Wirtschaftliche  Beweggründe  zum  Kriege.  39

Scheuern  zu  bringen.  Wo  deutscher  Unternehmungsgeist  fremden  Re—
gierungen  sagen  wir  etwa  auf  dem  Balkan  —  wohldurchdachte  Plänc
unterbreitete  für  die  Durchführung  wirtschaftlicher  Kulturarbeiten  im
Gebiete  ihrer  Länder  durch  deutsches  Kapital,  da  wußten  Frankreich  und
Rußland  durch  starken  politischen  und  finanziellen  Druck  im  entscheidenden
Stadium  die  fremden  Regierungen  zu  veranlassen,  ihnen  Einblick  in  die
deutschen  Borschläge  zu  gewähren,  und  es  dann  dahin  zu  bringen,  daß
die  Ausführung  nicht  dem  deutschen,  sondern  dem  französischen  oder
englischen  Kapital  übertragen  wurde.  Solchen  Mitteln  sah  sich  Deutschland
  im  weltwirtschaftlichen  Wettbewerb  gegenüber;  und  es  ist  nur  erstaunlich,
  daß  gleichwohl  der  deutsche  Außenhandel  sich  dem  britischen
immer  mehr  zu  nähern  vermochte.

Was  Rußland  anbetrifft,  so  sahen  wir  hier  die  Flagge  des  Panslawiemus
  aufgerollt,  die  in  Wahrbeit  nichts  anderes  bedeutete  als  ein
Unterjochen  der  ebenso  zahlreichen  wie  vielgestaltigen  flawischen  Völkerschaften
  unter  das  zarische  Zepter  des  Großrussentums.  Aber  auch  für
Rußland  waren  wirtschaftliche  Beweggründe  in  Wahrbeit  von  sehr  bedeutendem
  Einfluß:  Rußlands  durch  die  ganze  Geschichte  langer  Jahr--hunderte
  gehender  Drang  an  die  Meere  entspringt  ja  nicht  nur  Machtgelüsten,
  sondern  dem  wirtschaftlichen  Bedürfnis,  unmittelbare  und
allezeit  sichere  Fühlung  mit  den  weiten  Weltmärkten  zu  haben.  Dazu
kam  in  neuerer  Zeit  der  russische  Wahn,  die  Last  der  Zwanzig-Milliarden--Verschuldung
  gegenüber  Frankreich  mit  einem  Schlage  auf  Deutschland
abwälzen  zu  können.  Endlich  haben  wir  gerade  in  den  Monaten  vor
Kriegsausbruch  oft  genug  sehr  offenherzige  russische  Stimmen  vernehmen
können,  die  dahin  lauteten,  daß  Deutschland  mit  den  Mitteln  der
Machtpolitik  gezwungen  werden  solle,  seine  Handelspolitik  gegenüber
Rußland  zu  ändern,  mit  dem  Endziel,  daß  Rußland  seine  durch  die  wirklich
großzügige  Agrarreform  in  Ausesicht  gestellte  Steigerung  der  landwirtschaftlichen
  Erzeugnisse  ungehindert  nach  Deutschland  abschwemmen  und
sich  anderseite  durch  immer  höhere  Zollmauern  instand  setzen  könne,
künstlich  eine  eigene  Industrie  großzuzüchten.

Und  England  Ist  es  nötig,  mit  Bezug  auf  dieses  Krämervolk  noch
einmal  die  wirtschaftlichen  Beweggründe  zum  Kriege  darzulegen?  Wir  haben
ja  durch  lange  Zahre  immer  und  immer  wieder  aus  dem  Munde  englischer
Politiker  und  Volkswirte  die  Bersicherung  vernommen,  daß  jeder  Brite
um  so  und  so  viel  Pfund  reicher  sein  werde  an  dem  Tage,  da  der  deutsche
Handel  vernichtet  wäre.  Auch  England  hat,  wie  Frankreich,  schon  lange
einen  Wirtschaftskrieg  gegen  uns  geführt.  Die  wirtschaftliche  Kriegführung
  Englande  gegen  den  so  sehr  geneideten  und  gefürchteten  Wettbewerber
  auf  dem  Festlande  trat  aus  der  Stille  beraus  durch  jenes  viel-