Die  serbischen  Dokuniente.  29

maligem  serbischen  Geschäftsträger  in  Berlin  (Zürich,  bei  Orell  Füßli).
Herr  Boghitschewitsch  hat  seinem  Buch  22  urkundliche  Anlagen  beigelegt,
die  für  die  eben  dargestellte  Auffassung  zeugen.  Eine  dieser  Anlagen
gibt  den  Bericht  des  serbischen  Gesandten  in  London  über  Audienzen
wieder,  die  er  Ende  Oktober  1908  mit  englischen  Staatesmännern  hatte
und  aus  denen  ihre  Feindseligkeit  gegenüber  der  Donaumonarchie  erkennbar
  war.

Boghitschewitsch  meint,  daß  bei  geringerer  Friedensliebe  Kaiser
Franz  Zosephs,  besonders  aber  Kaiser  Wilhelmes,  auf  Grund  der  russischen
Treibereien  in  Serbien  wahrscheinlich  schon  im  Jahre  1909  der  europäische
Krieg  zum  Ausbruch  gekommen  wäre,  ohne  damale  so  verhängnisvolle
Dimensionen  anzunehmen  wie  im  Jahre  1914.  Seit  jener  Zeit  arbeitete
Rußland  in  intensivster  Weise  darauf  hin,  eine  gegen  Österreich  und
Deutschland  gerichtete  Gruppicrung  möglichst  zahlreicher  Mächte  zustande
zu  bringen,  mit  der  deutlich  erkennbaren  Absicht,  eine  kriegerische  Entscheidung
  in  einem  für  Rußland  günstigen  A#lugenblick  herbeizuführen.
Am  12.  Februar  1912  hatte  Rußland  den  serbisch-bulgarischen  Bündnis--vertrag
  zustande  gebracht  und  glaubte  mit  dessen  Hilfe  den  zweifrontigen
Offensivkrieg  gegen  Osterreich-Ungarn  führen  zu  können.  Ale  der  serbische
Thronfolger  im  März  1912  vom  Zaren  Nikolaus  empfangen  wurde,
gab  dieser  ihm  die  Versicherung,  daß  Serbien  gegenüber  Osterreich-Ungarn
  seine  Absichten  sehr  bald  verwirklicht  sehen  würde.  Dem
von  Boghbitschewitsch  mitgeteilten  Bericht  eines  diplomatischen  Kollegen
vom  27.  März  1913  ist  zu  entnehmen,  daß  der  Krieg  zu  jener  Zeit  zum
Auebruch  gekommen  wäre,  wenn  Rußland  sich  seiner  Rüstungen  damale,
sicher  genug  gefühlt  hätte.  Im  August  1913  äußerte  der  serbische  Ministerpräsident
  gegenüber  Boghitschewitsch,  daß  er,  natürlich  im  Hinblick  auf
die  Haltung  Rußlands,  schon  im  ersten  Balkankrieg  es  zwecks  Erwerbung
Boeniens  auch  auf  den  europäischen  Krieg  hätte  ankommen  lassen  können,
daß  er  aber,  um  Bulgarien  keine  größeren  Zugeständnisse  machen  zu
müssen,  erst  den  Besitz  Mazedoniens  habe  sichern  wollen,  um  hierauf  zur
Erwerbung  Bosniens  schreiten  zu  können.  Boghitschewitsch  erinnert
weiterbin  an  den  Beginn  der  russischen  Probemobilisation  im  Februar
1914  und  weist  jeden  Zweifel  daran  zurück,  daß  die  serbische  Regierung
vollkommen  unterrichtet  gewesen  sei  über  die  Verschwsrung,  die  zur
Ermordung  des  österreichischen  Thronfolgerpaares  führte.

Was  dann  schließlich  das  letzte  Julidrittel  des  Jahres  1914  anbetrifft,
so  teilt  der  serbische  Gesandte  in  Peteroburg  bereits  am  23.  Juli  der
serbischen  Regierung  mit,  daß  die  russische  Regierung  die  Mobilisierung
von  2  Millionen  Mann  angeordnet  habe  und  daß  die  Kriegebegeisterung
eine  ungeheure  sei.  Infolge  dieser  Mitteilung  brach  Boghitschewitsch