2  Sieger  und  Besiegte.

auch  der  deutsche  Erste  Generalquartiermeister  auf  Grund  der  bereits  am
8.  August  an  der  Westfront  gemachten  Erfahrungen  eine  ähnliche  Auflösung
der  deutschen  Front,  und  er  trat  an  die  allzuwenig  regsame  Reichsregierung
  in  den  letzten  Septembertagen  1918  mit  drängender  Wiederholung
  der  bereits  Mitte  August  gestellten  Forderung  heran,  ohne  jeden
Zeitverlust  den  Feinden  ein  Friedens-  und  Waffenstillstandsangebot  zu
unterbreiten.  Vergebens  aber  war  nach  Wechsel  der  Reichsleitung  und
Abgabe  der  geforderten  Erklärung,  trotz  der  über  Erwarten  guten  Haltung
des  Hauptteils  unserer  Truppen,  das  Verlangen  nach  Widerstand  gegen
den  nun  klar  bekundeten  Vernichtungswillen  der  Feinde  durch  letzte
Anspannung  aller  Bolkskräfte.

Hatte  der  Wirtschaftskrieg  an  der  Front  die  Hoffnung  auf  den  Endsicg
  getötet,  indem  er  das  allzu  starke  Mißverhältnis  in  der  Materialversorgung
  der  Truppen  hüben  und  drüben  nach  vier  Jahren  erkennbar
machte,  so  hatte  der  Hungerkrieg  daheim  die  Widerstandskraft  an  Geist
und  Gemüt  mehr  und  mehr  untergraben.  Der  furchtbare  tägliche  Kleinkrieg
  mit  den  tausend  und  aber  tausend  Verordnungen  auf  den  Gebieten
des  Ernährungswesens;  der  demoralisierende  Wucher  des  Schleichhandels;
die  Lockerung  der  inneren  Ordnung  durch.  die  Selbstverständlichkeit,  mit
der  alle  Gesetze  und  behördlichen  Maßnahmen  umgangen  wurden,  weil
sie  der  Lebeneomöglichkeit  willen  umgangen  werden  mußten;  die  dadurch
bewirkte  moralische  Zermürbung  des  Beamtentumes  und  weiter  Volkskreise
  hatten  eine  Fieber-  und  Stickluft  geschaffen,  hatten  den  Boden
bereitet  für  eine  weitgehende,  durch  ausländische  Einflüsse  eifrig  und
erfolgreich  geschürte  Zersetzung  und  schließlich  für  die  Auflösung  der  alten
staatlichen  Ordnung.  So  war  das  schier  Undenkbare  möglich,  daß  der
Volkswille  keinerlei  ernste  Widerstandekraft  mehr  zeigte,  als  alles  verloren
  ging,  was  die  Volkekraft  uns  durch  mehr  als  vier  Zahre  der  blutigsten
Kämpfe  und  größten  Opfer  errungen  und  scheinbar  sichergestellt.  Noch
zu  einer  Zeit,  da  die  Volkskraft  durchaue  Sieger,  war  der  Volkewille
dabeim  längst  besiegt.

Welches  Land  hätte  an  Bolkskraft  unserem  Deutschland  ebenbürtig
an  die  Seite  treten  können?!  —  An  Kopfzahl  waren  wir  bei  Kriegebeginn
ein  Siebzigmillionenvolk;  an  Volkskraft  aber  ragten  wir  im  Vergleich
mit  anderen  Bölkern  noch  weit  über  das  Verhältnie  der  Kopfzahl  hinaus.
Das  dankten  wir  mit  unserer  jahrzehntelangen  sozialen  Fürsorge  und  unserer
so  hochentwickelten  Volkehpgiene.  In  dem  Alugenblick,  da  die  Waffen  zu
schweigen  begannen,  lüftete  der  zuständige  englische  Minister  den  Schleier
cincs  bis  dahin  wohlgehüteten  Geheimnisses,  indem  er  öffentlich  erklärte,
er  habe  während  des  Krieges  mit  Entsetzen  bemerkt,  daß  die  Kriegstauglichkeit
  der  Bevölkerung  in  England  weit  zurückgeblieben  sei  hinter