Nichtachtung  des  Völkerrechte  seitens  Englande.  71

ziges  Kriegsschiff  unterbält,  während  die  Blockade  eines  Ortes  doch  nur
dann  effektiv  wäre,  wenn  er  so  eingeschlossen  wurde,  daß  man  sich  ihm
nicht  ohne  drohende  Gefahr  nähern  kann.  England  erklärt  selbst  ganze
Küsten  und  Länder  für  blockiert,  wobei  seine  ganzen  vereinigten  Streitkräfte
  nicht  ausreichen  würden,  die  Blockade  durchzuführen.“

Ganz  getreu  seinen  alten  Methoden,  das  Völkerrecht  nach  Maßgabe
seiner  Interessen  zu  beugen  und  neue  Grundsätze  aufzustellen,  stellte  sich
England  in  diesem  Kriege  auf  den  Standpunkt,  den  die  „Times“  vom
12.  November  1914  mit  folgenden  Worten  kennzeichnete:

„Die  Blockade,  wie  man  sie  in  früheren  Zeiten  kannte,  ist  durch
Minen  und  Torpedos  abgetan.  Wir  erklären  nicht  mehr  die  Blockade,
die  jedem  Schiff  verbietet,  ein  bestimmtes,  durch  die  Anwesenheit  eines
Blockadegeschwaders  kenntlich  gemachtes  Gebiet  zu  passieren.  Wir  machen
bekannt,  daß  alle  ein  bestimmtes  Seegebiet  passierenden  Schiffe  das  auf
eigene  Gefahr  tun.  Die  Minen  tun  dann  das  Ihrige.  Das  sind  Auenahmemaßregeln,
  die  den  neuen  Bestimmungen,  unter  denen  dieser
Krieg  geführt  wird,  angepaßt  sind.“

Dieser  englische  Standpunkt  gab  Deutschland  das  unbedingte  Recht,
auch  seinerseits  die  Formen  des  Seehandelslkrieges  entsprechend  zu
ändern.  England  hat  unter  den  Wirkungen  des  deutschen  Wirtschaftekrieges
  zur  See  schon  in  einer  Zeit,  in  der  er  sozusagen  nur  mit  halber
Kraft  und  mit  größter  Rücksichtnahme  nach  allen  möglichen  Richtungen
hin  geführt  wurde,  zeitweise  recht  schwer  gelitten  und  stand  mehr  als
einmal  vor  peinlichen  Erwägungen,  ob  seine  anfängliche  Zuversicht  nicht
einer  bitteren  Enttäuschung  weichen  und  die  Hoffnung  auf  ein  Nieder--ringen
  Deutschlands  durch  den  Wirtschaftskrieg  sich  als  binfällig  erweisen
werde.  Englische  Staatsmänner  haben  es  offen  ausgesprochen,  daß
England  tatsächlich  in  der  Gefahr  stand,  innerhalb  der  ersten  beiden  Kriegsjahre
  mit  samt  seinen  Verbündeten  niedergerungen  zu  werden,  wenn  sich
damals  in  Deutschland  ein  Llopd  George  gefunden  hätte,  der  die  gesamten
  wirtschaftlichen  und  technischen  Kräfte  Deutschlands  zusammengefaßt
  und  zu  größter  Energie  gesteigert  baben  würde!

Gerade  in  solchen  Zeiten,  in  denen  man  auf  britischer  Seite  der
Meinung  zuneigte,  trotz  der  Hungerblockade  und  trotz  der  Absperrung
Deutschlands  von  jeder  Rohstoffzufuhr  den  Krieg  nicht  gewinnen  zu
können,  meldete  sich  in  England  mit  auffälligem  Geräusch  die  Ansage
dee  wirtschaftlichen  Nachkrieges.  Zum  erstenmal  war  es  am  11.  Mai  1916
ein  für  die  Presse  der  ganzen  Welt  bestimmter,  über  Lpon  geleiteter
Funkspruch,  der  da  verkündete:  „Die  wirtschaftlichen  Probleme  des
Nachkrieges  stehen  in  England  auf  der  Tagesordnung“.  Was  diese  Drohung
mit  dem  wirtschaftlichen  Nachkriege  bezweckte,  wird  noch  darzulegen