Aus  einandergehende  wirtschaftliche  Ziele  der  Gegner.  53

zusommengehört;  und  endlich,  daß  dle  geographlsche  Gestaltung  der  bleberigen  Grenze
zwischen  Deutschland  und  Rußland  allerdings  wirtschaftliche  Relbungeflächen  geschaffen
hat,  über  deren  Beseitigung  der  Ausgang  des  Krieges  in  dieser  oder  jener  Weise  zu  entscheiden
  hoben  wird.“

Diese  Ausführungen  ergänzte  ich  nach  der  anderen  Seite  durch  am
16.  Oktober  1914  im  „Tag“  veröffentlichte  Betrachtungen  über  die  aueeinandergehenden
  wirtschaftlichen  Ziele  der  Gegner:

„Wenn  wir  une  dem  Studlum  der  gegnerischen  Ziele  hingeben,  werden  wir  zu  der
Erkenntnie  gelangen,  daß  sie  sehr  schwer  miteinonder  verelnbar  sind.  Zur  völligen  Niederwerfung
  Mitteleuropas  gelangt,  würden  dle  einzelnen  Glleder  des  Drelverbandes  untereinander
  über  dle  Teilung  der  Beute  doch  wohl  höchst  verschiedenartiger  Meinung  sein.

Bekannt  ist  eine  von  französischer  Seite  ausgearbeitete  zukünftige  Landkarte  von
Mitteleuropa,  die  bereite  im  Frühjahr  dleses  Jabres  in  vielen  LKausenden  von  Exemplaren
durch  ganz  Frankreich  verbreitet  wurde.  Ich  habe  mich  seinerzeit  selbst  davon  überzeugen
können,  daß  sie  die  Buchbhandlungen  französischer  Provinzstädte  in  ihren  ganzen  Auslagen
von  oben  ble  unten  bedeckte.  Da  hatte  Frankreich  eine  sehr  bedeutende  östliche  Ausdehnung
bie  Bayern  hin  in  der  Phantasie  dee  Verfassers  genommen;  England  bekam  ein  Stückchen
Deutschland,  jedoch  ohne  einen  der  großen  Häfen;  und  die  russische  Grenze  rückte  vor  bis
in  eine  Linie,  dle  sich  von  Magdeburg  nach  Wiemar  erstreckte.  Hamburg  und  Bremen
komen  in  dänischen  Besitz.

Diese  Aufteilung  Deutschlande  ist  weder  mit  der  russischen  noch  mit  der  englischen
Auffassung  vereinbar.

Dem  russischen  Streben  genügt  es  durchaus  nicht,  daß  Rußland  Herr  der  Ostsee
werde.  Das  Zarenreich  will  heran  an  die  Nordsee  und  an  den  offenen  Ozean.  Lange  vor
dem  Kriege  deutlich  ausgesprochene  russische  Pläne  erstreckten  sich  auf  Hamburg  und  auf
den  Weg  durch  die  Belte  und  das  Skagerrak  nach  der  Nordsee,  ebenso  wie  in  der  anderen
Ecke  durch  die  Dardanellen  nach  dem  Mlttelmeer.

Rußland  so  weit  gelangen  zu  lassen,  es  zum  Nachbarn  in  der  Nordsee  und  im  Mittelmeer
  zu  haben,  ist  wlederum  keineswege  englische  Absicht.  Die  englischen  Staatsmänner
predigen  dem  europälschen  Festland  ganz  andere  Ziele:  Sie,  die  sich  in  ihrem  Riesenweltreich
  hinauesetzen  Üüber  seden  Nationaliemus  und  nur  dem  britischen  Zmperialismus  huldigen,
  wollen  auf  seiten  der  Festlandsmächte  keinen  Imperialiemus  aufkommen  lassen,
sondern  ihnen  die  engsten  Grenzen  des  Nationalismue  ziehen,  dergestalt,  daß  jede  noch  so
klelne  und  zur  Selbstregierung  noch  so  wenig  befähigte  Nationalität  ihr  eigenes  Staatewesen
  haben  soll.  Damit  bezweckt  man  britischerseits  eine  Derklelnerung  Deutschlands,
eine  völlige  Zerstücklung  Österreich-Ungarns,  aber  auch  eine  Zerstücklung  Rußlande.
Denn  so  hat  England  die  Bundesfreundschaft  wahrlich  nicht  gemeint,  daß  Rußland  gewaltig
erstarken  und  sich  bis  an  die  Nordsee  und  bis  ans  Mittelmeer  auedehnen  sollte!  Nein,
Heutschland  und  Rußland  sollen  wechselseitig  ihre  Kräfte  aufrelben  und  dann  dem  Zerfall
anheimgegeben  werden.

Inegebeim  dürfte  Rußland  keineswegs  abgeneigt  sein,  sich  für  diese  Art  „ehrlicher“
britischer  Bundeefreundschaft  zu  revanchieren,  indem  es  seinerseite  nicht  nur  an  die  ganze
europälsche  Beute  denkt,  sondern  auch  mit  Bezug  auf  Asien  den  gemeinsamen  Bundeegenossen
  Zapan  nur  zu  nutzen  gedenkt,  damit  er  die  englische  Herrschaft  in  Indien  hinlänglich
  unterminlere,  um  Indien  letzten  Endes  zu  einem  leichten  Raub  für  Rußland  zu
machen.  In  dieser  Beziebung  hofft  man  in  Rußland  sogar  auf  den  Erfolg  der  deutschen
Flotte,  damit  die  englische  Seeherrschaft  hinlänglich  geschwächt  werde,  um  sich  der  Verfolgung
  der  russischen  Weltpläne  nicht  mehr  in  den  Weg  stellen  zu  können.