24  Die  allgemeinen  Kriegsvorbereltungen  unserer  Feinde.

danellen  in  Auesicht  stellt.  Diese  österreichisch-russische  Verständigung  aber
wird  wiederum  hintertrieben  durch  England,  das  seinerseite  die  Offnung
der  Dardanellen  mit  allen  Mitteln  zu  verhindern  sucht.  Der  in  diesem
Sinn  auf  ÖOsterreich  ausgeübte  Einfluß  erfüllt  Zewolski  mit  Haß  —  nicht
etwa  gegen  das  die  russischen  Pläne  im  Hintergrund  störende  England,
sondern  gegen  Aehrenthal!  Oie  belgischen  Zirkulare  lassen  deutlich  erkennen,
  daß  in  den  nächsten  Jahren,  ja  bis  zum  Weltkrieg  bin,  diese  persön--liche
  Erbitterung  Jêwolekis  gegen  ÖOsterreich  ein  bestimmender  Faktor
in  der  russischen  Politik  gewesen  ist.  Rußland  stellt  sich  nun  immer  entschiedener
  auf  die  Seite  des  österreichfeindlichen  Serbien.

Eine  Periode  der  Entspannung  schien  sich  anzubahnen  mit  dem
Tode  Eduards  VII.  und  dem  Berschwinden  seines  russischen  Gegenspiclers
  Zöwolski  aus  dem  russischen  Außenministerium.  Aber  jene
„Atmosphäre  von  Haß  und  Mißtrauen“,  die  König  Eduard  um  Deutschland
  geschaffen  hatte,  übte  doch  auch  weit  über  seinen  Tod  hinaus  ihre
verhängnievolle  Wirkung.  In  Frankreich  ist  wiederum  Delcassé  an  der
Arbeit,  um  im  Sinn  seines  verstorbenen  Freundes  weiter  zu  wirken.
In  den  bis  dahin  sehr  objektiven  belgischen  Zirkularen  beginnt  von  1911
ab  eine  gewisse  Berschleierung.  Besonders  bemerkenswerte  Meldungen
des  belgischen  Gesandten  in  London  über  Englands  Zusage,  Frankreich
im  Kriegefalle  ein  zunächst  aus  80  000  Mann  bestehendes,  später  auf
200  000  Mann  zu  erhöhendes  Hilfskorps  zur  Berfügung  zu  stellen,  wodurch
  zweifellos  Belgien  in  unmittelbare  Gefahr  geriete,  in  die  Wirren
eines  kommenden  Kriegeshineingerissen  zu  werden,  werden  in  den  Zirkularen
unterdrückt,  kommen  also  nicht  zur  Kenntnis  der  anderen  diplomatischen
Vertreter  Belgiens.  Und  nun  zeigt  sich  in  diesen  Rundschreiben  auch
weiterhin  das  klar  erkennbare  Bestreben,  die  England,  daneben  auch  die
Frankreich  belastenden  Mitteilungen  der  belgischen  Gesandten  möglichst
zu  unterdrücken  oder  sie  mindestens  so  abzuschwächen,  daß  die  Schuld
an  dem  damale  drohend  über  Europa  sich  zusammenballenden  Gewölk
gleichmäßig  verteilt  erscheint.

Zu  diesem  Zusammenhang  ist  es  auch  auffällig,  daß  die  belgische
Regierung  in  kritischer  Zeit  die  Berichte  ihrer  Gesandten  über  den  Stand
der  Marokkokrise  weiterzugeben  nicht  für  notwendig  hielt.  In  einem
Pariser  Bericht  vom  12.  Juli  1911  ist  stark  betont,  daß  es  vom  guten
Willen  Englande  abhänge,  ob  es  Ol  ins  Feuer  gießen  wolle.  Die  weitere
Bemerkung  im  Originalbericht  des  belgischen  Gesandten,  England  allein
könne  hieran  Interesse  finden,  wird  in  dem  Zirkular  des  belgischen  Auswärtigen
  Ministeriumoè  umgewandelt  in  den  Satz:  „Man  muß  hoffen,
daß  die  Umstände  und  sein  Eigeninteresse  England  im  Gegenteil  eine
friedliche  Haltung  diktieren  werden.“  Auch  weitere  Bemerkungen  in