Oer  wirtschaftliche  Nachkrieg.  55

deutsche  Volk  zu  zermürben,  bestand  zeitweise  zweifellos  der  Wille,
etwaigen  politischen  Kriegszielen  Deutschlande  die  Aussicht  auf  den  wirtschaftlichen
  Nachkrieg  sozusagen  als  Kompensationsobjekt  entgegenzustellen,
um  im  Fall  einee  deutschen  Endsieges  durch  den  Verzicht  auf  den  angedrohten
  wirtschaftlichen  Nachkrieg  seitens  der  Entente  den  Verzicht  Deutschlande
  auf  politische  Kriegeziele  eintauschen  zu  können.  Daneben  aber
wurden  mit  den  Berhandlungen  über  einen  solchen  Nachkrieg  positive
Absichten  der  Sicherstellung  eigener  wirtschaftlicher  Expansion,  nicht  zuletzt
  auch  auf  Kosten  der  Verbündeten  verfolgt,  mit  denen  man  diese  Verhandlungen
  führte.

Auch  über  diese  Dinge  wird  weiterhin  noch  in  anderem  Zusammenhang
  zu  sprechen  sein.  Hier  wollen  wir  uns  mit  den  Zwecken  des  wirtschaftlichen
  Nachkrieges  nur  noch  insofern  beschäftigen,  als  sie  auf  dem
gleichen  Gebiete  liegen  wie  die  Zwecke  dee  Wirtschaftskrieges  während
des  Kriegee,  d.  h.  in  erster  Linie  auf  dem  Gebiete  der  Rohstoffentziehung.
Wie  weit  diese  Rohstoffentziehung  während  des  Krieges  praktisch  wirksam
war,  wird  in  den  Abschnitten  über  die  deutsche  Kriegewirtschaft  zu  erörtern
  sein.  Im  wirtschaftlichen  Nachkrieg  läßt  sich  eine  Rohstoffentziehung
in  dem  Maße,  wie  England  sie  uns  in  seinen  Verhandlungen  mit  den
Verbündeten  vor  Augen  zu  stellen  suchte,  schwerlich  ausführen,  da  im
Frieden  die  Absatzinteressen  der  von  England  unabhängigen  Märkte  eine
sehr  stark  mitbestimmende  Nolle  spielen.

Sehen  wir  in  dieser  Hinsicht  einige  der  wichtigsten  industriellen  Rohstoffe
  durch.  Sollte  sowohl  für  die  Kriegs-,  wie  für  die  Nachkriegszwecke
der  Rohstoffkrieg  eine  wirklich  tiefgreifende,  umfassende  Wirkung  haben,
so  hätte  er  zur  ersten  und  wichtigsten  Voraussetzung  eine  vollkommene
Erfassung  der  Faserstoffe  durch  den  britisch  geleiteten  wirtschaftlichen
Generalstab  für  den  Rohstoffkrieg.  Da  unter  allen  Faserstoffen  des  Welthandels
  die  Baumwolle  den  weitaus  ersten  Platz  einnimmt,  so  müßte
es  sich  also  besonders  darum  handeln,  den  gesamten  Rohbaumwollmarkt
einheitlich  zu  erfassen  und  so  zu  organisieren,  daß  er  sich  den  Plänen  und
Absichten  des  wirtschaftlichen  Nachkrieges  dienstbar  macht.  Hierzu  aber
wäre  unerläßlich  eine  willige  Mitwirkung  der  Bereinigten  Staaten,
eine  völlige  Unterordnung  der  Baumwollfarmer  der  Nordamerikanischen
Südstaaten  unter  das  britische  Kommando  des  Wirtschaftskrieges.  Diese
Unterordnung  hat  aber  von  den  maßgebenden  amerikanischen  Stellen
aus  eine  entschiedene  Ablehnung  gefunden.  An  eine  Anderung  dieser
Haltung  ist  auch  wohl  nicht  zu  denken,  da  sie  den  amerikanischen  Eigeninteressen
  allzusehr  zuwiderlaufen  würde.  Was  aber  das  Abseitssteben
der  amerikanischen  Baumwollproduzenten  für  den  wirtschaftlichen  Nachkrieg
  zu  bedeuten  hat,  geht  genugsam  aue  der  Tatsache  hervor,  daß  von  der