34  Die  allgemeinen  Kriegsvorbereitungen  unserer  Feinde.

Russen  zu  veranlassen  wußte,  ihr  strategisches  Eisenbahnnetz  im  Westen
wesentlich  auszubauen,  ihren  Aufmarsch  zu  beschleunigen  und  schließlich
auch  die  Polen  für  Rußland  zu  gewinnen.  Wer  in  jenen  Zeiten  der
ernsten  Sorge  um  die  nahe  Zukunft  die  polnische  Presse  in  den  verschiedenen
  Gebieten  aufmerksam  verfolgte,  mußte  staunen  über  die  Einmütigkeit,
  mit  der  die  Polen  sich  tatsächlich  auf  die  russische  Seite  stellten.
Vor  allen  Dingen  war  es  die  galizische  Presse,  die  ganz  offen  den  Gedanken
verfocht,  Polen  müsse  im  Falle  des  großen  europäischen  Krieges,  den  man
als  nahe  bevorstehend  ansah,  danach  trachten,  zunächst  den  russischen  Sieg
sicherzustellen.  Im  weiteren  Verlaufe  wäre  man  danm  sicher,  durch  revolutionäre
  Bewegung  die  unter  dem  Zarentum  vereinigte  Gesamtheit
der  Polen  zu  restloser  Selbständigkeit  führen  zu  können.  Oie  russischen
Polen  suchte  Petersburg  auf  Delcassés  Gebeiß  dadurch  zu  gewinnen,
daß  ihnen  die  kirchliche  Vormachtstellung  in  Litauen  eingeräumt  wurde
und  daß  die  russische  Regierung  den  Polen  in  Litauen  auf  Reichskosten
große  Kirchen  baute.  Auch  diese  Tatsachen  habe  ich  vor  dem  Kriege  in
der  deutschen  Offentlichkeit  festgestellt,  ohne  jedoch  irgendwelches  Verständnie
  der  maßgebenden  Stellen  für  die  Bedeutung  dieser  offensichtlichen
  Kriegsvorbereitung  finden  zu  können.

Nicht  nur  die  russische  Offensive  im  allgemeinen  war  nach  dem  deutschen
  Kaisermanöver  von  1912  unter  französischem  Antrieb  aufe  äußerste
beschleunigt  worden,  sondern  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  wird  man  auch
die  von  den  Russen  bei  ihrem  Einbruch  in  Ostpreußen  begangenen  Grausamkeiten
  mit  zurückzuführen  haben  auf  die  Rechnung,  jenen  Plan  der
leitenden  deutschen  Militärs  zu  durchkreuzen,  der  —  wie  oben  angedeutet
—  eine  Stählung  der  Nerven  des  Höchsten  Kriegeherrn  für  den  Fall  vorläufigen
  weiten  Zurückgehens  im  Osten  bezweckte.  Haben  wir  mit  der
Vermutung  dieses  feindlichen  Kriegoplanes  recht,  so  sahen  die  Russen
und  die  hinter  ihrer  Offensive  stehenden  Franzosen  in  den  Tagen  die
Aichtigkeit  ihrer  Rechnung  bestätigt,  ale  die  Marneschlacht  infolge  Entziehung
  deutscher  Truppen  zugunsten  Ostpreußens  nicht  zur  entscheidenden
Durchführung  gebracht  wurde.  Im  Nahmen  des  Gesamtplanes  der
Entente  für  den  großen  Krieg  sah  sich  England  für  sein  Teil  veranlaßt,  seine
Aushungerungepläne  und  die  Pläne  seines  belgischen  Aufmarsches  auszubauen.


Die  englischfranzösisch  -russischen  Vorbereitungspläne  sind  auf
Grund  der  inzwischen  veröffentlichten  belgischen  und  russischen  Dokumente
klar  erkennbar  für  jeden,  der  sehen  will.  So  offen  aber  auch  die  feindlichen
  Kriegevorbereitungen  gegen  Deutschland  zutage  liegen,  so  reich
die  heute  verfügbare  Fülle  der  Dokumente  darüber  ist,  wie  auch  neutrale
Beobachter  in  der  Vorkriegezeit  deutlich  erkannt  und  scharf  betont  haben,