England  im  Wirtschaftekrieg.  65

England  im  Wirtschaftskrieg.

Im  Gegensatz  zu  der  in  nationalen  Dingen  stete  subjektivistischen
Denkweise  des  Engländers  („Wright  or  wrong  —  my  country!“)  entspricht
es  deutscher  Art,  die  gegenüber  dem  vaterländischen  Interesse  auch  zur
Unart  ausschlagen  kann,  eine  objektive  Betrachtung  der  Dinge  zu  versuchen.
  Wollen  wir  diesen  Versuch  im  Hinblick  auf  den  englischen  Wirtschaftekrieg
  unternehmen,  so  werden  wir  festzustellen  haben,  daß  der
Engländer  sicher  nicht  lediglich  das  Gefühl  kleinlichen  Konkurrenzneides,
sondern  die  feste  Überzeugung  hatte,  einem  unlauteren  Wettbewerber
gegenüberzustehen,  den  mit  allen  Nitteln  zu  bekämpfen  ein  verdienstliches
  Werk  wäre.

Mochten  wir  vom  deutschen  Standpunkt  geneigt  sein,  über  die  Bedquemlichkeit
  des  Briten  zu  spötteln,  der  sich  in  seinem  Sportgetriebe
und  im  Genuß  seines  Wochenendes  beeinträchtigt  sah,  wenn  der  deutsche
Konkurrent  Tag  und  Nacht  angestrengt  arbeitete  und  ihm  dadurch  das
Wasser  abgrub,  oder  ihn  seiner  Muße  beraubte,  so  werden  wir  doch  im
Innersten  eingestehen  müssen,  daß  diese  deutsche  Unrast  schließlich  auch
une  selbst  wohl  zur  äußeren  Bereicherung,  aber  mindestens  in  die  Gefahr
innerer  Berarmung  geführt  hat.  Der  Engländer,  dessen  sozial  höherstehende
  Familien  im  Laufe  von  Menschenaltern  durchweg  Berbindungen
mit  Indien  gewonnen,  war,  wenn  man  so  will,  mit  einem  Tropfen  orientalischen
  Ols  gesalbt.  Er  konnte  es  sich,  aus  der  indischen  Kolonie  und  anderen
Teilen  des  britischen  Weltreiche  mühelos  Reichtümer  schöpfend,  in
größerem  Maße  gestatten,  auch  der  Muße  und  dem  Kulturgenuß  zu  leben,
während  der  ihm  nachstrebende,  ärmere  Deutsche  unter  weit  weniger
günstigen  Vorbedingungen  hart  um  seinen  Aufstieg  kämpfen  mußte
und  nur  wenig  zu  freiem  Lebeneogenuß  kam.  Dae  ließ  den  Engländer  auf
uns  herabsehen  und  die  Unrast  in  unserer  Konkurrenz  ale  peinlich  empfinden.


üÜber  diesen  allgemeinen  Unterschied  hinaus  machte  er  uns  Vorwürfe
über  unlauteren  Wettbewerb,  die  teils  einer  gewissen  Begründung  nicht
ermangelten,  teils  aus  Unkenntnie  erhoben  wurden.  Obenan  stand  bierbei
der  Vorwurf  des  sogenannten  Dumpingsysteme,  d.  h.  der  überschwemmung
des  Weltmarktes  mit  deutschen  Waren  zu  Verlustpreisen  oder  mindestens
ohne  Gewinn  bei  Schadloshaltung  der  Industrie  durch  erhöhte  Verkaufepreise
  auf  dem  durch  Schutzzölle  gesicherten  Binnenmarkt.  Wie  weit
dleser  Vorwurf  des  Dumping  geht,  zeigt  sich  darin,  daß  die  Vereinigten
Staaten,  noch  ehe  sie  in  den  Krieg  eintraten,  Antidumping-Ligen  schlossen,
in  denen  dieses  Spstem  ale  unlauterer  Wettbewerb  unter  Strafe  gestellt
wurde.  Weiter  wurde  es  uns  ale  unlauter  verdacht,  daß  deutsche  Hand-Dir,

  wirsschaftstrieg  und  Kriegswirtschaft.  5