Russische  Versffentllchungen.  27

Pokroweki  verlegl  den  Beginn  der  Entente-Kriegevorbereitungen  in
den  Sommer  1908,  in  dem  Iswoleki  mit  dem  Grafen  Aehrenthal  die
Balkanfragen  in  dem  Sinne  zu  lösen  suchte,  daß  Osterreich-Ungarn
Boenien  annektieren,  Rußland  aber  die  freie  Durchfahrt  durch  die
Dardanellen  gewährt  werden  sollte.  Gegen  diese  letzte  Vereinbarung
setzte  —  wie  ja  auch  aus  den  belgischen  Berichten  hervorleuchtet  —  eine
scharfe  Zntrige  Englands  ein,  die  Zswoleki  nicht  etwa  veranlaßte,  seine
Politik  gegen  England  zu  richten,  sondern  gegen  ÖOsterreich,  da  er  sich
durch  den  Grafen  Aehrenthal  betrogen  fühlte.  Es  wäre  wohl  richtiger,
noch  etwas  weiter  zurückzugreifen,  nämlich  auf  das  Zusammentreffen
Eduarde  VII.  und  des  Zaren  Nikolaus  vor  Reval,  wo  England  und  Rußland
  sich  über  die  balkanischen  und  auch  über  die  vorderasiatischen  Fragen
in  einer  Weise  verständigt  hatten,  die  bereits  deutlich  auf  die  künftigen
Balkankriege  und  auf  die  füdöstliche  Seite  der  Einkreisung  der  Mittelmächte
  hinwies.  Weiterhin  folgte  die  Anbahnung  eines  politischen
Zusammenarbeitens  zwischen  Rußland  und  Ztalien,  an  der  sich  Zar
Nikolaus  persönlich  beteiligte  und  deren  Bedeutung  durch  die  von  Pokrowekie
berausgegebenen  Dokumente  binlänglich  klar  beleuchtet  wird.
Besonderes  Interesse  können  in  diesen  neuen  Veröffentlichungen
die  Nachweise  beanspruchen,  wie  zeitig  auch  auf  dem  Gebiete  der
Flottenpolitik  Verständigungen  zwischen  den  Ententemächten  getroffen
wurden,  die  sowohl  um  Süden  wie  im  Norden  zu  einer  wesentlichen
Sicherung  Rußlande  unter  französischer  und  englischer  Beteiligung  zu
fübren  bestimmt  waren.  Im  Jahre  1912  wurde  zwischen  Rußland  und
Frankreich  ein  möglichst  weites  Verschieben  der  französischen  Mittelmeer--kräfte
  ostwärte  in  der  Absicht  beschlossen,  im  Kriegefalle  Osterreich  einen
etwaigen  Ourchbruch  ins  Schwarze  Meer  zu  verlegen.  Etwa  um  dieselbe
Zeit  konnte  Sasonow  feststellen,  daß  Grey  sofort  zu  jeder  Hilfe  gegen
Deutschland  zugunsten  Rußlands  bereit  sein  würde.  Er  erhielt  damals
Kenntnis  von  dem  Vorhandensein  eines  Abkommens  zwischen  Frankreich
und  Großbritannien,  nach  dem  dieses  sich  verpflichtete,  im  Falle  eines
Krieges  mit  Deutschland  Frankreich  nicht  nur  zur  See,  sondern  auch  auf
dem  Festland  durch  Entsendung  von  Truppen  zu  Hilfe  zu  eilen.  Darüber
hinaus  kamen  Berhandlungen  über  eine  russisch-englische  Marinekon--vention
  in  Gang,  die  Rußland  eine  so  vollständige  Bindung  der  deutschen
Flotte  in  der  Nordsee  gewährleisten  sollte,  daß  Rußland  seinerseits  Aussicht
  gewinnen  konnte,  an  eine  Landung  in  Pommern  zu  denken.  Oie
Fragen  dieser  englisch-russischen  Marinekonvention  sind  nach  den  Veröffentlichungen
  Pokrowskis  mit  äußerster  Vorsicht  behandelt  worden.
Zmmerhin  war  von  den  beiderseitigen  Plänen  doch  so  viel  durchgesickert,
daß  in  Deutschland  alsbald  nach  Kriegebeginn  mit  russischen  Absichten