Die  Einkreifungspolitit.  5

richtiger:  ungarischen  —  Staatemännern,  ein  durch  den  deutsch-russischen
Rückversicherungevertrag  ergänzter  Bund.  —  Aunmehr  war  er  geworden
zu  einem  Bunde  zwischen  Hohenzollern  und  Habsburg,  einem  Bunde,
in  dem  Hohenzollern  gewillt  war,  die  unbedingte  Nibelungentreue  zu
halten,  in  dem  Habeburg  seinerseits  nie  eine  romantische,  sondern  immer
nur  eine  diplomatisch  berechnende  Politik  getrieben  hatte.  Wir  waren  auf
Gedeih  und  Verderb  und  mit  nur  sehr  bedingker  Gegenseitigkeit  verkettet
mit  einem  recht  lockeren  Völkerbündel,  dessen  einzelne  Teile  auseinanderstrebtemn.
  Und  nicht  nur  das:  Einzelne  seiner  Teile  strebten  direkt  hinüber
zur  Entente,  verrieten  Osterreich-Ungarn  an  die  Feinde  und  halfen  emsig
mit  beim  Schmieden  des  Bündnisses  gegen  das  alte  Reich  der  Habeburger
und  Hohengollern.

Die  deutsche  Politik  verschloß  dieser  Tatsache  gegenüber  beide  Augen.
Oie  deutsche  Offentlichkeit  wurde  gehindert,  sich  mit  den  wirklichen  Zuständen
  und  Bestrebungen  in  Österreich-Ungarn  zu  beschäftigen.  Es  war
verpönt,  die  Treibereien  der  galizischen  Polen  bloßzustellen,  die  darauf
binarbeiteten,  im  kommenden  Kriege  alle  Polen  auf  die  russische  Seite
zu  führen,  um  zunächst  Rußland  zum  sicheren  Siege  zu  verhelfen,  und
dann  nach  den  Opfern  dee  Krieges  in  Rußland  die  Revolution  zu  schüren,
die  dem  gesamten  Polentum  mit  Leichtigkeit  die  Autonomie  zu  geben
verhieß.  Es  war  verboten,  auf  die  ernste  Bedeutung  der  tschechischen
Treibereien  hinzuweisen,  die  nicht  nur  in  Petersburg,  Paris  und  London,
sondern  namentlich  auch  in  Washington  einen  breiten  und  dankbaren  Boden
fanden.  Wir  unterstützten  Osterreich-Ungarn  in  der  kurzsichtigen  wirtschaftlichen
  Konkurrenzpolitik  Ungarns  gegenüber  jenem  Serbien,  aus
dem  Osterreich  jeden  wirtschaftlichen  Einfluß  Deutschlande  eifersüchtig  zu
verbannen  trachtete.  Saß  in  Belgrad  ein  tüchtiger  deutscher  Konsul,  der
dem  deutschen  Handel  in  Serbien  die  Bahn  zu  ebnen  erfolgreich  bemüht
war,  dann  mußte  er  auf  österreichischen  Wink  abberufen  werden,  weil
Osterreich  dieses  Land  ale  seine  wirtschaftliche  Homäne  betrachtete  und
behandelte.  ODie  diplomasische  Führung  lag  zu  unserem  Schaden  in  Wien.

Ze  mehr  Oeutschland  sich  angesichte  der  Einkreisungspolitik  auf  das
engste  Zusammengeben  mit  Osterreich-Ungarn  zurückzog  und  versteifte,
um  so  mehr  ward  der  Zwei-Kaiser-Bund  ein  Bund  der  Dynastien,  kein
Bund  der  Völker.  Der  Bund  der  ODypnastien  —  und  in  alleräußerster
Notdürftigkeit  auch  das  österreichisch-ungarische  Völkerbündel  —  hielt
allenfalls,  solange  der  greise  Franz  Joseph  den  Thron  der  Habsburger
innehatte;  in  dem  Augenblick  aber,  in  dem  der  an  Jahren  und  noch  mehr
an  Geist  jugendliche  Schwiegersohn  der  Herzogin  von  Bourbon  und  Parma
den  Thron  bestiegen,  war  das  Bündnis  innerlich  zerbrochen.  Die  Söhne
der  Herzogin  buhlten  um  französische  Gunst,  Kaiser  Karl  selbst  hatte  es