52  Der  Weltwirtschaftskrieg.

bzw.  des  Konkurrenzneides  verwiesen  worden.  Die  Entstehung  des  Dreibundes  hat
sich  seinerzeit  vollzogen,  ohne  daß  eine  irgendwie  ausschlaggebende  Mitwirkung  wirtschaftlicher
  Erwägungen  bemerkbar  gewesen  wäre.  Indessen  hat  sich  —  je  länger,  je  mehr  —
der  Drelbund  auch  als  ein  unter  wirtschafte-  und  verkehrepolitischen  Gesichtepunkten  höchst
bedeutsames  Instrument  erwiesen.  Seine  Partner  liegen  an  verschiedenen  Meeren  und
bedürfen  der  gesicherten  Ausgänge  auch  nach  anderen  als  ihren  eigenen  Küsten,  inobesondere
Deutschland  nach  den  Häfen  des  Mittelmeeres,  Osterreich-Ungarn  nach  den  Häfen  der
Nordsee,  diese  beiden  verkehrepolitisch  aufeinander  noch  mit  verschärftem  Nachdruck  bingewiesen
  durch  ihre  Gemeinschafteinteressen  an  den  Wasserstraßen  der  Elbe  und  der  Oonau.

Welche  wirtschaftlichen  Gegensätze  aber  bestehen  zwischen  Oeutschland  einerseite,
Frankreich  und  Rußland  anderseits?

Frankreichs  unablässiges  Streben  nach  der  Gewinnung  Elsaß-Lothringene  ist  eine
reine  Macht-  und  Prestigefrage  ohne  zugrundeliegende  wirtschaftliche  Lebenenotwendigkeiten.
  Von  einer  wirtschaftlichen  Reibungefläche  zwischen  diesen  beiden  Ländern  könnte
man  höchstens  im  Hinblick  darauf  sprechen,  daß  die  lotbringischen  Erzfelder,  polltisch  zerrissen,
  unterirdisch  kaum  noch  voneinander  zu  halten  sind  —  eine  kleine  Unbequemlichkeit,
die  wahrlich  kein  zwingender  Grund  sein  kann,  einen  Weltkrieg  zu  entflammen.  Französisches
  und  deutsches  Wirtschaftsleben  könnten  einander  mannigfach  ergänzen;  und
wiederum  ist  nur  der  politische  Haß  Frankreichs  die  Ursache  gewesen,  daß  diese  Ergänzung
sich  nicht  stärker  entwickelt  hat.  Auch  im  Hinblick  auf  unsere  beiderseitigen  weltwirtschaftlichen
  Betätigungen  in  fremden  Erdteilen  könnten  wir  sehr  gut  nebenelnander  bestehen,
wenn  nicht  maßlose  französische  Großmannssucht  bie  zur  Erschöpfung  der  französischen
Finanzkraft  immer  und  alläberall  den  Versuch  gemacht  hätte,  uns  auszustechen  und  in
strupelloser  Anwendung  aller  Mittel  womöglich  an  die  Wand  zu  drücken.

Andere  liegen  die  Verhältnisse  zwischen  Deutschland  und  Rußland:  Oie  russische
Wirtschaftspolitik  hat  zur  Folge,  daß  die  politische  Zerreißung  des  Weichselgebietes  schwer
und  zusehende  schwerer  empfunden  werden  muß.  Das  Aufblühen  unserer  deutschen  Ostseehäfen
  ist  ernstlich  gehemmt  worden  durch  die  scharfe  Abgrenzung  ihres  natürlichen
Hinterlandes.  Anderseits  wächst  mit  dem  Aufblühen  der  Industrie  in  Russisch-Polen  die
russische  Sehnsucht,  die  natürlichen  Zugänge  dieses  Industriegebletes  politisch  in  die  elgene
Hand  zu  nehmen.  Der  russische  Kontinentalkoloß  strebt  ja  traditionell  nach  allen  Ozeanen:
dem  Stillen,  dem  Indischen  und  dem  Atlantischen  mitsamt  dem  Mittelmeer.  Sollte  das
Schicksal  une  beute  den  Verlust  von  Ost-  und  Westpreußen  bescheiden,  so  würde  Rußland
morgen  nach  Hamburg  zu  drängen  trachten.  Darüber  wollen  wir  uns  und  die  Welt  nicht
im  Zweifel  lassen.  Die  aus  dieser  Lage  zu  ziehenden  Konsequenzen  mag  jeder  Deutsche
in  seinem  eigenen  Innern  abmachen!

Was  den  Dritten  im  Dreiverband  anbetrifft,  so  hatten  die  letzten  Jahre  dort  anscheinend
  das  Einsehen  gezeigt,  daß  es  für  Englands  eigene  Interessen  am  Ende  ersprießlicher
  sein  dürfte,  im  Weltgeschäft  ehrlich  mit  Deutschland  zu  teilen,  Deutschland  nicht
ventillos  bis  zur  Explosion  des  überhitzten  Kessels  zu  umdrücken,  sondern  sich  mit  ihm  über
bestimmte  weltwirtschaftliche  Betätigungefelder  in  sachlicher  Ruhe  zu  verständigen.  Darf
man  jetzt  jenseits  des  Kanals,  ohne  eigene  Lebenelnteressen  aufs  Spiel  zu  setzen,  aus  dem
Auge  lassen,  daß  Rußland  mit  der  Wucht  seiner  kompakten  Landmasse  wie  nach  dem
Atlantischen,  so  beständig  auch  nach  dem  Indischen  Ozean  hin  drückt?!

Zusammenfassend  kann  nur  festgestellt  werden,  daß  weltwirtschaftlich  Drelbund  und
Dreiverband  nicht  durch  solche  natürlich  begründeten  Konglomerate  von  Interessengegensätzen
  geschieden  sind,  daß  sie  zum  Vorteil  der  Neuen  Welt  den  europäischen  Riesenbrand
über  die  Vertellung  ihrer  Interessen  entscheiden  lassen  müßten;  des  weiteren  aber,  daß
auch  im  Hinblick  auf  die  Wirtschafteinteressen  der  Dreibund  für  sein  Tell  enger  denn  je