72  England  im  Wirtschaftekrieg.

sein.  Zunächst  haben  wir  darauf  binzuweisen,  daß  England  mit  den
brutalen  Mitteln  seiner  wirtschaftlichen  Kriegführung  selbst  nach  Abschluß
  des  Waffenstillstandes  nicht  aufhörte.  Es  begnügte  sich
nicht  damit,  zu  jener  Zeit  die  Blockade  gegen  Deutschland  aufrechtzuerhalten,
  um  die  Stimmung  dort  immer  mehr  zu  zermürben  und
jedes  Aufflackern  neuen  Widerstandsgeistes  im  Keim  zu  ertöten,
sondern  es  ließ  sich  auch  nach  Einstellung  der  Feindseligkeiten  weiter
angelegen  sein,  die  Deutschen  in  der  überseeischen  Welt  wirtschaftlich
schwer  zu  schädigen  und  Maßregeln  zu  treffen,  die  darauf  hinausgingen,
für  die  Zeit  nach  Friedenssschluß  den  Wiederaufbau  deutscher  Wirtschaftsunternehmungen
  im  Auoland  und  die  Wiederanknüpfung  der  wirtschaftlichen
  Beziehungen  hbinüber  und  herüber  nach  Kräften  zu  erschweren.

Ale  besonders  kennzeichnend  und  besondere  rücksichtelos  muß  in  dleser
Beziehung  namentlich  erwähnt  werden,  daß  und  wie  England  noch  nach
Abschluß  des  Waffenstillstandes  die  Beseitigung  der  Deutschen  aus
China  betrieb.

Während  zweier  Kriegsjahre  hatte  die  britische  Regierung  sich  vergebene
  bemüht,  auf  die  Chinesen  einen  Oruck  dahin  auszuüben,  daß  alle
Deutschen  aus  China  ausgewiesen  werden  sollten.  Wiederholt  kamen
Meldungen  aus  Ostasien,  in  denen  von  Vorbereitungen  für  den  Abtranoport
  der  Chinadeutschen  nach  irgendwelchen  britischen  Kolonien  die
Rede  war.  Vor  etwa  Jahresfrist  hatte  England  in  der  Tat  alles  vorbereitet,
  konnte  aber  nicht  zur  Ausführung  kommen,  da  die  chinesische  Regierung
  sich  entschieden  weigerte,  die  Deutschen  des  Landes  zu  verweisen.
Diese  diplomatische  Niederlage  hat  England  außerordentlich  tief  gewurmt.
Man  wollte  durchaus  die  ganze  deutsche  Konkurrenz  in  Ostasien  endgültig
  ausschalten  und  den  Chinesen  jede  Achtung  vor  den  Deutschen  austreiben.
  Ale  Deutschland  die  Waffen  niedergelegt  und  sich  durch  den
Abschluß  des  Waffenstillstandes  wehrlos  gemacht  hatte,  konnte  man  wobl
annehmen,  daß  die  Frage  der  Chinadeutschen  nunmehr  ruhen  würde.
England  aber  hatte  das  dringende  Bedürfnie,  die  vor  Jahresfrist  erlittene
Prestigeeinbuße  durch  ein  Verfahren  auszugleichen,  das  die  Deutschen
in  den  Augen  der  Ostasiaten  aufs  schwerste  demütigen  sollte.  Es  ließ  den
Chinesen  keine  Ruhe,  sondern  arbeitete  weiter  auf  die  Auswelsung  der
Deutschen  hin.  Früher  waren  auch  Franzosen  und  Belgier  bedenklich
gegen  diese  englische  Politik  gewesen,  da  sie  deutscherseits  Repressalien
gegen  die  Gefangenen  fürchteten.  Nachdem  aber  Deutschland  im  Waffenstillstand
  in  die  sofortige  Herausgabe  aller  seiner  bisherigen  Gefangenen
ohne  Gegenseitigkeit  gewilligt  hatte,  war  diese  Besorgnis  der  Verbündeten
weggefallen,  und  England  konnte  nun  ungehemmt  seinen  Oruck  auf  China
ausüben.