Deutschlands  Außenhandel.  49

ist,  wenn  nach  der  deutschen  Handelestatistik  die  deutsche  Ausfuhr  nicht  mehr  um  10  Proz.
binter  der  deutschen  Einfuhr  zurücksteht  —  wobei  wir  vorldufig  immer  nur  die  Werte  im
Auge  haben.

Und  an  diesem  Punkte  sind  wir  nun  in  der  Tat  angelangt!  Die  kürzlich  veröffentllchte
Übersicht  über  den  deutschen  Außenhandel  im  ersten  Halbsahr  1914  ergibt  eine  Gesamteinfuhr
  im  Werte  von  5478  Millionen  Mark,  eine  Gesamtausfuhr  im  Werte  von  5069  Millionen
Mark.  Die  Differenz  zwischen  Einfuhr  und  Ausfuhr  betrug  in  diesem  Zeitraum  also  nur
noch  409  Millionen,  blieb  somit  schon  beträchtlich  hinter  jenen  10  Proz.  zurück.

Harf  blernach  schon  auf  Grund  unserer  These  1  die  effektioc  deutsche  Handelobilanz
als  zweifellos  aktiv  angesprochen  werden,  so  müssen  wir  in  diesem  Schluß  noch  wesentllch
bestärkt  werden,  wenn  wir  nach  These  2  die  Menge  der  Ein-  und  Ausfuhr  in  Betracht
zieben:

Der  deutsche  Außenhandel  ist  mit  aller  Schärfe  dadurch  gekennzeichnet,  daß  in  der
Einfuhr  die  Nohstoffe,  in  der  Auefuhr  die  fertigen  Fabrikate  den  Hauptplatz  einnehmen.
Nehmen  wir  —  und  hier  müssen  wir  uns  für  einen  Augenblick  noch  einmal  an  die  Einund
  Ausfuhrwerte  halten  —  die  zehn  wichtigsten  Positionen  unserer  Außenhandelsstatistik,
so  haben  wir  in  der  Einfuhr  obenan  zu  verzeichnen:  Rohbaumwolle,  Gerste,  Rohwolle,
Weizen,  Kupfer,  rohen  Kaffee,  Häute,  Kleie-  und  Reisabfälle,  Eisenerze  und  Felle;  in  der
Ausfuhr:  Maschinen,  Eisenwaren,  Steinkohlen,  Baumwollwaren,  Wollwaren,  Felle,
Seidenwaren,  Schmiedeeisen,  Anilin  und  andere  Teerfarbstoffe  und  Zucker.  In  der  Einfuhr
  also  durchweg  Rohprodukte,  bei  denen  hohe  Elnfuhrwerte  auch  sehr  große  Einfuhrmengen
  zur  Voraussetzung  haben.  In  der  Ausfuhr  können  wir  den  einen  Rohstoff,  die
unbearbeiteten  Felle,  mit  der  entsprechenden  Einfuhrposition  so  ziemlich  kompensieren.
Eo  bliebe  dann  als  Rohstoff  nur  die  Steinkohle,  die  allerdinge  die  Statistik  unserer  Ausfuhrmengen
  sehr  wesentlich  beeinflußt  —  im  übrigen  aber  durchweg  Artikel,  deren  Wert
im  Verhältnie  zur  Menge  beträchtlich  größer  ist,  als  es  bei  den  Einfuhrartikeln  der  Fall.

Wenn  ein  Land,  dessen  Ausfuhrartikel  im  Durchschnitt  zweifellos  pöherwertig  sind
als  seine  Einfuhrartikel,  Ausfuhrmengen  verzeichnet,  die  den  Einfuhrmengen  überlegen
sind,  so  kann  kein  Zweifel  darüber  obwalten,  doß  die  Ausfuhrwerte  den  Einfuhrwerten
in  noch  höherem  Maße  überlegen  sein  müssen  ale  die  Auofuhrmengen  den  Einfuhrmengen.
Es  ist  dabel  im  Auge  zu  behalten,  daß  die  statistischen  Angaben  bezüglich  der  Mengen  auf
einwandfreien,  tatsächlichen  Ermittlungen,  bezüglich  der  Werte  dagegen  nur  auf  keineswege
  einwandfreien  Schätzungen  beruhen.

Aun  haben  sich  in  der  Statistik  unseres  Außenhandele  die  früher  binter  den  Einfuhr--mengen
  beträchtlich  zurückbleibenden  Ausfuhrmengen  den  ersteren  langsam,  in  den  jüngsten

abren  in  schnellerem  Tempo  genähert,  neuerdinge  sie  sogar  übertroffen.  Im  ersten
Halbjahr  1914  belief  sich  die  Gesamtmenge  der  deutschen  Einfuhr  auf  33,8  Millionen  Tonnen,
die  Gesamtmenge  der  Ausfuhr  auf  36,8  Millionen  Tonnen.

Unter  den  belden  maßgebenden  Gesichtepunkten,  die  wir  unseren  Betrachtungen
voranstellten,  kann  also  gleichermaßen  kein  Zweifel  mehr  obwalten,  daß  wir  —  auch  ohne
Berücksichtigung  jener  anderen  Faktoren,  die  unsere  Zahlungebilanz  immer  günstiger
beelnflußt  haben  —  die  Frage,  ob  unsere  effektive  Handelsbilanz  heute  passioen  oder
aktiven  Charakter  trägt,  rundweg  dahin  beantworten  dürfen:  Deutschland  ist  von  einer
passiven  zu  einer  aktiven  Handelesbilanz  gelangt!“

Wie  sich  in  der  englischen  Gedankenwelt  die  Dinge  vor  dem  Kriege
darstellten,  suchte  ich  bereite  vier  Zahre  vor  Kriegsausbruch  in  meiner
Studie  über  „Deutschlands  wirtschaftliche  Zukunft  in  Krieg  und  Frieden“
in  den  Jahrbüchern  für  Nationalökonomie  und  Statistik  aueseinander-Dir.

  Witschaftskrieg  und  Kriegswmlrtschaft.  4