64  Der  Weltwischestetrieg.

einnahm,  so  könnte  man  wohl  meinen,  daß  es  in  Englande  Macht  läge,
uns  auch  im  wirtschaftlichen  Nachkrieg  durch  das  Abschneiden  der  Kautschukzufuhr
  ernste  Ungelegenheiten  zu  bereiten.  Tatsächlich  aber  erscheint
die  Lage  auf  diesem  Markt  für  die  Zeit  nach  dem  Kriege  unbedenklich,
da  einerseits  London  seine  vorberrschende  Stelle  auf  dem  Weltkautschukmarkt
  eingebüßt  hat,  anderseite  die  Produktionszunahmc  eine  derartige
ist,  daß  beim  allgemeinen  Steigen  der  Rohstoffpreise  auf  dem  Weltmarkt
während  des  Krieges  das  Sinken  der  Kautschukpreise  als  bemerkenowerte
Ausnahmeerscheinung  zu  verzeichnen  ist.  Im  Zahre  1910,  bis  zu  dem
nur  wilder  Kautschuk  gewonnen  wurde,  schätzte  man  den  Jadbresertrag
auf  70  000  t,  im  Jahre  1917  dagegen  ging  die  Welterzeugung  auf  257000  t,
wovon  weitaus  der  größte  Teil  auf  Plantagenkautschuk  entfiel.

Trotz  des  ungeheuren  Kriegsbedarfs  an  Automobilen  vermochte
diese  so  wesentlich  gesteigerte  Ernte  nur  schwer  untergebracht  zu  werden.
England  hat  sich  im  Rahmen  der  Fracht  tionierung  gezwungen
gesehen,  Höchstgrenzen  für  die  jährliche  Kautschukeinfuhr  festzusetzen,
und  der  Markt  der  Mittelmächte  war  den  Kautschukproduzenten  verschlossen.
Gegenüber  der  Begrenzung  der  englischen  Einfuhr  auf  25  000  t  hatte
Amerika  im  Jahre  1917  175000  t  Kautschuk  eingeführt.  Der  Riesenbedarf
der  Vereinigten  Staaten  an  Kautschuk  ist  im  wesentlichen  zurückzuführen
auf  die  Automobilindustrie,  die  mit  ihren  billigen  Topenwagen  ungeheure
Absatzziffern  erreichte.  So  wurden  im  Jahre  1917  1  700  000  Wagen
gebaut.

Die  Einfuhr  Deutschlande  beschränkte  sich  auf  einige  20  000  t  und
verteilt  sich  auf  eine  große  Zahl  von  Herkunfteländern,  insbesondere
Südamerika,  Afrika  und  Südasien.  Ale  Hauptlieferanten  kamen  in  Betracht
  Brasilien,  Deutsch-Afrika,  Britisch-Indien,  der  Kongostaat,  Meriko,
Niederländisch-Indien,  die  britischen,  französischen  und  portugiesischen
Kolonien  in  Afrika  usw.  Die  großen  Mengen  der  Produktionsplätze  und
der  Wettbewerb  zwischen  dem  wilden  Kautschuk  und  dem  Plantagenkautschuk
  bürgen  dafür,  daß  der  BVersuch  einer  Abschneidung  Deutschlands
vom  Kautschukmarkt  in  der  Nachkriegszeit  aussichtelos  wäre,  zumal  ja,
wie  gesagt,  der  Londoner  Markt  seine  vorherrschende  Stellung  im  Kriege
durchaus  eingebüßt  hat.

Die  weiteren  Möglichkeiten  deutscher  Gegenwehr  gegen  die  Fortsetzung
  des  Wirtschaftskrieges  nach  dem  Kriege  müssen  späterer  Besprechung
vorbehalten  bleiben,  ebenso  wie  die  Wirkungen  des  Wirtschaftekrieges
in  der  Kriegszeit.  Zunächst  haben  wir  uns  mit  der  Art  der  wirtschaftlichen
Kriegführung  zu  beschäftigen,  wie  sie  von  seiten  der  einzelnen  Hauptländer
  betrieben  wurde.