Deutsch-französische  Aussöhnungsversuche.  —  Die  feindlichen  Bundnlsse.  15

ohne  klar  erkennbare  und  gleichmäßig  verfolgte  äußere  Ziele  auf  allen
Seiten  Beunruhigung  und  Argwohn  weckte.  Das  Ausland  erkannte  wohl
die  für  Deutschland  beim  Wachstum  seiner  Bevölkerung  und  seiner
industriellen  Produktion  vorliegende  Notwendigkeit  einer  Ausbreitungs--politik,
  sah  aber  in  der  praktischen  Betätigung  dieser  Politik  eine  sprunghafte
  Entwicklung  und  vermochte  sich  kein  klares  Bild  von  den  eigentlichen
Endzielen  Deutschlands  zu  machen.  Hierdurch  wurde  in  der  Tat  eine  gewisse
  internationale  Nervosität  gezeitigt,  die  beträchtlichen  Einfluß  auf
die  Annäherung  unserer  Gegner  untereinander  ausübte.  Weitere  Nachteile
  weckte  der  Übergang  der  diplomatischen  Leitung  von  Berlin  nach  Wien.

Wahrheit  ist  aber  auch,  daß  Deutschland  die  feindlichen  Kriegevorbereitungen
  unterschätzte  und  die  eigenen  Rüstungen  nicht  ernst,
folgerichtig  und  durchgreifend  genug  betrieb.  In  dieser  Beziehung  braucht
nur  erinnert  zu  werden  an  die  unglückliche  Periode  der  drei  dicht  aufeinanderfolgenden
  Heeresvorlagen  unter  Bethmann  Hollweg,  deren  erste  und
zweite  angesichte  der  gegnerischen  Maßnahmen  ale  völlig  unzulänglich
erkannt  werden  mußten.  Diese  ersten  beiden  ungenügenden  Heeresvorlagen
  hatten  keineswegs  die  wahrscheinlich  von  Herrn  v.  Bethmann
Hollweg  erhoffte  Wirkung,  das  Ausland  von  der  unbedingten  deutschen
Friedfertigkeit  zu  überzeugen,  sondern  verstärkten  lediglich  die  Hoffnungen
der  Feinde  auf  guten  Erfolg  ihrer  eigenen  Rüstungen.

Die  nur  durch  den  gemeinsamen  Haß  gegen  Deutschland  gekitteten
Bündnisse  seiner  Hauptgegner  waren  bereits  lange  Jahre  vor  dem  Kriege
mit  dem  offensichtlichen  Zwecke  der  Einkreisung  und  Herabdrückung
Deutschlands  geschlossen  worden.

Das  französisch-russische  Bündnis  datiert  in  seinen  Vorbereitungen
zurück  in  die  Zeit  Biemarcks.

Der  französisch-englische  Gegensatz  war  nach  Faschoda  durch  die
Frankreich  zuteil  gewordene  Zwangekur  erledigt.

Der  Glaube  an  die  Ewigkeit  des  englisch-russischen  Gegensatzes  war
ein  Irrwahn  des  lange  Zeit  in  der  Berliner  Wilhelmstraße  schier  allmächtigen
  Geheimrate  Holstein.

Aue  den  Erinnerungen  des  Geheimrats  Hammann  sind  öffentlich
die  schweren  Konflikte  3zwischen  dem  Fürsten  Bülow  und  Herrn  von  Holstein
bekannt  geworden.  Über  die  politischen  und  militärischen  Fähigkeiten
Frankreiche  war  Holstein  in  Auffassungen  befangen,  die  er  in  einer  längst
vergangenen  Zeit  gewonnen  hatte.  Von  der  Möglichkeit  eines  Zusammengehens
  zwischen  England  und  Rußland  wollte  er  sich  auch  dann  nicht
überzeugen  lassen,  ale  der  Dreiverband  bereits  im  Werden  begriffen  war.

Persönliche  Eifersucht  und  persönliche  Rachsucht  hatten  nach  Art  der
alten  Kabinettepolitik  auf  gegnerischer  Seite  intensiv  mitgewirkt  als  Trieb-