4  Sieger  und  Besiegte.

fünfzig  Monden  aber  begannen  wir  uns  unter  den,  die  Nervenzerrüttung
begünstigenden  Wirkungen  des  Wirtschaftekrieges  besiegt  zu  geben.  Wie
konnte  es  trotz  aller  unserer  Erfolge  politisch,  militärisch  und  wirtschaftlich
zu  diesem  zerschmetternden  Endausgang  kommen?  —  Suchen  wir  kurz
die  Ursachen  der  Niederlage  zu  umreißen:

Politisch  zunächst  hatten  wir  une  bei  Kriegebeginn  restlos  eingestellt
  auf  den  Zwei-Kaiser-Bund.  Auf  den  alten  Dreibund  als  solchem
war  so  wenig  Verlaß,  daß  unsere  politische  Leitung  es  für  zweckmäßig
bielt,  ihrerseita  Rußland  und  Frankreich  den  Krieg  zu  erklären,  obwohl
doch  Russen  und  Franzosen  mit  der  Grenzüberschreitung  begonnen  hatten
und  obwohl  die  Betonung  dieser  Angriffshandlungen  von  feindlicher  Seite
für  Italien  die  Verpflichtung  zur  gemeinsamen  Verteidigung  spruchreif
gemacht  haben  würde.  Oer  damalige  Reichekanzler  aber  lebte  einerseite
in  dem  Glauben,  das  deutsche  Volk  im  Kriege  nur  in  Gefolgschaft  der
Regierung  haben  zu  können,  wenn  er  es  aufrief  zum  Kampfe  gegen  den
russischen  Zarismus;  und  er  glaubte  wohl  anderseite,  eine  politische  Lage
vermeiden  zu  müssen,  in  der  Italiens  (innerlich  längst  vollzogener)  Abfall
vom  Dreibund  sofort  völlig  klar  geworden  wäre.

Eine  lange  Reihe  von  Jahren  hindurch  hatten  wir  die  Einkreisungspolitik
  sehend  erlebt,  die  schließlich  auch  —  worüber  ein  Zweifel  nicht
mehr  obwalten  konnte  —  Ztalien  in  ihren  Bann  gezogen  hatte.  Wir
hatten  abwechselnd  allen  Großmächten  vor  den  Kopf  gestoßen  und  um
die  Gunst  aller  Großmächte  gebuhlt:  Rußland  hatten  wir  den  sogenannten
„Rückversicherungsvertrag“  gekündigt,  England  durch  die  Krüger-Depesche
und  manche  andere  Außerung  verstimmt,  Frankreich  das  Zusammenstehen
  gegen  England  abgelehnt,  das  uns  nach  den  Erfahrungen  von
Faschoda  durch  Delcassé  angeboten  wurde.  Anderseits  hatte  das
amtliche  Deutschland  —  im  stärksten  Gegensatz  zur  deutschen  Volkestimmung
  —  den  Engländern  während  des  Burenkrieges,  den  Russen
während  des  ostasiatischen  Krieges  geradezu  unterwürfige  Hilfedienste
geleistet,  ohne  doch  je  im  Ernst  für  derartige  Handlungen  Dank  erwarten
zu  können.  Durch  übereifrige  und  allzu  laut  betonte  Hilfsdienste  dieser
Art  gerät  man  erfahrungsgemäß  nur  in  die  Nolle  eines  politischen
Gläubigers,  der  dem  Schuldner  ungemein  lästig  ist  und  bei  der  ersten
sich  bietenden  Gelegenheit  gründlich  abgeschüttelt  wird.

Nachdem  nun  aber  einmal  die  fortwährenden  Schwankungen  in
unserer  Haltung  gegenüber  Frankreich,  England  und  Rußland  die  Einkreisungepolitik
  gefördert  und  diese  drei  Mächte  zusammengeschmiedet,
nachdem  auch  Ztaliens  innerer  Abfall  an  die  Entente  unverkennbar  geworden,
  blieb  ungd  nichte  als  der  Bund  mit  der  Donaumonarchie.  Einst
war  es  ein  Bund  zwischen  großen  deutschen  und  österreichischen  —  oder