22  Ole  allgemelnen  Kriegevorbereitungen  unserer  Feinde.

Es  wird  wiederholt  betont,  daß  diese  friedfertige  Politik  auch  der  Gesamtauffassung
  des  ganzen  deutschen  Volkes  entspricht.

Natürlich  befassen  sich  die  Brüsseler  Zirkulare  besonders  auch  mit
der  weltpolitischen  Betätigung  Eduarde  VII.  Frühzeitig  erkennen  die
Berichte  sein  Streben,  in  gemeinsamem  Gegensatz  gegen  Deutschland
freundschaftliche  Beziehungen  zu  Rußland  zu  knüpfen.  War  zu  Beginn
der  Periode,  in  der  die  Brüsseler  Zirkulare  verschickt  wurden,  Frankreich
  das  einzig  bedrohliche  Element  der  Unruhe  in  Europa,  so  lassen
sie  in  der  Folgezeit  mehr  und  mehr  erkennen,  daß  das  hauptsächlich
aus  wirtschaftlichen  Gründen  deutschfeindliche  England  unter
König  Eduards  Führung  den  französischen  Revanchebelden  den  Rücken
stärkte,  und  daß  die  Bedrohung  der  Ruhe  Europas  nunmehr  namentlich
von  dieser  Seite  kam.

Was  das  oben  erwähnte.  Angebot  eines  Zusammengehens  von
Deutschland,  Frankreich  und  Rußland  gegen  England  während  des  Burentrieges
  anbelangt,  so  wird  in  Ubereinstimmung  mit  der  Haltung  des
Fürsten  Bülow  in  den  belgischen  Dokumenten  diese  Politik  als  eine  von
Delcassé  gelegte  Falle  betrachtet  und  wörtlich  bemerkt:  „Deutschland
wäre  sicher  gewesen,  auf  halbem  Wege  von  seinen  Eintags-Verbündeten
verlassen  zu  werden,  wenn  seine  Beziehungen  zu  England  unwider--ruflich
  gestört  gewesen  wären.  Das  gemeinsame  Vorgehen  mit  dem
Zweibund  hätte  in  einer  englisch-französisch-russischen  Koalition  enden
können,  die  gegen  Deutschland  selbst  gerichtet  gewesen  wäre.“

Zu  dieser  Koalition  ist  es  dann  doch  durch  die  Politik  Eduarde  VII.  gekommen,
  der  in  einer  Unterredung  vom  21.  August  1907  mit  Clémenceau
in  Marienbad  in  bemerkenswerter  Weise  bekundete,  daß  er  selbst  sich
durchaus  ale  den  Leiter  der  auswärtigen  Politik  seines  Landes  betrachtete
und  der  den  Revanchegeist  Frankreichs  für  seine  Ziele  zu  nutzen  verstand  —,
einen  Revanchegeist,  der  auch  nach  belgischem  Urteil  nicht  so  sehr  durch
den  Verlust  von  Elsaß-Lothringen,  wie  allein  durch  die  reine  Tatsache
der  Niederlage  von  1870  bedingt  war.

In  einer  Zeit,  da  die  belgischen  Berichte  noch  äußerst  freimütige
Beurteilungen  der  englisch-französischen  Politik  enthalten,  wird  ihre
Bearbeitung  in  Brüssel  zur  Weitergabe  in  den  Zirkularen  vorsichtiger,
weil  sie  erstmals  etwas  Wesentliches  zu  verschweigen  haben.  Im  Jahre
1906  hatte  der  englische  Militärattaché  in  Brüssel  seine  Besprechungen
mit  dem  belgischen  Generalstabechef  eingeleitet,  die  auf  ein  militärischee
Zusammenarbeiten  zwischen  England,  Frankreich  und  Belgien  hinausgingen.
Der  belgische  Gesandte  in  Berlin  mißbilligte  dieses  englische  Vorgehen  auf
das  entschiedenste.  Aber  er  war  anscheinend  der  einzige  belgische  Diplomat,
dem  von  diesen  Verhandlungen  überhaupt  Kenntnie  gegeben  wurde.