Deutschlan  ds  innete  Politik.  33

Oie  Anlage  jenes  Kaisermanövers  fußte  auf  der  Grundlage  eines
Zweifrontenkrieges  und  zeigte,  wie  nach  einem  entscheidenden  Erfolge
im  Westen  starke  Kräfte  nach  Osten  geworfen  werden  sollten,  wo  man  dem
Feind  im  ersten  Stadium  des  Kampfes  ein  weites  Vordringen  zugestanden
batte,  um  die  eignen  Kräfte  nicht  zwecklos  zu  zersplittern.  Über  den
Sinn  der  Manöveranlage  wurde  damals  in  einer  halbamtlichen  Veröffentlichung
  mit  aller  Klarheit  gesagt:

„In  einer  solchen  Lage  entspricht  es  durchaus  den  Anforderungen  einer  tatkräftigen
Kriegführung,  daß  Blau  (Deutschland)  zunächst  dem  Einfall  des  roten  (russischen)  Ostheeres
  nur  schwache  Kräfte  entgegenstellte,  mochte  darüber  selbst  dle  Hauptstadt  des  blauen
(deutschen)  Staates  in  Feindesband  fallen.  Nie  darf  der  Besitz  einer  Stadt  oder  eines
Landeetelles  das  Zlel  der  Kriegführung  bilden,  sondern  nur  die  Vernichtung  des  feindlichen
  Heeres.  Erst  nach  Zertrümmerung  der  feindlichen  Hauptmacht  auf  dem  westlichen
  Kriegeschauplatz  konnte  daher  der  Aufmarsch  gegen  den  neuen  von  Osten  heranrückenden
  Feind  beginnen.“

Oie  hier  in  verkleinertem  Maßstab  versinnbildlichte  geniale  Lösung
dee  Zweifrontenkrieges  trug  Schlieffenschen  Geist  und  atmete  das  Gepräge
friderizianischer  Entschlossenheit.  Als  aber  die  Stunde  zur  Ausführung
im  großen  gekommen  war,  mußte  das  unendlich  schwierige  militärische
Werk  geleistet  werden  ohne  Schlieffen,  ohne  den  Geist  des  großen
Friedrich.  Man  geht  wohl  kaum  fehl  in  der  Annahme,  daß  bei  der  Anlage
jenes  Kaisermanövers  von  1912  nicht  nur  eine  Warnung  an  das  Ausland
ergehen  sollte,  daß  Deutschland  auch  dem  Zweifrontenkrieg  gewachsen
sein  würde,  sondern  zugleich  eine  Beeinflussung  des  Allerhöchsten  Kriegsberrn
  durch  die  leitenden  militärischen  Stellen  im  Sinn  einer  Festigung
seiner  Nerven  für  den  Fall,  daß  nach  dem  gesamten  Kriegeplan  zunächst
ein  weitgehendes  Vordringen  der  Russen  im  Osten  stattfände.

Die  Anlage  des  Planes  war  im  Jahre  1912  der  Welt  aber  allzu
offenkundig  dargetan  worden.  So  boten  wir  der  Entente  die  Gelegenheit,
im  Hinblick  auf  die  bekannten  Grundzüge  der  deutschen  Gegenwehr  ihre
RKüstungen  wesentlich  zu  vervollständigen  und  ihre  Pläne  so  zu  gestalten,
daß  die  Durchführung  des  deutschen  Planes  nach  Kräften  erschüttert
werden  könnte.  Hierfür  brauchten  Frankreich  und  vor  allen  Dingen
Rußland  Zeit,  und  diese  Zeit  mußte  gewonnen  werden  durch  eine  scheinbar
friedliche  und  versöhnliche  Politik  Englands,  die  Deutschland  in  Sicherheit
wiegte  und  das  nach  den  Balkankriegen  jederzeit  drohende  Uberspringen
des  Funkens  auf  ganz  Europa  hinausschob  bie  zu  einem  der  Entente
gelegenen  Augenblick.

Nun  steckte,  durch  die  Kenntnie  des  deutschen  Planes  belehrt,  Frankreich
  mit  verdoppeltem  Eifer  sein  Geld  in  die  Rußland  diktierten,  wesentlich
  gesteigerten  Vorbereitungen  zu  offensiver  Bereitschaft.  Wieder  war
es  Herr  Helcassé,  der,  mit  dieser  Mission  nach  Petersburg  entsandt,  die

Dlr.  Witschaftskrieg  und  Nriegswirtschaft.  3