sehr  bedeutende  Summe,
für  mildtätige  Stiftungen  aller  Art  hinterlassen.  Er  empfand  für  mich,  den
ältesten  Sohn  der  ältesten  Schwester  seiner  Mutter,  seit  meiner  Jugend
großes  Wohlwollen,  später  besondere  Verehrung  und  hat  dies  auch  in  seinem
Testament  ausgesprochen.  Er  war  ein  guter  Christ  und  ein  guter  Patriot.

Mit  der  Erwerbung  der  Villa  Malta  erfüllte  ich  einen  Wunsch  meiner
Frau.  Ich  kaufte  das  schöne  Haus,  obwohl  ich  es  nur  einmal  in  meinem
Leben  gesehen  hatte,  und  zwar  nur  abends,  anläßlich  eines  Diners  bei  dem
damaligen  Besitzer,  dem  russischen  Grafen  Leon  Bobrinski.  Ich  hatte  aber
volles  Vertrauen  zu  dem  Urteilund  dem  Geschmack  meiner  Frau.  Ferdinand
Gregorovius  beginnt  seine  1888  geschriebene  Monographie  über  die  Villa
Malta  mit  den  Worten:  „Diese  Villa  hätte  wohl  verdient,  deutsches  Eigentum
  zu  bleiben,  denn  manche  vaterländischen  Erinnerungen  haften  an  ihr.
Vierzig  Jahre  lang  ist  sie  das  Sanssouci  des  kunstliebendsten  aller  deutschen
Fürsten  gewesen.  Ludwig  von  Bayern  hat  dort  oftmals  Hof  gehalten,  nicht
mit  besternten  Diplomaten,  sondern  mit  lebensfrohen  und  talentvollen
Künstlern.“  Gregorovius  fährt  fort:  „Der  Ursprung  der  Villa  Malta  ist  sehr
vornehm,  ihr  Stammbaum  wuchs  in  den  Gärten  des  Lukull.  Zur  Zeit  des

5°
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        68  DER  GARTEN  DER  MESSALINA

Claudius  gehörte  sie  dem  Konsular  Valerius  Asiaticus,  den  Messalina  in  den
Tod  trieb,  um  sein  Landhaus  zu  besitzen.  Tacitus  erzählt,  daß  vor  den
Augen  des  Verurteilten  der  Scheiterhaufen  errichtet  wurde,  aber  daß  Valerius
  bat,  diesen  an  eine  andere  Stelle  zu  verlegen,  damit  der  Feuerqualm
die  Baumgruppen  seiner  geliebten  Villa  verschone.  Im  Garten  der  Villa
Malta  stehen  noch  heute  prächtige  Bäume,  drei  Palmen,  Zitronen-  und
Orangenbäume,  Pinien  und  Zypressen,  hohe  alte  Lorbeeren.‘“  Leider  kann
ich  nicht  verschweigen,  daß  der  Garten  der  Villa  Malta  nach  Gregorovius
auch  das  Lusttheater  für  die  Ausschweifungen  der  Messalina  gewesen  ist.
Dafür  ereilte  sie  hier  die  rächende  Nemesis.  Als  Claudius  die  Kaiserin  umzubringen
  befahl,  fanden  sie  seine  Zenturionen  auf  der  Erde  liegend,  den
Dolch  in  der  zarten  Hand,  doch  mutlos,  sich  selbst  den  Todesstoß  zu  geben.
Ein  Tribun  erstach  sie.  Statt  sich  durch  das  Ende  der  Messalina  warnen
zu  lassen,  schwelgten  auch  die  schreckliche  Agrippina  und  ihr  Sohn  Nero
in  derselben  Villa.  Der  Östgotenkönig  Theodorich  beraubte  sie  ihrer  Kunstschätze,
  um  sienach  Ravenna  zu  entführen.  Belisar  hatte  in  ihr  sein  Hauptquartier,
  als  er  Rom  gegen  die  Germanen  verteidigte.  „So  endigt‘“,  schreibt
Ferdinand  Gregorovius,  „die  antike  Geschichte  Roms  eigentlich  in  jenen
Gärten  des  Lukull.“

Lang  ist  die  Reihe  der  Bewohner  der  alten  Villa  Malta,  seitdem  sich
in  den  Tagen  der  Renaissance  die  tiefe  Nacht  der  Barbarei  lichtete,  die
sich  nach  den  Gotenkriegen  auf  das  verödete  Rom  niedergesenkt  hatte:
die  Kardinäle  De  Torres,  Imperiali,  Marini  und  Acquaviva,  der  Botschafter
  des  Malteserordens,  der  Bailli  de  Breteuil,  welcher  der  Villa  ihren
jetzigen  Namen  gab,  die  Königin  Kasimira  von  Polen,  die  Witwe  des
Königs  Johann  Sobieski,  der  Erzherzog  Maximilian  von  Österreich,  ein
Bruder  des  Kaisers  Josef  II.,  Prinz  Georg  von  Strelitz,  ein  Bruder  der
Königin  Luise,  und  manche  andere  Notabilitäten  haben  in  ihr  geweilt.

Der  Garten  der  Villa  mit  seinen  berühmten  Rosen,  die  bis  zu  den
Terrassen  emporklettern  und  der  Villa  den  Beinamen  „Villa  delle  Rose“
verschafft  haben,  mit  seinen  Veilchen,  Nelken  und  Wasserlilien  war  meiner
Frau  und  mir  eine  immer  neue  Freude.  Ich  verstand  Frau  von  Helvetius,
wenn  sie  mit  Bezug  auf  ihren  kleinen  Garten  in  Auteuil  zu  dem  sie  besuchenden,
  aus  Ägypten  zurückkehrenden  General  Bonaparte  sagte:  „Sie
wissen  nicht,  wieviel  Glück  man  auf  drei  Morgen  Land  finden  kann.“
Gocthe  pflanzte  1789  im  Garten  der  Villa  Malta  die  herrliche  Palme,  die
dort  noch  heute  ihr  Haupt  wiegt.  Herder,  der  in  der  Begleitung  der  Herzogin
Amalie  von  Weimar  Rom  besuchte  und  dem  ahnungslosen  Papst  Pius  VI.
als  Vescovo  di  Weimar  vorgestellt  wurde,  stand  griesgrämig  am  Laghetto
im  Garten  der  Villa,  und  die  Hofdame,  Fräulein  von  Göchhausen,  die
Retterin  des  „Urfaust‘,  schrieb  tadelnd  über  ihn  nach  Hause:  „Wem’s  in
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        IM  WECHSEL  DER  ZEITEN  69

Rom  wch  ist,  dem  wird’s  nirgends  wohl  werden.“  Goethe  war  anders  als
Herder.  Als  König  Ludwig  ihm  am  26.  März  1829  mitteilte,  daß  er  die  Villa
Malta  erworben  habe,  meinte  unser  größter  Dichter  voll  Begeisterung  zu
seinem  treuen  Eckermann:  von  dieser  Villa  aus  könne  man  das  ganze  Rom
überschauen.  Es  sei  eine  Aussicht,  welche  zu  genießen  man  weit  reisen
würde.  Goethe  läßt  durch  seinen  Diener  Friedrich  einen  Kupferstich  von
Rom  kommen.  „Sehen  Sie“,  sagt  er  zu  Eckermann,  „was  das  für  eine  Lage
ist.  Das  ganze  Rom  streckt  sich  ausgebreitet  vor  Ihnen  hin.  Der  Hügel  ist
so  hoch,  daß  Sie  gegen  Mittag  und  Morgen  über  die  Stadt  hinausschen.
Hier  liegt  Sankt  Peter,  dort  der  Vatikan.  Der  König  hat  sich  wahrlich  einen
schönen  Platz  ausgesucht.“

Auch  der  große  Name  von  Wilhelm  von  Humboldt  ist  mit  der  Villa  verbunden.
  Er  zog  dort  1801  ein,  begleitet  von  Frau  und  Kindern,  unter  diesen
die  kleine  Gabriele,  die  später  meinen  Großonkel  Heinrich  Bülow  heiraten
sollte,  den  1846  verstorbenen  preußischen  Gesandten  in  London  und
Minister  des  Äußern.  Caroline  von  Humboldt  schrieb  am  9.  Dezember  1802
aus  Rom  an  ihre  Freundin  Charlotte  von  Schiller:  „Wir  haben  hier  in  der
Villa  Malta  die  schönste  Aussicht:  halb  Rom,  die  Peterskirche,  die  Latinergebirge,
  die  großen  und  einzeln  liegenden  Bergmassen,  die  den  römischen
Horizont  begrenzen.“

Als  Wilhelm  von  Humboldt  sich  von  Rom  hatte  trennen  müssen,
nach  dem  er  sich  oft  zurücksehnte,  wenn  ihn  ein  graulicher  Tag  hinten
im  Norden  empfing,  wurde  die  Villa  Malta  das  Künstlerheim  der  „Lukasbrüder“,
  Overbeck,  Vogel,  Pforr.  1827  erwarb  sie  König  Ludwig  von
Bayern,  der  aus  ihr  1829  in  seinem  kuriosen  Stil  an  Goethe  schrieb:
„Erfreulich:  in  seinem  eigenen  Garten,  in  freyer  Erde  wurzelnd,  zu  dem
freyen  Himmel  ragend,  aus  dunklem  Laub  die  Goldorangen  blühend  zu
sehen.  Nach  meinem  ersten  Aufenthalt,  zwölf  Jahre  lang  sehnte  ich  mich
wie  nach  einer  Geliebten  nach  Roma,  jetzo  freue  ich  mich  hierherzukommen,
  wie  es  freut,  eine  Freundin  wiederzusehen,  der  Zauber  ist  verschwunden,
  einheimisch  bin  ich,  genieße  mit  Ruhe.  Von  des  Thrones  Kette
habe  ich  mich  für  einige  Zeit  befreyt.  Lebe  als  Privatmann  glücklich.  Mit
den  Ihnen  bekannten  Gesinnungen  gegen  Teutschlands  größten  Dichter
bin  ich,  Herr  Staatsminister,  der  Ihren  Wert  erkennende  Ludwig.“  Das
bescheidene  Häuschen,  in  dem  der  Bayernkönig  so  viele  Winter  verbrachte,
dient  jetzt  als  Gärtnerwohnung.  Graf  Bobrinski  hatte  Anfang  der  siebziger
Jahre  ein  neues,  nicht  allzu  geräumiges,  aber  mit  künstlerischem  Verständnis
  und  viel  Geschmack  errichtetes  Palais  erbaut,  in  das  wir  einzogen,
das  meine  Frau  mit  unseren  Bildern,  Gobelins,  Teppichen  und  Möbeln
schmückte  und  in  dem  ich  den  größeren  Teil  meiner  Bibliothek  aufstellte,
die  mein  Vater  mit  Liebe  angelegt  und  die  ich  selbst  mit  Sorgfalt  vervoll-
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        70  DIE  EWIGE  STADT

ständigt,  erheblich  vergrößert  und  durch  manchen  seltenen  Druck  bereichert
  habe.  Den  großen  Salon  der  Villa  Malta  ziert  ein  von  Graf  Bobrinski
in  den  sechziger  Jahren  des  neunzehnten  Jahrhunderts  in  Venedig
gekaufter  herrlicher  Fries  von  Paolo  Veronese,  der  den  Wettstreit  des
strahlenden  Gottes  des  Gesauges  und  Saitenspiels,  Phoebus  Apollo,  mit
dem  eitlen  Ilötenbläser  Marsyas  darstellt.  Ich  selbst  habe  später  für  die
große  Halle  einen  Tries  des  Cinquecento-Malers  Marcello  Fogolino  erworben,
  der  uns  den  Triumph  des  Bacchus  vor  Augen  führt,  mit  einer  prächtig
  gezäumten  Löwin,  mit  Schildkröten  und  Putten.  Der  schönste  Schmuck
der  Halle  ist  ein  kunstvoller  Marmorkamin  deutschen  Ursprungs,  den
Bobrinski  aus  dem  am  Tiber  gelegenen  Palazzo  Altemps  erwarb.  Diesen
Palast  hat  im  sechzehnten  Jahrhundert  Marcus  Siticus  erbaut,  aus  dem
oberrheinischen  Geschlecht  Hohenems.  Der  hatte  als  tapferer  Condottiere
gegen  Florentiner  und  Türken  gefochten,  vertauschte  aber  das  Koller  mit
der  Soutanc,  als  er  bei  einem  Wagensturz,  nicht  weit  von  San  Pietro  in
Vincoli,  wie  durch  ein  Wunder  dem  Tode  entging.  Er  wandelte  seinen
deutschen  Namen  Hohenems  in  den  römischen  Altemps  (Alta-Ems)
um.  Vor  seinem  Wagenunfall  soll  er  mit  einer  schönen  Genueserin  einen
Sohn  gezeugt  haben,  der  Ahnherr  des  Hauses  Altemps  wurde.  Marcus
Siticus  wurde  Nunzius  am  Wiener  Hofe  und  fungierte  als  Legat  beim
Konzil  in  Trient,  wo  er  sich  als  scharfer  Ketzerfeind  betätigte.  Er  liegt
in  Rom  begraben,  in  der  Kapelle  del  Sacramento  in  Santa  Maria  in
Trastevere.  In  seiner  monumentalen  Geschichte  der  Päpste  gedenkt
Ludwig  von  Pastor  des  Kardinals  Marcus  Siticus,  der  Villa  Malta  und  des
Kamins  in  der  Villa  Malta.

Mein  erster  Gang  in  Rom  galt  dem  Blick  vom  Kapitol  hinab  auf  das
Forum  und  hinüber  zum  Palatin.  Das  Forum!  „And  in  yon  field  below,
a  thousand  years  of  silenced  factions  sleep.‘  Bei  diesem  Anblick  und  in  Erinnerung
  an  die  Byronschen  Verse  überkam  mich  eine  Ahnung,  daß  auch
über  den  schwarzblauen  Block  wie  über  das  Ächzen  und  Krächzen  banausischer
  und  bildungsfeindlicher  Sozialdemokraten  das  Rad  der  Zeit  wegrollen
  würde.  Ich  dachte  an  Chateaubriand,  der  aus  Rom  schrieb:  „Cette
Rome,  au  milieu  de  laquelle  je  suis,  devrait  m’apprendre  a  me£priser  la
politique.  Ici  la  liberte  et  la  tyrannis  ont  &amp;amp;galement  peri;  je  vois  les  ruines
confonducs  de  la  republique  romaine  et  de  l’empire  de  Tibere;  qu’est-ce
aujourd’hui  que  tout  cela  dans  la  möme  poussiere?  Le  capucin  qui  balaye
en  passant  cette  poussiere  avec  sa  robe,  ne  semble-t-il  pas  rendre  plus  sensible
  encore  la  vanite  de  tant  de  vanites?“

Ich  ging  nach  der  Villa  Mattei,  wo  ich  oft  mit  meinem  Freunde  Adolf
Wilbrandt  geweilt  hatte.  Er  liebte  dort  die  Verse  von  Eichendorff  zu
zitieren:
        <pb n="101" />
        ITALIENISCHE  LANDSCHAFT  7

Sie  sangen  von  Marmorbildern,

Von  Gärten,  die  überm  Gestein

In  dämmernden  Lauben  verwildern,
Paliästen  im  Mondenschein,

Wo  die  Mädchen  am  Fenster  lauschen,
Wenn  der  Lauten  Klang  erwacht,

Und  die  Brunnen  verschlafen  rauschen
In  der  prächtigen  Sommernacht.

Eichendorff,  der  die  italienische  Schönheit  so  tief  und  innig  erfaßt  hat,
war  nie  jenseits  der  Alpen,  wie  ja  auch  Schiller  den  von  ihm  verherrlichten
Vierwaldstätter  See  nicht  mit  leiblichem  Auge  sah.  Ich  ritt  hinauf  zum
Gianicolo,  zum  Kloster  St.  Onofrio  und  zu  der  alten  Steineiche  vor  dem
Kloster,  unter  der  Tasso  saß  und  schwermütig  auf  die  Stadt  herabblickte,
wo  man  einen  großen  Teil  der  Herrlichkeit  dieser  Welt  sieht  und  zugleich,
daß  nichts  ewig  dauert:

Cadono  la  cittä,  cadono  i  regni
E  P’uom,  d’esser  mortal,  per  che  si  sdegni?

Ich  ritt  am  Tiber,  der  mehr  gesehen  und  mehr  erlebt  hat  als  irgendein
anderer  Fluß  und  der  doch  noch  ebenso  ruhig  fließt  wie  in  den  Tagen  der
Aeneis:

Leni  fluit  agmine  Thybris.

Fast  jeden  Morgen  unternahm  ich  einen  zweistündigen  Ritt.  Ich  ritt
viel  mit  dem  französischen  Botschafter  Camille  Barrere,  mit  dem  ich
seit  meiner  Pariser  Zeit,  seit  dreißig  Jahren,  befreundet  war.  Der  Weltkrieg
hat  mich  seitdem  von  Barrtre  wie  von  zwei  anderen  Pariser  Freunden,  den
Brüdern  Paul  und  Jules  Cambon,  für  immer  getrennt.  Am  liebsten  ritt  ich
die  Straße,  die  Goethe  so  oft  zu  Fuß  zurückgelegt  hat,  nach  dem  Ponte
Molle  und  von  da  nach  der  Acqua  acetosa.  Ich  erinnerte  mich  dabei  an
unseren  größten  Dichter,  der  über  diesen  Weg  schrieb:  „Es  ist  wirklich
zum  Närrischwerden,  wenn  man  die  Klarheit,  die  Mannigfaltigkeit,  duftige
Durchsichtigkeit  und  himmlische  Färbung  der  Landschaft,  besonders  der
Fernen  ansieht.“

Der  blaue  Himmel,  die  Sonne,  die  Eidechsen,  die  in  der  Sonne  hinund
  herschießen,  die  dunklen  Zypressen,  die  sich  gegen  die  Sonne
abheben,  haben  sich  seit  Goethes  Tagen  nicht  verändert.  Ich  besuchte,
ohne  Baedeker,  ohne  vorgefaßte  noch  vorgeschriebene  Meinung,  die
römischen  Museen,  Galerien  und  Kirchen  und  fand,  daß  mein  Vorgänger

Ausrite  mit
Barröre
        <pb n="102" />
        Lektüre

12  DER  ORT,  GESCHICHTE  ZU  LESEN

auf  der  Höhe  des  Pincio,  der  byzantinische  Feldmarschall  Belisar,  nicht
mit  Unrecht  an  den  tapferen  Goten  Totila  schrieb:  ‚Von  allen  Städten,  so
viele  die  Sonne  bescheint,  ist  Rom  die  größte  und  merkwürdigste.‘“  Ich
war  endlich  ein  freier  Mann  und  stimmte  Sokrates  bei,  der  die  Muße  als
das  schönste  Gut  bezeichnet:  )  6402.)  zdAk1otor  zrnudtorr.  Das  leuchtet  dem
Deutschen  freilich  erst  allmählich  ein,  denn  im  Norden  hält  man,  nach
Goethe,  jeden  für  einen  Müßiggänger,  der  sich  nicht  den  ganzen  Tag  ängstlich
  abmüht.  Gern  ritt  ich  auch  nach  der  Isola  Farnese,  zu  jenen  Feldern,
wo  einst  Veji  stand.

Altes  Veji,  auch  du  warst  einstmals  Fürstenbehausung,

Wo  auf  offenem  Markt  ragte  der  goldene  Stuhl.

Jetzt  tönt  zwischen  den  Mauern  die  Flöte  des  schweifenden  Hirten,
Und  dein  Gräbergebiet  wurde  Ackergefild.

sang  schon  vor  Christi  Geburt  der  Elegiker  Sextus  Propertius  angesichts
dieser  schwermütigen  Landschaft.

Ich  fand  endlich  wieder  Zeit  zum  Lesen.  Während  der  vielen  Jahre
ununterbrochener  und  angestrengter  Tätigkeit  war  mir  bisweilen  das  melancholische
  Wort  eines  geistvollen  Mannes,  ein  Wort  von  Ernst  Dohm,
dem  Vater  des  „Kladderadatsch“,  durch  den  Sinn  gegangen.  Er  lag  auf
dem  Sterbebett.  Einem  ihn  besuchenden  Freunde,  der  ihn  frug,  wie  es
ihm  ginge,  erwiderte  er  unter  Anspielung  auf  den  Namen  der  Matthäikirchstraße,
  in  der  er  wohnte:  „‚Matthäi  am  letzten.“  Dann:  ‚Mir  ist  nur
leid  um  alle  die  schönen  Bücher,  die  ich  noch  nicht  gelesen  habe.“  In  Rom
las  ich  endlich  wieder  im  Zusammenhang  und  ungestört  die  Römische
Geschichte  von  Theodor  Mommsen  und  die  acht  Bände  der  Geschichte  der
Stadt  Rom  im  Mittelalter  von  Ferdinand  Gregorovius,  ich  las  zum  zweitenmal
  in  meinem  Leben,  mit  einem  durch  meine  ministeriellen  Erfahrungen
geschärften  Verständnis  für  geschichtliche  Zusammenhänge  wie  für  die  Art
oder  vielmehr  Unart  des  Homo  sapiens  die  zwölfbändigen  Untersuchungen
Hippolyte  Taines  über  die  „Origines  dela  France  contemporaine‘.  Ich  begriff,
wie  recht  mein  verehrter  Lehrer,  Professor  Adalbert  Daniel,  gehabt  hatte,
als  er  dem  Schüler  des  Pädagogiums  zu  Halle  dreiundvierzig  Jahre  früher
die  Goethesche  Weisheit  eingeprägt  hatte:  In  Rom  lese  sich  Geschichte
ganz  anders  als  an  irgendeinem  anderen  Orte  der  Welt;  anderwärts  lese
man  von  außen  hinein,  hier  glaube  man  von  innen  heraus  zu  lesen;  es  lagere
sich  alles  um  uns  her  und  gehe  wieder  von  uns  aus.  Ich  las  wieder  Byron
und  Goethe,  Virgil  und  Horaz,  Titus  Livius  und  Sallust.  Der  letztere,  dessen
Gärten  einst  an  die  Stätte  gegrenzt  hatten,  wo  jetzt  die  Villa  Malta  steht,
war  ja  gewissermaßen  der  Schutzpatron  meines  Wohnhauses.  Ich  hatte
übrigens  gerade  Sallust  von  Jugend  auf  besonders  geschätzt  und  schon  als
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        Die  Villa  Malta  in  Rom
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        <pb n="105" />
        ALLERLEI  HASS  73

junger  Mensch  in  meine  Taschenuhr  die  Worte  aus  dem  zweiten  Kapitel
des  Bellum  Jugurthinum  eingravieren  lassen:  Animus  incorruptus,  aeternus,
rector  humani  generis,  agit  atque  habet  cuncta,  neque  ipse  habetur.

Durch  die  persönlichen  Angriffe,  in  denen  sich  nicht  nur  der  frühere  Regierungsrat
  Martin,  der  Trompeter  der  von  Eckardstein  geführten  „Kaisertreuen‘,
  sondern  auch  konservative  Blätter  gefielen,  ließ  ich  mich  in  meiner
römischen  Ruhe  nicht  stören.  Derartige  Schmähungen  und  Verdrehungen
reichten  nicht  an  die  Höhe  der  Verachtung  heran,  die  ich  für  sie  empfand.
Im  Interesse  der  Landwirtschaft  bedauerte  ich  die  auch  nach  meinem
Rücktritt  fortgesetzten  Anzapfungen  der  agrarischen  „Deutschen  Tageszeitung“,
  aber  ohne  das  Bedürfnis,  darauf  zu  antworten.  Wahnschafle,
Chef  von  Bethmanns  Reichskanzlei,  der  aus  eigenem  Antrieb  mit  dem
Redakteur  der  „Deutschen  Tageszeitung“  Dr.  Georg  Oertel  sprach,  dem
Mann  mit  der  weißen  Weste  über  dem  gewaltigen  Bauch,  schrieb  mir,
daß  dieser  persönlich  solche  von  einzelnen  verbissenen  Parteifunktionären
wie  Dietrich  Hahn  herrührenden  Entgleisungen  lebhaft  bedaure,  schon
weil  sie  der  Ausdruck  grober  Undankbarkeit  seien.

Zu  meinen  treuen  und  dabei  einsichtigen  und  klugen  Anhängern  gehörte
der  langjährige  Korrespondent  der  „‚Kölnischen  Zeitung“  in  Berlin,  Herr
von  Huhn,  ein  früherer  Dragoneroffizier,  der  Ende  1910  meine  Aufmerksamkeit
  darauf  lenkte,  daß  die  sinnlosen  Anschuldigungen,  die
seinerzeit  der  entlassene  Regierungsrat  Martin  in  seinem  Buch  erhoben
  habe,  jetzt  auch  den  Weg  in  den  frommen  „Reichsboten‘  gefunden
hätten,  und  zwar  in  einer  besonders  gehässigen  Form.  Herr  von  Huhn
schrieb  weiter:  „Ich  glaube  annelımen  zu  dürfen,  daß  Eure  Durchlaucht  zu
sehr  über  diesen  Angriffen  stehen,  als  daß  Sie  sich  zu  irgendeiner  eigenen
Berichtigung  entschließen  werden.  Diese  Rücksicht  ist  aber  nicht  für  diejenigen
  vorhanden,  welche  die  Tätigkeit  und  das  Wirken  Eurer  Durchlaucht
  lange  Jahre  hindurch  aus  der  Nähe  verfolgen  konnten  und  die
einigermaßen  wissen,  wie  die  Dinge  verlaufen  sind.  Ich  meinesteils  habe
jedenfalls  geglaubt,  der  groben  Geschichtsfälschung  des  „Reichsboten“
entgegentreten  zu  müssen.“

Der  „Reichsbote“,  das  Organ  der  streng  evangelischen  Kreise,  das  mit
Vorliebe  von  der  Kaiserin  und  ihren  Hofdamen  gelesen  wurde,  hatte
mich  während  meiner  Amtszeit  nicht  selten  bekämpft,  weil  es  mich  zu
katholikenfreundlich  fand,  richtiger  gesagt:  weil  ihm  meine  streng  und
aufrichtig  paritätische  Haltung  und  Politik  nicht  gefielen.  Sein  Leiter,  der
alte  Pastor  Engel,  war  aber,  wie  manche  Fanatiker,  eine  lautere  Seele.  Sobald
  er,  ohne  mein  Zutun,  darüber  unterrichtet  worden  war,  daß  seine
Beschuldigungen  gegen  mich  vollkommen  unbegründet  wären,  nahm  er  sie
mit  dem  Ausdruck  lebhaften  Bedauerns  und  mit  seiner  eigenen  Unter-Preßangriffe


in  Deutschand
        <pb n="106" />
        Bethmann
und  Loebell

74  MISERABILITÄTEN

schrift  in  aller  Forın  zurück.  Das  freute  mich  für  den  guten  alten  Pastor
Engel.  An  und  für  sich  hatte  der  Angriff  mich  völlig  gleichgültig  gelassen.
Ich  dachte  mit  Stendhal,  nebenbei  gesagt  neben  Michel  Montaigne  mein
französischer  Lieblingsschriftsteller:  „La  vue  qu’on  a  des  hauteurs  de
Rome  est  faite  pour  changer  en  douce  me&amp;amp;lancolie  la  tristesse  la  plus
colerique.“

Über  die  innerpolitische  Lage  der  Dinge  hatte  mir  Herr  von  Huhn  anläßlich
  dieses  kleinen  Zwischenfalls  geschrieben:  „Schöner  ist  es  seit  Eurer
Durchlaucht  Rücktritt  in  Deutschland  nicht  geworden,  und  man  läßt  sich
hier  in  unerfreulichster  Weise  von  den  Ereignissen  treiben,  ohne  zu  wissen,
wohin  sie  führen  und  was  der  schließliche  Ausgang  sein  wird.  Die  Prophezeiung
  von  dem  nahen  ‚Philippi‘  scheint  mir  leider  der  Erfüllung  immer
näher  gerückt.“  Als  Kuriosum  meldete  Herr  von  Huhn  mir  auch,  daß  auf
Befehl  Seiner  Majestät  im  Auswärtigen  Amt  eifrige  Nachforschungen  nach
den  Briefen  und  Telegrammen  veranstaltet  worden  wären,  von  denen  der
Kaiser  behaupte,  daß  er  in  ihnen  mir  seinerzeit  seine  in  Highcliffe  geführten
exzentrischen  Unterredungen  eingehend  und  ausführlich  mitgeteilt  habe.
„Natürlich  hat  man  nichts  gefunden.  Wo  nichts  ist,  hat  bekanntlich  auch
der  Kaiser  sein  Recht  verloren.“

Mein  langjähriger  treuer  Mitarbeiter  Loebell  war  kurz  vor  meinem
Rücktritt  auf  meinen  Antrag  zum  Oberpräsidenten  von  Brandenburg  ernannt
  worden,  eine  Stellung,  für  die  er  sich  nicht  nur  als  geborener  Märker,
sondern  auch  sonst  in  jeder  Beziehung  qualifizierte.  Der  treue  Mann  hatte
sich  aber  für  mich  im  Winter  1908/09  so  abgerackert,  daß  er  die  Stellung
nicht  antreten  konnte,  sondern  für  längere  Zeit  in  einem  Sanatorium  seiner
Gesundheit  leben  mußte.  Er  hatte  mehrfach  meinen  Nachfolger  aufgesucht,
um  ihm  in  seiner  loyalen  Weise  zu  sagen,  daß  es  eine  Ehrenpflicht  für  ihn
sei,  nicht  nur  beim  Kaiser,  sondern  auch  öffentlich  der  gegen  mich  in  Szene
gesetzten  Verleumdungskampagne  entgegenzutreten.  Er  hatte  ihm  gesagt,
daß  er  seine  eigene  Stellung  durch  Eintreten  für  seinen  Vorgänger  nur  verbessern
  könne,  aber  bei  dem  schwachen  und,  wie  dies  bei  schwachen  Charakteren
  leider  nur  zu  häufig  der  Fall  ist,  nicht  ganz  aufrichtigen  Bethmann
  kein  Verständnis  gefunden.

Ich  tröstete  mich  gegenüber  solchen  Miserabilitäten  mit  dem  schönen
Wort  von  Goethe,  es  sei  einem  Talent  wie  August  von  Platen  gar  nicht  zu
verzeihen,  daß  er  in  der  großen  Umgebung  von  Rom  die  Erbärmlichkeiten
  der  deutschen  Literaten  nicht  vergessen  könne.  Ohne  mich  mit
einem  großen  Dichter  wie  Platen  vergleichen  zu  wollen,  war  ich  doch
der  Ansicht,  daß  auch  ich  in  Rom  Besseres  zu  tun  hätte,  als  mich  über
die  Erbärmlichkeiten  zu  ärgern,  die  die  Politik  nun  einmal  mit  sich
bringt.  Und  ich  befleißigte  mich,  das  Goethesche  Ideal  der  genießenden
        <pb n="107" />
        EIN  DEUTSCHER  NARR  175

Lebensruhe  und  vereinfachten  Lebensfreudigkeit,  soweit  es  mir  möglich
war,  zu  realisieren.

Unterstützt  von  dem  trefflichen  römischen  Korrespondenten  der  „Kölnischen
  Zeitung“,  Friedrich  Noack,  beschäftigte  ich  mich  mit  Vergangenheit
  und  Geschichte  der  Villa  Malta.  Wir  entdeckten,  daß  zu  ihren
Bewohnern  auch  der  Berner  Karl  Viktor  von  Bonstetten  gehört  hatte,
der  sich  als  Landvogt  zu  Saanen  und  in  Nyon,  als  Oberrichter  von
Lugano  und  als  Mitglied  des  Großen  Rats  in  Bern  um  seine  Vaterstadt
wohlverdient  gemacht  hatte.  Er  war  ein  Schüler  von  Voltaire  und  von
J.  J.  Rousscau,  ein  Freund  von  Matthisson  und  Johannes  von  Müller,  von
Salis  und  Friederike  Brun,  ein  geistvoller  Schriftsteller  und  eleganter
Stilist,  der  die  deutsche  wie  die  französische  Sprache  gleichmäßig  beherrschte
  und  in  beiden  Idiomen  der  gebildeten  Welt  seine  eklektische
Philosophie  predigte.  In  dem  interessanten  Aufsatz,  den  er  Bonstetten  gewidmet
  hat,  beschreibt  Sainte-Beuve  „‚das  magnifike  Panorama“,  das  jener
von  der  Höhe  der  Villa  Malta  genossen  habe:  ‚‚De  ce  poste  @lev&amp;amp;  il  porta
son  investigation  sur  toutes  les  regions  de  la  cite,  sur  tous  les  cantons  de
l’Agro  romano,  cette  ceinture  lugubre  et  splendide  qui  l’entoure.“  Hier  habe
der  Berner  sein  Hauptwerk  verfaßt:  ‚‚Le  voyage  dans  le  Latium“,  hier  auch
die  Bekanntschaft  eines  großen  Künstlers  gemacht,  des  Dänen  Thorwaldsen.
  Der  bewohnte  schon  damals  in  der  Via  Sistina  das  Haus,  an  dem
heute  eine  Marmortafel  an  ihn  erinnert  und  das  der  Gartenterrasse  der
Villa  Malta  gerade  gegenüber  liegt.  Wenn  Ludwig  von  Bayern  auf  dieser
Terrasse  stand,  so  konnte  er  dem  von  ihm  hochgeschätzten  Bildhauer  in
sein  Atelier  schen,  das  zu  ebener  Erde  lag.  Eines  schönen  Morgens  betrat
es  der  König,  einen  Orden  in  der  Hand,  den  er  dem  Künstler  an  die  Brust
heftete  mit  den  Worten:  „Ich  dekoriere  den  Soldaten  auf  seinem  Schlachtfelde.“‘
  Den  ersten  Lorbeer  hatte  Thorwaldsen  1802  in  der  Villa  Malta  aus
der  Hand  von  Friderike  Brun  empfangen.  Als  ich  beim  Einzug  in  die  Villa
Malta  meinen  alten  römischen  Haushofmeister,  Adolfo  Libianchi,  {rug,
wer  in  dem  Hause  gegenüber  der  Gartenterrasse  den  ersten  Stock  bewohne,
meinte  er  mit  einer  gewissen  Feierlichkeit:  „Qui  sta  l’avvocato  che  fa  i
santi  nel  Vaticano.‘“  Er  wollte  damit  sagen,  daß  dort  der  päpstliche  Funktionär
  wohne,  der  bei  Kanonisationsprozessen  für  die  Heiligsprechung
gegen  den  Advocatus  Diaboli  plädiere.  Als  ich  weiter  frug,  wer  im  zweiten
Stock  des  Hauses  wohne,  meinte  mein  Maestro  di  Casa:  „Lä  sta  un  pazzo
tedesco.“  Es  stellte  sich  heraus,  daß  dieser  närrische  Deutsche  mein  alter
Schulkamerad  Honig  vom  Pädagogium  zu  Halle  an  der  Saale  war,  der  densclben
  Vornamen  wie  ich  trug.

Bernhard  Honig  führte  wegen  seines  sanften  und  bescheidenen  Wesens
und  seiner  etwas  zaghaften  Gangart  auf  dem  „Pädchen“  den  Beinamen
        <pb n="108" />
        76  CAGLIOSTRO

„Die  Socke“.  Ich  frug  bei  ihm  an,  ob  ich  ihn  besuchen  dürfe.  Er  ließ  mir
antworten,  daß  er  mir  nach  wie  vor  gut  gesinnt  wäre,  mich  aber  bäte,  von
einem  Besuche  abzusehen.  Ich  erfuhr  weiter,  daß  Bernhard  Honig  seit
vielen  Jahren  den  ganzen,  in  der  Alma  citta  di  Roma  bekanntlich  überaus
heißen  Sommer  in  der  Via  Sistina  verlebe,  die  Winter  in  Deutschland.
Während  der  Wintersaison  mißfiel  ihm  Rom,  denn  die  vielen  Fremden
störten  ihn.  Im  Sommer  füllte  er  sich  als  Herr  der  amoena  Pincii  spatia,
wie  es  auf  dem  Obelisk  am  Pincio  heißt,  er  pflegte  die  Blumen  auf  der
Terrasse  seines  Hauses,  erfreute  sich  am  Gesang  der  Vögel,  die  er  dort  in
vergoldeten  Käfigen  unterhielt,  und  unternahm  ab  und  zu  in  den  kühleren
Nachtstunden  eine  Fahrt  in  die  Campagna.  Diese  Lebensweise  sagte  ihm
so  sehr  zu,  daß  er  jeden  Besuch  als  eine  Störung  empfand.  Ich  bin  nicht
abgeneigt,  anzunehmen,  daß  Bernhard  Honig  zu  den  wenigen  wirklich  zufriedenen
  Menschen  gehörte,  die  mir  begegnet  sind.

Die  Villa  Malta  hat  nicht  nur  erlesenen  Geistern  wie  Humboldt  und
Bonstetten  ein  Asyl  geboten,  sondern  auch  Abenteurer  beherbergt.
Cagliostro,  der  Schatzgräber,  Zauberkünstler,  Arzt,  Rosenkreuzer  und  Freimaurer,
  Alchimist  und  Mystiker,  der  in  Rom  zum  Tode  verurteilt  wurde,
in  Paris  in  der  Bastille  gesessen  hatte,  der  in  die  Halsbandgeschichte  verwickelt
  war  und  von  der  Kaiserin  Katharina  aus  Petersburg  ausgewiesen
wurde,  der  in  Warschau  den  Polen  erklärte,  er  habe  eine  Lebenstinktur
erfunden,  die  die  Menschen  verjünge,  der  Großkophta  der  angeblich  von
ihm  wieder  hergestellten  ägyptischen  Freimaurerei,  einer  der  größten
Schwindler  des  an  Schwindlern  so  reichen  achtzehnten  Jahrhunderts,  der
aber  doch  die  Ehre  gehabt  hat,  die  Aufmerksamkeit  und  das  Interesse  von
Goethe  zu  erregen,  Cagliostro  hat  in  der  Villa  Malta  eine  interessante
Seance  veranstaltet,  die  in  seinem  Essay  über  diesen  Hochstapler  der  Franzose
  Marc  Haven  wie  folgt  geschildert  hat:  „Cagliostro  hielt  im  Mai  1789
in  der  Villa  Malta,  damals  der  Sommerresidenz  der  Botschafter  des  Malteser-Ordens,
  wiederholt  Sitzungen  ab.  Bei  einer  dieser  Sitzungen,  der
außer  dem  damaligen  Malteser-Botschafter,  Bailli  Le  Tonnelier  de  Breteuil,
der  französische  Botschafter,  Kardinal  Bernis,  die  Fürstin  Santa  Croce,  die
Fürstin  Rezzonico  und  andere  Mitglieder  der  römischen  Gesellschaft  beiwohnten,
  ließ  Cagliostro  ein  Kind  aus  einer  Kristallkaraffe  voll  Wasser  die
Zukunft  prophezeien.  Das  Kind  erklärte,  in  dem  Wasser  eine  Straße  zu
sehen,  voll  von  Menschen,  die  „‚A  bas  le  Roi!“  und  „A  Versailles!“  schrien.
Cagliostro  rief  hierauf:  „Das  Kind  sagt  die  Wahrheit.  Binnen  kurzem  wird
Ludwig  XVI.  in  seinem  Palast  in  Versailles  überfallen  werden,  die  Monarchie
  wird  stürzen,  die  Bastille  geschleift  werden,  auf  die  Tyrannei  wird
die  Freiheit  folgen.“  „Oh“,  rief  der  Kardinal  Graf  Bernis,  „welche  traurige
Prophezeiung  betreffs  meines  Königs!“  „Ich  bedauere  es“,  erwiderte
        <pb n="109" />
        EINE  PROPHEZEIUNG  IN  DER  VILLA  MALTA  77

Cagliostro  mit  ernster  Stimme,  „aber  diese  Prophezeiung  wird  sich  verwirklichen.“
  „Ich  weiß  von  nichts,  wir  werden  sehen“,  erwiderte  der  Kardinal
  mit  sichtlicher  Nervosität.

Cagliostro  hieß  in  Wirklichkeit  Giuseppe  Balsamo  und  stammte  aus
Palermo.  Er  starb  erst  1795,  in  Gefängnis  in  Urbino,  und  hatte  also  noch
die  Genugtuung,  die  Französische  Revolution  zu  erleben,  die  er  dem  darob
entsetzten  Botschafter  des  Allerchristlichsten  Königs,  dem  Kardinal  Bernis,
in  der  Villa  Malta  angekündigt  hatte.
        <pb n="110" />
        Verabschiedung

des  Gesandten
Grafen
Wallwitz

Ein  Brief
Bethmanns

vIL.  KAPITEL

Wechsel  in  der  Brüsseler  Gesandtschaft  »  Intrigen  Flotows  gegen  Wallwitz  -  Briefwechsel

zwischen  Bülow  und  Bethmann  «  Neuorientierung  der  deutschen  Politik  gegenüber

Belgien  durch  Bethmann  »  Bismarck  und  Belgien  1870  +.  Besuch  Bethmanns  in  Rom

im  März  1910  -  Frau  von  Flotow  «  Die  politische  Gesamtlage  »  Die  Reichstagswahlen

1912  »-  Tod  Eduards  VII.  »  Herr  von  Kiderlen  in  Rom  »  Briefe  aus  der  lIleimat:  Frost
Bassermann,  Lichnowsky

nfang  Januar  1910  erhielt  ich  in  Rom  die  Nachricht  von  einem  in  der
Adeneenen  Vertretung  in  Brüssel  bevorstehenden  Wechsel,  die  mich  nicht
nur  persönlich  verstimmte,  sondern  mehr,  viel  mehr  als  das,  mich  mit  ernster
politischer  Sorge  erfüllte.  Meine  Stieftochter  schrieb  mir,  daß  ihr  Gatte,
der  Graf  Nikolaus  Wallwitz,  der  dort  seit  neun  Jahren  als  deutscher  Gesandter
  wirkte  und  sich  in  Belgien  großen  und  allgemeinen  Vertrauens  erfreute,
  vom  Reichskanzler  in  einem  Privatschreiben  aufgefordert  worden
wäre,  umgehend  seinen  Abschied  einzureichen.  Brüssel  müsse  in  nächster
Zeit  neu  besetzt  werden,  für  Wallwitz  sei  kein  anderer  Posten  vorhanden.
Als  Grund  wurde  eine  von  der  Reichsregierung  in  Aussicht  genommene
Neuorientierung  der  deutschen  Kolonialpolitik  angegeben.  Wallwitz  wurde
gleichzeitig  zur  Pflicht  gemacht,  seinen  Rücktritt  so  zu  vollziehen,  daß  er
als  ein  freiwilliger,  nur  durch  Gesundheitsrücksichten  gebotener  erschiene.
Wallwitz,  der  eine  dreißigjährige,  tadellose  Dienstzeit  hinter  sich  hatte,
benahm  sich  auch  bei  diesem  Anlaß  als  Patriot  und  Gentleman.  Er  verließ
Brüssel  ohne  ein  Wort  der  Klage  oder  Beschwerde  und  vermied  es  sogar,
sich  direkt  nach  seiner  engeren  Heimat,  nach  Sachsen  zu  begeben,  um  dort
nicht  partikularistischer  Abneigung  gegen  die  Berliner  Zentralstelle  Nahrung
  zu  geben.  Er  hat  erst  nach  längerer  Zurückgezogenheit  in  Wiesbaden
seine  Vaterstadt  Dresden  wieder  aufgesucht.

Nach  erfolgtem  Rücktritt  des  Grafen  Wallwitz  erhielt  ich  von  meinem
Nachfolger  den  nachstehenden  Brief:  „Hochverehrter  Fürst,  Eurer  Durchlaucht
  möchte  ich  nicht  unterlassen  mit  Rücksicht  auf  die  zwischen  Ihnen
und  dem  Gesandten  Graf  Wallwitz  bestehenden  Beziehungen  ganz  persönlich
  und  vertraulich  und  mit  der  Bitte  um  strenge  Geheimhaltung  Aufschluß
  über  die  Gründe  zu  geben,  die  zu  dem  bevorstehenden  Rücktritt  des
        <pb n="111" />
        SCHÄRFERES  VORGEHEN  GEGEN  BELGIEN  9

Grafen  Wallwitz  geführt  haben.  Wie  Eurer  Durchlaucht  vielleicht  nicht
unbekannt  geblieben  ist,  haben  wir  aus  verschiedenen,  der  weiteren
internationalen  Politik  angehörenden  Gründen  einen  Wechsel  in
unserer  Kongo-Politik  im  Sinne  eines  schärferen  Vorgehens  gegen  Belgien
  eintreten  lassen.  War  schon  im  Sommer  und  Herbst  d.  J.  vom
Reichskolonialamt  aus  über  eine  nicht  ausreichende  Mitarbeit  in  Brüssel
auf  dem  Gebiete  der  Kongo-Politik  Klage  geführt  worden,  so  begegnete  der
jüngste  Wechsel  unserer  großen  Politik  dort  einer  Behandlung,  die  den
Schluß  auf  eine  mangelnde  Übereinstimmung  des  Gesandten  mit  der  von
uns  gegenüber  Belgien  neu  eingeschlagenen  politischen  Richtung  zulicß.
Unter  diesen  Umständen  wurde  hier  der  Wunsch  nach  einem  Wechsel  auf
dem  dortigen  Posten  laut.  Ein  bezüglicher  Antrag  an  Seine  Majestät
erfolgte  mit  dem  Zusatze,  daß  für  Graf  Wallwitz  eventuell  ein  anderer
Posten  in  Aussicht  genommen  werden  könne.  Persönlich  hatte  ich  sogar
die  Botschaft  in  Madrid  dafür  in  Erwägung  gezogen.  Wie  ich  besonders
streng  vertraulich  bemerke,  stieß  aber  der  Antrag  auf  eine  unzweideutige,
von  nicht  gnädiger  Äußerung  für  Graf  Wallwitz  begleitete  Ablehnung
Seiner  Majestät,  Allerhöchstwelcher  sich  für  das  Ausscheiden  des  Grafen
entschied.  Blieb  uns  hiernach  ein  anderer  Weg  nicht  übrig,  so  stand  doch
sofort  bei  mir  der  Entschluß  fest,  den  Rücktritt  in  der  ehrenvollsten  und
anerkennendsten  Form  zu  einem  von  dem  Grafen  Wallwitz  gewünschten
Zeitpunkte  zu  vollziehen.  Der  ganze  Vorgang  wurde  hier  streng  geheim
gehalten,  und  ich  würde  sogar  gezögert  haben,  ihn  zur  Kenntnis  Eurer
Durchlaucht  zu  bringen,  wenn  mir  nicht  bekanntgeworden  wäre,  daß  er
Ihnen  auf  direktem  Wege  aus  Brüssel  mitgeteilt  worden  sei.  Nachdem  der
Posten  nun  einmal  frei  geworden,  werden  Eure  Durchlaucht  gewiß  mit  mir
einverstanden  sein,  wenn  ich  Seiner  Majestät  dafür  Ihren  mehrjährigen
Mitarbeiter  Flotow  vorgeschlagen  habe,  dessen  Unterbringung  auf  einem
seiner  Gesundheit  mehr  zusagenden  Posten  mir  ja  von  Ihnen  selbst  ans
Herz  gelegt  worden  ist.  Indem  ich  Eure  Durchlaucht  bitte,  den  Ausdruck
meiner  aufrichtigsten  Verehrung  entgegenzunehmen,  bin  ich  mit  den  gehorsamsten
  Empfehlungen  an  die  Frau  Fürstin  Ihr  stets  ergebenster
v.  Bethmann  Hollweg.“

Ich  antwortete  Bethmann:  „Haben  Sie  besten  Dank  für  die  liebenswürdige
  Gesinnung,  die  aus  Ihren  gestern  erhaltenen  Zeilen  spricht.  Die
für  Wallwitz  eingetretene  Wendung  hat  ihn  und  die  Seinigen  schmerzlich
betroffen:  Er  hatte  sich  in  Brüssel  eingearbeitet  und  eingelebt  und  war  gern
dort.  Es  kommt  dazu,  daß  er  für  seine  (neunzigjährige)  Mutter  Aufregung
und  Kummer  fürchtet.  Daß  das  alles  auch  meiner  Frau  nahegceht,  die
traurige  Briefe  von  ihrer  Tochter  erhält,  können  Sie  sich  denken.  Ich  hatte
schon,  bevor  ich  Ihren  Brief  erhielt,  der  Gräfin  Wallwitz  geschrieben  und

Bülows
Antwort
        <pb n="112" />
        Der  neue
Gesandte
in  Brüssel:
v.  Flotow

80  BEUNRUHIGUNG

sie  und  ihren  Mann  gebeten,  sich  keiner  Bitternis  hinzugeben.  Dieser  Rat
war  übrigens  kaum  nötig,  denn  beide  sind  innerlich  vornehme  und  ruhige
Leute,  denen  alles  Demonstrative  fernliegt.  Ich  selbst  weiß,  wie  ich  kaum
hinzuzufügen  brauche,  daß  Personalfragen  lediglich  nach  sachlichen  Gesichtspunkten
  entschieden  werden  können.“  Es  war  menschlich  begreiflich,
daß  ich  die  Verabschiedung  von  Wallwitz  als  eine  persönliche  Unfreundlichkeit
  und  mehr  als  dies,  als  eine  Geschmacklosigkeit  empfand,  denn  ich
wußte  natürlich,  daß  Wallwitz  geopfert  worden  war,  um  dem  intriganten
Flotow,  der  mich  während  der  letzten  Zeit  meiner  Amtsführung  beständig
mit  seinen  persönlichen  Ambitionen  belästigt  hatte,  einen  ihm  zusagenden
Posten  zu  verschaffen.  Solche  persönliche  Rücksichtslosigkeit  konnte  mich
weiter  nicht  berühren.  Was  mich  aber  beunrubigte,  war  die  in  dem  Bethmannschen
  Briefe,  der,  wie  schon  die  Handschrift  zeigte,  von  dem  Geheimrat
  von  l'lotow  verfaßt  worden  war,  gebrauchte  Wendung  von  einem  beabsichtigten
  „schärferen  Vorgehen‘  gegen  Belgien  „aus  verschiedenen,  der
weiteren  internationalen  Politik  angehörenden  Gründen“.  Es  war  damals
mehr  eine  unbestimmte  Sorge,  die  durch  diese  Wendung  in  mir  hervorgerufen
  wurde.  Erst  später  gelangte  ich  zu  der  Gewißheit,  daß  der  ein
halbes  Jahr  nach  meinem  Rücktritt  vorgenommene  Wechsel  in  unserer
Vertretung  in  Brüssel  und  der  damit  verbundene  Wechsel  in  unserer  Politik
gegenüber  Belgien  eine  der  Ursachen  der  Katastrophe  von  1914  werden
sollte.

Nachdenklich  hatte  mich  bald  nach  diesem  Wechsel  eine  gelegentliche
Äußerung  des  mir  seit  langem  befreundeten  italienischen  Ministers  des
Äußern,  des  Marquis  San  Giuliano,  gestimmt,  die  dahin  ging,  daß  der  neue
deutsche  Gesandte  in  Brüssel,  Herr  von  Flotow,  eine  seltsame  Politik  zu
treiben  scheine,  „une  politique  quelque  peu  mysterieuse“.  Er  suche  Annäherung
  an  den  französischen  und  den  englischen  Gesandten  und  scheine
zu  hoffen,  daß  es  möglich  sein  würde,  aus  Belgien  und  seinen  Kolonien
„ein  neues  Polen‘  zu  machen,  d.  h.  ein  Teilungsobjekt  für  Deutschland,
Frankreich  und  England.  Völlige,  traurige  Gewißheit  erhielt  ich,  als  ich
nach  dem  Beginn  des  Weltkrieges  im  belgischen  „Livre  gris“‘  den  Bericht
las,  in  dem  der  belgische  Gesandte  in  Berlin,  Baron  Beyens,  am  2.  April
1914,  vier  Monate  vor  dem  Ausbruch  des  Weltkrieges,  nach  Brüssel  meldete,
daß  der  deutsche  Staatssekretär  des  Kolonialamtes,  Herr  Solf,  sowohl  dem
französischen  Geschäftsträger  wie  dem  französischen  Marine-Attach&amp;amp;  aus
eigenem  Antriebe  ein  deutsch-französisches  Abkommen  über  die  von  beiden
Ländern  in  Afrika  projektierten  Eisenbahnlinien  vorgeschlagen  habe.  Als
der  französische  Botschafter  in  Berlin,  Jules  Cambon,  nach  seiner  Rückkehr
  vom  Urlaub  den  deutschen  Staatssekretär  des  Äußern,  Herrn
von  Jagow,  gefragt  habe,  was  diese  in  keiner  Weise  provozierte  Eröffnung
        <pb n="113" />
        HERR  VON  JAGOW  PRIVAT  8

des  deutschen  Kolonialministers  bezwecke,  habe  Jagow  erwidert,  daß  auch
nach  seiner  Ansicht  eine  solche  Verständigung  zwischen  Deutschland  und
Frankreich  unter  Zuzichung  von  England  in  hohem  Grade  nützlich  sein
würde.  In  diesem  T'alle,  habe  Cambon  repliziert,  müsse  Belgien  eingeladen
werden,  an  den  Beratungen  der  drei  Grußmächte  teilzunehmen,  denn  auch
die  Belgier  bauten  neue  Eisenbahnen  am  Kongo.  Es  dürfte  sich  sogar  empfehlen,
  die  Konferenz  zur  Erledigung  der  ganzen  Frage  in  Brüssel  abzuhalten.
  Es  hieß  dann  weiter  in  dem  Bericht  des  belgischen  Gesandten:
„Oh  non!  repondit  Mr.  de  Jagow,  car  c’est  aux  d&amp;amp;pens  de  la  Belgique  que
notre  accord  devrait  se  conclure.  —  Comment  cela?  —  Ne  trouvez-vous
pas  que  le  Roi  Leopold  a  place  sur  les  &amp;amp;paules  de  la  Belgique  un  poids  trop
lourd?  La  Belgique  n’est  pas  assez  riche  pour  mettre  en  valeur  ce  vaste
domaine.  C’est  une  entreprise  audessus  de  ses  moyens  financiers  et  de  ses
furces  d’expansion.  Elle  sera  obligee  a  y  renoncer.  L’Ambassadeur  trouva
ce  jugement  tout  a  fait  exagöre.  M.  de  Jagow  ne  se  tint  pas  pour  battu.
Il  developpa  l’opinion  que  seules  les  grandes  Puissances  sont  en  situation
de  coloniser.  Le  ministre  des  affaires  Etrangeres  de  l’Empire  allemand  devoila
  möme  le  fond  de  ses  pensces  en  soutenant  que  les  petits  Etats  ne
pourraient  plus  mener,  dans  la  transformation  qui  s’operait  en  Europe  au
profit  des  nationalites  les  plus  fortes,  par  suite  du  developpement  des
forces  &amp;amp;conomiques  et  des  moyens  de  communication,  l’existence  independante
  dont  ils  avaient  joui  jusqu’ä  present.  Ils  etaient  destines  a  disparaitre
  ou  a  graviter  dans  l’orbite  des  grandes  Puissances.  L’Ambassadeur
repondit  que  ces  vues  n’etaient  pas  du  tout  celles  de  la  France  ni,  autant
qu’il  pouvait  le  savoir,  celles  de  l’Angleterre;  qu’il  persistait  a  penser  que
certains  accords  @taient  necessaires  pour  la  mise  en  valeur  de  l’Afrique,
mais  que  dans  les  conditions  presentees  par  M.  de  Jagow,  toute  entente
tait  impossible.  Sur  cette  reponse,  M.  de  Jagow  se  häta  de  dire  qu’il
n’avait  exprime  que  des  idees  toutes  personnelles,  qu’il  n’avait  parl&amp;amp;  qu’a
titre  privd  et  non  en  Secretaire  d’Etat  s’adressant  a  l’Ambassadeur  de
France.  M.  Cambon  n’en  attache  pas  moins  une  signification  tr&amp;amp;s  serieuse
aux  vues  que  M.  de  Jagow  n’a  pas  craint  de  devoiler  dans  cet  entretien.
Il  a  pense  qu’il  Etait  de  notre  inter&amp;amp;t  de  connaitre  les  dispositions  dont  le
dirigeant  officiel  de  la  politique  allemande  est  anime  a  l’egard  des  petits
Etats  et  de  leurs  colonies.  J’ai  remercie  l’Ambassadeur  de  sa  communication
  absolument  confidentielle.  Vous  en  apprecierez  certainement  toute  la
gravite.“*

Als  im  Sormmer  1870  der  Krieg  zwischen  Deutschland  und  Frankreich
ausbrach,  verstand  es  Fürst  Bismarck,  die  von  ihm  nie  unterschätzten
Imponderabilien  dadurch  sofort  in  das  deutsche  Spiel  zu  bringen,  daß  er
die  gegen  die  völkerrechtlich  garantierte  Neutralität  und  Unabhängigkeit

6  Bulow  IH
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        Bethmanns
Besuch

in  Rom

82  DER  LORBEER  UND  DIE  ROSE

Belgiens  gerichteten  Pläne  der  französischen  Regierung  enthüllte.  Vier
Jahrzehnte  später  ging  es  leider  umgekehrt.  Die  täppische  Ungeschicklichkeit
  unserer  damaligen  Regierung  ermöglichte  es  unseren  Feinden,  die
öffentliche  Meinung  der  ganzen  Welt  gegen  unser  redliches  und  friedliebendes
  Volk  einzunehmen  und  aufzubringen.  Ich  betone  ausdrücklich:
Die  Dummheit,  nicht  die  Bosheit!  Die  Leiter  der  deutschen  Politik  im
Sommer  1914,  das  kann  nicht  oft  genug  wiederholt  werden,  waren  keine
wüsten  Raufbolde,  keine  tückischen  Brandstifter.  Sie  waren  Stümper.

Zu  meinem  ersten  Geburtstag  im  Ruhestand,  zum  3.  Mai  1910,  schrieb
mir  mein  Nachfolger:  „Der  kommende  dritte  Mai  weckt  in  mir  so  viele  Erinnerungen
  an  menschliche  und  amtliche  Beziehungen,  die  mich  an  Eure
Durchlaucht  knüpfen,  daß  ich  in  herzlicher  Empfindung  dankbarer  Verehrung
  meinen  besten  Wünschen  für  Ihr  neues  Lebensjahr  Ausdruck  gebe.
Im  Spiegel  des  römischen  Makrokosmos  wird  Eurer  Durchlaucht  auch  an
diesem  Tage  die  Fülle  und  der  Reichtum  des  eigenen  Lebens  und  des
eigenen  Schaffens  neu  aufgehen,  ernst  und  groß  und  doch  ruhig  und  heiter—
ebenso  wie  in  der  Villa  Malta  neben  dem  Lorbeer  die  Rose  blüht.  Meine  Erinnerungen
  an  die  Stunden,  die  ich  mit  Ihnen  zu  Ostern  verleben  durfte,
sind  zu  feste,  als  daß  sie  durch  das  politische  Gezänk,  das  mir  die  letzten
Wochen  ausfüllte,  hätten  verwischt  werden  können.“  Die  poetische
Wendung  von  dem  Lorbeer,  der  mir  neben  der  Rose  blühe,  konnte  in
meinen  Augen  nicht  ganz  die  peinliche  Empfindung  verwischen,  die  das
mindestens  schwächliche  Verhalten  meines  Nachfolgers  bei  der  Neubesetzung
  des  Brüsseler  Postens  in  mir  erweckt  hatte.  Ich  möchte
übrigens  ausdrücklich  betonen,  daß  ich  getan  habe,  was  ich  konnte,
um  Herrn  von  Bethmann  während  des  Besuches,  den  er  Ende  März  1910
in  Rom  abstattete,  einen  freundlichen  Empfang  zu  bereiten.  Ich  gab  ihm
in  der  Villa  Malta  ein  großes  Diner  mit  prominenten  Italienern  und
rühmte  dem  Minister  des  Äußern,  dem  Marchese  San  Giuliano,  die
guten  Absichten  und  guten  Eigenschaften  meines  Nachfolgers.  Leider  ohne
großen  Erfolg.  Der  kluge,  penetrante  San  Giuliano  fand  Bethmann  „naif
et  ennuyeux“.  Mit  denselben  zwei  Prädikaten:  „naif‘“  und  „ennuyeux“
wurde  der  Arme  zwei  Jahre  später  in  St.  Petersburg  charakterisiert,  als  er
dort  im  Juli  1912  seinen  Antrittsbesuch  machte.

Bethmann  hatte  Flotow  nach  Rom  mitgebracht  und  erschien  mit  ihm
in  unserem  Hause.  Flotow  suchte  sein  unschönes  Verhalten  wiedergutzumachen.
  Nachdem  er  in  Rom  vergeblich  versucht  hatte,  mit  mir  zu
einer  Aussprache  zu  kommen,  schrieb  er  mir  zu  meinem  Geburtstag  aus
Brüssel:

„Hochverehrter  Fürst!  Eurer  Durchlaucht  treibt  es  mich  zum  Geburtstage
  meine  respektvollsten  und  gehorsamsten  Glückwünsche  auszusprechen.
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        DER  SCHATTEN  83

Möge  es  uns  noch  lange  vergönnt  sein,  bei  der  reichen  Erfahrung  Eurer
Durchlaucht  Rat  und  Hilfe  zu  finden  zum  Besten  des  Vaterlandes.  Meine
Gedanken  gehen  oft  zu  Eurer  Durchlaucht;  schließlich  sind  die  Berliner
Jahre  nicht  ohne  tiefen  Eindruck  an  mir  vorübergegangen,  und  ich  bin
mir  vollkommen  bewußt,  wie  unendlich  viel  meine  politische  Ausbildung
dem  Umstande  verdankt,  daß  es  mir  vergönnt  war,  in  solcher  Nähe  Eurer
Durchlaucht  zu  leben.  Meine  ganze  Auffassung  der  Dinge  ist  dadurch
modifiziert  worden,  und  wenn  ich  überhaupt  in  der  Lage  war,  meinem
neuen  Chef  einige  Dienste  in  den  Anfängen  seiner  Amtsführung  zu  leisten,
so  weiß  ich,  daß  ich  es  dieser  Schule  verdanke.  Aber  darüber  hinaus  habe
ich  Eurer  Durchlaucht  im  Herzen  nahegestanden,  näher  vielleicht,  als  Sie
es  ahnten.  Auf  dieses  Verhältnis  war  zum  Schluß  ein  Schatten  gefallen;
wir  wissen  das  beide;  und  ich  habe  sehr  darunter  gelitten.  Aber  das  ist
innerlich  ganz  überwunden,  und  es  bleibt  nur  eine  dankbare  Erinnerung.
Daß  mein  Weg  mich  gerade  hierher  nach  Brüssel  führen  mußte,  ist  eine
eigene  Verkettung  der  Umstände,  deren  Ungunst  heute  noch  unüberwunden
  auf  mir  lastet.  Diese  Sache  ist,  in  Folge  einer  unerwarteten
Stellungnahme  höheren  Ortes,  uns  ganz  aus  der  Hand  gegangen.  Meine
Wünsche  gingen  bekanntlich  nach  einer  ganz  anderen  Richtung,  für  die
man  bereits  an  höchster  Stelle  den  Weg  gebahnt  hatte.  Aber  wer  will  die
Glieder  der  Kette  lösen  und  ändern,  die  von  den  Uranfängen  bis  herauf  zu
unseren  Schicksalen  führt!  Wir  wollen,  wie  wir  wollen  müssen.  Ich  möchte
nur  noch  meiner  Freude  Ausdruck  geben,  Eure  Durchlaucht  körperlich
so  wohl  und  frisch  gefunden  zu  haben,  und  mit  meinen  ehrerbietigsten
Empfehlungen  an  die  Frau  Fürstin  schließen  als  Eurer  Durchlaucht  stets
ganz  gehorsamster  Flotow.‘“  Mit  dem  Schatten,  der  zum  Schluß  auf  sein
Verhältnis  zu  mir  gefallen  wäre,  meinte  Flotow  natürlich  die  von  ihm
eingefädelte  Intrige,  der  Graf  Wallwitz  zum  Opfer  fiel.  Die  Behauptung,  er
sei  halb  gegen  seinen  Wunsch  und  Willen  nach  Brüssel  versetzt  worden,
war  eine  pia  oder  vielmehr  eine  impia  et  impudens  fraus.

Einige  Wochen  nach  seiner  Ernennung  zum  Gesandten  in  Brüssel
meldete  uns  Flotow  seine  Verlobung  mit  der  verwitweten  Gräfin  Marie
Keller,  geborene  Schahowskoy.  Sie  war  eine  Russin,  Witwe  des  russischen
Generals  Theodor  Keller.  Ich  habe,  als  ich  anläßlich  der  Palästinareise
unserer  Majestäten  die  preußische  Hofstaatsdame  Gräfin  Mathilde  Keller
erwähnte,  auch  von  dem  russischen  Zweig  dieser  deutschen  Adelsfamilie
und  von  dem  im  Russisch-  Japanischen  Kriege  als  Held  gefallenen  russischen
General  Graf  Theodor  Keller  gesprochen.  Der  ritt  während  einer  Schlacht
zu  einer  Batterie,  deren  Offiziere  Deckung  in  einer  Weise  gesucht  hatten,
die  sie  für  ihre  Leute  unsichtbar  machte.  Darüber  von  Keller  zur  Rede
gestellt,  entschuldigten  sie  sich  damit,  daß  sie  nicht  Lust  gehabt  hätten,

es
        <pb n="116" />
        Richtlinien
der  äußeren

Polisik

84  DER  EUROPÄISCHE  FRIEDE

sich  einem  sicheren  Tode  auszusetzen.  Graf  Theodor  Keller  erwiderte:
„Ich  will  euch  zeigen,  wie  ein  russischer  General  stirbt.“  Er  hielt  auf  seinem
Schimmel  so  lange  neben  der  Batterie,  bis  ihn  eine  feindliche  Granate  in
Stücke  riß.  Die  Ehe  zwischen  seiner  Witwe  und  Flotow,  der  freilich  von
seinem  Vorgänger  in  jeder  Richtung  so  verschieden  wie  nur  irgend  möglich
war,  wurde  nicht  glücklich.  Durch  ihren  ersten  Mann,  der  ein  Mann  war,
anderes  gewöhnt,  behandeite  sie  ihren  zweiten  Gatten,  auch  als  dieser
später  Botschafter  in  Rom  wurde,  nicht  gerade  freundlich.  Während  des
Weltkrieges  ließ  sie  sich  von  ihm  scheiden  und  in  den  römischen  Zeitungen
ankündigen,  daß  die  bisherige  deutsche  Botschafterin,  Frau  von  Flotow,
nach  Trennung  ihrer  Ehe  mit  Herrn  Hans  von  Flotow  in  ihr  russisches
Vaterland  zurückgekehrt  sei  und  ihren  früheren  Namen  Keller  wieder
angenommen  habe.  Zu  ibrer  Entschuldigung  muß  ich  sagen,  daß  sie  sich
zu  ihrer  zweiten  Ehe  nur  zögernd  und  ungern  entschlossen  hatte,  als  Flotow,
nicht  abgeschreckt  durch  alle  vorher  erhaltenen  Körbe,  immer  wieder  um
sie  anhielt.  Von  ihrer  Schwägerin,  der  Gräfin  Marie  Kleinmichl,  gefragt,
wie  sie  Flotow  hätte  heiraten  können,  meinte  sie  mit  russischer  Unbefangenheit:
  „Je  l’ai  &amp;amp;pous®  pour  me  debarrasser  de  lui.  Je  m’ennuyais  tant  avec
ses  longues  lettres,  dans  lesquelles  il  demandait  et  redemandait  ma  main.
Je  me  servirai  de  lui  comme  d’un  intendant.“  „Wenn  der  Purpur  fällt,
muß  der  Herzog  nach“,  ruft  bei  Schiller  „mit  fürchterlichem  Hohn“  der
alte  Verrina  dem  ins  Meer  gestürzten  Fiesko  nach.  Als  sich  Frau  von
Flotow  von  ihrem  ungeliebten  zweiten  Gatten  abwandte,  ging  diesem
nicht  nur  ihr  Geld,  sondern  auch  ihre  schöne  Villa  bei  Cannes  verloren.

Ich  habe  schon  gesagt,  daß  ich  die  politischen  Geschäfte  des  Reichs
meinem  Nachfolger  nicht  ohne  Sorge  übergeben  hatte.  Nicht  als  ob  ich
Revolution  oder  Umsturz  befürchtet  hätte.  Die  Wahlen  von  1907  hatten
bewiesen,  wie  starke  Kräfte  des  Widerstandes  gegen  parteipolitische
Selbstsucht  und  insbesondere  gegen  den  herostratischen  Aberwitz  des
doktrinären  Marxismus  in  der  deutschen  Volksseele  schlummerten.  Ich
fürchtete,  vorausgesetzt,  daß  wir  eine  verständige  und  leidlich  geschickte
auswärtige  Politik  machten,  auch  keine  Störung  des  europäischen
Friedens.  Wenn  es  gewiß  in  Rußland  wie  in  England  und  vor  allem
in  Frankreich  friedensfeindliche,  friedenstörende  Persönlichkeiten  und
Gruppen  gab,  so  überwogen  doch  ziemlich  überall  die  friedliebenden
Strömungen.  Ich  war  überzeugt,  daß,  wenn  wir  gegenüber  England  hinsichtlich
  des  Tempos  der  Flottenbauten  ein  verständiges  Entgegenkommen
an  den  Tag  legten,  England  kein  Interesse  daran  haben  werde,  eine
Weltkatastrophe  herbeizuführen.  Das  entsetzliche  Unglück  eines  Weltbrandes
  konnte  der  Menschheit  erspart  bleiben.  Wir  durften  uns  freilich
den  russischen  Dardanellenwünschen  nicht  in  den  Weg  stellen,  noch
        <pb n="117" />
        „ıil0  SOZII“  85

durch  unvorsichtige  Gesten  in  dieser  Richtung  das  russische  Mißtrauen

erwecken.  Wir  durften  vor  allem  Österreich  kein  Vorgehen  auf  der
Balkanhalbinsel  erlauben,  das  Rußland  nach  seiner  hundertjährigen
Tradition  nicht  ruhig  hinnehmen  würde.  Wir  mußten  uns  immer  vor  Augen
halten,  daß,  wenn  wir  mit  Rußland  und  Frankreich  in  Krieg  gerieten,
England  schwerlich  eine  so  günstige  Gelegenheit  vorübergehen  lassen
würde,  die  stärkste  Kontinentalmacht  und  gleichzeitig  seinen  gefährlichsten
  Konkurrenten  auf  wirtschaftlichem  Gebiet  unschädlich  zu  machen.
Unter  solchen  Voraussetzungen  sah  ich  getrost  in  die  Zukunft.  Ich  wiederhole:
  wahrlich  nicht,  als  ob  ich  für  die  uns  umgebenden  Gefahren,  gegenüber
  den  uns  umlauernden  Feinden  blind  gewesen  wäre.  Aber  ich  war
davon  durchdrungen,  daß  wir  mit  ruhiger  Festigkeit  und  mit  der  nötigen
Geschicklichkeit  diesen  Gefahren  ausweichen,  die  Pläne  unserer  Feinde
vereiteln  konnten.

Meine  eigentliche  Sorge  galt  der  Unzulänglichkeit  von  Bethmann,  der
Unbesonnenheit  und  Selbstüberschätzung  des  Kaisers.  Im  Innern  war,
sobald  sich  die  Konservativen  gegen  mich  gewandt,  den  Block  gesprengt
und  die  Erbschaftssteuer  zu  Fall  gebracht  hatten,  die  von  mir  vorausgesehene
  Folge  dieser  verhängnisvollen  Irrung,  ich  möchte  sagen,  automatisch
  zutage  getreten.  Alle  Ersatzwahlen  seit  meinem  Rücktritt  zeigten
ein  rapides  und  stetes  Wiederanwachsen  der  sozialdemokratischen
Stimmen.

In  allen  Teilen  des  Reichs,  von  Ostpreußen  bis  in  die  Pfalz,  setzte
die  seit  drei,  richtiger  gesagt  seit  sechs  Jahren  rückläufig  gewordene
sozialdemokratische  Flut  wieder  ein.  Trotzdem  wirkte  der  Ausfall  der
Reichstagswahlen  von  1912,  denen  Heydebrand  und  sein  Famulus  Westarp
mit  kaum  faßlichen  Illusionen  entgegengezogen  waren,  denen  Bethmann
Hollweg  mit  verschränkten  Armen,  in  apathischer  Hilflosigkeit  zugeseben
hatte,  im  Inlande  nicderdrückend  auf  klarerblickende  Patrioten,  im
Auslande  ermutigend  auf  alle  unsere  Gegner.  Ein  demokratisches  Witzblatt,
der  Berliner  „Ulk“,  brachte  nach  den  Reichstagswahlen  vom  12.  Januar
1912  an  der  Spitze  seiner  Nummer  ein  gut  gezeichnetes  Bild,  das  Bethmann
Hollweg  darstellte,  wie  er  in  steifer  Haltung  dem  Kaiser  Vortrag  hält,  in
der  Hand  ein  Aktenstück  mit  der  Aufschrift  „110  Sozi!“  Der  Kaiser,  der
im  Pelz  auf  einer  Bank  sitzt,  zeichnet  mit  dem  Spazierstock  in  den  Winterschnee
  das  Wort  „Bülow“.  Er  sieht  sehr  gedrückt  aus,  Hat  Wilhelm  II.
die  Tragweite  jener  Wahlen  sogleich  begrilfen  ?  Ich  möchte  dies  bei  seiner
Oberflächlichkeit  gerade  in  großen  politischen  Fragen  bezweifeln.  Tatsächlich
  war  eine  so  gewaltige  Zunahme  der  Sozialdemokraten  nicht  nur  an
Stimmen,  sondern  auch  an  Mandaten  ein  sehr  ernstes  Menetekel  an  der

Wand  der  deutschen  Zukunft.  Nicht  weniger  als  sechsundsechzig  von  den

Reichstagswahlen


von  1912
        <pb n="118" />
        86  1912,  1916,  1917

neunundsechzig  Wahlkreisen,  welche  die  Sozialdemokratie  1912  eroberte,
“waren  1907  in  den  Besitz  der  bürgerlichen  Parteien  zurückgekehrt,  neunundzwanzig
  waren  damals  an  die  Konservativen,  siebenunddreißig  an  die
Liberalen  gefallen.  Die  Parteien  der  Rechten  sanken  von  hundertdreizehn
Mandaten,  die  sie  1907  erobert  hatten,  in  den  Wahlen  von  1912  auf  neunundsechzig
  Mandate.  Das  war  der  tiefste  Bestand  der  Rechten  seit  dem
Jahr  1874.  Dem  Liberalismus  brachten  die  Wahlen  von  1912  die  bisher
schwächste  Vertretung  im  Reichstag  überhaupt.  Für  die  Wahlen  von  1907
hatte  ich  zum  erstenmal  Konservative  und  Liberale  aller  Schattierungen
unter  einen  HHut  gebracht.

Die  Bethmannschen  Wahlen  von  1912  sahen  zum  erstenmal  in  Deutsch-Beihmanns
  land  eine  enge  Koalition  aller  linksstehenden  Elemente.  1907  war  die
Niederlage  Rechte  mit  hundertdreizehn  Mandaten  gegenüber  hundertsechs  Liberalen,

hundertfünf  Zentrumsvertretern  und  nur  dreiundvierzig  Sozialisten  als  die
stärkste  Gruppe  aus  den  Wahlen  hervorgegangen.  Im  Jahre  1912  wurde
die  Sozialdemokratie  mit  hundertzehn  Mandaten  die  stärkste  Partei  im
Reichstag,  neben  neunzig  Zentrumsvertretern,  fünfundachtzig  Liberalen
und  nur  neunundsechzig  Konservativen  aller  Nuancierungen.  Die  Wahlen
von  1907  hatten  für  die  Sozialdemokratie  die  empfindlichste  und  schwerste
Niederlage  bedeutet,  die  sie  je  erlitt;  die  Wahlen  von  1912  brachten  ihr  den
größten  Erfolg  seit  dem  Bestehen  von  Reichstag  und  Reich.  Die  ungeheure
Bedeutung  dieser  Wahlniederlage  der  Bethmannschen  Regierung  und  der
IHeydebrand-Westarpschen  Führung  sollte  freilich  erst  im  Weltkrieg  aller
Welt  klar  werden.

Auf  die  Tatsache,  daß  1912  die  Sozialdemokratie  mit  hundertzehn
Abgeordneten  die  stärkste  Partei  des  Reichstags  geworden  war,  ist
nicht  nur  die  klägliche  Zügelführung  im  Innern  während  des  ganzen  Weltkrieges
  zurückzuführen,  die  in  so  beschämendem  Gegensatz  stand  zu  der
straffen  und  unbeugsamen  Energie,  mit  der  Clemenceau,  Lloyd  George,
die  italienischen  Minister  ihre  Völker  gerade  im  Kriege  führten,  sondern
auch  die  politisch  falsche  und  verhängnisvolle  Richtung,  die  Bethmann
Hollweg  und  Jagow  unserer  ganzen  Kriegspolitik  von  vornherein  gegen
das  zaristische  Rußland  gaben  in  der  schwächlichen,  blinden  Hoffnung,
dadurch  die  Sozialdemokratie  in  guter  Laune  und  bei  der  Stange  zu  halten.
Auch  das  unsere  Gegner  nur  ermutigende,  einfältige  Friedensangebot  vom
Dezember  1916  sowie  die  mehr  als  naive  Friedensresolution  des  Reichstags
vom  Juli  1917,  ja  im  letzten  Ende  selbst  die  unsinnige  Wiederherstellung
von  Polen  gingen  aus  der  Furcht  des  Bethmannschen  Regimes  vor  der
größten  und  stärksten  Partei  des  Reichstags  hervor.

Tod  In  der  auswärtigen  Politik  hatte  uns  der  am  6.  Mai  1910  erfolgte  Tod
Eduards  VII.  Eduards  VII.  eine  erhebliche  Erleichterung  gebracht.  Nicht  als  obich  glaubte,
        <pb n="119" />
        DER  PANTHERSPRUNG  87

daß  Eduard  VII.  auf  den  Krieg  gegen  Deutschland  losgesteuert  wäre,  wie
dies  unter  Bismarck  bei  Skobelew  und  Boulanger,  zu  meiner  Zeit  bei
Delcasse  und  den  englischen  Marinechauvinisten  der  Fall  war,  später  bei
Poincar&amp;amp;  und  dem  Großfürsten  Nikolai  Nikolajewitsch  der  Fall  sein  sollte,
Aber  König  Eduard  bereitete  uns,  weil  er  die  Deutschen  nun  einmal  nicht
mochte,  aus  Abneigung  gegen  seinen  Neflen,  auch  aus  Sorge  vor  der
deutschen  wirtschaftlichen  Konkurrenz  und  vor  dem  hitzigen  Tempo
unserer  Schiflsbauten,  wo  er  konnte,  Schwierigkeiten  und  Hindernisse.
Meine  persönlichen  Beziehungen  zu  dem  klugen  und,  wenn  er  wollte,  so
liebenswürdigen  Monarchen  waren  während  dreißig  Jahren  immer  freundlich
  gewesen.  Auf  das  Telegramm,  das  ich  nach  dem  Ableben  des  Königs
Eduard  an  seine  Witwe  richtete,  antwortete  mir  die  Königin  Alexandra:
„I  am  so  deeply  touched  by  your  kind  telegram  of  sympathy  at  this  time
of  my  terrible  bereavement.“

Ebenso  bedauerlich  wie  der  Ausfall  der  Reichstagswahlen  von  1912  war
die  Agadir-Episode,  die  1911  wie  ein  mißglücktes  Feuerwerk  die  Welt  erst
verblüffte,  dann  zum  Lachen  gereizt  und  uns  nur  blamiert  hatte.  Bei  dem
Panthersprung  nach  Agadir  kam  erst  die  Fanfare,  dann  folgte  nach  der
Rede  von  Lloyd  George  eine  klägliche  Chamade.  Es  war  einige  Monate
nach  dieser  Rede,  daß  mir  der  italienische  Minister  des  Äußern,  Marchese
San  Giuliano,  sagte:  „In  der  Stunde,  wo  die  deutsche  Regierung  vor  der
brutalen  Drohung  von  Lloyd  George  zurückwich,  wurde  in  Frankreich  der
Esprit  nouveau  geboren,  d.h.  der  Galliergeist,  l’ancien  esprit  guerrier  et
belliqueux  des  Gaulois  qui  dormait  depuis  1871  et  qui,  en  1888,  avait  ete
refoul€  par  Bismarck,  en  1905  par  vous.“  Für  den  Panthersprung  war
Kiderlen-Wächter  verantwortlich,  der  1910  Schön  als  Staatssekretär  des
Auswärtigen  Amts  abgelöst  hatte.  Als  ihn  auf  seiner  Fahrt  von  Bukarest
nach  Berlin  auf  der  Durchreise  durch  München  ein  Kollege  am  Bahnhof
beglückwünschte,  antwortete  er  ihm  vor  einem  größeren  Kreis  mit  allzu
derbem  Witz:  „Mir  sollten  Sie  nicht  gratulieren,  denn  ich  hatte  es  an  der
Dimbowitza  bequemer  und  besser,  als  ich  es  an  der  Spree  haben  werde.
Aber  darüber  können  Sie  sich  freuen,  daß  Sie  eine  solche  Größe  wie
Schön  als  Chef  losgeworden  sind.“  Kiderlen  hat  bis  an  sein  Lebensende
behauptet,  die  Schuld  an  dem  Fiasko  der  mit  der  Entsendung  des  Panthers
nach  Agadir  eingeleiteten  Aktion  wie  für  das  unbefriedigende  Ergebnis  der
darauf  mit  Frankreich  eingeleiteten  Marokko-  und  Kongo-Verhandlungen
sei  darauf  zurückzuführen,  daß  während  der  diplomatischen  Kampagne
Wilhelm  II.  zwischen  Drohungen  und  übertriebenen  Forderungen  auf  der
einen,  Entmutigung  und  zu  weit  gehender  Nachgiebigkeit  auf  der  anderen
Seite  hin  und  her  geschwankt,  der  Kanzler  Bethmann  dagegen,  sobald  es
nach  Pulver  roch,  total  die  Nerven  verloren  habe.  Das  letztemal,  wo  ich

Die  Agadir-Episode
        <pb n="120" />
        „An  den
Fürsten  Bülow
in  Rum“

88  KIDERLEN

Kiderlen  gesehen  habe,  war  im  Januar  1912  in  Rom,  wohin  er  für  einige
Tage  gekommen  war,  um  sich  dem  König  und  dem  Minister  des  Äußern,
San  Giuliano,  die  ihn  noch  nicht  persönlich  kannten,  vorzustellen.  Kiderlen
machte  auf  beide  einen  tüchtigen  Eindruck.  Er  kam  jeden  Abend  zu  uns
nach  der  Villa  Malta.  Ich  fand  ihn  körperlich  nicht  gut  aussehend,  erschöpft
und  dabei  aufgedunsen.  Er  trank  mir  auch  zu  viel.  Als  ich  ihn  zu  einem
strengeren  Regime  ermahnte,  meinte  er:  er  habe  nur  noch  kurze  Zeit  zu
leben,  da  wolle  er  sich  nichts  abgehen  lassen,  sondern,  wie  dies  sein  engerer
Landsmann  Schiller  so  schön  ausdrücke,  noch  schlürfen  die  Neige  der
köstlichen  Zeit.  Kiderlen  starb  am  30.  Dezember  1912  in  seiner  Heimatstadt
Stuttgart  an  einem  Herzschlag,  unmittelbar  nachdem  er  auf  einem  Diner
bei  dem  bayrischen  Gesandten  Graf  Moy  trotz  des  Abratens  des  Gastgebers
  und  selbst  des  einschenkenden  Dieners  das  sechste  Gläschen
Kognak  getrunken  hatte.  Unvergeßlich  sind  mir  die  letzten  Worte  geblieben,
  die  er  bei  unserem  letzten  Zusammensein,  in  Rom,  an  mich
richtete.  Ich  wünschte  ihm,  als  er  in  der  Villa  Malta  von  mir  Abschied
nahm,  guten  Erfolg  in  seinem  Amt  und  sagte  zu  ihm:  „Trinken  Sie  weniger
Kognak  und  rauchen  Sie  nicht  zu  schwere  Zigarren,  aber  im  übrigen  lassen
Sie  den  Kopf  nicht  hängen.  Sie  werden  es  schon  schaffen.“  Kiderlen  antwortete
  mir:  „Herzlichen  Dank,  Durchlaucht,  aber  ich  weiß  nur  zu  gut,  daß
wir  seit  Ihrem  Rücktritt  im  Innern  und  nach  außen  eine  sehr  mäßige
Politik  gemacht  haben.  Aber  machen  Sie  mal  eine  gute  Politik  zwischen
einem  —  und  einem  Schwächling.““  Der  frübe  Tod  von  Kiderlen  war
trotz  allem  ein  Unglück  für  das  Land.  Eine  so  miserable  Politik,  wie
sie  sein  Nachfolger  Jagow  mit  Bethmann  inaugurierte,  würde  Kiderlen
nicht  gemacht  haben.

In  vielen  Briefen  und  Zuschriften,  die  ich  aus  der  Heimat  erhielt,  trat
wachsende  Unzufriedenheit  mit  der  Bethmannschen  Führung  und  damit
in  Verbindung  ein  mich  betrübender  Pessimismus  zutage.  Schon  im  ersten
Winter  nach  meinem  Rücktritt  richtete  am  14.  Februar  1910  der  Chefredakteur
  des  „Berliner  Tageblatts“,  Theodor  Wolff,  der  mich  und  meine
Politik  oft  bekämpft  hatte,  an  der  Spitze  seines  Blattes  ein  offenes
Schreiben  „An  den  Fürsten  Bülow  in  Rom“,  in  welchem  es  hieß:  „Obgleich
Euer  Durchlaucht  heute  in  Rom  als  Rentier  und  Epikuräer  leben,  blicken
Sie  gewiß  dann  und  wann  in  die  Heimat  zurück,  und  vor  den  Ruinen  auf
dem  Forum  erwägen  Sie  im  Geiste  Ihres  Nachfolgers  bisherige  Tätigkeit.
‚Ach‘,  sagen  Sie,  ‚man  hat  mich  einen  Bonvivant,  einen  leichten  Weltmann
genannt  —  sie  haben  nun  einen  Kanzler,  der  in  der  Schreibstube  haust
und  von  der  Welt  nichts  weiß.  Ich  war  ihnen  zu  oberflächlich,  nicht  gründlich
  und  nicht  tief  genug  —  jetzt  haben  sie  einen,  der  sie  gründlich  hineinrudert
  und  tief  in  die  Nesseln  setzt.  Man  hat  gespottet,  daß  ich  nur  Blumen
        <pb n="121" />
        DIE  NATIONALE  TRAUERWEIDE  89

gebracht  —  vielleicht,  daß  man  neben  einer  nationalen  Trauerweide  meine
Blumen  vermissen  wird!“  In  dem  Artikel  hieß  es  weiter,  ich  wäre  der
Demokratie  ein  gefährlicher  Feind,  ein  schwer  zu  besiegender  Feind
gewesen,  weit  gefährlicher  als  der  „honette“  Bethmann,  der  das  Gespenst
der  Reaktion  „in  klapperiger  Nacktheit‘  zeige.  Aus  Bethmanns  Reden
und  Handlungen  wehe  ein  Duft  von  Quietismus,  ein  trüber  Zellenduft,  vor
dem  Fürst  Bülow  in  Rom  vermutlich  zu  den  ausgegrabenen  Antiken
flüchten  würde,  um  was  Menschliches  zu  sehen.  Der  Artikel  schloß  mit  den
uns  heute  prophetisch  anmutenden  Worten:  „Herr  von  Bethmann  Hollweg
wird  uns  wieder  verlassen,  wenn  das  Geschirr,  das  man  ihm  in  die  Ilände
gab,  zerbrochen  daliegen  wird.  Oder  er  wird,  um  es  römischer  zu  sagen,  vom
Tarpejischen  Felsen  niedersausen,  ohne  den  Lorbeer  des  Kapitols,  der  die
Stirn  Eurer  Durchlaucht  ziert.“

Unmittelbar  nach  der  Reichstagsdebatte  vom  9.  November  1911,  bei
welcher  der  Versuch  des  Kanzlers  Bethmann,  seine  schwankende  und
widerspruchsvolle  Behandlung  der  Marokko-Frage,  den  Panthersprung
nach  Agadir,  das  demnächstige  Kneifen  vor  den  brutalen  englischen
Drohungen  und  endlich  den  mißlungenen  Kongo-Vertrag  zu  verteidigen,
allerdings  völlig  fehlgeschlagen  war,  resümierte  in  einem  aus  dem  Reichstag
  an  mich  gerichteten  Schreiben  Ernst  Bassermann  seinen  Eindruck
mit  den  Worten:  „Resultat  der  ganzen  Debatte:  eine  nie  dagewesene
Niederlage  der  Regierung.  Ein  solcher  Zusammenbruch  der  äußeren  und
inneren  Politik  war  noch  nicht  da.“  Im  Frühjahr  1912  klagte  er:  „Die
Prophezeiung  Eurer  Durchlaucht  ist  erfüllt.  Der  Tag  von  Philippi  ist
erschienen.  In  der  Wilhelmstraße  gänzliche  Hilflosigkeit  und  kein  Glück,
Alles  mißlingt!“  In  der  Weihnachtszeit  1912:  „Eine  glück-  und  freudlose
Politik!  Ungeschickter  kann  schon  nicht  regiert  werden.  Es  ist  das  Philippi,
das  kommen  mußte.  Im  Osten  wächst  die  polnische  Gefahr,  die  Politik  der
Halbheit  ist  das  Schlimmste.  Im  Westen  tanzen  die  französischen  Mäuse
auf  allen  Tischen.“  Bald  nachher,  im  Februar  1913:  „In  logischer  Folge
schloß  sich  an  Agadir  Tripolis  und  der  Balkankrieg.  Im  Innern  hat  die
Ungeschicklichkeit  und  Hölzernheit  im  Verhandeln  ihren  Höhepunkt
erreicht.  Die  Signatur  ist  überall:  Unklarheit  und  Unsicherheit.“  Und  im
März  1914,  wenige  Monate  vor  dem  Ausbruch  des  Weltkrieges:  „Eine
Planlosigkeit  sondergleichen  ist  Signatur.  ‚Sich  halten‘  ist  das  oberste  Ziel
Bethmannscher  Politik.“  Bassermann  hatte  sich  über  Bethmann  nie
Illusionen  gemacht.  Schon  am  23.  Juni  1909,  am  Vorabend  der  Entscheidung
  über  die  Erbanfallsteuer,  hatte  er  aus  dem  Reichstag  in  einem
nach  seinem  Ableben  veröffentlichten  Briefe  an  seine  Gattin  geschrieben:
„Was  wird  werden?  Eine  traurige  Rolle  spielt  Bethmann.  Dieser  weichherzige
  Mann,  Flaumacher,  will  vielleicht  Kanzler  werden.‘  Und  ein  halbes

Bassermann
über
Bethmann
        <pb n="122" />
        Pessimismus
bei  Aworitäten

90  ES  GEHT  NICHT  SO  WEITER

Jahr  später,  wiederum  aus  dem  Reichstag  und  wieder  an  seine  Frau:  „Mein
Eindruck  von  Bethmann  ist  kein  besserer  geworden.  Das  ist  ein  Mann,  der
nicht  über  der  Sache  steht,  sondern  der,  kleinmütig,  ohne  Frische,  ohne
Humor  und  ohne  jede  Spur  von  Genialität,  von  den  Schwierigkeiten
bedräut  und  bedrückt  wird.  Eine  Gedankenarmut!!  Welch  ein  Kontrast
gegen  Bülow  und  seine  überlegene  Weltanschauung!  In  welchen  Händen
ist  jetzt  dieses  aufstrebende  Reich!“  Die  Stimmung  bei  den  Konservativen
war  nicht  besser.  Graf  Mirbach-Sorquitten,  ein  strammer  Konservativer,
schrieb  mir  im  Frühjahr  1912:  „Die  derzeitige  Situation  ist  sehr  wenig
erfreulich,  hauptsächlich  durch  die  Haltung  unseres  stets  zwischen  zwei
oder  mehreren  Stühlen  sitzenden  leitenden  Staatsmannes.  Mir  war  er,  so
redlich  ich  mich  auch  bemüht  habe,  ihn  objektiv  zu  beurteilen,  stets
unsympathisch.  Es  fehlt  ihm  der  Humor  und  der  rasche  Entschluß.“

Aus  Düsseldorf  hörte  ich  Ende  1912,  einer  der  hervorragendsten
rheinischen  Industriellen,  Kirdorf,  ein  schroffer  Mann,  aber  eine  ungewöhnliche
  Intelligenz  und  ein  Charakter,  habe  der  festen  Überzeugung
Ausdruck  gegeben,  daß,  wenn  die  Dinge  so  weitergingen  wie  in  den  letzten
drei  Jahren,  Deutschland  nach  innen  und  außen  einer  Katastrophe
entgegentreibe.  Um  dieselbe  Zeit,  am  30.  Dezember  1912,  wurde  mir  sogar
aus  dem  Bethmannschen  Preßbüro  nach  einer  überaus  melancholischen
Schilderung  der  Lage  und  Stimmung  in  Berlin  geschrieben:  „In  solcher
Zeit  fühle  ich  und  viele  andere  mit  mir  doppelt  schwer,  daß  Eure  Durchlaucht
  nicht  mehr  auf  der  Bühne  der  Weltgeschichte  wirken,  sondern  nur
noch  im  Zuschauerraum.‘‘  Noch  mehr  beeindruckten  mich  die  Sorgen,  mit
denen  selbst  Harnack  der  Bethmannschen  Politik  gegenüberstand;  denn
der  bewegliche  und  opportunistische  Geist  des  Hoftheologen  des  Kaisers
Wilhelm  II.war  kein  atrox  animus  Catonis,  und  nichts  lag  Adolph
Harnack  ferner  als  Opposition  gegen  die  Machthaber  der  Stunde,  denen  er,
wer  und  wie  sie  auch  sein  mochten,  gern  sein  Antlitz  zuwandte  wie  der
Helianthus  seine  Strahlenblüten  und  Blütenkörbe  der  Sonne.  Er  stünde,
schrieb  mir  Exzellenz  von  Harnack  nach  dem  Abschluß  des  Marokko-Kongo-Vertrages,
  dieser  Wendung  „mit  allergrößten  Bedenken“  gegenüber.
Der  für  uns  so  ungünstige  Vertrag  sei  offenbar  aus  der  Meinung  heraus
geschlossen,  daß  wir  fortan  Frankreich  zum  Freunde  haben  würden.  Das
wäre  aber  doch  ein  großer  Irrtum,  selbst  wenn  eine  zeitweilige  Detente  die
Folge  sein  sollte,  denn  die  Reibungsflächen  seien  nicht  vermindert,  sondern
vermehrt,  und  an  der  alten  eigentlichen  Reibefläche  könne  kein  Gott  etwas
ändern.  Adolf  Wilbrandt  hatte  schon  wenige  Monate  nach  meinem
Rücktritt  in  einem  im  Januar  1910  an  mich  gerichteten  Briefe  gemeint:
„Die  politische  Unreife  der  Deutschen  feiert  ihre  Feste  wie  immer;  aber
auch  das  neue  Reichsregiment  macht  mir  einen  dürftigen,  nichtsverheißen-
        <pb n="123" />
        IN  BEQUEMER  LOGE  91

den  Eindruck.  Oh,  die  schönen  Bülowjahre!““  Der  Ilistoriker  Oncken
schrieb  mir  um  dieselbe  Zeit,  eingehende  Beschäftigung  mit  der  Geschichte
der  Nationalliberalen  Partei  und  ihres  Führers  Bennigsen,  dessen  Lebensbild
  er  mir  überreichte,  lasse  ihn  immer  mehr  erkennen,  daß  ich  recht  hätte,
wenn  ich  ihm  bei  meinem  Rücktritt  geschrieben  habe,  daß  von  der  Politisierung
  der  Liberalen  und  von  der  Modernisierung  der  Konservativen
unsere  innerpolitische  Zukunft  abhänge.  Der  Verlauf  der  äußeren  und
inneren  Angelegenheiten  im  Deutschen  Reich  und  in  Preußen  seit  meinem
Rücktritt  lenke  bei  manchem  besorgten  Mann  den  Blick  mit  einer  Art
von  Sehnsucht  nach  Rom.

Der  freisinnige  Professor  und  Abgeordnete  Schulze-Gaevernitz  bedauerte,
  daß  sowohl  in  der  Ostmarkenpolitik  wie  in  der  Behandlung  der  Sozialdemokratie
  meinem  Nachfolger  meine  Hand  fehle—  „kurz:  mehr  Bülow!“
Mein  ehemaliger  Personaldezernent  Fürst  Lichnowsky  schrieb  über  Bethmann:
  „Seine  Biederkeit  und  Ehrlichkeit  haben  ihm  Freunde  gewonnen.
Er  rührt  aber  mehr,  als  daß  er  imponiert.‘‘  Lichnowsky,  der  sich  nach  einer
Botschaft  sehnte,  war  kein  strenger  Kritiker  für  den  amtierenden  Reichskanzler.
  Aber  auch  der  ganz  unabhängige  Fürst  von  Hohenlohe-Oehringen
schrieb:  „Sie  können  nach  den  früher  nie  endenden  Plackereien  nunmehr
wie  von  einer  bequemen  Loge  die  Ereignisse  des  Welttheaters  beobachten
und  dabei  die  Genugtuung  haben,  zu  schen,  wie  richtig  der  Weg  war,  den
Sie  uns  einst  geführt,  während  wir  jetzt  leider  mit  Bangen  in  die  Zukunft
blicken  müssen.“  Der  Berliner  Korrespondent  der  „Kölnischen  Zeitung“,
Herr  von  lIuhn,  hatte  mir  schon  vor  dem  schlechten  Ausfall  der  Wahlen
geschrieben:  Bethmann  treibe  in  jeder  Richtung  eine  Kunktator-Politik
und  scheine  zu  glauben,  daß  ihm  irgendein  Wunder  helfen  würde.  Er  täte
nichts,  um  einer  offenbar  sehr  gefährlichen  Entwicklung  der  Dinge  entgegenzuarbeiten.
  Das  liege  daran,  daß  er  trotz  ethischer  und  philosophischer
Überzeugungen  aus  der  Haut  des  preußischen  Bürokraten  nicht  herauskönne.
  An  Allerhöchster  Stelle  interessiere  man  sich  für  die  innere  Politik
nur  wenig,  wie  man  überhaupt  sehr  viel  passiver  geworden  wäre.  An  sich
wäre  das  ja  nicht  gerade  ein  Unglück,  so  aber  gingen  die  Dinge  unter  dem
Zeichen  allgemeinen  Mißbehagens  ihren  Gang.  Wenn  man  früher,  selbst
unter  Bismarck,  gelegentlich  von  einer  Reichsverdrossenheit  gesprochen
habe,  so  sei  jetzt  eine  Regierungsverdrossenheit  vorhanden,  die  immer
weitere  Kreise  ergreife.  Man  verliere  wirklich  jede  Lust,  denn  alles  sei  gar
zu  hoffnungslos  und  ledern,

Walter  Rathenau  schrieb:  „Bei  dem  Verlust,  den  wir  alle  durch  Ihr
Scheiden  erlitten  haben,  kommen  meine  Gefühle  nicht  in  Betracht.  Sie
werden  aber  noch  weiter  beschattet  durch  die  Besorgnisse,  die  ich  für
unsere  fernere  Zukunft  hege.  Diese  trüben  Gedanken  lassen  mich  immer
        <pb n="124" />
        92  WALTER  RATHENAU  BEIM  ORDENSFEST

wieder  wenigstens  das  eine  erhoffen,  daß  Eure  Durchlaucht  sich  die
Aufgabe  wählen  werden,  der  Berater  und  der  getreue  Eckart  des  Volkes  zu
sein,  dessen  Verwalter  Sie  so  lange  gewesen  sind.‘  Ich  hatte  endlich  durch
Loebell  erreicht,  daß  Walter  Rathenau  die  von  ihm  lebhaft  gewünschte,
übrigens  verdiente  höhere  Ordensauszeichnung  erhielt.  Mit  Bezug  darauf
schrieb  er  mir  am  15.  Januar  1910:  „Für  morgen  bin  ich  zum  Ordensfest
geladen  und  darf  annehmen,  daß  dies  mit  den  Anträgen  Eurer  Durchlaucht
vom  letzten  Sommer  zusammenhängt.  Als  Ausstrahlung  des  Wohlwollens
und  der  Güte  Eurer  Durchlaucht  ist  diese  Auszeichnung  mir  eine  hohe
Freude!  Aber  sie  ist  nur  ein  kleiner  Teil  dessen,  was  ich  Eurer  Durchlaucht
für  mein  Leben  verdanke  und  unvergeßlich  bewahre.  Daß}  ich  zwei  Jahre  in
Ihrem  Gesichtskreis  leben  und  mich  der  Sphäre  Ihrer  gewaltigen  Tätigkeit,
ja  Ihrer  schönen  Häuslichkeit  nähern  durfte,  ist  ein  Glück,  für  das  ich
Ihnen,  Durchlaucht,  und  meiner  gnädigsten  Fürstin  für  alle  Zeiten  von

Herzen  dankbar  bleibe.“
        <pb n="125" />
        vIll.  KAPITEL

Besuch  Adolf  von  Harnacks  in  Rom  »  Harnacks  Stellung  zum  Kaiser  vor  und  nach  der

Revalution  »  Besuch  in  Brandenburg  a.  d.  H.  im  Sommer  1913  +  Familientag  in  Doheran

Gedächtnisrede  anläßlich  der  Enthüllung  des  Denkmals  für  den  General  von  Bülow-Dennewitz
  -  Zustimmende  Briefe  «  Gruf  Roon  »  Besuch  bei  Fitger  in  Bremen

in  vierzehntägiger  Besuch  von  Walter  Rathenau  in  Rom  war  uns  willkommen.

  Mit  diesem  anregenden  und  angeregten,  geist-  und  gedankenvollen
  Mann  in  den  Gefilden  der  Natur  und  Kunst  zu  spazieren,  war  ein
Vergnügen.  Unvergeßlich  bleibt  mir  der  Abend  des  21.  April  1910,  des
Natalizio  der  Ewigen  Stadt,  an  dem  Rathenau  und  ich  vom  Turme  der
Villa  Malta  auf  das  lichtstrahlende  Rom  hinabblickten  und  dabei  die
hier  zu  Stein  gewordenen  Ideen  der  Weltgeschichte  überdachten  und
besprachen.

Adolph  Harnack  verweilte  in  demselben  Jahr  mehrere  Wochen  in
unserem  Hause:  ein  Gelehrter  von  umfassender  Bildung,  von  feinem,  ich
möchte  fast  sagen,  attischem  Geist,  dessen  Charakter  freilich  nicht  auf
gleicher  Höhe  stand.  Heinrich  Heine  sagt  von  dem  Pyrenäenbär  Atta
Troll,  dieser  sei  kein  Talent  gewesen,  aber  ein  Charakter.  Bei  Adolph
Harnack  lag  die  Sache  umgekehrt:  Ein  Talent,  doch  kein  Charakter.
Niemand  hat  Wilhelm  II.  mehr  umschmeichelt  als  Adolph  Harnack,  mit
alleiniger  Ausnahme  von  Theodor  Schiemann.  Aber  der  Historiker
Schiemann  schmeichelte  in  plumper  Weise,  der  Theologe  Harnack  mit
Grazie.  In  seiner  geschmeidigen  Art  erinnerte  Harnack  an  die  griechischen
Rhetoren  und  Sophisten,  die  persische  Satrapen  und  mazedonische
Diadochen  bezauberten  und  gelegentlich  verrieten,  an  die  Graeculi  der
römischen  Kaiserzeit.  Ich  erinnere  mich  eines  Diners  in  meinem  Hause
während  meiner  Kanzlerzeit,  an  dem  der  Kaiser  teilnahm  und  zu  dem  ich
auf  seinen  Wunsch  seine  beiden  Lieblinge,  Harnack  und  Schiemann,
geladen  hatte.  Schiemann  hielt  nach  Tisch  in  seiner  breiten  Weise  einen
Vortrag  darüber,  daß  der  Deutsche  Kaiser  und  König  von  Preußen
eigentlich  nur  einen  einzigen  Titel  führen  sollte:  Oberster  Kriegsherr!  Darin
läge  alles,  und  damit  würde  an  die  Vorzeit  angeknüpft,  an  die  Herzöge  der
Germanen.  Ich  schnitt  diesen  Unsinn  ab  mit  der  Bemerkung,  daß  die

Walter
Rathenau
und  Ilarnack
in  Rom
        <pb n="126" />
        94  HARNACKS  ABFALL

Herzöge  der  alten  Deutschen  meines  Wissens  nur  für  die  Dauer  eines
Feldzuges  gewählt  worden  seien,  während  wir  doch  besser  an  der  erblichen
Monarchie  festhielten.  Schiemann,  beschämt  und  pikiert,  ließ  die  Ohren
hängen.  Harnack  aber  näherte  sich  dem  Kaiser  mit  gefälliger  Verbeugung:
„Euer  Majestät,  ich  muß  vor  Kaiser  und  Kanzler  ein  Geständnis  ablegen.
Seitdem  ich  das  Glück  habe,  der  Schwiegervater  eines  preußischen  Hauptmannces
  zu  sein,  bin  ich  dahintergekommen,  daß  ein  solcher  mehr  von  der
Welt  versteht  als  alle  Professoren  zusammen.“  Wilhelm  II.,  naiv  und
leichter  zu  verführen  als  die  unschuldigste  Dorfschöne,  schüttelte  sich  vor
Lachen.  Er  schlug  mit  seiner  starken  Rechten  auf  seinen  kräftigen  Oberschenkel
  und  rief:  „Bei  Gott,  der  erste  vernünftige  Professor,  dem  ich
begegnet  bin!“  Harnack  war  der  gefährlichere  Höfling.  Gern  hebe  ich
hervor,  daß  der  in  Rede  stehende  Schwiegersohn  und  Hauptmann  bei
Beginn  des  Weltkrieges  als  braver  Offizier  vor  der  Front  seines  Regiments
in  den  Tod  ging  und  daß  seine  Witwe,  wie  ich  höre,  in  der  alten  Garnison
ihres  Mannes,  in  Torgau,  dem  Glauben  ihres  Mannes  und  der  Tradition  der
Armee  treu  blieb,  auch  als  ihr  Vater  sich  nach  dem  Novemberumsturz  auf
den  bequemen  „Boden  der  Tatsachen“  gestellt  hatte  und  ihr  Bruder,  bis
dahin  ein  Kaiserschwärmer  wie  sein  Vater,  von  heut  auf  morgen  zur
Sozialdemokratischen  Partei  übergelaufen  war.  Der  geistvolle  Monseigneur
Duchesne  in  Rom  hat  über  den  Abfall  des  Vaters  Harnack  von  Wilhelm  IT,
und  von  der  Monarchie  nicht  unwitzig  geäußert:  „Mr.  Harnack  a  traite
l’empereur  d’Allemagne  comme  si  celui-ci  ne  füt  qu’un  simple  Jatho.““  Der
Kölner  Pastor  Jatho  war  ein  begeisterter  Schüler  und  Anhänger  des
Theologen  Harnack  gewesen.  Der  Meister  ließ  ihn  aber  aus  Furcht  vor  der
streng  orthodox  gerichteten  Kaiserin  und  ihren  Hofdamen  im  Stiche,  als
sein  Jünger  in  Schwierigkeiten  mit  dem  Konsistorium  geriet.  Harnack  hatte
uns  seinen  Besuch  angekündigt  in  einem  Brief,  in  dem  es  hieß:  „Ein  graugestricktes
  Netz  liegt  über  Deutschland;  Sie  aber  wandeln  unter  der  Sonne!
Mösge  Sie  Ihnen  stets  hell  und  freundlich,  belebend  und  erwärmend  scheinen.
Speziell  wünsche  ich  noch,  daß  das  deutsche  Volk  immer  sicherer  und
deutlicher  erkennen  möchte,  was  es  der  Führung  Eurer  Durchlaucht  verdankt.
  Ich  wünsche  freilich,  daß  die  Erfahrungen  nicht  zu  bitter  sein  mögen,
in  denen  sich  die  Nation  diese  Erkenntnis  erwerben  muß!“  Derselbe
Harnack  brachte  nie  den  Mut  auf,  Wilhelm  II.  zu  widersprechen,  wenn
dieser  sich  vor  ihm  in  Anschuldigungen  gegen  mich  erging,  von  denen
niemand  besser  als  Harnack  wußte,  daß  sie  ungerecht  und  unwahr  waren.
Und  es  kam  die  Zeit,  wo  Harnack  vor  Wilhelm  II.  die  Tiefe  und  Gründlichkeit
  des  Kanzlers  Bethmann  Hollweg  gegenüber  der  Oberflächlichkeit.
beinahe  Frivolität  des  Kanzlers  Bülow  mit  beredtem  Munde  pries,

Nicht  lange  nachdem  Harnack  die  Villa  Malta  verlassen  hatte,  erschien
        <pb n="127" />
        EIN  VÄTERLICHES  VERBOT  95

das  deutsche  Kronprinzenpaar  in  Rom.  Der  Kronprinz  ließ  mich  nach  seiner
Ankunft  wissen,  daß  er  mich  zu  seinem  lebhaften  Bedauern  nicht  besuchen
könne,  da  sein  Vater  ilım  ausdrücklich  untersagt  habe,  die  Villa  Malta  zu
betreten.  Ich  habe  auch  diese  Ungezogenheit  mit  Ruhe  ertragen.  Als  der
große  Napoleon  einmal  gegenüber  Talleyrand  die  Haltung  verloren  hatte,
bemerkte  dieser  trocken:  „Quel  malheur,  qu’un  si  grand  homme  soit  si  mal
eleve!“  Ich  hatte  nicht  den  Trost,  daß  es  ein  großer  Mann  war,  der  mir
mankierte.  Aber  es  war  derselbe  Souverän,  der  dem  General  von  Leszczynski,
einem  unserer  tüchtigsten  Generäle,  vom  Fleck  weg  den  Abschied  erteilte,
weil  dieser  als  Kommandierender  General  in  Altona  dem  Fürsten  Bismarck
im  benachbarten  Friedrichsruh  einen  Antritts-  und  Anstandsbesuch  gemacht
  hatte.  Als  Leszczynski  einige  Jahre  später  einen  kleinen  Hof  in  der
Nähe  von  Liebenberg  als  Ruhesitz  erworben  hatte,  gelang  es  dem  Schloßherrn
  von  Liebenberg,  dem  damals  noch  in  Gunst  stehenden  Philipp
Eulenburg,  für  seinen  Nachbarn  in  einem  halbstündigen  Gespräch  mit
Seiner  Majestät  den  Schwarzen  Adler  herauszuschlagen.  Am  Abend  seiner
Ankunft  in  Rom  begegnete  ich  dem  Kronprinzen  bei  dem  Diner,  das  ihm
die  Königin-Mutter  Margherita  gab.  Er  war  verlegen,  als  er  mich  erblickte,
begrüßte  mich  aber  mit  der  ruhigen  Höflichkeit,  die  ihm  am  englischen
und  am  russischen  Hof,  bei  dem  alten  Kaiser  Franz  Joseph  und  dem  cehrwürdigen
  Prinzregenten  Luitpold  von  Bayern  im  Gegensatz  zu  seinem
Herrn  Vater  aufrichtige  Sympathien  erworben  hatte.  Er  wurde  freilich
noch  verlegener,  als  ihn  die  Königin  bei  Tisch  vor  mir  frug:  „Warst  du
schon  in  der  Villa  Malta?  Nein?  Dann  gehe  nur  schnell  hin,  sie  ist  sehr
schön,  und  du  wirst  doch  gewiß  dem  früheren,  langjährigen  Reichskanzler
deine  Aufwartung  machen  wollen.“  Am  nächsten  Tage  besuchte  uns  die
Kronprinzessin.  Mit  der  Anmut,  die  nicht  nur  ihre  äußere  Erscheinung
auszeichnet,  sondern  die  bei  ihr  auch  eine  Grazie  des  Herzens  ist,  sagte  sie
zu  meiner  Frau  und  mir:  „Meinem  Mann  ist  es  verboten  worden,  zu  Ihnen
zu  gehen.  Ich  komme  aber  doch.“  —  „Fra  bella  e  buona,  non  so  qual  fosse
piu“  (Schön  oder  gut:  was  war  sie  mehr,  ich  weiß  es  nicht)  heißt  es  in  einem
alten  italienischen  Sonett,  das  auf  die  Kronprinzessin  Cecilie  gedichtet  sein
könnte.

Wenn  ich  an  das  Jahr  1913  zurückdenke,  so  scheint  es  mir,  als  ob  das
Schicksal  mir  das  alte,  starke,  blühende  Deutschland  vor  seinem  Untergang
noch  einmal  in  seinem  Glück  und  seiner  Schönheit  habe  zeigen  wollen.
Anfang  Juni  verlebten  wir  gute  Tage  bei  unserem  Freunde  Loebell  in
Brandenburg  an  der  Havel.  Wir  besuchten  von  dort  aus  die  Ruinen  des
sagenumsponnenen  Zisterzienser-Klosters  Lehnin,  einst  „Himmelpfort  am
See‘  genannt,  erinnerten  uns  an  das  trübe  Vaticinium  Lehninense  und  erfreuten
  uns  nachher  um  so  mehr  an  dem  prächtigen  Anblick  der  von  der

Der
Kronprinz
sagt  ab

Sommerreise
in  die  Heimat
        <pb n="128" />
        Familientag

96  DER  „REICHSKUNKTATOR“

Junisonne  beschienenen  Havelseen.  Wir  erbauten  uns  an  dem  alten,
weisen  Spruch  am  Portal  des  Brandenburger  Rathauses:

So  einer  könnt  und  sagen  kann,

Er  hab  es  allen  recht  gethan,

So  bitten  wir  diesen  lieben  Herrn,

Er  wöll’  uns  solche  Kunst  auch  lehr’n.

Der  Spruch  war  mir  eine  Beruhigung  gegenüber  der  parteipolitischen
Kritik,  die  alle  Fraktionen  der  Reibe  nach  an  mir  geübt  hatten.  Jagow  und
Hammann,  die  Loebell  mir  zu  Ehren  aus  Berlin  nach  Brandenburg  eingeladen
  hatte,  ergingen  sich  im  Zwiegespräch  mit  mir  in  mokanten
Wendungen  über  den  neuen  Fabius  Kunktator,  den  „Reichskunktator“
Bethmann  Hollweg,  wohl  in  der  Hoffnung,  mir  dadurch  zu  gefallen,  was
eine  irrige  Annahme  war.  Jedenfalls  hätten  sie  besser  getan,  statt
Bethmann  hinter  seinem  Rücken  zu  persiflieren,  ihn  von  seinen  Fehlern
abzuhalten.  Sie  machten  aber  leider  beide  diese  Dummbeiten  mit,  Jagow
als  Staatssekretär  des  Äußern,  Hammann  als  Pressechef.

Am  19.  Juni  1913  präsidierte  ich  in  Doberan  dem  Bülowschen  Familientag.
  Es  kam  mir  aus  dem  Herzen,  wenn  ich  bei  dem  Festessen,  das  nach
einer  schönen  Meeresfahrt  im  großen  Saal  des  Kurhauses  stattfand,  der
Freude  Ausdruck  gab,  wieder  in  der  lleimat  zu  sein.  „In  jedem  Jahre,  wenn
ich  über  die  Alpen  komme  und  sehe  Deutschland  vor  mir,  so  geht  mir  das
Herz  auf.  Und  komme  ich  dann  über  den  Main  und  über  den  Thüringer
Wald,  und  norddeutsches  Land  liegt  vor  mir:  die  langen,  schnurgeraden,
weißgrauen  Landstraßen,  die  weiten  Felder  und  großen  Flächen,  die  stillen
Seen  und  prächtigen  Buchenwälder  und  fern  am  Horizont  der  Ostsee
blauende  Wogen,  die  wir  soeben  auf  unserer  schönen  Fahrt  nach  Arendsee
durchquerten  —  dann  wird  mir  ganz  wohl!“  Ich  erzählte  den  um  mich
versammelten  Vettern,  ich  hätte  mir  in  meiner  Jugend  als  Leutnant  bei
den  Königshusaren  ein  Verzeichnis  derjenigen  Bülows  angelegt,  die  sich  im
Staatsdienst  ausgezeichnet  haben,  und  ich  fügte  die  Aufforderung  an  die
jüngeren  Vettern  hinzu,  es  ebenso  zu  machen,  teils  um  unsere  Familiengeschichte
  gründlich  kennenzulernen,  teils  auch  als  Aufmunterung  für
eigene  Leistungen.  „Mein  seliger  Vater“,  fuhr  ich  fort,  „hat  mir  einmal
erzälilt,  daß,  als  er  den  Fürsten  Bismarck  gefragt  habe,  ob  er  mich  in  den
auswärtigen  Dienst  übernehmen  wolle  —  das  ist  schon  lange  her,  das  war
vor  vierzig  Jahren  —,er  es  für  seine  Pflicht  gehalten  hätte,  den  Fürsten
darauf  aufmerksam  zu  machen,  daß  schon  drei  Bülows  dem  auswärtigen
Dienst  angehörten:  mein  Vater  selbst,  der  damals  Staatssekretär  des
Auswärtigen  war,  der  Geheimrat  Ernst  von  Bülow,  Bülow  I,  wie  er  während
vieler  Jahre  im  Auswärtigen  Amt  genannt  wurde,  und  endlich  der  lang-
        <pb n="129" />
        EIN  DUMMER  BÜLOW?  97

jährige  Reisebegleiter  unseres  alten  Kaisers  und  spätere  Gesandte  in  Rom,
Otto  von  Bülow.  Mein  Vater  frug,  ob  vier  Bülows  nicht  etwas  zu  viel  wären,
worauf  der  Fürst  freundlich  erwiderte:  ‚Von  der  Sorte  können  wir  nicht
genug  bekommen.‘  Und  als  ich  einige  Tage  später  dem  großen  Manne  als
Attach&amp;amp;  vorgestellt  wurde  —  ich  sehe  ihn  noch  vor  mir,  die  Riesenfigur,  die
buschigen  Augenbrauen,  das  tiefe,  unergründliche  Auge  —,  da  frug  er
mich  in  seiner  humorvollen  Art  und  mit  der  leisen  und  feinen  Stimme,  die
bei  seiner  Reckengestalt  doppelt  eindrucksvoll  war:  ‚Haben  Sie  schon
einmal  einen  dummen  Bülow  gesehen  ?*‘  Nun,  ich  bin  immer  ehrlich  gewesen.
‚Alle  Bülowen  ehrlich‘  lautet  unser  alter  Wappenspruch,  und  die  Wahrheit
ist,  daß  es  auch  bei  uns  —  minder  Erleuchtete  gibt.  Also  ich  antwortete  dem
Fürsten:  ‚Jawohl,  ich  habe  auch  dumme  Bülows  gekannt  —  aber  nicht
viele!‘  Da  lachte  der  Fürst  und  erzählte  uns,  in  seinem  elterlichen  Hause
habe  ein  Major  Bülow  verkehrt,  der  ein  großer  L’hombre-Spieler  gewesen
sei  und  dabei  einen  unbändigen  Stolz  auf  seinen  Namen  besessen  habe.  Der
hätte  mit  Vorliebe  die  Äußerung  des  genialen,  aber  unglücklichen  Dietrich
von  Bülow  wiederholt,  der  von  seinem  Bruder  Friedrich  Wilhelm,  dem
Dennewitzer,  zu  sagen  pflegte:  ‚Mein  Bruder  Friedrich  Wilhelm  ist  der
dümmste  von  uns  Brüdern,  aber  immer  noch  der  beste  Ofäzier  der  Armee.“
Nun,  so  viel  Selbstgefühl  wie  dieser  Dietrich  braucht  ein  junger  Bülow  nicht
zu  entwickeln.  Unsere  Pflicht  aber  ist  es,  daß  unsere  Familie  für  den  Militärund
  Zivildienst  stets  ordentliche  Leute  stellt.  Als  der  Mecklenburg-Schwerinsche
  Oberhofmarschall  Bernhard  Joachim  von  Bülow  —  er  war
mein  Urgroßvater  —  an  der  Spitze  einer  Ständischen  Mecklenburgischen
Deputation  in  Warschau  vor  Kaiser  Napoleon  stand,  um  die  Wiedereinsetzung
  des  von  den  Franzosen  vertriebenen  rechtmäßigen  Landesherrn
zu  betreiben,  imponierte  seine  würdige  Haltung  in  so  schwieriger  Lage  dem
Imperator  so  sehr,  daß  er  zu  seinen  Marschällen  sagte:  ‚Zu  französischen
Marschällen  habe  ich  euch  machen  können,  aber  zu  mecklenburgischen
Edelleuten  kann  ich  euch  nicht  machen.‘  Von  demselben  Bernhard  Joachim
von  Bülow  heißt  es  in  unserem  alten  Familienbuche,  dessen  Verfasser
Paul  von  Bülow,  der  Vater  unseres  Vetters,  des  Generalobersten,  war,  er
sei  ein  vollkommener  Hofmann  gewesen,  verbunden  mit  der  Freimütigkeit
und  Festigkeit  eines  echten  Edelmannes.  Solche  Beispiele  mögen  unserer
Familie  stets  vor  Augen  stehen,  damit  sie  weiter  ihre  Schuldigkeit  tut.“

Am  Schluß  meiner  Rede  wies  ich  darauf  hin,  daß  unser  Geschlecht  stolz
darauf  wäre,  diejenige  adlige  Familie  zu  sein,  die  der  Armee  die  meisten
Offiziere  stellte.  Als  ein  Jahr  später  der  Weltkrieg  ausbrach,  kämpften  unter
der  ruhmvollen  schwarz-weißen  Fahne  an  hundert  direkte  Nachkommen
des  Ritters  Godofridus  de  Bülowe,  der  1239  die  Stammreihe  der  Familie
beginnt.  Zweiunddreißig  von  ihnen,  ein  gutes  Drittel,  besiegelten  ihre  Treue

7  Blow  Im
        <pb n="130" />
        98  OSTPREUSSEN

für  König  und  Vaterland,  für  Kaiser  und  Reich  mit  dem  Tode,  noch  mehr
wurden  verwundet,  zum  Teil  schwer.  In  dem  Nachruf,  den  ich  nach  dem
Ende  des  Krieges  den  Gefallenen  widmete,  sagte  ich:  „Gleich  den  vielen
Bülows,  die  in  früheren  Kriegen  in  den  Tod  gegangen  sind,  starben  auch
diese  Helden  freudig  für  das  Vaterland  in  der  Hoflnung  auf  den  Endsieg
und  eine  glückliche  Zukunft.  Wohl  ihnen,  daß  sie  sich  für  das  deutsche
Volk  opfern  durften,  ohne  den  Zusammenbruch  des  Reichs  zu  erleben.  Das
Andenken  an  diese  tapferen  Vettern  wird  in  den  Herzen  aller  Bülows  fortleben,
  den  kommenden  Geschlechtern  zur  Mahnung  an  den  Geist,  der
Preußen  und  Deutschland  einst  groß  gemacht.“

Von  Doberan  aus  suchten  wir  das  Städtchen  Rehna  auf,  für  dessen
Kloster  meine  Familie  vor  der  Reformation  manche  Benefizien  und
Seelenmessen  gestiftet  hat.  Wir  standen  auf  dem  nicht  weit  von  Rehna
gelegenen  Hügel,  auf  dem  noch  spärliche  Überreste  der  Burg  Bülow  zu
erblicken  waren.  Die  Burg  selbst  ist  von  der  Erde  verschwunden,  der  Pflug
geht  über  sie  bin.  Aber  herrlich  ist  von  dem  Hügel,  auf  dem  sie  einst  stand,
der  Blick  auf  das  fruchtbare  Land  gen  Lübeck  zu  und  die  Neustädter
Bucht.  Im  Hochsommer  verlebten  wir  einige  Zeit  bei  meinem  alten  Freunde
und  Regimentskameraden,  dem  Grafen  August  Dönhoff,  auf  seinem
schönen  Sitz  Friedrichstein  in  Ostpreußen.  Wir  besuchten  von  dort  auf
ihrem  Schlosse  Preyl  die  Gräfin  Margarete  Lehndorff,  eine  Tochter  des
Hauses  Kanitz,  das  Schenkendorf  besungen  hat  und  das  Preußen  ausgezeichnete
  Männer  und  Frauen  stellte,  die  Witwe  des  seit  meiner  Jugend
von  mir  hochverehrten  Generaladjutanten  unseres  alten  Kaisers,  des
Grafen  Heinrich  Lehndorff.  Ich  suchte  auch  Königsberg  auf,  einst  die
Residenz  der  Hochmeister,  dann  der  Herzöge  von  Preußen,  später  die
Weihestatt  des  preußischen  Königtums  und  endlich  nach  dem  Sturze  von
1806  die  Stätte,  von  der  die  Wiedergeburt  Preußens  ausging.  In  jenen
Tagen,  wo  Friedrich  Wilhelm  III.im  schlichten  Überrock  und  in  der
schlichten  Haltung,  in  der  er  im  Berliner  Tiergarten  der  Königin  Luise
gegenübersteht,  durch  die  Straßen  von  Königsberg  ging,  da  bereiteten
Stein,  Hardenberg,  Niebuhr  und  Wilhelm  von  Humboldt  im  stillen  das
Werk  der  Volksgesundung,  Volkserhebung  und  Volksbefreiung  vor.  Ich
freute  mich  der  Erinnerung,  daß  die  Tochter  des  edlen  Wilhelm  von
Humboldt,  meine  Großtante  Gabriele  Bülow,  bei  der  Krönung  unseres
guten  alten  Königs  und  Kaisers  Wilhelm  I.  als  Oberhofmeisterin  der
Königin  Augusta  fungierte.  Auch  bei  der  Krönung  des  ersten  preußischen
Königs  hatte  eine  Bülow  als  Oberhofmeisterin  neben  der  Königin  Sophie
Charlotte,  der  Freundin  von  Leibniz,  gestanden,  Christina  Antoinetta
Bülow,  eine  geborene  Krosigk  a.  d.  H.  Hohen-Erxleben,  die  Gemahlin  des
Reichsfreiherrn  Wilhelm  Dietrich  Bülow,  des  Oberhofmeisters  der  philo-
        <pb n="131" />
        1813  UND  1913  99

sophischen  Königin  und  ersten  Ordenskanzlers  des  Ordens  vom  Schwarzen
Adler.  Es  verstand  sich  von  selbst,  daß  ich,  der  ich  mich  mit  Stolz  Ehrendoktor
  der  Universität  Königsberg,  der  gelehrten  Albertina,  nannte,  die
Grabstätte  des  Weisen  von  Königsberg  aufsuchte.  Mit  Bewegung  las  ich  die
der  „Kritik  der  praktischen  Vernunft‘  entnommene  Inschrift:  „Der  bestirnte
  Himmel  über  mir,  das  moralische  Gesetz  in  mir.“  Gern  hätte  ich
das  Haus  in  der  Prinzessinstraße  betreten,  das  einundzwanzig  Jahre  lang
Kant  beherbergte,  dessen  Geist  Jahrhunderte  alte  Anschauungen  und
Begriffe  aus  den  Angeln  hob,  während  ihn  seine  Füße  nicht  über  das
Weichbild  seines  Geburtsortes  hinaustrugen.  Aber  das  bescheidene  Haus
hatte  ein  Jahr  vorher  einem  Neubau  Platz  machen  müssen.  Ein  Königsberger
  Verehrer  schenkte  mir  freundlicherweise  eine  hübsche  Federzeichnung,
  die  unter  dem  wohlgetroffenen  Bild  des  Weltweisen  sein
Häuschen  wiedergibt.  Die  Zeichnung  hängt  in  meinem  Flottbeker  Heim.

Am  6.  September  1913  wohnte  ich  mit  meiner  Frau  der  Enthüllung  des
Denkmals  bei,  das  anläßlich  der  Jahrhundertfeier  der  Schlacht  von  Dennewitz
  dem  Sieger  in  jener  Schlacht,  dem  General  Friedrich  Wilhelm  Bülow,
in  Dennewitz  errichtet  worden  war.  Eine  Deputation  des  Infanterieregiments
  Graf  Bülow  von  Dennewitz  (6.  Westfälisches)  Nr.  55  war  zu  der
Feier  erschienen,  zu  der  aus  allen  Teilen  der  Provinz  Brandenburg  märkische
Männer  herbeigeeilt  waren,  unter  ihnen  viele  Veteranen  unserer  siegreichen
Kriege.  Das  Monument  stellt  einen  Landwehrmann  von  1813  dar,  wie  er
mit  gefälltem  Bajonett  zum  Angriff  vorgeht,  ein  neben  ihm  stehender
Offizier  weist  ihm  den  Feind.  Die  Vorderseite  des  aus  Granit  bestehenden
Sockels  trägt  unter  dem  Bildnis  des  Siegers  von  Dennewitz  als  Inschrift  die
Verse  unseres  alten  Ernst  Moritz  Arndt:

Auf,  mutig  drein,  und  nimmer  bleich,
Denn  Gott  ist  allenthalben!

Die  Freiheit  und  das  Himmeclreich
Gewinnen  keine  Halben!

Die  Rückseite  des  Sockels  schmückt  ein  Reliefbild,  das  die  mit  Kolben
und  Bajonett  auf  den  Feind  anstürmenden  Preußen  zeigt,  als  Unterschrift
der  Schlachtruf  der  Landwehr  in  der  Dennewitzer  Schlacht:  „Man  drup,  dat
geiht  fört  Vaterland!“  Ich  war  ersucht  worden,  dem  Sieger  von  Dennewitz
die  Gedächtnisrede  zu  halten.  Nachdem  ich  vor  dem  Monument  in  großen
Zügen  den  Verlauf  der  Schlacht  geschildert  hatte,  die  eine  der  wenigen
Schlachten  der  Weltgeschichte  ist,  wo,  entgegen  dem  bekannten  Ausspruch
von  Napoleon,  der  Himmel  mit  den  an  Zahl  schwächeren  Bataillonen  war,
frug  ich,  warum  Preußen  vor  hundert  Jahren  gesiegt  habe,  und  ich  antwortete:
  „Weil  das  preußische  Volk  den  Sieg,  die  Rettung  vom  fremden

7!

Jahrhunderte
feier  in
Dennewitz
        <pb n="132" />
        100  EINE  REIN  PREUSSISCHE  SCHLACHT

Joch,  das  Vaterland  über  alle  Güter  stellte,  die  das  Leben  vergänglich
zieren,  über  Reichtum  und  Glanz.  Das  Geschlecht  von  1813  erkannte,  daß
der  materielle  Fortschritt  nicht  alles  bedeutet,  daß  es  höhere  Werte  gibt.
Wehe  dem  Volk,  dessen  Reichtümer  steigen,  während  die  Menschen
sinken!  Die  Erhebung  von  1813  ging  aus  dem  Gefühl  hervor,  aus  reiner  und
heißer  Liebe  zu  dem  Lande  unserer  Väter,  aus  heiligem  Zorn  gegen  die
Unterdrücker,  aus  männlichem  und  ungeheucheltem  Vertrauen  zu  unserem
Herrgott  im  Himmel,  dem  Gott,  der  Eisen  wachsen  ließ  und  wollte  keine
Knechte.  Das  Geschlecht  von  1813  siegte,  weil  es  wußte,  daß  der  Sieg  nicht
allein  durch  technische  Überlegenheit  erfochten  wird,  sondern  mit  der
Seele.  Solches  Empfinden  erzeugte  den  heroischen  Patriotismus,  die
tragische  Entschlossenheit,  die  jenes  Geschlecht  und  die  Männer  von  1813
auszeichneten  und  die  Bismarck  von  ihnen  geerbt  hat,  der,  im  Jahre  von
Waterloo  geboren  und  von  Schleiermacher  in  der  Berliner  Dreifaltigkeitskirche
  eingesegnet,  das  damals  nicht  zum  Abschluß  gebrachte  Werk  mit
unserem  alten  Heldenkaiser  vollenden  und  ausführen  sollte.  Der  Sieg
heftete  sich  1813  an  unsere  Fahnen,  und  es  gelang,  die  Ketten  der  Fremdherrschaft
  zu  sprengen,  weil  dieser  Gedanke  alle  Stände,  alle  Klassen
ergriffen  und  zu  einer  Gemeinschaft  vereinigt  hatte,  die  das  Wohl  der
Allgemeinheit  höher  stellte  als  das,  was  dem  einzelnen  als  sein  Interesse
erscheint.  Vor  dieser  Gemeinschaft  wich  und  zerstob  der  alte  Fluch  des
deutschen  Lebens,  daß  das  Sonderinteresse  über  das  allgemeine  Wohl,  der
Teil  über  das  Ganze  gestellt  wird.  Das  grausame  Wort  unseres  größten
Dichters  von  dem  Deutschen,  der  im  einzelnen  trefflich,  aber  im  ganzen
miserabel  sei,  traf  diesmal  nicht  zu.  Die  Generation  von  1813  begriff,  daß
das  allgemeine  Interesse  eines  Landes  nicht  aus  der  Summe  der  Einzelinteressen
  besteht,  sondern  über  diesen  steht.  Das  war  der  große  Gedanke
von  Stein  und  Scharnhorst,  daß  es  darauf  ankomme,  einen  möglichst
weiten  Kreis  der  Bürger  eines  Staates  möglichst  fest  mit  den  Interessen  und
Forderungen  dieses  Staates  zu  verflechten,  damit  dem  Wert  des  einzelnen
für  den  Staat  die  Bedeutung  des  Staates  für  den  einzelnen  entspreche  und
ein  Band  nationaler  Lebensgemeinschaft  alle  umschlinge.  Ein  Seitenstück
solchen  Gemeingeistes  ist  die  Notwendigkeit  der  Unterordnung  des  einzelnen
  unter  das  Ganze.  Nur  Gemeingeist  auf  der  einen  Seite,  Zucht  und
Ordnung  auf  der  anderen  vermögen  eine  tragfähige  Staatsgesinnung
hervorzubringen,  die  Geschlossenheit  im  Staats-  und  Volksbewußtsein,  die
gegenüber  allen  Schicksalsschlägen  und  geschichtlichen  Wendungen  einem
Staate  und  einem  Volke  die  Dauer  verbürgt.‘“  Ich  stellte  fest,  daß  bei
Dennewitz  Preußen  gesiegt  habe,  daß  Dennewitzeinerein  preußische  Schlacht
gewesen  sei.  „Die  Männer,  die  hier  kämpften  und  bluteten,  waren  Söhne
jenes  Ostens,  von  dem  ich  in  meiner  ersten  Rede  im  Abgeordnetenhause
        <pb n="133" />
        DER  MANN  DES  SCHICKSALS  101

sagte,  daß  er  unserem  Staatswesen,  dem  Beamtentum  und  der  Armee
seinen  starken  und  großen  Stempel  aufgedrückt  hat.  Die  Abschüttelung  der
Fremdherrschaft  war  überwiegend  das  Werk  von  Preußen.  Wir  erinnern  uns
daran  nicht  aus  Ruhmredigkeit  oder  Überhebung,  sondern  weil  es  die  historische
  Wahrheit  ist.  Dieses  kleine  und  arme,  von  Napoleon  ausgesogene  und
zerschlagene  Preußen,  das  kaum  fünf  Millionen  Einwohner  zählte,  stellte
dreihunderttausend  Mann  ins  Feld.  Es  stellte  vor  allem  den  Geist,  den
Geist  von  Scharnhorst  und  Stein,  von  Blücher  und  Yorck,  von  Heinrich
von  Kleist  und  Theodor  Körner,  von  Ernst  Moritz  Arndt  und  Friedrich
Ludwig  Jahn,  von  Schleiermacher  und  Fichte,  den  Geist  der  Männer,  deren
Bilder  unsere  Dennewitzer  Gedenkhalle  schmücken.  Dieser  Geist  wies
Deutschland  die  Wege.  Nur  so  lange  es  den  Hauch  dieses  Geistes  verspürt,
ist  Deutschland  auf  dem  rechten  Wege.“  Ich  schloß:  „Am  Tage  nach  der
Schlacht  von  Dennewitz  schrieb  der  Sieger  an  seine  Frau:  ‚Es  kommt  nur
darauf  an,  daß  wir  unsere  Siege  nutzen,  und  wir  werden  bald  Herr  von
Deutschland  sein.‘  Diese  Hoffnung  ging  damals  nicht  in  Erfüllung.  Ein
halbes  Jahrhundert  mußte  vorübergehen,  bis  der  Mann  des  Schicksals  kam,
der  gewaltige  Staatsmann,  der,  getragen  von  dem  Vertrauen  seines  königlichen
  Herrn,  mit  iım  die  Kraft  des  preußischen  Staates  in  das  richtige
Bett,  in  das  Strombett  des  deutschen  Einheitsgedankens  leitete  und  mit
genialem  Blick  die  rechte  Stunde  traf,  das  von  König  Wilhelm  mit  Weisheit
und  Tatkraft,  mit  tiefer  Einsicht  und  in  langer  Treue  neugeschärfte  preu-Bische
  Schwert  in  die  Schale  zu  werfen,  die  Reiche  wägt.  Da  kam  der  Tag
der  Erfüllung  für  alle  Hoffnungen  und  Wünsche,  der  volle  Lohn  für  die
Opfer  und  Mühen  des  Jahres  1813.  Und  als  1870  wiederum  Kriegsruf  erklang,
  konnte  der  Prophet  des  nationalen  Gedankens,  Heinrich  von
Treitschke,  in  seinem  Liede  vom  Schwarzen  Adler  zum  preußischen
Königsaar  sprechen:

„Erfüllet  sind  die  Zeiten,

Wahrheit  wird  der  Dichtung  Traum.
Deinen  Fittich  sollst  du  breiten
Über  Deutschlands  fernsten  Raum.
Nimm  der  Staufer  heil’ge  Krone,
Schwing  den  Flamberg  der  Ottone,
Unseres  Reiches  Zier  und  Wehr:
Deutschland  frei  vom  Fels  zum  Meer!“

Als  ich  mit  diesen  Worten  auf  die  Via  triumphalis  hinwies,  die  von
Dennewitz  über  Sadowa  nach  Sedan  und  Versailles  führt,  glaubte  ich  nicht,
daß  ein  Jahrzehnt  später  der  deutsche  Reichspräsident  Ebert  bei  der  fünfundsiebzigjährigen
  „Feier“  des  Zusammentritts  der  Frankfurter  National-
        <pb n="134" />
        Wiederherstellung

konservativer
Sympathien

102  EIN  BLATT  IM  WINDE

versammlung,  dieses  ‚Parlaments,  das  durch  seinen  Mangel  an  Perspektive
  und  seine  Weltfremdheit,  seine  Geschwätzigkeit  und  seine  Schwerfälligkeit,
  mit  seinem  Reden  wie  mit  seinem  Tun  von  Anfang  bis  zu  Ende  ein
Fiasko  war,  als  einen  Höhepunkt  der  deutschen  Geschichte  feiern  und  von
1848  mit  einem  kühnen  Sprung  als  zu  dem  zweiten  Gipfel  unserer  Entwicklung
  zu  dem  Novemberumsturz  von  1918  gelangen  würde,  ohne  der  ehrwürdigsten
  Erscheinung  der  deutschen  Geschichte,  des  alten  Kaisers  Wilhelm
  I.,  ohne  des  genialsten  und  größten  deutschen  Staatsmannes,  des
Fürsten  Bismarck,  auch  nur  mit  einer  Silbe  zu  gedenken.  Ich  glaube,  daß
kein  Volk  außer  dem  deutschen  eine  solche  Travestierung  seiner  Geschichte
ertrüge.  Unser  Volk  kann  und  wird  nur  genesen,  wenn  es  sich  auf  seine  Vergangenheit
  besinnt,  wenn  es  sich  wieder  mit  Stolz  auf  seine  Vergangenheit,
mit  Ehrfurcht  für  seine  Vergangenheit  erfüllt.  Ein  Volk  ohne  Geschichte,
ohne  Tradition  und  Pietät  ist  ein  wurzelloses  Volk,  ein  Blatt  im  Winde.  Die
Größe  eines  Volkes  liegt  in  seiner  Geschichte,  in  der  Treue  für  seine  Geschichte,
  in  der  weitherzigen  Auffassung  seiner  Geschichte.  „Je  me  sens
patriote  pour  admirer  a  la  fois  Jeanne  d’Arc  et  Voltaire“,  sagte  Gambetta.
Napoleon  betonte:  „Je  me  sens  solidaire  de  tous  ceux  qui  ont  gouverne  la
France  avant  moi,  de  Clovis  jusqu’a  Danton.“  In  seinem  Aufruf  vor  den
letzten  von  ihm  geleiteten  Wahlen  appellierte  ein  alter  Demokrat,  der
achtzigjährige  Giolitti,  an  die  Kontinuität  der  italienischen  Entwicklung
von  der  Römerzeit  bis  zur  Gegenwart,  und  jeder  Engländer  steht  auf
dem  Boden  der  Einheitlichkeit  der  englischen  Geschichte,  von  Alfred
dem  Großen  über  Cromwell  bis  zur  Victorianischen  Ära  und  zu  König
Eduard  VII.

Meine  Dennewitzer  Rede  führte  mir  manchen  alten  Freund  wieder  zu,
den  meine  Blockpolitik,  die  von  mir  eingebrachte  Erbanfallsteuer  und  die
von  mir  in  Angriff  genommene  Reform  des  preußischen  Wahlrechtes  an  mir
irregemacht  hatten.  Graf  Waldemar  Roon  schrieb  mir:  „Euer  Durchlaucht
  wollen  mir  gütigst  verzeihen,  aber  ich  kann  nicht  anders,  ich  muß
Ihnen  aus  vollein  patriotischem  Herzen  den  wärmsten  Dank  für  Ihre  Dennewitzer
  Rede  sagen!  Das  war  wie  ein  herrlicher  frischer  Labetrunk  in  politischer
  Wüste!  Gewiß  haben  Eure  Durchlaucht  Tausende  treuer  Patrivten
damit  erquickt  und  dürfen  sich  nicht  wundern,  wenn  Sie  bei  mir  begeisterte
Dankbarkeit  dadurch  auslösten.  Nicht  allein  bewundere  ich  als  alter  Soldat
Ihre  in  kräftigen  Strichen,  in  so  richtiger,  anschaulicher  und  wahrhaft  klassischer
  Weise  gegebene  Zeichnung  der  glorreichen  Schlacht  und  der  Art,
wie  Sie  dabei  des  heldenhaften  Führers  wie  auch  der  einfachsten  Mitkämpfer
  in  so  prächtigen,  packenden  und  im  besten  Sinne  populären
Worten  gerecht  wurden;  fast  noch  mehr  haben  mich  begeistert,  ja  beglückt
die  darangeknüpften  ethischen  und  politischen  Betrachtungen  und  Lehren,
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        EIN  „DORF-POLITIKER“  103

welche  glühender  Patriotismus  und  weise  Lebenserfahrungen  Ihnen  diktiert
haben.  Möchten  doch  alle,  alle  preußischen  und  deutschen  Patrioten,  besonders

  die  sogenannten  ‚regierenden‘  Staatsmänner  —  die  freilich  das
Regieren,  d.h.  jegliche  Tatkraft  und  Initiative,  aufgegeben  haben  und
die  Zügel  immer  mehr  am  Boden  schleifen  lassen  —  diese  Lehren  und

Mahnungen  nicht  nur  hören,  sondern  auch  beherzigen,  damit  sie  ihre  Pflicht
tun  und  sich  endlich  als  Männer  zeigen!  Und  möchten  doch  auch  die  Parteien
  und  ihre  eitlen,  ehrgeizigen  Führer,  die,  weit  entfernt  von  jedem
sclbstlosen  Patriotismus,  nur  in  bebender  Angst  auf  die  törichten,  unklaren
  und  wüsten  Stimmen  der  ‚Masse‘  und  ihrer  charakterlosen  Presse  zu
lauschen  sich  mehr  und  mehr  gewöhnt  haben,  sich  durch  Ihre  ernsten  Warnungen
  endlich  wieder  an  ihre  nationale  Pflicht  gegen  das  Vaterland  erinnern
  lassen!“  Der  wackere  Roon  wäre  kein  Deutscher  und  insbesondere
kein  deutscher  Parteimann  gewesen,  wenn  er  in  seinem  Brief  an  mich  nicht
auf  so  verständige  Worte  einen  zornigen  Angriff  gegen  eine  andere  Partei
hätte  folgen  lassen,  die  doch  in  den  deutschen  Lebensfragen  auf  dem
gleichen  Boden  stand  wie  er  selbst.  „Ich  erhebe  ausdrücklichen  Protest  dagegen
  und  Euer  Durchlaucht  hoffentlich  mit  mir,  daß  liberale  Zudringlichkeit
  Sie,  weil  Sie  ein  einziges  Mal  Ihrer  von  der  der  Konservativen  Partei  abweichenden
  Ansicht  —  und  zwar  in  einer  bestimmten  Frage  —  öffentlich
Ausdruck  gegeben  haben,  für  sich  in  Anspruch  zu  nehmen  wagt!  Nein,  wer
eine  solche  Rede  halten  konnte  und  durch  seine  glühende  Liebe  zum  preu-Bischen
  und  deutschen  Vaterland  gezwungen  war,  sie  so  zu  halten,  der  kann
nicht  zu  den  verwässerten,  kraft-  und  marklosen  Liberalen  der  heutigen
Zeit  gehören  und  darf  nicht  dulden,  daß  man  ihn  diesen  zurechnet;  und
umgekehrt:  seit  Treitschke  seine  Augen  schloß,  ist  niemals  wieder  ein  Liberaler
  imstande  gewesen  oder  wird  es  je  sein,  eine  solche  Rede  zu  halten  wie
die  Bülow-Rede  auf  dem  Schlachtfeld  von  Dennewitz!  Mit  der  Bitte  um
Nachsicht  für  den  ‚Dorf-Politiker‘,  der  nicht  schweigen  konnte,  sowie  mit
unterthänigen  Empfehlungen  an  die  Frau  Fürstin,  Ihre  Gemahlin,  habe  ich
die  Ehre,  zu  verbleiben  Euer  Durchlaucht  stets  treu  ergebener,  dankbarer
Roon.“

In  dem  gerade  für  Ostpreußen  so  bedeutungsvollen  Jahr  1913  ging  Graf
Hans  Kanitz  heim,  einer  der  besten  Söhne  dieser  Provinz,  der  Sproß  einer
Familie,  die  an  dem  Aufschwung  von  1813  ruhmvollen  Anteil  gehabt  hatte,
der  Schloßherr  von  Podangen,  das  Schenkendorf  besungen  hat,  wo  das
Vesta-Feuer  preußischer  Vaterlandsliebe  durch  Generationen  gehütet
worden  war.  Nach  dem  Tode  von  Kanitz  schrieb  mir  Mirbach-Sorquitten,
der  an  seinem  Totenbette  gestanden  hatte:  „Bei  einer  der  letzten  Unterredungen,
  die  ich  mit  Kanitz  hatte,  berührten  wir  die  Nachfolger  des
Fürsten  Bismarck  in  ihrer  Eigenschaft  als  Reichskanzler.  Kanitz  bemerkte
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        Reise  nach
Bremen

Friedrich
Ebert

104  FÜRST  BÜLOW  UND  DER  KOMMUNIST

dazu:  ‚Der  Beste  war  der  Fürst  Bülow.‘  Ich  stimmte  darin  mit  ihm  vollkommen
  überein.“

Von  Dennewitz  führte  uns  unser  Weg  nach  Bremen,  wo  mir  ein  lieber
Freund  wuhnte,  der  in  ungefähr  allen  wirtschaftlichen  und  politischen
Fragen  anders  dachte  als  ich,  mit  dem  mich  aber  seit  Jahren  aufrichtige
Wertschätzung  und  gegenseitige  Sympathie  verbanden,  zum  Chefredakteur
der  „Weser-Zeitung‘‘,  Emil  Fitger.

Manches  Jahr  ist  verstrichen,  seit  ich  in  der  letzten  Rede,  die  ich  im
Reichstage  gehalten  habe,  der  Hoffnung  Ausdruck  gab,  daß  sich  der  politische
  Takt  bei  uns  bessern  werde  und  daß  auch  wir  Deutsche  allmählich
dahin  kommen  würden,  den  politischen  Gegner  nicht  eo  ipso  für  einen
Narren  oder  einen  Bösewicht  zu  halten.  Das  würde  dann  ein  schöner  Fortschritt
  sein,  auf  dem  uns  von  unserem  größten  Dichter  empfohlenen  Wege
der  Abstreifung  von  Philisternetzen.  Mehr  als  ein  Jahrzehnt  später,  nach
Weltkrieg  und  Umsturz,  frage  ich  mich,  ob  wir  in  dieser  Beziehung  inzwischen
  sehr  viel  weiter  gekommen  sind.  Aber  ich  empfinde  eine  gewisse
Genugtuung  bei  dem  Gedanken,  daß  ich  mich  selbst  von  solchen  Philisternetzen
  schon  früh  befreit  habe.  Im  Winter  1919/20  promenierte  ich  bisweilen,
  und  nicht  ungern,  mit  einem  Kommunisten,  dem  ich  ganz  interessante
  Einblicke  in  die  echt  marxistische  Mentalität  und  Psyche  verdanke.
Schließlich  sind  die  Mehrheitssozialisten  doch  nur  verwässerte,  opportunistische
  Marxisten.  Nicht  mit  Unrecht  hat  Franz  Mehring  sein  übrigens  bedeutendes,
  glänzend  geschriebenes  Buch  über  Karl  Marx  der  Kommunistin
Klara  Zetkin  gewidmet,  als  der  wahren  Erbin  marxistischen  Geistes.
Seinerseits  machte  mir  in  jenem  Winter  1919/20  auf  unseren  Spaziergängen
mein  kommunistischer  Freund  einmal  das  artige  Kompliment,  es  sei  ihm
wertvoll,  in  mir  einen  der  letzten  Vertreter  präkommunistischer  Kultur
und  Denkungsweise,  den  vielleicht  letzten  wirklichen  „politischen  Grandseigneur‘“
  kennenzulernen.  Matthias  Erzberger,  Gustav  Bauer,  selbst
den  „eleganten“  Scheidemann  und  den  „schönen“  Josef  Wirth  wollte
er  nicht  recht  als  solche  gelten  lassen.  Zwischen  dem  trefflichen  Fitger  und
mir  war,  wie  schon  früher  so  auch  diesmal,  von  einem  ernstlichen  Disput
nicht  die  Rede.  Er  ließ  mir  meinen  Bismarck  und  meinen  Treitschke  und
ich  ihm  seinen  Caprivi,  dem  er  ein  rührend  treues  Andenken  bewahrte,
und  seinen  verbittert-verbohrten  Theodor  Barth.  Wir  bewunderten  zusammen
  die  Sehenswürdigkeiten  von  Bremen,  das  viele  Tüchtige  und
Schöne,  das  hier  in  alter  Behäbigkeit  und  Solidität  ein  kräftiges  Bürgertum
geschaffen  hat.

In  Bremen  hörte  ich  zum  ersten  Male  aus  dem  Munde  Fitgers  den  Namen
des  Arbeiterführers  Ebert,  den  Fitger  mir  als  einen  braven  und  „relativ“
vernünftigen  Mann  rühmte,  namentlich  im  Gegensatz  zu  dem  damaligen
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        DER  KAISER  UND  EUROPA  105

Reichstagsabgeordneten  für  Bremen,  der,  wenn  ich  nicht  irre,  Henke  hieß.
Fünf  Jahre  später  machte  ich  im  Uhlenhorster  Fährhaus  an  der  Hamburger
  Außenalster  bei  einem  dem  Reichstag  gegebenen  Fest  die  Bekanntschaft
  des  Reichstagsabgeordneten  Ebert  und  fand  in  ihm  einen  Mann  von
natürlichem  Anstand  und  gesundem  Verstand.  Nach  abermals  fünf  Jahren
begegneten  wir  uns  bei  dem  damaligen  Reichskanzler  Cuno  auf  dessen
Besitz  Aumühle  bei  Hamburg  und  hatten  dort  nach  Tisch  eine  längere
Unterredung  über  die  Not  des  Vaterlandes.  Wiederum  und  noch  mehr
als  ein  Quinquennium  früher  hatte  ich  den  Eindruck,  mit  einem  redlichen
und  tüchtigen  Manne  zu  sprechen.  Er  hat  mich  nicht  zur  Sozialdemokratie
und  Republik  bekehrt  und  dies  auch  sicherlich  weder  beabsichtigt  noch
erwartet.  Ich  halte  nach  wie  vor  die  Vorbereitung  der  Revolution  während
des  Krieges  und  die  Revolution  selbst  für  ein  Verbrechen  und  für  eine
Dummheit  und  glaube  auch  heute,  daß  sich  die  republikanische  Staatsund
  Regierungsform  für  kein  Volk  weniger  eignet  als  für  uns.  Aber  nachdem,
  beginnend  mit  Bethmann  Hollweg,  im  Weltkrieg  vier  Reichskanzler
nacheinander  völlig  versagt  hatten,  nachdem  Wilhelm  Il.  ins  Ausland  geflohen
  und  das  durch  den  Genius  von  Bismarck  und  die  Weisheit  des  alten
Wilhelm  I.  geschaffene  Deutsche  Reich  zusammengebrochen  war,  betrachte
ich  es  als  ein  Glück  im  Unglück,  daß  die  Welle  der  Revolution  auf  den
Präsidentenstuhl  gerade  diesen  Mann  trug.  Er  lieferte  jedenfalls  den  Beweis,
  daß  in  unserem,  ach!  so  unpolitischen  Deutschland  der  Arbeiterstand
  starke  politische  Talente,  aller  Achtung  würdige  Charaktere  und
hervorragende  Parteiführer  zu  stellen  vermag.

Aber  ich  kehre  aus  der  jammervollen  Nachkriegszeit  wieder  in  das
Bremen  des  Jahres  1913  und  zu  meinem  Freunde  Emil  Fitger  zurück.  Sehr
mißfiel  dem  verständigen  und  nüchternen  Manne  der  lärmende  Empfang,
den  gerade  in  diesen  Tagen  Kaiser  Wilhelm  II.  in  Berlin  seinem  Schwager,
dem  König  Konstantin  von  Griechenland,  bereitete.  Schon  während  ich  in
Bremen  weilte,  hatte  mir  Fitger  nicht  die  Sorgen  verhehlt,  die  diese  neue
kaiserliche  Improvisation  ihm  bereitete.  Nachdem  ich  Bremen  verlassen
hatte,  schrieb  er  mir:  „Der  Empfang  des  Königs  Konstantin  von  Griechenland
  in  Berlin  hat  in  Frankreich  und  in  Athen  das  unfreundliche  Echo  gefunden,
  das  er  finden  mußte;  er  wird  das  Gegenteil  des  beabsichtigten
Zweckes  erreichen.  In  Deutschland  wagt  nur  die  „Kölnische  Zeitung“  eine
schüchterne  offiziöse  Rechtfertigung.  Die  meisten  beurteilen  dagegen  das
Intermezzo  scharf.  Anscheinend  beginnt  eine  neue  Epoche  der  persönlichen
Einmischung.‘“‘  Die  Inkonsequenz  und  Inkohärenz  Wilhelms  II.  hatten
unter  Bethmannscher  Führung,  oder  vielmehr  Nicht-Führung,  Proportionen
  angenommen,  die  dahin  führen  mußten,  daß  der  Deutsche  Kaiser  von
Europa  nicht  mehr  ernst  genommen  wurde.  Demselben  König  Konstantin,

Wilhelm  II.
und  sein
Schwager
Konstantin
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        106  EIN  MARSCHALLSTAB  FÜR  EINEN  BESIEGTEN

den  er  nach  dessen  Niederlage  im  thessalischen  Feldzug  von  1897  laut
verhöhnt  und  öffentlich  geschmäht  hatte,  überreichte  Wilhelm  II.  jetzt
den  preußischen  Marschallstab,  den  Moltke  und  Roon  getragen,  den  Kronprinz
  Friedrich  Wilhelm  und  Prinz  Friedrich  Karl  für  Wörth  und  Metz
empfangen  hatten.  Über  die  Stellung  meines  Nachfolgers  in  diesem  Durcheinander
  wurde  mir  im  Winter  1913/14  aus  der  kaiserlichen  Umgebung  geschrieben:
  „Dem  armen  Bethmann  gibt  man  noch  drei  bis  vier  Monate,
Er  macht  einen  sehr  gedrückten  Eindruck.  Durch  häusliches  Unglück  (sein
Sohn,  der  üble  Streiche  machte,  wurde  vorläufig  in  ein  Sanatorium  gesteckt,
soll  später  durch  Ballin  in  Südamerika  untergebracht  werden)  und  weil  er
allmählich  komische  Figur  geworden  ist,  hat  er  alle  Nerven  verloren,
5.M.  behandelt  ihn  ganz  du  haut  en  bas,  duldet  ihn  aber,  weil  Bethmann
in  allem  nachgibt.““
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        IX.  KAPITEL

Montreux,  Oktober  1913  .  Audienz  bei  Pius  X.  »  Besorgniserregende  außenpolitische

Lage  +  Memorandum  für  den  Kaiser?  «  Verhalten  des  Kaisers  Wilhelm  Il.  gegenüber

entamteten  Ministern  »  Wilhelın  II.  zieht  Bülow  nach  dessen  Rücktritt  nie  mehr  zu  Rat,

auch  nicht  vor  dem  Ultimaturn  an  Serbien  noch  in  den  kritischen  Julitagen  1914  +  Brief

Bülows  an  den  Hausminister  Graf  August  Eulenburg  über  die  auswärtige  Lage  ein  Jahr
vor  der  Katastrophe  vom  Sommer  1914

ie  schon  zweimal  in  vorhergegangenen  Jahren  unterbrach  ich  die

Rückreise  nach  Rom  im  Herbst  1913  durch  einen  längeren  Aufenthalt
in  Montreux.  Der  Genfer  See  war  mir,  seit  ich  einst  in  Lausanne  studiert
hatte,  ein  besonders  zusagender  Aufenthalt  geblieben.  Ich  gehe  nicht  so
weit  wie  Nietzsche,  der  behauptete,  er  fühle  sich  nur  in  Schweizer  Ilotels
glücklich.  Aber  ich  verstehe  die  Empfindungen,  mit  denen  Byron  und
Shelley,  Rousseau  und  Voltaire,  Gibbon  und  Dickens,  Lamartine  und  Flaubert,
  der  Däne  Jacobsen  und  der  Russe  Turgenjew  auf  diesen  Sce  geblickt
haben.  Als  ich  wieder  die  Insel  Salagnon  sah,  umkreist  von  weißen  Möwen,
den  heiligen  Vögeln  des  Lac  L&amp;amp;man,  die  grünen  Hochweiden  der  Savoyer
Berge,  die  Dent  du  Midi  in  ihrer  kalten  Ruhe,  das  ganze  Bild  der  unverrückbaren
  Berge  und  des  unvergänglichen  Sees,  das  jenen  Charakter  der  Unwandelbarkeit
  trägt,  die  uns  eine  Ahnung  vom  Ewigen  gibt,  empfand  ich
völlige  innere  Harmonie.  Ich  erinnerte  meine  Frau  an  die  Worte  von
Rousseau,  der  schrieb:  „Ich  brauche  nichts  weiter  als  eine  Wiese  am  Ufer
des  Genfer  Secs,  einen  treuen  Freund,  eine  liebenswürdige  Frau,  eine  Kuh
und  ein  kleines  Schiff;  wenn  ich  alles  das  habe,  wird  mein  Glück  vollkommen
  sein.‘  Ich  konstatierte,  daß  Gott  mir  eine  schr  liebenswürdige
Gattin,  auch  manchen  treuen  Freund  beschert  habe,  daß  wir  uns  ein  kleines
Schiff,  eine  Kuh  und  selbst  eine  Wiese  kaufen  könnten,  und  schlug  ihr  vor,
uns  hier  für  den  Winter  niederzulassen.  Sie  wollte  aber  nichts  davon  wissen,
da  es  sie  nach  Rom  zog.
[_  Ich  habe  von  jeher  die  Neigung  gehabt,  von  Zeit  zu  Zeit  meine  Gedanken
zu  Rück-  und  Umschau  zu  sammeln,  am  liebsten  in  schöner  Gegend  und
auf  ausgedehnten  Fußwanderungen.  Mein  Weg  führte  mich  rings  um  Montreux,
  abwechselnd  durch  nordisch  anmutenden  Nadelwald,  durch  südliche

Reise  an  den

Genfer  See
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        Rückblick  auf
die  Silberne
Hochzeit

108  FERN  VON  BERLIN

Nuß-  und  Kastanienwälder,  dann  wieder  durch  Laubwälder,  die  an  die  geliebte
  deutsche  Heimat  erinnerten.  Ich  ging  durch  die  engen  Gassen  mir
wohlbekannter  alter  Städtchen,  wo  noch  immer  die  Maiskolben  in  dichter
Reihe  unter  dem  Dache  hingen.  Ich  bestieg  zu  Fuß  die  Dent  de  Jaman,  die
Rochers  de  Naye  und  den  Chamossaire,  die  ich  zum  ersten  Male  als  Student
sechsundvierzig  Jahre  früher  und  dann  zum  zweiten  Male  vor  einunddreißig
  Jahren  als  junger  Botschaftssekretär  erklettert  hatte.  Ich  hörte
wieder  den  Klang  der  Glocken  von  St.  Saphorin.  Umgeben  von  dieser  herrlichen
  Natur,  deren  Anblick  wohl  angetan  war,  die  Gedanken  von  persönlichen
  Empfindungen  abzuziehen,  sie  auf  das  Große  und  Dauernde  zu
lenken  und  dadurch  die  Unruhe  der  Seele  zu  zerstreuen,  empfand  ich,  ähnlich
  wie  bei  meinem  Abschied  von  Berlin  und  fast  noch  lebhafter,  wieviel
Dank  ich  der  Vorsehung  schuldete,  die  mich  durch  alle  Wechsel,  die  Anfechtungen
  und  Stürme  meines  Lebens  zwar,  wie  die  guten  Herrnhuter
singen,  bisweilen  wunderlich,  aber  doch  wunderbarundgnädig  geführt  hatte:

Wie  ein  Adler  sein  Gefieder

Über  seine  J  ungen  streckt,

Also  hat  auch  hin  und  wieder
Mich  des  Höchsten  Arm  bedeckt,
Gottes  Engel,  die  er  sendet,

hat  das  Böse,  so  der  Feind
Anzurichten  war  gemeint,

In  die  Ferne  weg  gewendet.
Alles  Ding  währt  seine  Zeit,
Gottes  Lieb’  in  Ewigkeit.

Ich  empfand,  wieviel  Glück  Gott  mir  in  meiner  Frau  geschenkt  hatte,
die  mich  in  allem  verstand,  in  vielem  ergänzte,  die,  wie  ich,  den  Frieden  der
Seele  und  das  innere  Glück  über  alle  äußeren  Güter  stellte,  die  mir  eine
schöne  und  harmonische  Häuslichkeit  geschaffen  hatte,  in  der  wir  uns  vor
der  Welt  verschließen  konnten,  ohne  Haß,  aber  geschützt  wie  von  einer
undurchdringlichen  Mauer,  ein  Asyl,  in  dem  die  Mißklänge  der  Politik,  die
mit  ihr  unzertrennbar  verknüpften  Bitterkeiten  und  Enttäuschungen  mich
nicht  aus  dem  inneren  Gleichgewicht  zu  bringen  vermochten.

Vor  meinem  geistigen  Auge  stieg  die  Erinnerung  an  den  Tag  unserer
Silbernen  Hlochzeit  auf,  die  wir  vor  nahezu  drei  Jahren,  am  9.  Januar  1911
in  Rom  gefeiert  hatten.  Papst  Pius  X.  hatte  uns  zu  diesem  Anlaß  in  besonderer
  Audienz  empfangen.  Als  wir  die  päpstlichen  Gemächer  durchschritten,
  gedachte  ich  des  Papstes  Leo  XIII.,  den  ich  nicht  laıge  vor
seinem  Tode  in  denselben  Räumen  gesehen  hatte.  Leo  XIII.  mußte  auf
jeden,  der  ihm  nahe  trat,  den  Eindruck  einer  großen  Persönlichkeit  machen.
Ich  habe  kaum  einen  Menschen  gesehen,  bei  dem  der  Geist  so  sehr  alles
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        ZWEI  PÄPSTE  109

Irdische  überwunden  und,  ich  möchte  sagen,  aufgesogen  hatte.  Kein  peinlicher
  Erdenrest  klebte  an  dieser  Erscheinung.  Sein  weißes  Gewand  war
nicht  weißer  als  die  Blässe  seiner  Wangen,  in  wunderbarem  Glanz  leuchteten
  seine  großen  Augen,  aus  denen  der  Genius  sprach.  Bei  Pius  X.  empfand
  auch  der  Nichtkatholik,  daß  er  vor  einem  wahrhaft  heiligen  Mann
stand,  einem  Mann  von  lauterster  Güte,  echter  Frömmigkeit  und  bei  aller
Würde  und  Hoheit  großer  innerlicher  Demut.  Als  ich  vor  meiner  Übersiedlung
  nach  Berlin  im  Herbst  1897  von  Leo  XIII.  mit  meiner  Frau  empfangen
  worden  war,  wehrte  der  greise  Pontifex  ihr  nicht,  daß  sie,  vor  ihm
niederkniend,  ihm  den  Fuß  küßte.  Dann  tröstete  er  sie,  die  ihm  klagte,  daß
es  ihr  schwer  würde,  sich  von  ihrer  Mutter  zu  trennen  und  Rom  zu  verlassen,
  mit  Güte  und  hoher  Einsicht.  Ihr  Mann  sei  auf  einen  wichtigen
Posten  berufen,  auf  dem  er  für  sein  Vaterland  und  für  die  Welt  Gutes
wirken  könne.  Sie  müsse  ihm  seine  große  Aufgabe  erleichtern,  indem  sie
sich  freudig  in  die  neuen  Verhältnisse  einfüge  und  ihm  das  Leben  in  jeder
Weise  verschönere.  Leo  XIII.  hat  meiner  Frau  seine  gütige  Gesinnung  bis
zu  seinem  Tode  bewahrt  und  ihr  noch  kurz  vor  seinem  Ableben  durch  den
Kardinal  Kopp  den  apostolischen  Segen  gesandt.  Pius  X.  erlaubte  meiner
Frau  nicht  die  traditionelle  Huldigung  des  Fußkusses.  Er  hob  sie,  die  vor
ihm  niedergekniet  war,  gütig  zu  sich  empor  und  zog  sie  und  mich  in  ein
längeres  Gespräch.  Ich  möchte  hierbei  der  vielverbreiteten  Meinung  entgegentreten,
  als  ob  Pius  X.  in  irdischen  Dingen,  insbesondere  in  der  Politik,
naiv,  um  nicht  zu  sagen  einfältig  gewesen  sei.  In  der  längeren  Unterredung,
mit  der  er  mich  beehrte,  besprach  er  eine  ganze  Reihe  politischer  Fragen
mit  gesundem  Menschenverstand  und  nicht  ohne  diplomatische  Feinheit.
Sein  Urteil  über  politische  Personen,  Souveräne,  Minister  und  Parlamentarier
  war  abgewogen  und  klug.  Als  er  beim  Schluß  unserer  Audienz  meine
Frau  segnete  und  ihr  dann  in  gütiger  Weise  sagte,  daß  er  Gott  bitte,  auch
mich  in  seine  Obhut  zu  nehmen  und  mit  seinem  Schutze  zu  begleiten,  war
ich  dem  edlen  Greis  ebenso  dankbar  wie  meine  Frau.

AdolfWilbrandt,  dessen  Freundschaft  uns  seit  fünfunddreißig  Jahren
begleitete,  hatte  meiner  Frau  anläßlich  unserer  Silberfeier  geschrieben:
„Teuerste  Donna  Maria,  eben  sagt  mir  Kusine  Lisbeth  Wendhausen,  die
auch  hier  ist,  bei  meinen  Kindern  und  Enkeln:  Am  neunten  Januar  der
große  Tag,  Ihr  silberner  Hochzeitstag!  Ist’s  richtig?  Der  neunte?  Fünfundzwanzig
  Jahre  seitdem  dahin?  Volle  fünfundzwanzig?  Haben  sie  Flügel,  die
Jahre?  Freilich,  was  haben  Sie  und  Ihr  geliebter  Reichskanzler  —  mir  bleibt
er  das  —,  was  haben  Sie  seitdem  erlebt!  Familien-  und  Weltgeschichte!
Schöner,  rascher,  immer  rascherer  Aufstieg,  bis  zum  höchsten  Gipfel  —  dann
ehrenvollster,  frei  gewählter,  für  uns  schmerzvoll  beraubender,  Sehnsucht
und  Hoffnung  lassender  Schluß.  Und  Sie  immer  die  treue  Poesie,  die
        <pb n="142" />
        110  -OUT  OF  OFFICE

beglückende  holde  Musik  dieses  großen  Lebens.  Eines  der  schönsten  Paare
unserer  Geschichte.  Eine  herrliche  Mischung  von  Deutsch  und  Welsch,
vielleicht  die  allerschönste.  So  bleiben  Sie  noch  ungezählte  Jahre  am  Himmel
  stehen,  goldne  Doppelsterne!  Ich  schreibe  so  im  Flug,  damit’s  rechtzeitig
  zu  Ihnen  kommt.  Ich  liebe  Sie  beide  von  ganzem  Herzen.  Treue  ohne
Ende!  Dankbarkeit,  Verehrung!  Glück,  daß  Sie  leben!  Ihr  Adolf  Wilbrandt.“
  Gustav  Schmoller  hatte  mir  geschrieben:  „Fünfundzwanzig
Jahre  glücklicher  Ehe  sind  in  der  Bilanz  des  Lebens  einer  der  schönsten
Posten.  Doppelt  dem  zu  gönnen,  der  diese  fünfundzwanzig  Jahre  ganz  in
aufreibender  Arbeit,  im  Dienste  des  Vaterlandes  an  verantwortlichster  Stelle
zugebracht  hat.  Wem  es  vergönnt  war,  Jahre  lang  die  Frau  Fürstin  und  Sie,
hochverehrter  Fürst,  in  ziemlicher  Nähe  zu  beobachten,  der  könnte  an
Ihrem  beiderseitigen  Glücke  so  wenig  zweifeln  wie  an  der  Tatsache,  wie
selten  Sie  beide  sich  ergänzen,  wie  Sie  zueinander  passen.  Der  müßte  nur
zweifeln,  wen  und  was  cr  mehr  bewundern  solle:  die  Grazie,  die  Talente,
die  Liebenswürdigkeit  der  Frau  Fürstin  oder  die  Weisheit,  die  Kunst  der
Menschenbehandlung,  die  olympische  Ruhe  und  Heiterkeit  Ihrer  Persönlichkeit.
  Wenn  ich  für  Deutschland  einen  Wunsch  aussprechen  sollte,  so
wäre  es  der:  Kommen  Sie  wieder  und  regieren  Sie  uns.  Wenn  ich  aus  Ihrer
Seele  heraussprechen  soll,  so  wünsche  ich  Ihnen  das  reine  Glück  ungetrübter
Ruhe  an  der  Seite  einer  solchen  Gattin!“  Das  Lob  meiner  Frau  gebe  ich
wieder,  denn  es  ist  gerecht.  Die  mir  von  dem  Gelehrten  und  dem  Dichter
gespendete  freundliche  Anerkennung  stelle  ich  unter  den  Schutz  der
tröstenden  Worte  des  alten  Publius  Ovidius  Naso:  „Principibus  placuisse
viris  non  ultima  laus  est.“

Bei  meinen  täglichen  und  ausgedehnten  Spaziergängen  am  Genfer  See,
dem  clear  placid  Leman,  wie  ihn  Byron  nennt,  drängten  sich  mir  immer
wieder  die  Sorgen  auf,  mit  denen  mich  die  Entwicklung  der  Dinge  in  der
deutschen  Heimat  erfüllte,  dem  Land  voll  Lieb  und  Leben,  dem  ich  mich
ergeben  hatte  mit  Herz  und  Hand,  seitdem  ich  dreiundvierzig  Jahre  früher
als  junger  Husar  ins  Feld  gezogen  war.  Ich  bemühte  mich,  bei  meinen  stillen
Reflexionen  nicht  in  den  Fehler  mancher  Diplomaten  und  Politiker  zu  verfallen,
  die,  sobald  sie  nicht  mehr  selbst  auf  der  Bühne  agieren,  vom  Zuschauerraum
  aus  alles  kritisieren,  mit  allem  unzufrieden  sind.  Wie  oft  habe
ich  mich  an  das  Wort  unseres  welt-  und  menschenkundigen  Botschafters
Schweinitz  erinnert,  der  in  der  Bismarckschen  Zeit  zu  sagen  pflegte,  es
gebe  cigentlich  nur  zwei  Arten  von  Menschen:  die  Leute  in  office  und  die
Leute  out  of  office.  Die  ersteren  lobten  alles,  was  geschehe,  seien  mit  allem
zufrieden  und  meinten,  que  tout  £tait  pour  le  mieux  dans  le  meilleur
des  mondes  possibles;  die  anderen  tadelten  alles  und  fänden,  daß  alles,
was  entsteht,  wert  wäre,  zugrunde  zu  gehen.  Aber  auch  einer  objektiven,
        <pb n="143" />
        DER  FETZEN  KONGO  111

unpersönlichen  Prüfung  der  allgemeinen  Weltlage  wie  der  heimischen  Verhältnisse
  konnte  nicht  entgehen,  daß  mancher  ernste  Grund  zur  Sorge  vorlag.

Unser  völliger  Verzicht  auf  Marokko,  der  durch  das  Kongu-Abkommien
besiegelt  worden  war,  bedeutete  für  Deutschland,  dessen  blühender  Handel
mit  Marokko  dem  Frankreichs  damals  kaum  nachstand,  einen  nicht  unerbeblichen
  wirtschaftlichen  Verlust  und  für  Frankreich  eine  beträchtliche
Verstärkung  seiner  Wehrkraft  durch  kriegstüchtiges  Material,  an  dem  es
den  Franzosen  zu  mangeln  anfıng.  Nach  dem  Lärm,  den  der  Panthersprung
nach  Agadir  in  der  ganzen  Welt  hervorgerufen  hatte,  erschien  der  von  uns
mit  Hängen  und  Würgen  erlangte  Fetzen  Kongo  als  eine  mehr  denn  bescheidene
  Kompensation.  Und  dabei  hatten  wir  uns  dem  nicht  ganz  unberechtigten
  Vorwurf  ausgesetzt,  wir  hätten  die  Notlage  eines  unter  unserem
Schutze  stehenden  Landes  zu  eigener  Bereicherung  benutzt.  Ich  hatte  darüber
  schon  im  Februar  1913  an  Ernst  Bassermann  aus  Rom  geschrieben:
„Die  Voraussetzungen,  die  uns  veranlaßten,  1911  aus  Marokko  hinaus-  und
in  die  Kongosümpfe  hineinzugehen,  haben  sich  nicht  erfüllt,  Die  uns  damals
  in  Aussicht  gestellte  Verbesserung  unserer  Beziehungen  zu  Frankreich
ist  nicht  eingetreten.  Nach  Konzessionen,  Avancen  und  Liebenswürdigkeiten
  aller  Art  ist  die  Stimmung  in  Frankreich  gegen  uns  gehässiger,  als
sie  seit  1871  war.  Sie  zeigt  sich  nicht  nur  in  gewaltigen,  bis  dahin  kaum  für
möglich  gehaltenen  militärischen  Anstrengungen  der  Franzosen,  sondern
tritt  auch  prägnant  in  der  Entsendung  von  Delcasse  nach  St.  Petersburg
hervor,  die  wenigstens  im  Ausland,  im  Gegensatz  zu  unseren  abwiegelnden
ofiziösen  Pressestimmen,  als  ein  bedeutsames  Symptom  eingeschätzt  wird.
Die  in  den  letzten  Jahren  so  viel  selbstbewußter  gewordene  Stimmung  der
Franzosen  wirft  ihre  Schatten  auf  Elsaß-Lothringen.“

Noch  bedenklicher  war  die  infolge  der  Balkankriege  auf  der  Balkanhalbinsel
  eingetretene  Verschiebung,  die  eine  einschneidende  und  bei  unvorsichtiger
  deutscher  Politik  für  uns  gefährliche  Wendung  bedeutete.  Als  in
Rom,  in  der  Consulta,  die  Meldung  eingelaufen  war,  daß  Deutschland  völlig
und  endgültig  auf  Marokko  verzichtete,  zog  der  italienische  Minister  des
Äußern,  der  Marchese  San  Giuliano,  die  Uhr,  bezeichnete,  wie  er  mir  selbst
erzählt  hat,  die  Stunde  und  den  Tag  und  erklärte  vor  seinen  Sekretären,
jetzt  müsse  Italien  nach  Tripolis  gehen,  wozu  bis  dahin  in  Rom  wenig
Lust  vorhanden  gewesen  war.  Die  italienische  Tripolis-Expedition  gab  den
Anstoß  zu  den  Balkankriegen,  über  deren  Entstehung  und  Ergebnis  ich  am
28.  Februar  1913  aus  Rom  an  Bassermann  geschrieben  hatte:  „Auf  dem
Wege,  der  von  Agadir  über  Tripolis  zum  Balkankriege  führte,  haben  wir  in
zwei  rasch  aufeinanderfolgenden  Krisensommern  materielle  Werte  verloren,
auch  die  Gesamtsituation  ist  prekärer  geworden,  und  unser  Ansehen  hat
gelitten.  Es  war  verhängnisvoll,  daß  Wien  dem  Orientkrieg  nicht  entweder

Der  Kongo-Vertrag


Balkankrise
und  Tripolis
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        112  IRRTÜMER  ÜBER  DIE  TÜRKEI

vorbeugte,  was  bei  der  unkriegerischen  Natur  der  meisten  Balkanfürsten
wolıl  möglich  gewesen  wäre,  oder  wenigstens,  bevor  der  Krieg  ausbrach,  mit
den  Balkanvölkern  zu  einer  klaren  Verständigung  kam.“  Eine  so  unerfreuliche
  Entwicklung,  fügte  ich  hinzu,  sei  die  Folge  unrichtiger  Einschätzung
der  Stärkeverhältnisse  auf  dem  Balkan  gewesen.  „Wie  Napoleon  III.  1866
seine  Taktik  auf  eine  fälschlich  vorausgesetzte  Überlegenheit  der  Österreicher
  über  die  Preußen  basierte  und  erst  durch  Sadowa  aus  seinen  Illusionen
  gerissen  wurde,  so  beruhte  die  Haltung  Österreichs  vor  dem  Balkankrieg
  auf  der  nicht  zutreffenden  Voraussetzung,  die  Türkei  werde  ihre
Gegner  mit  Leichtigkeit  niederrennen.  In  dieser  irrigen  Annahme,  in  der
sich  Wien  und  Berlin  begegneten,  wurde  dem  Ausbruch  der  Feindseligkeiten
  nicht  energisch  vorgebeugt;  man  ließ  die  Türken  in  dem  Glauben,
daß  an  dem  Status  quo  keinesfalls  gerührt  werden  würde,  und  ermutigte  sie
sogar  zum  Kämpfen,  bis  die  türkische  Niederlage  das  Verfehlte  des  ganzen
Kalküls  bloßlegte  und  leider  gleichzeitig  zeigte,  daß  die  Politik  der  Triple-Entente
  derjenigen  der  Zentralmächte  ebenso  überlegen  gewesen  war  wie
die  Waflen  der  Balkanvölker  der  türkischen  Strategie  und  Organisation.“
Was  ich  damals  dunkel  fühlte,  wiederhole  ich  heute  mit  voller  Bestimmtheit:
Natürlich  wäre  es  bei  mehr  Voraussicht  und  Geschicklichkeit  möglich  gewesen,
  dem  Ausbruch  des  Balkankrieges  vorzubeugen.  Ein  kalter  Wasserstrahl
  nach  Sofia  würde  den  unmilitärischen,  sehr  vorsichtigen  König  Ferdinand
  am  Vorgehen  verhindert,  eine  feste  Sprache  in  Konstantinopel  die
Türken  zu  den  notwendig  gewordenen  Konzessionen  veranlaßt  haben.  Statt
dessen  erfolgte  in  Belgrad,  in  Athen  und  namentlich  in  Sofia  gar  nichts,
während  die  Pforte  in  ihrer  Angriffslust  eher  bestärkt  worden  war.

In  irriger  Einschätzung  der  militärischen  Stärke  der  Osmanli  begegneten
  sich  Alfred  Kiderlen  und  der  Generalfeldmarschail  Colmar  von
der  Goltz,  ein  Beweis,  daß  gerade  tüchtige  Spezialisten  oft  den  Wald  vor
Bäumen  nicht  sehen.  Kiderlen  konnte  es  gar  nicht  erwarten,  daß,  wie  er
sich  ausdrückte,  die  braven  Türken  den  Hammeldieben  von  der  unteren
Donau  endlich  einmal  ordentlich  das  Fell  versohlten.  Ein  hervorragender
Stratege  wie  Goltz  erklärte  nach  einem  türkischen  Manöver,  das  ungefähr
ein  Jahr  vor  der  Schlacht  von  Kirkilisse  auf  denselben  Feldern  stattfand,
wo  später  die  türkische  Armee  von  den  Bulgaren  vernichtend  geschlagen
wurde.  daß,  wenn  es  sich  nicht  um  ein  Manöver,  sondern  um  eine  wirkliche
Schlacht  gehandelt  haben  würde,  die  Osmanen  einen  der  schönsten  Siege
ihrer  Kriegsgeschichte  erfochten  hätten.  Um  so  größer  war  in  Wien  und
Pest  wie  in  Berlin  die  Enttäuschung,  als  die  Bulgaren  im  März  1913  Adrianopel
  erstürmten,  dort  29  Paschas  gefangennahmen  und  Konstantinopel
bedrohten.  Diese  Enttäuschung  hatte  sich  namentlich  in  Wien  und  in  Budapest
  in  wachsende  Sorge  und  Nervosität  verwandelt,  als  die  Sieger  im  ersten
        <pb n="145" />
        Kaisermanöver

Links  Earl  of  Lonsdale,  in  der  Mitte  der  Kaiser,  Fürst  Max  Egon  zu  Fürstenberg  und  der  österreichische  Militärattache
        <pb n="146" />
        <pb n="147" />
        DER  UMGEWORFENE  STATUS  QUO  ANTE  113

Balkankriege  sich  über  die  Teilung  der  Beute  in  die  Haare  geraten  waren
und  die  Bulgaren  von  den  Serben  und  Griechen  mit  Hilfe  der  Rumänen  zu
Boden  geschlagen  wurden.  Ich  hatte  leider  nur  zu  recht  gehabt,  wenn  ich
in  meinem  Brief  vom  28.  Februar  1913  an  Bassermann  weiter  schrieb,  daß
Österreich-Ungarn  im  Orient  vor  einer  funditus  und  funditus  in  pejus  veränderten
  Lage  stünde.  Daß  man  das  in  der  Doppelmonarchie  begreife,  darüber
  hatte  mich  die  Sprache  der  österreichischen  Blätter,  darüber  hatten
mich  Briefe  aus  Wien  wie  aus  Budapest  belehrt,  die  mich  auf  eine  in  Ciswie
  in  Transleithanien  zunehmende  Erregung  schließen  ließen.

Meine  Sorge  war,  daß  Österreich  diese  unerfreuliche  und  bedenkliche
Situation  durch  eine  schikanöse  Politik  gegenüber  Serbien  noch  verschärfen
würde.  „Was  an  Fehlern  gegenüber  Serbien  geleistet  werden  kann,  das  vollbringt
  der  habsburgische  Hochmut“,  schrieb  mir  der  in  Balkanfragen  erfahrene
  Herr  vom  Rath  und  fügte  hinzu:  „Dazu  die  Verprellung  Rumäniens!
  Die  Dreibund-Diplomatie  hat  Bankrott  gemacht.  Eure  Durchlaucht
haben  sich  in  der  Balkanfrage  und  in  der  Beurteilung  der  russischen  und
der  österreichischen  Politik  einst  als  Meister,  jetzt  als  Prophet  erwiesen.“
Ich  selbst  hatte  bereits  am  30.  Dezember  1912  aus  Rom  an  Bassermann  geschrieben:
  „Die  Schicksalsfrage,  die  im  vorigen  Jahrhundert  in  Italien  und
Deutschland  an  die  habsburgische  Monarchie  herantrat,  nähert  sich  ihr  jetzt
vom  Osten.  Wird  man  in  Wien  verstehen,  die  Südslawen  geschickter  zu  behandeln
  als  weiland  Deutsche  und  Italiener?  Wird  Österreich  mit  Serbien
besser  fertig  werden  als  einst  mit  Piemont  und  Preußen  ?  Gewiß  ist  Pasitsch
kein  Cavour  noch  Bismarck,  Serbien  nicht  Piemont  oder  Preußen,  aber  vor
sechzig  Jahren  sah  es  auch  nicht  aus,  als  ob  Österreich  in  Deutschland  und
Italien  die  Partie  verlieren  würde.  Wird  es  gelingen,  mit  dem  Divide  et
impera  Serben  und  Rumänen,  Bulgaren  und  Griechen  auseinanderzuhalten?
  Ganz  sicher  dürfte  das  nicht  sein,  wo  nicht  einmal  die  Bildung
des  Balkanbundes  verhindert  wurde,  die  wegen  jahrhundertalter  und
tiefgewurzelter  Gegensätze  noch  vor  kurzem  als  eine  ganz  unwahrscheinliche
  Sache  erschien  und  doch  zustande  gekommen  ist.  Schade,  daß  es  nicht
gelungen  ist,  den  Status  quo  ante  aufrechtzuerhalten,  bei  dem  wir  uns  in
jeder  Beziehung  besser  standen  und  der  insbesondere  auch  für  unsere  österreichischen
  Bundesgenossen  viel  günstiger  war.  Schade  auch  um  alle  von
uns  auf  die  Türkei  und  unsere  Beziehungen  zu  ihr  verwandte  Mühe  und
Arbeit.‘  Ich  fürchtete,  daß  die  habsburgische  Monarchie  versuchen  würde,
ihre  zum  größten  Teil  durch  ihre  eigenen  politischen  Fehler  verdorbene
Stellung  auf  der  Balkanhalbinsel  mit  den  Knochen  des  pommerschen  Grenadiers
  zu  sanieren.  Ich  fürchtete  namentlich  und  vor  allem,  daß,  wenn  eine
solche  Versuchung  an  uns  herantreten  sollte,  romantische,  falsch  verstandene

  Ritterlichkeit  beim  Kaiser,  Ungeschick  und  Einfalt  bei  meinem  Nach-8
  Bülow  II

Der
Balkanbund
        <pb n="148" />
        Wilhelm  II.
und  Bülow
1909  bis  1914

114  DER  ENTAMTETE

folger,  junkerliche  Voreingenommenheit  für  das  „feudale‘“  Österreich  bei
dem  kleinen  Jagow  uns  für  und  durch  Österreich  in  einen  Krieg  mit  Rußland
  und  damit  in  den  Weltkrieg  verstricken  könnten.  „Ungeschickt  gehandhabt
  können  unsere  Beziehungen  zu  Österreich  zur  belastenden  Fessel
werden“,  hatte  in  seiner  Weltgeschichte  der  Neuzeit  der  Historiker  Dietrich
Schäfer  schon  1912  mit  Recht  gesagt.

Wer,  wie  ich,  mehr  als  ein  Dezennium  die  Politik  seines  Landes  geleitet
hatte,  mußte  es  oft  als  Qual  empfinden,  zu  Situationen,  die  ihm  auf  Grund
reiflicher  Erfahrungen  gefährlich  und  bedenklich  erscheinen  mußten,  nicht
Stellung  nehmen,  nicht  mit  selbstlosem  Rat  den  leitenden  Männern  zur
Seite  stehen  zu  können.  Italienische,  französische  und  englische  Staatsmänner
  stehen  nicht  unter  diesem  Druck,  da  ihre  Eigenschaft  als  Parlamentarier
  ihnen  die  Möglichkeit  zwanglosen  Meinungsaustauschs  und  steter
Fühlungnahme  mit  den  augenblicklichen  Machthabern  gibt.  Deutsche
Staatsmänner  dagegen  waren,  da  die  frühere  Struktur  unseres  Staatslebens
sie  zu  einfachen  Pensionsempfängern  degradierte,  zum  Schweigen  und,  wie
ich  im  Hinblick  auf  die  tragischen  Jahre  1914  bis  1918  auf  Grund  schmerzvoller
  persönlicher  Erfahrung  sagen  kann,  zum  Dulden  verurteilt.  Wilhelm
  II.  nahm  einem  zurückgetretenen  Minister  jede  selbständige  Äußerung
  von  vornherein  übel.  Es  hing  das  zusammen  mit  dem  überspannten
Begriff,  den  er  sich  von  der  Stellung  eines  Monarchen  auch  in  unserer  Zeit
machte.  Er  sah  in  dem  „entamteten‘“  Bismarck,  der  gegen  den  neuen  Kurs
opponierte,  einen  Rebellen.  Er  hat  mehr  als  einmal  gesagt,  der  einzige  ihm
sympatbische  Zug  an  Caprivi  sei  gewesen,  daß  der  nach  seinem  Rücktritt
nie  wieder  den  Mund  aufgetan  habe.  Ich  kann  mich  keines  einzigen  Falles
erinnern,  wo  Kaiser  Wilhelm  II.  einen  zurückgetretenen  Minister  auch  nur
mündlich,  im  Wege  der  Konversation,  um  seine  Meinung  gefragt  hätte.
Vielleicht  hier  und  da  Hollmann,  den  Vorgänger  von  Tirpitz,  aber  auch  da
nur,  um  den  Nachfolger  zu  ärgern.  Überdies  war  „Hollmännchen‘“‘  mehr
Spaßmacher  als  eine  ernste  Persönlichkeit.

Ohne  Anregung  von  meiner  Seite  haben  in  den  fünf  Jahren,  die  zwischen
meinem  Rücktritt  und  dem  Ausbruch  des  Weltkrieges  lagen,  besorgte
Patrioten,  die  wünschten,  daß  Wilhelm  II.  sich  nicht  für  alle  Zukunft  die
Möglichkeit  verbauen  möge,  meinen  Rat  einzuholen,  sich  bemüht,  Seine
Majestät  zum  Einlenken  mir  gegenüber  zu  bestimmen  und  ihn  wenigstens
von  knabenhaften  Ungezogenheiten  abzuhalten.  Herr  von  Loebell,  mein
wackerer  Chef  der  Reichskanzlei,  der  mir  auch  nach  meinem  Rücktritt  die
Treue  hielt,  hat  als  Minister  des  Innern  insbesondere  in  den  kritischen  Tagen
des  Juli  1914,  aber  schon  vorher  und  später  während  des  ganzen  Krieges,
den  Kaiser  beschworen,  mich  um  meine  Ansicht  über  die  Lage  zu  fragen,
stieß  aber  bei  Seiner  Majestät  stets  auf  eigensinnigen  Widerstand.  Auch
        <pb n="149" />
        EIN  SANIERUNGSVERSUCH  115

Ballin  tat,  was  er  konnte,  damit  der  Kaiser  mich  zurückberufe  oder  wenigstens
  in  Fragen  der  auswärtigen  Politik  Fühlung  mit  mir  hielte.  Ballin  war
überzeugt,  daß  ich,  vor  dem  22.  Juli,  ja  selbst  vor  dem  30.  Juli  1914  zurückberufen,
  den  Krieg  verhindert  hätte.  Er  war  auch  überzeugt,  daß  ich
1916  den  Weg  zum  Frieden  mit  Rußland,  1917  zu  einem  Vergleichs-  und
Vernunfts-Frieden  mit  England  gefunden  hätte.  Der  Kaiser  aber  hörte  in
dieser  Beziehung  nicht  auf  Ballin,  so  gern  er  ihn  sonst  mochte.  Il  n’y  a
pas  de  pire  sourd  que  celui  qui  ne  veut  pas  entendre.

Graf  August  Eulenburg,  der  bis  zu  seinem  Tode  Seiner  Majestät  ein
ebenso  treuer  wie  kluger  Berater  war,  hat  sich  mit  Vorsicht  und  Takt,  aber
unentwegt  bemüht,  den  Kaiser  zu  mir  zurückzuführen.  Nach  dem  Rücktritt
  von  Bethmann,  1917,  sollte  ein  Augenblick  kommen,  wo  der  Kaiser
nach  einer  Unterredung  mit  Ballin  zu  August  Eulenburg  sagte:  „Gehen  Sie
zu  meiner  Frau  und  sagen  Sie  ihr,  daß  sie  ihren  Bülow  wiederkriegt.‘“  Aber
wenige  Stunden  später  bestimmten  die  Intrigen  des  deutschen  Botschafters
in  Wien,  des  Grafen  Botho  Wedel,  und  des  mit  ihm  an  einem  Strange
ziehenden  österreichischen  Botschafters  in  Berlin,  Gottfried  Hohenlohe,  den
Kaiser,  meine  Kandidatur  aufzugeben,  und  es  gelang  Valentini,  Seiner
Majestät  als  Nachfolger  für  Bethmann  statt  meiner  den  Unterstaatssekretär
Michaelis  mundgerecht  zu  machen.

Fünf  Jahre  früher  hatte  der  klarblickende  Schmoller,  dem  die  Entwicklung
  der  Dinge,  namentlich  auf  dem  Felde  der  auswärtigen  Politik,  schon
damals  nur  zu  begründete  Sorge  einflößte,  einen  Versuch  unternommen,  das
Verhältnis  zwischen  dem  Kaiser  und  mir  zu  sanieren.  Er  schrieb  mir  im
Sommer  1912,  er  wünsche  nach  wie  vor  dringend,  daß  der  Kaiser  aufgeklärt
werde,  nicht  etwa  nur  in  meinem  Interesse  und  auch  nicht  allein  um  der
Sache  willen,  sondern  um  des  Kaisers  willen.  Ob  und  wie  und  wann  man
den  Kaiser  aufklären  könne,  entziehe  sich  seiner  Beurteilung,  er  sehe  von
der  offiziellen  Welt  fast  niemand  mehr.  Er  habe  aber  Harnack,  der  mindestens
  einmal  wöchentlich  das  Glück  habe,  sich  an  der  kaiserlichen  Gnadensonne
  zu  wärmen,  ein  kurzes  Memorandum  zugestellt,  das,  zur  Kenntnis
des  Kaisers  gebracht,  nützlich  wirken  könnte.  Einige  Monate  später  schrieb
mir  Schmoller,  er  habe  sich  in  seinem  Kollegen  Harnack  geirrt.  Dieser  halte
offenbar  mit  Falstaff  Vorsicht  für  den  besseren  Teil  der  Tapferkeit  und  wolle
nicht  riskieren,  an  Allerhöchster  Stelle  anzustoßen.  Gleichzeitig  schickte  er
mir  eine  Visitenkarte,  die  er  von  Harnack  nach  langem  Warten  in  Erwiderung
  auf  seine  briefliche  Anregung  erhalten  hatte:

„Prof.  D.  Adolf  Harnack
Wirklicher  Geheimer  Rat,  Generaldirektor  der  Königl.  Bibliothek
sendet  das  ihm  zugesandte  Memorandum  mit  ergebenstem  Dank  zurück.
        <pb n="150" />
        116  DER  LEVIT,  DER  VORÜBERGING

Ich  finde  diese  Darstellung,  obgleich  sie  mir  im  einzelnen  nicht  neu  war,  im
ganzen  doch  durch  ihre  Klarheit  und  innere  Überzeugungskraft  wie  neu
wirkend.  So  wie  sie  ist,  könnte  sie  wohl  in  die  Hände  Seiner  Majestät  gelegt
werden,  aber  es  wären  Streichungen  und  Zusätze  nötig.  Doch  ist  zunächst
nicht  daran  zu  denken!  Übrigens  wäre,  wie  mir  immer  klarer  geworden  ist,
nicht  Herr  v.  Valentini,  sondern  der  Reichskanzler  die  richtige  Mittelsperson;
  denn  jener  ist  durch  seine  Stellung  zu  gebunden.  Ich  werde  diesen
Weg  im  Auge  behalten.  Verehrungsvoll  A.  H.“  Der  Hofpfaffe  Seiner  Majestät,
  wie  ihn  der  baumlange  Generaladjutant  von  Scholl  zu  nennen  liebte,
machte  es  nicht  wie  der  Samariter,  der  dem  Mann  zu  Hilfe  kam,  der,  als  er
von  Jerusalem  hinab  gen  Jericho  zog,  unter  die  Räuber  gefallen  war,  die
ihn  auszogen  und  schlugen.  Statt  dem  Armen  Öl  und  Wein  in  seine  Wunden
zu  gießen,  nahm  sich  Harnack  den  Leviten  zum  Vorbild:  „Da  der  Levit
kam  zu  der  Stätte,  ging  er  vorüber“  (Ev.  Lucä  10,  32).

Wenn  Wilhelm  II.  selbst  den  bestgemeinten  Warnungen  und  Ratschlägen
  gegenüber  taub  blieb,  so  gebietet  doch  die  Gerechtigkeit,  nicht  zu
verschweigen,  daß  auch  die  öffentliche  Meinung  in  Deutschland  in  jenen
Jahren  wenig  geneigt  war,  auf  die  Mahnungen  eines  entamteten  Ministers
zu  hören.  Meine  Sorgen  und  Bedenken  aber  wollten  mich  nicht  verlassen.
Aus  Paris  schrieb  mir  eine  dort  mit  einem  Franzosen  verheiratete  langjährige
  deutsche  Freundin:  Es  sehe  in  der  Welt  schon  recht  anders  aus  als
während  meiner  Kanzlerzeit.  Insbesondere  in  Frankreich  sei  der  „‚Sozialist“*
Millerand  bemüht,  in  jeder  Weise  den  militärischen  Geist  zu  erwecken.  „Der
schlummert  ja  auch  nur  in  dem  Lande,  das  von  jeher  eine  begeisterte  Zärtlichkeit
  für  seine  roten  Hosen  besaß.‘“  Noch  mehr  beeindruckte  mich  ein
Brief  des  alten  Geheimen  Rats  Mechler,  der  unter  Bismarck,  Caprivi,
Hohenlohe  und  mir  mit  immer  gleicher  Treue  das  Zentralbüro  des  Auswärtigen
  Amtes  geleitet  hatte,  mit  Herbert  Bismarck  und  Holstein,  mit
Kiderlen  und  Marschall  gleich  gut  ausgekommen  war.  Er  hatte  in  seiner
fast  fünfzigjährigen  Amtszeit  viel  gesehen,  viel  erlebt.  Mit  dem  Chor  in  der
„Braut  von  Messina‘  konnte  dieser  vorbildliche  Beamte  von  sich  sagen:

Die  fremden  Eroberer  kommen  und  gehen,
Wir  gehorchen,  aber  wir  bleiben  stehen.

Geheimrat  Mechler  schrieb  mir  am  Neujahrstage  1914:  „Ob  das  Jahr
mit  der  ominösen  Zahl  13  nicht  weit  mehr  Enttäuschungen,  Unglück  und
Trübsal  als  erfüllte  Hoffnungen,  Glück  und  Freude  gebracht  hat,  läßt  sich
in  Wahrheit  wohl  schwer  sagen.  Für  meinen  Gesichtskreis  habe  ich  das
Empfinden,  daß  es  sich  als  ein  unheilbringendes  bewahrheitet.  Jedenfalls
trifft  dieses  zu  für  die  Geschicke  der  Völker  und  unseres  deutschen  Vaterlandes
  im  besonderen;  und  ein  patriotisches  deutsches  Herz  muß  wünschen,
        <pb n="151" />
        DER  UNWILLKOMMENE  EINBLÄSER  117

daß  es  besser  werde  und  daß  das  kommende  Jahr  gutmache,  was  dieses
böse  machte.“  In  einem  zweiten  Brief  schrieb  mir  der  alte  Mechler:  „In
unserem  Norden  trat  plötzlich  unerwartet  ein  ungewöhnlich  starker  Schneefall
  ein,  ihm  folgten  ebenso  ungewöhnlich  warme  Tage,  welche  die  Blüten
der  Bäume  und  Sträucher  allzu  früh  entwickelten.  Ein  jähe  eintretender
Frost  vernichtete  alles  —  und  seit  einigen  Tagen  haben  wir  Hitze.  Natur
und  Politik  wollen  nicht  mehr  in  ihren  alten  früheren  Bahnen  bleiben,  und
der  Wetterprophet  wie  der  Politiker  haben  schwere  Zeiten  und  ein  undankbares
  Metier.  Wäre  alles  in  gewohntem  Geleise  und  entwickelte  sich  die
Weltgeschichte  folgerichtig:  dann  könnte  ich  mir  wohl  denken,  daß  Euer
Durchlaucht  die  Weltlage  ruhig  ließe.  Da  sie  aber  anders  verläuft,  so  kommen
  Eurer  Durchlaucht  doch  wohl  mitunter  ernste  Gedanken.“

Als  ich  durch  das  Rhonetal  und  den  Simplon  nach  Rom  zurückgekehrt
war,  verdichteten  sich  meine  sorgenvollen  Erwägungen  zu  einem  Memorandum.
  Aber:  wie  dies  an  die  entscheidenden  Stellen,  d.  h.  an  Kaiser  und
Kanzler  gelangen  lassen?  Ich  wußte,  daß  Wilhelm  II.  auch  kürzere  Denkschriften
  schr  ungern  las.  Hatte  er  doch  im  März  1890  das  Abschiedsgesuch
des  Fürsten  Bismarck,  ein  weltgeschichtliches  Dokument,  kaum  durchflogen,
  geschweige  denn  meditiert.  Würde  nicht,  hiervon  abgesehen,  Wilhelm
  II.  bei  seiner  von  Ohrenbläsern  und  Zwischenträgern  sorgsam  genährten
  Gereiztheit  gegen  mich  ein  von  mir  eingereichtes  Schriftstück  von
vornherein  mit  Mißtrauen  in  die  Hand  nehmen?  Aber  auch  bei  Bethmann
Hollweg  war  leider  nicht  mit  einer  vorurteilslosen  und  unbefangenen  Prüfung
  meiner  Warnungen  zu  rechnen.  Dem  selbstgerechten,  von  seiner
eigenen  Vortrefflichkeit  allzu  überzeugten,  dabei  empfindlichen  und  wehleidigen
  Kanzler  war,  namentlich  durch  das  Freundespaar  Jagow-Flotow,
eingeredet  worden,  daß  er  sich  lächerlich  machen  würde,  wenn  er  sich  von
seinem  Vorgänger  „einblasen“  ließe.  Gerade  weil  ich  ihm  ohne  mein  Verdienst,
  lediglich  durch  meinen  Lebensgang  an  europäischen  Konnexionen
wie  an  diplomatischer  Routine  überlegen  wäre,  würde  er,  wenn  er  sich  beim
Fürsten  Bülow  Rat  hole,  als  „das  Geschöpf‘‘  seines  Vorgängers  erscheinen.
Und  würde  ein  solcher  Rat  des  Vorgängers  ehrlich  sein?  So  raunten,  von
sich  selbst  auf  andere  schließend,  Flotow  und  Jagow  dem  Kanzler  ins  Ohr.
Arcades  ambo.  Wer  gönne  seinem  Nachfolger  Erfolge?  Und  selbst  wenn
Fürst  Bülow  wirklich  gute  Ratschläge  erteilen  könnte,  so  würde  er  einen
etwaigen  Erfolg  für  sich  buchen,  bei  Mißerfolgen  die  Schuld  auf  die  falsche
Ausführung  des  an  und  für  sich  trefflichen  Ratschlags  schieben.  Vertrauliche
  Andeutungen  von  Loebell  wie  von  Schwartzkoppen  ließen  keinen
Zweifel  darüber,  daß  Bethmann  Hollweg,  der  seine  Beförderung  vom  Ober-Präsidenten
  zum  preußischen  Minister  des  Innern,  vom  Minister  des  Innern
zum  Staatssekretär  des  Reichsamts  des  Innern,  zum  Stellvertreter  des

Gedanke
an  ein
Memorandunı
        <pb n="152" />
        Brief  Bülows
an  August
Eulenburg

118  KEINE  PROVOKATIONEN

Reichskanzlers  und  Vizepräsidenten  des  preußischen  Staatsministeriums
und  damit  implieite  die  Möglichkeit  seines  schließlichen  Aufstiegs  zum
Reichskanzler  mir  verdankte,  mir  gegenüber  von  kleinlicher  Empfindlichkeit
  und  scheuem  Mißtrauen  erfüllt  war.  Nach  emphatischen,  allzu  emphatischen
  und  pathetischen  Beteuerungen  seiner  Dankbarkeit  und  Verehrung
für  mich  hatte  Bethmann  in  keiner  einzigen  konkreten  Frage  meinen  Rat
erbeten.  Ich  konnte  nach  Lage  der  Dinge  nur  indirekt  auf  Kaiser  und
Kanzler  wirken.

Nach  längerer  und  reiflicher  Überlegung  schrieb  ich  an  den  Hausminister
Grafen  August  Eulenburg,  der  mit  scharfem  Verstand  einen  kühlen  Kopf,
vornehme  Gesinnung  und  warmen,  wachen  Patriotismus  verband,  einen
nicht  allzu  langen  Brief.  Ich  begann  mit  der  Versicherung,  daß  ich  die  Absendung
  meines  Schreibens  geheimhalten,  auch  weder  Konzept  noch  Abschrift
  zurückbehalten  würde,  Ich  betonte,  daß  ich  für  mich  nichts  wolle
noch  anstrebte,  ich  sei  saturiert.  Sachlich  entwickelte  ich  die  folgenden  Gedanken.
  Durch  unser  Kneifen  vor  dem  Stirnrunzeln  von  Lloyd  George  und
das  verfehlte  Kongo-Abkommen  hätten  wir  den  Übermut  der  Franzosen
und  die  bis  dahin  mehr  latente  Revancheströmung  in  Frankreich  neu  belebt.
  Im  Falle  ernstlicher  Differenzen  zwischen  uns  und  Rußland  würde
Frankreich  heute  nicht  mehr  so  kurz  treten  wie  im  Winter  1908/1909.  Darauf
  deutete  der  in  Frankreich  eingetretene,  beachtenswerte  Personenwechsel
  an  wichtigen  Stellen:  der  1912  erfolgte  Aufstieg  von  Poincare  zum
Ministerpräsidenten  und  Minister  des  Äußern,  noch  mehr  die  1913  erfolgte
Wahl  des  „Bon  Lorrain‘‘  zum  Präsidenten  der  Französischen  Republik,
andererseits  die  kaum  drei  Monate  später  erfolgte  Entsendung  von  Delcasse
  als  Botschafter  nach  St.  Petersburg.  Sorgsame  Pflege  und  Schonung
unserer  Beziehungen  zu  Rußland  seien  also  notwendiger  denn  je.  Frankreich
  sei  derjenige  Punkt  in  Europa,  wo,  nicht  in  der  Masse  der  Bevölkerung,
  aber  an  manchen  einflußreichen  Stellen,  ernstlich  von  Kriegslust  und
Kriegsgefahr  gesprochen  werden  könne.  Auf  die  Haltung  Rußlands  komme
esin  erster  Linie  an.  Die  Lage  auf  der  Balkanhalbinsel  habe  sich  zu  unserem
Nachteil  verschoben  durch  die  Balkankriege,  denen  wir  nicht  rechtzeitig
vorbeugten.  Während  die  Türkei  und  Bulgarien  geschlagen  wurden,  hätten
Serbien  und  Rumänien  an  Macht  und  Einfluß  gewonnen.  Das  sei  unerfreulich
  für  uns,  bedenklich  für  Österreich-Ungarn.  Es  komme  nun  vor  allem
darauf  an,  daß  Österreich-Ungarn  nicht  die  Nerven  verliere.  Es  handele  sich
darum,  über  die  vorhandene  Spannung  hinwegzukommen,  die  nicht  ewig
dauern  werde.  Keine  unvorsichtigen  Gesten!  Noch  weniger  Provokationen!
Ich  schloß  mit  jenem  gern  von  mir  zitierten  Wort  Goethescher  Weisheit,
an  das  ich  während  zwölf  Jahren  mehr  als  einmal  Seine  Majestät  erinnert
hatte,  daß,  wer  sich  nur  heute,  heute  nur  nicht  fangen  lasse,  hundertmal
        <pb n="153" />
        NICHT  IN  DER  STIMMUNG  119

entgangen  sei.  Das  sei  ein  Wort,  über  das  Bierbankpolitiker  und  Zimmerstrategen
  die  Achsel  zucken,  das  tiefgründigen  Metaphysikern  oberflächlich
erscheinen  könne,  das  sich  aber  in  der  politischen  Praxis  oft  bewährt  habe.

Die  Antwort  auf  meinen  Brief  war  in  der  Form  überaus  verbindlich,
sachlich  nicht  tröstlich.  Seine  Majestät  der  Kaiser  sei  gerade  jetzt  nicht
in  der  Stimmung,  auf  noch  so  wohlgemeinte  Warnungen  zu  hören.  Die
erhebenden  Erinnerungen  des  Jubeljahres  1913,  die  überwältigenden  Beweise
  von  Treue  und  Dankbarkeit,  die  der  Dynastie  und  ihm  selbst  bei
seinem  fünfundzwanzigjährigen  Regierungsjubiläum  dargebracht  worden
seien,  vor  allem  die  Vermählung  seiner  einzigen  Tochter  mit  dem  Erben
des  endlich  versöhnten  Welfenhauses  hätten  begreiflicherweise  das  Selbstgefühl
  Seiner  Majestät  mächtig  gehoben.  Der  Augenblick,  wo  seine  Tochter,
geleitet  von  dem  König  von  England  und  dem  russischen  Zaren,  zum  Altar
geschritten  sei,  erscheine  dem  hohen  Herrn  als  der  Höhepunkt  seines
Lebens  und  Wirkens,  als  ein  sichtbares  Zeichen,  daß  Gott  mit  ihm  und  mit
uns  sei.  Schon  vorher  hatte  mir  der  diensttuende  Generaladjutant  und
Kommandant  des  Hauptquartiers  Generaloberst  von  Plessen  geschrieben,
es  dränge  ihn,  mir  von  der  „jubelnden  Freude“  zu  berichten,  die  im  Berliner
Schlosse  alle  Herzen  erfülle  ob  der  Verlobung.  „Die  Majestäten  sind  glückselig,
  und  das  hohe  Brautpaar  strahlt.  Gottes  Hand  hat  wunderbar  gewaltet.““


Freude  war  in  Trojas  Hallen,
Eh’  die  hohe  Feste  fiel.
        <pb n="154" />
        Bethmanns
Briefe

X.  KAPITEL

Politik  Bethmann  Hollwegs  von  1909  bis  1914  -  Seine  Zurückhaltung  gegenüber  Bülow

in  allen  politischen  Fragen,  Bülow  wird  während  des  Quinquenniums  1909/1914  politisch

völlig  ausgeschaltet  -  Ernennung  Lichnowskys  zum  Botschafter  in  London  -  Ausländische

  Politiker  zur  Lage  -  Besuch  Peter  Carps  in  Rom  »-  Krupenski  »  Instruktion  Sasonows

  an  Krupenski  +  Kokowzow  und  Kriwoschein  in  Rom  »  Der  englische  Botschafter
Sir  Rennel  Rodd  »-  Das  Buch  „Deutsche  Politik*

ch  habe  schon  erwähnt,  daß  mein  Nachfolger  seit  meinem  Rücktritt  es

nicht  für  nötig  hielt,  mich  zu  informieren  oder  gar  meine  Meinung  einzuholen.
  In  den  fünf  Jahren,  die  von  meinem  Rücktritt  bis  zum  Ausbruch  des
Weltkrieges  vergingen,  longum  spatium  aevi,  fünf  lange  und  ereignisreiche
Jahre,  in  deren  Verlauf  manches  sich  verschoben  hatte,  vieles  anders  geworden
  war,  neue,  zum  Teil  gefährliche  Probleme  an  uns  herangetreten
waren,  hat  Herr  von  Bethmann  sich  mir  gegenüber  nur  in  Platitüden  und
Gemeinplätzen  bewegt,  hat  er  mir  nie  auch  nur  ein  ernsthaftes  Thema  zur
Diskussion  gestellt.  Auch  das  wenige,  was  der  argwöhnische  Mann  mit  mir
über  Politik  sprach,  wurde  in  Selbstzufriedenheit  und  Selbstsicherheit  eingewickelt,
  in  lehrhaftem  Tone  vorgetragen.  Es  war  schwer,  ein  Lächeln  zu
verbergen,  wenn  der  gute  Theobald  die  Realitäten  dieser  Welt  in  langatmige,
  von  einem  gewissen  Unterton  der  Selbstüberhebung  beherrschte
Perioden  preßte.  Nie  hat  er  in  diesen  Monologen  —  er  sprach,  auch  wenn  er
nur  einen  Zuhörer  hatte,  immer  wie  vor  einem  moral-  und  wißbegierigen
Auditorium  —  mir  gegenüber  auch  nur  angedeutet,  was  später  nach  dem
Zusammenbruch  seiner  Politik  zum  Leitmotiv  seiner  Klagen  werden  sollte,
nämlich  daß  er  eine  schwere,  ja  eine  unmögliche  außenpolitische  Erbschaft
übernommen  habe.  Die  These,  die  später  von  seinen  Offiziösen  verteidigt
wurde,  meine  Politik  habe  die  Einkreisung  Deutschlands  herbeigeführt,
hat  er  mir  gegenüber  nie  vorzubringen  gewagt.  Er  zeigte  rich  im  Gegenteil
mir  gegenüber  immer  von  starkmütigem  Optimismus  und  von  redlichem
Selbstvertrauen  erfüllt.

In  seinen  gelegentlichen  Zuschriften,  in  denen  er  übrigens  als  „in  alter
und  treuer  Verehrung  Ihr  stets  dankbarer  Bethmann  Hollweg“  sich  zu
unterzeichnen  nicht  ermangelte,  beschränkte  sich  mein  Nachfolger  auf
akademische  Betrachtungen.  Er  hatte  mir  vor  den  Reichstagswahlen  1912
        <pb n="155" />
        „NICHTS  GEHEIMES  PASSIERT“  121

brieflich  geklagt,  daß  er  leider  „das  passende  Stichwort  für  die  Wahlen“
nicht  finden  könne.  „Eine  aus  dem  Liberalismus,  dem  Zentrum  und  einem
Teil  der  Freikonservativen  zu  bildende  Majorität  wäre  denkbar,  würde  uns
aber  zu  weit  links  führen,  so  bleibt  das  Problem  undurchsichtig  und  gefahrdrohend.“
  Ihm  sei  in  erster  Linie  darum  zu  tun,  das  Pensum  des  künftigen
Reichstags  möglichst  klein  zu  gestalten  „und  vor  allem  zu  kalmieren“.  Ein
rosaroter  Reichskanzler  sei  ebenso  unmöglich  wie  ein  schwarz-blauer.  Auch
Bismarck  habe  es  als  scine  Aufgabe  bezeichnet,  zwischen  den  Parteien  zu
lavieren.  Er  denke  es  zu  machen  wie  Bismarck.  Gewiß  sei  es  ihm  peinlich,
daß  er  bei  den  Wahlen  keine  aktive  Führerrolle  werde  spielen  können.  Aber
wie  das  anfangen?  Die  wirtschaftliche  Wahlparole  ziche  nicht,  weil  sie  zu
wenig  bestritten  werde.  Mit  dem  Bülowschen  Zolltarif  und  den  Bülowschen
Handelsverträgen  sei  nach  allem  Geschrei  von  links  und  von  rechts  jetzt,
ein  Jahrzehnt  später,  alle  Welt  zufrieden.  Die  antisozialdemokratische
Wahlparole  sei  leider  „momentan  nicht  packend‘“.  Nicht  nur  für  die
Parteien,  sondern  auch  für  die  Staatsregierung  sei  es  fortwährend
schwieriger,  ihr  Verhältnis  zur  Sozialdemokratie  zu  regulieren.  Glücklicherweise
  gäre  es  innerhalb  der  sozialistischen  Reichtagsfraktion  so  gewaltig,
daß  die  revisionistischen  und  die  radikalen  Elemente  nicht  einmal  mehr  die
hergebrachten  Umgangsformen  untereinander  bewahrten.  Die  auswärtige
Lage  schilderte  mir  mein  Nachfolger  nur  mit  knappen  Strichen,  aber
hoffnungsfreudig,  namentlich  was  unser  Verhältnis  zu  England  betrefle.
„Im  Auswärtigen  ist  nichts  Geheimes  passiert.  Mit  England  kommen  wir
langsam,  aber  stetig  vorwärts!  Sasonows  Erkrankung  verzögert  den  Ausbau
der  Potsdamer  Gespräche,  ohne  ihn  einstweilen  zu  gefährden.“  Mit  Frankreich
  würde  es  sogar  zu  einer  Entente  kommen,  „falls  die  dortige  Regierung
stark  genug  ist.“  Alles  in  allem  gab  der  Optimismus  des  schwerblütigen
Kanzlers  dem  des  von  Natur  zuversichtlichen  und  freudigen  Kaisers
nichts  nach.

Im  Sommer  1913  war  ich  meinem  Namensvetter,  dem  Gesandten  in
Hamburg,  Hans  Adolf  von  Bülow,  begegnet.  Er  vertrat  seit  einem  Jahr  bei
Herrn  von  Bethmann  Hollweg,  wenn  dieser  nicht  in  Berlin  weilte,  das
Auswärtige  Amt.  Er  war  dem  Reichskanzler,  der  für  seine  dienstliche
Umgebung  ein  gemütlicher  Chef  war,  herzlich  zugetan;  übrigens  ein
tüchtiger  Mann  von  diplomatischer  Erfahrung  und  gesundem  Verstand.  Er
erzählte  mir,  der  Herr  Reichskanzler  habe  ihm  wiederholt  geklagt,  daß  er
wenig  Freude  an  seinem  Amt  hätte.  Er  sei  nun  einmal  eine  sensitive  Natur,
Angriffe  im  Parlament  und  in  der  Presse  gingen  ihm  sehr  nahe,  eine  boshafte
  Karikatur  könne  ihm  eine  ganze  Nacht  verderben,  ihm  fehle  die
„Rhinozeroshaut‘  des  Fürsten  Bülow.  Der  Kaiser  behandele  ihn  oft  recht
rücksichtslos,  wie  ein  Reichskanzler  sich  eigentlich  nicht  behandeln  lassen

Beziehungen
zu  England
        <pb n="156" />
        Lichnowsky
Bosschafter  in
London

122  DIE  SÄULE  DES  EUROPÄISCHEN  FRIEDENS

dürfe.  „Wenn  ich  trotzdem  bleibe,  so  ist  es,  weil  ich  tatsächlich  für  den
Frieden  der  Welt  unentbehrlich  geworden  bin.  Das  gilt  ganz  besonders  für
unser  Verhältnis  zu  England.  Bismarck  war  ein  großer  Mann,  aber  getraut
hat  ihm  niemand.  Ihr  von  mir  hochverehrter  Vetter,  der  Fürst  Bülow,  war
sehr  klug,  sehr  geschickt,  aber  auch  ihm  traute  man  nicht.  Mir  traut  man!
Europa  traut  mir,  vor  allem  traut  mir  England!  Ich  kann  ohne  Überhebung
sagen,  ich  bin  die  Säule  des  europäischen  Friedens  geworden.  Deshalb  ist
es  meine  Pflicht,  zu  bleiben,  so  sauer  es  mir  auch  manchmal  fällt.‘“  Es  war
kaum  ein  Jahr  vor  dem  Ausbruch  des  Weltkrieges,  daß  der  Reichskanzler
Theobald  von  Bethmann  Hollweg  also  zu  dem  Gesandten  Hans  Adolf
Bülow  sprach.  Gewiß  ein  schauerliches  Symptom  für  die  politische  Unzulänglichkeit
  des  fünften  Reichskanzlers,  aber  auch  ein  Beweis,  wie  fern
ihm  friedenstörende  Absichten  und  hinterlistige  Pläne  lagen.  Der  Mann  des
Ultimatums  an  Serbien  und  der  belgischen  Invasion  war,  das  kann  nicht
oft  genug  wiederholt  werden,  nicht  der  Wolf  im  Schafspelz,  wie  unsere
Feinde  behaupten;  er  war  das  Schaf,  das  sich  im  Sommer  1914  als  Wolf
drapierte.

Das  „stetige  Vorwärtskommen  mit  England“  hatte  nicht  seinen  Ausdruck
  in  einem  Arrangement  über  das  Tempo  der  Schiffsbauten  gefunden,
  das  ich  bei  Wilhelm  II.  nicht  mehr  durchsetzen  konnte,  nachdem
ich  bei  ihm  in  Ungnade  gefallen  war,  das  aber  für  meinen  Nachfolger  wohl
erreichbar  gewesen  wäre.  Herr  von  Bethmann  Hollweg  hatte  auch  leider
die  Schwäche  gehabt,  den  Botschafter  in  London  Paul  Metternich  der
allzu  einseitigen  Betrachtungsweise  des  Staatssekretärs  Tirpitz  und  einer
plötzlichen  Laune  Seiner  Majestät  zu  opfern.  Als  Nachfolger  für  London
waren  nacheinander  der  Gesandte  in  Karlsruhe,  Herr  von  Eisendecher,  der
Gesandte  in  Athen,  Freiherr  von  Wangenheim,  und  der  frühere  Botschafter
in  Madrid,  Ferdinand  Stumm,  in  Frage  gekommen.  Schließlich  wurde
Marschall  von  Konstantinopel  nach  London  geschickt,  der,  trotz  der  von
ihm  seinerzeit  gebilligten  und  im  Reichstag  mit  Schärfe  vertretenen
Krüger-Depesche,  in  London  mit  der  aus  gutmütiger  Neugierde  und  einem
gewissen  Snobismus  gemischten  Freundlichkeit  empfangen  wurde,  mit  der
die  Engländer  gern  neue  berühmte  Erscheinungen  begrüßen,  möge  es  sich
nun  um  einen  italienischen  Tenor,  eine  Pariser  Schauspielerin,  einen
indischen  Nabob  oder  einen  bekannten  kontinentalen  Staatsmann  handeln.
Als  der  ehrgeizige  Marschall,  der  schon  hoffte,  über  London  sein  Lebensziel,
das  Reichskanzlerpalais  in  der  Wilhelmstraße,  zu  erreichen,  bei  einem
kurzen  Besuch  seiner  badischen  Heimat  ebenso  plötzlich  starb  wie  vor  ihm
Herbert  Bismarck  und  nach  ihm  Kiderlen,  alle  drei  Opfer  der  Arbeit  wie
des  Bacchus,  verfiel  der  Kaiser  auf  die  Idee,  den  seit  acht  Jahren  aus  dem
diplomatischen  Dienst  ausgeschiedenen  Fürsten  Lichnowsky  nach
        <pb n="157" />
        DER  PARAVENT  123

London  zu  senden.  Die  geistreiche  Frau  von  Muchanow  pflegte  zu  sagen:
„Ilfaut  demander  au  bon  Dieu,  de  ne  pas  exaucer  nos  pri£res.““  Die  Griechen
drückten  das  noch  schöner  aus:  „Die  Götter  strafen  uns  durch  die  Erfüllung
  unserer  Wünsche.“  Lichnowsky,  der  unter  mir  in  Bukarest  als
Legationssekretär  gearbeitet  hatte,  dann  von  1899  bis  1904  mein  Personaldezernent
  im  Auswärtigen  Amt  gewesen  war,  weilte  im  Herbst  1912  gleichzeitig
  mit  mir  in  Hamburg  im  Hotel  Atlantic,  das  unter  der  Ägide  von
Ballin  und  durch  die  Unterstützung  des  kleinen  Pfordte,  des  großen
Gastronomen,  eines  der  besten  Hotels  der  Welt  geworden  war.  Ich  war  im
Begriff,  zu  Bette  zu  gehen,  als  Lichnowsky  freudestrahlend  in  mein
Zimmer  stürzte:  „Es  ist  erreicht!“  In  der  Hand  schwenkte  er  einen  eigenhändigen
  Brief  des  Kaisers.  Es  hieß  in  dieser  Epistel  ungefähr:  Der
Kaiser  habe  Lichnowsky  zu  Allerhöchstseinem  Vertreter  in  London  ausersehen.
  Dieser  dürfe  nie  vergessen,  daß  er  solche  Auszeichnung  seinem
Allergnädigsten  Herrn  verdanke,  nicht  den  Räten  vom  Auswärtigen  Amt.
Die  ihm  von  Seiner  Majestät  gestellte  Aufgabe  bestehe  darin,  viele  und  gute
Diners  zu  geben,  sich  in  Schlössern  und  auf  Rennen  zu  zeigen  —  kurz,  als
„a  jolly  good  fellow“  zu  gelten  und  sich  auf  solche  Weise  recht  beliebt  zu
machen.  Er  solle  der  Paravent  sein,  hinter  dem  der  Kaiser  seine  Flotte  zu
Ende  bauen  könne.  Wäre  dies  erreicht,  so  sei  der  Weltfriede  gesichert,
dem  die  Lebensarbeit  Seiner  Majestät  gelte.  In  Parenthese  ist  zu  bemerken,
daß  eine  spontanere  Bekundung  der  Friedensliebe  Wilhelms  II.,  der  sich  in
Briefen  an  persönliche  Freunde  ohne  Hemmungen  auszudrücken  pflegte,
schwerlich  gedacht  werden  kann.

Als  Lichnowsky  sich  am  nächsten  Tage  in  Berlin  beim  Reichskanzler
und  beim  Staatssekretär  meldete,  wurde  er  nicht  freundlich  empfangen.
Bethmann  Hollweg  war  entsetzt,  daß  auf  den  schwierigen  Botschafterposten
  in  London  ein  Diplomat  gesetzt  werden  sollte,  der  bisher  nicht
einmal  eine  Gesandtschaft  geführt  hatte.  Kiderlen  sprach  von  einem
Botschafter,  der  geistig  „ein  Baby“  sei.  Das  war  ungerecht.  Aber  gefährlich
war  die  Wahl.  Lichnowsky  war  als  Mensch  ein  vornehm  denkender  Kavalier,
dabei  herzensgut,  das,  was  man  im  alten  Berlin  eine  Seele  von  Mensch
nannte.  Er  hatte  auch  bisweilen  ganz  nette  Einfälle.  Aber  er  war  durch  und
durch  Dilettant  und  unterschätzte  als  solcher  die  Schwierigkeiten  des
diplomatischen  Gewerbes  wie  seine  Gefahren.  Er  war  sich  nicht  genügend
darüber  klar,  daß  in  der  Politik  zwar  die  Gedanken  leicht  beieinander
wohnen,  nicht  aber  Menschen  und  Dinge.  Holstein,  der  Lichnowsky  persönlich
  mochte  und  der  ihn  protegierte,  sagte  von  ihm:  „Der  gute  Lichnowsky
  glaubt,  daß  über  eine  Sache  schwätzen  schon  so  viel  bedeutet  als
die  Sache  machen.“  Lichnowsky  war  alles  in  allem  mehr  Kannegießer  als
politischer  Kopf.  Er  war  auch  nicht  immer  taktvoll.  Er  war  vor  allem,  und
        <pb n="158" />
        124  SCHÖN  WETTER

das  war  das  Gefährlichste  an  dieser  Wahl,  sehr  nervös,  ein  Neurastheniker.
Und  gerade  nach  London  gehörte  ein  Vertreter  mit  festen  Nerven  und
kaltem  Blut.  Die  fünf  Vorgänger  des  neuen  Botschafters,  Albrecht
Bernstorff,  Münster,  Paul  Hatzfeldt,  Metternich  und  Marschall,  hatten
jeder  seine  Schwächen,  aber  sie  zeichneten  sich  alle  durch  eine  Ruhe  aus,
die  Lichnowsky  fehlte.  Der  langjährige  bayrische  Gesandte  in  Berlin,  Graf
Hugo  Lerchenfeld,  ein  intimer  Freund  von  Lichnowsky,  meinte  nach
dessen  Ernennung  zu  mir:  „Lichnowsky  ist  kein  Kapitän  für  stürmische
Fahrt,  aber  bei  heiterem  Himmel  und  ruhiger  See  wird  er  seine  Sache  ganz
nett  machen.  Und  das  Barometer  steht  ja,  wie  mir.der  Reichskanzler  immer
wieder  versichert,  gottlob  auf  schön  Wetter.‘

Das  war  damals  die  allgemeine  Wetterprognose,  und  sie  schien  nicht
ganz  unberechtigt.  Wäre  die  Politik  im  Sommer  1914  in  allen  europäischen
Zentren,  insbesondere  in  Wien  und  Berlin,  mit  mehr  Vorsicht,  mehr
Einsicht,  mehr  Umsicht,  vor  allem  mit  größerer  Geschicklichkeit  geleitet
worden,  so  wäre  nach  menschlicher  Voraussicht  Europa  nicht  bald  nachher
in  eine  der  furchtbarsten  Katastrophen  der  Geschichte,  in  eine  Weltkatastrophe
  getaumelt.  Wie  ich  schon  erwähnt  zu  haben  glaube,  schrieb  ein
Bethmann  Hollweg  besonders  nahestehender  und  für  ihn  begeisterter
Publizist,  Professor  Dr.  Hans  Delbrück,  im  November  1913:  Frankreich
habe  sich,  aus  unbegründeter  Besorgnis  vor  uns,  die  drückende  Last  der
dreijährigen  Dienstzeit  aufgebürdet.  Das  habe  aber  nicht  verhindert,  daß
sich  die  Franzosen  während  der  letzten  Orientkrisis  der  zwischen  uns  und
ihnen  namentlich  in  bezug  auf  Griechenland  bestehenden  Interessengemeinschaft
  bewußt  geworden  seien,  während  Rußland  an  die  Franzosen
politische  Forderungen  stelle,  die  diesen  durchaus  widerstrebten.  So  sei
zwischen  Deutschland  und  Frankreich  eine  erfreuliche  Entspannung  eingetreten.
  An  den  freundschaftlichen  Beziehungen,  die  sich  in  der  letzten
Zeit  zwischen  uns  und  England  gebildet  hätten,  würde  auch  der  Fortgang
der  deutschen  Schiffsbauten  nichts  verderben.  Der  Erfolg  sei  auch  hier  eine
gewisse  Entspannung,  eine  Abschwächung  der  Gegensätze  innen  und  außen.
Der  Historiker  Erich  Marcks  schloß  eine  bei  der  Reichsfeier  der  nationalen
Vereine  in  München  am  16.  Januar  1914  gehaltene  Rede  mit  den  Worten:
„Wir  blicken  heute  in  die  Welt,  und  wir  müssen  erkennen,  die  Wolken
draußen  sind  lichter  geworden.  Die  schwersten  Zeiten  für  unseren  Eintritt
in  die  Welt  liegen,  so  dürfen  wir  vertrauen,  hinter  uns.  Der  Druck  der
Krisen  ist  schwächer  geworden,  Deutschland  rührt  sich  freier.  Wir  haben
erreicht,  daß  man  die  Tatsache  unserer  Weltexistenz  und  unserer  Seegewalt
hinnimmt  wie  einst  die  unserer  kontinentalen.“

Kaisers  G-  Am  27.  Januar  1914,  der  letzten  Kaisers-Geburtstagsfeier  vor  dem
buristog  1914  Ausbruch  des  Weltkrieges,  hielt  der  Botschafter  Flotow,  der  besondere
        <pb n="159" />
        Fürst  Max  I

 

in  London
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        <pb n="161" />
        BEGINN  DES  JAHRES  1914  125

Liebling  des  Kanzlers  Bethmann,  an  die  um  ihn  versammelte  deutsche
Kolonie  in  Rom  in  meiner  Gegenwart  eine  offenbar  sorgsam  vorbereitete
und  auswendiggelernte  Rede,  in  der  er  wörtlich  erklärte:  Auf  die  internationale
  Lage  könne  das  Auge  des  Patrioten  mit  Genugtuung  und  voller
Zuversicht  blicken.  Dank  der  Weisheit  des  Reichskanzlers  Bethmann  und
der  Klugheit  des  Staatssekretärs  Jagow  sei  unsere  Stellung  in  der  Welt
sehr  günstig.  Die  Friedensliebe  und  das  Friedensbedürfnis  aller  Mächte
seien  gleich  lebhaft  und  gleich  aufrichtig.  Sie  alle  sähen  mit  Vertrauen  und
mit  warmer  Sympathie  auf  uns  und  unsere  gegenwärtigen  diplomatischen
Lenker:

Sie  wissen  gar  nichts

Von  stillen  Riffen;

Und  wie  sie  schiffen,

Die  lieben  Heitern,

Sie  werden  wie  gar  nichts
Zusammen  scheitern.

Mit  solchen  Äußerungen  chronischer  Selbstzufriedenheit  des  amtlichen
und  halbamtlichen  Deutschland  stand  die  Auffassung  selbst  uns  wohlgesinnter
  Politiker  des  Auslands  nicht  ganz  im  Einklang.  Im  April  1914
besuchte  mich  in  Rom  mein  alter  Bukarester  Freund  Peter  Carp.  Ich  fuhr
ihn  in  meinem  Auto  an  einem  herrlichen  Frühlingstage  nach  der  Villa
Adriana.  Während  wir  an  der  Poikile  auf  und  ab  gingen,  wo  vor  achtzehn
Jahrhunderten  der  eitle  Kaiser  Hadrian  mit  seinen  Philosophen  zu
promenieren  liebte,  blieb  Carp  plötzlich  stehen  und  sagte  mir  in  seiner
abrupten  und  originellen  Art:  „Sie  sehen  vor  sich  den  letzten  zuverlässigen
Dreibundsfreund,  den  es  in  Bukarest  noch  gibt.“  Er  erläuterte  mir  darauf
mit  ernstem  und  sorgenvollem  Gesicht  seine  Boutade.  Rumänien  habe  sich,
wie  ich  als  langjähriger  deutscher  Vertreter  in  Bukarest  besser  wisse  als
irgend  jemand,  dem  Dreibund  nur  in  der  Erwartung  angeschlossen,  daß
dessen  Führung  bei  Deutschland  bleiben  würde,  denn  zwischen  Rumänien
und  Österreich-Ungarn  oder  vielmehr  zwischen  Rumänien  und  der  transleithanischen
  Hälfte  der  Doppelmonarchie  bestünden  scharfe  Gegensätze.
Seit  meinem  Rücktritt  habe  man  in  Rumänien,  ähnlich  wie  in  Italien,  den
Eindruck,  daß  die  Leitung  des  Dreibundschiffes  von  Berlin  nach  Wien
geglitten  sei.  Einem  von  Österreich-Ungarn  dirigierten  Dreibund  würde
Rumänien  im  Falle  kriegerischer  Komplikationen  schwerlich  folgen.  „Ich
selbst  werde,  was  auch  kommen  mag,  Deutschland  treu  bleiben,  als  alter
Bonner  Borusse,  treu  meinem  Gelübde:  ‚Borussia,  dir  gehör’  ich,  ob
Jüngling  oder  Greis,  zu  deiner  Fahne  schwör’  ich,  der  Fahne  schwarz  und
weiß!‘  Aber  ich  werde,  wenn  es  zum  Klappen  kommen  sollte  und  die

Peter  Carp

in  Rom
        <pb n="162" />
        Der  russische
Botschafter
Krupenski

126  EIN  RUSSISCHER  AUSTROPHOBE

Leitung  des  Dreibundes  in  Wien  liegt,  wie  dies  heute  augenscheinlich  der
Fall  ist,  allein  stehen.“  Einige  in  der  Nähe  umhergehende  englische  oder
amerikanische  Globetrotter  sahen  verwundert  auf  den  heftig  redenden  und
gestikulierenden  Mann  mit  dem  weißen  Schnauzbart  und  dem  energischen
Gesicht.

Ich  will  schon  jetzt  erwähnen,  daß  mir,  nachdem  Rumänien  drei  Jahre
später  von  den  Zentralmächten  zu  der  Entente  abgeschwenkt  war,  der
deutsche  Gesandte  in  Bukarest,  Herr  von  Waldthausen,  ein  verständiger
und  redlicher  Mann,  erzählte:  Im  Winter  1913/14  habe  ihm  König  Carol  in
der  bei  ihm  gewohnten  höflichen  Form,  aber  ernst  und  bestimmt  gesagt,  er
erhalte  immer  mehr  den  Eindruck,  daß  die  Führung  des  Dreibundes  nicht
mehr  wie  früher  in  Berlin,  sondern  in  Wien  liege.  Das  würde  ihm  im  Falle
von  Komplikationen  den  Anschluß  an  die  Zentralmächte  sehr  erschweren.
Herr  von  Waldthausen  hatte  diese  Äußerung  des  Königs  von  Rumänien
pflichtgemäß  nach  Berlin  gemeldet,  aber  eine  gereizte  Antwort  erhalten:
Die  Führung  des  Dreibundes  liege  mehr  denn  je  in  deutschen  Händen,  und
zwar  in  bewährten  und  ausgezeichneten  deutschen  Händen;  das  habe  er,
der  Gesandte,  dem  König  Carol  hoffentlich  sofort  erwidert,  andernfalls
möge  er  das  Versäumte  schleunig  nachholen.

Vielleicht  noch  mehr  als  die  Sorgen  von  Carp  beeindruckte  mich  eine
Mitteilung  des  russischen  Botschafters  in  Rom,  meines  alten  Freundes
Anatole  Krupenski.  Der  war,  als  ich  zwanzig  Jahre  früher  als  Botschafter
  in  Rom  gewirkt  hatte,  Erster  Sekretär  der  dortigen  russischen
Botschaft  gewesen.  Er  war  in  der  europäischen  Diplomatie  berühmt  wegen
seiner  Riesennase,  seiner  lauten  Stimme  und  seiner  stürmischen  Bewegungen.
  Übrigens  ein  kreuzbraver  Mann,  ein  echter  Russe,  durch  und
durch  ein  Altrusse,  aber  wie  die  meisten  seiner  Gesinnungsgenossen  zwar
antiösterreichisch,  jedoch  nicht  antideutsch,  und  ohne  besondere  Sympathie
  für  den  „faulen  Westen“.  Dieser  Austrophobe  war  verheiratet  mit
einer  Österreicherin,  einer  übrigens  liebenswürdigen  und  guten  Frau,  der
Tochter  eines  österreichischen  Feldmarschalleutnants.  Er  hatte  nicht  geruht,
  bis  sie  zur  orthodoxen  Kirche  übergetreten  war.  Der  Übertritt  hatte
sich  nicht  ohne  Schwierigkeiten  vollzogen.  Bekanntlich  müssen  sich
Neophyten,  mögen  sie  Katholiken  oder  Protestanten  sein,  bei  der  Aufnahme
in  die  orthodoxe  Kirchengemeinschaft  noch  einmal  taufen  lassen.  Ebenso
bekannt  ist,  daß  bei  der  orthodoxen  Taufe  der  Täufling  dreimal  nackt  im
Taufbecken  untergetaucht  werden  muß.  Als  einst  diese  Zeremonie  bei  der
eben  geborenen  Großfürstin  Marie  Nikolajewna  vollzogen  wurde,  fragte  ihr
strenger  Vater,  der  Kaiser  Nikolaus  I.,  seinen  Günstling,  den  Fürsten
Bariatinski,  wie  ihm  die  Taufe  gefallen  habe.  Der  Fürst  erwiderte:  „‚J’ai  ete
ravi,  surtout  parceque  j’ai  eu  le  grand  honneur  de  voir  Son  Altesse  Imperiale,
        <pb n="163" />
        EIN  COUP  GEGEN  SERBIEN?  127

Madame  la  Grandduchesse  Marie  Nikolajewna,  comme  malheureusement
je  ne  la  reverrai  plus.“  Der  guten  Frau  Krupenski  wurde  von  dem  amtierenden
  Popen  erlaubt,  in  einem  vom  Hals  bis  zu  den  Füßen  reichenden
Wollkostüm  zu  erscheinen,  aber  das  Untertauchen  wurde  ihr  nicht  geschenkt.
  Als  sie  nach  dem  Ende  des  feierlichen  Aktes  den  anwesenden
Damen  der  russischen  Botschaft  ihre  Freude  aussprach,  nunmehr  der
russischen  Kirche  anzugehören,  sahen  diese  sie  verwundert  an.  Sie  waren
zufällig  alle  Baltinnen  und  Protestantinnen,  die  dem  ganzen  Vorgang  ohne
innere  Teilnahme  beigewohnt  hatten.  Es  war  im  April  1914,  daß  mich
Krupenski  besuchte  und  mir  sehr  vertraulich  einen  Brief  seines  Chefs,  des
Ministers  Sasonow,  vorlas,  in  dem  es  ungefähr  hieß:  Man  höre  in  St.  Petersburg,
  daß  Österreich-Ungarn  einen  Coup  gegen  Serbien  plane.  Eine
ähnliche  Absicht  habe  schon  im  Frühjahr  1913  bestanden,  sei  aber  von
der  Wiener  Diplomatie  infolge  italienischen  Einspruchs  wieder  aufgegeben
worden.  Hoffentlich  sei  der  Plan  endgültig  begraben.  Ein  österreichisches
Vorgehen  gegen  Serbien  werde,  wie  die  Situation  in  Europa  zur  Zeit  liege,
für  den  Weltfrieden  sehr  bedenkliche  Folgen  haben.  Rußland  werde  ein
Überrennen  Serbiens  durch  Österreich  nicht  zulassen.  Die  heutige  Lage
sei  eine  ganz  andere  als  1908/09  während  der  bosnischen  Krisis.  Damals
sei  Rußland  durch  eine  Reihe  früherer  Abmachungen  mit  der  habsburgischen
  Monarchie  über  eine  eventuelle  Umwandlung  der  Okkupation
Bosniens  und  der  Herzegowina  in  Annexion  sowie  durch  die  von  Iswolski  an
Aehrenthal  in  dieser  Beziehung  gerichteten  Vorschläge  und  Anerbietungen
gebunden  gewesen.  Heute  sei  es  durch  keine  Fessel  verhindert,  seine
schützende  Hand  über  die  stammes-  und  glaubensverwandten  Serben  zu
halten.  Auch  habe  sich  seit  fünf  Jahren  die  allgemeine  Lage  verändert  und
nicht  zugunsten  der  Zentralmächte.  Endlich  sei  während  der  bosnischen
Krise  die  deutsche  Politik  vom  Fürsten  Bülow  geleitet  worden,  der  eine
größere  Stellung  in  der  Welt  und  insbesondere  in  St.  Petersburg  gehabt
habe  als  sein  Nachfolger,  auch  mehr  Routine  und  Doigte  als  Herr  v.  Bethmann.
  Herr  Krupenski  sei  ermächtigt,  wo  er  eine  günstige  Gelegenheit
finde,  ernstlich  vor  einem  unüberlegten  und  für  den  Weltfrieden  gefährlichen
  Vorgehen  Österreichs  gegen  Serbien  zu  warnen.  Krupenski  erzählte
mir  bei  dieser  Gelegenheit  mit  vielen  Details,  daß  Österreich-Ungarn  in
der  Tat  schon  im  Frühjahr  1913  gegen  Serbien  habe  vorgehen  wollen,  aber
durch  Italien  daran  verhindert  worden  sei,  auf  dessen  Seite  sich  damals
erfreulicherweise  Deutschland  gestellt  habe.  Er  bat  mich,  in  Berlin  zu
warnen,  wo  man  doch,  wie  er  annehme,  auf  mich  höre  und  meine  Ratschläge
  befolge.

Ich  mußte  Krupenski  in  letzterer  Beziehung  enttäuschen  und  ihm
sagen,  daß  man  in  Berlin  weder  meine  Ratschläge  wünsche  noch  meiner
        <pb n="164" />
        Kokowzoro
und
Kriwoschein

128  NIKOLAUS  II.  GEREIZT

Beurteilung  der  politischen  Lage  Wert  beimesse.  An  diesem  Prinzip  habe
mein  Nachfolger  Bethmann  seit  nunmehr  fünf  Jahren  beharrlich  festgehalten.
  Ich  bat  den  russischen  Botschafter  aber  dringend,  mit  seinem
deutschen  Kollegen,  Herrn  v.  Flotow,  zu  sprechen  und  durch  ihn  auf
Berlin  einzuwirken.  Als  ich  Krupenski  einige  Tage  später  wiedersah,  sagte
er  mir:  „J’ai  lu  la  lettre  de  mon  chef  ä  Mr.  de  Flotow,  il  a  fait  la  moue
quand  je  suis  arrive  ä  la  fin  de  la  lettre  de  Sasonow.  Il  m’a  dit  qu’il  lui  etait
impossible  de  transmettre  a  Berlin  une  communication  oü  on  louait  d’une
manitre  fort  exageree  le  Prince  de  Bülow  au  detriment  de  son  successcur,
tandis  qu’en  r&amp;amp;alite  Mr.  de  Bethmann  £tait  superieur  a  Mr.  de  Bülow.
Avec  Mr.  de  Bethmann  et  Mr.  de  Jagow  au  gouvernail,  la  politique
allemande  €tait  dans  les  meilleures  mains  possibles  et  l’Europe,  la  Russie
y  comprise,  en  toute  securite.“

Es  war.  begreiflich,  daß  Flotow  seinen  Chef  und  seinen  intimsten
persönlichen  Freund  nicht  verstimmen  wollte,  denn  es  war  diesem  gelungen,
das  Einverständnis  des  anfangs  widerstrebenden  Kaisers  für  Flotows
Ernennung  zum  Botschafter  in  Rom  zu  erreichen,  nachdem  Jagow  an
Stelle  des  verstorbenen  Kiderlen  Staatssekretär  des  Auswärtigen  Amtes
geworden  war.  Beide  Wahlen  waren,  wie  sich  bald  herausstellen  sollte,
gleich  unglücklich.  Unter  einem  starken  Reichskanzler  wäre  der  kleine
Jagow  als  Gehilfe  allenfalls  erträglich  gewesen.  Als  Dublette  des  unentschlossenen,
  schwankenden  und  ängstlichen  Bethmann  verstärkte  er  die
Fehler  und  Schwächen  seines  Chefs.  Flotow  hatte  schon  als  Gesandter  in
Brüssel  Schaden  angerichtet.  Er  paßte  noch  weniger  nach  Italien,  wo  kleine
Ränkeschmiede  rascher  erkannt  werden  als  anderswo.

Im  gleichen  Frühjahr  1914  besuchten  mich  in  Rom  zwei  alte  russische
Freunde,  der  bisherige  Finanzminister  und  Ministerpräsident  Kokowzow
und  der  Landwirtschaftsminister  Kriwoschein.  Der  erstere  sagte  mir,
als  er  bei  mir  eintrat,  mit  maliziösem  Lächeln,  er  stelle  sich  mir  vor  als  das
unschuldige  Opfer  der  Berliner  Politik.  Nach  einem  längeren  Besuch  in
Paris,  wo  er  sich  bemüht  habe,  eine  neue  Anleihe  für  Rußland  zu  erhalten,
habe  er  Wert  darauf  gelegt,  sich  in  Berlin  zu  zeigen,  schon  um  ad  oculos  zu
demonstrieren,  daß,  wenn  Rußland  auch  der  Allierte  von  Frankreich  sei
und  als  solcher  die  Franzosen  anpumpe,  es  doch  weit  entfernt  sei,  es  mit
Deutschland  verderben  zu  wollen.  In  Berlin  seien  ihm  von  maßgebenden
Stellen  die  liebenswürdigsten  und  freundschaftlichsten  Versicherungen  und
Erklärungen  gegeben  worden,  über  die  er  hocherfreut  seinem  Souverän
berichtet  habe.  Als  er  nun  einige  Tage  später  in  St.  Petersburg  eingetroffen
sei  und  sich  bei  seinem  Monarchen  gemeldet  habe,  seier  ungnädig  empfangen
worden.  Kaiser  Nikolaus  II.  habe  ihm  in  gereiztem  Ton  und  mit  bitterem
Ausdruck  gesagt:  „On  vous  a  jou&amp;amp;  a  Berlin.“  Während  er,  Kokowzow,  in
        <pb n="165" />
        Der  Botschafterin  London  Fürst  Lichnowsky
an  den  Reichskanzler  von  Bethmann  Hollweg
(Bericht  mit  Randbemerkungen  Wilhelms  II.)

(Zu  Seite  123)

Kaiserlich
Deutsche  Botschaft  London,  den  3.  Dezember  1912

erwartet  niemand
die  helfen  den
Galliern

natürlich

wird  sich  ändern!

sie  werden  es  doch
müssen

das  ist  eigentlich
eine  versteckte
Drohung  oder
Kampfansage!

Lord  Huldane  besuchte  mich  heute,  um  mit  mir  die
politische  Lage  zu  besprechen.  Während  der  längeren  Unterredung
  betonte  er  wiederholt  die  Notwendigkeit,  in  der
orientalischen  Krisis  zu  einem  Ausgleich  der  Gegensätze  zu
gelangen,  da  es  unabsehbar  sei,  welche  Folgen  eine  kriegerische
  Verwickelung,  in  die  eine  oder  mehrere  der  Großmächte
  hineingezogen  würden,  haben  könnte.  England  sei
unbedingt  friedlich  und  kein  Mensch  wolle  hier  den  Krieg,
schon  aus  wirtschaftlichen  Gründen.  Aber  bei  einem  allgemeinen
  europäischen  Wirrwarr,  der  sich  doch  aus  dem
Einmarsch  Österreichs  in  Serbien  ergeben  könnte,  falls
Serbien  nicht  gutwillig  die  besetzte  Adriaküste  räumte,  sei
es  kaum  wahrscheinlich,  daß  Großbritannien  werde  der
stille  Zuschauer  bleiben  können.

Ich  entgegnete,  ich  wolle  nicht  die  Frage  an  ihn  richten,
ob  das  so  viel  hieße,  als  ob  England  alsdann  gegen  uns

|  feindlich  vorgehen  würde.  Er  erwiderte,  daß  das  gewiß  nicht
die  notwendige,  wohl  aber  die  mögliche  Folge  eines  Krieges
sein  würde  zwischen  beiden  kontinentalen  Gruppen.  Die
Wurzeln,  so  drückte  er  sich  aus,  der  englischen  Politik  lägen
in  der  hier  allgemein  verbreiteten  Empfindung,  daß  das
Gleichgewicht  der  Gruppen  einigermaßen  aufrecht  zu  erhalten
  sei.  England  würde  daher  unter  keinen  Umständen

 

 

 

 

 

eine  Niederwerfung  der  Franzosen  dulden  können,  die  er,
ein  großer  Bewunderer  unseres  Heerwesens  und  unserer
militärischen  Einrichtungen,  mit  einiger  Sicherheit  voraussieht.
  England  könne  und  wolle  sich  nicht  nachher  einer
einheitlichen  kontinentalen  Gruppe  unter  Führung  einer
einzigen  Macht  gegenübersehen.
        <pb n="166" />
        richtig;  haben  wir
schon  berechnet

sie  istein  Blödsinn!  und
wird  England  ewig  zu
unsern:  Feinde  machen
bei  solchen  Auffassungen
  gänzlich
nutzlos!

alles  Quatsch!
ohne  ernste  Folgen

die  werden  eintreten


ich  auch  nicht!

er  bleibt  aber  doch
Parteigänger  der
Gallo-Slaven

gegen  dieGermanen!

Quatsch!

weil  England  zu
feige  ist  Frank- 



Sollte  also  Deutschland  durch  Österreich  in  den  Zwist
hineingezogen  werden.  und  dadurch  in  Krieg  mit  Frankreich
geraten,  so  würden  in  England  Strömungen  entstehen,  denen
keine  Regierung  widerstehen  könnte  und  deren  Folgen  ganz
unberechenbare  wären.  Die  Theorie  von  dem  Gleichgewicht
der  Gruppen  bilde  eben  für  Englands  Außenpolitik  ein
Azxiom  und  habe  auch  zu  der  Anlehnung  an  Frankreich  und
Rußland  geführt.  Er  könne  mir  verbürgen,  daß  man  hier
das  beste  Verhältnis  mit  Deutschland  wünsche,  und  die  Aufnahme,
  die  z.  B.  die  Ausführungen  Euerer  Exzellenz  und
des  Herrn  von  Kiderlen  im  Reichstage  sowie  meine  neuliche
Rede  beim  Festmahl  der  Royal  Society  gefunden,  müßten
mir  die  Richtigkeit  dieser  Ansicht  beweisen.  Auch  würde

 

 

uns  niemand  hier  den  Krieg  machen  wollen,  solange  keine
europäischen  Verwickelungen  einträten.  Die  Folgen  eines

 

 

europüischen  Krieges  aber  seien  ganz  unberechenbar  und
könne  er  alsdann  für  gar  nichts  einstehen.

Lerd  Haldane  kam  auch  auf  die  Politik  Sir  E.  Greys
und  seinen  Vorschlag  zu  sprechen.  Er  ist  bekanntlich  mit
dern  Foreign  Secretary  intim  befreundet  und  dieser  wohnt
sogar  zeitweise  bei  ihm.  Er  bestätigt  mir,  daß  Sir  Edward
nach  Möglichkeit  danach  trachte,  eine  vermittelnde  Haltung
einzunehmen  und  es  vermeide,  als  Parteigänger  der  Entente- 



gruppe  in  dieser  Krisis  zu  erscheinen.  Lord  Haldane  meint,
die  angeregte  Vorbesprechung  werde  Russen  und  Österreicher
zwingen,  mit  greifbaren  Anträgen  hervorzutreten,  was  bisher
nicht  geschehen,  und  befürwortet  die  Wahl  von  London  als
den  geeignetsten  Ort.  Inzwischen  müsse  aber  alles  vermieden
werden,  was  zu  einer  scharfen  Sonderung  der  Gruppen
(harden  the  groups)  führen  könnte.  Dieselben  müßten  sich
vielmehr  möglichst  in  „Gelatine“  verwandeln.

Lichnowsky

reich  und  Rußland  offen  in  diesem  Falle  sitzen  zu  lassen,  und

zu  schr  neidisch  ist  auf  uns  und  uns  haßt,  deswegen  sollen  andere

‚Mächte  ihre  Interessen  nicht  mit  dem  Schwert  vertheidigen  dürfen,  da  es  dann  trotz  aller  Versicherungen,
  trotz  Marschall  und  Lichnowsky  doch  gegen  uns  gehen  will.  Das  richtige  Krämervolk!
  Das  nennt  es  Friedenspolitik!  Balance  of  Power!  Der  Endkampf  der  Slaven  und  Germanen
  findet  die  Angelsachsen  auf  Seiten  der  Slaven  u(nd)  Gallier.
        <pb n="167" />
        <pb n="168" />
        ENTF  pr  62  ASygeehan  1372  0  al...
Kaiferlic  -

ii  /R.  Ta  at
London,  den  8.  Dezenber  912

Arad,  /,  ul  (dub.  |  I

\  N  ER
CP].

Lord  Haldane  besuchte  mioh  heute,um  mit  mir  die

———  ‘  ’  .  .
A  ZOSI  AL  12,  politische  Lage  zu  besprechen.Hahrend  der  langeren  Unter-—


    

redung  betonte  er  wiederholt  die  Notwendigkeit,in  der
Hm,  "Zpnsenserteonen  ‚Krisis  zu  einen  Ausgleich  der  Gegensätze
"gu  gelangen,da  es  unabsehbar  sei,welohe  Folgen  eine  kriege-RR
  My  rische  Verviohelung,in  die  eine  oder  mehrere  der  Grossmächte
  hineingezogen  würden,haben  könnte.England  sel  unbe-EAN,
  dingt  friedlich  und  kein  Mensoh  volle  hier  den  Krieg,sohon
%  aus  virtschaftliohen  Grunden.4ber  bei  einen  allgemeinen
europäischen  Wirrvarr,der  sich  doch  aus  dem  Pinmarsch

Österreichs  in  Serbien  ergeben  könnte,  falle  Serbien  ntoht

[  gututillig  die  besetzte  4driakuste  räumte,  ‚sei  es  kaurn  vahr- 



nt  a  :soheinlioh,dass  Grossbritannien  werde  der  »  stille  Zusohauer
u  an  }  tiv  ee  en  nn
3  bleiben  können.
Qulban,

Ioh  entgegnete,ioh  volle  nicht  die  Frage  an  ihn  rioch- 



ten,ob  das  so  ulel  hiesse,als  ob  England  alsdann  gegen  une

-  en

feindlioh  vorgehen  würde  ..Br  eruiderte,dass  das  gewisse

 

mbar  nicht  die  notwendige,wohl  aber  die  nögliahe  Folge  eines

 

Krieges  sein  vüurde  zwischen  beiden  kontinentalen  Gruppen.

 

Zu,  Pte  Wurseln,so  äruckte  er  sion  aus,der  englisohen  Politik
lägen  in  der  hier  allgemein  verbreiteten  Enpfindung,  dass
a  „ges  Gleichgewicht  der  Gruppen  ‚einigermassen  aufrecht  Zu
|  jerhalten  sei.  England  wurde  daher  unter  keinen  Umständen
I  |  Ä  nn
den  ©  K-  \eine  Niederverfung  der  Franzosen  dulden,  können,  die  er,ein

 

son  {  \roeser.  Beuunderer  unseres  Heeruesene  und  unserer  nilitä-Seiner

  Exzellens

den  Reichskanzler

Herrn  von  Bethmann  Hollweg  V  u
ty  lan!  Y  pa  h  rd  T6  Vi:  f  RK:
73  “

(u
        <pb n="169" />
        rischen  Rinrichtungen,mit  einiger  Sicherheit  voraussieht,

mm)  England  könne  und  wolle  sich  nicht  nachher  einer  einheit.

 

 

 

w  lichen  kontinentalen  Gruppe  unter  Führung  einer  einzigen
|  me  nn  ee  mn  nn  nn  TTTT—

acht  gegenübersehen.

 

Sollte  also  Deutschland  dureh  Österreich  in  den  Zuist
hineingezogen  werden,und  dadurch  in  Krieg  mit  Frankreich
  geraten,so  vürden  in  England  Strömungen  entstehen,

1  +,

denen  keine  Regierung  widerstehen  konnte  und  deren  FoluN

  gen  ‚ganz  unberechenbare  wären.Die  Theorie  von  dem  Gleich-  



nn

euicht  der  Gruppen  bilde  eben  für  Englands  Aussenpoli-|

  Lat  Mn  In

as  rei  tik  ein  Axtom  und  habe  auch  zu  der  Anlehnung  -an  FranknA
  me  )  Sn  reich  und  Russland  geführt.Er  könne  mir  verbürgen,dass

 

man  hier  das  beste  Verhältnis  mit  Deutschland  wünsche

|  (jund  die  Aufnahme,die  z.B.die  Ausführungen  Euerer  Exzelleng

  und  des  Herrn  von  Kiderlen  im  Reichstage  sowie  meie
  neuesliche  Rede  bein  Festnahl  der  Royal  Society  geunden,
  mussten  mir  die  Richtigkeit  dieser  Ansicht  beveiben.4uch
  würde  ung  niemand  hier  den  Krieg  machen  vollen,

solange  keine  ‚e  europäischen  Veruickelungen  einträten.Die

a  m  nn

 

—
—

olgen  eines  europäischen  Krieges  aber  seien  ganz  unbe- 



Ds

rechenbar  und  könne  er  alsdann  fur  garnichts  einstehen.

m

 

eur  I

Lord  Haldane  kam  "auch  auf  die  Politik  Sir  ı  E.  g.Grey’s
und.  seinen  Vorschlag  zu  sprechen.Er  ist  bekanntlich  nit

mm  TFT  Zen  Foreign  Secretary  intim  befreundet  und  dieser  vom

 

sogar  zeitweise  bei  ihm.Er  bestätigte  mir,dass  Sir  Edvard
  nach  Möglichkeit  danach  trachte,eine  vernittelnde
Haltung  einzunehmen  und  es  vermeide,als  Parteigänger
nn  nn  Ze
der  Ententegruppe  in  dieser  Krisis  zu  erscheinen.Lord
se
Haldane  meint,die  angeregte  Vorbesprechung  werde  Russen

und  Österreicher  zuingen,nit  greifbaren  Anträgen  hervor-
        <pb n="170" />
        zutreten,vas  bisher  nicht  geschehen,und  befüruwortet  die

Wahl  von  London  als  den  geeignetsten  Ort.Inszwischen  müsse
aber  alles  vermieden  verden,vas  zu  einer  scharfen  Sonderung
  der  Gruppen  (  harden  the  groups)  führen  könnte.Dieselben

  müssten  sich  vielmehr  möogliohst  in  "Gelatine”  ver-Mh
        <pb n="171" />
        Inhalt:  Lord  Haldane  über  die  politische  Lage
        <pb n="172" />
        <pb n="173" />
        „UNORDNUNG  IN  BERLIN“  129

Berlin  so  schöne  Zusagen  und  Beteuerungen  eingeheimst  habe,  die  er  für
bare  Münze  hielt,  habe  die  deutsche  Regierung  einen  der  tüchtigsten
deutschen  Offiziere,  den  General  Liman  von  Sanders,  nach  Konstantinopel
  geschickt,  aber  nicht  als  Instruktor,  sondern  als  Kommandierenden
General  des  an  den  Dardanellen  stationierten  türkischen  Armeekorps.  Das
heiße  so  viel  wie  einen  Freund  auf  sein  empfindlichstes  Hühnerauge  treten.
Kaiser  Nikolaus  habe  ihn  seines  Postens  enthoben,  wozu  freilich  auch
Intrigen  seines  Vorgängers  und  früheren  Gönners,  jetzt  seines  heftigen
Gegners,  des  Grafen  Witte,  beigetragen  hätten.  Über  Witte  sprach  sich
Kokowzow  mit  der  den  Russen  oft  eigenen  Maß-  und  Zügellosigkeit  in
Ausdruck  und  Urteil  aus.  „Ce  bätard  d’un  Waguemestre  allemand  et  d’une
Circassienne  a  fait  le  malheur  de  la  Russie.  A  la  fois  grossier  et  faux,  il  a
prepare  la  revolution,  sans  avoir  la  force  de  la  dominer.‘‘  Ein  ungerechtes,
jedenfalls  ein  übertriebenes  Urteil.  Wenn  Witte  auch  nicht  zum  Kanzler
eines  konstitutionellen  Reichs  gemacht  war,  so  hat  er  doch  rechtzeitig
erkannt,  daß,  namentlich  unter  einem  so  schwachen  Zaren  wie  Nikolaus  II.,
die  reine  Autokratie  in  Rußland  nicht  mehr  möglich  war.  Witte  war  auch
nicht  schlecht.  Er  hatte  keine  guten  Manieren,  er  neigte  zu  Brutalität,  er
war  oft  plump,  wirklich  böse  war  er  nicht.  Seine  Liebe  zu  seiner  Mathilde,
der  Stolz,  mit  dem  er  davon  sprach,  daß  er  für  die  Tochter,  mit  der
Mathilde  ihn  beglückt  hatte,  bevor  er  sie  heiratete,  als  Gatte  einen  Bojaren
gefunden  habe,  „un  boyard,  un  veritable  boyard,  un  noble  de  grande
souche“,  den  freilich  ziemlich  heruntergekommenen  Kyrill  Naryschkin,
hatte  etwas  Naives  und  beinahe  Rührendes.

Hinsichtlich  des  Zwischenfalles  Liman  von  Sanders  meinte  Kokowzow,
  er  glaube  nicht,  daß  von  deutscher  Seite  Hinterlist  oder  auch  nur
böse  Absicht  vorgelegen  habe,  aber  offenbar  herrsche  in  Berlin  ein  bedaucrliches
  „Dösarroi“.  Die  Entsendung  des  Generals  Liman  von  Sanders
sei  nach  dem,  was  im  Berliner  Auswärtigen  Amt  dem  russischen  Botschafter
  gesagt  wurde,  vom  Kaiser  direkt  befohlen  und  vom  Militärkabinett
ohne  vorherige  Anfrage  beim  Auswärtigen  Amt  in  die  Wege  geleitet  worden.
Als  die  Deutsche  Botschaft  in  St.  Petersburg  in  ihren  Berichten  auf  die
Erregung  hingewiesen  habe,  welche  die  dem  General  Liman  an  den
Dardanellen  übertragene  Mission  in  Rußland  hervorrufe,  hätten  Bethmann
und  seine  Mitarbeiter  für  mildernde  Umstände  plädiert.  Sie  selbst  seien
gar  nicht  gefragt  worden,  sie  würden  aber  ihr  möglichstes  tun,  damit  solche
unangenehmen  Zwischenfälle  sich  nicht  wiederholten.  Auch  würde  sich  der
General  Liman  der  größten  Vorsicht  befleißigen.  „Le  resultat  final  est  que
plusieurs  pots  ont  Et&amp;amp;  casses  et  qu’on  a  a  St.  Petersbourg  l’impression  qu’un
grand  desordre  r&amp;amp;gne  dans  les  spheres  dirigeantes  de  Berlin.‘  Als  nach  dem
Zusammenbruch  des  Zarentums  die  russischen  Archive  sich  öffneten,  hat

9  Bülow  111

Der  Full
Liman  von

Sanders
        <pb n="174" />
        Sasonow

130  „EIN  HEISSES  EISEN“

sich  erst  herausgestellt,  wie  diplomatisch  fehlerhaft  die  Übertragung  eines
aktiven  Kommandos  gerade  an  den  Dardanellen  an  einen  deutschen
General  gewesen  war.

Präsident  Poincar&amp;amp;  hatte,  sobald  er  von  der  durch  die  Entsendung
des  Generals  Liman  von  Sanders  in  Rußland  hervorgerufenen  Erregung
hörte,  dem  russischen  Botschafter  in  Paris,  Herrn  Iswolski,  erklärt,
Frankreich  sei  fest  entschlossen,  in  der  Liman-von-Sanders-Angelegenheit
  mit  unerschütterlicher  Treue  zu  seinem  großen  Alliierten  zu
stehen.  Sollte  der  Zwischenfall  sich  zuspitzen,  so  werde  Frankreich
sich  nicht  den  Verpflichtungen  entziehen,  die  das  Bündnis  mit
Rußland  ihm  auferlege.  Gleichzeitig  versicherte  der  französische  Botschafter
  in  St.  Petersburg,  Herr  Delcasse,  Herrn  Sasonow,  Rußland  könne
in  der  Dardanellen-Frage  „bis  zum  Äußersten“  auf  französische  Unterstützung
  rechnen;  die  Französische  Republik  werde  da  so  weit  gehen,  wie
es  der  Zar  und  die  russische  Regierung  wünschten.  Als  der  Zwischenfall
Liman  Sanders  tant  bien  que  mal  beigelegt  worden  war,  sagte  der  Kaiser
Nikolaus  zum  Botschafter  Delcasse,  Rußland  brauche  das  offene  Meer
wenigstens  im  Süden.  Deutschlands  neuerliche  Versuche,  Rußland  völlig
aus  der  Türkei  zu  verdrängen  und  ihm  die  Dardanellen  zu  versperren,
könnten  zu  einem  Zusammenprall  zwischen  derartigen  deutschen  Übergriffen
  und  den  russischen  Lebensinteressen  führen.  Er,  der  Zar,  wünsche
den  Frieden.  Aber  Rußland  könne  sich  nicht  brüskieren  lassen.  Die  Dardanellenfrage
  hatte  während  vieler  Jahre  undnoch  beim  Rückversicherungsvertrag
  dem  Fürsten  Bismarck  eine  wichtige  Handhabe  geboten,  die
Fühlung  mit  Rußland  aufrechtzuhalten.  Ich  selbst  habe  während  zwölf
Jahren  Murawiew  wie  Lambsdorff,  Iswolski  und  Osten-Sacken,  dem  Großfürsten
  und  der  Großfürstin  Wladimir  wie  dem  Hausminister  Fredericksz
und  dem  Grafen  Witte,  ich  habe  vor  allem  dem  Kaiser  Nikolaus  II.  nie
einen  Zweifel  darüber  gelassen,  daß  ich,  treu  der  Bismarckschen  Überlieferung,
  an  den  Meerengen  Rußland  nicht  entgegentreten  würde.  Ich
habe  auch  Bethmann  in  den  letzten  politischen  Unterredungen,  die  ich  nach
seinem  Amtsantritt  mit  ihm  hatte,  mit  Ernst  und  Nachdruck  darauf  hingewiesen,
  daß  die  Dardanellen-Frage  „ein  heißes  Eisen“  sei.  In  dem
gleichen  Sinne  hatte  ich  bis  in  die  letzte  Zeit  meiner  Amtsführung  wiederholt
  und  eindringlich  mit  dem  Kaiser  Wilhelm  II.  gesprochen.

Ich  muß  hinzufügen,  daß  der  russische  Minister  des  Äußern,  Sasonow,
selbst  nach  dem  peinlichen  Zwischenfall  Liman  Sanders  keinen  Bruch  mit
Deutschland  wollte.  Der  langjährige  Korrespondent  des  „Temps“  in
Petersburg,  Charles  Rivet,  erzählt  in  seinem  Buch  „Le  dernier  Romanof“,
Sasonow  habe,  sobald  die  erste  Erregung  des  russischen  Hofes  und  der
amtlichen  russischen  Welt  über  die  Übertragung  eines  aktiven  Kommandos
        <pb n="175" />
        WELTKRIEG  UND  RUSSISCHE  REVOLUTION  131

an  den  Dardanellen  an  einen  deutschen  General  überwunden  war,  der
russischen  Presse  verboten,  die  Angelegenheit  mit  übertriebener  Animosität
zu  behandeln.  Als  Rivet  in  seinen  Korrespondenzen  nach  Paris  einen  um  so
schärferen  Ton  anschlug,  habe  Sasonow  ihm  gesagt:  „‚Quoi  que  vous  fassiez,
Monsieur,  vous  ne  nous  brouillerez  pas  avec  l’Allemagne.“‘  Der  Franzose
Charles  Rivet  fügt  in  seinem  Buch  hinzu:  „L’Allemagne  s’est  charg£e  ellemöme
  de  prendre  sur  elle  ce  que  redoutait  tant  cet  excellent  Mr.  Sazonof.
Tant  mieux,  disons  nous  Frangais.“

Auch  Kriwoschein  sagte  mir,  daß  zwischen  Berlin  und  St.  Petersburg
allerlei  Friktionen  stattgefunden  hätten.  Als  ich  ihn  frug,  ob  er  an  eine
Friedensgefahr  glaube,  antwortete  er  mir:  „A  Dieu  ne  plaise!  II  y  a  de
mauvais  elements  chez  nous  comme  un  peu  partout.  Mais  nous  ne  ferons
certainement  pas  la  folie  d’attaquer  ni  l’Autriche,  ni  surtout  l’Allemagne.
Une  guerre  entre  les  trois  empires  serait,  j’en  suis  convaincu,  la  fin  de  trois
grandes  dynasties.‘“  Als  ich  diese  beruhigende  Antwort  einer  langjährigen
russischen  Freundin  mitteilte,  die  gleichfalls  für  die  Osterwoche  nach  Rom
gekommen  war,  meinte  sie:  „Je  pense  comme  Kriwoschein  et  comme  lui  je
forme  des  veux  ardents  pour  le  maintien  de  la  paix.  Plus  que  cela,  je  crois
au  maintien  de  la  paix.  Mais  ce  que  je  crains,  c’est  la  r&amp;amp;volution  en  Russie.
Avec  un  gouvernement  aussi  faible  et  aussi  inepte  que  celui  que  nous  avons
sous  Nicolas  II.  en  Russie,  la  revolution  finira  par  triompher.‘‘  Wären  wir
nicht  im  Hochsommer  1914  durch  eine  ebenso  kurzsichtige  wie  ungeschickte
Politik  in  den  Krieg  gestolpert,  so  würde  es  voraussichtlich  in  nicht  allzu
langer  Zeit  in  Rußland  unter  dem  willensschwachen  Nikolaus  II.  zu  einer
Revolution  gekommen  sein,  für  die  dort  seit  dem  Tode  des  Kaisers
Alexander  III.  alles  reif  war.  Damit  wäre  die  Gefahr  eines  Krieges  zwischen
den  Kaiserreichen  beseitigt  gewesen.  Die  russischen  Revolutionäre  wollten
keine  auswärtigen  Komplikationen.  Sie  wollten  ihr  marxistisches  Ideal  im
Innern  verwirklichen  und  sich  zu  diesem  Zweck  zunächst  ungestört  der
Ausrottung  ihrer  inneren  Gegner  widmen.

Meine  Frau  und  ich  unterhielten  in  Rom  besonders  freundschaftliche
Beziehungen  zu  dem  englischen  Botschafter  Sir  Rennel  Rodd  und  seiner  Sir  Rennel
hübschen  und  liebenswürdigen  Frau.  Sir  Rennel  war  während  der  neun-  Rodd
undneunzig  Tage  Sekretär  der  englischen  Botschaft  in  Berlin  gewesen,  hatte
dort  der  armen  Kaiserin  Friedrich  nahegestanden  und  auf  ihren  Wunsch
für  das  englische  Publikum  in  englischer  Sprache  ein  Buch  über  den  Kaiser
Friedrich  geschrieben,  in  dem  er  mit  Recht  dessen  Ritterlichkeit  und  edlen
Sinn  rühmte.  Er  wurde  deshalb  vom  Auswärtigen  Amt,  insbesondere  von
Holstein,  verfolgt  und  auch  von  Kaiser  Wilhelm  II.  schlecht  behandelt.  Er
wurde  von  Berlin  abberufen,  blieb  aber  nichts  desto  weniger  viele  Jahre
hindurch  deutschfreundlich.  Seinen  ältesten  Sohn  hatte  er  zuerst  einem

9°
        <pb n="176" />
        Gedanken
über  deutsche
Politik

132  ZWEI  GROSSE  VÖLKER

Hamburger  Gymnasium  anvertraut,  dann  dem  Gymnasium  in  Weimar,
damit  er  einerseits  das  sich  wirtschaftlich  so  mächtig  entwickelnde  Deutschland
  kennenlerne  und  andererseits  sich  mit  den  Traditionen  von  Weimar
erfülle,  dem,  um  mit  Goethe  zu  reden,  das  Los  von  Bethlehem  zuteil  wurde,
klein  und  doch  groß  zu  sein.  Als  der  junge  Francis  Rodd  nach  absolviertem
Studium  in  Deutschland  nach  Oxford  kam,  beteiligte  er  sich  dort  an  der
Gründung  eines  Klubs,  der  die  auf  Grund  der  Stiftung  von  Cecil  Rhodes  in
Oxford  studierenden  Deutschen  mit  englischen  Studenten  vereinen  sollte,
die  deutsche  Sprache  und  Literatur  zu  pflegen  wünschten.  Zum  Ehrenpräsidenten
  ihres  Klubs  hatten  die  jungen  Leute  mich  gewählt.  Der  Botschafter
  Rodd  sagte  mir,  daß  im  Sommer  der  Anglo-German  Club  eine
größere  Feier  veranstalten  würde,  zu  der  auch  eine  Reihe  bekannte
englische  Politiker  erscheinen  wollten,  die  früher  in  Oxford  studiert
hätten.  Ob  ich  nicht  anläßlich  dieses  Festes  ein  Schreiben  an  den  Anglo-German
  Club  richten  wolle,  in  dem  ich  dessen  Bestrebungen  billigte  und
ermutigte?  Ich  erklärte  mich  hierzu  gern  bereit  und  übergab  Sir  Rennel
Rodd  einen  schönen  Brief,  in  dem  ich  die  jungen  Leute  aufforderte,  als  gute
Deutsche  und  als  gute  Engländer  sich  kennenzulernen,  zu  vertragen  und
sich  davon  zu  überzeugen,  daß  zwei  große  Völker  wie  das  englische  und  das
deutsche  allen  Grund  hätten,  in  Frieden  und  Freundschaft  zu  leben  und  so
jedes  an  seinem  Teil  an  der  Aufrechterhaltung  des  Weltfriedens  und  damit
am  Fortschritt  der  Menschheit  mitzuwirken.  Als  dieser  Brief  verlesen
werden  sollte,  standen  sich  bereits  Deutsche  und  Engländer  auf  dem
Schlachtfelde  gegenüber.

Anfang  1913  hatte  eine  größere  Anzahl  leitender  Persönlichkeiten  des
deutschen  öffentlichen  Lebens,  unter  ihnen  persönliche  Freunde  von  mir,
sich  zusammengefunden,  um  anläßlich  des  25  jährigen  Regierungsjubiläums
Kaiser  Wilhelms  II.  wie  des  Zentenariums  der  ruhmvollen  Erhebung  von
1813,  hundert  Jahre  nach  der  Völkerschlacht  von  Leipzig,  ein  Bild  der
deutschen  Verhältnisse  und  der  Gesamtlage  Deutschlands  zu  geben.  Ich
nenne  unter  ihnen  den  Chef  der  Reichskanzlei  während  der  letzten  Jahre
meiner  Kanzlertätigkeit,  späteren  Oberpräsidenten  von  Brandenburg  und
Minister  des  Innern,  Friedrich  Wilhelm  von  Loebell,  den  früheren  Minister
des  Innern  und  Finanzminister,  damaligen  Oberpräsidenten  der  Rheinprovinz,
  Freiherrn  von  Rheinbaben,  den  Präsidenten  des  preußischen  Abgeordnetenhauses,
  Grafen  Schwerin-Löwitz,  den  Oberbürgermeister  von
Königsberg,  Dr.  Körte,  und  endlich  den  Nationalökonomen  Professor
Adolf  Wagner.

Die  Herausgeber  des  auf  drei  stattliche  Bände  berechneten  Werkes
hatten  eine  Reihe  tüchtiger  Mitarbeiter  gewonnen.  Der  Bonner  Professor
  Zorn  sollte  über  Staat  und  Verwaltung  schreiben,  Dr.  Körte  über
        <pb n="177" />
        EIN  KOLLEG  133

Selbstverwaltung,  Freiherr  v.  Stengel,  Professor  an  der  Universität
München,  über  Völkerrecht,  General  v.  Bernhardi,  einer  unserer  bedeutendsten
  Offiziere,  über  Hcereswesen,  der  frühere  Staatssekretär  des
Reichskolonialamts  Herr  v.  Lindequist,  ein  bewährter  Kolonialpolitiker,
über  unsere  Kolonien.  Adolf  Wagner  hatte  sich  die  Wirtschafts-,  Sozialund
  Finanz-Politik  in  ihren  Zusammenhängen  reserviert.  Die  landwirtschaftlichen
  Verhältnisse  wollten  der  besonnene  und  maßvolle  Präsident
des  Deutschen  Landwirtschaftsrats,  Graf  v.  Schwerin-Löwitz,  und  der
stürmischere,  bier  und  da  hitzige,  aber  tüchtige  und  sehr  begabte  Freiherr
von  Wangenheim  auf  Klein-Spiegel,  der  Vorsitzende  des  Bundes  der  Landwirte,
  beleuchten.  Dem  GcheimratWitting,  Präsidenten  des  Aufsichtsrats  der
Berliner  Nationalbank  und  früherem  Oberbürgermeister  von  Posen,  war  die
Schilderung  des  Bankwesens  zugewiesen,  Professor  Zorn  die  Schilderung
der  Verhältnisse  zwischen  Staat  und  Kirche.  Der  Hauptpastor  an  St.  Michaelis
  in  Hamburg,  Prof.  DDr.  Hunzinger,  ein  großer  Kanzelredner  und
hervorragender  Theologe,  wollte  sich  speziell  mit  den  evangelischen
Kirchenverhältnissen  befassen,  der  treffliche  Theologe  Dr.  Merkle,  Professor
  in  Würzburg,  mit  den  katholischen.  Ulrich  von  Wilamowitz-Möllendorf,
  der  Schwiegersohn  von  Theodor  Mommsen,  seit  dessen  Tod  der
größte  lebende  deutsche  Gelehrte,  sollte  über  Altertumswissenschaft
schreiben,  der  Freiburger  Professor  Below  über  Geschichte,  Professor
Theobald  Ziegler  über  öffentliches  Leben.  Ich  war  gebeten  worden,  als
Einleitung  für  dieses  Buch  etwas  über  deutsche  Politik  zu  sagen.  „Sie  sollen
uns  ein  Kolleg  über  deutsche  Politik  halten!“  sagte  mir  einer  der  Mitarbeiter
  an  diesem  Werke,  der  mein  Kollege  im  Herrenhaus  war.

Ich  war  mir  natürlich  von  vornherein  über  die  Grenzen  klar,  die  ich
meinem  Beitrag  ziehen  mußte.  Es  wäre  geschmacklos  gewesen,  wenn  ich
diesen  Anlaß  benutzt  hätte,  um  an  der  Politik  meines  Nachfolgers  die  Kritik
zu  üben,  zu  der  sie  nur  allzu  reichlichen  Anlaß  bot.  Es  wäre  unpatriotisch
gewesen,  wenn  ich,  ein  gewesener  Reichskanzler,  vor  dem  mißgünstigen
Ausland  mit  dem  Finger  auf  unsere  Schwächen  und  Mängel  hingewiesen
hätte,  Ich  durfte  es  nicht  machen  wie  Ham,  der  unartige  Sohn  des  Erzvaters
Noah.  Meine  1913  für  das  Hobbingsche  Sammelwerk  geschriebene  Einleitung
  durfte  nicht  das  Selbstvertrauen  der  Nation  erschüttern.  Noch
weniger  durfte  ich  das  Ausland  mißtrauisch  gegen  uns  machen.  Ich  habe
soeben  ausgeführt,  daß  im  alten  Deutschland  ein  zurückgetretener  Minister
von  aktiver  Teilnahme  an  der  Politik,  wenigstens  von  öffentlicher  Teilnahme,
  so  gut  wie  ausgeschaltet  war.  Das  hatte  der  größte  aller  deutschen
Staatsmänner,  Fürst  Bismarck,  erfahren;  das  sollte  selbst  nach  dem
Umsturz  und  unter  der  Republik  ein  tüchtiger  Mann  wie  Posadowsky
erfahren.  Der  grollende  Donner  des  zürnenden  Titanen  in  Friedrichsruh,
        <pb n="178" />
        134  NICHT  NACHLAUFEN,  NICHT  BRÜSKIEREN

all  seine  Geistesblitze  änderten  nichts  an  dem  Gang  der  Ereignisse.  Die
fleiBige  Mitarbeit  des  Reichstagsabgeordneten  Posadowsky  hinderte  und
besserte  nichts.  Von  Wilhelm  II.  würde  Opposition  gegen  meine  Nachfolger
als  direkte  Opposition  gegen  seine  Person  aufgefaßt  worden  sein.  Und  auch
wer  wie  ich  den  Vultus  instantis  tyranni  in  keiner  Weise  fürchtete,  teils  aus
Männerstolz  vor  Königsthronen,  teils  weil  Wilhelm  Il.im  Grunde  genommen
  gar  kein  Tyrannus  war,  mußte  sich  sagen,  daß,  was  heute  auch
dieser  und  jener  schwatzen  möge,  die  große  Mehrheit  der  Deutschen  eine
solche  Opposition  entweder  gar  nicht  verstanden  oder  auf  niedrige  persönliche
  Motive  zurückgeführt  haben  würde.  Ich  will  gern  noch  einmal
einräumen,  daß  in  dieser  Auffassung  eine  Schwäche  unserer  früheren
Zustände  lag.  Diese  Erkenntnis  war  einer  der  Gründe,  aus  denen  ich,
namentlich  in  den  letzten  Jahren  meiner  Amtszeit,  eine  Liberalisierung
und  allmähliche  Parlamentarisierung  unserer  Verhältnisse  für  angezeigt
hielt.

In  meiner  Einleitung  zu  dem  im  Verlag  von  Reimar  Hobbing  erschienenen
  Werk  „Deutschland  unter  Kaiser  Wilhelm  II.“  beschränkte  ich
mich  darauf,  auf  einige  große  Gesichtspunkte  unserer  inneren  und
namentlich  unserer  auswärtigen  Politik  hinzuweisen,  die  unserem  unpolitischen
  Volk  noch  nicht  klar  genug  geworden  waren.  Ich  wies  auf  die
Unversöhnlichkeit  Frankreichs  hin.  Das  letzte  Ziel  alles  französischen
Strebens  werde  für  sehr  lange  das  sein,  die  noch  fehlenden  Voraussetzungen
für  eine  aussichtsreiche  Auseinandersetzung  mit  dem  Deutschen  Reiche  zu
schaffen.  Ich  erinnerte  an  die  beste  Schilderung  des  französischen  Charakters
  und  des  französischen  Volkes,  die  je  gegeben  wurde,  an  die  Worte
des  großen  Denkers  Alexis  de  Tocqueville,  der  von  seinem  Volke,  dem
kriegerischsten,  dem  militärischsten  und  chauvinistischsten  Volke  der  Erde,
schon  vor  einem  halben  Jahrhundert  sagte,  es  sei  „apte  a  tout,  mais
n’excellent  que  dans  la  guerre“.  Über  die  Elastizität  des  französischen
Volkes,  seinen  feurigen,  zu  jedem  Opfer  bereiten  Patriotismus  habe  ich  mir
ebensowenig  je  Illusionen  gemacht  wie  über  seine  unbegrenzte  nationale
Eitelkeit,  seine  Herrschsucht  und  Härte.  England  gegenüber  wies  ich
darauf  hin,  daß  eine  Politik  des  Nachlaufens  ebenso  verfehlt  sein  würde
wie  eine  Politik  des  Brüskierens.  Mit  unserer  Flottenpolitik  seien  wir  über
die  Gefahrzone  hinweg,  England  würde  uns  nicht  angreifen;  wir  dürften
aber  nicht  selbst  durch  unsere  Politik  einen  Bruch  mit  England  herbeiführen.
  Über  Italien  schrieb  ich,  schon  Fürst  Bismarck  habe  gesagt,  es
genüge  ihm,  daß  ein  italienischer  Korporal  mit  der  italienischen  Fahne  und
einem  Trommler  neben  sich  die  Front  gegen  Westen  und  nicht  gegen  Osten
nähme.  Ich  fügte  hinzu:  „Alles  Weitere  wird  davon  abhängen,  wie  sich  eine
eventuelle  Konfliktfrage  in  Europa  gestaltet,  mit  welchem  Nachdruck  sie
        <pb n="179" />
        KUNDGEBUNGEN  ZUR  „DEUTSCHEN  POLITIK“  135

von  uns  militärisch  vertreten  und  mit  welchem  Erfolg  sie  militärisch  und
diplomatisch  durchgeführt  wird.  Der  letzte  und  volle  Wert  eines  Bündnisses
kann  nur  im  Ernstfalle  erprobt  werden.“  Der  tragische  Hochsommer  1914
hat  auch  diesen  Satz  nur  zu  sehr  bestätigt.

Walter  Rathenau,  dem  ich  meine  Betrachtungen  über  deutsche  Politik
hatte  zugehen  lassen,  telegraphierte  mir:  „Aufs  herzlichste  danke  ich  Euer
Durchlaucht  für  dieses  große  Werk,  das  mit  den  Gedanken  und  Erinnerungen
  des  Fürsten  Bismarck  die  bedeutendste  Kundgebung  des
Geistes  deutscher  Geschichte  darstellt.‘“  Graf  Clemens  Podewils,  der  mir
als  Bayrischer  Ministerpräsident  während  fünf  Jahren  ein  treuer  Mitarbeiter
  am  Ausbau  der  deutschen  Einheit  und  Machtstellung  gewesen  war,
schrieb  mir:  „Eurer  Durchlaucht  große  Veröffentlichung  habe  ich  mit  Begeisterung
  studiert  und  studiere  sie  immer  wieder.  Neid  ist  mir  nicht  angeboren,
  aber  hier  habe  ich  stark  dagegen  anzukämpfen.  Ich  habe  mir
schließlich  gesagt:  man  kann  doch  auf  Goethe  nicht  neidisch  sein.“  Noch
mehr  als  diese  Kundgebungen,  die  ich  zum  guten  Teil  auf  das  Konto
persönlicher  Freundschaft  setzte,  freute  es  mich,  daß  ich  von  meinem
lieben  Königshusaren-Regiment,  dem  ich  ein  Exemplar  meines  Buches
hatte  zugehen  lassen,  das  nachstehende  Schreiben  erhielt:  „Euer  Durchlaucht
  darf  ich  im  Namen  des  mir  unterstellten  Offizierkorps  bitten,
unseren  ehrerbietigsten  Dank  entgegenzunehmen  für  das  sehr  gütige
Schreiben  vom  27.  Januar  und  das  wertvolle  Geschenk.  Das  Werk  soll  in
unserer  Regimentsbibliothek  den  ehrenvollsten  Platz  erhalten.  Wenn  wir
auch  schon  ohnehin  mit  aufrichtigem  Stolz  empfinden,  Euer  Durchlaucht
zu  den  Unsrigen  zählen  zu  dürfen,  so  werden  doch  spätere  Generationen
durch  dieses  bleibende  Andenken  stets  noch  besonders  daran  gemahnt
werden,  daß  Euer  Durchlaucht  mit  dem  Regiment  für  alle  Zeiten  so  eng
verbunden  sind.  Für  die  uns  hochbeglückende  Versicherung  kameradschaftlicher
  und  treuer  Anhänglichkeit  spreche  ich  Euer  Durchlaucht
ebenfalls  unseren  ganz  besonders  warm  empfundenen  Dank  aus  und  gestatte
  mir,  die  Bitte  hinzuzufügen,  uns  allezeit  diese  wohlwollende  Gesinnung
  gütigst  zu  erhalten.  Mit  dem  Ausdruck  allergrößter,  unwandelbarer
Verehrung  habe  ich  die  Ehre  zu  sein  Euer  Durchlaucht  gehorsamst
ergebenster  Jobst  Hermann  Graf  Lippe,  Oberstleutnant  und  Kommandeur
des  Husaren-Regiments  König  Wilhelm  I.“

Während  des  Weltkrieges,  im  Frühjahr  1916,  habe  ich  meine  Gedanken
über  deutsche  Politik  noch  einmal  in  Buchform  erscheinen  lassen.  Selbstverständlich
  konnte  ich,  nachdem  es  meinem  Nachfolger  nicht  gelungen
war,  den  Frieden  aufrechtzuerhalten,  damals  manches  ausführen,  was  ich
drei  Jahre  früher  hatte  unterdrücken  müssen.  Auf  der  Höhe  des  Weltkrieges
  durfte  andrerseits  ein  Patriot  nichts  sagen,  was  unsere  Feinde  als
        <pb n="180" />
        136  KEINE  KRITIK  AN  DEN  KRIEGSZIELEN

ein  Symptom  der  Schwäche  hätten  deuten  können,  was  im  Inland  entmutigend
  gewirkt  haben  würde.  Hinsichtlich  der  Kriegsziele  hielt  ich  es  für
meine  Pflicht,  genau  die  von  unserer  damaligen  Regierung  verfolgte  Linie
einzuhalten.

Das  Buch  „Deutsche  Politik“  wurde  ins  Französische,  Englische,
Italienische,  Spanische  und  Russische  übersetzt  und  fand  eine  weite
Verbreitung.  Die  Gesamtauflage  allein  der  deutschen  Volksausgabe  betrug
schon  1916  hundertfünfzigtausend  Exemplare.
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        XL  KAPITEL

Berlin  Juni  1914  .  Die  Nachricht  von  der  Ermordung  des  österreichischen  Thronfolgers
  -  Unterredung  mit  Bethmann  und  mit  Wilhelm  II.  -  Bethmanns  Illusionen

nfang  Juni  1914  verließ  ich  Rom,  um  mich  mit  meiner  Frau  über

Berlin  nach  Norderney  zu  begeben,  der  „geliebten  Insel‘,  wie  meine  Frau
sie  nannte,  die  dort  besonders  gern  weilte.  In  Berlin  eingetroffen,  begegnete
ich  schon  in  den  ersten  Tagen  manchem  alten  Bekannten.  Es  fiel  mir  auf,
daß  die  Angehörigen  des  Auswärtigen  Amtes  und  die  diesem  Amte  nahestehenden
  Kreise  die  Weltlage  mit  sehr  weitgehendem,  wie  mir  schien
allzu  weitgehendem  Optimismus  beurteilten.  Am  28.  Juni  1914,  einem
Sonntag,  besuchten  wir  gegen  Abend  Frau  von  Lebbin,  der  ich  zum
letztenmal  sechs  Jahre  früher  im  Sterbezimmer  ihres  Freundes  Holstein
begegnet  war.  Wir  hatten  gehört,  daß  sie,  von  einem  Schlaganfall  getroffen,
gelähmt  und  krank  zu  Bette  läge,  und  wollten  uns  nach  ihrem  Befinden
erkundigen.  Wir  fanden  sie  in  einem  mehr  als  bescheidenen  Zimmerchen
in  der  Uhlandstraße,  fern  den  Linden  und  dem  Hotel  Adlon,  wo  wir  abgestiegen
  waren,  körperlich  in  einem  traurigen  Zustand,  geistig  in  alter
Frische.  Sie  war  eine  tapfere  Frau,  eine  echte  Berlinerin,  die  sich  nicht
unterkriegen  ließ.  Während  wir  an  ihrem  Bette  saßen,  wurde  ihr  von  dem
Bankier  Paul  von  Schwabach,  mit  dessen  Familie  sie  langjährige  Freundschaft
  verband,  telephonisch  mitgeteilt,  der  Erzherzog  Franz  Ferdinand  sei
in  Sarajewo  mit  seiner  Frau,  der  Herzogin  von  Hohenberg,  ermordet  worden.
Als  Frau  von  Lebbin  mich  frug,  wie  ich  über  dieses  Ereignis  und  über  seine
möglichen  politischen  Folgen  dächte,  erwiderte  ich,  daß  ich  vom  sittlichen
Standpunkt  aus  selbstverständlich  die  abscheuliche  Untat  beklage  und
verdamme.  Was  die  politischen  Konsequenzen  angehe,  so  könne  der  Vorfall,
je  nach  der  Art  und  Weise,  wie  er  behandelt  werden  würde,  sich  zu  einem
Embarras  oder  zu  einem  Debarras  entwickeln.

Fast  alle  Menschen,  die  ich  in  den  nächsten  Tagen  traf,  waren  geneigt,
in  der  Tragödie  von  Sarajewo  ein  D&amp;amp;barras  zu  sehen.  Der  österreichische
Botschafter,  Graf  Szögyenyi,  ein  durch  und  durch  loyaler  Diener  des
Hauses  Habsburg,  Sohn  eines  Vliesritters  und  selbst  Vliesritter,  sagte  mir,
als  ich  ihm  kondolierte:  Als  Christ  wie  als  ungarischer  Edelmann  bedaure

Aufenthalt

in  Berlin
        <pb n="182" />
        138  FRANZ  FERDINANDS  BEISETZUNG

und  beweine  er  das  Schicksal  des  Erherzogs  und  seiner  edlen  Gemahlin,
politisch  sche  er  in  dem  Ausscheiden  des  Thronerben  „eine  gnädige  Tügung
der  göttlichen  Vorsehung“.  Der  leidenschaftliche  Charakter  des  Erzherzogs,
sein  Haß  gegen  die  Magyaren,  seine  blinde  Vorliebe  für  Tschechen  und
Südslawen,  sein  outrierter  Klerikalismus  hätten  zu  schweren  Erschütterungen,
  vielleicht  zum  Bürgerkrieg  führen  können.  Nach  außen  würde  er
mit  seinem  Fanatismus,  seinem  Jähzorn  und  seinem  Starrsinn  für  Deutschland
  kein  bequemer  Bundesgenosse  geworden  sein.  „Requiescat  in  pace!“
schloß  der  k.  und  k.  Botschafter  in  salbungsvollem  Ton.  Aus  Kiel  hörte  ich,
Kaiser  Wilhelm  habe  die  Trauerkunde  erhalten,  während  er  in  der  Kieler
Bucht  auf  dem  „Meteor“  segelte.  Er  sei  zuerst  sehr  bestürzt  gewesen,  da  er
noch  kurz  zuvor  bei  dem  Erzherzog  in  Konopischt  geweilt,  sich  mit  ihm
der  weltberühmten  Rosenpracht  des  Schloßparkes  erfreut  und  nach  seiner
Art  mit  dem  künftigen  Kaiser  von  Österreich  mancherlei  Zukunftspläne
besprochen,  erwogen  und  geschmiedet  hatte.  Kaiser  Wilhelm  habe  sich
aber  bald  beruhigt,  und  es  war  sogar  seiner  Umgebung  nicht  ganz  leicht
geworden,  ihn  zum  Aufgeben  der  Segelwettfahrt  zu  bewegen,  zumal  er
gute  Chancen  hatte,  den  von  ihm  selbst  ausgesetzten  schönen  Preis  zu
gewinnen.

Alle  Nachrichten  aus  Wien  stimmten  darin  überein,  daß  die  tiefe  Abneigung
  des  Kaisers  Franz  Josef  gegen  seinen  Neffen  und  Erben  bei  dessen
traurigem  Ende  in  fast  grausamer  Weise  zutage  getreten  war.  Mit  der  Härte,
zu  der  sich  der  Charakter  alter  Leute,  die  viel  durchgemacht  haben,  bisweilen
  zu  entwickeln  pflegt,  hatte  der  Kaiser  nichts  unterlassen,  was  das
Andenken  des  Erzherzogs  und  insbesondere  seiner  dem  alten  Herrn  verhaßten
  morganatischen  Gemahlin  herabsetzen  konnte.  Während  der  Sarg
des  Erzherzogs  auf  einem  prunkvollen  Wagen  mit  goldenen  Rädern,  geschmückt
  mit  der  erzherzoglichen  Krone,  zu  der  Trauerfeier  gefahren  wurde,
folgte  der  bescheidene  Sarg  seiner  Gattin,  nur  mit  einem  winzigen  Krönlein
geziert,  auf  einem  niedrigen  und  unanschnlichen  Karren.  Der  Erzherzog,
der  wußte,  daß  sein  greiser  Oheim  die  Beisetzung  der  Herzogin  von
Hohenberg  in  der  Erbgruft  der  Habsburger  in  der  Wiener  Kapuzinerkirche
nicht  zulassen  würde,  hatte  schon  bald  nach  seiner  Vermählung  eine
Kapelle  an  der  Donau  erbaut,  wenige  Stunden  von  Wien  entfernt,  wo  er
neben  der  Frau,  die  er  so  sehr  liebte,  begraben  werden  wollte.  Die  Beisetzung
  mußte  auf  kaiserlichen  Befehl  in  der  Nacht  erfolgen.  Sie  ging  bei
strömendem  Regen  vor  sich  und  bot  ein  Schauspiel,  das  an  die  dramatischsten
  Szenen  aus  den  Shakespeareschen  Königstragödien  erinnert.

Wenn  auch  das  abscheuliche  Attentat  von  Mitgliedern  einer  großen
serbischen  Geheimverbindung  ausgeführt  worden  war,  so  sprach  doch  auch
manches  dafür,  daß  die  serbische  Regierung  die  Untat  weder  angestiftet
        <pb n="183" />
        Besuch  bei  den  Flottenmanövern  in  Kiel

Kaiser  Wilhelm  II.  in  der  Uniform  eines  österreichischen  Feldinarschalls.  Erzherzog  Franz  Ferdinand  in  dereines  deutschen

Admirals.  Dahinter  Prinz  Heinrich  von  Preußen.  der  österreichische  Admiral  Graf  Montecuccoli  und  Großadmiral  v.  Tirpitz
        <pb n="184" />
        <pb n="185" />
        BETHMANN  KALMIERT  139

noch  gewünscht  hatte.  Serbien  war  durch  zwei  Kriege  erschöpft.  Ein
Waffengang  mit  der  so  viel  stärkeren  österreich-ungarischen  Monarchie
war  auch  für  den  hitzigsten  Serben  eine  gewagte  Sache,  zumal  mit  den  unversöhnten
  Bulgaren  und  den  zweifelhaften  Rumänen  im  Rücken.  Endlich
genoß  gerade  der  Erzherzog  Franz  Ferdinand  als  ausgesprochener  Ungarfeind
  bei  den  Südslawen  eher  Sympathien.  In  diesem  Sinne  sprach  sich
nicht  nur  der  damalige  deutsche  Gesandte  in  Belgrad,  Herr  von  Griesinger,
  aus,  sondern  auch  in  Belgrad  anwesende  Korrespondenten  großer
deutscher  Blätter.  In  diesem  Sinne  hat  meines  Wissens  sich  später  auch
der  k.  k.  Hofrat  Wiesner  ausgelassen,  der  von  der  österreichischen  Regierung
  mit  der  Untersuchung  aller  Begleitumstände  des  Attentats  und  insbesondere
  seiner  Entstehung  betraut  worden  war.

Bevor  ich  Berlin  verließ,  um  mit  meiner  Frau  nach  Norderney  weiterzufahren,
  begegnete  ich  in  der  Wilhelmstraße  meinem  Nachfolger,  den  ich
bei  dem  Besuch,  den  ich  ihm  im  Reichskanzlerpalais  abstatten  wollte,  nicht
zu  Hause  gefunden  hatte.  Fünf  Jahre  waren  vergangen,  seit  ich  ihm  die
Geschäfte  übergeben  hatte.  Der  Ausdruck  seines  Gesichts  war  weniger
sorgenvoll,  als  ich  es  gerade  bei  ihm  erwartet  hätte.  Er  erinnerte  mich  daran,
daß  er  mir  vor  zwei  Jahren  geschrieben  habe,  er  betrachte  es  als  seine  vornehmste
  innerpolitische  Aufgabe,  zu  „kalmieren“.  Das  gelte  jetzt  noch
mehr  für  die  auswärtige  als  für  die  innere  Politik.  Die  in  der  ganzen  Welt
herrschende  Nervosität  sei  unbestreitbar,  aber  nicht  begründet.  Das  Verbrechen
  von  Sarajewo  sei  gewiß  abscheulich,  politisch  würde  es  jedoch  die
gute  Folge  haben,  den  russischen  leitenden  Stellen  und  insbesondere  dem
Zaren  die  Serben  gründlich  zu  verekeln.  Ich  erwiderte,  daß  mir  dies  nicht
ganz  sicher  erschiene.  Die  Russen  hätten  in  der  Politik  andere  Moralbegriffe
als  wir.

Während  wir  an  dem  Hausministerium  vorbeikamen,  in  dessen  schönen
Räumen  ich  Mimi  Schleinitz  und  deren  Gatten,  den  Bismarck  so  verhaßten
Hausminister  Alexander  Schleinitz,  später  meinen  ausgezeichneten  und
hochverehrten  Gönner  und  Freund,  den  Fürsten  Otto  Stolberg,  gekannt
hatte,  wo  jetzt  der  Präsident  der  Republik  residiert,  erzählte  ich  meinem
Nachfolger  eine  Äußerung  des  Zaren  Alexander  I.,  wohl  desjenigen  russischen
  Selbstherrschers,  der  am  meisten  zu  Sentimentalität  und  Idealismus
neigte.  Ein  Botschafter  in  besonderer  Mission,  der  Napoleon  I.  vor  seinem
Feldzug  gegen  Rußland  bei  Alexander  I.  vertreten  hatte,  war  der
General  Savary,  Herzog  von  Rovigo,  gewesen.  Durch  seinen  Takt,  seine
Liebenswürdigkeit  und  seine  vortreffllichen  Manieren  hatte  er  es  verstanden,
  auch  unter  delikaten  Verhältnissen  sich  das  Vertrauen  des  Zaren
zu  erhalten.  Als  Savary  abberufen  wurde,  schied  der  Zar  mit  einem
Händedruck  und  einer  Umarmung  von  ihın.  Als  nun  Alexander  I.  mit  seinen

Besuch  bei
Beihmann
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        Österreich-Ungarns

Ultimatum

140  DER  LOKALISIERTE  KRIEG

hohen  Verbündeten,  dem  Kaiser  Franz  von  Österreich  und  dem  König
Friedrich  Wilhelm  III.  von  Preußen  1814  in  Paris  eingezogen  war,  ließ  er
den  Herzog  von  Rovigo  zu  sich  bitten,  empfing  ihn  auf  das  liebenswürdigste
und  frug  ihn,  welchen  Posten  cr  jetzt  bekleide.  Seufzend  erwiderte  der  Duc
de  Rovigo,  er  habe  keine  Wiederanstellung  gefunden,  denn  er  stehe  in  Ungnade
  bei  Ludwig  XVIII.  „Das  werde  ich  rasch  in  Ordnung  bringen“,
meinte  der  hochherzige  Selbstherrscher  aller  Reußen,  „lassen  Sie  mich  nur
machen!“  Der  Kaiser  ließ  einen  Vertrauten  des  Königs  Ludwig  XVIII.  zu
sich  bitten  und  ersuchte  ihn,  seinem  Souverän  zu  sagen,  der  Kaiser  lege
großen  Wert  darauf,  daß  der  Herzog  von  Rovigo  bald  wieder  einen  seinen
Talenten  und  seinem  edlen  Charakter  entsprechenden  Posten  erhalte.  Der
Franzose  zuckte  die  Achseln:  „Impossible,  Sire!  Le  Duc  de  Rovigo,  alors
General  Savary,  a  presid&amp;amp;  la  Cour  martiale  qui  a  condamne  a  mort  le  Duc
d’Enghien,  cousin  de  Sa  Majeste  trös-chretienne.‘‘  Der  russische  Zar  sah
den  Franzosen  erstaunt  an.  „Comment!  Iln’y  a  que  cela!  Et  moi  qui  dine
tous  les  jours  avec  Bennigsen  et  Ouchacow,  qui  ont  ©trangl&amp;amp;  mon  pere.“
Der  gute  Bethmann,  der  sich  innerlich  wohl  schon  die  These  von  dem  zu
lokalisierenden  Zusammenstoß  zwischen  Österreich  und  Serbien  zurechtgelegt
  hatte,  machte  ein  erschrockenes  Gesicht,  als  ich  ihm  diese  kleine
Anekdote  erzählte,  die  mir  viele  Jahre  früher  ein  russischer  Großfürst  nach
einem  Souper  lächelnd  anvertraut  hatte.  „Gott  sei  Dank“,  meinte  er  dann,
„gehört  eine  so  zynische  Anschauungsweise  der  Vergangenheit  an.  Ich
zweifle  nicht  daran,  daß  der  Kaiser  von  Rußland  und  seine  Ratgeber  nicht
nur  das  Verbrechen  von  Sarajewo  beklagen  und  mißbilligen  werden,  sondern
  daß  diese  Untat  zwischen  Rußland  und  den  Serben  einen  tiefen  moralischen
  Graben  ziehen  wird.  Wir  bleiben  natürlich  ruhige  Beobachter.  Was
die  Welt  jetzt  braucht,  ist  Ruhe.“

Einige  Tage  später  trafen  wir  in  Norderney  ein,  wo  außer  meinen  früheren
Pferden  ein  neuer  Gaul,  der  prächtige  braune  Wallach  Torero,  auf  mich
wartete,  mit  dem  ich  die  gewohnten  Ritte  zum  Leuchtturm  und  um  die
Insel  gern  wieder  aufnahm.  Meine  Gemütsruhe  wurde  gestört,  als  ich  in  den
Zeitungen  das  österreichische  Ultimatum  an  Serbien  las,  von  dem  mir
in  Berlin  kein  Mensch  auch  nur  andeutungsweise  gesprochen  hatte.  Über
dessen  ungeheure  Tragweite  machte  ich  mir  natürlich  vom  ersten  Augenblick
  an  keine  Illusionen.  Die  Zeitungen,  die  ich  las,  behaupteten,  soweit  sie
vom  Auswärtigen  Amt  inspiriert  waren,  daß  Österreich  dieses  Ultimatum
proprio  motu  an  Serbien  gerichtet  habe,  daß  wir  den  Inhalt  des  Ultimatums
nicht  gekannt  hätten,  Österreich  aber  in  seinem  Recht  wäre  und  daß  der
ganze  Streit,  auch  ein  eventueller  österreichischer  Krieg  mit  Serbien,  „lokalisiert““
  werden  würde.  Die  letztere  Hoffnung  erschien  mir  mehr  als  kühn.
Ich  hoffte  aber,  daß  wir  uns  wenigstens  die  Prüfung  der  serbischen  Antwort
        <pb n="187" />
        EIN  NAIVER  DIPLOMAT  141

an  Österreich  vorbehalten  und  daß  wir  Österreich  nicht  etwa  Carte  blanche
für  ein  militärisches  Vorgehen  gegen  Serbien  erteilt  hätten.  Als  am  25.  Juli
der  Telegraph  meldete,  daß  der  österreichische  Gesandte  Giesl  in  Belgrad
unmittelbar  nach  Empfang  der  serbischen  Note  die  Beziehungen  der
Doppelmonarchie  zu  Serbien  abgebrochen  und  mit  seinem  Personal  Belgrad
verlassen  habe,  wurde  es  mir  klar,  daß  wir  vor  der  ernstesten  Kriegsgefahr
standen,  in  der  wir  uns  seit  dreiundvierzig  Jahren  befunden  hatten,  und
zwar  vor  der  Gefahr  eines  allgemeinen,  eines  Weltkrieges.  Ich  wurde  mir  mit
Entsetzen  auch  darüber  klar,  daß  wir  in  eine  bereits  verhängnisvolle  Abhängigkeit
  von  der  Politik  des  leichtfertigen  und  selbst  für  österreichische
Begriffe  ungewöhnlich  unfähigen  Grafen  Leopold  Berchtold  geraten
waren.

Als  ich  am  nächsten  Tage,  dem  26.  Juli,  auf  einem  Spazierritt  dem  in
Norderney  weilenden  Grafen  Botho  Wedel,  der  damals  vortragender  Rat
in  der  Politischen  Abteilung  des  Auswärtigen  Amtes  war,  begegnete,  drückte
ich  ihm  mein  Erstaunen  aus,  daß  er  bei  so  gespannter  Weltlage  nicht  auf
seinen  Posten  im  Auswärtigen  Amt  zurückkelhre.  Er  sah  mich  verwundert
an,  suchte  mich  aber  noch  am  gleichen  Abend  mit  höflicher  Liebenswürdigkeit
  auf,  um  mir  zu  sagen:  Mit  meiner  Frage,  warum  er  nicht  auf  seinen
Posten  in  Berlin  zurückkehre,  hätte  ich  ihm  einen  Floh  ins  Ohr  gesetzt.  Er
habe  sogleich  bei  einem  Kollegen  und  Freund  in  der  Politischen  Abteilung
des  Auswärtigen  Amtes  telephonisch  angefragt,  ob  er  nach  Berlin  kommen
solle.  Dieser  habe  ihm  geantwortet,  seine  Rückkehr  sei  nicht  nötig.  Es
handle  sich  um  blinden  Lärm,  alles  werde  sich  in  Wohlgefallen  auflösen.
Inzwischen  stiegen  immer  mehr  und  immer  dunklere  Wolken  am  Horizont
auf.  Als  ich  wieder  zwei  Tage  später  dem  älteren  Bruder  des  Diplomaten
Botho  Wedel,  dem  Herrenhausmitglied  Erhard  Wedel,  begegnete  und  ihn
direkt  frug,  ob  ich  träume  oder  sein  Bruder  Botho,  der  noch  immer  am
Strande  lustwandele,  meinte  der  Gefragte:  „Die  Sache  wird  auch  mir  unheimlich,
  und  ich  habe  Botho  geraten,  schleunigst  nach  Berlin  abzureisen.“
Am  nächsten  Tage  kehrte  denn  auch  Graf  Botho  Wedel  endlich  von  Norderney
  nach  Berlin  zurück.  Er  machte  mir  vor  seiner  Abreise  einen  Abschiedsbesuch
  und  gab  zu,  daß  er  und  seine  Berliner  Freunde  und  Kollegen  den
Ernst  der  Situation  wohl  nicht  ganz  gewürdigt  hätten.  Im  übrigen  könnten
wir  guten  Mutes  sein:  England  werde  nach  dem,  was  er  aus  Berlin  höre,
bestimmt  neutral  bleiben,  Italien  und  Rumänien  würden  mit  uns  gehen.
Dieser  helläugige  Diplomat  ist,  nachdem  er  solche  Proben  von  Perspikazität
abgelegt  hatte,  drei  Jahre  später  Botschafter  in  Wien  geworden,  wo  er  sich
von  Kaiser  Karl,  der  Kaiserin  Zita,  der  Herzogin  von  Parma  und  der  Erzherzogin
  Maria  Josefa  in  ebenso  naiver  Weise  düpieren  ließ,  wie  er  sich
selbst  im  Sommer  1914  über  die  Weltlage  getäuscht  hatte.
        <pb n="188" />
        Ballin  in
Hamburg  bei
Bülow

Karl  Ulrich
von  Bülow  }

142  DIE  KRIEGSERKLÄRUNGEN

Als  mir  die  gleichzeitig  mit  uns  in  Norderney  weilende  Schwester  des
Kaisers,  die  Prinzeß  Victoria  von  Schaumburg-Lippe,  sagte,  ihre  Schwägerin,
  die  Kaiserin,  habe  ihr  auf  eine  Anfrage  telegraphisch  erwidert,  die
Lage  sei  „eine  recht  ernste“,  verließ  ich  mit  meiner  Frau  die  geliebte  Insel,
die  ich  nicht  wiedersehen  sollte.  Am  1.  August  erklärten  wir  Rußland  den
Krieg.  In  Hamburg  erhielt  ich  im  Hotel  Atlantic,  wo  wir  abstiegen,  sogleich
den  Besuch  von  Albert  Ballin.  Er  war  erschüttert,  nicht  nur  durch  den
Krieg,  sondern  fast  noch  mehr  durch  die  „enorme  Ungeschicklichkeit‘‘,  mit
der  wirin  den  Krieg  „hineingetapert‘‘  wären  und  die  Böses  für  den  weiteren
Gang  der  Ereignisse  voraussehen  ließe,  falls  der  Kutscher  Bethmann  auf
dem  Bock  bliebe.  Am  3.  August  erfolgte  unsere  Kriegserklärung  an  Frankreich.
  Am  4.  August  wurde  ich  von  dem  damaligen  Chefredakteur  des
„Hamburgischen  Correspondenten“,  Herrn  von  Eckardt,  angeklingelt.  Er
telephonierte  mir,  daß  England  uns  den  Krieg  erklärt  habe.  Ich  antwortete:
„Das  wird  der  Nibelungen  Not!“  Am  nächsten  Morgen  erzählten  mir  Hamburger
  Journalisten,  das  Pressebüro  des  Auswärtigen  Amtes  habe  bis  zum
1.  August  an  die  Hamburger  Blätter  telephoniert,  sie  möchten  Frankreich
und  England  schonen,  da  „gute  Aussicht“  wäre,  daß  beide  Westmächte
neutral  blieben.  Noch  am  3.  August  hatte  die  Hamburger  Presse  aus  Berlin
die  Weisung  bekommen,  wenigstens  gegen  England  nichts  zu  bringen,  das
„höchstwahrscheinlich‘‘  wohlwollende  Neutralität  bewahren  würde.  Ob
diese  Direktiven  bewußte  Unwahrheiten  waren  oder  völliger  Verkennung
der  Lage  entsprangen,  habe  ich  nicht  ermitteln  können.

Am  6.  August  erhielt  ich  noch  in  Hamburg  die  Nachricht,  daß  mein
Bruder,  der  General  Karl  Ulrich  von  Bülow,  Führer  einer  Kavallerie-Division,
  vor  Lüttich  gefallen  sei,  getroffen  von  der  Kugel  eines  Franktireurs.
  Er  war  ein  hervorragend  tüchtiger  Offizier,  von  klarem  und  scharfem
  Verstand,  gleich  gewandt  mit  der  Feder  wie  mit  dem  Wort,  sah  ungewöhnlich
  gut  aus,  war  ein  ausgezeichneter  Reiter,  kühn  und  unerschrocken.
  In  dem  Briefe,  in  dem  mir  anläßlich  des  Todes  meines  Bruders
mein  Nachfolger  Bethmann  Hollweg  sein  Beileid  aussprach,  hieß  es:
„Wenig  Menschen  habe  ich  gekannt,  bei  denen  sich  Geist  und  Charakter  zu
einem  so  harmonischen  Ganzen  zusammenschlossen:  x@Aög  zal  dyasöc.“
Karl  Ulrich  hatte  schon  als  junger  Offhizier  bei  den  1.  Gardeulanen  die  Aufmerksamkeit
  seines  damaligen  Kommandeurs,  des  späteren  Feldmarschalls
und  Chefs  des  Generalstabs,  des  Grafen  Alfred  Schlieffen,  auf  sich  gezogen,
der  ihn  mir  gegenüber  als  „eine  Hoffnung  der  Armee“  bezeichnete  „nach
Schneid  und  Begabung“.  Er  war  ein  guter  Militärattache  in  Wien  gewesen,
später  ein  glänzender  Kommandeur  der  2.  Gardeulanen.  Nach  seinem  allzu
frühen  Tode,  er  war  noch  nicht  zweiundfünfzig,  tauchte,  wohl  infolge  der
damals  überall,  auch  an  der  Front,  herrschenden  Aufregung,  das  Gerücht
        <pb n="189" />
        EIN  AUFRUF  143

auf,  er  habe  Hand  an  sich  selbst  gelegt.  Durch  eine  kaum  begreifliche  Kopflosigkeit
  kam  eine  solche  Meldung  auch  an  mich,  den  sie  natürlich  tief
schmerzte.  In  diesen  bangen  Stunden  war  mir  der  damalige  Prediger  an  der
Dreifaltigkeitskirche,  Lahusen,  mit  dem  mich  langjährige  freundschaftliche
Beziehungen  verbanden,  ein  wahrhaft  frommer  und  dabei  milder  und  feinfühlender
  Geistlicher,  ein  Trost  und  eine  Stütze.  Später  stellte  sich  die
völlige  Grundlosigkeit  jenes  Gerüchtes  heraus.  Der  Ordonnanzoffizier
meines  Bruders,  Leutnant  von  Seydlitz,  sagte  mir,  daß  er  seinen  General
wenige  Minuten  vor  dessen  Tode  in  bester  Stimmung  auf  einer  Bank
sitzend  angetroffen  hätte.  Er  habe  mit  ihm  gutmütige  Scherze  über  ein  mit
Honig  und  Butter  bestrichenes  Brot  gemacht,  das  ihm  eine  Bäuerin  gegeben
batte  und  das  er  mit  gutem  Appetit  verzehrte.  Mein  Bruder  hatte  sich  bei
diesem  Anlaß  tadelnd  darüber  ausgesprochen,  daß  von  unseren  Truppen
am  Tage  vorher  eine  Anzahl  belgische  Geistliche  im  Talar  erschossen
worden  wären.  Er  habe  Befehl  gegeben,  keinen  Priester  kurzerhand  zu  erschießen,
  sondern  sie,  sofern  sie  im  Verdacht  stünden,  die  Bevölkerung  aufzuhetzen,
  zu  genauer  Prüfung  und  eventueller  Aburteilung  nach  Aachen  zu
schicken.  Einige  Minuten  später  habe  der  General  ein  nicht  weit  entferntes
Wäldchen  aufgesucht.  Man  hätte  einen  Schuß  gehört  und  die  Leiche  auf
dem  Rücken  liegend  gefunden,  in  der  Hand  einen  Revolver,  in  dem  eine
Patrone  fehlte.  In  demselben  Wäldchen  wurde  zwei  Stunden  später  Leutnant
  von  Seydlitz  selbst  durch  eine  von  einem  Franktireur,  der  gefaßt
wurde,  von  einem  Baum  aus  abgefeuerte  Kugel  schwer  am  Fuß  verletzt.
Als  die  Leiche  meines  Bruders  in  Berlin  eintraf,  habe  ich  den  Sarg  öffnen
und  die  Schußwunde  durch  den  Direktor  der  Königlichen  Charite,  Geheimen
  Regierungsrat  Pütter,  untersuchen  lassen.  Er  meldete  mir,  daß  die
tödliche  Wunde  nur  von  einem  Flintenschuß  herrühren  könne,  für  eine
Revolverkugel  sei  sie  viel  zu  groß.  Die  Kugel  wäre  hinter  dem  linken  Ohr
eingedrungen.  Es  sei  ausgeschlossen,  daß  sich  der  General  mit  dem
Revolver,  den  er  in  der  rechten  Hand  hielt,  die  tödliche  Wunde  hinter  dem
linken  Ohr  hätte  beibringen  können.  Offenbar  habe  er  in  dem  Augenblick,
wo  der  Schuß  gefallen  war,  seinerseits  instinktiv  gefeuert.  Jedenfalls  beseitige
  die  sorgfältige  Untersuchung  der  Wunde  auch  den  letzten  Schatten
des  Geredes  von  einem  Selbstmord.  Ich  füge  hinzu,  daß  der  General  Karl
Ulrich  Bülow  ein  fröhlicher  Mann  von  heiterer  Gemütsart  war,  mens  sana
in  corpore  sano,  und  daß  eine  schöne  Zukunft  vor  ihm  lag.

Am  Tage  nachdem  ich  die  Nachricht  vom  Tode  meines  Bruders  erhalten
hatte,  wandten  sich  Hamburger  Freunde  mit  der  Bitte  an  mich,  in  dieser
entscheidungsvollen  Stunde  und  in  so  schwerer  Zeit  durch  das  Sprachrohr
des  alten  Bismarckblattes,  durch  die  „Hamburger  Nachrichten“,  einen
Aufruf  an  Hamburg  und  über  das  Weichbild  Hamburgs  hinaus  an  unser

Kundgebung
Bülows  zum
Kriegsbeginn
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        144  DER  PLATZ  IN  DER  WELT

Volk  zu  richten.  In  meiner  Kundgebung  vom  6.  August  1914  sagte  ich:
„Am  ersten  April  1885,  am  70.  Geburtstage  des  Fürsten  Bismarck,  hörte
ich,  wie  der  gewaltige  Kanzler  zu  seinem  Sohne  Herbert  sagte:  ‚Die  großen
Erfolge  meines  Lebens  verdanke  ich  im  Grunde  dem,  daß  ich  mich  immer
an  den  Vers  gehalten  habe:

„Und  setzet  ihr  nicht  das  Leben  ein,
Nie  wird  euch  das  Leben  gewonnen  sein.“

Diese  Worte  des  Schillerschen  Reiterliedes  gelten  in  diesem  Augenblick
für  jeden  Deutschen,  sie  gelten  für  die  ganze  Nation.  Heute  geht  es  um
Haus  und  Hof,  um  Gegenwart  und  Zukunft,  um  die  materiellen  und  um
die  viel  kostbareren  ideellen  Güter.  Es  geht  um  alles:  um  die  Früchte  von
1870,  um  das,  was  unsere  Väter  vor  hundert  Jahren  erkämpften,  es  geht
nicht  nur  um  das  junge  Reich,  unter  dessen  Schutz  wir  seit  dreiundvierzig
Jahren  leben,  es  geht  auch  um  das  alte  Preußen,  für  das  der  große  König
sieben  Jahre  im  Felde  stand,  es  geht  um  die  ganze  ruhmvolle  deutsche  Vergangenheit
  bis  in  die  fernsten  Tage  unserer  zweitausendjährigen  Geschichte.
Für  das  alles  kämpfen  wir  heute.  Es  kann  nicht  sein  und  wird  nicht  sein,
daß  soviel  Heldenkraft  und  Opfermut,  soviel  Wille  und  Geist,  wie  sie  aus
unserer  Geschichte  sprechen,  umsonst  aufgewandt  sein  sollen.  Nicht  vergeblich
  haben  große  und  edle  Geister  für  uns  gedacht  und  gekämpft,  gearbeitet
  und  gelitten.  Hcer  und  Flotte  werden  sich  schlagen,  wie  sich  seit
den  Tagen  des  Cheruskers  bis  Leuthen,  Leipzig  und  Sedan  der  Deutsche
immer  und  überall  geschlagen  hat.  Die  Nation  muß  mit  unbeugsamem
Willen,  unerschütterlich  und  geschlossen,  ruhig  und  mutig  hinter  unserer
Wehrmacht  stehen.  Wir  sind  im  Recht,  wie  wir  es  1870  waren.  Damals  galt
es,  dem  deutschen  Volke  die  Freiheit  zu  erstreiten,  sich  sein  Haus  nach
seinem  eigenen  Ermessen  und  Gutdünken  zu  bauen,  statt  sich  die  Einrichtung
  von  Fremden  vorschreiben  zu  lassen,  wie  im  Westfälischen  Frieden,
  auf  dem  Rastatter  und  Wiener  Kongreß.  Jetzt  handelt  es  sich  darum,
den  Platz  in  der  Welt  zu  behaupten,  auf  den  das  deutsche  Volk  nach  seiner
Gesittung  und  Begabung,  nach  seiner  Arbeitskraft  und  nach  seinen  Leistungen
  für  die  Menschheit  einen  Anspruch  hat,  den  Platz,  den  man  uns
nicht  gönnt  und  bestreiten  will.  Je  mehr  Feinde  uns  umgeben,  je  widerwärtiger
  Ungerechtigkeit,  Haß  und  vor  allem  Neid  emporzüngeln  und  sich
gegen  uns  wenden,  um  so  fester  sei  unser  Mut.  Denken  wir  an  die  erhabene
Gestalt  unseres  alten  Kaisers,  blicken  wir  auf  Bismarck,  wie  er,  die  Hände
um  den  Griff  des  Schwertes  gelegt,  über  dem  Hamburger  Hafen  steht.  Erinnern
  wir  uns  an  alles,  was  die  Propheten  und  Herolde  der  nationalen  Idee
von  Körner,  Arndt  und  Fichte  bis  zu  Treitschke  uns  gelehrt  und  verkündigt
  haben.  Denken  wir  an  das  Ziel,  das  wir  erreichen  müssen:  einen
        <pb n="191" />
        AN  DIE  MAJESTÄT  145

'
Frieden,  wert  der  ungeheuren  Opfer,  die  das  Vaterland  in  dieser  Stunde
fordert.  Den  Blick  auf  das  Ziel  gerichtet,  lassen  wir  uns  weder  durch  Erfolge,
  die  Gott  geben  möge,  in  Sicherheit  wiegen,  noch  durch  Mißerfolge,
die  Gott  verhüte,  entmutigen.  Noch  nie  war  ein  Volk  verloren,  das  sich
nicht  selbst  aufgab.  Noch  nie  ist  das  deutsche  Volk  unterlegen,  wenn  es
einig  war.  Heute  sind  wir  einig,  dank  dem  Reifen,  den  Bismarck  uns  geschmiedcet
  hat,  dank  auch  dem  Haß  unserer  Feinde,  der  uns  noch  fester
zusammenhämmert.  Die  Unterschiede  der  Parteien  sind  verschwunden.
Wir  empfinden  jetzt,  wie  gering  diese  Unterschiede  sind,  gemessen  an  dem,
was  uns  gemeinsam  ist.  Die  Haltung  des  deutschen  Volkes  in  diesem  Augenblick,
  wo  plötzlich  und  unvermutet  ein  schweres  Gewitter  über  uns  niedergeht,
  ist  über  jedes  Lob  erhaben.  Das  anzuerkennen,  ist  nicht  nur  die  Pflicht
der  Regierungen,  die  Pflicht  der  Welt,  wenn  sie  gerecht  sein  will,  es  ist  auch
die  Pflicht  aller  derjenigen,  denen  deutsche  Eigenarten,  die  uns  in  der  Vergangenheit
  Schaden  brachten,  Sorgen  für  die  Zukunft  einflößten.  Heute
müssen  sich  alle  neigen  vor  der  Größe  des  deutschen  Volkes.  Und  wenn  die
Welt  voll  Teufel  wär’,  unser  Volk  wird  seinen  Platz  an  der  Sonne  verteidigen
  und  behaupten.“  Der  regierende  Bürgermeister  der  alten  und  freien
Hansestadt,  Dr.  v.  Melle,  schrieb  mir  am  nächsten  Tag:  „Eurer  Durchlaucht
  drängt  es  mich  aus  vollem  Herzen  zu  danken  für  die  erhebenden,
mannhaften,  echt  deutschen  Worte,  die  Sie  in  schwerer  Stunde  an  Ihre
Hamburger  Freunde  gerichtet  haben.  Sie  werden  einen  lauten  Widerhall
finden,  denn  sie  bringen  in  schönster  Weise  zum  Ausdruck,  was  alle  in
diesen  weltgeschichtlichen  Tagen  empfinden.  Möge  es  Deutschland  nie  an
geistigen  Führern  fehlen,  die  so  aus  einem  innersten  Herzen  heraus  zu  ihm
zu  reden  wissen.“

Von  Hamburg  begab  ich  mich  mit  meiner  Frau  nach  Berlin.  Dort  eingetroffen,
  schrieb  ich  einen  kurzen  Brief  an  den  Kaiser,  in  dem  ich  ihm
sagte,  daß  in  dieser  entscheidungsvollen  Stunde  mein  ganzes  Herz  mit  ihm
sei.  Er  könne  versichert  sein,  daß  aus  keinem  preußischen  und  deutschen
Herzen  heißere  und  treuere  Wünsche  für  die  Armee,  für  das  Vaterland  und
für  ihn  zu  Gott  emporstiegen  als  aus  dem  meinen.  „Gott  sei  mit  unseren
Fahnen  und  gebe  Eurer  Majestät  Sieg  und  Ruhm.  Das  ist  mein  innigster
und  treuer  Wunsch.“  Meine  Frau,  der  gegenüber  Wilhelm  II.  immer  von
gleicher  Freundlichkeit  und  Güte  geblieben  war,  schrieb  ihm:  „Majestät!
In  dieser  ernsten,  feierlichen  Stunde,  die  unser  aller  Herzen  so  tief  bewegt,
ist  es  mir  ein  Bedürfnis,  Eurer  Majestät  zu  sagen,  wie  warm  und  treu  mein
Herz  für  Sie  und  für  die  geliebte  deutsche  Heimat  schlägt!  Meine  ganze
Seele  ist  erfüllt  von  Hingebung  für  unsern  kaiserlichen  Herro,  mit  dem
mich  nicht  allein  patriotische  Begeisterung,  sondern  so  vicle  liebe  Erinnerungen
  an  vergangene  Zeiten,  an  ernste  und  fröhliche  Stunden  verbinden.

10  Bülow  IU

Brief  an  den
Kaiser
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        Audienz  im

Schloßhof

146  NACH  ROM?

Ich  habe  Eure  Majestät  als  jungen  Prinzen  gekannt,  und  seitdem  ist  kein
Tag  vergangen,  wo  ich  nicht  mit  wahrer,  hingebender  Anhänglichkeit  Ihrer
gedacht  habe,  und  stets  mit  dem  Wunsch,  daß  Glück,  Segen  und  Ruhm
Eure  Majestät  begleiten  mögen  mitten  in  allen  Gefahren  und  Schicksalen,
die  ein  so  hoher  Herr  durchlebt.  Das  weiß  ich  sicher,  daß  keiner  sich  mehr
freuen  wird  als  ich,  wenn  Eure  Majestät  siegreich,  ruhmvoll  und  würdig
Ihrer  großen  Ahnen,  Ihre  Feinde  besiegen.  Eure  Majestät,  Ihre  Majestät
unsere  geliebte  Kaiserin  und  die  lieben  Prinzen  sind  von  unser  aller
heißester  Liebe  und  Segenswünschen  umgeben.  In  alter  Treue  Marie
Bülow.“

Der  Kaiser  befahl  mich  für  den  nächsten  Tag  nach  dem  Schloß,  wo  er
mich  im  großen  Schloßhof  empfing.  Ich  war  bis  ins  Innerste  ergriffen,
als  ich  sein  bleiches,  erschrockenes,  ich  möchte  sagen  verstörtes  Antlitz  erblickte.
  Er  sah  erregt  und  dabei  doch  abgespannt  aus.  Die  Augen  flackerten
unruhig.  Er  schien  mir  um  zehn  Jahre  gealtert,  seitdem  ich  ihn  fünf  Jahre
früher,  wenige  Monate  nach  meinem  Rücktritt,  zum  letztenmal  im  Neuen
Palais  gesehen  hatte.  Er  legte  mir  in  freundlicher  Weise,  nach  alter  Gewohnheit,
  seinen  Arm  um  die  Schulter  und  begann  mit  der  Bemerkung,
daß  die  „fürchterlichen‘  Ereignisse  der  letzten  vierzehn  Tage  ihn  auch
körperlich  sehr  mitgenommen  hätten.  Er  habe,  in  Berlin  angekommen,
vierundzwanzig  Stunden  das  Bett  hüten  müssen.  „A  little  nerves  rest
cure“,  fügte  er  mit  trübem  Lächeln  hinzu.  Er  sprach  mir  sehr  herzlich  sein
Beileid  zum  Tode  meines  Bruders  Karl  Ulrich  aus,  dem  er  stets  ein  gutes
Andenken  bewahren  werde  als  einem  hervorragend  tüchtigen  Offizier.  Dann
erzählte  er  mir,  er  habe  bei  Reichskanzler  und  Staatssekretär  des  Äußern
angeregt,  ob  sie  mich  nicht  bitten  sollten,  die  Leitung  der  deutschen  Botschaft
  in  Rom  zu  übernehmen.  „Es  ist  eigentlich  eine  starke  Zumutung  an
Sie,  daß  Sie  als  gewesener  langjähriger  Reichskanzler  wieder  einen  Posten
übernehmen  sollen,  den  Sie  schon  vor  zwanzig  Jahren  bekleidet  haben.  Es
ist  das  so,  als  ob  man  einen  Feldmarschall  bitten  wollte,  wieder  eine  Division
  zu  führen,  Aber  ich  denke,  Sie  werden  es  tun,  wenn  Sie  mir  damit  einen
Dienst  erweisen.“  Ich  erklärte  mich  sofort  zu  allem  bereit.  Nicht  ohne  Verlegenheit
  fuhr  der  Kaiser  fort:  „Der  Kanzler  hat  mir  erklärt,  er  müsse  darauf
  bestehen,  daß  der  ihm  persönlich  nahestehende  Herr  von  Flotow  nicht
abberufen  werde,  sondern,  selbst  wenn  Sie  jetzt  nach  Rom  gingen,  als  Botschafter
  weiter  fungiere.  Er  hätte  aber  nichts  dagegen,  daß  auch  Sie  nach
Rom  führen  und  sich  dort  Flotow  nützlich  machten.‘  Ich  entgegnete,  daB
ich  selbstverständlich  jede  Eigenliebe,  die  in  diesem  Falle  und  in  unserer
Lage  erbärmlich  sein  würde,  aus  dem  Spiele  ließe.  Wenn  aber  die  Führung
der  Botschaft  nicht  in  meine  Hände  gelegt  würde,  könnte  ich  unmöglich
helfen.  Ein  solches  Condominium  würde  nur  zu  Mißverständnissen  und
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        DAS  GORGONENHAUPT  147

Quertreibereien  führen.  Kein  Mensch  würde  es  verstehen,  warum  ich  im
August  ohne  amtliche  Funktion,  ohne  klar  umschriebene  Mission  Rom  aufsuche,
  wo  ich,  seitdem  ich  Privatmann  sei,  nie  den  Hochsommer  verlebt
hätte.  Unter  solchen  Umständen  könnte  meine  Anwesenheit  in  Rom  nur
schaden,  jedenfalls  nichts  nützen.  „Das  habe  ich  mir  gleich  gedacht“,
meinte  der  Kaiser,  „ich  habe  das  auch  Bethmann  und  Jagow  geantwortet.
  Unter  uns  gesagt,  die  beiden  haben  gar  keine  Lust,  Sie  nach  Rom
zu  schicken,  da  müssen  wir  wohl  den  Gedanken  aufgeben.‘  Die  eigentliche
Frage  selbst,  die  Frage,  wie  wir  operieren  müßten,  um  Italien  und  Rumänien
  an  der  Stange  zu  halten,  berührte  der  Kaiser  mit  keinem  Wort.  Offenbar
  war  er  sorgsam  von  Bethmann  instruiert  worden,  der  fürchten  mochte,
ich  könne  die  nach  seiner  Meinung  fein  gelegten  Netze  seiner  Politik  stören.
Als  der  Chef  des  Generalstabes,  der  Generaloberst  von  Moltke,  dem
Kaiser  gemeldet  wurde,  entließ  er  mich  mit  freundschaftlichem  Händedruck.
  Nachdem  er  fortgegangen  war,  drehte  er  sich  noch  einmal  um  und
winkte  mir  zu,  mit  demselben  traurigen  Gesicht,  mit  dem  er  mich  begrüßt
hatte.  In  der  Ferne  sah  ich  die  hohe  Gestalt  und  das  gleichfalls  kummervolle
  Gesicht  des  Generalobersten  von  Moltke.  Die  alten  Griechen  würden
von  beiden,  vom  Kaiser  und  vom  Generalstabschef,  gesagt  haben:  sie  sähen
aus,  als  ob  sie  das  Haupt  der  Medusa  erblickt  hätten,  das  schrecklich
blickende  Gorgonenhaupt,  das  sich  auf  der  Ägis  befindet,  auf  dem  von
Hephästos  geschmiedeten  Schilde  des  Zeus,  den  der  Vater  der  Götter  und
Menschen  schüttelt,  wenn  er  Sturm  und  Entsetzen  erregen  will.

Am  nächsten  Tage  suchte  ich  meinen  Nachfolger  auf.  Unmittelbar  vorher
  war  die  Fürstin  Marie  Radziwill  bei  uns  gewesen.  Eine  Tochter  des
französischen  Marschalls  Castellane,  war  sie  in  früher  Jugend  nach  Berlin
gekommen,  aber  immer  Französin  geblieben.  Ihr  Gatte,  der  Fürst  Anton
Radziwill,  der  Enkel  einer  preußischen  Prinzessin  und  Großneffe  des  heldenhaften
  Prinzen  Louis  Ferdinand,  hatte  erst  als  Adjutant,  später  als  Generaladjutant
  dem  alten  Kaiser  Wilhelm  nahegestanden.  Durch  ihn  hatte
Kaiser  Wilhelm  I.  in  Ems  unmittelbar  vor  dem  Ausbruch  des  Krieges  mit
Frankreich  dem  französischen  Botschafter  Benedetti  mitteilen  lassen,  er
habe  ihm  weiter  nichts  zu  sagen.  Kaum  bei  uns  in  den  Salon  eingetreten,
brach  die  Fürstin  Radziwill  in  Tränen  aus.  Sie  habe  schon  einmal,  vierundvierzig
  Jahre  früher,  einen  deutsch-französischen  Krieg  erlebt  und  sei  dadurch
  in  schmerzliche  Seelenkonflikte  gekommen.  Jetzt  aber  würde  es  noch
viel  schlimmer  werden:  ihre  älteste  Tochter,  Betka,  sei  mit  dem  österreichisch-polnischen
  Grafen  Roman  Potocki  verheiratet,  ihre  andere
Tochter,  Helene,  mit  dessen  jüngeren  Bruder,  dem  russisch-polnischen
Grafen  Joseph  Potocki.  Ein  Sohn  von  ihr  sei  wegen  der  russischen
Besitzungen  der  Familie  Radziwill  in  russischen  Militärdienst  getreten.

10°

Im  Reichskanzlerpalais
        <pb n="194" />
        148  „JA,  WER  DAS  WÜSSTEI“

Französische  Verwandte  föchten  im  französischen  Heer.  Was  sie  aus  Frankreich
  höre,  erschrecke  sie.  Die  Erregung,  der  Haß,  die  Wut  gegen
Deutschland  wären  dort  weit  ärger  als  1870.  Die  allgemeine  Parole  sei:
„Cette  fois  nous  les  tenons,  ce  sera  la  grande  revanche!“

Eine  Stunde  nach  dem  Besuch  der  Fürstin  Radziwill  empfing  mich  Bethmann
  Hollweg  im  Gartensalon  des  Reichskanzlerpalais,  der  in  Bismarckscher
  Zeit  als  Billardzimmer  gedient  hatte  und  später.in  einen  Büroraum
verwandelt  wurde,  in  dem  im  IHochsommer  die  Reichskanzler  zu  arbeiten
pflegten.  Bethmann  stand  mitten  im  Zimmer.  Sein  Blick,  der  Ausdruck
seiner  Augen  bleibt  mir  unvergeßlich.  Im  3.  Buch  Mose  wird  von  dem
Sündenbock  gesprochen,  dem  Aaron  seine  beiden  Hände  auf  das  Haupt
legt  und  auf  den  er  alle  Missetat  der  Kinder  Israel  bekennt,  alle  ihre  Übertretungen,
  alle  ihre  Sünden,  um  ihn  dann  in  die  Wüste  laufen  zu  lassen.
„Daß  also  der  Bock  alle  ihre  Missetat  auf  sich  in  eine  Wildnis  trage;  und
man  lasse  ilın  in  der  Wildnis.“  Es  gibt  ein  berühmtes  Bild,  wenn  ich  nicht
irre,  von  einem  englischen  Maler,  das  diesen  unglücklichen  Bock  darstellt,
mit  einem  unbeschreiblich  hilflosen  und  traurigen  Ausdruck  der  Augen.
Aus  dem  Blick  von  Bethmann  sprach  Ähnliches.  Wir  schwiegen  beide.
Dann  frug  ich  ihn:  „Nun  sagen  Sie  mir  bloß,  wie  ist  dies  alles  gekommen  ?“
Bethmann  hob  seine  langen  Arme  gen  Himmel,  dann  antwortete  er  mit
dumpfer  Stimme:  „Ja,  wer  das  wüßte!“  Bei  den  Diskussionen  über  die
Schuldfrage  habe  ich  bisweilen  bedauert,  daß  nicht  eine  Momentaufnahme
des  deutschen  Kriegskanzlers  vom  Sommer  1914  gemacht  wurde  in  dem
Augenblick,  in  dem  er  so  zu  mir  sprach.  Ein  solches  Bild  würde  den  besten
Beweis  dafür  liefern,  daß  dieser  unglückselige  Mann  den  Krieg  nicht  gewollt
  hat.

Nachdem  er  sich  einigermaßen  gefaßt  hatte,  sagte  er  mir  mit  raschen,
sich  überstürzenden  Worten:  „Es  wird  ein  heftiges,  aber  kurzes,  sehr  kurzes
Gewitter  werden.  Ich  rechne  mit  einer  Kriegsdauer  von  drei,  höchstens  von
vier  Monaten  und  habe  darauf  meine  Politik  eingestellt.  Und  dann  hoffe
ich,  trotz  dem  Krieg  und  gerade  durch  den  Krieg  zu  einem  wirklich  freundschaftlichen,
  vertrauensvollen,  loyalen  Verhältnis  zu  England  zu  kommen
Gruppierung  wäre  ja  die  beste  Garantie  gegen  die  von  dem  barbarischen
russischen  Koloß  der  europäischen  Zivilisation  drohenden  Gefahren.  Ich
habe  die  Ehre  gehabt,  unter  Ihnen,  hochverehrter  Fürst,  den  innerpolitischen
  Block  zwischen  Konservativen  und  Liberalen  mitzumachen.  Jetzt
gilt  es  noch  edleren  Zielen!  Ich  darf  es  sagen:  Ein  außenpolitischer  Kulturblock
  zwischen  England,  Deutschland  und  Frankreich  wird  noch  bedeutungsvoller,
  wohltätiger  und  ersprießlicher  sein.“  Erstaunt,  ja  bestürzt
durch  eine  solche  Verkennung  der  tatsächlichen  Lage,  erzählte  ich  Beth-
        <pb n="195" />
        VERBLENDUNG  149

mann  von  der  Stimmung,  in  der  ich  kaum  eine  Stunde  früher  die  Fürstin
Marie  Radziwill  gesehen  hatte.  Bethmann,  der  inzwischen  sein  Gleichgewicht
  wiedergefunden  hatte,  meinte  lächelnd:  „Hochverehrter  Fürst,
hoffen  wir,  daß  die  erregbare  und  trotz  ihres  hohen  Alters  noch  immer  allzu
hitzige  Fürstin  sich  recht  bald  beruhigen  wird  und  ihre  früheren  Landsleute,
  die  Franzosen,  mit  ihr.  Vor  allem  mit  England  erscheint  mir,  bei  entsprechender
  deutscher  Politik,  eine  rasche  Wiederaussöhnung  iu  keiner
Weise  ausgeschlossen.  Unser  Kaiser  ist  ja  noch  schr  erbost  gegen  die  Engländer,
  aber  ich  hoffe,  wir  werden  Seine  Majestät  allmählich  kalmieren.“

Wenn  ich  heute  an  diese  Äußerungen  des  Kanzlers  von  1914  zurückdenke,
so  frage  ich  mich,  ob  in  ihnen  die  wirkliche  Denkweise  von  Bethmann  zutage
  trat,  oder  ob  er  nur  die  von  ihm  begangenen  schweren  diplomatischen
Febler  nicht  zugeben  wollte.  Es  ist  aber  zweifellos,  daß  Bethmann  im
August  1914  so  dachte,  wie  er  zu  mir  sprach.  Als  weiteren  Beleg  für  seine
Mentalität  möchte  ich  eine  Stelle  aus  den  im  übrigen  dürftigen  Memoiren
anführen,  die  Baron  Schön  nach  dem  Kriege,  1921,  unter  dem  Titel:  „Erlebtes“
  publizierte.  Schön,  der  von  1910  bis  zum  Ausbruch  des  Weltkrieges
Botschafter  in  Paris  war,  erzählt,  er  habe  sich  nach  seinem  Eintreffen  aus
Paris  in  Berlin  bei  dem  Reichskanzler  gemeldet.  Dieser,  der  am  Tage  vorher
die  englische  Kriegserklärung  entgegengenommen  hatte,  habe  ihn,  den  aus
Paris  heimkehrenden  Botschafter,  gefragt,  ob  er  glaube,  daß  für  Deutschland
  ein  Bündnis  mit  Frankreich  zu  erreichen  sein  dürfte.  Er,  der  Botschafter,
  der  vierundzwanzig  Stunden  vorher  das  von  Kriegsfieber,  Kriegslust
  und  Haß  gegen  uns  geschüttelte  Frankreich  verlassen  hatte,  habe  erwidert:
  Ein  deutsch-französisches  Bündnis  scheine  ihm  unter  zwei  Voraussetzungen
  denkbar:  erstens,  daß  Deutschland  den  Krieg  nicht  in  französisches
  Land  trage;  zweitens,  daB  wir  Frankreich  sehr  glimpflich  behandelten,
  vor  allem  im  Ehrenpunkt,  vielleicht  ihm  sogar  eine  Grenzberichtigung
  auf  lothringischem  Boden  einräumten.  Die  Verblendung  von  Kanzler
und  Botschafter  erinnerte  mich  an  die  Illusionen,  mit  denen  1870  Gramont
gegen  Deutschland  ins  Feld  gezogen  war.  Als  unser  damaliger  Botschafter
in  Paris,  der  Freiherr  von  Werther,  vor  seiner  Abreise  von  dem  französischen
  Minister  des  Äußern,  dem  Herzog  von  Gramont,  Abschied  nahm,
hatte  ihm  dieser  die  Hand  mit  den  freundlichen,  tröstenden  Worten  gereicht:
  „Nous  nous  reverrons  bientöt,  mon  cher  Baron.  Nos  souverains  se
livreront  quelques  galantes  batailles,  puis  ils  s’embrasseront  et  nous  redeviendrons
  les  meilleurs  amis  du  monde.“

Im  Hochsommer  1914  bewegte  sich  auch  unser  Botschafter  in  London,
Fürst  Lichnowsky,  selbst  nach  dem  Ausbruch  des  Krieges  in  kindlichen
Illusionen.  Als  bereits  englische  Truppen  gegen  uns  im  Felde  standen,
erhielt  ich  einen  Brief  von  ihn,  in  dem  er  ınir  schrieb,  ich  könne  mir  gewiß
        <pb n="196" />
        Beihmanns
Biograph

150  PASTOR  KÖTSCHKE

denken,  wie  sehr  er  bei  dem  Zusammenbruch  alles  dessen  leide,  was  er  in
der  kurzen  Zeit  seiner  Londoner  Wirksamkeit  bereits  erreicht  hätte.  Er
hoffe  aber  doch,  nicht  vergeblich  gearbeitet  zu  haben,  und  meine,  daß  es
ihm  bald  möglich  sein  werde,  dort  wieder  anzuknüpfen,  wo  er  stehengeblieben
  sei.  Die  Stimmung  dafür  sei  in  England  nicht  ungünstig,  ihm
persönlich  gegenüber  sogar  günstig,  denn  er  habe  sich  in  England  eine
schöne  Stellung  gemacht  und  erfreuc  sich  dort  allgemeiner  Beliebtheit.

Unsere  jammervolle  diplomatische  Führung  in  den  kritischen  Tagen  von
1914  und  insbesondere  der  damalige  Geisteszustand  des  leitenden  Staatsmannes
  treten  vielleicht  am  deutlichsten  in  einem  wenig  bekannten  Werk
über  Bethmann  Hollweg  hervor.  Das  „Unser  Reichskanzler,  sein  Leben  und
Wirken“  betitelte  Buch  ist  verfaßt  von  einem  Pastor  Kötschke.  Es  ist
zweifellos  auf  Grund  von  Material  geschrieben,  das  dem  Autor  von  der
Familie  Bethmann  zur  Verfügung  gestellt  wurde.  Darauf  deuten  die  genauen
  Angaben  über  die  Jugend,  die  Gymnasial-  und  Studentenzeit,  die
Familien-  und  selbst  die  Vermögensverhältnisse  des  fünften  Kanzlers  hin.
Da  heißt  es  über  jene  Tage,  in  denen  die  Würfel  über  Reich  und  Volk  fielen:
„Der  Kanzler  war  in  großer  Erregung.  Er  hatte  immer  gedacht,  auch  seit
Jahren  darauf  hingearbeitet,  daß  England  neutral  bleiben  sollte,  wenn’s
doch  einmal  einen  Krieg  gäbe.  Die  mühevolle,  kunstreiche  Arbeit  brach
jetzt  wie  ein  Kartenhaus  zusammen,  wie  er  zu  Herrn  Goschen  äußerte.  Das
war  eine  gräßliche  Stunde,  als  der  englische  Botschafter  zu  unserem  Kanzler
kam.  Das  hätte  nicht  kommen  dürfen!  Diese  Nacht  war  unheimlich.  Wie
hätte  man  aber  die  Politik  anders  machen  sollen,  meinte  der  Kanzler.  Ich
wüßte  nicht,  wie  ich  die  Staatskutsche  sonst  hätte  lenken  sollen.‘  Das
Buch  des  guten  Pastor  Kötschke,  1916  geschrieben,  schließt  mit  der  Prophezeiung,
  daß,  wie  der  erste  Kanzler  in  Friedrichsruh  so  manche  Pilgerschar
  treuer  Verehrer  empfangen  hätte,  auch  der  fünfte  Kanzler,  der  das
deutsche  Volk  so  glücklich  durch  den  Weltkrieg  hindurchsteuere,  vom
Volke  gefeiert  werden  würde.  Dann  werde  es  in  Hohenfinow  heißen:
„Macht  die  Tore  weit!  Sie  kommen,  dem  Vielbekämpften  die  Hand  zu
drücken.‘  Quo  promessa  cadunt  et  somnia  pythagoraea!
        <pb n="197" />
        XI  KAPITEL

Die  deutsche  Politik  unmittelbar  vor  Ausbruch  des  Weltkrieges  -  Stellung  Wilhelms  II.

zum  Kriegsproblem  »  Bethmann  als  Diplomat  »  Seine  Unterredung  mit  dem  englischen

Botschafter  Goschen  +  Staatssekretär  von  Jagow  +  Bericht  des  belgischen  Gesandten

Beyens  +  Wilhelm  Stumm  »  Zimmermann  »  Diego  von  Bergen  »  Wie  war  die  damalige
diplomatische  Lage?

enn  ich  nun  die  Frage  wiederhole,  die  ich  in  jener  unvergeßlichen

Unterredung,  deren  Verlauf  und  Inhalt  ich  mir  notierte,  an  Bethmann
richtete,  wie  eigentlich  alles  gekommen  sei,  so  möchte  ich  eine  Äußerung
an  die  Spitze  stellen,  die  im  Mai  1915,  wenige  Tage  bevor  Italien  den  Österreichern
  den  Krieg  erklärte  und  ich  Rom  verließ,  mein  alter  Freund
Alberto  Pansa  im  Garten  der  Villa  Malta  an  mich  richtete.  Pansa  war
aus  der  Schule  von  Visconti-Venosta  hervorgegangen.  Er  hatte  außer
mehreren  Gesandtschaften,  darunter  Belgrad,  Bukarest  und  Peking,  drei
Botschaften:  Konstantinopel,  London  und  Berlin,  mit  Auszeichnung  geführt.
  Er  verband  Gewissenhaftigkeit  mit  Nüchternheit,  er  war  kein
Pedant,  aber  sachlich  und  gründlich,  nie  aufgeregt,  vorsichtig,  nicht  ängstlich,
  stets  aufmerksamer  Beobachter.  Er  nahm  nach  dem  Rat  von  Thiers
rien  au  tragique,  aber  tout  au  serieux.  Er  sagte  mir  im  Mai  1915:  „Mr.  Bethmann
  et  ses  collaborateurs  ont  &amp;amp;Et&amp;amp;  beaucoup  moins  mechants,  criminels,
sanguinaires,  belliqueux  que  les  ennemis  de  l’Allemagne  ne  le  disent.  Mais
vos  gouvernants  ont  €t€  au  mois  de  Juillet  dernier  cent  mille  fois  plus
betes  qu’aucune  fantaisie  ne  peut  se  le  figurer.  Sans  vouloir  la  guerre  ils
ont  par  leur  maladresse  jete  sur  eux-mömes  et  sur  votre  malheureux  pays
tout  l’odieux  de  cette  Epouvantable  catastrophe.“

Diese  Worte  eines  alten,  erfahrenen  Diplomaten  treffen  den  Nagel  auf
den  Kopf.  Als  Deutscher,  aber  auch  als  Europäer,  der  vieler  Menschen
Städte  gesehen  und  Sitte  gelernt  hat,sage  ich  mit  gutem  Gewissen,  daß
alles  in  allem  das  deutsche  Volk  das  friedlichste  aller  Völker  war  und  ist.
Während  alle  übrigen  Nationen,  die  Engländer  und  die  Franzosen,  die
Russen  und  die  Amerikaner,  die  Spanier,  die  Japaner  und  die  Balkanvölker,
  in  den  dreiundvierzig  Jahren,  die  den  Frankfurter  Frieden  von  dem
Beginn  des  Weltkrieges  trennen,  kleinere  und  größere,  zum  Teil  große  und

Die  Frage  der
Kriegsschuld
        <pb n="198" />
        152  DIE  UNGESCHICKTEN

schwere  Kriege  geführt  haben,  wünschte  unser  Volk  nichts  anderes  als,
fern  von  jeder  Eroberungslust  und  allen  abenteuerlichen  Plänen,  das  spät,
das  endlich  geeinigte  Vaterland  in  friedlicher,  fleißiger  und  ruhiger  Arbeit
auszubauen.  Kaiser  Wilhelm  II.  war  in  keiner  Weise  kriegslustig.  Er  war
kriegsscheu.  Seine  kriegerisch  anmutenden  Marginalien  beweisen  nichts.
Mit  solchen  törichten  Renommistereien  wollte  er  den  Geheimräten  im  Auswärtigen
  Amt  imponieren,  wie  er  mit  seinen  drohenden  oder  prahlerischen
Reden  im  Auslande  den  Eindruck  hervorzurufen  wünschte,  daß  er  ein
zweiter  Friedrich  der  Große  oder  Napoleon  I.  wäre.  Niemand  hat  wohl
öfter  und  intimer  als  ich  Gelegenheit  gehabt,  mit  Wilhelm  II.  das  Problem
des  Krieges  zu  erörtern,  zum  Teil  in  Situationen,  die,  wie  in  der  Marokko-Frage
  und  während  der  bosnischen  Krisis,  dieses  Problem  aktuell  erscheinen
  ließen.  Ich  darf  daher  Glauben  für  meine  Behauptung  in  Anspruch
  nehmen,  daß  Wilhelm  II.  niemals  den  Krieg  gewollt  hat,  schon  weil
er  fühlte,  daß  seine  Nerven  ernsten,  wirklich  kritischen  Situationen  nicht
gewachsen  waren.  Sobald  die  Gefahr  eines  großen  Krieges  greifbar  vor  ihn
trat,  fühlte  er,  daß  er  trotz  dem  Marschallstab,  den  er  in  der  Hand  zu  tragen
liebte,  trotz  aller  Schnüre  und  Orden,  mit  denen  er  sich  gern  zierte,  trotz
der  Scheinsiege,  die  er  auf  dem  Manöverfeld  und  beim  Kriegsspiel  dank  der
Konnivenz  der  Schiedsrichter  erfochten  hatte,  ganz  außerstande  war,  auf
dem  Schlachtfelde  zu  führen.  Er  kannte  sehr  wohl  die  Schwäche  seiner
Nerven.  Er  wußte,  daß  er  so  wenig  ein  Feldherr  war,  wie  er,  trotz  seiner
Passion  für  die  Marine,  fähig  gewesen  wäre,  auf  dem  Meere  ein  Geschwader
oder  auch  nur  einen  Kreuzer  zu  führen.  Aber  auch  Bethmann  und  Jagow
haben  den  Krieg  nicht  gewollt.

Ein  ausgezeichneter  französischer  Historiker,  Albert  Sorel,  Verfasser  des
schönen  Werkes  „L’Europe  et  la  Revolution  Frangaise“  schrieb,  als  er  sich
mit  den  Vorarbeiten  für  ein  anderes  Buch:  „Histoire  diplomatique  de  la
guerre  franco-allemande“,  beschäftigte,  an  seine  Mutter:  „J’ai  cherche
consciencieusement,  j’ai  cherche  avec  passion  les  causes  de  nos  malheurs
de  1870,  et  je  suis  arrive  a  cette  conclusion:  Ce  qui  alora  manquait  surtout
chez  nous  ce  fut  l’habilite.““  Im  Sommer  1914  galt  das  für  die  deutsche
Politik.  Sie  lieferte  den  Beweis  dafür,  daß  der  große  Michel  Montaigne  recht
hat,  wenn  er  in  seinen  „Essais“‘  sagt,  que  tous  les  maux  de  ce  monde
viennent  de  l’änerie,  daß  an  allem  Elend  dieser  Welt  die  Eselei  die  Hauptschuld
  trägt.  Die  von  den  damaligen  Leitern  der  deutschen  Politik  begangenen
  Fehler  sind  groß  und  zahlreich.  Wohl  ihr  größter  war,  daß  die  Vorbereitung
  des  Ultimatums  und  die  diplomatische  Behandlung  der  durch
dieses  Ultimatum  hervorgerufenen  Krisis  in  der  Dunkelkammer  vor  sich
gingen.  In  diesem  schicksalsschwersten  Augenblick  der  neueren,  wenn  nicht
der  ganzen  deutschen  Geschichte  lag  die  Leitung  der  deutschen  Geschicke
        <pb n="199" />
        Eigenhändige  Aktennotiz  Bethmann  Hollwegs
an  Jagow  gegen  die  außenpolitische  Führung

durch  Österreich

(Zu  Seite  125)

Ich  halte  eine  klare  Aussprache  in  Wien  für  dringend
erforderlich.  Wien  beginnt  sich  in  seiner  gesamten  Politik
etwas  stark  von  uns  zu  emanzipieren  und  muß  meo  voto
rechtzeitig  am  Zügel  gehalten  werden.

Falls  Sie  zustimmen,  bitte  ich,  mir  den  Erlaß  nach  Wien

vor  Abgang  zur  Kenntnis  vorzulegen.

v.  Beihmann  Hollweg
8/5

(Berlin,  den  8.  Mai  1914)
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        BÜROKRAT  UND  PROFESSOR  153

in  den  Händen  weniger  Männer.  In  erster  Linie  führte  Bethmann  die  mit
dem  Ultimatum  an  Serbien  eingeleitete  Politik.  Bethmann  hatte  mir,  wie
ich  seinerzeit  erzählte,  als  er  meine  Nachfolge  antrat,  mit  redlichem  oder
aufgeblasenem  und  jedenfalls  naivem  Ausdruck  gesagt,  er  habe  der  auswärtigen
  Politik  bisher  fremd  gegenübergestanden.  Er  hoffe  sich  aber  mit
Eifer  und  Fleiß  in  sie  einzuarbeiten.  Er  vergaß  hierbei  die  vom  Fürsten
Bismarck  oft  ausgesprochene  Wahrheit,  daß  die  Diplomatie  kein  IHandwerk
  sei,  das  man  mit  den  Jahren  erlerne;  sie  sei  überhaupt  weniger  eine
Wissenschaft  als  eine  Kunst,  Im  Juli  1914,  wo  er  schon  fünf  Jahre  im  Amte
war,  glaubte  Bethmann  die  diplomatische  Kunst  zu  beherrschen.  „Wer
alles  weiß‘,  sagt  die  Weisheit  der  Brahmanen,  „der  ist  selig  zu  preisen.
Wer  nichts  weiß,  dem  kann  geholfen  werden.  Aber  wer  halb  weiß,  an  dem
wird  Brahma  selbst  zum  Knecht.“  In  Wirklichkeit  war  Bethmann  zu
schwerfälligen  Geistes,  um  je  auf  diplomatischem  Gebiet  glänzen  zu  können.
Weder  sein  Lebensgang  noch  sein  Naturell  qualifizierte  iın  zum  Diplomaten.


Als  ich  im  Kriegswinter  1915—1916  in  Berlin  weilte,  pflegte  ich  oft
meine  Abende  beim  Fürsten  Guido  Henckel-Donnersmarck  zuzubringen,
  dem  ich  während  meiner  Pariser  Dienstzeit,  in  der  ersten  Hälfte
der  achtziger  Jahre  nähergetreten  war.  Er  hatte  inzwischen  seine  erste
Gattin,  die  Paiva,  durch  den  Tod  verloren.  Er  hatte  Paris  verlassen,  er
hatte  sich  rangiert,  er  war  von  Wilhelm  II.,  der  ihn  lange  als  Bismarckianer
gehaßt  und  verfolgt  hatte,  dem  aber  sein  riesiger  Reichtum  imponierte,  in
den  Fürstenstand  erhoben  worden.  Er  hatte  sich  in  Berlin  niedergelassen
und.  bewohnte  mit  seiner  zweiten  Frau,  einer  geborenen  Russin,  die  eine
gute  Deutsche  geworden  war,  am  Pariser  Platz  ein  seinen  Vermögensverhältnissen
  angemessenes  prächtiges  Appartement.  Der  schon  fünfundachtzigjährige
  Fürst  war  einsilbig  geworden,  aber  er  war  ein  Mann  von
reicher  Erfahrung  und  klarem  Blick.  Er  kannte  die  Menschen,  und  er
kannte  die  Welt.  Er  hatte  die  Gewohnheit,  wenn  er  vom  Fürsten  Bismarck
sprach,  dem  er  während  vieler  Jahre  nahestand,  ihn  mit  feiner  Ironie  einen
„nicht  unbegabten  Politiker‘  oder  auch  „einen  Staatsmann  von  Erfahrung“
zu  nennen.  An  einem  mir  unvergeßlichen  Abend  sagte  der  alte  Fürst
Donnersmarck  zu  mir:  „Ein  Staatsmann  von  einiger  Erfahrung,  der  Fürst
Bismarck,  äußerte  einmal  vor  mir,  das  Deutsche  Reich  könne  jeden  Reichskanzler
  vertragen,  nur  nicht  einen  Bürokraten.‘“  Henckel  verfiel  darauf
in  Schweigen.  Nach  einigen  Minuten  fuhr  er  fort:  „Ein  nicht  unbegabter
Politiker,  Otto  Bismarck,  meinte  einmal  in  meiner  Gegenwart:  ‚Wir  vertragen
  jeden  Kanzler,  nur  nicht  einen  Professor‘.‘“  Wiederum  schwieg  der
Fürst  von  Donnersmarck.  Dann  mit  einem  Scufzer:  „Jetzt  haben  wir  einen
Reichskanzler,  der  beides  ist,  Bürokrat  und  Professor.‘  Der  bürokratischen

Beim  Fürsten
Donnersmarck
        <pb n="204" />
        Staatssekretär
Delbrück

154  KOPFLOSIGKEIT

Art  von  Bethmann  entsprach  es,  daß  er  die  Bearbeitung  der  Ultimatums-Angelegenheit,
  auch  nachdem  sie  zu  einer  schweren  Krisis  geführt  hatte,
sich  selbst  vorbehielt.  Er  wollte  damit,  wie  er  im  Verlauf  der  Krise  gegenüber
  einem  seiner  Mitarbeiter  äußerte,  sein  „Probe-  und  Meisterstück“  in
der  diplomatischen  Kunst  ablegen.  Er  hat  speziell  für  die  nach  London
gehenden  Telegramme  nicht  nur  persönlich  die  Direktiven  erteilt,  sondern
sie  zum  Teil  selbst  konzipiert.  Der  professorale  Zug  in  seinem  Wesen
trat  darin  zutage,  daß  er  mit  eigensinnigem  Doktrinarismus  an  der  Vorstellung
  festhielt,  er  habe  sich  durch  seine  Ehrlichkeit  und  Loyalität  die
sichere  Freundschaft  und  zuverlässige  Unterstützung  von  England  erworben
  und,  auf  sie  gestützt,  keine  große  Konflagration  zu  befürchten,
zumal  der  russische,  selbstherrschende  und  orthodoxe  Zar  für  die  serbischen
Verschwörer  und  Königsmörder  nicht  das  Schwert  ziehen  würde.  Als  nach
und  nach  alle  diese  Vorstellungen  sich  als  Illusionen  und  Träumereien  erwiesen
  und  Bethmann  Hollweg,  ihm  selbst  völlig  unerwartet,  vor  einem
Abgrund  stand,  verlor  er  den  Kopf.  Seitdem  glich  er  dem  Ertrinkenden,
der  nach  jedem  Strohhalm  greift,  während  er  mehr  und  mehr  den  Boden
unter  den  Füßen  verliert  und  der  Atem  ihm  ausgeht.  Seine  Kopflosigkeit
ging  schließlich  so  weit,  daß  er  am  Vorabend  des  Tages,  an  dem  wir  Rußland
  den  Krieg  erklärten,  den  englischen  Botschafter,  Sir  Edward  Goschen,
in  das  Reichskanzlerpalais  beschied  und  ihm  &amp;amp;  brüle  pour-point  ein
„understanding“  zwischen  Deutschland  und  England  proponierte.  Das  trug
ihm  zunächst  eine  sarkastische  Vorantwort  des  Botschafters  ein  und  am
nächsten  Tage  von  dem  englischen  Minister  des  Äußern,  Sir  Edward
Grey,  eine  scharfe  persönliche  Zurechtweisung.  In  der  Antwort,  die  der
englische  Minister  auf  das  seltsame  Bündnisangebot  des  deutschen  Kanzlers
erteilte,  war  von  einem  „bargain“  die  Rede,  einem  Schacher,  „a  disgrace
from  which  the  good  name  of  this  country  would  never  recover“.,
Während  Bethmann  Hollweg  mit  ungeschickten  diplomatischen  Schachzügen
  das  Reich  der  schwersten  Kriegsgefahr  aussetzte,  in  der  wir  uns  seit
mehr  als  vierzig  Jahren  befunden  hatten,  traf  er  keinerlei  Vorbereitungen
für  den  Ernstfall.  Wieder  und  immer  wieder  muß  darauf  hingewiesen
werden,  daß  Bethmann  den  Krieg  nicht  wollte.  Bei  ihm  wie  bei  seinen  Mitarbeitern
  lag  kein  Dolus  vor,  sondern  nur  Stultitia.  Der  Staatssekretär  des
Innern,  der  verständige  Clemens  Delbrück,  war  Ende  Juni  1914  sehr
überarbeitet  auf  Urlaub  gegangen.  Am  9.  Juli  kehrte  er,  getrieben  von
innerer  Unruhe,  die  ihn  seit  dem  Attentat  von  Sarajewo  beherrschte,  nach
Berlin  zurück  und  suchte  noch  am  selben  Abend  Bethmann  auf,  der  ihn  in
die  gesamte  politische  Lage  einweihte,  wie  er  sie  auffaßte.  Es  war  der  Tag,
an  dem  der  Staatssekretär  Jagow  den  österreichischen  Botschafter
Szögyenyi-Marich  empfing,  der  ihm  den  Dank  des  Wiener  Kabinetts  für  die
        <pb n="205" />
        „ES  GIBT  JA  KEINEN  KRIEG!"  155

Bereitwilligkeit  aussprach,  mit  welcher  der  Deutsche  Kaiser  und  der
deutsche  Kanzler  Österreich  für  die  gegen  Serbien  geplante  Exekution  ihre
volle  Unterstützung  zugesagt  hätten.  Jagow  quittierte  diesen  Dank  damit,
daß  er  den  Österreichern  möglichst  schneidiges  Vorgehen  anempfahl.  Als
er  den  Staatssekretär  Delbrück  über  die  Situation  informierte,  fügte  Bethmann
  erläuternd  hinzu,  daß  er  den  Inhalt  des  von  Österreich  geplanten
Ultimatums  an  Serbien  nicht  kenne.  Er  sei  jedoch  mit  Jagow  der
Meinung,  daß  es  im  Falle  kriegerischer  Verwicklungen  zwischen  Österreich
und  Serbien  gelingen  werde,  den  Brand  zu  „lokalisieren“,  Als  Delbrück  die
Frage  an  den  Kanzler  richtete,  ob  es  sich  nicht  empfelle,  die  seit  Jahr  und
Tag  für  einen  Kriegsfall  in  Aussicht  genommenen  Maßnahmen  zu  treffen
und  vor  allem  Getreideankäufe  in  Rotterdam  vorzunehmen,  erwiderte
Bethmann,  es  sei  nicht  angängig,  von  deutscher  Seite  irgendwelche  Schritte
zu  unternehmen,  die  als  Vorbereitung  zu  einem  Krieg  gedeutet  werden
könnten.  Delbrück  möge  übrigens  noch  mit  Herrn  von  Jagow  sprechen.
Am  nächsten  Tage  suchte  Delbrück  den  Staatssckretär  Jagow  auf,  der
ebenso  wie  Bethmann  alle  wirtschaftlichen  Vorsorgemaßregeln  für  die  Zivilbevölkerung
  als  „vollkommen  überflüssig‘  bezeichnete.  Dem  Staatssekretär
des  Äußern  wie  dem  Kanzler  waren  die  Anfragen  des  Staatssckretärs  des
Innern  augenscheinlich  unbequem.  Wie  Clemens  Delbrück  mir  bald  nachher
selbst  erzählt  hat,  deuteten  ihm  während  sciner  ersten  Anwesenheit  in
Berlin,  Anfang  Juli  1914,  der  Kanzler  wie  der  Staatssekretär  des  Äußern
an,  daß  die  politische  Lage  seine  Anwesenheit  in  Berlin  in  keiner  Weise
erfordere.  So  ging  Delbrück  von  neuem  in  Urlaub  und  traf  erst  am  24.  Juli
wieder  in  Berlin  ein.  Wegen  etwaiger  Getreideankäufe  in  Rotterdam  war
inzwischen  nichts  geschehen.  Der  Reichsschatzsekretär  Kühn  hatte  die  geforderten
  Kredite  mit  den  Worten  abgelehnt:  „Es  gibt  ja  keinen  Krieg!“
Erst  nach  wiederholtem  Drängen  Delbrücks  beim  Kanzler  Bethmann
wurden  die  erforderlichen  Gelder  angewiesen,  inzwischen  war  aber  der
Rotterdamer  Markt  von  unseren  Gegnern  ausgekauft  worden.  Im  Gegensatz
  zu  Bethmann  hatte  Clemens  Delbrück  von  Anfang  an  mit  einer  längeren
  Kriegsdauer  gerechnet.  Schon  deshalb  erfüllte  ihn  die  in  den  ersten
Kriegsmonaten  an  der  Front  und  in  der  Heimat  getriebene  Verschwendung
mit  schweren  Sorgen.  Er  forderte  die  sofortige  Erfassung  und  Rationierung
aller  Lebensmittel,  drang  aber  mit  seinen  Vorschlägen  bei  Bethmann  Hollweg
  nicht  durch.  In  Berlin  war  die  unverständige,  jedenfalls  in  hohem
Grade  gewagte  österreichische  Ultimatumsaktion  zugelassen  worden,  ohne
daß  für  den  Ernstfall  Vorbereitungen  getroffen  wurden.  In  Paris  dagegen
hatte  schon  im  Januar  1914  die  Stadtverwaltung  beschlossen,  mit  Hilfe
namhafter  Aufwendungen,  in  die  sie  sich  mit  allen  Militärbehörden  teilte,
die  Mehlvorräte  von  Paris  so  weit  zu  erhöhen,  daß  die  Stadt  während  der
        <pb n="206" />
        Die  Kriegsvorbereitung

in  Paris

156  „DIE  ZEIT  DRÄNGTI“

Verkehrssperre  einer  eventuellen  Mobilmachung  keinen  Mangel  zu  leiden
brauche.  Der  Militärgouverneur  von  Paris,  General  Michel,  erklärte  bei
diesen  Beratungen:  „Die  Zeit  drängt,  dieses  Jahr  ist  ein  besonderes  Jahr.
Wir  wissen  nicht,  was  es  uns  bringen  kann.  Wir  wissen  nicht,  ob  wir  nicht
im  März  oder  April  Mobilmachung  haben  werden.“

Während  Bethmann  und  Jagow,  alles  andere  cher  als  kühne  Männer,  im
Grunde  beide  ängstliche  Naturen,  ihre  unvorsichtige  Politik  mit  der  Harmlosigkeit
  von  Kindern  betrieben,  die  im  Walde  Pilze  suchen,  machten  sich
die  Franzosen  keine  Illusionen  über  den  Ernst  der  europäischen  Gesamtlage.
  Am  20.  Februar  1914  sagte,  wie  aus  den  nach  dem  Kriege  erfolgten
amtlichen  Veröffentlichungen  hervorgeht,  der  französische  Botschafter  in
Berlin,  Jules  Cambon,  zu  dem  belgischen  Gesandten  Beyens:  Die  Melhrzahl
  der  Deutschen  wie  der  Franzosen  wünsche  in  Frieden  zu  leben,  aber
in  beiden  Ländern  träume  eine  mächtige  Minorität  nur  von  Schlachten  und
Eroberungen  oder  Revanchekämpfen.  „Darin  liegt  die  Gefahr,  neben  der
man  wie  neben  einem  Pulverfaß  leben  muß,  dessen  Explosion  durch  eine
Unvorsichtigkeit  hervorgerufen  werden  könnte.“  Am  10.  März  berichtete
der  belgische  Gesandte  in  Paris,  Herr  Guillaume,  seiner  Regierung,  es  wäre
für  niemand  ein  Geheimnis,  daß  der  Sturz  des  chauvinistischen  Kabinetts
Barthou  dem  Präsidenten  Poincar&amp;amp;  peinlich  gewesen  sei.  Der  Präsident
sche  in  dem  Sturz  von  Barthou  einen  Mißerfolg  seiner  eigenen,  militaristischen
  und  nationalistischen  Politik,  die  er  systematisch  verfolge  seit  dem
Tage,  wo  er  als  Ministerpräsident  an  die  Spitze  der  Regierung  getreten  sei.
Hand  in  Hand  mit  Delcasse,  Millerand  und  einigen  anderen,  predige  Poincare
  unablässig  die  militärische  und  politische  Wiederaufrichtung  Frankreichs
  und  bemühe  sich  gleichzeitig,  die  russische  Regierung  mißtrauisch
gegen  Deutschland  zu  machen  und  sie  für  den  Gedanken  eines  gemeinsamen
  Krieges  gegen  Deutschland  allmählich  zu  gewinnen.

Bei  gespannter  internationaler  Lage  konnten  wir  natürlich  gar  nicht
vorsichtig  genug  sein,  mußte  die  Berliner  Politik  mit  Umsicht  und  Besonnenheit
  geleitet  werden.  An  der  Aufrechterhaltung  des  Friedens  hatte
kein  Land  ein  größeres  Interesse  als  Deutschland.  Baron  Beyens,  der  wie
die  Mehrheit  seiner  Landsleute  damals  den  Krieg,  und  nun  gar  einen  Weltkrieg,
  sicherlich  nicht  wünschte,  sondern  fürchtete,  übersandte  am  12.  Juni
1914  anläßlich  des  Sturzes  des  Ministeriums  Barthou  und  der  Einführung
der  dreijährigen  Dienstzeit  in  Frankreich  seiner  Regierung  einen  längeren
Bericht.  Nach  einigen  tadelnden  Bemerkungen  über  die  „schlecht  unterrichteten‘
  Herren  Poincare  und  Barthou,  die  in  übereilter  Weise  die  dreijährige
  Dienstzeit  in  Frankreich  durchgesetzt  und  damit  die  in  der  Welt
herrschende  Unruhe  noch  verstärkt,  den  überall  aufgehäuften  Zündstoff
noch  vermehrt  hätten,  hieß  es  in  diesem  Bericht:  „Die  Mehrheit  des  fran-
        <pb n="207" />
        FALKENHAYN  157

zösischen  Volks  will  gewiß  keinen  Krieg,  und  Deutschland  braucht  diesen
Krieg  nicht.  In  wenigen  Jahren  wird  ein  Gleichgewicht  der  Kräfte  zwischen
den  beiden  Nachbarn  nicht  mehr  möglich  sein.  Deutschland  braucht  sich
nur  zu  gedulden,  braucht  nur  im  Frieden  seine  wirtschaftliche  und  finanzielle
  Macht  zu  steigern,  braucht  nur  die  Wirkung  seines  Geburtenüberschusses
  abzuwarten,  um  ohne  Widerspruch  und  ohne  Kampf  in  Zentraleuropa
  zu  dominieren.“  Das  war  eine  durchaus  zutrefflende  Beurteilung  der
Lage,  eine  Auffassung,  von  der  ich  selbst  während  meiner  ganzen  Amtszeit
geleitet  wurde.  Unser  Interesse  war  der  Friede.  Wir  hatten  bei  einem
Krieg,  und  nun  gar  bei  einem  Weltkrieg,  viel  mehr,  schr  viel  mehr  zu
verlieren  als  zu  gewinnen.  Der  von  mir  erwälnte  Bericht  des  Baron  Beyens
schloß  mit  einem  erneuten  Tadel  gegen  Poincar&amp;amp;  und  Barthou,  die  klüger
daran  getau  hätten,  mit  größerer  Kaltblütigkeit  die  Frage  zu  prüfen,  ob
es  kein  besseres  Mittel  zur  Wahrung  des  Friedens  zwischen  Frankreich  und
Deutschland  gäbe  als  einen  solchen  Wettbewerb  der  Rüstungen  und  eine
derartige  Erhöhung  der  Präsenzstärke,  deren  Lasten  Frankreich  nicht  so
lange  zu  ertragen  fähig  sei  wie  Deutschland.  Unser  armes  Deutschland
glich,  schlecht  gesteuert,  dem  guten  Schiff,  das  nach  langer,  wechselvoller
Fahrt,  unmittelbar  bevor  es  den  Hafen  erreicht,  an  einer  Klippe  scheitert
und  untergeht.

Die  Sorglosigkeit,  mit  der  Kaiser  Wilhelm  an  dem  Gängelband  der
Wiener  Politik  in  den  Weltkrieg  hineinstolperte,  war  nicht  geringer  als  die
seines  Kanzlers  und  seines  Staatssekretärs  des  Äußern.  Am  Abend  jenes
verhängnisvollen  Tages,  an  dem  der  Kaiser  Österreich  volle  Unterstützung
für  seine  abenteuerlichen  Pläne  gegen  Serbien  zugesagt  hatte,  informierte
der  hohe  Herr  den  Kriegsminister  von  Falkenhayn  über  die  österreichische
Demarche  und  frug  ihn,  ob  das  Heer  für  alle  Fälle  bereit  sei.  Falkenhayn
bejahte  diese  Frage,  indem  er  die  Hacken  zusammenschlug  und  die  Hand
an  den  Helm  legte,  mit  einem  strammen  „Zu  Befehl,  Eure  Majestät!“
Begreiflicherweise  erkundigte  sich  der  Kriegsminister  gleichzeitig,  ob
irgendwelche  militärischen  Vorbereitungen  zu  treffen  wären.  Der  Kaiser
lehnte  solche  Vorbereitungen  ausdrücklich  ab  und  wünschte  dem  Kriegsminister
  einen  vergnügten  Sommer.  Am  nächsten  Tage  empfing  er,  unmittelbar
  bevor  er  zum  Antritt  seiner  Nordlandreise,  seiner  letzten
Nordlandreise,  nach  Kiel  fuhr,  die  Vertreter  des  Generalstabs,  des  Admiralstabs
  und  des  Reichsmarineamts  und  teilte  ihnen  mit,  daß  Österreich  die
Serben  wegen  des  Mordes  von  Sarajewo  zur  Rechenschaft  ziehen  werde.
Größere  kriegerische  Verwicklungen  seien  aber  nicht  zu  erwarten.  Es
erübrige  sich  daher,  irgendwelche  militärischen  oder  maritimen  Vorbereitungen
  zu  treffen.  —  Ich  habe  soeben  Wilhelm  II.,  Bethmann  und
Jagow  mit  harmlosen  Kindern  verglichen,  die  im  Walde  Pilze  suchen.  Noch

Sorglosigkeit
in  Berlin
        <pb n="208" />
        Direktiven
Jayows

158  HORRIBILE  DICTU

zutreffender  wäre  der  Vergleich  mit  törichten  Knaben,  die  mit  einer  Granate
spielen,  ohne  zu  wissen,  daß  sie  geladen  ist  und  bei  täppischer  Berührung
explodieren  kann.

Wenn  Bethmann  die  Entschuldigung  hatte,  daß  er  tatsächlich  von
Diplomatie  und  auswärtiger  Politik  nichts  verstand,  so  konnte  der  Staatssekretär
  von  Jagow  nicht  einmal  diese  mildernden  Umstände  geltend
machen.  Er  gehörte  schon  an  zwanzig  Jahre  dem  diplomatischen  Dienst  an.
Weit  entfernt,  den  Kanzler  von  ungeheuerlichen  Fehlern  abzuhalten,
bestärkte  Jagow  seinen  Chef  durch  seine  blinde  Vorliebe  für  das  „aristokratische‘
  Österreich  in  allen  Dummbeiten.  Auch  Jagow  glaubte  (horribile
dictu)  nicht  entfernt  an  die  Möglichkeit  eines  Krieges.  Er  hatte  fünf  Tage
vor  der  Übergabe  des  Ultimatums,  am  18.  Juli  1914,  an  den  Botschafter
in  London  ein  Schreiben  gerichtet,  um  ihn  über  die  gegen  Serbien  geplante
Aktion  zu  orientieren.  Österreich,  hieß  es  in  diesem  Schreiben,  wolle  sich
endlich  und  endgültig  mit  seinem  kleinen  Nachbarn  Serbien  auseinandersetzen
  und  habe  dies  in  Berlin  zur  Kenntnis  gebracht.  Wir  könnten  und
dürften  Österreich  nicht  in  den  Arm  fallen.  Wir  müßten  aber  trachten,  den
Konflikt  zwischen  Österreich  und  Serbien  zu  lokalisieren.  Je  entschlossener
sich  Österreich  zeige,  je  energischer  wir  es  stützten,  um  so  eher  werde
Rußland  still  bleiben.  Einiges  Gepolter  in  Petersburg  werde  zwar  nicht
ausbleiben,  aber  im  Grunde  sei  Rußland  noch  nicht  kriegsbereit.  Frankreich
  und  England  würden  jetzt  auch  keinen  Krieg  wünschen.  Nachdem
Jagow  dann  die  seit  Jahrzehnten  bekannten  und  trotz  Bismarck  immer
wiederholten  Scheingründe  für  einen  prophylaktischen  Krieg  noch  einmal
ins  Feld  geführt  hatte  —  Rußland  werde  in  einigen  Jahren  schlagfertiger
sein  als  jetzt,  inzwischen  werde  die  deutsche  Gruppe  immer  schwächer,  das
Slawentum  immer  deutschfeindlicher  —,  erklärte  er  trotzdem:  „Ich  will
keinen  Präventivkrieg;  aber  wenn  der  Kampf  sich  bietet,  dürfen  wir  nicht
kneifen.  Ich  hoffe  und  glaube  auch  heute  noch,  daß  der  Krieg  sich  lokalisieren
  läßt!“  Am  Schlusse  des  Briefes  wurde  Lichnowsky  angewiesen,
darauf  hinzuwirken,  daß  die  englische  öffentliche  Meinung  sich  nicht  für
Serbien  erhitze.  Man  müsse  in  dieser  Richtung  tun,  was  irgend  möglich  sei,
obwohl  von  Sympathie  und  Antipathie  bis  zur  Entfachung  eines  Weltbrandes
  doch  noch  ein  weiter  Weg  wäre.  Wenn  Sir  Edward  Grey  logisch  und
ehrlich  sei,  müsse  er  der  kaiserlichen  Regierung  beistehen,  den  Konflikt  zu
lokalisieren.  So  Jagow  am  18.  Juli  an  Lichnowsky.  So  derselbe  Jagow  am
selben  Tag  zum  bayrischen  Geschäftsträger  Schön,  dem  Neffen  des  Botschafters,
  als  der  Vertreter  des  zweitgrößten  Bundesstaates  im  Auftrage
der  bayrischen  Regierung  ihm  mitteilte,  der  russische  Gesandte  in  München,
Herr  von  Boulatzeff,  habe  dem  Grafen  Hertling  „a  titre  d’ami“  durch
einen  Vertrauensmann  wörtlich  sagen  lassen:  „La  Russie  ne  permettra
        <pb n="209" />
        DIE  SEKUNDÄREN  159

jamais  que  la  petite  Serbie  soit  mangee  par  l’Autriche.“‘  Der  bayrische
Geschäftsträger  hatte  den  Eindruck,  den  er  auch  pflichtgemäß  nach
München  meldete,  daß  der  Staatssekretär  über  die  Münchener  Warnung
„gelächelt‘‘  habe.  Als  sich  aber  das  Gepolter  in  St.  Petersburg  in  den
Kanonendonner  des  Weltkrieges  verwandelte,  lächelte  der  kleine  Jagow
nicht  länger.  Wie  sein  Chef  Bethmann,  verlor  auch  Jagow  vollständig  die
Nerven.  Zu  dem  Reichstagsabgeordneten  Heckscher,  der  ihn  am  2.  August
besuchte,  sagte  er,  wie  dieser  mir  nicht  lange  nachher  erzählte:  „Ich  habe
das  Herz  nicht  in  den  Hosen,  ich  habe  es  in  den  Stiefelspitzen.““

Neben  Bethmann  und  Jagow  spielten  Zimmermann,  Stumm  und
Bergen  eine  mehr  sekundäre  Rolle.  Den  größten  Einfluß  übte  Wilhelm
Stumm  aus,  weil  er  der  einzige  in  dem  Konsilium  war,  der  London  und
St,  Petersburg  aus  eigener  Anschauung  kannte.  Als  während  des  Krieges  in
einer  Geheimsitzung  der  Budgetkommission  des  Reichstages  über  die  Entstehung
  des  Krieges  diskutiert  wurde,  frug,  wie  mir  später  der  anwesende
Reichstagsabgeordnete  Prinz  Heinrich  Carolath  vertraulich  erzählte,  ein
Sozialist  die  Regierungsvertreter,  ob  es  wahr  sei,  daß  der  Wirkliche
Legationsrat  Wilhelm  von  Stumm  Ende  Juli  1914  im  Union-Klub  in  Berlin
vor  Zeugen  geäußert  habe:  „Bis  morgen  vormittag  habe  ich  die  Russen  in
die  Knie  gebracht!“  Von  seiten  der  Regierungsvertreter  erfolgte  keine
Antwort.  Daß  Wilhelm  Stumm  nicht  wie  sein  Chef  Bethmann  aus  Einfältigkeit
  und  Ungeschick,  sondern  mit  Übermut  den  Ernst  der  Situation
verkannte,  dürfte  leider  keinem  Zweifel  unterliegen.

Anders  lag  die  Sache  bei  dem  Unterstaatssekretär  Zimmermann.  Der
war  ein  wackerer  Mann,  der,  wenn  er  im  Konsulatsdienst  geblieben  wäre
oder  im  Auswärtigen  Amt  nur  als  Arbeitsbiene  gewirkt  hätte,  sich  bestens
bewährt  haben  würde.  Noch  mehr  wäre  er  als  Oberstaatsanwalt  oder
Regierungspräsident  in  seiner  ostpreußischen  Heimat  am  Platze  gewesen.
Er  hätte  sich  dort  allgemeiner  Achtung  und  Beliebtheit  erfreut.  Wenn  er
zum  Frühschoppen  erschienen  wäre,  würde  ihm  im  Gasthof  „Zum  Preu-Bischen
  Adler‘  oder  „Zur  Linde‘  von  allen  Seiten  entgegengerufen  worden
sein:  „Herr  Präsident!  Herr  Oberstaatsanwalt!  Ich  komme  Ihnen  einen
Ganzen!“  Von  europäischer  Politik  verstand  Zimmermann  nicht  viel,  die
in  Petersburg  und  Paris,  in  London  und  Wien  maßgebenden  Leute  kannte
er  nicht.  Und  dabei  neigte  seine  ganze  Natur  zu  „forschem‘*  Auftreten.
Durchaus  gewissenhaft,  im  Gegensatz  zu  Jagow  und  auch  zu  Bethmann,
ein  Feind  jeder  Intrige,  ehrlich  und  loyal,  hat  er  doch  durch  seine  draufgängerische
  Art  zur  Verschärfung  der  Krise  beigetragen.

Der  Dezernent  für  die  Dreibund-Angel  heiten,  Diego  von  Bergen,
der  Sohn  eines  Pommern,  der  es  im  "Konsulatsdienst  bis  zum  Vertreter
Deutschlands  bei  einer  zentralamerikanischen  Republik  gebracht  hatte,

 

Das  Auswärlige
  Amt
        <pb n="210" />
        160  DAS  GREMIUM

und  einer  Tochter  des  fernen  Guatemala,  wagte  während  der  Ultimatums-Krisis
  überhaupt  nicht,  eine  eigene  Meinung  zu  äußern.  Er  hat  an  ein-Qußreicher
  Stelle  im  Hochsommer  1914  nichts  verhindert  und  wollte  auch
gar  nichts  verhindern,  da  es  ihm  darauf  ankam,  an  keiner  Stelle  anzustoßen,
Es  ist  ihm  in  der  Tat  gelungen,  sich  während  des  Weltkrieges  nicht  nur
bei  seinen  verschiedenen  Vorgesetzten,  sondern,  was  für  ihn  viel  wichtiger
war,  bei  dem  Abgeordneten  Erzberger  zu  empfehlen.  Als  im  Laufe  des
Krieges  die  Macht  des  Buttenhausers  immer  höher  stieg,  erschien  dieser
fast  täglich  auf  dem  Auswärtigen  Amt  und  verlangte  die  Ein-  und
Ausgänge  zu  lesen.  Da  selbst  der  schwache  Bethmann  dem  indiskreten,
oft  völlig  hemmungslosen  Matthias  Erzberger,  der  noch  dazu  alles,  was  er
hörte  und  erfuhr,  dem  Nunzius  in  München  schrieb,  nicht  sämtliche  Arcana
imperü  zugänglich  machen  wollte,  wurde  der  Geheime  Legationsrat  von
Bergen  für  die  Aufgabe  bestimmt,  Erzberger  zu  empfangen,  ihm  möglichst
wenig  zu  zeigen,  aber  dafür  sein  Geschwätz  und  seine  Kannegießereien
während  ein  bis  zwei  Stunden  zu  ertragen.  Bergen  benutzte  die  auf  diese
Weise  mit  Erzberger  gewonnene  Fühlung  dazu,  durch  seinen  bei  allen
Fehlern  im  Grunde  gutmütigen  Protektor  den  Gesandtenposten  beim  Päpstlichen
  Stuhle  zu  erreichen.

So  war  das  Gremium  beschaffen,  das  das  Deutsche  Reich  und  das
deutsche  Volk  in  den  Weltkrieg  hineinführte.  Der  größte  Fehler  dieser
blinden  Leiter  unseres  Schicksals  war,  daß  sie,  wie  ich  schon  hervorhob,
niemanden  zu  Rate  zogen,  niemandem  einen  Blick  in  ihre  Absichten,  in
ihre  verfehblten  Schachzüge  gestatteten.  Ich  zweifle  keinen  Augenblick
daran,  daß,  wenn  nach  dem  Attentat  von  Sarajewo  Bethmann  Hollweg
und  seine  Mitarbeiter  den  damaligen  Gesandten  beim  Päpstlichen  Stuhle
und  langjährigen  Unterstaatssekretär  Mühlberg  oder  den  Botschafter  in
Washington,  Bernstorfi,  oder  den  Grafen  Brockdorff-Rantzau,  oder  Rosen
oder  Mumm,  oder  den  erfahrenen,  speziell  in  allem,  was  England  betraf,
sehr  erfahrenen,  die  englische  Politik  ruhig  und  nüchtern  beurteilenden
Grafen  Paul  Metternich  um  Rat  gefragt  hätten,  alle  diese  Herren  Bethmann
und  Konsorten  in  den  Arm  gefallen  wären,  ilınen  Vernunft  gepredigt  haben
würden.  Wenn  ich,  der  ich  seit  meinem  Rücktritt,  seit  fünf  Jahren,  durch
Bethmann  Hollweg  politisch  ganz  ausgeschaltet  war  und  mich  daher  im
Unglückssommer  1914  in  völliger  Unkenntnis  seiner  Absichten  und  Pläne
befand,  um  meine  Meinung  gefragt  worden  wäre,  so  würde  ich  zunächst
festgestellt  haben,  ob  man  in  Berlin  wirklich  einen  prophylaktischen  Krieg
wolle.

Wäre  diese  meine  Frage  bejaht  worden,  so  würde  ich  auf  den
monumentalen  Erlaß  hingewiesen  haben,  den  am  16.  Februar  1887  der
Staatssekretär  Graf  Bismarck  im  Auftrage  des  Reichskanzlers  an  den
        <pb n="211" />
        Leopold  Graf  Berchtold.  österreichisch-ungarischer  Minister  des  Außern
        <pb n="212" />
        <pb n="213" />
        DER  VORBEUGENDE  KRIEG  161

kaiserlichen  Botschafter  in  Wien,  den  Prinzen  Heinrich  VII.  Reuß,  richtete
und  in  dem  es  heißt:  „Der  Herr  Reichskanzler  hat  Ew.  Durchlaucht  gefälligen
  Bericht  Nr.  99  vom  4.  ds.  Mts.  mit  Interesse  gelesen  und  cs  als
vollkommen  korrekt  bezeichnet,  daß  Ew.  Durchlaucht  Ihrem  russischen
Kollegen  erklärt  haben,  wir  würden  einen  Krieg  niemals  aus  dem
Grunde  führen,  weil  es  früher  oder  später  wahrscheinlich  doch  zu  einem
solchen  kommen  würde.  Niemand  kann  der  göttlichen  Vorsehung  so  weit
vorgreifen,  um  dies  mit  unbedingter  Sicherheit  zu  behaupten.  Es  können
sich  iım  Laufe  der  Zeit  allerhand  unberechenbare  Vorfälle  ereignen,  die  den
Ausbruch  eines  Krieges  verhindern.‘  Im  gleichen  Sinne  hat  Fürst  Bismarck
in  einem  oft  zitierten  Immediatbericht  gegenüber  seinem  alten  Herrn  den
Präventivkrieg  überhaupt  kategorisch  und  grundsätzlich  abgelehnt.  „Ich
würde“,  führte  Fürst  Bismarck  aus,  „noch  heute  wie  1867  in  der  Luxemburger
  Frage  Ew.  Majestät  niemals  zureden,  einen  Krieg  um  deswillen
sofort  zu  führen,  weil  es  wahrscheinlich  ist,  daß  der  Gegner  ihn  später,
besser  gerüstet,  beginnen  werde.  Man  kann  die  Wege  der  göttlichen  Vorsehung
  dazu  niemals  sicher  genug  im  voraus  erkennen.“  Ich  würde  an  die
Schärfe  erinnert  haben,  mit  der,  wie  ich  bei  meiner  Besprechung  des
Herbstmanövers  in  der  Rheinprovinz,  1905,  ausführlich  erzählte,  Fürst
Bismarck  meinen  alten  Regimentskameraden  und  Freund,  den  damaligen
Militärattache  in  Wien,  Major  von  Deines,  zur  Ordnung  rief,  als  dieser  bei
ihm  in  den  Verdacht  geraten  war,  die  Österreicher  zum  Vorgehen  gegen
Rußland  zu  ermuntern.  Als  bei  Fürst  Bismarck  der  gleiche  Argwohn  gegen
den  Chef  des  Generalstabs,  den  Grafen  Alfred  Waldersee,  aufstieg,  schrieb
der  große  Kanzler  an  den  Chef  des  Militärkabinetts,  den  General  von
Albedyli:  die  deutsche  Politik  habe  die  Aufgabe,  den  Krieg  wenn  möglich
ganz  zu  verhindern,  gehe  das  nicht  an,  ihn  doch  zu  verschieben.  An  einer
anderen  Politik  würde  er,  Fürst  Bismarck,  nicht  mitwirken  können.  Ich
würde  vor  allem  immer  wieder  daran  erinnert  haben,  daß  Fürst  Bismarck
wiederholt  einen  kriegerischen  Konflikt  zwischen  Österreich  und  Rußland
als  die  unter  mancherlei  Möglichkeiten  für  uns  allerunerwünschteste
Möglichkeit  bezeichnet  hatte.  Ich  nehme  an,  daß  Bethmann  und  seine
Mitarbeiter  mir  erwidert  haben  würden,  der  Gedanke  eines  prophylaktischen
Krieges  läge  ihnen  fern.  Sie  glaubten  aber,  daß  ein  Krieg  zwischen
Österreich-Ungarn  und  Serbien  sich  „lokalisieren‘‘  lassen  würde.  Darauf
hätte  ich  natürlich  entgegnen  müssen,  daß  eine  solche  Annahme  eine  sehr
gefäbrliche  Illusion  wäre,  die  nur  aus  Unkenntnis  der  russischen,  der
französischen,  der  englischen,  der  ganzen  Weltverhältnisse  hervorgehen
könne.  Rußland  werde  und  könne  Österreich  nicht  erlauben,  eine  Strafexpedition
  gegen  die  Serben  in  Szene  zu  setzen.  Wenn  diplomatisch  nicht
sehr  vorsichtig  operiert  würde,  könnte  der  so  geschaffene  Antagonismus

11  Bulow  IH

Bismarck  über
den  Prüventirkrieg
        <pb n="214" />
        162  WAS  HÄTTE  BÜLOW  GESAGT?

zwischen  Österreich-Ungarn  einerseits,  Rußland  und  Serbien  andererseits
zu  einer  schweren  Krisis  führen,  eine  solche  zu  Rüstungen,  das  heißt  zu
akuter  Kriegsgefahr.  Frankreich  werde  sich  sofort  auf  die  Seite  der
Russen  stellen.  Es  wäre  seit  einem  Vierteljahrhundert  nie  zweifelhaft  gewesen,
  daß  im  Falle  eines  deutsch-französischen  Zusammenstoßes  die
Russen  vielleicht  einige  Zeit  zögern  könnten,  bevor  sie  gegen  uns  gingen,
daB  aber  bei  einem  russisch-deutschen  Konflikt  die  französischen  Gewehre
von  selbst  losgehen  würden.  Und  wenn,  hätte  ich  geschlossen,  wir  uns  im
Kriege  mit  Rußland  und  Frankreich  befänden,  wäre  es  mehr  als  wahrscheinlich,
  daß  England  eine  so  glänzende  Konjunktur  benutzen  würde,  um
ohne  unverhältnismäßiges  Risiko  für  sich  selbst  seinen  gefährlichsten
Rivalen  in  Handel,  Schiffahrt  und  Industrie  abzuwürgen,  zumal  dieser
wirtschaftliche  Rivale  zugleich  der  mächtigste  Kontinentalstaat  wäre,  also
nach  alter  englischer  Auffassung  sein  traditioneller  Gegner.  Ich  hätte
gefragt,  ob  wir  im  Falle  eines  Krieges  der  Italiener  und  Rumänen  sicher
wären.  Ich  bemerke  ausdrücklich,  daß  eine  solche  Sprache  von  meiner
Seite  in  keiner  Weise  ein  Beweis  besonderen  politischen  Scharfsinns  oder
auch  nur  größerer  diplomatischer  Erfahrung  gewesen  wäre.  Ich  wiederhole,
daß  Metternich,  Mühlberg,  Brockdorff-Rantzau,  Bernstorf!,  Mumm,  Rosen,
jeder  normale  deutsche  Diplomat  nach  meiner  Überzeugung  im  Juli  1914
sich  so  aussprechen  mußte.
        <pb n="215" />
        XI.  KAPITEL

Rücktrittsabsichten  Bethmann  Hollwegs  -  Heroische  Stimmung  und  Haltung  des

deutschen  Volkes  »  Bethmanns  Kriegserklärung  an  Rußland,  seine  Motive  -  Ungeschickte

  diplomatische  Behandlung  Italiens  »  Rumänien  +»  Gesprüch  mit  Fürst  Wedel

über  dje  militärische  Lage  «  Die  Telephonate  Lichnowskys  mit  Grey  -  Der  Fall  Lüttichs

General  Ludendorf  »  Die  ersten  Nachrichten  über  die  Marneschlacht  -  Der  Einfall  in

Belgien  -  Der  Schlieffensche  Plan  »  Rede  Bethmanns  über  Belgien  vom  4.  August  1914
Der  Fetzen  Papier

taatsmännern  und  Völkern,  die  in  ihr  Verderben  rennen,  bietet,  wie  die

Geschichte  lehrt,  die  Vorsehung  oft  noch  eine  letzte  Möglichkeit,  dem
Sturz  zu  entgehen.  Fürst  Bismarck  hat  in  meiner  Gegenwart  in  den  achtziger
Jahren  einmal  ausgeführt,  daß,  wenn  Emile  Ollivier  und  der  Duc  de
Gramont  im  Jahre  1870  den  Verzicht  des  Erbprinzen  Leopold  von  Hohenzollern
  klug  und  geschickt  ausgenutzt  hätten,  sie  dem  Kriege  ausgewichen
wären  und  gleichzeitig  einen  starken  politischen  Erfolg  erzielt  haben  würden.
Nach  dem  Eintreffen,  meinte  Bismarck,  jenes  Telegramms  des  Fürsten
Karl  Anton  von  Hohenzollern,  in  dem  er  erklärte,  im  Namen  seines  Sohnes,
des  Erbprinzen  Leopold,  auf  den  spanischen  Thron  zu  verzichten,  hätte
Ollivier  sofort  in  das  Corps  lEgislatif  gehen  und  dort  etwa  erklären  müssen:
„U  y  a  peu  de  temps,  la  candidature  d’un  prince  prussien  au  tröne  de
Charles-Quint  avait  surgi.  La  France  a  eleve  sa  voix,  la  France  a  ete&amp;amp;  obäie.
Les  bons  rapports  entre  la  France  et  sa  noble  s&amp;amp;ur,  l’Espagne,  n’ont  jamais
ete  troubles.  Quant  ä  ceux,  dont  les  ambitions  et  les  intrigues  ont  mis  en
danger  la  paix  europ&amp;amp;enne,  nous  esperons  et  l’Europe  espere  avec  nous
qu’ils  ne  recommenceront  pas.‘‘  Nachdem  Fürst  Bismarck  ungefähr  so  die
Rede  skizziert  hatte,  die  Herr  Emile  Ollivier  hätte  halten  können,  wenn  er
eben  nicht  Ollivier,  das  heißt  ein  Schwachkopf  gewesen  wäre,  fuhr  er  fort:
„Was  hätte  ich  erwidern  können?  Ich  wäre  in  eine  schwierige  Situation
geraten.  Meine  Stellung  war  damals  nicht  so  fest,  wie  sie  später  wurde,
weder  dem  Ausland  gegenüber  noch  im  Inland.  Mein  alter  Herr  war  keineswegs
  kriegerisch  oder  auch  nur  unternehmungslustig,  der  Kronprinz
ebensowenig.  Die  fürstlichen  Damen,  die  Königin  Augusta  und  die  Frau
Kronprinzessin,  waren  gegen  mich.  Alle  meine  inneren  Gegner,  die  Demokratie
  in  ganz  Deutschland,  die  norddeutschen  Fortschrittler  und  die

1870  und  1914
        <pb n="216" />
        Die  serbische
Antwort  an
Österreich

164  DIE  STIRNLOCKE  DER  FORTUNA

süddeutschen  Ultramoptanen,  hätten  gegen  den  Friedensstörer  gezetert.
Ich  glaube,  ich  hätte  zurücktreten  müssen.“

Im  Hochsommer  1914  hatten  wir  noch  am  25.  Juli  die  Möglichkeit,  den
Krieg  zu  vermeiden.  Wir  brauchten  nur  in  Wien  zu  erklären,  daß  wir  unter
keinen  Umständen  den  Abbruch  der  Beziehungen  zwischen  Österreich-Ungarn
  und  Serbien  gestatteten,  bevor  wir  selbst  die  serbische  Antwort
genau  geprüft  hätten.  Gehe  Österreich-Ungarn  ohne  unsere  Erlaubnis
militärisch  gegen  Serbien  vor,  so  tue  es  dies  auf  eigene  Gefahr,  ä  ses  propres
risques  et  p£rils;  wir  würden  ilım  in  diesem  Falle  nicht  zu  Hilfe  kommen,
sondern  es  seinem  Schicksal  überlassen.  Nach  Prüfung  der  serbischen  Antwort
  mußten  wir  öffentlich  erklären,  wir  konstatierten  mit  Genugtuung,
daß  die  serbische  Regierung  dank  den  weisen  Ratschlägen  aller  Großmächte
fast  alle  österreichischen  Vorschläge  angenommen  habe.  Wir  schlügen  gleichzeitig
  vor,  die  noch  streitigen  Punkte  dem  Haager  Schiedsgericht  zu
unterbreiten.  Damit  war  9  gegen  1  der  Friede  gerettet.  Das  hat  der  unglückliche
  Kaiser  Wilhelm  II.  klarer  erkannt  als  Bethmann  und  Konsorten.

Um  sein  Probe-  und  Meisterstück  in  der  diplomatischen  Kunst  ungestört
anfertigen  zu  können,  hatte  Bethmann  seinem  Souverän  geraten,  die  gewohnte
  Nordlandreise  ja  nicht  aufzugeben.  Auch  als  die  Krisis  eich  immer
mehr  zuspitzte,  bat  Bethmann  den  Kaiser  inständig,  weder  die  deutsche
Flotte  aus  den  norwegischen  Gewässern  zurückzuziehen,  noch  selbst  in  die
Heimat  zurückzukehren.  Als  ihm  fern  im  Norden,  in  Odde  am  Utnefjord,
die  serbische  Antwort  vorgelegt  wurde,  schrieb  Wilhelm  II.  ad  marginem:
Er  begreife  nicht,  was  die  Österreicher  mehr  wollten;  sie  hätten  einen
schönen  diplomatischen  Erfolg  erzielt.  Gleichzeitig  telegraphierte  im  Auftrage
  des  Kaisers  der  Generaladjutant  Plessen  an  den  Chef  des  Generalstabes,
  Moltke,  daß  für  Österreich-Ungarn  jeder  Anlaß  zum  Kriege  fortfalle,
  da  Serbien  die  meisten  österreichischen  Forderungen  zugestanden
habe.  Die  Alten  sagten  bekanntlich,  daß  die  Fortuna  eine  schöne  Stirnlocke
habe,  aber  einen  glattrasierten,  kahlen  Hinterkopf;  wer  sie  nicht  rasch  bei
der  Locke  ergreife,  der  hielte  sie  nicht  mehr  fest.  Bethmann  und  Jagow
wußten  die  Stirnlocke  nicht  zu  fassen.  Sie  ließen  die  Österreicher  frei
gewähren.  Sie  sahen  mit  apathischer  Ruhe  und  in  völliger  Indolenz  zu,  als
der  k.  und  k.  österreichisch-ungarische  Gesandte,  fast  unmittelbar  nach  dem
Empfang  der  serbischen  Antwortnote  und  ohne  sie  zu  prüfen,  Belgrad
verließ  und  damit  die  Beziehungen  zu  Serbien  abbrach.  Sie  ließen  es
geschehen,  daß  Österreich  noch  am  gleichen  Abend  die  Teilmobilmachung
gegen  Serbien  anordnete.  Sie  wichen,  Österreich  zu  Liebe,  um  das  österreichische
  „Prestige“  zu  schonen  und  den  Hochmut  Seiner  Apostolischen
Majestät  nicht  zu  verletzen,  beharrlich  allen  englischen  Konferenzvorschlägen
  aus  und  belasteten  sich  und  uns  mit  dem  Schein  der  Ab-
        <pb n="217" />
        BETHMANN  BITTET  UM  SEINEN  ABSCHIED  165

geneigtheit  gegen  jede  friedliche  Regelung.  Würde  ein  Staatsmann  von
Ressourcen  und  Geschick  derart  alle  Möglichkeiten  haben  vorübergehen
lassen,  die  hereinbrechende  Katastrophe  zu  verhüten  ?  Meine  Antwort  ist:
Nein!  Die  deutsche  Regierung  von  1914  ließ  sich  vom  Strom  treiben,  ohne
auch  nur  den  Versuch  zu  machen,  durch  eine  Drehung  des  Steuers  im
letzten  Augenblick  der  drohenden  Stromschnelle  zu  entgehen  —  und  das
stolze  Schiff  des  Deutschen  Reiches  scheiterte!

Als  Kaiser  Wilhelm  endlich  am  27.  Juli  aus  Odde  nach  Berlin  zurückkehrte,
  richtete  er  an  den  ihn  mit  verstörtem  Gesicht  und  in  demütiger
Haltung  erwartenden  Kanzler  Bethmann,  nur  in  viel  schärferer  Form,  die
Frage,  die  ich  einige  Tage  später  in  höflicher  Tonart  an  meinen  Nachfolger
richten  sollte:  Wie  das  alles  gekommen  sei?  Der  Unmut  und  die  zornige
Erregung  des  Kaisers  waren  begreiflich,  denn  Bethmann  hatte  Seiner
Majestät  bis  zuletzt  versichert,  daß  dem  Frieden  keine  Gefahr  drolie  und
daß  er  insbesondere  mit  England  in  steter  Fühlungnahme  und  in  bestem
Einvernehmen  stünde.  Graf  August  Eulenburg,  der  dieser  Auseinandersetzung
  des  Kaisers  mit  dem  Kanzler  beiwolhnte,  erzählte  mir,  daß
Bethmann  Hollweg  ganz  zerschmettert  dem  Kaiser  erklärt  hätte,  er  habe
sich  allerdings  in  jeder  Richtung  getäuscht  und  bäte  um  seinen  Abschied.
Seine  Majestät  der  Kaiser  habe  ihm  erwidert:  „Sie  haben  mir  diese  Suppe
eingebrockt,  nun  sollen  Sie  sie  auch  ausfressen!“

So  kläglich  unsere  diplomatische  Leitung  im  Hochsommer  1914  war,  so
bewunderungswürdig  war  die  Haltung  des  deutschen  Volkes.  Erhobenen
Hauptes,  ohne  mit  der  Wimper  zu  zucken,  entschlossen  und  einmütig  ging
die  Nation  dem  Krieg  gegen  eine  Welt  von  Feinden  entgegen.  Die  eigentliche
  Mobilmachung  dauerte  nur  fünf  Tage.  Sie  ging  glatt  und  tadellos  vor
sich.  Dann  rollten  die  Aufmarschtransporte  gen  West  und  Ost  in  langer
Folge.  Nirgends  entstand  eine  Reibung.  Es  bedurfte  nicht  einer  einzigen
Rückfrage  an  den  Großen  Generalstab  in  Berlin.  Genau  zur  festgesetzten
Zeit,  vierzehn  Tage  nach  Verkündigung  der  Mobilmachung,  standen  die
Armeen  in  ihren  Aufmarschräumen.  Alles  hatte  geklappt,  um  einen
militärischen  Ausdruck  zu  gebrauchen.  Wie  denn  überhaupt  unser  staatlicher
  Organismus,  das  Räderwerk  des  staatlichen  Mechanismus  bei  dieser
großen,  dieser  höchsten  Prüfung  sich  glänzend  bewährte.  Nur  die  strategische
  Führung  versagte,  wie  die  diplomatische  versagt  hatte.  Moltke
versagte,  wie  Bethmann  Hollweg  versagt  hatte.  Und  mit  beiden  versagte
der  Kaiser,  der  es  nicht  verstanden  hatte,  an  die  allerentscheidendsten
Stellen  die  richtigen  Männer  zu  setzen.  Mit  Recht  lehrte  schon  vor  über
2000  Jahren  ein  griechischer  Philosoph,  daß  ein  Heer  von  Hirschen,  von
einem  Löwen  geführt,  einem  Heer  von  Löwen  überlegen  wäre,  das  ein
Hirsch  kommandiere.  Nie  werde  ich  den  Anblick  der  heldenhaften  Jugend

Kaiser  und
Kanzler

Die
militärische

Führung
        <pb n="218" />
        Die  Kriegserklärung
  an
Rußland

166  DAS  ODIUM  DES  ANGRIFTS

von  1914  vergessen,  die  Begeisterung,  den  heroischen  Trotz,  wie  sie  dem
Feind  und  dem  Schicksal  die  Brust  bot.  Von  allen  Seiten  strömten  jubelnd
und  singend  Freiwillige  zu  den  Fahnen.  Noch  in  meiner  Sterbestunde
werden  mir  die  Verse  im  Ohre  klingen,  die  damals  das  Ver  sacrum,  der
heilige  Frühling  des  deutschen  Volkes,  beim  Ausrücken  einer  Welt  von
Feinden  entgegensang:

Gloria  Victoria!

Ja,  mit  Herz  und  Hand

Fürs  Vaterland!

Die  Vöglein  im  Walde,

Die  sangen  so  wunder-,  wunderschön:
In  der  Heimat,  in  der  Heimat,

Da  gibt’s  ein  Wiedersehn.

Es  gibt  im  Thucydides,  der  wie  kaum  ein  anderer  Historiker  die  Gabe
hat,  ewige  Bilder  in  das  Gedächtnis  der  Menschheit  einzugraben,  eine
wundervolle  Schilderung  der  Abfahrt  der  Expedition,  welche  die  Athener
gegen  Syrakus  ausgerüstet  hatten.  Männer  und  Frauen  sitzen  auf  den
Stufen  des  Parthenon,  an  den  Abhängen  des  Hymettos  und  des  Pentelikon
und  sehen  der  abfahrenden  Flotte  nach  mit  Stolz,  mit  Wehmut,  mit  freudiger
  Hoffnung  auf  den  Sieg.  So  blickte  ganz  Deutschland  auf  das  Heer
von  1914,  von  dem  unser  erbittertster  Gegner,  der  französische  Marschall
Foch,  gesagt  hat,  es  sei  die  beste  Armee  gewesen,  die  jemals  die  Welt
gesehen  habe,  das  Heer,  das  in  vier  Kriegsjahren  an  Tapferkeit  und
Zähigkeit  im  Schlagen  und  Ertragen  Unvergleichliches  und  Unvergängliches
leisten  sollte.  Wer  jene  Augusttage  von  1914  erlebte,  mußte  sich  in  Ehrfurcht
  beugen  vor  der  Größe  des  deutschen  Volkes,  vor  seiner  stürmischen
Tapferkeit,  seiner  männlichen  Tüchtigkeit,  seiner  seelischen  Reinheit,
seinem  Idealismus,  vor  der  Armee,  dem  Volk  in  Waffen,  die  diese  Tugenden
widerspiegelte.  Und  doch  mußte  ein  einigermaßen  erfahrener  Beobachter
sich  sorgenvoll  fragen,  ob  selbst  ein  Heer  wie  das  deutsche  imstande  sein
würde,  die  Wirkungen  der  von  dem  leitenden  deutschen  Staatsmann
begangenen  politischen  Fehler  zu  paralysieren.

Fürst  Bismarck  hatte  es  verstanden,  sowohl  1870  wie  selbst  1866,  dem
Gegner  die  formale  Kriegserklärung  zuzuschieben.  Da  nun  einmal  der
Schein  die  Welt  regiert  und  da,  wie  schon  die  Griechen  sagten,  der  Schein
oft  wichtiger  ist  als  die  Wirklichkeit,  brachte  Bismarck  auf  diese  Art  die
unendlich  wichtigen  Imponderabilien  in  sein  Spiel.  Bethmann  Hollweg  war
plump  und  ungeschickt  genug,  das  Odium  des  Angriffs  auf  uns  zu  laden.
Wenn  es  bis  zu  einem  gewissen  Grade  verständlich  ist,  daß  wir,  nachdem
wir  uns  mit  Rußland  im  Krieg  befanden,  den  Stoß  gegen  Frankreich  so
        <pb n="219" />
        BETHMANN  DRÄNGT  167

rasch  wie  möglich  führen  wollten,  so  ist  es  doch  unverständlich  und  völlig
unbegreiflich,  warum  wir  Rußland  von  uns  aus  den  Krieg  erklärt  haben.
Das  hat  uns,  mit  Unrecht,  aber  in  schwer  zu  widerlegender  Weise,  in  den
Augen  der  Welt  als  die  Brandstifter  erscheinen  lassen.  Der  Generaloberst
Moltke  hat  mir  wiederholt  versichert,  er  habe  nicht  nur  die  vorzeitige
Kriegserklärung  an  Rußland  nicht  gewünscht,  sondern  es  wäre  ihm  lieber
gewesen,  wenn  wir  den  Bruch  mit  Rußland  tunlichst  hinausgezögert  hätten.
Ebensowenig  hat  Tirpitz  auf  „Losschlagen“  gedrängt.  Er  befand  sich
während  der  zweiten  Julihälfte  überhaupt  nicht  in  Berlin.  Er  weilte  zur
Kur  in  Tarasp.  Der  preußische  Minister  des  Innern,  Herr  von  Loebell,  der
gleichzeitig  dort  badete  und  Brunnen  trank,  hat  mir  später  erzählt,  daß
Tirpitz  erschrocken  war,  als  er  aus  den  im  Kursaal  angeschlagenen  Depeschen
  ersah,  daß  die  vom  Kaiser  und  vom  Auswärtigen  Amt  als  harmlos
angesehene  österreichische  Ultimatumsaktion  zu  einer  so  ernsten  diplomatischen
  Krisis  geführt  hatte.  Er  und  Tirpitz  frugen  sofort  beim  Reichskanzler
  an,  ob  sie  nicht  nach  Berlin  zurückkehren  sollten.  Bethmann
antwortete  mit  der  dringenden  Bitte,  nicht  nach  Berlin  zu  kommen,  da
dies  „Aufsehen“  erregen  könne.  Schließlich  fuhren  Tirpitz  und  Loecbell
gegen  den  Willen  des  Kanzlers  Bethmann  nach  Berlin,  da  sie  es  nicht  mit
ihrer  Dienstpflicht  vereinigen  konnten,  bei  derartig  bedrohter  Lage  des
Reichs  im  Engadin,  im  Ausland  zu  weilen.

Warum  erklärten  wir  schon  am  1.  August  in  überstürzter  Hast  an
Rußland  den  Krieg?  Der  Grund  hierfür  wie  für  manchen  anderen
falschen  diplomatischen  Schachzug  lag  in  der  innerpolitischen  Einstellung,
richtiger  gesagt  in  den  innerpolitischen  Ängsten  des  Kanzlers.  Albert  Ballin
hat  mir  eine  anschauliche  Schilderung  der  Szene  gegeben,  die  sich  in  seiner
Gegenwart  am  Tage  der  Kriegserklärung  an  Rußland  im  Reichskanzlerpalais
  abspielte.  Als  Ballin  in  den  Gartensalon  zu  ebener  Erde  eintrat,  in
dem  damals  so  furchtbare  Entschlüsse  gefaßt  wurden,  sah  er  den  Reichskanzler
  vor  sich,  den  Kriegskanzler,  wie  man  anfing,  ihn  zu  nennen,  der  mit
langen  Schritten  in  großer  Erregung  im  Zimmer  auf  und  ab  ging.  Vor  ihm
saß  an  einem  mit  Folianten  bedeckten  Tisch  der  Geheime  Rat  Kriege.
Kriege  war  ein  fleißiger,  ein  gewissenhafter,  ein  eifriger  Beamter.  Er  war,
um  einen  Bismarckschen  Ausdruck  zu  gebrauchen,  ein  sattelfester  Jurist.
Aber  seine  politische  Begabung  stand  nicht  auf  der  Höhe  seines  juristischen
Wissens.  Bethmann,  so  erzählte  mir  Ballin,  richtete  von  Zeit  zu  Zeit  an
Kriege  die  ungeduldige  Frage:  „Ist  die  Kriegserklärung  an  Rußland  noch
nicht  fertig?  Ich  muß  meine  Kriegserklärung  an  Rußland  sofort
haben!“  Der  ganz  verstört  aussehende  Kriege  suchte  inzwischen  nach
einem  Simile  in  den  bewährtesten  Lehrbüchern  des  Völker-  und  Staatsrechts
  von  Hugo  Grotius  „De  jure  belli  ac  pacis“  bis  zu  Bluntschl;,  Heffter
        <pb n="220" />
        Der  Krieg
gegen
Frankreich

Italien

168  BETHMANNS  FALSCHE  TAKTIK

und  Martens.  Ballin  erlaubtesich  die  Frage  an  den  Reichskanzler:  „Exzellenz,
warum  haben  Sie  denn  eine  so  eno-o-orme  Eile,  Rußland  den  Krieg  zu
erklären  ?‘“  Bethmann,  die  lange  Unzulänglichkeit,  wie  ihn  mit  Witz  der
Sozialist  Trank  genannt  hat,  antwortete:  „Sonst  kriege  ich  die  Sozialdemokraten
  nicht  mit.“  In  der  psychologischen  Erklärung  dieser  Antwort
stimmten  Ballin  und  ich  überein:  Bethmann  hatte  erkannt,  in  welche
fürchterliche  Lage  er  das  Reich  und  sich  selbst  gebracht  hatte.  Ihm  bangte
vor  der  Verantwortung.  Instinktiv  wollte  er  vor  allem  die  linksradikalen
Elemente  beschwichtigen,  weil  er  sie  am  meisten  fürchtete.  Er  glaubte  dies
zu  erreichen,  wenn  er  dem  Krieg,  den  zu  verhindern  ihm  nicht  gelungen  war,
die  Spitze  gegen  das  zaristische  Rußland  gab.  An  dieser  falschen  Taktik
hat  Bethmann  Hollweg  bis  zu  seinem  Rücktritt  festgehalten.

Als  am  3.  August  1914  unsere  Kriegserklärung  an  Frankreich  der
Kriegserklärung  an  Rußland  folgte,  wurde  sie  mit  Unwahrheiten  begründet.
  Es  wurde  den  Franzosen  nicht  schwer,  zu  beweisen,  daß
französische  Flieger  keine  Bomben  auf  die  Eisenbahnstrecke  Nürnberg  bis
Ingolstadt  abgewörfen  hätten.  Um  den  durch  die  Kriegserklärung  an  Rußland
  militärisch  notwendig  gewordenen  Bruch  mit  Frankreich  zu  beschleunigen,
  wurde  überdies  an  Frankreich  das  Ansinnen  gestellt,  uns  als
Pfand  Belfort,  Toul  und  Verdun  zu  überlassen,  eine  Zumutung,  die  von  der
Propaganda  der  Entente  natürlich  als  Beweis  für  deutsche  Eroberungspläne
und  deutsche  Unersättlichkeit  ausposaunt  wurde.  Der  Botschafter  Schön
kam  gar  nicht  in  die  Lage,  diese  telegraphische  Weisung  auszuführen.  Aber
das  in  Rede  stehende  Berliner  Telegramm  fiel  in  die  Hände  der  Franzosen.
Es  ist  traurig,  feststellen  zu  müssen,  daß,  als  der  Weltsturm  losbrach,  nicht
nur  die  Zentrale,  Bethmann  Hollweg  und  Jagow,  Wilhelm  von  Stumm  und
Diego  von  Bergen,  sondern  auch  unsere  Botschaften  kläglich  versagten.

Zu  den  Fehlern  des  Juli  1914  gehörte  auch  unser  Versteckspiel  gegenüber
Italien.  Bethmann  und  Jagow  fürchteten,  daß  Italien  in  der  Ultimatumsangelegenheit
  das  Geheimnis  nicht  wahren  würde  und  daß  so  über  die  gegen
Serbien  geplante  große  Aktion  etwas  nach  St.  Petersburg  durchsickern  und
dort  diplomatische  Proteste  hervorrufen  könnte.  Es  wäre,  nebenbei  gesagt,
ein  „godsend‘“,  eine  gnädige  Fügung  der  Vorsehung  gewesen,  wenn  die  durch
das  Ultimatum  an  Serbien  eingeleitete  wahnwitzige  Aktion  auf  diese  Weise
im  Keime  erstickt  worden  wäre.  Um  Italien  hinter  das  Licht  zu  führen,
erklärte  während  der  Woche,  die  der  Überreichung  des  Ultimatums  vorausging,
  der  Staatssekretär  von  Jagow  Tag  für  Tag  dem  italienischen  Botschafter
  Bollati,  der  im  Auftrag  seiner  Regierung  beständig  frug,  ob,  wie  in
Bukarest,  in  Konstantinopel  und  auch  anderswo  getuschelt  würde,
Österreich-Ungarn  gegen  Serbien  etwas  im  Schilde  führe,  daß  hiervon
keine  Rede  sei.  Weder  in  Wien  noch  in  Berlin  trage  man  sich  mit  solchen
        <pb n="221" />
        Giovanni  Giolitti,  italienischer  Staatsmann
        <pb n="222" />
        <pb n="223" />
        ITALIEN  BLEIBT  NEUTRAL  169

Absichten.  Es  lag  auf  der  Hand,  daß  die  Zentralmächte,  wenn  sie  im  Falle
einer  großen  Konflagration,  zu  der  das  Ultimatum  an  Serbien  nur  zu  leicht
führen  konnte,  Italien  auf  ihrer  Seite  haben  wollten,  sich  die  Kooperation
der  Apenninischen  Halbinsel  rechtzeitig  sichern  mußten.  Das  ging  natürlich
nicht  ohne  Konzessionen  von  österreichischer  Seite.  Sie  waren  nach  Lage
der  Dinge  unerläßlich,  wenn  man  Italien  nicht  in  das  gegnerische  Lager
treiben  wollte.  Da  solche  Zugeständnisse  nicht  erfolgten,  stand  Italien  im
entscheidenden  Augenblick  vor  dieser  Situation:  Der  Dreibundvertrag  war
durch  die  von  Österreich  ohne  vorherige  Verständigung  mit  Italien  eingeleitete
  Aktion  nicht  nur  dem  Geiste  nach,  sondern  auch  nach  seinem
Buchstaben  verletzt  worden.  Überdies  hatten  wir  die  italienische  Regierung
  bis  zum  letzten  Augenblick  in  völligem  Dunkel  gehalten.  Endlich
erklärten  wir  von  uns  aus  den  Krieg  an  Rußland  und  Frankreich  und
boten  dadurch  den  Italienern  die  bequeme  Handhabe,  sich  ex  nexu
foederis  zu  setzen.  Fürst  Bismarck  hatte  alle  unsere  Bündnisverträge  auf
die  Verteidigung  gestellt.  Er  hielt  es  für  undenkbar,  daß  ein  Kanzler  des
saturierten  Deutschen  Reichs,  dessen  größtes  Interesse  der  Friede  war,
dumm  genug  sein  könnte,  von  uns  aus  den  Krieg,  sei  es  an  Frankreich,  sei
es  an  Rußland,  zu  erklären.

Am  31.  Juli  entschied  sich  der  italienische  Ministerrat  für  Neutralität.
Der  einflußreichste  und  dabei  zuverlässigste  Freund,  den  wir  in  Italien
hatten,  der  damals  nicht  im  Amte  befindliche  Giovanni  Giolitti,  erklärte
nach  Prüfung  der  Lage  dem  Ministerpräsidenten  Salandra  wie  dem
Minister  des  Äußern,  dem  ihm  persönlich  nahestehenden  und  politisch
befreundeten  San  Giuliano  spontan,  er  betrachte  nach  der  von  Österreich
ausgehenden  und  von  Deutschland  leider  geduldeten  kopflosen  Aktion
gegen  Serbien  Neutralität  als  die  einzige  für  Italien  mögliche  Haltung.
Daß  daran  Briefe  und  Telegramme  des  Kaisers  an  den  von  ihm  persönlich
mehr  als  einmal  brüskierten  König  Viktor  Emanuel  nichts  ändern  würden,
war  vorauszusehen.  Die  Neutralitätserklärung  Italiens  bot  Frankreich  den
ungeheuren  Vorteil,  alle  seine  an  deritalienischen  Grenze  stehenden  Truppen
von  den  Südalpen  wegnehmen  und  sie  gegen  Deutschland  werfen  zu  können.
Das  bereitete  die  Situation  für  die  Marneschlacht.  Und  diese  Schlacht
war,  wie  die  rückschauende  Betrachtung  der  militärischen  Kritiker  des
Weltkrieges  übereinstimmend  festgestellt  hat,  für  das  Schicksal  des  Weltkrieges
  entscheidend.  So  furchtbar  rächen  sich  politische  Fehler.  Und  so
zweifellos  ist  es,  daß  Kriege  letzten  Endes  nicht  militärisch,  sondern  politisch
  gewonnen  oder  verloren  werden.  Nicht  die  Führer  unserer  Heere,  sondern
  in  erster  Linie  Bethmann  und  Jagow  haben  den  Weltkrieg  verloren.

Gegenüber  Rumänien  ging  es  ähnlich.  Hier  wurde  König  Carol,

der  während  seiner  ganzen  Regierung  es  als  seine  vornehmste  Aufgabe  Rumänien
        <pb n="224" />
        Der
Vormarsch
auf  Paris

170  KÖNIG  CAROL

betrachtet  hatte,  für  den  Fall  eines  großen  Krieges  sein  Land  an  der  Seite
von  Deutschland  und  Österreich-Ungarn  zu  halten,  in  die  Unmöglichkeit
versetzt,  sich  uns  anzuschließen.  Es  kam  alles  so,  wie  es  mir  Peter  Carp  im
Frühjahr  in  Rom  vorausgesagt  hatte.  Ohne  rechtzeitige  Orientierung,  ohne
eine  mit  verständigen  Argumenten  gestützte  Beweisführung,  plötzlich  mit
der  Forderung  überrumpelt,  in  einem  offensichtlich  durch  die  Leichtfertigkeit
  der  österreichischen  und  die  Schwäche  der  deutschen  diplomatischen
  Leitung  möglich  gewordenen  Krieg,  der  ein  Weltkrieg  zu  werden
drohte,  an  die  Seite  der  Zentralmächte  zu  treten,  stand  der  alte,  weise  und
würdige  König  Carol  vor  dem  schmerzlichen  Seelenkonflikt:  entweder  nach

‚einer  Regierung  von  fast  einem  halben  Jahrhundert  die  Krone  niederzulegen

  und  seinem  Adoptivvaterland  den  Rücken  zu  kehren  oder  als  Hohenzoller,
  als  preußischer  Offizier  seinem  Heimatlande  untreu  zu  werden.  An
diesem  Konflikt  ist,  wie  mir  seine  Gemahlin,  die  Königin  Elisabeth,  nach
seinem  zwei  Monate  später  erfolgten  Tode  durch  den  zu  seiner  Beisetzung
von  Berlin  entsandten  Fürsten  Wedel  sagen  ließ,  König  Carol  gestorben.

Während  unsere  Heere  auf  Paris  marschierten,  wurde  ich  als  Fünfundsechzigjähriger
  noch  einmal  von  allen  Gefühlen  bewegt,  mit  denen  ich
fast  ein  halbes  Jahrhundert  früher  als  Jüngling  zu  den  Fahnen  geeilt  war.
Ich  pries  diejenigen  glücklich,  die  ohne  politische  Befürchtungen  und  Sorgen
in  den  Reihen  der  Armee  stehen  und  kämpfen  durften,  ich  wäre  glücklich
gewesen,  mit  der  Armee  ins  Feld  ziehen  zu  können.  Ich  traf  mich  fast  jeden
Morgen  mit  meinem  alten,  lieben  Freunde,  dem  Fürsten  Karl  Wedel,  der  ebenso
  wieich  empfand.  Er  sah  aufeine  lange,  mehr  als  fünfzigjährige  militärische
Dienstzeit  zurück.  Er  hatte  nicht  nur  reiche  militärische  Erfahrungen,  sondern
  auch  militärischen  Blick.  Er  war  überzeugt,  daß  die  Armee  sich  des
alten  Ruhmes  würdig  zeigen,  daß  sie  alles  leisten  werde,  was  in  menschlichem
  Vermögen  liege.  Aber  die  Heere  der  Entente  wären  den  Hecren  der
beiden  Zentralmächte  an  Zahl  weit  überlegen.  Fürst  Wedel  hatte  vor  der
Abreise  des  Großen  Hauptquartiers  eine  längere  Unterredung  mit  dem  Chef
des  Generalstabs,  dem  Generalobersten  von  Moltke,  gehabt.  Nach  der
Berechnung  des  deutschen  Generalstabs  stünden  etwas  über  drei  Millionen
Soldaten  der  beiden  Mittelmächte  fast  fünf  und  einer  halben  Million
Franzosen,  Russen,  Engländer,  Belgier  und  Serben  gegenüber.  Wedel
beklagte  es,  daß  Deutschland  trotz  der  während  der  letzten  Jahre  unverkennbar
  verschlechterten  politischen  Lage  seine  militärischen  Hilfsquellen
  nicht  besser  ausgenutzt  habe.  Das  um  28  Millionen  Einwohner
ärmere  Frankreich  träte,  dank  seiner  dreijährigen  Dienstzeit,  mit  annähernd
  der  gleichen  Heeresstärke  in  den  Krieg  wie  das  Deutsche  Reich.
Der  Generalstab  hatte  eine  weit  größere  Militärvorlage  gewünscht,  als  sie
1913  schließlich  eingebracht  worden  war.  Aber  Moltke,  so  klagte  Wedel,
        <pb n="225" />
        „EIN  KURZES  GEWITTER"“  171

habe  nicht  die  Kraft  besessen,  seine  bessere  Einsicht  gegen  mancherlei
Widerstände  durchzusetzen.  Im  Reichsschatzamt  seien  kleinliche  und
engherzige  Ressortbedenken  erhoben  worden,  die  in  einer  solchen  Lebensfrage
  natürlich  in  den  Hintergrund  treten  mußten.  Bethmann  Hollweg  sei
kein  Kanzler,  der  nach  großen  Gesichtspunkten  urteile  und  seine  Entschlüsse
  energisch  durchzudrücken  wisse.  Bei  unserm  Alliierten  sei  noch
mehr  versäumt  worden.  Österreich-Ungarn,  dem  zuliebe  wir  zum  Schwert
griffen,  sei  infolge  seiner  zerfahrenen  inneren  Verhältnisse  und  unter
schwachen  und  immer  schwächer  werdenden  Regierungen  mit  seinen
militärischen  Rüstungen  und  Heeresvermehrungen  weit,  sehr  weit  unter
der  Grenze  des  Möglichen  geblieben.

Wedel  wies  auch  schon  im  August  1914  darauf  hin,  daß  die  Entente,
die  das  Meer  beherrsche,  bessere  Möglichkeiten  habe,  sich  zu  verproviantieren,
  als  das  dicht  bevölkerte  und  auf  cine  erhebliche  Nahrungsmitteleinfuhr
  angewiesene  Deutschland.  Die  Entente  besitze  für  die
Vermehrung  und  Ergänzung  ihrer  Heere  und  ihres  Kriegsbedarfs  größere
und  ergiebigere  Quellen  als  Mitteleuropa.  Wedel,  und  ich  teilte  diese
seine  Auffassung,  glaubte  nicht  wie  Bethmann  Hollweg,  daß  der  Krieg
nicht  lange  dauern,  daß  der  nunmehr  ausgebrochene  Weltkrieg  nur  „ein
kurzes  Gewitter‘  sein  würde.  Wir  fragten  uns  beide,  ob  der  auf  große
Warenimporte  eingerichtete  Bau  der  deutschen  Volkswirtschaft  einer
langen  Kriegsdauer  widerstehen  würde.  Ich  gab  der  Besorgnis  Ausdruck,
daß  bei  der  Unbeholfenheit  und  gleichzeitigen  Schwäche  unserer  politischdiplomatischen
  Leitung  Italien,  Rumänien  und  schließlich  sogar  die  Vereinigten
  Staaten  sich  unseren  Gegnern  anschließen  würden.  Wedel  bedauerte
  auch,  daß  in  so  ernster  Zeit  zwischen  Diplomatie  und  Generalstab
die  enge  Fühlung,  die  ich  wie  mit  Schlieffen  so  auch  mit  Moltke  unterhalten
hätte,  nicht  mehr  bestände.  Das  Verhältnis  zwischen  Bethmann  Hollweg
und  Moltke  sei  mehr  als  kühl.  Beide  seien  empfindliche  Naturen  und
schlössen  sich  mehr  als  gut  voneinander  ab.

Während  seiner  Unterredungen  mit  dem  Generalstabschef  hatte  Wedel
mit  Besorgnis  wahrgenommen,  daß  dessen  Gesundheitszustand  nicht  der
beste  war.  Moltke  hatte  ihm  erzählt,  daß  er  einen  schweren  Ohnmachtsanfall
  erlitten  habe  infolge  eines  politischen,  „Mißverständnisses“,  das  allerdings
  die  Kopflosigkeit  und  das  ganze  Durcheinander  unserer  damaligen
Leitung  in  wahrhaft  erschreckender  Weise  zutage  treten  ließ.  Am  1.  August,
also  einen  Tag  nach  Verhängung  des  „Zustandes  drohender  Kriegsgefahr“
über  Deutschland,  wenige  Stunden  vor  der  Erklärung  der  endgültigen
Mobilmachung,  war  ein  Telegramm  des  deutschen  Botschafters  in  London
eingetroffen.  Fürst  Lichnowsky  hatte  in  diesem  Telegramm  gemeldet,
England  sei  bereit,  die  Neutralität  Frankreichs  zu  garantieren,  wenn

Telegramm
Lichnoroskys
über  Neutralitätsangebot

Englands
        <pb n="226" />
        172  LICHNOWSKYS  MISSVERSTÄNDNIS

letzteres  nicht  von  Deutschland  angegriffen  würde.  Diese  Meldung  war  von
Kaiser  Wilhelm  wie  vom  Kanzler  Bethmann  nicht  nur  mit  einem  tiefen
Seufzer  der  Erleichterung,  sondern  mit  fast  jubelnder  Freude  aufgenommen
worden,  die  ebenso  für  beider  Friedensliebe  wie  für  ihre  politische  Ahnungslosigkeit
  sprach.  Der  Kaiser  ließ  sogleich  den  Chef  des  Generalstabs
kommen  und  befahl  ihm,  den  Aufmarsch  gegen  Frankreich  zu  stoppen;  die
ganze  Armee  solle  sofort  die  Front  gegen  Rußland  nehmen.  Als  Moltke
darauf  hinwies,  daß  durch  diesen  Eingriff  völlige,  heillose  Unordnung  mit
unberechenbaren  Konsequenzen  hervorgerufen  und  die  ganze  Mobilmachung
  gestört  werden  würde,  wurde  er  vom  Kaiser  hart  angelassen,  der
einen  seiner  Flügeladjutanten  anwies,  der  bereits  auf  Luxemburg  marschierenden
  sechzehnten  Division  den  direkten  Befehl  Seiner  Majestät  zu
übermitteln,  augenblicklich  haltzumachen.  In  Übereinstimmung  mit
Betlimann,  der  triumphierend  ausrief,  er  habe  sich  also  doch  nicht  in  den
Engländern  getäuscht,  richtete  der  Kaiser  ein  Telegramm  an  den  König
Georg  von  England,  in  dem  er  den  englischen  Vorschlag  mit  Freude  und
Dank  annahm.  Wenn  England  sich  mit  seinen  Streitkräften  für  die  Neutralität
  Frankreichs  einsetze,  übernehme  er,  Kaiser  Wilhelm,  die  Verpflichtung,
die  französische  Grenze  bis  zum  3.,  abends  7  Uhr,  nicht  zu  überschreiten.
In  der  Nacht  vom  l1.zum  2.  August  traf  beim  Kaiser  die  Antwort  seines
Vetters,  des  Königs  von  England,  ein.  König  Georg  erklärte,  daß  er  die
Vorschläge  des  Kaisers  überhaupt  nicht  verstünde;  es  könne  sich
nur  um  ein  grobes  Mißverständnis  des  deutschen  Botschafters  handeln.

In  der  Tat  hatte  Fürst  Lichnowsky  eine  telephonische  Mitteilung  aus
dem  Foreign  Office  nicht  richtig  verstanden.  Statt  nun,  wie  es  das  ABC
des  diplomatischen  Handwerks  gebot,  so  rasch  wie  möglich  Sir  Edward
Grey  aufzusuchen,  um  sich  Gewißheit  zu  verschaffen,  hatte  der  durch
die  Krisis  der  letzten  Tage  völlig  demoralisierte  Botschafter  ohne  weiteres
das  vermeintliche  Neutralitätsangebot  Englands  nach  Berlin  gemeldet.
Der  Kaiser,  der,  als  die  Antwort  des  Königs  Georg  in  Berlin  eintraf,  schon
im  Bette  lag,  wurde  mit  dem  betrüblichen  Telegramm  seines  Vetters
durch  seinen  Leibjäger,  den  trefflichen  Schulz,  aus  dem  ersten  Schlummer
geweckt.  Er  ließ  sogleich  Moltke  kommen,  empfing  ihn  in  Unterhosen  und
sagte  ihm,  daß  es  mit  dem  englischen  Neutralitätsanerbieten  leider  nichts
sei,  die  Mobilmachung  müsse  ihren  Fortgang  nehmen.  Moltke  versicherte
dem  Fürsten  Wedel,  daß  die  durch  dieses  kaum  glaubliche  Quidproquo
hervorgerufene  Erschütterung  ihm  den  Lebensnerv  durchschnitten  habe.
Er  habe  plötzlich  die  Empfindung  gehabt,  vor  einem  Abgrund  zu  stehen.
Er  habe  das  Gefühl,  damals  einen  Schlagfuß  erlitten  zu  haben.  Gewiß
eine  Übertreibung,  aber  ein  Zeichen,  daß  der  arme  Moltke  physisch  und
psychisch  ein  schwerkranker  Mann  war.
        <pb n="227" />
        GENERAL  LUDENDORFF  173

Fürst  Wedel  fand  den  nunmehr  begonnenen  Vormarsch  auf  Paris  zu
stürmisch.  Die  Anforderungen  an  die  marschierenden  Truppen  gingen
nach  seiner  Meinung  über  das  Maß  menschlicher  Kräfte  hinaus.  Aber  wir
hatten  beide,  Wedel  und  ich,  den  glänzenden  Auftakt  des  Krieges,  die
Eroberung  von  Lüttich,  mit  Jubel  begrüßt.  Für  das  Gelingen  des  Feldzugsplanes
  im  Westen  war  die  möglichst  rasche  Eroberung  der  Festung
Lüttich,  die  unserem  rechten  Heeresflügel  die  Straße  nach  der  Hauptstadt
  Belgiens  versperrte,  von  eminenter  Bedeutung.  Lüttich  mußte
fallen,  bevor  französische  oder  englische  Hilfe  eintraf.  Ein  planmäßiger
Angriff  hätte  zuviel  Zeit  gekostet.  So  entstand  der  Gedanke,  vor  Beendigung
  des  Aufmarsches,  mit  vorausbeförderten  Truppen,  Lüttich  im
Überfall  zu  nehmen.  Am  Abend  des  5.  August  versuchten  einige  deutsche
Brigaden,  die  vor  dem  Fortsgürtel  von  Lüttich  standen,  in  der  Dunkelheit
zwischen  denWerken  in  das  Innere  der  Festung  einzudringen.  Der  Handstreich
  wäre  fast  mißlungen.  Die  Sturmtruppen  kamen  nicht  vorwärts.
Einzelne  Teile  verloren  ihre  Führer  und  gerieten  in  Gefangenschaft.  In
diesem  kritischen  Augenblick  stellte  sich  ein  Oifizier,  der  vorübergehend
zum  Stabe  des  Führers  der  Angriffstruppen,  des  Generals  von  Emmich,
kommandiert  worden  war,  der  Oberst  Ludendorff,  an  die  Spitze  einer
Sturmkolonne,  der  14.  Infanterie-Brigade,  deren  Führer  gefallen  war.  Den
Degen  in  der  Faust,  riß  er  durch  sein  persönliches  Vorbild  eine  Handvoll
tapferer  Leute  vorwärts  und  drang  durch  die  Fortlinie  in  den  inneren  Raum
der  Festung.  Mit  einer  einzigen  Brigade  bemächtigteersich  des  durch  dienoch
von  den  Belgiern  besetzte  Fortlinie  ganz  von  der  Außenwelt  abgeschiedenen
Kerns  der  Festung,  deren  starke  Besatzung  vor  den  wenigen  Deutschen  das
Feld  räumte.  Deutsche  Verstärkungen  trafen  est  nach  sechsunddreißig  Stunden
  ein.  Die  Oberste  Heeresleitung  atmete  auf,  denn  die  Gefahr  war  beseitigt,
daß  der  deutsche  rechte  Flügel  durch  die  beiden  gewaltigen  Maassperren,
Lüttich  und  Namur,  in  den  Raum  südlich  der  Maas  zusammengedrängt
werden  könnte.  Namur  konnte  jetzt  von  Norden  her  umgangen  werden.
Unsere  Umfassungsbewegung  hatte  freie  Bahn.  Nicht  nur  bei  Wedel  und
mir,  in  ganz  Deutschland  erweckte  dieser  erste  deutsche  Erfolg  helle  Begeisterung.
  In  dem  Pulverdampf  von  Lüttich  erblickte  das  deutsche  Volk
zum  erstenmal  den  großen  General,  der  sich  während  vier  Kriegsjahren  mit
Ruhm  bedeckte,  der  um  die  Fahnen  der  Armee  neuen  und  reichen  Lorbeer
winden  sollte,  der  trotz  dem  Gekläff  blinder  Demagogen  und  der  kindischen
Kritik  welt-  und  kriegsfremder  Stubengelehrter,  trotz  seiner  späteren
politischen  Entgleisungen,  so  bedauerlich  sie  auch  an  und  für  sich  waren,
immer  eine  der  großen  Erscheinungen  der  deutschen  Geschichte  bleiben
wird:  den  General  Ludendorff.

In  den  nächsten  Tagen  freute  ich  mich  mit  Wedel  der  Siege  von

Lüttich
        <pb n="228" />
        Die
Marneschlacht

174  „BETET  FÜR  UNS!“

Mülhausen,  Saarburg,  Neufchäteau,  an  der  Maas  und  bei  Montes,  bei  Charleroi,
Maubeuge,  Saint-Quentin.  Wir  hörten,  daß  die  Ulanen  schon  die  Türme  von
Paris,  daß  sie  schon  den  Eifelturm  vor  sich  sähen.  Aber  bald  nachher  hatte
Wedel  einen  jüngeren  Offizier  gesprochen,  der,  als  der  Vormarsch  in
Unordnung  geraten  war,  in  den  ersten  Tagen  des  September  dienstlich  bei
Moltke  gewesen  war.  Er  war  entsetzt  über  das  Ausschen  des  Chefs  des
Generalstabes,  der,  als  er  bei  ihm  eintrat,  gebrochen  an  seinem  Tisch  saß,
das  Gesicht  in  beide  Hände  vergraben.  Als  er  aufblickte,  sah  der  Besucher
in  ein  bleiches,  von  Tränen  überströmtes  Antlitz.  Ein  oder  zwei  Tage  später
hörte  Wedel  aus  der  Umgebung  der  Kaiserin,  sie  hätte  von  ihrem  hohen
Gemahl  ein  Telegramm  erhalten:  „Betet  für  uns!“

Es  wäre  eine  Anmaßung  von  meiner  Seite,  wenn  ich  mir  in  strategischen
Fragen  ein  Urteil  erlauben  wollte,  weil  ich  einst  als  Husarenleutnant  vor
dem  Zuge  geritten  bin.  Bei  unbegrenzter  Liebe  und  Treue  für  die  Armee,
deren  Uniform  ich  ein  halbes  Jahrhundert  trug,  bin  ich  mir  meiner  Unzuständigkeit
  in  dieser  Richtung  durchaus  bewußt.  Ich  meine  aber,  daß
auch  der  Laie  das  Recht  hat,  nachstehendes  zu  sagen:  Große  Konzeptionen,
politische  wie  strategische,  lassen  sich  nicht  im  voraus  auf  dem  Papier
festlegen,  um  dann  Jahre  nachher  in  die  Tat  umgesetzt  zu  werden.  Solche
Konzeptionen  sind  keine  Heringsware,  die  man  einpökeln  kann  auf  einige
Jahre.  Das  hat  niemand  häufiger  und  schärfer  betont  als  Bismarck.
Napoleon  I.  hat  nicht  selten  vorher  getroffene  Dispositionen  geändert,  wenn

.  er,  auf  dem  Schlachtfeld  eingetroffen,  während  das  Gefecht  schon  im  Gange

war,  sich  vor  eine  neue  Situation  gestellt  sah.  Kriegs-Führung  und  Politik
wären  einfacher  und  leichter,  als  sie  in  Wirklichkeit  sind,  wenn  der  zum
Handeln  berufene  Staatsmann  oder  Feldherr  nur  eine  Schublade  aufzuziehen
  brauchte,  um  dort  ein  für  jeden  Fall  passendes  und  Erfolg  versprechendes
  Rezept  zu  finden.  Der  Plan,  den  der  geniale  Graf  Alfred
Schlieffen  eine  Reihe  von  Jahren  vor  Ausbruch  des  Weltkrieges  ersonnen
hatte,  konnte  Anregungen  und  Fingerzeige,  er  konnte  sogar  die  großen
Richtlinien  der  Kriegs-Führung  geben.  Er  durfte  nicht  als  ein  Ukas  aufgefaßt
  und  behandelt  werden,  der  nun  blind  und  mechanisch  ausgeführt
wurde.  Auch  hier  gilt  das  Wort  des  Apostels,  daß  der  Buchstabe  tötet  und
daß  nur  der  Geist  lebendig  macht  und  lebendig  erhält.  Dem  Geist  des
Schlieffenschen  Planes  aber  wurde  Moltke  II  untreu  in  wesentlichen  und
lebenswichtigen  Punkten,  wie  dies  die  militärische  Kritik  seitdem  nachgewiesen
  hat  und  wie  das  auch  der  Laie  begreift.

Es  zeigte  sich,  wie  berechtigt  die  Zweifel  und  Besorgnisse  gewesen  waren,
die  der  arme  Moltke  im  September  1905  mir  gegenüber  zum  Ausdruck
gebracht  hatte,  als  wir  um  den  Wasserturm  am  Hippodrom  ritten,  als  er
mir  auseinandersetzte,  wie  schwere  Bedenken  er  gegen  die  Übernahme  der
        <pb n="229" />
        MACCHIAVELLI  175

für  den  Kriegsfall  mit  einer  so  ungeheuren  Verantwortung  verbundenen
Stellung  des  Chefs  des  Generalstabs  empfinde.  Es  zeigte  sich,  welche  Gefahren
  es  in  sich  barg,  daß  Wilhelm  II.  Posten,  von  deren  richtiger  Besetzung
  Sieg  oder  Niederlage,  Aufstieg  oder  Untergang,  Wohl  und  Wche
des  Reiches  abhingen,  nach  persönlicher  Sympathie  oder  Antipathie  zu
besetzen  geneigt  war.  Ein  reiner  und  lauterer  Mensch,  mit  den  besten  Absichten,
  gewissenhaft  und  pflichttreu,  Idcalist  durch  und  durch,  gehörte
der  Neffe  des  großen  Schlachtendenkers,  des  Organisators  der  Siege  von
Sadowa  und  Sedan,  in  die  Reihe  jener  unglücklichen  Feldherren,  die  von
Mardonios  und  Varus  bis  zu  Benedek  und  Trochu  das  Mitleid  aller  menschlich
  Empfindenden  erwecken,  die  aber  vor  dem  Richterstuhl  der  Geschichte
nicht  bestehen.

Als  der  Rückzug  unserer  Heere  amtlich  in  der  Form  zugestanden
wurde,  daß  wir  unseren  rechten  Flügel  „zurückgebogen“  hätten,  machte
sich  Fürst  Wedel,  der  manche  guten  militärischen  Verbindungen  hatte,
keine  Illusionen  darüber,  daß  der  deutsche  Angriffsplan  vereitelt  worden
war.  Ich  stimmte  mit  ihm  darin  überein,  daß  damit  unser  Einmarsch
in  Belgien  als  ein  ungeheuerlicher  Fehler  erscheinen  mußte.  Es  gibt
Aktionen,  die  nur  zu  verteidigen  sind,  wenn  sie  reüssieren.  Dann  kann
manchmal  das  Wort  des  Macchiavelli  zutreffen,  daß  auch  eine  schlimme
Handlung  nützlich,  segensreich  und  gut  erscheine,  wenn  sie  gelinge.  Cosa
fatta  capo  ha!  Aber  eine  zweifelhafte  Handlung,  die  scheitert,  ist  schwerer
zu  rechtfertigen.  Als  es  uns  weder  gelang,  den  durch  das  Ultimatum  an
Serbien  provozierten  Konflikt  zu  lokalisieren,  wie  Bethmann  und  Jagow
dies  erwartet  hatten,  noch  mit  dem  Einmarsch  in  Belgien  den  französischen
Widerstand  rasch  und  endgültig  zu  brechen,  lag  es  auf  der  Hand,  daß  wir
uns  moralisch  ins  Unrecht  gesetzt  hatten,  ohne  einen  entsprechenden
realen  politischen  Gewinn  zu  erzielen.  „Quand  on  fait  des  crasses,  il  faut
qu’elles  r&amp;amp;ussissent‘‘,  pflegte  meine  geistreiche  Petersburger  Freundin
Missy  Durnow  zu  sagen.

Daß  unser  Einmarsch  in  Belgien  und  damit  verbunden  die  Verletzung
der  Souveränität  und  Neutralität  Belgiens  und  von  uns  unterzeichneter
und  während  eines  Jahrhunderts  von  aller  Welt  respektierter  Verträge  ein
Schritt  von  der  allergrößten  politischen  Tragweite  war,  konnte  nicht
zweifelhaft  sein.  Verschärft  wurde  dieser  Fehler  durch  die  ungeheuerliche
Rede,  die  Bethmann  Hollweg  am  4.  August  1914  im  Reichstag  hielt.
Selten  oder  nie  hat  ein  für  die  Sicherheit  und  Zukunft  eines  großen
Volkes  verantwortlicher  Staatsmann  in  einem  Augenblick  weltgeschichtlicher
  Entscheidung  eine  ungeschicktere,  eine  unglücklichere,  eine  unheilvollere
  Rede  gehalten.  Vor  dem  eigenen  Lande  und  vor  der  ganzen  Welt
erklärte  der  deutsche,  nicht  etwa  der  französische  oder  belgische  leitende

Belgien  und
der  deutsche
Angriffsplan
        <pb n="230" />
        176  EIN  VERHÄNGNISVOLLES  WORT

Staatsmann,  daß  wir  mit  dem  Einmarsch  in  Belgien  ein  Unrecht  begingen,
daß  aber  Not  kein  Gebot  kenne.  Die  Stunde,  in  der  ich  diese  Rede  las,  wird
mir  unvergeßlich  bleiben,  denn  selten  in  meinem  Leben  habe  ich  einen
solchen  Seelenkrampf  empfunden.  Ich  verstand,  was  die  Leute  aus  dem
Volke,  was  die  Kinder  meinen,  wenn  sie  sagen:  „Das  Herz  stand  mir  still.‘
Ich  fühlte,  daß  wir  uns  mit  dieser  programmatischen  Erklärung  a  priori
alle  Imponderabilien  verscherzt  hatten,  daß  wir  nach  dieser  unqualifizierbar
einfältigen  Rede  die  öffentliche  Meinung  der  ganzen  Welt  gegen  uns  haben
würden.  Und  am  Abend  desselben  Unglückstages,  des  4.  August  1914,
bezeichnete  der  deutsche  Reichskanzler  in  seiner  Unterredung  mit  dem
englischen  Botschafter,  Sir  Edward  Goschen,  die  internationalen  Verträge,
auf  denen  die  Neutralität  Belgiens  beruhte,  als  einen  Fetzen  Papier,  un
chiffon  de  papier,  a  scrape  of  paper.  Seit  jenem  15.  Juli  1870,  wo  dem
französischen  Ministerpräsidenten,  Emile  Ollivier,  im  Pariser  Corps  legislatif
  das  Wort  caur  leger  entfuhr,  war  kein  verhängnisvolleres  Wort
gesprochen  worden.  Ollivier,  der  in  öffentlicher  Parlamentssitzung  von  dem
leichten  Herzen  gesprochen  hatte,  mit  dem  er  in  den  Krieg  zöge,  blieb
nichts  anderes  übrig,  als  den,  übrigens  mißlungenen,  Versuch  zu  machen,
sich  in  einem  dickleibigen  Buch  zu  diskulpieren.  Für  Bethmann  Hollweg,
der  seine  Dummheit  unter  vier  Augen  von  sich  gegeben  hatte,  lag  die  Sache
erheblich  einfacher  und  leichter.  Man  brauchte  wahrhaftig  kein  Macchiavelli
zu  sein,  um  zu  begreifen,  daß,  wenn  Bethmann  Hollweg  seine  unselige
Äußerung  in  einem  Augenblick  seelischen  Zusammenbruchs  wirklich
gemacht  hatte,  die  Staatsräson  und  die  höchsten  Interessen  der  Nation
ihm  geboten,  sie  umgehend  und  kategorisch  dementieren  zu  lassen.  Es
stand  Behauptung  gegen  Behauptung,  der  Negation  kam  der  gleiche  Wert
zu  wie  der  Affirmation.  Bethmann  durfte  das  deutsche  Volk  nicht  mit  diesem
fürchterlichen  Wort  belasten,  das  die  Entente  während  des  ganzen  Weltkrieges
  und  bis  zum  Frieden  von  Versailles  mit  systematischer  Ausdauer
der  öffentlichen  Meinung  der  Welt  einhämmerte,  um  Deutschland  als
ruchlosen  Vertragsbrecher  hinzustellen  und  einem  solchen  Volke  gegenüber
besondere  Schutzmaßnahmen  als  notwendig  erscheinen  zu  lassen.  Man
denke  sich  Bismarck,  man  denke  sich  auch  nur  Talleyrand  oder  Metternich
in  einer  solchen  Situation!  Wie  ganz  anders  war  die  Haltung,  die  Fürst
Clemens  Metternich  gegenüber  einem  Napoleon  in  der  berühmten  Dresdener
Unterhaltung  von  1813  zur  Schau  trug,  wie  anders  das  Auftreten  des
Fürsten  Talleyrand  in  seiner  von  ihm  selbst  in  seinem  bekannten  Bericht
an  Louis  XVIII  wiedergegebenen  Unterredung  mit  Kaiser  Alexander  I.
1814,  während  des  Wiener  Kongresses:  Metternich  ganz  der  Grandseigneur,
der  nie  aus  der  Fassung  gerät,  Talleyrand  der  geschickte  Diplomat,  der
sich  mit  Takt,  mit  Aplomb  und  in  guter  Form  aus  jeder  Affäre  herauszieht.
        <pb n="231" />
        Übersetzung  der  englischen  Note  an  Deutschland
wegen  der  Neutralität  Belgiens.

Durch  den  englischen  Botschafter  Sir  E.  Goschen
den  Staatssekretär  von  Jagow  am  4.  August  überreicht
(Zu  S.  175)

Notiz.

Sir  E.  Goschen  ist  von  Sir  Edward  Grey  benachrichtigt  worden,  daß
S.  M.  der  König  der  Belgier  an  S.  M.  König  Georg  eine  Bitte  um  diplomatische
  Intervention  zugunsten  Belgiens  gerichtet  hat.

Sr.  M.  Regierung  hat  auch  erfahren,  daß  die  deutsche  Regierung  an
die  belgische  Regierung  eine  Note  gerichtet  und  ihr  vorgeschlagen  hat,
wohlwollende  Neutralität  zu  beobachten,  die  ,‚.eien  Durchmarsch  durch
belgisches  Gebiet  zur  Folge  haben  würde,  während  Deutschland  verspricht,
bei  Friedensschluß  die  Unabhängigkeit  und  Integrität  des  Königreichs  und
seiner  Besitzungen  aufrechtzuerhalten,  jedoch  droht,  Belgien  im  Falle  einer
Weigerung  als  Feind  zu  betrachten.  Es  wurde  verlangt,  daß  innerhalb
zwölf  Stunden  eine  Antwort  gegeben  werde.

Sr.  Majestät  Regierung  hat  auch  gehört,  daß  diese  Forderung  als  eine
offenkundige  Verletzung  des  Völkerrechts  energisch  zurückgewiesen  worden
ist.  Sir  Edward  Grey  erklärt,  daß  Sr.  M.  Regierung  verpflichtet  ist,  gegen
die  Verletzung  eines  Vertrags  zu  protestieren,  den  Deutschland  gemeinsam
mit  ihr  selbst  geschlossen  hat,  und  daß  sie  eine  Zusicherung  verlangen  muß,
daß  die  an  Belgien  gestellte  Forderung  nicht  weiter  verfolgt  werden  wird,
und  daß  Deutschland  die  Neutralität  Belgiens  achten  wird.

Sir  Edward  Goschen  ist  angewiesen,  um  eine  umgehende  Antwort  zu
ersuchen.
Berlin,  4.  August  1914.

Randvermerk  Jagows:  „Von  Sir  E.  Goschen  heute  nachmittag  überreicht  4/8.
v.  J.“  Der  Kaiser  vermerkt  darauf  am  gleichen  Tage:  „7  h.  N.  M.“  (7  Uhr
nachmittag)  und  ordnet  durch  Randverfügung  Weiterleitung  an  den  Chef  des
Generalstabs  an.  Jagow  vermerkte  auf  der  Innenseite  der  Ausfertigung:  „Ich  habe
Sir  E.Goschen  geantwortet,  daß  wir  die  belgische  Neutralität  aus  Notwehr  hätten
        <pb n="232" />
        verletzen  müssen,  ich  habe  alle  unsere  zwingenden  Gründe  auseinandergesetzt
und  alle  in  London  abgegebenen  Versicherungen  nochmals  wiederholt.  ‚Jugow.“*

‚Im  gleichen  Tage  abends  7  Uhr  erschien  der  englische  Botschafter  aufs  neue  im
Suswärtigen  Amt  und  überreichte  dem  Staatssekretär  von  Jagow  das  englische
Ultimatum  und  verlangte  gleichzeitig  seine  Pässe,  da  ein  Nachgeben  von  deutscher
Seite  nicht  in  Aussicht  gestellt  werden  konnte.  Die  Note  hatte  in  deutscher  Übersetzung
  folgenden  Wortlaut:

„Sr.  M.  Regierung  erfährt.  daß  Deutschland  an  den  belgischen  Minister  des
Juswärtigen  eine  Note  des  Inhalts  gerichtet  hat,  daß  die  deutsche  Regierung
nötigenfalls  mit  Waffengewalt  Maßnahmen,  die  sie  für  unentbehrlich  hält,  durchzuführen
  gezwungen  sein  werde.  Sr.  M.  Regierung  hat  auch  erfahren,  daß
beigisches  Gebiet  bei  Gemmenich  verletzt  worden  ist.

Unter  diesen  Umständen  und  in  Anbetracht  der  Tatsache,  daß  Deutschland
sich  geweigert  hat,  in  betreff  Belgiens  die  gleiche  Versicherung  zu  erteilen,  die
Frankreich  vergangene  Woche  als  Antwort  auf  das  gleichzeitig  in  Berlin  und
Paris  gestellte  Ersuchen  abgegeben  hat,  muß  Sr.  M.  Regierung  dieses  Ersuchen
wiederholen  und  verlangen,  daß  hierauf  und  auf  die  von  Sir  Edward  Goschen
früher  im  Laufe  des  Nachmittags  gemachte  Mitteilung  bis  heute  12  Uhr  nachts
eine  zufriedenstellende  Antwort  in  London  eingeht.  Andernfalls  ist  Sir  Edward
Goschen  angewiesen,  seine  Pässe  zu  verlangen  und  mitzuteilen,  daß  Sr.  M.  Regierung
  sich  für  verpflichtet  hält,  alle  in  ihrer  Macht  liegenden  Schritte  zu  tun,  um
die  Neutralität  Belgiens  und  die  Einhaltung  eines  Vertrages  zu  sichern,  zu  dessen
Unterzeichnern  Deutschland  gbenso  gehört  wie  Sr.  .M.  Regierung.“
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        <pb n="234" />
        15920  4  a  TO14-  ./
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7  075

u  al)  a

Sir  Mn  Goschen  has  been  informed  by  Sir

Edward  Grey  that  His  Majesty  The  King  of  the

 

Belgians  has  addressed  to  His  Majesty  King  George  an
Yn  9
vB  Rz  appeal  for  dipJomatic  intervention  on  behalf  of
Belgium.
‚  His  Majesty’s  Government  are  also  informed  that
a  Note  has  been  delivered  to  the  Belgian  Government
ve  by  the  German  Government  proposing  friendly  neutrality
3  entailing  free  passage  through  Belgian  territory  and
promising  to  maintain  at  the  conclusion  of  peace  the
independence  and  integrity  of  the  Kingdom  ‘and  its
possessions,  threatening  to  treat  Belgium  as  an

eneny

Russland  !04
        <pb n="235" />
        Kenntni®  genmumen.
Derlin,den  9.8  1914.
Der  \öhel  des  Seneralflabes  der  Armee
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pp  bergen  ef  ck
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        enemy  in  case  of  refusal.  It  was  requested  that
en  answer  might  be  returned  within  twelve  hours.

His  Majesty’s  Government  also  understand  tinal
this  request  has  been  cateporically  refused  by
Belgium  as  a  flagrant  violation  of  the  Law  of
Nations.

Sir  Edward  Grey  states  that  His  Majesty's
Government  are  bound  to  protest  against  this  violation
  of  a  Treaty  to  which  Germany  is  a  party  in
common  with  themselves  and  that  they  must  request,
an  assurance  that  the  demand  made  upon  Belgium  will
not  be  proceeded  with  and  that  Germany  will  restect
the  neutrality  of  Belgium.

Sir  Edward  Goschen  is  instructed  to  ask  for  an
immediate  reply.

BERLIN,  August  4,  1914.
        <pb n="237" />
        <pb n="238" />
        XIV.  KAPITEL

War  der  Weltkrieg  zu  vermeiden?  -  Warum  wurde  die  Flotte  nicht  eingesetzt?  -  Die

oberste  militärische  Führung  +  Generaloberst  von  Moltke  -  Die  Mission  des  Oberstleutnants

  Hentsch  -  Die  Schlacht  bei  Tannenberg  »  General  von  Falkenhayn  Nachfolger

Moltkes  -  Für  uns  bedenkliche  Entwicklung  der  Dinge  in  Rom  -  Der  österreichischungarische

  Botschafter  Merey  -  Passivitüt  des  deutschen  Botschafters  Flotow  -  Italiens
Neutralitätserklärung

ach  der  unseligen  Kanzlerrede  vom  4.  August  1914  las  ich  mit  trüben
Ahnungen  in  der  politischen  Chronik  der  „Revue  des  Deux  Mondes“
die  Ausführungen,  mit  denen  mein  alter  Freund,  Francis  Charmes,  ein
guter  Franzose  und  Schüler  von  Gambetta,  aber  ein  ruhiger  und  maßvoller
Politiker  und  Publizist,  den  Ausbruch  des  Krieges  begrüßte.  Es  hieß  in
diesem  Artikel:  „La  guerre  s’est  presentee  a  nous  dans  des  conditions  telles
que,  m&amp;amp;me  dans  nos  r&amp;amp;ves,  nous  n’aurions  jamais  pu  en  imaginer  de  plus
favorables.  Si  une  fee  tutelaire  etait  venue  nous  dire:  La  guerre  est  certaine,
inevitable,  prochaine:  comment  preferez-vous,  comment  souhaitez-vous
qu’elle  s’engage  ?  qu’aurions—  nous  pu  r&amp;amp;pondre,  sinon  en  exprimant  le  desir
que,  des  Je  premier  moment,  la  Russie,  notre  alliee,  et  l’Angleterre,  notre
amie,  marchassent  resolument  avec  nous,  que  J’Italie,  notre  saur  latine,
desapprouvant  l’aggression  dont  nous  aurions  ete&amp;amp;  l’objet  refusät  de  s’y
associer  et  proclamät  sa  neutralit  en  attendant  mieux;  que  des  puissances,
petites  par  leur  territoire  mais  tr&amp;amp;s  grandes  par  le  cur,  fussent  provoquees
et  envahies  au  mepris  de  la  foi  juree,  de  manitre  a  ce  que  leur  cause  se
confondit  avec  la  nötre  et  a  ce  que  l’opinion  du  monde  civilise,  se  pronongant
en  leur  faveur,  mit  &amp;amp;galement  son  espoir  en  nous?  Nous  aurions  demande
que  ces  mille  ‚forces  impond£rables‘  dont  Bismarck  connaissait  la  valeur
fussent  de  notre  cöte.  Eh  bien:  tous  ce  vaux  dont  la  rcalisation  totale
paraissait  si  difficile  que  nous  n’aurions  pas  os€  les  exprimer,  tous  ont  et€
exauces.  Nous  ne  savons  pas  ce  que  sera  la  suite  de  la  campagne,  mais  elle
ne  pouvait  mieux  commencer.  Nous  le  disons  hardiment:  toutes  les
chances  sont  de  notre  cöte.““  Eheu!  Wir  hatten  diplomatisch,  politisch  den
Krieg  verloren,  bevor  der  erste  Schuß  gefallen  war.
In  alten  Zeiten  war  in  Tierarzneischulen  ein  Bild  zu  sehen,  das  das
Gerippe  eines  Pferdes  darstellte.  Über  dem  Bild  stand  als  Aufschrift:  „Das

12  Bülow  III

Francis
Charmes
über  den
Kriegsausbruch
        <pb n="239" />
        178  WAIN

kranke  Pierd.“  Aufdem  Gerippe  waren  bildlich  alle  Krankheiten  angegeben,
von  denen  ein  armes  Roß  befallen  werden  kann,  vom  Rotz  bis  zur  Strahlfäule.
  In  der  Hochschule  für  Politik,  die  für  die  Ausbildung  unserer
künftigen  diplomatischen  Beamten  vor  einiger  Zeit  ins  Leben  gerufen  wurde,
sollte  ein  Spezialkursus  eingerichtet  werden,  der  an  den  von  der  deutschen
Politik  im  Hochsommer  1914  begangenen  Fehlern  den  Schülern  zeigt,  wie
Diplomaten  es  nicht  machen  dürfen,  der  die  Stümperei  von  Bethmann
Hollweg  und  Jagow  dem  diplomatischen  Nachwuchs  als  abschreckendes
Beispiel  vor  Augen  führt:  Hier  seht,  wie  ihr  es  nicht  machen  sollt,  wie  ihr
es  nicht  machen  dürft!  Bethmann  und  Jagow  täuschten  sich  im  Sommer
1914  in  allem  und  jedem.  Sie  täuschten  sich  in  der  von  ihnen  vorausgesetzten
  Zugkraft  der  Mordtat  von  Sarajewo,  die,  wie  sie  fälschlich  annahmen,
  alle  Mächte  an  die  Seite  Österreichs  führen  würde.  Gegenüber  der
russischen  Mentalität  war,  wie  ich  dies  Bethmann  vorausgesagt  hatte,  diese
Zugkraft  von  vornherein  sehr  gering.  Und  auch  im  Westen  versagte  sie,
als  dort  die  Übertreibungen,  die  Schroffheit  und  Plumpheit  der  österreichischen
  Forderungen  und  Pläne  zutage  traten.  Die  Leiter  unserer
auswärtigen  Politik  täuschten  sich  in  Italien  und  in  Rumänien,  die  sie  zu
übertölpeln  und  zu  überrennen  dachten,  die  sich  aber  mit  Rußland  und
Frankreich  hinter  sich  und  gestützt  auf  den  Wortlaut  der  Dreibundsverträge
  weder  überlisten  noch  einschüchtern  ließen.  Bethmann  und  Jagow
täuschten  sich  vor  allem  in  England.  Bethmann  hat  jedermann,  dem
Kaiser  Wilhelm  II.  wie  dem  Bundesrat,  dem  österreichisch-ungarischen
Botschafter  wie  den  deutschen  Vertretern  im  Auslande  versichert,  wir
könnten  mit  Sicherheit  darauf  rechnen,  daß  England  wenigstens  im  ersten
Stadium  des  Krieges  neutral  bleiben  würde.  Wahn,  überall  Wahn.  Wie
ich  schon  hervorhob,  bestand  der  wohl  allergröbste  Fehler  der  vier  oder
fünf  Personen,  die  uns  ins  Verderben  führten,  darin,  daß  sie  Beschlüsse
von  solcher  Tragweite  in  der  Dunkelkammer  des  Auswärtigen  Amts
faßten,  ohne  irgend  jemand  um  Rat  zu  fragen,  weder  erfahrene  Diplomaten
noch  kluge  Männer  des  wirtschaftlichen  Lebens,  wie  Albert  Ballin,  Arthur
Gwinner,  Emil  Rathenau,  Max  Warburg,  Karl  Fürstenberg,  Paul  von
Schwabach.  Seufzend  sagte  mir  Albert  Ballin  im  zweiten  Jahr  des  Weltkrieges:
  „Wenn  ich  im  Sommer  1914  etwas  gewußt  hätte  von  dem,  was
Bethmann  Hollweg  und  Jagow  vorhatten,  wenn  ich  eine  Ahnung  gehabt
hätte  von  dem  geplanten  Ultimatum  und  der  in  Aussicht  genommenen
Strafexpedition  gegen  Serbien,  so  würde  ich  auf  alle  Fälle  Deutschland
wenigstens  rechtzeitig  mit  Getreide  vollgepumpt  haben.‘‘  Das  Ungeschick,
Die  Weltkriss  mit  dem  unser  Comit&amp;amp;  —  nicht  de  Salut  public,  sondern  de  Catastrophe
durch  das  publique  —  die  durch  das  Ultimatum  hervorgerufene  Weltkrisis  weiter
Ultimatum  behandelte,  spottete  jeder  Beschreibung.  Die  englischen  Ver-
        <pb n="240" />
        BERLINER  UND  WIENER  KABINETT  179

mittlungsvorschläge  wurden  a  limine  abgelehnt,  verschleppt  oder
sabotiert.

Ich  wiederhole  noch  einmal:  Nicht  als  ob  die  Lenker  der  deutschen
Politik  den  Weltkrieg  gewollt  hätten,  sondern  weil  sie  sich  törichterweise
einbildeten,  es  werde  ihnen  gelingen,  eine  österreichische  Strafexpedition
zur  „Züchtigung‘  Serbiens  in  Szene  zu  setzen,  ohne  daß  es  zu  einem
europäischen  Kriege  käme.  Dadurch  wurde  nicht  nur  die  Gefahr  des  von
Poincar&amp;amp;  und  Delcasse,  von  Pal&amp;amp;ologue  und  Cambon,  von  den  englischen
Jingoes  wie  von  dem  Großfürsten  Nikolai  Nikolajewitsch  und  den  montenegrinischen
  Großfürstinnen  gewünschten  Weltbrandes  gesteigert,  sondern
wir  kamen  in  den  unberechtigten  und  tatsächlich  ganz  unbegründeten
Verdacht,  den  Krieg  gewollt  und  absichtlich  herbeigeführt  zu  haben.
Während  das  deutsche  Volk  ehrlich  davon  überzeugt  war,  daß  es  das  Opfer
eines  heimtückischen  Überfalls  geworden  sei,  hielt  uns  die  ganze  Welt
für  den  Brandstifter,  der  mit  dem  Ultimatum  an  Serbien  die  Fackel  in  das
europäische  Pulverfaß  geschleudert  und  überdies  durch  die  Verletzung  der
belgischen  Neutralität  einen  unerhörten  Bruch  beschworener  Verträge  wie
des  Völkerrechts  begangen  habe.  Während  wir  nicht  für  eine  zugkräftige
Parole  gesorgt  hatten,  um  (lie  öllentliche  Meinung  der  Welt  auf  unsere
Seite  zu  bringen,  lieferten  wir  durch  unsere  ungeschickte  Politik  unseren
Feinden  zwei  Argumente,  mit  denen  sie  die  Weltmeinung  für  sich  gewannen:
  daß  das  große  Österreich  das  kleine  Serbien  überfallen  und  daß
Deutschland  durch  seinen  Einmarsch  in  Belgien  das  internationale
Völkerrecht  verletzt  hätte.  Unsere  ungeschickte  Propaganda  tat  das  übrige.
Wir  leugneten.  daß  wir  den  Inhalt  des  Ultimatums  gekannt  hätten.  Nun
mußten  wir  aber  selbst  zugeben,  daß  der  österreichisch-ungarische  Minister
des  Äußern,  Graf  Berchtold,  am  21.  Juli  vormittags  die  Note  an  Serbien
unserem  Botschafter  Tschirschky  zugestellt  hatte.  Wenn  Tschirschky
diese  Note,  deren  Tragweite  ihm  doch  nicht  einen  Augenblick  zweifelhaft
sein  konnte,  sogleich  durch  einen  seiner  Beamten  nach  Berlin  schickte,  so
lag  sie  am  22.  Juli  vormittags  auf  dem  Tisch  des  Reichskanzlers  und  des
Staatssekretärs.

Wir  hatten  also  noch  achtzehn  Stunden  Zeit,  die  Übergabe  des  Ultimatums
  in  Belgrad  aufzuhalten,  die  erst  am  23.  Juli,  nachmittagssechs  Uhr,
erfolgte.  Wobei  zweierlei  nicht  zu  vergessen  ist:  Erstens,  daß  das  Auswärtige
  Amt  den  Inhalt  des  Ultimatums  in  Wirklichkeit  schon  früher
kannte,  wie  dies  aus  dem  bekannten  Bericht  des  bayrischen  Geschäftsträgers
  in  Berlin,  des  Legationsrats  von  Schön,  und  aus  einer  ebenso
bekannten,  gleichzeitigen  Äußerung  des  bayrischen  Ministerpräsidenten
Hertling  gegenüber  dem  französischen  Gesandten  in  München,  Herrn
Allize,  hervorgeht.  Übrigens  ist  noch  die  Frage,  was  politisch  der  schlimmere

12*

Die  Note

an  Serbien
        <pb n="241" />
        1908  und  1914

180  GRAF  LEOPOLD  BERCHTOLD

Fehler  gewesen  wäre:  dem  Wiener  Kabinett  die  Absendung  einer  derartigen
Note  an  Serbien  in  voller  Kenntnis  ihres  Inhalts  zu  erlauben  oder  Österreich-Ungarn
  einen  Blanko-Wechsel  für  seine  Politik  gegenüber  Serbien  auszustellen.
  Der  kluge  Ballin  hat  mir  mehrmals  gesagt,  daß  er  die  zweite
Alternative  für  die  noch  größere  Dummheit  hielte.  Wenn  er  die  Absicht
habe,  seinem  Sozius  zu  erlauben,  ihr  gemeinschaftliches  Kapital  in  Monte
Carlo  auf  Rot  oder  Schwarz,  Pair  oder  Impair  zu  setzen,  so  wolle  er
wenigstens  selbst  dabei  sein,  wenn  sein  Kompagnon  den  Coup  riskiere.  Daß
er  aber  seinen  Sozius  allein  nach  Monte  Carlo  reisen  lasse  und  dessen
eigenem  Ermessen  alles  Weitere  anheimstelle,  sei  das  Allerdämlichste.  Noch
unverzeihlicher  war,  ich  muß  auch  dies  wiederholen,  daß  Bethmann  und
Jagow,  nachdem  sie  Zeit  gehabt  hatten,  das  Ultimatum  gründlich  zu
studieren,  nicht  wenigstens  in  Wien  kategorisch  erklärten,  der  Abbruch  der
diplomatischen  Beziehungen  zwischen  Österreich-Ungarn  und  Serbien  und
gar  ein  militärisches  Vorgehen  Österreichs  gegen  Serbien  dürfe  keinesfalls
erfolgen,  bevor  wir  die  serbische  Antwort  sorgsam  geprüft  hätten.  Im
Gegenteil:  Je  gefährlicher  die  Situation  sich  zuspitzte,  um  so  mehr  gerieten
Bethmann  und  Jagow,  Wilhelm  Stumm  und  Diego  Bergen  in  immer
größere,  schließlich  blinde  Abhängigkeit  vom  Wiener  Ballplatz,  wo  Graf
Leopold  Berchtold  thronte.  Bei  Jagow  spielte  hierbei,  wie  ich  schon  andeutete,
  kleinjunkerliche  Voreingenommenheit  für  die  „ehrwürdige  und
heilige‘  habsburgische  Monarchie  mit.  Den  anderen  Mitgliedern  der  Berliner
Zentrale,  die  das  waren,  was  adliger  Hochmut  „Roturiers“  nennt,  imponierte
  ein  Vollblutaristokrat,  Vliesritter  und  großer  Kavalier  wie  Berchtold,
  der  einen  Rennstall  hielt,  glänzende  Jagden  gab  und  von  sich  zu  sagen
pflegte,  daß  es  für  ihn  als  Minister  nur  zwei  wirklich  angenehme  Augenblicke
gäbe:  den  Moment  seiner  Ernennung,  wo  er  als  Nachfolger  des  Fürsten
Clemens  Metternich  und  des  Fürsten  Felix  Schwarzenberg  die  Glückwünsche
  seiner  Standesgenossen  entgegengenommen  habe,  und  den  Tag,
wo  er  seinen  Abschied  einreichen  werde,  um  sich  nur  noch  der  Jagd  und
seinem  Rennstall  zu  widmen.  Von  einem  solchen  Schwachmatikus  ließen
sich  Bethmann  und  seine  Mitarbeiter  in  Krieg  und  Verderben  verstricken.
Ohne  den  Krieg  zu  wollen,  nur  aus  Einfältigkeit.

Nur  einmal  im  Laufe  jener  verhängnisvollen  Entwicklung  hat  sich
Bethmann  Hollweg  zu  einer  einigermaßen  klaren  Verwahrung  aufgerafft,
als  er  am  29.  Juli  von  Österreich  die  Wiederaufnahme  der  abgebrochenen
direkten  Besprechungen  mit  St.  Petersburg  mit  den  Worten  forderte:  „Wir
sind  zwar  bereit,  unsere  Bündnispflicht  zu  erfüllen,  müssen  es  aber  ablehnen,
  uns  von  Wien  leichtfertig  und  ohne  Beachtung  unserer  Ratschläge
in  einen  Weltbrand  hineinziehen  zu  lassen.‘  Nachdem  Bethmann,  Jagow
und  mit  ihnen  leider  auch  Wilhelm  II.  von  Anfang  an  Österreich  Carte
        <pb n="242" />
        v.  Tschirschky  und  Bögendorff,  Deutscher  Botschafter  in  Wien
        <pb n="243" />
        <pb n="244" />
        DAS  SIMILE  181

blanche  gegeben  und  es  in  seinem  weiteren  Vorgehen  bestärkt  und  ermuntert
  hatten,  mußte  diese  um  zehn  Tage  verspätete  Warnung  wirkungslos
  verpuffen.

Es  scheint,  daß  Bethmann  der  Gedanke  vorschwebte,  meine  Taktik
während  der  bosnischen  Krisis,  die  sich  fast  sechs  Jahre  vor  dem  Weltkrieg
  abgespielt  hatte,  mit  dem  Ultimatum  an  Serbien  nachzuahmen.
Nun  gibt  es  aber  in  der  auswärtigen  Politik  nichts  Bedenklicheres,  als,  um
mit  dem  Fürsten  Bismarck  zu  reden,  nach  einem  Simile  zu  arbeiten,  denn
diplomatische  Situationen  gleichen  sich  nie  vollständig.  Die  Umstände,  die
in  Frage  kommenden  Persönlichkeiten,  die  Stimmungen  und  Strömungen
sind  immer  verschieden.  Der  Pulizeipräsident,  der  eine  Verordnung  für  den
Marktverkehr  ausarbeitet,  mag  nach  einem  Simile  greifen.  Wer  Politik
treiben  will,  muß  eigene  Gedanken  haben.  Schon  Kiderlen  war  in  den  Fehler
verfallen,  mit  dem  Panthersprung  nach  Agadir  die  Politik  nachahmen  zu
wollen,  mit  der  ich  durch  den  Kaiserbesuch  in  Tanger  den  damals  für  uns
und  den  Weltfrieden  gefährlichsten  Gegner,  Delcasse,  für  viele  Jahre
mattsetzte.  Mit  Tanger  erreichte  ich  diesen  Zweck.  Agadir  mißlang.  Es
glich  jenem  Vorgang,  der  sich  gelegentlich  bei  Feuerwerken  ereignet:  Statt
gerade  in  die  Luft  zu  steigen,  fährt  die  Rakete  den  Umstehenden  zwischen
die  Beine  und  richtet  Verwirrung  und  Schaden  an.  Noch  weit  verfchlter  als
der  Kiderlensche  Panthersprung  war  der  Gedanke  Bethmanns,  wit  seiner
Ultimatumspolitik  meine  Behandlung  der  bosnischen  Krise  zu  imitieren.
Bethmann  wollte  endlich  einmal  auch  einen  politischen  Erfolg  haben.  Wie
Sasonow  im  April  1914  mit  Recht  an  den  russischen  Botschafter  in  Rom
geschrieben  hatte,  lagen  aber  die  Verhältnisse  1914  total  anders  als  1908,
sechs  Jahre  früher.  Rußland  war  1908  durch  eine  Reihe  von  vertraulichen
Noten  und  Verabredungen  gebunden,  insbesondere  durch  einen  Brief  seines
Ministers  des  Auswärtigen,  Iswolski,  der  eine  nicht  wegzuleugnende  Invite
an  Österreich  enthielt.  1908  hatte  ich  Österreich  fest  in  der  Hand  und  war
sicher,  daß  es  die  ihm  von  mir  gezogene  Grenze  nicht  überschreiten  würde.
Ich  verlor  weder  die  Fühlung  mit  Rußland  noch  auch  die  mit  Italien.  Um
mich  französisch  auszudrücken:  Je  jouais  sur  le  velours.  1914  hatte  Bethmann
  keine  anderen  Atouts  in  seinem  diplomatischen  Spiel  als  die  durch
die  Ermordung  des  Erzherzogs  Franz  Ferdinand  erweckte  Entrüstung,  die
sich  verflüchtigte,  als  die  eigentlichen  Motive  und  wahren  Ziele  der
Berchtold  und  Conrad  von  Hötzendorf  zutage  traten  und  damit  die
Möglichkeit  eines  Weltbrandes.  Si  duo  faciunt  idem,  non  est  idem.  Das  gilt
namentlich  für  die  Politik,  wo  alles  fließt.

Ich  weiß  wohl,  daß  die  Meinung  weit  verbreitet  ist,  der  Weltkrieg  würde,
auch  wenn  er  1914  vermieden  worden  wäre,  1915  oder  1916  doch  gekommen
sein.  Der  Weltkrieg  wäre  ein  unentrinnbares  Fatum  gewesen.  Ich  halte
        <pb n="245" />
        Die
U-Boot-Waffe

182  DAVID  UND  GOLIATII

diese  Auffassung  für  grundfalsch.  Ich  glaube  nicht  an  die  zwangsläufige
Entwicklung.  Ich  halte  es  mit  Napoleon,  der  einem  geschlagenen  Unterbefehlshaber
  erwiderte,  der  sich  mit  der  „fatalite‘“  entschuldigte:  „La
fatalite,  l’excuse  des  incapables  et  des  maladroits.“  Wir  konnten  mit  einer
ruhigen  und  gewandten  Hand  191%  ebensogut  den  Frieden  wahren,  wie  wir
ihn  1888,  1905  und  1909  erhalten  hatten.  Jedenfalls  brauchte  sich  das
Deutsche  Reich  nicht  unter  einer  derartig  ungünstigen  Konstellation,  in  so
ungeschickter  Weise,  am  Wiener  Gängelband  in  diesen  furchtbaren  Krieg
verstricken  zu  lassen.

Es  ist  begreiflich,  daß  ich,  der  ich  an  dem  Ausbau  unserer  Flotte  einen
großen  Anteil  gehabt  habe,  ihrer  Betätigung  im  Kriege  mit  Spannung,  mit
hohen  Erwartungen  entgegensah.  Die  Tüchtigkeit  unserer  Matrosen,  die
Intelligenz  und  der  glänzende  Geist  unserer  Seeoffiziere,  die  Stimmung  in
der  Heimat,  die  mit  vollem  Vertrauen  auf  unsere  blauen  Jungen  blickte,
berechtigten  zu  stolzen  Hoffnungen.  Ich  war,  wie  ich  schon  ausgeführt
habe  und  wie  ziemlich  allgemein  bekannt  ist,  bei  aller  Hochachtung  für  die
ungewöhnliche  Persönlichkeit  des  Großadmirals  von  Tirpitz,  sein
Organisationstalent  und  seine  Tatkraft  doch  seit  dem  Beginn  des  methodischen
  Ausbaus  der  Flotte,  der  mit  der  Ernennung  von  Tirpitz  zum
Staatssekretär  des  Reichsmarineamtes  und  meiner  Ernennung  zum  Staatssekretär
  des  Auswärtigen  Amts  zusammenfällt,  nicht  ganz  damit  einverstanden,
  daß  Tirpitz  das  Hauptgewicht  gar  so  sehr  auf  den  Bau  großer
Kampfschifle  legte.  Ich  hätte  es  lieber  gesehen,  wenn  Tirpitz,  dem  ihm  vom
greisen  Bismarck  erteilten  Rat  folgend,  mehr  Kreuzer  auf  Kiel  gelegt,  wenn
er  später,  als  die  neue  Waffe  aufkam,  rechtzeitig  und  in  möglichst  großer
Zahl  U-Boote  gebaut,  wenn  er  eifriger  für  Flugzeuge  gesorgt  hätte.  Laie
auf  diesem  Gebiet  und  weit  entfernt,  in  eine  mir  fernliegende  Materie
dilettantisch  einzugreifen,  hatte  ich  doch  das  instinktive  Gefühl,  daß  wir
mit  einem  forcierten  Bau  von  Groß-  und  Schlachtschiffen  die  Engländer
immer  mißtrauischer  machten,  sie  schwer  reizten,  ohne  sie  doch  überflügeln
zu  können.  Das  U-Boot  erschien  meinem  Laienverstand  als  die  Schleuder,
mit  welcher  der  kleine  David,  wenn  ihm  Wagemut  und  Glück  nicht  fehlen,
den  großen  Goliath  bezwingt.  Nach  dem  Ende  des  Weltkrieges  schrieb  der
englische  Admiral  Scott:  „Wenn  Kaiser  Wilhelm  im  Herbst  191%  den
Vorschlag,  England  durch  U-Boote  zu  blockieren,  angenommen  hätte,  so
würde  damals  eine  solche  Blockade  in  kürzester  Zeit  den  Zusammenbruch
herbeigeführt  haben.‘‘  Und  als  im  Dezember  1914  der  Kaiser  den  Admiral
Ingenohl,  der  unter  sehr  günstigen  Gefechtsbedingungen  den  Kampf  mit
einem  englischen  Geschwader  aufnehmen  wollte,  zwang,  abzudrehen  und
nach  Wilhelmshaven  zurückzukehren,  schrieb  Admiral  Scheer,  der  spätere
Sieger  von  Skagerrak:  „Der  Eindruck,  eine  selten  günstige  Gelegenheit
        <pb n="246" />
        DIE  FLOTTE  WIRD  GESCHONT  183

versäumt  zu  haben,  blieb  haften,  die  Wiederkehr  einer  solchen  Gelegenheit
war  kaum  zu  erwarten.‘  Und  Tirpitz  erklärte  direkt:  „Am  16.  Dezember
hatte  Ingenohl  das  Schicksal  Deutschlands  in  der  Hand.“

Woran  lag  es,  daß  unsere  Schlachtflotte  nicht  rechtzeitig  eingesetzt
wurde?  Von  Generalstabsoffizieren  ist  mir  versichert  worden,  daß  Schlieffen
wie  Moltke  auf  eine  sofortige  und  offensive  deutsche  Kriegführung  auf  hoher
See  immer  großen  Wert  gelegt  hätten.  Der  Großadmiral  Tirpitz  stand  auf
dem  gleichen  Standpunkt  und  wünschte  grundsätzlich  eine  baldmöglichste
Entscheidung  zur  See,  nicht  nur,  weil  er  sich  von  einer  solchen  vollen
Erfolg  versprach,  sondern  auch,  um  zu  beweisen,  daß  die  von  ihm  geschmiedete
  Waffe  schlagfertig  und  schlagkräftig  sei.  Aber  der  Kaiser,  das
lahme  Auswärtige  Amt  und  der  schwankende,  ängstliche  Reichskanzler
dachten  anders.  Wilhelm  II.  hatte  von  Anfang  an,  seitdem  er  begann  die
Flotte  zu  bauen,  der  Gedanke  ganz  ferngelegen,  seine  Marine  kriegerisch
zu  verwenden.  Eine  möglichst  starke  deutsche  Seemacht  sollte  nur  eine
Schutzwehr  gegen  Friedensstörungen  sein.  Sie  sollte  auch  gelegentlich  die
Möglichkeit  zu  prächtigen  Manövern  bieten.  Mehr  nicht.  Der  Kaiser  kannte
jedes  einzelne  seiner  Kampfschiffe.  Er  hatte  auf  jedem  seine  besondere
Kabine,  jede  Kabine  mit  Komfort  eingerichtet,  mit  allen  Toilettengegenständen,
  die  ihm  sein  biederer  Leibjäger,  Vater  Schulz,  aufgebaut
hatte,  mit  allen  Bildern  seiner  Lieben  an  der  Wand.  Diese  seine  schönen,
ibm  ans  Herz  gewachsenen  Schiffe  dem  Untergang  auszusetzen,  brachte  er
nicht  über  sich.  Das  kam  ihm  ähnlich  vor,  als  wenn  man  einem  Rennstallbesitzer
  vorgeschlagen  hätte,  seine  edelsten  Rennpferde  vor  die  Erntewagen
zu  spannen  mit  der  Gefahr,  daß  sie  lahmgefahren  würden.  Der  Kaiser
wollte  die  Flotte  „schonen“,  Bethmann  Hollweg  wollte  die  Engländer
„nicht  reizen‘.  So  begegneten  sich  beide  in  der  Formel,  daß  die  Flotte  bis
zum  Friedensschluß  unverschrt  erhalten  werden  müsse,  um  dann  bei  den
Friedensverhandlungen  in  die  Waagschale  gelegt  zu  werden.  Das  Ende  war
Scapa  Flow.

Ich  habe  schon  darauf  hingewiesen,  daß  die  Vorwürfe,  welche  die  retrospektive
  militärische  Kritik  dem  Generaloberst  Moltke  macht,  auch  demjenigen,
  der  nie  die  karmoisinroten  Streifen  des  Generalstäblers  trug,
berechtigt  erscheinen.  Der  Vorwurf,  der  ihm  vor  allem  gemacht  werden
muß,  ist,  daß  er  die  Zügel  am  Boden  schleifen  ließ,  daß  er  die  Armeeführung
nicht  in  der  Hand  behielt,  daß  sein  Standort,  erst  Koblenz,  dann  Luxemburg,
  von  dem  entscheidenden  rechten  deutschen  F  lügel  zu  weit  entfernt
war,  daß  er  nicht  einmal  für  bessere  Verständi  öglichkeiten  zwischen
sich  und  den  betreffenden  Hauptquartieren  des  rechten  Flügels  gesorgt
hatte.  Die  einzelnen  Armeen  leisteten  Glänzendes,  aber  es  fehlte  die  zentrale
Leitung,  die  einheitliche  Hand,  die  alle  Einzelhandlungen  in  Überein-Die

  Nichteinsetzung
  der

Schlachtflotte

Die  Lage
an  der

Westfront
        <pb n="247" />
        Statt  Moltkes
Falkenhayn

184  DAS  MARNE-WUNDER

stimmung  brachte.  Als  die  Lage  au  der  französischen  Front  immer
kritischer  wurde,  hätte  Moltke  selbst  die  drei  Armeen  des  rechten  Flügels
aufsuchen  müssen,  um  sich  de  visu  über  den  Stand  der  Dinge  zu  unterrichten
  und  die  Einheitlichkeit  der  Kampfhandlung  sicherzustellen.  Statt
dessen  entsandte  er  in  der  entscheidenden  Stunde,  am  8.  September,  einen
Abteilungschef  seines  Stabes,  den  Oberstleutnant  Hentsch,  zu  den  drei
Armeen  des  rechten  Flügels,  legte  die  Entscheidung  in  dessen  Hand,  erwähnte
  in  seiner  letzten  mündlichen  Instruktion  an  ihn  die  Möglichkeit
eines  Ausweichens,  gab  sogar  Hinweise  für  die  Richtung  eines  erforderlich
werdenden  Rückzuges.  Von  allen  Offizieren  seines  Stabes  war  Hentsch
derjenige,  bei  dem  die  angeborene  Farbe  der  Entschließung  am  meisten
von  des  ängstlichen  und  schwankenden  Gedankens  Blässe  angekränkelt
war.  Gerade  darum  war  er  dem  Chef  sympathisch.  Als  Hentsch,  dem  das
Schicksal  der  Schlacht,  des  Feldzuges,  der  Armee,  des  Landes  in  die  Hand
gegeben  war,  bei  dem  Oberkommando  der  zweiten  Armee  eine  ungünstige
Auffassung  der  Lage  vorfand,  empfahl  er  deren  Führer,  dem  Generalfeldmarschall
  von  Bülow,  Zurückgehen  in  nordöstlicher  Richtung.  Unmittelbar
  nachher  drängte  er  den  Oberkommandierenden  der  ersten  Armee,
den  Generaloberst  v.  Kluck,  den  er  inzwischen  aufgesucht  hatte,  gleichfalls
  zum  Rückmarsch.  Die  Franzosen  und  Engländer  fühlten  sich  so  wenig
als  Sieger,  daß  sie  den  Rückzug  der  Deutschen  nicht  störten.  Erst  später
konstruierten  französische  Ruhmredigkeit  und  französische  Gewandtheit
das  „Marne-Wunder“,  „Le  Miracle  de  la  Marne“,  das  Frankreich  und,  wie
die  Franzosen  behaupten,  die  ganze  Welt  vor  deutscher  Raubsucht  und
Eroberungslust  gerettet  habe.

Wohl  mußte  den  Franzosen,  deren  Regierung  am  2.  September,  vierundvierzig
  Jahre  nach  dem  Tage  von  Sedan,  fluchtartig  Paris  verlassen
und  ihren  Sitz  nach  Bordeaux  verlegt  hatte,  der  plötzliche  Rückzug  der
Deutschen  wie  ein  Mirakel  erscheinen.  Wunderbar,  verwunderlich  und
entsetzlich  war  aber  vor  allem,  daß  der  Nachfolger  von  Moltke  I  und
Schlieffen  so  gar  nicht  auf  der  Höhe  seiner  Vorgänger  stand.  Unter  dem
Druck  der  auf  ihm  lastenden  Verantwortung  war  er  zusammengebrochen.
Seinen  kraftlosen  Händen  war  im  entscheidenden  Augenblick  die  Führung
entglitten.  Truppe  und  Unterführer  hatten  gesiegt,  die  oberste  Heeresleitung
  hatte  versagt.  Moltke  soll  gehofft  haben,  daß  die  Zurücknahme  des
rechten  Flügels  nach  einigen  Tagen  durch  eine  neue  Offensive  wettgemacht
werden  könnte.  Ich  hörte,  daß  er  mit  der  dritten,  vierten  und  fünften
Armee  die  Vorwärtsbewegung  wieder  in  Gang  bringen  wolle.  Aber  schon
am  10.  September  wurde  dieser  Gedanke  wieder  aufgegeben,  am  11.  September
  erschien  ihm  sogar  das  Ausharren  dieser  Armeen  in  ihren  augenblicklichen
  Stellungen  untunlich,  und  auch  für  sie  wurde  der  Rückzug
        <pb n="248" />
        MOLTKES  SCHICKSAL  185

angeordnet.  Moltke  hat  mir  später  mit  Tränen  in  den  Augen  erzählt,  daß
die  seelischen  Schmerzen,  die  er  in  diesen  Tagen,  gleichzeitig  körperlich
leidend,  durchgemacht  hätte,  „unsägliche‘‘  gewesen  wären.  Der  Kaiser,
an  seinem  langjährigen  Freund  irre  geworden  und  nach  seiner  Art  von
einem  Extrem  in  das  andere  fallend,  hatte  ihm  mit  barschen  Worten  die
Leitung  der  Operationen  entzogen  und  sie  dem  Kriegsminister  Gencral
von  Falkenhayn  übertragen.  Nach  außen  sollte  aber  der  Wechsel  vorläufig
  nicht  bekanntwerden,  um  die  Heimat  nicht  zu  beunruhigen.  So
mußte,  de  facto  völlig  ausgeschaltet,  Moltke  doch  pro  forma  an  allen
militärischen  Beratungen  teilnehmen,  wurde  aber  weder  gefragt  noch
gehört  noch  irgendwie  beachtet.  Stumm  saß  er  neben  seinem  bisherigen
Rivalen  und  nunmehrigen  Nachfolger.  „Ich  glaube  nicht‘,  äußerte  Moltke
später  zu  mir,  „daß  unter  den  Qualen  der  Hölle,  von  denen  Dante  in  seinem
Inferno  berichtet,  auch  nur  eine  an  das  seelische  Martyrium  heranreicht,
das  ich  durchgemacht  habe.“

Die  Heimat  wurde  von  diesem  Zusammenbruch  stolzer  Hoffnungen
und  gewaltiger  militärischer  Anstrengungen  im  Westen  vorerst  nicht  berührt,
  denn  sie  stand  noch  unter  dem  Eindruck  des  Sieges  von  Tannenberg.
Das  Städtchen  Tannenberg,  wo  fünf  Jahrhunderte  früher  das  deutsche
Volk  eine  der  schwersten  Niederlagen  seiner  Geschichte  erlitten  hatte,  war
jetzt  der  Schauplatz  eines  der  größten  deutschen  Siege  aller  Zeiten  geworden.
  Der  Cannae-Gedanke,  den  Moltke  im  Westen  zu  rcalisieren  versuchte,
  aber  nicht  vermochte,  war  hier  mit  höchster  Kühnheit  und  zugleich
mit  genialer  Sicherheit  verwirklicht  worden.  Neunzigtausend  Russen
waren  gefangen,  noch  mehr  erlagen  dem  deutschen  Feuer  oder  ertranken
in  den  Masurischen  Seen.  Und  als  die  Nebel,  die  über  den  Masurischen  Seen
lagerten,  sich  verzogen  hatten,  erkannte  das  Volk  in  dem  Sieger  der
Schlacht  den  General  von  Hindenburg,  einen  seiner  Großen.  Deutsch
bis  in  die  Knochen.  Deutsch  auch  in  seiner  äußeren  Erscheinung,  der  Mann
mit  den  breiten  Schultern,  dem  schweren,  festen  Gang,  den  großen,
gütigen  Augen,  der  vollkommenen  Natürlichkeit,  verbunden  mit  nicht
gewollter,  nicht  beabsichtigter,  in  seinem  Wesen  liegender  und  von  seinem
Wesen  ausgehender  Würde.  Streng,  wo  es  nottat,  aber  immer  menschlich
und  gütig,  nie  eitel,  nie  persönlich,  nie  kleinlich.  Groß  vor  allem  durch  die
sittliche  Stärke,  die  den  hervorstechendsten  Zug  seines  Wesens  bildet,  verkörpert
  der  Generalfeldmarschall  von  Hindenburg  alle  guten  und  herrlichen
Eigenschaften  des  deutschen  Volkes  und  insbesondere  der  preußischen
Armee.  So  steht  er  in  unserer  Geschichte  als  ein  ganz  Großer.  Seine  Größe
zeigte  sich  auch  in  seinem  Verhältnis  zu  seinem  Generalstabschef,  dem
General  Ludendorff.  Die  vollkommene  Neidlosigkeit,  mit  der  Hindenburg
den  genialen,  aber  oft  stürmischen,  nicht  immer  bequemen  Ludendorff

Die  Schlacht
bei

Tannenberg
        <pb n="249" />
        War  Verdun
ein  Fehler?

186  FALKENHAYN

nicht  nur  neben  sich  ertrug,  sondern  ihn  hielt  und  stützte,  erinnert  an  das
Verhältnis  des  alten  Blücher  zu  seinem  Gneisenau.  Alle  vier  gehören  für
alle  Zeiten  in  die  deutsche  Ruhmeshalle.

Der  durch  den  katastrophalen  Ausgang  der  Marneschlacht  notwendig
gewordene  Wechsel  in  der  obersten  Heeresleitung  führte  den  preußischen
Kriegsminister  von  lalkenhayn  an  die  Stelle  des  Generalobersten  von
Moltke.  Erich  von  Falkenhayn  war,  was  Goethe  und  nach  ihm  Spielhagen
eine  problematische  Natur  genannt  haben,  ein  Typus,  der  im  französischen,
russischen,  spanischen,  selbst  im  österreichischen  Hcere  nicht  selten,  aber
in  der  preußischen  Armee,  wenigstens  an  den  höchsten  Stellen,  kaum  vertreten
  war.  Sohn  einer  alten  pommerschen  Adelsfamilie,  mit  allen  guten
Eigenschaften  des  aus  dem  Junkertum  hervorgegangenen  Offiziers,  wagemutig,
  kräftig,  nie  ängstlich  oder  gar  erschrocken,  äußerlich  anzuschauen
wie  ein  Kriegsgott,  hatte  er  schon  als  junger  Infanterieoffizier  wegen
Schulden  Jen  Dienst  quittieren  müssen,  war  nach  China  gegangen  und
hatte  sich  dort  mit  der  Ausbildung  chinesischer  Rekruten  ziemlich  kümmerlich
  durchgeschlagen,  aber  sich  den  Weltwind  um  die  Ohren  gehen  lassen.
Durch  den  Feldmarschall  Waldersee,  dem  sein  gutes  Aussehen,  seine
Anstelligkeit  und  seine  Brauchbarkeit  auffielen,  nach  Deutschland  zurückgebracht,
  machte  er  von  da  an  eine  ungewöhnlich  rasche  Karriere.  Er  wurde
vom  Generalobersten  von  Moltke  protegiert,  der  sich  damit  freilich  wenn
auch  nicht  gerade  eine  Schlange  am  Busen,  so  doch  den  zukünftigen  Nachfolger
  erzog.  Mit  seinen  Vorzügen  wie  mit  seinen  Schwächen  war  der
General  von  Falkenhayn  ganz  der  Mann,  Kaiser  Wilhelm  1I.  zu  gefallen.
Wenu  Moltke,  körperlich  schon  sehr  verbraucht,  mit  starker  Neigung  zu
mystischen  Spielereien  und  zu  theosophischem  Grübeln,  den  Kaiser,
sobald  sich  das  Glück  von  uns  abzuwenden  schien,  eher  deprimiert  hatte,
so  hob  der  frische,  resolute,  nie  um  eine  Auskunft  oder  einen  Ausweg  verlegene,
  forsche  Falkenhayn  sogleich  die  Stimmung  Seiner  Majestät.  Da
war  doch  Nervenkraft  und  Verantwortungsfreudigkeit.  Ich  enthalte  mich
eines  Urteils  über  die  militärischen  Leistungen  des  Generals  von  Falkenhayn.
  War  Verdun  ein  Fehler?  War  Ypern  ein  Fehler?  Beide  kosteten
Ströme  von  Blut,  beide  brachten  keinen  durchschlagenden  Erfolg.  Sicher
scheint,  daß  Falkenhayn,  dem  die  streng  sachliche,  wohl  auch  die  ethische
Größe  von  Hindenburg  abging,  durch  die  Lässigkeit,  um  nicht  zu  sagen
eifersüchtige  Engherzigkeit,  mit  der  er  wiederholt  das  dringende  Ersuchen
von  Ober-Ost  um  Verstärkung  behandelte,  eine  schwere  Verantwortung  auf
sich  genommen  hat.  Dagegen  erfordert  die  Gerechtigkeit,  anzuerkennen,
daß  Falkenhayn  für  politische  Fragen,  Zusammenhänge  und  auch  Gefahren
  mehrfach  mehr  Verständnis  zeigte  als  Ludendorff.  Niemals  darf  das
deutsche  Volk  die  Helden  vergessen,  die  vor  Verdun  in  einem  Höllenfeuer
        <pb n="250" />
        DER  WINK  ITALIENS  187

aushielten.  Ewig  wird  die  Erinnerung  fortleben  an  die  Begeisterung,  mit
der  an  der  Yser  und  bei  Ypern  die  jungen  Korps,  meist  Studenten,
zum  Teil  Gymnasiasten,  mit  dem  Gesang  der  Wacht  am  Rhein  und
des  Deutschlandliedes  stürmend  dem  Tode  entgegengingen  und  mit
ihren  jungen  Leibern  die  blutgedüngte  Walstatt  deckten.  An  diesem
Teil  der  belgischen  Nordseeküste,  an  die  jetzt  kein  Deutscher  ohne
Wehmut  denken  kann,  hatte  ich,  wie  ich  seinerzeit  erzählt  habe,  im  Hochsommer
  1889,  ein  Vierteljahrhundert  vor  den  Schlachten  an  der  Yser
und  bei  Ypern,  in  dem  kleinen  Nordseebad  Nieuport  schöne  Wochen
mit  meiner  Frau  verlebt,  nicht  ahnend,  daß  hier  einst  die  Blüte  unseres
Volkes  verbluten  sollte.

Zu  den  schweren  Fehlern,  die  sich  unsere  politische  Leitung  im  Hochsommer
  1914  zuschulden  kommen  ließ,  gehört  auch  ihre  Taktik  gegenüber
Italien.  An  diesem  Mikrokosmus  läßt  sich  nur  zu  deutlich  die  Zerfahrenheit
und  Unbeholfenheit,  die  Schwäche  und  Unbesonnenbeit,  die  aus  Perfidie
und  Naivität  seltsam  gemischte  Unzulänglichkeit  der  deutschen  Diplomatie
von  1914  nachweisen,  die  unser  tüchtiges  und  friedliebendes  Volk  in  den
Krieg  hineinstolpern  und  uns  den  Krieg  verlieren  ließ.  Wie  aus  den  von  den
Bolschewisten  veröffentlichten  Geheimberichten  hervorgeht,  wurde  noch
Ende  Mai  1914  bei  den  Beratungen  des  russischen  Admiralstabes  über  die
abzuschließende  russisch-englische  Marinekonvention  von  russischer  Seite
an  die  Engländer  die  Forderung  gestellt,  daß  sie,  um  einen  österreichischitalienischen
  Angriff  auf  das  Schwarze  Meer  zu  verhindern,  den  russischen
Schiffen  die  englischen  Flottenstützpunkte  zur  Verfügung  stellen  müßten.
Damals  rechneten  Russen  wie  Engländer  noch  damit,  daß  Italien  im
Kriegsfall  an  der  Seite  der  Mittelmächte  bleiben  werde.  Als  das  Gewitter
des  Ultimatums  am  Horizont  aufstieg,  erklärte  am  14.  Juli  1914  der
italienische  Minister  des  Äußern,  der  Marquis  San  Giuliano,  dessen
politische  Ambitionen  von  jeher  auf  die  Ausbreitung  des  italienischen  Einilusses
  im  Mittelmeer  und  insbesondere  an  der  nordafrikanischen  Küste
gerichtet  waren  und  der  deshalb  bis  dahin  ein  Anhänger  des  Dreibundes
und  auch  korrekter  Beziehungen  zwischen  Italien  und  Österreich  gewesen
war,  in  einer  Unterredung  mit  dem  deutschen  Botschafter  Flotow,  Italien
könne  exorbitante  österreichisch-ungarische  Forderungen  an  Serbien  nicht
unterstützen.

Drei  Tage  später  wiederholte  der  Minister  dem  deutschen  Botschafter,
Italien  werde  Österreich  territoriale  Eroberungen  in  Serbien  nicht  erlauben.
  Statt  sich  diesen  zweifellos  auch  an  die  Wiener  Adresse  gerichteten
  Wink  zur  Warnung  dienen  zu  lassen,  empfahl  der  österreichischungarische
  Botschafter  in  Rom,  Herr  von  Merey,  dem  Grafen  Berchtold,
die  italienische  Regierung  mit  der  Aktion  gegen  Serbien  zu  „überrumpeln“.

Italien
und  die
Miltelmächte
        <pb n="251" />
        Flotow  und
Barrere

188  DER  SPEISESAAL  IN  FIUGGI

Es  war  verhängnisvoll,  daß  sowohl  Österreich-Ungarn  wie  Deutschland
vor  Beginn  des  Weltkrieges  in  Rom  schlecht  vertreten  waren.  Herr  von
Merey  hatte  sich  durch  sein  kassantes  Wesen,  seine  kaum  verhüllte  Abneigung
  und  Gereiztheit  gegen  das  neue  Italien,  seine  beständigen  Quengeleien
  und  Nadelstiche  allgemein  verhaßt  gemacht.  Sein  persönliches  Verhältnis
  zu  dem  weltmännischen,  kulanten  San  Giuliano  war  allmählich  so
gespannt  geworden,  daß  beide  sich  kaum  noch  sahen  und  der  italienische
Minister  erwog,  ob  er  die  gesellschaftlichen  Beziehungen  zu  dem  Vertreter
der  habsburgischen  Monarchie  nicht  besser  ganz  einstellen  solle.

Der  deutsche  Botschafter  Flotow  war  zu  furchtsam,  um  aggressiv  oder
gar  beleidigend  aufzutreten.  Dafür  hatte  er  sich  weder  politisch  noch  sozial
eine  Stellung  gemacht.  Mit  einer  Vollblutrussin  verheiratet,  die  kaum
Deutsch  sprach  und  in  ihrem  Salon  eine  große,  übrigens  schöne  Bronzebüste
Iwans  des  Schrecklichen  aufstellte,  die  von  biederen  deutschen  Besuchern
für  das  Konterfei  des  Alarich,  Theoderich  oder  eines  anderen  Helden  der
germanischen  Völkerwanderung  gehalten  wurde,  war  der  deutsche  Botschafter
  gesellschaftlich  eine  halbkomische  Figur  geworden,  ohne  pulitischen
Einfluß.  Dazu  kam,  daß  Flotow,  der  von  jeher  ein  Malade  imaginaire  war,
sich  nicht  entschließen  konnte,  in  der  Sommerhitze  in  Rom  auszuharren,
wie  dies  191%  die  drei  Entente-Botschafter  Barrere,  Sir  Rennel  Rodd
und  Krupenski  als  Selbstverständlichkeit  betrachteten,  sondern  nach
dem  ziemlich  weit  von  Rom  entfernten  Badeort  Fiuggi  geflüchtet  war.
Gegenüber  seinem  Busenfreunde  Jagow  und  dem  Kauzler  Bethmann
hatte  Flotow  dies  damit  motiviert,  daß  er  in  Fiuggi  die  beste  Gelegenheit
  habe,  San  Giuliano  zu  sprechen.  Die  Sache  lag  gerade  umgekehrt.
Der  wirklich  kränkliche,  ja  schwerkranke  San  Giuliano  brachte  auf
ärztlichen  Rat  zu  seiner  Erholung  Jdie  Nächte  in  Fiuggi  zu,  wollte  aber
dort  von  neun  Uhr  abends  bis  sieben  Uhr  morgens  nicht  gestört  werden.
Jeden  Abend  versuchte  Flotow  sich  an  den  für  den  Minister  im  Speisesaal
reservierten  Tisch  heranzuschlängeln,  wurde  aber  zur  Belustigung  aller
Badegäste  von  San  Giuliano  regelmäßig  abgewiesen  mit  der  Bemerkung,
er  stünde  in  Rom  den  ganzen  Tag  zur  Verfügung  aller  Diplomaten,  wolle
aber  in  Fiuggi  während  der  Abend-  und  Nachtstunden  in  Ruhe  gelassen
werden.  Während  Flotow  sich  nicht  einmal  dazu  entschließen  konnte,
in  Rom  dem  Begräbnis  des  Anfang  Oktober  verstorbenen  San  Giuliano
beizuwohnen,  verließ  sein  gefährlichster  Gegenspieler,  der  Franzose
Barr&amp;amp;re,  Rom  auch  nicht  eine  Stunde,  machte  den  ganzen  Tag  Besuche,
bearbeitete  Senatoren,  Deputierte,  Minister  und  Journalisten.  Obgleich  infolge
  eines  Automobil-Unfalls  körperlich  schwer  leidend,  wolınte  Barrere
der  Beisetzung  von  San  Giuliano  bei.  Er  wurde  während  der  Trauermesse
ohnmächtig,  aber  er  tat  seine  Pflicht.
        <pb n="252" />
        Marchese  Antonio  di  San  Giuliano,  italienischer  Minister  des  Äußern
        <pb n="253" />
        <pb n="254" />
        ZU  „oOBERFLÄCHLICHER“"  KENNTNIS  189

Es  stellte  sich  bald  heraus,  daß  eine  Kooperation  zwischen  Italien  und
den  Zentralmächten  nur  möglich  war,  wenn  Österreich  den  Italienern  Kompensationen
  bot.  Ich  glaube  noch  heute,  daß  es  bei  Beginn  des  Krieges  mit
solchen  Kompensationen  möglich  gewesen  wäre,  Italien  zum  Vorgehen  auf
unserer  Seite  zu  bewegen.  Unser  militärisches  Prestige  war  vor  dem  Marne-Rückzug
  gewaltig.  Ein  großer  Teil  der  maßgebenden  Italiener  stand  mit
ihren  Sympatbien  auf  deutscher  Seite.  Wenn  Österreich  den  Italienern
damals  die  Abtretung  des  Trentino  und  die  Autonomie  von  Triest  zugestanden
  hätte  und  wenn  wir  ihnen  gleichzeitig  Tunis  und  Nizza  in  Aussicht
stellten,  so  hätten  wir  Italien  mitbekommen.  Das  publizistische  Organ  von
Sidney  Sonnino,  der  später  Italien  ins  Entente-Lager  führte,  forderte
damals  täglich  mit  stürmischer  Heftigkeit,  daß  Italien  an  der  Seite  von
Deutschland  in  den  Krieg  treten  müsse,  um  seine  Zukunft  zu  sichern.  Der
Florentiner  Sonnino  mag  an  den  Rat  des  großen  Segretario  seiner  Heimatstadt
  gedacht  haben,  sich  immer  an  den  Stärkeren  zu  halten,  denn  dort
finde  man  Ruhm,  Ehre,  Geld  und  alle  guten  Dinge  dieser  Welt.  Damals  hielt
man  uns  noch  für  den  Starken,  für  den  Stärkeren.  Bethmann  machte  einen
schwächlichen  Versuch,  den  Grafen  Berchtold  zu  einer  zuvorkommenderen
Haltung  gegenüber  Italien  zu  bewegen,  wurde  aber  von  diesem  hochmütig
abgewiesen,  obwohl  wir  durch  unsere  weitere  Behandlung  der  österreichischen
  Aktion  gegen  Serbien  das  denkbar  stärkste  diplomatische  Druckmittelin
  der  Hand  hatten.  Berchtold  wies  den  österreichischen  Botschafter
in  Rom  an,  der  italienischen  Regierung  nur  „oberflächliche‘“  Kenntnis  von
den  an  Serbien  gestellten  Forderungen  zu  geben,  ohne  Bekanntgabe  der
einzelnen  Punkte.  Merey  entledigte  sich  dieses  Auftrages  in  salopper,  beinahe
  beleidigender  Form.  Der  italienische  Gegenzug  war,  daß  der  italienische
  Ministerpräsident  und  der  italienische  Minister  des  Äußern  erklärten,
sie  mißbilligten  das  österreichische  Vorgehen  und  behielten  sich  freie  Hand
vor.  Während  diese  Erklärung  schon  in  nuce  die  spätere  Neutralitätserklärung
  und  die  nachfolgende  Kriegserklärung  Italiens  an  Österreich  enthielt,
  glaubten  die  Berliner  besonders  schlau  zu  handeln,  indem  sie  Österreich,
  das  doch  in  seiner  Aktion  gegen  Serbien  völlig  von  uns  abhing,  gegenüber
  Italien  freie  Hand  ließen.

Inzwischen  hatte  der  Generalsekretär  im  italienischen  Ministerium  des
Äußern  De  Martino  dem  französischen  Botschafter  gesagt,  die  italienische
Regierung  würde  die  österreichische  Note  an  Serbien  nicht  gebilligt  haben,
wenn  sie  ihr  vorher  mitgeteilt  worden  wäre.  Gleichzeitig  erklärte  De  Martino
  dem  Botschafter  Merey,  Italien  sei  in  keiner  Hinsicht  gebunden,  da  es
von  der  österreichischen  Aktion  gegen  Serbien  nicht  vorher  unterrichtet
worden  sei.  Durch  diese  Erklärung  nicht  belehrt,  riet  Merey  seiner  Regierung,
  alle  italienischen  Kompensationsansprüche  a  limine  abzulehnen.

Die  Frage
der  Kompensationen
        <pb n="255" />
        190  ITALIEN  ENTZIEHT  SICH

Unter  dem  Einfluß  von  Moltke,  der  eine  Verständigung  Österreich-Ungarns
mit  Italien  aus  militärischen  Rücksichten  für  dringend  wünschenswert  hielt,
fand  Bethmann  am  26.  Juli  den  Mut  zu  einem  Telegramm  nach  Wien,  beruhigte
  sich  aber  bald,  als  Berchtold  ihn  kühl  und  hochmütig  abfallen  ließ.
Der  Staatssekretär  Jagow,  noch  austrophiler  als  sein  Chef,  erklärte  dem
österreichischen  Botschafter  Szögyenyi,  Berchtold  habe  eigentlich  ganz
recht,  den  italienischen  Forderungen  gegenüber  die  kalte  Schulter  zu  zeigen.

Am29,  Juli  eröffnete  San  Giuliano  dem  österreichischen  wie  dem  deutschen
Botschafter,  daß,  wenn  Österreich  sich  nicht  sehr  bald  zu  Kompensationen
an  Italien  entschließe,  sein  Vorgehen  Italiens  Interessen  verletzen  und  der
italienischen  Regierung  die  Unterstützung  Wiens  unmöglich  machen  würde.
Mit  kaltblütiger  Offenheit,  mit  einer  „Desinvoltura‘“,  die  den  Beifall  des
Macchiavelli  gefunden  hätte,  fügte  San  Giuliano  hinzu,  Italien  könne  sich
nur  von  seinen  Interessen  leiten  lassen.  Das  hätte  sich  Wien  und  hätte  sich
namentlich  Berlin  von  vornherein  sagen  müssen.  Änders  hatte  sich  die
italienische  Regierung  auch  während  des  Deutsch-Französischen  Krieges
nicht  verhalten,  wo  sie,  unbekümmert  um  früher  gegen  Frankreich  eingegangene
  Verpflichtungen,  die  Franzosen  im  Stiche  ließ,  als  das  italienische
Interesse,  das  damals  die  Krönung  der  italienischen  Einheit  durch  die  Besitzergreifung
  Roms  bot,  diese  Schwenkung  empfahl.  „Pour  un  diplomate,
il  est  fort  important  de  savoir  retirer  a  temps  son  €Epingle  du  jeu‘“,  pflegte
der  kluge  Marquis  Emilio  Visconti-Venosta  zu  sagen.  Und  Bismarck  hat  es,
wie  ich  schon  früher  erwähnt  habe,  als  die  Pflicht  eines  leitenden  Ministers
bezeichnet,  sich  in  tunlichst  guter  Form  den  Verpflichtungen  eines  Bündnisses
  zu  entziehen,  wenn  durch  deren  Erfüllung  das  eigene  Staatsinteresse
geschädigt  würde.

An  demselben  29.  Juli  sagte  der  Privatsekretär  Greys,  Mr.  Tyrrell,
warnend  dem  deutschen  Botschafter  Lichnowsky,  Italien  werde  sich  im
Falle  einer  Ausdehnung  des  Konfliktes  zwischen  Österreich-Ungarn  und
Serbien  vom  Dreibund  abwenden.  Vierundzwanzig  Stunden  später  riet
der  österreichische  Botschafter  Merey,  von  Berchtold  um  seine  Ansicht  befragt,
  seinem  Chef  dringend  ab,  sich  auf  irgendwelche  italienischen  Kompensationswünsche
  einzulassen.  Direkte  Telegramme  des  Kaisers  Wilhelm
nach  Wien  und  Rom,  in  denen  er  gleichzeitig  an  die  Bundestreue  des  Königs
Viktor  Emanuel  appellierte  und  dem  alten  Kaiser  Franz  Josef  Entgegenkommen
  gegenüber  den  Wünschen  Italiens  anriet,  blieben  ohne  Erfolg.
Persönliche  Kundgebungen  des  Kaisers  Wilhelm  II.  waren  seit  sechsundzwanzig
  Jahren  zu  häufig  bald  in  dieser,  bald  in  jener  Richtung  erfolgt,  um
noch  wirken  zu  können.  Unbeeindruckt  durch  das  kaiserliche  Eingreifen,
erklärte  San  Giuliano  dem  Botschafter  Flotow,  Italien  könne  den  Bündnis»
fall  nicht  anerkennen,  da  das  Vorgehen  Österreichs  gegen  Serbien  ein
        <pb n="256" />
        SCHROFFER  ABBRUCH  191

aggressives  sei  und  somit  dem  Grundgedanken  des  Dreibundes  widerspräche,
  überdies  auch  die  italienischen  Interessen  schädige.  Der  Minister
ließ  dabei  einfließen.  daß  auch  Rumänien  ebenso  wie  Italien  seine  Interessen
  durch  das  gewaltsame  Vorgehen  Österreich-Ungarns  gegen  Serbien
bedroht  sähe.

Am  3.  August  richtete  König  Viktor  Emanuel  ein  Telegramm  an  Kaiser
Wilhelm,  um  ihm  endgültig  mitzuteilen,  daß  nach  Ansicht  seiner  Regierung
der  Casus  foederis  nicht  vorliege.  Gleichzeitig  überreichte  der  italienische
Botschafter  in  Berlin  die  Neutralitätserklärung  Italiens.  Der  gleiche  Schritt
erfolgte  in  Wien,  wo  Graf  Berchtold  dem  italienischen  Botschafter,  dem
Herzog  von  Avarna,  wutschnaubend  erwiderte,  Italien  treibe  eine  „unkluge“
  Politik,  die  es  „bitter“  bereuen  werde.  Es  sollte  leider  umgekchrt
kommen.  Nachdem  wir  Rußland  den  Krieg  erklärt  hatten,  wollte  Wien,
jetzt  der  Knochen  des  Pommerschen  Grenadiers  ganz  sicher,  weniger  denn
je  von  Kompensationen  für  Italien  etwas  wissen.  Graf  Berchtold  ließ  durch
den  österreichischen  Botschafter  in  Berlin  dem  Kanzler  sagen,  die  Neutralität
  Italiens  genüge  ihm,  und  er  werde  über  Kompensationen  überhaupt
nicht  mehr  verhandeln.  Zu  dieser  schroffen  Erklärung  hatte  ein  Telegramm
von  Merey  beigetragen,  der  nach  Wien  gemeldet  hatte,  daß  San  Giuliano
ausdrücklich  auf  den  Italienisch  sprechenden  Teil  von  Tirol,  das  Gebiet  des
ehemaligen  Fürstbistums  Trient,  hingewiesen  hätte.

Das  deutsche  Volk  war  nicht  nur  mit  Entschlossenheit,  sondern  mit
voller  Zuversicht  auf  Erfolg  und  Sieg  in  den  Krieg  eingetreten.  Die  stolzen
Erinnerungen  der  preußischen  Geschichte,  die  Erinnerung  an  den  Siebenjährigen
  Krieg,  wo  der  große  König  an  der  Spitze  des  damals  weit  kleineren
Preußen  drei  Großmächten  widerstanden  hatte,  an  die  Erhebung  gegen
Napoleon,  wo  nach  Jena  und  Tilsit  das  geschwächte  und  ausgesogene
Preußen  mit  heldenhafter  Anstrengung  die  Ketten  des  korsischen  Zwingherrn
  zerbrochen  hatte,  vor  allem  die  Erinnerung  an  die  drei  siegreichen
Kriege  der  Bismarckschen  Ära  ließen  dauernde  Mißerfolge  oder  eine  wirkliche
  Niederlage  der  Mehrheit  des  deutschen  Volkes  fast  unmöglich  erscheinen.
  Trotz  des  Rückzuges  an  der  Marne  und  der  furchtbaren  Opfer  vor
Verdun  und  an  der  Yser  blieb  die  Stimmung  der  Nation  eine  hochgemute.
Einen  schönen  Ausdruck  gab  ihr  das  Reiterlied  von  Rudolf  Alexander
Schröder,  dessen  erste  Strophen  lauten:

Wir  reiten  von  Wäldern  und  Schluchten  verborgen,
Wir  traben  hinein  in  den  dämmernden  Morgen,
Deutschland,  Deutschland!

Es  wiehert  und  stampfet  der  Scheck  und  der  Schimmel,
Es  klappert  und  trappelt  der  Hufe  Gewimmel,

Rot  leuchtet  der  Himmel.

Die
Neutralitätserklärung
        <pb n="257" />
        192

REITERLIED

Und  deutet  die  blutige  Röte  Verderben,
Für  dich  will  ich  leben,  für  dich  will  ich  sterben,
Deutschland,  Deutschland!

Und  wenn  sie  mit  Eisen  und  Stahl  dich  umklammern,
Wir  schlagen  die  Bresche,  wir  brechen  die  Klammern,
Deutschland,  Deutschland!

Wir  kommen  wie  Geier  vom  Felsen  gestoßen,

Wir  kommen  wie  Wasser  vom  Berge  geschossen,

Wie  Hagel  und  Schloßen!

Da  klirren  der  Stahl  und  das  Eisen  in  Scherben;

Für  dich  will  ich  leben,  für  dich  will  ich  sterben,
Deutschland,  Deutschland!
        <pb n="258" />
        XV.  KAPITEL

Bülows  römische  Mission  1914/1915  »  Brief  Bethmanns,  Antwort  Bülows  -  Reise  nach
Rom  Mitte  Dezember  1915  »  Jagow-Flotow  gegeu  Bülow  »  Brief  Bullins  «  Für  Bülow
freundliche  Stimmen  aus  der  Heimat

rotz  der  patriotischen  Haltung  der  weit  überwiegenden  Mehrheit  des

deutschen  Volkes  und  der  jedes  Lob  überragenden  Leistungen  der  Armee
konnten  ruhige,  welterfahrene  Beobachter  sich  nicht  verhehlen,  wie  ungeheuer
  schwierig  die  Aufgabe  war,  vor  die,  dank  einer  bereits  in  ilıren  ersten
Demarchen  unglücklichen  Diplomatie,  Armee  und  Volk  sich  gestellt  sahen.
England,  auf  dessen  Neutralität  Bethmann  mit  der  größten  Bestimmtheit
gerechnet  hatte,  focht  gegen  uns.  Es  entfaltete  Kräfte,  die  weit  stärker
waren,  als  dies  der  arme  Moltke  angenommen  hatte,  der  nach  der  englischen
Kriegserklärung  gleichmütig  meinte,  er  habe  die  englische  Armee  lieber  vor
sich  als  Gegner,  wo  er  sie  mühelos  schlagen  könne,  als  in  zweifelhafter  und
lauernder  Neutralität.  Die  Besorgnis,  daß  Italien  und  Rumänien,  die  sich
ihrer  Bündnispflicht  entzogen  hatten,  schließlich  die  Waffen  gegen  uns  erheben
  könnten,  griff  bei  Klarerblickenden  mehr  und  mehr  um  sich.  In
weiten  Kreisen  trat  der  Wunsch  hervor,  daß  die  Regierung  mich  nach  Rom
entsenden  möge,  um  einen  letzten  Versuch  zu  machen,  Italien  von  einem
Vorgehen  gegen  unsere  österreichischen  Bundesgenossen  abzuhalten.

Im  Reichstag  begegnecten  sich  in  diesem  Wunsche  alle  Partcien,  von  der
Rechten  bis  zu  den  Sozialisten.  Andererseits  taten  Jagow  und  Beihmann,
was  ihnen  möglich  war,  um,  ohne  sich  selbst  allzu  schr  zu  dekuvrieren,
meine  Entsendung  nach  Rom  zu  verhindern.  Einem  der  Fülrrer  der  Konservativen,
  dem  Grafen  Schwerin-Löwitz,  der  dem  Staatssekretär  des
Äußern  meine  baldmöglichste  Entsendung  nach  Rom  ans  Herz  legte,  erwiderte
  Jagow  mit  gespieltem  Erstaunen:  „Aber  gerade  aus  Rücksicht  für
die  Konservativen  war  ich  gegen  die  Entsendung  des  Fürsten,  da  ein  solcher
Schritt  nach  dem  Zerwürfnis  zwischen  dem  Fürsten  und  den  Konservativen
von  Ihnen  und  Ihren  Freunden  als  ein  Affront  aufgefaßt  werden  könnte.“
Schwerin-Löwitz,  ein  Patriot  und  ein  Ehrenmann,  erwiderte,  daß  er  die
Brouille  zwischen  dem  Fürsten  und  den  Konservativen  lebhaft  bedaucre,
die  Schuld  an  dem  Zerwürfnis  aber,  wie  mancher  andere  Konservative,

t3  Bülow  III

Vor  Bülows
Entsendung
nach  Rom
        <pb n="259" />
        Brief

Bethmanns

194  DAS  OPFER

nicht  dem  Fürsten  Bülow  allein  zumessc.  Jedenfalls  wären  die  Konservativen
  zu  gute  Patrioten,  als  daD  sie  sich  in  Lebensfragen  der  auswärtigen
Politik  von  innerpolitischen  Rankünen  leiten  ließen:  Die  Konservativen
wünschten  lebhaft  und  einmütig,  daß  die  Regierung  mich  nach  Rom
schicken  möge.  Jagow  schwieg  betreten.  Auch  der  Versuch,  den  Groll  des
Kaisers  neu  gegen  mich  zu  beleben  und  dadurch  meine  Entsendung  nach
Rom  unmöglich  zu  machen,  hatte  keinen  Erfolg.

Von  Parlamentariern  und  Militärs,  von  allen  Seiten  scharf  getrieben,
entschloß  sich  Bethmann  nach  langem  Zögern,  am  30.  November  1914
den  nachstehenden  Brief  an  mich  nach  Hamburg  zu  richten,  wo  ich  im
Hotel  Atlantie  weilte:  „Als  wir  kurz  nach  Ausbruch  des  Krieges  die  Verhältnisse
  in  Italien  miteinander  besprachen,  erklärten  Sie  sich  im  Prinzip
bereit,  nach  Rom  zu  gehen  und  Ihren  Einfluß  dort  zur  Geltung  zu  bringen,
sobald  sich  eine  Gelegenheit  zu  einer  besonderen  Mission  bieten  würde.
Diese  Gelegenheit  hat  sich  jetzt  geboten.  Unser  Botschafter,  dessen,  wie
Sie  wissen,  an  sich  nicht  starke  Gesundheit  unter  den  Aufregungen  und
Anstrengungen  dieses  Sommers  noch  mehr  gelitten  hat,  hat  mir  geschrieben,
er  müsse  mir  pflichtgemäß  mitteilen,  daß  die  Ärzte  zur  Wiederberstellung
seiner  Kräfte  dringend  von  ihm  verlangt  hätten,  Rom  für  einige  Monate
zu  verlassen  und  sich  auszuruhen.  Ich  sehe  selbst  ein,  daß,  so  gut  Herr  von
Flotow  unsere  Interessen  in  Italien  bisher  vertreten  hat,  demselben  mit
einer  Ablehnung  dieses  Gesuches  wenig  gedient  wäre,  denn  auch  das  beste
Wollen  und  die  besten  Fähigkeiten  würden  durch  dasVersagen  der  physischen
Kräfte  paralysiert  werden.  Bei  der  Bedeutung  des  römischen  Postens  im
jetzigen  Moment  könnte  natürlich  nur  eine  besonders  geeignete  Persönlichkeit
  für  die  Vertretung  unserer  dortigen  Interessen  in  Frage  kommen.  Daß
Sie,  ınein  lieber  Fürst,  infolge  Ihrer  Stellung  in  der  Welt,  Ihrer  Lokalkenntnisse
  und  langjährigen  Beziehungen  diese  Persönlichkeit  sein  würden,
brauche  ich  nicht  hervorzubeben.  Da  ich  nun  von  verschiedenen  Seiten
höre,  daß  Sie  auch  jetzt  noch  bereit  wären,  in  patriotischer  Hingebung  eine
Mission  in  Italien  zu  übernehmen,  möchte  ich  nach  Einholung  der  Geuehmigung
  Seiner  Majestät  des  Kaisers  die  Bitte  an  Sie  richten,  als  außerordentlicher
  Botschafter  nach  Rom  zu  gehen  und  die  Geschäfte  unserer  dortigen
Botschaft  ad  interim  zu  übernehmen.  Ich  hoffe,  daß,  abgesehen  von  der
Arbeit  und  Mübe,  die  eine  solche  Mission  auferlegt,  das  von  Ihnen  und  der
Frau  Fürstin  zu  bringende  Opfer  im  jetzigen  Moment  auch  insofern  ein
geringeres  sein  wird,  als  ja  die  Jahreszeit  gekommen  ist,  wu  Sie  in  anderen
Jahren  und  unter  normalen  Verhältnissen  Ihren  Wohnsitz  in  der  schönen
Villa  Malta  zu  nehmen  pflegen.  Was  von  Italien  überhaupt  noch  zu  erreichen
  ist,  werden  Sie  jedenfalls  erreichen!  Darf  ich  Sie  bitten,  lieber  Fürst,
mir  telegraphisch  Ihre  Entscheidung  mitteilen  zu  wollen?  Ich  würde  dann
        <pb n="260" />
        GEMISCHTE  EMPFINDUNGEN  195

im  Falle  Ihrer  Annahme  Ihnen  dankbar  sein,  wenn  Sie  zu  einer  persönlichen
Rücksprache  während  meines  kurzen  hiesigen  Aufenthaltes  nach  Berlin
kommen  würden.  Da  ich  während  der  nächsten  zwei  Tage  fast  ganz  «durch
den  Reichstag  in  Anspruch  genommen  bin,  darf  ich  mir  einen  Vorschlag
über  den  Tag  unserer  Besprechung  noch  vorbehalten.  Heute  möchte  ich  nur
eines  hervorheben:  Es  ist  bereits  der  Gedanke  aufgetaucht,  den  Krieg  durch
eine  Konferenz  zu  beenden.  Sowohl  uns  wie  unseren  österreichischen  Verbündeten
  wäre  hiermit,  wie  Sie  selbst  am  besten  erkennen  werden,  wenig
gedient.  Es  wird  Ihnen  jedenfalls  ein  leichtes  sein,  dem  Konferenzgedanken,
wenn  er  in  Rom  Fuß  fassen  sollte,  a  limine  vorzubeugen.  Aber  auch  hierfür
möchte  ich  mir  noch  mündlichen  Gedankenaustausch  vorbehalten.  In  der
aufrichtigen  Hoffnung,  verehrter  Fürst,  daß  Sie  mich  keine  Fehlbitte  tun
lassen,  sondern  bereit  sind,  dem  Vaterland  in  schwerer  Zeit  einen  großen
Dienst  zu  leisten,  bin  ich  in  alter  Verehrung  Euer  Durchlaucht  stets  ergebenster
  von  Bethmann  Hollweg.“

Ich  las  diese  gewundenen  und  unaufrichtigen  Ausführungen  meines
Nachfolgers  mit  gemischten  Empfindungen.  Zu  deutlich  sprach  für  den,
der  zwischen  den  Zeilen  zu  lesen  verstand,  aus  diesem  Brief,  wie  ungern  der
Kanzler  mich  nach  Rom  schickte,  wie  er  vor  allem  bestrebt  war,  den  Busenfreund
  des  Staatssekretärs  Jagow,  den  von  ihm  selbst  huchgeschätzten
bisherigen  Botschafter  Flotow  zu  schonen.  Ich  sah  voraus,  daß  bei  solcher
Stimmung  der  Berliner  Zentrale  ich  in  Rom  einen  schweren  Stand  haben
würde.  Nichtsdestoweniger  zögerte  ich  keinen  Augenblick,  mich  zur  Verfügung
  zu  stellen.  Mehr  als  das.  Auch  meinen  guten  Namen,  wie  der  mir
wohlgesinnte  König  Ludwig  III.  von  Bayern  damals  zum  Grafen  Hertling
sagte.  Ich  gedachte  anfänglich,  Bethmann  bei  Annahme  der  Mission  schriftlich
  darüber  aufzuklären,  daß  ich  mir  der  Schwierigkeit  der  Situation  in
Rom  wie  der  Undaukbarkeit  meiner  Aufgabe  klar  bewußt  sei.

Mein  für  den  Kanzler  bestimmter  Brief  lautete:  „Selbstverständlich  folge
ich  dem  an  mich  gerichteten  Ruf,  die  Leitung  der  Botschaft  in  Rom  zu
übernehmen.  Daß  ich  schon  vor  einundzwanzig  Jahren  in  Rom  als  Botschafter
  wirkte,  seitdem  während  zwölf  Jahren  unsere  auswärtige  Pulitik
leitete  und  neun  Jahre  Reichskanzler  war,  fällt  für  mich  in  keiner  Weise
ins  Gewicht.  Persönliche  Empfindlichkeit,  Eitelkeit  und  Ambitionen  liegen
mir  fern.  Ich  zögere  um  so  weniger,  als  nach  allem,  was  ich  aus  Italien,  und
zwar  von  sicherer  Seite,  höre,  wir  dort  in  den  letzten  zwei  Jahren  sehr  an
Boden  verloren  haben.  Die  Wahl  von  Flotow  war  keine  glückliche.  Ich
darf  dies  um  so  offener  aussprechen,  als  ich  und  meine  Frau  uns  bemüht
haben,  ihm  eine  freundliche  Aufnahme  in  Rom  zu  bereiten  und  seine  Aufgabe
  zu  erleichtern.  Er  hat  es  nicht  verstanden,  die  wünschenswerten  Verbindungen
  anzuknüpfen,  Einfluß  zu  gewinnen  und  sich  eine  Stellung  zu

13°

Antwort
Bülows
        <pb n="261" />
        196  VERLORENES  TERRAIN

machen.  Als  der  Krieg  zwischen  uns  und  Rußland  ausbrach,  geriet  Flotow
als  Gatte  einer  mit  allen  Erinnerungen,  Gewohnheiten  und  Traditionen
eines  langen  Lebens  und  auch  pekuniär  ganz  und  gar  in  Rußland  wurzelnden
  Frau  und  mit  einem  im  russischen  Heer  gegen  Deutschland  fechtenden
Stiefsohn  gegenüber  der  deutschen  Kolonie  in  eine  peinliche,  gegenüber  der
italienischen  Gesellschaft  und  seinen  Kollegen  in  eine  mindestens  seltsame
Situation.  Dies  und  sein  Gesundheitszustand,  mag  es  sich  nun  in  letzterer
Beziehung  um  imaginäre  oder  um  reelle  Krankheit  handeln,  haben  jedenfalls
  seine  Leistungsfähigkeiten  so  sehr  eingeschränkt,  daß  er  den  Schwierigkeiten
  der  Lage  nicht  gewachsen  war.  Dies  gilt  insbesnudere  von  den
kritischen  Wochen  unmittelbar  vor  und  nach  der  Kriegserklärung,  wo  es,
wie  mir  von  kompetenten  Beurteilern  versichert  wurde.  bei  größerer  Tatkraft
  und  besserer  persönlicher  Position  unseres  Vertreters  in  Rom  wohl
möglich  gewesen  wäre,  eine  aktive  italienische  Kooperation  zu  erreichen.
Seitdem  haben  wir  fortgesetzt  an  Terrain  verloren.  In  diesem  Sinne  haben
sich  mir  gegenüber  eine  Reihe  wirkliche  Kenner  der  italienischen  Verhältnisse
  mit  Bestimmtheit  ausgesprochen.  Esscheint,  daßschon  Verhandlungen
zwischen  Italien  und  England  im  Gange,  weon  nicht  abgeschlossen  sind,
damit  Italien  im  Frühjalır  unter  dem  Vorwand,  der  türkische  Vormarsch  '
gegen  Ägypten  gefährde  seine  Interessen  in  Erythräa,  der  Cyrenaika  und
in  Tripolis,  der  Türkei  den  Krieg  erkläre  und  so  automatisch  an  die  Seite
unserer  Gegner  geführt  werde.  Ich  habe  aber  nie  zu  den  Schwarzsehern
gehört,  und  wenn  ich  mir  auch  nicht  verhehle,  dat  jetzt  unter  vielfach
trügerischer  Oberfläche  die  wirkliche  Sachlage  in  Italien  keineswegs  eine
sichere  und  erfreuliche  ist,  so  ist  das  für  mich  nur  ein  Sporn  und  ein  Grund
melır,  zu  tun,  was  in  meinen  Kräften  steht,  um  verlorenes  Gebiet  zurückzuerobern
  und  jedenfalls  das  Schlimmste  abzuwenden.  Ich  rechne  hierbei
auf  Ihre  freundschaftliche  Unterstützung  und  bin  in  alter  Gesinnung  Ihr
aufrichtig  ergebener  Fürst  von  Bülow.“

Es  war  Ballin,  der,  als  ich  ihm  diesen  bereits  unterschriebenen  Brief
zeigte,  mich  beschwor,  den  ohnchin  nur  allzu  unentschlossenen,  furchtsamen
  Reichskanzler  nicht  auch  noch  wegen  Italien  zu  ängstigen  und  dadurch
  ganz  zu  demoralisieren.  So  begnügte  ich  mich,  Herrn  von  Bethmann
zu  telegraphieren:  „Brief  erhalten.  Selbstverständlich  bin  ich  bereit,  die
Absicht,  während  der  Kriegsdauer  im  Vaterland  zu  bleiben,  aufzugeben,
wenn  ich  mich  in  Rom  nützlich  machen  kann.  Indem  ich  dem  Ruf,  als
außerordentlicher  Botschafter  nach  Rom  zu  gehen,  folge.  nehme  ich  an,  daß
die  Dauer  nicht  davon  abhängt,  wann  sich  Herr  von  Flotow  wieder  gesund
meldet.  sondern  daß  es  sich  um  Mission  bis  zum  Friedensschluß  handelt.
Zu  näherer  Verständigung  auch  über  Form  und  Zeitpunkt  der  Verlautbarung
  meiner  Mission  bin  ich  jederzeit  bereit,  nach  Berlin  zu  kommen.“
        <pb n="262" />
        GEGENTENDENZEN  197

Den  vorher  erwähnten  Brief  an  Herrn  von  Bethmann  deponierte  ich  bei
meinem  Generalbevollmächtigten  in  Hamburg,  Herrn  Heinrich  Meinecke,
in  dessen  Safe  er  geruht  hat,  bis  ich  ihn  mir  jetzt,  während  ich  meine  Denkwürtdigkeiten
  diktiere,  wiedergeben  ließ.  Ich  will  schon  hier  erwähnen,
daß  Beihmann  und  Jagow  nur  schr  ungern  darauf  verzichteten,  die  Rückkehr
  des  Herrn  von  Flotow  auf  den  römischen  Botschafter-Posten  dessen
eigenem  Ermessen  anheimzustellen.  Am  liebsten  wäre  es  ihnen  gewesen,
wenn  Flotow  sich  nach  wenigen  Wochen  gesund  gemeldet  und  die  Zügel
der  Botschaft  wieder  in  die  eigene  kräftige  Faust  genommen  hätte.  Da  dies
nicht  mehr  anging,  wurde  Flotow  wenigstens  ermächtigt,  in  Italien  zu
bleiben  und  alles  Weitere  in  dem  milden  Klima  von  Neapel  am  schönen
Posilipo  abzuwarten.  Von  dort  hat  Flotow  während  meiner  ganzen  Tätigkeit
  in  Rom  Privatbriefe  an  Jagow  und  Bethmann  gerichtet.  Das  Thema
seiner  Ausführungen  war:  Italien  denke  gar  nicht  daran,  zu  den  Waffen
zu  greifen.  Fürst  Bülow  schildere  die  Lage  gefährlicher,  als  sie  in  Wirklichkeit
  sei,  um  sich  auf  diese  Weise  einen  bequemen  und  leichten
Erfolg  zu  konstruieren.  Jagow  sekundierte  seinem  geliebten  Freunde  nach
Kräften.

Als  unsere  gute  Kaiserin  in  Gegenwart  ihrer  Oberhofmeisterin,  meiner
Kusine,  der  Gräfin  Therese  Brockdorff,  am  Tuge  meiner  Abreise  nach  Rom
Herrn  von  Jagow,  der  eine  Audienz  bei  ihr  nachgesucht  hatte,  die  innige
Hoffnung  aussprach,  es  werde  mir  gelingen,  Italien  neutral  zu  halten,  erwiderte
  der  Staatssekretär  des  Äußern:  „Aber,  Euer  Majestät,  die  Aufgabe
ist  so  leicht!  Wir  haben  dem  Fürsten  Bülow  den  Trentino  in  seinem
Koffer  mitgegeben.  Damit  kann  jetzt  jeder  Italien  vom  Kriege  abhalten.“


Das  war  eine  Unwahrheit.  Wir  hatten  hinsichtlich  des  Trentino  von

Wien  noch  nicht  die  geringste  bindende  Zusage  erhalten.  Im  Gegenteil:

Jagow  hat  auch  später,  und  zwar  während  der  ganzen  Dauer  meiner
Mission,  durch  mündliche  Äußerungen  gegenüber  dem  österreichischen
Botschafter  in  Berlin,  durch  Briefe  an  den  deutschen  Botschafter  in  Wien
und  endlich  durch  die  Entsendung  des  gehässig  antiitalienischen  und  dabei
mir,  gerade  weil  er  mir  früher  in  unwürdiger  Weise  geschmeichelt  hatte,
jetzt  doppelt  feindlich  gesinnten  Grafen  Anton  Monts  nach  Wien,  die
Österreicher  von  einem  raschen  und  ehrlichen  Entgegenkommen  gegenüber
den  italienischen  Kompensationswünschen  abgehalten.  Herr  von  Flotow
seinerseits  hatte  wohl  nur  im  Sinne  seines  Chefs  und  Freundes,  des
Staatssekretärs  Jagow,  gehandelt,  wenn  er,  bevor  er  Rom  verließ,  um
sich  nach  der  bella  Napoli  zurückzuziehen,  zu  dem  Botschaftsrat  von
Hindenburg,  einem  vornehm  gesinnten,  pflichttreuen  und  wahrheitsliebenden
  Ehrenmann,  wörtlich  sagte:  „Fürst  Bülow  hat  es  durch  allerlei

Der  Trentino
        <pb n="263" />
        Bülow  an
Ballin

198  DIE  BERLINER  ZENTRALE

Intrigen  erreicht,  daß  er  nach  Rom  geschickt  wird.  Aber  Kanzler  und
Staatssekretär  haben  nur  ungern  dem  unvernünftigen  Drängen  urteilsloser
Parlamentarier  und  Journalisten  nachgegeben.  Als  Ihr  Freund  mache  ich  Sie
darauf  aufmerksam,  daß  die  Berliner  Zentrale  ein  Erfolg  des  Fürsten  Bülow
nicht  gerade  beglücken  würde.“  Als  Hindenburg  erstaunt  und  betreten
erwiderte,  er  wisse  nicht,  wie  er  diese  Äußerung  verstehen  solle,  es  sci  doch
seine  Pflicht,  Amts-  und  Anstandspflicht,  auch  seinen  neuen  Chef  zu  unterstützen,
  meinte  Flotow  lächelnd:  „Sie  wollen  mich  nicht  verstehen,  lieber
Hindenburg!  Ich  kenne  die  Welt  und  spreche  als  Ihr  väterlicher  Freund.
Surtout  pas  trop  de  zele  im  Dienste  des  Fürsten  Bülow!  Es  würde  dies  nicht
gerade  für  Ihre  Karriere  förderlich  sein.“  Den  Italienern  sagte  Flotow,  ich
hätte  mich  in  Berlin  anheischig  gemacht,  Italien  nicht  nur  neutral  zu  erhalten,
  sondern  an  unserer  Seite  in  den  Krieg  gegen  Frankreich  und  England
  zu  treiben,  d.  h.  zu  einer  Aktion,  von  der  nach  der  Marne-Schlacht
nicht  mehr  die  Rede  sein  konnte,  an  die  in  Italien  niemand  mehr  dachte.
Es  handelte  sich,  als  ich  nach  Rom  geschickt  wurde,  nur  noch  um  das
Dilemma:  Fortsetzung  der  italienischen  Neutralität  oder  kriegerisches  Vorgehen
  der  Italiener  gegen  Österreich.

Bevor  ich  mich  von  Hamburg,  wo  mich  die  Aufforderung  des  Kanzlers
Bethmann  erreicht  hatte,  nach  Berlin  begab,  richtete  ich  an  meinen  Freund
Albert  Ballin  einen  vertraulichen  Brief,  in  dem  ich  der  Überzeugung  Ausdruck
  gab,  daß,  wenn  man  mich  nach  Rom  schicken  wollte,  dies  in  würdiger
Form  schon  im  August  hätte  geschehen  sollen.  Seither  sei  dort  viel  Terrain
verlorengegangen.  Man  würde  mich  wohl  auch  nicht  ohne  Nutzen  in  der
Zeit  zwischen  dem  Ultimatum  an  Serbien  und  unserer  Kriegserklärung  an
Rußland  befragt  haben,  wie  man  die  Sache  fingern  müsse,  um  Italien  mitzubekommen.
  Es  würde  überhaupt  nicht  geschadet  haben,  wenn  man  mich
zu  jener  Zeit  über  die  Gesamtlage  befragt  hätte.  Ich  würde  dann  den  Finger
auf  die  Punkte  gelegt  haben,  die  im  Ultimatum  zu  modifizieren  waren,
wenn  wir  —  natürlich  in  allen  Ehren!  —  um  einen  so  furchtbaren  Krieg
herumkommen  wollten,  und  ich  hätte  auch  die  Wege  angegeben,  wie  wir
selbst  nach  Überreichung  dieses  Ultimatums  ohne  Einbuße  an  Prestige  für
uns  oder  für  Österreich  und  sogar  mit  einem  diplomatischen  Erfolg  (wie
1908/09)  den  Frieden  erhalten  konnten.  Einen  praktischen  Erfolg  versprach
  ich  mir  nicht  von  diesem  Brief,  aber  ich  hatte  das  Bedürfnis,  mir
Gedanken  und  Sorgen,  die  mich  während  Monaten  gequält  hatten,  einmal
vom  Herzen  zu  schreiben.

Albert  Ballin,  obschon  von  Hause  aus  eine  optimistische  Natur,  neigte
seit  Ausbruch  des  Krieges  zu  einer  pessimistischen  Beurteilung  unserer
Lage.  Er  hatte  mir  vor  Antritt  meiner  Mission  geschrieben:  „Ich  war  beim
Kaiser  und  fand  ihn  zuversichtlich,  aber  von  Zorn  erfüllt  gegen  England,
        <pb n="264" />
        DIE  TEMPORÄRE  VERTRETUNG  199

eine  Stimmung,  welche  von  der  Kaiserin  besonders  verstärkt  wurde.  Es
werden  Leidenschaft  und  private  Gefühle  in  die  Politik  hineingetragen;  das
halte  ich  für  sehr  gefährlich!  Bein  Kaiser  wie  beim  Kanzler  fand  ich  eine
zu  rosige  Auffassung  unserer  militärischen  Situation.  Meines  Erachtens
bleibt  die  Partie  ziemlich  gleich.  Wir  haben  Belgien,  England  hat  die  Nordsee,
  Rußland  hat  Galizien,  die  Japaner  haben  Kiautschou  usw.  Es  ist  ja,
selbst  wenn  man  weiß,  daß  es  noch  viel  besser  hätte  kommen  können,  wenn
nicht  in  der  Führung  Fehler  gemacht  worden  wären,  eine  großartige
Leistung  des  Heeres,  daß  es  gelungen  ist,  den  Krieg,  von  einigen  kleinen
Einbrüchen  in  Ostpreußen  und  im  Elsaß  abgeselıen,  in  Feindesland  zu
halten,  und  daß  wir  überhaupt  gegen  diese  Welt  von  Feinden  immerhin
noch  so  vortrefflich  dastehen  und  durch  die  letzten  Hindenburgschen
Erfolge  weitere  günstige  Perspektiven  sich  eröffnen.  Aber  wie  der  Friede
gestaltet  werden  soll,  ist  mir  vorläufig  rätselhaft.  Natürlich  können  wir  nur
auf  dem  Wege  des  Separatfriedens  mit  den  einzelnen  Parteien  vorwärtskommen,
  und  unter  diesen  Parteien  ist  Rußland  diejenige,  welche  am
leichtesten  zu  bewegen  wäre,  sich  von  den  Vereinbarungen  mit  England  loszulösen.
  Sulche  Verständigung  mit  Rußland  würde,  wenn  sie  nicht  olıne
weiteres  Frankreich  mit  sich  zöge,  uns  die  Möglichkeit  bringen,  aus  dem
Osten  Hindenburg  und  einen  grußen  Teil  seiner  Armeen  frei  zu  machen
und  der  Sache  im  Westen  ein  glückliches  Ende  zu  bereiten.  Der  ganze  Gedanke
  ist  beinahe  zu  gut,  um  Wahrheit  zu  werden,  und  ich  glaube  auch
deshalb  vorläufig  nicht  daran.  Wir  werden  vielmehr  guttun,  uns  darauf  vorzubereiten,
  daß  man  uns  zwingen  wird,  diesen  Krieg  weiterzuführen.“

In  Berlin  eingetroffen,  fand  ich  den  Kanzler  Betlımann  in  verlegener,
zwiespältiger  Geistesverfassung.  Mein  Wiedererscheinen  auf  der  politischen
Bühne  war  ihm  offenbar  nichts  weniger  als  erwünscht.  Beinahe  naiv  erkundigte
  er  sich,  ob  ich  die  Absicht  hätte,  vor  meiner  Abreise  nach  Rom
Abgeordnete  und  Journalisten  zu  empfangen,  und  riet  mir  in  „alter  Treue
und  Verehrung‘,  wie  er  sich  ausdrückte,  davon  Abstand  zu  nehmen,  um
nicht  die  „leider“  noch  bestehende  Gereiztheit  Seiner  Majestät  gegen  mich
ncu  zu  beleben.  Das  wäre  ja  auch  der  Grund  gewesen,  warum  er.  der
Kanzler,  meiner  Mission  nach  Rom  gern  den  Charakter  einer  nur  temporären
  Vertretung  des  erkrankten  Botschafters  Flutow  habe  geben  wollen.
Daß  die  Gereiztheit  des  Kaisers  gegen  mich,  die  übrigens  von  meinem  Nachfolger
  nach  Kräften  genährt  wurde,  nicht  so  groß  war,  wie  er  vorgab,  ging
daraus  hervor,  daß  ich  noch  in  Hamburg  ein  direktes  Telegramm  Seiner
Majestät  erhielt,  in  dem  es  hieß:  „Ich  würde  es  freudig  begrüßen,  wenn
Eure  Durchlaucht  baldigst  nach  Rom  gehen  und  Ihren  großen  persönlichen
Einfluß  bei  den  Italienern  in  unserem  Interesse  geltend  machen  könnten.
Viele  Grüße  an  die  Frau  Fürstin.“  Andererseits  war  Bethmann  ängstlich

Z

Bülow
in  Berlin
        <pb n="265" />
        200  LISTIGE  HALBREIT

bemüht,  mich  davon  zu  überzeugen,  daß  ich  auf  seine  loyale  Unterstützung
bauen  könne.

Den  kleinen  Jagow  fand  ich  in  giftiger  Stimmung.  Er  hatte  kurz  vorher
dem  Fürsten  Wedel,  der  be:  ihm  für  meine  Entsendung  nach  Rom  plädiert
hatte,  gesagt,  niemand  könne  von  ihm  verlangen,  daß  er  seinem  liebsten
Freunde,  Hans  von  Flotuw,  bitteres  Herzeleid  bereite.  Mir  gegenüber
meinte  er,  ich  würde  wohl  selbst  von  der  mir  zugedachten  Aufgabe  nicht
sehr  begeistert  sein.  Besser  als  Flotow  könne  es  niemand  machen,  das  habe
erst  kürzlich  der  „Corriere  della  Sera‘“  anerkannt  und  sich  für  das  Bleiben
von  Flotuw  ausgesprochen.  Als  ich  erwiderte,  daß  das  genannte  Blatt  das
deutschfeindlichste  in  ganz  Italien  wäre,  schwieg  Jagow  und  machte  dabei
ein  bis  zum  Komischen  verlegenes  Gesicht.

Von  allen  Seiten  hörte  ich,  daß  Reichskanzler  und  Auswärtiges  Amt  alles
ihnen  Mögliche  versucht  hätten,  um  meine  Entsendung  nach  Rom  zu
verliindern.  So  hatte  mir  der  Mitarbeiter  des  „Berliner  Lukalanzeigers“
Herr  Eugen  Zimmermann  schon  im  November  geschrieben:  „Im  Auswärtigen
  Amt  erklärte  das  Pressebüro  auf  Anfrage  des  Scherl-Verlages,
Eure  Durchlaucht  hätten  es  abgelehnt,  die  Leitung  der  römischen  Botschaft
zu  übernehmen;  vielleicht  sei  es  auch  besser,  während  des  Krieges  keinen
Wechsel  in  Rom  eintreten  zu  lassen.  Von  anderer  Seite  hörte  ich,  Jagow
habe  im  Einvernehmen  mit  dem  Kanzler  Bethmann  sich  geweigert,  für
Euer  Durchlaucht  Entsendung  nach  Rom  auch  nur  einen  Finger  zu  rühren.
Der  Kanzler  habe  auch  den  Kaiser  in  diesem  Sinne  bearbeitet.  Sicher
scheint  mir,  daß  man  ganz  allgemein  Angst  hat,  Fähigere  als  die  augenblicklichen
  Machthaber  ans  Licht  zu  lassen.  So  begreiflich  das  menschlich
ist,  so  bedenklich  ist  es  für  die  Sache  und  nameutlich  in  so  schwerer  Zeit!
Jeder  müßte  lieber  heut  als  morgen  auf  den  Platz  gestellt  werden,  auf  dem
er  am  meisten  helfen  und  nützen  kann,  sonst  können  wir  diesen  Kampf
nicht  gewinnen.“  Um  dieselbe  Zeit  schrieb  mir  ein  damals  ganz  rechts  gerichteter
  Journalist,  Herbert  von  Berger,  der  ein  im  orthodox-konservativen
  Geist  gehaltenes  Buch  über  den  konservativen  Staatsrechtslehrer
Stahl  geschrieben  hatte,  der  Wunsch,  mich  nach  Rom  gehen  zu  sehen,  sei
nun  auch  in  die  Presse  gekommen.  Leider!  müsse  man  sagen,  angesichts
der  Stimmung  an  maßgebender  Stelle,  beim  Reichskanzler  und  im  Auswärtigen
  Amt.  In  der  „Frankfurter  Zeitung‘  heiße  es  offiziös,  Fürst  Bülow
werde  ohnehin  nach  Rom  gehen,  auch  ohne  besondere  Mission.  Darauf
wolle  man  hinaus:  meine  Rückkehr  nach  Rom  zum  gewohnten  Winteraufenthalt
  gegenüber  der  deutschen  öffentlichen  Meinung  auszunützen  und
aus  ihr  möglichsten  Vorteil  zu  ziehen,  ohne  doch  zu  offizieller  Bekräftigung
und  Bestätigung  zu  schreiten.  Diese  Denkweise  in  ihrer  „listigen  Halbheit“
sci  unendlich  bezeichnend  für  Bethmann  Hollweg  und  seine  Leute.  „Euer
        <pb n="266" />
        EIN  WITZ  ÜBER  DEUTSCHE  DIPLOMATEN  201

Durchlaucht  werden  das  schon  durchschaut  haben  und  auf  dem  Ganzen
bestehen.  Und  sicherlich  wünsche  ich,  als  Euer  Durchlaucht  treuest  ergebener
  Anhänger,  wie  jetzt  selbst  Eurer  Durchlaucht  alte  Gegner,  daß  bald
zu  lesen  ist,  Euer  Durchlaucht  seien  dem  Reichsdienst  wiedergegeben.“

Ende  November  1914  schrieb  mir  Fürst  Wedel,  er  habe  den  Generaladjutanten
  von  Plessen  auf  die  „völlige  Unzulänglichkeit‘‘  der  deutschen
Vertretung  in  Rom  hingewiesen.  Er  habe  dabei  die  „direkt  skandalöse  Tatsache“
  betont,  daß  Frau  von  Flotow  sich  in  Stockholın  verstecke,  weil  sie
sich  nicht  zu  ihrem  deutschen  Manne  zu  bekennen  wage,  daß  sie  dort  in
enger  Fühlung  mit  der  russischen  Gesandtschaft  stehe  und  daß  der  Stiefsohn
  unseres  römischen  Botschufters  in  den  Reihen  unserer  Feinde  gegen
uns  kämpfe.  Jagow  sträubte  sich  noch  immer  gegen  die  Abberufung  seines
„Busenfreundes“.  Aber  die  Zeiten  wären  so  ernst,  daß  alle  Mann  an  Bord
gehörten.  Loebell  schrieb:  „Durch  Annahme  der  Berufung  nach  Rom
bringen  Sie  ein  großes  Opfer,  aber  ich  bin  überzeugt,  es  wird  gern  gebracht,
denn  zu  allen  Zeiten  war  das  Wohl  des  Vaterlandes  (lie  einzige  Richtschnur
Ihrer  Handlungen.  Es  will  mir  scheinen,  als  ob  die  Stimmung  in  Italien
gerade  jetzt  wieder  viel  zu  wünschen  übrig  läßt.  Es  ist  dort  gar  zu  viel
verdorben  und  zu  viel  Unheil  angerichtet  worden,  was  doch  hätte  vermieden
werden  können.“  Mein  verständiger  und  abgeklärter  Bruder  Alfred  schrieb
mir,  sobuld  er  von  der  Möglichkeit  meiner  Entsendung  nach  Rom  hörte,
ich  dürfe  mich  trotz  aller  Schwierigkeiten,  trotz  aller  gegen  mich  gerichteten
Umtriebe  und  Intrigen,  trotz  der  Unzuverlässigkeit  und  Unaufrichtigkeit
der  Berliner  Leitung  einem  Rufe  des  Kaisers  nicht  entzichen.  Er  fügte  hinzu:
„Gebe  Gott,  daß  in  einer  so  schwerwiegenden,  so  ernsten,  unser  Land  und
sein  Wolıl  betreffenden  Frage  bei  der  Leitung  unserer  auswärtigen  Angelegenheiten
  nur  vaterländische  Gesichtspunkte  und  nicht  persönliche
Engherzigkeit  und  Interessiertheit  eine  Rulle  spielen  werden!  Das  wäre  unverantwortlich.
  Übrigens  ist  die  Mißstimmung  gegen  unsere  derzeitigen
Diplomaten  und  das  derzeitige  Auswärtige  Amt  in  Deutschland  eine  große.
Man  macht  den  Witz:  Die  französische  Regierung  hätte  sondiert,  welche
Friedensbedingungen  wir  stellen  würden.  Wir  hätten  erwidert,  Regulierung
der  Vogesengrenze,  Schleifung  von  Toul,  Nancy,  Verdun  usw.  Darauf
wären  die  Franzosen  eingegangen.  Dann  hätten  wir  aber  die  Forderung
gestellt,  die  Franzosen  müßten  fünf  oder  sechs  unserer  gegenwärtigen
hohen  Diplomaten  übernehmen.  Auf  diese  Bedingung  hätten  aber  die
Franzosen  erklärt  auf  keinen  Fall  eingehen  zu  können.“

Über  die  Erbärmlichkeit  der  gegen  mich  gesponnenen  Intrigen  und  die
Jämmerlichkeit  der  Berliner  politischen  Leitung  hoben  mich  die  Kund-  Vertrauensgebungen
  des  Vertrauens  und  der  Sympathie  hinweg,  die  mir  spontan  von  Kundgebunvielen
  Seiten  zugingen.  Großherzogin  Luise  von  Baden  telegraphierte  mir  8°"
        <pb n="267" />
        202  DIE  LUFT  DER  INTRIGE

nach  Berlin:  „Darf  ich  meiner  aufrichtigen  Freude  Ausdruck  geben,  daß
Ihre  Mitarbeit  in  dieser  ernsten  und  schweren  Zeit  wiederum  für  die  Wahrung
  unserer  vaterländischen  Interessen  in  Aussicht  steht.“  Ernst
Bassermann  telegraphierte:  „Mit  freudiger  Genugtuung  begrüße  ich  mit
allen  meinen  Freunden,  daß  Euer  Durchlaucht  sich  erneut  an  wichtigster
Stelle  in  den  Dienst  des  Reichs  stellen.“  Bald  nachher  schrieb  er  mir:
„Meiner  großen  Freude,  daß  Sie  sich  entschlossen  haben,  Rom  anzunehmen,
muß  ich  nochmals  Ausdruck  geben.  Italien:  das  ist  und  bleibt  eine  Gefahr,
und  wenn  jemand  dort  für  uns  Gutes  wirken  kann,  sind  Sie  es.  Daß  Bethmann
  die  geeignete  Persönlichkeit  für  einen  Frieden  großen  Stils  ist,  bezweifelt
  das  Volk.  Einstweilen  stecken  wir  im  Westen  in  Wasser  und  Sumpf
und  kommen  nicht  weiter.  Im  Westen  fehlt  die  einheitliche,  zielbewußte
Führung,  das  ist  mein  Eindruck  aus  vielen  Besprechungen.  Moltke  schied
in  Uneinigkeit  mit  S.  M.;  Falkenhayn  ist  nicht  aus  der  obersten  Generalstabskarriere
  hervorgegangen,  entbehrt  der  nötigen  Autorität,  vielleicht
auch  der  Begabung  großen  Stils.  Daneben  gehen  im  Großen  Hauptquartier
viel  Intrigen  hin  und  her.  So  erfährt  man  viel  Unerfreuliches.  Statt  an
das  große  Ziel  zu  denken,  wie  es  unser  Volk  in  rührender  Aufopferung  tut,
ringt  man  um  persönlichen  Einfluß.  Ich  will  das  Thema  nicht  vertiefen,  da
Euer  Durchlaucht  diese  Luft  der  Intrige  leider  aus  eigener  Erfahrung
genügend  kennen.‘  Meine  Jugendgespielin,  die  Gräfin  Christa  Eickstedt,
die  langjährige  Freundin  des  Bismarckschen  Hauses,  die  am  Sterbebette
des  großen  Fürsten  gestanden  hatte,  schrieb  mir:  „Lieber  Fürst  Bernhard,
eben  erfahre  ich,  daß  Sie  noch  einige  Tage  in  Berlin  sind,  da  kann  ich’s
nicht  lassen,  Ihnen  meine  innigsten  und  treuesten  Segenswünsche  zu  senden
für  alles,  was  Sie  jenseits  der  Alpen  im  Dienst  unseres  geliebten  Vaterlandes
  tun  werden.  Ich  habe  mich  unbeschreiblich  gefreut  über  Ihre  Annahme
  dieser  Mission,  und  ich  glaube,  Ihr  großer  Freund  und  Vorgänger,
der  Fürst  Bismarck,  würde  diese  Freude  teilen  —  sein  Segen  möge  Sie
geleiten  —  einen  besseren  Wunsch  wüßte  ich  Ihnen  nicht  mitzugeben.
Ihnen  und  der  Fürstin  sendet  die  herzlichsten  Grüße  Ihre  alte  getreue
Freundin  aus  der  Kinderzeit  Christa  Eickstedt.‘“  Hocherfreut,  daß  ich  mich
bereit  erklärt  hätte,  die  Leitung  der  römischen  Botschaft  zu  übernehmen,
trotz  aller  Schwierigkeiten  und  der  zu  erwartenden  Intrigen,  schrieben  mir
Schwerin-Löwitz  und  Clemens  Schorlemer.  Die  Witwe  des  Reichstagspräsidenten
  Udo  Stolberg  gab  in  einem  Brief  an  meine  Frau  ihrer  dankbaren
  Freude  darüber  Ausdruck,  daß  ich  trotz  aller  Ränke  und  Widerwärtigkeiten,
  auf  die  sie  nicht  näher  eingehen  wolle,  dieses  großes  Opfer  gebracht
hätte.  „In  dieser  großen  Zeit  bringt  jeder  gern  ein  Opfer.‘  Natürlich  fehlte
der  Hoftheologe  Adulph  Harnack  nicht  mit  einem  begeisterten  Glückwunsch
  „aus  frceudigem  Herzen“  und  in  der  Hoffnung,  daß  mir  seinerzeit
        <pb n="268" />
        BUÜLOW  GREIFT  EIN  203

auch  die  Leitung  der  Friedensverhandlungen  übertragen  werden  möge.
Ehrlicher  waren  die  Wünsche  des  Musikers  Engelbert  Humperdinck,  des
liebenswürdigen  Komponisten  der  reizenden  Märchenoper  „Hänsel  und
Gretel“,  der  uns  während  seines  zweimaligen  Winteraufenthaltes  in  der
„Villa  Falconieri“  in  Frascati  ein  lieber  Freund  geworden  war.  Und  am
meisten  freute  mich  ein  Gedicht,  das  mir  der  Schriftleiter  des  „Kladderadatsch‘,
  Paul  Warncke,  in  seinem  Blatt  widmete.  Waroncke  war  mir,  wie
sein  Vorgänger  Trojan,  ein  guter  Freund.  Der  „Kladderadatsch‘,  dessen
sämtliche  Jalırgänge  seit  1848  meine  Bibliothek  zieren  und  der  meinem
großen  Amtsvorgänger  Bismarck  auch  über  das  Grab  hinaus  die  Treue
hielt,  hat  mir,  solange  ich  im  Amte  war,  nach  dem  Rat  des  Horaz,  ridendo
dicere  verum,  oft  lachend  die  Wahrheit  gesagt.  Dem  Entamteten  blieb  das
älteste  und  beste  Organ  deutschen  Humors  und  der  Berliner  Satire  wohlwollend
  und  freundlich  gesinnt.

Ich  möchte  noch  ein  Briefchen  der  Witwe  des  hochverdienten  Ministers
Rudolph  Delbrück,  des  Mitarbeiters  Bismarcks  in  großer  Zeit,  erwähnen,  die
meiner  Frau  schrieb:  „„Groß  ist  die  Freude  in  allen  Kreisen,  den  Fürsten
wieder  als  unseren  offiziellen  Vertreter  nach  Rom  gehen  zu  sehen,  gemeinsam
  mit  Eurer  Durchlaucht.  So  ist  nun  endlich  erfolgt,  was  wir  seit  langer
Zeit  für  unser  Vaterland  erhofft  und  ersehnt  hatten,  und  es  drängt  mich,
meine  innige  Befriedigung  und  F'reude  darüber  auszusprechen!  Gott  wolle
Sie  beide  segnen,  zum  Wohle  Deutschlands  und  zu  Ihrer  eigenen  hohen
Befriedigung  in  der  Arbeit  für  unser  Vaterland!“  Walter  Rathenau
telegraphierte  mir:  „Hocherfreut,  daß  Euer  Durchlaucht  sich  entschlossen
haben,  in  schwerer  Zeit  in  die  Staatsgeschäfte  einzugreifen,  vertraue  ich
alter  Kraft  und  neuem  Glück.‘  Die  deutsche  Presse,  ohne  Unterschied  der
Partei,  gab  ihrer  Genugtuung  über  meine  Entsendung  Ausdruck.  Mit  Recht
konnte  der  Leiter  der  agrarischen  „Deutschen  Tageszeitung“,  der  Reichstagsabgeordnete
  Dr.  Georg  Oertel,  mir  schreiben:  „Ich  wünsche  von  ganzem
Herzen,  daß  die  Tätigkeit  Eurer  Durchlaucht  erfolgreich  sein  möge.  Das
ist  nicht  nur  mein  tiefempfundener  Wunsch,  sondern  der  des  ganzen  Volkes
ohne  jeden  Unterschied  der  Partei.“
        <pb n="269" />
        Bei
Wilhelm  II.
im  Schloß
Bellevue

XVI.  KAPITEL

Audienz  bei  Kaiser  Wilhelm  II.  »  Abschiedsbesuch  bei  Moltke  »  Abreise  nach  Rom  «  Flotow

  bleibt  in  Italien  und  intrigiert  weiter  gegen  Bülow  »  Erzbergers  Ankunft  in  Rom,

dessen  loyales  Verhalten  «  Aus  den  Akten  der  römischen  Botschaft  +  Tätigkeit  des

Fürsten  in  Rom  »  Briefe  aus  Deutschland  «  Stimmung  des  Kaisers  «  Die  deutsche

Kolonie  »  Graf  Greppi  »  Ersetzung  des  österreichisch-ungarischen  Botschafters  von
Mercy  durch  den  Freiherrn  von  Macchio

or  meiner  Abreise  empfing  mich  der  Kaiser  im  Schloß  Bellevue.  Nicht
Vin  innere  Bewegung  trat  ich  durch  den  alten  Park  in  dies  Palais,  dasso
viel  gesehen  hat,  wo  Prinz  Louis  Ferdinand  vor  Saalfeld  Abschied  nahm
von  seiner  Schwester,  der  Fürstin  Radziwill,  und  ihr  seine  Kiuder  ans  Herz
legte,  wo  Ernst  Moritz  Arndt  nach  Jena  die  schweigsamsten  Wege  aufsuchte,
  um  in  schwerer  Zeit  über  die  Not  des  Vaterlandes  und  dessen”
Rettung  nachzusinnen.  Hier  sollte,  vier  Jahre  später,  als  das  tragische
Schicksal  Deutschlands  mit  dem  Scheitern  unserer  letzten  großen  Offensive
im  Westen  sich  zu  erfüllen  begann,  Kaiser  Wilhelm  dem  General  Ludendorff
  mit  harten  und  barschen  Worten  den  Abschied  erteilen.  Jetzt  war
der  Kaiser  in  zuversichtlicher  und  gehobener  Stimmung.  Im  freundschaftlichsten
  Tone,  als  ob  zwischen  uns  niemals  Meinungsverschiedenheiten  bestanden
  oder  Friktionen  stattgelunden  hätten,  entwickelte  er  mir  seine  Auffassung
  über  die  Entstehung  des  Krieges:  Sein  Vetter,  der  König  von  England,
  und  sein  Vetter,  der  Kaiser  von  Rußland,  hätten  sich  im  Mai  1913,
ährend  der  Hochzeitsfeierlichkeiten  anläßlich  der  Vermählung  der  Prinzessin
  Viktoria  Luise  mit  dem  Herzog  von  Braunschweig,  gegen  ihn  verschworen.
  Die  Geschichte  aller  Zeiten  kenne  keine  größere  Niedertracht.
Tücke  und  Verrat  im  Herzen,  hätten  die  beiden  „Vettern  und  Kollegen“
sein  armes  Kind  zu  Gottes  Altar  geführt.  Dafür  werde  sie  Gottes  Strafe
treffen.  Als  er  am  Tage  vor  der  Hochzeit  im  Berliner  Schloß  unvermutet
bei  dem  König  von  England  eingetreten  sei,  habe  er  ilın  im  T£te-a-tete  mit
dem  Zaren  überrascht.  Beide  wären  erschrocken  aufgefahren.  Damals
hätten  sie  die  letzten  Verabredungen  für  den  Überfall  auf  Deutschland  getroffen.
  Die  Undankbarkeit  des  Zaren,  dem  er  immer  ein  treuer  Freund
gewesen  wäre  und  dem  er  so  viele  vortreffliche  Ratschläge  erteilt  hätte,
schreie  zum  Himmel.  Über  das  Benehmen  von  „Georgie“  könne  er  nur
        <pb n="270" />
        DER  ERKRANKTE  HELLMUTH  MOLTKE  205

sagen,  ihre  gemeinsame  Großmutter,  die  Königin  Victoria,  hätte  sich  sicher
im  Grabe  umgedreht,  als  ihr  englischer  Enkel  ihrem  deutschen  Enkel  den
Fehdehandschuh  hingeworfen  habe.

Es  berührte  mich  schmerzlich,  daß  selbst  die  bitteren  Lehren  der  ersten
Kriegsnionate  Wilhelm  II.  nicht  zu  sachlicher  und  nüchterner  Beurteilung
der  Ereignisse  hatten  bringen  können.  Als  ich  darauf  hinwies,  daß  die  englische
  Politik,  namentlich  seit  der  Thronbesteigung  des  Königs  Georg  V.,
von  den  Ministern  mit  dem  Parlament  gemacht  würde,  sah  mich  der  Kaiser
einen  Augenblick  gereizt  an,  meinte  aber  dann,  wieder  mit  freundlichem
Ausdruck  und  indem  er  mich  unter  den  Arm  faßte,  jetzt  wollten  wir  zu
seiner  Frau  gehen,  die  sehr  wünsche,  mich  wiederzusehen.  Nichts  konnte
friedlicher  sein  als  die  Stimmung,  in  der  wir  drei  einige  Minuten  später  um
den  Teetisch  der  Kaiserin  saßen,  von  der  eine  Atmosphäre  der  Güte  und
der  Behaglichkeit  ausging,  die  alle  Dissonanzen  verscheuchte.

Einige  Tage  vor  meiner  Audienz  bei  Seiner  Majestät  hatte  ich  den
Generalobersten  von  Moltke  aufgesucht.  Er  war  aus  dem  Schloß  in  Homburg
  v.  d.  H.  in  das  Generalstabsgebäude  übergesiedelt,  den  „roten
Kasten“  am  Königsplatz,  gegenüber  der  Siegessäule,  das  Haus,  an  das  sich
so  große  Traditionen  knüpfen,  ein  Haus,  an  dem  ich  heute  nicht  ohne
melancholische  Erinnerungen  an  eine  bessere,  eine  glückliche  und  stolze
Vergangenheit  vorbeigehen  kann.  Ich  fand  Moltke  im  Bett.  Er  salı  krank
aus,  bleicher  als  sein  Bettuch.  Mit  melancholischem  Lächeln  winkte  er
mir  zu:  „Erinnern  Sie  sich  noch,  als  wir  zusammen  um  den  Wasserturm  am
Hippodrom  ritten?  Ich  hatte  doch  recht,  als  ich  den  Posten  nicht  annehmen
  wollte.‘  Im  übrigen  kam  aus  seinem  Munde  kein  Wort  weder  der
persönlichen  Rechtfertigung  noch  der  Anklage  gegen  andere,  sondern  nur
Äußerungen  seiner  Besorgnisse  für  die  Zukunft,  für  das  Schicksal  des  Vaterlandes,
  seiner  heißen  Liebe  für  das  Vaterland.  Er  gab  denı  lebhaften  Wunsche
Ausdruck,  daß  ich  an  die  Stelle  von  Bethmann  treten  möge,  der  zum
Steuermann  des  Reichsschiffes  in  diesem  Weltsturm  in  keiner  Weise  geeignet
  sei.

Als  ich  das  Schlafzimmer  Moltkes  verließ,  erwartete  mich  vor  der  Tür
seine  Frau.  Sie  entstammte  der  dänisch-schwedischen  Linie  der  Familie
Moltke.  Sie  war  eine  hübsche,  begabte,  ihrem  Gatten  treu  ergebene  Frau,
hatte  sich  aber  leider  mit  spiritistischem  und  theosophischem  Unfug  abgegeben
  und  damit  auch  ihren  Mann  angesteckt,  der  olınehin  zu  Mystizismus
  neigte.  Eliza  von  Moltke,  Lizzie,  wie  sie  in  der  l’amilie  genannt
wurde,  zitterte  vor  Erregung  über  das  Schicksal  ihres  Mannes,  vor  Entrüstung
  über  diejenigen,  denen  sie  die  Schuld  an  seinem  Zusammenbruch
zuschob.  Der  Kaiser  habe  ihrem  Gatten  die  Leitung  der  Operationen  in  dem
Augenblick  entzogen,  wo  er  im  Begriffe  stand,  auf  dem  westlichen  Kriegs-Bei

  Moltke
        <pb n="271" />
        Moltke  über
den  Krieg

206  GRÄFIN  MOLTKE  BEKLAGT  SICH

schauplatz  alles  wieder  in  Ordnung  zu  bringen  und  zum  Guten  zu  wenden.
Der  Kaiser  und  Falkenhayn  hätten  auch  nicht  auf  die  Ratschläge  gehört,
die  ihnen  Moltke  für  die  Verproviantierung  «es  Landes  gegeben  habe.  Diese
Klage  war  nicht  unbegründet.  Multke  hatte  mit  Clemens  Delbrück  zu  denjenigen
  gehört,  die  schon  früh  erkannten,  daß  wir  beizeiten  gegen  die  uns
drohende  Hungerblockade  Vorsorge  treffen  mußten.

Schon  vor  diesem  Besuch  hatte  ich  mit  Moltke  Briefe  gewechselt.  Ich
hatte  dem  alten  Freund,  dessen  hartes  Schicksal  mir  naheging,  Worte  der
Teilnahme  und  Sympathie  geschrieben.  Ich  gebe  seine  Antwort  wieder:
„Euer  Durchlaucht  haben  mir  mit  Ihren  freundlichen  und,  wie  ich  wohl
sagen  darf,  freundschaftlichen  Zeilen  vom  24.  d.  M.  eine  sehr  große  Freude
gemacht.  Nicht  das,  was  Euer  Durchlaucht  über  unsern  Aufmarsch  sagen,
ist  es,  denn  dafür  gebührt  die  Anerkennung  nicht  einem  einzelnen,  sie  gebührt
  der  Gesamtarbeit  des  Generalstabs,  der  Pflichterfüllung  und  Arbeit
aller  Offiziere,  die  an  dem  gewaltigen  Werk  des  Aufmarsches  eines  Millionenheercs
  beteiligt  waren,  in  erster  Linie  den  über  alles  Lob  erhabenen
Leistungen  der  Eisenbahnabteilung.  Die  Siege,  die  dem  Aufmarsch  folgten,
sind  aber  das  Verdienst  der  todesmutigen  Tapferkeit  unserer  Soldaten  und
ihrer  Führer  vom  ersten  bis  zum  letzten  Mann.  Es  ist  unser  Vulk  selbst,
das  Volk  in  Waffen,  das  diese  Siege  mit  Hingabe  seines  Herzblutes  errungen
hat,  ihm  gebührt  die  Ehre.  Und  nicht  nur  das  Vulk  in  Waffen,  auch  die
Gesamtheit  der  Nation,  die  tapfer  und  zu  jedem  Opfer  bereit  hinter  dem
Heere  steht,  hat  ihren  Anteil  an  dem  bisher  Errungenen.  Sie  ist  es,  aus  der
das  Heer  sich  immer  neue  Kraft  holt,  mit  der  es  innig  verbunden  ist  mit
Millionen  Fäden,  die  ihren  Geist,  ihre  hochgemute  Gesinnung  in  einem
immer  belebenden  Strom  dauernd  in  das  Heer  einfließen  läßt  und  ihm
Stärke  verleiht.  Das  ganze  deutsche  Volk  führt  diesen  Kampf  um  das
Heiligste,  was  cs  hat,  um  seine  nationale  Selbständigkeit,  um  den  Schutz
des  Vaterlandes  vor  Vergewaltigung  und  Vernichtung.  Und  in  diesem
großen  Volksganzen  von  siebzig  Millionen  lebt  das  Bewußtsein,  daß  es  den
Kampf  nicht  nur  im  eigenen,  sondern  im  Interesse  der  gesamten  Menschheit
  führt,  daß  es  gilt,  für  diese  das  deutsche  Geistesleben  zu  erhalten,  das
allein  die  Gewähr  bietet,  die  Menschheit  weiter  zu  führen  auf  dem  Wege
geistiger  Kultur.  Man  müßte  an  jeder  Weiterentwicklung  verzweifeln,  wenn
diese  höchsten  Güter  von  russischer  Barbarei,  von  englischem  Materialismus
  überwältigt  und  vernichtet  werden  sollten.  Daher  bin  ich  mit  Ihnen
der  gewissen  Zuversicht,  daß  unser  Volk  unbesiegbar  ist  und  sein  muß.  Wie
ich  Ihre  Worte  las  über  die  mangelhafte  diplomatische  Vorbereitung  dieses
Krieges,  mußte  ich  an  so  manche  Unterhaltung  denken,  die  wir  in  früheren
Zeiten  gehabt  haben.  Seit  Euer  Durchlaucht  die  Jiplomatische  Leitung
niedergelegt  haben,  hat  nur  ein  Gedanke  dieselbe  beherrscht:  Erhaltung
        <pb n="272" />
        KRIEG  UND  DIPLOMATIE  207

des  Friedens  um  jeden  Preis!  Daß  es  die  höchste  Aufgabe  der  Diplomatie
sein  muß,  den  Staat  so  zu  führen,  daß  er  eventuell  unter  möglichst  günstigen
  Vorbedingungen  in  einen  Krieg  eintreten  könne,  war  völlig  vergessen.
  Und  doch  stand  dieser  Krieg  seit  Jahren  fast  greifbar  deutlich  vor
der  Tür.  Wir  wollten  ihn  nicht  haben,  wir  wollten  ihn  nicht  vorbereiten,
  wir  wollten  ihn  nur  verhindern.  Daß  die  Weltentwickluug  einer
neuen  Phase  zustrebte,  daß  das  Gewitter  des  europäischen  Krieges  sich  entladen
  mußte,  wurde  nicht  erkannt.  Wie  wäre  es  sonst  möglich  gewesen,  daß
so  schwere  Schläge  wie  das  Versagen  Rumiüuiens  und  Italiens  uns  unvorbereitet
  treffen  konnten.  Ich  bin  der  Überzeugung,  daß  der  Krieg  schon
jetzt  siegreich  für  uns  erledigt  sein  würde,  wenn  es  gelungen  wäre.  diese
beiden  Staaten  an  unserer  Seite  zu  erhalten.  Daß  dies  nicht  geschehen  ist,
wird  die  Geschichte  einst  als  schwersten  Fehler  verurteilen.  Auch  über  diese
Dinge  haben  wir  früher  öfter  gesprochen.  Sie  lebten  lebendig  in  Ihnen,
Durchlaucht,  und  die  Befürchtung,  daß  die  für  das  Deutsche  Reich  von  so
überragender  Bedeutung  wichtigen  Ziele  vergessen  werden  könnten,  war  es,
die  mir  das  Herz  schwer  machten,  als  Sie  schieden.  Wenn  es  Gottes  Wille
ist,  daß  wir  trotzdem  siegreich  aus  diesem  Riesenkampf  hervorgehen,  so
wird  es  vor  allem  auf  eins  ankommen:  Die  ethischen  Krüfte,  die  er  in
unserem  Volk  hat  aufleben  lassen,  der  hohe  Idealismus,  der  es  durch  alle
Volksschichten  hindurch  erfüllt,  die  herrliche  Einheit  der  Nation,  die
Klassen-  und  Parteiunterschiede  ausgelöscht  hat,  das  alles  sind  geistige
Güter  höchster  Art.  Das  brennende  Feuer  des  Schmerzes  hat  in  der  Volksseele
  las  Gold  höchster  idealer  Gesinnung  herausgeschmolzen,  es  hat  sie
von  dem  materiellen  Zug  abgewendet,  der  in  den  Jahren  des  Wohllebens
und  Gedeihens  diese  Volksseele  zu  ersticken  drohte  und  der  parteiischen
Hader,  Zwietracht  und  Neid  in  die  Massen  trug.  Hier  ist  durch  den  Krieg
ein  Schatz  aus  den  Tiefen  des  Volkes  gehoben  worden  von  ullergrößtem
Wert  und  Bedeutung.  Wenn  der  höchste  Wille,  der  die  Geschicke  der
Menschheit  leitet,  es  gut  mit  uns  meint,  so  gebe  er  uns  Männer,  die  nicht
nur  mit  materiellen  Ergebnissen  des  Friedens  rechnen,  sondern  die  es  verstehen,
  dem  Deutschtum  das  geistige  Gut  zu  erhalten,  das  der  Krieg  ihm
gegeben  hat.  Das  ist  mein  heißer  Wunsch  und  zugleich  meine  Besorgnis.
Der  Staatsmann,  der  es  jetzt  nicht  versteht,  in  die  Tiefe  unserer  Volksseele
zu  blicken,  ihren  lebendigen  Odem  zu  spüren,  wird  das  Volk  nicht  der  Bestimmung
  entgegeuführen,  die  ihm  vorgezeichnet  ist.  Sie  wissen,  Durchlaucht,
  wie  sehr  ich  Sie  verehre,  aber  nicht  nur  diesem  Empfinden  entspringt
  mein  sehnlicher  Wunsch,  daß  Sie  es  sein  mögen,  der  diese  Aufgabe
zu  lösen  berufen  ist.  Ich  weiß,  daß  Sie  Verständnis  für  die  hier  angeregten
Fragen  haben.  Sie  haben  schon  einmal  an  den  Idealismus  unseres  Volkes
appelliert,  und  Sie  haben  den  Erfolg  unserer  damaligen  schwierigen  Ver-
        <pb n="273" />
        Ankunft
Bülows
in  Rom

208  DIE  FATALITÄTSTHEORIE

hältnisse  gehabt.  Ich  weiß  keinen  anderen  Mann,  der  Sie  ersetzen  könnte.
Verzeihen  Sie  die  Länge  meines  Briefes.  Ich  bin  durch  meine  Erkrankung
aus  der  Mitarbeit  am  Kriege  ausgeschaltet  und  sitze  einsam  im  alten  Homburger
  Schloß.  Aber  mein  Herz  und  meine  Seele  sind  verknüpft  mit  den
Geschehnissen  dieser  großen,  heiligen  Zeit.  Und  der  heiße  Wunsch,  daß
unser  Volk  durch  Kampf  und  Nacht  zum  Licht  geführt  werden  möge,  lebt
in  mir  mit  heißer  Gewalt.  Das  Wort  Vaterland  umschließt  all  mein  Denken
und  Fühlen,  und  ich  weiß,  daß  in  Ihnen  dieselben  Gedanken  leben.  Gott
gebe  uns  den  Sieg,  und  er  gebe  unserm  Volk  einen  Frieden,  der  ihm  seine
höchsten  Güter  wahrt.  Ihr  treu  ergebener  Moltke.‘“

Ein  kritischer  Beurteiler  des  vorstehenden  Bricfes  wird  an  ihm  manches
auszusetzen  haben:  Meinem  Nachfulger  Bethmann  war  nicht  so  sehr  vorzuwerfen,
  daß  er  den  Frieden  um  jeden  Preis  gewollt  hätte,  als  das  Ungeschick,
  mit  dem  er  sich  in  den  Krieg  hatte  verstricken  lassen.  Es  war  auch
nicht  richtig,  daß  das  Gewitter  eines  Weltkrieges  sich  notwendig  und  unentrionbar
  entladen  mußte.  Das  war  die  leidige,  die  schwächliche  Fatalitätstheorie,
  an  die  Bismarck  ebensowenig  glaubte  wie  an  die  Notwendigkeit
prophylaktischer  Kriege.  Zutreffend  dagegen  war  die  Bemerkung,  daß  wir
den  Krieg  rasch  hätten  gewinnen  können,  wenn  wir  von  vornherein  Italien
und  Rumänien  auf  unserer  Seite  gehabt  hätten.  Daß  wir  dies  nicht  erreichten,
  war  tatsächlich  die  Schuld  der  Wiener  und  der  Berliner  Diplomaten.
  Im  großen  und  ganzen  ist  der  Brief  von  Moltke  mehr  die  von  hohem
Idealisınus  inspirierte  und  von  edler  Weltauffassung  getragene  Betrachtung
eines  Professors  der  Ethik  als  das  Bekenntnis  und  Testament  eines  Feldherrn.
  Aus  den  Schriften  des  großen  Königs  und  dem  „Memorial  de  Sainte-Helöne‘“
  weht  ein  anderer  Geist.  Unser  Verhängnis  hat  gewollt,  daß  bei
Beginn  des  größten  aller  Kriege  die  beiden  wichtigsten  Posten  nicht  mit
tatenfreudigen  und  tatkräftigen,  nicht  mit  klugen,  gewandten,  geschickten
Männern  besetzt  waren,  sondern  mit  Philosophen.  Ich  füge  noch  hinzu,  daß
das  Urteil  der  Geschichte,  und  mit  Recht,  über  Bethmann  strenger  und
härter  ausfallen  wird  als  über  seinen  Schicksals-  und  Leidensgenossen
Moltke.

Am  14.  Dezember  1914  fuhr  ich  mit  dem  Schnellzug  nach  Rom.  Dort
erhielt  ich  wenige  Tage  später  den  Brief  eines  dem  Auswärtigen  Amt  nalıestehenden
  Journalisten,  der  mir  schrieb:  „Staatssekretär  von  Jagow  sagte
hier,  unmittelbar  nach  Ihrer  Abfahrt  von  Berlin,  jedem,  der  es  hören  wollte,
Italiens  wären  wir  völlig  sicher.  Es  werde  eingreifen,  und  zwar  auf  deutscher
Seite.  Darüber  sei  kein  Zweifel.“  Die  Absicht,  mir  in  die  Suppe  zu  spucken,
trat  klar  zutage.  In  Rom  erwartete  mich  das  Personal  der  Botschaft  an  der
Bahn,  aber  ohne  den  Botschafter  Flotow.  Ich  stieg  in  meiner  Villa  Malta
ab,  nicht  im  Palazzo  Caffarelli,  der  mich  vierzig  Jabre  früher  als  Attache
        <pb n="274" />
        ERZBERGER  209

und  zwanzig  Jahre  früher  als  Botschafter  beherbergt  hatte.  Am  Nachmittag
  ließ  sich  Flotow  melden.  Haltung  und  Ausdruck  hätten  jedem
Schauspieler  als  Vorbild  dienen  können,  dem  die  Rolle  des  Sekretärs  Wurm
in  Schillers  „Kabale  und  Liebe‘  zugefallen  wäre.  „Ist  mir’s  doch‘,  meint
der  redliche  Stadtmusikant  und  Kunstpfeifer  Miller  in  dem  „bürgerlichen
Trauerspiel‘“  des  jugendlichen  Schiller  über  den  Haussekretär  des  Präsidenten
  von  Walter,  „wie  Gift  und  Operment,  wenn  ich  den  Federfuchser
zu  Gesichte  krieg.“  Herr  von  Flotow  betonte,  daß  er  mit  ausdrücklicher
Ermächtigung  des  Reichskanzlers  und  des  Staatssekretärs  Italien  nicht
verlassen,  sondern  seinen  Urlaub  dort  verleben  und  seinen  Wohnsitz  „bis
auf  Weiteres“  nach  Neapel  verlegen  werde.

Wenige  Tage  später  traf  der  Abgeordnete  Erzberger  in  Rom  ein.  Seit
meinem  Zerwürfnis  mit  dem  Zentrum  hatte  mich  kein  Mitglied  dieser  Partei
schärfer  angegriffen  als  er.  Von  ilım  namentlich  war  das  Märchen  ausgegangen,
  das  von  dem  früheren  Regierungsrat  Martin  und  dem  Chefredakteur
  des  Pariser  „Figaro“,  Gaston  Calmette,  weitergesponnen  wurde,
daß  ich  den  Plan  verfolgt  hätte,  den  Kaiser  zur  Abdankung  zu  zwingen
und  mich  zum  Präsidenten  der  deutschen  Republik  proklamieren  zu  lassen.
Die  persönliche  Bekanntschaft  von  Erzberger  hatte  ich  noch  nicht  gemacht.
Als  er  in  mein  Arbeitszimmer  trat,  sah  ich  einen  mittelgroßen,  untersetzten
Mann  vor  mir  stehen,  unbeholfen  in  Bewegungen  und  Gesten,  mit  derben
Gesichtszügen.  „Er  sieht  aus  wie  ein  Bierstöpsel‘,  meinte  eine  ungarische
Gräfin,  der  ich  ihn  bald  nachher  vorstellte.  Aber  in  der  Unterhaltung,  die
sich  nun  entspann,  trat  mir  ein  Mann  von  rascher  und  beweglicher  Auffassungsgabe
  entgegen,  nicht  geistreich,  noch  weniger  gebildet,  aber  nicht
aufs  Maul  gefallen.  Der  Gerber  Kleon  würde  in  Erzberger  einen  ihm  verwandten
  Demagogentypus  erkannt  haben,  bei  aller  sonstigen  Verschiedenheit
  zwischen  dem  Athener  und  dem  Buttenhäuser.  Albert  Ballin  sagte  mir
einmal  von  Erzberger,  er  sei  tüchtig,  aber  es  fehle  ihm  das  eigentliche
Fundament.  Der  feingebildete  Abt-Primas  des  Benediktiner-Ordens,  Freiherr
  von  Stotzingen,  meinte  nach  einer  längeren  Unterredung  mit  Erzberger:
  „Es  fehlen  ihm  die  Humaniora.“  Papst  Benedikt  XV.  gab,  wie
ich  gelegentlich  schon  erwähnte,  nachdem  er  ihn  in  Audienz  empfangen
hatte,  seinem  Erstaunen  darüber  Ausdruck,  daß  der  Signor  Erzberger,
der  im  Parlament  vielleicht  ganz  gut  am  Platze  wäre,  sich  als  Diplomat
  betätigen  wolle,  wozu  er  sich  in  keiner  Weise  eigne.  Matthias
Erzberger  hat  während  der  letzten  Jahre  des  Krieges  und  auch  nach
dem  Umsturz  viele  und  schwere  politische  Fehler  begangen.  Er  hat
großen  Schaden  angerichtet.  Um  so  mehr  ist  es  Pflicht,  hervorzuheben,
daß  sein  Verhalten  in  Rom  loyal  war,  daß  er  dort  gute  Dienste  geleistet
  hat.

14  Bülow  IU

Bekanntschaft
mit  Erzberger
        <pb n="275" />
        210  ERZBERGERS  TRAURIGES  ENDE

Er  fing  damit  an,  mir  zu  sagen,  daß  er  mich  nur  aus  Parteirücksichten
angegriffen,  sich  aber  dabei  gar  nichts  Böses  gedacht  habe  und  jetzt  Verehrung
  und  Bewunderung  für  mich  empfinde.  Ich  könne  mich  vollständig
auf  ihn  und  seine  Ehrlichkeit  verlassen.  Bethmann  und  Jagow  hätten  ihn
aufgefordert,  nach  Rom  zu  fahren,  ihm  auch  eine  besondere  Chiffre  mitgegeben
  und  ihm  gesagt,  er  möge  über  seine  Beobachtungen  namentlich
über  mein  Verhalten  ihnen  rückhaltlos  berichten.  Natürlich  wären  die  Absichten
  des  Kanzlers  und  des  Staatssekretärs  bei  dieser  Aufforderung  nicht
gerade  freundlich  für  mich  gewesen.  Er  würde  aber  nach  Berlin  nichts
telegraphieren  noch  schreiben,  was  er  mir  nicht  vorher  gezeigt  hätte.
Diesem  seinem  Versprechen  ist  Erzberger  treu  geblieben.  Er  hat  mir  alle
seine  Berichte  und  Meldungen  nach  Berlin  vorher  vorgelegt,  mich  auch  über
seine  in  Rom  geführten  politischen  Gespräche  genau  informiert.  Als  er,
nicht  ohne  Grund,  für  seine  persönliche  Sicherheit  fürchtete,  weil  seine
häufigen  Besuche  im  Vatikan  von  der  italienischen  Presse  abfällig  kritisiert
worden  waren,  forderte  ich  ihn  auf,  bei  mir  in  der  Villa  Malta  Wohnung  zu
nehmen,  und  zeigte  gleichzeitig  der  Consulta  an,  daß  der  Abgeordnete  Erzberger
  von  mir  der  Botschaft  interimistisch  attachiert  worden  sei.  Der  gute
Matthias  schien  dies  als  eine  erfreuliche  Vorbedeutung  für  künftigen  diplomatischen
  Aufstieg  aufzufassen.  Ich  räumte  ihm  zwei  schöne  Zimmer  im
zweiten  Stock  ein,  von  wo  er  einen  herrlichen  Rundblick  auf  die  Ewige
Stadt,  die  mächtige  Kuppel  der  Peterskirche  und  die  Berge  hatte,  die  Rom
umkränzen.  Er  war  mir  und  meiner  Frau  ein  angenehmer  Hausgenosse.  Er
war  natürlich  und  behaglich,  er  konnte  auch  drollig  sein,  wenn  er,  gemütlich
schwäbelnd,  von  Berlin  erzählte.  Er  wisse  selbst  nicht,  warum  der  Reichskanzler
  einen  solchen  Affen  an  ihm  gefressen  hätte.  Er  müsse  mindestens
einmal  wöchentlich  bei  ihm  speisen.  Neulich  habe  „der  Herr  Kanschler“  zu
ihm  gesagt:  „Wie  fangen  Sie  es  nur  an,  um  so  viele  gute  Einfälle  zu  haben  ?
Mir  fällt  nie  etwas  ein.‘  Erzberger  erzählte  das  ohne  jede  Ironie.

Als  der  Arme  später  ein  so  trauriges  Ende  fand,  übersandte  mir  seine
Witwe  die  Traueranzeige  mit  seinem  Bild,  das  als  Unterschrift  die  Worte
des  Apostels  Paulus  trug:  „Ich  habe  den  guten  Kampf  gekämpft,  ich  habe
Glauben  gehalten.‘  So  erschien  er  nicht  nur  seiner  Familie,  seinen  näheren
Freunden,  seinen  Landsleuten  in  Buttenhausen,  sondern  auch  einem  großen
Teil  des  klerikalen  wie  des  demokratischen  Deutschland.  Ein  anderer  Teil
des  Volkes  sah  in  ihm  einen  Schädling,  ja  einen  Verbrecher.  Ein  deutscher
Gerichtshof,  ehrenhafte  und  in  jeder  Beziehung  hochstehende  Richter
haben  ihm  Ausbeutung  seiner  politischen  Stellung  für  private  Erwerbszwecke
  bescheinigt.  Der  Advokat  seines  Gegners  Helfferich  schlug  auf  die
vor  ihm  liegende  Mappe  und  rief  zu  Erzberger  gewandt:  „Hier  ist  Material,
mit  dem  jeder  Assessor  ein  Dutzend  Prozesse  gegen  Sie  anstrengen  und
        <pb n="276" />
        DIE  BLANKOVOLLMACHT  211

gegen  Sie  gewinnen  könnte!“  Erzberger  schwieg.  Vor  Immanuel  Kant
und  dessen  strenger  Moral  würde  er  nicht  bestehen.  Aber  kann  er  sich
nicht  auf  den  Schächer  am  Kreuz  berufen?  Hoffentlich  hat  er  schließlich
doch  noch  ein  Plätzchen  im  Paradies  gefunden.

Auch  in  Rom  erhielt  ich  während  des  schweren  Winters  von  1914  auf
1915,  wo  ich,  von  Berlin  schlecht  unterstützt,  noch  weniger  von  Wien
sekundiert,  gegen  viele  feindliche  und  widerwärtige  Einflüsse  zu  kämpfen
hatte,  von  Moltke  ab  und  zu  Briefe,  aus  denen  ebensosehr  seine  freundschaftliche
  Gesinnung  für  mich  wie  sein  Patriotismus  sprachen.  Ich  glaube,
daß  nur  wenige  mir  so  aufrichtig  und  innig  für  meine  römische  Mission  Erfolg
  wünschten  wie  Hellmuth  Moltke.  Solcher  Wünsche  und  Gebete  bedurfte
  ich  in  der  Tat.  Bei  meiner  ersten  Unterredung  mit  dem  Botschaftsrat
Hindenburg  verglich  ich  mich  mit  dem  Arzt,  der  zu  spät  an  das  Krankenbett
  berufen  wird.  Dieser  Vergleich  war  zutreffend.  Wenn  im  Juli  1914  die
militärische  Kooperation  Italiens  bei  geschickter  deutscher  Politik  denkbar
gewesen  war,  vor  dem  Marne-Rückzug  wenigstens  volle  und  sichere  Neutralität,
  so  war  jetzt  selbst  die  Neutralität  nur  zu  erreichen,  wenn  Österreich
  sofort,  rückhaltlos  und  avec  un  beau  geste  den  Trentino  opferte  und
die  Autonomie  von  Triest  konzedierte.  Aber  weder  wollten  die  Österreicher
  sich  zu  den  unerläßlichen  Konzessionen  entschließen,  noch  ermannten
  sich  Betımann  und  Jagow  dazu,  einen  energischen  Druck  auf  das
Wiener  Kabinett  auszuüben.  Nachdem  wir  ohne  Zögern,  vorbehaltlos
unsere  Zustimmung  zu  dem  Strafverfahren  Österreichs  gegen  Serbien  gegeben
  und  dem  Wiener  Kabinett  die  Wahl  der  anzuwendenden  Mittel  überlassen
  hatten,  glaubten  sich  die  Österreicher  unserer  Rückendeckung
absolut  sicher  und  uns  gegenüber  an  keine  Rücksicht  gebunden.  Mit  unserer
Blankovollmacht  in  der  Tasche  setzten  sie  sich  an  den  Spieltisch,  wo  es  leider
nicht  nur  um  ihr,  sondern  auch  um  unser  Geld  ging.  Wir  hatten  ihnen  ja
von  vornherein  erlaubt,  es  gegenüber  Serbien  bis  zum  Äußersten,  bis  zum
Kriege  mit  allen  seinen  Konsequenzen  zu  treiben.

In  Rom  fand  ich  bei  den  Akten  einen  Brief  des  Botschaftsrats  in  Wien,
Prinzen  Stolberg,  der  während  einer  kurzen  Abwesenheit  seines  Chefs,
des  Botschafters  von  Tschirschky,  etwa  acht  Tage  vor  der  Überreichung
des  Ultimatums,  Mitte  Juli  1914,  nach  Berlin  meldete:  er  habe  in  Ausführung
  des  ihm  erteilten  Auftrages  den  Grafen  Berchtold  gefragt,  ob  das
Wiener  Kabinett  an  dem  Gedanken  festhalte,  scharfe  Sühneforderungen
für  den  Mord  von  Sarajewo  an  die  serbische  Regierung  zu  stellen.  Auf  die
bejahende  Antwort  des  Ministers  habe  er  auftragsgemäß  weiter  gefragt,
was  geschehen  würde,  wenn  Serbien  alle  österreichischen  Forderungen  annähme.
  Lächelnd  (Berchtold  wie  Jagow  liebten  zu  lächeln)  habe  der
k.  und  k.  Minister  erwidert:  er  halte  es  für  ausgeschlossen,  daß  selbst  eine

14°

Keine  Konzessionen

Österreichs

Brief  des
Prinzen
Stolberg
        <pb n="277" />
        Pessimismus

Ballins

212  DIE  STAATSRÄSON

Regierung  wie  die  serbische  solche  Forderungen  schlucke.  Sollte  dies  aber
doch  der  Fall  sein,  so  bleibe  eben  nichts  anderes  übrig,  als  auch  nach  Annahme
  aller  Forderungen  Serbien  so  lange  zu  reizen,  bis  Österreich  die  Möglichkeit
  erhalte,  in  Serbien  einzumarschieren.  Weiter  befanden  sich  bei  den
römischen  Akten  Abschriften  zweier  Briefe  des  Staatssekretärs  Jagow  aus
dem  Großen  Hauptquartier  an  den  Unterstaatssekretär  Zimmermann,  die
mir  einen  neuen  melancholischen  Einblick  in  die  Kopf-  und  Ziellosigkeit  des
Auswärtigen  Amtes  vom  Sommer  1914  gewährten.  In  dem  einen  vor  dem
Marnc-Rückzug  geschriebenen  Brief  ermahnte  Jagow  das  Auswärtige  Amt
und  die  Kaiserliche  Botschaft  in  Rom,  sich  Italien  gegenüber  nur  ja  nicht
zu  engagieren,  weder  durch  Versprechungen  und  Zusagen  noch  durch  Konversationen
  über  etwaige  Kompensationen.  Wir  dürften  uns  für  die  zukünftigen
  Friedensverhandlungen  Italien  gegenüber  in  keiner  Weise  die
Hände  binden.  Das  erinnerte  an  den  französischen  Minister  des  Äußern  von
1870,  den  Duc  de  Gramont,  der,  als  ihm  gemeldet  wurde,  daß  die  süddeutschen
  Staaten  mit  Preußen  gegen  Frankreich  gehen  würden,  mit
heiterer  Ruhe  erwidert  hatte:  „Tant  mieux!  Nos  armees  se  deployeront  ä
leur  aise  dans  les  plaines  de  l’Allemagne  meridionale,  et  nous  aurouns  les  .
coud&amp;amp;es  franches  pour  les  negociations  de  la  paix.““  Nach  dem  Marne-Rückzug,
  einige  Wochen  später,  war  ein  händeringendes  Schreiben  desselben
  Jagow  in  Rom  eingetroffen,  in  dem  er  bat,  alles  aufzubieten,  damit
Italien  sich  uns  anschließe.

Wenn  ich,  wie  jeder,  der  im  öffentlichen  Leben  steht,  bisweilen  geirrt
habe,  vielleicht  sogar,  wie  meine  Gegner  behaupten,  oft  irrte,  so  kann  ich
doch  mit  gutem  Gewissen  sagen,  daß  ich  nie  einem  anderen  Leitstern  gefolgt
  bin  als  der  Staatsräson.  Seit  ich  als  Kriegsfreiwilliger  bei  den
Bonner  Königshusaren  eintrat  und  König  und  Vaterland  Treue  schwur,
habe  ich  meine  körperlichen  und  seelischen  Kräfte,  ohne  Schonung  meiner
Person,  in  den  Dienst  des  Landes  gestellt,  niemals  bewußter  und  rückhaltloser
  als  während  meiner  römischen  Mission  im  Winter  1914/15.  Gerade
weil  ich  mir  keine  Illusionen  über  die  lebensgefährliche  Lage  machte,  in  die
wir  fünf  Jahre  nach  meinem  Rücktritt  durch  die  Unfähigkeit  meines  Nachfolgers
  und  seiner  Mitarbeiter  geraten  waren,  spannte  ich  jeden  Nerv  an,
um  dem  schon  von  so  vielen  und  starken  Feinden  umringten,  von  allen
Seiten  bedrängten  Deutschen  Reich  einen  neuen  und  nicht  zu  unterschätzenden
  Gegner  zu  ersparen.  Was  ich  aus  der  Heimat  hörte,  bestärkte
mich  in  meiner  ernsten  Beurteilung  der  Lage.  Albert  Ballin  schrieb  mir
bald  nach  meinem  Eintreffen  in  Rom:  „Ich  vermag  der  ganzen  Situation
kein  freundliches  Gesicht  aufzuzwingen.  Der  Gedanke  einer  Unterseeboot-Blockade,
  die,  wenn  sie  glückte,  uns  die  Aussicht  schaffen  würde,  England
mürbezumachen,  stößt  bei  den  Juristen  und  den  führenden  Geistern  des
        <pb n="278" />
        ÖSTERREICH  UND  ITALIEN  213

Auswärtigen  Amtes  auf  hundert  Bedenken.  In  der  Türkei  sieht  es  nicht
rosig  aus.  Munitionsmangel,  hervorgerufen  durch  Rumäniens  Weigerung,
unsere  bezüglichen  Transporte  durchzulassen.  Weder  am  Suezkanal  noch
in  Ägypten  irgendein  Ziel  für  eine  erfolgreiche  Operation.  Wie  die  Lage  sich
gestalten  wird,  ist  es  gar  nicht  zu  verstehen,  warum  wir  nicht  mit  dem
größten  Nachdruck  in  Wien  dahin  wirken,  daß  man  sich  auch  unter  erheblichen
  Opfern  mit  Italien  verständigt.  Es  ist  für  Österreich  eine  bittere  Notwendigkeit,
  die  an  der  italienischen  Grenze  gehaltenen  Streitkräfte  für  die
endliche  Bewältigung  der  Serben  frei  zu  machen.  Daß  es  Österreich  nicht
gelang,  schnell  mit  den  Serben  fertig  zu  werden,  hat  m.  E.  die  militärische
Lage  für  uns  sehr  verschlechtert.  Hätten  die  Österreicher  die  Serben  schnell
zu  Boden  geworfen,  so  hätten  sie  durch  Konzessionen  diese  kleine,  tüchtige
Macht  sich  verbünden  können  und  damit  eine  Situation  schaffen,  die  dem
Zaren  vielleicht  den  Vorwand  für  einen  Separat-Frieden  gegeben  hätte.
Gott  besser’s!  Iclı  gehe  bald  für  einige  Zeit  nach  Berlin  und  werde  Zimmermann
  zu  einer  energischen  Aktion  gegen  Österreich  zwecks  Einigung  mit
Italien  dringend  raten.  Militärische  Erfolge,  die  wir  erreichen,  werden  den
Dreiverbandsmächten  zu  noch  stärkerem  Werben  in  Rumänien  und  Italien
den  Anlaß  geben.  Militärische  Mißerfolge  werden  die  ohnehin  bestehende
Neigung,  gegen  Österreich  vorzugehen,  dort  und  in  Bukarest  erhöhen.  Wir
sind  also  between  the  devil  and  the  deep  sea  und  sollten  suchen,  bald  einen
ehrenvollen  Frieden  zu  machen.  Was  wir  erreichen,  ist  ja  an  sich  groß!
Gegen  diese  Welt  von  Feinden  den  Krieg  im  Feindesland  konzentrieren  und
sich  so  glänzend  halten,  ist  sicherlich  eine  große  Leistung.“

Der  Generaldirektor  des  Scherlschen  Verlages,  der  mit  dem  Großen
Hauptquartier  enge  Fühlung  hatte  und  häufig  dort  weilte,  Herr  Eugen
Zimmermann,  der  drei  Jahre  später  Wilhelm  II.  bei  der  Abfassung  seines
Buches  „Gestalten  und  Erscheinungen“  unterstützen  sollte,  hatte  mir
schon  vor  meiner  Abreise  nach  der  Ewigen  Stadt  geschrieben:  „Über  die
Kriegslage  macht  sich  allgemein  eine  pessimistische  Auffassung  bemerkbar.
Es  geht  sehr  langsam  und  nur  mit  enormen  Verlusten  vorwärts.  Die  Gegner
gewinnen  viel  Zeit,  Gegenmaßregeln  zu  treffen.  Russische  Artillerie  wird
durch  japanische  ergänzt.  Die  Franzosen  zielen  immer  mehr  Farbige  heran.
Die  Engländer  bilden  fieberhaft  aus.  An  der  Yser  verloren  wir  bis  zum
1.  November  rund  fünfzigtausend  Offiziere  und  Soldaten.  Fünfzigjährige
Oberleutnants  und  Kompagnieführer  sind  durchaus  keine  Seltenheit  an  der
Front.  Der  Kampf  kommt  immer  mehr  auf  die  Entscheidung  durch  brutale
Gewalt  heraus.  Die  Kriegskunst  tritt  zurück.  Eine  operative  Überlegenheit
ist  nicht  bemerkbar.  Unsere  Überlegenheit  an  Zahl  im  Westen  (zirka  dreihundertfünfzigtausend
  Mann)  dringt  nicht  durch.  Trotz  allem  kann  und
muß  man  auf  den  endlichen  Erfolg  hoffen.  Aber  je  mehr  er  der  Armee,  dem

Brief  von
Eugen
Zimmermann
        <pb n="279" />
        Brief  des
Generaladjutanten


v.  Chelius

214  DER  UNTERTON

Volk,  dem  einzelnen  Mann,  je  weniger  überlegener  Führung  schließlich  zugeschrieben
  werden  müßte,  je  größer  werden  die  Forderungen  der  Demokratie
  nach  dem  Kriege  sein.  Wenn  man  hier  Herren  der  Regierung
spricht,  ist  man  entsetzt  über  die  Unkenntnis  aller  Vorgänge  im  Volk.“
Der  damals  noch  auf  dem  rechten  Flügel  der  konservativen  Partei  stehende
Publizist  Herbert  von  Berger  schrieb  mir:  „Hoffentlich  erlebt  die  heute
geborene  Generation  eine  Zeit,  in  der  von  der  Jugend  des  preußischen
Adels  Kopf  und  Herz  und  nicht  nur  das  Blut  in  der  Stunde  der  Not  genutzt
wird.  Mit  den  wenigen  verwundeten  Gardeoffizieren,  die  hier  sind,  etwa
achtzig  Prozent  sind  ja  gefallen,  bin  ich  oft  zusammen,  sie  meinen,  das
stolze  Vorrecht,  vor  dem  Feinde  zu  sterben,  dies  Vorrecht  des  Adels  wäre
ihm  reichlicher  zugeschoben  worden,  als  notwendig  gewesen  ist.  Ganze  Geschlechter
  sind  ja  vernichtet.  Und  bitter  fragte  mich  neulich  ein  Verstümmelter,
  ein  höherer  Offizier,  ob  vielleicht  aus  politischen  Gründen  eine  Ausrottung
  des  preußischen  Militär-  und  Beamten-Adels  beabsichtigt  sei.  Ich
mußte  dabei  unwillkürlich  an  das  geistreiche  Wort  eines  bekannten  Historikers
  denken,  daß  Rom  zu  Grunde  gehen  mußte,  weil  seine  Aristokratie
untergegangen  war.  Es  ist  überhaupt  eigenartig,  wie  diese  Zeit,  die  das
Größte  und  Beste  im  Deutschen  wieder  zu  Ehre  und  zur  Geltung  bringt,
einen  trüben,  ja  verdrießlichen  Unterton  in  den  wertvollsten  Kreisen  hat.
Es  ist  da  doch  der  Mangel  an  Führung  und  Führern  von  Charakter  und
Kraft  zu  empfinden.  Der  eine  Hindenburg  kann  schließlich  nicht  für  alle
aufkommen.  Und  endlich  scheint  man  an  den  maßgebenden  Stellen  besorgt
zu  sein,  keinen  derer  in  den  Vordergrund  zu  lassen,  die  Staatsmann  und
nicht  nur  Beamter  sein  können.  Nach  Euer  Durchlaucht  fragen  Politiker
im  Offiziersrock  und  im  Bürgergewand.  Es  gibt  nicht  einen  nachdenklichen
und  politisch  einigermaßen  urteilsfähigen  Deutschen,  der  nicht  weiß,  daß
der  gegenwärtige  Kanzler  bei  Friedensschluß  versagen  wird,  wie  er  bei
Kriegsausbruch  versagt  hat.  Und  doch  steht  dieser  Mann  fest,  nur  weil  er
ein  bequemer  Diener  ist.  Darf  man  sich  wundern,  wenn  in  einem  Volk,  das
willig  und  gern  so  Ungeheures  leistet,  allmählich  die  Frage  laut  wird,  ob  es
nicht  an  der  Zeit  sei,  in  Erwägung  tief  einschneidender,  verfassungsrechtlicher
  Änderungen  einzutreten,  das  Ministerernennungsrecht  auf  eine
breitere  Basis  zu  stellen  als  den  monarchischen  Willen.  Es  ist  eben  nicht
zu  leugnen:  schwache  und  gedankenarme  Minister  wie  Bethmann  und
Jagow  sind  nicht  nur  eine  Gefahr  für  das  Land  nach  außen,  sondern  auch
für  seine  Verfassung  im  Innern.“

Im  Gegensatz  zu  solchen  warnenden  und  ernsten  Stimmen  patriotischer
Besorgnis  schrieb  mir  aus  dem  Schloß  Bellevue  der  diensttuende  Generaladjutant
  von  Chelius  über  die  Allerhöchste  Stimmung:  „Der  Kaiser  will
noch  immer  nicht  glauben,  daß  man  in  Italien  Ernst  mache  gegen  Öster-
        <pb n="280" />
        ALLERHÖÜCHSTE  STIMMUNG  215

reich,  und  hofft,  daß  Rumänien,  wo  sich  eine  Stimmung  für  die  Zentralmächte
  Bahn  zu  brechen  scheint,  Italien  von  einem  verhängnisvollen
Schritt  abhalten  werde.  Ganz  vertraulich  möchte  ich  noch  hinzufügen,  daß
man  hier  die  Meinung  hat,  der  Papst  werde  im  Frühjahr  den  Frieden  anbahnen
  und  vermitteln.  Dieser  Gedanke  ist  Seiner  Majestät  sehr  sympathisch.
  Natürlich  könne  das  aber  nur  auf  der  Basis  des  militärischen
Status  quo  erfolgen.  Dieser  Weg  wäre  denkbar,  da  ein  Friedensbedürfnis  in
Frankreich  und  England  zweifellos  vorhanden  sei.  England  geht  man  mit
der  Marine  tüchtig  zu  Leibe,  natürlich  nicht  ohne  Gefahr  für  die  eigene
Zufuhr,  besonders  für  Belgien.  Seine  Majestät  ist  guter  Dinge  und  erwartet
mit  Zuversicht  die  Operationen  im  Osten,  die  vielleicht  einen  Wendepunkt
militärisch  und  politisch  in  sich  tragen.“

Eine  große  Freude  war  für  mich  das  Vertrauen,  das  mir  die  in  Italien
lebenden  Landsleute  vom  ersten  bis  zum  letzten  Tage  meiner  Mission  entgegenbrachten.
  Zahlreiche  Briefe  und  Telegramme  aus  Rom  und  Florenz,
Mailand  und  Neapel  lieferten  mir  hierfür  mich  tief  rührende  Beweise.  Aus
der  deutschen  Kolonie  in  Rom  wurde  mir  telegraphiert:  „Ganze  Kolonie
beglückt  und  erlöst.“  Aus  Mailand  telegraphierte  mir  der  seit  langem  dort
ansässige,  angesehene  Bankier  Joel,  ein  geborener  Danziger:  „Mit  wärmster
  Genugtuung  begrüßen  wir  den  hochherzigen  Entschluß  Eurer  Durchlaucht,
  in  der  zuversichtlichen  Hoffnung,  daß  er  segensreiche  Folgen  für
alle  Teile  haben  werde.“  Der  erste  meiner  italienischen  Freunde,  dem  ich
nach  meiner  Ankunft  in  Rom  auf  dem  Pincio  begegnete,  war  Graf  Giuseppe
  Greppi.  Er  war  damals  schon  fünfundneunzig  Jahre  alt.  Mailänder
von  Geburt,  war  er  als  siebzehnjähriger  Attach&amp;amp;  1836  in  den  österreichischen
  diplomatischen  Dienst  eingetreten.  Er  hatte  in  Parma  bei  der  Witwe
des  Kaisers  Napoleon,  der  Kaiserin  Marie  Louise,  gefrühstückt  und  lobte
deren  schöne  Büste  und  zierliche  Füßchen.  Er  hatte  in  Rom  im  Palazzo
Bonaparte,  auf  dem  Corso,  gegenüber  dem  „Gesü‘,  der  Mutter  des  großen
Korsen,  Madame  M£re,  die  Hand  geküßt.  Er  hatte  vor  König  Friedrich
Wilhelm  III.  von  Preußen  und  vor  dem  letzten  römischen  Kaiser  deutscher
Nation,  vor  Franz  II.,  vor  Wellington  und  vor  dem  Erzherzog  Karl,  dem
Sieger  von  Aspern,  gestanden.  Er  war  zwei  Jahre  lang  Kabinettschef  des
Staatskanzlers  Clemens  Metternich  für  die  italienischen  Angelegenheiten
gewesen  und  schilderte  anschaulich,  wie  der  damalige  Lenker  der  österreichischen
  und  bis  zu  einem  gewissen  Grade  der  europäischen  Politik
abends  in  seinem  Salon  seinen  Untergebenen  und  den  ihn  besuchenden  Verehrern,
  an  eine  Säule  gelehnt,  in  feierlicher  Haltung  und  in  feierlichem  Ton
Vorträge  hielt  über  die  großen  Prinzipien  der  Legitimität,  der  streng  monarchischen
  Ordnung  und  des  weisen  Stillstandes,  nach  denen  regiert  werden
müsse.  Solche  Vorträge  des  Staatskanzlers,  des  „Cocher  de  l!’Europe‘“,  wie

Graf  Greppi
        <pb n="281" />
        216  EIN  KABINETTS-CHEF  METTERNICHS

er  von  seinen  Verehrern  genannt  wurde,  pflegten  mit  der  selbstbewußten
Versicherung  zu  schließen:  „Je  suis  le  rocher  de  l’ordre  politique  et  social.“
Graf  Greppi  hatte  mit  Chateaubriand  und  mit  Alfred  de  Musset  gesprochen,
er  hatte  dem  Gesang  der  Henriette  Sontag  gelauscht,  er  sah  die  göttliche
Fanny  Elßler  tanzen.  Als  es  1848  zum  Kriege  zwischen  der  habsburgischen
Monarchie  und  der  von  dem  Hause  Savoyen  geführten  italienischen  Nationalbewegung
  kam,  verließ  Greppi  den  österreichischen  Dienst.  Einige  Jahre
später  in  die  italienische  Diplomatie  aufgenommen,  fungierte  er  als  Botschafter
  des  Königreichs  Italien  in  Madrid  und  St.  Petersburg.  Er  hatte  viel
erlebt  und  viel  geschen,  ohne  sich  je  in  seinem  Gleichmut  stören  zu  lassen.
Als  ich  ihn  einmal  frug,  wie  er  es  angefangen  habe,  um  so  alt  zu  werden,
antwortete  er  mir:  „Ich  habe  mich  niemals  und  über  nichts  geärgert.“  Mit
feinem  Lächeln  fügte  er  hinzu:  „Einmal,  aber  wirklich  nur  einmal,  bin  ich
diesem  meinem  Grundsatz  untreu  geworden.  Das  kam  so:  Ich  befand  mich
Ende  der  achtziger  Jahre,  damals  italienischer  Botschafter  in  St.  Petersburg,
  auf  Urlaub  in  Rom.  Ich  hatte  bei  Gianette  Doria  in  seinem  schönen
Palazzo  gegessen  und  sehr  gut  gegessen.  Als  ich  nach  dem  Diner  das  Haus
verließ  und  auf  den  Corso  trat,  wurden  die  Abendzeitungen  ausgerufen.
Ich  kaufte  mir  die  ‚Tribuna‘  und  fand  an  der  Spitze  der  Nummer  in  gesperrtem
  Druck  die  Nachricht,  daß  der  Botschafter  in  St.  Petersburg,  Graf
Greppi,  in  den  Ruhestand  versetzt  worden  sei.  Das  war  ein  brutaler  Akt
von  Crispi,  qui  n’en  faisait  jamais  d’autres.  Er  hatte  den  guten  König
Humbert  das  Dekret,  durch  das  ich  in  den  Ruhestand  versetzt  wurde,
unterschreiben  und  dieses  Dekret  sofort  veröffentlichen  lassen,  ohne  mich
auch  nur  zu  informieren.  Einen  Augenblick,  ich  schäme  mich,  es  zu  sagen,
war  ich  verstimmt,  ich  ärgerte  mich.  Aber  das  dauerte  nicht  lange.  Sehr
bald  machte  ich  mir  klar,  daß  ich  mich  im  Ruhestand  glücklicher  und  freier
fühlen  würde  als  in  den  Fesseln  des  Dienstes  und  zufriedener  in  Rom,  in
Mailand  und  am  Comersee  als  auf  ausländischen  Posten.  Ne  jamais  se
faire  du  mauvais  sang,  voilä  la  vraie  Eau  de  Jouvence.“  Greppi  ist  103  Jahre
alt  geworden.  Am  Nachmittag  des  Tages,  wo  er  am  Abend  ohne  Todeskampf
  in  seinem  väterlichen  Palais  in  Mailand  das  Haupt  senken  und  verscheiden
  sollte,  hatte  er  in  bester  Stimmung  den  Rennen  beigewohnt.  An
seinem  hundertsten  Geburtstage,  am  26.  März  1919,  hatte  er  für  die
hundert  nach  seiner  Meinung  schönsten  Damen  in  Rom  ein  Diner  im  Grand
Hötel  gegeben.  Jede  Dame  fand  auf  ihrem  Kuvert  eine  prachtvolle  Rose.

An  jenem  Dezembertag  1914,  an  dem  ich  dem  Grafen  Greppi  nach
meinem  Eintreffen  in  Rom  auf  dem  Pincio  begegnete,  sagte  er  mir:  „Cette
gurre  est  differente  de  toutes  les  autres  guerres  que  j’ai  vues  dans  ma
longue  vie:  la  guerre  de  Crim&amp;amp;e,  la  guerre  de  1859  entre  l’Autriche  et  la
France,  vos  guerres  avec  l’Autriche  en  1866  et  avec  la  France  en  1870,  les
        <pb n="282" />
        Antonio  Salandra.  italienischer  Ministerpräsident
        <pb n="283" />
        <pb n="284" />
        DAS  SYSTEM  217

guerres  de  la  Russie  avec  la  Turquie  et  avec  le  Japon,  la  guerre  entre
l’Espagne  et  les  Etats-Unis.  La  guerre  actuelle  n’est  pas  ä  proprement
parler  une  guerre,  c’est  un  terremoto,  un  immense  tremblement  de  terre,
qui  changera  non  seulement  la  carte  de  l’Europe  mais  politiquement  et
socjalement  la  face  du  monde.“

Als  ich  die  Geschäfte  der  Botschaft  übernahm,  war  Herr  von  Merey
soeben  abberufen  worden,  da  sein  persönliches  Verhältnis  zu  den  italienischen
  Ministern  allmählich  unmöglich  geworden  war.  Sein  Nachfolger,
der  bisherige  Erste  Sektionschef  im  Wiener  Ministerium  des  Äußern,  Herr
von  Macchio,  war  ein  echter  Typus  des  österreichischen  Beamten  der
alten  und  ältesten  Schule.  Langsam  in  jeder  Bewegung  und  insbesondere
mit  jedem  Gedanken,  durch  und  durch  Formalist,  indolent,  ohne  Initiative,
ohne  eigene  Meinung.

In  jeder  Unterredung,  die  ich  während  meiner  römischen  Mission
mit  dem  Minister  des  Äußern,  Sonnino,  hatte,  sagte  ich  diesem,  ich  würde
tun,  was  in  meinen  Kräften  stünde,  damit  die  Österreicher  sich  zur  Abtretung
  des  Trentino  verstünden.  Wenn  aber  der  Minister  den  Baron
Macchio,  der  nach  mir  bei  ihm  einzutreten  pflegte,  frug,  ob  er  ihm  etwas
über  den  Trentino  zu  sagen  hätte,  erwiderte  der  k.  und  k.  Botschafter
mit  steifem  Gesicht:  er  wisse  nicht,  was  der  Minister  meine.  Es  war  bei
Macchio  eine  Art  System,  das  zweifellos  auf  Wiener  Dircktiven  zurückging,
  der  italienischen  Regierung  ungefähr  das  Gegenteil  von  dem  zu
sagen,  was  ich  Sonnino  gegenüber  ausgeführt  hatte.  Zu  dieser  Haltung
des  k.  und  k.  Botschafters  mag  auch  beigetragen  haben,  daß,  wie  ich  später
erfuhr,  Jagow  sich  ein  Vergnügen  daraus  machte,  einige  meiner  vertraulichen
  Berichte,  in  denen  ich  mich  mit  pflichtgemäßer  Offenheit  über  die
Unzulänglichkeit  der  .k.  und  k.  Vertretung  in  Rom  ausgesprochen  hatte,
entweder  den  österreichischen  Botschafter  in  Berlin,  den  Prinzen  Gottfried
Hohenlohe,  lesen  oder  durch  Tschirschky  in  Wien  bekanntgeben  zu  lassen.
Gegen  eine  solche  Allianz  hätte  ein  Halbgott  vergebens  gekämpft.

Botschafter
Baron

Macchio
        <pb n="285" />
        Bülow  bei
Sonnino

XVII  KAPITEL

Sidney  Sonnino,  italienischer  Minister  des  Äußern  »  Propaganda  der  Entente  in  Italien

Ausbeutung  der  Invasion  Belgiens  von  seiten  der  Entente  «  König  Vittorio  Emanuele  III

Königin  Margherita,  vertrauliche  Äußerungen  der  Königin-Mutter  zur  Fürstin  Bülow

Botschaftsrat  von  Hindenburg  +  Giolittis  „Parecchio‘“‘  +  Papst  Benedikt  »  Klägliche

politische  Zügelführung  in  Berlin  »  Brief  Bethmanns  an  Bülow  -  Flotow  taucht  wieder

in  Rom  auf  -  Abschiedsaudienz  Bülows  beim  König  Viktor  Emanuel  III.  »  Erzbergers
Optimismus

m  Tage  nach  meiner  Ankunft  in  Rom  suchte  ich  den  Minister  des
Äußern,  Sidney  Sonnino,  in  der  Consulta  auf.  Dieser  herrliche  Palast,
dessen  einfache,  große  und  schöne  Formen  so  wohl  zu  dem  Charakter  der
Ewigen  Stadt  passen,  beherbergte  damals  das  italienische  Auswärtige  Amt,
das  erst  nach  dem  Weltkrieg  in  den  am  Corso  gelegenen  Palazzo  Chigi
übersiedelte,  den  früheren  Sitz  der  Vertretung  des  inzwischen  zertrümmerten
habsburgischen  Reichs.  Oft  war  ich  die  zweiarmige  Doppeltreppe  der
Consulta  emporgestiegen.  In  dem  großen,  mit  gelbem  Damast  tapezierten
Empfangszimmer  hatte  ich  als  junger  Attache  im  Winter  1874/75  Visconti-Venosta
  thronen  sehen,  der  sich  aus  einem  Sekretär  des  Verschwörers  und
revolutionären  Agitators  Mazzini  in  einen  politisch  ausgesprochen  Konservativen,
  religiös  gut  katholischen  Staatsmann  verwandelt  hatte,  später
erblickte  ich  dort  den  Grafen  Robilant,  den  Sohn  einer  preußischen  Mutter,
einer  Gräfin  Waldburg-Capustigall.  Der  hatte  als  junger  piemontesischer
Offizier  in  der  Schlacht  von  Novara  am  23.  März  1849  einen  Arm  verloren
und  den  blutigen  Stumpf  emporgehoben  mit  dem  Rufe:  „Viva  il  Re!“  Er
wurde  in  den  achtziger  Jahren  italienischer  Botschafter  in  Wien,  wo  er  eine
Österreicherin,  eine  Tochter  des  Fürsten  Clary,  heiratete.  Während  meiner
ersten  Botschafterzeit  in  Rom,  von  1894  bis  1897,  konferierte  ich  in  der
Consulta  mit  dem  feurigen  Baron  Blanc,  dem  klugen  Marchese  Rudini  und
wiederum  mit  dem  inzwischen  zweiundzwanzig  Jahre  älter  und  noch  vorsichtiger
  und  reservierter  gewordenen  Visconti-Venosta.  Jetzt  fand  ich  hier
Herrn  Sidney  Sonnino.
Als  ich  in  das  Wartezimmer  des  Ministers  eintrat,  von  dem  aus  man
einen  herrlichen  Blick  auf  die  Kolosse  des  Kastor  und  Pollux  mit  ihren
Pferden  hat,  ein  Ausblick,  nach  dem  sich  Wilhelm  von  Humboldt  noch  in
        <pb n="286" />
        BARRERE  BEDECKT  DIE  AUGEN  219

Berlin  und  in  Tegel  zurücksehnte,  stand  ich  vor  den  drei  Botschaftern  der
Entente:  Barr&amp;amp;re,  Sir  Rennel  Rodd  und  Krupenski.  Ihr  Verhalten
mir  gegenüber  war  charakteristisch  für  den  Geist  ihrer  Völker.  Der  gute
Krupenski  stürzte  auf  mich  zu  und  versicherte  mir,  daß  seine  persönlichen
Gefühle  der  Freundschaft  für  mich  sich  in  keiner  Weise  verändert  hätten.
Der  kluge  und  feine  Rodd  reichte  mir  die  Hand  mit  den  Worten:  „I  wish
to  shake  hands  with  you  and  to  beg  you  to  give  my  very  best  compliments
to  Princess  Bülow.‘  Von  den  drei  Ententebotschaftern  war  Camille  Barrere
mein  ältester  Freund.  Aber  als  er  mich  erblickte,  hob  er  beide  Arme  gen
Himmel  mit  dem  jedem  Franzosen  angeborenen  schauspielerischen  Talent.
Er  sah  mich  entsetzt  an,  dann  legte  er  die  Hände  vor  die  Augen  und  wandte
sich  ab.  „C’etait  la  France  elle-mäme  qui  se  dressait  irr&amp;amp;conciliable  devant
l’ennemi‘,  würde  ein  französischer  Zuschauer  gesagt  haben.

Mit  dem  Minister  Sidney  Sonnino  war  ich  seit  vielen  Jahren  persönlich
befreundet.  In  der  Levante  als  Sohn  eines  italienischen  Israeliten  und  einer  Sonnina
englischen  Mutter  geboren,  vereinigte  er  britische  Zähigkeit,  aber  auch
britischen  Eigensinn  mit  jüdischer  Verstandesschärfe  und  Dialektik.  Es  ist,
nebenbei  gesagt,  ein  schöner  Beweis  für  die  italienische  Weitherzigkeit  und
Großzügigkeit,  daß  niemand  in  Italien  etwas  dabei  fand,  daß  in  entscheidendster
  Stunde  die  Leitung  der  italienischen  Politik  in  den  Händen
eines  Juden  lag,  der  zwar  als  Kind  zum  Christentum  übergetreten  war,
aber  nicht  zum  Katholizismus,  dem  die  ungeheure  Mehrheit  der  Italiener
angehört,  sondern  zum  Protestantismus.  Kein  italienisches  Blatt,  nicht
einmal  das  Sprachrohr  der  Kurie,  der,,  Osservatore  romano“,  hat  je  darauf
hingewiesen,  daß  der  Minister  des  Äußern  sich  zu  einer  Konfession  bekannte,
die  in  Italien  bei  fast  vierzig  Millionen  Einwohnern  kaum  hundertdreißigtausend
  Anhänger  zählt.  Noch  weniger  wurde  je  die  jüdische  Abstammung
des  Ministers  releviert.  Bei  meiner  Besprechung  der  Kaiserreise  nach  England,
  1899,  habe  ich  auf  die  Assimilationskraft  hingewiesen,  mit  der  das
englische  Volk  fremdartige  Bestandteile  aufsaugt  und  dabei  an  das  Wort
Goethes  erinnert,  daß  die  Kraft  einer  Sprache  sich  nicht  im  Abstoßen,
sondern  im  Verschlingen  zeige.  Das  gilt  auch  für  das  Verhältnis  eines  Volkes
zu  den  innerhalb  seiner  Grenzen  lebenden  jüdischen  Mitbürgern,  die  es  zu
assimilieren  gilt,  nicht  abzustoßen.  Sonnino  hatte  sich  bei  Beginn  des
Krieges  für  das  Zusammengehen  Italiens  mit  den  Zentralmächten  eingesetzt.
  Er  wollte  vor  allem,  daß  Italien  nicht  ohne  Vergrößerung  seines
Territoriums  aus  dem  Weltkrieg  hervorgehe.  Es  hatte  1866,  es  hatte  auch
1870  Vorteil  aus  den  Kriegen  anderer  gezogen,  das  sollte  auch  diesmal
geschehen.

Neben  Sonnino  spielte  der  Ministerpräsident  Salandra  eine  verhältnismäßig
  sekundäre  Rolle.  Er  besaß  weder  die  Geistesschärfe,  noch  den  Ernst,  Salandra
        <pb n="287" />
        Erklärungen
Sonninos

220  DAS  MINIMUM

noch  den  Charakter  des  Ministers  des  Äußern.  Er  wollte  lediglich  bei  dem
großen  Wirrwarr  der  Welt,  bei  dem  ungeheuren  Durcheinander,  irgend
etwas  für  sein  Land  profitieren.  Seine  Stellung  im  Parlament  beruhte
darauf,  daß  er  über  die  Suada  des  Südländers  verfügte,  während  Sidney
Sonnino  unbeholfen  sprach,  meistens,  was  in  den  Parlamenten  romanischer
Völker  eine  große  Seltenheit  ist,  nicht  frei,  sondern  mit  dem  Konzept  der
vorher  von  ihm  ausgearbeiteten  Rede  in  der  Hand.

Sonnino  setzte  mir  von  vornherein  seine  Auffassung  der  Situation  mit
Klarheit  und  Offenheit  auseinander:  Die  Entente  stelle  Italien  alle  von
Italienern  bewohnten  österreichischen  Gebietsteile  als  Kriegsziel  in  Aussicht.
  Wenn  eine  kriegerische  Auseinandersetzung  zwischen  Italien  und  der
habsburgischen  Monarchie  vermieden  werden  solle,  müsse  Österreich  auch
seinerseits  Zugeständuisse  machen,  in  konkreter,  in  bindender  Form.  Solche
Zugeständnisse  müßten  auch  in  anständiger  Form  erfolgen.  Sie  dürften
Italien  nicht  hingeworfen  werden,  wie  man  einem  lästigen  Bettler  ein
Almosen  zuwerfe.  Sie  müßten  der  Ausdruck  des  aufrichtigen  Wunsches  sein,
zwischen  den  alten  Gegnern  Österreich  und  Italien  ein  festes,  sicheres,
klares  und  dauerhaftes  Freundschaftsverhältnis  herzustellen.  Sie  müßten
vor  allem  so  bald  als  möglich  erfolgen.  Das  Minimum  solcher  Zugeständnisse
  wäre  der  Trentino,  der  überdies  nicht  althabsburgischer
Besitz  sei,  sondern  bis  zum  Wiener  Kongreß  erst  ein  selbständiges  Bistum,
dann  ein  Teil  des  vom  Vizekönig  Eugen  Beauharnais  regierten  Königreichs
Italien  gewesen  wäre.  Natürlich  werde  von  vielen  Italienern  die  Angliederung
  der  überwiegend  von  Italienern  bevölkerten  Stadt  Triest
gefordert.  Gegen  die  Vereinigung  von  Triest  mit  Italien  sprächen  aber
mancherlei  Bedenken:  entweder  würde  ein  aufblühendes  Triest  das  ihm  so
nahe  gelegene  Venedig  schädigen,  dessen  Handel  gerade  in  den  letzten
Jahren  von  der  italienischen  Regierung  mit  Mühe  und  beträchtlichen
Summen  gefördert  worden  wäre,  oder  Triest  würde  verkümmern,  das  bei
der  Vereinigung  mit  Italien  sein  jetziges  Hinterland  verlöre.  Gegen  die
Erwerbung  von  Istrien  und  noch  mehr  von  Dalmatien  spräche  die  Erwägung,
  daß  in  diesen  Teilen  der  habsburgischen  Monarchie  das  italienische
Element  gegenüber  dem  serbisch-kroatischen  ganz  in  der  Minderheit  sei.
Die  sofortige  und  vorbehaltlose  Abtretung  des  rein  italienischen  Teils  von
Tirol,  des  Trentino,  Autonomie  für  Triest  im  Rahmen  der  habsburgischen
Monarchie  sowie  eine  bessere  Behandlung  der  Italiener  in  Istrien  und  in
Dalmatien  seien  jedoch  unerläßlich.

Sonnino  erinnerte  mich  bei  diesem  Anlaß  daran,  daß,  nicht  allzu  lange
vor  dem  Beginn  des  Weltkrieges,  österreichische  Ungeschicklichkeit  mit
der  plötzlichen  Ausweisung  zahlreicher  italienischer  Staatsangehöriger  aus
Triest  in  Italien  eine  Erbitterung  hervorgerufen  hätte,  die  beim  Beginn  des
        <pb n="288" />
        DIE  ÖSTERREICHISCHEN  HONENLOHES  221

Weltkrieges  noch  nachgezittert  habe.  Tatsächlich  war  jede  österreichische
Maßnahme  ein  betrübendes  Symptom  für  die  Zerfahrenheit  der  österreichischen
  Politik  und  die  am  Wiener  Hofe  sich  durchkreuzenden  Intrigen
und  Ambitionen  gewesen.  Ich  habe  schon  erwähnt,  daß  die  Verlobung  des
Erzherzogs  Franz  Ferdinand  mit  der  hübschen  Hofdame  der  Erzherzogin
Friedrich,  der  Gräfin  Sofie  Chotek,  der  Ausgangspunkt  gespannter  und
unfreundlicher  Beziehungen  zwischen  dem  Hofe  des  Erzherzogs  Friedrich
und  namentlich  zwischen  dessen  Gemahlin,  der  Erzherzogin  Isabella,  einer
geborenen  Prinzessin  Croy,  und  dem  Erzherzog  Franz  T'erdinand,  dem
künftigen  Kaiser,  und  Soferl  Chotek  wurde,  die  inzwischen  zur  Herzogin
von  Hohenberg  avanciert  war  und  ihren  Gemahl  völlig  beherrschte.  Nachdem
  aus  ihrem  Plane,  ihre  Tochter  mit  dem  zukünftigen  Kaiser  von  Österreich
  zu  vermählen,  nichts  geworden  war,  akzeptierte  die  Erzherzogin
Isabella  als  nach  ihrer  Auffassung  ziemlich  dürftigen  Ersatz  den  Prinzen
Gottfried  Hohenlohe.  Der  gehörte  zu  jenen  österreichischen  Aristokraten,
  die  durch  Leichtsinn  und  Unfähigkeit  viel  zum  Sturz  des  habsburgischen
  Reiches  beigetragen  haben.  Ebenso  ambitiös  wie  unbrauchbar,
  litt  er  unter  der  Abneigung  des  leidenschaftlichen  und  jähzornigen
  Erzherzogs  Franz  Ferdinand,  der  nicht  nur  die  Erzherzogin
Isabella,  sondern  auch  deren  Angehörige  mit  seiner  Ungnade  strafte.  Er
sann  darüber  nach,  wie  diesem  ihn  sehr  bedrückenden  Zustand  ein  Ende
bereitet  werden  könnte,  als  ihm  ein  rettender  Gedanke  kam.  Gottfried
Hobenlohe  hatte  einen  Bruder,  den  späteren  Oberhofmeister  Konrad
Hohenlohe,  der  damals  Statthalter  von  Triest  war.  Beide  Brüder  Hohenlohe
  kannten  die  an  Idiosynkrasie  streifende  Abneigung  des  Erzherzogs
Franz  Ferdinand  gegen  das  moderne  Italien.  Darum  riet  Gottfried  seinem
Bruder  Konrad,  die  erste  Gelegenheit  zu  ergreifen,  um  als  Statthalter  von
Triest  mit  möglichstem  Aufsehen  und  Lärm  auf  die  Italiener  zu  hauen.  Das
tat  denn  auch  der  Statthalter  Konrad  Hohenlohe,  und  zwar  gerade  in  dem
Moment,  wo  die  Beziehungen  zwischen  Italien  und  Österreich  sich  wirklich
gebessert  hatten  und  von  italienischer  Seite  zu  dem  Jubiläum  der  österreichischen
  Militärakademie  in  Wiener-Neustadt  als  besonderer  Abgesandter
  des  Königs  von  Italien  ein  italienischer  General  entsandt  worden
war,  der  seine  militärische  Ausbildung  in  dieser  Akademie  erhalten  hatte
und  bei  der  Feier  eine  für  das  kaiserliche  Heer  achtungsvolle  und  schmeichelhafte
  Ansprache  hielt.  Das  Vorgehen  des  Statthalters  Hohenlohe  unmittelbar
  nach  diesem  italienischen  Entgegenkommen  wurde  natürlich  in  Italien
als  Affront  empfunden  und  machte  böses  Blut.  Doch  der  Erzherzog  Franz
Ferdinand  war  entzückt  über  das  Verhalten  des  Statthalters  Konrad
Hohenlohe.  „Das  hat  der  Konrad  brav  gemacht!‘  sagte  er,  während  dreier
Tage  froh  gelaunt,  zu  jedem,  dem  er  begegnete,  und  seine  verbesserte

Prinz
Gottfried
Hohenlohe
        <pb n="289" />
        Bülows
Intervention

222  RASCH  HANDELN!

Stimmung  gegenüber  der  Familie  Hohenlohe  versetzte  diese  in  Wonne.
Aber  die  politische  Konsequenz  dieses  Knabenstreiches  war  übel,  doppelt
übel  so  kurze  Zeit  vor  der  Ultimatums-Aktion.

Ich  gewann  in  allen  Unterredungen  mit  dem  Minister  Sonnino  ebenso
wie  aus  den  Äußerungen  meiner  Freunde  und  Bekannten  in  Rom  den
Eindruck,  daß  es  vor  allem  darauf  ankäme,  rasch  zu  handeln,  wenn  es
gelingen  sollte,  ein  Vorgehen  der  Italiener  gegen  Österreich  noch  im  letzten
Augenblick  zu  verhindern.  „Bis  dat  qui  cito  dat‘,  wiederholte  ich  dem
österreichischen  Botschafter  Macchio  und  in  meinen  Berichten  und  Briefen
nach  Berlin.  Ich  konnte  nicht  genau  bestimmen,  wie  weit,  und  vor  allem,
wie  fest  sich  Italien  vor  meiner  Ankunft  gegenüber  der  Entente  gebunden
hatte.  Ich  fühlte,  daß  die  vorbereitenden  Besprechungen  und  Verhandlungen
  schon  sehr  weit  gediehen  waren,  daß  aber  noch  keine  endgültige
und  unwandelbare  Bindung  vorlag.  Es  kam  also  darauf  an,  baldmöglichst
  bei  den  maßgebenden  italienischen  Staatsmännern  die  Überzeugung
zu  erwecken,  daß  Österreich  ohne  Hintergedanken  das  Minimum  der
italienischen  Forderungen  erfüllen  würde,  und  gleichzeitig  im  italienischen
  Volk  eine  Bewegung  hervorzurufen,  die  eine  Befriedigung  der  italienischen
  Aspirationen  auf  dem  Wege  friedlicher  Verhandlungen  dem
Würfelspiel  des  Krieges  vorzog.  Was  ich  in  diesem  Sinne  tat,  die  Entschlossenheit,
  mit  der  ich  mein  persönliches  Ansehen  einsetzte,  um  den
Ausbruch  des  Krieges  zwischen  Italien  und  Österreich  zu  verhindern,  sollte
nicht  den  Interessen  der  habsburgischen  Monarchie,  sondern  denen  meines
deutschen  Vaterlandes  dienen,  das  schon  gegen  so  viele  Feinde  kämpfte.

Ich  sah  voraus,  daß  ein  Krieg  zwischen  Italien  und  Österreich  uns  mit
einer  schweren  militärischen  Hilfsaktion  belasten  würde.  Ich  bin  übrigens
noch  heute  der  Meinung,  daß  Italien,  wenn  es  1915  nicht  in  den  Krieg  gegen
Österreich  eingetreten  wäre,  später  mehr  als  eine  Gelegenheit  gefunden
hätte,  ohne  Kampf,  Opfer  und  Blutvergießen  den  Trentino,  die  Autonomie
von  Triest  und  eine  bessere  Behandlung  der  Italiener  in  Österreich  zu
erreichen.  Wäre  Italien  neutral  geblieben,  so  hätte  es  während  des  Weltkrieges
  allen  ein  Asyl  bieten  und  nach  allen  Seiten  exportieren  können.  Die
Lira  stünde  dann  heute  so  hoch  wie  der  Schweizer  Franken.  Ich  glaube
weiter,  daß  Italien,  als  es  im  Frieden  von  Versailles  aus  den  Händen  der
Entente  große,  von  Deutschen  und  Südslawen  bewohnte  Gebietsteile
entgegennahm,  nicht  nur  gegen  das  Nationalitätsprinzip  verstieß,  auf  das
es  sich  selbst  so  oft  berufen  hatte,  sondern  auch  gegen  sein  eigenes,  wahres
und  dauerndes  Interesse.  Ohne  das  Eintreten  von  Italien  in  den  Krieg  wäre
es  schwerlich  zu  dem  Frieden  von  Versailles  gekommen,  der,  wenn  nicht
die  völlige  Vernichtung,  so  doch  die  Verkrüppelung,  eine  namenlose
Schwächung  Deutschlands,  der  die  Aufhebung  des  europäischen  Gleich-
        <pb n="290" />
        DIE  BELGISCHE  PROPAGANDA  223

gewichts  und  die  Hegemonie  Frankreichs  auf  dem  europäischen  Kontinent
wie  im  Mittelmeer  und  in  Nordafrika  bedeutet.  Diese  traurigen  Folgen  des
Versailler  Vertrages  entsprechen  nicht  dem  wohlverstandenen  Interesse
Italiens.  Weder  Crispi,  noch  Minghetti,  noch  Cavour  würden  von  einem
solchen  Ergebnis  nach  den  schweren  von  Italien  gebrachten  Blut-  und
Geldopfern  befriedigt  gewesen  sein.

Die  Propaganda  der  Entente  arbeitete  gerade  in  Rom  nicht  nur  mit
Hochdruck,  sondern  auch  mit  Geschick.  Ihre  wirksamste  Waffe  war  und
blieb  die  Verletzung  der  belgischen  Neutralität  durch  uns,  unter,  wie
immer  wieder  hervorgehoben  wurde,  Nichtachtung  und  Bruch  alter,
feierlicher  Verträge.  Als  ich  bald  nach  meiner  Ankunft  in  Rom  über  die
Piazza  di  Spagna  ging,  bemerkte  ich  in  dem  Schaufenster  einer  Buchhandlung
  auf  einem  in  Evidenz  gestellten  Karton  mein  Wappen.  Die
Aufschrift  des  Kartons  in  roten  Lettern  lautete:  „Le  chiffon  de  papier!“
Als  ich  näher  zusah,  handelte  es  sich  um  den  Abdruck  jenes  Artikels  des
Londoner  Protokolls  von  1831,  der  die  Unabhängigkeit  und  Neutralität
von  Belgien  stabilierte.  Das  Abkommen  war  unterzeichnet  von  den
damaligen  Vertretern  der  Großmächte  in  London,  deren  Unterschriften
und  Wappensiegel  folgten.  Für  Rußland  hatte,  wenn  ich  mich  nicht  irre,
Pozzo  di  Borgo,  für  Frankreich  Talleyrand,  für  Österreich  Apponyi,  für
Großbritannien  Palmerston  und  für  Preußen  mein  Großonkel,  Heinrich
Bülow,  unterzeichnet.  Die  belgische  Propaganda  bediente  sich  aber  auch
drastischer,  auf  die  Psyche  eines  in  seinen  unteren  Schichten  naiven  Volks
berechneter  Mittel.  So  wurden  kleine  Statuetten  der  Madonna  verteilt,  vor
der  ein  Kind  mit  abgehackten  Händen  kniet.  „Heilige  Mutter  Gottes,  laß
mir  die  Hände  wieder  wachsen,  die  mir  die  barbarischen  und  grausamen
Deutschen  abgeschnitten  haben.“  Natürlich  hat  nie  ein  deutscher  Soldat
ein  belgisches  oder  französisches  Kind  verstümmelt.  Ich  glaube,  daß  nie
ein  Heer  strammere  Manneszucht  hielt,  nie  ein  Heer  im  innersten  Kern
humaner  und  edler  war  als  unser  Heer  im  Weltkriege.  Ich  hatte  am
23.  November  1900  gegenüber  Angriffen,  die  von  deutschen  Sozialdemokraten
  gegen  das  Verhalten  der  deutschen  Soldaten  in  China  im
Reichstag  erhoben  wurden,  zu  Herrn  Bebel  gewandt  erklärt:  „Ich  stelle
fest,  daß  bei  aller  Energie  der  Kriegführung  der  deutsche  Soldat  sich  auch
an  Manneszucht  und  an  Menschlichkeit  von  keinem  anderen  Soldaten  der
Welt  übertreffen  läßt.  Dafür  bürgt  der  Charakter  des  deutschen  Soldaten,
dafür  birgt  der  Genius  des  deutschen  Volkes,  das  in  seiner  tausendjährigen
Geschichte  noch  immer  gewußt  hat,  Humanität  mit  Heroismus  zu  verbinden*.‘“
  Diese  Worte  gelten  für  das  deutsche  Heer  in  Belgien  und  in

*  Fürst  Bülows  Reden,  Große  Ausgabe  I,  154;  Kleine  Ausgabe  I,  174.

Die  Entente
arbeitet
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        Audienz  bei
König  und
Königin-Mutter


224  „FATTE  PRESTO“

Frankreich,  wie  sie  für  die  deutschen  Truppen  in  China  gegolten  und  der
Wahrheit  entsprochen  hatten.  Aber  unsere  Nichtachtung  des  Vertragsund
  Völkerrechts  gegenüber  Belgien,  noch  verschärft  durch  die  plumpe
Bethmannsche  Rede  vom  4.  August  1914  und  durch  seine  tölpelhafte
Wendung,  daß  völkerrechtliche  Verträge  nur  Papierfetzen  bedeuteten,
hatte  uns  überall,  auch  in  Italien,  unermeßlichen  Schaden  zugefügt.  Es
wurde  den  belgischen  Sendboten,  unter  denen  sich  gleichzeitig  einer  der
eloquentesten  Führer  der  Sozialisten  und  ein  berühmter  Kanzelredner,
Pater  Jansens  O.S.B.,  durch  ihre  Redegabe  hervortaten,  nicht  schwer,
Mitleid  für  das  „überfallene‘  Belgien  und  damit  Zweifel  an  der  Gerechtig-‚keit

  der  deutschen  Sache  zu  wecken.

Als  ich  vom  König  Viktor  Emanuel  III.  zur  Überreichung  meiner
Kreditive  empfangen  wurde,  begrüßte  er  mich  mit  den  Worten:  „Si  vous
etiez  rest©E  au  pouvoir,  toutes  ces  betises  ne  seraient  pas  arrivees.““  Im
weiteren  Verlauf  der  Audıenz  setzte  mir  der  König  mit  Ruhe  und  in  rein
sachlichem  Ton  auseinander,  daß,  nachdem  Italien  mit  der  Ultimatums-Aktion
  üherrumpelt  worden  sei,  es  für  jede  italienische  Regierung  unmöglich
  gewesen  wäre,  an  der  Seite  der  Zentralmächte  in  den  Krieg  zu
treten.  Überdies  hätte  Deutschland  von  sich  aus  Frankreich  wie  Rußland
den  Krieg  erklärt,  naclıdem  es  schon  durch  sein  Gewährenlassen  der
österreichischen  Aktion  den  Geist  des  Bündnisvertrages  verletzt  hätte.  Er
wisse  wohl,  daß  von  deutscher  Seite  hierbei  keine  Perfidie  vorgelegen  habe.
Das  hätte  auch  der  bisherige  italienische  Botschafter  in  Berlin,  Herr
Bollati,  immer  wieder  hervorgehoben.  Aber  in  der  Politik  wirke  Ungeschicklichkeit
  oft  noch  schädlicher  als  Bosheit.  Der  König  sprach
höflicherweise  nicht  von  „maladresse‘,  sondern  nur  von  einem  „certain
manque  d’habilete“.  Jetzt  komme  es  darauf  an,  daß  Österreich  die  nötigen
Konzessionen  bald  mache.  „Tatte  presto.“

Am  nächstfolgenden  Tage  wurde  ich  mit  meiner  Frau  von  der  Königin-Mutter
  Margherita  empfangen.  Vor  dem  Kriege  hatten  wir,  meine  Frau
und  ich,  als  Privatleute  oft  ihre  Gastfreundschaft  genossen,  in  ihrem
schönen  römischen  Palais  wie  in  ihrem  Schloß  Stupinigi  bei  Turin.  Sie  liebte
ernste  Gespräche.  Vor  dem  Weltkrieg  war  sie,  die  Tochter  einer  deutschen
Mutter,  einer  Prinzessin  von  Sachsen,  einer  Schwester  der  Könige  Albert
und  Georg  von  Sachsen,  ebenso  deutschfreundlich  wie  ihr  ritterlicher
Gemahl,  der  König  Humbert.  Sie  sprach  und  schrieb  Deutsch  wie  eine
Deutsche.  Aber  die  Ultimatumsaktion,  die  Bethmannschen  rednerischen
Entgleisungen  und  die  Invasion  von  Belgien  hatten  nach  dem,  was  ich
gehört  hatte,  ihr  schr  mißfallen.  Als  ich  in  Rom  eintraf,  war  ihr  von  alten
Dienern  ihres  Hauses  längst  gesagt  worden,  daß  sie  sich  vor  allem  nicht
in  Widerspruch  zu  den  italienischen  nationalen  Aspirationen  setzen  dürfe.
        <pb n="292" />
        Entwurf  eines  Telegramms  Bethmann  Hollwegs

an  Bülow,  dem  deutschen  Botschafter  in  Rom  (22.  Mai  1915)

(Zu  Seite  235)

Wenn  Italien  seine  Beziehungen  zu  Österreich  abbricht  und
E.  D.  dann  von  dortiger  Regierung  auch  Ihre  Pässe  fordern,
bitte  ich  beim  Abschied  Baron  Sonnino  zu  erklären:  Sie
müßten  ihn  darauf  aufmerksam  machen,  daß  überall  die
österreichischen  Heeresverbände  mit  deutschen  Truppen
gemischt  wären  ein  Angriff  gegen  österreichische  Truppen
sich  also  zugleich  gegen  deutsche  richten  würde.  Zu  E.D.
vertraulichen  Orientierung:  wir  würden  auf  diese  Weise
automatisch  in  Krieg  eintreten  und  vermeiden  denselben

Jormell  an  Italien  zu  erklären.

Das  Konzept  stammt  von  der  Hand  des  Staatssekretärs  des  Auswärligen
  von  Jagow,  trägt  am  Schluß  das  Zeichen  des  Reichskanzlers  v.  Bethmann
  Hollweg  und  (rechts)  das  des  Unterstaatssekretürs  Zimmermann
        <pb n="293" />
        <pb n="294" />
        Y  r.22.  Mai  1915;

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TH  22:  Mat  iur  7

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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        MARGHERITA  225

Als  Königin  müsse  sie  noch  ehrgeiziger  für  Italien  sein  als  irgendeine  andere
Italienerin.  Das  brauchte  der  Königin  übrigens  kaum  gesagt  zu  werden,  die
ohnehin  eine  leidenschaftliche  italienische  Patriotin  war.  Bei  unserer
Audienz  führte  sie  die  Unterhaltung  mit  dem  Takt  und  der  Liebenswürdigkeit,
  die  ihr  eigen  war.  Über  den  Krieg  bemerkte  sie,  sie  bedaure,  daß
Heiraten  zwischen  deutschen  Prinzessinnen  und  Prinzen  einerseits,
russischen  und  englischen  Fürstenkindern  andererseits  durch  die  jetzigen
Ereignisse  sehr  erschwert  würden.  Ich  erwiderte,  daß  die  Politik  großer
Länder  nicht,  wie  dies  früher  bisweilen  der  Fall  gewesen  sei,  durch  fürstliche
  Heiraten  bestimmt  werden  könne.  Die  Königin  erinnerte  mich  daran,
und  sie  hatte  recht,  daß  fürstliche  Heiraten  zwischen  Deutschland  und
Rußland,  Deutschland  und  England  dem  Weltfrieden  und  auch  den  deutschen
  Interessen  überwiegend  förderlich  gewesen  scien.  Als  eine  zweite
unerfreuliche  Folge  des  Krieges  bezeichnete  die  hohe  Frau  die  Gefahr,  daß
durch  den  Weltkrieg  vielleicht  überall,  sicherlich  aber  in  Deutschland,
Rußland  und  Österreich  die  demokratischen  Ideen  sehr  gefördert  werden
würden.  Sie  sei,  wie  ich  wisse,  in  keiner  Weise  „una  codina“,  eine
Reaktionärin,  aber  ein  weiteres  Anschwellen  der  demokratischen  und
namentlich  der  sozialistischen  Flut  habe  doch  seine  Bedenken.

Bevor  die  Königin  Margherita  die  Audienz  aufhob,  nahm  die  Königin
meine  Frau  zur  Seite,  mit  der  sie  seit  ihrer  beider  Jugend  eng  befreundet
war.  Sie  sagte  zu  ihr:  „Sage  mir  die  Wahrheit,  Maria,  ihr  habt  den  Krieg
gewollt!“  Meine  Frau  erwiderte,  sie  könne  bei  allem,  was  ihr  heilig  wäre,
bei  der  heiligen  Mutter  Gottes  schwören,  daß  weder  der  Kaiser  noch  das
deutsche  Volk  den  Krieg  gewollt  hätten.  „„Dann“,  erwiderte  die  Königin,
„sind  die  deutschen  Diplomaten  und  Minister,  die  im  Sommer  1914  im
Amte  waren,  die  größten  Esel,  die  je  die  Welt  gesehen  hat.‘  Vorgreifend
will  ich  schon  jetzt  erzählen,  daß  ich  diese  Äußerungen  der  Königin
Margherita  fast  zwei  Jahre  später  bei  der  einzigen  Gelegenheit,  die  mir  von
Kaiser  Wilhelm  seit  meiner  Abreise  nach  Rom  geboten  wurde,  ihn  zu  sehen,
Seiner  Majestät  erzählte.  Es  war  im  Herbst  1916.  Ich  war,  mir  unerwartet,
ohne  besonderen  Anlaß  zum  Kaiser  in  das  Neue  Palais  befohlen  worden.
Er  frug  mich  nach  der  Königin  Margherita,  für  die  er  früher  heftig  geschwärmt
  hatte.  „Was  sagt  sie  zum  Krieg?“  Die  Bemerkung  der  Königin
über  die  Vorteile,  die  fürstliche  Heiraten  auch  in  politischer  Beziehung
haben  könnten,  erregte  nicht  den  Widerspruch  Seiner  Majestät.  Um  so
weniger  war  er  mit  der  Ansicht  der  Königin  einverstanden,  daß  der  Weltkrieg
  der  Demokratie  zugute  kommen  werde.  „Das  gerade  Gegenteil  ist  der
Fall‘,  rief  der  Kaiser,  nicht  ohne  Gereiztheit  mich  unterbrechend,  „ich
höre  von  allen  Seiten,  daß  die  Berliner  finden,  sie  wären  nie  besser  regiert
worden  als  von  Isaak.  Wenn  man  das  Volk  gewähren  ließe,  so  würde  es  die

15  Bulow  IN
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        v.  Hindenburg

v.  Schweinitz

v.  Stockhammern


226  HELFER  BÜLOWS

Schwatzbude  im  Reichstag  schließen,  die  Minister  für  ziemlich  überflüssig
erklären  und  bitten,  auch  fernerhin  von  Kommandierenden  Gencrälen
regiert  zu  werden.“  Isaak  war  der  Spitzname  des  Generals  von  Kessel,
eines  besonderen  Lieblings  Seiner  Majestät,  der  während  des  Krieges  als
stellvertretender  Kommandierender  General  des  Gardekorps  und  Gouverneur
  von  Berlin  fungierte.  Die  Zukunft  hat  leider  nicht  Wilhelm  II.
recht  gegeben,  sondern  der  Königin  Margherita.

Eine  gute  Stütze  war  mir  während  der  schweren  Wintermonate  der
Botschaftsrat  von  Hindenburg.  Er  war  ein  Sohn  des  damals  schon
verstorbenen  Generals  von  Hindenburg,  eines  alten  Gardeschützen,  der
ein  leiblicher  Vetter  des  großen  Feldmarschalls  war.  Durch  seine  Mutter
war  der  Botschaftsrat  von  Hindenburg  ein  Enkel  des  langjährigen  Botschafters
  in  Paris  und  London,  des  Fürsten  Herbert  Münster.  Er  selbst  war
vermählt  mit  einer  Engländerin,  die  sich  mit  Takt,  mit  Würde  und  Herzensgüte
  in  die  schwierige  Lage  fand,  in  die  sie  durch  den  Krieg  zwischen  ihrer
Heimat  und  dem  Lande  ihres  Mannes  geriet.  Militärattache  war  der  Major
von  Schweinitz,  der  Sohn  des  ehemaligen  deutschen  Botschafters  in
Wien  und  in  St.  Petersburg.  Wie  viele  Hoffnungen  wurden  durch  den  Krieg
und  seine  Folge,  die  Revolution,  zerstört!  Wilhelm  von  Schweinitz  war  ein
hervorragend  tüchtiger,  dabei  hochgebildeter  Offizier,  dem  eine  schöne
Zukunft  winkte.  Er  hätte  einen  gleich  guten  Kommandierenden  General
wie  Botschafter,  Generaladjutanten  wie  Oberhofmarschall  abgegeben.
Wenn  ich  ihn  ansah,  dachte  ich  an  das  Wort  von  Goethe,  daß  die  größten
Vorteile  in  der  Gesellschaft  ein  gebildeter  Offizier  genieße.  Wilhelm
Schweinitz  vereinigte  die  Vorzüge  zweier  Rassen.  Von  väterlicher  Seite
entstammte  er  einer  alten  schlesischen  Adelsfamilie  und  besaß  alle  guten
Eigenschaften  des  preußischen  Junkers.  Von  seiner  amerikanischen  Mutter
hatte  er  weiten  Blick  und  praktischen  Sinn  geerbt.  Als  Wilhelm  von
Schweinitz  geboren  wurde,  es  war  in  der  ersten  Hälfte  der  siebziger  Jahre,
hatte  der  Vater,  der  damalige  deutsche  Botschafter  in  Wien,  seinen
Schwiegervater,  den  amerikanischen  Gesandten  Mr.  Jay,  indem  er  auf  die
Wiege  blickte,  in  welcher  der  Knabe  lag,  gefragt:  „Was  soll  nun  der  Junge
werden,  Kaiser  von  Amerika  oder  Präsident  der  deutschen  Republik  ?“
Die  erste  Eventualität  dürfte  ganz  ausgeschlossen  sein,  die  zweite  nicht
wahrscheinlich.  Wilhelm  Schweinitz  und  Herbert  Hindenburg  waren  mir
loyale  und  treffliche  Mitarbeiter.  Vor  allem  fand  ich  eine  nie  versagende
Stütze  an  dem  einige  Wochen  vor  meiner  Ankunft  in  Rom  der  bayrischen  Gesandtschaft
  beim  Quirinal  zugeteilten  bayrischen  Kämmerer  und  Geheimen
Legationsrat  Franz  Xaver  von  Stockhammern,  der  mir  und  dem
Vaterlande  durch  seine  Vertrautheit  mit  italienischer  Sprache  und  Kultur,
seine  Arbeitskraft  und  Arbeitslust,  noch  mehr  durch  seinen  zuverlässigen
        <pb n="298" />
        DAS  HAUS  SAVOYEN  227

und  vornehmen  Charakter  in  meiner  in  jeder  Beziehung  schwierigen  und
gefährdeten  Stellung  die  wertvollsten  Dienste  leistete.

Die  italienische  Gesellschaft  zeichnete  sich  durch  den  Takt  und  das  feine
Gefühl  aus,  die  alten  Kulturvölkern  eigen  zu  sein  pflegen.  Während  der
fünf  Monate  meiner  Tätigkeit  in  Rom  wurde  mir  von  allen  Seiten,  sowohl
von  denen,  die  den  Krieg  mit  Österreich  wollten,  den  sogenannten  Guerrifondaji,
  wie  von  den  Gegnern  des  Krieges  mit  gleicher  Höflichkeit  und
Achtung  begegnet.  Dem  entsprach  die  Haltung  des  Volkes.  Selbst  in  den
Tagen,  wo  Presse,  Parlament  und  Straße  die  Kriegsfrage  in  der  heftigsten
und  leidenschaftlichsten  Weise  erörterten,  wurde  jch  bei  meinen  täglichen
Spaziergängen  auf  dem  Corso,  in  der  Villa  Borghese  oder  auf  dem  Pincio
niemals  bedroht  oder  auch  nur  durch  Neugierde  belästigt.

Wenige  Tage  vor  der  italienischen  Kriegserklärung  an  Österreich  aß
einer  der  ausgesprochensten  Anhänger  der  Kriegspolitik  an  meinem  Tisch,
der  General  Graf  Morra.  Er  hatte  in  der  Schlacht  von  Novara,  1849,  als
blutjunger  Offizier  in  den  Reihen  der  piemontesischen  Armee  gekämpft.
Er  hatte  den  König  Carlo  Alberto  vor  sich  gesehen,  wie  dieser  durch
die  Reihen  des  Heeres  ritt  in  der  schwermütigen  Haltung,  mit  der  der
Herrscher  auf  seinem  Monument  nahe  dem  Quirinal  dargestellt  ist.  Als  der
König  den  jungen  Morra  erkannte,  den  Sohn  seines  Hofmarschalls,  reichte
er  ihm  freundlich  die  Hand  und  sagte  zu  dem  Jungen,  er  habe  ihm  Grüße
von  seinem  Vater  zu  bringen,  dem  er  Ehre  machen  möge.  Aus  dem  Leutnant
von  Novara  wurde  mit  der  Zeit  ein  General,  später  der  Erzieher  des  Königs
Viktor  Emanuel  III.  und  endlich  der  Botschafter  in  St.  Petersburg.  Sein
Standpunkt,  den  er  gegenüber  seinem  früheren  Zögling  und  dessen  Mutter
vertrat  und  den  er  auch  mirim  Winter  1914/15  nicht  verhehlte,  war:  Das
Haus  Savoyen  muß,  gleichgültig  gegen  alle  anderen  Erwägungen,  unbeirrt
durch  Widerspruch  und  Zweifel,  immer  mit  der  italienischen  Nationalidee
gehen.  In  den  bangen  Tagen,  wo  Carlo  Alberto  schwankte,  ob  er,  treu  den
bisherigen  Traditionen  seines  Hauses,  mit  den  Österreichern  gehen  solle
oder  gegen  die  Österreicher  mit  der  national-revolutionären  Bewegung,
sagte  der  zu  Melancholie  neigende  Monarch  zu  seinem  Hofmarschall  Morra:
„Je  suis  entre  le  poignard  des  Carbonari  et  le  chocolat  des  JEsuites.‘“  Er  ging
mit  den  Carbonari,  wurde  bei  Novara  besiegt,  starb  im  Exil  in  einem
portugiesischen  Kloster,  in  Oporto,  behielt  aber  doch  recht.  Und  sein  Sohn
hatte  recht,  trotz  Novara  die  nationale  Politik  fortzusetzen.  Die  Politik  von
Cavour  wurde  von  dem  größeren  Teil  des  piemontesischen  Adels  und  fast
der  ganzen  Geistlichkeit  heftig  bekämpft.  Sie  hat  uns  aber  nach  Mailand,
Florenz,  Neapel,  Palermo  und  schließlich  nach  Rom  geführt.  Der  Einmarsch
in  Rom  stieß  auch  in  Norditalien,  und  gerade  in  Piemont,  wo  seit  jeher  die
Kirche  großen  Einfluß  ausübte,  auf  Tadel  und  Widerspruch.  Aber  trotz

15°

Gespräch  mit
dem  General

Morra
        <pb n="299" />
        Giolini

Papst
Benedikt  XV.

228  „EINIGES“

aller  Gegenströmungen,  Hindernisse  und  Rückschläge  sitzt  das  Haus
Savoyen  noch  immer  auf  dem  Thron,  während  die  Bourbonen  und  Habsburger,
  die  sich  der  italienischen  Nationalidee  widersetzten,  aus  Neapel
und  Florenz,  aus  Parma  und  Modena  verjagt  wurden.  So  Graf  Morra.

Es  gab  übrigens  bis  zu  dem  Augenblick  der  Kriegserklärung,  wie  ich
ausdrücklich  hervorheben  möchte,  nicht  nur  in  der  römischen  Gesellschaft,
sondern  auch  im  ganzen  Lande  viele  gute  Patrioten,  die  für  die  Aufrechterhaltung
  der  Neutralität  plädierten.  Die  kriegerisch  gesinnten  Elemente
machten  den  größeren  Lärm,  aber  die  Anhänger  der  Neutralitätspolitik
waren  im  Grunde  in  der  Majorität.  Noch  Mitte  Mai  1915  erzählte  mir  ein
befreundeter  Abgeordneter,  der  Minister  des  Innern  habe  ihm  gesagt,  daß
bei  einer  Volksabstimmung  die  Mehrheit  gegen  den  Krieg  votieren  würde.
Der  mächtigste  Politiker  in  Italien  war  seit  Jahren  Giovanni  Giolitti.
Er  hatte,  wie  alle  unsere  Freunde  im  Ausland,  unsere  Ultimatumspolitik
überaus  ungeschickt  gefunden.  Auch  Giolitti  wünschte  und  forderte  nach
dem  Ausbruch  des  Weltkrieges  den  Trentino  und  Garantien  für  eine  bessere
Behandlung  der  Italiener  in  Österreich.  Er  hatte  in  einem  an  seinen  Freund,
den  Abgeordneten  Peano,  gerichteten  Brief  für  die  italienischen  Forderungen
  die  berühmt  gewordene  Formel  vom  „Parecchio‘  (Einiges)  geprägt.
  Aber  er  glaubte,  daß  sich  diese  Forderungen  auch  ohne  voraussichtlich
  schwere  Opfer  an  Blut  und  Gut  und  ein  immerhin  gewaltiges
Risiko  verwirklichen  lassen  würden.  Auch  er  war  von  Anfang  an  der
Ansicht,  daß  der  Krieg  nur  zu  vermeiden  sei,  wenn  Österreich  die  nötigen
Konzessionen  ohne  Hintergedanken,  in  guter  Form  und  rasch  mache.  Je
länger  Österreich  zögerte,  je  schwankender,  schwächlicher  und  undurchsichtiger
  unsere  Politik  war,  um  so  näher  rückte  die  Gefahr  des  Krieges.

Mit  Weisheit  und  Güte,  mit  Klugheit  und  Festigkeit  wirkte  Papst
Benedikt  XV.,  ohne  die  Grenzen  seines  geistlichen  Amtes  irgendwie  zu
überschreiten,  für  den  Frieden,  als  ein  wahrer  Vertreter  des  ewigen
Friedensfürsten.  Ich  werde  es  mir  immer  zur  Ehre  anrechnen,  daß
Benedikt  XV.  meine  Friedensbemühungen  warm  unterstützte.  Er  wünschte
die  Erhaltung  des  habsburgischen  Reiches,  der  letzten  katholischen
Großmacht.  Er  sah  aber  vollkommen  ein,  daß  sich  der  Krieg  nur  vermeiden
ließe,  wenn  Österreich  nicht  länger  zögere,  mindestens  den  Trentino  zu
opfern.  Der  Papst,  der  Italien  liebte,  wünschte  die  Erfüllung  deritalienischen
nationalen  Aspirationen  bis  zu  der  Grenze,  die  mit  dem  Fortbestand  des
habsburgischen  Reiches  verträglich  war.  Er  betrachtete  es  vor  allem  als
seine  Pflicht,  dem  entsetzlichen  Blutvergießen  des  Weltkrieges  möglichst
bald  ein  Ende  zu  setzen  und  jedenfalls  zu  verhindern,  daß  der  Weltbrand
noch  weiter  um  sich  griff.  Er  beauftragte  den  Erzbischof  von  Wien,  den
Kardinal  Piffl,  in  diesem  Sinne  mit  dem  alten  Kaiser  Franz  Josef  zu
        <pb n="300" />
        FRANZ  JOSEF  UND  DER  KARDINAL  229

sprechen.  Der  damals  schon  vierundachtzigjährige  Kaiser  ließ  den  Kardinal,
der  ihm  schüchtern  und  bescheiden  den  Wunsch  des  Heiligen  Vaters
vortrug,  gar  nicht  ausreden.  Zornige  Röte  bedeckte  sein  Greisenantlitz.  Er
ergriff  den  Kardinal  beim  Arm  und  schob  ihn  buchstäblich  zur  Tür  hinaus.
Kaiser  Franz  Josef  war  ein  treuer  Sohn  seiner  Kirche,  deren  Vorschriften
er  gewissenhaft  befolgte.  Aber  das  fürstliche  Bewußtsein  war  in  ihm  noch
stärker  als  das  religiöse  Empfinden.

Als  das  Osterfest  sich  näherte,  übersandte  der  Papst  meiner  Frau  den
Apostolischen  Segen  und  ließ  ihr  gleichzeitig  sagen,  er  bete  für  den  Erfolg
der  Mission  ihres  Gatten.  In  Erwiderung  auf  ein  Schreiben,  in  dem  ich  dem
Heiligen  Vater  meinen  ehrfurchtsvollen  Dank  für  die  mir  gewährte  erleuchtete
  Unterstützung  aussprach,  erhielt  ich  von  ihm  den  nachstehenden
eigenhändigen  Brief:  „Eccelenza,  Accogliemmo  con  particolare  gradimento
la  pregiata  lettera  che  l’Eccelenza  Vostra  si  compiaceva  indirizzarci  in  data
de  21  corrente.  Teniamo  ora  a  significare  personalmente  all’Eccelenza
Vostra  quanto  noi  abbiamo  apprezzato  le  nobili  espressioni,  nelle  quali  si
traduceva  l’ossequio  cordiale  che  Ella  professa  alla  Nostra  persona  ed  a
questa  Sede  apostolica  su  cui,  in  circostanze  cosi  calamitose,  volle  il
Signore  collocarci;  manifestazioni  dell’animo  di  Lei  grande  e  delicato,  delle
quali  serberemo  caro  e  perenne  il  ricordo.  L’alta  stima,  inolire,  che  Noi
sempre  Le  portammo  ed  ilriconoscimento  delle  doti  esiemie  che  L’adornano
e  delle  non  poche  benemerenze  che  Ella,  nelle  lunga  Sua  vita  politica,  seppe
acquistarsi  verso  la  Sua  patria,  avrebbero  reso  a  Noi  sommamente  accetto
l’omaggio  che  !’Eccelenza  Vostra,  insieme  con  la  degnissima  sua  Consorte  si
riprometteva  di  presentarci  personalmente  alle  Sua  partenza  da  questa
citta,  qualora  le  circostanze  l’avessero  consentito.  Ad  ogni  modo,  accetiamo
con  animo  grato  l’augurio  cortese  che  Ella,  Signor  Principe,  sul  finire  della
lettera  affidava  Provvidenza  Divina,  perch®  propizzia  assista  questa  Sede,
e  alla  Nostra  volta  Noi  amiamo  di  volgerla  con  pieno  ricambio  del  Nostro
affetto  paterno,  alla  di  Lei  Nazione,  a  Vostra  Eccelenza  stessa  ed  alla
nobilissima  Sua  Sposa,  Cui  altresi  concediamo  ben  di  cuore  la  implorata
benedizione  apostolica.  Benedictus  P.P.XV.  Roma,  30.  Maggio  1915.“
(„Durchlaucht!  Wir  empfangen  mit  besonderer  Genugtuung  das  geschätzte
Schreiben,  das  Eure  Durchlaucht  am  21.  ds.  Mts.  an  Uns  zu  richten  die
Güte  hatten.  Wir  legen  Wert  darauf,  Eurer  Durchlaucht  zu  bekunden,  wie
sehr  Wir  die  edeln  Gefühle  gewürdigt  haben,  in  denen  die  aufrichtige
Huldigung  zum  Ausdruck  kam,  die  Sie  Unserer  Person  und  dem  Apostolischen
  Stuhl  darbringen,  auf  den  Uns  der  Herr  unter  so  beklagenswerten
Umständen  berufen  wollte,  eine  Kundgebung  Ihres  großen  und  feinsinnigen
  Geistes,  der  Wir  allzeit  ein  gutes  Andenken  bewahren  werden.
Die  hohe  Achtung,  die  Wir  immer  für  Sie  hegten,  und  die  Anerkennung  der

Der  Papst
an  Bülow
        <pb n="301" />
        Brief  der
Fürstin
IVittgenstein

230  EINE  HUNDERTJÄHRIGE

hervorragenden  Talente,  die  Sie  zieren,  und  der  nicht  geringen  Verdienste,
die  Sie  in  Ihrem  langen  politischen  Leben  sich  um  Ihr  Vaterland  zu  erwerben
  wußten,  hätten  Uns  die  Huldigung  in  hohem  Grade  genehm  gemacht,
  die  Eure  Durchlaucht  zugleich  mit  Ihrer  verehrten  Frau  Gemahlin
Uns  vor  Ihrer  Abreise  aus  dieser  Stadt  persönlich  zu  erweisen  gedachten,
sofern  die  Umstände  es  gestattet  hätten.  Auf  jeden  Fall  nehmen  Wir
dankbar  den  tiefgefühlten  Wunsch  entgegen,  den  Eure  Durchlaucht  am
Schlusse  Ihres  Briefes  an  die  göttliche  Vorsehung  richtete,  sie  möge
gnädig  dem  Heiligen  Stuhl  beistehen.  Wir  Unsererseits  erwidern  diese
Wünsche  in  väterlicher  Liebe  für  Ihre  Nation,  für  Eure  Durchlaucht  und
für  Ihre  erlauchte  Gemahlin  und  gewähren  gleichfalls  aus  vollem  Herzen
den  von  ihr  erbetenen  Apostolischen  Segen.‘‘)

Der  friedliche  und  edle  Geist,  in  dem  dieser  Brief  des  Oberhauptes  der
katholischen  Kirche  gehalten  ist,  sprach  auch  aus  einem  Schreiben,  das  die
Fürstin  Leonille  Wittgenstein  bald  nach  meinem  Eintreffen  in  Rom
an  meine  Schwiegermutter,  Donna  Laura  Minghetti,  gerichtet  hatte.  Die
Fürstin  Leonille  war  damals  schon  99  Jahre  alt.  Sie  sollte  beinahe  ebenso
alt  werden  wie  Graf  Greppi.  Sie  starb  erst  1918,  101  Jahre  alt,  in  Ouchy
bei  Lausanne.  Dort  hatte  sie  dem  heiligen  Josef  eine  Kapelle  errichtet  und
sich  daneben  eine  Villa  erbaut.  Sie  war  die  Schwiegermutter  meines  Amtsvorgängers
  Chlodwig  Hohenlohe.  Ich  war  ihr  in  seinem  Hause  wührend
meiner  Pariser  Dienstzeit  in  der  ersten  Hälfte  der  achtziger  Jahre  oft
begegnet.  Wir  hatten  viel  und  über  vieles  zusammen  gesprochen.  Sie  war
mir  eben  so  gütig  gesinnt  wie  ihr  Schwiegersohn.  Russin  von  Geburt,  eine
Prinzeß  Bariatinsky,  war  sie  als  Gattin  des  am  Rhein  ansässigen  Fürsten
Louis  von  Sayn-Wittgenstein  unter  dem  Einfluß  rheinischer  Kirchenglocken
und  rheinischer  Frömmigkeit  zur  katholischen  Kirche  übergetreten  und
eine  sehr  treue  Katholikin  geworden.  Sie  schrieb  an  Donna  Laura:  „Chere
et  tr&amp;amp;s  charmante  Donna  Laura,  Bonne  annee,  annee  r&amp;amp;paratrice!  Apr&amp;amp;s
celle-ci  effroyable  qui  finit  noy&amp;amp;e  dans  le  sang  et  les  torrents  de  larmes!  Je
grille  de  vous  dire  un  mot  tout  petit,  mais  tout  brülant  du  sentiment  qui
Yinspire.  Je  vous  le  confie  afın  que  vous  le  transmettiez  ä  votre  illustre  et
tres  aim&amp;amp;  gendre  le  Prince  de  Bülow.  Au  milieu  du  chaos  qui  bouleverse  le
monde  et  creuse  des  abimes  entre  les  peuples,  la  reapparition  du  Prince  est  un
coup  de  gräce  de  la  Providence  et  le  signe  Evident  de  sa  predestination  a
l’accomplissement,  du  salut  de  l’humanite,  de  sa  dignite,  de  son  honneur,  et
de  son  Equilibre.  Je  prie  Dieu,  seul  juste,  bon  et  tout  puissant  de  presider
aux  inspirations  du  Prince  de  l’assister  et  de  benir  ses  eflorts.  Je  vous
quitte  sur  cette  pens&amp;amp;e  et  vous  embrasse  aussi  tendrement  que  je  vous  aime.““

In  traurigem  Gegensatz  zu  dieser  großzügigen  Beurteilung  der  Weltlage
stand  die  Kleinlichkeit  der  Berliner  politischen  Leitung.  Ein  trübseliges
        <pb n="302" />
        „UNANNEHMBAR"  231

Symptom  hierfür  bot  der  Brief,  den  Herr  von  Bethmann  Hollweg  am
16.  März  1915  an  mich  unter  Bezugnahme  auf  einen  Bericht:  des  Militärattachs
  von  Schweinitz  richtete,  dessen  freimütige  und  klare  Art  ihm  auf
die  Nerven  gegangen  zu  sein  schien.  Er  schrieb  mir:  „Im  Begriff,  Ihnen  zu
schreiben,  erhalte  ich  Ihr  interessantes  Telegramm  über  Ihre  Unterredung
mit  Herrn  Sonnino.  Leider  scheint  die  Haltung  der  italienischen  Regierung
den  Befürchtungen  bis  zu  einem  gewissen  Grade  recht  zu  geben,  die  von
österreichischer  Seite  immer  wieder  geäußert  worden  sind,  nämlich  daß  ein
Eingehen  auf  die  italienischen  Wünsche  immer  steigende  Forderungen
Italiens  zur  Folge  haben  werde.  Das  Verlangen  der  sofortigen  Mise  en  effet
des  Abtretungsvertrages  ist  natürlich  für  Österreich-Ungarn  und  auch  für
uns  —  ich  betone  dies  ausdrücklich  —  unannehmbar.  Es  gibt  auch  für
die  Konzessionen,  die  wir  der  in  der  Geschichte  wohl  ohne  Beispiel  dastehenden
  Erpressungspolitik  Italiens  machen  können,  eine  Grenze,  die
nicht  ohne  schwerste  Beeinträchtigung  der  nationalen  Würde  und  des
internationalen  Anschens  der  beiden  im  siegreichen  Kampfe  stehenden
verbündeten  Kaisermächte  überschritten  werden  kann.  Ich  bin  mir  bewußt,
daß  Eure  Durchlaucht  diesen  Standpunkt  vollkommen  teilen,  und  ich  weiß,
daß  Sie  Ihre  ganze  Tatkraft  und  Ihre  durch  mehr  als  ein  Menschenalter
bewährte  diplomatische  Geschicklichkeit  daran  setzen,  um  die  italienische
Regierung  zu  einem  Verzicht  auf  ihre  Forderungen  zu  bringen,  ohne  den,
wie  ich  nicht  verkenne,  der  Anschluß  Italiens  an  unsere  Gegner  unvermeidlich
  werden  würde.  Von  hier  ist  alles  Menschenmögliche  geschehen,
um  das  Wiener  Kabinett  dazu  zu  bringen,  den  ursprünglich  in  der  Trentino-Frage
  angenommenen  und  mit  großer  Zähigkeit  festgehaltenen  intransigenten
  Standpunkt  aufzugeben.  Der  schließlich  erzielte  Erfolg  beweist  die
Richtigkeit  und  die  Zweckmäßigkeit  des  dabei  beobachteten  Vorgehens.
Wenn  der  Erfolg  nicht  so  schnell  eintrat,  als  das  im  Hinblick  auf  die  politische
  Gesamtlage  wohl  wünschenswert  gewesen  wäre,  so  sind  Ihnen  die
Gründe  dafür  bekannt.  Sie  lagen  in  dem  bekannten  österreichisch-italienischen
  Gegensatz,  der  ein  Opfer  an  Italien  dem  österreichischen  Stolz  und
Hochmut  besonders  schwer  und  schmerzlich  macht.  Es  lag  an  der  gänzlich
verkehrten  und  irreführenden  Berichterstattung  des  österreichischungarischen
  Botschafters  in  Rom,  es  lag  schließlich  an  den  zu  hoch  gespannten
  Erwartungen,  die  an  die  militärischen  Erfolge  der  verbündeten
Armeen  im  Osten  geknüpft  wurden.  Bei  dieser  Lage  der  Dinge  muß  es  mich
um  so  mehr  befremden,  daß  der  Militärattache  der  Botschaft,  Major  von
Schweinitz,  in  seiner  Berichterstattung  über  diese  Frage  eine  Kritik  an
der  Wien  gegenüber  befolgten  Politik  zum  Ausdruck  bringt,  über  deren
Kompetenz  und  guten  Geschmack  ich  mich  eines  Urteils  enthalte,  die  aber
durch  Wendungen  wie  ‚mit  etwas  mehr  Energie‘  oder  ‚Berlin  est  faible*

Bethmann
an  Bülow
        <pb n="303" />
        232  BETHMANN  BEFREMDET

gekennzeichnet  wird.  Die  Sprache  des  Majors  von  Schweinitz  findet  ja
vielleicht  eine  Erklärung  in  seiner  geringen  Vertrautheit  mit  politischen
Dingen  und  dem  sich  daraus  ergebenden  fehlenden  Augenmaß  für  das  mit
Mitteln  diplomatischen  Drucks  Erreichbare.  Wir  sind  in  Wien  mit  unserer
Sprache  bis  an  die  Grenze  dessen  gegangen,  was  bei  einem  Bundesgenossen
zulässig  war,  den  Drohungen  schließlich  nur  dazu  gebracht  haben  würden,
die  Flinte  ins  Korn  zu  werfen  und  uns  den  Kampf  mit  unseren  Gegnern
allein  zu  überlassen.  Ich  habe  persönlich  in  Teschen  auf  jede  Weise  auf
Baron  Burian  einzuwirken  gesucht,  aber  meinen  Bemühungen  konnte
damals  ein  Erfolg  um  so  weniger  beschieden  sein,  als  der  Standpunkt  des
Ministers  von  dem  anwesenden  Chef  des  österreichisch-ungarischen
Generalstabes  nachdrücklich  unterstützt  wurde,  trotzdem  er  mit  seinem
deutschen  Kollegen  der  Ansicht  Ausdruck  gab,  daß  ein  Eingreifen  Italiens
und  Rumäniens  auf  der  Seite  unserer  Gegner  mit  dem  Verlust  des  ganzen
Krieges  für  uns  gleichbedeutend  sein  würde.  Das  scheint  auch  Herr  von
Schweinitz  zu  übersehen,  dem  Eure  Durchlaucht  anscheinend  von  dem
Verlauf  der  Teschener  Besprechung  Kenntnis  gegeben  haben,  wenn  er
unter  Hinweis  auf  die  Stellungnahme  der  beiden  Generalstabschefs  Baron
Burian  in  einem  seiner  Berichte  als  unseren  größten  Feind  bezeichnet.
Gerade  an  dem  Vorgehen  Italiens  hat  Herr  von  Schweinitz  ein  mit  Händen
zu  greifendes  Beispiel  vor  Augen,  welche  Grenzen  der  diplomatischen  Kunst
gezogen  sind,  wenn  sie  sich  nicht  auf  den  realen  Hintergrund  verfügbarer
militärischer  Macht  zu  stützen  vermag.  Ich  hoffe,  daß  er  in  Zukunft
seine  Aufgabe  vornehmlich  darin  erblicken  wird,  neben  Wahrnehmung
seiner  rein  militärischen  Öbliegenheiten  die  politische  Aktion  Eurer
Durchlaucht  an  Ort  und  Stelle  durch  Einwirkung  auf  die  militärischen  und
gesellschaftlichen  Kreise,  mit  denen  er  in  Berührung  kommt,  nachdrücklich
zu  unterstützen.  In  alter  Verehrung  bin  ich  mit  den  herzlichsten  Grüßen
Ihr  treu  ergebener  Bethmann  Hollweg.“

Herr  von  Bethmann  Hollweg  fühlte  offenbar  nicht,  welche  Verurteilung
seiner  mit  dem  Ultimatum  an  Serbien  eingeleiteten  Politik  darin  lag,  daß
er  der  Besorgnis  Ausdruck  geben  mußte,  Österreich  könne  im  Falle  eines
zu  weit  gehenden  deutschen  Druckes  sich  bewogen  fühlen,  „die  Flinte  ins
Korn  zu  werfen‘  und  „uns  den  Kampf  mit  unseren  Gegnern  allein  zu
überlassen“,  diesen  fürchterlichen  Kampf,  in  den  er  uns  doch  nur  wegen
Österreich  geführt  hatte.  Und  wenn  der  deutsche  und  der  österreichungarische
  Generalstabschef  übereinstimmend  erklärten,  ein  Eingriff
Italiens  und  Rumäniens  auf  der  Seite  unserer  Gegner  würde  für  uns  mit
dem  Verlust  des  ganzen  Krieges  gleichbedeutend  sein,  so  war  es  die  verdammte
  Pflicht  und  Schuldigkeit  des  deutschen  Kanzlers,  einer  solchen
Eventualität  mit  allen  Mitteln  und  um  jeden  Preis  vorzubeugen.
        <pb n="304" />
        Papst  Benedikt  XV.
        <pb n="305" />
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        DER  RUBIKON  ÜBERSCHRITTEN  233

Ende  März  erschien  unvermutet  Flotow  aus  Neapel  in  Rom.  Er  stieg
im  Palazzo  Caflarelli  ab,  wo  er  sich  meine  Berichte  vorlegen  ließ  und  sich
auf  Grund  dieser  Berichte  Notizen  machte,  selbstverständlich  zu  dem
Zweck,  meine  Ausführungen,  Ratschläge  und  Forderungen  in  seiner  Privatkorrespondenz
  mit  dem  Staatssekretär  von  Jagew  kritisieren  und  zerpflücken
  zu  können.  Er  stattete  auch  dem  österreichischen  Botschafter,
Herrn  von  Macchio,  zwei  längere  Besuche  ab  und  setzte  diesem,  wie  ich
bald  nachher  von  Herren  der  Botschaft,  die  mit  ihren  österreichischen
Kollegen  auf  gutem  Fuß  standen,  erfuhr,  mit  Nachdruck  auseinander.  daß
die  italienische  Regierung  gar  nicht  den  Mut  finden  würde,  dem  mächtigen
Österreich-Ungarn  den  Krieg  zu  erklären.  Was  Sonnino  und  Salandra
sagten,  sei  „Spiegelfechterei“,  die  Sprache  der  italienischen  Blätter
„Iheaterdonner“.  Herr  von  Flotow  deutete  dem  k.  und  k.  Botschafter
auch  an,  daß  dessen  Regierung  und  insbesondere  Seine  Kaiserliche  und
Königliche  Apostolische  Majestät  es  ihm  nie  verzeihen  würden,  wenn  er
bei  der  Abtretung  des  Trentino  an  Italien  sich  beteilige  oder  auch  nur  dazu
rate.  Mich  suchte  Herr  von  Flotow  während  seines  zehntägigen  Aufenthaltes
  in  Rom  überhaupt  nicht  auf,  sondern  begnügte  sich  damit,
überall  anzudeuten,  daß  ich  in  dem,  was  ich  sagte  und  täte,  gar  nicht
meine  Regierung  hinter  mir  hätte.

Ex  post  finde  ich,  daß  ich  einen  Fehler  beging,  als  ich  gegenüber  solchen
unqunlifizierbaren  Treibereien  nicht  telegraphisch  meinen  Abschied  in
Berlin  einreichte.  Jedenfalls  wundere  ich  mich  heute  über  meine  damalige
Langmut.  Durch  meinen  verewigten  Vater  und  in  der  Bismarckschen
Schule  zu  unbedingter  Pflichterfüllung  gegenüber  dem  Lande  unter
Zurückstellung  aller  persönlichen  Empfindungen  erzogen,  wollte  ich,  nachdem
  ich  so  lange  an  der  Spitze  des  diplomatischen  Dienstes  gestanden
hatte,  auch  bei  dieser  meiner  letzten  Mission  ein  Vorbild  unbeirrbarer
Pflichttreue  geben.  Ich  sah  aber  die  Folgen  der  Flotow-Jagowschen  Haltung
  voraus  und  richtete  vertraulich  ein  Zirkular  an  die  kaiserlichen
Konsulate,  durch  das  ich  die  in  Italien  lebenden  Reichsangehörigen  auffordern
  ließ,  sich  auf  die  Eventualität  eines  Krieges  zwischen  Italien  und
den  Zentralmächten  einzurichten.  Vierzchn  Tage  später  wiederholte  ich
diese  eindringliche  Warnung.

Ende  April  fühlte  ich  in  meinen  Gesprächen  mit  dem  Minister  Sonnino,
daß  er  den  Rubikon  überschritten  hatte.  Ich  konnte  dafür  keinen
Beweis  erbringen,  aber  ich  hörte  es  seinen  Worten  an,  ich  las  es  in  seinen
Augen.  Ich  gedachte  aber  des  alten  Bülowschen  Wahlspruches:  „Nil
desperandum“,  ich  erinnerte  mich  an  das  schöne  Wort  des  französischen
Sechelden  Jean  Bart,  das  auf  dessen  Denkmal  in  Dünkirchen  steht:  So
lange  noch  eine  Kugel  im  Laufe  wäre,  müsse  diese  abgefeuert  werden.  Ich

v.  Flotow
in  Rom
        <pb n="307" />
        Italien
kündigt  den
Dreibund-Vertrag


234  EIN  LETZTER  APPELL

nötigte  am  9.  Mai  den  k.und  k.  Botschafter,  Baron  Macchio,  in  einer
Unterredung,  zu  der  ich  ihn  in  die  Villa  Malta  einlud,  in  meiner  Gegenwart
und  unter  meinem  Diktat  eine  Erklärung  zu  redigieren,  die  der  italienischen
Regierung  noch  am  gleichen  Tage  auf  vertraulichem  Wege  zugeleitet  wurde
und  die  besagte,  Österreich-Ungarn  sei  bereit,  den  von  Italienern  bewohnten
  Teil  Tirols  abzutreten,  ebenso  Gradisca  und  das  westliche  Ufer
des  Isonzo,  so  weit  die  Bevölkerung  rein  italienisch  sei;  Triest  solle  zur
Kaiserlichen  Freien  Stadt  gemacht  werden  mit  italienischer  Universität
und  italienischer  Munizipalität.  Österreich  anerkenne  die  italienische
Souveränität  über  Valona  und  erkläre  seine  eigene  politische  Uninteressiertheit
  hinsichtlich  Albaniens.

Es  hatte  für  mich  einer  starken  Pression  bedurft,  um  den  ängstlichen
Macchio  endlich  zu  einem  Schritt  zu  bewegen,  der  noch  im  Januar,  als  das
„Parecchio“  Giolittis  die  Situation  beherrschte,  die  gewünschte  Wirkung
gehabt  hätte.  Aber  das  bekannte  Wort  des  großen  Napoleon,  daß  Österreich
stets  im  Rückstande  wäre  und  daß  dort  alles  „‚trop  tard“  erfolge,  traf
wieder  einmal  zu.  Die  italienische  Regierung  hatte  sich  der  Entente  gegenüber
  bereits  am  24.  April  1915  im  geheimen  gebunden.  Sie  hatte  acht  Tage
später  durch  Note  vom  3.  Mai  den  Dreibund-Vertrag  öffentlich  gekündigt.
Der  Eindruck  der  österreichischen  Anerbietungen  auf  die  breite  Masse  des
italienischen  Volkes  war  nicht  unbeträchtlich,  aber  doch  nicht  mehr  stark
genug,  um  eine  wirkliche  Volksbewegung  hervorzurufen,  zumal  die  Kriegspartei
  mit  jedem  Tage  ihre  Anstrengungen  verdoppelte  und  nun  auch  die
Straße  mobil  machte.  Es  kam  hinzu,  daß  Macchio,  nachdem  er  sich,  von
mir  eingeschüchtert  und  nur  unter  meinem  persönlichen  Druck,  zur
Veröffentlichung  der  genannten  österreichischen  Konzessionen  herbeigelassen
  hatte,  seine  Nachgiebigkeit  bereute,  seinen  Schritt  als  ein  Mißverständnis
  hinstellte  und  insbesondere  betonte,  das  Einverständnis  seiner
Regierung  habe  nicht  vorgelegen  und  sei  auch  inzwischen  nicht  erfolgt.  Die
ganze  Trentino-Frage  würde  definitiv  erst  in  dem  künftigen  Friedensvertrag
geregelt  werden.  Die  Sekretäre  der  beiden  österreichischen  Botschaften
sprachen  sich  im  gleichen  Sinne  aus,  wo  immer  sich  ihnen  Gelegenheit  bot,
ihre  Weisheit  leuchten  zu  lassen.

Aus  Berlin  erhielt  ich  die  Weisung,  eine  nochmalige  Audienz  bei  König
Viktor  Emanuel  nachzusuchen,  um  ihm  ein  Schreiben  Kaiser  Wilhelms  II.
zu  überreichen,  in  welchem  ein  letzter  Appell  an  seine  Bundestreue  und  seine
persönliche  Freundschaft  gerichtet  wurde.  Ich  erbat  und  erhielt  sogleich
diese  Audienz.  Der  König  empfing  mich  in  freundlicher  Weise.  Er  war  in
ruhiger,  aber  offenbar  ganz  entschlossener  Stimmung.  Es  unterlag  keinem
Zweifel,  daß  er  die  Schiffe  hinter  sich  verbrannt  hatte.  Er  meinte,  es  gebe
Situationen,  wo  ein  konstitutioneller  Monarch  nicht  gegen  die  wohl-
        <pb n="308" />
        UNRUHVOLLE  TAGE  235

erwogene  Meinung  seiner  Minister  handeln  könnc,  wenn  diese  nicht  nur
die  Mehrheit  im  Parlament,  sondern  auch,  wie  sie  überzeugt  wären,  die
öffentliche  Meinung,  die  Tradition  und  die  höchsten  Interessen  des  Landes
auf  ihrer  Seite  hätten.  Der  König  dankte  mir  für  die  loyale  Art  und  Weise,
wie  ich  meine  Mission  erfüllt  hätte.  „An  Ihnen  liegt  es  jedenfalls  nicht,  wenn
es  doch  zum  Kriege  kommt.“

Inzwischen  wollte  der  österreichische  Botschafter,  Baron  Macchio,  noch
immer  nicht  an  die  Möglichkeit  eines  Krieges  glauben.  Als  ich  ihm  in  der
ersten  Maiwoche  sagte,  die  Kriegserklärung  Italiens  an  Österreich-Ungarn
werde  zweifellos  innerhalb  der  nächsten  vierzehn  Tage  erfolgen,  meinte  er:
„Ach,  die  Italiener  sind  halt  immer  so  aufgeregt!  Sie  werden  sich  schon
wieder  beruhigen.“

Das  Berliner  Auswärtige  Amt  war  nicht  weniger  blind.  Wenige  Tage
vor  der  Kriegserklärung  Italiens  an  Österreich-Ungarn  wurden  mir  vom
Amt  zu  meiner  Örientierung  und  Direktive  die  Reiseeindrücke  eines
angeblich  besonders  scharfsinnigen  und  intelligenten  deutschen  Reisenden
  übersandt,  der  auf  seiner  ganzen  Fahrt  von  der  italienisch-österreichischen
  Grenze  bis  nach  Neapel  nirgends  ernsthafte  Symptome  für
kriegerische  Absichten  der  Italiener  wahrgenommen  haben  wollte.  Es
waren  dies  die  unruhvollen  Tage,  in  denen  von  früh  bis  spät  große  Pferdeund
  Mannschaftstransporte  die  Straßen  der  italienischen  Städte  durchzogen
  und  in  der  Hauptstadt  ein  so  reges  militärisches  Leben  herrschte,  wie
es  dem  Ausmarsch  bei  großen  Manövern  oder  einer  Mobilmachung  vorauszugehen
  pflegt.

Drei  Tage  vor  der  italienischen  Kriegserklärung  an  Österreich  {rug  ein
höherer  Beamter  im  Wiener  Ministerium  des  Äußern,  Graf  Nemes,  der
soeben  aus  Wien  in  Rom  angekommen  war,  telephonisch  bei  mir  an,  wann
er  mir  seine  Aufwartung  machen  könnte.  Ich  lud  ihn  zum  Frühstück  ein.
Graf  Nemes  begrüßte  mich  mit  der  Bemerkung,  er  sei  sehr  perplex.  Der
österreichische  Minister  des  Äußern,  Graf  Burian,  habe  ihn  beauftragt,  mir
seine  angelegentlichen  Empfehlungen  zu  übermitteln  und  mir  gleichzeitig
seinen  Wunsch  auszusprechen,  ich  möge  das  Opfer  bringen,  den  Sommer
über  in  Rom  zu  bleiben,  um  meine  „verdienstvolle  Friedensarbeit““  weiter
fortzusetzen.  Der  Minister  zweifle  nicht  daran,  daß  es  meiner  „bewunderungswürdigen
  Dialektik‘  gelingen  würde,  die  Italiener  nach  und  nach
ganz  zu  beruhigen.  Dies  sei  die  Wiener  Auffassung,  betonte  Graf  Nemes.
In  Rom  sei  die  Stimmung  aber  offenbar  eine  andere.  Graf  Nemes  war  bei
seiner  italienischen  Schwiegermutter,  der  Gräfin  Gabriele  Spaletti,  in  deren
römischem  Villino  abgestiegen.  Sie  hatte  ihn  unter  Tränen  umarmt  und  ihn
gefragt,  was  er  eigentlich  in  Rom  wolle,  der  Krieg  stünde  ja  unmittelbar
vor  der  Tür,  unter  dem  sie,  als  Italienerin  und  gleichzeitig  Mutter  einer  mit

Vor  der
Kriegserklärung
        <pb n="309" />
        Abreise
Bülows

236  ABSCHIED  VON  ROM

einem  österreichischen  Diplomaten  vermählten  Tochter,  doppelt  leide.  Sie
riet  ihrem  Schwiegersohn,  seine  Koffer  gar  nicht  erst  auszupacken.  Ich
konnte  Graf  Nemes  nur  empfehlen,  dem  Rat  seiner  Frau  Schwiegermutter
zu  folgen.

Der  Abgeordnete  Erzberger  hatte  mich  nicht  nur  in  Rom  durch  seine
Verbindungen  mit  dem  Vatikan  in  meinen  auf  die  Erhaltung  des  Friedens
gerichteten  Bemühungen  wacker  unterstützt,  sondern  auch  in  seinen  Berichten
  nach  Berlin  meine  Wünsche  vertreten  und  meine  Bemühungen  des
höchsten  Lobes  gewürdigt.  Seine  Absichten  waren  die  besten,  aber  seine
politische  Urteilslosigkeit  trat  auch  hier  zutage.  Auch  er  wollte  nicht  an  die
Möglichkeit  des  Krieges  glauben.  Trotz  meiner  Abmahnung  schrieb  er  nach
Berlin,  ich  hätte  den  Frieden  gerettet,  alles  sei  in  bester  Ordnung.  Als  er
wenige  Tage  vor  der  italienischen  Kriegserklärung  München  passierte,
suchte  er  die  dort  wohnende  Mutter  meines  ausgezeichneten  Mitarbeiters,
des  Legationsrats  von  Stockhammern,  auf.  Wie  ein  Wirbelwind  fuhr  er  in
das  Empfangszimmer  der  Generalin.  „Ich  bringe  Ihnen  Grüße  von  Ihrem
Sohn.  In  zwei  Tagen  wird  er  selbst  hier  sein.  Er  hat  mitgeholfen,  den
Frieden  zu  erhalten,  der  jetzt  völlig  gesichert  ist.“  Als  die  kluge  alte  Dame
vierundzwanzig  Stunden  später  in  den  „Münchener  Neuesten  Nachrichten“
die  italienische  Kriegserklärung  an  Österreich  las,  schrieb  sie  ihrem  Sohn:
„Daß  ein  so  konfuser  Mensch  wie  dieser  aufgeregte  Schwabe  jetzt  eine  große
Rolle  in  Berlin  spielen  kann,  macht  mich  ganz  tiefsinnig.“

Am  25.  Mai  verließ  ich  Rom  mit  dem  Personal  der  kaiserlichen  Botschaft.
  Alle  Geheimakten  hatte  ich  schon  vierzehn  Tage  früher  durch  Feld-Jäger
  nach  Berlin  geschickt.  Meine  Abreise  erfolgte  ohne  jeden  Zwischenfall.
Die  Leute,  die  um  die  Villa  Malta  herumstanden  und  in  den  Straßen,  durch
die  ich  nach  dem  Bahnhof  fuhr,  grüßten  mich  in  der  höflichsten  Weise.
Eine  Stunde  vor  meiner  Abreise  hatte  ich  Abschied  von  meiner  Schwiegermutter
  genommen,  die  ich  nicht  wiedersehen  sollte,  deren  großes  Herz  auf
der  Höhe  ihres  glänzenden  Geistes  stand  und  die  mir  eine  zweite  Mutter

‘geworden  war.  Auch  von  meinem  Schwager,  dem  Fürsten  Paolo  Camporeale,

  nahm  ich  für  dieses  Leben  Abschied.  Er  starb,  wie  meine  Schwiegermutter,
  im  Laufe  des  Krieges.  Er  war  das  einzige  Mitglied  des  italienischen
Parlaments,  das  gegen  den  Krieg  stimmte.

Ich  verließ  Italien  mit  tiefem  Schmerz  darüber,  daß  es  mir  nicht  gelungen
  war,  den  Krieg  zwischen  Italien  und  den  Zentralmächten  zu
verhiudern,  Ich  sah  rückschauend  mit  voller  Klarheit,  daß  die  Situation,
die  im  Dezember  bei  größerer  Energie  und,  ich  muß  leider  hinzufügen,
bei  größerer  Loyalität  von  seiten  Berlins  noch  zu  retten  war,  durch
das  Hinundherschwanken  Bethmanns,  Berchtolds  und  Burians  und  die
Taktik  Jagows  und  Flotows  in  die  Brüche  hatte  gehen  müssen.  Wie  bei
        <pb n="310" />
        ZU  SPÄT  237

Einleitung  der  wahnwitzigen  Aktion  gegen  Serbien  hatte  man  auch  nach
Ausbruch  des  Krieges,  lediglich  senilen  Empfindlichkeiten  zuliebe,  die
italienischen  Bundesgenossen  en  quantite  nögligeable  behandelt,  und  erst
als  Italien  durch  den  Patto  di  Londra  bereits  gebunden  war,  hatte  man  mir
die  Hände  freigegeben.  Es  war  zu  spät.
        <pb n="311" />
        Urteile  über
Bülows
Mission

XVIH.  KAPITEL

Zurück  nach  Berlin  »  Diner  bei  Bethmann  Hollweg  -  Kein  Empfang  des  Fürsten  durch

den  Kaiser  -  Brief  Bethmanns  an  Bülow  «  Antwort  des  Fürsten  und  Duplik  Bethmanns

Empfang  in  Hamburg  +  Die  kriegerischen  Ereignisse  «  Bethmann  Hollweg  nimmt  Stellung

  zum  polnischen  Problem  mit  der  Absicht,  ein  selbständiges  polnisches  Reich  zu
errichten

m  Berliner  Auswärtigen  Amt  herrschte  eine  andere  Stimmung.  Während

  meiner  Amtszeit  war  unter  dem  Titel  „Kaiser  Wilhelm  II.  und  die
Schwarzsceher“  ein  Buch  erschienen,  das  manche  nicht  unzutreffenden  Bemerkungen
  enthielt.  Nach  dem  Kriege  wurde  eine  Neuauflage  des  Buches
veranstaltet.  Der  Verfasser  soll  ein  angesehener  Publizist  gewesen  sein,  ein
Herr  Nebel,  der  einerseits  im  Berliner  Auswärtigen  Amt  verkehrte,
andererseits  während  des  Winters  1914/15  mehrere  Wochen  in  Rom  geweilt
hatte.  Ich  entsinne  mich  nicht,  ihm  begegnet  zu  sein  oder  seine  persönliche
Bekanntschaft  gemacht  zu  haben.  In  der  1919  publizierten  Neuauflage
scines  Buchs  hieß  es  über  meine  römische  Mission:  „Der  Geist  des  Auswärtigen
  Amtes  konnte  nicht  schärfer  gekennzeichnet  werden,  als  daß  allgemein
  behauptet  wurde,  in  der  Wilhelmstraße  sei  man  während  des  ganzen
Krieges  nie  so  vergnügt  gewesen  wie  an  dem  Tage,  an  dem  Italien  sich
gegen  uns  gekehrt  und  dadurch  dem  Klüngel  die  Waffen  geliefert  habe,  sich
des  Fürsten  Bülow  endgültig  zu  entledigen,  der  seine  ganze  Persönlichkeit
und  seine  ganzen  großen  Beziehungen  in  Rom  eingesetzt  hatte,  um  Deutschland
  wenigstens  diesen  neuen  Feind  vom  Leibe  zu  halten,  und  der  dabei
von  der  Wilhelmstraße  aus  den  allerpersönlichsten  Gründen  aufs  schmählichste
  im  Stiche  gelassen  worden  war.“  Nicht  mit  Unrecht  fügt  der
„Schwarzseher“  hinzu,  daß  das  deutsche  Auswärtige  Amt  im  Weltkrieg  zur
Beute  eines  kleinen  Klüngels  subalterner  Beamter  geworden  wäre,  die  einzig
und  allein  darauf  bedacht  gewesen  seien,  sich  durch  Führung  der  auswärtigen
  Geschäfte  des  Reichs  persönlichen  Einfluß,  persönliche  Macht,
Ehre,  Würden  und  Titel  zu  verschaffen.  Ein  französischer  Diplomat  und
Historiker,  Raymond  Recouly,  veröffentlichte  nach  dem  Ende  des  Weltkrieges
  unter  dem  Titel  „Das  Duell  zwischen  Bülow  und  Barr£re“  eine  Betrachtung,
  in  der  es  hieß:  „Das  Duell  war  von  sehr  großer  Heftigkeit.
Politisch,  das  müssen  wir  heute  zugeben,  hätte  Bülow  die  Partie  vielleicht
        <pb n="312" />
        NUR  EIN  LOHNDIENER  239

gewonnen,  aber  psychologisch  war  sie  von  vornherein  verloren.  Gegenüber
der  von  der  Wiener  und  Berliner  Diplomatie  geschaffenen  Lage  mußte  auch
das  diplomatische  Genie  eines  Fürsten  Bülow  ergebnislos  verpuflen.“

Bei  meiner  Rückkehr  nach  Deutschland  wurde  ich  bei  meiner  Durchreise
  durch  die  Schweiz  an  der  Grenze  von  den  Schweizer  Behörden  mit
großer  Courtoisie  begrüßt.  In  Karlsruhe  erwartete  mich  ein  Vertreter  der
Frau  Großherzogin  Luise,  um  mir  ihre  Grüße  und  ihren  Dank  für  meine
patriotische  Wirksamkeit  zu  überbringen.  In  Berlin  hatte  der  Staatssekretär
  Jagow  die  Nachricht  in  Umlauf  gesetzt,  daß  meine  Ankunft  noch
nicht  so  bald  erfolgen  würde,  um  auf  diese  Weise  jede  Begrüßung  am  Anhalter
  Bahnhof  zu  verhindern,  die  ich  gar  nicht  wünschte.  Am  nächsten
Tage  ließ  das  Auswärtige  Amt  in  einigen  ihm  zugänglichen  Blättern
höhnisch  melden,  daß  sich  zu  meinem  Empfang  außer  dem  Besitzer  des
Hotels  Adlon  nur  ein  Lohndiener  eingefunden  hätte.  Eugen  Zimmermann
hatte  mir  schon  früher  geschrieben:  „Herr  Staatssekretär  von  Jagow  sagte
bei  Erörterungen,  die  über  Ihre  mögliche  Wiederkehr  auf  den  Kanzlerposten
  gepflogen  wurden,  das  ginge  nicht,  weil  Ihnen  niemand  glaube.  Das
hateru.  a.  auch  dem  Grafen  Schwerin-Löwitz  gesagt.  Diese  Torheiten  sind
um  so  überflüssiger,  als  Sie  ja  gar  nicht  den  Wunsch  haben,  wiederzukommen.
  Von  dem,  was  Herr  von  Jagow  über  Sie  erzählt  hat,  und  zwar
nicht  um  Ihnen  zu  nützen,  möchte  ich  nur  das  Amüsanteste  herausgreifen:
Sie  könnten  am  Tage  höchstens  eine  halbe  Stunde  arbeiten,  die  übrige  Zeit
müßten  Sie  schlafend  auf  der  Chaiselongue  verbringen.“  Es  sei  selbstverständlich,
  fügte  Eugen  Zimmermann  hinzu,  daß  er  solchem  Klatsch,  wo  er
ihm  begegne,  den  Stempel  der  Lächerlichkeit  aufdrücke.  Es  erscheine  ihm
aber  besser,  ich  wüßte  solche  Gemeinheiten,  als  daß  ich  ihnen  wehrlos
gegenüberstünde.  Die  Klatschereien  über  meine  Lebensweise  und  Gesundheit
  stammten  von  Flotow  und  wurden  von  Jagow  in  Berlin  verbreitet.  In
Wirklichkeit  habe  ich  in  meinem  arbeitsreichen  Leben  nie  mehr  gearbeitet,
auch  nie  mehr  Menschen  empfangen,  gesehen  und  gesprochen  als  in  Rom
im  Winter  1914/15.  Zu  den  Gegenständen,  die  ich  niemals  besessen  habe,
gehört  außer  dem  Schlafrock  die  Chaiselongue.  Wäre  das  Gegenteil  der
Fall,  so  würde  ich  mich  in  keiner  Weise  schämen,  dies  einzugestehen.  Kein
Geringerer  als  Fürst  Bismarck  pflegte  als  älterer  Mann  nach  dem  Essen  auf
der  Chaiselongue  zu  liegen  und  in  dieser  Lage  behaglich  seine  Pfeife  zu
rauchen.  In  jüngeren  Jahren  trug  er  am  Vormittag  im  Hause  gern  einen
Schlafrock,  sugar  einen  geblümten  Schlafrock.  Ich  sehe  ihn  in  diesem
Schlafrock  noch  vor  mir.  Er  sah  altväterisch  und  dabei  doch  ebenso  gewaltig
  aus  wie  im  Koller  der  Halberstädter  Kürassiere.  Der  Botschafter
Schweinitz  erzählte  mir  einmal,  daß  ihn  Bismarck  unmittelbar  nach  seiner
Ernennung  zum  Ministerpräsidenten  und  Minister  des  Äußern  im  Schlaf-Rückkehr



nach  Berlin
        <pb n="313" />
        Bei  Bethmann

240  EIN  ABENDESSEN

rock  empfangen  hätte.  Mit  den  Quasten  des  Schlafrockes  spielend,  habe  er
ihm  gegenüber  sein  damaliges  Regierungsprogramm  in  die  Worte  zusammengefaßt:
  „In  der  inneren  Politik  bin  ich  Royalist  bis  in  die  Knochen,
Wenn  es  sein  muß),  gelıe  ich  für  den  König  in  die  Vendee  und  fechte  für  ihn
mit  den  altmärkischen  Bauern.  In  der  auswärtigen  Politik  werde  ich  auch
vor  revolutionären  Mitteln  nicht  zurückschrecken.  Flecters  si  nequeo
superos,  Acheronta  movebo.“

Ich  hätte  diese  meine  Niederschrift  über  die  gewaltigen  und  für  Deutschland
  unglücksschwangeren  Ereignisse,  die  während  meiner  römischen
Mission  an  mir  vorüberzogen,  nicht  mit  der  Schilderung  unterirdischer  Intrigen
  und  der  Wiedergabe  unwürdiger  Klatschereien  beschwert,  wenn  es
sich  nur  um  meine  Person  handeln  würde.  Aber  diese  Umtriebe  waren  nur
Symptome  eines  Übels,  das  tiefer  saß,  Symptome  einer  Verrottung  der  Gesinnung,
  die  in  den  Amtsstuben  der  Berliner  Wilhelmstraße  um  sich  fraß
und  die  erbärmlichen  Interessen  kleinlichen  Strebertums  vor  die  Sache  des
Landes  stellte,  und  das  zu  ciner  Zeit,  wo  an  den  Fronten  Offiziere  und
Soldaten  zu  Tausenden  und  Tausenden  ihr  Leben  heldenmütig  in  die
Schanze  schlugen.

Am  Abend  meiner  Ankunft  in  Berlin  folgte  ich  einer  Einladung  des
Kanzlers  Bethmann  zum  Abendessen.  Herr  von  Bethmann  dankte  mir  mit
großem  Pathos,  fast  überschwenglich,  für  meine  „hingebenden  Bemühungen‘.
  Jagow,  der  neben  meiner  Frau  saß,  sagte  ihr,  er  begriffe  nicht,  wie
ich  Österreich  zur  Abtretung  des  Trentino  habe  raten  können.  Als  meine
Frau  erwiderte,  ich  sei  wohl  überzeugt  gewesen,  daß  durch  rechtzeitige
österreichische  Konzessionen  der  Ausbruch  des  Krieges  zwischen  Italien
und  Deutschland  zu  verhindern  gewesen  wäre,  meinte  Herr  von  Jagow:
„Sie  vergessen,  daß  die  Abtretung  des  Trentino  dem  ehrwürdigen  Kaiser
Franz  Josef,  Seiner  Apostolischen  Majestät,  dem  ältesten  Souverän  in
Europa,  das  Herz  gebrochen  haben  würde.  Sie  vergessen,  daß  Österreich
der  letzte  Hort  konservativer  Prinzipien  und  wahrhaft  vornehmer  Traditionen
  ist,  Italien  aber  ein  demokratisches  und  revolutionäres  Gebilde.“
Nach  Tisch  näherte  sich  mir  Herr  von  Jagow,  den  ich  bis  dahin  nicht  beachtet
  hatte,  in  krummer  Haltung  und  mit  einem  verlegenen  Gesicht,  aus
dem  ein  sehr  schlechtes  Gewissen  sprach.  Ich  drehte  ihm  vor  allen  Anwesenden
  den  Rücken.  Ich  gestehe,  daß  ich  selten  innerlich  eine  größere
Befriedigung  empfunden  habe.  Einem  unerfreulichen  Menschen  die  Empfindungen,
  die  er  in  uns  erweckt,  auch  äußerlich  zu  erkennen  zu  geben,  ist
ein  erlesener  Genuß.  Am  nächsten  Tage  suchte  Herr  von  Jagow  meinen
Freund,  den  Fürsten  Karl  Wedel,  unter  dem  er  einige  Jahre  als  Sekretär
gedient  hatte,  mit  der  Bitte  auf,  für  ihn  bei  mir  ein  gutes  Wort  einzulegen.
Er  wisse  wohl,  was  er  mir  zu  verdanken  habe,  nämlich  seine  ganze  Karriere.
        <pb n="314" />
        Eigenhändiger  Brief  Papst  Benedikts  XV.  au  Bülow
(Zu  Seite  229)

Eccellenza,

Accogliemmo  con  particolare  gradimento  la  pregiata  lettera  che  !’Eccellenza
Vostra  si  compiaceva  indirizzarci  in  data  del  21  corrente.

Teniamo  ora  a  significare  personalmente  all’Eccellenza  Vostra  quanto  noi
abbiamo  apprezzato  le  nobili  espressioni,  nelle  quali  si  traduceva  l’ossequio
cordiale  che  Ella  professa  alla  Nostra  persona  ed  a  questa  Sede  Apostolica
su  cui,  in  circostanze  cosı  calamitose,  volle  il  Signore  collocarci;  manifestazioni
  dell’animo  di  Lei  grande  e  delicato,  delle  quali  serberemo  caro  e
perenne  il  ricordo.

L’alta  stima,  inoltre,  che  noi  sempre  Le  portammo  ed  il  riconoscimento  delle
doti  esimie  che  L’adornano  e  delle  non  poche  benemerenze  che  Ella,  nella
lunga  sua  vita  politica,  seppe  acquistarsi  verso  la  Sua  patria,  avrebbero
reso  a  Noi  sommamente  accetto  l’omaggio  che  l’Eccellenza  Vostra,  insieme
con  la  degnissima  sua  Consorte,  si  riprometteva  di  presentarci  personalmente
alla  Sua  partenza  da  questa  cittä,  qualora  le  circostanze  l’avessero  consentito.

Ad  ogni  modo,  accettiamo  con  animo  grato  l’augurio  cortese  che  Ella,  signor
Principe,  sul  finire  della  lettera,  affıdava  alla  Provvidenza  Divina,  perche
propizia  assista  questa  Sede,  e  alla  Nostra  volta  Noi  amiamo  di  volgerlo,
con  pieno  ricambio  del  Nostro  affetto  paterno,  alla  di  Lei  Nazione,  a  Vostra
Eccellenzu  stessa  ed  alla  nobilissima  Sua  sposa,  Cui  altresi  concediamo  ben
di  cuore  la  implorata  benedizione  apostolica.

Benedictus  PP.XF.

Roma,  30  Maggio  1915

(Deutsche  Übersetzung  umseitig)
        <pb n="315" />
        Durchlaucht,

Wir  empfangen  mit  besonderer  Genugtuung  das  geschätzte  Schreiben,  das  Eure
Durchlaucht  am  21.  ds.  Ms.  an  Uns  zu  richten  die  Güte  hatten.

Wir  legen  Wert  darauf,  Euer  Durchlaucht  zu  bekunden,  wie  sehr  Wir  die  edeln
Gefühle  gewürdigt  haben,  in  denen  die  aufrichtige  Huldigung  zum  Ausdruck
kam,  die  Sie  Unserer  Person  und  dem  Apostolischen  Stuhl  darbringen,  auf
den  Uns  der  Ilerr  unter  so  beklagenswerten  Umständen  berufen  wollte,  eine
Kundgebung  Ihres  großen  und  feinsinnigen  Geistes,  der  Wir  allzeit  ein  gutes
Andenken  bewahren  werden.

Die  hohe  Achtung.  die  Wir  immer  für  sie  hegten,  und  die  Anerkennung  der
hervorragenden  Talente,  die  Sie  zieren,  und  der  nicht  geringen  Verdienste,  die
Sie  in  Ihrem  langen  politischen  Leben  sich  um  Ihr  Vaterland  zu  erwerben
wußten,  hätten  Uns  die  Huldigung  in  hohem  Grade  genehm  gemacht,  die  Eure
Durchlaucht  zugleich  mit  Ihrer  verehrten  Frau  Gemahlin  Uns  vor  Ihrer  -Lbreise
aus  dieser  Stadt  persönlich  zu  erweisen  gedachten.  sofern  die  Umstände  es  gestattet
  hätten.

Auf  jeden  Fall  nehmen.  Wir  dankbar  den  tiefgefühlten.  Wunsch  entgegen,  den
Eure  Durchlaucht  am  Schlusse  Ihres  Briefes  an  die  göttliche  Vorsehung
richtete,  sie  möge  gnädig  dem  Heiligen  Stuhl  beistehen.  Wir  Unsererseits
erwidern  diese  Wünsche  in  väterlicher  Liebe  für  Ihre  Nation,  für  Eure  Durchlaucht
  und  für  Ihre  erlauchte  Gemahlin  und  gewähren  gleichfalls  aus  vollem
Herzen  den  von  ihr  erbetenen  Apostolischen  Segen.

Rom,  den  30.  Mai  1915  Benedictus  P.  P.XY.
        <pb n="316" />
        SE  Zr  a  hen

UÜALZ  Aa.  uhneggnn  ee  en
Aata  HelIF  esnen  7
m  I  ad  Eu  sang  CL  gm  He
rolle,  gu  ze  Laachreena  7  er24..  &amp;gt;  Br
Ton  er  gem  Penn  AosLoben  Feremr
Ds  ng  eoz.'  mn  tn
        <pb n="317" />
        Hol  och  A  FE  oma  2  le:  2

——r  ao  a  Zaun

ae  ann,  en  el,  Hoc:  pam
&amp;lt;  wol  mon  Koch  Bomann  he
EG  elta.  u  een
Arredber  ren,  Ho  Yon  ae
ed  L"  nen  x’  2  Urze

alone  alas  Fer  aA  -_s

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Üremeste  re  Val  ern  te,  LI  Gen.
an  all  Denise  Dinine,  mh  ga
Tr  SrerEE  guumide  Ver  2  arts  Plnbn
neh  MH  ea  orte,  von  At
au  £-  Regen  a  Ulm  Ernten  FELL
Corneechran.  .  ben  A'cauoıas  Aut  tnaze
Bene  sun.  af.

ern  Jo  Mae  —
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        <pb n="320" />
        UNTER  ABSOLUTER  DISKRETION  241

Ich  wäre  sein  „Wohltäter‘‘  gewesen,  aber  Flotow  wäre  sein  „Herzensfreund“.
  Mit  diesem  Bittgang  hatte  Jagow  bei  mir  kein  Glück.  Ich  habe
ihn  auch  weiter  überall  geschnitten,  namentlich  im  Herrenhause,  in  das
ihn  der  Kaiser  auf  den  Vorschlag  von  Betlımann  berufen  hatte,  obwohl
er  in  dies  Haus  und  zu  dessen  patriotischen  und  großen  Traditionen
paßte  wie  Pilatus  ins  Credo.

Bald  nach  meiner  Ankunft  in  Berlin  wurde  mir  von  einem  Flügeladjutanten
  mit  der  Bitte  um  absolute  Diskretion  erzählt,  daß  der  Kaiser
mich  nach  meiner  Rückkehr  aus  Rom  habe  empfangen  wollen,  um  mir  für
meine  Bemühungen  zu  danken.  Bethmann  und  Jagow  hätten  Seiner  Majestät
  aber  gesagt,  daß  mein  Empfang  und  nun  gar  eine  Auszeichnung  für
mich  einen  schlechten  Eindruck  in  Wien  hervorrufen  würde.  Es  läßt  sich
unschwer  denken,  mit  welcher  Genugtuung  der  von  dem  Hofmarschall
Reischach  ständig  auf  dem  laufenden  gehaltene  österreichische  Botschafter
Gottfried  Hohenlohe  über  diese  meine  Brüskierung  nach  Wien  berichtete
und  wie  sehr  die  Schwächlichkeit  Bethmanns  die  Dreistigkeit  des  Wiener
Kabinetts  ermutigen  mußte.  In  den  nächsten  Tagen  beehrte  die  Kaiserin
meine  Frau  und  mich  mit  einer  Einladung  zum  Frühstück,  bei  dem  außer
uns  nur  ihre  Tochter,  die  Herzogin  von  Braunschweig,  und  deren  Gemahl
zugegen  waren.  Die  Kaiserin  dankte  mir  in  rührender  Weise  für  meine
Tätigkeit  in  Rom.  Sie  verschwieg  mir  nicht,  daß  der  Kanzler  und  der
Staatssekretär  des  Äußern  ihren  hohen  Gemahl  verhindert  hätten,  mich  zu
empfangen.

Nicht  lange  nachher  erhielt  ich  von  Bethmann  den  nachstehenden  Brief:
„Verehrter  Fürst,  in  der  Unterhaltung,  die  ich  unlängst  in  meinem  Hause
mit  Ihnen  führen  durfte,  habe  ich  einige  Details  für  den  Grad  des  Druckes
angeführt,  den  wir  im  Verlauf  der  italienischen  Krisis  auf  das  Wiener
Kabinett  ausgeübt  haben.  Nach  dem  Mißerfolg,  mit  dem  die  Krisis  geendet
hat,  sucht  die  politische  Diskussion  begreiflicherweise  nach  dem  Schuldigen
und  ist,  wie  ich  höre,  geneigt,  ihn  weder  in  Wien  noch  in  Rom,  sondern  in
Berlin  zu  finden.  Ich  fürchte,  daß  solche  Betrachtungen  dem  Vaterlande
nicht  zum  Nutzen  gereichen.  Die  fest  begründete  Stellung,  die  Eure  Durchlaucht
  in  der  Wertung  der  öffentlichen  Meinung  einnehmen,  schützt,  wie
die  Haltung  der  gesamten  Presse  und  der  laute  vom  Reichstag  meinen
Worten  gespendete  Beifall  zeigt,  vor  jeglicher  Anzweiflung  Ihrer  rastlosen
in  Rom  entfalteten  Tätigkeit.  Sie  bedarf  keines  Schutzes.  Dem  Wiener
Kabinett  sein  voll  gerütteltes  Maß  an  Verantwortlichkeit  in  der  Öffentlichkeit
  zuzuschieben,  verbietet  mir  und  allen  offiziellen  Persönlichkeiten
während  der  Dauer  des  Krieges  die  einfachste  politische  Räson.  Jetzt  kann
ich  nicht  auf  die  schweren  Fehler  der  österreichischen  Politik  gegenüber
Italien  hinweisen  lassen,  die  bis  in  die  letzten  Jahrzehnte  zurückreichen,

i6  Bulow  III

Bethmann
befürchtet
Kritik
        <pb n="321" />
        242  DAS  SCHULDKONTO

nicht  auf  die  Grenze,  die  unseren  Druckmitteln  auf  Wien  gezogen  war,  nachdem
  Österreich  bedeutende  Truppenmassen  unter  Preisgabe  Ostgaliziens
zum  Schutze  Schlesiens  abgezweigt  hatte,  nicht  auf  den  Starrsinn  der
österreich-ungarischen  Minister.  die  bis  in  die  letzten  Tage  der  Krisis  allen
unseren  Vorstellungen  die  mit  Eurer  Durchlaucht  Meldungen  unvereinbaren
  Berichte  ihrer  römischen  Vertreter  entgegenhalten  konnten,  nicht  auf
die  schroff  ablehnende  Haltung  Kaiser  Franz  Josefs,  der  sich  den  Briefen
und  Missionen  unseres  Allergnädigsten  Ilerrn  und  selbst  dem  persönlichsten
Einfluß  des  Papstes  unzugänglich  erwies.  So  ist  Berlin  jetzt  verurteilt,  auf
alle  Vorwürfe,  die  ihm  gemacht  werden,  zu  schweigen,  bis  eine  spätere  Zeit
das  Sprechen  gestatten  wird.  Die  Schädigungen  aber,  die  der  moralischen
Widerstandskraft  Deutschlands  zugefügt  werden,  wenn  sich  Kreise  bilden,
die  den  italienischen  Krieg  auf  mein  und  meiner  Mitarbeiter  Schuldkonto
setzen,  wachsen  sich  zu  einer  Erschütterung  aus,  wenn  die  Kritik,  den  einmal
  eingeschlagenen  Weg  verfolgend,  mit  der  gleichen  Tendenz  bis  zur  Vorgeschichte
  des  Krieges  hinaufsteigt.  Behauptungen  wie  die,  daß  der  Krieg
hätte  vermieden  oder  doch  in  günstigerer  Konstellation  hätte  ausgefochten
werden  können  oder  daß  er  doch  nahe  an  einen  Präventivkrieg  streife,
lassen,  wo  sie  hinfallen,  einen  Stachel  sitzen  und  schmeicheln  sich  um  so
fester  bei  den  weniger  Nachdenklichen  ein,  je  mehr  sie  von  den  großen  geschichtlichen
  Zusammenhängen  absehen.  Was  der  weiter  zurückliegenden
Vergangenheit  angehört,  was  mit  und  ohne  unsere  Schuld  zu  der  großen
Koalition  gegen  uns  führte,  was  bei  fortschreitendem  Niedergang  Österreichs
  und  stetiger  Erstarkung  der  Entente  die  Kräfte  Deutschlands  immer
bedrohlicher  isolierte,  was  uns  seit  dem  Jahre  1905  in  der  Marokko-Frage,
später  in  der  bosnisch-herzegowiniscl  Krisis,  dann  wiederum  in  der
Marokko-Frage  zu  einer  Politik  äußersten  Risikos,  und  zwar  eines  sich  mit
jeder  Wiederholung  steigernden  Risikos,  zwang  —  alle  diese  Vorgänge  gehen
in  den  gewaltigen  Eindrücken  der  Gegenwart  unter,  bis  die  Zeit  nach  dem
Frieden  allmählich  die  Ursachen  eines  Weltverhängnisses  klarer  erkennen
lassen  wird,  das  viel  zu  gewaltig  ist,  als  daß  es  singuläre  Ereignisse  zum
Ursprung  haben  könnte.  Daß  ich  Dinge  ausspreche,  die  Eure  Durchlaucht
mit  Ihren  weiten  politisch-historischen  Kenntnissen  noch  klarer  und  richtiger
  durchschauen,  als  ich  es  vermag,  geschieht  aus  der  vaterländischen
Sorge,  die  mir  durch  mancherlei  auch  ernste  politische  Kreise  beherrschende
  Gespräche  erweckt  wird.  Aus  der  Macht,  die  Eure  Durchlaucht  mit
Ihrer  Person  und  Ihrem  Wort  auf  die  Menschen  ausüben,  wissen  Sie  zu
genau,  wie  das  Empfinden  und  Denken  des  Volkes  und  der  Öffentlichkeit
geleitet  und  gelenkt  werden  kann.  Um  so  mehr  werden  Eure  Durchlaucht,
wie  ich  hoffe,  meine  Bitte  würdigen,  mit  dahin  zu  wirken,  daßnicht  durch
die  Vorwegnahme  einer  Kritik,  die  jetzt  noch  nicht  offen  und  frei,
        <pb n="322" />
        EIN  PROTEST  BÜLOWS  243

sondern  nur  bruchstückweise  und  deshalb  falsch  geübt  werden  könnte,  die
Kräfte  der  Einheit  und  Geschlossenheit  gelähmt  werden,  deren  wir  zum
siegreichen  Durchhalten  nicht  entraten  können.  In  alter  Verehrung  bin  ich
Euer  Durchlaucht  ergebener  von  Bethmann  Hollweg.“

Ich  erwiderte  auf  dieses  Schreiben,  aus  dem  Empfindlichkeit,  noch
größere  Ängstlichkeit  und  ein  unruhiges  Gewissen  sprachen:  „Verehrter
Freund,  Ihrem  gestern  erhaltenen  Schreiben  entnehme  ich  mit  Bedauern,
daß  die  Quertreibereien,  die  mir  bereits  während  meiner  vorübergehenden
amtlichen  Tätigkeit  in  Rom  wiederholt  entgegengetreten  waren,  auch  nachdem
  ich  in  das  Privatleben  zurückgekehrt  bin,  ihren  Fortgang  nehmen.  Ich
habe  mich  seit  meinem  vor  bald  sechs  Jahren  erfolgten  Rücktritt  einer
politischen  Zurückhaltung  befleißigt,  wie  sie  gewissenhafter  und  peinlicher
nicht  möglich  ist.  Ich  habe,  wie  gerade  Sie  wissen,  an  dieser  Zurückhaltung
festgehalten,  als  ich  der  Gegenstand  sinnloser  und  unwürdiger  Verleumdungen
  war.  Ich  habe  auch  jetzt  bei  Gesprächen  über  die  Entwicklung  der
italienischen  Verhältnisse,  und  ganz  besonders  soweit  Österreich  und  die
österreichische  Politik  in  Frage  kommen,  in  Rom  wie  hier  nichts  gesagt,
was  die  Kreise  unserer  Politik  stören  könnte.  Dafür  bürgt  nicht  nur  mein
persönliches  Taktgefühl,  das  mich  in  keiner  Lebenslage  verlassen  hat,
sondern  auch  meine  richtige  politische  Einschätzung  unseres  Bündnisses
mit  Österreich,  dem,  wie  Sie  mir  gern  zugeben  werden,  während  meiner
Amtsführung  nicht  nur  äußere  und  bedeutsame  Erfulge,  sondern  auch
innerliche  Neubelebung  und  Kräftigung  beschieden  waren,  obschon  ich  dafür
  Sorge  trug,  innerhalb  des  deutsch-österreichischen  Bündnisses  der
führende  Teil  zu  bleiben.  Auch  in  Rom  bin  ich  nicht  nur  mit  großem
Nachdruck  für  politisch  vernünftige  österreichische  Gesichtspunkte  eingetreten,
  sondern  ich  habe  es  als  einen  wesentlichen  Teil  meiner  Aufgabe
betrachtet,  Schaden  von  Österreich  abzuhalten  und  die  österreichischen
Lebensinteressen  sicherzustellen,  wenn  auch  selbstverständlich  die  preu-Bische
  und  deutsche  Staatsräson  mein  Leitstern  war.  Das  Recht  darf  ich
für  mich  in  Anspruch  nehmen,  über  Vorgänge,  die  publici  juris  sind  und  die
von  allen  Kennern  der  italienischen  Verhältnisse,  mag  es  sich  um  Mitglieder
unserer  Missionen  in  Rom,  um  die  Vertreter  neutraler  Länder,  um  dauernd
oder  vorübergehend  in  Rom  weilende  deutsche  Landsleute  oder  um
deutschfreundliche  Italiener  handeln,  gleichmäßig  beurteilt  werden,  meine
Meinung  zum  Ausdruck  zu  bringen.  Daß  dies  immer  mit  der  nötigen  diplomatischen
  Diskretion  und  dem  nötigen  diplomatischen  Feingefühl  geschehen
  ist  und  noch  geschieht,  werden  Sie,  wie  ich  hoffe,  nicht  bei  einem
Mann  bezweifeln,  der,  Sohn  eines  Staatssekretärs  des  Äußern  und  selbst
mit  vierundzwanzig  Jahren  in  den  diplomatischen  Dienst  eingetreten,
diesem  Dienst  sechsunddreißig  Jahre  angehört  und  zwölf  Jahre  an  der

16°

Bülows
Erwiderung
        <pb n="323" />
        244  DER  ERZIELTE  AUFSCIIUB

Spitze  dieses  Dienstes  gestanden  hat.  Unter  Wahrung  dieser  Diskretion  bin
ich  der  von  mir  wohlbekannter  Seite  verbreiteten  tendenziösen  und  unwahren
  Behauptung  entgegengetreten,  als  ob  ich  nach  meinem  Eintreffen
in  Rom  die  Verhältnisse  zu  schwarz  gemalt  hätte,  wenn  ich  pflichtgemäß
auf  die  Gefahr  eines  italienischen  Vorgehens  gegen  Österreich  hinwies.  Die
Tatsache,  daß  es  mir  trotz  der  größten  Schwierigkeiten  und  allem,  was  vor
meinem  Eintreffen  in  Rom  versäumt  und  verdorben  worden  war,  gelungen
ist,  dieses  italienische  Vorgehen  um  Monate  hinauszuschieben,  darfich  wohl
als  Beweis  dafür  gelten  lassen,  daß  meine  persönliche  Position  in  Rom,  die
ich  rückhaltlos  in  den  Dienst  des  Landes  gestellt  habe,  eine  bessere  war,  als
mündlich  und  schriftlich  von  einer  anderen,  Ihnen  ebenfalls  bekannten
Stelle,  vor  meiner  Entsendung  nach  Rom  verbreitet  wurde.  Wenn  Sie,
lieber  Herr  von  Bethmann,  auf  angebliche  Äußerungen  von  mir  über  die
Vorgeschichte  des  Krieges  hindeuten,  so  bitte  ich,  mir  diejenige  Person
zu  nennen,die  gewagt  hat,  zu  behaupten,  daß  ich  in  meinen  Worten  gerade
über  diesen  Gegenstand  Unzutreffendes  gesagt  und  die  Grenzen  überschritten
  hätte,  die  mir  mein  Patriotismus,  meine  Vergangenheit  und  meine
persönliche  Würde  ziehen.  Ich  weise  jede  derartige  Insinuation  mit  der
größten  Entschiedenheit  zurück.  Es  bedarf  für  mich  nicht  der  Erinnerung,
daß  in  dem  furchtbaren  Kampf,  in  den  die  Nation  hineingeführt  worden
ist,  Einheit  und  Geschlossenheit  nottun.  Daß  solche  Geschlossenheit  und
Einheit  die  Vorbedingung  wie  des  Sieges  so  eines  würdigen  Friedens  sind,
ist  mir  wohl  bewußt,  und  wo  ich  Gelegenheit  fand,  habe  ich  gerade  dies
betont.  Wenn  Ihnen  hinterbracht  sein  sollte,  ich  hätte  geäußert,  dieser
Krieg  streife  nahe  an  einen  Präventivkrieg,  u.  ä.,  so  ist  der  Denunziant
entweder  nicht  imstande,  die  Tragweite  einer  politischen  Äußerung  richtig
einzuschätzen,  oder  er  sat  bewußt  die  Unwahrheit.  Was  aber  meine  eigene
Amtsführung  anlangt,  so  möchte  ich  hier  nicht  auf  diesen  Gegenstand  ausführlicher
  eingehen  und  beschränke  mich  auf  den  Hinweis,  daß  Sie  mit
den  Vorgängen  von  1905  und  1908/1909  naturgemäß  nicht  näher  vertraut
  sein  können.  Ich  will  hier  nur  daran  erinnern,  daß  es  mir  gelungen
ist,  unter  Aufrechterhaltung  des  Friedens  mit  Frankreich,  Japan  und  vor
allem  mit  England,  guter  Beziehungen  zu  Rußland,  unter  Erhaltung  der
österreichischen  Machtstellung  wie  der  Integrität  der  Türkei  die  Vorbedingungen
  für  den  Bau  unserer  Flotte  in  zwölf  sehr  kritischen  Jahren  zu
schaffen,  während  deren  sich  Wohlstand  und  Machtstellung  des  Reichs  zu
schöner  Blüte  entfalteten.  Das  werden  Sie  gewiß  anerkennen,  der  Sie
während  der  fünf  Jahre  zwischen  dem  Juni  1909  und  dem  Juli  1914  oft
hervorgehoben  haben,  daß  wir  trotz  gelegentlicher  Differenzen  in  dieser
oder  jener  Einzelfrage  in  friedlichen  und  freundlichen  Beziehungen  zu  Rußland
  wie  zu  England  und  sogar  zu  Frankreich  stünden,  die  in  der  Begegnung
        <pb n="324" />
        DIE  UNGEBROCHENE  FRONTSTELLUNG  245

von  Potsdam,  Ihrer  Reise  nach  Rußland,  dem  Kongo-Vertrag  mit  Frankreich
  und  den  projektierten  Abmachungen  mit  England  ihren  Ausdruck
fänden  und  günstige  Aspekte  für  die  Zukunft  eröffneten.  Die  Ursache  des
furchtbaren  Krieges,  der  inzwischen  ausgebrochen  ist,  liegt  zum  Teil  natürlich
  weit  zurück.  Der  englisch-deutsche  Gegensatz  mußte  sich  verschärfen,
seitdem  unsere  Industrie  und  unser  Handel  sich  in  früher  nicht  geahnter
Weise  entfaltet  hatten,  seitdem  wir  zur  See  gegangen  waren  und  namentlich
seitdem  wir  uns  eine  Flotte  bauten.  Das  deutsch-russische  Verhältnis  war
seit  der  ersten  großen  Orientkrisis,  die  zum  Berliner  Kongreß  und  zur  Zuspitzung
  der  Gegensätze  zwischen  Österreich-Ungarn  und  Rußland  führte,
mancher  schwierigen  Belastungsprobe  unterzogen  worden,  und  vollends  der
deutsch-französische  Gegensatz  ließ  sich  seit  dem  Frankfurter  Frieden  und
der  Annexion  von  Elsaß-Lothringen  nicht  mehr  aus  der  Welt  bringen.  Mit
diesem  Schwergewicht  belastet,  hat  die  deutsche  Politik  trotzdem  während
langer  Jahre  den  Frieden  zu  wahren  vermocht.  Die  Frage,  ob  es  notwendig
  war,  mit  dieser  Politik  zu  brechen,  wird  sich  schwerlich  für  immer
ausschalten  lassen.  Ich  stimme  mit  Ihnen  aber  ganz  darin  überein,  daß
gegenwärtig  unser  Sinnen  und  Denken  ganz  auf  den  Sieg  gerichtet  sein  muß
und  auf  einen  Frieden,  würdig  so  heroischer  Anstrengungen  und  würdig  der
ungeheuren  Opfer,  die  unser  Volk  mit  bewunderungswürdiger  Hingebung
bringt.  Seien  Sie  versichert,  daß  hiervon  niemand  mehr  durchdrungen  ist
als  ich  und  daß,  so  weit  für  mich  die  Gelegenheit  geboten  wird,  von  meiner
Seite  alles  geschieht,  um  dieses  Ziel  zu  erreichen.“

Auf  dieses  Schreiben  erhielt  ich  umgehend  von  Bethmann  die  nachstehende
  Duplik:  „Eurer  Durchlaucht  Schreiben  vom  12.  d.  Mta.,  das  ich
gestern  erhielt  und  für  dessen  eingehende  Ausführungen  ich  meinen  aufrichtigen
  Dank  ausspreche,  bestärkt  mich  in  der  Gewißheit,  daß  in  dem,
was  sich  mir  gegenwärtig  als  der  Kernpunkt  darstellt,  unsere  Ansichten
kaum  auseinandergehen.  Auch  Sie  wünschen,  wie  ich  es  tue,  daß  die  einmütige
  Hingabe  der  Nation  durch  die  uns  Deutschen  so  tief  im  Blut
steckende  Neigung  zur  Kritik  nicht  in  einem  Zeitpunkt  geschwächt  werde,
der  eine  ungebrochene  Frontstellung  unser  aller  erfordert,  und  ich  kann  nur
meinen  wärmsten  Dank  dafür  aussprechen,  daß  Eure  Durchlaucht  in
vollem  Einklang  mit  der  Stellung,  die  Sie  seit  dem  Jahre  1909  im  nationalen
Interesse  unter  persönlichen  Opfern  eingenommen  haben,  auch  Ihrerseits
allen  auf  dieses  Ziel  gerichteten  Bestrebungen  Ihre  tätige  Unterstützung
leihen  wollen.  Ihr  in  aufrichtiger  Verehrung  treu  ergebener  von  Bethmann
Hollweg.“

Als  ich  diesen  Briefwechsel  mit  meinem  Nachfolger  meinem  Freunde
Albert  Ballin  vertraulich  mitteilte,  erwiderte  mir  der  kluge  Mann:  „Ich  bitte
um  die  Erlaubnis,  Eurer  Durchlaucht  in  der  Anlage  die  Briefe  zurückreichen

Bethmanns

Duplik
        <pb n="325" />
        Aufenthalt
in  Flottbek

246  IN  DER  ELBPARKVILLA

zu  dürfen,  welche  Sie  die  große  Güte  hatten  mir  zur  Kenntnisnahme  anzuvertrauen.
  Ich  fand  den  Inhalt  ebenso  interessant  wie  bezeichnend  für
die  Gemütsverfassung  unserer  Berliner  Geschäftsführer.“  Ich  hatte  schon
früher  Zustimmung  bei  Ballin  gefunden,  als  ich  meine  Eindrücke  über
unsere  Lage  in  die  Worte  zusammenfaßte:  „Haltung  und  Geist  der  Bevölkerung
  Ia  —  politische  Führung  Vb.“

In  Hamburg  eingetroffen,  wurde  ich  von  dem  Regierenden  Bürgermeister
  Herrn  von  Melle  freundlicherweise  zu  einem  Essen  eingeladen,  zu  dem
er  eine  größere  Anzahl  Senatoren  und  Mitglieder  der  Bürgerschaft  gebeten
hatte  und  bei  dem  er  mir  in  zu  Herzen  gehender  Rede  im  Namen  der  Stadt
Hamburg  für  meine  Tätigkeit  in  Rom  dankte.  Nicht  lange  nachher  bezog
ich  die  Eibparkvilla,  wo  mir  ein  schöner  Empfang  bereitet  wurde.  Aus
der  ganzen  Elbgegend  hatte  sich  eine  große  Menschenmenge  eingefunden.
Meiner  Frau  wurden  Blumensträuße  überreicht.  Die  Frauen  der  Flottbeker
Kriegerhilfe  und  eine  zahlreiche  Kinderschar  erfreuten  uns  mit  Gesängen.
Der  Landrat  des  Kreises  Pinneberg  bielt  eine  Ansprache.  In  meiner  Antwort
  gab  ich  der  Freude  Ausdruck,  wieder  dorthin  zurückzukehren,  wo  ich
das  Licht  der  Welt  erblickt  hätte,  wo  ich  einen  großen  Teil  meiner  Jugend
verlebt  hätte,  wo  ich  jeden  Baum  und  jeden  Stein  kenne.  Wie  oft  wäre  ich
auf  der  Straße,  die  an  der  Elibparkvilla  vorbeiführe  und  die  mein  verstorbener
  Freund,  der  Dichter  Detlev  von  Liliencron,  mit  Recht  die  schöuste
Straße  der  Welt  genannt  hätte,  am  Sonntagmorgen  mit  meinen  seligen
Eltern  zur  Kirche  gegangen,  elbaufwärts  nach  Ottensen,  oder  elbabwärts
nach  Nienstedten.  Als  guter  Preuße,  der  ich  sei  und  bis  an  mein  Lebensende
  bleiben  werde,  freute  ich  mich,  in  Flottbek  auf  preußischem  Boden
zu  stehen.  Ich  freute  mich  aber  auch  der  Nähe  Hamburgs.  In  einer  Stunde
trüge  das  Schiff  mich  nach  dem  Hamburger  Hafen,  und  ich  sähe  das
Bismarckdenkmal  vor  mir,  das  gewaltige  Standbild,  das  dem  gewaltigsten
  Sohn  des  deutschen  Volkes  errichtet  worden  wäre,  ich  erblickte
die  hochragenden,  spitzen  Türme  der  Stadt,  an  die  mich  soviel  Erinnerungen
knüpften,  verwandtschaftliche  Beziehungen  und  warme  Sympathien,  wo
mir  treue  Freunde  lebten,  wo  ich  immer  gern  weilte,  wo  sich  auch  meine
Frau  wohlfühle,  die  das  Land  der  Eichen  und  Buchen  geradeso  liebte  wie
ich.  Ich  dankte  den  um  mich  Versammelten,  ganz  besonders  den  Kindern,
deren  Väter  im  Felde  stünden.  Mit  tiefer  Bewegung  hätte  ich  an  der  Flottbeker
  Bahnstation  die  Namen  derjenigen  Flottbeker  gelesen,  die  in  diesem
Kriege  gefallen  wären  und  mit  ihrem  Blut  die  holsteinische  Treue  für  König
und  Vaterland,  für  Kaiser  und  Reich  bezeugt  hätten.  Ich  schloß  mit  einem
Hoch  auf  Seine  Majestät  den  Kaiser  und  König.

Die  Leistungen  der  Armee  während  des  Sommers  1915  erfüllten  mich
mit  immer  neuer  Bewunderung.  Auf  dem  westlichen  Kriegsschauplatz
        <pb n="326" />
        HINDENBURG  ERKLÄRT  247

wehrten  in  der  Loretto-Schlacht  unsere  Truppen  trotz  ihrer  weit  geringeren
  Zahl  den  mit  den  größten  Mitteln  unternommenen  Durchbruchsversuch
  des  Marschalls  Joffre  mit  Heldenmut  ab.  In  der  Champagne  und
im  Artois  blieben  alle  Vorstöße  der  Franzosen  und  Engländer  erfolglos.
Schwere  Sorgen  aber  erweckte  in  mir  die  Haltung  des  Kanzlers  Beihmann
in  derpolnischen  Frage.  Schon  im  August  1915  gab  er  ganz  überflüssigerweise
  in  einer  Reichstagsrede  der  Hoffnung  Ausdruck,  daß  unsere  Besetzung
der  polnischen  Grenzen  gegen  Osten  den  Beginn  einer  Entwicklung  darstellen
  würde,  welche  die  alten  Gegensätze  zwischen  Deutschen  und  Polen
aus  der  Welt  schaffen  und  das  vom  russischen  Joch  befreite  polnische  Reich
einer  glücklichen  Zeit  entgegenführen  würde,  in  der  es  die  Eigenart  seines
Nationallebens  pflegen  und  entwickeln  könne.  Eine  solche  Entwicklung
erschien  Herrn  von  Betlimann  als  das  vornehmste  deutsche  Kriegsziel.
Diese  von  ihm  eingeleitete  „glückliche  Entwicklung‘  hat  dahin  geführt,
daß  wir  uns  an  unserer  Ostgrenze  künstlich  einen  Todfeind  schufen  und
großzogen,  der  uns  weite  und  reiche,  seit  über  hundert  Jahren  in  deutschem
Besitz  befindliche  Gebietsteile  raubte,  der  die  Deutschen  ausplündert,  mißhandelt
  und,  als  Soldknecht  Frankreichs,  die  Hand  an  unsere  Gurgel  hält.
Ich  hörte  schon  1915,  daß  Bethmann  seine  unvernünftige  und  unheilvolle
polenfreundliche  Rede,  trotz  dem  Abraten  aller  preußischen  Minister  und
den  Gegenvorstellungen  der  Konservativen,  der  Nationalliberalen  und
auch  einsichtiger  Freisinniger  und  Zentrumsleute,  gehalten  hatte.

Ihrer  üblen  Gewohnheit  entsprechend,  haben  sich  Bethmann  und  Jagow,
als  sich  nur  zu  bald  die  schlimmen  Folgen  der  Errichtung  eines  sclbständigen
  polnischen  Reiches  herausstellten,  bemüht,  die  Verantwortung
für  ihre  kopflose  Aktion  auf  andere,  in  diesem  Falle  auf  den  F'’eldmarschall
Hindenburg  und  seinen  Generalstabschef  Ludendorff,  abzuschieben.
Als  sich  mein  langjähriger  Freund  und  Kollege,  der  Kultusminister  Studt,
bei  dem  Feldmarschall  brieflich  erkundigte,  ob  an  dieser  Entschuldigung
etwas  Wahres  wäre,  richtete  Hindenburg  am  24.  September  1917  den  nachstehenden
  Brief  an  ihn,  den  ich  im  Original  in  der  Hand  gehabt  habe  und
von  dem  ich  mir  mit  Ermächtigung  des  Staatsministers  Studt  eine  Abschrift
  nahm:

„Wie  ich  höre,  hat  man  in  Berlin  das  Gerücht  verbreitet,  die  Schaffung
des  Königreichs  Polen  sei  auf  meinen  und  Ludendorffs  Wunsch  hin  erfolgt.
Ich  bitte,  diese  Unrichtigkeit  gütigst  bei  jeder  sich  bietenden  Gelegenheit
zu  widerlegen.  Das  Königreich  Polen  ist  am  12.und  13.  August  1916
zwischen  Bethmann  und  Burian  beschlossen  worden.  Erst  am  29.  August
wurde  ich  Chef  des  Generalstabes  und  erfuhr  daher  noch  einige  Zeit  später
die  Schaffung  dieser  Mißgeburt,  als  Beseler  zu  einer  Besprechung  nach
Pleß  herüberkam.  Er  versprach  uns  damals  bis  zum  Frühjahr  1917  an

Das  selbständige
  Polen
        <pb n="327" />
        248  250000  POLNISCHE  FREIWILLIGE

ausgebildeten  polnischen  Truppen  als  Folge  der  Schaffung  des  Königreichs
fünf  Divisionen  bei  freiwilligem  Eintritt,  eine  Million  bei  allgemeiner
Wehrpflicht.  Dieser  Zuwachs  konnte  uns  für  1917  nur  erwünscht  sein,  und
haben  wir  daher  lediglich  auf  diese  Neuformationen  wiederholt  hingewiesen
und  gedrückt.  Wie  sehr  Beseler  geirrt  hatte,  beweist  die  Tatsache,  daß  in
diesem  Sommer  erst  dreitausend  Polen  in  der  polnischen  Legion  standen,
die  übrigen  neuntausend  waren  von  Österreich  eingeschmuggelte  Galizier,
die  nur  hinter  der  Front  verwandt  werden  konnten.  Für  diese  Gesellschaft
habe  ich  natürlich  gedankt.  Das  ist  meine  und  Ludendorffs  wahre  und
einzige  Beziehung  zum  Königreich  Polen.  Die  Oberste  Heeresleitung  wurde
immer  vorgeschoben,  wenn  man  fühlte,  eine  Dummbeit  begangen  zu  haben.
Und  forderten  wir  dann  Richtigstellung  durch  die  Presse,  dann  hieß  es:
Die  O.  H.L.  dürfe  nicht  der  öffentlichen  Kritik  preisgegeben  werden.“

Im  Januar  1918  erklärte  in  einer  öffentlichen  Versammlung  in  Hannover
der  Oberbürgermeister  dieser  Stadt,  der  Stadtdirektor  Tramm,  mit  ausdrücklicher
  Ermächtigung  des  Generalfeldmarschalls,  die  Behauptung,  daß
die  Gründung  des  neuen  polnischen  Staats  auf  Wunsch  der  Obersten
Heeresleitung  und  mit  deren  vollem  Einverständnis  erfolgt  sei,  für  „absolut
unwahr‘“.  Herr  Tramm  führte  weiter  aus:  „Der  politische  Vertrag  über
Polen  ist  zwischen  den  Reichsleitungen  Deutschlands  und  Österreich-Ungarns
  beschlossen  worden,  mehrere  Wochen  bevor  Hindenburg  und
Ludendorff  an  die  Spitze  der  deutschen  Heeresleitung  berufen  wurden.  Sie
haben  nichts  davon  gewußt.  Das  einzige,  was  sie  getan  haben,  ist  folgendes:
In  dem  Vertrag  war  vorgesehen,  daß  die  polnische  Nation  unserer  Armee

ihundertfünfzigt  d  Freiwillige  zuführen  würde,  und  als  sie  ans
Ruder  kamen,  sagten  sie:  ‚Wenn  das  richtig  ist,  dann  können  wir  sie  jetzt
gut  gebrauchen.‘  Man  stand  vor  der  rumänischen  Kriegserklärung,  und  die
Brussilowsche  Offensive  war  im  Gange.  Da  sagten  die  Heerführer:  ‚Habt  ihr
soviel  Truppen  zur  Verfügung,  dann  schafft  sie  uns  auch  heran.‘  Ich  weiß
nicht,  ob  Sie  alle  das  traurige  Resultat  wissen.  Ich  kenne  die  Zahl  auch  nicht
genau,  aber  ich  glaube,  es  sind  noch  keine  zehntausend  Freiwillige  eingestellt.
  Also  an  dieser  Gründung  des  polnischen  Staats  war  die  Oberste
Heeresleitung  durchaus  unbeteiligt.‘“  Mit  Recht  fügte  der  Stadtdirektor
Tramm  hinzu:  Es  könne  gar  nicht  genug  nach  außen  verbreitet  werden,
daß  die  Oberste  Heeresleitung  an  der  Gründung  des  polnischen  Staats
durchaus  unbeteiligt  sei.  Mit  der  Ausstreuung  der  gegenteiligen  Behauptung
  werde  versucht,  an  Stelle  der  Männer,  die  den  Fehler  begangen
hätten,  einen  ganz  schweren  Fehler,  die  populärsten  Männer  und  Helden
unseres  Volkes  in  minderem  Lichte  erscheinen  zu  lassen.  Nicht  scharf  genug
könne  man  sich  gegen  solche  Vorstellungen  wenden,  damit  das  Bild  unserer
beiden  Heerführer  uns  klar  und  rein  erhalten  bleibe.
        <pb n="328" />
        IN  POLNISCHEM  FAHRWASSER  '  249

Richtig  ist,  wie  ich  meinerseits  hinzufügen  will,  daß  der  von  uns  eingesetzte
  Generalgouverneur  in  Warschau,  der  General  von  Beseler,  sich
von  den  Polen  hat  umgarnen  und  einfangen  lassen.  Er  war  polnischer
Doppelzüngigkeit  und  List  nicht  gewachsen.  Aber  auch  Beseler  lenkte
völlig  erst  in  das  polnische  Fahrwasser  ein,  als  er  vom  Reichskanzler
Bethmann  in  jeder  Weise  in  dieser  Richtung  bestärkt  und  ermutigt  wurde.
Beseler  mußte  seinen  Irrtum  erkennen  und,  wie  ich  hoffen  will,  bereuen,  als,
sobald  sich  das  Schlachtenglück  gegen  uns  wandte,  die  Polen,  die  ihn  bis
dahin  umschmeichelt  hatten,  von  heute  auf  morgen  in  das  Lager  der
Entente  übergingen,  mit  der  sie  schon  seit  langem  hinter  unserem  Rücken
Fühlung  genommen  hatten.  Und  wieder  einmal  behielt  Fürst  Bismarck
recht,  der  vom  ersten  bis  zum  letzten  Tage  seiner  politischen  Laufbahn  den
Polen  als  den  unverbesserlichen,  geborenen  und  gefährlichsten  Gegner  des
preußischen  Staats  und  des  Deutschtums  bezeichnet  hatte.

Ich  will  übrigens  einräumen,  daß  der  arme  Bethmann  in  seiner
unsinnigen  Polenpolitik  von  zweien  seiner  Vertrauten,  dem  Geheimrat
Riezler  (alias  Ruedorffer)  und  dem  Dr.  Hans  Delbrück  bestärkt  und
immer  weiter  vorwärts  getrieben  wurde.  Der  Erstgenannte  vertrat  die
Thesis,  daß  der  schlechte  Eindruck,  den  unser  völkerrechtswidriger  Einmarsch
  in  Belgien  in  der  Welt  hervorgerufen  hatte,  durch  die  Wiederaufrichtung
  Polens  „moralisch‘‘  gutgemacht  werden  könnte.  Dr.  Hans
Delbrück  habe  ich  schon  mehrfach  erwähnen  müssen.  Am  besten  hat  ihn
meines  Erachtens  die  arme  Kaiserin  Friedrich  charakterisiert.  Sie  kannte
ihn  wohl,  denn  er  hatte  mehrere  Jahre  als  Erzieher  ihres  jung  verstorbenen
Sohnes,  des  Prinzen  Waldemar,  in  ihrem  Hause  geweilt.  Es  war  bei  einem
Mittagessen  im  Kronprinzenpalais,  zu  dem  auch  ich  eingeladen  war.  Hans
Delbrück,  der  sehr  schlechte  Manieren  hatte,  diskutierte  mit  krähender
Stimme  über  den  Tisch  hinweg  mit  seinem  Gegenüber.  Dabei  stemmte  er
beide  Ellbogen  auf  den  Tisch,  in  der  einen  Hand  hielt  er  sein  Messer,  in  der
anderen  seine  Gabel.  Der  damalige  englische  Botschafter  in  Berlin,  Lord
Ampthill,  ein  kluger,  fein  gebildeter  Mann  mit  den  besten  Formen,  sah
mißbilligend  auf  den  schlecht  erzogenen  Hauslehrer.  Begütigend  sagte  die
Frau  Kronprinzessin  zu  ihm  mit  leiser  Stimme:  „He  is  not  a  bad  man,  but
he  is  awfully  tactless.““  (Er  ist  kein  böser  Mensch,  aber  er  ist  schrecklich
taktlos.)  Gefährlicher  als  die  gesellschaftliche  Taktlosigkeit  des  Dr.  Hans
Delbrück  war  leider  seine  politische  Direktionslosigkeit,  sein  Mangel
an  politischem  Feingefühl,  politischer  Voraussicht  und  an  gesundem
Menschenverstand.

Bescler
        <pb n="329" />
        Reise  nach
der  Schweiz

Friedensabsichten
  des
russischen
Minister-Präsidenten

Stürmer

XIX.  KAPITEL

Winter  1915/1916  in  Luzern  +  Graf  Ledochowski,  General  S.  J.  +  Initiative  des  Kaisers  für

Friedensangebot  der  Zentralmächte,  Verfehltheit  dieses  ungeschickten  Schrittes  -  Letzte

Begegnung  des  Fürsten  Bülow  mit  Wilhelm  II.  ».  Umsichgreifen  des  Defaitismus  in

Deutschland  »  Energie  der  französischen  Regierung  gegenüber  ähnlichen  Erscheinungen

in  Frankreich  «  Pamphlet  des  Fürsten  Lichnowsky  »-  Unterredung  mit  Bethmann  Hollweg
  +  Allgemeine  Wehrpflicht  in  England

m  Dezember  1915  begab  ich  mich  mit  meiner  Frau,  der  von  ärztlicher

Seite  ein  längerer  Aufenthalt  in  reiner  Bergluft  angeraten  worden  war,  nach
der  Schweiz.  Den  einst  von  mir  so  sehr  geliebten  Genfer  See  wollte  ich
wegen  der  fanatischen,  um  nicht  zu  sagen  ridikülen  Franzosen-Schwärmerei
der  Waadtländer  nicht  aufsuchen.  Die  Mehrheit  im  Canton  de  Vaud
rühmte  sich,  noch  antideutscher  zu  scin  und  die  „Boches“  noch  mehr  zu
hassen,  als  dies  selbst  in  Frankreich  der  Fall  wäre:  „Paris  peut  pardonner,
Lausanne  jamais!“  Das  Engadin  war  uns  in  dieser  erusten  Zeit  zu  unruhig
und  zu  weltlich.  Wir  entschieden  uns  für  Luzern,  an  das  mich  Kindheitserinnerungen
  knüpften.  Zweimal  war  ich  mit  meinen  lieben  Eltern  als
kleiner  Junge  dort  gewesen.  Ich  erinnerte  mich  gut  der  alten  Brücke  mit
ihren  Totentänzen,  ihren  Bildern  aus  der  Stadtgeschichte  und  ihren  treuherzigen
  Inschriften.  Ich  erinnerte  mich  an  den  Löwen  von  Thorwaldsen,
den  ich  als  Gesamteindruck  nur  mit  dem  Hamburger  Bismarckdenkmal
vergleichen  kann.  In  der  gut  gewählten  Umgebung,  an  dunkler  Felsenwand
über  dem  kleinen  Weiher  ist  der  sterbende  Löwe,  der  mit  seiner  Tatze  die
Lilie  deckt,  eine  schöne  Verherrlichung  soldatischer  Treue  bis  in  den  Tod,
Noch  immer  befuhr  den  See  der  alte  „Vierwaldstätter“,  der  Raddampfer,
den  ich  schon  sechzig  Jahre  früher  erblickt  hatte.

Ich  enthielt  mich  während  unseres  Aufenthaltes  in  Luzern  jeder  politischen
  Betätigung.  Die  Sorgen,  denen  sich  Bethmann  aus  angeborener
Ängstlichkeit  und  auch  weil  er  mir  gegenüber  kein  reines  Gewissen  hatte,
hingab,  waren  unbegründet.  Aber  ich  verfolgte  den  Gang  der  Ereignisse  mit
Aufmerksamkeit  in  der  großen  europäischen  Presse.  Ich  las,  um  mich  über
die  Stimmung  in  England  und  in  Frankreich  zu  orientieren,  die  „Times“
und  den  „Temps“.  Gern  sahen  meine  Frau  und  ich  die  Herren  der  deutschen
Gesandtschaft  in  Bern  sowie  meinen  alten  Freund,  den  früheren  Unter-
        <pb n="330" />
        EINE  FRIEDENSMÖGLICHKEIT  VON  1916  251

staatssckretär  im  Auswärtigen  Amt  und  späteren  Gesandten  beim  Päpstlichen
  Stuhl,  Herrn  von  Mühlberg,  der  aus  Lugano,  wo  er  sich  niedergelassen
  hatte,  öfter  zum  Besuch  zu  uns  nach  Luzern  kam.  Auch  sonst
erfuhr  man  in  diesem  neutralen  Lande,  in  dem  Stimmungsberichte  und
Informationen  aus  allen  Ländern  zusammenliefen,  manches  von  Interesse.  So
erbielt  ich  auf  vertraulichem  Wege  Nachricht  über  die  Auffassung  und  das
Urteil  des  Grafen  Ledochowski,  des  Generals  der  Gesellschaft  Jesu,  der
sich  nach  Ausbruch  des  Krieges  mit  der  Zentralleitung  seines  Ordens  in
Zizers  bei  Chur  etabliert  hatte.  Als  im  Februar  1916  der  Zar  einen  ausgesprochenen
  Konservativen,  das  Reichsratsmitglied  Stürmer,  zum
Ministerpräsidenten  ernannte,  sagte  Graf  Ledochowski  zu  einem  meiner
Schweizer  Bekannten:  .,  Jetzt  scheint  mir  eine  Friedensmöglichkeit  gegeben.
Ich  höre,  daß  Kaiser  Nikolaus  dringend  den  Frieden  wünscht,  natürlich
nicht  aus  Liebe  für  die  Zentralmächte,  sondern  weil  er  bei  weiterer  Fortsetzung
  des  Krieges  für  seinen  Thron,  sogar  für  sein  Leben  fürchtet.
Stürmer,  der  trotz  seines  deutsch  klingenden  Namens  ein  Vollblutrusse  ist,
teilt  die  Ansicht  seines  Souveräns.  Auch  Stürmer  ist  überzeugt,  daß,  wenn
der  Krieg  fortdauert,  der  Sturz  des  Hauses  Romanow  sicher  ist.“  Graf
Ledachowski  schloß:  „Jetzt  kommt  alles  darauf  an,  daß  von  Berlin  und
natürlich  auch  von  Wien  diese  große  Chance  schnell  und  geschickt  benutzt
wird.“  Über  die  Auffassung  des  Grafen  Ledochowski,  dessen  Informationen
in  Berlin  verständigerweise  sehr  hoch  hätten  bewertet  werden  müssen,  war
Herr  von  Bethmann  Hollweg  eingehend  unterrichtet  worden.  Das  war  im
Februar  1916.  Zwei  Monate  später,  als  der  neue  russische  Ministerpräsident
sich  kaum  im  Sattel  zurechtgesetzt  hatte,  hielt  Bethmann  mit  dem  Eigensinn
  des  unbelehrbaren  Doktrinärs  am  5.  April  eine  Rede,  in  der  er  ausführte:
  „Das  Polen,  das  der  russische  Tschinownik,  noch  rasch  Bestechungsgelder
  erpressend,  das  der  russische  Kosak  brennend  und
raubend  verlassen  hat,  das  alte  von  den  Russen  unterjochte  Polen  ist  ein
überwundener  Standpunkt.  Den  Status  quo  ante  kennt  nach  so  ungeheuren
Geschehnissen  die  Geschichte  nicht.  Selbst  die  Russen  werden  anerkennen
müssen,  daß  die  Welt  sich  die  Rückkehr  des  Tschinownik  an  den  Platz.  wo
inzwischen  ein  Deutscher,  ein  Österreicher,  ein  Pole  redlich  für  das
unglückliche  Polen  gearbeitet  haben,  nicht  vorstellen  kann.  Niemals  wird
Deutschland  die  von  ihm  befreiten  Völker  zwischen  der  baltischen  See  und
den  wolhynischen  Sümpfen  wieder  dem  reaktionären  russischen  Regiment
ausliefern,  möge  es  sich  nun  um  Polen,  Balten,  Litauer  oder  Letten  handeln.“

Auf  diesen  Fußtritt  für  Stürmer  und  dessen  unglücklichen  Monarchen
folgte  ein  halbes  Jahr  später  am  5.  November  1916  die  gemeinsame  Erklärung
  Deutschlands  und  Österreich-Ungarns  über  die  Errichtung  eines
selbständigen  Reiches  Polen.  Vierzehn  Tage  später  mußte  gegenüber  der
        <pb n="331" />
        252  EIN  FUSSTRITT

durch  dieses  Vorgehen  nicht  nur  in  der  Duma,  sondern  in  ganz  Rußland
hervorgerufenen  Erbitterung  Kaiser  Nikolaus  den  Ministerpräsidenten
Stürmer  entlassen.  Gegenüber  einem  ihm  nahestehenden,  zum  Frieden  geneigten
  Russen  äußerte,  wie  ich  von  zuverlässiger  Seite  hörte,  damals
Nikolaus  II.:  „Apr&amp;amp;s  ce  coup  de  pied  de  Guillaume  la  paix  devient
impossible.‘“  Nachfolger  des  friedlich  gesinnten  Stürmer  wurde  ein  Anhänger
  der  Kriegspartei,  der  General  Trepow.  Als  der  kluge  Graf  Ledochowski
  von  dieserWendung  erfuhr,  meinte  er:  „In  Berlin  hat  man  entweder
die  Nerven  oder  den  Kopf  oder  vielleicht  auch  beide  gleichzeitig  verloren.“
Ein  nicht  zu  hartes  Urteil.  Talleyrand  charakterisierte  bekanntlich  die
durch  Napoleon  verfügte  Erschießung  des  Herzogs  von  Enghien  mit  den
Worten:  „C’est  pire  qu’un  crime,  c’est  une  faute.““  Die  Wiedererrichtung
Polens,  noch  dazu  in  dem  Augenblick,  wo  die  Möglichkeit  vorhanden  war,
mit  Rußland  zu  einem  verständigen  Frieden  zu  kommen,  war  einerseits
eine  namenlose  Dummtbeit,  andererseits  ein  Verbrechen  am  Vaterland.  Von
verschiedenen  Seiten  ist  mir  später  bestätigt  worden,  daß  der  Zar  und  sein
Ministerpräsident  Stürmer  während  der  Amtszeit  des  letzteren  aufrichtig
und  ehrlich  den  Frieden  angestrebt  hätten.
Acht  Jahre  später  hatte  ich  in  Rom  den  Vorzug,  die  persönliche  Be-Graf
  kanntschaft  des  Grafen  Ledochowski  zu  machen.  Er  bewohnte  in  der
Ledochowski  Vja  San  Nicola  di  Tolentino  den  dritten  Stock  eines  einfachen,  nüchternen
Hauses,  sehr  verschieden  von  den  prächtigen  Kirchen  und  Palästen,  von
den  malerischen  Klöstern  des  übrigen  kirchlichen  Roms.  Ein  langer
Korridor  führte  zum  Appartement  des  Leiters  der  S.  J.  An  den  Wänden
des  Korridors  Bilder  seiner  Amtsvorgänger,  darunter  manch  interessanter
Kopf.  Auch  die  Vikare,  die  die  Restbestände  des  Ordens  von  der  Aufhebung
  1773  bis  zur  Wiedererrichtung  1814  durch  die  Fährlichkeiten  der
Zeiten  hindurchgesteuert  hatten,  befanden  sich  dabei.  Ein  dienender
Bruder,  der  sich  als  Oberpfälzer  zu  erkennen  gab  und  seinen  Dialekt  noch
nicht  verlernt  zu  haben  schien,  führte  mich  in  den  schmucklosen  Raum,  in
dem  Graf  Ledochowski  mich  empfing.  Nur  eine  Madonna  und  einige  Papstbilder
  unterbrachen  die  Einförmigkeit  seines  Zimmers.  Der  General  ist  ein
Mann  von  mittlerer  Größe,  mit  ungewöhnlich  klugen  Augen,  mit  den  Zügen
und  der  durchgearbeiteten  Stirn  eines  Gelehrten,  aber  mit  den  sicheren
Allüren  eines  geborenen  Aristokraten.  Er  sprach  sich  über  die  Weltlage  in
ruhigen  und  abgewogenen  Worten  aus,  mit  Offenheit,  ohne  Versteckspiel
und  Finasserien.  Er  schien  über  die  Verhältnisse  aller  Länder  wie  über  die
treibenden  Kräfte  innerhalb  der  Völker  ausgezeichnet  orientiert.  Seine
Worte  verrieten  Scharfblick  und  persönliches  Urteil.  Unter  seinen  Ausführungen
  frappierte  mich  die  Bemerkung,  daß  im  letzten  Ende  die  Ideen
immer  stärker  seien  als  alle  materiellen  Kräfte.  Die  Gewalt  finde  bald  ihre
        <pb n="332" />
        EIN  KAISERLICHES  HANDSCHREIBEN  253

Grenze.  Ideen  setzten  sich  schließlich  durch.  Das  gelte  auch  von  verderblichen
  und  irrigen  Ideen  wie  der  marxistischen.  Ich  stand  unter  dem
Eindruck,  einen  Mann  von  großen  Horizonten  vor  mir  zu  haben.  Und  ich
begriff,  warum  noch  jeder  Jesuitengeneral  auf  den  Purpur  verzichtet  hat.
Diese  Stellung  ist  interessanter,  umfassender  und  einflußreicher  als  die  der
meisten  römischen  Kardinäle.

Die  Errichtung  eines  selbständigen  Polenreichs,  die  überdies  gerade  in
diesem  Moment  die  Zerstörung  der  Aussicht  auf  einen  Sonderfrieden  mit
Rußland  bedeutete,  hat  sich  bald  genug  als  ein  fürchterlicher  Fehler  herausgestellt.
  Ich  kann  ohne  Übertreibung  sagen:  wohl  als  der  größte  politische
Fehler,  den  je  ein  deutscher  Minister,  den  irgendein  leitender  Staatsmann
begangen  hat.  Unser  Friedensangebot  vom  12.  Dezember  1916  war  inopportun
  und  ungeschickt.  Das  Handschreiben  Kaiser  Wilhelms  II.  an
Bethmann  vom  31.  Oktober  1916,  mit  dem  er  den  Frieden  herbeizuführen
hoffte,  war  nicht  schlecht  gemeint,  aber  zu  sentimental,  zu  naiv,  beinahe
kindisch.  Das  Kindische  ist  aber  in  der  Politik  selten  wie  im  „Don  Carlos“
des  Dichters  „göttlich  schön“.  Das  Handschreiben  des  Deutschen  Kaisers
klang  auch,  wie  so  manche  Kundgebung  Wilhelms  II.,  zu  eitel.  „Zu  einer
solchen  Tat  gehört  ein  Herrscher,  der  ein  Gewissen  hat  und  sich  Gott
verantwortlich  fühlt  und  ein  Herz  für  seine  und  die  feindlichen  Menschen,
der  unbekümmert  um  Mißdeutungen  den  Willen  hat,  die  Welt  von  ihren
Leiden  zu  befreien.  Ich  habe  den  Mut  dazu!  Ich  will  es  auf  Gott  wagen!
Legen  Sie  mir  schnell  die  Noten  vor  und  machen  Sie  alles  bereit.‘‘  Das  war
nicht  staatsmännisch.  Die  Freude,  die  dieses  kaiserliche  Handschreiben
und  das  am  12.  Dezember  1916  erfolgte  Friedensangebot  der  Mittelmächte
  in  Deutschland  hervorriefen,  die  Harmlosigkeit,  mit  der  selbst  in
Berlin  weitere  Kreise  das  Ende  des  Krieges  gekommen  wähnten,  zeigte
einerseits  unseren  Gegnern,  daß  in  dem  bisher  für  entschlossen,  für  hart
und  unbeugsam  geltenden  Deutschland  die  Kriegsmüdigkeit  und  damit  die
innere  Auflösung  schon  weiter  fortgeschritten  war,  als  sie  bis  dahin  angenommen
  hatten;  andererseits  war  eine  öffentliche,  wehleidige  und  melodramatische
  Kundgebung  nicht  der  Weg,  zu  einer  Verständigung  mit
kalten,  kühlen  und  entschlossenen  Feinden  zu  gelangen.

Ich  habe  schon  erwähnt,  daß  ich  seit  meiner  Entsendung  nach  Rom  im
Dezember  1914  nur  einmal  die  Ehre  gehabt  hatte,  von  Kaiser  Wilhelm
empfangen  zu  werden.  Es  war  im  Spätherbst  1916,  daß  ich  die  Aufforderung
erhielt,  den  Abend  im  Neuen  Palais  in  Potsdam  zu  verbringen.  Ich  hatte
mich  jedesmal,  wenn  ich  nach  Berlin  kam,  in  der  üblichen  Weise  bei  Seiner
Majestät  gemeldet,  wurde  aber  regelmäßig  dahin  beschieden,  daß  wichtige
Geschäfte  den  Kaiser  zu  seinem  Bedauern  verhinderten,  mich  zu  schen.
Gleichzeitig  mußte  ich  besorgten  Äußerungen  von  Freunden  aus  der

Das  Friedensangebot
  der
Mitelmächte

Bülow  im
Neuen  Palais
        <pb n="333" />
        254  DER  KHEDIVE  VON  BELGIEN

Umgebung  des  hohen  Herrn  entnehmen,  daß  er  auch  in  der  Kriegszeit  sein
gewohntes  Leben  fortsetze,  wenig  arbeite,  sich  nach  Möglichkeit  zerstreue
und  nur  zu  viel  Allotria  triebe.  Bei  jener  einzigen  Einladung,  die  während
der  letzten  vier  Kriegsjahre  an  mich  erging,  fand  ich  den  Kaiser  allein,  ohne
die  Kaiserin  und  ohne  irgendeinen  Herrn  der  Allerbhöchsten  Umgebung.
Außer  mir  war  noch  der  Generalgouverneur  von  Belgien,  der  General  der
Kavallerie  Freiherr  von  Bissing,  eingeladen.  Der  Kaiser  war  in  guter
Stimmung.  Ich  hatte  den  Eindruck,  daß  er  mir  gegenüber  vor  allem  den
starken  Mann  spielen  wullte.  Nachdem  er,  wie  ich  vorgreifend  schon  erzählt
habe,  der  Überzeugung  Ausdruck  gegeben  hatte,  dal  das  Volk  vom
Parlamentarismus  nichts  wissen  wolle,  den  Reichstag  „bis  an  den  Hals“
hätte  und  am  liebsten  von  stellvertretenden  Kommaudierenden  Generälen
regiert  würde,  kam  der  hohe  Herr,  angeregt  durch  die  Anwesenheit  von
Bissing,  auf  seine  Stellung  zur  belgischen  Frage  zu  sprechen.  Er  entwickelte
dem  General  von  Bissing,  der  für  einen  Anhänger  der  Annexion  von  Belgien
galt  und  dies  wohl  auch  war,  daß  er  den  König  von  Belgien  nicht  zu  entthrunen
  beabsichtige.  Er  sei  vor  allem  Legitimist.  Er  bedaure,  daß  sein
Großvater  unter  dem  Einfluß  des  bösen  alten  Bismarck  1866  die  legitimen
Herrscher  von  Hannover,  Kurhessen  und  Nassau  entthront  habe.  Ein
Monarch  von  Gottes  Gnaden  dürfe  eigentlich  nie  abgesetzt  werden.  Als
Bissing  und  ich  den  Kaiser  erstaunt  ansahen,  der  sich  in  Hannover  seit
Jahrzehnten  gauz  als  Herrscher  fühlte  und  Wiesbaden  und  Wilhelmshöhe
mit  Vorliebe  besuchte,  meinte  Seine  Majestät:  „Was  geschehen  ist,  ist  geschehen.
  In  Hannover,  Hessen  und  Nassau  bleibt  alles  beim  alten.  Aber
Albert  soll  in  Belgien  bleiben,  denn  auch  er  ist  ein  Herrscher  von  Gottes
Gnaden.  Natürlich  wird  er  nach  meiner  Pfeife  tanzen  müssen.  Ich  denke
mir  sein  künftiges  Verhältnis  zu  mir  etwa  so  wie  das  VerhültnisdesKhedive
von  Ägypten  zum  König  von  England.“  Das  war  die  letzte  politische
Äußerung,  die  ich  in  meinem  Leben  von  Kaiser  Wilhelm  II.  gehört  habe.
Dann  lenkte  der  Kaiser  die  Unterredung  auf  die  angenehmen  Eindrücke,
die  er  im  Schloß  Pleß,  der  prächtigen  Residenz  des  Fürsten  Hans  Heinrich
Pleß,  empfangen  hätte.  Der  Fürst  habe  alle  Waschtische  seines  Schlosses
mit  deliziösen  Fransen  umsäumt,  die  er,  der  Kaiser,  auf  seinen  vielen
Schlössern  auch  einführen  wolle.  Bissing  und  ich  wurden  verhältnismäßig
früh  entlassen.

Wir  hatten  etwa  eine  Stunde,  von  neun  bis  zehn  Uhr,  im  Neuen  Palais,
der  herrlichen  Schöpfung  des  großen  Königs,  wohl  dem  schönsten  aller
preußischen  Schlösser,  geweilt.  Hier  war  es,  wo  ich  Kaiser  Wilhelm  II.  zum
letztenmal  sah,  mit  dem  ich  im  Guten  wie  im  weniger  Guten  so  manches
durchgemacht  habe.  Zum  erstenmal  hatte  ich  den  Kaiser  in  demselben  Neuen
Palais,  in  demselben  Saal,  einundvierzig  Jahre  früher  gesehen.  Er  war
        <pb n="334" />
        FEHLER  255

damals  der  sechzehnjährige  Prinz  Wilhelm,  ich  der  sechsundzwanzigjährige
Attache  von  Bülow.  Ich  war  mit  meinen  Eltern  zum  Abendessen  ins  Neue
Palais  befohlen.  Wie  deutlich  sehe  ich  die  herrliche  Gestalt,  die  ritterliche
und  freundliche  Haltung,  das  gütige  Auge  des  späteren  Kaisers  Friedrich
vor  mir!  Als  ob  es  gestern  gewesen  wäre,  klingt  die  lebhafte,  geistvolle
Konversation  der  Kronprinzessin  Viktoria  an  mein  Ohr.  Ich  höre  den
Prinzen  Wilhelm,  der  mit  lauter,  vielleicht  zu  lauter  Stimme  und  in  etwas
vorlauter  Weise  den  Anwesenden  einen  Vortrag  über  die  beiden  deutschen
Großschiffahrtslinien,  den  Bremer  Lloyd  und  die  Hamburger  Paketfahrt-Aktien-Gesellschaft,
  hielt.  Das  Interesse  für  Seefahrt,  Seeschiffe  und  Seemacht
  war  echt  in  ihm,  war  ihm  angeboren,  war  vielleicht  der  stärkste  Trieb
in  ihm.  Welch  lange  Spanne  Zeit,  wieviel  Ereignisse  lagen  zwischen  meinem
ersten  und  meinem  letzten  Zusammentreffen  mit  Wilhelm  I1.!

Unter  den  Deutschen,  denen  ich  in  Luzern  begegnete,  war  mir
der  bayrische  General  Graf  Max  Montgelas  eine  interessante  Erscheinung.
  Aus  dem  Generalstab  hervorgegangen,  in  dem  er  bis  kurz  vor
dem  Ausbruch  des  Weltkrieges  in  der  Operationsabteilung  tätig  gewesen
war,  hatte  er  im  Kriege  eine  Division  geführt,  und  tapfer  geführt.  Sein
persönlicher  Mut  war  ebenso  zweifellos  wie  sein  Patriotismus,  daher  setzte
es  mich  in  Erstaunen,  als  er  mich  frug,  ob  ich  ihm  einen  Vorwurf  daraus
mache,  daß  er  an  den  letzten  Vorbereitungen  für  den  völkerrechtswidrigen
Einmarsch  in  Belgien  teilgenommen  habe.  Ich  erwiderte  ilım  natürlich,  daß,
wie  man  auch  über  die  politische  Seite  dieser  Aktion  denken  möge,  der
Soldat  lediglich  der  Fahne  zu  folgen  habe.  Noch  mehr  als  für  jeden  anderen
gelte  für  den  Offizier  das  Wort:  „Right  or  wrong,  my  country!“  Montgelas
hatte  auch  Bedenken  gegen  die  Anwendung  giftiger  Gase  und  gegen
Zeppelinangriffe.  Ich  verhehlte  Graf  Montgelas  nicht,  daß  ich  die  Erschießung
  von  Miß  Edith  Cavell  ebenso  wie  die  des  Kapitäns  Fryatt  für
Akte  hielte,  deren  Nutzen  in  keinem  Verhältnis  zu  dem  dadurch  angerichteten
  Schaden  stünde,  also  für  Fehler.  Ich  gab  überhaupt  der
Meinung  Ausdruck,  daß  die  Frightfulneß  als  Prinzip  der  Kriegführung
große  Bedenken  habe.  Es  sei  aber  Sache  und  Pflicht  der  obersten  politischen
Leitung,  Fehlern  der  militärischen  Instanzen  entgegenzutreten.  Der  Reichskanzler
  habe  zu  leiten,  nicht  nur  zu  leiden,  er  müsse  führen,  nicht  sich  beiseiteschieben
  lassen.  Die  Militärs  hätten  zu  kämpfen.  Wenn  ich  richtig
beobachtet  habe,  so  hat  der  General  Graf  Montgelas  im  Laufe  des  Krieges
mehr  und  mehr  die  anfängliche  Blässe  des  Gedankens  überwunden  und  in
seiner  Polemik  gegen  Kautsky  den  nationalen  und  patriotischen  Standpunkt
würdig  und  mutig  vertreten,

Es  ist  betrübend,  feststellen  zu  müssen,  daß  sich  in  Deutschland,  und
nurin  Deutschland,  eine  Anzahl  von  Leuten  fand,  die  dem  eigenen  Volke

Graf  Max
Montgelas
        <pb n="335" />
        Fürst
Lichnowsky

256  EINE  AUSSCHLIESSUNG

während  seines  Kampfes  auf  Leben  und  Tod  feige  und  verräterisch  in
den  Rücken  fielen.  Unter  diesen  stand  in  erster  Linie  Grelling  mit
seinem  von  der  Entente  in  Hunderttausenden  von  Exemplaren  im  feindlichen
  und  neutralen  Ausland  und  tunlichst  auch  in  Deutschland  verbreiteten
  Buch  ‚J’accuse“.

Es  wäre  sehr  ungerecht,  die  Broschüre  des  Fürsten  Lichnowsky
„Meine  Londoner  Mission“  in  einen  Topf  mit  derartigen  Pamphleten
zu  werfen.  Er  hat  nicht  gewollt,  daß  sie  in  die  Öffentlichkeit  gelangen
  solle.  Er  hätte  aber  eine  solche  Schrift  niemals  verfassen  dürfen,
die,  von  ihrer  Gesinnung  ganz  abgesehen,  inhaltlich  ohne  Wert  war.
Als  das  Herrenhaus  über  die  Ausschließung  des  Fürsten  Lichnowsky
debattierte,  wurden  ernste  und  gewichtige  Vorwürfe  gegen  ihn  erhoben.
Es  wurde  aber  zu  seiner  Entschuldigung  auch  manches  gesagt,  was  sich
hören  ließ.  Am  durchschlagendsten  wirkte  in  letzterer  Richtung,  daß  der
inzwischen  verstorbene  Fürst  Alexander  Münster,  der  Sohn  unseres  vieljährigen
  Botschafters  in  London  und  Paris,  statt  jeder  Apologie  die
Eingangssätze  der  Lichnowskyschen  Broschüre  vorlas.  Sie  fing  ungefähr  so
an:  Zu  den  Fehlern  des  Fürsten  Bismarck  in  seiner  auswärtigen  Politik
gehöre  auch  der  Berliner  Kongreß,  ohne  den  es  keinen  Weltkrieg  gegeben
hätte.  Den  Baron  Marschall  nach  London  als  Botschafter  zu  schicken,  sei
kein  glücklicher  Einfall  des  Berliner  Auswärtigen  Amts  gewesen,  eine  gute

.  Idee  dagegen  der  Gedanke  des  Kaisers,  ihn,  den  Fürsten  Lichnowsky,  auf

Die  Ansprüche
der  Parteien

diesen  wichtigsten  Posten  zu  setzen.  Als  Fürst  Alexander  Münster  mit  dem
Vorlesen  des  Lichnowskyschen  Buches  so  weit  gekommen  war,  wurde  er
durch  allgemeines  Gelächter  unterbrochen,  und  als  er  mit  den  Worten
schloß,  das  Haus  werde  hoffentlich  nicht  so  grausam  sein,  eine  infamierende
Strafe  über  ein  Herrenhausmitglied  zu  verhängen,  dessen  politische  Harmlosigkeit
  so  klar  auf  der  Hand  liege,  beschloß  eine  größere  Anzahl  würdiger
Männer,  unter  denen  auch  ich  mich  befand,  eine  weiße  Kugel  in  die  Abstimmungsurne
  zu  werfen.  Die  Mehrheit  hat  sich  allerdings  schließlich  doch
für  die  Ausstoßung  des  armen  Lichnowsky  entschieden,  dem  infolgedessen
auch  das  Recht  zum  Tragen  seiner  preußischen  Militäruniform  entzogen
wurde.

Es  war  vorauszusehen,  daß  in  Deutschland,  einem  Lande,  das  seit  jeher
die  Neigung  hatte,  den  Teil  über  das  Ganze,  den  Fraktionsstandpunkt  über
das  allgemeine  Wohl  zu  stellen,  der  Krieg,  und  noch  dazu  ein  so  schwerer
und  lange  dauernder  Krieg,  die  Ansprüche  der  Parteien  steigern  würde.
Dem  war  nur  dadurch  zu  begegnen,  daß  alle  mit  der  Salus  publica  vereinbarten
  Zugeständnisse  sofort  erfolgten,  daß  Angehörige  aller  Parteien,  auch
Freisinnige  und  Klerikale,  auch  Sozialisten  in  leitende  Stellungen  berufen
wurden,  daß  aber  von  da  ab  mit  fester  Hand  regiert  wurde.  Ich  hätte  es  ganz
        <pb n="336" />
        Reichskanzler  Theobald  v.  Bethmann  Hollweg

im  Gespräch  mit  dem  Vizekanzler  Dr.  Karl  Nelfferich.  Dahinter  der
Staatssekretär  des  Äußern  Gottlieb  von  Jagew
        <pb n="337" />
        <pb n="338" />
        DIE  NEUORIENTIERUNG  IM  INNERN  257

in  der  Ordnung  gefunden,  wenn  am  4.  August  1914  alle  Ausnahmegesetze,
also  insbesondere  das  Jesuitengesetz  und  das  Enteignungsgesetz,  aufgehoben
worden  wären.  Eine  derartige  Neuorientierung  unserer  inneren
Politik  wäre  die  natürliche  Folge  und  die  beste  Illustrierung  des  schönen
Kaiserwortes  gewesen,  daß  das  Oberhaupt  des  Reichs,  der  Führer  der
Nation,  keine  Parteien  mehr  kenne.  Gleichzeitig  aber  mußte,  wie  dies  in
Frankreich  und  in  England  geschah,  allen  Bestrebungen,  den  kriegerischen
Geist  und  den  Verteidigungswillen  der  Nation  zu  zersetzen,  den  Umsturz
im  Innern  vorzubereiten,  mit  großer  Wachsamkeit  und  nötigenfalls  mit
unbeugsamer  Energie  entgegengetreten  werden.  Es  mußte  ein  scharfer
Strich  gezogen  werden  zwischen  patriotischen  Sozialisten,  deren  es  eine
große  Anzahl  gab,  und  denjenigen  Sozialdemokraten,  die  nur  von  dem
Wunsch  erfüllt  waren,  aus  dem  Weltkrieg  Nutzen  für  ihre  selbstsüchtigen
Partei-Bestrebungen  zu  ziehen.  Während  Wolfgang  Heine,  Südekum,  David,
Noske  und  manche  andere  treffliche  und  tüchtige  Sozialisten  sich  rückhaltlos
  in  den  Dienst  des  Vaterlandes  stellten  und  die  große  Mehrheit  der
deutschen  Arbeiter  mit  deutscher  Treue  und  Tapferkeit  der  deutschen  Fahne
folgte,  zeigte  sich  bald  genug,  daß  es  unter  den  deutschen  Sozialdemokraten,
und  nur  unter  diesen,  nicht  unter  französischen,  englischen,  italienischen
oder  belgischen  Sozialisten,  Vaterlandsverräter  gab.  Karl  Liebknecht
stimmte  als  einziger  Reichstagsabgeordneter  am  2.  Dezember  1914  gegen
die  Kriegskredite.  Das  war  damals  der  isolierte  Fall  eines  Fanatikers.
Aber  nicht  lange  danach  äußerte  der  Vorsitzende  der  Sozialdemokratischen
Partei,  der  Abgeordnete  Haase:  „Wir  werden  die  Armee  untergraben,
um  die  Weltrevolution  in  Gang  zu  bringen.“  Es  ist  Haase  und  seinen
Mitschuldigen  leider  gelungen,  bei  einzelnen  Truppenteilen  und  auch
bei  einem  Teil  der  Marine  die  Disziplin  zu  untergraben.  Die  Weltrevolution
  haben  diese  Nichtswürdigen  nicht  herbeizuführen  vermocht,
sondern  schließlich  nur  ihr  eigenes  Land  vor  die  Füße  französischer
Generäle  und  englischer  Admiräle  geworfen.  Im  Februar  1915  erklärte  der
sozialdemokratische  Abgeordnete  Stroebel,  Redakteur  des  „Vorwärts“,  jm
Preußischen  Abgeordnetenhause:  „Ich  bekenne  ganz  offen,  daß  ein  voller
Sieg  des  Deutschen  Reiches  dem  Interesse  der  Sozialdemokraten  nicht
entsprechen  würde.‘  Nie  hat  im  Laufe  des  ganzen  Weltkrieges  ein  französischer,
  ein  englischer,  ein  italienischer,  ein  belgischer  Sozialist  ein
solches  Bekenntnis  abgelegt,  dessen  Niedertracht  nur  von  seiner  Stupidität
übertroffen  wurde.  Die  Erklärungen  von  Haase  und  Stroebel  erfolgten  in
derselben  Zeit,  wo  in  Frankreich,  Belgien,  Italien  und  England  die  Demokratie
  mit  Einschluß  ihres  äußersten  linken  Flügels  alle  Parteiwünsche
und  Ansprüche  zurückstellte,  da  es  für  sie  nur  noch  ein  einziges  Ziel  gab:
der  volle  Sieg  des  eigenen  Landes.

17  Bülow  III
        <pb n="339" />
        Hunger-  und
Friedensdemonstra-



Das
allgemeine
Wahlrecht
in  Preußen

258  LIEBKNECHT

Am  20.  März  1915  hatten  im  Reichstag  schon  zwei  Abgeordnete,  außer
Liebknecht  der  dem  Kommunismus  nahestehende  Sachse  Otto  Rühle,  ein
kaum  dreißigjähriger  Schriftsteller,  gegen  die  zweiten  Kriegskredite
gestimmt.  Im  Januar  1916  beschloß  die  damals  noch  gut  gesinnte  Mehrheit
der  sozialistischen  Partei,  den  Abgeordneten  Liebknecht  aus  der  sozialdemokratischen
  Fraktion  auszuschließen.  Er  rächte  sich  durch  die  heimliche
Herausgabe  der  „Spartakusbriefe“,  in  denen  er  gemeinsam  mit  der  russischen
Nihilistin  Rosa  Luxemburg  für  die  kommunistischen  Bestrebungen  Propaganda
  machte.  Im  Frühjahr  veranstaltete  Liebknecht  auf  dem  Potsdamer
Platz  in  Berlin  eine  revolutionäre  Kundgebung  mit  der  Parole:  „Nieder
mit  dem  Krieg!  Nieder  mit  der  Regierung!“  Er  wurde  zu  zweieinhalbjähriger
Zuchthausstrafe  verurteilt.  Aber  seine  Anhänger  veranstalteten  weiter  in
Berlin  und  in  anderen  deutschen  Städten  Hunger-  und  Friedensdemonstrationen.
  Es  wurde  offen  ausgesprochen,  daß  die  Revolution
ausbrechen  solle,  sobald  die  Lage  an  der  Front  bedrohlich  würde.  Darauf,
daß  sie  baldmöglichst  bedrohlich  werde,  wurde  durch  Agitation  bei  den
Ersatztruppen,  in  den  Lazaretten  und  Genesungsheimen,  auf  der  Straße
und  von  Mund  zu  Mund  kräftig  hingearbeitet.  Von  seiten  der  Regierung
geschah  dagegen  nichts.  Herr  von  Bethmann  Hollweg  war  nur  damit  beschäftigt,
  sich  gegen  die  Broschüren  zu  verteidigen,  die  der  Generallandschaftsdirektor
  Kapp  und  einige  andere  bedeutungslose  Alldeutsche
gegen  ihn  geschrieben  und  die  den  empfindlichen  Mann  völlig  aus
dem  Häuschen  gebracht  hatten.  Er  hielt  im  Parlament  gegen  die  „Piraten
der  öffentlichen  Meinung“,  wie  er  sie  nannte  (der  Ausdruck  war  ihm  von
Riezler-Ruedorffer  souflliert  worden,  der  sich  nicht  wenig  darauf  einbildete),
  die  kräftigste  Rede,  die  er  je  gehalten  hat,  die  einzige,  die  von  einem
gewissen  Schwung,  fast  von  Leidenschaft  erfüllt  war.  „Bethmann  gehört
offenbar  zu  den  Ministern‘“,  sagte  mir  damals  ein  liberaler  Abgeordneter,
„die  nur  dann  vom  Leder  ziehen,  wenn  die  eigene  werte  Haut  geritzt  wird.“
Niemals  hatte  sich  Bethmann  zu  einer  so  energischen  Sprache  gegen  unsere
ausländischen  Feinde,  geschweige  denn  gegen  die  Umsturzbestrebungen
im  Innern  aufgeraflt.

Zu  den  Zugeständnissen,  die  unbedingt  sofort  nach  Ausbruch  des  Krieges
gemacht  werden  mußten,  gehörte  vor  allem  die  seit  langem  notwendig
gewordene,  aber  von  Bethmann  seit  meinem  Rücktritt  immer  vertagte
Reform  des  preußischen  Wahlrechts.  Im  letzten  Jahr  meiner  Amtsführung
wäre  eine  verständige  Umbildung  des  Preußischen  Landtags  mit  Unterstützung
  nicht  nur  der  Nationalliberalen,  sondern  auch  der  Freisinnigen
durchaus  möglich  gewesen.  Nach  Kriegsausbruch  hätte  sofort  die  allgemeine,
geheime  Wahl  der  preußischen  Abgeordneten  zugestanden  werden  müssen,
vielleicht  mit  einigen  Korrekturen  hinsichtlich  des  Alters  für  die  aktive  und
        <pb n="340" />
        DIE  RATGEBERIN  ANGST  259

passive  Wahlberechtigung  und  der  Bestimmungen  über  die  erforderliche
Länge  des  Aufenthaltes  am  selben  Wohnsitz  für  den  Wähler.  Bethmann
rührte  aber  in  der  Frage  des  preußischen  Wahlrechts  auch  während  der
ersten  drei  Kriegsjahre  keinen  Finger.  Erst  als  ihm  im  Frühjahr  1917  das
Wasser  bis  zur  Kehle  stieg,  erlebte  die  Welt  das  Schauspiel,  daß  derselbe
Staatsmann,  der  seine  Tätigkeit  als  preußischer  Ministerpräsident  mit  einer
pathetischen  Philippika  gegen  die  „Verschleppung  Preußens  in  das  Lager
des  Parlamentarismus‘  und  gegen  eine  bescheidene  Ausdehnung  des
Wahlrechts  begonnen  hatte,  von  heut  auf  morgen  das  geheime  und  unmittelbare
  Wahlrecht  für  das  preußische  Abgeordnetenhaus  durch  eine  feierliche
„Osterbotschaft‘‘  des  Königs  dem  erstaunten  Lande  ankündigte.  Wie  so
mancher  andere  Entschluß  Bethmanns  war  auch  dieser  hervorgegangen
aus  Angst,  die  nun  einmal  politisch  die  allerschlechteste  Ratgeberin  ist.
Bethmann  sah  in  plötzlicher  Nachgiebigkeit  und  völligem  Zurückweichen
das  einzige  Mittel,  die  Sozialdemokraten  noch  einige  Zeit  bei  der  Stange  zu
halten.  Er  erreichte  aber  damit  nur,  daß  die  sozialdemokratische  „Arbeitsgemeinschaft“
  sich  als  „Unabhängige  Sozialdemokratische  Partei  Deutschlands‘
  konstituierte,  die  berüchtigte  U.S.P.D.,  die  sofort  offen  den
Kampf  gegen  die  Fortführung  des  Krieges  und  für  den  Umsturz  aufnahm
und  unter  den  Totengräbern  deutscher  Macht,  Wohlfahrt  und  Größe  in
erster  Linie  steht.  Nicht  zufrieden  mit  der  „Osterbotschaft‘“,  ließ  Bethmann
ihr  noch  eine  „Julibotschaft‘“  des  Königs  von  Preußein  folgen,  in  der  verkündet
  wurde,  daß  der  Gesetzentwurf  für  die  Abänderung  des  Wahlrechts
zum  Abgeordnetenhause  auf  die  Grundlage  des  gleichen  Wahlrechts  zu
stellen  sei.  Die  Vorlage  sei  jedenfalls  so  frühzeitg  einzubringen,  daß
schon  die  nächsten  Wahlen  nach  dem  neuen  Walılrecht  stattfinden  könnten.

Während  bei  uns  die  Hals  über  Kopf  gemachten  Konzessionen  schon
deshalb  keinen  nachhaltigen  Eindruck  hervorriefen,  weil  zu  deutlich  zutage
trat,  daß  sie  Bethmann  nur  machte,  um  sich  noch  einige  Zeit  im  Amte  zu
halten,  zogen  namentlich  in  Frankreich  die  leitenden  Staatsmänner  die
Zügel  straff  und  immer  straffer  an.  Der  Geist  und  die  harte  Faust  des
Konvents  und  des  großen  Napoleon  wurden  an  der  Seine  wieder  lebendig.
Im  Mai  1917  waren  infolge  der  verheerenden  Wirkung  der  verunglückten
Frühjahrsoffensive  des  Generals  Nivelle,  des  „Buveur  de  sang‘*  (des  Bluttrinkers),
  wie  ihn  seine  Soldaten  nannten,  im  französischen  Heere  ernste
Meutereien  ausgebrochen.  Die  Soldaten  verweigerten  den  Gehorsam,
bildeten  Soldatenräte  nach  russischem  Muster,  verschanzten  sich  in  ihren
Unterkunftsorten  und  entfalteten  rote  Fahnen  mit  dem  Ruf:  „Nieder  mit
dem  Krieg!“  Die  französische  Regierung  griff  sofort  ein  und  mit  der  größten
Energie.  Es  wurden  Massenerschießungen  vorgenommen  und  die  Bewegung
in  kurzer  Zeit  niedergedrückt.  Gleichzeitig  brachte  die  Regierung  einen

17°
        <pb n="341" />
        Gespräche
mit  Bethmann

260  DEFAITISTEN  IN  FRANKREICH

Gesetzentwurf  ein,  der  „die  defaitistische  Friedenspropaganda‘“  mit  den
schärfsten  Strafen  bedrohte.  Der  Leiter  des  friedensfreundlichen,  sozialistischen
  „Bonnet  rouge‘“,  Almereyda,  wurde  verhaftet  und  einige
Tage  später  tot  im  Gefängnis  vorgefunden.  Wahrscheinlich  ist  er  erdrosselt
  worden.  Der  französische  Minister  des  Innero,  Malvy,  der  von
Clemenceau  beschuldigt  wurde,  der  Friedenspropaganda  nicht  scharf
genug  entgegenzutreten,  wurde  verbannt.  Der  ehemalige  Außenminister
und  Ministerpräsident  Caillaux  wurde  als  Flaumacher  eingesperrt  und
fürchtete  längere  Zeit  nicht  ohne  Grund  für  sein  Leben.  Bolo  Pascha,  ein
in  Ägypten  zu  Vermögen  gelangter  Bankier,  der  Bruder  eines  höheren
Prälaten,  ein  Mann  in  angesehener  Stellung,  wurde  verhaftet,  weil  (übrigens
mit  Unrecht)  ihm  nachgesagt  wurde,  er  hätte,  von  Deutschland  bestochen,
für  den  Frieden  gewirkt.  Unter  begeistertem  Jubel  der  Zuhörer  wurde  er
vom  Kriegsgericht  zum  Tode  verurteilt  und  vierundzwanzig  Stunden
später  in  Vincennes  erschossen.

Als  Herr  von  Bethmann  den  Kaiser  zum  Erlaß  der  Österbotschaft
bewog,  sagte  mir  Albert  Ballin:  „Der  Kanzler  Bethmann  kommt  mir  vor
wie  ein  Kaufmann,  der  weiß,  daß  er  bankrott  ist,  der  aber  seinen  Zusammenbruch
  nicht  eingestehen  will  und  deshalb,  um  nach  außen  hin  noch
einige  Wochen  in  der  alten  Weise  auftreten  zu  können,  ein  Depot  angreift.“
Ich  habe,  wenn  ich  von  Flottbek  oder  auch  von  einem  Besuch  bei  meiner
Frau  in  Luzern  nach  Berlin  zurückkehrte,  regelmäßig  Bethmann  aufgesucht.
Er  wußte,  daß  ich  ebenso  wie  dem  Kaiser  auch  ihm,  dem  Kanzler,  zu  jeder
Zeit  und  für  jede  Frage  zur  Verfügung  stand,  hat  aber  meinen  Rat  niemals
in  Anspruch  genommen.  Seinen  Ausführungen,  ich  sollte  eigentlich  sagen,
seinen  Vorträgen,  über  die  Lage  war  zu  entnehmen,  daß  er  immer  noch  auf
ein  Einlenken  Englands  hoffte.  „Die  Engländer  werden  doch  die  ersten
sein,  die  uns  kommen!“  So  hat  er  mehr  als  einmal  zu  mir  gesprochen.  Ich
verhehlte  ihm  nicht  meine  abweichenden  Ansichten.  „Ich  glaube“,  sagte
ich  ihm,  „daß  bei  richtig  geleiteter  Politik  der  Friede  mit  England
aufrechtzuerhalten  war.  Aber  nachdem  England  in  den  Krieg  mit  uns  eingetreten
  ist,  wird  es  nicht  von  heut  auf  morgen  locker  lassen.  Der  Engländer
ist  wie  sein  Bulldog.“

Der  arme  Bethmann  konnte  es  nicht  lassen,  von  Zeit  zu  Zeit  Andeutungen
  über  die  „schwere  politische  Erbschaft‘  zu  machen,  die  er
bei  seiner  Geschäftsübernahme  angetreten  habe.  Ich  ließ  solche  Geschichtsklitterung
  natürlich  nicht  durch.  Ich  sagte  ihm,  es  sei  vielleicht
bequem,  aber  dilettantisch  und  ungerecht,  die  Folgen  selbstbegangener
Fehler  dem  Vorgünger  zuzuschieben.  „Habe  ich  als  Staatssekretär  und
Reichskanzler  gegenüber  den  Schwierigkeiten,  denen  auch  ich  zu  begegnen
hatte,  mich  auf  Fehler  meiner  Vorgänger,  zum  Beispiel  das  durch  die
        <pb n="342" />
        DER  ERBE  BETHMANN  261

Nichterneuerung  des  Rückversicherungsvertrages  herbeigeführte  russischfranzösische
  Bündnis,  oder  auf  die  Krüger-Depesche  oder  den  ostasiatischen
Dreibund  ausgeredet  ?  Ich  trachtete,  to  make  the  best  of  it,  mich  mit  der
gegebenen  Lage  so  gut  als  möglich  abzufinden.  Übrigens  ist,  wenn  ich  nicht
irre,  vor  einiger  Zeit  von  Ihnen,  mein  lieber  Bethmann,  in  einem  an  die
Presse  gerichteten  Zirkular  darauf  hingewiesen  worden,  daß  die  auswärtige
Politik  von  Seiner  Majestät  geführt  werde  und  daß  somit  eine  Kritik  derselben
  sich  gegen  die  Allerhöchste  Person  richten  würde.  Ob  diese  Auffassung
  an  und  für  sich  nicht  ihre  Bedenken  hat,  steht  dahin.  Jedenfalls
darf  sie  nicht  zum  Schutze  eines  einzigen  Reichskanzlers  angerufen  werden.
Vor  allem  aber  kann  ich  die  sachliche  Berechtigung  Ihrer  Rekriminationen
hinsichtlich  der  von  Ihnen  angetretenen  Erbschaft  in  keiner  Weise  zugeben.
  Mit  dieser  Erbschaft  und  dank  dieser  Erbschaft  haben  Sie  doch  noch
volle  fünf  Jahre  —  und  fünf  Jahre,  mein  lieber  Betlımann,  sind  auch  im
Leben  der  Nationen  ein  gewisser  Zeitraum  —  gute  Beziehungen  zu  Rußland
unterhalten  können,  die  in  der  Potsdamer  Begegnung  und  in  Ihrer  Reise
nach  Petersburg  und  Moskau  zutage  traten  und  von  Ihnen  laut  gerühmt
wurden.  Sie  haben  mir  nach  dem  Abschluß  des  Marokko-Kongo-Vertrages
eine  bis  zur  Möglichkeit  einer  Entenie  gehende  Besserung  der  deutschfranzösischen
  Bezichungen  angekündigt,  und  mit  England  verhandelten
wir  unmittlbar  vor  dem  Ausbruch  des  Krieges  über  zwei  wichtige  Fragen:
die  Bagdadbahn  und  die  portugiesischen  Kolonien.  Die  in  Aussicht
genommenen  Verträge,  für  welche  ich  die  Grundlage  geschaffen  hatte,
standen  Ende  Juli  1914  vor  ihrer  Ratifizierung.  Die  Besserung  unserer
Beziehungen  zu  den  Westmächten  ist  gerade  in  den  letzten  Jahren  vor  dem
Kriege  von  Ihnen  mit  Emphase  proklamiert  worden.‘  Bethmann  schwieg
und  machte  ein  zwar  pikiertes,  aber  mindestens  ebenso  verlegenes  Gesicht,
als  ich  ihn,  nach  wie  vorim  freundlichen  Tone  eines  wohlmeinenden  Gönners,
ersuchte,  bei  der  Rechnungsablegung  über  den  Krieg  das  eigene  Konto  nicht
dadurch  zu  entlasten,  daß  er  die  Konten  anderer  Leute  zu  Unrecht  belaste.
Sein  Gesicht  hellte  sich  'wieder  auf,  als  ich  ihm  sagte,  ich  hielte  es  leider
nicht  für  ausgeschlossen,  daß  England  sich  zur  Annahme  der  allgemeinen
Wehrpflicht  entschließen  würde.  Er  betrachtete  mich  mit  einem  fast  teilnahmsvollen
  Blick,  in  dem  ich  den  Gedanken  las:  „Der  gute  Fürst  fängt
an  recht  alt  zu  werden,  er  vertrottelt.‘“  Dann  zu  mir  gewandt:  „Aber  mein
hochverehrter  Fürst,  haben  Sie  nie  Jdie  englische  Geschichte  Ihres  Hamburger
  Landsmanns  Johann  Martin  Lappenberg  gelesen?  Macaulay?  Die
grundlegenden  Schriften  von  Gneist?  Niemals  wird  sich  das  englische  Volk
unter  das  Joch  der  allgemeinen  Wehrpflicht  beugen.“

Ernsthafte  Schweizer  Finanzkreise,  auch  Vertreter  der  Kurie,  die
während  des  Krieges  in  der  Schweiz  residierten,  hatten  damals  schon
        <pb n="343" />
        262  BÜCHERWEISHEIT

Informationen  erhalten,  die  dahin  lauteten,  England  werde  demnächst  zur
allgemeinen  Wehrpflicht  übergehen,  und  sie  hatten,  wie  ich  in  Luzern
erfuhr,  an  der  Richtigkeit  dieser  Nachricht  nicht  gezweifelt.  Dem  verantwortlichen
  Leiter  der  deutschen  Politik  blieb  es  vorbehalten,  gestützt  auf
die  Weisheit  verstaubter  Bücherregale,  England  auch  in  diesem  Wendepunkt
  des  Krieges  falsch  einzuschätzen.  Wenige  Wochen  nach  unserer
Unterredung  ist  die  allgemeine  Wehrpflicht  Gesetz  in  England  geworden.
        <pb n="344" />
        XX.  KAPITEL

Der  U-Boot-Krieg  -  Unterredung  desKronpri  itführenden  Mä  les  Reichst

Rücktritt  Betlimanns  »  Frage  der  Rückberufung  des  Fürsten  Bülow  »  Berlin-  Wiener
Intrigen  gegen  Bülow  »  Diplomatische  Friedensmöglichkeiten  »  Unterstaatssekretär
Michaelis  Reichskanzler  «  Denkschrift  des  Grafen  Czernin  «  Friedensresolution  des
Reichstngs  -  Erzberger  »  Erste  Zersetzungssymptome  bei  der  Flotte  in  Kiel  »  Stautssckretär
  Zimmermann  »  Ersetzung  von  Michaelis  durch  Ilertling  +»  Staatssekretär
Kühlınann  -  Der  Friede  von  Brest-Litowsk  »  Stimmung  in  Berlin  -  Adolf  von  Hurnack

 

H:  von  Bethmann  hoffte,  sich  durch  immer  weiter  gehende  Konzessionen
  nach  links  über  Wasser  zu  halten.  Dem  Kaiser  hatte  er  durch
den  eng  mit  ihm  befreundeten  Kabinettsrat  Valentini  einreden  lassen,  er,  der
Kanzler  Betlumann,  sei  der  beste,  ja  der  einzige  Deich,  der  Seine  Majestät
vor  der  revolutionären  Flut  schütze.  Am  verhängnisvollsten  waren  die
Bethmannscben  Schwankungen  in  der  Frage  des  U-Boot-Krieges.  Grade
hier  galt  für  seine  Haltung  das  oft  von  mir  zitierte  Sendschreiben,  das  in
der  Apokalypse  an  den  Engel  der  Gemeinde  zu  Laodicea  ergeht:  „Ach,  daß
du  kalt  oder  warm  wärest!  Weil  du  aber  lau  bist  und  weder  kalt  noch  warm,
werde  ich  dich  ausspeien  aus  meinem  Munde.“

Die  schweren  Bedenken,  die  gegen  den  U-Boot-Krieg  sprachen,  lagen
auf  der  Hand.  Wenn  man  sich  trotzdem  dazu  entschluß,  mußte  wenigstens
die  Führung  des  Krieges  in  die  Hand  des  Schöpfers  der  Flotte,  des  Großadmirals
  Tirpitz,  gelegt  werden,  unserer  ersten  Autorität  auf  marinetechnischem
  Gebiet.  Statt  dessen  führte  Betlmann  mit  Hilfe  der  verschwägerten
  Admiräle  Müller  und  Holtzendorff  beim  Kaiser  einen  unterirdischen
  Feldzug  gegen  Tirpitz,  der  zu  dessen  mitten  im  Kriege  in
ungnädiger  Form  telegraphisch  durch  den  Kaiser  erfolgter  Verabschiedung
führte.  Als  der  richtige  Augenblick  für  den  Beginn  des  U-Boot-Krieges
verpaßt  worden  war,  erfolgte  der  gefährliche  Schritt  nicht  nur  zu  spät,
sondern  auch  in  möglichst  ungeschickter  Art.  Als  im  Schloß  Pleß  in  Abwesenheit
  des  Kanzlers  der  unbeschränkte  U-Boot-Krieg  beschlossen  wurde,
wollte  Bethmann,  der  von  diesem  Schritt  erst  post  festum  erfuhr,  seinen
Abschied  einreichen,  ließ  sich  aber  vom  Kaiser  leicht  und  gern  bewegen,
sein  Entlassungsgesuch  wieder  zurückzunehmen.

Als  die  Frage,  ob  wir  uns  zum  verschärften  U-Boot-Krieg  entschließen

Der  unbeschränkte

U-Boot-Krieg
        <pb n="345" />
        264  EIN  UNGLÜCKSMANN

sollten  oder  nicht,  auf  des  Messers  Schneide  stand,  frühstückte  ich  mit
Albert  Ballin  im  Berliner  Hotel  Continental.  Ballin  wurde  während
unseres  Frühstücks  herausgerufen  und  kam  erst  nach  einer  Viertelstunde
wieder,  mit  sorgenvollem  Gesicht.  „Nun  ist  der  verschärfte  U-Boot-Krieg
doch  beschlossen  worden.  Er  ist  zu  spät  beschlossen  worden.  Wenn  man
den  U-Buot-Krieg  wollte,  so  hätte  er  früher  eingesetzt  werden  müssen.
Dann  hätte  man  auch  Tirpitz  behalten  sollen.  Jetzt  hat  England  zwei
Jahre  Zeit  gehabt,  durch  Bewaffnung  fast  aller  seiner  Dampfer,  durch
U-Boot-Jäger  und  U-Boot-Fallen,  Motorboote,  Flieger,  Luft-  und  Horchschiffe,
  mit  Wasser-Bomben  und  -Minen  seine  Abwehr  zu  organisieren.“
Ich  frug  Ballin,  ob  Bethmann  unter  solchen  Umständen,  nachdem  er  seit
Jahr  und  Tag  den  U-Bont-Krieg  bekämpft  hatte,  im  Amte  bleiben  würde.
Die  Antwort  lautete:  „Denken  Sie,  der  Unglücksmann  bleibt!  Er  hat  mir
soeben  sagen  lassen,  im  Interesse  des  Vaterlandes  müsse  er  weiter  ausharren.‘“*
  Herr  von  Bethmann  hat  selten  oder  nie  soviel  Willenskraft  an
den  Tag  gelegt,  wie  er  im  Sommer  1917  im  Haften  am  Amt  bewies.  Ich
muß  zugeben,  daß  sich  der  Kaiser  nur  sehr  ungern  von  ihm  trennte,
nicht  allein  weil  ihm  eingeredet  worden  war,  daß  Betlimann,  einzig  Bethmann
  ihn  vor  Umsturz,  Revolution  und  Abdankung  retten  könne,  sondern
auch  in  dem  Gefühl,  einen  ihm  so  unterwürfigen  Kanzler  nicht  leicht
wieder  zu  finden.
In  der  Kronratssitzung,  in  der  die  preußische  Wahlrechtsreform
Der  Kampf  beraten  wurde,  begründeten  Anhänger  und  Gegner  derselben  ihren  Standum
  Bethmann  nunkt  in  längeren  Vorträgen.  Der  Kaiser  war  so  entzückt  von  den  Reden
seiner  Minister,  daß  er  laut  ausrief:  „Ich  wußte  gar  nicht,  daß  ich  so  kluge
Minister  habe!“  Am  verständigsten  sprach  der  Minister  des  Innern,  Staatsminister
  von  Loebell,  der  die  Wahlrechtsreform  als  einen  ernsten  und
schweren  Schritt  bezeichnete,  der  aber,  alles  wohl  erwogen,  notwendig
geworden  sei.  Nur  möge  diese  Maßregel  nicht  von  den  müden  und  verbrauchten
  Händen  des  gegenwärtigen  Ministerpräsidenten  Bethmann
durchgeführt  werden.  Der  junge,  feurige  Wein  dürfe  nicht  in  alte  Schläuche
gefüllt  werden.  Ich  bemerke  ausdrücklich,  daß  Herr  von  Loebell  seine
Stellungnahme  in  der  Kronratssitzung  in  keiner  Weise  mit  mir  verabredet
oder  auch  nur  vorher  mit  mir  besprochen  hatte  und  daß  er  ganz  aus  eigener
Initiative  handelte  und  sprach.  Er  hat  mir  den  Verlauf  der  Kronratssitzung
erst  später  erzählt.  Nach  der  Aufhebung  des  Kronrats  herrschte  die  Meinung
vor,  daß  Herr  von  Bethmann  die  Partie  gewonnen  habe.  Er  selbst  nahm  im
Laufe  des  Tages  die  Glückwünsche  seiner  Freunde  entgegen  und  drückte
den  ilım  weniger  wohlgesinnten  Kollegen,  insbesondere  Herrn  von  Luoebell,
sein  Bedauern  aus,  sich  von  ihnen  trennen  zu  müssen.
Wer  hat  schließlich  den  Anstoß  zur  endlichen  Beseitigung  Bethmanns
        <pb n="346" />
        BETHMANNS  STURZ  265

gegeben  ?  Der  Kronprinz  hatte  erkannt,  daß  wir  mit  Bethmann  weder  den
Krieg  gewinnen,  noch  mit  ihm  zum  Frieden  gelangen  würden.  Die  Oberste
Heeresleitung,  Ulindenburg  und  Ludendorfl.  waren  der  gleichen  Ansicht.
Im  Grunde  dachten  auch  die  Parteien  nicht  anders.  Das  hatte  der  Kronprinz
aus  einer  Reihe  von  Unterredungen  erkannt,  die  er  Anfang  Juli  mitleitenden
Parlamentariern  geführt  und  bei  denen  er  durch  seinen  Takt  und  seine
klugen  Fragen  allgemein  gefallen  hatte.  Erzberger  hatte  bei  diesen  Konferenzen
  seine  Meinung  nicht  übel  so  formuliert:  „Beihmann  kann  sich
mit  seiner  ganz  bekleckerten  Weste  unmöglich  an  einen  Konferenz-  oder
Friedenstisch  setzen.“  Es  ist  Matthias  Erzberger  gewesen,  der  dem  Reichskanzler
  Theobald  Bethimann  den  letzten,  den  entscheidenden,  den  Todesstoß
  versetzte.  Als  Betlimann  erfuhr,  daß  der  Kaiser  ihn  fallen  ließe,  rief  er
nicht,  wie  angeblich  Bismarck:  „Le  Roi  me  reverra!““,  sondern  seufzte:
„Nun  ist  die  Revolution  unabweudbar.‘“

Als  es  feststand.  daß  Betlimann  abtreten  sollte,  sagte  der  Kaiser  zu  dem
Grafen  August  Eulenburg:  „Gehen  Sie  zu  meiner  Frau  und  sagen  Sie  ihr,
daß  sie  ihren  Bülow  wiederkriegt.“  Der  Kaiser  wußte,  daB  sowohl  seine
hohe  Gemahlin  wie  auch  sein  Hausminister  Graf  Eulenburg  meine  Rückkehr
zu  den  Geschäften  wünschten.  Wäre  eine  solche  ein  Glück  für  mich  gewesen  ?
Oder  vielmehr,  da  es  natürlich  in  keiner  Weise  auf  mein  individuelles  Glück,
sondern  lediglich  auf  die  Salus  publica  ankam,  hätte  meine  Wiedererneunung
  zum  Reichskanzler  im  Interesse  des  Landes  gelegen  ?  Natürlich
würde  ich,  wieder  Reichskanzler  geworden,  es  als  meine  Aufgabe  betrachtet
haben,  einen  annehmbaren  Frieden  zustande  zu  bringen.  Vor  der  unsinnigen
Wiederherstellung  von  Polen  war  ein  Separatfricde  mit  Rußland  möglich
und  damit  entweder  eine  aussichtsvolle  Fortführung  des  Krieges  gegen  die
Westmächte  oder  noch  besser  ein  guter  Gesamtiriede.  Ich  würde  mich
vor  der  polnischen  Dummheit  keinen  Augenblick  besonnen  haben,  mit  der
russischen  Regierung  auf  der  Basis  zu  verhandeln,  daß  wir  dem  Zarenreich
alle  unscre  im  Weltkrieg  in  Pulen  gemachten  Eroberungen  wieder  herausgaben.
  Hätte  die  Wiener  Regierung  Schwierigkeiten  erhoben,  so  würde  ich
den  Russen  auch  noch  Galizien  in  Aussicht  gestellt  und  das  Weitere  abgewartet
  haben.  Mit  einem  zufriedengestellten  Rußland  im  Rücken  waren
wir  der  Rumänen  und  Italiener  sicher.  1917  war  die  Gesamtlage  schon
viel  schwieriger,  aber  nicht  hoffnungslos.  Ohne  mich  in  Konjekturalpolitik
zu  verlieren,  will  ich  hinzufügen:  Der  Friede  war  noch  1917  möglich,  wenn
wir  nach  außen  keine  Schwäche  durchblicken  ließen,  also  kein  allzu  sichtbares
  Friedensbedürfnis,  keine  kindischen  Friedensmanifestatiouen  oder
einfältigen  Friedensresolutionen.  Nach  außen  mußten  wir  im  vollsten  Sinne
des  Wortes  unser  Gesicht  wahren,  ein  ernstes  und  festes,  ja  trotziges  Gesicht,
  dem  unsere  innere  Entschlossenheit  entsprechen  mußte.  Gleichzeitig

Die  Nachfolge
Bethmanns
        <pb n="347" />
        Der  Papst  als
Vermittler

266  EINE  BASIS,  DIE  DENKBAR  WAR

aber  mußten  wir  durch  einen  geeigneten  Vermittler  der  Entente
unsere  Bereitwilligkeit  zu  erkennen  geben,  zu  einem  Ausgleichs-  und  Verständigungsfrielen
  zu  gelangen.

Der  beste  Friedensvermittler  wäre  an  und  für  sich  der  Papst  BenediktXV.
gewesen,  dessen  freundliche  Gesinnung  für  das  Deutsche  Reich  und  dessen
österreichisch-ungarischen  Bundesgenossen  ebenso  unzweifelhaft  war  wie
seine  aufrichtige  Friedensliebe  und  seine  erleuchtete  Weisheit.  Nachdem
jedoch  die  italienische  Regierung  im  Patto  di  Londra,  durch  den  sie  ihren
Anschluß  an  die  Entente  vollzog,  die  Zusicherung  erhalten  hatte,  daß  der
Papst  keinesfalls  zu  den  Friedensverhandlungen  zugezogen  werden  würde,
mußte  hiervon  abgesehen  werden.  Es  blieb  uns  aber  noch  die  Wahl  zwischen
der  Königin  von  Holland,  dem  Präsidenten  der  Schweizer  Eidgenossenschaft
  und  den  Königen  vun  Spanien,  von  Schweden  und  von  Dänemark.
Jedenfalls  mußte  ein  ernsthafter  Friedensschritt  auf  ordnungsgemäßem
diplomatischem  Wege  erfolgen,  denn,  das  will  ich  hier  einfügen,  an  Versuchen
  mit  Friedensfühlern  hat  es  Bethmann  nicht  fehlen  lassen.  Leider
waren  es  durchweg  Versuche  mit  untauglichen  Mitteln,  d.  h.  mit  politisch
und  diplomatisch  unerfahrenen  Mittelsmännern,  die  durch  plumpes  Auftreten
  die  Sache,  die  sie  führen  sollten,  von  vornherein  kompromittierten.

Meine  Bedingungen  wären  etwa  folgende  gewesen:  Völlige  Wiederherstellung
  der  belgischen  Unabhängigkeit,  Integrität  und  Selbständigkeit,
erneute  feierliche  Bekräftigung  der  belgischen  Neutralität  mit  großzügiger
Entscheidung  für  Belgien,  Abtretung  des  Trentino  an  Italien  und  Autonomie
für  Triest,  Wiederherstellung  und  erneute  Anerkennung  der  Unabhängigkeit
  und  Neutralität  des  Großherzogtums  Luxemburg.  Im  Notfall  Abtretung
  von  Französisch-Lothringen  nach  erfolgter  Schleifung  der  Festung
Metz.  Im  äußersten  Notfall  Konstituierung  von  Elsaß-Lothringen  als  selbständiger,
  völkerrechtlich  anerkannter,  entmilitarisierter  Pufferstaat.  Nach
zahlreichen  Unterredungen,  die  ich  inzwischen  mit  Neutralen,  aber  auch
mit  Politikern  der  feindlichen  Länder  gehabt  habe,  glaube  ich,  daß  auf
dieser  Basis  ein  Friede  möglich  war.  Noch  sicherer  ist  mir  freilich,  daß,
wenn  ich  einen  solchen  Frieden  erreicht  hätte,  man  in  Deutschland  mit
faulen  Äpfeln  nach  mir  geworfen  hätte.  In  Hunderten  von  Leitartikeln
wäre  ausgeführt  worden,  daß  ich  mit  der  schlappen  Feder  verdorben  hätte,
was  durch  das  forsche  Schwert  ruhmvoll  errungen  war.  Die  Leitartikel  hätte
ich  leicht  verschmerzt  und  die  faulen  Äpfel  freudig  ertragen,  wenn  nur  das
Vaterland  vor  völliger  und  endgültiger  Niederlage,  vor  Zusammenbruch
und  Umsturz  bewahrt  worden  wäre.

Bevor  ich  in  diesen  meinen  Erinnerungen  von  Herrn  von  Bethmann  Abschied
  nehme,  möchte  ich  die  letzte  politische  Äußerung  wiedergeben,  die
ich  von  ihm  hörte.  Nicht  lange  vor  seinem  Rücktritt  kehrte  ich  von  einem
        <pb n="348" />
        MICHEL  ODER  MICHAELIS  267

Spaziergang  im  Tiergarten  in  das  Hotel  Adlon  zurück,  in  dem  wir  abgestiegen
  waren.  Ich  fand  Bethmann  bci  meiner  Frau,  der  er  liebenswürdigerweise
  einen  Besuch  abstattete.  Als  ich  eintrat,  erzählte  er  ihr
und  mir  das  nachstehende  Erlebnis  während  einer  Reise  an  die  I’ront.
Er  habe  in  Charleville  die  brave  Bürgersfrau  aufgesucht,  bei  der  erim  ersten
Kriegsjahr  im  Quartier  gelegen  habe.  „Revenez  souvent  nous  voir  quand
la  paix  sera  retablie‘“,  habe  sie  ihm  gesagt,  „Monsieur  le  Chancelier,  vous
trouverez  chez  nous  des  mains  prötes  a  serrer  votre  main,  des  c@urs  qui
vous  estiment  et  vous  aiment.‘‘  Theobald  von  Bethmann  fügte  hinzu:  „Das
sagte  mir  mehr  über  die  wirkliche,  die  innerste  Stimmung  der  Franzosen
als  alles  Zeitungsgerede.  Und  in  England  und  in  Belgien  sieht  es  nicht
anders  aus.‘  In  einem  alten  französischen  Lustspiel  heißt  es:  „aut  de  la
naivete,  pas  trop  n’en  faut.“

Wie  ist  Kaiser  Wilhelm  auf  den  Entschluß  verfallen,  in  einem  hochkritischen
  Augenblick  den  Unterstaatssekretär  Michaelis  zum  Kanzler  des
Deutschen  Reiches  zu  ernennen,  den,  wie  ich  seinerzeit  erzählt  habe,  der
Kabinettsrat  Lucanus,  ein  langjähriger  und  gründlicher  Kenner  des  preu-Bischen
  Verwaltungsdienstes,  wenige  Jahre  früher  der  Stellung  eines  Oberregierungsrates
  in  Breslau  nicht  für  gewachsen  hielt?  Von  einem  Hlerrn  aus
der  Umgebung  Seiner  Majestät  wurde  mir  nachstehendes  erzählt:  „Wir
Flügeladjutanten  unterhielten  uns  im  Marmorsaal  über  die  Frage,  wer  wohl
Nachfolger  des  unmöglich  gewordenen  Bethmann  werden  könnte.  Es  wurde
hin  und  her  geraten,  da  riß  der  Generaladjutant  von  Plessen  die  Tür  auf
und  rief  in  den  Saal:  ‚Ich  habe  einen  Reichskanzler!  Wie  er  heißt,  habe  ich
vergessen.  Michel  oder  ähnlich.  Er  macht  in  Brotlieferungen  und  hat  neulich
  eine  famose  Rede  gehalten,  in  der  er  sagte,  er  renne  jedem  den  Degen
durch  den  Leib,  der  ihm  in  den  Weg  träte.‘  Da  erhob  sich  im  Hintergrund
der  Kabinettsrat  Valentini,  der  bis  dahin  geschwiegen  hatte:  ‚Der  Mann
heißt  zwar  nicht  Michel,  sondern  Michaelis,  er  treibt  auch  kein  Brotgeschäft,
sondern  ist  Staatssekretär  für  das  Ernährungswesen  in  Preußen.  Er  hat
auch  nicht  gesagt,  daß  er  jedem  den  Degen  in  den  Bauch  stoßen  wolle,
sondern  er  betonte,  er  halte  die  Waffe  des  Gesetzes  in  der  Hand  und  werde
sie  rücksichtslos  anwenden.  Den  zum  Reichskanzler  zu  machen,  wäre  gar
kein  so  übler  Einfall.  Ich  fahre  sofort  zu  Seiner  Majestät  nach  dem  Schloß
Bellevue.  Der  Kaiser  wird  froh  sein,  wenn  ich  ihn  um  die  Zurückberufung
des  Fürsten  Bülow  herumbringe.‘  Eine  Viertelstunde  später  stand  Valentini
  in  dem  historischen  Schloß  Bellevue  vor  Wilhelm  II.  und  proponierte
Seiner  Majestät  den  bisherigen  Unterstaatssekretär  Michaclis  als  Reichskanzler.
  Der  Kaiser  erwiderte  gut  gelaunt:  ‚Es  wird  mich  sehr  interessieren,
  ihn  kennenzulernen.  Vorläufig  habe  ich  keine  Ahnung,  wie  und
wer  er  ist.‘  Sofort  herbeigerufen,  erschien  der  zum  fünften  Nachfolger  des

Michaelis
wird  Kanzler
        <pb n="349" />
        Das  Auswärtige
  Ams
befragı  Wien

268  GESELLSCHAFT  FÜR  ENTSCHIEDENES  CHRISTENTUM

Fürsten  Bismarck  erkorene  Dr.  Michaelis.  Der  Kaiser  schüttelte  ihm  die
Hand  und  frug,  ob  er  Lust  habe,  das  höchste  Amt  im  Reich  zu  übernehmen.
Michaelis  hielt  während  einiger  Augeublicke  die  Hand  vor  die  Augen,  dann
mit  feierlicher  Stimme:  ‚Ich  fühle,  daß  die  Unterstützung  von  oben
mir  nicht  fehlen  wird.  Ich  nehme  an.‘“  Michaelis  war  ein  kreuzbraver  Mann.
Als  Unterstaatssekretär  im  Finanzministerium  war  er  mir  durch  seine
biedere  Art  aufgefallen.  Ein  Unterstaatssekretär  nahm  an  Staatsministerialsitzungen
  nur  teil,  wenn  sein  Chef,  der  Staatsmiuister,  am  Erscheinen
verhindert  war.  Wenn  Dr.  Michaelis  seinen  Minister,  den  Freilierrn
von  Itheinbaben,  zu  vertreten  hatte  und  ich  ilım  das  Wort  erteilte,  so  erhob
er  sich  und  legte  beide  Hände  an  die  Hosennaht.  Dann  begann  er  mit  etwas
schnarrender  Stimme:  „Mit  gnädiger  Erlaubnis  Seiner  Durchlaucht  des
Fürsten  Reichskanzlers  und  in  Vertretung  meines  huhen  Chefs,  Seiner
Exzellenz  des  Stauts-  und  Finanzministers  Freiherr  von  Rheinbaben,  habe
ich  das  Nachsteliende  ganz  gehorsamst  zu  erklären.“  Wie  Dr.  Michaelis  in
Bundesratskreisen  eingeschätzt  wurde,  zeigt  nachstehende  kleine  Episode.
Graf  Hertling,  der  zu  jener  kritischen  Zeit  zu  Bundesratsverhandlungen  in
Berlin  weilte,  speiste  mit  dem  bayrischen  Gesandten,  dem  Grafen  Hugo
Lerchenfeld,  uud  einigen  anderen  Herren  im  Restaurant  Borchardt,  als
ein  jüngerer  Beamter  der  bayrischen  Gesandtschaft  sich  dem  Grafen
Lerchenfeld  näherte  und  ihm  meldete,  Seine  Majestät  der  Kuiser  habe  den
Unterstuatssekretär  Michaelis  zum  Reichskanzler  ernannt.  Graf  Hertling
frug  seinen  Freund  Lerchenfeld,  was  für  ein  Mann  das  eigentlich  sei,  er  habe
nie  etwas  von  ihm  gehört.  In  seiner  bayrischen  Art  erklärte  Graf  Lerchenfeld
  zur  allgemeinen  Heiterkeit:  „Dieser  Doktor  Michaelis  ist,  wie  wir
Münchner  sagen,  ein  Viech  mit  Haxn.  Mehr  weiß  ich  nicht.“  Der  Unterstaatssekretär
  Michaelis  war  nicht  nur  ein  korrekter  Beamter,  sondern  auch
ein  frommer  Mann.  Er  gehörte  der  Gesellschaft  für  entschiedenes  Christentum
  an,  einer  pietistisch  gerichteten  Vereinigung  treuer  Christen,  die  auf
ihren  Knöpfen  und  auf  ihrem  Briefpapier  die  Buchstaben  E.  C.  trugen.
Von  auswärtiger  Politik,  von  internationalen  Beziehungen  und  Verhältnissen,
  von  der  Welt  hatte  er  keine  Alınung.

Der  Kaiser  verlieh  dem  Kabinettsrat  Valentini  zum  Dank  dafür,  daß  er
nicht  auf  mich  zurückzugreifen  brauchte,  den  hohen  Orden  vom  Schwarzen
Adler.  Vom  Auswärtigen  Amt  war  gegen  meine  Rückkehr  mit  besonderem
Eifer  gearbeitet  worden.  Zu  diesem  Zweck  wurde  Wien  in  Bewegung  gesetzt.
  Das  Auswärtige  Amt  hatte,  sobald  Beihmann  ins  Wackeln  geriet,  an
die  Wiener  Botschaft  telephoniert:

Erstens:  Wünuscht  die  k.  und  k.  Regierung  das  Bleiben  des  Kanzlers
Bethmann  ?

Zweitens:  Wünscht  sie  die  Zurückberufung  des  Fürsten  Bülow’?
        <pb n="350" />
        WECHSEL  AM  WIENER  BALLPLATZ  269

Die  Antwort  der  Wiener,  durch  den  Botschafter  Botho  Wedel  gern  übermittelt,
  lautete:

Ad  eins:  Ja!

Ad  zwei:  Nein!

Gerade  weil  in  Wien  mehr  und  mehr  die  Tendenz  hervortrat,  sich  auf
unsere  Kosten  mit  der  Entente  zu  verständigen,  wünschte  man  dort  nicht
meine  Rückkehr.  Von  mir  wußte  Wien,  daß  ich  dieses  Spiel  durchschauen
und  nach  Kräften  verhindern  würde.  Sowohl  die  Allerhöchsten  Damen,  die
seit  dem  Regierungsantritt  des  Kaisers  Karl  die  Situation  beherrschten,  als
die  k.  und  k.  Minister  des  Äußern  waren  mir  gegenüber  von  innerlichem
Mißtrauen  erfüllt.  Die  einen,  weil  sie  fühlten,  die  anderen,  weil  sie  wußten,
daß  ich  Österreich-Ungarn  binnen  vierundzwanzig  Stunden  an  die  Kandare
nehmen  würde.  Die  Mutter  des  einfältigen  Kaisers  Karl,  die  Erzherzogin
Maria  Josefa,  eine  sächsische  Prinzeß,  seine  Schwiegermutter,  die  Herzogin
von  Parma,  und  seine  Gemahlin  Zita  waren  gleichmäßig  von  tiefer  Abneigung
  gegen  das  Deutsche  Reich,  gegen  Preußen  und  die  Hohenzollern
erfüllt.  Der  bayrische  Gesandte  in  Wien,  Freiherr  von  Tucher,  der  tüchtige
und  kluge  Sohn  einer  alten  Nürnberger  Familie,  in  deren  Stammhaus  Hans
Sachs  und  Albrecht  Dürer  verkehrt  hatten,  cin  Mann,  der  kein  Blatt  vor
den  Mund  nabın,  charakterisierte  mir  die  nach  dem  am  21.  November  1916
erfolgten  Tode  des  alten  Kaisers  Franz  Josef  am  Wiener  Hofe  maßgebend
gewordenen  drei  Damen  wie  folgt:  „Die  Maria  Josefa  ist  dumm  wie  Bohnenstroh.
  Zita  ist  eine  fesche  kleine  Intrigantin,  und  ihre  Mutter  ist  einfach  ein
Mistviech.“

Am  Wiener  Ballplatz,  dem  alten  Sitz  der  österreichischen  Minister  des
Äußern,  war  im  Laufe  des  Weltkrieges  auf  den  Grafen  Berchtold,  der  einer
der  Hauptschuldigen  bei  der  Ultimatumsaktion  gewesen  war,  der  Ungar
Baron,  später  Graf  Burian  gefolgt.  Berchtold  war  ein  leichtsinniger  und
unfähiger  Kavalier,  Burian  ein  tüchtiger,  gewissenhafter  Beamter,  aber
politisch  ein  mittelmäßiger  Kopf.  Im  Dezember  1916  wurde  Burian  durch
den  Grafen  Ottokar  Czernin  ersetzt,  der  seine  beiden  Vorgänger  geistig
zweifellos  überragte.  Den  Unsinn  der  Ultimatumsaktion  würde  er  nicht  mitgemacht
  haben.  Aus  dem  intimen  Kreise  des  Erzherzogs  Franz  Ferdinand
hervorgegangen,  begriff  er  die  Gefahren,  die  ein  zu  starkes  Überwiegen  des
magyarischen  Einflusses  auf  die  auswärtige  Politik  der  Doppelmonarchie
mit  sich  brachte.  Als  mehrjährigem  Gesandten  in  Bukarest  war  ihm  klar
geworden,  daß  Österreich  bestrebt  sein  müsse,  die  Reibungsfläche  zwischen
der  Doppelmonarchie  und  Rumänien  möglichst  zu  verringern.  Er  kannte
das  „Konglomerat“,  wie  die  Österreicher  scherzhaft  ihr  Vaterland  zu
nennen  pflegten,  und  wußte,  wie  wenig  Verlaß  im  Grunde  auf  die  Polen,
die  Tschechen,  die  Südslawen  war.  Er  wollte  baldmöglichst  zum  Frieden

Graf  Ottokar

Czernin
        <pb n="351" />
        Die  Friedensresolution
  des

Reichstags

270  CZERNINS  IMMEDIATBERICHT

gelangen,  aber  gemeinsam  mit  Deutschland.  Er  hätte  es  gern  gesehen,
wenn  wir  durch  die  Abtretung  von  Elsaß-Lothringen  an  Frankreich  die
Möglichkeit  des  Friedens  herbeigeführt  hätten.  Aber  den  nackten  Verrat
des  Bundesgenossen,  der  sich  für  Österreich  in  den  fürchterlichen  Krieg
gestürzt  hatte,  wollte  Czernin  nicht.  Er  traute  weder  dem  Kaiser  Karl  noch
den  fürstlichen  Damen,  unter  deren  Einfluß  der  dümmerliche  Nachtulger
des  alten  Kaisers  Franz  Josef  stand.  Aber  Graf  Czernin  beging  den  Felıler,
sich,  um  seinen  Friedenswünschen  Eingang  in  Berlin  zu  verschaffen,  der
Hilfe  des  Reichstagsabgeordneten  Erzberger  zu  bedienen.  Er  vermittelte
die  Einladung  des  Buttenhäusers  an  den  steifsten  aller  europäischen  Höfe.
Matthias  Erzberger  war  berauscht,  als  er  in  der  Wiener  Hofburg  stand,
Als  ilım  die  hübsche  Kaiserin  Zita,  der  Graf  Czernin  gesagt  hatte,  sie  müsse
sich  für  eine  kleine  Stunde  die  Gesellschaft  des  „ordinären  Schwaben“  gefallen
  lassen,  es  liege  das  im  Interesse  des  Hauses  Habsburg,  die  Hand  zum
Kuß  reichte,  war  er  überwältigt.  Als  ihm  gestattet  wurde,  gemeinsam  mit
den  Habsburger  Majestäten  in  der  Kapelle  der  Hofburg  einer  Messe  beizuwohnen,
  war  er  vollkommen  eingeseift.

Czernin  hatte  kurz  vor  dem  Besuch  Erzbergers  in  Wien  in  einem
Immediatbericht  an  seinen  Kaiser  der  Meinung  Ausdruck  gegeben,  daß
Österreich  außerstande  sei,  den  Krieg  noch  lange  fortzusetzen.  Es  habe
nur  die  Wahl  zwischen  baldigem  Frieden  und  völligem  Untergang.  Der  Bericht
  war  nur  für  Kaiser  Karl  und  durch  ihn  für  Kaiser  Wilhelm  II.  und  die
deutsche  Oberste  Heeresleitung  bestimmt,  um  auch  sie  für  einen  Verständigungsfrieden
  zu  gewinnen.  Es  ist  so  gut  wie  sicher,  daß  die  Herzogin
von  Parma  den  Czerninschen  Bericht,  der  ihr  von  ihrem  Schwiegersohn
mitgeteilt  worden  war,  dem  Abgeordneten  Erzberger  zugesteckt  hat.  Erzberger
  verlas  diesen  Bericht  in  einer  Versammlung  von  Zentrumsleuten,
die  bald  nachher  in  Frankfurt  a.  M.  stattfand.  Obwohl  Erzberger  hierbei
den  streng  vertraulichen  Charakter  seiner  Mitteilung  betont  hatte  und  trotz
seines  Verbotes,  Notizen  zu  machen,  gelang  es  einigen  Zuhörern,  Teile  des
Berichts  mitzustenographieren.  Diese  Abschriften  gelangten  in  die  Schweiz
und  von  dort  zur  Kenntnis  der  Entente,  deren  Siegeszuversicht  dadurch  in
hohem  Grade  gesteigert  wurde.  Als  später  der  Reichstag  mit  zweihundertvierzchn
  Stimmen  des  Zentrums,  des  Freisinns  und  der  Sozialdemokratie
gegen  einhundertsechzehn  Stimmen  und  siebzehn  Enthaltungen  eine
Friedensresolution  annahm,  worin  erklärt  wurde,  der  Reichstag  erstrebe
einen  Frieden  der  Verständigung  und  der  dauernden  Versöhnung  der
Völker,  mit  dem  erzwungene  Gebictserwerbungen,  politische,  wirtschaftliche
  und  finanzielle  Vergewaltigungen  unvereinbar  wären,  wurden  Frankreich
  und  England  endgültig  in  ihrem  Entschluß  bestärkt,  den  Kampf  gegen
Deutschland  bis  zu  seiner  völligen  Entscheidung  fortzusetzen.  Die
        <pb n="352" />
        JAGOW  GEHT  2a7l

Friedensresolution  von  1917  hat  das  Terrain  für  den  Frieden  von  Versailles
  vorbereitet,  der  im  direkten  Gegensatz  zu  den  kindlichen  Erwartungen
  der  drei  „regierenden“  Parteien,  der  Sozialdemokratie,  des  Freisinns
und  des  Zentrums,  nicht  „die  dauernde  Versöhnung  der  Völker“  herbeiführte,
  sondern  Deutschland  unerhörte,  schmerzliche  Gebietsabtretungen
auferlegte  und  eine  schmähliche  politische,  wirtschaftliche  und  finanzielle
Vergewaltigung  unseres  armen  Volkes  bedeutete.

Schon  im  Juli  1917  war  es  zu  einer  Matrosenmeuterei  in  der  deutschen
  Flotte  gekommen.  Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß  sie  planmäßig
seit  langem  von  der  U.S.P.D.  vorbereitet  worden  war.  Erfahrene  und  einsichtige
  Marineoffiziere  sind  der  Ansicht,  daß  es  zu  einem  solchen  Aufstand
nicht  gekommen  wäre,  wenn  die  Flotte  sofort  nach  Beginn  des  Krieges  in
den  Kampf  geführt  worden  wäre.  Die  lange  Untätigkeit,  der  langweilige,
zum  Teil  wohl  auch  mit  unnötiger  Pedanterie  betriebene  Friedensdienst
während  des  größten  aller  Kriege  habe  den  Geist  entwickelt,  aus  dem  die
Meuterei  der  Matrosen  hervorging  und  jedenfalls  die  Wühlarbeit  der
U.S.P.D.,  der  Haase,  Vogtherr  und  Dittmann,  erheblich  erleichtert,

In  der  Leitung  der  auswärtigen  Politik  war  vor  dem  Sturz  des  Kanzlers
Bethmann  ein  Wechsel  eingetreten.  Gottlieb  Jagow  war  im  November  1916
endlich  seiner  Stellung  als  Staatssekretär  des  Äußern  enthoben  worden,  in
der  er  soviel  Schaden  angerichtet  hatte.  Sein  Nachfolger  wurde  der  bisherige
  Unterstaatssekretär  Zimmermann.  Von  den  besten  Absichten  erfüllt
  und,  wie  immer  wieder  betont  werden  muß,  ein  Ehrenmann  und
Patriot,  behandelte  Zimmermann  doch  gerade  unser  immer  wichtiger
werdendes  Verhältnis  zu  Amerika  mit  wenig  Geschick.  Er  gehörte  zu  den
Deutschen,  die  bei  reinem  Willen  und  zweifelloser  Tüchtigkeit  doch  nicht
begreifen,  daß  der  Diplomat  in  erster  Linie  geschickt  sein  und  wissen  muß,
„wie  es  gemacht  wird‘.  Das  sagte  vor  mir  im  Januar  1874,  drei  Monate
nachdem  ich  in  das  Auswärtige  Amt  eingetreten  war,  der  Reichskanzler
Fürst  Bismarck  zu  meinem  Vater,  und  dasselbe  meinte  bei  einem  Diner,
zu  dem  mich  in  Paris  1879  der  gütige  Graf  Roger  du  Nord  eingeladen  hatte,
der  damalige  Abgeordnete  Leon  Gambetta.  Der  biedere  Zimmermann  versicherte
  dem  amerikanischen  Botschafter  Gerard,  daß  Deutschland  den
unbeschränkten  U-Boot-Krieg  nicht  ohne  vorherige  Verständigung  mit
Amerika  proklamieren  würde.  Er  veranlaßte  den  Botschafter,  auf  einem
Festessen  der  amerikanischen  Handelskammer  in  Berlin  in  einer  feierlichen
Rede  zu  erklären,  die  Beziehungen  zwischen  Deutschland  und  Amerika
wären  nie  bessere  gewesen  als  jetzt.  „Solange  Männer  wie  Doktor  Solf  und
Helfferich,  wie  Hindenburg  und  Ludendorff,  wie  die  Admiräle  von  Müller,  von
Capelle  und  von  Holtzendorff  und  der  Staatssekretär  Zimmermann  an  der
Spitze  der  zivilen,  militärischen  und  maritimen  Verwaltung  Deutschlands

Zimmermann
Staatssekretär
        <pb n="353" />
        Kühlmann
Zimmermanns

Nachfolger

272  DAS  BÜNDNIS  MIT  MEXIKO

stehen,  wird  es  sicher  möglich  sein,  diese  guten  Beziehungen  aufrechtzuerhulten.‘“
  Drei  Wochen  später  wurde  von  uns  der  unbeschränkte
U-Boot-Krieg  ohne  rechtzeitige  Benachrichtigung  der  amerikanischen
Regierung  proklumiert.  Gleichzeitig  richtete  der  Staatssekretär  Zimmermann
  an  den  deutschen  Gesandten  in  Mexiko  einen  Erlaß,  in  dem  er  dieser
von  inneren  Kämpfen  zerrissenen,  ganz  oder  halb  verfaulten  Republik,  die
längst  völlig  von  den  Vereinigten  Staaten  abhing,  ein  Bündnis  auf  folgender
Basis  vorschlug:  Mexiko  solle  die  früher  an  Amerika  verlorenen  Gebiete
von  Texas,  Neu-Mexiko  und  Arizona  (zusammen  fünfhunderttausend  englische
  Quadratmeilen  mit  fast  fünf  Millionen  Einwohnern)  zurückerhalten,
dagegen  versuchen,  Japan  für  das  deutsch-mexikanische  Bündnis  zu  gewinnen;
  gemeinsame  Kriegführung,  gemeinsamer  Friedensschluß,  weitgehende
  finanzielle  Unterstützung  Mexikos  durch  Deutschland.  Als  dieses
groteske  Angebot,  das  zudem  technisch  mangelhaft  redigiert  worden  war,
in  die  Hände  der  Amerikaner  hiel  und  von  diesen  entziffert  und  veröflentlicht
  wurde,  sagte  mir  ein  Schweizer  Freund,  mit  dem  ich,  damals  wieder
vorübergehend  in  Luzern  weilend,  am  Ufer  des  Vierwaldstätter  Sees
spazierenging:  „Der  Gedanke,  den  amerikanischen  Koloß  mit  Hilfe  des
mexikanischen  Zwergs  zu  überrennen,  kommt  mir  gerade  so  vor,  als  wenn
ich  Ihnen  vorschlagen  wollte,  die  englische  Flotte  mit  den  drei  kleinen
Dampfern  zu  vernichten,  die  vor  unseren  Augen  zwischen  Luzern  und
Flüelen  hin  und  her  fahren.“

Auf  Zimmermann  folgte  als  Staatssekretär  des  Äußern  am  5.  August
1917  Herr  von  Kühlmann,  der,  wie  ich  anläßlich  der  Tangerfahrt  des
Kaisers  erwähnte,  durch  sein  gewandtes  Hinauf-  und  Hinabklettern  an
einer  Strickleiter  der  „Hohenzollern“  das  Herz  Seiner  Majestät  gewonnen
hatte.  Die  übrigens  nur  vorübergehende  Sympathie  des  Kaisers  für  den
jungen  Diplomaten  wurde  dessen  Unglück,  weil  sie  ihn  verführte,  seine
Tätigkeit  als  Staatssekretär  ganz  auf  die  nicht  immer  glücklichen  Einfälle
Seiner  Majestät  einzustellen.

Als  sich  Michaelis  nicht  nur  unmöglich,  sondern  geradezu  lächerlich  gemacht
  hatte,  stand  Wilhelm  II.  wiederum  vor  der  Notwendigkeit  des
Suchens  nach  einem  neuen  Kanzler,  dem  sechsten  seit  Bismarck.  Der
Kaiser,  der  glücklich  gewesen  war,  Bismarck  loszuwerden,  der  Caprivi
keine  Träne  nachweinte,  Hohenlohe  gleichgültig  und  mich  mit  Vergnügen
gehen  ließ,  trennte  sich  nur  höchst  ungern  von  Michaelis.  Im  Grunde  ist
ihm  nächst  Bethmann  Hollweg  kein  anderer  Reichskanzler  so  sympathisch
gewesen.  Michaelis  gefiel  ihm  so  gut,  daß  er,  wie  mir  ein  Ohrenzeuge  erzählt,
wenige  Wochen  nach  dessen  Erhebung  auf  den  Stuhl  von  Bismarck  zu  dem
König  von  Sachsen  in  [reudiger  Stimmung  sagte:  „Zu  Michaelis  darfst  du
mir  gratulieren!  Der  ist  der  beste  Kanzler,  den  ich  während  meiner  ganzen
        <pb n="354" />
        SUCHE  NACH  DEM  SECHSTEN  KANZLER  273

Regierung  gehabt  habe!“  Wilbelm  II.  machte  sogar  den  Versuch,  Michaelis
wenigstens  als  preußischen  Ministerpräsidenten  zu  behalten,  stieß  damit
aber  auf  so  allseitigen  Widerspruch,  daß  er  den  Gedanken  aufgab.  Aber
wer  sollte  nun  an  die  Stelle  des  Dr.  Georg  Michaelis  treten,  den  die  „Times“
nach  seiner  Ernennung  mit  einem  Artikel  begrüßt  hatte,  in  dem  es  etwa
bieß:  „Als  Herr  von  Bethmann  mit  demselben  plumpen  (clumsy)  Ungeschick,
  mit  dem  er  in  den  Krieg  hineingestolpert  war,  aus  dem  Reichskanzleramt
  herausstolperte,  ließ  Wilhelm  einen  im  In-  und  Ausland  völlig
unbekannten,  mittelmäßigen  Beamten  kommen,  der  weder  im  Parlament
noch  im  Lande  irgendwelche  Stellung  hatte,  und  sagte  zu  ihm:  Ich  ernenne
Sie  zum  Major,  mehr  bedarf  es  nicht,  damit  Sie  mit  Gottes  Hilfe  ein  ausgezeichneter
  Reichskanzler  werden.“  Leider  hatte  die  nach  seiner  Erhebung
  zum  Kanzler  in  der  Tat  erfolgte  Ernennung  zum  Major  der  Landwehr
  nicht  genügt,  um  Michaelis  vor  einem  frühen  politischen  Tod  zu  bewahren.


Wieder  sollte  Wilhelm  II.  einen  neuen  Steuerinann  für  das  in  schwerem
Kriegssturm  von  den  Wellen  hin  und  her  geworfene  Reichsschiff  finden.
Wiederum  von  dem  eigensinnigen  Wunsch  geleitet,  um  mich  herumzukommen,
  verfiel  der  Kaiser  auf  den  bayrischen  Ministerpräsidenten  Hertling,
  an  den  bereits  im  Juli  1917  herangetreten  worden  war,  der  aber  damals
  mit  Rücksicht  auf  seinen  schlechten  Gesundbheitszustand  gebeten
hatte,  von  ilım  abzusehen.  Es  war  das  derselbe  Hertling,  den  der  Kaiser
zwei  Jahrzehnte  früher  nur  mit  Widerstreben  auf  einem  Hofball  einer
kurzen  Ansprache  gewürdigt  hatte,  leider  auch  derselbe  Hertling,  von  dem
am  Schauplatz  seiner  bisherigen  Tätigkeit  in  München  seine  Kollegen,  seine
Untergebenen  und  alle,  die  mit  ihm  in  Berührung  kamen,  überzeugt  waren,
er  würde  seinem  dortigen,  nicht  allzu  aufreibenden  Amt,  das  jedenfalls  viel,
sehr  viel  bequemer  war  als  das  des  Reichskanzlers,  nicht  mehr  lange  gewachsen
  sein.  Ich  möchte  nicht  falsch  verstanden  werden.  Hertling  war
nicht  nur  bis  zum  letzten  Atemzug  ein  gewissenhafter,  ernster  und  vornelm
gesinnter,  sondern  auch  ein  kluger  und  erfahrener  Staatsmann.  Aber  er  war
über  seine  Jahre  hinaus  gealtert.  Er  war  infolge  einer  rasch  fortschreitenden
Arteriosklerose  körperlich  verfallen.  Schon  in  München  war  er  nicht  mehr
imstande  gewesen,  länger  als  eine  Stunde  Vorträge  entgegenzunehmen.  Die
Ernennung  Hertlings  erregte  daher  dort,  wo  man  seinen  körperlichen  Zustand
  kannte,  großes  Erstaunen.

Ich  stattete  ihm  bald  nach  seiner  Amtsübernahme  einen  längeren  Besuch
  ab,  schon  weil  er  der  einzige  Zentrumsabgeordnete  gewesen  war,  der
mir  gegenüber,  auch  nachdem  ich  politisch  mit  dem  Zentrum  zusammengestoßen
  war,  die  gesellschaftlichen  Formen  wahrte.  Ich  fand  ihn  geistig
klar,  physisch  völlig  verbraucht.  Als  ich  ihm  riet,  seine  schöne  Münchener

18  Bülow  DI

Reichskanzler
Freiherr
v.  Hertling
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        274  DER  BITTERE  KELCH

Bibliothek  nach  Berlin  kommen  zu  lassen,  damit  er,  ein  großer  Bibliophile,
seine  geliebten  Folianten  und  Regesten  um  sich  habe,  erwiderte  er  mir:
„Bis  meine  Bücher  eintreffen,  bin  ich  ja  vielleicht  schon  in  einer  anderen  und
besseren  Welt.  Ich  bin  ein  schwerkranker  Mann.“  Er  erzählte  mir  dann  mit
vollkommener  Ruhe,  daß  er  schon  vor  Monaten  vou  München  nach  Berlin  geschrieben
  habe,  er  sei  nicht  mehr  in  der  Lage,  einer  etwaigen  Berufung  zum
Reichskanzler  Folge  zu  leisten.  Trotzdem  sei  die  kaiserliche  Aufforderung  an
ihnergangen.  Nachseiner  Ankunft  in  Berlin  habeihm  Graf  Lerchenfeld  gesagt,
er  dürfe  dem  Kaiser  unter  keinen  Umständen  ein  Kabinett  mit  Parlamentariern
  vorschlagen,  davon  wolle  Seine  Majestät  absolut  nichts  wissen.  Er
habe  geantwortet:  „Dann  werde  ich  es  gerade  tun!“  Als  er  in  der  ihm  von
Seiner  Majestät  allergnädigst  bewilligten  Audienz  damit  angefangen  habe,
die  Notwendigkeit  einer  Parlamentarisierung  der  Regierung  zu  betonen,
hätte  der  Kaiser  erwidert:  „Tun  Sie,  was  Sie  nicht  lassen  können.“  Als  er
Seiner  Majestät  weiter  gesagt  habe,  persönlich  sei  er,  gerade  weil  er  ein  alter
Parlamentarier  wäre,  im  Grunde  ein  Gegner  parlamentarischer  Ministerien
wie  jeder  Parteiherrschaft,  da  beides  für  Deutschland  nicht  passe,  es  bleibe
aber  nach  Lage  der  Dinge  nichts  anderes  übrig,  als  in  den  sauren  Apfel  zu
beißen,  habe  der  Kaiser  aur  genickt  und  alles  Weitere  ihm  überlassen.  Der
Kaiser  hätte  sogar  den  Vorschlag  akzeptiert,  daß  Hertling  sich  zunächst
der  Unterstützung  aller  Parteien  vergewissern  solle,  eine  Idee,  die  Seine
Majestät  bis  dahin  als  eine  für  die  Krone  unerträgliche  Demütigung  bezeichnet
  hatte.  Die  Rücksprachen  zwischen  ihm,  Hertling  und  den  Parteiführern
  hätten  denn  auch  stattgefunden.  Alle  Parteiführer  bis  auf  einen,
den  Hertling  nicht  nannte,  hätten  ihm,  dem  alten  Kollegen,  ihre  Unterstützung
  zugesagt.  Nur  einer  habe  ihm  nicht  verheblt,  daß  seine  Partei  bei
aller  persönlichen  Sympathie  für  den  langjährigen  Reichstagskollegen  ihm
politisch  werde  opponieren  müssen.  Diesem  Kollegen  habe  er  warm  die
Hand  gedrückt  mit  den  Worten:  „Sie  waren  mir  persönlich  immer  lieb,
sind  es  mir  aber  jetzt  noch  mehr  geworden,  denn  Sie  erwecken  in  mir  die
Hoffnung,  daß  der  bittere  Kelch  an  mir  vorübergehen  wird.“  Er  habe  dann
auch  Seiner  Majestät  sagen  lassen,  er  müsse  endgültig  auf  die  Übernahme
des  Reichskanzlerpostens  verzichten,  und  gleichzeitig  die  Reichskanzlei  gebeten,
  ihm  den  Salonwagen,  in  dem  er  aus  München  eingetroffen  war,
freundlichst  für  die  Rückfahrt  wieder  zur  Verfügung  zu  stellen.  Daraufhin
sei  der  Staatssekretär  des  Äußern,  Herr  von  Kühlmann,  bei  ihm  erschienen
  und  habe  ihm,  gemeinsam  mit  dem  Grafen  Lerchenfeld,  mit
solchem  Nachdruck  auseinandergesetzt,  er  dürfe  den  Kaiser  nicht  im  Stiche
lassen,  es  sei  Fahnenflucht,  wenn  er  Berlin  verlasse,  daß  er  schließlich  den
Kanzlerposten  angenommen  habe.  Es  war  Kühlmann,  der  vor  allem  die
Ernennung  von  Hertling  betrieb.
        <pb n="356" />
        DYNASTISCHE  AMBITIONEN  275

Er  selbst  ist  nach  ihm  nicht  in  den  großen  Kasten  Wilhelmstraße  77
gelangt.  Aber  auch  in  der  kurzen  Zeit  seiner  Amtsführung  als  Staatssekretär
  hat  er  mehr  als  einmal  eine  sehr  unglückliche  Hand  bewiesen.  Der
Friede  von  Brest-Litowsk  war  ein  schwerer  Fehler.  Es  war  kein  Heldenstück,
  die  Bolschewisten  zu  ganz  exorbitanten  Zugeständnissen  zu  bewegen,
teils  weil  sie  den  Frieden  um  jeden  Preis  wollten,  um  sich  ungestört  der
gründlichen  Ausrottung  ihrer  inneren  Gegner  widmen  zu  können,  teils  weil
Trotzki  und  Genossen  sich  am  Vorabend  der  von  ihnen  mit  gläubiger  Zuversicht
  erwarteten  Weltrevolution  glaubten  und  deshalb  jeden  Triedensschluß
  nur  als  ein  Provisorium  betrachteten.  Der  Friede  von  Brest-Litowsk
  schadete  uns  in  zwei  Richtungen.  Er  erweckte  in  der  ganzen  Welt
den  Eindruck  deutscher  Brutalität  und  Unersättlichkeit.  Er  gab  der  französischen
  und  englischen  Propaganda  die  Möglichkeit,  mit  neuen  Scheingründen
  das  Märchen  von  den  deutschen  Weltherrschaftsplänen  zu  verbreiten.
  Dieser  Friedensschluß  mit  seinen  unsicheren  Konturen  und  seinen
unbegrenzten  Zukunftsmöglichkeiten  erweckte  gleichzeitig  in  Deutschland
an  nur  zu  vielen  Stellen  die  Hoffnung  auf  Landerwerb.  Der  württembergische
  Herzog  von  Urach  wollte  mit  Hilfe  des  ihm  befreundeten  Matthias  Erzberger
  König  von  Litauen  werden,  ein  Gedanke,  der  dem  Abgeordneten
für  Biberach  beinahe  ebenso  sehr  am  Herzen  lag  wie  die  Feststellung  einer
neutralen  Zone  für  den  Papst  zwischen  der  Cittä  Leonina  und  Civitä-Vecchia
  zwecks  ganz  freien  Verkehrs  des  Heiligen  Stuhls  mit  der  Außenwelt.
  Der  Prinz  Friedrich  Karl  von  Hessen,  ein  Schwager  des  Kaisers,  bewarb
  sich  um  die  Krone  von  Finnland.  Kaiser  Wilhelm,  dem  man  von
den  prächtigen  Auecrochsen  in  den  Wäldern  von  Kurland  gesprochen  hatte,
wünschte  für  sich  selbst  als  Hausgut  und  Jagdgrund  das  Herzogtum  Kurland.
  Der  Kaiser  zeichnete  recht  hübsch  und  hatte  schon  das  Wappen  entworfen,
  das  er  als  Herzog  von  Kurland  führen  wollte.  Auch  im  Westen
machten  sich  dynastische  Ansprüche  geltend:  Bayern  wünschte  die  Teilung
des  Reichslandes  Elsaß-Lothringen  in  der  Weise,  daß  Lothringen  an
Preußen,  Elsaß  aber  an  Bayern  fallen  solle.  Württemberg  erklärte,  daß  es
in  diesem  Falle  als  Entschädigung  den  Regierungsbezirk  Sigmaringen
beanspruche.  Sachsen  wollte  nicht  leer  ausgehen  und  ließ  durchblicken,  daß
der  Oberelsaß  ganz  wohl  von  Dresden  aus  regiert  werden  könne.  Es  war,
als  ob  in  den  deutschen  Fürstenhäusern  kurz  vor  ihrem  Zusammenbruch
ihre  jahrhundertealte  Vergrößerungssucht  und  Leidenschaft  des  Landerwerbs
  als  später  Johannistrieb  noch  einmal  zutage  trat.  Es  betrübte  mich,
im  Winter  1917/18  in  Berlin  zu  beobachten,  wie  sehr  trotz  des  ungeheuren
Ernstes  unserer  Lage  für  viele,  allzu  viele,  selbstsüchtige  Bestrebungen,
kleinliche  Ambitionen  im  Vordergrund  standen.  Oben  und  unten:  An  den
deutschen  Fürstenhöfen  wurden  Fürstenhüte  ausgeteilt  wie  an  der  Tafel

18°

Der  Friede
von  Brest-Litowsk
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        Aus  Bülois
Tagebuch

276  BÜULOW  WIRD  ÜBERWACHT

der  Wallensteinschen  Generäle  in  Schillers  dramatischem  Gedicht  „Die
Piccolomini“.

In  den  niederen  Sphären  des  damaligen  Auswärtigen  Amtes  herrschte
kein  besserer  Geist.  Ich  entnehme  dem  Tagebuch,  das  ich,  wenn  auch  mit
Lücken,  seit  dem  Beginn  des  Weltkrieges  führte,  die  nachstehenden  zwei
Aufzeichnungen,  die  ich  während  meines  Berliner  Aufenthaltes  eintrug:
„Frühstückte  im  Großen  Saal  des  Hotels  Adlon.  Vor  mir  ein  Tisch  mit
jüngeren  Beamten  des  Auswärtigen  Amtes.  Ich  höre,  ohne  es  zu  wollen,
die  nachstehende  Konversation.  A.:  Was  gibt  es  denn  Neues  an  der  Front?
B.:  Hören  Sie  auf  mit  Ihrem  Quatsch  von  der  Front!  Ich  möchte  lieber
wissen,  ob  Jagow  wieder  eine  Botschaft  bekommt!  Ein  an  dem  Tisch
dieser  hoffnungsvollen  Jugend  vorübergehender  älterer  Herr,  seinem
Ausschen  nach  ein  pensionierter  General,  legt  dem  Frager  die  Hand
auf  die  Schulter  und  meint  mit  grimmigem  Humor:  So  ist  es  recht.  Sie
sind  im  Bilde!“  Eine  weitere  Eintragung  in  mein  Tagebuch:  „X.  erzählt
mir,  ein  jüngerer  Beamter  des  Auswärtigen  Amtes  hätte  einen  neben
ihm  frühstückenden  Offizier  gefragt,  ob  er  wisse,  wer  am  Tage  vorher  am
Tische  des  Fürsten  Bülow  gesessen  habe.  Der  Offizier  antwortete:  Fragen
Sie  doch  den  Oberkellner!“  Von  allen  Seiten  wird  mir  erzählt,  daß  mein
Verkehr  sorgsam  überwacht  wurde.  Als  Tirpitz  mir  im  Hotel  Adlon  im
Winter  1915/16  einen  Besuch  abstattete,  sagte  ihm  Bethmann  am  nächsten
Tage  mit  vorwurfsvollem  Gesicht:  „Sie  waren  schon  wieder  beim  Fürsten
Bülow!“  In  einer  Staatsministerialsitzung  zeigte  Bethmann  dem  Minister
des  Innern,  Herrn  von  Loebell,  eine  französische  illustrierte  Zeitung,  die  ein
Bild  von  mir  brachte,  wie  ich  auf  dem  Luzerner  Kai  spazierenging.  Ein  betriebsamer
  Reporter  hatte  mich,  ohne  daß  ich  es  merkte,  abgeknipst.
Sorgenvoll  frug  der  Reichskanzler  seinen  Kollegen  Loebell:  „Wie  kommt
es,  daß  die  auswärtige  Presse  sich  noch  immer  mit  dem  Fürsten  Bülow
beschäftigt  ?  Das  ist  doch  im  allgemeinen  nicht  der  Fall  bei  zurückgetretenen
Staatsministern.“*  Als  Loebell  dem  Kanzler  versicherte,  daß  ich  nicht  nach
seinem  Posten  strebe,  schüttelte  Bethmann  melancholisch  den  Kopf:  „Alle
wollen  sie  an  meine  Stelle,  dabei  bin  ich  doch  der  einzige,  zu  dem  Europa
und  insbesondere  England  trotz  allem  und  allem  noch  immer  Vertrauen
haben.“

Ich  entnehme  meinem  Diarium  weiter  den  nachstehenden,  in  Berlin  eingetragenen
  längeren  Passus:  „Heute  aß  das  Ehepaar  Harnack  bei  uns.
Ich  hatte  ihn  zu  Tisch  gebeten,  weil  er  eine  schmerzliche  Enttäuschung
erlebt  hat.  Er  strebt  seit  langem  nach  dem  Kultusministerium.  Bethmann
hatte  ihm  in  dieser  Richtung  bestimmte  Zusicherungen  gemacht.  Der
Kaiser,  dem  Harnack  andauernder  und,  die  Gerechtigkeit  erfordert,  es  anzuerkennen,
  feiner  und  geistreicher  schmeichelt  als  irgendein  anderer,  war
        <pb n="358" />
        DER  WILLE  ZUR  MACIIT  277

cinverstanden.  Da  gelangt  durch  einen  tückischen  Zufall  ein  Brief  in  die
Öffentlichkeit,  den  Harnack  an  eine  in  München  lebende,  hübsche,  aber,
wie  es  scheint,  indiskrete  Nichte  gerichtet  hatte.  Es  hieß  in  diesem  Brief,
der  Kanzler  Bethmann  habe  ihm,  Harnack,  anvertraut,  daß  er  gern  noch
weiter  nach  links  gehen  möchte,  er  fürchte  aber,  dadurch  nicht  nur  die
Konservativen,  sondern  vor  allem  den  Kaiser  zu  beunruhigen.  Schlimmer
war  in  diesem  Brief  die  Wendung:  ‚Ich,  Adolf  Harnack,  halte  den  Willen
zur  Macht  für  Sünde.‘  Dabei  hat  gerade  Harnack  alle  anderen  deutschen
Gelehrten  während  des  Krieges  an  allzu  lautem,  gar  zu  übertriebenem
Chauvinismus  übertroffen.“

Gewiß,  auch  andere  deutsche  Gelehrte  haben  gesündigt.  Ich  nenne  nur
den  Professor  Lasson,  den  letzten  Vertreter  der  Hegelschen  Philosophie
an  der  Berliner  Hochschule.  Hegel  soll  gesagt  haben,  er  habe  nur  einen
einzigen  Schüler  gehabt,  der  ihn  verstanden  habe,  und  dieser  hätte  ihn  mißverstanden.
  Ich  weiß  nicht,  ob  dieser  den  Meister  mißverstehende  Jünger
der  Professor  Lasson  war.  Des  tiefen  und  umfassenden  Hegelschen  Geistes
hat  Lasson  jedenfalls  keinen  Hauch  verspürt.  Er  schrieb  bald  nach  Beginn
des  Krieges  an  einen  holländischen  Gelehrten,  der  ihm  wohlgemeinte  Gedanken
  für  eine  allmählich  anzubahnende  Versöhnung  der  sich  bekämpfenden
  Völker  durch  einen  Verständigungsfrieden  unterbreitet  hatte,  ungefähr
so:  Wenn  er,  Lasson,  Holländer  wäre,  würde  er  sich  schämen,  einem
neutralen,  im  Wohlstand  erstickenden  Lande  anzugehören.  Wegen  Deutschlands
  brauche  der  Holländer  sich  nicht  zu  beunruhigen.  Von  Kaiser  Wilhelm
  II.  gelte,  was  einst  von  Kaiser  Titus  gesagt  wurde:  Deliciae  generis
humani.  Betlımann  sei  ein  Staatsmann,  um  den  uns  künftige  Jahrhunderte
beneiden  würden.

Auch  der  Nationalökonom  Werner  Sombart  hätte  meo  voto  besser
getan,  seinem  Kriegsbuche  nicht  den  Titel  zu  geben:  ‚Helden  und  Händler‘.
Mit  den  Helden  sind  natürlich  wir  Deutsche  gemeint,  mit  den  Händlern  die
Engländer.  Nun  haben  zweifellos  auch  die  Engländer  in  ihrer  Geschichte,
und  noch  im  Weltkrieg,  Heldenmut  an  den  Tag  gelegt.  Andererseits  hat
unser  Volk  Handelsgeist  im  besten  Sinne  in  den  Tagen  der  Hansa  und  von
neuem  seit  der  Wiedererrichtung  des  Reiches  glänzend  betätigt.  Die
Warnung  des  weisen  Dulders  Boethius  in  seinen  ‚Consolationes‘  gilt  auch
für  Sombart:  „O  si  tacuisses,  philosophus  mansisses.“*

Aber  allen  seinen  Kollegen  tut  es  Adolf  Harnack  an  Großspurigkeit
zuvor.  Im  Höhepunkt  des  Krieges  hielt  er  in  München  eine  Rede,  in  der  er
erklärte,  daß  nur  der  Deutsche  bereit  sei,  für  den  Staat  zu  sterben,  wofür
sich  die  uns  feindlichen  Völker  bedankten.  Im  Anschluß  hieran  führte  er
aus,  daß  allein  der  Deutsche  eine  wirkliche  Kultur  besitze.  Es  entbehrt
nicht  eines  gewissen  pikanten  Reizes,  daß  ein  Mann,  der  in  dieser  Weise
        <pb n="359" />
        278  PROFESSOREN  UND  RHETOREN

nach  Art  der  homerischen  Helden  den  Gegner  verhöhnte  und  herabwürdigte,
  nicht  lange  nachher  den  Willen  zur  Macht  für  Sünde  erklärte.
Die  letztere  Wendung  war  übrigens  auch  an  und  für  sich  eine  Torheit.
„Get  thee  to  anunnery!  Geh  ins  Kloster,  Ophelia!““  hätten  seine  Studenten
dem  lloftheologen  zurufen  sollen.  Noch  besser  hätten  sie  ihn  an  ein  prächtiges
  Wort  erinnern  können,  das  ein  großer  englischer  Staatsmann,  Disraeli,
als  Führer  der  konservativen  Opposition  im  Unterhause  sprach:  „Professoren
  und  Rhetoren  erfinden  Systeme  und  Prinzipien.  Die  wahrhaften
Staatsmänner  sind  nur  von  dem  Instinkt  zur  Macht  und  der  Liebe  zum
Vaterland  beseelt.  Das  sind  die  Gefühle  und  Methoden,  die  große  Reiche
schaffen.‘  So  im  Parlament  Benjamin  Disracli,  Earl  of  Beaconsfield.
        <pb n="360" />
        XXI  KAPITEL

Ungünstige  Nachrichten  aus  Österreich  +  Der  dortige  dentsche  Botschafter  Graf  Botho

Wedel  -  Rumänien  tritt  in  den  Krieg  ein  +»  Hindenburg-Ludendorff  »  Der  Gang  der  militärischen

  Operationen  +  Die  große  Offensive  in  Frankreich  im  Frühjahr  1918  «  Symptume

zunchimender  Erschöpfung  in  Deutschland  »«  Jämmerliche  Schwäche  der  deutschen  Regierung

  -  Besuche  Ballins  in  Klein-Flottbek,  sein  letzter  Versuch,  Wilhelm  II.  nufzuklären

  »  Brief  Ileckschers  an  den  Fürsten  über  den  Zusammenbruch,  Bülows  Antwort
Der  Sowjet-Botschafter  Joffe

1733  stiegen  immer  schwärzere  Wolken  am  politischen  Horizont
auf.  Die  Nachrichten  aus  und  über  Österreich  lauteten  besonders  trübe.
Nur  unser  neuer  deutscher  Botschafter  in  Wien,  Graf  Botho  Wedel,  salı
nach  wie  vor  alles  in  rosa.  Seine  Berichte  waren  eine  fortlaufende  Bestätigung
  der  optimistischen  Informationen,  die  er  dem  ahnungslosen
Michaelis  und  dem  überalterten  Hertling  anläßlich  ihrer  Besuche  am
Wiener  Hof  gegeben  hatte  und  die  zum  Unglück  Deutschlands  die  verantwortlichen
  Leiter  unserer  Politik  hinsichtlich  der  Bundestreue  Österreich-Ungarns
  in  Sicherheit  wiegten.  Wedel  war  völlig  dadurch  eingeschläfert
worden,  daß  seine  Schwiegermutter,  die  Gräfin  Luise  Gröben,  als  sie  ihre
Kinder  an  der  schönen  blauen  Donau  besuchte,  aus  den  eigenen  Händen
der  Kaiserin  Zita  den  österreichischen  Elisabeth-Orden  mit  Brillanten  erhielt,
  was,  vom  höfischen  Standpunkt  aus,  eine  seltene  Auszeichnung  war.

Dieser  Allerhöchste  Gnadenbeweis  hatte  aber  nicht  verhindert,  daß
Kaiser  Karl  um  dieselbe  Zeit  Deutschland  verriet,  indem  er  dem  Präsidenten
  der  Französischen  Republik  Poincare  durch  seinen  Schwager,  den
Prinzen  Sixtus  von  Parma,  versprechen  ließ,  daß  er  mit  allen  Mitteln  und
unter  Einsetzung  seines  ganzen  persönlichen  Einflusses  die  „gerechten“
Rückforderungsansprüche,  die  Frankreich  hinsichtlich  Elsaß-Lothringens
stelle,  unterstützen  werde.  Gleichzeitig  hatte  Kaiser  Karl  um  einen  Sonderfrieden
  gebeten.  Er  hat  diesen  Brief  und  den  Versuch,  Deutschland  zu  verraten,
  ableugnen  wollen,  ist  jedoch  von  Clemenceau  in  voller  Öffentlichkeit
durch  Publikation  des  Faksimile  seines  Briefes  der  dreisten  Lüge  überführt
worden.  Dahin  hatten  die  blinde  Gefolgschaft  von  Bethmann  und  Jagow
gegenüber  Österreich,  die  falsch  verstandene  Ritterlichkeit  des  Kaisers
Wilhelm  für  den  greisen  Kaiser  Franz  Josef  geführt.  Daß  es  nicht  schon

Die  Sizxtus-Affäre
        <pb n="361" />
        Der  Krieg
mit
Rumänien

280  DIE  RUMÄNISCHE  SCHWENKUNG

1917  zu  einem  Abfall  der  Habsburger  gekommen  war,  verdankte  Berlin  nur
der  Hartnäckigkeit,  mit  der  Sonnino  an  der  italienischen  Forderung  des
Trentino  und  der  Stadt  Triest  festgehalten  hatte.  Kaiser  Karl  wollte  zwar,
daß  wir  Elsaß-Lothringen  abtreten  sollten,  er  selbst  aber  war  nicht  geneigt,
Trient  und  Triest  den  „gottlosen‘“  Italienern  zu  überlassen.

Auch  der  Eintritt  Rumäniensin  den  Krieg  hatte  die  Lage  der  Zentralmächte
  erheblich  belastet.  Die  ungarische  Regierung  konnte  sich  auch  nach
1914  nicht  entschließen,  den  im  Bereich  der  Stefanskrone  lebenden  fast
drei  Millionen  Rumänen  eine  bessere  Behandlung  und  eine  einigermaßen
ihrer  Zahl  entsprechende  Vertretung  im  ungarischen  Parlament  in  Aussicht
zu  stellen.  Die  Berliner  Politik  hatte,  wie  vor  einem  Jahr  gegenüber  Italien,
so  auch  gegenüber  Rumänien  versagt.  Sie  hatte  es  nicht  vermocht,  in  Wien
die  unerläßlich  gewordenen  Zugeständnisse  an  Italien  durchzusetzen;  sie
war  ebensowenig  imstande  gewesen,  Ungarn  zu  einer  freundlicheren
Haltung  gegenüber  Rumänien  zu  bewegen.  Umsonst  hatten  bis  zuletzt  der
tapfere  Carp  in  Bukarest  und  der  rumänische  Gesandte  in  Berlin,  der
tüchtige  Beldiman,  mit  direkten  Berichten  an  den  König  von  Rumänien
für  die  deutsche  Sache  gekämpft.  Die  Anhänger  der  Entente,  geführt  von
Take  Jonescu  und  Nikolaus  Philipescu,  siegten,  da  sie  sich  darauf  berufen
konnten,  daß,  während  die  Zentralmächte  Rumänien  keinerlei  Entgegenkommen
  zeigten,  die  Entente  dem  Königreich  ganz  Siebenbürgen,  die
Bukowina  und  das  Banat  in  Aussicht  stellte.  Auf  den  italienischen  Frontwechsel
  war  die  rumänische  Schwenkung  erfolgt.  Am  27.  August  1916  hatte
der  König  Ferdinand  von  Rumänien  Österreich-Ungarn  den  Krieg  erklärt.
Er,  ein  Hohenzoller,  der  im  Ersten  Garde-Regiment  zu  Fuß  gestanden  hatte,
verriet  Preußen,  die  Armee,  sein  Vaterland.  Hindenburg  und  Ludendorf,
die  achtundvierzig  Stunden  nach  der  rumänischen  Kriegserklärung  endlich
von  Kaiser  Wilhelm  II.  mit  der  obersten  Heeresleitung  betraut  wurden,
sorgten  dafür,  daß  nicht  nur  der  rumänische  Angriff  paralysiert  wurde,
sondern  sie  gaben  der  gesamten  deutschen  Kriegführung  neue  Impulse.

Während,  von  unseren  Staatsmännern  unbcachtet,  das  Geschwür  des
Verrats  in  der  Wiener  Hofburg  um  sich  fraß,  während  im  Innern  Deutschlands
  eine  in  der  Stille,  aber  mit  Zähigkeit  betriebene  Propaganda  an  der
Kampfkraft  der  Nation  nagte,  erfochten  die  deutschen  Armeen  unter  dem
Oberbefehl  Hindenburgs  auf  allen  Kriegsschauplätzen  unsterbliche  Siege.
Es  war  ein  tragischer  Kontrast,  der  die  Entwicklung  des  Jahres  1918  für
Deutschland  kennzeichnete:  unvergleichliche  militärische  Leistungen  an
der  Front,  eine  unheimlich  um  sich  greifende  Entmutigung,  eine  schleichende
  Erschöpfung  in  der  Heimat.  Die  Kriegsgeschichte  kennt  kaum  eine
großartigere  Leistung  als  die  deutsche  Offensive  im  März  1918,  der  Hindenburg
  das  Ziel  wies,  durch  eng  zusammenhängende  Teilschläge  das  feindliche
        <pb n="362" />
        -hall  Paul  von  Beneckendorf  und  Hindenburg

Generalfellma
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        <pb n="364" />
        DIE  FRONT  281

Gebäude  derartig  zu  erschüttern,  daß  es  letzten  Endes  doch  einmal  zusammenbreche.
  In  stürmischem  Siegeslauf  brach  die  deutsche  Infanterie
unter  dem  Schutz  der  vorwärtsrollenden  „Feuerwalze“  in  die  englischen
Stellungen  ein.  Sie  entriß  den  Engländern  unter  Einbringung  großer  Beute
Bapaume,  wo  ich  als  junger  Husar  fast  ein  halbes  Jahrhundert  früher  gefochten,
  sie  erreichte  Montdidier  und  Albert,  wohin  ich  damals  manche
Patrouille  geritten  hatte.  Aber  bis  Amiens  kamen  wir  diesmal  nicht.  Obwohl
  zwei  englische  Armeen  geschlagen  waren,  unsere  Tapferen  fast
hunderttausend  Gefangene  gemacht,  über  tausend  Geschütze  erobert
hatten,  wurde  ein  strategischer  Gewinn  nicht  erzielt.  Zu  groß  war  die  Übermacht
  der  Feinde,  denen  das  Menschen-  und  Kriegs-Material  fast  der
ganzen  Welt  zur  Verfügung  stand.  Die  letzte  Entscheidung  gaben  die  nach
Europa  transportierten  amerikanischen  Truppen.

Gegenüber  so  heroischen  Leistungen  des  deutschen  Heeres  verstummt
jede  Kritik.  Ich  will  jedoch  nicht  verhehlen,  daß  ich  in  jenen  Tagen  mich
oft  gefragt  habe,  ob  es  richtig  war,  daß  wir  an  der  Somme  standen  und  an
der  Weichsel,  in  den  Vogesen  und  in  den  Karpathen,  in  Kurland  und  in  der
Ukraine,  am  Isonzo  und  am  Euphrat,  daß  wir  in  Rumänien  und  in  Palästina
  fochten.  Ich  habe  damals  wiederholt  gesagt  und  auch  nach  Berlin
geschrieben,  daß  Napoleon  trotz  seines  Genies  und  trotz  des  fast  unerschöpflichen
  Menschenmaterials,  das  ihm  die  von  ihm  unterjochten  Völker,
die  Deutschen  und  die  Italiener,  die  Holländer  und  die  Belgier,  liefern
mußten,  schließlich  doch  unterlag,  als  er  Moskau  und  Madrid,  Rom  und
Amsterdam  besetzt  hielt.  Qui  trop  embrasse,  mal  £treint.  Es  wäre  besser
gewesen,  wenn  wir  uns  aus  dem  Osten  zurückgezogen  und  ganz  auf  den
Westen  konzentriert  hätten.  Mit  äußerster  Spannung,  mit  Herzklopfen
verfolgte  ich  den  zweiten  deutschen  Angriff  in  Frankreich,  die  Schlacht  an
der  Lys,  den  dritten  Angriff,  die  Eroberung  von  Soissons  durch  unseren
tapferen  Kronprinzen.

Der  vierte  deutsche  Angriff  mit  dem  Ziele  Reims,  das  durch  die  Eroberung
  von  Epernay  im  Westen  und  Chälons-sur-Marne  im  Osten  umklammert,
  uns  von  selbst  zufallen  sollte,  brachte  im  Juli  1918  die  militärische
  und  damit,  wie  die  Dinge  lagen,  die  welthistorische  Wende.  Der
Marne-Übergang  gelang  glänzend.  Aber  die  deutschen  Pläne  waren  verraten
  worden.  Der  Feind  hatte  in  Kenntnis  unserer  Absichten  die  Verteidigung
  in  die  zweite  Stellung  verlegt.  Ich  hörte  sogleich,  daß  in  jenen
Tagen  sich  zum  ersten  Male  Zeichen  moralischer  Zersetzung  im  Hlcere  bemerkbar
  machten.  Manche  Truppenteile  versagten  den  Gehorsam.  Regimenter,
  die  tapfer  vorgingen,  wurden  von  sozialistisch  verseuchten
Truppenteilen,  denen  sie  begegneten,  mit  dem  schmählichen  Ruf  „Streikbrecher“
  begrüßt.  Es  ist  allgemein  bekannt,  daß  ein  angesehener  englischer
        <pb n="365" />
        282  DIE  DEUTSCHE  MENTALITÄT

General  bald  nach  dem  Kriege  erklärt  hat,  das  deutsche  Heer  sei  durch  den
„Dolchstoß  von  hinten‘  besiegt  worden,  nicht  durch  den  vor  ilım  stehenden
Feind.  Die  deutsche  Sozialdemokratie  hat  gegen  diesen  Vorwurf  lebhaft
protestiert,  am  lebhaftesten  gerade  diejenigen  sozialdemokratischen  Führer
und  Publizisten,  die  diesen  Vorwurf  am  meisten  verdienten.  In  voller  Unparteilichkeit
  muß  gesagt  werden:  So  gewiß  es  ist,  daß  die  sozialdemokratisch
  gerichteten  Soldaten  sich  in  ihrer  großen  Mehrheit  gerade  so  tapfer
geschlagen  haben  wie  die  nichtsozialdemokratischen,  so  ist  doch  nicht  zu
bestreiten,  daß  wenigstens  die  Führer  des  linken  Flügels  der  Sozialdemokratie,
  die  selbst  den  wärmenden  Ofen  nie  verlassen  hatten,  sich  wesentlich
anders  benahmen  als  ihre  Genossen  an  der  Front.  Diese  Radikalen  arbeiteten
  um  so  blinder  auf  den  Zusammenbruch  hin,  je  näher  im  Weltkrieg
die  Entscheidung  rückte,  um  so  dreister,  je  mehr  die  aufeinanderfolgenden
schwachen  Reichskanzler  die  Zügel  am  Boden  schleifen  ließen.

Während  in  Frankreich,  wie  ich  schon  ausführte,  mit  Verbannung  und
Gefängnis,  mit  Pulver  und  Blei  gegen  Defaitisten  und  Pazifisten  vorgegangen
  wurde,  und  das  von  radikalen  und  sozialistischen  Ministern,
während  in  England  eine  liberale  Regierung  die  irländische  Sinnfein-Bewegung
  blutig  unterdrückte,  zahlreiche  Exekutionen  vornahm  und  den
Irenführer  Sir  Roger  Casement  im  Londoner  Tower,  dem  Schauplatz
mancher  blutigen  Szene  der  englischen  Geschichte,  hinrichten  ließ,  während
in  den  westlichen  Ländern  die  strafgesetzlichen  Bestimmungen  nicht  nur
über  Landesverrat,  sondern  auch  gegenüber  defaitistischen  und  pazifistischen
  Umtrieben  fortgesetzt  verschärft  wurden,  trat  in  Deutschland  die
Tendenz  hervor,  die  staatlichen  Abwehr-  und  Schutzmittel  entweder  abzustumpfen
  oder  sie  wenigstens  möglichst  selten  in  Anwendung  zu  bringen.
In  dieser  Richtung  überboten  sich  die  ausschlaggebenden  Parteien,  die
Sozialdemokratie,  das  Zentrum  und  die  bürgerliche  Demokratie,  mit  einem
nur  bei  uns  möglichen  spießbürgerlichen  und  weltfremden  Doktrinarismus.
Es  triumphierte  in  höchster  Not,  wo  es  um  alles  ging,  jener  „Standpunkt
des  Philisters‘‘,  wie  Bismarck  diese  während  dreißig  Jahren  so  oft  von  ihm
bekämpfte  Mentalität  nannte.  Der  deutschen  Menschheit  ganzer  Jammer
erfaßte  mich,  wenn  ich  im  Pariser  „Temps“  die  Einzelheiten  über  Verurteilungen
  las,  die  erkennen  ließen,  wie  wenig  in  Frankreich  dazu  gehörte,
um  vor  das  Kriegsgericht  zu  kommen,  während  sich  bei  uns  Defaitismus
und  Pazifismus  wie  ein  ekelhafter  Hausschwamm  einfraßen.  In  denselben
Tagen,  wo  dieser  Hausschwamm  in  Frankreich  erbarmungslos  mit  der
Wurzel  ausgerottet  und  wie  übles  Gewürm  zertreten  wurde,  erwiderte  mir
ein  nicht  untüchtiger  Beamter  des  Auswärtigen  Amtes,  dem  ich  geschrieben
  hatte,  er  finde  in  dieser  Zeit  höchster  Not  und  Gefahr  wohl  kaum
einen  Moment  der  Muße  und  des  Ausruhens,  mit  großem  Ernst:  „Wir  haben
        <pb n="366" />
        DIE  WAURHEIT  AN  DEN  KAISER  283

jetzt  in  der  Tat  viel  zu  tun.  Wir  sind  namentlich  damit  beschäftigt,  brauchbare
  deutsche  Vorschläge  für  den  Völkerbund  auszuarbeiten,  der  hoffentlich
die  beste  Frucht  dieses  Krieges  sein  wird.“

In  Flottbek,  wo  ich  seit  1915  jeden  Sommer  mehrere  Monate  verbrachte,
erhielt  ich  besonders  im  Herbst  1918  häufige  Besuche  von  Ballin.  Er  war
Ende  August  im  Großen  Hauptquartier  gewesen,  auf  den  ausdrücklichen
Wunsch  der  O.  IH.  L.,  die  ihn  gebeten  hatte,  Seiner  Majestät  endlich  reinen
Wein  über  den  Ernst  der  Lage  einzuschenken,  was  Hindenburg  und  Ludendorff
  bisher  nicht  gelungen  war.  Es  war  aber  Ballin  nicht  möglich  gewesen,
den  Kaiser  ohne  Zeugen  zu  sprechen.  Die  Kaiserin  und  der  Kabinettsrat
vun  Berg  hatten  jeden  derartigen  Versuch  vereitelt.  Ilerr  von  Berg  war
bald  nach  dem  Rücktritt  des  Reichskanzlers  Bethmann  als  Chef  des  Zivilkabinetts
  an  die  Stelle  des  Herrn  von  Valentini  getreten.  Der  letztere  hatte
durch  seine  Beschränktheit,  mehr  noch  durch  seinen  Mangel  an  Charakter,
seinem  kaiserlichen  Herrn  und  dem  Lande  schweren  Schaden  zugefügt.  Der
Kaiser  trennte  sich  trotzdem  nur  ungern  von  Valentini,  der  ein  frommer
Knecht  war  und  in  der  Furcht  des  Herrn,  dem  er  grundsätzlich  nie  widersprach.
  Auch  Herr  von  Bethmann  Hollweg  hatte  das  ihm  mögliche  getan,
um  Valentini  zu  halten,  der  sein  Jugendfreund  war,  mit  dem  ihn  Seelenverwandtschaft
  und  gegenseitiges  Verständnis  verbanden.  Es  war  ein
Verdienst  des  Kronprinzen,  daß  nach  dem  Rücktritt  von  Bethmann
Hollweg  auch  Valentini  endlich  sein  Bündel  schnüren  mußte.  Herr  von
Berg,  sein  Nachfolger,  war  ein  Altersgenosse  und  Korpsbruder  Seiner
Majestät,  ein  ostpreußischer  Junker  von  der  guten  Sorte:  ein  anständiger
und  aufrechter  Mann,  der  auch  dem  Kaiser  gegenüber  kein  Blatt  vor  den
Mund  nahm,  ein  tüchtiger  Beamter,  vor  allem  ein  Mann  von  sicherem
Patriotismus.  Er  genoß  das  Vertrauen  von  Hindenburg  und  Ludendorf.
Aber  einer  so  schwierigen  Situation  wie  derjenigen,  in  die  er  sich  im  Ilerbst
1918  versetzt  sah,  war  Herr  von  Berg  nicht  gewachsen.  Ballin,  immer  verständnisvoll
  für  andere,  meinte,  als  er  mir  von  seinem  Mißerfolg  im  Großen
Hauptquartier  erzählte:  „Ich  will  weder  die  Kaiserin  noch  Berg  tadeln.  Die
Kaiserin  ist  die  beste  Frau  von  der  Welt,  das  Idealeiner  deutschen  Hausfrau.
Berg  ist  ein  anständiger  und  patriotisch  gesinnter  Mann.  Aber  beide  sind
der  Überzeugung,  daß  der  Kaiser,  wenn  er  die  Situation  so  sähe,  wie  sie  in
Wirklichkeit  ist,  vollständig  zusammenbrechen  würde,  und  sie  fragen
beide:  ‚Was  wäre  uns  mit  einem  solchen  Kollaps  geholfen  ?*  Die  Folge  ist,
daß  der  Kaiser  mehr  denn  je  in  a  fool’s  paradise  lebt  und  ein  großer,  ja  der
größte  Teil  des  deutschen  Volkes  mit  ihm.“

Es  war  bei  unserer  letzten  Unterredung,  daß  Albert  Ballin  so  zu  mir
sprach,  mit  dem  ich  während  zwei  Jahrzehnten  oft  Gedanken  ausgetauscht,
viel  erlebt  hatte.  Wenige  Menschen  sind  mir  so  sympathisch  gewesen,  für

Ballin  bei

Bülow
        <pb n="367" />
        lat  Ballin
Selbstmord
begangen?

284  BALLINS  TOD

wenige  habe  ich  eine  so  aufrichtige  Achtung  gefühlt.  Ballin  war  schr  klug,
er  hatte  aber  nicht  nur  einen  scharfen  Verstand,  sondern  auch,  was  in
Deutschland  seltener  ist  als  in  Italien,  einen  Verstand  voll  Ressourcen.  Er
suchte  und  fand  meist  einen  Ausweg.  Il  etait  plein  d’exp£dients,  wie  der
Franzose  sagt.  Er  war  durch  und  durch  praktisch,  was  der  Deutsche
seltener  ist  als  der  Engländer,  als  der  Amerikaner  und  selbst  als  der
Franzose,  und  dabei  hatte  er,  ganz  Autodidakt,  tiefes  Verständnis  für
geistige  Kultur.  Er  hatte  vor  allem  ein  goldenes  Herz,  und  groß  ist  die  Zahl
derjenigen,  denen  er  mit  Rat  und  Tat  geholfen  hat,  ohne  jemals  eine  Gegenleistung
  zu  verlangen  oder  auch  nur  Aufhebens  davon  zu  machen.

Ballin  ist,  wie  ich  vorgreifend  hinzufüge,  beim  Ausbruch  der  Revolution
plötzlich  gestorben.  Man  sagt,  er  wollte  sterben.  Und  doch  war  nach  meiner
Überzeugung  von  einem  eigentlichen  Selbstmord  nicht  die  Rede.  Der  Zusammenbruch
  des  Vaterlandes  erschütterte  ihn  bis  ins  Innerste.  Er  glaubte,
wie  mir  seine  liebe  und  gute  F'rau  nach  seinem  Tode  sagte,  sein  Lebenswerk
sei  zerstört,  Auch  das  Schicksal  des  Kaisers  ging  ihm  nahe,  mit  dem  er
nicht  immer  einverstanden  war,  dem  er  aber  trotz  allem  treu  ergeben  blieb,
für  den  er,  ich  möchte  sagen,  väterliche  Gefühle  empfand.  Daß  aber  Albert
Ballin  seinem  Leben  nicht  mit  Bewußtsein  selbst  ein  Ende  setzen  wollte,
dürfte  schon  daraus  hervorgehen,  daß  er  mir  vierundzwanzig  Stunden  vor
seinem  Tod  einen  längeren  Brief  schrieb,  in  dem  er  die  Grundlinien  für  den
wirtschaftlichen  Wiederaufbau  Deutschlands,  auch  auf  dem  Gebiete  der
Schiffahrt,  in  großen  Zügen  skizziert  hatte.  Am  Vormittag  seines  Todestages
  saß  Ballin  allein  in  seinem  Arbeitszimmer  in  dem  stattlichen,  an  der
Binnenalster  gelegenen  Hapag-Gebäude,  das  die  stolze  Inschrift  trug:  „„Mein
Feld  ist  die  Welt.“  Rohe  Matrosen  mit  roten  Schleifen  und  Kokarden
drangen  in  sein  Zimmer  und  bedrohten  den  feinfühligen,  kränklichen  Mann
mit  körperlicher  Mißhandlung.  Sie  schrien  ihm  zu,  die  Republik  sei  proklamiert,
  jetzt  breche  eine  neue  Zeit  an,  eine  herrliche  Zeit,  mit  ihm,  mit
dem  Kapitalismus  und  der  Hapag  sei  es  vorbei.  Ballin,  der  an  intensiver
Schlaflosigkeit  litt,  hatte  ein  starkes  Schlafmittel  auf  seinem  Tisch
stehen.  Als  die  rohen  Einbrecher  sich  entfernt  hatten,  leerte  er  in  der
furchtbaren  Erregung  des  Augenblicks  den  ganzen  Inhalt  des  Fläschchens.
Unmittelbar  nachher  von  Reue  ergriffen,  telephonierte  er  selbst  an  seinen
Arzt.  Dieser  erschien,  fand  den  Fall  nicht  hoffnungslos,  erklärte  aber,  der
Magen  müsse  ausgepumpt  werden.  Es  empfehle  sich,  daß  Ballin  selbst  mit
ihm  zu  Fuß  in  seine  Klinik  ginge,  die  kurze  Bewegung  würde  ihm  guttun.
In  dem  Augenblick,  wo  Ballin  in  dem  Krankenhaus  anlangte,  sank  er,  von
einem  Herzschlag  getroffen,  leblos  zu  Boden.

Albert  Ballin  war  am  Hamburger  Hafen  geboren,  am  Steinhöft.  Schon
der  Blick  des  Knaben  fiel  auf  „der  Schiffe  Mastenwald‘“‘,  wie  es  in  dem
        <pb n="368" />
        GRABGELÄUT  285

hamburgischen  Liede  heißt,  das  auch  ich  in  meiner  Kindheit  singen  hörte.
Ballin  entstammte  einer  seit  Jahrhunderten  an  der  Elbe  ansässigen
jüdischen  Familie,  die  tüchtige  Geschäftsleute,  auch  geachtete  Gelehrte
hervorgebracht  hatte.  Er  ist  dem  Glauben  seiner  Väter  immer  treu  geblieben.
  Ich  habe  nicht  viele  gekannt,  die  eine  solche  Kunst  der  Menschenbehandlung,
  soviel  Sicherheit  und  Gewandtheit  im  Verkehr  besaßen,  die
soviel  Liebenswürdigkeit  mit  Würde  verbanden  wie  Albert  Ballin.  Er  war,
was  seltener  ist,  ein  guter  Mann.  Wenige  Menschen  haben  in  ihrem  Leben
soviel  Gutes  getan  wie  Ballin.  Sein  Fehler  war  vielleicht  eine  gewisse
Neigung,  es  allen  recht  zu  machen.  Das  wurde  ihm  von  seinen  Gegnern  als
Charakterlosigkeit  ausgelegt  und  gab  ihm  in  der  Tat  bisweilen  etwas
Unsicheres.  Alles  in  allem,  als  Ganzes  genommen,  war  Ballin  ein  ganzer
Mann.  Er  verkörperte  wie  kaum  ein  anderer  den  kühnen,  wagemutigen,
immer  von  neuem  sich  aufrichtenden,  immer  vorwärtsstrebenden  Genius
der  mächtigsten  deutschen  Hafen-  und  Handelsstadt,  des  alten  und  immer
jungen  Hamburg.

Fünf  Wochen  bevor  Albert  Ballin  aus  dem  Leben  schied,  hatte  ich  in
Flottbek  den  nachstehenden  Brief  des  freisinnigen  Reichstagsabgeordneten
Dr.  Siegfried  Heckscher  erhalten:  „Hochverehbrter  Fürst!  Am  30.  September
  1918  ist,  auch  nach  außen  hin  erkennbar,  das  deutsche  Kaisertum
Bismarckscher  Schöpfung  und  Bülowscher  Entfaltung  zu  Grabe  geläutet
worden.  Leider  hat  sich  auch  die  Oberste  Heeresleitung  einem  verhängnisvollen
  Optimismus  in  der  Beurteilung  der  gegnerischen  Kräfte  hingegeben.
Aber  das  Entscheidende  war  doch  die  verbrecheri  hmähliche  politische
Führung  von  den  Julitagen  1914  an  bis  zu  den  letzten  Lebenszeichen  des
Hertlingschen  Regimes.  Dennoch  hätte  sich  die  gefahrdrohende,  sausende
Fahrt  des  Reichswagens  verlangsamen  lassen,  wenn  wenigstens  in  den
Septembertagen  dieses  Jahres  die  Krone  von  charaktervollen,  staatsklugen,
besonnenen  Männern  beraten  worden  wäre.  Aber  Herr  von  Berg  hat  völlig
versagt.  Erst  war  er  für  Bülow,  dann  gegen  ihn,  weil  Bülow  mit  Scheidemann
  zusammen  arbeiten  wolle,  und  Berg  empfahl  die  Diktatur,  dann
wieder  gab  er  die  verfassungsmäßigen  Rechte  der  Krone  kampflos  preis,
und  schließlich  unternahm  er  einen  dilettantischen  Versuch,  das  unwiederbringlich
  Verlorene  wiederzugewinnen.  Das  Schicksal  des  Stuartkönigs,  in
das  ich  mich  einstmals  zu  dichterischer  Gestaltung  liebevoll  versenkt  habe,
trat  vor  meine  Scele.  Nur  daß  sich  zu  dem  Kampfe  zwischen  dem  englischen
Parlament  und  Karl  dem  Ersten  heute  die  furchtbare  Tatsache  gesellt,  daß
wir  den  Weltkrieg  verloren  haben.  Der  Umschwung  in  Deutschland  ist  so
katastrophenhaft,  daß  die  Leute  mit  wenigen  Ausnahmen  den  Kopf  verloren
  haben.  Zu  den  Ausnahmen  rechne  ich  den  alten  Grafen  August
Eulenburg,  der  in  Haltung  und  Urteil  die  Ruhe  bewahrt  hat.  Hätte  er  statt

 

Dr.  Siegfried
Heckscher
an  Bülow
        <pb n="369" />
        286  DER  INNERE  ZUSAMMENBRUCH

Berg  den  Monarchen  beraten,  so  wäre  wahrscheinlich  das  Allerschlimmste
vermieden  worden.  Ich  möchte  aber  auch  an  dieser  Stelle  keinen  Zweifel
darüber  aufkommen  lassen,  daß  ich  ein  beherzter  Anhänger  des  parlamentarischen
  Systeıns  bin  und  bleibe.  Was  ich  jedoch  beklage  und  worin  ich
die  eigentliche  Gefahr  erblicke,  ist  der  revolutionäre  Charakter,  unter  dem
sich  die  Einführung  vollzogen  hat.  Morgen  wird  nun  der  neue  Reichskanzler
von  der  vollzogenen  Tatsache,  daß  wir  an  Wilson  ein  Friedensangebot  gerichtet
  haben,  dem  deutschen  Volke  und  der  Welt  voraussichtlich  Kenntnis
geben,  und  morgen  abend  wird  sich  auf  das  deutsche  Volk  die  schwere  dunkle
Wolke  nationaler  Trauer  senken.  Hier  und  dort,  wo  man  das  Ende  mit
Schrecken  dem  Schrecken  ohne  Ende  vorzog,  mag  eine  vorübergehende
Entspannung  eintreten.  Aber  sehr  bald  wird  der  Schrei  nach  den  Schuldigen
ertönen.  Und  die  wahre  Gefahr  droht  erst,  wenn  die  Tapferen  aus  den
Schützengräben  in  die  Heimat  zurückfluten  und  nach  Wohnung,  Arbeit  und
Brot  suchen.  Auf  diesen  Zeitpunkt  müssen  schon  jetzt  alle  Besonnenen  ihr
Augenmerk  richten,  um  den  inneren  Zusammenbruch  zu  verhüten.  Vor
dem  Mut  des  Prinzen  Max  von  Baden  verbeuge  ich  mich,  nur  muß  er  sich
von  nervösen  Beratern  freimachen,  die,  wie  Konrad  Haußmann,  rot  wie
eine  reilce  Tomate,  durch  die  Wilhelmstraße  und  durch  die  Wandeclhalle  des
Reichstags  rasen  und  toben.  Ohnehin  glaube  ich  nicht  an  eine  lange
Regierung  des  Prinzen  Max.  Aber  ich  erwarte  in  voller  Erkenntnis  der
gegenwärtigen  und  kommenden  Gefahren,  daß  sich  das  neue  Deutschland
in  Jahrzehnte  langer  Arbeit  zu  neuer  Kraft  und  Größe  entfalten  wird.  Viel
hängt  von  den  deutschen  Friedensunterhändlern  ab.  Ich  denke  dabei  an
das  Frankreich  von  1814  und  1815  und  an  die  Ergebnisse  des  Wiener
Kongresses.  Aber  komme  schließlich,  was  mag:  Mehr  als  vier  Jahre  haben
wir  unsere  Festung  gegen  alle  Anstürme  und  gegen  erdrückende  Übermacht
tapfer  und  ehrenvoll  verteidigt  —  Si  fractus  illabatur  orbis,  impavidum
ferient  ruinae.  In  namenlosem  patriotischem  Schmerz  bin  ich  in  treuer
Gesinnung  Euer  Durchlaucht  ergebener  Heckscher.“

Ich  habe  seit  dem  Tode  meiner  einzigen  Schwester,  die,  ein  kleiner  Engel,
im  Januar  1870,  kaum  zwölf  Jahre  alt,  von  dem  himmlischen  Gärtocr  in
sein  Paradies  verpflanzt  wurde,  und  vor  dem  Heimgang  meiner  über  alles
geliebten  Frau  keine  Träne  vergossen.  Als  ich  den  Brief  des  Abgeordneten
Heckscher  zu  Ende  gelesen  hatte,  wurde  ich  von  einem  Weinkrampf  befallen.
  Es  war  nicht  nur  die  Gewißheit  unserer  Niederlage,  die  mich
erschütterte,  die  bevorstehende  Kapitulation  nach  vierjährigem  heldenmütigem
  Kampf,  nach  solchen  Leistungen  der  tapfersten,  der  schönsten
Armee  der  Welt,  das  Erliegen  der  Armee  von  Fehrbellin  und  Leuthen,  von
Leipzig  und  Waterloo,  von  Sadowa  und  Sedan.  Es  war  noch  mehr  die  blitzschnell
  in  mir  aufsteigende  Erkenntnis,  daß  der  Tag  gekommen  sei,  wo  die
        <pb n="370" />
        DEUTSCHLAND  WIRD  KAPITULIEREN  287

Befürchtungen  sich  erfüllen  würden,  die  mich  seitneun  Jahren  beherrschten,
die  Ahnung,  daß  der  Tag  gekommen  sei,  da  die  heilige  Ilios  hinsinkt.  Ich
kannte  unsere  Gegner,  die  Rachsucht,  die  Machtgier,  die  sadistische
Grausamkeit  der  Franzosen,  französischer  Generäle  und  französischer
Advokaten,  die  kalte  Härte  der  Engländer.  Die  im  Laufe  der  letzten  Wochen
aus  Washington  ergangenen  Kundgebungen  ließen  mich  klar  erkennen,  daß
Präsident  Wilson  den  europäischen  Verhältnissen  und  Verwicklungen  mit
der  Naivität  und  Leichtgläubigkeit  des  ahnungslosen  Huronen  in  Voltaires
unsterblichem  „Ingenu“  gegenüberstehen  würde.  Ich  kannte  den  deutschen
  Parteigeist,  die  Kleinlichkeit  und  Selbstsucht,  die  Erbärmlichkeit
unserer  Fraktionen,  die  geringe  politische  Einsicht  des  Durchschnittsdeutschen,
  die  Schwäche  des  deutschen  Natiunalgefühls  zu  wohl,  um  an  den
Widerstand  zu  glauben,  den  ein  Teil  der  demokratischen  deutschen  Presse
für  den  Tag  in  Aussicht  stellte,  wo  die  deutsche  Demokratie  die  Zügel
ergreifen  würde.

Unter  dem  Eindruck  des  Augenblicks  schrieb  ich  am  7.  Oktober  Herrn
Heckscher  einen  langen  Brief,  bei  dessen  nachfolgender  Wiedergabe  ich
manches  fortlasse,  was  sich  auf  die  Kritik  der  deutschen  Politik  während
der  letzten  Jahre  bezog,  so  berechtigt  diese  Kritik  an  und  für  sich  auch  war.

„Seit  vorgestern  liegt  auf  meinem  Schreibtisch  Ihr  Brief,  der  mir  die
erschütternde  Nachricht  brachte,  daß  Deutschland  kapitulieren  werde.  Sie
kennen  mich  zu  gut,  als  daß  ich  Ihnen  die  Gefühle  zu  schildern  brauche,  die
diese  Nachricht  in  mir  hervorgerufen  hat.  Wollte  Gott,  daß  ich  diesen  Tag
nicht  erlebt  hätte  und  abberufen  worden  wäre,  als  Deutschland  noch  seine
große  Stellung  in  der  Welt  behauptete.  Als  mir  im  Juli  dieses  Jahres  von
informierter  Seite  gesagt  wurde,  die  Oberste  Heeresleitung  wünsche  die
Herbeiführung  des  Friedens,  entgegnete  ich,  daß  in  diesem  Falle  alles  darauf
ankäme,  mit  diplomatischer  Geschicklichkeit  eine  Verständigung  zu
erreichen,  solange  unsere  militärische  Lage  nach  außen  noch
aussichtsvoll  erscheine.  Was  ist  inzwischen  in  dieser  Richtung  geschehen
  ?  Oberste  Regierungsstellen  haben  eine  Reihe  sich  untereinander
widersprechender  Reden  gehalten,  und  wenn  diplomatische  Schritte  und
Sondierungen  erfolgten,  so  blieben  sie  im  Sande  stecken.  Warum  hat  man
unser  Volk  nicht  rechtzeitig  auf  den  in  Bulgarien  bevorstehenden  Erdrutsch
  vorbereitet  und  so  der  durch  dieses  Ereignis  beförderten  Panik
vorgebeugt?  Vor  Wochen  und  Wochen  habe  ich  gehört,  König  Ferdinand
ergehe  sich  in  Redewendungen,  die  mindestens  darauf  hindeuten,  daß  er
sich  schwerlich  auf  dem  Thron  werde  halten  können,  wenn  er  am  Bündnis
mit  uns  festhalte.  Wer  einigermaßen  im  Orient  Bescheid  wußte,  konnte
nicht  in  Zweifel  darüber  sein,  daß  schon  der  Rücktritt  von  Radoslawow
und  seine  Ersetzung  durch  Malinow  ein  ernstes  Warnungszeichen  war.  Was

Antwort
Bülows
        <pb n="371" />
        288  DER  SCHWERE  WEG

mich  am  schmerzlichsten  berührt,  ist  die  Mutlosigkeit,  die  an  vielen  Stellen
hervortritt,  und  die  allgemeine  Kopflosigkeit.  Sind  wir  denn  wirklich  so
weit,  daß  wir  die  Flinte  ins  Korn  werfen  müssen?  Haben  die  Franzosen
nicht  mutig  weitergefochten,  als  sie  Niederlage  über  Niederlage  erlitten
und  wir  Paris  bedrohten?  Haben  unsere  Feinde  denn  schon  das  linke
Rheinufer,  Elsaß-Lothringen  und  Baden  besetzt,  liegen  Aachen  und
Koblenz,  Freiburg  und  Mannheim  in  Trümmern,  wird  der  Kölner  Dom
beschossen?  Das  entspräche  doch  ungefähr  der  Lage,  in  der  sich  die
Franzosen  während  vier  Jahren  befanden.  Hat  nicht  selbst  das  kleine,  bei
Jena  besiegte  Preußen  weitergefochten  ?  Hat  nicht  Courbiere,  als  er  von
den  Franzosen  zur  Übergabe  von  Graudenz  aufgefordert  wurde  mit  der
Begründung,  daß  es  keinen  König  von  Preußen  mehr  gäbe,  geantwortet,
dann  sei  er  König  von  Graudenz?  Wo  bleiben  die  Manen  von  Arndt  und
Theodor  Körner,  von  Stein  und  Schleiermacher  ?  Hatte  der  amerikanische
Botschafter  Gerard  recht,  wenn  er  in  seinem  bösen  Buch  ‚Face  to  Face
with  Kaiserism‘  vor  einem  Jahr  schrieb:  ‚The  nerve  of  Germany  will  break.
There  is  a  suicide  point  in  the  German  character‘?

Wenn  die  militärische  Lage  jetzt  plötzlich  eine  so  verzweifelte  geworden
  ist,  so  mußte  doch  der  Wechsel  in  unserer  Haltung  nach  außen
weniger  jäh  erfolgen.  Die  Bildung  der  neuen  Regierung  scheint  mir  zweckentsprechend.
  Besser  noch  wäre  es  gewesen,  wenn  am  4.  August  1914,
nachdem  der  Kaiser  das  Wort  gesprochen  hatte,  er  kenne  keine  Parteien
mehr,  nur  noch  Deutsche,  eine  Koalitionsregierung  wie  in  Frankreich,
England,  Belgien  und  später  in  Italien  gebildet  worden  wäre,  die  uns
durch  den  ganzen  Krieg  geführt  hätte.  Sie  wissen,  daß  ich  vom  ersten
Tage  an  der  Meinung  war,  daß  ein  Krieg  wie  dieser  nur  mit  voller
Unterstützung  durch  die  breiten  Massen,  also  vor  allem  der  organisierten
Arbeiter,  unter  Berufung  der  sozialdemokratischen  Führer  in  die  Regierung
  geführt  werden  könne.  Gibt  uns  die  Demokratie  die  Führer,  wie
sie  Frankreich  vor  achtundvierzig  Jahren  in  Gambetta  und  jetzt  in
Clemenceau  gefunden  hat,  so  bin  ich  der  erste,  der  sie  segnet,  wenn  sie  der
Nation  die  Fahne  vorantragen.  Über  die  Aufnahme,  die  unsere  Friedensdemarche
  finden  wird,  will  ich  nicht  prophezeien.  Am  intransigentesten
werden  die  Franzosen  sein,  denen  die  Straßburger  Kathedrale  und  der
Metzer  Dom  in  greifbare  Nähe  gerückt  erscheinen  und  denen  unsere  vierjährige
  Okkupation  auf  den  Nägeln  brennt.  Je  mehr  ich  über  die  Lage  nachdenke,
  je  größer  wird  meine  Bewunderung  für  unser  Volk,  seine  Leistungsfübigkeit
  und  Aufopferungswilligkeit,  dieses  Volks,  daß  wir  um  so  mehr
lieben  müssen,  je  schwerer  jetzt  sein  Weg  ist.  Und  um  so  brennender  sei
unser  Wunsch,  daß  ihm  einst  lichtere  Tage  und  ein  besserer  Ausblick  in  die
Zukunft  beschieden  sein  mögen.“
        <pb n="372" />
        DER  KAISER  WILL  NACH  SPANIEN  289

Wenige  Tage  später  bezog  ich  wieder  in  Berlin  unser  gewohntes  Quartier
im  Hotel  Adlon,  mit  dem  Blick  auf  den  Pariser  Platz.  Als  ich  am  Abend
unserer  Ankunft  einen  Spaziergang  Unter  den  Linden  unternahm,  war  ich
erstaunt,  den  ersten  Stock  der  russischen  Botschaft  hell  erleuchtet  zu  sehen,
in  dessen  Gesellschaftsräumen  ich  Paul  von  Oubril  und  Peter  Saburow,  den
einäugigen  Fürsten  Orlow,  den  Freund  des  Fürsten  Bismarck,  der  ein  Auge
im  Krimkrieg,  beim  Sturm  auf  Silistria,  verloren  hatte,  meinen  Freund  den
General  Paul  Schuwalow  und,  während  meiner  Amtszeit,  den  würdigen
Grafen  Osten-Sacken  als  Vertreter  des  Zaren  gekannt  hatte.  Als  ich  eine
Zeitungsverkäuferin  frug,  was  in  der  russischen  Botschaft  los  wäre,  meinte
sie:  „Da  is  jroßer  Trara  bei  die  Russen  for  die  Brieda  von  die  U.  S.  P.“  In
der  Tat  feierten  russische  und  deutsche  Kommunisten  ein  Verbrüderungsfest.
  Die  Beziehungen  zwischen  beiden  waren  schon  seit  einiger  Zeit  sehr
intim  geworden.  Der  rollende  russische  Rubel,  der  unter  dem  Zarentum
sich  in  Frankreich  den  Weg  in  so  viele  Zeitungsredaktionen  wie  auch  in
manche  Tasche  einflußreicher  Politiker  gebahnt,  der  auf  dem  Balkan,  auch
in  Galizien  und  in  Böhmen  weite  Kreise  infiziert  hatte,  fand  unter  dem
Sowjetstern  seinen  Weg  in  die  Taschen  der  deutschen  Radikalen,  die  sich
in  ihren  verbrecherischen  Anschlägen  seit  Monaten  durch  russische
Subsidien  unterstützt  sahen.  Der  Gastgeber  bei  dem  erwähnten  Fest,  der
Botschafter  Joffe,  hat  ein  Jahr  später,  in  ziemlich  rüder  Weise,  nachdem
der  Umsturz  in  Deutschland  erfolgt  war,  den  sozialdemokratischen
deutschen  Reichstagsabgeordneten  Oskar  Cohn  in  einem  offenen  Brief
daran  erinnert,  daß  es  ohne  die  von  den  Bolschewisten  gewährte  reichliche
Subvention  kaum  möglich  gewesen  wäre,  den  Matrosenaufstand  in  Kiel
und  die  Revolution  in  München  und  Berlin  zu  inszenieren.

Eigenartiges  hörte  ich  schon  in  den  ersten  Tagen  meines  Aufenthaltes
in  Berlin  über  Haltung  und  Stimmung  des  Kaisers.  Der  Reichstagsabgeordnete
  Heckscher  erzählte  mir,  er  sei  in  der  Königgrätzer  Straße
dem  Kaiser  begegnet,  der  aus  dem  Garten  des  Hausministeriums  kam,  wo
er  damals  fast  täglich  mit  dem  Hausminister  Eulenburg  konferierte.  Der
Kaiser  habe  ihn,  Heckscher,  mit  durchbohrendem  Blick  angesehen  und  ihm
mit  pathetischer  Stimme  zugerufen:  „Schützen  Sie  meine  kaiserlichen
Rechte!“

Seltsamer  klang,  was  mir  ein  Angehöriger  der  spanischen  Botschaft
sub  rosa  anvertraute.  Ein  Abgesandter  des  Kaisers  habe  in  der
spanischen  Botschaft  angefragt,  ob  Seine  Majestät  für  den  Fall,  daß  er
Deutschland  verlassen  müsse,  in  Spanien  auf  eine  freundliche  Aufnahme
rechnen  könne.  Von  seiten  der  Botschaft  war  erwidert  worden,  daß  König
und  Volk  in  Spanien,  die  während  des  Krieges  ihre  Sympathien  für
Deutschland  nicht  verhehlt  hätten,  dem  Deutschen  Kaiser  die  Gast-19

  Bulow  III

Bülow  in
Berlin
        <pb n="373" />
        290  DIE  GEFAHREN  DER  PHANTASIE

freundschaft  gewähren  würden,  die  dem  ritterlichen  Geist  der  spanischen
Nation  entspräche.  Aber  wie  denke  sich  der  hohe  Herr  die  Reise  von  Berlin
nach  Spanien?  Den  üblichen  Landweg  über  Paris  und  Hendaye-Irun  könne
er  nicht  wohl  einschlagen,  ebensowenig  den  Seeweg  über  Italien  und
Barcelona.  Die  Antwort  lautete,  der  Kaiser  trage  sich  mit  der  Absicht,
im  U-Bootnach  San  Sebastian  zu  gelangen,  wie  dies  nicht  lange  vorher
einem  kühnen  deutschen  U-Boots-Kommandanten  gelungen  war.  Dieser
Plan  scheint  nur  eine  Seifenblase  gewesen  zu  sein,  die  ebenso  rasch
zerplatzte,  wie  sie  sich  gebildet  hatte.  Sicher  war,  daß  der  Berliner  Boden
Seiner  Majestät  unter  den  Füßen  brannte.

Daß  es  dem  Kaiser  gegenüber  einer  präsenten  Gefahr  nicht  an  Mut
fehlte,  hatte  er,  wie  ich  seinerzeit  erzählte,  während  der  bangen  Tage
bewiesen,  woeran  Wucherungen  im  Halse  erkrankte,  was  in  der  Erinnerung
an  das  Krebsleiden  beider  Eltern  so  wie  anderer  Vorfahren  auch  einen
starken  Mann  umwerfen  konnte.  Wilhelm  II.  betätigte  seine  Unerschrockenheit
  beim  Reiten,  das  für  ihn  bei  der  Unbrauchbarkeit  seines  linken  Armes
immer  mit  Gefahr  verbunden  war.  Ich  bin  endlich  oft  mit  ihm  in  Wilhelmshöhe,
  in  Wiesbaden  und  Homburg,  in  Kiel  und  auf  vielen  Reisen  unbewacht
spazierengegangen,  ohne  daß  er  die  geringste  Besorgnis  an  den  Tag  legte.
Aber  bei  Wilhelm  II.  überwog  Phantasie,  Schillers  kühne  Seglerin,  bisweilen
  dio  ruhige  Überlegung,  die  Metis  der  alten  Griechen.  Bei  einem
Dichter  wäre  das  ein  Vorzug  gewesen,  rühmt  doch  auch  der  Olympier
Goethe  als  seine  Göttin  die  ewig  bewegliche,  immer  neue,  seltsame  Tochter
Jovis,  sein  Schoßkind,  die  Phantasie.  Bei  einem  Regenten  hatte  eine  so  rege
Phantasie  ihre  Gefahren.  Schon  deshalb  bedurfte  Wilhelm  II.  so  sehr,  so
dringend  ruhiger  und  besonnener  Ratgeber.  Möglichkeiten,  die  ihm  seine
Phantasie  vorspiegelte,  rissen  ihn  entweder  zu  übertriebenen  Erwartungen
hin  oder  versetzten  ihn  in  ebenso  übertriebenen  Schrecken.  Seit  dem
tragischen  Ende  des  unglücklichen  Zaren  Nikolaus  II.  stand  der  Deutsche
Kaiser  unter  dem  Eindruck  dieses  entsetzlichen  Ereignisses.  Der  Zar  sei,
so  glaubte  der  Kaiser,  daran  zugrunde  gegangen,  daß  er  zu  lange  mit  seiner
Abreise  aus  der  Hauptstadt  nach  dem  Hauptquartier  gezögert  hätte.
Deshalb  wäre  es  den  Aufrührern  möglich  gewesen,  ihn  unterwegs  abzufangen,
  zur  Abdankung  zu  zwingen  und  dann  abzuschlachten.  Der  Kaiser
übersah  den  weiten  Abstand  zwischen  russischen  und  deutschen  Verhältnissen,
  deutscher  und  ausländischer  Mentalität  und  Tradition.  Nie  hat
ein  deutscher  Fürst  das  Schafott  bestiegen,  wie  in  Frankreich  und  England
Ludwig  XVI.  und  Karl  I.,  nie  war  in  Deutschland  ein  Herrscher  ermordet
worden,  wie  in  Italien,  in  Schweden,  wie  mehr  als  einmal  in  Rußland.

.  Jedenfalls  war  es  ein  großer  politischer  Fehler  von  seiten  des  Kaisers,

daß  er  im  Herbst  1918  seine  Hauptstadt  verließ.  Er  hätte  in  Berlin  bleiben,
        <pb n="374" />
        THRON  UND  REVOLUTION  291

die  Fühlung  mit  den  Ministern  unterhalten,  ernste  Leute  empfangen,  die
Zügel  der  Regierung  in  der  Hand  behalten  und  vor  allem  für  die  militärische
Sicherheit  seiner  Hauptstadt  sorgen  sollen.  Und  im  schlimmsten  Falle
bätte  Wilhelm  II.,  dem  Rate  des  Fürsten  Bismarck  folgend,  an  den
Stufen  des  Thrones  fechtend  fallen  müssen.  Die  Revolution  war  in  keiner
Weise  unabwendbar.
        <pb n="375" />
        Prinz  Mox
von  Baden
zum
Reichskanzler
ernannt

XXU.  KAPITEL

Prinz  Max  von  Baden  Reichskanzler  +  Seine  Persönlichkeit,  seine  Ungeeignetheit  zum

Kanzleramte  «  Neuerliche  Kandidatur  des  Fürsten  »  Die  Frage  der  Abdankung  Wilhelms

  Il.,  seine  Flucht  nach  Holland  und  sein  Brief  an  den  Kronprinzen  »  Vollzug  der

Abdankung  «  Die  Spießbürgerlichkeit  der  deutschen  Revolution  »  Meutereiin  Kiel  -  Die

Ereignisse  in  München  «  Flucht  Ludwigs  Ill.  von  Bayern  »  Wie  Friedrich  August  von
Sachsen  Abschied  nahm

m  3.  Oktober  1918  hatte  Prinz  Max  von  Baden  den  Grafen  Hertling  abgelöst,

  dessen  Verkalkung  so  rasche  Fortschritte  machte,  daß  sein  Bleiben
auf  dem  Kanzlerposten  völlig  unmöglich  geworden  war.  Als  nicht  lange  vor
dem  Rücktritt  des  Grafen  Hertling  ein  Vertreter  der  O.H.L.  in  Spa  bei
ihm  erschien,  um  ihm  eine  wichtige  Mitteilung  zu  machen,  die  sofortige
und  energische  politische  Entscheidungen  erheischte,  wehte  ihm  eine
Weihrauchwolke  entgegen.  Der  Kanzler  hatte  eine  schwere  Ohnmacht
erlitten  und  war  auf  seinen  Wunsch  mit  den  Sterbesakramenten  versehen
worden.  Er  ist  denn  auch  vier  Monate  nach  seinem  Rücktritt,  am  4.  Januar
1919,  in  seinem  kleinen  Landhause  in  Ruhpolding  in  Oberbayern  gestorben.

Sein  Nachfolger,  Prinz  Max  von  Baden,  verdiente  weder  die  Vorschußlorbeeren,
  die  ihm  nach  seiner  Ernennung  zum  Reichskanzler  überreicht
wurden,  noch  die  Invektiven,  die  nach  seinem  Rücktritt  auf  ihn  niederprasselten.
  Um  mit  dem  französischen  Dichter  zu  reden:  Il  ne  m£ritait  ni
cet  exc&amp;amp;s  d’honneur,  ni  ces  indignites.  Ich  glaube  den  Prinzen  objektiv
beurteilen  zu  können,  der  mir  nie  irgendwie  imponiert  hat,  mir  aber  nicht
unsympathisch  war  und  mit  dem  mich  vieljährige  Beziehungen  verbanden.
Prinz  Max  war  vor  allem  Dilettant,  ein  fürstlicher  Dilettant.  Er  war  ohne
besondere  Kenntnisse  Ehrendoktor  der  Staatswissenschaften  geworden.  Er
wurde,  obwohl  er  nur  ein  paar  Jahre  bei  den  Gardekürassieren  gestanden
und  dann  vorübergehend  ein  badisches  Dragonerregiment  kommandiert
hatte,  General  der  Kavallerie.  Als  Prinz  seines  Hauses  zum  Präsidenten
der  Ersten  Badischen  Kammer  erwählt,  hielt  er  in  jedem  zweiten  Jalıre,
wenn  er  das  Präsidium  übernahm,  denn  der  Badische  Landtag  versammelte
sich  verständigerweise  nur  alle  zwei  Jahre,  eine  kleine  Rede.  Der  Prinz
ließ  sich  einige  Monate  vor  dem  Zusammentritt  des  Landtags  seine  Rede
von  einem  Heidelberger  oder  Freiburger  Professor  ausarbeiten  und  hatte
        <pb n="376" />
        DER  ROMAN  EINER  DESZENDENZ  293

immer  Zeit  genug,  sie  auswendig  zu  lernen.  Die  tadellos  aufgesagte  Rede,
die  sich  in  allgemeinen  liberalen  Wendungen  bewegte,  erregte  stets  den
freundlichen  Beifall,  den  diese  harmlose  Art  von  Beredsamkeit  seit  jeher
in  Deutschland  findet.  Man  denke  an  Herrn  Willy  Helpach,  der  sich  nach
dem  Ableben  des  biederen  Fritz  Ebert  1925  schon  als  Reichspräsident
träumte.  Während  des  Weltkrieges  hatte  sich  Prinz  Max  von  Baden  der
deutschen  Internierten  in  der  Schweiz  angenommen  und  dabei  im  Verkehr
mit  den  Schweizer  Behörden  wie  mit  den  Internierten  aller  kriegführenden
Mächte  liebenswürdiges  Wesen  und  sicheren  Takt  an  den  Tag  gelegt.  Ich
glaube  noch  heute,  daß  Prinz  Max  als  Führer  der  Waffenstillstandskommission
  im  Herbst  1918,  wenn  ihm  ein  tüchtiger  Generalstäbler  und
ein  gewandter  Beamter  des  auswärtigen  Dienstes  beigegeben  worden  wäre,
seine  Sache  ganz  gut  gemacht  hätte.  Zum  Unterhändler  mit  fremden
Diplomaten,  Ministern  und  Generälen  eignete  er  sich  weit  besser  als  die
„unabhängigen  Deutschen“,  die  freiwillig  nach  Versailles  fuhren,  wo  sie
eine  klägliche  Rolle  spielten,  oder  gar  als  Matthias  Erzberger,  den  wir  in
den  Wald  von  Compiegne  schickten.

Prinz  Max  hatte  ein  vornehmes  Auftreten,  die  besten  Formen.  Er
beherrschte  gleich  gut  Englisch  und  Französisch.  Sohn  des  uralten
Zähringer  Hauses  und  Gatte  einer  Tochter  des  noch  älteren  welfischen
Hauses,  war  er  gleichzeitig  mit  dem  englischen,  dem  russischen  und  dem
dänischen  Hofe  nahe  verwandt.  Durch  seine  Mutter,  eine  Leuchtenberg-Romanowsky,
  war  er  ein  Urenkel  des  Kaisers  Nikolaus  I.  Er  stammte  aber
nicht  nur  von  dem  großen  Autokraten  ab,  sondern  auch  vom  Vicomte
Alexandre  Beauharnais,  der  nach  dem  Ausbruch  der  Französischen
Revolution  sich  ihr  anschloß,  zum  Befehlshaber  der  Rheinarmee  ernannt
und,  weil  er  Mainz  nicht  halten  konnte,  im  Monat  Thermidor  1794,  wenige
Tage  vor  Robespierre,  guillotiniert  wurde.  Wie  erstaunt  wäre  der  junge
General  Beauharnais  gewesen,  wenn  ihm,  während  er  in  dem  verhängnisvollen
  Karren  zur  Guillotine  gefahren  wurde,  eine  Seherin  erschienen  wäre,
die  priesterliche  Jungfrau  der  Brukterer  im  heutigen  Westfalen,  die  Velleda,
oder  ein  Seher,  wie  der  Teiresias  der  griechischen  Sage,  und  ihm  verkündet
hätte:  „Deine  hübsche  Witwe  Josephine  wird  Kaiserin  der  Franzosen
werden,  dein  kleiner  Sohn  Eugen  Vizekönig  von  Italien  und  Schwiegersohn
des  ersten  Königs  von  Bayern;  dessen  Sohn,  dein  Enkel,  wird  die  älteste
Tochter  eines  russischen  Zaren  heiraten.  Deine  kleine  Tochter  Hortense
wird  Königin  der  Niederlande  werden  und  Mutter  des  dritten  französischen
Kaisers,  der  von  einem  deutschen  Kaiser  bei  Sedan  gefangengenommen
werden  wird.  Deine  Nachkommen  werden  auf  den  Thronen  von  Schweden,
Norwegen,  Dänemark,  von  Brasilien  und  sogar  von  Anhalt-Dessau,  Köthen
und  Bernburg  sitzen.  Deine  kleine  Nichte  Stefanie  wird  Großherzogin  von
        <pb n="377" />
        Nochmals
die  Kanzlerfrage


294  WIEDER  EIN  „VERRÄTER“

Baden  werden  und  ein  Urenkel  von  ihr  der  letzte  Reichskanzler  des  kaiserlichen,
  des  großen  Deutschlands.“  George  Sand  sagt  mit  Recht,  que  la  vie
ressemble  plus  au  roman  que  le  roman  a  la  vie.

Ich  wiederhole  noch  einmal,  die  mancherlei  Beziehungen  des  „Bademax“,
wie  er  bei  den  Gardekürassieren  genannt  wurde,  sein  Wesen  und  seine
Persönlichkeit  eigneten  ihn  vortrefflich  zum  diplomatischen  Vertreter  und
Unterhändler  auch  im  großen  Stil.  Nichts  qualifizierte  ihn  zum  Reichskanzler,
  und  noch  dazu  in  der  denkbar  schwierigsten  Situation.  Gegenüber
Wilson  versagte  er  vollständig,  fiel  im  Bunde  mit  den  ihn  beratenden
Demokraten  auf  alles  und  jedes  herein,  was  aus  Washington  an  Phrasen
kam.  Als,  dem  Usus  entsprechend,  bei  dem  Großherzog  Friedrich  II.  von
Baden,  einem  sehr  verständigen  Herrn,  von  seiten  des  Kaisers  angefragt
wurde,  ob  er  seine  Ermächtigung  dazu  gebe,  daß  sein  Vetter,  Prinz  Max,
das  Reichskanzleramt  übernehme,  erfolgte  die  Rückfrage,  ob  es  sich  um
ein  Chiffre-Versehen  handle  oder  um  einen  nicht  ernst  zu  nehmenden  Einfall
Seiner  Majestät.  Die  Antwort  lautete,  daß  ein  wohlerwogener  Entschluß
vorliege.  Schon  deshalb  hatte  Wilhelm  II.  unrecht,  wenige  Wochen  später
den  von  ihm  ausgesuchten  und  ernannten  Kanzler  mit  allen  der  Zoologie
entnommenen  Schmeichelnamen  zu  belegen,  die  dem  Kaiser,  wenn  er
erzürnt  war,  zur  Verfügung  standen.

Ein  langjähriger  Freund  von  mir,  der  beim  Kaiser  wohlgelitten  war,
besuchte  kaum  zwei  Monate  nach  des  Kaisers  Flucht  die  Majestäten  im
Bentinckschen  Schlosse  Amerongen.  Er  erzählte  mir,  bei  einem  Abendessen
wäre  die  Stimmung  des  Kaisers  besonders  trübe  gewesen.  Er  habe  kein
Wort  gesprochen.  Sorgenvoll  habe  die  arme  Kaiserin  auf  ihren  hohen
Gemall  geblickt.  Plötzlich  habe  Wilhelm  II.  mit  der  Faust  auf  den  Tisch
geschlagen  und  laut  gerufen:  „Der  Bademax  ist  ein  Verräter!  Ein
Schurke!“  Da  habe  die  Kaiserin  mit  einem  Seufzer  der  Erleichterung
geflüstert:  „Gottlob!  Jetzt  redet  er  wieder.‘  Der  Vorwurf  Seiner  Majestät
war  übertrieben.  Der  Bademax  hätte  Seiner  Majestät  mit  Moliere  erwidern
können:  „Tu  l’as  voulu,  George  Dandin,  tu  l’as  voulu!“*

Bei  den  Besprechungen,  die  Herr  von  Berg  im  Auftrage  des  Kaisers  mit
den  Parteiführern  über  die  Nachfolge  des  Grafen  Hertling  abgehalten  hatte
—  von  der  Taktik  der  Überrumpelung  des  Parlaments  war  man  unter  dem
Druck  der  Verhältnisse  abgekommen  —,  war,  wie  ich  von  verschiedenen
Beteiligten,  darunter  auch  vom  Abgeordneten  Erzberger  hörte,  auch  mein
Name  genannt  worden,  da  man  im  Reichstage  anzunehmen  schien,  daß  die
Erfahrungen,  die  ich  auf  dem  Gebiete  der  auswärtigen  Politik  besaß,  beim
Friedensschluß  nutzbar  gemacht  werden  könnten.  Herr  von  Berg  wurde
durch  diese  Erörterung  in  eine  peinliche  Lage  versetzt.  Er  entgegnete  mit
sichtlicher  Nervosität,  er  empfände  für  den  Fürsten  Bülow  aufrichtige
        <pb n="378" />
        EIN  DEUTSCHER  GAMBETTA?  295

Verehrung,  stünde  auch  persönlich  zu  ihm  in  guten  Beziehungen.  Er  halte
sogar  dessen  Ernennung  zum  Reichskanzler  für  die  richtige  Lösung.  „Aber“,
sagte  er,  „den  Fürsten  Bülow  bringe  ich  beim  Kaiser  nicht  durch.  Das
ist  völlig  ausgeschlossen.“  Dieser  Standpunkt  des  Kabincttsrats  Seiner
Majestät  war  an  und  für  sich  begreiflich.  Ein  gedeihliches  Zusammenarbeiten
  mit  Wilhelm  II.  war  in  dieser  gefahrbeschwerten  Lage  nur  möglich
bei  vollem  und  rückhaltlosem  gegenseitigen  Vertrauen.  Der  Kaiser  war  von
Leuten,  die  glaubten,  ihm  damit  einen  Gefallen  zu  erweisen  und  sich  seine
Gunst  zu  sichern,  in  Abneigung  und  Mißtrauen  gegen  mich  erhalten  worden.
Die  Selbstbeherrschung  und  das  Pflichtgefühl,  deren  er  bedurft  hätte,  um
die  fast  ein  Jahrzehnt  lang  bei  ihm  mit  allen  Mitteln  genährte  und  lebendigerhaltene
  Ranküne  zu  überwinden,  besaß  er  nicht.

Ich  weiß  nicht,  ob  es  mir  gelungen  wäre,  Wilhelm  II.  oder  wenigstens
die  Dynastie  zu  retten.  Daß  ich  auf  Wilsons  Propositionen  ohne  weiteres
hereingefallen  wäre,  wie  Prinz  Max  und  Neulinge  vom  Typ  Haußmann  und
Erzberger,  glaube  ich  nicht.  Ich  möchte  mich  gegen  den  Vorwurf  billiger
Kombinationspolitik  verwahren.  Aber  für  mich  wie  für  jeden  anderen
braven  Preußen  und  politisch  klarblickenden  Deutschen  war  in  den
Oktobertagen  des  Jahres  1918  nur  noch  ein  Ausweg  möglich.  Wir  mußten
fechten,  weiterfechten.  Es  blieb  uns  keine  andere  Wahl.  Die  Zügel  im
Innern  mußten  schärfer  angezogen,  die  Etappe  gründlich  gesäubert,  jeder
verfügbare  Mann  an  die  Westfront  gebracht  werden.  Es  war,  wie  mir  von
einsichtsvollen  Militärs  versichert  worden  ist,  ein  Ausharren  noch  an  verschiedenen
  Stellen  möglich,  jedenfalls  am  Rhein.  Das  habe  sich  mit  voller
Klarheit  aus  den  Äußerungen  der  Regimentsführer  ergeben,  die  in  größerer
Anzahl  aus  allen  Abschnitten  der  Front  in  das  Hauptquartier  befohlen
worden  waren,  um  der  Heeresleitung  über  die  Stimmung  in  der  vordersten
Kampflinie  Meldung  zu  erstatten.  Im  Gegensatz  zu  ihren  Oberkommandos
hätten  sich  die  Regiments-  und  Brigadeführer  für  die  Fortsetzung  des
Kampfes  ausgesprochen  und  sich  für  den  ungeschwächten  Kampfgeist
ihrer  Truppen  verbürgt.  Daß  wir,  als  unsere  Regierung  kapitulierte,  sehr
wohl  in  der  Lage  waren,  weiterzufechten,  und  sogar  unter  militärisch  nicht
allzu  ungünstigen  Verhältnissen,  hat  nach  dem  Ende  des  Weltkriegs
Marechal  Foch  wiederholt  geäußert.  In  einem  Interview,  das  er  im  Juli1928
einem  Mitarbeiter  der  „Wiener  Neuen  Freien  Presse‘  gewährte,  erklärte
unser  bedeutendster  Gegner  seinem  Besucher,  daß  Deutschland  im
September  1918  hinter  dem  Rhein  hätte  standhalten  können.  „Wenn  das
deutsche  Volk  einen  Gambetta  besessen  hätte,  wäre  der  Krieg  verlängert
worden,  und  wer  weiß...“  Auf  den  Einwurf,  das  Beispiel  Gambettas  hätte
bewiesen,  daß  ein  heldenhafter  Widerstand  eines  militärisch  besiegten  Volks
nur  dazu  diene,  den  Krieg  nutzlos  zu  verlängern,  erwiderte  Marschall  Foch:
        <pb n="379" />
        Wilhelms  II.
Verzicht
unvermeidlich

296  DIE  ABDANKUNG

„Dennoch  glaube  ich,  daß  ein  Volk,  das  nicht  besiegt  werden  will,  nicht
besiegt  werden  muß.  Im  November  1918  hatte  Deutschland  selbstverständlich
  keinerlei  Siegesaussichten  mehr.  Hätten  jedoch  seine  Armeen
binter  dem  Rhein  standgehalten,  hätten  viele  Dinge  eine  andere  Wendung
genommen.“  Wenn  mir  General  Ludendorff  gesagt  hätte,  er  hielte  einen
weiteren  militärischen  Widerstand  für  ausgeschlossen,  so  würde  ich  ihm
erwidert  haben:  „Ich  begreife,  daß  nach  so  großartigen  Leistungen,
unerhörten  Anstrengungen  Ihre  Nerven  einen  A  blicl  hl  Selbst
Napoleon,  selbst  unser  großer  König  haben  solche  Augenblicke  gekannt.
Schlafen  Sie  sich  vierundzwanzig  Stunden  aus,  dann  wollen  wir  weiterreden.“
  Ich  bin  überzeugt,  daß  der  General  nach  vierundzwanzig  Stunden
wieder  der  alte  gewesen  wäre,  und  wir  hätten  weitergefochten,  weitergekämpft,
  wie  Ludendorff  und  Hindenburg  die  ganze  Zeit,  wo  die  Oberste
Heeresleitung  in  ihren  Händen  lag,  bis  dahin  gekämpft  hatten.  Jedenfalls
hätte  ich  den  Kaiser  gezwungen,  nach  Berlin  zurückzukehren.  Ich  hätte
ihn  nicht  über  die  Grenze  fliehen  lassen.  Und  ich  würde  in  Berlin  für
die  Aufrechterhaltung  der  Ordnung  gesorgt  haben.  Wir  konnten  besiegt
werden,  aber  wir  durften  nicht  zusammenbrechen.

Prinz  Max  war  gewiß  nicht  der  Verräter,  als  der  er  nicht  nur  Kaiser
Wilhelm,  sondern  vielen  Gutgesinnten  gilt.  Aber  auch  er  war,  wie  vor  ihm
Bethmann  Flollweg,  zu  schwach,  um  wirklich  aufrichtig  zu  sein.  Er  hat
zweifellos  die  Geschäfte  mit  der  Absicht  übernommen,  den  Kaiser  über
Bord  zu  werfen,  um  das  Schicksal  der  preußischen  und  damit  auch  der
anderen  deutschen  Dynastien  zu  retten.  Er  hatte  schon  einige  Monate  vor
seinem  Amtsantritt  dem  Kronprinzen  Ruprecht  von  Bayern,  mit  dem  er
in  dauernder  Korrespondenz  stand,  geschrieben,  die  Abdankung  des  Kaisers
sei  unvermeidlich.  König  Ludwig  von  Bayern,  der  wohl  dachte,  daß,  was
mit  dem  Kaiser  angefangen,  bei  ihm  fortgesetzt  werden  könnte,  hatte
daraufhin  seinem  Herrn  Sohn  einen  scharfen  Verweis  erteilt,  daß  er  eine
solche  Eventualität  überhaupt  erörtert  habe.  Unter  dem  Druck  der  immer
deutlicher  werdenden  Anspielungen  Wilsons  hatte  Prinz  Max  als  Kanzler
gegenüber  dem  bayrischen  Ministerpräsidenten  von  Dandl  mit  eindeutiger
Bestimmtheit  ausgesprochen,  daß  er  es  als  den  dringlichsten  Teil  seiner
Aufgabe  betrachte,  den  Kaiser  von  der  Notwendigkeit  seiner  Abdankung
zu  überzeugen.  Herr  von  Dandl  erstattete  über  diesen  ihn  entrüstenden
Standpunkt  des  Prinzen  seinem  Allerhöchsten  Herrn  pflichtschuldigst
Bericht,  was  die  Stimmung  für  den  Prinzen  Max  in  München  nicht  verbesserte.
  Später  versuchte  Prinz  Max,  den  Großherzog  Ernst  von  Hessen
zu  veranlassen,  den  Kaiser  zur  Abdankung  zu  bewegen.  Der  Großherzog
lehnte  ab  unter  dem  Hinweis  darauf,  daß  er  der  leibliche  Vetter  des  Kaisers
sei,  der  einen  Teil  seiner  Jugend  von  Kassel  und  Bonn  aus  während  seiner
        <pb n="380" />
        DER  9.  NOVEMBER  297

Ferien  in  Darmstadt  verlebt  habe.  Er,  der  Großherzog,  könne  sich  unmöglich
dazu  hergeben,  Kaiser  Wilhelm  II.  die  seidene  Schnur  zu  überbringen.

Endlich  gelang  es  dem  Prinzen  Max,  den  damaligen  preußischen  Minister
des  Innern,  Herrn  Drews,  zu  überreden,  seinerseits  den  Versuch  zu  unternehmen,
  dem  Kaiser  klarzumachen,  daß  er  nicht  länger  bleiben  könne.  Der
Minister  hatte  kaum  seinen  hierfür  sorgsam  vorbereiteten  Vortragbegonnen,
als  ihm  der  Kaiser,  bei  dem  sich  gegenüber  diesem  ziemlich  subalternen
Bürokraten  endlich  der  fürstliche  Stolz  aufbäumte,  die  Tür  wies.  Daß  im
Parlament,  ja  selbst  im  Schoße  seiner  eigenen  Regierung,  auf  seine  Abdankung
  hingearbeitet,  daß  sie  als  Erleichterung  des  Friedensschlusses
betrachtet  wurde,  war  dem  Kaiser  auch  ohne  den  letzten  Vortrag,  den  er
von  seinem  Minister  des  Innern  entgegennahın,  nicht  verborgen  geblieben.
Als  er  Berlin  verließ,  um  sich  in  das  Hauptquartier  nach  Spa  zu  begeben,
wußte  er,  daß  sein  persönliches  Schicksal  ungewiß,  das  der  Dynastie
gefährdet  war.  Er  tat  aber  nach  außen,  als  ob  er  nicht  weichen  werde.  Noch
am  6.  oder  7.  November  erzählte  mir  der  Generaladjutant  Löwenfeld,  der
Kaiser  habe  ihm  aus  Spa  telegraphiert,  er  möge  „allen  Treuen  im  Lande“
sagen,  daß  der  König  von  Preußen  und  Deutsche  Kaiser  „bis  zum  letzten
Blutstropfen‘“  standhalten  würde.  Als  die  Meldung  von  der  Revolte  in  Kicl,
von  der  Revolution  in  München  und  in  Berlin  eintraf  und  gleichzeitig
Gerüchte  die  Stadt  durchschwirrten,  daß  die  Feldarmce  im  Westen  den
Gehorsam  versage,  besuchte  mich  Graf  August  Eulenburg  und  sagte  mir:
„Nun  müssen  wir  Gott  bitten,  daß  unser  Herr  den  Mut  findet,  an  der  Front
zu  fallen.“  Das  war  in  der  Tat  die  letzte  Möglichkeit,  die  Lage  zu  Gunsten
der  Dynastie  zu  wenden.

Prinz  Max,  dessen  Leistungsfähigkeit  von  Brom  und  Chloral  abhing,
hatte  den  Rest  seiner  Nervenkraft  eingebüßt  und  den  Kopf  völlig  verloren.
Er  hatte  unter  dem  Hinweis  auf  die  Möglichkeit  blutiger  Zusammenstöße
in  Berlin  telegraphisch  und  zum  Schluß  sogar  telephonisch  in  Spa  insistiert,
  daß  der  Kaiser  so  rasch  als  möglich  abdanken  müsse.  Wilhelm  II.
war  nicht  mehr  in  der  Lage  gewesen,  die  Angaben  seines  letzten  Kanzlers
auf  ihre  Richtigkeit  nachprüfen  und  feststellen  zu  lassen,  wie  weit  sie  der
Wirklichkeit  entsprächen  und  wie  weit  sie  durch  Neurasthenie  diktiert
waren.  Die  überstürzt  vollzogene  Abdankung  war  in  Berlin  auf  Anordnung
des  Prinzen  Max  schleunigst  bekanntgegeben  worden.  Die  Nachricht  von
der  Abdankung,  welche  die  noch  treugesinnten  Heeresteile  des  obersten
Kriegsherrn  beraubte,  hatte  auf  den  Geist  der  Front  katastrophal  gewirkt.
Nicht  lange  nachher  traf  in  Berlin  die  Meldung  ein,  daß  Wilhelm  Il.  über
die  holländische  Grenze  geflohen  sei  und  bei  dem  Grafen  'Godard  Bentinck
in  Schloß  Amerongen  Aufnahme  gefunden  habe.  Von  allen  Berichten  über
die  Ankunft  des  Kaisers  in  Holland  scheint  mir  der  wahrheitsgetreuste  die

Der  Kaiser

in  Spa
        <pb n="381" />
        Der  Kaiser
in  Ilolland

298  AMERONGEN

Schilderung  der  dem  Hausherrn  nahe  verwandten  Lady  Norah  Bentinck,
die  bei  dem  Eintreffen  Seiner  Majestät  bei  ihren  Verwandten  auf  Schloß
Amerongen  weilte  und  nachstehende  Darstellung  gibt:  „Während  der  Fahrt
durch  den  strömenden  Regen  nach  Amerongen  sprach  der  Kaiser  fast  nichts.
Es  war  leicht  zu  schen,  daß  er  von  der  plötzlichen  Katastrophe  noch  bis  zur
Verständnislosigkeit  betäubt  war,  dazu  ermüdet  von  den  vierzig  Stunden
Flucht,  Reise,  Warten.  Er  wünschte  sichtlich  sehr,  bald  an  einem  ruhigen
Platz  zu  sich  selbst  kommen  zu  können.  Erst  als  der  Wagen  hinter  der
Brücke  über  den  inneren  Wallgraben  das  Hauptportal  erreichte,  seufzte
der  Kaiser  auf.  Es  war  merklich  ein  Seufzer  tiefer  Entspannung.  ‚Jetzt‘,
sagte  er  zum  Grafen  Godard,  seine  Hände  reibend,  ‚jetzt  müssen  Sie  mir
eine  Tasse  heißen,  guten,  echten,  englischen  Tee  geben  lassen.‘  Der  Graf
versprach  lächelnd,  sich  sogleich  darum  zu  bekümmern.  Und  dann  bekam
der  Kaiser  den  gewünschten  Tee.  Es  war  freilich  weniger  ein  englischer  Tee
als  ein  richtiger  schottischer  ‚high  tea‘.  Zu  den  größten  Schätzen  Amerongens
gehört  eine  schottische  Haushälterin,  eine  Meisterin  in  der  Herstellung  der
schottischen  Biskuits,  Pfannkuchen,  Hörnchen  und  anderer  Leckerbissen,
an  denen  jeder  Reisende  im  Hochland  sich  irgendeinmal  delektiert  hat.  Der
Kaiser  hat  sich  mit  der  Kunst  dieser  Haushälterin  sehr  schnell  angefreundet.““

Wer  Kaiser  Wilhelm  II.  gekannt  hat,  wird  nicht  im  Zweifel  darüber  sein,
daß  diese  Schilderung  einer  Augenzeugin  der  Wirklichkeit  entspricht.  Er,
der  vom  Tag  der  Entlassung  Bismarcks  an  sich  nur  zu  oft  übermütigen
Stimmungen  überließ,  hat,  als  schwere  und  böse  Zeiten  kamen,  leider
versagt.  Er  hatte  „Oberster  Kriegsherr“  sein  wollen  und  dies  in  Friedenszeiten
  oft,  zu  oft,  betont.  Im  Kriege  beschränkte  er  sich  auf  Zusehen,  war
selten  an  der  Front,  noch  seltener  in  der  Hauptstadt,  desto  mehr  aber  in
prunkvollen  Schlössern  wie  Pleß,  Homburg  und  Koblenz.  Er,  der  im  Frieden
sich  in  den  Vordergrund  der  Ereignisse  drängte,  wich  während  des  Krieges
allen  Entscheidungen  aus.  Er  war  nicht  einmal  imstande,  die  Harmonie
zwischen  der  obersten  Heeresleitung  und  der  politischen  Leitung  aufrechtzuerhalten.
  Er  hatte  alles  selbst  bestimmen  und  entscheiden,  hatte  seine
obersten  Ratgeber  nur  nach  seiner  persönlichen  Neigung  aussuchen  wollen,
aber  er  war  auch  in  dieser  Beziehung  wenig  glücklich  gewesen.  Moltke,
Bethmann,  Michaelis,  Hertling,  Prinz  Max  von  Baden  waren  schlimme
Feblgriffe  gewesen,  Fehlgriffe,  die,  jeder  in  seiner  Art,  die  Katastrophe  von
1918  vorbereitet  haben.  Wilhelm  II.  hatte  sich  für  ein  Instrument  des
Himmels,  für  den  Herrscher  erklärt,  der  Deutschland  herrlichen  Tagen
entgegenführen  werde,  und  er  endigte  mit  der  Flucht  nach  dem  Ausland.

Noch  ein  zweites  Dokument  liegt  aus  diesen  Tagen  vor,  aus  dem
Wilhelm  II.  zu  uns  spricht.  Der  Brief,  den  er  im  Augenblick  seiner  Flucht
nach  Holland  an  seinen  Sohn,  den  Kronprinzen,  richtete:  „Lieber  Junge!
        <pb n="382" />
        KEINE  SICHERHEIT  MEHR  299

Da  der  F.M.  Mir  Meine  Sicherheit  hier  nicht  mehr  gewährleisten
kann  und  auch  für  die  Zuverlässigkeit  der  Truppen  keine  Bürgschaft  übernehmen
  will,  so  habe  Ich  Mich  entschlossen,  nach  schwerem  innerem
Kampfe,  das  zusammengebrochene  Heer  zu  verlassen.  Berlin  ist  total  verloren,
  in  der  Hand  der  Sozialisten,  und  sind  dort  schon  zwei  Regierungen
gebildet,  eine  von  Ebert  als  Reichskanzler,  eine  daneben  von  den  Unabhängigen.
  Bis  zum  Abmarsch  der  Truppen  in  die  Heimat  empfehle  Ich,
auf  Deinem  Posten  auszuharren  und  die  Truppen  zusammenzuhalten!  So
Gott  will,  auf  Wiedersehen.  Gen.  von  Marschall  wird  Dir  Weiteres  mitteilen.
Dein  tiefgebeugter  Vater  (gez.)  Wilhelm.“  Nur  Wilhelm  II.  war  imstande,
mit  soviel  Natürlichkeit,  mit  solcher  Naivität  den  eigentlichen  Grund  seines
Übertritts  über  die  holländische  Grenze  zum  Ausdruck  zu  bringen,  nämlich
die  Furcht  des  Neurasthenikers  vor  den  Gefahren,  die  seine  Phantasie  ihm
vorspiegelt.  Diese  Furcht  war  stärker  als  der  Gedanke  an  das  künftige
Verdikt  der  Geschichte,  an  die  glorreichen  Traditionen  seines  Hauses,  als
die  Erinnerung  an  Vater  und  Großvater,  an  den  großen  König  und  den
großen  Kurfürsten.

Als  Wilhelm  II.  den  Kanzler  Bismarck  fortschickte,  hatte  mein  Bruder
Adolf,  damals  diensttuender  Flügeladjutant  Seiner  Majestät,  geäußert:
„Dieser  fürchterliche  Entschluß  läßt  sich  moralisch  überhaupt  nicht  rechtfertigen.
  Möge  er  wenigstens  politisch  dadurch  repariert  werden,  daß  die
Regierung  Wilhelms  II.  gut  verläuft  und  vor  allem  gut  abschließt.“  Die
Verabschiedung  des  Fürsten  Bismarck  am  Anfang  seiner  Regierung,  die
Flucht  ins  Ausland  an  deren  Ausgang  ist  mehr,  als  die  Schultern  Wilhelms  II.
tragen  konnten  und  als  die  Geschichte  verzeihen  kann.  Keiner  der  auch  von
wohlmeinender  Seite  unternommenen  Versuche,  die  Schuld  an  der  Flucht
ins  Ausland  vom  Kaiser  ab-  und  anderen  zuzuwälzen,  kann  ernsthafter
Prüfung  standhalten.  Es  gibt  im  Leben  jedes  Menschen  Situationen,  wo  er
einzig  und  allein  auf  sich  selbst  gestellt  ist.  Mehr  als  für  jeden  Menschen  gilt
diese  Wahrheit  für  den  Fürsten.  In  einem  solchen  Augenblick  konnte  dem
Kaiser  und  König  niemand  die  Verantwortung  abnehmen,  mußte  er  die
Entscheidung  selbst  treffen.  Der  Nachfolger  des  Großen  Kurfürsten,  des
Großen  Königs  und  des  Großen  Kaisers  mußte  selbst  seinen  Weg  finden.

Die  Kraft  und  den  Willen,  den  rechten  Weg  zu  finden,  mußte  gerade.

Wilhelm  II.  aufbringen,  der  hundertmal  laut  und  öffentlich  verkündet  hatte,
er  fühle  sich  als  Monarch  Gott  allein  verantwortlich,  diese  Verantwortung
könne  ihm  kein  anderer,  kein  Ratgeber,  kein  Minister,  kein  Parlament
abnehmen.  Wer  dreißig  Jahre  lang  so  gesprochen  und  das  mit  solcher
Feierlichkeit  und  anscheinend  mit  voller  Überzeugung  verkündet  hat,  darf
sich  nicht,  sobald  er  auf  die  Probe  gestellt  wird,  auf  andere  herausreden,
darf  nicht  sagen,  der  Admiral  Hintze  habe  ihm  dies  geraten,  der  General

Die  Verantıvorlung


für  die  Flucht
        <pb n="383" />
        Wilhelm  II.
und  Bülow

Die  Regierung
des  Prinzen
von  Baden

300  SANDBÄNKE  UND  RIFFE

Groener  jenes,  der  Legationsrat  Grünau  ein  Drittes.  Er  darf  noch  weniger
versuchen,  sich  durch  die  große  Gestalt  des  Generalfeldmarschalls  Hindenburg
  zu  decken.  Ob  er  fliehen  sollte  oder  nicht,  konnte  nur  der  Kaiser  selbst
entscheiden.  Die  Verantwortung  für  die  Flucht  nach  Holland  waschen,
um  mit  Lady  Macbeth  zu  reden,  alle  Wohlgerüche  Arabiens  nicht  von
Wilhelm  II.  ab.

Ich  habe,  wie  mancher  andere,  mit  Kaiser  Wilhelm  II.  drei  Stadien
durchgemacht.  Ein  erstes  Stadium  lebhaftester  Sympathie,  ja  der  Bewunderung.
  Wenn  ich  diesen  in  mehr  als  einer  Richtung  reich,  glänzend
begabten,  in  hohem  Grade  aufnahmefähigen,  von  den  edelsten  Absichten
erfüllten,  vorurteilslosen,  dabei  immer  so  natürlichen  Kaiser  mit  anderen
deutschen  und  nichtdeutschen  Fürsten  verglich,  und  nicht  allein  mit
anderen  Fürsten,  sondern  auch  mit  meinen  Ministerkollegen,  mit  Abgeordneten,
  mit  meinen  zahllosen  Bekannten,  so  erschien  er  mir  als  ein  Fürst,
der  trotz  mancher  gefährlichen  Eigenschaften  und  Anlagen  Großes  versprach.
  Aber  die  bedenklichen  Qualitäten  traten  bei  längerem  Verkehr  und
näherer  Beobachtung  immer  deutlicher  hervor.  Es  zeigte  sich,  daß  die  Vielseitigkeit
  oft  zur  Zersplitterung,  die  Leichtigkeit  der  Auffassung  zur  Ober-Nlächlichkeit,
  die  Natürlichkeit  zu  Taktlosigkeit,  bisweilen  zu  Hemmungslosigkeit
  führten.  Immer  mehr  zeigten  sich,  wie  bei  Flut  Sandbänke  und
Riffe,  die  Hauptfehler  des  Kaisers:  seine  allzu  große  Eitelkeit,  seine  naive
Selbstsucht,  sein  Mangel  an  Augenmaß,  sein  Mangel  an  Aufrichtigkeit
sich  selbst  und  anderen  gegenüber.  „Der  Kaiser  macht  anderen  viel
vor,  aber  am  meisten  belügt  er  sich  selbst‘,  sagte  mir  einmal  der  Feldmarschall
  Graf  Waldersee.  Waldersee  gehörte  wie  Tirpitz  zu  den
vielen,  die  nach  und  nach  dem  Kaiser  gegenüber  in  eine  verbitterte  Stimmung
  gerieten,  die  ihn  schließlich  haßten.  Ich  selbst  habe  gegenüber
Wilhelm  II.,  in  dem  ich  stets  den  Sohn  seines  Vaters,  den  Enkel  seines
Großvaters,  den  Träger  der  preußischen  Krone  und  der  deutschen  Kaiserkrone
  sah,  Bitterkeit  immer  bald  überwunden.  Ich  habe  ihn  nie  gehaßt  und
schließlich  nur  tiefes,  aufrichtiges,  herzliches  Mitleid  für  ihn  empfunden,
Mitleid  für  ihn,  dessen  glanzvoll  begonnener  Regierung  ein  jammervolles
Ende  beschieden  war.  Aber  stärker  als  solches  Mitleid  ist  das  Leid,  das  ich
trage  um  das  glorreiche  Preußen,  dessen  Vergangenheit,  dessen  Geist
Wilhelm  II.  untreu  wurde,  um  das  unter  Wilhelm  I.  von  Bismarck  errichtete
  herrliche  Reich,  das  mit  Wilhelm  II.  gescheitert  ist.

Schon  vor  dem  9.  November,  dem  schwarzen  Tag  der  deutschen  Geschichte,
  hörte  ich,  daß  die  Unzulänglichkeit  des  Prinzen  Max  von  Baden
in  bedauerlicher  Weise  hervortrete.  Selbst  körperlich  sei  er  seiner  Aufgabe
nicht  gewachsen.  Das  Reichsschiff  in  solchem  Sturm  zu  steuern,  war  allerdings
  schwieriger  als  die  Fürsorge  für  die  Internierten,  sehr  viel  schwieriger,
        <pb n="384" />
        DIE  NEUEN  MINISTER  301

als  der  gute  Prinz  sich  das  vorgestellt  haben  mochte.  Unter  dem  Eindruck
der  ungewohnten  Anstrengungen  und  Aufregungen  konnte  er  bald  nicht
mehr  schlafen.  Er  griff  zu  Schlafmitteln,  was  wiederum  zur  Folge  hatte,
daß  er  am  nächsten  Tag  erst  am  Nachmittag  arbeitsfähig  wurde.  Seine
Ministerkollegen,  die  Sozialisten  Scheidemann  und  Bauer,  die  Klerikalen
Erzberger,  Groeber  und  Trimborn,  die  Demokraten  Haußmann  und  Payer,
waren  keine  französischen  Jakobiner,  keine  Revolutionäre  großen  Stils.  Sie
haben  Gott  sei  Dank  keine  Guillotine  errichtet,  aber  sie  haben  auch  keine
Levee  en  masse  veranstaltet,  nicht  vierzehn  Armeen  aus  der  Erde  gestampft,
eine  Marseillaise  flog  ihnen  nicht  voran.  Wohl  aber  war  bei  einiger  Festigkeit,
  mit  etwas  Geschicklichkeit  ganz  gut  mit  diesen  Tiefenbachern  auszukommen.
  Als  ich  einen  links,  sogar  sehr  links  gerichteten  Abgeordneten  bei
einer  gelegentlichen  Begegnung,  nicht  lange  vor  dem  Umsturz,  frug,  ob
nach  seiner  Ansicht  Herr  Scheidemann  lieber  Minister  der  deutschen
Republik  werden  oder  Minister  Kaiser  Wilhelms  II.  bleiben  wolle,  antwortete
  er  nach  kurzem  Besinnen:  „Doch  wohl  das  letztere,  namentlich
wenn  damit  die  Aussicht  auf  die  Exzellenz  und  vielleicht  sogar  auf  ein
Ordensband  verbunden  ist.“  Erzberger  strahlte,  als  er  den  Wirklichen  Geheimen
  Rat  und  damit  die  Exzellenz  erreicht  hatte,  und  hielt  auch  nach
dem  Umsturz  als  republikanischer  Nlinister  nicht  wenig  darauf,  mit  Exzellenz
  angeredet  zu  werden.  Der  biedere  Payer  war  hocherfreut,  als  er  nach
seiner  Ernennung  zum  Staatssekretär  von  seinem  gütigen  Landesherrn,  dem
König  Wilhelm  von  Württemberg,  das  Großkreuz  des  Württembergischen
Friedrichsordens  und  damit  den  persönlichen  Adel  erhielt.  Und  Konrad
Haußmann  vertraute  mir  persönlich  an,  wie  glücklich  er  sei,  es  bis  zum
Minister  gebracht  zu  haben.  Leider  sei  vorauszusehen,  daß  im  neuen
Deutschland  die  Ministerherrlichkeit  nicht  allzu  lange  dauern  würde,  eine
Erkenntnis,  welche  die  Daseinsfreude  aller  dieser  Biedermänner  einigermaßen
  zu  trüben  schien.  Sein  lebhaftester  Wunsch  wäre  nun,  nach  seinem
Ende  als  Minister  seine  Wiederauferstehung  als  Diplomat  zu  feiern.  Als
Süddeutscher  fühle  er  sich  für  den  Posten  des  deutschen  Botschafters  in
Wien  besonders  geeignet.  Sollte  er,  wie  er  hoffe,  einmal  in  den  diplomatischen
  Dienst  übertreten,  so  würde  er  sich  bei  mir,  „dem  Meister  der
Diplomatie“,  wie  er  mit  einer  Verbeugung  hinzufügte,  Rat  holen.
Inzwischen  hatte  die  von  dem  aus  dem  Zuchthaus  entlassenen  Karl
Liebknecht,  von  Rosa  Luxemburg  und  Paul  Levi  geleitete,  von  dem
Sowjet-Botschafter  Joffe  subventionierte  Spartakus-Gruppe  immer
schamloser  ihre  revolutionäre  Agitation  betrieben.  Auch  das  Organ  der
Mehrheitssozialisten,  der  „Vorwärts“,  entblödete  sich  nicht,  an  der  Spitze
des  Blattes  zu  erklären:  „Deutschland,  das  ist  unser  fester  Wille,  soll  seine
Kriegsflagge  für  immer  streichen,  ohne  sie  das  letztemal  siegreich
        <pb n="385" />
        Clemenceau
nach  der
Kapitulation

Die  Matrosenmeuterei
  in

Kiel

302  CLEMENCEAUS  TAG

heimgebracht  zu  haben.‘  Ich  muß  mit  Bedauern  feststellen,  daß  bei  keinem
anderen  Volke  eine  große  Partei  so  tief  sank,  daß  in  keinem  anderen  Lande
eine  derartige  Gemeinheit  denkbar  war.  Ich  sollte  vielleicht  besser  sagen:
Dummheit.  Ich  halte  es  nicht  für  ausgeschlossen,  daß  viele  deutsche  Sozialdemekraten
  und  manche  Zentrumsleute  und  Demokraten  es  für  möglich
hielten,  durch  eine  solche  Mischung  von  Feigheit  und  Würdelosigkeit  unsere
Feinde  zu  versöhnen,  sie  zu  gewinnen  und  auf  diese  Weise  einerseits  noch
Schwereres  abzuwenden,  andererseits  eine  allgemeine  Völkerverbrüderung
einzuleiten.  Die  Unwissenheit  nicht  nur  der  drei  leitenden  Parteien  und
ihrer  Führer,  sondern  in  den  weitesten  Kreisen  des  deutschen  Volkes  über
die  Mentalität  der  uns  feindlichen  Völker,  über  die  Absichten  ihrer  maßgebenden
  Staatsmänner  überstieg  jeden  Begriff.  Um  dieselbe  Zeit,  wo  in
Deutschland  sich  solche  Einfältigkeit  und  solche  Niederträchtigkeit  breitmachten,
  verspottete  in  der  Pariser  Kammer  Georges  Clemenceau  die
blökenden  Schafe  des  Pazifismus,  „les  moutons  b£lants  du  pacifisme“,  und
donnerte:  „Ich  trete  vor  Sie  in  dem  alleinigen  Gedanken  an  einen  uneingeschränkten
  Krieg.  Alle  Defaitisten  vor  das  Kriegsgericht!  Keinen  Pazifistenfeldzug
  mehr!  Weder  Verrat  noch  Halbverrat!  Mein  Wahlspruch  ist:
Überall  führe  ich  Krieg,  in  der  inneren  Politik  führe  ich  Krieg,  in  der
äußeren  Politik  führe  ich  Krieg.  Ich  fahre  fort,  Krieg  zu  führen,  und  werde
fortfahren  bis  zur  letzten  Viertelstunde,  die  uns  gehören  soll.“

Als  diese  letzte  Viertelstunde  kam,  als  Deutschland  kapitulierte,  stieß
Georges  Clemenceau,  das  entscheidende  Telegramm  in  der  Hand,  einen
Freudenschrei  aus:  „Enfin!  Il  est  arriv&amp;amp;  ce  jour  que  j’attends  depuis  un
demi-siecle!  Il  est  arriv&amp;amp;  le  jour  de  la  revanche!  Nous  leur  reprendrons
Y’Alsace  et  la  Lorraine,  nous  retablirons  la  Pologne,  nous  forcerons  les
Boches  a  nous  payer  dix,  vingt,  cinquante  milliards.  Est-ce  assez?  Non!
Nous  leur  fouterons  la  republique.‘“  So  erzählte  mir  ein  langjähriger  französischer
  Freund,  der  zu  den  Intimen  von  Clemenceau  gehörte.  Auch  das  ist
Clemenceau  gelungen.  Unser  Zusammenbruch  brachte  uns  die  republikanische
  Staatsform,  die  für  uns  nicht  paßt.  Und  es  war  eine  stolze,  eine
verdiente  Ehrung  für  Clemenceau,  den  Vorkämpfer  und  Hauptvertreter  der
Guerre  &amp;amp;  outrance,  des  Krieges  bis  aufs  Messer,  als  in  allen  französischen
Schulen  nach  der  Unterzeichnung  des  Diktat-  und  Schandfriedens  von
Versailles  ein  Täfelchen  aufgehängt  wurde  mit  den  Worten:  „Georges
Clemenceau  a  bien  merit€  de  la  France.“

Die  hilflose  Schwäche  der  Regierung  steigerte  natürlich  die  Dreistigkeit
der  Spartakusleute.  In  den  letzten  Tagen  des  Oktober  hatte  die  Meuterei
auf  der  Flottein  Kiel  begonnen,  hervorgerufen,  mit  russischem  Geld,  durch
den  linken  Flügel  der  Sozialdemokratie.  Am  4.  November  siegte  die  Revolution
  in  Kiel.  Auf  allen  Schiffen  wurde  die  rote  Flagge  gehißt.  Die  Garnison
        <pb n="386" />
        HERR  VON  DANDL  303

stellte  sich  auf  die  Seite  der  Aufrührer.  Prinz  Heinrich  und  Prinz  Adalbert
verließen  Kiel.  Am  5.  November  wurde,  endlich,  der  Sowjet-Botschafter
Joffe  wegen  seiner  revolutionären  Propaganda  aus  Berlin  ausgewiesen,
nachdem  einige  beim  Ausladen  auf  der  Balın  zu  Schaden  gekommene,  für
die  Botschaft  bestimmte  Kuriersäcke,  als  deren  Inhalt  sich  revolutionäre
Schriften  in  deutscher  Sprache  herausstellten,  den  unwiderleglichen  Beweis
geliefert  hatten,  daß  Joffe  es  als  seine  vornehmste  Aufgabe  betrachtet  batte,
die  Revolution  in  Deutschland  zu  schüren.  Der  Brunnen  wurde  zugedeckt,
nachdem  das  Kind  hineingefallen,  nachdem  die  Revolution  ausgebrochen
war.

Von  Kiel  griff  das  Feuer  rasch  nach  Hamburg,  Bremen  und  Lübeck
über,  erstreckte  sich  von  da  über  die  ganze  Küste  und  weiter  nach  Nord-,
West-  und  Mitteldeutschland.  Dank  der  Kopflosigkeit  des  bayrischen
Ministerpräsidenten  Dandl,  der  den  Versicherungen  des  Sozialisten  Auer,
die  für  den  8.  November  auf  die  Theresienwiese  von  den  Radikalen  einberufene
  Massenversammlung  werde  harmlos  verlaufen,  Glauben  geschenkt
  und  dabei  übersehen  hatte,  daß  Auer  in  der  Münchner  Bewegung
schon  allen  Boden  unter  den  Füßen  verloren  hatte,  gelang  es  einem  landfremden,
  galizischen  Abenteurer,  dem  über  Nürnberg  nach  München  verschlagenen
  ehemaligen  Berliner  „Vorwärts“-Redakteur  Kurt  Eisner,  eben
diese  Massenversammlung  mit  sich  fortzureißen,  in  München  den  Freistaat
  Bayern  auszurufen  und  die  Wittelsbacher  Dynastie  für  abgesetzt
zu  erklären,  die  länger  als  ein  Jahrtausend  in  Bayern  regierte  und  der
zweifellos  die  große  Mehrheit  des  bayrischen  Volkes  in  Treue  und  Dankbarkeit
  anhing.  Als  geradezu  groteske  Naivität  der  Münchner  Staatsmänner
  Dandl  und  Brettreich  muß  es  bezeichnet  werden,  daß  sie  wenige
Tage  vorher  alles  darangesetzt  hatten,  um  vom  Oberreichsanwalt  in  Leipzig
die  Haftentlassung  Eisners  zu  erwirken,  der  wegen  einer  Anklage  auf  Hochverrat
  im  Untersuchungsgefängnis  Stadelheim  bei  München  saß.  Gegenüber
  dem  Oberreichsanwalt,  der  sich  ablehnend  verhielt,  hatte  Herr
von  Brettreich  es  telephonisch  als  seine  und  Herrn  von  Dandls  Überzeugung
bezeichnet,  die  Entlassung  Eisners  werde  auf  die  aufgeregte  Münchner  Bevölkerung
  „beruhigend“  wirken.  Einem  Vertrauensmann  der  Reichsleitung
gegenüber,  der  sich  in  diesen  Tagen  informationshalber  in  München  aufhielt,
  hatte  der  Präsident  der  bayrischen  Abgeordnetenkammer,  Exzellenz
von  Fuchs,  mit  Anerkennung  hervorgehoben,  daß  Herr  von  Dandl  dem
König  mit  vollem  Recht  abgeraten  habe,  den  Oberbürgermeister  von  Nürnberg,
  den  späteren  Reichswehrminister  Dr.  Geßler,  zu  empfangen.  „Dieser
Geschaftelhuber,  der  Geßler,  will  dem  König  weismachen,  daß  der  Eisner
die  Revolution  vorbereiten  will  und  daß  schleunigst  eingegriffen  werden
muß,  wenn  nicht  der  König  abdanken  soll.  Der  Dandl  aber,  das  ist  ein

Die
Revolution  in

München
        <pb n="387" />
        Der  Umsturz
in  Sachsen,
Würtiemberg
und  Baden

304  DIE  BUNDESFÜRSTEN  GEHEN

Mann,  der  sich  auskennt.  Der  hat  es  dem  Schwätzer  besorgt.  Gar  nicht  vorgelassen
  bat  er  ihn.‘  Difficile  est  satiram  non  scribere.

König  Ludwig  III.  dankte  es  der  Unfähigkeit  seiner  Minister,  daß  er  als
erster  der  deutschen  Fürsten  fluchtartig  den  Thron  seiner  Väter  verlassen
mußte,  noch  dazu  unter  Umständen,  die  alles  eher  als  würdig  waren.  Es
fand  sich  niemand,  der  ihn  und  die  schwerkranke  Königin  aufzunehmen
gewagt  hätte.  Seine  Umgebung  schickte  ihn  nachts  im  Auto  fort.  Das  Auto
fiel  in  einen  Graben.  Ein  Bauer  mußte  geholt  werden,  der  mit  Hilfe  einer
Kuh  das  Fahrzeug  wieder  flottmachte.  Bald  nachher  erklärte  ein  bayrischer
Gutsherr,  den  die  Majestäten  gebeten  hatten,  ihnen  Asyl  zu  gewähren,  sie
müßten  weiterfahren,  er  könne  sie  angesichts  der  drohenden  Haltung  der
Bevölkerung  nicht  bei  sich  aufnehmen.  „Unsere  Fürsten  sind  wie  die
Widder,  die  keine  Weide  finden  und  matt  vor  dem  Treiber  hergehen.‘“  So
klagte  einst  Jeremias,  der  Sohn  Hiskias,  aus  den  Priestern  zu  Anathoth  im
Lande  Benjamin.  Wenn  das  Schicksal  des  Bayernkönigs  tragisch  anmutet,
so  war  die  Art,  wie  sich  König  Friedrich  August  von  seinem  Volke  trennte,
mehr  burlesk.  Klio  verzeichnet  auf  ihren  Inseln  unsterbliche  Abschiedsworte.
  „Plaudite  amici,  bene  egi  actum  vitae“,  rief  den  sein  Sterbebett  umstehenden
  Freunden  Kaiser  Augustus  zu.  Für  die  in  Kaledonien  stehenden
Legionen  gab  Kaiser  Septimius  Severus  als  letzte  Parole  die  herrliche
Losung  aus:  „Laboremus!“  Man  kennt  die  Abschiedsworte,  die  Napoleon
im  Schloßhof  von  Fontainebleau  an  die  alte  Garde  richtete.  König  Friedrich
August,  der  Enkel  des  Königs  Johann,  des  feinsinnigen  Übersetzers  der
„Göttlichen  Komödie“,  der  Neffe  des  Königs  Albert,  des  großen  Feldherrn
und  klugen  Regenten,  verabschiedete  sich  von  seinen  Sachsen  mit  den
Worten:  „So  macht  denn  Euern  Dreck  alleene.‘‘  Gern  füge  ich  hinzu,  daß
der  gütige  König  Wilhelm  von  Württemberg,  der  edle  Großherzog  Friedrich
  von  Baden  und  noch  manch  andere  deutsche  Fürsten  in  guter  Form,
mit  Anstand  und  Würde  vom  Throne  stiegen.
        <pb n="388" />
        XXUL  KAPITEL

Sieg  der  Revolution  in  Berlin  +  Abreise  des  Prinzen  Max  nach  Baden  +  Die  Spartakus-Unruhen
  -  Ebert  und  Noske  »  Erlebnisse  im  Hotel  Adlon  »  Gräfin  Treuberg,  Dr.  Stampfer,
Dr.  Breitscheid  «  Rückkehr  der  Truppen  von  der  Front  »  Die  Waffenstillstands-Verhandlungen
  in  Compitgne,  Erzbergerse  Geschäftsbehandlung  als  Vorsitzender  der  Wa-Ko.
Der  Diktat-  und  Schandfriede  von  Versailles  »-  Die  deutsche  Akten-Publikation

m  9.  November  erlebte  ich  in  Berlin  den  Ausbruch  der  Revolution.

Ach,  sie  zeigte  sich  nicht  als  die  herrliche  Göttin,  die  Ferdinand  Lassalle
in  seinen  ehrgeizigen  Träumen  sah,  mit  wehendem  Lockenhaar,  eherne
Sandalen  an  den  Füßen.  Sie  glich  mehr  einer  alten  Vettel  mit  kablem  Kopf,
triefenden  Augen  und  zahnlosem  Mund,  schiefgetretenen  Pantoffeln  an  den
plumpen  Füßen.  Die  deutsche  Revolution  war  durch  und  durch  spießbürgerlich,
  es  fehlte  ihr  jede  Wärme,  jedes  Feuer,  sie  war  ganz  vulgär.
Sie  freute  sich  nicht  am  Schein,  sie  achtete  nicht  den  Schwung.  Sie  brachte
keinen  Danton  hervor,  wie  er  auf  dem  Pariser  Boulevard  in  Erz  gebildet
steht,  mit  geballter  Faust,  neben  dem  Sockel  links  ein  Sansculotte  mit  gefälltem
  Bajonett,  rechts  ein  Tambour,  der  für  die  Levee  en  masse  die
Sturmtrommel  schlägt.  Sie  brachte  keinen  Gambetta  hervor,  der  den  Krieg
a  outrance  proklamiert  und  Widerstand  und  Krieg  um  fünf  Monate  verlängert,
  nicht  einmal  einen  Delescluse,  der  freiwillig  auf  der  Barrikade  fällt.
Ich  habe  in  meinem  Leben  nichts  Roheres  und  dabei  Gemeineres  gesehen
als  die  Leiterwagen  und  Tanke,  die,  angefüllt  mit  betrunkenen  Matrosen
und  aus  den  Ersatzbataillonen  desertierten  Soldaten,  am  9.  November
durch  die  Berliner  Straßen  zogen.  Ich  hatte  an  jenem  Nachmittag  von
meinem  Eckfenster  im  Hotel  Adlon  einen  weiten  Überblick  über  den
Pariser  Platz  und  über  die  Linden.  Ich  habe  nie  etwas  Ekelhafteres,  etwas
Empörenderes  und  dabei  Feigeres  gesehen  als  die  halbwüchsigen  Burschen,
die,  geziert  mit  den  roten  Schleifen  der  Sozialdemokratie,  sich  von  hinten
zu  mehreren  an  Offiziere  heranschlichen,  an  Offiziere,  die  das  Eiserne  Kreuz
und  den  Pour  le  m£rite  trugen,  sie  an  den  Ellbogen  packten,  um  sie  wehrlos
zu  machen,  und  ihnen  dann  die  Achselstücke  abrissen.  Als  der  junge  Hauptmann
  Bonaparte  am  10.  August  1792  dem  Sturm  auf  die  Tuilerien  zusah,
sagte  er  bekanntlich:  „Avec  un  bataillon  on  balayerait  toute  cette
canaille.““  Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß  am  9.  November  1918  in  Berlin

20  Bülow  III

Der
9.  November
in  Berlin
        <pb n="389" />
        Ebert  Reichskanzler


306  TELEPHONATE

mit  einigen  Sturm-  und  Kampfbataillonen  dasselbe  möglich  war.  Solche
Bataillone  hätten  sich  aus  den  in  Berlin  befindlichen  Offizieren  und  Unterolfizieren,
  unter  denen  man  auf  eine  solche  Order  mit  Ungeduld  wartete,
leicht  bilden  lassen.  Wenn  gleichzeitig  Maschinengewehre  am  Brandenburger
  Tor,  auf  dem  Schloßplatz  und  auf  dem  Alexanderplatz  aufgestellt
wurden  und  einige  Tanks  mit  Scharfschützen  die  Stadt  durchfuhren,  wäre
die  Berliner  Kanaille  rasch  auseinandergestoben.  Nur  mußte  natürlich  nicht
nur  die  Erlaubnis,  sondern  der  ausdrückliche  Befehl  zum  Scharfschießen
gegeben  werden,  wozu  sich  der  Prinz  Max  nicht  aufraffen  konnte,  nicht
zuletzt  aus  der  Besorgnis,  sich  dadurch  in  seinem  Heimatland  als  Thronfulger
  unmöglich  zu  machen.

Während  der  Pöbel  sich  der  Herrschaft  über  die  Berliner  Straßen  bemächtigte,
  war  längere  Zeit  zwischen  Berlin  und  Spa  hin  und  her  telephoniert
  worden.  In  Berlin  stand  der  Geheimrat  Wahnschaffe,  in  Spa  der
Legationsrat  von  Grünau  am  Apparat.  Wahnschaffe,  ein  an  sich  tüchtiger
Beamter,  hatte  unter  dem  enervierenden  Einfluß  des  Prinzen  Max  völlig
den  Kopf  verloren.  Grünau  hatte  überhaupt  keinen  Kopf  zu  verlieren.  Er
war  ein  junger  Diplomat  ohne  jede  politische  Erfahrung  noch  Schulung,
gänzlich  unvertraut  mit  den  staatsrechtlichen  Problemen,  die  zur  Entscheidung
  standen.  Der  morganatischen  Ehe  eines  Prinzen  von  Löwenstein
mit  einer  Gouvernante  entsprossen,  stand  er  zum  Karlsruher  Hof  in  näheren
Beziehungen  und  war  deshalb  vom  Prinzen  Max  als  Mann  seines  Vertrauens
dem  Kaiser  nach  Spa  beigegeben  worden.  Es  war  ein  tragisches  Verhängnis,
daß  dem  König  von  Preußen  in  der  ernstesten  Stunde  der  preußischen  Monarchie
  als  einziger  politischer  Berater  ein  junger  Mann  zur  Seite  stand,  der
sich  zu  allem  eignen  mochte,  nur  nicht  zum  Eckart  der  glorreichen,  hart
bedrängten  preußischen  Krone.  Als  Ergebnis  der  aufgeregten  Telephonate
zwischen  Grünau  und  Wahnschaffe  ließ  Prinz  Max  an  den  Plakatsäulen
und  Straßenecken  Berlins  eine  amtliche  Mitteilung  anschlagen,  die  der
Bevölkerung  der  Hauptstadt  die  Abdankung  des  Kaisers  und  Königs
verkündete,  obwohl,  wie  später  festgestellt  wurde,  Wilhelm  II.  nur
auf  die  kaiserliche  Würde,  nicht  aber  auf  die  preußische  Krone  hatte
Verzicht  leisten  wollen.  Das  war  Entstellung  oder  hysterische  Kopflosigkeit.
  Es  entsprach  dieser  jammervollen  Geistesverfassung  des  letzten
vom  Kaiser  ernannten  Reichskanzlers,  daß  Prinz  Max,  ohne  Rücksprache
mit  seinen  Kollegen  oder  mit  den  militärischen  Instanzen  zu  nehmen,
die  seit  vierundzwanzig  Stunden  auf  den  Befehl  zum  Eingreifen  warteten,
brieflich  dem  Vorsitzenden  der  sozialdemokratischen  Fraktion,  Herrn
Fritz  Ebert,  die  Geschäfte  des  Deutschen  Reichs  übertrug  und  es  der
sozialdemokratischen  Partei  überließ,  die  Neuordnung  der  Dinge  in  die
Hand  zu  nehmen.
        <pb n="390" />
        DIE  NEUE  REPUBLIK  307

Ebert  deklarierte  zunächst  sich  und  einige  führende  Elemente  der
Berliner  revolutionären  Bewegung  zu  Volksbeauftragten  und  nahm  sodann
die  Zügel  in  die  Hand.  Die  Energie,  mit  der  er  und  besonders  Noske  in
diesen  Tagen  die  sehr  dreist  gewordenen  Spartakisten  niederzuhalten
wußten,  hätte  dem  Prinzen  Max  zum  Vorbild  dienen  können.  Prinz  Max
selber  fuhr,  unbekümmert  um  die  Entwicklung  der  Dinge  in  Berlin,  nach
Baden,  dessen  dynastische  Interessen  für  ihn  wichtiger  waren  als  die  Geschicke
  des  Reichs.  Wen  immer  auch  Wilhelm  II.  sich  in  den  verhängnisvollen
  Oktobertagen  1918  zum  Kanzler  genommen  hätte,  einen  General,
einen  Diplomaten,  einen  Mann  der  inneren  Verwaltung,  einen  Parlamentarier:
  keiner  hätte  im  Augenblick  der  höchsten  Gefahr  derart  seinen
persönlichen  Egoismus,  seine  Familien-Interessen  über  alle  anderen  Erwägungen
  gestellt  wie  dieser  prinzliche  Neurastheniker.  Prinz  Max  hat
sich  getäuscht,  wenn  er  glaubte,  seine  und  seines  Hauses  Sache  durch  seinen
Weggang  zu  retten.  Er  lebt  als  Privatmann  am  Bodensee.  Bezeichnend
für  die  Geistesverfassung  der  neuen  Machthaber  war  auf  der  anderen  Seite,
daß  der  bisherige  Staatssekretär  Scheidemann,  als  er  am  Nachmittag
des  9.  November  von  der  Freitreppe  des  Deutschen  Reichstags  aus  die
Republik  proklamierte,  seine  Kundgebung  mit  den  albernen  und  dabei  unwahren
  Worten  einleitete:  „Das  deutsche  Volk  hat  auf  der  ganzen  Linie
gesiegt.““  Das  war  eine  grausame  Selbsttäuschung.  Leider  hatte  das  deutsche
Volk  gar  nicht  gesiegt,  sondern  es  war  gegenüber  der  Überzahl  seiner
Feinde,  bei  unfähiger  politischer  Leitung  durch  den  Hunger  und  durch  den
Dolchstoß  von  hinten  besiegt  worden.

Die  ersten  Tage  der  neuen  deutschen  Republik  boten  auch  für  denjenigen,
  der  ihr  ohne  vorgefaßte  Meinung  und  nur  mit  dem  Gedanken
gegenüberstand,  dem  Vaterland  möge  das  Ärgste  erspart  bleiben,  das  Bild
völliger  Verwirrung,  einer  fast  kindischen  Unfähigkeit.  Die  neue  Regierung
wurde  derart  gebildet,  daß  neben  Mitgliedern  der  Mehrheitssozialdemokratie
  ebenso  viele  Anhänger  der  Unabhängigen  Sozialdemokratischen
Partei  in  den  Rat  der  Volksbeauftragten  berufen  wurden,  also  je  zwei  Mandatare,
  je  zwei  Minister.  Das  war  noch  nie  und  nirgends  dagewesen,  seitdem
  das  alte  Rom,  freilich  sehr  verschieden  von  dem  neuen  Deutschland,
zwei  Consules,  zwei  Quaestores,  gekannt  hatte.  Über  dem  Rat  der
Volksbeauftragten  stand  als  Inhaber  der  eigentlichen  Regierungsgewalt  der
„Vollzugsrat  der  Arbeiter-  und  Soldatenräte‘“.  In  der  modernen  Kunst
(oder  vielmehr  Unkunst)  machte  sich  eine  Zeitlang  der  sogenannte  „Dadaismus“
  breit,  d.  h.  die  Rückkehr  zur  Ausdrucksform  der  Säuglinge.  Die
Kindheit  der  deutschen  Republik  war  ein  politischer  Dadaismus.  Es
tauchten  Gestalten  auf  wie  der  „Leichenmüller“,  ein  Demagoge  durch  und
durch,  so  genannt,  weil  er  erklärt  hatte,  nur  über  seine  Leiche  würde  der

20°

Noske,

Scheidemann
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        Das  Regime
in  Preußen

308  DOPPFELBESETZUNG  IN  PREUSSEN

Weg  zu  Reichstagswahlen  gehen.  Natürlich  erfreut  sich  Herr  Müller  heute
noch  des  besten  Wohlseins,  obwohl  inzwischen  mehrfach  zum  Reichstag
gewählt  worden  ist.  Der  linke  Flügel  der  Sozialdemokraten  wollte  den
Reichstag  abschaffen  und  ihn  durch  Arbeiter-  und  Soldatenräte  ersetzen,
was,  nebenbei  gesagt,  nicht  einmal  ein  eigener,  wenn  auch  noch  so  miserabler
Gedanke  war,  sondern  eine  servile  Nachahmung  der  bolschewistischen
Regierungsweise.  Nachdem  durch  Bethmann  dem  Weltkrieg  in  seinem  Begion
  unter  dem  Beifall  aller  Gedankenlosen  die  Spitze  gegen  das  zaristische
Rußland  gegeben  worden  war,  endete  er  mit  einer  Nachäffung  der  von  den
Bolschewisten  in  Rußland  propagierten,  selbst  für  ein  Herdenvolk  wie  das
russische  kaum  geeigneten  Regierungsform.

Auch  in  Preußen  wurden  zunächst  für  jedes  Ressort  zwei  Minister
gestellt,  ein  Mehrheits-  und  ein  Unabhängiger  Sozialist,  ein  S.P.D.  und  ein
U.S.P.D.  An  die  Spitze  des  Kultusministeriums  traten  der  Mehrheitssozialist
  Konrad  Hänisch  und  der  Unabhängige  Adolf  Hoffmann.  Der
erstere  hatte  seinen  Aufstieg  als  Ritter  der  Rosa  Luxemburg  begonnen,
sich  dann  gemausert  und  allmählich  zum  gemäßigten  Sozialisten  entwickelt.
Als  solchen  habe  ich  ihn  kennengelernt.  Er  schien  kein  böser  Mensch  zu
sein,  vielmehr  jovial  und  gemütlich,  wie  dies  alte  Boh@miens  zu  sein  pflegen,
freilich  ohne  feinere,  geschweige  denn  tiefere  Kultur,  der  Typus  eines
Halbgebildeten.  Sein  politischer  Zwillingsbruder,  der  Berliner  Kneipwirt
Adolf  Hoffmann,  war  wenigstens,  was  bei  Schiller  die  Gräfin  Terzky
von  Wallenstein  fordert,  ein  eigener  Charakter,  der  übereinstimmt  mit
sich  selbst,  das  heißt  in  diesem  Fall,  daß  er  auch  in  parlamentarischer
Rede  „mir“  und  „mich“  verwechselte.  Er  wurde,  nachdem  seine
Ministerlaufbahn  ein  baldiges  Ende  gefunden  hatte,  der  Wortführer
der  Revolution  im  Berliner  Rathause.  Sein  Ton  hat  auf  die  Verhandlungen
  dieser  Körperschaft  auf  Jahre  hinaus  ansteckend  gewirkt.  Die
Stadtverordneten  überboten  sich  in  rohen  Beschimpfungen,  die  bis  zu  tätlichen
  Angriffen  gingen,  unter  wüstem  Gröhlen  von  der  Zuschauertribüne,
begleitet  von  Stinkbomben  und  anderen  geistigen  Waffen  der  jungen
Republik.  Dieses  edle  Paar  Hoffmann  und  Hänisch  sollte  die  geistlichen,
Unterrichts-  und  Medizinal-Angelegenheiten  Preußens  betreuen,  denen
einundzwanzig  Jahre  lang,  von  1817  bis  1838,  der  Freiherr  von  Altenstein
vorgestanden  hatte,  der  sich  hier  unvergängliche  Verdienste  um  unsere
Universitäten,  Gymnasien  und  den  Volksunterricht  erwarb,  das  Kultusministerium,
  zu  dem,  und  damit  für  die  geistige  Wiedergeburt  Preußens,
Wilhelm  von  Humboldt  als  Leiter  der  geistlichen  und  Unterrichtsangelegenheiten
  im  Ministerium  des  Innern  den  Grund  gelegt  hatte,  das  Kultusministerium,das
  Falk  und  Bosse,  Gustav  von  Goßler,  Graf  Robert  Zedlitzund
Studt  geleitet  hatten.  In  der  innerlichen  Abneigung  der  Sozialdemokratie
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        AM  BRANDENBURGER  TOR  309

gegen  die  humanistische,  die  wahre  und  echte  Bildung  habe  ich  immer
eine  der  Hauptgefahren  der  Sozialdemokratie  gerade  für  Deutschland
erblickt.  Ihren  prägnanten  Ausdruck  fand  diese  Antipathie  in  einem
Artikel,  den  einige  Jahre  nach  dem  Umsturz  der  „Vorwärts“  brachte  und
der  in  dem  Satz  gipfelte:  „Der  Geist  von  August  Bebel  verträgt  sich  nicht
mit  dem  Geist  von  Julius  Cäsar.‘  Im  Anschluß  hieran  wurde  im  sozialdemokratischen
  Zentralorgan  zunächst  die  Einschränkung,  dann  die  Beseitigung
  des  Unterrichts  in  den  klassischen  Sprachen  und  damit  eine  allmähliche
  Aufhebung  der  humanistischen  Gymnasien  gefordert.  Nichts  ist
übrigens  richtiger,  als  daß  sich  der  Geist  von  August  Bebel  nicht  mit  dem
Geist  von  Julius  Cäsar  vertrage.  Ich  gehe  weiter  und  glaube,  daß  der  Geist
von  Perikles  sich  kaum  mit  dem  Geist  von  Philipp  Scheidemann  verträgt,
daß  Plato  und  Gustav  Bauer,  Joseph  Wirth  und  Publius  Cornelius
Scipio,  Africanus  major,  Ledebour  und  Virgil,  der  Genosse  Zubeil  und
Thucydides  sich  schwerlich  verstanden  haben  würden.

Ich  habe  schon  hervorgehoben,  daß,  wenn  die  deutsche  Revolution  wie
die  aus  ihr  hervorgegangene  Republik  die  charakteristischen  Merkmale
philiströsen  Spießbürgertums  trug,  insbesondere  in  ihren  Führern  den
Charakter  vollendeter  Mittelmäßigkeit,  es  dafür  wenigstens  in  Berlin  nicht
zu  schlimmeren  Exzessen  kam.  Ich  selbst  fand  mehr  als  eine  Gelegenheit,
die  Harmlosigkeit  der  Bewegung  und  die  Gutmütigkeit  des  Berliners  zu
beobachten.  Ich  unternahm  täglich  ausgedehnte  Spaziergänge  in  allen
Stadtteilen,  ohne,  obwohl  ziemlich  bekannt,  jemals  behelligt  zu  werden.
Ich  erinnere  mich  nur  eines  Zwischenfalles,  der  zu  einer  Friktion  hätte
führen  können.  Als  ich,  von  einem  längeren  Spaziergang  nach  Charlottenburg
  zurückkehrend,  gerade  im  Begriff  war,  die  Straße  zu  überschreiten,
um  durch  das  Brandenburger  Tor  zu  den  Linden  zu  gelangen,  wies  ein
großer,  breitschultriger  Mann  mit  wenig  einladendem  Gesichtsausdruck  auf
mich  hin  und  schrie  mit  lauter  Stimme:  „Das  ist  ja  der  Fürst  Bülow!  Er
wagt  es,  sich  nach  dem  Sieg  desVolkes  auf  der  Straße  zu  zeigen  ?!“  Ich  setzte
meinen  Weg  ruhig  fort  und  drehte  mich  nicht  um,  bis  ich  die  Linden  erreicht
  hatte.  Inzwischen  war  mein  Freund  verschwunden.  Ich  habe  denselben
  Menschen  einige  Wochen  später  wiedergesehen,  vor  dem  Hotel  Eden,
unter  anderen  Verhältnissen.  Er  war  gefesselt  und  wurde  von  Soldaten  in
das  Hotel  gebracht,  wo  das  Kriegsgericht  der  Gardekavallerie-Division
tagte.  Er  warf  mir  einen  nicht  gerade  freundlichen  Blick  zu,  in  dem,  wie
ich  anerkenne,  keine  Angst,  nur  Trotz  lag.  Als  ich  nach  seinem  Namen  frug,
hörte  ich,  daß  er  ein  Kommunist  sei,  der  Jogisches  heiße.  Er  soll  am  nächsten
  Tage  bei  einem  Fluchtversuch  erschossen  worden  sein.

Vielfach  waren  es  unreife,  jugendliche  Elemente,  die  in  Berlin  der  Entwicklung
  der  ersten  Monate  das  Gepräge  gaben.  Ale  wir  noch  im  Hotel

Auf
den  Straßen
Berlins
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        310  KUGELN

Adlon  weilten,  unmittelbar  nach  der  Revolution,  drang  eines  Abends,
während  ich,  einer  Einladung  zu  einem  Herrendiner  folgend,  nicht  zu  Hause
war,  ein  angeblicher  „Kommissar  der  Republik“  in  unseren  Salon  ein  und
richtete  an  meine  Frau  die  Frage,  ob  bei  uns  Offiziere  versteckt  wären,  ob
ich  meine  Militäruniform  mitgebracht  hätte  oder  ob  ich  gar  Waffen  bei  mir
führe.  Als  meine  Frau  höflich  erwiderte,  daß  ihr  von  derartigen,  für  die
Sicherheit  der  Republik  bedrohlichen  Anschlägen  und  Rüstungen  nichts
bekannt  wäre,  entfernte  sich  der  „Kommissar“  mit  einer  verlegenen  Entschuldigung.
  Ein  anderes  Mal  sprang,  als  wir  durch  einen  langen  Korridor
gingen,  aus  einer  Lifttür  ein  nach  seinem  Aussehen  kaum  siebzehnjähriger
Bursche  heraus,  in  jeder  Hand  einen  Revolver.  Als  meine  Frau  ihn  frug,
was  ihn  veranlasse,  die  Feuerwaffe  auf  sie  zu  richten,  erwiderte  er  mit  kindlichem
  Ausdruck:  „Ach,  entschuldigen  Sie,  gnädige  Frau,  aber  wir  sind  alle
so  schrecklich  aufgeregt.  Wir  sollen  doch  die  Republik  verteidigen,  da  muß
man  einen  Revolver  haben,  aber  wir  wollen  Ihnen  nichts  Böses  tun.  Wenn
Sie  wünschen,  werden  wir  Sie  gern  auf  Ihrem  Spaziergang  als  Schutzwache
begleiten.“  Ich  lehnte  diese  republikanische  Ehrengarde  mit  freundlichem
Dank  ab.

Als  wir  eines  Tages  von  den  Linden  in  die  Wilhelmstraße  einbogen,  in
der  ich  als  Staatssekretär  und  als  Reichskanzler  zwölf  Jahre  gewirkt  hatte,
wo  mein  Vater  als  Staatssekretär  Bismarck  zur  Seite  gestanden  war,  wo
Bismarck,  der  große  Kanzler,  gewaltet  hatte,  pfiffen  Kugeln.  Einige  fegten
die  Straße  entlang,  andere  schlugen  in  die  Höfe  und  an  die  Wände  der
Häuser.  Ich  glaubte  mich  in  die  schönen  Tage  des  siegreichen  Kriegs  gegen
Frankreich  versetzt.  Ich  führte  meine  Frau  unter  einen  Hauseingang.
Während  wir  dort  standen,  fuhr  ein  Automobil  an  uns  heran,  und  der
Chauffeur,  der  mich  erkannt  hatte,  frug,  wohin  er  mich  fahren  dürfe.  Ich
dankte  ihm  und  bat  ihn,  uns  im  Hotel  Adlon  abzusetzen.  Als  wir  dort,  nach
einem  Umweg  durch  die  Leipziger  und  Bellevuestraße,  eintrafen,  entfernte
er,  als  ich  ausstieg,  eine  kleine  rote  Fahne,  die  er  neben  sich  auf  dem  Bock
aufgepflanzt  hatte.  Mit  der  so  sympathischen  Gutherzigkeit  des  echten
Berliners  meinte  er,  er  habe  mich  nicht  um  Erlaubnis  gebeten,  das  rote
Zeichen  aufzustecken,  da  er  vorausgesehen  hätte,  daß  ich  das  nicht  gestatten
  würde.  Er  habe  es  aber  doch  getan,  damit  meiner  Frau  nichts
passiere.

Als  der  Besitzer  des  Hotels  Adlon  mich  bat,  unser  Appartement  zu
räumen,  da  er  bei  der  Möglichkeit  von  Straßenkämpfen  auf  dem  Pariser
Platz  für  seine  kostbaren  Fensterscheiben  fürchte  und  die  Fensterläden
geschlossen  halten  müsse,  hielt  ich  es  für  besser,  ein  anderes  Quartier

Im  Hotel  aufzusuchen.  Seit  langem  war  mir  das  in  der  Nähe  des  Tiergartens  schön
Eden  gelegene  Hotel  Eden  bekannt,  das  ein  Sohn  meines  alten  Regimentskame-
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        BEGECGNUNGEN  311

raden,  des  bei  der  Schilderung  meiner  Kriegserlebnisse  von  mir  erwähnten
biedern  Scharfenberg,  ein  begabter  Architekt,  erbaut  hatte.  Ich  hatte
während  meiner  Amtszeit  das  Hotel  mehrmals  besichtigt,  da  es  dem  Staat
für  das  Landwirtschaf  i  und  für  das  Oberpräsidium  der  Provinz
  Brandenburg  angeboten  worden  war.  Der  Besitzer  war  gern  erbötig,
uns  ein  geeignetes,  nach  vorn  mit  schöner  Aussicht  auf  den  Tiergarten  gelegenes
  Appartement  einzuräumen,  konnte  es  aber  erst  nach  einigen  Tagen
freibekommen  und  bat  uns,  inzwischen  eine  von  ihm  in  der  Nähe  des  lIotels
Eden  besorgte  kleinere  Wohnung  in  einer  Pension  der  Kurfürstenstraße  zu
beziehen.  Dort  begegnete  ich  einer  Dame,  über  die  viel  und  meist  unfreundlich
  gesprochen  worden  ist,  die  aber,  wie  mir  scheint,  besser  ist  als  ihr  Ruf.
Die  Gräfin  Hetta  Treuberg  war  die  Tochter  wohlhabender,  fein  gebildeter
israelitischer  Eltern,  die  sie  in  jungen  Jahren  mit  einem  bayrischen  Olfizier
vermählt  hatten,  der  im  Kriege  wacker  seinen  Mann  stand,  aber  nicht
gerade  geschaffen  war,  einer  Frau  von  höheren  geistigen  Ansprüchen  bimmlische
  Rosen  ins  irdische  Leben  zu  flechten.  In  den  Sprüchen  Salomonis
beißt  es:  „Wer  seine  Rute  schonet,  der  hasset  seinen  Sohn,  wer  ihn  aber
lieb  hat,  der  züchtiget  ihn  bald.‘  Es  steht  aber  nirgends  geschrieben,  daß
Frauen  gegenüber  diese  Erziehungsmethode  erlaubt  oder  gar  empfehlenswert
  sei.  Es  war  begreiflich,  daß  eine  so  üble  Behandlung  von  seiten  eines
Aristokraten  die  Gattin  in  das  rote  Lager  getrieben  hatte.  Sie  trug  ihre
kommunistischen  Ansichten  mit  Feuereifer  zur  Schau  und  wurde  deshalb
im  letzten  Jahr  des  Weltkrieges,  unter  dem  alten  System,  in  einem  pommerschen
  Städtchen  interniert.  Aber  auch  das  republikanische  Regime  hat
unter  Ebert  und  Bauer  die  Ärmste  schließlich  aus  Berlin  ausgewiesen.  Sie
war  emsig  bemüht,  uns  den  Aufenthalt  in  der  Kurfürstenstraße  angenehm  zu
machen.  Sie  wünschte  namentlich,  mir  einige  ihrer  linksstehenden  Freunde
vorzu[ühren.  Ich  lernte  auf  diese  Weise  den  Redakteur  des  „Vorwärts“
Herrn  Stampfer  kennen  und  den  später  oft  genannten  Abgeordneten  Breitscheid.
  In  dem  Erstgenannten  fand  ich  einen  Mann  von  feinem  Verstand
und  guten  Formen.  Dr.  Breitscheid,  der  übrigens  mit  vollendeter  Höflichkeit
  und  nicht  ohne  Geist  diskutierte,  schien  mir  einen  Typus  zu  repräsentieren,
  der  in  romanischen  Ländern  häufiger  ist  als  bei  uns:  den  Radikalen,
der  sehr  avancierte  Meinungen  zur  Schau  trägt,  aber  nur  so  lange,  bis  ein
Ministerposten  in  greifbare  Nähe  rückt.  Als  das  uns  im  Hotel  Eden  in  Aussicht
  gestellte  Appartement  frei  wurde,  übersiedelten  wir  von  der  Kurfürstenstraße
  nach  dem  Kurfürstendamm.  Einige  Tage  nach  unserer  Ankunft
  erblickte  ich  im  Korridor  Uniformen  und  erfuhr,  daß  der  Stab  der
Gardekavallerie-Division  nach  dem  Hotel  Eden  verlegt  worden  wäre.  Am
nächsten  Morgen  wurde  uns  erzählt,  daß  in  der  Nacht  Karl  Liebknecht
und  Rosa  Luxemburg  dem  Militärgericht  der  Gardekavallerie-Division
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        Der  Einzug
der  Truppen

312  SCHMERZLICHER  ANBLICK

vorgeführt  worden  wären.  Bei  seinem  Abtransport  sei  Liebknecht  bei  einem
Fluchtversuch  im  Tiergarten  erschossen  worden.  Rosa  Luxemburg  wäre,
als  eie  aufrührerische  Rufe  ausstieß,  von  einem  Soldaten  durch  einen
Kolbenschlag  der  Schädel  eingeschlagen  worden.  Wir  hatten  von  dem
ganzen  Vorgang  nichts  gemerkt.

Während  unseres  Aufenthaltes  im  Hotel  Eden  hatte  ich  einen  Anblick,
der  zu  den  wehmütigsten,  den  schmerzlichsten  meines  Lebens  gehört,  den
Einzug  unserer  Truppen  nach  dem  verlorenen  Feldzug,  nach  dem  Sturz  der
preußischen  Monarchie.  Ich  werde  nie  die  Haltung  vergessen,  in  der  die
Offiziere  ihre  tapferen  Leute  vorbeiführten.  Man  sah  ihnen  die  unsäglichen
Mühen,  Leiden  und  Entbehrungen  an,  die  sie  durchgemacht  hatten.  Man
las  in  ihren  Mienen  und  in  den  Gesichtern  der  Soldaten  den  Stolz  auf  das
in  vier  Jahren  im  Kampf  gegen  eine  gewaltige  Übermacht  Geleistete,  aber
auch  den  Schinerz  und  den  Zorn,  daß  solchem  Heroismus,  der  alles  übertrifft,
  was  die  Kriegsgeschichte  irgendeines  Volkes  aufweist,  in  einem
Kampfe  mit  der  ganzen  Welt,  mit  Rußland  und  Frankreich,  mit  England
und  Amerika,  mit  Belgien  und  Italien,  mit  Serbien  und  Rumänien,  der  endliche
  Sieg  versagt  blieb.

Als  1840  Nikolaus  Becker  den  Kriegsdrohungen  der  Franzosen  sein
Rheinlied  („Sie  sollen  ihn  nicht  haben‘)  entgegensang,  antwortete
ihm  Alfred  de  Musset  mit  dem  Tirutzlied:  „Nous  l’avons  eu  votre
Rhin  allemand“.  In  dem  französischen  Liede  fragt  der  Dichter  die
im  Befreiungskrieg  gegen  Frankreich  koalierten  Mächte:  „Combien,  au
jour  de  la  curee,  &amp;amp;tiez-vous  de  corbeaux  contre  l’aigle  expirant?‘“  Das
können  die  deutschen  Helden  des  Weltkrieges  die  Mächte  und  Heere  der
Entente  fragen.  Wie  viele  Raben  und  Krähen  und  Geier  mußten  sich  zusammentun,
  um  den  deutschen  Aar  zu  bezwingen!  In  England,  in  Frankreich,
  in  Italien  wurden  dem  „unbekannten  Soldaten‘  Ehrendenkmäler
errichtet.  Die  durch  das  Los  bestimmte  Leiche  eines  im  Kriege  gefallenen
Soldaten  wurde  in  Italien  unter  dem  Nationaldenkmal  für  den  „Padre
della  patria“,  den  König  Viktor  Emanuel  II.,  in  Frankreich  unter  dem  Arc
de  Triomphe,  der  an  Napoleon  und  an  die  Grande  Armee  erinnert,  in  England
  im  Mittelpunkt  der  Haupt-  und  Weltstadt  London  beigesetzt.  Und
noch  heute  werden  täglich  Kränze  an  diesen  einem  ganzen  Volke  heiligen
Erinnerungsstätten  niedergelegt.  Kein  solches  Denkmal  ziert  die  Hauptstadt
  des  Deutschen  Reiches.  Auch  das  ist  ein  betrübender  Beweis  für  die
Schwäche  unseres  Nationalgefühls,  für  die  Unfähigkeit  der  regierenden
Republikaner,  dieses  Nationalgefühl  zu  erwecken,  zu  beleben  und  zu
kräftigen.  Ein  Beweis  auch  unseres  Mangels  an  Pietät  und  Dankbarkeit  für
das,  was  Volk  und  Heer  in  dem  größten  Kriege  aller  Zeiten  geleistet  haben.
Um  so  mehr  muß  das  Andenken  an  die  alte  Armee,  an  ihre  Kämpfe  und
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        FOLGE  EINER  TISCHREDE  313

ihren  Heroismus  fortleben  in  dem  Herzen  jedes  Deutschen,  der  diesen
Namen  verdient.  Die  Franzosen  haben  1871  das  stolze  und  schöne  Wort
vom  „glorieux  vaincu“  geprägt.  Selbst  dieser  Begriff  ist  den  im  Bannkreis
der  Sozialdemokratie  stehenden  Massen  fremd.  Sie  halten  sich  teilnahmlos,
wenn  nicht  innerlich  abgeneigt  zur  Seite,  wenn  in  den  Kreisen  der  Verbände
  ehemaliger  ruhmreicher  Regimenter  der  Versuch  gemacht  wird,
militärisches  Ehrgefühl,  gerechten  Stolz  und  gesunden  Patriotismus  zu  beleben.
  Vorerst  sind  nur  in  Bayern,  wo  auf  die  bolschewistische  Welle  eine
heilsame  Reaktion  einsetzte,  nationale  Gedächtnisfeiern  mit  erfreulich
militärischem  Einschlag  möglich  gewesen.  Das  besiegte  Frankreich  ließ  in
der  ersten  Hälfte  der  siebziger  Jahre  im  Tuileriengarten  das  schöne  Denkmal
  von  Mercie  errichten,  das  eine  kräftige  Frau  in  elsässischer  Tracht  darstellt,
  die  mit  dem  Gewehr  in  der  Hand  dem  Feind  die  Stirn  bietet,  während
zu  ihren  Füßen  der  Sohn  zusammengebrochen  ist.  Das  ist  stolz  und  stark
und  schön.  Greulich  dagegen  und  erbärmlich  das  Monument,  durch  das  sich
Frankfurt  verunzierte,  einst  die  Krönungsstadt  der  römischen  Kaiser  deutscher
  Nation:  Ein  unförmliches  Weib,  das  nur  aus  Gesäß  zu  bestehen
scheint,  kauert  am  Boden,  als  ob  sie  noch  ein  paar  Fußtritte  erwartete.
Bei  großen  Krisen  im  Leben  der  Völker  tritt  der  Wert  oder  Unwert  des
einzelnen  deutlicher  und  schärfer  in  Erscheinung  als  im  ruhigen  Gleichmaß
der  Tage.  Als  nicht  lange  nach  dem  Umsturz  das  übliche  Diner  des  Brandenburgischen
  Provinziallandtages  stattfand,  gedachte  in  seiner  Tischrede  der
Oberpräsident  von  Loebell  als  aufrechter  Mann  wie  in  jedem  Jahr  der  Verdienste
  der  Hohenzollern  um  die  Mark  Brandenburg,  um  Preußen  und  um
Deutschland.  Das  neue  Regime  gab  sich  die  lächerliche  Blöße,  Herrn
von  Loebell  seines  Postens  zu  entheben,  den  dieser,  einer  unserer  tüchtigsten
  Verwaltungsbeamten,  zur  allgemeinen  Zufriedenheit  ausfüllte.  Als
ob  eine  solche  Maßregelung  Jahrhunderte  des  Ruhms,  der  Größe  und  der
Wohlfahrt  auslöschen  könnte!  Anders  als  Herr  von  Loebell,  der  sich  nie  der
besonderen  Gunst  des  Kaisers  Wilhelm  II.  erfreut  hatte,  verhielt  sich  Adolf
von  Harnack,  der  Liebling  und  Adorant  Seiner  Majestät.  Noch  kurz  vor
dem  Umsturz  hatte  ich  ein  soeben  erschienenes,  mir  von  Harnack  übersandtes
  Buch  gelesen,  das  eine  Reihe  von  Vorträgen  enthielt,  die  deutsche
Hochschullehrer  gegen  die  falsche  Beurteilung  der  inneren  deutschen  Verhältnisse
  durch  den  amerikanischen  Präsidenten  Wilson  gehalten  hatten.
Die  von  Harnack  verfaßte  Einleitung  des  in  ausgesprochen  nationalem  und
königstreuem  Geiste  gehaltenen  Buches  war  ein  Hymnus  auf  das  Haus  der
Hohenzollern,  von  dem  uns,  wie  Seine  Exzellenz  sich  ausdrückte,  keine
Macht  der  Erde  scheiden  könne.  Aber  der  „weltgewandte  Gottesmann“,
wie  ihn  mit  treflendem  Witz  der  „Kladderadatsch‘  einst  genannt  hatte,
konnte  auch  anders.  Wenige  Tage  nach  dem  Umsturz  erschien  der  älteste

Loebell
enthoben
        <pb n="397" />
        Erzberger  ın
Compiegne

314  DER  WAFFENSTILLSTAND

Sohn  des  Panegyrikers  der  Hohenzollern  bei  mir,  um  mir  das  Bedauern
seines  Vaters  auszudrücken,  daß  er  mich  nicht  besuchen  könne.  Er  müsse
vorerst  in  seiner  Eigenschaft  als  Generaldirektor  der  nun  nicht  mehr  königlichen,
  sondern  Staats-Bibliothek  seinen  beiden  neuen  Chefs,  Ihren  Exzellenzen
  Herrn  Konrad  Haenisch  und  Herrn  Adolf  Hoffmann,  seine  Aufwartung
  machen.  „Papa“,  fügte  der  junge  Mann  crläuternd  hinzu,  „stellt
sich  auf  den  Boden  der  Tatsachen,  und  ich  selbst  bin  zu  den  Sozialdemokraten
  gegangen.“  Mit  dem  früher  zur  Schau  getragenen  Royalisınus
hat  übrigens  Professor  Adolph  Harnack  nicht  gleichzeitig  die  Exzellenz
abgelegt,  die  er  der  Gnade  Seiner  Majestät  verdankte.

Die  Geburtsstunde  der  deutschen  Republik  fällt  zeitlich  zusammen  mit
dem  Waffenstillstand  von  Compi®gne,  der  am  11.  November  1918  geschlossen
  wurde,  der  die  ersten  Ketten  der  Bedrückung  um  uns  legte  und
der  dem  Schandfrieden  von  Versailles  den  Weg  bereitet  hat.  Erzberger,  der
im  Kreise  der  neuen  Machthaber  als  ein  Mann  galt,  der  auf  Grund  der  vielfachen
  Auslandsreisen,  die  er  während  des  Krieges  als  Geschäftsführer
und  ohne  Auftrag  unternommen  hatte,  Erfahrung  in  auswärtiger  Politik
besäße,  war  nach  Compitgne  mit  der  Wahnidce  gefahren,  dort  im  Anschluß
an  den  militärischen  Teil  der  Verhandlungen  über  einen  Präliminarfrieden
verhandeln  zu  können.  Er  hatte  die  Idee  des  Präliminarfriedens  wie  die  des
Völkerbundes  auch  literarisch  propagiert.  Er  war  überzeugt,  seine  im  Ausland
  kaum  beachteten  Broschüren  müßten  der  Gegenseite  die  Augen  darüber
  öffnen,  was  ihr  fromme.  Ein  entmilitarisiertes,  demokratisches,
republikanisches  Deutschland  war  nach  seinem  und  seiner  Kollegen  und
Freunde  Glauben  ein  allen  willkommenes  Mitglied  des  Völkerbundes,  war
allseitiger  Sympathien  und  allgemeiner  Hilfe  zum  Wiederaufbau  sicher.
Sein  naiver  Optimismus,  seine  vollständige  Unkenntnis  der  Verhältnisse
des  Auslandes  und  der  Mentalität  unserer  Feinde  sahen  sich  grausam  enttäuscht.
  Der  Marschall  Foch  eröffnete  die  Verhandlungen,  indem  er  dem
deutschen  Unterhändler  durch  einen  Generalstabsoffizier  ein  umfangreiches
  Konvolut  in  doppelter  Ausfertigung  übergeben  ließ,  auf  das  Herr
Erzberger  sich  bis  abends  sechs  Uhr  zu  äußern  hätte.  Die  Stunden  waren
kärglich  bemessen,  selbst  für  einen  Unterhändler,  der  des  Französischen
vollkommen  mächtig  und  daher  imstande  gewesen  wäre,  den  Text  für  sich
zu  lesen  und  dann  mit  seinen  Herren  zu  besprechen.  In  diesem  Punkte
fehlte  es  leider  bei  dem  armen  Matthias  Erzberger  an  aller  und  jeder  Grundlage.
  Er,  der  kein  Wort  Französisch  verstand,  der  nicht  imstande  war,  ein
kurzes  Entrefilet  des  „Temps“  zu  lesen,  stand  völlig  ratlos  vor  diesen  komplizierten
  Texten.  Das  gesamte  Material  ist  später  veröffentlicht  worden,
und  es  ist  ein  erschütternder  Gedanke,  daß  in  jenen  Unglückstagen  ein
Mann  sich  zu  den  Propositionen  der  Entente  zu  äußern  hatte,  der  erst  die
        <pb n="398" />
        DER  MARSCHALL  FOCH  315

mühselige  Übersetzungsarbeit  seines  Büros  abwarten  mußte,  um  sich  überhaupt
  ein  Bild  von  dem  zu  machen,  was  die  Gegenseite  verlangte.  Kostbare
Stunden  gingen  hierbei  verloren.

Was  Marschall  Foch  in  Compiegne  begonnen  hatte,  wurde  bei  den  weiteren
  Verhandlungen  in  Trier,  Mainz  und  Spa  System:  dem  Gegner  kurze
Fristen  setzen  und  rücksichtslos  abreisen,  wenn  die  Frist  abgelaufen  war.
Der  Schaden,  den  die  absolute  Unfähigkeit  Erzbergers  zur  Führung  derarliger
  Verhandlungen  angerichtet  hat,  ist  nicht  zu  bemessen  und  ist  nie
wieder  gutzumachen.  Er  hatte  geglaubt,  als  Zivilist,  als  „Volksmann‘“  dem
französischen  Marschall  Vertrauen  einzuflößen,  erfuhr  aber  von  ihm  nur
eine  hochmütige  und  verletzende  Behandlung.  Erzberger  kam  unter  den
Druck  von  Foch,  dem  die  Hilf-  und  .Abwehrlosigkeit  des  deutschen  Verhandlungsführers
  eine  Art  sadistischer  Freude  bereitete,  von  Verzicht  zu
Verzicht.

Es  dauerte  lange,  bis  die  Erkenntnis  von  seiner  Unzulänglichkeit
über  den  Salonwagen  hinausdrang,  der  Erzberger  in  jenen  Monaten  wiederholt
  zu  Marschall  Foch  führte.  Die  ersten  substantiierten  Klagen  kamen  aus
den  Kreisen  der  Reederei  und  Schiffahrt,  deren  Interessen  Erzberger  zu
leichtfertig  vertreten  hatte,  als  daß  sie  dazu  hätten  schweigen  können.  Erzberger
  hatte,  leichtsinnig  und  unüberlegt  wie  er  war,  die  Aufforderung  des
Marschalls  Foch,  sich  in  Trier  zu  einer  dreitägigen  Verhandlung  einzufinden,
  dahin  beantwortet,  daß  ihm  zwei  Verhandlungstage  genügten.  Bestimmend
  für  dieses  seltsame  Verhalten  war  sein  Wunsch  gewesen,  Trier
auf  dem  Umweg  über  die  Schweiz  zu  erreichen,  wo  er  einen  der  Agenten  zu
sehen  beabsichtigte,  die  dort  in  seinem  Solde  sich  gute  Tage  machten,  ohne
etwas  Greilbares  dafür  zu  leisten.  Als  die  Waffenstillstandskommission  in
Trier  eintraf,  stellte  es  sich  heraus,  daß  Foch  gute  Gründe  gehabt  hatte,
drei  Verhandlungstage  vorzuschlagen.  Er  wünschte  über  die  Modalitäten
der  Auslieferung  der  deutschen  Handelsflotte  zu  verhandeln  und  war  der
Ansicht  gewesen,  daß  hierzu  die  Zuziehung  von  Sachverständigen  aus
Reederei-  und  Schilfahrtskreisen  notwendig  war.  Da  Foch  seinen  Verhandlungsgegenstand
  nicht  vorher  zu  präzisieren  pflegte,  war  dies  eine  vollkommene
  Überraschung,  und  die  in  aller  Eile  telegraphisch  herbeigerufenen
Sachverständigen  kamen,  dank  dem  unüberlegten  Verzicht  Erzbergers,  eine
Stunde  vor  der  zur  Unterzeichnung  der  Abmachungen  bestimmten  Frist  an,
auf  der  Marschall  Foch  unerbittlich  beharrte.

Es  war  unter  diesen  Umständen  nicht  zu  verwundern,  daß  Erzberger,
der  Reklame  ungeachtet,  die  er  für  sich  machte,  durch  seine  mangelhafte
Geschäftsführung  allmählich  auch  die  Unzufriedenheit  Eberts  und  Scheidemanns
  erregte,  die  eine  Reise  Erzbergers  nach  der  Schweiz  benutzten,  um
den  Grafen  Brockdorff-Rantzau  mit  der  Vorbereitung  der  Friedens-Graf


Brockdor/ff-Ranızau
        <pb n="399" />
        Dus  Friedensdiktat


316  VERSAILLES

verhandlungen  zu  betreuen.  Für  den  geschäftigen  und  eitlen  Matthias,  der
sich  im  Geiste  schon  in  Paris  als  Mittelpunkt  des  Weltinteresses  geschen
hatte,  war  dies  ein  harter  Schlag.  Er  verlor  aber  nicht  den  Mut.  Konnte  er
nicht  in  Versailles  sein  Licht  leuchten  lassen,  so  war  er  dafür  in  Berlin  und
Weimar  um  so  eifriger  bemüht,  Brockdorff-Rantzau  Schwierigkeiten  zu  bereiten.
  Er  unterließ  nichts,  was  die  Entente  in  der  Überzeugung  bestärken
konnte,  die  von  ihm  geführte  Reichstagsmehrheit  werde  letzten  Endes
jeden  Frieden  schlucken.  Ich  bestreite  nicht,  daß  Erzberger  in  seiner  politischen
  Unzulänglichkeit  sich  einbildete,  durch  Zutraulichkeit  und  Folgsamkeit
  unsere  Lage  zu  verbessern.  Ich  bestreite  auch  nicht,  daß  er  seine  These,
kein  momentanes  Opfer  sei  zu  groß,  wenn  wir  uns  die  Einheit  der  Nation
erhielten,  mit  Energie  verfochten  hat.  Er  hat  aber  durch  den  Eifer,  mit
dem  er  seine  Ideen  propagierte,  der  deutschen  Sache  schweren  Schaden  zugefügt,
  da  die  Entente  in  Weimar  in  Gestalt  von  Journalisten  und  Agenten
genügende  Kanäle  besaß,  um  über  die  jeweilige  Tagesmeinung  des  „grand
Mathieu“  auf  dem  laufenden  zu  bleiben.

Als  Graf  Brockdorff-Rantzau,  was  ihm  zur  Ehre  gereicht,  sich  weigerte,
den  Frieden  zu  unterzeichnen,  und  zurücktrat,  sorgte  Herr  Erzberger  für
Ersatz,  indem  er  die  Ernennung  Hermann  Müllers  (Franken)  durchsetzte,
der  gemeinsam  mit  dem  Zentrumsabgeordneten  Bell  die  Rolle  des  Unterzeichners
  auf  sich  nahm.  Niemals  ist  einem  Volke  ein  gleich  vernichtender,
ein  so  schimpflicher  T'riede  mit  größerer  Brutalität  aufgezwungen  worden
wie  dem  deutschen  Volke  der  Schandfriede  von  Versailles.  Bei  allen
Kriegen  der  letzten  Jahrhunderte  waren  dem  Friedensschluß  Verhandlungen
  zwischen  dem  Sieger  und  dem  Besiegten  vorausgegangen.  Nach  dem
Dreißigjährigen  Kriege  wurde  drei  Jahre  lang  in  Münster  und  Osnabrück
verhandelt,  bis  der  Westfälische  Friede  zustande  kam.  Nach  dem  Siebenjährigen
  Kriege  gingen  dem  Frieden  von  Hubertusburg  geheime  Verhandlungen
  zwischen  Maria  Theresia  und  dem  großen  König  Friedrich  voraus.
Napoleon  hat  nach  seinen  größten  Siegen  und  durchschlagendsten  Erfolgen
in  Campoformio,  in  Luneville,  in  Amiens,  in  Preßburg,  in  Wien  unterhandelt.


Als  der  große  Korse  gestürzt  worden  war,  schuf  in  dreivierteljähriger
Tätigkeit  der  Wiener  Kongreß  die  Grundlagen  für  das  neue  Europa.
Auf  den  Krimkrieg  folgte  der  Pariser,  auf  den  Russisch-Türkischen  Krieg
von  1877/78  der  Berliner  Kongreß.  Fürst  Bismarck  hat,  wie  nach  dem
böhmischen  Feldzug  mit  den  österreichischen  und  süddeutschen  Abgesandten,
  so  auch  nach  dem  siegreichen  Kriege  gegen  Frankreich  mit
Jules  Favre,  mit  Thiers  in  Versailles  und  in  Frankfurt  am  Main  verhandelt,
lange,  eingehend  und  höflich  verhandelt.  Nach  dem  Spanisch-Amerikanischen,
  nach  dem  Russisch-  Japanischen  Krieg  wurde  verhandelt.  Ein
        <pb n="400" />
        VERLOREN  317

Friede  ohne  vorhergegangene  Verhandlungen,  ein  Diktatfriede  wie  der
von  Versailles  ist  so  wenig  ein  wirklicher  Friede,  wie  es  eine  Eigentumsübertragung
  ist,  wenn  ein  Raubmörder  einen  Unglücklichen  zu  Boden
schlägt  und  ihn  dann  zwingt,  ihm  sein  Portemonnaie  auszuhändigen.

Im  Frieden  von  Versailles  verloren  wir  über  siebzigtausend  Quadratkilometer
  mit  über  sieben  Millionen  Einwohnern.  Wir  verloren  nicht  nur
die  Reichslande,  Straßburg,  die  wunderschöne  Stadt,  und  die  Feste  Metz,
um  die  und  für  die  so  viel  teures  deutsches  Blut  geflossen  war,  wir  verloren
auch  Posen,  unsere  Kornkammer.  Wir  verloren  den  größeren  Teil  von  Westpreußen,
  das  schon  im  dreizehnten  und  vierzehnten  Jahrhundert  durch  den
Deutschen  Orden  für  das  Deutschtum  gewonnen,  im  achtzehnten  Jahrhundert
  durch  den  großen  Preußenkönig  wiedergewonnen  worden  war.  Wir
verloren  Teile  von  Ostpreußen,  ja  von  Pommern.  Wir  verloren  den  größten
Teil  von  Oberschlesien  und  damit  ein  Hauptzentrum  der  deutschen  Industrie.
  Wir  verloren  sogar  das  urdeutsche  Danzig,  die  Heimat  von  Schopenhauer,
  Fahrenheit,  des  genialen  Kupferstechers  und  Malers  Chodowiecki,
eine  der  schönsten  und  ehrwürdigsten  deutschen  Städte.  Wir  verloren  einen
Teil  von  Nordschleswig,  das  deutsch  gesinnte  Huldschinerländchen,  die
wallonischen,  aber  treu  an  Deutschland  und  Preußen  hängenden  Bewohner
von  Eupen  und  Malmedy.  Als  Büttel,  um  den  gefesselten  Riesen  zu  bewachen,
  wurden  uns  Polen  und  die  Tschechoslowakei  in  die  Flanken  gesetzt.
Beide  uns  feindlich  gesinnten  Länder  durften  ihre  Heere  beliebig  vergrößern,
das  stand  auch  den  Siegerstaaten  frei,  während  unser  Heer,  einst  das
stärkste,  das  tapferste  der  Welt,  auf  eine  kaum  zur  Aufrechterhaltung  der
inneren  Ordnung  genügende  Polizeitruppe  reduziert  wurde.  Unsere  schöne
Marine  wurde  auf  wenige  Linienschiffe  und  Kreuzer  beschränkt.  Alle
anderen  Schiffe  mußten  ausgeliefert  werden.  Wir  allein  durften  keine
U-Boote  haben,  Küstenbefestigungen  nur  in  beschränktem  Umfange.  Kiel
wurde  offener  Hafen,  Helgoland  entfestigt.  Die  Versenkung  der  Panzerschiffe
  durch  die  deutsche  Besatzung  bei  Scapaflow  war  ein  Sonnenstrahl
aus  dunklem  Gewölk.  Es  wurde  uns,  vielleicht  der  größte  Schimpf,  jedenfalls
  die  größte  Lüge,  ein  Schuldbekenntnis  abgezwungen,  in  dem  wir  gegen
die  Überzeugung  unseres  ganzen  Volkes  anerkannten,  wir  wären  als  die
alleinigen  Urheber  des  Krieges  verantwortlich  für  alle  Verluste  und
Schäden,  welche  die  Ententestaaten  infolge  des  ihnen  durch  den  deutschen
Angriff  aufgezwungenen  Krieges  erlitten  hätten.  Wir  hatten  der  Entente,
wie  ich  kaum  noch  einmal  hervorzubeben  brauche,  den  Krieg  nicht  nur
nicht  aufgezwungen,  sondern  wir  waren  im  Sommer  1914  durch  die
Einfältigkeit  und  Ungeschicklichkeit  unserer  Regierenden  in  die  uns
gelegten  Netze  hineingestolpert.

Das  neue  Regime  hat  geglaubt,  die  Sache  Deutschlands  in  der  Schuld

Die
Schuldfrage
        <pb n="401" />
        318  DIE  AKTEN-PUBLIKATION

frage  durch  eine  Akten-Publikation  zu  fördern,  die  alle  politischen  Schriftstücke
  des  Auswärtigen  Amtes  von  der  Gründung  des  Reichs  bis  zum
Ausbruch  des  Weltkrieges  umfassen  soll  und  die  jetzt  ihrem  Ende  entgegenzugehen
  scheint.  Ausgenommen  die  russischen  Bolschewisten,  denen  es  nur
darauf  ankam,  die  alte  politische  und  soziale  Weltordnung  zugunsten  der
von  ihnen  angestrebten  kommunistischen  Weltherrschaft  zu  diskreditieren,
hat  keine  andere  Großmacht  je  daran  gedacht,  ihre  Archive  zu  öffnen.  War
diese  mit  so  rührendem  Eifer  vorgenommene  deutsche  Publikation  richtig?
Genützt  hat  sie  uns  jedenfalls  nicht.  Der  Haß  der  Franzosen  gegen  uns,  der
um  so  größer  ist,  je  mehr  sie  unsere  latente  Kraft  fürchten,  die  kalte,  nur
durch  die  Rücksicht  auf  das  eigene  Wohlbefinden  inspirierte  politische
Selbstsucht  Englands,  die  traditionelle  und  unüberwindliche  Feindschaft
der  Polen  gegen  deutsches  Wesen  und  deutsche  Macht  sind  dadurch  nicht
entwaflnet  worden.  Die  Indiskretion,  mit  der  bei  dieser  Akten-Publikation
vertrauliche  Äußerungen  fremder  Diplomaten  und  Minister  der  Öllentlichkeit
  preisgegeben  wurden,  die  Unvorsichtigkeit,  mit  der  in  unseren  Akten
enthaltene  krıtische  Äußerungen  über  ausländische  Institutionen,  Sitten
und  Notabilitäten  in  die  Öffentlichkeit  geworfen  wurden,  wird  alle  fremden
Diplomaten  und  Staatsmänner  veranlassen,  sich  künftig  in  ihren  Gesprächen
  mit  deutschen  Vertretern  der  äußersten  Vorsicht  zu  belleißigen.
Jeder  diplomatische  Verkehr  beruht,  wie  Bismarck  uns  oft  eingeschärft  hat,
auf  Vertrauen  zur  Diskretion  des  andern.  Wo  dieses  Vertrauen  fehlt,  ist  ein
solcher  Verkehr  von  vornherein  unfruchtbar.

Gewiß  bestätigt  die  Akten-Publikation  die  Tatsache,  daß  Fürst  Bismarck
und  alle  seine  Nachfolger  seit  dem  Frankfurter  Frieden  unentwegt  und
ehrlich  den  Frieden  gewollt  haben.  Es  wird  ihnen  das  aber  von  unseren
Feinden  in  keiner  Weise  als  Verdienst  angerechnet.  Die  Franzosen  haben
eine  gute  Bezeichnung  für  den  Spieler,  der,  wenn  er  gewonnen  hat,  sich
erhebt  und  nicht  weiterspielt.  Sie  nennen  das:  Faire  Charlemagne.  Das  will
ungefähr  dasselbe  sagen  wie  die  volkstümliche  Berliner  Redewendung:
Kalte  Füße  kriegen.  Daß  wir  unsere  gewaltigen  Gewinne  von  1864,  1866
und  1870/71  nicht  wieder  aufs  Spiel  setzen  wollten,  fand  jedermann  im
Ausland  klug  und  vom  deutschen  Standpunkt  aus  durchaus  begreiflich
und  richtig.  Aber  niemand  sah  darin  einen  Beweis  besonderer  Tugend.  Man
interessiert  sich  in  der  Welt  überhaupt  nicht  besonders  für  unsere  Politik
vor  1914.  Aber  man  wünscht  zu  wissen,  warum  wir  im  unheilvollen  Hochsommer
  1914  so  operiert  haben,  wie  wir  leider  operierten.  Die  beiden
politisch  naivsten  Menschen,  die  mir  in  meinem  langen  Leben  vorgekommen
  sind,  waren,  dies  nebenbei  gesagt,  der  Präsident  des  Alldeutschen
Verbandes,  Professor  Ernst  Hasse,  und  der  Herausgeber  der  Diplomatischen
Akten  des  Auswärtigen  Amtes,  Herr  Dr.  Friedrich  Thimme.  Ich  habe
        <pb n="402" />
        DIE  WAHRHEIT!  319

seinerzeit  die  Antwort  wiedergegeben,  die  mir  im  Dezember  1900  bei  einer
zufälligen  Begegnung  außerhalb  des  Reichstags,  im  Berliner  Tiergarten,
Hasse  erteilte,  als  ich  ihn,  auf  dem  Höhepunkt  des  Südafrikanischen  Krieges,
darauf  hinwies,  wie  sehr  er  durch  seine  direktions-  und  taktlose  Agitation
für  die  Buren  meine  Bemühungen  erschwere,  zwischen  dem  deutschen  und
dem  englischen  Volke  aufrichtig-freundschaftliche  Beziehungen  herzustellen.
  Er  habe,  meinte  der  biedere  Hasse,  wie  das  Recht  so  die  Pflicht,  den
Gefühlen  des  deutschen  Volkes  Ausdruck  zu  geben,  an  mir,  dem  Minister,
sei  es,  dafür  zu  sorgen,  daß  unsere  diplomatischen  Beziehungen  zu  England
dadurch  nicht  geschädigt  würden.  Als  ich  viele  Jahre  später  Herrn
Dr.  Friedrich  Thimme  auseinandersetzte,  daß  durch  die  allzu  weit  gehende
Gründlichkeit  und  Ehrlichkeit  seiner  Publikationen  unseren  ohnehin  nach
unserer  Niederlage  unter  schwierigen  Verhältnissen  tätigen  Auslandvertretern
  ihre  Arbeit  erheblich  erschwert  würde,  erwiderte  mir  der  gleichfalls
  biedere  Mann:  „Durchlaucht,  die  Wahrheit!  Die  Wahrheit!  Der
Diplomat  mag  sich  von  opportunistischen  Erwägungen  leiten  lassen.  Der
Staatsmann  mag  der  wirklichen  oder  vermeintlichen  Staatsräson  folgen.
Der  Historiker  hat  nur  ein  einziges  Ziel:  Die  Wahrheit.  Ihr  allein  diene  ich,
was  auch  danach  kommt.“  Er  sprach  das  Wort  „Wahrheit‘  mit  starkem
Nachdruck  aus,  ore  rotundo:  „‚Die  Wooorheit!“  Als  ich  den  trefllichen  Mann
freundlich  darauf  aufmerksam  machte,  daß  weder  Frankreich  noch  England
noch  Italien  alle  ihre  Archive  in  diesem  Umfange  geöffnet  hätten,  meinte  er
stolz:  „Dann  stehen  eben  diese  Länder  moralisch  tief  unter  uns,  auch  wenn
sie  die  Sieger  sind.‘‘  Und  von  seiner  moralischen  Höhe  blickte  er  stolz  auf
mich  wie  einst  Herr  Hasse.

Der  Wert  der  nach  unserem  Zusammenbruch  in  Deutschland  veröffentlichten
  retrospektiven  historischen  Betrachtungen  steht  nicht  auf  der
Höhe  ihrer  Zahl.  Wer  aus  dem  Rathaus  herauskommt,  pflegt  ja  klüger  zu
sein  als  vorher.  Es  ist  leichter  für  den  Historiker,  den  Gang  der  hinter  ihm
liegenden  Ereignisse  zu  kritisieren,  als  es  für  den  Staatsmann  ist,  die
Ereignisse  richtig  zu  benutzen  und  zu  meistern.  Wenn  unsere  Historiker
wirklich  so  klug  und  geschickt  wären,  wie  sie  sich  in  ihren  Betrachtungen
vor  dem  Publikum  hinstellen,  so  könnten  wir  ja  gar  nichts  Besseres  tun,
als  ihnen  von  jetzt  an  die  Leitung  unserer  auswärtigen  Politik  und  die
Führung  unserer  Verhandlungen  mit  den  anderen  Mächten  zu  übertragen.
Würden  sie  es  besser  gemacht  haben,  als  es  in  Genf,  in  Locarno  und  in
Genua  unsere  damaligen  Vertreter,  als  es  Marx  und  Luther,  als  es  Rathenau
und  namentlich  Gustav  Stresemann  gemacht  haben?  Ich  glaube  gern,  daß
die  meisten  dieser  Herren  nicht  solche  Fehler  begangen  haben  würden,  wie
sie  im  tragischen  Hochsommer  1914  Bethmann  und  Konsorten  leider  Gottes
sich  zu  schulden  kommen  ließen.  Dazu  gehörte  nur  ein  bißchen  normaler
        <pb n="403" />
        320  RETROSPEKTIV

Menschenverstand,  ein  wenig  Vorsicht  und  Überlegung.  Aber  würden  die
Kritiker  der  vorher  von  uns  gemachten  Politik  ihre  Sache  in  den  beiden
schwierigen  Jahrzehnten  nach  Bismarcks  Rücktritt  wirklich  besser  gemacht
haben,  als  sie  damals  gemacht  wurde?

Für  die  meisten  der  von  mir  gekennzeichneten  retrospektiven  Betrachtungen
  treffen  zwei  oft  zitierte,  banal  gewordene,  aber  noch  immer
aktuelle  Dichterworte  zu:  Daß  die  Kritik  leicht  ist,  schwer  die  Kunst,
und  daß  die  Gedanken  leicht  beieinander  wohnen,  die  Sachen  aber  sich
hart  im  Raume  stoßen.
        <pb n="404" />
        Generalfeldmarschall  von  Hindenburg  an  Bülow

zum  75.  Geburtstag  des  Fürsten

Hannover,  4.  Mai  1924

Hochverehrter  Fürst!

Euerer  Durchlaucht  75jähriger  Geburtstag  darf  nicht  vorübergehen,
ohne  daß  ich  unserm  Senior  treue  und  herzliche  Glück-  und  Segenswünsche
  ausspreche.  Gott  erhalte  Sie  noch  lange  in  gewohnter  Rüstigkeit
und  Frische  und  lasse  Sie  den  Wiederaufstieg  des  Vaterlandes,  das

heute  an  einem  Wendepunkt  seiner  Geschichte  steht,  erleben!

Mü  dem  Ausdruck  größter  Werthschätzung

Euerer  Durchlaucht

sehr  ergebener  Confrater

v.  Hindenburg

Die  Bezeichnung  „Confrater‘‘  bezieht  sich  auf  die  gemeinsame  Zugehörigkeit  zum
Domkapitel  in  Brandenburg  a.  d.  Havel.  Hindenburg  war  damals  Donidechant,  Bülow
Senior  des  Donikapitels.
        <pb n="405" />
        <pb n="406" />
        AG  oc  SE  zer  Ar  In  Allah”
Sr  A  FE  EI  gar

Paepf  (ff  ge
WE  Kranz
Pe  nugnbaneen  Crane
        <pb n="407" />
        <pb n="408" />
        XXIV.  KAPITEL

Der  Geist  von  Weimar  »  Erzberger  +  Die  politische  Unfähigkeit  der  führenden  Männer

in  Weimar  «  Fehler  des  alten  Systems,  seine  Stellung  zum  Parlamentarismus  »  Wieviele

Reichskanzler  seit  der  Revolution?  »  Hat  Bismarck  die  Stellung  der  Krone  zu  stark

gestaltet?  -  Rückblick  Bülows  auf  sein  eigenes  Leben  «  Bülow  nicht  einseitiger  Laudator

  temporis  acti  «  Symptome  allmählicher  Besserung  der  Verhältnisse  in  Deutschland
  »  Hindenburg  +  Deutschlands  Zukunft

Der  Geist,  aus  dem  die  eben  charakterisierten  Akten-Publikationen
hervorgingen,  war  der  Geist  von  Weimar,  aber  nicht  der  Geist  von  Goethe
und  Schiller,  sondern  der  Geist,  unter  dessen  Ägide  die  Nationalversammlung
  stand,  der  neben  dem  Abschluß  des  Friedens  mit  den  alliierten
und  assozüierten  Mächten  die  durch  den  Umsturz  notwendig  gewordene
Regelung  unserer  neuen  staatsrechtlichen  Verhältnisse  oblag.  Es  war  jener
Weimarer  Geist,  dem  der  gute  Fritz  Ebert  huldigen  wollte,  als  er  als
ersterwählter  Reichspräsident  am  Doppelstandbild  unserer  Dichterfürsten
in  Weimar  einen  Kranz  niederlegen  ließ  mit  der  Inschrift:  „Genio  loci.“*
Es  war  der  Lügengeist,  der  1918/1919  die  Köpfe  der  damals  Deutschland
führenden  Männer  umnebelt  hat,  Es  ist  der  Geist  des  falschen  Pazifismus,
einer  erträumten  internationalen  Verbrüderung,  der  Geist  einer  überstürzten
  und  falsch  verstandenen  Demokratie.  Es  war  der  Wahnglaube,
daß  das  deutsche  Volk,  sobald  es  seine  Dynastien  verjagt,  sein  Heer  und
seine  Flotte  aufgelöst,  seine  Handelsschiffe  ausgeliefert,  mit  allen  großen
Traditionen  seiner  Vergangenheit  gebrochen,  seinen  redlichen  Willen  zur
Demokratie  bekundet  habe,  auf  die  Sympathie  der  ibm  früher  feindlichen
Mächte  und  auf  Unterstützung  für  seinen  Wiederaufbau  rechnen  könne.
Die  Phantasten  von  Weimar  übersahen,  daß  die  Entente,  in  der  klaren
Erkenntnis,  daß  die  im  deutschen  Volke  schlummernden  Kräfte,  daß  sein
Sinn  für  Arbeit  und  Ordnung,  daß  seine  Begabung  auf  technischem  und
organisatorischem  Gebiet  Deutschland  in  Bälde  den  Wiederaufstieg
ermöglichen  würden,  entschlossen  war,  alles  aufzubieten,  um  das  deutsche
Volk  auf  möglichst  lange  hinaus  in  politischer  und  wirtschaftlicher  Verkrüppelung
  zu  halten.  Unsere  Phantasten  und  Ignoranten  haben  den
sadistischen  Haß  der  Franzosen  unterschätzt,  ihre  neurasthenische  Furcht
vor  der  automatischen  Bevölkerungszunahme  Deutschlands  nicht  genügend

21  Bülow  III

Die
Neuordnung
von  1919
        <pb n="409" />
        Französische
und  deutsche

Nationalversammlung


322  WEIMAR  UND  BORDEAUX

in  Rechnung  gestellt.  Sie  hatten  nicht  begriffen,  daß  unsere  Bereitwilligkeit,
immer  und  überall  nachzugeben,  die  Dreistigkeit  der  einen,  den  systematischen
  Vernichtungswillen  der  anderen  unserer  Feinde  nur  verstärken
konnte.  Dieser  Geist  hat  dazu  beigetragen,  daß  dem  deutschen  Volk  auch
nach  dem  Friedensschluß  immer  wieder  neue  schwere  und  schmerzliche
Opfer  auferlegt  wurden,  daß  Deutschland  durch  eine  Leidenszeit  hindurchgehen
  mußte,  wie  sie  ähnlich  nie  ein  Volk  erlebt  hat  und  deren  Höhepunkt
der  Ruhreinbruch  von  1923  mit  allen  seinen  in  der  Geschichte  der  Neuzeit
unerhörten  Greueln  und  Gewalttätigkeiten  darstellt.  Wenn  der  in  Poincare
und  Foch  verkörperte  Vernichtungs-  und  Eroberungswille  der  Franzosen
sich  am  zähen  Widerstand  und  am  treuen  Durchhalten  aller  politischen
und  wirtschaftlichen  Kreise  des  Ruhrgebietes  und  der  Rheinlande  gebrochen
hat,  wenn  die  Umtriebe  des  Separatisten-Gesindels  nicht  die  von  Paris
angestrebte  Absplitterung  der  Rheinlande  vom  Deutschen  Reich  fördern
konnte,  so  gebührt  das  Verdienst  daran  dem  gesunden  Sinn  der  Bevölkerung,
die  ohne  Unterschied  der  Partei,  in  unsäglichen  Leiden,  sich  gegen  den
fremden  Eindringling  gewehrt  und  rohen,  brutalen  französischen  Generälen
vom  Typus  de  Metz  und  Mangin  die  Durchführung  ihrer  Aufgabe  unmöglich
gemacht  hat.  Der  Geist,in  dem  die  Rheinlande  und  das  Ruhrgebiet  ihren
Abwehrkampf  gegen  die  fremde  Besatzung  geführt  haben,  ist  nicht  der
Pseudogeist  von  Weimar.  Es  ist  alte  deutsche  Sinnesart.

Mit  Neid  blicke  ich  auf  die  Verhandlungen  der  französischen  Nationalversammlung
  in  Bordeaux,  die  im  Frühjahr  1871  der  Annahme  des
Frankfurter  Friedensvertrages  vorausgingen.  In  prächtigen  Worten  verkündete
  der  größte  Dichter  Frankreichs,  Victor  lIugo,  seinen  unerschütterlichen
  Glauben  an  die  Zukunft  seines  Landes.  „Ja,  der  Tag  wird  kommen“,
rief  er  der  Versammlung  zu,  „wo  Frankreich  sich  wieder  erheben  wird.  Mit
einem  gewaltigen  Sprung  wird  es  Straßburg  und  Metz  wiedererobern.
Nur  diese  beiden  Städte?  Nein,  es  wird  seine  Hand  auf  Köln  und  Mainz,
Koblenz  und  Trier  legen.“  Als  ein  Teil  der  Kammer  den  Dichter  mit  dem
Ruf  unterbrach,  Frankreich  fordere  nur,  was  wirklich  zu  Frankreich  gehöre,
entgegnete  Victor  Hugo:  „Warum  setzen  Sie  meinem  Patriotismus
Schranken!“  Und  als  Thiers,  der  große  Geschichtschreiber,  große  Staatsmann
  und  große  Patriot,  während  er  die  Friedensbedingungen  verlas,  in
Tränen  ausbrach,  erhob  sich  die  ganze  Kammer  und  verneigte  sich
schweigend  vor  ihm.  In  dem  wundervollen  Schluß  seiner  Rede  betonte
Thiers  wie  Victor  Hugo  seinen  unerschütterlichen  Glauben  an  Frankreich,
dessen  große  Vergangenheit,  dessen  Nationalstolz  und  Nationalgefühl,
dessen  feurige  Vaterlandsliebe  und  dessen  bewunderungswürdige  innere
Einheit,  l’admirable  unit  de  la  France,  ihm  eine  Wiederauferstehung
sicherten.  Seinen  Namen  unter  diesen  Vertrag  setzen  zu  müssen,  sei  der
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        DIE  LIQUIDATION  323

größte  Schmerz  seines  Lebens  gewesen,  aber  er  verzweifle  nicht  an  der
Zukunft  des  Landes.  Im  Laufe  der  Beratungen  hatte  General  Chanzy,  der
Oberkommandant  der  Loire-Armee  unter  Gambetta,  gegen  den  Frieden
protestiert.  Die  Nationalversammlung  lauschte  seinen  Worten  mit  Bewegung,
  mit  Sympathie,  mit  tiefer  Achtung.  Und  doch  hatte  Chanzy  nicht
entfernt  Erfolge  aufzuweisen  wie  viele  unserer  Generäle  im  Weltkriege,  wie
Kluck  und  Below,  der  Feldmarschall  Mackensen  und  der  Feldmarschall
Bülow,  wie  Eichhorn  und  Woyrsch,  wie  Scholz  und  Litzmann,  wie  der
deutsche  Kronprinz  und  der  Kronprinz  von  Bayern,  wie  der  Feldmarschall
Leopold  von  Bayern,  wie  noch  manche  andere,  wie  vor  allem  Hindenburg
und  Ludendorff.  Der  Ruhm  von  Chanzy,  von  Faidherbe,  von  Jaureguiberry,
vor  allem  von  Leon  Gambetta  beruhte  und  beruht  darauf,  daß  sie  bis
zuletzt,  envers  et  contre  tout  et  tous,  den  Krieg  fortsetzen  wollten.  Darum
ließ  das  siegreiche  Frankreich  das  Herz  von  Gambetta,  dessen  Leib  in  Nizza
beigesetzt  worden  war,  in  das  Pariser  Pantheon  überführen.  Es  ist  das  die
Gesinnung,  in  welcher  einst  der  römische  Senat  dem  von  Hannibal  bei
Cannae  geschlagenen  Konsul  C.  Terentius  Varro  entgegenzog  und  ihm
dankte,  daß  er  nicht  am  Vaterlande  verzweifelt  hätte.

Bei  uns  machte  sich  nach  unserer  Niederlage  ein  anderer  Geist  breit.
Das  Wort  „Kriegsverlängerer‘‘  wurde  zum  Schimpfwort,  während  es  in
Frankreich  wie  im  alten  Rom  ein  Ehrentitel  war.  Die  Stimmung,  in  der
die  damals  bei  uns  leitenden  Männer  die  Erkenntnis  der  Niederlage  aufnahmen,
  war  wesentlich  anders,  weniger  mutig,  weniger  geschlossen,
weniger  patriotisch.  Mit  Schmerz  und  Beschämung  gedenkt  der  Deutsche
der  Haltung  der  Nationalversammlung  in  Weimar  bei  der  Annahme  des
Versailler  Diktats.  Kein  Mitglied  der  Versammlung,  insbesondere  kein  Mitglied
  der  drei  regierenden  Parteien,  geschweige  denn  der  Regierung,  fand
eine  Rede,  einen  Gedanken,  auch  nur  ein  Wort,  das  der  Tragik  des  Augenblicks
  entsprochen  hätte,  um  in  schwärzester  Nacht  der  Hoffnung  Ausdruck
zu  geben,  daß  auch  für  das  unglückliche  Deutschland  bessere  Tage,  Tage
früheren  Glücks  und  früherer  Größe  zurückkehren  würden.  Im  Gegenteil!
In  den  Kreisen  der  Mehrheitsparteien  fehlte  sogar  nicht  ein  gewisses  Gefühl
des  Aufatmens.  Für  manchen  war  der  Friede  und  sein  Abschluß  vor  allem
die  Liquidation  des  alten  Systems,  des  monarchischen,  militärischen,
Bismarckschen,  des  großen  und  ruhmvollen  Deutschlands,  eine  Liquidation,
welche  die  zur  Ohnmacht  verurteilten  nationalen  Kreise  mit  Schmerz
erfüllen  mochte,  wegen  der  zu  trauern  aber  in  dem  einer  neuen,  gemütlicheren
  Zukunft  entgegengehenden,  demokratischen  Deutschland  für  sie
kein  Anlaß  wäre.  Wie  mit  einem  Scheinwerfer  wird  die  Stimmung,  welche
gewisse  Köpfe  beherrschte,  durch  die  Verse  beleuchtet,  die  der  damals
mächtigste  Politiker  im  neuen  Deutschland,  der  eigentliche  Führer  des

21*

Die  Aufnahme
des  Versailler
Diktats
        <pb n="411" />
        Die  Krisen

324  JAHRE  DES  NIEDERGANGS

republikanischen  Deutschland,  Matthias  Erzberger,  am  tragischen  8.  Juli,
am  Abend  der  Abstimmung,  nach  einem  kopiösen  Mahl  in  dasihm  vorgelegte
Gastbuch  eines  Weimarer  Hotels  eintrug:

„Erst  schaff  dein  Sach,
Dann  trink  und  lach!“

Ich  kann  es  nicht  über  das  Herz  bringen,  die  Jahre  des  Elends  und  der
Schmach,  des  äußeren  Drucks,  der  Mißhandlung  durch  unbarmherzige
Feinde  und  der  inneren  Unordnung  und  Unfähigkeit  noch  einmal  an  mir
vorbeiziehen  zu  lassen.  Unser  Niedergang  wird  am  besten  dadurch  charakterisiert,
  daß,  wie  ich  überzeugt  bin,  unter  zehn  Deutschen  nicht  einer
heute  imstande  sein  würde,  die  Namen  der  Reichskanzler  anzugeben,  die
nach  dem  Umsturz  aufeinander  gefolgt  sind.  Kein  Lied,  kein  Heldenbuch
wird  den  nachkommenden  Geschlechtern  die  Namen  von  Gustav  Bauer
und  Hermann  Müller,  von  Konstantin  Fehrenbach  und  Josef  Wirth  melden.
Schon  im  Jahre  1925,  sieben  Jahre  nach  dem  Umsturz,  gab  es  in  Deutschland
  zweihundertfünfzig  aktive  und  gewesene  Minister.  Ihre  Qualität  stand
leider  nicht  auf  der  Höhe  einer  solchen  Quantität.  Seit  wir  das  Glück  haben,
in  der  Republik  zu  leben,  ist  jeder  ihundertfünfzig  dste  Deutsche
ein  Minister.  Der  häufige  Wechsel  verhindertenicht  tel  hleichend
Regierungskrisen.  Der  Vater  der  Geschichtschreibung,  Herodot,  erzählt  im
ersten  Buch  seiner  Geschichte,  daß  der  weise  Solon  auf  die  Frage  des  Königs
Krösus,  wen  er  von  allen  Menschen,  die  er  kenne,  für  den  glücklichsten
halte,  erwidert  habe:  „Den  Tellos  von  Athen.“  Denn  dieser  habe  bei
blühendem  Zustand  der  Stadt  nach  menschlicher  Kraft  ein  glückliches
Leben  geführt.  Dann,  als  die  Athener  wider  ihre  Nachbarn  von  Eleusis
stritten,  sei  er  zur  Hilfe  herbeigeeilt,  habe  die  Feinde  in  die  Flucht  geschlagen.
  „Und  starb  so  den  schönsten  Tod.“  Dieses  Glück  war  mir  nicht
beschieden.  Und  im  neunten  Buch  seiner  Geschichte  gibt  Herodot  eine
Mitteilung  wieder,  die  ihm  von  dem  vielgereisten  Theosandros  aus  Orchomenos
  gemacht  wurde,  einem  der  angesehensten  Männer  dieser  Stadt.  Der
erzählte  dem  Herodot,  daß,  als  das  persische  Heer  unter  Mardonios  im
Krieg  gegen  die  Griechen  der  Niederlage  von  Platää  entgegenzog,  ihm  in
Orchomenos  ein  Festmahl  gegeben  worden  sei,  denn  die  Böotier  sympathisierten
  mit  den  Persern.  Bei  dem  Gastmahl  hätten  nach  griechischer  Sitte
je  ein  Perser  und  ein  Grieche  auf  einem  Lager  geruht.  Da  habe  einer  der
Perser  unter  Tränen  einem  der  Griechen  erzählt,  er  sei  überzeugt,  daß  von
dem  Heere  der  Perser  nur  wenige  dem  Tode  entrinnen  würden.  Verwundert
frug  der  Grieche,  warum  er  das  nicht  dem  Mardonios  sage  und  denen,  die
nächst  ihm  in  Ehren  stünden  unter  den  Persern.  Darauf  habe  der  Perser
erwidert:  „Der  bitterste  Kummer  der  ganzen  Welt  ist  der,  wenn  man  bei
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        Großadmiral  v.  Tirpitz  an  Bülow

nach  den  Reichstagswahlen  im  Dezember  1924

St.  Blasien  25/12.  1924
Euer  Durchlaucht

werden  inzwischen  meinen  Brief  vom  9/12  erhalten  haben,  der
das  gütige  Schreiben  vom  26/11  beantwortet.  Das  furchtbare
Wahlgeschäft  verhinderte  meine  sofortige  Antwort.  Der  Sicherheit
wegen  bestätige  ich  aber  noch  besonders  den  Empfang  des  Briefes
vom  21/11.  In  Ergänzung  meines  Schreibens  vom  9.  d.  M.  wird
es  Euer  Durchlaucht  vielleicht  interessiren.  daß  die  Engländer
zur  Zeit  des  Ruhrkampfes  als  sie  eine  Neigung  zu  uns  und  eine
Spannung  gegenüber  Frankreich  zeigten,  eine  Schlachtflotte  bei
den  Balearen  zusammenzogen  u.  mit  den  Italienern  zusammen
dort  manörrirten.  Dieser  Aris  ist  auch  von  Frankreich  durchaus
verstanden  worden.  Auch  bei  dem  Seerüstungsabkommen  in
Washington  lag  der  Schwerpunkt  in  den  Schlachtschiffen  n.
wird  es  auf  der  See  noch  lange  bleiben.  Natürlich  werden  diese
Schiffe  sich  der  fortschreitenden  Technik  entsprechend  konstruktiv
  ändern.

Die  Aussichten  für  Deutschland  sind  recht  trübe  geworden
durch  die  Nothwendigkeit  der  Engländer  sich  mit  Frankreich
wieder  gut  zu  stellen,  als  Folge  ihres  Vorgehens  in  Ägypten  u.
Jerner  durch  den  Wahlausfall  bei  uns.  Kein  Funken  des  politischen
  Verständnisses,  wie  es  sich  bei  den  letzten  englischen
Wahlen  zeigte,  ist  bei  unserer  Demokratie  herüber  geschlagen.

Die  Sozialdemokratische  Parthei  ist  wieder  die  stärkste  des
        <pb n="413" />
        Reichstages.  Zu  diesem  Resultat  hat  freilich  beigetragen  die
Kurzsichtigkeit  vieler  Arbeitgeber  sowohl  in  der  Industrie  wie
auf  dem  Lande.  Bei  der  entstehenden  Arbeitslosigkeit  war  es
möglich  die  Arbeiter  wieder  stärker  auszunutzen  u.  auch  in  der
Form  schlechter  zu  behandeln.  Die  Folge  war  eine  erhebliche
Abwanderung  zu  den  Gewerkschaften.  beziehungsweise  zurück  zu
den  sozialdemokratischen  Führern.  Der  trotzdem  vielleicht  mögliche
  Zusammenschluß  der  nationalen  Parteien  könnte  doch  nur
zu  einem  mäßigen  Kompromiß  führen,  da  das  Centrum  von
Wirth  sehr  stark  beeinflußt  ist,  und  unsere  Außenpolitik  bisher
in  den  gleichen  Händen  bleiben  wird  wie  bisher.  Unsere  jetzige
Regierung  verbindet  sich  mit  unseren  äußeren  Feinden  um  am
Ruder  zu  bleiben.  Indem  ich  Euer  Durchlaucht  u.  der  Frau
Fürstin  ein  gutes  neues  Jahr  wünsche  bleibe  ich  Euer  Durchlaucht

  stets  sehr  ergebener
v.  Tirpitz.
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        EIN  GEBOT  DER  GERECHTIGKEIT  325

aller  Einsicht  keine  Macht  in  Händen  hat.‘  Dieser  größte  Schmerz  war
mir  beschieden.

Ist  der  Volksstaat,  der  durch  die  Revolution  den  Obrigkeitsstaat  abgelöst
hat,  befähigt  gewesen,  die  ungeheure  Aufgabe  zu  lösen,  vor  die  der  unglückliche
  Ausgang  des  Weltkrieges  ihn  gestellt  hat?  Ist  er  befähigt  gewesen,
nach  dem  Zusammenbruch  die  Geschicke  des  Reichs  mit  Energie  in  die
Hand  zu  nehmen  und,  aller  Welt  Achtung  gebietend  auch  in  den  Tagen
nationalen  Niederbruchs,  der  großen  deutschen  Vergangenheit  wert  zu
sein?  Die  Antwortet  lautet:  Nein.  Es  ist  jedoch  Gebot  abwägender  Gerechtigkeit,
  anzuerkennen,  daß  die  Welt  staatlicher  und  politischer  Ideen,
in  denen  das  deutsche  Volk  im  friedlichen  Bewußtsein  seiner  Kraft  bis  zum
Ausbruch  des  Krieges  gelebt  hatte,  zu  jäh,  zu  gewaltsam  zusammengestürzt
ist,  als  daß  es  den  Weg  zur  Neuordnung  der  Dinge  mit  der  politischen
Überlegtheit  hätte  finden  können,  die  für  die  Nationalversammlung  in
Weimar,  die  für  die  ersten  Jahre  der  Republik  notwendig  war.  Sich  selbst
überlassen,  wie  sie  es  in  Weimar  waren,  wußten  die  Männer,  die  die  Macht
an  sich  gerissen  hatten,  mit  ihr  vorerst  nur  wenig  anzufangen.  Mitschuld
an  diesem  Zustand  war  zweifellos  das  alte  System,  das  dem  Parlamentarismus
  allzu  ablehnend  gegenübergestanden  hatte.  Das  hatte  dazu  geführt,
daß,  wer  einem  Parlament  angehörte,  sich  dadurch  mit  ziemlicher  Wahrscheinlichkeit
  von  holıen  Staatsämtern  ausschloß.  Wer  damals  Karriere
machen,  wer  Minister  werden  wollte,  tat  gut  daran,  sich  vom  Parlament
fernzuhalten.  Die  Folge  war,  daß  Regierungskreise  und  Parlament  sich  wie
abgeschlossene  Kasten  feindselig  und  mißtrauisch  gegenüberstanden.  Selbst
verabschiedete  Minister,  die  an  sich  nichts  mehr  zu  hoffen  und  nichts  mehr
zu  fürchten  hatten,  hielten  sich  von  parlamentarischer  Betätigung  fern.
Maßnahmen  der  Regierung  als  Mitglieder  der  Volksvertretung  zu  kritisieren,
die  Regierung  anzugreifen,  wäre  ihnen  als  Fronde  gegen  Kaiser  und  Reich
erschienen.  Das  waren  nicht  subjektive  Erwägungen  des  einzelnen,  sondern
Erwägungen,  die  im  System  begründet  lagen.  In  England  und  Frankreich
greift  der  abgetretene  Ministerpräsident  seinen  Nachfolger  rücksichtslos  an,
wenn  die  Interessen  des  Landes  ihm  dies  zu  verlangen  scheinen.  In  Deutschland
  war  der  entamtete  Minister  zum  Schweigen  verurteilt.  Die  Erfahrungen,
die  er  sich  erworben,  die  Vertrautheit  mit  Staatsgeschäften,  die  er  sich
angeeignet  haben  mochte,  konnten  dem  Parlament  nicht  nutzbar  gemacht
werden.  Das  war  zweifellos  kein  gesunder  Zustand.  Ich  habe  die  Schwierigkeiten
  bereits  erwähnt,  mit  denen  ich  als  Reichskanzler  zu  kämpfen  hatte,
als  ich  mehr  als  einmal  Wilhelm  II.  für  einen  Versuch  der  Heranziehung
von  Parlamentariern  für  leitende  Staatsstellen  gewinnen  wollte.  Die  verschwindend
  kleine  Zahl  von  Parlamentariern,  die  im  früheren  Deutschland
Minister  geworden  sind,  bestätigen  als  Ausnahmen  nur  die  Regel.

Die  Mitschuld
des  alten
Systems
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        Die  neuen
Männer

Bismarck
und  das
Parlament

326  DER  ERSTE  REICHSTAG

Als  daher  das  deutsche  Volk  zur  Wahl  der  Nationalversammlung  und
später  zur  Wahl  des  ersten  neuen  Reichstags  schritt,  fehlte  es  an  politisch
geschulten  Köpfen,  die  aus  eigener  Erfahrung  die  Technik  der  Staatsverwaltung,
  die  Handhabung  des  staatlichen  Machtapparates,  die  Führung
der  Staatsgeschäfte  kannten.  Die  Politiker,  die  dem  ersten  Werden  des
neuen  Deutschlands  das  Gepräge  gegeben  haben,  waren  durchweg  Neulinge,
die  mit  täppischen  Händen  in  die  große  Maschine  des  Staats  eingriffen.  Sie
waren  bis  dahin  gewöhnt  gewesen,  die  Fragen  des  staatlichen  Lebens  nur
vom  Standpunkt  unfruchtbarer  Kritik  oder  skrupelloser  Opposition  zu
behandeln.  Der  Staatsgedanke,  die  Salus  publica,  kam  für  diese  Homines
novi  erst  nach  dem  Parteiinteresse,  erst  nach  den  Gesichtspunkten,  in  deren
Beachtung  sie  in  der  Schule  des  Parteilebens  gedrillt  worden  waren.  Der
Übergang  zur  Macht  war  für  sie  zu  unvermittelt  gekommen.  Da  das  Bewußtsein
  der  Würde  des  Staates  in  ihnen  nicht  lebendig  war,  fehlte  es  ihrem
Auftreten  nach  außen,  fehlte  es  zum  Teil  ihrer  inneren  Gesinnung  an  Würde.
Sprechender  Beweis  ist  hierfür  die  schwarz-rot-goldene  Fahne,  diein  Weimar
dem  deutschen  Volke  in  einer  Stunde  moralischer  Erschöpfung  aufgedrängt
worden  ist.  Das  alte  Reichsbanner,  dessen  Farben  ein  halbes  Jahrhundert
in  Ehren  in  der  ganzen  Welt  sich  hatten  zeigen  können,  die  Fahne  Schwarz-Weiß-Rot,
  die  respektgebietend  auf  allen  Meeren  geflattert  hatte,  wurde
dem  „Geist  von  Weimar“  geopfert,  ohne  Verständnis  für  die  Kläglichkeit
des  Schauspiels,  das  Deutschland  bot,  als  es  das  Wahrzeichen  seines  Glanzes
und  seines  Ruhms  in  würdeloser  Selbstzerknirschung  zerriß.  Der  Eindruck,
den  die  Kabinette  der  ersten  Jahre  der  deutschen  Republik  auch  auf  uns
freundlich  gesinnte  Kreise  des  Auslandes,  insbesondere  jene  neutraler
Länder  machten,  war  kläglich.  Bei  aller  Korrektheit,  mit  der  sich  mir  aus
früherer  Zeit  befreundete  fremde  Diplomaten  ausdrückten,  mußte  ich  zu
meinem  Schmerz  aus  ihren  Äußerungen  heraushören,  daß  man  im  uns  gut
gesinnten  Ausland  nicht  begriff,  wie  Deutschland  derart  arm  an  Politikern
sein  könne,  die  mit  Würde  die  Interessen  ihres  Landes  zu  vertreten  verstünden,
  und  wie  wohlzufrieden  man  mit  diesem  Zustand  in  Paris  und  in
London  war.

Wenn  ich  auf  Gründung  und  Ausgang  des  ruhmvollen  Deutschen  Reiches
Bismarckscher  Prägung  zurückblicke,  so  drängt  sich  mir  die  Frage  auf,  ob
der  größte  deutsche  Staatsmann  nicht  zu  viel  Macht  im  preußischen
Königstum  und  damit  im  deutschen  Kaisertum  konzentriert,  ob  er  nicht
andererseits  dem  Parlament  zu  wenig  Einfluß  eingeräumt  hat.  Wie  meist,
8o  hat  auch  in  dieser  entscheidenden  Frage  Bismarck  sich  ein  Urteil  aus
eigener  Erfahrung,  nach  eigener  Anschauung  gebildet.  Durch  seine  Geburt,
durch  seinen  Lebensgang,  durch  die  Tradition  seines  Geschlechts  wie  durch
die  Umgebung,  in  der  er  aufwuchs,  war  er,  vielleicht  noch  mehr  mit  dem
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        WILHELM  I.  UND  SEIN  ENKEL  327

Gefühl  als  mit  dem  Verstand,  durch  und  durch  Royalist,  preußischer
Royalist.  Er  hatte  als  junger  Mensch  noch  vor  König  Friedrich  Wilhelm  III.
gestanden,  hatte  viel  über  ihn  gehört,  den  nüchternen,  einsilbigen,  pflichttreuen,
  vorsichtigen  Regenten,  der  im  Infinitiv  sprach,  aber  keine  Dummheiten
  sagte,  der  nach  Jena  und  Tilsit  nicht  verzweifelte  und  nach  Leipzig
und  Waterloo  nicht  übermütig  wurde.  Bismarck  war  Friedrich  Wilhelm  IV.
nähergetreten,  der  phantastisch  und  unstet  war,  auch  nicht  ganz  zuverlässig,
aber  ein  Mann  von  edlem  Herzen  und  tiefer  Bildung.  Bismarck  hat  sich
oft,  allzu  oft,  mit  dem  Kronprinzen,  dem  nachmaligen  Kaiser  Friedrich,
gestritten.  Aber  er  wußte,  noch  mehr  als  er  dies  zeigte,  dessen  ritterliches
Wesen,  dessen  Lauterkeit  und  Herzensgüte,  dessen  vollkommene  Furchtlosigkeit
  zu  schätzen.  Fürst  Bismarck  hatte  vor  allem  in  fast  dreißigjährigem
  Zusammenarbeiten  mit  Wilhelm  I.  einen  Fürsten,  einen  König  auf
Herz  und  Nieren  geprüft,  der  wie  kaum  ein  anderer  echte  Vornehmheit  mit
innerer  Bescheidenheit,  strenges  Pflichtgefühl  mit  zarter  Güte  verband,  der
nie  indiskret,  nie  taktlos  war,  der  nie  vergaß,  daß  er  der  König  war,  und  der
seine  Stellung  doch  nie  mißbrauchte,  der  nie  undankbar  war  und  nie  rachsüchtig,
  dessen  heldenmütige  Tapferkeit,  dessen  hochgerpanntes  nationales
Ehrgefühl  und  dessen  treue  arbeitsame  Pflichterfüllung  im  Dienste  des
Vaterlandes  und  dessen  Liebe  zum  Vaterland  Fürst  Bismarck  wenige
Stunden  nach  dem  Hinscheiden  des  alten  Kaisers  mit  Recht  vor  dem
Reichstag  in  einem  unsterblichen  Nachruf  rühmte.  Den  Enkel  dieses
wahrhaft  großen  Kaisers,  den  Kaiser  Wilhelm  II.,  kannte  Fürst  Bismarck
im  Grunde  nur  ziemlich  oberflächlich.  Er  fand  sich  nicht  zurecht  mit  diesem
eigenartigen  Regenten,  er  konnte  sich  nicht  hineindenken  in  diesen
preußischen  König,  der  von  seinem  Vater  nicht  viel,  der  von  seinem  Großvater
  garnichts,  von  seinem  Urgroßvater  auch  nichts,  der  von  seiner  Mutter
manches,  der  dalür  zu  viel,  allzu  viel  von  seinem  Großonkel,  dem  Herzog
Ernst  II.  von  Koburg,  geerbt  hatte.  Die  Charakteristik,  die  der  große
Kanzler  im  dritten  Band  seiner  „Gedanken  und  Erinnerungen“  von
Wilhelm  II.  entwirft,  zeigt,  daß  er,  den  ein  Altersunterschied  von  vierundvierzig
  Jahren  von  diesem  trennte,  in  dessen  komplizierte  Psyche  nicht  eingedrungen
  ist.  Eine  Unreife,  wie  sie  ihm  bei  Wilhelm  II.  begegnete,  hatte  er
nicht  für  möglich  gehalten.  Auf  diesen  König  und  Kaiser  war  Bismarck
nicht  gefaßt,  als  er  die  Fundamente  des  neuen  Deutschen  Reiches  legte.  Aber
selbst  wenn  Bismarck,  in  Vorahnung  des  dritten  deutschen  Kaisers,  die
kaiserliche  Stellung  weniger  überragend  gestaltet  hätte,  so  würde  es  ihm
doch  recht  sauer  geworden  sein,  dem  Parlament,  einem  deutschen  Parlament,
größere  Rechte  einzuräumen,  der  Demokratie,  der  deutschen  Demokratie,
weiter  entgegenzukommen.  Seine  Geringschätzung  für  den  deutschen
Parlamentarier  war  in  mancher  Hinsicht  nicht  unverdient,  aber  sie  ging
        <pb n="421" />
        Die  Fehler
Wilhelms  II.

328  STATT  DER  EVYOLTTION  DIE  REVOLUTION

zu  weit.  In  seiner  Redlichkeit,  aber  auch  in  seiner  Unbeholfenheit  und  seiner
Weltfremdheit  erinnerte  ihn  der  deutsche  Parlamentarier  an  die  beiden
Typeu  des  politisierenden  Deutschlands,  an  den  Professor  und  an  den
Kreisrichter,  die  Bismarck  vom  ersten  bis  zum  letzten  Tage  seines  politischen
Lebens  so  wenig  schätzte.  Fürst  Bismarck  war  der  größte  aller  Junker,  aber
er  war  ein  Junker,  ein  märkischer  Junker.  Er  war  Edelmann  vom  Scheitel
bis  zur  Sohle,  er  war  Offizier  bis  in  die  Fingerspitzen,  preußischer  Offizier.

Es  war  ein  Unglück,  daß  Wilhelm  II.  sich  nach  der  Entlassung  des
Fürsten  Bismarck  nicht  entschlossen  hat,  von  nun  an  sich  selbst  zurückzuhalten,
  dagegen  unsere  politischen  Zustände  im  liberalen  und  parlamentarischen
  Geiste  auszubauen.  Statt  dessen  wiegte  sich  der  junge  Kaiser  in
dem  Wahn,  daß  er  imstande  sein  würde,  sein  eigener  Kanzler  zu  sein  und  in
Deutschland  und  vor  der  Welt  die  Rulle  zu  übernehinen,  die  Bismarck
achtundzwanzig  Jahre  mit  echtem  Genie  und  wahrer  Größe  gespielt
hatte.  Es  war  auch  ein  Unglück,  daß  Wilhelm  II.  meine  Absicht,  nach
den  siegreichen  Reichstagswahlen  von  1907  allmählich  und  vorsichtig,
aber  stetig  durch  eine  Reform  des  preußischen  Wahlrechts,  durch  die
Ernennung  von  Parlamentariern  zu  Staatssekretären  und  Ministern  ein
parlamentarischeres  Regierungssystem  zu  ermöglichen  und  anzubahnen,
das  Haupt  unserer  Mutter  Germania  mit  einem  reichlicheren  Tropfen
demokratischen  Öls  zu  salben,  nicht  verstand  und,  als  ihm  eine  Ahnung
aufdümmerte,  wohin  ich  ihn  und  das  Land  führen  wollte,  sich  gegen  mich
wandte  und  mit  meiner  Entlassung  die  von  mir  ins  Auge  gefaßte,  zielbewußte
  Evolution  verhinderte.  Statt  der  Evolution  haben  wir  die  Revolution
  bekommen.  Der  Weltkrieg,  zu  dem  es  die  Unfähigkeit  Bethmanns
und  seiner  Mitarbeiter  kommen  ließ,  endete,  politisch  jämmerlich  geführt,
mit  der  Revolution,  die  uns  nach  außen  mehr  isulierte,  als  wir  es  je  früher
gewesen  waren,  die  uns  im  Innern  desorganisierte  und  aus  dem  einst  best
verwalteten  Lande  in  Europa  ein  schlecht  verwaltetes  machte.  Und  doch
sollen  und  müssen  wir  auch  in  schwerster  Zeit  und  in  schwarzen  Tagen
mit  dem  größten  der  Apostel,  mit  Paulus,  sagen:  „Wir  haben  allenthalben
  Trübsal,  aber  wir  ängstigen  uns  nicht:  uns  ist  bange,  aber  wir  verzagen
  nicht!“

Blicken  wir  auf  andere  Völker:  Es  ist  gerade  hundert  Jahre  her,  daß  der
österreichische  Staatskanzler  Fürst  Clemens  Metternich,  der  damals  nicht
nur  Österreich,  sondern  in  gewissem  Sinne  Europa  regierte,  der  Cocher  de
l'’Europe,  wie  man  ihn  nannte,  feierlich  erklärte,  Italien  sei  kein  Staat,  es  sei
auch  keine  Nation,  es  sei  nur  ein  geographischer  Begriff.  Heute  liegt  die
habsburgische  Monarchie  zerschmettert  am  Boden.  Italien  ist  eine  Großmacht
  und  hat  alle  seine  nationalen  Aspirationen  verwirklicht.  Frankreich
wurde  vor  einem  halben  Jahrhundert  von  uns  besiegt,  sein  Kaiser  gefangen.
        <pb n="422" />
        Fürst  Bülow  nach  der  Bestattung  der  Fürstin  mit  Felix  von  Eckardt
        <pb n="423" />
        <pb n="424" />
        SINKEN  UND  EMPORSTEIGEN  329

Es  hat,  indem  es  den  Rat  von  Gambetta  befolgte,  möglichst  wenig  von  der
Revanche  zu  sprechen,  aber  immer  an  sie  zu  denken,  nicht  nur,  ich  schreibe
es  mit  tiefem  Schmerz  nieder,  seine  Fahne  auf  dem  ehrwürdigen  Münster
aufgepflanzt,  den  Meister  Erwin  erbaute,  es  bedrängt  uns  am  Rhein  und  an
der  Mosel.  Polen  wurde  vor  hundertfünfzig  Jahren  zwischen  drei  Kaiserreichen,
  drei  Großmächten  geteilt,  und  es  ist  aus  dem  Grabe  wiedererstanden,
  es  beraubt  und  quält  uns  im  Osten.  Die  Balkanvölker,  die  Serben
und  Bulgaren,  die  Griechen  und  Rumänen,  die  Armenier  wurden  während
Jahrhunderten  unterjocht,  mißhandelt,  massakriert.  Sie  haben  ihren
früheren  Zwingherrn  überlebt.  Im  Leben  der  Völker  ist  alles  in  ständigem
Fluß.  Die  Völker  sinken,  aber  sie  steigen  auch  wieder  empor.

Ich  habe  nach  dem  Abschluß  der  Niederschrift  meiner  Erinnerungen  die
Zeitepoche,  in  die  Gott  mein  Leben  gestellt  hat,  wiederholt  an  der  Hand
dieser  Aufzeichnungen  an  mir  vorüberziehen  lassen.  Ich  habe  mich  hierbei
bemüht,  zu  prüfen,  ob  ich  in  meiner  Beurteilung  des  deutschen  Volkes  und
der  Männer,  die  seine  Geschicke  vor  und  nach  meiner  Amtszeit  führten,
gerecht  gewesen  bin,  ob  ich  nicht  die  Zeit,  in  der  ich  die  Politik  des  Reiches
geleitet  habe,  mit  weniger  kritischen  Augen  betrachtet  habe  als  die  Epoche,
die  nach  mir  kam,  die  zum  Weltkrieg  führte  und  mit  dem  Niederbruch
endigte.  Ich  bin  bestrebt  gewesen,  mich  bei  dieser  Selbstprüfung  innerlich
von  dem  Erlebten  und  Geschauten  loszulösen,  es  objektiv  abzuwägen,  es
von  höherer  Warte  zu  betrachten.  Der  Lebensweg,  auf  den  ich  zurückschaue,
  macht  es  begreiflich,  daß  die  Freude  an  der  großen  Vergangenheit
überwiegt,  daß  die  Schatten  der  Gegenwart  schwer  auf  mir  lasten.  Meine
Erinnerungen,  nach  rückwärts  durch  das  geistige  Erbteil  erweitert,  das
mein  Vater  mir  übertrug,  umfassen  die  Zeiten,  da  das  deutsche  Volk  uneinig
nach  innen  und  ohnmächtig  nach  außen  war,  sie  umfassen  die  Schöpfung
des  Reiches  und  die  Einigung  der  Nation  als  Frucht  beispielloser  militärischer
  und  politischer  Erfolge,  sie  umfassen  die  Jahrzehnte,  in  denen  das
deutsche  Volk  in  friedlicher  Ruhe  seine  wirtschaftlichen  Kräfte  entwickelte,
seine  Stellung  in  der  Welt  mehrte,  sein  nationales  Empfinden  verstärkte,  sie
umfassen  endlich  die  Jahre,  in  denen  Deutschland  nach  ruhmvoller  Abwehr
der  gegen  uns  vereinigten  Welt  zusammenbrach.

Mein  Vater,  der  mir  in  meiner  Knabenzeit  ein  sorgsamer  Erzieher  und
Geistesbildner  gewesen,  in  reiferen  Jahren  beratender  und  belehrender
Freund  geworden  war,  hatte  im  Anstieg  des  Lebens  noch  das  schwache
Deutschland  gekannt,  er  hatte  als  Mann  in  der  Fülle  der  Kraft  das  Jahr  1848
und  damit  einen  Tiefpunkt  der  neuen  deutschen  Geschichte  erlebt.  Er  hatte
auf  der  Höhe  des  Daseins  Bismarck  nähertreten,  hatte  dem  Großen  bald
nach  Gründung  des  Reiches  als  Staatssekretär  und  vertrauter  Mitarbeiter
zur  Seite  stehen  dürfen.  Aus  dem  reichen  Schatz  der  Erinnerungen  dieses

Rückschau
        <pb n="425" />
        330  DER  ANKERCRUND

Mannes  fielen  in  meine  Knabenjahre  die  Schatten  schmerzlicher  Ohnmacht,
in  der  Deutschland  damals  daniederlag,  Gel  in  meine  Jünglingszeit  der
Glanz,  den  Bismarcks  gewaltige  Gestalt  über  das  neue  Deutschland  ausgoß.
Meine  geistige  und  politische  Entwicklung,  von  meinem  Vater  mit  Ernst
und  Umsicht  gefördert,  hat  sich  in  bewunderndem  Erleben  des  herrlichen
Aufstiegs  vollzogen,  den  Bismarck  im  Jahre  1864  für  Deutschland  einleitete.
Das  amtliche  Wirken  meines  Vaters  hatte  im  kleinen  Kreise  begonnen  und
ihn  zum  Ende  auf  einen  Posten  geführt,  dem  unter  dem  alles  erspähenden
Auge  des  großen  Kanzlers  die  Geltendmachung  der  auswärtigen  Interessen
des  jungen  Reiches  anvertraut  war.  Die  Erweiterung,  die  die  politischen
Horizonte  meines  Vaters,  die  seine  amtliche  Tätigkeit  erfuhren,  war  Hand
in  Hand  mit  der  Vorbereitung  der  Einigung  der  Nation,  mit  der  Entstehung
des  Reichs,  mit  der  Befestigung  und  dem  Ausbau  seiner  internationalen
Stellung  gegangen.  Ich  hatte  gewissermaßen  im  Mikrokosmus  des  elterlichen
Hauses  das  Werden  des  Makrokosmus,  das  Entstehen  des  neuen  großen
Deutschlands  aus  nächster  Nähe  miterlebt,  hatte  seine  Bedeutung  im  Maß
der  fortschreitenden  Tage  stärker  und  stärker  empfunden.  Der  Ruhm  der
Armee,  die  Größe  der  Nation,  der  Glanz  der  Dynastie,  die  Zukunft  des
Reichs  waren  die  Ideale,  in  deren  Pflege  ich  aufwuchs.  Sie  haben  den  Ankergrund
  meiner  Jugendentwicklung  gebildet.  Sie  haben  dem  Streben  des
reifenden  Mannes  Antrieb  und  Richtung  gegeben,  sie  haben  das  Handeln
meiner  zwölf  Minister-  und  Kanzlerjahre  bestimmt.  Wessen  Werden  in  der
ruhmvollen  Vergangenheit  Deutschlands  wurzelt,  wessen  Leben  und  Wirken
eng  mit  der  Epoche  der  Macht  und  des  Glanzes  verkettet  ist,  die  Deutschland
  bis  zum  Zusammenbruch  erlebt  hat,  der  kann  beanspruchen,  nicht
lediglich  als  einseitiger  Laudator  temporis  acti  zu  gelten,  wenn  ihm  die
Größe  des  Erlebten  durch  den  Jammer  der  Gegenwart  verdunkelt  erscheint,
wenn  ihm  das  Deutschland  der  Väter  preiswürdiger  dünkt  als  das  der  Söhne,
wenn  ihm  der  Schild  des  Ruhmes,  den  das  Deutsche  Reich  von  ehedem  vor
sich  hertrug,  leuchtender  erscheint  als  die  nachlässig  gegürtete  Toga,  in  die
unsere  Demokratie  das  neue  Deutschland  gehüllt  hat.

Ich  bin  gegen  die  Fehler  des  alten  Regimes  nicht  blind  gewesen.  Sie
lagen  teilweise,  wie  ich  wiederholt  und  ausführlich  dargelegt  habe,  im
System,  teilweise,  wie  ich  nicht  unterlassen  habe  an  geeigneter  Stelle  hervorzuheben,
  in  den  Personen.  Die  monarchische  Staatsform  war  an  sich  für
das  deutsche  Volk  durchaus  geeignet  und  passend.  Ihre  Schwäche  trat  erst
unter  Wilhelm  II.  hervor.  Nach  langen  Jahren  rastloser  Bemühungen  um
die  Hochhaltung  des  Standes  der  Armee,  um  Ausbau  und  Entwicklung  der
Marine,  um  Hebung  von  Kunst  und  Wissenschaft,  um  Förderung  der
deutschen  wirtschaftlichen  Interessen,  um  Belebung  und  Stärkung  des
nationalen  Geistes  im  deutschen  Volk  ist  Kaiser  Wilhelm  II.  durch  den
        <pb n="426" />
        DER  MORGEN  DER  REPUBLIK  331

Ausbruch  des  Weltkrieges  mit  zwei  Männern  an  seiner  Seite  überrascht
worden,  deren  einer,  Moltke,  sich  selbst  als  der  Stellung  des  Generalstabschefs
  im  Kriegsfalle  nicht  gewachsen  erklärt  hatte  und  deren  anderer,
Betlimann,  seine  Unfähigkeit  zur  Lösung  einer  internationalen  Krise  zum
Verderb  des  Reichs  nur  zu  deutlich  geoffenbart  hat.  Beide  waren  Männer
seiner  eigenen,  durch  Erwägungen  der  Staatsräson  in  keiner  Weise  eingeengten
  Wahl.  Beide  haben,  jeder  an  seinem  Teil,  das  deutsche  Volk  ins
Unglück  gestürzt.  Michaelis  und  Hertling,  einer  wie  der  andere  von  Wilheim
  II.in  eigener  Verantwortung  ausgesucht,  haben  die  Katastrophe
beschleunigt,  Prinz  Max  hat  sie  besiegelt.  Was  Hindenburg  und  Ludendorff
erfochien,  was  die  Armeen  erstritten,  Jas  ließen  ungenützt,  ja  vergeudeten
die  unfähigen  Staatsmänner,  die  der  Kaiser  einem  großen  und  mündigen
Volke  hatte  aufzwingen  können.

Es  ist  andererseits  selbstverständlich,  daß  ich  die  Unfähigkeit  und  mehr
noch  die  nationale  Würdelosigkeit,  die  in  den  Tagen  des  Niederbruchs  in
den  führenden  Kreisen  des  neuen  Deutschlands  zutage  getreten  ist,  mit
nicht  minder  ernstem  und  strengem  Maß  gemessen  habe  wie  die  unheilvollen
  Folgen,  welche  die  Überspannung  des  Ilerrscherbegrifis  durch
Wilhelm  II.  für  das  Deutsche  Reich  gezeitigt  hat.  Die  Art,  in  der  die
Demokratie,  in  der  Weimarer  Koalition  zusammengeschlossen,  sich  in  den
ersten  Zeiten  ihres  Machtrausches  gebärdet  hat,  mußte  mit  Schärfe  verurteilt
  werden.  Die  Güter,  die  als  Heiligtum  zu  hüten  auch  einem  unterlegenen
  Volke  wohlansteht,  hat  sie  über  Bord  geworfen.  Der  Sinn  für  die
stolze  Größe  unserer  Vergangenheit  ist  von  ihr  systematisch  unterdrückt,
die  Pflege  der  Tugenden,  die  allein  uns  eine  bessere  Zukunft  verbürgen
können,  die  Hochhaltung  der  Tapferkeit,  der  opferwilligen  Vaterlandsliebe
sind  von  ihr  vernachlässigt  worden.  Die  Gier  nach  Ämtern  und  Pensionen,
die  bei  dem  ersten  halben  Dutzend  von  Regierungsbildungen  sich  bemerkbar
machte,  die  Brutalität,  mit  der  die  Selbstsucht  der  Fraktionen  sich  in  den
Vordergrund  des  öffentlichen  Lebens  schob,  die  üblen  Korruptionsaflären,
die  den  Morgen  der  Republik  begleiteten  und  befleckten,  mußten  abstoßend
wirken.  Es  entspricht  dem  Gebot  ausgleichender  Gerechtigkeit,  wenn  die
beschämenden  Seiten  des  politischen  Lebens  im  neuen  republikanischen
Deutschland  mit  Nachdruck  gemißbilligt  worden  sind.

Mit  Genugtuung  habe  ich,  der  ich  ein  aufmerksamer  Beobachter  der
Zeitereignisse  geblieben  bin,  mit  vielen  Ausländern  im  Verkehr  stehe  und
heute  noch  Tag  für  Tag  die  Presse  aller  Richtungen  und  aller  Länder
verfolge,  die  leisen  Zeichen  beginnender  Besserung  wahrgenommen,  die  in
Deutschland  auf  dem  Gebiet  des  Staatslebens  und  in  der  Volkswirtschaft
zu  beobachten  sind.  Im  Innern  treten  die  Gewässer  des  Novemberumsturzes

allmählich  zurück.  Der  Horizont  der  auswärtigen  Politik  scheint  sich
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        332  STRESEMANN  UND  HINDENBURG

aufzuklären.  Vernunft  fängt  wieder  an  zu  sprechen  und  Hoffnung  wieder
an  zu  blülın.  Die  ernste,  im  Grunde  ruhige  und  verständige  Art  des
Deutschen  gewinnt  allmählich  die  Oberhand  über  den  Strom,  der  anfangs
die  Dämme  der  Ordnung  zu  zerstören  drohte.  Die  durch  Sachkenntnis  und
Bildung  unbeschwerten  Typen,  die  in  den  ersten  Jahren  sich  um  die  Macht
stritten  und  sie  mit  wechselndem  Glück  in  ihren  Besitz  brachten,  sind  verschwunden.
  Sie  haben  einer  Kategorie  von  Männern  Platz  gemacht,  die
Kenntnisse  mit  Lebensernst  verbinden  und  von  denen  mancher  auch  im
alten  Deutschland  für  einen  Ministerposten  wohl  geeignet  gewesen  wäre.
Ich  nenne  unter  ihnen  an  erster  Stelle  Gustav  Stresemann,  der  es
verstanden  hat,  sich  durch  seine  Führung  der  auswärtigen  Politik  unter  den
schwierigsten  Verhältnissen  Vertrauen  im  Ausland  und  die  Achtung  bisheriger
  Feinde  zu  erwerben  und  damit  für  uns  die  Möglichkeit  eines
allmählichen  Wiederaufstiegs.  Seit  der  große  Feldmarschall,  der  in
Hunderten  von  Schlachten  bewährte  und  ruhmvolle  Führer  der  deutschen
Heere,  seit  Hindenburg  die  Geschicke  des  Reiches  in  die  Hand  genommen
hat,  seit  er  den  Glanz  seines  Namens,  die  Macht  seiner  Persönlichkeit  für
den  Wiederaufbau  des  deutschen  Volkes  eingesetzt  hat,  begann  sich  das
Ansehen  Deutschlands  im  Auslande  zu  heben,  hat  der  deutsche  Name
wieder  langsam  Beachtung  finden  können.

Wenn  ich  im  Frühjahr  von  Rom  zur  Niederelbe  zurückkehre,  an  deren
Ufer  ich  geboren  bin,  um  den  Sommer  in  Deutschland  zu  verleben,  freue
ich  mich,  feststellen  zu  können,  daß  es  allmählich  wieder  besser  geht.  Ein
dauernder  und  wirklicher  Aufstieg  ist  für  uns  nur  möglich,  wenn  wir  endlich
die  deutschen  Erbfehler  ablegen,  die  Parteiverbissenheit,  die  doktrinäre
Verstiegenheit,  die  Neigung  zu  Eigenbrötelei  und  zu  Partikularismus,  wenn
wir  zu  der  Gesinnung  zurückkehren,  die  unsere  Vorfahren  groß  gemacht  hat.

Es  ist  meine  tiefe,  meine  innerste  Überzeugung,  daß  auch  für  uns  bessere
Tage  kommen  werden,  wenn  unser  Volk  sich  wieder  mit  nationalem  Geist
erfüllt.  Es  ist  unmöglich,  daß  eine  Nation  von  soruhmreicher  Vergangenheit,
ein  Volk,  das  Fridericus  Rex  gesehen  hat  und  die  Erhebung  von  1813,
Blücher  und  Scharnhorst  und  den  Reichsfreiherrn  vom  Stein  und  ein  halbes
Jahrhundert  später  Kaiser  Wilhelm  I.  und  Kaiser  Friedrich,  Bismarck,
Roon  und  Moltke,  Düppel,  Sadowa  und  Sedan,  ein  Volk,  das  einen  so
heldenhaften  Widerstand  geleistet  hat  wie  wir  im  Weltkrieg,  ein  Volk,  aus
dem  Luther  und  Kant  hervorgegangen  sind,  Schiller  und  Goethe  und  die
Brüder  Humboldt,  Bach  und  Beethoven  und  Richard  Wagner,  Fichte  und
Hegel,  Schopenhauer  und  Nietzsche,  das  der  Welt  soviel  Unvergängliches
geschenkt  hat,  das  so  große,  schöne  Eigenschaften  besitzt,  dauernd  unterdrückt,
  dauernd  im  Hintergrund  bleiben,  dauernd  Objekt  derinternationalen
Politik  sein  soll.
        <pb n="428" />
        DEUTSCHLANDS  ZUKUNFT  333

Ob  ich  den  Tag  noch  erleben  werde,  wo  Deutschland  wieder  den  ihm
gebührenden  Platz  in  der  Welt  einnimmt,  wo  es  wieder,  wie  einst,  hoch
in  Ehren  stehen  wird,  weiß  ich  nicht.  Aber  ich  werde  meine  Augen  schließen
in  der  Hoffnung  und  mit  der  Gewißheit,  daß  dieser  Tag  kommen  wird.
Meine  letzten  Gedanken,  Gebete  und  Wünsche  werden  Deutschlands
Zukunft  gelten.

Bernhard  Fürst  von  Bülow

23.  Oktober  1923
        <pb n="429" />
        <pb n="430" />
        Das  vom  Fürsten  Bülow
eigenhändig  geschriebene  Schlußwort
seiner  Denkwürdigkeiten

(Faksimile-Wiedergabe)
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        <pb n="432" />
        Pet  u  Ar  LH  nereuienut,  0  el  rer
in  EL  3  rn  Bf  a
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        ANHANG
        <pb n="435" />
        <pb n="436" />
        DIE  KUNDGEBUNGEN  ZU  BÜLOWS  RÜCKTRITT
(Zu  Seite  10  des  vorliegenden  Bandes)

Bei  meinem  Rücktritt  bereitete  mir  besondere  Genugtuung  die  Adresse
des  Bundesrats,  der  von  meinem  Scheiden  aus  der  Stellung  des  Kanzlers
und  damit  aus  dem  Vorsitz  des  Bundesrats  ‚‚mit  tiefem  Bedauern“  Kenntnis
nahm.  „Zwölf  Jahre  hat  der  Bundesrat  sich  Ihrer  Leitung  erfreuen  dürfen.
Diesen  ganzen  Zeitabschnitt  durchzieht  die  von  Erfolgen  gekrönte  Wirksamkeit,
  welche  Eure  Durchlaucht  als  Berater  Seiner  Majestät  des  Kaisers  auf
dem  Gebiet  der  auswärtigen  Politik,  in  der  Ordnung  der  deutschen  Wirtschaftsverhältnisse
  und  Handelsbeziehungen  und  in  der  inneren  Gesetzgebung
  entfaltet  haben,  nicht  minder  die  sorgliche  Pflege,  die  Sie  den
Interessen  aller  Bundesstaaten  angedeihen  ließen.  Wenn  sich  jetzt  das
Band  gemeinsamer  Arbeit  löst,  so  geleitet  Euer  Durchlaucht  das  Bewußtsein,
  daß  die  glänzende  Periode  Ihres  Schaffens  und  Kämpfens  bei  dem
Bundesrat,  der  Ihnen  seinen  ehrerbietigsten  Abschiedsgruß  darbringt,  in
dankbarem  Gedächtnis  bewahrt  bleibt.“

Alle  deutschen  Bundesfürsten  ohne  Ausnahme  sprachen  mir  ihr  tiefes
Bedauern  über  mein  Scheiden  und  uneingeschränkten  Dank  für  mein  amtliches
  Wirken  aus.  Der  damals  schon  achtundachtzigjährige  Prinzregent
Luitpold  von  Bayern  schrieb  mir,  daß  die  Nachricht  meiner  Entlassung
aus  dem  Amt  des  Reichskanzlers  ihn  mit  aufrichtigem  Schmerz  erfülle:
„Ich  weiß  wohl“,  hieß  es  weiter  in  seinem  Brief,  „die  ausgezeichneten
Dienste  zu  schätzen,  die  Sie  Kaiser  und  Reich  während  vieler  Jahre  in
aller  Hingebung  geleistet  haben.  Mit  der  Achtung  vor  den  Rechten  der
Bundesstaaten  haben  Sie  stets  volles  Verständnis  für  die  Interessen  und
Anliegen  der  Einzelstaaten,  insbesondere  auch  Bayerns,  verbunden.“
König  Wilhelm  von  Württemberg  schrieb  mir  aus  seinem  Schloß  Friedrichshafen
  am  Bodensee:  „Anläßlich  Ihres  von  mir  lebhaft  bedauerten  Ausscheidens
  aus  dem  Dienste  des  Reichs  ist  es  mir  ein  besonderes  Bedürfnis,
Eurer  Durchlaucht  als  deutscher  Bundesfürst  meinen  aufrichtigsten  und
wärmsten  Dank  auszusprechen  für  das,  was  Sie  in  einer  an  Erfolgen  reichen,
glänzenden  Laufbahn  als  erster  Beamter  des  Reichs  zur  Wohlfahrt  des
deutschen  Vaterlandes  und  seiner  Glieder  gewirkt  haben,  und  nicht  minder
für  die  meiner  Regierung  betätigte  bundesfreundliche  Gesinnung.  Indem

22  Bulow  11I

Adresse  des
Bundesrats

Bundesfürsten
  und
Bundesregierungen
        <pb n="437" />
        338  FRIEDRICH  AUGUST  —  GROSSHERZOG  FRIEDRICH

ich  Ihnen  von  Herzen  eine  lange  Reihe  schöner  Lebensjahre  wünsche,  verbleibe
  ich  in  aufrichtiger  Hochachtung  Ihr  dankbar  ergebener  Wilhelm.“

Aus  Dresden  telegraphierte  mir  König  Friedrich  August:  „Eurer
Durchlaucht  spreche  ich  mein  aufrichtiges  Bedauern  aus,  daß  widrige
politische  Verhältnisse  Ihren  Rücktritt  notwendig  machten.  Ich  danke
Eurer  Durchlaucht  für  alles,  was  Sie  in  besonderer  Weise  für  mein  Land
getan  haben.  Ich  weiß  mich  eins  mit  meiner  Regierung  in  der  Hochachtung
und  Liebe  für  den  scheidenden  Reichskanzler  und  in  der  Ansicht,  daß
Eurer  Durchlaucht  Entwurf  zur  Finanzreform  doch  der  beste  und  für  das
Reich  wie  für  die  Einzelstaaten  ersprießlichste  Vorschlag  war.“  Der
sächsische  Finanzminister  Rüger,  ein  Staatsmann  und  gleichzeitig  ein  hervorragender
  Fachmann,  hatte  mir  schon  während  der  Krisis,  die  meinem
Rücktritt  voranging,  geschrieben:  „Ich  bitte,  im  Namen  der  sächsischen
Regierung  das  dringende  Ersuchen  an  Eure  Durchlaucht  richten  zu  dürfen,
trotz  der  unendlichen  Widerwärtigkeiten  der  letzten  Monate  auf  dem
schweren  Posten  des  Reichskanzlers  auszuharren.  Andernfalls  würden  die
Konservativen  und  das  Zentrum  nicht  mit  Unrecht  sich  den  Erfolg  zuschreiben,
  den  Kanzlerwechsel  herbeigerufen  zu  haben,  und  würden  in  dem
Gedanken  bestärkt  werden,  daß  konsequentes  Festhalten  an  ihren  Absichten
  und  Plänen  ihnen  trotz  alles  Widerstands  des  Bundesrats  zum
Siege  verhelfen  müßte.“

Großherzog  Friedrich  von  Baden  telegraphierte  mir  aus  Stockholm,
wo  er  zum  Besuch  seiner  Schwester,  der  Königin  Viktoria  von  Schweden,
weilte:  „Erfahre  mit  aufrichtigem  Bedauern  die  Genehmigung  Ihres  Abschiedsgesuchs.
  Ich  gedenke  bei  Ihrem  Scheiden  mit  warmer  Dankbarkeit
der  hervorragenden  Dienste,  die  Sie  unserem  Vaterlande  geleistet  haben,
und  begleite  Ihr  ferneres  Wohlergehen  mit  aufrichtigsten  Wünschen.“  Amtlich
  berichtete  der  langjährige  Gesandte  in  Karlsruhe,  von  Eisendecher:
„Von  allen  Seiten  höre  ich  Stimmen  schmerzlichen  Bedauerns,  daß  Eure
Durchlaucht  gezwungen  und  entschlossen  sind,  das  hohe  Amt  des  ersten
Beamten  im  Reich  einem  Nachfolger  zu  überlassen.  Die  Empörung  über  den
Undank  und  die  verblendete  Selbstsucht  gerade  derjenigen  Parteien,  die
Eurer  Durchlaucht  nur  Dank  schulden  und  solchen  Entschluß  in  erster
Linie  veranlaßt  haben,  ist  allgemein.  Ihre  Schuld  wird  sich  in  der  Folge
noch  bitter  rächen.  Immer  mehr  gewinnt  man  hier  die  Überzeugung,  daß
Eure  Durchlaucht  dem  Reiche  ganz  hervorragende  Dienste  geleistet  haben,
daß  Eurer  Durchlaucht  aufrichtigster  Dank  gebührt  und  es  schwer  halten
wird,  geeigneten  Ersatz  zu  finden.  Alle  verständigen  Leute  sehen  mit  Besorgnis
  in  die  Zukunft,  in  gewiß  nicht  unberechtigtem  Zweifel,  ob  der  neue
Kanzler  mögliche  Schwierigkeiten  und  Konflikte  in  derselben  vornehmruhigen,
  erfolgreichen  Weise  zu  lösen  imstande  sein  werde,  wie  das  Eurer
        <pb n="438" />
        PRINZ  MAX  VON  BADEN  339

Durchlaucht  nicht  selten  gelungen  ist.  Dabei  ahnen  sicher  die  wenigsten,
welche  Widerstände  außerhalb  des  Bereichs  der  Öffentlichkeit  oft  zu
überwinden  waren  und  was  an  politischer  Schädigung  durch  Eurer  Durchlaucht
  Einsicht  im  stillen  verhindert  werden  konnte.  Die  Finanzweisheit
der  Reichstagsmehrheit  wird  hier  im  ganzen  schr  gering  bewertet.  Man  hält
die  neuen  Steuerprojekte  für  zu  kompliziert,  zu  kostspielig  in  der  Verwaltung
  und  nachteilig  für  die  wirtschaftliche  Entwicklung.  Allgemein
beginnt  die  urteilsfähige  Bevölkerung  einzusehen,  daß  die  ursprünglichen
Vorlagen  der  Regierung  als  gerechter,  billiger  und  weniger  schädlich  bei
weitem  den  Vorzug  verdient  hätten.  Ihre  Königliche  Hoheit  die  Großherzogin
  Luise  und  Staatsminister  von  Dusch  beklagten  mir  gegenüber
besonders  lebhaft  Eurer  Durchlaucht  bevorstehendes  Scheiden  aus  dem
Amte.  Auch  Seine  Königliche  Hoheit  der  Großherzog,  mit  welchem  ich  noch
nicht  sprach,  hat  sich,  wie  ich  höre,  in  gleichem  Sinne  geäußert,  und  die
gesamte  großherzogliche  Regierung  hegt  ohne  Zweifel  dasselbe  Gefühl  aufrichtigsten
  Bedauerns.““  In  einem  an  mich  gerichteten  Privatbrief  schrieb
mir  Herr  von  Eisendecher  eine  Woche  später:  „Eure  Durchlaucht  wollen
glauben,  daß  ich  Ihr  Scheiden  aus  dem  hohen  verantwortlichen  Amt  im
Interesse  des  Kaisers  und  des  Reichs  auf  das  tiefste  beklage.  Möchten  Eurer
Durchlaucht  hervorragende  Verdienste  um  Kaiser  und  Reich  immer  mehr
allseitig  erkannt  werden.  Das  Wörtchen  allseitig,  in  dem  die  Silbe  „all“
zweimal  unterstrichen  war,  zielte  natürlich  auf  Seine  Majestät  den  Kaiser
Wilhelm  II.

Prinz  Max  von  Baden  schrieb  mir  aus  seinem  Schloß  Salem  am  Bodensee:
  „Mein  lieber  Fürst,  die  langjährigen,  mich  hoch  beglückenden  Beziebungen,
  welche  mich  mit  Eurer  Durchlaucht  und  der  Frau  Fürstin  verbinden,
  berechtigen  mich  gewiß  dazu,  meinem  Schmerz  Ausdruck  zu  verleihen
  über  das  Scheiden  Eurer  Durchlaucht.  Es  will  mir  so  wenig  in  den
Sinn,  daß  Sie  Ihren  hohen  Posten  verlassen,  daß  ich  mir  die  betrübende
Tatsache  wieder  vergegenwärtigen  muß.  Doch  je  mehr  ich  es  tue,  um  so
weniger  Gefallen  finde  ich  daran.  Meine  treuesten  Wünsche  begleiten  Sie
auf  Ihrem  ferneren  Lebensweg,  in  Ihrem  unvergleichlichen  Heim,  der  Villa
Malta,  hinter  sich  den  Kampf  und  die  Macht,  vor  sich  die  Schönheit  und
die  Ruhe,  der  Ihr  Geist  Bedeutung  und  Reichtum  geben  wird.  In  alter  Anhänglichkeit
  bleibe  ich  stets  Eurer  Durchlaucht  ergebener  Prinz  Max
von  Baden.“  Die  Mutter  des  Prinzen  Max,  eine  geborene  Prinzeß  Leuchtenberg-Romanowsky,
  eine  Enkelin  des  Zaren  Nikolaus  I.,  telegraphierte
  mir:  ,  Prie  accepter  l’expression  de  tous  mes  regrets  sincäres  de  vous
voir  quitter  votre  position  et  l’assurance  que  ma  vive  sympathie  vous
entourait  tous  ces  derniers  temps.  J’espere  que  les  chemins  de  nos  vies  se
croiseront  encore.  Mes  compliments  sinctres  ä  la  Princesse.““

22°
        <pb n="439" />
        340  NAMBURG

Der  Großherzog  Ernst  Ludwig  von  Hessen  telegraphierte:  „Es  drängt
mich,  Ihnen  meinen  Dank  für  die  ausgezeichneten  Dienste  auszusprechen,
die  Sie  unserem  Vaterlande  geleistet  haben.  Möge  Ihnen  beschieden  sein,
noch  lange  Jahre  die  Früchte  Ihrer  erfolgreichen  Lebensarbeit  zu  genießen.“
Der  Großherzog  von  Weimar  sprach  sein  lebhaftes  Bedauern  darüber  aus,
daß  ich  von  der  Leitung  des  hohen  Amts  zurückgetreten  wäre,  das  ich
während  einer  langen  Reihe  von  Jahren  „zum  Teil  unter  recht  schwierigen
Verhältnissen‘  zum  Heil  und  Segen  des  Deutschen  Reichs  verwaltet  hätte,
und  unterzeichnet  als  „Eurer  Durchlaucht  stets  sehr  wohlgeneigter“.  Auch
der  dreiundachtzigjährige  Herzog  Georg  von  Sachsen-Meiningen,  der  verdienstvolle
  Gründer  des  unter  ihm  von  Ludwig  Chronegk  geleiteten  Hoftheaters,
  der  nicht  durch  seine  Schuld  mit  Kaiser  Wilhelm  II.  auseinandergekommen
  war,  dankte  mir  in  warmen  Worten  für  die  langjährige,  verdienstvolle
  Wirksamkeit,  die  ich  für  das  Wohl  und  zur  Ehre  des  Deutschen
Reichs  entfaltet  hätte.  Der  Herzog  von  Sachsen-Altenburg  dankte  mir
besonders  für  das  hohe  Verständnis,  das  ich  bei  der  Leitung  der  Reichsgeschäfte
  „auch  unter  schwierigen  Verhältnissen“  in  ausgleichendem  Gerechtigkeitssinn
  stets  betätigt  hätte,  und  hoffte,  daß  das  freudige  Bewußtsein
  „treuer  und  ritterlich  erfüllter  höchster  Pflichten‘  noch  lange  meinen
Lebensabend  verschönen  möge.  Der  Fürst  von  Lippe-Detmold  dankte
nicht  nur  für  die  „unschätzbaren  Dienste“,  die  ich  unserem  deutschen
Vaterlande  geleistet  hätte,  sondern  auch  für  die  wertvolle  Unterstützung,
die  ich  ihm  und  seinem  Ländchen  in  schwerer  Zeit  entgegengebracht  hätte,
und  unterzeichnet  als  „Ihr  dankbar  verbundener“.  Auch  der  Fürst  von
Waldeck  hob  hervor,  daß  ich  oft  „unter  den  schwierigsten  Verhältnissen“,
aber  „mit  weiser  Umsicht‘“  die  Geschäfte  geführt  hätte,  und  betonte  die
mir  in  Deutschland  „allseitig‘‘  entgegengebrachte  Verehrung  und  Dankbarkeit.
  Selbst  der  Fürst  von  Schaumburg-Lippe,  der  in  dem  Streit
zwischen  Schaumburg-Lippe  und  Lippe-Biesterfeld  unterlegen  war,  betonte
in  seinem  Schreiben  an  mich,  daß  ich  in  meiner  Amtszeit  für  das  Deutsche
Reich  und  die  Bundesstaaten  Großes  und  Verdienstvolles  geleistet  hätte,
daß  die  deutschen  Fürsten  und  Völker  mir  zu  großem  Dank  verpflichtet
wären,  daß  sie  meiner  stets  mit  ehrender  Dankbarkeit  gedenken  würden,
und  wünschte  mir  „langjährigen  und  ungetrübten  Genuß  der  ehrenvoll  verdienten
  Ruhe“.

Aus  Hamburg  schrieb  mir  der  Bürgermeister  Burchard,  der  Senat
seiner  Vaterstadt  habe  die  Kunde  von  meinem  Rücktritt  „mit  lebhaftestem
Bedauern“  und  in  der  Überzeugung  entgegengenommen,  daß  mir  für  mein
langjähriges  und  auf  den  verschiedensten  Arbeitsgebieten  erfolggekröntes
Wirken  „der  tiefempfundene  Dank  des  Vaterlandes‘  gebühre.  Insonderbeit
werde  die  Geschichte  einst  rühmend  hervorheben,  .daß  bei  meinem  Scheiden
        <pb n="440" />
        BISMARCKS  REICHSBASIS  341

das  Deutsche  Reich  eine  an  die  Zeit  des  ersten  großen  Kanzlers  erinnernde
Machtstellung  eingenommen  habe.  Iis  gereiche  dem  Senat  zur  besonderen
Freude,  daß  ich  künftig  meine  Sommer  in  Flottbek,  in  Hamburgs  Nähe,  zu
verleben  gedenke.  Aus  Bremen  schloß  sich  der  Präsident  des  Senats  der
Hamburger  Kundgebung  an.  Der  Bremer  Senat  empfände  „auf  das
schmerzlichste‘“,  daß  ich  mich  genötigt  gesehen  hätte,  von  dem  Amt  des
Reichskanzlers  zurückzutreten,  einem  Amt,  das  ich  während  langer  Jahre
„unter  zum  Teil  überaus  schwierigen  Verhältnissen‘  verwaltet  hätte.  Nach
außen  hätte  ich  unter  Aufrechterhaltung  des  Friedens  das  Anschen  des
Reichs  im  Rate  der  Völker  befestigt,  im  Innern  wäre  ich  als  Richtschnur
dem  staatsmännischen  Gedanken  gefolgt,  die  Gegensätze  auszugleichen  und
einer  Versöhnung  der  auseinandergehenden  politischen  Weltanschauungen
die  Wege  zu  ebnen  und  auf  diese  Weise  darauf  hinzuwirken,  daß  die  Parteikämpfe
  in  Deutschland  allmählich  weniger  gehässig  würden.

Ich  verhehle  nicht,  daß  das  Vertrauen,  dessen  ich  mich  bei  allen  deutschen
Bundesregierungen  und  bei  allen  deutschen  Fürsten  erfreute,  daß  beider
Zufriedenheit  mit  meiner  langen  Geschäftsführung  mir  schon  im  Hinblick
auf  das  launenhafte,  rücksichtslose  und  am  Ende  meiner  Amtszeit  fast  ungezogene
  Benehmen  des  Kaisers  Wilhelm  II.  eine  Genugtuung  war,  die  ich
dankbar  empfand.  Bismarck  hat  bei  der  Schaffung  des  Reichs  unsere
Einheit  und  damit  unsere  Sicherheit  und  Zukunft  mit  Absicht  und  voller
Überlegung  auf  die  deutschen  Fürsten  basiert.  War  das  ein  Irrtum?  Ging
er  in  seiner  Mißachtung  für  die  deutschen  Fraktionen  und  Parlamente  zu
weit?  Sein  Vorgehen  erklärt  sich  nicht  nur  aus  den  Traditionen,  in  denen
der  Jüngling  aufgewachsen  war,  aus  dem  Gefühl,  mit  dem  der  dreiundachtzigjährige
  Greis  sich  auf  seinem  Grabstein  als  treuen  Diener  seines
Herrn  bezeichnete.  Die  Erfahrungen  seines  Lebens  flößten  Bismarck
großes  Mißtrauen  gegen  alle  deutschen  Parteien  ein,  die  ihn  alle,  von  der
äußersten  Rechten  bis  zur  äußersten  Linken,  durch  Engherzigkeit,  doktrinäre
  Befangenheit  und,  last  not  least,  durch  ihre  spießbürgerliche  Kleinlichkeit
  verstimmt  hatten.  Er  vermißte  bei  allen  deutschen  Fraktionen  den
gesunden  Menschenverstand,  die  Achtung  vor  der  Vergangenheit,  den
Respekt  vor  Traditionen,  hergebrachter  Ordnung  und  bewährter  Übung,
die  seit  Jahrhunderten  die  englischen  Parteien  auszeichnen.  Er  vermißte
wohl  noch  mehr  den  leidenschaftlichen  Patriotismus,  den  jede  französische,
jede  italienische  Partei,  wenn  sie  an  die  Front  kommt,  an  den  Tag  legt.
Er  hatte  sie  alle,  die  Konservativen  und  die  Liberalen,  die  Demokraten  und
die  Aristokraten,  mehr  als  einmal  und  oft  vergeblich  ermahnen  müssen,  den
nationalen  Gedanken  über  Deutschland  leuchten  zu  lassen.  Unsere  Kammerhelden,
  wie  er  sie  ironisch  nannte,  imponierten  ihm  nicht.  Nach  dem  Fiasko,
das  der  deutsche  Parlamentarismus  1848/49  gemacht,  nach  den  Blößen,
        <pb n="441" />
        Die  Parteiführer:


Dassermann

Schmidıt-Elberfeld


342  PARLAMENTARIER

die  er  sich  Bismarck  gegenüber  während  der  Konlliktszeit  und  mehr  als
einmal  auch  später  gegeben  hatte,  war  das  nicht  ganz  unverständlich.  Als
Bismarck  mit  dem  Kulturkampf  einen  großen  innerpolitischen  Fehler  beging,
  hatten  die  deutschen  Demokraten,  Virchow  an  der  Spitze,  ihm  zugejubelt,
  um  ihn  bald  nachher  im  Stich  zu  lassen.  Den  richtigsten  und
genialsten  Wendungen  seiner  Politik,  von  seiner  Stellungnahme  zum  polnischen
  Aufstand  von  1863  bis  zu  seiner  kühlen  Haltung  gegenüber  der
deutschen  Begeisterung  für  Alexander  Battenberg,  dem  Battenberg-Rummel,
  wie  er  diesen  Enthusiasmus  verächtlich  nannte,  von  seiner  Behandlung
  der  schleswig-holsteinischen  Frage  bis  zu  seinem  Übergang  zum
Schutzzoll  hatte  dagegen  der  deutsche  Demokrat  aus  innerster  Überzeugung
  „voll  und  ganz‘  opponiert.  Aber  Bismarck  war  der  einzige,  der  mit
solcher  Mißachtung  für  Parteien  und  Parlamente  regieren  konnte.  Als
Jahrzehnte  später,  in  einer  anderen  Zeit,  Wilhelm  II.  ohne  die  nachhaltige
Willenskraft,  die  Bismarck  ausgezeichnet  hatte,  in  unbesonnenen  Redewendungen
  und  mit  übermütigen  Gesten  alle  Parteien  gleichmäßig  vor  den
Kopf  stieß  und  die  Volksvertretung,  wo  er  konnte,  brüskierte,  war  das  nicht
nur  geschmacklos,  sondern  auch  politisch  falsch.

Ich  selbst  habe  immer  Wert  darauf  gelegt,  die  Parteien  nicht  unnütz
zu  beleidigen,  zu  kujonieren,  sondern  die  Volksvertretung  mit  Achtung  und
Courtoisie  zu  behandeln.  Gerade  auf  diesem  Gebiet  schien  mir  das  Suaviter
in  modo  nicht  das  Fortiter  in  re  auszuschließen.  Darum  freute  ich  mich  der
Anerkennung,  die  meine  Tätigkeit  als  Reichskanzler  bei  den  Nationalliberalen
  fand,  deren  Führer  Bassermann  mir  am  15.  Juli  1909  telegraphierte:
  „Die  nationalliberale  Reichstagsfraktion,  der  es  vergönnt  war,
in  Jahren  langer  gemeinsamer  Arbeit  die  Politik  Eurer  Durchlaucht  zu
unterstützen,  beklagt  aus  aufrichtigem  patriotischem  Herzen  das  Scheiden
Eurer  Durchlaucht  aus  dem  Amt  des  Reichskanzlers.  Immer  das  Wohl  des
Ganzen  im  Auge,  des  Vaterlandes  Größe  und  Glück  erstrebend  und
fördernd,  war  Ihre  Tätigkeit  von  reichem  Erfolg  gekrönt.  Für  dies  getreue
Wirken  für  unser  Volk  danken  wir  Ihnen.  Ihr  Name  und  Ihre  Tätigkeit
wird  der  nationalliberalen  Reichstagsfraktion  unvergeßlich  sein.“  Für  die
Reichspartei  sprach  mir  der  Abgeordnete  Gamp  tiefempfundenes  Bedauern
darüber  aus,  daß  meine  nach  innen  und  außen  erfolgreiche  Kanzlerschaft
ein  Ende  finden  sollte.  „Wir  werden  die  hohen  Verdienste  Eurer  Durchlaucht
  um  die  Entwicklung  des  Reichs  immer  in  dankbarer  Erinnerung  behalten.
  Es  gereicht  uns  zur  besonderen  Genugtuung,  Ihre  Politik  stets  und
bis  zuletzt  unterstützt  zu  haben.“  Einer  der  klügsten  Führer  der  Freisinnigen,
  ein  Rheinländer,  der  Abgeordnete  Reinhart  Schmidt-Elberfeld,
  während  mehrerer  Jahre  zweiter  Vizepräsident  des  Reichstags,
schrieb  mir:  „Das  deutsche  Volk  kann  nur  gedeihen  bei  Beteiligung  aller
        <pb n="442" />
        TIRPITZ  ÜBER  DIE  ÄRA  BÜLOW  343

Befähigten  an  Gesetzgebung  und  Verwaltung.  Dies  zu  fördern,  lag  auf  dem
Wege  Eurer  Durchlaucht  innerer  Politik.  Der  bürgerliche  Liberalismus  hat
im  Block  fern  von  jugendlichem  Radikalismus  seine  Pflicht  gegen  das  Land
zu  erfüllen  gesucht  und  seine  Berechtigung  wie  Befähigung  zur  Teilnahme
an  Gesetzgebung  und  Regierung  erweisen  können.  Die  konservativ-liberale
Paarung  war  zugleich  eine  geeignete  Linie  des  Bürgertums  gegen  den  Umsturz
  unserer  Gesellschaftsordnung.  Daß  die  Sozialdemokraten  1907  auf
die  Hälfte  ihrer  Mandate  im  Reichstag  reduziert  worden  waren,  beweist,
wie  notwendig  es  ist,  die  Volkskraft  bürgerlichen  Gemeinsinns  zu  entwickeln.
  Nur  damit  ist  die  Sozialdemokratie  zu  überwinden.  Eure  Durchlaucht
  können  in  stolzer,  ruhiger  Sicherheit  auf  Ihre  Arbeit  wie  auf  Ihre
verblendeten  Gegner  zurückblicken.“

*

Wenn  ich  noch  andere  Zuschriften  wiedergebe,  die  ich  nach  meinem
Rücktritt  von  beachtenswerter  Seite  erhielt,  so  geschieht  dies,  um  ein
möglichst  treues  Bild  der  Gefühle  und  Tendenzen,  der  Stimmungen  zu
geben,  die  in  jenem  für  die  weitere  deutsche  Entwicklung  so  entscheidenden
Jahr  1909  in  unserem  Volke,  namentlich  in  den  politisch  und  geistig
führenden  Kreisen,  vorherrschten.  Der  Großadmiral  von  Tirpitz  schrieb
mir  aus  St.  Blasien:  „Ich  habe  lebhaft  bedauert,  Eurer  Durchlaucht  nicht
noch  einmal  eingehenden  Vortrag  halten  zu  können  über  die  Art,  wie
meines  Erachtens  der  englischen  Verstimmung  gegen  uns  am  besten  entgegenzuarbeiten
  wäre.  Ich  glaube,  Eure  Durchlaucht  würden  daraus  entnommen
  haben,  daß  die  zwischen  uns  zutage  getretene  Verschiedenheit
der  Auffassung  mehr  in  der  Form  des  einzuschlagenden  Verfahrens  als  in
der  Sache  selbst  ihre  Ursache  hatte.  Wenn  in  nicht  ferner  Zeit,  wie  ich  zuversichtlich
  hoffe,  der  Zweck  unserer  Flottenentwicklung  erreicht  und  die
politische  Macht  Deutschlands  durch  dieselbe  erheblich  gestärkt  sein  wird,
so  wird  der  Dank  des  deutschen  Volks  für  Eure  Durchlaucht,  der  Sie  in
erster  Reihe  bei  der  Gründung  seiner  Flotte  stehen,  nicht  ausbleiben  und
zu  dem,  was  Eure  Durchlaucht  für  Deutschland  getan  haben,  einen  weiteren
Eck-  und  Markstein  hinzufügen.  Die  Ära  Bülow  schließt  die  Entwicklung
der  deutschen  Seeinteressen  und  die  Erstarkung  der  deutschen  Sceemacht
in  sich  ein.  Die  Zeit,  welche  das  Reichsmarineamt  unter  Eurer  Durchlaucht
Leitung  für  Kaiser  und  Reich  arbeiten  konnte,  wird  mir  wie  den  Offizieren
und  Beamten  meines  Ressorts  in  unvergeßlicher  Erinnerung  bleiben.“
Meine  Achtung  für  den  feurigen  Patriotismus  des  Großadmirals,  meine
Bewunderung  für  seine  ungewöhnlichen  organisatorischen  Fähigkeiten
hatten  mich  nicht  verhindert,  ihn  immer  wieder  an  die  Warnung  zu  erinnern,
  die  ich  seit  unserem  gemeinsamen  Amtsantritt  im  Jahre  1897  so  oft

Tirpitz
        <pb n="443" />
        Marschall

Graf  Solms

344  BÜLOWS  AMTSVORGÄNGER

an  ihn  gerichtet  hatte:  nicht  durch  übertriebenen  und  einseitigen  Bau  von
Großkampfschiffen  unser  Verhältnis  zu  England  einer  allzu  schweren
Belastungsprobe  auszusetzen.  Non  propter  vitam  vivendi  perdere  causas!
Daß  Tirpitz  meinem  Wunsch,  mit  England  zu  einem  Agreement  zu
gelangen,  ausweichend  und  zögernd  gegenüberstand,  warauch  daraufzurückzuführen,
  daß  er  sich  bei  diesem  Widerstand  der  vollen  Unterstützung  des
Kaisers  sicher  wußte.  Abgesehen  davon,  daß  Wilhelm  II.  die  politischen
Nachteile  eines  forcierten  Baus  von  Großkampfschiffen  nicht  übersah,
benutzte  er,  seitdem  er  sich  innerlich  von  mir  abgewandt  hatte,  gern  jede
Gelegenheit,  sich  mir  unangenehm  zu  machen.

Mein  Amtsvorgänger  als  Staatssekretär  des  Äußern,  der  Freiherr  von
Marschall,  schrieb  mir  zu  meinem  Rücktritt:  „  Es  drängt  mich,  Ihnen
mit  einem  schlichten  Wort  zu  sagen,  wie  sehr  ich  einerseits  die  Gründe
würdige,  welche  Ihnen  ein  weiteres  Verbleiben  in  Ihren  Ämtern  unmöglich
erscheinen  lassen,  und  wie  tiefich  auf  der  anderen  Seite  im  Interesse  unseres
großen  Vaterlandes  Eurer  Durchlaucht  Rücktritt  bedauere.  Obwohl  ich
nach  meinen  politischen  Gesinnungen  der  Konservativen  Partei,  der  ich
einst  im  Reichstag  angehört  habe,  nahestehe,  so  bin  ich  mir  doch  darüber
vollkommen  klar,  daß  die  innerdeutsche  Politik  weder  von  dem  Gesichtswinkel
  der  Konservativen  Partei  noch  von  demjenigen  eines  Bundes  derselben
  mit  dem  Zentrum  auf  die  Dauer  ersprießlich  geleitet  werden  könne
und  daß  besonders  Gesetze  einschneidender  wirtschaftlicher  und  sozialpolitischer
  Bedeutung  wie  die  Reichsfinanzreform  eine  aktive  Teilnahme
des  liberalen  Bürgertums  gebieterisch  erheischen.  Möge  der  Rücktritt
Eurer  Durchlaucht  die  Erkenntnis,  daß  es  so  ist,  auch  in  diejenigen  politischen
  Kreise  hineintragen,  welche  für  denselben  die  Verantwortung  tragen.
Nur  wenn  dies  geschieht,  wird  unser  inneres  Volksleben  vor  schweren  Erschütterungen
  bewahrt  bleiben.  Bei  diesem  Anlaß  ist  es  mir  Herzenssache,
Eurer  Durchlaucht  für  die  freundlichen  und  wohlwollenden  Gesinnungen,
die  Sie  mir  stets  entgegengebracht  haben,  meinen  tiefgefühltesten  Dank
mit  der  Versicherung  auszusprechen,  daß  die  Erinnerung  an  die  Jahre,  in
denen  es  mir  vergönnt  war,  unter  Ihrer  Leitung  an  den  großen  Aufgaben,
welche  das  Vaterland  stellt,  mitzuarbeiten,  mir  stets  teuer  sein  wird.  Euer
Durchlaucht  blicken  auf  lange  Jahre  treuer,  mühevoller  und  auf  allen
Gebieten  erfolgreicher  Arbeit  zurück.  Von  Herzen  wünsche  ich,  daß  das
Otium  cum  dignitate,  welches  Ihnen  die  politischen  Verhältnisse  vorläufig
auflegen,  Ihnen  die  wohlverdiente  Ruhe  bringen  wird.“

Graf  Eberhard  Solms,  mein  Vorgänger  als  Botschafter  in  Rom,  der  in
der  Bismarckschen  Zeit  als  jüngerer  Diplomat  in  Wien,  später  als  Botschaftsrat
  in  Paris  in  der  zweiten  Hälfte  der  sechziger  Jahre  einen  tieferen
Einblick  in  die  Weltverhältnisse  gewonnen  und  dem  Lande  gute  Dienste
        <pb n="444" />
        GESANDTE  345

geleistet  hatte,  schrieb  mir:  ‚Sie  wollen  es  verzeihlich  finden  und  mir  gestatten,
  daß  ich  als  alter  langgedienter  Diplomat  mich  für  kompetent  halte,
mir  über  die  äußere  Politik  ein  Urteil  zu  bilden.  Da  finde  ich  dann  nicht
Worte  genug,  um  das  tiefe  und  schmerzliche  Bedauern  auszusprechen,
welches  ich  bei  der  Nachricht  von  dem  Rücktritt  Eurer  Durchlaucht  von
Ihrem  verantwortungsvollen  Amt  empfunden  habe,  der  gerade  in  einer
Zeit  erfolgt,  in  welcher  es  Eurer  Durchlaucht  gelungen  war,  das  Prestige
des  Deutschen  Reichs  in  einer  Weise  zu  heben,  die  ihren  Ausdruck  in  dem
an  Furcht  grenzenden  Respekt  findet,  welchen  Deutschland  seit  Bismarcks
Zeiten  zum  erstenmal  wieder  den  Weltmächten  einflößt.‘“  Vom  rechten
Tiberufer  schrieb  mein  langjähriger  ausgezeichneter  Mitarbeiter,  in  der
Bismarckschen  Zeit  Dezernent  im  Auswärtigen  Amt,  später  Unterstaatssekretär,
  jetzt  preußischer  Gesandter  beim  Vatikan,  Herr  von  Mühlberg,
meiner  Frau:  „Ich  weiß  nicht,  soll  ich  mich  freuen  oder  soll  ich  traurig
sein.  „Die  Wollust  der  Kreatur  ist  gemischt  mit  Bitterkeit‘,  singt  Walter
von  der  Vogelweide,  dessen  freundliches  Denkmal  uns  Deutsche  auf  dem
pittoresken  Marktplatz  in  Bozen  so  heiter  begrüßt.  Freuen  tue  ich  mich,
Sie  in  nicht  allzu  langer  Zeit  hier  in  Rom  zu  sehen.  Allein  diese  etwas  egoistische
  Freude  ist  doch  recht  ernstlich  getrübt  durch  das  tiefe  Bedauern  und
eine  gewisse  patriotische  Beklemmung,  die  der  Rücktritt  des  Fürsten  in  mir
nicht  ruhen  läßt.  Diese  Beunruhigung  machte  sich  noch  stärker  fühlbar,  als
ich  heut  morgen  in  den  Zeitungen  die  Veränderungen  und  die  Ernennungen
las,  die  das  Scheiden  des  Fürsten  zur  Folge  hatte.  Was  soll  denn  aus  der
ganzen  Sache  werden,  und  wo  steuern  wir  hin  ?  Durch  sämtliche  italienische
Zeitungen  geht  nur  ein  Schrei  des  Bedauerns.  Auch  der  Papst  sprach  mir
heute  morgen  seine  Enttäuschung  und  etwas  Verwunderung  aus.  Korrespondenzen
  aus  Deutschland,  die  mir  zugegangen  waren,  hatten  mir  seit
Monaten  keinen  Zweifel  mehr  gelassen  über  die  Minierarbeit  gegen  den
Fürsten.  Muß  ich  das  Ausscheiden  des  Fürsten  für  einen  schweren  Verlust
  für  unser  gesamtes  Vaterland  und  dessen  Ansehen  im  Auslande  halten,
so  trifft  es  mich  persönlich  auch  schwer.  Denn  ich  weiß,  daß  ich  oben  einen
Freund  verloren  habe,  dem  ich  vieles,  wenn  nicht  alles  in  den  letzten  Jahren
meiner  amtlichen  Laufbahn  zu  verdanken  habe,  und  ich  bitte  Sie,  verehrte
Fürstin,  dies  Seiner  Durchlaucht  zu  sagen.“

Der  frühere  sächsische  Gesandte  in  Berlin,  spätere  sächsische  Ministerpräsident,
  Graf  Wilhelm  Hohenthal,  telegraphierte  mir:  „Ich  beklage  es
tief,  daß  Euer  Durchlaucht  gezwungen  worden  sind,  Ihre  kostbare  Kraft
dem  Dienste  des  Vaterlandes  vorzeitig  zu  entziehen.‘  Die  Gräfin  Hohenthal
schrieb  meiner  Frau,  indem  sie  auf  das  Schicksal  meines  größten  Vorgängers
hinwies:  „Sie  persönlich  sind  vielleicht  froh,  den  Fürsten  von  der  aufreibenden
  Tätigkeit  befreit  zu  wissen;  wir  andern  hätten  gewünscht,  daß

Herr
v.  Mühlberg

Graf
Hohenthal
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        Arthur
v.  Brauer

346  EIN  BRIEF  BRAUERS

sein  Abgang  unter  anderen  Verhältnissen  stattgefunden  hätte.  So  ist  sein
Rückblick  auf  seine  glänzende  Laufbahn  durch  manche  schwere  Wolke  verdüstert
  und  verbittert,  und  das  ist  schade  für  ıhn,  der  dem  Vaterlande  soviel
  Zeit  und  Kraft  geopfert  hat.  Das  aber  ist  das  Los  von  vielen  Staatsmännern
  gewesen.  Wir  brauchen  ja  nicht  weit  zurückzublicken,  und  damit
wird  sich  der  Fürst  Bülow  trösten.“  Der  leitende  Minister  in  Braunschweig,
Exzellenz  Otto,  schrieb  meinem  mit  ihm  seit  lange  befreundeten  Bruder
Alfred:  „Schmerzlich  hat  mich  das  Scheiden  Ihres  Herrn  Bruders  aus  dem
Amt  des  Reichskanzlers  berührt.  Ich  beklage  es  um  Deutschlands  willen
tief,  daß  die  Verhältnisse  dem  Reich  diesen  schweren  Verlust  bringen
mußten.“  Graf  Max  Berchem,  unter  Bismarck  Unterstaatssekretär  des
Auswärtigen  Amts,  schrieb  mir:  „Als  einstiger  Soldat  der  großen  Armee
blicke  ich  mit  Stolz  auf  die  Führung,  welche  uns  in  Fortsetzung  des  alten
Kommandos  die  schönen  Strecken  Delcasse  und  Iswolski  neben  anderen
Erfolgen  lieferte.  Mit  dem  Ausdruck  tiefen  Bedauerns  über  Hochderen
Rücktritt  verbinde  ich  jedoch  die  Hoffnung,  daß  Sie,  verehrtester  Fürst,
mit  den  Geschicken  des  Vaterlandes  in  Fühlung  bleiben  werden.“

Arthur  von  Brauer  war  einer  der  besten  Köpfe,  über  die  das  Musterländle
  Baden  zu  verfügen  hatte.  Erst  im  Konsulardienst,  dann  Vortragender
  Rat  im  Auswärtigen  Amt,  wurde  er  1890  als  Nachfolger  des  Freiherrn
  von  Marschall  badischer  Gesandter  in  Berlin,  1893  badischer  Minister
des  Großherzoglichen  Hauses  und  des  Äußern,  1901  badischer  Ministerpräsident.
  Wir  waren  uns  schon  in  jungen  Jahren,  im  Winter  1875/76  in
St.  Petersburg,  nähergetreten,  wo  er  als  deutscher  Konsul,  ich  als  Dritter
Botschaftssekretär  fungierte.  Zu  meinem  Rücktritt  schrieb  er  mir:  „Nachdem
  Ihre  Enthebung  vom  aktiven  Dienst  nunmehr  amtlich  bekanntgemacht
  ist,  will  ich  nicht  länger  zögern,  Ihnen  mein  tiefstes  Bedauern  auszusprechen,
  daß  wir  fortan  Ihrer  erfolgreichen  Fübrung  entbehren  sollen.
Ihrer  großen  Geschicklichkeit  war  es  in  diesem  Winter  und  Frühjahr  so  oft
gelungen,  Konservative  und  Liberale  wieder  zusammenzuführen,  daß  ich
der  festen  Zuversicht  war,  Sie  würden  das  schwere  Werk  einer  verständigen
  Finanzreform  zustande  bringen.  Ich  traute  den  Konservativen,
ich  will  nicht  sagen  mehr  politische  Einsicht  zu,  denn  auf  ‚Einsicht‘  darf
man  ja  in  Deutschland  bei  keiner  politischen  Partei  rechnen,  aber  ich
traute  ihnen  soviel  patriotischen  Sinn  zu,  daß  sie  uns  nicht  wegen  einer
unbequemen  Steuer  in  diese  Lage  bringen  würden.  Indessen  die  einmütige
Anerkennung,  die  Ihrem  Wirken  von  allen  Seiten  zuteil  wird,  muß  Ihnen
zeigen,  daß  Deutschland  weiß,  was  es  an  Ihnen  verliert.  Sie  können  mit
dem  Bewußtsein  scheiden,  Deutschland  in  der  inneren  und  äußeren  Politik
auf  eine  Höhe  geführt  zu  haben,  die  wir  seit  Bismarcks  Entlassung  nicht
mehr  kannten.  Das  sage  ich  Ihnen  als  alter  Freund  und  Bewunderer.“
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        CRAILSIIEIM  —  KARL  WEDEL  347

Graf  Crailsheim,  während  vieler  Jahre,  von  1880  bis  1903,  erst  bayrischer
  Minister  des  Äußern,  dann  Ministerpräsident,  ein  Staatsmann,  der  Graf
sich  schon  des  Vertrauens  und  der  Wertschätzung  des  Fürsten  Bismarck  Crailsheim
erfreut  hatte  und  dessen  reichstreue  Gesinnung  über  jedem  Zweifel  stand,
schrieb  mir:  „Die  Nachricht  von  dem  bevorstehenden  Rücktritt  Eurer
Durchlaucht  hat  mich  mit  schmerzlichem  Bedauern  erfüllt.  Wenn  mir  auch
seit  sechs  Jahren  die  Freude  persönlichen  Zusammenwirkens  mit  Eurer
Durchlaucht  versagt  ist,  so  habe  ich  doch  die  innere  und  äußere  Politik  des
Deutschen  Reiches  stets  mit  Aufmerksamkeit  verfolgt  und  die  Erfolge,  die
Euer  Durchlaucht  auf  beiden  Gebieten  erzielten,  mit  hoher  Genugtuung
begrüßt.  Nach  dem  Rücktritt  des  auf  eine  so  glänzende  Wirksamkeit  zurückblickenden
  Staatsmannes  sehe  ich  als  deutscher  Patriot  mit  Bangen  in
die  Zukunft.  Zu  spät  werden  viele  derer,  die  die  jetzige  Lage  mitverursacht
haben,  erkennen,  was  sie,  was  das  Deutsche  Reich  an  Eurer  Durchlaucht
verloren  hat.  So  traurig  mich  der  Entschluß  Eurer  Durchlaucht  stimmt,  so
kann  ich  doch  Hochdenselben  nur  beglückwünschen  zu  dem  glänzenden,
wie  ich  hoffe  nur  vorläufigen  Abgang.  Alle  wahren  Vaterlandsfreunde  schen
Euer  Durchlaucht  mit  tiefem  Schmerz  aus  dem  Amte  scheiden.“

Aus  Stora  Sundby  in  Södermanland,  dem  schwedischen  Schloß  seiner
Frau,  schrieb  mir  Graf  Karl  Wedel,  der  nacheinander  und  mit  Auszeich-  Graf
nung  Militärbevollmächtigter  in  Wien,  Gesandter  in  Stockholm,  dann  Karl  Wedel
Generaladjutant  des  Kaisers,  General  der  Kavallerie  und  Gouverneur  von
Berlin,  von  1899  bis  1902  Botschafter  in  Rom,  von  1902  bis  1907  Botschafter
  in  Wien  und  seit  1907  Statthalter  von  Elsaß-Lothringen  war:
„Lieber  Bülow,  erst  jetzt  eben  erhalte  ich  in  der  hiesigen  Weltabgeschiedenheit
  die  definitive  Nachricht  von  dem  vorgestern  vollzogenen  Wechsel,  der
mir  keine  Überraschung  bereitete.  Daß  ich  es  für  Kaiser  und  Reich
schmerzlich  bedauere,  auch  persönlich  tief  empfinde,  wissen  Sie.  Wahrhaft
aufrichtig  freut  es  mich,  daß,  soweit  ich  bis  jetzt  übersehe,  die  Presse  aller
Parteirichtungen  Ihrem  Wirken  rückhaltlose  Anerkennung  zollt  und  Ihre
Verdienste  in  warmen  Worten  würdigt.  In  diesem  Dank  der  öffentlichen
Meinung  des  Vaterlandes  werden  Sie  die  Genugtuung  finden,  die  Ihnen  in
so  vollem  Maße  gebührt.  Mir  aber  ist  es  Bedürfnis,  Ihnen  heute,  wo  Sie  in
das  Privatleben  treten,  meinen  herzlichsten  Dank  für  die  Freundschaft  und
das  Vertrauen  auszusprechen,  die  Sie  mir  als  Vorgesetzter  und  Mensch  erwiesen,
  und  für  die  Stellungen,  die  ich  Ihren  Empfehlungen  und  Ihrem
Wohlwollen  verdanke.  Erhalten  Sie  mir  auch,  bitte,  ferner  Ihre  kostbare
freundschaftliche  Gesinnung  und  seien  Sie  meiner  dauernden  aufrichtigen
Anhänglichkeit  versichert.  Der  Fürstin  küsse  ich  die  Hand.“

Der  Oberstkämmerer  Fürst  von  Solms-Baruth  schrieb  mir:  „Hoch-  Fürst  Solmsverehrtester,
  teuerster  Fürst,  nachdem  die  schwerwiegende  Entscheidung  Baruth
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        Freiherr

v.  Schorlemer

Prinz  Stolberg

348  SCHORLEMER  —  HERMANN  STOLBERG

gefallen  ist,  die  erste  Hochflut  ungezählter  Sympathieempfindungen  vorüber,
  kann  ich  es  mir  nicht  länger  versagen,  Ihnen  mit  wenigen  Worten
auszusprechen,  wie  schmerzlich  ich  diese  Wendung  der  Dinge  empfinde
und  beklage!  Konnte  ich  es  doch  vielleicht  mit  am  vorurteilslosesten
beurteilen,  welche  Verdienste  Sie  sich  um  die  Krone,  um  unsere  äußeren
und  unsere  Gesamtverhältnisse  erworben  haben!  Ein  Trost  bleibt  aber
Ihnen,  sowohl  Ihnen  wie  mir  und  Millionen  treuer  Patrioten,  das  ist  die
Art  Ihres  Scheidens,  die  das  Bewußtsein  in  sich  schließt,  daß  der  König
und  wir  alle  in  ernsten  Zeiten  mit  dem  in  voller  Frische  unter  uns  weilenden
best  bewährten  deutschen  Manne  noch  rechnen  dürfen.  Über  die  Kurzsichtigkeit
  gewisser  Leute  sich  hier  zu  verbreiten,  erübrigt  sich.  Und  da  die
Dummen  nie  alle  werden,  müssen  sie  und  leider  noch  viele,  die  weniger
dumm  sind,  am  eigenen  Leibe  erst  das  erfahren,  was  sie  nicht  begreifen
können  oder  wollen.  Ihr  für  alle  Zeit  treu  ergebener  Fürst  Solms-Baruth.“
Aus  seinem  Schloß  Lieser  an  der  Mosel  schrieb  mir  Freiherr  Clemens
von  Schorlemer,  damals  Oberpräsident  der  Rheinprovinz,  ein  Jahr
später  preußischer  Minister  der  Landwirtschaft:  „‚Euer  Durchlaucht  haben
nach  bewegten  Tagen  wohlbehalten  Norderney  erreicht!  Ich  bitte,  die  so
wohltätige  und  erquickende  Ruhe  nach  dem  Sturme  für  einen  Augenblick
stören  zu  dürfen,  um  auch  meinerseits  das  aufrichtige  und  tiefempfundene
Bedauern  darüber  zum  Ausdruck  zu  bringen,  daß  die  Stellungnahme  des
Reichstags  zur  Reichsfinanzreform  Euer  Durchlaucht  das  längere  Verbleiben
  im  Amte  des  Reichskanzlers  unmöglich  gemacht  hat.  Diesen  Ausgang
  der  Krisis  beklagen  auch  in  der  Rheinprovinz  nicht  nur  die  zahlreichen
  Anhänger  und  Verehrer  Eurer  Durchlaucht,  sondern  ebenso  mit
verschwindenden  Ausnahmen  die  politischen  Gegner,  dankbar  gedenkend
an  das,  was  Euer  Durchlaucht  an  leitender  Stelle  für  die  Erhaltung  des
Friedens  und  der  Machtstellung  Deutschlands,  für  die  Förderung  von
Industrie  und  Landwirtschaft  in  langjähriger  erfolgreicher  Tätigkeit  geschaffen
  haben.  Daß  ich  persönlich  mit  besonders  schmerzlichem  Empfinden
  Euer  Durchlaucht  aus  dem  Amte  scheiden  sehe,  bedarf  wohl  nicht
der  ausdrücklichen  Versicherung!  Das  wohlwollende  Entgegenkommen  und
die  verständnisvolle  Zustimmung,  welche  ich  in  meiner  dienstlichen  Tätigkeit
  und  für  meine  Anschauungen  in  politischen  und  kirchenpolitischen
Fragen  bei  Eurer  Durchlaucht  stets  gefunden  habe,  werden  immerdar  für
mich  der  Gegenstand  unvergeßlicher,  dankbarster  Erinnerung  bleiben.“  &amp;gt;;

Aus  der  Provinz  Posen,  wo  er  tapfer  und  besonnen  für  das  Deutschtum
wirkte,  schrieb  mir  Prinz  Hermann  Stolberg,  ein  Sohn  des  dreizehn  Jahre
früher  heimgegangenen  Fürsten  Otto  zu  Stolberg-Wernigerode,  der  mir
einst  in  Wien  ein  so  wohlwollender  Chef  gewesen  war:  „Das  Vaterland  wird
Ihnen  nie  vergessen,  was  Sie  für  dasselbe  getan  haben.  Ich  schreibe  Ihnen
        <pb n="448" />
        SCHMOLLER  349

das  aus  der  Provinz,  der  Ihr  ganzes  Interesse  gehört  hat.“  Der  Oberhofmeister
  der  Kaiserin,  der  Freiherr  von  Mirbach,  dessen  frommer,  aber
bisweilen  die  Grenzen  politisch  gebotener  Umsicht  überschreitender  Eifer
für  religiöse  Zwecke  ihn  öfters  in  Gegensatz  zu  mir  gebracht  hatte,  schrieb
mir  aus  Potsdam:  „Euer  Durchlaucht  haben  nach  langer,  schwerer  und
erfolgreicher  Arbeit  die  Last  des  mühevollen  Staatsdienstes  niedergelegt,
in  welchem  Sie  Ihre  ganze  Kraft  und  Gesundheit  für  Ihren  Kaiser  und  das
Reich  in  einem  Maße  und  mit  einer  aufopfernden  Hingebung  eingesetzt
haben,  von  der  sich  die  große  Menge  keine  Vorstellung  machen  kann.  Ich
gehörte  zu  denen,  die  immer  noch  hofften,  daß  Sie  uns  länger  erhalten
blieben.  Unsere  Zeit  ist  nach  innen  und  außen  furchtbar  ernst  und  gefahrdrohend,
  und  es  hilft  nichts,  wie  es  viele  tun,  sich  in  vergnügtem  Leben
oder  mit  Redensarten  darüber  hinwegzutäuschen.  Der  Kampf  der  Parteien
untereinander,  der  dämonische  Einfluß  des  größten  Teiles  unserer  Presse,
die  Entchristlichung  der  großen  Massen  auch  in  den  gebildeten  Kreisen
erfüllt  jeden,  der  sein  Königshaus  und  sein  Vaterland  liebt,  mit  tiefer  Sorge.
Aber  in  allem  Kämpfen  und  Toben  tritt  eines  immer  klarer  und  deutlicher
hervor,  daß  es  nur  einen  sichern  Fels  und  festen  Grund  gibt,  der  unbeweglich
  steht,  unser  Herr  und  Heiland.  Dabei  gedenke  ich  auch  besonders
Eurer  Durchlaucht  von  mir  und  meiner  Frau  so  hochverehrten  Frau
Mutter,  deren  fester  Glaube  mir  stets  vorbildlich  war.  Nur  so,  wie  sie,  kann
man  in  die  sturmbewegten  Wogen  unserer  Zeit  ruhig  und  hoffend  hinausblicken.“


Mein  langjähriger  Freund,  der  Nationalökonom  Professor  Gustav
von  Schmoller,  schrieb:  „Ich  bin  überzeugt,  daß  es  ein  großes  Unglück
für  unser  Vaterland  ist,  daß  Sie  gehen.  Das  Deutsche  Reich  braucht  gerade
einen  solchen  Steuermann,  wie  Sie  es  seit  einem  halben  Menschenalter  zum
Segen  Preußens  und  Deutschlands  waren.  Sicheres,  erfolgreiches  Auftreten
nach  außen,  bei  größter  Kunst,  einen  Krieg  zu  vermeiden,  und  nach  innen
eine  gemäßigt  konservative  Regierung  mit  so  viel  liberalen  und  sozialen
Reformen,  wie  sie  heute  unentbehrlich  sind,  wenn  nicht  ein  jäher  Umsturz
folgen  soll,  das  war  die  Signatur  Ihrer  Politik.  Daß  das  Zentrum  Sie
bekämpfte,  war  natürlich,  daß  die  Liberalen  nicht  immer  geschickt
operierten,  ist  begreiflich,  daß  aber  die  Konservativen  Sie  so  im  Stiche
ließen,  ist  nicht  entschuldbar  durch  den  Unverstand  ihrer  Wähler.  Ich  weiß
kein  Beispiel  so  großer  politischer  Undankbarkeit  einer  großen  Partei.  Mag
viele  der  einzelnen  Konservativen  ihre  politische  Unzurechnungsfähigkeit
entschuldigen,  von  den  Führern  ist  es  gröbste  Felonie  und  bornierte  Kurzsichtigkeit.
  Millionen  der  besten  Deutschen  sind  auf  Ihrer  Seite,  aber  wie
wenige  sprechen  es  aus.  Da  ich  zu  denjenigen  gehöre,  die  Ihnen  schreiben
dürfen,  so  ertrug  ich  nicht,  ganz  zu  schweigen.‘  Der  Nationalökonom

Freiherr
v.  Mirbach

Gustav
v.  Schmoller
        <pb n="449" />
        Adolf  Wagner

Schulze-Gaevernitz


350  SOZIALPOLITIKER

Adolf  Wagner,  ein  Franke,  in  Erlangen  geboren,  seit  1870  Professor  in
Berlin,  langjähriger  Vorstand  des  Vereins  für  Sozialpolitik,  war,  wie  man
sich  damals  ausdrückte,  ein  Kathedersozialist.  Ich  hatte  vierunddreißig
Jahre  früher  mein  diplomatisches  Examen  vor  ihm  bestanden,  und  er  hatte
damals  meine  Arbeit  über  die  italienischen  Finanzen  sehr  freundlich  zensiert.
  Jetzt  schrieb  er  mir:  „Euer  Durchlaucht  bitte  ich,  auch  von  mir  den
Ausdruck  des  tiefsten  Bedauerns  entgegenzunehmen,  daß  Sie  aus  den  hohen
Ämtern,  welche  Sie  so  vortrefflich  im  Nationalinteresse  verwaltet  haben,
nunmehr  geschieden  sind.  Die  Parteikonstellation  im  Reichstag,  welche  Sie
zu  dem  Schritt  der  Bitte  um  Entlassung  bei  Seiner  Majestät  geführt  hat,
ist  für  jeden  deutschen  Patrioten  schmerzlich.  In  den  Kreisen  der  Vertreter
der  Wissenschaft  ist  das  der  allgemeine  Eindruck  der  jüngsten  Vorgänge.
  Wir  werden  alle  Eurer  Durchlaucht  in  aufrichtigster  Ergebenheit
verbunden  bleiben.“

Gerhart  von  Schulze-Gaevernitz  war  der  Sproß  einer  alten  Gelehrtenfamilie,
  deren  Söhne  seit  länger  als  einem  Jahrhundert  Theorie  und
Praxis  in  einer  für  deutsches  Professorentum  so  ehrenvollen  wie  charakteristischen
  Weise  zu  verbinden  verstanden  haben.  Friedrich  Gottlob  —
in  der  ersten  Hälfte  des  neunzehnten  Jahrhunderts  Professor  in  Jena  —
gab  der  Landwirtschaftslehre  ein  nationalökonomisches  Fundament.  Der
Kronsyndikus  Hermann  war  in  der  Bismarckzeit  ein  namhafter  Staatsrechtslchrer.
  Mit  dessen  Sohn  Gerhart,  Professor  der  Nationalökonomie  in
Freiburg  i.  Br.  und  gleichzeitig  praktischer  Landwirt  in  Schlesien,  hatte  ich
manches  für  mich  anregende  und  belehrende  Gespräch  über  wirtschaftliche
und  politische  Fragen  geführt.  Jetzt  schrieb  er  mir:  „Ich  fürchte,  daß
heute  nicht  allzu  viele  Zeitgenossen  sich  des  großen  Gehaltes  an  Zukunft
bewußt  geworden  sind,  welche  einem  schärfer  blickenden  Auge  die  Geschichte
  Ihrer  Amtsführung  enthüllt.  Was  vor  zehn  Jahren  Utopie  erschien,
  ist  heute  —  nicht  zum  wenigsten  dank  der  Tätigkeit  Eurer  Durchlaucht
  —  vielleicht  noch  schwere,  aber  nicht  mehr  hoffnungslose  Aufgabe.
Ich  denke  dabei  an  Tatsachen.  Erstens:  Vor  zehn  Jahren  war  es  wilde
Utopie,  von  einer  Zeit  des  maritimen  Gleichgewichtes  zu  träumen,  in  der
Deutschland  der  hoffnungslosen  Abhängigkeit  von  England  in  allen  überseeischen
  Wirtschafts-  und  Machtfragen  entwachsen  sein  würde.  Heute  ist
es  unsere  bewußt  verfolgte  Aufgabe,  auch  zur  See  durch  eigene  Stärke
unser  Dasein  zu  bejahen.  Wir  dürfen  hoffen,  unseren  britischen  Vetter  aus
dem  so  verführerischen  Angriffsgedanken  zu  entstricken  und  —  in  Frieden  —
jener  Anerkennung  und  Förderung  unserer  überseeischen  Interessen  zuzuführen,
  wie  er  sie  heute  etwa  den  Vereinigten  Staaten  entgegenbringt.  Euer
Durchlaucht  waren  der  gewichtige  Vertreter  und  der  beredte  Förderer
dieses  ‚zum  Frieden  starken  Deutschlands‘,  wie  es  sich  im  Volksbewußtsein
        <pb n="450" />
        EIN  BANKIER  351

allmählich  durchsetzt.  Zweitens:  Vor  zehn  Jahren  war  es  wilde  Utopie,
von  einer  positiven  Mitarbeit  der  Sozialdemokratie  an  unserem  monarchischen
  Staatswesen  zu  träumen.  Dem  ‚Praktiker‘  lag  alles  Heil  in  gewaltsamer
  Unterdrückung.  Wenn  heute  die  friedliche  Hineinarbeitung  der
Arbeiterbewegung  in  unser  Staatswesen  uns  als  fernes,  aber  nicht  mehr
unerreichbares  Ziel  vorschwebt,  so  verdanken  wir  das  nicht  zum  wenigsten
der  geschickten  Behandlung  dieses  Problems  durch  Euer  Durchlaucht.  Sie
haben  durch  eine  gerechte  Behandlung  —  zuletzt  Reichsvereinsgesetz  —
die  sozialrevolutionäre  Verbitterung  gemildert.  Sie  haben  nicht  minder
durch  wohlangebrachten  Spott  der  Sozialdemokratie  die  Maske  des  ‚wilden
Mannes‘  entrissen,  durch  welche  sie  dem  deutschen  Philister  bleichen
Schrecken  einjagte,  sich  selbst  aber  in  ein  Gefühl  der  Stärke  hineintäuschte,
das  sie  der  Gegenwartsarbeit  —  der  Kunst  der  Kompromisse  —  entfremdete.
  Drittens:  Vor  einem  Jahrzehnt  schien  es  wilde  Utopie,  die  agrare
Basis  der  deutschen  Nation,  welcher  überseeische  Siedlungsgebiete  versagt
sind,  innerhalb  der  Reichsgrenzen  vorschieben  zu  wollen.  Vielmehr  schien
der  ganze  Osten  unseres  Reichsgebietes  und  damit  die  Weltstellung
Deutschlands  überhaupt  durch  eine  unaufhaltsam  vordringende  polnische
Welle  auf  das  schwerste  bedroht.  Euer  Durchlaucht  haben  das  Verdienst,
die  ostelbische  Ansiedlungsfrage  als  die  wichtigste  Daseinsfrage  unserer
innerdeutschen  Politik  erfaßt,  bekannt  und  gefördert  zu  haben.  Heute  ist
es  nicht  mehr  Utopie,  sondern  eine  praktisch  zu  bearbeitende  Aufgabe,
den  national  gefährdeten  Osten  unserer  Monarchie  mit  deutschen  Ansiedlungen
  zu  durchsetzen.“

Aus  den  Kreisen  der  Bankwelt  schrieb  mir  Ernst  von  Mendelssohn-Bartholdy:
  „Nunmehr,  wo  die  Würfel  gefallen  sind,  drängt  es  mich,
Eurer  Durchlaucht  zu  sagen,  wie  außerordentlich  ich  die  Wendung  beklage,
welche  die  Dinge  genommen  haben,  und  wie  ich  es  geradezu  für  ein  Unglück
halte,  daß  Deutschland  die  weise  und  erfolgreiche  Leitung  des  Mannes  entbehren
  soll,  der  wie  kein  anderer  dafür  gemacht  ist,  das  oberste  Steuer  zu
führen.  Unendlich  viel  schuldet  die  Nation  Eurer  Durchlaucht  an  Dank.
Wenn  es  mir  am  Herzen  liegt,  als  Unus  ex  multis  meine  tiefe  Trauer  zum
Ausdruck  zu  bringen,  so  darf  ich  dies  vielleicht  noch  mit  besserem  Rechte
als  mancher  andere  tun,  im  Hinblick  auf  die  öfteren  wichtigen  Angelegenheiten,
  die  mir  die  Ehre  verschafften,  Eurer  Durchlaucht  näherzutreten,
und  die  mir  in  geschäftlicher  sowohl  wie  persönlicher  Beziehung  unvergeßlich
  sein  werden.“  Arthur  von  Gwinner,  der  Direktor  der  Deutschen  Bank,
nebenbei  gesagt  der  Sohn  des  Freundes  und  Biographen  meines  Lieblingsphilosophen
  Schopenhauer,  schrieb:  „Euer  Durchlaucht  wollen  mir  gestatten,
  daß  ich  das  freundliche  und  schmerzliche  Wort  nachsende,  das  ich
am  Lehrter  Bahnhof  persönlich  aussprechen  wollte.  Die  Polizei  hatte  bei

Ernst

v.  Mendelssohn-
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        Graf
Waldemar

Roon

Oertel

352  EIN  RECUHTSKONSERVATIVER

Ihrer  Abreise  so  vortrefflich  für  Ordnung  gesorgt,  daß  es  mir  wie  sehr
vielen  andern  nicht  gelungen  ist,  Euer  Durchlaucht  auch  nur  zu  sehen.
Euer  Durchlaucht  verlassen  den  ersten  Platz  im  Reiche,  betrauert  von  allen
Urteilsfähigen  der  Nation,  aber  unvergessen.““

Die  aufdem  Lehrter  Bahnhof  getroffenen  Absr  ßnah  waren,
wie  ich  vertraulich  hörte,  auf  direkte  Weisung  des  Kaisers  erfolgt,  der  zu
einem  seiner  Adjutanten  äußerte:  „Ministerwechsel  haben  sich  im  stillen
zu  vollziehen,  da  sie  wenig  Bedeutung  haben  und  das  Publikum  gar  nichts
angehen.“

Meine  früheren  und  langjährigen  Anhänger  konservativer  Richtung
waren  bemüht,  die  Schuld  an  dem  zwischen  uns  eingetretenen  Bruch  von
sich  ab  und  mir  zuzuwälzen.  Zu  den  störrischsten  Führern  der  Konservativen
  gehörte  Graf  Waldemar  Roon,  der  älteste  Sohn  des  Kriegsministers
Albrecht  von  Roon.  Dieser  war  einer  der  ausgezeichnetsten  Männer  gewesen,
  die  der  preußische  Staat  hervorgebracht  hat,  ein  Mann,  der  seinen
Namen  mit  unvergänglichen  Lettern  in  die  deutsche  Geschichte  eingetragen
hat.  Albrecht  von  Roon  war  der  ruhmvolle  Waffenschmied  für  die  Siege
von  1864,  1866,  1870.  Der  Sohn  glich  dem  Vater  in  Lauterkeit  der  Gesinnung
  wie  in  fester,  tiefer  Vaterlandsliebe,  aber  er  war  unnachgiebiger  und
er  war  nicht  so  begabt.  Er  warf  mir  vor,  daß  ich  mich  mit  der  ‚,‚so  gänzlich
unzuverlässigen‘“  und  in  ihrer  politischen  Brauchbarkeit  von  mir  überschätzten
  Nationalliberalen  Partei  zu  tief  eingelassen  hätte.  Ich  hätte  es  wie
der  pommersche  Baucr  gemacht,  der  dem  guten  Hund  einen  Knochen  gab,
dem  bösen  aber  zwei.  Das  heißt,  ich  hätte  die  Liberalen  auf  Kosten  der
Konservativen  bevorzugt.  Ich  war  oft  anderer  Meinung  als  Waldemar
Roon,  ernstlich  böse  sein  konnte  ich  ihm  nicht.  Als  der  Weltkrieg  ausbrach,
stellte  er  sechs  Söhne  ins  Feld.  Drei  von  ihnen  besiegelten  ihre  Treue  für
König  und  Vaterland  mit  dem  Tod.  Die  Mutter,  eine  Blankenburg  aus  dem
bekannten  pommerschen  Hause,  mit  dem  Bismarck  von  Jugend  auf  befreundet
  war  und  in  dem  er  für  sein  Leben,  insbesondere  für  seine  religiösen
Anschauungen  entscheidende  Eindrücke  empfing,  starb  an  gebrochenem
Herzen.  Roon  selbst  mußte  noch  das  schreckliche  Ende  des  Krieges  erleben.
  Nicht  lange  vor  seinem  im  März  1919  erfolgten  Tode  erhielt  ich  einen
Brief  von  ihm,  der  mit  den  Worten  schloß:  ‚Dies  ist  wohl  das  letzte  Lebenszeichen,
  das  Sie  erhalten  werden  von  Ihrem  bis  in  den  Tod  betrübten  alten
und  treuen  Freunde  Waldemar  Roon.“

Für  Männer  wie  Graf  Waldemar  Roon  habe  ich  trotz  aller  Meinungsverschiedenheiten
  über  politische  Taktik  stets  tiefe  Achtung  und  warme
Sympathie  empfunden.  Sehr  verschieden  von  Waldemar  Roon  war  der
Leiter  der  agrarischen  „Deutschen  Tageszeitung“,  der  Reichstagsabgeordnete
  Georg  Oertel,  der  populärste  von  den  Führern  des  Bundes  der
        <pb n="452" />
        OERTEL  —  FRIEDRICH  DERNBURG  353

Landwirte.  Er  war  berühmt  durch  seine  schlagfertige  Beredsamkeit  wie
durch  seinen  Humor,  den  er  in  seinen  Reichstagsreden,  in  seinen  Zeitungsartikeln
  und  auch  im  persönlichen  Verkehr  zeigte.  Er  war  noch  berühmter
durch  die  immer  von  ihm  getragene  weiße  Weste,  die  geradezu  den  Zeichenstift
  der  Karikaturisten  herausforderte,  zumal  sie  sich  über  einem  außerordentlich
  dicken  Bauch  spannte.  Oertel  war  ein  Kur-  und  Ursachse  und
verbarg  wie  mancher  seiner  engeren  Landsleute  unter  einer  harmlos-gutmütigen
  Außenseite  nicht  wenig  Schlauheit.  Er  war  mir  ebenso  wie  Graf
Roon  persönlich  treu  ergeben.  Es  war  ehrlich,  wenn  er  mir  schrieb,  daß  mein
Ausscheiden  aus  dem  Amt  die  schwerste  und  schmerzlichste  Erfahrung
seines  politischen  Lebens  seit  dem  Rücktritt  Bismarcks  wäre.  Aber  er  fand,
daß  ich  in  der  Erbschaftssteuer  an  die  Agrarier  eine  Zumutung  gestellt
hätte,  die  zu  erfüllen  sie  aus  sachlichen  Gründen  außerstande  gewesen
wären.  Wenn  ich  diesen  Standpunkt  nicht  gelten  lassen  konnte,  so  verkannte
ich  nicht  die  freundliche  Gesinnung,  in  der  Oertel  mir  schrieb,  daß  es  eine
der  schönsten  Erinnerungen  seines  Lebens  sein  würde,  im  persönlichen
Verkehr  mit  mir  gestanden  zu  haben,  und  daß  er  für  das  ihm  von  mir  zuteil
gewordene  Wohlwollen  immer  treue  Dankbarkeit  bewahren  würde.  Das
war  keine  leere  Phrase.  Ich  bin  Oertel  öfter  wieder  begegnet,  und  unsere
persönlichen  Beziehungen  blieben  die  besten.

Es  würde  zu  weit  führen,  die  Briefe  wiederzugeben,  in  denen  ich  die
Ausführungen  meiner  konservativen  Freunde  eingehend  widerlegte.  Was
ich  selbst  schrieb,  war  übrigens  kaum  so  schlagend  wie  der  Aufsatz,  den  ein
freisinniger  Publizist,  ein  Schriftsteller,  der  durch  Geist  und  Weite  des
Gesichtskreises  sich  über  die  Schablone  erhob,  Friedrich  Dernburg,
der  Vater  des  Kolonialsekretärs  Bernhard  Dernburg,  zwei  Jahre  nach
meinem  Rücktritt,  als  ich  schon  von  der  Villa  Malta  auf  die  Siebenhügelstadt
  blickte,  im  „Berliner  Tageblatt‘  über  den  Ausgang  meiner  Reichskanzlertätigkeit
  veröffentlichte.  Es  hieß  in  diesem  Artikel:  „Wer  die  politische
  Laufbahn  des  Fürsten  Bülow  unbefangen  in  das  Auge  faßt,  der  wird
zugeben  müssen:  Der  Staatsmann,  der  auf  seinen  Leichenstein  geschrieben
haben  wollte:  Hier  liegt  ein  agrarischer  Reichskanzler,  war  sich  immer  treu
geblieben.  Fürst  Bülow  wollte  die  Konservativen  auf  neue  und  haltbare
Grundlagen  stellen.  Er  wollte  sie  vor  sich  selbst  retten.  Er  hat  hierbei  einen
weit  voraussehenden  Blick,  Kühnheit  und  Entschlossenheit  zum  Handeln
gezeigt.  Nie  ist  einem  Staatsmann  mit  größerer  Undankbarkeit  gelohnt
worden  als  dem  Fürsten  Bülow  von  seinen  Standes-  und  Parteigenossen.
An  ihrer  Kurzsichtigkeit  und  Eigensucht  ist  der  Plan  gescheitert,  er  ist
nicht  einmal  verstanden  worden,  und  man  begreift  die  zornige  Verachtung,
mit  der  Fürst  Bülow  ihnen  das  Wort  zuschleuderte,  das  seiner  Einlösung
entgegengeht:  Bei  Philippi  sehen  wir  uns  wieder.  Dies  Philippi  ist  im

23  Bülow  III

Friedrich
Dernburg
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        Dr.  Mehnert

Professor
E.  Francke

354  MEHNERT

Anzug.  Die  Konservative  Partei  hat  in  ihrem  Verhalten  beim  Sturz  des
Fürsten  Bülow  aber  auch  den  Beweis  geliefert,  wie  das  parlamentarische
Treiben  imstande  ist,  die  Blicke  in  die  Enge  zu  bannen,  über  die  großen
Züge  einer  politischen  Lage  wegzutäuschen,  nach  kleinen  Vorteilen
schnappen  zu  lassen  und  die  Existenz  zu  riskieren.“

Der  streng  konservative  Führer  der  sächsischen  Konservativen  und
Präsident  der  Zweiten  Sächsischen  Kammer,  Dr.  Mehnert,  schrieb:
„Eure  Durchlaucht  wollen  auch  mir  gestatten,  daß  ich  am  heutigen  Tage
meinem  tiefsten  und  aufrichtigsten  Bedauern  Ausdruck  gebe,  daß  Eure
Durchlaucht  von  der  Leitung  der  Geschäfte  des  Reichs  zurücktreten.  Es
ist  für  mich  ein  unsagbar  schmerzliches  Gefühl,  den  hochverehrten  Mann
von  der  Stellung  scheiden  zu  schen,  in  der  er  so  unendlich  viel  und  so  wahrhaft
  Großes  für  des  Reiches  Ansehen,  für  des  Reiches  Wohl  und  Förderung
getan  hat.  Es  erscheint  mir  noch  nicht  möglich,  mir  vorstellen  zu  können,
wie  künftig  die  Geschicke  unseres  großen  Vaterlandes  sich  entwickeln
sollen.  Die  Person  des  Fürsten  Bülow  ist  für  mich  zu  sehr  mit  der  Leitung
der  Geschäfte  im  Innern  wie  im  Äußern  verbunden  und  verkettet,  als  daß
ich  mir  ohne  dieselbe  deren  gedeihliche  Fortsetzung  denken  könnte.  Seit
Bismarcks  Zeiten  hat  niemand  zur  Hebung  vaterländischer  Gesinnung  so
viel  getan  und  beigetragen  wie  Eure  Durchlaucht  —  seit  Bismarcks  Zeiten
hat  den  deutschen  Namen  niemand  so  hochgehoben  in  der  Welt,  niemand
so  achtunggebietend  gefestigt  wie  Eure  Durchlaucht  —  insonderheit  zuletzt
  noch  durch  die  glänzende  Aktion  unserer  auswärtigen  Politik  in
diesem  Frühjahr!  Möchte  ein  gütiges  Geschick  es  fügen,  daß  Eure  Durchlaucht
  nicht  für  immer  scheiden.“

Aus  den  Kreisen  der  Sozialreformer  schrieb  mir  Professor  Dr.  E.
Francke:  „Im  Namen  vieler  Freunde  und  Gesinnungsgenossen  wollen
Eure  Durchlaucht  einem  Mann,  der  still  und  bescheiden  versucht  hat,  seine
Pflicht  als  nationaler  und  liberaler  Publizist  sowie  als  Sozialpolitiker  zu
tun,  gestatten,  seinem  tiefsten  Schmerz  Ausdruck  zu  geben,  daß  jetzt  ein
Reichskanzler  sein  Amt  verläßt,  der  zwölf  Jahre  hindurch  der  Wohlfahrt
des  Reichs  mit  ruhmvollem  Erfolge  gedient  hat.  Seit  Jahrzehnten  hat
Deutschland  vor  der  Welt  nicht  mit  solchen  Ehren  und  solcher  Macht
gestanden  wie  heute.  Niemals  hat  unser  Volk  in  Stadt  und  Land  Zeiten
stärkerer  wirtschaftlicher  Blüte  gesehen.  Der  Liberalismus,  die  freie  Gesinnung
  begannen  neu  zu  hoffen,  als  Eure  Durchlaucht  den  Druck  der
Zentrumspartei  und  der  Sozialdemokratie  brachen.  Und  wir  Sozialreformer
  wußten  es  und  freuten  uns  dessen,  daß  der  vierte  Kanzler  des
Reichs  ein  Herz  für  die  Armen  und  Bedrückten  und  eine  bereite  Hand  für
die  Strebenden  und  Kämpfenden  hatte.  Mit  Eurer  Durchlaucht  Scheiden
vom  Amt  werden  viele  und  teure  Hoffnungen  vernichtet.“
        <pb n="454" />
        ABGEORDNETE  355

Der  Obermeister  Karl  Rahardt,  Mitglied  des  Abgeordnetenhauses,
schrieb:  „Wenn  Millionen  guter  Deutscher  mit  wehmütigen  und  schmerzlichen
  Gefühlen  ihren  langjährigen  und  hochverdienten  Reichskanzler  in
Eurer  Durchlaucht  scheiden  sehen,  so  erfüllt  den  Unterzeichneten  Bitternis
und  tiefer  Grimm  über  die  Ereignisse  der  letzten  Wochen.  Waren  es  doch
in  der  Hauptsache  meine  eigenen  Parteigenossen,  welche  den  unseligen
Ausgang  herbeiführten.  Wenn  der  Mittelstand  sich  von  der  Konservativen
Partei  abwendet,  so  geschieht  dies  nicht  allein  deswegen,  weil  man  an  Stelle
der  Erbschaftssteuer  eine  Menge  mittelstands-  und  verkehrsfeindlicher  Ersatzsteuern
  angenommen  hat.  Die  Erbitterung  gegen  die  Leitung  der  Konservativen
  Partei  ist  auch  nicht  allein  deswegen  so  groß  in  den  Reihen  des
Mittelstandes,  weil  man  sich  gegen  die  unnatürliche  Bundesgenossenschaft
des  Zentrums  und  der  Polen  wehrt,  sondern  weil  zielbewußt  und  mit  Vorbedacht
  auf  den  Sturz  des  Mannes  hingearbeitet  wurde,  der  es  verstanden
hat  wie  unser  unvergeßlicher  Bismarck,  sich  einen  Platz  in  den  Herzen  aller
guten  Deutschen  zu  sichern.  Beim  Scheiden  Eurer  Durchlaucht  aus  dem
verantwortungsvollen  Amt  des  Reichskanzlers  will  ich  es  aussprechen,  daß
gerade  der  Mittelstand  mit  unbegrenztem  Vertrauen,  Liebe  und  Verehrung
  auf  Euer  Durchlaucht  geblickt  hat  und  dankbaren  Herzens  anerkennt,
  daß,  soweit  es  das  allgemeine  Staatsinteresse  zuließ,  vieles  für  die
erwerbenden  Stände  im  letzten  Jahrzehnt  geschehen  ist.  Das  hier  auszusprechen,
  ist  mir  ein  Herzensbedürfnis,  und  Euer  Durchlaucht  dürfen  versichert
  sein,  daß  der  Mittelstand  im  allgemeinen  und  der  Handwerkerstand
im  besonderen  seinem  hochverdienten  vierten  Reichskanzler  tiefste  Dankbarkeit
  und  ein  treues  Andenken  bewahrt.“

Aus  dem  Schreiben  des  Abgeordneten  Julius  Kopsch,  Rektors  in  Berlin
und  Vorsitzenden  der  Parteiorganisation  der  Fortschrittlichen  Volkspartei,
sprach  die  Stimmung,  die  drei  Jahre  später  zu  dem  Ergebnis  der  Wahlen
von  1912  führen  sollte:  „„Euer  Durchlaucht  gestattet  sich  ein  schlichter  Abgeordneter
  der  Freisinnigen  Volkspartei  bei  Eurer  Durchlaucht  tief  bedauerlichem
  Scheiden  aus  dem  Amt  nachträglich  ein  Lebewohl  zuzurufen  in  der
sicheren  Hoffnung,  daß  in  absehbarer  Zeit  ein  Wiedersehen  auf  dem  Reichskanzlerstuhl
  des  Reichstages  erfolgt.  Herr  von  Heydebrand  und  seine  Gefolgschaft
  werden  des  Sieges  nicht  froh  werden.  Die  Führung  in  einer  Mchrheit
  haben  stets  diejenigen,  die  über  die  erforderlichen  Arbeitskräfte  verfügen.
  Den  Konservativen  fehlen  die  Arbeitskräfte,  ihnen  fehlt  die  erforderliche
  Sachkenntnis.  All  das  Fehlende  ist  beim  Zentrum  überreich  vorhanden,
  daher  liegt  trotz  der  Worte  des  Herrn  von  Heydebrand  die
Führung  bald  in  den  Händen  der  Herren  Spahn  und  Erzberger.  Wer  aber
das  Ränkespiel  des  Herrn  Spahn,  die  brutale  Herrschsucht  des  Herrn  Erzberger
  in  der  Budgetkommission  kennengelernt  hat,  der  kann,  ohne

23*

M.d.  A.
Rahardı

M.d.A.
Kopsch
        <pb n="455" />
        General
v.  Hahnke

General
v.  Bülow

356  MILITÄRS

Prophet  zu  sein,  vorhersagen,  daß  die  ehrlichen  Konservativen  sich  bald
zurücksehnen  werden  nach  der  Zeit,  wo  sie  mit  ehrlichen  Liberalen  verhandeln
  konnten.  Aus  zahlreichen  Versammlungen  kenne  ich  die  Stimmung
  des  deutschen  Volks.  Herr  von  Heydebrand  hat  in  seinem  Machtbewußtsein,
  dem  man  nicht  nur  gegenüber  der  Regierung,  sondern  auch
gegenüber  dem  Thron  seit  langer  Zeit  sehr  offen  Ausdruck  gegeben  hat,
dem  konservativen  Gedanken  für  die  Zukunft  einen  sehr  schlechten  Dienst
erwiesen.  Euer  Durchlaucht  aber  werden  bei  dem  hoffentlich  nur  vorübergehenden
  Rücktritt  vom  Amt  begleitet  von  dankbarer  Verehrung  und  Liebe
des  größten  und  sicherlich  nicht  schlechtesten  Teils  des  deutschen  Volkes.“
Der  Gesamtverband  der  Evangelischen  Arbeitervereine  trug  mir  ebenso  wie
der  Bund  vaterländischer  Arbeitervereine  die  Ehrenmitgliedschaft  an,  die
ich  mit  Dank  und  Genugtuung  annahm.

Mehr  noch  als  Anerkennung  und  Zustimmung  von  politischer  Seite  erfreuten
  mein  Herz  die  Zuschriften,  die  ich  bei  meinem  Scheiden  aus  den
Reihen  der  Armee  erhielt,  an  der  ich  mit  ganzer  Seele  hing,  seitdem  ich  im
glorreichen  Jahr  1870  des  Königs  Rock  angezogen  hatte.  Der  langjährige
Chef  des  Militärkabinetts,  der  Generalfeldmarschall  von  Hahnke,  dieses
Bild  eines  echten  preußischen  Gardeinfanteristen,  schrieb  mir  unter  dem
14.  Juli  1909:  „‚Unter  den  Unzähligen,  die  heute  am  bedeutungsvollen  Tage
des  Niederlegens  des  Kommandostabes  als  Reichskanzler  Ihnen  ihre  Verehrung
  und  allergrößte  Hochachtung  zum  Ausdruck  bringen,  möchte  ich
nicht  fehlen.  Wer  eine  Ahnung  davon  hat,  welche  Charakterstärke,  welcher
Mut,  welche  Einsicht,  welche  Erfahrung,  weiches  Wissen  und  Können,
welche  Selbstlosigkeit  dazu  gehört,  als  Reichskanzler  zu  kämpfen  für
des  Vaterlandes  Macht,  Ehre  und  Gedeihen  und  gleichzeitig  zu  dienen  dem
Monarchen  in  Ergebenheit  und  Treue  unter  den  allerschwersten  Bedingungen,
  der  wird  heute  offen  eingestehen  müssen,  daß  Euer  Durchlaucht
ein  Kämpfer,  ein  Reichskanzler  gewesen  sind,  wie  Seine  Majestät  ihn
schwerlich  wieder  finden  wird.  Großartig,  wie  Eure  Durchlaucht  gekämpft,
haben  Eure  Durchlaucht  auch  mit  Stolz  und  Würde  und  voller  Ehren  das
Kommando  abgegeben  und  treten  nun  in  den  tausendfältig  wohlverdienten
Ruhestand.“  Der  alte  Feldmarschall  wußte  besser  als  irgendein  anderer,
wie  schwer  es  mir  während  zwölf  Jahren  geworden  war,  die  dauernden
Interessen  des  Landes,  der  Dynastie  und  des  Monarchen  selbst  gegenüber
diesem  Monarchen  zu  wahren.

Der  damalige  General  der  Infanterie,  spätere  Generalfeldmarschall  Karl
von  Bülow  schrieb  mir  am  15.  Juli  1909:  „Als  Vetter  und  stellvertretender
Vorsitzender  unseres  Familienverbandes  darf  ich  Ihnen  warm  die  Hand
drücken  in  den  entscheidungsreichen  Tagen,  die  Sie  jetzt  durchlebt  haben.
Für  mich,  und  meiner  Überzeugung  nach  auch  für  die  ganze  Bülowsche
        <pb n="456" />
        FRAUEN  357

Sippe,  gebe  ich  der  'Trauer  Ausdruck,  daß  die  Verhältnisse  Eure  Durchlaucht
  gezwungen  haben,  das  höchste  deutsche  Staatsamt  niederzulegen,
Ihre  erfolgreiche  und  dem  Wohle  unseres  deutschen  Vaterlandes  dienliche
Tätigkeit  jetzt  hoffentlich  nicht  zu  beendigen,  sondern  nur  zu  unterbrechen.
Ich  weiß,  daß  Eure  Durchlaucht,  wenn  Kaiser  und  Reich  Ihrer  bedürfen  —
und  sie  werden  Sie  später  nötig  haben  —,  mit  Freuden  bereit  sein  werden,
die  Bürde  des  höchsten  Amtes  erneut  auf  Ihre  starken  Schultern  zu  nehmen.
Unvergessen  muß  es  aber  heut  schon  der  Familie  sein  und  bleiben,  wie  Ihr
Wirken  als  Reichskanzler  dem  Bülowschen  Ruhmeskranze  ein  neues  Lorbeerblatt
  eingefügt  hat.  Die  Bülows  sind  stolz  auf  diesen  Sohn  ihres  Geschlechts.‘“
  Der  General  der  Kavallerie,  Graf  Hermann  Wartensleben,
einst  Oberquartiermeister  der  deutschen  Südarmee,  als  sie  unter  dem  Oberbefehl
  des  Feldmarschalls  von  Manteuffel  in  ruhmvollen  Kämpfen  in  Schnee
und  Eis  das  Bourbakische  Korps  zum  Übertritt  in  die  Schweiz  zwang,
schrieb  mir:  „In  meiner  ländlichen  Abgeschiedenheit  natürlich  nur  unvollkommen
  unterrichtet,  vermag  ich  nicht  alle  bestimmenden  Beweggründe
zu  dem  folgenschweren  Schritt  zu  beurteilen  und  kann  nur  sagen:  Ein
großer  Verlust  für  das  Vaterland,  und  wer  soll  Eure  Durchlaucht  einigermaßen
  ersetzen?“  Die  Witwe  meines  unvergeßlichen  Kriegsobersten,  des
Feldmarschalls  von  Lo&amp;amp;,  die  Baronin  Franziska  Lo&amp;amp;,  geborene  Gräfin
von  Hatzfeldt-Trachenberg,  telegraphierte  mir:  „Ich  gratuliere  Ihnen  und
der  Fürstin  und  beklage  uns.“

Aus  einer  Stätte,  in  der  Idealen  gehuldigt  wurde,  die  andere  waren  als
die  militärischen,  schrieb  für  sich  selbst  und  ihre  Mutter,  die  schon  mehr  als
siebzigjährige  Cosima  Wagner,  deren  älteste  Tochter,  Daniela  Thode,
meiner  Frau:  „Verehrte  teuere  Fürstin  Marie,  es  weilten  und  weilen  unsere
Gedanken  so  viel  bei  Dir  und  dem  Fürsten,  Deinem  Gemahl,  daß  es  mir  ein
wahres  Bedürfnis  ist,  dem  Ausdruck  zu  geben  und  Dir  und  ihm  unsere  verehrungsvollsten
  Grüße  zu  senden.  Mama,  welche  leider  im  Augenblick
wieder  angegriffener  ist  und  größter  Ruhe  und  Schonung  bedarf,  hat  an
allen  so  bedeutungsvollen  und  ach!  so  unerquicklichen  Vorgängen  im
öffentlichen  Leben  den  regsten  Anteil  nehmen  können  und  bittet  mich,
Dir  ihre  zärtlichsten  Grüße  zu  übermitteln.  Ganz  Wahnfried  grüßt  Dich
und  den  Fürsten  in  treuster  Verehrung.“

Drei  andere  Kundgebungen  von  Frauenhand  rührten  mich.  Die  Witwe
des  zwei  Jahre  vorher  verstorbenen  Staatsministers  von  Bötticher
schrieb:  „Eure  Durchlaucht  gestatten  wohl,  daß  ich  Ihnen  und  der  Frau
Fürstin,  die  Sie  beide  so  unbeschreiblich  gütig  zu  mir  gewesen  sind,  beim
Scheiden  aus  Ihrem  schweren,  dornenvollen  Amt  Gottes  Segen  noch  in
ganz  besonderer  Weise  wünsche.  Welch  schwerer  Schritt  es  für  den  Mann
ist,  von  seinem  Lebenswerk  zu  scheiden,  weiß  ich  wohl.  Habe  ich  doch  mit

Cosima
Wagner

Frau
v.  Bötticher
        <pb n="457" />
        Frau  v.  Bethmann
  Hollweg

Frau

v.  Lochell

Iswolski

358  ISWOLSKI

meinem  geliebten  Mann  im  Juli  1897  Ähnliches  durchlebt.  Wenn  Eurer
Durchlaucht  unendlich  viel  Liebe,  Teilnahme  und  Freundschaft  aus  dem
ganzen  deutschen  Volke  folgt,  so  bitte  ich,  mich  auch  unter  diejenigen
rechnen  zu  wollen,  die  in  Dankbarkeit  Ihrer  gedenken.‘  Die  Tante  meines
Nachfolgers,  Frau  Freda  von  Bethmann  Hollweg,  schrieb  mir:  „Sie
haben,  teurer  Fürst,  treu  und  mit  Hingabe  Ihrer  selbst  gekämpft.  Das  trägt
seinen  letzten  Lohn  in  sich  und  wird  Ihnen  in  der  Geschichte  unseres  Vaterlandes
  unvergessen  bleiben!  Es  sind  sicher  die  schwersten  Kämpfe,  in  denen
man  die  Wunden  nicht  zeigen  kann.  Daß  der  Eintritt  meines  Neffen  in  diese
schwere  Stelle  mein  Herz  schr  bewegt  hat  und  noch  beschäftigt,  werden  Sie
sich  denken.  Gott  möge  ihm  beistehen  !““  Endlich  schrieb  mir  die  vierundachtzigjährige
  Mutter  meines  treuen  Mitarbeiters  Loebell:  „Unvergeßlich
ist  mir  die  Stunde,  da  vor  neun  Jahren  mein  heimgegangener  Mann  und
ich  Eurer  Durchlaucht  Ernennung  zum  Kanzler  des  Deutschen  Reichs,
die  wir  erhofften,  begrüßten  mit.  den  freudigsten  Erwartungen  für  Kaiser
und  Reich.  Mit  dem  Bewußtsein  der  vollen  Erfüllung  dieser  Hoffnungen
entschlief  mein  Mann.  Ich  aber  erlebe  nun  noch  mit  tiefschmerzlichem  Bedauern
  den  Rücktritt  Eurer  Durchlaucht,  und  mein  altes  patriotisches  Herz
ist  tief  verletzt  und  beklagt  bitter  die  Motive,  welche  denselben  veranlaßten.“
*

Ich  hatte,  als  mein  Rücktritt  feststand,  unsere  Vertreter  auf  unseren
wichtigsten  Auslandsposten  gebeten,  den  Souveränen,  bei  denen  sie  akkreditiert
  waren,  meinen  Dank  für  das  mir  während  meiner  Leitung  der  auswärtigen
  Geschäfte  erwiesene  Vertrauen  in  angemessener  Form  zu  übermitteln.
  Der  russische  Minister  des  Äußern,  Alexander  Petrowitsch
Iswolski,  erwiderte  mir  in  einem  längeren,  eigenhändigen  Brief:  „Le
charge  d’affaires  d’Allemagne,  le  Comte  de  Mirbach,  m’a  fait  part  de  Votre
desir  qu’au  moment  oü  Vous  quittez  le  poste  Elev&amp;amp;  que  Vous  avez  occup&amp;amp;
avec  tant  d’Eclat,  je  fasse  parvenir  a  mon  Auguste  Maitre  les  sentiments
d’attachement  et  de  reconnaissance  que  Vous  portez  ä  Sa  Majeste.  Je  n’ai
pas  manqu&amp;amp;  de  m’acquitter  aupres  de  Sa  Majeste  de  ce  message,  et  je  suis
heureux  de  Vous  transmettre  les  sinceres  remerciments  de  l’Empereur  qui
m’a  ordonn  en  me&amp;amp;me  temps  de  Vous  exprimer,  combien  I]  a  toujours
appreci&amp;amp;  Votre  brillante  et  feconde  activite  et  Vos  efforts  en  faveur  des
bonnes  relations  entre  la  Russie  et  l’Allemagne.  Le  Comte  de  Mirbach  m’a
€galement  transmis  ce  dont  Vous  avez  bien  voulu  le  charger  personnellement
ä  mon  adresse.  J’en  ai  et&amp;amp;  extrömement  touchg,  et  je  tiens  a  Vous  dire,  ä
mon  tour,  que  je  garderai  toujours  un  souvenir  ineffagable  de  mes  relations
personnelles  avec  Vous,  relations  qui  datent  de  si  loin  et  qui  j’espere  vont
se  continuer  pendant  de  longues  annces  encore.  J’ai  la  certitude  que  ces
relations  ont  apport&amp;amp;  leur  part  de  grande  utilit€  a  la  bonne  entente  entre  nos
        <pb n="458" />
        AEHRENTHAL  359

deux  pays.  C’est  de  tout  ca@ur  que  je  partage  Votre  contentement  de  ce  qui
a  ete  fait  en  dernier  lieu  pour  raffermir  cette  bonne  entente  et  pour  donner
aux  rapports  entre  la  Russie  et  l’Allemagne  un  caractere  d’entiere  confiance
si  conforme  aux  meilleurs  traditions  de  leur  histoire.  Vous  savez  combien
je  suis  desireux  de  travailler  dans  ce  sens  et  combien  je  suis  persuad&amp;amp;  qu’il
n’existe,  ni  ne  peut  exister,  aucune  cause  directe  de  malentendus  entre
nos  Gouvernements.  Dieu  veuille  que  les  causes  indirectes  qui  ont  produit
tant  d’alarmes  l’hiver  dernier  ne  se  reproduisent  plus.  Laissez  moi,  mon  cher
Prince,  Vous  assurer  que  mes  sentiments  de  profonde  admiration  et  de
vraie  amitie  Vous  accompagneront  dans  la  nouvelle  phase  de  Votre  belle
existence,  dans  laquelle  je  Vous  souhaite  de  tout  c@ur  de  trouver  repos  et
sante.  Veuillez,  je  Vous  prie,  me  mettre  aux  pieds  de  la  Princesse  de  Bülow
et  agreez  pour  Vous  möme  l’hommage  de  mon  devouement  le  plus  sincere.“

Der  beachtenswerte  Passus  in  diesem  Schreiben  war  der  Satz:  „Dieu
veuille  que  les  causes  indirectes  qui  ont  produit  tant  d’alarmes  l’hiver
dernier  ne  se  reproduisent  plus.‘  Dieser  Satz  bestärkte  mich  in  der  Überzeugung,
  daß  die  Aufrechterhaltung  friedlicher  Beziehungen
zwischen  Deutschland  und  Rußland  und  damit  des  Weltfriedens  durchaus
im  Bereich  der  Möglichkeit  lag.  Wir  durften  aber  weder  die  russischen
Kreise  gerade  an  den  Dardanellen  stören,  noch  Österreich  erlauben,
auf  der  Balkanhalbinsel  Rußland  in  einer  Form  in  den  Weg  zu  treten,
die  der  Zar  und  das  Zarenreich  im  Hinblick  auf  hundertjährige  russische
Traditionen  nicht  hinnehmen  konnten,  ohne  die  Existenz  des  Zarentums
zu  gefährden.  Bei  meiner  letzten  Begegnung  mit  Bethmann  Hollweg  vor
meiner  Abreise  von  Berlin  habe  ich  meinem  Nachfolger  diese  Worte  aus
dem  Abschiedsbrief  von  Alexander  Iswolski  auf  meine  Visitenkarte  sauber
und  deutlich  niedergeschrieben  und  als  letzte  Mahnung  zu  Vorsicht  und
Umsicht  in  die  Hand  gedrückt.  Ich  habe  wie  Kaiser  Wilhelm  II.  so  auch
Bethmann  Hollweg  mehrfach  vor  einer  ungeschickten  Wiederholung  meiner
bei  der  Beilegung  der  bosnischen  Krisis  erfolgreichen  Politik  gewarnt.  Ich
habe  beiden  sowohl  den  alten  römischen  Rechtssatz  „Ne  bis  in  idem‘““  wie
das  kluge  Wort  des  Lustspieldichters  Terenz:  „Duo  cum  faciunt  idem,
non  est  idem“,  wie  mir  schien,  nicht  gerade  zu  ihrem  Vergnügen,  nachdrücklich
  eingeschärft.

Der,  nachdem  er  dank  unserer  Unterstützung  aus  der  bosnischen  Schwierigkeit
  gut  herausgekommen  war,  zum  Grafen  beförderte  Aloys  Lexa  von
Aehrenthal  schrieb  mir:  „Verehrtester  Fürst,  Szögyenyi  berichtet  mir,
daß  Ihr  Entschluß,  sich  zurückzuziehen,  unwiderruflich  feststeht  und  daß
die  kaiserliche  Entscheidung  demnächst  erfolgen  dürfte.  Mit  Bangen  habe
ich  diesem  Augenblicke  entgegengesehen,  und  nun,  wo  sein  Eintritt  immer
näher  rückt,  erfüllt  mich  aufrichtiges  und  wehmütiges  Bedauern.  Ich  muß

Aehrenthal
        <pb n="459" />
        Tittoni

360  TITTONI

cs  mir  versagen,  in  die  Erwägung  der  Gründe  einzugehen,  die  Ihren  Schritt
veranlaßten.  Dieselben  müssen  zwingender  Natur  gewesen  sein,  wenn
Kaiser  Wilhelm  einwilligte,  sich  von  Ihnen  nach  einer  so  langen  und  auf
allen  Gebieten  erfolgreichen  Amtsführung  zu  trennen.  Sie  können,  verehrter
  Fürst,  mit  Stolz  auf  die  Ihrem  Kaiser  und  Deutschland  gewidmeten
Jahre  zurückblicken  und  mit  dem  Gefühl  von  dem  hohen  Posten  scheiden,
die  Entwicklung  Deutschlands  nach  allen  Richtungen  gefördert  und  seinen
staatlichen  Bau  gestärkt  zu  haben.  Wir  in  Österreich-Ungarn  schen  Sie
mit  dem  aufrichtigsten  Bedauern  zurücktreten,  weil  wir  in  Ihnen  einen
überzeugten  und  bewährten  Vertreter  des  Allianzgedankens  zwischen  den
beiden  Kaiserreichen  erblickten.  In  diesem  Zusammenhang  habe  ich  mich
eines  Auftrages  meines  allergnädigsten  Herrn  zu  entledigen.  Seine  Majestät
Kaiser  Franz  Josef  hat  von  dem  Inhalt  des  Schreibens  Szögyenyis  über
seine  letzte  Unterredung  mit  Eurer  Durchlaucht  Kenntnis  genommen  und
mir  befohlen,  Ihnen  zu  sagen,  daß  Seine  Majestät  Ihrer  Person  und  Ihrem
treuen  Festhalten  an  dem  Bündnis  ein  herzliches  und  dankbares  Andenken
bewahren  werde.“

Der  italienische  Minister  des  Äußern,  Herr  Tommaso  Tittoni,  richtete
ein  längeres  Schreiben  an  mich,  das  ich  in  deutscher  Übersetzung  folgen
lasse:  „Teurer  Fürst  und  Freund,  ich  habe  den  Brief,  den  E.  D.  mir  sandten,
erhalten.  Ihnen  für  den  außerordentlich  liebenswürdigen  Gedanken
dankend,  erlaube  ich  mir  in  italienischer  Sprache  zu  antworten,  der  Sprache,
die  E.  D.  verstehen  und  lieben.  E.  D.  hatten  die  Güte,  der  wohlwollenden
Herzlichkeit,  die  Sie  unseren  persönlichen  Beziehungen  aufgeprägt  haben,
und  der  Sympathie,  die  Sie  immer  für  mein  Land  zeigten,  seit  Sie  eskannten,
noch  einmal  Ausdruck  zu  geben.  Als  Botschafter  in  Rom,  als  Minister  des
Äußern  und  als  Reichskanzler  haben  Sie  stets  die  Interessen  Italiens  im
Einklang  mit  denen  Deutschlands  betrachtet.  Deshalb  konnte  das  Bündnis
zwischen  den  beiden  Staaten  während  Ihrer  ganzen  Amtszeit  fortdauern
und  die  Schwierigkeiten  mancher  delikaten  Situation  überwinden,  weil
E.  D.  in  der  Festhaltung  der  Verträge  den  festen  Willen  und  die  Loyalität
gesetzt  hatten,  die  Sie  auch  das  Recht  hatten  von  uns  zu  erwarten  und  die
von  uns  immer  mit  nicht  weniger  spontanem  Gefühl  und  nicht  weniger
vertrauensvoll  erwidert  wurden.  Nachdem  Sie  freiwillig  Ihren  verantwortungsvollen
  Posten  verlassen,  begleitet  von  der  Achtung  Ihres  Souveräns
  und  umgeben  von  dem  Respekt  und  der  allgemeinen  Bewunderung,
bleiben  E.  D.  die  stärkste  Persönlichkeit  der  deutschen  Politik,  und  mein
politischer  Egoismus  bestimmt  mich,  Sie  noch  als  wertvollen  Mitarbeiter
  zu  betrachten,  an  den  ich  oder  wer  auch  sonst  meinen  Posten
in  Zukunft  bekleiden  wird,  sich  vertrauensvoll  wenden  kann  mit  der  Sicherheit,
  volle  Erwiderung  unserer  Gefühle  zu  finden.  Der  Brief  E.  D.  läßt  mich
        <pb n="460" />
        METTERNICH  361

hoffen,  daß  Sie  sich  für  die  beabsichtigte  Ruhe  nicht  nur  zu  kurzem  Aufenthalt
  in  Rom  niederlassen  werden.  Sie  werden  hier  nicht  nur  Ihre  Gewohnheiten
  wiederaufnehmen  und  teuere  Beziehungen  mit  Ihrer  genialen  Intelligenz
  wieder  anknüpfen  können,  sondern  auch  unsere  Mentalität  verstehen
und  deren  Eindrücke  zu  schätzen  wissen.  E.  D.  haben  sich  nicht  nur  als
Bewunderer  unserer  Vergangenheit  gezeigt,  sondern  Sie  sind  auch  von  der
Bedeutung  unserer  Gegenwart  und  unserer  Zukunft  für  Deutschland  überzeugt.
  Jetzt  unter  uns  lebend,  können  Sie  Zeuge  unserer  Bemühungen  sein,
mit  Würde  den  Frieden  zu  sichern  und  die  Mäßigung  unserer  internationalen
Tätigkeit  wie  die  Gerechtigkeit  unserer  Bestrebungen  feststellen,  die  sich
nicht  nur  aus  den  Akten  der  Regierung  ergibt,  sondern  auch  aus  der  Haltung
  des  gesamten  Volkes.  Ich  bin  sicher,  daß  die  Zuneigung  und  Achtung,
mit  der  E.  D.  uns  immer  beehrt  haben,  hierbei  nur  zunehmen  können.  Ich
werde  mich  beeilen,  Ihren  Majestäten  dem  König  und  der  Königin  und
Ihrer  Majestät  der  Königin  Mutter  die  Gefühle  zur  Kenntnis  zu  bringen,
von  denen  Sie  wünschen,  daß  ich  sie  übermittle.  Dem  On.  Giolitti  und
unseren  zahlreichen  gemeinsamen  Freunden  werde  ich  Ihre  liebenswürdigen
Worte  überbringen.  Als  Minister,  als  Italiener  und  als  Freund  sende  ich
Ihnen  einen  Gruß  dankbarer  Erinnerung.  Wollen  E.  D.  den  Ausdruck
meiner  hohen  Wertschätzung  wie  meiner  unveränderlichen  anhänglichen
Freundschaft  entgegennehmen.“  Zwei  Tage  später  telegraphierte  mir  Tittoni:
„Leurs  Majestes  le  Roi  et  la  Reine  me  telegraphient:  Nous  sommes  tres
sensibles  aux  expressions  contenues  dans  la  lettre  du  Prince  de  Bulow.
Nous  vous  prions  de  lui  exprimer  nos  vifs  remerciments.  Sa  Majeste  la
Reine  mere  me  telegraphie:  Je  vous  prie  d’envoyer  mes  salutations  des
plus  amicales  et  affecteuses  au  Prince  de  Bulow  pour  lequel  j’ai  toujours  eu
une  estime  profonde.“

Als  sich  die  Parteiverhältnisse  im  Reichstage  in  einer  Weise  verschoben
hatten,  die  meinen  Rücktritt  in  den  Bereich  der  Möglichkeit  und  selbst  der
Wahrscheinlichkeit  rückten,  während  ich  mich  gleichzeitig  des  Kaisers
immer  weniger  sicher  fühlte,  hatte  ich  ein  längeres  Schreiben  an  unseren
Botschafter  in  London,  den  Grafen  Metternich,  gerichtet,  um  ihn  über
die  Lage  der  Dinge  in  Berlin  zu  orientieren.  Am  Schluß  meines  Briefes
sagte  ich:  ich  bedauerte,  daß  ich  zurücktreten  müsse,  bevor  ich  die  Möglichkeit
  gehabt  hätte,  mit  England  eine  Verständigung  über  die  Flottenfrage
herbeizuführen.  Ich  sei  einer  solchen  Verständigung  nicht  nur  nicht  abgeneigt,
  sondern  ich  hielte  sie  unter  den  Metternich  bekannten  Voraussetzungen
  im  Interesse  beider  Länder  für  nützlich  und  notwendig.  Ich
glaubte  auch,  daß  ich  bei  längerem  Bleiben  eine  solche  Verständigung  gerade
so  durchgesetzt  hätte,  wie  ich  nach  manchen  „ups  and  downs“  zu  einem
befriedigenden  Abkommen  über  Marokko  gekommen  wäre,  das  unsere

Metternich
        <pb n="461" />
        Hill

362  HILL

Beziehungen  zu  Frankreich  auf  eine  gute  Basis  stelle.  Ich  sei  aber  sicher,  daß
Schön,  der  von  den  besten  Absichten  beseelt  sei,  die  auswärtige  Politik
in  meinem  Sinne  fortführen  werde,  und  ich  übergebe  sie  ihm  in  guter  Verfassung.
  Die  Annahme,  als  ob  außer  den  Parteiverhältnissen  im  Reichstag
andere  Motive  oder  Faktoren  mich  bei  meinem  Rücktritt  beeinflußten,
sei  nicht  zutreffend.  Insbesondere  hätte  ich  bis  zuletzt  das  Vertrauen  S.  M.
des  Kaisers  besessen,  der  sich  ungern  von  mir  trenne.  Ich  hätte  S.  M.  und
Schön  in  ernster  Weise  gesagt,  dal3  ich  im  Interesse  unserer  Beziehungen
zu  England  beiden  nur  dringend  empfehlen  könne,  Graf  Metternich  auf
seinem  Posten  zu  belassen.  Daß  ich  in  diesem  Brief  meinen  Rücktritt  auf  die
Parteiverhältnisse  im  Reichstag  und  nicht  auf  die  Haltung  des  Kaisers
zurückführte,  geschah,  um  gerade  gegenüber  dem  deutschen  Botschafter
am  englischen  Hofe  die  Allerhöchste  Person  nicht  bloßzustellen.  Die  gute
Zensur,  die  ich  dem  Staatssekretär  von  Schön  ausstellte,  hat  dieser  durch
seine  weitere  politische  Tätigkeit  leider  nicht  gerechtfertigt.  Nachdem  mein
Rücktritt  sich  vollzogen  hatte,  bat  ich  Metternich,  dem  König  und  der
Königin  von  England  meinen  Dank  für  die  freundliche  Gesinnung  auszusprechen,
  die  mir  beide  im  Laufe  vieler  Jahre  bewiesen  hätten.  Für  Metternich
  fügte  ich  hinzu,  ich  sei  persönlich  nicht  unglücklich,  nach  zwölfjähriger
  Amtszeit  —  nur  unser  unvergeßlicher  großer  Bismarck  habe
länger  amtiert,  Hardenberg  ebensolange,  Manteuffel  kürzer  —  an  der
Elbe  und  am  historischen  Tiber  als  freier  Mann  meine  letzten  Jahre
zu  verleben.

Metternich  antwortete  mir  am  19.  Juli  1909:  „In  Ausführung  Ihres
Briefes  vom  9.  ds.  Mts.  habe  ich  vor  einigen  Tagen  Gelegenheit  gehabt,
dem  englischen  Königspaar  Ihre  dankbare  Gesinnung  für  das  Ihnen  im
Laufe  der  Jahre  bewiesene  Wohlwollen  persönlich  zu  übermitteln.  Beide
Majestäten  sprachen  mit  viel  Wärme  von  den  langjährigen  persönlichen
Beziehungen,  die  sie  mit  Ihnen  gehabt  hatten.  Der  König  bemerkte,
Ihre  Majestät  habe  Sie  ja  schon  als  Kind  gekannt.  Beide  erkundigten  sich
mit  Interesse  nach  Ihren  zukünftigen  Plänen,  und  ich  erklärte  und  beschrieb
  ihnen,  wo  Sie  und  die  Fürstin,  voraussichtlich  an  der  Elbe,  in
Norderney  und  in  Rom  in  der  von  Ihnen  vor  einigen  Jahren  erworbenen
Villa  Malta,  Ihren  Wohnsitz  nehmen  würden.  Bei  Beendigung  des  Gesprächs
trug  der  König  mir  auf,  Ihnen  seine  besten  Wünsche  für  Ihr  ferneres  Wohlergehen
  auszusprechen,  und  Sie  möchten,  so  wünschte  er  Ihnen,  nun  Ihre
Freiheit  nur  recht  genießen.“

Der  nach  seiner  Ernennung  zum  amerikanischen  Botschafter  in  Berlin
von  Kaiser  Wilhelm  II.  aus  futilen  Gründen  ungnädig  aufgenommene
Mr.  Hill,  den  ich  meinerseits  im  deutschen  Interesse  freundlich  behandelt
hatte,  schon  weil  er  in  seiner  Heimat  Freunde  und  eine  starke  Stellung  hatte,
        <pb n="462" />
        SZÖGYENYI-MARICH  363

schrieb:  „My  dear  Prince  von  Bülow,  your  very  kind  personal  note  of  farewell
  written  at  the  moment  of  your  departure  from  Berlin  was  forwarded
to  me  and  received  at  Geneva.  I  beg  your  Serene  Highness  to  accept  from
me  my  thanks  for  our  official  relations,  which  have  been  to  me  a  source  of
the  greatest  satisfaction  and  are  not  interrupted  without  a  sense  of  loss  and
sincere  regret.  I  shall  never  cease  to  remember  with  gratitude  the  cordial
reception  I  received  from  you  upon  my  arrivalin  Berlin  and  I  hope  to  have
some  occasion  to  demonstrate  the  sincere  affection  I  feel  for  the  great  Empire
  which  you  have  so  long  and  so  faithfully  served.  Please  remember  me
most  kindly  to  Her  Serene  Highness  Princess  von  Bülow  and  believe  me
faithfully  yours  David  S.  Hill.“

Von  österreichischer  Seite  wurde  der  Botschafter  Graf  Szögyenyi
beauftragt,  mir  den  wärmsten  Dank  der  k.  und  k.  Regierung  für  meine
bundestreue  Gesinnung  wie  für  meine  gesamte  „erleuchtete‘“  politische
Tätigkeit  auszusprechen.  Der  gute  Graf  entledigte  sich  dieser  Mission  mit
großer  Emphase.  Das  ofliziöse  „Wiener  Fremdenblatt‘‘  widmete  mir  einen
schwungvollen  Artikel,  in  dem  es  hieß:  „Fürst  Bülow  hat  es  verstanden,
der  Mann  seiner  Zeit  zu  sein.  In  seiner  äußeren  wie  inneren  Politik  läßt  sich
eine  Folgerichtigkeit  nachweisen,  die  sich  durch  alle  scheinbaren  Wandlungen
  hindurchzieht.  Man  weiß  in  Deutschland,  was  man  an  Bülow  verliert,
  aber  auch  wir  nehmen  ungern  von  ihm  Abschied.“  Das  feudal-klerikale
schwarzgelbe  Wiener  „Vaterland“  schrieb:  „Mit  dem  Fürsten  Bülow  scheidet
  ein  Staatsmann  aus  dem  öffentlichen  Leben,  der  eine  ausgeprägte
Persönlichkeit  war  und  auch  seiner  Politik  eine  starke  persönliche  Note  zu
geben  wußte.  Wir  können  nur  die  Hoffnung  ausdrücken,  daß  es  seinem  Nachfolger
  vergönnt  sein  wird,  mit  Österreich-Ungarn  in  ebenso  gutem  Einvernehmen
  zu  amtieren,  als  dies  dem  Fürsten  Bülow  gelang,  denn  in
Deutschlands  vernünftiger  Außenpolitik  liegen  die  Bürgschaften  des  europäischen
  Friedens.‘  Es  konnte  mir  nicht  entgehen,  daß  trotz  solcher  nach
außen  zur  Schau  getragener  Verehrung  mein  Rücktritt  in  Wien  im  Grunde
mehr  Befriedigung  als  Schmerz  hervorrief.  Und  nicht  nur  bei  militärischen
Exaltados  wie  dem  General  Conrad  von  Hötzendorf,  die  es  mir  übelnahmen,
  daß  ich  ihre  Neigung  zu  einem  frischen,  fröhlichen  Krieg,  heute
gegen  Rußland  oder  Italien,  morgen  gegen  Serbien  oder  Rumänien,  stets
energisch  durchkreuzt  hatte,  sondern  auch  bei  manchen  österreichischen
Ministern,  Politikern  und  Diplomaten,  und  das  trotz  der  von  mir  der  habsburgischen
  Monarchie  geleisteten  guten  Dienste.

Der  Grund  lag  auf  der  Hand.  Ich  war  der  Doppelmonarchie  gegenüber
stets  des  oft  von  mir  zitierten  Ausspruchs  des  Fürsten  Talleyrand  eingedenk
geblieben,  daß  jede  Allianz  dem  Verhältnis  zwischen  Reiter  und  Pferd
gliche.  Ich  hatte  Wert  darauf  gelegt  und  es  verstanden,  bei  dem  Bündnis-Szögyenyi
        <pb n="463" />
        Alfred
v.  Berger

364  EIN  SIEGESBANKETT

verhältnis  zu  Österreich  den  Reiter  zu  spielen.  Ich  erlaubte  Österreich
keine  rollenwidrigen  Seitensprünge  und  war  auch,  und  gerade  während  der
bosnischen  Krise,  allen  kriegerischen  Velleitäten  in  Wien  und  Pest  scharf
entgegengetreten.  Ich  hatte  während  dieser  Krise  die  deutsche  Politik  so
geführt,  daß  ich  Österreich  schützte  und  stützte,  es  aber  doch  nicht  wegen
Österreichs  und  durch  Österreich  zu  einer  dauernden  Entfremdung  oder
gar  zu  einem  Zusammenstoß  zwischen  Deutschland  und  Rußland  kommen
ließ.  Der  österreichische  Historiker  Friedjung,  der  ttrotzseiner  Sympathien
für  Deutschland  und  seiner  deutschen  Kultur  innerlich  ganz  Österreicher,
schwarzgelber  Österreicher  war,  faßt  in  seinem  Werk  über  das  Zeitalter  des
Imperialismus  das  Ergebnis  des  bosnischen  Annexionsstreits  in  die  sauersüßen
  Worte  zusammen:  „Während  nun  Österreich-Ungarn  aus  der  bosnischen
  Krise  nicht  ohne  Einbußen  hervorging,  war  der  von  Deutschland
1909  errungene  Erfolg  völlig  ungetrübt.  Bülow  verstand  es  sogar,  mit
Iswolski  auf  fast  freundschaftlichem  Fuße  zu  bleiben.“  Und  endlich  hatte
ich  österreichische  Versuche,  unsere  Ostmarkenpolitik  zu  sabotieren,  nicht
geduldet.  Derartige  Versuche  erfolgten  teils  durch  den  Fürsten  Max
Fürstenberg  direkt  bei  Kaiser  Wilhelm,  teils  durch  den  Botschafter
Szögyenyi  auf  gesellschaftlichem  Wege.

Die  geringe  Beliebtheit,  deren  ich  mich  namentlich  bei  der  jüngeren
k.  und  k.  Diplomatie  erfreute,  trat  in  beinahe  grotesker  Weise  zutage,  als,
bald  nachdem  ich  meinen  Abschied  eingereicht  hatte,  die  Sekretäre  und
Attaches  der  österreichisch-ungarischen  Botschaft  in  Berlin  sich  an  einem
Diner  beteiligten,  das  aristokratische  Mitglieder  der  Zentrumspartei  zur
Feier  meines  Rücktritts  in  einem  großen  Berliner  Hotel  veranstalteten.
Den  Vorsitz  bei  diesem  Sieges-  und  Freudenfest  führte  der  damalige  Zentrumsabgeordnete
  Graf  Hans  Oppersdorff,  der  spätere  Überläufer  zu  den
Polen  und  Landesverräter,  der  sich  für  dieses  Präsidium  in  der  Tat  wie
kein  anderer  qualifizierte.  Der  österreichisch-ungarische  Botschafter  Graf
Szögyenyi  erschien,  sobald  er  von  dieser  Taktlosigkeit  erfuhr,  bei  mir,  um
mir  sein  Bedauern  auszusprechen  und  mir  gleichzeitig  zu  sagen,  daß  er  den
Schuldigen  einen  strengen  Verweis  erteilt  habe.  Aus  den  nach  dem  Umsturz
  von  1918  erfolgten  Wiener  Publikationen  ist  übrigens  zu  erschen,  daß
nach  dem  Sturz  des  Fürsten  Bismarck  der  damalige  österreichischungarische
  Botschafter  in  Berlin,  Graf  Emmerich  Szechönyji,  alles  in  allem
Genugtuung  empfand.  Ich  bin  also,  was  die  intimen  Gefühle  mancher
Österreicher  mir  gegenüber  betrifft,  in  guter  Gesellschaft.

Aus  Wien  schrieb  mir  der  Schriftsteller  Alfred  von  Berger,  früher
Leiter  des  Deutschen  Schauspielhauses  in  Hamburg,  dann  Direktor  des
Hofburgtheaters  in  Wien:  „Welch  unermeßlichen  Schatz  von  Vertrauen  und
Bewunderung  Sie  aus  jenen  Schichten  des  deutschen  Volkes,  die  von  Partei-
        <pb n="464" />
        LITERATUR  365

leidenschaft  und  Parlamentstaktik  unberührt  sind,  ins  Privatleben  mitnehmen,
  das  weiß  ich  aus  ungezählten  Äußerungen.  Viele  werden  sich  freuen,
daß  esIhnen  möglich  ist,  sich  in  voller  Frische  zurückzuziehen,  weilsie  daraus
die  Hoffnung  schöpfen,  daß  es  dem  Vaterland  in  zukünftigen  schweren
Zeiten,  deren  banges  Vorgefühl  sehr  vieleim  Innersten  tragen  und  verbergen,
an  einem  erfahrenen  und  weisen  Berater  und  Helfer  nicht  fehlen  wird.“

Aus  Blankenese  schrieb  mir  mein  Nachbar  und  engerer  Landsmann
Gustav  Frenssen,  der  Dichter  und  Verfasser  von  „Jörn  Uhl“  und  der
„Drei  Getreuen“:  „Euer  Durchlaucht  will  auch  ich,  dessen  Freude  es  ist,
das  Leben  tapferer,  ernster  Menschen  zu  bedenken  und  zu  erzählen,  Dank
sagen  für  das,  was  Sie  für  das  Land  getan  haben.  In  langjähriger  Anhänglichkeit
  und  Verehrung  bin  ich  Ihr  ergebenster  Gustav  Frenssen.‘“  Ein
anderer  Dichter-Freund  von  mir,  Adolf  Wilbrandt,  schrieb:  „Lieber,
teuerer,  verehrtester  Freund,  ich  kämpfe  schon  so  viele  Tage  mit  dem  Trieb
und  Umtrieb,  Ihnen  zu  schreiben.  So  schwer  ward  mir  nicht  oft  etwas.
Daß  es  Wahrheit  werden  sollte,  daß  wir  Sie  nicht  mehr  als  Reichskanzler
haben  —  welches  Schicksal  für  uns!  Für  mich!  Denn  keiner  hat  wohl  tiefer
gefühlt,  was  Sie  uns  waren,  was  Sie  uns  bedeuten.  Was  für  Konservative
haben  wir!  Oder  vielmehr,  wie  werden  sie  geführt!  Ich  bin  tief  gebeugt.  Im
tiefsten  Innern  sagt  mir  etwas:  Sie  kommen  wieder.  Vielleicht  in  vier,  fünf
Jahren  sind  Sie  wieder  in  der  Wilhelmstraße!  Ich  hoffe  es!“

Auch  Gerhart  Hauptmann  sprach  mir  in  herzlichen  Worten  seinen
Schmerz  über  meinen  Rücktritt  wie  Sympathie  und  Freundschaft  aus.
Der  Bibliothekar  der  Wartburg,  der  Dichter  Richard  Voß,  telegraphierte
meiner  Frau:  „Mit  der  Nation  spreche  ich  Ihnen  meine  tiefbewegte  Empfindung
  aus,  daß  Deutschland  das  Unglück  hat,  seinen  Kanzler  zu  verlieren
und  Sie  scheiden  zu  sehen.“

Aus  der  Schweiz,  wo  er  einen  Erholungsurlaub  zugebracht  hatte,
schrieb  mir  trotz  seiner  langjährigen  nahen  Beziehungen  zu  Wilhelm  II.
der  Generalsuperintendent  der  Kurmark,  der  Oberhofprediger  Ernst  von
Dryander:  „Euer  Durchlaucht  wollen  es  nicht  für  Unbescheidenheit
halten,  wenn  ich  mir  gestatte,  aus  den  Bergen,  in  die  die  Ereignisse  der  Zeit
erst  einige  Tage  später  gelangen,  meine  wärmste  und  zugleich  schmerzlichste
  Anteilnahme  an  den  politischen  Ereignissen  zum  Ausdruck  zu
bringen.  Es  drängt  mich  bei  dem  mir  unverständlichen  und  meines  Dafürhaltens
  nicht  in  der  Sache  selbst  begründeten  Verhalten  der  Konservativen
Partei,  deren  Hospitant  ich  im  Herrenhause  bin,  Euer  Durchlaucht  meine
volle  Sympathie  und  den  ehrerbietigsten  Dank  für  die  starke  und  glanzvolle
Leitung  der  Geschäfte  des  Vaterlandes  auszusprechen  sowie  mein  inniges
Bedauern,  daß  die  großzügige,  von  Euer  Durchlaucht  übernommene
Finanzreform  mit  dem  Resultat  endet,  daß,  abgesehen  von  allen  andern,

Frenssen,

Wilbrandt

Hauptmann,
Voß

Dryander
        <pb n="465" />
        Gabriel
Monod

366  MONOD

das  Reich  der  starken  und  zielbewußten  Hand  Euer  Durchlaucht  beraubt
wird.“  Adolf  von  Harnack,  der,  seitdem  die  kaiserliche  Gnadensonne,  an
deren  Strahlen  er  sich  so  gern  wärmte,  mir  nicht  mehr  leuchtete,  sich  langsam
  und  vorsichtig  von  mir  zurückzog,  sandte  mir,  wohl  weil  ihn  meine
Frau  eingeladen  hatte,  in  der  Villa  Malta  bei  uns  Wohnung  zu  nehmen,
wenn  er  im  nächsten  Winter  in  Berufspflichten  nach  Rom  kommen  würde,
einen  liebenswürdigen  Abschiedsgruß:  „Hochverehrter  Fürst  und  Herr!
Für  alles  Wohlwollen,  für  alles  Vertrauen  und  für  die  mich  beglückende
Freundschaft  Ihnen  aus  bewegter  Seele  zu  danken,  ist  mir  ein  tiefes  Bedürfnis.
  Und  lassen  mich  Eure  Durchlaucht  auch  dafür  danken,  daß  Sie  in
unseren  Staat  mit  seinen  harten  und  bürokratischen  Formen  den  Geist  der
Humanität  und  der  Freiheit  hineingetragen  haben,  jener  duldsamen  und
freudigen  Freiheit,  die  soviel.Gutes  zu  stiften  und  soviel  Widriges  zu
dulden  vermag  wie  die  Liebe.  Eben  diese  Freiheit  werden  Sie  und  Ihre
teuere  und  verehrte  I’rau  Gemahlin  auch  über  jedes  Geschick  triumphieren
lassen.  Debellantes  inimicos  ab  amicis  prodimur  (Während  wir  unsere
Feinde  niederkämpfen,  werden  wir  von  unseren  Freunden  verraten)  ist
die  alte  Regel,  nach  welcher  Helden  leiden.  Aber  was  Sie  geschaffen  haben,
kann  nicht  zermalmt  werden,  sondern  wird  bleiben,  teils  schon  jetzt,  teils
als  Weissagung  für  die  Zukunft.  In  treuester  Anhänglichkeit  und  tiefster
Verehrung  Eurer  Durchlaucht  ergebenster  von  Harnack.“
Meine  und  meiner  Frau  Lebensfreundin,  die  sechs  Jahre  früher  am
26.  April  1903  verstorbene  Malvida  von  Meysenbug,  hatte,  wie  alle  Leser
ihrer  so  weit  verbreiteten  „Memoiren  einer  Idealistin“  wissen,  eine  Adoptivtochter,
  Olga  Herzen,  die  Tochter  des  radikalen  russischen  Publizisten  und
Agitators  Alexander  Iwanowitsch  Herzen.  Der  war  der  Sohn  eines  russischen
Fürsten  Jakowleff  und  eines  schwäbischen  Mägdeleins,  Luischen  Haag
aus  Stuttgart.  Herzen  war  von  Kaiser  Nikolaus,  weil  er  Hegel  gelesen  hatte,
nach  Sibirien  verschickt  worden.  Alexander  II.  begnadigte  ihn,  aber  nur,
um  ihn  in  Nowgorod  zu  internieren.  Von  dort  gelang  es  ihm,  nach  London
zu  fliehen,  wo  er  die  Monatsrevue  „Kolokol“  (die  Glocke)  herausgab,  die
zum  erstenmal  im  Namen  der  Grundsätze  der  Französischen  Revolution
Sturm  gegen  den  Zarismus  läutete,  der  bis  dahin  nur  durch  Palastrevolutionen
  und  Adelsverschwörungen  bekämpft  worden  war.  Malvida  hatte
ihre  Adoptivtochter  Olga  Herzen  mit  einem  ausgezeichneten  französischen
Gelehrten,  dem  Historiker,  Direktor  der  Revue  historique  und  der  Ecole
normale  in  Paris,  Gabriel  Monod,  vermählt.  Ein  patriotischer  Franzose,
war  cr  gleichzeitig  aus  Gründen  der  Humanität  wie  der  Vernunft  ein  aufrichtiger
  Friedensfreund.  Er  schrieb  an  meine  Frau:  „Nous  avons  suivi  les
€venements  de  la  dernitre  semaine  avec  une  vive  sympathie,  sympathie  qui
n’ctait  pas  seulement  dict€e  par  notre  amitie  pour  Monsieur  de  Bulow  et
        <pb n="466" />
        DR.  BREUER  —  CURTI  367

pour  Vous,  mais  aussi  par  la  conviction  que  la  politique  de  M.  de  Bulow
etait  aussi  utile  aux  interets  generaux  de  la  Civilisation  qu’aux  interöts
speciaux  de  V’Allemagne.  Beaucoup  de  mes  compatriotes  en  jugent  autrement
  que  moi  et  croient  que  la  politique  du  Chancelier  €tait  &amp;amp;troitement
nationale  et  inspiree  par  des  sentiments  hostiles  ä  la  France  et  a  l’Angleterre.
J’ai  toujours  soutenu  vis-a-vis  des  amis  qui  pensaient  ainsi  que  si  M.  de
Bulow,  comme  c’ötait  son  devoir,  mettait  les  interöts  permanents  de
l’Allemagne  au  premier  rang  de  ses  pr&amp;amp;ocoupations,  il  regardait  le  maintien
de  la  paix  comme  le  premier  de  ses  int£röts  et  consid£rait  les  bons  rapports
de  la  France  avec  l’Allemagne  comme  necessaires  au  maintien  de  la  paix.
Bien  loin  qu’il  ait  jamais  cherche  ä  troubler  ces  rapports,  je  suis  persuad&amp;amp;
que  son  action  personelle  a  toujours  tendu  ä  @viter  les  imprudences  qui
pouvaient  la  compromettre.  Mais  toute  politique  &amp;amp;  part,  car  chaque  pays
et  chaque  ministre  a  le  droit  d’entendre  ses  devoirs  a  sa  maniere,  nous
avons  constamment  pense  a  vous  pendant  cette  crise,  souffrant  pour  Vous
de  ce  qu’elle  a  pu  avoir  de  penible,  et  nous  nous  sommes  aussi  r&amp;amp;joui  que
M.  de  Bulow  puisse  apr&amp;amp;s  ces  anne&amp;amp;es  de  dur  et  utile  labeur  jouir  d’un  repos
bien  merite.‘“

Im  Auftrage  der  Freien  Vereinigung  für  die  Interessen  des  orthodoxen
Judentums,  dem,  wie  vordem  mein  seliger  Vater  in  dem  kleinen  Großherzogtum
  Mecklenburg-Strelitz,  so  auch  ich  in  größerem  Wirkungskreis
freundlich  gegenübergestanden  hatte,  richtete  der  Rabbiner  Dr.  Breuer
das  nachstehende  Telegramm  an  mich:  „In  dem  Augenblick,  da  Euer
Durchlaucht  nach  jahrzehntelangem  rastlosem  Wirken  für  das  Vaterlandswohl
  Ihre  öffentliche  Tätigkeit  abschließen,  ist  es  uns  Herzensbedürfnis,
  im  Namen  der  von  uns  vertretenen  religiös-konservativen  Judenheit
Deutschlands  für  das  von  Euer  Durchlaucht  unseren  religiösen  Interessen
betätigte  Wohlwollen  aufrichtigen  Dank  auszusprechen.  Insbesondere
gedenken  wir  mit  inniger  Dankbarkeit  jener  unserem  zweiten  Vorsitzenden
im  vorigen  Jahre  in  Norderney  in  liebenswürdiger  Weise  bezeigten  Würdigung
  unseres  bedeutungsschweren  religiösen  Anliegens  in  Sachen  der
Sonntagsruhe.  Wir  haben  diesen  gegenwärtig  in  Norderney  weilenden
zweiten  Vorsitzenden  beauftragt,  diese  dankbaren  Gesinnungen  und  die
warmen  Segenswünsche  der  gesetzestreuen  Judenheit  für  Euer  Durchlaucht
  ferneres  Ergehen  persönlich  zum  Ausdruck  zu  bringen.“

Der  Chefredakteur  der  „Frankfurter  Zeitung“,  Theodor  Curti,  schrieb
mir:  „Der  Unterzeichnete  kann  sich  nicht  versagen,  es  auszusprechen,  wie
sehr  er  Ihren  Rücktritt  von  dem  hohen  Amte  bedauert.  Eine  Zeitlang
wollte  es  scheinen,  als  manifestiere  sich  in  weiten  Schichten  des  deutschen
Volkes  über  die  Klüfte  der  Parteiung  hinweg  ein  starkes  Verlangen  nach
Vermittelung  und  Verständigung,  das  zu  einem  freieren  Regime  führen

Dr.  Breuer

Theodor
Curti
        <pb n="467" />
        368  EIN  UNBEKANNTER

werde.  Diese  große,  nun  schr  geschwächte  Hoffnung  war  an  die  Autorität
Ihres  Namens  geknüpft.  Persönlich  hatte  ich  auch  die  Überzeugung  und
freute  mich  darob,  daß  Ihre  so  vornehme  Bildung,  in  den  Dienst  des
Staatswesens  gestellt,  den  Wert  eines  nationalen  Gutes  besitze.  Mit  den
vielen  und  gewichtigen  Stimmen,  die  Ihr  Scheiden  beklagen,  glaube  ich
auch  meine  Stimme  vereinigen  zu  dürfen,  und  ich  bin  mit  der  größten  Hochachtung
  und  Ehrerbietung  Ihr  ergebenster  Curti.““  Die  „Frankfurter
Zeitung‘  hatte  mich  und  namentlich  meine  wirtschaftliche  Politik  während
meiner  Amtszeit  oft  und  bisweilen  scharf  bekämpft.  Ihr  damaliger  Chefredakteur
  war  von  Geburt  Schweizer.  Vielleicht  ist  es  darauf  zurückzuführen,
  daß  er  mich  und  meine  Wirksamkeit  vorurteilsloser  würdigte,  als
dies  bei  uns  unter  politischen  Gegnern  des  Landes  der  Brauch  ist.

Ich  habe  schon  früher  einen  vieljährigen  Schweizer  Freund  erwähnt,
der  in  Paris  lebte,  aber  auch  dort  an  seinen  pazifistischen  Idealen  festgehalten
  hatte.  Er  hatte  mancherlei  politische  Verbindungen  und  nicht  nur
in  Frankreich.  Er  schrieb  mir  schon  am  1.  Juli  1909:  „‚Über  alles  das,  was
in  Berlin  vorgeht,  bin  ich  um  so  mehr  traurig,  weil  ich  die  geheimen  Fäden
kenne,  welche  hinter  den  Kulissen  gesponnen  sind,  weil  ich  den  länger  schon
gefaßten  Entschluß  eines  mächtigen  Faktors  kenne,  der  dermalen  noch
fast  allmächtig  in  Deutschland  ist.  Den  Fürsten  von  Bülow  kann  niemand
mit  Nutzen  für  den  Staat  ersetzen,  besonders  in  einer  Epoche,  in  der  große
Entscheidungen  für  die  Zukunft  der  Welt  sich  vorbereiten.  Dii  minorum
gentium  sind  in  Deutschland  viel  auf  dem  Plan,  aber  kein  Politiker,  der  dem
Fürsten  Bülow  gewachsen  ist.  Das  sollte  man  an  gewisser  Stelle  erkennen,
erschauen.“  Mit  dem  in  Deutschland  fast  noch  allmächtigen  Faktor  ist
natürlich  Wilhelm  II.  gemeint.

Von  mir  unbekannter  Seite  erhielt  ich  am  Tage  meiner  Abreise  aus

Berlin  die  nachstehenden  Verse:

Fürst  Bülow.

Er  scheidet  aus  dem  Amt,  des  er  gewaltet

Mit  kluger  Kraft  und  einer  feinen  Kunst.
Was  er  geschaut,  gewollt  hat  und  gestaltet,
Hoch  ragt  es  über  Launenspiel  und  Gunst.
Ein  ganzer  Mensch!  Sein  Name  wird  nicht  schwinden
Vom  Meilenstein  der  ruhelosen  Zeit.

Er,  dem  selbstmörderisch  die  blöden  Blinden
Den  Lorbeer  flochten  der  Undankbarkeit.

Ein  Mann  des  Glücks  für  seiner  Heimat  Ehre,
Des  Glücks  für  seines  eignen  Wesens  Art,

So  geht  er  fort  in  Waffenschmuck  und  Wehre,
Die  Sonne  leuchtet  seiner  Lebensfahrt.
        <pb n="468" />
        DIE  KREUZZEITUNG  369

Durch  den  Blätterwald  der  deutschen  Presse  ging  nach  meinem  Rücktritt
  ein  starkes  Rauschen.  Es  ist  dem  Deutschen  nicht  gegeben  wie  dem
Franzosen,  Italiener  und  Engländer,  jeden  Staatsmann,  der  sich  Verdienste
um  das  Land  erworben  und  im  öffentlichen  Leben  eine  Rolle  gespielt  hat,
mehr  nach  seinen  Vorzügen  als  nach  seinen  Mängeln,  mehr  nach  seinen
Erfolgen  als  nach  seinen  Mißerfolgen  zu  beurteilen  und  ihn  so  in  das
Nationalmuseum  einzurangieren.  Bei  uns  überwiegt  meist  die  Kritik,  oft
eine  allzu  kleinliche,  noch  öfter  eine  spießbürgerliche  Kritik.  Immerhin
gestand  auch  die  „Kreuzzeitung‘,  obwohl  sie  erklärte,  meine  Meinungsverschiedenheit
  mit  der  Konservativen  Partei  auf  das  tiefste  zu  bedauern:
„In  der  auswärtigen  Politik  fand  der  vierte  Kanzler  die  gewaltige  Aufgabe
vor,  unsere  kontinentale  Position  gegen  die  Schwierigkeiten  zu  behaupten,
mit  denen  schon  Bismarck  gekämpft  hatte,  und  dazu  noch  die  wegen  der
Entwicklung  unserer  überseeischen  Interessen,  unserer  Exportindustrie
und  unseres  Außenhandels  schwierig  gewordene  Aufgabe,  gute  Beziehungen
zu  England,  Japan  und  Amerika  zu  pflegen:  das  ist  ihm  meisterhaft  gelungen.
  Kein  beachtenswerter  Gegner  des  Fürsten  Bülow  hat  dieses  sein
Verdienst  je  zu  bestreiten  versucht.  Von  alldeutscher  Seite  ist  es  ihm  oft
schwer  genug  gemacht  worden,  gute  Beziehungen  zu  England  zu  pflegen;
in  der  Marokko-Angelegenheit  haben  die  Freisinnigen  mit  ebensoviel  Eifer
wie  Ungeschick  seine  Kreise  zu  stören  gesucht.  Die  ruhige  und  umsichtige
Art  des  Kanzlers  hat  fast  immer  diese  Hindernisse  beiseitezuschieben
gewußt,  so  daß  seine  Führung  unserer  auswärtigen  Politik  auch  in  stürmischer
  Zeit  im  Lande  selbst  den  Eindruck  absoluter  Zielsicherheit  machte
und  ihre  Erfolge  mehr  im  Auslande  als  bei  den  Deutschen  selbst  Überraschung
  und  Staunen  hervorriefen.  Man  spricht  so  viel  von  den  ästhetischen
Neigungen  des  Fürsten  Bülow,  auch  von  der  Kunst  seiner  Rede  und  seiner
Geste.  Ein  größerer  Künstler  war  er,  wo  er  schweigend  handelte.  Da
mußte  allemal  vor  dem  Resultat  auch  die  grundsätzlich  alles  besser
wissende  Kritik  verstummen.“

Wenn  ich  für  Anerkennung  von  seiten  meiner  Landsleute  in  der  deutschen
  Presse  dankbar  war,  so  gereichten  mir  doch  vom  Standpunkt  des
Argumentum  e  contrario  einige  prägnante  Äußerungen  ausländischer
und  namentlich  großer  englischer  Blätter  noch  mehr  zur  Genugtuung.
Das  Organ  des  Foreign  Office,  die  „Morning  Post“,  schrieb  bei  meinem
Rücktritt:  „Es  ist  für  die  Gegner  des  Fürsten  Bülow  nicht  angenehm,  zu
konstatieren,  aber  es  trifft  zu,  daß  Deutschland  seit  lange  nicht  so  stark  und
mächtig  dagestanden  hat  wie  jetzt.“  Der  Londoner  „Daily  Telegraph“
meinte:  Fürst  Bülow  trete  vom  Amt  zurück,  nachdem  er  mehr  als  irgendein
anderer  dazu  beigetragen  habe,  die  Geschicke  des  deutschen  Staates  durch
eine  Periode  außerordentlicher  Schwierigkeiten  hindurchzusteuern.  Es

24  Bülow  IH

Die  deutsche
Presse

Die  englische
Presse
        <pb n="469" />
        Französische
Presse

370  DAS  AUSLAND

hieß  weiterin  dem  Leitartikel  des  großen  englischen  Blattes:  „Im  gegenwärtigen
  Moment  ist  die  deutsche  Macht  wieder  verhältnismäßig  so  vorherrschend
  in  Europa  wie  in  den  stärksten  Phasen  der  Bismarckschen
Regierung.  Es  ist  vor  allem  eine  Tatsache,  daß  zur  Stunde  die  Stellung  des
Deutschen  Reiches  in  jeder  Hinsicht  glänzender,  gedeihlicher  und  machtvoller
  ist  als  zu  der  Zeit,  da  Fürst  Bülow  sein  Amt  antrat.‘  In  englischen
Augen,  führte  das  Londoner  Blatt  weiter  aus,  wäre  es  das  Merkwürdigste  an
dem  Fürsten  Bülow  gewesen,  daß  er,  ein  Staatsmann  ohne  parlamentarische
Erfahrung,  sich  sofort  als  der  beste  parlamentarische  Sprecher  des  Festlandes
  mit  der  alleinigen  Ausnahme  Clemenceaus  betätigt  habe.  Neben
seinem  dialektischen  Geschick  habe  er  einen  Schatz  von  gesundem  Menschenverstand
  in  den  Geschäften  bewiesen.  Der  Artikel  schloß  mit  dem  Ausdruck
  der  Besorgnis,  daß  nach  dem  Rücktritt  des  Fürsten  Bülow  die  persönliche
  Initiative  des  Deutschen  Kaisers  mehr  als  früher  der  überwiegende
Einfluß  im  Staate  sein  würde.  Die  persönlichen  Beziehungen  dieses  Kanzlers
zu  seinem  Souverän  wären  immer  schwieriger  geworden,  was  im  Interesse
des  Friedens  bedauerlich  gewesen  sei,  denn  die  vorbeugende  Wirksamkeit
der  Staatsklughbeit  des  Fürsten  Bülow  würde  voraussichtlich  einmal  als
höchst  wertvoll  zutage  treten.

Sehr  amüsierte  mich  das  nachstehende  Porträt,  das  der  Pariser  „Figaro“
von  mir  gab:  „Ein  vollendeter  Turnkünstler,  Flötenspieler  und  Seiltänzer,
ein  ausgezeichneter  Improvisator,  ein  offener,  aber  von  keinem  Skrupel
zurückgehaltener  Geist.  Eher  träge  von  Natur,  aber  mit  einem  durch  den
Erhaltungstrieb  in  Spannung  gehaltenen  Willen,  von  wunderbarer  Geschicklichkeit
  zur  Umkehr.  Wenn  die  Schwierigkeiten  kommen,  ist  er  sicherlich
nicht  derjenige,  den  die  Widersprüche  und  Schwenkungen  in  Verlegenheit
setzen.“  Der  grundsätzlich  sehr  deutschfeindliche  „Temps“,  das  einflußreichste
  französische  Blatt,  schloß  nach  einer  Anerkennung  der
großen  persönlichen  Eigenschaften,  die  den  Fürsten  Bülow  ausgezeichnet
hätten,  seinen  Artikel  über  dessen  auswärtige  Politik  mit  den  Worten:
„Auch  diejenigen,  und  Frankreich  gehört  dazu,  die  sich  nicht  immer  über
ihn  zu  freuen  hatten,  verschließen  die  Augen  nicht  seinen  Verdiensten,  und
sie  erinnern  sich,  daß  er  wenigstens  Schmiegsamkeit  genug  besaß,  um  die
äußersten  Krisen  zu  vermeiden,  die  aus  geringfügigen  Gründen  Frankreich
und  Deutschland  aneinandergebracht  hätten.“

Ich  batte  nie  ein  Hehl  daraus  gemacht,  daß  ich  die  Ostmarkenfrage
für  die  wichtigste  Frage  der  inneren  preußischen  Politik  hielte,  daß  ich  sie
als  eine  Lebensfrage  des  deutschen  Volkes  betrachtete  und  als  solche
behandelte.  Aus  keinem  Teil  des  Vaterlandes  gingen  mir  beim  Ausscheiden
so  viele  und  so  herzliche  Kundgebungen  des  Bedauerns  zu  wie  aus  dem
Osten  der  Monarchie;  freilich  auch  Zuschriften,  bei  denen  der  Unterton  der
        <pb n="470" />
        EHRUNGEN  371

Sorge  für  die  Zukunft  der  Ostmark  unverkennbar  war.  Der  Deutsche  Ostmarkenverein
  telegraphierte  mir:  „Inder  Geschichte  des  seit  Jahrhunderten
währenden  Kampfes  um  die  Ostmark  wird  der  Name  Fürst  von  Bülow  als
treuerVorkämpfer  fürdas  DeutschtumeineneerstenPlatzerhalten.“  Besonders
herzlich  war  die  Kundgebung,  die  ich  bei  meinem  Rücktritt  von  der  Stadt
Bromberg  erhielt,  deren  Ehrenbürger  ich  seit  Jahren  war.  Wie  manchmal
habe  ich  im  Jammer  und  Elend  der  Gegenwart  an  den  Gruß  der  Bromberger
zurückgedacht.  Nessun  maggior  dolore  che  ricordarsi  del  tempo  felice  nella
miseria.  Die  damals  blühende,  ganz  überwiegend  deutsche  Stadt  Bromberg
heißt  heute  Bydgocz.  Die  deutschen  Schulen  sind  unterdrückt,  die  deutschen
Lädenund  Geschäfte  geschl  Hunderte  von  deutschen  Beamt
Kaufleuten  und  Handwerkern  wurden  vertrieben,  der  Kern  der  deutschen
Bürgerschaft  mußte  ihre  einst  so  blühende  Vaterstadt  verlassen,  die  1772  der
große  König  aus  polnischem  Elend  und  polnischer  Sklaverei  erlöst  hatte.

Im  Gegensatz  zu  dem  Bund  der  Landwirte,  der,  zu  einseitig  auf  Agitation
eingestellt,  der  Erbschaftssteuer  eine  törichte  Opposition  gemacht  hatte,
fand  ich  bis  zuletzt  die  Unterstützung  des  Deutschen  Landwirtschaftsrats,
dessen  ausgezeichneter  Präsident,  der  Reichstags-  und  Landtagsabgeordnete
Graf  Hans  von  Schwerin-Löwitz,  mich  bei  meinem  Rücktritt  der
„unvergänglichen  und  ungeteilten“‘  Dankbarkeit  aller  deutschen  Landwirte
  versicherte.  Daß  bei  meiner  landwirtschaftsfreundlichen  Wirtschaftspolitik
  Industrie,  Handel  und  Schiffahrt  nicht  zu  kurz  gekommen  waren,
bewies  das  nachstehende  Telegramm,  das  der  Generaldirektor  der  Hamburg-Amerika-Linie,
  Albert  Ballin,  an  mich  richtete:  „Eurer  Durchlaucht
Kanzlerzeit  hat  die  stärkste  Entwicklung  und  reichste  Blüte  von  Industrie,
Handel  und  Verkehr  geschen,  die  Deutschland  jemals  erlebt  hat.  Für  diese
Ihre  Fürsorge  für  Deutschlands  wirtschaftliche  Interessen  daheim  und  in
der  Welt  bleiben  Eurer  Durchlaucht  die  Vertreter  von  Handel,  Gewerbe
und  Industrie  zu  unwandelbarer  Dankbarkeit  verpflichtet.  Zum  Gedächtnis
dessen  werde  ich  der  Hamburg-Amerika-Linie  vorschlagen,  den  nächsten
größeren  Dampfer  durch  den  Namen  ‚Fürst  von  Bülow‘  zu  ehren.“  Die
Alma  mater  Berolinensis  sandte  dem  „treuen  Freunde  und  freisinnigen
Jünger  der  Wissenschaft“  ihren  herzlichen  Abschiedsgruß  und  „tausend
Wünsche  ad  maltos  annos  für  einen  durch  die  dankbare  Anerkennung  des
deutschen  Volkes  verschönten  Lebensabend“.  Die  Akademie  zu  Posen  bat
mich,  die  Ehrenmitgliedschaft  der  Akademie  anzunehmen,  die  in  mir  ihren
tatkräftigen  Mitbegründer  und  Förderer  verehre.  Der  Magistrat  von  Berlin
beschloß,  dem  Babelsberger  Platz  den  Namen  ‚„‚Fürst-Bülow-Platz‘‘  zu  geben.

‚Lehrern,

 

Der  Ostmarkenverein



Schwerin-Löwitz


Ballin
        <pb n="471" />
        <pb n="472" />
        NAMEN-  UND  SACHREGISTER  FÜR  BAND  I-III

Die  römischen  Ziffern  bezeichnen  die  Bünde,  die  arabischen
Ziffern  die  Seiten,  Kursivziffern  verweisen  auf  die  Beilagen

Abdul  HamidII.,  Sultan,
1876—1909  (}  1912).  Besuch
  des  Kaisers  und  der
Kaiserin  bei  ihm,  Charakteristik.
  I  2491,  Sturz
durch  die  Revolution  von
1908.  II  330£.

Acton,  Lord,  engl.  Kistoriker.
  I  340.

Adalbert,  Prinz  von  Preu-Ben,
  Sohn  Wilhelms  II.
I  384,  387.  III  303.

Adelgunde,  Herzogin  von
Modena,  Schwester  des
Prinzregenten  Luitpold.
1478.

Adolf,  Prinz  von  Schaumburg-Lippe,
  Schwager  des
Kaisers  (f  1916).  Legt  die
Regentschaft  über  Lippe-Detmold
  nieder,  Telegramm
  des  Kaisers  anihn.
I  51.  Wilhelms  II,  Prätendent.
  I  222,  267.  Von
Philipp  Eulenburg  als
Konkurrent  fürStraßburg
gefürchtet.  1  506.  Bonner
Königshusar.  I  577.

Achrenthal,  Aloys,  Freiherr
  Lexa,  dann  Graf,
Gesandter  in  Bukarest,
dann  Botschafter  in  Petersburg,
  seit  Oktober
1906  österreichisch  -  ungarischer
  Minister  des
Äußern  (}  1912).  Charukteristik.
  II  3341.  Droht
Rußland  mit  Veröffent- 



NAMENREGISTER

lichung  der  Geheimdokumente.
  II  400.  Das  Tuch
zwischen  ihm  und  Rußland
  zerschnitten.  II  402f.
Unterstützt  Bülows  Warnungen
  vor  Kriegsdrängen
  Conrads.  Il  405f.  Der
sterbende  Achrenthal.  II
406.  Iarden  über  ihn.  II
467.  Taf.  II  332.  —  Brief
an  Bülow  nach  dessen
Rücktritt.  III  359£.

Agliardi,  Kardinal.  I  621.

Albany,  Herzogin  Helene,
geb.  Waldeck.  1  306.

Albedyll,Emilv.,  General,
1871—1888  Chef  des  Militärkabinetts.
  III  161.

Albert,  König  von  Sachsen,
1873—1902.  Vorsitzender
im  Schiedsgericht  für  Lippe-Detmold.
  I  51.  Über
die  Sozialdemokratie.  I
351,  491.  Charakteristik.
I  489ff.  Über  Bismarck.
I  490f.  Tod.  I  551.
Tolerant.  1  590.

Albert  (Prince-Consort),
Prinz  von  Sachsen-Koburg-Gotha,
  Gatte  der
Königin  Victoria  (f  1861).
1339,  535.

Albert,  Prinz  von  Holstein.
  Gast  bei  Nordlandreise.
  I  349,  350.

Albert,  Fürst  von  Monaco.
I  305,  452,  455,  574.  In
Kie!  (1909).  IE  512,  S14f.

 

Albrecht,  Prinz  von
Preußen  (Vater)  (t  1872).
119.

Albrecht,  Prinz  von  Preu-Ben
  (Sohn),  seit  1885  Regent
  von  Braunschweig
(}  1906).  117.  In  London
insultiert.  I  17f.  Gegen
Mißheiraten.  I  20.  Mit
Waldersee  beim  Kaiser.
I  363,  366.  Tod.  II  248.

Albrecht,  Herzog  von
Württemberg,  1916  Generalfeldmarschall.
  I  400,
401.

Alexander  I.,  Zar.  I  89,
90,  367,  631.  II  15,  136.
III  139,  176.

Alexander  II.,  Zar.  I  85,
87,  88,  90,  408,  434,  452,
487,  488,  631.  IL  143,  160,
161,  333.

Alexander  III.,  Zar.  I  80,
87,  92,  96,  145,  169,  407,
472.  II  43,  133,  143,  175,
240.

Alexander,  Prinz  vonBattenberg,
  1879—1886  Fürst
von  Bulgarien  (f  1893).
I  80,  222,  472.

Alexander  I.  (Obrenowitsch),
  König  von  Serbien
  1889—1903,  im  Belgrader
  Konak  ermordet.
I  160.

Alexander  Michailowitsch,
  russ,  Großfürst.
II  7,  161.
        <pb n="473" />
        374

Alexandra,  Königin  von
England,  geb.  Prinzessin
von  Dänemark,  Gattin
IEduards  VII.  1339.  II  89.
Antideutsch.  I  3-41,  342.
Wilhelm  II.  gewinnt  sie.
1507.  Bemüht  sich,  Krieg
init  Rußland  zu  verhbindern.
  II  66.  Fragt  ihren
Vater,  ob  er  England  verraten
  wolle.  II  145.  Beeuch
  in  Berlin.  II  419  ff.
Antwort  auf  Beileidtelegramm
  Bülows.  III  87.

Alexandra  Fedorowna
(Alice),  geb.  Prinzessin
von  Hlessen,  Gattin  Nikolaus
  II.  I  92.  Empfängt
Bülow.  Charakteristik.  I
98.  Ihre  Ehe.  I  1O1f.
Antipathie  gegen  Wilhelm
  II.  1102.  Besuch  in
Potsdam.  I  3011.  Der
Kaiser  über  sie.  I  306.
Verleugnet  ihre  deutsche
Herkunft.  I  306.  Hängt
an  ihrer  hessischen  Heimat.
  I  407,  629.  Ihre
Schwestern.  I  455.  Diner
in  Wolfsgarten.  I  633f.
Witte  über  sic.  II  43.
Ist  verärgert  durch  naive
Prüpotenz  Wilhelms  II.
II  130.  Schlecht  mit
Witte.  II  131.  Tobt  gegen
den  Großfürsten  Kyrill.
II  176.  Ihre  Rolle  in  Reval.
  II  325.

Alexej  Alexandrowitsch,
russ.  Großfürst.  II  7.

Alexej  Nikolajewitsch,
Zarewitsch.  II  48.

Alexejew,  Jewgenij  Iwanowitsch,
  russ.  Admiral,
Statthalter  im  Fernen
Osten,  im  Russisch-Japanischen
  Krieg  Oberbefehlshaber
  der  Land-  und
Seetruppen  in  Ostasien.

Alfons  XIII.,  König  von
Spanien  seit  1902,  II  105,
153.

 

NAMENREGISTER

Alfred,  Herzog  von  Koburg
  (Edinburgh),  zweiter
Sohn  der  Königin  Victoria
  (f  1900).  1366,  488.
Seine  Gattin.  I  395,  488.

Alice,  Großherzogin  von
Hessen,  Tochter  der  Königin
  Victoria.  Mutter  der
Zarin  Alexandra  Fedorowna
  (f  1878).  I  100,
487,  488.

Aliz&amp;amp;,  französ.  Gesandter
in  München.  III  179.

Almerceyda,  Leiter  des
„Bonnet  rouge“.  III  260.

Almodovar,lHerzog,span.
Vertreter  in  Algeciras.  II
200.

Althoff,  Friedrich,  Ministerialdirektor
  im  preu-Bischen
  Kultusministerium
  (f  1908).  1187.  II
286,  287f.

Alvensleben,  Friedrich
Johann  Graf  von,  1900
bis  1905  deutscher  Botschafter
  in  Petersburg.  I
33,  406,  409,  497.  Verlobt
die  Großfürstin  Helene
mit  Max  von  Baden.  I
549.  Nicht  im  Geheimnis
von  Björkö.  II  143,

Anastasia,  Großherzogin
von  Mecklenburg  -  Schwesin,
  Mutter  der  Kronprinzessin
  Cecilie.  II  50.

Andrässy,  Julius  (Gyula),
Graf  (Vater),  1871—1879
österreichisch  -  ungarischer
  Minister  des  Äußern
(t  1890).  I  90,  143,  160,
161,  162,  166,  252,  544.

Andrässy,  Julius  (Gyula),
Graf  (Sohn),  ungarischer
Minister  des  Innern,  24.
10.  bis  1.  11.  1918  österreichisch-ungarischer
  Minister
  desÄußern.  I  161f.,
163.

Angeli,  Heinrich  von,  Maler.
  1321.  Taf.  I  352.

 

Anna,  Landgrüfn  von
Ilessen,  geb.  Prinzessin
von  Preußen.  Vom  Kaiser
„ausgestoßen“.  II  98.

Antrick,  sozialdemokratischer
  Reichstagsabgeordncter.
  I  594.

Aosta,  Herzogin  von,  Gattin
  des  italienischen  Prinzen
  Emanucle.

Apponyi,  Albert,  Graf,
ungar.  OÖppositionsführer,
1917  Unterrichtsminister.
I  161£.,  163.

Arco,  Graf  Louis,  Legationsrat.
  I  477f.

Arenberg,  Prinz  Franz,
Zentrums  -  Abgeordneter
(f  1907).  I  ST.,  443,  566,
596.  II  13,  14,  52,  207.
Rückzug  aus  der  Politik
und  Tod.  258f.

Armour,  Milliardär  in  Chikago.
  1515.

Arnhold,  Eduard,  Berliner
Großkaufmann.  I  297.

Arnim,  Graf  Harry,  deutscher
  Diplomat,  1874  verurteilt
  (f  1881).  I  397.
Bismarck  lüßt  ihn  verhaften.
  I  497£.  II  451.

Arnim-Criewen,  Berndv.,
1906—1910  preußischer
Landwirtschaftsminister.
II  489

Arnim  -  Kröchlendorff,
Malwine  v.,  Schwester
Bismarcks.  I  231f.  Ihre
Tochter,  Frau  v.  Kotze,
an  Bülow.  II  9£.

Arnim-Züsedom,  v.,konservativer
  Abgeordneter.
II  95,  271.

Asch,  v.,  General,  1893  bis
1905  bayrischer  Kriegsminister
  (}  1906).  I  124.
I  97.

Asquith,  Herbert  Henry,
liberaler  engl.  Staatsmann,
  1908  und  1915
Premierminister,  II  202.
        <pb n="474" />
        Schatzkanzler.  II  205.
Zur  Interpellation  über
den  Brief  des  Kaisers
an  Lord  Tweedmouth.  II
325.  Metternich  empfiehlt
Flottenverständig.  durch
ihn.  II  419.

Auer,  Ignaz,  bayrischer
sozialdemokratischer  Abgeordneter.
  I  468f.

August  Wilhelm,  Prinz
von  Preußen,  Sohn  des
Kaisers.  I  458f.  II  343f.

Augusta,  Gattin  Wil
helms  I.  I  261.  Ihre
Feindschaft  mit  Bismarck.

  I  284.  III  163.
Mahnt  ihren  Enkel.  1300.
Auguste  Viktoria,  Deutsche
  Kaiserin  (f  1921).
Mißbilligt  König  Leopold.
I  17.  Ihr  Urgroßvater.
163.  An  der  Paradetafel
in  Homburg.  I  129.  Ihre
Vorfahren.  I  177.  Dankbrief
  an  Bülow  (16.  6.
1898).  I  227.  Gegnerin
Bismarcks.  I  230,  263£.
Strafpredigt  des  Kaisers.
I  230.  Er  habe  sich  über
Abrüstungsvorschlag  des
Zaren  geürgert.  I  237.
Oricntreise.  I  244  f.  Verteidigt
  Mirbach.  I  245£.
Besuch  im  Harem.  I  251.
Charakteristik.  I  261.
Brief  an  Bülow  gegen
Rhodes  und  gegen  Segeljagd
  des  Kaisers  in  Cowes.
I  290£.  Über  seinen  Zorn
gegen  die  Konservativen.
1  295.  Sie  verstimmt  den
Zaren  und  die  Zarin.  I
303.  Sucht  Abreise  nach
England  zu  verhindern.
1  303.  Verhalten  in  England.
  I  338.  Feindschaft
mit  Königin  Alexandra.
I  342.  Bittet  Bülow,
Reichskanzleramt  zu  übernchmen.
  1375.  Empfängt
ibn  in  Homburg.  I  384.
Proburisch.  1398.  Philipp
Eulenburg  über  ihren

 

NAMENREGISTER

Gemütszustand.  I  450f.
Spricht  über  Politik  mit
Vorsicht.  I  453.  Rückkehr
  des  Kaisers  zu  ihr
kritisch.  I  456.  Szenen.
1458ff.  Gegen  Reise  des
Kaisers  an  das  Sterbebett
der  Qucen.  I  504.  Verhältnis
  zu  ihrer  Schwiegermutter.
  I  539f.  Über
schlechten  Schlaf  des
Kaisers.  I  584.  Philipp
Eulenburg  über  sie.  1617.
Taf.  I  248,

Brief  an  Bülow  von  den
schlesischen  Jagden.  II
63.  Brief  an  ihn  über
Besuch  des  Königs  von
England.  II  246f.  Der
Kaiser  müsse  geschont
werden.  II  270.  Antidänisch.
  II  304.  Als  Mutter.
  II  343f.  Über  den
„gebrochenen“  Kaiser.  II
377.  „Muß  denn  der
Kaiser  abdanken?“  II
386f.  „Überglücklich“
nach  Aussprache  zwischen
Kaiser  und  Bülow.  II450.
Drückt  diesem  die  Hand.
II  476.  Gespräch  mit  der
Fürstin.  II  529.  Abschiedsaudienz.
  II  530£.

Bei  der  Einladung  von
Fürst  und  Fürstin  Bülow
nach  Potsdam.  III  62f.
Jagow  zu  ihr  über  Bülows
römische  Mission.  III  197.
Zorn  gegen  England.  III
199.  Teetisch  in  Bellevue.
111205.  Lädt  Fürsten  und
Fürstin  Bülow  zu  sich
ein.  III  241.  Die  Wahrheit
  darf  nicht  zum  Kaiser.
  III  283.  Erleichtert.
III  294,

Avarna,  Herzog  von,  ital.
Botsch.  in  Berlin.  III  191.

d’Azeglio,  Massimo,  ital.
Staatsmann.  I  198,  610,
II  200.

Bachem,  Julius,  Chefredakteur
  der  „Köln.
Volkszeitung“.  II  14.

 

375

Balfour,  Arthur  James,
1902  bis  1905  konservativer
  Ministerprüsident,
1916  bis  1920  Minister  des
Äußern(}1930).  Amtlicher
Vertreter  Salisburys.  I
278.  Drängt  nicht  auf
engeren  Anschluß  un
Deutschland.  I  317.  Charakteristik.
  I  317f.  Gesprüch
  Bülows  mit  ihm.
I  318f.  Unterredung  mit
Wilhelm  II.  I  336.  Seine
Tätigkeit.  1419,  421.  Für
Deutschland  erwünschter
britischer  Außenminister.
1  425.  Über  deutsche  Organisation.
  II  8.  Agreement
  mit  Frankreich.  II
28f.  Nimmt  den  Zivillord
der  Admiralität  Lee  in
Schutz.  II  71.  Erklärung
über  Europa.  II  205.
Wahlniederlage.  II  206.

Ballestrem,  Graf,  Führer
des  Zentrums,  1898—  1906
Prüsident  des  Reichstags
  (t  1910).  1  295,  473,
526,  596.  Charakteristik.
I  592.  Brief  an  Bülow.
II  220.  Humor.  II  266.
Stimmt  Dezember  1906
für  Regierung.  II  272,
278.

Ballin,  Albert,  Generaldirektor
  d.  Hapag(f  1918).
149,  105  f.  Beziehungzum
Kaiser.  I  297,

An  Bülow.  II  10.  Kohlengeschäft
  mit  der  russischen
  Flotte.  II  132.
Beit  Ballins  Freund.  Il
190.  Angebliche  Äußezungen
  von  Sir  Ernest
Cassel  zu  Ballin.  II  318.
Warnt  den  Kaiser  vor
Demonstrationen  (Oktbr.
1908).  II  357.  Von  Wilhelm
  II.  als  Reichsschatzsekretär
  abgelehnt.  11385.

ber  Brief  von  Sir  Ernest
Cassel.  II  437.  Über  den
Kaiser.  II  495.  Taf.  II
360.
        <pb n="475" />
        376

Erwartet  Bülow  in
Hamburg.  III  5f.  Betreibt
  Konferenz  Tirpitz-Lord
  Fisher.  III  6f.  Über
Rathenau,  III  41.  Der
Kaiser  hört  nicht  auf
ihn.  III  115.  Ballin  bei
Bülow  nach  Kriegsausbruch.
  III  142.  Erzählt
den  Abgang  der  Kriegserklärung
  an  Rußland.
III  167f.  Nicht  um  Rat
gefragt.  III  178.  Über
Ultimatum.  III  180.  Verhindert
  Absendung  von
Bülows  Brief  an  Bethmann,
  III  196.  Pessimismus.
  III  212f.  Über
Bülows  Korrespondenz
mit  Bethmann.  III  245f.
Über  verschärften  U-Boot-Krieg.
  III  264.  Über
Eindrücke  im  Großen
Hauptquartier.  III  283.
Sein  Ende.  III  284f.

Bamberger,  Ludwig,  freisinniger
  Politiker  und
Publizist  (f  1899).  I  193.
Begegnung  mit  Bülow,
Charakteristik.  I  218£.
Kampf  mit  Bismarck.
I  219.  Empfichlt  Helfferich.
  1  219.

Bänffy,  Desider,  Graf,
1895  bis  1899  ungarischer
Ministerpräsident.  I  163,
168.

Barckhausen,  Präsident
des  Evangelischen  Oberkirchenrats.
  I  254.

Barrtre,  Camille,  seit  1897
französischer  Botschafter
in  Rom  (f  1923),  Viktor
Emanuel  über  ihn.  I  610.
Machinationen  für  Delcasse.
  II  115.  Zwischenfall
  mit  Monts.  II  255.
Ausritte  mit  Bülow  in
Rom.  III  571.  Gegenspieler
  Flotows.  III  188.
Wendet  sich  von  Bülow
ab.  III  219.  „Duell“
Bülow-Barrere.  III  238£.

 

NAMENREGISTER

Barth,  Dr.  Theodor,  freisinniger
  Politiker  und
Schriftsteller  (f  1909).
159,  593£.  II  94.  III  104.

Barthou,  franz.  Politiker,
März  bis  Dezember  1913
Ministerpräsident.  Sturz
scines  chauvinistischen

Kabinetts.  III  156£.

Barzilai,  Salvatore,  Irredentist.
  II  400.

Bassermann,  Ernst,  Führer
  der  nationalliberalen
Reichstagsfrakt.  (}  1917).
I  112,  201.  Mittlere  Linie.
1532.  Abgabe  einer  Denkschrift
  über  d.  Monarchie.
1600[.  Interpellation  über
auswärtige  Politik.  11259,
265.  Nennt  Paasche  das
„schwarze  Schaf“.  II  281.
Etatsredner.  II  282.  Rede
zur  Kaiser-Krise.  II  365,
369,  370.  Unterstützung
Bülows  bei  der  Reichsfinanzreform.
  II  473.  Warum
  nicht  Staatssekretär
des  Reichsjustizamts?  II
509.  Briefe  an  Bülow.  III
89.  Über  Bethmann.  III
90.  Bülow  an  ihn.  III
11lff.  Bassermann  an
Bülow.  III  202.  —  Kundgebung
  bei  Bülows  Rücktritt.
  III  342.

Battenberg,  Prinz  Louis,
englischer  Admiral.  II  25,

Battisti,  Cesare,  Bürgermeister
  und  Abgeordneter
  von  Trient.  1916,  im
Weltkrieg,  von  den  Österreichern
  gefangen  und  gehängt.
  1155.

Bauer,  Gustav,sozialdemokratischer
  Abgeordneter,
1919  Reichsministerpräsident,
  dann  bis  März  1920
Reichskanzler.  I  86,  431,
481.  III  301,  311.

Beaulicu,  Fräulein  v.,

Kammerfrau  der  Kaiserin.
  1  255.

 

Bebel,  August,  Führer  der
deutschen  Sozialdemokratie
  (f  1913).  15,  141,
198.  Polemik  Bülows  gegen
  ibn.  I  416f.,  466.
Gegensatz  zu  Bernstein.
I  469.  Streng  im  Punkt
der  Moral.  I  594.  Gegensatz
  zu  Vollmar.  I  600.
Bülows  Rededuell  mit
ihm.  II  9f.  Im  Bergarbeiterstreik.
  II  92.  Algeeiras-Debatte.
  II  212f.
Wie  immer  allzu  heftig
(Dernburg-Debatte).  II
268.  Nach  den  Dernburg-Wahlen.
  II  279.  Etatsrede.
  II  283.  Über  Kamarilla.
  II  303.  Über  Bülows
Entlassung.  III  65.

Beck,  Baron  Max  Wladimir,
  1906  bis  1908  österreichischer
  Ministerpräsident.
  II  49,

Becker,  Wilhelm,  18€6  bis
1907  Oberbürgermeister
von  Köln  (f  1924).  II  286.

Begas,  Reinhold,  Professor,
  Bildhauer  (F  1911).
I  174,  230,  540.

Beit,  englischer  Finanzier.
I  473.  Wilhelm  II.  über
seine  Unterredung  mit
ihm.  II  190.

Beldiman,  rumänischer
Gesandter  in  Berlin.  III
280.

Bell,  Zentrumsabgeordneter.
  III  316.

Below,  Georg  v.,  Prof.,
Historiker  der  Universitüt
  Freiburg.  III  133.

Below,  Fritz  v.,  Armecführer.
  III  323.

Benckendorff,  Graf  Alexander
  Konstantinowitsch,
seit  1903  russischer  Botschafter
  in  London  (gest.
1917).  II  35£.,  39f£.  Besorgt
  vor  innerrussischen
Wirren.  II  159.  Witte
gegen  ihn.  II  173f.  Über
Politik  Iswolskis.  II  259  £.
        <pb n="476" />
        Benckendorff,  Hofmarschall
  des  Zaren.  II  23,

Benedikt  XV.  (Marchese
della  Chiesa),  Papst  1914
bis  1922.  Über  Erzberger.
II  170.  Friedensbemühungen.
  III  215,  228ff.  Als
Friedensvermittler.  III
266.  Taf.  III  232,  240.

Bennigsen,  Rudolf  v.,
Führer  der  Nationalliberalen
  (1902).  Als  Redner.
I  199,  201.  Über  Barth.
I  593.  III  42.

Benzler,  Bischof  von  Mectz.
1612.

Berchem,  Graf  Max,  Unterstaatssekret,
  im  Ausw.
Amt.  I  409,  481,  482.  III
346.

Berchtold,  Graf  Leopold,
Februar  1912  bis  Januar
1915  österreichisch-ungarischer
  Minister  des  Äu-Bern.
  I  327.  11335,  336.
Das  Ultimatum.  III  141.
Stellt  es  Tschirschky  zu.
III  179.  Charakteristik.
III  180.  Schwäüchlicher
Versuch  Bethmanns  bei
ihm.  III  189f.  Wütende
Erklärung  an  Avama.
III  191.  Taf.  III  160.

Beresford,  Lord,  engl.
Admiral  (}  1919).  TI  376.

Berg,  Friedrich  v.,  Vortragender
  Rat  im  Zivilkabinett,
  scit  Januar  1918
Chef  statt  Valentinis.  II
441.  III  283,  285.  Gegen
Bülow.  III  294f.

Bergen,  Diego  v.,  Geheim.
Legationsrat,  später  Gesandter
  beim  Vatikan.
III  159£.,  168,  180.

Berger,  Alfred,  Freiherrv.,
Direktor  des  WienerBurgtheaters
  (f  1912).  II  262,
292,  III  50.  Brief  nach
Bülows  Rücktritt.  III
364.

Berger,  v.,  Herbert,  Journalist.
  III  200,  214.

 

NAMENREGISTER

Berlepsch,  Hans  Herm.
v.,  1890  bis  1896  preuß.
Handelsiminister.  II  286.

Bernhard,  Erbprinz  von
Sachs.-Meiningen,  Schwager
  Wilhelms  II.,  Herzog
von  1914  bis  1918.  II  280.

Bernhardi,  Friedrich  v.,
General,  Verfasser  von
„Deutschland  und  der
nächste  Krieg“.  III  133.

Bernhardt,  Sarah,  Tragödin
  (F  1923).  1  285.

Bernstein,  Eduard,  sozialistischer
  Schriftsteller  u.
Abgeordneter,  Rückkehr
nach  Deutschland.  I  469.

Bernstorff,  Johann,  Graf,
Botschaftsrat  in  London,
1908  bis  1917  Botsch.  in
Washington.  Auf  Reichskanzler
  -  Kandidatenliste.
I  182.  II  512.  Englische

Presse.  II  156.  Bernstorif

und  die  diplomatische  Situation
  von  1914.  III  162.

Bertaux,  französ.  Kriegsminister.
  II  119.

Beseler,  Maximilian,  Dr.,
Präsident  des  Oberlandesgerichts
  in  Breslau,  1905
bis  1917  preuß.  Justizminister
  (f  1921).  II  186,
449.

Beseler,  Hans  Hartwig  v.,
Bruder  des  vorigen,  Generaloberst,
  Deutscher
Gouverneur  v.  Warschau
(f  1921).  III  2471.

BethmannHollweg,Thcobald

  v.,  Oberpräsident  v.
Brandenburg,  1905  Minister
  des  Innern,  1907
Staatssekretür  des  Innern,
  1909—1917  Reichskanzler
  (f  1921).
Versteht  nichts  von
auswärtiger  Politik.  I  13.
Haßt  Tirpitz.  1109.  Hält
Krieg  mit  Rußland  fürunvermeidlich.
  I  110.  Seine
Verblendung  gegenüber
dem  Flottenkrieg.  I  111f.

 

377

Schweigt  bei  Gespräch
über  Wilhelm  II.  I  212f.
Arbeit  Hammanns  für
ihn.  I  217.  In  der  polnischen
  Frage.  I  220.  Sein
Ungeschick.  I  247,  318,
327,  430.  In  Reden  und
Worten.  1273.  Fatalitütstheorie.
  1  379.  Steckt  die
Ohrfeige  Lloyd  Georges
ein.  1555.  Empfängt  Korfanty.
  I  567.

Kein  Kantianer.  II  82.
Zum  Minister  des  Innern
ernannt.  II  103,  181.
Serape  of  paper.  II  109.
Wilhelm  II.  zu  ihm  über
Königreich  Polen  (1906).
II  243,  245.  Bethmann
von  Bülow  zur  Rede
gestellt.  II  245f.  Über
Bülows  Gesundheit.  II
262.  Vorsichtig  zurückhaltend,
  dann  für  Reichstagsauflösung.
  II  270f.
Nachfolger  Posadowskys.
II  300.  Will  im  Weltkrieg
England  nicht  „reizen“.
11320.  Rüt  Bülow,  in  der
„Daily-Telegraph“-Affäre
Beamte  zu  opfern.  I1  356.
Bethmann  zur  Fürstin
Bülow.  II  363.  Rede  im
Staatsministerium.  II364.
Hält  Bülow  von  zweiter
Rede  zur  Kaiser-Krise  ab.
11  372.  Bei  der  Konferenz
im  Reichskanzlerpalais.
IL  431ff.  An  Bülow  1909.
II  496.  Begleitet  ihn  vor
der  Abfahrt  nach  Kiel
zum  Bahnhof.  II  508£.
Der  Kaiser  entschlossen,
ihn  zum  Reichskanzler  zu
nehmen.  II  51lf.,  514.
Seine  Freundschaft  mit
Valentini.  II  515.  Besuch
bei  Bülow.  II  517f.  Zum
Reichskanzler  ernannt.  II
522.  Taf.  II  528.

Gegen  Konferenz  Tirpitz
  -  Lord  Fisher.  III  7.
Mißtrauisch  u.  gekrünkt.
IIT12.  Gespräche  Bülows
        <pb n="477" />
        378
mit  ihm.  III  131f.  Abschiedsrede

  im  Staatsministerium
  für  Bülow  u.
Abschiedsbrief.  III  13T.
Frau  von  Bethmann  über
ihren  Gatten.  III  20£.
Rathenau  über  Bethmann.
  III  42.  Brief  Bülows
  an  Betlimann.  III
SIf.  Sendung  Wahnschaffes
  nach  Norderney.
III  55.  Antworten  Bülows.
  IIL  55£.,  56f.  Besuch
  bei  ihm  in  Berlin.
III  62.  Kündigt  (1910)  in
Brief  an  Bülow  schärferes
Vorgehen  gegen  Belgien
an.  III  78ff.  Besuch  in
Rom.  III  82.  Verliert  in
der  Agadir-Affäre  (1911)
die  Nerven.  III  87.  Briefe
an  Bülow.  III  120f.
Klagen  über  sein  Amt.
III  121f.  Entsetzt  über
Lichnowsky.  III  123.  Bülow
  besucht  ihn  (Juni
1914).  139,  Unterredung
  mit  Bülow  (Aug.
1914).  TIL  148.  Ein  Bethmann-Biograph.
  III  150.
Pansa  über  Bethmann  u.
dessen  Mitarbeiter.  III
151.  Hoenckel-Donnersmarck
  über  Bethmann.
III  153f.  Die  Stirmlocke
der  Fortuna.  III  164.
Unterredung  Wilhelms  II.
mit  ihm.  III  165.  Lüdt
das  Odium  des  Angriffs
auf  Deutschland.  III  166f.
Abgang  der  Kriegserklärungan
  Rußland.  III  167f.
Die  „lange  Unzulänglichkeit‘.
  III  168.  Rede  vom
4.8.14.  111  175.  Nochmals
der  scrape  of  paper.  III
176,  224.  Stümperei.  III
178.  Einmalige  Verwahrung
  gegen  Wien.  III  180.
Sucht  Bülows  römische
Mission  zu  hindern.  III
193.  Brief  an  Bülow  über
die  Mission  nach  Rom.
III  194f.  An  Bülow

 

NAMENREGISTER

wegen  des  Militärattaches
v.  Schweinitz.  III  231f.
Furcht  vor  Bülows  Kritik,
  Korrespondenz  mit
ihm.  III  241[f.  Verantwortlich
  für  Polen.  II
247.  Allgem.  Wahlrecht
in  Preußen.  III  258  £.
„Bankrott“  (naclı  Ballin).
II  260.  Gegen  Tirpitz.
IIL263.  Abschied.  III  265.
Taf.  III  152,  224,  2506.

Beust,  Friedrich  Ferdinand,
  Graf,  sächsischer,
dann  österreich.  Staatsmann.
  I  162,  166.

Beyens,  Eugöne,  Baron,
belgischer  Gesandter  in
Berlin,  dann  belgischer
Minister  des  Äußern.
1412.  „Livre  gris.“  III80.
Cambon  zu  ihm  über  die
Explosionsgefuhr.  III156.
Bericht  über  die  Möglichkeit
  des  Kriegs.  III  156£.

Bigelow,  Poultney.  I  305.

Bihourd,  franz.  Botschafter
  in  Berlin.  II  107.
Unterredung  Bülows  mit
ihm.  II  119.

Billot,  franz.  Botschafter
in  Rom.  I

Birilew,  Alexeci,  russischer
Admiral,  1905—1907  Marineminister.
  Il  138.  Taf.
II  140.

Bismarck,  Fürst  Otto
(+  30.  7.  1898).
Sarkastischee  Bemerkungen

  über  Marschall.  I
7£.,  9.  Marschall  über  die
Bismarcks.  I  8.  Über
Bismarcks  Entlassung.
I  8.  Bismarck  empfängt
in  Friedrichsruh  Hohenlohe
  und  Bülow.  I  211.
Monts  ihm  untreu.  I  33.
Von  Wilhelm  II.  Handlanger
  genamnt.  I  4l.
Schwarzseher.  I  44.  Rükkendeckung
  für  Deutschland
  durch  Rußland.  145.
Gegen  Herabsetzung  der

 

Getreidezölle.  I  58.  Liebt
die  scharfen  Konservativen
  seit  den  70er  Jahren
nicht  mehr.  I  61f.  Auch
die  altliberalen  Geheimräte
  nicht.  I  63.  Grollt
Lucanus.  I  63.  Über  den
nächsten  Krieg.  I  65.
Über  August  Eulenburg.
175.  „Im  Stylus  Austriacus.“
  176.  Anekdote  über
Nikolaus  I.  185.  Gegner
der  Deniokratie.  I  86.  Ist
1863  antipolnisch.  I  87.
Über  Griechenland  (1878)
192.  Klagt  über  „Schwadronspatriotismus“.
  1109.
Verfassung  des  Deutschen
  Reiches.  I  122  £.
Über  Explosion  im  russischen
  Faß.  1130.  Für  russ.
Gesandtenposten  in  München.
  I  146.  Über  Magyaren.
  I  162.  Schweigt
zu  Manöver-Einladung
Wilhelms  II.  nach  Rußland.
  I  169.  Der  Redner.
1  198f.  II  238.  Das  Bild
im  „Punch“.  I  208.  Letzter
  Besuch  Wilhelms  II.
in  Friedrichsruh.  I  209.
Über  Bülow  und  eine
Katastrophe  nach  ihm,
I  216.  Brief  an  Professor
Kahl.  I  228.  Telegramm
an  Bülow.  I  229.  Tod.
1229.  Bestattung  in  Friedrichsruh.
  I  229  ll.  Trauerfeier
  in  Berlin.  I  233.
Brief  Wilhelms  II.  an
Kaiserin  Friedrich  über
den  Toten.  1234  f.  Bülow
über  den  „mißverstandenen“
  Bismarck.  I  272.
Lehnt  1885  Besetzung  der
Karolinen  ab.  1282.  Über
christlich-jüdische  Mischehen.
  I  296.  Der  Reichstag
  verweigert  ihm  Ehzung
  (1895).  I  334.  Der
Kaiser  über  „Gedanken
und  Erinnerungen‘.  1352.
Bismarck  über  Bülow.
1  393.  Über  den  Fehler
        <pb n="478" />
        politischer  Weitsichtigkeit.
  1397.  Über  den  englischen
  Bullen.  I  429.
Kolonien  als  „künstliche
Reibungsflächen‘  zwisch.
Deutschland  u.  England.
1429.  Grund  der  Schwenkung
  von  1879.  I  434.
Über  Parlamente.  I  446.
Vorwände  Wilhelms  II.
für  seine  Entlassung.  I
449  f.  Enthüllung  des  Berliner
  Bismarck-Denkmals.
1  526f.  Über  Handwerk
der  Politik.  I  532.  Ostmarken.
  5621.  ÜberBündnisse,
  1  579.  Für  Bischof
Korum.  I  589.  Taf.  I  64,

Über  Herbert.  II  54.
Richtlinien  für  einen
künftigen  Krieg.  II  77E£.
Über  die  deutsche  Monarchie.
  Il  85.  Die
angeblichen  Weinkrümpfe.
  II  147.  Für  autokratisches
  Rußland.  II  159.
Über  Angriffskrieg  gegen
Rußland.  II  179.  Der
Kaiser  über  den  „Beelzebub‘*
  Bismarck.  II  216.
Die  Alldeutschen  und  cr.
II  231  1T.  Bülow  über  den
„mißverstandenen“  Bismarck.
  II  264.

Bismarck  „wie  ein  Pestkranker“
  gemicden.  III
33.  Bülow  wird  als  junger
  Attach&amp;amp;e  ihm  vorgestellt.
  III  97.  Erlaß
über  den  „prophylaktischen“
  Krieg.  III  160.
Vermeidet  Odium  der
Kriegserklürungen.  IU
166f.  Bismarck  und  die
Monarchie.  III  326£.

Bismarck,  Johanna  v.,
geb.  Puttkamer,  Gattin
Ottosv.Bismarck(}  1894).
1232,  III  9.

Bismarck,  Herbert,  Graf,
seit  1898  Fürst  (f  1904).

Das  Schreckgespenst
für  Holstein.  I6f.  H.B.

 

NAMENREGISTER

und  die  Kanzleidiener  im
A.A.I?.  Macht  Marschall
eine  grobe  Szene.  I  9.
Leidenschaftlich  u.  exzessiv
  (nach  Hohenlohe).  19.
„Jung  Siegfried.“  I  33.
Frage  einer  Botschaft  für
ihn.  I  34.  Brief  an  Bülow.
I  181f.  Als  Staatssckretär.
  1190.  Briefan  Bülow.
I  194f.  Briefe  an  Bülow
im  April  1898.  I  216f.
Ignoriert  Philipp  Eulenburg.
  I  226.  Lehnt  Bestaltung
  seines  Vaters  im
Berliner  Dom  ab.  I  230f.
Brief  an  Bülow  (Silvester
1898).  1280.  Drüngt  1885
auf  Besetzung  der  Karolinen.
  I  282.  Über  Vaterlandslosigkeit
  deutscher
Prinzessinnen.  I  306.  Sein
Debüt  als  Staatssekretär.
1  334.  Gratuliert  Bülow
zur  Reichskanzlerschaft.
1392.  Besuch  Bülows  bei
ihm.  I  461.  Unzufrieden
mit  Bülows  Berliner  Bismarck-Rede.
  I  529f.  Taf.
I  392.

Tod.  IL  52ff.  Fürst
Bismarck  zu  ihm  über
die  Hohenzollern.  II  85.
Seine  Liebe  zu  Elisabeth
Carolath.  II  102.

Bismarck,  Graf  Wilhelm,
Oberpräsident  in  Königsberg
  (}  1901).  137.  U  52,
488.

Bismarck,  Otto,  Fürst  v.,
Sohn  Herberts.  II  348.
Bissing,  Moritz  Ferdinand,
  Freiherr  v.,  General
  der  Kavallerie,  Gecneralgouverneur
  von  Belgien
  (}  1917).  III  254.

Blanc,  Alberto,  Baron,
italienischer  Diplomat.
III  218.

Bleichröder,  Gerson,  Bankier
  (f  1893).  I  226.

Bloch,  v.,  russisch.  Staatsrat.
  I  237.

 

379

Blumenthal,  David,  elsüssischer
  Reichstagsabgcordneter.
  1  245.

Bobrikow,  seit  1898  russischer
  Generalgouverneur
in  Finnland,  1904  ermordet.
  II  29.

Bock  und  Polach,  Max
von,  Kommandierender
General  des  Gardekorps
(  1915).  I  373.  IT  184.
IIIT12.

Bodelschwingh,  Karl  v.,
preußischer  Finanzminister.
  144

Böselager,  Karl  Freiherr
v.,  Kriegskamerad  Bülows
  1870.  II  14.

Bötticher,  Karl  Heinrich
v.,  1880—1897  preußischer
  Staatsminister,  bis
1906  Oberpräsident  der
Provinz  Sachsen  (f  1907).
Hohenlohe  opfert  ihn  ungern.
  110.  „Schr  zurückgegangen.“
  I  37,  38.  Verabschiedung.
  I  51.  In  der
Flottenfrage.  I  59.  Bismarck
  springt  grausam
mit  ihm  um.  1  226.

Bollati,  italienischer  Botschafter
  in  Berlin.  IM
168,  224.

Bolo  Pascha,  Bankier.  II
260.

Bonaparte,  Prinz  Louis
Napolöon.  I  549.

Bonghi,  Ruggero,  italienischer
  Politiker.  I198.

Bonnal,  französischer  Gencral.
  I  305,  574.  Toast
des  Kaisers  auf  ihn  in
Metz.  I  525£.

Boris,  Kronprinz  von  Bulgarien,
  seit  Oktober  1918
König  als  Boris  III.  1159.

Bosse,  Robert,  1892—1899
preußischer  Kultusminister
  (f  1901).  I  171£.  Mitverfasser
  der  Jerusalemer
Predigt  des  Kaisers.  I  255.
Über  ihn.  1  269,  443.  III
308.
        <pb n="479" />
        380

Boulanger,  Georges,  (runzösischer
  General,  1886
Kriegsminister  (f  1891  in
Brüssel).  III  87.

Brandenstein,  v.,  Kabinettsrat,
  dann  Regierungspräsident
  in  Hannover,
  konservatives  Mitgliced
  des  Abgeordnetenhauses.
  I  61£f.  Szene  bei
einem  Liebesmahlin  Hannover.
  1  62.

Brandt,  Adolf,  Schriftsteller.
  II  314.  III  26.

Brauer,  Arthur  v.,  badischer
  Ministerpräsident.
1392,  409.  II  94.  Kundgebung
  bei  Bülows  Rücktritt.
  III  346.

Braun,  Lily,  sozialistische
Schriftstellerin  (}  1916).
1594.

Brefeld,  Ludwig,  1896  bis
1901  preußischer  Handelsminister.
  1  522.

Breitscheid,  Rudolf,  Dr.,
sozialdemokratischer  Abgeordneter.
  III  311.

Brettreich,  Maximilian
Friedrich  v.,  bayrischer
Minister.  III  303.

Breuer,  Dr.,  Rabbiner.  III
367.

Briand,  Aristide,  französischer
  Sozialist,  1909  bis
1911,  1913,  1915—1917,
1920—1921  Ministerpräsident,
  vielfach  Minister
des  Äußern.  I  199.  II  8.

Brin,  Admiral],  italienischer
Marineminister.  I  69.

Brockdorff  -  Rantzau,
Ulrich,  Graf,  1912  Geeandter
  im  Haag,  Dezember
  1918  Staatssekretär
des  Äußern,  1919  in  Versailles,
  1922  Botschafter
in  Moskau.  II  512.  Brockdorfl-Rantzau
  und  die  diplomatische
  Situation  von
1914.  III  162.  Triedensunterhändler.
  III  315£.

 

NAMENREGISTER

Brockdorff,  Gräfin  Therese,
  Oberhofmeisterin  der
Kaiserin.  I  246  ff.  II  512.
III  197.

Broglie,  Duc  de,  früherer
französischer  Ministerpräsident.
  1  240.

Bronsart  von  Schellendorf,
  Walter,  1893  bis
1896  Kriegsminister.  143.
II  454,

Bryce,  James,  liberaler
Minister  für  Irland,  später
Botschafter  in  Washington
  (f  1921).  II  202,  205.

Buch,  Lco  v.,  Führer  der
Deutsch  -  Konservativen.
1  37,  39,  61.  II  491.

Buchenberger,  badischer
Finanzminister.  I  485,
531.

Bucher,  Lothar,  Mitarbeiter
  Bismarcks.  I  122f.

Buchka,  Gerhard  v.,  konservativer
  Abgeordneter,
1898—1900  Direktor  der
Kolonialabteilung.  I  218.

Budde,  Ilermann  v.,  Generalmajor
  a.  D.,  Eisenbahnminister
  (f  1906).
I195£.  TII  42.

Bueck,  Reichstagsabgeordneter
  (Zentralverband
deutscher  Industricller).
1467,  463,  470.

Bülow,  Bernhard  von  (f  28.
10.  1929),  Zum  Kaiser
berufen  (21.  6.  97).  13.
Empfang  durch  ihn  in
Kiel  (26.  6.  1897).  I
13ff.  Fahrt  zum  Fürsten
  Bismarck.  I  211.
Interimistisch  mit  Leitung
  des  Auswärtigen
Amis  betraut.  I  22.  Neue
Fahrt  nach  Kiel.  156.  Abreise
  nach  Peterhof.  161.
Droht  dem  Kaiser  mit
Rückzug  ins  Privatleben,
I  82.  Programm  für  Petersburg.
  182.  Begrüßung

 

mit  Murawicw.  185.  Konferenz
  mit  ihm  und  Hohenlohe.
  186.  Audienz  bei
Nikolaus  II.  I  98£.  Bei  der
Zarin,  I  99.  Rückfahrt
nach  Kiel.  I  103f.  Mit
Tirpitz  in  Wilhelmshöhe.
I  107ff.  In  Homburg.  I
130.  In  Berlin.  I  142.
Reise  nach  Budapest.  I
149.  In  Wiesbaden  zum
Staatssekretär  des  Äu-Bern
  ernannt  (20.  10.  97).
I  170£.  Besuch  in  Schloß
Schillingsfürst.  I  178f.
Abschied  von  Rom.  I
184f.  In  Berlin.  I  185.
Unterredung  mit  Osten-Sacken.
  I  185f.  Mit  Lascelles.
  I  186.  Debüt  im
Reichstag.  I  192ff.  Christian
  IX.  von  Däncmark
über  ihn.  I  212.  Reichstagsreden
  über  Flotte  und
Kiautschou.  I  214.  Über
Orientpolitik.  1215.  Über
Deutschland  und  Amerika.
  I  221f.  Taktik  nach
Abrüstungsvorschlag  des
Zaren.  1  238.  Dreyfus-Affäre.
  I  240.  Orientreise
mit  dem  Kaiser  (1898).  I
242ff.  Meldet  den  Abschluß
  des  Afrika-Vertrags
  mit  England.  I  274,
Reichstagsdebatte  über
Samoa.  I  283.  Glückwunschdepesche
  des  Kaiserg.
  I  283.  Erwerbung
der  Karolinen.  1287.  Erhebung
  in  den  Grafenstand.
  I  287f,  Mit  dem
Kaiser  in  England.  I
305ff.  Unterredung  mit
Chamberlain.  I  314  f.  Mit
Balfour.  I  318f.  Audienz
bei  der  Queen.  I  321.
Briefe  an  Hohenlohe  und
Holstein.  1  334f.  Abfahrt
von  England.  I  344.  Brief
der  Kaiserin  Friedrich  an
ihn.  1345.  Rede  zur  zweiten
  Flottenvorlage.  I  356.
Dircktive  an  das  Ausw.
        <pb n="480" />
        Amt  zur  China-Expedition.
  1  358f.  Besprechungen
  mit  den  Botschaftern
über  Waldersees  Oberkommando.
  I  367.  Bei
Wilhelm  II.  in  Hubertusstock.
  1371  ff.  Ernennung
zum  Reichskanzler  I
375,

Fahrt  mit  Lucanus
nach  Homburg.  I  380ff.
Unterredung  mit  dem
Kaiser.  I  382f.  Bei  Hohenlohe.
  I  383f.  Telegramme
  an  Miquel  und
Posadowsky.  1386.  Rückreise
  nach  Berlin.  I  388,
Sitzung  des  Staatsministeriums.
  I  389f.  Gratulationen.
  I  390.  China-Abkommen
  mit  England.
1  398£.  Taufed.  „Deutschland“.
  I  432.  Erklärungen
  vor  dem  Bundesrat.
1443.  Redenim  Reichstag.
IL  464  ff.  Rede  zur  Zwölftausend
  -Mark-  Affüre.  I
469f.  Rede  über  die  Buren.
  I  474f.  Rundreise  an
die  deutsch.  Höfe.  I4T6lf.
Besprechungen  über  die
Zolltarifvorlage.  I  485.
Schwarzer  Adlerorden.  I
492.  Richtlinien  für  die
deutsch-englischen  Verhandlungen.
  I  509f.  Unterredung
  mitEduard  VII.
in  Homburg.  I  516f.
Unterredung  mit  Miß
Koollys.  I  517.  Schlie-Bung
  des  preußischen
Landtags.  I  522.  Rede
zur  Enthüllung  des  Berliner
  Bismarck-Denkmals.
1  526ff.  Regierungsberatungen
  über  den  Zolltarif.
I  531.  Bei  der  Entrevue
in  Hela.  I  541ff.  Unterredung
  mit  dem  Zaren.  I
543.  Erklärung  zu  Chamberlains
  Rede  in  Edinburgh.
  1  553£.  Gespräch
mit  dem  Prinzen  von
Wales  in  Berlin.  I  553  ff.

 

NAMENREGISTER

Rede  über  Ostmarken-Politik.
  I  565  f.  Schlägt
nach  Zolltarif  Fürstenstand
  aus.  I  592f.  Erklürungen
  über  die  Swincmünder
  Depeschen.  1596.
Brief  an  den  Kaiser.  1601.
Unterredung  in  Rom  mit
Viktor  Emanuel.  I  608  ff.
In  Wien-Neustadt  mit
Franz  Josef.  I  625.  Gespräch
  mit  Goluchowski.
1  626f.  Unterredung  mit
dem  Zaren.  1632.  Taf.  I
8,  96,  608.

Rededucll  mit  Bebel.
II  9.  Erklärungen  zum
Jesuitengesetz.  II  12f£.
Gesprächmit  Eduard  VII.
in  Kiel.  II  26  £.  Korrigiert
Rede  d.  Kaisers  im  Jachtklub.
  II  31.  Gespräch  mit
Lord  Selborne.  II  32.
Handelsvertragsverhandlungen
  mit  Witte  in  Norderney.
  II  42.  Brief
an  den  Vizeprüsidenten
des  Lippeschen  Landtags.
Il  56.  Unterredung  über
Lippe  mit  dem  Kaiser.  II
57.  Besuch  Giolittis  bei
Bülow.  II  S8ff.  Unterredung
  mit  Wilhelm  II.
über  Rußland  und  Japan.
II  631.  Nach  der  Absage
des  Zaren.  II  69.  Gespräch
  mit  Leopold  II.
von  Belgien.  II  73f.  Geepräch
  mit  Schlieffen  über
künftigen  Krieg.  II  76.
Brief  an  den  Kaiser  über
Dänemark.  II  79£.  Brief
an  ihn  über  Japan.  II  87.
Vermittlung  im  Bergarbeiterstreik.
  II  90T.  Rede
zu  den  neuen  Handelsverträgen.
  II  93.  Büste
des  Kaisers  in  Marmor.  II
95.  Erklärung  zur  englisch-französischan
  Mazokkokonvention.
  II  107.
Rät  dem  Kaiser  zur  Landung
  in  Tanger.  II  110f.
Beruft  sich  auf  Madrider

 

381

Vertrag  von  1880.  II  113.
Unterredung  mit  dem
Botschafter  Bihourd,.  II
119.  Erhebung  in  den
Fürstenstand.  II  121.
Setzt  EE.ntwurf  ciner
deutsch  -russisch.  Allianz
auf.  II  132f,  An  Holstein
über  Björkö.  II  138£.  Immediatbericht
  mit  Abschiedsgesuch.
  II  139.
Zirkular  an  die  Vertreter
im  Ausland.  II  164f.  Begegnung
  mit  Witte.  II
170f.  Generalmajor.  II
180.  Brief  an  Richthofen
über  Eduard  VII.  und
Wilbelm  I.  II  190.
Reichstagsrede  über  Algeciras.
  Il  212.  Ohnmacht
und  Genesung  in  Norderney.
  II  213f.  Schreiben
  an  den  Kriegsminister.
  II  226ff.  Brief  an
Bülows  Bruder  Alfred.  II
229  ff,  Privatissimum  für
den  Kaiser.  II  2391.  Wilhelm
  II.  angeblich  zu  Bülow
  über  Königreich  Polen
  (1906).  II  241,  245.
Bülow  an  Tschirschky  üb.
kaiserliche  Stimmungen.
II  257£.  Rede  über  auswärtige
  Lage.  II  2631.
Bericht  an  den  Kaiser
über  Konflikt  mit  dem
Zentrum.  II  269f.  Verkündet
  Reichstagsauflösung.
  II  272.  Ovation  vor
dem  Reichskanzlerpalais
in  der  Wahlnacht.  II  278.
Etatsrede.  II  282£.  Rede
auf  dem  Bankett  des
Landwirtschaftsrats.  II
284f.  Unterredung  mit
Iswolski  in  Swinemünde.
II  295£.  Mit  Eduard  VII.
in  Wilbelmshöhe.  II  296£.
Rede  über  Haager  Friedenskonlerenz.
  II  299,
Reichstagsrede  über  den
Prozeß  Moltke-Harden.
II  307.  Ernster  Vortrag
beim  Kaiser  über  die  Ein-
        <pb n="481" />
        382

kreisung.  II  318f.  Über
Verlangsam.  des  Flottenbaues.
  II  319f.  Besprechungen
  mit  Tirpitz.  II
320.  Zirkular-ErlaßB  an
die  Kgl.  preußischen  Missionen
  über  Revul.  II
326f.  Eingang  des  Artikels
  für  den  „Daily  Telegraph“.
  II  338  M.  Unterredung
  mit  dem  Kaiser
über  die  Balkan-Krise.  II
341f.  Rede  zur  Eröffnung
der  Interparlamentarischen
  Konferenz.  Il  345  ff.
Rede  bei  der  Bismarck-Feier
  in  der  Regensburger
  Walhalla.  II  34717.
Der  Artikel  im  „Daily
Telegraph“  erschienen.  II
35lf.  Immediatbericht
und  Rücktrittsangebot.  II
353[.  Sitzung  des  Staatsministeriums.
  II  363f.
Reichstagsrede.  II  367  T.
Bülow  hindert  Veröffentlichung
  des  Kuiser-Interviews
  mit  dem  Amerikaner
  Ilale.  II  374.  Audienz
bei  Wilhelm  I.  in  Potsdam.
  II  377.  Rede  zur
Reichsfinanzreform.  II
381  ff.  Nach  Potsdam  auf
Bitte  der  Kaiserin.  II
386f.  Unterredung  mit
dem  Kronprinzen.  11387£.
Mit  Iswolski  über  Bosnien
  und  die  Dardanellenfrage.
  II  394ff.  Erlaß  an
Tscbirschky  über  Möglichkeit
  eines  Kriegs.  II
398f.  Gespräch  mit  Szögyenyi
  üb.  Kriegsdrüngen
Conrads.  II  405f.  Audienzenin
  Rom  bei  König  und
Papst,  Besuche  bei  Giolitti
  und  Tittoni.  II  407.
Eınpfang  in  Wien  durch
Kaiser  und  Thronfolger.
II  407f.  Antwort  auf
Brief  des  Deutschen  Kronprinzen
  über  Casablanca.
II411.  Abfuhr  aufseinen
Brief  über  Kiderlen.  II

 

NAMENREGISTER

416.  Gesprüche  in  Berlin
mit  Eduard  VII.  II  420£.
Rede  über  Annäherung
anEngland.  Il  426  £.  Konferenz
  im  Reichskanzlerpalais.
  II  431.  Immediatvortrag
  über  sie.  II
43811,  Stellt  dem  Kaiser
die  Vertrauensfrage.  II
4461.  Besprechung  mit
den  Führern  der  Konservativen,
  II  457ff.  Mit
Heydebrand.  II  459ff.
Abendtufel  in  Potsdam.
II  464f.  Bricf  Bülows  an
Tirpitz.  II  465.  In  Venedig.
  II  468.  Immediatvortrag
  beim  Kaiser  in
Wiesbaden.  II  475  £.
Letzte  Rede  im  Reichstag.
  II  4841.  Enteignungsvorlage.
  II  487  T.,
490.  Telegramm  des
Zaren  an  Bülow.  II  502.
Briefwechsel  zwischen
Bülow  und  Metternich
über  Flottenagreement.
II  503f.  Anmeldung  des
Abschiedsgesuchs.  Il  507.
Abschiedsaudienz  in  Kiel,
Dialog  mit  dem  Kaiser.
IL  511.  Demission  auf
dessen  Wunsch  vertagt.
II  517.  Ermeuerung  des
Abschiedsgesuchs.  II  520.
Entlassung  veröllentlicht.
  II  522f.  Abschiedsdiner
  für  die  Minister.  II
526  f.  Kuiser  und  Kaiserin
Bülows  Güste.  II  527  ff.
Abschiedsaudienz  bei  der
Kaiserin.  Il  530f.  Abfahrt
  von  Berlin.  II  531.
Taf.  II  8,  48,  320,  488,
528.

Reise  nach  Hamburg.
III  31.  Norderney.  III  8.
Aufforderung  an  Schön
zu  amtlichen  Dementis.
IIL  51.  Brief  an  Bethmann.
  III  5lf.  Wahnschaffe
  in  Norderney.  III
55.  Antworten  Betlmanns.
  III  55£.,  S6f£.

 

Briefwechsel  mit  Knesebeck.
  III  58ff.  In  Berlin.
III  61.  Besuch  Bethmanns.
  III  62.  Wiederbegegnung
  mit  Kaiser
und  Kaiserin.  III  62f.
Reise  nach  Bern.  III  64.
In  Rom.  III  66f.  Bricfwechsel
  mit  Bethmann
über  Gesandtenwechsel  in
Brüssel.  III  78ff.  Bethmann
  und  Flotow  inRom.
III  82.  Bülowscher  Familientag
  in  Doberan.  III
96f.  Jahrhundertfeier  in
Dennewitz.  III  9911.  In
Berlin  Juni  1914.  III
137ff.  Besuch  bei  Bethmann.
  III  139.  Norderney.
  III  140  1.  Nach  Berlin.
  IIL  145.  Brief  an  den
Kaiser.  III  145.  Empfang
  im  Berliner  Schloßhof.
  III  146f.  Soll  nach
Rom  ohne  Abberufung
Flotows.  III  146  f.  Unterredung
  mit  Bethmann,
III  143f.  Brief  Bethmanns
  an  Bülow  über  die
Mission  nach  Rom.  III
194f.  Nicht  abgesandter
Antwortbrief  Bülows.  III
195£.  Telegramm.  111196.
Briefwechsel  mit  Ballin.
IIL  196f.  Besuche  bei
Bethmann  und  Jagow.
III  199f.  Audienz  beim
Kaiser  in  Schloß  Bellevue.
  III  204f.  Ankunft  in
Rom.  III  208.  Besuch  bei
Sonnino.  III  2181.  Empfang
  durch  Viktor  Emanuel.
  III  224.  Durch  die
Königin-Mutter  Margherita.
  III  224f.  Brief
Bethmanns  an  Bülow
wegen  des  Militürattach&amp;amp;s
v.  Schweinitz.  III  231£.
Nochmalige  Audienzbeim
König.  III  234f.  Abreise
von  Rom.  III  236.  Einladung
  in  Berlin  zu  Bethmann.
  III  240.  Nichteınpfang
  durch  d.  Kaiser.
        <pb n="482" />
        III  241.  Korrespondenz
mit  Betlimann,  der  Kritik
  fürchtet.  III  241  ff.
In  Klein-Flottbek.  III
246.  Luzern.  III  2501.
Beim  Kaiser  im  Neuen
Palais  (Spüätherbst  1916).
III  253  If.  Basis  für  einen
Frieden.  III  266.  9.  Novernber
  1918  in  Berlin.  III
305f.  Kundgebungen  nach
Bülows  Rücktritt.  III
337  1f.  Ehrungen.  III  371.
Taf.  III  8,24,72,328,332.

Bülow,  Frau  v.  (Grüfin,
Fürstin),  Maria,  geb,Prinzessin
  Camporeale,  Stieftochter
  Minghettis,  geschiedene
  Gräfin  Dönhoff
  (f26.  1.  1929).  I
25.  Briefe  der  Kaiserin
Friedrich  an  sie.  I  269£.
Königin  Victoria  über
sic.  1  321.  Lo&amp;amp;@  über
sie.  1  391.  Anwesend  bei
Enthüllung  des  Berliner
Bismarck  -  Denkmals.  I
529.  Porträts.  1538.  Taf.
I  32,  III  16.

“  Leopold  II.  begrüßt  sie.
II  74.  Im  Neuen  Palais.  II
88.  Messc.  IL  207.  Bethmann
  zur  Fürstin  Bülow.
II  363.  Bülow  zu  ihr  nach
der  November-Audienz.
II  381.  Vom  Papst  empfangen.
  II  407.  Gespräch
Eduards  VII.  mit  ihr.  II
424.  Gratulation  des  Kaisers.
  II  440.  Wilhelm  II.
ihr  Gast.  II  450.  Abendtafel
  in  Potsdam.  II  465.
In  Venedig.  II  468.  Der
Kaiser  als  Gast,  sein  Gesprüch
  mit  der  Fürstin.
11  527  ff.  Audienz  bei  der
Kaiserin.  II  530£.

Briefe  Jagows  an  sie.
III  35.  Rathenau  über
sie.  III  43f.  Brief  an  sie.
III  45.  Gespräch  des
Kaisers  mit  ihr  im  Neuen
Palais.  III  63.  Silberne
Hochzeit.  III  108ff.  Brief

 

NAMENREGISTER

an  den  Kaiser.  III  145£.
Bei  der  Königin-Mutter
Margherita.  III  224f.  Bei
der  Kaiserin.  III  241.  Gesellschaftskreis
  in  Luzern.
III  250f.

Bülow,  Bernhard  Ernst  v.,
Vater  des  Reichskanzlers,
1873-1879  Staatssekretär.
Wirken  unter  Bismarck.
Dieser  spricht  über  ihn.
I  13,  22,  170.  Lo&amp;amp;  über
ihn.  1391,  559.  Dänischer
Bundestagsgesandter  für
Holstein  und  Lauenburg.
I  438.  Wilhelm  I.  über
ihn.  II  53.  Gespräche
zwischen  Bismarck  und
ihm.  II  85.  III  271.  Fürst
Bülow  über  ihn.  III  96£.

Bülow,  Adolf  v.,  Bruder

des  Fürsten,  Flügeladjutant,
  dann  Brigade-Kommandeur
  in  Frankfurt
a.M.I4,  75,  177£.  II  76.
Tod  durch  Sturz  vom
Pferd  (1897).  I180f.  Brief
Herbert  Bismarcks  über
ihn.  I  181f.  Mentor  Wilhelms
  II.  I  182.  Warnt
ihn  vor  Entlassung  Bismarcks.
  I  183£.  III  299.
Von  Disraeli  erwähnt.  I
322,

Bülow,  Alfred  v.,  Bruder

des  Fürsten,  deutscher
Gesandter  in  Bern.  Über
Intrigen  im  Auswärtigen
Amt.  I  12f.  Monts  über
ihn.  I  41,  43.  Schweinitz
nennt  ihn.  I  408.  Millerand
  zu  ihm.  II  8.  Brief
des  Fürsten  an  ihn.  II
229ff.  Brief  an  den  Fürsten
  über  Eulenburg.  II
313f.  Kaiserbesuch  in  der
Schweiz.  II  495.  Philipp
Eulenburg  über  Alfred
v.  B.  III  26.  Tätigkeit  in
Bern.  III  64f.  Fürst  Bülow
  besucht  ihn.  III  64  ff.

Bülow,  Hans  Adolf  v.,
Gesandter  in  Hamburg.
III  121£.

 

383

Bülow,  Karl  Ulrich  v.,
Militärattach€  in  Wien,
dann  Flügelndjut.,  Kommandeur
  der  2.  Gardeulanen.
  I  37£.,  II  76,
261[.,  311,  405.  Tod  III
142f.,  146.

Bülow,  Otto  v.,  Gesandter
beim  Vatikan  (f  1898).
138,  66.

Bülow,  Karl  v.,  Kommandeur
  des  3.  Armeckorps,
später  Feldmarschall
(r  1921).  II  184,  IIT  184,
323.  —  Kundgebung  beim
Rücktritt  des  Fürsten.
III  356.

Bülow-Bossee,  v.,  konservativer
  Abgeordneter.
[  95.

Bülow-Bothkamp,  v.
konservativer  Abgceordneter.
  II  95.

Bulygin,  Alexander  Grigorjewitsch,
  russisch.  Minister
  des  Innern,  ermordet

  1919.  II  161.

Bunsen,  Josias  v.,  Gelchrter
  und  Staatsınann.
1  199,

Bunsen,  Sir  Maurice  de,
britischer  Botschafter  in
Wien.  I  321.

Buol-Berenberg,  Rudolf
v.,  Zentrumsabgeordneter,
  1895—1898  Präsident
des  Reichstags.  I  596.

Burchard,  Bürgermeister
von  Hamburg.  I  174.  —
Kundgebung  bei  Bülows
Rücktritt.  III  340£.

Burian,  Stefan,  Baron
(dann  Graf),  österreich.-ungarischer
  gemeinsamer
Finanzminister,  1912  und
1916,  April  bis  Oktober
1918  Minister  des  Äußern
(t  1922).  III  232,  235.
Die  Wiedererrichtung  Polens.
  III  247.  Rücktritt.
269.
        <pb n="483" />
        384

Burns,  John,  Mitglied  der
englischen  Arbeiterpartei,
191%  Handelsminister,
1905  Minister.  II  205.

Busch,  Moritz,  Verfasser
von  „Graf  Bismarck  und
seine  Leute“  (f  1899).
Veröffentlicht  Bismarcks
Entlassungsgesuch.  I  233.
Wilhelm  II.  gegen  ihn.  II
235,

Caillaux,  Joseph,  französicher
  Finanzminister,
1911—1912  Ministerpräeident.
  II  260.

Calmette,  Gaston,  Chefredakteur
  des  „Figaro“.
II  479.  III  209.

Cambon,  Jules,  französischer
  Botschafter  in  Berlin
  (Bruder  von  Paul).
Der  Kongo-Vertrag.  II
199.  Erscheint  nicht  zur
Kieler  Woche.  II  289£.,
319.  Frage  an  Jagow.  III
80f.  Zu  Beyens  über  die
Explosionsgefahr.  III  156.
Wünscht  den  Weltbrand.
Ill  179.

Cambon,  Paul,  französischer
  Botschafter  in  Konstantinopel,
  dann  in  London.
  1272.

Cambridge,  Herzog  von,
britischer  Feldmarschall,
1895  Oberbefehlshaber
(f  1904).  I  309.

Campbell  -  Bannerman,
Führer  der  liberalen  Opposition
  in  England,  1905
bis  1908  Ministerpräsident
  (f  1908).  II  71,  202.
Bildung  eines  Kabinetts
unter  ihm.  II  205.  Liberale
  Denkschrift  über
Rüstungs-Beschränkung.
II  307.

Capelle,  Eduard  v.,  Admiral,
  März  1916  bis
September  1918  Staatssekretür
  des  Reichsmarincamts.
  III  271.

 

NAMENREGISTER

Caprivi,  Leo  v.,  General,
1890—1894  Reichskanzler
  (}  1899).  I  7,  10.  Sein
Sturz.  I  31[.,  42,  45,  58.
„Ce  pauvre  Caprivi“  (Murawiew).
  I  89.  Hült  Krieg
mit  Rußland  für  unvermeidlich.
  I  110.  Monts
über  den  „minderwertigen
  Prüfekten‘“.  I  196.
Publizistischar  Kampf
durch  Hammann  gegen
Bismarck.  I  217.  Salisbury
  über  ihn.  1277.  Von
Holstein  aufgehetzt.  I
296.  Dieser  schwenkt  zu
ihm  um.  I  363.  Kritik  an
den  Kaisermanövern.  I
364.  Als  Kanzler  „harthörig
  und  bockbeinig“
(Wilhelm  II.).  1  373.  Für
Alvensleben  als  Botschafter
  in  Petersburg.
1  407.  Ostmarken-Politik.
I  563.  Liberaler  Nachruhm.
  III  58.

Carnegie,  Andrew,  amerikanischer
  Großindustrieller.
  1575.

Carol  (Karl),  König  von
Rumänien  (}  1914).  1160.
II  323.  Huldbeweise  der
Königin  Victoria.  I  323.
Telegramm  an  Bülow.  I
357.  Gratuliert  ihm  zur
Reichskanzlerschaft.  I
390.  Korrekte  Haltung  in
der  bosnischen  Krise.  II
399.  Carols-Orden  für  Bülow.
  II  502.  Über  den
Dreibund.  III  126.  Haltung
  1914.  III  169£.

Carola,  Königin  von  Sachsen,
  Gattin  des  Königs
Albert.  I  492.

Carolath,  Prinz  Heinrich,
nationalliberaler  Reichstagsabgeordneter
  (}  1920).
1  355,  480.  II  509.  III
159.

Carp,  Peter,  rumänischer
Staatsmann  (}  1919).  III
125£.,  170,  280.

 

Carstens,  freisinn.  Reichstagsabgeordncter.
  II  277.

Casement,  Sir  Roger,Irenführer
  (f  1916).  III  282.

Cassel,  Sir  Ermest,  englischer
  Finanzier.  I  473.
II  318,  427.

Castro,  Cipriano,  Präsident
  von  Venezuela,  1908
abgesetzt.  I  558.

Cavell,  Edith,  1915  m
Brüssel   standrechtlich
erschossen.  II  22.  III  255.

Cavour,  Graf  Camillo,
italienischer  Staatsmann
(t  1861).  I  397,  610,  628.
II  200,  223.  III  113,  223.

Cecilie,  Kronprinzessin,
geb.  Prinzessin  von  Mecklenburg-Schwerin.
  Verlobung.
  II  50f.  Trauung.
II  121.  Entbindung.  1
239.  Besuch  bei  Bülow  in
Rom,  III  95.  Taf.  III  16.

Chamberlain,  Sir  John
Austen  (Sohn  Joseph
Chamberlains).  Maidenspeech

  im  Unterhaus.  I
334,

Chamberlain,  Houston
Stewart.  Wilhelm  II.  liest
aus  den  „Grundlagen“
vor.  1172,

Chamberlain,  Josef,  seit
1895  englischer  Kolonialminister,
  Rückzug  aus  der
Politik  1905  (t  1914).
Hatzfeldt  an  Holstein
über  Chamberlains  Vorechlag
  einer  deutsch-englischen
  Allianz(Junil898).
IT  275f.  Verhandlungen
nur  mit  ihm.  I  303.  Eigentlicher
  Urheber  des
Burenkriegs.  I  309.  Unterredung
  mit  Bülow.  I
3l4ff.  Mit  Wilhelm  II.
1  317f.  Befürwortet  Zusammengehen
  von  England,
  Amerika  u.  Deutschland.
  I  315.  Seine  Politik.
  1329.  Rede  in  Leicester.
  I  330,  337.  Er  und
        <pb n="484" />
        Gladstone.  I  334.  Unberechenbar.
  I  421.  Metternich
  über  ihn.  I  424f.
Rede  in  Edinburgh  über
den  Krieg  von  1870.
1552ff.

Charlotte,  Erbprinzessin
von  Sachsen-Meiningen,
älteste  Schwester  des  Kaisers.
  I  323.  II  280.

Charmes,  Francis,  französischer
  Publizist.  III
177.

Chelius,  v.,  Generaladjutant
  des  Kaisers.  III  214f.

Chiroll,  englischer  Journalist.
  1335.

Chlumecky,  Freiherr  v.,
Minister  a.  D.,  Präsident
des  Österreichischen  Abgeordnetenhauses.
  II  409.

Christian  IX.,  König  von
Dänemark  (1906).  1212.
II  68,  79,  138,  144.

Christine,Königin-Regentin
  von  Spanien.  I  147f.,
220.  II  3,  40,  105.

Churchill,  Winston,  britischer
  Handelsminister,
1911—1915  Erster  Lord
der  Admiralität.  dann
Munitionsminister  und
Kriegsminister.  II  376.

Clemenceau,  Gcorge,1906
und  1917—1920  franz.
Ministerpräsident.  I  320,
428,  430.  II  8,  104,  290,
467.  III  86,  260,  279,  288,
302.  \

Cohn,  Oskar,  sozialdemokratischer
  Reichstagsabgeordneter.
  III  289.

Colin,  Abbe.  I  245.

Combes,  Emile,  1902  bis
1905  französischer  Ministerpräsident.
  I  621.  Sein
Antiklerikalismus.  II  61.

Connaught,  Arthur,  Herzog
  von,  dritter  Sohn  der
Queen.  I  305.  Seine  antideutsche
  Gattin,  geb.
Prinzessin  von  Preußen,

25  Bülow  III

 

NAMENREGISTER

I  305f.  Taktvoll.  I  412.
Gesprüch  mit  dem  Kaiser.
  I  502£.  Über  Besuch
Eduards  VII.  in  Kiel.  II
35.  Zwischenfall  während
der  Kieler  Woche.  II  247.
Taf.  II  304.

Conrad,  Alfred  v.,  1901
bis  1904  Vortragender
Rat  der  Reichskanzlei,
dann  Unterstaatssckretär,
  1910—1914  Oberprüsident
  von  Brandenburg.
  1  562,  567.

Conrad  von  Hoectzendorf,
  Chef  des  österr.-ungarischen
  Gencralstabs.
Argumente  für  Krieg
gegen  Serbien,  Italien  und
Rußland.  II  404£.  Wahre
Ziele.  III  181.  Militärischer
  Exaltado.  III  363.

Constans,  Jean  Antoine
Ernest,  französ.  Minister
des  Innern,  1898—1907
Botschafter  in  Konstantinopel.
  II  410.

Courcel,  de,  Baron,  franz.
Botschafter  in  London.
1418

Crailsheim,Freiherr,dann
Graf,  bayrischer  Minister
des  Äußern,  dann  bis1903
Ministerpräsident.  I  34f.,
36,  119,  123,  125,  126.
Sprecher  im  Bundesrat.
I  443.  Soirce  in  München.
1  479.  Er  und  Hertling.
I  480.  Nach  Bülows  Besuch.
  I  481.  Über  Bülows
Polenrede.  1567.  Der  Fall
der  Swinemünder  Depesche.
  I  582ff.  Brief  an
Bülow.  I  596.  Abschicd.
I  599f.  —  Kundgebung
bei  Bülows  Rücktritt.
III  347.

Crewe,  Earl  of,  Lord-Präsident
  des  GeheimenRats.
II  205,  426.

Crispi,  Francesco,  italien.
Staatsmann.  I  48,  56.  II
8,  58,  59,  200.  III  216,
223.

 

385

CGromer,  Lord,  Vizekönig
von  Ägypten.  II  376.

Cumberland,  Ernst  August,
  Herzog  und  Prinz
(Vater  und  Sohn).  II  49f.
Ausgleich  zwischen  Herzog
  und  Kaiser  und  Ehepakt
  Hohenzollern  -  Cumberland.
  II  249f.

Cuno,  Wilhelm,  Generoldirektor
  der  Hapag  nach
Ballins  Tod,  1922—1923
Reichskanzler.  III  105.

Curti,  Theodor,  Chefredakteur
  der  „Frankfurter
Zeitung“.  II  221.  An  Bülow
  nach  dessen  Rücktritt.
  III  367£.

Curzon,  Lord,  Vizekönig
von  Indien,  1919  und
1922—1923  Staatssckretär
  des  Äußern.  II  306.

Czernin,  Graf  Ottokar,
scit1913k.u.k.  Gesandter
in  Bukarest,  Dezember
1916  bis  April  1918  österr.-ungarischer
  Minister  des
Äußern.  III  269f.  Immediatbericht.
  III  270.

Dallwitz,  v.,  preußischer
Konservativer,  später
Statthalter  von  Elsaß-Lothringen.
  Als  „Kanalrebell“‘gemaßregelt.
  1297.

Dandl,  v.,  bayrischer  Ministerpräsident.
  III  296,
303£.

Dasbach,  Kaplan,  Zentrumsabgeordn.
  I  596.
David,  Eduard,  Dr.,  sosialdemokratischer
  Abgeordneter,
  3.  10.  bis  9.  11.
1918  Unterstaatssekretär
im  Auswärtigen  Amt.  II

505.  III  257.

Deäk,  Franz,  ungarischer
Staatsmann.  I  143,  160,
161,  397.

Deines,  Gustav  Adolf  v.,
Gencral,  Freund  Bülows
(t  1911).  133,  44.  U
177ff.,  274.  III  161.
        <pb n="485" />
        386

Delarey,  Jakobus  Herklans,
  Burengencral.1398.

Delbrück,  Clemens,  1905
preußischer  Hundelsminister,
  1909  Staatssckretär
des  Innern,  1916  zurückgetreten
  (f  1921).  II  286,
522.  Drüngt  Juli  1914
umsonst  auf  Getreideankäufe.
  III  154f.,  206.

Delbrück,  Hans,  ProfessorDr.,
  Historiker(}1929).
Iı112  II  285.  In  der
polnischen  Frage.  I  220,
563.  11  464.  III  249.  Über
deutsch  -  englische  Beziehungen
  1913.  I  327,
413.  111  124

Delcasse,  Theophile,  seit
1898  franz.  Minister  des
Äußern,  1905  gestürzt,
1913  bis  1914  Botschufter
  in  Petersburg,  1914
bis  1915  Außenminister
(t  1923).  In  der  Fuschoda-Frage.
  1272,  301.  Besuch
in  Petersburg.  I  302.
Sucht  Deutschland  (1900)
von  England  abzuziehen.
I  440.  Anweisung  für  die
französischen  Kurdinäle.
1  620.  Gegen  Combes’
Antiklerikulismus.  II  61.
Vereitelt  Bemühungen  d.
Kaisers  um  den  Zaren.
II  69.  Ein  anglo-russischfranzösischer
  Dreibund.
II  80.  Sein  antideutsches
System.  II  84f.  Teilt  die
englisch-[ranzösische  Marokko-Konvention
  mit.
II  107.  Riskiert  den  Krieg
mit  Deutschland.  II  108f.
Wankt.  II  114.  Sturz.  II
119f.  Enthüllung  im  „Matin“.
  II  167f.  Seine  Entsendung
  nach  Petersburg
übles  Symptom.  II  399.
II  118.  Bethmann  über
Delcass6s  Beseitigung.  III
13.  Krieg  gegen  Deutschland.
  111  87,  156,  179.

Depretis,  Agostino,  ital.
Staatsmann.  I  610.

 

NAMENREGISTER

Dernburg,  Bernhard,  Direktor
  der  Darmstädter
Bank,  1906  Direktor  des
Kolonialamts,  1907  bis
1910  Staatssekretär,  April
bis  Juni  1919  Reichsfinanzminister.
  II  267.
Taf.  II  264.  Befreundet,
dann  uneins  mit  Walter
Rathenau.  III  39.

Dernburg,Friedrich,  Journalist,
  Vater  des  vorigen,
(F  1911).  Artikel  zu  Bülows
  Rücktritt.  III  353£.

Dernburg,  Heinrich,  Professor,
  Bruder  des  vorigen,
Rechtsichrer  an  der  Berliner
  Universität  (}  1907).
I  595.

Deroul2tdc,  Paul,  Führen,
der  französischen  Patriotenliga.
  1  46.  II  16.

Deschanel,  Paul,  1898
bis  1902  und  1912  bis  1920
Prüsident  der  Kammer,
1920  Präsident  der  Republik
  (}  1922).  II  114,

Devonshire,  Ilerzog  von,
Führer  der  Whigs  im
Unterhaus.  Besuch  Wilhelms
  II.  bei  ibm.  I  304.
Seine  Gattin,  geb.  Grüßn
Alten.  I  305.  Charakteristik.
  I  319£.

Dewey,  George,  Amerikaniscber
  Admiral,  besiegt
1898  das  spanische  Geschwader
  vor  Cavite  bei
Manila.  I  221.

Dilke,  Sir  Charles,  engl.
Imperialist.  II  266.

Dillon,  Petersburger  Korrespondent
  des  „Daily
Telegraph“.  IT  144.

Disracli,  Earl  of  Beaconsfield,
  konservativer  engl.
Premier.  1  194,  198,  313,
314,  370.  II  223.  Über
Chamberlain.  I  315.  Brief
über  Bülow  (1878).  I
321f.  Vorliebe  der  Queen
für  ihn.  I  322.  Realpolitik.
  I  397,  430.  Über

 

politische  Intrigen.  I  532.
Bismarck  und  er.  I  544.
Über  Professoren  und
Rhetoren.  III  278.

Dittmann,  Wilhelm,  Abgeordneter
  der  USPD.
111  271.

Dittrich,  preußischer
Zentrumsabgeordneter.  I
5BBf.

Dönhoff-Friedrichstein,
  Graf  August.  137,
444,  568f.  III  98.

Dönbhoff,  Graf  Gerhard,
Hofmarschall  des  Prinzen
  Kurl  von  Preußen.
II  38.

Dörnberg,  Baron,  1890
Legationssckretär  in  Bukarest,
  Freund  Philipp
Eulenburgs.  1  225.

Dohm,  Ernst,  Redakteur
des  „Kludderadatsch‘,  1
65.  III  72.

Dohna-Schlobitten,  Richard,
  Graf,  1900  Fürst.
I  288,  546.  II  173.  Gegen
Philipp  Eulenburg.  1603.
111  30.

Dohna,  Graf  Eberhard.  I

Dohna-Mallmitz.  I  288.

Dohrn,  freisinniger  Reichstagsabgeordneter.
  II  510.

Dove,  freisinniger  Reichstagsabgeordneter.
  II  510.

Drewe,  Bill,  1917—1918
preußischer  Minister  des
Innern,  1921  Präsident
des  preußischen  Oberverwaltungsgerichts.
  Ill  297.

Dryander,  Ernst  v.,  D.,
Oberhofprediger  (t  1922).
Auf  der  Orientreise,  I
244,  249.  Von  Byzuntinismus
  entfernt.  I  387.  —
Brief  an  Bülow  nach  dess.
Rücktritt.  III  365.

Dufaure,  Jules,  französischer
  Ministerpräsident.
11  238.
        <pb n="486" />
        Ebert,  Friedrich,  ab  9.  Novernber
  1918  Reichskanzler,
  1919—1925  Reichspräsident
  (f  1925).  1125,
258,  286.  III  26,  101,
104f.,  293,  306f.,  311,
315,  321.

Eckardstein,  Hermann
Freiherr  v.,  1899—1901
Attach&amp;amp;  der  deutschen
Botschaft  in  London.  Bezichung
  zu  Holstein.  I
187.  Rolle  bei  den
deutsch  -  englischen  Verhandlungen.
  I  330.  Durch
Herbert  Bismarck  protegiert.
  I  343.  IHeirat.
I  343.  Graf  Metternich
warnt  vor  ihm.  I  343,
Berichte  aus  London.  I
420,  421.  Zu  Wilhelm  II.
über  dessen  Reise  nach
England.  I  505.  Mitteilungen
  Chamberlains  on
ibn.  I  509£.  Nicht  genügend
  zuverlässig.  1515.
Minister  der  Preßbeziehungen.
  1  558.  Rüt  dem
Kuiser  zu  einem  Kaltwasserstrahl
  nach  Frunkreich.
  Il  16.  Freund  und
Günstling  Alfred  Rothschilds.
  11  37f.,40.  Proposition
  an  den  Kaiser.  II
118.  Eduard  VII.  über
ihn.  II  297.  478.  Vom
Kaiser  empfangen.  Il  493.
III  46,  73.

Eckardt,  Felix  v.,  Chefredakteur
  des  „Hamburgischen
  Correspondenten“,
  später  des  „Hamburger
  Fremdenblutts“.
Interview  mit  Bülow.  II
520ff.  III  6,  10,  142.  Taf.
III  328.

Eckardt  v.,  Diplomat,
Bruder  des  vorigen.  I
371£.

Eduard  VII.  (Albert  Eduard
  Prinz  von  Wales),
König  seit  22.  1.  1901,
76.5.1910.  Beziehungen
zu  Wilhelm  II.  69£.,  273.

25°

 

NAMENREGISTER

Brief  an  Kaiserin  Friedrich
  gegen  deutsche  Flottenvorlage.
  I  189.  Macht
bosbafte  Bemerkungen.
1  206.  Über  die  deutsche
Frou.  I  261.  Von  der
Kaiserin  verabscheut.  I
261£.  Urheber  des  Windsor-Vertrags
  mit  Portugal.
  I  274.  Gegen  Besuch
Wilhelms  II.  bei  Lonsdale.
  I  304.  Toast  in
Windsor.  I  308.  Spricht
Deutsch  mit  englischem
Akzent.  I  323.  Kein
sicherer  Träger  eines
Bündnisses  mit  Deutschland.
  1  330.  Sagt  die  Verhandlungen
  ab  (Dezember
  1901).  I  332.  Besuch
in  Cronberg  (Februar
1901).  I  335.  Besuch
Wilhelms  II  bei  ihm
in  Sandringham.  I  3381.
Charukteristik,  I  339  ff.
Listenreich.  I  414,  453.
Wilhelm  II.  sieht  in  ihm
den  Schuldigen  am  Jameson-Rauid.
  I  473.  Absuge
für  Homburg,  Fahrt  zur
Kaiserin  Friedrich  nach
Friedrichshof.  I  509,
516.  Danktelegramm
auf  Kondolenz  Bülows.
1540.  Taf.  I  304.  Besuch
in  Kiel.  II  231.  Gesprüch
mit  Bülow.  II  26T.  Besuch
  in  Hamburg.  IT  3L1f.
Eduard  VII.  und  Delcasse£.
1184.  Schützt  ihn  bei
Loubetund  empfängt  ihn.
II  114.  Verstimmung  nach
Delcusses  Sturz.  II  127.
Onkel  Bertie  (Eulenburg
über  ihn).  II  172.  Bülow
empfiehlt  ihn  als  Prinzenpaten.
  II  239.  Begegnung
mit  dem  Kaiser  in  Wilhelmshöhe.
  Il  296  f.  Toast
auf  Kaiser  und  Kaiserin
in  Windsor.  II  306.  Begegnung
  mit  dem  Zaren
in  Reval  (1908).  II  316  £.,
325.  Mit  Franz  Josef  in

 

387

Ischl.  II  330.  Will  Berlin
besuchen.  Il  379.  Intrigen
in  der  bosnischen  Krise.
II  399.  Besuch  in  Berlin
(Februar  1909).  II  419  ff.
Trinkspruch.  11420.  Dank
an  Renvers.  II  421.  Für
Gesprüche  mit  Bülow.  II
420  f.,  424.  Niederlage  in
der  Bulkanfrage.  II  467.
Taf.  II  304.  Tod.  II186£.

Eichhorn,  Hermann  v.,

General,  1918  in  Kiew
von  russischen  Revolutionären
  ermordet.  II  184.
III  323.

Eickhoff,  freis.  Reichstagsubgeordneter.
  II  345.

Einem,  Karl  v.,  1903  bis
1909  preußischer  Kriegsminister,
  Oberbefehlshab.
der  3.  Armce  im  Weltkrieg.
  II  217.  Schreiben
Bülows  an  ihn.  II  2260.
Protestrede  im  Staatsministerium
  nach  „Daily-Telegraph“,
  11  363.  Taf.
II  352.  Wilhelm  Il.  vertraulich
  zu  ihm.  Il  382.

Einstein,  Albert,  Mathematiker.
  I  374,

Eisendecher,  v.,  preuß.
Gesandter  in  Karlsruhe.
lII  37f.  Botschafter  in
London?  III  122.  —
Kundgebung  bei  Bülows
Rücktritt.  III  338.

Eisner,  Kurt,  sozialistisch.
Schriftsteller,  ermordet
1919  in  München.  I  125,
599.  1I  298.  III  303.

Eitel  Friedrich,  Prinz
von  Preußen,  zweiter
Sohn  des  Kaisers.  I  168.
Plan  einer  braunschweigischen
  Sekundogenitur
für  ihn.  II  249.

Elena,  Königin  von  Italien,
Gattin  Viktor  Emanuels
IIL.,  geb.  Prinzessin  von
Montenegro.  Antipathie
des  Kaisers  gegen  sie.  I
144,  542,  608.  II  87.
        <pb n="487" />
        388

Elisabeth,  Kaiserin  von
Österreich,  ermordet  in
Genf  10.  9.  1898.  I  157.
Ermordung.  I  239,  Achilleion.
  II  16.

Elisabeth,  Königin  von
Rumänien  (Carmen  Sylva)
  (f  1916).  III  170.

Elisabeth,  Königin  von
Belgien,  Gattin  des  Königs
  Albert,  geb.  Prinzessin
  von  Wittelsbach.
I  306.

Elisabeth  Feodorowna,
Gattin  des  Großfürsten
Sergei,  geb.  Prinzessin
von  Hessen.  I  100,  306,
455.  IL  132.  Nach  der  Ermordung
  des  Gatten.  II
161f.

Emma,  Königin  der  Niederlande,
  WitweWilhelms,
Besuch  in  Potsdam.  I

300.  Empfüngt  den
Kaiser  in  Vlissingen.
I  345.

Emmich,  Otto  v.,  General.
III  173.

Engel,  Pastor,  Chefredakteur
  des  „Reichsboten“.
III  73£.

Engelbrecht,  Militürattach&amp;amp;
  unter  Bülow.  I  39.

Ernst,  Grof  zu  Lippe-Biesterfeld,
  1897  Regent
des  Fürstentums  Lippe
(t  1904).  Für  erbberechtigt
  erklärt.  I  5}.  Wilhelm
  II.  gegen  ihn.  [1222f.,
267.  Tod.  II  55.

Ernst  II.,  Herzog  von  Koburg-Gotha
  (}  1893).  I
6511.  III  327.

Ernst  Günther,  Herzog
zu  Schleswig  -  Holstein,
Bruder  der  Kaiserin.  I
230.  Muß  vor  Wagen
seines  Schwagers  reiten.
1264.

Ernst  Ludwig,  Großherzog
  von  Hessen.  I  101,
168,  406f.,  487f.  Schei-Esterhazy



 

NAMENREGISTER

dung.  II  177.  Soll  den
Kaiser  zur  Abdankung
bringen.  III  296f.  —
Kundgebung  bei  Bülows
Rücktritt.  III  340.

Erzberger,  Matthias,

Reichstagsabgeordnceter,
dann  Reichsminister  (}
1921).  Kandidiert  den
Herzog  von  Urach  für
Litauen.  I  81.  Sein  politisches
  Verhalten.  I  187.
Von  Paasche  gefeiert.  I
203.  Verpulverung  von
Millionen  im  Nachrichtendienst.
  I  241.  Über
sich  und  Lloyd  George.
I  251.  Reißt  Vorsitz
in  Woffenstillstandskommission
  an  sich.  I  357f.
Remüantester  Politiker
der  ersten  Revolutionsjahre.
  I  431,  484.  Sein
Prozeß.  I  468.  II  254.
Tiefenbacher.  1539.

Kein  Friedensunterhändler.
  II  170.  Angriffe
auf  die  Kolonialverwaltung.
  II  187,  257.  Auf
Dernburg.  II  267f.  Gegen
Bülow  in  der  Kanzlerkrise.
  II  494.

Artikel  in  der  „Mürkischen
  Volkszeitung“.  III
47.  Will  Ein-  und  Ausgänge
  des  Auswärtigen
Amts  lesen.  III  160.  Aufenthalt
  in  Rom.  III  209  ff.,
236.  Ballin  und  Benedikt
XV.  über  Erzberger.  III
209.  Gegen  Bethmann.  III
265.  Czernins  Immediatbericht.
  III  270.  Helfer
des  Herzogs  von  Urach.
III  275.  Minister.  III  294,
295,  301.  In  Compitgne,
III  314£.  In  Weimar.  III
324.

Esbceck-Platen,  v.,  Zeremonienmeister.

  I  64f.

(Walsin-E.),
französischer  Major.  I
240.

 

Estournelles  de  Constant,
  Baron  d’,  franz.
Senator,  Friedensfreund.
II  501£.

Eug£nie,  Gattin  Napoleons
  III.,  Kaiserin  der
Franzosen.  1628.

Eulenburg,  Graf  August,
Ober-Hof-  und  Hausmarschall,
  dann  Hausminister
  (}  1921).  131,  33,  61,
730.,  79,  141.  Für  Bülow.
I  205.  Auf  der  Oricntreise.
I  242.  Er  und  sein  Bruder
Botho.  I  373.  Gratuliert
Bülow.  I  394.  Der  Kaiser
lohnt  ilın  für  den  diploımatischen
  Dienst  ab.  I
495.  Beim  Fackeltanz.  II
122.  In  Rominten.  II  172.
Brief  an  Bülow.  II  219£.
Wird  beim  Kaiser  vorstellig
  wegen  Donaueschingen.
  II  364.  Der
Kaiser  lädt  sich  durch
ihn  ein.  II  450.  Um  Ausgleich
  zwisch.  Wilhelın  II.
und  Bülow  bemüht.  III
115.  Für  den  Kaiser  bestimmter
  Brief  Bülows  an
ihn.  III  118f.  Zeuge  bei
Unterredung  WilhelmsII.
mit  Bethmann.  III  165.
Ruhe.  III  285£.  Konferenzen
  des  Kaisers  mit
ihm.  III  289.  Besucht
Bülow.  III  297.

Eulenburg,  Graf  Botho,
preuß.  Ministerprüsident
(71912).  131,  33,  37,  122.
Bülow  empfichlt  ihn  dem
Kaiser  als  Reichskanzler
(1900).  I  373,  380.  Ansicht
  über  Philipp  Eulenburg.
  II  292.

Eulenburg,  Philipp,  Graf,
1900  Fürst,  1894-1902
deutscher  Botschafter  in
Wien  (f  1921).  Unterredung
  in  Frankfurt  a.M.
mit  Bülow.  13ff.  In  Wien
inamovibel.  I  8.  „Troubadour.“
  I  30.  Abge-
        <pb n="488" />
        spannt.  I  39.  Gefühlsmensch.
  I  42.  Beschönigt
Ton  des  Hofes.  I  69.  Die
Bäreninseln.  I  8lf.  Intimus
  des  Kaisers.  I  149.
Küßt  ihm  die  Hände.  I
167f.  Seufzt  um  seinen
„Seestern“.  I  176.  Chiffrierter
  Verkehr  mit  Holstein.
  I  187.  Gnüdiges
Telegramm  des  Kaisers
an  ihn.  I  224.  Bezichungen
  zu  Bülow.  I  224f.  Befriedigt
  über  Bismarcks
Sturz.  I  225.  Intrigen
gegen  Bismarck,  dessen
Zorn  gegen  ihn.  I  225.
Von  Herbert  Bismarck
ignoriert.  1226,  353.  Über
Wilhelms  II.  Wahrheitssinn.
  I  234.  Über  seinen
Rollenneid.  I  237.  Unterzeichnet
  Telegramm  an
Bülow.  I  288.  Informiert
diesen  über  die  Nordlandreisen.
  I  3481.  Von  Wilhelm
  II.  als  Reichskanzler
  genannt.  I  372.  Intrigen
  gegen  Bülows  Ernennung.
  I  381f.,  462f.
Seine  Bricfe.  1402.  Unterhült
  Ranküne  des  Kaisers
gegen  Bismarck.  I  449.
Stachelt  ihn  gegen  die
Sozialdemokratie  auf.
450,  458.  Intrigen  gegen
die  Kaiserin.  I  450£.
Spiritist.  I  451£.,  460.
Gegen  Herbert  Bismarck.
I  461.  Brief  an  Holstein.
I  498f.  Briefe  an  Bülow.
I  499£.  Über  Aufenthalt
des  Kaisers  in  England.
I  506.  Persifliert  Viktor
Emanuel.  I  542.  Larmoyanter
  Brief  an  Bülow.
1  579.  Rücktritt,  I  602.
Der  Skandal  Hochberg-Pierson.
  1603  ff.  Über  Rominten
  und  die  Nordlandreise
  von  1903.  I
616.  Taf.  I  192.

Vermittler  einer  Heirat
Hohenzollern  -  Cumber- 



NAMENREGISTER

land.  II  49f.  War  Bülows
Freund.  II  52.  Über  Herbert
  Bismarck.  II  55.
Brief  an  Bülow.  II  68.
Sang  an  Ägir.  II  156.
Briefe  aus  Rominten.  II
17lff.  Brief  an  Bülow
über  Cumberland.  II  249£.
Über  den  Fall  Podbielski.
II  254.  Gibt  dem  Kaiser
gefülschte  Berichte  über
Bülows  Gesundheit.  II
261f.  Zerwürfnis  zwischen
Holstein  und  Philipp  Eulenburg.
  II  290ff.  Angriffe
  der  „Zukunft“.  II
291ff.  Der  Eulenburg-Skandal.
  II  309  ff.  Brief
an  Bülow  (1909).  III  26f.
In  der  Zeit  der  kaiserlichen
  Gunst.  III  95.
Eulenburg,  Graf  Friedrich,
  Bruder  Philipps.  I
224,  451,  605.  II  292.

Eulenburg,  Graf  Viktor,
Sohn  August  Eulenburgs,
dtsch.  Legationssckretär
in  London.  II  37,  40.

Falk,  Adalbert,  1872  bis
1879  preuß.  Kultusminister.
  I  63.  III  308,

Falkenhausen,  v.,  General.
  II  184.

Falkenhayn,  Erich  v.,
1913—1915  Kriegsminister,
  bis  August  1916  Chef
des  Generalstabs  (}  1922).
Rathenau  gegen  ihn.  III
42.  Über  Bereitschaft  des
Heeres.  III  157.  Nachfolger
  Moltkes.  III  185.
Problematische  Natur.  III
186.  Bassermann  über
ihn.  III  202,

Fechenbach,  II  298.

Fehrenbach,  Konstantin,
badischer  Zentrumsabgeordneter,
  1920  bis  1921
Reichskanzler  (f  1926).  I
431,  497.  II  92,

Feilitzech,  Max,  Graf,
1881—1907  bayrischer

 

389

Minister  des  Innern
(f  1913).  1119,  531.  Brief
an  Bülow.  II  451f.

F&amp;amp;jerväry,  ung.  Honvedminister
  und  Ministerprüsident.
  1163.

Ferdinand  (Koburg-Cohary),
  Fürst  von  Bulgarien,
  1908  bis  1918
König.  I  36.  Franz  Josef
über  ihn.  I  158f.  Er
erklärt  Bulgarien  zum
Königreich.  II  337.  Wilhelm
  II.  über  diese  Anmaßung
  erbittert.  II  341.
Im  Weltkrieg.  III  287.

Ferdinand,  König  von
Rumänien  (seit  11.10.
1914).  I  488.  Erklürt  den
Krieg.  III  280.

Finckenstein  -  Simnau.
I  288.

Fischbeck,  Otto,  freisinniger
  Reichstagsabgeordneter.
  II  509.

Fischer,  Erzbischof  von
Köln,  Kardinal.  I  621.
Unterstützt  die  Christlichen
  Gewerkschaften.
II  90.

Fisher,  Sir  John,  Admiral.
  Wünscht  die  deutsche
  Flotte  zu  „kopenhagenen“.
  II  83f.,  194  ff,
320,  433,  434.  Ballin  will
ihn  mit  Tirpitz  zusammenbringen,
  Betlmann
dagegen.  III  7.

Fitger,  Emil,  Dramatiker
und  Lyriker,  Chefredakteur
  der  „Weser-Zeitung“*
in  Bremen.  III  104£.

Fitzgerald,  brit.  Vizeadmiral
  a.  D.  II  158.

Flotow,  Johannes  v.,  Botschaftsrat
  in  Paris,  Personaldezernent
  Bülows,
Gesandter  in  Brüssel,
dann  Botschafter  in  Rom.
I  608.  II  169,  470.  III
35.  Charakteristik.  361.
Bei  Bethmann.  III  54f.
        <pb n="489" />
        390

Wird  (1910)  Gesandter  in
Brüssel.  IJI  80.  Mit  Beıhmann
  in  Rom.  III  82.
Brief  an  Bülow.  III  82f.
Heirat  und  Scheidung.
III  83f.  Kaisersgeburtstagsrede
  1914  in  Rom.  III
124f.  Gibt  Inhalt  von
Sasonows  Warnung  nach
Berlin  nicht  weiter.  III
128,  Stellung  in  Rom,  III
188.  Wird  nur  beurlaubt.
lII  194f,  Uber  Bülows
römische  Mission.  III
197f.  Jagow  will  ihm
kein  Herzeleid  bereiten.
III  200.  Flotow  meldet
sich  bei  Bülow  in  Rom.
111  209.  Intrigen.  II1  233.

Flottwell,  Eduard  Heinrich
  v.,  Oberpräsident  in
Posen,  dann  in  Magdeburg.
  1562.

Foch,  Marschall.  III  166,
295,  314f.,  322,

Förster,  F.  W.,  Publizist.
Il  298.

Fontane,  Theodor.  I  375,
624.

Fortis,  italienischer  Politiker.
  II  8,  400,

Francke,  E.  Prof.  Dr.,
Soziulreformer.  III  354.

Frank,  Ludwig,  Dr.,  sozialdemokratisch.
  Reichstagsabgeordn.,
  gefallen
1914.  III  168.

Fronz  Ferdinand,  Eızberzog-Thronfolger,
  ermordet
  in  Sarnjewo  28.  6.
1914.  Glaubensinbrunst,
I  159.  Charakteristik.  I
167.  Wirkung  seines  Todes.
  I  240.  Verhältnis  zu
Wilbelm  II.  I  400f.  Politischer
  Ehrgeiz.  I  401.
Seine  Heirat.  I  624f.
Baron  Beck  sein  juristischer
  Beistand  bei  der
Vorbereitung  der  Ehe.  II
49.  Antiungarisch,  slawophil.
  II  236.  Begegnung

 

NAMENREGISTER

mit  Wilhelm  II.  (1908).
II  350f.  Gespräch  mit
Bülow.  II  407.  Der  Kaiser
  an  ilın.  II  524.  Ermordung.
  III  137f.  Für
Konrad  Hohenlohe.  III
221.  Taf.  III  136.

Franz  Josef  I.  (f  21.  11.

1916).  I  29.  Mißbilligt
Agitation  im  russischen
Polen.  I  91.  Audienz
Bülows  bei  ihm  in  Budapest,
  Charakteristik.  I
1501f.  Verhältnis  zu  Wilhelm
  II.  I  151.  Über
Bismarck.  I  154.  Unterredung
  mit  Bülow  (19.9.
1897).  I  158T.  Toast  in
Budapest.  I  164.  Gefühle
gegen  das  neue  Deutschland.
  1  166f.  Beim  Tod
der  Kaiserin  Elisabeth.
I  239.  Schriftliche  Rechtfertigxung
  Wilhelms  II.
vor  ihm  (über  Bismarcks
Entlassung).  I  352.  Ernennt
  Wilhelm  II,  zum
österreichischen  Feldmarschall.
  I  364.  Dieser  über
Königgrütz.  I  365.  Zunehmende
  Stumpfheit.  I
400.  Besuch  in  Berlin.
I  445.  Beunruhigt  durch
Bülows  Rede  über  den
Dreibund.  I  579.  Empfüngt
  ihn  in  Wien.  I  627.
Balkan-Aktionen  liegen
Franz  Josef  nicht.  II  236.
Begegnung  mit  Eduard
VU.  in  Ischl.  II  330.  Annexion
  Bosniens  proklamiert.
  II  337.  Empfüngt
Bülow  (1908).  II  407.
Setzt  Franz  Ferdinand
unddessen  Gemahlinnoch
im  Tode  herab.  III  138,
Stößt  den  Kardinal  Pill]
hinaus.  II  228f.  Bethmann
  über  seine  schroff
ablehnende  Haltung.  III

Fredericksz,  Baron,  Generaladjutant

  und  Hausminister
  des  Zaren.  1548.

 

Frenssen,  Gustav,  Pastor,
Romandichter.  Brirfnach
Bülows  Rücktritt.  Ill  365.

Friedberg,  Robert,  Professor
  Dr.,nationalliberal.
Führer  im  preußischen
Abgeordnetenhaus,  unter

Hertling  Vizepräsident
des  Staatsministeriums,
(F  1920).  II  12.  Über

Nationalliberale  u.  Wahlreform.
  II  463.

TFriedjung,  Dr.,  Heinrich,
österreich.  Historiker.  I
365,  388.  Über  die  bosnische
  Krise.  III  364.

Friedrich  III.,  Deutscher
Kaiser,  König  von  Preu-Ben.
  I  23,  74,  80,  100.
Verhältnis  seines  Sohnes
zu  ihm.  I  173.  In  seiner
Ehe.  I  189,  535f.  Szenen
in  San  Remo.  I  341.

Friedrich  VII.  König
von  Dänemark  1906-1912
(f  in  Hamburg).  II  303.

Friedrich  I.,  Großherzog
von  Baden  (t  28.  9.  1907).
I  137f.  Brouille  mit  dem
Zaren.  I  1691.  Telegramm
an  Bülow.  I  196,  Brief  an
Bülow.  1  215f.  Stellt  dem
Kaiser  Tbeodor  Herzl  vor,
I  254.  Sympathie  für  den
Bückeburger.  I  268.  Friktionen
  mit  Bismarck.  I
299.  Gegen  Miquel.  I  362.
Intrige  Philipp  Eulenburg
  bei  dem  Großherzog.
  I  382.  Bülow  besonders
  freundlich  gesinnt.
  I  476.  Empfüngt
ihn.  I  486f.  Briefe  an  ihn.
I  520£.  Telegramme.  I
530.  II  93.  Brief  an  den
Kaiser  gegen  Krieg  mit
Frankreich.  II  209.  —
Kundgebung  bei  Bülows
Rücktritt.  III  338.

Friedrich  II.,  Großherzog
von  Baden,  Sohn  des
vorigen  (1907—1918).  III
294,  304.
        <pb n="490" />
        Friedrich  III.,  Herzogvon
Augustenburg,  Vater  der
Kuiserin  Auguste  Viktozia.
  I  262.

Friedrich,  Erzherzog,
österreichisch  -  ungarisch.
Arınee-Oberkommandant.
Zerwürfnis  mit  Franz  Ferdinand.
  I  624.  III  221.

Friedrich  August,  Kronprinz,
  dann  König  von
Sachsen.  I  589£.  II  470.
III  49.  Entthronung.  III
304.  —  Kundgebung  bei
Bülows  Rücktr.  III  338.

Friedrich  Heinrich
Prinz  von  Preußen.  1549.
II  248f.

Friedrich  Karl  Prinz  und
Prinzessin  Murgarete
v.  Hessen,  Schwager  (und
Schwester)  des  Kuisers.  II
126,  262.  Bewirbt  sich
um  die  Krone  von  Finnland.
  III  275.

Friedrich  Leopold  Prinz
von  Preußen,  Vetter  des
Kaisers.  Auf  den  russischjapanischen
  Kriegsschauplatz
  entsandt.  Il  98.  Am
russischen  Hof.  II  161.

Friedrich  Wilhelm  III.
145,  63,  89,  562.  II  71.
III  98,  327.

Friedrich  Wilhelm  IV.
I  18,  45.  63,  65,  118,  562.
II  71,  164.  Leopold  v.  Gerlach
  über  seine  „Fürstengunst“.
  I  288.  Trennung
von  Radowitz  (dem  Vater).
  II  201.  Nicht  zuverlässig.
  III  327.

Friedrich  Wilhelm
Kronprinz.  Seine  Erziehung.
  133.  Geburt  seines
ältesten  Sohnes,  I  281.
Mündigkeitserklärung  d.
Kronprinzen.  I  445[f.  In
Englund.  1505,  506,  507.
Ein  energischer  Adjutant
für  ihn.  I  617£.  Soll  mit
einer  Cumberland  verheiratet
  werden.  II  49.  Ver- 



NAMENREGISTER

lobung  mit  Cecilie  von
Mecklenburg  -  Schwerin.
II  50f.  Trauung.  II  121  ff.
Er  und  sein  Vater,  II  128,
Einladung  durch  Eduard
VI.  I1  132f.  Abgelclınt.
II  155.  Betätigung  in  der
Affüre  Moltke-Eulenburg.
II  307,  311.  Für  eine
„längere  Pause“  in  der
Regierung  seines  Vuters.
II  387f.  Für  „nbsolute“
französische  Genugtuung
im  Casablanca-Zwischenfull.
  II  410f.  Beschwerdebrief
  an  Bülow  über  Kiderlens
  Huushälterin.  II
415f.  Taf.  II  520.  Der
Kaiser  verbietet  dem
Kronprinzen,  Bülow  in
Rom  aufzusuchen.  III  95.
Gegen  Bethmann.  III
265.

Friesen,  Freiherr  von,
süchsischer  Ministerpräsident.
  I  490.

Fürstenberg,  Carl,  Bankier,
  IT  385.  III  178.

Fürstenberg,  Fürst  Max
Egon.  Freund  des  Kaisers.
  I  71,  153f.,  305.  In
Hela.  I  542f.  Taf.  I  464.
Beim  Fackeltanz.  IT  122.
Erregt  durch  Ausdrücke
des  Kaisers  über  Eduard
VII.  II  153f.  Gegen  Pbilipp
  Eulenburg.  II  312.
Gastgeber  in  Donaueschingen
  (1908).  II  351,
364.  Gegner  Bülows.  II
468,  477f.  Philipp  Eulenburg
  über  einen  „gewissen“
  Max  Fürstenberg.
Ill  27,  30.  Taf.  III  112.

Galen,  Graf,  Zentrumsabgeordneter.
  I  596.

Gambetta,  L&amp;amp;on,  französischer
  Staatsmann.  I  17,
109,  320,  404.  11  115,  124,
223,  238.  III  102,  271,
288,  295,  305,  323.

Gamp,  freikonservativer
Reichstagsabgeordncter.

 

391

II  509.—  Kundgebung  bei
Bülows  Rücktritt.  III
342.

Gapon,  Pope.  II  160.

Georg  V.,  König  von  England
  (als  Prinz  Herzog
von  York,  dann  Prinz  von
Wales).  Spricht  kaum
noch  Deutsch.  I
Solın  des  Thronerben.  I
336.  Erkrankung.  I  507.
Als  Prinz  von  Wules  zu
Besuch  in  Berlin,  Gesprüch
  mit  Bülow.  1555  ff.
Taf.  I  304.  Über  Besuch
Eduards  VII.  in  Kiel.  IH
35.  Gegen  antideutsche
Agitation.  II  158C.  Ruhig,
phleginatisch.  III  17.  Abweisende
  Antwort  an
Wilhelm  II.(August1914).
III  172.  Der  Kuiser  über
Verschwörung  des  Königs
mit  dem  Zuren.  III  204f.

Georg,  König  von  Gricchenland
  (}  1913).  I  182.
1189,  471.

Georg,  König  von  Sachsen
(}  1904).  1  590f.  Gegen
Aufhebung  des  Jesuitengesetzes.
  II  11.

Georg,  Kronprinz
Sachsen,  S.  J.  IL  11£.

Georg  II.,  Herzog  von
Sachsen  -  Meiningen  (f
1914).  —  Kundgebung
bei  Bülows  Rücktritt.  III
340.

Gerard,  amerikanischer
Botschafter  in  Berlin.  III
271,  288.

Gersdorff,  Claire  v.,  Hofdame.
  I  246£.

Geßler,  Dr.,  Oberbürgermeister
  von  Nürnberg,
später  Reichswehrminister.
  III  303.

Gibbons,  Kardinal.  I  610.

Giers,  Nikolai  Kurlowitsch
v.,  russischer  Minister  des
Auswärtigen.  I  90,  409,
410,  544.  II  294,

von
        <pb n="491" />
        392

Giers,  Michail  Nikolajewitsch,
  Sohn  des  vorigen,
russischer  Gesandter  in
Peking,  München,  Bukarest,
  1912—1915  in  Konstantinopel,
  1915—1917
in  Rom.  I  440.

Giesl  ,  österreichisch-ungarischer
  Gesandter  in  Belgrad.
  III  141.

Gioberti,  Vincenzo,  italienischer
  Staatsmann,  I
198,  II  200.

Giolitti,  Giovanni,  italien.
Schatzminister,  1892  Ministerpräsident,
  1901  Minister
  des  Innern,  1905  u.
zuletzt  1921  Ministerprüsident.
  Viktor  Emanuel
  über  ihn.  I  609.
Besuch  bei  Bülow  in
Homburg.  II  58ff.  Charakteristik.
  II  58f.  Über
die  Irredenta.  II  59£.
Italienischer  Patriot.  II
200.  Unterredungen  Bülows
  mit  ilm  (1908).
II  319,  407.  Ruhe  in  der
bosnischen  Krise,  II  400.
Für  Neutralität  Italiens
1914.  WII  169.  „Parecchio.‘*
  III  228,  234.  Taf.
III  108.

Giron,  Andre,  Hauslchrer
bei  den  Kindern  des
Kronprinzen  von  Sachsen.
  I  590£.

Giskra,  Karl,  deutschliberaler
  Politiker  in  Österreich.
  I  156.

Gladstone,  William  Ewart,
  liberaler  englischer
Premier  (f  1898).  I  198.
II  223.  Abneigung  der
Qucen  gegen  ihn.  I  322.
Chamberlain  trennt  sich
von  ihm  wegen  Homerule.
I  339.  Er  und  Chamberlains
  Sohn.  I  334.

Gleichen,  Graf,  britischer
Militärattach&amp;amp;  in  Berlin.
I  25,  253,

 

NAMENREGISTER

Glembocki,  v.,  preuß.-poln.
  Abgeordn.  I  571.

Görtz-Schlitz,  Graf,  Begleiter
  des  Kaisers.  I  449,

Goldschmidt-Rotlschild
v.,  Attach&amp;amp;  der  deutschen
Botschaft  in  London.
1  405.

Goltz,  Graf  Karl  von  der,
Generaladjutant.  I  50.
Goltz,  Kolmar  von  der,
Generalfeldmarschall,türkischer
  Pascha  (}  1916).
I  366,  626.  Irrtum  über
die  Türkei.  II184.  IIIl12.

Goluchowski,  Agenor,
Graf,  österreich.-ungar.
Minister  des  Äußern

1895—1906  (}  1921).  191,
139,  150.  Verhältnis  zu
Franz  Josef.  I  154.  Verurteilt
  die  Umtaufe  des
Kronprinzen  von  Bulgarien.
  1159.  Rät  dringend
von  Forderung  Wilhelms
II.  nach  Repressalien  gegen
  Anarchisten  ab.  1239,
240.  Gratuliert  Bülow
zur  Reichskanzlerschaft.
I  390.  Franz  Ferdinand
sein  Gegner.  I  401.  „Fassungslos“
  über  Dreibund-Rede
  Bülows.  I  579.  Geepräch
  mit  ihm  über
Balkanfragen.  I  626f.
Gegen  Irredentismus.  I
627.  Wilhelms  II.  Sekundanten
  -  Telegramm.  HU
224.  Rücktritt.  II  335.

Goossens,  Erzbischof  von
Mecheln,  Kardinal.  I  620.

Gorki,  Maxim.  II  160.

Gortschakow,  Fürst,  russischer
  Staatsmann.  I  45,
90,  186,  544.  II  333,  334,
395.

Goschen,  Sir  Edward,  jüngerer
  Bruder  des  folgenden,
  engl.  Botschafter  in
Berlin.  Seine  Unterredung
mit  Bethmann.  I  320£.
II  109.  III  176.  Bethmanns
  Bündnisangebot.
III  154.  Taf.  III  176.

 

Goschen,  G.  J.,  Erster
Lord  der  brit.  Admiralität.
  I  320£.,  418£.  War
Bankier.  I  442.

Goßler,  Gustav  v.,  1881
bis  1891  preuß.  Kultusminister.
  II  454.  III  308.

Gothein,  Georg,  }iberaler
Reichstagsabg.  u.  Wirtschaftspolitiker,
  1911
Reichsschatzminister.  I
202,  591  £.

Gotti,  Kardinal.
620,  621,  622.

Goudrian,  Tets  van,  nicderländischer
  Gesandter
in  Berlin,  dann  niederländischer
  Minister  des
Äußcrn.  II  297.

Gradnauer,  Dr.,  sozialdemokratischer
  Abgeordneter.
  I  576£.

Gramont,  Duc  de,  franz.
Minister  des  AÄußern,
III  163,  212.

Granville,  Earl  of,  englischer
  Diplomat.  I  340.
II  86.

Gregorovius,  Ferdinand,
Historiker  Roms.  III  67£.,
12.

I  61l,

Grelling,  Richard,  Verfasser
  von  „J’accuse“.
II  298.  III  256.

Greppi,  Graf  Giuseppe,
chem.  italien.  Botschafter
in  Petersburg.  III  215.

Grevy,Präsident  der  Französischen
  Republik.  1285.

Grey,  Sir  Edward,  1905
bis  1916  britischer  Minister
  d.  Äußern.  Angelt  in
Schottland  während  der
bosnischen  Krise  (1908).
I  333.  Für  Deutschland
erwünschter  brit.  Außenminister.
  I  425.  Rede
über  Marokko-Frage,  II
202lf.  1905  Minister.  II
205.  Rede  über  die  europäische
  Politik.  II  306f.
Zur  Interpellation  über
den  Brief  des  Kaisers  an
        <pb n="492" />
        Lord  Tweedmouth.  11325.
Über  Reval.  II  326.  Lehnt
ab,  sich  über  „Daily-Telegraph“-Interview
  zu
äußern.  II  354.  Er  gehe
nicht  auf  die  Isolierung
Deutschlands  aus.  II  376.
Will  in  der  bosnischen
Krise  Bruch  vermeiden.
II  399.  Kontakt  in  der
Flotten  -  Verständigung.
II  503.  Weist  Bethmanns
  Bündnisangebot
als  „Schacher‘  zurück.
III  154.  Soll  helfen,  den
österreichisch-serb.  Konflikt
  zu  lokalisieren.  III
158.  Lichnowsky  geht
nicht  zu  ihm.  III  172.

Griesinger,  v.,  deutscher
Gesandter  in  Belgrad.
III  139,

Gröber,  württ.  Zentrumsführer.
  I  415,  484,  596.
Rücksprache  mit  Bülow
nach  der  Demburg-Debatte.
  IL  268f.  Minister
1918.  III  301.

Groener,  General,  Reichswehrminister.
  III  300.
Grolman,  v.,  General.  I

562.

Grünau,  v.,  Legationsrat.
III  300,  306.

Gündel,  Oberst,  Chef  des
Stabes  im  China-Expeditionskorps,
  dann  General
d.  Infanterie.  Im  November
  1918  zum  Vorsitzenden
  der  Waffenstillstandskommission
  bestimmt.  I

357.

Güßfeldt,  Paul,  Forschungsreisender.
  Nährt
Abneigung  Wilhelms  II.

gegen  klassische  Sprachen.
  I  105.
Guicciardini,  Marquis,

italienischer  Minister  des
Äußern.  II  199,  255,  400.
Guillaume,  belgischer  Gesandter
  in  Paris.  III  156.
Guizot,  Frangois,  franz.
Staatsmann.  I  198,

 

NAMENREGISTER

Gwinner,  Arthur  v.,  Direktor
  der  Deutsch.  Bank.
1572.  III  178.  —  Kundgebung
  bei  Bülows  Rücktritt.
  III  351£.

Haase,  Hugo,  sozialist.
Abgeordneter,  Leiter  der
UV.  S.  P.  D.  (t  1919).
III  257,  271.

Hackenberg,  nationallib.
Landtagsabgeordneter  1.
588.

Haecckel,  Ernst,  Professor
in  Jena,  Naturforscher.
I  284.

Hünisch,  Konrad,  sozialdemokr.
  Kultusminister
1938—1921  (}  1925).  III
308,  314.

Hacseler,  Graf  Gottlieb,
Generalfeldmarschall
(11919).  1366.  III12,  42.

Hahn,  Dietrich,  Dr.,  agrarischer
  Politiker.  I  532.
III  73.

Hahnke,  Wilhelm  v.,  Generaladjutant,
  1905  Generalfeldmarschall,
  1888
bis  1901  Chef  des  kaiserl.
Militärkebinetts  (f  1912).
1  61,  64ff.,  72,  79,  599.
Hat  sich  bemüht,  Bülow
heranzubringen.  I  205.
Über  persönliche  Eigenlicbe
  des  Kaisers.  I  211f.
Widerstand  in  der  Militür-
  Strafprozeß-  Reform.
I  268.  Generalfeldmarschall.
  I  366.  —  Kundgebung
  bei  Bülows  Rücktritt.
  III  356.

Haldane,  liberaler  engl.
Politiker,  dann  Kriegsminister.
  II  202ff.  1905
Minister.  II  205.  Erklärung
  zum  „Daily-Telegraph“-Interview.
  II
355.  Verstüändigungsversuche,
  II  359.

Haller,  Johannes,  Professor
  in  Tübingen.  I  430.
II  285,  494.  III  30.

 

393

Hammacher,  Friedrich,
nationalliberaler  Reichstagsabgeordneter(}
  1904).
1593,

Hammann,  Otto,  Gcheimrat,
  Pressedezernent  im
Auswärtigen  Amt.  I  217.
II  264,  265.  Foyerschnüffelei.
  II  207.  Bei
Bülows  Ohnmachtsanfall.
II  213.  „Daily-Telegraph“-Aflüre.
  Il  353,
356,  359.  Der  Hammann-Skandal.
  II  442ff.  Gratulation.
  IT  496.  Gegen
Verleumdungskampagne.
III  57.  Mit  Bülow  bei
Loebell.  III  96.

Hammerstein,  Emst  v.,
1894—1901  preußischer
Landwirtschaftsminister.
1522.

Hammerstein,  HansFreiherr
  von,  Bezirkspräsident
  in  Metz,  1901  preuß.
Minister  des  Innern.  I
523.  Tod.  II  180.

Haniel,  E.  v.,  Staatssekretür
  des  Auswärtigen
Amts.  II  79.  Über  Rathenau.
  III  41.

Hanotaux,  Gabriel,  französischer
  Historiker  und
Politiker.  1  198,  302.

Harcourt,  Sir  William,
Mitglied  des  britischen
Ministeriums  für  öffentliche
  Arbeiten  (}  1904).
II  377.

Harden,  Maximilian,  Herausgeber
  der  „Zukunft“
(f  1928).  Die  „Zukunft“.
1  50.  Die  Angriffe  auf
Eulenburg.  I  226.  II
2911.  Reichstagsrede  Bülows
  über  den  Moltke-Harden-Prozeß.
  II  307  f.,
310,  315.  Gegen  den  Kaiser.
  Il  387.  Für  Bülow.
II  467.  Philipp  Eulenburg
über  den  Prozeß.  III  27,
30.  Beziehungen  Bülows
zu  Harden.  III  48,  50.
        <pb n="493" />
        394

Hoardinge,  Sir  Charles,
Unterstaatssekretär  im
englischen  Auswärtigen
Amt,  dann  Botschafter
in  Petersburg  und  Puris.
Unterredung  mit  dem
Kaiser  beim  Aufenthalt
Eduards  VII.  in  Homburg.
  II  321  T.  Friedlich.
1908.  II  399,  431,  434.
Kontakt  in  der  Flottenverständigung.
  II  503.

Harmsworth  (später  Lord
Northeliffe),  Besitzer  der
„Daily  Mail“.  11  195,  375.

Harnack,  Adolf,  Professor,
  Theolog  (f  1930).
I  144,  249,  430,  526f.
II  57,  285,  288.  Nach  der
Novemberdebutte.  II45-t.
Brief  an  Bülow.  Ill  90.
Besuch  in  Rom.  Ill  93.
Sendet  Schmollers  Memorandum
  zurück.  III
115f.  An  Bülow.  III
202f.  „Wille  zur  Macht.‘
III  276£.,  313£.

Hartwig,  braunschweigischer
  Staatsminister.  II
248

Hassan  -  Pascha,  türkischer
  Marineminister.  I
250.

Hasse,  Ernst,  Professor,
nationalliberuler  Reichstagsabgeordneter,
  Voreitzender
  des  Alldeutschen
  Verbandes  (f  1908).
1475£.  IL  230f.  IIL318£.

Hatzfeldt-Trachenberg,
Hermunn,Fürst,1900  Herzog,
  Oberprüsident  von
Schlesien.  I  577.  II  456.
Erzwungener  Abschied.
II  101f.  Rede  zur  Kaiser-Krise.
  II  366  f.  Erklärung
in  der  Erbschaftssteuer-Debatte.
  II  505.  III  5.

Hatzfeldt,  Graf  Paul,
Stautssckretär  des  Äu-Bern,
  seit  1885  Botschufter
  in  London  (f  1901).
I  177,  187,  190.  Unter- 



NAMENREGISTER

händler  beim  Windsor-Vertrag.
  I  273.  Brief  an
IIolstein.  I  276.  An
denselben  über  Südafrika.
I  293.  Briefe  an  Bülow
über  die  Verhandlungen
mit  Chamberlain.  1303  ff.,
309.  Unterredung  mit
Bülow.  I  323f.  Persona
gratissima  bei  der  Queen.
I  324.  Führt  die  Verhandlungen

  fort.  I  331f.  Brief

an  Hohenlohe.  I  3351.
An  Holstein  über  Schärfe

Sulisburys.  I  418.  Brief

an  Holstein.  I  420f.
Weitere  Briefe  an  llolstein.
  1  4321.  Tod.  1558.
Wilbelm  I.  über  ibn,  II
53.  Seine  Mutter  die
Freundin  Lassalles.  II
102.  Sein  trauriger  Gesundheitszustand.
  II  164.
Brief  an  Bülow.  II  221.
Hauptmann,  Gerhart.  I
177.  11  378.  III  8,  365.
Haußmann,  Fricdrich,
süddeutsch  -  demokratischer
  Reichstagsabgeordneter.
  II  371.
Haußmann,  Konrad,  Bruder
  des  vorigen,  süddeutsch
  -  demokratischer
Reichstagsabgeordneter.
II  371.  III  286,  294,  301.

Heckscher,  Siegfried,  Dr.,
freisinniger  Reichstagsabgeordneter.
  II  257,510.
Brief  an  Bülow.  III  285  f.

Heine,  Wolfgang,  sozialdemokratischer
  Reichstagsabgeordneter,
  dann
Justizminister.  II  371,
456.  III  257.

Heinrich  Prinz  von  Preu-Ben,
  Bruder  Wilhelms  II.
Evangeliums-Rede.  1196,
20311.  Briefe  an  Wilhelm
II.  auf  der  Chinafuhrt
1898.  I  206f.  Brief  an
Bülow.  I  280,  2811.  Briefe
an  Bülow  über  Ostasien.
I  436{f.  Seine  verwandt- 



schaftliche  Verbindung
mit  dem  Zaren.  I  454f.
In  England.  I  505.  Besuch
  beim  Zuren  in  Spala.
I  547f.  Reise  nach  den
Vereinigten  Stauten.  I
5750.  —  Auftrag  des
Kaisers  an  ihn  für  Eduard
  VII.  II  23.  Kieler
Woche.  II  33,  Privatnachrichten
  aus  Petersburg.
  IL  131  £.  Für  Tirpitz.
II  244.  Der  Kaiser  zu
ihm  über  Bülow.  II  450.
Verläßt  Kiel  in  der  Revolution.
  III  303.  Taf.
III  138.

Helfferich,  Karl,  seit1915
Staatssekretürdes  Reichsschatzumts,
  Staatssekretür
  des  Innern,  1918  GesandterinMoskau(f
  1924).
Durch  Bumberger  und
Georg  v.  Siemens  empfollen.
  I  219.  Prozeß
Erzberger.  I  219.  II  254.
III  210.  Gerard  nennt
Helfferich.  III  271.  Tod.
1219.  Taf.  III  256.

Hellpach,  Willy,  Dr.,  badischer
  Staatspräsident.
III  293.

Helmholtz,  Hermann,
Naturforscher.  I  25.  III
4].

Henckel-Donnersmarck,
  Guido,  Graf,
1901  Fürst  (f  1916).  1393.
Über  den  Kaiser.  I  461.
Die  Kaiserlichen,  II  479.
Über  Bethmann.  III  153f.

Henderson,  Sir  Richard,
englischer  Schiflsreeder.
1318.

Henke,  sozialdemokratischer
   Reichstagsabgeordneter
  für  Breinen.  III
105.

Henriette  Prinzessin  von
Schleswig  -  Holstein-Sonderburg
  -  Augustenburg.
I  67£.
        <pb n="494" />
        Hentsch,  Richard,  Oberstleutnant
  (f  1918).  III
184.

Herold,  Zentrumgabgeordneter
  (}  1931).  I  596.
I

Hertling,  Freih.  v.,  Zentrumsabgeordn.,
  später
bayrischer  Ministerpräsident,
  dann  Reichskanzler
(t  1919).  1  201,  214,  430,
596.  Von  Wilhelm  II.  im
Weißen  Sanl  gemicden.
I  479.  Charakteristik.  I
479f.  Über  Crailsheims
Rücktritt.  I  599.  Von
Leo  XIII.  gelobt.  I  612.
Verbraucht.  I  632.  Arm
in  Arm  mit  Dr.  Friedberg.
II  12.  Brief  an  Bülow.  II
100£.  Zweimal  Missionen
für  ihn  nach  Rom.  II
101.  Algeciras-Debnatte.  Il
212.  Brief  an  Bülow.  II
220.  Mißbilligt  Wohlbündnis
  mit  Sozialdemokratie.
  II  278.  Rede  zur
Kuiser-Krise.  II  369£.
Kandidut  für  die  Vertretung
  beim  Vatikan.  II
379.  Rede  in  der  Erbschafts
  -  Steuer  -  Debatte.
II  505.  Über  Inhalt  des
Ultimatums.  III  179.
Fragt  Lerchenfeld  nach
Dr.  Michaclis.  III  268.
Emennung  zum  Reichskanzler.
  III  2731.  Rücktritt.
  IIJ  292.  Tod.  III
292.  Katastrophe  beschleunigt.
  III  331.

Herzl,  Dr.,  Theodor,  Zio
nist  (f  1904).  I  254.

Heydebrand,  Emst  v.
(Klein  -  Tschunkawe),
Führer  der  Konservativen
  (f  1924).  I  38.  Als
Redner.  I  201f.  Als  Parteiführer.
  I  296,  533.  Für
Jesuitengesetz.  II  12,460.
Gegen  Bethmann.  Il  181.
Brief  an  Bülow.  II  220f.
Rede  zur  Kaiser-Krise.

Heyl,

 

NAMENREGISTER

II  366.  Er  stellt  die  Segel
um,  Charakteristik.  II
456.  Besprechung  Bülows
  mit  ihm.  II  4591.
Totengrüber  des  alten
Preußen.  IT  461.  Versuch
einer  Rechtfertigung.  Il
519.  III  5.  Wahlillusionen
von  1912.  III  85.

Heydebrand,  v.  (Nassadel).
  II  96.

Heyking,  Baron,  deutsch.

Diplomat.  137.
Cornclius,  Fabriant,
   nationalliberaler
Abgeordneter  (}  1915).  II
91£.,  506.

Hill,  amerikanischer  Botechafter
  in  Berlin.  Verwahrung
  des  Kuisers  gegen
  ihn.  III  53.  —  Brief
an  Bülow  nach  dessen
Rücktritt.  III  362£.

Hindenburg,  Paul  v.,  Generalfeldmarschall,
  dann
Reichspräsident.  Bei  der
Tlucht  Wilhelms  II.  nach
Holland.  I  77.  Familie.  II
39.  Dem  Kaiser  nicht  genehm
  (1905)  als  Chef  des
Generalstabs.  II  184.  Natürlichkeit.
  III  42.  Tannenberg.
  III  185f.  Brief
an  Studt  über  Polen,  III
247f.  Banketirede  Gerards.
  III  271.  Oberste
Heeresleitung.  III  280.
Wuffenstillstand  -  Begehren.
  III  296.  Die  Flucht
des  Kaisers.  III  300.
Heerführer.  III  323.  —
Reichspräsident.  Ill  332.
Taf.  III  200,  320.

Hindenburg,  Herbert  v.,
Botschaftsrat  in  Rom.
III  197£.,  211,  226.

Hintze,  Paul  v.,  deutscher
Morine-Attach&amp;amp;  in  Petersburg,
  Gesandter  in
Mexiko,  Peking,  Christiania,
  1918  Staatssekretär
des  Auswärtigen.  II  244f.
IIL  299.

Hinzpeter,

 

395

Georg,  Erzicher
  Wilhelms  II.  Lehrt
Wilhelm  II.  Latein.  I  16.
Erziehungssystem  u.  Charakter.
  I  104f.  Trügt  zu
Bisinnrcks  Sturz  bei.  I
106.  Über  den  Kuiser  und
den  Prinzen  lleinrich.  I
204f.  Für  Arbeitnchmer.
I  238[.  Gratulationsbrief
an  Bülow.  I  393.  Brief
an  Bülow  in  dessen
Krankheit.  II  219.  Über
Selbstbeherrschung  des
Kaisers  (1908).  II  338.

Hirsch,  Baron,  Bankier
(Türkenbirsch).  I  218.
Ir  ıll.

Wobrecht,  Arthur,  Oberbürgermeister
  von  Breslau
  und  Berlin,  1878  bis
1879  preußisch.  Finanzminister.
  1  566.

Hochberg,  Graf  Bolko,
1886  bis  1903  Generalintendant
  der  Berliner
Hoftheater  (f  1926).  Die
Intrigen  Philipp  Eulenburgs.
  1603  ff.  III  30.

Hölz,  Max.  I  198.  II  519.

Hoffmann,  Adolf,  sozialistischer
  Abgeordneter
(1931).  1198.  111  308,
314.

Hoffmann,  Kommerzienrat,
  Vizepräsident  des
Lippeschen  Landtags.  II
55f.

Hohenau,  Fritz,  Graf.  II
307,  314.

Hobenlobe,  Prinz  Alexander
  zu  H.-Schillingsfürst,
  Sobn  des  fulgenden,
  Bezirksprüsident  in
Kolmar  (f  1924).  Besuch
Bülows  bei  ihm.  I  12.
Monts  über  ihn.  I  37,  38.
Brief  an  Gräfin  (Fürstin)
Bülow.  I  492f.  In  Ungnade.
  I  493.  Soll  wegen
der  „Denkwürdigkeiten“*
diszipliniert  werden.  II
251£.
        <pb n="495" />
        396

Hohenlohe,  Chlodwig,
Fürst  zu  1.-Schillingsfürst,
  1866—1870  bayrıischer
  Ministerpräsident,
1874—1885  Botschafter
in  Paris,  1885  bis  1894
Statthalter  in  Elsaß-Lothringen,
  1900  Reichskanzler
  (f  1901).  I  7.

Besuch  Bülows  bei  ihm.
I  9fl.  Verhältnis  zum
Kaiser  und  zur  Kaiserin.
I  10f.  Sieht  (1897)  in
Bülow  seinen  Nachfolger.
I  12.  Führt  mit  ihm
(28.  6.  1897)  nach  Friedzichsruh.
  I  21ff.  Sein
Regime.  I31£.  Monts  über
ihn.  I  37,  38.  Fahrt  nach
Peterhof.  I  55.  Telegramm
  des  Kaisers  an
ihn  über  Handelsverträge.
1  56.  In  Peterhof.  I  85.
Konferenz  mit  Murawiew.
I  86.  In  diplomatischer
Debatte.  I  86f.  Tragt
Bülow,  ob  er  den  Kaiser
für  normal  halte.  I  139£.,
179.  Besteht  (1895)  auf
Ausschiffung  Köllers,  I
156.  In  Schillingsfürst.  I
178f.  Holstein  intrigiert
bei  iım  gegen  Bülow.  I
186.  Sein  Anteil  an  Kiautschou.
  I  210£f.  Arbeit
Hammanns  f.  ihn.  I  217.
Nach  Abrüstungsvorschl.
des  Zaren.  I  238.  Militär-Strafprozeß
  -  Reform.  I
268.  Beim  Eınpfang  des
Kaisers  auf  der  Wildparkstation
  (nach  der  Palästinnreise).
  I  268.  Ist
wieder  an  Ludwig  II.  von
Bayern  erinnert.  I  269.
Salisbury  über  ihn.  I  277.
Aus  seiner  Pariser  Botschafterzeit.
  1285.  Seines
hohen  Alters  wegen  durch
Miquel  vertreten.  I  294.
Gegen  die  preuß.  Konservativen.
  I  297.  Billigt
Bülows  Taktik  bei  den
deutsch-englischen  Ver- 



NAMENREGISTER

handlungen.  I  325.  Kondolenzbrief
  der  Qucen.  I
326.  Kavalierperspektive.
I  326.  Brief  Bülows  an
ihn.  1334f.  Gegen  Veröffentlichung
  der  Wilhelmshavener
  China-Rede  des
Kaisers.  I  358.  Kann
Hunnenrede  nicht  vertreten.
  I  359.  Bittet  um
Abschied.  I  372.  Über
Hohenlohe  -  Langenbure.
I  374.  Rücktritt.  I  375.
Gespräch  mit  Bülow.  I
383f.  Nachsichtig  lächelnd
  (80er  Jahre,  Paris).
  I  412.  Vertrauen
Bülows  zu  ihm.  I  443.
Über  Hertling.  I  480.  Als
bayrischer  Ministerpräsident.
  I  484.  Briefe  an
Bülow.  I  492,  494.  Gegen
Oberhofmeister  Mirbach.
1500.  Leichenpredigt  des
Dr.  Schädler  auf  Hohenlohe.
  I  597.  Taf.  I  128,
Die  „Denkwürdigkeiten‘“.
IL  251£.

Hohenlohe,  Fürstin  Matie,
  geb.  Witgenstein,
Gattin  des  vorigen.  I
22.  37,  178£.

Hohenlohe,  Prinz  Gustav,
Kardinal  (}  1896).  Furcht
vor  den  Jesuiten.  I  11.
Das  Leda-Basrelief  in
Schillingsfürst.  I  17Bf.
Über  Zurechnungsfähigkeit
  des  Kaisers.  1  353.

Hohenlohe  -  Langenburg,
  Fürst  Hermann,
1894  bis  1907  Statthalter
von  Elsaß-Lothringen
(r  1913).  Vom  Kaiser  als
Reichskanzler  abgelehnt
(1900).  I  374.  Intrigen
Philipp  Eulenburgs  um
die  Statthalterschaft.  I
381f.  Gegen  den  Prinzen
Alexander  wegen  der
Memoiren  Chlodwig  Hohenlohes.
  II  252f.  Abberufen
  (1907).  II  301.

 

Hohenlohe  -  Langenburg,
  Erbprinz  Ernst,
1900—1905  Regent  von
Koburg-Gotha,  dann  Leiter
  der  Kolonialabteilung,
Vizepräsident  des  Reichstags.
  1493  f.,  596.  IT  185f.
Schwacher  Vertreter  der
Regierung.  II  218.  Abschied.
  II  266.

Hohenlohe-Ochringen,
Fürst  Christian  Krafft.
Zum  Oberstkümmerer
ernannt.  I  298.  Nimmt
seinen  Abschied.  I  298.
Der  Kaiser  sein  Jagdgast.
  II  260.  Gegen  konservativen
  Parteikurs.  II
477,  506.  ber  Herrn
Bethmann.  III  91.

Hohenlohe,  Prinz  Gott-{ried,
  österreichischer  Militärattache
  i.  Petersburg,
1914  österreichisch-ungarischer
  Botschafter  in
Berlin.  I  143£.  II  260£.
Gegen  Bülow.  III  115,
217,  241.  Schwiegersohn
der  Erzberzogin  Isabella.
III  221.

Hohenlohe,  Prinz  Konrad,
  Bruder  des  vorigen,
österreichischer  Statthalter
  in  Triest,  dann  Oberhofmeister.
  III  221f.

Hohenthal,  Graf  Wilhelm,
  süchsischer  Gesandter
  in  Berlin.  I  590.
11  389.—  Kundgebung  bei
Bülows  Rücktritt.  IIL345.

Holleben,  Theodor  v,,
1891—1893  u.1897—1903
deutscher  Botschafter  in
Washington  (f  1913).  I
222,  576.

Hollmann,  Fritz  v.,  Admiral,
  1890—1897  Staatssekretür
  des  Reichsmarincamts
  (}  1913).  I  68,
113.  Wilhelm  II.  über  ihn,
KiautschouunddieFlotte,
1  210f.  Spiritist.  I  460.
Langweilig.  II  173.  Spaßmacher.
  III  114.
        <pb n="496" />
        Holstein,  Friedrich  v.,
Geheimrat,  1880—1906
Vortragender  Rat  imAuswärtigen
  Amt  (}  1909).
Besuch  Bülows  bei  ihm.
I  6.  Intrigen.  I  13.  Haß
gegen  das  Haus  Bismarck.
I  23.  „Austernfreund.“*
I  30.  Hält  Hohenlohe.  I
32.  „Diplomatie  u.  feinste
Wäsche  im  Innern.“  132.
Einfluß  im  Amt.  I  38,
Geringe  Gunst  des  Kaisers.
  138.  Beteiligt  an  der
Kündigung  des  Rückvereicherungsvertrags
  mit
Rußland.  I  45.  Monts
über  „gewisse  Herren“,
1127.  Quertreibereien  in
der  ostasiatischen  Frage.
I  186.  Seine  chiffrierten
Telegramme.  I  187.  Bedauern
  des  Kaisers  über
Kiautschou-Murginal  ihm
mitgeteilt.  I  211.  Wird  in
Friedrichsruh  die  „Blindschleiche“
  genannt.  I  217.
Verhalten  bei  Bismarcks
Tod.  I  229.  Mitwirkung
bei  den  Berichten  des
Konsuls  Raffauf  (1890).
I  233.  Brief  Hatzfeldts
an  ihn.  1276.  Empfichlt
(1899)  Bülow,  seinen  Abschied
  einzureichen.  I  282.
Bülow  droht  ihm  mit  Herbert
  Bismarck.  I  283.
Hetzt  Caprivi  gegen  Limburg-Stirum.
  I  296.  Sein
Aide-Mömoire  für  den
Kaiser  über  Verhandlungen
  mit  England.  I  311.
„Unser  guter  Holstein“
(Hatzfeldt).  I  325.  Russenfeindlich.
  I  326.  Probritisch.
  I  327.  Argwohn
gegen  Chamberlain.  I
331.  Bricf  Bülows  an  ihn.
I  334f.  Bricf  Hatzfeldts
an  ihn.  I  335ff.  Verfeindet
  mit  Waldersee.  I  363.
Herbert  Bismarck  will
ihm  einen  Schabernack
spielen.  I  392£.  Hatzfeldt

 

NAMENREGISTER

an  ihn.  I  418,  420f.  Über
Flottenbau  ohne  Zusammenstoß
  mit  England  als
Quadratur  des  Zirkels.  I
431.  Für  diplomatischen
Schritt  wegen  Marokkos
(August  1900).  1435.  Erst
Intimus,  dann  Todfeind
Philipp  Eulenburgs.  1463.
Schwärmerische  Freundschaft
  für  Radolin.  I  496.
Anstoß  zum  Untergang
Harry  Armmims.  I  498.
Reigen  der  Opfer.  I  498.
Unterhaltungen  Richthofens
  mit  ihm.  I  512.
Gegen  Karl  Wedel.  I  606.
Taf.  I  224.

Für  Überfall  auf  Frankzeich.
  II  80.  Mugenblutung
  nach  Tanger.  II  112.
Holstein  und  Bülows  Vater.
  II  112f.  Über  Wilhelms
  II.  Zusage  an  die
Franzosen.  II  123.  Bülow
an  ihn  über  Björkö.  II
138f.  Unverträglichkeit
gegenüber  Richthofen.  II
168.  Abschiedsgesuch  und
Sturz.  II  214  ff.  Der  Kaiser
  über  den  „Höllensohn“.
  II  216.  Zerwürfnis
zwischen  Holstein  und
Philipp  Euwlenburg.  II
290  ff.  Dieser  überihn  und
die  Harden-Affäre.  II
312f.  Holstein  gegen
Hammann,  II  359,  442.
Besuch  Bülows  an  Holsteins
  Krankenbett.  II
466.  Tod.  II  468.  Taf.  II
416.  Eulenburg:  Holstein
habe  ihm  das  Grab  geschaufelt.
  III  27.

Holtzendorff,  Henning
v.,  Admiral,  1915  Chef
des  Admiralstabs  (f  1919).
I  109.  II  320.  III  271.

Hompesch,  Graf,  Zentrumsabgeordneter.
  Abgabe
  einer  Denkschrift
über  die  Monarchie.  I
600£.

 

397

Hue,  Otto,  sozialdemokratischer
  Abgeordueter
(t  1922).  II  92,  510.

Hülsen,  Botho  v.,  Hoftheater-Intendant
  in  Berlin,
  Vater  der  beiden  folgenden
  (}  1886).  I  177£.

Hülsen,  Dietrich  v.  (dann
Graf  v.  Hülsen-Haescler),
1901—1908  Chef  des  Militärkabinetts
  (f  1908).  I
72,  174f.,  404.  Sein  Konflikt
  mit  Philipp  Eulenburg.
  1603.  Mit  dem  Kaiser
  nach  Rom.  I  607.  Gegen
  Professor  Schiemann.
I  ber  Hellmuth
Moltkes  Ernennung  zum
Chef  des  Generalstabs.  II
183.  Zwang  auf  Kuno
Moltke,  Prozeß  anzustrengen.
  II  293.  Der
Kaiser  möchte  ihn  als
Statthalter  nach  Straßburg
  schicken.  II  301.
Tod.  II  441.  Eulenburg
über  die  Generals-Kamarilla.
  III  30,

Hülsen,  Georg  v.  (dann
Graf  v.  Hülsen-Haescler),
Bruder  des  vorigen,  Intendant
  des  Wiesbadener
Hoftheaters,  dann  General-Intendant
  in  Berlin
(f  1922).  I  174  f.,  456.
Von  Philipp  Eulenburg
promoviert.  1603.

Huene,  Karl  Freiherr  v.
Hoiningen,  Zentrumsabgeordneter
  (}  1900).  1596.

Huhn,  v.,  Vertreter  der
„Kölnischen  Zeitung“  in
Berlin.  I  469.  III  73£.,  91.

Humbert,  seit  1878  König
von  Italien,  ermordet
1900.  Gast  bei  Kaisermanövern,
  I  128.  Antwortrede
  in  Homburg.  I
134.  Lanza  sein  Adjutant.
I  144.  Begrüßt  den  Kaiser
  in  Venedig.  I  242,
Seine  Ermordung  in
Monza.  1  129.  Leo  XIII.
über  das  Attentat.  I  614.
        <pb n="497" />
        398

Humperdinck,Engelbert,
Koinponist.  IIL  203.

Hunzinger,  Prof.,  Hauptpastor
  an  St.  Michaelis  in
Hamburg.  III  133.

Hutten-Czupski,  Graf,
Pole,  Mitglied  des  preuß.
UHerrenhauses.  I  566f.

Ilberg,  Dr.,  Generalarzt.  I
288.

Ingenohl,  Admiral.  III
182£.

Inouy&amp;amp;,  Marquis,  japanischer
  Gesandter  in  Berlin.
Demarche  bei  Bülow.  I
629f.

Irene,  Gattin  des  Prinzen
Heinrich  von  Preußen,
geb.  Prinzessin  von  Hessen.
  I  102,  455.  II  132.

Isabella,  Erzherzogin  von
Österreich,  Guttin  des
ErzherzogsFriedrich.geb.
Prinzessin  Croy.  I  624.
III  221.

Iswolski,  Alexander  Petrowitsch,
  1906  bis  1910
russischer  Minister  des
Auswäürtigen,  1910  bis
1917  Botschafter  in  Paris
(F  1919).  II  259£.  Seine
Karriere,  II  294f.  Auseprache
  Bülows  mit  ilım.
11  295[.  Vertrag  mit  England
  (1907).  II  316.  Von
Eduurd  VII.gewonnen.  II
325.  Über  Reval.  II  326.
Geht  nach  Buchlau,  II
335.  Fehler  auf  Febler.  II
393.  Seine  Reisen.  II
393  fl.  Unterredung  mit
Bülow  über  die  Dardanellenfrage.
  113941f.  Frühetücksgast
  des  Kaisers.  II
397f.  Iswolskis  Rückzug.
II  399.  Achrenthal  droht
ihm  mit  Veröffentlichung
der  Geheimdokumente.  II
400f.  Iswolskis  Grimm
auf  Achrenthal.  II  402.
Sein  weiteres  Schicksal.
II  404.  Hurden  über  ihn,

 

NAMENREGISTER

II  467.  In  den  finnischen
Schären.11480  Il.  Beschuldigt
  Achrenthal  der  Chantage.
  II  482.  Taf.  II  400.
Die  nicht  wegzuleugnende
invite.  III  181.  —  Brief
an  Bülow  nach  dess.Rücktritt.
  III  358.

Jacobi,  Baurat,  Direktor

des  Saalburg-Museums.  I
171.  1119.

Jacobi,  Hugo,  Chefredakteur
  der  „Berliner  Neuesten
  Nachrichten“,  I  393.
Il  221.

Jacobi,  preußischer  Generul,
  Militärbevollmächtigter
  in  Petersburg.  I  607.
II  260.

Jagemann,  v.,  badischer
Vertreter  im  Bundesrat.
138

Jagow,  v.,  preuß.  Konservativer,
  später  Oberpräsident
  von  Westpreußen.
Als  „Kanulrebell“  gemaßregelt.
  I  297.  II  488.

Jagow,  Gottlicb  v.,  Gesandter
  in  Luxemburg,
1909  Botschafter  in  Rom,
1913—1916  Staatssekretär
  des  Äußern.  I  13,  190.
Karriere.  III  33  f.  Bülow
schlägt  ihn  dem  Kaiser
als  Nachfolger  für  Monts
vor.  III  3.4  £.  Das  deutschfranz.-.engl.
  Abkommen
„auf  Kosten  Belgiens“.
III  81.  Verhüngnisvolle
Richtung  der  Kriegspolitik.
  111  86.  Mit  Bülow  bei
Locbell.  III  96.  Voreingenommenheit
  für  das
„feudale“  Österreich.  III
1l4.  Nennt  wirtschaftliche
  Vorsorgernaffregeln
überflüssig.  III  155.  Seine
Dircktiven.  III  158  f.,,Das
Herz  in  den  Stiefelspitzen.“
  III  159.  Die  Stirnlocke
  der  Fortuna.  III
164.  Hinhaltende  Erklä- 



rungen  an  Italien.  III  168.
Stümperei.  III  178.  Abhängigkeit
  vom  Ballplatz.
III  180,  190.  Sucht  Bülows
  römische  Mission  zu
hindern.  III  193.  Gegenwirkung.
  III  197.  Ist
Italiens  völlig  sicher.  III
208.  Erzählungen  über
Bülow.  III  239.  Von  diesem
  ignoriert.  III  240f.
Abschied  November  1916.
111271.  Taf.  III  176,  256.

Jameson,  Sir  Leander
Starr,  Verwalter  von  Rhodesia,
  Urheber  des  Jameson-Raid.
  I  473.

Jatho,  protestant.-liberal.
Pastor  in  Köln.  III  94.

Jaur&amp;amp;s,  Jean,  Führer  des
franz.  Sozialismus,  ermordet
  in  Paris  31.  7.  14.
II  106,  114.  Gegen  Delcasse,
  I  167f.  Die  „rote
Schwalbe“.  II  263.

Jelissaweta  Mawrikiewna,
  Großfürstin,  geb.
Prinzessin  von  Sachsen-Altenburg.
  I  306.

Jencke,  stellvertr.  Vorsitzender
  des  Zentralverbands
  deutscher  Industrieller.
  I  467.

Jenisch,  v.,  Gesandter,
Vertreter  des  Auswäürtigen
  Amts  beim  Kaiser.
II  212f.,  304,  323,  338,
350,  354,  377,  471,  472.

Jenssen,  deutscher  Konsul
  in  Christiania,  Gast
bei  Nordlandreise.  I  349,
350.

Joachim  Prinz  von  Preußen,
  jüngster  Sohn  des
Kaisers.  I  451,  459.

Joachim,  Josef,  Musiker.
IIıll.

Joffe,  Botschafter  d.  Sowjet-Republik
  in  Berlin.
III  289,  301,  303.

Johann  König  von  Sachsen.
  I  490,  590.
        <pb n="498" />
        Johann  (Orth)  Erzherzog
von  Österreich.  I  167.
Johann  Georg  Prinz  von
Sachsen.  I  590.

Jonescu,  Take,
Politiker.  III  280.

rumiän.

Kümpf,  freisinnig.  Reichstagsubgeordn.,
  Stadtrat
und  Stadtältester  von
Berlin.  II  257,  281.

Kahl,  Wilhelm,  Professor,
Stautsrechtslebrer.  Für  d.
Recht  von  Lippe-Bicsterfeld.
  I  228.  Brief  Bismarcks
  an  ihn.  I  228,

Kaizl,  österreichischer  Finanzminister.
  I  162,

Kallay,  Benjamin  v..österreichisch-ungar.
  Reichsfinanzminister.
  I  160.

Kälnoky,  Freiherr  (Graf),
1881—1895  österreich.-ungar.
  Minister  d.  Äuß.
I  90.  IT  295.

Kanitz-Podangen,  Graf
Hans,  Führer  der  preuß.
Konservativen.  I  294,
532.  II  461,  477,  510.
Bedauert  den  Kampf  gegen
  Bülow.  II  507.  Tod.
111  103.

Kaphengst,  v.,  Konservativer.
  II  477,  506.

Kapp,  Wolfgang,  Vortragender
  Rat  im  preuß.
Landwirtschafts-Ministerium,
  Kommissar  bei  den
Verhandlungen  mit  Rußland
  in  Norderney  (1904),
Generallandschaftsdirck  -
tor,  Putschist  (1920).  I
106,  531.  II  42£.  Konflikt
mit  Bethmann  während

des  Weltkriegs.  II  43.
III  258.
Kardorff,  Wilhelm  v.,

Führer  der  Freikonservativen
  (f  1907).  1202,  592,
Antrag  Kardorff.  1  593f.
Bismarck  zu  Kurdorff.  II
54.  Bismarcksche  Schule,
II  461.  III  5.

 

NAMENREGISTER

Karl  (Karl  Franz  Josef),
1916—1918  Kaiser  von
Österreich,  König  von
Ungarn  (f  1922).  I  157,
159.  Schickt  Tisza  fort.
I  161,  590.  Düpiert  den
deutschen  Botschafter.
III  141.  Seine  Regierung.
III  269,  270.  Der  Sixtus-Bricf.
  III  279[.  Clemenceau
  über  Karls  Lüge.
III  279,

Karl  Prinz  von  Dänemark,
als  Ilankon  VII.  König
von  Norwegen.  II  157f.

Karl  Alexander  Großherzog
  von  Snchaen-Weimar
  (f  1901).  Telegramm
an  Bülow.  I  284.  Charakteristik.
  I  284.  Über
kleine  Verhältnisse.  I  483.

Karoline  Mathilde  Herzogin
  von  Glücksburg,
Schwester  der  Kaiserin.
1534.

Kärolyi,  Michael,  Graf,
Oktober  1918  ungarischer
Ministerpräsident,  Jan.
bis  März  1919  Präsident
der  Republik  Ungarn.
1163.

Kautsky,  Karl,  sozialist.
Theoretiker.  III  255.

Kayser,  Paul,  Direktor  der
Kolonialabteilung(f1898)
1474.

Keller,  Gräfin  Mathilde.  I
246,  248.  II  280.
Keller,  Graf  Theodor,  russischer
  General.  I  246.
Keppel,  Mrs.,  Freundin
Eduards  VII.  II  189.
Kessel,  Gustav  v.,  General
ä  la  suite,  dannKommandeur
  des  Gardekorps,
Gouverneur  von  Berlin
(f  1918).  I  177.  Unterzeichnet
  Telegramm  an
Bülow.  I  288.  Verhalten
in  San  Remo,  beim  Prinzen
  von  Wales,  deshalb
unpolitisch.  I  342f.  Über
Befchle  des  Kaisers,  zu

 

399

schießen.  I  617.  Eulenburg
  über  die  Generals-
  Kamarilla.  III  30.
„Isaak“.  III  225£.

Ketteler,  Klemens  Freiherr
  v.,  seit  1899  deutscher
  Gesandter  in  Peking,
  1900  ermordet,  I
357f.,  438,  440.

Khuen-Hederväry,Grof,
ungarischer  Ministerpräsident.
  I  163.

Khun,  Bela,  ungarischer
Bolschewist.  I  150.

Kiderlen-Wächter,  Alfred
  v.,  Gesandter  in  Kopenhagen,
  ab  1900  in  Bukarest,
  1910  Staatssckretür
  des  Auswärtigen  Amts
(f  1912).

Holstein  gegen  ilın.  16.
Marschalls  intimer  Feind.
17,8.  Intrigen.  I  13.  Ersctzt
  durch  Jugow.  I  13.
„Spätzle.“  I  30.  Fährt
nicht  mit  dem  Kaiser
nach  Rußland.  I  55.  Sucht
Lucanus  zu  ridikülisieren.
I  64.  Monts  über  „gewisse
  Herren“.  I  127.
„Hat  ausgespielt‘  (Wilhelm
  I.).  1139.  Als  Gesandter
  in  Kopenhagen.
I  212,  Die  Versetzung
nach  Bukarest.  1395.  Gesinnung
  gegen  Bülow.  I
396.  „Plumper  Schwabe“
(Sehweinitz).  I  409.  Gegen
  die  „IHammeldicbe
von  der  unteren  Donau“.
I  626.  III  112.  Über
Rouviers  Verständigungswunsch.
  III  125.  Kongo-Vertrag.
  II  199.  VomKaiser
  als  Nachfolger  Richthofens
  abgelehnt.  II  214.
Auch  als  Nachfolger
Tschirschkys.  T1  302.  Provisorischer
  Leiter  desAuswirtigen
  Amts  (November
  1908).  Il  360.  Die
gelbe  Weste,  II  371£.
Intrigen  wegen  seines
        <pb n="499" />
        400

Privatlebens.  II415[.  Wilhelm
  Il.  gegen  ihn.  II  512.
Brief  an  Bülow  nach  dessen
  Rücktritt.  III  32£.
Verantwortlich  für  den
Panthersprung.  III  87.
Besuch  in  Rom.  III  88.
Tod.  III  88.  Kiderlen
über  das  „Baby“  Lichnowsky.
  III  123.

Kipling,  Rudyard,  englischer
  Dichter.  I  558.

Kirdorf,  rheinischer  Industrieller.
  III  90.

Kirschner,  Oberbürgermeister
  von  Berlin.  II
421.

Kitchencer,  Herbert,

Earl  of  Khartum,  Sirdar
(1916).  1271,  332.  1121.

Klehmet,  Legationsrat.  I
36,  38.  Bericht  über  Pläne
von  Tirpitz.  I  188f.  Auf
der  Orientreise.  I  243.
„Daily  -  Telegraph“  -  Affüre.
  11353,  356ff.,  360.

Kleinmichl,  Grüfin  Marie,
Dame  des  Zarenhofs.  I  96,
246.  III  84.

Kluck,  Alexander  v.,  Gecneraloberst,
  seit  Oktober
1916  in  Ruhestand.  III
184,  323.

Knackfuß,  Hermann,  Professor.
  I  176,  254.  II  131,
378.

Knesebeck,  Bodo  v.  dem,
Kabincttsrat  d.  Kaiserin.
173.  Auf  der  Orientreise.
1  244,  260.  Freundschaft
mit  Bülow.  I  246,  443,
500f.  II  52.  Über  Redseligkeit
  des  Kaisers.  I
453f.  Redigiert  Depesche
Wilhelms  II.  an  Loubect.
II  19.  Worte  des  Kaisers
über  Bülow.  II  449£.
Koesebeck  über  den  Kaiser.
  II  477.  Briefwechsel
mit  Bülow.  IIL  581.

Knollys,  Lord,  vertrauter
Freund  Eduards  VII.  II
504.

 

NAMENREGISTER

Knyphausen,  Edzard,
Graf,  1900  Fürst.  II  121,
287.

Köller,  Ernst  Matthias  v.,
1894—1895  preußischer
Minister  des  Innern,  dann
Oberpräsident  von  Schleswig-Holstein,
  1901—1908
Staatssekretär  für  Elsaß-Lothringen.
  I  32,  37,  43,
156.

Köller,  Georg  v.,  Bruder
des  vorigen,  Präsident
des  preußischen  Abgeordnetenhauses
  (f  1916).  II
457,

Körner,  Direktor  der  Handelspolitischen
  Abteilung
im  Auswärtigen  Amt.  I
531,  596.  Bei  den  Verhandlungen
  mit  Rußland
in  Norderney.  II  42,  46,
49,

Körte,  Dr.,  Oberbürgermeister
  von  Königsberg.
III  132,

Kokowzow,  Wladimir  Nikolajewitsch,
  russischer
Finanzminister  und  Ministerpräsident.
  II  295.
Besuch  bei  Bülow  inRom.
III  128£.

Komura,  Baron,  Vertreter
Japans  bei  dem  Frieden
von  Portsmouth.  II  169.
Taf.  II  168.

Konstantin,  Kronprinz,
1913—1917,  1920—1922
König  von  Griechenland,
Schwager  Wilhelms  II.  I
148.  Versöhnung  des  Kaisere
  mit  ihm.  I  252.  In
England.  IL  126.  Lürmender
  Empfang  in  Berlin
(1913).  III  105f.

Kopp,  Dr.,  Fürstbischof
von  Breslau,  Kardinal.  I
.566,  589,  612,  619.  Brief
an  Bülow  über  das  Konklave
  von  1903.  I  619  ff.
Über  das  Jesuitengesetz.
II  14.  Gegen  Hertlings
Mission  nach  Rom.  II  101.

 

Dank  des  Episkopats.  II
259.  Brief  an  Bülow  zur
Reichstagsauflösung.  II
272f.,  379.  Enteignungsvorlage.
  II  491.  An  Bülow.
  II  502.

Kopsch,  Julius,  Rektor  in
Berlin,  freisinniger  Landtagsabgeordneter.
  II
355f.

Korfanty,  preußisch-polnischer
  Abgeordneter.  I
S66F.

Korum,  Felix,  seit  1881
Bischof  v.  Trier  (f  1921).
1  588f.

Koscielski,  Josef  Theodor
Stanislaus  v.,  Führer  der
preuß.  Polen  (F  1911).
1  305.

Kossuth,  Franz,  ungar.
Handelsminister  (f  1914).
I  156.

Kossuth,  Ludwig,  Vater
des  vorigen,  ungarischer
Nationalführer  (f  1894).
1156.

Kriege,  Geheimer  Rat.
Vertrauensmann  Holsteins.
  II  168f.  Abfassung
der  Kriegserklärung  an
Rußland.  III  167£.

Kriwoschein,  russischer
Landwirtschaftsminister.
III  128.  Über  Friktionen
zwischen  Berlin  und  Petersburg.
  III  131.

Kröcher,  Jordan  v.,  Präsident
  des  preuß.  Abgeordnetenhauses
  (f  1918).
1  519.  IT  232,  271.

Kropatschcek,  Dr.,  Chefredakteur
  der  „Kreuzzeitung“,
  konservativer  Abgeordneter.
  II  95.

Krüger,  Paul,  1883—1899
Prüsident  der  Südafrikanisch.
  Republik  (f  1904).
Seine  Abfahrt  nach  Europa.
  I  398.  Nicht-Empfang
  durch  den  Kaiser.  I
464,  471,  473.
        <pb n="500" />
        Krupenski,  Anatol,  russischer
  Botschafter  in  Rom.
III  126f.,  188,  219.

Krupp,  Friedrich  Alfred,
Großindustrieller  (}1902).
Sein  Tod.  I  5841.

Kühlmann,  Richard  v.,
Geschäftsträger  in  Tanger,
  1917  Staatssekretär
des  Äußern.  I  190.  In
Bukarest.  I  203.  Bei  der
Landung  in  Tanger.  II
111.  Staatssekretär.  III
272.  Betreibt  Hertlings
Ernennung  zum  Reichskanzler.
  III  274.  Brest-Litowsk.
  III  275.

Kühn,  Reichsschatzsckretär.
  III  155.

Kuropatkin,  General,
russischer  Oberbefehlshaber
  in  der  Mandschurei.
II  22,  130,  170.

Kyrill  Wladimirowitsch
  Großfürst  von
Rußland.  I  488.  Trauung
mit  Viktoria  Melitta.  II
1221.

Lacroix,  franz.  General.
1305,  526,  574.  IL  123.
Lahusen,  Prediger  an  der
Dreifaltigkeits-Kirche  in

Berlin.  II  275.
Lambsdorff,  Wladimir
Nikolajewitsch,  Graf,
1900—1906  russischer  Minister
  des  Auswärtigen.
Gratuliert  Bülow  zur
Reichskanzlerschaft.  I
390.  Ernennung.  I  409f.
Brüskierung  durch  Wilhelm
  II.  I.  5411.  Erhält
den  Schwarzen  Adlerorden
  in  Reval.  I  580.
Goluchowski  lobt  ihn.
I  626.  Sieht  sich  von
den  ostasiatischen  Fragen
  ausgeschaltet.  I
630  f.  Die  Großfürstin
Wladimir  über  ihn.  II  6.
Widerspricht  einer  russisch-deutschen
  Defensiv-26

  Bülow  III

 

NAMENREGISTER

Allianz,  II  133£.  Fehlt  in
Björkö.  II  136f.  Überrascht.
  II  139.  Ist  ungewöhnlich
  guter  Laune.
II  143.  Erreicht  Desavouierung.
  II  144.  Vertrauen
zu  Bülow.  II  150.  Rücktritt
  und  Tod.  I  632.  II
293.

Lang£nicux,  Kardinal.  I
610

Lansdowne,  Henry  Charles
  Keith,  Marquisof,  engl.
Kriegsminister,dannVizekönig
  von  Indien,  1900
bis  1905  Außenminister.
Drängt  nicht  auf  AnschlußB
  an  Deutschland.
I  317.  Franzosenfreundlich.
  1319.  Verhandlungen
mit  Hatzfeldt.  I  331f.
Verurteilt  antideutsches
Gedicht  Kiplings.  I  558.
Er  und  Graf  Metternich.
II  37.  Preßfebde  gegen
ihn  schüdlich.  II  189.  Erklärung
  über  englische
Politik.  II  205.

Lanza,  Graf  Carlo,  1892
bis  1906  ital.  Botschafter
in  Berlin.  I  144.  Erneuerung
  des  Dreibunds.
I  580.  Gegen  Monts.  I
606.

Lascelles,  Sir  Frank  Cavendish,
  von  1895  bis
1908  engl.  Botschafter  in
Berlin.  I  144.  Unterredung
  Bülows  mit  ihm
über  China.  I  186.  Besucht
  Bülow  in  Windsor.
1314.  Brief  Eduards  VII.
an  ihn.  I  332.  Muß  Vorstellungen
  in  Berlin  erheben.
  I  433.  Wilhelm  II.
überfällt  ihn  mit  dem
Feldzugsplan  gegen  die
Buren.  I  517.  Intervention
  nach  Chamberlains
Rede  in  Edinburgh.  I
552f.  Über  Vertrauenseinbuße
  des  Kaisers.  II
86.  Über  Delcasses  Enthüllung.
  II  168.  Bericht

 

401

an  Eduard  VII.  über
Unterredung  mit  dem
Kaiser.  II  187.  Vermittler.
11190.  Erhofft  Besserung.
II  208.  Zwischenfall.  II
305f.  Bei  der  Entrevue
in  Homburg.  II  322.

Lasker,  Eduard,  Abgeordneter
  der  preuß.  Fortechrittspartei,
  Mitbegründer
  der  Nationalliberalen
Partei.  I  466.

Lassalle,  Ferdinand,  sozialistischer
  Politiker.  I  198,
397,  585.  II  236.

Lasson,  Adolf,  Professor
der  Philosophie  an  der
Universität  Berlin.  I  430.
II  285.  III  277.

Lauff,  Joseph  v.,  Major,
Autor  des  Schauspiels
„Der  Burggraf“.  I  175£.
11  378.

Lazlö,  Porträtist.  Bildnis
Wilhelms  II.  Taf.  II  496.

Lebbin,  Frau  v.,  mit  Holstein
  befreundet.  IL  466.
III  137.

Lecomte,  franz.  Diplomat.
II  312.

Ledebour,  Georg,  sozialdemokratischer
  Abgeordneter,
  dann  USPD.  II
271.

Lederer,  Hugo,  Bildhauer,
Schöpfer  des  Hamburger
Bismarck  -  Denkmals.  I
174.

Ledochowski,  Graf  Wlodzimierz
  Halka  von  Ledochow,
  seit  1915  General
der  S.  J.  Die  Friedens-Initiative
  Stürmers.  III
251f.  Charakteristik  Ledochowskis.
  III  252£.

Lee,  Zivillord  der  engl.
Admiralität.  Rede  gegen
deutsche  Flotte.  II  71,
158.

Legien,  Carl,  Vorsitzender
der  Generalkommission
der  Gewerkschaften.  II
510.
        <pb n="501" />
        402

Lehndorff,  Graf  Heinrich,
General  der  Kavallcrie,
Generaladjutant  Wilhelms
  I.,  dann  Landhofmeister
  in  Preußen.  I  31,
74.  III  98.

Lenbach,  Franz  v.,  Maler.
  I  480f.,  482.  III  42.

Lenin,  Wladimir  Iljitsch
(Uljanow),  Gründer  der
Sowjet-Republik.  I  96.

Leo  XIII.  (Peeci)  Papst
1878—1903.  I  589.  Besuch
  des  Kaisers  bei
ihm.  I  610ff.  Tod.  I
619.  Für  ital.  Republik.
II  60.  Charakteristik.
III  108£.

Leopold  II.  König  der
Belgier  (}  1909  in  Lacken).
Sein  Besuch  in  Kiel.
I  17.  Bietet  Wilhelm  II.
Millionengeschäfte  an.  I
80f.  Besuch  in  Berlin
(1904)  mit  stürmischerm
Abschluß.  II  721.  Jagow
über  den  Kongo.  III  81.

Leopold  Prinz  von  Bayern,
  zweiter  Sohn  des
Prinzregenten  Luitpold,
1916  Gencralfeldmarsch.
u.  Oberbefehlshaber  Ost.
I  483.  III  323.

Leopold  IV.,  Graf  zu
Lippe-Bicsterfeld,  1904
Regent  von  Lippe-Detınold,
  1905  Fürst,  1918
abgedankt.  Telegramm
Wilhelms  II.  an  ibn.  II
55.  Der  Kaiser  findet  sich
ab.  II  57.  Brief  des
Fürsten  Leopold  an  Bülow.
  II  57£.

Lerchenfeld,  Hugo,  Graf,
1880  bis  1918  bayrischer
Gesandter  in  Berlin  und
Bevollmächtigter  zum
Bundesrat.  Szene  in  seinem
  Haus  zwischen  Herbert
  Bismarck  und  Marschall.
  1  9.  Berichte  über
die  Lage  in  Berlin.  I  35,
36.  Nüchterner  Menschen- 



NAMENRECGISTER

verstand.  I  124.  Über
Wilhelm  II.  I  238.  Im
Weißen  Saal.  I  479.  Über
Dr.  Schädler.  I  597.  Dementiert
  Nachricht  von
Verstimmungen  zwischen
ihm  und  Bülow.  II  518.
Über  Lichnowsky.  III
124.  Über  Dr.  Michaelis.
III  268.  Zu  Hertling.
III  274.

Lessel,  Emil  v.,  Genernlleutnant,
  Kommandeur
des  China-Expeditionskorps.
  1357.

Leszezynski,  v.,  Kommandierender
  General  in

Altona.  III  95.

Leuthold,  Rudolf  v.,  Leibarzt
  Wilhelms  I.  und  Wilhelms
  II.,  Generulstabsarzt
  der  Armee.  I  457,
616.  II  422.

Levetzow,  Albert  v.,  Landesdircktor
  der  Provinz
Brandenburg,  Mitglied  d.
Herrenhauses  und  des
Staatsrats,  1881  u.  1884
u.  1888—1895  Prüsident
des  Reichstags.  I  530.

Lichnowsky,  Fürst  Karl
Max,  bis  1904  Personalreferent
  des  Reichskanzlers,
  1912—1914  Botschafter
  in  London  (f  1928).
Wilhelm  II.  denkt  an
ihn  als  Reichskanzler.
I  183.  Personalreferent.
1  195.  Erhält  1914  Ratifikation
  des  Bagdad-Bahn-Vertrags.
  I  253.
Der  „alte,  chrliche  L.“
(Monts).  I  482.  Über  die
Verhandlungen  mit  England
  (1901).  1  507.  Monts
an  ihn.  II  991.  Vertraulich
  aus  Slawentzitz.  II
260.  Über  Enteignungsvorlage.
  II  492.  Über
Bethmann.  III  91.  Entsendung
  nach  London.
lII  122f.  Holstein  über
ihn.  III  123.  Brief  an

Liebenau  v.,

 

Bülow  (August  1914).
III  149f.  Irrtümliches
Telegramm  über  Neutralitätsangebot
  E.nglands.
III  171£.  Ausschließung
aus  dem  Herrenhaus.
III  256.  Taf.  III  124,
128.

Hofmarschall,
  dann  Oberhofmarschall.
  I  75.

Lieber,  Dr.  Ernst,  seit  1871
im  Reichstag  (f  1902),
Führer  des  Zentrums  nach
Windthorsts  Tod.  I  199£.,
596.

Liebermann,  Max,  Maler,
Führer  der  naturalistischen
  Generation.  Von
Wilhelm  II.  boykottiert.
1177.  IL  378.  Schwiegervater
  Dr.  Riezlers.  III  25.
Vetter  Rathenaus.  III  40.
Natürlichkeit.  III  42.

Liebermann  von  Sonnenberg,deutschsozialer


Reichstagsabgeordneter.
1  288,  599.  Angrill  auf
Chamberlain.  I  554.  II
230.  Gegen  den  Kaiser.
11370.  In  der  Erbschaftssteuer-Abstimmung.
  II
506.

Liebert,  Eduard  v.,  Gencral,
  freikonservativer
Reichstagsabgeordneter,
Vorsitzender  des  Alldeutschen
  Verbandes  und  des
Reichsverbandes  gegen
die  Sozialdemokratie.  II
277.

Liebknecht,  Karl,  sozialistischer
  Abgeordneter
seit  1908  (1912),  erschossen
  am  15.  1.  1919.
I  258.  III  257,  258,  301,
3ll£f.

Liegnitz,  v.,  Kommandeur
  des  3.  Armeckorps.
1373.

Lilieneron,  Detlev  v.,
Dichter.  III  7,  246.
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        Liman  von  Sanders,
Otto,  General,  1913  Chef
der  deutschen  Militärmission
  in  der  Türkei,
1914  Kommandeur  des
an  den  Dardanellen  stationierten
  türkischen  Armeckorps.
  III  129  ff.

Limburg-Stirum,  Graf
Friedrich  Wilhelm,  Gesandter
  a.  D.,  preußischer
Konservativer,  Reichstagsabgeordnet.
  (f  1912).
Oppositionell  in  der  Kanalvorlage.
  295.  Injurien
  des  Kaisers  gegen
ihn.  I  295.  Maßregelung.
I  295.  Der  „Judenabkömmling“.1296.
  Frühere
Disziplinierung  unter  Capriv).
  1296.  Kritik  an  der
Haltung  im  Burenkrieg.
1  475.  Für  den  Zolltarif.
1533.  Abgabe  einer  Denkschrift
  über  die  Monarchie.
  I  600f.  Über  die
Bismarcks.  II  54.  Bismarcksche
  Schule.  II
461.

Lindau,  Anna  (Saint-Cere,
Case).  I  403£.

Lindequist,  Friedrich  v.,
1905  Gouverneur  von
Deutsch  -  Südwestafrika,
1910—1911  Staatssckretär
  des  Reichskolonialamts.
  III  133.

Lindequist,  v.,  Kommandierender
  Gencral  des
18.  Armeekorps.  I  373.

Linjewitsch,  russ.  General,
  Oberbefehlshaber  an
Stelle  Kuropatkins.  II
170.

Lipton,  Sir  Edward,  Teemngnat,
  Freund  Eduards
  VII.  II  30.

Litzmann,  Karl,  General
der  Inf.,  im  Weltkrieg
Führer  der  3.  Gaurdeinfanterie-Division.,
  III
323.

26*

 

NAMENRECISTER

Lloyd  George,  1905  englischer
  Handelsminister,
1916  Führer  des  Konlitions-Ministeriums,
  Vorsitzender
  des  Kriegsrats,
1908—1909  Kanzler  des
Staatsrats,  im  Weltkrieg
Munitionsminister,  dann
Staatssckretärdes  Kriegs,
VertreterGroßbritanniens
in  Versailles.  I  251,  317,
430,  555.  II  8,  92.  Wird
1905  Handelsminister.  II
205.  Versuchte  Vereinbarung
  über  Rüstungsbeschränkung.
  II  359.
Energie  der  Kriegführung.
  III  86.  Drohung  in
der  Agadir-Episode.  III
87,  118.

Lobanow,  russischer  Minister
  des  Äußem.  I  36.

Lo&amp;amp;ö,  Wılter  Freiherr  v.,
Kommandeur  des  8.  Armeckorps,
  Generaloberst,
dann  Generalfeldmarschall
  (}  1908).  1118,  366,
443,  Brief  an  Bülow.
I  390f.,  530.  Rede  an
Bülows  Geburtstag.  I
559.  Jubiläum  der  Königshusaren.
  I  577.  Tod.
II  44lf£.  Taf.  II  440.  III
42.

Loebell,  Friedrich  Wilhelm
  v.,  Chef  der  ReichskanzleiunterBülow,Ober-

  von  Brandenburg,
  dann  Staatsminieter
  des  Innern.  II  276f.,
350,  353,  356.  Der  Kaiser
zu  ihm  über  Bülow.  II
449.  Enteignungsvorlage.
II  489.  Ändert  seine  Ansicht
  über  Betlımann  und
Valentini.  III  12£.  Erinnert
  DBethmann  an
Ehrenpflicht  gegenüber
Bülow.  III  74.  Besuch
Bülows  bei  ihm  in  Brandenburg
  a.H.  II  95.
Stößt  bei  Wilhelm  II.
auf  eigensinnigen  Widerstand.
  III  114.  Mitarbei-Locwenfeld,

  v.,

 

403

terschaft  am  Jubilüumswerk
  1913.  III  132.  Heimfahrt
  mit  Tirpitz  im  Juli
1914.  III  167.  Brief  an
Bülow.  III  201.  Über
Wahlrcechtsreform  und
Bethmann.  III  264.  Bethınann
  zu  ihm  über  Bülow.
lII  276.  Enthoben.  III
313.

Loön,  Leopold,  Freiherr  v.,
General.  I  247£.

Oberst
(dann  General),  Flügeladjutant.
  I  13ff.  „Mit
Revolver  und  Degen“
auf  das  „B.T.“  geschickt.
II  98.  Soll  zur  Beobachtung
  der  englischen
Flotte  nach  Swinemünde.
II  153.  Telegramm  des
Kaisers  aus  Spa.  III  297.

Löwenstein,  Graf  Aloys,
Zentrumsführer,  I  245.

Logue,  Kardinal.  I  620.

Lonsdale,  Earl  of,  Freund
des  Kaisers,  bei  Eduard
  VII.  mißliebig.  I  70£.
Manövergast.  I  153.  Brief
an  Wilhelm  II.  nach  Bismarcks
  Tod.  I  234.  Ungünstige
  Wirkung  des
kaiserlichen  Besuchs  bei
ihm.  I  303£.  Wilhelm  II.
erlebt  nicht  viel  Freude  an
ihm.  1305,  574.  Taf.  416.
Eduard  VII.  verstimmt
durch  seine  Einladung
nach  Kiel.  II  30.  Schürt
den  Antagonismus  beider
Herrscher.  II  155f.  Taf.
III  112.

Loubet,  Emile,  1899  bis
1906  Prüsident  der  Französischen
  Republik.  1621.
Besuch  in  Rom.  II  16,  60.
Keine  Begegnung  mit
Wilhelm  II.  II  16f.  Gegen
Combes’  Antiklerikalismus.
  II  61.  Eduard  VII.
bei  ihm  als  Schützer  Delcasses.
  II  114.
        <pb n="503" />
        404

Lucanus,  Friedrich  v.,
scit  1888  Chief  des  kaiser!l.
Zivilkabinetts  (f  1908).
I  37,  61,  509.  Von  Bismarck
  Wilhelm  II.  empfoblen.
  I  61.  Sein  Charakter.
  163f.  Umstrittene
Persönlichkeit.  I  72,  79.
In  Peterhof.  I  94£.  Will
keine  Verstimmung  des
Kaisers.  I  94.  Von  Bismarck
  nach  dem  Sturz
gehaßt.  I  173.  Im  Wiesbadener
  Hoftheater.  I
176.  Korrigiert  Rekruten-Vereidigungs-Rede.
  1191.
Flüstert  bei  kaiserlichem
Trinkspruch.  I  204.  Verhindert
  Unterdrückung
der  „gepanzerten  Faust“.
I  205.  Über  Bismarcks
Altersbrand.  Bismarck
sicht  in  Friedrichsruh
über  ihn  hinweg.  I  209.
Mitverfasser  der  Jerusalemer
  Predigt  des  Kaisers.
  I  255.  Goutiert  den
Orient  nicht.  I  260.  Nach
Hohenlohe  „gehorsamer
Diener“  Miquels.  I  362.
Fahrt  mit  Bülow  nach
Homburg.  I  380  f.  Über
Bismarck,  Caprivi  und
Hohenlohe.  I  381.  Über
Intrigen  Philipp  Eulenburgs
  gegen  die  Kaiserin.
1  451.  Bestellung  des
Kaisers  durch  Lucanus:
Teilnahme  an  Enthüllung
des  Berliner  Bismarck-Denkmals
  sei  unter  seiner
Würde.  I  528.  In  Hela.
I  542.  Auf  der  Marienburg.
  I  569£.  Soll  Philipp
Eulenburg  retten.  I  604.
Über  den  „Allerhöchsten
  Herm“.  II  99.  Arbeitet
  Kabinettsorders
aus.  II  239.  Zwang  auf
Kuno  Moltke,  Prozeß
anzustrengen.  II  293.
Lucanus  wählt  sich  ValIentini
  zum  Nachfolger.
II  441.

 

NAMENREGISTER
Luccheni,  Mörder  der  Kaiserin
  Elisabeth.  I  239,

Lucius  von  Ballhausen,

Robert,  1879  bis  1890

preußischer  Landwirtschaftsminister.
  I  442.
II  491.

Ludendorff,Erich,Oberst,
1914  Chef  des  Generalstabs,
  im  Osten  1916
Erster  Generalquartiermeister.
  AngriffevonHans
Delbrück.  I  112.  Lüttich.
III  173.  Tannenberg.  Ill
185f.  Verabschiedung  in
Schloß  Bellevue  (1918).
III  204.  Das  Königreich
Polen.  III  24f.  Bankettrede
  Gerards.  III  271.
Oberste  Heeresleitung.
III280.  Waffenstillstands-Begehren.
  III  296.  Heerführer.
  III  323.

Ludwig  II.  König  von
Bayern.  I  140,  145,  179.

Ludwig  Prinz  von  Bayern,
  1913—1918  König
Ludwig  III.  (}  1921).
I  34,  36,  42.  Wilhelm  II.
öffnet  ihm  den  Wagenschlag.
  I  133.  Gereiztheit.
1141.  Dynastische  Aspirationen.
  I  142.  Über
die  Kriegserklärung  Englands
  (1914).  I  419.  Bülows
  Münchner  Besuch.
I  481.  Ansprache  beim
50.  Geburtstag  des  Kaisers.
  II  476.  Gibt  seinem
Sohn  einen  Verweis.  III
296.  Flucht.  III  304.

Ludwig  IV.  Großherzog
von  Hessen  (f  1892).
I  487.  Seine  Heirat  mit
Madame  Kolemine.  1488f.

Luise  Großherzogin  von
Baden,  Tochter  Wilh.  I.
I  169f.,  299,  432,  486.
III  38,  63f.,  201£.,  239.

Luise  von  Toskana,  bis
1903  Kronprinzessin  von
Sachsen  (Grüfin  Montignoso).
  I  589f.

Luxemburg,

Lynar,

 

Luitpold,  1886  bis  1912

Prinzregent  von  Bayern.
I  36.  Charakteristik.  I
119£.,  478f.  Wehrt  in  der
Lippeschen  Frage  ab.  I
267.  Empfüngt  Bülow.
1  476f.  Swinemünder  Depesche
  Wilhelms  II.  an
ihn.  I  582  ff.  Handschreiben
  an  Bülow.  II  94.
Kundgebung  bei  Bülows
Rücktritt.  III  337.

Luther,  Hans,  Dr.,  Oberbürgermeister

  von  Essen,
dann  Reichsminister  und
von  1925—1926  Reichskanzler.
  III  319.

Rosa,  sozialistische
  Politikerin,
ermordet  15.  1.1919.  III
258,  301,  311£.

Luzzatti,  Luigi,  italienischer

  Schatzminister.  I
30,  198.  Arbeitet  für  Delcasse.
  II  115  ff.
Johannes,
II  307,  314.

Graf.

Lyncker,  Moritz  v.,  Gencral,

  1908—1918  Chef
des  Militärkabinetts.  I  73.
II  441.

Macchio,  v.,  Sektionschef

im  Wiener  Ministerium
des  Äußern,  dann  Botschafter
  in  Rom.  III  217,
222,  233,  234,  235.

MacKenna,Lord  der  brit.

Admiralität.  II  376.

Mackensen,  August  v.,

1899  Oberst  und  Flügeladjutant,
  im  Weltkrieg
Generaloberst  u.  seit  1915
Generalfeldmarschall.  I
288.  III  323,

Makart,  Hans,  Wiener  Maler.

  1538,  550.  Taf.  I  32.

Malinow,  Alexander,  1908

bis  1911  und  Juni  bis  Oktober
  1918  bulgarischer
Ministerprüsident.I11287.

Maltzahn-Gültz,  v.,

Reichsschatzsckretär.  I
442,
        <pb n="504" />
        Malvy,  Louis  Jean,  1914
bis  1917  franz.  Minister
des  Innern,  1918  zu  fünfjähriger
  Verbannung  verurteilt.
  III  260.

Mandel  (Rothschild),  Kabinettschef
  Clemenccaus.
1  320.

Mangin,  franz.  General,
nach  der  Offensive  am
Chemin-des-Dames  kaltgestellt,
  zuletzt  Kommandant
  der  Rhein-Armee.
III  322.

Mantecuffel,  Otto  Thcodor
  v.,  preuß.  Ministerpräsident
  unter  Friedrich
Wilhelm  IV.  1395.  I1454.

Mantcuffel,  Otto  v.,  Sohn
des  vorigen,  1908—1911
Präsident  des  preußischen
Herrenhauses.  II  457,460.

Manteuffel,  Edwin  Freierr

  v.,  Feldmarschall,
1879  Statthalter  von  EIsaß-Lothringen
  (}  1885).
I  434,  589.  II  184.

Marchand,  Jean-Baptiste,
franz.  Major,  Afrikareisender,
  zuletzt  Divisionsgeneral.
  I  271f.

Marcks,  Erich,  Professor,
Historiker.  1  327.  III  124.

Margherita  Königin  von
Italien,  1868  mit  ihrem
Vetter  Humbert  vermählt
(t  1926).  I  128f.  Toast
Wilhelms  II.  auf  sie  in
Homburg.  I  132.  Über
Deutsche  und  Italiener.
I  286.  Verehrt  den  Kardinal
  Sarto.  1622.  Strengkatholisch.
  II  61.  Diner
für  den  Deutschen  Kronprinzen.
  III  95.  Fürst  und
Fürstin  Bülow  in  Audienz
  bei  ihr.  II  224f.

Maria  Königin  von  Rumüänien,
  Gattin  Ferdinands,
  geb.  Prinzessin
von  Coburg.  I  306,  488.
Eduard  VII.  über  sie.
11  29,

 

NAMENREGISTER

Maria  Feodorowna  (Dagmar),
  Gattin  Alexanders
III.  (}  1928).  I  92,  548.
Il  6,66,  89,  130,  131,  173.

Maria  Joscfa,  Gattin  des

Erzherzogs  Otto,  geb.
Prinzessin  von  Sachsen.
1590.  III  141,  269.

Maria  Pawlowna,  Großfürstin,

  geb.  Prinzessin
von  Mecklenburg,  Gattin
des  Großfürsten  Wladimir.
  I  92£.,  96,  307,  549.
Gegen  die  montenegrinische
  Clique.  II  6.  Brief
über  Revolutions-Gelfahr
(1905).  IT  129.  Über  die
zussische  Dymastie.  II
175.

Marianne  Prinzessin  von
Preußen.  I  19.

Marschall  von  Bieberstein,
  Adolf  Freiherr  v.,
1890—1897  Staatssckretür
  des  Äußern,  dann  Botschafter
  in  Konstantinopel,
  1912  in  London
(1  24.9.1912).

Sein  Rücktritt  vom
Staatssekretariat.  1
Marschall  und  Holstein.
1  6.  Besuch  Bülows  bei
ihm.  I  7.  Hohenlohe
nennt  ihn  einen  Opportunisten.
  I  9.  Er  sei
ınchr  Jurist  als  Diplomat.
I  9.  Wilhelm  II.  über
seinen  „Verrat“.  I  15f.
„Grobe  Hausarbeit.“  I
32.  Marschall  u.  Holstein.
I  37.  Groll  Marschalls
gegen  diesen.  I  43.  Marschall
  und  die  Kündigung
des  Rückversicherungsvertrags
  mit  Rußland.  I
45,  Briefwechsel  mit  Bülow
  bei  Marschalls  Abschied
  als  Staatssekretär.
1521.  Schwarzer  Adlerorden.
  I  52.  In  der  Flottenfrage.
  I  59.  „Absprechend
  und  schwerfällig‘
  (nach  Wilhelm  II.).
I  81.  „Etranger  aux

 

405

aflaires“(nach  Bismarck).
I  89.  Monts  über  „gewisse
  Herren“.  I  127.
Der  „süddeutsche  Hochverräter*
  (Wilhelm  II).
I  139.  Zum  Botschafter  in
Konstantinopel  ernannt.
1170.  Auf  Reichskanzler-Kandidatenliste.
  I  182.
Als  Staatssckretür.  I  190.
Monts  über  den  „minderwertigen
  Prüfekten“.  I
196.  Herbert  Bismarck
über  den  „Kleber  aus  dem
Breisgau“.  I  216f.  Schr
türkenfreundlich.  I  251.
Auseinandersetzung  mit
Bülow  über  Kaiserrede  in
Damaskus.  I  258f.  Brief
an  Bülow.  1  279f.  Taf.  I
160.

Die  Verbindungstür  für
Holstein.  I1215.  Vertreter
Deutschlands  auf  der
2.  Haager  Friedenskonferenz.
  II  299.  Position  in
Konstantinopel  auch  unter
  den  Jungtürken.  II
330.  Constans  zu  ihm.
II  410.

Entsendung  nach  London.
  Tod.  III  122.  —
Kundgebung  bei  Bülows
Rücktritt.  III  344,

Martin,  Rudolf,  früherer
Regierungsrat.  II  478f.,
494,  529.  III  57,  73,  209.

Martino,de,  Generalsckretär
  im  italienischen  Ministerum
  des  Äußern.
III  189.

Marx,  Karl.  I  200.  II  237.
III  104.

Marx,  Wilhelm,  Oberlandesgerichtsrat
  in  Köln,
Vorsitzender  der  Zentrumspartei,
  von  1923
bis  1925  Reichskanzler.
1II  319.

Mary  Königin  von  England,
  Gattin  Georgs  V.,
geb.  Teck.  I  306,  507.
        <pb n="505" />
        406

Maschin,  Draga,  Königin
von  Serbien,  Gattin  Alexanders,
  ermordet  im  Belgrader
  Konak.  I  160.

Mathilde  Prinzessin  von
Sachsen.  1590.

Matthicu,  Kardinal  der
Kurie.  1620.

Max  Prinz  von  Baden,
Reichskanzler  vom  3.  10.
bis  zum  9.  11.  1918.  I  357.
Charmanter  Dilettant.  I
493.  Entlobung  von  der
Großfürstin  Helene.  1549.
Wird  Reichskanzler.  III
286.  Charakteristik.  II
2921.  Kriegsende.  III
301.  Übergabe  der  Geschüfte
  an  Ebert.  III
306f.  Katastrophe  besiegelt.
  III  331.  —  Kundgebung
  bei  Bülows  Rücktritt.
  III  339,

Maximilian,  Erzherzog,
Kaiser  von  Mexiko.  I  167.

Maybach,  Albert  v.,  1879
bis  1891  preußischer  Minister
  der  öffentlichen  Arbeiten.
  III  42.

Mazzini,  italien.  revolutionärer
  Agitator.  II  200.
III  218.

Mechler,  Geheimrat  im
Auswärtigen  Amt.  I  363.
IIT  116£.

Mehncrt,  Dr.,  Führer  der
sächsischen  Konservativen.
  II  474f.  —  Kundgebung
  bei  Bülows  Rücktritt.
  111354.

Mehring,  Franz,  sozialist.
Schriftsteller  (f  1919).
IIl  104.

Meier-Gracfe,  Julius,
Kunstkritiker  u.  Essayist.
11  223.

Melle,  v.,  Dr.,  regierender
Bürgermeister  von  Hamburg.
  111  145.

Mendelssohn,  Ernst  v.,
Bankier.  II  41.  Brief  von
Frau  Witte  an  ihn.  II

 

NAMENREGISTER

174f.  —  Kundgebung  bei
Bülows  Rücktritt.  III
351.

Mendelssohn,  Robert  v.,
Bankier.  1297.

Mä£nier,  franz.  Schokoladefabrikant.
  II  244,  246,

Mensdorff-Pouilly,  Albert,
  Graf,  österr.-ungarischer
  Botschafter  in  London.
  II  35£f.,  154f.  Der
Kaiser  schr  schlecht  auf
ihn  zu  sprechen.  II  153f.
Ersatzmann  EduardsVII.
für  Achrenthal.  II  399.

Merey,  v.,  österr.-ungarischer
  Botschafterin  Rom.
III  187f.,  189,  190,  191.
Abberufen.  III  217.

Merkle,  Dr.,  Professor  der
katholischen  Theologie  in
Würzburg.  III  133.

Metternich,  Graf  Paul,
preußischer  Gesandter  in
Hamburg,  später  deutsch.
Botschafter  in  London.
Gegensatz  zu  Tirpitz.  I
1l0.  Brief  an  Bülow.
I  343f.  An  Bülow  über
China.  I  367ff.  Bericht
über  Salisbury,  Chamberlain
  und  englische  Gesamtpolitik.
  1  422{f.  Sein
Wert  als  Berichterstatter.
1419.  Gegen  verlängerten
Aufenthalt  des  Kaisers  in
England.1506.  Wird  Botschafter
  in  London.  1558.

Berichte  über  die  Marokko-Frage.
  II  3.  Brief
über  Quertreibereien  zwischen
  Berlin  und  London.
II  34ff.  An  Bülow  nach
deın  Doggerbank  -  Zwischenfall.
  II  66.  Bricfan
Bülow  über  antideutsche
Stimmung  des  englischen
Hofs.  II  126f.  Über  den
Prinzen  von  Wales  (Georg
  V.).I1158f.  Frei  von
persönlicher  Ambition.  II
164.  Briefe  an  Bülow  über

 

Eduard  VII.  und  Wilhelm
  II.  II  187ff.  Über
verständigeren  Ton  in
England.  II  201Mf.  Verhindert
  in  Higheliffe  ein
Telegramm  des  Kaisers
an  Bülow.  II  308.  Brief
über  Tempo  des  deutschen
  Flottenbaues.  II
321,  324.  Über  die  Affäre
Tweedmouth.  II  325.  Berichte.
  II  330£.  An  Bülow
über  Verlangsamung  des
Flottenbautempos.  I
417M.  Beim  Besuch  Eduards
  VII.  i.  Berlin  anwes.
II  419.  Der  Kaiser  will
ihn  zum  Sündenbock
machen.  II  429.  Bei  der
Konferenz  im  Reichskanzlerpalais.
  II  4318.
Briefwechsel  mit  Bülow.
II  503f.

Von  Bethmann  geopfert.
  III  122.  Metternich
  und  die  diplomatische
  Situation  von  1914.
II  162.  —  Briefwechsel
mit  Bülow  nach  dessen
Rücktritt.  TIL  361£.

Metz,  de,  franz.  General.
111  322.

Metzsch,  Karl  Georg  v.,
süchsisch.  Staatsminister.
1443,  531.  III  49.

Meysenbug,  Malwida  v.,
Verfasserin  der  „Memoiren
  einer  lIdealistin‘*
(f  1903).  Zur  Dreyfus-Affüre.
  1  240.  Tod.  1550£.
Ihre  Adoptivtochter  Olga
Herzen.  III  366.

Michael  Alexandrowitsch,
  Großf.  -  Thronfolger.
  I  406f.

Michaelis,  Dr.  Georg,
Oberpräsidialrat  in  Breslau,
  Unterstaatssckretär,
1917  Reichskanzler.  1430.
II  102.  Geschichte  seiner
Ernennung.  111  267£.  Abschied.
  III  272f.  Katastrophe
  beschleunigt.  III
331.
        <pb n="506" />
        Michel,  General,  Militärgouverneur
  von  Paris.

III  156.

Milan  (Obrenowitsch),
König  von  Serbien.  1160.

Millerand,  Alexandre,
Führer  der  französischen
Sozialisten,  dann  Kriegsminister,
  Ministerpräsident
  und  Präsident  der
Republik.  Radolin  und
Wilhelm  II.  über  ihn.  I
598,  600.  Zu  Alfred  von
Bülow.  II  8.  Besuch  in
Berlin.  II  165f.  Militärischer
  Sozialist.  III  116.
Krieg  mit  Deutschland.
III  156.

Minghetti,  Laura,  Schwiegermutter
  des  Fürsten.
I  79.  II  86,  346.  Über
Holstein.  I  186.  Über
Wilhelm  II.  I  234f.,  269.
Ihr  Leben.  I  385f.,  482.
Über  die  Siegesallee.  I
550.  Telegramm  Wilhelms
  II.  an  sie.  I  595.
Taf.  I  592.  Eulenburg
über  sie.  III  28[.

Minghetti,  Marco,  italien.
Staatsmann.  I  135,  198,
386,  610.  II  30,  58,  223,
238,  303.  III  223.

Miquel,  Dr.  Johannes  (v.),
1890—1901  preußischer
Finanzminister,  1898  Vizepräsident
  des  Staatsministeriums
  (f  1901).
„Vielgewandter  Ulysses.“
I  32.  Vizepräsident  des
preußischen  Staatsministeriums.
  151.  Telegramm
des  Kaisers  an  ihn  über
Hochwasser  und  Flotte.

.  Der  „aalglatte“
Miquel  (Wilhelm  II.)  I
138.  Auf  Reichskanzler-Kandidatenliste.
  I  182.
Während  Bülows  Jungfernrede.
  I  194.  Als  Redner.
  I  199£.  Seine  marxistische
  Vergangenheit.  I
200,  585.  Seine  Vertre- 



NAMENREGISTER

tung  der  Kanalvorlage.
I  293f.  Klagt  über  den
Kaiser.  I  295f.  Gegen
Auflösung  des  Abgeordnetenhauses.
  I  297.  Hohenlohe
  über  seine  Absicht,
  „Krach“  mit  dem
Reichstag  zu  inszenieren.
I  362.  Brief  Miquels  an
Bülow.  I  362f.  Von  Bülow
  (1900)  als  Reichskanzler
  empfohlen,  Protest
  des  Kaisers.  I  374,
380.  Telegramm  Bülows
an  ihn.  I  386.  Rede  im
Staatsministerium.  1390.
Hohenlohe  über  sein
„Blindekuhspiel“.  I  494.
Bei  der  Schließung  des
Landtags  „wie  vom
Schlage  getroffen“.  1522.
Abschied.  I  523.  Abschiedsdiner.
  1524.  Taf.  I
528.  Seine  Fühlung  mit
Schmoller.  11286.  III  42.

Mirbach,  Treiber  v.,
Oberhofmeister  der  Kaiserin.
  Auf  der  Orientreise.
I244ff.  Seine  Kirchenkollekten.
  1244ff.  Über  den
Prinzen  von  Wales.  1339.
Schreiben  an  die  Berliner
Stadtverordneten.  I  500f.
—  Kundgebung  b.  Bülows
Rücktritt.  III  349,

Mirbach-Harff,  GrofWilelm,
  Legationsrat,  Gesandter
  in  Athen,  Bukarest,
  seit  April  1918  in
Moskau.  In  Moskau  ermordet.
  I  244.

Mirbach  -  Sorquitten,
Graf  Julius,  Ilerrenhausmitglied,
  Führer  der  Konservativen
  (}  1921).  I  37,
244.  Taf.  I  608.  II  461,
491.  Briefe  an  Bülow.  III
90,  103f.

Mirski,  Fürst,  russischer
Minister  des  Innern.  II
160.

Mittelstädt,  Otto,  Reichsgerichtsrat.
  I  51.

 

407

Mittnacht,  Hermann  v.,
württemb.  Ministerpräsident

  (}  1909).  I  394.

Moberly-Bell,  englischer
Journalist.  II  195.

Möller,  Kommerzienrat,
nationalliberaler  Parlamentarier,
  1901  preußischer
  Handelsminister.  I
524,  531.  Von  seiner  Partei
  angegriffen.  II  91.  Fühlung
  mit  Schmoller.  1I
286.

Moltke,  Friedrich  v.,Oberpräsident
  von  ÖOstpreu-Ben,
  1907  Minister  des
Innern.  II  300,  457.

Moltke,  Graf  Hellmuth
(derNeffe),  Generaloberst,
Chef  des  Generalstabs
von  1906  bis  14.  9.  1914.
Auf  Reichskanzler-Kundidatenliste.
  I  182.  Über
Wilhelms  II.  Selbstsucht.
1  212f.  Militärische  Operationen
  1914  nach  Erklärung
  des  Kaisers  Moltkes
  Sache.  I  365.  Bedauernswert.
  I  370.  Über
die  Kriegserklärung  Englands.
  I  419.  Mit  dem
Kaiser  nach  Rom.  I  607.
Moltke  und  der  Durchmarsch
  durch  Belgien.  II
76.  Antwort  an  Bülow
hierüber.  II  78.  Zur  Nachfolge
  Schlieflens  gezwungen.
  II  182.  Erhält  Abschrift
  von  Bülows  Brief
an  den  Kriegsminister.  II
228.  Philipp  Eulenburg
wünscht  ihn  als  Reichskanzler.
  II  262,  262f.
Der  Generalstabschef  versichert
  (1908)  dem  Kaiser,
  Deutschland  sei  gut
gerüstet.  II  324.  Bei  der
Konferenz  im  Reichskanzlerpalais.
  II  431ff.
August  1914  im  Berliner
Schloßhof.  III  147.  Versagt.
  III  165f.  Vor  Abreise
  des  Großen  Haupt-
        <pb n="507" />
        408

quartiers.  III  170f.  Gebrochen.
  III  174.  Keine
zentrale  Leitung.  II1183f.
Enthoben.  III  185.  Bülow
  bei  dem  Kranken.  III
205f.  Brief  an  Bülow.  III
2061.

Moltke,  Graf  Kuno,  Flügeladjutant,.
  Kommandant
  von  Berlin.  Über
Münnlichkeit.  I  69£.  Philipp
  ZEulenburg  sucht
Moltkes  Frau  für  geisteskrank
  erklären  zu  lassen.
I  451.  Persifliert  Viktor
Emanuel.  I  543.  Wasser
in  den  Wein  der  kaiserlichen
  Freude.  II  123.
Überbringer  der  Antwort
auf  Bülows  Abschiedsgesuch.
  II  149.  Angriffe
Hardens.  II  291.  Wird
zum  Prozeß  gegen  diesen
  gezwungen.  II  293.
Reichstagsrede  Bülows
über  den  Prozeß.  II  307  ff.

Mommsen,  Theodor,  Professor,
  „größter  der  damals
  lebenden  deutschen
Gelehrten“.  Telegramm
an  Bülow.  I  185.  Über
Bismarck.  I  199.  Dem
Kaiser  als  Bismarckfeind
sympathisch.  II  257.  Lektüre.
  III  72.

Monod,  Gabriel,  französischer
  Historiker.  Brief  an
Bülow  nach  dessen  Rücktritt.
  III  366£.

Montagu,V.  A  englischer
Admiral.  II  299£.

Montecuccoli,  Graf,
österreichischer  Admiral.
Taf.  III  138

Montgelas,  Graf  Max,
bayrischer  General.  III
255.

Monts,  Graf  Anton,  1895
preußischer  Gesandter  in
München,  1902  Botschafter
  in  Rom  (}  1930).  Holstein
  gegen  ihn.  I  6.  Auch
Marschall.  I  8.  Briefe  an

Morgan,  Pierpont,

Morley,

 

NAMENREGISTER

Bülow  über  äußere  und
innere  Verhältnisse.  I
271.  Uncerfreuliche  Haltung
  gegen  Bayern.  1125.
Briefe  an  Bülow  und  dessen
  Gattin,  I  125ff.  „Ich
habe  nie  etwas  von  Bülow
  gehalten‘  (1909  zum
Kaiser).  I  128.  Sucht  Bülow
  in  Wien  zu  schaden.
I  151.  Reichskanzler  in
spe.  1  183.  Beziehung  zu
Holstein.  I  187.  Brief  an
Lichnowsky  und  Gräfin
(Fürstin)  Bülow.  I  195f£.
Bericht  an  Bülow  über
dessen  Münchner  Besuch.
I  481.  Brief  an  Gräfin
(Fürstin)  Bülow.  I  482f.
Holstein  über  sein  dreifaches
  Fiasko.  I  483.  Der
Kaiser  werde  Bülow  nicht
lange  vertragen.  I  499.
Brief  an  die  Gräfin  Bülow.
  1524f.  Nach  Rom.  I
606f.

Über  die  geplante  Begegnung
  mit  Loubet.  II
16f.  An  Lichnowsky  über
Bülows  Haltung  zur  katholischen
  Kirche.  II  99fF.
Sucht  für  Delcass&amp;amp;  zu  intervenieren.
  II  114  f.Mißgeschick
  in  Mailand.  II
254ff.  In  Venedig.  II
468ff.

Jagow  entsendet  ihn
nach  Wien.  III  197.

Chef
des  amcrikanischen  Bankhauses.
  I  575.

Morier,  Sir  Robert,  englischer

  Gesandter  in
Darmstadt.  Hat  Hinzpeter
  empfohlen.  I  105.

Morin,  Admiral,  italienischer

  Minister  des  Äu-Bern.
  I  608.

John,  Gladstonianer,

  von  1905  bis  1910

Staatssekretär  für  Indien.
202

 

Morra,  Graf,  italienischer
General,  Erzieher  Viktor
Emanuels  III.,  Botschafter
  in  Petersburg.  III
227f.

Moy,  Graf  Erst,  bayrischer
  Reichsrat,  I  583.
Moy,  Graf,  Karl,  bayrischer
Gesandter  in  Stuttgart.

III  88.

Mühlberg,  v.,  Direktor
der  handelspolitischen
Abteilung,  dann  Unterstaatssekretür
  im  Auswärtigen
  Amt,  später  Gesandter
  beim  Päpstlichen
Stuhl.  I  326f.,  393,  531;
II  104.  Bericht  an  Bülow
über  Verstündigungswunsch
  Rouviers.  II  124f.
Vom  Kaiser  als  Nachfolger
  Richthofens  abgelehnt.
  II  214.  Auch  als
Nachfolger  Tschirschkys,
II  302,  und  Schöns,  II
512.  Mühlberg  und  die
diplomatische  Situation
von  1914.  III  162.  In  Luzern.
  III  251.  —  Kundgebung
  bei  Bülows  Rücktritt.
  III  345.

Müller,  Georg  Alexander
v.,  Admiral,  1906—1918
Chef  des  Marinekabinetts.
1  73.  Gegner  von  Tirpitz.
I  109.  Ist  unter  den  Verhinderern
  der  Einsetzung
der  Flotte  im  Weltkrieg.
I  11lf.  II  320.  Über  Ungeduld
  des  Kaisers.  II
244.  Bei  der  Konferenz
im  Reichskanzlerpalais
(1909).  II  431ff.  Charakteristik.
  II  440.  Gespräch
mit  Bülow  in  Kiel.  II  511.
Bankettrede  Gerards.  III
271.

Müller,  Felix  v.,  Gesandter.
  I1  339,  360,  361.

Müller,  Hermann  (Müller-Franken),
  sozialdemokratischer
  Parteiführer,
auch  Reichskanzler.  I
390,  431.  III  316.
        <pb n="508" />
        Müller,  Richard,  Vorsitzender
  des  Vollzugsrats.
  1  198.  III  307£.

Müller,  Waldemar,  Dircktor
  d.  Dresdoer  Bank.  II
385.

Müller-Fulda,  Richard,
Zentrumsabgeordneter.  I

596.
Müller-Raschdau,  Kaiserlicher
  Gesandter.  I  37.
Münster  -  Derneburg,
Georg  Herbert,  Graf,
1899  Fürst,  deutscher
Botschafter  in  London,
dann  in  Paris  (f  1902).
Vertreter  auf  der  Haager
Friedenskonferenz.  I  348.
Hochfahrender  hannöverscher
  Aristokrat.  I  395.
Nachrichten  über  französische
  Absichten  gegen
England.  1421.  Verwechselt
  Namen.  1440.  Verabschiedet.
  I  495£.
Münster,  Fürst  Alexander,
Sohn  des  vorigen.  III  256.
Mumm  von  Schwarzenstein,
  Legationssekretär
in  Bukarest,  1900  deutscher
  Gesandter  in  Peking,
  1906—1911  in  Tokio.
  1361{.,  38.  Fahrt  nach
Peking.  I  438ff.  Beim
Kaiser.  III  62f.  Mumm
und  die  diplomatische
Situation  von  1914.  III
162

Munir-Pascha,  Sckretär
des  Sultans.  I  249.
Murawiew,  Graf  Michael
Nikolajewitsch,  russischer
Minister  des  Auswärtigen.
Begrüßt  Bülow.  I  85.
Konferenz  mit  Hohenlohe
und  ihm.  I  86ff.  Charakteristik.
  [188  f.  Telegramm
Osten-Sackens  an  ihn.  I
186.  Gibt  Abrüstungsvorschlag
  des  Zaren  bekannt.
  I  237.  Mit  dem
Zuren  in  Potsdam.  I  301.
Über  Delcasse.  I  302.
Besorgnis  vor  russischer

 

NAMENREGISTER

Revolution.  I  302.  Über
russisch  -  deutsch  -  französisches
  Zusammengehen.

  1  403.  Tod.  I  409.

Napoleon  Ill.  1135,  372,
453,  628.  II  332.  Bismarck
über  ihn.  I  259.  Mexikanische
  Expedition.  I  631.
Romantisch  -  sentimentale
  Politik.  II  232.

Natalie  (Ketschko)  Königin
  von  Serbien.  I  160.

Naumann,  Friedrich,  Pastor
  a.  D.,  freisinn.,  dann
deutsch  -  demokratischer
Parlamentarier.  I  202.  In
der  polnischen  Trage.  I
220.  Wahlrechtspolemik
gegen  Bülow.  II  462f.
Ballin  über  ihn.  II.  464.

Nebel,  Heinrich,  Journalist.
  III  237.

Nelidow,  Alexander,  russischer
  Botschafter  in  Paris.
Witte  gegen  ihn.  II  173£.
Vorsitzender  auf  der  Haager
  Friedenskonferenz  v.
1907.  II  297.

Nemes,  Graf,  Beamter  im
Wiener  Ministerium  des
Äußern.  III  235f.

Netto,  Kardinal.  I  620.

Nicolson,  englischer  Botschafter
  in  Petersburg,
1910  Unterstaatssckretär
i.  Ministerium  d.  Äußern.
Diplomatische  Intrigen.
II  399,  401,  416.

Nigra,  Constantino,  Graf,
italienischer  Botschafter
in  Wien.  Gespräch  mit
Bülow,  Charakteristik.  I
628£.

Nikita,  Fürst,  dann  König
von  Montenegro.  II  43.

Nikolaus  I.,  Zar.  1  18,  45,
85,  86,  139,  146,  253,  487,
631.  II  39,  44,  137,  175,
333.  III  126,  293.

Nikolaus  II,  Zar.  I  46.
Will  nicht  in  den  Hintergrund
  treten.  I  83.  Be- 



409

grüßung  mit  Wilhelm  II.
I  85.  Unterredung  mit
ihm.  I  86.  Will  den  Frieden.
  I  89.  Ernennt  Wilhelm
  II.  zum  russischen
Admiral.  I  93.  Empfüngt
Bülow.  I  98f.  Häuslichkeit.
  1103.  „Nicky“  (Wilhelm
  11.).  1139.  In  Darmstadt,
  vom  Kaiser  zu
Besuch  in  Wiesbaden
gezwungen.  I  168f.  In
Deutschland  „embete*.  I
170.  Sein  Schwager  Prinz
Heinrich.  I  207.  Frostige
Antwort  auf  Kiautschou-Telegramm
  des  Kaisers.  I
210.  Abrüstungsvorschlag
(Sommer  1898).  I  237.
Brief  an  Wilhelm  IL  I
270£.  (Übersetzung  im
Anhang.)  Besuch  in  Potsdam.
  1301.  Über  Kriegsmöglichkeit
  durch  Faschoda.
  I  301.  Über  russische
  Tradition  auf  dem
Balkan  und  die  Dardanellen.
  I  302.  Toast  des
Kaisers  auf  ihn  (zur  Haager
  Friedenskonferenz).  I
348.  Stimmt  dem  Öberbefehl
  Waldersecs  ‚‚freudig“
  zu.  I  366f.  Gegen
den  Kaiser  gereizt.  I  406.
Dieser  beschimpft  ihn.  I
454f.  Der  hessische  Hof.
I  487.  Begegnung  mit
Wilhelm  II.  in  Hela.  I
5411.  Besuch  des  Prinzen
Heinrich  in  Spala.  1547£.
Besetzung  Korcas  durch
Japan  für  Rußland  Casus
belli.  I  548.  Begegnung
mit  dem  Kaiser  in  Reval.
I  580.  Unterredung  Bülows
  mit  dem  Zaren.  I
580f.  Dessen  Besuch  in
Wolfsgarten.  I  629.  Begegnung
  mit  dem  Kaiser
in  Wiesbaden.  I  630.  Status
  quo  auf  dem  Balkan.
1631.  Gespräche  mit  Bülow
  und  mit  Wilhelm  II.
I  632f.
        <pb n="509" />
        410

Taumelt  in  den  Krieg
mit  Japan  hinein.  II  22f.
Spiritisten-Ilumbug  der
montenegrinischen  Prinzessinnen.
  II  43f.  Geburt
des  Zarewitsch.  IE  48.
Urteile  Wilhelms  II.  über
den  Zaren.  II  63ff.  Absage
  des  Zaren  an  den
Kaiser.  II  69.  Die  Björkö-Affäre.
  IL  1321.  (bis  151).
Der  Zur  revoziert  Björkö.
II  150f.  Reden  an  Arbeiter
  und  Bauern.  Il  161.
Nach  der  Ermordung  des
Großfürsten  Sergei.  II
161.  Benuftragt  Witte
mit  Friedensverhandlungen.
  II  169.  Begegnung
mit  Wilhelm  II.  in  Swinemünde.
  II  293ff.  Mit
Eduard  VII.  in  Reval.
II  316f.,  325.  Mit  dem
Kaiser  in  den  finnischen
Schären.  II  480  ff.

Entrüstet  über  den  Fall
Liman  von  Sanders,  III
128.  Wilhelm  II.  über
Verschwörung  mit  dem
König  von  England.  III
204f.  Der  Friedensversuch
  von  1916.  III  251£.
Tragisches  Ende.  III  290.

Nikolaus  Nikolajewitsch,
Großfürst,  russ.  Oberbefehlshaber
  im  Weltkrieg.
  II  169.  III  87,  179.

Nivelle,  französischer  General.
  III  259.

Noack,  Friedrich,  römischer
  Korrespondent  der
„Kölnischen  Zeitung“,
III  75.

Noailles,  Marquis  de,  französischer
  Botschafter  in
Berlin.  I  496.

Nogi,  japanischer  General,
Eroberer  von  Port  Arthur.
  II  72.

Normann,  v.,  konservativer
  Reichstagsabgeordncter.
  II  370£.,  457,  460,
464.

 

NAMENREGISTER

Noske,  Gustav,  sozialdemokratischer
  Reichstagsabgeordneter,
  dann
Reichswehrminister.  III
257,  307.

Noussanne,  Henri  de,
franz.  Schriftsteller.  1570.
II  224.

Odescalchi,  Baldassare,
römischer  Fürst.  I  611.
Oertel,  Dr.  Georg,  Chefredakteur
  der  „Deutschen
  Tageszeitung“.  III
73,  203.  —  Zu  Bülows

Rücktritt.  III  352£.
Oldenburg-Januschau,
Elard  v.,  Konservativer.
II  492.
Olga  Königin  von  Griechenland.
  I  145.
Ollivier,  Emile,  französischer
  Ministerpräsident.
I  320.  III  163,  176.
Oncken,  Hermann,  Professor,
  Historiker.  I  617.
III  23,  91.
Oppersdorff,  Graf  Hans.
Renegat.  195.  Auf  Reichskanzler-
  Kandidatenliste.
1182.  Bund  der  Kaiserlichen.
  II  419f.  Vom
Kaiser  empfangen.  II
493f.  III  46.  Freudenfest
  nach  Bülows  Rücktritt
  in  einem  Berliner
Hotel.  III  364.
Oppert-Blowitz,  Pariser
Korrespondent  d.,Timmes‘.
II  99.

Oreglia,  Kardinal.  I  621.

Oriola,  Graf  Waldemar,
nationalliberaler  Reichstagsabgeordneter.
  II  506.

Orter,  Sepp,  revolutionärer
Ministerprüs.  in  Braunschweig.
  II  248.

Oskar  I.  König  von
Schweden.  II  158.

Oskar  Prinz  von  Preußen,
Sohn  des  Kaisers.  I  295,
45Bf.,  625.

 

Osten-Sacken,  von  der,
Graf  Nikolaj  Dimitrijewitsch,
  russischer  Botschalter
  i.  Berlin.  I  145£.
Unterredung  mit  Bülow
über  Kiautschou  und  Port
Arthur.  I  185f.,  203.
Unterredung  mit  dem
Kaiser.  I  270.  Alte  russische
  Diplomatenschule.
1  347,  348.  Besprechungen
  mit  ihm.  I  514.  In
Metz.  1525.  Über  Marienburger
  Rede  des  Kaisers.
I  570.  Mitteilung  über
Lambsdorffg  Ausschaltung.
  I  630f.  Über  Vorgeschichte
  des  Kriegs  mit
Japan.  II  22.  Fürchtet
Revolution  in  Rußlund
(1905).  II  129.  Bülow  zu
ihm  über  deutsche  Kohlenlieferungen.
  II  134.
Vertrauen  zu  Bülow.  II
150.  Bei  diesem  wegen  der
Geheimdokumente  über
Bosnien.  II  400£.

Otto,  v.,  Dr.,  braunschweigischer
  Staatsminister.  II
248.  —  Kundgebung  bei
Bülows  Rücktritt.  III346.

Paasche,  Hans,  Kapitänleutnant
  (Sohn  des  folgenden).
  II  282.

Paasche,  Hermann,  Dr.,
nationalliberaler  Reichstagsabgeordneter,
  Vizepräsident
  des  Reichstags.
I  202£.  II  281f.,  505.

Pal&amp;amp;ologue,  Maurice  Georges,
  1913—1917  franz.
Botschafter  in  Petersburg.
  III  179.

Pansa,  Alberto,  italienischer
  Diplomat.  III  151.

Pape,  v.,  Generaloberst.
I  64,

Pappenheim,  konservativer
  Abgeordneter.  II
95.

Parma,  Herzogin  von,
Mutter  der  Kaiserin  Zitn.
III  141,  269,  270.
        <pb n="510" />
        Parma,  Prinz  Sixtus.  III
279

Pasitsch,  serbischer  Ministerpräsident.
  III  113.

Passy,  Frederic,  französischer
  Politiker.  II  346.

Paulis,  russischer  Marincattach&amp;amp;
  in  Berlin.  I  71,
580.

Payer,  Friedrich,  demokratischer
  Politiker,  1917
bis  1918  im  Kabinett
Hertling  Stellvertreter  d.
Reichskanzlers.  I  310.  II
371.  III  301.

Persius,  Kapitän  a.  D.  I
112.

Peters,  Karl,  Afrikaforscher.
  II  123.
Pfordten,  Freiherr  v.,

bayrischer  Ministerpräsident
  1866.  Bei  Bismarck
in  Nikolsburg.  I  121£.

Philipescu,  Nikolaus,  rumänischer
  Politiker.  III
280

Philippe,  Monsieur,  Charlatan
  am  Zarenhof.  II  43.

Piavi,  Patriarch  von  Jerusalem.
  I  256.

Pichler,  Franz  Seraph  v.,
Dompropsti,  Passau,  Zentrumsabgeordneter,
  1214.
II  97.

Picequart,  1895  Oberst,
1906—1909  französischer
Kriegsminister.  I  428.

Pierson,  Hofrat.  Verleumdungsklage
  gegen  Philipp
Eulenburg.  I  604.  III
30.

Pietro,  di,  Kardinal.  1620,

l.

Piffl,  Kardinal,  Erzbischof
von  Wien.  III  228£.

Pinnow,  Kammcrdiener
Bismarcks,  dann  Portier
in  Schloß  Bellevue.  1232.

Pius  X.,  Papst  (s.  Sarto).
I  120.  Giolitti  über  ihn.
II  60.  Monts  über  ihn.

 

NAMENREGISTER

IL  100.  Bülow  von  ihm
empfangen  (1908).  II  407,
502.  Besondere  Audienz
(1911).  III  108.

Planck,  Gottlich,  Jurist.
I  200.

Plehwe,  Wilhelm  (Wjatscheslaw)
  v.,  1902  russischer
  Minister  des  Innern,
ermordet  1904  in  Petersburg.
  Ermordung.  II  47£.

Pleß,  Herzog  von,  schlesischer
  Magnat,  Oberstjügermeister.
  Reicht  wegen
  der  Disziplinierung
der  „Kanalrcbellen“*  seinen
  Abschied  ein.  I  298.

Pleß,  Fürst  Hans  Heinrich
  XV.  (Sohn  des  vorigen).
  II  35,  425.  Hauptquartier.
  III  254.

Pleß,  Fürstin  Daisy.  II

Plessen,  Hans  Georg  Ilcrmann
  v.,  Generaloberst.
1892—1918  Kommandant
  des  Großen  Hauptquartiers.
  I  61,  76f.,  79.
Auf  der  Orientreise.  I
242.  Über  Aufenthalt  des
Kaisers  in  England.  1507.
Mit  dem  Kaiser  nach
Rom.  I  607.  Über  Wilhelm
  I.  II  53.  Will  Holland
  mit  Kolonien  in  die
Hand  bekommen.  II  68.
„Mit  Revolver  und  Degen“
  auf  das  „B.  T.“  geschickt.
  II  98.  Über  Reise
des  Kronprinzen  nach
England.  II  153.  Soll  zur
Beobachtung  der  englischen
  Flottenach  Swinemünde.
  II  153.  Zwang  auf
Kuno  Moltke,  Prozeß  anzustrengen.
  Il  293.  Der
Kaiser  möchte  ihn  als
Statthalter  nach  Straßburg
  schicken.  II  301.
Gratulutionsbrief  an  Bülow
  1909.  II  496.  In  Kiel.
II  515.  Philipp  Eulenburg
  gegen  die  Generals- 



41l

Kamarilla.  II  30.  „Jubelnde
  Freude“  im  Berliner
  Schloß  (1913).  III
119.  Telegramm  im  Auftrag
  des  Kaisers  an  Hellmuth
  Moltke.  III  164.
Gespräch  mit  dem  Fürsten
  Wedel.  III  201.  Kandidatur
  Michaelis.  III
267.

Plüskow,  v.,  Oberst.  1607.

Podbielski,  Viktor  v.,
Gencralstabsoffizier,  1897
bis  1901  Staatssekretär
des  Reichspostamts,  bis
1906  preußischer  Landwirtschaftsminister.
  Juli
1897  zum  Staatssckretür
des  Reichspostamts  ernannt.
  I  51.  Vorstoß
gegen  das  bayrische  Bricfmarkenmonopol.
  I  123.
Der  Kaiser  denkt  an  ihn
als  Reichskanzler.  I  372.
Verdienste  als  Reichspostminister.
  I  442.  Zum
preuß.  Landwirtschaftsminister
  ernannt.  I  524.
Zolltarif-Beratungen.  I
531.  Bei  den  Verhandlungen
  mit  Rußland
in  Norderney.II42.  Rücktritt
  wegen  der  Affüre
Tippelskirch.  II  253f.
Taf.  II  252.

Podcwils,  Klemens,  Graf,
1903—1912  _bayrischer
Minister  des  Äußern  und
Ministerpräsident.  I  120.
Er  und  Hoertling.  I  480.
Brief  an  Bülow.  II  94.
Über  Lecomte.  II  312.
Bei  der  Bismarck-Feier
in  der  Walhalla.  II  348£.

Poincar€,  Raymond,  1912
französischer  Ministerpräsident,
  1913  Präsident
der  Französischen  Republik.
  II  104,  120.  III  87.
Sein  Aufstieg.  III  118.
Erklärungen  zu  Iswolski
über  den  Fall  Liman  von
Sanders.  III  130.  Sturz
        <pb n="511" />
        412

Barthous  ein  Mißerfolg
für  Poincare,  III  156f.
Wünscht  den  Weltbrand.
III  179.  Der  Sixtus-Brief.
III  279.  Vermichtungswille.
  III  322,

Ponti,  Graf,  Bürgermeister
  von  Mailand.  II  255.

Porsch,  Felix,  Zentrumsabgeordneter.
  I  596.

Posadowsky,  Graf  Artur
  von  P.-Wehner,  1893
Staatssekretür  d.  Reichsschatzamts,
  1897  des  Innern.
  Urteil  Hohenlohes
und  Bülows  über  ihn.  I
10.  Nachfolg.  Böttichers.
I  51.  Auf  Reichskanzler-Kandidatenliste.
  I  182.
Bülow  schlügt  ihn  vor
(1900).  I  374,  380.  Entlassungsgesuch
  nach  Bülows
  Ernennung,  nicht
bewilligt.  I  386f.  Die
12000  Mark-Affüre.  1387,
467  1f.  Überragende  fachliche
  Leistungsfühigkeit.
I  431.  Charakteristik.  I
470£.  Haßt  Miquel.  1522.
Zolltarif-Beratungen.  I
531.  Über  Ostmarkenfrage.
  I  563f.  Arbeit  am
Zolltarif.  1  596.  Taf.  I
560.

Bei  den  Handelsvertrags-Verhandlungen
  mit
Rußland  in  Norderney.  II
42.  Schwierigkeiten  als
Unterhändler  in  Wien.  II
48f.  Schwarzer  Adlerorden.
  II  95.  Nach  einer
Paradetafel  im  Berliner
Schloß.  II  122.  Erwartete
Bülows  Sukzession.  II
218.  Gegen  Reichstagsauflösung
  (1906).  II  270.
Verabschiedung.  II  300.
Konflikt  mit  R.  Martin.
11  478.

Pourtalös,  Graf  Fricdrich,
  ab  1907  Botschafter
in  Petersburg.  I  36,  38.  II
302,  330.

 

NAMENREGISTER

Praschma,  Hans,  Graf,
Zentrumsabgeordneter.  I
596.  II  278.

Pressens&amp;amp;e,  Francis  de,
französischer  Politiker.  II

Preuß,  Hugo,  Dr.,  im  November
  1918  Staatssekretür
  des  Innern,  1919
Reichsinnenminister  (f
1925).  I  123,  500,  535,
545.  III4l.

Preysing,  Konrad,  Graf,
bayrischer  Zentrumsabgeordneter.
  I  596.

Prinetti,  italienischer  Minister
  des  Äußern.  I  579.

Prokesch,  Anton  Graf,
österreichischer  Botschafter,
  1853  und  1854  Bundespräsidialgesandter
  in
Frankfurt  a.  M.  1199,

Pückler,  Graf  Karl,  deutscher
  Botschaftsrat  in
London.  I  307£.

Puscyna,  Kardinal.  I  620,
621,  622.

Putlitz,  v.,  konservativer
Abgeordneter.  II  95.

Puttkamer,  Robert  v.,
1881—1888  Minister  des
Innern.  I  156.

Quidde,  Ludwig,  Prof.,
Autor  des  „Caligula“.  II
494.

Raben,  Graf,  dänischer
Minister  des  Äußern.  II
145.

Radolin,  Fürst  Hugo
(Graf  Radolinski),  preu-Bischer
  Gesandter  in  Weimar,
  1888  Ober-Hof-  und
Hausmarschall,  deutscher
Botschafter  in  Petersburg,
  dann  in  Paris.  Bülow
  bei  ihm.  195£.  Hochzeit
  mit  Gräfin  Oppersdorff.
  I  182.  Regt  russisch
  -  deutsch  -  französisches
  Zusammengehen

 

an.  1403.  Nach  Paris  versetzt.
  I  495.  Über  Millerand.
  I  598.  Delcasse
teilt  ihın  Marokko-Konvention
  mit.  II  107.  Beauftragter
  zu  Rouvier.  Il
125.  Kleinlich  gegen  Rosen.
  II  168f.  Mit  Holstein
intim  befreundet.  II  215.

Radoslawow,  bulgar.  Ministerpräsident.
  III  287.

Radowitz,  Josef  v.,  Botschafter
  in  Konstantinopel,
  dann  in  Madrid.  I
170.  Todfeind  Holsteins.
I  392.  Gratuliert  Bülow.
I  394.  Mit  Bülow  bei  Bismarck
  (1874).  I  497£.
Wilhelm  I.  über  ihn.  II
53.  Vertreter  in  Algeciras.
II  200£.  Bei  Holsteins  Begräbnis.
  II  468.  An  Bülow.
  III  33.

Radziwill,  Fürst  Anton,
Generaludjutant  Wilhelms
  I.  I  74.  II  506.  III
147.

Radziwill,  Fürstin  Marie,
Witwe  des  vorigen.  III
147£.,  149.

Raffauf,  deutscher  Konsul
  in  Kiew.  Seine  Berichte
  über  russische  Rüstungen.
  I  233.

Rahardt,  Mitglied  des
Abgeordnetenhauses.  III
355.

Rampolla,  Kardinal-Staatssekretär.
  I  589.
Seine  Papstkandidatur.  I
620,  621.  Das  österreichische
  Veto  gegen  ihn.  I
619,  621,  622,  623.  Für
italienische  Republik.  II
60.  Über  Bülow.  II  502.

Ranke,  Leopold  v.,  Historiker.
  II  332£.

Rantzau,  Graf  Cuno,
Schwiegersohn  des  Fürsten
  Bismarck,  preußischer
  Gesandter  in  München,
  dann  deutscher
        <pb n="512" />
        Gesandter  im  Hang.  122.
Brief  an  Herbert  Bismarck
  über  Bülow.  I  216.
Bismarcks  Groll  über
Rantzaus  Verdrängung
aus  München.  I  225.

Rantzau,  Gräfin  Marie,
Tochter  des  Fürsten  Bismarck.
  I  209.  Von  Eulenburg
  verspottet,  I  226f.

Rasputin,  Grigorij  Jefimowitsch,
  Wundertäter.
I  100.

Ratazzi,  italienischer  Politiker.
  I  610.

Rath,  vom,  Legationsrat.
II  525.  III  23£.,  113.

Rathenau,  Emil,  Generaldirektor
  der  AEG.I  297.
III  40,  176.

Rathenau,  Walter,  Sohn
des  vorigen,  Mai  bis  Oktober
  192]  Reichsminister
für  Wiederaufbau,  seit
Februar  1922  Reichsaußenminister,
  ermordet
24.  6.  1922.  Bülow  denkt
an  ihn  (1906)  als  Direktor
des  Kolonialamts.  II  266.
Verhandlungen  um  Philipp
  Eulenburg.  II  292.
Als  Schatzsckretär  vom
Kaiser  abgelehnt.  II  385.
Bericht  über  England
(1909).  II  427f.  „Pace!
Pace!“  III  15.  Charakteristik.
  III  39.  Freund
und  Feind  Hardens.  III
41,  42.  Briefe  an  Bülow.
III  43£.,  91£.  Besuch  bei
Bülow  in  Rom.  III  93.
Über  „Deutsche  Politik“.
III  135.  Telegramm  an
Bülow.  III  203.  Genua.
III  319.  Taf.  III  40.

Ratibor,  Prinz  Karl,
Regierungspräsident  von
Aurich.  später  Oberpräsident
  vonWestfalen.  11139.

Rauscher,  Ulrich,  Ministerialdirektor,
  dann  Gesandter
  in  Warschau  (f
1930).  I  86.

 

NAMENREGISTER

Rechberg,  Graf  Johann
Bernhard,  österreichisch.
Ministerpräsid.  u.  Außenminister.
  I  156.

Recke,  von  der,  preußischer
  Minister  des  Innern.
I  43.  Hat  den  Landräten
mit  Kassation  zu  drohen.
1  295.

Recouly,  Raymond,  französischer
  Historiker.  III
238f.

Redern,  Graf  Ileinrich,
Obergewandkämmerer.  II
38.

Redern,  Graf  Wilhelm,
Oberstkümmerer.  II  38.
III  67.

Reischach,  Freiherr  v.,
Hofmarschall.  I  76,  143.
Il  127,  478.  III  241.

Renvers,  v.,  Gehecimrat,
Freund  und  Arzt  Bülows.
  1409.  Arzt  der  Kaiserin
  Friedrich.  1  534.  Bei
Bülows  Ohnmachtsanfall.
II  214.  Intrige  Philipp
Eulenburgs.  II  262.  Renvers
  am  Brandenburger
Tor.  II  263.  Renvers  und
Schön.  11360.  EduardVII.
dankt  Renvers  für  Behandlung
  der  Kaiserin
Friedrich.  II  421f.  Der
Kaiser  leugnet,  daß  seine
Mutter  Renvers  gekannt
habe.  II  422.  Urteil  von
Renvers.  II  422f.  Tod.  II
444f.  Taf.  II  444.  Eulenburgs
  Krankheit.  III  26.
Über  $  175.  III  28.

Reuß,  Prinz  Heinrich  VII.,
deutscher  Botschafter  in
Petersburg.  I  195,  497.
Seine  Gattin  (geb.  Prinzcssin
  von  Weimar).  I
284.  Chef  Bülows.  I  443.
Brief  an  Bülow  über  den
russischen  Hof.  II  6.
Septi.  II  50.  Brief  von
Maria  Paulowna  an  ihn.
11  1751f.  Tod.  II  219.

 

413

Reuß,  Prinz  Heinrich
XXVIII.,  Kandidat  für
Oberpräsidium  von  Schlesien,
  11  102.

Revelstoke,  Lord  (Baring),
  Londoner  Bankier.
II  318.

Rheinbaben,  Georg  Freiherr
  von,  1899  preußischer
  Innenminister,  1901
bis  1910  Finanzminister.
Auf  Reichskanzler-Kandidatenliste.
  I  182.  Vertrauen
  Bülows.  I  443.
Zum  Finanzminister  cernannt.
  I  523.  Zolltarifberatungen.
  I  531.  Enteignungsvorlage.
  II  489.
Bethmann  warnt  vor  ihm
als  Reichskanzler.  II  508.
Mitarbeiterschaft  am  Jubiläumswerk
  1913.  IH
132.  Chef  von  Michaelis.
III.  268.

Rhodes,  Cecil,  Gründer
von  Rhodesia.  Empfang
durch  den  Kaiser  in  Berlin.
  1289  ff.  Brief  der  Kaiserin
  über  seinen  Besuch.
I  290f.  Angriffe  der  deutschen
  Öffentlichkeit.  I
291f.  Wilhelm  II.  über
ihn.  I  351.

Ricasoli,  Bettino,  Baron,
italienischer  Staatsmann.

610.

Richter,  Eugen,  Führer
der  deutschen  Fortschrittspartei.
  15,59,  64.
Artikel  über  Genealogie
der  Kaiserin.  Drohung  d.
Kaisers.  I  177.  Als  Redner.
  I  201.  Interpellation
in  der  Dreyfus-Affäre.  I
240.  Gegen  Herbert  Bismarck.
  I  334.  Über  Waldersce.
  1  370.  Kritik  am
Militärsystem.  I  405.  Polemik
  Bülows  gegen  ihn.
1  416.  Richter  über  Flottenfrage,
  für  die  er  zu  alt
sei.  I  417.  Für  spätzre
Einberufung  des  Reichstags.
  I  465f.  Bismarck
        <pb n="513" />
        414
und  Richter.  I  466.  Debatte

  zwischen  ihm  und
Kröcher.  I  519.  Über
zwei  Seelen  der  Nationalliberalen.
  I  532.  Gegen
soziuldemokratische  Obstruktion.
  I  593.  Gegen
Möller.  II  91.  Gegen  Hey].
II  92.  Frage  des  Reichstagswahlrechts
  für  Preu-Ben.
  II  464.

Richthofen-Damsdorf,
Karl  Freiherr  v.,  konservativer
  Reichstagsabgeordneter.
  II  504.

Richthofen,  Oswald,  Freiherr
  v.,  Direktor  der  Kolonialabteilung,
  dann  Unterstaatsscekretär,
  später
Staatssekretär  im  Auswärtigen
  Amt.  123,  Seine
Luufbahn.  I  217f.  Lüßt
bei  Bismarcks  Tod  die
Trauerllagge  hissen,  Beschwerde
  Holsteins.  1229.
Probritisch.  I  326.  Beschwört
  Bülow,  nicht
ohne  feste  englische  Bürgschaften
  auf  Chamberlain
  einzugehen.  I  326f.
Zum  Staatssekretär  ernannt.
  I  393.  Denkschrift
über  die  deutsch-englischen
  Verhandlungen.  I
510f.  Zolltarifberatungen.
  I  531.  Arbeit  am
Zolltarif.  I  596.  Ernennung
  zum  preußischen
Staatsminister.  II  95.
Über  Besuch  Millerands.
II.  165£.  Tod.  II  214.

Rickert,  Heinrich,  freieinniger
  Politiker.  I  59,
466.

Riedel,  v.,  bayrischer  Finanzminister.
  1119,  123£.,
485,  531

Riezler,  Dr.  (Pseudonym
Rüdorffer).  I  563.  II  464.
III  24f.,  249,  258.

Ripon,  Marques  of,  Lord-Geheimsiegelbewahrer.
  II
205.

 

NAMENREGISTER

Roberts,  Lord,  Earl  of
Kandahar,  brit.  Feldmarschall,
  Besieger  der  Bun.

  1332.  Einzug  in  Pretoria.
  I  357.  Annexionserklärung.
  1  398.  Schwarzer
  Aulerorden.  I  508.
Lehnt  ab,  sich  über  „Daily-Telegraph“
  -  Interview
zu  äußern.  II  354.  Der
Feldzugsplan  im  Unterhaus.
  II  355,  374,  449.

Robilant,  Carlo  Felice,
Graf,  ital.  Staatsmann,
Botschafter  in  Wien.  III
218.

Rodd,  Sir  Rennel,  britisch.
Botschafter  in  Rom.  III
131f.,  188,  219.

Röder,  Eugen  v.,  Zeremonienmeister.
  II  128,  297,
468,  478,  494,  495.  IIL46£.

Roeren,  Zentrumsabgeordneter.
  I  214.  Angriff  auf
Dernburg.  II  267f.,  271.

Roesicke,  Dr.  Gustav,
agrarischer  Politiker.  I

Rohan-Chabot,
de.  II  289.

Roon,  Waldemar  v.,  Sohn
des  Kriegsministers  unter
Wilbelm  I.  III  102£.  —
Kundgebung  bei  Bülows
Rücktritt.  III  352.

Roosevelt,  Theodore,  Präsident
  der  U.  S.  A.  Empfang
  durch  Wilhelm  II.
in  Berlin.  I  133,  574f.
Der  Kaiser  erlebt  nicht
viel  Freude  an  ihm.  1305.
Brief  Wilhelms  II.  an  ihn
zurückgehalten.  I  573£.
III  52.  Bülow  empäichlt
ihn  als  Prinzenpaten,  II
239.  Taf.  II  168.

Roschdjestwensky,  Admiral,
  Kommandeur  des
russ.  Ostseegeschwaders.
II  66,  132.

Rosebery,  Earl  of,  1886
und  1892  brit.  Minister

Prince

 

des  Äußern,  1894—1895
Premierminister.  Persönlicher
  Freund  Herbert
Bismarcks.  I  208.  Zerzaust
  Salisbury.  I  423.
Kein  bequemer  auswärtiger
  Minister.  1425.  Gegen
Delcass&amp;amp;s  Provokation.  II
110.  Liberal-imperialist.
II  202.

Rosen,  Friedrich,  Dr.,  Legationsrat,
  dann  Gesandter
  in  Tanger,  Bukarest,
Lissabon  und  dem  Haag,
1921  Minister  des  Äußern.
Von  Holstein  en  grippe
genommen.  II  168.  Taf.
II  168.  Nachdichter  des
Omar  Kajjam.  III  8f.
Beim  Kaiser.  III  62[f.  Rosen
  und  die  diplomatische
Situation  von  1914.  III
162

Rosner,  Karl,  Schriftsteller.
  I  76£.,  365.

Rotenhan,  Freiherr  v.,
Unterstaatssekretär  im
Auswärtigen  Amt.  Preuß.
Gesandter  beim  Vatikan.
I22£.,  38,  211.  Ersetzt
durch  Richthofen.  I  217.
In  ar  Gesandtschaft  in
Rom.

Rothe,  el,  Minister.
1531.

Rother,  preuß.  Finanzminister.
  I  442.

Rothschild,  Baron  Alfred.
II  37£.

Rouher,  Ministerpräsident
Napoleons  III.  I  372£.
II  22,  301.

Rouvier,  1881  franz.  Handelsminister,
  1887  u.  1905
Ministerpräsident.  II  114.
Entscheidet  gegen  Delcasse,
  II  119.  Sein  Aufstieg.
  II  124.  Sucht  als
Finanzmann  Verständigung.
  II  124M.,  165.
Fürchtet  Überraschungen.
  II  192.  Rosen  unterhandelt
  mit  ihm.  III  8.
        <pb n="514" />
        Rudini,  Marchese,  italien.
Staatsmann.  I  3,  30.  II
58,  218.

Rudolf,  Erzherzog,  Kronprinz
  von  Österreich-Ungan.
  I  167.

Rüger,  sächs.  Finanzmin.
1531.  —  Kundgebung
bei  Bülows
III  338.

Rühle,  Otto,  sozialdemokr.
Reichstagsabgeordn.  III
258.

Rücktritt.

Rupprecht,  Prinz,  dann
Kronprinz  von  Bayern.
I  358,  483.  Brief  des
Prinzen  Max  von  Baden
über  Abdankung  des  Kaisers.
  III  296.  Armceführer.
  III  323.

Saint  -  Ren&amp;amp;  -  Taillandier,
  französischer  Gesandter
  in  Fez.  II  108.

Salandra,  Antonio,  März
1914  bis  Juni  1916  italicnischer
  Ministerpräsident.
I  267.  Neutralit.  Italiens.
III  169.  Politische  Stellung.
  III  219f.  Taf.  III
210.

Saldern-Plettenburg,
konservativer  Abgeordneter.
  II  95.

Salisbury  (Marquis),  englischer
  Premierminister  in
drei  konservativen  Kabinetten
  (f  1903).  Antipathie
  gegen  den  Kaiser.
I  207£.,  434.  Bewunderer
Bismarcks.  I  207.  Brief
an  die  Queen.  I  208.  Die
Türkei  eine  „dying  nation“.
  I  252.  Die  Frage
der  portugiesischen  Kolonien.
  I  276.  Über  Caprivi
  und  Hohenlohe.  I
277.  Ausweichend.  I  277.
Wünscht  keine  Fortsetzung
  der  deutsch-englischen
  Verhandlungen.  I
278.  Verhandlungen  ohne

 

NAMENREGISTER

scine  Kenntnis.  I  303.
England  duldet  keine  Intervention
  im  Burenkrieg.
I  304.  Entschlossen,  ihn
durchzuführen.  I  309.
Will  keine  Allianzen.  I
310.  Sieht  russisch-japanischen
  Konflikt  voraus.
  I  310.  Sagt  Unterredung
  mit  Bülow  ab.  I
314.  Seine  Verhinderung.
I  336.  Noch  nicht  politisch
  fertig.  1338.  Scharfe
Auslassungen  bei  Diskussion
  über  Marokko.  I
418f.  Metternich  über
ihn.  1422  f.  Macht  Schwierigkeiten
  in  der  Oberbefehlsfrage
  für  China.  I
433.  Haß  des  Kaisers
gegen  ihn.  I  461.  Tod.
II  32.

Salm-Salm,  Erbprinz
Emanuel,  Adjutant  Bülows.
  II  40.

San  Giuliano,  Antonio,
Marchese  de,  seit  1910
italienischer  Minister  des
Äußern  (t  16.  10.  1914).
III  80.  Über  Bethmann.
III  82.  Über  Agadir.  III
87.  Kiderlen  stellt  sich
vor.  III  88.  San  Giuliano
zieht  die  Uhr  zum  Zeichen,
  daß  Italien  nach
Tripolis  geht.  III  111.
Neutralität  Italiens  1914.
III  169.  Erklärungen  gegenüber
  Flotow.  III  187,
190.  In  Fiuggi.  III  188.
Tod.  1II188.  Taf.  III  188.

Sarto,  Kardinal,  dann
Papst  Pius  X.  (s.  diesen).
1621—622.

Sasonow,  Sergei  Dmitrijewitsch,
  1910—1916  russischer
  Minister  des  Äu-Bern
  (F  1927).  Ausbau
der  Potsdamer  Gesprüche
verzögert.  III  121.  Über
Coup  gegen  Serbien,  den
Österreich  vorbereite.  III
127.  Delcass€E  sagt  im

 

415

Fall  Liman  von  Sanders
äußerste  Unterstützung
eegen  Deutschland  zu.
Ill  130.  Sasonow  will
kein.  Bruch  m.  Deutschland.
  III  130£.
Sassulitsch,  Vera,  russ.
Nihilistin.  IL  160.

Satow,  englischer  Gesandter
  in  Peking.  I  440.

Sattler,  Dr.,  nationalliber.
Reichstagsabgeordneter.
I  475,  594.  IL  12.

Saunders,  Korrespondent
der  „Times“  in  Berlin.  I
319,  335.  II  27,  195.

Saurma,  v.,  Botschafter  in
Konstantinopel,  1897  in
Rom.  1170.

Savigny,  Karl  Friedrich
v.,  preuß.  Diplomat,  seit
1867  Zentrumsabgeordneter.
  II  272.

Say,  Leon,  franz.  Finanzminister.
  II  238.

Schädler,  Franz  Xaver,
Domkapitular  in  Bamberg,
  Zentrumsabgeordn.
I  214.  Gegen  Gocthe-Denkial
  in  Straßburg.
1  355.  Interpellation  wegen
  der  Swinemünder
Depesche.  I  596£.

Schäfer,  Dictrich,  Professor,
  Historiker.  III  114.

Schauenburg,  Freih.  v.,
Legationsrat.  I  589.

Scheer,  Reinhard,  Admiral,
  Chef  der  Nordsceflotte.
  III  182£.

Scheidemann,  Philipp,
sozialdemokrat.  Reichstagsabgeordneter,
  1919
Reichsministerpräsident.
I  198,  202,  431,  539.  III
301,  307,  315.

Schenck  (zu  Schweinsberg),
  Geschäftsträger  in
Peking.  I  37.

Scheurer-Kestner,  französischer
  Senator.  I  428.
        <pb n="515" />
        416

Schiemann,  Theodor,
Professor,  Historiker.  I
144,  526.  II  15,  57,  285.
Geisel-Theorie  u.  „Schiemannisme‘.
  II  80f.  Wilhelm
  II.  zu  ihm  über
„prächtigen  Brief“  an
den  Zaren.  II  134.  Unterredung
  des  Kaisers  mit
ihm  über  Rußland  und
Polen.  II  243  ff.  Er  und
Harnack.  II  455.  III  93.
Gratulationsbrief  an  Bülow.
  II  496.  Gegner.  II
523.  III  46.  Über  die
„feigen“  Englünder.  II
529.  Artikel  der  „Kreuzzeitung“
  über  die  Novemberreise.
  III  47,  57.

Schlieffen,  Graf  Alfred,
1891]  (nach  Waldersce)
bis  1905  Chef  des  Generalstabs,
  1911  Gencralfeldmarschall(}
  1913).  Behandlung
  des  Kaisers.  I
205f.  Nur  ein  Jahr  jünger
als  Waldersee.  I  364.
Generalfeldmarschall.  I
366.  In  Kassel.  I  368.
Über  den  „Manöverunsinn“
  Wilhelms  II.  I  624.
Schliefens  Plan  des
Durchmarschs  durch  Belgien.
  II  76.  Gespräch  mit
Bülow  über  künftigen
Krieg.  II  76  ff.  Artikel  in
der  „Deutschen  Revue“,
II  78.  Ruhestand.  II
182.  Forderung,  Lehren
aus  1870  zu  zichen.  II
228.  Taf.  II  184.  Natürlichkeit.
  III  42.  Enge
Fühlung  Bülows  mit  ihm.
III  171.  Ofensiv-Plan
für  die  Marne-Schlacht.
III  174.

Schlözer,  Karl  v.,  Gesandter
  in  München.  III
37

Schmidt,  Erich,  Professor
der  Germanistik  in  Berlin.
  II  198.

Schmidt,  Prof.,  Frankfurt
a.M.,Halsspezialist.1634.

 

NAMENREGISTER
Schmidt-Elberfeld,

Reinhard,  Freisinniger,
erster,  dann  zweiter  Vizepräsident
  des  Reichstags.

IT  463f.  —  Kundgebung

bei  Bülows  Rücktritt.  III

342f.

Schmitz,  Pater,  Lazarist.
I  256.

Schmoller,  Gustav  v.,
Prof.  an  der  Universität
Berlin,  Nationalökonom
(1  1917).  Brief  an  Bülow.
II  285ff.  Zu  seiner  Rede
über  Krone  und  Verfassung.
  II  454,  497.
Briefwechsel  zwischen
Schmoller  und  Bülow.
III  26f.  III  42,  110.
Memorandum  für  den
Kaiser.  III  115.  —  Kundgebung
  bei  Bülows  Rücktritt.
  III  349.

Schön,  Wilhelm  v.,  Legationsrat,
  Hofmarschall
in  Koburg,  Gesandter  in
Kopenhagen,  1905  Botschafter
  in  Petersburg,
1907  bis  1909  Staatssekretär
  des  Äußern,  1910
bis  1914  Botschafter  in
Paris.  I  299f.

Als  Vertreter  des  Auswärtigen
  Amts  bei  Nordlandreisen.
  I  348.  Reaktivierung
  im  diplomatischen
  Dienst.  I
395.  Gesinnung  gegen
Bülow.  I  396.  Geheimbericht
  über  Tendenzen
des  Kaisers  gegen  Dünemark
  und  Holland.  II
66lf.,  72.  Bericht  über
Auflösung  Rußlands.  II
243.  Ernennung  zum
Staatssekretär.  II  301£.
Aufzeichnung  über  Unterredung
  mit  russischem
Abteilungschef.  II  330.
„Daily  -  Telegraph“  -  Affäre.
  II  353,  359,  360.
Bei  der  Konferenz  im
Reichskanzlerpalais.  II
431ff.  Versagen,  II  442,

 

Ist  furchtsam.  II  443.
Bülows  Zelhın  Gebote  zu
seinem  Gebrauch  beim
Kaiser.  II  480f.  Wilhelm
  II.  für  ihn.  II  512.

„Alpinist“(Eulenburg).
III  30.  Byzantinisch.
III  31f.  Ambitionen  nach
Paris.  III  57.  Meldet
sich  bei  Bethmann  (August
  1914).  III  149.  Die
Verpfändung  von  Belfort,
Toulund  Verdun.  III  168.

Schön,  v.,  Neffe  des  Botschafters,
  bayrischer  Geschäftsträger
  in  München.
III  158£.,  179.

Schönlank,  Bruno,  sozialdemokratisch.
  Reichstagsabgeordneter.
  I  192.

Schönstedt,  Karl  Heinrich,
  Dr.,  1894—1905
preuß.  Justizminister.  II

Scholl,  v.,  Rittmeister  in
Darmstadt  und  Potsdam,
dann  Flügeladjutant  des
Kaisers,  General  A  la
suite.  I  169,  242£.,  255,
352.  III  116.

Scholz,  General,  Armeeführer.
  III  323.

Schorlemer-Lieser,  Klemens
  Freiherr  v.,  preuß.
Landwirtsch.  -  Minister,
dann  Oberpräsident  der
Rheinprovinz  (f  1922).
Auf  Reichskanzlerkandidatenliste.
  I  182.  Vertrauen
  Bülows.  I  443,
589.  II  502.  Bethmann
gegen  ihn.  II  508.  Brief
an  Bülow.  III  202.  —
Kundgebung  bei  Bülows
Rücktritt.  III  348,

Schrader,  Abgeordneter,
Mitglied  der  Freisinnigen
Vereinigung  im  Reichstag.
  II  257.

Schratt,  Katharina,
Hofburgschauspielerin  in
Wien.  I  151,  157.
        <pb n="516" />
        Schröder,  Rudolf  Alecxander,
  Lyriker.  III  191£.

Schulze-Güvernitz,  v.,
Nationalökonom  an  der
Universität  Freiburg.  II
383.  III  91.  —  Kundgebung
  bei  Bülows  Rücktritt.
  III  350£.

Schuwalow,  Graf  Peter,
russischer  Botschafter  in
London,  zweiter  Bevollmächtigter
  auf  dem  Berliner
  Kongreß.  I  544.

Schwabach,  Paul  v.,  Bankier.
  I  297.  III  137,  178.

Schwartzkoppen,  Erich
v.,  Adjutant  Bülows.  II
40.  Bei  Bethmann.  III
S4f.

Schwarzenberg,  Fürst
Felix,  österreichischer  Ministerpräsident.
  I  155.  II
84,  414.  III  180.

Schweinburg,  Viktor,
Journalist.  I  295,  390.

Schweinitz,  Hans  Lothar
v.,  General,  Gesandter  u.
Botschafter  in  Wien,  bis
1893  in  Petersburg.  1  61,
74,  100,  535f.  Begegnung
mit  Bülow  (Homburg
1897).  I  130f.  Brief  an
Bülow.  I  407ff.  Über
Bismarck.  III  239.

Schweinitz,  Wilhelm  v.,
Major,  Militürattache  in
Rom,  Sohn  des  vorigen.
III  226.  Beschwerdebrief
Bethmanns  über  ihn.  III
23lf.

Schweninger,Prof.  Ernst,
Leibarzt  Bismarcks.  I  35.

Schwerin,  Graf  Ulrich,
deutscher  Geschüftsträger
  in  Haiti.  1178.

Schwerin-Löwitz,  Hans,
Graf,  konservativer  und
agrarischer  Führer,  Präsident
  d.  preußisch.  Abgeordnetenhauses
  (f  1918).
1  532.  Il  477.  Bedauert
d.  Kampf  geg.  Bülow.  11

27  Bülow  III

 

NAMENREGISTER

507.  Warum  nicht  Landwirtschafts-
  Minister?  II
509.  Mitarbeiterschaft  an
dem  Jubiläumswerk.  III
132f.  Für  Bülows  Sendung
  nach  Rom.  III
193f.,  2022.  —  Kundgebung
  des  Deutschen
Landwirtschaftsrats.  III
371.

Scott,  englischer  Admiral.
III  182.

Seckendorff,  Graf  Götz,
Kammerherr  u.  OberhofmeisterderKaiserin
  Friedrich.
  Über  Mutter  und
Sohn.  I  152.  Wort  des
Malers  Angeli  zu  ihm
über  die  Queen.  I  321.
Beziehungen  zur  Kaiserin
Friedrich.  I  536f.  Über
Stimmung  am  englischen
Hof.  II  127.  Eduard  VII.
verbittet  sich  seine  Impertinenz.
  II  189.

Selborne,  Earl  of,  Erster
Lord  der  britischen  Admiralität.
  II  25.  Gespräch
Bülows  mit  ihm.  II  32.
Denkschrift  über  Kriegsbereitschaft
  der  englisch.
Flotte.  II  71.

Senden  -  Bibran,  Gustav
Freiherr  v.,  Admiral,  1889
bis  1906  Chef  des  kaiserlichen
  Marinckabinetts
(1  1909).  1  61.  Stützt  Tirpitz
  I  68.  Zwischenfall
mit  d.  Prinzen  von  Walcs
(Eduard  VII.)  I  69£.,
343.  Antienglisch,  verbunden
  mit  dem  russ.
Morineattach&amp;amp;  Paulis.  I
71,  79,  81,  580.  In  Multa.
I  266.  Widersetzt  sich
Intrigen  gegen  Bülow.
II  440.

Sergei,  Großfürst,  vierter
Sohn  Alexanders  II.  Ermordung
  (17.  2.  1905).
II  161.

Seydewitz,  Otto  Theodor
v.,  Vorsitzender  der  kon- 



417

servativen  Reichstagsfraktion,
  1879  bis  1894
Oberpräsident  in  Breslau.
I  62.

Siemens,  Georg  v.,  freisinniger
  Abgeordneter,
Direktor  der  Deutschen
Bank  (}  1901).  Empfiehlt
Helfferich.  I  219.  Projekt
der  Bagdad-Bahn.  I  253,
572.

Singer,  Paul,  sozinldemokratisch.
  Führer  (F  1911).
I  244.  II  277.  Rede  zur
Kaiser-Krise.  II  365f.,
456.  Gegen  Sydow.  II
518,

Skarbina,  Franz,  Maler,
Taf.  II  280.

Skobelew,  russ.  General,
Sieger  im  Türkenkrieg
(f  1882).  II  22.  III  87.

Sofie,  Grüfin  Chotck,  als
Herzogin  von  IHohenberg
Gattin  des  KErzherzogs
Franz  Ferdinand.  Entgegenkomm.
  Wilhelms  II.
I  400£.,  625.  Ihre  Heirat.
1  624f.  Ihr  Äußeres.  II
408.  Ermordung  IIL137  ff.

Solf,  Wilhelm,  1911  Staatssckretär
  des  Kolonialamts,
  Oktober  bis  Dezember
  1918  Staatssckretür
  des  Äußern,  1921  bis
1928  Botschafter  in  Tokio.
  II  80.  III  271.

Solms,  Graf  Eberhard,
Vorgänger  Bülows  als
Botschafter  in  Rom.  —
Kundgebung  bei  Bülows
Rücktritt.  III  344£.

Solms-Baruth,  Fürst
Friedrich,  Oberstkämmerer
  am  preußischen  Hof.
1298.  —  Kundgebung  bei
Bülows  Rücktritt.  III
347f.

Sombart,  Werner,  Prof.,
Nationalökonom.  I  428,
430.  II  285.  III  277.
        <pb n="517" />
        418

Sonnino,  Sidney,  November
  1914  bis  Juni  1919
ital.  Minister  des  Äußern
(f  1922).  1267.  II  8,  58,
400.  III  189.  Besuch
Bülows  bei  ihm,  Charakteristik.
  III  218  ff.  Uartnückigkeit.
  III  280.

Sophie,  Kronprinzessin  v.
Griechenland,  geb.  Prinzessin
  v.  Preußen,  Schwester
  des  Kaisers.  I  252,
II  16.  Von  ibrem  Bruder
wegen  ihres  Glaubenswechsels
  „verbannt“.  II
97f.  In  England.  II  126.

Sorel,  Albert,  französisch.
Ilistoriker.  III  152

Soveral,  Marquis,  portugiesischer
  Gesandter  in
London.  I  274,  275.  II
35f.,  38f.

Spahn,  Peter,  Dr.,  Führer
des  Zentrums,  Reichsgerichtsrat,
  dann  Oberlandesgerichtspräsident
  i.
Kiel.  I  214,  S31f.,  589,
596.  Jesuiten-Frage.  II
11,  186.  Brief  an  Bülow.
11  220.  Rücksprache  nach
der  Dernburg-Debatte.  II
268f.  Zentrum  kandidiert
ihn  (1907)  als  Reichstagsprösidenten.
  IT  280.
Etatsredner.  II  282.  Über
den  Prozeß  Moltke-Harden.
  II  307,  314.  Zu
Bülows  Rede  über  Finanzreform.
  II  445.

Speck  von  Sternburg,
deutscher  Botschafter  in
Washington.  Roosevelt
zu  ilım.  11  230.  Populurität
  in  Amcrika.  III  64.

Speck,  Karl  Friedrich,
bayrischer  Zentrumsabgeordneter.
  II  408.

Spee,  Maximilian,  Graf,
Admiral,  Chef  des  Deutschen
  Kreuzergeschwaders,
  gefallen  in  der  Sceschlacht
  bei  den  Falklandsinseln,
  I  112,

 

NAMENRECISTER

Spencer,  John  Poyntz,
Lord,  Führer  der  englisch.
Liberalen  im  Oberhuus.
II  201.

Spitzemberg,  Hildegard
v.,  Gattin  des  württemberg.
  Gesandten.  I  44.

Staal,  v.,  russischer  Botschafter
  in  London.  Eröffnet
  die  Haager  Friedenskonferenz.
  I  347.

Stnablewski,  Florian  v.,
Erzbischof  von  Gnesen-Posen.
  I  30.

Stampfer,  Friedrich,  Redakteur
  des  „Vorwärts“.
III  311.

Stark,  Freiherr  von,  hess,
Ministerprüsident.  I  488f.

Staudy,  Polizeiprüsident
von  Posen.  I  562.

Stead,  William,  englischer
Journalist,  tätig  in  Fricdensbewegung
  und  Okkultismus,
  untergegangen
mit  der  „Titanic“.  II  299.

Stein  .August,BerlinerKorrespondent
  der  „Frankfurter
  Zeitung“.  I  193,
202.  553.  Il  265,  496.

Stemrich,  Uhterstantssckretür.
  II  322,  353,
359,  360.

Stendhal.  I  134.  II  501.
II  74.

Stengel,  Hermann,  Freiherr
  v.,  1903  bis  1908
Reichsschatzsekretär.  II
385.

Stengel,  Karl,  Freiherr  v.,
Professor  an  der  Uhniversitäit
  München.  III
133.

Stockhemmern,  F.X.v
Legationsrat  (f  1930).  1
34Yf.  III  226£..  236.

Stöcker.  Adolf,  Hofprediger,
  christlich-soziuler  Politiker
  (f  1909).  Bismarck
über  ihn.  I  2.44

Stössel,  russischer  General,
  Verteidiger  von  Port
Arthur.  II  72.

 

Stolberg.  Fürst  Otto,  Präsident
  des  Herrenhauses,
1876—1878  Botschafter
in  Wien,  dann  Vizepräsident
  des  preußischen
Stuatsministeriums  und
Hausminister.  I  31.  Chef
Bülows.  T  443.  III  139,  —
Kundgebung  seines  Sohncs
  hei  Bülows  Rücktritt.
III  348£.

Stolberg,  Graf  Udo,  1891
bis  1895  Oberpräsident
von  Ostpreußen,  Führer
der  Konservativen,  seit
1907  Prüsident  des
Reichstags.  II  207,  221f.
Reichstagspräsident.  UI
281.  Bismarcksche  Schule.
II  461.  Biief  über  den
Kampf  um  Bülow.  II
477,  510.

Stolberg,  Prinz,  Botschaftsrat
  in  Wien,  III
21lf.

Stolypin,  Peter  Arkadjewitsch,
  seit  1906  russ.
Ministerpräsident,  ermordet
  1911  in  Kiew.  II  239,
260,  483.

Stresemann,  Dr.  Gustav,
Reichsminister  (f  3.  10
1929).  Als  Redner.  I  199.
Genf  und  Locarno.  III
319.  Wiederaufstieg.  II
332.

Ströbel,  Heinrich,  sozialdemokratischer
  preußischer
  Landtagsabgeordneter.
  III  257.

Struwe.,  Dr.  Peter,  Reichstagsabgeordneter.
  I  112.

Studt,  Konrad,  Unterstantssekretär
  in  Elsaß-Lothringen,
  Oberpräsident
  von  Westfalen.  1899
bis  1907  preuß.  Kultusminister
  (f  1921).  1443,
56  Schwarzer  Adlerorden.
  Il  218.  Rücktritt
1907.  II  300.  Brief  Hindenburgs
  an  Studt  über
Polen.  III  247£.
        <pb n="518" />
        Stübel,  Dr.,  Gencralkonsul
  in  Shanghai,  dann
Direktor  der  Kolonialabteilung,
  später  Gesundter
  in  Christiania.  I  280f.
Rücktritt.  II  185.

Stürmer,  Boris  Wladimirowitsch,
  Februar  bis
November  1916  russisch,
Ministerprüsident.  Seine
Friedensinitiative  (1916).
III  251£.

Stumm,  Freiherr  Ferdinand
  v.,  Gesandter  in
Darmstadt,  1888  Lis  1892
Botschafter  in  Madrid.
(+  1925).  122,  23,  407.
Zerwürfnis  mit  Holstein.
I  408f.  Intervention  in
Darmstadt.  I  489.  Botschafter
  in  London?  III
122.

Stumm  -  Halberg,  Karl
Ferdinand,  Freiherr  v.,
Bruder  des  vorigen,  Großindustrieller
  und  Reichstogsabgeordneter(f
  1901).
II  361.

Stumm,  Wilhelm  v.,  Wirklicher
  Legutionsrat,  1916
bis  1918  Unterstaatssckretär.
  III  159,  168,  180.

Sturdza,  Peter,  rumän.
Staatsmann.  II  48.

Südekum,  Dr.  Albert,
eozialdemokrat.  Reichstagsubgeordneter.
  111257.

Sydow,  Reinbold,  seit
Februar  1908  Staatssckretür
  des  Reichsschutzamts,

  bie  duhin
Unterstaatssekretür,  1909
preußischer  Handelsminister.
  Il  384f.,  505.  Nicht
wendig.  II  455.  Mißgeschick
  im  Reichstag.
lI  518.  Wird  Handelsminister.
  II  455,  522.

Szell,  Koloman  v.,  ungar.
Staatsmann.  I  163.

Szipjagin,  russischer  Minister
  des  Innern.  I  58].

27°

Taitenbach,

 

NAMENREGISTER

Szögyänyi-Marich,  Läszlö,
  Graf,  1892  bis  1914
österr.-ungar.  Botschafter
in  Berlin  (f  1916).  I  28.
Charakteristik.  1  1431.
Franz  Josef  zu  ihm  über
Bülow.  1150.  Szögyönyi
über  den  Fürsten  Fürstenberg.
  I  154.  Über  Apponyi.
  I  162.  Über  Frau
von  Tschirschky.  I  406.
Sehr  unglücklich  über
Polenrede  Bülows.  I  563.
Erneuerung  des  Dreibunds.
  I  580.  Zirkular-Erlaß
  Bülows  durch  Szögyenyi
  Franz  Josef  mitgeteilt.
  II1330.  Taf.  II  336.
Über  Sarajewo.  III  137£.
—  Brief  an  Bülow  nach

dessen  Rücktritt.  IIL363£.

Taaffee,  Eduard  Graf,
österr.  Staatsmann.  1156.

Taine,  Hippolyte,  franz.
Historiker.  I  94.  II  287.
III  72.

Takahira,  Vertreter  Japans

  bei  dem  Frieden  von

Portsmouth.  II  169.  Taf.

II  168.

Christian
Graf,  1890  bis  1896  Gecsandter
  in  Fez,  seit  1900
in  Lissabon.  Nach  Fez
entsandt.  II  113f.  Schlägt
Teilung  Marokkos  in  Interessensphüren
  vor.  II
125  Vertreter  in  Algeciras.
  II  200.  Brief  an
Bülow.  II  220.

Taube,  Baron,  Abteilungschef
  im  russ.  Ministerium
des  Äußern.  II  326,  330.

Testa,  Dragoman  der
Deutschen  Botschaft  in
Konstantinopel.  I  250,
251,  256.

Theotoki,  griech.  Ministerpräsident.
  II  471.
Tbielen,  preuß.  Minister
der  öffentlichen  Arbeiten.

1294,

 

419

Thielmann  v.,  1897  bis
1903  Staatssekretür  des
Reichsschatzamts.  I  192,
531.

Thiers,  französ.  Staatsmann
  und  lJlistoriker.  I
60,  198,  199,  397,  628.
11  223.  332,  451.  IIL  151,
316,  322.

Thimme,  Friedrich,  Dr.,
Herausgeber  der  Diplomatischen
  Akten  des  Auswärtigen
  Amts,  III  318f.

Thoma,  Huns,  Maler.  I
486.

Thomas,  Albert,  französ.
Sozinlist,  im  Weltkrieg
Minister  für  Kriegsindustric.
  II  8.

Tiedemann,  Christoph  v.,
Chef  der  Reichskanzlei,
Regierungspräsident  in
Bromberg,  Vorsitzender
des  Ostmarken-Vereins,
Abgeordneter  d.  Reichspartei.
  I  562,  567.

Tiele-  Winkler,  Graf,
schlesischer  Magnat,  Kandidat
  des  Kaisers  für
Oberprüsidium  von  Schlesien.
  II  102.

Timiriasew,  russ.  Finanzattach@
  in  Berlin,  spüter
Handelsminister.  II  42.

Tirpitz,  Alfred  v.,  Großadmiral,
  1897  bis  1916
Staatssekretär  d.  Reichsmarincamts.
  Von  Senden-Bibran
  gestützt.  I  68.
Gegen  die  „Hydra“  der
Kabinettschefs.  1  73.  Wilhelm
  Il.  über  ilın.  I  104.
Mit  Bülow  in  Wilhelmshöhe.
  I  107  ff.  Charakteristik.
  I  108T.  Verhältnis
zu  Wilhelm  II.  I  113f.
Marinevorträge  bei  den
deutschen  Fürsten.  I  138.
Phantastische  Überseepläne.
  1188.  Wilhelm  II.
über  seine  Stellung  zu
Kiautschou.  I  210f.  Will
Manila  besetzen.  I  221.
        <pb n="519" />
        420

Über  das  „Iineinschliddern“
  in  den  Weltkrieg.
I  241.  Beziehungen  zu
Bülow.  I  362.  Brief  an
diesen.  I  363.  Eifer  für
den  Bau  von  Schlachtschiffen.
  I  404.  Besprechung
  Bülows  mit  ihm
über  die  Gefahrzone.  I
A13f.  Kein  Redner.  1414.
Überragende  fachliche
Leistungsfähigkeit.  1431.
Philipp  Eulenburg  über
seine  „Angst‘‘  vor  England.
  1461.  Haßt  Miquel.
1522f.  Taf.  I  512.

In  Petersburg.  II  7.
Die  Entrevue  in  Kiel  mißfüllt
  ihm.  II  23f.  Für
regeren  Anschluß  Dünemarks.
  II  79,  303.  Einseitige
  Energie.  II  229.
„Mauvais  coucheur“.  II
245.  Gegen  Reichstagsauflösung
  (1906).  II  270.
Entsetzt  über  Brief  des
Kaisers  an  Lord  Tweedmouth.
  II  324f.  Protestrede
  im  Staatsministerium
  nach  „Daily  Telegraph“.
  II  363.  Metternich
  zu  Tirpitz  über  Notwendigkeit
  des  Flottenagreement.
  11  419.  Tirpitz
soll  Flotten-Tormel  ausarbeiten.
  II  431.  Bei  der
Konferenz  im  Reichskanzlerpalais.
  II  431ff.
Brief  Bülows  an  ihn.  II
465.

Tirpitz  drängt  nicht
auf  „Losschlagen“.  III
167.  Zu  wenig  Kreuzer,
U-Boote,  Flugzeuge.  III
182.  Wünscht  Entscheidung
  zur  See.  III  183.  —
Kundgebung  bei  Bülows
Rücktritt.  III  343f.  Taf.
III  138,  324.

Tittoni,  Tommaso,  italiecnischer
  Botschafter  in
London  und  Paris  und
Senatspräsident,  1903  bis
1909  und  1919  Ministerdes

 

NAMENREGISTER

Innern.  Über  Besetzung
von  Tripolis  (1905).  II
199.  Unterredungen  Bülowse
  mit  ihm  (1908).
II  319,  407.  Behandlung
der  bosnischen  Krise.  II
400.  In  Venedig.  II  468.
In  Brindisi.  II  472.  —
Brief  an  Bülow  nach  dessen
  Rücktritt.  III  360£.

Tisza,  Stefan,  Graf,  ungarischer
  Staatsmann,
1903—1905,  1913—1917
Ministerpräsident,  ermordet
  31.  10.  1918.  I  161,
163.

Tocequeville,  Alexis  de,
französischer  Historiker.
II  126.  III  134.

Tower,  Charlemagne,  amerikanischer
  Botschafter
in  Berlin.  II  211.

Tramm,  Stadtdirektor,
Oberbürgermeister  von
Hannover.  III  248.

Treitschke,  Heinrich  v.,
Historiker.  I  60,  74,  565.
II  237,  286.  III  10],
144.

Trepow,  Generalgouvernceur
  von  Petersburg.  II
160f.,  252.

Treuberg,  Gräfin  Hettn.
uI311.

Treutler,  v.,  Gesandter.
11  321.

Trieps,  braunschweigisch.
Staatsminister.  II  248,

Trimborn,  Karl,  Zentrumsabgeordneter,
  8.  10.
bis  9.  11.  1918  Staatssekretär
  des  Innern.  III
301.

Trojan,  Johannes,  Chefredakteur
  des  „Kladderadatsch“.
  I  191.

Trotha,  Lothar  v.,  General,
  Kommandeur  in
Deutsch  -  Südwestafrika,
1903  verabsch.  (f  1920).
II  21.

 

Trotzki,  Leo,  Führer  des
Bolschewismus.  III  275.

Trubetzkoi,  Präsident  d.
Moskauer  Semstwos.  II
160.

Tscharykow,  Gehilfe  Iswolskis.
  II  397,  402.

Tschertkow,  russ.  Generalgouverneur
  von  Warschau.
  1568.

Tschirschky  u.  Bögendorff,
  Heinrich  Leonhard
  v.,  Botschaftsrat  in
Petersburg,  ab  1900  Gesandter
  in  Luxemburg,
dann  in  Hamburg,  1906
Staatssckretür  des  Au-Bern,
  1907  Botschafter  in
Wien  (f  1916).  I  151.  Als
Vertreter  des  Auswärtigen
  Amts  bei  Nordlandreisen.
  1348.  Nach  Luxemburg.
  I  395.  Gesinnung
gegen  Bülow.  I  396.  Seine
Ehe.  I  405f.  Zum  Präsidenten
  Krüger  nach  Köln
geschickt.  1472.  In  Hela.
I  54lf.  Der  Fall  der
Swinemünder  Depesche.
1583.  Die  Alfürc  des  Kaisers
  mit  dem  Präsidenten
Loubet.  II  17.  In  Björkö.
II  137,  138,  139.  Bericht
an  Bülow  über  zunehmende
  Gereiztheit  des
Kaisers  gegen  England.
11152ff.  Entschuldigungsbrief
  für  Björkö.  II  162f.
Konflikt  Tschirschkys  mit
Holstein  führt  zu  dessen
Sturz.  II  214.  Schwacher
  Vertreter  der  Regierung.
  Il  218.  Abschied
  als  Staatssekretär,
Versetzung  nach  Wien.
II  300.  Als  Botschafter.
II  472.  Taf.  II  140.  Zu
Wilhelm  II.  III  31.  Das
Ultimatum  am  21.6.1914
in  seinen  Händen.  III  179.
Taf.  III  180.

Tschudi,  Hugo  v.,  Dircktor
  der  Nationalgalerie  in
Berlin  (f  1911).  I  176.
        <pb n="520" />
        Tucher,  Freiherr  von,  bayrischer
  Gesandterin  Wien.

III  269.
Turkhan-Pascha.  I  270.

Twecedmouth,ErsterLord
der  Admiralität  im  Kabinett
  Campbell-Bannerman.
  II  205.  Brief  des
Kaisers  an  ihn  (März
1908).  II  324,  378.  III  63.

Tyrrell,   Privatsckretür
Greys.  III  190.

Uexküll,  Graf  Alfred,
österreichisch  -  ungarisch.
Militärattach&amp;amp;  in  Konstantinopel.
  I  252.

Uhland,  Ludwig.  Sein  Bild
im  Schlafzimmer  Bismarcks.

  I  231.  II  453.

Urach,  Herzog  von.  Die
Büreninseln.  I  81,  82.  Im
Weltkrieg  Kandidat  für
den  litauischen  Thron.  I
81.  III  275.

Valentini,v.,  Chefdeskaiserlichen
  Zivilkabinetts
1908—1918.  I  64,  73.
Tirpitz  gegen  ihn.  I  73.
An  ihn  die  Briefe  des  Kaisers
  von  Bülow.  II  197.
Charakteristik.  II  441.
Gegen  Monts  als  Nachfolger
  Bülows.  II  469f.,
5ll.  Mit  Bülow  nach
Kiel.  IT  5091.  Freund
Bethmanns.  II  515[.  Über
Verabschiedungsbrief  an
Bülow.  II  523.  Rathenau
über  Valentinis  Informationen.
  III  43f.  Für  Michaelis.
  III  115,  267.  Ordens-
  Auszeichnung.  II
268.  Abschied.  III  283,

Vandal,  Albert,  französischer
  Historiker.  I  47.

Vanderbilt,
amerikanischer
list.  1  575.

Vannutelli,Serafino,  Kardinal.
  I  620,  621.

Cornelius,
Kapita- 



NAMENREGISTER

Varnbüler,  Axel,  Baron,
württemnbergischer  Gesandter
  in  Berlin.  II  291,
309,  312,  313.

Vaszari,  Kardinal.  I  621.

Velsen,v.,Oberberghauptmann.
  II  90.

Victoria,  Königin  von
England  1837  bis  1901.
60jähriges  Regierungsjubiläum.
  I  17.  Die
„schnapsende  Großmutter“.
  I  34.  Beschwerdebrief
  Wilhelms  IL.  I  70.
Zentralsonne.  I  100.  Arrangiert
  hessische  Heirat.
1  101.  Erwähnt  die  Rede
von  der  „gepanzerten
Faust“  nicht.  I  206.  Reepektsperson
  auch  für  die
Deutsche  Kaiserin.  I  261.
Hut  deren  Ehe  beschlossen.
  I  263.  Pariser  Karikaturen.
  I  292.  Entsetzt
über  Besuch  des  Kaisers
bei  Lonsdale.  I  304.  Beim
Bankett  in  Windsor.  I
308f.  Bülow  in  Audienz
bei  ihr.  13211.  Sie  nennt
Salisbury  einen  hervorragenden
  Staatsmann,  erwühnt
  Chamberlain  nicht.
I  322,  Ihre  Ehe.  I  322.
Vorliebe  für  Disraeli,  Abneigung
  gegen  Gladstone.
I  322.  Zweifellos  friedlich.
  I  329.  Schriftliche
Rechtfertigung  Wilhelms
II.  vor  ihr  (über  Bismarcks
  Entlassung).  I
352.  Schweigsam  zu  Fremden.
  I  453.  Annulliert
die  Ehe  Ludwigs  IV.
von  Hessen.  I  488f.  Erkrankung.
  I  502.  Tod.
I  504.  _Kammerdiener
Brown.  I  536.  Taf.  I
304.  Über  ihren  Enkel.
II  526.

Victoria,  Prinzessin  von
Battenberg,  geb.  Prinzessin
  von  Hessen.  I  455,
488.  II  162.

 

421

Vigo,  Mendez  de,  spanischer
  Botschafter  in  Berlin.
  1286.

Viktor  Emanuel  II.
König  v.  Italien  seit  Juli
1900.  I  144.  Wilhelm  H.
über  das  „Männcken“.  I
267.  Empfang  in  Berlin.
1  400.  Vom  Kaiser  persifliert.
  I  542f.  Besuch  in
Berlin  und  Potsdam.  I
602.  Franz  Josef  über  ihn
und  scine  Gattin.  I  627.
Besuch  in  Paris.  II  60.
Der  Kaiser  hat  es  mit  ihm
verdorben.  II  87.  Begegnung
  in  Venedig  (1908).
II  319.  Bülow  bei  ihm  in
Rom.  II  407.  Begegnungen
  mit  demKaiser  inVenedig
  (1909)  und  Brindisi.
  II  468,  472.  Kiderlen
stellt  sich  dem  König  vor.
III  88.  Briefe  und  Telegramme
  Wilhelms  II.  an
ihn  (Juli  1914).  III  169.
Empfüängt  Bülow.  IIl224,
234f.

Viktoria  (Kaiserin  Friedrich),
  5.  8.  1901  in  Friedrichshof
  (Taunus).  I  15.
Gegen  August  Eulenburg.
I  74[.  Über  ihren  Sohn.
179.  Der  Fall  Battenberg.
I  80.  Besuch  in  Paris.  I
80.  Seckrank.  I  83.  Rivalität
  mit  ihrer  Schwester
  Alice.  I  99f.  An  der
Paradetafel  in  Homburg.
I  129.  Griechisch  gesinnt
(1897).  I  148.  Für  englische
  Interessen.  I  189£.
Besuche  bei  Fürstin  Bülow.
  1190.  Über  den  Prinzen
  Heinrich.  I  206.  Über
persönliche  Eigenliebe
Wilhelms  II.  I  212.  Brief
Wilhelms  II.  an  sie  über
den  toten  Bismarck.  I
234.  Immer  Engländerin.
  I  261.  Beschließt
die  Ehe  ihres  Sohnes.  I
263.  Hetzt  ihn  (1898)
gegen  den  Biesterfelder.
        <pb n="521" />
        422

I  266.  Briefe  an  Frau  von
(Fürstin)  Bülow.  I  269f.
Verweist  ihrem  Sohn  das
laute  Sprechen.  I  309.
Besuch  Eduards  VII.  bei
ihr.  1335.  Granville  über
sie.  1340.  Brief  an  Bülow.
1  345.  Empört  über  Bismarcks
  „Gedanken  und
Erinnerungen“.  I  352.
Unbesonnenheiten  gegenüber
  Diplomaten.  I  354.
Ihre  körperlichen  Quulen.
  I  392,  504.  Über
deutsche  Konkurrenz  gegen
  England.  1412.  Gegen
Philipp  Eulenburgs  Ein-Auß.
  I  452.  Fürstin  (Gräfin)
  Bülow  bei  ihr.  I  482.
Auguste  Viktoria  bei  ihr.
I  505.  Tod.  I  534.  Ihr
Schicksal.  I  535ff.  Bismarck
  über  sie.  15-10.  Beisetzung.
  1540.  Taf.  I  352.
1870  gegen  Bismarck.  III
163.  Über  Hans  Delbrück.
III  249.

Viktoria  Prinzessin  von
Schaumburg-Lippe,  geb.
Prinzessin  von  Preußen,
zuletzt  Frau  Subkow.  I
51.  Fürst  Alexander  Battenberg.
  I  80,  222.  Ihr
Interesse  an  Lippe-Detmold.
  I  266.  In  Norderney.
  III  142.

Viktoria  Luise  Prinzessin
  von  Preußen,  Herzogin
  von  Braunschweig.  I
459.  Ehepukt  Hohenzollerm-Cumberland.
  II  249£.
II  529.  III  204,  241.

Viktoria  Melitta  Großherzogin
  von  Ilessen,  geb.
Prinzessin  von  Koburg.
1101,  306,  487f.  Trauung
mit  Kyrill.  II  175  ff.

Virchow,  Rudolf,  berühmter
  deutscher  Mediziner.
Il  257.

Visconti-Venosta,
Emilio,  Marchese,  italienischer
  Staatsmann

 

NAMENREGISTER

(1914).  13.  Taunusfahrt
mit  Bülow  (September
1897).  I  134f.  Bülow  in
Rom  mit  ihm  zusammen.
I  609.  Pansa  aus  seiner
Schule.  III  151.  Über  Diplomatie.
  III  190.  In  der
Consulta.  III  218.

Vitzthum,  Graf  Fricdrich,
  sächsischer  Oberhofmarschall,
  Präsident  der
Ersten  Sächsischen  Kammer.
  I  444.  II  52,  475.
Brief  an  Bülow  über
Unterredung  mit  dem
Kaiser.  III  47.

Vives  y  Tuto,  Kardinal.
1620.

Viviani,  Rene,  französischer
  Sozialist,  Arbeitsminister,
  dann  nacheinander
  Chef  mehrerer  Ressorts,
  nuch  Außenminister.
  1199.

Vogtherr,  Abgeordneter
der  U.  S.  P.  D.  III  271.

Vollmar,  Georg  v.,  sozialdemokratischer
  KReichstagsabzeordneter
  (1922).
1  598  f.,  600.

Voß,  Richard,  Schriftsteller.
  1  284.  III  365.

Wagner,  Adolf,  Professor,
  seit  1870  Nationalökonom
  in  Berlin  (1917).
11  383.  III  132f.—  Kundgebung
  bei  Bülows  Rücktritt.
  III  350.

Wagner,  Cosima  (f  1930).
Über  Wilhelm  I.  I
550.  Über  Radowitz.  II
200f.  —  Kundgebung
zu  Bülows  Rücktritt.
111  357.

Wahl,  General,  russischer
Gouverneur  von  Wilna.
158l.

Wahnschaffe,  Vortragender
  Rat,  Chef  der  Reichskanzlei
  unter  Bethmann

 

Hollweg.  1567.  TI  489£.

I  25.  Von  Bethmann
zu  Bülow  nach  Norderney
  gesandt.  III  55.
Telephonate  über  Abdankung
  des  Kaisers.
III  306.

Waldeck-Rousseau,1899
bis  1902  franz.  Ministerpräsident
  (f  1904).  I  292.
II  244.

Waldersec,  Graf  Alfred,
1888—1891  Chef  des  Generalstabs,
  dann  Kommandierender
  Gencral  in
Altona,  1900  Gencralfeldmarschall
  (f  1904).  I  31,
32.  Kompromittiert  bei
einem  Licbesmahl  des
Regierungspräsidenten  v.
Brandenstein.  I  62.  Mitwirkung
  bei  den  Berichten
  des  Konsuls  Ruffauf.
1  233.  Entsendung  nach
China.  I  363.  Kaiserliche
Marginalien  über  ihn.  I
363.  Gründe  der  Ungnade.
  I  363  ff.  Für  Ausnahmegesetz.
  I  364.  International,
  Oberbefehlshaber
  in  China.  I  366  ff.
Feldmarschallstab  vom
Kuiser  überreicht.  I  367£.
Eintreffen  in  China.  I
369f.  Charakteristik.  I
370f.  Einzug  in  Peking.
1  398.  Empfang  durch
den  Kaiser  in  Homburg.
I  540f.  Wilhelm  II.
braucht  keinen  Chef  des
Generalstubs.  III  12.  Argwohn
  Bismarcks  gegen
Waldersec.  III  161.  Falkenhayn
  macht  Karriere
durch  ihn.  III  186.  Über
Wahrheitssinn  des  Kaisers.
  III  300.

Waldow,  v.,  Oberpräsient
  von  osen.  II
488.

Waldthausen,  v.,  deutscher
  Gesandter  in  Bukarest.
  III  126.
        <pb n="522" />
        Wallwitz,  Nikolaus,  Graf,
deutscher  Gesandter  in
Brüssel.  II  73f.  III  34.
Bericht  über  Artikel
Schlieffens.  II  78.  Durch
Betlımann  seines  Postens

enthoben.  III  66f.,  83.

Wangenheim,Freiherrv.,
deutscher  Gesandter  in
Athen,  dann  Botschafter
in  Konstantinopel.  Auf
Reichskanzler  -  Kundidatenliste.
  1183,  259.  In  der
Bulkanfrage.  I  626.  Gegen
  Kiderlen.  II  416.
Über  Aufenthalt  des  Kaisers
  in  Korfu.  II  470Ef.
Botschafter  in  London?
III  122.

Wangenheim-Klein-Spiegel,
  Freiherr  Konrad
  v.,  Vorsitzender  des
Bundes  der  Landwirte.
1532.  III  133.

Warburg,  Max,  Bankier.
II  178.
Warncke,Paul,  Redakteur
des  „Kladderadatsch“.
III  201.
Wartensleben-Rogasen,
konservativer  Abgeordneter.
  II  95.
Wartensleben  -  Schwirsen,
  v.,  konservativer

Abgeordneter.  II  95.
Wartensleben,  Graf  Hermann.

  General  der  Kavallerie.
  II  492.  —  Zu  Bülows
  Rücktritt,  III  357.

Weddigen,  Otto,  U-Boot-Kommandant.
  I  112.

Wedel,  Graf  Botho,  1910
Vortragender  Rat  im  Auswärtigen
  Amt,  November
1916  bis  Juli  1919  Botschafter
  in  Wien.  Intrigen
gegen  Bülow.  III  115.
Ahnungslosin  Norderney.
III  141.  Übermittelt  Wiener
  Ablehnung  Bülows.
Ill  269.  Rosige  Berichte.
Ill  279.

 

NAMENREGISTER

Wedel,  Graf  Ernst,  Oberstallmeister.
  I  243f.

Wedel,  Graf  Karl,  1913
Fürst,  General  a  la  suite,
Gesandter  in  Stockholm,
Botschafter  in  Rotn,  1902
in  Wien.  1907  Statthalter
in  Straßburg  (f  1919).
1183.  Von  Bülow  (1900)
als  Reichskanzler  empfohlen,
  vom  Kaiser  abgelehnt.
  I  374,  380.  Berufung
  nach  Wien.  I  606.
Tritt  für  die  Herzogin
von  Hohenberg  ein.  1625.
Posadowsky  wirft  ihm
vor,  ihn  nicht  ausreichend
unterstützt  zu  haben.  [I
49.  Über  Intrigen  Philipp
Eulenburgs.  II  261  £.Nach
Straßburg.  II  301.  Brief
an  Bülow  (1909).  II  497  ff.
Zur  Beisetzung  König
Carols  entsandt.  III  170.
Unterredungen  mit  Hellmuth
  Moltke.  III  170£.
Gespräch  mit  Plessen  üb.
Unzulänglichkeit  Flotuws
III  201.  Jagow  bemüht
sich  bei  Wedel.  III  240.  —
Kundgebung  bei  Bülows
Rücktritt.  III  347.

Wedel-Piesdorf,  v.,  Minister
  des  kgl.  Hauses.
1373.

Weizsäcker,  Kar  v.,
württemberg.  Ministerpräsident.
  II  388.

Wekerle,  Alexander  v.,
ungarischer  Staatsmann.
1163.

Werder,  Bernhard  Franz
Wilhelm  v.,  General,  1892
bis  1895  Botschafter  in
Petersburg.  I  33.  Brief  an
Bülow.  I  406(.  Berichte
aus  Petersburg.  I  54Bf.

Wermuth,  Adolf,  Unterstaatssekretär
  im  Reichsamt
  des  Innern,  1909  bis
1912  Reichsschatzsekretür,
  spüter  Oberbürgerm.
von  Berlin  (f  1927).

 

423
I  531.  Bei  den  Verhandlungen

  mit  Rußland  in
Norderney.  Il  42,  45f.,
522.

Westarp,  Graf  Cuno,
Führer  der  Konservativen,
  Schildknappe  Heydebrands.
  II  493,  508.

Wet,  de,  Burengencral.  I
398.  Nichtempfang  in
Berlin.  I  599.

Wetterle,  Abbe,
Politiker.  II  479£.

White,  amerik.  Botschafter
  in  Berlin.  I  221.

Whitman,  Sidney,  engl.
Journalist.  I  334.  II  377.

Wied,  Fürst  zu,  Präsident
des  Deutschen  Kolonialrats.
  I  283f.

Wiedemann,  v.,  Genceraladjutant
  des  Prinzregenten
  Luitpold.  I  481.

Wiegand,  Direktor  des
Norddeutschen  Lloyd.  I
49,  359,  436.

Wiesner,  k.k.  Hofrat,  mit
Untersuchung  des  Attentats
  in  Sarajewo  beauftragt.
  III  139.

Wilamowitz-Möllendorf,
Ulrich  v.,  Professor  der
Altertumswissenschaft.  II
497.  III  42.

Wilbrandt,  Adolf,  Schriftsteller.
  I  596.  II  10,  94,
274.  III  70,  90£.,  109£.
—  Brief  an  Bülow  nach
dessen  Rücktritt.  Ill  365.

Wildenbruch,  Ernst  v.,
preuß.  Dramatiker.  II  10.
IIll.

Wilhelm  I.  Friedrich  Wilhelm
  IV.  über  ihn.  I  18.
Die  Zentennarrede  seines
Enkels.  I  40.  Sein  Erbe
an  Kredit  und  Volkstümlichkeit.
  1  50.  Ton  an
seinem  Hofe  taktvoll.  I
69.  Widerspruch  gegen

elsäss.
        <pb n="523" />
        424

das  Heiratsprojekt  Battenberg.
  1  80.  Taktvollster
  aller  Fürsten.  I  106.
Stammburg  in  Nürnberg.
I121f.  Königgrätz.  I  444.
Strengste  Diskretion  an
seinem  Hof.  I  453.  Bismarck
  über  d.  „alten  Infanterieobersten‘“.
  I  490.
Autorität.  I  520.  Erinnerung
  Bülows.  III  63.
Wilhelm  I.  und  Bismarck.
III  327.

Wilhelm  II.  Charakteristik
  durch  Philipp  Eulenburg.
  15.  Empfängt  Bülow
  26.  6.  1897  in  Kiel.
I  15ff.  Selbstherrlich.  I
29.  Traurig  über  die  Entfremdung
  der  Engländer.
I  34.  Verstimmt  über  die
Konservativen.  I  34.  Hat
keine  wahren  Freunde.
138.  Zentennarrede  (26.2.
1897),  auch  Handlangerrede.
  I  40f.  Monts  über
deren  Folgen.  I  411.
„Völker  Europas“.  I  48.
Nervöser  Kollaps.  I  50.
Telegramm  an  Miquel
über  Flotte.  I  55.  An
Hohenlohe  über  Kündigung
  d.  Handelsverträge.
156.  Physischer  Mut.157.
Kölner  Dreizackrede.  I
59,  60.  Schnelle  Auffassungsgabe.
  I  61.  Abfahrt
nach  Peterbof.  I  61.
Erinnert  an  Ernst  1I.  von
Koburg.  I  66f.  Konstruiert
  Kriegsschiffe.  I  68£f.
Die  Flucht  nach  Holland.
I  77£.  Seine  Mutter  über
ihn.  I  79.  Beabsichtigt
Spekulationen  mit  Leopold
  II.  I  81.  Denkt  an
Annexion  der  PBäreninseln.
  I  81.  Seckrank.
183.  Ankunft  in  Peterhof.
  1  83.  Mimikry.  I  84.
Will  Kiautschou  Rußland
überlassen.  I  86.  Russischer
  Admiral.  I  93.  Begeistert
  über  seinen  Titel

 

NAMENREGISTER

eines  Real  Amiral  of  the
Fleet.  193  £.  Ändert  Toast
beim  Galadiner  in  Peterhof.
  I  94.  Auf  Rückfahrt
nach  Kiel  Privatissimum
für  Bülow  über  Flottenpolitik.
  I  104.  Tätigkeitsdrang.
  I  104f.  Hinzpeter
über  seine  Fähigkeiten.
I  106.  Scharfe  Äußerungen
  Hinzpeters  über  ihn.
I  106.  Scheu  Wilhelms  II.,
seine  Flotte  aufs  Spiel  zu
setzen.  I  111f.  Verhältnis
zu  Tirpitz.  I  113f.  Säule
für  die  Opfer  seiner  Ungnade.
  I  114.  Über  den
„bösen  Alten  in  Friedrichsruh“.
  1116.  Gottesgnaden-Rede
  in  Koblenz.
I  118.  In  Würzburg  und
Nürnberg.  I  119ff.  Kaiser-Manöver
  in  Hessen.
I  128.  Der  Maulesel
Gibraltar.  1131.  Toast  in
Homburg  auf  Königin
Margherita.  11321l.  Geht
allen  Fürsten  auf  die
Nerven.  I  133.  Hat  Bismarck
  wie  einen  unehrlichen
  Bedienten  fortgejagt.
  I  133.  Ärgernis
von  oben.  I  136.  Brief  an
Philipp  Eulenburg  (über
die  Welt  disponiert,  Kontinentalsperre).
  I  136.
„Bernhard,  Prachtkerl“.
I  138f.  Gegen  Umsturz.
I  139.  Hybris.  I  140.
Inkonsequenz.  I  148.  Gegen
  seine  Mutter.  I  148f.,
152.  In  Budapest.  11498.
Verhältnis  zu  Franz  Josef.
  I  151ff.  Toast  bei  der
Paradctafel  in  Ofen.  I
164ff.  In  Wiesbaden.  I
168.  Cüsaren-Theater  auf
der  Saalburg.  I  171.
Cäsaren  -  Enthusiasmus
schmilzt.  I  172.  Enthüllung
  des  Wiesbadener
Kaiser  -  Friedrich  -  Denkmals.
  I  173.  Ignoriert
dasBismarck-Denkmal  in

 

Hamburg.  I  173f.  Unduldsam
  in  künstlerischen
Fragen.  I  176f.  Will
Eugen  Richter  zwei  Flügeladjutanten
  schicken,
„den  Revolver  in  der
Faust“.  1177.  Velleitäten.
1  183.  Telegramm  gegen
das  chinesische  Heidenvolk
  (Kiautschou).  I  184.
Rede  bei  Rekruten-Vereidigung.
  I  190f.  Thronrede
  (30.  11.1897).  I  191£.
Antwort  auf  Abschiedsgesuch
  Miquels.  I  200.
Rede  von  der  „gepanzerten
  Faust“.  2
Beschwerdebrief  an  die
uecen  über  Salisbury.
I  208.  Letzter  Besuch  in
Friedrichsruh.  I  209.  Telegramm
  an  Bülow  über
Kiautschou.  I  210.  Unzutreffendes
  Marginal.  I
210ff.  Hatte  er  Herz?
I  212£.  Über  den  „alten
bösen  Bismarck“.  I  211.
Seine  Mutter  über  seine
persönliche  Eigenlicbe.  I
212.  Spanische  Sympathien.
  I  219  ff.  Fordert
Besetzung  von  Manila.
I  221.  Marginal  zu  Rede
Bülows.  I  222.  Iın  Lippeschen
  Erbfolgestreit.  I
222f.  Lord  zu  Edenhall.  I
223.  Rede  z.  zehnjährigenRegierungsjubiläum.I

223.  Gnüdiges  Telegramm
an  Philipp  Eulenburg.
I  224.  Lacht  über  dessen
Pharao-Märchen.  I  226.
Bei  Nachricht  von  Bismarcks
  Tod.  I  229f.  Bei
der  Trauerfeier  in  Fricdrichsruh.
  I  230f.  Die
Berichte  d.  Konsuls  Raffauf
  (1890).  I  233.  Brief
Wilhelms  II.  an  seine
Mutter  über  den  toten
Bismarck.  I  234.  (Übersetzung
  im  Anhang.)  Der
Brief  gegen  diesen  an
Franz  Josef.  I  234,  235.
        <pb n="524" />
        Telegramm  an  den
Zaren  gegen  Ahrüstung.
I  237.  Trinkspruch  in
Oeynhausen  über  Arbeitswillige.
  I  238.  Fordert
nach  Ermordung  der
Kaiserin  Flisabeth  internationalesVorgehen
  gegen
die  Änarchisten.  I  23Yf.
Orientreise  (189).  I
2427.  Predigt  in  der
Erlöserkirche  in  Jeruealem.
  1255.  Rede  in  Damaskus
  über  Saladin.  I
258.  In  Malta.  1  265f,
Vergebliche  Schritte  bei
den  süddeutschen  Höfen
in  der  Lippeschen  Frage.
I  267f.  Anspruche  auf
der  Wildparkstation  (26.
11.  1898).  I  268.  Einzug
in  Berlin.  I  269.  Brief  des
Zaren.  1  270f.  Telegramm
des  Kaisers  an  Bülow.  I
279,  288.  Eingreifen  in
den  Kanıpf  um  die  Kanalvorlage.
  1293.  Wüscht
Miqnel  den  Kopf.  I  295.
Zorn  gegen  die  Konservativen.
  I  295.  Wütende
Telegramme.  1296.  Keine
generelle  Abneigung  gegen
  Judentum.  I  297.  Bestrafung
  der  „Kanalrebellen“.
  1297.  Bestürzt
üher  den  Abfall  der  „Gro-Ben“
  seines  Hofs.  I  298.
Besuch  in  Karlsruhe  und
auf  Burg  Hohenzollern.  I
299.  Iirzige  Rederei  üb.
den  Burenkrieg  bei  Suuper
  im  Neuen  Palais.  I
301.  Besuch  von  Zar  und
Zarin  in  Potsdam.  I  301  ff.
Reise  nach  England  (Novemb.-Dezenib.
  1899).  I
303  IT.  In  Windsor.  1307.
Nennt  sich  zum  Prinzen
von  Wules  alleiniger  Herr
in  der  deutschen  Politik.
I  316.  Besuch  in  Sandringham.
  1  33ß.  Abfahrt
von  England.  1344.  Toast
auf  den  Zaren  (z.  Haager

28  Bulow  III

 

NAMENREGISTER

Friedens  -  Konferenz).  I
348.  Nordlandreise  1899.
1  3481.  Staatsstreichpläne.
  1348.  Über  Rhodes
  1351.  Über  Bismarcks
„Gedanken  und  Erinnerungen®
  und  über  ein
kaiserliches  „Testament
an  das  deutsche  Volk“.  I
352.  Will  Herbert  Bismarck
  niemals  mehr  anstellen.
  }  353.  „Jahrhundert-Knicebeuge“.
  I  357.
Reden  in  Wilhelmshaven
und  Bremerhuven  an  die
China-Krieger.  I  358ff.
Nach  der  Hunnenrede.  I
360.  Marginulien  über
Waldersee,  Gründe  der
Ungnade.  I  3631.  Marschullstab.
  I  365.  Oberster
  Kriegsherr.  I  365f.
Waldersees  internationaler
  Oberbefehl  für  China.
I  366.  Überreichung  des
Feldmarschullstabes  an
ihn,  1367.  Empfängt  Bülow
  in  Hubertusstock.  I
371f.  Bietet  ihm  Reichskanzlerschaft
  an.  I  372,
Lädt  ihn  telephonisch
nach  Homburg  ein.  1375.

Unberechenbarkeit.  I
380.  Erbittert  gegen  die
Agrarier.  1  382.  Für  Handelsverträge.
  I  383.  Sehr
zugunsten  der  in  Südafrika
  siegreichen  Engländer.
  I  398.  Illusionen
über  Frankreich,  I  403.
Kein  Antisemitismus.  I
405.  Unterschützt  Englands
  Ressourcen.  I  428.
Eigenschaften  des  modernen
  Deutschen.  I1  430.
Sucht  Salisbury  bei  der
Queen  zu  diskreditieren.
I  434.  Murginal  über  die
Allianz  -  Verhandlungen
mit  England.  1  436.  Noch
immer  die  „gelbe  Gefahr“.
  I  438.  Kein  Vertrauen
  zu  ibm  möglich.  I
443.  Hat  nie  an  einen  Än- 



425

griffskrieg  gedacht.  T444f.
Eduard  VII.  über  ihn.  I
444.  Bramarbasiert.  1445.
Toast  zur  Mündigkeit  des
Kronprinzen.  I  445f.  Gegen
  den  Parlamentarismus.
  I  447f.  Über  Bismarcks
  .„‚knlossnle  TVerfidie*.
  T  419.  Der  Lotse
von  Rari.  I  454.  Beschimpft
  den  Zaren.  I
454f{.  Karrespondenz  mit
ihm.  1455  f.  „Krach“  auf
d.  Nordlundreise,  Schutzund
  Truizbündnis  mit
Jnpan  hefohlen.  I  456.
Beunruhigende  Ansbrüche.
  1  457.458.  EEmpfüngt
den  Präsidenten  Krüger
nicht.  I  47If.  Reise  zu
der  sterbenden  Queen.  I
504M.  Englischer  Feldmarschall.
  I  505.  Schwurzer
  Adlerorden  für  Roberts.
  I  508.  In  Homburg.
  I  508ff.  Bedeutungsloses
  Attentat  in
Bremen.  T  518f.  Rede  in
der  Alexander-Kaserne.  I
5191.  Schärfe  gegen  den
Zaren.  1  521.  Diner  am
Zaren  -  Geburtstag  in
Metz.  I  525.  Enthüllung
des  Berliner  Bismarck-Denkmals.
  I  528  ff.  Am
Sterbebett  der  Mutter.  I
534.  Empfang  des  zurückgekehrten
  Waldersce.
  I  540f.  Begegnung
mit  dem  Zaren  in  Ilela.  I
541Mf.  Ritt  nach  Wyschtyten.
  I  546f.  Rede  zur
Vollendung  der  Siegesallee.
  1550.  Rede  auf  der
Marienburg.  I  5S68fT.  Begegnung
  mit  dem  Zaren
in  Reval.  1580  IT.  Schiffsgottesdienst.
  I  582.  Swinemünder
  Depeschen  an
den  Prinzregenten  Luitpold.
  T  582  IT.  Rede  beim
Begräbnis  Krupps.  1  586.
Denkschrift  der  Regierungsparteien
  über  die
        <pb n="525" />
        426

Monarchie.  I  6001.  Reise
nach  Rom,  I  607.  Besuch
  bei  Papst  Leo  XIII.
1610.  Unterredung  mit
ihm.  I  611.  Rominten
und  Nordlandreise  von
1903.  I  616fl.  Herbstmanöver
  1903,  Albert  von
Sachsen  über  militärische
Befühigung  des  Kaisers,  I
623.  Jagd  auf  den  Gütern
des  Erzherzogs  Friedrich.
I  624.  Begegnung  mit
Franz  Josef.  I  626.  Mit
den  Zaren  in  Wiesbaden
und  Wolfsgarten.  I  630  IT.
Stimmlippen  -  Operation.
I  634.  Taf.  I  256,  416,
464,  592.

Erste  Mittelmecrreise.
II  14T.  Keine  Begegnung
mit  Loubet.  II  16f.  Rede
in  Karlsruhe.  II  16.  „Vive
P’Empereur“  in  Homburg.
II  19.  Telegramm  an  Loubet.
  11  19.  Besuch  Eduards
  VII.  in  Kiel.  II  23  f.
Toast  im  Jachtklub.  II
30f.  Gratuliert  Bülow  zu
den  Verhandlungen  mit
Witte  in  Norderney.  II
47.  Gegen  den  Herzog
von  Cumberland.  II  50.
Gegen  den  Grafen  Leopold
  zu  Lippe.  I1  55.  Gesprüch
  Bülows  mit  Wilhelm
  II.  über  Lippe.  II
57.  Ihre  Unterredung  üb.
Rußland  und  Japan.  II
631l.  Der  Kaiser  will  gegen
  Dänemark  vorgehen.
11  67.  Erhält  Absage  des
Zoren,  den  er  von  Frankreich
  zu  trennen  sucht.  II
69.  Bülows  Gesprüch  mit
dem  Kaiser  darüber.  II
69.  Blaß  bei  der  Defiliercour
  1905.  II  71.  Pour  le
Merite  für  Stössel  und  für
Nogi.  II  72.  Besuch  Leopolds
  II.  von  Belgien  in
Berlin.  II  721.  Nochmals
das  Vorgehen  gegen  Dünemark.
  11  79f.  Schaden

 

NAMENREGISTER

der  Beredsamkeit.  II  86.
Geht  dem  Zaren  auf  die
Nerven.  II  86.  Gottesgnadentum.
  II  89.  Gegen
die  „Hundebande  vom
Zentrum“.  II  97.  Zwei
Adjutanten  „mit  Revolver
  und  Degen“  auf  das
„B.  T.“.  II  98.  Parade-Rede
  in  Straßburg.  IL  98T.
Begegnung  mit  Alfons
XII.  von  Spanien.  II
105.  Mittelmeerreise  von
1905.  II  106  ff.  Landung
in  Tanger.  II  111.  Überschwang
  nach  Delcasses
Sturz.  II  123.  Zusage  an
den  General  Lacroix  wegen
  Marokkos.  II  123.
Ärgert  den  Zaren  durch
naive  Prüpotenz.  II  130f.
Gespräch  über  ibn  mit
dem  Prinzen  Heinrich,  II
131.Bestehtaufdeutschen
Kohlenlieferungen  für  das
russische  Ostseegeschwader.
  II  132.  „Prüchtiger“
Brief  an  Nikolaus  U.  II
134.  Die  Björkö-Affäre.
II  136ff.  Erfolgloser
Druck  auf  Dünemark.  II
144f.  Antwort  auf  Bülows
  Abschiedsgesuch.  II
145ff.  Wütend  über  Einladung
  des  Kronprinzen
durch  Eduard  VII.  II
1521.  An  den  Zaren  über
die  englische  Flotte  in
Swinemünde.  II  154.
Iimpfängt  Witte  in  Rominten.
  II  171ff.  Äußerungen
  über  Eduard  VII.
in  Kiel.  II  189.  Brief  des
Kaisers  über  seine  Unterredung
  mit  Beit.  I  190  ff.
Brief  zu  Silvester  1905  an
Bülow.  II  197£.  Neu-Jahrsrede
  im  Zeughaus.  II
208.  Wachsende  Nervositüt
  im  Verlauf  von  Algeciras,
  II  209.  Besucht  Bülow
  nach  dessen  Ohnmacht
  im  Reichstagsgebäude.
  II  214.  Sekundan- 



ten-Telegramm  an  Goluchowski.
  II  224,  238.  Besucht
  Bülow  in  Norderney.
  II  225.  Rede  in  Cuxhaven.
  II  225.  Privatissimum
  Bülows  für  den
Kaiser.  II  239  ff.  Dieser
will  die  baltischen  Provinzen
  annektieren.  II
243.  Für  Wiederherstellung
  des  Königreichs  Polen
  (1906).  II  243.  Zwischenfall
  mit  dem  Herzog
von  Connaught.  II  247.
Der  Konflikt  mit  dem
Herzog  von  Cumberland.
II  249f.  Zögert,  Amnestie
  zu  bewilligen.  II
250f.  Erregung  über  Hohenlohes
  „Denkwürdigkeiten“.
  II  251f.  Äußerungen
  über  Bülows  angegriffene
  Gesundheit.  II
261.  Marginalien  zu  Worten
  Bülows  gegen  persönliches
  Regiment.  II  265.
Ansprache  vom  Berliner
Schloß  aus  (nach  den
Reichstags  -  Stichwahlen).
  II  279.  Begegnung
mit  dem  Zaren  in  Swinemünde.
  II  2931.  Mit
Eduard  VII.  in  Wilhelmshöhe.
  II  296f.  Die
Abreise  nach  England
(1907)  und  ein  Vorspiel.
II  305  ff.  Besuch  in  Highcliffe.
  1I  307.  Brief  an  Bülow
  über  den  Eulenburg-Skandal.
  II  311f.  Rede  in
Döberitz  über  Einkreisung.
  Il  317.  Begegnung
mit  Eduard  VII.  in  Homburg.
  II  321.  Gespräch
mit  Hardinge  über  Flottenbau.
  II  321.  Der
heimliche  Brief  an  Lord
Tweedmouth.  II  324£.
Der  Artikel  für  den
„Daily  Telegraph“.  II
338ff.  Stürmische  Wendung
  des  Kaisers  gegen
Österreich  und  Bulgarien.
II  341f.  Thronrede  über
        <pb n="526" />
        Abänderungen  des  preu-Bischen
  Wahlrechts.  II
342f.  Rede  bei  Ilochzeit
des  Prinzen  August  Wilhelm.
  I1  343.  Begegnung
mit  Franz  Ferdinand.  II
350f.  Unterredung  mit
Bülow  über  den  „Daily-Telegraph“-Skandal.
  1
357.  Kabarett  in  Donaueschingen.
  II  364.  Demonstrative
  Ehrung  des
„größten  Deutschen“
Zeppelin.  II  365,  373.  Das
unterdrückte  Interview
mit  d.  Amerikaner  Iale.
II.  374.  Audienz  Bülows
beim  Kaiser.  II  377ff.
Kuß  auf  beide  Wangen.
IL  381.  Wilhelm  II.
wünscht  abzudanken.  II
382.  Im  Berliner  Rathaus.
II  388.  Erholt.  II  390.
Bülow  über  die  Frage
einer  Abdankung  oder
Enthebung.  II  413f.  Begrüßung
  Eduards  VII.  in
Berlin.  II  4191T.  Brief  an
Bülow  über  Flottenverständigung.
  II  429  1.  Immediatvortrag
  Bülowsbei
ihm  über  Zweifrontenkrieg.
  II  439f.  Bülow
stellt  ihm  die  Vertrauensfrage.
  II  446.  Über  Bülows
  Weinkrämpfe.  II
450.  Abendtafel  in  Potsdam.
  II  464f.  Reise  nach
Venedig.  II  468fl.  Nach
Korfu.  II  470f.  Begegnung
  mit  Viktor  Emanuel
in  Brindisi.  II  472.  Besuch
  bei  Franz  Josef  in
Wien,  Rede  in  der  IlHofburg.
  II  472.  Iminediatvortrag
  Bülows  in  Wiesbaden.
  II  475f.  Sängerfest
  in  Frankfurt  a.  M.  IH
476fT.  50.  Geburtstag.  II
476  f.  Begegnung  mit  dem
Zaren  in  den  finnischen
Schären.  1I  480ff.  Zweideutige
  Haltung  gegen
Bülow.  II  493£.  Rede  in

 

NAMENREGISTER

Cuxhaven.  II  500.  Abschiedsaudienz
  Bülows  in
Kiel,  Dialog  mit  dem
Kaiser.  II  511.  Wilhelm
  II.  ist  entschlossen,
Bethinann  zu  nehmen.  II
S11f.,514.  Gegen  Flotten-Agreement
  als  Demütigung.
  II  512f.  Abschiedsaudienz
  für  Bülow.  I
523ff.  Taf.  JI  112,  140,
280,  304,  336,  352,  480,

Nach  der  Trennung.  III
46Mf.  Gegen  Bülow,  Harden
  u.  Holstein.  III  487.
Einladung  des  Fürsten
und  der  Fürstin  Bülow
nach  Potsdam.  III  621.
Beziehungen  von  1909
bis  1914.  III  114ff.  Vermüählung
  der  Prinzessin
Viktoria  Luise.  III  119.
Nachricht  vom  Mord  in
Sarajewo.  III  138.  Empfängt
  Bülow  im  Berliner
Schloßhof.  III  146f.  Der
Kaiser  hat  niemals  den
Krieg  gewollt.  III  152.
Über  die  serbische  Antwort,
  III  164.  Unwille
über  Bethmann.  III  165.
Telegramm  an  Moltke:
Die  ganze  Armee  Front
gegen  Rußland,  III  172.
Telegramm  an  Georg  V.
III  172.  „Betet  für  uns!“
111174.  Telegramme  nach
Wien  und  Rom.  III  190.
Empfang  Bülows  in
Schloß  Bellevue.  III  204£.
Die  allerhöchste  Stimmung.
  III  214f.  Über
Äußerungen  der  Königin-Mutter
  Margherita.  III
225f.  Handschreiben  für
Fricdensangebot  der  Mittelmächte.
  III  253.  Empfängt
  Bülow  im  Neuen
Palais.  III  2531.  Zu
August  Eulenburg  über
Bülows  Wiederkehr.  III
265.  Ernennt  Michaelis
zum  Nachfolger  Beth- 



427

manns.  III  267f.  Gegen
Parlamentarisierung.  III
274.  Will  als  Hausgut  das
Herzogtum  Kurland.  III
275.  Begegnung  auf  der
Straße.  III  289.  Flucht
im  U-Boot  nach  Spanien?
  III  289f.  Verläßt
Berlin.  III  290f.  „Der
Bademax  ist  ein  Verräter!“
  III  294.  Abdankung
  unvermeidlich.  III
296f.  In  Spa.  III  297,
306.  Tlucht  nach  Amerongen.
  III  297.  Briefan
den  Kronprinzen.  III
298£.  Wilhelm  II.  vor  der
Geschichte.  III  328.  Taf.
III  112,  128,  138,  176.

Wilhelm  II.,  1891—1918
König  von  Württemberg
(+  1921).  I  267,  484.  II
388,  477.  III  304.  —
Kundgebung  bei  Bülows

Rücktritt.  III  337f.

Wilhelm  III,  1849—1890
König  der  Niederlande.
I  3001.

Wilhelm  Ernst  Großherzog
  von  Sachsen-Weimar.
1549.  —  Kundgebung  bei
Bülows  Rücktritt.  III
340.

Wilhelmine,  seit  1890  Königin
  der  Niederlande.
Besuch  in  Potsdam.  I
300.  Empfängt  den  Kaiser
  in  Vlissingen.  I  345.

Willisch,  Vorsteher  des
Chiffrierbüros  im  Auswärtigen
  Amt.  I  394£.

Wilmowski,  v.  (Vater),
KabinettschefWilhelms1.
121,  72

Wilmowski,  v.  (Sohn),
Chef  der  Reichskanzlei.
I  21,  529,  Taf.  I  96.

Wilson,  Woodrow,  Präsident
  der  U.  S.  A.  II  298.
Friedensangebot  an  ihn.
III  286,  287,  295,  296,
313.
        <pb n="527" />
        428

Windthorst,  Führer  des
Zentrums,  Gegner  Bismurcks.
  I  466,  532.  111
42.

Winterfeldt,  v..  Generaladjutant.
  I  243.

Wintzigerode,  Graf,  Vorsitzender
  des  Evungelischen
  Bundes.  I  248.

Wirth,  Josef,  badischer
Zentrumsabgeordneter,
nach  1921  Reichsfinanzminister,
  Reichskanzler,
Reichsinnenminister.  I
390,  481,  539.  Il  251,  463.
III  942.

Witte,  Sergej  Juliewitsch,
später  Graf,  russ.  Finanzminister,
  dann  Ministerprüsident
  (f  1915).  Bekanntschaft
  Bülows  mit
ibm,  Charakteristik.  I
96T.  „Einer  der  merkwürdigsten
  Stantsmänner“
  (nuch  Schweinitz).
1408.  Vorwegnahmeeines
Worts  von  Renvers  über
seinen  Tod.  1  409.  Witte
über  Rußland  u.  Deutschland.
  1441.  Ungnade  wegen
  der  montenegrinischen
  Prinzessinnen.  ]1  6.
Handelsvertrugsverhandlungen
  mit  ihm  in  Norderney.
  II  41T.  Über
seine  Entlassung  als  Finanzminister,
  II  43[.  Begrüßt
  Plehwes  Ermordung.
  II  47.  Empüchlt
Frieden  mit  Japan.  U
130.  Der  Hof  fürchtet
seine  Rachsucht.  II  131.
Macht  nicht  zu  unterschätzen.
  Il  159.  Friedensverhandlungen
  in
Portsmouth.  Il  169.  In
Berlin.  11  170.  Beim
Kuiser  in  Rominten.  II

1711.  Witte  über  Björkö.

 

NAMENREGISTER

II  174.  Brief  von  Frau
Witte  an  Ernst  Mendelssohn.
  IL  174.  Taf.  II  168.
Kokowzow  über  ihn.  III
129.

Wittgenstein,  Fürstin
Leonille,  Schwiegermutter
  von  Chlodwig  Ilohenlole.
  III  230.

Wittich,  v.,  Generaladjutant,
  Kommandeur  des
1l.  Korps.  I  373.

Witting,  Geheimrat,  Oberbürgermeister
  von  Posen,
dann  Präsident  der  Berliner

  Nationalbank.  III
133.
Wladimir,  russ.  Großfürst.

  I  93,  97,  549.  Über
Wilhelm  II.  I186f.  Warnt
vor  Revolution  (1905).
1I  129.  Vor  zu  viel  Ratschlägen
  an  den  Zaren.
II  134.  Attentat.  II  161.
Reicht  Entlassung  ein.
II  176.

Woedıke,  v.,  Direktor  im
Reichsumt  des  Innem.
In  der  12000-Mark-Affäre
preisgegeben.  I  468.  Tod.
1470,

Woermann,  Adolf,  Großkaufmann
  in  Hamburg.
1203.

Wolff,  Theodor,  Chefredakteur
  des  „Berliner
Tageblatts“.  III  88£.

Wortley,  Stewart,  englischer
  Oberst,  Besitzer
von  Highelilfe.  IL  307,
353,  35-4,  446.

Woyrsch,  v..  General.  II
184.  Muß  über  Spazierstock
  springen.  11  26Uf.
IIl  323.

Würzburg,  Baron,  Mitglied
  der  Ersten  Bayrischen
  Kummer.  I  120.

 

Wyrubowa,  Anna,  Gönnerin
  Rasputins.  I  100.

Zannardelli,  Giuseppe,
italienischer  Minister  und
Kammerpräsid.  (f  1903).
I  608.  II  59.

Zedlitz,  Oktavio  v.,  freikonservativer
  Abgeordneter

  (t  1919).  1  295,  390.

Zedlitz-Trützschler,
Graf  Robert,  preußischer
Kultusminister  bis  1892,
1898  Oberprüsident  von
Hessen-Nassau,  bis  1909
von  Schlesien  (}  1914).
1262.  11103,  454,  456.  III
308.

Zeppelin,  Graf.  II  324,
365,  373.  Ruthenau  über
ilın.  III  44.

Zetkin,  Klara,  deutsche
Sozialistin  und  Kommunistin.
  III  104.

Ziegler,  Theobald,  Professor
  der  Philosophie  an
der  Universitüt  Stroßburg
  (t  1918).  III  133.

Zimmermann,  Eugen,
Journalist.  II  479.  III
200,  213£.,  239.

Zimmermann,  Arthur,
1911—1916  Unterstaatssekretär
  im  Auswärtigen
Amt,  November  1916  bis
August  1917  Stantssekretär.
  111  159.  212,  213.  Als
Staatssekretär.  III  271£.
Das  Bünduis  mit  Mexiko.
111  272.

Zita,  geb.  Prinzessin  von
Parma,  Erzherzogin  von
Österreich,  dann  Kaiserin.
I  159.  IIL  141,  269,  270,
279.

Zorn,  Philipp.  Professor,
Staatsrechtslehrer,  Bonn.
Ili  132.
        <pb n="528" />
        Abrüstungskonferenz
8.  Friedenskonferenz.

Ägypten.  AnsprücheFrankreichs
  gegen  England.
1418.  Ein  Kreuz  darüber
gemacht.  II  5,  28.

Afghanistan.  II  260.

Agadir.  Entsendung  des
Kanonenboots,,Panther“.
I  555.  II  212.  III  87£.,
89,  181.

Albanien.  Anspruch  Italiens.
  I  608.  Noli  me
tangere  auch  für  Österreich
  (Giolitti).  II  59.

Antrag  Kanitz.  137,  39.

Bagdadbahn.  Projektvon
Georg  v.  Siemens  (1898)
und  Abkommen  mit  England
  (1914).  I  253,  328.
III  261.  Erteilung  der
Konzession  (1902).  I  572.

Balkan  (s.  Bosn.  Frage).
Der  Status  quo.  I  627,
631.  Mürzsteger  Abkommen.
  I  631.  Die  habsburgische
  Monarchie  von
abenteuerlichen  Aktionen
abzuhalten.  II  236.  Englisches
  Programm  in  der
Mazedonischen  Frage.  II
325.  Zirkular-Erlaß  Bülows
  nach  Reval.  II  326  ff.
Türkische  Revolution.  II
330f.  Bosnische  Krise  (s.
diese).  Ferdinand  erklärt
Bulgarien  zum  Königreich.
  II  337.  Balkankriege
  und  Tripolis.  III
1llff.  Balkanbund.  III
113f.  Der  Fall  Liman  von
Sanders.  III  129  ff.

Belgien.  Drohungen  Wilhelms
  II,  an  Leopold  II.

 

SACHREGISTER

HM  74.  Der  Schlieffensche
  Durchmarschplan.
II  76f.  Bismarck  erklärt,
belgische  Neutralität  werde
  von  Deutschland  nie
verletzt  werden.  II  77£.
Bethmann  leitet  (1910)
schürferes  Vorgehen  gegen
  Belgien  ein.  III  781.
Aus  Belgien  ein  „neues
Polen‘  machen.  III  80  ff.
Bismarck  1870  für  bele.
Neutralität.  III  8lf.
Englische  Note  wegen
der  Neutralität  Belgiens.
Taf.  III  176.

Berliner  Kongreß  von
1878.  I  45,  90,  91,  92.
III  245.

Björkö.  Vertrag  von.  Tragikomödie.
  I  80.  Die
Björkö-Affüre.  II  136  (bis
151).  Taf.  II  140.

Blockpolitik.  II  453.

Bosnische  Frage.  Reichstatter
  Vertrag.  I  90f.
Entwirrung.  I  150.  Mürzsteger
  Abkommen.  11336.
Krise  von  1908-1909.  I
215.  Ursprünge.  II  333f.
Iswolski  und  Achrenthal
in  Buchlau.  II  3341.
Proklamation  des  Kaisers
Franz  Josef  über  Annexion
  Bosniens  und  der
Herzegowina.  II  337.  Iswolskis
  Mißerfolg.  IL393f.
Kriegsgerüchte.  II  398f.
Iswolskis  Rückzug.  II
399.  Achrenthals  Drohung,
  die  Geheimdokumente
  zu  veröffentlichen.
II  400f.  Russischer  Druck
auf  Belgrad.  II  401.  Vorbehaltlose
  Zustimmung

 

Rußlands  zur  Annexion.
II  401f.  Taf.  II  336.

BraunschweigischeFrage.
II  248£.

Burenkrieg(s.  Transvanl).
I  275.  Die  Haltung  der
Mächte.  I  292f.  Widerstand
  der  Buren  gebrochen.
  I  332,  Annexion
der  Südafrikanischen  Republik.
  I  398.

Dänemark  (s.  a.  Deutsch-Dänischer
  Optantenvertrag).
  Wilhelm  Il.wünscht
dessen  Neutralisierung.  I
633.  Willgegen  Dänemark
vorgehen.  II  67f.  Nochmals
  1905.  II  79f.  Sucht
Dünemark  in  den  Vertrag
  von  Björkö  einzubezichen.
  II  138.  Abwehr
  Christians  IX.
durch  Schritt  in  London.
II  145.

Dardanellenfrage.  I  47,
82,  91.  Der  Zar  über  sic.
I  302.  Die  russischen
Wünsche.  I  441.  II  84.
Herzstück  des  Bismarckschen
  Rückversicherungsvertrags.
  II  236.  Iswolskis
Reisen  und  Versuche.  II
393f.,  395£.  Nicht  anschneiden.
  II  481.  Ein
„heißes  Eisen“.  III  15.
Nicht  in  den  Weg  stellen.
III  84f.  Der  Fall  Liman
von  Sanders.  III  128ff.,
130.

Delagoa-Bai.  I  420,  424f.

Deutsch-Dänischer  Optantenvertrag
  (1907).
II  303£.
        <pb n="529" />
        430

Deutsch-Südwestafrika.
Aufstand  der  Ilereros.
(1904).  TI  20f.  Bahn
Lüderitz-Bucht  —  Keetmanshoop
  abgelehnt.  II
218.  Reichstagsauflösung
nach  Ablehnung  desNachtrags-Etats
  (13.  12.  1906).
1272.

Dreibund  (s.  a.  Italien).
Deutschland  und  Österreich-Ungarn.
  I  46.  Mehr
Versicherungsgesellschaft
a.  Erwerbsgenossenschaft.
148.  Dreibund  und  Frage
eines  deutsch-englischen
Bündnisses.  I  331.  Unveränderte
  Erneuerung
(1902).  1578.  Verletzung
des  Vertrags  durch  Sonderaktion
  Österreichs  im
Juli  1914.  III  169.  Italien
kündigt  den  Vertrag.  III
234.

Dreyfus-Affüre.  I  240£.
Das  Schibboleth.  I  428.

England  (s.a.  Flottenbau).
Deutschlands  Verhältnis
zu  ihm.  I  47.  Kündigt
den  lHandelsvertrag  mit
Deutschland.  I  56.  Der
Afrika-Vertr.  m.  Deutschland.
  I  273ff.  Der  Windsor-Vertrag
  mit  Portugal.
I  274,  276.  Chamberlain
schlügt  deutsch-englische
Allianz  vor  (Juni  1898).
1275  ff.  Verhandlungen  in
England.  1314  ff.  Resume
Bülows.  I  325ff.  Beschlaenahme
  der  deutschen
  Postdampfer.  1331,
415,  417.  II  232.  Fortführung
  der  Verhandlungen
  bis  Sommer  1901.
I331f,.  Absage  durch
Eduard  VII.  (Dezember
1901).  I  332.  Phasen  der
deutsch-englischen  Beziehungen.
  I  4111.  Die  Gefahrzone.
  I  413f.  Bülow
über  die  Voraussetzungen

 

SACHREGISTER

der  nicht  geschlossenen
Allianz.  I  435£.,  509.
Denkschrift  des  Staatsscekretärs
  Richthofen.  I
siof.

Englisch  -  französischer
Kolonialvertrag  (1904).
II  28f.  Deutscher  Flottenbesuch
  in  Plymouth.  II
34.  Englische  Flottendemonstrution
  in  der  Östsce.
  II  152.  Iöntente  Cordinle
  mit  Frankreich.  II
205.  Englisch-russischer
Vertrag  über  Einflußsphüären
  in  Asien  (1907).
II  316.  Bedeutung  von
Reval  (1908).  II  326.

Der  Artikel  im  Daily-Telegraph.
  Taf.  II  352.
Bericht  Lichnowskys.  Taf.
III  128.  Note  wegen  der
Neutralität  Belgiens.  Taf.
III  176.

Erbschaftssteuer.  I  248.
Opposition  des  Zentrums
und  der  Konservativen.
II  445f.  Bülow  über  die
Steuer  zu  den  kenservativen
  Führern.  II  4571.
Ablehnung  mit  195  gegen
187  Stimmen.  11  506.

Foaschoda-Streit.  Der
Konflikt  zwischen  England
  und  Frankreich.
I  271£.,  421,  424.

Flottenbau.  Die  Aufgabe
Deutschlands.  I  48.  Die
Parteien.  I  59.  Flottenvorluge
  von  1897/1898.
I  115£.,  214.  Besprechungen
  zwischen  Bülow  und
Tirpitz.  I  412.  Ilottennovelle
  von  1900.  I  414  1T.
Bülow  für  Verlangsamung
des  Flottenbaues  (1908).
II  319£.  Hardinge  über
das  Tempo  der  deutschen
Flottenrüstungen.  II  321.
Mctternich  über  Verlangsamung.
  II  417.  Versuche
  eines  Agreement.

 

II  427Mf.  Konferenz  im
Reichskanzler-Palais.  II
4311f.  Brief  Bülows  an
Tirpitz.  II  465.
Frankreich.  Deutsch-französische
  Bezichungen  um
1900.  1402  1f.  Elsaß-Lothringen.
  I  514.  III  245.
Ansichten  des  Kaisers.
II  104.  Die  Frage  des
endgültigen  französischen
Verzichts.  II  116.  Frage
eines  deutschen  Verzichts.
II  171.  Revanche-Idce
nicht  erloschen.  II  227.
Schiedsgerichts-Protokoll
vom  29.  5.  1909.  II  501.
Kongo  -  Verhandlungen.
III  87,  89,  90,  111,  118,
245.  Elsaß-Lothringen  im
Sixtus-Brief.  III  279.

Friedenskonferenz  im
Haag.  Erste  von  1899:
I  237,  347f.  Zweite  von
1907:  II  297  £.

Griechisch  -Türkischer
Krieg  (1897).  1147,  148.

Haiti,  Zwischenfall  Lüders
(1897).  1  178.

Handelsverträge  (3.  Zolltarıf).
  Stellung  des  Kaisers
  und  Bülows  dazu.
1  3827.

Holland.  Mit  Abhängigkeit
  von  Deutschland  bedroht,
  II  68.

Indien.  I  325,  331,  424,
436,  511,  513,  572.  II  140,
141.

Irredenta.  Giolitti  über
sie  (1904).  II  59F.

Italien(s.  Dreibund).  Seine
Realpolitik.  I  48.  Für
Salisbury  Quantite  nögligenble.
  1424.  Hinhaltung
Italiens  im  Juli  1914,
III  168f.  Italien  beschließt
  Neutralität.  III
169,  191.  Taktik  der
Mittelmächte.  III  187£.
        <pb n="530" />
        Trage  der  Kompensationen.
  III  189.  Italiens
selbständige  Interessenpolitik.
  III  190.  Keine
Kompensationen  Österreichs.
  III  211.  Erklärungen
  Sonninos  gegenüber
Bülow.  III  220.  Italien
zum  Krieg  gegen  Deutschland
  und  Österreich-Ungarn
  bereit.  III  233f.
Zugeständnisse  Macchios.
III  234.  Italien  kündigt
den  Dreibund  -  Vertrag.
III  234.  Kriegserklärung.
III  236.  Telegramm
Bethmann  Hollwegs  an
Bülow.  Taf.  III  224.

Japan.  Verschlechterung
der  deutschen  Bezichungen
  zu  ihm.  I  4Bf.  Brief
des  Prinzen  Heinrich  an

Bülow  über  Entgegenkommen
  in  Japan.
436  ff.

Jesuitengesetz.  Hohenlohe
  gegen  seine  Aulhebung.
  I  11.  Protestantische
  Agitation.  I  248.
Die  Aufhebung.  II  1u1.
Giolitti  darüber.  II  61.

Kanalvorlage  in  Preu-Ben
  (Mittelland-Kanul).
Eingreifen  des  Kaisers.
I  293f.  Schließung  des
Landtags  (1901).  I  522.

Annahme  der  Vorlage
(1905).  II  95.
Karolinen.  Erwerbung

der  Karolinen-,  Mariunenund
  Palau-Inseln  durch
Deutschland.  I  286f.

Kiautschou  s.  Ostasien.

Kreta.  Frage  des  Gouverneurs.
  I  80f.  Nicht  zu
schr  engagieren.  I  252.
Der  Kuiser  für  die  türkischen
  Ansprüche.  I  270.
Griechenfreundlich.  II
471.  Nicht  anuschneiden.
11  481.

 

SACHREGISTER

Krüger-Depesche.  Marschalls
  Verantwortung
dafür.  18,52.  Demonstration
  in  London,  I  17T.
Monts  über  sie.  I  34,  35,
36.  England  vor  den  Kopf
gestoßen.  I  44.  Zerreißen
des  Schleiers.  I  47.  Fußtritt
  für  England  (Murawiew).
  1  89.  Intempestiv.

I  412.  Gedichte.  I  473f.

Lippescher  Erbfolgestreit.
  1177,  222(.  Toast
des  Kaisers  auf  die  Söhne
Bückeburgs.  1238.  Neuer
Versuch,  in  Sukzessionsfrage
  einzugreifen.  I  267.
Wiederholung  des  Konfikte
  nach  dem  Ableben
  des  Grafen  Ernst.
11  55ff.

„Lusitania“,  Versenkung.
II  22.

Madagaskar.  1424.  TI  28.

Marokko.  Bülow  an  die
Deutsche  Botschaft  in
London  (Sommer  1899).
1418.  Scharfe  Auslassungen
  Salisburys.  I  418f.
Holstein  für  vorbeugenden,
  uber  ernsten  diplomatischen
  Schritt  (August
  1900).  1  435.

Frankreich  proponiert
Spanien  Teilung  Marokkos.
  II  3.  Berichte  Metternichs.
  II  3.  England
gibt  Frankreich  Ermächtigungen.
  II  28.  Differenzen
  zwischen  dem  Kuiser
und  Bülow.  II  104.  Spanisch-französischer
  Vertrug.
  II  107.  Tunisification.
  II  108.  Landung
Wilhelms  II.  in  Tanger.
II  111.  Bülow  beruft  sich
auf  den  Madrider  Vertrag
  von  1880.  IT  113.
Das  Wort  „Kongo“  fällt
(1905).  II  125.  Konferenz
von  Algeciras.  II  19911.
Vertrag  von  Algeciras.

 

431

IT  211  ff.  Zwischenfall  von
Casablanca  (1903).  II  338.
Marokko-Abkommen  vom
9,  2.  1909.  II  410.  Ausgleichs-Protokoll
  vom  29.
5.  1909.  11501.  Taf.  II
112.

Militär-Strafprozeß-Reform.

  Verständigung
mit  Bayern.  I  268.

Militärvorlagen.  I  404.

Österreich-Ungarn.  Verhältnis
  zu  Rußland.  I  90.
Äußere  und  innere  Situation.
  1399  If.  Die  Kriegsfrage
  1908.  II  403.
Kriegstendenzen  nachher.
II  404.  Keine  Sonderaktion
  auf  dein  Balkan.

11  85.

Ostasien.  Deutscher  und
russischer  Hufen  an  der
Küste  Chinas.  I  82.
Kiautschon.  I  83,  86,  92.
Sühneexpedition  dorthin,
I  184.  Rußland  nimmt
Port  Arthur,  England
Wai-Mai-Wai.  I  186,  203.
Deutsch-chin.  Pachtvertrag
  über  Kiautschou.
I  210.  Der  Zar  über  Port
Arthur.  I  271.  Abgang
d.  deutsch.  China-Expedition,
  1357.  Brief  Paul
Metternichs  über  China,
I  367.  Deutsch-engl.
Alıkommen.  I  398  f.,  416.
England  gegen  Festsetzen
der  Deutschen  i.  Jangtse-Tal.
  I  421f.,  513.  Regt
Japanische  Intervention
in  China  an.  1  433.  Aspirationen
  Rußlands  auf
die  Mandschurei.  I  507.
Tientsin-Angelegenheit.  I
507.  Der  Zar  nennt  Besetzung
  Koreas  durch
Japan  für  Rußland  Casus
belli.  I  548.  Russisch-Japanischer
  Krieg  (s.  d.).
Englisch-japan.  Bündnis.
IL  188.
        <pb n="531" />
        432

Ostmarken-Politik  (se.
Polen).  Entwicklung  der
Ostmarken-Frage.  156211.
Enteign.-Vorl.  (1909).  II
487  fl.

Parlamentarisierung.
Bülow  über  sie.  II  509.

Persien.  1424,  513.  II  140,
481.

Polen.  147,  91.  Bethmanns
ungeheurer  Fehler.  I  563,
565,  569.  Demonstrationen
  in  Wreschen  und
Lemberg.  I  565.  Wilhelm
  II.  über  das  polnische
  Programm  (1906).
II  243,  245.  Betlımanns
und  Jagows  Maßnahmen
(1915).  II  247.  Brief  Hindenburgs
  an  Studt.  II
241f.

Portugal.  Verpfändet  e.
afrikanischen  Kolonien.
1273  ff.  Windsor-Vertrag
mit  England.  I  274,  276,
330,  426.  Salisbury  über
den  deutsch  -  englischen
Vertrag.  I  419.  Verfall
des  portugiesischen  Besitzes.
  I  425.  III  261.

Preußisches  Wahlrecht.
Heydebrand  gegen  jede
Veränderung.  II  459.  Bülow
  gegen  Übertragung
des  Reichstagswahlrechts.
II  462ff.  Allgemeines
Wahlrecht  in  Preußen
(1917).  III  258f.

Reichsfinanzreform  (s.
Erbschaftssteuer).  II  217,
337.  Beratung  im  Reichstag.
  II  3811.  Zweite  Lesung.
  II  484T.

Rumänien.  191.  Im  Fahrwasser
  d.  Zentralmächte.
I  150.  Deutsch-rumänischer
  Handclsvertrag.  II
48.  Verhältnis  zum  Dreibund
  vor  dem  Weltkrieg.
III  125£.  Neutralität
1914.  III  169£.  Eintritt  in
den  Weltkrieg.  III  280.

Russische

 

SACHREGISTER

Russisch  -  deutsche  Beziehungen

  (s.  a.Björkö).
Die  Nichterneuerung  des
Rückversicherungs  -  Vertrags
  durch  Marschall.  I
8,  52.  Die  größte  Sottise
(Hohenlohe).  I  9.  Geschichte
  der  Nichterneuerung.
  I  44ff.  Begleitumstünde.
  I  79.  Der  zerrissene
  Draht  (Murawiew).  I
89.  Die  „schroffe  und
plumpe‘‘  Kündigung  (Maria
  Pawlowna).  1  93.  Vertrag
  auch  im  Interesse
Österreich  -  Ungarns.  I
143.  Der  inkommensurable
  Fehler.  I  449.  Kündigung
  hat  russisch-französische
  Allianz  hervorgerufen.
  II  62.  Argumente
des  Kaisers.  II  62.  Bülow
setzt  (1905)  Entwurf  einer
  deutsch-russischen  Allianz
  auf,  die  an  Lambsdorffg
  Widerstand  scheitert.
  II  132f.  Björkö  (s.
dieses).

Revolution
(1905).  IT  160.

Russisch  -  französische

Allianz.  Wird  in  Toasten
erwähnt.  I  89.  Durch
Kündigung  des  deutschrussischen
  Rückversicherungsvertrags
  hervorgerufen.
  II  62.

Russisch  -  Japanischer

Krieg.  Der  japanische
Gesandte  fragt  bei  Bülow
an.  I  629.  Das  Ostasiatische
  Komitee.  I  630f.
Ausbruch  des  Kriegs.  II
22f.  Eduard  VII.  darüber.
  II  26f.  Der  Doggerbank-Zwischenfall.
  II  65f.
Kapitulation  von  Port-Arthur.
  II  71f.  Friede
von  Portsmouth.  II  169.
Taf.  II  168.

Samoa.I216.  II  232.  Streitigkeiten,

  englisch-amerikanisches
  Bombardement

 

von  Apia,  Erwerbung
durch  Deutschland.  I
282  f.  Rede  Bülows.  I
416.

Schweden  -  Norwegen.
Kündigung  der  Union.  II
156  Mf.

Sozialdemokratie  (siehe
Umsturzvorlage,  Zuchthausvorlage).
  Anwachsen
bei  den  Wahlen  von  1898.
1  228.  Staatsstreichplüne
des  Kaisers  gegen  sie.  I
348(f.  Zuwachs  bei  den
Wahlen  von  1903.  II  7£.
Einbuße  1907.  IL  278f.
Taf.  II  280.  Wiederanwachsen
  1912.  III  85f.
Tirpitz  über  die  Gründe
der  Erstarkung  1924.
Taf.  III  324.

Spanisch  -  Amerikanischer
  Krieg.  I  147.
Pläne  von  Tirpitz.  I  188f.
Ausbruch  und  Verlauf.  I
219.

Swinemünder  Depeschen.
  I  5821.  II  447.
III  53.

Transvnaal.  I  216.

Türkei.  „Dying  nation‘
(Salisbury).  I  252.  Der
„kranke  Mann“  (Nikolaus
  1.).  1253.

Ultimatum  an  Serbien.
I  13,  275,  291.  Bülows
Taktik  dagegen.  III  66.
Nachricht  von  dem  UDltimatum.
  III  140f.  Bethmann
  sagt,  er  kenne  den
Inhalt  nicht.  III  153.  Jagow
  an  Lichnowsky.  III
158.  Die  „Lokalisierung“.
III  161f.  Unterlassene
Übergabe  an  das  Haager
Schiedsgericht.  III  164.
Die  falsche  Prozedur.  III
179.  Berchtolds  Methode.
  III  211£.

Umsturz  -  Vorlage  von
1894.131.
        <pb n="532" />
        Vaterlandsverein  (Vaterlandspartei).
  Gründung
  durch  Tirpitz.  I111l.

Venezuela  -  Zwischenfall

  (1902).  I  557.

Vereinigte  Staaten  von
Nordamerika.
Deutsch-amerikanische
Spannung  1898.  I  221.
Verbültnis  der  Union  zu
England.  1425,

Walfischbai.  I  216.

Weltkrieg  (s.  auch  Ultimatum
  an  Serbien).  Fehler
  der  deutschen  politischen
  Leitung  im  Sommer
  1914.  I  273.  Kriegserklärung
  an  Rußland.
III  142,  167f.  An  Frankreich.
  III  142,  168.  Kriegserklärung
  Englands.  III
142.  Versteckspiel  gegenüber
  Italien.  III  168£.

 

SACHREGISTER

Lüttich.  III  173.  Die
Marneschlacht.  III  174£.,
183  f.

Der  Krieg  zur  Sce.  III
182.  Tannenberg.  III
185.  Verdun.  III  186f.
Loretto-Schlacht.  III  247.
Friedensinitiative  Stürmers.
  III  25if.  Friedensangebot
  der  Mittelmächte.
111  253.  Uneingeschrünkter
  U-Boot-Krieg.  III
263ff.,  271f.  Friedensresolution
  des  Reichstags.
III  270.  Brest-Litowsk.
111  275.  Der  Sixtus-Brief.
III  279£,  Eintritt  Rumäniens
  in  den  Krieg.  III
280.  Mürz-Offensive  1918.
III  280f.  Militärische
Wende.  III  281lf.  Friedensangebot
  an  Wilson.
III  286.  Revolution  in
Kiel.  III  302.  Waffenstillstand
  von  Compiögne.

 

433

III  314.  Friede  von  Versailles.
  III  316.  Scapaflow.
  IIL  317.
Weltpolitik.  Interpretation
  durch  Bülow  im
Reichstag  (1900).  I  415f.
Deutscher  und  englischer
Imperialismus.  Il  237.
Witu.  I  216.

Zanzibar.  I  216,  420.

Zolltarif.  Besprechungen
Bülows  mit  den  Parteiführern.
  I  397f.  Die  Vor-Inge
  von  1901.  E  531.
Zweite  und  dritte  Beratung.
  If

Zuchthausvorlage
(Streikverbot).  Oeynhausener
  Ankündigung  durch
den  Kaiser.  I  238.  „Verscharrung.“
  I  307f.  Die
Zwölftaus.-  Mark  -  Alläre.
1467.
        <pb n="533" />
        Gedruckt
im  Ullsteinhaus
Berlin
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
