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        <title>Der Leumund der Sachsen</title>
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            <forname>Hermann Ferdinand von</forname>
            <surname>Criegern</surname>
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        </author>
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          <msIdentifier>
            <idno>criegern_leumund_sachsen_1889</idno>
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        Der
Leumund  der  Sachsen.

Vestschrift

Jubelfeier  der  800  jährigen  Regierung
des  Hauses  Wettin

über  das  gegenwärtige  Königreich  Sachsen,

verfaßt
don

Permann  Ferdinand  von  Criegern,

Lic.  theol.,  Dr.  phil.,  I.  Diakonus  zu  St.  Thomd  und  Dioisionsprediger  der  II.  kgl.  sächs.  Division
Nr.  24.

 

Ceipzig.

VDerlag  und  Druck  von  Otto  Spamer.

18890.
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        Aauuniam  aad  Bangquurze
        <pb n="3" />
        Vorwort.

Den  Leumund  der  Sachsen  will  nachstehendes  Schriftchen
verkünden,  d.  h.  es  will  eine  Susammenstellung  von  Urteilen
darbieten,  welche  Fremde  im  weiteren  und  im  engeren  Sinne
über  die  Eigenart  unfres  Dolkslebens  abgegeben  haben.  Daß
es  eine  solche  Eigenart  gibt,  ist  unzweifelhaft.  Denn  wie  verschiedenartig
  auch  die  Urbestandteile  gewesen  sein  mögen,  deren
Dereinigung  im  TLaufe  der  Seit  den  sächsischen  Staat  bilden
sollten,  sie  sind  wirklich  zu  einem  in  sich  abgeschlossenen  Ganzen  verschmolzen.
  Dazu  hat  natürlich  der  Umstand,  daß  ein  Fürstenhaus
  acht  Jahrhunderte  lang  über  diesen  Staat  herrscht,  wesentlich
  beigetragen,  denn  dasselbe  hat  immer  einen  festen  Kern  im
Leben  des  Staates  gebildet,  es  hat  dem  Ganzen  seine  Eigentümlichkeit
  erst  aufgeprägt  und  dann  dieselbe  erhalten  helfen,
es  hat  eine  heilsame  Überlieferung  geschaffen,  durch  welche  die
Anpassung  des  Meuen  an  das  Alte  sehr  erleichtert  und  der
Stoß  gewaltiger  Seiterschütterungen  aufgefangen  ward.

Das  Werden  dieses  großen  Ganzen  ist  auch  von  andern
als  von  solchen,  die  unmittelbar  davon  berührt  wurden,  beobachtet
worden.  Desgleichen  ist  zu  allen  Seiten  das  Gewordene  immer
bemerkt  und  besprochen  worden;  denn  Sachsen  hat  nicht  nur  als
einer  der  wertvollsten  Zestandteile  des  Deutschen  Reiches  stets
auf  dessen  Entwickelung  einen  großen  Einfluß  gehabt,  sondern
infolge  besonderer  Derhältnisse,  welche  im  nachstehenden  Werkchen
        <pb n="4" />
        IV  Vorwort.

zur  Sprache  kommen  werden,  die  Augen  der  gesamten  gebildeten
Welt  in  einem  weit  höheren  Grade,  als  es  sein  räumlicher
Umfang  erwarten  läßt,  auf  sich  gezogen.  Darum  haben  wir,
indem  wir  den  Leumund  der  Sachsen  feststellen,  sehr  viel  Seugen
aus  allen  Seiten  und  Sungen  abzuhäören.

Dies  zu  thun,  ist  eine  Arbeit,  welche  die  Mühe  lohnt.
Denn  es  ist  klar,  daß  andrer  Augen  oft  in  unsern  Angelegenheiten
  besser  sehen  als  unfre  eignen.  Wenn  wir  daher  auch
die  Urteile  Fremder  über  unser  Land  und  Dolk  durchaus  nicht
für  unfehlbar  erachten  dürfen,  da  sie  Sufälliges  für  wesentlich
halten,  vorgefaßte  Mkeinungen  mitbringen,  für  sich  selbst  eingenommen
  und  auf  uns  neidisch  sein  können,  so  ist  es  doch
immer  angebracht,  daß  wir  selbst  uns  prüfen  und  fragen,  ob
sie  nicht,  weil  unbefangener,  darum  richtiger  über  uns  urteilen
als  wir  selbst.  Sie  können  uns  sowohl  auf  Fehler  aufmerksam
machen,  die  wir  gar  nicht  bemerken,  als  auch  hohe  Dorzüge  uns
zeigen,  deren  wir  uns  noch  gar  nicht  recht  bewußt  geworden  sind;
denn  Selbsterkenntnis  ist  und  bleibt  etwas  ungemein  Schweres.

Ein  solches  Derhör  nun  gerade  in  einem  Jubeljahre  vorzunehmen,
  würde  unangebracht  sein,  wenn  man  fürchten  müßte,
daß  das  Ergebnis  die  freudige  Stimmung  gar  zu  sehr  niederdrücken
  würde.  Das  aber  ist,  Gott  sei  Dank,  nicht  der  Fall:
denn  wenn  wir  auch  durch  die  oft  recht  scharfen  Bemerkungen
der  Fremden  auf  Schattenseiten  im  Tharakter  unfres  Dolkes
aufmerksam  gemacht  werden,  so  ist  doch  im  allgemeinen  das
Bild,  welches  sie  von  uns  haben,  ein  entschieden  günstiges.  So
bereiten  sie  uns  denn  die  hohe  Festfreude,  daß  „uns  ein  andrer
lobt  und  nicht  unser  Mund,  ein  Fremder  und  nicht  unfre  eignen
Lippen“  (Spr.  Sal.  27.  2).

Ceipzig,  im  Mai  1889.
Der  Verfafeer.
        <pb n="5" />
        Inhalt.

Einleitung.

Seite

I.  Das  Land  3
II.  Die  Leute  Il
III.  Die  Mundart  20
IV.  Die  Frauen  24
V.  Dresden  26
VI.  Leipzig  34
VII.  Der  Staat  44
VIII.  Das  Beer  51
IX.  Das  Fürstenhaus  73
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        <pb n="7" />
        Der
Teumund  der  Sachsen.
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        <pb n="9" />
        I.  Das  Land.

Die  Kultur  eines  Dolksstammes  ist  wesentlich  bedingt
durch  die  Zeschaffenheit  des  Bodens,  den  er  bewohnt  und
bebaut.  Unter  diesem  Gesichtspunkte  sei  vor  allem  hier  festgestellt,
  daß  der  Boden  Sachsens  seit  je  den  Ruf  großer  Ertragsfähigkeit
  gehabt  hat.  So  fanden  ihn  bereits  im  7.  Jahrhundert,
  als  noch  die  Sorben-Wenden  im  Besitze  des  von  den
Hermundurern  verlassenen  Candes  waren,  fränkische  Mönche,
welche  sich  jedenfalls  schon  im  Hinblick  auf  eine  zukünftige
Eroberung  durch  die  Deutschen  mit  demselben  bekannt  gemacht
hatten.  Sie  schrieben  nämlich,  daß  dem  Lande  der  Sorben
nur  noch  Wein,  Feigen=  und  OGlbäume  fehlten,  um  das  gelobte
Land  heißen  zu  können.)

Daher  hat  später,  nachdem  das  sächsische  Land  schon  durch
die  Deutschen  besiedelt  und  bebaut  worden  war,  Markgraf
Heinrich  II.  (1125—27)  über  dasselbe  den  Ausspruch  gethan:
Es  ist  ein  blumenreiches  Haradies  voll  Überfluß  und  Friede,)
ein  Wort,  welches  —  Gott  dem  Herrn  sei  Dank  —  heute
noch  der  Fürst  des  Landes  über  dasselbe  wiederholen  kann!

In  hoch  gesteigertem  Maße  mag  das  Meißner  Land  den
Eindruck  der  hohen  Kultur  gemacht  haben,  als  Kaiser  Karl  V.
auf  seinem  Feldzuge  gegen  den  in  die  Reichsacht  erklärten

Kurfürsten  Johann  Friedrich  den  Großmütigen  dasselbe  kennen
1  "
        <pb n="10" />
        4  Das  Land.

lernte.  Während  er  im  Jahre  1547  in  Meißen  weilte,  hat
er  erklärt,  daß  er  das  Elbthal  zwischen  Meißen  und  Dresden
der  schönsten  Gegend  Jtaliens  gleichachtes);  und  er  war  doch
ein  weitgereister  Akann,  der  außer  Jtalien  fast  das  ganze  Europa
  und  selbst  Tordafrika  kannte.

Es  bezieht  sich  dies  Urteil  Kaiser  Karls  jedenfalls  darauf,
daß  er  die  Gegend  sehr  wohl  angebaut  fand,  wenigstens  äußert
er  ein  andermal,  daß  er  nirgends  soviel  Schlösser  beisammen
gefunden  habe  als  in  der  herrlichen  Elbgegend  Sachsens.")

Überhaupt  hat  jener  llaiser  in  Sachsen,  nachdem  er  einmal
  das  Land  kennen  gelernt,  seinem  eignen  Gugeständnisse
gemäß  vieles  anders  gefunden,  als  es  ihm  vorher  dargestellt
worden  war.s)  Es  mögen  ihm  allerdings  von  seinen  spanischen
Gewährsmännern,  welche  von  Geringschätzung  und  Haß  gegen
alles  Deutsche  erfüllt  waren,  sehr  ungünstige  Darstellungen  von
diesem  norddeutschen  Staate  gemacht  worden  sein.

Ihm  soll  in  der  durch  den  Augenschein  gewonnenen  günstigen
  Anschauung  von  Sachsen  Cosmo  III.  von  Medici  beigestimmt
  haben;)  vielleicht  hat  er  schon  eine  hnlichkeit  zwischen
seinem  heimatlichen  Florenz  und  der  Hauptstadt  Sachsens,  Dresden,
  gefunden,  eine  ühnlichkeit,  welche  in  späteren  Seiten  dazu
geführt  hat,  daß  man  unfrer  ebenso  schön  gebauten  als  schön
gelegenen  Landeshauptstadt  den  abgeschmackten  T#amen  „Elbflorenz“
  gegeben  hat.

Beziehen  sich  die  eben  gehörten  Seugnisse  über  Sachsen
mehr  auf  die  Kultur  des  Landes,  so  hören  wir,  allerdings
verhältnismäßig  spät,  auch  solche  über  seine  landschaftlichen
Schönheiten;  ist  doch  überhaupt  der  Sinn  für  Naturschönheit,
wie  ihn  jetzt  jeder  einigermaßen  auf  Bildung  Anspruch  machende
        <pb n="11" />
        Das  Land.  5

Mensch  hat,  erst  um  die  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts
durch  Haller,  den  Derfasser  des  Gedichts  „Die  Alpen“  (geboren
I708,  gest.  1977),  dem  reisenden  Oublikum  erschlossen  worden.

Noch  ungefähr  1716  weiß  eine  geistreiche  Touristin  vom
Meißner  Oberlande,  durch  welches  sie  allerdings  des  Nachts
bei  Mondschein  gefahren  ist,  nichts  zu  sagen,  als  daß  der  Weg
voller  Schrecken  und  Gefahren  gewesen  sei.  Der  bekannte
„Elbantiquarius“  von  lel  rühmt  zwar  die  Aussicht  vom
Uönigstein,  hat  aber  für  die  Reize  der  Umgegend  kein  rechtes
Auge  und  seufzt:

Das  Einzige  ist  uns  bislang  noch  abgegangen,
Daß  in  der  Mähe  man  kein  Wirtshaus  angelegt.)

Käme  er  jetzt  wieder  hin,  er  würde  vielleicht  ausrufen:
„die  ich  rief,  die  Geister,  werd’'  ich  nun  nicht  los!“

Auch  Büsching  hat  in  seiner  1754  vollendeten,  für  seine
Seit  großartigen  „Tk#euen  Erdbeschreibung“  nichts  über  die
Schönheit  dieser  Landschaft  zu  sagen,  wie  dieselbe  überhaupt
erst  durch  den  Oastor  Tk#kolai,  den  Begründer  des  Schandauer
Bades,  in  Aufnahme  gekommen  ist.  Don  ihm  an  haben
Besucher  aus  aller  Herren  Länder  schon  dadurch,  daß  sie  in  so
ungeheuren  Scharen  diese  Gegend  ebesuchten,  Seugnis  dafür  abgelegt,
  daß  man  an  derselben  Gefallen  findet.  Daher  gebührt
dem  genannten  geistlichen  Herrn  der  Dank  seiner  Landsleute
nicht  nur,  denen  er  eine  sehr  reichlich  fließende  Einnahmequelle
  erschlossen  hat,  sondern  auch  aller  für  Taturschönheit
begeisterten  Seelen.

Diesen  Dank  würde  man  ihm  noch  freudiger  zollen,  wenn
er  nicht  an  Stelle  des  ebenso  wohllautenden  als  richtigen  Toamens
  „Meißner  Oberland“  den  nicht  nur  unschönen,  sondern
        <pb n="12" />
        6  Das  Tand.

auch  unzutreffenden  Tlamen  „Sächsische  Schweiz“  aufgebracht
hätte,  über  den  sich  mit  Recht  schon  der  große  Geograph  Uarl
Andree  entrüstet  hat.

Es  ist  schon  lächerlich  nicht  nur,  sondern  unrecht,  von
einer  „Dohburger  Schweiz“  zu  reden,  da  die  dieselbe  bildenden
Dorphprkuppen,  welche,  an  der  Mordgrenze  des  Meißner  Hochlandes
  stehend,  den  Übergang.  in  die  norddeutsche  Tiefebene
vermitteln,  bedeutend  genug  wären,  um  eine  selbständige  Zenennung
  zu  führen.  Wenn  mun  aber  gar  die  interessanteste
Felsenpartie,  welche  Sachsen  aufzuweisen  hat,  mit  einem  geborgten
  Wamen  genannt  wird,  der  nicht  einmal  glücklich  gewählt
  ist,  sondern  zu  einem  allemal  zu  ungunsten  unfrer  Berge
ausfallenden  Dergleiche  auffordert,  so  ist  das  wieder  einmal  ein
Beweis,  dafür,  wohin  den  Deutschen  sein  Mangel  an  Wertschätzung
  der  von  Gott  ihm  verliehenen  Gaben  und  seine  Sucht
nach  fremdländischem  Wesen  führt.

Michtsdestoweniger  ist  die  Sächsische  Schweiz  ein  liebliches
Stück  Erde,  was  zu  besuchen  sich  wohl  lohnt.  Daher  wird
ihm  auch  von  maßgebender  Seite  das  ihm  gebührende  Lob
gezollt,  welches  natürlich  nur  ein  bedingtes  sein  kann,  einmal,
da  die  Gegend  eben  nur  lieblich  und  freundlich,  aber  nicht
wild  und  großartig  ist,  zum  andern,  weil  sie  an  einer  gewissen
Einförmigkeit  leidet.

Pf  spricht  sich  z.B.  Daniel  darüber  folgendermaßen  aus:  8)
„Jetzt  ist  die  Sächsische  Schweiz  eine  der  besuchtesten  Gegenden
Deutschlands,  mehr  ein  großartiger  Dark  als  eine  Wildnis,
mit  allen  Bequemlichkeiten  und  Annehmlichkeiten  in  so  hohem
Grade  ausgestattet,  daß  sich  fast  jedem  Taturgenusse  die  überfeine
  Kulturwelt,  der  man  auf  Reisen  entfliehen  will,  an  die
        <pb n="13" />
        Das  Land.  7

Fersen  hängt.  Die  Nähe  des  schönen  Elbflorenz  (0,  das  Silberband
  der  Elbe  sind  es  selbst,  die  der  Gegend  ihren  hohen  Reiz
verleihen.  Die  Sandsteinbildungen,  die  Gründe,  selbst  die  Aussichten
  leiden  an  einer  gewissen  Sinförmigkeit.  Don  den  meisten
höhen  sieht  man  dieselben  Kuppen  und  Felsen,  nur  immer
wieder  anders  gestaltet,  wie  etwa  die  Stühle  in  einem  Salon.
Und  mit  einem  eleganten  Boudoir  hat  die  Sächsische  Schweiz
auch  einige  Ahnlichkeit.

„Trotz  der  zackigen  Formen,  spricht  Cotta  (Üübrigens  ein
Thüringer  Kind,  am  30.  Oktober  1765  auf  der  Kleinen  Sillbach,
  einem  jetzt  abgetragenen  Forsthause  in  der  Tähe  von
Eisenach,  geboren  und  darum  voll  berechtigter  Dorliebe  für
die  allerdings  einzigartige  Schönheit  seines  heimischen  Thüringer
Waldes),  machen  die  ungeschichteten  Horphyrfelsen  doch  meist
einen  besonders  gediegenen  Eindruck,  namentlich  wenn  man  sie
mit  den  weit  groteskeren  Felsen  des  Kalksteins  oder  Sandsteins
z.  B.  in  der  Sächsischen  Schweiz  vergleicht.

„Mir  wird  in  dieser  HDinsicht  der  Ausspruch  eines  deutschen
UMonarchen  unvergeßlich  bleiben,  der  auf  dem  Thorsteine  des
Tabarzer  Felsenthales  (am  Inselsberge  in  Thüringen)  in  Bewunderung
  versunken  und,  die  Felsenarmut  seines  Landes  beklagend,
  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  dieses  doch  noch
schönere  Felsenpartien  enthalte,  höchst  bezeichnend  erwiderte:
„Ja,  das  ist  doch  nur  Sandstein!“  Zemand  nennt  die  Sächsische
Schweiz  die  Hartie  der  Damen  und  der  lustreisenden  jungen
und  alten  Ehepaare.“

Ein  sehr  anerkennendes  und  auch  wegen  der  darin  zu  Tage
tretenden  gesunden  Gesinnung  beachtenswertes  Urteil  über  das
Meißner  Hochland  spricht  Rellstab  aus  (1815  preußischer
        <pb n="14" />
        8  Das  Land.

Offiier,  zuletzt  in  Berlin  HDerausgeber  der  Dossischen  Seitung,
bekannt  vor  allem  durch  seinen  vielgelesenen  Roman:  „1812“).
Er  sagt  nämlich  in  seinen  1842  erschienenen  Reiseberichten:)
„Ich  habe  die  frische  Srinnerung  von  zahlreichen  Thälern  in
Salzburg,  Steiermark,  Tirol  und  Ztalien,  und  doch  thut  keine
dem  eigentümlichen  Reize  des  uns  so  nahe  gelegenen  Tempe
Eintrag;  es  könnte  mitten  in  die  malerischsten  Gegenden  jener
Länder  versetzt  werden  und  würde  sich  dort  ebenso  gut  in  seiner
Geltung  behaupten  wie  bei  uns.“

Weiter  bemerkt  er:  „Beim  Arblicke  der  schönsten  italienischen
  Landschaften  habe  ich  mich  oft  gefragt:  Wie,  wenn  sich
von  dieser  Seite  plötzlich  das  Elbthal  aufthäte  9  Würde  man
nicht  über  den  holden  Reiz  oder  die  romantische  Wildheit  (2)
desselben  erstaunend'  Würde  dies  Segment  deutschen  Zodens,
mitten  in  den  Kreis  italienischer  oder  schweizerischer  Herrlichkeit
gerückt,  nicht  als  einer  der  schönsten  Abschnitte  erscheinen“

Wiäre  diese  Beurteilungsweise  allgemeiner,  so  würden  wir
auch  über  andre  Teile  des  Sachsenlandes,  vor  allem  über  das
Erzgebirge  und  das  obere  Dogtland,  Seugnisse  haben,  welche
der  hohen  landschaftlichen  Schönheit  dieser  Gebirgsgegenden  gerecht
  würden.  So  aber  wird  aus  älterer  Seit  vom  Erzgebirge
nur  der  —  leider  jetzt  durchaus  nicht  mehr  so  ergiebige  —
Berssegen  gerühmt.  Daß  er  in  ganz  Deutschland  und  darüber
hinaus  Gegenstand  des  Erstaunens  und  wohl  auch  des  Aleides
gewesen  ist,  da  in  der  That  seiner  Seit  die  sächsischen  Fürsten
ihre  Mracht  und  ihren  Glanz  dem  Silberbergbau  im  Erzgebirge
  verdankten,  klingt  in  dem  bekannten  TLiede  Justinus
Herners  „Der  reichste  Fürst“  nach,  in  welchem  er  den  Sachsen
sagen  läßt:
        <pb n="15" />
        Das  Cand.  9

Herrlich,  sprach  der  Fürst  von  Sachsen,
Ist  mein  Land  und  seine  Macht.
Silber  tragen  seine  Berge

Wohl  in  manchem  tiefen  Schacht.

Ein  weiteres  volkstümliches  Urteil  über  das  Erzgebirge
finden  wir  in  dem  Rheinweinliede  des  norddeutschen  Dichters
Matthias  Claudius,  der  über  unfre  Berge  sagt:

Im  Erzgebirge  dürft  ihr  auch  nicht  suchen,
Wenn  Wein  ihr  finden  wollt;

Das  bringt  nur  Silbererz  und  Nobaltkuchen
Und  etwas  TLausegold.

Sum  Ceil  sind  die  Sachsen  selbst  daran  schuld,  daß  ihr
Land  nicht  hinreichend  gewürdigt  wird,  indem  sie  z.  B.  die
allerdings  rauhe  Gegend  um  den  leilberg  (1255  m)  das
„sächsische  Sibirien"“  nennen.  Desgleichen  sagt  man  scherzweise,
daß  der  Teufel,  als  er  dem  Herrn  Thristus  bei  der  Dersuchung
(Matth.  4)  die  Reiche  der  Welt  und  ihre  Herrlichkeit  zeigte,
die  sächsischen  Orte  Geper,  Thum  und  Ehrenfriedersdorf  nicht
mit  gezeigt  habe,  weil  diese  doch  gar  zu  wenig  zum  Herrlichen
in  der  Welt  gerechnet  werden  könnten  (mündlich).  Daß  wir  in
unserm  Lande  noch  viel  Schönes  haben,  was  mehr  als  bisher
bewundert  zu  werden  verdient,  beweist  uns  ein  Ausspruch
Leupolds,  der  die  Gegend  um  Sachsenburg  an  der  Sschopau
für  eine  der  reizendsten  in  Deutschland  erklärt.10)

Dor  einer  vorurteilslosen  Kritik  besteht  auch  Leipzigs  Umgegend.
  So  schildert  Sachuariä  in  seinem  1761  in  erster  Ausgabe
  erschienenen  „Renommisten“  das  Rosenthal,  dessen  Zäume
zu  seiner  Seit  noch  bis  dicht  vor  das  Ranstädter  Thor  gingen,
als  einen  sehr  lieblichen  Hain,  welcher  zum  ustwandeln,
        <pb n="16" />
        10  Das  Cand.

namentlich  Liebende  einlade  und  durch  welchen  eine  Mahnfahrt
nach  Gohlis  zu  machen  einen  ganz  eigentümlichen  Reiz  gewähre.  )

Ganz  reizlos  hingegen  erscheint  die  Gegend  um  Leipzig
dem  Franzosen  Diktor  Tissot,  dessen  Reisewerk  über  Deutschland,
welches  unter  dem  Titel:  „Un  voyage  au  pays  des  milliards
1878  in  Haris  erschienen  ist,  überhaupt  durch  den  an  Derrücktheit
  grenzenden  Arger  über  die  ungeheuren  Fortschritte
Deutschlands  seit  dem  siegreichen  Kriege  von  1870/71  sehr  belustigend
  auf  den  Leser  wirkt.

Es  fällt  ihm  auf  dem  Wege  von  Weimar  nach  Leipzig
auf,  daß  man  nicht  mehr  kleine  Thäler  und  frische  grüne  Gehölze,
  nicht  mehr  lachende  Dörfer  hinter  Zaumvorhängen,  sondern
  ein  ödes,  fast  unbebautes  Land  sieht.  Tkackte  Sbenen  entrollen
  sich  vor  dem  Blicke  wie  eine  Müste.  Alles  ist  um
einen  Monat  hinter  dem  Süden  zurück,  der  Holunder  ist  eben
erst  erblüht,  das  Getreide  kurz  und  mager;  Happelbäume,  die
wie  Soldaten  in  Reih'  und  Glied  dastehen  und  die  Felder  zu
bewachen  scheinen,  ersetzen  die  Fruchtbäume.  12)

Allerdings  würde  sofort  die  Gegend  ihm  wie  ein  Haradies
erschienen  sein,  wenn  ihm  zwischen  Hötzschau  und  Markranstädt
jemand  gesagt  hätte,  daß  man  hier  aus  Hreußen  heraus
und  nach  Sachsen  hineinkomme.  Denn  wenn  er  gleich  Leipzig
wegen  seiner  egeisterung  für  Uaiser  und  Reich  sehr  wenig
schön  findet,  so  ist  ihm  doch  Sachsen  immer  noch  unendlich  lieber
  als  das  in  seinen  Augen  über  alles  hassenswerte  Oreußen,
dessen  hohe  Bedeutung  für  die  neueste  Entwickelung  der  deutschen
  Geschichte  kaum  durch  etwas  andres  so  klar  dargelegt
werden  kann,  als  durch  die  TLästerungen  des  durch  seine  Wut
verblendeten  Franzosen.
        <pb n="17" />
        II.  Die  Ceute.

Auf  dem  Boden  nun,  den  wir  jetzt  im  Lichte  fremden
Urteils  betrachtet  haben,  lebt  ein  Volk,  welchem  von  Fremden,
die  es  zu  beobachten  und  kennen  zu  lernen  Gelegenheit  gehabt
haben,  nachgerühmt  wird,  daß  es  einen  friedlichen  und  gutmütigen
  Charakter  habe,  der  sich  auch  in  seiner  höflichen  Art
und  Weise  des  Derkehrs  und  in  seiner  gemütlichen  Sprache
kund  thue.

Ein  sehr  günstiges  Bild  vom  Charakter  des  sächsischen
Dolkes  entwirft  die  französische  Schriftstellerin  Zaronin  de  Stasl
in  ihrem  heute  noch  lesenswerten  Buche:  „De  l’Allemagne“,  welches,
  wenn  es  auch  dem  deutschen  Wesen  nicht  ganz  gerecht
wird,  doch  von  einem  wirklich  tiefen  Singehen,  namentlich  auf
die  deutsche  Litteratur,  Seugnis  ablegt,  in  welche  sie  A.  W.  und
J.  Schlegel,  Werner  und  Chlenschläger  eingeführt  haben,  nachdem
  schon  W.  von  Humboldt,  Jakobi,  Ramdohr,  Stapfer  u.  a.
sie  für  die  Beschäftigung  mit  derselben  vorbereitet  hatten.  Sie
also  findet,  daß,  wie  in  ganz  Morddeutschland,  so  besonders  in
Sachsen  ein  lebendiger  Glaube  an  das  Evangelium  das  ganze
Dolksbewußtsein  durchdringe,  und  führt  davon  in  dem  Abschnitt
du  protestantisme  13)  folgendes  Beispiel  an:

„Als  ich  einst  (im  Jahre  1803  wahrscheinlich)  von  Dresden  nach
eipzig  reiste,  machte  ich  am  Abend  in  Meißen  Ralt,  einer  kleinen,  auf
einer  Höhe  am  Ufer  eines  Flusses  gelegenen  Stadt,  deren  Hirche  Gräber
einschließt,  die  heiligen  Erinnerungen  gewidmet  sind.  Ich  ging  auf
einem  freien  platze  auf  und  ab  und  gab  mich  jener  Träumerei  hin,
welche  der  Sonnenuntergang,  der  Blick  auf  die  Kandschaft  und  das  Rauschen
  der  Wogen  zu  unsern  Füßen  so  leicht  in  unfrer  Seele  wachrufen.
        <pb n="18" />
        12  Die  TLeute.

Da  hörte  ich  die  Stimmen  einiger  Leute  aus  dem  Volke;  ich  fürchtete,
unpassende  Worte  zu  hören,  wie  man  sie  anderwärts  auf  den  Straßen
singt,  aber  wie  groß  war  meine  Derwunderung,  als  ich  folgenden  Rund.
reim  hörte:  „Sie  haben  sich  geliebt  und  sie  sind  mit  der  Hoffnung  ge.
storben,  einander  wiederzusehen.“  Glückliches  Land,  wo#  solche  Gefühle
volkstümlich  sind,  wo  sie  selbst  durch  die  Luft,  welche  man  einatmet,  ein
gewisses  religiöses  Gemeinschaftsleben  verbreiten,  dessen  zartes  Band  die
Liebe  zum  Himmel  und  das  Mitleid  mit  der  Menschheit  sind.“

Um  sodann  einen  Beweis  von  dem  vortrefflichen  Sustande
der  öffentlichen  Sittlichkeit  zu  geben,  erzählt  sie:  )

„Das  Pertrauen  ist  so  groß,  daß  in  Leipzig  der  Besitzer  eines
Apfelbaumes,  welchen  er  an  einem  öffentlichen  Spaziergange  gepftanzt
hat,  denselben  nur  durch  einen  Anschlag  zu  schützen  braucht,  in  welchem
er  bittet,  ihm  keine  Früchte  zu  nehmen.  In  zehn  Jahren  hat  man
ihm  nicht  einen  Apfel  gestohlen!  Ich  habe  diesen  Apfelbaum  mit  Hochachtung
  betrachtet.  Den  Baum  der  5esperiden  hätte  man  nicht  besser
schonen  können.“

Wir  dürfen  dies  Lob  insofern  annehmen,  als  in  der  That
ein  guter  Lern  von  wahrhafter  Frömmigkeit  in  dem  TCharakter
unfres  Dolkes  enthalten  ist.  Sunächst  weiß  jeder,  daß  in  den
Dolksliedern,  an  denen  die  singende  Welt  bei  uns  ihr  Wohlgefallen
  hat,  der  Gedanke  an  das  Wiedersehen,  und  zwar  nicht
nur  an  das  nach  langer  Tremnung  auf  Erden,  sondern  auch
das  ewige  im  Himmel,  sehr  oft  ausgesprochen  wird.

Ja,  man  versenkt  sich  in  denselben  gern  mit  jener  Schwermut,
  die,  wenn  sie  gleich  an  und  für  sich  schmerzlich  ist,  doch
dem  Herzen  wohl  thut.  Man  legt  sogar  diesen  Gedanken  in
Lieder  hinein,  die  ihn  an  und  für  sich  gar  nicht  enthalten,  wie
z.  B.  das  bekannte:  „Es  ist  bestimmt  in  Gottes  Rat"“,  dessen
Schluß:  „Wenn  Menschen  auseinander  geh'n,  so  sagen  sie  auf
        <pb n="19" />
        Die  Leute.  13

Wiederseh'n“  dem  Sinne  des  ganzen  Gedichts  zuwider  mit  einer
solchen  Beharrlichkeit  vom  Wiedersehen  nach  dem  Tode  ausgelegt
worden  ist,  daß  es  sehr  gern  von  Gesangvereinen  an  Gräbern
vorgetragen  wird  und  immer  eine  gute  Wirkung  hervorbringt.

Allein  die  Frönimigkeit  unsres  Volkes  ist  darum  nicht  etwa
eine  bloß  allgemein  gefühlsmäßige,  sondern  sie  ist  eine  festgegründete
  kirchliche.  Dies  bezeugt  unter  andern  Tholuck,  der
große  hallische  Gottesgelehrte,  welcher  im  Gegensatz  zu  dem
unkirchlichen  Wesen  ganzer  Stände  und  ganzer  Landstriche  in
Deutschland  hervorhebt,  daß  es  noch  ganze  Gegenden  des  protestantischen
  Deutschlands  gibt,  wo  aus  alter,  angestammter
Sitte  der  Kirchenbesuch  überhaupt  noch  jetzt  wie  früher  zahlreich
  ist,  so  z.  B.  Württemberg  und  manche  Gegenden
Sachsens.15)

Wir  dürfen,  Gott  sei  Dank,  hinzufügen,  daß  gegenwärtig
der  Besuch  des  Gottesdienstes  immer  mehr  gute  Sitte  geworden
ist,  nicht  nur  bei  uns  in  Sachsen,  sondern  allerwärts.  Der  Besuch
  des  heiligen  Abendmahls  ist  bei  uns  nicht  so  bedeutend
wie  anderwärts;  denn  der  neueste  amtliche  Bericht  darüber  15)
gibt  an,  daß  18,2  %  der  evangelischen  Gesamtbevölkerung  daran
teilnehmen,  das  ist  noch  nicht  die  Hälfte,  während  man  in
Osterreich  bei  den  Evangelischen  Augsburgischen  Bekenntnisses
110/28,  bei  denen  helvetischen  ekenntnisses  10%216%  der  Gemeindeglieder
  an  Kommunikanten  rechnet.1)

Indessen  steht  nicht  nur  Sachsen,  sondern  überhaupt  jedes
Land,  in  welchem  so  gut  wie  alle  Sinwohner  einem  Bekenntnisse
  angehören,  in  bezug  auf  die  Mlirchlichkeitsziffer  hinter  der
Diaspora,  d.  h.  den  Ländern,  wo  ein  Bekenntnis  nur  ganz  wenige,
vereinzelte  Anhänger  hat,  zurück.
        <pb n="20" />
        14  Die  TLeute.

Jedoch  wir  wollen  uns  nicht  besser  machen  als  wir  sind,  sondern
  auch  hören,  was  der  Leumund  Schlechtes  von  uns  zu  sagen
hat.  Da  spricht  uns  denn  der  zwar  strenge,  aber  gerechte  Mund
der  Statistik  folgendes  Urteil.  An  unehelichen  Geburten  kamen
laut  der  angeführten  amtlichen  Susammenstellung  16  456  auf
154206  Geburten  im  ganzen,  d.  i.  12½,  also  steht  Sachsen  leider
in  diesem  Dunkte  nur  unter  Frankreich  und  Zapern,  sonst  aber
über  allen  Ländern,  aus  welchen  statistische  Tachrichten  vorliegen.

Die  Sahl  der  Shescheidungen  betrug  während  der  Jahre
1840—40  im  Mittel  577  auf  15114  Tramungen,  also  2.30%,
während  in  Schweden  auf  25  406  Trauungen  115  gerichtliche
Scheidungen,  also  0,415  %  und  in  Belgien  auf  50  504  Trauungen
50  gerichtliche  Scheidungen,  also  0,oos  ½%  kamen.  12:)  Im  vergangenen
  Jahre  betrug  die  Sahl  der  Ehescheidungen  bei  274%
evangelischen  Trauungen  754,  also  2,24  %.

Am  schlimmsten  steht  es  in  bezug  auf  die  Selbstmorde,
denn  da  müssen  wir  uns  ziffernmäßig  nachweisen  lassen,  daß  in
Sachsen  die  Selbstmorde  fast  am  häufigsten  in  der  ganzen  Welt
vorkommen!  Der  Ztaliener  Bodio  gibt  an,  daß  im  Jahre  1871
in  Sachsen  1114  Selbstmorde  vorgekommen  sind,  also  501  auf
1  Million  Sinwohner,  in  Dreußen  4565,  also  174  auf  1  WMillion,
in  Schweden  450,  also  96  auf  1  Million,  in  Irland  75,  also“
16,2  auf  1  Million.

So  steht  also  ein  Land,  in  welchem  Mordthaten  an  andern
in  der  letzten  Seit  mit  leichtem  Gewissen  verübt,  ja  von  gewissen
Kreisen  gar  nicht  mehr  als  Derbrechen  angesehen  worden  sind,
hinsichtlich  der  Selbstmorde  auf  der  niedrigsten  Stufe  der  schauerlichen
  Leiter,  auf  welcher  unser  doch  sonst  gut  beleumundetes
Sachsen  die  höchste  Stufe  einnimmt.
        <pb n="21" />
        Die  Leute.  15

Um  den  traurigen  Dorrang  hierin  scheint  sich  mit  ihm
Dänemark  zu  streiten,  wo  nach  Zlock  für  die  Seit  von  1856
bis  1865  auf  1  Million  Einwohner  288  Selbstmorde  kamen,
während  Sachsen  bei  ihm  erst  an  zweiter  Stelle  kommt  mit
251  auf  1  Million;  an  letzter  Stelle  steht  bei  ihm  Spanien  mit
14  auf  I  Million.

Brierre  hat  noch  eine  andre  Reihenfolge,  nämlich  an  erster
Stelle  Sachsen-Altenburg  mit  505  auf  1  Million,  Königreich
Sachsen  mit  251  auf  1  Million  (wie  Block),  und  an  letzter
Stelle  wieder  Spanien  mit  14  auf  1  Million.  In  Sachsen
wieder  hat  Leipzig  die  höchste  Sahl,  nämlich  4,82  auf  10000
Einwohner;  Breslau  hat  5,60,  Dresden  5,65;  an  letzter  Stelle
steht  bei  ihm  London  mit  O/,,4.15)

Der  bereits  angeführte  statistische  Zericht  des  Landeskonsistoriums
  gibt  die  Sahl  der  Selbstmorde  für  1887  auf  1042
bei  3075951  evangelischen  Bewohnern  an,  gegen  das  Dorjahr
wieder  eine  Steigerung  um  35.  Dies  ist  eine  traurige  Thatsache,
  welche  wir  auch  im  Jubeljahre  1880  uns  nicht  verschweigen
  dürfen.  Mkan-setzt  sie  wohl  nicht  mit  Unrecht  in
innere  Derbindung  mit  dem  hohen  Grade  der  Givilisation  in
unserm  Sachsen,  von  welcher  an  anderm  Orte  die  Rede  sein  wird.

Endlich  sei  hier  noch  angeführt,  daß  den  Sachsen  etwas
Mangel  an  Wahrheitsliebe  vorgeworfen  wird.  Ein  Sprichwort
sagt:  Meißner,  Gleißner;  15)  doch  ist  dies  Wort  wohl  nur  dadurch
  entstanden,  daß  der  Sachse  im  Dergleich  zu  andern  Deutschen
  sehr  höflich,  zuvorkommend  und  verbindlich  ist.  So  hat
der  Sachse  denn  für  seinen  guten  Willen  hier,  wie  auch  sonst
oftmals,  üblen  Dank.  Loen  faßt  sein  Urteil  über  unsern  volkscharakter
  also  zusammen:  „Das  sächsische  Zlut  ist  das  schönste
        <pb n="22" />
        16  Die  Leute.

in  Deutschland,  es  ist  feurig  und  überaus  zärtlich.  Der  Sinn
für  Genuß  macht  die  Einwohner  in  diesem  Cande  sinnreich,
angenehm,  häöflich  und  schmeichlerisch,  aber  zugleich  auch  wankelmütig,
  weichlich,  plauderhaft,  schwelgerisch.  Weil  die  Sachsen
mit  einer  glücklichen  Erfindungsgabe  begabt  sind,  so  findet  man
unter  ihnen  die  meisten  Doeten  und  Romanschreiber;  sie  sind  die
ersten,  welche  sich  erkühnt  haben,  deutsche  Schauspiele  nach  dem
Muster  der  Franzosen  zu  verfertigen  u.  s.  w.“  (man  vergl.
Förster,  „Friedrich  August  II.,  König  von  Dolen  und  Kurfürst
von  Sachsen",  S.  451).20)  Der  Baron  von  Loen,  baprischer
Abkunft,  hat  zu  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts  Deutschland
bereist  und  die  Eindrücke,  welche  er  auf  dieser  Reise  empfangen
  hat,  in  seinen  höchst  interessanten  „Kleinen  Schriften“
niedergelegt.

Dem  Angeführten  dürfen  wir  nun  aber  auch  andre  statistische
  Totizen  entgegenstellen.  Da  ist  hervorzuheben,  daß  in
bezug  auf  gewisse  Derbrechen  die  Statistik  sehr  zu  gunsten  unsres
Dolkes  spricht.  So  kamen  z.  B.  in  Sachsen  1860—63  an
HDochverrats=  und  WMajestätsverbrechen  auf  100  bei  den  Schwurgerichten
  zur  Anzeige  gekommenen  Derbrechen  nur  1/90½;  in
Bapern  an  politischen  Dergehen  (Dochverrat,  Auflehnung  gegen
die  öffentliche  Autorität  u.  s.  w.)  6,42  %0;  an  Mord  und  Totschlag
  in  Sachsen  3%  und  an  vorsätzlicher  Mörperverletzung
2%,  in  Bapern  an  Angriffen  auf  Leib  und  Leben  andrer  2  1/0.

hinsichtlich  des  Diebstahls  stehen  beide  Staaten  ziemlich
gleich.  Sachsen  nämlich  hatte  5%,,5,  Bavern  38,29%.  21)  Sodanmn
  dürfen  wir  rühmen,  daß  wir  für  fleißig,  sparsam  und
mäßig  gelten,  und  es  auch  wirklich  sind!  über  Sachsens  Gewerbfleiß
  sprechen  sich  alle  Dolkswirte  von  Fach  durchaus
        <pb n="23" />
        Die  Leute.  17

anerkennend  aus;  hier  sei  das  Urteil  eines  mit  guter  Beobachtungsgabe
  ausgestatteten  Caien  angeführt,  der  Sachsen  unter
August  dem  Starken  kennen  gelernt  hat,  des  Barons  von  Coen.
Er  sagt:  „Viele  meinen  (in  Sachsen),  ihr  König  August  besäße
das  Geheimnis,  Gold  zu  machen.  Es  ist  glaublich,  daß,  wenn
diese  Derwandlung  des  Metalls  möglich  wäre,  dieser  Uönig.
solche  besitzen  möchte.  Ich  bin  aber  der  Meinung,  daß  diese
Destillierer,  welche  er  ihre  Künste  probieren  läßt,  nichts  dazu
beitragen,  wohl  aber  die  stattliche  Handlung,  die  reichen
Bergwerke,  der  gesegnete  Ackerbau  und  eine  Menge  Dolk,
das  sich  durch  Fleiß  und  Arbeit  nährt;  das  sind  Quellen,
die  nie  zu  erschöpfen  sind.“

Mit  Staunen  spricht  Frau  von  Stael  vom  Fleiße  der
deutschen,  bez.  sächsischen  Gelehrten:  „Fünfzehn  Stunden  Einsamkeit
  und  Arbeit  jeden  Tag  und  dies  das  ganze  Jahr  hindurch,
erscheint  hier  als  eine  ganz  selbstverständliche  Art,  zu  leben.“  22)
Dabei  rühmt  sie  ferner,  daß  sie  auf  alle  Annehmlichkeit  des
Lebens  verzichten  und  im  höchsten  Grade  bescheiden  und  einfach
  leben,  wie  denn  überhaupt  die  Genügsamkeit  der  Sachsen
geradezu  sprichwörtlich  ist.

So  ist  mir  in  einer  norddeutschen  Stadt  folgendes  begegnet.
Bei  Gelegenheit  einer  kirchlichen  Dersammlung,  bei  welcher  ich
sehr  viel  zu  thun  hatte,  wollte  ein  sehr  liebenswürdiger  Bürger
derselben  Stadt  mit  mir  in  einer  Hause  gemütlich  frühstücken;
ich  aber  war  im  Drange  der  Geschäfte  sehr  eilig  und  sagte:
„Das  Essen  ist  hier  ganz  Nebensache!“  Darauf  sah  er  mich
traurig  an  und  sprach  die  geflügelten  orte:  „Also  ihr  armen
Menschen  in  Sachsen  eßt  euch  immer  noch  nicht  satt“

Ein  andrer  Freund  von  mir  aus  Ossterreichisch-Schlesien

Der  L(eumund  der  Sachsen.  2
        <pb n="24" />
        18  Die  Ceute.

äußerte  sein  Bedenken,  seinen  Sohn  auf  die  sonst  von  ihm  hochgeschätzte
  Meißner  Fürstenschule  zu  schicken,  weil  er  die  schmale
sächsische  Küche  fürchtete!

Ein  Franzose,  der  gegen  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts
Sachsen  bereist  hat,  findet  sie  in  Dresden  bis  zur  Härglichkeit  gesteigert.
  Er  sagt:  „Die  Zrühen  sind  in  Dresden  so  dünn,  man  hat
so  oft  kalte  und  immer  schmale  Uüche,  daß  ich  glaube,  ein
Wiener  könnte  es  hier  in  einem  mittelmäßigen  Hause  nicht
vier  Wochen  aushalten.  Ich  hatte  schon  mehr  als  eine  Gelegenheit,
  zu  bemerken,  daß  auch  in  den  vornehmen  Häusern
eine  Härglichkeit  in  Rücksicht  auf  Hüche  und  Ieller  herrscht,
die  man  in  Esterreich  und  Bapern  für  eine  Entehrung  halten
würde.  Diese  strenge  Okonomie  erstreckt  sich  auf  alles,  was
zum  Hauswesen  gehört,  und  ich  habe  noch  keine  andre  Art
Luxus  bemerken  können  als  die  Kleidung,  worin  der  Aufwand
im  ganzen  größer  sein  mag  als  in  Süddeutschland.  Alle  vom
Mittelstande,  Frauen  und  Männer,  sind  hier  nach  der  Mode
gekleidet,  und  sie  herrscht  auch  unter  einem  ansehnlichen  Teile
der  unteren  Ulasse,  wogegen  sich  zu  Wien,  München  u.  s.  w.
bis  weit  in  den  Mittelstand  hinein  noch  eine  gewisse  Tationaltracht
  findet.  Ich  wohne  bei  einem  Uhrmacher,  dessen  zwei
Töchter  ihre  vollständige  Toilette  haben  und  täglich  coiffiert
werden.  Dagegen  nehmen  sie  öfters  abends  mit  einer  Butterbemme
  und  allenfalls  einem  dünnen  Schnittchen  Schinken  fürlieb."“
  Sehr  richtig  bemerkt  er  aber:  „Weil  das  Geld  meistenteils
  durch  Arbeit  gewonnen  wird,  geht  man  sparsam  damit
um.“  :8)  In  Leipzig  findet  er  alles  ungleich  besser  und  reichlicher.
  Ganz  im  Gegensatze  dazu  steht  das,  was  von  den
eigentlichen  Sachsen  über  ihre  staunenswerten  Teistungen  im
        <pb n="25" />
        Die  Leute.  19

Essen  und  Trinken  erzählt  wird.  Sweifelhaft  ist  es,  welche
Bedeutung  einer  Stelle  bei  Shakespeare  im  „HKaufmann  von
Denedig“  beizulegen  ist,  wo  unter  den  verschiedenen  rinzen,
welche  sich  um  die  Hand  der  Horzia  bewerben,  der  Sachse  als
der  dem  Trunke  ergebene  dargestellt  wird.  Da  heißt  es:  a)

„Terissa:  Wie  gefällt  Euch  der  junge  Deutsche,  des  Herzogs
von  Sachsen  Neffe  ꝰ

Porzia:  Sehr  abscheulich  des  Morgens,  wenn  er  nüchtern
ist,  und  höchst  abscheulich  des  Nachmittags,  wenn  er  betrunken
ist.  enn  er  am  besten  ist,  ist  er  wenig  schlechter  als  ein
Mann,  und  wenn  er  am  schlechtesten  ist,  wenig  besser  als  ein
Dieh.  Komme  das  Schlimmste,  was  da  will,  ich  hoffe,  es  soll
mir  doch  glücken,  ihn  los  zu  werden.

Nerissa:  Wenn  er  sich  erböte,  zu  wählen"),  so  schlagt  Ihr
ab,  Sures  Daters  Willen  zu  thun,  wenn  Ihr  abschlagt,  ihn
zu  nehmen.  ·

Dorzia:  Aus  Furcht  vor  dem  Schlimmsten  bitte  ich  dich,
setze  einen  Römer  voll  Rheinwein  auf  das  falsche  Uästchen,
denn  wenn  der  Teufel  darin  steckte,  und  diese  Dersuchung  ist
von  außen  daran,  so  weiß  ich,  er  würde  es  wählen.  Alles
lieber,  Aerissa,  als  einen  Schwamm  heiraten.“

Gufällig  ist  diese  Tharakteristik  ebensowenig  als  die  vorausgegangenen
  Schilderungen  des  Tkeapolitaners,  des  Hfalzgrafen,
des  Franzosen,  des  Engländers  und  des  Schotten,  welche  sich
sämtlich  um  die  Hand  der  Horzia  beworben  haben,  zufällig
sind;  allein  sie  bezieht  sich  wohl  nicht  auf  Sachsen  insbesondere,

*)  Mämlich  unter  den  drei  Hästchen,  unter  welchen  der,  welcher  die
Horzia  zur  Frau  bekommen  sollte,  das  von  ihrem  verstorbenen  Vater  bezeichnete
  treffen  mußte.

2*
        <pb n="26" />
        20  Die  Mundart.

sondern  auf  die  an  den  gesamten  deutschen  Höfen  der  damaligen
Deit  herrschende  Unsitte  des  unmäßigen  Trinkens,  vor  allem
Gutrinkens.  Konnte  doch  auch  Kurfürst  Christian  II.,  als  er
von  Rudolf  II.,  bei  welchem  er  in  Prag  zu  Gast  gewesen  war,
Abschied  nahm,  seinen  Dank  nicht  besser  abstatten,  als  indem  er
sagte:  „Ihre  kaiserliche  Majestät  haben  mich  gar  trefflich  gehalten,
also  daß  ich  keine  Stunde  nüchtern  gewesen.“)

Schließlich  sei  noch  erwähnt,  daß  die  Sachsen  auch  von
der  allen  Deutschen  nachgerühmten  Treue  schöne  Süge  aufzuweisen
  haben.  Die  sächsische  Treue  besingt  nachfolgendes,  in
seiner  Einfachheit  tief  ergreifendes  Dolkslied:)

Es  reist  ein  Sachse  ins  fremde  Land,
Unterdessen  ward  sein  Schätzchen  krank.
Krank  hin,  krank  her  bis  in  den  CTod:
Und  stirbt  mein  Schatz,  gräm'  ich  mich  tot!
Dann  kauf'  ich  mir  ein  schwarzes  Kleid,
Ja  wegen  meiner  Traurigkeit.

Er  trug  sein  Mleid  sechs,  sieben  Jahr,

Bis  daß  es  ganz  zerrissen  war.

Ferrissen  hin,  zerrissen  her,

Ich  hab'  ja  keinen  Schatz  nicht  mehr!

Im  genauesten  Susammenhange  mit  dem  Charakter  eines
Volkes  steht  seine  Mundart.  Unsre  sächsische  soll,  wie  man
allgemein  hört,  einerseits  den  Stempel  der  Gemütlichkeit  an  sich
tragen,  anderseits  unter  allen  deutschen  Mundarten  die  verständlichste
  sein.  Beides  ist  richtig.  «
        <pb n="27" />
        Die  Mundart.  21

Das  erstere  ist  der  natürliche  Ausfluß  der  in  der  That
vorhandenen  gutherzigen  und  freundlichen  Art  unsres  Stammes;
das  andre  daraus  erklärlich,  daß  bei  der  allgemeinen  Bildung,
welche  unser  gesamtes  Dolk  durchdringt,  eine  Abschleifung  und
Verwischung  des  Dolksdialekts  eintreten  mußte.  Wenn  diese
Vorzüge  vielfach  nicht  nur  nicht  so,  wie  sie  es  verdienen,  anerkannt
  werden,  sondern  ein  Gegenstand  fortwährender  Neckereien
sind,  wie  man  es  bei  jeder  Reise  durch  andre  deutsche  Lande
erleben  kann,  und  wenn  infolge  davon  unter  den  Sachsen  selbst
viele,  an  der  Berechtigung  ihrer  Mundart  irre  geworden,  sich
Mühe  geben,  dieselbe  abzulegen,  so  sei  dagegen  darauf  aufmerksam
  gemacht,  daß  wir  von  maßgebender  Seite  höchst  ehrenvolle
Seugnisse  über  unfre  Sprache  anführen  können.

Der  Minnesänger  Hugo  von  Trimberg  (Anfang  des  14.
Jahrhunderts)  erteilt  in  seinem  „Renner"  den  Meißnern  das
Lob  einer  sorgfältigen  Aussprache,  und  eine  alte  Driamel  des
15.  Jahrhunderts  sagt:  „In  Meißen  teutsche  Sprache  gar  gut.“27)
Als  sodann  Luther,  der  Schöpfer  der  neuhochdeutschen  Schriftsprache
  auftrat,  fand  er  an  der  Sprache,  wie  sie  sich  in  der
sächsischen  Kanzlei  ausgebildet  hatte,  eine  Schriftsprache  vor,  in
welcher  er  sich  jedem  Deutschen  verständlich  machen  konnte.  Er
selbst  sagt  darüber:

„Ich  habe  keine  sonderliche  eigne  Sprache  im  Deutschen,  sondern
gebrauche  der  gemeinen  deutschen  Sprache,  daß  mich  beide,  Gber=  und
Miederdeutsche,  verstehen  mögen.  Ich  rede  nach  der  sächsischen  Kanzlei,
welcher  nachfolgen  alle  Fürsten  und  Hönige  in  Deutschland.  Alle  Reichsstädte
  und  Fürsten  schreiben  nach  der  sächsischen  und  unsres  Fürsten  Kanzlei.
Darum  ist  es  auch  die  gemeinste  deutsche  Sprache.  Kaiser  Max  und  urfürst
  Friedrich,  Herzog  zu  Sachsen,  haben  im  römischen  Reiche  die  deutschen
Sprachen  also  in  eine  gewisse  Sprache  gezogen.“26)
        <pb n="28" />
        22  Die  Mundart.

Wenn  auch  unser  Cuther  hiermit  die  Ehre,  Schöpfer  einer
neuen  deutschen  Sprache  zu  sein,  bescheidentlich  ablehnt,  so  ist
er  es  doch!  Man  vergleiche  nur  den  von  ihm  als  seine  Norm
angeführten  lanzleistil  mit  seiner  eignen  Sprachel!  Mlit  Recht
nennt  daher  bereits  1551  der  Grammatiker  Fabian  Franck
neben  der  kaiserlichen  Kanzlei  Luthers  Schriften  als  Richtschnur
der  Sprache.  25)  In  späterer  Seit  wird  von  dem  Baron  von
Loen,  den  wir  bereits  erwähnten,  den  sächsischen  Frauen  nachgerühmt,
  daß  man  unter  ihnen  die  besten  Sprechmeisterinnen
finde:  „Der  liebliche  Mlang  ihrer  Stimme  macht  auch  selbst
unsre  rauhen  Töne  zärtlich  und  angenehm.“  o0)  Schließlich  läßt
Schiller  in  seinen  „Flüssen“  die  Elbe  sagen:

All  ihr  andern,  ihr  sprecht  nur  ein  MKauderwelsch;  unter  den  Flüssen

Deutschlands  rede  nur  ich  und  auch  in  Meißen  nur  deutsch.
Woenn  in  diesen  Worten  eine  leise  Jronie  liegt,  so  enthalten
  sie  doch  eine  Anerkennung  dessen,  was  in  Sachsen  durch
die  Gottschedsche  Schule  für  die  deutsche  Sprache  gethan  worden
  war.

Gegen  diese  Derrschaft  des  meißnischen  Dialekts  hat  sich
zwar  auch  Goethe  anfänglich  erklärt,  da  er  jedem  deutschen
Dialekt  dasselbe  Recht  darauf,  sich  in  der  Litteratur  geltend  zu
machen,  zuspricht.  Allein  je  mehr  und  mehr  hat  auch  er  sich  ihr
gefügt,  wie  aus  der  Dergleichung  seiner  von  Erich  Schmidt  heraus
gegebenen  ersten  Faustbearbeitung  mit  der  in  seine  gesammelten
Werke  aufgenommenen  hervorgeht;  und  nachweisbar  hat  der
Aufenthalt  in  Leipzig,  vor  allem  der  Umgang  mit  den  Teipzigerinnen,
  maßgebend  auf  sein  Deutsch  eingewirkt.

Sein  Seugnis  gegen  die  Meißner  Mlundart  ist  ein  sehr  geharnischtes,
  es  lautet  folgendermaßen:  „Mit  welchem  Sigensinne
        <pb n="29" />
        Die  Mundart.  23

die  Meißner  Mundart  die  übrigen  zu  beherrschen,  ja  eine
Seitlang  auszuschließen  gewußt  hat,  ist  jedermann  bekannt.
Wir  haben  viele  Jahre  unter  diesem  pedantischen  Regiment
gelitten,  und  nur  durch  vielfachen  Widerstreit  haben  sich  die
sämtlichen  Drovinzen  in  ihre  alten  Rechte  wieder  eingesetzt  ().
Was  ein  junger  lebhafter  Tkensch  unter  diesem  beständigen  Hofmeistern
  ausgestanden  habe,  wird  derjenige  leicht  ermessen,  der
bedenkt,  daß  nun  mit  der  Aussprache,  in  deren  Deränderung
man  sich  endlich  wohl  ergäbe,  zugleich  Denkweise,  Sinbildungskraft,
  Gefühl,  vaterländischer  Tharakter  sollten  aufgeopfert  werden.
Und  diese  unerträgliche  Forderung  wurde  von  gebildeten  Männern
und  Frauen  gemacht,  deren  Überzeugung  ich  mir  nicht  zueignen
konnte.  Mir  sollten  die  Anspielungen  auf  biblische  Kernstellen
untersagt  sein,  sowie  die  Benutzung  treuherziger  Chronikenausdrücke.
  Hch  sollte  vergessen,  daß  ich  den  Geiler  von  Uaisersberg
  gelesen  hatte,  und  des  Gebrauchs  der  Sprichwörter  entbehren,
  die  doch  statt  vieles  hin=  und  Herfackelns  den  Nagel
gleich  auf  den  Kopf  treffen;  alles  dies,  was  ich  mir  mit  jugendlicher
  Heftigkeit  angeeignet,  sollte  ich  missen,  ich  fühlte  mich  in
meinem  Innern  paralvysiert  und  wußte  kaum  mehr,  wie  ich
mich  über  die  gemeinsten  Dinge  zu  äußern  hatte.“  (Aus  meinem
Leben,  Wahrheit  und  Dichtung,  Band  IV.  der  sechsbändigen
Cottaschen  Ausgabe,  S.  92.)

Der  Derständlichkeit  der  sächsischen  Mundart  gibt  ein  sehr
vorteilhaftes  Heusnis  ein  Franzose  in  dem  zwar  nicht  unbedingt,
aber  in  vielen  Stücken  als  Duelle  für  Kenntnis  der  damaligen
Gustände  in  den  verschiedenen  Teilen  unfres  Daterlandes  brauchbaren
  Werke:  „Briefe  eines  reisenden  Franzosen  über  Deutschland
an  seinen  Bruder  in  Daris“  (1786).  Er  sagt  daselbst  im  &amp;amp;1.  Briefe:
        <pb n="30" />
        24  Die  Frauen.

„Sowie  man  über  die  böhmische  Grenze  ist,  hört  man  eine
ganz  andre  Sprache.  Sum  erstenmal  hörte  ich  nun  das  gemeine
  Dolk  verständig  deutsch  sprechen;  denn  durch  ganz  Schwaben,
Bapern  und  Osterreich  spricht  man  einen  Jargon,  den  einer,  der
das  Deutsche  von  einem  Sprachmeister  gelernt  hat,  ohne  besondere
  übung  unmöglich  verstehen  kann.“

Da  die  Eigentümlichkeit  eines  Dolkes  am  reinsten  von  den
Frauen  festgehalten  zu  werden  pflegt,  müssen  wir  auch  hören,
was  der  Leumund  Sachsens  über

IV.  Die  Frauen

sagt.  Schon  die  volkstümliche  Redensart,  daß  in  Sachsen  die  schönen
Mädchen  auf  den  Bäumen  wachsen,  ist  nicht  nur  des  Reims
wegen  entstanden,  sondern  Ergebnis  einer  richtigen  Beobachtung.

Sodann  spricht  sich  der  mehrfach  genannte  Baron  von
Loen  über  die  Schönheit  und  TLiebenswürdigkeit  der  sächsischen
Frauen  folgendermaßen  aus:  „Das  Frauenzimmer  in  Sachsen
und  darunter  das  meißnische  hat  etwas  Holdseliges  und  Tiebreizendes.
  Es  übertrifft  noch  die  Engländerinnen  an  wuchs
und  Schönheit.  Es  hat  die  Feinheit  der  Französinnen  und  das
Feuer  der  Italienerinnen.  In  dem  schmeichelhaften  Wesen  aber
geht  es  allen  vor.  Es  schlägt  eben  die  Augen  insgemein  nur
deshalb  nieder,  um  mit  einem  geschärften  Zlicke  desto  mehr
Unheil  anzurichten.“  31)

Siehen  wir  hiervon  das  ab,  was  auf  Rechnung  des  nun
längst  vergangenen  „galanten  Sachsens“  zu  schreiben  ist,  so
stimmen  wir  gern  heute  noch  in  das  darin  den  Frauen  Sachsens
erteilte  Lob  ein.  Haben  sie  es  doch  nicht  nur  dem  Baron  von
Loen,  sondern  so  manchem  andern  angethan.
        <pb n="31" />
        Die  Frauen.  25

Bezeichnend  hierfür  ist  die  sprichwörtliche  Redensart:  „Wer
von  Wittenberg  kommt  mit  gesundem  TLeib,  von  Jena  ungeschlagen,
  von  Leipzig  ohne  Weib,  der  kann  von  Glücke  sagen“;
sowie  die  1704  zur  200jährigen  Jubelfeier  der  Universität
Wittenberg  auf  die  genannten  drei  sächsischen  Universitäten  geschlagene
  Münze;  dieselbe  zeigt  nämlich  den  Wittenberger  Studenten
  mit  steifer  Mkiene  das  Bierglas  in  der  hand,  aber
das  Zuch  unter  dem  Arme,  den  Jenenser  mit  gezogenem  Degen
und  einer  großen  Schmarre  auf  dem  Backen,  den  Leipziger  —
mit  einem  entflammten  Herzen  in  der  Hand!  Die  Unterschrift
sagt:  Trabit  sua  quemque  voluptas.#2)

Desgleichen  stellt  ein  Ausspruch  Gottscheds  den  wilden
Jägern  an  der  Saale,  d.  h.  den  Jenaischen  Studenten,  die
sanften  Schäfer  an  der  Dleiße,  d.  h.  die  TLeipziger  Studenten,
gegenüber.  Ausschließlich  mit  diesem  Gegensatze  beschäftigt  sich
das  als  Seit=  und  Sittenbild  höchst  wertvolle  Gedicht  Sachariäs
„Der  Renommist“,  auf  welches  schon  oben  S.  7  einmal  bezug
genommen  war.  Hier  wird  afn  „Raufbold“  das  nur  auf
Trinken  und  Schlagen  hinauskommende  rohe  und  wüste  Treiben
der  Studenten  auf  den  kleinen  deutschen  Universitäten  dargestellt,
an  „Sylvan“  hingegen  der  durch  das  Leben  in  der  großen
Stadt  und  vor  allem  durch  den  Umgang  mit  gebildeten  und
liebenswürdigen  Frauen  verfeinerte,  darum  aber  auch  etwas
geckenhafte  Ton  des  Leipziger  Studenten,  und  zwar  so,  daß
durch  den  Waffenerfolg  Splvans  über  Raufbold  deutlich  die
Vorliebe  des  Dichters  für  den  ersteren  bekundet  wird.

Geradezu  überschwenglich  in  seinem  TLobe  der  sächsischen
Frauen  ist  der  „reisende  Franzose“.  Er  schreibt  von  Dresden
aus  (Al.  Brief):  „Je  länger  ich  hier  bin,  Bruder,  um  so  mehr
        <pb n="32" />
        26  Die  Frauen.

glaube  ich  in  meinem  Vaterlande  zu  sein.  Die  Sitten  der
hiesigen  Einwohner,  ihre  Cebensart,  ihre  Gebärden,  Vergnü—
gungen,  der  Ton  ihrer  Gesellschaften,  kurz  alles  versetzt  mich
nach  Haus.  Ich  wünsche  nur,  daß  unsre  Damen,  Fräuleins
und  Mädchen  so  schön  und  frisch  wären  als  die  hiesigen!  Ich
erinnere  mich,  daß  eine  Osterreicherin,  als  einige  Derren  in
einer  Gesellschaft  den  Sächsinnen  eine  große  Lobrede  hielten,
denselben  zur  Antwort  gab:  „Gebt  uns  nur  so  schöne  und  artige
Männer  als  die  Sachsen  sind  und  dann  laßt  uns  für  das
übrige  sorgen!  —  Das  hiesige  Frauenzimmer  hat  nicht  nur  die
Kenntnisse,  welche  unmittelbar  dazu  beitragen,  seine  natürlichen
Reize  zu  erhöhen,  sondern  auch  sehr  viel  allgemeine  Weltkennt—
nis  und,  was  noch  viel  mehr  ist,  schöne  Sitten!  —  Hier  gibt
es  wahre  Jdeale  von  Schönheiten!  Schlank  von  Wuchs,  frisch
von  Fleisch  und  Farbe,  rund  von  Unochen  und  lebhaft  in  Gebärde
  hüpfen  die  7Mädchen  daher  wie  die  jungen  Rehe,  um
mit  Salomo  zu  sprechen,  an  den  ich  Dich  überhaupt  verweisen
will,  denn  ich  bin  wirklich  nicht  dazu  aufgelegt,  Dir  ein  dichterisches
  Gemälde  davon  zu  geben,  ob  ich  schon  noch  kein
Frauenzimmer  gesehen  habe,  das  mich  so  leicht  zu  einem  hohen
Liede  entzücken  könnte  als  das  hiesige.“

Machdem  er  bei  einigen  Landedelleuten  in  der  Umgebung
von  Leipzig  zu  Besuch  gewesen  ist,  schreibt  er  von  ihren  Töchtern:
  „Sie  sind  die  artigsten  Geschöpfe  von  der  Welt.  Ihre
natürliche  Smpfindsamkeit  und  Lebhaftigkeit  nimmt  in  der
Stille  des  Landlebens  gemeiniglich  einen  romantischen  Schwung,
der  in  allen  ihren  Gebärden,  Blicken  und  Reden  sichtbar  ist.  —
Lessings  Minna  von  Barnhelm,  die  Du  ohne  Sweifel  kennst,
hat  etwas  von  ihrer  verliebten  Schwärmerei;  allein  ihre
        <pb n="33" />
        Die  Frauen.  27

charakteristische  Laune  ist  mehr  die  Art  der  sächsischen  Stadtfräulein.
  Die  Landfräulein  überhaupt  genommen,  haben  das
Dikante  und  Neckende  der  WMinna  nicht,  sondern  sind  viel
nachdenk  nder  und  schmelzender,  aber  alle  sind  gleich  schön,  wie
die  Engel!“

Für  höchst  bedenklich  hält  er  unter  diesen  Umständen  die
Beschäftigung  mit  leichter  und  seichter  Unterhaltungslitteratur.
„Die  Modelektüre“,  schreibt  er,  „welche  jetzt  in  Deutschland
überhaupt  herrscht,  nämlich  die  Womödien  und  Romane,  sind
keine  gute  Mahrung  für  die  von  Natur  so  zärtlichen  Landfräulein
  in  Sachsen!“  —  Da  die  Blumen  der  Schönheit,  welche
er  in  Sachsen  geschaut,  ihm  gar  so  gut  gefallen  haben,  bedauert
er  nur  wehmütig  das  eine,  daß  sie  nicht  besser  gepflegt  werden,
um  länger  zu  blühen.  „Denn  das  hiesige  Frauenzimmer“,
schreibt  er  von  den  Dresdnerinnen,  „scheint  geschwinde  zu  verblühen,
  denn  ich  sah  wenig  Weiber  von  50  Jahren,  an
denen  nicht  die  Spuren  des  Derwelkens  sichtbar  waren.  Das
heftige  Temperament  mag  viel  dazu  beitragen,  vielleicht  aber
noch  mehr  die  schlechten  Tahrungsmittel,  verbunden  mit  der
Sorge  für  das  Hauswesen!"

Da  das  Leben  eines  Dolkes  an  seinen  großen  Städten  die
Mittelpunkte  hat,  von  denen  der  Strom  der  geistigen  Zewegung
ausgeht  und  nach  welchen  er  zurückflutet,  so  müssen  wir  auch
hören,  was  Fremde  über  Dresden  und  Teipzig  sagen.  Zeide
nämlich  müssen  in  gleichem  Maße  berücksichtigt  werden,  da
das  geistige  Leben  Sachsens  nicht  einem  Kreise  gleicht,  der  sich
um  einen  Mittelpunkt  dreht  wie  das  Frankreichs,  sondern  einer
Ellipse  mit  zwei  Mittelpunkten.  Welches  von  beiden  Sentren
das  zentralere  sei,  ist  ein  Gesprächsgegenstand,  welcher,  sowie
        <pb n="34" />
        28  Dresden.

Angehörige  beider  Städte  zusammen  zu  Tische  sitzen,  stets
mit  Cebhaftigkeit,  häufig  mit  Erregtheit  hehandelt  wird.  Für
den  Fremden  haben  sie  beide  nicht  nur  immer  sehr  viel  Anziehendes,
  sondern  eine  hohe  Zedeutung  gehabt;  es  sind  Weltstädte,
  welche  weit  über  die  Grenzen  Deutschlands  hinaus  ihren
Einfluß  ausüben  und  daher  jahraus,  jahrein  von  einer  Schar
freimder  Gäste  aus  aller  Herren  Länder  besucht  werden.  Schon
dieser  Fremdenverkehr  an  und  für  sich  ist  ein  Seichen  dafür,
was  für  einen  Leumund  sie  auswärts  haben;  wir  wollen  jedoch
  auch  einige  einzelne  Seugen  abhören,  zuerst,  wie  es  die
hochachtung  vor  der  Haupt=  und  Residenzstadt  will,  über

V.  Dredden.

Schon  unter  Johann  Georg  II.  ist  viel  zur  Derschönerung
Dresdens  gethan  worden.  Uostspielige  Zauten  wurden  unternommen,
  z.  B.  das  Komödien-  (Jnventions-.)  haus,  eines  der
ersten  festen  und  ordentlichen  Theater  in  Deutschland,  in  welchem
  hauptsächlich  während  des  Marnevals  und  bei  festlichen
Gelegenheiten  schon  regelmäßige  VDorstellungen  gegeben  wurden;
Ball-,  Reit=  und  Schießhäuser  zu  Dresden;  das  Schloß  wurde
prächtig  ausgeschmückt,  die  Kunstkammer  vermehrt,  der  Große
Garten  angelegt,  so  daß  schon  damals  Dresden,  obgleich  zwischen
  finstere  Festungswerke  eingeengt,  doch  dem  fremden  Besucher
  als  die  schönste  Stadt  Deutschlands  erscheint,  in  der  ein
frisches,  reges  Leben  pulsiert.  So  beurteilt  es  der  Franzose
Thappuzeau,  welcher  es  1671  besucht  hat.38)  Jedoch  eine  Weltstadt
  ist  es  durch  August  den  Starken  geworden.  Don  dessen
Regierungszeit  an  ward  es  der  Anziehungspunkt  für  alle,
welche  Sinn  für  höheren  Lebensgenuß  hatten.
        <pb n="35" />
        Dresden.  29

So  berichtet  der  Däne  HDoper,  ein  Seitgenosse:  „Mur  will
ich  dieses  anfügen,  daß  der  Dresdensche  Hof  von  einer  unglaublichen
  Sahl  fremder  und  vornehmer  Leute  wimmelte,  worunter
viele  junge  Sdelleute  auch  aus  Holstein  waren,  die  aber  zum
Teil  dieses  Dergnügen  durch  Derspielung  großer  Summen  allzu
teuer  bezahlten  und  viele  Jahre  hernach  oder  wohl  gar  ihr
Lebtage  für  diese  Kurzweil  darben  müssen.“  34)

Der  mehrfach  genannte  von  TLoen  schreibt  1%18:  „Die
Stadt  Dresden  scheint  gleichsam  nur  ein  großes  Lustgebäude  zu
sein,  worin  sich  alle  Erfindungen  der  Baukunst  angenehm  miteinander
  vermischen.  Ein  Fremder  hat  schier  ein  paar  7Monate
damit  zuzubringen.  Es  ist  keine  Kunst  in  der  Welt  zu  finden,
davon  man  hier  nicht  ausnehmende  MWieeisterstücke  erblickt.“  35)

Ganz  entzückt  schreibt  der  „reisende  Franzose“  von  dieser
Stadt:  „Dresden  hat  eine  stolze  Lage  und  beherrscht  auf  allen
Seiten  eine  vortreffliche  Aussicht.  Sie  ist  ohne  Dergleich  die
schönste  Stadt,  die  ich  noch  in  Deutschland  gesehen.  Die  Bauart
der  Häuser  hat  viel  mehr  Geschmack  als  die  von  Wien.  Auf
der  langen  und  prächtigen  Elbbrücke  ist  die  Aussicht  bezaubernd  2c.
Die  Sitten  und  die  Art  der  hiesigen  Leute  sticht  mit  den  Deutschen,
die  ich  bisher  gesehen,  noch  stärker  ab  als  die  Schönheit  der
hiesigen  Straßen  und  der  Geschmack  der  Gebäude  mit  den
Städten  in  Schwaben,  Bapern,  Osterreich  und  Böhmen.  Ein
ungemein  schöner  Wuchs,  sprechendere  Gesichtszüge,  eine  gewisse
Rundung  und  Teichtigkeit  der  Bewegungen,  eine  zuvorkommende
Döflichkeit,  eine  durchaus,  bis  auf  die  untersten  Dolksklassen  fortlaufende
  Reinlichkeit  und  ein  gewisses  gesprächiges,  zudringliches
und  einnehmendes  Wesen  muß  jedem,  der  auf  meinem  Wege
hierher  kommt,  an  den  hiesigen  Sinwohnern  stark  auffallen.“
        <pb n="36" />
        30  Dresden.

Dieses  Dresden,  welches  um  die  2  M#itte  des  vorigen  Jahrhunderts
  viel  weniger  eine  deutsche  Stadt  als  eine  vorgeschobene
Stätte  für  den  Luxus,  die  Geselligkeit  und  die  Hünste  des  südlichen
  Europas  war,  feiert  das  Spigramm  herders:

Blühe,  deutsches  Florenz,  mit  deinen  Schätzen  der  Kunstwelt,

Stille  gesichert  sei  Dresdens  Glpmpia  uns.

Hhidias-Winckelmann  erwacht'  an  deinen  Gebilden.
Und  an  deinem  Altar  sprossete  Rafael  Mengs.s:)

bier  ist  richtig  darauf  hingewiesen,  was  die  Größe  Dresdens
ausmacht:  Das  U#unstleben!  Die  UKunst  hat  hier  auf  musikalischdramatischem
  Gebiete  eine  Blütenperiode  gefeiert,  deren  Wirkungen
  sich  weit  über  das  Land  hinaus  erstreckten.  Man  denke
nur  an  J.  A.  Hasse,  der  von  hier  aus  nicht  nur  über  die
Opernbühne  eine  nur  selten  und  schwach  angefochtene  Diktatur
ausübte,  sondern  auch  von  den  Jtalienern,  deren  Urteil  in  2  Uusikangelegenheiten
  damals  maßgebend  war,  als  il  divino  Sassone
(der  göttliche  Sachse)  gefeiert  ward.  Auch  Friedrich  der  Große,
der  bereits  ld0  den  Flötenspieler  Duanz  von  Dresden  nach
Berlin  gezogen  hatte,  schwelgte  während  seines  Dresdener  Aufenthalts
  nach  der  Schlacht  bei  Nesselsdorf  im  Genusse  der  hasseschen
  Musik.7)

Auf  dieser  Höhe  des  Musiklebens  fand  unfre  Hauptstadt
auch  die  mehrgenannte  Frau  von  Stakl;  überhaupt  in  ganz
Sachsen  nimmt  sie  eine  eifrige  Oflege  dieser  Kunst  wahr.  zedoch
  ist  sie  von  den  kirchlichen  Musikaufführungen  in  der  römischkatholischen
  Hofkirche  nicht  so  entzückt,  wie  es  sonst  Sinheimische
und  Fremde  zu  sein  pflegen.  Denn  sie  sagt  darüber:  „Die
Kirchenmusik  ist  in  Deutschland  weniger  schön  als  in  Italien,
weil  dort  die  Instrumente  alles  beherrschen  (während  in  Italien
        <pb n="37" />
        Dresden.  31

die  Vokalmusik  die  Hauptsache  ist).  Wenn  man  in  Rom  das
Miserere  nur  von  Sängern  hat  vortragen  hören,  so  erscheint
jede  Instrumentalmusik,  auch  die  der  Dresdener  Dofkirche,  irdisch.
Diolinen  und  Trompeten  gehören  in  Dresden  beim  Gottesdienste
zum  Crchester,  und  die  2  kusik  ist  mehr  militärisch  als  kirchlich;
der  Gegensatz  zwischen  den  lebhaften  Sindrücken,  welche  sie  hervorbringt,
  und  der  Andacht  in  einer  Kirche  ist  nicht  angenehm;
man  soll  nicht  Lebenslust  in  der  Tüähe  der  Gräber  erwecken;
die  Melitärmusik  begeistert  einen,  das  Leben  zu  opfern,  aber
nicht,  sich  von  ihm  innerlich  loszulösen.38)

Swar  ist  dies  Urteil  insofern  schief,  als  auch  die  päpstliche
Kapelle  in  Rom  durchaus  nicht  lauter  Misereres  singt  (vielmehr
  geschieht  dies  nur  einmal  im  Jahre,  nämlich  in  der
Karwoche  Mittwochs,  Donnerstags  und  Freitags  nachmittags);
aber  das  ist  wohl  möglich,  daß  Frau  von  Stakl  eine  nicht  nur
für  ihren,  sondern  auch  für  andrer  ernster  Kunstkenner  Geschmack
sehr  weltliche  Musik  gehört  hat.  «

Über  die  Pflege  der  Malerei  sagt  sie:  „Mehrere  bedeutende
  Maler  haben  sich  in  Dresden  niedergelassen;  die  Meisterwerke
  der  Bildergalerie  wecken  das  Talent  und  den  Ehrgeiz.“
Nachdem  sie  sodann  über  die  Madonna  von  Raffael  und  die
Nacht  des  Correggio  ihre  Ansicht  ausgesprochen,  welche  mit
der  allgemein  herrschenden  nur  übereinstimmen  kann,  hebt  sie
unter  den  lebenden  Künstlern  Hartmann  (die  drei  Frauen  am
offenen  Grabe  Thristi)  und  Schick  38)  hervor,  dessen  Opfer  Koä
sie  als  ein  ganz  besonderes  Meisterwerk  schildert.

„Die  durch  die  Wasser  verjüngte  Matur“,  so  schreibt  sie,
„scheint  eine  neue  Frische  gewonnen  zu  haben;  die  Tiere  sehen
aus,  als  ob  sie  mit  dem  Erzvater  und  seinen  kinndern  eine
        <pb n="38" />
        32  Dresden.

Familie  ausmachten,  nachdem  sie  mit  ihnen  zusammen  der
allgemeinen  Flut  entgangen  sind.  Das  Grün,  die  Blumen,  der
Himmel  sind  mit  lebhaften  und  naturwahren  Farben  gemalt,
welche  die  durch  morgenländische  Landschaften  hervorgebrachten
Eindrücke  widerspiegeln.

„Mehrere  andre  Künstler  versuchen,  sowie  Schick  in  der
Malerei,  die  in  der  Dichtkunfst  eingeführte  oder  richtiger:  erneuerte
  Richtung  (die  klassische)  einzuführen.  Aber  die  Hünste
brauchen  Reichtümer  und  in  Deutschland  sind  die  großen  Dermögen
  in  den  verschiedenen  Städten  zerstreut.  Bisher  besteht
der  wahre  Fortschritt,  welchen  man  in  Deutschland  gemacht
hat,  darin,  daß  man  die  alten  Meister  versteht  und  nachbildet;
ein  schöpferischer  Geist  spricht  sich  noch  nirgends  aus.“  40)

Su  der  Dflege  der  Musik  und  der  Malerei,  sowie  der
schönen  Künste  überhaupt,  in  welcher  Dresden  schon  um  der  in
dieser  Stadt  angehäuften  Uunstschätze  willen  stets  einen  hohen
Rang  einnehmen  wird,  kam  in  den  ersten  Jahrzehnten  dieses
Jahrhunderts  auch  eine  lebhaftere  Beschäftigung  mit  der  deutschen
  Litteratur.  Es  war  damals  die  Seit  der  Romantik,  und
der  Dater  derselben,  Ludwig  Tieck,  ward  Mittelpunkt  des  litterarisch
  angeregten  Kreises  in  Dresden.  Die  Stael  rühmt  an
seinen  Lustspielen,  denen  sie  übrigens  die  Füglichkeit,  aufgeführt
zu  werden,  rundweg  abspricht,  den  gemütwollen  Humor;  sie
weist  das  nach  an  seinem  „Gestiefelten  Kater“."1)  Weit  berühmter
  als  durch  seine  eignen  Leistungen  ward  er  durch  seine
Vorlesungen,  welche  solchen  Weltruf  erlangten,  daß  jeder  Fremde,
der  nach  Dresden  kam,  auch  den  Dofrat  Tieck  gehört  haben
wollte.  Da  soll  es  öfters  vorgekommen  sein,  daß  Ausländer,
die  ihm  etwas  Schönes  sagen  wollten,  laut  die  Dorzüge  der
        <pb n="39" />
        Dresden.  33

„Urania“  lobten,  weil  sie  Tieck  mit  Tiedge,  dem  Verfasser  des
genannten  Werkes,  verwechselten.

Viel  weniger  als  von  dem  Kunstleben  ist  Frau  von  Stasl
von  dem  geselligen  Leben  Dresdens  erbaut.  Sie  schreibt  darüber:4:)
  „Die  Matur  in  der  Umgebung  der  Hauptstadt  ist  sehr
malerisch,  aber  die  Gesellschaft  bietet  daselbst  keine  Annehmlichkeiten.
  Der  Glanz  des  Hofes  findet  hier  keinen  Anklang;  nur
das  steife  förmliche  Wesen  macht  sich  breit.“  Sie  glaubt  ferner,
die  orliebe  der  sächsischen  Gelehrten  für  das  zurückgezogene
Leben  daraus  erklären  zu  müssen,  daß  die  Gesellschaft  gar  zu
langweilig  ist.

Schon  vor  ihr  will  der  Franzose  Thappuzeau  wahrgenommen
  haben,  daß  in  Sachsen  der  Adel,  welcher  nach  Ansicht
des  „reisenden  Franzosen“  ebenso  arm  als  zahlreich  ist,  einen  ganz
ungemein  stark  ausgeprägten  astengeist  habe  und  sich  gegen
den  Umgang  und  die  Derwandtschaft  mit  Brügerlichen  gänzlich
absperre.“5)  Die  Stasl  findet  überhaupt  in  Deutschland  ein
ängstliches  Beobachten  der  Standesunterschiede,  welches  in  der  Unterhaltung
  zu  einer  peinlich  berührenden  Anführung  der  Titel  führt.
„Die  Sprache  der  Deutschen“,  sagt  sie,  „die  in  den  Büchern  so
kühn  ist,  ist  in  der  Unterhaltung  eigentümlich  geknechtet  durch
die  Titulaturen,  mit  welchen  sie  überladen  ist.  Ich  erinnere
mich,  in  Sachsen  der  metaphysischen  Dorlesung  eines  berühmten
Weltweisen  beigewohnt  zu  haben,  welcher  stets  den  Herrn  Baron
von  Leibniz  anführte;  niemals  vermochte  es  die  Begeisterung
beim  Dortrage  über  ihn,  den  Titel  Baron,  der  zum  Tamen
eines  roßen  Mannes  so  wenig  paßt,  wegzulassen.“")

Über  die  Bevölkerung  Dresdens  insgesamt  fällt  der  Hole

Kraszewskv,  welcher,  nachdem  er  jahrzehntelang  die  denkbar
Der  Leumund  der  Sachsen.  3
        <pb n="40" />
        34  Teipzig.

duldsamste  Gastfreundschaft  genossen  hatte,  in  einen  Dochverratsprozeß
  verwickelt  und  zu  zwei  Jahren  Suchthaus  verurteilt  ward,
das  Urteil,  daß  von  derselben  irgend  eine  politische  Erhebung  nun
und  nimmer  zu  erwarten,  da  sie  ganz  und  gar  nur  auf  Erwerb
und  Gewinn  gerichtet  sei.  Er  schließt  dies  daraus,  daß  auf  dem
Dresdener  Christmarkte  auch  die  Kinder  zu  Geschäftsleuten  werden,
  indem  sie  ihren  wohlbekannten,  durch  Ludwig  Nichters  liebliches
  Bild  verherrlichten  Handel  mit  „Feuerrüpeln“  aus  gebackenen
Dflaumen  treiben.  (Kraszewski,  vieczorze  Dresdenskie,  III.)

Ein  wesentlich  andres  Bild  entwerfen  die  Fremden  von

VI.  Ceipzig.

Was  die  sprichwörtlichen  Redensarten  über  Leipzig  sagen,
nämlich:  „Wenn  TLeipzig  meine  wäre,  möcht’  ich's  in  Freiberg,
verzehren“  (aus  dem  Munde  eines  sächsischen  Fürsten).  „Su
thun  haben,  wie  der  Leipziger  Rat.“  „Es  ist  richtig  mit
Leipzig“;  Lipsia  vult  exspectari  (Uanzleitrost  für  Anstellung
Suchende),  Lipsia  lipsiscit  (Luther)  läßt  darauf  schließen,  daß
man  diese  Stadt  für  eine  wohlhabende,  weil  fleißige,  und  an
ihrer  Sigenart  mit  Selbstbewußtsein  festhaltende  gehalten  hat.
Dies  Urteil  ist  im  ganzen  richtig.

Hier  findet  man  Reichtum  und  Bildung,  wie  kaum  sonst
irgendwo  in  der  Welt  vereinigt.  Denn  das  kaufmännische
Leben  hat  hier  einen  seiner  Mittelpunkte;  nicht  minder  der
Buchhandel,  welcher  noch  bis  in  dies  Jahrhundert  hinein,  auch
in  geselliger  Hinsicht,  als  ein  von  der  HKaufmannschaft  völlig
getrennter  Berufszweig  angesehen  ward.  Der  handel  TLeipzigs
ist  auch  in  den  Drangsalen  des  Dreißigjährigen  Krieges  nicht
ganz  untergegangen,  da  selbst  Torstenson  in  richtiger  Erkenntnis
        <pb n="41" />
        Leipzig.  35

seiner  Bedeutung  für  das  eigne  Interesse  ihn  gegen  die  nach—
teiligen  Folgen  des  Krieges  zu  schützen  suchte,  so  daß  die
Stadt  auch  in  der  Feit  des  MKrieges  „des  Landes  bestes  Asplum
und  armer  Derjagter,  Dürftiger  und  Kranker  Apothek  und
Brotkammer“  genannt  werden  konnte.“5)

Dabei  konnte  es  nicht  ausbleiben,  daß  mit  der  Wohlhabenheit
  auch  Orachtliebe  einriß.  Die  Leipziger  Bürgersfrauen  trugen
sich,  wie  die  Kleiderordnung  von  16026  rügt,  „nicht  auf  ehrbare
deutsche,  sondern  auf  ausländische  Mianier  mit  mehrfachen
goldenen  Ketten,  Handschuhen  mit  Gold  und  Oerlen  gestickt,
goldenen  Dolchen  durchs  Haar,  in  Summa  so,  daß  es  nicht
adligen,  sondern  gräflichen  und  höheren  Standespersonen  gleich
ist.“  Und  über  die  1651  beim  Derannahen  der  Schweden  nach
Dresden  geflüchteten  Leipzigerinnen  sagt  die  Kurfürstin:
„Das  Weibsvolk  von  Leipzig  thut  nichts,  denn  Hoffart  und
Oracht  in  Uleidung  herein  nach  Dresden  bringen,  damit  hier
unfre  Dresdener  Schlappen  vollends  in  ihrem  halsstarrigen
Sinne  wegen  übermäßiger  Hoffart  in  Mleidung  verstärkt
werden.“

binsichtlich  seiner  Bedeutung  in  geistiger  Hinsicht  galt
Leipzig  damals  für  den  Mittelpunkt  deutscher  Wissenschaft  und
Bildung,  auch  im  Auslande  war  es  dafür  bekannt.  Der  starke
Besuch  der  Universität,  über  3000  Studierende,  ist  das  beste
Geugnis  dafür,  was  für  eine  Meinung  man  von  derselben
hatte.  Dieser  zahlreiche  Besuch  ist,  ganz  abgesehen  von  der
Anziehungskraft,  welche  die  Mamen  einzelner  Lehrer  ausübten,
dem  Umstande  zuzuschreiben,  daß  die  Stadt  mehr  als  irgend  eine
andre  dem  studierenden  Jüngling  Gelegenheit  bot,  sich  eine  allgemeine
  Bildung  anzueignen.  Daher  sagt  Lessing,  daß  man

37
        <pb n="42" />
        36  Leipzig.

auf  der  Universität  Leipzigs  beinahe  nichts  so  zeitig  gelernt
habe,  als  ein  Schriftsteller  werden.“)

Auch  für  Goethe  ist  der  allgemeine  Einfluß  des  Leipziger
Lebens  auf  sein  Denken  und  Empfinden  mindestens  ebenso
merkbar  als  der  einzelner  Lehrer.4!)  Was  ihm  CLeipzig  gewesen,
ist  hinlänglich  bekannt.  Er  hat  für  diese  Stadt  das  zum  geflügelten
  Worte  gewordene  Lob  im  Faust  niedergelegt:

Mein  TLeipzig  lob'  ich  mir,
Es  ist  ein  klein  Haris  und  bildet  seine  TLeute.

Dies  Lob  ist  nun  freilich  nicht  nach  unserm  Geschmack,
denn  es  verrät  zu  deutlich,  daß  Goethe,  als  er  es  schrieb,  immer
noch  unter  dem  im  Slternhause  empfangenen  und  später  auch
noch  bestärkten  Eindrucke  stand,  als  ob  die  französische  Bildung,
die  sei,  die  auch  die  Deutschen  nachahmen  müßten.  Allein  von
dieser  Befangenheit,  welche  der  ersten  Heriode  seines  dichterischen
Wirkens  ihren  allgemeinen  Charakter  gegeben  hat,  ihn  zu  heilen,
ist  ihm  gerade  in  Leipzig  der  Hopularphilosoph  Clodius  behilflich
  gewesen,  welcher  ihm  wenigstens  zum  Bewußtsein  brachte,
welchen  Mlißbrauch  die  deutschen  Dichter  mit  der  sgriechischen
Götterlehre  trieben.  Machdem  Clodius  eines  seiner  Gedichte  von
diesem  Gesichtspunkte  aus  scharf  angegriffen  hatte,  so  verwünschte
er,  wie  er  selbst  sagt,  von  der  Richtigkeit  der  Clodiusschen  Kritik
  überzeugt,  den  ganzen  Olpmp,  warf  das  ganze  mpthische
Dantheon  weg  und  ließ  seit  jener  Seit  höchstens  noch  Luna  und
Amor  in  seinen  kleinen  Gedichten  auftreten.45)  Clodius  selbst
war  begeistert  für  Leipzig,  das  ja  überhaupt  seinen  akademischen
Lehrern  in  jeder  Hinsicht  stets  geboten  hat,  was  ihr  herz  nur
wünschen  kann.“)
        <pb n="43" />
        Teipzig.  37

Ein  sehr  günstiges  Seugnis  stellt  eine  aus  Tkorddeutschland
  nach  Leipzig  gezogene  Dame  der  Leipziger  Straßenjugend
aus,  im  Leipziger  Tageblatt  vom  Ir.  Alärz  1880  IV.  Beilage.
Sie  sagt:  „Einen  Beweis  von  häöflichkeit,  ja  selbst  von  ritterlicher
  Gesinnung  bei  einem  Straßenjungen  —  jenes  Wort  hier
angewendet,  mag  seltsam  scheinen,  und  ist  doch  vollauf  berechtigt
  —  fand  ich  in  einem  kleinen  Dorgange,  der  mir  wohl  nie
aus  dem  Gedächtnis  schwinden  wird.

„Auf  einem  Spaziergange  im  Bosenthale  traf  ich  zwei
vielleicht  zehn=  und  zwölfjährige  Knaben,  denen  die  Armut
nicht  nur  an  den  bloßen  Füßen  abzulesen  war,  sondern  aus
jeder  verschlissenen  Taht  ihrer  dürftigen  Kleidung,  aus  jedem
Guge  ihrer  kränklichen,  fahlen  Gesichter  sprach.  Der  eine  von
ihnen  trug  am  Arme  einen  Korb  mit  Rosen,  die  er  wohl  den
Spaziergängern  zum  Ulauf  anbot,  des  zweiten  Hand  umspannte
ein  Bündel  Schilfstengel  mit  den  daran  haftenden  braunen
Blütenkolben.  Ich  hatte  dies  phantastische  Gewächs  seit
langen,  langen  Jahren  nicht  gesehen,  und  eine  plötzlich  auftauchende
  Srinnerung  an  selige  lindertage,  denen  jede  der
kleinen  Hand  nur  irgend  erreichbare  Gabe  der  Tlatur,  jede
seltene  Oflanze,  jeder  absonderliche  Stein  zum  froh  begrüßten
Spielzeuge  wird,  erweckte  in  mir  den  Wunsch  nach  einem  solchen
  Kolben.  Ich  sprach  den  Knaben  darum  an,  und  er
reichte  mir  gleich  deren  eine  größere  Anzahl  hin:  „Ja,  nehmen
Sie  nur,  ich  habe  noch  genug,  kriege  auch  wieder  mehr.“
Mit  zweien  war  ich  zufrieden  und  zog  dann  mein  Hortemonnaie,
  um  ihm  eine  kleine  Spende  dafür  zu  geben.  Fünfundzwanzig
  Ofennig  waren's,  der  Unabe  aber  weigerte  sich,  sie  zu
nehmen,  und  verstand  sich  erst  dazu,  als  ich  ihm  sagte:  Mun
        <pb n="44" />
        38  Leipzig.

ich  schenke  dir  ja  nichts,  du  bist  ein  kleiner  Kaufmann,  Jabst
mir  deine  Ware  und  nimmst  dafür  mein  Geld.  Damit  ging
ich  weiter,  doch  wenige  Schritte  nur,  da  kam  mir  das  l#ind
schon  nachgelaufen,  in  der  Hhand  eine  prächtige  rote  Rose,
wohl  die  schönste  aus  seines  Kameraden  oder  auch  Bruders
Uorbe,  und  bot  sie  mir  mit  den  Worten  dar:  „Ma,  dann
nehmen  Sie  wenigstens  noch  die  Rose“,  sprach  es  und  sprang,
leichtfüßig  wieder  fort.  So  manche  Rose  ward  mir  in  meinem
Leben  freundlich  dargebracht,  keine  aber  hat  mich  so  tief
bewegt  als  diese  aus  des  armen  Straßenkindes  schmutziger
Hand.“

So  hat  denn  Leipzig  im  allgemeinen,  seit  es  einen  sächsischen
Staat  gibt,  mit  Recht  für  eine  ganz  besonders  wertvolle  Oerle
in  der  Krone  der  Wettiner  gegolten.  Selbstverständlich  aber
muß  es  da,  wo  viel  Licht  ist,  auch  Schatten  geben.

Was  man  an  Ceipzig  zu  tadeln  gehabt  hat,  steht  im  Gusammenhange
  mit  seinem  Wohlstande.  Suerst  ist  dies  nämlich
der  Luxus;  doch  muß  in  bezug  hierauf  sehr  viel  auf  Nosten
des  Uleides  geschrieben  werden,  mit  dem  andre  ärmere  Städte
diese  Stadt  immer  betrachtet  haben.  Sodann  wird  von
vielen  Reisenden  seit  den  Tagen  der  Reformation,  wo  die
„Briefe  der  Dunkelmänner“  den  geistigen  und  sittlichen  Zustand
  dieser  Stadt  in  einem  überaus  trüben  CLichte  erscheinen
lassen,  sehr  viel  nicht  wieder  zu  Erzählendes  über  das  „Leipziger
  Leben“  erzählt;  allein  wer  die  Messe  kennt,  von  welcher
diese  düsteren  Sittenbilder  meist  genommen  sind,  weiß,  daß
nicht  die  Leipziger  Bürger,  sondern  die  Fremden  es  sind,  welche
das  sogenannte  „Leipziger  Leben“  machen.  Desgleichen  steht
im  Susammenhange  mit  dem  Wohlstande  der  Stadt  der  viel
        <pb n="45" />
        Ceipzig.  39

beseufzte  Umstand,  daß  Leipzig  eine  teure  Stadt  ist,  was  nicht
in  Abrede  gestellt  werden  kann.

Einen  sehr  ungünstigen  Leumund  hat  unfre  gute  Stadt  bei
Luther,  welcher  bekanntlich  zuerst  zur  Disputation  mit  Eck  in
der  Hleißenburg  hier  gewesen  ist.  Es  mag  vor  allem  die  bei
dieser  Deranlassung  von  der  Universität  ihm  entgegengebrachte
gänzlich  ablehnende  Haltung  gewesen  sein,  durch  welche  sich
in  seinem  herzen  eine  so  tiefe  Abneigung  gegen  diese  Stadt
festgesetzt  hat,  daß  er  auch  später,  als  sie  sich  mit  Begeisterung
ihm  anschloß,  ihr  doch  keine  Gegenliebe  schenken  konnte.
Daher  ist  die  durch  ihre  großartigen  Messen  immer  mehr
emporkommende  Handelsstadt  für  ihn  nur  der  TCypus  schnöder
Gewinn=  und  Genußsucht.

In  einem  seiner  Tischgespräche  sagt  er:  „Welch  ein
Wust  ist  zu  Leipzig!  Die  ist  doch  gar  im  Geize  ersoffen!“
und  in  seiner  Schrift  an  die  Ofarrherren,  wider  den  Wucher
zu  predigen  (1540),  „Ich  lasse  mir  sagen,  daß  man  itzt  jährlich
  auf  einem  jeglichen  Leipziger  Markt  zehn  Gulden,  das  ist
dreißig  aufs  Hundert,  nimmt;  etliche  setzen  hinzu  auch  den
UNaumburgischen  Markt,  daß  es  vierzig  aufs  Hundert  werden.
Pfui  doch!  Wo  zum  Teufel  will  denn  zuletzt  das  hinaus?
Das  heißen  nicht  Jahrzinse,  auch  nicht  Mondzinse,  sondern
Mordzinse,  rechter  jüdischer  täglicher  Wucher.  Wer  nun  itzt
zu  Leipzig  hundert  Floren  hat,  der  nimmt  jährlich  vierzig;  das
heißt,  einen  Bauer  oder  Bürger  in  einem  Jahre  gefressen.
Hat  er  tausend  Floren,  so  nimmt  er  jährlich  vierhundert,  das
heißt,  einen  Ritter  oder  reichen  Edelmann  in  einem  Jahre  gefressen.
  Hat  er  zehntausend,  so  nimmt  er  jährlich  viertausend,
das  heißt  einen  reichen  Grafen  in  einem  Jahre  gefressen.  Und
        <pb n="46" />
        40  Teipzig.

leidet  darüber  keine  Fahr  weder  an  Leib  noch  an  Ware,  arbeit
nichts,  sitzt  hinter  dem  Ofen  und  brät  Apfel.“  Endlich  ist  in
einer  auf  der  LTeipziger  Stadtbibliothek  vorhandenen  handschriftlichen
  Sammlung  von  CTischgesprächen  Tuthers,  die  sich  1546
ein  Hfarrer  in  Marienberg  oder  ein  Tehrer  der  dortigen  Lateinschule
  nach  dem  Erxemplare  des  Johann  Watthesius  in
Joachimsthal  angelegt  hat,  folgende  harte  Orophezeiung  aus
Luthers  Munde  über  Leipzig  enthalten:  „O  Teipzig,  du  bist
ein  böser  Wurm,  Gott  wird  dich  strafen,  dich  wird  ein  groß
Unglück  übergehen.  Ich  werde  es  aber  nicht  erleben,  aber  die
Schüler,  die  auf  der  Gassen  gehen,  werden's  erleben,  denn

Finanzerei,!)  HBoffart  und  Hracht

Straft  Gott  mit  aller  Macht.

Es  währt  alles  seine  Seit.

Ein  Beispiel  solcher  bestraften  Gewinnsucht  erblickt  er  in
dem  Schicksale  seines  ehemaligen  Buchdruckers  Melchior  Cotter,
der  ein  paar  Jahre  lang  in  Wittenberg  glänzende  Geschäfte
mit  TLuthers  Fleiß  und  Schweiß  gemacht  hatte,  dann  aber,
vom  Kurfürsten  nach  Teipzig  zurückgewiesen,  zu  einem  unbedeutenden
  Drucker  herabsank.50

Nach  diesem  ernsten  Seugnisse  gegen  die  Stadt  Leipzig
soll  noch  ein  erheiterndes  angeführt  werden,  nämlich  das  des
Franzosen  Tissot  aus  dem  Jahre  1878:51)

„Ich  habe“,  so  schreibt  er,  „wieder  einmal  wie  sonst  (vor
1870)  einen  Tag  auf  studentische  Weise  zugebracht,  aber  achl!  wie
ganz  anders  ist  es  seitdem  geworden.  Lachende  Erinnerungen  meiner
Jugendjahre,  ich  habe  euch  durch  die  Wolken  des  deutschen  Tabaks  und
der  deutschen  Wissenschaft  hindurch  wiedergesehen.  Damals  klang  die

*)  Finanzerei  in  der  Sprache  des  16.  Jahrhunders  soviel  als  „Wucher“.
        <pb n="47" />
        Teipzig.  41

französische  Sprache  für  germanische  Uhren  wie  Musik;  sie  war  der
Sesam,  welcher  dir  alle  Thüren  öffnete;  man  suchte  dich  auf,  man  begegnete
  dir  mit  der  ausgesuchtesten  Artigkeit,  man  umgab  dich  mit
tausend  Aufmerksamkeiten.  Sobald  der  Mame  Haris  genannt  ward,
drehten  sich  die  deutschen  Dickköpfe  um,  wie  die  Flügel  einer  Windmühle,
wenn  sich  der  Wind  erhebt.  Frankreich  war  das  Traumland,  das  mit
Weinreben  umkränzte,  mit  einem  goldenen  Nleide  angethane,  auf  ein
Blumenbeet  hingestreckte  Wunderland,  es  war  das  Morgenland  für  diese
nordischen  Lölker.  Haris  sehen  und  sterben!  so  klang  es  von  deutschen
Lippen!  Jetzt  —  ich  will  lieber  schweigen!“

Sehr  unzufrieden  äußert  er  sich  über  die  Leipziger  Gasthäuser.


„Selbst  in  denen  ersten  Ranges  bekommst  du  Betten  ohne  Betttücher
(Anm.:  Wahrscheinlich  ist  da,  wo  er  eingekehrt  ist,  das  Bett  noch  nicht
überzogen  gewesen);  wenn  dn  ein  Betttuch  verlangst,  bringt  man  dir  eine
Serviette.  Die  Reisedecke  ist  für  den,  der  in  Hreußen  reist,  unentbehrlich
(weil  er  nämlich  glaubt,  Leipzig  liege  in  Hreußen,  ist  er  von  einem  solchen
Hasse  gegen  diese  Stadt  erfüllt).  Die  lüche  steht  im  Einklange  mit  dem
Üübrigen.  Sage  mir,  wie  du  ißt,  und  ich  will  dir  sagen,  wer  du  bist.  Man
muß  drei  wesentliche  Eigenschaften  besitzen,  um  dem  Restaurants=  und
Gasthofsessen  in  Leipzig  Trotz  bieten  zu  können,  nämlich  keinen  allzu  peinlichen
  Zegriff  von  Reinlichkeit,  eine  jeder  Hrobe  gewachsene  Geduld  und
einen  Magen  wie  ein  Schiffsbauch.  Man  möchte  schwören,  daß  alle  berühmten
  Giftmischer  sich  in  Hreußen  (I)  zusammengefunden  haben,  um  daselbst
  ungestraft  ihr  Handwerk  auszuüben.“

Schrecklicher  noch  als  in  den  Gasthäusern  sieht  es  für  ihn
in  den  Familien  aus.

„Mirgends  ist  das  Familienleben  öder  als  in  den  preußischen  Hrovinzen,
durch  welche  ich  gekommen  bin  (von  ganz  Hreußen  hat  er  aber,  abgesehen
von  Berlin,  nur  die  Zahnstrecke  zwischen  Rackwitz  und  Berlin  kennen  gelernt).
  Abends  ist  der  Mann  immer  auswärts;  von  5  Uhr  an  sitzt  er  in
der  Brauerei  oder  im  Klub,  wo  er  bis  lo  Uhr  bleibt.  Er  sucht  sich  auf
der  Speisenkarte  die  besten  Gerichte  aus,  während  seine  Frau  und  seine
        <pb n="48" />
        42  Leipzig.

linder  unter  dem  Septer  des  ewigen  Haffees  dahinleben,  außer  Sonntags,
wo  man  gewöhnlich  eine  Landpartie  unternimmt  und  ein  vergnügtes  Mahl
im  Freien  hält.  In  den  Städten  sind  die  Familienbande  dermaßen  gelockert,
  daß  nicht  selten  Herren  in  der  Gesellschaft  drei  oder  vier  ihrer
früheren  Frauen  wiederfinden,  die  infolge  häuslicher  Umwälzungen  zur
Thür  Rinausgeworfen  worden  sind.  Wenn  es  in  der  französischen  Unterhaltung
  einen  stehenden  Gegenstand  gibt,  so  sind  es  diese  Sittenbilder  aus
Deutschland;  aber  wieviel  falsche  Urteile  fällen  wir  immer  noch  über  dieses
Land!“

Sodann  fehlt  den  Leipzigern  sogar  die  allereinfachste  geschäftliche
  Ehrlichkeit.

„Alle  Erinnerungen  daselbst,  die  Denkmäler,  die  Dolksfeste,  alles  nährt
den  Haß  gegen  den  Erbfeind!  Wenn  du  nicht  Deutsch  kannst,  sprich  leise!
Drohend  spitzt  man  die  GOhren  bei  den  wohllautenden  Mlängen  der  gallischen
Gunge,  und  die  laufleute  ermangeln  nicht,  dich  zu  behandeln  wie  die
Mauren  einen  Thristen,  sie  geben  dir  nicht  richtig  wieder,  sondern  brandschatzen
  dich  auch  noch  auf  andre  Weise,  indem  sie  nämlich  den  Hreis  ihrer
Waren  verdoppeln.  Studenten  aus  Genf  und  aus  Lausanne  sagten  mir
in  dieser  Hinsicht:  Wir  wurden  die  erste  Seit  dergestalt  bestohlen  und  ausgeplündert,
  daß  wir  genötigt  waren,  beim  Eintritt  in  ein  Geschäft  oder
eine  Restauration  zu  erklären,  daß  wir,  obgleich  wir  französisch  sprechen,
doch  Schweizer  seien.“

Wie  die  alte  Redlichkeit,  so  ist  auch  der  Glanz  der  Messe
dahin.  Tissot  sieht  auf  derselben  nur  noch  einige  Derkäufer
unter  großen  roten  Schirmen,  barfüßige  Kinder,  welche  Hundewagen
  lenken,  einige  Bücklingsfrauen,  Derkäufer  von  Wiener
Würstchen  und  —  Sarghändler,  welche  Reklame  machen,  indem
sie  mit  den  Fingern  einen  Trauermarsch  auf  dem  leeren  Kasten
trommeln.

„Ich  habe“,  sagt  er,  „einen  Greis  gesehen,  welcher  einen  Knoten  im
Ende  seines  Schnupftuchs  aufband,  drei  Thaler  in  die  Hand  des  Sarghändlers
  fallen  ließ  und  mit  seinem  Sarge  auf  dem  Rücken  davonging.“
        <pb n="49" />
        eipzig.  43

Dazu  bringt  er  ein  aus  einer  deutschen  Seitschrift  entlehntes,
das  Jahrmarktsleben  einer  kleinen  süddeutschen  Stadt  darstellendes
  Bild,  durch  welches  dieser,  jedem  Henner  Leipzigs  völlig
unbekannte  Sarghandel  anschaulich  gemacht  werden  soll.

„In  demselben  Sustande  des  gänzlichen  Derfalls  wie  der  Handel  befindet
  sich  auch  die  Universität.  Swar  sind  die  Studenten  hier  etwas  gesitteter
  als  in  Zeidelberg,  wo  zukünftige  Hastoren,  Arzte  und  Richter
wankenden  Schritts  aus  der  Kneipe  herauskommen,  indem  sie  singen:  „Grad'
aus  dem  Wirtshaus  komm'  ich  heraus“,  oder  in  Jena,  wo  sie  einander
im  Schlafrock  und  Hausschuhen  Besuche  abstatten;  auch  sind  das  Angusteum
und  die  daran  anstoßenden,  der  Wissenschaft  gewidmeten  Gebäude  Achtung
gebietend;  mn  so  weniger  aber  sind  es  in  seinen  Augen  die  Hrofessoren!
Ihre  Dorlesungen,  welche  bereits  früh  6  Uhr  beginnen  (5),  sind  über  alle
Begriffe  langweilig,  obgleich  Leipzig  die  besten  Hrofessoren  in  Deutschland
hat,  da  cs  sie  am  besten  bezahlen  kann.  Inhaltlich  sind  diese  Vorlesungen
eine  Anhäufung  von  gelehrten  Einzelheiten,  hinsichtlich  der  Form  das  Formloseste,
  was  es  gibt.  Denn  der  Hrofessor  gibt  sich  nicht  die  geringste  Mühce,
durch  eine  gewählte  klare  Sprache  zu  fesseln,  oder  den  Stoff  interessant  zu
gruppieren;  der  deutsche  Student  will  es  nicht  besser  haben;  er  ist  zufrieden,
wenn  ihm  der  Marmorblock  unbehauen,  wie  er  aus  dem  Steinbruche  kommt,
dargeboten  wird.  Sehr  gut  aber  scheint  der  Appetit  der  Leipziger  Gelehrten
zu  sein,  wenn  man  sieht,  wie  sie  mit  strengen  Blicken,  einen  Haufen
Bücher  unter  dem  Arme,  im  Hofe  des  Augusteums  die  fragwürdige

Fleischware  verschlingen,  welche  dort  unter  dem  amen  Wurst  angeboten
  wird.“

In  diesem  Tone  geht  es  fort.  Swar  halten  wir  den
Franzosen  jetzt  sehr  viel  zu  gute  in  dieser  Hinsicht,  da  wir  sie
nach  gutem  Brauche  unfrer  Dorfahren  behandeln,  welche  dem
Derurteilten  das  Recht  zugestanden,  zwei  Stunden  lang  über
seine  Richter  zu  schimpfen.  Allein,  wenn  man  mit  dem,  was
der  Mnn  Tissot  schreibt,  das  vergleicht,  was  70  Jahre  früher
        <pb n="50" />
        44  Der  Staat.

die  Frau  von  Stakl  geschrieben  hat,  aus  deren  Feder  wir  Verschiedenes
  angeführt  haben,  dann  merkt  man  mit  erschreckender
Klarheit,  daß  Frankreich  ungeheuer  zurückgegangen  ist.

VII.  Der  Staat.

Treffend  bemerkt  der  als  Derfasser  geschichtlicher  und  geographischer
  Tharakterbilder  bekannte  Grube:  „Alle  Hauptrichtungen
  des  deutschen  Kulturlebens  treffen  wir  im  kleinen
Sachsen  vereint,  und  es  ist,  als  ob  es  seine  Kraft  in  dem
Maße  konzentriert  hätte,  als  unglückliche  politische  Derhältnisse
ein  Stück  nach  dem  andern  von  diesem  Lande  abgerissen  haben.
Die  glückliche  Sinheit  von  Lust  an  gelehrter  Forschung  und
der  Draxis  eines  regen  Fabriklebens,  von  kaufmännischem
Handelsgeiste  und  musikalischem  Sinne,  von  bürgerlicher  Sinfachheit
  und  Sinn  für  äußere  Sleganz  und  Schönheit  hat  sich
das  meißnische  Sachsenland  nicht  zerreißen  lassen.“

So  hat  es  schon  in  den  achtziger  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts
  der  wiederholt  genannte  reisende  Franzose  gefunden.
Wüährend  der  Engländer  Mloore  den  Boden  Sachsens  für  viel
fruchtbarer  hält  als  den  Böhmens,  sagt  er  ganz  richtig,  daß
es  sich  umgekehrt  verhalte,  daß  aber  der  fleißigere  Anban
auffallend  sei,  sobald  man  den  Fuß  auf  sächsischen  Grund
und  Boden  gesetzt  hat.

„Mlan  wird  gar  bald  überzeugt,  daß  die  Derfassung  dieses  Landes  dem
Eeldbau  und  Fleiß  überhaupt  günstiger  ist  als  jene  von  Böhmen.  Der

Bauer  verrät  in  der  Zebauung  seiner  Felder  mehr  Überlegung  und  Verstand
als  der  Böhme  und  sein  ganzes  Außeres  bezeugt,  daß  er  kein  Sklave  ist.“
        <pb n="51" />
        Der  Staat.  45

Ganz  richtig  ist  dies  nicht,  da  1786  auch  in  Sachsen  noch
die  Ceibeigenschaft  herrschte;  wohl  aber  waren  die  sächsischen
Sdelleute  sowohl  menschenfreundlich  als  auch  klug  genug,  ihre
Bauern  nicht  in  dem  Maße  zu  drücken,  als  es  in  Böhmen
geschah.  Wahrhaft  bewundernswert  ist  es  für  den  genannten
Reisenden,  in  was  für  einem  vortrefflichen  wirtschaftlichen  Zustande
  sich  ganz  Sachsen  befindet.

„Sachsen  ist  ein  herrliches  Land,  Bruder!  Ich  habe  einen  großen  Umweg
  durch  das  Erzgebirge,  über  Freiberg,  Marienberg,  Annaberg  und
dann  über  Swickau  und  Altenburg  hierher  (nämlich  nach  Leipzig)  gemacht!
überall  Betriebsamkeit  und  Wohlstand.  Es  ist,  als  wenn  der  hohe  Rücken
des  Erzgebirges  und  des  Thüringer  Waldes  eine  Scheidewand  zwischen
Licht  und  Finsternis,  Arbeitsamkeit  und  Indolenz,  Freiheit  und  Sklaverei,
Reichtum  und  Bettelei  wärc;  vielleicht  findet  man  in  der  ganzen  Welt
keinen  so  auffallenden  Abstich  zweier  Dölker,  als  zwischen  den  Sachsen  und
Böhmen,  und  für  diese  hat  die  Matur  doch  ungleich  mehr  gethan  als
für  jene!“

Micht  minder  auffallend  ist  ihm  der  Gegensatz  zu
Bayern,  über  welches  Land  er  überhaupt  in  jeder  Hinsicht
sehr  abfällig  urteilt.

Ganz  erstaunt  ist  er  darüber,  wie  Sachsen  seinem  durch
den  Siebenjährigen  Krieg  tief  erschütterten  Finanzwesen  auphilft:

„Es  sind  wenig  Länder,  die  nach  dem  Derhältnisse  der  Größe  so  viel
eintragen  als  Sachsen.  Es  ist  wahr,  die  Auflagen  sind  groß;  allein  wenig
andre  fänder  hätten  auch  Kräfte  genug,  sie  zu  tragen;  und  da  die  Landeskasse
  gegen  die  willkürlichen  Eingriffe  des  Bofes  gesichert  ist,  und  die  Kandstände
  überhaupt  einsichtige  Hatrioten  sind,  so  werden  sie  auch  wieder  zum
Besten  des  Landes  verwendet.“

hiermit  ist  schon  angedeutet,  was  für  eine  hohe  Bedeutung
er  der  Derfassung  des  Landes  für  den  Wohlstand  desselben  zuschreibt.
  Er  sagt  von  ihr  ferner:  „WMan  hat  es  der  Derfassung
        <pb n="52" />
        46  Der  Staat.

des  Landes  zu  verdanken,  daß  die  Sachsen  von  einem  ganz  andern
Geiste  beseelt  sind  als  die  Zapern  und  Gsterreicher.  Die  Gewalt  des
Fürsten  ist  eingeschränkter  als  irgend  eines  andern  Regenten  in
Deutschland.  Die  sächsischen  Landstände  wußten  sich  durch
Klugheit  und  2  #ut  im  Besitz  der  Rechte  zu  erhalten,  welche
die  Stände  der  meisten  andern  Reichslande  mehr  durch  ihre
Wachlässigkeit  und  Feigheit  als  durch  die  Despotie  der  Fürsten
verloren  haben.“  (Dieses  Urteil  ist  einseitig,  denn  es  übersieht
ganz  die  weisen  WMaßregeln,  welche  die  Fürsten  persönlich,  aus
eignem  Antriebe,  zum  Besten  des  Landes  getroffen  haben;  deren  aber
sind  namentlich  seit  Dater  Augusts  Seiten  sehr  viele  zu  erwähnen.)

Su  den  großen  Vorzügen  Sachsens  rechnet  er  den  hohen
Stand  der  Dolksbildung,  den  vor  ihm  schon  Oilati  in  ganz
Morddeutschland  beobachtet  hat.  „Was  man  zu  Wien“,  sagt  er,
„in  der  Uormalschule  mit  so  viel  Geklatsch  erst  in  Aufnahme  zu
bringen  sucht,  das  scheint  mir  hier  schon  vor  einigen  2#enschenaltern
  gethan  zu  sein.

„Jch  besuchte  vor  wenig  Tagen  eine  Landschule  unweit  der
Stadt  (Dresden)  und  fand  ungleich  mehr  Grdnung  und  wahren
Unterricht  als  in  den  besten  Schulen  zu  Wien.  Die  gemeinsten
Leute  verraten  durchaus  ungemein  viel  Kenntnis  von  Dingen,
die  zur  bürgerlichen  Gesellschaft  und  zum  sittlichen  Leben  gehören,
  dahingegen  ein  gemeiner  Bürger  in  Süddeutschland,
einige  kleine  Striche  in  Schwaben  ausgenommen,  in  seinem
eignen  GSirkel  fremd  ist  und  nichts  denkt,  als  wie  er  die  Woche
durch  so  viel  Geld  zusammenbringe,  daß  er  am  Sonntag  schmausen
könne.“  Daher  kommt  es,  daß  ihm  das  Dolk  in  den  kleinsten
sächsischen  Bergstädten,  die  oft  ringsum  durch  wilde  Gebirge
von  der  übrigen  Welt  getrennt  sind,  artiger,  gesitteter  und  auf-
        <pb n="53" />
        Der  Staat.  47

geweckter  scheint  als  in  den  größten  Städten  von  Süddeutschland.
„Die  Cektüre  ist  hierzulande  fast  allgemein.  Geselligkeit  und
Gastfreiheit  begleiten  und  ermuntern  den  angestrengten  Fleiß.
Freiheit,  Weltkenntnis,  Witz  und  munterer  Scherz  machen  auch
die  Gesellschaften  von  mittlerem  Range  unterhaltend!“

Auch  am  äffentlichen  Leben  ihres  engeren  Daterlandes
nehmen,  wie  er  wahrgenommen  haben  will,  die  Sachsen  lebhaften
  Anteil.  Er  sagt:  „Einer  der  schönsten  und  stärksten
Süge,  wodurch  sich  die  Sachsen  vor  den  Süddeutschen  auszeichnen,
  ist  ihre  Daterlandsliebe  und  ihre  warme  Teilnahme
an  allem,  was  den  Staat  interessiert.  Bis  tief  in  den  Mittelstand
  hinab  ist  hier  jedermann  über  den  Gustand  des  Landes
und  Hofes  aufgeklärt.  HDier  hörte  ich  zum  erstenmal  das  Wort
Daterland  mit  Tlachdruck  und  einem  vernünftigen  und  edlen
Stolze  aussprechen.

„Das  hiesige  Frauenzimmer  braucht  wie  das  unfrige  die
Galanterie  zu  einem  Sporn  für  die  Männer.  Ss  nimmt  teil
an  den  Gesprächen  von  Kriegen,  Friedensschlüssen,  Unterhandlungen
  und  allem,  was  sich  auf  den  Staat  bezieht.  Es  lobt
seine  Offiziere  und  Truppen  und  spricht  mit  großem  Der-Snügen
  von  den  Vorfällen,  wo  sie  sich  brav  hielten.  Die  jungen
Offziere  empfehlen  sich  bei  ihm,  wenn  sie  sich  eine  eisenfresserische
Miene  geben,  welches  in  meinen  Augen  eben  nicht  so  unbedeutend
ist.  Mit  Derachtung  und  Abscheu  spricht  es  von  den  Ministern,
die  Derräter  am  Daterlande  waren.

„Der  Hönig  von  Hreußen  (Friedrich  der  Große)  ist  schlecht
bei  ihm  empfohlen;  doch  spricht  es  mit  Bewunderung  von
seinen  Thaten  und  stimmt  den  Mlännern  bei,  daß  man  von

jeher  würde  besser  gethan  haben,  wenn  man  sich  zu  ihm
        <pb n="54" />
        48  Der  Staat.

gehalten  und  nie  die  Partei  von  sterreich  genommen  hätte,
gegen  welches  man  hier,  ungeachtet  der  Zedrängnisse,  welche
der  Hönig  von  Hreußen  das  Land  fühlen  ließ,  noch  einen
stärkeren  und  allgemeineren  Groll  hegt  als  gegen  diesen,  die
Derson  des  jetzigen  Kaisers  ausgenommen.  Kurz,  lieber  Bruder,
es  ist  mir,  als  wäre  ich  mitten  unter  meinen  Landsleuten,  wo
die  Teilnahme  am  Sustande  des  Daterlandes,  an  den  öffentlichen
  Angelegenheiten  und  Vorfällen  alle  Gesellschaften  beseelt.“5)

Im  letzteren  Hunkte  fand  Frau  von  Staöl,  welche  50
Jahre  später  Sachsen  bereiste,  die  Derhältnisse  anders.  Während
sie  nämlich  sonst  ein  höchst  vorteilhaftes  Zild  vom  Gustande
des  sächsischen  Staates  entwirft,  glaubt  sie,  den  Sachsen  vollständigen
  Mangel  an  Teilnahme  für  das  öffentliche  Leben  vorwerfen
  zu  müssen.  Ihre  Schilderung  ist,  wenn  auch  nicht
durchaus  frei  von  Unrichtigkeiten,  doch  beachtenswert  genug,  um
hier  wiedergegeben  zu  werden.

Sie  schreibt:s8)

„Seit  der  Reformation  haben  die  Fürsten  des  sächsischen  Hauses  der
Litteratur  die  edelste  Art  der  Beschützung  angedeihen  lassen,  nämlich  die
Unabhängigkeit  (was  sie  wiederholt  hervorhebt,  jedenfalls  im  Gegensatze
zu  der  scharfen  Überwachung  der  Presse  unter  Kaiser  Mapoleon  I.,  welche
für  sie  erst  die  Beschlagnahme  ihres  Werkes  über  Deutschland  und  dann
ihre  Landesverweisung  zur  Folge  hatte).  Man  kann  dreist  behaupten,  daß
es  in  keinem  Lande  der  Welt  so  viel  Bildung  wie  in  Sachsen  und  Norddeutschland
  gibt.  Hier  ist  der  Hrotestantismus  entstanden,  und  der  Geist
der  freien  Forschung  hat  sich  kraftvoll  aufrecht  erhalten.

„Die  Kurfürsten-  Mönige  von  Holen  haben  die  Münste  mehr  als  die
itteratur  geliebt,  welcher  sie  nicht  hinderlich  waren,  welche  ihnen  aber
fremd  war.  Die  Musik  wird  in  Sachsen  allgemein  gepflegt;  die  Dresdener
Galerie  vereinigt  in  sich  Meisterwerke,  un  denen  sich  die  Hünstler  begeistern
müssen;  aber  die  Gesellschaft  bietet  daselbst  keinen  Reiz  (s.  o.).
        <pb n="55" />
        Der  Staat.  49

„Aus  der  Menge  von  schriftstellerischen  Erzeugnissen,  die  in  Leipzig
verkauft  werden),  kann  man  abnehmen,  wieriel  Leser  die  deutschen  Bücher
haben;  die  Arbeiter  aller  Mlassen,  selbst  die  Steinmetzen  ruhen  sich  von
ihrer  Arbeit  mit  einem  Zuche  in  der  Band  aus.  Man  kann  sich  in  Frankreich
  keine  Vorstellung  davon  machen,  bis  zu  welchem  Grade  die  Aufklärung
  in  Deutschland  verbreitet  ist.  Ich  habe  Gastwirte  und  Thaussee.
geldeinnehmer  gesehen,  welche  die  französische  Litteratur  kannten.  —
Allenthalben  gibt  es  in  ganz  kleinen  Städten  sehr  bedeutende  Männer  der
Wissenschaft;  aber  außer  um  ihre  Studien  kümmern  sie  sich  um  nichts  in
der  Welt,  die  Ode  und  Leere  des  gesellschaftlichen  Lebens  läßt  sie  die
Gurückgezogenheit  lieben.

„Die  unbeschränkteste  Hreßfreiheit  herrscht  in  Sachsen,  aber  sie  hatte  für
die  Regierung  bisher  keinerlei  Gefahr,  da  der  Geist  der  Gelehrten  sich  nicht
der  Beurteilung  politischer  Einrichtungen  zuwandte;  die  Einsamkeit  bringt
es  mit  sich,  daß  man  sich  dem  reinen  Erkennen  oder  der  Dichtkunst  zuwendet;
  man  muß  im  Brennpunkte  der  menschlichen  Leidenschaft  leben,  um
das  Bedürfnis,  sich  ihrer  zu  bedienen  und  sie  zu  lenken,  zu  empfinden.
Obgleich  also  die  sächsische  Regierung  der  Verfassung  nach  nicht  frei,  sondern
durch  landständische  Dertretung  beschränkt  war,  so  war  sie  doch  in  dei  That
frei,  nämlich  durch  die  Gewohnheiten  des  Landes  und  durch  die  maßvolle
Haltung  der  Fürsten.  —

„Sachsen  befand  sich  im  Sustande  völligster  Ruhe;  man  machte  wohl
im  Kande  einige  Male  Lärm  um  gewisser  Ideen  willen,  aber  ohne  an  ihre
Anwendung  auf  das  wirkliche  Leben  zu  denken.  Es  schien,  als  ob  man  sagen
wollte,  daß  Denken  und  Handeln  gar  nichts  miteinander  zu  thun  haben.
Die  Wahrheit  ähnelt  bei  den  Deutschen  den  Hermen,  welche  weder  Hände,
um  etwas  zu  ergreifen,  noch  Füße,  um  vorwärts  zu  schreiten,  haben.  Trotzdem
  gibt  es  nichts  Achtungswerteres  als  diese  friedlichen  Eroberungen  des
Gedankens,  welche  vereinsamte,  vermögens-  und  machtlose,  nur  durch  die

gemeinsame  Geistesarbeit  untereinander  verbundene  Menschen  unausgesetzt
beschäftigen.

*)  Urteilen  die  Zuchhändler  heute  noch  ebensod
Der  Leumund  der  Sachsen.  4
        <pb n="56" />
        50  Der  Staat.

„Die  Städte,  wo  die  Gelehrten  wohnen,  sind  in  Sachsen  auch  diejenigen,
in  welchen  am  meisten  Wohlwollen  und  Einfachheit  herrscht.  Man  sieht
sonst  allenthalben  die  Litteratur  als  eine  Sugabe  zum  Luxus  an,  in  Deutschland
  scheint  sie  ihn  auszuschließen.  Die  Geschmacksrichtung,  welche  sie
einflößt,  verleiht  eine  Art  von  Unschuld  und  Furchtsamkeit,  welche  Dorliebe
für  das  häusliche  Leben  hervorbringen.  Micht  daß  schriftstellerische  Eitelkeit
bei  den  Deutschen  keinen  ausgesprochenen  Tharakter  hätte;  aber  sie  bemüht
sich  nicht  um  Erfolge  im  gesellschaftlichen  Leben.  Der  kleinste  Schriftsteller
rechnet  auf  die  Machwelt,  und  indem  er  sich  nach  seinem  Wohlgefallen  im
grenzenlosen  Raume  der  Gedanken  entfaltet,  wird  er  von  den  Menschen
weniger  gestoßen  und  erbittert  sich  weniger  gegen  sie.

„Die  Männer  der  Wissenschaft  und  die  der  staatsmännischen  Geschäfte
find  in  Sachsen  zu  weit  voneinander  getrennt,  als  daß  sich  daselbst  eine
wirkliche  öffentliche  Meinung  bilden  könnte.  Aus  dieser  Trennung  ergibt
sich,  daß  die  einen  eine  zu  große  Unwissenheit  in  den  wirklich  vorhandenen
Sachen  haben,  als  daß  sie  irgend  welchen  Einfluß  auf  das  Land  ausüben
könnten;  und  daß  die  andern  ihren  Ruhm  darein  setzen,  einen  gelekrigen
Macchiavellismus  zu  zeigen"),  welcher  über  erhabene  Gefühle  als  über
NKindereien  lacht  und  jenen  sagen  will,  daß  sie  eigentlich  gar  nicht  von  dieser
Welt  sind.“

Manches  Wahre  ist  in  diesem  Urteil.  Selbst  in  der  neueren
Seit,  als  Sachsen  1851  eine  neue  Derfassung  bekommen  hatte,
wollen  etliche  bemerkt  haben,  daß  das  Interesse  der  Sachsen
für  das  öffentliche  Leben  ihres  Staates  kein  reges  wäre,  und
erklären  dies  einerseits  daraus,  daß  die  so  unglücklichen  politischen
Ereignisse  die  Lust  an  der  Beschäftigung  mit  dem  Staatsleben
den  Sachsen  verleidet  habe,  anderseits  daraus,  daß  das  Dolk
die  Derwaltung  in  so  guten  und  tüchtigen  Händen  weiß,  daß
es  keinen  Anlaß  findet,  sich  selbst  viel  darum  zu  kümmern.

*)  Soll  wohl  heißen:  sie  wollen,  bei  großer  Gewandtheit  und  Tüchtigkeit

  in  Staatsgeschäften,  die  unumschränkte  Macht  der  Fürsten  über  das
Dolk  zur  Geltung  bringen.
        <pb n="57" />
        51

VIII.  Das  Heer.

Gur  Aufrechterhaltung  des  Staates  ist  die  bewaffnete  WMacht
notwendig.  Was  die  unfres  Landes  im  Laufe  der  Seit  gethan,
ist  bedeutend  genug  gewesen,  um  auch  für  Fremde  Gegenstand
der  Aufmerksamkeit  zu  werden.  Als  erstes  Seugnis  hierfür
möge  das  stehen,  was  wir  über  die  Zeteiligung  der  Meißner
an  den  Mreuzzügen  wissen.

Da  lesen  wir  in  einem,  wahrscheinlich  zu  Anfang  des
la.  Jahrhunderts  entstandenen  alten  deutschen  Gedichte:  „Des
Landgrafen  Ludwig  des  Frommen  reuzfahrt“,  bei  einer  ausführlichen
  Schlachtbeschreibung,  daß  sie  auf  Berichten  des  meißnischen
  Ritters  Günther  von  Biberstein,  der  selbst  mit  dabei  gewesen,
  beruhe;  derselbe  ist  nachmals  nach  Schlesien  übersiedelt.
Ein  andrer  Gewährsmann,  herr  Ulrich  von  Maltitz,  hat  ihm  folgendes
  erzählt.  Um  die  T#auern  einer  belagerten  Stadt  (nicht
Akkon,  wie  in  dem  Gedichte  steht)  zu  zerstören,  haben  die  Belagerer
  ein  Wurfgeschütz  herangebracht  und  fügen  den  Belagerten
eimpfindlichen  Schaden  zu.  Diese  beschließen  einen  Ausfall,  um
die  nächsten  Werke  zu  zerstören.  Das  Thor  wird  geöffnet,  die
Brücke  niedergelassen  und,  mit  starken  scharfgeschliffenen  Holzäxten
  bewaffnet,  schreitet  eine  zahlreiche  Schar  herüber.  Zurggraf
  Zurkard  von  Magdeburg  hat  die  Wache  bei  den  Werken;
bei  ihm  liegen  die  meißnischen  Ritter  Zurggraf  Heinrich  von
Dewin  (Döben  bei  Grimma)  mit  fünf  seiner  Ritter,  der  biedere
von  Torgau,  der  Herr  von  Arnshaug,  der  Dogt  Dietrich  von
Freiberg,  Herr  Ulrich  von  Maltitz  und  Herr  Ludwig  von

Mieidlitz;  im  ganzen  40  Mann.  Als  die  Sarazenen  sich  anschicken,
4
        <pb n="58" />
        52  Das  Heer.

die  nächstliegenden  Werke  umzuhauen,  hebt  Burkard  die  Wacht
auf  und  sagt:  „u  lange  haben  wir  ihnen  den  Ruhm  gelassen,
säumt  nicht  länger,  vorwärts!“  Alle  waren  dieser  Meinung,
und  da  die  Heiden  zu  Fuße  fochten,  wollten  auch  die  Christen
unberitten  mit  ihnen  streiten.  Als  die  Feinde  den  Zurggrafen
urkard  mit  den  Seinen  herandringen  sahen,  ließen  sie  von
dem  Serstörungswerke  ab  und  stellten  sich  gegen  die  Thristen
auf.  Da  erging  zu  Fuß  mancher  harte  Tiost  (ritterlicher  Sweikampf)
  mit  Verlusten  auf  beiden  Seiten,  aber  die  Heiden  trugen
den  Lohn  für  ihren  tollkühnen  Ausfall  davon,  denn  der  edle
Burkard  stritt  ohne  Furcht  männlich  und  ritterlich,  verwundete
und  tötete  viele,  gleich  ihm  der  von  Döben  und  die  gesamten
Gottesstreiter.  Zwar  wehrten  sich  die  Heiden  tapfer,  wollten
nicht  vom  Hlatze  weichen,  fällten  und  verwundeten  viele  Christen,
allein  schlieslich  ward  doch  der  größte  Teil  der  Feinde  erschlagen,
und  der  RZest,  darunter  der  schwerverwundete  Anführer  der
Heiden,  der  Stadtgraf  Dimitter  (Demetrius),  fiel  in  die  Dände
der  Thristen,  welche  ihre  Leise:  „Delf'  uns  das  heilige  Grab“
Gott  zu  Lob  sangen.5#)

Im  Anschlusse  hieran  seien  die  Thaten  unfrer  Sachsen  in
dem  Uampfe  des  Deutschen  Ritterordens  gegen  die  heidnischen
Dreußen  erwähnt.  Machdem  1220  ein  großer  Teil  dieses
Ordens  dem  polnischen  Herzoge  Monrad  von  Masowien  gegen
die  genannten  heidnischen  Oreußen  zu  Hilfe  gezogen  war,  machte
sich  1257  Heinrich  der  Erlauchte  mit  500  Mann  nach  dem
Wordosten  auf.  Er  zeichnete  sich  in  diesem  Uampfe,  welcher
mehr  bleibenden  Trutzen  für  das  Reich  Gottes  sowie  für  das  Deutsche
  Reich  geschafft  hat,  als  irgend  ein  Kreuzzug,  rühmlich  aus,
rüstete  sogar  zwei  Schiffe,  den  Dilgrim  und  den  Friedland,  gegen
        <pb n="59" />
        Das  Heer.  53

die  Seeräuber  auf  der  Ostsee  aus  und  ließ  an  der  2Neeresküste
zwei  Schlösser,  Elbingen  und  Balga,  bauen.  Alöglicherweise  hat
ihn  Hermann  von  Sahza,  der  Hochmeister  des  Ordens,  ein  geborner
  Thüringer,  für  das  Unternehmen  gewonnen.

Auf  einen  ganz  andern  Schauplatz  versetzt  uns  das  Seugnis
des  alten  tschechischen  Chronisten,  dessen  gewöhnlich  dem  Dalimil
  zugeschriebene  Geschichte  seines  Dolkes  bis  zum  Jahre  1314
geht.  Matürlich  hat  er  bei  seinem  panflawistischen  Hasse  gegen  alles
Deutsche  nicht  viel  Gutes  von  den  Waffenthaten  unfrer  Dorfahren
  zu  berichten,  allein  wir  haben  uns  an  ein  solches  Urteil
nicht  weiter  zu  kehren.  So  erzählt  er,  daß  Uönig  Wratislaw
gegen  den  Wendenfürsten  und  den  Markgrafen  von  WMeißen
gesogen  und  natürlich  beide  aufs  Haupt  geschlagen  hat.55)  Als
sodann  die  Sachsen  seinen  Sohn  Bracislaw  beim  Baden  überfallen
  wollen,  werden  sie  von  dessen  ebenso  weisem  als  tapferem
Begleiter  Sderad  zurückgeschlagen.

Doch  ist  es  immerhin  beachtenswert,  daß  bei  dieser  wie
bei  andern  Gelegenheiten,  welche  alle  nur  für  die  tschechischen
Waffen  günstig  sind,  gesagt  wird,  „die  Tschechen  hätten  ihren
Schaden  und  ihre  Schande  gerächt“,  woraus  deutlich  hervorgeht,
  daß  sie  auch  einmal  Schaden  und  Schande  gehabt  haben,
gleichwie  es  dem  Daheimkorrespondenten  Herrn  von  Schlägel,  der
1870  in  Bitsch  gefangen  saß,  auffallen  mußte,  daß  die  Schlachtfelder,
  auf  welchen,  nach  den  Erzählungen  der  französischen
Offiziere,  die  deutschen  Armeen  vernichtet  sein  sollten,  immer
weiter  von  der  deutschen  Grenze  nach  Haris  zu  lagen.

Da  die  Mlark  Meißen  lange  Seit  in  einem  sehr  lästigen
Lehnsverhältnisse  zu  Böhmen  stand,  welches  erst  nach  und  nach
mit  vieler  Tlühe  gelöst  worden  ist,  so  entbietet  König  Gttokar
        <pb n="60" />
        54  Das  Heer.

von  Böhmen  den  Markgrafen  von  Meißen  gegen  Friedrich  von
sterreich;  allein  die  Böhmen  schlagen  diesen  allein,  ohne  der
Meißner  Hilfe.  Davon,  daß  in  der  Schlacht  auf  dem  Marchfelde
  1278  Meißner  und  Thüringer  Truppen  im  Heere  Ottokars
von  Böhmen  gegen  Rudolf  von  Habsburg  fochten,  ist  in  der
Chronik  gar  nichts  erwähnt.

Ein  andermal  nehmen  die  Meißner,  von  einem  mit
seinen  Herren  zerfallenen  Fürsten,  wie  es  scheint  König  Johann,
herbeigerufen,  die  Stadt  Orag  ein,  natürlich  auch  nur  durch
Derrat,  welchen  die  mit  ihnen  im  Einvernehmen  stehende  Hartei
übt.  Den  der  Gegenpartei  zu  Hilfe  eilenden  Witek  sperren  sie
durch  eine  vor  die  Straße  gezogene  Kette  ab,  diese  wird  jedoch
durch  Sudek  zerhauen  (p).  Da  der  Fürst  aber  ihnen  die  Zurg
übergibt,  so  verüben  sie  von  dort  aus  allerlei  Greuel  an  den
unglücklichen  Tschechen.  Hann  ein  ZBauer  ihnen  keinen  Hafer
geben,  so  schlagen  sie  ihn  tot;  andern  schneiden  sie  die  Hände
auf,  ziehen  Roßhaare  durch  die  unden  und  führen  sie  an
diesen  auf  das  Schloß.  Der  Fürst  lacht  dazu.  Aber  Wilem
Sajic  (möglicherweise  ursprünglich  ein  Deutscher,  Mamens
Wilhelm  Hhase,  da  bekanntlich  die  gewaltigsten  Hanflawisten
stets  deutsche  Uberläufer  waren),  „ein  aufrichtiger  Freund  seiner
Sprache“,  erbarmt  sich  seines  armen  Dolkes,  stellt  sich  an  die
Spitze  der  deutschfeindlichen  Oartei  und  drängt  sie  in  die  Zurg
zurück.  „Während  dieses  Kampfes  gingen  die  tschechischen
Bürger  in  Scharen  auf  den  Straßen,  die  deutschen  saßen  in
ihren  Häusern.“  Im  Anhange  zu  Dalimil  ist  noch  erzählt,
daß  derselbe  Sajic  den  Meißnern  an  der  Elbe  eine  schwere
Miederlage  beibringt.5e)  Bei  der  bekannten  Oarteilichkeit  der
tschechischen  Schriftsteller  können  wir  nichts  andres  erwarten.
        <pb n="61" />
        Das  Heer.  55

Ganz  in  dem  Tone  der  von  ihm  herausgegebenen  Chronik
Dalimils  spricht  Diktor  Hanka  in  der  von  ihm  selbst  angefertigten
  sogenannten  „HKöniginhofer  Handschrift“".  So  wird  in
dem  Gedichte  Benesch  Hermanov  zuerst  erzählt,  wie  die  Sachsen
plündernd  durch  das  unglückliche  Böhmerland  ziehen,  Gold  und
Silber  den  armen  Leuten  nehmen  und  ihre  Hütten  in  Brand
stecken;  dann  aber  tritt  ein  Held,  Benesch  Hermanov  auf,
welcher  heimlich  die  Erhebung  des  ganzen  Landes  organisiert,
sich  den  Sachsen  in  einer  Schlacht  gegenüberstellt  und  sie  dadurch
besiegt,  daß  er  sie  in  einen  Steinbruch  lockt,  wo  sie  durch  die
tapferen  Tschechen,  mit  von  obenher  herabgewälzten  Steinen
zermalmt  werden.5)

In  Frankreich  haben  Sachsen  im  Mittelalter  mit  Ruhm
gefochten.  In  den  dreißiger  Jahren  des  14.  Jahrhunderts  nämlich
  ist  Friedrich  der  Ernsthafte  auf  Geheiß  seines  Schwiegervaters
(des  Kaisers  Karl  IV.)  mit  einem  Heere  zu  den  Truppen  Uönig
Eduards  IV.  von  England  gestoßen,  um  ihn  gegen  den  Lõnig
Philipp  von  Valois  zu  unterstũützen.  Wenn  auch  Hauptschlachten
in  diesem  Kriege  nicht  vorgekommen  sind,  da  der  Franzose
solchen  auswich,  so  haben  sich  doch  die  sächsischen  Truppen
gut  gehalten,  wie  aus  den  ihrem  Führer  vom  Heiser  erteilten
Ehren  hervorgeht.5)

In  das  15.  Jahrhundert  fallen  die  Hussitenkriege,  an
welchen  meißnische  Truppen  erklärlicherweise  einen  hervorragenden
  Anteil  nahmen.  Wenn  wir  auch  nicht  erwarten  dürfen,
aus  jener  für  ganz  Deutschland  so  unglücklichen  Seit  Tachrichten
über  Siege  unfrer  Landsleute  zu  hören,  so  müssen  doch  dieselben
ihren  Feinden  tüchtig  zu  schaffen  gemacht  haben.  Wenigstens
waren  selbst  die  gemäßigteren  unter  den  Hussiten  von  solchem
        <pb n="62" />
        56  Das  Heer.

Hasse  gegen  die  Meißner  erfüllt,  daß  sie  dem  Uönige  Sigismund
  anboten,  sie  wollten  ihm  Prag  verschaffen,  wenn  er
ihnen  die  Meißner  preisgeben  wollte.“)  Was  für  grausame
Rache  sie  an  ihnen  genommen  haben  würden,  das  auszudenken,
muß  schon  mit  Schaudern  den  erfüllen,  der  die  hussitische  Kriegführung
  einigermaßen  aus  der  Geschichte  kennt!  Der  Grund
dieses  hasses  aber  war  der,  daß  die  Meißner  am  15.  Juli
1420  den  Galgenberg  bei  Hrag,  auf  welchem  sich  Siska  verschanzt
  hatte,  gestürmt  hatten;  leider  konnten  sie  sich  nicht  im
Besitze  desselben  behaupten,  da  ein  Ausfall  der  Taboriten  aus
der  Tkeustadt  sie  zum  Rückzuge  zwang.“#)

Das  nächste  Jahr,  1421,  brachte  den  Sachsen  einen
noch  glänzenderen  Erfolg,  nämlich  die  Entsetzung  der  Stadt
Brüx.  Die  1420  darin  gelassene  meißnische  Zesatzung  war
daran,  sich  dem  Feinde,  welcher  in  seinem  wilden  Hasse  ihre
Ergebung  gegen  Susicherung  des  Lebens  anzunehmen  abgelehnt,
bedingungslos  zu  überliefern,  als  Markgraf  Friedrich  zum  Entsatz
  anlangte.  Hier  erlitten  die  Hussiten  durch  die  Meißner  eine
entschiedene  Miederlage,  die  erste  in  diesem  Hriege.  Darauf
nahm  Friedrich  für  den  König  den  ganzen  Leitmeritzer  Kreis
ein,  doch  konnte  er  schließlich  ihn  nicht  halten,  da  das  Reichsheer
  gar  keinen  Srfolg  erzielte.

Einen  für  den  guten  Geist  der  Sachsen  sprechenden  Sug
aus  jener  Seit  finden  wir  bei  dem  für  die  Hussiten  sehr
günstig  gestimmten  Theobald  aufbewahrt.51)  Friedrich  der
Sanftmütige  war  nämlich  1438  nach  vergeblicher  Belagerung
von  Tabor  durch  die  Deutschen  unter  kaiserlichem  Geleite
abgezogen  und  befand  sich  mit  seinen  Truppen  tief  im
böhmischen  Mittelgebirge,  als  eine  Schar  von  tschechischen
        <pb n="63" />
        Das  Heer.  57

Edelleuten  und  Städtern  den  Plan  faßte,  ihn  zu  überfallen
und  zu  vernichten.

„Derhalben“,  so  heißt  es  nun  wörtlich  bei  Theobald,  „waren  die
Meißner  in  forchten,  weil  sie  zwischen  dem  eingenommenen  Gebürg  in
einem  frembden  Land  mit  irem  geschwornen  Feinde  streiten  sollten.  Doch
zuletzt,  wenn  es  ja  nit  anders  seyn  könnte,  schlussen  sie,  sich  ehrlich  zu
wehren  und  ire  Kaut  theuer  genug  zu  verkauffen.  Derhalben  da  sie
zwischen  der  Stadt  Brüx  und  Bilin  bei  dem  Dorff  Selnitz  angriffen  werden,
schrept  einer  den  andern  frisch  an  und  wehren  sich  als  Leut,  so  entweder
den  Tod  oder  ein  ärgers  als  den  Tod  selbsten,  gefängnuß,  zu  gewarten
hatten,  und  indem  sie  sich  in  einer  so  guten  Sach  ritterlich  wehren,  stehet
Gott  und  das  Glück  inen  auch  ber,  daß  sie  mit  Gebürg  und  feindlichem
Heer  verschlossen,  durch  Tugend  einen  Weg  machen,  ire  Feind  auff's  Haupt
erlegen,  deren  ein  große  Anzahl  auch  gefangen  mit  sich  heim  geführet
haben.  Man  habe  ein  gute  Sache,  ein  gut  Gewissen,  bete  fleißig  zu  Gott,
es  wird  dann  gehen  nach  Gottes  Willen;  es  ist  gewiß:  Frevel  thut
kein  gut.“

Im  allgemeinen  war  in  diesem  ganzen  Uampfe  nicht
viel  Ehre  zu  holen,  da  dem  unwiderstehlichen  religiösen  und
mehr  noch  nationalen  Eifer  der  Cschechen  auf  deutscher  Seite
Lauheit,  Mißtrauen  und  Mißgunst  gegen  das  Haus  Habsburg.
und  innere  Uneinigkeit  gegenüberstanden.  Für  letztere  ein
Beispiel.

Nachdem  die  Deutschen  die  Belagerung  von  Mies  durch
den  von  den  Hussiten  gebrachten  Entsatz  aufzuheben  genötigt  worden
  waren  und  auf  dem  Rückzuge  10000  Mann  verloren  hatten,
ward  der  Meißner  Markgraf  Friedrich  von  dem  Brandenburger
Friedrich,  dem  wiederum  verräterisches  Einverständnis  mit  den
Dragern  nachgesagt  ward,  beschuldigt,  zuerst  auf  die  Flucht
bedacht  gewesen  zu  sein,  weswegen  er  auch  mit  dem  geringsten
Derluste  an  Leuten  davongekommen  sei.  Beim  Rückzuge
        <pb n="64" />
        58  Das  Heer.

selbst  fielen  die  verschiedenen  deutschen  Kontingente  plündernd
übereinander  her;  daher  mußte  im  Tachauer  Walde  Graf
Heinrich  von  Schwarzburg  den  sächsischen  Wagenzug  gegen
Brandenburger  verteidigen.52)  Zudem  standen  die  Deutschen,
wie  der  englische  Kardinal  Deinrich  von  Winchester  richtig  bemerkt,
  gegen  die  Cschechen  deswegen  im  WNachteile,  weil  es
ihnen  an  organischer  Gliederung  und  Taktik  fehlte;  darum
sind  Dunderttausende  in  diesen  Kämpfen  nutzlos  hingemordet
worden,  während  mit  wenigeren,  aber  kriegsgeübten  Leuten
wohl  etwas  auszurichten  gewesen  wäre.  Allein  wenn  auch
also  in  den  Hussitenkriegen  nicht  viel  auf  deutscher  Seite  geleistet
  worden  ist,  so  können  doch  die  Sachsen  von  dem,  was
geleistet  worden  ist,  weitaus  den  größten  Teil  für  sich  in  Anspruch
  nehmen.

Gegen  Ende  desselben  Jahrhunderts  sehen  wir  sächsische
Truppen  im  Westen  des  Reiches  gegen  Karl  den  Kühnen  von
Burgund  kämpfen,  sowie  im  Südosten  gegen  die  Ungarn  und
im  Norden  gegen  die  Friesen.  Sie  waren  geführt  von
Albrecht  dem  Beherzten,  von  dessen  Heldenruhm  später  die
Rede  sein  wird.

Im  16.  Jahrhundert  haben  sie  sich  tapfer  gegen  die
Cürken,  den  Feind  der  Christenheit,  gehalten,  u.  a.  an  der  Belagerung
  von  Oest  1542  ruhmvollen  Anteil  genommen,  indem
sie  im  Derein  mit  dem  Ungarn  Oereni  bei  einem  Ausfalle  der
Türken  aus  der  belagerten  Stadt  letztere  von  der  Stadt  abschnitten
  und  in  große  Gefahr  brachten.  Swar  hat  dieser
Feldzug  ohne  Ruhm  für  die  Waffen  der  Christen  geendet,
allein  dies  lag  nicht  an  mangelnder  Tapferkeit  der  Truppen,
sondern,  wie  Erzherzog  Ferdinand  dem  Uaiser  Karl  V  schreibt,
        <pb n="65" />
        Das  Heer.  59

„an  dem  Gehirn  der  guten  Ausführung.“  Er  meint  damit,
daß  der  Kurfürst  Joachim  von  Brandenburg,  dem  das  Reichsfeldherrenamt
  übertragen  war,  keine  Begabung  für  diese
Stellung  hatte;  es  fehlte  wohl  auch  ihm  sowie  den  am  Guge
beteiligten  Italienern  an  rechter  Lust  zu  diesem  Kampfe,  da
sie  dem  Hause  habsburg  die  aus  einem  Siege  über  die  Moslemin
  zu  erhoffenden  Dorteile  mißgönnten.“

Als  darauf  Uönig  Franz  I.  von  Frankreich,  da  er  den
Kaiser  Karl  V.  für  hinreichend  entkräftet  hielt,  um  ihn  anzufallen,
  ihm  den  Mrieg  erklärt  hatte,  nahmen  wieder  die  Sachsen
unter  der  persönlichen  Führung  ihres  Herzogs  Moritz  an  dem
Kriegszuge  teil.  Ihre  Tapferkeit  gewann  den  glänzenden  Sieg
bei  Ditrp  154q4.  Doch  hatten  sie  hier  das  Miüßgeschick,  welches
sie  so  vielfach  im  Derlaufe  der  Geschichte  verfolgt  hat,  nämlich
von  ihren  eignen  Derbündeten  zum  Dank  für  ihre  gute  haltung
einen  schlechten  Leumund  zu  erhalten.

So  haben  nach  der  Schlacht  bei  Ditry  die  Jtaliener  unter
Franz  von  Este,  welcher,  während  Moritz  mit  seinen  TLeuten
dem  Feinde  nachsetzte,  das  Dorf  einnahmen  und  plündernd
über  die  zurückgelassenen  französischen  Karren  herfielen,  nachher
das  Gerücht  verbreitet,  daß  die  sächsischen  Reiter  die  Stadt
Ditry  geplündert  und  angezündet,  Weib  und  Iind  erschlagen,
auch  vor  dem  Feinde  etwas  gestutzt  haben  und  nicht  nachgerückt
  sein  sollten.  (Letzteres  ist  darauf  zurückzuführen,  daß
die  Sachsen,  da  die  Welschen  nur  langsam  über  eine  Brücke
ritten,  eine  Furt  suchten,  um  rascher  an  den  Feind  zu  kommen.)

Mit  begreiflicher  Entrüstung  über  diese  schändliche  Derleumdung
schreibt  Moritz  an  den  Kaiser:
        <pb n="66" />
        60  Das  heer.

„Ich  bin  mit  meinen  Reitern  bis  in  die  24  Stunden  auf  den  Rossen
geritten  und  gehalten,  habe  mich  keines  Hlünderns  angemaßt.  Eure  Majestät
werden  in  Erfahrung  kommen,  daß  wir  uns  dem  alten  ehrlichen  deutschen
Gebrauche  nach  gehalten  haben,  dem  Feinden  obgelegen  und  uns  keines
Plünderns  angenommen.“

Allerdings  war  in  Ditry  nach  der  Einnahme  Feuer  ausgebrochen,
  allein  während  Tloritz  noch  im  Angriff  war;  nachher
hat  er  mit  seinen  deutschen  Knechten  die  Stadt  soviel  wie
möglich  retten  helfen.“)

Wieviel  edelmütiger  war  Gustavp  Adolf,  UKönig  von
Schweden,  der,  um  dem  Uurfürsten  Johann  Georg  I.  die
Beschämung  über  die  Flucht  seiner  meist  eben  erst  ausgehobenen
  und  noch  gänzlich  ungeübten  Truppen  bei  Breitenfeld
1651  zu  ersparen,  ihm  bei  der  Begegnung  von  Leipzig  dafür
dankte,  daß  er  zur  Schlacht  geraten  habe!  Dies  war  übrigens
thatsächlich  wahr,  da  Johann  Georg  schon  um  seines  aufs
entsetzlichste  ausgeplünderten  Landes  willen  eine  Entscheidung
mit  den  Waffen  herbeizuführen  hatte  wünschen  müssen.

An  das  Ende  des  17.  Jahrhunderts  fällt  eine  der  herrlichsten
  Waffenthaten,  welche  das  sächsische  Heer  vollbracht  hat,
nämlich  die  Teilnahme  an  der  Entsetzung  der  von  den  Türken
belagerten  Stadt  Wien  1683;  allein  auch  hier  hat  der  Holenkönig
  Sobieski  nicht  mit  der  Gerechtigkeitsliebe,  wie  sie  einem
Fürsten  gebührt,  der  Sachsen  gedacht.

In  dem  Berichte  nämlich,  welchen  er  über  dieses  Ereignis
an  seine  Frau  schickte,  schreibt  er  zwar  über  die  sächsischen
Truppen:  „Sie  sind  schön,  vollzählig,  gut  gekleidet  und  gut
diszipliniert“  63);  aber  davon  erwähnt  er  nichts,  daß  sie  in  viel
größerer  Anzahl  zum  Uampfe  erschienen  waren,  als  der
        <pb n="67" />
        Das  Heer.  61

Verabredung  gemäß  notwendig  gewesen  wäre,  während  der  so
viel  gefeierte  Dole  Sobieski  selbst  nur  halb  soviel  Mannschaften
stellte,  als  er  nach  der  Höhe  der  vom  laiser  ihm  gezahlten
Gelder  zu  stellen  verpflichtet  gewesen  wäre  und  überhaupt  nur
darum  sich  auf  die  Seite  des  Kaisers  stellte,  weil  der  Hreis,
um  welchen  Ludwig  XIV.  seine  Unthätigkeit  in  diesem  Aampfe
erkaufen  wollte,  ihm  zu  gering  erschienen  war.  Auch  davon
schreibt  er  in  jenem  ungemein  zu  seinen  eignen  gunsten  gefärbten
  Berichte  nichts,  daß  die  Sachsen  den  Dauptschlag  auf
das  türkische  Lager  geführt  und  sich  nach  Sroberung  desselben
nicht  wie  die  Holen  auf  die  Beute  gestürzt,  sondern  den  Feind
verfolgt  und  mit  einem  verhältnismäßig  geringen  Anteile  an
der  unermeßlich  reichen  Beute  fürlieb  genommen  haben.

Es  wird  erzählt,  daß,  als  Karl  von  Lothringen  nach  dem
ersten  Erfolge  einer  mit  den  Dolen  getroffenen  Derabredung
gemäß  das  Gefecht  abbrechen  oder  doch  wenigstens  einen
Kriegsrat  halten  wollte,  der  sächsische  Generalfeldmarschall  von
der  Goltz  geantwortet  habe,  „es  wäre  anjetzo  nicht  Seit,  dergleichen
  vorzunehmen,  sondern  vielmehr  zu  fechten.  Gott  wiese
ja  den  Sieg  schon,  und  müsse  man  das  Eisen  schmieden,  solange
  es  warm  wäre.  Er  hoffe,  als  ein  kontrakter  Mann,
diesen  Abend  noch  mit  Gott  ein  gut  Ouartier  in  Wien  zu
haben“,  worauf  Uarl  von  Cothringen  sprach:  „Marschieren
wir  denn.“  66)

Als  nachher  bei  Fortsetzung  des  Urieges  wider  die  Türken
die  Sachsen  sich  ruhmvoll  beteiligten,  erhielten  sie  von  dem
Feldherrn  Eugen  von  Savoyen,  der  solche  Truppen  zu  würdigen
wußte,  einmal  gebührende  Anerkennung,  wie  wir  aus  dem
Handbillet  ersehen,  welches  Uaiser  Leopold  an  den  Grafen
        <pb n="68" />
        62  Das  Heer.

Reuß  schickte,  welcher  das  sächsische  Uorps  bei  Fentha  1697
geführt  hatte.

Es  lautet:  „Leopold  u.  s.  w.  boch=  und  Wohlgeborner,  lieber,  getreuer!
Es  hat  unfres  lieben  Detters,  Fürsten  und  Feldmarschalls  Eugenii,  Herzogen
zu  Savopen,  LTübden  referiert,  wie  willig,  eifrig  und  tapfer  Du  Dich  samt
den  Deinem  Kommando  untergebenen  Truppen  diese  Kampagne  hindurch
und  sonderlich  bei  der  am  11.  September  vorbeigegangenen  Schlacht  und
erhaltnen  Diktoria  bei  Sende  erwiesen  hast.  Gleichwie  Dir  nun  dieses  zu
einem  unsterblichen  Ruhme  gereichet,  also  haben  auch  Wir  nicht  ermangeln
wollen,  die  Unfrerseits  darüber  geschöpfte  Satisfaktion  und  Gufriedenheit
über  Deine  geleisteten  Dienste  hiermit  in  Naiserlichen  Gnaden  zu  bezeugen,
versichern  uns  auch  gegen  Dich  gnädigst,  Du  werdest  den  überrest  der
HKampagne  damit  allerdings  kontinuieren,  da  wir  Dich  herentgegen  gnädig
versichern,  daß  Wir  nicht  ermangeln  werden,  bei  Unfres  lieben  Oheims
und  Zruders,  des  Königs  in  Hohlen  und  Kurfürsten  zu  Sachsen  Lübden
Deine  und  Deiner  untergebenen  Soldaten  Daleur  zu  rühmen  und  es  allezeit
  mit  kaiserlichen  Gnaden  zu  erkennen,  womit  Wir  Dir  ohnehin  gewogen
bleiben.“

Am  Reichskriege  gegen  Frankreich  von  1688—901  nahmen
die  Sachsen  zwar  sehr  rühmlichen  Anteil,  namentlich  waren  sie
bei  der  Einnahme  von  Mainz  1680  die  ersten,  welche  auf  der
Nontreskarpe  Fuß  faßten;  allein  da  nach  dieser  glorreichen  That
der  kaiserliche  Feldmarschall  Graf  Dünewald  in  einer  weitläufigen
Beschwerdeschrift  an  den  Uaiser,  welche  dieser  auszugsweise  dem
Kurfürsten  mitteilte,  die  sächsischen  Truppen  ohne  Grund  der
Indisziplin  beschuldigt  hatte,  so  erhielt  1680  die  gesamte  sächsische
  Armee,  die  zum  Schutze  und  zur  Rettung  einiger  bedrängter
  Städte  am  Rheinstrome  sich  befand,  weil  sie  selbiger
Orten  keine  Subsistenz  fand,  den  Zefehl,  nach  der  Heimat
zurückzukehren.“)  Das  Derhalten  Dünewalds  erklärt  sich  daraus,
        <pb n="69" />
        Das  Heer.  63

daß  die  guten  Deutschen  untereinander  wegen  der  Winterquartiere
in  Swiespalt  geraten  waren.

Im  nordischen  Feldzuge  hat  Marl  XII.  mehrfach  in
rühmendster  Weise  die  Tapferkeit  der  kleinen,  von  1047  Mann
auf  55  Mann  und  16  Offiziere  zusammengeschmolzenen  sächsischen
Schar  anerkannt,  welche  vom  28.  Juli  bis  zum  21.  Dezember
170|  Dünaburg  hielt  und  an  diesem  Tage  einen  ehrenvollen
Abzug  bewilligt  bekam.  Auch  hier  also  ist  es  der  Gegner,
welcher  unsern  braven  Truppen  Gerechtigkeit  widerfahren  läßt.

Hinge#gen  fällt  ein  unverdient  hartes  Urteil  über  Sachsens
Truppen  zu  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  der  mehrgenannte
Baron  von  Coen,  welcher  sagt:  „Outz,  Uppigkeit  und  Schwelgerei
führen  die  Sachsen  dem  Soldatenstande  zu;  im  übrigen  sind  sie
zu  diesem  Handwerke  wenig  tauglich,  weil  sie  zu  wollüstig  und
gemächlich  sind.  Jener  Kurfürst  von  Bapern  spottete  deshalb
der  geputzten  sächsischen  Männerchen  nicht  ohne  Grund,  welche
er  mit  seinen  rauhen  Kürassieren  zu  Daaren  trieb.  August
(der  Starke)  richtete  mit  seinem  prächtigen  Deere  in  Dolen  ebensowenig
  gegen  die  Schweden  aus;  aber  bei  Hofe,  bei  den  Damen
und  im  Umgange  überhaupt  gibt  es  keine  artigeren  Leute  als
die  Sachsen.“  ös)  Diesen  Leumund  haben  unfre  Truppen  zu  keiner
Seit  verdient,  wie  aus  dem  oben  angeführten  Urteile  Karls  XII.
hervorgeht.  «

Darum  kann  man  auch  nur  mit  Entrüstung  abweisen,
was  der  Franzose  Mirabeau  über  das  sächsische  Heer  aus  der
Geit  König  Friedrich  Augusts  des  Gerechten  vor  den  napoleonischen
  Kriegen  sagt:  „Der  Sachse  taugt  von  vornherein  zum
Soldaten  nicht;  er  ist  mehr  Handwerker  oder  Landmann  als
irgend  etwas  andres.  Die  besten  Rekruten  stellt  das  Ackerbau
        <pb n="70" />
        64  Das  Heer.

treibende  Publikum.“  —  Doch  kann  auch  er  nicht  umhin,  dem
guten  Zustande  der  Armee,  den  Unparteiische  stets  anerkannt
haben,  zum  mindesten  etwas  Cob  zu  zollen:  „Die  Artillerie  und
Kavallerie  sind  musterhaft“,  worauf  er  jedoch  gleich  folgen  läßt:
„was  dagegen  die  Infanterie  betrifft,  so  kann  dieselbe  ohne
Musik  nicht  200  Schritt  weit  marschieren,  ohne  die  Richtung
verloren  zu  haben.“  un  erhebt  er  aber  folgenden  schweren
Dorwurf:  „Alle  WManöver  bei  der  sächsischen  Armee  sind  vollkommen
  überflüssig,  weil  die  oberen  Offziere  es  nicht  verstehen,
durch  eine  geschickte  Taktik  den  Soldaten  zu  belehren.  Gegen
die  Offiziere  ist  man  höheren  Orts  zu  nachlässig,  gegen  den  gemeinen
  Soldaten  zu  streng.  Die  hauptleute  stecken  die  Traktamente
  der  Beurlaubten  in  die  Tasche,  der  Soldat  bekommt
zu  viel  Orügel.“  Suletzt  krönt  er  das  Ganze  mit  der  unverschämten
  gallischen  Lüge,  die  sächsischen  Soldaten  hätten  seit
Uarl  V.  auch  nicht  eine  Schlacht  gewonnen!

Gur  Beruhigung  möge  hinzugefügt  werden,  wie  sich  dieselbe
  Armee,  welche  der  Franzose  so  verächtlich  ansieht,  in  den
Augen  eines  der  edelsten  deutschen  Fürsten  der  damaligen  Geit
darstellte,  nämlich  des  Herzogs  Marl  August  von  Sachsen-Weimar.
  Er  schreibt  /787  an  Merk:  „Die  sächsische  Armee
ist  wirklich  fast  interessanter  zu  sehen  als  die  andern  deutschen
Truppen,  weil  es  doch  eigentlich  die  einzige  Tationalarmee  in
Deutschland  ist,  alle  andern  sind  zusammengekaufte  oder  gestohlene
  Fremde.  Die  Freiheit,  die  wegen  der  Sicherheit  der
Leute  unter  ihnen  herrscht,  macht  sie  noch  angenehmer;  aller
militärische  fatale  Druck  fällt  da  weg  und  es  scheint  eine  Gesellschaft
  freiwillig  zusammengekommener,  sich  in  den  Waffen
übender  TLeute  zu  sein.““))
        <pb n="71" />
        Das  Heer.  65

Fast  zu  anerkennend,  weil  etwas  tendenziös,  ist  das,  was
Bernadotte  über  die  Haltung  der  Sachsen  in  der  Schlacht  bei
Wagram  1800  sagt.  Er  hat  zwar  anfänglich  sehr  widerstrebend
  den  Oberbefehl  über  dieselben  übernommen,  weil  er
darin  ein  Seichen  der  ihm  wohlbekannten  unfreundlichen  Gesinnung
  Uapoleons  erkennen  zu  müssen  glaubte;  dann  aber
hat  er  durch  die  vorzügliche  Daltung  der  Sachsen  doch  sich  mit
ihnen  aussöhnen  lassen.  Sein  auf  die  Schlacht  von  Wagram
bezüglicher  Tagesbefehl  vom  7.  Juli  1800  lautet:

„Sachsen!  Am  Cage  der  Schlacht  vom  5.  Juli  haben  7—go00  von
euch  das  Sentrum  der  feindlichen  Armee  durchbrochen  und  sind  nach  Deutsch-Wagram
  vorgedrungen,  trotz  des  heftigen  und  durch  50  Feuerschlünde  unterstützten
  Widerstandes  von  40000  Mann.  Ihr  habt  bis  Mitternacht  gefochten
  und  mitten  unter  den  österreichischen  Linien  biwakiert.  Am  6.,  mit
CTagesanbruch,  habt  ihr  das  Gefecht  mit  gleicher  Zeharrlichkeit  wieder
aufgenommen.  Welche  Derheerungen  auch  das  feindliche  Geschütz  unter
euch  anrichtete,  eure  lebendigen  Heersäulen  blieben  unerschüttert,  als  wären
sie  von  Erz.  Der  große  Tapoleon  hat  eure  Hingebung  beobachtet.  Er
zählt  euch  unter  seine  Tapferen.  Sachsen!  Das  Glück  des  Soldaten  besteht
in  der  Erfüllung  seiner  Oflicht!  Ihr  habt  der  eurigen  wacker  genügt.  Im

Biwak  von  Leopoldau  am  7.  Juli  isoo.  Der  Kommandant  des  9.  Armeekorps,
  Bernadotte.“

In  Bitterkeit  hat  er  mündlich  hinzugefügt:  „Man  wird
euch  trotzdem  keine  Gerechtigkeit  widerfahren  lassen,  weil  ihr
unter  meinem  BZefehle  standet.“  70)  Die  Folge  dieser  Taktlosigkeit
  war  seine  sofortige  Enthebung  vom  Uommando.

Im  schroffsten  Gegensatze  zu  seinem  überschwenglichen
Lobe  der  Sachsen  steht  die  gehässige  Unterschätzung  ihrer  Ceistung
  durch  Tapoleon,  welcher  seinen  Sorn  gegen  den  von  ihm
selbst  ihnen  gegebenen  Führer  auf  das  ganze  sächsische  Korps

Der  Ceumund  der  Sachsen.  5
        <pb n="72" />
        66  Das  Heer.

ausgedehnt  zu  haben  scheint.  Er  verunglimpft  sie  auf  eine
höchst  ungerechte  Weise,  indem  er  von  ihnen  schreibt:

„Die  Sachsen  gaben  Fersengeld  am  Abend  von  Wagram,
sie  gaben  Fersengeld  am  Morgen  von  Wagram;  es  waren  die
schlechtesten  Truppen  des  Heeres.“7:)  Wenn  er  sie  einmal  anerkannt
  hat,  so  geschah  es  mit  Nebenabsicht;  so  ist  er  z.  B.
nach  der  Erstürmung  des  Töpferberges  bei  Reichenbach  am
22.  Mai  1815  zu  ihnen  herangesprengt  und  hat  laut  ihre
heldenmütige  Tapferkeit  anerkannt,  weil  ihm  nämlich  sehr  viel
daran  lag,  daß  sie,  trotzdem  daß  sie  von  früh  4  bis  nachmittags
  5  Uhr  teils  auf  dem  Marsche,  teils  im  Gefechte  gewesen
  waren,  dem  weichenden  Feinde  noch  nachsetzen  sollten.

Auch  Thiers,  der  französische  Geschichtschreiber  der  Revolution
  und  der  napoleonischen  Seit,  ist  ungerecht  gegen  sie.
Davon,  daß  in  der  Schlacht  an  der  Moskwa  die  Erstürmung
der  Rajewskischanze  durch  sächsische  Reiterei,  eine  Leistung,
welche  in  der  riegsgeschichte  fast  ohnegleichen  ist,  den  Ausschlag
  zu  gunsten  Toapoleons  gab,  schweigt  er  ganzl  Hingegen
behauptet  er,  der  geschichtlichen  Wahrheit  geradezu  zuwider,
daß  die  Sachsen  bei  Großbeeren  (den  25.  August  1815)  die
Niederlage  des  französischen  Generals  Durutte  verschuldet  hätten.
Er  schreibt  nämlich:

„Die  Division  Durutte  leistete  heldenmütig  Widerstand;  aber  die  Sachsen,
welche  zum  großen  CTeile  in  diesem  Jahre  erst  ausgehoben  waren  und  mit
der  Schwäche  ihres  Alters  einen  sehr  schlechten  Geist  verbanden,  dazu  von
Offlzieren  bearbeitet  wurden,  welche  sie  daran  erinnerten,  daß  sie  1800
Bernadotte  angeführt  und  wie  ein  Dater  behandelt  habe,  widerstanden  nicht
lange  und  ließen  die  Division  Dürutte  ohne  Unterstützung.  Diese  ward
genötigt,  sich  zurückzuziehen,  doch  geschah  es  in  guter  Grdnung.“)
        <pb n="73" />
        Das  Heer.  67

Das  Empörendste  aber,  was  französische  Undankbarkeit
geleistet  hat,  ist  das,  daß  die  Sachsen  nach  der  Schlacht  von
Dennewitz  (den  6.  September  1815),  in  welcher  sie  allein  die
Shre  des  für  die  französischen  Waffen  so  unglücklichen  Tages
durch  einen  geordneten  Rückzug  gerettet  hatten,  in  einem  vom
kaiserlichen  Hauptquartier  ausgehenden  und  in  der  Leipziger
Seitung  veröffentlichten  Schlachtberichte  angeschuldigt  wurden,
als  ob  sie  die  Flucht  begonnen  und  die  andern  Korps  in
dieselbe  mit  hineingerissen  hätten!  Es  war  vergebens,  daß
General  Repnier  beim  Uaiser  eine  Berichtigung  dieser  für  die
seiner  Führung  unterstellten  Sachsen  so  beleidigenden  Lüge  verlangte,
  es  ward  nichts  zurückgenommen;  Repnier  konnte  nur
persönlich  dem  sächsischen  Generale  Lecoq  auf  dessen  ausdrückliche

  Zeschwerde  die  musterhafte  Haltung  seiner  Truppen  bestätigen.7)


Welche  Anerkennung  unfre  Truppen  in  jener  Seit  wirklich
verdient  hätten,  wenn  der  Uaiser  der  Franzosen  gerecht  gewesen
wäre,  möge  aus  folgendem  ZSuge  abgenommen  werden.

In  der  unglücklichen  Schlacht  bei  Jena  (I#.  Oktober  1800)
war  das  sächsische  Grenadierbataillon  Winkel,  bei  welchem  sich
der  Fürst  Hohenlohe  befand,  inmitten  der  allgemeinen  Derwirrung,
  vom  Feind  unablässig  angegriffen,  in  voller  Ordnung
und  mit  klingendem  Spiele  zurückgegangen.  Als  später  auf  dem
Heimmarsch  von  Barb'  aus  dieses  Bataillon  zufällig  auf  das
Thasseurregiment  vom  Mepschen  Korps  traf,  durch  welches  es
so  oft  vergeblich  angegriffen  worden  war,  ließ  der  Lommandeur
  dieses  Regiments  dasselbe  aufmarschieren,  Harademarsch

blasen  und  dem  vorüberziehenden  Bataillon  Ehrenerweisungen
5“
        <pb n="74" />
        68  Das  Heer.

machen;  gewiß  ein  wertvoller  Beitrag  zum  Leumund  der
Sachsen!74)

Aus  neuerer  Seit  sei  erwähnt,  daß  in  dem  unruhigen
Jahre  1848  unfre  Truppen  in  Thüringen,  wohin  ein  Teil  von
ihnen  unter  Oberbefehl  des  Generals  von  holtzendorf  zur  Aufrechterhaltung,
  bez.  Wiederherstellung  der  Ordnung  gelegt  worden
  war,  sich  einen  guten  Tlamen  gemacht  haben.  Die  strenge
Haltung,  welche  sie  in  und  außer  Dienst  bewahrten,  machte  auf
die  unruhigen  Elemente  einen  Achtung  gebietenden  Eindruck,
und  der  wohlgesinnte  Teil  der  Bevölkerung  erwies  ihnen  allenthalben
  eine  herzliche  Dankbarkeit.  Das  musterhafte  Betragen
dieses  Beobachtungskorps  hat  wesentlich  dazu  beigetragen,  die
erregten  Gemüter  wieder  zu  beruhigen.

Im  Jahre  1864  bei  der  Rückkehr  aus  Schleswig  wurden
die  Sachsen,  welche  durch  ihr  gutes  Betragen  im  Quartier  nicht
minder  wie  durch  ihre  Tüchtigkeit  im  Kampfe  allgemeine  Liebe
und  Achtung  sich  erworben  hatten,  auf  allen  Stationen,  welche
die  von  ihnen  besetzten  Eisenbahnzüge  berührten,  mit  dem  Ausdrucke
  voller  Sympathie  empfangen  und  bewirtet.

Auch  der  Haiser  von  Osterreich  erkannte  die  vorzügliche
haltung  und  die  unerschütterliche  Disziplin  derselben  an,  welche
sie  in  treuer  Anhänglichkeit  und  Hingebung  selbst  in  den  mißlichsten
  Seiten  bethätigt  hatten,  und  verteilte  an  verschiedene
Offiziere  äußere  Seichen  seiner  Huld.

Desgleichen  hat  im  Jahre  1866  das  Derhalten  unfrer
Truppen  eine  verdiente  Anerkennung  durch  die  ehrenden  Abschiedsworte
  gefunden,  welche  der  Erzherzog  Albrecht  von
Osterreich  als  Oberstkommandierender  in  einem  Armeebefehle
        <pb n="75" />
        Das  Heer.  69

an  Se.  königl.  Hoheit  den  damaligen  Kronprinzen  Albert,  jetzt
königl.  Mlajestät,  richtete.  Sie  lauteten:

„Stolz  mag  das  eigne  vaterland  auf  seine  rückkehrenden  würdigen
Söhne  blicken,  denn  sie  haben  unter  Sr.  kgl.  Hoheit  des  Kronprinzen  so
ausgezeichneten  Führung  aufs  neue  die  ererbten  kriegerischen  Tugenden
ihres  Lolkes  rühmlichst  erprobt.  Die  kaiserlich  königliche  Armee  aber,  mit
der  diese  wackere  Schar  Anstrengungen,  Entbehrungen  und  Gefahren  so
treu  geteilt,  kann  in  diesem  Abschiedsgruße  nicht  warm  und  nicht  herzlich
genug  der  hohen  Achtung  und  aufrichtigen  Snneigung  Ausdruck  geben,
die  unfre  scheidenden  Waffenbrüder  sich  in  Esterreichs  Dolk  und  Heer
erwarben  durch  ungewöhnliche  Tapferkeit,  strenge  Disziplin  und  unerschütterliche
  Standhaftigkeit  in  allen  Wechselfällen  des  Krieges,  durch
musterhaftes  Benehmen  gegen  uns  und  die  Bewohner  des  Landes,  denen
sie  allerorten  so  lieb  und  wert  geworden.

„Wer  seiner  pflicht  so  vollständig  als  die  sächsischen  Truppen  genügte,
in  harten  Hrüfungen  so  ungebeugten  Sinnes  blieb,  darf  getrost  auf  die
Vergangenheit  und  in  die  Sukunft  blicken.  Was  letztere  auch  bringen  mag,
wir  wünschen  und  hoffen,  daß  jene  Capferen  das  Andenken  der  edlen
Kampfgenossenschaft,  die  auf  Böhmens  Schlachtfeldern  Tausende  mit  ihrem
Herzblute  besiegelten,  so  lebhaft  und  dauernd  bewahren  werden,  als  Oster.
reichs  Heer  die  dankbare  Erinnerung  an  die  in  ernster  Seit  bewährten
Mameraden  und  die  innigste  Teilnahme  an  ihren  ferneren  Geschicken.  Und
omit  sage  ich  im  Tamen  der  Armee  den  braven  Sachsen  herzlich  lebewohl.
Gott  geleite  sie,  gebe  Ruhm  und  Beil  ihren  glorreichen  Fahnen.  Albrecht.“7)

Einer  solchen  Truppe  kann  natürlich  auch  die  Anerkennung.
eines  edelgesinnten,  gerechten  Gegners  nicht  fehlen,  wie  er  den
Sachsen  1866  in  den  Hreußen  entgegengetreten  war.  Daher
finden  wir  bei  letzteren  volle  Anerkennung  dessen,  was  sie  bei
Droblus  und  Meugiüschin  geleistet  haben.  «

Obgleich  sich  die  österreichischen  Regimenter  Gastner  und
Vobili,  statt  den  beabsichtigten  Vorstoß  der  Sachsen  zu  schützen,
        <pb n="76" />
        70  Das  Heer.

in  eiliger  Flucht  auf  dieselben  warfen,  so  gelang  es  doch
dem  aus  dem  zweiten  Treffen  vorgezogenen  2.  sechsischen
Jägerbataillone,  das  in  geschlossener  Linie,  Schützen  rechts  und
links,  mit  voller  Musik  gegen  die  bedrohte  linke  Flanke  avancierte,
  den  Schwarm  der  Flüchtigen  durchließ,  dann  aber  sich
wieder  schloß  und  seine  Salven  gegen  die  nachdringenden  preußischen
  Bataillone  abgab,  der  Derwirrung  ein  GSiel  zu  setzen.
S#  bezeugt  der  gewiß  echt  preußisch  gesinnte  Fontane#).
Außerdem  sind  in  wiederholten  Fällen  einzelne  sächsische  Soldaten
  wegen  ihrer  vorzüglichen  Haltung  von  preußischen  Offizieren
  ausgezeichnet  worden.

Selbstverständlich  wurde  solche  Anerkennung  noch  freudiger
ausgesprochen,  als  im  großen  Jahre  1870  Alldeutschland  nach
Frankreich  hineinstürmte.  In  den  Berichten  über  diesen  Krieg
wird  endlich  unsern  Truppen  die  Ehre,  welche  ihnen  gebührt,
auch  wirklich  erwiesen.  So  sind  denn  die  letzten  Seugnisse  für  das
sächsische  Heer  die  rühmlichsten.  Unter  anderm  schreibt  Winterfeld
(Dollständige  Geschichte  des  deutsch  französischen  Krieges  von
1870  und  1871  t2c.  S.  226):  „Die  königl.  sächsische  Armee
hat  an  diesem  Tage  (18.  August)  an  der  Seite  der  preußischen
Garde  ihre  alte  Tüchtigkeit  bewährl;  einstimmig  ist  das  Urteil
daß  sich  sämtliche  llommandeure  durch  musterhafte  Führung
und  alle  Truppen  durch  außerordentliche  Tapferkeit  und  Ausdauer
  hervorgethan  haben,  und  es  ist  dem  Armeekorps  auf
diese  Weise  möglich  geworden,  eine  noch  am  Abende  des
Schlachttages  vom  Oberkommando  der  Sweiten  Armee  dankend
anerkannte  entscheidende  Wendung  der  Schlacht  zu  geben.“
Vor  allem  wertvoll  aber  sind  die  Außerungen  des  Kaisers
Wilhelm  I.  selbst  über  die  Haltung  der  Sachsen.  Das  erste
        <pb n="77" />
        Das  Heer.  71

ist  eine  am  21.  August  aus  dem  Hauptquartier  zu  Pont
à  Mousson  abgesandte,  auf  den  eben  erwähnten  Tag  von
St.  Orivat  bezügliche  Drahtbotschaft  des  Kaisers  Wilhelm  I.
an  Uönig  Johann,  welche  folgendermaßen  lautet:

„Nachdem  ich  nun  den  ganzen  Umfang  des  Anteils,  den  Deine
Truppen  am  Siege  vom  18.  August  genommen  haben,  übersehen  kann,
muß  ich  Dir  zu  diesem  Erfolge  meinen  Glückwunsch  aussprechen.  Freilich
ist  der  Derlust  sehr  bedeutend.  Wilhelm.“

Dieser  ersten  Kundgebung  des  laisers  über  die  Sachsen
in  diesem  Mriege  entspricht  die  letzte,  nämlich  die  Anrede,  welche
er  nach  der  großen  Revue  über  die  sächsischen,  württembergischen
und  baprischen  Truppen  auf  dem  durch  die  lämpfe  am
50.  Mo#.  und  2.  Dez.  1870  geschichtlich  gewordenen  Terrain
von  Dilliers  am  7.  März  1871  abhielt;  da  hat  er  gesagt:.

„Es  gereicht  mir  zur  besonderen  Genugthuung  und  Freude,  heute  auch
einen  großen  Teil  der  Maasarmee  und  der  III.  Armee  am  Schlusse  dieses
cglorreichen  Krieges  versammelt  gesehen  und  nach  so  vielen  blutigen  und
entscheidenden  Schlachten  in  einer  so  vortrefflichen  Derfassung  gefunden  zu
haben.  Mit  Stolz  kann  derjenige  Teil  der  Truppen,  welcher  auf  diesen
blutgetränkten  Feldern  gefochten,  das  Seugnis  derselben  für  ihre  Tapferkeit,
  für  ihre  Ausdauer  und  darum  für  ihren  Sieg  in  Anspruch  nehmen.
Gleichzeitig  mit  unsern  Siegen  über  den  Feind  haben  wir  aber  auch  in
unserm  Daterlande  einen  Erfolg  erreicht,  der  so  schnell  und  so  vollständig
kaum  vorauszusehen  war,  denn  Deutschland  ist  geeinigt  und  hat  mich  an
seine  Spitze  berufen.  Jetzt  wird  es  darauf  ankommen,  im  Frieden  den
Bau  weiter  zu  führen,  dessen  Grundstein  auch  Sie  mit  Ihrem  Blute  und

Ihrer  Treue  gefkittet.“

Abgesehen  von  vielen  gelegentlichen  Außerungen  über  das
XII.  Armeekorps  hat  er  später  noch  einmal  in  seiner  Eigenschaft
  als  oberster  Kriegsherr  von  ganz  Deutschland  zu  den
        <pb n="78" />
        72  Das  Heer.

Sachsen  und  über  sie  sich  auszusprechen  Gelegenheit  gehabt,
nämlich  nach  dem  großen  Uaisermanöver  des  Jahres  1882.
Das  hHandschreiben,  welches  er  nach  Beendigung  desselben  an
unsern  lönig  richtete,  lautet  folgendermaßen:

„Die  am  heutigen  Tage  beendigten  diesjährigen  großen  Herbstübungen
des  XII.  (kgl.  sächs.)  Armeekorps  haben  ein  in  jeder  Zeziehung  so  sehr
erfreuliches  Resultat  ergeben,  daß  ich  Ew.  Majestät  Land  und  Truppen
nicht  verlassen  kann,  ohne  meiner  schon  nach  einzelnen  übungstagen  ausgesprochenen
  lebhaften  Befriedigung  und  Anerkennung  Ausdruck  zu  geben.
Ew.  Majestät  Armeekorps  befindet  sich  in  der  That  nach  jeder  Richtung
in  einem  besonders  guten  Ausbildungszustande  und  läßt  erkennen,  daß  das
im  Kriege  und  im  Frieden  bewährte  Soldatenauge  seines  Uönigs  diese
Ausbildung  aufs  sorgfältigste  überwacht,  und  daß  an  derselben  an  allen
Kommandostellen  mit  großer  Sachkenntnis  und  Hingabe  gearbeitet  wird.
Ich  spreche  Ew.  Majestät  meinen  herzlichen  Glückwunsch  zu  solchem  Resultäte
  aus  und  empfinde  eine  aufrichtige  Freude  darüber,  mich  immer
wieder  zu  überzeugen,  wie  sehr  unsre  Ansichten  über  die  hohe  und  weitgreifende
  Wichtigkeit  des  kriegerischen  Sustandes  der  Truppen  übereinstimmen.
  Ew.  Mljestät  bitte  ich,  auch  Ihren  Truppen  und  insbesondere
auch  den  Führern,  vor  allem  aber  dem  kommandierenden  General  Sr.  kal.
Hoheit  dem  Hrinzen  Georg,  Herzog  zu  Sachsen,  Kenntnis  von  meiner  leb.
haften  Anerkennung  ihrer  Leistungen  geben  zu  wollen,  und  bitte  ich  zugleich
auch  meinen  wärmsten  Dank  für  die  überaus  freundliche  und  meinem
Zerzen  wohlthuende  Aufnahme  entgegenzunehmen,  die  mir  in  Ew.  Majestät
Hause  und  in  Ihrem  Tande  zu  teil  geworden  ist.  Mit  der  Dersicherung
der  vollkommensten  Hochachtung  und  wahren  Freundschaft  verbleibe  ich
Ew.  Majestät  freundwilliger  Detter  und  Bruder  Wilhelm.  Dresden,  am
27.  September  1882.  An  des  Königs  von  Sachsen  Mojestät.“77)

Wer  so  dem  Besten  seiner  Seit  genug  gethan,  wie  unser
Heer  dem  Ulaiser  Wilhelm  I.,  der  hat  fürwahr  einen  guten
Leumund!
        <pb n="79" />
        <pb n="80" />
        Carvla
Bönigin  von  Sachsen.
        <pb n="81" />
        Albert

König  von  Sachsen.
        <pb n="82" />
        <pb n="83" />
        73

IX.  Das  Fürstenhaus.

Auf  dem  Wiener  Nongresse  ist  von  Mletternich  und
Talleprand,  um  die  sächsische  Frage,  über  welcher  beinahe  der
europäische  Krieg  von  neuem  entbrannt  wäre,  zu  einer  befriedigenden
  Lösung  zu  bringen,  der  Dorschlag  gemacht  worden,
den  lönig  Friedrich  August  den  Gerechten  für  den  Derlust
seines  ganz  an  Hreußen  abzutretenden  Landes  durch  Gebietsteile
  auf  dem  linken  Rheinufer  zu  entschädigen.

Ss  war  selbstverständlich,  daß  der  Uönig  einen  solchen
Dorschlag  mit  Entschiedenheit  zurückwies,  „da  es  für  ihn  in
der  ganzen  Welt  keine  Entschädigung  für  sein  Daterland  gebe
und  da  es  seine  heilige  Oflicht  sei,  nicht  auf  Unterthanen  und
Länder,  welche  die  Dorselung  seinem  Hause  seit  Jahrhunderten
anvertraut  habe,  zu  verzichten.“  Er  sprach  damit  richtig  aus,
daß  in  Sachsen  das  Fürstenhaus  und  das  Dolk  aufs  innigste
zusammengehören,  wie  es  sich  ja  auch  in  diesem  Jubeljahre
wieder  aufs  schönste  bethätigt.

Diese  Susammengehörigkeit  können  wir  dahin  bestimmen,
daß  auf  dem  Stamme  des  sächsischen  Dolkes  das  Fürstenhaus
ein  schöner  Sweig  ist,  an  welchem  die  ganze  Art  des  Dolkes
in  ganz  besonderer  Weise  zur  Erscheinung  kommt.  Daher  soll,
während  man  sonst  dem  Fürstenhause  den  ersten  Hlatz  einzuräumen
  die  sehr  begründete  Gepflogenheit  hat,  hier  demselben
der  letzte  angewiesen  werden,  weil  das,  was  der  Leumund  über
dasselbe  sagt,  das  Ganze  krönt.

Wenn  nun  auch  jeder  einzelne  Fürst  seine  ausgeprägte
HOersönlichkeit  hat,  die  in  dem  von  der  Geschichtschreibung
        <pb n="84" />
        74  Das  Fürstenhaus.

seinem  Namen  hinzugefügten  Eigenschaftsworte  dann  einen  zutreffenden
  Ausdruck  findet,  wenn  dasselbe  nicht  von  einem  vorurteilsvollen
  Oarteimann  willkürlich  gewählt,  sondern  der
Widerhall  der  Dolksstimme  ist,  so  sucht  man  doch  auch  mit
Recht  bei  einer  Familie,  die  nachweisbar  als  solche  seit  mehr
als  800  Jahren  besteht,  nach  einem  gemeinsamen  Familienzug.

Ein  solcher  ist  bei  dem  Hause  Wettin  vorhanden!  Allen
Fürsten  dieses  Dauses  nämlich  wird  der  Ruhm  gespendet,  daß
sie  stets  in  unentwegter  Treue  zu  Taiser  und  Reich  gestanden
haben!  Jene  Gewissenhaftigkeit  in  der  Oflichterfüllung,  welche
wir  unserm  ganzen  Dolksstamme  zuschreiben  dürfen,  haben
auch  die  Fürsten  desselben  allezeit  bewiesen.  Darum  hat  das
Deutsche  Reich  an  ihnen  zu  allen  Seiten  eine  ganz  besonders
wertvolle  Stütze  gehabt,  welche  auch  in  den  schlimmsten  Seiten
zuverlässig  blieb,  und  jetzt,  da  durch  Gottes  Gnade  eine  bessere
Seit  angebrochen  ist,  das  Ihrige  dazu  beiträgt,  daß  man  getrost
  in  die  Sukunft  blicken  kann.

Hören  wir  nun  das  Urteil  des  Leumundes  über  einzelne
unfrer  Fürsten.

Der  nachweisbare  Stammpater  des  Hauses  Wettin,  Theodorich
  von  Buzici,  dessen  Stammgüter  in  Uordschwaben  lagen,
wodurch  die  echt  deutsche  Herkunft  unfres  Fürstenhauses  nachgewiesen
  ist,  wird  von  Thietmar  von  WMerseburg  als  vir  egregiae
libertatis  bezeichnet,  also  als  ein  Freiherr,  welcher  nicht  eines
andern  Fürsten  Dasall  war,  sondern  außer  seinem  Allod  nur
vom  Reiche  TLehen  hatte.7)

Nachdem  sein  Sohn  Dedo  Derweser  der  Mark  Meißen
gewesen  war,  ward  dessen  Sohn  Heinrich  von  Eilenburg  1088
        <pb n="85" />
        Das  Fürstenhaus.  75

mit  derselben  belehnt,  von  welchem  an  dieses  Land  bis  auf  den
heutigen  Tag  bei  den  Wettinern  geblieben  ist.  Wenn  wir
auch  von  ihm  uns  kein  bestimmtes  Bild  machen  können,  so
dürfen  wir  doch  annehmen,  daß  er  seinem  mehrfach  eidbrüchigen,
  halt=  und  gewissenlosen  Dorgänger  Eckbert  gegenüber
  dem  llaiser  Heinrich  IV.,  welcher  ihn  mit  der  Mark
Meißen  belehnte,  als  ein  treuer  und  zuverlässiger  Alann  erschienen
  sein  muß.

An  seine  Stelle  tritt  sein  Detter  Konrad,  in  der  sächsischen
Geschichte  der  Große  genannt  (1127—56);  wenn  wir  auch
über  ihn  nicht  hinreichend  unterrichtet  sind,  um  von  seinem
Tharakter  etwas  sagen  zu  können,  so  ist  doch  das  geschichtlich
feststehend,  daß  er  es  wohl  verstanden  hat,  seine  anfangs  nur
geringe  Macht  immer  mehr  zu  vergrößern.

Sein  Machfolger  Otto  (1156—00)  heißt  bekanntlich  der
Reiche,  weil  unter  ihm  das  Freiberger  Silber  fündig  gemacht
wurde.  Der  Grund,  warum  der  Freiberger  Silberbergbau  so
großes  Aufsehen  erregte,  war  nicht  sowohl  die  Wl#enge  des  edlen
Metalls,  obwohl  auch  diese  nicht  unbeträchtlich  war,  als  vielmehr
  die  fast  neue  Erfahrung  von  reinem,  gediegenem  Silber,
welches  hier  gefunden  ward.7s)

Kann  von  Albrecht  dem  Stolzen  (I100—05)  nicht  verschwiegen
  werden,  daß  er  sich  wider  den  Kaiser  Heinrich  VI.
mit  den  Welfen  verschworen  hat,  so  wird  seinem  Bruder
Dietrich  dem  Bedrängten  (1105—1221)  ein  um  so  schöneres
Seugnis  der  Treue  ausgestellt.  Es  steht  bei  Walter  von  der
Dogelweide  und  lautet:
        <pb n="86" />
        76  Das  Fürstenhaus.

Und  ie  der  Misensere,
derst  iuwer  ane  wän,
von  gote  wurde  ein  engel  &amp;amp;  verleitet;  0)

auf  Tleuhochdeutsch:  „Und  der  Meißner,  der  ist  euer  ohne
Falsch,  eher  würde  von  Gott  ein  Engel  verführt.“

Diese  an  Hhilipp  von  Schwaben  gerichteten  Worte  sind
eben  Worte  eines  Dichters,  d.  h.  etwas  überschwenglich;  wissen
wir  doch  aus  der  Geschichte,  daß  später  Dietrich  möglicherweise
durch  Walter  von  der  Dogelweide  selbst  dazu  veranlaßt,  seinen
Frieden  mit  dem  Gegenkaiser  Ohilipps  von  Schwaben,  GOtto  IV.
von  Braunschweig,  machte,  als  dieser  1212  wieder  in
Mitteldeutschland  Boden  gewann;  allein  sie  sind  durchaus
wahr  bis  zum  Jahre  1204  und  im  Dergleiche  zu  dem  Derhalten
  andrer  deutscher  Fürsten.  Übrigens  hat  Walter  von
der  Dogelweide  das  Mleißner  Land  selbst  besucht  und  seinen
Markgrafen  persönlich  kennen  gelernt.

Mit  noch  größerem  RZRechte  sagt  von  Heinrich  dem  Erlauchten
  (l221—88)  der  Tannhäuser:

Heinrich  der  Misenaere,

der  sine  triuve  nie  zerbrach,
derst  alles  wandels  laere.

„Heinrich,  der  Meißner,  der  seine  Treue  nie  zerbrach,  der
ist  ohne  alle  Wandelbarkeit.“  Dies  bezieht  sich  darauf,  daß
er  gegen  Heinrich  Raspe,  den  Landgrafen  von  Thüringen,  treu
zu  Friedrich  II.  stand.  Dieser  hat  ihm  seine  Treue  gelohnt,
indem  er  nicht  nur  seine  Tochter  Margarete  dem  Sohne  heinrichs,
  Albrecht  (dem  Entarteten),  zur  Gemahlin  gab  und  nicht
nur  das  Hleißnerland  ihm  vorläufig  unterpfändlich  einräumte,
        <pb n="87" />
        Das  Fürstenhaus.  77

sondern  ihn  auch  durch  die  Belehnung  mit  Thüringen  1247
zu  einem  der  mächtigsten  Reichsfürsten  machte.

Doch  hatte  Heinrich  auch  um  seiner  Reichstreue  willen  zu
leiden,  insofern  der  Hapst  Gregor  IX.  durch  seinen  Abgesandten,
  den  Archidiakonus  Albert  von  Hassau,  das  Aleißner
Domkapitel  auffordern  ließ,  es  möge  den  Markgrafen  von
Meißen  zum  Gehorsam  gegen  den  Hapst  (will  sagen:  zum
Abfalle  von  der  kaiserlichen  Hartei)  ermahnen,  nötigenfalls
mit  dem  Interdikte  verfahren;  allein  bei  der  für  den  Markgrafen
  sehr  günstigen  öffentlichen  Stimmung  konnte  der  Hapst
nicht  durchdringen.

Seinen  Beinamen  Illustris  („der  Glänzende“)  verdankt
Heinrich  dem  Glanze,  mit  welchem  er,  seiner  Macht  und
seinem  Reichtume  entsprechend,  aufzutreten  liebte.  Auch  der
Uaiser,  der  doch  selbst  eine  glänzende  Hofhaltung  liebte,  ist
durch  die  Oracht,  mit  welcher  Heinrich  auftreten  konnte,  in
Erstaunen  gesetzt  worden.

Albrecht  dem  Entarteten  (1288—  1507)  gebührt  leider
sein  Tkame  deswegen,  weil  er  in  geradezu  unnatürlicher  Weise
die  eignen  Söhne  Diezmann  und  Friedrich  schädigte,  welche
ihren  angestamnmten  Besitz  mit  Wachdruck  und  gutem  Erfolg,
verteidigten,  so  z.  B.  in  der  Schlacht  bei  Lucka,  den  51.  Mai
1507,  welche  bei  einer  Abhandlung  über  den  Leumund  der
Sachsen  darum  nicht  fehlen  darf,  weil  sie  sprichwörtlich  geworden
  ist.  Denn  man  sagte  lange  Seit  in  Erinnerung  an  die
Tiederlage,  welche  hier  die  Truppen  des  Habsburgers  Albrechts  I.
durch  die  Teißner  erlitten:  „Es  mag  ihm  glucken  (glücken),  wie
den  Schwaben  bei  Lucken“.
        <pb n="88" />
        78  Das  Fürstenhaus.

Friedrich  (13507  —  24)  hat  den  Namen  des  Freudigen
darum  wohl  verdient,  weil  er  auch  in  sehr  schwerer  Zedrängnis,
  3.  B.  in  der  Gefangenschaft  beim  Markgrafen  von  Brandenburg
  in  Tangermünde,  doch  guten  Mut  behalten  hat.  Sein
gewöhnlicher  Zeiname  „Der  Gebissene“  sagt  nichts  von  ihm
aus  und  ist  seiner  Entstehung  nach  unsicher.

Friedrich  der  Ernsthafte  (1524  —  40)  war  ernsthaft  in
Derfolgung  seines  Bestrebens,  die  markgräfliche  Macht  wieder
herzustellen  und  zu  erweitern,  doch  auch  klug  und  reichstreu
genug,  um  die  Wahl  zum  Gegenkaiser  gegen  Ludwig  abzulehnen,
  da  ihn  dies  in  unabsehbare  Derwickelungen  gestürzt
haben  würde;  und  Friedrich  der  Strenge  (l540—81)  war  streng
in  Unterdrückung  der  seiner  Macht  widerstrebenden  Kitter.

Daß  von  Friedrichs  des  Streitbaren  (15381—1428)  Streitbarkeit
  der  tschechische  Geschichtschreiber  Palacky  nichts  zu  berichten
  weiß,  darf  nicht  Wunder  nehmen,  da  letzterer  „bei  seinen
Forschungen  kein  einziges  Dokument  gefunden  hat,  das  für  die
Deutschen  günstig  wäre.“  Friedrich  ist  ihm  ein  Fürst,  der  im
Mampfe  gegen  die  Hussiten  und  die  Reformation  Gelegenheit
fand,  sich  auf  die  erste  Stufe  der  Macht  im  Deutschen  Reiche
zu  erheben.

Allein  das  beste  Seugnis  dafür,  daß  er  des  Reiches  Wehr
gegen  die  furchtbare  Hussitengefahr  gewesen  ist,  hat  ihm  Naiser
Sigismund  dadurch  erteilt,  daß  er  ihm  das  Herzogtum  Sachsen
und  die  Hurfürstenwürde  übertrug.

Auch  der  Umstand  spricht  für  seine  Kriegstüchtigkeit,  daß
die  Hussiten,  wie  schon  oben  erwähnt  ward,  einen  besonderen
Hhaß  auf  die  Meißner  hatten,  unter  welchem  Friedrichs  des
Streitbaren  Machfolger  Friedrich  der  Sanftmütige  (14128—64)
        <pb n="89" />
        Das  Fürstenhaus.  79

noch  schwerer  zu  leiden  hatte,  denn  unter  ihm  fielen  die  Hussiten,
zum  Angriff  übergehend,  im  Meißner  Cande  ein.  s1)  Seines
glänzenden  Sieges  über  die  böhmischen  Ritter  und  Städter,  welche
ihn  auf  dem  Rückmarsche  von  Tabor  überfallen  wollten,  bei
Selnitz  zwischen  BZrüx  und  Bilin  1458  war  schon  oben  Erwähnung
  gethan  worden.

Den  Beinamen  des  Sanftmütigen  (placicus)  hat  er  wegen
des  bekannten  Suges  von  brüderlicher  Liebe,  den  Spalatin  von
ihm  berichtet,  erhalten.  Ist  das  allbekannte  Wort:  „Schieß,
wen  du  willst,  nur  meinen  Bruder  nicht“,  wirklich  von  ihm
gesprochen  worden,  so  ist  durch  dasselbe  der  Soitzberg  bei  Gera,
an  dessen  Fuße  Friedrich  lagerte,  während  Wilhelm  am  andern
Elsterufer  auf  dem  Hersberge  stand,  zu  einer  heiligen  Stätte
geweiht  worden.  überhaupt  scheint  der  große  Unterschied  des
Wesens  zwischen  ihm  und  seinem  leidenschaftlichen  Zruder
ihm  zu  dem  Tamen  des  Sanftmütigen  verholfen  zu  haben.

Don  seinen  beiden  Söhnen  Ernst  (1464  —86)  und  Albert
(1485—1500)  tritt  der  letztere,  der  Stifter  der  nach  ihm  benannten
  Linie  des  hauses  Wettin,  welche  gegenwärtig  noch  auf
dem  CThrone  unfres  Landes  sitzt,  darum  vor  dem  ersteren  in
den  Vordergrund,  weil  seine  Laufbahn  eine  bewegtere  und
Ilänzendere  war.

Wie  sein  Beiname:  animosus,  d.  i.  der  Beherzte,  besagt,
hatte  er  ausgesprochene  kriegerische  UMeigung  und  Begabung,
und  bei  seiner  treuen,  selbstlosen  Hingabe  an  laiser  Maximilian
  fand  er  Gelegenheit  genug,  diese  zu  bethätigen.  Darum
hat  er  auch  bei  diesem  einen  sehr  guten  Leumund  gehabt;  er
wird  von  ihm  „lieber  Oheim“  genannt,  und  er  war  in  der
That  gegen  ihn  ein  fast  zu  guter  Onkel,  denn  er  hat  in  seiner
        <pb n="90" />
        80  Das  Fürstenhaus.

ritterlichen,  selbstlosen  Gesinnung  dem  Hause  Habsburg,  welches
im  Annehmen  von  Diensten  immer  weit  stärker  gewesen  ist
als  im  Belohnen  derselben,  wahrhaft  großartige  Opfer  gebracht
und  die  Sache  desselben  wie  seine  eigne  geführt.

Daher  fand  er  auch  beim  Papste  Anerkennung,  welcher
ihm,  hierin  jedenfalls  ein  Scho  Maximilians,  die  schmeichelhafte
  Bezeichnung  „die  rechte  Hand  des  Reiches“  beilegte  und
ihn  durch  Übersendung  der  geweihten  goldenen  Rose  nach
Sieriksee  in  Friesland  ehrte.  Wertvoller  sind  die  von  seinen
Gegnern  über  ihn  abgegebenen  Urteile.

So  soll  König  Tatthias  von  Ungarn  nach  dem  Frieden
von  Markersdorf  geäußert  haben:  „Es  sei  niemand,  der  ihm
widerstehe  als  herzog  Albrecht  von  Sachsen;  ohne  dessen
Wehr  wolle  er  in  der  Mitte  des  Deutschen  Reiches  sein  Lager
aufschlagen“;  gewiß  ist,  daß  er  den  vom  Kaiser  nur  mit
Dersprechungen,  aber  nie  mit  Geld  und  Truppen  versehenen
Gegner,  der  trotzdem  ihn  am  weiteren  Dordringen  in  die
österreichischen  Erblande  erfolgreich  aufgehalten  hatte,  sehr
hoch  geachtet  hat.

Desgleichen  erwähnt  ihn  der  französische  Geschichtschreiber
Olivier  de  la  Marche  nach  seinen  im  burgundischen  Kriege
verrichteten  Heldenthaten;  er  erzählt  von  dem  Derzog  von  Sachsen,
„den  alle  gerühmt,  die  ihn  gekannt“.

Karl  der  Kühne  selbst  gab  mehr  als  einen  Beweis  dafür,
daß  er  ihn  für  eine  bedeutende  Oersönlichkeit  hielt;  er  schrieb
u.  a.  vor  seinem  Abzuge  aus  Tkeuß  sehr  ausführlich  über  den
ganzen  Uriegszug,  um  ihn  zu  überzeugen,  daß  er  nichts  gegen
den  laiser  geplant  habe.
        <pb n="91" />
        Das  Fürstenhaus.  81

Aus  der  Seit  seines  Krieges  in  den  Tkiederlanden  stammt
das  Urteil  des  sehr  kriegstüchtigen  Ohilipp  von  Kleve,  dem  er
in  den  Miederlanden  tüchtig  zugesetzt  hatte;  dieser  sagte,  aus
Slups  habe  ihn  nächst  dem  Sachsenherzoge  ein  in  keines  Menschen
Dienst  stehendes  Schicksal  vertrieben.  Das  Dolk  der  liederlande

  hat  ihn  durch  den  Ehrennamen  des  sächsischen  Rolands
anerkannt.

Uachdem  Albrecht  für  seine  Aufopferung  im  Interesse  des
Hauses  Habsburg  das  erst  noch  zu  unterwerfende  Friesland
als  Dangergeschenk  erhalten  hatte,  hat  er  sich  auch  dort  einen
Uamen  gemacht,  denn  der  friesische  Chronist  Ubbo  Emmius
rühmt  seine  WMilde  gegen  die  gefangenen  Feinde;  er  achtete",
sagt  er,  „daß  die  genug  verloren,  welche  die  Freiheit  einbüßen".
Als  einen  weiteren  Dorzug  an  ihm  rühmt  er  seine  Beredsamkeit.
  Albrecht,  sagt  er,  selve  hadde  de  tonge  tot  synen  dienst
gencechsam.  32)  Man  kann  es  sich  ja  recht  wohl  denken;,  daß

dem  schwerfälligen  Friesen  die  Redegewandtheit  des  Sachsen
Eindruck  gemacht  habe.

Das  Andenken  dieses  Fürsten  hat  sein  Machkomme  König
Friedrich  August  II.  durch  die  am  51.  Dezember  1850  erfolgte
Stiftung  des  Albrechtsordens  geehrt.

Die  drei  großen  Ernestiner  der  Reformationszeit  haben  be-Freiflicherweise
  die  Anerkennung,  welche  ihnen  gebührte,  auch
gefunden.  Auf  Friedrich  den  Weisen  (1486—11525)  hat  nach
dem  Tode  des  laisers  Maximilian  der  große  Humanist  Reuchlin
das  Wort  Sprüche  Sal.  50,  51  angewandt;  in  dem  Uönige
nämlich,  wider  welchen  sich  niemand  legen  darf,  hat  er  den

von  allen  Daterlandsfreunden  im  Deutschen  Reiche  zum  Uaiser
Der  Cenmund  der  Sachsen.  6
        <pb n="92" />
        82  Das  Fürstenhaus.

begehrten  Kurfürsten  von  Sachsen  gesehen,  als  den  Fürsten,  der
am  besten  dazu  geeignet  wäre,  dem  Reiche  wieder  zu  Macht,
Ansehen  und  Selbständigkeit  zu  verhelfen  —  seine  Weissagung
  ist  nicht  in  Erfüllung  gegangen.

Machdem  Friedrich  die  Kaiserkrone  abgelehnt  hatte,  empfing
er  von  dem  andern  großen  Humanisten  Erasmus,  der  für  vorsichtiges
  Handeln  Derständnis  hatte,  das  Lob:  Is  mea  sententia
majori  cum  laude  recusavit  imperium,  quam  alil  ambierunt;
zu  deutsch:  Er  hat  rühmlicher  daran  gethan,  die  Kaiserkrone
abzulehnen,  als  andre  daran,  sich  um  dieselbe  zu  bewerben.-#)

Allein  ungleich  wertvoller  als  diese,  mehr  durch  die  geistreiche
  Form  als  durch  den  eigentlich  nichtssagenden  Inhalt
bemerkenswerte  Anerkennung  des  Erasmus  ist  das,  was
Deutschlands  größter  Mann,  nämlich  unser  Luther,  über
Friedrich  den  Weisen,  seinen  Landesherrn,  gesagt  hat.

Er  war  nach  TLuthers  richtiger  Meinung  von  Gott  dazu
geschaffen,

„daß  er  sollte  sein  ein  weiser  Fürst,  im  Frieden  zu  regieren  und  haushalten;
wie  er  denn  auch  zu  seiner  Seit  war  im  römischen  Reiche,  wie  man  spricht,
lux  mundi.  Er  ließ  seine  Räte  raten,  und  thät  er  gleichwohl  das  Widerspiel,
  doch  mit  solcher  Dernunft  und  Grund,  daß  fie  nicht  kunnten  dawider
reden.  Wiewohl  etliche  Große  und  viel  HPhormiones')  ihm  nach  dem  Sügel
griffen,  hätten  ihn  gern  regiert,  so  setzte  er  doch  seine  Börner  auf  und
ließ  keinem  gut  noch  recht  sein,  der  ihm  raten  wollte.  Er  ist  der  Wunder.
mann  Gottes  einer  gewest  (Luther  will  nämlich  nachweisen,  daß  alle  wahre
Fürstentugend  ein  Geschenk  Gottes  ist).  Denn  wo  er's  hätte  aus  den
Bänden  gegeben  und  sich  lassen  regieren,  sollt  wohl  sein  Glück  und  Weisheit

*)  Schmarotzer;  Phormio  ist  die  Titelrolle  eines  Cerenzischen  Kustspiels,
welches  die  Schmarotzer  geißelt.
        <pb n="93" />
        Das  Fürstenhaus.  83

sich  umbgekehrt  haben,  und  er  durch  seine  kluge  Räthe  dahin  kommen
sein,  daß  er  hätte  einen  Löffel  müssen  aufheben  und  eine  Schüssel  zutreten.“

„Es  ist  ein  weiser,  verständiger,  geschickter  und  feiner  Herr  gewesen,
der  allem  Gepränge  und  Heuchelei  und  Gleißnerei  sehr  feind  gewesen;
—  er  war  auch  ein  züchtiger  Herr.“  —  „Er  war  recht  ein  Vater  des
Daterlandes,  konnte  Keller  und  Böden  füllen,  daß  er  noch  große  Gruben
dazu  ließ  machen  und  mit  Getreide  füllen  und  verbaute  jährlich  in
12  000  Gulden.  Dennoch  hat  er  Gelds  genug,  denn  er  war  selber  Schösser.“
—  „Er  hat  eingesammelt  mit  Scheffeln  und  ausgegeben  mit  Löffeln.“

Mit  edler  Entrüstung  nimmt  er  seinen  Kurfürsten  gegen
den  von  Herzog  Heinrich  von  Braunschweig  wider  ihn  erhobenen
  Dorwurf  der  Trunksucht  in  Schutz,  ohne  zu  leugnen,
daß  sein  gnädiger  Herr,  der  Unsitte  der  Seit  folgend,  einmal
gelegentlich  des  Guten  zu  viel  thue.

„Erstlich“,  sagt  er,  „kann  ich  das  nicht  entschuldigen,  daß  mein  gnädigster
Herr  zu  Heiten  über  Tisch  sonderlich  mit  Gästen  einen  Trunk  zuriel  thut;
das  wir  auch  nicht  gern  sehen,  wiewohl  sein  Leib  eines  großen  Trunks
mächtig  ist  für  andere.  Aber  das  wird  Hinz  (auch  „Teufel  Heinz“  und
„Hans  Wurst“  genannt,  eben  der  Herzog  von  Brannschweig)  nicht  beweisen,
sondern  muß  lügen,  daß  er  ein  Trunkenbold  sei,  oder  unordig  Wesen  da
folge.  Zu  solchen  hohen,  großen,  wichtigen,  täglichen  und  unabläßlichen
Sachen,  wie  sie  der  Kurfürst  zu  handeln  hat,  ist  kein  Trunkenbold  geschickt.“

In  seiner  tief  ergreifenden  Leichenrede  auf  diesen  Fürsten,
dessen  Buld  und  Gnade  gegen  seine  Herson  er  stets  dankbar
gewürdigt  und  dessen  Bedeutung  für  seine  Sache  er  mit  klarem
Blicke  erkannt  hat,  sieht  er  es  als  ein  böses  Seichen  an,  daß
dieser  friedsame  Miann  und  Regent,  dieses  stille  Haupt,  gerade
zu  einer  Seit,  wo  das  ganze  Deutschland  in  Aufruhr  steht
(Friedrich  starb  ja  zur  Seit  des  Zauernkrieges),  hinweggenommen
  wird.).

67
        <pb n="94" />
        84  Das  Fürstenhaus.

Der  Leibarzt  Friedrichs  des  Weisen,  Dr.  Kromer,  sagt  von
seinem  Ende,  welches  das  eines  wahrhaft  frommen  Christen
gewesen  ist,  mit  Beziehung  sowohl  auf  seinen  Mamen  Friedrich,
als  auch  die  Unruhen,  die  zu  seiner  Seit  begonnen  hatten:
Fuit  filius  pacis,  ideo  pacilice  obüt,  zu  deutsch:  Er  war  ein
Sohn  des  Friedens,  darum  ist  er  in  Frieden  entschlafen.

Auch  die  Bauern  hatten  auf  ihn,  auf  den  so  vieler  Augen
mit  Liebe  und  Dertrauen  geblickt  hatten,  die  HDoffnnng  gesetzt,
daß  er  ihren  (gerechten  Zeschwerden  Abhilfe  schaffen  würde.
berzog  Friedrich  von  Sachsen,  schreibt  einer  ihrer  Führer,  der
ein  Dater  aller  Evangelischen  gewesen,  ist  Todes  verschieden.
Mit  ihm  ist,  meines  Erachtens,  ein  großer  Trost  unfres  Teils
gefallen.  35)  "

Johann  den  Beständigen,  (1525—2),  welchem  TLüther
persönlich  weit  näher  stand,  als  er  Friedrich  dem  Weisen  gestanden
  hatte,  erkennt  er  seiner  Beständigkeit  wegen  gebührend  an.

„Su  Augsburg“,  so  schreibt  er  von  ihm,  „hat  er  den  heiligen  Geist
gehabt,  da  er  die  Hredigt  auf  Befehl  des  Kaisers  nicht  unterlassen  wollte,
sondern  ließ  das  Evangelium  daselbst  für  und  für  predigen,  ungeachtet  des
kaiserlichen  Mandats.  Denn  Ihre  Kurfürstliche  Gnaden  fürwendete,  sie
könnte  des  göttlichen  Wortes  ja  so  wenig  entbehren  als  des  Essens  und
Trinkens.“

Luther  selbst  hat  ihn  zu  größerer  Vorsicht  in  der  fremden
Stadt,  in  welcher  er  doch  nicht  zu  befehlen  habe,  gemahnt.

An  einer  andern  Stelle  erzählt  er  von  ihm,  daß  er
„sich  an  keine  Dräuung  gekehrt  und  von  der  wahren  Religion  und  göttlichem
  Worte  nicht  eines  Fingers  breit  abweichen  wollen,  ob  er  wohl  derhalben
  in  großer  Gefährlichkeit  gewesen.  Ihre  Theologen  hat  S.  K.  G.
oft  trösten  lassen  und  zu  den  Räten  gesprochen:  Saget  meinen  Gelehrten,
daß  sie  thun,  was  recht  ist,  Gott  zu  Lob  und  Ehren,  und  mich  oder
mein  Land  und  Leute  nicht  ansehen.“
        <pb n="95" />
        Das  Fürstenhaus.  85

Und  in  der  Ceichenrede  auf  ihn  bezeugt  er,  auf  den  größten
Tag  im  TLeben  dieses  Fürsten  zurückschauend:

„Ihr  wisset,  wie  er,  Thristo  nach,  vor  zwei  Jahren  zu  Augsburg  gestorben
  und  den  rechten  Tod  gelitten  hat,  nicht  für  sich  allein,  sondern  für
uns  alle,  da  er  alle  bösen  Suppen  und  Gift  hat  müssen  ausessen,  die  ihm
der  Teufel  eingeschenkt  hat.  Da  hat  unser  lieber  Kurfürst  Thristi  Tod
und  Auferstehung  vor  der  ganzen  Welt  äöffentlich  bekennet  und  ist  darauf
blieben,  hat  Land  und  Leute,  ja  seinen  eignen  Leib  und  Leben  daran  gesetzt.
In  Gottes  Wort  hat  er  fleißig  gehandelt.  Er  hat  sechs  Edelknaben  bei
sich  in  der  Tammer  gehabt,  welche  auf  seinen  Leib  gewartet  haben.  Diese
haben  ihm  alle  Tage  sechs  Stunden  in  der  Bibel  lesen  müssen,  da  er  fleißig
zugehört.  Und  öb  S.  K.  G.  wohl  darüber  oft  entschlafen,  so  hat  er  doch,
wenn  er  aufgewacht  ist,  irgend  einen  schönen  Spruch  aus  der  Bibel  gemerkt
  und  gehalten.  S.  K.  G.  haben  auch  gepflogen,  in  der  Hredigt  Schreibtafeln
  bei  sich  zu  haben,  um  die  Hredigt  mit  eigner  Hand  aus  des  Hredigers
Mund  nachzuschreiben.“

Luther  lobt  seine  treffliche  Geduld  und  Langmütigkeit,  da
er  sich  nicht  bewegen  ließ  den  Ungehorsam  seiner  Leute,  hoffete
und  wartete  allezeit.  Als  die  Bauern  wider  die  Sdelleute  in
seinem  Fürstentume  aufstanden,  hat  er  gesagt:  „Will  mich
mein  Gott  lassen  bleiben  einen  Fürsten,  wie  ich  bisher  gewesen
  bin,  so  geschehe  sein  Wille!  Ich  kann  auch  ein  andrer
Mann  sein!“

In  dieser  Hinsicht,  nämlich  in  bezug  auf  Geduld  und
Sanftmut  ist  er  unserm  Luther  zu  weit  gegangen,  welcher  es  gern
gesehen  hätte,  wenn  er  den  Amtleuten  schärfer  auf  die  Finger
gesehen  hätte,  sowie  es  Friedrich  der  Weise  gethan  hatte,  der
überhaupt  nach  Luthers  Ansicht  doch  noch  mehr  Herrschergabe
besessen  hat.  Beide  miteinander  vergleichend,  sagt  Luther:  „In
unserm  Fürsten  (Johann)  ist  eine  große  Frömmigkeit  und
Gütigkeit  gewesen,  in  Herzog  Friedrichen  große  Weisheit  und
        <pb n="96" />
        86  Das  Fürstenhaus.

Derstand.  Wenn  die  zween  Fürsten  wären  eine  Herson  gewesen,
so  wäre  es  ein  groß  Wunderwerk.“)

Über  Johann  Friedrich  den  Großmütigen  urteilt  er  folgendermaßen:


„Wahrlich,  wir  haben  einen  Fürsten  mit  vielen  feinen  Gaben  von  Gott
begnadet.  Er  hat  einen  züchtigen  Mund,  man  häört  kein  unhübsch  noch
unehrlich  und  unzüchtig  Wort,  noch  Fluchen  von  ihm;  hat  Gottes  Wort
lieb,  desgleichen  Kirchen  und  Schulen;  trägt  eine  große,  schwere  Last  und
die  allein;  hält  TCreu  und  Glauben,  was  er  zusaget,  und  beginnt  itzt  denen
vom  Adel  auf  die  Garen  zu  sehen,  merkt,  womit  sie  umgehen  und  was  sie
im  Sinne  haben.  Teulich  hat  er  einem  auch  seiner  Räte  Urlaub  geben,
der  mußte  von  Stund  an  vom  Hofe  ziehen  darum,  daß  er  wider  fürstlichen
  Befehl  gethan  und  dem  Hofmarschall  böse,  unnütze  Worte  gegeben
hatte.  Er  sähe  es  gerne  gut  mit  allem;  er  kann's  aber  nicht  alles  wenden
noch  bald  ändern.  Einen  Mangel  hat  er,  daß  er  gern  bauet  und  trinkt,
wiewohl  ein  solcher  großer  Leib")  will  etwas  mehr  haben  denn  ein  kleiner;
und  wie  man  sagt,  ehe  er  die  Wände  begeußet,  so  wäre  ich  woll.  Sonst
arbeitet  er  wie  ein  Esel.  Doch  er  habe  getrunken,  wie  er  will,  auch  wenn
er  gleich  frembde  Gäste  gehabt,  so  lieset  er  allweg,  ehe  er  schlafen  gehet,
zuvor  etwas,  sonderlich  in  der  heiligen  Schrift.  Wenn  wir  nicht  fleißig
für  ihn  bitten,  so  wären  wir  nicht  fromm.  Er  hat  über  andre  Unkost,
die  groß  und  schwer  sind,  tausend  Gülden  jährlich  der  Universität  zugelegt
und  Sinse  gegeben.  Der  Hfarrherr  hat  jährlich  zweihundert  Gülden  und
sechzig  Scheffel  Getraidig,  so  hat  ihm  der  Fürst  noch  sechzig  Gülden  Julag
gethan,  von  wegen  der  Lektur.“

Auch  anderwärts  rühmt  er  sein  „fürstlich  Gemüt,  daß  er
nicht  seinen  eignen  Mrtzen  suchet,  sondern  von  geistlichen  Gütern
arme  Hfarrherrn,  Studenten  und  Schulmeister  ernährt.  Denn
S.  K.  G.  merken,  daß  er  Ofarrherrn  bedürfen  würde,  die  seine

Unterthanen  in  Gottes  Wort  unterweisen  möchten.“  „Er  ist

*)  Soll  doch  einer  seiner  Stiefeln  so  groß  gewesen  sein,  daß  zwei
spanische  Soldaten  darin  Hlatz  gehabt  hätten!
        <pb n="97" />
        Das  Fürstenhaus.  87

ein  frommer,  gottesfürchtiger  und  keuscher  Ehemann.“  „Den
Cügen  und  Unzucht  war  er  überaus  gram,  hat  bisher  durch
die  Finger  gesehen  und  etwas  geschehen  lassen  in  seinem  Ampte,
ich  hoffe  aber,  er  werde  nu  aufwachen.“  „Herzog  Johann
Friedrich,  Kurfürst  zu  Sachsen  ist  von  Natur  zornig;  er  kann
aber  seinen  Sorn  und  Sinn  brechen,  daß  es  Wunder  istz  ist
Deutschlands  heil,  ein  gottfürchtiger  und  verständiger  Fürst,  er
hat  seine  fünf  Sinne,  Gott  erhalte  ihn  lange  Seit.“s7)

Die  heldenmütige  Tapferkeit,  welche  er  in  der  verhängnisvollen
  Schlacht  bei  Mühlberg  an  den  Tag  gelegt  hat,  hat
sein  Gegner,  Erzherzog  Ferdinand,  anerkannt,  indem  er  gesagt  hat:
„Hätten  alle  gefochten  wie  der  Kurfürst,  so  wäre  er  schwerlich
geschlagen  und  gefangen  worden.“s8s)

Mielanchthon  sagt  von  ihm:  „Die  Bekenntnis  und  Beständigkeit
  Herzog  Johann  Friedrichs  hat  unfrer  Kirche  mehr
gefrommt,  als  vielleicht  die  Diktoria  hätte  dienen  mögen,  da
ohne  Zweifel  die  Zundesgenossen  untereinander  selbst  uneinig
geworden  wären.“  Die  Kirche  hat  ihm  den  wohlverdienten
Ehrentitel  verliehen:  „Johann  Friedrich  von  Gottes  Gnade,
erwählter  WMärtprer  Jesu  Thristi,  Herzog  der  Derfolgten,  Fürst
der  Bekenner  des  Glaubens,  Gefährte  der  Wahrheit,  Fähnrich
des  heiligen  Kreuzes,  Sxempel  der  Geduld  und  Standhaftigkeit,
Erbherr  des  ewigen  Lebenslsy)

Daß  sich  über  Herzog  Georgs  Derhalten  bei  Luther  sehr
absprechende  Urteile  finden,  kann  nicht  wunder  nehmen.  Hingegen
  hat  er  seiner  persönlichen  Trefflichkeit  Gerechtigkeit  widerfahren
  lassen.  Denn  er  hat,  wie  erzählt  wird,  von  ihm  gesagt:
„Er  hat  viel  schöne  Tugenden  und  ist  geschickter  zum  Regieren,
denn  mancher  fromme  Regent“;  und:  „Es  hat  mich  geschmerzt,
        <pb n="98" />
        88  Das  Fürstenhaus.

daß  dieser  treffliche  und  fromme  Fürst  sich  dermaßen  eintreiben
läßt  von  seiner  Umgebung,  den  ich  ja  doch  als  einen  solchen
anerkannt  und  erfahren  habe,  daß  er  fast  wohl  fürstlich  redte,
wenn  er  seines  Herzens  Sprache  redte.“90)  Dies  geht  hauptsächauf
  Hieronpmus  Emser,  den  „Bock  zu  Dresden“,  und  auf  Cäsar
HDflugk,  den  Kanzler  Georgs.  Seine  Regierung  galt  im  ganzen
Reiche  für  musterhaft;  auch  zu  Luther  hat  einmal  jemand  in
Wittenberg  gesagt:  „Herzog  Georg  hält  gut  Regiment,  ist  ein
feiner,  weiser  Fürst,  der  wohl  regiert.““1)

Luther  selbst  erkennt  seine  gute  Staatshaushaltung  an,  wie
aus  dem  sogleich  folgenden  Seugnisse  über  herzog  Heinrich  ersichtlich
  ist.  Don  diesem  sagt  er:

„Er  ist  ein  frommer  und  beständiger  Fürst  gewesen.  Denn  als
Herzog  Georg  zu  ihm  nach  Freiberg  schickte  und  ihm  anzeigen  ließ,  wollt'
er  das  Evangelium  fahren  lassen,  so  wolle  er  ihn  zum  Erben  seiner  Lande
und  Leute  machen,  sonst  wollt'  er  dem  Naiser  und  andern  Leuten  im
Testament  das  Land  bescheiden.  Su  dem  hat  Herzog  Heinrich  geantwortet:
„Bei  Maria!  (welches  S.  F.  G.  Sprichwort  gewesen)  ehe  denn  ich  dies
thun  wollt'  und  meinen  Christum  verleugnen,  so  wollt'  ich  mit  meiner
Käthe  lieber  an  einem  Stäblin  betteln  aus  dem  TLande  gehen.“  Und  ist
bei  Gottes  Wort  beständig  geblieben,  hat  auch  kurz  hernach  das  Meißnerland
  ererbet.  Es  hat  sein  Bruder  Berzog  Georg  sein  getreuer  Dormund
sein  müssen  und  ihm  Reichtum  erwerben  und  ersparen  und  ihn  zum  reichen
Fürsten  machen.  Also  ehrt  Gott  diejenigen,  so  ihn  ehren  und  bekennen.“

Von  seinem  seligen  Ende  berichtet  er:

„Da  dieser  löbliche  fromme  Fürst  hatte  sterben  sollen,  und  man  S.  F.
G.  viel  vom  Berrn  Christo  hatte  fürgesagt  und  S.  F.  G.  gefragt,  ob  er
auch  auf  denselben  sterben  wolltd  da  hat  er  geantwortet:  Ich  halt's  wohl,
ich  werde  keinen  besseren  Hrokuratorn  bekommen  mögen  als  eben  den.“)

Der  hochinteressante,  schwer  zu  beurteilende  Tharakter

des  Kurfürsten  Moritz  (1547—55)  ist  von  Uaiser  Karl  V.
        <pb n="99" />
        Das  Fürstenhaus.  89

nicht  richtig  veranschlagt  worden,  insofern  dieser  ihn  zwar  gern
benutzen  wollte,  aber  ihn  für  einen  rücksichtslos  zufahrenden
Jüngling  hielt,  von  welchem  ein  alter  Politiker  nichts  zu
fürchten  habe.  Auch  der  venezianische  Gesandte  Uavagero
nennt  ihn,  wie  Albrecht  von  Brandenburg,  einen  beherzten
Jüngling,  aber  ohne  Besonnenheit  und  so  stolz,  daß  er  weder
in  der  That  noch  zum  Scheine  gehorsam  sein  wollte.  Hingegen
  setzt  Melanchthon  große  Hoffnung  auf  ihn,  denn  er
sagt  von  ihm:  „Es  leuchtet  in  Herzog  Moritz  eine  herrliche
Anlage  zur  Tugend,  und  wenn  ich  über  die  Deutschland
drohenden  Gefahren  nachdenke,  so  scheint  es  mir,  als  ob  dieser
Jüngling  einmal  ein  Schutz  für  ganz  Deutschland  werden
würde.“  Johann  Friedrich  hat  sich  und  ihn  geehrt  durch  das
Wort:  „Ich  habe  die  beste  Ursache,  ihm  gram  zu  sein,  aber
er  war  ein  ungemeiner  und  hoch  wunderbarer  Alann.“  Als
er  bereits  über  ein  halbes  Jahrhundert  im  Grabe  ruhte,  hat
Gustav  Adolf  nach  ihm  geseufzt:  „Wollte  Gott,  daß  ein
Mauritius  da  wäre!“  3)

Sein  Bruder  und  Nachfolger  August  (1555—86)  hat
den  Uamen  „Dater  August“,  unter  welchem  das  säechsische
Volk  ihn  kennt,  dadurch  in  vollem  Maße  verdient,  daß  er  für
alles,  was  unter  das  Ministerium  des  Innern  gehört,  in  der
vortrefflichsten  Weise  sorgte.  Durch  ihn  ist  Sachsen  in  der
That  ein  Musterstaat  geworden,  den  die  übrigen  deutschen
Fürsten,  gern  oder  ungern,  als  solchen  dadurch  anerkannten,
daß  sie  um  Mlitteilung  der  in  Sachsen  erlassenen  Gesetze  und
Derordnungen  baten.  Daß  sein  Segen  heute  noch  an  den
inneren  Einrichtungen  unsres  Staates  zu  merken  ist,  wollen
wir  dankbar  bekennen.  Der  gleichzeitige  französische  Geschicht-
        <pb n="100" />
        90  Das  Fürstenhaus.

schreiber  de  Thou  (Thuanus)  nennt  ihn,  richtig,  wenn  auch
zu  allgemein:  Conciliator  et  moderator  imperüt  (d.  h.  des
Deutschen  Reichs).

Woas  nun  die  Mutter  Anna  betrifft,  ohne  welche  man
sich  Dater  August  nicht  denken  kann,  so  hat  Dr.  Heucer,  der
im  sogenannten  philippistischen  Streite  bekannt  gewordene
Schwiegersohn  Mrlanchthons,  in  einem  ganz  vertraulichen
Briefe,  der  aber  leider  dem  Kurfürsten  in  die  Hände  kam,
über  sie  geäußert:  „Hätten  wir  Mutter  Annen,  so  sollt’  es
nicht  not  haben,  den  Herrn  wollten  wir  auch  bald  kriegen.“
Su  weit  größerer  Ehre  gereicht  es  ihr,  daß  sie  auf  anderm
Gebiete,  im  Hauswesen  nämlich  und  in  der  Wirtschaft,  das
Regiment  führte,  wie  es  ihr  jene  Magd  auf  dem  Cstravorwerke
  bei  Dresden  unabsichtlich  bezeugte,  welche  ihrem  Unwillen
  über  die  strenge  Beaufsichtigung  durch  die  gnädige  Frau.
dieser  selbst  gegenüber,  ohne  zu  wissen,  wer  sie  war,  Luft  gemacht
  hat.  Der  ganze  komische  Vorgang  ist  dichterisch  behandelt
  worden.  Sie  lebt  in  der  Erinnerung  des  gesamten
Volkes  als  das  Dorbild  einer  Hausfrau  fort.

Auf  Christian  I.  (1586—ol),  welcher  wegen  der  racht
seines  Hofes  allgemeines  Aufsehen  erregte,  folgte  Christian  II.
(1501—1611),  über  dessen  auch  für  die  damalige  Seit  ungewöhnliche
  Leistungen  im  Trinken  sich  Daniel  Eremita  in  seiner
Reise  durch  Deutschland  mit  mißbilligendem  Staunen  ausspricht;
der  aber  von  seinen  Seitgenossen  seiner  natürlichen  Gutmütigkeit
  wegen  das  gute  fromme  hHerz  genannt  ward.

Wenn  über  Johann  Georg  I.  (511—56)  der  Franzose
Feuquières  an  seinen  Herrn,  Ludwig  XIV.,  mit  frecher  Geringschätzung
  schreibt:
        <pb n="101" />
        Das  Fürstenhaus.  91

„Der  Kurfürst  von  Sachsen  gilt  in  der  öffentlichen  Meinung  und  bei
verständnisvollen  Fürsten  als  ein  Fürst,  der  seine  Achtung  verloren  hat,  da
er  immer  nur  der  Rube  oder  seinem  Dergnügen  lebt,  dem  TLaster  ergeben
und  unfähig  ist,  wichtigen  Angelegenheiten  im  Kriege  oder  im  Frieden
vorzustehen“.

so  spricht  sich  viel  besonnener  und  gerechter  der  gleichzeitige
schwedisch-brandenburgische  Staatsmann  Oufendorf  dahin  über
ihn  aus,  daß  er  zwar  aufrichtig  und  rechtschaffen,  aber  leicht  zu
lenken  und  in  verwickelte  Angelegenheiten  sich  einzulassen  nicht
fähig  gewesen  sei  und  den  Krieg  leicht  überdrüssig  bekommen  habe,
da  er  sich  im  höheren  Alter  nach  seinen  Jagdvergnügungen
und  nach  seiner  Ruhe  gesehnt  und  Frieden  um  jeden  Hreis
gewünscht  habe.  Und  sein  Dofprediger  Weller  rühmt  an
ihm,  daß  er  nicht  nur  Mitwen  und  Waisen,  sondern  unzähligen
  andern  Zedürftigen  Wohlthaten  erwiesen  habe  (wobei
er  wohl  auch  mißbraucht  worden  sei)  und  daß  er  nach  der
Jagd  und  vor  der  Tafel  immer  noch  die  eingebrachten  Suppliken
  halb  vortragen  und  expedieren  lassen.)

Daß  Johann  Georg  II.  (1656—80)  anfing,  Dresden
zu  einer  schönen  Stadt  zu  machen,  ward  schon  oben  Seite  28
erwähnt.  Johann  Georg  III.  (Ll680—o|)  heißt  mit  Zecht
der  sächsische  Uiars,  denn  er  hat  die  Ehre  des  Deutschen  Reiches
gegen  die  Cürken  und  die  Franzosen,  welche  damals  zur  Dernichtung
  des  Deutschen  Reichs  einander  in  die  Hände  arbeiteten,
mit  Heldenmut  und  gegen  die  ersteren  mit  glänzendem  Erfolge
verteidigt.  In  der  Geschichte  des  sächsischen  Kriegswesens  ist
er  als  Gründer  des  stehenden  Heeres  von  höchster  Bedeutung.
Darum  ist  es  auch  zu  bedauern,  daß  bei  der  Herstellung  der
St.  Thomaskirche  in  Leipzig  der  ihm  zu  Shren  errichtete
        <pb n="102" />
        92  Das  Fürstenhaus.

Vorbau  vor  der  kurfürstlichen  Kapelle,  wie  Kanzel  und  Altar
dem  Streben  nach  strenger  Reinheit  des  Stiles  zum  Opfer  hat
fallen  müssen.

Johann  Georg  IV.  (l601—  94)  rühmen  seine  Seitgenossen
  als  einen  Fürsten  von  Geist,  Kraft  und  Bildung,  der
besonders  durch  seine  Geschäftsgewandtheit  seine  geheimen  Räte
oft  zu  Oaaren  getrieben,  sie  examiniert,  und  wo  einer  etwa
geschlegelt  hatte,  ihn  auf  so  empfindliche  Weise  durchzuziehen
gewußt  habe,  daß  sie  alle  sich  vor  ihm  fürchteten.  Allein  es
ist  bekannt,  daß  bei  seiner  verhängnisvollen  Teigung  zu  Sibplla
von  Tkeidschütz,  welche  man  seinerzeit  nur  aus  Bezauberung
erklären  zu  können  glaubte,  seine  Gaben  sich  nicht  entwickeln
konnten.

Was  August  des  Starken  (lö4—155  )  Leumund  betrifft,
so  ist  seine  Oersönlichkeit  eine  so  allgemein  bekannte,  daß  sie
schon  bei  der  Tennung  seines  Tamens  jedem  lebendig  vor  die
Augen  tritt.  Dier  möge  nur  einiges  wenige  zu  seinen  gunsten
angeführt  werden.  Sunächst  ist  das  gewiß,  daß  polnische  Schriftsteller
  einen  viel  zu  großen  Teil  der  Schuld  am  Niedergange
der  polnischen  Republik  ihm  zuschreiben,  um  ihre  Landsleute  zu
entschuldigen.  So  ist  es  eine  Unwahrheit,  daß  er  den  Einfluß
der  fremden  Miächte,  namentlich  Rußlands,  auf  Holens  Schicksale
  begünstigt  habe,  während  die  Dolen  eben  bestrebt  gewesen
wären,  sich  von  demselben  loszumachen.  75„)  Don  den  großen
Wohlthaten,  welche  die  sächsischen  Fürsten  dem  polnischen  Reiche
erwiesen  haben,  weiß  die  Geschichtschreibung  dieses  Dolkes
nichts;  wenigstens  habe  ich  nirgends  einen  Anklang  daran
finden  können,  daß,  wie  mir  einmal  ein  Dole  erzählte,  die
sächsische  Seit  in  der  Erinnerung  des  Dolkes  als  eine  gute
        <pb n="103" />
        Das  Fürstenhaus.  93

fortlebe  (sasky  czas,  dobry  Czas);  nur  Bezeichnungen  wie
sächsischer  Halast  (sask)  palac)  und  sächsischer  Garten  (sasky
ogréd)  sind  für  den  Besucher  Warschaus  stumme  Seugen
davon,  was  einst  mit  sächsischen  WMitteln  in  Holen  geschaffen
worden  ist.

Denselben  Dorwurf  wie  gegen  August  II.  erhebt  die  polnische
  Geschichtschreibung  gegen  August  III.  (I%55  —653)  mit
demselben  Rechte,  beziehentlich  Unrechte;  nur  daß  sie  ihm  sowohl
den  Mut  als  auch  den  Geist  seines  Daters  abspricht.  Geradezu
weltbekannt  ward,  wie  kaum  erwähnt  zu  werden  braucht,  unter
ihnen  Dresden  durch  den  Glanz  der  Hofhaltung,  welcher  aus
allen  Ländern  der  Erde  große  Scharen  von  meistens  wohlhabenden
  Fremden  anzog.

Der  mehrfach  angeführte  Baron  von  TLoen  schreibt,  nachdem
  er  Dresden  kennen  gelernt  hat:  „Ich  beschreibe  hier  den
prächtigsten  und  galantesten  Hof  von  der  Welt;  man  muß  mir
das  letzte  Wort  im  Deutschen  gelten  lassen,  denn  es  ist  in
Sachsen  sehr  üblich,  und  ich  finde  auch  sonst  keines  in  allen
mir  bekannten  Sprachen,  welches  dasjenige  besser  ausdrücken
sollte,  was  ich  hier  sagen  will:  es  bedeutet  solches  soviel  als
ein  lebhaftes,  artiges  Wesen,  das  gefällt  und  rührt,  das  sich  der
Sinne  bemächtigt  und  den  Witz  gebraucht,  um  desto  empfindlicher
  wollüstig  zu  sein.“  Allein  auch  auf  viel  ernster  gerichtete
Männer  übte  dieser  Hof  mit  seinen  Festen,  bei  welchen  die
Teilnahme  des  Volkes  mit  großer  Leutseligkeit  gestattet  ward,
einen  Sauber  aus,  dem  sie  sich  nicht  entziehen  konnten.  So

schreibt  Gottsched  1751,  nachdem  er  den  Dresdener  Karneval
mitgemacht  hat:
        <pb n="104" />
        94  Das  Fürstenhaus.

„Nun  hab'  ich's  selbst  geseh'n,  nun  weiß  ich,  wie  es  ist,
Mein  Uönig,  wenn  dein  Volk  des  Mummers  ganz  vergißt;
Indem  es  voller  Lust  nach  deinen  Simmern  eilet

Und  da  die  Fastnachtslust  mit  deinem  Hofe  teilet.  —
Es  ist  dir  nicht  genug,  daß  nur  der  Adel  blüht,

Der  Handelsmann  Gewinn  aus  dem  Gewerbe  zieht,
Rein,  deine  Gnade  geht  bis  auf  die  Lustbarkeit,

Der  Unterthan  genießt  bei  dir  die  gold'ne  Seit,

Darin  Saturn  regiert..

So,  Hönig,  ist  dein  Schloß,  wo  alle  Freiheit  blühet,
Don  dessen  Schwelle  uns  kein  Wächter  rückwärts  ziehet,
Wo  Fürst  und  SEdelmann  und  Bürger  sich  vermengt,
Wohin  der  Höbel  selbst  sich  nicht  vergebens  drängt.
Gepries'nes  Sachsenland,  erkenne  doch  dein  Glück

Und  sieh  die  Fastnachtslust  mit  einem  schärfern  Blick.“

Dies  ist  durchaus  nicht  eitel  Schmeichelei,  sondern  es  gibt
die  öffentliche  Meinung  so  wieder,  wie  sie  zum  Glück  für  das
Volk  damals  wirklich  war.  Die  günstige  Tachwirkung  dieser
Geit  ist  insofern  heute  noch  zu  spüren,  als  die  „sächsische  Höflichkeit“,
  der  Sinn  für  gute  Umgangsform,  das  freundliche  und
verbindliche  Wesen  damals  vom  hofe  aus  dem  Dolksleben  sich
mitgeteilt  hat  und  geistiges  Eigentum  desselben  geblieben  ist.

über  Friedrich  Thristian,  der  nur  zwei  Mionate  im  Jahre
1765  regierte,  spricht  der  Engländer  Wraxall,  welcher  die  Höfe
von  Berlin,  Dresden  u.  s.  w.  kennen  gelernt  hat,  sehr  anerkennend.

Über  Friedrich  August  den  Gerechten  (1765—1827),  welcher
seinen  ehrenvollen  Beinamen  durch  seine  strenge  Rechtlichkeit
im  vollen  Maße  verdient  hat,  urteilt  der  Franzose  Mirabeau
in  seiner  geheimen  Geschichte:

„Der  Nurfürst  ist  nicht  so,  wie  Fürsten  gewöhnlich  sind.  Er  scheint
etwas  von  dem  lönige  von  England  zu  haben,  sein  Geist  ist  konsequent,
        <pb n="105" />
        Das  Fürstenhaus.  95

mit  einem  Hange  zum  Eigensinn.  Er  spricht  deutlich  und  bestimmt,  aber
mit  scharfer  Fistelstimme.  Seine  Kleidung  wie  sein  Gesicht  scheinen  anzuzeigen,
  daß  er  fromm  und  freundlich,  aber  arbeitsam  und  unversöhnlich
(active  et  implacable)  ist.  Wie  wenig  anmutvoll  er  auch  auf  diese  Weise
erscheinen  mag,  so  ist  er  doch  ein  in  sehr  vieler  Hinsicht  achtungs-  und
ehrenwerter  Fürst.  Seit  1763  haben  sein  aufrichtiger  Wille,  das  Gute  zu
thun,  seine  wunderbare  Sparsamkeit,  seine  unermüdliche  Arbeitskraft,  seine
Bedürfnislosigkeit,  seine  Ausdauer  niemals  versagt.  Langsam,  aber  nicht
unentschlossen,  peinlich  in  der  Arbeit,  aber  einsichtsvoll,  weniger  dazu  ausgestattet,
  sogleich  auf  den  ersten  Blick  das  Richtige  zu  erfassen,  aber  dafür
zum  Nachdenken  geneigt,  hat  er  beine  Schwäche  als  die  Frömmigkeit;  aber
auch  diese  treibt  er  nicht  so  weit,  daß  er  sich  darüber  seiner  Rechte  begäbe
oder  seine  Hflichten  vernachläsfigte.!)  Einen  Schritt  darüber  hinaus,  und  er
würde  ein  Erömmler  sein;  thäte  er  weniger,  würde  er  nicht  mehr  fromm
sein.  Er  ist  sehr  besorgt,  daß  sein  Beichtvater  Herz  keinen  Einfluß  gewinne,
  wäre  es  nur  bei  Besetzung  einer  Kammerdienerstelle.  Der  Kurfürst
vertritt  seine  Diener  gegen  jedermann  mit  einer  seltenen  Festigkeit.  Mit
einem  Worte,  dieses  Land  würde  ohne  ihn  verloren  sein,  und  wenn  er  das
Glück  hat,  den  Frieden  dauern  zu  sehen,  wird  er  es  sehr  blühend  machen.%

Dies  Urteil,  welches  am  Anfange  seiner  6jährigen  Regierung
  gefällt  ward,  ist  durch  diese  bestätigt  worden.  Wir
müssen,  abgesehen  davon,  daß  wir  wärmer  von  ihm  reden  als
es  der  französische  Staatsmann  gethan  hat,  doch  im  ganzen
zugestehen,  daß  er  mit  scharfem  Blicke  sein  Wesen  erkannt  hat.
Auch  der  preußische  Gesandte  Lucchesini,  der  zu  ihm  in  einem
politischen  Gegensatze  stand,  wie  er  schärfer  kaum  gedacht
werden  kann,  bestätigt  seine  unerschütterliche  Legalität.

*)  Bei  seinen  Zeamten  hatte  dies  zur  Folge,  daß  sie  zwar  hinsichtlich
der  unbestechlichen  Treue  den  preußischen  gleich  standen,  aber  ein  etwas
umständliches  Verfahren  liebten,  welches  der  preußische  Gesandte  von  Götzen

einmal  als  „sächsische  Timidität  und  gewohnte  Langsamkeit  und  Formalität“
bezeichnet.
        <pb n="106" />
        96  Das  Fürstenhaus.

hingegen  ist  es  bedeutungslos,  daß  Tkapoleon  ihn  persönlich
  sehr  hochgeachtet  hat  —  er  hat  ihn  doch  geringschätzig
behandelt  —  und  daß  Talleprand  1806,  um  durch  Schmeichelei
die  sächsische  Regierung  zum  Anschluß  an  Frankreich  zu  bestimmen
  und  dadurch  Oreußen  zu  vereinzeln,  zum  sachsischen
Gesandten  in  Haris,  dem  Grafen  Senfft,  sagte:  „Ihre  Zegierung,
  Ihr  Souverän  ist  weise,  und  alles,  was  er  thut,
wird  gut  sein  in  den  Augen  des  Haisers,  möge  nun  Sachsen
zum  nordischen  Zunde  oder  in  den  Rheinbund  treten  oder  der
Kurfürst,  ohne  einer  Derbindung  sich  anzuschließen,  sich  zum
Hönige  erklären  —  er  ist  groß  genug,  um  allein  zu  bleiben!“

Seinen  TSachfolger,  den  Uönig  Anton  (1827—356),  hat
die  Dolksstimme  den  Gütigen  genannt,  und  daran  recht  gehabt.
  Su  gütig  erscheint  er  dem  zu  seiner  Seit  die  staatlichen
Derhältnisse  Deutschlands  leitenden  österreichischen  Hanzler
Mietternich,  welcher  ihm  durch  den  Grafen  Colloredo,  der  1850
österreichischer  Gesandter  in  Dresden  war,  eine  scharfe  Surechtweisung
  dafür,  daß  er  der  Bewegung  von  18350  in
seinen  Landen  nicht  entschiedener  entgegengetreten  sei,  zu  teil
werden  läßt.  Der  Wortlaut  derselben  ist  im  höchsten  Grade
bezeichnend  dafür,  was  Metternich  sich  einem  kleineren  Bundesfürsten
  gegenüber  erlauben  zu  dürfen  glaubte.

Er  schreibt  nämlich:  „Der  Inhalt  (von  Ew.  Hochgeboren  Bericht  über
die  Dorkommnisse  in  Leipzig  und  Dresden  1830)  ist  von  der  bedauerlichsten
Art.  Es  ist  schon  lange  her,  daß  Seine  kaiserlich  königliche  Majestät  die
Teichtigkeit  zu  bedauern  Ursache  hatten,  mit  welcher  die  dortige  Regierung
dem  Aufkeimen  leidiger  Symptome  der  Bearbeitung  des  Volksgeistes  die
Hand  geboten  hat.  Hein  deutscher  Staat  konnte  ein  besseres,  dem  regierenden
  Hause  ergebeneres  Volk  aufweisen,  als  der  königlich  sächsische;  kein
Staat  war  seinerseits  mehr  mit  väterlichen  Regenten  gesegnet,  als  eben
        <pb n="107" />
        Das  Fürstenhaus.  97

dieser  Staat.  Daß  sich  Ereignisse  wie  die  gegenwärtigen  ergeben  konnten,
würde  unerklärlich  sein,  wenn  es  nicht  deutlich  vor  Augen  läge,  daß  die
Regierung  das,  was  vorging,  nicht  beachtete  und  demnach  am  Tage  des
Ausbruchs  völlig  unvorbereitet  war.  —  Unter  den  Ereignissen  unfrer  verhängnisvollen
  Seit  könnten  wir  uns  kaum  eins  denken,  welches  in  seiner
Deranlassung  leichter  und  in  der  Folge  schwerer  sein  könnte.  Don  jeher
gewöhnt,  das  Uönigreich  Sachsen,  Regierung  und  Volk,  als  ein  Uuster
deutscher  Sitte  zu  betrachten,  wie  ungedeihlich  müssen  uns  nicht  die  Folgen
von  Begebenheiten  erscheinen,  welche  in  Ursprung  und  Form  das  reine
Machbild  der  Ereignisse  in  fremden  Staaten  sind,  deren  Geschichte  und
Volksgeist  so  wesentlich  von  dem  deutsch  vaterländischen  abweicht?  Welches
Beispiel  liefert  nicht  Sachsen  andern  deutschen  Stämmend  —  Sachsen  steht
im  deutschen  Bundesverbande,  und  der  Zund  ist  zu  bestimmten  Zwecken
geschlossen;  außerdem  teilen  Gsterreich  und  Sachsen  eine  lange  Grenze.
Se.  UMajestät  wollen  und  können  nicht  als  möglich  betrachten,  daß  die
königliche  Regierung  sich  Gesetze  durch  einen  aufgeregten  Höbel  oder  durch
irregeführte  Bürger  vorschreiben  lasse.  Wenn  auch  im  ersten  Augenblicke
des  Aufstandes  alle  Maßregeln  der  Hilfe  verfehlt  wurden,  so  läßt  sich  doch
nicht  denken,  daß  diese  Hilflosigkeit  von  Dauer  sein  sollte,  und  wir  §slauben
uns  vollkommen  berechtigt,  die  Frage,  welchen  ferneren  Gang  die  königliche

  Regierung  einzuhalten  gedenke,  an  einen  nahe  befreundeten  Staat
zu  stellen.“)

Sbenso  macht  Metternich,  als  1845  am  12.  August  in
Leipzig  die  Unruhen  ausbrachen,  welche  die  Revolution  von
1848  vorbereiteten,  die  Regierung  Friedrich  Augusts  II.  (seit
1830  Mitregent,  seit  1856  Alleinherrscher  bis  1854)  dafür
verantwortlich.  Denn  er  sagt  in  einem  Dortrage,  welchen  er
am  22.  August  zu  Johannisberg  dem  Erzherzog  Ludwig  hält:

„Diese  Leipziger  Ereignisse  sind  das  unvermeidliche  Hrodukt  des  sich
im  Königreich  Sachsen  seit  Jahren  gesammelt  habenden  Giftstoffes.  Sie
haben  zu  TLeipzig  stattgefunden,  weil  an  keinem  Orte  dieser  Stoff  in  gedrängterer

  Masse  lag.  Der  Stoff  ist  der  der  gemeinen  lrankheit  der  Zeit,
Der  Leumund  der  Sachsen.  7
        <pb n="108" />
        98  Das  Fürstenhaus.

welcher  zu  Leipzig  aber  in  seiner  gediegensten  Kraft  durch  die  Hresse  und
die  Ungebundenheit  derselben  auftritt.“  25)

Wir  wissen  es  besser  als  der  seiner  Seit  allmächtige  österreichische
  Staatsmann,  was  wir  an  Uönig  Friedrich  August  gehabt
  haben.  Sehr  richtig  und  schön  spricht  dies  der  oft  angeführte
  vortreffliche  sächsische  Geschichtschreiber  Flathe  in  den
Worten  aus:  „Als  der  Trauerzug  die  Leiche  des  bei  Brennbüchel
durch  einen  Sturz  aus  dem  Wagen  verunglückten  Mönigs  nach
der  Deimat  brachte,  war  die  Trauer  des  Landes  allgemein  und
ungeheuchelt;  selbst  die  Gegner  des  von  Uönig  Friedrich  August
in  den  letzten  Jahren  befolgten  politischen  Spstems  gedachten
dankbar  der  Segnungen,  die  Sachsen  unter  seiner  Regierung
genossen,  mehr  aber  noch  als  seiner  Regententugenden  der
menschlich  schönen  Eigenschaften,  der  HDerzenslauterkeit  und  des
menschenfreundlichen  Sinnes,  die  ihn  zierten  und  die  ihm  ein
bleibendes  Ehrengedächtnis  bei  der  Machwelt  sichern.“  35)

Sein  Tlachfolger,  Hönig  Johann  (1854—75),  hat  schon
als  Knabe  durch  seinen  lebhaften  Sinn  für  Wissenschaft  und
Kunst  es  ahnen  lassen,  daß  er  einmal  ein  „Orofessor  unter  den
Fürsten“  werden  würde.  Ganz  entzückt  schreibt  Jean  Daul  über
ihn  im  Jahre  1822,  nachdem  er  dem  21jährigen  rinzen
vorgestellt  worden  war.

„Die  Welt  muß  einem  immer  lieber  werden,  da  es  darin  Hrinzen
von  solchem  Geiste,  solchen  Uenntnissen  und  Gesinnungen  gibt,  wie  ich
heute  einen  bennen  und  lieben  gelernt  habe.“  100)

Dieser  weissagenden  Huldigung  lassen  sich  unzählige  solche
hinzufügen,  welche  beweisen,  daß  durch  König  Johanns  Lebensentwickelung
  erfüllt  ward,  was  sein  Lebensanfang  versprach.
Es  ist  bekannt,  daß  Friedrich  Wilhelm  IV.  von  Dreußen  es
        <pb n="109" />
        Das  Fürstenhaus.  99

oft  bezeugt  hat,  welchen  Wert  die  mit  UKönig  Johann  1826
in  Leipzig  geschlossene  Freundschaft  wegen  der  mannigfachen
wissenschaftlichen  Anregung,  welche  er  aus  ihr  schöpfte,  für  ihn
gehabt  hat;  nennt  doch  der  später  ziemlich  vereinsamte  Fürst
dieselbe  eine  der  schönsten  Blüten  seines  Cebens.

Allein  auch  von  strengen  Fachmännern,  wie  von  dem  Sprachforscher
  Wilhelm  von  Humboldt,  dem  Oetrarcaübersetzer  Karl
Förster  und  vor  allem  von  Danteforschern  hat  er  eine  Anzahl
von  Anerkennungen  erhalten,  aus  welchen  hier  der  Kürze  wegen
nur  eine,  die  des  sowohl  durch  große  Gelehrsamkeit  als  durch
edle  Oersönlichkeit  ausgezeichneten  Amerikaners  Ticknor,  mit
welchem  König  Johann  in  Danteangelegenheiten  stets  lebhaften
Derkehr  gehabt  hat,  Hlatz  finden  soll.  Er  schreibt:

„Tieck  las  höchst  bewundernswert  fünf  Gesänge  aus  der  noch  nicht
veröffentlichten  Ubersetzung  des  Fegefeuers  vom  Hrinzen  Johann  vor  (in
einer  Abendgesellschaft  bei  demselben).  Wir  übrigen  sahen  den  Originaltext
  durch,  und  am  Ende  eines  jeden  Gesanges  wurden  Bemerkungen  über
die  Ubersetzung  gemacht.  Dabei  wurde  jedoch  nicht  ein  Wort  der  Böflichkeit
  gewechselt  oder  die  kleinste  Schmeichelei  angebracht.  Die  übersetzung
jedoch  war  so  angemessen  als  irgend  etwas  dieser  Art  wohl  sein  kann  und
im  allgemeinen,  wie  ich  nicht  zweifle,  höchst  treu  und  genau.“  —  „Es
that  mir  leid  (nach  einem  Mittagessen  bei  Hrinz  Johann),  ihn  zu  verlassen,
denn  wenn  ich  auch  noch  mehr  Fürsten  in  Europa  sehen  sollte,  würde  ich
doch  keinen  so  guten  Gelehrten  und  wenige  so  vollkommen  achtungswert
im  ganzen  Tharakter,  im  öffentlichen  wie  im  Hrivatleben  finden.“

Für  sein  Dolk  ist  er  selbstverständlich  unendlich  mehr  als
der  Orofessor  unter  den  Fürsten,  nämlich  ein  Landesfürst  nach
der  Weise  Dater  Augusts,  der  mit  persönlicher  Fürsorglichkeit
an  allen  Angelegenheiten  des  Staatslebens  teilnahm.  Wer

daher  —  wie  der  Derfasser  dieses  Schriftchens  —  selbst  dabei
7*
        <pb n="110" />
        100  Das  Fürstenhaus.

gewesen  ist,  als  König  Johann  einer  lateinischen  Unterrichtsstunde
auf  der  Wieißner  Fürstenschule  beiwohnte,  der  stimmt  dem
langjährigen  treuen  Staatsdiener  König  Johanns,  Sr.  Exzellenz
dem  Freiherrn  J.  D.  von  Falkenstein,  bei,  welcher  in  der  1878
veröffentlichten  Darstellung  seines  Lebens  sagt:

„Mit  seinen  Reisen  im  Lande  hat  er  weit  mehr  Segen  gebracht,  als
er  in  seiner  Bescheidenheit  und  Einfachheit  ahnte,  so  daß  wir  diese  Reisen,
bei  welchen  sich  die  ganze  Liebenswürdigkeit  seines  Tharakters  offenbarte
und  zugleich  sein  scharfer  richtiger  Zlick  kund  gab,  zu  den  wichtigsten
Momenten  seiner  Regierung  zählen  müssen.  Noch  jetzt  kann  man  an  gar
vielen  Grten  von  der  Seit,  von  dem  Tage,  von  den  Stunden  erzählen
hören,  die  der  önig  daselbst  zugebracht  hat,  und  alle  diese  Erzählungen
gipfeln  in  der  Zewunderung  seiner  Nenntnisse,  seiner  raschen  Auffassung,
seiner  schlichten  Liebenswürdigkeit,  seiner  Freundlichkeit,  insbesondere  auch
gegen  Kinder  in  den  Schulen,  und  geben  Seugnis  von  dem  wichtigen
Einflusse,  den  seine  Hersönlichkeit,  sein  Lob  wie  sein  Tadel  und  seine
Mahnungen  ausgeübt  haben.

„Ohne  alle  übertreibung  kann  man  behaupten,  daß  der  Uönig  zu  den
Derstorbenen  gehört,  deren  Leben  gleichsam  noch  fortdauert,  sein  früheres
Wirken  greift  offenbar  durch  die  Rückwirkungen,  welche  es  hervorgerufen
hat,  unmittelbar  noch  in  die  Gegenwart  ein.“  101)

Bei  dieser  angelangt,  haben  wir  als  den  57.  Wettiner,  der
seit  Heinrich  von  Silenburg  über  das  jetzt  lönigreich  Sachsen
genannte  Land  herrscht,  unsern  innig  geliebten  König  Albert
zu  nennen,  der  1875  seinem  Dater  in  der  Regierung  nachfolgte.
  Don  ihm  ist  es  bekannt,  daß  er  den  guten  Leumund
der  Sachsen  nicht  nur  zu  erhalten,  sondern  auch  zu  mehren
aufs  beste  verstanden  hat.  Swar  ästerreichischerseits  ist  man
18656  ihm  und  seinen  tapferen  Truppen  nicht  allenthalben
gerecht  geworden;  wohl  aber  hat  er  die  verdiente  Anerkennung
gefunden,  als  er  gemeinsam  mit  Alldeutschland  im  großen
        <pb n="111" />
        Das  Fürstenhaus.  101

Kriege  gegen  Frankreich  das  XII.  kal.  sächsische  Armeekorps
gegen  den  Feind  führte.  Sobald  er  mit  demselben  an  der  Seite
des  preußischen  Gardekorps  in  den  bereits  oben  Seite  70  erwähnten
  großen  Kampfe  um  St.  Drivat  eingegriffen  hatte,
erkannte  Graf  Moltke  seine  hohe  strategische  Zegabung.  Hat
er  doch  über  ihn  geäußert,  daß  es  im  deutschen  Heere  wohl
viele  gute  Generale,  aber  nur  einen  Feldherrn  gebe  wie  den
Kronprinzen  von  Sachsen.  Darum  hat  ihn  laiser  Wilhelm
sogleich  am  10.  August  zum  Führer  der  Alaasarmee  ernannt,
welche  aus  seinem  eignen,  nämlich  dem  XII.,  dem  IV.  und  dem
Gardekorps  bestand;  schon  der  letztere  Umstand  ist  ein  Beweis
von  dem  unbedingten  Dertrauen,  welches  Kaiser  Wilhelm  in
seine  Feldherrntüchtigkeit  setzte.  Dies  Dertrauen  hat  er  ihm
bis  an  seinen  Tod  bewahrt  und  bei  vielen  Gelegenheiten  öffentlich
  ausgesprochen;  denn  so  oft  der  Kaiser  mit  sächsischen
Unterthanen  zu  reden  Deranlassung  hatte,  hat  er  sie  daran  erinnert,
  was  für  einen  vortrefflichen  Fürsten  sie  von  Gott
empfangen  hätten;  so  hat  es  der  Derfasser  dieser  Seilen  selbst
erlebt,  als  er  am  24.  August  1875  in  seiner  Eigenschaft  als
Schriftführer  im  Sentralvorstand  des  Evangelischen  Dereins  der
Gustav-Adolf-Stiftung  mit  den  übrigen  Mitgliedern  des  genannten
  Sentralvorstandes  in  Zabelsberg  von  Kaiser  Wilhelm
empfangen  zu  werden  die  Ehre  hatte.

Micht  minder  wie  von  Uaiser  Wilhelm  I.  wird  unser
teurer  Hönig  von  Wilhelm  II.  gewürdigt  und  anerkannt;  ja
die  Beziehungen  zwischen  dem  Berliner  und  dem  Dresdener  Hofe
sind  immer  inniger  geworden,  wie  es  jeder  Unterthan  mit  wahrer
Herzensfreude  wahrnehmen  kann.  Als  man  z.  B.  bei  der
Grundsteinlegung  zum  Reichsgerichtsgebäude  am  Reformations-
        <pb n="112" />
        102  Das  Fürstenhaus.

feste  1888  Kaiser  Wilhelm  und  Uönig  Albert  herzlich  vereint
nebeneinander  stehen  sah,  da  hatte  man  einen  tiefen  Eindruck
davon,  wie  fein  und  lieblich  es  ist,  wenn  Brüder  einträchtiglich
bei  einander  wohnen.  Ihr  Derhältnis  zu  einander  ist  nicht
nur  das  einer  bloß  äußerlichen  Freundlichkeit  und  Höflichkeit,
sondern  man  darf  auch,  ohne  einen  tieferen  Einblick  in  das
Staatsleben  zu  haben,  behaupten,  daß  König  Albert  im  Frieden
auf  wichtige  Entscheidungen  in  Sachen  des  Deutschen  Reiches
maßgebenden  Einfluß  hat  und  für  den  Fall  des  Krieges  eine
Janz  hervorragende  Stellung  einzunehmen  berufen  ist.  Dies
ist  er  auch  wert,  so  sagt  der  Leumund,  welchen  er  bei  seinem
Dolke  hat.  Denn  er  leitet  das  Staatswesen  also,  daß  man
immer  noch  auswärts  auf  den  sächsischen  Staat  als  auf  einen
Musterstaat  mit  Zewunderung,  wohl  auch  mit  etwas  Kreid
blickt;  und  das  Deerwesen  hat  sich  unter  ihm,  der  Seit  entsprechend,
  derartig  fortentwickelt,  daß  öfters  auf  das  Dorbild
unfrer  Truppen  als  ein  in  jeder  Hinsicht  nachahmenswertes
von  maßgebender  Seite  hingewiesen  worden  ist.

Darum  können  wir  zum  Jubelfeste,  welches  wir  in  diesem
Jahre  feiern,  an  den  innigen  Dank  gegen  Gott  dafür,  daß
er  den  guten  Leumund  Sachsens  durch  Uönig  Albert  hat  erhalten
  und  gemehrt  werden  lassen,  als  unsern  Herzenswunsch
für  die  Sukunft  nur  den  anschließen:

Gott  segne  den  König  Klbert!
        <pb n="113" />
        Anmerkungen.

–—

1)  K.  F.  Hofmann,  Das  Meißner  Tiederland,  S.  47;  übrigens  ein  beachtenswertes
  Zeugnis  dafür,  daß  der  Weinbau  erst  durch  die  Deutschen
nach  Meißen  gebracht  worden  ist.

2)  Das.  S.  12.

3)  Das.  S.  13.

4)  Das.  S.  816.

5)  Flathe,  Dr.  Th.,  II.  Aufl.  von  Böttiger,  Geschichte  Sachsens  I.,  551.

6)  Hofmann  a.  a.  G.  S.  15.

7)  Daniel  Handbuch  der  Geographie  III.,  S.  270.

6)  Das.  III.,  S.  270  ff.

)  Bofmann  a.  a.  G.  S.  15.

10)  Daniel  a.  a.  G.  IV.,  506.

I1)  Sachariä,  Der  Renommist,  VI.  Gesang.  Die  Stelle  lautet  wörtlich:

Da,  wo  vor  Ranstädts  Thor  der  krummen  Hleiße  (P)  Wellen
Mit  stillem,  sanftem  Lauf  an  grüne  Uüsten  schwellen,
Liegt  ein  berühmter  Hain,  den  schon  die  graue  Seit

In  angenehmer  Nacht  den  Liebenden  geweiht.

Man  hat  den  heil'gen  Kain  das  Rosenthal  genennet;
Und  welches  Mädchen  ist,  das  diesen  Ort  nicht  kennetd
Hier  sieht  auf  ihrer  Flut  die  Hleiße  Gondeln  geb'’n,

Die  unter  Spiel  und  Scherz  und  blasendem  Getön

Von  dem  beschilften  Rand  auf  Gohlis  freudig  eilen,

Wo  den  Geschmack  Musik  und  Tanz  und  Uuchen  teilen.
Hier  türmet  sich  das  Grün  der  Eichen  in  die  Böhr,
Dort  wird  der  Zuchen  Laub  zur  schattigen  Allee;

Und  dort  sucht  hellgrün  Gras  durch  seine  lichten  Flächen
Des  dunklen  Lindengangs  Schattierungen  zu  brechen.

12)  Tissot,  Un  voyage  au  pays  des  milliards,  I.  S.  I20.
13)  Stael,  De  PAllemagne  (Ausg.  von  1835)  II.,  S.  451  f.
        <pb n="114" />
        104  Anmerkungen.

14)  Das.  I.,  S.  132.

15)  Tholuck,  Hredigten  über  die  Hauptstücke  des  christlichen  Glanbens  und
Lebens,  Bd.  1.  Dorwort  IX.

16)  Statistische  Mitteilungen  und  Auszüge  aus  den  kirchlichen  Jahresberichten
  auf  das  Jahr  1887  im  Verordnungsblatte  des  evang.-luth.
Landeskonsistoriums  für  das  Königreich  Sachsen,  1688.  Mr.  11.

12)  von  Gttingen,  Moralstatistik  S.  421  ff.  u.  Tabelle  63  f.

18)  Massarvk,  Dr.,  Der  Selbstmord  als  soziale  Massenerscheinung  der  modernen
  Givilisation,  Wien  1881,  S.  44  f.

lo)  Hörte,  Die  Sprichwörter  und  sprichwörtlichen  Redensarten  der  Deut.
schen,  Tr.  4202.

20)  Forster,  „Friedrich  August  II.,  Kôönig  v.  Holen  u.  NKurfürst  v.  Sachsen“,
S.  451.

#1)  von  Ettingen  a.  a.  G.  Tabelle  126  u.  127.

22)  Mne.  de  Stasl,  De  Allemagne  I.,  131.

25)  Briefe  eines  reisenden  Franzosen  über  Deutschland  an  seinen  Zruder
zu  Haris,  1784:  ql.  Brief.

24)  Shakespeare,  Kaufmann  von  Denedig.  I.  Aufzug,  2.  Szene.

25)  Scherr,  Deutsche  Kultur  und  Sittengeschichte  S.  200.

26)  Heinr.  Hröhle,  Weltliche  und  geistliche  Dolkslieder  und  Dolksschauspiele,
  Tr.  44.

27)  Behaghel  (Die  deutsche  Sprache,  Wissen  der  Gegenwart,  Bd.  LIV,  S.  56)
findet  unfre  Sprache  nicht  so  gar  gut,  da  die  Sachsen,  wie  er  nicht  mit
Unrecht  sagt,  von  einer  partiellen  Taubheit  geplagt  sind,  nämlich  in
bezug  auf  den  Unterschied  zwischen  b  und  p,  d  und  t;  ein  „tppischer“
Tharakter  und  ein  „diebischer“  sind  für  fie  vollkommen  identisch.

28)  Flathe  a.  a.  G.

20)  Behaghel,  Dr.  O.,  a.  a.  O.,  S.  55  f.

50)  Förster  a.  a.  O.  452.

31)  Förster  a.  a.  G.  452.

32)  Flathe  a.  a.  O.  II.,  380  u.  f.

53)  Flathe  a.  a.  O.  II.,  238.

54)  Flathe  a.  a.  G.  II.,  385.

35)  Das.  II.,  305.

36)  Berder  in  der  Adrastea  I.,  304,  nach  Flathe  a.  a.  G.  II.,  1S.

5  7)  Flathe  a.  a.  O.  II.,  511  f.

38)  de  Staèl  a.  a.  G.  I.,  120,  und  II.,  153.

50)  Bartmann,  kurz  erwähnt  in  Uugler,  Geschichte  der  Malerei  III.,  245,
über  Schiek,  das.  III.,  227;  ausführlich  Reber,  Geschichte  der  neueren
deutschen  Kunst,  S.  135  ff.
        <pb n="115" />
        Anmerkungen.  105

40)  de  Statl  a.  a.  O.  I.,  166  ff.

al)  Das.  II.,  51  f.

42)  Das.  I.,  129  u.  151.

45)  Flathe  a.  a.  O.  II.,  20  f.

44)  de  Stakl  a.  a.  G.  I.,  110.

45)  Das.  II.,  210.

46)  Das.  II.,  516.

4½)  Dergl.  dazu  Goethe,  Aus  meinem  Leben,  Wahrheit  und  Dichtung,
Bd.  IV  (der  sechsbändigen  Cottaschen  Ausgabe)  S.  680—122.  Goethes
Aufenthalt  in  Leipzig  und  seine  Beziehungen  zu  dieser  Stadt  sind  eingehend
  dargestellt  in  dem  bekannten  Werke  des  Freiherrn  Woldemar
von  Biedermann:  Goethe  und  LTeipzig,  2  Bände,  Leipzig  186s,  zu  welchem
  sehr  schätzbare  Ergänzungen  und  Berichtigungen  bringt  Dr.  Wust.
mann,  Aus  Leipzigs  Dergangenheit,  Abtlg.  Goethiana,  S.  266—310.

46)  Wahrheit  und  Dichtung,  S.  110  b.

40)  In  seiner  Rede  bei  der  Hauptversammlung  der  Harmonie  1780  preist
er  die  glorreiche  wohlthätige  Stadt  (Derm.  Schriften  IV,  1204).

50)  Wustmann  a.  a.  O.  Tuther  in  Leipzig,  S.  c0  u.  100.

51)  Tissot  a.  a.  G.  I.,  S.  132  ff.

52)  Daniel  a.  a.  G.  IV.,  505.

53)  Briefe  eines  reisenden  Franzosen  u.  s.  w.  4.  Brief.

54)  Mme.  de  Stakl,  a.  a.  O.  I.,  128  ff.

55)  Dr.  von  Hosern-Klett,  Krenzfahrer  aus  dem  Meißnerlande,  in  Webers
Archiv  für  die  sächsische  Geschichte,  IV.  Band  (1866),  S.  45  ff.

56)  Dalimilowa  Chronika  Geska  a.  t.  d.  od  Vaceslava  Hanky,  V  Praze
1851,  50.  Gesang.

57)  Ebenda  Gesang  81,  105,  lod.  Pfidavek  V.

58)  Rukopis  Kralovédvorsky  (ed.  Kofinek),  Beneb  Hermanow,  S.  33  ff.

50)  Flathe  a.  a.  G.  I.,  201  f.

60)  Flathe  a.  a.  G.  I.,  321.

61)  L'enfant,  bistoire  de  la  guerre  des  Hussites  et  du  concile  de
Besle.  I.,  129.

62)  LTenfant  a.  a.  G.  I.,  158.

63)  Halacky,  Geschichte  von  Böhmen,  3.  Band,  2.  Abtlg.,  S.  455.

64)  von  Langenn,  Moritz,  Berzog  und  Kurfürst  zu  Sachsen,  I.,  S.  150  ff.

65)  Ebenda  I.,  S.  175  f.

66)  Schuster  u.  Francke,  Geschichte  der  sächsischen  Armee,  I.,  S.  log.

67)  von  Renner,  Wien  im  Jahre  1683,  S.  455.

68)  Schuster  u.  Francke  a.  a.  G.  I.,  S.  117.

60)  Förster,  Friedrich  August  II.,  S.  q51  f.
        <pb n="116" />
        106  Anmerkungen.

70)  Flathe  a.  a.  O.  II.,  639  f.

71)  von  Montb,  Die  kursächsischen  Truppen  im  Feldzuge  von  1806,  II.,  212.

2)  Schuster  u.  Francke  a.  a.  G.  II.,  262.

73)  Flathe  a.  a.  G.  III.,  105  u.  207.

74)  Flathe  a.  a.  O.  1I.,  650  f.

75)  Schuster  u.  Francke  a.  a.  O.  III.,  130.

76)  Fontane,  Der  deutsche  Krieg  1866,  I.,  465.

77)  Schuster  u.  Francke  a.  a.  O.  III.,  186,  265,  333.

78)  Flathe  a.  a.  O.  I.,  S.  87.

70)  Flathe  a.  a.  O.  I.,  136.

80)  Walter  von  der  Vogelweide,  herausg.  von  ZBachmann  S.  12.

91)  Halacky,  Geschichte  von  Böhmen,  III.,  S.  489  ff.

82)  von  Kangenn,  Herzog  Albrecht  der  Beherzte,  S.  106  f.,  175,  226,
276,  280.

83)  Flathe  a.  a.  G.  I.,  454  u.  455.

84)  Luthers  Werke,  Erlanger  Ansgabe,  XXXIX,  281,  LXI,  320,  580,
582,  XXVI,  ss  f.,  XVIII,  310  ff.

85)  Flathe  a.  a.  O.  I.,  481  u.  480.

86)  Luthers  Werke,  Erlanger  Ausgabe  LVIII,  376,  LIX,  40,  XVIII,
365  f.,  LXI,  385,  383  ff.

S7)  Ebenda  LXI,  393,  380,  301.

88)  Flathe  a.  a.  O.  I.,  548.

89)  Cuther  a.  a.  O.  LXI,  393.

90)  Gretschel,  Kirchliche  Austände  Leipzigs  vor  und  während  der  Reformation,
  S.  204.

ol)  Dr.  Seifert,  Die  Reformation  in  Leipzig,  S.  16.

92)  Luthers  Werke  LXI,  42.

93)  Flathe  a.  a.  G.  I.,  583,  610,  II.,  147.

94)  Flathe  a.  a.  G.  II.,  102.

95)  Maleszewski,  Essai  bistorique  et  politigue  sur  la  Pologne.
S.  55  ff.  u.  308.

96)  Flathe  a.  a.  O.  II.,  561.

02)  Aus  Metternichs  nachgelassenen  Hapieren,  II.  Teil,  3.  Band,  S.  34  ff.

e)  Ebenda  VII.  154.

Jo)  Flathe  a.  a.  O.  III.,  7os.

100)  Flathe  a.  a.  G.  III.,  70.

lol)  von  Falkenstein,  Johann,  König  von  Sachsen,  ein  Tharakterbild,
S.  60,  96  ff.,  230  f.
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