Die  neue  britische  Wir  tschaftstheorie.  75

England  hat  die  Freihandelelehre  aufgestellt,  weil  sie  für  England  vorteilhaft
war  und  ihre  Anwendung  in  Europa  zum  Nachteil  des  Festlandes  Englande
Autzen  gesteigert  haben  würde.  England  hat  die  Theorie  vom  (festländisch-)
  „europäischen  Gleichgewicht“  erfunden,  weil  die  Sorge  der
Festlandmächte  um  dessen  Erhaltung  sie  in  Konflikte  stürzen  mußte,  die
den  Vater  jener  schönen  Lehre  ungestört  seine  Übermacht  außerhalb  jedes
Gleichgewichts  ausbauen  ließ.  England,  die  Herrin  Zrlands,  Agpptens,
Indiene  usw.  erfand  zum  aueschließlichen  Festlandegebrauch  das  Nationa--litätenrecht,
  das  die  Schürung  immer  weiteren  Zwiespalts  in  Europa  versprach,
  ohne  daß  es  irgendwie  für  England  selbst  bindend  sein  sollte.

Setzt  können  wir  bereits  wieder  seit  Jahrzehnten  einen  wirtschaftepolitischen
  Meinungsstreit  in  England  verfolgen,  den  wir  mit  Behagen
als  Streit  zwischen  den  Theorien  vom  Freihandel  und  vom  Schutzzoll
rubrizieren.  Weit  gefehlt!  Es  handelt  sich  wirklich  nicht  um  Theorien,
sondern  einzig  und  allein  um  den  praktischen  NRutzeffekt.  Es  handelt  sich
auch  gar  nicht  so  klar  und  rund  und  nett  um  Freihandel  oder  Schutzzoll,
sondern  um  Bersuche,  eine  theoretische  Fassade  aufzurichten,  hinter  der
neue  Sicherungen  für  die  britische  Weltwirtschaftestellung  eingerichtet
werden  sollen.

Wir  haben  während  des  Krieges  Gelegenheit  gehabt,  das  Werden
einer  neuen  britischen  Wirtschaftstheorie  etappenweise  verfolgen
zu  können:  Anfänglich  sprach  man  nur  davon,  wirtschaftliche  Mittel
der  Kriegführung  zu  Hilfe  nehmen  zu  müssen  im  Kampfe  der  Entente
gegen  Deutschland.  Die  wirtschaftliche  Kriegführung  ist  allerdings  eine
rein  britische  Erfindung;  aber  es  lag  den  Engländern  doch  recht  viel  daran,
den  einseitigen  britischen  Nützlichkeitsstandpunkt  nicht  so  klar  hervortreten
zu  lassen,  sondern  vielmehr  Gemeinschaftsinteressen  der  Entente  zu  betonen.
  Die  ersten  Wirtschaftekonferenzen  fanden  bezeichnenderweise  nicht
etwa  in  London,  sondern  in  Paries  statt.  Von  der  wirtschaftlichen
Kriegführung  gelangte  man  zur  Idee  des  wirtschaftlichen  Nachkriegee.
Dieser  Nachkrieg  sollte  geführt  werden  durch  gemeinsame  Achtung
Deutschlande  im  Wirtschaftsverkehr  sowohl  in  Form  der  Rohstoffentziehung
  wie  in  Form  des  Bopykotts  deutscher  Waren.  Gegen  Ende
des  vierten  Kriegsjahres  formulierte  England  die  Grundlagen  für  den
wirtschaftlichen  Nachkrieg  auf  dem  Wege  der  Gesetzgebung.  So  wurde
ein  Gesetz  beschlossen  über  die  Fortwirkung  des  Kampfes  gegen  die  deutschen
Banken;  ferner  eine  dauernde  Unterstützung  der  englischen  Farbstoffindustrie
  und  eine  Regelung  des  Handels  mit  nichteisenhaltigen  Metallen.
  Die  Beschlagnahme  der  feindlichen  Banken  sollte  nach  dem  Bankgesetz
  nicht  nur,  wie  schon  früher  in  Aussicht  genommen,  noch  fünf  Jahre
noch  Friedeneschluß  aufrechterhalten  bleiben,  sondern  bis  zur  Entscheidung