Frankreiche  finanzlelle  Schwierigleiten.  31

all  ihre  Wucht  auf  die  Westgrenze  zu  werfen.  Rußland  sollte  zu  starker  Offensive  befählgt
werden,  massenhafte  neue  Grenzkorps  ansammeln  und  neue  Eisenbahnlinien  der  Grenze
entgegenführen.  Ha  Frankreich  dle  Kosten  dee  Verfahrens  durch  seine  Anleihen  deckte,
so  willigte  Rußland  schlleßlich  eln,  verlangte  aber  außer  den  finanzlellen  Gegenlelstungen
auch  eine  so  starke  Rüstung  auf  französischer  Seite,  daß  langwlerige  Beschäftlgung  der
deutschen  Truppen  an  der  Westgrenze  gesichert  wäre.

Oas  kostete  alles  in  allem  enorm  viel  Geld  und  enorm  viel  Menschen.  Dle  Folgeerschelnung
  ist  heute  bereits,  daß  man  möglichst  bald  wieder  vom  ODreijahrgesetz  herunter
möchte  und  daß  in  dem  für  unerschöpflich  reich  gehaltenen  Frankreich  das  Geld  knapp
zu  werden  beginnt  —  letzteres  um  so  erklärlicher,  als  zu  den  Mitteln  antldeutscher  Polltik
auch  eine  überrelchliche  Betätigung  des  „Weltbankiers“  gehörte.  An  allen  Ecken  und
Enden  der  Erde  trat  Frankrelch  als  Kreditgeber  auf,  um  deutsche  Einflüsse  nicht  aufkommen
zu  lassen  oder  zu  unterbinden.  Das  System  war  geschickt  genug;  aber  das  Übermaß  wurde
auch  bler  schädlich.

Die  innige  Verflechtung  der  durch  das  neue  System  Frankreich  und  Rußland  gestellten
  Aufgaben  hat  zur  natürlichen  Folge,  daß  entsprechend  den  inneren  Schwierigkeiten
  in  Frankreich  auch  Rußland  sich  vor  innere  Schwierigkeiten  gestellt  sieht.  Zunächst
wird  auch  in  Rußland  das  Geld  knapp.  Die  Milliarden,  die  man  so  nötig  brauchen  könnte
für  die  Hurchführung  der  großzügigen  Agrarreform,  müssen  in  das  Übermaß  neuer
Rüstumgen  gesteckt  werden.  Dann  aber  hat  man  noch  mit  einem  anderen  Umstande  zu
tun:  zur  Erhöhung  russischer  Offensive  gehört  Sicherhelt  gegen  Unruhen  im  Rücken  des
Heeres.  Frankreich  hat  stets  ganz  besonders  dorauf  gedrungen,  daß  Rußland  zu  seinen
Polen  ein  Verhältnis  schaffe,  das  diese  Sicherheit  zu  gewährleisten  vermöchte.  Nach
langem  Widerstreben  hat  die  russische  Regierung  auch  in  dlesem  Punkte  sich  insofern  gefügig
  gezeigt,  ale  sie  mit  polnischen  Politlkern  eine  Art  Versöhnungeprogramm  auszuarbeiten
  begann.  In  Derfolg  dieser  Arbeit  traten  an  die  gesetzgebenden  Körperschaften
Vorlagen  heran,  die  dem  Polentum  wertvolle  Zugeständnisse  bringen  sollten.  Erst  jüngst
hat  der  Reichsrat  eine  solche  Vorlage  trotz  starken  Aufgebotes  ministerieller  Autoritäten
zu  Fall  gebracht,  so  daß  auch  auf  diesem  Gebiet  der  innerrussischen  Politik  neue
Schwierigkeiten  erwachsen  sind  durch  das  oben  gekennzeichnete  neue  französisch-russische
System.

Alle  diese  Erschelnungen  könnten  für  uns  beruhigend  wirken,  da  sie  den  Schluß  zu
gestatten  scheinen,  daß  dieses  System  gleichzeltiger  und  glelchmäßiger  französisch-russischer
Offensive  gegen  Deutschland  zu  hohe  Opfer  erfordert  und  zu  große  innere  Schwierigkeiten
mit  sich  bringt,  um  auf  lange  Dauer  befolgt  werden  zu  können.  Anderseite  aber
liegt  doch  auch  gerade  in  dieser  Erkenntnie  eine  gewisse  Gefahr;  denn  sie
könnte  doch  gar  zu  leicht  dazu  verleiten,  ein  System,  von  dem  man  einsieht,
  daß  man  es  übermorgen  nicht  mehr  werde  aufrechterbalten  können,
morgen  schon  auszuprobieren,  weil  es  morgen  vlelleicht  noch  Zeit  ist,  und  man
dann  doch  all  die  großen  Opfer  nicht  vergebens  gebracht  zu  haben  rechnen  kann.  Erschelnen
wir  hinlängllch  bereit,  durch  dle  Stärke  unserer  Stellung  dlese  Gefahr  abwenden  zu  können,
dann  werden  wlr  der  weiteren  Zukunft  mit  dem  Gefühl  erheblich  vermehrter  Sicherheit
gegen  plötzliche  Frledenstörungen  entgegensehen  können.“

Will  man  die  Geschichte  der  deutscherseits  verpaßten  Gelegenheiten
  zu  einer  Sprengung  des  feindlichen  Ringes  untersuchen,  so  wird
man  süglich  die  Episode  des  französisch-russischen  Angebotes  gemeinsamen
Zusammenstehens  gegen  England  während  des  Burenkrieges  auszuschalten
  haben,  da  Deutschland  keinerlei  Gewähr  geboten  werden  konnte,