Politik  Eduarde  VII.  23

Bald  darauf  melden  sich  die  ersten  Anzeichen  einer  englisch-russischen
Entente  durch  Unterbringung  eines  großen  Teils  einer  russischen  Anleihe
in  England.  Schon  in  jener  Zeit  betonen  die  belgischen  Zirkulare,  daß
angesichts  der  deutlichen  Beweise  für  die  Absicht  der  Bereinzelung
Deutschlands  dieses  selbstverständlich  mit  allen  möglichen  Mitteln  versuchen
  müsse,  sich  von  dem  Eisenring  zu  befreien,  in  den  man  es  einzwängen
wolle.  Dieser  Gedanke  kommt  in  der  Folgezeit  in  immer  neuen  Abwandlungen
  wieder.

Die  Versuche,  durch  deutsch-englische  Besuchsaustausche  eine  günstigere
Stimmung  zwischen  diesen  beiden  Ländern  hervorzurufen,  erscheinen
den  belgischen  Beobachtern  als  wenig  erfolgreich.  So  schreibt  der  Londoner
Gewährsmann  nach  dem  deutschen  Journalistenbesuch  im  Sommer
1906:  „Deutschland  ist  der  große  Nebenbuhler  auf  dem  Weltmarkt,  als
Militär-  und  in  Zukunft  vielleicht  auch  als  Seemacht.  Aue  diesem  Grunde
glaubt  sich  jeder  gute  Bürger  verpflichtet,  es  zu  verabscheuen,  weil  er
sich  sagt,  daß  es  für  den  Augenblick  die  einzige  Nation  ist,  von  der  er
seit  der  Schwächung  Rußlands  und  der  Entente  mit  Frankreich  etwas
zu  fürchten  hat.“  Überaus  scharf  sind  die  belgischen  Urteile,  die  einige
Monate  später  anläßlich  des  Kabinettwechsels  in  Frankreich  über  die
Abenteurerpolitik  Clemenceaus  und  die  dunklen  Ursachen  seiner  Vorliebe
für  England  gefällt  werden.  Daß  Herr  Clémenceau  ans  Ruder  kam,  war
die  Krönung  des  englischen  Einflusses  in  Paris.  Das  Londoner  Kabinett
glaubte,  in  ihm  einen  seiner  Politik  durchaus  ergebenen  Mann  und  einen
Charakter  zu  finden,  der  Ansehen  und  Energie  genug  besaß,  um  sich  durchzusetzen.
  Als  sich  in  Frankreich  Widerstand  erhob,  hielt  König  Eduard  VII.
es  für  zweckmäßig,  durch  persönlichen  Besuch  in  Paris  seinen  Einfluß
zu  befestigen.  Das  Jahr  1907  bringt  dann  weitere  entscheidende  Fortschritte
  in  der  englisch-russischen  Annäherung  und  das  französisch-japanische
Abkommen  als  neues  GElied  in  der  weltumspannenden  Einkreisungspolitik
  gegenüber  Deutschland.  Damals  war  sogar  die  Rede  davon,  daß
ZJapan  sich  zu  einer  Truppenlandung  im  Hafen  von  Marseille  im  Falle
eines  deutschen  Angriffes  auf  Frankreich  verpflichtet  habe,  was  der
belgische  Berichterstatter  allerdings  in  Zweifel  zieht.  Auch  Italien  sucht
König  Eduard  in  seine  Bündniseketten  hineinzuziehen.  Der  Anteil,  den
er  an  den  Vorbereitungen  für  den  späteren  Weltkrieg  hat,  wird  jedenfalle
  in  den  belgischen  Berichten  deutlich  genug.

Die  Zeitspanne  von  1908  bis  1911  bringt  die  bosnische  Krise,  den
Fall  Agadir  und  die  albanische  Frage  aufs  Tapet.  Während  der  boenischen
Krise  zeigt  sich  zwar  die  Möglichkeit  einer  Verständigung  zwischen  Rußland
  und  Osterreich--Ungarn,  indem  Graf  Aehrenthal  als  Gegengabe  für
die  Annexion  der  serbischen  Provinzen  Zswolski  die  Offnung  der  Dar-