Die  Blockade.  45

handelsfirmen  der  Entente.  Es  wird  über  diese  Dinge  bei  spezieller
Betrachtung  des  englischen  Wirtschaftekrieges  im  einzelnen  noch  welter
zu  sprechen  sein;  hier  sollen  nur  die  allgemeinen  Gesichtspunkte  dargelegt
werden,  unter  denen  der  Weltwirtschaftskrieg  geführt  wurde.

Allgemein  sehen  wir  den  Wirtschaftskrieg  zunächst  die  Rolle  eines
legalen,  kriegstechnischen  Kriegsmittels  spielen,  vornehmlich  in  Gestalt
der  Abschneidung  von  Rohstoffzufuhr  für  den  Kriegsbedarf.  Darüber
hinaus  wird  der  Wirtschaftskrieg  zum  Mittel,  die  Gegenseite  gesamtwirtschaftlich
  in  einem  Maße  zu  schädigen,  das  geeignet  erscheinen  kann,
allgemeine  Kriegemüdigkeit  und  im  weiteren  revolutionäre  Stimmungen
zu  erregen.  Letzten  Endes  sahen  wir  aber  gerade  in  diesem  Kriege  den
Wirtschaftskrieg  auch  als  Selbstzweck  in  der  Absicht  der  Konkurrenztötung.
Zn  dieser  seiner  Eigenschaft  als  Selbstzweck  beschränkt  sich  nun  der  Wirtschaftskrieg
  keineswegs  etwa  auf  den  wirtschaftlichen  Kampf  gegen  den
Waffengegner.  Er  dehnt  sich  vielmehr  aus  auf  die  Gesamtbeit  der  Wettbewerber.
  NAicht  nur  galt  es,  die  deutsche  Konkurrenz  im  deutschen
Produktionsgebiet  zu  ertöten,  nicht  nur  die  deutschen  Wettbewerber  in
den  kriegführenden  Ländern  zu  entrechten  und  außer  Wettbewerb  zu
setzen,  nicht  nur  auch  die  wirtschaftlichen  Verbindungen  der  Neutralen
mit  Deutschland  in  für  die  Friedenszeit  nachwirkender  Weise  zu  unterbinden,
  sondern  auch  zugleich  die  eigene  Wirtschaftsexpansion  auf  Kosten
Deutschlands  zu  fördern  und  darüber  hinaue  die  wirtschaftlichen  Expansionemöglichkeiten
  der  Neutralen  einzuengen,  ja  selbst  die  eigenen  Verbündeten
nach  Möglichkeit  wirtschaftlich  in  Schach  zu  halten.  Auch  hierüber  wird
bei  der  besonderen  Betrachtung  dee  englischen  Wirtschaftekrieges  noch
näheres  zu  sagen  sein.

Angesichts  der  beständig  anschwellenden  Außerungen  dee  englischen
Handeleneides  war  vor  dem  Kriege  von  deutscher  Seite  immer  wieder,
aber  vergeblich,  der  Nachweie  versucht  worden,  daß  England  und  Deutschland
  einander  wechselseitig  nicht  nur  als  die  gefährlichsten  Konkurrenten,
  sondern  auch  gleichzeitig  als  die  besten  Kunden  zu  betrachten
bätten.  In  einem  der  zahlreichen  Aufsätze,  die  ich  über  dieses  Thema  vor
dem  Kriege  im  „Tag“  veröffentlichte,  führte  ich  darüber  u.  a.  aue
(29.  Zuni  1915:

„Zn  der  britischen  Ausfuhrstatistik  figuriert  Deutschland  weitaus  obenan  unter  allen
europdischen  Ländern.  Es  steht  auch  beträchtlich  vor  den  Verelnigten  Staaten,  und  unter
den  britischen  Kolonien  hat  nur  Ostindlen  einen  statistischen  Platz  vor  Deutschland.  Dabel
ist  jedoch  in  Betracht  zu  ziehen,  daß  Großbritannien  in  sehr  erheblichem  Umfange  Waren
nach  den  Nlederlanden  und  Belglen  liefert,  die  von  dort  aus  lhren  welteren  Weg  nach
Deutschland  nehmen,  so  daß  der  tatsächliche  Import  Deutschlande  an  britischen  Waren
aller  Wahrscheinlichkeit  nach  überhaupt  an  die  erste  Stelle  gebört,  Deutschland  also  tatsächlich
  der  beste  Kunde  Großbritannienes  ist.  Umgekehrt  ist  England  auch  ein  guter  Ab-