Man  geht  wohl  nicht  fehl,  wenn  man  als  Grund  hierfür  den
im  allgemeinen  friedfertigen  Charakter  der  Päpste  Leo  XIll.  und
Pius  X.  ansieht.  Diese  haben  mit  mancher  überlebten  Auffassung
aufgeräumt,  deren  hartnäckiges  Festhalten  nur  Verdruß  und  Verwunderung
  hervorrief,

In  ähnlicher  Weise  charakterisiert  auch  der  Gesandte  v,  Mühlberg
  gelegentlich  einer  Kaiser-Geburtstagrede  1913  den  Papst
Pius  X.  !#)  Er  sagt  u.  a.  ausdrücklich  von  ihm,  daß  er  „von
friedfertiger,  versöhnlicher  und  konzilianter  Natur“  sei.  Die  Verschärfung
  des  konfessionellen  Gegensatzes  während  der  letzten
Jahre  sei  der  Kurie  durchaus  unerwünscht  gewesen.

Neben  dieser  toleranten  Gesinnung  ist  es  aber  auch  dem
Umstande,  daß  die  deutsche  Regierung  durch  die  gewitterschwüle
internationale  Lage  des  letzten  Jahrzehntes  vor  Ausbruch  des
Weltkrieges  gänzlich  in  Anspruch  genommen  wurde,  zu  verdanken,
  daß  alle  Reivereien  auf  kirchlich-politischen  Gebiete  vermieden
  wurden.

Bald  nach  Beginn  des  Weltkrieges  stirbt  Papst  Pius  X.;  ihm
foigt  am  20.  8.  1914  Benedikt  XV.  162)

Als  dann  Ende  Mai  1915  Italien  an  Deutschlands  Verbündeten
  den  Krieg  erklärte,  verließ  der  preußische  Gesandte  beim
Papst  gleichzeitig  mit’  seinem  bayerischen  Kollegen  und  dem
deutschen  Botschafter  beim  Quirinal  das  Land,  welches  ihm  den
freien  Verkehr  mit  seiner  Regierung  nicht  gestatten  wollte,  163)

Ob  man  Italien  durch  Aufrollung  der  „römischen  Frage“
größere  Verlegenheiten  bereitet  hätte,  indem  man  sich  auf  den
Buchstaben  des  Garantiegesetzes  versteifte  und  den  Gesandten
anwies,  auf  seinem  Posten  auszuharren,  mag  dahingestellt  bleiben.
Es  darf  wohl  als  sicher  angenommen  werden,  daß  Italien,  welches
langjährige  Bündnisverträge  aus  „sacro  egoismo“  zerriß,  auch  das
von  ihm  verbriefite  Garantiegesetz  nicht  beachtet  und  die  Abreise
unseres  Gesandten  nötigenfalls  gewaltsam  erzwungen  hätte.

161)  Hilling  II.  S.  5,  Anm.  2  u,  die  dort  zitierte  „Kölnische  Volkszeitung*.

i62)  hierzu  de  Waal,  Papst  Benedikt  XV.

163)  vergl.  Neue  Züricher  Zeitung  v.  4.  6.  15  Nr.  691,  vom  21.  1.  16  Nr.
108  nnd  vom  10.  12,  15  Nr.  1686.

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